# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 39b0ad5c-4b85-5f52-8fdc-557021e5e22c
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2012-01-24
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 24.01.2012 E-6609/2011
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_E-6609-2011_2012-01-24.pdf

## Full Text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t

T r i buna l   adm in i s t r a t i f   f édé ra l

T r i buna l e   ammin i s t r a t i vo   f ede ra l e

T r i buna l   adm in i s t r a t i v   f ede ra l

   

Abteilung V
E­6609/2011

U r t e i l   v om   2 4 .   J a nua r   2 0 1 2

Besetzung Einzelrichterin Regula Schenker Senn,
mit Zustimmung von Richter Daniel Willisegger,
Gerichtsschreiberin Néomie Nicolet.

Parteien A._______,
(Beschwerdeführerin 1),
B._______,
(Beschwerdeführer 2),
C._______,
(Beschwerdeführer 3),
D._______,
(Beschwerdeführer 4),
Serbien, 

Beschwerdeführende, 

gegen

Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,   
Vorinstanz. 

Gegenstand Asyl und Wegweisung; 
Verfügung des BFM vom 10. November 2011 / N (…).

E­6609/2011

Seite 2

Sachverhalt:

A. 
Gemäss  eigenen  Angaben  verliessen  die  Beschwerdeführenden  ihren 
Heimatstaat  Serbien  am  23.  August  2011  und  reisten  am  25.  August 
2011  in  die  Schweiz  ein,  wo  sie  gleichentags  um  Asyl  nachsuchten. 
Anlässlich der Kurzbefragungen vom 13. September 2011 im Empfangs­ 
und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  E._______  und  der  Anhörungen  vom 
3. November  2011  zu  den  Asylgründen  machten  sie  im  Wesentlichen 
Folgendes geltend:

Sie  seien  ethnische  Roma  muslimischen  Glaubens  und  in  ihrem 
Heimatland  Serbien  Schikanen  und  Belästigungen  ausgesetzt. 
Insbesondere  die  Kinder  hätten  darunter  zu  leiden.  Zweimal  sei  der 
Beschwerdeführer 3 in der Schule so schwer verprügelt worden, dass der 
Beschwerdeführer 2  vor Schreck  jeweils einen Herzinfarkt  erlitten habe. 
Im Spital  sei  er wegen seiner Ethnie nur mangelhaft  behandelt worden. 
Auch  der  Beschwerdeführer  4  sei  bereits  tätlich  angegriffen  und  im 
Bauchbereich  verletzt  worden.  Sie  hätten  die  Übergriffe  auf  die  Kinder 
jeweils  der  Polizei  gemeldet,  welche  jedoch  untätig  geblieben  sei.  Die 
Beschwerdeführerin  1  sei  seit  Mai  2010  von  einem  Mann  regelmässig 
belästig  worden.  Dieser  habe  sie,  während  ihr  Ehemann  auf  der  Arbeit 
gewesen  sei,  jeden  zweiten  oder  dritten  Tag  aufgesucht  und  zum 
Beischlaf zwingen wollen. Sie habe es aber nie erlaubt. Aus Angst, dass 
ihr  Ehemann  sie  verlassen  würde,  habe  sie  ihm  bis  zuletzt  nie  etwas 
davon erzählt. Erst am 20. August 2011, als dieser Mann die Fenster und 
Türen  eingeschlagen  habe,  um  ins  Haus  zu  gelangen,  habe  sie  ihrem 
Ehemann von den Vorfällen berichtet. Da der Fremde ihr mit der Tötung 
der  Kinder  und  des  Ehemannes  gedroht  habe,  hätten  sie  (die 
Beschwerdeführenden)  sich  entschlossen, Serbien  zu  verlassen. Weiter 
sei auch der Beschwerdeführer 2 am 10. August 2011 auf dem Heimweg 
von  einer  Gruppe  Personen  angegriffen  worden,  welche  zum  fremden 
Mann, der die Beschwerdeführerin 1 belästigt habe, gehört hätten.

Als  Beweismittel  reichten  Beschwerdeführenden  die  Reisepässe  sowie 
die  Identitätskarten  der  Beschwerdeführerin  1  und  des 
Beschwerdeführers 2 zu den Akten. 

B.
Mit  Verfügung  vom  10.  November  2011  –  eröffnet  am  12.  November 

E­6609/2011

Seite 3

2011 –  lehnte  das  BFM  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  ab 
und ordnete deren Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an.

C.
Mit  Beschwerdeeingabe  vom  5.  Dezember  2011  (Poststempel 
7. Dezember  2011)  beantragten  die  Beschwerdeführenden  die 
Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung,  die  Feststellung  der 
Flüchtlingseigenschaft,  die Gewährung  des Asyls  sowie  eventualiter  die 
Gewährung  der  vorläufigen  Aufnahme  in  der  Schweiz.  In  prozessualer 
Hinsicht  beantragten  sie  die  Gewährung  der  unentgeltlichen 
Rechtspflege,  den Verzicht  auf  die Erhebung eines Kostenvorschusses, 
die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde und 
die  vorsorgliche  Anweisung  an  die  zuständige  Behörde,  die 
Datenweitergabe  an  die  heimatlichen  Behörden  zu  unterlassen  und  sie 
bei bereits erfolgter Datenweitergabe zu informieren.

D.
Mit  Verfügung  vom  13.  Dezember  2011  bestätigte  das 
Bundesverwaltungsgericht  den  Eingang  der  Beschwerde  und  teilte  den 
Beschwerdeführenden mit,  sie  könnten  den Ausgang  des Verfahrens  in 
der Schweiz abwarten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:

1. 

1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden 
gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 
1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM 
gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz 
des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende 
Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das 
Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der 
vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls 
endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des 
Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht 
(Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 

E­6609/2011

Seite 4

Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG, 
SR 173.110]).

1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem 
BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 
AsylG).

1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die 
Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz 
teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt 
und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung 
beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der 
Beschwerde legitimiert (Art. 108 Abs. 1 AsylG sowie Art. 105 AsylG i.V.m 
Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde 
ist einzutreten.

2. 
Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige 
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und 
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

3. 
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher 
Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise 
einer  zweiten  Richterin  entschieden  (Art. 111  Bst. e  AsylG).  Wie 
nachstehend  aufgezeigt,  handelt  es  sich  vorliegend  um  eine  solche, 
weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch  zu  begründen  ist 
(Art. 111a Abs. 2 AsylG).

Gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  wurde  auf  die  Durchführung  eines 
Schriftenwechsels verzichtet.

4. 

4.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen 
grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat 
oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion, 
Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder 
wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt 
sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu 
werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich 
die  Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie 

E­6609/2011

Seite 5

Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den 
frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG).

4.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft 
nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft 
gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender 
Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere 
Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich 
widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich 
auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7 
AsylG). 

Nach Lehre und Praxis ist für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft 
erforderlich,  dass  die  asylsuchende  Person  ernsthafte  Nachteile  von 
bestimmter  Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche  im Falle einer 
Rückkehr  in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und  in 
absehbarer  Zukunft  befürchten  muss.  Die  Nachteile  müssen  der 
asylsuchenden  Person  gezielt  und  aufgrund  bestimmter 
Verfolgungsmotive  drohen  oder  zugefügt  worden  sein  (vgl. W. STÖCKLI, 
§11 Asyl,  in: Uebersax/Rudin/Hug Yar/Geiser  [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. 
Auflage,  Basel  2009,  S.  521  –  588,  S.  525  ff.).  Nach  der  sogenannten 
Schutztheorie  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der 
Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2006  Nr. 18  S. 180) 
kann eine Verfolgungshandlung im Sinne von Art. 3 AsylG von staatlichen 
und  nichtstaatlichen  Akteuren  ausgehen.  Danach  ist  nichtstaatliche 
Verfolgung als Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes zu erachten, wenn 
der Staat  unfähig oder nicht willens  ist, Schutz  vor besagter Verfolgung 
zu  bieten.  Es  ist  dabei  nicht  eine  faktische  Garantie  für  langfristigen 
individuellen  Schutz  der  von  nichtstaatlicher  Verfolgung  bedrohten 
Person  zu  verlangen, weil  es  keinem Staat  gelingen  kann,  die  absolute 
Sicherheit  seiner  Bürgerinnen  und  Bürger  jederzeit  und  überall  zu 
garantieren. Erforderlich ist aber, dass eine funktionierende und effiziente 
Schutzinfrastruktur  zur  Verfügung  steht,  wobei  in  erster  Linie  an 
polizeiliche Aufgaben wahrnehmende Organe sowie an ein Rechts­ und 
Justizsystem zu denken ist, das eine effektive Strafverfolgung ermöglicht. 
Die  Inanspruchnahme  dieses  Schutzsystems  muss  der  betroffenen 
Person  zudem  objektiv  zugänglich  und  individuell  zumutbar  sein,  was 
jeweils  im  Rahmen  einer  Einzelfallprüfung  unter  Berücksichtigung  des 
länderspezifischen Kontexts zu beurteilen ist (vgl. EMARK 2006 Nr. 18 E. 
10.2 S. 202  f.; EMARK 2006 Nr. 32 E. 6.1 S. 340  f.). Die Anerkennung 
der Flüchtlingseigenschaft setzt ferner voraus, dass die betroffene Person 

E­6609/2011

Seite 6

einer landesweiten Verfolgung ausgesetzt ist und nicht in einem anderen 
Teil  ihres  Heimatstaates  um  effektiven  Schutz  nachsuchen  kann  (vgl. 
EMARK 2006 Nr. 18 E. 10.3.1 f. S. 203 mit weiteren Hinweisen).

5. 

5.1.  Die  Vorinstanz  führte  zur  Begründung  ihres  ablehnenden 
Asylentscheides  im  Wesentlichen  aus,  die  Vorbringen  der 
Beschwerdeführerin  1  hielten  weder  den  Anforderungen  an  die 
Glaubhaftigkeit  gemäss  Art.  7  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998 
(AsylG,  SR  142.31)  noch  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3 
AsylG  stand.  Es  sei  insbesondere  nicht  nachvollziehbar,  wie  sich  ein 
Mann  über  Monate  hinweg  ungehindert  Zutritt  zur  Wohnung  der 
Beschwerdeführenden  habe  verschaffen  können,  und  es  wirke 
lebensfremd,  dass  die  Beschwerdeführerin  1  keine 
Sicherheitsmassnahmen  dagegen  ergriffen  habe.  Zudem  habe  sie  sich 
widersprüchlich  geäussert,  indem  sie  anfangs  gesagt  habe,  keine 
Anzeige  bei  der  Polizei  erhoben  zu  haben  –  aus  Angst  ihr  Ehemann 
würde  von  den  Übergriffen  erfahren  –,  bei  der  Anhörung  jedoch 
angegeben habe, sich einmal alleine an die Polizei gewendet zu haben. 
Was  die  übrigen  Übergriffe  und  Benachteiligungen  durch  Dritte, 
insbesondere auch auf  die Kinder,  angehe,  so  seien diese asylrechtlich 
nicht  relevant.  In  Serbien  sei  am  25. Februar  2002  das  Bundesgesetz 
zum Schutz und zur Freiheit der nationalen Minoritäten in Kraft getreten, 
ein gesetzlicher Rahmen, der die Rechte der nationalen Minderheiten und 
der  Angehörigen  schütze.  Zwar  könnten  vereinzelte  Übergriffe  durch 
Drittpersonen auf Roma nicht  restlos ausgeschlossen werden, hingegen 
komme  solchen  Verfolgungsmassnahmen  in  der  Regel  keine 
asylrelevante  Intensität zu. Ausserdem billige oder unterstütze der Staat 
solche  Übergriffe  nicht.  Es  sei  demnach,  trotz  der  nicht  in  Abrede  zu 
stellenden schwierigen Lebensbedingungen der Volksgruppe der Roma, 
vom  Vorhandensein  eines  adäquaten  Schutzes  durch  den  Heimatstaat 
auszugehen, weshalb die geltend gemachten Übergriffe  im vorliegenden 
Fall nicht asylrelevant seien.

5.2.  In  ihrer Rechtsmitteleingabe wiederholen die Beschwerdeführenden 
ihre bei der Vorinstanz gemachten Vorbringen und weisen erneut auf die 
schwierige Situation der Roma  in Serbien hin. Der Staat sei nicht  in der 
Lage und gewillt,  ihnen Schutz vor Verfolgung und Willkür zu gewähren. 
Weiter  führen  sie  aus,  der  Beschwerdeführer  2  sei  mehrmals  wegen 
seiner  ethnischen  Zugehörigkeit  zusammengeschlagen  worden  und  die 

E­6609/2011

Seite 7

Beschwerdeführerin  1  sei  oft  von mehreren Männern  verfolgt,  bedrängt 
und sexuell belästigt worden. 

5.3.  In  Übereinstimmung  mit  der  Vorinstanz  gelangt  das 
Bundesverwaltungsgericht  zum  Schluss,  dass  die  Schilderungen  der 
Beschwerdeführenden  betreffend  die  sexuellen  Belästigungen  der 
Beschwerdeführerin  1  als  unglaubhaft  zu  beurteilen  sind.  Die 
Beschwerdeführerin 1 konnte nicht nachvollziehbar darlegen, wie dieser 
Mann  über  eine  so  lange  Zeit  sich  ungehindert  Zugang  zum  Haus 
verschaffe  konnte,  obwohl  sie  offensichtlich  seine  Anwesenheit  nicht 
wünschte. Überdies erscheint es realitätsfremd, dass dieser Mann sie so 
lange besucht und  immer wieder von  ihr abgelassen habe, weil  sie  ihm 
den  sexuellen  Kontakt  nicht  erlaubt  habe  und  sie  nie  respektive  nur 
einmal deswegen die Polizei aufgesucht habe. 

Die  in  der  Rechtsmittelschrift  gemachten  Vorbringen,  wonach  die 
Beschwerdeführerin  1  täglich  belästigt  und  oft  von  mehreren  Männern 
bedrängt worden sei, sind als nachgeschoben zu erachten und stehen im 
Widerspruch zu den erstinstanzlichen Aussagen. 

Im  Weiteren  schliesst  sich  das  Bundesverwaltungsgericht  den 
ausführlichen  Erwägungen  der  Vorinstanz  zur  Situation  der  Minderheit 
der  Roma  in  Serbien  sowie  zur  grundsätzlichen  Schutzfähigkeit  und  ­
willigkeit  des  Staates  vollumfänglich  an.  Unter  Verweis  auf  deren 
Ausführungen in der Verfügung vom 10. November 2011 ergibt sich, dass 
den bei den Anhörungen und auf Beschwerdeebene geltend gemachten 
alltäglichen  Benachteiligungen  und  Diskriminierungen,  selbst  unter 
Berücksichtigung der erschwerten Lebensbedingungen der Roma, keine 
Asylrelevanz  zukommt. 

Aufgrund  dieser  Erwägungen  ist  auf  die  weiteren  Vorbringen  der 
Beschwerdeführenden  –  unter  anderem  betreffend  die  Schikanen  und 
Benachteiligungen  im  täglichen  Leben  und  in  der  Schule  –  nicht  mehr 
näher  einzugehen,  zumal  sie  am  Ausgang  des  Verfahrens  nichts  zu 
ändern vermögen. 

5.4. Zusammenfassend  ist  festzuhalten, dass die Beschwerdeführenden 
die  Voraussetzung  zur  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  nicht 
erfüllen und die Vorinstanz die Asylgesuche zu Recht abgelehnt hat. 

6. 

E­6609/2011

Seite 8

6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht 
ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und 
ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit 
der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).

6.2.  Die  Beschwerdeführenden  verfügen  weder  über  eine 
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf 
Erteilung  einer  solchen.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht 
angeordnet (Art. 44 Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E. 9).

7. 

7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder 
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach 
den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von 
Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes 
vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG, 
SR 142.20]).

Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt 
gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  der  gleiche 
Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft,  das  heisst,  sie  sind 
zu  beweisen,  wenn  der  strikte  Beweis  möglich  ist,  und  andernfalls 
wenigstens  glaubhaft  zu  machen  (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in: 
Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2. Aufl., 
Basel 2009, Rz. 11.148).

7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen 
der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in 
den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art. 83 
Abs. 3 AuG). So darf  keine Person  in  irgendeiner Form zur Ausreise  in 
ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit 
aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet  ist oder in dem sie 
Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden 
(Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom 
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). 
Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen 
Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des 
Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere 
grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe 
(FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom 

E­6609/2011

Seite 9

4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten 
(EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder 
erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.

Die Vorinstanz wies  in  ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf 
hin,  dass  das  Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen  Non­Refoulement  nur 
Personen  schützt,  die  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Da  es  den 
Beschwerdeführenden  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche 
Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5 
AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden 
Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  der  Beschwer­
deführenden  nach  Serbien  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von  Art. 5 
AsylG rechtmässig. 

Sodann  ergeben  sich  weder  aus  den  Aussagen  der  Beschwerdefüh­
renden  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  sie  für  den  Fall 
einer Ausschaffung nach Serbien dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit 
einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder 
Behandlung  ausgesetzt  wären.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen 
Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­
Folterausschusses  müssten  die  Beschwerdeführenden  eine  konkrete 
Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihnen  im 
Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen 
würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom 
28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren 
Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  in  Serbien 
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt klarerweise nicht 
als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der 
Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen 
Bestimmungen zulässig.

7.3.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen 
und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder 
Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg, 
allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind. 
Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von 
Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren.

Angesichts der heutigen Lage in Serbien kann gemäss konstanter Praxis 
nicht  von  einer  Situation  allgemeiner  Gewalt  oder  kriegerischen 
respektive bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen gesprochen werden. Zur 

E­6609/2011

Seite 10

Lage  der  Roma  in  Serbien  hat  sich  das  Bundesverwaltungsgericht  im 
Urteil 
E­4115/2006  vom  18. September  2009  ausführlich  geäussert.  Es  stellte 
unter anderem fest, aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit seien Roma 
generell  unterschiedlichen  Schikanen  und Diskriminierungen  ausgesetzt 
und  ihre  Lage  in  wirtschaftlicher  und  sozialer  Sicht  sei  allgemein 
schwierig  (vgl. BVGE 2009 Nr.  51 E. 5.7.2.). Auch wenn Übergriffe  von 
Privatpersonen  auf  Angehörige  der  Roma  und  teilweise  behördliche 
Schikanen  sowie  Diskriminierungen  nicht  völlig  ausgeschlossen werden 
können, erreichen diese im Allgemeinen nicht ein Ausmass, welches den 
Wegweisungsvollzug  als  unzumutbar  erscheinen  lässt  (vgl.  statt  vieler 
Urteil  des  Bundesverwaltungsgericht  D­5714/2009  vom  13.  November 
2009). 

Die  Beschwerdeführenden  bringen  nichts  Substanziiertes  vor,  weshalb 
für sie der Wegweisungsvollzug nicht zumutbar wäre. Gemäss Akten sind 
die  Beschwerdeführenden  1  und  2  im  erwerbsfähigen  Alter.  Dem 
Beschwerdeführer 2 war es vor der Ausreise möglich, als Arbeiter  in der 
Landwirtschaft  für seine Familie aufzukommen. Es  ist  ihm zumutbar, bei 
einer  Rückkehr  diese  Tätigkeit  wieder  aufzunehmen.  Mit  den  Eltern, 
einem Bruder und zwei Tanten der Beschwerdeführerin 1 und dem Vater, 
den  Geschwistern  und  Grosseltern  des  Beschwerdeführers  2  verfügen 
die Beschwerdeführenden zudem über ein familiäres Beziehungsnetz an 
ihrem letzten Wohnsitz in F._______ und in der näheren Umgebung. 

7.4. Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so 
bildet bei der Zumutbarkeitsprüfung das Kindeswohl einen Gesichtspunkt 
von  gewichtiger  Bedeutung.  Dies  ergibt  sich  nicht  zuletzt  aus  einer 
völkerrechtskonformen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AuG im Lichte von 
Art.  3  Abs.  1  des  Übereinkommens  vom  20. November  1989  über  die 
Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) (vgl. dazu EMARK 2005 Nr. 6 E. 6. 
S.  57  f.).  In  diesem  Zusammenhang  ist  festzuhalten,  dass  unter  dem 
Aspekt  des  Kindeswohls  sämtliche  Umstände  einzubeziehen  und  zu 
würdigen sind, die im Hinblick auf einen Wegweisungsvollzug wesentlich 
erscheinen  (vgl.  EMARK 1998 Nr.  13 E.  5e/aa). Der Persönlichkeit  des 
Kindes  und  seinen  Lebensumständen  ist  umfassend  Rechnung  zu 
tragen. Dabei können bei dieser gesamtheitlichen Beurteilung namentlich 
folgende Kriterien von Bedeutung sein: Alter, Reife, Abhängigkeiten, Art 
(Nähe,  Intensität,  Tragfähigkeit)  seiner  Beziehungen,  Eigenschaften 
seiner  Bezugspersonen  (insbesondere  Unterstützungsbereitschaft  und 
–fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich Entwicklung und Ausbildung, 

E­6609/2011

Seite 11

sowie der Grad der erfolgten Integration bei einem längeren Aufenthalt in 
der  Schweiz. 

 
Die Beschwerdeführenden 3 und 4 sind (…) und (…) Jahr alt. Da sie sich 
jedoch  erst  seit  fünf  Monaten  in  der  Schweiz  aufhalten,  was  nicht  als 
längerer  Aufenthalt  zu  beurteilen  ist,  ist  trotz  ihres  jugendlichen  Alters 
nicht von einer fortgeschrittenen Integration in der Schweiz auszugehen. 

Nach  dem  Gesagten  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  als 
zumutbar.

7.5.  Schliesslich  obliegt  es  den  Beschwerdeführenden,  sich  bei  der 
zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr 
notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG 
und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug 
der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2 
AuG).

7.6. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu 
Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten 
fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83 
Abs. 1 – 4 AuG).

8. 
Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung 
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und 
vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die 
Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen.

9. 
Mit vorliegendem Urteil in der Hauptsache sind die Gesuche um Verzicht 
auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  sowie  um  vorsorgliche 
Anweisung  der  zuständigen  Behörden,  die  Kontaktaufnahme  und 
Datenweitergabe  an  die  heimatlichen  Behörde  zu  unterlassen, 
gegenstandslos  geworden.  Überdies  finden  sich  in  den  Akten  keine 
Hinweise,  wonach  bereits  eine  Kontaktaufnahme  mit  den  heimatlichen 
Behörden erfolgt wäre.

10. 
Die Rechtsbegehren haben sich aufgrund vorstehender Erwägungen als 
aussichtslos erwiesen. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege nach 
Art. 65 Abs. 1 VwVG ist deshalb abzuweisen.

E­6609/2011

Seite 12

11. 
Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  den  Beschwer­
deführenden  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG)  und  auf  insgesamt 
Fr. 600.– festzusetzen (Art. 1 – 3 des Reglements vom 21. Februar 2008 
über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem 
Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 

E­6609/2011

Seite 13

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1. 
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2. 
Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.–  werden  den  Beschwerdeführenden 
auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu 
Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen.

3. 
Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die 
zuständige kantonale Behörde.

Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin:

Regula Schenker Senn Néomie Nicolet

Versand: