# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 491d08ff-eda2-5531-8250-4a3e530fb674
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-03-27
**Language:** de
**Title:** Erstanmeldung, Abstellen auf das polydisziplinäre Gutachten, Abweisung, Gewährung UP
**Docket/Reference:** IV.2022.00495
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2022.00495.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2022.00495
III. Kammer
Sozialversicherungsrichter Gräub, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Slavik
Ersatzrichterin Tanner Imfeld
Gerichtsschreiberin Langone
Urteil
vom
27. März 2023
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Stadt Zürich Soziale Dienste
MLaw
Y.___
, Sozialversicherungsrecht Recht
Röschibachstrasse
26, 8037 Zürich
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
X.___
, geboren 1968,
arbeitete
zuletzt
im
Jahr
2009
beim
statistischen Amt
Y.___
(Urk. 8/80/102
, Urk. 8/4/3
)
. Unter Hinweis au
f
körper
liche und
psychische Be
einträchtigungen
meldete sich die Versicherte am 6.
August 2019 bei der
Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 8/7). Die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
klärte die medizi
nische und erwerbliche Situation ab
.
Mit Mitteilung vom 11. März 2020 erklärte die IV-Stelle die
begonnenen Frühinterventionsmassnahmen mit
Arbeitsvermitt
lung
für abgeschlossen (Urk.
8/
8/33). In der Folge
holte
sie
bei der
A.___
AG ein polydisziplinäres Gutachten ein, das am 24. Ja
nuar 202
2
erstattet wurde (Urk.
8/80).
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 8/89; Urk.
8/95) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 4. August 2022 einen Rentenanspruch
und einen Anspruch auf berufliche Massnahmen
(Urk. 2).
2.
Die Versicherte erhob am 13. September 2022 Beschwerde gegen die Verfügung vom 4. August 2022 (Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es seien
ihr Leistungen
der Inval
i
denversicherung zuzusprechen. Eventualiter sei ein Gerichtsgutachten in den Fachdisziplinen Psychiatrie und Ophthalmologie zu veranlassen und es sei ihr die unentgeltliche P
rozessführung zu gewähren (Urk.
1 S. 2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 17. Oktober 2022 die Abweisung der Beschwerde (Urk. 7), was der Beschwerdeführerin mit Gerichts
verfügung vom 19. Oktober 2022 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 9).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da der Zeit
punkt des Invaliditätseintritts (Art. 28 Abs. 1 und 1
bis
IVG) und jener des Renten
anspruchs nicht unbedingt identisch sind, fällt eine Invalidenrente unter das neue
Recht, wenn der Anspruchsbeginn ab dem 1. Januar 2022 liegt, auch wenn die Invalidität vor diesem Zeitpunkt eingetreten ist. Neurechtliche Invalidenrenten sind somit Renten, auf die gemäss Art. 29 Abs. 1 und 2 IVG der Anspruch ab dem 1. Januar 2022 entsteht (
vgl.
Rz
. 1008 des Kreisschreibens zu den Übergangsbe
stimmungen zur Einführung des linearen Rentensystems, KS ÜB WE IV, gültig ab 1. Januar 2022).
Die angefochtene Verfügung erging nach dem 1. Januar 2022.
Da die Entstehung eines Rentenanspruchs vorliegend bereits vor dem 1. Januar 2022 in Betracht fällt, sind die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.4
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.5
Versicherungsträger und das Sozialversicherungsgericht haben die Beweise frei, das
heisst
ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss
zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestat
ten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben,
warum es auf die eine und nicht auf die andere medizi
nische These abstellt (BGE 125 V 351 E. 3a).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Zudem muss der Arzt über die notwendigen fachlichen Qualifikationen ver
fügen. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a; Urteil des Bundesgerichts 8C_225/2021 vom 10. Juni 2021 E. 3.2, je mit Hinweisen).
2.
2.1
Die
Beschwerdegegnerin hielt
in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2)
fest
, dass eine medizinische Begutachtung erforderlich
gewesen sei (S. 1).
Im Rahmen der neuropsychologischen Untersuchung hätten sich keine Auffälligkeiten ergeben. Aus psychiatrischer Sicht seien aufgrund der objektiven Befunde die psychischen Funktionen erhalten, was gegen eine Arbeitsunfähigkeit sp
reche. Rein körperlich
bestehe
am Bewegungsapparat keine Beeinträchtigung. Die geschilderten Schmerzen würden sich durch somatische Befunde nicht objektivieren
lassen
. Aus augenärztlicher Sicht sei
e
n
jegliche Tätigkeiten möglich, welche
kein
beidäugige
s
Sehen
und kein
Stereosehen
erforderten
. Die Erwerbstätigkeit in der bisherigen Funktion sei zu 100 % zumutbar. Es bestehe daher kein Anspruch auf eine Inva
lidenrente oder berufliche Massnahmen (S. 2).
2.2
Die Beschwerdeführerin machte demgegenüber geltend (Urk. 1), dass au
f
das psy
chiatrische Teilgutachten nicht abgestellt werden könne. Der behandelnde Psy
chiater Dr.
med.
B.___
habe sehr ausführlich
dargelegt
, dass der Bericht der behandelnden Psychotherapeutin Dr.
med.
C.___
in der Aktenzusammen
fassung fehle
. Eine Auseinandersetzung mit diesem Bericht se
i jedoch zwingend, weswegen das
Gutachten nicht beweiskräftig sei
(S. 5).
Zudem seien die Antwor
ten des psychiatrischen Teilgutachters auf die Rückfragen widersprüchlich und entsprächen nicht den Tatsachen. Die
Antworten
erweck
t
en den Eindruck, sie wolle nicht mehr arbeiten und würde nach Ausreden suchen, was aber nicht zutreffe. Sie würde sich nicht einfach selber gänzlich arbeitsunfähig sehen, son
dern stütze sich dabei auf die Einschätzung ihrer Behandler. Sollte der behan
delnde Arzt der Ansicht sein, sie sei für Eingliederungsmassnahmen gesundheit
lich stabil
genug
, würde sie gern wieder an solchen teilnehmen (S. 6). Insgesamt sei nicht nachvollziehbar, weshalb der psychiatrische Teilgutachter zum Schluss gekommen sei, die gestellten psychiatrischen Diagnosen, darunter eine chroni
sche Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
,
seien ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 7). Zu
m
Zeitpunkt der Begutachtung wie aktuell könne ganz klar ein sozialer Rückzug festgestellt werden. Sie sei haupt
sächlich mit der Bewältigung ihrer gesundheitlichen Beschwerden beschäftigt. Die Rückschlüsse
hinsichtlich des
Aktivitätsniveau
s
seien daher nicht korrekt. Die Einschränkungen der A
rbeitsfähigkeit auf
grund der ophthalmologischen Beschwerden (einseitiger vollständige
r
Sichtverlust, Schmerzen, Beschwerden auch mit dem rechten Auge) seien im Gutachten zu wenig gewürdigt worden (S. 8).
3.
3.1
Dr. med.
D.___
, Augenarzt FMH, führte im Bericht vom 15. August 2019 (Urk. 8/11/7-9) folgende Diagnosen auf (S. 2):
-
Amaurose links
-
Sekundärglaukom links
-
Status nach
Cyclophotokoagulation
links am 09.01.2008 und 27.05.2009 (
Unispital E.___
)
-
Unverträglichkeit auf
Xalacom
,
Alphagan
,
Combigan
,
Cosopt
,
Arteoptic
,
Azopt
,
Ganfort
(störende Irisverfärbung unter Monoprost und
Lumigan
0,1)
-
Morning Glory Syndrom links
-
Status nach
Cerclage
im Juni 1992 wegen
Amotio
retinae
links
-
Status nach PPV mit Membranpeeling und Silikon-Füllung am 04.02.
2004 wegen
Reamotio
(
Traktionsamotio
) links (
Universitätsaugenklinik
F.___
)
-
Status nach
Andoiridotomie
links am 04.02.2004 wegen Anstieg des
Intraocula
r
drucks
-
Status nach partieller Silikonölentfernung wegen erhöhtem Augeninnen
druck links am 06.02.2004
Die Beschwerdeführerin leide seit Jahren unter einem reduzierten Allgemeinzu
stand
und fühle sich in ihrem allgemeinen Befinden und ihrer Belastbarkeit auf
grund des Organ-Funktionsverlustes des linken Auges begreiflicherweise stark beeinträchtigt (S. 2). Es bestehe ein gelegentliches Druckgefühl am linken Auge,
öfter fühle sich die Beschwerdeführerin kosmetisch eingeschränkt und von ihren Gesprächspartnern kritisch wahrgenommen wegen ihrer Augenproblematik links. Aus reiner augenärztlicher Sicht bestehe keine relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit im bisherigen Beruf (S. 3).
3.2
Dr. med.
G.___
, Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie FMH, hielt im Bericht vom 22. Oktober 2019 (Urk. 8/20) folgende Diagnosen mit Auswir
kungen auf die Arbeitsfähigkeit fest:
-
F33.1 rezidivierende depressive Störung bei Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode 2017 mit aktuell mittelgradig depressiver Episode
-
F60.8 Verdacht auf eine kombinierte Persönlichkeitsstörung. DD: Persön
lichkeitsstörung im Rahmen einer Traumafolgestörung bei Status nach mehreren Glaukom-OPs und
Visusverlust
links
-
Z73 Burnout
-
Z73 Early-Life-Stress positiv
Die Beschwerdeführerin habe seit 2004 eine zunehmende Verschlechterung ihres Allgemeinzustandes mit zunehmender Erschöpfung, Lustlosigkeit, Bedrücktheit und sozialem Rückzug bemerkt. Von Oktober bis Dezember 2017 sei ein statio
närer Aufenthalt in der
Seeklinik
H.___
erfolgt, wo man eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert habe. Aktuell zeige sich die Beschwerdeführerin in einem verzweifelten, hilflosen Zustand
. Die V
e
rschlechterung des linken Auges seit 2002
mit
anschliessende
m
Visus
-Verlust belaste die Beschwerdeführerin
. Zudem be
d
rück
t
e
n
sie die häufigen Arbeitsstellen-Verluste neben der sozialen Isolation. Daneben merke sie immer noch die körperliche Erschöpfung, Energie
losigkeit und Antriebslosigkeit (S. 3). Es werde zu Beginn eine 50%ige Tätigkeit als zumutbar empfohlen
, mit schrittweiser Erhöhung. Die Beschwerdeführerin brauche Unterstützung
,
um überhaupt in die Eingliederung zu kommen.
Danach werde mit einer begleitenden Psychotherapie eine gute Prognose als wahrschein
lich gesehen
(S. 5).
3.3
Im
Bericht von
Dr. med.
C.___
,
Fachärztin für Augenkrankheiten,
Psychosoma
tische und Psychosoziale
Medizin (SAPPM) und Delegierte Psychotherapie (FMPP)
,
und Dr. med.
I.___
, Allgemeine Innere Medizin und
Psychosomatische und Psychosoziale Medizin (SAPPM) und Delegierte Psychotherapie (FMPP)
,
vom 5. Oktober 2020
(Urk.
8/45
/1-5 und
Urk.
8/
45/67
-88)
werden folgende Diagnosen
mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit ausgeführt (Urk. 8/45
/67-88
S. 19):
-
Posttraumatische Belastungsstörung F
43.1 (2018)
-
Komplexe posttraumatische Belastungsstörung, dissoziativ mit Erschöp
fungsdepression (2018)
-
Atypische Depression F32.8
(2016)
-
Anhaltende somatoforme Schmerzstörung mit psychischen und somati
schen Faktoren F45.41 (2018)
-
DD: Migräne ohne Aura (2012), psychologische Fakt
o
ren oder Verh
al
tens
faktoren bei
anderenorts klassifizierten Erkrankungen F54
-
Sonstige somatoforme Störungen F45.8
(2018)
-
Chron. Fati
g
ue G93.3 (2016)
-
Amaurose links (funktionelle
Monokelsituation
seit 6/1992), Sekundär
glaukom links
-
Morning Glory Syndrom links (angeboren)
-
Myopia
media
rechts
-
Colon irritable, genetische Laktoseintoleranz (2014)
Therapeutischerseits
werde die Beschwerdeführerin aktuell und weiterhin auf unabsehbaren Zeitraum nicht für arbeitsfähig befunden, weder auf dem ersten Arbeitsmarkt noch für eine IV-Eingliederung. Im Laufe der Therapie
h
abe sich die Ursache für die massive physisch-psychische Erschöpfung gezeigt. Diese liege in den
traumatisierenden Erlebnisse
n
, die zur Entstehung einer komplexen post
traumatischen Belastungsstörung mit de
m
klinischen
Erscheinungsbild einer dissoziativen Störung der Persönlichkeit mit Verdacht auf sekundäre strukturelle Dissoziation, jedoch zumindest primäre strukturelle Dissoziation, geführt h
abe
(S.
19-20).
Diese bedinge emotional eine anhaltende instabile innerpsychische Situ
ation, welche die Beschwerdeführerin mit grosser Kraftanstrengung zu kontrol
lieren versuche, was immer wieder zu Erschöpfung insbesondere im zwische
n
menschliche
n
Kontext führe
.
Diese Erschöpfung dauere zumindest seit Beginn der Krankschreibung im 2016 zu 100 % an. Entscheidend seien die immer wieder
kehrende
n
Schmerzzustände, die die Beschwerdeführerin für mehrere Tage gänz
lich beeinträchtigten. Es bes
t
ehe der Verdacht, dass die Beschwerdeführerin wahr
scheinlich schon in früher Kindheit, eventuell mit den wiederholten A
ugenarzt
untersuchungen die Fäh
i
gkeit der Dissoziation erworben habe
und damit eine integrierende
emotionale Verarbeitung folgender aversiver
oder belastender Lebensereignisse behindert worden sei. Die medikamentöse Resistenz
gegen alle Schmerzmittel spreche für eine dissoziative Schmerzsymptomatik. In zwischen
menschlichen Beziehungen zeige sich die hohe emotional-psychische
Vulnerabi
lität und eine hohe Übertragungsbereitschaft, was zu häufigen Konflikten und Erschöpfung führe.
Therapeutischerseits
werde deshalb einge
schätzt, dass durch die genannten Faktoren eine 50%ige Arbeitsfähigkeit
auf dem ersten Arbeits
markt derzeit nicht erreicht werden könne und die Beschwerde
führerin auch noch nicht genügend Kraft und R
eserven sowie Ressourcen für eine IV-Eingliederung zur Verfügung habe (S. 20).
3.4
3.4.1
Der interdisziplinären Gesamtbeurteilung des polydisziplinären Gutachten
s
der
A.___
in den Disziplinen Allgemeine Innere Medizin, Rheumatologie, Neu
rologie, Neuropsychologie, Psychiatrie und Ophthalmologie vom 24. Januar 2022 (Urk. 8/80
/
15-30
) sind folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähig
keit zu entnehmen (S. 4)
-
Myopia
media
(ICD-10 H52.1)
-
Monokulus
(ICD-10 H54.4)
-
Morning Glory Papille (ICD-10 H47.392)
Aus polydisziplinärer Sicht führ
t
e
n
einzig die ophthalmologischen Diagnosen zu einer qualitativen Einschrä
n
kung
der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin insofern, als dass der Beschwerdeführerin keine Tätigkeiten möglich seien, bei denen ein binokulares Gesichtsfeld und Stereosehen nötig seien (S. 7).
Die Ressourcen der Explorandin seien als gut einzuschätzen, sie verfüge über zwei berufliche Abschlüsse und sehr viel Erfahrung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Sie sei allerdings durch ihre körperliche Befindlichkeit abgelenkt, sie habe eine feh
lende Krankheitsverarbeitung hinsichtlich der Operation am linken Auge und empfinde die Erblindung des linken Auges als sehr traumatisch. Auch könn
t
e
n
lebensgeschichtliche Enttäuschungen reaktiviert werden. Die Beschwerdeführerin fühle sich aktuell als gänzlich krank und arbeitsunfähig. Sie habe keine Hoffnung auf eine Besserung, sie könne es sich auch insbesondere nicht vorstellen, mit den Beschwerden zu arbeiten.
Es beständen jedoch durchaus Ressourcen, die sich in der genauen Exploration der täglichen Aktivitäten zeigten und auch im Mini-ICF-APP
abbildeten
(S. 7).
Für die zuletzt ausgeübte berufliche Tätigkeit als Freelancerin in der P
roduk
tkon
zeption sowie die berufliche Tätigkeit im Bereich Medienwissenschaften und Kommunikation/Design bestehe aus polydisziplinäre
r
Sicht
keine Einschränkung der Arbeitsfäh
igkeit
. Aus polydisziplinärer Sicht habe für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit zu keinem Zeitpunkt eine länger anhaltende oder höhergradige Arbeits
unfähigkeit vorgelegen (S. 8).
3.4.2
Im
allgemein
in
ternistischen Fachgutachten von Dr. med.
J.___
, FMH Allge
meine innere Medizin (Urk. 8/80/31-43), sind keine Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit aufgelistet (S. 25).
Aus internistischer Sicht seien alle beruflichen Tätigkeit
en
auf
dem ersten Arbeitsmarkt vollumfänglich möglich (S.
27).
3.4.3
Dr. med.
J.___
, FMH Rheumatologie, füh
rt in ihrem Teilgutachten (Urk.
8/80/44-63) ebenfalls keine Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeits
fähigkeit aus (S. 44). Es
bestehe
ein Verdacht auf Fibromya
l
gie (ICD-10 M79.70) sowie zervikale Schmerzen bei zervikaler Osteoarthrose (ICD-10 M54.02). Die Beschwerdeführerin habe bisher noch keine rheumatologische Beurteilung in Anspruch genommen, sodass die neuen Diagnosekriterien der Fibromyalgie mit ihr durchgegangen worden seien. Dabei seien zur Bestimmung des WPI insgesamt 14 Körperregionen angegeben
worden
, an denen Schmerzen auf
getreten seien
. Bei der Durchführung des Symptom
Severity
Scores Part 2a habe ein Score von 5 hinsichtlich der Fatigue
bestanden
und
eine
Angabe dazu, dass sie jeden Tag eigentlich nicht ausgeruht aufwache. Bei der Durchführung des zweiten Teils Part 2b habe die Beschwerdeführerin 18 Punkte erreicht. Insgesamt würde die Beschwerdeführerin somit die Diagnosekriterien der Fibromyalgie erfüllen. Im Rahmen der Begutachtung
hätten die Symptome durch keine andere Diagnose erklärt werden können. Die Beschwerdeführerin
habe über diffuse M
uskelschmer
zen in Gelenksnähe
berichtet
. Sie
klage
vor allem über Erschöpfung und
habe ein erhöhtes Schlafbedürfnis
, wach
e
aber in der Nacht von den
Ko
pfschmerzen auf. Die Beschwerden
hätten
sich, wie das die Beschwerdeführerin auch schon berich
tet
habe
, im jungen Erwachsenenalter
manifestiert
(S. 44)
. Die Wahrscheinlich
keit, dass bei der Beschwerdeführerin die Symptome durch eine Fibromyalgie erklär
bar
seien, sei
aus gutachterlicher Sicht hoch. Somatoforme Störungen mit Verweis auf das psychiatrische Gutachten könnten durch das rheumatologische Fachgutachten dennoch nicht ausgeschlossen werden (S. 45)
.
Es fänden sich kaum Einschränkungen des Aktivitätsniveaus im Alltagsleben, ausser dass die Versicherte viel schlafe
n würde
. Es best
ä
nden keine Einschrän
kungen bei der täglichen Körperhygiene, sie könne sich normal anziehen, könne ihre Einkäufe erledigen und ihren Haushalt führen.
Sie sei auch in der Lage
,
Yoga-Übungen und – soweit nicht von ihrer Sehkraft her eingeschränkt - Nordic Wal
king durchführen. Sie gehe auch gelegentlich schwimmen (S. 46 f.).
Eine Herlei
tung der tatsächlich vorliegenden Funktions- und Fähigkeitsstörungen aus rein rheumatologischer S
icht
falle schwer
. Rein körperlich am Bewegungsappar
a
t beständen keine Behinderungen. Aus rheumatologischer Sicht sei die Beschwer
deführerin 100 % arbeitsfähig. Es beständen keine Einschränkungen und sie sei zu keinem Zeitpunkt arbeitsunfähig gewesen (S. 47).
3.4.4
Im neurologischen
Teilgutachten
von Dr. m
ed.
L.___
, FMH Neurologie (Urk.
8/80/64-77), werden keine Diagnosen mit Auswirkung auf die A
rbeitsfä
hig
keit ausgef
ührt (S. 59).
Als Diagnose ohne Auswirkung
auf die A
r
b
eitsfähigkeit wird Migräne ohne Aura (ICD-10 G43.0)
erwähnt
(S. 59). Es sei insgesamt davon auszugehen, dass an durchschnittlich zwei Zeitpunkten pro Monat über durch
schnittlich eineinhalb Tagen Migränekopfschmerzen best
ä
nden.
In der aktuellen Ausprägung und Häufigkeit
(Manifestation an durchschnittlich drei Tagen im Monat) sei dies nicht arbeitsrelevant
(S. 60).
Aus neurologischer Sicht bestehe weder vor noch nach 2019 eine Erkrankung aus dem neurologischen Fachgebiet mit wesentlicher Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (S. 62).
3.4.5
L
ic. phil.
M.___
, Fachpsychologe für Neuropsychologie FSP, führt in seinem neu
ropsychologischen Teilgutachten aus (Urk. 8/80/78-93), dass keine Diagnosen beständen (S. 76).
In der neuropsychologischen Untersuchung zeige sich bei der Beschwerdeführerin eine normgemässe bis seltene überdurchschnittliche kogni
tive Leistungsfähigkeit. Aus rein neuropsychologischer Sicht sei bei der Beschwerdeführerin nicht von hirnorganisch bedingten kognitiven Funktionsbe
einträchtigungen auszugehen (S. 77).
3.4.6
Dr. med.
N.___
, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, führt
e
in seinem Teilgut
achten (Urk. 8/80/94-118)
keine Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähig
keit au
f
(S. 96).
Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
beständen
eine
rezidi
vierende depressi
v
e Störung, gegenwärtig leichte Episode (ICD-10 F33.00) sowie
eine
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41). Vorliegend sei die depressive Episode gekennzeichnet durch depressive Verstimmung mit verminderter Freude
, einem gewissen Interessenver
lust, erhöhter Ermüdbarkeit und vermindertem Selbstwert mit Insu
ffizienz
gedan
ken. Eine leichte Depression habe sich auch in der Hamilton Depressionsskala bestätigt. Die
Beschwerdeführerin fühle sich zwar gänzlich krank und arbeitsun
fähig und habe keine Hoffnung auf eine Besserung ihrer gesundheitlichen Prob
leme. Sie leide aber nicht unter allumfassenden negativen Zukunftsperspektiven (S. 97).
Passend zu einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psy
chischen Faktoren beklage die Beschwerdeführerin Schmerzen im Bewegungsap
parat, die sie somatisch bedingt sehe, für die sie sonst aber keine für sie erklärbare Ursache wisse, obschon ihr auch ihre lebensgeschichtlichen Enttäuschungen bewusst seien
(S. 98)
.
Die Anamnese sei sonst früher psychiatrisch bland, mit normaler Sozialisation und voller Leistungsfähigkeit, was bei sonst im Quer
schnittsbefund wenig auffälligen Persönlichkeitsmerkmalen gegen die Achse-II-Diagnose einer Persönlichkeitsstörung spreche (S. 98).
Die Diagnose einer post
traum
a
tischen Belastungsstörung könne nicht gestellt werden (S. 100).
Die Beschwerdeführerin fühle sich zu sehr beeinträchtigt, als dies mit objektiv erhebbaren medizinischen Befunden begründet werden könne.
Sie mache
eine gänzliche Arbeitsunfähigkeit geltend.
Die
Aktivitätsniveau
s
im beruflichen
Bereich
einerseits
und privaten
anderseits
wichen
hier aber doch auseinander. So verbringe die Beschwerdeführerin ihren Tag nicht einfach inaktiv, sondern sie kümmere sich um ihren Haushalt. Sie sei vor allem auch mit ihrer Krankheit beschäftigt und recherchiere dabei im Internet. Die Lebenskapazität, die sich auch in der erreichten Punktzahl des Mini ICF-APP abbilden lasse und sich vor allem bei der genauen Exploration der täglichen Aktivitäten zeige, spreche für erhaltene psychische Funktionen und gegen eine Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht (S. 99-100).
Die Beschwerdeführerin sei in der bisherigen Tätigkeit sowie in einer leidensangepassten Tätigkeit 100
% arbeitsfähig (S. 101 f.).
3.4.7
Dr. med.
O.___
, FMH Ophthalmologie, führt
e
in seinem Teilgutachten (Urk.
8/80/105-127) folgende Diagnosen auf (S. 108):
-
Myopia
media
-
Monokulus
-
Morning-Glory-Papille
Bei der Beschwerdeführerin bestehe eine
Monokelsituation
. Aus diesem Grund
seien
die Tätigkeiten, welche ein
binoculares
Gesichtsfeld und Stereosehen ver
lang
t
en, nicht möglich. Sonstige Tätigkeiten dürfe die Beschwerdeführerin uneingeschränkt aus ophthalmologischer Sicht ausüben (S. 110).
3.5
Im Antwortschreiben zu den ergänzenden Fragen vom 24. Januar 2022 (Urk.
8/84) ergänzten die Gutachter, in Bezug auf die Frage, ob es aus gutachter
lich-medizinischer Sicht eine Erklärung gebe, weshalb die Beschwerdeführerin
ihre Arbeitsfähigkeit nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt verwerten könne,
dass es aus allgemein inner-medizinischer, aus rheumatologischer, opht
h
a
l
mologischer, neurologischer und neuropsychologischer Sicht keine Erklärung
dafür
gebe (S.
2
3). Aus psychiatrischer Sicht könnte die Beschwerdeführerin ihre medizi
nisch-theoretische Arbeitsfähigkeit sehr wohl auf dem ersten Arbeitsmarkt ver
werten, die Frage müsste vielmehr dahingehend gestellt werden, warum sie dies nicht mache. Sie zeige dazu eben einfach keine Bereitschaft, sei überzeugt, gänz
lich krank und arbeitsunfähig zu sein
(S. 4)
.
Die subjektive Überzeugung der Beschwerdeführerin, nicht mehr arbeiten zu kön
nen,
basiere
nicht nur
auf
rein psychosozialen Belastungen, sondern auch
auf
emotionale
n
Belastungen, die auch lebensgeschichtlich bedingt seien, bei einem erheblichen Augenleiden, das bis in die Kindheit zurückgehe
,
und chronische
n
gesundheitliche
n
Probleme
n
und Beschwerden, die sich nicht besserten (S. 4). Die psychische Überlagerung bedinge die somatoforme Störung mit einer chroni
schen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (S. 5).
3.6
Dr.
med.
B.___
, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, führt
e
im E-Mail vom 6. Mai 2022 (Urk. 8/97) in Bezug auf das psychiatrische Teilgutachten von Dr.
N.___
aus, dass
letzterer
keine Spezialausbildung gemäss den gültigen Leit
linien
in Psychotraumatologie/Traumatherapie habe. Zudem fehle der sehr aus
führliche Bericht von Dr.
C.___
in seiner Aktenzusammenfassung. Eine Ausei
nandersetzung mit einem fundierten ausführlichen Bericht der behandelnden ärztlichen Psychotherapeutin sei zwingend. Ausserdem f
änden
sich keine vertief
ten Angaben, wie sich die subjektiven Einschränkungen in der konkreten Arbeit auswirkten. Auch die Diskrepanz zwischen den Aussagen der Eingliederungsspe
zialistinnen, welche die Beschwerdeführerin als zu krank eingeschätzt hätten und der vollständigen Arbeitsfähigkeit, die Dr.
N.___
attestiert habe, müsse disku
tiert werden.
4.
4.1
Das polydisziplinäre Gutachten
der
A.___
AG
vom
24. Januar 2022 (Urk.
8/80,
vorstehende E. 3.
4
) erfüllt sämtliche formalen Anforderungen an den Beweiswert einer Expertise im Sinne der Rechtsprechung (vgl. vorstehende E. 1.4). Es setzt sich mit allen Aspekten der gesundheitlichen Beeinträchtigung auseinan
der, berücksichtigt die geklagten Beschwerden sowie sämtliche ärztliche
n
Unter
suchungsberichte.
Strittig ist aber, ob das Gutachten in der Darlegung der medizinischen Zusam
menhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und hinsichtlich der Einschränkungen nachvollziehbar begründete Schlussfolgerun
gen enthält, dies vor allem in Bezug auf den im Vordergrund stehenden psychi
schen Gesundheitszustand d
er Beschwerdeführerin
.
4.2
4.2.1
Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen, nach BGE 143 V 409 namentlich auch leichte bis mittelschwere Depressionen, für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem strukturierten Beweisverfahren nach Massgabe von BGE 141 V 281 zu unterziehen (Änderung der Rechtsprechung). Speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere depressive Störungen hielt das Bundesgericht in BGE 143 V 409 – ebenfalls im Sinne einer Praxisänderung –
fest, dass eine invalidenversicherungsrechtlich relevante psychische Gesund
heitsschädigung nicht mehr allein mit dem Argument der fehlenden Therapie
re
sistenz auszuschliessen sei (E. 5.1). Für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sind somit auch bei den leichten bis mittelgradigen depressiven Störungen systemati
sierte Indikatoren beachtlich, die es – unter Berücksichtigung leistungs
hindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und von Kompensationspoten
tialen (Res
sourcen) andererseits – erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungs
vermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1).
Eine leicht- bis mittelgradige depressive Störung ohne nennenswerte Inter
feren
zen durch psychiatrische Komorbiditäten lässt sich im Allgemeinen nicht als schwere psychische Krankheit definieren. Besteht dazu noch ein bedeutendes the
rapeutisches Potential, so ist insbesondere auch die Dauerhaftigkeit des Gesund
heitsschadens in Frage gestellt. Diesfalls müssen gewichtige Gründe vorliegen, damit dennoch auf eine invalidisierende Erkrankung geschlossen werden kann (BGE 148 V 49 E. 6.2.2 mit Hinweis). Die Anerkennung eines rentenbegründen
den Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrund
lage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nach
weis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweis
losigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
4.2.2
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 15. März 2018 E. 7.4).
4.2.3
Wie in BGE 145 V 361 dargelegt, ist in allen Fällen durch die Verwaltung bezie
hungsweise das Gericht zu prüfen, ob und inwieweit die ärztlichen Experten ihre Arbeitsunfähigkeitsschätzung unter Beachtung der massgebenden Indikatoren (Beweisthemen) hinreichend und nachvollziehbar begründet haben. Dazu ist erforderlich, dass die Sachverständigen den Bogen schlagen zum vorausgehenden medizinisch-psychiatrischen Gutachtensteil (mit Aktenauszug, Anamnese, Befun
den, Diagnosen usw.), das heisst sie haben im Einzelnen Bezug zu nehmen auf die in ihre Kompetenz fallenden erhobenen medizinisch-psychiatrischen Ergeb
nisse fachgerechter klinischer Prüfung und Exploration. Ärztlicherseits ist also substanziiert darzulegen, aus welchen medizinisch-psychiatrischen Gründen die erhobenen Befunde das funktionelle Leistungsvermögen und die psychischen Ressourcen in qualitativer, quantitativer und zeitlicher Hinsicht zu schmälern vermögen. Der psychiatrische Sachverständige hat darzutun, dass, inwiefern und inwieweit wegen der von ihm erhobenen Befunde die beruflich-erwerbliche Arbeitsfähigkeit eingeschränkt ist, und zwar - zu Vergleichs-, Plausibilisierungs- und Kontrollzwecken - unter Miteinbezug der sonstigen persönlichen, familiären und sozialen Aktivitäten der rentenansprechenden Person (E. 4.3; vgl. auch BGE 148 V 49 E. 6.2.1 mit Hinweis
).
4.4
4.4.1
Hinsichtlich des Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin aus psychiatrischer Sicht zum Zeitpunkt der Begutachtung am
16. August 2021 (Urk. 8/80/
94-118 S.
80
)
schloss Dr.
N.___
gestützt auf seine Anamneseerhebung, die Symptomer
fassung und Verhaltensbeobachtung und damit gestützt auf allseitige Untersu
chungen (Urteil des Bundesgericht
9C_728/2018 vom 21. März 2019 E. 3.3) das Vorliegen einer
posttraumatischen Belastungsstörung (
PTBS
)
aus und
mass
der rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig leichte Episode (ICD-10 F33.0) sowie der chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Fakto
ren (ICD-10 F45.41
) in Kohärenz mit der neuropsychologischen Beurteilung keine Auswi
rkung auf die Arbeitsfähigkeit bei
(
S. 102
)
.
Dabei setzte sich der psychia
t
rische Gutachter mit den von der Rechtsprechung definierten Standardindikatoren auseinander (E. 4.2.2). So wurde in Bezug auf die Kategorie «funktioneller Schweregrad»
der psychiatrische Befund der Beschwer
deführerin
beschrieben
(
S. 94
). Die Stimmung war untergründig leicht depressiv, mit etwas verminderter Freude und einem gewissen Interessenverlust
. A
ls Haupt
beschwerden wurden erhöhte Ermüdbarkeit und diffuse ausgeweitete Schmerzen am Bewegungsapparat angegeben (S. 94). Insgesamt wurden
gemäss Gutachter
somit lediglich leichtgradig ausgeprägte Befunde erhoben, welche
auch anhand der Hamilton Depressionsskala einer leichten Depression entsprachen (S. 95). Befunde für eine in den Akten beschriebene schwerere Depression (mittelgradige Episode) konnte der Gutachter keine erheben. So sieht sich die Beschwerdeführe
rin zwar als gänzlich krank und arbeitsunfähig, sie leidet aber nicht an allumfas
senden negativen Zukunftsperspektiven wie Versündigungsideen, Weltunter
gangsgedanken oder unrealistischen Verarmungsideen. Wie der Gutachter weiter nachvollziehbar darlegt
e
, kann diagnostisch von einer
rezidivierenden
depres
siven Störung ausgegangen werden (S. 97).
Jedoch konnte - im Vergleich zu den Behandlern - die Diagnose einer posttrau
matischen Belastungsstörung nach ICD-10 nicht gestellt werden, da dazu ein deutlich schweres traumatisches Ereignis, dass bei fast jedem eine tiefe Verzweif
lung hervorrufen würde, gefordert w
ird
(S. 100). Wie der Gutachter diesbezüglich darlegte, fallen Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung deut
lich auf, indem sie vor allem beim Ansprechen traumatischer Erinnerungen in sich selbst versunken, emotional abgestumpft erscheinen oder einen Erregungs
zustand zeigen. Die Beschwerdeführerin
hat
zwar im Untersuchungsgespräch wiederholt geweint, konnte aber ebenso gut durch eine entsprechende Frage wie
der
abgelenkt werden und war dann ebenso rasch wieder gefasst (S. 100).
Was die Diagnose der chronischen Schmerzstörung
mit somatischen und psychischen Anteilen anbelangt,
führte der Gutachter schlüssig aus, dass das Ausmass der Schmerzen und die Überzeugung, nicht mehr arbeiten zu können, sich nicht durch
somatische Befunde hinreichend objektivieren lassen, sodass eine psychi
sche Überlagerung angenommen werden muss (S. 98).
Des
Weiteren
wurde vom Gutachter auch berücksichtigt, dass die Beschwerde
führerin
zwar
eine psychiatrisch-psychosomatische Behandlung
durchführt. Eine psychopharmakologische Behandlung besteht jedoch nicht (
S.
99
)
, woraus eben
falls Rückschlüsse auf den Leidensdruck gezogen werden können
(BGE 141 V 281 E. 4.4.2)
.
4.4.2
Zudem wurde
die funktionelle Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin anhand der Mini-ICF-APP abgebildet. So
sind
die Anpassung an Regel
n
und Routinen
, di
e Planung und Strukturierung von Aufgaben
, die Entscheidungs- und Urteils
fähigkeit, die Kontaktfähigkeit zu Dritten, die
Gruppenfähigkeit
,
die
Selbstpflege
sowie die Verkehrsfähigkeit
nicht
beeinträchtigt
(Urk.
8
/80
/94-118
S. 95-96)
.
Wie der Gutachter weiter ausführt, verbring
t
die Beschwerdeführerin ihren Tag strukturiert und kümmer
t
sich um die administrativen Angelegenheiten
(S. 95)
.
Hingegen ist sie in der Flexibilität und Umstellungsfähigkeit
mässig
einge
schränkt, denn sie fühl
t
sich nicht mehr arbeitsfähig und nicht in der Lage auch mit Beschwerden zu arbeiten.
In der Anwendung fachlicher Kompetenz
ist sie
(nur)
leicht eingeschränkt, kümmer
t
sie
sich
doch
durchaus um ihre Angelegen
heiten, auch wenn sie nicht mehr arbeitet. Die Durchhaltefähigkeit ist ebenfalls leicht eingeschränkt. Das gut zwei Stunden dauernde Untersuchungsgespräch konnte sie gemäss Gutachter gut durchhalten und
zeigte
auch keine Ermüdungs
erscheinungen (S. 95). Diese Einschätzung deckt sich auch mit der neuropsycho
logischen Beurteilung, bei welcher keine Einschränkungen in Aufmerksamkeit und Konzentration haben festgestellt werden können (Urk. 8/80/
78-93 S. 75
).
Die Selbstbehauptung
s
fähigkeit ist dahingehend leicht beeinträchtigt, als
dass
die Beschwerdeführerin unter Insuffizienzgedanken leidet (Urk. 8/80/
94-118 S. 95
). Familiäre bzw. intime Beziehungen sind ebenfalls leicht eingeschränkt
.
S
chliess
lich führte der Gutachter hinsichtlich Spontanaktivität aus, dass diese mässig eingeschränkt
ist
, denn die Beschwerdeführerin würde nicht mehr viel von ihren früheren Hobbies
(
Skifahren, Schwimmen, Segeln und Tanzen
)
machen (S. 96).
4.4.3
Der Gutachter berücksichtigte ebenfalls die Ressourcenseite der Beschwerdefüh
rerin.
So verbring
t
die Beschwerdeführer
in
den Tag nicht einfach inaktiv, sondern sie kümmert sich um den Haushalt und erledigt alle Hausarbeiten, die sie einteilen kann, selber (Urk. 8/80/
94-118 S. 99 f.
). Aus den Schilderungen der Beschwerde
führerin zu ihrem Tagesablauf ist ersichtlich, dass sie ein hohes Aktivitätsniveau aufweist und
der Tag
gut strukturiert ist. So steht sie um 8:00 Uhr auf, mach
t
sich Frühstück und ist am Vormittag jeweils mit administrativen Angelegenheiten beschäftig. Zudem macht sie Akupressur und Körperübungen
und koch
t
sich etwas zu Mittag (S. 90)
.
Am Nachmittag
erholt sie sich, tank
t
nach Möglichkeit Sonne und je nach Dringlichkeit erledigt sie weitere administrative Angelegen
heiten und
macht
Abklärungen und Recherchen zu ihre
r Gesundheit und zur Hei
lung (S. 72).
Wie sie selber ausführt,
hat sie immer viel selber recherchieren müs
sen, da ihre Krankheit sehr komplex sei. Die Hausarbeit erledigt sie selber in Etap
pen. Am Sonntag geht sie im Wald spazieren (S. 90).
Zudem verfügt sie über einen soliden universitären Berufsabschluss und Berufserfahrung (S. 101).
Dane
ben
hat sie viele ihrer früheren Hobbies wie z.B. das Schwimmen und
Tanzen
aufgegeben, jedoch
nicht
ausschliesslich
aus gesundheitlichen Gründen. So erwähnte die Beschwerdeführerin, dass sie seit der Trennung von ihrem Freund keine Begleitung mehr habe, um schwimmen zu gehen. Tanzen sei sie zuletzt vor sechs Jahren gewesen; ihr letzter Freund sei eben kein Tänzer gewesen (S. 91).
Insgesamt ist somit
die Schlussfolgerung des Gutachters, wonach
eine Diskrepanz bestehe zwischen dem
Aktivitätsniveau im beruflichen
Bereich einerseits
und privaten
andersetis
, nachvollziehbar (S. 99). Die Lebenskapazität, die sich auch in der erreichten Punktzahl der Mini ICF APP abbilden lässt und sich vor allem bei der genauen Exploration der täglichen Aktivitäten zeigt, spr
icht
gemäss Gutach
ter für
e
rhaltene psychische Funktionen und gegen eine Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht.
4.4.4
Nach dem Gesagten ist somit festzuhalten, dass der Gutachter in nachvollziehba
rer
Art und
Weise
die funktionellen Einschränkungen der Beschwerdeführerin schlüssig und widerspruchsfrei hergeleitet hat. Die Schlussfolgerungen des Gut
achters
, wonach keine Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht besteht,
ver
m
ag
namentlich auch
mit Blick auf seine Auseinandersetzung mit den
praxisge
mäss
massgeblichen
Standardindikatoren zu überzeugen.
Was die Beschwerde
führerin dagegen vorbringt, verfängt nicht.
4.5
4.5.1
Soweit die Beschwerdeführerin vorbringt, d
er psychiatrische Gutachter habe sich mit dem ausführlichen Bericht von Psychotherapeutin Dr.
C.___
nicht
genügend
auseinandergesetzt
(Urk.
1 S. 5)
, dring
t
sie damit
nicht durch. Der Bericht findet sich in der
fächerübergreifenden
Aktenzusammenfassung
des Gutachtens
(vgl.
Urk.
8/80/27)
und wurde somit den Gutachtern im Rahmen der
Vorakten
von der Beschwerdegegnerin zugestellt
und
stand
ihnen
somit
bei ihrer
Begut
achtung
zur Verfügung.
Darüber hinaus
setzte sich
der psychiatrische Gutachter
mit der von Dr.
C.___
diagnostizierten PTBS auseinander und führte aus
, dass er die
se
Diagnose - im
Unterschied
zu
den Behandlern - nicht stellen könne (Urk. 8/80/
94-118 S. 100
)
; dies
begründete
er
nachvollziehbar (vgl. E. 4.4.1). Auch
ging
er auf die psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung der Beschwerdeführe
rin
bei Dr.
C.___
ein (
S. 88
,
S. 92
,
S. 99
).
Hiervon abgesehen ist es im Rahmen einer Begutachtung nicht erforderlich, dass zu jedem Bericht der behandelnden Arztpersonen Stellung
genommen
wird, wenn darin ein von den gutachterlichen Erkenntnissen abweichender Grad der Arbeitsunfähigkeit angegeben wird
(Urteil des Bundesgerichts 8C_508/2022 E.
6.2.2 mit weiteren Hinweisen).
Insgesamt ist von einer hinreichenden Auseinandersetzung mit der Einschätzung der behan
delnden Psychotherapeutin Dr.
C.___
auszugehen.
4.5.
2
Was den Einwand der Beschwerdeführerin betrifft, wonach der psychiatrische Gutachter den sozialen Rückzug der Beschwerdeführerin falsch
beurteilt habe
(Urk.
1 S. 8
)
, gilt es zu berücksichtigen, dass
die Beschwerdeführerin
im Verlauf
durchaus Kontakte hatte (
vgl.
Urk. 8/80/
94-1
1
8 S. 100
)
.
Die dreijährige Beziehung zu ihrem Freund
endete
aus invaliditätsfremden Gründen (
S. 88 f.
).
Zudem führte sie aus, dass
der Kontakt
mit ihren Geschwister
n
wieder intensiver geworden sei (S. 86).
Darüber hinaus
gab die Beschwerdeführerin
auch
an, sich nach der Untersuchung mit ihrer Mutter in der Stadt verabredet zu haben, worauf sie sich freue (S. 93).
Insgesamt
unterhielt und
unterhält die Beschwerdeführerin durchaus soziale Kontakte und ein
weitgehender
Rückzug
, der Rückschlüsse auf eine ein
geschränkte Arbeitsfähigkeit zuliesse,
ist nicht ausgewiesen.
4.5.
3
Auch das
Argument der Beschwerdeführerin,
wonach vom Gutachter nicht aus
führlich zum Abbruch der Massnahme zur beruflichen Integration Stellung genommen worden sei,
verfängt
nicht (
Urk. 1 S. 6)
.
Die Frage nach den noch zumutbaren Tätigkeiten und Arbeitsleistungen ist recht
sprechungsgemäss nach Massgabe der objektiv feststellbaren Gesundheitsschädi
gung in erster Linie durch die medizinischen Fachpersonen zu beantworten. Den Erkenntnissen von Eingliederungsfachpersonen im Rahmen von beruflichen Abklärungen respektive Programmen bezüglich der Beurteilung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit kommt nur beschränkte Aussagekraft zu; sie beruhen in der Regel nicht auf vertieften medizinischen Untersuchungen, sondern auf berufs
praktischen Beobachtungen, welche in erster Linie die subjektive Arbeitsleistung der versicherten Person wiedergeben (Urteile des Bundesgerichts 8C_170/2021 vom 23. September 2021 E. 5.1.2.2 und 8C_21/2020 vom 8. April 2020 E. 4.1.2, je mit Hinweisen).
Vorliegend kommt hinzu, dass die Beschwerdeführerin mit der beruflichen Abklärung gar nie begonnen hat. So geht aus dem Verlaufsprotokoll der Einglie
derungsberatung (Urk. 8/34) hervor, dass die Beschwerdeführerin keine Integra
tionsmassnahmen
in Anspruch nehmen wollte, sondern direkt mit der Unterstüt
zung eines Job Coaches in den ersten Arbeitsmarkt mit 50 % einsteigen
wollte
.
W
ie die Eingliederungsperson weiter ausführte, hätten d
ie besprochenen Mass
nahmen aber gar nicht erst gestartet werden
können. Nach Ansicht der Einglie
derungsfachperson
habe vorerst
eine klare medizinische Abklärung stattfinden
müssen
, weshalb das Dossier zur Rentenprüfung weitergeleitet worden sei (S. 2). Somit liegen keine berufspraktischen Beobachtungen der Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin vor, womit sich Weiterungen dazu erübrigen.
Das teilweise Weinen während den
Vorg
esprächen
(Urk. 8/34 S. 2)
, welches auch während der psychiatrischen Untersuchung aufgetreten war, wurde
von
Psychi
ater
Dr.
N.___
gewürdigt und eingeordnet
(Urk. 8/80/94-118 S. 93, S. 100).
4.5.
4
Schliesslich bringt die Beschwerdeführerin vor, dass
die Einschränkungen der
Arbeitsfähigkeit aufgrund
der
ophthalmologischen Beschwerden im Gutachten zu wenig gewürdigt worden seie
n
. Diesbezüglich ist zu berücksichtigen, dass selbst die Behandler aus ophthalmologischer Sicht von keiner Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ausgingen. So führt
e
Dr.
D.___
hinsichtlich Funktionsein
schränkungen aus, dass bei der Beschwerdeführerin ein gelegentliches Druck
ge
fühl am linken Auge besteh
t
. Aus rein augenärztlicher Sicht lieg
t
jedoch keine relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit im bisherigen Beruf vor (Urk.
8/11/9). Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass
der Gutachter zum Schluss kam, dass
ophthalmologisch gesehen eine
Monokelsituation
rechts besteh
t
und aus diesem Grund Tätigkeiten, welche ein
binoculares
Gesichtsfeld und Stereosehen verlangen, für die Beschwerdeführerin nicht möglich sind
, wohingegen sie
sonstige Tätigkeiten uneingeschränkt ausüben kann
(Urk.
8/80/123
)
.
Sofern
sich die
Beschwerdeführerin auf ihre psychischen Beschwerden
als Folge
der Augenproblematik
bezieht
, dringt sie damit ebenfalls nicht durch. D
ie Gutachter, namentlich d
er psychiatrische Gutachter
,
anerkannte
n
die
emo
tionalen Belastungen, die mit dem erblichen Augenleiden einhergingen (Urk.
8/84 S. 4, Urk.
8/8
0/15-30
S.
7
).
Somit wurde dieser Umstand in
der polydisziplinären
Gesamtbeurteilung
ebenfalls
berücksichtigt.
4.6
Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass
keine konkreten Indizien gegen die Zuverlässigkeit des Gutachtens der
A.___
AG
sprechen (BGE 137 V 210 E.
1.3.4), dieses folglich beweiskräftig ist und an dessen Arbeitsfähigkeitsbeurtei
lung festzuhalten ist, wonach bei
der
Beschwerdeführer
in
aus polydisziplinärer Sicht sowohl in der angestammten Tätigkeit (als Freelancerin in der Produktkon
zeption als auch im Bereich der Medienwissenschaft und
von
Kommunika
tion/Design) und
in
jeglicher ang
epassten Tätigkeit
, bei der sie nich
t
auf das binokulare Sehen sowie das Stereosehen
angewiesen ist
,
eine vollständige Arbeitsfähigkeit besteht
(Urk. 8/80/
15-30 S. 8
)
.
Bei dieser Ausgangslage einer
vollständigen
Arbeitsfähigkeit
erübrigt sich ein Einkommensvergleich und
liegt
folglich
ein Invaliditätsgrad von 0 % vor, weswegen kein Rentenanspruch besteht.
Auch ein Anspruch auf
weitere
berufli
che Massnahmen ist bei dieser Ausgangslage zu verneinen.
Das führt zur Abweisung der Beschwerde.
5.
5.1
Das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Im vorliegenden Verfahren sind sie ermessensweise auf Fr. 700.-- anzusetzen und ausgangsgemäss der unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen.
5.2
Diese beantragt die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Urk. 1 S. 2). Gemäss § 16 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) wird einer Partei in kostenpflichtigen Verfahren auf Gesuch die Bezahlung von Verfahrenskosten und Kostenvorschüssen erlassen, sofern ihr die nötigen Mittel fehlen und ihr Begehren nicht aussichtslos erscheint. Da d
ie
Beschwerdeführer
in
auf die finanzielle Unterstützung durch die Sozialhilfe angewiesen
ist (vgl. Urk.
6
)
und das von ih
r
gestellte Rechtsbegehren nicht als aussichtslos einzustufen ist, sind die Voraussetzungen für die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung erfüllt. Folglich sind die Gerichtskosten von Fr.
7
00.-- einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen. D
ie
Beschwerdeführer
in
ist zur Nachzahlung verpflich
tet, sobald
sie
dazu in der Lage ist (§ 16 Abs. 4
GSVGer
).
Das Gericht beschliesst,
In Bewilligung des Gesuchs vom 13. September 2022 wird der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Prozessführung für das vorliegende Verfahren gewährt,
und
erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Die Gerichtskosten von Fr.
700
.-- werden
der Beschwerdeführerin
auferlegt, zufolge Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung jedoch einstweilen auf die Gerichts
kasse genommen.
Die Beschwerdeführerin wird
auf die Nachzahlungspflicht gemäss § 16 Abs. 4
GSVGer
hingewiesen.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Stadt Zürich Soziale Dienste
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
4.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundesge
setzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismit
tel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizu
legen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
GräubLangone