# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** cdb48977-30a4-5de7-8053-ac101d54f1ee
**Source:** Bundesgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 1994-05-16
**Language:** de
**Title:** Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) Rekurskommission Eidgenössisches Volkswirtschaftsdepartement 16.05.1994 JAAC 59.90
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_VB/CH_VB_028_JAAC-59-90--_1994-05-16.pdf

## Full Text

JAAC 59.90

Auszug aus dem Beschwerdeentscheid der
Rekurskommission EVD vom 16. Mai 1994 in Sachen

St. gegen Sch. und Regionale Rekurskommission Nr.
7; 93/8B-004

Adaptation des contingents suite à une modification de la surface
déterminante; intérêt digne de protection; droit applicable; règle de
réduction de 50% (changement de jurisprudence).

1. Art. 25 et 48 let. a PA: intérêt digne de protection.

Lorsqu’une année laitière est écoulée, il n’y a plus d’intérêt digne de
protection à obtenir une décision formatrice concernant le contingent
pour cette période; par contre, l’existence d’un intérêt digne de
protection à l’obtention d’une décision en constatation est admise
(consid. 2).

2. Art. 18 al. 2 let. b et 19 al. 1 OCLP 89: adaptation du contingent
faute d’accord contractuel; réduction «en règle générale» de 50% de la
moyenne par hectare déterminante.

Déterminer s’il convient de s’écarter de la règle de réduction de 50%
n’est pas une question d’appréciation, mais une question de droit à
examiner avec pleine cognition (changement de jurisprudence). Il
résulte de l’interprétation de la notion juridique indéterminée «en
règle générale» qu’on peut s’écarter de la règle des 50% seulement
quand il existe des circonstances particulières liées aux conditions
d’exploitation. Lorsque les autorités chargées d’appliquer le droit
sont en présence d’un cas d’exception, elles disposent d’un pouvoir
d’appréciation pour déterminer la quantité à réduire (consid. 9).

1

Anpassung der Einzelkontingente infolge Änderung der massgeblichen
Nutzfläche; schutzwürdiges Interesse; anwendbares Recht;
50%-Kürzungsregel (Praxisänderung).

1. Art. 25 und 48 Bst. a VwVG: schutzwürdiges Interesse.

Nach Ablauf eines Milchjahres fehlt das schutzwürdige Interesse
am Erlass einer rechtsgestaltenden Kontingentsverfügung;
Feststellungsinteresse dagegen bejaht (E. 2).

2. Art. 18 Abs. 2 Bst. b und 19 Abs. 1 MKTV 89: Kontingentsanpassung bei
Fehlen einer vertraglichen Regelung; Kürzung «in der Regel» um 50% des
massgeblichen Hektarendurchschnittes.

Ob von der Regel der Kürzung um 50% des Hektarendurchschnittes
abgewichen werden kann, ist eine mit voller Kognition zu prüfende
Rechts-, nicht eine Ermessensfrage (Praxisänderung). Auslegung
des unbestimmten Rechtsbegriffes «in der Regel» ergibt, dass von
der 50%-Regel nur abgewichen werden darf, wenn besondere, in den
betrieblichen Verhältnissen beruhende Umstände vorliegen. Liegt
ein Ausnahmefall vor, steht der rechtsanwendenden Behörde bei der
Festsetzung der Kürzungsmenge Ermessen zu (E. 9).

Adeguamento dei contingenti in seguito a una modificazione
della superficie utile determinante; interesse degno di protezione;
diritto applicabile; regola di riduzione del 50% (cambiamento di
giurisprudenza).

1. Art. 25 e 48 lett. a PA: interesse degno di protezione.

Dopo la conclusione di un anno lattiero, non vi è più interesse degno
di protezione ad ottenere una decisione formatrice concernente il
contingente per questo periodo; per contro, l’esistenza di interesse
degno di protezione all’ottenimento di una decisione di accertamento
è ammessa (consid. 2).

2. Art. 18 cpv. 2 lett. b e 19 cpv. 1 OCLP 89: adeguamento del contingente
in caso di mancanza di un accordo contrattuale; riduzione «di norma»
del 50% della media per ettaro determinante.

Determinare se si può divergere dalla regola di riduzione del 50% non
è una questione di apprezzamento, ma una questione di diritto che va
esaminata con piena cognizione (cambiamento di giurisprudenza).
Dall’interpretazione della nozione giuridica indeterminata «di norma»
risulta che si può divergere dalla regola del 50% solamente quando
esistono circostanze particolari legate alle condizioni di gestione. Nel
caso in cui le autorità incaricate di applicare il diritto sono in presenza
di un caso eccezionale, esse dispongono di un potere di apprezzamento
per determinare la quantità da ridurre (consid. 9).

2

Aus dem Sachverhalt:

Sch. meldete am 25. Mai 1992 dem Milchverband Bern die Übernahme
einer Parzelle von St. und beantragte eine Kontingentserhöhung um 100%
des massgeblichen Hektarendurchschnittes. Der Milchverband erhöhte
am 10. November 1992 das Kontingent von Sch. um ... kg und kürzte mit
Verfügung vom 3. Dezember 1992 das Kontingent des St. um die entsprechende
Menge. Die übertragene Milchmenge entsprach 76% des massgeblichen
Hektarendurchschnittes des Landabgebers.

Dagegen führte St. am 26. Dezember 1992 Beschwerde bei der Regionalen
Rekurskommission Nr. 7. Diese wies die Eingabe mit Entscheid vom 16. März
1993 ab und kürzte das Kontingent des St. um weitere ... kg, was insgesamt
einer Kürzung um 100% des massgeblichen Hektarendurchschnittes entsprach.
Gleichzeitig erliess sie einen zweiten Entscheid, in welchem sie das Kontingent
des Landübernehmers Sch. um die entsprechende Menge erhöhte.

Gegen den ersten Entscheid der Rekurskommission Nr. 7 reichte St.
am 27. April 1993 Beschwerde bei der Oberrekurskommission i. S.
Milchkontingentierung ein und beantragt, es sei für die Landabgabe die
50%-Regel anzuwenden.

Die Rekurskommission EVD übernahm das Verfahren am 4. Februar 1994 als
zuständige Behörde.

Aus den Erwägungen:

1. Der Beschwerdeentscheid Nr. 25 der Rekurskommission Nr. 7 vom
16. März 1993 stellt eine Verfügung im Sinne von Art. 5 Abs. 2 des
Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren
(Verwaltungsverfahrensgesetz [VwVG], SR 172.021) dar. Diese Verfügung kann
nach Art. 31 Abs. 1 des Milchwirtschaftsbeschlusses 1988 vom 16. Dezember
1988 (MWB 1988, SR 916.350.1, AS 1992 332, 1993 877) und im Rahmen
der allgemeinen Bestimmungen über die Bundesverwaltungsrechtspflege
(Art. 44 ff. und 71a VwVG) mit Beschwerde bei der Rekurskommission EVD
angefochten werden (Art. 3 Abs. 2 der Verordnung vom 3. Februar 1993 über
die vollständige Inkraftsetzung der Änderung des Bundesgesetzes über die
Organisation der Bundesrechtspflege, SR 173.110.01, AS 1993 878).

2. Zur Beschwerdeführung ist berechtigt, wer durch die angefochtene
Verfügung berührt ist und ein als schutzwürdig anzuerkennendes Interesse
an deren Aufhebung oder Änderung hat (Art. 48 Bst. a VwVG). Ein Interesse
im Sinne dieser Bestimmung ist im allgemeinen nur schutzwürdig, wenn
der Beschwerdeführer auch noch im Zeitpunkt des Entscheides ein aktuelles,
praktisches Interesse an der Aufhebung oder Änderung der angefochtenen
Verfügung hat (BGE 111 Ib 58).

2.1. Im vorliegenden Verfahren geht es um die Festsetzung des
Milchkontingents für das Milchjahr 1992/93, welches am 30. April 1993 zu
Ende ging. Da die Milchkontingentierung ein Instrument des Bundes zur
Produktionslenkung in Jahresperioden ist, fragt sich, ob im heutigen Zeitpunkt
ein aktuelles Interesse an einem Entscheid besteht.

3

http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_111_Ib_58&resolve=1

Das Recht, im Rahmen des einzelbetrieblichen Kontingents eine bestimmte
Milchmenge zu dem vom Bund garantierten Preis abzuliefern, bezieht
sich immer auf das betreffende Milchjahr. Da die Periode, für welche das
Kontingent beantragt wird, heute unwiderruflich abgelaufen ist, hat der
Beschwerdeführer keine Möglichkeit mehr, ein Kontingent, das ihm im
heutigen Zeitpunkt zugeteilt würde, durch Anpassung seiner Milchproduktion
zu nutzen. Eine allfällige Gutheissung der Beschwerde bliebe daher für den
Beschwerdeführer ohne praktischen Nutzen.

Damit ist ein schutzwürdiges Interesse an einer rechtsgestaltenden Verfügung
betreffend das Milchkontingent für das Milchjahr 1992/93 nicht mehr gegeben.
Insoweit ist auf die Beschwerde nicht einzutreten.

2.2. Dessen ungeachtet zeigt sich, dass es für den Beschwerdeführer
von Belang ist, zu wissen, welches Kontingent ihm im Milchjahr 1992/93
zugestanden hätte. Denn das Kontingent wirkt sich insofern auf das folgende
Milchjahr aus, als jedem Produzenten bei gleichbleibenden Verhältnissen
je Milchjahr (1. Mai bis 30. April) das Einzelkontingent zusteht, das ihm für
das vergangene Jahr rechtsgültig zugeteilt worden ist (Art. 8 Abs. 1 MKTV 93,
zitiert in E. 3). Sodann bildet es die Grundlage für die Abrechnung am Ende
des Milchjahres zur Ermittlung der allfälligen Abgabe und nach den Art. 11 bis
16 der Verordnung vom 20. Dezember 1989 über die Erhebung von Abgaben
und Beiträgen der Milchproduzenten (nach-folgend Abgabenverordnung, SR
916.350.1, AS 1991 1131, 1992 952, 1993 1628). Nach Art. 15 Abs. 2 und 3 der
Abgabenverordnung besteht überdies die Möglichkeit, zu wenig oder zu viel
abgelieferte Milch durch entsprechende Lieferungen im folgenden Milchjahr
zu kompensieren, wenn das Kontingent durch einen Beschwerdeentscheid
nach dem 31. Januar festgesetzt wird.

Somit hat der Beschwerdeführer ein schutzwürdiges Interesse an einer
nachträglichen Feststellung (Art. 25 VwVG) des Kontingents für das Milchjahr
1992/93.

2.3. Der Beschwerdeführer ist daher diesbezüglich zur Beschwerdeführung
legitimiert (Art. 48 Bst. a VwVG). Die Eingabefrist sowie die Anforderungen an
Form und Inhalt der Beschwerdeschrift sind gewahrt (Art. 50 und 52 Abs. 1
VwVG), und die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen liegen vor (Art. 46 ff.
VwVG).

Auf die Verwaltungsbeschwerde ist somit insoweit einzutreten, als es das
Feststellungsinteresse betrifft.

3. Nach Art. 2 Milchwirtschaftsbeschluss 1988 beschränkt der Bund
die Preisgarantie für Verkehrsmilch durch eine einzelbetriebliche
Milchkontingentierung, um die Milcheinlieferungen an die Absatzverhältnisse
anzupassen, den Aufwand der Milchrechnung zu begrenzen und den
Milchpreis zu sichern. Für jedes Kilo Milch, das ein Produzent über sein
Kontingent hinaus liefert, hat er eine Abgabe zu bezahlen (Art. 3 MWB 1988).
Der Bundesrat kann auf Beginn eines Milchjahres die Gesamtmilchmenge,
die für die Einzelkontingente zur Verfügung steht, neu festsetzen und die
entsprechende Anpassung der Einzelkontingente regeln (Art. 2 Abs. 2 MWB
1988).

4

Dementsprechend hat der Bundesrat die Festsetzung und Anpassung
der einzelbetrieblichen Milchkontingente in kurzen Abständen den
Bedürfnissen der Produktionslenkung angepasst, letztmals in der Verordnung
vom 26. April 1993 über die Milchkontingentierung im Talgebiet und in
der Bergzone I (Milchkontingentierung-Talverordnung 93 [MKTV 93],
SR 916.350.101). Sie löste auf den 1. Mai 1993 (Milchjahr 1993/94) die
Verordnung vom 20. Dezember 1989 über die Milchkontingentierung in der
Talzone, in der voralpinen Hügelzone und in der Zone I des Berggebietes
(Milchkontingentierung-Talverordnung 89 [MKTV 89], AS 1990 286 1059, 1991
1125, 1992 946 2049) ab (Art. 47 und 49 MKTV 93).

Vorliegend geht es um das Milchkontingent für das Milchjahr 1992/93,
welches am 30. April 1993 zu Ende ging. In jener Periode galt die
Milchkontingentierung-Talverordnung 89. Für die Feststellung, ob
ausreichende Gründe für eine Erhöhung des Milchkontingentes des
Beschwerdeführers vorhanden waren, ist deshalb auf das Recht
abzustellen, das für die betreffende Periode galt, mithin auf die
Milchkontingentierung-Talverordnung 89.

4. (...)

5. Art. 18 und 19 Milchkontingentierung-Talverordnung 89 regeln die
Anpassung der Einzelkontingente infolge Änderung der massgeblichen
Nutzfläche. Vermindert sich die massgebliche Nutzfläche eines Betriebes
durch die Abgabe von Pachtland, so kürzt der Milchverband das Kontingent
um die Menge, welche im landwirtschaftlichen Pachtvertrag des Landabgebers
festgelegt wurde, als dieser das Land übernahm (Art. 18 Abs. 1 MKTV
89). Das Kontingent des Landübernehmers wird in diesem Fall um
die entsprechende Menge erhöht (Art. 19 Abs. 1 MKTV 89). Fehlt eine
pachtvertragliche Vereinbarung, so kürzt der Milchverband das Kontingent
bei Flächenänderungen zwischen Produzenten um diejenige Menge, welche
der Landabgeber und der Landübernehmer vertraglich vereinbart haben
(Art. 18 Abs. 2 Bst. a MKTV 89, Art. 19 Abs. 1 MKTV 89). Fehlt eine solche
Vereinbarung, so entscheidet der zuständige Milchverband; in der Regel hat
er das Kontingent des Landabgebers je abgegebene Hektare um 50% des
Hektarendurchschnitts zu kürzen (Art. 18 Abs. 2 Bst. b MKTV 89).

6./7./8. (...)

9. Da unbestrittenermassen weder ein Pachtvertrag im Sinne
von Art. 18 Abs. 1 Milchkontingentierung-Talverordnung 89 noch
eine vertragliche Vereinbarung im Sinne von Art. 18 Abs. 2 Bst. a
Milchkontingentierung-Talverordnung 89 vorliegt und die Landabgabe von St.
an Sch. zwischen zwei Produzenten erfolgte, hat der Milchverband zu Recht
Art. 18 Abs. 2 Bst. b Milchkontingentierung-Talverordnung 89 angewendet.
Im folgenden gilt es abzuklären, ob der hierauf abgestützte Entscheid einer
rechtlichen Prüfung standhält.

9.1. Art. 18 Abs. 2 Bst. b Milchkontingentierung-Talverordnung 89 hat den
folgenden Wortlaut:

5

«Können sich der Landabgeber und der Landübernehmer über die zu
übertragende Kontingentsmenge nicht einigen (...), so entscheidet der zuständige
Milchverband; in der Regel kürzt er das Kontingent je abgegebene Hektare um
50% des Kontingents je Hektare massgebliche Nutzfläche, das dem Landabgeber
am 1. Mai vor der Landabgabe zustand.»

Diese Formulierung stellt in einem Grundsatz die sogenannte «50%-Regel» auf.
Ausnahmen sind zugelassen, ohne dass jedoch ausdrücklich bestimmt wird, in
welchen Fällen die Voraussetzungen zur Erteilung einer Ausnahmebewilligung
gegeben sind. Auch sind keine Kriterien enthalten, die es erlauben würden,
Ausnahmefälle zu umschreiben. In einem ähnlichen Fall führte das
BGer aus, dass die Formulierung «in der Regel» einen unbestimmten
Rechtsbegriff darstelle, welcher durch Auslegung näher zu bestimmen sei; die
entscheidende Behörde könne nicht nach ihrem Ermessen darüber befinden,
wann eine Ausnahmebewilligung zulässig sei und wann nicht (BGE 95 I
296 ff.; vgl. auch Gygi Fritz, Verwaltungsrecht, Bern 1986, S. 85 ff.). Ob die
Voraussetzungen erfüllt sind, von denen die Gewährung einer Ausnahme
abhängt, ist eine Rechts-, nicht eine Ermessensfrage, und zwar selbst dann,
wenn die gesetzliche Umschreibung in dieser Hinsicht unbestimmt lautet
(Gygi, a. a. O., S. 87, mit Hinweisen auf die Rechtsprechung).

Grundsätzlich überprüfen das BGer und der Bundesrat die Auslegung
und Anwendung unbestimmter Gesetzesbegriffe frei. Eine gewisse
Zurückhaltung auferlegen sie sich nur dann, wenn der vorgelagerten
Verwaltungsbehörde ein gewisser Beurteilungsspielraum zugebilligt wird.
Solange die Auslegung der Verwaltungsbehörde als vertretbar erscheint,
erfolgt kein Eingriff (Rhinow René A. / Krähenmann Beat, Schweizerische
Verwaltungsrechtsprechung, Ergänzungsband, Nr. 66 B II b; Kölz Alfred /
Häner Isabelle, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des
Bundes, Zürich 1993, Rz. 277). Dies ist vor allem dann der Fall, wenn
die verfügende Verwaltungsbehörde den massgebenden örtlichen und
persönlichen Verhältnissen näher steht und die Beschwerdeinstanz nicht
über mindestens ebensoviel Information und Sachkenntnis verfügt. Ein
Beurteilungsspielraum darf jedoch bloss innerhalb enger, möglichst genau
umschriebener Grenzen anerkannt werden, ansonsten die Rechtskontrolle in
unzulässiger Weise beschränkt wird (BGE 96 I 369 ff.; zum Ganzen ausführlich:
Bertossa Francesco, Der Beurteilungsspielraum: zur richterlichen Kontrolle
von Ermessen und unbestimmten Gesetzesbegriffen im Verwaltungsrecht,
Bern 1984, S. 85 ff.).

9.2. In dem der Kontingentierungsverordnung zugrunde liegenden
Milchwirtschaftsbeschluss wird einzig festgehalten, dass der Bundesrat bei
der Bemessung der Einzelkontingente unter anderem die Betriebsfläche und
die Bewirtschaftungsverhältnisse zu berücksichtigen hat (Art. 2 Abs. 3 MWB
1988). Über das Vorgehen bei Landmutationen äussert sich die genannte
Bestimmung nicht (vgl. P. Spörri Philipp, Milchkontingentierung, Freiburg
1992, Fn. 16, S. 146, mit Hinweisen). In der Verordnung bestimmt der
Bundesrat, dass der Milchverband bei Flächenänderungen - vorausgesetzt
es liegt kein Pachtvertrag vor - Vereinbarungen zwischen Landabgeber und
Landübernehmer über die Kontingentsübertragung zu berücksichtigen
hat. Der Verhandlungsspielraum der Parteien liegt dabei zwischen 0
und 100% des Hektarendurchschnittes (Art. 18 Abs. 1 und 2 Bst. a MKTV
89). Liegt keine solche Vereinbarung vor, so hat der Milchverband die

6

50%-Regel anzuwenden. Sinn dieser Regel ist es, eine Pachtlandjagd zu
verhindern, denn bei einer Kürzung um 100% würden viele Milchproduzenten
Pachtland mit dem einzigen Ziel übernehmen wollen, ihr Kontingent zu
erhöhen (Spörri, a. a. O., S. 146). Auch wird dadurch, dass der Milchverband
grundsätzlich um 50% des Hektarendurchschnittes zu kürzen hat, auf
Landabgeber und Landübernehmer ein gewisser Druck ausgeübt, sich über
die Kontingentsübertragung vertraglich zu einigen. Durch die Schaffung
einer Ausnahmeregelung wollte der Verordnungsgeber aber verhindern,
dass der Milchverband durch strikte Anwendung der 50%-Regel im Einzelfall
ungewollte Ergebnisse oder Härten schaffen würde (vgl. dazu Gygi, a. a. O.,
S. 85). Er liess damit die Möglichkeit zu, in begründeten Ausnahmefällen eine
dem Einzelfall gerechte Lösung zu suchen. Ob ein solcher Ausnahmefall
vorliegt, kann nur durch Berücksichtigung der betrieblichen Gegebenheiten
und in Würdigung der Interessen von Landabgeber und Landübernehmer
ermittelt werden (vgl. Spörri, a. a. O., S. 146). Dementsprechend hat der
Milchverband vor seinem Entscheid diesbezügliche Abklärungen zu
treffen und beide Parteien anzuhören (vgl. Ziff. 3 der Weisungen des
Bundesamtes für Landwirtschaft zu Art. 18 MKTV 89). Liegen keine auf
den betrieblichen Verhältnissen basierenden besonderen Umstände vor,
so muss der Milchverband die 50%-Regel anwenden. Ausnahmefälle sind
restriktiv zu handhaben und zu begründen. Eine leichtfertige Handhabung
von Ausnahmeregelungen würde das verfassungsmässige Gebot der
Gesetzmässigkeit der Verwaltung und der rechtsgleichen Behandlung der
Bürger verletzen (BGE 107 Ib 119, mit Hinweisen). Überdies würde auf diese
Weise die Ausnahme zur Regel, was aber die Verordnung gerade vermeiden
will.

Wieweit bei Vorliegen eines begründeten Ausnahmefalles der Situation
Rechnung zu tragen ist, ist dagegen weitgehend Ermessensfrage (Gygi,
a. a. O., S. 87; Rhinow/Krähenmann, a. a. O., Nr. 66 B III). Demnach steht dem
Milchverband einzig bei der Festsetzung der Kürzungsmenge ein Ermessen
zu, nicht aber beim Entscheid darüber, ob ein Ausnahmefall vorliegt. Der
Ermessensspielraum entspricht dabei jenem, welcher den Parteien im Falle
einer Vereinbarung über die Kontingentsübertragung zusteht (Art. 18 Abs. 2
Bst. a MKTV 89).

9.3. Entgegen der bisherigen Rechtsprechung der Oberrekurskommission
i. S. Milchkontingentierung (vgl. Hinweise bei Spörri, a. a. O., Fn. 17 S. 146)
kommt demnach der rechtsanwendenden Behörde kein Ermessensspielraum in
der Frage zu, ob im Einzelfall von der Regel abzuweichen ist. Den gemachten
Ausführungen widersprechen auch die Weisungen des Bundesamtes, soweit
sie bestimmen, dass die 50%-Regel (lediglich) in jenen Fällen anzuwenden sei,
in denen der Milchverband aufgrund seiner Ermittlungen keinen Entscheid
über eine angemessene und begründete Kontingentsübertragung fällen kann
(Ziff. 4 der Weisungen zu Art. 18 MKTV 89). Denn diese haben gerade das
Gegenteil zur Folge: Der Milchverband hat gemäss den Weisungen in jedem
Fall nach einer angemessenen Lösung zu suchen, ohne vorerst zu prüfen,
ob ein Ausnahmetatbestand vorliegt. Damit wird aber die Ausnahme zur
Regel gemacht und der Milchverband von der Prüfung des Vorliegens eines
Ausnahmetatbestandes in gesetzeswidriger Weise entbunden. Richtigerweise
hat der Milchverband aufgrund der Wendung «in der Regel» nur dann eine

7

http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_107_Ib_119&resolve=1

Ausnahme zuzulassen, wenn eine generalisierende und schematisierende
Lösung dem Einzelfall nicht gerecht wird und nicht umgekehrt (vgl. VPB
51.42).

10. Der Milchverband sah vorliegend von der Anwendung der 50%-Regel ab
und kürzte das Kontingent des Landabgebers um 76% des massgeblichen
Hektarendurchschnittes. Aus seinem Entscheid ist hierfür keine Begründung
ersichtlich. Vielmehr scheint es, er habe es unterlassen zu prüfen, ob die
Voraussetzungen für

eine Ausnahmeregelung gegeben seien. Ob er überhaupt die betrieblichen
Gegebenheiten und Interessen von Landabgeber und Landübernehmer
gewürdigt hat, ist fraglich. Als Begründung führte er lediglich an, dass die
vorgenommene Kontingentskürzung auf dem Hektarendurchschnitt des
gleichzeitig vom Rekurrenten übernommenen Landes basiere. Mit dieser
Argumentation vermag der Milchverband jedoch in keiner Weise eine
Ausnahme von der 50%-Regel zu begründen. Das von ihm genannte Kriterium
könnte allenfalls dann beigezogen werden, wenn bei der (begründeten)
Annahme eines Ausnahmefalles zu prüfen ist, wieviel Kontingent in
Abweichung von der Regel zu übertragen ist. Der Milchverband hat sich
demnach die Verletzung von Bundesrecht vorwerfen zu lassen, sein Entscheid
ist aufzuheben.

11./12. (Prüfung der konkreten betrieblichen Verhältnisse und der Interessen
der Parteien).

13. Aufgrund der gemachten Erwägungen kommt die Rekurskommission EVD
zum Schluss, dass die Beschwerde gutzuheissen und der Entscheid Nr. 25
der Rekurskommission Nr. 7 aufzuheben ist. Der an den Beschwerdeführer
adressierte Entscheid des Milchverbandes ist insoweit aufzuheben, als
festzustellen ist, dass sein Kontingent für die Abgabe der 2,35 ha Land an
Sch. um lediglich ... kg hätte gekürzt werden dürfen und ihm demzufolge im
Milchjahr 1992/93 ein Milchkontingent von ... kg zugestanden hätte.

8

https://www.amtsdruckschriften.bar.admin.ch/viewOrigDoc/150000455.pdf?ID=150000455
https://www.amtsdruckschriften.bar.admin.ch/viewOrigDoc/150000455.pdf?ID=150000455

Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften

Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées

Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali

JAAC 59.90 - Auszug aus dem Beschwerdeentscheid der Rekurskommission EVD vom 16.

Mai 1994 in Sachen St. gegen Sch. und Regionale Rekurskommission Nr. 7; 93/8B-004

In Verwaltungspraxis der Bundesbehörden
Dans Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération
In Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione

Jahr 1995
Année

Anno

Band 59
Volume

Volume

Seite ---
Page

Pagina

Ref. No 150 002 819

Das Dokument wurde durch das Schweizerische Bundesarchiv und die Bundeskanzlei konvertiert.

Le document a été digitalisé par les Archives Fédérales Suisses et la Chancellerie fédérale.

Il documento è stato convertito dall'Archivio federale svizzero e della Cancelleria federale.

	Auszug aus dem Beschwerdeentscheid der Rekurskommission EVD vom 16. Mai 1994 in Sachen St. gegen Sch. und Regionale Rekurskommission Nr. 7; 93/8B-004
	Aus dem Sachverhalt:
	Aus den Erwägungen: