# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** cc5b32d3-e432-50a7-ad02-28cef91a37ac
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2022-11-18
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 18.11.2022 E-4669/2022
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_E-4669-2022_2022-11-18.pdf

## Full Text

B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i f  f éd é r a l  

T r i b u n a l e  am m in i s t r a t i vo  f e d e r a l e  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i v  fe d e r a l  

 
 
    
 

 

 

  

 

 Abteilung V 

E-4669/2022 

 

 
 

  U r t e i l  v o m  1 8 .  N o v e m b e r  2 0 2 2  

Besetzung 
 Einzelrichter Lorenz Noli, 

mit Zustimmung von Richter Daniele Cattaneo,   

Gerichtsschreiber Daniel Merkli. 

   

Parteien 

 
A._______, geboren am (…), 

Afghanistan,   

vertreten durch Katrin Henzi,  

HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren Ostschweiz, 

(…), 

Beschwerdeführer,  

 

  
gegen 

  
Staatssekretariat für Migration (SEM), 

Quellenweg 6, 3003 Bern, 

Vorinstanz. 

   

Gegenstand 

 
Asyl (ohne Wegweisungsvollzug);  

Verfügung des SEM vom 16. Oktober 2022 / N (…). 

 

 

 

E-4669/2022 

Seite 2 

Sachverhalt: 

A.  

Der minderjährige Beschwerdeführer suchte am 12. Juni 2022 in der 

Schweiz um Asyl nach und wurde in der Folge dem Bundesasylzentrum 

B._______ zugewiesen.  

B.  

Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer im 

Wesentlichen geltend, er habe Afghanistan verlassen, weil die Taliban 

seine Familie wegen der beiden bei der Regierung tätigen Brüder 

C._______ und D._______ behelligt hätten. Er und sein Vater seien von 

den Taliban geschlagen worden und man habe ihnen gesagt, die beiden 

Genannten sollten ihre Regierungstätigkeit aufgeben. Nachdem die Tali-

ban das Haus der Familie zerstört hätten, sei diese vom Distrikt E._______ 

in den Distrikt F._______ umgezogen, wo sie weiterhin von den Taliban 

behelligt worden seien. Zirka zwei Wochen nach dem Sturz der Regierung 

hätten die Taliban damit begonnen, die Häuser von ehemaligen Mitarbei-

tern der Regierung aufzusuchen und diese mitzunehmen, so auch seine 

Brüder. Sein Vater sei bei der gewaltsamen Mitnahme der Brüder ebenfalls 

geschlagen worden, während es seiner Mutter gelungen sei, sich zu ver-

stecken. Nach dem Weggang der Taliban habe seine Mutter ihm gesagt, 

dass sie es nicht ertragen könne, wenn auch er von den Taliban mitgenom-

men oder gar getötet würde. Sie habe ihn noch in derselben Nacht in ein 

Auto gesetzt und zu seinem Onkel mütterlicherseits nach G._______ ge-

schickt. Dieser habe ihn mit anderen Reisenden nach H._______ bringen 

lassen. Von dort habe er das Land über Pakistan verlassen und sei über 

verschiedene Länder nach Europa gereist. Am 12. Juni 2022 habe er 

schliesslich die Grenze in die Schweiz illegal überquert. Nach seiner Aus-

reise hätten sich die Taliban zwei oder dreimal nach ihm erkundigt.  

C.  

Zum Nachweis seiner Identität und zur Stützung seiner Vorbringen reichte 

der Beschwerdeführer ein Foto seiner am 2. April 2022 ausgestellten Taz-

kera und Fotografien eines zerstörten Hauses und von Verletzungen, und 

weitere Fotografien und Dokumente betreffend seiner Brüder C._______ 

und D._______ ein. 

D.  

Am 14. September 2022 wurde der Entscheidentwurf der Rechtsvertretung 

zur Stellungnahme zugestellt. Eine solche wurde am 15. September 2022 

beim SEM eingereicht.  

E-4669/2022 

Seite 3 

E.  

Mit gleichentags eröffnetem Entscheid vom 16. September 2022 wies das 

SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers vom 12. Juni 2022 ab und 

ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, schob jedoch den Vollzug 

der Wegweisung wegen Unzumutbarkeit auf. 

F.  

Mit Eingabe vom 14. Oktober 2022 erhob der Beschwerdeführer gegen 

diesen Entscheid Beschwerde. Er beantragte die Aufhebung der angefoch-

tenen Verfügung in den Dispositivziffern 1-3, die Feststellung der Flücht-

lingseigenschaft und die Asylgewährung. Eventualiter sei die Sache zur 

richtigen und vollständigen Feststellung des rechtserheblichen Sachver-

halts an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht 

wurde unter Verzicht auf das Erheben eines Kostenvorschusses um Ge-

währung der unentgeltlichen Prozessführung ersucht. 

G.  

Mit Schreiben vom 18. Oktober 2022 bestätigte das Bundesverwaltungs-

gericht den Eingang der Beschwerde. 

 

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 

1.  

1.1 Nach Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer-

den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Be-

hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwal-

tungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von 

Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich zu-

ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet 

auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig 

(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 

1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das 

AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 

1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-

deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die 

angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-

teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist zur Ein-

reichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 

E-4669/2022 

Seite 4 

Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist 

einzutreten. 

2.  

Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen 

richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-

länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E.5). 

3.  

Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen 

richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-

länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E.5). 

4.  

Über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher Zu-

ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer 

zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich vor-

liegend, wie nachstehend aufgezeigt, um eine solche handelt, weshalb das 

Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). 

5.  

5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-

sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im 

Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-

tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer 

politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-

gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 

Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung 

des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen 

unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 

5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen 

oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die 

Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-

geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen 

Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-

chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte 

Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 

6.  

6.1 Das SEM verneinte beim Beschwerdeführer das Vorliegen einer be-

gründeten Furcht vor künftiger (Reflex-)Verfolgung. 

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Seite 5 

6.1.1 Praxisgemäss liessen sich Gruppen von Personen definieren, die in 

Afghanistan aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfolgungsrisiko 

ausgesetzt seien (vgl. Urteil des BVGer 1775/2016 vom 3. Dezember 2018 

E. 6). Seit August 2021 seien zahlreiche Übergriffe gegenüber Personen 

aus diesen Risikogruppen dokumentiert. Diese Übergriffe seien jedoch we-

der systematisch noch einheitlich (vgl. Staatssekretariat für Migration. 

Focus Afghanistan – Verfolgung durch Taliban: Potentielle Risikoprofile. 15. 

Februar 2022. Bern). Ein erhöhtes Risikoprofil vermöge indessen für sich 

alleine eine Furcht vor flüchtlingsrechtlicher relevanter Verfolgung nicht zu 

begründen. Es bedürfe zusätzlicher risikoschärfender Elemente, um die 

abstrakte Gefährdung individuell zu konkretisieren.  

Im Hinblick auf die Profile der Brüder des Beschwerdeführers sei festzu-

halten, dass diese bis zur Machtübernahme durch die Taliban bei der Re-

gierung tätig gewesen seien. Gemäss den Angaben des Beschwerdefüh-

rers nach der Machtübernahme mitgenommen worden (vgl. A17 F40, F58-

F59). Somit sei das Verfolgungsinteresse der Taliban an ihnen nicht mehr 

aktuell. Die in diesem Zusammenhang eingereichten Fotos und Doku-

mente änderten an dieser Ansicht nichts, da das SEM die Tätigkeit der Brü-

der für die ehemalige Regierung grundsätzlich nicht in Zweifel ziehe. 

6.1.2 Hinsichtlich der eigenen Bedrohungslage des Beschwerdeführers 

aufgrund der früheren Tätigkeiten der Brüder sei festzuhalten, dass Fami-

lienangehörige von missliebigen Personen von Übergriffen betroffen sein 

könnten. Solche Behelligungen erfolgten oft in Form von Drohungen, aber 

auch von Gewaltanwendung (insbesondere bei Hausdurchsuchungen). 

Ein systematisches Vorgehen der Taliban gegen Familienangehörige von 

missliebigen Personen sei jedoch nicht erkennbar (vgl. Staatssekretariat 

für Migration. Focus Afghanistan – Verfolgung durch Taliban: Potentielle 

Risikoprofile.1 5. Februar 2022. Bern). Das Bestehen einer begründeten 

Furcht vor einer flüchtlingsrechtlicher relevanten Reflexverfolgung sei des-

halb nur bei Vorliegen von besonderen Umständen gegeben. Dies sei etwa 

der Fall, wenn die betreffende Person bereits schwerwiegende Nachteile 

erlitten habe oder bei Verdacht eigener, in den Augen der Taliban oppositi-

oneller Aktivitäten beziehungsweise Unterstützungshandlungen für die 

Gegner der Taliban. Auch müsse seitens der Taliban aufgrund des spezifi-

schen Profils der gesuchten Hauptperson ein ausgeprägtes und ungebro-

chenes Interesse an deren Ergreifung und Festnahme bestehen. 

6.1.3 Entsprechende Umstände längen in casu aber offensichtlich nicht 

vor. Die vom Beschwerdeführer gemachten Befürchtungen seien vor dem 

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Seite 6 

Hintergrund dieser Ausführungen nicht asylrelevant. Er, als noch minder-

jähriger Verwandter von zwei Personen, die ehemals für die Regierung tä-

tig gewesen seien, sei nicht betroffen. Beide Brüder hätten ohnehin ange-

sichts ihres Alters, ihrer Erfahrung und ihrer Grade nur sehr beschränkte 

Befehlsgewalt gehabt. Der Beschwerdeführer selbst habe keine schwer-

wiegenden Nachteile erlitten. Ferner werde dessen Familie – genauso wie 

allen Familien mit ehemaligen Regierungsangehörigen – nur allgemein 

vorgeworfen, für die Regierung gewesen zu sein (vgl. A 17 F69). Ein ei-

gentliches Verfolgungsmotiv seitens der Taliban sei hinsichtlich des Be-

schwerdeführers nicht weiter ersichtlich. Zusätzlich komme hinzu, dass ein 

ausgeprägtes und ungebrochenes Interesse an seiner Ergreifung und 

Festnahme auch deshalb zu verneinen sei, weil die Taliban in der Vergan-

genheit mehrmals die Möglichkeit dazu gehabt hätten ihn festzunehmen, 

aber entsprechendes nie passiert sei (vgl. A17 F80). Zusätzlich komme 

auch noch hinzu, dass sein Vater, dem die gleichen Vorwürfe gemacht wür-

den, heute noch im Dorf I._______ lebe (vgl. A17 F76). Die Taliban schie-

nen also offenkundig weder den minderjährigen Beschwerdeführer noch 

dessen Vater zu ihrer Gegnerschaft gezählt zu haben. Die Behauptung, 

dass der Beschwerdeführer nach dem nächtlichen Vorfall vor seiner Ab-

reise aus J._______ noch zwei- oder dreimal von Taliban gesucht worden 

sei, sei als blosse Parteiaussage zu werten, die an der Schlussfolgerung 

des SEM nichts zu ändern vermöge. Dies gelte auch für die eingereichten 

Fotografien, welche Verletzungen einer Person an Kopf und/oder Hand 

zeigten. Diese Aufnahmen könnten nicht eindeutig dem Beschwerdeführer 

zugeordnet werden, geschweige denn nachweisen, dass ihm Verletzungen 

durch Taliban zugefügt worden seien.  Ebenso seien diese Fotos des Hau-

ses nicht dienlich, eine aktuelle und gezielte Verfolgung seitens der Taliban 

zu belegen. Einerseits könnten die Fotos geografisch nicht zugeordnet 

werden, noch sonst auf irgendeine Art mit dem Beschwerdeführer in Ver-

bindung gebracht werden. Auch der genaue Hintergrund oder Anlass gehe 

nicht aus den Aufnahmen hervor. Andererseits liege dieses Ereignis nun 

auch mehrere Jahre zurück. Somit könne der Beschwerdeführer aus den 

eingereichten Beweismitteln keine aktuelle und gezielte Verfolgung seiner 

Person ableiten. 

6.1.4 Es sei somit nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer im 

heutigen Zeitpunkt mit flüchtlingsrechtlich relevanten Nachteilen zu rech-

nen habe. Folglich sei nicht von einem konkreten Verfolgungsinteresse der 

Taliban am Beschwerdeführer auszugehen. Es sei zwar nachvollziehbar, 

dass er allgemein befürchte, wegen seiner Brüder Opfer von Vergeltungs-

massnahmen zu werden. Die notwendige objektive Furcht in Bezug auf 

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Seite 7 

eine zukünftige flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung sei jedoch nicht 

begründet. Der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht.  

6.1.5 In ihrer Stellungnahme habe die Rechtsvertretung geltend gemacht, 

die Tatsache, dass dem Vater im Dorf nichts geschehen sei, könne vermut-

lich mit seinem hohen Alter erklärt werden. Die Taliban würden nur junge 

Menschen mitnehmen beziehungsweise töten, insbesondere, wenn diese 

für die Regierung tätig gewesen seien. Um zu erfahren, wo sich der Be-

schwerdeführer aufhalte, sei bereits Druck auf den Vater ausgeübt worden.  

Hierzu sei festzuhalten, dass es sich beim Vater des Beschwerdeführers 

um einen erst 45-jährigen und damit – entgegen der Behauptung im Rah-

men der Stellungnahme – keineswegs sehr alten Mann handle. Ohnehin 

sei die erst im Rahmen der Anhörung erstmals geltend gemachte Suche 

als offensichtlich nachgeschoben zu erachten. Es sei nicht ersichtlich, wes-

halb die Taliban nun plötzlich nach dem Beschwerdeführer suchen sollten, 

wenn sie doch bereits in der Vergangenheit mehrfach die Gelegenheit dazu 

gehabt hätten, ihn mitzunehmen. 

6.2  

6.2.1 In der Beschwerde wird geltend gemacht, dass in einem aus Sicht 

des Beschwerdeführers ähnlich gelagerten Fall die Gefahr einer Reflexver-

folgung bejaht beziehungsweise die Möglichkeit einer innerstaatlichen 

Fluchtalternative dort verneint worden sei. In Bezug auf den vorliegenden 

Fall sei zwar relativierend einzugestehen, dass sich der minderjährige Be-

schwerdeführer vor seiner Ausreise nicht durch eigene Tätigkeiten expo-

niert habe. Gleichwohl sei aber zu berücksichtigen, dass seine Brüder, mit-

hin nahe Angehörige, bis zu ihrer Festnahme, in der afghanischen Regie-

rung gedient hätten. Wohl deshalb sei er selbst in den Fokus der Taliban 

geraten und Misshandlungen ausgesetzt gewesen. Auch vor diesem Hin-

tergrund lasse sich die Auffassung des SEM, der Grund für die Handlungen 

der Taliban sei heute weggefallen, nicht aufrechterhalten. Seine diesbe-

zügliche subjektive Furcht sei als objektiv begründet zu beurteilen. Seine 

Vorbringen seien als asylrelevant und seine Furcht vor künftiger Verfolgung 

angesichts der aktuellen Situation in Afghanistan weiterhin begründet. Die 

angefochtene Verfügung wende die Rechtslage falsch an. Hätte das SEM 

die Rechtslage korrekt erfasst, hätte es in seinem Fall zum Schluss kom-

men müssen, dass er wegen seiner zwei Brüder einem erhöhten Verfol-

gungsrisiko ausgesetzt sei und dass zum Zeitpunkt seiner Ausreise aus 

Afghanistan eine begründete Furcht vor Verfolgung durch die Taliban im 

Sinne von Art. 3 AsyIG bestanden habe. 

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Seite 8 

6.2.2 Im Weiteren habe das SEM den Sachverhalt unvollständig festge-

stellt. So habe es die Angabe des Beschwerdeführers, dass seine Brüder 

verschollen seien (vgl. A17 F26, F40, F57, F60), nicht berücksichtigt. Zwei-

felsohne könne daraus abgeleitet werden, dass beide Brüder mittlerweile 

von den Taliban getötet worden seien. Bei dieser (vom SEM unvollständig 

festgestellten) Sachlage könne nicht davon ausgegangen werden, dass die 

Taliban kein Verfolgungsinteresse mehr am Beschwerdeführer hätten. 

6.2.3 Hinsichtlich der Feststellung des SEM in der angefochtenen Verfü-

gung, wonach die vom Beschwerdeführer eingereichten Fotos die von den 

Taliban zugefügten Körperverletzung nicht beweisen könnten, da die Auf-

nahmen nicht eindeutig dem Beschwerdeführer zuzuordnen seien, sei da-

rauf hinzuzuweisen, dass die an der Anhörung befragende Person die vom 

Beschwerdeführer angebotene Vornahme eines Augenscheins seiner Ver-

letzungen verweigert habe. Somit liege auch in dieser Hinsicht eine unvoll-

ständige Sachverhaltsfeststellung vor.  

6.2.4 Auch habe das SEM bei der Sachverhaltsermittlung der Minderjäh-

rigkeit des Beschwerdeführers zu wenig Beachtung geschenkt. So wäre 

das SEM anlässlich der Anhörung gehalten gewesen, sich am Ende zu 

vergewissern, ob der Beschwerdeführer nun wirklich alles erzählt habe. 

Der Beschwerdeführer bringt weiter vor, dass er anlässlich der Erstbefra-

gung von der Suche der Taliban nach ihm noch nichts gewusst habe; habe 

er doch angegeben, etwa am 25. August 2022 (und damit erst nach der 

Erstbefragung vom 18. Juli 2022) mit seinem Onkel telefoniert und von der 

Suche durch die Taliban erfahren zu haben (vgl. A17 F72-F74). Folglich sei 

der Sachverhalt unrichtig erstellt und gewürdigt worden.  

7.  

7.1 Vorab ist festzuhalten, dass das SEM den rechtserheblichen Sachver-

halt vollständig festgestellt hat. 

7.1.1 Zwar hat das SEM in der angefochtenen Verfügung die Angabe des 

Beschwerdeführers, dass seine Brüder seit ihrer Verhaftung verschollen 

seien, in der angefochtenen Verfügung nicht ausdrücklich erwähnt Indes-

sen ist dieses Vorbringen (unabhängig von der Frage der Glaubhaftigkeit) 

nicht geeignet, zu einer anderen Einschätzung der Gefahrensituation für 

den Beschwerdeführer zu führen. Entgegen der Auffassung in der Be-

schwerde ändert die Möglichkeit, dass die Brüder als verschwunden gel-

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Seite 9 

ten, nichts an der Einschätzung des fehlenden aktuellen Verfolgungsinte-

resses an ihnen und damit (möglicherweise) am Beschwerdeführer, son-

dern verstärken diese noch.  

7.1.2 Der weitere Vorwurf in der Beschwerde, wonach das SEM während 

der Anhörung der Minderjährigkeit des Beschwerdeführers zu wenig Be-

achtung geschenkt und wegen fehlender zusätzlicher Fragen nicht in Er-

fahrung gebracht habe, dass der Beschwerdeführer anlässlich der Erstbe-

fragung von der Suche der Taliban noch gar nicht habe wissen können, 

erweist sich als haltlose, unzutreffende Behauptung. Aus dem Anhörungs-

protokoll ergibt sich, dass sich die Angabe des Beschwerdeführers, wo-

nach er vor zwei Wochen (also etwas am 25. August 2022) mit seinem 

Onkel telefoniert habe, auf die Frage, wann sich die Taliban das letzte Mal 

nach ihm erkundigt hätten (vgl. A17 F75), bezieht. Erstmals von der Suche 

nach ihm hatte der Beschwerdeführer nach eigenen Angaben bereits bei 

seiner Ankunft – und damit noch vor der Erstbefragung – erfahren (vgl. A17 

F72). Im Übrigen war der Befragungsstil anlässlich der Befragungen durch-

wegs dem jungen Alter des Beschwerdeführers angepasst und es wurden 

regelmässig ergänzende Fragen gestellt, weshalb sich der entsprechende 

Vorwurf der fehlenden Rücksichtnahme auf die Minderjährigkeit des Be-

schwerdeführers als offensichtlich unbegründet erweist.  

7.1.3 Auch der weitere Vorwurf in der Beschwerde, wonach die an der An-

hörung befragende Person die vom Beschwerdeführer angebotene Vor-

nahme eines Augenscheins seiner Verletzungen verweigert habe, weshalb 

diesbezüglich eine unvollständige Sachverhaltsfeststellung vorliege, ist als 

haltlos zu bezeichnen. Aus dem Anhörungsprotokoll ergibt sich, dass der 

Beschwerdeführer ausführlich Gelegenheit erhielt, nähere Angaben zu den 

eingereichten Fotografien (unter anderem von Verletzungen) zu machen.  

7.1.4 Soweit der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitteleingabe auf ein 

anderes Verfahren verweist, in welchem eine Reflexverfolgung bejaht wor-

den ist, ist ihm entgegenzuhalten, dass stets die konkreten Umstände des 

Einzelfalls zu beurteilen sind. Aus dem blossen Verweis auf ein anders Ver-

fahren kann er somit nichts zu seinen Gunsten ableiten. Es ist festzuhalten, 

dass die Tatsache, dass das SEM im vorliegenden Fall eine begründete 

Furcht vor künftiger (Reflex-) Verfolgung anders als im zitierten Urteil ver-

neint hat, auf eine individuelle Betrachtung und Würdigung des Falles be-

ruht und darin keineswegs eine Missachtung der Rechtsprechung des Bun-

desverwaltungsgerichts zu erblicken ist. Ohnehin liegt dem genannten Ur-

teil kein zum vorliegenden Fall kongruenter Sachverhalt zugrunde, wie die 

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Seite 10 

Rechtsvertretung in der Beschwerde stellenweise sogar selbst zugesteht 

(keine eigene Exponiertheit des Beschwerdeführers). Der Beschwerdefüh-

rer kann hieraus nichts zu seinen Gunsten ableiten. 

7.2 In materieller Hinsicht ist festzuhalten, dass die Vorinstanz in der ange-

fochtenen Verfügung zu Recht und mit hinreichender und zutreffender Be-

gründung eine begründete (Reflex-) Verfolgungsfurcht des Beschwerde-

führers verneint hat.  

7.2.1 Praxisgemäss lassen sich Gruppen von Personen definieren, die in 

Afghanistan aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfolgungsrisiko 

ausgesetzt sind (vgl. Urteil des BVGer E-1775/2016 vom 3. Dezember 

2018 E. 6). Ein erhöhtes Risikoprofil vermag indessen für sich alleine eine 

Furcht vor flüchtlingsrechtlicher relevanter Verfolgung nicht zu begründen. 

Es bedarf zusätzlicher risikoschärfender Elemente, um die abstrakte Ge-

fährdung individuell zu konkretisieren. Mit der Vorinstanz ist zum einen fest-

zustellen, dass sich der Beschwerdeführer selbst in keiner Weise exponiert 

hat. Ein Verfolgungsinteresse der Taliban an der Person des Beschwerde-

führers ist somit zu klar verneinen.  

7.2.2 Zum anderen ist im Hinblick auf die Profile der Brüder des Beschwer-

deführers festzuhalten, dass diese bis zur Machtübernahme durch die Ta-

liban zwar anscheinend bei der Regierung tätig gewesen waren. Jedoch 

haben diese offenkundig bloss eine niederschwellige Tätigkeit ausgeübt. 

Zudem ist mit dem SEM festzustellen, dass aufgrund der Ausgangslage 

des vorliegenden Einzelfalls nicht von einem aktuellen Reflexverfolgungs-

interesse der Taliban ausgegangen werden kann. Hierzu kann auf die zu-

treffenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden. Somit ist das 

SEM zutreffend von einem fehlenden aktuellen Verfolgungsinteresse der 

Taliban an ihnen ausgegangen. Wie bereits vorstehend festgehalten, än-

dert das Vorbringen, die Brüder seien heute verschollen, nichts an dieser 

Einschätzung, sondern bestärken diese vielmehr noch. Auch die einge-

reichten Fotografien und Dokumente belegen lediglich die Tätigkeit der 

Brüder für die ehemalige Regierung, welche vom SEM grundsätzlich nicht 

in Zweifel gezogen wurde. Ein weiterhin bestehendes Interesse an der Er-

greifung und Festnahme des Beschwerdeführers ist auch deshalb zu ver-

neinen, weil die Taliban in der Vergangenheit mehrmals die Möglichkeit ge-

habt hätten, ihn festzunehmen, dies aber nie umgesetzt haben (vgl. A17 

F80). Das erstmals anlässlich der Anhörung geltend gemachte Vorbringen, 

die Taliban hätten nach seiner Ausreise mehrmals nach ihm gesucht, ist 

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Seite 11 

mit dem SEM als nachgeschoben zu erachten. Wie bereits vorstehend er-

wähnt (vgl. E.7.1.2) war der Beschwerdeführer nicht in der Lage, plausibel 

darzulegen, dass er erst nach der Erstbefragung von der Suche nach ihm 

erfahren habe. Im Weiteren lebt der Vater des Beschwerdeführers – bei 

dem es sich um einen 45-jährigen Mann und damit keineswegs alten Mann 

handelt – heute noch unbehelligt im Dorf I._______ (vgl. A17 F76). Auf die 

diese Umstände hat auch schon die Vorinstanz zu Recht hingewiesen.  

7.3 Bei dieser Sachlage ist festzustellen, dass die Vorinstanz zu Recht das 

Vorliegen einer begründeten Furcht vor künftiger Verfolgung und damit die 

Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und das Asylge-

such abgelehnt hat.  

8.  

8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so 

verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den 

Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie 

(Art. 44 AsylG). 

8.2 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung 

aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht ein-

tritt. Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrecht-

liche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer 

solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. 

BVGE 2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 

8.3 Mit der angefochtenen Verfügung wurde der Beschwerdeführer vorläu-

fig in der Schweiz aufgenommen. Da die Wegweisungsvollzugshindernisse 

alternativer Natur sind (vgl. BVGE 2009/51), besteht kein schutzwürdiges 

Interesse an der Überprüfung, aus welchen Gründen die Vorinstanz den 

Vollzug aufgeschoben hat (Art. 48 Abs. 1 Bst. c VwVG). 

9.  

Insgesamt ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht 

verletzt, und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig 

feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen. 

10.  

10.1 Mit dem vorliegenden Urteil wird das Gesuch um Verzicht auf das Er-

heben eines Kostenvorschusses gegenstandslos. 

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Seite 12 

10.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist 

abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägun-

gen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten 

sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf 

insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Feb-

ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-

tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 

(Dispositiv nächste Seite)  

E-4669/2022 

Seite 13 

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 

1.  

Die Beschwerde wird abgewiesen.  

2.  

Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab-

gewiesen. 

3.  

Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 750.– werden dem Beschwerde-

führer auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen nach Versand des vor-

liegenden Urteils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 

4.  

Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige 

kantonale Behörde. 

 

Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: 

  

Lorenz Noli Daniel Merkli 

 

 

Versand: