# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 32991c42-3d75-5e6b-bd5f-f8ebc561a29f
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2012-02-17
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 17.02.2012 D-2696/2010
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-2696-2010_2012-02-17.pdf

## Full Text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t

T r i buna l   adm in i s t r a t i f   f édé ra l

T r i buna l e   ammin i s t r a t i vo   f ede ra l e

T r i buna l   adm in i s t r a t i v   f ede ra l

   

Abteilung IV
D­2696/2010

U r t e i l   v om   1 7 .   F e b r u a r   2 0 1 2

Besetzung Richter Robert Galliker (Vorsitz),
Richter Kurt Gysi, Richter Pietro Angeli­Busi;
Gerichtsschreiber Matthias Jaggi.

Parteien A._______, geboren (…), Türkei,
vertreten durch lic. iur. Serif Altunakar, Rechtsberatung, (…),
Beschwerdeführerin, 

gegen

Bundesamt für Migration (BFM), 
Quellenweg 6, 3003 Bern,
Vorinstanz. 

Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; 
Verfügung des BFM vom 18. Februar 2010 / N (…).

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Sachverhalt:

A. 
A.a Die Beschwerdeführerin, eine türkische Staatsangehörige kurdischer 
Ethnie mit Wohnsitz  in  B._______,  suchte  am  1. Oktober  2009  bei  der 
schweizerischen Botschaft  in C._______  um Asyl  in  der  Schweiz  nach. 
Dazu wurde sie am 26. Oktober 2009 auf der Botschaft angehört. 

A.b  Zur  Begründung  ihres  Asylgesuchs  brachte  sie  dabei  im 
Wesentlichen  vor,  sie  sei  Studentin  und  stamme  aus  einer  politisch 
aktiven  Familie.  So  sei  ihr  Vater  noch  heute  ein  Führungsmitglied  der 
Partei für eine demokratische Gesellschaft (DTP). Sie selber sei seit ihrer 
Kindheit  Mitglied  der  Jugendorganisation  der  DTP  gewesen.  Auch 
anderweitig  habe  sie  sich  politisch  engagiert.  So  habe  sie  ständig  an 
Pressekundgebungen  und  Meetings  teilgenommen.  Im  Zusammenhang 
mit  ihren  politischen  Aktivitäten  seien  in  der  Türkei  zwei  Strafverfahren 
gegen  sie  eröffnet  worden.  Im  ersten  Verfahren  habe  man  ihr 
vorgeworfen, Propaganda zugunsten der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) 
gemacht zu haben, weswegen sie erstinstanzlich zu einer Haftstrafe von 
zehn Monaten verurteilt worden sei. Dieses Verfahren sei  zur Zeit  beim 
Kassationshof  hängig.  Im  zweiten  Strafverfahren  sei  sie  vor  wenigen 
Monaten erstinstanzlich ebenfalls wegen Propaganda zugunsten der PKK 
zu  einer  Haftstrafe  von  einem  Jahr  verurteilt  worden.  Auch  dieses 
Verfahren sei momentan beim Kassationshof hängig. Im Zusammenhang 
mit diesen beiden Strafverfahren sei sie zweimal zwischen zwei und drei 
Stunden von der Polizei  in Gewahrsam genommen und befragt worden. 
Sie  befürchte,  dass  der  Kassationshof  in  Kürze  die  beiden 
erstinstanzlichen  Urteile  bestätige  und  sie  die  Haftstrafen  verbüssen 
müsse. Für die weiteren Vorbringen der Beschwerdeführerin wird auf das 
Protokoll der Anhörung verwiesen. 

A.c Zur Untermauerung  ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin 
folgende  Beweismittel  zu  den  Akten:  Kopien  von  zwei  Nüfus  Cüzdani, 
auszugsweise  Kopien  eines  Passes,  eine  Anklageschrift  der 
Oberstaatsanwaltschaft  in D._______ vom 10. Oktober 2008  (in Kopie), 
eine  Anklageschrift  der  Staatsanwaltschaft  in  C._______  vom  27.  April 
2009 (in Kopie) sowie zwei Urteile des 3. Gerichts für schwere Straftaten 
in  D._______  vom  9. Juli  2009  beziehungsweise  20.  August  2009  (in 
Kopie).

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B. 
Mit einem Kurzbericht vom 26. Oktober 2009 übermittelte die Botschaft in 
C._______ die ihr zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Akten dem BFM.

C. 
Mit Verfügung vom 18. Februar 2010 – der Beschwerdeführerin gemäss 
Rückschein der türkischen Post am 20. März 2010 zugestellt – lehnte das 
BFM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab und verweigerte ihr die 
Einreise in die Schweiz. 

D. 
Mit  Beschwerde  vom  19.  April  2010  (Poststempel)  an  das 
Bundesverwaltungsgericht  liess  die  Beschwerdeführerin  durch  ihren 
Rechtsvertreter  beantragen,  die  Verfügung  des  BFM  vom  18.  Februar 
2010  sei  aufzuheben,  es  sei  festzustellen,  dass  sie  die 
Flüchtlingseigenschaft  erfülle  und  es  sei  ihr  Asyl  zu  gewähren.  Als 
vorsorgliche  Massnahme  sei  die  Vorinstanz  anzuweisen,  ihr  über  die 
schweizerische  Botschaft  in  C._______  so  rasch  wie  möglich  die 
Einreisebewilligung  für  die  Schweiz  zu  erteilen.  Zudem  sei  auf  die 
Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.

Mit  der  Rechtsmittelschrift  wurde  ein  Schreiben  des  in  der  Türkei 
domizilierten Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin vom 1. April 2010 
(inklusive deutscher Übersetzung) zu den Akten gereicht. 

E. 
Mit  Verfügung  vom  22.  April  2010  verzichtete  der  zuständige 
Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  auf  die  Erhebung 
eines  Kostenvorschusses  und  wies  den  Antrag  auf  Anordnung  einer 
vorsorglichen  Massnahme  ab.  Gleichzeitig  lud  er  die  Vorinstanz  zur 
Einreichung einer Stellungnahme sowie zur Vervollständigung der Akten 
bis zum 7. Mai 2010 ein. 

F. 
Das  BFM  beantragte  in  seiner  Vernehmlassung  vom  6.  Mai  2010  dem 
Bundesverwaltungsgericht die Abweisung der Beschwerde. 

G. 
Mit Replik  vom 26. Mai 2010 nahm die Beschwerdeführerin – handelnd 
durch  ihren  Rechtsvertreter  –  zur  Vernehmlassung  der  Vorinstanz 
Stellung.

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H. 
Mit  Eingabe  vom  31.  Januar  2012  reichte  die  Beschwerdeführerin – 
handelnd durch  ihren Rechtsvertreter – ein von  ihr verfasstes Schreiben 
(inklusive  deutscher  Übersetzung)  sowie  ein  Schreiben  der 
Oberstaatsanwaltschaft  am  Kassationsgericht  vom  17.  Juni  2011  (in 
Kopie, inklusive deutscher Übersetzung) zu den Akten. 

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:

1. 
1.1.  Das  Bundesverwaltungsgericht  beurteilt  gestützt  auf  Art. 31  des 
Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  (VGG,  SR 173.32) 
Beschwerden  gegen  Verfügungen  im  Sinne  von  Art. 5  des 
Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das 
Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021), welche von einer Vorinstanz 
im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine das Sachgebiet 
betreffende Ausnahme  im Sinne  von Art. 32 VGG vorliegt. Demnach  ist 
das  Bundesverwaltungsgericht  zuständig  für  die  Beurteilung  von 
Beschwerden  gegen  Entscheide  des  BFM,  welche  in  Anwendung  des 
Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) ergangen sind, und 
entscheidet  in  diesem  Bereich  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines 
Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die 
beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d 
Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG, 
SR 173.110]).

1.2. Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG ist im 
vorliegenden  Verfahren  nicht  gegeben,  so  dass  das 
Bundesverwaltungsgericht in der Sache endgültig entscheidet. 

1.3. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem 
BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 
AsylG).

1.4.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die 
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, 
ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein 
schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise 
Änderung.  Sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert 
(Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). 

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Auf  die  Beschwerde  ist  somit  –  unter  Vorbehalt  der  nachfolgenden 
Erwägungen – einzutreten.

2. 
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können die Verletzung 
von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des 
rechtserheblichen  Sachverhalts  und  die  Unangemessenheit  gerügt 
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

3. 
Eine  gesuchstellende  Person,  die  sich  noch  in  ihrem  Heimatstaat 
befindet,  kann zwar  verfolgt  im Sinne von Art.  3 AsylG und demzufolge 
schutzbedürftig  sein.  Um  aber  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen  zu 
können, muss sie gemäss den Bestimmungen der Flüchtlingskonvention 
das Heimatland  verlassen  haben. Die Beschwerdeführerin  befindet  sich 
in ihrem Heimatstaat und erfüllt somit die Voraussetzung des Verlassens 
des Heimatlandes nicht. Das BFM hat mithin zu Recht über die Frage der 
Flüchtlingseigenschaft  nicht entschieden, da sich diese zurzeit  gar nicht 
stellt.  Auf  das  Rechtsmittelbegehren,  es  sei  festzustellen,  dass  die 
Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft  erfülle,  ist  somit mangels 
Anfechtungsobjekts nicht einzutreten.

4. 
Das  Bundesamt  kann  ein  im  Ausland  gestelltes  Asylgesuch  ablehnen, 
wenn die asylsuchende Person keine Verfolgung glaubhaft machen kann 
oder ihr die Aufnahme in einem Drittstaat zugemutet werden kann (Art. 3, 
Art. 7 und Art. 52 Abs. 2 AsylG). Gemäss Art. 20 Abs. 2 AsylG bewilligt 
das  Bundesamt  Asylsuchenden  die  Einreise  zwecks  Abklärung  des 
Sachverhalts,  wenn  ihnen  nicht  zugemutet  werden  kann,  im Wohnsitz­ 
oder Aufenthaltsstaat zu bleiben oder in ein anderes Land auszureisen. 

Die  Voraussetzungen  zur  Erteilung  einer  Einreisebewilligung  werden 
grundsätzlich  restriktiv  gehandhabt,  wobei  den  Behörden  ein  weiter 
Ermessensspielraum  zukommt,  indem  neben  der  erforderlichen 
Gefährdung  im Sinne  von Art.  3 AsylG  namentlich  die Beziehungsnähe 
zur Schweiz, die Möglichkeit der Schutzgewährung durch einen anderen 
Staat,  die  Beziehungsnähe  zu  anderen  Staaten,  die  praktische 
Möglichkeit  und  objektive  Zumutbarkeit  zur  anderweitigen  Schutzsuche 
sowie  die  voraussichtlichen  Eingliederungs­  und 
Assimilationsmöglichkeiten  in Betracht zu ziehen sind. Ausschlaggebend 
für die Erteilung der Einreisebewilligung  ist dabei die Schutzbedürftigkeit 

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der  betroffenen  Person,  mithin  die  Prüfung  der  Fragen,  ob  eine 
Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG glaubhaft gemacht wird und ob der 
Verbleib  am  Aufenthaltsort  für  die  Dauer  der  Sachverhaltsabklärung 
zugemutet  werden  kann  (vgl.  die  weiterhin  gültige  Praxis  gemäss 
Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  [vormaligen]  Schweizerischen 
Asylrekurskommission  [EMARK]  1997  Nr.  15,  insbesondere  S. 131  ff., 
2005 Nr. 19 E. 4 S. 174 ff.). 

5. 
5.1. Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres ablehnenden Entscheids 
im  Wesentlichen  aus,  die  Beschwerdeführerin  sei  in  beiden 
Strafverfahren nur wenige Stunden in Gewahrsam gewesen und habe die 
erstinstanzliche Verurteilung in Freiheit abwarten können. Dies weise auf 
einen  für  sie  eher  günstigen  Ausgang  dieser  Strafverfahren  hin. Weiter 
habe  sie  gegen  die  erstinstanzlichen  Urteile  Beschwerde  einlegen 
können.  Zudem  sei  es  ihr  offenbar  möglich,  auch  den  Ausgang  der 
Beschwerdeverfahren  auf  freiem  Fuss  abzuwarten.  Gemäss  den 
Erfahrungen des BFM mit vergleichbaren Strafverfahren sei aufgrund der 
der  Beschwerdeführerin  vorgeworfenen  Delikte  und  des  dafür 
angewandten  Strafmasses  davon  auszugehen,  dass  sie  auch  bei  einer 
allfälligen  Bestätigung  der  erstinstanzlichen  Urteile  durch  den 
Kassationshof  nicht  mit  einem  sofortigen  Haftantritt  rechnen  müsse. 
Zudem  handle  es  sich  bei  den  von  ihr  erwähnten  Strafverfahren  um 
Verfahren mit mehreren Angeklagten, was auf  eine  eher  längere Dauer 
des  Beschwerdeverfahrens  hinweise.  Es  sei  ihr  daher  zuzumuten,  den 
Ausgang  der  gegen  sie  eingeleiteten  Strafverfahren  in  der  Türkei 
abzuwarten.  Sollte  es  tatsächlich  zu  einer  rechtskräftigen  Verurteilung 
kommen, habe sie die Möglichkeit,  sich  jederzeit  an die  schweizerische 
Vertretung  in  Ankara  zu  wenden  und  erneut  ein  Einreisegesuch  zu 
stellen. Aufgrund obiger Darlegungen sei daher nicht davon auszugehen, 
dass  sie  akut  schutzbedürftig  sei.  Im  Übrigen  wäre  es  ihr  zuzumuten, 
allenfalls  in  Kroatien,  wo  sie  visumsfrei  einreisen  könne,  um  Asyl 
nachzusuchen. 

5.2.  Die  Beschwerdeführerin  wiederholt  in  ihrer  Beschwerde  zunächst 
ihre  Asylgründe  und  führt  anschliessend  unter  anderem  aus,  der 
Kassationshof könne  jederzeit das Urteil  fällen.  In den darauf  folgenden 
Tagen oder Wochen würde gegen sie ein Haftbefehl erlassen. Während 
dieser  kurzen  Zeit  würde  es  ihr  kaum  gelingen,  sich  erneut  an  die 
schweizerische  Vertretung  in  C._______  mit  der  Bitte  um  Asyl  zu 
wenden.  Selbst  in  diesem  Fall  würde  wertvolle  Zeit  vergehen,  bis  die 

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schweizerischen Asylbehörden  entschieden  hätten.  Sie  könnte  jederzeit 
und  überall  festgenommen  werden.  Aus  diesem  Grund  wiederspreche 
der Vorschlag der Vorinstanz, wonach sie das Urteil des Kassationshofes 
in der Türkei abwarten solle, dem Sinn und Zweck des Asylgesetzes. Im 
Falle  einer  Festnahme  müsse  sie  eine  Strafe  von  zwanzig  Monaten 
verbüssen.  Es  sei  zu  betonen,  dass  sie  während  der  Haftverbüssung 
einer ständigen unmenschlichen Behandlung ausgesetzt sein würde. Es 
sei der Vorinstanz sicherlich bekannt, dass die  türkischen Behörden mit 
denjenigen, die  im Zusammenhang mit der PKK verurteilt worden seien, 
nicht  zimperlich  umgingen.  Dies  zeige,  dass  sie,  entgegen  der 
Behauptung  der  Vorinstanz,  tatsächlich  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG 
schutzbedürftig  sei.  Für  die  weitere  Begründung  wird  auf  die 
Beschwerdeschrift verwiesen.

6. 
6.1.  Nachfolgend  ist  zu  prüfen,  ob  das  das  BFM  zur  Recht  das 
Asylgesuch der Beschwerdeführerin abgelehnt und ihr die Einreise in die 
Schweiz verweigert hat.

6.2.  Den  Akten  zufolge  wird  die  Beschwerdeführerin  in  der  Türkei 
strafrechtlich  verfolgt.  Gemäss  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts 
stellt  eine  strafrechtliche  Verfolgung  respektive  die  Verurteilung  wegen 
eines  gemeinrechtlichen  Delikts  grundsätzlich  keine  flüchtlingsrechtlich 
relevante Verfolgung dar; dies ist nur ausnahmsweise der Fall, und zwar 
wenn einer Person  eine  gemeinrechtliche Tat  untergeschoben wird,  um 
sie aus einem asylrelevanten Motiv zu verfolgen, oder wenn die Situation 
eines Täters, der ein gemeinrechtliches Delikt  tatsächlich begangen hat, 
aus einem asylrelevanten Motiv erheblich erschwert wird. In diesen Fällen 
spricht man von einem sogenannten Politmalus. Ein  solcher  liegt  in der 
Regel  insbesondere  dann  vor,  wenn  im  konkreten  Fall  eine 
unverhältnismässig  hohe  Strafe  ausgefällt  wird,  das  Strafverfahren 
rechtsstaatlichen  Ansprüchen  klarerweise  nicht  zu  genügen  vermag 
(beispielsweise  weil  dem  Angeklagten  elementare  Verfahrensrechte 
vorenthalten  werden)  oder  der  asylsuchenden  Person  in  der  Form  der 
Strafe  oder  im  Rahmen  der  Strafverbüssung  eine  Verletzung 
fundamentaler Menschenrechte, namentlich Folter, droht (vgl. Urteile des 
Bundesverwaltungsgerichts 
E­4286/2008  vom  17.  Oktober  2008  E.  4.4  und  D­3027/2011  vom  11. 
August 2011 E. 6.2).

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6.3. Die  Beschwerdeführerin  wurde  im  vorliegenden  Fall  bisher  in  zwei 
Strafverfahren  gestützt  auf  § 7/2  des  türkischen  Antiterrorgesetzes 
Nr. 3713  (ATG)  verurteilt.  Ihr  wurde  vorgeworfen,  sie  habe  an  einem 
Protestmarsch  beziehungsweise  an  einer  Versammlung  teilgenommen 
und  dabei  Slogans  zugunsten  der  PKK  und  deren  Führer  Öcalan 
skandiert. Deswegen wurde  sie  erstinstanzlich  in  zwei Urteilen  zu  je  10 
Monaten  Haft  wegen  Propagandatätigkeit  für  die  PKK  (§ 7/2  ATG) 
verurteilt.  Diese  Strafe  von  insgesamt  20  Monaten  erscheint  zwar 
angesichts  der  der  Beschwerdeführerin  vorgeworfenen  Handlungen  auf 
den  ersten  Blick  als  relativ  hoch;  aus  nachfolgenden  Gründen  kann 
daraus aber im vorliegenden Fall nicht auf einen Politmalus geschlossen 
werden.  Zunächst  ist  zu  bedenken,  dass  die  im  ATG  kodifizierten 
Strafnormen  dem  –  grundsätzlich  legitimen  –  staatlichen 
Rechtsgüterschutz im Bereich der Terrorismusbekämpfung dienen. Diese 
rechtliche Regelung ist zwar nicht unproblematisch, da damit elementare 
Grundrechte  (namentlich  die  Presse­  und  Meinungsäusserungsfreiheit) 
teilweise  massiv  eingeschränkt  werden.  Gleichzeitig  muss  jedoch  mit 
Blick auf die  jahrzehntelangen massiven Gewaltakte der PKK anerkannt 
werden,  dass  ein  öffentliches  Interesse  an  der  Sanktionierung  von 
Propagandatätigkeiten zugunsten der PKK und ihrer Ziele, welche häufig 
mit einem zumindest latenten Aufruf zu gewalttätigen Handlungen gegen 
Institutionen des  türkischen Staates einhergehen, besteht. Unter diesem 
Blickwinkel erscheinen Verurteilungen gestützt auf das Antiterror­Gesetz 
nicht per se als  illegitim und es besteht kein Grund zur Annahme, dass 
die  Einleitung  der  obgenannten  Strafverfahren  gegen  die 
Beschwerdeführerin automatisch auf einem asylrechtlich relevanten Motiv 
beruht.  Ausschlaggebend  ist  letztlich,  wie  die  türkischen Gerichte  diese 
Strafnormen konkret auslegen und anwenden. Der Strafrahmen von § 7/2 
ATG  beträgt  1­5  Jahre.  Eine  Mindeststrafe  von  einem  Jahr  ist  im 
türkischen  Strafrecht  nicht  unüblich;  zahlreiche  Bestimmungen  –  auch 
ausserhalb des ATGs – sehen diese Mindeststrafe vor (s. beispielsweise 
Art.  114  des  türkischen  Strafgesetzbuches  [TStGB]  [Verhinderung  der 
Ausübung politischer Rechte], Art. 157 TStGB  [Betrug], Art. 274 TSTGB 
[falsches Zeugnis  vor Gericht]).  Andere Strafbestimmungen  sehen noch 
höhere  Mindeststrafen  vor,  obwohl  es  sich  dabei  ebenfalls  nicht  um 
Gewaltdelikte,  d.h.  Straftaten  gegen  Leib  und  Leben,  handelt,  so 
beispielsweise Art. 197 TStGB (Geldfälscherei: 2­12 Jahre) und Art. 252 
TStGB  (Bestechung:  4­12  Jahre).  Das  Gericht  hat  sich  im  Falle  der 
Beschwerdeführerin darauf beschränkt, sie jeweils zur Mindeststrafe von 
einem  Jahr  Haft  zu  verurteilen.  Mit  Blick  auf  die  vorstehenden 
Erwägungen  erscheint  diese  Strafe  nicht  als  offensichtlich 

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unverhältnismässig.  Das  Gericht  gewährte  der  Beschwerdeführerin 
zudem  jeweils  eine  Strafminderung  von  zwei  Monaten,  was  nicht 
Rückschlüsse  auf  eine  unverhältnismässig  hohe,  politisch  motivierte 
Bestrafung  zulässt.  Nach  dem  Gesagten  können  die  gegen  die 
Beschwerdeführerin  ergangenen  Urteile  nicht  als  unverhältnismässig 
bezeichnet werden, und aus der Höhe der Haftstrafe allein kann nicht auf 
eine  asylrelevante  Schutzbedürftigkeit  der  Beschwerdeführerin 
geschlossen werden.

6.4. In den Akten finden sich im Weiteren keine konkreten Indizien dafür, 
dass  die  gegen  die  Beschwerdeführerin  geführten  Strafverfahren 
rechtsstaatlichen  Grundsätzen  widersprechen  würden  oder  nicht 
gesetzeskonform  geführt  wurden.  Die  Beschwerdeführerin  wurde 
respektive  wird  in  den  fraglichen  Strafverfahren  durch  einen  türkischen 
Rechtsvertreter vertreten (vgl. Akten BFM A 2/7, S. 2), und es wurde ihr 
zu den Anschuldigungen mehrfach das rechtliche Gehör gewährt. Es gibt 
keine  Hinweise  auf  rechtswidrig  (beispielsweise  unter  Folter)  erlangte 
Aussagen. Die beiden Strafurteile vom 9. Juli 2009 und 20. August 2009 
sind  offensichtlich  gestützt  auf  eine  vorgängige  Sachverhaltsermittlung 
und  nach  Durchführung  eines  Beweisverfahrens  (namentlich  unter 
Würdigung  der  Aussagen  der  Angeklagten,  von  Fotos, 
Transkriptionsprotokollen  und  Expertenberichten)  ergangen.  Dies  zeigt, 
dass  sich  das  Gericht  differenziert  mit  dem  Sachverhalt  und  den 
anwendbaren Rechtsnormen auseinandergesetzt hat und ist ein weiteres 
Indiz  für  die  Rechtsstaatlichkeit  und  Willkürfreiheit  der  fraglichen 
Strafverfahren,  ebenso wie  die  bereits  erwähnte Tatsache,  dass  jeweils 
nur  die  Mindeststrafe  ausgesprochen  und  der  Beschwerdeführerin 
Strafminderung  zugestanden  wurde.  Nach  dem  Gesagten  lässt  somit 
auch  die  Ausgestaltung  der  in  Frage  stehenden  Strafverfahren  nicht 
darauf  schliessen,  dass  die  strafrechtliche  Verfolgung  der  Handlungen 
der  Beschwerdeführerin  (auch)  dem  sachfremden  Zweck  diente,  sie  für 
ihre politische Überzeugung zu bestrafen.

6.5. Sollte  die Beschwerdeführerin  definitiv  verurteilt werden,  so  drohen 
ihr  gemäss den beiden bisherigen Verurteilungen  insgesamt 20 Monate 
Haft.  In  diesem  Zusammenhang  ist  festzustellen,  dass  einschlägigen 
Berichten  zufolge  die  Lage  der  Menschenrechte  in  der  Türkei  trotz 
rechtlicher  Verbesserungen  in  der  Praxis  weiterhin  problematisch  ist. 
Namentlich  tatsächliche  oder  mutmassliche  Mitglieder  von  als 
staatsgefährdend  eingestuften  Organisationen  wie  der  PKK  sind 
besonders  gefährdet,  von  den  Sicherheitskräften  verfolgt  und  in  deren 

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Gewahrsam  misshandelt  oder  gefoltert  zu  werden.  Folter  ist  weiterhin 
stark  verbreitet  (vgl.  dazu  das Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­
3417/2009  vom  24.  Juni  2010  E.  4.5.2  f.).  Im  Falle  der 
Beschwerdeführerin  ist  jedoch nicht davon auszugehen, dass sie künftig 
Folter oder anderweitige unmenschliche Behandlung zu gewärtigen hätte. 
Ihren  Angaben  zufolge  wurde  sie  zwar  während  den  in  Gewahrsam 
verbrachten Stunden beleidigt; physische Misshandlungen sind indessen 
ausgeblieben.  Angesichts  dessen  ist  nicht  zu  erwarten,  dass  die 
Beschwerdeführerin, müsste sie die  ihr auferlegte Strafe absitzen, unter 
menschenrechtswidrigen Bedingungen inhaftiert würde.

6.6. Bisher sind die beiden Verurteilungen der Beschwerdeführerin jedoch 
noch gar nicht rechtskräftig; die entsprechenden Berufungsverfahren sind 
zurzeit  noch  beim  Kassationshof  hängig.  Im  heutigen  Zeitpunkt  steht 
somit  noch  nicht  definitiv  fest,  ob  und  in  welchem  Umfang  die 
Beschwerdeführerin  letztinstanzlich  verurteilt  werden  wird.  Weiter  ist 
festzustellen,  dass  sich  die  Beschwerdeführerin  zurzeit  trotz  zweier 
hängiger Kassationsverfahren auf  freiem Fuss befindet. Mit Blick auf die 
Akten  ist davon auszugehen, dass sie nicht gesucht wird und gegen sie 
kein  Ausreiseverbot  verfügt  wurde.  Sie  hält  sich  nach  wie  vor  in  der 
Türkei  auf  und  kann  sich  dort  grundsätzlich  ungehindert  bewegen.  Die 
Beschwerdeführerin  machte  zwar  anlässlich  der  Anhörung  vom  26. 
Oktober  2009  (sinngemäss)  geltend,  sie  sei  nach  ihrer  Entlassung  aus 
dem Gewahrsam von Zivilpolizisten zur Spitzeltätigkeit gedrängt worden, 
wobei ihr gedroht worden sei, man würde sie sonst nicht weiterstudieren 
lassen.  Den  Akten  zufolge  wurden  dabei  aber  keine  Drohungen  gegen 
Leib  und  Leben  der  Beschwerdeführerin  ausgesprochen,  und  auch  die 
Drohung, sie dürfe nicht mehr weiterstudieren, ist offensichtlich nicht wahr 
gemacht  worden.  Soweit  die  Beschwerdeführerin  zudem  auf 
Beschwerdestufe  geltend  macht,  sie  werde  unter  Druck  gesetzt  und 
ständig  mit  Worten  belästigt,  ist  festzustellen,  dass  diese  Vorbringen 
wenig  detailliert  und  unsubstanziiert  ausgefallen  sind, weshalb  sie  nicht 
geglaubt  werden  können.  Abgesehen  davon  wären  diese  behaupteten 
Eingriffe zu wenig intensiv, um asylrelevant zu sein. Das Vorliegen einer 
aktuellen  und  konkreten  Verfolgungsfurcht  ist  bei  dieser  Sachlage  zu 
verneinen.

6.7.  Es  bleibt  anzufügen,  dass  die  Beschwerdeführerin  nach 
Ausschöpfung  des  innertürkischen  Rechtswegs  gegebenenfalls  die 
Möglichkeit hätte, in Anwendung des Individualbeschwerderechts von Art. 
34  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum  Schutze  der 

http://links.weblaw.ch/BVGer-D-3417/2009
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-3417/2009

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Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  beim 
Europäischen  Gerichtshof  für  Menschenrechte  gegen  die  Türkei  zu 
klagen, falls die Strafverfahren nicht nach den Grundsätzen der EMRK zu 
Ende  geführt  würden  oder  sie  in  Zukunft  konkreten  Anlass  hätte  zu 
befürchten, dass ihr im Strafvollzug Menschenrechtsverletzungen drohen 
könnten. 

6.8. Gestützt  auf  die  vorstehenden  Erwägungen  ist  zusammenfassend 
festzustellen,  dass  die  Beschwerdeführerin  im  heutigen  Zeitpunkt  nicht 
als schutzbedürftig zu erachten ist, da nicht davon auszugehen ist, sie sei 
im  Heimatland  im  Zusammenhang  mit  den  gegen  sie  laufenden 
Strafverfahren  einer  unmittelbaren,  asylrelevanten  Gefährdung 
ausgesetzt. Es  ist  ihr nach dem Gesagten nicht gelungen, eine aktuelle 
und  konkrete  Gefährdung  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  beziehungsweise 
konkrete  Hinweise  auf  eine  in  absehbarer  Zukunft  eintretende 
asylrelevante  Verfolgung  und  eine  damit  einhergehende,  begründete 
Verfolgungsfurcht  darzulegen.  Gestützt  auf  die  heutige  Aktenlage  ist 
ausserdem  davon  auszugehen,  dass  ihr  der  weitere  Verbleib  im 
Heimatland zuzumuten  ist. An dieser Einschätzung vermögen auch  ihre 
Vorbringen  in der Rechtsmittelschrift sowie den übrigen Eingaben nichts 
zu ändern, weshalb es sich erübrigt, weiter darauf einzugehen. Somit hat 
die  Vorinstanz  der  Beschwerdeführerin  zu  Recht  die  Einreise  in  die 
Schweiz verweigert und das Asylgesuch abgelehnt.

7. 
Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung 
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und 
vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die 
Beschwerde ist demnach abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.

8. 
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätzlich 
der Beschwerdeführerin aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Aus 
verwaltungsökonomischen Gründen ist indessen in Anwendung von Art. 6 
Bst.  b  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und 
Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR 
173.320.2) auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten.

(Dispositiv nächste Seite)

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Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1. 
Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird.

2. 
Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt.

3. 
Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die 
zuständige schweizerische Vertretung.

Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber:

Robert Galliker Matthias Jaggi

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