# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** fed4e2c9-b6c9-5fea-9a33-68d6a4787752
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2024-12-03
**Language:** de
**Title:** Verlängerung medizinische Massnahmen nach Art. 12 IVG für Psychotherapie: offen, ob Dauerbehandlung, instabiler Verlauf und keine gute Prognose, Leidensbehandlung, Abweisung rechtens, Gewährung UP
**Docket/Reference:** IV.2024.00480
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2024.00480.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2024.00480
IV. Kammer
Sozialversicherungsrichter Hurst, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Arnold Gramigna
Ersatzrichter Sonderegger
Gerichtsschreiberin Geiger
Urteil
vom
3. Dezember 2024
in Sachen
X.___
, geb. 2015
Beschwerdeführerin
gesetzlich vertreten durch die Mutter
Y.___
diese vertreten durch Stadt Zürich Soziale Dienste
lic.
iur
.
Z.___
, Sozialversicherungsrecht, Team Recht
Röschibachstrasse
26, 8037 Zürich
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
1.1
Mit Mitteilung vom
9. Februar 2021
erteilte die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, de
r
201
5
geborenen
X.___
im Hinblick auf eine berufliche Eingliederung die Kosten für ambulante Psycho
therapie nach ärztlicher Verordnung ab
24. April 2020 bis 30. April 2022
(Urk. 7/10). Ein am
7. Juni 2022
namens de
r
Versicherten gestelltes Gesuch
um Verlängerung der
Kostengutsprache für
Psychotherapie
(Urk. 7/
15
)
hiess
die IV-Stelle mit Mitteilung vom 27. Juni 2022 weiterhin bis zum 30. April 2024 für zwei Therapiesitzungen pro Monat gut (Urk. 7/17). Gestützt auf das Anpassungs
gesuch vom 20. November 2023 (Urk. 7/18) wurden wöchentliche Therapie
sitzungen bis 30. April 2024 gewährt (vgl. Schreiben der IV-Stelle vom 12. Dezember 2023, Urk. 7/19).
Am 2. Mai 2024 beantragten
Dr.
med.
A.___
, FMH für Kinder- und Jugendpsychiatrie, sowie
lic.
phil.
B.___
,
e
idg.
a
nerkannte Psychotherapeutin ASP/SBAP
(die Mutterschaftsvertretung für die behandelnde
e
idg.
a
nerkannte Psychotherapeutin
C.___
, vgl. Urk. 7/11 und Urk.
7/
14)
,
eine weitere Verlängerung der Kostengutsprache für eine ambulante Psychotherapie (Urk. 7/20). Nachdem Dr.
D.___
, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Neuropädiatrie, vom
r
egionalen
ä
rzt
lichen Dienst (RAD) Stellung genommen hatte (vgl. Feststellungsblatt für den Beschluss vom 21.
Mai 2024, Urk. 7/22 S. 2),
wies die IV-Stelle nach durchge
führtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 7/
23
)
das Leistungsbegehren
mit Verfügung vom
2. Juli 2024
ab (Urk.
2
).
2.
Dagegen erhob
X.___
,
nun
vertreten durch
die Sozialen Dienste der Stadt Zürich
, mit Eingabe vom 4. September 202
4
Beschwerde (Urk. 1) und beantragte Kostengutsprache für die
Psychotherapie
über den 30. April 2024 hinaus
; in prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
. Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Beschwerdeantwort vom
16. Oktober 2024
die Abweisung der Beschwerde (Urk. 6)
, was der Beschwerdeführerin am 22. Oktober 2024 mitgeteilt wurde (Urk. 8).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird
-
soweit erforderlich
-
im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Versicherte haben gemäss Art. 12 IVG bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf medizinische Eingliederungs
massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern unmittelbar auf die Eingliederung in die obligatorische Schule, in die berufliche Erstausbildung, ins Erwerbsleben oder in den Aufgabenbereich gerichtet sind (Abs. 1).
Die medizinischen Eingliederungsmassnahmen müssen geeignet sein, die Schul-, Ausbildungs- oder Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, dauerhaft und wesentlich zu verbessern oder eine solche Fähigkeit vor wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren. Der Anspruch besteht nur, wenn die behandelnde Fachärztin oder der behandelnde Facharzt unter Berücksich
tigung der Schwere des Gebrechens der versicherten Person eine günstige Prognose stellt (Abs. 3).
1.2
Art. 12 IVG bezweckt namentlich, die Aufgabenbereiche der Invalidenversicherung einerseits und der sozialen Kran
ken
und Unfallversicherung anderseits gegeneinander abzu
grenzen. Diese Abgrenzung beruht auf dem Grundsatz, dass die Behandlung einer Krankheit oder einer Verletzung ohne Rücksicht auf die Dauer des Leidens primär in den Aufgaben
bereich der Kranken
und Unfallversicherung gehört (BGE 104 V 79 E. 1, 102 V 40; Urteil des Bundesgerichts 9C_551/2018 vom 4. Januar 2019 E. 2 mit Hinweisen).
Eine medizinische Eingliederungsmassnahme gemäss Art. 12 IVG ist nie auf die Behandlung des Leidens an sich gerichtet, sondern hat nach Erreichen eines stabilisierten Gesundheitszustandes unmittelbar die Verbesserung der Einglie
derungsfähigkeit zum Ziel und wird erst nach Abschluss der Behandlung ein
gesetzt, wenn der Gesundheitszustand sich mittels medizinischer Behandlungen nicht mehr wesentlich verbessern lässt. Eine Übernahme medizinischer Mass
nahmen gemäss Art. 12 IVG setzt somit eine abgeschlossene Kranken- oder Unfallbehandlung voraus, die einen stabilen Defekt hinterlassen hat (
Rz
. 32 und 38 f. des Kreisschreibens über die medizinischen Eingliederungsmassnahmen der IV [KSME], Stand:
1.
Januar 2023; vgl. auch Art. 2 Abs. 1 IVV). Ein nur relativ stabilisierter Gesundheitszustand genügt entgegen der bisherigen Rechtsprechung (vgl. BGE 120 V 277 E. 3a mit Hinweisen) nicht mehr (vgl. Meyer/Reichmuth, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, 4. Aufl. 2022, N. 17 zu Art. 12).
1.3
Nach Rechtsprechung und Praxis werden medizinische Vorkehren bei Minderjährigen schon dann von der Invalidenversicherung übernommen, wenn
ohne Behandlung das Leiden mit hinreichender Wahrscheinlichkeit zu einem schwer korrigierbaren, die spätere Ausbildung und Erwerbsfähigkeit erheblich behindernden stabilen pathologischen
Zustand führen würde (BGE 131 V 9 E. 4.2
;
Rz
. 54
des Kreis
schreibens über die medizinischen
Eingliederungsmassnahmen
der IV
[
KSME
]
, gültig ab 1. Januar 2022, Stand: 1. Januar 2023
). Auch in derartigen Fällen muss indessen der angestrebte Erfolg medizinisch-prognostisch mit genügender Wahr
scheinlichkeit voraussehbar sein. Massgebend ist der medizinische Sachverhalt vor Durchführung der Massnahme in seiner Gesamtheit (Urteil des Bundesgerichts 8C_632/2017 vom 6. März 2018 E. 5.3.1 mit Hinweisen). Es ist nicht ent
scheidend, ob eine Sofortmassnahme oder zeitlich ausgedehntere (aber nicht unbegrenzte) Vorkehr angeordnet wird. Die Massnahmen können sehr wohl eine gewisse Zeit andauern. Allerdings fallen Therapien, die, ob bei psychischen oder physischen Leiden, Dauercharakter haben, das heisst zeitlich unbegrenzt erfor
derlich sind, ausser Betracht (Urteile des Bundesgerichts 9C_300/2022 vom 26. Januar 2023 E. 3.2 und 9C_343/2021 vom 26. Oktober 2021 E. 5.3.1, je mit Hinweisen).
1.
4
Gemäss
Rz
. 645–647/ 845–847.5
KSME
sind die Voraussetzungen zur Kosten
übernahme einer Psychotherapie ausnahmsweise gegeben, wenn nach intensiver fachgerechter Behandlung von einem Jahr Dauer keine genügende Besserung erzielt wurde und
gemäss
spezialärztlicher Feststellung bei einer weiteren Behandlung erwartet werden kann, dass der drohende Defekt mit seinen negativen Wirkungen auf die Berufsausbildung und Erwerbsfähigkeit zu einem
grossen
Teil verhindert wird. Vor Erteilung der Kostengutsprache zur psycho
therapeutischen Behandlung wird vom behandelnden Leistungserbringer zwecks Beurteilung der Indikation und der Angemessenheit ein Bericht eingeholt. Dieser enthält Angaben zur Diagnose, zu den Befunden mit Auswirkung auf Arbeit oder Schule, zum bisherigen Verlauf, zur vorgesehenen Behandlungsmethode, zum Ziel und zum Zweck sowie zur geplanten Dauer der Behandlung (Anzahl Sitzungen). Die medizinische Nachvollziehbarkeit und Relevanz dieser Angaben sind sorgfältig zu überprüfen. Die IV-Stelle verfügt danach, ob die Kosten
übernahme ab dem 2. Behandlungsjahr erfolgen soll oder nicht. Die Psycho
therapie ist dabei jeweils für maximal 2 Jahre zu verfügen. Psychotherapeutische
Massnahmen
gehen nicht zu Lasten der IV, wenn die Prognose unbestimmt ist und/oder die Behandlung eine medizinische Vorkehr von zeitlich unbegrenzter Dauer darstellt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_354/2016 vom 18. Juli 2016).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erklärte zur Begründung ihres Entscheids
(Urk. 2)
im Wesentlichen,
dass der Verlauf
gemäss
den medizinischen Unterlagen zeige, dass sich das Leiden aufgrund der emotionalen Störung des Kindesalters manifestiert habe. Bereits kleine Veränderungen im Umfeld führten bei der Beschwerde
führerin zu psychischer Instabilität. Dies führe zu weiteren therapeutischen Inter
ventionen. Hierbei stehe die Behandlung und nicht die Eingliederung im Vordergrund.
2.2
Zur Begründung
ihrer
Beschwerdeschrift vom
4. September 2024
(Urk. 1) verwies
die
vertretene
Beschwerdeführer
in
auf d
en Bericht von Dr.
A.___
vom 2. Mai 2024, wonach die Behandlung vor allem auf die Eingliederung in die Regelschule gerichtet sei. Ohne die Stabilisation des bestehenden Leidens sei eine Beschulung nicht möglich und die Eingliederung gefährdet
. E
benfalls habe mit der Therapie bereits ein Erfolg erzielt werden können, weshalb die Prognose ebenfalls
positiv
sei.
Die Therapie sei zwingend notwendig hinsichtlich der schulischen Wieder
eingliederung. Ohne Behandlung würde das Leiden mit hinreichender Wahr
scheinlichkeit zu einem schwer korrigierbaren, die spätere Ausbildung und Erwerbsfähigkeit erheblich behindernden stabilen pathologischen Zustand führen. Dabei sei prognostisch erstellt, dass ohne die vorbeugende Behandlung in naher Zukunft eine bleibende Beeinträchtigung eintreten würde. Gleichzeitig könne damit ein ebenso stabiler Zustand herbeigeführt werden, in welchem vergleichsweise erheblich verbesserte Voraussetzungen für die spätere Aus
bildung und Erwerbsfähigkeit bestünden.
3.
3.1
Dem Bericht von
Dr.
A.___
und von
Psychotherapeutin
C.___
vom 9. Dezember 2020 (Urk. 7/7) zuhanden der Beschwerdegegnerin sind folgende Diagnosen zu entnehmen:
-
Sonstige emotionale Störungen des Kindesalters (ICD-10: F93.8)
-
Expressive Sprachstörung (ICD-10: F80.1)
Die Beschwerdeführerin habe den Eintritt in den Kindergarten im Sommer 2020 mit
d
er bereits installierten Unterstützung (Psychotherapie, IF-Status und Logopädie) relativ gut gemeistert. Gemäss Angaben der Kindergärtnerin zeige die Beschwerdeführerin im Bereich der Emotionsexpression und -regulation kein altersentsprechendes Verhalten, sondern immer wieder auch verweigerndes Verhalten. Für die Entwicklung der Beschwerdeführerin, insbesondere im emotionalen und sozialen Bereich, sei eine regelmässige psychotherapeutische
Behand
lung indiziert. Die Prognose sei besserungsfähig. Es sei die Weiterführung der Psychotherapie für 1-2 Jahre zur Begleitung des Übertritts in die Schule geplant.
Im Beiblatt gab
en
Dr.
A.___
und Psychotherapeutin
C.___
an, dass die Psychotherapie nicht mit einem Geburtsgebrechen im Zusammenhang stehe und die intensive fachgerechte psychotherapeutische Behandlung seit dem 2
4.
April 2019 dauere.
I
m Therapieverlauf
hätten
eine deutliche
St
abilisierung des
p
sycho
sozialen Funktionsniveaus, eine Abnahme der
emotionalen
Ausbrüche
und deut
liche Fortschritte in der Sprachentwicklung erreicht werden können. Das Einüben von emotionaler Regulationskompetenz, was unabdingbar sei für den Kinder
garten und die spätere Einschulung, sei die eingliederungsrelevante Indikation für die beantragte Psychotherapie.
3.2
RAD-Arzt
Dr.
D.___
hielt in seiner Stellungnahm
e
vom 9. Februar 2021 (Urk. 7/9 S. 2) fest, dass die Kosten der eingliederungsrelevanten Psychotherapie bei frühkindlicher Bindungsstörung und damit einhergehender emotionale
r
Störung für maximal zwei Jahre na
c
h Art. 12 IVG ab dem 24. April 2020 über
nommen werden könnten.
Gestützt darauf erteilte die IV-Stelle mit Schreiben vom
9. Februar 2021
Kosten
gutsprache für eine ambulante Psychotherapie für die Zeit vom 24.
April
2020 bis
3
0.
April
2022 (Urk.
7/10
).
3.3
Dr.
A.___
und Psychotherapeutin
B.___
führten in ihrem Bericht vom 7. Juni 2022 (Urk. 7/15) zur Begründung ihres Verlängerungsgesuch aus, dass für die weitere emotionale und soziale Entwicklung, vor allem hinsichtlich des bevor
stehenden Schuleintritts, die Fortsetzung der psychotherapeutischen Begleitung indiziert sei. Die Beschwerdeführerin habe sich im Kindergarten mithilfe der installierten Unterstützungen (Psychotherapie, Logopädie und integrative Förderung) in einigen Bereichen altersentsprechend entwickeln können. In neuen Situationen oder in Übergangssituationen falle ihr jedoch eine altersadäquate Emotionsregulation oftmals noch schwer. Hinsichtlich des bevorstehenden Schuleintritts im Sommer 2022 seien daher weiterführende Unterstützungs
massnahmen mindestens für ein weiteres Jahr zwingend notwendig.
Die klar definierten Vorgaben und hohen Leistungsanforderungen des Schulalltages stellten eine neue Herausforderung dar und forderten eine gezielte Unterstützung im Umgang damit.
Wie die bisherigen Fortschritte zeigten, sei weiterhin mit einer Besserungsfähigkeit der Gesamtsymptomatik zu rechnen. Aufgrund des positiven Verlaufs sei eine Weiterführung im Zwei-Wochen-Rhythmus geplant.
Gestützt darauf
verlängerte
die IV-Stelle mit Schreiben vom
27. Juni 2022
die
Kostengutsprache für ambulante Psychotherapie
bis zum 30. April 2024 für zwei Therapiesitzungen pro Monat
(Urk. 7/1
7
).
3.
4
Psychotherapeutin
B.___
ersuchte mit ihrem Schreiben vom 20. November 2023 (Urk. 7/18) um eine Anpassung der Kostengutsprache und führte
aus, dass
die Beschwerdeführerin im August 2022 in die 1. Klasse übergetreten sei und ein erfolgreiches Schuljahr mit guten Schulleistungen sowie zufriedenstellenden Sozial- und Selbstkompetenzen gehabt habe. Seit anfangs Herbst 2023 seien aufgrund veränderter familiärer Faktoren alte Belastungsmuster wieder aktiviert worden. Die dadurch verursachte Verunsicherung und der Stress führten
z
u einer Beeinträchtigung in der Konzentrations-, Auffassungs- und Merkfähigkeit, was einen negativen Einfluss auf ihre Schulleistung habe. Zudem sei die Beschwerde
führerin in ihrer aktuellen Desorientierung auf viel Halt und enge Führung ange
wiesen. In Absprache mit der Klassenlehrperson, der Beiständin sowie der Kindesmutter werde um die Kostenübernahme von wöchentlichen Therapie
sitzungen ersucht, um therapeutisch während diese
r
aktuellen Krise wieder ein Gefühl von Orientierung und Sicherheit aufzubauen; ohne Krisenintervention seien gemäss Klassenlehrperson die Lernfortschritte in der Schule stark gefährdet.
Die IV-Stelle passte die Kostengutsprache entsprechend für wöchentliche Therapiesitzungen an (vgl. Schreiben vom 12. Dezember 2023, Urk. 7/19).
3.
5
Mit Bericht vom
2.
Mai 2024 (Urk. 7/20) ersuchten Dr.
A.___
und Psycho
therapeutin
B.___
um eine weiter Verlängerung der Psychotherapie nach Art. 12 IVG. So sei nach einem schulischen Standortgespräch im Dezember 2023 entschieden worden, dass zur Entlastung der Klassenlehrperson und der Mit
schüler die Beschwerdeführerin vorübergehend aus ihrer Schulklasse rau
s
ge
nommen werden müsse, um sie 1
:1
im Förderzentrum der Schule zu beschulen/betreuen. Diese Sonderbetreuung habe bis zum 13. März 2024 gedauert, danach sei die Beschwerdeführerin
in die Tagesklinik der
E.___
aufge
nommen worden, wo aktuell eine ausführliche testdiagnostische Abklärung erfolge. In der Zeitspanne der Sonderbetreuung habe die Beschwerdeführerin nicht adäquat und ihrem Alters- und Wissensstand beschult werden können. Der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin sei besserungsfähig und die Möglichkeit einer späteren Eingliederung ins Erwerbsleben könne durch medizi
nische Massnahmen wesentlich verbessert werden. Hinsichtlich der schulischen Wiedereingliederung nach der Tagesklinik-Behandlung (voraussichtlich bis nach den Sommerferien 2024) sei zwingend eine Fortsetzung der vorerst wöchent
lichen (bei positivem Verlauf mit Wechsel zu einem 2-Wochen-Rhythmus) psychotherapeutischen Begleitung indiziert.
Zur Prognose wurde
ausgeführt
, die ersten schnellen Fortschritte zeigten, dass die Symptome aufgrund der Therapie gut besserungsfähig seien. Die Beschwerdeführerin zeige aber bei Veränderungen nach wie vor emotionale Anpassungsschwierigkeiten und Entwicklungs
blockaden, die therapeutisch weiterhin begleitet werden müssten. Sie sei auf die psychotherapeutische Begleitung angewiesen, da sie beim Verstehen, Annehmen und Einordnen von lebenswichtigen Veränderungen zwingend fachliche Unter
stützung brauche.
Der positive Schulverlauf
d
er 1. Klasse zeige, dass die Beschwerdeführerin kognitiv, sozial und emotional in der Lage sei, in einer Regelklasse zu lernen und schulische Fortschritte machen zu können.
3.
6
In seiner Stellungnahme vom 13. Mai 2024 äusserte sich RAD-Arzt
Dr.
D.___
dahingehend, dass der Verlauf zeige, dass
sich nun ein Leiden aufgrund der emotionalen Störung des Kindesalters manifestiert habe; so führten bereits relativ geringe Veränderungen im Umfeld zu psychischer Instabilität, das zu weiteren Interventionen (u.a. Tagesklinik-Aufenthalt) geführt habe. Daher sei die Behand
lung der Störung im Vordergrund der Behandlung und nicht die Eingliederung. Daher sei eine weitere Kostenübernahme
der sicher notwendigen Psychotherapie nicht nach Art. 12 IVG möglich.
4.
4.1
Aktenkundig ist, dass sich die Beschwerdeführerin s
eit dem
24. April 20
19 in
ambulanter
psycho
t
herapeutische
r
Behandlung
befindet (vgl.
Urk.
7/7-8), wobei die
Beschwerdegegnerin
während bisher vier Jahren (24. April 2020 bis 30. April 2024) die Kosten dafür
als therapeutische
Massnahme
nach
Art.
12 IVG über
nommen
hat (Urk.
7/10, Urk. 7/17 und Urk. 7/19)
.
Streitig
und zu prüfen ist, ob die IV-Stelle mit Verfügung vom
2. Juli 2024
(Urk. 2) die Übernahme der Kosten
für eine weitere Verlängerung der ambulanten Psychotherapie nach Art. 12 IVG
zu Recht verweigerte.
Dabei kann unter
H
inweis auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung
offen
bleiben, ob hierbei schon eine Dauerbehandlung, welche
schon allein deshalb eine Kostenübernahme gestützt auf Art. 12 IVG
ausschliessen
würde
, vorliegt
(vgl. demgegenüber Urteil des Bundesgerichts 9C_430/2010 vom 23. November 2010 bei einer sechsjährigen Kostenübernahme).
Dies gilt umso mehr, als auch die behandelnde
n Fachpersonen
nur noch von einer befristeten Notwendigkeit der Therapie ausging
en
(Urk. 7/
20
)
; b
eantragt ist die Verlängerung um
rund ein halbes
Jahr
bis nach den Sommerferien 2024
, d.h. um
die schulische Wieder
eingliederung nach der Tagesklinik z
u begleiten.
4.2
Aus den Berichten
d
er
behandelnden
Fachpe
r
sonen ergibt sich,
dass
anfänglich
der Fokus der wöchentlichen (nur vorübergehend 2-wöchentlichen, vgl. E. 3.3-4) Einzeltherapiesitzungen
darauf hinzielte, die mit der Diagnose sonstige emotionale Störungen des Kindesalters (ICD-10: F93.8) umschriebene Entwick
lungsstörung im Hinblick auf den Schulübertritt anzugehen. So zeigte
die Beschwerdeführerin
im Kindergarten - trotz schon installierter Unterstützung mit Psychotherapie, IF und Logopädie
-
Schwierigkeiten im Bereich der Emotions
expression und -regulation sowie ein verweigerndes Verhalten (vgl. E. 3.1). Auch RAD-Arzt Dr.
D.___
erachtete gestützt auf diesen fachärztlichen Bericht von
Dr.
A.___
und von Psychotherapeutin
C.___
unter Hinweis auf eine günstige Prognose eine eingliederungsrelevante Psychotherapie bei einer frühkindlichen Entwicklungsstörung und emotionaler Störung für indiziert (vgl. E. 3.2). Eine erste Verlängerung der ambulanten Psychotherapie wurde bis zum 30. April 2024 gewährt, nachdem sich eine teilweise altersentsprechende Entwicklung im Kindergarten eingestellt hatte, aber dennoch Mühe der Beschwerdeführerin mit neuen oder Übergangssituationen beobachtet worden war (vgl. E. 3.3-4).
Trotz dieser sich im Verlauf
zunächst
entwickelten
Verbess
e
rung des emotionalen Störungsbildes der Beschwerdeführerin mit einem erfolgreichen ersten Schuljahr mit guter Schulleistung und zufriedenstellender Sozial- und Selbstkompetenz (vgl. E. 3.4) führte
n
veränderte familiäre Verhältnisse zu einer erneuten Akti
vierung von alten Belastungsmustern, was sich
wiederum
negativ auf ihre Schul
leistungen auswirkte. Dies resultierte im Dezember 2023 in einer 1:1-Beschulung und anschliessend in einer tagesklinischen Sonderbetreuung
ab März 202
4.
Zur Begründung der Psychotherapie-Verlängerung wird im Bericht vom 2. Mai 2024 (E. 3.5) vorgebracht, dass hinsichtlich der schulischen Wiedereingliederung nach der Tagesklinik (voraussichtlich bis
n
ach den Sommerferien 2024) zwingend eine psychotherapeutische Begleitung indiziert sei und die Prognose aufgrund der früher schon erzielten Fortschritte gut besserungsfähig sei (vgl. E. 3.5). Entgegen der Einschätzung der behandelnden
Dr.
A.___
und Psychotherapeutin
B.___
kann
beim zuvor dargelegten instabilen Verlauf
nicht von einer weiterhin bestehenden günstigen Prognose ausgegangen werden
. So führten i
nsbesondere
bereits relativ geringe Veränderungen im Umfeld
(Kindsmutter ist erneut arbeits
tätig und Kindsvater übernimmt vermehrt Betreuungsaufgaben der Beschwerde
führerin, vgl. Urk. 7/20 S. 3)
zu einer erheblichen Destabilisierung und Verun
sicherung
.
Diese grosse Abhängigkeit des Therapieerfolgs von äusseren Umständen, die sich bei Heranwachsenden laufend ändern, legt den Schluss nahe, dass eine dauerhafte Behandlung notwendig sein wird oder zumindest notwendig sein könnte.
Entsprechend
ist Dr.
D.___
vo
m
RAD zu folgen, wonach sich trotz rund 4-jähriger einzeltherapeutischer Behandlung
aufgrund der bestehenden emotionalen Störungen des Kindesalters nun ein psychiatrisches Leiden mani
festiert hat.
Seine Schlussfolgerung, dass daher die - unbestrittenerma
s
sen notwendige - weitere
Psychotherapie der Behandlung der Störung dient und nicht die Eingliederung vordergründig ist, erscheint daher nachvollziehbar (vgl. E. 3.6).
4.3
Nach dem Gesagten ist nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin hin
sichtlich der durchgeführten
ambulanten
Psychotherapie von einer im Vorder
grund stehenden Leidensbehandlung ausging und die Voraussetzungen für eine weitere Vergütung gestützt auf
Art.
12 IVG als nicht mehr erfüllt erachtete.
Dies führt
zur Abweisung der Beschwerde.
Anzumerken bleibt, dass damit – mit der IV-Stelle –
die
Behandlungsbedürftigkeit in keiner Weise in Frage gestellt wird; vielmehr wird einzig der gesetzlich geforderten Abgrenzung der Aufgabenbereiche der einzelnen Sozialversiche
rungen, hier derjenigen zur Krankenversicherung (vgl. E.
1.4
), Rechnung getragen.
5.
5.1
Zu prüfen bleibt der Anspruch de
r
Beschwerdeführer
in
auf Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege.
Die Mutter als gesetzliche Vertreterin der
Beschwerdeführer
in
wird
gemäss
Unterstützungsbestätigung
vom
2. September 2024
(Urk.
3
) von
ihrer
Wohngemeinde finanziell unterstützt. Mit Blick darauf ist im vorliegenden Verfahren bezogen auf den
massgebenden
Zeitpunkt
von einer
prozessual
en
B
edürftig
keit auszugehen
. Da auch die weiteren Anspruchs
voraussetzungen erfüllt sind, ist de
r
Beschwerdeführer
in
in Bewilligung
ihres
Gesuchs vom
4. September 2024
(Urk.
1 S. 2
)
die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren.
5
.2
Die Gerichtskosten, die nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen sind (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG), sind auf Fr.
4
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie de
r
unterliegenden Beschwer
deführer
in
aufzuerlegen, zufolge Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung jedoch einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
5
.3
Die
Beschwerdeführer
in
ist darauf hinzuweisen, dass
sie
zur Nachzahlung der Kosten für die unentgeltliche Rechtspflege verpflichtet ist, sobald
sie
dazu in der Lage ist (§ 16 Abs. 4 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
).
Das Gericht beschliesst,
In Bewilligung des Gesuchs vom
4. September 2024
wird de
r
Beschwerdeführer
in
die unentgeltliche Prozessführung für das vorliegende Verfahren gewährt,
und erkennt:
1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
400
.-- werden
der Beschwerdeführerin
auferlegt, zufolge Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung jedoch einstweilen auf die Gerichts
kasse genommen.
Die Beschwerdeführerin wird
auf die Nachzahlungspflicht gemäss § 16 Abs. 4
GSVGer
hingewiesen.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Stadt Zürich Soziale Dienste
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
-
die Beiständin der Beschwerdeführerin, Claudia Brose, Sozialzentrum Dorflinde, Quartierteam Oerlikon,
Schwamendigerstrasse
41, 8050 Zürich, z.K.
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
4.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebenten Tag vor Ostern bis und mit dem siebenten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit dem 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift
der
beschwerdeführenden
Partei oder ihrer Rechtsvertretung
zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
HurstGeiger