# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 8a802018-b448-5682-8207-cdc34236860a
**Source:** Zürich (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 
**Language:** de
**Title:** HG230091-O11
**Docket/Reference:** HG230091-O11
**URL:** https://www.gerichte-zh.ch/fileadmin/user_upload/entscheide/oeffentlich/HG230091-O11.pdf

## Full Text

Handelsgericht des Kantons Zürich

Geschäfts-Nr.: HG230091-O

U/dz

Mitwirkend: Oberrichterin Dr. Claudia Bühler, Präsidentin, Oberrichter Roland 

Schmid, die Handelsrichter Samuel Kistler, Markus Koch und Rudolf 

Dürst sowie Gerichtsschreiber Rade Kokanović 

Beschluss und Urteil vom 12. Februar 2025

in Sachen

A._____,

Kläger

vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. X1._____ und/oder Rechtsanwalt Dr. iur. 

X2._____,

B._____ AG,

Beklagte

gegen

vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Y._____,

betreffend Forderung

  
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Inhaltsverzeichnis

Rechtsbegehren ....................................................................................................3
Sachverhalt und Verfahren ..................................................................................3
A. Sachverhaltsübersicht......................................................................................3
a. Parteien und ihre Stellung ............................................................................3
b. Prozessgegenstand......................................................................................4
B. Prozessgeschichte ...........................................................................................4
Erwägungen...........................................................................................................6
I.  Formelles ...........................................................................................................6
1. Nachklagevorbehalt .........................................................................................6
2. Übrige Prozessvoraussetzungen .....................................................................6
II.  Materielles.........................................................................................................7
1. Unbestrittener Sachverhalt ..............................................................................7
2.
Internationaler Sachverhalt und lex causae.....................................................9
3. Streitpunkte ......................................................................................................9
3.1. Ungültigkeit des Vertrages (§ 142 Abs. 1 BGB) .......................................9
3.1.1. Parteistandpunkte......................................................................................9
3.1.2. Anfechtungserklärung (§ 143 BGB).........................................................11
3.1.3. Irrtum über verkehrswesentliche Eigenschaften als Anfechtungsgrund   
(§ 119 Abs. 2 BGB) ...........................................................................................13
3.1.4. Arglistige Täuschung als Anfechtungsgrund (§ 123 BGB) ......................17
3.1.5. Zwischenfazit...........................................................................................22
3.2. Aufhebung des Vertrages .......................................................................22
3.2.1. Parteistandpunkte....................................................................................22
3.2.2. Vertragliches Rücktrittsrecht (§ 3 KV) .....................................................23
3.2.3. Rücktritt infolge kaufrechtlicher Gewährleistungsregeln (§ 437 Nr. 2 BGB)
...........................................................................................................................29
3.2.4. Störung der Geschäftsgrundlage (§ 313 BGB)........................................29
3.2.5. Zwischenfazit...........................................................................................31
3.3. Rechtsmissbrauch und Verstoss gegen Treu und Glauben (§ 242 BGB)

3.4.

31
Fazit ........................................................................................................32
4. Verzugszins ...................................................................................................32
5. Umrechnungsermächtigung...........................................................................33
III.  Kosten- und Entschädigungsfolgen ...........................................................34
1. Gerichtsgebühr ..............................................................................................34
2. Parteientschädigung und Sicherheitsleitung..................................................34
Dispositiv .............................................................................................................36

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Rechtsbegehren:
(act. 1 S. 2)

"1. Es sei die Beklagte zu verpflichten, dem Kläger (i) EUR 600'000.00 

zuzüglich Zinsen von (a) fünf Prozentpunkte über dem jeweiligen 
deutschen Basiszinssatz (4.12 % und seit 01.01.2023 6.62 %), (b) 
eventuell mindestens von 4 % seit 01.01.2021 sowie (ii) 
EUR 800'000.00 zuzüglich Zinsen von (a) fünf Prozentpunkte über 
dem jeweiligen deutschen Basiszinssatz (4.12 % und seit 
01.01.2023 6.62 %), (b) eventuell mindestens von 4 % seit 
01.01.2022 zu zahlen.

 2. Der Kläger sei mangels Erfüllung des Zahlungsanspruchs in EUR-
Währung berechtigt zu erklären, die zugesprochen Forderung ge-
mäss Ziff. 1.(i) zum Umrechnungskurs vom 01.01.2021 von 1.0816 
und gemäss Ziff. 1.(ii) zum Umrechnungskurs vom 01.01.2022 von 
1.0360 auf dem Betreibungsweg gelten zu machen.

 3. Mehrforderung infolge Währungsverlustes und für weiteren Ver-

zugsschaden vorbehalten.

 4. Unter o/e-Kostenfolge zulasten der Beklagten."

Sachverhalt und Verfahren

A.

a.

Sachverhaltsübersicht

Parteien und ihre Stellung

Der Kläger ist eine natürliche Person mit Wohnsitz in C._____ (D._____, Deutsch-

land).  Er  war  Geschäftsführer  der  E._____  GmbH  (fortan:  "E._____")  mit  Sitz  in 

F._____  (D._____,  Deutschland).  Mit  25,1%  ist  er  Minderheitsgesellschafter  der 

E._____ (act. 1 Rz. 8 und act. 3/7; act. 24 Rz. 15).

Bei der Beklagten (vormals firmierend als G._____ AG) handelt es sich um eine 

Aktiengesellschaft  mit  Sitz  in  H._____.  Ihr  einziges  Verwaltungsratsmitglied  (mit 

Einzelzeichnungsberechtigung)  ist  seit  dem  25.  August  2023  I._____  (fortan: 

"I._____");  zuvor  war  er  Verwaltungsratspräsident  der  Beklagten  (mit  Kollektiv-

zeichnungsberechtigung). Die Beklagte bezweckt insbesondere die Erbringung und 

Vermittlung von Beratungen bei Unternehmenstransaktionen und Finanzierungen 

sowie  von  Strategieberatungen  und  Unternehmensanalysen  in  Deutschland,  Ös-

terreich und der Schweiz (act. 3/4 und act. 3/8+9). Mit 74,9% ist sie Mehrheitsge-

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sellschafterin  der  E._____  (act.  1  Rz.  9  und  act.  3/7;  act.  24  Rz.  13+27  und 

act. 25/29).

b.

Prozessgegenstand

Hintergrund  der  vorliegenden  Auseinandersetzung  ist  der  Kauf  der  klägerischen 

Minderheitsbeteiligung von 25,1% an der E._____ durch die Beklagte. Mit seiner 

Klage verlangt der Kläger den Restbetrag des Kaufpreises von EUR 1.4 Mio zzgl. 

Verzugszins. Demgegenüber verneint die Beklagte den Bestand dieser Forderung 

und beantragt die Abweisung der Klage, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen 

(zzgl. MWST) zu Lasten des Klägers (act. 24 S. 2).

B.

Prozessgeschichte

Am 17. April 2023 (Datum Poststempel) reichte der Kläger die Klage ein (act. 1 und 

act.  3/2–35).  Mit  Verfügung  vom  19.  April  2023  setzte  das  Gericht  ihm  Frist  zur 

Leistung eines Kostenvorschusses von CHF 34'500.– an (act. 4). Nachdem er die-

sen rechtzeitig geleistet hatte (act. 6), setzte das Gericht der Beklagten mit Verfü-

gung vom 16. Mai 2023 Frist zur Klageantwort an (act. 7). Die Beklagte erstattete 

mit  Eingabe  vom  18.  August  2023  (Datum  Poststempel;  act. 9)  fristgerecht  eine 

beschränkte Klageantwort und beantragte die  Beschränkung des Verfahrens auf 

die Frage der Prozessvoraussetzungen unter Nichteintretensfolge. Gleichzeitig er-

suchte sie um einstweilige Abnahme der Frist zur Klageantwort und um Sicherstel-

lung der Parteientschädigung. Mit Verfügung vom 28. August 2023 setzte das Ge-

richt dem Kläger Frist an, um sich dazu zu äussern, und wies die Beklagte darauf 

hin, dass infolge bereits abgelaufener Frist zur Erstattung der Klageantwort keine 

Abnahme derselben zu erfolgen habe (act. 15). In der Folge liess sich der Kläger 

mit Eingabe vom 19. September 2023 (Datum Poststempel) innert Frist vernehmen 

(act. 17). Das Gericht stellte diese Eingabe der Beklagten zur Kenntnisnahme zu 

(Prot. S. 6), welche sich dazu nicht mehr äusserte. Mit Beschluss vom 24. Oktober 

2023 wies das Gericht den Nichteintretensantrag der Beklagten ab und setzte dem 

Kläger Frist zur Leistung einer Sicherheit für die Parteientschädigung der Beklagten 

von CHF 47'000.– an (act. 18). Nachdem der Kläger diese rechtzeitig geleistet hatte 

(act. 20), setzte das Gericht der Beklagten mit Verfügung vom 7. November 2023 

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eine Nachfrist im Sinne von Art. 223 Abs. 1 ZPO zur (vollständigen) Klageantwort 

an (act. 22), welche sie am 28. November 2023 (Datum Poststempel) fristgerecht 

erstattete (act. 24 und act. 25/29–69). In der Folge wurde die Verfahrensleitung mit 

Verfügung vom 30. November 2023 an Oberrichter Roland Schmid als Instruktions-

richter delegiert (act. 26). Die am 21. März 2024 durchgeführte Vergleichsverhand-

lung  (act.  28)  und  die  anschliessenden  aussergerichtlichen  Vergleichsgespräche 

führten zu keiner Einigung (Prot. S. 11 und act. 29). Infolgedessen ordnete das Ge-

richt  mit  Verfügung  vom  22.  April  2024  einen  zweiten  Schriftenwechsel  an  und 

setzte  dem  Kläger  Frist  an,  um  einen  zusätzlichen  Kostenvorschuss  von 

CHF 10'000.– zu leisten (act. 31). Der Kläger leistete diesen rechtzeitig (act. 33), 

und im Rahmen des zweiten Schriftenwechsels ergingen fristgerecht am 28. Mai 

2024 (Datum Poststempel) die Replik (act. 35 und act. 36/36–68) sowie am 1. Juli 

2024 (Datum Poststempel) die Duplik (act. 39 und act. 40/70–87). Letztere stellte 

das Gericht dem Kläger mit Verfügung vom 8. Juli 2024 (act. 44) zu, welcher mit 

Eingabe vom 5. August 2024 (Datum Eingang) dazu Stellung nahm (act. 44 und 

act.  45/69–78).  Seine  Stellungnahme  stellte  das  Gericht  der  Beklagten  zu  (Prot. 

S. 17), welche sich mit elektronischer Eingabe vom 23. August 2024 dazu verneh-

men  liess  (act.  48).  Diese  Eingabe  stellte  das  Gericht  dem  Kläger  wiederum  zu 

(Prot. S. 17). Weitere Äusserungen erfolgten nicht mehr.

Mit Verfügung vom 6. Januar 2025 wurde den Parteien Gelegenheit eingeräumt, 

auf die Durchführung einer Hauptverhandlung zu verzichten (act. 51). Mit Eingabe 

vom 17. Januar 2025 verzichtete der Kläger auf die Durchführung einer Hauptver-

handlung  (act.  53);  die  Beklagte  verzichtete  stillschweigend  darauf  (vgl.  act.  51 

Disp.-Ziff. 1 in fine). Das Verfahren erweist sich als spruchreif, weshalb ein Urteil 

zu fällen ist (Art. 236 Abs. 1 ZPO).

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Erwägungen

I.  Formelles

1.

Nachklagevorbehalt

1.1. Mit  Rechtsbegehren  Ziff.  3  verlangt  der  Kläger  sinngemäss,  es  sei  vom 

Nachklagevorbehalt bezüglich einer Mehrforderung infolge Währungsverlustes und 

für weiteren Verzugsschaden Vormerk zu nehmen (act. 1 S. 2).

1.2. Wie weit die Rechtskraft eines Urteils zwischen denselben Parteien reicht, 

hängt von den gestellten Rechtsbegehren sowie vom Lebenssachverhalt ab, auf 

den  sich  diese  stützen  (STAEHELIN/STAEHELIN/GROLIMUND,  Zivilprozessrecht, 

3. Aufl., § 24 Rz. 16 ff.). Nicht ausschlaggebend ist insofern, ob ausserhalb dieses 

Streitgegenstands liegende Umstände im Erstprozess gerichtlich "anerkannt" oder 

vom Gericht auch nur zur Kenntnis genommen worden sind. Zur Klarstellung – ins-

besondere  dass  hinsichtlich  des  nicht  eingeklagten  Teils  kein  impliziter  Verzicht 

vorliegt – kann es für einen Kläger zwar ratsam sein, in seinen Rechtsschriften mit-

tels eines Nachklagevorbehalts darauf hinzuweisen. Nimmt das Gericht von einem 

solchen indes nicht förmlich Vormerk, entsteht der klagenden Partei dadurch weder 

in diesem noch in einem allfälligen späteren Prozess ein Nachteil. Entsprechend 

fehlt es dem Kläger an einem schutzwürdigen Interesse, die Vormerknahme vom 

Gericht zu verlangen (Art. 59 Abs. 2 lit. a ZPO; BGer 4A_427/2017 vom 22. Januar 

2018,  E. 1.2;  4A_113/2017  vom  6. September  2017,  E.  1.2;  4A_401/2011  vom 

18. Januar  2012,  E.  4).  Folglich  ist  auf  Rechtsbegehren  Ziff.  3  mangels  Rechts-

schutzinteresses von Amtes wegen nicht einzutreten (Art. 59 Abs. 1 e contrario und 

Art. 60 ZPO).

2.

Übrige Prozessvoraussetzungen

Die  internationale,  örtliche  und  sachliche  Zuständigkeit  des  Handelsgerichts  des 

Kantons Zürich sowie das klägerische Rechtsschutzinteresse sind – wie bereits im 

Beschluss vom 24. Oktober 2023 rechtskräftig festgestellt worden ist – ansonsten 

gegeben (vgl. act. 18). Die übrigen Prozessvoraussetzungen geben zu keinen Be-

merkungen Anlass; auf die Klage ist mithin entsprechend einzutreten.

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II.  Materielles

1.

Unbestrittener Sachverhalt

1.1. Die E._____ wurde im Jahre 1978 durch J._____, K._____ und den Kläger, 

als Gesellschafter mit einer Stammkapitalbeteiligung von je EUR 50'000.–, insge-

samt  mithin  EUR  150'000.–,  gegründet.  Der  Kläger  war  Geschäftsführer  der 

E._____; Gegenstand des Unternehmens war die Konstruktion, die Herstellung und 

der Vertrieb von Apparaten, insbesondere von … (act. 1 Rz. 8 und act. 24 Rz. 15).

1.2. Am 31. Mai 2019 kaufte die Beklagte zunächst die beiden Geschäftsanteile 

von  K._____  und  J._____  (act.  3/11)  und  erhielt  dadurch  eine  Beteiligung  von 

74,9%  an  der  E._____.  Im  Rahmen  dieses  Kaufs  führte  sie  eine  Due  Diligence 

(Unternehmensprüfung) durch (act. 1 Rz. 15). Im Hinblick auf die vollständige Über-

nahme der E._____ schloss die Beklagte mit dem Kläger am 30. Oktober 2019 vor 

dem  deutschen  Notar  L._____  mit  Amtssitz  in  F._____  (Deutschland)  einen  Ge-

schäftsanteils-Kauf-  und  Übertragungsvertrag  (Urkundenrolle  UR  3368/2019  [ZU 

5192/2019], nachstehend: "Kaufvertrag" oder "KV") über die Beteiligung des Klä-

gers von 25,1% ab (act. 3/2). Die genannten Käufe bildeten Eckpfeiler des auf ei-

nem separaten Investment Agreement vom 30. Oktober 2019 (act. 3/3) basieren-

den gesamten Investments der Beklagten im Zusammenhang mit der Übernahme 

der E._____. Dieses Investment Agreement wurde zwischen dem Kläger, der Be-

klagten,  der  E._____  und  der  M._____  Limited  (fortan:  "M._____")  geschlossen 

(act. 1 Rz. 2 und act. 24 Rz. 16 ff.). 

1.3. Mit  dem  Kaufvertrag  hat  der  Kläger  seinen  Geschäftsanteil  mit  laufender 

Nr. 1 im Nennbetrag von EUR 50'000.– und seinen zukünftigen Geschäftsanteil mit 

laufender Nr. 4 im Nennbetrag von EUR 218'000.– an die Beklagte zum Preis von 

insgesamt EUR 1.8 Mio. verkauft (act. 3/2 § 2 Ziff. 1–3). Er blieb weiterhin als Leiter 

der Technischen Produktentwicklung der E._____ tätig. Der Kaufpreis war fällig in 

drei Raten (act. 24 Rz. 27), nämlich (i) eine erste Rate von EUR 400'000.– nach 

Durchführung  der  Transaktion  und  der  Kapitalerhöhung  der  E._____;  (ii)  eine 

zweite Rate von EUR 600'000.– per 31. Dezember 2020 und (iii) eine dritte und 

letzte Rate von EUR 800'000.– per 31. Dezember 2021 (act. 3/2 § 2 Ziff. 5). Die 

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Kapitalerhöhung der E._____, aus welcher der zukünftige Geschäftsanteil des Klä-

gers  mit  der  laufenden  Nr.  4  stammt,  wurde  unter  Mitwirkung  der  Beklagten  am 

30. Oktober 2019 beschlossen und am tt.mm.2020 unter Aktualisierung der Gesell-

schafterliste im Handelsregister eingetragen (act. 3/6+7).

1.4. Die Beklagte hat die erste Kaufpreisrate von EUR 400'000.– am 20. Dezem-

ber 2019 bezahlt (act. 1 Rz. 19 f. und act. 24 Rz. 22; act. 25/37). Noch vor Fälligkeit 

der  beiden  weiteren  Kaufpreisraten  von  EUR 600'000.–  per  31. Dezember  2020 

(zweite Rate) und EUR 800'000.– per 31. Dezember 2021 (dritte Rate) erklärte die 

Beklagte mit Schreiben vom 25. September 2020 (act. 3/23 = act. 25/45) an den 

vorstehend genannten Notar unter Bezugnahme auf § 3 KV per sofort ihren Rück-

tritt vom Kaufvertrag (act. 1 Rz. 23 f.). In der Folge bestätigte dieser den Empfang 

des Rücktrittsschreibens am 29. September 2020 (act. 24 Rz. 33 und act. 25/46).

1.5. Das Amtsgerichts F._____ eröffnete mit Beschluss vom 1. Februar 2021 das 

Insolvenzverfahren über das Vermögen der E._____, was am tt.mm.2021 von Am-

tes wegen im Handelsregister eingetragen wurde (act. 3/6 S. 2 Z. 8/Sp. 6; act. 1 

Rz. 27). Ob und allenfalls in welcher Höhe daraus eine Konkursdividende resultie-

ren wird, ist unklar. Die Beklagte als 3. Klasse-Gläubigerin erwartet jedenfalls keine 

Konkursdividende (act. 24 Rz. 15).

1.6. Gemäss § 2 Ziff. 4 des Kaufvertrages war die Übertragung des klägerischen 

Geschäftsanteils an die Beklagte per 15. Dezember 2019 unter den (aufschieben-

den) Bedingungen vorgesehen, dass (i) der Kaufpreis vollständig bezahlt wird; (ii) 

der Kläger aus der Bürgschaft von EUR 400'000.– gegenüber der Sparkasse ent-

lassen wird; und (iii) die Kapitalerhöhung von EUR 700'000.– im Handelsregister 

eingetragen wird. Weil einzig letztere Bedingung eingetreten ist und mit Eröffnung 

des Insolvenzverfahrens die Bürgschaftsentlassung obsolet geworden ist, ist der 

Kläger Eigentümer der Geschäftsanteile von 25,1% der E._____ geblieben (act. 24 

Rz. 28 f.).

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2.

Internationaler Sachverhalt und lex causae

Aufgrund des klägerischen Wohnsitzes in Deutschland liegt in casu ein internatio-

naler Sachverhalt i.S.v. Art. 1 Abs. 1 Ingress IPRG vor. Staatsverträge sind keine 

einschlägig (vgl. Art. 1 Abs. 2 IPRG); insbesondere sind mangels Körperlichkeit des 

Kaufobjekts  (vgl.  E.  3.1.3.1)  weder  das  Übereinkommen  der  Vereinten  Nationen 

vom  11. April  1980  über  Verträge  über  den  internationalen  Warenkauf  („Wiener 

Kaufrecht“; SR 0.221.211.1) noch das Haager Übereinkommen betreffend das auf 

internationale  Kaufverträge  über  bewegliche  körperliche  Sachen  anzuwendende 

Recht (SR 0.221.211.4) anwendbar. Folglich untersteht die Vertragsbeziehung zwi-

schen  den  Parteien  in  Anwendung  der  kollisionsrechtlichen  Norm  von  Art. 116 

Abs. 1 IPRG deutschem Recht (s.a. act. 1 Rz. 1 und act. 24 Rz. 11).

3.

Streitpunkte

Die  Beklagte  bestreitet  den  Bestand  der  eingeklagten  Forderung  und  beruft  sich 

dabei im Hauptstandpunkt auf die Ungültigkeit des Kaufvertrages infolge Anfech-

tung wegen verkehrswesentlichen Eigenschaftsirrtums (§ 119 Abs. 2 i.V.m. § 142 

Abs. 1 BGB) und arglistiger Täuschung durch den Kläger (§ 123 i.V.m. § 142 Abs. 1 

BGB). Eventualiter macht sie die Aufhebung des Kaufvertrages infolge des vertrag-

lichen (§ 3 KV) und kaufgewährleistungsrechtlichen (§ 437 Nr. 2 BGB) Rücktritts-

rechts  geltend;  ferner  sind  Ansprüche  wegen  Störung  der  Geschäftsgrundlage 

(§ 313 BGB) zu prüfen. Schliesslich erweise sich die Geltendmachung der Kauf-

preisforderung nach Auffassung der Beklagten als rechtsmissbräuchlich und ver-

stosse gegen Treu und Glauben (§ 242 BGB; zum Ganzen act. 24 Rz. 9 und 117–

147). 

3.1. Ungültigkeit des Vertrages (§ 142 Abs. 1 BGB)

3.1.1. Parteistandpunkte

3.1.1.1. Die Beklagte behauptet, der Kläger habe sie in arglistiger Weise über ver-

tragswesentliche Informationen getäuscht und sie so in einen Irrtum versetzt, indem 

er unvollständige Unterlagen verwendet, ihr relevante Dokumente und Informatio-

nen  vorenthalten  sowie  mündliche  Zusicherungen  und  Versprechen  abgegeben 

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habe.  Dabei  habe  er  das  Vertrauensverhältnis  zwischen  I._____  und  ihm  sowie 

seine Stellung als Geschäftsführer der E._____ (mit dem damit verbundenen Zu-

gang zu den relevanten Unterlagen) ausgenutzt. Konkret habe der Kläger vor Ver-

tragsschluss wider besseren Wissens behauptet, dass:

- die Entwicklung der neuen Generation der Bestückungsmaschinen bereits zu 90% 

abgeschlossen sei und ab dem Jahr 2020 angeboten werden könne;

- die N._____ Systeme und andere Produkte der E._____ fehlerfrei und einsatzbe-

reit  seien,  was  zu  verfrühten  Auslieferungen  und  in  der  Folge  zu  umfangreichen 

Nachbesserungsarbeiten bei der Kundschaft geführt habe;

- die Entwicklung der O._____ Systeme beinahe fertig sei;

- die Auftragslage vielversprechend sei und der Realisierbarkeit der Projektpipeline 

nichts im Wege stehe;

- die finanzielle Situation der E._____ zwar angeschlagen, nicht aber aussichtslos 

sei;

- die Debitorenforderung gegenüber der P._____ Inc. (fortan: "P._____") eine wert-

haltige Sicherheit für das Darlehen von der M._____ an die E._____ sei;

- der Kläger seine Geschäftsanteile vollständig liberiert habe; und

- ihm bzw. der E._____ an der Entwicklung der Q._____-Maschinen die IP-Rechte 

zuständen (zum Ganzen act. 24 Rz. 120 f. und 127 f.).

Ab November 2019 sei es I._____ in seiner Eigenschaft als Co-Geschäftsführer der 

E._____ möglich gewesen, sich für die Beklagte ein Bild von der E._____ zu ma-

chen. Dabei habe er Anfang des Jahres 2020 erkannt, dass sich die seitens des 

Klägers gemachten Zusicherungen und Darstellungen als falsch herausgestellt hät-

ten. Als der Mangel in seinem gesamten Umfang erkennbar geworden sei, habe 

die Beklagte den Vertrag mit E-Mail vom 26./27. Februar 2020 von I._____ an den 

Kläger  (act.  25/44)  und  mit  Schreiben  der  Rechtsvertreterin  der  Beklagten  vom 

4. März 2020 an den (deutschen) Rechtsvertreter des Klägers (act. 11/27) ange-

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fochten. Darin habe sie gerügt, dass sie vom Kläger über vertragswesentliche Vor-

aussetzungen in einen Irrtum versetzt bzw. getäuscht worden sei. Vor diesem Hin-

tergrund sei der Kaufvertrag infolge Eigenschaftsirrtums (§ 119 Abs. 2 BGB) sowie 

arglistiger  Täuschung  (§  123  BGB)  ungültig,  weshalb  die  eingeklagte  Restkauf-

preisforderung nicht geschuldet sei (act. 24 Rz. 16 ff., 98, 123 f. und 130).

3.1.1.2. Der Kläger entgegnet dem, weder habe sich die Beklagte in einem Irrtum 

befunden  noch  habe  er  sie  getäuscht.  Vielmehr  habe  er  die  Beklagte  stets  über 

sämtliche Entwicklungen der E._____ objektiv und transparent informiert. Er habe 

ihr die von ihr verlangten und verfügbaren Unterlagen zur Verfügung gestellt und 

ihr dabei keine bewertungsrelevanten Informationen vorenthalten. Ferner habe die 

Beklagte den Vertrag nie angefochten, sondern sei stets von der Gültigkeit des Ver-

trages ausgegangen. Insbesondere in ihrer Rücktrittserklärung vom 25. September 

2020 habe sie sich vorbehaltslos auf § 3 KV berufen, womit sie das Rechtsgeschäft 

bestätigt habe, sodass es gemäss § 144 Abs. 1 BGB definitiv wirksam geworden 

sei (act. 35 Rz. 8 ff., 15 ff., 32 und 66b; act. 44 Rz. 22).

3.1.2. Anfechtungserklärung (§ 143 BGB)

3.1.2.1. Die Anfechtung erfolgt durch Erklärung gegenüber dem Anfechtungsgeg-

ner; bei einem Vertrag ist dies der andere Teil (§ 143 Abs. 1 und Abs. 2 BGB). Bei 

der Anfechtungserklärung handelt es sich um ein einseitiges Gestaltungsrecht, mit-

hin  um  eine  formfreie  und  empfangsbedürftige  Willenserklärung.  Diese  muss  er-

kennen  lassen,  dass  die  Partei  das  Geschäft  wegen  eines  Willensmangels  nicht 

gelten lassen will. Indes brauchen weder das Wort "anfechten" oder Ähnliches noch 

der rechtliche Grund genannt zu werden. Erforderlich ist aber, dass für den Gegner 

erkennbar ist, auf welchen tatsächlichen Grund sich die Anfechtung stützt. Die An-

fechtung wegen arglistiger Täuschung kann jene wegen Irrtums mitumfassen und 

umgekehrt. Eine sich auf Umstände nach Vertragsschluss stützende Rücktrittser-

klärung kann weder als Anfechtungserklärung noch als Bestätigung des anfechtba-

ren Rechtsgeschäfts i.S.v. § 144 Abs. 1 BGB aufgefasst werden (zum Ganzen EL-

LENBERGER in: Grüneberg Kommentar BGB, 82. Aufl. [nachstehend: "GK BGB-BE-

ARBEITER/IN"], § 143 N 1–3; BGH 110, 222, NJW 58, 177). Die Irrtumsanfechtung 

hat ohne schuldhaftes Zögern und unverzüglich nach Kenntnisnahme des Grundes 

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zu erfolgen (§ 121 Abs. 1 BGB). Die Täuschungsanfechtung hat binnen Jahresfrist 

zu  erfolgen  (§  124  Abs.  1  BGB),  die  mit  dem  Zeitpunkt  beginnt,  in  welchem  der 

Anfechtungsberechtigte die Täuschung entdeckt, wobei auf den Lauf der Frist die 

für die Verjährung geltenden Vorschriften der §§ 206, 210 und 211 BGB entspre-

chende  Anwendung  finden  (§ 124  Abs.  2  BGB).  Unabhängig  von  der  Kenntnis-

nahme bzw. Entdeckung ist die Anfechtung in beiden Fällen ausgeschlossen, wenn 

seit der Abgabe der Willenserklärung zehn Jahre verstrichen sind (§§ 121 Abs. 2 

und 124 Abs. 3 BGB). Die Frist wird nur gewahrt, wenn die Anfechtungserklärung 

dem Gegner vor Fristablauf zugeht (GK BGB-ELLENBERGER, § 124 N 4).

3.1.2.2. Wie vorstehend erwähnt, ist für den Bestand einer Anfechtungserklärung 

elementar, dass die Erklärende den Anfechtungsgegner erkennen lässt, dass sie 

den Vertrag nicht mehr gelten lassen will. In der als Anfechtungserklärung aufge-

führten  E-Mail-Korrespondenz  vom  26./27.  Februar  2020  zwischen  I._____  und 

dem Kläger (act. 25/44 S. 1–3) erfolgt zwar ein Schlagabtausch. Darin äussert sich 

I._____ allerdings nicht ansatzweise dahingehend, dass die Beklagte den Vertrag 

nicht mehr gelten lassen wolle. Im Gegenteil: Auf die abschliessende Aussage des 

Klägers "Ich hoffe wir bekommen nächste Woche den Notfallplan in Griff." antwor-

tete I._____ "Ja das hoffe ich auch. Wir werden aber nicht um eine Nachfinanzie-

rung rumkommen welche für alle Parteien sehr schwierig werden wird." (act. 25/44 

S.  3).  Indem  I._____  den  Kläger  darin  bestärkte,  den  Notfallplan  in  den  Griff  zu 

bekommen, und eine Nachfinanzierung in Erwägung zog, liess er ihn vielmehr er-

kennen,  dass  die  Beklagte  weiterhin  am  Vertrag  festhalten  wollte.  Eine  Anfech-

tungserklärung liegt in der E-Mail-Korrespondenz folglich nicht vor.

3.1.2.3. Im ebenfalls als Anfechtungserklärung angerufenen Schreiben der Rechts-

vertreterin der Beklagten vom 4. März 2020 wird sodann u.a. eine Täuschung vor 

Vertragsschluss moniert. Die Beklagte brachte damit zwar einen im Gesetz vorge-

sehenen Anfechtungsgrund vor, gab dabei aber nicht klar zu erkennen, dass sie 

den Vertrag nicht mehr gelten lassen wolle. Vielmehr forderte sie eine Neuverhand-

lung bzw. Anpassung des Vertrages und schlug dem Kläger vor, eine Standortbe-

stimmung vorzunehmen, um das weitere Vorgehen zu besprechen (act. 11/27). Da 

eine  Vertragsänderung  den  ursprünglichen  Vertrag  fortbestehen  lässt  (GK  BGB-

- 13 -

GRÜNEBERG, § 311 N 3), kann auch im Schreiben vom 4. März 2020 keine Anfech-

tungserklärung der Beklagten erblickt werden.

3.1.2.4. Wie erwähnt taugt eine Rücktrittserklärung nicht als Anfechtungserklärung, 

so dass das Schreiben vom 25. September 2020 (act. 3/23) in diesem Zusammen-

hang ebenso ausscheidet. Somit kommt nur noch die Zustellung der Klageantwort 

(act. 24)  an  den  Kläger  als  Anfechtungserklärung  infrage,  welche  indes  erst  am 

6. Dezember  2023  erfolgte  (act. 27/1),  mithin  –  ausgehend  von  einer  Kenntnis-

nahme des Anfechtungsgrundes spätestens am 4. März 2020 – nach Ablauf der 

von Amtes wegen zu beachtenden Ausschlussfristen gemäss §§ 121 und 124 BGB. 

Demnach ist festzuhalten, dass seitens der Beklagten keine fristgerechte Anfech-

tungserklärung  vorliegt.  Doch  selbst  wenn  man  von  einer  solchen  ausginge,  än-

derte dies nichts am Ergebnis, wie nachstehend zu zeigen sein wird. 

3.1.3. Irrtum über verkehrswesentliche Eigenschaften als Anfechtungsgrund 

 (§ 119 Abs. 2 BGB)

3.1.3.1. Bei dem zwischen den Parteien geschlossenen Kaufvertrag handelt es sich 

um einen sog. Share Deal, d.h. um eine Übertragung von Gesellschaftsanteilen. 

Dieser ist als Rechtskauf i.S.v. § 453 Abs. 1 Alt. 1 BGB zu qualifizieren. Das BGB 

enthält für solche Transaktionen keine spezifischen Regeln. Im Fall von Mängeln 

des von der Zielgesellschaft betriebenen Unternehmens sind die Sachgewährleis-

tungsrechte der §§ 434 ff. BGB nur anzuwenden, wenn Gegenstand des Kaufver-

trages  der  Erwerb  (nahezu)  sämtlicher  Anteile  ist.  Diese  Voraussetzung  ist  nicht 

bereits dann erfüllt, wenn eine Käuferin – wie hier die Beklagte, die bereits 74,9% 

der  Geschäftsanteile  hält  –  weitere  25,1%  der  Geschäftsanteile  eines  Unterneh-

mens hinzukauft. Denn Kaufgegenstand bilden bei einem solchen Vertrag allein die 

betreffenden Gesellschaftsanteile; an dem von der Gesellschaft betriebenen Unter-

nehmen und den von diesem gehaltenen Sachwerten erwirbt ein Anteilskäufer mit-

hin kein unmittelbares Recht, sondern kann vielmehr nur mittelbar im Rahmen der 

ihm durch Gesetz und Satzung eingeräumten Befugnisse als Gesellschafter Ein-

fluss nehmen. Insoweit handelt es sich nicht um einen sachbezogenen Unterneh-

menskauf, sondern um einen rechtsbezogenen Anteilskauf (BGH VIII ZR 187/17 

vom  26.  September  2018,  E. 8,  13  und  22).  Anteilskaufverträge  enthalten  in  der 

- 14 -

Praxis deshalb häufig ein weitergehendes Gewährleistungsrecht mit Garantien. Zu-

dem ist die vorgängige Vornahme einer Due Diligence kardinal, da den Verkäufer 

nur eine Gewährleistung für den Bestand des Rechts (Verität) trifft, nicht aber für 

die Einbringlichkeit der Forderung (Bonität) und dementsprechend ebenso wenig 

für die Güte des Unternehmens, auf welche sich das Recht bezieht. Eine solche 

Bonitätshaftung besteht vielmehr nur und insoweit, als die Parteien besondere Ga-

rantieabreden getroffen haben. Schliesslich vermag eine Insolvenzreife der Zielge-

sellschaft auch keinen Rechtsmangel der erworbenen Geschäftsanteile selbst zu 

begründen,  zumal  die  geschuldete  Rechtsinhaberschaft  auch  bei  einer  solchen 

mangelfrei übertragen wird (zum Ganzen BGH VIII ZR 187/17 vom 26. September 

2018, E. 19, 32, 37 f. und 41 f.; vgl. WÄCHTER, M&A-Litigation, 2. Aufl., Rz. 754 ff.).

3.1.3.2. Wer bei der Abgabe einer Willenserklärung über deren Inhalt im Irrtum war 

oder eine Erklärung dieses Inhalts überhaupt nicht abgeben wollte, kann die Erklä-

rung sodann anfechten, wenn anzunehmen ist, dass er sie bei Kenntnis der Sach-

lage  und  bei  verständiger  Würdigung  des  Falles  nicht  abgegeben  hätte  (§ 119 

Abs. 1 BGB). Als Irrtum über den Inhalt der Erklärung gilt auch der Irrtum über sol-

che Eigenschaften der Person oder der Sache, die im Verkehr als wesentlich an-

gesehen werden (§ 119 Abs. 2 BGB). Beim Irrtum i.S.v. § 119 Abs. 2 BGB irrt sich 

der Erklärende über die verkehrswesentlichen Eigenschaften des Geschäftsgegen-

standes. Eigenschaften einer (körperlichen oder nicht körperlichen) Sache sind in 

erster  Linie  die  auf  ihrer  natürlichen  Beschaffenheit  beruhenden  Merkmale  (GK 

BGB-ELLENBERGER, § 119 N 23–27). Im internationalen Verhältnis bestimmt sich 

die  Beweislastverteilung  nach  der  lex  causae  (STAEHELIN/STAEHELIN/GROLIMUND, 

Zivilprozessrecht, 3. Aufl., § 18 Rz. 151), vorliegend somit nach deutschem Recht. 

Demnach trägt die Anfechtende für alle Voraussetzungen des Anfechtungsrechts 

die Beweislast (GK BGB-ELLENBERGER, § 119 N 32).

3.1.3.3. Sind Ansprüche aus der Sachmängelgewährleistung inhaltlich beschränkt, 

so gilt diese Beschränkung auch für die Geltendmachung von Irrtümern über Ei-

genschaften  einer  Sache,  da  der  angerufene  Willensmangel  diesfalls  auf  einem 

Sachmangel basiert (SCHENKER, Unternehmenskauf, S. 443 f m.w.Verw.; s.a. GK 

BGB-ELLENBERGER,  § 119  N  28).  Mit  anderen  Worten  definiert  der  Umfang  der 

- 15 -

Sachmängelhaftung  gleichzeitig,  was  als  verkehrswesentliche  Eigenschaft  einer 

Sache i.S.v. § 119 Abs. 2 BGB qualifiziert. Wie vorne ausgeführt, greift eine Sach-

mängelgewährleistung bei einem Hinzuerwerb von Geschäftsanteilen nur insoweit, 

als  die  Parteien  besondere  Garantieabreden  getroffen  haben.  Im  vorliegenden 

Kaufvertrag liegt eine solche vor und lautet wie folgt (act. 3/2 S. 5 f.):

"§ 7
Garantien

Der Verkäufer sichert der Käuferin gegenüber in Form eines selbständigen Garantiever-

sprechens zu, dass die folgenden Erklärungen zum Stichtag zutreffend sind:

a) Der Geschäftsanteil ist frei von Rechten und Ansprüchen Dritter, gleich welcher Art. 

Der Verkäufer ist berechtigt, über den Geschäftsanteil ohne Einschränkung zu verfü-

gen.

b) Die  Leistungen  auf  die  Stammeinlage  in  Höhe  von  50.000,00  €  sind  in  voller  Höhe 

erbracht. Rückzahlungen auf die Stammeinlage sind nicht - auch nicht verdeckt - vor-

genommen worden.

Die Käuferin hat im Rahmen des Erwerbs der Geschäftsanteile J._____ und K._____ die 

Due Diligence in rechtlicher, steuerlicher und betriebswirtschaftlicher Verhältnisse abge-

schlossen  und  bestätigt,  dass  sich  keine  Anhaltspunkte  für  die  Begründung  des  in  den 

Verträgen vereinbarten Rücktrittsrechts ergeben haben.

Eine  weitere  Haftung  des  Verkäufers  wird  ausgeschlossen,  ausgenommen  hiervon  sind 

arglistig verschwiegene Mängel."

Zudem enthält Ziff. 4 des Investment Agreements vom 30. Oktober 2019 Zusiche-

rungen bzw. Garantieversprechen des Klägers, wobei vorliegend lediglich lit. e von 

Interesse ist, welche wie folgt lautet (act. 3/3 S. 7):

- 16 -

"4. Representations and Warranties

"4. Zusicherungen und Garantien

The Existing Shareholder hereby repres-

Der bestehende Anteilseigner sichert dem 

ents and warrants to the Investor that:

Investor hiermit erneut zu und garantiert, 

(e) He is prepared to work for the Com-

dass:

pany in order to implement the growth 

(e) Er ist bereit, für die Gesellschaft zu ar-

strategy defined by the Investor (accor-

beiten, um die vom Investor definierte 

ding to the Investment Report, dated 

Wachstumsstrategie umzusetzen (ge-

28.08.2019, (see Appendix 2)."

mäss Investitionsbericht vom 28.08.2019, 

siehe Anhang 2)."

3.1.3.4. Garantieabreden wurden somit einzig hinsichtlich des Fehlens von Rechts-

mängeln  (§  7  lit.  a  KV),  der  vollständigen  Einzahlung  der  Stammeinlage  von 

EUR 50'000.– (§ 7 lit. b KV) sowie der Bereitschaft, weiterhin für die E._____ zu 

arbeiten, um die Wachstumsstrategie umzusetzen (Ziff. 4 lit. e Investment Agree-

ment),  geschlossen.  Von  den  dem  Kläger  in  Täuschungsabsicht  vorgeworfenen 

Behauptungen – mithin der (Weiter-)Entwicklung der Bestückungsmaschinen und 

N._____/O._____ Systeme, der Auftragslage, der Finanzlage der E._____, der De-

bitorenforderung  P._____,  der  vollständigen  Liberierung  der  klägerischen  Ge-

schäftsanteile und der IP-Rechte an der Entwicklung der Q._____-Maschinen – be-

steht somit einzig hinsichtlich der Frage der Liberierung eine Garantie. Dass der 

Kläger die Leistungen auf der Stammeinlage von EUR 50'000.– in voller Höhe er-

bracht hat, hat er durch die eingereichten Gutschriftenanzeigen der Sparkasse vom 

21. Juli  2010  über  EUR 12'500.–  und  vom  2. August  2010  über  EUR  37'500.– 

(act. 36/55) nachgewiesen (und dass keine Rückzahlungen vorgenommen worden 

sind, ist unstrittig). Betreffend die übrigen von der Beklagten vorgebrachten kläge-

rischen Behauptungen liegen demgegenüber keine Garantieabreden vor. Wenn es 

sich dabei um verkehrswesentliche Eigenschaften handelte, wäre zu erwarten ge-

wesen, dass diese Eingang in den schriftlichen Vertrag gefunden hätten und dort 

unter "§ 7 Garantien" aufgeführt worden wären, was allerdings unterblieben ist. Vor 

diesem  Hintergrund  scheidet  eine  Anfechtung  infolge  Eigenschaftsirrtums  (§ 119 

- 17 -

Abs. 2 BGB) mangels Verkehrswesentlichkeit aus. Ohnehin haben die Parteien im 

letzten  Absatz  von  §  7  KV  eine  über  arglistig  verschwiegene  Mängel  hinausge-

hende Verantwortlichkeit des Verkäufers (siehe dazu sogleich) ausgeschlossen.

3.1.4. Arglistige Täuschung als Anfechtungsgrund (§ 123 BGB)

3.1.4.1. Gemäss  §  123  Abs.  1  BGB  kann  der  Erklärende  seine  Willenserklärung 

anfechten, wenn er zu ihrer Abgabe durch arglistige Täuschung des anderen Ver-

tragsteils bestimmt worden ist. Dabei wird eine Täuschungshandlung zum Zweck 

der  Erregung  oder  Aufrechterhaltung  eines  Irrtums  vorausgesetzt,  wie  z.B.  über 

den Zustand eines Unternehmens. Die Täuschungshandlung kann (i) durch Vor-

spiegelung bzw. Entstellung von Tatsachen und/oder (ii) durch Verschweigen von 

Tatsachen geschehen. Letzteres stellt dann eine Täuschung dar, wenn hinsichtlich 

der verschwiegenen Tatsachen eine Aufklärungspflicht besteht. Diese ergibt sich 

aus § 242 BGB und verpflichtet den einen Teil, den anderen Teil unaufgefordert 

über entscheidungserhebliche Umstände zu informieren, wobei die Information un-

ter Umständen durch die Übergabe von Unterlagen erfolgen kann. Eine Pflicht zur 

Aufklärung greift indes nur, soweit der andere Teil nach Treu und Glauben unter 

Berücksichtigung der Verkehrsanschauung redlicherweise eine Aufklärung erwar-

ten durfte und einer solchen aufgrund seiner Unerfahrenheit bedarf. Sie, zumindest 

aber  Arglist,  ist  ausgeschlossen,  wenn  der  Pflichtige  annehmen  durfte,  dass  der 

andere Teil informiert sei. Besonders wichtige Umstände, die für die Willensbildung 

des anderen Teils offensichtlich von ausschlaggebender Bedeutung sind, müssen 

ungefragt offenbart werden. Das Verschweigen der desolaten wirtschaftlichen Si-

tuation der Zielgesellschaft stellt bspw. eine Verletzung der Aufklärungspflicht dar. 

Hingegen kann der Verkäufer grundsätzlich annehmen, dass die Käuferin ausrei-

chend informiert ist, wenn Aktien an eine Hauptaktionärin und Brancheninsiderin 

verkauft  werden  (zum  Ganzen  GK  BGB-ELLENBERGER,  § 123  N 2–5c  m.w.Verw.; 

GK  BGB-GRÜNEBERG,  § 242  N 37  und  § 311  N  40+42  m.w.Verw.).  Denn  bei  ge-

schäftserfahrenen  Parteien  ist  davon  auszugehen,  dass  sie  die  entsprechenden 

Risiken  bewusst  eingegangen  sind  bzw.  im  Kaufpreis  bereits  berücksichtigt  und 

allenfalls im Rahmen von Garantieabreden gesondert geregelt haben (SCHENKER, 

Unternehmenskauf, S. 464). Die Beweislast für die vorstehend genannten Voraus-

- 18 -

setzungen  des  § 123  BGB  trägt  die  Anfechtende  (vgl.  GK  BGB-ELLENBERGER, 

§ 123 N 24 und N 30 m.w.Verw.).

3.1.4.2. Vorliegend hat die Beklagte bereits im Rahmen des Kaufvertrags über die 

Geschäftsanteile von K._____ und J._____ vom 31. Mai 2019 eine Due Diligence 

in  rechtlicher,  steuerlicher  und  betriebswirtschaftlicher  Hinsicht  durchgeführt.  Im 

Zusammenhang mit M&A-Transaktionen ist mit einer Due Diligence ein Verfahren 

gemeint, in dem ein Zielunternehmen durch die Kaufinteressentin in verschiedener 

Hinsicht  einer  Prüfung  unterzogen  wird.  Diese  kann  dank  der  Due  Diligence  die 

Annahmen und Voraussetzungen ihrer Unternehmensbewertung und ihres Preis-

angebotes verifizieren sowie damit verbundene Risiken einschätzen (zum Ganzen 

TSCHÄNI/DIEM/WOLF,  M&A-Transaktionen  nach  Schweizer  Recht,  3. Aufl.,  Rz. 

62+65). Damit hat die Beklagte am 31. Mai 2019, mithin kurz vor Abschluss des 

Kaufvertrages  mit  dem  Kläger,  von  allen  massgeblichen  Eigenschaften  der 

E._____ Kenntnis erlangt, insbesondere vom Stand der Produktentwicklung. Dar-

auf nehmen die vorliegenden Parteien im Kaufvertrag vom 30. Oktober 2019 zudem 

ausdrücklich Bezug unter der Bemerkung, dass sich keine Anhaltspunkte für die 

Begründung  des  in  den  Verträgen  vereinbarten  Rücktrittsrechts  ergeben  haben 

(act. 3/2 § 7). Da die Beklagte die Kaufpreise für die Geschäftsanteile von K._____ 

und J._____ unbestrittenermassen vollständig bezahlt hat und dadurch Mehrheits-

gesellschafterin  der  E._____  geworden  ist  (act.  3/21),  kann  daraus  geschlossen 

werden, dass die Due Diligence zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen war – dies umso 

mehr, als es in der Folge zum Kaufvertrag über die verbleibenden Geschäftsanteile 

des Klägers gekommen ist. Bereits aus diesem Grund durfte der Kläger davon aus-

gehen, dass die Beklagte umfassend informiert ist, was ein arglistiges Verhalten 

ausschliesst.

3.1.4.3.  Der Umstand, dass die Beklagte zudem als geschäftserfahrene und sach-

kundige Partei gilt – ihr Gesellschaftszweck beinhaltet notabene die Beratung bei 

Unternehmenstransaktionen im DACH-Raum (vgl. S. 3 und S. 4) –, erschwert ihre 

Ausgangslage für eine erfolgreiche  Vertragsanfechtung zusätzlich, zumal sie vor 

dem aufgezeigten Hintergrund umso weniger einer entsprechenden Aufklärung be-

durfte. Bei einem Rechtsgeschäft der vorliegenden Grösse ist es sodann schwer 

- 19 -

nachvollziehbar, wenn die Beklagte ausführt, der Kläger habe im Rahmen der Due 

Diligence  trotz  wiederholter  Aufforderung  nicht  sämtliche  Dokumente  vollständig 

zur Verfügung gestellt, aber weil sich die Parteien bereits über zehn Jahre gekannt 

hätten und entsprechend ein Vertrauensverhältnis bestanden habe, habe die Be-

klagte nicht weiter auf der Vorlage der noch fehlenden Dokumente beharrt (act. 24 

Rz. 87). Wie die Beklagte selbst ausführt, hat sie damit bewusst auf die umfassen-

den Unterlagen verzichtet und den Vertrag im Wissen um eine (angeblich) mangel-

hafte Dokumentation abgeschlossen. Demnach kann von einer Täuschungshand-

lung des Klägers keine Rede sein.

3.1.4.4. Des Weiteren wirkte die Beklagte von August 2017 bis Oktober 2019 mass-

geblich im operativen Geschäft der E._____ mit, wurde I._____ doch damit beauf-

tragt,  den  Vertrieb  und  das  Marketing  der  E._____  neu  zu  organisieren  (vgl. 

act. 3/10 und act. 15+16), wobei er zwangsläufig Kenntnisse über die Produkte, die 

Vertriebskanäle, deren Finanzierung und weitere geschäftsrelevante Informationen 

erhalten hat. Dass sich seine Tätigkeit nicht nur – wenn auch schwerpunktmässig 

– auf das Marketing und den Vertrieb beschränkte, ist durch den von ihm erstellten 

und vom Kläger eingereichten "Aktionsplan E._____ ab 09.12.2017" belegt: Darin 

wird I._____ unter dem Kürzel "I'._____" als einziger Verantwortlicher bei den Po-

sitionen "Strategie/Suche Wachstumskapital" und "Strategie/Refinanzierung" auf-

geführt (act. 36/38). In analoger Anwendung von § 166 Abs. 1 BGB muss sich die 

Beklagte  als  juristische  Person  dieses  Wissen  ihres  Repräsentanten  I._____  zu-

rechnen lassen. Die Beklagte war somit bereits seit geraumer Zeit vor Abschluss 

des  Kaufvertrages  vom  30.  Oktober  2019  über  die  Verhältnisse  der  E._____  im 

Bilde. Vor diesem Hintergrund handelte es sich entgegen ihren Vorbringen (act. 24 

Rz. 101)  bei  der  Sachkenntnis  über  die  Maschinen  und  Systeme,  Finanzen,  etc. 

der Zielgesellschaft nicht um stilles, betriebsinternes Know-how, worüber der Klä-

ger sie hätte täuschen können.

3.1.4.5. Mit dem Kläger ist sodann davon auszugehen, dass die Beklagte im Rah-

men der beim Kauf der Anteile der anderen beiden Gesellschafter durchgeführten 

Due Diligence das Sanierungsgutachten der R._____ GmbH & Co. KG vom 1. De-

zember 2017 (act. 36/45) erhalten hat, woraus ihr die Sanierungsbedürftigkeit der 

- 20 -

E._____ klar ersichtlich war. Diese Schlussfolgerung wird dadurch bestärkt, dass 

(i) I._____  vor  Vertragsabschluss  im  Rahmen  seines  Mandats  zur  Verbesserung 

des Vertriebs der E._____ eine Präsentation gehalten und darin ein "Sanierungs-

konzept" der E._____ thematisiert hat (act. 36/39 S. 2); (ii) er in seiner E-Mail vom 

8. Mai 2018 darauf hinweist, dass eine Liquiditätsklemme der E._____ dazu führen 

könnte,  dass  bei  einer  Due  Diligence  die  Finanzierung  nicht  freigegeben  würde, 

und einen Plan B betreffend eine geordnete Liquidation der E._____ in Erwägung 

zieht (act. 36/41); und (iii) in seiner E-Mail vom 4. Juni 2018 von einer "Sanierung 

der E._____" schreibt (act. 36/48 S. 2 Ziff. 4 Abs. 2). Den Kläger traf vor diesem 

Hintergrund keine Pflicht, die Beklagte vor Vertragsschluss nochmals auf die Sa-

nierungsbedürftigkeit der E._____ hinzuweisen (vgl. act. 39 Rz. 20 f. und 59), weil 

sie  bei  dieser  Sachlage  und  aufgrund  ihrer  Eigenschaft  als  geschäftserfahrene 

Mehrheitsgesellschafterin keines solchen Hinweises bedurfte. Wie die Beklagte zu-

dem  selbst  ausführt,  hätte  ein  Hinweis  des  Klägers  ohnehin  nichts  an  ihrer  Ein-

schätzung  geändert,  denn  das  Sanierungsgutachten  vom  1.  Dezember  2017  sei 

ihrer Ansicht nach für die Beurteilung eines zwei Jahre später erfolgten Investments 

inhaltlich  überholt  gewesen  und  entsprechend  hätte  sie  es  im  Rahmen  der  Due 

Diligence  nicht  herangezogen  (vgl. act. 24 Rz.  86).  Schliesslich  ist  auch  aus  der 

von I._____ an den Kläger (und S._____) versandten E-Mail vom 11. September 

2019 ersichtlich, dass der Beklagten die Sanierungsbedürftigkeit der E._____ vor 

Vertragsabschluss bekannt war. Darin hielt I._____ fest, dass sich die Beklagte bei 

der E._____ mit EUR 1.64 Mio. in einen Sanierungsfall engagiere und dabei nicht 

nur  in  die  Zukunft  investiere,  sondern  sogar  bestehende  Schulden  übernehme 

(act. 3/13). Dagegen bringt die Beklagte erfolglos vor, dass es im Rahmen einer 

Übernahme  üblich  sei,  neben  den  Aktiven  auch  die  Passiven  zu  übernehmen 

(act. 24 Rz. 90), zumal sie dabei gänzlich unkommentiert lässt, wie die Wendung 

"Sanierungsfall" in der besagten E-Mail zu verstehen ist. Diese kann letztlich nur so 

verstanden  werden,  dass  die  Beklagte  vor  Vertragsabschluss  um  die  schiefe  Fi-

nanzlage der E._____ mit enger Liquidität und angespannter Auftragslage wusste 

und folglich nicht durch den Kläger getäuscht werden konnte.

- 21 -

3.1.4.6. Soweit die Beklagte dem Kläger als weitere Täuschungshandlung vorwirft, 

als  Sicherheit  für  das  erste  Darlehen  der  M._____  an  die  E._____  über  CHF 

275'000.– (Darlehensvertrag vom 26. August 2019; act. 11/19) sei die Abtretung 

der Forderung der E._____ gegenüber ihrem Kunden P._____ im Umfang von CHF 

300'000.– vereinbart worden, die Beklagte habe allerdings durch das Sanierungs-

gutachten vom 19. Oktober 2020 (act. 11/8) erfahren, dass zuvor bereits eine Glo-

balzession der Debitoren der E._____ an die Sparkasse erfolgt und das Darlehen 

folglich ungesichert sei (act. 24 Rz. 62 f., 66–71 und 98), ist darauf hinzuweisen, 

dass die Globalzession im Sanierungsgutachten vom 1. Dezember 2017 ausdrück-

lich erwähnt ist (act. 36/45 S. 143 Nr. 3). Vor diesem Hintergrund durfte der Kläger 

annehmen,  dass  die  Beklagte  –  als  eine  auf  M&A-Transaktionen  spezialisierte 

Mehrheitsgesellschafterin – darüber informiert war. Ihn traf deshalb wiederum keine 

Pflicht, sie vor Vertragsschluss nochmals darauf hinzuweisen. Jedenfalls kann Arg-

list ausgeschlossen werden.

3.1.4.7. Schliesslich kann auch eine klägerische Täuschungshandlung betreffend 

die IP-Rechte an der Entwicklung der Q._____-Maschinen nicht bejaht werden. Un-

ter  der  im  Zivilprozess  geltenden  Verhandlungsmaxime  haben  die  Parteien  dem 

Gericht die Tatsachen darzulegen, auf die sie ihre Begehren stützen, und die Be-

weismittel anzugeben (Art. 55 Abs. 1 ZPO). Inwieweit Tatsachen zu behaupten und 

zu substantiieren sind, ergibt sich einerseits aus den Tatbestandsmerkmalen der 

angerufenen Norm und anderseits aus dem prozessualen Verhalten der Gegenpar-

tei. So hat eine Tatsachenbehauptung nicht alle Einzelheiten zu enthalten. Es ge-

nügt, wenn die Tatsachen, die unter die das Begehren stützenden Normen zu sub-

sumieren sind, in einer den Gewohnheiten des Lebens entsprechenden Weise in 

ihren  wesentlichen  Zügen  oder  Umrissen  behauptet  werden.  Ein  solchermassen 

vollständiger Tatsachenvortrag wird als schlüssig bezeichnet, da er bei Unterstel-

lung, er sei wahr, den Schluss auf die anbegehrte Rechtsfolge zulässt. Bestreitet 

die Gegenseite hingegen wie vorliegend (vgl. act. 35 Rz. 41) den schlüssigen Tat-

sachenvortrag  der  behauptungsbelasteten  Partei,  greift  eine  über  die  Behaup-

tungslast hinausgehende Substantiierungslast. Die Vorbringen sind diesfalls nicht 

nur in ihren Grundzügen, sondern in all ihren Einzeltatsachen zergliedert so umfas-

send und klar darzulegen, dass darüber Beweis abgenommen und der Gegenbe-

- 22 -

weis angetreten werden kann (BGE 144 III 519 E. 5.2.1.1; BGer 4A_415/2021 vom 

18. März 2022, E. 5.1 f.). Kommt eine Partei ihrer Substantiierungslast nicht oder 

nur  ungenügend  nach,  bleiben  die  betreffenden  Tatsachen  unberücksichtigt  (BK 

ZPO-BRÖNNIMANN, Art. 152 N 3; vgl. BGE 108 II 337 E. 3 m.w.H.). Mangels konkre-

tisierenden Ausführungen der vorliegend beweisbelasteten Beklagten zur pauscha-

len  Behauptung,  dass  sich  nachträglich  herausgestellt  habe,  die  T._____  GmbH 

sei anstelle der E._____ für die Produktentwicklung verantwortlich gewesen (vgl. 

act. 24 Rz. 47 und act. 39 Rz. 53), erweist sich diese Tatsachenbehauptung als 

unsubstantiiert. Folglich bleibt sie unberücksichtigt.

3.1.5. Zwischenfazit

Der Beklagten ist es nicht gelungen, den Kaufvertrag erfolgreich i.S.v. § 142 Abs. 1 

BGB anzufechten. Eine fristgerechte Anfechtungserklärung i.S.v. § 143 BGB liegt 

nicht vor. Doch selbst in der Annahme derselben wären die von der Beklagten gel-

tend gemachten Anfechtungsgründe von § 119 Abs. 2 BGB (Irrtum über verkehrs-

wesentliche Eigenschaften) und § 123 BGB (arglistige Täuschung) nicht gegeben. 

Der Kaufvertrag ist folglich gültig.

3.2. Aufhebung des Vertrages

3.2.1. Parteistandpunkte

3.2.1.1. Sollte der Kaufvertrag nicht als ungültig qualifiziert werden, macht die Be-

klagte eventualiter die Aufhebung des Vertrages infolge Rücktritts geltend. Sie wirft 

dem Kläger vor, er sei seinen Verpflichtungen als Leiter und Geschäftsführer der 

technischen Entwicklung der Produkte nicht nachgekommen und habe die verein-

barten  Weiterentwicklungsziele  ignoriert,  wobei  er  dies  absichtlich,  mindestens 

aber  grobfahrlässig  getan  habe.  Vor  diesem  Hintergrund  sei  sie  gemäss  §  3  KV 

zum Rücktritt vom Vertrag berechtigt gewesen (act. 24 Rz. 34 ff. und 131 ff.). Dar-

über  hinaus  stehe  ihr  gemäss  gesetzlicher  Kaufgewährleistungsregeln  ebenfalls 

das  Rücktrittsrecht  zu  (§  437  Nr. 2  BGB):  Vorliegend  bestehe  der  Mangel  der 

Kaufsache  in  einer  Vielzahl  von  Unternehmensmängeln,  welche  zu  einer  offen-

sichtlich  übersetzten  Unternehmensbewertung  geführt  hätten  (act.  24  Rz. 135–

- 23 -

140). Mit Schreiben vom 25. September 2020 habe die Beklagte frist- und formge-

recht  von  ihrem  Rücktrittsrecht  Gebrauch  gemacht  (act.  3/23),  zumal  weder  auf 

vertraglicher noch auf gesetzlicher Ebene die Nennung von Gründen im Rücktritts-

schreiben Voraussetzung für dessen Gültigkeit sei (act. 39 Rz. 36). Folglich sei ihre 

Pflicht zur Zahlung der verbleibenden Raten dahingefallen (act. 24 Rz. 105 f. und 

Rz. 133 f.).

3.2.1.2. Der Kläger bestreitet die Vorwürfe der Beklagten, weshalb keiner der ver-

traglich vereinbarten Rücktrittsgründe gemäss § 3 KV vorliege. Ein Rücktrittsrecht 

aus  Sachmängelgewährleistung  könne  sodann  ebenfalls  nicht  vorliegen,  da  Ge-

genstand  des  Kaufvertrages  Minderheits-Geschäftsanteile  an  einer  deutschen 

GmbH  seien;  und  selbst  wenn  die  Möglichkeit  eines  solchen  Anspruchs  bejaht 

würde, wäre dieser mittlerweile verwirkt. Folglich habe die Rücktrittserklärung der 

Beklagten keine Rechtswirkungen gezeitigt und der Kaufvertrag bestehe nach wie 

vor, weshalb die restliche Kaufpreisforderung geschuldet sei (act. 1 Rz. 28–30).

3.2.2. Vertragliches Rücktrittsrecht (§ 3 KV) 

3.2.2.1. Im  vorliegenden  Kaufvertrag  liegt  eine  Rücktrittsklausel  zugunsten  der 

Käuferin vor; sie lautet wie folgt (act. 3/2 S. 4):

"§ 3
Rücktrittsrecht

Die Käuferin ist berechtigt, von diesem Kaufvertrag zurückzutreten, soweit der Verkäufer 

seine Verpflichtung als Leiter und Geschäftsführer der Technischen Entwicklung der Pro-

dukte der Gesellschaft schuldhaft verletzt oder die Weiterentwicklungsziele ignoriert. Die 

Parteien  sind  sich  darüber  einig,  dass  die  Entwicklung  von  neuen  Produkten  sowie  die 

Weiterentwicklung der Produkte der Gesellschaft unter anderem auch massgebend für die 

zwischen den Parteien vereinbarte Bewertung des Kaufpreises ist.

Hierzu gehört insbesondere die Neuentwicklung eines modularen hohen Lagesystems für 

Bauteilrollen,  die  Neuentwicklung  eines  automatischen  Wl  Moduls,  sowie  die  Weiterent-

wicklung der … incl. der dazugehörenden Feeder. Die Weiterentwicklungsziele sind grund-

sätzlich bis zum Ausscheiden des Verkäufers aus der E._____ GmbH umzusetzen.

- 24 -

Sollten die Entwicklung der neuen Produkte sowie die Weiterentwicklung der oben genann-

ten Produkte wegen grobfahrlässigen Verhalten des Verkäufers scheitern, so ist die Käu-

ferin berechtigt vom Vertrag zurückzutreten.

Es können auch jederzeit nach gegenseitiger Absprache andere Entwicklungen oder Wei-

terentwicklungen vorgezogen werden.

Das Rücktrittsrecht ist befristet bis zum 30.09.2020.

Der Rücktritt ist vom Käufer gegenüber dem Notar per Einschreiben zu erklären und muss 

bis zum 30.09.2020 beim Notar eingegangen sein."

Die  Weiterentwicklungsziele  waren  bis  zum  Ausscheiden  des  Klägers  aus  der 

E._____ umzusetzen (§ 3 Abs. 2 KV in fine), was per 31. Dezember 2021 vorgese-

hen war (act. 24 Rz. 21 und 25/35 S. 11). An dieser Stelle ist auf die entsprechende 

Regelung in Ziff. 4 lit. e des Investment Agreements vom 30. Oktober 2019 hinzu-

weisen, wonach der Kläger sich dazu verpflichtete, für die E._____ zu arbeiten, um 

die gemäss Investment Report vom 28. August 2019 (act. 25/35) definierte Wachs-

tumsstrategie umzusetzen (act. 3/3 S. 7).

3.2.2.2. Der Beklagten obliegt die Behauptungs- und Beweislast für das Vorliegen 

der genannten Rücktrittsgründe (siehe GK BGB-GRÜNEBERG, § 346 N 21). Hierzu 

sind zunächst substantiierte Behauptungen erforderlich, alsdann ist für diese Tat-

sachenbehauptungen  der  strikte  Beweis  zu  erbringen.  Dieser  ist  erbracht,  wenn 

das Gericht nach objektiven Gesichtspunkten von der Richtigkeit einer Tatsachbe-

hauptung überzeugt ist und am Vorliegen derselben keine ernsthaften Zweifel mehr 

bestehen  oder  allenfalls  verbleibende  Zweifel  als  leicht  erscheinen.  Der  Beweis 

muss  demnach  mit  an  Sicherheit  grenzender  Wahrscheinlichkeit  erbracht  sein 

(OFK  ZPO-SCHMID,  Art. 157  N  8  m.Verw.  auf  die  bundesgerichtliche  Rechtspre-

chung).  Schliesslich  müssen  die  bewiesenen  Tatsachenbehauptungen  in  rechtli-

cher Hinsicht als Tatbestandsmerkmale mindestens eines Rücktrittsgrundes quali-

fiziert werden.

3.2.2.3. Allein aus dem von der Beklagten ins Feld geführten Umstand, dass die 

Entwicklung der neuen Produkte bzw. die Weiterentwicklung der bestehenden Pro-

- 25 -

dukte der E._____ problembehaftet war und letztlich nicht erwartungsgemäss ver-

lief (act. 24 Rz. 42 und act. 39 Rz. 4), kann noch keine schuldhafte, d.h. eine vor-

sätzliche oder fahrlässige (GK BGB-GRÜNEBERG, § 276 N 5) Pflichtverletzung des 

Klägers abgeleitet werden. Solche Probleme liegen bei der Produktentwicklung in 

der Natur der Sache und sind Teil des unternehmerischen Risikos, mithin stellen 

sie noch kein vorwerfbares Verhalten dar. Bei der Beurteilung von Geschäftsent-

scheiden hat eine unverzerrte Betrachtung ex ante zu erfolgen und Rückschaufeh-

ler (hindsight bias) sind zu vermeiden – einzig aufgrund von im Nachhinein erlang-

ter besserer Erkenntnis kann noch nicht auf ein vorheriges Versagen geschlossen 

werden. Damit geht einher, dass eine Vertragsauslegung nach § 133 BGB ergibt, 

dass der Kläger zum Zeitpunkt der Rücktrittserklärung vom 25. September 2020 

noch keinen Erfolg schuldete, zumal er dann nicht aus der E._____ ausgeschieden 

war. Vielmehr schuldete der Kläger bis zu diesem Zeitpunkt lediglich, aber immer-

hin, ein zielgerichtetes Tätigwerden, welches auf das Erreichen der Weiterentwick-

lungsziele bzw. die Umsetzung der im Investment Report definierten Wachstums-

strategie gerichtet war. Somit ist der Argumentation der Beklagten, welche im Nich-

terreichen  der  Entwicklungsziele  zum  Zeitpunkt  ihrer  Rücktrittserklärung  eine 

schuldhafte Pflichtverletzung des Klägers erblickt, der Boden entzogen.

3.2.2.4. Hinzu  kommt,  dass  die  Beklagte  im  Schreiben  vom  4.  März  2020 

(act. 11/27) zwar Verzögerungen  in der Produktentwicklung moniert, dem Kläger 

diesbezüglich jedoch keinen direkten Vorwurf macht. Stattdessen rekapituliert sie 

die Situation, wobei vor allem die (angebliche) Täuschung vor Vertragsschluss und 

die fehlende Liquidität der E._____ im Vordergrund stehen, sollte doch gemäss der 

Beklagten das Produktportfolio erst nach Bereinigung letzterer umgestaltet werden 

(act. 11/27 S. 2 in fine). Des Weiteren ist durch das besagte Schreiben belegt, dass 

keiner der vorstehend genannten Rücktrittsgründe vorlag, andernfalls sich die Be-

klagte  darin  nicht  vorbehalten  hätte,  von  § 3  KV  Gebrauch  zu  machen,  "Sollte 

A._____  […]  die  Geschäfte  entgegen  den  Interessen  der  Investoren  und  der 

E._____ GmbH führen" (act. 11/27 S. 3 Abs. 1). Daraus kann im Umkehrschluss 

festgehalten werden, dass der Kläger die Geschäfte bis zum 4. März 2020 im In-

teresse  der  Beklagten  geführt  hat,  andernfalls  die  Beklagte  bereits  damals  den 

Rücktritt  erklärt  hätte.  Inwiefern  sich  sein  Verhalten  seit  diesem  Datum  geändert 

- 26 -

haben sollte, lässt sie im Dunkeln. So macht I._____ etwa in der E-Mail-Korrespon-

denz vom 26./27. Februar 2020 dem Kläger zwar Vorwürfe, jedoch ohne diese als 

schuldhafte Pflichtverletzung zu qualifizieren oder einen Rücktritt in Erwägung zu 

ziehen (act. 36/44 S. 1 f.). 

3.2.2.5. Dass einer der eingangs genannten Rücktrittsgründe vorliegen würde, ist 

auch durch den Abschlussbericht des Klägers betreffend seine "Entwicklung eines 

vollautomatischen bedienerlosen U._____ Lagersystems von Bauteilrollen für SDM 

Bauteile" vom Dezember 2020 (act. 3/26) widerlegt. Für diese neue Entwicklung 

hatte der Kläger Fördergelder von über EUR 500'000.– aus dem deutschen Bun-

deshaushalt erhalten (act. 3/24+25), und dieses Projekt vorangetrieben, was zeigt, 

dass er nicht untätig geblieben ist und weder die Weiterentwicklungsziele ignoriert 

noch die Produktentwicklung verunmöglicht hat, sondern seiner Pflicht im Bereich 

der  technischen  Produkte  nachgekommen  ist.  Dies  gilt  umso  mehr,  als  das  ge-

nannte Produkt in § 3 Abs. 2 KV aufgeführt wird und der Strategie entspricht, wel-

che  gemäss  Investment  Report  am  meisten  Wachstumspotential  versprach  (act. 

25/35 S. 2 und 7 f.). Wenn die Beklagte nun unter Verweis auf die Problemdarstel-

lung von I._____ vom 25. März 2020 (act. 25/48) einwendet, der Kläger habe die 

Produktentwicklung zwar vorangetrieben, jedoch nicht bis zur Marktreife fertig ent-

wickelt, sodass diverse Systeme im Prototypstatus an die Kundschaft geliefert wur-

den (act. 24 Rz. 41 und 107), muss sie sich einerseits erneut entgegenhalten las-

sen, dass der Kläger mangels Ausscheidens aus der E._____ keinen Erfolg schul-

dete,  sondern  ein  zielgerichtetes  Tätigwerden,  das  –  wie  soeben  festgehalten  – 

bejaht werden kann. Andererseits betrifft die Lieferung von nicht marktreifen Pro-

dukten primär den Bereich Vertrieb, für den I._____ seit November 2019 als Co-

Geschäftsführer  zuständig  war  (act.  24  Rz.  93+98;  act.  35  Rz.  40).  Indem  er  in 

seiner Problemdarstellung billigend festhält, "Um den Umsatz zu sichern werden 

die  Systeme  zu  früh  an  Kunden  geliefert"  (act.  25/48  Ziff. 1.3),  entschied  er  sich 

bewusst für eine verfrühte Auslieferung, anstatt den Vertrieb der besagten Produkte 

bis zur Marktreife auszusetzen. Folglich vermag die Beklagte daraus nichts zu Un-

gunsten des Klägers herzuleiten. Bei diesem Ergebnis erweist sich ein Beweisver-

fahren und insbesondere die Zeugenbefragung von V._____ (damals im Sales & 

Marketing tätig) zur Auslieferung der nicht marktreifen Produkte (vgl. act. 39 Rz. 13 

- 27 -

und act. 48 Rz. 6) als redundant, zumal Gegenstand des Beweises nur rechtser-

hebliche Tatsachen sein können (Art. 150 Abs. 1 ZPO), d.h. solche, deren Vorlie-

gen  oder  Fehlen  den  Ausgang  des  Entscheids  zu  beeinflussen  vermögen  (OFK 

ZPO-SCHMID, Art. 150 N 4).

3.2.2.6. Ferner macht der Kläger geltend, dass die Beklagte die bestehende Pro-

duktepalette der E._____ bis im Dezember 2020 habe weiterführen wollen (act. 35 

Rz. 20) und verweist dabei auf Dokumente, welche die Strategieplanung beinhaltet 

hätten  und  Dritten  (wie  z.B.  der  Sparkasse)  vorgelegt  worden  seien  (act. 36/50–

54). Dies hat die Beklagte eigentlich nicht bestritten, sondern dazu erklärt, dass sie 

diese Dokumente adressatengerecht ausgestaltet und deshalb dem Kläger gegen-

über Dritten keine verpassten Entwicklungsziele angekreidet habe (act. 39 Rz. 36). 

Diese Begründung vermag nicht zu überzeugen und die Beklagte nicht zu entlas-

ten.

3.2.2.7. Sodann verbleiben ernsthafte Zweifel, dass das Scheitern der Produkteent-

wicklung allein auf das Verhalten des Klägers zurückzuführen wäre, zumal andere 

Kausalitäten dafür infrage kommen, insbesondere die Liquiditätssituation (welche 

bspw. zu Verzögerungen bei der Nachbestellung von Teilen führte, vgl. act. 11/27 

S. 2) und die Tätigkeit der Beklagten qua Co-Geschäftsführer I._____. In diesem 

Sinne bestreitet der Kläger ferner zu Recht den beklagtischen Vorwurf der fehlen-

den Vertriebsorganisation (vgl. act. 24 Rz. 44 ff.), weil dieser insofern der Beklagten 

selbst zuzuschreiben ist, als I._____ für den Vertrieb zuständig war. Dass dieser 

im Bereich Marketing und Vertrieb keinen einzigen zusätzlichen Auftrag generiert 

hat (act. 1 Rz. 26 und act. 35 Rz. 51), wurde von der Beklagten nicht (substantiiert) 

bestritten (act. 24 Rz. 108 und act. 39 Rz. 62).

3.2.2.8. Ebenso wenig verfängt der Vorwurf der Beklagten, dass der Kläger die ihm 

zur Verfügung gestellten Investitionsgelder vorwiegend zur Begleichung von Altlas-

ten  und  überhöhten  Betriebskosten  –  und  damit  zweckentfremdet  –  verwendet 

habe, anstatt damit die technische Produktentwicklung zu finanzieren, wie es ge-

mäss  Investment  Agreement  und  Investment  Report  vorgesehen  gewesen  sei 

(act. 24 Rz. 49 ff.; act. 3/3 Ziff. 1.3 und act. 25/35 S.10). Denn die Beklagte war via 

I._____ als Co-Geschäftsführer über die finanziellen Belange der E._____ orientiert 

- 28 -

und mit deren Liquiditätsproblemen vertraut. In der E-Mail vom 25. Februar 2020 

nimmt I._____ sodann auf die angespannte finanzielle Lage – und insbesondere 

auch die Verwendung des zur Verfügung gestellten Wachstumskapitals für die Be-

gleichung einer hohen Anzahl überfälliger Kreditoren – Bezug und beanstandet die-

ses  Vorgehen  nicht,  sondern  dankt  dem  Kläger  sogar  für  dessen  Bemühungen 

(act. 25/44  S. 3  f.).  Wenn  die  Beklagte  dem  Kläger  nun  bei  dieser  Sachlage  im 

Nachhinein ein schuldhaftes Verhalten vorwirft, verhält sie sich widersprüchlich. Ein 

solches  Verhalten  verdient  keinen  Rechtsschutz  (venire  contra  factum  proprium, 

§ 242 BGB). Somit erübrigen sich mangels Rechtserheblichkeit der beklagtischen 

Tatsachenbehauptungen die Zeugenbefragung von W._____ (damals Buchhalterin 

der E._____) zur Verwendung der Gelder und die Edition der Kontoauszüge der 

E._____ bei der Sparkasse vom 1. November 2019 und 31. März 2020 (vgl. act. 24 

Rz. 20 , act. 39 Rz. 14 und act. 48 Rz. 15).

3.2.2.9. Auch aus dem von der Beklagten vorgebrachten Umstand, dass sich der 

Kläger  im  Rahmen  seiner  Geschäftsführerhaftung  in  Deutschland  zu  einem  Ver-

gleich  bereit  erklärte,  vermag  sie  nichts  zu  ihren  Gunsten  herzuleiten,  zumal  ein 

Vergleich entgegen ihrer Auffassung kein Schuldeingeständnis darstellt (act. 39 Rz. 

12),  sondern  der  Erledigung  des  Streitgegenstands  bei  gegenseitigem  Überein-

kommen dient.

3.2.2.10. Der  Vollständigkeit  halber  ist  schliesslich  darauf  hinzuweisen,  dass  die 

Beklagte in ihrer Argumentation über das vertragliche Rücktrittsrecht dem Kläger 

abermals eine arglistige Täuschung vorwirft und diese als Rücktrittsgrund gemäss 

§ 3 KV qualifiziert (z.B. act. 24 Rz. 45). Die arglistige Täuschung stellt indes kein 

Tatbestandsmerkmal dieser Klausel dar und wurde ohnehin bereits im Rahmen der 

Gültigkeit des Vertrages verneint (vgl. E. 3.1.4).

3.2.3. Rücktritt infolge kaufrechtlicher Gewährleistungsregeln (§ 437 Nr. 2 BGB)

Wie vorstehend dargelegt, handelt es sich beim Anteilskauf um einen Rechtskauf, 

bei welchem nur der Bestand der erworbenen Anteile (Verität) gewährleistet wird. 

Hingegen ist die Werthaltigkeit der Ansprüche aus den erworbenen Anteilen (Boni-

tät) nicht ausschlaggebend, so dass die Insolvenzreife des Zielunternehmens kei-

- 29 -

nen Rechtsmangel darstellt. Die gesetzlichen Regeln über die Sachmängelgewähr-

leistung  (§§ 437  ff.  BGB)  finden  grundsätzlich  ebenfalls  keine  Anwendung.  Eine 

Ausnahme – in dem Sinne, als ein Mangel am Unternehmen zur Begründung der 

gesetzlichen  Sachmängelgewährleistungsansprüche  beim  Anteilskauf  führt  –  gilt 

nur dann, wenn (nahezu) alle Anteile erworben werden (vgl. E. 3.1.3.1). Da dies 

vorliegend jedoch nicht der Fall ist, kann die Beklagte nichts zu ihren Gunsten aus 

der kaufrechtlichen Gewährleistung herleiten. Mangels der einschlägigen Subsidia-

rität  zum  Sachmängelgewährleistungsrecht  (und  zur  Irrtumsanfechtung)  ist  aller-

dings  der  Anwendungsbereich  etwaiger  Ansprüche  aus  einer  Störung  der  Ge-

schäftsgrundlage gemäss § 313 BGB eröffnet, die nachstehend als infrage kom-

mende Rechtsnorm zu prüfen ist (zum Ganzen BGH VIII ZR 187/17 vom 26. Sep-

tember 2018; Art. 16 Abs. 1 IPRG; OFK ZPO-SARBACH, Art. 57 N 1 f. und N 4).

3.2.4. Störung der Geschäftsgrundlage (§ 313 BGB)

3.2.4.1. Haben  sich  Umstände,  die  zur  Grundlage  des  Vertrags  geworden  sind, 

nach Vertragsschluss schwerwiegend verändert und hätten die Parteien den Ver-

trag nicht oder mit anderem Inhalt geschlossen, wenn sie diese Veränderung vor-

ausgesehen hätten, so kann die Anpassung des Vertrages verlangt werden, soweit 

einem  Teil  unter  Berücksichtigung  aller  Umstände  des  Einzelfalls,  insbesondere 

der vertraglichen oder gesetzlichen Risikoverteilung, das Festhalten am unverän-

derten Vertrag nicht zugemutet werden kann (§ 313 Abs. 1 BGB). Ist eine Anpas-

sung des Vertrags nicht möglich oder einem Teil nicht zumutbar, so kann der be-

nachteiligte Teil vom Vertrag zurücktreten (§ 313 Abs. 3 BGB). § 313 BGB ermög-

licht als gesetzliche Ausformung des Gedankens von Treu und Glauben unter be-

stimmten, im Zweifel eng auszulegenden Voraussetzungen bei Wegfall oder we-

sentlicher Erschütterung der Geschäftsgrundlage eine Anpassung des Vertragsin-

haltes an veränderte Verhältnisse; er schränkt im Rahmen seines Anwendungsbe-

reichs den Grundsatz der Vertragstreue (pacta sunt servanda) ein und bezweckt 

einen Ausgleich zwischen dem Bestandes- und Erfüllungsinteresse des einen und 

dem Anpassungs- oder Beendigungsinteresse des anderen Teils (GK BGB-GRÜ-

NEBERG, § 313 N 1).

- 30 -

3.2.4.2.  Eine Vertragsanpassung aufgrund einer Störung der Geschäftsgrundlage 

i.S.v. § 313 Abs. 1 BGB wird indes nicht von Amtes wegen vorgenommen. Es han-

delt sich dabei um eine dilatorische Einrede, so dass die gewünschte Anpassungs-

folge von einer Partei zu benennen ist (FINKENAUER in: Münchner Kommentar BGB, 

9. Aufl., § 313 N 125). Da die Beklagte keine Anpassung des Vertrags verlangt, hat 

es damit sein Bewenden.

3.2.4.3. Auch die Vertragsauflösung infolge Rücktritts i.S.v. § 313 Abs. 3 BGB ge-

schieht  nicht  ipso  iure,  sondern  bedarf  einer  rechtsgestaltenden  Erklärung  (GK 

BGB-GRÜNEBERG,  §  313  N 42).  Die  Rücktrittserklärung  der  Beklagten  kann  zwar 

als  solche  erachtet  werden.  Allerdings  liegt  vorliegend  insofern  kein  Wegfall  der 

Geschäftsgrundlage  vor,  als  die  sich  letztlich  verwirklichten  Risiken,  die  von  der 

Beklagten  moniert  werden  (Insolvenz,  problematische  Produktentwicklung,  etc.), 

der unternehmerischen Tätigkeit immanent sind. Und selbst wenn man ihn bejahen 

wollte, rechtfertigte dies vorliegend keinen Rücktritt, weil eine Anpassung der Ver-

tragsbestimmungen nach § 313 Abs. 1 BGB vorrangig ist. Erst wenn eine Anpas-

sung nicht möglich oder nicht zumutbar ist, kommt ein Rücktritt nach Abs. 3 dieser 

Bestimmung in Betracht, zumal ein solcher zu einer Rückverlagerung des gesam-

ten Risikos an den Verkäufer führen und die Käuferin sich damit komplett vom Ri-

siko  freizeichnen  würde.  Dass  eine  vorrangige  Anpassung  des  Vertragsinhalts  – 

insb. des Kaufpreises – unmöglich oder unzumutbar wäre, ist jedoch dadurch wi-

derlegt, dass die Parteien hierüber sogar Vergleichsgespräche geführt haben (Prot. 

S. 11 und act. 29; s. zum Ganzen OLG München 7 U 570/21 vom 12. Oktober 2022, 

E. 3.3.4. f.). Folglich steht der Beklagten auch gestützt auf § 313 Abs. 3 BGB kein 

Rücktrittsrecht zu.

3.2.5. Zwischenfazit

Nach dem Gesagten erweisen sich die Vorwürfe der Beklagten als unbegründet; 

sie vermag das Vorliegen eines vertraglichen Rücktrittsgrunds i.S.v. § 3 KV nicht 

nachzuweisen. Ferner steht ihr weder aus kaufrechtlicher Gewährleistung (§ 437 

Nr. 2 BGB) noch aus Störung der Geschäftsgrundlage (§ 313 Abs. 3 BGB) ein ge-

setzliches Rücktrittsrecht zu. Demzufolge hat sie den Kaufvertrag mit ihrem Rück-

trittsschreiben vom 25. September 2020 nicht aufgehoben.

- 31 -

3.3. Rechtsmissbrauch und Verstoss gegen Treu und Glauben (§ 242 BGB)

3.3.1. Die Beklagte bringt schliesslich vor, die Geltendmachung der behaupteten 

Kaufpreisforderung verstosse offensichtlich gegen Treu und Glauben und sei als 

rechtsmissbräuchlich  zu  werten,  was  keinen  Rechtsschutz  verdiene.  Es  könne 

nicht angehen, dass ein fehlbarer Geschäftsführer einer vor dem finanziellen Ab-

grund stehenden Gesellschaft seine wertlosen Beteiligungspapiere verkaufe, in der 

Folge das sinkende Schiff verlasse und erfolgreich einen Zahlungsanspruch gel-

tend mache, obschon er die Gesellschaft selbst entwertet habe und sämtliche Kon-

kursgläubiger leer ausgingen (act. 24 Rz. 142 ff.; act. 39 Rz. 72e und S. 23).

3.3.2. Wie bereits dargelegt, ist mit dem Kläger (act. 35 Rz. 27 und act. 44 Rz. 3f) 

davon  auszugehen,  dass  die  Geltendmachung  der  Kaufpreisforderung  weder 

rechtsmissbräuchlich  ist  noch  gegen  Treu  und  Glauben  verstösst.  Ergänzend  ist 

auf  Folgendes  hinzuweisen:  Letztlich  trifft  die  Beklagte  die  im  Vertrag  getroffene 

Risikoverteilung. Im Rahmen der Vertragsgestaltung hätte sie durchaus die Mög-

lichkeit gehabt, die Tragung des sich nun verwirklichten unternehmerischen Risikos 

zu verhindern (vgl. GIRSBERGER/HUBER-PURTSCHERT/MAISSEN/SPRECHER, Vertrags-

gestaltung und Vertragsdurchsetzung, 2. Aufl., Rz. 7 f.). Beispielsweise hätte sie 

von  Anfang  an  (und  nicht  erst  nach  Vertragsschluss,  s.  act.  39  Rz.  16  und 

act. 40/86) auf eine sog. Earn-out-Klausel bestehen müssen. Bei einer solchen wird 

der endgültige Kaufpreis vom Erfolg des Zielunternehmens nach der Übernahme 

abhängig gemacht; sie dient als Instrument der erfolgsorientierten Preisgestaltung 

bei einem Unternehmenskauf. Dies ist namentlich dann sinnvoll, wenn der Verkäu-

fer (wie vorliegend) weiterhin für das Unternehmen tätig ist. Für die Käuferin ist ein 

Earn-out insofern interessant, als sie nur in Abhängigkeit von dem ihr zugutekom-

menden Unternehmenserfolg bezahlt und so das Unternehmensbewertungsrisiko 

minimiert (zum Ganzen TSCHÄNI/DIEM/WOLF, M&A-Transaktionen nach Schweizer 

Recht, 3. Aufl., Rz. 357). Eine weitere Option wäre die Aufnahme einer sog. Mate-

rial Adverse Change-Klausel gewesen ("MAC-Klausel"). Sie wird in Geschäftsver-

trägen verwendet, um der Käuferin das Recht einzuräumen, sich bei wesentlichen 

nachteiligen Veränderungen der Vermögens-, Umsatz- oder Ertragslage des Ziel-

unternehmens vom Vertrag zu lösen (siehe WÄCHTER, M&A-Litigation, 2. Aufl., Rz. 

- 32 -

310  ff.  und  1700).  Die  geschäftserfahrene  Beklagte  hat  auf  die  Aufnahme  einer 

solchen Klausel im Vertrag verzichtet und muss die Folgen tragen. Darin kann frei-

lich kein rechtsmissbräuchliches Verhalten des Klägers bzw. ein Verstoss gegen 

Treu und Glauben erblickt werden. 

3.4.

Fazit

Die  Beklagte  vermag  die  eingeklagte  Hauptforderung  nicht  abzuwehren.  Sie  er-

weist sich insofern als berechtigt, als der Kaufvertrag gültig und nicht aufgehoben 

worden ist. Weil sich ihre Geltendmachung auch nicht als rechtsmissbräuchlich er-

weist oder gegen Treu und Glauben verstösst, ist die Beklagte zu verpflichten, dem 

Kläger die restliche Kaufpreisforderung zu bezahlen.

4.

Verzugszins

4.1.

Leistet eine Schuldnerin auf eine Mahnung des Gläubigers, die nach dem 

Eintritt der Fälligkeit erfolgt, nicht, so kommt sie durch Mahnung in Verzug (§ 286 

Abs. 1 BGB). Der Mahnung bedarf es nicht, wenn für die Leistung eine Zeit nach 

dem Kalender bestimmt ist (§ 286 Abs. 2 Nr. 1 BGB). Gemäss § 2 Ziff. 5 KV war 

die zweite Kaufpreisrate von EUR 600'000.– am 31. Dezember 2020 und die dritte 

Kaufpreisrate von EUR 800'000.– am 31. Dezember 2021 fällig. Folglich befindet 

sich die Beklagte nach Ablauf dieser Verfalldaten seit dem 1. Januar 2021 bzw. seit 

dem 1. Januar 2022 in Verzug.

4.2. Eine Geldschuld ist während des Verzugs zu verzinsen; der Verzugszinssatz 

beträgt  für  das  Jahr  fünf  Prozentpunkte  über  dem  Basiszinssatz  (§  288  Abs.  1 

BGB).  Ergo  schuldet  die  Beklagte  dem  Kläger  einen  Verzugszins  auf 

EUR 600'000.– zu 5% über dem jeweils halbjährlich geltenden deutschen Basis-

zinssatz seit dem 1. Januar 2021 und einen Verzugszins auf EUR 800'000.– zu 5% 

über dem jeweils halbjährlich geltenden deutschen Basiszinssatz seit dem 1. Ja-

nuar  2022.  Der  deutsche  Basiszinssatz  belief  sich  vom  1.  Januar  2021  bis  zum 

31. Dezember  2022  auf  -0,88%;  vom  1. Januar  2023  bis  zum  30.  Juni  2023  auf 

+1,62%; vom 1. Juli 2023 bis zum 31. Dezember 2023 auf +3,12%; vom 1. Januar 

2024 bis zum 30. Juni 2024 auf +3,62%; vom 1. Juli 2024 bis zum 31. Dezember 

- 33 -

2024  auf  +3,37%  und  beläuft  sich  seit  dem  1.  Januar  2025  auf  +2,27% 

(https://www.bundesbank.de/de/bundesbank/organisation/agb-und-regelungen/ 

basiszinssatz-607820 [besucht am 12. Februar 2025]).

5.

Umrechnungsermächtigung

5.1. Der Kläger verlangt in Rechtsbegehren Ziff. 2, ihm sei die Berechtigung zu 

erteilen, die Forderung von EUR 600'000.– nebst Verzugszins zum Umrechnungs-

kurs  vom  1.  Januar  2021  (EUR  1  =  CHF  1.0816)  und  die  Forderung  von 

EUR 800'000.–  nebst  Verzugszins  zum  Umrechnungskurs  vom  1.  Januar  2022 

(EUR 1 = CHF 1.036) in Betreibung zu setzen (act. 1 S. 2).

5.2. Die Anhebung einer Betreibung erfolgt durch ein vom Gläubiger an das zu-

ständige  Betreibungsamt  gerichtetes  Betreibungsbegehren.  Dabei  sind  u.a.  die 

Forderungssumme in gesetzlicher Schweizerwährung anzugeben (Art. 67 Abs. 1 

Ziff. 3 SchKG). Die Umrechnung in Schweizer Franken ist vom Gläubiger vorzu-

nehmen, wobei für die Umrechnung der Kurs des Devisenangebots am Tag des 

Betreibungsbegehrens massgebend ist. Da die Umrechnung des vertraglich in aus-

ländischer Währung vereinbarten Forderungsbetrages in Schweizer Franken eine 

Regel des Ordre public ist, besteht kein Raum für eine allein im Interesse des Be-

treibungsgläubigers stehende Wahl zwischen dem Kurs zum Zeitpunkt des Betrei-

bungsbegehrens und dem Kurs bei Fälligkeit seiner Forderung; Art. 84 Abs. 2 OR 

findet keine Anwendung (BGE 137 III 623 = Pra 2012, Nr. 66, E. 3; BGE 125 III 

443, 449 E. 5; zum Ganzen BSK SchKG I-KOFMEL EHRENZELLER, Art. 67 N 40c).

5.3. Vor diesem Hintergrund hat der Kläger bei einer allfälligen künftigen Betrei-

bung zwingend den Umrechnungskurs am Tag des Betreibungsbegehrens zu ver-

wenden. Auch aus dem von ihm zitierten BGE 68 III 91 (act. 1 Rz. 33) kann er nichts 

zu  seinen  Gunsten  herleiten,  zumal  im  letzteren  Fall  eine  Arrestlegung  nach 

Art. 271 ff. SchKG erfolgte. Weil Fremdwährungsforderungen bereits im Arrestge-

such  zum  damaligen  Tageskurs  in  Schweizer  Franken  umzurechnen  sind,  bleibt 

dieser  für  die  anschliessende  Arrestprosequierung  durch  Betreibung  gemäss 

Art. 279 Abs. 1 SchKG massgebend (BGer 5A_197/2012 vom 26. September 2012, 

E. 2.1). Vorliegend hat der Kläger jedoch keinen Arrest für die eingeklagten Forde-

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rungen legen lassen, weshalb er nicht von einer Perpetuierung des Umrechnungs-

kurses profitieren kann. Bezüglich Rechtsbegehren Ziff. 2 ist die Klage somit abzu-

weisen.

III.  Kosten- und Entschädigungsfolgen

1. Gerichtsgebühr

Die  Höhe  der  Gerichtsgebühr  bestimmt  sich  nach  der  Gebührenverordnung  des 

Obergerichts vom 8. September 2010 (GebV OG; Art. 96 ZPO i.V.m. § 199 Abs. 1 

GOG). Sie richtet sich in erster Linie nach dem Streitwert (§ 2 Abs. 1 lit. a GebV 

OG), welcher die Grundlage zur Berechnung der Gerichtsgebühr bildet (§ 4 Abs. 1 

GebV  OG).  Der  Streitwert  beträgt  vorliegend  EUR 1.4  Mio.  (act. 1  S.  2;  Art. 91 

Abs. 1 ZPO), was zum Wechselkurs bei Klageeinleitung (EUR 1 = CHF 0.98263) 

CHF 1'375'682.– entspricht. Die Gerichtsgebühr ist somit auf CHF 34'500.– festzu-

setzen. Da der Kläger nur sehr geringfügig unterliegt, rechtfertigt es sich, der Be-

klagten die Gerichtsgebühr vollumfänglich aufzuerlegen (Art. 106 Abs. 1 ZPO). Sie 

ist aus dem vom Kläger geleisteten Kostenvorschuss zu beziehen (Art. 111 Abs. 1a 

ZPO i.V.m. Art. 407f ZPO) und ihm ist in diesem Umfang das Rückgriffsrecht auf 

die Beklagte einzuräumen (Art. 111 Abs. 2a ZPO i.V.m. Art. 407f ZPO).

2.

Parteientschädigung und Sicherheitsleitung

2.1. Antragsgemäss  ist  dem  Kläger  eine  Parteientschädigung  zuzusprechen 

(Art. 105 Abs. 2 und Art. 106 Abs. 1 ZPO). Bei berufsmässig vertretenen Parteien 

richtet sich die Höhe der Parteientschädigung nach der Verordnung über die An-

waltsgebühren vom 8. September 2010 (AnwGebV; Art. 95 Abs. 3 lit. b und Art. 96 

ZPO i.V.m. § 48 Abs. 1 lit. c und Abs. 2 des Anwaltsgesetzes vom 17. November 

2003). Grundlage für die Festsetzung der Höhe der Parteientschädigung bildet in 

erster Linie der Streitwert (§ 2 Abs. 1 lit. a AnwGebV), aufgrund dessen die Grund-

gebühr berechnet wird (§ 4 Abs. 1 AnwGebV). Die gestützt auf den vorliegenden 

Streitwert  von  CHF 1'375'682.–  ermittelte  Grundgebühr  von  rund  CHF  35'200.– 

deckt den Aufwand für die Erarbeitung der Klageschrift ab (§ 11 Abs. 1 AnwGebV). 

In Anwendung von § 11 Abs. 2 AnwGebV ist für die Teilnahme an der Vergleichs-

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verhandlung ein Zuschlag von rund 15% und für die Erarbeitung der in der Folge 

eingereichten Eingaben ein Zuschlag von rund 25% zu berechnen, insgesamt also 

ein Zuschlag von rund 40% der Grundgebühr. Folglich ist die Beklagte zu verpflich-

ten, dem Kläger eine Parteientschädigung von CHF 49'200.– zu bezahlen.

2.2. Die Sicherheitsleistung ist dem Kläger nach Eintritt der Rechtskraft dieses 

Entscheids zurückzuerstatten.

- 36 -

Das Handelsgericht beschliesst:

Auf Rechtsbegehren Ziff. 3 wird nicht eingetreten.

Kosten- und Entschädigungsfolgen, schriftliche Mitteilung sowie Rechtsmittel-

belehrung gemäss nachfolgendem Erkenntnis.

1.

2.

und erkennt:

1.

Die Beklagte wird verpflichtet, dem Kläger EUR 600'000.– nebst Verzugs-

zins

zu 4,12% von 1. Januar 2021 bis 31. Dezember 2022;

zu 6,62% von 1. Januar 2023 bis 30. Juni 2023;

zu 8,12% von 1. Juli 2023 bis 31. Dezember 2023;

zu 8,62% von 1. Januar 2024 bis 30. Juni 2024; 

zu 8,37% von 1. Juli 2024 bis 31. Dezember 2024; und

zu 5% über dem jeweils halbjährlich geltenden deutschen Basiszinssatz seit 

1. Januar 2025 zu bezahlen.

2.

Die Beklagte wird verpflichtet, dem Kläger EUR 800'000.– nebst Verzugs-

zins

zu 6,62% von 1. Januar 2023 bis 30. Juni 2023;

zu 8,12% von 1. Juli 2023 bis 31. Dezember 2023;

zu 8,62% von 1. Januar 2024 bis 30. Juni 2024;

zu 8,37% von 1. Juli 2024 bis 31. Dezember 2024; und

zu 5% über dem jeweils halbjährlich geltenden deutschen Basiszinssatz seit 

1. Januar 2025 zu bezahlen.

3. Mit Bezug auf Rechtsbegehren Ziff. 2 wird die Klage abgewiesen.

4.

Die Gerichtsgebühr von CHF 34'500.– wird der Beklagten auferlegt und aus 

dem vom Kläger geleisteten Kostenvorschuss bezogen. Dem Kläger wird für 

diesen Betrag das Rückgriffsrecht auf die Beklagte eingeräumt. Der nicht 

beanspruchte Teil des Kostenvorschusses wird dem Kläger zurückerstattet. 

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5.

Die Beklagte wird verpflichtet, dem Kläger eine Parteientschädigung von 

CHF 49'200.– zu bezahlen.

6.

Die Sicherheitsleistung wird dem Kläger nach Eintritt der Rechtskraft dieses 

Entscheids zurückerstattet. 

7.

Schriftliche Mitteilung an die Parteien sowie nach Eintritt der Rechtskraft die-

ses Entscheids an die Obergerichtskasse.

8.

Eine bundesrechtliche Beschwerde gegen diesen Entscheid ist innerhalb 

von 30 Tagen von der Zustellung an beim Schweizerischen Bundesgericht, 

1000 Lausanne 14, einzureichen.

Zulässigkeit und Form einer solchen Beschwerde richten sich nach Art. 72 ff. 

(Beschwerde in Zivilsachen) oder Art. 113 ff. (subsidiäre Verfassungsbe-

schwerde) i.V.m. Art. 42 und Art. 90 ff. des Bundesgesetzes über das Bun-

desgericht (BGG).

Der Streitwert beträgt CHF 1'375'682.–.

Zürich, 12. Februar 2025

HANDELSGERICHT DES KANTONS ZÜRICH

Die Vorsitzende:

Der Gerichtsschreiber:

Dr. Claudia Bühler

Rade Kokanović