# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** dde3495f-c492-57b5-89b9-fcc294f718cc
**Source:** Solothurn (SO)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2025-11-10
**Language:** de
**Title:** Solothurn Obergericht Strafkammer 10.11.2025 STBER.2024.73
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SO_Omni/SO_OG_006_STBER-2024-73_2025-11-10.html

## Full Text

Obergericht

Strafkammer

 

 

 

 

 

 

Urteil vom 10. November 2025                             

Es wirken mit:

Präsident Rauber

Oberrichterin Marti

Oberrichter Werner  

Gerichtsschreiberin Graf

In Sachen

Staatsanwaltschaft, Franziskanerhof,
Barfüssergasse 28, Postfach 157, 4502 Solothurn, 

Anklägerin

 

gegen

 

A.___, vertreten durch
Rechtsanwalt Konrad Jeker, 

Beschuldigter
und Berufungskläger 

 

betreffend     sexuelle
Handlungen mit Kindern etc.

Die Berufung wird in
Anwendung von Art. 406 Abs. 2 StPO im schriftlichen Verfahren
behandelt. 

Die Strafkammer des
Obergerichts zieht in Erwägung:

 

I.         
Prozessgeschichte

 

1. Wie der
Strafanzeige vom 16. November 2022 (Aktenseite [nachfolgend: AS] 006 ff.)
entnommen werden kann, kontrollierte die Kantonspolizei Solothurn am
28. Mai 2022 um ca. 04:00 Uhr anlässlich der ordentlichen
Patrouillentätigkeit in [Ort 1] das Fahrzeug von B.___. Auf dem Beifahrersitz
sass ihr Sohn und auf der Rückbank ihr Pflegekind, C.___ (nachfolgend:
Privatklägerin). Vor Ort zeigte sich, dass die Privatklägerin um diese Uhrzeit
noch im Ausgang war, was die Polizei dazu veranlasste, beim Polizeiposten [Ort
1] mit dieser ein Gespräch unter vier Augen zu führen. Dabei gab die
Privatklägerin sinngemäss an, sie sei mit einer Kollegin namens D.___ in [Ort
2] durch einen ca. 40-jährigen Mann namens A.___ abgeholt und nach [Ort 1]
chauffiert worden. Dort hätten sie sich in einem Partyraum im Untergeschoss
aufgehalten, welcher sich im selben Gebäude wie [der Laden] befinde. A.___ habe
dann die Privatklägerin unsittlich angefasst bzw. sexuell belästigt. Zudem soll
A.___ sowohl ihr als auch der Kollegin verschiedene alkoholische Getränke
abgeben haben. 

 

2. Gestützt auf diese Angaben begab
sich die Polizeipatrouille zusammen mit B.___ und der Privatklägerin zum
Regionenposten Solothurn, wo eine Spurensicherung erfolgte sowie relevante
Kleidungsstücke sichergestellt wurden. Weiter wurde die Pikett leistende
Staatsanwältin über die bis zu diesem Zeitpunkt bekannten Erkenntnisse
orientiert und mit ihr das weitere Vorgehen besprochen. 

 

3. Gleichentags wurde B.___ durch
die Polizei befragt (AS 068 ff.). Zudem wurden mit der Privatklägerin und D.___
Videoeinvernahmen durchgeführt (AS 074 ff.). Ebenfalls am 28. Mai 2022
unterzeichneten die Privatklägerin und ihre Mutter, E.___, einen Strafantrag
gegen unbekannte Täterschaft wegen sämtlicher in Frage kommender Tatbestände
(AS 014 f.).

 

4. Mit Verfügung vom 29. Mai
2022 eröffnete die Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn eine
Strafuntersuchung gegen A.___ (nachfolgend: Beschuldigter) wegen sexueller
Handlungen mit einem Kind (aArt. 187 Ziff. 1 StGB; AS 144). Am
30. Mai 2022 erliess die Staatsanwaltschaft eine Ausdehnungsverfügung
betreffend Verabreichen gesundheitsgefährdender Stoffe an Kinder (Art. 136
StGB; AS 145).

 

5. Am 31. Mai 2022 wurde ein
Vorführungsbefehl gegen den Beschuldigten erlassen und eine Durchsuchung seiner
Wohnräume angeordnet (AS 148 f.). 

 

6. Am 2. Juni 2022 wurde
Rechtsanwalt Konrad Jeker als amtlicher Verteidiger des Beschuldigten
eingesetzt (AS 182). Gleichentags wurde der Beschuldigte in Anwesenheit
der amtlichen Verteidigung durch die Polizei befragt. 

7. Am 29. Juni 2022 wurde mit der
Privatklägerin unter Gewährung der Teilnahmerechte eine zweite Videoeinvernahme
durchgeführt (AS 097 ff.). Mit Schreiben vom gleichen Tag erklärte sie
zudem, sich als Zivil- und Strafklägerin am Strafverfahren zu beteiligen
(AS 017). Tags darauf, am 30. Juni 2022, teilte Rechtsanwältin
Melania Lupi Thomann mit, von der Privatklägerin und deren Mutter mit der
Wahrung ihrer Interessen beauftragt worden zu sein (AS 170 f.). 

 

8. Mit Anklageschrift (nachfolgend:
AnklS) vom 2. Juni 2023 erhob die Staatsanwaltschaft gegen den
Beschuldigten Anklage beim Richteramt Bucheggberg-Wasseramt wegen sexueller
Handlungen mit Kindern (aArt. 187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB),
sexueller Belästigung (aArt. 198 StGB), Verabreichens
gesundheitsgefährdender Stoffe an Kinder (Art. 136 StGB) sowie Fahrens in
angetrunkenem Zustand (Art. 91 Abs. 1 lit. a SVG). 

 

9. Am 7. Dezember 2023 erliess
der Amtsgerichtspräsident von Bucheggberg-Wasseramt folgendes Urteil
(Aktenseite Richteramt Bucheggberg-Wasseramt [nachfolgend: ASBW] 073 ff.): 

 

1.      A.___ hat sich wie folgt schuldig
gemacht:

a)      sexuelle Handlungen mit Kindern,
begangen in der Zeit vom 27. Mai 2022 bis am 28. Mai 2022
(1 Kind, Vorhalt Ziff. 1 der Anklageschrift vom
2. Juni 2023),

a)      sexuelle Belästigungen, begangen in der
Zeit vom 27. Mai 2022 bis am 28. Mai 2022 (Vorhalt
Ziff. 2),

b)      Verabreichen gesundheitsgefährdender
Stoffe an Kinder, begangen in der Zeit vom 27. Mai 2022 bis am
28. Mai 2022 (Vorhalt Ziff. 3),

c)      Fahren in angetrunkenem Zustand
(Motorfahrzeug, Übertretung), begangen am 30. Oktober 2022 (Vorhalt
Ziff. 4).

2.      A.___ wird verurteilt zu:

a)      einer Freiheitsstrafe von
8 Monaten, teilweise als Zusatzstrafe zum Urteil des Obergerichts des
Kantons Bern vom 28. Juli 2022, unter Gewährung des bedingten Vollzugs bei
einer Probezeit von 2 Jahren,

a)      einer Busse von CHF 1'200.00,
ersatzweise zu einer Freiheitsstrafe von 12 Tagen, teilweise als
Zusatzstrafe zu den Urteilen des Obergerichts des Kantons Bern vom
28. Juli 2022 und der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn vom
2. August 2023.

3.      Von einer Landesverweisung gegenüber A.___
wird abgesehen.

4.      A.___ wird lebenslänglich jede
berufliche und jede organisierte ausserberufliche Tätigkeit, die einen
regelmässigen Kontakt zu Minderjährigen umfasst, verboten.

5.      A.___ wird verurteilt, der
Privatklägerin C.___ eine Genugtuung von CHF 3'500.00, zuzüglich 5 %
Zins seit dem 28. Mai 2022, zu bezahlen.

6.      A.___ wird verurteilt, der
Privatklägerin C.___ Schadenersatz von CHF 333.20 zu bezahlen. Die darüber
hinausgehende Forderung wird auf den Zivilweg verwiesen.

7.      A.___ hat der Privatklägerin C.___,
vertreten durch Rechtsanwältin Melania Lupi Thomann, eine Entschädigung für
notwendige Aufwendungen im Verfahren von CHF 6'272.10 (Honorar
CHF 5'684.00, Auslagen CHF 139.70, 7,7 % MWST CHF 448.40)
zu bezahlen.

8.      Die Entschädigung des amtlichen
Verteidigers von A.___, Rechtsanwalt Konrad Jeker, wird auf CHF 4'187.35
(5 Stunden zu CHF 180.00, 12,24 Stunden zu CHF 190.00,
5,5 Stunden zu CHF 90.00, Auslagen CHF 167.40, 7,7 % MWST
CHF 299.35) festgesetzt und ist zufolge amtlicher Verteidigung vom Staat
Solothurn zu zahlen. Vorbehalten bleibt der Rückforderungsanspruch des Staates
während 10 Jahren, sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse von A.___
erlauben.

9.      Die Kosten des Verfahrens, mit einer
Urteilsgebühr von CHF 2'000.00, total CHF 4'765.00, hat A.___ zu
bezahlen. Wird von keiner Partei ein Rechtsmittel ergriffen und nicht
ausdrücklich eine schriftliche Begründung des Urteils verlangt, reduziert sich
die Urteilsgebühr um CHF 600.00, womit A.___ CHF 4'165.00 zu bezahlen
hat.

 

10. Gegen dieses Urteil liess der
Beschuldigte mit Eingabe vom 18. Dezember 2023 form- und fristgerecht die
Berufung anmelden (ASBW 081). 

 

11. Nach Zustellung des schriftlich
begründeten Urteils erklärte der Beschuldigte am 19. September 2024 die
Berufung. Mit seiner Berufungserklärung ficht er das erstinstanzliche Urteil
vollumfänglich an und verlangt einen Freispruch, unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen (Aktenseite Berufungsverfahren [nachfolgend: ASB] 002).

 

12. Die Staatsanwaltschaft
verzichtete mit Eingabe vom 26. September 2024 auf eine Anschlussberufung
und auf die weitere Teilnahme am Berufungsverfahren (ASB 013). 

 

13. Seitens der Privatklägerin wurde mit
Eingabe vom 10. Oktober 2024 ebenfalls auf eine Anschlussberufung
verzichtet (ASB 016).

 

14. Mit Verfügung vom
23. Oktober 2024 wurde dem Beschuldigten mitgeteilt, dass die
Voraussetzungen für die Fortführung der amtlichen Verteidigung im
Berufungsverfahren neu zu prüfen seien, und ihm Frist gesetzt, um seine
finanzielle Situation zu dokumentieren (ASB 018 f.). 

 

15. Mit Eingabe vom 19. November
2024 liess der Beschuldigte eine Stellungnahme einreichen, weshalb aus seiner
Sicht weiterhin von einem Fall notwendiger Verteidigung auszugehen sei. Belege
zu den aktuellen Einkommens- und Vermögensverhältnissen wurden nicht
eingereicht (ASB 022 f.). 

 

16. Da der Beschuldigte es auch
innert gesetzter Nachfrist unterliess, seiner Mitwirkungspflicht im Hinblick
auf die Prüfung der Voraussetzungen von Art. 132 Abs. 1 lit. b
StPO nachzukommen, wurde die amtliche Verteidigung mit Verfügung vom
10. Januar 2025 androhungsgemäss widerrufen, nachdem auch kein Fall
notwendiger Verteidigung mehr vorlag (ASB 024 ff.). 

 

17. Mit Verfügung vom
19. Februar 2025 wurde festgestellt, dass der Beschuldigte seit dem
10. Januar 2025 privat durch Rechtsanwalt Konrad Jeker vertreten wird
(ASB 034). 

18. Mit Verfügung vom 20. März
2025 wurde das schriftliche Verfahren angeordnet, nachdem die Parteien keine
Einwände dagegen erhoben hatten, und dem Beschuldigten Frist zur Einreichung
einer Berufungsbegründung gesetzt (ASB 041). 

 

19. Die Berufungsbegründung datiert
vom 24. April 2025 und enthält folgende Anträge (ASB 066 ff.): 

 

1.    A.___ sei von sämtlichen Anklagepunkten
gemäss Anklageschrift vom 2. Juni 2023 freizusprechen.

2.    Die Zivilklage sei abzuweisen, eventuell
auf den Zivilweg zu verweisen.

3.    Die Kosten des erstinstanzlichen
Verfahrens seien unter Bestätigung der nicht angefochtenen Entschädigung der
amtlichen Verteidigung von CHF 4'187.35 ohne Rückforderungsanspruch der
Staatskasse aufzuerlegen.

4.    Die Kosten des Berufungsverfahrens seien
nach den gesetzlichen Vorschriften zu liquidieren. 

5.    A.___ seien die Kosten der Verteidigung
im Berufungsverfahren in der Höhe der nachzureichenden Kostennote zu ersetzen,
zahlbar durch den Kanton Solothurn. 

 

20. Die Privatklägerin liess mit
Stellungnahme vom 23. Mai 2025 die vollumfängliche Abweisung der Berufung
beantragen, unter entsprechender Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des
Beschuldigten (ASB 077 ff.). Dieser replizierte mit Eingabe vom
24. Juni 2025 (ASB 087 f.).

 

II.        
Vorbemerkungen

 

1.        
Anwendbares Recht

 

1.1 Am 1. Januar 2024 trat die
Teilrevision der Schweizerischen Strafprozessordnung (StPO, SR 312.0) in Kraft.
Das erstinstanzliche Urteil wurde somit vor Inkrafttreten der neuen
Bestimmungen gefällt, wohingegen das Berufungsurteil erst nach Inkrafttreten
der Revision ergeht. Aus diesem Grund stellt sich die Frage, welches Recht
vorliegend zur Anwendung gelangt. 

 

Die per 1. Januar 2024 in Kraft
getretenen Änderungen enthalten keine Regelung betreffend das Übergangsrecht. 

 

Gemäss Art. 448 Abs. 1 StPO (Allgemeine
Verfahrensbestimmungen – Anwendbares Recht) werden Verfahren, die bei
Inkrafttreten dieses Gesetzes hängig sind, nach neuem Recht fortgeführt, soweit
die nachfolgenden Bestimmungen nichts anderes vorsehen. Eine solche Bestimmung
stellt Art. 453 StPO für das Rechtsmittelverfahren dar. Absatz 1 dieser
Bestimmung hält fest, dass, wenn ein Entscheid vor Inkrafttreten dieses
Gesetzes gefällt worden ist, Rechtsmittel dagegen nach bisherigem Recht, von
den bisher zuständigen Behörden, beurteilt werden. 

 

Die Thematik des Übergangsrechts wurde
in den parlamentarischen Beratungen nie diskutiert, weshalb sich daraus keine
Erkenntnisse ableiten lassen. Der Basler Kommentar zur Strafprozessordnung hält
diesbezüglich fest, dass darauf hinzuweisen ist, dass in der vom Parlament am
17. Juni 2022 verabschiedeten Teilrevision der Strafprozessordnung keine von Art.
448 StPO abweichenden
Bestimmungen vorgesehen sind und die revidierten Bestimmungen der StPO demnach
sofort in Kraft treten (Moritz Oehen
in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, Basel 2023
[nachfolgend: BSK StPO], Art. 448 N 2). Diese Formulierung ist jedoch
insofern unklar, als daraus nicht genau hervorgeht, ob das neue Recht generell
zur Anwendung gelangt oder Art. 453 StPO als Ausnahme für Rechtsmittelverfahren
Anwendung findet. Im Grundsatz richtig ist, dass Art. 448 StPO für alle
hängigen Verfahren gilt und damit die Revision sofort in Kraft tritt. Anderes
sieht aber Art. 453 StPO für die Rechtsmittelverfahren vor, wonach Rechtsmittel
gegen einen vor Inkrafttreten dieses Gesetzes gefällten Entscheid nach
bisherigem Recht, von den bisher zuständigen Behörden, beurteilt werden. Es
würde zu eng greifen, die Formulierung «bei Inkrafttreten dieses Gesetzes» so
auszulegen, dass nur das damalige Inkrafttreten der neuen StPO im Jahr 2011
gemeint ist. Vielmehr kommen die allgemeinen Verfahrensbestimmungen nach Art.
448 ff. StPO als Übergangsbestimmungen zur Anwendung, wenn eine neue Änderung
beschlossen und nichts anderes geregelt wird. Somit gilt grundsätzlich neues
Recht (Art. 448 Abs. 1 StPO), soweit die nachfolgenden Bestimmungen nichts
anderes vorsehen. Bei Rechtsmittelverfahren sieht Art. 453 StPO aber
gerade vor, dass grundsätzlich das alte Recht Anwendung findet, wenn der
angefochtene Entscheid vor Inkrafttreten der neuen Bestimmung gefällt worden
ist. Diese Auslegung verhindert unbefriedigende Ergebnisse in der Praxis. So
müssten zum Beispiel die Privatkläger mit unentgeltlicher Rechtspflege in allen
hängigen Berufungsverfahren aufgrund von Art. 136 Abs. 3 nStPO – soweit noch
nicht geschehen – noch einen Antrag für die unentgeltliche Rechtspflege
stellen, um diese im Berufungsverfahren überhaupt zu erhalten. Ein weiteres
Beispiel ist bei der Entschädigung des Beschuldigten zu finden. So würde der
Beschuldigte benachteiligt werden, wenn diesem erstinstanzlich eine
Entschädigung direkt zugesprochen worden ist, auf dessen Berufung hin die
Entschädigung nach Art. 429 Abs. 3 nStPO im Berufungsverfahren dann jedoch dem
Verteidiger zugesprochen werden müsste. Fänden die neuen Bestimmungen auch für
Rechtsmittelverfahren gegen erstinstanzliche Urteile vor dem Jahr 2024
Anwendung, würde dies bedeuten, dass bei teilweiser Anfechtung der
rechtskräftige Teil des Urteils nach altem Recht und der angefochtene Teil nach
neuem Recht ergeht. Es kann aber nicht sein, dass für ein Urteil (Art. 408
StPO) ein Teil nach altem und ein Teil nach neuem Prozessrecht gefällt wird.
Diese Rechtsauffassung wird auch von früheren StPO-Revisionen gestützt: Mit der
Änderung vom 28. September 2012 wurde mit Art. 456a StPO eine von den
allgemeinen Regeln von Art. 448 StPO und der Ausnahme von Art. 453 StPO
abweichende Regelung geschaffen, wonach das neue Recht in allen Verfahren und
somit auch im Rechtsmittelverfahren gilt. Des Weiteren kann auch Art. 2 Abs. 1
StGB herangezogen werden, wonach nach diesem Gesetz – gemeint ist jeweils die entsprechende
Änderung des Gesetzes – beurteilt wird, wer nach dessen Inkrafttreten ein
Verbrechen oder Vergehen begeht. 

 

1.2 Aufgrund der obstehenden
Ausführungen kann festgehalten werden, dass die Übergangsbestimmungen nach Art.
448 ff. StPO zur Anwendung gelangen, wenn zu einer neuen Änderung der StPO
keine separaten Übergangsbestimmungen erlassen werden. Dies ist bei der per 1.
Januar 2024 in Kraft getretenen Revision nicht der Fall. Folglich gilt nach
Art. 448 Abs. 1 StPO grundsätzlich das neue Recht, sofern die weiteren
Bestimmungen nichts anderes vorsehen. Da jedoch Art. 453
Abs. 1 StPO für Rechtsmittelverfahren gegen Entscheide, welche vor
Inkrafttreten des neuen Gesetzes gefällt wurden, die Anwendung des alten Rechts
vorbehält, sind für das vorliegende Verfahren die Bestimmungen der bis am 31.
Dezember 2023 geltenden StPO anwendbar. 

 

2.        
Prozessökonomie

 

Nach Art. 82 Abs. 4 StPO kann das
Gericht im Rechtsmittelverfahren für die tatsächliche und die rechtliche
Würdigung des angeklagten Sachverhalts aus Gründen der Prozessökonomie auf die
Begründung der Vorinstanz verweisen, wenn es dieser beipflichtet. Auf neue
tatsächliche oder rechtliche Vorbringen, die erstmals im Rechtsmittelverfahren
vorgebracht werden, ist einzugehen. Vom Instrument der Verweisung ist
zurückhaltend Gebrauch zu machen, da andernfalls bei der das Rechtsmittel
ergreifenden Person der Eindruck entstehen kann, die Rechtsmittelinstanz setze
sich mit ihren Vorbringen nicht auseinander (Nils
Stohner, BSK StPO, Art. 82 N 13). Bei strittigen Sachverhalten und
Beweiswürdigungen kommt ein Verweis nur dann in Frage, wenn die
Rechtsmittelinstanz den vorinstanzlichen Erwägungen vollumfänglich beipflichtet
(BGE 141 IV 244 E. 1.2.3, mit Hinweisen).

 

III.       
Gegenstand
des Berufungsverfahrens, bestrittene Vorhalte

 

1.        
Rechtskraft 

 

Mit Berufungserklärung vom
19. September 2024 wurde das Urteil des Amtsgerichtspräsidenten von
Bucheggberg-Wasseramt vom 7. Dezember 2023 vollumfänglich angefochten. Teilweise
in Rechtskraft erwachsen ist damit einzig Ziffer 8 des erstinstanzlichen
Urteils (Höhe der Entschädigung des amtlichen Verteidigers). 

 

2.        
Bestrittene Vorhalte

 

Das Berufungsgericht hat somit folgende
Vorhalte gemäss Anklageschrift vom 2. Juni 2023 zu beurteilen: 

 

AnklS Ziffer 1: Sexuelle Handlungen mit
Kindern (Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB)

 

begangen in der Zeit vom 27. Mai 2022,
ca. 23:00 Uhr, bis am 28. Mai 2022, ca. 03:30 Uhr, in [Ort 1], [Strasse], im
Lift sowie auf dem Weg zum Hobbyraum, zum Nachteil von C.___ (geb. [im Jahr]
2007), indem der Beschuldigte mit der 14-jährigen Geschädigten, im Wissen um
deren tatsächliches Alter, vorsätzlich sexuelle Handlungen vornahm. Der
Beschuldigte holte die Geschädigte, sowie deren Freundin, D.___, in [Ort 2] mit
dem Auto ab und brachte sie in den Hobbyraum in [Ort 1], [Strasse], wo er den
beiden alkoholische Getränke zum Konsum überliess, welche diese auch tranken
(vgl. Ziff. 3). Nachdem sich der Beschuldigte mit der Geschädigten unterhalten
hatte, gab letztere dem Beschuldigten zu erkennen, dass sie auf die Toilette
gehen müsse. Die Geschädigte stieg daraufhin mit dem Beschuldigten in den Lift,
um damit in die obere Etage zu fahren. Im Lift sprach der Beschuldigte die
Geschädigte auf ihre Brüste an und fragte sie, ob sie einen Push-up-BH trage.
Anschliessend berührte er ihre Brust durch den BH hindurch. Danach ging die
Geschädigte alleine auf die Toilette. Als sie mit dem Beschuldigten gemeinsam
zurück zum Hobbyraum lief, berührte der Beschuldigte die Geschädigte unter dem
BH an den Brüsten.

 

 

AnklS Ziffer 2: Sexuelle Belästigung
(Art. 198 StGB)

 

begangen in der Zeit vom 27. Mai 2022,
ca. 23:00 Uhr, bis am 28. Mai 2022, ca. 03:30 Uhr, in [Ort 1], [Strasse], im
Hobbyraum, im Lift bzw. auf dem Weg zum Hobbyraum, zum Nachteil von C.___ (geb.
[im Jahr] 2007). Nachdem die Geschädigte gemeinsam mit dem Beschuldigten in
dessen Hobbyraum angekommen war und von diesem alkoholische Getränke zum Konsum
erhalten hatte (vgl. Ziff. 3), unterhielt sie sich mit ihm. Dann fasste er der
Geschädigten an den linken Oberschenkel, oberhalb des Knies sowie an den linken
Arm. Anschliessend lenkte der Beschuldigte bewusst das Thema auf sexuelle
Belange, wobei er die Geschädigte fragte, wie oft sie sich selbst befriedigen
würde. Weiter fragte er sie nach der idealen Penisgrösse und machte dahingehend
Andeutungen, dass sein Penis 32 cm lang sei und ob sie diesen ausprobieren
wolle. Als die Geschädigte mit dem Beschuldigten nach dem Toilettengang den
Lift betrat (vgl. Ziff. 1), schob er ihren BH zur Seite und sagte zu ihr, dass
sie grosse Brüste habe. Zudem sagte er zu ihr, dass ihre Brüste sicher ein C
oder D Cup seien und dass er auf grosse Nippel stehe. Durch seine Äusserungen
bzw. seine Handlungen belästigte er die Geschädigte in sexueller Weise tätlich
und mit Worten. 

 

AnklS Ziffer 3: Verabreichen
gesundheitsgefährdender Stoffe an Kinder (Art. 136 StGB)

 

begangen in der Zeit vom 27. Mai 2022,
ca. 23:00 Uhr, bis am 28. Mai 2022, ca. 03:30 Uhr, in [Ort 1], [Strasse],
Hobbyraum, zum Nachteil von C.___ (geb. [im Jahr] 2007) und D.___ (geb. [im
Jahr] 2006), in dem der Beschuldigte, im Wissen um deren tatsächliches Alter,
der 14-jährigen C.___ und der 15-jährigen D.___ vorsätzlich hochprozentige
alkoholische Getränke, konkret Schokoladenlikör der Marke «Mozart» sowie Wodka
mit Red Bull zum Konsum zur Verfügung stellte, welche ihre Gesundheit gefährden
konnte. Beide Geschädigten tranken den Alkohol und spürten dessen Wirkung,
wobei C.___ durch den Alkoholkonsum Erinnerungslücken und
Gleichgewichtsstörungen sowie ein getrübtes Urteilsvermögen hatte.

 

AnklS Ziffer 4: Fahren in angetrunkenem
Zustand (Art. 91 Abs. 1 lit. a SVG, Art. 31 Abs. 2 SVG, Art. 55 Abs.
6 SVG, Art. 2 Abs. 1 VRV)

 

begangen und festgestellt am 30. Oktober
2022, um 04:55 Uhr, in Oensingen, [Strasse], indem der Beschuldigte in
angetrunkenem Zustand den Personenwagen Renault Megane, [amtliches Kennzeichen],
lenkte. Der Atemalkoholtest ergab eine Atemalkoholkonzentration von 0.3 mg/l.

 

IV.       Formelle Einwände des Beschuldigten

 

1.        
Verwertbarkeit der
Videobefragungen (AnklS Ziff. 1 – 3)

 

1.1 Der Beschuldigte bringt im
Zusammenhang mit Anklageziffern 1 – 3 vor, die Videoeinvernahme der
Privatklägerin sei gemäss Polizeibericht vom 13. Juni 2022 durch die
Staatsanwaltschaft verfügt worden. Die Teilnahmerechte seien dabei nicht
gewährt worden, womit die erste Videobefragung, welche Grundlage für die zweite
gewesen sei, gestützt auf Art. 147 StPO nicht verwertbar sei. Aufgrund der
nicht dokumentierten Ersteinvernahme sei den Strafbehörden von Anfang an
bekannt gewesen, dass die Privatklägerin den Beschuldigten bezichtige. Die
Vorinstanz argumentiere aktenwidrig, wenn sie ausführe, die Staatsanwaltschaft
habe die beiden Videoeinvernahmen «an die Polizei delegiert resp. als Weisung
ins polizeiliche Ermittlungsverfahren angeordnet» (AS 137). Bei dieser
Weisung handle es sich gemäss Journal um die Befragung des «zweiten Mädchens».
Abgesehen davon sei angesichts des materiellen Eröffnungsbegriffs von Anfang an
klar gewesen, dass mit der Orientierung der Staatsanwaltschaft die Untersuchung
nach Art. 308 StPO als eröffnet gegolten habe, zumal auch sofort
Zwangsmassnahmen angeordnet worden seien. Der Anspruch auf Teilnahme nach Art. 147
StPO dürfe nicht dadurch vereitelt werden, dass die Untersuchung hinausgezögert
werde, obwohl die Staatsanwaltschaft bereits über die schwere Straftat
informiert sei. Indem die Vorinstanz ganz wesentlich auf die erste
Videoeinvernahme abstelle, die gemäss Polizeibericht eigentlich bereits die
zweite Einvernahme gewesen sei, habe sie Bundesrecht verletzt. 

 

1.2 Die Privatklägerin hält dem
entgegen, im Zeitpunkt der Meldung an die Staatsanwaltschaft sei nicht bekannt
gewesen, wer der Beschuldigte sei. Auch habe kein hinreichender Tatverdacht
bestanden. Dieser habe erst nach der Einvernahme der Privatklägerin vorgelegen.
Die Einvernahme wäre jedoch selbst dann verwertbar, wenn die Strafuntersuchung
bereits eröffnet gewesen wäre. In Anwendung von Art. 101 Abs. 1 StPO
habe der Beschuldigte kein Teilnahmerecht, da zu diesem Zeitpunkt die übrigen
Beweise – insbesondere die Befragung von D.___ – noch nicht erhoben gewesen und
der Beschuldigte selbst noch nicht befragt worden sei.  

 

1.3 Gemäss Art. 147
Abs. 1 StPO haben die Parteien das Recht, bei Beweiserhebungen durch die
Staatsanwaltschaft und die Gerichte anwesend zu sein und einvernommenen
Personen Fragen zu stellen. Dieses spezifische Teilnahme- und Mitwirkungsrecht
fliesst aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV und
Art. 107 Abs. 1 lit. b StPO). Es darf nur in den gesetzlich
vorgesehenen Fällen eingeschränkt werden (Art. 101 Abs. 1,
Art. 108, Art. 146 Abs.4 und Art. 149 Abs. 2 lit. b StPO).
Nach Art. 147 Abs. 4 StPO dürfen Beweise, die in Verletzung der Bestimmung
von Art. 147 StPO erhoben worden sind, nicht zulasten der Partei verwendet
werden, die nicht anwesend war (BGE 150 IV 345 E. 1.6.3.1, Urteil
6B_1092/2022 vom 9. Januar 2023 E. 2.3.1; mit Hinweisen).

 

Vor Eröffnung einer Untersuchung durch
die Staatsanwaltschaft besteht der Anspruch auf Parteiöffentlichkeit nicht. Bei
Beweiserhebungen durch die Polizei, etwa bei polizeilichen Einvernahmen von
Auskunftspersonen gestützt auf Art. 306 Abs. 2 lit. b StPO, sind
die Parteien mit anderen Worten nicht zur Teilnahme berechtigt (Art. 147
Abs. 1 StPO e contrario). Soweit die Polizei nach Eröffnung der Untersuchung
Einvernahmen im Auftrag der Staatsanwaltschaft durchführt, stehen den
Verfahrensbeteiligten die Verfahrensrechte zu, die ihnen bei Einvernahmen durch
die Staatsanwaltschaft zukommen (Art. 312 Abs. 2 StPO). Daraus folgt,
dass die Parteien das Recht haben, bei Einvernahmen, welche die Polizei im
Auftrag der Staatsanwaltschaft während deren Untersuchung durchführt, anwesend
zu sein und Fragen zu stellen (BGE 143 IV 397 E. 3.3.2, Urteil
6B_1078/2022 vom 26. Oktober 2022 E. 2.4.2; 6B_14/2021 vom
28. Juli 2021 E. 1.3.3.; je mit Hinweisen). 

 

1.4 Vorliegend wurde das Strafverfahren
gegen den Beschuldigten formell am 29. Mai 2022 und somit nach der
durchgeführten Videoeinvernahme der Privatklägerin eröffnet (AS 144). Wie
dem Journaleintrag vom 28. Mai 2022 entnommen werden kann, ging der
Einvernahme indes eine Orientierung der Staatsanwaltschaft voraus.
Unbestrittenermassen erfolgte diese Meldung in Anwendung von Art. 307
Abs. 1 StPO, wonach die Polizei die Staatsanwaltschaft unverzüglich über
schwere Straftaten sowie über andere schwerwiegende Ereignisse informiert.
Gemäss Art. 309 Abs. 1 lit. c StPO führt diese Orientierung
zwingend zur Eröffnung einer Strafuntersuchung. Ein hinreichender Tatverdacht
(Art. 309 Abs. 1 lit. a StPO) ist hierfür nicht erforderlich. Die
Voraussetzungen von Art. 309 Abs. 1 StPO sind alternativer Natur (BSK
StPO – Vogelsang, Art. 309
N 21). Doch müsste sich auch ein Verdacht gemäss
lit. a der Bestimmung lediglich auf eine konkrete Straftat und eine
konkrete Person richten, ohne dass die Person namentlich bekannt ist. Für die
Verfahrenseröffnung gegen Unbekannt reicht es, wenn die Täterschaft im
weitesten Sinne bestimmbar ist, d.h. ein Täterprofil vorliegt und der Kreis der
potentiellen Täter eingeschränkt ist. Alles andere, wie die Tatumstände oder
konkrete Tatbeteiligung des Verdächtigten, wird erst im Verlaufe der
Untersuchung aufgearbeitet, und muss im Zeitpunkt der Eröffnung noch nicht
genauer bestimmt sein (BSK StPO – Vogelsang,
Art. 309 N 28). 

 

1.5 Wann die formelle
Eröffnung in zeitlicher Hinsicht zu erfolgen hat, ist in der Lehre umstritten. Die
herrschende Lehre geht jedoch davon aus, dass es in Bezug auf die Frage, ob
eine Untersuchung als eröffnet gilt, nicht darauf ankommen kann, wann sich die
Staatsanwaltschaft schlussendlich zum Erlass einer Eröffnungsverfügung
entschliesst, und nimmt einen materiellen Eröffnungsbegriff an (BSK StPO – Vogelsang, Art. 309 N 8; zu
den unterschiedlichen Lehrmeinungen vgl. BSK StPO – Simmler / Markwalder, Art. 307 N 4).
Auch das Bundesgericht betont, dass nicht die formelle Eröffnung massgeblich
ist, sondern wann eine Untersuchung hätte eröffnet werden müssen. Demnach gilt
die Strafuntersuchung als eröffnet, sobald sich die Staatsanwaltschaft mit dem
Straffall zu befassen beginnt. Dies trifft jedenfalls dann zu, wenn die
Staatsanwaltschaft Zwangsmassnahmen anordnet (BGE 141 IV 20 E. 1.1.4
m.w.H.). Dass eine Orientierung i.S.v. Art. 307 Abs. 2 gar automatisch zu
einer materiellen Eröffnung des Untersuchungsverfahrens führt, wie dies einige
Autoren fordern (vgl. BSK StPO – Simmler / Markwalder
Art. 307 N 4), ist der Rechtsprechung des Bundesgerichts jedoch nicht
zu entnehmen. 

 

1.6 Die Frage, ob durch die Orientierung
der Staatsanwaltschaft sowie deren Weisungen, das «zweite Mädchen»
einzuvernehmen und die Mobiltelefone der Mädchen sicherzustellen (AS 137),
das Untersuchungsverfahren materiell eröffnet wurde, kann vorliegend offen
bleiben. Denn als unzutreffend erweist sich die Behauptung der Verteidigung,
die Person des Beschuldigten sei bereits vor der ersten Videoeinvernahme hinreichend
bekannt gewesen. Das «Gespräch unter vier Augen», welches die Verteidigung als
Ersteinvernahme bezeichnet, stellt in tatsächlicher Hinsicht eine formlose
Befragung dar, welche die Polizei im Rahmen ihrer Vorermittlungstätigkeit vornahm.
Die Erkenntnisse aus solchen Vorermittlungen bilden Feststellungen i.S.v.
Art. 306 Abs. 1 StPO, auf deren Grundlage entschieden wird, ob
überhaupt ein Verfahren zu eröffnen ist (vgl. auch BSK StPO – Galella / Rhyner,
Art. 306 N 8). Gestützt auf diese Ermittlungen bestanden zwar
Hinweise auf die Täterschaft. So handle es sich beim potentiellen Täter gemäss
dem Polizeirapport sowie dem Journaleintrag der Staatsanwaltschaft um einen ca.
40-jährigen Mann namens A.___, welcher in [Ort 1] wohnhaft sei und Zugang zu
einem Partyraum im Untergeschoss des «[Ladengebäudes]» habe (AS 009,
AS 137). Die Identität des Beschuldigten stand jedoch erst nach den ersten
Einvernahmen fest, wie aus dem Journaleintrag vom 29. Mai 2022 hervorgeht
(AS 138). Dass gestützt auf die ersten Angaben der Privatklägerin die
Identität des Beschuldigten nicht hinreichend bestimmt werden konnte, zeigt
sich im Übrigen bereits aus dem Umstand, dass sich der am Tag ihrer Einvernahme
ausgefüllte Strafantrag gegen unbekannte Täterschaft richtete (AS 014). Entsprechend
ist nicht zu beanstanden, dass das Verfahren gegen den Beschuldigten formell
erst am 29. Mai 2022 eröffnet wurde, diente dies doch offensichtlich nicht
der Umgehung der Teilnahmerechte des Beschuldigten. Solche standen ihm mangels
Kenntnis seiner Identität vor der Einvernahme der Privatklägerin nicht zu. Die
Einvernahme ist entsprechend verwertbar. 

 

2. Die Verteidigung sieht weiter
Art. 343 Abs. 3 StPO verletzt, indem die Vorinstanz den Beschuldigten
ohne unmittelbare Einvernahme der Privatklägerin verurteilte, was bei einem
Vieraugendelikt unverzichtbar sei. Auch dieser Einwand erweist sich als
unbegründet. 

 

Gemäss Art. 343 Abs. 3 StPO erhebt
das Gericht im Vorverfahren ordnungsgemäss erhobene Beweise nochmals, sofern
die unmittelbare Kenntnis des Beweismittels für die Urteilsfällung notwendig
erscheint. Dies ist etwa der Fall, wenn die Kraft des Beweismittels in
entscheidender Weise vom Eindruck abhängt, der bei seiner Präsentation
entsteht. Bei Personalbeweisen erweist sich die erneute Beweisabnahme dann als
notwendig, wenn das Urteil nicht nur vom Inhalt der Aussage einer Person
abhängt, sondern in entscheidender Weise von ihrem Aussageverhalten.
Deliktsbezogene Umstände können dabei massgebend sein, etwa dass einer
beschuldigten Person schwere Delikte gegen Leib und Leben oder gegen die
sexuelle Integrität vorgeworfen werden, die Aussagen des Opfers praktisch das
einzige direkte Beweismittel darstellen (Aussage gegen Aussage) und dem (bisher
zu wenig dokumentierten) Aussageverhalten des Opfers entscheidende Bedeutung
zukommt (BSK StPO – Wiprächtiger,
Art. 343 N 19 ff.). 

 

Im Gegensatz zu dem von der Verteidigung
zitierten Entscheid des Luzerner Kantonsgericht (LGVE 2023 II Nr. 6) wurde
das Opfer im vorliegenden Verfahren bereits zwei Mal einvernommen. Seine
Aussagen können daher in einer Konstanzanalyse hinsichtlich Auslassungen,
Ergänzungen und Widersprüche überprüft werden. Beide Einvernahmen wurden zudem
auf Video aufgezeichnet, wodurch sich die erste Instanz – wie im Übrigen auch
das Berufungsgericht – einen unmittelbaren Eindruck über die Glaubhaftigkeit
der Aussagen der Privatklägerin machen kann. Ebenfalls wurden die Teilnahme-
und Konfrontationsrechte des Beschuldigten anlässlich der zweiten Einvernahme
gewahrt, weshalb sich auch unter diesem Aspekt keine weitere Einvernahme
aufdrängte. Wird zusätzlich berücksichtigt, dass Einvernahmen für Opfer von
sexuellen Übergriffen besonders belastend wirken und kindliche Opfer deshalb
gestützt auf die Schutzbestimmung von Art. 154 Abs. 4 lit. b
StPO nicht mehr als zwei Mal einvernommen werden sollen, ist der Verzicht auf
eine weitere Einvernahme durch die Vorinstanz nicht zu beanstanden. 

 

2.        
Einwendungen
betreffend Fahren in angetrunkenem Zustand

 

2.1 Wie bereits vor der Vorinstanz lässt
der Beschuldigte durch seine Verteidigung vorbringen, es fehle am Beweis einer
gesetzeskonformen Messung (Art. 11 Abs. 4 und 5 der Verordnung über
die Kontrolle des Strassenverkehrs [Strassenverkehrskontrollverordnung, SKV,
SR 741.013]). Nach Anhang 1.10 der Messmittelverordnung müsse das Ergebnis
angezeigt werden können (Sichtanzeige oder Papierausdruck). Dies sei, wie jede
andere Ermittlungshandlung in einem Strafverfahren, zu dokumentieren, was hier
nicht zutreffe. Weiter sei der Beschuldigte nicht auf sein
Mitwirkungsverweigerungsrecht hingewiesen worden, weshalb die angebliche
Bestätigung des Messwerts durch den Beschuldigten nicht verwertbar sei
(Art. 158 Abs. 2 StPO).

 

2.2. Hinsichtlich der theoretischen
Ausführungen kann vorab auf die Erwägungen der Vorinstanz auf Urteilsseite (nachfolgend:
US) 6 ff. verwiesen werden. Der Beschuldigte lässt vor dem Berufungsgericht
zurecht nicht mehr vorbringen, seine Angaben im Protokoll bei Verdacht auf
Fahrunfähigkeit betreffend das Trinkende (AS 135 f.) seien mangels
Hinweises auf sein Aussageverweigerungsrecht nicht verwertbar. Hingegen rügt er
in diesem Zusammenhang die Verwertbarkeit seiner Anerkennung des Messwertes. Beide
Einwände erweisen sich als unbegründet. 

 

2.3 Zutreffend ist, dass die
Angaben von beschuldigten Personen gegenüber Kontrollbehörden beweisrechtlich
nur verwertbar sind, wenn diese auf das «Nemo tenetur-Prinzip» hingewiesen
wurden, wobei ein Hinweis auf den Inhalt von Art. 158 StPO genügt.
Hingegen besteht – im Unterschied zum allgemeinen Polizei- und Strafprozessrecht
– eine voraussetzungslose Duldungspflicht der Fahrzeugführer und
Unfallbeteiligten von Alkoholproben, wie auch der Beschuldigte nicht bestreitet
und von der Vorinstanz zutreffend festgestellt wurde (Silvan Fahrni / Stefan Heimgartner, in:
Niggli / Probst / Waldmann [Hrsg.], Basler Kommentar,
Strassenverkehrsgesetz, Freiburg 2014 [nachfolgend: BSK SVG], Art. 55
N 1 und 46). Ob der Beschuldigte Angaben zum Trinkende macht oder nicht,
ändert nichts am Umstand, dass er die Atemalkoholprobe über sich zu ergehen
lassen hat, andernfalls eine Blutprobe angeordnet wird. Die Angaben dienen nicht
dem Nachweis der Alkoholisierung, sondern lediglich der korrekten Durchführung
der Probe, da die gemessenen Werte vor Ablauf der 20-minütigen Wartezeit nicht
mit der tatsächlichen Blutalkoholkonzentration korrespondieren und – aufgrund
der noch im Mund vorhandenen Alkoholdämpfe der alkoholischen Flüssigkeit –
einen zu hohen Wert ergeben (BSK SVG – Silvan
Fahrni / Stefan Heimgartner, Art. 55 N 14).
Beweisrechtlich relevant ist der gemessene Alkoholwert, der vom Beschuldigten
in der Folge anerkannt werden kann, wobei eine allfällige Verweigerung wiederum
die Anordnung der Blutprobe zur Folge hat. 

 

2.4 Die Angaben des Beschuldigten
im Polizeiprotokoll bei Verdacht auf Fahrunfähigkeit dienen somit nicht dazu,
dem Beschuldigten ein strafrechtlich relevantes Verhalten nachzuweisen, sondern
die Korrektheit des Messverfahrens sicherzustellen. Unter diesem Aspekt ist ein
Hinweis auf Art. 158 StPO nicht erforderlich und die Angaben im
Polizeiprotokoll entsprechend verwertbar. 

 

2.5 Was die Korrektheit des
Messverfahrens anbelangt, kann auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen
werden. Mit dieser ist festzuhalten, dass die Atemalkoholprobe gemäss
Polizeiprotokoll mit einem Atemalkoholgerät (Testgerät) durchgeführt wurde,
wobei zwei Messungen vorgenommen wurden, die nicht mehr als 0,05 mg/l
voneinander abwichen. Die Durchführung einer Atemalkoholprobe mit einem
Messgerät oder die Anordnung einer Blutprobe war entsprechend nicht
erforderlich. Da sich die Atemalkoholkonzentration auf mehr als 0,25 mg/l, aber
weniger als 0,40 mg/l belief, konnte der tiefere Wert von 0,30 mg/l vom
Beschuldigten mit dem Hinweis, dass die Anerkennung des Resultats die
Einleitung massnahme- und strafrechtlicher Verfahren zur Folge hat, anerkannt
werden. Die Messung wurde somit gesetzeskonform durchgeführt. Anhaltspunkte
dafür, dass das verwendete Testgerät nicht den Anforderungen der
Messmittelverordnung vom 15. Februar 2006 und der entsprechenden
Ausführungsvorschriften des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements
erfüllen (Art. 11 Abs. 4 Strassenverkehrsverordnung), bestehen nicht. Wie
die Verteidigung darauf kommt, dass das verwendete Testgerät die Ergebnisse
nicht anzeigen konnte (mittels Sichtanzeige oder eines Papierausdrucks), ist
nicht ersichtlich. Das Testgerät verfügte offensichtlich über die Möglichkeit,
dass Messergebnis direkt auf dem Instrument abzulesen. Die Ergebnisse der
beiden Messungen wurden auf dem Polizeiprotokoll notiert und damit für das
Strafverfahren dokumentiert. Auch dieser Einwand der Verteidigung erweist sich
damit als unbegründet. 

 

V.       
Beweiswürdigung
und Sachverhalt

 

1.        
Grundsätze
der Beweiswürdigung

 

1.1 Gemäss der in Art. 32 Abs. 1 BV und
Art. 6 Ziff. 2 EMRK sowie Art. 10 Abs. 3 StPO verankerten Maxime «in
dubio pro reo» ist bis zum Nachweis der Schuld zu vermuten, dass die einer
Straftat angeklagte Person unschuldig ist: Es gilt demnach die
Unschuldsvermutung. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (BGE 120 Ia 36
ff., 127 I 40 f) betrifft der Grundsatz der Unschuldsvermutung sowohl die
Verteilung der Beweislast als auch die Würdigung der Beweise. Als
Beweislastregel bedeutet die Maxime, dass es Sache des Staates ist, die Schuld
des Angeklagten zu beweisen, und nicht dieser seine Unschuld nachweisen muss.
Als Beweiswürdigungsregel ist der Grundsatz «in dubio pro reo» verletzt, wenn
sich der Strafrichter von der Existenz eines für den Beschuldigten ungünstigen
Sachverhaltes überzeugt erklärt, obschon bei objektiver Betrachtung Zweifel
bestehen, dass sich der Sachverhalt so verwirklicht hat. Dabei sind bloss
abstrakte und theoretische Zweifel nicht massgebend, da solche immer möglich
sind. Obwohl für die Urteilsfindung die materielle Wahrheit wegleitend ist,
kann absolute Gewissheit bzw. Wahrheit nicht verlangt werden, da diese der
menschlichen Erkenntnis bei ihrer Unvollkommenheit überhaupt verschlossen ist.
Mit Zweifeln ist deshalb nicht die entfernteste Möglichkeit des Andersseins
gemeint. Erforderlich sind vielmehr erhebliche und schlechthin nicht zu
unterdrückende Zweifel, die sich nach der objektiven Sachlage aufdrängen. Bei
mehreren möglichen Sachverhaltsversionen hat der Richter auf die für den Beschuldigten
günstigste abzustellen.

 

Eine Verurteilung darf somit nur
erfolgen, wenn die Schuld des Verdächtigten mit hinreichender Sicherheit
erwiesen ist, d.h. wenn Beweise dafür vorliegen, dass der Täter mit seinem
Verhalten objektiv und subjektiv den ihm vorgeworfenen Sachverhalt verwirklicht
hat. Voraussetzung dafür ist, dass der Richter einerseits persönlich von der
Tatschuld überzeugt ist und andererseits die Beweise die Schuld des
Verdächtigen in einer vernünftige Zweifel ausschliessenden Weise stützen. Der
Richter hat demzufolge nach seiner persönlichen Überzeugung aufgrund
gewissenhafter Prüfung der vorliegenden Beweise darüber zu entscheiden, ob er
eine Tatsache für bewiesen hält oder nicht (BGE 115 IV 286).

 

1.2 Das Gericht folgt bei seiner
Beweisführung dem Grundsatz der freien Beweis-würdigung (Art. 10 Abs. 2 StPO):
Es würdigt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten Verfahren gewonnenen
Überzeugung und ist damit bei der Wahrheitsfindung nicht an die Standpunkte und
Beweisführungen der Prozessparteien gebunden. Unterschieden wird je nach Art
des Beweismittels zwischen persönlichen (Personen, welche die von ihnen
wahrgenommenen Tatsachen bekannt geben: Aussagen von Zeugen, Auskunftspersonen
und Beschuldigten) und sachlichen Beweismitteln (Augenschein und Beweisobjekte
wie Urkunden oder Tatspuren). Dabei kommt es nicht auf die Zahl oder Art der
Beweismittel an, sondern auf deren Überzeugungskraft oder Beweiskraft. Das
Gericht entscheidet nach der persönlichen Überzeugung, ob eine Tatsache
bewiesen ist oder nicht.

 

1.3 Dabei kann sich der Richter auch auf
Indizien stützen. Indizien (Anzeichen) sind Hilfstatsachen, die, wenn selber
bewiesen, auf eine andere, unmittelbar rechtserhebliche Tatsache schliessen
lassen. Der erfolgreiche Indizienbeweis begründet eine der Lebenserfahrung
entsprechende Vermutung, dass die nicht bewiesene Tatsache gegeben ist. Für
sich allein betrachtet deuten Indizien jeweils nur mit einer gewissen
Wahrscheinlichkeit auf eine bestimmte Tatsache hin. Auf das einzelne Indiz ist
der In-dubio-Grundsatz denn auch nicht anwendbar. Gemeinsam – einander
ergänzend und verstärkend – können Indizien aber zum Schluss führen, dass die
rechtserhebliche Tatsache nach der allgemeinen Lebenserfahrung gegeben sein
muss. Der Indizienbeweis ist dem direkten Beweis gleichgestellt (vgl. Urteile
des Bundesgerichts 6B_360/2016 vom 1. Juni 2017 E. 2.4, Entscheid, nicht aber
genannte Ziffer publ. in: BGE 143 IV 361 sowie 6B_332/2009 vom 4. August 2009
E. 2.3; je mit Hinweisen).

 

1.4 Bei der Prüfung des Wahrheitsgehalts
von Zeugenaussagen hat sich die soge-nannte Aussageanalyse durchgesetzt.
Überprüft wird dabei in erster Linie die Hypothese, ob die aussagende Person
unter Berücksichtigung der Umstände, der intellektuellen Leistungsfähigkeit und
der Motivlage eine solche Aussage auch ohne realen Erlebnishintergrund hätte
machen können. Methodisch wird die Prüfung in der Weise vorgenommen, dass das
im Rahmen eines hypothesengeleiteten Vorgehens durch Inhaltsanalyse
(aussageimmanente Qualitätsmerkmale, sogenannte Realkennzeichen) und Bewertung
der Entstehungsgeschichte der Aussage sowie des Aussageverhaltens insgesamt
gewonnene Ergebnis auf Fehlerquellen überprüft und die persönliche Kompetenz
der aussagenden Person analysiert werden. Dabei ist immer davon auszugehen,
dass die Aussage nicht realitätsbegründet ist. Ergibt die Prüfung, dass diese
Unwahrhypothese (Nullhypothese) mit den erhobenen Fakten nicht mehr in
Übereinstimmung stehen kann, so wird sie verworfen. Es gilt dann die Alternativhypothese,
dass die Aussage wahr ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_298/2010 E. 2.3
mit Verweis auf BGE 133 I 33 E. 4.3; 129 I 49, E. 5). Weiter hat das
Bundesgericht verschiedentlich ausgeführt, dass die Prüfung der Glaubhaftigkeit
von Aussagen primär Sache des Gerichts ist. Auf Begutachtungen sei nur bei
besonderen Umständen zurückzugreifen (vgl. u.a. Urteil des Bundesgerichts
6B_165/2009 E. 2.5). 

 

Die jüngere Lehre zur Aussagepsychologie
hat sich eingehend mit der Methodik der Glaubhaftigkeitsbeurteilung
auseinandergesetzt. Es kann an dieser Stelle insbesondere auf folgende
Fachbeiträge verwiesen werden: Revital
Ludewig / Daphna Tavor / Sonja Baumer, Wie können
aussagepsychologische Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten
helfen?, in: AJP 11/2011 S. 1415 ff.; Martin
Hussels, Von Wahrheiten und Lügen – Eine Darstellung der
Glaubhaftigkeitskriterien anhand der Rechtsprechung, in: forumpoenale 6/2012 S.
368 ff.; Susanna Niehaus, Zur
Bedeutung suggestiver Prozesse für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit von
Aussagen in Sexualstrafsachen, in: forumpoenale 1/2012 S. 31 ff.; Susanna Niehaus, Begutachtung der
Glaubhaftigkeit von Kinderaussagen, in: FamPra.ch 2/2010 S. 315 ff.;
Aussagepsychologie für die Rechtspraxis, «Zwischen Wahrheit und Lüge», Revital Ludewig / Sonja Baumer / Daphna
Tavor [Hrsg.], Zürich / St.Gallen 2017, Einführung in die
Aussagepsychologie, S. 17 ff.).

 

Mithilfe der Realkennzeichen kann die
Qualität einer Aussage ermittelt werden. Dabei sagt nicht allein das
Vorhandensein von Realkennzeichen an sich etwas über die Glaubhaftigkeit einer
Aussage aus, sondern es braucht den Vergleich zwischen der Aussagequalität und
der (Erfindungs-)Kompetenz der aussagenden Person. Eine Fokussierung auf die
Anzahl erfüllter Qualitätsmerkmale wäre daher irreführend. Die Realkennzeichen
dürfen nicht im Sinne einer Checkliste verwendet werden. Kompetenzen,
Erfahrungen und allfällige psychische Störungen der aussagenden Person sowie
die Komplexität des vorgebrachten Geschehens müssen bei der Beurteilung
mitberücksichtigt werden. Bei jungen Kindern oder minderbegabten Erwachsenen
können einzelne prägnante Qualitätsmerkmale ausreichen, um einen Erlebnisbezug
zu belegen. Bei gut begabten Jugendlichen oder Erwachsenen reicht dagegen das
Vorliegen einer Reihe von wenig prägnanten Qualitätsmerkmalen dazu oft nicht
aus (vgl. Ludewig / Tavor / Baumer,
AJP 11/2011 S. 1427). 

 

Neben der rein auf die erwähnten
Realkennzeichen ausgerichteten Glaubhaftigkeitsanalyse des Aussageinhalts ist
somit auch eine sog. Kompetenzanalyse hin-sichtlich der aussagenden Person
vorzunehmen. Dabei spielt die Aussagetüchtigkeit eine wesentliche Rolle, welche
massgeblich von persönlichen Eigenschaften der aussagenden Person beeinflusst
wird und etwa durch eingeschränkte kognitive Fähigkeiten beeinträchtigt werden
kann. Auch suggestive Einflüsse können die Aussagezuverlässigkeit
beeinträchtigen, wobei ein besonderes Augenmerk auf die Aussageentstehung und
Aussageentwicklung zu richten ist. Schliesslich ist auch eine
Motivationsanalyse vorzunehmen, bei der die Frage in den Vordergrund rückt, ob
bei der aussagenden Person Motive für eine bewusste Falschaussage vorliegen
(Aussagepsychologie für die Rechtspraxis, «Zwischen Wahrheit und Lüge», Revital Ludewig / Sonja Baumer / Daphna
Tavor [Hrsg.], Zürich / St.Gallen 2017, Einführung in die
Aussagepsychologie, S. 53 ff., 71 ff., 79 ff.).

 

1.5 Eine beschuldigte Person erzählt im
Gegensatz zu einem Zeugen/einer Zeugin bzw. einem Opfer im Regelfall nicht eine
Geschichte, die sich unter Berücksichtigung der Aussageentstehung und
-entwicklung anhand der Aussagequalität auf ihren Realitätsbezug überprüfen
lässt. Eine beschuldigte Person ist aufgefordert, eine bestehende Geschichte zu
bestätigen oder zu verneinen. Die Realkennzeichenanalyse ist damit bei
beschuldigten Personen in aller Regel kein taugliches Mittel der
Glaubhaftigkeitsbeurteilung. In der Aussagepsychologie wurden dennoch
verschiedene Erkenntnisse zum Aussageverhalten schuldiger und unschuldiger
Personen gewonnen (vgl. Daphna
Tavor, Aussagepsychologie zur Beurteilung der Aussagen des Angeklagten,
Referat im Seminar «Zwischen Wahrheit und Lüge», durchgeführt am 22. und 23.
Juni 2015 vom Institut für Rechtswissenschaft und Rechtspraxis der Universität
St. Gallen, Kompetenzzentrum für Rechtspsychologie): 

 

-        Ein
unschuldiger Beschuldigter antwortet detailreich, spontan und ohne Ausflüchte.
Er will die Wahrheit ans Licht bringen, ist gesprächig, kooperativ im Gespräch
und bleibt beim Thema. Er verwendet treffende und starke Ausdrücke bezüglich
des Inhalts der Vorwürfe und beteuert die Unschuld spezifisch zum jetzigen
Fall, ohne dazu aufgefordert zu werden.

 

-        Ein
schuldiger Beschuldigter erzählt demgegenüber nur so viel wie nötig und so
wenig wie möglich; er neigt zu Auslassungen. Er will die Wahrheit
verheimlichen, ist zurückhaltend, unkooperativ im Gespräch und weicht auf
irrelevante Themen aus. Er verwendet schwache und ausweichende Ausdrücke
bezüglich des Inhalts der Vorwürfe und spricht nicht spontan über seine
Unschuld.

 

2.        
Sexuelle
Handlungen mit Kindern / sexuelle Belästigung (AnklS Ziff. 1 und 2)

 

Der Beschuldigte machte während des gesamten
Verfahrens von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Durch seinen Verteidiger
lässt er den Sachverhalt, wie er in der Anklageschrift dargetan ist,
bestreiten. Wie bei solchen Vier-Augen-Delikten üblich, stellen daher die
Aussagen der Privatklägerin das zentrale Beweismittel dar, weshalb diese im
Folgenden darzulegen und unter Beizug der weiteren vorhandenen Beweismittel zu
würdigen sind. 

 

2.1.     Beweismittel

 

2.1.1  Aussagen der Privatklägerin

 

2.1.1.1 Die Privatklägerin wurde am
28. Mai 2022 erstmalig einvernommen. Die Einvernahme wurde mit zwei
Videokameras aufgenommen. Die entsprechenden Aufzeichnungen befinden sich in
den Akten (AS 083). Die Privatklägerin machte dabei folgende Aussagen zu
den Vorwürfen gegen den Beschuldigten: 

 

Auf die Frage, was sie am Freitag gemacht habe,
führte die Privatklägerin aus, ihre Kollegin (D.___) habe sie angerufen und
erzählt, sie habe etwas für sie geplant. Es werde «mega» cool. Sie solle
einfach schnell kommen. Sie (die Privatklägerin) sei dann gegangen. (Um welche
Zeit das ungefähr gewesen sei?) 21:00 Uhr. (Wie es weitergegangen sei?) Sie sei
bei ihr gewesen. Sie (D.___) habe erzählt, dass sie abgeholt würden. Von einem
Mann. Dieser habe einen Club. In diesen wären sie heute Abend (28. Mai
2022) gegangen. (Ob sie mehr dazu sagen könne?) Sie
hätten sich «parat» gemacht. Sie (D.___) habe ihn gekannt, weil ihre Kollegin (F.___),
die an dem Abend auch gekommen sei, an ihrem Geburtstag in diesen Club
gegangen sei. Die seien befreundet. Sie (D.___) habe ihn dann gefragt und sie
hätten gehen dürfen. Um 23:00 Uhr habe er sie abgeholt. Er sei «mega» nett
gewesen. Sie (D.___) habe gesagt, er sei 30 Jahre alt oder so und «mega»
lustig, wie ein Typ in ihrem Alter. Sie seien dort gesessen und er habe
gefragt, wie alt sie seien. Er habe gesagt, dass sie morgen in seinen Club
kommen könnten, ohne zu bezahlen. Sie würden freien Alkohol bekommen und
müssten auch nichts bezahlen. «Da denkt man sich natürlich so: Cool. In unserem
Alter.» Dann seien sie nach [Ort 1]. Dort sei [ein Laden]. Er sei ins Parkhaus hinuntergefahren.
Er habe einen Raum gemietet. «Er hat auch ganz in der Nähe gewohnt in dem… Ich
weiss nicht genau, was es ist.» Aber er habe auch dort gewohnt. Sie seien in
einen Raum reingekommen. Es sei noch ein anderer Mann dort gewesen. Es sei ein
DJ gewesen. Sie hätten sich hingesetzt und er habe ihnen Alkohol gegeben. «Dann
ist ihre (D.___s) Kollegin gekommen und sie haben beide angefangen zu singen,
weil die eine Sängerin ist.» Die beiden seien weg und sie (die Privatklägerin)
sei mit ihm allein gewesen. Also sie seien halt «so mega nahe» beieinander
gesessen und er habe angefangen zu reden. Also er habe «halt» irgendwie auf ihr
Handy geschaut und gesehen, dass ihr jemand einen «mega» langen Text
geschrieben habe. Er habe gefragt, ob sie verliebt sei. Sie habe nein gesagt.
Es sei einfach jemand, der ihr am Herzen liege, und sie mache sich Sorgen um
diese Person. Er habe gefragt, wieso sie sich Sorgen mache, und sie habe ein
wenig erzählt, wie es ihr früher gegangen sei und dass sie gerne für andere
Leute da sei. Er habe gesagt, er sei früher Psychologe gewesen und er höre ihr
«mega» gerne zu. Dann habe er erzählt, dass seine Mutter gestorben sei, als er
jung gewesen sei. Sie hätten darüber gesprochen, dass man dankbar sein soll,
für das, was man habe. «Also wirklich eigentlich voll schön, mit jemanden so
offen sprechen zu können. Dann hat er mich plötzlich… Ich weiss nicht, wie es
darauf kam. Ich hatte auch schon ein wenig getrunken.» Sie könne sich nicht
ganz genau an alles erinnern, was er gesagt habe. «Dann hat er so… Ah stimmt,
wir sind auch noch… Also er hat von Anfang an sehr nahen Körperkontakt gehabt.»
Er habe ihr schon beim Aussteigen die Hand hingehalten und er habe sie auch
immer so gehalten (hält die Hände vor ihren Bauch) und sie zu sich
herangerissen. Also nicht fest, einfach so «komm jetzt». Dann seien sie
gesessen. «Jetzt bin ich wieder beim Sofa.» Sie seien auf dem Sofa gewesen. Sie
wisse es nicht, auf einmal hätten sie über ihre Ex-Freunde gesprochen und über
Frauen, wie sie dazu stehe. Er habe immer mehr angefangen, in diese Richtung zu
gehen, auf was sie stehe und so. Sie hätte da schon abblocken sollen. Aber es
sei gewesen, wie wenn sie mit einem guten Kollegen darüber reden würde. Sie
habe ein wenig erzählt. Dann habe er erzählt. Plötzlich habe er angefangen, was
die perfekte Grösse sei für «dort unten». Sie habe gesagt: «Ich weiss doch
nicht. 17 cm oder so.» Er habe gefragt, wie sie 32 cm finde. «Ich so: Ja, das
geht doch gar nicht.» Er habe gesagt: «Doch, doch. Möchtest du ausprobieren?»
Sie habe nein gesagt. Dann habe er so an ihr Bein «glängt» (fasst sich an den
Oberschenkel). Aber sie habe sich gedacht, der sei einfach so. Es gäbe ja
Menschen, die «voll so Körperkontakt und so» seien. 

 

(Nach längerem Überlegen) Er habe aufs WC gehen
wollen. Er habe immer so Beispiele gebracht, wenn sie jetzt Sex haben würden
und so. Er habe gesagt: «Könntest du …» Sie verstehe nicht genau, was er damit
gemeint habe, aber «irgendwie ob ich seinen Schwanz irgendwie nehmen kann oder
so, dass er aufs WC gehen kann. Ob ich schnell mitkomme.» Sie habe gesagt,
nein, das müsse er selber erledigen. Sie könne ja nicht für ihn aufs WC gehen.
Er sei gegangen. Sie habe schon ein wenig getrunken gehabt und gemerkt, dass
sie unbedingt aufs WC gehen müsse, sonst hätte sie sich in die Hose gemacht. Sie
dachte, ob sie ihn wirklich fragen solle, weil sie dafür in seine Wohnung
müsste. Dafür müsse man mit dem Lift in den ersten Stock. Die anderen hätten
noch gesungen und sie habe sich gedacht, sie lasse die jetzt einfach. Denn er
sei nicht so gross. Sie habe sich gedacht, wenn, dann könne sie ihm schon eine
geben, wenn etwas ganz Schlimmes passieren würde. Sie sei raus und habe
gemerkt: «Scheisse, ich bin doch ein wenig betrunken. Ich bin so hin und her
gedingselt.» Sie habe es ihm gesagt und er habe sie festgehalten und gefragt,
ob es gehe, ob sie bei ihm oben «pennen» wolle. Sie habe gesagt, nein, es sei
gut. (Die Privatklägerin überlegt wiederum lange) Sie seien in den Lift. Er
habe gesagt, sie habe ja «voll» grosse Brüste. Sie habe gefragt, ob das jetzt
gut oder schlecht sei. Er habe gesagt: «Das ist voll gut. Kann ich mal schauen,
ob es ein Push-up ist?» Dann habe er ihr so «da ine glängt, so derzwüsche»
(zeigt mit der rechten Hand auf die linke Brust), um zu schauen, wie viel
«Dings» es habe. Keine Ahnung, sie habe gesagt: «Mach halt schnell.» Sie wisse
nicht, ob er in diesem Moment schon ihre Brüste angefasst habe. Das wisse sie
jetzt nicht genau. Dann sei sie aufs WC gegangen. Sie sei ein wenig sitzen
geblieben und habe überlegt, was sie jetzt mache. Sie habe sich gedacht, es sei
eine blöde Situation. Dann sei sie wieder raus. Sie seien wieder in den Lift.
(Überlegt lange) Sie glaube, dann habe er so «ine glängt» und einfach so
berührt (deutet mit der linken Hand einen Griff an die rechte Brust an). Sie
habe es zugelassen und einfach nichts gemacht. Er habe sie (die Brüste) so
angeschaut und einen Kommentar darüber gemacht. Dann seien sie zum Glück wieder
rein. Sie habe ihre Kollegin gefragt, ob sie schnell reden könnten, der habe ihr
«grad ad Möbs glängt». Da sei ihre andere Kollegin (F.___) gekommen und habe
gesagt, das sei nicht das erste Mal. Er habe das schon bei jemand anderem
gemacht. Also bei ihrer Cousine. Die sei 15 Jahre alt. F.___, so heisse die,
die ihn gut kenne, habe gesagt, sie solle einfach nicht mehr alleine aufs WC
gehen. Sie sei jetzt bei ihr. Die andere (D.___) habe gesagt, sie (die
Privatklägerin) sei selber schuld, wenn sie mit ihm über so Sachen rede. Dann
habe sie (D.___) sich einfach zu ihm gesetzt und mit ihm angefangen zu reden.
Sie (die Privatklägerin) habe sich gefragt: «Du bist doch meine Kollegin. Du
kannst dich doch jetzt nicht neben den setzen?» Dann habe er wieder so… Also
sie (D.___) habe ihr gesagt, es sei nichts passiert. Aber sie wisse es nicht,
weil er habe wieder gleich angefangen, wie bei ihr, «so huere uf verständlech
mache», dass er alles «gecheckt» habe im Leben und helfen könne. Sie habe sich
dann woanders hingesetzt und sei in dem Moment auch nicht mehr wichtig gewesen,
weil er ja die andere gehabt habe. F.___ sei gegangen und sie (die
Privatklägerin) habe gedacht, sie gehe schnell raus, um zu telefonieren. Denn
er hätte sie nach Hause gefahren und er habe ja auch getrunken. Er habe schon
angedeutet, dass sie bei ihm «pennen» könnten. Das habe sie nicht gewollt. Sie
habe kurz jemanden in Deutschland angerufen, weil sie mit dieser gut reden
könne und sie sehr offen sei. Dann habe sie der Mutter eines Kollegen
angerufen, die zum Glück ran gegangen sei. Sie habe gefragt, ob sie sie abholen
könne. Sie habe sich verabschiedet und gesagt, sie müsse gehen, jemand habe sie
verpetzt. Sie seien gekommen und dann habe sie die Polizei angehalten. Sie
hätten sie gefragt, was sie um 3:00 Uhr draussen mache, «mit Ausschnitt und so».
Es sei schon ein wenig gefährlich gewesen.

 

(Ob ihr sonst noch etwas in den Sinn komme?) Er
habe auch vorgeschlagen, dass sie in seinen Whirlpool gingen. Nackt. Er habe es
als Spass verkauft. Aber sie sei sich jetzt nicht mehr so sicher, ob es ein
Spass gewesen sei.

 

(Ob sie seinen Namen kenne?) A.___. (Ob sie
sonst noch etwas über ihn wisse? Sie habe gesagt, er sei 30 Jahre alt) Es sei
rausgekommen, dass er 43 Jahre alt sei. (Wie das rausgekommen sei?) F.___ habe
es ihr erzählt. Sie wisse nicht, wie die andere drauf gekommen sei, dass er 30
Jahre alt sei. (Ob die andere Kollegin D.___ sei?) Ja, das sei ihre Kollegin. F.___
sei die Kollegin von D.___. Mit der habe sie nicht viel zu tun. (Ob sie sonst
noch etwas über A.___ wisse?) Sie wisse einfach, dass er einen Club habe. Sie
habe vorhin auch seinen Instagramm-Account gefunden. Und sie wisse einfach,
dass er dort bei [dem Laden] wohne. (Ob sie ihn vorher schon einmal gesehen
habe?) Nein, sie habe nur von diesem Club gehört. (Wie der Club heisse?) [Name
des Clubs]. (Ob der auch in [Ort 1] sei?) Nein, das glaube sie nicht. (Ob sie
wisse, wo?) Nein, nicht ganz genau.

 

(Wie er sie abgeholt habe?) Mit dem Auto. (Ob
sie wisse, was für ein Auto?) Nein, sie glaube, es sei ein graues oder beiges
gewesen. (Ob sie die Marke gesehen habe?) Sie habe sich nicht geachtet. (Ob sie
die Autonummer wisse?) Nein, sie sei einfach eingestiegen. (Wieviele Personen
sie im Auto gewesen seien?) Zu dritt, D.___, sie und er. (Ob sie nochmals
beschreiben könne, wohin sie in [Ort 1] gefahren seien?) In der Nähe [des
Ladens], oder daneben. Sie wisse nicht, ob es das gleiche Gebäude sei. 

 

Auf entsprechende Aufforderung hin zeichnet die
Privatklägerin den Ort und die Anfahrtsrichtung auf dem vorgelegten Ausdruck
von Google Maps ein (Beilage 1 zur Einvernahme). 

 

(Ob sie den Raum genauer beschreiben könne?)
Beim Parkhaus habe es eine Türe, die zu einem Gang führe. Dort gehe man weiter
wie in einen Keller. Es sei wie eine Disco, aber es seien nur fünf Personen da
gewesen. (Ob sie die fünf Personen aufzählen könne?) Sie, D.___, F.___, A.___
und der andere Mann. Sie wisse seinen Namen nicht mehr. (Wer schon dort gewesen
sei, als sie zu dritt gekommen seien?) Der DJ, der Musik gemacht habe. Sie
seien reingekommen und seien dann zu viert gewesen. Dann hätten sie noch F.___
abgeholt. (Wo sie F.___ abgeholt hätten?) An einer Bushaltestelle. 

 

(Was sie in dem Raum gemacht hätten?) Sie
hätten sich hingesetzt und er habe ihnen einen Schokoladenlikör gegeben. Sie
habe nicht getanzt. Sie seien gesessen. Dann hätten sie eben F.___ geholt.
Dazwischen seien sie, so glaube sie, zwei Mal aufs WC gegangen. Einmal mit D.___
und einmal eben alleine mit dem Mann. 

 

(Ob sie noch anderen Alkohol getrunken habe?)
Er habe ihr und der Kollegin noch «Wodka mit Energy» gegeben. Sie glaube, sie
habe zwei oder mehr gehabt. Sie wisse es nicht mehr so genau. (Wie sie sich
durch den Alkohol gefühlt habe?) Ein wenig benebelt. In dem Moment sei es ihr
nicht so aufgefallen, weil sie gesessen sei. Aber jetzt merke sie es, weil sie
nicht mehr alles genau wisse. Als sie aufgestanden sei, habe sie es schon
gemerkt, dass sie nicht mehr gerade stehen könne. 

 

(In welcher Position sie beim Gespräch mit A.___
gewesen seien?) Ihre Schultern seien nahe beieinander gewesen. Sie hätten sich
in die Augen geschaut und geredet. (Ob sie ihn angefasst habe oder er sie?) Er
habe sie «aglängt». Sie habe ihn nie «aglängt». Auf die Frage, wie genau er sie
angefasst habe, zeigt die Privatklägerin vor, wie der Beschuldigte sie am
Oberarm gestreichelt und am Oberschenkel (oberhalb des Knies) berührt habe. (Ob
dann die Situation gekommen sei, als sie aufs WC gegangen seien?) Nein, er habe
angefangen, das Gesprächsthema zum Sexuellen zu wechseln. Dann habe er
angefangen, dass er aufs WC wolle, und sie habe nein gesagt. Später habe sie
aber gehen müssen und habe gefragt, ob sie gehen könne. Da sei er mitgekommen.
(Was genau alles Thema gewesen sei, als er über das Sexuelle gesprochen habe?)
Ab wann es ihr weh tue oder so. Und ob 32 cm viel seien. Man habe schon
gemerkt, dass er damit meine, er habe 32 cm. Da habe sie gemerkt, dass es doch
nicht «so ein Kollege» sei. (Wie sie sich dabei gefühlt habe?) Sie habe gar
nichts gefühlt. Sie sei einfach dort gesessen und habe geredet. (Ob sie das
Gefühl gehabt habe, dass er erregt gewesen sei, als er die Sachen erzählt
habe?) Ja, sonst hätte er ja nicht so Sachen gesagt. (Ob sie das sonst noch
irgendwie gemerkt habe?) Sie glaube, er habe sich ein wenig an den «Schwanz»
gefasst. (Überlegt) Ja, habe er. Sie habe nicht so hingeschaut. Das mache man
ja nicht. Auf die Frage, ob sie es genauer beschreiben könne, legt sie den
linken Fuss auf den rechten Oberschenkel und erklärt, dass er die ganze Zeit
«so» gemacht habe bei sich, wobei sie einen Griff an die Genitalien andeutet.
(Ob er die Hand drauf gelassen habe?) Ja. (Ob er Bewegungen gemacht habe?)
Nein, sie glaube nicht. Sie habe wirklich nicht darauf geschaut. Sie habe zu
den anderen geschaut, weil sie so schön gesungen hätten und nicht auf seine
Hand. 

 

(Auf die Situation vor dem WC angesprochen, als
er sie nach ihren Brüsten gefragt habe) Ja, er habe auch gefragt, wie gross sie
seien. (Ob sie erzählen könne, wie die Situation bei der Berührung gewesen
sei?) Er habe einfach gefragt, ob er schnell könne. Sie habe gesagt: «Ja, ja,
du kannst schon schnell schauen.» (Ob das im Lift gewesen sei?) Ja. (Wie er
reagiert habe, als sie gesagt habe, dass er schnell schauen könne?) Er habe
dann einfach gemacht. (Ob er die Brüste angefasst habe oder ob sie die
Situation meine, als er ihren BH angeschaut habe?) Er habe einfach so
dazwischen «glängt». Sie wisse nicht, ob er da schon ihre Brüste angefasst
habe. Sie glaube schon, weil sie irgendwie in Erinnerung habe, dass sie gedacht
habe: «Oh, jetzt hat so ein alter Sack mich angefasst. Das ist komisch» Dann
sei sie aufs WC. (Ob er sie beim ersten Mal länger angefasst habe?) Sie glaube,
das erste Mal sei nicht so lang gewesen, vielleicht fünf Sekunden oder so. Beim
zweiten Mal, auf dem Rückweg, habe er es länger gemacht. «Er hat den BH so… 
(zeigt mit der Hand, wie er den BH zur Seite zog) und wollte meine Brüste
anschauen.» (Ob auf dem WC noch etwas gewesen sei?) Nein, er habe nicht
geklopft oder so. (Ob sie in der Wohnung sonst noch etwas gemacht habe?) Beim
ersten Mal habe er ihnen noch seinen Hund und seinen Whirlpool gezeigt. Beim zweiten
Mal habe sie einfach gefragt, ob sie wieder zurück gehen könnten. Er habe davor
noch gefragt, ob sie sich hinlegen möchte, weil sie ein wenig betrunken gewesen
sei. (Wie lange sie in der Wohnung gewesen sei?) Vier bis sechs Minuten. (Und
beim ersten Mal?) Ein wenig länger. Da habe sie ja noch nicht so schnell wieder
raus gehen wollen.

 

(Als sie mit dem Lift wieder runter seien, sei
es zur Situation gekommen, als er ihr nochmals an die Brüste gefasst habe?) Ja,
aber da habe er ihr wirklich an die Brüste gefasst. Das wisse sie noch. (Ob sie
das nochmals beschreiben könne?) Sie wisse nicht mehr, ob er genau gefragt habe.
Er habe einfach so «aglängt» und sie (die Brüste) so angeschaut und irgendetwas
von Nippeln und so gesagt. Dann seien sie den Weg runter. (Wo die Szene genau
stattgefunden habe?) Im Lift und auf dem Weg durchs Parkhaus zu diesem Raum. (Sie
habe von Anschauen gesprochen. Wie es dazu gekommen sei, dass er habe schauen
können?) Sie habe einen Ausschnitt getragen und da habe man einfach «so» machen
können mit dem BH (zeigt es nochmals vor), dann habe man schon etwas gesehen.
(Einfach den Ausschnitt wegmachen oder auch den BH?) Den BH. Er habe «so»
runterzogen (zeigt es nochmals vor, indem sie den Ausschnitt ihres Pullovers
etwas zur Seite zieht). (Ob sie das Anfassen beschreiben könne?) Sie wisse
nicht, wie lange der Weg gewesen sei. Er habe einfach «so» gemacht (fast sich
mit der linken Hand an die rechte Brust) und dann so gedrückt. (Habe er einmal
gedrückt oder mehrmals?) Sie glaube, er habe noch ihre Nippel angefasst. Sie
glaube, er habe nicht so fest gedrückt. Er habe einfach «so» gemacht (zeigt
eine Griffbewegung). (Ob er mit der ganzen Hand zugepackt habe oder sie mit
einem Finger berührt habe?) Nein, mit der Hand. (Ob es ihr wehgetan habe?)
Nein. (Ob es beide Brüste gewesen seien?) Ja. (Wie sie reagiert habe?) Sie habe
es über sich ergehen lassen und sie habe sich dann gefreut, rein zu gehen und
ihr (D.___) das zu sagen, einfach früher zu gehen, weil sie sich in dem Moment
auch nicht mehr wohl gefühlt habe. (Ob er noch etwas dazu gesagt habe, als er
ihre Brüste angefasst habe?) Er habe gesagt, die seien sicher D oder C oder so
und dass er nicht auf grosse Nippel stehe. Solche Sachen. 

 

(Ob sie gemerkt habe, wie er sich gefühlt habe,
als er ihr an die Brüste gefasst habe?) Eigentlich nicht. (Wie es gewesen sei,
als sie wieder im Raum gewesen seien?) Sie glaube, er habe es ein wenig
gemerkt, denn er habe dann gar nichts mehr gemacht. Sie hätten zu dritt
draussen geredet. F.___ habe ihr geschrieben. (Auf Frage) Sie, D.___ und F.___
hätten zusammen gesprochen. F.___ habe gesagt, dass er das auch bei ihrer
Cousine gemacht habe. (Ob sie dann wieder rein gegangen sei?) Ja. (Wie die
Situation danach gewesen sei?) Sie sei so weit weg auf dem Sofa… Nein, zuerst
sei sie mit F.___ rauf zum Pult. Sie (F.___) habe Musik «abgla» und er habe
einen Remix gemacht. Sie habe zugeschaut. D.___ sei mit «dem» am Reden gewesen
und habe ihren Spass gehabt. Sie glaube, sie (D.___) habe auch noch ein wenig
«gsoffe» und Shisha hätten sie auch noch geraucht. Irgendwann sei F.___ zurück
und sie (die Privatklägerin) sei halt auch zurück. Dann habe F.___ gehen müssen
und sie seien zu viert gewesen. Sie habe sich gedacht, das lasse sie sich jetzt
nicht mehr gefallen und sei einfach raus gegangen. (Ob sie nicht mehr rein
sei?) Doch sie hätte nochmals rein gehen müssen, um ihre Tasche zu holen. 

 

(Wie alt die anderen gewesen seien?) D.___ sei
15 Jahre alt, F.___ sei 18 geworden. Der DJ sei schwer zu schätzen. Ca. 30 oder
40 Jahre alt. (Ob sie alle Alkohol konsumiert hätten?) F.___ glaube sie nicht
so fest. Die vertrage aber auch mehr. Die anderen aber schon. A.___ sei auch
betrunken gewesen. Das habe man gemerkt. (Wem der Alkohol gehört habe?) Sie
glaube A.___. (Ob er ihnen gebracht habe oder sie geholt hätten?) Er habe
gebracht und immer nachgeschenkt. (Ob sie etwas hätten bezahlen müssen?) Nein,
sie wären ja auch gratis in den Club reingekommen. (Ob er gesagt habe, wieso er
so grosszügig mit ihnen sei?) Nein, aber D.___ habe erzählt, dass er ihr
geschrieben habe, wie schön sie sei und sie solle unbedingt mal wieder kommen.
(Ob er sie mal gefragt habe, wie alt sie seien?) Ja, das habe er auch von
Anfang an gefragt. Er habe auch gesagt, dass sie älter aussehe als 14 Jahre.
(Auf Frage) Sie habe ihn nie nach dem Alter gefragt. Sie gehe nach F.___, dass
er 43 Jahre alt sei, weil diese ihn ja kenne. (Wann er nach dem Alter gefragt
habe?) Im Auto. (Ob sie das Alter ehrlich angegeben habe?) Ja. (Ob sie ihm
einen Ausweis gezeigt habe?) Nein. (Woher F.___ ihn kenne?) Er sei der beste
Freund des Vaters. Das habe ihr D.___ erzählt. 

 

(Wie A.___ auf ihr Alter reagiert habe?) Ganz
normal, wie man halt reagiere. «Ah, okay.» (Wie lange er ihr beim zweiten Mal
an die Brüste gefasst habe?) Eine Minute. Vielleicht etwas weniger (Eine Minute
am Stück?) Also er habe schon im Lift ein wenig, dann später auf dem Weg.
(Somit zwei Mal?) Sie wisse es nicht. Er habe es zwei Mal gemacht und das
zweite Mal sei etwas länger gewesen (Was «etwas länger» heisse?) Ca. 45
Sekunden oder eine Minute. (Somit ungefähr drei Mal? Zwei Mal kürzer und einmal
etwas länger?) Ja. (Ob er jeweils an beide Brüste gefasst habe?) Immer nur an
eine. (In jeder Situation an eine Brust?) Ja. (Ob sie ihm gezeigt habe, dass
ihr die Berührungen nicht gefallen?) Sie wisse es nicht. Sie habe einfach ja
gesagt, aber nichts «dergliche» gemacht. Sie habe nicht gesagt: «Das ist jetzt
geil.» Sie habe gesagt, dass sie mit ihren Brüsten unzufrieden sei, als er es
gemacht habe. (Wie er reagiert habe?) Er habe irgendetwas «gelabert» von
Brustgrösse. (Ob er einmal seinen Penis gezeigt habe?) Nein. (Ob sie mal
gesehen habe, dass sein Penis erigiert gewesen sei?) Sie habe nicht so genau
drauf geschaut. (Ob er sie mal konkret nach Sex gefragt habe?) Sie wisse nicht,
wenn er frage, ob 32 cm in sie hineinpassen würden und das anscheinend
seine Grösse sei… Es habe schon ein wenig so «getönt». (Ob er konkret gefragt
habe, ob sie Sex mit ihm wolle?) Nein, aber Andeutungen gemacht. (Wo genau er
sie am Bein berührt habe?) Sie glaube hier vorne (fasst sich mit der linken Hand
an den Oberschenkel über dem Knie). Er habe so zusammengedrückt. (Ob er zum
Intimbereich gekommen sei?) Nein. 

 

(Wie sehr sie der Alkohol beeinträchtigt habe?)
«Scho chli.» (Wie sich das geäussert habe?) Der Kopf sei nicht ganz da gewesen.
Das Gleichgewicht sei nicht ganz da gewesen. Das Urteilungsvermögen auch nicht.

 

2.1.1.2 Am 29. Juni 2022 wurde die
Privatklägerin erneut einvernommen und die Einvernahme wiederum auf Video
aufgezeichnet (AS 102).

 

Auf die Aufforderung hin, nochmals zu erzählen,
was sie erlebt habe, schreibt die Privatklägerin einleitend sowohl ihren als
auch den Namen ihrer Kollegin D.___ auf ein Blatt Papier, wobei sie erwähnt,
nicht zu wissen, ob D.___ jetzt noch ihre Kollegin sei. Zum Tatabend berichtet
die Privatklägerin, sie glaube, es sei an einem Freitag gewesen. D.___ habe
angerufen und gesagt, sie habe etwas geplant, damit es nicht langweilig werde. (Die
Privatklägerin schreibt weitere Namen auf). G.___ sei ihr Ex-Freund und auch
der Ex-Freund von D.___. Seine Schwester F.___ habe ein Singstudio und sie
könnten dort singen gehen und würden auch abgeholt werden. Sie (F.___) habe
gesagt, dass sie am Samstagabend in einen Club gehen könnten. Sie würden gratis
reinkommen und Alkohol bekommen. Sie (die Privatklägerin) sei eigentlich nicht
so. Sie habe gedacht, es sei eine neue Erfahrung. Am Abend hätten sie sich
fertig gemacht. Sie habe ein wenig Ausschnitt angehabt, weil sie F.___ habe
zeigen wollen, dass sie schöner geworden sei, damit diese es G.___ erzähle und
dieser am Samstag vielleicht mitkäme und sie vielleicht wieder zusammenkommen
würden. Sie habe einen Ausschnitt getragen und eine sehr enge Hose von D.___.
Sie (D.___) habe ein wenig von dem Mann erzählt, der sie abholen komme. Diesen
habe sie an der Geburtstagsparty von F.___ kennengelernt. Sein Name sei A.___
und er habe einen Club. Deswegen würden sie am Samstag in den Club reinkommen.
Er sei «mega» nett, «voll cool» und «chillig druf». Das Singstudio sei bei ihm.
Ca. um 23:00 Uhr oder 23:30 Uhr sei er mit dem Auto gekommen. Sie hätten
draussen gewartet. Er habe sie sofort umarmt, obwohl er sie nicht gekannt habe.
Sie dachte, der sei eigentlich «voll» sympathisch. Sie hätten sich ins Auto
gesetzt und er habe gefragt, wie sie heisse, wie alt sie sei. Sie habe ihm auch
gesagt, dass sie 14 Jahre alt sei. Er habe gefragt, ob sie schon Erfahrungen
hätten «mit Party». (Die Privatklägerin schreibt den Namen des Beschuldigten
auf das Papier). Offenbar heisse er ja A.___. Es sei schnell raus gekommen,
dass D.___ viel mehr der Partymensch sei und sie (die Privatklägerin) eigentlich
gar nicht. Sie habe sich ein wenig dafür geschämt, weil er einen Club habe und
sie die einzige gewesen sei, die keine Erfahrung damit habe. Sie habe es
sympathisch gefunden, dass er sie nicht ausschlossen habe. Es passiere
meistens, wenn sich zwei Menschen kennen würden, dass der Dritte ausgeschlossen
würde. Er habe sie trotzdem immer Sachen gefragt. Das habe sie «mega» nett
gefunden. Sie hätten über den Club gesprochen, dass sie morgen selber dorthin
kommen müssten. Er habe gesagt, sie könnten aber auch bei ihm übernachten. Sie
hätten gesagt, das würde nicht gehen. Sie hätten ja gar keine Sachen mitgenommen.
Dann seien sie nach [Ort 1]. Er sei in [einen Laden] runter gefahren. Er habe
auch dort gewohnt. Also nicht [im Laden]. Der Parkplatz sei dort unten. Er habe
dort einen Raum gemietet, wo sie rein seien. F.___ sei später gekommen. Es sei
wie ein kleiner Club gewesen. Sonst sei nur noch ein Mann dort gewesen. Aber
vorne habe es ein DJ-Pult gehabt und gegenüber ein Sofa. Daneben seien zwei
Automaten voll mit Alkohol gewesen. An der Wand auf der Seite sei ein Bild mit
einer Stripperin gewesen. Er habe gesagt, das sei seine Ex-Freundin. Das hätten
sie und D.___ «mega krass» gefunden. Er habe ihr auch aus dem Auto geholfen,
also ihr die Hand gereicht und sie habe gedacht: «Gentleman». Er sei schon die
ganze Zeit «so auf Körperkontakt» gewesen. Aber sie habe noch nicht so weit
gedacht. Er habe auch ziemlich viel geraucht. Er habe ihnen sofort Alkohol
angeboten, so einen Schokoladenlikör. Es habe wie Schokolade geschmeckt, aber
einfach mit Alkohol. Sie wisse nicht, ob F.___ schon da gewesen sei. Sie hätten
sie ja noch abgeholt. Irgendwie habe es eine neue Runde gegeben mit Alkohol.
Wodka mit Red Bull gemischt. Er habe gefragt, ob sie noch aufs WC möchten. Sie
wisse auch nicht, ob das gewesen sei, bevor F.___ gekommen sei oder nachher.
Auf jeden Fall seien sie und D.___ mit ihm rauf. Sie wisse nicht mehr genau, wo
die Wohnung gewesen sei. Es habe einen Whirlpool gehabt. Er habe gesagt, sie
könnten dort baden. Sie hätten gesagt, sie hätten kein Schwimmzeug dabei. Er
habe geantwortet, sie könnten ja nackt. Das mache doch keinen Unterschied. Sie
hätten gedacht, es sei ein Spass. Beim WC habe er sie so gezogen (zieht mit der
rechten Hand an ihrem linken Arm), aber nicht fest. Wieder unten sei F.___
schon da gewesen oder sie hätten sie abgeholt. Das wisse sie nicht mehr so genau.
F.___ könne «mega» gut singen. D.___ und sie (F.___) seien dann nach vorne, um
zu singen, und sie (die Privatklägerin) und er seien zurückgeblieben. «Wir
haben eh schon mega… ah, der DJ-Mann sass auch noch bei uns.» Der habe aber
nichts gemacht. Er habe auch nicht so gut Deutsch gekonnt. Daher habe sie nicht
viel mit ihm reden können. Sie seien «mega» nahe beieinander gesessen. Dann
habe sie mit dem Kollegen über das Handy geschrieben, da es diesem nicht gut
gegangen sei. Er (der Beschuldigte) habe auf ihr Handy geschaut und gefragt, ob
sie in ihn (den Kollegen) verliebt sei. Sie habe nein gesagt. Es sei einfach
ein guter Kollege und wenn es ihm nicht gut gehe, möchte sie doch mit ihm
sprechen und ihn unterstützen. Er habe gesagt, das mache man doch nicht, wenn
man nicht verliebt sei. Sie habe geantwortet, doch. Sie habe dann erzählt. Sie
habe ihm auch sehr schnell vertraut. Er habe gesagt, dass er Psychologe sei und
er sie komplett verstehe. Er habe plötzlich angefangen, von einem Typen zu
sprechen, der sehr wichtig sei in der Psychologie. Sie habe überhaupt nicht
verstanden, was er damit meine. Das könne auch am Alkohol gelegen haben. Es
habe für sie einfach keinen Sinn ergeben. Sie hätten über Eltern gesprochen. Er
habe gesagt, dass seine Mutter gestorben sei, was ihr sehr leid getan habe.
Dann hätten sie es vom Singlesein gehabt. Sie wisse nicht, wie der Wandel
gekommen sei, weil sie wirklich ein «mega» gutes Gespräch gehabt hätten.
Plötzlich habe er gewechselt und gefragt, was sie mache, wenn sie alleine sei.
Dann habe er sie gefragt, wie oft sie sich «einen runterhole». Heutzutage
würden das die Typen in ihrem Alter halt fragen. Sie habe dann keinen
Unterschied mehr gesehen. Sie habe nicht gewusst, wie alt er gewesen sei. Sie
hätte ihn so 30- oder 35-jährig geschätzt. Er habe sich auch nicht verhalten
wie Männer in seinem Alter. Er habe angefangen, sie komische Fragen zu stellen.
Sie habe gedacht, jetzt werde es doch ein wenig komisch. Er habe angefangen,
über Sexualität zu sprechen und wie es Frauen machen würden. Sie hätten über
die Scherenstellung gesprochen. Dann habe er sie gefragt, was die ideale
«Schwanzgrösse» sei. Sie habe eine Grösse genannt. Er habe gefragt, was mit
32 cm sei. Es sei einfach komisch gewesen, weil sie ja schon «gecheckt»
habe, dass er über seine eigene Grösse habe sprechen wollen. Aber das sei ja
gar nicht möglich und das habe sie ihm auch gesagt. Sie wisse nicht, was er
darauf gesagt habe. Sie wisse nicht, ob er Andeutungen gemacht habe. Sie
erinnere sich nicht mehr so gut daran. Er habe gesagt, dass er aufs WC müsse,
ob sie mitkommen wolle. Sie könne ja… Das habe sie auch nicht genau «gecheckt»,
was er damit habe sagen wollen. «Du kannst es ja für mich machen.» Sie wisse
nicht, was er damit gemeint habe. Sie habe gesagt: «Du musst ja aufs WC, nicht
ich.» Er sei dann gegangen. Dann habe sie gemerkt, dass sie aufs WC müsse, aber
sie habe nicht zu F.___ und D.___ gewollt, weil sie nicht wie eine Dramaqueen habe
rüberkommen wollen. D.___ habe sich schon zuvor genervt, als sie mit ihr aufs
WC habe gehen müssen. Sie habe sie nicht nochmals nerven wollen, weil diese
gerade am Singen gewesen sei und beide in ihrem Element gewesen seien. Er sei
zurückgekommen und sie habe ihm gesagt, dass sie auch schnell aufs WC müsse.
Sie sei aufgestanden. Vom [Laden]-Parkplatz gäbe es einen kleinen Gang, um in
diesen Raum zu kommen. Sie seien den Gang entlanggelaufen und sie habe gemerkt,
dass sie nicht mehr gut stehen könne. Sie vertrage auch nicht viel Alkohol. Sie
habe gesagt, sie sei wirklich betrunken. Also nicht so fest. Aber sie habe das
Gleichgewicht nicht mehr gehabt. Er habe sie festgehalten und gesagt: «Alles
gut. Ich bin ja da.» Sie seien in den Lift rein. Er habe gesagt, sie habe schon
noch grosse Brüste. Sie habe «okay» oder «merci» gesagt. Sie könne sich auch
nicht mehr daran erinnern. Er habe gefragt, ob er schauen könne, ob es ein
Push-up sei. Sie habe nicht gewusst, wie er das meine, wie er das schauen
wolle. Sie habe Ja gesagt. Es sei komisch gewesen, dass ein Mann sie das frage.
Sie hätte das nicht gedacht. Sie habe schon gewusst, dass es das gäbe, aber
nicht, dass das jetzt zu ihr kommen würde. Sie habe einfach ja gesagt und er
habe ihr einfach so in den BH «ineglängt, also so unge dra». Das sei ein wenig
unerwartet gekommen. Dann seien sie raus und sie sei bei ihm aufs WC. Sie wisse
nicht, wo er hin sei. Sie sei aufs WC und habe gehofft: «Lass jetzt nichts
Schlimmeres passieren. Ich muss jetzt nur noch den Weg nach unten schaffen.
Dann kommt es gut.» Sie sei wieder raus. Er habe gefragt, ob sie sich schnell
hinlegen möchte, weil sie betrunken sei. Sie habe nein gesagt. Sie seien wieder
in den Lift. «Das Problem ist: Ich habe nicht mehr so Bilder vor Augen, was
dann gewesen ist. Aber ich hatte einfach so einen Gedanken. Er hat mir an die
rechte Brust gefasst. Aber ich habe kein Bild mehr dazu, wirklich.» Sie wisse
einfach, dass es passiert sei. Sie wisse nicht wie oft. Sie glaube, letztes Mal
habe sie drei Mal gesagt. Sie könne aber auch nicht sagen, wie lange oder wie
oft. Sie wisse es nicht mehr. Sie wisse einfach, sie seien wieder zu dem Raum
gelaufen und er habe gefragt, ob er etwas schauen könne. «Und dann habe ich
halt auch wieder ja gesagt.» Dann habe er einfach den BH zur Seite gemacht
(zeigt es vor). Er habe etwas zu ihren Brüsten gesagt. Es sei einfach komisch
gewesen. Er habe irgendwas zu den Nippeln gesagt, breite Nippel oder so. «Der
ist doch irgendwie… ich weiss doch nicht, wie alt der genau ist. Aber der kann
mich doch nicht mit anderen Frauen vergleichen, mit denen er im Bett war. Ich
bin doch gar nicht in dem Alter.» Sie seien rein gegangen und sie habe D.___
erzählt, dass er ihr gerade an die Brüste «glängt» habe. Und sie hab gefragt:
«Wirklich? Oder hast du dir das du dir das jetzt nur ein wenig eingebildet und
er ist aus Versehen so drüber?» Sie habe gesagt, er habe ja darunter «glängt».
Sie (D.___) habe das F.___ erzählt. Diese habe dann mit ihr darüber geredet. F.___
sei in dem Moment viel mehr für sie da gewesen als D.___. Das sei schon sehr
verletzend gewesen. Sie kenne D.___ schon «mega» lange. F.___ habe ihr Handy
genommen, um mit ihr zu kommuniziere. F.___ habe geschrieben, es sei auch bei
ihrer Cousine passiert. Er habe es auch bei der gemacht. Sie hätten draussen
miteinander gesprochen. Sie glaube, es sei ihm auch aufgefallen, dass etwas
nicht gut sei. Sie (F.___) habe gesagt, er sei schon so lange alleine. Er habe
ihr (der Privatklägerin) ja erzählt, wie lange er ungefähr alleine sei, so
sieben Monate. Sie finde das keine Entschuldigung. Sieben Monate sei nicht
lange. Sie glaube, die Cousine heisse H.___. Sie wisse es nicht mehr ganz
genau. Diese habe nein gesagt. Da habe er auch aufgehört und sie seien auch
noch befreundet. D.___ habe gesagt, er habe ihr auch geschrieben, wie schön sie
sei und dass sie immer vorbeikommen könne. Aber ihr würde das nicht passieren,
weil sie nein sagen könne. Sie habe geantwortet, sie könne ja auch nichts
dafür. Es sei sein Fehler. Er sei der Erwachsene. Später habe F.___ noch etwas
gesagt, was sie zum Denken angeregt habe: «Du musst auch wirklich nein sagen,
sonst hört er nicht auf.» Oder möchte immer mehr. Das habe ihr das Gefühl
gegeben, dass es noch einen anderen Vorfall gegeben haben müsse. Die Cousine
habe ja nein gesagt. Sonst hätte sie das ja nicht gewusst. Das sei aber nur
eine Vermutung. 

 

Sie sei weg von ihm gegangen bzw. zum DJ-Pult
und habe dort etwas gemacht. Später seien sie zurück und D.___ habe angefangen,
mit dem zu reden. Sie habe die Befürchtung gehabt, dass er jetzt das genau
gleiche mache wie bei ihr. F.___ sei dann gegangen. Sie (die Privatklägerin)
sei raus und habe einer Kollegin ihrer Mutter in Deutschland angerufen. Sie habe
sie gefragt, was sie jetzt machen solle. Sie habe nicht mehr dort bleiben
wollen und der Typ sollte sie noch nach Hause fahren, sei aber betrunken. Und sie
möchte auch nicht mit dem nach Hause fahren. Sie habe das komisch gefunden und
sie habe auch nicht dort übernachten wollen. Sie habe Angst gehabt, dass sie
dann dort bleiben müsse. Sie (die Freundin) habe ihr gesagt, sie solle ein Taxi
nehmen. Aber sie habe nicht genug Geld gehabt. Sie habe dann der Mutter ihres
Kollegen angerufen, wo sie auch wohne. Diese habe zum Glück abgenommen. Sie
habe gesagt, sie komme sie abholen. Sie habe sich drinnen verabschiedet und
gesagt, sie sei «verpetzt» worden und müsse jetzt gehen. D.___ sei dann wütend
auf sie gewesen, weil sie gegangen sei oder sie alleine gelassen worden sei.
Sie wisse es nicht. 30 Minuten später seien sie dann gekommen. 

 

(Auf den Körperkontakt angesprochen) Er habe
sie die ganze Zeit «aglängt» und bei ihnen eingehängt, ihre Haare angefasst,
sie gezogen und er sei «mega» nahe bei ihr gesessen. (Was für komische Fragen
er gestellt habe?) Fragen über ihr Sexualleben. (Nach Beispielen gefragt) Er
habe gefragt, in welcher Position sie es am liebsten habe. Er habe von seinen
Erfahrungen gesprochen, auf was sie stehe und über ihre Vorlieben. (Wie sie auf
die Fragen geantwortet habe?) Sie habe es gesagt. (Wie er sie auf dem Weg zum
Lift gehalten habe, als sie den Alkohol gespürt habe?) Er habe einfach den Arm
um ihre Schultern gelegt. 

 

(Wie sie im Lift zueinander gestanden seien?)
Sie sei links von ihm gestanden. (Ob sie nochmals beschreiben könne, wie er ihr
an die Brust gefasst habe?) Sie glaube, er sei mit dieser Hand gekommen (hebt
die rechte Hand) und habe einfach «ine glängt». Auf die Frage, von wo er
reingefasst habe, führt die Privatklägerin ihre rechte Hand über ihre linke
Brust an den oberen BH-Ansatz. (Wie genau er die Brust angefasst habe?) Beim
ersten Mal habe er nicht wirklich ihre Brust angefasst. (Was er dann angefasst
habe?) Den BH, um zu schauen, ob da Push-up drin sei. (Wie es dann beim
Runtergehen gewesen sei?) Das Problem sei, sie wisse es wirklich nicht mehr.
Sie habe keine Bilder. Sie wisse nur noch, dass sie den Gedanken gehabt habe,
dass es passiert sei und es ihre rechte Brust gewesen sei. Aber sie wisse
nicht, wie er zu ihr gestanden sei. Sie denke, links, weil es mehr Sinn mache,
wenn er ihr an die rechte Brust gefasst habe. Aber sie könne es nicht mehr
genau sagen. (Ob sie noch etwas wisse?) Sie wisse einfach, dass sie wieder
zurück zum Raum gegangen seien und er da wirklich «so zur Seite gezogen» (zeigt
die Bewegung vor) und geschaut habe. (Wen er zur Seite gezogen habe?) Er habe
den BH zur Seite gezogen. (Wie lange er das gemacht habe?) 30 Sekunden. Sie
wisse es nicht. (Wie er ihn zur Seite gezogen habe?) Das sei ja einfacher
gewesen wegen des Ausschnittes. (Ob das der Moment gewesen sei, bevor sie
wieder in den Raum reingegangen seien) Ungefähr. Er habe noch etwas gesagt und
dann seien sie erst reingegangen. 

 

(Wie sie zum Schokoladenlikör gekommen sei?) Den
habe er ihr gegeben. (Wie sie zum Wodka mit Red Bull gekommen sei?) Auch durch
ihn. (Was sie dafür bezahlt habe?) Nichts. Wie gesagt, hätte er sie sogar
gratis in den Club gelassen. (Weshalb sie Alkohol bekommen hätten?) Das wisse
sie nicht. (Wie sie reagiert habe, als er ihr den Schokoladenlikör gegeben
habe?) Sie habe sich bedankt. Es sei ein «mega krasser» Behälter gewesen, so
goldig, und es sei auch noch «mega» fein gewesen. Sie seien beide beeindruckt
gewesen. (Was sie sonst noch getrunken habe?) Sie wisse nicht wieviel Wodka.
Sie glaube nicht, dass es so viel gewesen sei. Vielleicht zwei bis drei Runden
hätten sie alle getrunken. Zur Ausnüchterung habe er ihr dann Red Bull gegeben.
(Aus welchem Behälter sie den Schokoladenlikör getrunken habe?) Das wisse sie
nicht mehr. Es sei, glaube sie, goldig gewesen, da, wo der Schokoladenlikör
drin gewesen sei. (Ob er das irgendwo reingetan habe?) In ein Glas. Es habe
auch ausgesehen, wie Schokolade. (Und den Wodka Red Bull habe sie wie
getrunken?) Aus einem Becher. Sie glaube, aus dem gleichen. (Was A.___ alles
getrunken habe?) Sie glaube, Red Bull mit Wodka. Sie wisse nur, dass er neben
ihr gesessen sei und die ganze Zeit gefragt habe, wieso sie nicht etwas trinke
oder nicht mehr nehme. Er habe mehr getrunken als sie und das habe man auch
gemerkt. (Woran sie das gemerkt habe?) Am Blick. Wenn Betrunkene einem
anschauen, hätten sie so ein Blick, und er habe den gehabt, nicht mehr so klar.

 

(Welchen ersten Eindruck sie von A.___ gehabt
habe?) Sie habe ihn als lustigen, offenen und sympathischen Menschen erlebt im
Auto. Auch als er sie umarmt habe. Er sei nicht viel grösser als sie. Er habe
so grüne Augen und blonde Haare. (Ob sie seit dem Vorfall Kontakt mit ihm
gehabt habe?) Nein. (Was sie heute von ihm halte?) Sie denke, dass sie nicht
die erste gewesen sei und er definitiv gewusst habe, was er mache. Er habe auch
gewusst, wie er es schaffe, schnell Vertrauen zu ihr zu gewinnen.

 

Auf das vorgehaltene Fotoblatt hin
(AS 103) zeigt die Privatklägerin auf das obere Bild und gibt an, so habe
der Behälter des Schokoladenlikörs ausgesehen. 

 

(Ob sie bezüglich der zweiten Situation, bei
welcher sie kein Bild mehr habe, ein Gefühl beschreiben könne?) Beim ersten Mal
sei es einfach ein Übertreten ihrer Privatsphäre gewesen. Sie habe es nicht
erwartet, dass er das damit meine und er es einfach mache. Beim zweiten Mal
(überlegt lange) habe sie vielleicht ein Gefühl gehabt. Aber wenn sie sich
jetzt erinnere, sei da einfach nichts. Es sei definitiv nicht schön gewesen.
(Was sie denke, was gewesen sei beim zweiten Mal?) Sie denke schon, dass er sie
davor gefragt habe. Aber sie erinnere sich auch nicht mehr an das. Er habe ihr
einfach an die Brust gefasst, an die rechte. Das wisse sie einfach noch, dass
es die rechte war. Einfach in dem Lift. Sie wisse nicht, wie lange man mit dem
Lift fahre. Vielleicht eine Minute. Ausserhalb des Lifts habe er sie auch noch
ein wenig «ghebt». (Wieso sie sagen könne, dass es die rechte Brust gewesen
sei?) «Weil ich das in meinem Kopf… genau in dem Moment habe ich gedacht… ich
habe einfach… Scheisse, jetzt hat mir… es ist ja nicht jemand, den ich liebe.
Es ist so ein Mann, der mir einfach an die Brüste fasst. Das hätte ich nicht
gedacht, dass mir das passiert. (…) Man erwartet ja nicht, dass einem das
selber passiert. Ich war in dem Moment wie im Schock, dass er das gemacht hat
und ich das einfach zulasse und nicht gecheckt habe, auf was er eigentlich raus
will und es eigentlich von Anfang an klar gewesen ist. Wieso hätte er sonst – D.___
wäre ja jetzt genug alt, aber trotzdem – so junge Mädchen in einen Club
reingelassen, gratis.»

 

(Ob es in der dritten Situation, als er den BH
weggezogen habe, zu einer Berührung der Brust gekommen sei?) Sie glaube nicht.
Sie glaube, sie habe sich auch ein wenig abgedreht. Sie habe sich sehr unsicher
gefühlt in dem Moment. Es sei nicht schön gewesen, dass jemand das so bewertet.

 

(Wie gross die Behälter gewesen seien, aus
denen sie Alkohol getrunken habe?) Ihre Hand habe ungefähr darum gepasst. Es
sei kein grosses Glas gewesen. Etwas höher als der Becher, den sie vor sich
habe. (Ob sie den Schokoladenlikör auch aus so einem Glas getrunken habe?) Ja,
das sei durchsichtig gewesen. Es habe für sie ja wie Schokolade ausgesehen.
Daher habe sie es ja gesehen. Das habe er nicht so voll gemacht, weil sei
glaube, das sei auch teuer. Es habe für einen Schluck gereicht. (Wie viel
Schokoladenlikör sie getrunken habe?) Einmal. Er habe ihnen dann nicht mehr
gegeben. (Ob sie den Wodka und das Red Bull separat erhalten habe oder ob es
schon gemischt gewesen sei?) Gemischt. Das Glas sei ein klein wenig grösser
gewesen als der Becher vor ihr. (Wieviel Wodka Red Bull sie getrunken habe?)
Sie glaube, zwei bis drei.

 

(Ob sie schon Erfahrung mit Alkohol gehabt
habe?) Sie sei vielleicht zwei Mal in ihrem Leben wirklich betrunken gewesen.
Ansonsten nicht. Sie vertrage auch nicht so viel. (Ob Herr A.___ ihr das
Getränk in die Hand gegeben habe oder wie sie in den Besitz des Getränkes
gekommen sei?) Beim Schokoladenlikör habe sie, glaube sie, das Glas gehalten,
und er habe eingeschenkt. Das andere habe er einfach für alle auf den Tisch
gestellt und sie hätten getrunken. 

 

2.1.2  Aussagen von D.___

 

2.1.2.1 Die am Tatabend anwesende D.___ wurde
am 29. Mai 2022 ebenfalls polizeilich einvernommen, wobei auch ihre
Befragung auf Video aufgezeichnet wurde (AS 094). Zusammengefasst sagte
sie dabei folgendes aus: 

 

Danach gefragt, was sie
über das Auffahrtswochenende gemacht habe, führte die Auskunftsperson in Bezug
auf den Tatabend aus, sie habe am Freitagabend entschieden, mit C.___, F.___,
einem DJ und A.___, der Manager vom [Club], in ein Studio zu gehen, um zu
singen. Das sei in [Ort 1]. 

 

(Ob sie wisse, weshalb sie heute hier sei?)
Nein. Sie habe keine Ahnung. Sie habe sich 1000 Theorien überlegt. (Ob sie
zum Abend im Studio mehr ausführen könne, wie das abgelaufen sei?) A.___ sei
sie um 23:00 Uhr abholen kommen. Sie hätten sich «parat» gemacht und seien dann
gefahren. Sie seien dort angekommen, seien runter und hätten noch den DJ
getroffen. Der sei ein «mega» sympathischer Mensch. Also es seien beide «mega»
sympathische Menschen. Sie habe unbedingt so einen Alkohol probieren wollen.
Der habe einen Schokoladengeschmack gehabt. Dann hätten sie auch Wodka
erhalten. Sie habe ihm gesagt, er soll wenig reinmachen. Erstens vertrage sie
es nicht gut und zweitens habe sie es nicht so gerne. C.___ habe auch ein wenig
getrunken. Dann seien sie zuerst rauf zu ihm aufs WC, weil sie aufs WC habe
gehen müssen. Dort hätten sie noch seinen Hund gesehen. Sie habe noch seinen
Whirlpool sehen wollen. Dann seien sie wieder runter ins Studio und F.___ sei
gekommen. Diese seien sie bei der Bushaltestelle abholen gegangen. Sie habe
auch Alkohol gehabt, Wodka mit Red Bull. Nachher seien sie und F.___ auf die
Idee gekommen zu singen. C.___ sei kurz mit A.___ rauf zu ihm aufs WC gegangen.
Nachher sei sie runter gekommen, habe sie so angeschaut und gefragt, ob sie
kurz reden könnten. Sie habe erzählt, er habe ihr an die «Titten glängt». Sie (D.___)
habe gefragt: «Was?» Sie sei zuerst einmal «voll» im Schock gewesen, weil sie
das nicht von ihm erwartet habe. Sie seien kurz mit F.___ nach draussen, um zu
reden. Sie (die Privatklägerin) habe gesagt, er sei unter den BH. Das habe sie (D.___)
so wütend gemacht, dass sie ihn darauf angesprochen habe. Sie habe ihm gesagt:
«A.___, wieso machst du das? Das ist eine Minderjährige. Du bist 42 Jahre
alt. So etwas macht man nicht.» Er habe gesagt, sie habe ihn auf Dirty Talk und
Sexpositionen angesprochen. Das könne sie noch glauben. Denn C.___ sei eine,
die Männer «anreize», auch ältere. Das sei nicht zum ersten Mal so. Sie kenne
sie jetzt schon länger und sie hätten immer wieder Streit wegen solcher Sachen.
Sie sage immer wieder: «Komm wir gehen in einen Club und dann ficken wir dort.»
Sie (der Beschuldigte und die Privatklägerin) hätten über Push-ups gesprochen. C.___
habe gesagt, sie habe voll die «Grossen», sie habe Grösse C. Sie habe
einen Ausschnitt getragen. Das sehe man dann auch. Er kenne sich auch aus. Er
sei 42 Jahr alt. Dann habe er «schiins» gefragt, ob er an den Push-up fassen dürfe.
Er habe sie gefragt. Sie habe gesagt: «Ja, mach nur.» Sie (D.___) habe ihr
gesagt, das sei seine Schuld. Das mache man nicht bei einer Minderjährigen. Das
sei ihre Meinung. Aber sie (die Privatklägerin) hätte eine Grenze setzen und nein
sagen können. Es sei dann geklärt gewesen. Sie habe sie (die Privatklägerin)
gefragt, ob es okay sei für sie. Sie (die Privatklägerin) habe gefragt, ob sie
bald gehen könnten. Sie (D.___) habe noch bleiben und singen wollen. Sie (die
Privatklägerin) habe das akzeptiert. F.___ sei dann einmal gegangen. C.___ habe
auf einmal gesagt, ihre Kollegin rufe an, und sei raus gegangen, um zu
telefonieren. Sie und A.___ seien «voll im Flow» gewesen, also «mega» am Reden
und der DJ auch. C.___ sei reingekommen und habe gesagt, sie gehe nach Hause.
Eine Kollegin hole sie ab. Sie (D.___) habe nachgefragt, ob sie sicher sei und
nicht doch mit ihnen nach Hause wolle, was C.___ verneint habe. Sie habe ihre
Tasche genommen und sei gegangen. Sie (D.___) habe ihr gesagt, sie solle
schreiben, wenn sie zu Hause ankomme. Sie habe sich aber nicht gemeldet. A.___
habe sie dann auch bald darauf nach Hause gefahren. Sie (die Privatklägerin) hätte
noch fünf Minuten bleiben können, dann wäre sie zusammen nach Hause. Um
03:30 Uhr seien sie losgefahren. Sie hätten miteinander geredet. Sie habe
ihn auch zu diesem Thema gefragt, «weil es hat mich einfach… ich habe selber
gesagt, du bist einfach blöd. Geh nicht auf Minderjährige. Such dir ältere.» Er
habe es dann eingesehen. Er habe sich auch selber «mega» aufgeregt. C.___ habe
einfach angefangen «zu schnure». Sie habe auch einen Ausschnitt getragen und
das reize vielleicht ältere Männer. Zu Hause habe sie C.___ geschrieben und
gefragt, wo sie sei. Diese habe ihre Frage komplett ignoriert und schrieb nur,
ob alles gut sei, ob sie gut zu Hause angekommen sei und «schlaf gut». Heute
habe sie ihr (der Privatklägerin) wieder geschrieben, wo sie sei. «Alles gut.»

 

(Ob ihr sonst noch etwas in den Sinn komme?)
Nein, nur dass C.___ nach «dem» immer komischer geworden sei. 

 

Auf entsprechende Frage, gibt D.___ an, sie und
C.___ seien von A.___ um 22:45 Uhr mit dem Auto abgeholt worden. Sie seien nach
[Ort 1] zu dem Studio. Beim Kreisel habe es links [einen Laden]. Dort seien sie
in die Tiefgarage. Oben wohne er und unten sei das Studio.

 

Auf entsprechende Aufforderung hin zeichnet die
Auskunftsperson [der Laden] und den Anfahrtsweg auf dem vorgelegten Ausdruck
von Google Maps ein (Beilage 1) ein. Auf der Beilage 2 markierte sie sodann die
Einfahrt der Tiefgarage, wobei sie angab, sich nicht ganz sicher zu sein. 

 

(Was passiert sei, nachdem sie in die
Tiefgarage gefahren seien?) Sie sei selber ausgestiegen. C.___ habe er die Hand
gegeben und gesagt: «Schöne Ladies.» Vielleicht habe sie (die Privatklägerin)
es komisch gefunden, aber sie (D.___) kenne ihn so. Sie sei ein Mensch, sie
könne bei ihm Grenzen setzen. Wenn ihr etwas nicht passe, sage sie: «Wieso
sagst du das?» Er habe ihre Hand genommen und sie so umgedreht. Dann seien sie
ins Studio gegangen. 

 

Auf die Frage, ob sie etwas zu den weiter
anwesenden Personen sagen könne, sagt D.___ in Bezug auf den Beschuldigten, er
sei Kroate, spreche aber auch Schweizerdeutsch. Er sei für sie wie ein
Zweitvater. Für sie sei es ein «mega» sympathischer Mensch. Sie habe nichts
gegen ihn oder so. Darum habe sie sich wegen gestern gefragt, wieso er das
gemacht habe.

 

(Ob er ihr Alter wisse?) Ja, auf jeden Fall.
(Ob er sie gefragt habe?) Sie habe ihn damals an F.___s Geburtstagsparty
getroffen und er habe sogleich gefragt, wie alt sie sei, weshalb sie rauche. Er
habe gefragt, seit wann sie rauche. Sie habe ihm geantwortet, seit sie 12 Jahre
alt sei, woraufhin er gesagt habe: «Schäm dich.» C.___ kenne er durch sie. Sie
habe er im Auto gefragt, wie alt sie sei. Er habe gesagt: «Mit was für
Minderjährigen hänge ich hier rum.» 

 

Auf die Frage, ob sie mitbekommen habe, was C.___
mit ihm geredet oder gemacht habe, als sie selber mit F.___ am Singen gewesen
sei, schüttelt die Auskunftsperson den Kopf. (Was C.___ gesagt habe, als sie
vom WC zurückgekommen und mit ihr habe sprechen wollen?) Dass er sie an den
«Titten» angefasst habe, so in den BH «ineglängt» habe (zeigt es mit der Hand
vor). (Ob sie das gesehen habe?) Nein. Er sei eben auch so ein Mensch. Er lege
seine Hand auf ihren Oberschenkel, aber sie kenne ihn so. Und wenn ihr etwas
nicht passe, dann sage sie ihm: «Hör auf.» (Ob er sich ihr gegenüber schon
einmal angenähert habe?) Nein. (Ob er schon mal Andeutungen gemacht habe?) Er
sage einfach immer, wie schön sie sei. Das sage er aber auch zu einer F.___,
wie «bombenmässig» sie aussehe. 

 

Während die Einvernehmende die nächste Frage
überlegt, erwähnt D.___, dass sie immer noch nicht wisse, weshalb sie heute
hier sei. 

 

(Auf die Frage, welchen Alkohol sie konsumiert
hätten?) Puren Wodka mit Red Bull und Eiswürfeln drin. (Wie sie zu dem Alkohol
gekommen seien?) A.___. Dort unten könne man sich bedienen. Sie hätte sich auch
bedienen können. (Was der Alkohol mit ihr gemacht habe? Ob sie es gespürt
habe?) Nein, nur einmal habe sie kurz gedacht, sie sei angetrunken. Aber es sei
dann nicht so gewesen. Es sei ihr nur kurz schwindlig geworden. Sie sei «voll»
da gewesen. Sie könne sich noch an alles erinnern. 

 

Nach der Pause gibt die Auskunftsperson von
sich aus an, es seien ihr noch ein paar Sachen in den Sinn gekommen. Sie hätten
ja Alkohol erhalten. Sie müsse sich korrigieren, dass sie in einem Moment etwas
gespürt habe, als sie etwas doppelt so laut gehört habe oder sich gedacht habe,
sie kippe gleich. Dann habe sie den Alkohol nicht weitergetrunken. Sie habe
nicht noch mehr angetrunken sein wollen. C.___ sei aber recht schnell im
Trinken gewesen. Die habe das «chönne abeläre». Aber sie wisse nicht, ob diese etwas
gespürt habe. Heute hätten sie vorgehabt, zu ihm in den Club zu gehen. Sie
hätten auch bei ihm übernachten können, aber sie habe nein gesagt. Er hätte sie
heimfahren sollen. Aber nach dem gestrigen Abend habe sie gedacht, sie lasse es
lieber mit dem Club.

 

(Ob C.___ betrunken gewesen sei?) Nein. Sie sei
ihr ganz normal vorgekommen. Vielleicht sei sie ein wenig komischer geworden,
nachdem das passiert sei mit dem Anfassen. Sie sei ihr nicht betrunken
vorgekommen. 

 

(Ob C.___ mehr Details erzählt habe, wie das
mit dem Anfassen stattgefunden habe?) Im Lift. Sie hätten angeblich über Push-ups
gesprochen und C.___ habe gesagt, sie habe «voll die Grossen», Grösse C und er
habe das nicht geglaubt. «Schins» habe er gefragt, ob er anfassen dürfe. Dann
sei er ihr «schins» unter den BH. C.___ habe g