# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 11d65f0e-60bd-534a-ad3c-b9901db1623e
**Source:** Glarus (GL)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2022-04-28
**Language:** de
**Title:** Glarus Obergericht 28.04.2022 OG.2022.00072 (OGS.2023.151)
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/GL_Omni/GL_OG_001_OG-2022-00072_2022-04-28.html

## Full Text

Kanton Glarus

  
	
   

  
	
  Obergericht

  
	
   

  
	
   

  
	
  Es wirken mit: Obergerichtsvizepräsidentin MLaw Sarina Dreyer,
  Oberrichterin Monika Trümpi, Oberrichter MLaw Mario Marti, Oberrichterin Ruth
  Hefti und Oberrichter Martin Ilg sowie Gerichtsschreiber
  Dr. iur. Alfonso Hophan. 

  
	
   

  
	
  Urteil
  vom 28. April 2023

  
	
   

  
	
  Verfahren
  OG.2022.00072

  
	
   

  
	
  A.______

  
	
  Beschuldigte
  und

  
	
  Berufungsklägerin

  
	
   

  
	
  verteidigt durch lic.
  iur. Kim Mauerhofer

  
	
   

  
	
  gegen

  
	
   

  
	
  1. Staats- und
  Jugendanwaltschaft des Kantons Glarus

  
	
  Postgasse 29, 8750 Glarus 

  
	
  Berufungsbeklagte

  
	
   

  
	
  vertreten durch MLaw
  Nicole Buner,
  Staatsanwältin

  
	
   

  
	
   

  
	
  2. B.______

  
	
  Privatklägerin
  und

  
	
  Berufungsbeklagte

  
	
   

  
	
   

  
	
  3. C.______

  
	
  Privatkläger
  und

  
	
  Berufungsbeklagter

  
	
   

  
	
  vertreten durch lic.
  iur. Roger Müller

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  angeklagt der

  
	
   

  
	
   

  
	
  Fahrlässige
  Tötung,

  Grobe Verletzung der Verkehrsregeln.

  
	
   

  
	
   

  
	
  Rechtsbegehren der Beschuldigten (gemäss Eingabe vom 8. Oktober 2022
  [act. 33, S. 2] und Plädoyer vom 24. Februar 2023
  [act. 49, S. 1–2]):

  
	
   

  
	
  	
    1.

    	
    Das Urteil des Kantonsgerichts
    Glarus vom 15. September 2022 sei hinsichtlich der Ziffern 1., 2., 3.,
    4., 5., 6., 8., 10., 11., 12. vollumfänglich aufzuheben und A.______ sei
    von der Vorwürfen der fahrlässigen Tötung gemäss Art. 117 StGB und der
    groben Verletzung der Verkehrsregeln gemäss Art. 90 Abs. 2 SVG
    vollumfänglich freizusprechen.

    
	
     

    	
     

    
	
     

    	
    Klarstellung: Ziffer 8.
    des Urteilsdispositivs sei hinsichtlich der Auferlegung der Kosten gemäss
    Ziffer 7. hinsichtlich A.______ aufzuheben. Der Abzug der
    Übersetzungskosten von gesamthaft CHF 753.90 im Falle eines
    Schuldspruchs wird nicht angefochten (vgl. die nicht angefochtene
    Ziffer 9.).

    
	
     

    	
     

    
	
    2.

    	
    Die Verfahrenskosten vor erster
    und zweiter Instanz seien vollumfänglich auf die Staatskasse zu nehmen.

    
	
     

    	
     

    
	
    3.

    	
    A.______ sei für die Kosten der
    privaten Verteidigung vor erster und zweiter Instanz vollumfänglich aus der
    Staatskasse zu entschädigen gemäss der aktenkundigen und der eingereichten
    (insgesamt zwei) Honorarnoten.

    
	
     

    	
     

    
	
    4.

    	
    Die Schadenersatz- und
    Genugtuungsforderungen der Privatklägerschaft seien vollumfänglich
    abzuweisen.

    
	
     

    	
     

    
	
    5.

    	
    Die Privatklägerschaft habe
    ihre erst- und zweitinstanzlichen Parteikosten selbst zu tragen.

    
	
     

    	
     

    
	
    6.

    	
    Die Beschlagnahme betreffend
    die bei D.______ beschlagnahmten Gegenstände sei (erst) nach Eintritt der
    Rechtskraft aufzuheben und die beschlagnahmten Gegenstände seien der
    Privatklägerschaft (erst) nach Eintritt der Rechtskraft herauszugeben.

    

  

  
	
   

  Antrag der Staatsanwaltschaft
  (Plädoyer vom 24. Februar 2023 [act. 51, S. 1]):

  
	
   

  
	
  	
    1.

    	
    Die
    Berufung der Beschuldigten A.______ sei abzuweisen und das Urteil des
    Kantonsgerichts Glarus vom 15. September 2022 sei in allen Punkten zu
    bestätigen.

    
	
     

    	
     

    
	
    2.

    	
    Die
    Kosten des Berufungsverfahrens seien vollumfänglich der Beschuldigten
    aufzuerlegen.

    

  

  
	
   

  Antrag der Privatklägerschaft
  (Eingabe vom 20. Februar 2023 [act. 44, S. 2]):

  
	
   

  
	
  	
    1.

    	
    Die
    Berufung der Beschuldigten sei vollumfänglich abzuweisen.

    
	
     

    	
     

    
	
    2.

    	
    Das
    Urteil des Kantonsgerichts Glarus vom 15. September 2022
    sei vollumfänglich zu bestätigen.

    
	
     

    	
     

    
	
    3.

    	
    Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschuldigten.

    

  

  
	
  ____________________

  
	
   

  
	
   

  
	
  Das Gericht   zieht in Betracht:

  
	
   

  
	
  I. Prozessgeschichte

   

  
	
  1.
  Am Freitagabend, den 9. August 2019, um ca. 19.55 Uhr, wollte
  A.______ mit ihrem Personenwagen in Mollis (Glarus Nord) von der
  vortrittsbelasteten Rüfistrasse (Nebenstrasse) her die Bahnhofstrasse
  (Hauptstrasse) überqueren hin zur gegenüberliegenden Kanalstrasse (zur
  örtlichen Situation vgl. hinten Abb. 1). Gleichzeitig näherte sich auf der
  vortrittsberechtigten Bahnhofstrasse (Hauptstrasse) von links D.______ auf
  seinem Motorrad mit übersetzter Geschwindigkeit und kollidierte trotz einer
  Vollbremsung mit dem hinteren Teil des querenden Personenwagens von A.______.
  Durch den während der Vollbremsung sich ereignenden Sturz und die
  darauffolgende Kollision zog sich D.______ schwerste Verletzungen zu, an
  deren Folgen er wenige Stunden später im Universitätsspital Zürich verstarb
  (siehe dazu act. 2/8.1.01). Die strafrechtlich relevanten Umstände des
  Unfallhergangs sind umstritten und werden nachfolgend zu klären sein (vgl.
  hinten Ziff. IV). 

  
	
   

  
	
  2.
  Am 30. November 2021 erhob die Staats- und Jugendanwaltschaft des
  Kantons Glarus (nachfolgend: Staatsanwaltschaft) gegen A.______ (nachfolgend:
  Beschuldigte) Anklage wegen fahrlässiger Tötung (Art. 117 StGB) und
  grober Verletzung der Verkehrsregeln durch Missachtung des Vortritts
  (Art. 90 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes vom 19. Dezember
  1958 [SR 741.01; nachfolgend: SVG] i.V.m. Art. 26 Abs. 1 SVG,
  Art. 36 Abs. 2 SVG, Art. 14 Abs. 1 der
  Verkehrsregelnverordnung vom 13. November 1962 [SR 741.11;
  nachfolgend: VRV], Art. 36 Abs. 1 der Signalisationsverordnung vom
  5. September 1979 [SR 741.21; nachfolgend: SSV] und Art. 75
  Abs. 1 SSV).

  
	
   

  
	
  3.
  Mit Schreiben vom 22. Oktober 2019 konstituierten sich die Eltern
  des Verunfallten, B.______ und C.______ sowie dessen vormalige
  Lebenspartnerin, als Privatkläger (act. 2/11.3.15), wobei indessen nur
  dessen Eltern (nachfolgend: Privatkläger) an dieser Stellung festhielten
  (act. 17, S. 2).

  
	
   

  
	
  4.
  Die mündliche Hauptverhandlung vor dem Kantongericht Glarus fand am
  17. August 2022 statt (act. 21, 24 und 25). Mit Urteil vom
  15. September 2022 sprach die II. Kammer des Kantonsgerichts Glarus
  die Beschuldigte der fahrlässigen Tötung i.S.v. Art. 117 StGB sowie der
  groben Verletzung der Verkehrsregeln i.S.v. Art. 90 Abs. 2 SVG
  schuldig und verurteilte die Beschuldigte zu einer Geldstrafe von
  120 Tagessätzen zu je CHF 30.–, bedingt aufgeschoben bei einer
  Probezeit von zwei Jahren. Zudem verpflichtete das Kantonsgericht die
  Beschuldigte, den Privatklägern Schadenersatz in der Höhe von insgesamt
  CHF 8'381.65  sowie Genugtuung in der Höhe von insgesamt
  CHF 20'000.– (je zzgl. Zins zu 5 % seit dem 10. August 2019)
  zu bezahlen. Weiter wurden der Beschuldigten die Verfahrenskosten in der Höhe
  von insgesamt CHF 30'302.65 (abzüglich Übersetzungskosten in der Höhe
  von CHF 735.90) vollumfänglich auferlegt; überdies hat die Beschuldigte
  den Privatklägern eine Parteientschädigung in der Höhe von CHF 7'782.30
  zu zahlen (act. 29, S. 39–41, Dispositivziffern 1–10).

  
	
   

  
	
  5.
   Gegen dieses Urteil des Kantonsgerichts erhob die Beschuldigte mit
  Eingabe vom 8. Oktober 2022 beim Obergericht rechtzeitig Berufung mit
  dem Antrag auf Freispruch von Schuld und Strafe und Aufhebung der ihr vom
  Kantonsgericht auferlegten finanziellen Verpflichtungen (act. 33). Die
  Staatsanwaltschaft und die Privatklägerschaft haben in der Folge keine
  Anschlussberufung eingereicht (siehe dazu act. 34-37.

  
	
   

  
	
  6.
   Am 24. Februar 2023 fand vor dem Obergericht die mündliche
  Berufungsverhandlung statt (act. 47–51). Am 28. April 2023 fällte
  das Obergericht seinen Entscheid (act. 52). Dieser wird schriftlich
  eröffnet, nachdem die Parteien auf eine mündliche Urteilsbekanntgabe
  ausdrücklich verzichtet haben (Art. 84 Abs. 3 StPO; act. 47 S. 10).

  
	
   

  
	
  II. Formelles

  
	
  1.
   

  
	
  Das Urteil der II. Kammer
  des Kantonsgericht vom 15. September 2022 stellt ein taugliches
  Anfechtungsobjekt dar (Art. 398 Abs. 1 StPO). Die Beschuldigte ist
  zur Berufung legitimiert (Art. 382 Abs. 1 StPO), hat die
  Rechtsmittelfrist gewahrt und erhebt zulässige Rügen (Art. 398
  Abs. 3 StPO; vgl. act. 29, S. 42 [Versand am
  21. September 2022], act. 32 [Zustellung am 22. September
  2022] und act. 33 [Berufung vom 8. Oktober 2022]). Das Obergericht
  ist Rechtsmittelinstanz in Strafsachen für die Behandlung von Berufungen
  (Art. 17 Abs. 1 lit. a des Gerichtsorganisationsgesetzes vom
  5. September 2022 [GOG; GS III A/2]). Auf die Berufung ist einzutreten
  (Art. 398 ff. StPO).

  
	
   

  
	
  2.  

  
	
  Nach
  Art. 398 Abs. 3 StPO können mit der Berufung Rechtsverletzungen,
  einschliesslich Überschreitung und Missbrauch des Ermessens,
  Rechtsverweigerungen und Rechtsverzögerungen (lit. a), die
  unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts (lit. b)
  sowie Unangemessenheit (lit. c) gerügt werden.

  
	
   

  
	
  3.
   

  
	
  Die Berufung hat im Umfang der
  Anfechtung des vorinstanzlichen Urteils aufschiebende Wirkung (Art. 402
  StPO). Vorliegend wendet sich die Beschuldigte gegen die erstinstanzlich
  erfolgte Verurteilung und die damit verbundenen Rechtsfolgen (vgl. die
  eingangs wiedergegebenen Anträge). Somit hat das Obergericht das
  vorinstanzliche Urteil im Schuld- und Strafpunkt sowie in Bezug auf die
  Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen und die Kostenregelung zu
  überprüfen (Art. 404 Abs. 1 StPO), wobei es am Ende ein neues
  Urteil fällt (Art. 408 StPO).

  
	
   

  
	
  4.
   

  
	
  Die Akten des vorinstanzlichen
  Verfahrens SG.2021.00109 (act. 1–32) wurden beigezogen. Die
  Strafuntersuchungsakten im Verfahren SA.2019.00546 bilden integrierender
  Bestandteil der vorinstanzlichen Akten (act. 2).

  
	
   

  
	
  III. Anklagegrundsatz

  
	
  1.
   

  
	
  1.1.
  Die Verteidigung machte an der Berufungsverhandlung vom 24. Februar
  2023 geltend, die Vorinstanz habe den Anklagegrundsatz (Art. 9 StPO)
  verletzt, indem sie von dem in der Anklageschrift durch die
  Staatsanwaltschaft festgestellten Sachverhalt abgewichen sei (act. 49,
  Rz. 20 ff.).

  
	
   

  
	
  1.2.
  Nach dem Anklagegrundsatz bestimmt die Anklageschrift den Gegenstand des
  Gerichtsverfahrens (sog. Umgrenzungsfunktion; vgl. Art. 9 und
  Art. 325 Abs. 1 StPO; ferner Art. 29 Abs. 2 und
  Art. 32 Abs. 2 BV sowie Art. 6 Ziff. 1 und Ziff. 3
  lit. a und b EMRK). Das Gericht ist an den in der Anklage
  wiedergegebenen Sachverhalt gebunden, nicht aber an dessen rechtliche
  Würdigung durch die Anklagebehörde (Art. 350 Abs. 1 StPO). Die
  Anklage hat die der Beschuldigten zur Last gelegten Delikte in ihrem
  Sachverhalt so präzise zu umschreiben, dass die Vorwürfe in objektiver und
  subjektiver Hinsicht genügend konkretisiert sind, denn die Beschuldigte muss
  unter dem Gesichtspunkt der sog. Informationsfunktion aus der Anklage ersehen
  können, wessen sie angeklagt ist. Das bedingt eine zureichende Umschreibung
  der Tat. Entscheidend ist, dass die Beschuldigte genau weiss, welcher
  konkreter Handlungen sie beschuldigt und wie ihr Verhalten rechtlich
  qualifiziert wird, damit sie sich in ihrer Verteidigung richtig vorbereiten
  kann. Sie darf nicht Gefahr laufen, erst an der Gerichtsverhandlung mit neuen
  Anschuldigungen konfrontiert zu werden (BGE 143 IV 63 E. 2.2.
  S. 65 m.w.H.).

  
	
   

  
	
  1.3.
  Unter dem Gesichtspunkt der Informationsfunktion ist demnach massgebend,
  dass die Beschuldigte genau weiss, was ihr angelastet wird, damit sie ihre
  Verteidigungsrechte angemessen ausüben kann. Wie nachfolgend darzulegen sein
  wird (siehe hinten Ziff. IV.3.1–IV.3.2) lautet der Vorwurf gegen die
  Beschuldigte dahingehend, sie habe mit ihrem Personenwagen die Kreuzung
  Rüfibachstrasse / Bahnhofstrasse in Mollis nicht mit zureichender Vorsicht
  befahren und dadurch einen Verkehrsunfall mit Todesfolge verursacht, weshalb
  sie wegen fahrlässiger Tötung sowie grober Verletzung der Verkehrsregeln
  angeklagt wird. An diesem Sachverhalt sowie insbesondere an der rechtlichen
  Qualifikation haben die Anpassungen durch die Vorinstanz nichts geändert.
  Vorliegend bestehen demnach keine Zweifel darüber, welches Verhalten der
  Beschuldigten zur Last gelegt wird. Inwiefern mit der durch die Vorinstanz
  angepassten Ursprungsposition der Beschuldigten an der STOP-Haltelinie (vgl.
  hinten Ziff. IV.3.3.1) eine wirksame Verteidigung erschwert oder gar
  verunmöglicht worden sein soll, ist weder ersichtlich noch dargelegt.
  Gleiches gilt in Bezug auf den subjektiven Tatbestand, wobei die
  Anforderungen an dessen Umschreibung in der Anklageschrift ohnehin nicht hoch
  sind (vgl. Urteil BGer 6B_1262/2015 vom 18. April 2016 E. 4.2.2).
  Sowohl nach der Sachverhaltsdarstellung der Staatsanwaltschaft in der
  Anklageschrift als auch nach der Sachverhaltsversion, welche die Vorinstanz
  ihrem Entscheid zugrunde gelegt hat, bleibt der an die Beschuldigte
  gerichtete Vorwurf gleich: Namentlich, dass sie nicht genügend aufmerksam
  war, als sie mit ihrem Personenwagen von der Rüfistrasse her in die Bahnhofstrasse
  einfuhr, um diese zu queren. Damit ist das Anklageprinzip nicht verletzt und
  das rechtliche Gehör der Beschuldigten gewahrt (vgl. zum Ganzen BGE 143
  IV 63 E. 2.3. S. 65–66).

  
	
   

  
	
  IV. Sachverhalt

  
	
  1.
   

  
	
  1.1.
  Das Gericht legt nach dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung seinem
  Urteil denjenigen Sachverhalt zugrunde, den es nach seiner freien, aus der
  Hauptverhandlung und den Untersuchungsakten geschöpften Überzeugung als
  verwirklicht erachtet (Art. 10 Abs. 2 StPO). Beweise frei zu
  würdigen heisst, Beweismittel gewissenhaft und unvoreingenommen auf ihre
  spezifische Glaubwürdigkeit und ihren individuellen Beweiswert hin zu
  beurteilen, um daraus Schlüsse auf das tatsächlich Geschehene zu ziehen;
  hierbei werden alle zulässigen und verwertbaren Beweismittel formell als
  gleichrangig angesehen und entfalten ihre Überzeugungskraft einzig im Umfang
  ihrer inneren Autorität (BSK StPO-Hofer,
  N 54 und 56 zu
  Art. 10 StPO). Dabei muss das Gericht alle aus dem Verfahren gewonnenen
  Erkenntnisse zur Bildung seiner Überzeugung heranziehen und sie unter allen
  für die Urteilsfindung wesentlichen Gesichtspunkten erschöpfend würdigen. Zu
  seiner Überzeugung gelangt das Gericht durch die Anwendung von Denk-, Natur-
  und Erfahrungssätzen, durch Zuhilfenahme wissenschaftlicher Erkenntnisse,
  aber auch über Intuition und Gefühl (BSK StPO-Hofer,
  N 60 zu Art. 10 StPO). Die freie Beweiswürdigung gilt
  umfassend bei der Klärung aller Sachverhaltsfragen (BSK StPO-Hofer, N 46 zu Art. 10 StPO;
  vgl. zum Ganzen BGE 144 IV 345 E. 2.2.3.1 S. 349–350 m.w.H.).

  
	
   

  
	
  1.2.
  Dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung unterliegt konkret auch die
  Beurteilung, ob die Erwägungen in einem von der Strafbehörde eingeholten
  Gutachten inhaltlich überzeugen. Die Beweiswürdigung und die Beantwortung der
  massgebenden Rechtsfragen bleibt in jedem Fall Sache des Gerichts
  (BGE 141 IV 369 E. 6.1 S. 372–373; BGE 118 Ia 144
  E. 1.c S. 146). Dieses hat frei von Beweisregeln und nur nach
  seiner persönlichen Ansicht aufgrund gewissenhafter Prüfung darüber zu
  entscheiden, ob es eine Tatsache für erwiesen hält bzw. ob sich aufgrund der
  übrigen Beweismittel und der Vorbringen der Parteien ernsthafte Einwände
  gegen die Schlüssigkeit der gutachterlichen Darlegungen aufdrängen. Weicht
  das Gericht in Fachfragen von den gutachterlichen Überlegungen ab, so hat es
  die Abweichungen zu begründen (vgl. BGE 141 IV 369 E. 6.1
  S. 372–373 m.w.H.). Ein Gutachten stellt namentlich dann keine
  rechtsgenügliche Grundlage dar, wenn gewichtige, zuverlässig begründete
  Tatsachen oder Indizien die Überzeugungskraft des Gutachtens ernstlich
  erschüttern. Das trifft etwa zu, wenn der Sachverständige seine Erkenntnisse
  und Schlussfolgerungen nicht oder nur ungenügend begründet, diese in sich
  widersprüchlich sind oder die Expertise sonstwie an Mängeln krankt, die
  derart offensichtlich sind, dass sie auch ohne spezielles Fachwissen
  erkennbar sind (Urteil BGer 6B_829/2013 vom 6. Mai 2014 E. 4.1).
  Das Abstellen auf ein nicht schlüssiges Gutachten kann gegen das Verbot
  willkürlicher Beweiswürdigung verstossen (BGE 141 IV 369
  E. 6.1 S. 373; BGE 118 Ia 144 E. 1.c S. 146).

  
	
   

  
	
  2.
  Ausgangslage

  
	
  Die Beschuldigte gelangte mit
  ihrem Personenwagen [...] auf der Rüfistrasse zu der mit einem STOP-Signal
  versehenen Einmündung in die Bahnhofstrasse; sie beabsichtigte, die Bahnhofstrasse
  in Richtung der gegenüberliegenden Kanalstrasse zu queren. Hinter ihr fuhr
  der Zeuge X.______. Auf der gegenüberliegenden Kanalstrasse wartete der Zeuge
  Y.______ bereits beim entsprechenden STOP-Signal. Der später an den Folgen
  des Unfalls verstorbene D.______ sel. kam mit seinem Motorrad (nachfolgend:
  Motorrad) die Bahnhofstrasse von Mollis her in Richtung Näfels gefahren, also
  aus Sicht der Beschuldigten von der linken Seite.

  
	
   

  
	
  

  
	
  Abb. 1: Kreuzung Rüfistrasse /
  Bahnhofstrasse aus Sicht der Beschuldigten (schwarz), mit Position des
  Motorrads (rot) und der Zeugen (orange) vor der Kollision.

  
	
   

  
	
  3.
  Vorgeworfener Sachverhalt

  
	
  3.1. Staatsanwaltschaft

  
	
  3.1.1. Gutachten

  
	
  Mit Auftrag der
  Staatsanwaltschaft vom 20. November 2019 wurde das Forensische Institut
  Zürich (nachfolgend: FOR) mit der Erstellung eines Gutachtens betraut
  (act. 2/11.3.20). Dem kam das FOR mit dem spurenkundlichen und
  unfallanalytischen Gutachten vom 6. August 2020 (act. 2/11.3.25;
  nachfolgend: Gutachten) samt umfangreicher Beilagen (act. 2/11.3.26)
  nach. Mit Bezug auf die unfallanalytischen Untersuchungen legte das FOR
  offen, dass sämtliche Berechnungen und Visualisierungen in der
  Simulationssoftware PC-Crash (Version 12.1) erfolgt seien. Dabei seien
  der Kollisionspunkt – als der einzige Punkt, an welchem der Personenwagen der
  Beschuldigten und das Motorrad zeitlich synchronisiert werden könnten – sowie
  die Kollisionsanalyse "die Basis sämtlicher weiterer
  Weg-Zeit-Berechnungen" (act. 2/11.3.25, S. 16).
  Ausschlaggebend für die Kollisionsanalyse seien die Beschädigungen am
  Motorrad, aus welchen sich die Kollisionsenergie abschätzen lasse. Diese Kollisionsenergie
  werde nach dem sog. EES-Verfahren (Energy Equivalent Speed) berechnet.
  Mit Verweis auf Vergleichswerte in der Literatur wurde für die vorliegend zu
  beurteilende Kollision aufgrund der Beschädigungen am Motorrad durch das FOR
  "in einer ersten Abschätzung" die EES auf einen Bereich von 35–45
  km/h beziffert. Daraus resultiere für das Motorrad eine
  Kollisionsgeschwindigkeit (vk) von 60–70 km/h, für den
  Personenwagen der Beschuldigten eine Kollisionsgeschwindigkeit von
  25–30 km/h (act. 2/11.3.25, S. 17).

  
	
   

  
	
  Diese minimalen und maximalen
  Kollisionsgeschwindigkeiten seien Grundlage für die nun rückwärts erfolgende
  Analyse der Abläufe unmittelbar vor der Kollision. So führt das FOR aus, dass
  aufgrund der Kollisionsgeschwindigkeit des Personenwagens der Beschuldigten
  sowie gestützt auf die einschlägige Literatur zum Geradeaus-Anfahren die
  Beschuldigte vom Anfahren auf der Rüfistrasse weg bis zum Kollisionspunkt auf
  der Bahnhofstrasse eine Strecke von 9.9 m bis 10.5 m zurückgelegt
  habe. Folglich müsse "davon ausgegangen werden, dass sich der
  Personenwagen […] vor dem Anfahrmanöver rund eine Fahrzeuglänge hinter der
  Stopp-Markierung befunden" habe (act. 2/11.3.25, S. 19). Aus
  diesem Grund habe die Beschuldigte das Motorrad das erste Mal
  0.9 Sekunden (Variante maximale Kollisionsgeschwindigkeit) bis
  1.1 Sekunden (Variante minimale Kollisionsgeschwindigkeit), also rund
  7.3 Meter vor dem Kollisionspunkt sehen können (act. 2/11.3.25,
  S. 21; vgl. Bilder in act. 2/11.3.26, S. 32). Zu diesem
  Zeitpunkt sei es der Beschuldigten – unter Berücksichtigung der
  Reaktionsdauer (tR) von 0.8 Sekunden und der technisch
  bedingten Schwellzeit (tS) von 0.2 Sekunden nicht möglich
  gewesen, den Unfall zu vermeiden, komme doch ihr Personenwagen "nach
  beiden Varianten im Kollisionsbereich zum Stillstand"
  (act. 2/11.3.25, S. 21). Das FOR zieht daraus eine weitere
  Erkenntnis:

  
	
  "Grundsätzlich ist zudem davon auszugehen, dass [die
  Beschuldigte] das Motorrad […] hätte sehen können, wenn sie den Personenwagen
  […] vor dem Haltebalken der Stopp-Markierung zum Stillstand gebracht
  hätte" (act. 2/11.3.25, S. 21).

  
	
  Mit Bezug auf den Motorradlenker
  hält das FOR – ohne ersichtliche Herleitung – fest, dass sich dessen
  Reaktionspunkt 30.2–34.4 m vor dem Kollisionspunkt befunden habe. In der
  Folge habe er nach einer Reaktionsdauer (tR) von 0.5 Sekunden
  (Variante maximale Kollisionsgeschwindigkeit) bis 0.8 Sekunden (Variante
  minimale Kollisionsgeschwindigkeit) sowie einer technisch bedingten
  Schwelldauer (tS) von 0.2 s mit einer Vollbremsung reagiert (act. 2/11.3.25,
  S. 19). Die Geschwindigkeit des Motorrads betrug gemäss FOR vor dem
  Einleiten des Bremsmanövers 73–84 km/h (act. 2/11.3.25,
  S. 20).

  
	
   

  
	
  3.1.2.
  Sachverhalt gemäss Anklage

  
	
  Gestützt auf das Gutachten warf
  die Staatsanwaltschaft der Beschuldigten vor, sie sei beim STOP-Signal an der
  Einmündung der Rüfistrasse in die Bahnhofstrasse nicht bis ganz zur
  Haltelinie gefahren, sondern habe bereits rund eine Fahrzeuglänge
  (ca. 4.3 Meter) vor der Haltelinie angehalten. Von dort aus aber habe
  sie eine ungenügende Sicht auf die Bahnhofstrasse gehabt und das auf der
  Bahnhofstrasse in Richtung Näfels sich nähernde, vortrittsberechtigte
  Motorrad nicht sehen können. Die Beschuldigte habe sodann – in der Absicht
  die Kreuzung zu überqueren – die Fahrt fortgesetzt, und sei beschleunigend
  ohne erneuten Halt und ohne sich nochmals zu vergewissern, ob auf der Bahnhofstrasse
  Verkehr herannaht, über die Haltelinie gefahren. So habe sie das
  vortrittsberechtigte Motorrad nicht gesehen, welches in der Folge trotz
  Vollbremsung mit der Rückseite des Personenwagens der Beschuldigten
  kollidierte (act. 1, S. 2–3).

  
	
   

  
	
  3.2. Vorinstanz

  
	
  3.2.1.
  Würdigung des Gutachtens durch die Vorinstanz

  
	
  Die Vorinstanz äusserte
  verschiedene Zweifel an den gutachterlichen Feststellungen, insbesondere aber
  daran, dass der Personenwagen der Beschuldigten eine Fahrzeuglänge hinter der
  STOP-Markierung gehalten haben soll. Erstens, da diese Feststellung mit den
  anderslautenden Zeugenaussagen kontrastiere:

  
	
  "Eine solch eklatante Sorgfaltswidrigkeit hätte den
  beiden Zeugen, insbesondere dem sich auf der gegenüberliegenden Strassenseite
  befindlichen Y.______, auffallen müssen" (act. 29, S. 15,
  E. III./6.2.1.).

  
	
  Zweitens wies die Vorinstanz mit
  Blick auf die mehrstufige Herleitung dieser Feststellung darauf hin, dass
  sich schon die anfänglichen EES-Werte in einem relativ grossen Rahmen
  bewegen würden, ja eigentlich zwei verschiedene Rahmenwerte vorliegen würden,
  was zu ungenauen Ergebnissen führen könne. Da nun aber zudem noch
  "mehrere Rechnungsschritte mitsamt Schätzungen" erforderlich
  gewesen seien, um zur Feststellung des Haltepunkts zu gelangen, und darüber
  hinaus "weder die einzelnen Berechnungen offengelegt" würden, noch
  aufgezeigt werde, "wie bzw. mit welcher Methode von den physischen
  Deformationen des Motorrads auf die angegebenen EES-Werte geschlossen"
  worden sei, sondern lediglich auf "Vergleichswerte" hingewiesen
  wurde, könne nicht darauf abgestützt werden (act. 29, S. 16,
  E. III./6.2.1.):

  
	
  "Notorisch ist, dass die derzeit bekannten Methoden
  zur Bestimmung der EES-Werte zu ungenauen Ergebnissen führen können. Bereits
  das Zurückgreifen auf Vergleichswerte kann verzerrend wirken. Zudem variieren
  die EES-Werte je nach dem Modell, das zur Berechnung derselben herangezogen
  werde" (act. 29, S. 16, E. III./6.2.1.).

  
	
  Dies umso mehr, als dass –
  drittens – die Feststellung, dass die Beschuldigte eine Fahrzeuglänge hinter
  der STOP-Linie gehalten haben soll, schon an sich "sehr
  unrealistisch" sei (act. 29, S. 16, E. III./6.2.1.).

  
	
   

  
	
  3.2.2. Abänderung des vorgeworfenen Sachverhalts

  
	
  Aus den soeben genannten Gründen
  wich die Vorinstanz von dem in der Anklageschrift umschriebenen Sachverhalt
  ab. Entgegen der Anklage ging die Vorinstanz davon aus, die Beschuldigte habe
  durchaus an der Haltelinie des STOP-Signals gehalten und sei dort auch einige
  Sekunden lang still gestanden. Ohne sich aber unmittelbar vor der Weiterfahrt
  mittels korrektem Seitenblick zu vergewissern, ob von links auf der "an
  dieser Stelle sehr übersichtlichen, schnurgeraden und, was ohne Weiteres
  Google Maps entnommen werden kann, rund 300 Meter langen Bahnhofstrasse"
  Verkehr herannahe, sei sie geradeaus in die Bahnhofstrasse hineingefahren, um
  diese zu überqueren. Dabei habe sie das von links herankommende Motorrad
  übersehen resp. viel zu spät gesehen, um noch unfallverhütend reagieren zu
  können. Trotz sofortiger Reaktion und Vollbremsung des später Verunfallten
  habe der Zusammenprall nicht verhindert werden können (act. 29, S.
  13–15, E. III./6.1.).

  
	
   

  
	
  Die Vorinstanz erachtete
  insbesondere die Aussage der Beschuldigten, wonach sie das Motorrad erst
  gesehen habe, als es nur noch ca. 30 Meter von ihr entfernt gewesen sei,
  als "praktisch gleichbedeutend mit einem Schuldeingeständnis".
  Hätte – so die Vorinstanz – die mit ihrem Personenwagen an der
  STOP-Markierung stehende Beschuldigte korrekt nach links geschaut, um sich zu
  vergewissern, dass kein Verkehr herannahe, so hätte sie das Motorrad
  unweigerlich sehen müssen und wäre nicht losgefahren. Gerade weil sie aber
  losfuhr, ist in der Sicht der Vorinstanz sozusagen im Umkehrschluss erstellt,
  dass die Beschuldigte nicht nach links geschaut habe. Die unterlassene
  Aufmerksamkeit der Beschuldigten werde auch nicht dadurch aufgewogen, dass
  das Motorrad womöglich mit 80 km/h unterwegs gewesen sei; angesichts der
  ca. 300 Meter langen, überschaubaren Bahnhofstrasse hätte die
  Beschuldigte ganze 13.5 Sekunden Zeit gehabt, das Motorrad zu sehen. Dass
  dies nicht geschehen sei, sei "absolut unverständlich" und lasse
  nur den Schluss zu, dass die Beschuldigte "unmittelbar vor der
  Weiterfahrt nicht (korrekt) nach links" geschaut habe (act. 29,
  S. 17, E. III./6.2.2.).

  
	
   

  
	
  3.3.
  Würdigung der Erwägungen der Vorinstanz

  
	
  3.3.1. Zum Anhalten an der STOP-Markierung

  
	
  3.3.1.1.  
  Aussagen der Beschuldigten

  
	
  Die
  Beschuldigte erklärte unmittelbar nach dem Unfall gegenüber der Polizei, sie
  habe "am Stopp der Rüfistrasse […] vollständig angehalten"
  (act. 2/8.1.02, S. 2). An der polizeilichen Einvernahme vom
  11. August 2019 sagte sie, sie sei im vierten Gang bis nach "ganz
  vorne" an die STOP-Markierung gefahren, habe vollständig angehalten und
  den ersten Gang eingelegt (act. 2/10.1.01, F. 6–8, 14).

  
	
   

  
	
  3.3.1.2.  
  Aussagen der Zeugen

  
	
  Der
  auf der gegenüberliegenden Kanalstrasse damals beim Stoppbalken wartende
  Zeuge Y.______ erwähnte unmittelbar nach dem Unfall, der Personenwagen der
  Beschuldigten habe "am Stop sicherlich kurz angehalten"
  (act. 2/8.1.03). An der polizeilichen Einvernahme vom 15. August
  2019 führte er aus, die Beschuldigte sei bis "an die
  STOP-Markierung" gefahren und habe dort angehalten (act. 2/10.2.04,
  F. 4, 10–11). Der Zeuge X.______, der in seinem Personenwagen auf der
  Rüfistrasse unmittelbar hinter der Beschuldigten herfuhr, bestätigte bei
  seiner ersten Befragung noch am Unfallabend, dass die Beschuldigte bei der
  Kreuzung effektiv angehalten habe (act. 2/8.1.04, S. 2). An der
  polizeilichen Einvernahme vom 18. August 2019 spezifizierte er, dass die
  Beschuldigte an die STOP-Markierung herangefahren sei (act. 2/10.2.05,
  F. 6, 15).

  
	
   

  
	
  3.3.1.3.   Ergebnis

  
	
  Mit Bezug auf den Halt an der
  STOP-Markierung ist den Erwägungen der Vorinstanz zuzustimmen. Die von der
  Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift vorgebrachte
  Sachverhaltsdarstellung, wonach die Beschuldigte eine Fahrzeuglänge hinter
  der STOP-Markierung angehalten haben soll, erscheint derart lebensfremd –
  konnte doch die Beschuldigte von dieser Stelle aus die Bahnhofstrasse noch
  gar nicht einsehen –, dass sie den Zeugen als höchst ungewöhnliches Verhalten
  und offensichtliche Fahrlässigkeit hätte auffallen müssen; die Aussagen der
  beiden Zeugen widersprechen jedoch dieser Sachverhaltsdarstellung. Die Sachverhaltsthese
  der Staatsanwaltschaft fusst denn auch einzig und allein auf den
  gutachterlichen Berechnungen. Diese aber sind in diesem Punkt – wie die
  Vorinstanz richtig festhält – intransparent (die Modellannahmen und die
  darauf fussenden Berechnungen wurden nicht offengelegt). Es muss daher im
  Gegenteil als erstellt gelten, dass die Beschuldigte mit ihrem Personenwagen
  bis an die STOP-Markierung fuhr und dort angehalten hatte, ehe sie auf die
  Bahnhofstrasse hinausfuhr.

  
	
   

  
	
  3.3.2.
  Zur Dauer des Halts und zum Seitenblick

  
	
  3.3.2.1.  
  Aussagen der Beschuldigten

  
	
  Zur Dauer des Halts an der
  STOP-Markierung erwähnte die Beschuldigte unmittelbar nach dem Unfall, sie
  habe "sicher eine gute Minute an dieser Stopp-Markierung" verbracht
  (act. 2/8.1.02, S. 2), wobei sie an der polizeilichen Einvernahme
  vom 11. August 2019 zu dieser Aussage bemerkte, sie sei unter Schock
  gestanden und könne sich nicht mehr erinnern, was sie gesagt habe
  (act. 2/10.1.01, F. 9). Zum Seitenblick gab die Beschuldigte bei
  der Befragung noch am Unfallort zu Protokoll, sie habe "nach links &
  rechts geschaut" (act. 2/8.1.02, S. 2). Anlässlich der
  polizeilichen Einvernahme vom 11. August 2019 führte sie weiter aus, sie
  habe, nachdem sie angehalten habe, zuerst zum gegenüberliegenden Personenwagen
  von Y.______ geschaut, um zu sehen, "wohin der Audifahrer gegenüber
  fahren wollte", weshalb sie mit ihm auch Blickkontakt hergestellt habe;
  da sie aber geradeaus habe fahren wollen und gegenüber Y.______
  vortrittsberechtigt gewesen sei , habe sie ihn nicht mehr weiter beachtet
  (act. 2/10.1.01, F. 8, 11). Sodann habe sie nach links und rechts
  geschaut (act. 2/10.1.01, F. 6, 8), wobei sie sich beim Seitenblick
  nach vorne gebeugt habe (act. 2/10.1.01, F. 14).

  
	
   

  
	
  3.3.2.2.  
  Aussagen der Zeugen

  
	
  Nach der vom Zeugen Y.______
  anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 15. August 2019 geäusserten
  Auffassung hätte die an der STOP-Markierung haltende Beschuldigte
  "sofort fahren können, dies hat sie aber nicht gemacht" und
  stattdessen gewartet (act. 2/10.2.04, F. 4). Auf Nachfrage gab er
  an, die Beschuldigte sei "sicherlich für 5 Sekunden" an der
  STOP-Markierung gestanden, er habe sogar noch gedacht, sie könne "jetzt
  über die Kreuzung fahren", sie aber habe noch gewartet
  (act. 2/10.2.04, F. 12–13). Während dieser Zeit habe er gesehen,
  wie die Beschuldigte ihren Blick über die Kreuzung geschweift habe
  (act. 2/10.2.04, F. 10, 14). Der hinter ihr fahrende Zeuge X.______
  erklärte nach dem Unfall , dass die Beschuldigte an der Kreuzung etwa zwei
  bis drei Sekunden stillgestanden sei (act. 2/8.1.04, S. 2). Er
  ergänzte an der polizeilichen Einvernahme vom 18. August 2019, er habe
  nicht beobachtet, was sie während dieser Zeit getan habe
  (act. 2/10.2.05, F. 16).

  
	
   

  
	
  3.3.2.3.   Ergebnis

  
	
  Mit Bezug auf den Seitenblick
  kann den Erwägungen der Vorinstanz nicht beigepflichtet werden. Denn auch die
  durch die Vorinstanz angepasste Sachverhaltsdarstellung, wonach die
  Beschuldigte die Kreuzung befahren habe, ohne vorher nach links zu blicken,
  ist nicht naheliegend. Dies könnte sich allenfalls dann so zugetragen haben,
  wenn die Beschuldigte ungebremst über die STOP-Haltelinie gefahren oder
  diese, ohne einen vorschriftsgemässen Halt, in nur leicht reduziertem Tempo
  überrollt hätte. Indessen haben beide Zeugen festgehalten, dass die
  Beschuldigte während mehrerer (zwischen zwei und fünf) Sekunden an der
  STOP-Haltelinie stillstand. Auch die Beschuldigte selber gab zu Protokoll, an
  der STOP-Haltelinie angehalten zu haben, machte aber dazu eine zeitlich
  unrealistische Angabe von einer Minute. Vor diesem Hintergrund hat ein Halt
  von wenigen, aber immerhin mehreren Sekunden als erstellt zu gelten.
  Lebensfremd ist dabei die Vorstellung der Vorinstanz, dass die Beschuldigte
  während diesen mehreren Sekunden an der STOP-Haltelinie einfach nur starr
  geradeaus geblickt habe, um dann, aus irgendeinem Grund, plötzlich
  loszufahren. Diese Sachverhaltsdarstellung steht auch im klaren Widerspruch
  zu den Aussagen des Zeugen Y.______, welcher wiederholt angegeben hat, er
  habe gesehen, wie sich die Beschuldigte an der Kreuzung umgesehen habe. Das
  Obergericht geht somit – in Abweichung der Vorinstanz – davon aus, dass die
  an der STOP-Haltelinie haltende Beschuldigte insbesondere auch nach links
  schaute, ehe sie mit ihrem Personenwagen die Kreuzung befuhr.

  
	
   

  
	
  3.3.3. Zum Blickfeld auf die Bahnhofstrasse in
  Richtung Mollis

  
	
  3.3.3.1.   Aussagen der Beschuldigten

  
	
  Anlässlich
  ihrer polizeilichen Einvernahme vom 11. August 2019 gab die Beschuldigte
  an, links von ihr seien eine Mauer, ein Zaun und eine Hecke gewesen, welche
  die Sicht nach Mollis (also in die Richtung, aus welcher das Motorrad kam)
  extrem erschwert habe und weswegen man sich stark strecken müsse, damit man
  links etwas sehen könne (act. 2/10.1.01, F. 15–16). Sie habe sich
  beim Seitenblick nach vorne gebeugt und habe so "fast bis zur alten
  Post" sehen können (act. 2/10.1.01, F. 14). Ein Motorrad habe
  sie nicht gesehen (act. 2/10.1.01, F. 16). Sie sagte weiter, sie
  habe auch noch keinen Motorradfahrer gesehen, als sie in die Kreuzung
  gefahren sei (act. 2/10.1.01, F. 17–18). Danach gefragt, wo sich
  das Motorrad befunden habe, als sie dieses zum ersten Mal gesehen habe,
  verortete sie den betreffenden Standort knapp ausserhalb des Schattens der
  grossen Bäume (vgl. act. 2/10.1.01, Beilage 4; act. 2/10.1.01,
  F. 21).

  
	
   

  
	
  3.3.3.2.   Aussagen der Zeugen

  
	
  Der Zeuge Y.______ bezeichnete
  die Kreuzung an seiner polizeilichen Einvernahme vom 15. August 2019 als
  "ziemlich unübersichtlich" (act. 2/10.2.04, F. 62).
  Ähnlich äusserte sich der Zeuge X.______ anlässlich seiner polizeilichen
  Einvernahme vom 18. August 2019, welcher überdies auf die spezifischen
  Begebenheiten von der Rüfistrasse her Bezug nahm: So würden "das Haus
  und die Büsche" die Einsicht in die Kreuzung stark behindern
  (act. 2/10.2.05, F. 20). Die Kreuzung sei von der Rüfistrasse her
  "sehr schlecht einsehbar" (act. 2/10.2.05, F. 78). Als er
  nach den Gründen für diese schlechte Einsehbarkeit gefragt wurde, gab er
  einerseits einen fehlenden Spiegel an, andererseits aber "die Hecke, die
  so hoch war, dass man nicht darüber sehen" könne, man habe "keine
  Chance über die Hecke zu sehen", welche aber offenbar jetzt gestutzt
  worden sei (act. 2/10.2.05, F. 80). Auch wenn man daher ganz vorne
  stehe, sehe man zu wenig, man müsse etwa 0.5 m über die STOP-Markierung
  fahren, damit man genug sehe (act. 2/10.2.05, F. 79). Auf die Frage,
  wie der Unfall hätte verhindert werden können, nennt er einen Spiegel, der
  den Einblick auf die Kreuzung verbessern würde (act. 2/10.2.05,
  F. 62).

  
	
   

  
	
  3.3.3.3.   Weitere Hinweise

  
	
  A.       
  Zeitungsberichte

  
	
  Im unmittelbaren Nachgang an den Unfall erschienen
  verschiedene Zeitungsartikel und Leserbriefe, welche die Sicht an der
  Kreuzung behandelten (vgl. act. 6/1–11; act. 50/1). Einen
  Augenschein vor Ort beschreibt ein Journalist in einem Beitrag in der der Südostschweiz
  vom 13. August 2019 folgendermassen:

  
	
  "Wer beim Stopp an der Rüfistrasse steht, sieht
  nämlich gerade mal rund 20 Meter weit, ob auf der Bahnhofstrasse, aus
  Richtung des verunglückten Motorradlenkers, ein Fahrzeug herannaht"
  (act. 6/4).

  
	
  Als
  Grund wird in einem Leserbrief vom 14. August 2019 die auf linker Seite
  gelegene, hohe Hecke genannt, deren Höhe auf etwa 1.8 Meter geschätzt
  wird (vgl. act. 6/5).

  
	
   

  
	
  B.       
  Fotos

  
	
  Auf
  verschiedenen Bildern des kriminaltechnischen Berichts vom 24. September
  2019 lässt sich feststellen, dass die Hecke bis auf Kopfhöhe ausgewachsener
  Personen reichte (act. 2/8.1.10, S. 5, Bild 005 [vgl. auch
  nachfolgend Abb. 6: den Feuerwehrmann am linken Bildrand] sowie
  S. 7, Bild 009 [die beiden Männer in orangefarbenen Westen] und
  S. 10, Bild 014 [unscharfer Mann mit gelber Weste im rechten
  Bildhintergrund]).

  
	
   

  
	
  3.3.3.4.   Ergebnis

  
	
  Auch
  mit Bezug auf das Sichtfeld kann den Erwägungen der Vorinstanz nicht
  beigepflichtet werden. Sie ging unter Bezugnahme einzig auf den betreffenden
  Kartenausschnitt davon aus, dass die Beschuldigte von ihrer Position
  unmittelbar bei der STOP-Haltelinie Einsicht auf die "an dieser Stelle
  sehr übersichtliche, schnurgerade und, was ohne Weiteres Google Maps
  entnommen werden kann, rund 300 Meter lange Bahnhofstrasse" gehabt
  habe (act. 29, E. III./6.1.). Diese vorinstanzliche Annahme wäre
  dann zutreffend, wenn die Beschuldigte auf der STOP-Haltelinie
  gestanden wäre (vgl. nachfolgend Abb. 2).

  
	
  

  
	
  Abb. 2: Sicht von der Bahnhofstrasse
  in Richtung Näfels auf die STOP-Haltelinie, an welcher die Beschuldigte hielt
  (act. 2/8.1.12.).

  
	
  Die
  Vorinstanz berücksichtigt nicht, dass sich die Beschuldigte zum Zeitpunkt des
  Seitenblicks nicht auf der STOP-Haltelinie stand sondern sich in ihrem
  Personenwagen, einem Suzuki SX4S-Cross 1.4T, befand (vgl.
  act. 2/11.3.25, S. 6; für Bilder vgl. act. 2/11.3.26, S. 11–12).
  Die Länge dieses Fahrzeugmodells beträgt 4.3 Meter (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Suzuki_S-Cross).
  Wie dem nachgestellten Bild des Gutachtens entnommen werden kann, befand sich
  das Auge der Beschuldigten von der Mittellinie des Personenwagens etwas nach
  vorne versetzt, schätzungsweise 2 Meter hinter der vorderen Spitze der
  Motorhaube (vgl. nachfolgend Abb. 3).

  
	
   

  
	
  

  
	
  Abb. 3:
  Nachgestelltes Bild im Unfallfahrzeug (act. 2/11.3.26, S. 12).

  
	
  Wenn
  daher die Beschuldigte– wie erstellt ist (vgl. vorne Ziff. IV./3.3.1.3) – mit
  ihrem Wagen bei der STOP-Haltelinie anhielt, so befand sich die Front der
  Motorhaube direkt über dem Balken, während ihre Sitzposition im Wagen jedoch
  etwa zwei Meter zurückversetzt war. Diese Rückversetzung spricht denn auch
  der Zeuge X.______ an, wenn er erklärt, man müsse von der Rüfistrasse her
  (mit der Motorhaube) über die STOP-Haltelinie hinausfahren, um eine freie
  Sicht auf die Bahnhofstrasse zu erhalten (siehe vorne Ziff. III./3.3.3.2).

  
	
   

  
	
  Sodann
  verkennen sowohl die Staatsanwaltschaft wie auch die Vorinstanz eine
  zumindest teilweise Sichtbehinderung durch die linksseitig vorhandene Mauer
  samt Zaun und vor allem der Hecke, was die Verteidigerin im
  Berufungsverfahren rügte (act. 49, Rz. 68). Dem ist insofern
  zuzustimmen, als die Hecke – als schwarzer Balken – nur in ungefährer Höhe
  auf verschiedenen Simulationsbildern des Gutachtens erkennbar ist (vgl.
  act. 2/11.3.26, S. 32–33). Wie sich jedoch aus den Aussagen (siehe
  vorne Ziff. III./3.3.3.2) und
  der Fotos (siehe vorne Ziff. III./3.3.3.3)
  ergibt, war die Hecke zumindest derart hoch, dass sie einer an der
  STOP-Haltelinie wartenden Person jenen Blick versperrte, welcher ohne Hecke
  via den Vorgarten des angrenzenden Grundstücks hinweg eine Sicht auf die
  dahinterliegende Bahnhofstrasse erlaubt hätte. Ob die Hecke damit gegen
  Art. 76 Abs. 1 (Verbot von verkehrsgefährdenden Einrichtungen) des
  Strassengesetzes vom 2. Mai 1971 (GS VII C/11/1) verstiess, muss
  vorliegend nicht beurteilt werden.

  
	
   

  
	
  Indem
  also der Blick der Beschuldigten einerseits durch ihre Position im
  Personenwagen um etwa zwei Meter zurückversetzt war und andererseits die
  Hecke das Sichtfeld linksseitig einschränkte, verblieb eben gerade nicht
  jener von der Vorinstanz angenommene freie Blick auf rund 300 Meter der
  [...]-strasse, sondern nur ein (ab einem gewissen Winkel) begrenzter
  Ausschnitt davon. Dieser Umstand kann als erstellt betrachtet werden.

  
	
   

  
	
  Wie
  viel von der Bahnhofstrasse dieser Ausschnitt tatsächlich umfasste, hängt vom
  rückwirkend kaum mehr rekonstruierbaren, exakten Standort des Auges der
  Beschuldigten ab. Es handelt sich hier um eine Frage des Winkels, wie die
  Verteidigerin dies an der Berufungsverhandlung vorbrachte (vgl. act. 49,
  Rz. 74: "Der Winkel von ihrer [der Beschuldigten] Position an der
  Haltelinie aus zu seiner [des Motorradlenkers] wäre steiler, weshalb sie ihn
  erst später bzw. 'näher' hätte sehen können").

  
	
   

  
	
  Annäherungsweise
  kann abgeschätzt werden, dass die Beschuldigte von ihrem Standort bei der
  STOP-Haltelinie an Rüfistrasse aus die Bahnhofstrasse in linker Richtung nur
  auf eine Distanz von knapp 25–30 Metern in ihrer ganzen Breite einsehen
  konnte; mit weiterer Entfernung verschliesst sich der Blick zusehends und ist
  namentlich die Fahrbahn von Mollis her, auf welcher das Motorrad herannahte,
  ab einer Distanz von rund 50–60 Meter nicht mehr einsehbar. Dies ergibt
  sich aus (geometrischen) Annäherungen (vgl. nachfolgend Abb. 4).

  
	
  

  
	
  Abb. 4:
  Schematische Darstellung der einsehbaren Fläche (grün) 

  und der aufgrund der Hecke nicht einsehbaren Fläche (rot).

  
	
  Aber
  auch auf einem Bild in den Untersuchungsakten ist erkennbar, dass die Sicht
  aufgrund der Höhe der Hecke von hinter der STOP-Haltelinie auf die Bahnhofstrasse
  eingeschränkt war, was die Beschuldigte entsprechend markierte (vgl.
  Abb. 5 resp. act. 2/10.1.01, Beilage 3; vgl.
  act. 2/10.1.01, Protokollnotiz zu F. 16: "Die Beschuldigte
  markierte die Sichthinderung rot"; vgl. ferner das Bild im Artikel der Südostschweiz
  vom 13. August 2019, das explizit aus der Position eines Lenkers in
  einem Personenwagen an der STOP-Haltlinie aufgenommen wurde, act. 6/4).

  
	
   

  
	
  

  
	
  Abb. 5: Durch die Beschuldigte
  rot eingezeichnete Sichthinderung (act. 2/10.1.01, Beilage 3).

  
	
  Ein
  weiteres Bild in den Untersuchungsakten bestätigt auch die ungefähren
  Distanzen in ihrer Grössenordnung (vgl. Abb. 6; act. 2/8.1.10,
  S. 5, Bild 005 [das Sichtfeld geht auf der gegenüberliegenden
  Strassenseite bis zum Schatten der grossen Bäume, welche in ca.
  50–60 Meter Entfernung zur Unfallstelle stehen und auf der angrenzenden
  Strassenseite nur etwa fünf bis zehn Meter weiter als der Fussgängerstreifen,
  dessen äusserster Punkt etwa 20 Meter entfernt ist]).

  
	
  

  
	
  Abb. 6: Sicht aus
  einer rückversetzten Lage an der STOP-Haltelinie

  auf die Bahnhofstrasse in Richtung Mollis (act. 2/8.1.10, S. 5,
  Bild 005).

  
	
  Dem
  steht auch die Aussage der Beschuldigten nicht entgegen, wonach sie "fast
  bis zur alten Post" habe sehen können (siehe vorne Ziff. III./3.3.3.1;
  Hervorhebung hinzugefügt), welches Zitat von der Vorinstanz fälschlicherweise
  mit "sie habe bis zur alten Post" wiedergegeben und als
  widersprüchlich gewertet wurde (act. 29, S. 17,
  E. III./6.2.3.; Hervorhebung hinzugefügt). Das oben annäherungsweise
  dargelegte Sichtfeld erstreckt sich, wie gesagt, bis zu den grossen Bäumen,
  welche – zumindest auf der linken Strassenseite – unmittelbar an der "alten
  Post" stehen. Es ist mithin weder falsch noch widersprüchlich und kann
  nicht zu ihrem Nachteil ausgelegt werden, wenn die Beschuldigte sagt, sie
  habe fast bis zur "alten Post" sehen können, da die "alte
  Post" tatsächlich aufgrund des Winkels nicht mehr sichtbar war. Somit
  kann als erstellt gelten, dass die Sicht der Beschuldigten sich auf lediglich
  einen Ausschnitt der Bahnhofstrasse beschränkte.

  
	
   

  
	
  3.3.4.
  Zur Sicht der Beschuldigten auf das Motorrad

  
	
  3.3.4.1.   Anfahrt der Beschuldigten

  
	
  Wie
  bereits dargelegt, geht das Gutachten für den Personenwagen der Beschuldigten
  von einer Geschwindigkeit von 25–30 km/h aus (siehe vorne
  Ziff. III./3.1.1). Am
  Unfallabend sagte die Beschuldigte gegenüber der Polizei, sie sei
  "irgendwann" langsam losgefahren, im ersten Gang, mit etwa
  10 km/h (act. 2/8.1.02, S. 2). Auch an der polizeilichen
  Einvernahme vom 11. August 2019 sagte die Beschuldigte, sie sei im
  ersten Gang, im Schritttempo, losgefahren (act. 2/10.1.01, F. 38).
  Dies bestätigte der Zeuge Y.______, welcher aussagte, sie sei etwa
  10 km/h gefahren (act. 2/10.2.04, F. 35: "so, wie wenn man
  normal anfährt, über eine Kreuzung"). Der Zeuge X.______ sagte, sie sei
  relativ zügig angefahren (act. 2/8.1.04, S. 2; act. 2/10.2.05,
  F. 6), aber "angemessen", wie er die Kreuzung ebenso befahren
  würde (act. 2/10.2.05, F. 32).

  
	
   

  
	
  3.3.4.2.  
  Aufheulen des
  Motors des Motorrads

  
	
  Mehrere
  einvernommene Personen bestätigten, unmittelbar vor der Kollision ein lautes
  Aufheulen des Motorrads gehört zu haben. So gab die Beschuldigte nach dem
  Unfall zu Protokoll, sie habe – als sie schon auf der Kreuzung gewesen sei –
  zuerst das "Motorengeheul des Motorrades" gehört und dieses erst
  nachher erblickt (act. 2/8.1.02, S. 2). An der polizeilichen
  Einvernahme vom 11. August 2019 führte sie hierzu aus, sie sei schon in
  der Fahrbahnmitte gewesen, als sie das Aufheulen gehört, nach links geschaut
  und den Motorradfahrer gesehen habe (act. 2/10.1.01, F. 6, 12–13,
  18). Sie gab an, den Motor des Motorrads zweimal aufheulen gehört zu haben,
  bevor sie das Motorrad sah (act. 2/10.1.01, F. 20, 22). Der Zeuge
  Y.______ sagte aus, er habe die vorderen Seitenfenster an seinem
  Personenwagen geöffnet gehabt und habe – noch während er in die andere
  Richtung geblickt habe (act. 2/8.1.03, S. 2) – zuerst das sich
  nähernde Motorrad, dann die Beschleunigung, also "wie der Motor
  hochdrehte", gehört (act. 2/10.2.04, F. 16). Konkret habe er
  gehört, wie das Motorrad nicht unweit der Kreuzung beschleunigt habe
  (act. 2/10.2.04, F. 24). Ebenso schilderte eine Anwohnerin, sie habe
  ein einmaliges Aufheulen eines Motors und unmittelbar darauf einen lauten
  Knall gehört (act. 2/10.2.03, F. 5–6, 8). Der Zeuge X.______ hörte
  das Aufheulen nicht, da er die Fenster seines Personenwagens geschlossen
  hatte und Musik hörte (act. 2/10.2.05, F. 18).

  
	
   

  
	
  3.3.4.3.   Geschwindigkeit des Motorrads

  
	
  Wie bereits dargelegt, geht das
  Gutachten für das Motorrad von einer Geschwindigkeit von 73–84 km/h aus.
  Die Herleitung der Geschwindigkeit aus den Beschädigungen am Motorrad und der
  daraus resultierenden Kollisionsenergie resp. -geschwindigkeit (siehe vorne
  Ziff. III./3.1.1) ist nachvollziehbar, womit das Gutachten in diesem
  Punkt nicht beanstandet und die Geschwindigkeit von 73–84 km/h als
  erstellt betrachtet werden kann. Dies deckt sich mit den hierzu gemachten
  Aussagen. Die Beschuldigte erwähnte bei ihrer Erstbefragung unmittelbar nach
  dem Unfall, das Motorrad sei mit sehr hoher Geschwindigkeit gefahren,
  "so schnell, wie ich nicht Mal denken kann". Als sie das Aufheulen
  des Motorrads gehört und dieses erstmals gesehen habe, sei dieses noch etwa
  30 Meter von ihr entfernt gewesen und sei es unmittelbar darauf zur
  Kollision gekommen (act. 2/8.1.02, S. 2). An der polizeilichen
  Einvernahme vom 11. August 2019 sagte sie aus, das Motorrad sei
  "sehr schnell" auf sie zugekommen (act. 2/10.1.01,
  F. 18–19, 22). Von dem Moment, als sie den Motorradfahrer gesehen habe,
  seien "höchstens wenige Sekunden" bis zur Kollision vergangen, denn
  noch ehe sie habe reagieren können, sei es zur Kollision gekommen; sie denke
  er sei "mindestens mit 80 km/h" gefahren (act. 2/10.1.01,
  F. 39). Als die Beschuldigte nach den Ursachen für den Unfall gefragt
  wurde, gab sie die Geschwindigkeit des Motorrads an (act. 2/10.1.01,
  F. 42, 64). Zwar sei die Einsicht in die Kreuzung schlecht, doch als sie
  auf die Kreuzung gefahren sei, habe sie das Motorrad noch nicht gesehen,
  weshalb "die schlechte Einsicht keinen Einfluss" gehabt habe
  (act. 2/10.1.01, F. 42). Die Geschwindigkeit des Motorrads wird
  ferner durch die Abfolge der Ereignisse, wie sie der Zeuge Y.______
  schildert, impliziert: Im Befragungsprotokoll vom 9. August 2019 gab er
  an, er sei von der Kanalstrasse an die Kreuzung gefahren und habe, dem
  Personenwagen der Beschuldigten den Vortritt lassend, "kurz in Richtung
  Näfels" geblickt und "sogleich" ein Motorrad gehört, das er
  als "sehr laut" beschrieb. Er habe deswegen wieder geradeaus
  geblickt und habe gerade noch sehen können, wie es zur Kollision kam. Das
  Motorrad sei "sicherlich mit 50 km/h wenn nicht schneller
  gefahren" (act. 2/8.1.03, S. 2). An der polizeilichen
  Einvernahme vom 15. August 2019 führte er weiter aus, er habe – als er
  an die Kreuzung gelangt sei – zuerst nach rechts in die Bahnhofstrasse in
  Richtung Mollis geschaut, wobei er noch kein Motorrad gesehen habe
  (act. 2/10.2.04, F. 19–20). Dann habe er sicherlich für etwa fünf
  Sekunden nach links in Richtung Näfels geblickt (act. 2/10.2.04,
  F. 21). Als er das Aufheulen des Motors gehört habe (siehe vorne
  Ziff. III./3.3.4.2), habe er sich umgeschaut und gesehen, dass das
  Motorrad auf der Bahnhofstrasse herangefahren kam (act. 2/10.2.04,
  F. 17). Von dem Moment, als er das Motorrad erblickt habe, sei es
  ziemlich schnell gegangen, er denke 3–4 Sekunden; er habe nur Zeit gehabt, um
  zum Motorrad zu schauen und dann wieder zum Personenwagen der Beschuldigten,
  da sei es auch schon zu Kollision gekommen (act. 2/10.2.04, F. 31).
  Mit Bezug auf die Geschwindigkeit äusserte der Zeuge Y.______ die Ansicht, er
  sei "eindeutig zu schnell" gefahren (act. 2/10.2.04,
  F. 32), "viel zu schnell" (act. 2/10.2.04, F. 62),
  er schätze etwa 60–70 km/h (act. 2/10.2.04, F. 34).

  
	
   

  
	
  3.3.4.4.  
  Ergebnis

  
	
  Die Vorinstanz ging davon aus,
  dass die Beschuldigte das Motorrad hätte sehen können, wenn sie korrekt nach
  links geschaut hätte, um sich zu vergewissern, dass kein Verkehr herannahe.
  Daran ändere auch der Umstand der möglicherweise übersetzten Geschwindigkeit
  des Motorrad nichts, da dieses während ganzen 13.5 Sekunden auf der
  300 Meter langen Bahnhofstrasse sichtbar gewesen sei (siehe vorne
  Ziff. III./3.2.2). Namentlich folgte die Vorinstanz nicht der
  Schilderung der Beschuldigten, soweit diese geltend machte, das
  "Motorrad sei so schnell gefahren, dass es, obwohl sie sich selbst
  korrekt verhalten habe, quasi aus dem Nichts plötzlich unvorhersehbar vor ihr
  aufgetaucht sei" (act. 26, E. III./6.2.3.). Hierin kann der
  Vorinstanz nicht beigepflichtet werden. Denn erstellt ist, dass die
  Beschuldigte an der STOP-Haltelinie hielt (siehe vorne Ziff. III./3.3.1.3), von dort einen korrekten Seitenblick in beide Richtungen ausführte (siehe
  vorne Ziff. III./3.3.2.3) und dass an der Kreuzung die Einsehbarkeit auf
  die Bahnhofstrasse eingeschränkt war (siehe vorne Ziff. III./3.3.3.4). Unter Berücksichtigung dieser Umstände konnte die Beschuldigte – wie
  sogleich zu zeigen sein wird – den mit weit überhöhter Geschwindigkeit
  herannahenden Motorradlenker erst gewahren, als sie sich bereits auf der
  Kreuzung befand.

  
	
   

  
	
  Die Beschuldigte schildert, das
  Motorrad erst gesehen zu haben, als sie schon auf der Kreuzung war, was durch
  die Aussagen des Zeugen Y.______ zumindest nicht ausgeschlossen wird (siehe
  vorne Ziff. III./3.3.4.2). Die Beschuldigte gab weiter an, das Motorrad
  in einer Entfernung von etwa 30 Meter erstmals gesehen zu haben
  (act. 2/8.1.02, S. 2; siehe auch die von der Beschuldigten auf
  einer Foto markierte Position [act. 2/10.1.01, Beilage 4;
  act. 2/10.1.01, F. 21]). Es ist dies ungefähr auch der
  Distanzbereich, welcher von hinter der STOP-Haltelinie aus in Richtung Mollis
  (von woher der Motorradlenker auf der Bahnhofstrasse herannahte) einsehbar
  ist (vgl. Abb. 4 [gemessen an der Mitte der Fahrbahn]; vgl. hierzu
  act. 2/10.1.01, F. 21: "Der Motorradfahrer war auf der Mitte
  der Strasse"). Fast genau entspricht diese Stelle dem Reaktionspunkt des
  Motorrads, welcher gemäss dem Gutachten 30.2–34.4 Meter vor dem
  Kollisionspunkt liegt (siehe vorne Ziff. III./3.1.1).

  
	
   

  
	
  Wenn aber das Motorrad erst in
  dem Augenblick, als die Beschuldigte die Kreuzung zu befahren begann, in den
  von hinter der STOP-Haltelinie sichtbaren Bereich trat, so folgt daraus
  gleichzeitig, dass sich das Motorrad zuvor im verdeckten, sichttoten Bereich
  befand. Somit konnte die Beschuldigte, welche an der STOP-Haltelinie hielt,
  einen Seitenblick nach links machte und sich womöglich dabei noch nach vorne
  lehnte, das Motorrad nicht sehen. Gegenüber der Würdigung der Vorinstanz
  (vgl. act. 29, S. 17, Ziff. 6.2.2.) muss daher stärker
  gewichtet werden, dass das Motorrad allen Aussagen zufolge mit übersetzter
  Geschwindigkeit fuhr (siehe vorne Ziff. III./3.3.4.3). Diese
  Geschwindigkeit betrug gemäss Gutachten zwischen 73 km/h (Variante
  minimale Kollisionsgeschwindigkeit) bis 84 km/h (Variante maximale
  Kollisionsgeschwindigkeit), was umgerechnet 20.27 bis 23.3 m/s
  entspricht. Es genügte also allein schon eine einzige Sekunde, in welcher die
  Beschuldigte den Blick von links abwandte, um nach rechts zu schauen und mit
  den Umständen angepasster Anfahrt (siehe vorne Ziff. III./3.3.4.1) zu beginnen, damit das Motorrad in den für sie sichtbaren Bereich trat. So
  gibt auch der an der gegenüberliegenden, von der Einsehbarkeit her
  vorteilhafteren Kanalstrasse wartende Zeuge Y.______ ebenfalls an, er habe
  zwar nach rechts geschaut, aber noch kein Motorrad gesehen (vgl.
  act. 2/10.2.04, F. 19–20). Sowohl die Beschuldigte wie auch der
  Zeuge Y.______ wurden auf das Motorrad erst durch das Aufheulen des Motorrads
  aufmerksam (siehe vorne Ziff. III./3.3.4.2). In der Beurteilung ist
  mithin auch dem Umstand Rechnung zu tragen, dass das Motorrad kurz vor dem
  Eintritt in den sichtbaren Bereich beschleunigte und daher sowohl den
  sichtbaren Bereich wie auch den Reaktionspunkt bereits mit massiv übersetzter
  Geschwindigkeit erreichte. Es ist daher keineswegs ausgeschlossen, ja
  vielmehr naheliegend, dass das Motorrad "quasi aus dem Nichts plötzlich
  unvorhersehbar vor ihr [der Beschuldigten] aufgetaucht sei"
  (act. 26, E. III./6.2.3.). Gemäss dem Gutachten (siehe vorne
  Ziff. III./3.1.1) dauerte es vom Reaktionspunkt aus bis zur Kollision
  2.3 Sekunden (Variante minimale Kollisionsgeschwindigkeit:
  1.5 Sekunden Reaktionszeit und 0.8 Sekunden Bremszeit) resp.
  1.9 Sekunden (Variante maximale Kollisionsgeschwindigkeit:
  1.2. Sekunden Reaktionszeit und 0.7 Sekunden Bremszeit). Diese
  Angaben entsprechen den Aussagen der Beschuldigten und des Zeugen Y.______
  zur unmittelbar darauffolgenden Kollision (act. 2/10.1.01, F. 39:
  "wenige Sekunden"; act. 2/10.2.04, F. 31). Das Gutachten
  errechnete, dass für die Beschuldigte – ab dem Moment, in welchem sie die
  Kreuzung befuhr – weder nach der Variante der minimalen noch der maximalen
  Kollisionsgeschwindigkeit der Unfall vermeidbar war (act. 2/11.3.25,
  S. 21).

  
	
   

  
	
  3.4.
  Sachverhalt von dem das Obergericht ausgeht

  
	
  Die Beschuldigte fuhr am
  9. August 2019, ca. 19.55 Uhr, an die Kreuzung Rüfistrasse /
  Bahnhofstrasse in Mollis und hielt dort an der STOP-Haltelinie. Sodann nahm
  sie einen Seitenblick vor, wobei sie zuerst Blickkontakt mit dem Fahrer des
  gegenüberliegenden Personenwagens (dem Zeugen Y.______) herstellte, dann
  links den von ihr sichtbaren Bereich überblickte. Ob sie sich, wie sie selber
  aussagt, nach vorne lehnte, kann offenbleiben; aufgrund ihrer im
  Personenwagen rückversetzten Lage und der Höhe der sichtbehindernden Hecke
  war es ihr in jedwedem Fall nicht möglich, das sich im verdeckten, sichttoten
  Bereich der Bahnhofstrasse mit übersetzter Geschwindigkeit herannahende
  Motorrad zu sehen. Sodann blickte sie nach rechts und begann – nachdem sie
  sich aller Seiten vergewissert hatte – mit der Anfahrt. Zügig aber den
  Umständen angepasst, befuhr sie die Kreuzung. In diesem Augenblick hörte sie
  die Beschleunigung des Motorrads und erblickte das in den sichtbaren Bereich
  eintretende Motorrad in etwa 30 Meter Entfernung. Obwohl das Motorrad
  eine Vollbremsung initiierte und auch die Beschuldigte beschleunigend zu
  reagieren versuchte, erfolgte die Kollision 1.9–2.3 Sekunden später und das
  Motorrad rutschte in die hintere linke Seite des Personenwagens der
  Beschuldigten. Das Unfallopfer erlitt als direkte Folge unter anderem
  Schädelbrüche sowie Einrisse in Lunge und Leber mit inneren Blutungen und
  erlag einige Stunden später, am frühen Morgen des 10. August 2019,
  seinen Verletzungen.

  
	
   

  
	
  V. Materielles

  
	
  1.
   

  
	
  Wer fahrlässig den Tod eines
  Menschen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder
  Geldstrafe bestraft (Art. 117 StGB).

  
	
   

  
	
  2.
   

  
	
  Fahrlässig begeht ein Verbrechen
  oder eine Vergehen, wer die Folge seines Verhaltens aus pflichtwidriger
  Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf nicht Rücksicht nimmt.
  Pflichtwidrig ist die Unvorsichtigkeit, wenn der Täter die Vorsicht nicht
  beachtet, zu der er nach den Umständen und nach seinen persönlichen
  Verhältnissen verpflichtet ist (Art. 12 Abs. 3 StGB).

  
	
   

  
	
  2.1.
  Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist ein Verhalten
  sorgfaltspflichtwidrig, wenn der Täter zum Zeitpunkt der Tat aufgrund der
  Umstände sowie seiner Kenntnisse und Fähigkeiten die damit bewirkte
  Gefährdung der Rechtsgüter des Opfers hätte erkennen können und müssen und
  wenn er zugleich die Grenzen des erlaubten Risikos überschritten hat. Wo
  besondere Normen ein bestimmtes Verhalten gebieten, bestimmt sich das Mass
  der zu beachtenden Sorgfalt in erster Linie nach diesen Vorschriften, wobei
  der Vorwurf der Fahrlässigkeit auch auf allgemeine Rechtsgrundsätze wie etwa
  den allgemeinen Gefahrensatz gestützt werden kann. Die Vorsicht, zu der ein
  Täter verpflichtet ist, wird letztlich durch die konkreten Umstände und seine
  persönlichen Verhältnisse bestimmt (vgl. zum Ganzen BGE 135 IV 56 E. 2.1
  S. 64; BGE 133 IV 158 E. 5.1 S. 161–162 je m.w.H.).

  
	
   

  
	
  2.2.
  Zur Sorgfaltspflichtverletzung

  
	
  Im Strassenverkehr richtet sich
  der Umfang der zu beachtenden Sorgfalt nach den Bestimmungen des
  Strassenverkehrsgesetzes und der dazu gehörenden Verordnungen.

  
	
   

  
	
  2.2.1.
  Konkret werden der Beschuldigten von der Vorinstanz die Verletzung der
  folgenden Normen vorgeworfen (vgl. act. 29, E. IV./1.3.1): Zunächst
  Art. 90 Abs. 2 SVG, wonach mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren
  oder Geldstrafe bestraft wird, wer durch grobe Verletzung der Verkehrsregeln
  eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf
  nimmt. Sodann Art. 14 Abs. 1 VRV, wonach derjenige, der zur
  Gewährung des Vortritts verpflichtet ist, den Vortrittsberechtigten in seiner
  Fahrt nicht behindern darf, sondern vor Beginn der Verzweigung zu halten hat.
  Dabei verpflichte ihn das Signal "Stop", anzuhalten und den
  Fahrzeugen auf der Strasse, der er sich nähert, den Vortritt zu gewähren
  (Art. 36 Abs. 1 SSV). Die Vorinstanz kam gestützt auf ihre
  Sachverhaltsdarstellung zum Schluss, dass die Beschuldigte gegen die
  erwähnten Rechtsnormen verstossen und sich damit offensichtlich
  sorgfaltspflichtwidrig verhalten habe (vgl. act. 29, S. 22,
  E. IV./1.3.1). Auf Grundlage des für das Obergericht massgebenden
  Sachverhalts erscheint diese Sorgfaltspflichtverletzung nicht länger
  offensichtlich, zumal die Beschuldigte im Sinne von Art. 14 Abs. 1
  VRV i.V.m. Art. 36 Abs. 1 und Art. 75 Abs. 1 SSV
  pflichtgemäss an der Haltelinie vor Beginn der Verzweigung anhielt. Zu diesem
  Zeitpunkt kann noch keine Verletzung der Verkehrsregeln festgestellt werden.
  Die Frage, ob sie dadurch, dass sie in die Kreuzung fuhr, dem Motorradlenker
  den Vortritt nahm und damit gegen die genannten Rechtsnormen verstiess,
  bemisst sich nach dem Vertrauensgrundsatz (Art. 26 Abs. 1 SVG).

  
	
   

  
	
  2.2.2.
  Schon die Vorinstanz berief sich auf den Vertrauensgrundsatz
  (act. 29, S. 21, E. IV./1.2.3.), wonach sich jedermann im Verkehr
  so verhalten muss, dass er andere in der ordnungsgemässen Benützung der
  Strasse weder behindert noch gefährdet (Art. 26 Abs. 1 SVG). Eine
  Schranke dieses Vertrauensgrundsatzes bildet Art. 26 Abs. 2 SVG,
  wonach besondere Vorsicht geboten ist, wenn Anzeichen dafür bestehen, dass
  sich ein Strassenbenützer nicht richtig verhalten wird (Art. 26
  Abs. 2 SVG). Solche Anzeichen sind etwa dann gegeben, wenn aufgrund des
  bisherigen Verhaltens des Strassenbenützers damit gerechnet werden muss, dass
  er sich in verkehrsgefährdender Weise regelwidrig verhalten wird. Sodann darf
  sich auf den Vertrauensgrundsatz nur stützen, wer sich selbst
  verkehrsregelkonform verhalten hat; wer aber gegen die Verkehrsregeln
  verstösst und dadurch eine unklare oder gefährliche Verkehrslage schafft,
  kann nicht erwarten, dass andere diese Gefahr durch erhöhte Vorsicht
  ausgleichen (BGE 125 IV 83 E. 2.a S. 87–88; BGE 118 IV 277
  E. 4.a m.w.H.; Urteil BGer 6S.125/2007 vom 19. Juni 2007
  E. 4.2.2.).

  
	
   

  
	
  2.2.3.
  Die Vorinstanz nahm an, die Beschuldigte dürfe sich nicht auf den
  Vertrauensgrundsatz berufen, weil sie durch die Vortrittsmissachtung
  "selber Verkehrsregeln in fundamentaler Weise" verletzt habe
  (act. 29, E. IV./1.3.4.). Hierbei unterlag sie einem Zirkelschluss:
  Denn die Frage, ob die Beschuldigte den Vortritt missachtete, lässt sich erst
  beantworten, wenn feststeht, ob sie sich auf den Vertrauensgrundsatz berufen
  kann oder nicht (vgl. hierzu BGE 120 IV 252 E. 2.d S. 254:
  "Denn es wäre zirkelschlüssig, […] den Vertrauensgrundsatz nicht
  anzuwenden mit der Begründung, der Täter habe eine Verkehrsregel verletzt.
  Dies hängt ja gerade davon ab, ob und inwieweit er sich auf das
  verkehrsgerechte Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer verlassen
  darf").

  
	
   

  
	
  Das Bundesgericht hat in
  ständiger Rechtsprechung bestätigt, dass auch die an einer Kreuzung
  Wartepflichtige das Vertrauensprinzip anrufen darf. Erlaubt die Verkehrslage
  der Wartepflichtigen das Einfahren ohne Behinderung eines
  Vortrittsberechtigten, so ist ihr auch keine Vortrittsverletzung vorzuwerfen,
  wenn dadurch ein Vortrittsberechtigter in seiner Weiterfahrt behindert wird,
  weil dieser sich in einer für die Wartepflichtige nicht vorhersehbarer Weise
  verkehrswidrig verhält (BGE 120 IV 252 E. 2.d.aa S. 254;
  BGE 118 IV 277 E. 4.b S. 282; Urteil BGer 6S.125/2007 vom
  19. Juni 2007 E. 4.2.3.). Hierbei ist gemäss bundesgerichtlicher
  Rechtsprechung eine Abwägung zu treffen: Auf der einen Seite werde im
  Interesse einer klaren Vortrittsregelung nicht leichthin anzunehmen sein, die
  Wartepflichtige habe nicht mit der Vorbeifahrt eines Vortrittsberechtigten
  rechnen müssen. Insbesondere habe sie bei unübersichtlichen Einmündungen
  darauf Rücksicht zu nehmen, dass ein Vortrittsberechtigter aus ihrer linken
  Strassenhälfte oder mit übersetzter Geschwindigkeit auftauchen könne
  (BGE 98 IV 279 E. 1.d. S. 285–286; BGE 91 IV 91 E. 1
  S. 93 f. m.w.H.). Auf der anderen Seite aber müsse die Wartepflichtige
  beim Befahren einer unübersichtlichen Kreuzung mangels gegenteiliger
  Anzeichen nicht damit rechnen, dass ein Fahrzeug überraschend mit übersetzter
  Geschwindigkeit auftauchen könnte, falls sie diese Fahrweise nicht rechtzeitig
  erkennen konnte (BGE 118 IV 277 E. 4.b S. 282; BGE 99 IV
  173 E. 4.c S. 176; Urteil BGer 6S.125/2007 vom 19. Juni 2007
  E. 4.2.3.). Zu bedenken ist hierbei auch, dass eine diesbezüglich
  weitgehende Verpflichtung der Wartepflichtigen – selbst wenn sie sich auf die
  allgemeine Lebenserfahrung oder die statistischen Häufigkeit erheblicher
  Geschwindigkeitsüberschreitungen zu stützen vermag – unweigerlich dazu führen
  würde, dass "zahlreiche Einmündungen mit beschränkter Übersichtlichkeit
  überhaupt nicht oder jedenfalls bei regem Verkehr kaum mehr befahren
  werden" könnten, ja es würden dadurch Geschwindigkeitsüberschreitungen
  durch Vortrittsberechtige womöglich gar gefördert (BGE 118 IV 277
  E. 5.a S. 283). Eine Grenze scheint die bundesgerichtlichen
  Rechtsprechung anhand des Ausmasses an der Geschwindigkeitsüberschreitung zu
  treffen: So dürfe nach dem Vertrauensprinzip die Wartepflichtige auf
  Hauptstrassen ausserorts davon ausgehen, dass keine Motorfahrzeuge mit einer
  80 km/h erheblich überschreitenden Geschwindigkeit herannahen
  (BGE 118 IV 277 E. 5.b S. 283: "[…] musste […]
  berücksichtigen, dass im […] verdeckten, sichttoten Bereich Motorfahrzeuge
  mit zu hoher Geschwindigkeit […], jedoch nicht mit einer solchen von
  erheblich mehr als 80 km/h herannahen könnten"; BGE 120 IV 252
  E. 2.d.aa S. 254; Urteil BGer 6S.125/2007 vom 19. Juni 2007
  E. 4.2.3.). Kommt es zu einer Kollision, weil der Vortrittsberechtigte
  sich verkehrswidrig verhält, ohne dass für den Wartepflichtigen hierfür
  Anzeichen bestanden, so trifft diesen kein Vorwurf (BGE 98 IV 279
  E. 1.d. S. 285 mit Verweis auf BGE 97 IV 242 S. 244 ff.).

  
	
   

  
	
  2.3.
  Nach dem Gesagten hatte die Beschuldigte, welche pflichtgemäss an der
  STOP-Haltelinie hielt, die Seitenblicke vornahm, und sich womöglich gar nach
  vorne lehnte, keinerlei Anzeichen, dass sich ein Strassenbenützer nicht
  richtig verhalten würde. Sie überblickte aufgrund der Sichtbehinderung durch
  die linksseitige Hecke den von dort aus sichtbaren Bereich der Bahnhofstrasse
  in Richtung Mollis. Keine Rechtsnorm hielt die Beschuldigte dazu an, aufgrund
  der eingeschränkten Sichtbedingungen auf ein Befahren der Kreuzung zu
  verzichten (BGE 122 IV 133 E. 2.a S. 136). Selbst wenn sie
  nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung berücksichtigen musste, dass aus dem
  verdeckten, sichttoten Bereich Motorfahrzeuge mit zu hoher Geschwindigkeit
  sich annähern können, so musste sie doch nicht mit den aussergewöhnlichen
  Umständen des vorliegenden Unfalls rechnen: Weder damit, dass das Motorrad
  innerorts mit einer stark übersetzen Geschwindigkeit von 73–84  km/h
  herangefahren kam und noch weniger damit, dass das Motorrad kurz vor der
  Kreuzung noch einmal beschleunigte. Mit einer solch schwerwiegenden
  Grobfahrlässigkeit muss nicht gerechnet werden. Dies von der Beschuldigten zu
  verlangen, hiesse, die Kreuzung Rüfistrasse / Bahnhofstrasse in Mollis für
  schlechthin unbefahrbar zu erklären. Vor allem aber hiesse es, ein solch
  grobfahrlässiges Verhalten durch Vortrittsberechtigte unter einen
  gerichtlichen Schutz zu stellen, welcher ihm schlicht nicht zukommt. Die
  Beschuldigte musste und durfte sich mit dem an der STOP-Haltelinie für sie
  sichtbaren Bereich begnügen und darauf vertrauen, dass sie die Kreuzung
  befahren konnte, ohne einen von links mit angemessener Geschwindigkeit oder
  mit einer leicht übersetzten Geschwindigkeit herannahenden Fahrzeuglenker zu
  behindern und ohne damit dessen Vortrittsrecht zu verletzen. In diesem
  Vertrauen bestätigte sie rückblickend auch das Gutachten, welches ergab, dass
  tatsächlich bei einer Geschwindigkeit des Motorrads von 50 km/h der
  Unfall in der Variante minimale Kollisionsgeschwindigkeit in zeitlicher
  Hinsicht und in der Variante maximale Kollisionsgeschwindigkeit in räumlicher
  Hinsicht vermeidbar gewesen wäre (act. 2/11.3.25, S. 22). Die
  Beschuldigte hat keine Sorgfaltspflichtverletzung begangen. Die Beschuldigte
  kann sich somit zu Recht auf den Vertrauensgrundsatz gemäss Art. 26 Abs.
  1 SVG berufen.

  
	
   

  
	
  3.
   

  
	
  Nach dem oben Gesagten lässt sich
  keine Verletzung der Verkehrsregeln durch die Beschuldigte  feststellen. Weil
  zugleich auch keine Sorgfaltspflichtverletzung der Beschuldigten ersichtlich
  ist, entfällt ebenso der Vorwurf der fahrlässigen Tötung im Sinne von
  Art. 117 StGB. Die Beschuldigte ist damit von der Anklage vollumfänglich
  freizusprechen.

  
	
   

  
	
  VI. Zivilansprüche

  
	
  1.
   

  
	
  Das Gericht entscheidet über die
  anhängig gemachte Zivilklage, wenn es die beschuldigte Person freispricht und
  der Sachverhalt spruchreif ist (Art. 126 Abs. 1 lit. b StPO).

  
	
   

  
	
  2.  

  
	
  2.1. Wer einem andern widerrechtlich Schaden
  zufügt, sei es mit Absicht, sei es aus Fahrlässigkeit, wird ihm zum Ersatze
  verpflichtet (Art. 41 OR). Im Falle der Tötung eines Menschen sind die
  entstandenen Kosten, insbesondere diejenigen der Bestattung, zu ersetzen
  (Art. 45 Abs. 1 OR). Bei Tötung eines Menschen kann der Richter
  unter Würdigung der besonderen Umstände den Angehörigen des Getöteten eine
  angemessene Geldsumme als Genugtuung zusprechen (Art. 47 OR).

  
	
   

  
	
  2.2 Mit dem hier
  ergehenden Freispruch steht fest, dass die Beschuldigte keine
  Widerrechtlichkeit beging, weshalb ihr gegenüber auch keine Ansprüche auf
  Schadenersatz und Genugtuung geltend gemacht werden können. Die
  entsprechenden Forderungen des Privatklägers, welche von der Vorinstanz im
  angefochtenen Entscheid noch gutgeheissen wurden, sind daher vollumfänglich
  abzuweisen. 

  
	
   

  
	
  VII. Beschlagnahmte
  Gegenstände

  
	
  1.  

  
	
  1.1. Ist der Grund für die Beschlagnahme
  weggefallen, so hebt das Gericht die Beschlagnahme auf und händigt die
  Gegenstände oder Vermögenswerte der berechtigten Person aus (Art. 267
  Abs. 1 StPO).

  
	
   

  
	
  1.2.
  Die Vorinstanz hob die Beschlagnahme der beschlagnahmten Gegenstände des
  Verunfallten (vgl. act. 2/8.1.13) auf und wies die Herausgabe derselben
  an die Privatklägerschaft an (act. 29, S. 41,
  Dispositivziffer 11).

  
	
   

  
	
  1.3.
  Die Verteidigerin beantragte, es sei die Beschlagnahme der
  beschlagnahmten Gegenstände des Verunfallten (erst) nach Eintritt der
  Rechtskraft aufzuheben und es seien diese der Privatklägerschaft (erst) nach
  Eintritt der Rechtskraft herauszugeben (act. 33, S. 2). Der
  Vertreter der Privatkläger stellte einen gleichlautenden Antrag (act. 44,
  S. 5).

  
	
   

  
	
  2.
   

  
	
  Dementsprechend ist die
  Beschlagnahme betreffend die beschlagnahmten Gegenstände des Verunfallten
  nach Eintritt der Rechtskraft aufzuheben und sind diese der
  Privatklägerschaft nach Eintritt der Rechtskraft herauszugeben.

  
	
   

  
	
  VIII. Kosten- und Entschädigungsfolgen

  
	
  1.
   

  
	
  In formaler Hinsicht fällt das
  Obergericht ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt
  (Art. 408 StPO). 

  
	
   

  
	
  2.
   

  
	
  2.1.
  Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
  ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die
  Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist auf CHF 3'000.–
  festzusetzen (Art. 6 und Art. 8 Abs. 1 lit. b
  Ziff. 2 der Zivil- und Strafprozesskostenverordnung vom
  22. Dezember 2010 [GS III A/5]).

  
	
   

  
	
  2.2.
  Da das Obergericht als Rechtsmittelinstanz vorliegend einen neuen
  Entscheid fällt, ist auch über die von der Vorinstanz getroffene
  Kostenregelung zu befinden (Art. 428 Abs. 3 StPO). Die
  Gerichtsgebühr für das vorinstanzliche Verfahren SG.2021.00109 wurde auf
  CHF 2'600.– festgesetzt, wobei die Übersetzungskosten CHF 150.–
  betrugen. Die weiteren Verfahrenskosten betrugen CHF 26'965.75, nebst
  CHF 753.90 Übersetzungskosten.

  
	
   

  
	
  2.3.
  Von einer Auferlegung der durch die Anträge der Privatklägerschaft
  verursachten Verfahrenskosten auf die Privatklägerschaft ist trotz Freispruch
  der Beschuldigten billigerweise abzusehen (Art. 427 Abs. 1
  lit. a StPO i.V.m. Art. 4 ZGB).

  
	
   

  
	
  2.4.
  Beim vorliegenden Verfahrensausgang sind sämtliche Verfahrenskosten auf
  die Staatskasse zu nehmen.

  
	
   

  
	
  3.
   

  
	
  Wird die beschuldigte Person ganz
  oder teilweise freigesprochen, so hat sie Anspruch auf Entschädigung ihrer
  Aufwendungen für die angemessene Ausübung ihrer Verfahrensrechte
  (Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO).

  
	
   

  
	
  3.1.
  Die Verteidigerin hat vor der Vorinstanz vom
  15. August 2019 bis zum 17. August 2022 Aufwendungen in Höhe von
  CHF 14'200.– (inkl. Auslagen und MwSt.) geltend gemacht (act. 26).
  Der verrechnete Aufwand für die Hauptverhandlung ist anzupassen
  (100 Minuten statt 250 Minuten [vgl. act. 21: 10.00–11.40 Uhr]),
  was eine Kürzung um 150 Minuten zur Folge hat (3105 Minuten -
  150 Minuten = 2'955 Minuten, entsprechend 49.25 Stunden);
  darüber hinaus erscheint der Stundenaufwand angemessen. Allerdings ist der
  Stundenansatz von CHF 250.– praxisgemäss auf CHF 220.– zu kürzen
  (vgl. Urteil OG.2020.00008/09/10 vom 18. Februar 2022
  E. VIII./4.3). Daraus ergibt sich ein Honoraranspruch für das
  vorinstanzliche Verfahren von CHF 11'939.10 (CHF 10'835.–
  [gekürzter Aufwand] + CHF 250.50 [Spesen] + 853.60 [7.7 % MwSt]).

  
	
   

  
	
  3.2.
  Für das Berufungsverfahren machte die Verteidigerin Aufwendungen in der
  Höhe von CHF 9'200.– (inkl. Spesen und MwSt.) geltend (act. 50/2). Hier
  ist der Stundenaufwand in zweierlei Hinsicht anzupassen: Zum einen muss auch
  hier die zu hoch geschätzte Dauer der Berufungsverhandlung (240 Minuten
  anstelle der tatsächlichen 135 Minuten [vgl. act. 47: 09.40–11.55])
  um 105 Minuten gekürzt werden, zum anderen spricht das Obergericht
  praxisgemäss maximal 30 Minuten pro Weg, also insgesamt maximal eine
  Stunde Wegzeit zu (vgl. Urteil OG.2019.00084 vom 17. Juni 2021 E. III./5.;
  Urteil BGer 1B_385/2021 vom 25. Oktober 2021 m.w.H.), weshalb diese um
  35 Minuten zu kürzen ist (1'975 Minuten - 105 Minuten -
  35 Minuten = 1'835 Minuten, entsprechend 30.58 Stunden). Sodann ist
  auch hier praxisgemäss der Stundenansatz von CHF 250.– auf
  CHF 220.– zu kürzen. Daraus folgt eine gekürzte Aufwendung von
  CHF 7'535.45 (CHF 6'727.60 + CHF 269.10
  [4 %Spesenpauschale] + CHF 538.75 [7.7 % MwSt]).

  
	
   

  
	
  3.3.
  Damit sind der Beschuldigten CHF 19'474.55 (CHF 11'939.10 +
  CHF 7'535.45) als Entschädigung ihrer Aufwendungen für die angemessene
  Ausübung ihrer Verfahrensrechte aus der Staatskasse zu zahlen.

  
	
   

  
	
  4.
   

  
	
  Die Privatklägerschaft hat
  gegenüber der beschuldigten Person Anspruch auf angemessene Entschädigung für
  notwendige Aufwendungen im Verfahren, wenn sie obsiegt (Art. 433
  Abs. 1 lit. a StPO). Ausgangsgemäss ist der Privatklägerschaft
  keine Parteientschädigung zuzusprechen.

  
	
   

  
	
  ____________________

  
	
   

  
	
   

  
	
  Das Gericht   erkennt:

  
	
   

  
	
  	
    1.

    	
    A.______ wird freigesprochen
    vom Vorwurf

    
	
     

    	
     

    
	
     

    	
    der fahrlässigen Tötung gemäss
    Art. 117 StGB;

    
	
     

    	
    der groben Verletzung der
    Verkehrsregeln gemäss Art. 90 Abs. 2 SVG.

    
	
     

    	
     

    
	
    2.

    	
    Die Schadenersatzforderung der
    Privatkläger wird abgewiesen.

    
	
     

    	
     

    
	
    3.

    	
    Die Genugtuungsforderung der
    Privatkläger wird abgewiesen.

    
	
     

    	
     

    
	
    4.

    	
    Die Gerichtsgebühr für das
    Berufungsverfahren in der Höhe von CHF 3'000.– wird auf die Staatskasse genommen.

    
	
     

    	
     

    
	
    5.

    	
    Die Kosten des vorinstanzlichen
    Verfahrens (inkl. der Strafuntersuchung) von gesamthaft CHF 30'469.65
    werden auf die Staatskasse genommen.

    
	
     

    	
     

    
	
    6.

    	
    A.______ werden CHF 19'474.55
    als Entschädigung ihrer Aufwendungen für die angemessene Ausübung ihrer
    Verfahrensrechte aus der Staatskasse bezahlt.

    
	
     

    	
     

    
	
    7.

    	
    Das Begehren der Privatkläger
    betreffend angemessene Entschädigung für notwendige Aufwendungen im
    Verfahren wird abgewiesen.

    
	
     

    	
     

    
	
    8.

    	
    Nach Eintritt der Rechtskraft
    dieses Entscheids wird die Beschlagnahme der folgenden Gegenstände
    aufgehoben und sind diese den Privatklägern auf erstes Verlangen
    herausgegeben:

    
	
     

    	
    - Diverse Mikrospuren ab
    Fahrzeugen und Helm;

    
	
     

    	
    - Brille von
    D.______;

    
	
     

    	
    - Mobiltelefon Samsung schwarz;

    
	
     

    	
    - Motorradhelm
    (Sp 301/19);

    
	
     

    	
    - Motorrad-Handschuhe
    (Sp 302/19);

    
	
     

    	
    - T-Shirt weiss mit
    Beschriftung (A012903887);

    
	
     

    	
    - Unterhose grün,
    Grösse M, aufgeschnitten (A012903876);

    
	
     

    	
    - 1 Paar Socken schwarz/grau
    meliert (A012903865);

    
	
     

    	
    - Trainerhose schwarz/grau
    meliert (A012903865);

    
	
     

    	
    - Sportschuhe Nike CR7, schwarz
    gelb (A012903854).

    
	
     

    	
    Den Privatklägern wird eine
    Frist von 30 Tagen ab Eintritt der Rechtskraft dieses Entscheids angesetzt,
    um die herauszugebenden Gegenstände selbst oder durch eine bevollmächtigte
    Person unter Vorlage eines amtlichen Ausweises nach telefonischer
    Voranmeldung bei der Kriminalpolizei KTD, Kantonspolizei Glarus, abzuholen.

    
	
     

    	
     

    
	
     

    	
    Werden die herauszugebenden
    Gegenstände nicht innert Frist abgeholt, werden sie von der zuständigen
    Lagerbehörde vernichtet.

    
	
     

    	
     

    
	
    9.

    	
    Schriftliche Mitteilung an:

    
	
     

    	
    [...]