# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 32f22f97-9f61-5bdc-8e1e-e60d07f78e04
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2012-02-16
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 16.02.2012 E-7364/2010
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_E-7364-2010_2012-02-16.pdf

## Full Text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t

T r i buna l   adm in i s t r a t i f   f édé ra l

T r i buna l e   ammin i s t r a t i vo   f ede ra l e

T r i buna l   adm in i s t r a t i v   f ede ra l

   

Abteilung V
E­7364/2010

U r t e i l   v om   1 6 .   F e b r u a r   2 0 1 2

Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz),
Richterin Claudia Cotting­Schalch, Richter François Badoud,   
Gerichtsschreiberin Aglaja Schinzel.

Parteien A._______,
Irak, 
(…),  
Beschwerdeführer, 

gegen

Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,   
Vorinstanz. 

Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 
14. September 2010 / N (…).

E­7364/2010

Seite 2

Sachverhalt:

A. 
Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer, ein  irakischer 
Staatsangehöriger kurdischer Ethnie, seinen Heimatstaat am 12. Oktober 
2008 in Richtung Iran, von wo aus er über die Türkei nach Griechenland 
gelangte.  Dort  wurde  er  festgenommen  und  verbrachte  drei  Monate  in 
Haft. Bei seiner Freilassung wurde er aufgefordert, das Land innert einem 
Monat zu verlassen, worauf er über  ihm unbekannte Länder am 2. März 
2009  in  die  Schweiz  reiste.  Anlässlich  der  Kurzbefragung  vom  5. März 
2009  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  B._______  und  der 
Anhörung  vom  18.  März  2009  zu  den  Asylgründen  machte  er  im 
Wesentlichen Folgendes geltend:

Er stamme aus C._______, Zentralirak, und habe dort von seiner Geburt 
bis  im Jahr 2000 sowie von 2003 bis zu seiner Ausreise gelebt.  Im Jahr 
2000 sei seine Familie aufgrund  ihrer kurdischen Ethnie aus C._______ 
vertrieben worden  und  nach  Erbil  gezogen.  Drei  Jahre  später  habe  sie 
jedoch wieder nach C._______ zurückkehren müssen.  Im Jahr 2004 sei 
sein Vater einer Herzkrankheit erlegen. Er sei von seinem Vater zum (...) 
ausgebildet worden und habe ab 2002 bei diesem und nach dessen Tod 
bis  zu  seiner  Ausreise  bei  seinem  Bruder  im  Familienbetrieb  als  (...) 
gearbeitet. Er habe aber zu wenig Arbeit gehabt und deshalb ab 2006 bis 
zu seiner Ausreise zusätzlich als (...) gearbeitet. Da die Arbeit als (...) mit 
Gefahren verbunden und mehrmals auf ihn geschossen worden sei, habe 
ihn seine Mutter aufgefordert, die Stelle aufzugeben. Er habe mehrmals 
versucht, sich nach Suleimaniya oder Erbil versetzen zu lassen, was aber 
nicht bewilligt worden sei. Ausserdem habe er gehört, dass er später  in 
die  Provinz  D._______  hätte  verlegt  werden  sollen.  Dies  sei  die 
gefährlichste Gegend  im  Irak, weshalb  er  eine Versetzung  dorthin  nicht 
habe riskieren wollen. Weiter führte er aus, weil er bei seiner Tätigkeit als 
(...)  mehrmals  angegriffen  worden  sei,  sei  er  immer  in  zivil  zum Dienst 
und vom Dienst nach Hause gegangen. Aber auch so habe er Angst und 
das  Gefühl  gehabt,  komisch  angeschaut  beziehungsweise  erkannt  zu 
werden.  Weil  er  seinen  Dienst  als  (...)  ohne  Voranmeldung  verlassen 
habe  und  ausgereist  sei,  fürchte  er  nun  zudem,  bei  einer  Rückkehr 
Probleme mit der Kurdistan Democratic Party (KDP) zu bekommen.

B. 
Am  30.  März  2009  gab  der  Beschwerdeführer  beim Migrationsamt  des 
Kantons  Aargau  drei  (unübersetzte)  heimatliche  Originaldokumente 

E­7364/2010

Seite 3

(Identitätskarte,  (...)ausweis  und  Ausweis  unbekannter  Bedeutung)  ab. 
Diese wurden gleichentags vom Migrationsamt ans BFM geschickt. 

C. 
Mit  Verfügung  vom  14.  September  2010  (eröffnet  am  16.  September 
2010)  lehnte  das  BFM  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  ab  und 
ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Die 
Vorinstanz  begründete  den  ablehnenden  Asylentscheid  damit,  dass  die 
Vorbringen  des  Beschwerdeführers  nicht  asylrelevant  seien  und  somit 
den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  des 
Asylgesetzes  vom 26. Juni  1998  (AsylG, SR 142.31)  nicht  standhielten. 
Der Vollzug der Wegweisung sei zulässig, zumutbar und möglich. Für die 
detaillierte  Begründung  wird,  soweit  wesentlich,  auf  die  Erwägungen 
verwiesen.

D. 
Mit Beschwerde vom 13. Oktober 2010 an das Bundesverwaltungsgericht 
beantragte  der  Beschwerdefürer  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen 
Verfügung, die Gutheissung des Asylgesuchs, eventualiter die Anordnung 
der vorläufigen Aufnahme sowie in prozessualer Hinsicht die Gewährung 
der  unentgeltlichen  Rechtspflege.  Als  Beweismittel  reichte  er  ein 
Schreiben  der  kurdischen  Behörden  vom  23.  Oktober  2003  (in  Kopie) 
sowie Wohnsitzbescheinigungen von ihm und seinen Eltern (im Original) 
zu  den  Akten.  Ausserdem  stellte  er  das  Einreichen  einer 
Fürsorgebestätigung  in  Aussicht,  welche  am  20.  Oktober  2010  beim 
Bundesverwaltungsgericht einging.

E. 
Mit  separatem  Schreiben  vom  13.  Oktober  2010  reichte  der 
Beschwerdeführer  die  Übersetzung  des  Schreibens  der  kurdischen 
Behörden  vom  23. Oktober  2003  betreffend  die  Organisation  von 
Lebensmittelcoupons  zu  den  Akten,  welches  bestätige,  dass  seine 
Familie Erbil nicht freiwillig verlassen habe.

F. 
Mit  Zwischenverfügung  vom  22.  Oktober  2010  stellte  die 
Instruktionsrichterin  den  legalen  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers 
während  des  Verfahrens  fest.  Gleichzeitig  hiess  sie  das  Gesuch  um 
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gut und verzichtete auf die 
Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Weiter  setzte  sie  dem 

E­7364/2010

Seite 4

Beschwerdeführer  Frist  zur  Übersetzung  der  fremdsprachigen 
Beweismittel.

G. 
Mit  Schreiben  vom  26.  Oktober  2010  reichte  der  Beschwerdeführer 
Übersetzungen der drei Wohnsitzbestätigungen zu den Akten.

H. 
Mit  Vernehmlassung  vom  23.  Dezember  2010,  welche  dem 
Beschwerdeführer am 6. Januar 2011 zur Kenntnis gebracht wurde, hielt 
das Bundesamt an seiner Verfügung vollumfänglich  fest und beantragte 
die Abweisung der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:

1. 

1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden 
gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 
1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM 
gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz 
des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende 
Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das 
Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der 
vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls 
endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des 
Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht 
(Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom 
17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).

1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem 
BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 
AsylG).

1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der 
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist 
durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein 
schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise 
Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert 

E­7364/2010

Seite 5

(Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). 
Auf die Beschwerde ist einzutreten.

2. 
Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige 
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und 
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

3. 

3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen 
grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat 
oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion, 
Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder 
wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt 
sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu 
werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des 
Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen 
unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen 
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG).

3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft 
nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft 
gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender 
Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere 
Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich 
widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich 
auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7 
AsylG).

4. 

4.1. Die Vorinstanz begründete  ihren ablehnenden Asylentscheid damit, 
die  vom  Beschwerdeführer  geschilderte  erschwerte  berufliche  Situation 
als  (...)  habe  ihre  Ursachen  in  der  derzeitigen  allgemeinen  Lage  im 
Zentralirak,  wo  er  tätig  gewesen  sei.  Erschwerten  Bedingungen  der 
vorgebrachten  Art  könnten  alle  Angehörigen  der  genannten 
Berufsgattung  im  Sinne  eines  Berufsrisikos  gleichermassen  ausgesetzt 
sein.  Im  Weiteren  mache  der  Beschwerdeführer  keine  gezielten, 
persönlichen  Verfolgungsmassnahmen  gelten,  so  habe  er  erklärt,  nie 
irgendwelche  Probleme  mit  den  Behörden  seines  Landes  gehabt  zu 
haben. Seine Vorbringen seien demzufolge nicht asylrelevant und hielten 

E­7364/2010

Seite 6

den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG 
nicht stand. 

4.2. In seiner Rechtsmitteleingabe machte der Beschwerdeführer geltend, 
die Aussage des BFM, dass ihm keine Gefahr mehr drohe, wenn er seine 
Arbeit  als  (...)  aufgeben  würde,  sei  nicht  zutreffend.  Die  Terroristen  
würden  nicht  unterscheiden  zwischen  ihm  als  Privatperson  und  ihm  als 
(...). Ihr Ziel sei es, die Regierung zu schwächen und der Angriff auf (...), 
sei  dies nun bei der Arbeit  oder  in  zivil  oder  sogar auf  (...), welche aus 
dem  Dienst  zurückgetreten  seien,  eigne  sich  hervorragend  hierzu.  Er 
habe befürchtet, dass ihn die Terroristen beobachten und zu Hause töten 
könnten.  Daher  sei  er  nach  dem  letzten  Angriff  vom  September  2008 
nicht  mehr  nach  Hause  zurückgekehrt,  sondern  habe  sich  bei  einem 
Cousin versteckt. Ausserdem führte er aus, er könne seine Tätigkeit als 
(...) nicht wie jede andere Arbeit einfach niederlegen. Er habe den Dienst 
als (...) unerlaubt verlassen und werde daher von der KDP gesucht. Die 
Gründe  für  seine  Ausreise  seien  überdies  nicht  wirtschaftlicher  Natur 
gewesen.  Das  Anhörungsprotokoll  sei  diesbezüglich  ungenau;  vieles, 
was er gesagt habe und der Dolmetscher rückübersetzt habe, sei nicht im 
Protokoll  enthalten.  So  sei  er  nicht  (...),  sondern  (...)  und  habe 
nebenberuflich als (...) und hauptberuflich als (...) gearbeitet. Es wäre ihm 
möglich gewesen, seine Arbeit als (...) auszudehnen, hätte er mehr Geld 
benötigt.

4.3.  In  seiner  die  Abweisung  der  Beschwerde  beantragenden 
Vernehmlassung  vom  26.  Januar  2006  verweist  das  Bundesamt 
vollumfänglich auf seine bisherigen Standpunkte und Erwägungen, ohne 
inhaltlich zur Beschwerde Stellung zu beziehen.

5.  

5.1. Nach  Lehre  und  Rechtsprechung  erfüllt  eine  asylsuchende  Person 
die Flüchtlingseigenschaft  im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie  in  ihrem 
Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, 
Religion, Nationalität, Zughörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe 
oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauung  ernsthaften  Nachteilen 
ausgesetzt  ist  oder  Nachteile  einer  bestimmten  Intensität 
begründeterweise  befürchten  muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund 
bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt zu werden drohen und vor denen 
sie  keinen  ausreichenden  staatlichen Schutz  erwarten  kann  (vgl.  BVGE 
2007/31  E.  5.2  f.  und  2008/4  E.  5,  sowie  die  vom 

E­7364/2010

Seite 7

Bundesverwaltungsgericht  fortgeführte  Rechtsprechung  der 
Schweizerischen  Asylrekurskommission  [ARK]  in  Entscheide  und 
Mitteilungen der ARK [EMARK] 1995 Nr. 2 E. 3a, 2006 Nr. 18 E. 7­10 und 
Nr. 32 E. 8.7).

Massgeblich  für  die  Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft  sind  die 
tatsächlichen Verhältnisse, wie sie sich im Zeitpunkt der Entscheidfällung 
präsentieren.  Ausgangspunkt  der  Prüfung  ist  die  Frage  nach  der  im 
Zeitpunkt  der  Ausreise  vorhandenen  Furcht  vor  einer  absehbaren 
Verfolgung  im  Heimatstaat.  Veränderungen  der  objektiven  Situation  im 
Heimatstaat  zwischen  Ausreise  und  Asylentscheid  sind  zugunsten  und 
zulasten  der  Asylgesuch  stellenden  Person  zu  berücksichtigen  (vgl. 
BVGE 2008/4 E. 5.4 S. 38 mit weiteren Hinweisen).

5.2. Der Beschwerdeführer macht auf Beschwerdeebene erneut geltend, 
er  fürchte  sich  einerseits  vor  den  Terroristen,  von  denen  er  als  (...) 
(beziehungsweise ehemaligen  (...))  verfolgt werde,  und andererseits  vor 
der KDP, da er seinen Dienst als (...) unerlaubt quittiert habe. Zum ersten 
Vorbringen führte die Vorinstanz zutreffend aus, dies habe seine Ursache 
in  der  derzeitigen  allgemeinen  Lage  im  Zentralirak  und  betreffe  alle 
Angehörigen  der  genannten  Berufsgattung  gleichermassen.  Dem  ist 
beizufügen,  dass  es  überdies  der  vom  Beschwerdeführer  geltend 
gemachten  Verfolgung  an  der  Gezieltheit  im  Sinne  von  Art.  3  Abs.  1 
AsylG  mangelt.  Der  Beschwerdeführer  berichtete  von  drei  Vorfällen 
während seiner dreijährigen Tätigkeit als (...), bei denen er während des 
Dienstes  unter  Beschuss  durch  Terroristen  gekommen  sei.  Er  machte 
jedoch  keine  Aussagen,  die  darauf  schliessen  liessen,  dass  die 
Anschläge gezielt auf ihn gerichtet gewesen sein könnten. Weiter machte 
er  zwar  geltend,  sich  auch  in  Zivilkleidung  gefürchtet  zu  haben.  Diese 
Furcht vermag er  jedoch nicht genügend zu konkretisieren. So ist  ihm in 
zivil weder  je etwas zugestossen, noch machte er substanziiert geltend, 
ausserhalb  der  Tätigkeit  als  (...)  bedroht  worden  zu  sein.  Die  vom 
Beschwerdeführer  angeführten  Vorfälle  vermögen  somit  den 
Anforderungen  an  asylbegründende  Nachteile  nicht  standzuhalten  und 
sind nicht asylrelevant. 

Bezüglich  des  Vorbringens  des  Beschwerdeführers,  er  fürchte  sich  vor 
der  KDP,  da  er  seinen  Dienst  als  (...)  unerlaubt  quittiert  habe,  ist 
festzuhalten, dass dieses weder eine asylrelevante Verfolgung noch eine 
begründete  Furcht  vor  einer  solchen  zu  begründen  vermag,  zumal  er 
dieses  anlässlich  der Befragung  zur Person mit  keinem Wort  erwähnte. 

E­7364/2010

Seite 8

Auch bei der Anhörung machte er lediglich geltend, er fürchte sich vor der 
KDP,  weil  er  den  Dienst  ohne  Voranmeldung  verlassen  habe.  In  der 
Beschwerdeschrift wiederholt er zwar das Vorbringen, enthält sich jedoch 
erneut  konkreteren  Angaben.  Es  kann  deshalb  davon  ausgegangen 
werden,  dass  für  den  Beschwerdeführer  keine  begründete  Furcht  vor 
einer Verfolgung durch die KDP besteht. 

Der  Vollständigkeit  halber  ist  ausserdem  zu  erwähnen,  dass  die  in  der 
Beschwerde geübte Kritik an der Übersetzung nicht gehört werden kann. 
Insbesondere  erscheint  es  als  höchst  unwahrscheinlich,  dass  der 
Dolmetscher dem Beschwerdeführer etwas rückübersetzt habe, was nun 
nicht im Protokoll enthalten sei. Die Frage, ob der Beschwerdeführer nun 
(...) oder  (...) gewesen sei und ob er haupt­ oder nebenberuflich als  (...) 
gearbeitet  habe,  erweist  sich  ausserdem  als  nicht  entscheidrelevant, 
weshalb auf diesbezügliche Ausführungen verzichtet werden kann. 

5.3.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer 
keine  flüchtlingsrechtlich  beachtlichen  Benachteiligungen  oder 
Befürchtungen hat glaubhaft machen können. Aufgrund dieser Sachlage 
und  in  Würdigung  der  gesamten  Umstände  und  Vorbringen  des 
Beschwerdeführers – inklusive Beweismittel – ergibt sich, dass dieser die 
Voraussetzungen  für  die  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  nicht 
erfüllt. Die Vorinstanz hat das Asylgesuch zu Recht abgelehnt.

6. 

6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht 
ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und 
ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit 
der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).

6.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche 
Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer 
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 
Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E. 9).

7. 

7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder 
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach 
den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von 
Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes 

E­7364/2010

Seite 9

vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG, 
SR 142.20]).

Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt 
gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner 
Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der 
Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte 
Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. 
WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.], 
Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148).

7.2. Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug 
der  Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und  Unmöglichkeit) 
sind  alternativer Natur:  Sobald  eine  von  ihnen  erfüllt  ist,  ist  der Vollzug 
der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere 
Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die 
vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748).

Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung,  wie  im  Folgenden 
aufzuzeigen  ist,  als  unzumutbar  erweist,  ist  auf  eine  Erörterung  der 
beiden  andern  Voraussetzungen  eines  rechtmässigen 
Wegweisungsvollzugs zu verzichten.

8. 

8.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und 
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf 
Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und 
medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete 
Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG – 
die vorläufige Aufnahme zu gewähren.

8.2.  Das  Bundesverwaltungsgericht  hat  sich  im  nach  wie  vor  gültigen 
Grundsatzurteil  BVGE  2008/5  vom  14.  März  2008  ausführlich  mit  der 
Frage  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  in  den  kurdisch 
verwalteten Nordirak befasst. Es gelangte zum Schluss, dass in den drei 
kurdischen  Provinzen  (Dohuk,  Erbil  und  Suleimaniya)  keine  Situation 
allgemeiner  Gewalt  herrscht  und  die  dortige  politische  Lage  nicht 
dermassen  angespannt  ist,  dass  eine  Rückführung  dorthin  als  generell 
unzumutbar  betrachtet  werden  müsste.  Die  Anordnung  des 
Wegweisungsvollzugs  setzt  jedoch voraus,  dass die betreffende Person 
ursprünglich aus der Region stammt oder längere Zeit dort gelebt hat und 

E­7364/2010

Seite 10

über  ein  soziales  Netz  (Familie,  Verwandtschaft  oder  Bekanntenkreis) 
oder  über  Beziehungen  zu  den  herrschenden  Parteien  verfügt. 
Andernfalls  dürfte  eine  soziale  und  wirtschaftliche  Integration  in  die 
kurdische  Gesellschaft  nicht  gelingen,  da  der  Erhalt  einer  Arbeitsstelle 
oder  von Wohnraum  weitgehend  von  gesellschaftlichen  und  politischen 
Beziehungen  abhängt.  Zusammenfassend wurde  festgehalten,  dass  die 
Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  in  der  Regel  für  alleinstehende, 
gesunde  und  junge  kurdische  Männer,  die  ursprünglich  aus  der  KRG­
Region  stammen  und  dort  nach  wie  vor  über  ein  soziales  Netz  oder 
Parteibeziehungen verfügen, zumutbar ist. Für alleinstehende Frauen und 
für  Familien  mit  Kindern  sowie  für  Kranke  und  Betagte  ist  bei  der 
Feststellung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  grosse 
Zurückhaltung angebracht. Bei Kurden, welche aus kurdisch dominierten 
Gebieten  ausserhalb  der  drei  Provinzen  Dohuk,  Erbil  und  Suleimaniya 
stammen  –  namentlich  aus  Kirkuk  und Mosul  –  bleibt  die  Zumutbarkeit 
des Vollzugs im Einzelfall zu prüfen.

8.3.  Beim  Beschwerdeführer  handelt  es  sich  gemäss  Akten  um  einen 
gesunden,  (...)­jährigen  Mann  mit  Berufserfahrung  als  (...) 
beziehungsweise (...), der eigenen Angaben zufolge vor seiner Ausreise 
aus dem  Irak  in C._______ wohnhaft war, von wo er auch stamme und 
wo seine Mutter und sein Bruder sowie weitere Verwandten  lebten. Das 
BFM  stellte  diese  Angaben  des  Beschwerdeführers  nicht  in  Frage  und 
anerkannte  implizit,  dass  ein  Wegweisungsvollzug  nach  C._______ 
(Zentralirak)  nicht  zur  Diskussion  stehe.  Entgegen  der  vom  BFM 
vertretenen Auffassung kann aufgrund der Aktenlage jedoch nicht davon 
ausgegangen  werden,  der  Beschwerdeführer  verfüge  im  Nordirak  über 
ein  enges  Beziehungsnetz,  welches  einen Wegweisungsvollzug  dorthin 
erlauben würde. Aufgrund seiner Aussagen anlässlich der Befragung zur 
Person lebten im März 2009 zwei Schwestern des Beschwerdeführers in 
Erbil, während der Rest der Familie 2003 nach C._______ zurückgekehrt 
sei.  In  seiner  Rechtsmitteleingabe  macht  der  Beschwerdeführer 
ausserdem  geltend,  seine  Schwester  E._______  lebe  inzwischen  auch 
wieder  in  C._______,  da  ihr  der  weitere  Aufenthalt  in  Erbil  nicht 
genehmigt  worden  sei.  Der  Beschwerdeführer  führte  weiter  in  seiner 
Beschwerde und auch bei der Anhörung glaubhaft aus, weshalb er und 
seine Familie im Jahr 2003 nach C._______ zurückkehren mussten (vgl. 
vorinstanzliche Akten A8 F101). Aufgrund seiner Vorbringen, es sei  ihm, 
trotz  mehrfachen  Ersuchens,  eine  Wohnsitzverlegung  in  eine  der  drei 
nordirakischen Provinzen nicht  bewilligt worden,  ist  in Übereinstimmung 
mit  der  Situation,  wie  sie  dem  Bundesverwaltungsgericht  bekannt  ist, 

E­7364/2010

Seite 11

davon  auszugehen,  dass  er  nicht  ohne Weiteres  im  Nordirak Wohnsitz 
nehmen könnte. 

Der  Vollzug  der  Wegweisung  in  den  Irak  erweist  sich  somit  bei  einer 
gesamtheitlichen Würdigung als unzumutbar  im Sinne von Art 83 Abs. 4 
AuG. Nachdem sich aus den Akten keine Hinweise auf das Vorliegen von 
Ausschlussgründen  nach  Art.  83  Abs.  7  AuG  ergeben,  sind  die 
Voraussetzungen  für  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  erfüllt. 
Das BFM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer in der Schweiz vorläufig 
aufzunehmen. 

Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  kann  darauf  verzichtet  werden, 
näher  auf  die  vom  Beschwerdeführer  bei  der  Vorinstanz  und  auf 
Beschwerdeebene  eingereichten  Beweismittel  einzugehen,  da  diese  im 
Wesentlichen Bezug nehmen auf seine Herkunft aus C._______, welche 
weder vom BFM noch vom Bundesverwaltungsgericht angezweifelt wird.

9. 
Zusammenfassend  ist  die  Beschwerde  betreffend  Anerkennung  der 
Flüchtlingseigenschaft,  Erteilung  von  Asyl  und  Aufhebung  der 
Wegweisung  abzuweisen.  Hinsichtlich  Anordnung  des 
Wegweisungsvollzugs ist sie gutzuheissen. 

10. 
Nach  dem  Gesagten  wären  die  Verfahrenskosten  zufolge  hälftigen 
Unterliegens  grundsätzlich  zur  Hälfte  dem  Beschwerdeführer 
aufzuerlegen  (Art  63  Abs.  1  VwVG).  Nachdem  jedoch  das 
Bundesverwaltungsgericht in seiner Zwischenverfügung vom 22. Oktober 
2010  das  Gesuch  um  unentgeltliche  Rechtsführung  gutgeheissen  hat, 
sind keine Verfahrenskosten zu erheben.

11. 
Dem  im  Beschwerdeverfahren  anwaltlich  nicht  vertretenen 
Beschwerdeführer  ist  keine  Parteientschädigung  auszurichten,  zumal 
davon  auszugehen  ist,  dass  ihm  aus  der  Beschwerdeführung  keine 
notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  im  Sinne  der 
gesetzlichen  Bestimmungen  (Art.  64  Abs.  1  VwVG  i.V.m.  Art.  7  Abs.  1 
und Art.  8  des Reglements  vom 21. Februar  2008 über  die Kosten  und 
Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 
173.320.2]) entstanden sind.

E­7364/2010

Seite 12

(Dispositiv nächste Seite)

E­7364/2010

Seite 13

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1. 
Die  Beschwerde  wird  betreffend  Vollzug  der  Wegweisung 
(Dispositivziffern 4 – 5 der angefochtenen Verfügung) gutgeheissen. Das 
BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. Im 
Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen.

2. 
Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.

3. 
Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 

4. 
Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die 
zuständige kantonale Behörde.

Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin:

Regula Schenker Senn Aglaja Schinzel

Versand: