# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** d28bb3ca-db6e-5c83-8612-816219f48e90
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-01-19
**Language:** de
**Title:** Ungenügende Abklärungen des medizinischen Sachverhaltes
**Docket/Reference:** IV.2022.00454
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2022.00454.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2022.00454
V. Kammer
Sozialversicherungsrichter Vogel, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichter Kübler
Sozialversicherungsrichterin Philipp
Gerichtsschreiberin Schilling
Urteil
vom
19. Januar 2023
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Rechtsanwältin Stéphanie Baur
Baur
Imkamp
& Partner, Rechtsanwälte
Bahnhofstrasse 55, 8600 Dübendorf
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
Die 1967
geborene
X.___
meldete sich
am
25. Juli 2019
(Eingangsdatum)
unter Hinweis auf
Einschränkungen und Schmerzen im rechten Handgelenk erst
mals
bei der Sozialver
siche
rungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
zum Leis
tungsbezug an (
Urk.
15/4
).
Mit Verfügung vom 11. März 2020 wurde das Leis
tungsbegehren abgewiesen, da eine leidensangepasste Tätigkeit zu 100 % mög
lich sei (
Urk.
15/32).
Am 18. August 2020
(Eingangsdatum)
meldete sich die Versicherte
mit einem Arztbericht
des Universitätsspitals Y.___
vom 13. August 2020
abermals bei der IV-
Stelle zum Leistungsbezug an (
Urk.
15/38).
Mit Vorbescheid vom 24. November 2020 stellte die IV-Stelle in Aussicht, auf das neue Leistungsbegeh
ren nicht einzutreten (
Urk.
15/49). Nach erfolgtem Einwand (
Urk.
15/57)
tätigte die
IV-Stelle beruflich-erwerbliche sowie medizinische Abklä
run
gen
und
unterstütz
t
e die Versicherte bei der Stellensuche (Urk. 15/64, 71-72).
M
it Vorbescheid vom 6. Januar 2022
stellte sie
die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht
(
Urk.
15/80).
Die Versicherte erhob wiederum Einwand
(
Urk.
15/83, 15/86, 15/91)
, worauf
hin d
ie IV-Stelle mit Verfügung vom 7. Juli 2022 das Leistungsbegehren abwies
(
Urk.
2 [=
Urk.
15/97]).
2.
Dagegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 5. September 2022 Beschwerde und beantragte, die Verfügung vom 7. Juli 2022 sei aufzuheben und es sei ihr eine ganze IV-Rente zuzusprechen (
Urk.
1 S. 2). Am 27. September 2022 reichte sie einen Arztbericht
des Universitätsspitals Y.___
vom 20.
September
2022 (
Urk.
6 und 7) und am 2. November
2022 eine
n Bericht von
Z.___
, Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 22. Oktober
2022 (
Urk.
11 u
nd 12)
nach. Mit Beschwerdeantwort vom 16. November 2022 bean
tragte die Beschwerdegegnerin
unter Auflage einer Stellungnahme des Regiona
len Ärztlichen Dienstes (RAD) vom 11. November 2022 (Urk. 16)
, die Angelegen
heit sei zur Vornahme
weiterer
Abklärungen und Neuprüfung des Leistungsan
spruchs an sie zurück
zuweisen
(Urk. 14)
.
Mit Verfügung vom 17. November 2022 wurde der Beschwerdeführerin Gelege
n
heit gegeben, hierzu Stellung zu nehmen (Urk. 17), worauf diese mit Eingabe
vom 23. November 2022
an ihren
bisherigen
Anträgen fest
hielt
und eine Begutachtung als nicht erforderlich
erachtete
(
Urk.
18
).
Davon wurde der Beschwerdegegnerin am 1. Dezember 2022 Kenntnis gegeben (Urk. 19).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen).
Da der Zeit
punkt des Invaliditätseintritts (Art. 28 Abs. 1 und 1
bis
IVG) und jener des Renten
anspruchs nicht unbedingt identisch sind, fällt eine Invalidenrente unter das neue Recht, wenn der Anspruchsbeginn ab dem 1. Januar 2022 liegt, auch wenn die Invalidität vor diesem Zeitpunkt eingetreten ist. Neurechtliche Invalidenrenten sind somit Renten, auf die gemäss Art. 29 Abs. 1 und 2 IVG der Anspruch ab dem 1. Januar 2022 entsteht (
vgl.
Rz
. 1008
des Kreisschreibens
zu den Übergangsbe
stimmungen zur Einführung des linearen Rentensystems
, K
S ÜB WE IV
, gültig ab 1. Januar 2022
).
Die angefochtene Verfügung erging nach dem 1. Januar 2022.
Da die Entstehung eines Rentenanspruchs vorliegend bereits vor dem 1. Januar 2022 in Betracht fällt, sind die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurtei
lung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Fol
gen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.4
1.4.1
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
IVG
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit
ist jedoch nicht ohne W
eiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.4.2
Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen (E. 7.2;
vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.1).
Entscheidend ist dabei, unabhängig von der diag
nostischen Einordnung des Leidens, ob es gelingt, auf objektivierter Beurteilungs
grundlage den Beweis einer rechtlich relevanten Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit zu erbringen, wobei die versicherte Person die materielle Beweislast zu tragen hat (BGE 143 V 409 E. 4.5.2 unter Hinweis auf BGE 141 V 281 E. 3.7.2
; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3
).
1.5
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Ent
scheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festge
stellt wurde (§ 26
Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechts
mittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abge
lehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrelevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundes
gerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog, dass
die Beschwerdeführerin in einer angepass
ten Tätigkeit – körperlich leicht bis sehr leicht, wobei die rechte Hand überwie
gend nur als Halte- und
Zudienhand
, ohne besondere Anforderungen an die Kraft, eingesetzt werden solle – zu 65 bis 70 % arbeitsfähig sei und mit einer entspre
chenden
Arbeit
ein rentenausschliessendes Einkommen erzielen könne
(
Urk.
2).
2.2
Die Beschwerdeführerin brachte demgegenüber im Wesentlichen vor, dass
die Arbeitsunfähigkeit seitens der behandelnden Ärzte bedeutend höher beurteilt werde. Zudem sei die Schmerzsituation auc
h psychisch äusserst belastend. Aus diesem Grund sei
sie
zusätzlich
bei einer Fachärztin für Psychiatrie
in Behandlung (
Urk.
1)
.
2.3
Mit Beschwerdeantwort vom 16. November 2022 beantragte die Beschwerdegeg
nerin die Rückweisung der Sache zu weiteren Abklärungen. Der medizinische Sachverhalt sei ungenügend überprüft worden, insbesondere auch
angesichts
des Umstandes, dass nunmehr zusätzlich psychiatrische Beschwerden geltend gemacht würden. Folglich erweise sich eine interdisziplinäre Beurteilung als not
wendig. Eine
Indikatorenprüfung
sei zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich (
Urk.
14).
2.4
Am 23. November
2022 nahm die Beschwerdeführerin
dahingehend Stellung, dass sie an ihren
bisherigen
Anträgen festhielt und geltend machte, dass eine Begutachtung nicht erforderlich sei. Gemäss
dem
RAD
sei klar, dass überwiegend wahrscheinlich seit September 2021 nur noch eine 40%ige Arbeitsfähigkeit in leidensangepassten
Tätigkeiten
bestehe
. Eine
Indikatorenprüfung
s
ei
unter diesen Umständen nicht angezeigt
(
Urk.
18).
3.
3.1
Dr. med.
A.___
, Facharzt FMH für Neurologie und Oberarzt am
Universitätsspital Y.___
, stellte in seinem Bericht vom 29. September 2020 die Diagnosen
eines zentralisierten chronisch-
neuropathischen Schmerzsyndroms am radialen Handgelenk rechts im Sinne eines CRPS Typ II und eines instabilen 1. Strecksehnenfaches Handgelenk rechts (dominant). Er legte dar, dass die Beschwerdeführerin als Fachfrau Betreuung weiterhin zu 100 % arbeitsunfähig sei. Für leichtere körperliche Arbeiten mit höchstens minimalem Einsatz der rech
ten Hand
sei jedoch eine Einsatzmöglichkeit zwischen 60 und 75 % gegeben
(
Urk.
15/46)
.
Dr. med.
B.___
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, vom RAD schloss sich dieser Beurteilung mit Stellungnahme vom 18. Februar 2021
mehrheitlich
an (
Urk.
15/79/2 f.).
3.2
Dr. med.
C.___
, Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin
sowie
Oberarzt am
Universitätsspital Y.___
,
diagnostizierte
in seinem Bericht vom 20. September 2022 ein chronisch-neuropathisches Schmerzsyndro
m am rechten Handgelenk (ICD-11
MG 30.2 und 30.5) mit
Allodynie
im Versorgungsgebiet des Ramus
superficialis
Nervus
radialis
rechts (dominant) kurz nach
s
einem
Faszien
durchtritt
sowie ein instabiles 1. Strecksehnenfach Handgelenk rechts (dominant)
. Er führte dazu aus,
dass die Beschwerdeführerin an einem Mischbild aus nozi
zeptiven und dominant neuropathischen Schmerzen im Bereich des Ramus
superficialis
des
Nervus
radialis
leide. Von therapeutischer Perspektive her
hätten
multiple Massnahmen
,
Ergotherapie und
topische
Behandlungen
, antineuropa
thisch, Medikam
enteninfusionen, Infiltrationen und
TENS
,
nicht zu einer lang
anhaltenden Schmerzlinderung
geführt
. Anamnestisch scheine es im letzten hal
ben Jahr zu einer Schmerzausweitung gekommen z
u
sein. In Anbetracht der Gesamtsituation sei eine Arbeitstätigkeit, die die rechte Hand involviere, nicht realistisch. In Anlehnung an die aktuelle Tätigkeit sehe er
deshalb
ein
en
Beschäf
tigungsgrad von maximal 40 % als realisierbar an
(
Urk.
7
, vgl. auch Bericht vom 2. September 2021, Urk. 15/68
).
3.3
Die
Psychiaterin
Z.___
diagnostizierte in ihrem Bericht vom 22. Oktober 2022 e
in
chronisch-
neuropathisches therapieresistentes Schmerzsyndrom
am Handge
lenk recht
s
mit
Allodynie
im Versorgungsgebiet des
Ramus
superficialis
Nervus
radialis
rechts (ICD-10 R52.2 und R52.1)
, eine leichte depressive E
pi
s
o
de im Rah
m
en von
ICD-10
R52.2 und R52.1
(ICD-10 F32.0)
sowie
als Differentialdiagnose
eine Persönlichkeitsänderung bei chronischem Schmerzsyndrom (DD
ICD-10
F62.80).
Sie führte aus,
dass eine fachärztliche psychiatrische Untersuchung durchgeführt worden sei. Im Rahmen des Abklärungsgesprächs sei eine antide
pressive Behandlung mit SSNRI wie
Duloxetin
und Venlafaxin thematisiert wor
den, welche auch bei chronisch-neuropathischen Schmerzen zusätzlich eingesetzt werde. Eine psychologische Begleitung könnte ebenfalls hilfreich sein, um Copingstrategien bei chronischen Schmerzen aufzuarbeiten
(Urk.
12)
.
3.4
Die RAD-Ärztin Dr. med.
D.___
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, hielt in ihrer Stellungnahme vom 11. November 2022 fest, dass ein chronisch-neuropathisches Schmerzsyndrom am Handgelenk rechts, mit zunehmender Schmerzausweitung, vorliege. Die Kriterie
n für ein CRPS seien gemäss Dr.
C.___
erfüllt. Es seien bereits verschiedenste therapeutische Mass
nahmen ausprobiert worden, die nicht zu einer anhaltenden Schmerzlinderung geführt hätten. Schon im September 2021 habe D
r.
C.___
geschr
i
e
ben, dass eine 50 bis 60%ige Arbeitsfähigkeit nicht realistisch sei. Für eine angepasste Tätigkeit sehe er spätestens ab September 2022 eine maximale 40%ige Arbeitsfähigkeit als realisierbar an. Gemäss
der psychiatrischen Fachärztin
liege zudem eine leichte depressive Episode (ICD-10 F32.0), sekundär aufgrund des Schmerzsyndroms, vor. Zu diskutieren wäre ebenfalls eine Persönlichkeitsänderu
n
g bei chronischem Schmerzsyndrom (I
CD-10 F62.80). Weiter hielt Dr.
D.___
fest, dass die Stim
mung leicht gedrückt sei, teilweise affektlabil, je nach Schmerzzustand,
die Beschwerdeführerin sei
antriebsarm,
die Schlafqualität sei schwankend, es bestehe eine erhöhte Müdigkeit, eine eingeschränkte Belastbarkeit, ein A
bendtief sowie
ein sozialer Rückzu
g. Viele Hobbies habe die Beschwerdeführerin inzwi
schen schmerzbedingt aufgeben müssen. Im Haushalt sei sie auf die Hilfe der Angehörigen angewiesen. Von psychiatrischer Seite werde versucht, mit einem schmerzdistanzierenden Antidepressivum zu behandeln. Der Verl
auf bleibe abzu
warten. In
Zusammenschau der letzte
n
drei Arztberichte und in Vorkenntnis der Anamnese erscheine es plausibel, dass seit spätestens September 2022, überwie
gend wah
r
scheinlich seit September 2021
,
nur noch eine 40%ige Arbeitsfähigkeit in einer den Beschwerden angepassten Tätigkeit bestehe
(Urk. 16)
.
4.
4.1
Gestützt auf die aktenkundigen medizinischen Berichte ist das Vorliegen eines psychiatrischen Leidens mit Krankheitswert nicht au
szuschliessen. So berichtete die
die Beschwerdeführerin
am 17. Oktober 2022
untersuchende
psychiatrische
Fachärztin
Z.___
unter Erhebung verschiedener, allerdings eher leicht ausge
prägter Befunde
von einer leichten depressiven Episode im Rahmen des chro
nisch-neuropathischen Schmerzsyndroms am Handgelenk sowie der Differential
diagnose einer Persönlichkeitsänderung bei chronischem Schmerzsyndrom.
Zur Arbeitsfähigkeit äusserte sie sich
aber
nicht
(vgl. E. 3.3)
. RAD-Ärztin
D.___
stellte auf diesen Bericht ab und
attestierte der Beschwerdeführerin
unter Einbe
zug der somatischen Beschwerden eine
bloss
40%ige Arbeitsfähigkeit in angepassten Tätigkeiten
(vgl. E. 3.4)
.
Dies vermag, wie nachfolgend gezeigt, nicht zu überzeu
gen.
4.2
Die Beschwerdegegnerin
setzte die Arbeitsfähigkeit in angepassten Tätigkeiten gestützt auf den Bericht von Dr.
A.___
und ohne Kenntnis der neuesten medi
zinischen
Beurteilungen
in der angefochtenen Verfügung
auf 6
5 bis 70
%
fest
(
Urk.
2).
4.3
Hervorzuheben ist, dass sich die Beschwerdeführerin bislang nicht in psychiatri
scher Behandlung befand und die erstmals im Rahmen des aktuellen Beschwer
deverfahrens (vgl. Urk. 12 S. 1: «Es handelt sich um eine Selbstzuweisung auf
grund einer IV-Auflage») aufgesuchte Psychiaterin einen beinahe unauffälligen psychopathologischen Befund erhob (Urk. 12). Nachdem die Psychiaterin indes
sen eine psychologische Begleitung als hilfreich erachtete, kann ein Leidensdruck
– insbesondere auch
angesichts möglicher
Wechselwirkung
en
mit der Schmerz
problematik –
jedenfalls
nicht zum Vornherein
ausgeschlossen
werden.
Zu
r
Abgrenzung
zwischen allfälligen psychiatrischen Diagnosen und den somati
schen Beschwerden
äusserte sich
die RAD-Ärztin
nicht näher
; sie
nahm
ihre
Arbeitsfähigkeitseinschätzung gesamthaft, ohne Gewichtung der psychischen und physischen Beschwerden vor
. Damit ist ein invaliden
versicherungsrechtlich relevanter
psychischer
Gesundheitsschaden
, welcher einen massgeblichen Ein
fluss auf die Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin zu zeitigen vermag, gestützt auf die derzeitige Aktenlage nicht ohne Weiteres zu verneinen
.
4.4
Ob die Anspruchsvoraussetzungen für Leistungen der Invalidenversicherung er
füllt sind, lässt sich aber gestützt auf die medizinischen Berichte nicht abschlies
send beurteilen:
Hinsichtlich der Diagnose
einer
leichten depressiven Episode
ist zu berücksichti
gen, dass sich
eine leicht- bis
mittel
gradige depressive
Episode oder
Störung ohne nennenswerte Interferenzen durch psychiatri
sche Komorbiditäten im Allgemei
nen nicht als schwere psychische Krankheit definieren lässt.
Besteht dazu noch ein bedeutendes therapeutisches Potential, so ist insbesondere auch die Dauer
haftigkeit des Gesundheitsschadens in Frage gestellt. Diesfalls müssen gewichtige Gründe vorliegen, damit dennoch auf eine invalidisierende Erkrankung geschlos
sen werden kann.
Solche Umstände wurden in der bisherigen Aktenlage
nicht
aufgezeigt. Insbes
ondere ist es gestützt auf den
Bericht
der untersuchenden P
sy
chiat
erin
nicht möglich,
die funk
tionellen Auswirkungen der medizinisch festge
stellten gesu
ndheitlichen Anspruchsgrundlage
anhand der Standardindikatoren schlüssig und wider
spruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlich
keit
nachzuweisen (vgl. E. 1.4.2, BGE 148 V 49 E. 6.2.2 mit Hinweis, BGE 141 V 281 E. 6; BGE
144 V 50 E. 4.3
). Ähnliche Überlegungen drängen sich auch bei der diagnostizierten
Persönlichkeitsänderung bei chronischem Schmerzsyndrom
auf, welche zudem bis anhin lediglich als Differentialdiagnose aufgeführt und entsprechend auch nicht nachvollziehbar hergeleitet wurde.
Zusammengefasst kann die Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin mangels verlässlicher Angaben zu ihrem Gesundheitszustand aus psychiatrischer Sicht nicht abschliessend beurteilt werden, weshalb hierzu weitere Abklärungen zu tätigen sind.
4.5
Was die gesundheitliche Situation in somatischer Hinsicht betrifft, so
legte Dr.
A.___
am 29. September 2020
nachvollziehbar
dar, dass die Beschwerde
führerin aufgrund der Schmerzproblematik im Handgelenk in
ihrer angestamm
ten
Tätigkeit als Fachfrau Betreuung vollkommen arbeitsunfähig sei. In
leichten körperlichen Arbeiten mit höchstens minimalem Einsatz der rechten Hand
bestehe jedoch eine Arbeitsfähigkeit von
60 bis 75 %
(vgl. E.
3.1)
.
D
r.
C.___
führte
demgegenüber
am 20. September 2022 aus, dass es – anamnestisch – im letzten halben Jahr zu einer Schmerzausweitung gekommen zu sein scheine. In Anbetracht der Gesamtsituation sei eine Arbeitstätigkeit, welche die rechte Hand involviere, nicht realistisch. In Anlehnung an die aktuelle Tätigkeit sehe er des
halb ein
en
Beschäftigungsgrad von maximal 40 % als realisierbar an
(E. 3.2)
.
Demzufolge ist
es
zwar
möglich
, dass die Beschwerdeführerin
in leidensangepass
ten Tätigkeiten lediglich eingeschränkt arbeitsfähig ist. In welcher Höhe eine Arbeitsfähigkeit angenommen werden kann,
bleibt
allerdings unklar. Dies insbe
sondere auch vor dem Hintergrund, dass Dr.
C.___
die angebliche Verschlech
terung
vornehmlich
auf subjektive Angaben der Beschwerdeführerin stützte und die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit in Bezug auf
d
ie aktuelle Tätigkeit vor
nahm, von welcher nicht bekannt ist, ob sie optimal leidensangepasst ist. Folglich sind die Akten auch in somatischer Hinsicht
zu vervollständigen beziehungsweise zu aktualisieren und weitere Abklärungen zu tätigen.
4.6
Zusammenfassend ist es bei der aktuellen medizinischen Aktenlage nicht mög
lich, mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit die funktionelle Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin abschliessend zu beurteilen. Damit erweist sich der medizinische Sachverhalt sowohl in psychiat
rischer als auch in somatischer Hinsicht als ergän
zungsbedürftig. Die angefoch
tene Verfügung vom
7. Juli 2022
ist demnach aufzuheben und die Sache zur Durchführung weiterer Abklärungen und zu neuem Entscheid über den Leis
tungsanspruch der Beschwerdeführerin an die Beschwerdegegnerin zurückzuwei
sen.
5.
5.1
Das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über IV-Leistungen vor dem kanto
nalen Versicherungsgericht ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Ver
fahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Im vorliegenden Verfahren sind sie ermessensweise auf Fr.
600.-- anzusetzen. Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 210 E. 7.1, 137 V 57 E. 2.2), weshalb die Gerichtskosten der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen sind.
5.2
Die vertretene Beschwerdeführerin
hat demnach Anspruch auf eine Prozessent
schädigung
. Diese ist gestützt auf Art. 61
lit
. g ATSG in Verbindung mit § 34 Abs. 1 und 3
GSVGer
unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwier
igkeit des Prozesses auf Fr. 1‘7
00.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) festzusetzen.
Das Gericht erkennt:
1.
Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass die Verfügung der Sozialversi
cherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, vom 7. Juli 2022 aufgehoben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen wird, damit diese, nach erfolgter Abklärung im Sinne der Erwägungen, neu verfüge.
2.
Die Gerichtskosten von Fr.
600
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird
verpflichtet,
der Beschwerdeführerin
eine Prozessent
schädigung von Fr.
1’700
.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) zu bezahlen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwältin Stéphanie Baur
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundesge
setzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismit
tel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizu
legen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
VogelSchilling