# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 3713fa04-1051-578e-b846-15a3ea538e31
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2017-01-11
**Language:** de
**Title:** Unfalltod der Tochter als Schockerlebnis; mangels Adäquanz / anspruchsrelevanter Beeinträchtigungen im massgebenden Zeitpunkt zutreffende Leistungseinstellung; Abweisung. (BGE 8C_208/2017)
**Docket/Reference:** UV.2015.00223
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/UV.2015.00223.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
UV.2015.00223
II. Kammer
Sozialversicherungsrichter Mosimann, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Käch
Ersatzrichterin Romero-Käser
Gerichtsschreiberin Tiefenbacher
Urteil
vom
11. Januar 2017
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Rechtsanwalt
Dr.
Daniel Richter
Rechtsanwälte
Pugatsch
Beethovenstrasse 11, Postfach, 8027 Zürich
gegen
ÖKK Kranken- und Unfallversicherungen AG
Bahnhofstrasse 13, 7302 Landquart
Beschwerdegegnerin
vertreten durch Rechtsanwalt
Dr.
iur
. Peter Philipp
Hartbertstrasse
11, Postfach 180, 7002 Chur
Sachverhalt:
1.
X.___
, geboren 1972, war seit dem
1.
Januar 2009 bei der
Y.___
als Mitarbeiterin Innendienst beschäftigt und damit bei der ÖKK obligatorisch unfallversichert, als sie am 1
5.
August 2009 als Beifahrerin einen Autounfall erlitt (
Urk.
8/1
Ziff.
1-4)
, bei welchem ihre 14-jährige Tochter ums Leben kam (vgl.
Urk.
8/9 S. 1 Mitte)
.
Mit Verfügung vom 1
0.
August 2015 stellte die ÖKK die von ihr bis dahin erbrachten Leistungen rückwirkend ab
1.
Juli 2015 ein (
Urk.
8/316 S. 2 Mitte).
Die vom zuständigen Krankenversicherer dagegen erhobene Einsprache
(
Urk.
8/318) wurde wieder zurückgezogen (
Urk.
8/320). Die von der Versicherten am
8.
September 2015 erhobene Einsprache (
Urk.
8/321) wies die ÖKK mit Ent
scheid vom
2.
Oktober 2015 ab (
Urk.
2).
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom
2.
Oktober 2015 (
Urk.
2) erhob die Versi
cherte am
3.
November 2015 Beschwerde
und beantragte, dieser sei aufzuheben und es seien ihr auch über den 3
0.
Juni 2015 hinaus die gesetzlichen Leistungen auszurichten, eventuell sei die Beschwerdegegnerin zur Durchführung eines psychiatrischen Obergutachtens zu veranlassen (
Urk.
1 S. 2 oben
Ziff.
1-2).
Die ÖKK beantragte mit Beschwerdeantwort vom
5.
Januar 2016 (
Urk.
7) die Abweisung der Beschwerde, was der Beschwerdeführerin am 1
1.
Januar 2016 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
9).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss dem Bundesgesetz über die Unfallversicherung (UVG) setzt voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Inva
lidität, Tod) ein natürlicher Kausal
zusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammen
hangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhan
densein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der glei
chen Weise beziehungsweise nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder un
mittelbare Ursache gesundheit
licher Störungen ist; es genügt, dass das schädi
gende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geis
tige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weggedacht wer
den kann, ohne dass auch die eingetretene ge
sundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1, 402 E. 4.3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
1.2
Die Leistungspflicht des Unfallversicherers setzt im Weiteren voraus, dass zwi
schen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden ein adäquater Kau
salzusammenhang besteht. Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als adäquate Ursache eines Erfolges zu gelten, wenn es nach dem ge
wöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebens
erfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Er
folges also durch das Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 129 V 177 E. 3.2, 405 E. 2.2, 125 V 456 E. 5a).
1.3
B
ei Schreckereignissen
steht
- anders als im Rahmen üblicher Unfälle - die psy
chische
Stresssituation im Vordergrund
, wogegen dem somatischen Geschehen keine (entscheidende) Bedeutung beigemessen werden kann.
Gleiches gilt,
wenn die versicherte Person zwar körperlich verletzt wird, die somatischen Beein
trächtigungen indessen lediglich von untergeordneter Bedeutung sind und im Vergleich zum erlittenen psychischen Stress in den Hintergrund treten. Denn auch in solchen Fällen kommt dem somatischen Geschehen keine wesentliche Bedeutung zu. Mithin hat die Beurteilung der Adäquanz zwischen
Schrecker
eignissen
, bei welchen die versicherte Person zwar (auch) körperliche Beein
trächtigungen davonträgt, letztere aber nicht entscheidend ins Gewicht fallen, und psychischen Schäden nach der allgemeinen Adäquanzformel zu erfolgen (Urteil
des Bundesgerichts 8C_593/2013 vom 1
1.
Dezember 2013 E.
5.2
). Dies liegt auch darin begründet, dass sich die Kriterien gemäss BGE 115 V 133 wegen
fehlender sachlicher Übereinstimmung und von der Natur des Ereignisses
zur Prüfung der
Adäquanzkriterien nicht
eignen
, kann doch etwa die
Ausserge
wöhnlichkeit
, an welche für die Qualifikation eines
Geschehens
ablaufs
als Schreckereignis angeknüpft wird, nicht ein zweites Mal als Kriterium der besonderen Eindrücklichkeit bei der Adäquanzbeurteilung herangezogen werden.
Deshalb
ist bei Schreckereignissen die allgemeine Adäquanzformel (gewöhnlicher Lauf der Dinge und allgemeine Lebenserfahrung
)
anzuwenden (BGE 129 V 177 E. 4.2).
1.4
An den auf Grund der allgemeinen Adäquanzformel zu prüfenden und damit eine Wertung darstellenden Kausalzusammenhang zwischen Schreckereignissen und nachfolgenden psychischen Beschwerden werden hohe Anforderungen gestellt. Diese sind insbesondere an den Beweis der Tatsachen, die das
Schreck
ereignis
ausgelöst haben, und an die Aussergewöhnlichkeit des fraglichen
Ereignisses sowie den entsprechenden psychischen Schock zu stellen. Nach der Rechtsprechung besteht die übliche und einigermassen typische Reaktion auf derartige Ereignisse erfahrungsgemäss darin, dass zwar eine Traumatisierung stattfindet, diese aber vom Opfer in aller Regel innert einiger Wochen oder Monate überwunden wird
(Urteil des Bundesgerichts 8C_1062/2009 vom 3
1.
August 2010 E. 4.3).
1.
5
Die anhand der allgemeinen Formel geprüfte Adäquanz wurde vom Bundesge
richt verneint:
-
im Fall einer Versicherten, die auf offener Strasse von einem Unbekann
ten angegriffen, zu Boden gedrückt und in Tötungsabsicht gewürgt wor
den war, wobei sie auch körperliche Beeinträchtigungen (Schrammen am Hals und Schmerzen in der Lendengegend) erlitt (RKUV 1996 S. 215)
-
im Fall einer Spielsalonaufsicht, die nach Geschäftsschluss überraschend von einem Vermummten mit der Pistole bedroht und (ohne dass sie kör
perlich angegriffen worden wäre) zur Geldherausgabe gezwungen wor
den war (
BGE 129 V 177
)
-
bei einem Mann, der in Zusammenhang mit seinem Geschäft von einem unbekannten Begleiter eines Kunden mit dem Messer bedroht und erpresst worden war (
Urteil U 15/00 vom 1
9.
März 2003
)
-
bei einem früher im Heimatland gefolterten Mann, bei dem nach einer Elektrotherapie eine
retraumatisierte
posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert wurde (
Urteil U 222/04 vom 3
0.
November 2004
)
-
bei einer Hotelangestellten, die von drei maskierten Männern - die an einer Polizei-Übung im Hotel beteiligt waren und das Missverständnis nach wenigen Minuten aufklärten - festgehalten wurde (
Urteil U 46/04 vom
7.
Dezember 2004 = RKUV 2005 S. 144 ff.
)
-
bei einer Frau, die bei einem nächtlichen Angriff eines alkoholisierten Mannes mit Beschimpfungen und Würgen traktiert worden war (
Urteil
U
390/04 vom 1
4.
April 2005
)
-
bei einer Spielsalonaufsicht, die von einem Täter unter Vortäuschung eines Waffenbesitzes zur Geldherausgabe gezwungen worden war (Urteil U
549/06 vom
8.
Juni 2007
)
-
bei einer Restaurantangestellten, die bei einer Auseinandersetzung über Lohnansprüche und Darlehen vom Arbeitgeber tätlich angegriffen und am Hals verletzt wurde (
Urteil 8C_182/2010 vom
2.
Juli 2010
)
-
bei einer gelernten Krankenschwester, die von einem geistig behinderten Heimbewohner tätlich angegriffen wurde und multiple Prellungen und Quetschungen an Rippen, Hals und einem Oberschenkel erlitt (
Urteil 8C_168/2011 vom 1
1.
Juli 2011
)
1.
6
Bejaht
hat das Bundesgericht
d
ie Adäquanz psychischer Probleme
nach einem Schreckereignis
etwa im
Fall einer Frau,
die von einem betrunkenen und mit einem Messer bewaffneten Unbekannten sexuell genötigt wurde (Urteil des
Bundesgerichts U 193/06 vom 2
0.
Oktober 2006),
bei einer Frau, die frühmor
gens am Arbeitsplatz vermummten und bewaffneten Einbrechern begegnete, die ihr befahlen, sich auf den Boden zu legen, sie fesselten und in eine Toilette einsperrten (Urteil 8C_522/2007 vom
1.
September 2008),
bei
einer Frau, die den Tsunami von 2004 in Thailand erlebte (Urteil U 548/06 vom 2
0.
September 2007 = SVR 2008 UV Nr. 7),
sowie
bei einem Mann, dessen Frau bei einem von ihm verschuldeten Autounfall ums Leben kam (Urteil 8C_593/2013 vom 1
1.
Dezember 2013).
1.7
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtes fallen leichte bis mittelgradige depressive Störungen, seien sie im Auftreten rezidivierend oder episodisch, ein
zig dann als invalidisierende Krankheiten in Betracht, wenn sie
erwiesener
massen
therapieresistent sind (statt vieler:
BGE 140 V 193
E.
3.3 mit Hinweis).
Eine leichte depressive Episode ist grundsätzlich nicht geeignet, eine
leistungs
spe
zifische
Invalidität zu begründen (Urteil des Bundesgerichts 9C_337/2015 vom 7. April 2016 E. 4.4.1 mit weiteren Hinweisen).
Eine
Dysthymie
ist nach der im gebräuchlichen Klassifikationssystem ICD-10 enthaltenen Umschreibung eine chronische depressive Verstimmung, die weder schwer noch hinsichtlich einzelner Episoden anhaltend genug ist, um die Krite
rien einer schweren, mittelgradigen oder leichten rezidivierenden depressiven Störung zu erfüllen. Findet sich im Psychostatus nur eine
Dysthymie
, so kann dies
rechtsprechungsgemäss
wohl eine
Einbusse
an Leistungsfähigkeit mit sich bringen, kommt aber für sich allein betrachtet nicht einem Gesundheitsschaden im Sinne des Gesetzes gleich.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging im angefochtenen Entscheid (
Urk.
2)
davon aus
, aus näher dargelegten Gründen sei ein natürlicher Kausalzusammenhang zwi
schen dem Unfall und den noch bestehenden psychischen Beschwerden zu ver
neinen (
Ziff.
2.18), ebenso ein adäquater Kausalzusammenhang (
Ziff.
2.22). Zudem sei die Beschwerdeführerin ihrer Schadenminderungspflicht nicht nach
gekommen (
Ziff.
2.26).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (
Urk.
1), dass der natürliche Kausalzusammenhang verneint werde, überzeuge aus näher dargelegten Gründen nicht (S. 4 f.)
; auch leide sie nach wie vor an einer post
traumatischen Belastungsstörung (S. 5 f.). Die Schadenminderungspflicht habe sie nicht verletzt (S. 6 f.).
2.3
Strittig und
zu prüfen ist, ob im Zeitpunkt der Leistungseinstellung
Beschwer
den
mit versicherungsrechtlicher Relevanz
und
in
rechtsgenüglichem
Kausal
zusammenhang mit dem erlittenen Unfall bestanden.
3.
3.1
Am 1
5.
August 2009 befand sich die Beschwerdeführerin als Beifahrerin im von ihrem Mann gelenkten Auto, als dieses in einer Kurve von der Fahrbahn abkam und sich mehrmals überschlug. Sie und ihr Sohn erlitten Schnittverletzung
en
, die kleinste Tochter im Kindersitz blieb unverletzt, die ältere Tochter starb
(
Urk.
8/9 S. 1 Mitte)
.
3.2
Bei der Konsultation vom 1
7.
August 2009 im
Z.___
wurden folgende Diagnosen gestellt (
Urk.
8/4 S. 1 oben):
-
diverse Schnitt- und Rissquetschwunden (RQW) rechter Unterarm
-
Halswirbelsäulen (HWS) Distorsion Grad I
-
Thoraxkontusion
mit Verdacht auf Rippenfraktur
Costae
4/5 parasternal rechts
-
Schnittverletzung über dem
ulnaren
MCP
Dig
. V Hand rechts mit Hypäs
thesie im Bereich des
ulnaren
Fingerastes
Unter anderem wurde ausgeführt, bei Verdacht auf posttraumatische
Belastungs
störung
und psychosozialer Extremsituation werde der Hausarzt gebeten, eine Psychotherapie einzuleiten (S. 2 oben).
3.3
Am
4.
Juni 2013 erstatteten
Dr.
med.
A.___
,
Facharzt für Neurologie sowie für Psychiatrie und Psychotherapie,
Dr.
med.
B.___
,
Fach
ärztin
für Psychiatrie und Psychotherapie,
und
Dr.
phil.
C.___
,
Neuropsychologe,
D.___
,
ein Gutachten im Auftrag der Beschwerdegegnerin (
Urk.
8/199), dies gestützt auf die ihnen über
lassenen Akten (S. 3 ff.) und ihre am 22./2
3.
Mai 2013 erfolgten Unter
suchungen (S. 1).
Die Gutachter und die Gutachter
in
nannten folgende
Diagnosen (S. 27
Ziff.
6)
:
–
als ü
berwiegend wahrscheinlich auf den Unfall vom
1
5.
August
2009 bezieh
bare Diagnosen:
-
Status nach Autounfall am 1
5.
August 2009 mit /bei
-
anhaltender Trauerreaktion auf den Tod der Tochter, phänomenolo
gisch einer mittelgradigen
depressiven Episode mit somatischem Syn
drom entsprechend (F32.11)
-
persistierender Hypästhesie am rechten Kleinfinger, ohne Bedeutung für die Leistungsfähigkeit
–
als möglicherweise,
aber nicht überwiegend wahrscheinlich auf den Unfall vom 1
5.
August 2009 beziehbare Diagnosen:
-
z
erviko-zephales
Schmerzsyndrom, ohne neurologische Ausfälle,
Differen
tial
diagnose (
DD
)
Spannungskopfschmerzen,
DD
medikamen
teninduzierte
Kopfschmerzen
–
als u
nfallfremde Diagnosen:
-
leichte Restbeschwerden
im
rechten F
uss
infolge Mittelfussfraktur rechts vom
9.
Februar
2013, in
Abheilung begriffen
Anamnestisch wurde unter anderem festgehalten, dass im Jahr 2011 ein weite
res Kind zur Welt gekommen war (S.
11
Ziff.
2.6.2) und dass die seit 2009 inne
gehabte Stelle per Ende 2012 gekündigt w
orden war
(S. 11
Ziff.
2.5.1).
In Beantwortung entsprechender Fragen führten die Gutachter und die Gut
achte
rin unter anderem aus, beim Erleben und Verarbeiten des Unfalls vom 1
5.
August 2009 vermischten sich Aspekte der (gesunden) Persönlichkeits
struktur der Versicherten mit erlebnisreaktiven Elementen (der bisher nicht gelungenen Verarbeitung des Todes der Tochter)
und
mit ungünstigen externen Faktoren,
welche
die Behandlung der psychischen Unfallfolgen erschwert oder gar verunmöglicht hätten (familiendynamische Aspekte mit einem Mann, mit dem die Versi
cherte offenbar nicht über das E
rlebte sprechen könne, sowie auch die Schwangerschaft und anschliessende Stillzeit, was sowohl die medikamen
töse wie auch die konsequente
traumaspezifische
psychotherapeutische Behand
lung verunmöglicht habe). Als gesunder Anteil der Persönlichkeits
struktur sei zu werten, dass die Versicherte inzwischen genug habe von ihrem unbe
friedigenden psychischen Zustand und den Moment für gekommen sehe, um Hilfe in Anspruch zu nehmen und Verantwortung für eine Veränderung ihres Zustandes selbst in die Hand zu nehmen. Sie habe den Sohn vor wenigen Tagen erfolgreich abgestillt und sei jetzt bereit, die schon seit längerem indi
zierte antidepressive medi
kamentöse Behandlung anzufangen
(S. 28
Ziff.
8.3).
Weiter führten sie aus, a
llerdings müss
t
en jetzt den Worten der Versicherten auch entsprechende Taten folgen
. Sie meinten damit
,
dass die medikamentöse antidepressive Behandlung jetzt so rasch wie möglich umgesetzt werden soll
e
.
Sie
würden
von dieser Behandlung innerhalb von 3 bis 6 Monaten eine gewisse psychische Stabilisierung
erwarten
. Mit der zu erwartenden psychischen Stabi
lisie
run
g sollte es möglich sein, anschliessend auch eine intensive
traumaspezi
fische
psychotherapeutische Behandlung bei einer erfahrenen Fachperson anzufangen.
Sie würden
empfehlen, schon während der antidepressiven Behand
lung eine geeignete Therapeutin zu suchen, damit die Versicherte Ver
trauen zu ihr fassen und bei einget
rete
ner psychischer Stabilisie
ru
ng ohne wei
teren Verzug mit der
traumaspezifischen
psychotherapeutischen Behandlung anfangen k
ö
nn
e (S. 28)
.
Unabhängig davon, ob sich die Versicherte f
ü
r einen männlichen oder weibli
chen Therapeuten entscheidet, erachte
te
n
sie
es als entscheidend, dass die schon seit langem vorgeschlagenen Behandlungsmassnahmen jetzt konsequent von der Versicherten umgesetzt w
ü
rden. Dies
sei
aus
ih
rer Sicht zumutbar und w
erde
voraussichtlich dazu beitragen, dass sich ihr psychischer Gesundheitszu
stand namhaft verbessern w
e
rd
e (S. 28 unten)
.
Zur Frage der Prognose führten sie aus, n
achdem jetzt die Voraussetzungen
hätten
geschaffen werden k
önn
en, um die schon seit langem von verschiedenen
Fachleuten für dringend indiziert beurteilten therapeutischen Massnahmen umzusetzen,
und die Versicherte von ihrer Seite auch bekundet
habe
, dass sie den Moment für gekommen s
ehe
, ihre
psychische Verfassung aktiv anzugehen und die Situation zum Besseren zu verändern, g
ing
en
sie
davon
aus, dass günstige Voraussetzungen best
ünd
en, um eine Besserung der psychischen Stö
rung zu
erzielen.
Sie würden
davon aus
gehen
, dass es realistisch
sei
, innerhalb von
einem
Jahr nach Beginn der Behand
lu
ngen
in
psychische
r Hinsicht
eine namhafte Besserung zu erzielen, sodass innerhalb von
einem
Jahr auch mit
der Realisierung einer Teilzeit-Arbeitsfähigkeit, eventuell auch einer vollen Arbeitsfähigkeit, zu rechne
n
wäre. Es wäre ungewöhnlich und erklärungsbe
dürftig, wenn die Versicherte aufgrund des Unfalls
vom 1
5.
August
2009 und des Todes ihrer Tochter dauerhaft arbeitsunfähig bleiben würde.
Sie
g
ing
en des
halb
von einer an sich günstigen Prognose aus
(S. 29
Ziff.
10.4).
3.4
Am 1
6.
Juli 2015 erstatteten die gleichen Fachpersonen der
D.___
ein weiteres Gutachten (
Urk.
8/315), gestützt auf die ihnen überlassenen Akten (S. 3 ff.) und ihre am 3
0.
Juni und
9.
Juli 2015 erfolgten Untersuchungen (S. 1).
Sie nannten folgende
Diagnosen (S. 23
Ziff.
6)
–
als üb
erwiegend wahrscheinlich auf den Unfall vom 1
5.
August
2009 bezieh
bare Diagnosen:
-
Status nach Autounfall am 1
5.
August 2009 mit / bei
-
persistierender Hypästhesie am rechten Kleinfinger, ohne Bedeutung für die Leistungsfähigkeit
–
als m
öglicherweise, aber nicht überwiegend wahrscheinlich auf den Unfall vom 1
5.
August
2009 beziehbare Diagnosen:
-
Dysthymie
im Sinne einer pathologischen Trauerreaktion auf den Tod der Tochter, mit unfallfremden
a
ufrechterhaltenden Faktoren
(F34.1)
-
Spannungskopfschmerzen, ohne Auswirkung auf die Leistungsfähigkeit
Befundmässig wurde unter anderem festgehalten, im Rahmen der Untersuchung seien keine Befürchtungen und Ängste zum Ausdruck gebracht worden, die nicht als normale psychische Reaktionen auf besondere Umstände im Leben zu
begreifen wären; Albträume und / oder Flashbacks habe die Versicherte zu keinem Zeitpunkt erwähnt (S. 14 unten). Als bemerkenswert wurde erwähnt, dass die Versicherte in ihren ausführlichen, detaillierten und differenzierten Schilderungen ihrer Befindlichkeit und der aktuellen Situation kein einziges Symptom einer posttraumatischen Belastungsstörung genannt habe (S. 21 unten). Sie habe weder über Flashbacks geklagt, noch sei ein
Meideverhalten
zu verzeichnen, im Gegenteil, sie denke nach eigenen Angaben praktisch ständig an den Tod der Tochter. Die diagnostischen Kriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung seien ganz eindeutig nicht erfüllt (S. 21 f.).
Die Frage, ob die Beschwerdeführerin an einer psychischen Störung leide, bejahten sie und führten aus,
es hand
l
e sich um eine pathologische
Trauer
reaktion
auf den Tod der Tochter, die durch unfallfremde Faktoren aufrechter
halten
werde
, insbesondere durch Mechanismen des sekundären
Krankheits
gewinn
s
, eventuell auch durch neurotische familiäre Beziehungsstrukturen, die eine Überwindung der Trauer verhinder
te
n. Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung w
ü
rden von der Versicherten nicht geltend gemacht, und
sie seien
der Ansicht, dass auch die Diagnose einer eigenständigen depressiven Episode nicht erfüllt
sei
, da die Versicherte aktive und bewusstseinsnahe Ent
scheidungen
treffe
und Verhaltensweisen manifestier
e
, um ihre „Krankenrolle" zu konservieren, was bei einer eigenständigen depressiven Störung nicht zu erwarten wäre
(S. 24
Ziff.
5).
D
ie Versicherte
mache heute
geltend, dass es ihr nicht geling
e
, die Trauer um den Tod der Tochter zu überwinden.
Sie hätten Zweifel
daran und
hätt
en viel
mehr den Eindruck, dass die Versicherte ihren Beitrag zur Konservie
ru
ng ihrer Krankenrolle leiste, dies aufgrund unfallfremder Faktoren, wobei der sekundäre Krankheitsgewinn im Vordergrund steh
e (S. 24
Ziff.
8.1).
Der Versicherten
sei
es ganz offensichtlich nicht gelungen, die Trauer um den Tod der Tochter zu überwinden, wobei eine spezifische und konsequente Behand
lung, wie
im ersten Gutachten gefordert
, bisher nicht
habe
durchgeführt werden k
önnen
. Die Versicherte ha
be
ganz eindeutig ihren Beitrag dazu geleis
tet, dass die bisherigen therapeutischen Massnahmen wirkungslos
ge
blieben
seien
, indem sie die verordneten Medikamente nicht
nehme
und die Compliance auch in der psychotherapeutischen Behandlung schlecht
sei
.
Sie seien
der Ansicht, dass die Gründe dafür nicht mehr im Unfall an sich zu suchen s
eien
, sondern bei den unfallfremden Faktoren, insbesondere dem sekundären
Krank
heitsgewinn
(S. 25
Ziff.
8.3)
.
Abgesehen von der
funktionell irrelevanten
Hypästhesie am rechten Kleinfinger best
ünd
en heute überwiegend wahrscheinlich keine gesundheitlichen Bee
in
trächtigungen mehr, die auf den Unfall vom 1
5.
August
2009 zurückgeführt werden könn
t
en
(S. 26
Ziff.
10.1)
.
Die heute bestehende pathologische Trauerreaktion auf den Tod der Tochter
werde
ausschliesslich durch unfallfremde Faktoren aufrechterhalten. Die
unfall
fremden
Faktoren beinhalte
te
n hauptsächlich den sekundären Krankheitsgewinn und allenfalls auch neurotische Beziehungsmuster in der Familie der Versicher
ten. Diese Faktoren
seien
zu 100
%
für die Aufrechterhaltung der pathologi
sche
n Trauerreaktion verantwortlich (S. 26
Ziff.
10.2).
Aus der Sicht der Unfallfolgen
sei
die Versicherte als Mitarbeiterin im Innen
dienst eines Versicherungsbera
tun
gsbüros spätestens mit Dat
u
m
der gutachterli
chen
Untersuchungen zu 100
%
arbeitsfähig,
also
vollschichtig einsetzbar mit 100
%
Leistung. Es l
ä
gen keine unfallbedingten gesundheitlichen Beei
n
trächti
gungen vor, mit denen eine Minderung der Arbeitsfähigkeit in dieser Tätigkeit begründet werden könnte
(S. 26
Ziff.
11.1).
4.
4.1
Im Gutachten der D.___
von 2015 wurde ein noch anzunehmender natürli
cher Kausalzusammenhang anhaltender psychischer Probleme mit dem erlitte
nen Unfall verneint. Dies erscheint nicht vollends überzeugend, bestand doch das psychische Problem in einer pathologischen Trauerreaktion
der Beschwer
deführerin darauf
,
dass beim Unfall ihre Tochter ums Leben gekommen ist
. Wie es sich mit der natürlichen Kausalität letztlich verhält, kann jedoch aus den
nachstehend dargelegten Gründen offen bleiben.
4.2
Im Gutachten der
D.___
von 2015 wurde festgehalten, dass aus psychiatri
scher Sicht
lediglich noch eine
Dysthymie
im Sinne einer pathologischen
Trau
erreaktion
zu diagnostizieren sei; die Diagnose einer PTBS wurde mit einlässli
cher Begründung verworfen (vorstehend E. 3.4). Damit steht fest, dass der Standpunkt der Beschwerdeführerin, sie leide an einer PTBS (vorstehend E. 2.2), in der ärztlichen Beurteilung keine Stütze findet. Vor allem aber steht fest, dass keine die Arbeitsfähigkeit anspruchsrelevant beeinflussende psychische Beein
trächtigung mehr bestand, ist doch die
Dysthymie
praxisgemäss nicht geeignet, eine solche zu begründen (vorstehend E. 1.7). Dementsprechend plausibel ist
losgelöst von der Frage der natürlichen Kausalität - die Beurteilung im Gut
ach
ten der
D.___
von 2015, dass im Untersuchungszeitpunkt keine Arbeits
unfä
higkeit mehr attestiert werden könne.
Dies führt zusammengefasst zum Schluss, dass
eine
Leistungspflicht der
Be
schwer
degegnerin
über den strittigen Zeitpunkt hinaus schon deshalb zu
ver
neinen ist, weil in selbigem
Zeitpunkt keine anspruchsrelevanten Beeinträchti
gungen festzustellen waren.
4.3
Zu verneinen ist oder wäre sodann auch die Adäquanz eines allfälligen Kausal
zu
sammenhangs. Die Adäquanz ist hier anhand der allgemeinen
Adä
quanz
formel
zu prüfen (vorstehend E. 1.3).
Der
Unfall
, den
die
Beschwerde
führerin erlitt, war ein Schockerlebnis
,
weil dabei
ihre Tochter getötet wurde
. Dies stellt zweifellos eine ausserordentliche Belastung dar. Zu fragen ist aber,
ob diese Belastung
nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und
der allgemeinen Lebens
erfahrung geeignet
ist,
rund sechs Jahre später bei der Beschwerdeführe
rin eine Gesundheitsbeeinträchtigung mit Relevanz für die Arbeitsfähigkeit (und ent
sprechende Leistungsansprüche) zu begründen.
Die Frage ist aufgrund der fachlich fundierten Feststellungen in den Gutachten der
D.___
klar zu verneinen. Die Schwere und die Behandlungsbedürftigkeit der erlittenen psychischen Verletzung wurde im Gutachten von 2013 eindrück
lich dargestellt,
dies
verbunden mit der Einschätzung, dass im Verlauf von rund einem Jahr mit einer Besserung zu rechnen sei, sofern nun die Therapie aufge
nommen werde, die sich wegen einer erneuten Schwangerschaft und anschlies
senden Stillperiode, welche der
eigentlich
indizierten Medikation entgegen gestanden hatten, verzögert hatte
. Es wurde ausdrücklich festgehalten, eine mit dem Unfall von 2009 und dem dannzumal Erlebten begründete anhaltende Arbeitsunfähigkeit wäre ungewöhnlich und erklärungsbedürftig
(vorstehend E.
3.3). Rund zwei Jahre später war gemäss dem Gu
t
achten der
D.___
von 2015
zu konstatieren, dass die Beschwerdeführerin die verordneten Medi
kamente nicht nehme und auch ihre Compliance in der psychotherapeutischen Behand
lung schlecht sei (vorstehend E. 3.4).
Im Gutachten von 2015 wurde daraus der Schluss gezogen, die verbleibende psychische Beeinträchtigung sei gar nicht mehr unfallkausal. Wie es sich damit verhält, kann wie erwähnt (vorstehend E. 4.1) dahin gestellt bleiben. Denn für die hier zu prüfende Frage der allfälligen Adäquanz ist die Konsequenz offen
sichtlich: Wenn schon im Jahre 2013 eine anhaltende Arbeitsunfähigkeit nach einer dannzumal angezeigten und realisierbaren Therapie nach rund einem Jahr ungewöhnlich und erklärungsbedürftig gewesen wäre, so ist es ein weitgehend unveränderter Defektzustand zwei Jahre später umso mehr. Es w
ürde
, mit anderen Worten, dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung - beziehungsweise hier der medizinischen Empirie -
entspre
chen
, dass jedenfalls im Jahr 2015 (sechs Jahre nach dem Ereignis)
das trauma
tisierende Erlebnis soweit verarbeitet wäre, dass keine anspruchsrelevanten
Beeinträchtigungen mehr bestünden. Dass dem in Wirklichkeit nicht so zu sein scheint, ist als nicht adäquat im Rechtssinne zu qualifizieren.
4.4
Somit ist zusammenfassend festzuhalten, dass im strittigen Zeitpunkt fachärzt
lich ausgewiesen keine anspruchsrelevanten psychischen Beeinträchtigungen mehr bestanden, und dass die Adäquanz eines allfälligen Kausalzusammen
hangs zwischen dem Schockerlebnis von 2009 und Mitte 2015 noch vorhande
nen psychischen Beeinträchtigungen zu verneinen ist.
Aus diesen Gründen erweist sich der angefochtene Entscheid, mit dem die Leistun
gen per Mitte 2015 eingestellt wurden, als rechtens, und die dagegen erhobene Beschwerde ist abzuweisen.
Das Gericht
erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Das Verfahren ist kostenlos.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt
Dr.
Daniel Richter
-
Rechtsanwalt
Dr.
iur
. Peter Philipp
-
Bundesamt für Gesundheit
4.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mit
tel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu ent
halten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
MosimannTiefenbacher