# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 35360a15-9e42-568c-b0bd-0763eae71148
**Source:** Solothurn (SO)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2021-07-05
**Language:** de
**Title:** Solothurn Versicherungsgericht 05.07.2021 VSBES.2019.131
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SO_Omni/SO_VSG_001_VSBES-2019-131_2021-07-05.html

## Full Text

Urteil vom 5. Juli 2021

Es wirken mit:

Präsident Flückiger

Vizepräsidentin Weber-Probst

Oberrichter Marti

Gerichtsschreiber Schmidhauser

In Sachen

A.___ vertreten durch Rechtsanwältin Irja Zuber c/o Procap
Schweiz

Beschwerdeführerin

 

gegen

 

IV-Stelle Solothurn, Allmendweg 6, 4528 Zuchwil,

Beschwerdegegnerin

 

betreffend       Invalidenrente
(Verfügung vom 16. März 2019)

 

zieht das
Versicherungsgericht in Erwägung:

I.

 

1.

1.1     Die 1959 geborene A.___ (im
Folgenden: Beschwerdeführerin) meldete sich am 25. Februar 2000 wegen
einer Kniegelenksentzündung mit arthrotischen Veränderungen des Knorpels und
eines defekten Meniskus bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum
Leistungsbezug an (IV-St. Beleg Nr. [IV-Nr. 2]). Die IV-Stelle des Kantons
Solothurn (im Folgenden: Beschwerdegegnerin) sprach der Beschwerdeführerin mit
Verfügung vom 28. Juni 2002 eine einjährige Umschulung zur Medizinischen
Praxisassistentin vom 13. August 2002 bis 12. August 2003 zu
(IV-Nr. 40), welche von der Versicherten per 28. August 2002
abgebrochen wurde. Die von der Beschwerdeführerin beabsichtigte Ausbildung zur
ganzheitlichen Bestatterin wurde von der Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom
6. November 2002 nicht übernommen (IV-Nr. 46). Die dagegen erhobene
Beschwerde wies das Versicherungsgericht des Kantons Solothurn mit
rechtskräftigem Urteil vom 26. April 2004 ab (VSBES.2002.693;
IV-Nr. 62 S. 3 ff.).

 

1.2     Seit dem 17. Mai 2010
arbeitete die Beschwerdeführerin als Hauspflegerin im Teilzeitpensum bei den B.___-Diensten
[...]. Am 28. April 2011 unterzog sie sich einer Karpaltunnel- und
Dupuytren-Operation an der dominanten linken Hand; daraufhin wurde sie zu
100 % arbeitsunfähig geschrieben. Am 8. Oktober 2011 meldete sich die
Beschwerdeführerin bei der IV erneut zum Leistungsbezug an. In der Folge wurden
ihr Frühinterventionsmassnahmen, berufliche Eingliederungsmassnahmen sowie
verschiedene Hilfsmittel (Elektrorollstuhl, Metallrampe, Krückstöcke,
orthopädische Spezialschuhe) zugesprochen. Vom 11. Oktober bis
11. November 2011 war sie in der C.___ und vom 23. Januar bis
2. März 2012 in der E.___, [...], hospitalisiert (IV-Nr. 190 f.). Am
15. Juni 2012 wurde ihr eine Totalprothese ins rechte Kniegelenk
eingesetzt und im Mai und Oktober 2013 sowie Februar 2014 wurde sie am rechten
Fuss operiert (Talonaviculararthrodese, Metallentfernung, Rearthrodese). Am
17. Februar 2014 veranlasste die Beschwerdegegnerin eine bidisziplinäre
(rheumatologische und psychiatrische) Begutachtung bei Dr. med. G.___, Facharzt
für Innere Medizin und Rheumaerkrankungen FMH, sowie Dr. med. H.___,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH (Gutachten vom 18. Juli
2014, IV-Nr. 177.1 und 179.1). Vom 12. Juni bis 5. Juli 2014
hielt sich die Beschwerdeführerin stationär im Rehabilitations- und
Rheumazentrum des J.___ auf (IV-Nr. 183). Mit Vorbescheid vom
28. Oktober 2014 stellte die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin
eine befristete und abgestufte Invalidenrente vom 1. April 2012 bis
31. August 2014 in Aussicht (IV-Nr. 194).

 

Am 11. Dezember 2014 musste die
Beschwerdeführerin ein viertes Mal am rechten Fuss operiert werden
(Rearthrodese talonavicular rechts). Vom 3. bis 10. März 2015 war sie
wegen einer Sinusvenenthrombose erneut im I.___ (IV-Nr. 204 S. 2 ff.)
und vom 30. November bis 15. Dezember 2015 im K.___, [...], (IV-Nr. 217
S. 2 ff.) hospitalisiert. Am 31. Mai 2016 veranlasste die
Beschwerdegegnerin eine polydisziplinäre (internistische, rheumatologische,
neurologische, neuropsychologische und psychiatrische) Begutachtung im L.___, [...]
(Gutachten vom 16. Februar 2017, IV-Nr. 247). Von der
Beschwerdegegnerin gestellte Rückfragen wurden vom rheumatologischen L.___-Gutachter
am 2. August 2017 beantwortet (IV-Nr. 260). Am 28. August 2017
erfolgte eine Haushaltsabklärung durch eine Abklärungsfachfrau der
Beschwerdegegnerin (Bericht vom 29. August 2017; IV-Nr. 263). Nach
Durchführung eines weiteren Vorbescheidverfahrens am 30. August 2017
(IV-Nr. 264 S. 2 ff.) und Rücksprache mit dem Regionalen Ärztlichen
Dienst (RAD) veranlasste die Beschwerdegegnerin am 28. November 2017 eine
ergänzende rheumatologische Begutachtung bei Dr. med. M.___, Rheumatologie
FMH, welche am 16. Januar 2018 durchgeführt wurde (Gutachten vom
12. März 2018, IV-Nr. 281 S. 2 ff.). Nach Eingang der
Stellungnahme der Beschwerdeführerin vom 27. März 2018 (IV-Nr. 284)
und erneuter Konsultation des RAD erliess die Beschwerdegegnerin am
16. März 2019 eine Verfügung, worin der Beschwerdeführerin in Anwendung
der gemischten Methode (80 % Hauspflegerin, 20 % Haushalt) aufgrund
eines (Gesamt-)Invaliditätsgrades von 84 % eine ganze befristete
Invalidenrente vom 1. April 2012 bis 30. September 2015 zugesprochen
wurde; aufgrund eines (Gesamt-)Invaliditätsgrades von nurmehr 17 % (bzw.
30 % nach der ab 1. Januar 2018 anzuwendenden neuen
Berechnungsmethode) wurde die Invalidenrente per 1. Oktober 2015 eingestellt.
Zur Begründung wurde im Wesentlichen dargelegt, die Beschwerdeführerin sei seit
April 2011 (Beginn der einjährigen Wartezeit) in ihrer angestammten Tätigkeit
als B.___-Angestellte in ihrer Arbeitsfähigkeit erheblich eingeschränkt.
Bezüglich der Bemessungsmethode sei festzustellen, dass die Beschwerdeführerin
auch ohne Gesundheitsschaden mit einem Pensum von 80 % erwerbstätig wäre;
die anderen 20 % wäre sie im Haushalt tätig. Eine umfassende medizinische
Abklärung sei im Juni 2016 begonnen worden, da der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin zu diesem Zeitpunkt stabil gewesen sei. Das umfassende
Gutachten vom 22. (recte: 16.) Februar 2017 beschreibe, dass die
Beschwerdeführerin seit April 2011 in keiner Tätigkeit arbeitsfähig gewesen
sei. Im Haushalt gehe man von einer Einschränkung von ca. 20 % aus; dies
beziehe sich auf schwere Arbeiten und solche, welche über Kopf auszuführen
seien. Nach Ablauf des Wartejahres stehe der Beschwerdeführerin ab
1. April 2012 eine ganze Invalidenrente zu. Ab Juni 2015 sei ihr eine
angepasste Tätigkeit im 80%-Pensum möglich und zumutbar. Diese Tätigkeit sollte
dabei wechselbelastend und ohne längeres Stehen, ohne längeres Gehen und ohne
Arbeiten auf Leitern und im Kauern angepasst sein. Auf das L.___-Gutachten vom
16. Februar 2017 sowie das ergänzende Gutachten von Dr. med. M.___
vom 12. März 2018 sei abzustellen, beiden Gutachten komme voller
Beweiswert zu. Wegen einer Verbesserung des Gesundheitszustands werde die ganze
Invalidenrente daher per 1. Oktober 2015 aufgehoben (IV-Nr. 295;
Aktenseiten [A.S.] 1 ff.).

 

2.

2.1       Mit – unter Berücksichtigung
der Gerichtsferien – fristgerechter Beschwerde vom 6. Mai 2019 lässt die
Beschwerdeführerin folgende Rechtsbegehren stellen (A.S. 8 ff.):

 

1.      In Abänderung der Verfügung vom
16.03.2019 sei der Beschwerdeführerin ab dem 01.10.2015 weiterhin eine Rente
zuzusprechen.

2.      Eventualiter sei die Angelegenheit zu
weiteren Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.

3.      Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
(zuzüglich der gesetzlichen Mehrwertsteuer) zulasten der Beschwerdegegnerin.

 

2.2       In ihrer Beschwerdeantwort vom
20. August 2019 beantragt die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde, wobei sie mit Verweis auf die beiliegenden Akten und die Begründung
in der angefochtenen Verfügung auf das Einreichen einer Stellungnahme
verzichtet (A.S. 24).

 

2.3       Am 3. September 2019
reicht die Vertreterin der Beschwerdeführerin ihre Kostennote ein (A.S. 26
f.).

 

2.4     Mit Verfügung vom 8. Februar
2021 (A.S. 29) gibt das Versicherungsgericht den Parteien die Gelegenheit,
sich unter dem Aspekt von BGE 145 V 209 ergänzend zur Sache zu äussern. Hiervon
machen die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 10. Februar 2021 (A.S. 32
f.) und die Beschwerdegegnerin mit Eingabe vom 17. März 2021 (A.S. 36 f.)
Gebrauch. Die Beschwerdeführerin lässt sich am 31. März 2021 ein weiteres Mal
vernehmen (A.S. 39 f.).

 

II.

 

1.

1.1     Die Sachurteilsvoraussetzungen
(Einhaltung von Frist und Form, örtliche und sachliche Zuständigkeit des
angerufenen Gerichts) sind erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.

 

1.2     Streitig ist, ob die
Beschwerdeführerin ab 1. Oktober 2015 weiterhin Anspruch auf eine
Invalidenrente hat. Bei der Beurteilung des Falles ist grundsätzlich auf den
Sachverhalt abzustellen, der bis zum Erlass der vorliegend angefochtenen
Verfügung vom 16. März 2019 eingetreten ist (BGE 132 V 215 E. 3.1.1
S. 220 mit Hinweisen).

 

2.

2.1     Als
Invalidität im Sinne des Gesetzes gelten gemäss Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG,
SR 830.1) die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit andauernde ganze
oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann nach Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20)
Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein.

 

Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die
Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können
(lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen
sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 %
invalid (Art. 8 ATSG) sind (lit. c).

 

Arbeitsunfähigkeit
ist nach Art. 6 Satz 1 ATSG die durch eine Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder
teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare
Arbeit zu leisten. Das Wartejahr gilt als eröffnet, sobald eine solche
Arbeitsunfähigkeit von mindestens 20 % eingetreten ist (AHI-Praxis 1998,
S. 124). Der Rentenanspruch entsteht indes laut Art. 29 IVG
frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs
im Sinne von Art. 29 Abs. 1 ATSG.

 

Erwerbsunfähigkeit
ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG;
BGE 130 V 343 E. 3.2 S. 346 f.). Für die Beurteilung des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen
Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur
vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7
Abs. 2 ATSG; vgl. auch BGE 135 V 215 E. 7 S. 228 ff.).

 

2.2     Gemäss
Art. 28 Abs. 2 IVG besteht bei einem Invaliditätsgrad ab 40 %
ein Anspruch auf eine Viertelsrente, ab 50 % auf eine halbe Rente, ab
60 % auf eine Dreiviertelsrente und ab 70 % auf eine ganze Rente.

 

2.3

2.3.1  Für die Bemessung der Invalidität
von erwerbstätigen Versicherten ist Art. 16 ATSG anwendbar. Für die Bestimmung
des Invaliditätsgrades wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person
nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG; sogenannte allgemeine Methode des
Einkommensvergleichs). Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu
erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig
möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden, worauf sich
aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt (BGE 130 V 343
E. 3.4 S. 348 f., 128 V 29 E. 1 S. 30, 104 V 135 E. 2a
und b S. 136 f.).

 

2.3.2    Bei Versicherten, die nur zum
Teil erwerbstätig sind oder die unentgeltlich im Betrieb des Ehegatten oder der
Ehegattin mitarbeiten, wird für diesen Teil die Invalidität nach Art. 16
ATSG festgelegt. Waren sie daneben auch im Aufgabenbereich tätig, so wird die
Invalidität für diese Tätigkeit nach Art. 28a Abs. 2 IVG festgelegt.
In diesem Fall sind der Anteil der Erwerbstätigkeit oder der unentgeltlichen
Mitarbeit im Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin und der Anteil der
Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und der Invaliditätsgrad in beiden
Bereichen zu bemessen (Art. 28a Abs. 3 IVG). Dies ist die gemischte
Methode der Invaliditätsbemessung (Urteil des Bundesgerichts 8C_728/2019 vom
10. Juni 2020 E. 6.1 mit Hinweis).

 

Gemäss Art. 27bis
Abs. 2 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV,
SR 831.201, in der seit 1. Januar 2018 geltenden Fassung) werden bei
Teilerwerbstätigen, die sich zusätzlich im Aufgabenbereich nach Art. 7 Abs. 2
IVG betätigen, für die Bestimmung des Invaliditätsgrads der Invaliditätsgrad in
Bezug auf die Erwerbstätigkeit (lit. a) und der Invaliditätsgrad in Bezug
auf die Betätigung im Aufgabenbereich (lit. b) summiert. Laut Art. 27bis
Abs. 3 IVV richtet sich die Berechnung des Invaliditätsgrads in Bezug auf
die Erwerbstätigkeit nach Art. 16 ATSG, wobei das Erwerbseinkommen, das
die versicherte Person durch die Teilerwerbstätigkeit erzielen könnte, wenn sie
nicht invalid geworden wäre, auf eine Vollerwerbstätigkeit hochgerechnet wird
(lit. a) und die prozentuale Erwerbseinbusse anhand des
Beschäftigungsgrads, den die Person hätte, wenn sie nicht invalid geworden
wäre, gewichtet wird (lit. b). Für die Berechnung des Invaliditätsgrads in
Bezug auf die Betätigung im Aufgabenbereich wird der prozentuale Anteil der
Einschränkungen bei der Betätigung im Aufgabenbereich im Vergleich zur
Situation, wenn die versicherte Person nicht invalid geworden wäre, ermittelt.
Der Anteil wird anhand der Differenz zwischen dem Beschäftigungsgrad nach
Abs. 3 lit. b und einer Vollerwerbstätigkeit gewichtet (Art. 27bis
Abs. 4 IVV).

 

In Fällen wie dem vorliegenden, in
welchen es um eine erstmalige Rentenzusprache an eine Person geht, die schon
vor der Rentenprüfung einer Teilerwerbstätigkeit nachging, ist die Invalidität
nach dem bisherigen Berechnungsmodell der gemischten Methode zu bemessen. Die
neu in Art. 27bis IVV eingefügten Abs. 2 bis 4 sind erst
per 1. Januar 2018 in Kraft getreten und folglich erst ab diesem Zeitpunkt
anwendbar (vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_728/2019 vom 10. Juni 2020
E. 6.2 und 9C_883/2018 vom 13. Juni 2019 E. 3.3, je mit
Hinweisen).

 

3.

3.1     Ändert sich der Invaliditätsgrad
eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf
Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben
(Art. 17 Abs. 1 ATSG).

 

3.2     Anlass zur Rentenrevision gibt
jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist,
den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen (BGE 134 V
131 E. 3 S. 132 mit Hinweisen). Die Invalidenrente ist deshalb nicht
nur bei einer wesentlichen Veränderung des Gesundheitszustandes revidierbar,
sondern auch dann, wenn sich die erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich
gebliebenen Gesundheitszustandes erheblich verändert haben. Ein Revisionsgrund
ist ferner unter Umständen auch dann gegeben, wenn eine andere Art der
Bemessung der Invalidität zur Anwendung gelangt oder eine Wandlung des
Aufgabenbereichs eingetreten ist (BGE 130 V 343 E. 3.5 S. 349 f. mit
Hinweisen). Unerheblich unter revisionsrechtlichem Gesichtswinkel ist dagegen
nach ständiger Rechtsprechung die unterschiedliche Beurteilung eines im
Wesentlichen unverändert gebliebenen Sachverhaltes (BGE 112 V 371 E. 2b
S. 372; vgl. auch BGE 135 V 201 E. 5.2 S. 205).

 

Nach der Rechtsprechung sind diese
Revisionsbestimmungen bei der rückwirkenden Zusprechung einer abgestuften oder
befristeten Rente analog anwendbar, weil noch vor Erlass der ersten Rentenverfügung
eine anspruchsbeeinflussende Änderung eingetreten ist mit der Folge, dass dann
gleichzeitig die Änderung mitberücksichtigt wird. Wird rückwirkend eine
abgestufte oder befristete Rente zugesprochen, sind einerseits der Zeitpunkt
des Rentenbeginns und anderseits der in Anwendung der Dreimonatsfrist von
Art. 88a IVV festzusetzende Zeitpunkt der Anspruchsänderung die
massgebenden Vergleichszeitpunkte. Die Verbesserung der Arbeitsfähigkeit
aufgrund einer Angewöhnung oder Anpassung an die Behinderung kann auch ohne
wesentliche Änderung des Gesundheitszustandes eine Rentenrevision
rechtfertigen. Hingegen ist die lediglich unterschiedliche Beurteilung eines im
Wesentlichen gleich gebliebenen Sachverhalts auch hier unbeachtlich (Urteil des
Bundesgerichts 8C_269/2015 vom 18. August 2015 E. 3.2 mit Hinweisen).

 

4.

4.1     Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist
die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen,
die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung gestellt
haben. Aufgabe des Arztes ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren bilden die ärztlichen
Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können
(BGE 132 V 93 E. 4 S. 99 f. mit Hinweisen).

 

4.2     Der Versicherungsträger und das Gericht haben
die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet
dies, dass das Gericht alle Beweismittel,
unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu
entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung
des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere darf es bei einander
widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das
gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die
eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (BGE 125 V 351
E. 3a S. 352; vgl. auch BGE 132 V 393 E. 2.1 S. 396).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten
– d.h. der Anamnese – abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation
einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 134
V 231 E. 5.1 S. 232). 

 

4.3     Die Rechtsprechung erachtet es als
mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung vereinbar, in Bezug auf bestimmte
Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung
aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b S. 352). So ist einem im
Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten medizinischen Gutachten durch
externe Spezialärzte, welches auf Grund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten erstellt wurde und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangt, in der
Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 210
E. 2.2.2 S. 232, 125 V 351 E. 3b/bb S. 353).

 

5.       Die Beschwerdeführerin lässt
zur medizinischen Problematik geltend machen, sie scheine sich in einem
andauernden Teufelskreis mit sich ablösenden Gesundheitsproblemen zu befinden,
die sich für eine gewisse Zeit und immer wieder, jedoch nicht dauernd
einschränkend, auf ihre Erwerbstätigkeit auswirkten. Es sei (ab Juni 2015) von
einer 40%igen (statt nur 20%igen) Arbeitsunfähigkeit in einer adaptierten
Tätigkeit gemäss dem rheumatologischen Gutachten von Dr. med. M.___
auszugehen (vgl. Beschwerde, S. 6 ff. Ziff. 4). Wie erwähnt, sprach
die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin mit vorliegend angefochtener
Verfügung rückwirkend eine ganze befristete Invalidenrente vom 1. April
2012 bis 30. September 2015 zu, weshalb der medizinische Sachverhalt im
Zeitpunkt des Rentenbeginns mit demjenigen im Zeitpunkt der Anspruchsänderung
(Juni 2015; vgl. Art. 88a IVV) zu vergleichen ist (vgl. E. II. 3.2
hiervor). Die medizinische Situation der Beschwerdeführerin präsentiert sich
wie folgt:

 

5.1     Dr. med. N.___, Orthopädische
Chirurgie FMH, stellte in seinem Bericht zu Handen der Beschwerdegegnerin vom
22. März 2010 folgende Diagnose (ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit): «St.n. Klumpfuss links im Kindesalter, Valgusgonarthrose
rechts». Zur Anamnese wurde angegeben, die Patientin habe die sich in letzter
Zeit anbahnenden statischen Beschwerden des linken Fusses mit dem Kauf breiter
Schuhe noch recht gut abfangen können. In der letzten Zeit gelinge dies aber
kaum mehr, wahrscheinlich auch wegen der Valgusgonarthrose rechts. Im Bereich
des linken Fusses bestünden belastungsabhängige Schmerzen, vor allem im
Rückfuss- und Mittelfussbereich. Es handle sich hier um eine Ermüdung sowie
eine Schwellungsneigung. Der Zeitpunkt sei gekommen, dass die Patientin
zumindest bei der Arbeit ein adaptiertes Schuhwerk tragen sollte. Die
arthrotischen Veränderungen seien bisher gering und es sei davon auszugehen,
dass diese nicht relevant zunehmen würden, zumindest nicht, solange die
Patientin noch im Arbeitsprozess sei (IV-Nr. 67 S. 5 ff.).

 

5.2     Vom 11. Oktober bis 11. November
2011 war die Beschwerdeführerin in der O.___ hospitalisiert. Es wurden folgende
Diagnosen gestellt: «Generalisiertes Schmerzsyndrom, Verdacht auf Fibromyalgie,
bei: A. St. nach Operation eines M. Dupuytren Strahl IV und Karpaltunnelsyndrom
an der linken Hand am 28.04.2011, A1 Postoperativem CRPS Typ I der linken Hand,
A2 Beuger-Tendinose Strahl III auf Höhe Grundgelenk Hand links; B. Unklare
Schmerzen Fingergelenke und Handgelenk rechts, 12.10.2011 Röntgen Hand und
Handgelenk bds.: Regelrechte Knochenstruktur. Kein Hinweis für degenerative
oder entzündlich-rheumatische Veränderungen. Vor allem auch kein Hinweis für
Rhizarthrose; C. Karpaltunnelsyndrom rechts, 25.10.2011 Neurologische und
elektrophysiologische Untersuchung: CTS im dynamischen Stadium ohne axonale
Beteiligung; D. Panvertebralem Syndrom, betont lumbal, 18.01.2007 MRI HWS
und LWS: Osteochondrosis intervertebralis C5/6 mit winzigem, flachem Prolaps
zentral/parazentral rechts. Winziger Prolaps C6/7 parazentral rechts. Deutlich
rechtsbetonte Spondylarthrose L5/S1. Laut Einschätzung des Rheumatologen Dr. F.
P.___ auch Spondylarthrosen L3/4 und L4/5, auf allen 3 Etagen mit Erguss,
02.08.2011 MRI ganze Wirbelsäule: Beginnende Chondrosen LWS,
Facettengelenksarthrosen L3-S1 mit Ergüssen und Gelenksganglion am
Facettengelenk L5/S1 links ohne Neurokompression, Hyperlordose der LWS;
E. Trikompartimenteller Gonarthrose rechts, beginnend auch links, Genua valga,
rechts mehr als links, 1967 Patella-Zentrierungsoperation beidseits, 1982
Operation nach Elmsley Knie links, 1999 Arthroskopie Knie rechts, Jan. 2000
Arthroskopie und Meniskusoperation Knie rechts, 2001 Arthroskopie Knie rechts,
12.10.2011 Röntgen Knie, Patella bds.: rechtsbetonte trikompartimentelle
Gonarthrose beidseits; F. Schulterschmerzen beidseits, rechtsbetont, bei
Tendinosis calcarea der Supraspinatussehnen, 29.12.2004 Arthro MRI Schulter
rechts: Enthesiopathie M. supraspinatus mit lokalem Kalkdepot, Vd. auf weitere
Kalkdepots im M. subscapularis. Chronische Insertions-Enthesopathie des M.
Infraspinatus. Leichtes subakromiales Impingement bei beginnender
AC-Gelenksarthrose, 2005 Arthroskopie und Kalkentfernung Schulter rechts,
12.10.2011 Röntgen Schultergelenke beidseits: Rechts noch ganz kleine
Restverkalkung am Ansatz der Supraspinatussehne. Links grössere Verkalkung
subakromial; G. Spreizfüsse; Laxität lateraler Seitenbandapparat OSG
rechts, 1959/69 Klumpfussoperation links, 1972 Fraktur im OSG-Bereich rechts,
1973 und 1975 Sehnenoperation am OSG rechts, 1982 Bänderriss am OSG rechts,
Nov. 2000 Distorsion OSG links, März 2001 Sehnenoperation im Bereich OSG links;
H. Leichte arterielle Hypertonie; I. Adipositas Grad I;
J. Psychiatrische Diagnose: Chronische Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren (ICD-10: F45.41).

 

Zu den Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit und zur Zumutbarkeit aus psychiatrischer Sicht wurde
dargelegt, die festgestellte psychische Störung begründe eine mindestens
leichte arbeitsrelevante Leistungsminderung. Von einer verwertbaren
Arbeitsfähigkeit sei in globaler Hinsicht derzeit nicht auszugehen. Die Patientin
müsse erst im Haushalt ein höheres Funktionsniveau erreichen, bevor an eine
externe Arbeitsaufnahme zu denken sei. Limitierend sei dabei weniger eine
depressive oder Angstsymptomatik, sondern vielmehr die somatoform überlagerte
Schmerzsymptomatik. Zur Zumutbarkeit aus somatischer Sicht (CRPS [Complex
Regional Pain Syndrome] linke Hand) wurde angegeben, die Tätigkeit als B.___-Mitarbeiterin
sei aktuell nicht zumutbar. Eine andere mindestens leichte Tätigkeit sollte
nach Abklingen der CRPS-Problematik zumutbar sein. Aktuell bestehe eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit.

 

Im Rahmen der diagnostischen Beurteilung
wurde im Wesentlichen dargelegt, die Einweisung der Patientin sei durch
Dr. med. Q.___, Facharzt FMH für Handchirurgie, zur weiteren Abklärung und
Behandlung der Schmerzproblematik von Seiten des CRPS der linken Hand und von
Seiten des eventuell entzündlichen rheumatologischen Grundleidens erfolgt,
welches aufgrund der multilokulären Schmerzen beinahe am ganzen Körper
postuliert worden sei. Sechs Monate nach der Operation und der im Verlauf
eingetretenen Reflexdystrophie der linken oberen Extremität beklage die
Patientin bei Eintritt noch belastungsverstärkte Ruheschmerzen von der
Handwurzel bis zum Ellenbogen links und ein Kraftdefizit. Zusätzlich beklage
sie unklare Schmerzen der rechten Fingergelenke und des Handgelenks. Ferner
bestünden dauerhafte, belastungsverstärkte panvertebrale Schmerzen mit
gürtelförmiger Ausstrahlung und bewegungsabhängige Schmerzen beider
Schultergelenke und beider Kniegelenke mit Schwellungsgefühl. Emotional werde
eine bedrückte Stimmung aufgrund der Arbeitslosigkeit und der Stresssituation
infolge der Schmerzen angegeben. Es bestehe somit ein generalisiertes
Schmerzsyndrom. Von einem Rheumatologen sei bereits der Verdacht auf eine
Fibromyalgie geäussert worden. Die Kriterien für eine Fibromyalgie seien knapp
erfüllt. Hingegen habe sich klinisch und radiologisch kein Hinweis auf ein
entzündlich-rheumatisches Leiden ergeben, was ebenfalls postuliert worden sei.

 

Ad A: Klinisch zeigten sich aktuell
ausser einer geringen, diffusen Schwellung und einer Druckdolenz aller
Interphalangealgelenke keine CRPS-Befunde mehr. Die Fingerbeweglichkeit sei
voll, die Handgelenksbeweglichkeit nur leicht eingeschränkt. Das Problem seien
die trotz Rückgang der CRPS-Symptome persistierenden Schmerzen. Ad B: Abgesehen
von einem positiven Gaenslen-Test sowie Druckdolenz am Daumensattelgelenk und
an den Gelenken Dig. II bis IV bestehe kein auffälliger Befund. Weder klinisch
noch radiologisch hätten sich Zeichen für eine entzündlich-rheumatische
Erkrankung ergeben. Ad C: Bei anamnestisch nächtlichem Taubheitsgefühl in den
Fingern I bis IV rechts sei am 25. Oktober 2011 eine neurologische und
elektrophysiologische Untersuchung durchgeführt worden, die ein
Carpaltunnel-Syndrom im dynamischen Stadium ohne axonale Beteiligung gezeigt
habe. Hier sei eine konservative Therapie mittels einer Handgelenksschiene
empfohlen worden. Die Schiene sei jedoch von der Patientin nicht gut toleriert
worden. Ad D: Bei generalisierter Druckdolenz der Wirbelsäule zeige sich im
Wesentlichen kein auffälliger Befund. Ad E: Im Bereich beider Kniegelenke zeige
sich eine endgradige Bewegungseinschränkung mit einer generalisierten
Druckdolenz, rechts lokalisiert auch an den Gelenkspalten und der Patella.
Radiologisch bestehe an den mehrfach voroperierten Kniegelenken eine
rechtsbetonte, trikompartimentelle Gonarthrose bei Valgusstellung beidseits und
2 reizlos inliegenden Schrauben im Tibiakopf links. Ad F: Es bestünden auch
rechtsbetonte Schulterschmerzen beidseits bei erhaltener Beweglichkeit. Eine
Tendinosis calcarea der Supraspinatussehne rechts sei im Jahr 2004
arthroskopisch behandelt worden. Hier finde sich radiologisch nur eine ganz
kleine Restverkalkung in der Supraspinatussehne. Links sei hingegen auf den
aktuellen Röntgenbildern eine grössere subacromiale Verkalkung sichtbar. Ad H:
Bei erhöhten Blutdruckwerten in den Routinekontrollen sei eine
24-Stunden-Blutdruckmessung erfolgt. Darin habe sich eine leichte arterielle
Hypertonie bestätigt. Das nächtliche Blutdruck-Dipping sei reduziert. Ad J:
Während der Rehabilitation sei eine psychosomatische Abklärung mit folgendem
Resultat erfolgt: Die 51-jährige B.___-Mitarbeiterin in gekündigtem
Arbeitsverhältnis habe nach der operativen Versorgung eines
Karpaltunnelsyndroms links neben einem CRPS eine topographisch ausgeweitete
Schmerzsymptomatik von stark einschränkender Qualität im Alltag, im psychischen
Bereich verbunden mit Stimmungsschwankungen, Zukunftsängsten, kognitiven
Schwächen (vermehrte Vergesslichkeit, Zerstreutheit) und einer Tendenz zu
sozialem Rückzug entwickelt, ohne dass ein eigentliches depressives Syndrom
vorliege. Aufgrund kumulierter Belastungen in der Biographie (mehrere
Spitalaufenthalte in der Kindheit, gescheiterte Ehe mit Scheidung, Unfalltod
des 16-jährigen Sohnes vor 10 Jahren, Tod des Bruders im Jahr 2010,
vorbestehende und multiple Schmerzsyndrome des Bewegungsapparates, unlängst
erfolgter Stellenverlust) sei davon auszugehen, dass beim aktuellen Beschwerdebild
eine erhebliche somatoforme Komponente beteiligt sei, bedingt durch eine
erhöhte Vulnerabilität in Bezug auf die Entwicklung von Schmerzzuständen, die
ihrerseits durch die kumulierten Belastungen (v.a. schmerzliche
Verlusterfahrungen) generiert worden seien. Diagnostisch sei am ehesten von der
neuen ICD-10-Kategorie «Chronische Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren» (F45.41) auszugehen, wobei eine somatische Kernursache
(CRPS) durch (unbewusste) psychische und psychovegetative Faktoren verstärkt,
ausgeweitet und chronifiziert werde.

 

Zusammenfassend habe eine Verbesserung
der Schmerzproblematik erreicht werden können. Die körperliche
Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit hätten beim Training auf einem niedrigen
Niveau nicht gesteigert werden können, das Training an Geräten habe abgebrochen
werden müssen. Bezüglich der Beweglichkeit im Nacken und Schultergürtel habe
insgesamt eine gewisse Verbesserung erreicht werden können. Während des
Klinikaufenthalts sei eine psychotherapeutische Betreuung der Patientin
erfolgt. Zur Funktionsfähigkeit und Behinderung wurde dargelegt, die Patientin
sei durch die beinahe den ganzen Körper betreffenden Schmerzen zurzeit bereits
in der Bewältigung des Alltags stark eingeschränkt. An die Aufnahme einer beruflichen
Tätigkeit sei in diesem Zusammenhang nicht zu denken. Die bisherige Tätigkeit
als B.___-Mitarbeiterin dürfte längerfristig, möglicherweise dauernd, nicht
mehr infrage kommen. Die Ausübung einer leichten, wechselbelastenden Arbeit
müsste jedoch von den Diagnosen her grundsätzlich wieder möglich werden
(Austrittsbericht vom 22. November 2011, IV-Nr. 191).

 

5.3     Dem Bericht des I.___ vom
29. Dezember 2011 können folgende Diagnosen entnommen werden:
«Generalisiertes chronisches Schmerzsyndrom, am ehesten im Rahmen einer
Fibromyalgie (Central Pain Syndrom); Lumbales Syndrom, Hyperlordose,
Facettenarthrosen L3 bis S1 (MRI LWS 2007), multisegmentale degenerative
Veränderungen in der LWS, Schmorl’sche Knötchen in BWK 8, Facettengelenksarthrosen
(MRI der gesamten Wirbelsäule vom 02.08.2011); Psychosoziale
Belastungssituation (Kündigung); Morbus Dupuytren Strahl IV links und
Karpaltunnelsyndrom, Operative Behandlung am 28.04.2011, Post operatives CRPS
Typ I der linken Hand, Beuger-Tendinose Strahl III auf Höhe Grundgelenk
Hand links; Polyarthrose, AC-Gelenksarthrosen, Gonarthrosen rechts mehr als
links, Genua valga, Patellazentrierungs-Operation beidseits wahrscheinlich nach
Emslie in der Jugendzeit; Spreizfüsse, Laxität Seitenbandapparat OSG rechts,
1959/69 Klumpfussoperation links, 1972 Fraktur im OSG-Bereich rechts, 1973 und
1975 Sehnenoperationen am OSG rechts, 1982 Bänderriss am OSG rechts, 11/2000
Distorsion OSG links, 03/2001 Sehnenoperation im Bereich OSG links; Chondrosen
C5 bis 7; Schulterschmerzen beidseits, rechtsbetont, bei Tendinosis calcarea
der Supraspinatussehne, 29.12.2004 Arthro-MRI Schulter rechts: Enthesiopathie
Muskel supraspinatus mit lokalem Kalkdepot, Verdacht auf weitere Kalkdepots im
Musculus subscapularis. Chronische Insertions-Enthesiopathie des Musculus
infraspinatus. Leichtes subacromiales Impingement bei beginnender
AC-Gelenksarthrose, 2005 Arthroskopie und Kalkentfernung Schulter rechts,
12.10.2011 Röntgen Schultergelenk beidseits: Rechts noch ganz kleine
Restverkalkung am Ansatz der Supraspinatussehne. Links grössere Verkalkung
subacromial».

 

Im Rahmen der Beurteilung wurde
angegeben, die 52-jährige Patientin mit seit Juni 2011 bestehenden Schmerzen
fast am ganzen Körper sei zur Beurteilung und Behandlung zugewiesen worden. Die
Patientin habe über bestehende Schmerzen vorwiegend im unteren LWS-Bereich, der
Handgelenke beidseits und der Kniegelenke rechtsbetont berichtet. Die Schmerzen
seien belastungsverstärkt aber auch in Ruhe und während des Schlafs vorhanden.
Die angegebenen Schwellungen in den Finger- und Handgelenken hätten klinisch
objektiviert werden können. Bei der klinischen Untersuchung habe sich ein
Impingement bei pathologischem Hawkins-Test beidseits bei bekannten
Verkalkungen subakromial gefunden. Die Beweglichkeit der BWS und LWS sei
ebenfalls schmerzbedingt eingeschränkt. Zudem bestehe eine angedeutete
Valgus-Fehlstellung der Kniegelenke. Es habe sich eine mässige Schwellung am
rechten Kniegelenk gefunden, jedoch keine Überwärmung oder Rötung.
Sonographisch habe ein mässiggradiger Erguss in beiden Kniegelenken vor allem
aber rechts nachgewiesen werden können. Nach ausführlicher Aufklärung über
mögliche Risiken und das Vorgehen sei das Kniegelenk rechts am
16. Dezember 2011 punktiert worden, wobei im Punktat eine normale Viskosität
und eine normale Zellzahl nachweisbar gewesen seien, was zur Arthrose passe. Im
Rahmen weiterer Abklärungen und mit der Frage nach einem entzündlichen
Geschehen habe man die Patientin am 12. Dezember 2011 für eine
Skelettszintigraphie angemeldet. Das Resultat habe eine bilaterale aktivierte
rechtsbetonte Gonarthrose ergeben. Es bestünden zudem eine aktivierte
AC-Gelenksarthrose links sowie degenerative Veränderungen im oberen und unteren
Sprunggelenk rechts sowie im Bereich der Wirbelsäule (BWS und LWS). Zudem
bestehe eine mässiggradige aktivierte Arthrose beider Radiokarpalgelenke.

 

Die Patientin leide einerseits an einer
Polyarthrose (Schultergelenke, Handgelenke, Kniegelenke, Wirbelsäule) und
andererseits an einer Schmerzchronifizierung und Schmerzzentralisierung im
Rahmen der psychosozialen Belastungssituation. Die Patientin habe die Ziele,
den ganzen normalen Alltag zu bewältigen, die Angst vor dem nächsten Tag und
der nächsten Nacht zu verlieren, wieder eine Lebensqualität zu erlangen und mit
Hoffnung in die Zukunft zu blicken und etwas planen zu können sowie wieder
Freude am Leben zu haben. Die Patientin werde mit einer analgetischen Therapie
mittels Paracetamol und einer zentralen schmerzmodulierenden Medikation
behandelt. Die von der Patientin gewünschte stationäre muskulo-skelettale
Rehabilitation in der D.___ in [...] sei bei den bisherigen erschöpften
ambulanten physiotherapeutischen Massnahmen ohne therapeutischen Effekt
sinnvoll, um der somatischen Komponente (Polyarthrose, Tendinosis calcarea) und
den psychischen Faktoren gerecht zu werden (IV-Nr. 89).

 

5.4     Vom 23. Januar bis
2. März 2012 war die Beschwerdeführerin in der D.___, [...], hospitalisiert.
Es wurden folgende Diagnosen gestellt: 1. Anpassungsstörung mit
depressiver Reaktion (F43.2); 2. Generalisiertes chronisches
Schmerzsyndrom (R52.2); 3. Chronisches lumbovertebrales Syndrom (M47.86);
4. Morbus Dupuytren Strahl IV links und Karpaltunnelsyndrom (M72.0,
G56.0); 5. Polyarthrose (M15.9); 6. Spreizfüsse, Laxität
Seitenbandapparat OSG rechts; 7. Chondrosen C5-C7. Im Rahmen der
Beurteilung wurde angegeben, die Patientin komme im Anschluss an eine wenig
erfolgreiche Rehabilitationsmassnahme nach operativer Versorgung eines CTS und
M. Dupuytren im April 2011 wegen chronischer Schmerzen und einer am ehesten
reaktiven depressiven Symptomatik. Die Schmerzen seien zumeist arthrotisch bzw.
degenerativ bedingt (langjährig bestehende Gonarthrose, lumbal betontes
panvertebrales Syndrom). Zu einem langjährig bestehenden Schmerzsyndrom,
welches zuletzt im Rahmen eines postoperativen Morbus Sudeck der linken Hand
eskaliert sei, seien bereits in der Vergangenheit depressive Symptome parallel
dazu aufgetreten. Im Laufe des letzten Jahres hätten sich diese zunehmend mit
schweren Schlafstörungen (mitbedingt durch Schmerzen), Zukunftsängsten und
Schwierigkeiten, den Alltag zu bewältigen, entwickelt. Auch der unverarbeitete,
traumatische Verlust des Sohnes vor 10 Jahren habe zu einer erschwerten
Krankheitsverarbeitung und Verschlechterung der psychischen Situation
beigetragen. Es sei ein therapeutisches Gesamtkonzept mit Heileurythmie und
Maltherapie etabliert worden und es sei eine medikamentöse Behandlung erfolgt.
Unter diesen Massnahmen habe sich der seelische Zustand der Patientin
stabilisiert. Die allgemeine Kräftesituation habe sich verbessert und das
depressive Erleben habe sich deutlich aufgehellt. Bei Austritt hätten zwar nach
wie vor Schmerzen bestanden, doch sei der Umgang damit deutlich besser möglich
(Bericht vom 12. April 2012, IV-Nr. 190).

 

5.5     Dem Bericht der behandelnden
Psychiaterin, Dr. med. R.___, Fachärztin FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, zu Handen der IV-Stelle vom 10. August 2013 kann folgende
Diagnose entnommen werden: «Mittelgradige depressive Episode F32.10, div.
somatische Behandlungen Dr. S.___»». Zur Arbeitsfähigkeit als Hauspflegerin
wurde angegeben, es bestehe eine vollständige Arbeitsunfähigkeit seit dem
19. Juni 2013 bis auf weiteres. Der Gesundheitszustand sei
besserungsfähig. Es sei fraglich, ob der Patientin eine andere Tätigkeit
zugemutet werden könne. Es bestünden wahrscheinlich hauptsächlich somatische
(DD schmerzbedingte) Einschränkungen. Psychiatrisch gesehen seien keine
dauerhaften Einschränkungen bezüglich des erlernten Berufs ersichtlich. Eine
Belastungserprobung müsste an einem geschützten Arbeitsplatz evaluiert werden
(IV-Nr. 137).

 

5.6     Dr. med. T.___, Fachärztin
für Homöopathie, diagnostizierte in ihrem Bericht zu Handen der IV-Stelle vom
14. September 2013 eine Polyarthrose, einen Morbus Sudeck sowie einen
fraglichen erneuten Morbus Sudeck am rechten Fuss postoperativ. Als
Hauspflegerin bestehe eine vollständige Arbeitsunfähigkeit seit dem
28. April 2011 bis auf weiteres. Der Gesundheitszustand sei stationär. Die
bisherige Tätigkeit sei nicht mehr zumutbar, da die Bewegungs- und
Belastungsfähigkeit stark eingeschränkt seien; es bestünden ein chronischer
Schmerzzustand sowie eine Polyarthrose. Auch eine andere Tätigkeit sei im
Moment nicht zuzumuten (IV-Nr. 140).

 

5.7     Prof. Dr. med. S.___, Innere
Medizin FMH (Gruppenpraxis [...]), stellte in seinem Bericht zu Handen der
IV-Stelle vom 15. Oktober 2013 die Diagnose (mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit) eines «Central pain syndrome (generalisiertes, chronisches
Schmerzsyndrom)». Im Weiteren führte er aus, die Patientin brauche sicher eine
multimodale, interdisziplinäre Beurteilung hinsichtlich ihrer Arbeits- bzw.
Erwerbsunfähigkeit. Zweifelsohne leide sie unter einem central pain syndrome im
Sinne eines Schmerzausweitungs-Syndroms mit multiplen Symptomen aus dem
weichteilrheumatischen Formenkreis. Zudem leide sie auch an multiplen Arthrosen
der grossen und kleinen Gelenke, welche zum Teil schon operativ ersetzt bzw.
versteift worden seien (IV-Nr. 143 S. 1 ff.).

 

5.8

5.8.1  Dem im Rahmen einer bi- bzw.
interdisziplinären (rheumatologischen und psychiatrischen) Begutachtung
erstellten rheumatologischen Gutachten von Dr. med. G.___, FMH Innere
Medizin und Rheumaerkrankungen, vom 18. Juli 2014 kann entnommen werden,
dass die Beschwerdeführerin von ihm am 28. April 2014 untersucht wurde. Es
wurden folgende Diagnosen (interdisziplinär) mit langdauernder Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit gestellt: 1. Hypermobilitätssyndrom;
2. Kniebeschwerden; 3. Fussbeschwerden; 4. Rezidivierende
depressive Störung, nicht näher bezeichnet, im Sinne einer atypischen
monopolaren Depression, gegenwärtig mittelgradiger Ausprägung, gemäss
psychosomatisch-psychiatrischer Begutachtung von Dr. med. H.___. Die
weiteren gestellten Diagnosen (chronisches generalisiertes Schmerzsyndrom,
Panvertebralsyndrom mit spondylogener Ausstrahlung, Periarthropathia
humeroscapularis beidseits, Übergewicht mit Body Mass Index von 29,5 kg/m2,
anamnestisch Reizmagen-Syndrom) haben nach den gutachterlichen Angaben keine
langdauernde Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit.

 

Die Beurteilung lautete im Wesentlichen
dahingehend, aufgrund der Ergebnisse der aktuellen Begutachtung könne neu die
Diagnose eines Hypermobilitätssyndroms gestellt werden. Darauf sei bis anhin
nicht hingewiesen worden. Wahrscheinlich seien im Jahr 1967, wegen der
rezidivierenden Patellaluxationen beidseits, Operationen nach Emsli beidseits
durchgeführt worden. Aufgrund der Ergebnisse der epidemiologischen Datenlage
sei bekannt, dass diese Operationstechnik zur Entwicklung einer medialen
Gonarthrose neige, nachdem bereits aufgrund der Kollagenopathie das Risiko für
die Entwicklung einer Gonarthrose erhöht sei. Die im Bereich der Füsse
durchgeführten Operationen seien auch Folge des hypermobilen Gelenkscharakters.
Ein Hypermobilitätssyndrom gehe, weil es mit somatisch abstützbaren Beschwerden
begründet sei, mit eindeutig schmerzverstärkenden bzw. schmerzlindernden
Mechanismen einher.

 

Im Weiteren hielt der Rheumatologe fest,
an den oberen Extremitäten könne, abgesehen vom hypermobilen Gelenkscharakter,
jeweils ohne die Kriterien für eine Gelenksinstabilität zu erfüllen, aktuell
kein relevanter klinisch-pathologischer Befund objektiviert werden. In der
vorliegenden Dokumentation werde auf eine Periarthropathia humeroscapularis
beidseits mit Verkalkungen im Bereich der Rotatorenmanschette hingewiesen.
Anlässlich der aktuellen Begutachtung könne klinisch kein Hinweis auf eine
subacromiale Sehneneinklemmungsproblematik oder auf eine Läsion der
Rotatorenmanschette objektiviert werden. Im Bereich der Ellbogen könne,
abgesehen vom hypermobilen Gelenkscharakter, ohne die Kriterien für eine
Gelenksinstabilität zu erfüllen, kein klinisch-pathologischer Befund
objektiviert werden. Im Bereich der Hände imponierten der hypermobile
Gelenkscharakter, jeweils ohne die Kriterien für eine Gelenksinstabilität zu
erfüllen, leichtgradige Dupuytren-Kontrakturen des IV. Strahles beidseits,
jeweils ohne ein Streckdefizit im MCP-Gelenk, und ein Palmarerythem beidseits.
In der vorliegenden Dokumentation werde auf eine am 28. April 2011
erfolgte operative Behandlung einer Dupuytrenkontraktur links und eines
Karpaltunnel-Syndroms links hingewiesen. Nachdem unterdessen kein Streckdefizit
im Ringfinger links mehr objektivierbar sei und nachdem anamnestisch und klinisch
keine Hinweise mehr auf ein Karpaltunnel-Syndrom bestünden, sei diesbezüglich
postoperativ jeweils von einem erfreulichen Verlauf auszugehen. Ein relevantes
Ausmass einer Algodystrophie bzw. eines CRPS könne nicht aufgetreten sein.
Insofern relativiere sich die im Arztbericht der Hausärztin vom
14. September 2013 erwähnte Diagnose eines Morbus Sudeck. Es sei zur
Kenntnis zu nehmen, dass die Explorandin seit dieser Operation im Bereich der
linken Hand keine berufliche Tätigkeit mehr ausgeübt habe. Dies sei «isoliert
betrachtet» irritierend, nachdem die Explorandin bis zu dieser Handoperation
links in der B.___ in [...] gearbeitet habe. Diejenigen Beschwerden, die sich
nach den Angaben der Explorandin nach dieser Handoperation links entwickelt
hätten, korrelierten weder bezüglich der linken Hand noch bezüglich der
generalisierten Schmerzen mit einem objektivierbaren klinisch-pathologischen
oder radiologisch-pathologischen Befund. Eine Beugertendinose des Mittelfingers
links könne nicht mehr bestätigt werden.

 

Im Bereich der Wirbelsäule schildere die
Explorandin die Bewegungen aller axialen Bewegungssegmente, betont lumbal, in
allen Ebenen als ca. gleich schmerzhaft, unabhängig davon, ob die Untersuchung
in aufrechter, stehender oder sitzender Körperhaltung, in der die axialen
Bewegungssegmente durch das Körpergewicht belastet werden, oder in möglichst
entspannter, liegender Körperhaltung erfolge, in der die Bewegungssegmente
entlastet seien. Dies weise auf vordergründig nicht-somatisch abstützbare
Beschwerden hin. Insofern relativiere sich die Bedeutung von allenfalls
objektivierbaren somatisch-pathologischen Befunden. Anamnestisch und klinisch
bestünden keine Hinweise auf ein radikuläres Reiz- oder Ausfallsyndrom, einen
symptomatisch engen Spinalkanal, einen Nervendehnungsschmerz oder auf eine
Irritation/Kompression des Gefäss-Nervenbündels, z.B. im Sinne einer Thoracic
Outlet-Komponente. Die aktualisierten Röntgenaufnahmen der ganzen Wirbelsäule
dokumentierten cervical leichtgradige und als altersentsprechend einzustufende
Osteochondrosen von HWK5 bis 7, die nicht mit einer klinisch objektivierbaren
Bewegungseinschränkung einhergingen, und thorakal keine Arthrose, wie eine
Chondrose oder Osteochondrose. Lumbal komme, konventionell-radiologisch
beurteilt, eine leichtgradige und als altersentsprechend einzustufende
Chondrose im lumbosakralen Bewegungssegment zur Darstellung.

 

An den unteren Extremitäten seien die
aktive und die passive Beweglichkeit der Hüftgelenke beidseits frei. An den
Kniegelenken könne rechtsseitig der Status nach einer Implantation einer
Totalprothese mit einem zu erwartenden Bewegungsausmass objektiviert werden.
Die im Juni 2012 durchgeführte Implantation einer Totalprothese im rechten
Kniegelenk begründe eine vorübergehende vollständige Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit für die von der Explorandin zuletzt ausgeübte berufliche
Tätigkeit im Pflegebereich. Mit den Befunden im Bereich der Kniegelenke könne
jedoch für die berufliche Tätigkeit als Krankenpflegerin zu keinem Zeitpunkt
eine anhaltende vollständige Arbeitsunfähigkeit begründet werden. Mit den
Befunden im Bereich der Kniegelenke könne zudem nicht begründet werden, dass
die Explorandin einen Rollstuhl einsetze. Im Bereich der Füsse könne, klinisch
beurteilt, linksseitig ein diskretes Residuum eines Klumpfusses objektiviert
werden. Das diskrete Ausmass dieses Klumpfusses links, resultierend nach den
1959 und 1960 durchgeführten Operationen, sei daran ersichtlich, dass die
Explorandin später sportlich aktiv geworden sei und auch das Kunstturnen habe
ausüben können. Aufgrund von mehreren Distorsionen der Sprunggelenke beidseits,
die sich wahrscheinlich im Rahmen des Hypermobilitätssyndroms ereignet haben
dürften, und aufgrund einer Fraktur im Bereich des oberen Sprunggelenks rechts,
welche die Explorandin im Jahr 1972 erlitten habe, resultierten unterdessen
weitere klinisch-pathologische Befunde im Bereich der Füsse. Das mögliche
Bewegungsausmass sei, isoliert betrachtet, nicht geeignet, um ein Hinken zu
begründen, nachdem die objektivierbaren Bewegungen im oberen Sprunggelenk als
noch normal eingestuft werden könnten. Eine hinkende Gangkomponente rechts
könne resultieren aufgrund der klinisch objektivierbaren Bewegungseinschränkung
im unteren Sprunggelenk von 2/3, aufgrund der konventionell-radiologisch
dokumentierten beginnenden Arthrose im oberen Sprunggelenk rechts sowie
aufgrund der Operationen im Bereich des rechten talonavicularen Gelenkes,
zunächst am 22. Mai 2013 und wegen des postoperativ unbefriedigenden
Verlaufs mit der Entwicklung einer Osteolyse erneut am 30. Oktober 2013
und am 12. Februar 2014. Nach der zuletzt am 12. Februar 2014
durchgeführten Rearthrodese talonavicular und der erneuten Spongiosaplastik
dürfe die Explorandin unterdessen mit 25 kg teilbelasten.

 

Es werde zur Kenntnis genommen, dass die
Explorandin gemäss ihren Angaben zu Hause einen mechanischen Rollstuhl und
ausserhalb ihrer Wohnung einen elektrischen Rollstuhl einsetze. Aufgrund der
Ergebnisse dieser aktuellen Begutachtung und auch unter Berücksichtigung der
von der Explorandin demonstrierten schmerzvermittelnden Mimik und Gestik
bestehe die Gefahr eines sekundären Krankheitsgewinnes. Mit der zu erwartenden
Belastungssteigerung des rechten Fusses sollte baldmöglichst wieder auf den
Einsatz des Rollstuhles verzichtet werden. Auch gewichtsreduzierende Massnahmen
seien indiziert. Die im Bereich der unteren Extremitäten geschilderten
Beschwerden korrelierten seit knapp 10 Jahren nicht bzw. kaum mehr mit den
objektivierbaren somatisch-pathologischen Befunden. Mit den Befunden im Bereich
der Füsse könnten aus rein somatisch-rheumatologischer Sicht beurteilt
relevante Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit für die zuletzt ausgeübte
Tätigkeit als Krankenpflegerin begründet werden, auch wenn die Explorandin
diesbezüglich keine korrelierenden bzw. typischen Beschwerden beschreibe.
Allgemeininternistisch könne, abgesehen vom Übergewicht, kein relevanter
klinisch-pathologischer Befund objektiviert werden.

 

Zur Arbeitsfähigkeit hielt der
rheumatologische Gutachter fest, diese sei, aus rein
somatisch-rheumatologischer Sicht beurteilt, seit der im April 2011
durchgeführten Operation an der linken Hand wiederholt vollständig
eingeschränkt gewesen und für die berufliche Tätigkeit als Krankenpflegerin
bestehe eine anhaltende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von gut 70 %.
Je nach Beschwerdeverlauf im Bereich des rechten Fusses könnte auch eine
höhergradigere Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, zum Beispiel von 80 %
oder mehr Prozenten, resultieren. Insofern werde die erlernte berufliche Tätigkeit
als Krankenpflegerin für die Explorandin zukünftig als wenig geeignet erachtet.
Für Haushaltarbeiten mit einem leicht- bis mittelgradig körperlich belastenden
Arbeitsprofil sei, aus rein somatisch-rheumatologischer Sicht, nicht mit einer
anhaltenden Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zu rechnen. Für eine angepasste
Verweistätigkeit seien derzeit, aus rein somatisch-rheumatologischer Sicht
beurteilt, zeitliche limitierte vollständige Arbeitsunfähigkeiten im Zeitraum
vom 28. April bis Ende August 2011 und seit Mai 2013 bis zur aktuellen
Begutachtung gegeben. Ab dem Zeitpunkt dieser aktuellen Begutachtung könne für
eine angepasste Verweistätigkeit eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von
50 % begründet werden. In den nächsten Monaten sei mit einer Steigerung
der Arbeitsfähigkeit für eine angepasste Verweistätigkeit zu rechnen, zum
Beispiel bis zum Sommer 2014 auf ein Ausmass von 80 %. Dieses bereits
derzeit zumutbare Ausmass der Arbeitsfähigkeit für eine angepasste
Verweistätigkeit könne sowohl am Stück als auch, mit vermindertem Tempo, über
den Tag verteilt geleistet werden.

 

Die angepasste Verweistätigkeit für
diese Explorandin liege in einem temperierten (Raumluft) Raum, beschränke sich
auf leichtgradig körperlich belastende Arbeiten und lasse die Möglichkeit,
zwischen sitzender, stehender und gehender Körperhaltung zu wechseln, zu. Das
Einhalten der Rückenergonomie sei wünschenswert. Die repetitiv zurückzulegende
Gehdistanz sollte nicht mehr als 300 m betragen. Das Stehen am Ort sollte
vermieden werden. Das repetitive Gehen auf unebenem Untergrund und das
repetitive Besteigen von Leitern sei nicht mehr zumutbar. Vermieden werden
sollten berufliche Tätigkeiten, bei denen die Arme repetitiv oberhalb der
Kopfhöhe einzusetzen seien, sofern man die Ellbogen nicht abstützen könne. Die
Prognose sei, aus rein somatisch-rheumatologischer Sicht beurteilt, gut
(IV-Nr. 179.1).

 

5.8.2  Dem im Rahmen der bi- bzw.
interdisziplinären Begutachtung erstellten psychiatrischen Gutachten von
Dr. med. H.___, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom
18. Juli 2014 (Untersuchung vom 15. Juli 2014) kann folgende
psychiatrische Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit entnommen
werden: «Rezidivierende depressive Störung, nicht näher bezeichnet, im Sinne
einer atypischen monopolaren Depression, gegenwärtig mittelgradige Ausprägung
(ICD-10 F33.9), bestehend seit 4/2011». Im Rahmen der Beurteilung und Prognose
wurde im Wesentlichen dargelegt, im Jahr 2011 seien operative Behandlungen
eines Morbus Dupuytren und eines Karpaltunnelsyndroms links erfolgt. Seither
habe die Explorandin persistierende Schmerzen am ganzen Körper entwickelt.
Seitdem leide sie unter depressiven Symptomen und befinde sich seit eineinhalb
Jahren bei Dr. med. R.___ in ambulanter psychiatrischer Behandlung. Zum
Untersuchungszeitpunkt lasse sich ein depressives Zustandsbild feststellen.
Hauptsymptome seien eine deprimierte Stimmung, leichte Konzentrations- und
Gedächtnisdefizite, eine innere Unruhe, ein stark eingeengtes und leicht
verlangsamtes formales Denken, eine Ratlosigkeit, eine etwas eingeschränkte
affektive Schwingungsfähigkeit, eine sexuelle Gleichgültigkeit, Gefühle von
Hoffnungslosigkeit und eine Reduktion des Antriebs. Da die depressiven Symptome
seit dem Jahr 2011 kontinuierlich bestünden, ohne dass es zu einer klaren
Remission gekommen wäre, sei bei der Explorandin zusammenfassend diagnostisch
von einer rezidivierenden depressiven Störung, nicht näher bezeichnet, im Sinne
einer atypischen monopolaren Depression, gegenwärtig mittelgradige Ausprägung
(ICD-10 F33.9), bestehend seit April 2011, auszugehen. Die Testergebnisse im
BDI, ADS-L und im PHQ-9 wiesen ebenfalls auf das Vorhandensein einer
ausgeprägten depressiven Symptomatik hin. Das Ergebnis im MADRS weise auf eine
mässige depressive Symptomatik hin. Für eine Anpassungsstörung sei das
Zeitkriterium gemäss ICD-10 selbst bei einer Anpassungsstörung mit längerer
depressiver Reaktion (maximale Dauer zwei Jahre) längst überschritten. Auch
aufgrund des Beschwerdebilds könne die Diagnose einer Anpassungsstörung nicht
verifiziert werden. Der Unfalltod des Sohnes stelle sicherlich ein sehr
gravierendes und belastendes Lebensereignis dar. Interessanterweise habe die
Explorandin die subjektive Einschätzung angegeben, zunächst im Verlauf der Jahre
dieses Ereignis besser verarbeitet zu haben. Die depressive Symptomatik ab dem
Jahr 2011 habe aber dazu geführt, dass die Coping-Mechanismen der Explorandin,
mit denen sie mit diesem Ereignis umzugehen gelernt habe, sich abgeschwächt
hätten. Die Explorandin beschäftige sich seither wieder vermehrt mit diesem
Ereignis und sei emotional dadurch weitaus stärker belastet als vorher.

 

Es sei festzustellen, dass sich die von
der Explorandin aktuell beschriebenen Schmerzen in diversen Körperbereichen aus
somatischer Sicht nicht ausreichend erklären liessen. Dies könne dem Gutachten
von Dr. med. G.___ entnommen werden. Es sei davon auszugehen, dass durch
die depressive Symptomatik der Explorandin deren subjektive Schmerzwahrnehmung
dysfunktional verstärkt sei. Klare Anhaltspunkte für eine somatoforme
Schmerzstörung, für eine Symptomausweitung oder für eine Simulation könne man
nicht sehen. Die Explorandin weise eine gewisse akzentuierte, ängstlich getönte
Schonhaltung auf, die zur Bewegungsvermeidung und schliesslich sogar zur
Fixierung der betreffenden Bewegungseinschränkung führe. Diese Kinesiophobie
habe zur Folge, dass die Explorandin mögliche Schmerzsensationen in
phobisch-übersteigerter Weise vorwegnehme und in der Folge Bewegungen im Sinne
einer fokussierten Selbstlimitierung schon in einer frühen Phase der Ausführung
abbreche. Bei der Explorandin bestehe klinisch und anamnestisch aktuell kein
Anhaltspunkt für eine Angststörung, Persönlichkeitsstörung, Anpassungsstörung,
Suchterkrankung, eine Erkrankung aus dem schizophrene Formenkreis oder für eine
Zwangsstörung. Zum aktuellen Zeitpunkt stehe die adäquate Behandlung der
rezidivierenden depressiven Störung, nicht näher bezeichnet, im Sinne einer
atypischen monopolaren Depression, gegenwärtig mittelgradige Ausprägung, im
Vordergrund. Es werde die Weiterführung der ambulanten psychiatrischen
Behandlung mit psychopharmakologischen und psychotherapeutisch ausgerichteten
Therapiestrategien sowie die Wiederaufnahme einer Arbeitstätigkeit als
therapeutische Massnahme empfohlen. Das Prinzip der Ablenkung stelle eine der
wichtigsten Strategien im Umgang mit chronischen Schmerzen dar. Bei der
Durchführung der für die Explorandin zumutbaren therapeutischen Massnahmen
könne mit einer mittleren Wahrscheinlichkeit mit einer Steigerung der
Arbeitsfähigkeit der Explorandin gerechnet werden. Insgesamt bestehe aus rein
psychiatrischer Sicht durch die rezidivierende depressive Störung, nicht näher
bezeichnet, im Sinne einer atypischen monopolaren Depression, gegenwärtig
mittelgradige Ausprägung, eine mittelgradige Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit. Der Explorandin sei aus rein psychiatrischer Sicht ein volles
zeitliches Arbeitspensum bei einer gleichzeitig um 40 % verminderten
Leistungsfähigkeit zuzumuten (IV-Nr. 177.1).

 

5.8.3  Die interdisziplinäre
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit lautete dahingehend, in der zuletzt ausgeübten
beruflichen Tätigkeit als Krankenpflegerin könne ab April 2011 eine nahezu
vollständige (mehr als 80 %) Einschränkung der Arbeitsfähigkeit formuliert
werden. Für eine angepasste Verweistätigkeit könne von April bis August 2011
und von Mai 2013 bis zum Zeitpunkt der aktuellen Begutachtung eine
Arbeitsunfähigkeit von mindestens 80 % formuliert werden. Von September
2011 bis Ende April 2013 sei vollumfänglich auf die Einschätzung aus
psychiatrisch-psychosomatischer Sicht abzustellen. Ab dem Zeitpunkt der
aktuellen Begutachtung könne aus interdisziplinärer Sicht eine Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit von (mindestens) 50 % formuliert werden. Es werde
dabei berücksichtigt, dass sich die somatischen und die
psychiatrisch-psychosomatischen Anteile an der Arbeitsfähigkeit überdeckten
(IV-Nr. 177.1 S. 25 und 179.1 S. 22).

 

5.9     Vom 12. Juni bis
5. Juli 2014 war die Beschwerdeführerin im I.___, Rehabilitations- und
Rheumazentrum, hospitalisiert. Die Diagnosen lauteten auf Polyarthrose,
chronisches Lumbovertebralsyndrom, Fibromyalgie, Anpassungsstörung mit
depressiver Reaktion, Morbus Dupuytren-Strahl IV links und Karpaltunnelsyndrom
sowie rezidivierende Clostridium difficile-Colitis seit Dezember 2013 nach
antibiotischer Therapie (11/13). Die Fahrtauglichkeit der Patientin sei nicht
gegeben. Unter dem Titel «Beurteilung, Therapie und Verlauf» wurde im
Wesentlichen angegeben, die Zuweisung sei zur körperlichen Rekonditionierung
nach mehrmonatiger annähernder Immobilität erfolgt, nachdem die Patientin
aufgrund eines generalisierten Schmerzsyndroms und Restbeschwerden nach einer
Talonavikular-Arthrodese rechts im Februar 2014 vorübergehend einen
Elektrorollstuhl benutzt habe. Bei Eintritt auf die Rehabilitationsstation sei
die Patientin in ihrer Mobilität noch deutlich eingeschränkt gewesen, vor allem
aufgrund belastungsabhängiger bilateraler Knie- und Kreuzbeschwerden. Eine
postoperativ angestrebte Teilbelastung des rechten Fusses von max. 40 kg habe
die Patientin nicht einhalten können. In der klinischen Eintrittsuntersuchung
sei sie zur selbstständigen Bewältigung kurzer Distanzen an zwei Gehstöcken im
Stande gewesen. Nicht durchführbar seien der Zehen- und Fersengang sowie auch
der Kauertest gewesen. Im Rahmen des stationären Rehabilitationsaufenthaltes
habe sich die Patientin hochmotiviert und kooperationsbereit gezeigt. Unter
intensiver physio- und ergotherapeutischer Unterstützung habe sie insbesondere
in den Bereichen der Ausdauer und Kraft Fortschritte erzielen und Strategien im
Umgang mit den Beschwerden umsetzen können. Aus Sicht der Ergotherapie habe
eine generelle Verbesserung der psychischen Ressourcen und der körperlichen
Leistungsfähigkeit beobachtet werden können. Insbesondere seien das Erarbeiten
von Strategien für einfache alltägliche Haushaltsaufgaben und die Erarbeitung
eines Eigentrainingsprogrammes für Zuhause erfolgt. Nach Durchführung eines
intensiven Physiotherapieprogrammes hätten sich zudem eine deutlich verbesserte
Gehausdauer und deutlich weniger Belastungsschmerzen gezeigt. Nach einem
Probeurlaub im häuslichen Umfeld habe man die Patientin am 5. Juli 2014 in
deutlich besserem Allgemeinzustand entlassen können. Das initial formulierte
Rehabilitationsziel «Austritt nach Hause mit externer Mobilität 1 km und einige
anstehende Haushaltsaktivitäten selbstständig durchführen» habe vollumfänglich
erreicht werden können (Bericht vom 30. Juli 2014, IV-Nr. 183; vgl.
auch IV-Nr. 174).

 

5.10   Aus dem Bericht der U.___, [...] (Dr. med.
V.___, Facharzt FMH Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates), vom 24. Oktober 2014 geht folgende Diagnose hervor:
Persistierende Pseudoarthrose nach Talonaviculararthrodese rechts vom
22. Mai 2013 (Metallentfernung am 30.10.2013, Rearthrodese vom
12.02.2014). Zum Prozedere wurde dargelegt, es bestehe eine gemeinsame Indikationsstellung
zur erneuten Rearthrodese talonavicular rechts. Damit sei die Patientin
einverstanden (IV-Nr. 195). Gemäss Patientenakte wurde die vierte
Operation am rechten Fuss am 11. Dezember 2014 durchgeführt (Rearthrodese
talonavicular rechts, Spongiosaentnahme aus dem rechten vorderen Beckenkamm,
Metallentfernung; vgl. auch Operationsbericht, IV-Nr. 198 S. 5 f.).
Laut Eintrag vom 23. Januar 2015 bestand sechs Wochen nach dem Eingriff
ein sehr erfreulicher Verlauf. Die Patientin sei beschwerdearm. Sie werde nun
zum Aufbau der Vollbelastung übergehen und sich in ca. vier Wochen für eine
erneute radiologische und klinische Verlaufskontrolle vorstellen
(IV-Nr. 203 S. 6 f.).

 

5.11   Vom 3. bis 10. März 2015 war
die Beschwerdeführerin erneut im I.___ hospitalisiert, wobei folgende
Hauptdiagnosen gestellt wurden: 1. Sinusvenenthrombose unklarer Ätiologie;
2. Oligosymptomatische Mikrohämaturie; 3. Chronisches
Lumbovertebralsyndrom; 4. Polyarthrose; 5. Fibromyalgie mit
Hypermotilitätssyndrom; 6. Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion. Als
Nebendiagnosen wurden (7.) ein Morbus Dupuytren Strahl IV links und Karpaltunnelsyndrom
sowie (8.) eine rezidivierende Clostridium difficile-Colitis seit Dezember 2013
nach antibiotischer Therapie im November 2013 aufgeführt. Im Weiteren wurde
eine vollständige Arbeitsunfähigkeit vom 3. März bis 12. April 2015
attestiert. Zur Anamnese wurde angegeben, die Patientin sei am 3. März
2015 auf der Notfallstation bei Schwindel, Übelkeit und Nystagmus beurteilt
worden. Sie habe über Kopfschmerzen seit ein bis zwei Wochen berichtet, initial
linksseitig, im Verlauf beidseitig ohne neurologische Komponente. Es bestehe
beim Drehen im Bett ein perakuter Drehschwindel mit Nausea. Nach dem HNO-Konsil
sei die stationäre Aufnahme auf der HNO-Station bei Verdacht auf eine
Neuronitis Vestibularis erfolgt. Im weiteren Verlauf sei die Patientin bei
rezidivierendem Erbrechen MR-tomographisch abgeklärt worden. Die bildgebende
Untersuchung habe den Nachweis einer Sinusvenenthrombose erbracht. Es sei die
Übernahme auf die neurologische Schwerpunktstation zur Antikoagulation und
Überwachung erfolgt. Die Beurteilung lautete dahingehend, gegenüber dem
3. März 2015 sei keine signifikante Befundänderung festzustellen. Es
bestehe weiterhin eine Thrombosierung des Sinus transversus und sigmoideus bis
auf Höhe des Foramen jugulare links. Es sei keine venöse Infarzierung
ersichtlich. Es bestehe sodann keine im Verlauf aufgetretene Thrombosierung der
übrigen grossen venösen Blutleiter. Es bestehe eine Regredienz der
seinerzeitigen Flüssigkeitsansammlung. Ansonsten sei ein unverändertes MRI des
Gehirnschädels festzustellen (Bericht vom 9. März 2015; IV-Nr. 204
S. 2 ff.).

 

5.12   Dem Bericht des K.___, Klinik für
Rheumatologie, [...], vom 22. Mai 2015 können folgende Diagnosen entnommen
werden: 1. Generalisiertes chronisches Schmerzsyndrom; 2. Verdacht
auf Karpaltunnelsyndrom bds.; 3. Morbus Dupuytren Strahl IV bds.;
4. Polyarthrose, 5. Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion;
6. St.n. Sinusvenenthrombose unklarer Ätiologie 03/2015. Zum aktuellen
Leiden wurde dargelegt, die Patientin beklage Gelenkschmerzen und
Nervenschmerzen in den Händen beidseits. Es bestünden nächtliche Parästhesien
rechtsbetont im Versorgungsbereich des Medianus. Nach der
Karpaltunnel-Operation im Jahr 2011 hätten sich die Schmerzen initial zwar
gebessert, diese nähmen jedoch zu. Es bestünden morgendliche Schwellungen aller
Finger und Schmerzen aller Fingergelenke. Die Morgensteifigkeit dauere
ca. eine Stunde. Im Rahmen der Beurteilung wurde angegeben, die
Diagnose-Kriterien einer Fibromyalgie seien erfüllt. Ausgehend von
generalisierten degenerativen Veränderungen sei es zu einer Schmerzausweitung
gekommen. Es sei aus rein rheumatologischer Sicht nicht klar, ob primär eine
Fibromyalgie für die Schmerzen verantwortlich gemacht werden müsse oder eine
Ausweitung im Sinne einer Schmerzstörung vorliege. Ein Labor zur Suche von
sekundären Ursachen sei nicht wegweisend gewesen. Die von der Patientin
geschilderten Parästhesien seien passend zu einem anhaltenden
Karpaltunnelsyndrom. Sonographisch sei der rechte Medianus zwar nicht
vergrössert dargestellt, die Klinik aber sei hierzu passend. Die von der
Patientin beobachteten Schwellungen der Finger seien durch eine Arthrose
erklärt. Sonographisch wie radiologisch finde sich das Bild einer STT und
Rhizarthrose. Da eine STT Arthrose gehäuft bei einer CPPD Kristallarthritis zu
finden sei, müsse differenzialdiagnostisch hieran gedacht werden. Hinweise für
eine aktive Arthritis oder eine Chondocalcinose habe sich jedoch sonographisch
nicht gefunden (IV-Nr. 207 S. 2 ff.).

 

5.13   Im Bericht des I.___ (Dr. med.
W.___, Oberarzt Neurologie) vom 12. Oktober 2015 wurden die Diagnosen (mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit) einer Sinusvenenthrombose, Konzentrationsstörungen,
Schwindel und Kopfschmerzen angegeben. Es bestehe eine medizinisch begründete
Arbeitsunfähigkeit von 100 % von März 2015 bis Februar 2016. Der
Gesundheitszustand sei besserungsfähig. Die Patientin sei bei
Sinusvenenthrombose im März 2015 nach wie vor deutlich verlangsamt; es
bestünden Schwindel und Konzentrationsstörungen (IV-Nr. 214). Im Bericht
vom 9. Oktober 2015 (neurologischer Sprechstundenbericht vom
29. September 2015) gab Dr. med. W.___ an, bei bekannter
Sinusvenenthrombose mit Beteiligung des Sinus transversus und Sinus sigmoideus
links zeige sich ein positiver Verlauf: die Beschwerden seien seit März 2015
etwas rückläufig. Die Fortsetzung der oralen Antikoagulation mit Marcoumar
wurde empfohlen (IV-Nr. 216 S. 10 f.).

 

5.14   Gemäss dem Bericht de K.___ vom
7. November 2015 besteht eine medizinisch begründete Arbeitsunfähigkeit
für die angestammte Tätigkeit als ehemalige Pflegerin bzw. B.___-Mitarbeiterin
von dauerhaft mindestens 50 %. Die Patientin sei in der Feinmotorik und in
der Beweglichkeit aufgrund der degenerativen Abnutzung eingeschränkt; es
bestehe eine reduzierte körperliche Leistungsfähigkeit bei chronischen
Schmerzen. Die bisherige Tätigkeit sei allenfalls partiell zumutbar; dabei
bestehe eine verminderte Leistungsfähigkeit. Leichte körperliche Tätigkeiten
mit mehrheitlich sitzenden Anteilen seien langfristig für ca. fünf bis sieben
Stunden pro Tag zumutbar; zu Beginn sei jedoch eine Eingliederungsphase nötig
aufgrund der langen Abwesenheit vom Arbeitsprozess. Aufgrund der chronischen
Schmerzen bestehe ein vermehrter Pausenbedarf (IV-Nr. 215).

 

5.15   Der Hausarzt Dr. med. X.___,
Allgemeine Innere Medizin FMH, hielt in seinem Bericht vom 24. November
2015 fest, die Patientin habe am 3. März 2015 eine Sinusvenenthrombose
erlitten. Seither stehe sie unter Blutverdünnung mit Marcoumar. Sie werde
regelmässig auf der neurologischen Abteilung des I.___ nachkontrolliert.
Aktuell sei die Situation stabil. Die Entwicklung bezüglich des rechten Fusses
(letzte Operation im Dezember 2014) sei jedoch erfreulich und die Beschwerden
diesbezüglich seien eindeutig zurückgegangen. Als Folge der Sinusvenenthrombose
leide die Patientin nun unter Gleichgewichtsstörungen und chronischem
Schwindel. Das generalisierte chronische Schmerzsyndrom bestehe weiterhin,
diesbezüglich sei eine stationäre Behandlung geplant. Die bisherige Tätigkeit
sei nicht mehr zumutbar, da die Patientin unter chronischem Schmerzen und
schneller Erschöpfbarkeit leide. Eine andere Tätigkeit sei jedoch für vier
Stunden pro Tag zuzumuten, wobei eine um 50 % verminderte
Leistungsfähigkeit bestehe. Eine selbstständige Einteilung der Arbeitsbelastung
durch die Patientin müsste möglich sein (IV-Nr. 216 S. 5 ff.).

 

5.16   Vom 30. November bis
15. Dezember 2015 hielt sich die Beschwerdeführerin stationär im K.___,
Klinik für Rheumatologie, auf. Aus dem Bericht vom 7. Januar 2016 geht
hervor, die Zuweisung sei bei Versagen der ambulanten Therapiemassnahmen
erfolgt. Die Patientin leide unter einer chronischen Schmerzstörung mit psychischen
und somatischen Faktoren. Zusätzlich stehe ein chronisches
Lumbovertebralsyndrom mit aktuell facettärer Überlastung im Vordergrund.
Erschwerend seien noch eine Polyarthrose mit Gonarthrose, Arthrosen im Bereich
der Hände und des rechten Fussgewölbes aufgetreten. Ferner bestehe ein Hinweis
für eine Hypermobilität. Unmittelbar nach der stationären Aufnahme sei die
Patientin in eine konservative multimodale Schmerztherapie integriert worden.
Es seien eine interdisziplinäre Diagnostik mit mindestens einmal wöchentlicher
Teambesprechung erfolgt. Neben der täglichen Visite mit Teambesprechung seien
therapeutisch täglich Therapieverfahren wie Schmerztherapie, aktive
Physiotherapie, medizinische Trainingstherapie, Psychotherapie und
Entspannungsverfahren durchgeführt worden. Zusätzlich sei wöchentlich ein
mindestens 30-minütiges ärztliches und psychotherapeutisches Einzelgespräch
abgehalten worden. Am 1. und 8. Dezember 2015 seien eine
psychiatrische Beurteilung und ein psychotherapeutisches Gespräch erfolgt. Daraufhin
habe von Mirtazapin auf ein Amitryptilin (Saroten) gewechselt werden können.
Die Patientin habe es in der Folge gut vertragen. Eine
Facettengelenksinfiltration LWK 4/5 am 8. Dezember 2015 habe ein gutes
Ansprechen ergeben. Das Schmerzniveau habe gesenkt werden können. Kurz vor
Austritt seien wiederum stärkere Schmerzen zu verzeichnen gewesen. Man habe
deswegen wieder mit Novalgin begonnen, bei diskreter Leukopenie werde um eine
kritische Evaluation ambulant gebeten. Die Patientin verfüge über regelmässige
Psychotherapietermine (IV-Nr. 217 S. 2 ff.).

 

5.17   Aus dem Bericht des I.___ (Dr. med.
Y.___, Leitender Arzt) vom 19. August 2016 geht im Wesentlichen hervor,
die Patientin beschreibe klar einen Dauerschmerz in allen vier
Körperquadranten. Bei Erfüllung der neuen Klassifikationskriterien einer
Fibromyalgie sei an der Diagnose einer Fibromyalgie nicht zu zweifeln. Es
bestünden auch klassische funktionelle Begleitbeschwerden wie diffuse
Muskelschmerzen, Gedächtnisprobleme, Abgeschlagenheit, trockene Augen und Mund
sowie eine ausgeprägte Nervosität. Die Patientin habe sich zur Aufnahme in die
interne Fibromyalgiegruppe entschliessen können mit dem Ziel, das Wissen zu
erweitern sowie das Erlernen von Selbstmanagementstrategien im Umgang mit den
Beschwerden. Zusätzlich seien auch Kraft und Ausdauer nachhaltig aufzubauen.
Sodann bestehe der Austausch unter den Betroffenen. Die kribbelnden
Parästhesien, hauptsächlich nachts auftretend, seien aufgrund des
sonomorphologischen Befundes bei deutlicher Nervus medianus-Verdickung
beidseits klar im Rahmen eines symptomatischen Karpaltunnelsyndroms zu sehen
(IV-Nr. 242).

 

5.18   Dem interdisziplinären Gutachten
des L.___ vom 16. Februar 2017 kann entnommen werden, dass die
Beschwerdeführerin dort am 24., 25. und 31. August sowie 9. September
2016 allgemein-internistisch (Dr. med. Z.___, Facharzt für Innere Medizin
FMH), rheumatologisch (Dr. med. AA.___, Facharzt für Rheumatologie FMH),
neurologisch (Dr. med. AB.___, Facharzt für Neurologie FMH),
neuropsychologisch (Dr. phil. AC.___, Neuropsychologin mit PVK-Zulassung)
und psychiatrisch (med. pract. AD.___, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie FMH) begutachtet wurde. Die Diagnosen mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit lauteten wie folgt: «1. Trikompartimentale Gonarthrose
mit Valgusfehlstellung beidseits mit/bei: Status nach wiederholten
Knieoperationen beidseits bei habitueller Patellaluxation, Status nach
Implantation einer Knie-TEP rechts am 15.06.2012, Gonarthrose links, medial und
lateral ausgeprägt; 2. Status nach viermaliger Arthrodese einer
Talonaviculararthrose rechts vom Mai 2013 bis Dezember 2014;
3. Periarthropathia humeroscapularis tendinotica rechts bei Status nach
Arthroskopie mit Kalkentfernung im Bereich der rechten Schulter 2005». Die
weiteren gestellten Diagnosen (4. Chronisches Lumbovertebralsyndrom
mit/bei: lumbosacraler Einengung; 5. Dupuytren’sche Kontraktur des IV.
Strahls der rechten Hand; 6. CTS-Symptomatik beidseits [anamnestisch];
7. Status nach CTS-Operation links sowie operativer Sanierung
[Synovektomie] einer Dupuytren’sche Kontraktur Strahl IV links am 28.04.2011
mit postoperativem Morbus Sudeck (CRPS), abgeheilt; 8. Status nach
Klumpfuss-Operation links im Kleinstkindesalter; 9. Metabolisches Syndrom
mit/bei: Adipositas Grad I nach WHO [BMI 30.5 kg/m2],
arterieller Hypertonie, gemischter Hyperlipidämie; 10. Status nach
Sinusvenenthrombose mit Beteiligung des Sinus transversus nach Sinus sigmoideus
links im März 2015, keine Hinweise für Thrombophilie, unter oraler
Antikoagulation leichte Besserung des thrombotischen Füllungsdefektes im Sinus
transversus und Sinus sigmoideus; 11. Rezidivierende
Clostridium-difficile-Infektionen mit/bei: Status nach drei Episoden seit
Dezember 2013, unauffälliger Kolonoskopie am 09.05.2014; 12. Chronische
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren [ICD-10: F45.41];
13. Sonstige depressive Episoden [ICD-10: F32.8]; 14. Probleme mit
Bezug auf die Lebensführung [ICD-10: Z72], vermehrter Konsum von Alkohol;
15. Kontaktanlässe mit Bezug auf das Berufsleben [ICD-10: Z56], Status
nach Kündigung; 16. Kontaktanlässe mit Bezug auf das Wohnumfeld und die
wirtschaftliche Lage [ICD-10: Z59], Abhängigkeit vom Sozialamt mit Druck, eine
eigene Wohnung zu nehmen; 17. Andere Kontaktanlässe mit Bezug auf den
engeren Familienkreis [ICD-10: Z63], plötzlicher Tod des Sohnes 2001, Tod des
Bruders 2010, Familienzerrüttung durch Trennung und Scheidung 1996) haben nach
den gutachterlichen Angaben keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit.

 

Im Rahmen der versicherungsmedizinischen
Beurteilung legten die Gutachter im Wesentlichen dar, die Explorandin habe nach
der obligatorischen Schule eine Lehre als Hauspflegerin absolviert, um
anschliessend bei der B.___ zu arbeiten. Zwischen 1985 und 1991 habe sie eine
Familienpause gemacht und dann wieder begonnen, als Hauspflegerin oder
Nachtwache zu arbeiten, bis sie wegen zunehmender Gelenksprobleme diese
Tätigkeit habe niederlegen müssen und sich bei der IV mit einem Antrag auf eine
Umschulung gemeldet habe. Nach entsprechenden Abklärungen habe sie eine
Umschulung zur Medizinischen Praxisassistentin begonnen, die sie allerdings
kurzfristig wieder abgebrochen habe, um anschliessend wieder als Nachtwache
bzw. B.___-Angestellte zu arbeiten. Nach einer Karpaltunnelsyndrom-Operation
links im April 2014 (recte: 2011) sei es zu einem postoperativen Sudeck-Syndrom
mit einem protrahierten Verlauf gekommen. Später habe die Explorandin wegen
einer fortgeschrittenen Knie- und später Talonaviculararthrose rechts operiert
werden müssen. Trotz wiederholten ambulanten und stationären
Rehabilitationsmassnahmen sei es nicht mehr gelungen, die Explorandin in die
Arbeitswelt zu reintegrieren. Inzwischen sei die geschiedene Mutter einer
erwachsenen Tochter vom Sozialamt abhängig. Sie versuche, soweit als möglich,
sich um ihren Haushalt zu kümmern und gehe mit ihrem Hund spazieren.

 

Zur aktuellen Situation nahmen die
Gutachter dahingehend Stellung, aufgrund der schweren Arthrose, welche die
Explorandin in praktisch allen Gelenken habe, leide sie aktuell unter
permanenten Schmerzen, die man mit Medikamenten kaum mehr beeinflussen könne.
Am schlimmsten seien die Schmerzen in den Händen, welche auch geschwollen
seien, im Bereich der Lendenwirbel sowie auch im Schultergürtel. Sie habe auch
starke Schmerzen in den Knie- und Fussgelenken, welche schon mehrmals operiert
worden seien. Zum Sitzen brauche sie jetzt ein spezielles Sitzkissen. Wenn sie
aufstehen wolle, verspüre sie Anlaufschmerzen und sei wie blockiert. Sie könne
auch nicht lange stehen, gehen oder sitzen bleiben. Seit ihrer
Sinusvenenthrombose im März 2015 gehe es ihr nicht nur körperlich, sondern auch
geistig deutlich schlechter. Sie leide seither unter unkontrollierten Zuckungen
in den Armen, Händen und Beinen und fühle sich beim Gehen sehr unsicher. Beim
Autofahren oder beim Einkaufen werde es ihr schnell schwindlig und sie habe wie
eine Art verzögerte Wahrnehmung. Sie sei auch sehr vergesslich geworden und
habe sehr grosse Mühe, sich zu konzentrieren. Wenn sie gleichzeitig mehrere
Stimmen höre, ergebe sich ein Durcheinander in ihrem Kopf. Gespräche in einer
Gruppe mitzuverfolgen, falle ihr deshalb sehr schwer. Schon kleinere Aufgaben
überforderten sie. Sie fühle sich dann gestresst und blockiert, z.B. wenn sie
zu einer bestimmten Zeit Termine wahrnehmen müsse. Sie müsse ihre ganze Energie
aufwenden, um ihren Alltag irgendwie zu bewältigen, und stetig gegen
pessimistische Gedanken ankämpfen.

 

Die im Rahmen der aktuellen
interdisziplinären Begutachtung durchgeführte allgemein-internistische
Untersuchung ergebe das Bild einer 56-jährigen, adipösen und etwas
dekonditionierten Frau in gutem Allgemeinzustand. Der internistische Status sei
an sich unauffällig. Die Explorandin sei normoton, normokard und kardiopulmonal
kompensiert. Bei einem Body Mass Index von 30.5 kg/m2 bestehe eine
Adipositas Grad I nach WHO. Da die Explorandin auch an einer arteriellen
Hypertonie leide und im Labor erhöhte Cholesterin- und Triglyceride-Werte
nachweisbar seien, könne formell die Diagnose eines metabolischen Syndroms
gestellt werden. Unter der aktuellen hypertensiven Therapie sei der Blutdruck
gut eingestellt. Klinisch bestünden keine Hinweise für eine Herzinsuffizienz
oder für eine periphere arterielle Verschlusskrankheit. Das EKG zeige einen unauffälligen
Erregungsablauf, ohne Hinweise für eine kardiale Ischämie oder eine
linksventrikuläre Hypertrophie. Die Spirometrie ergebe normale statische und
dynamische Lungenvolumina, sodass sich kein Anhaltspunkt für eine obstruktive
oder restriktive Ventilation ergebe. Der Abdominalstatus sei unauffällig,
ebenso die weiteren Laboruntersuchungen. Aus internistischer Sicht könne
demzufolge keine Diagnose gestellt werden, welche einen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit der Explorandin hätte. Sie sei demzufolge aus
allgemein-internistischer Sicht für alle bisherigen Tätigkeitsbereiche als zu
100 % arbeitsfähig zu beurteilen.

 

Im Weiteren wurde dargelegt, bei der
rheumatologischen Untersuchung könnten pathologische Befunde einerseits im
Bereich der rechten Schulter und beider Hände, im Bereich beider Kniegelenke
und im Bereich beider Füsse erhoben werden. Die Periarthropathia humeroscapularis
tendinotica rechts mit leicht positivem Jobe-Test sei wenig einschränkend, da
das Gelenk fast völlig frei beweglich sei. Im Bereich beider Hände mit
positivem Tinel-Zeichen und CTS-Symptomatik sowie Dupuytren rechts Strahl IV
und Status nach Dupuytren-Operation links Strahl IV und CTS-Operation links sei
die Funktion eigentlich voll, der Faustschluss sei vollständig und kräftig. Im
Bereich beider Kniegelenke zeige sich bei Status nach Knie-Totalprothese rechts
doch eine ordentliche Beweglichkeit von 110 ° Flexion mit voller
Streckung, aber keiner Überstreckung, fehlendem Erguss, aber positiver
Bakerzyste. Das linke Knie bei medialer, mehr als bei lateraler Gonarthrose und
fehlendem Erguss, aber positiver Bakerzyste sei sicher vermindert belastbar,
aber momentan reizfrei. Im Bereich der Füsse, wo beidseits
Klumpfuss-Operationen stattgefunden hätten und auf der rechten Seite das
Talonaviculargelenk insgesamt viermal operiert worden sei, bestehe ein steifes
unteres Sprunggelenk und ein in der Beweglichkeit um 1/3 eingeschränktes oberes
Sprunggelenk, was doch auch einer verminderten Belastbarkeit bei längerer
Gehstrecke gleichkomme. Die Rückenproblematik sei nicht limitierend. Bei diesen
multilokulären Problemen im Bereich der Schulter rechts, vor allem aber beider
Kniegelenke und des rechten oberen und unteren Sprunggelenkes, sei der
Explorandin die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Pflegehelferin oder
Hauspflegerin nicht mehr zumutbar. In einer den Leiden angepassten Tätigkeit
sei aus rheumatologischer Sicht eine 80%ige Arbeitsfähigkeit möglich. Diese
angepasste Tätigkeit sollte wechselnd belastend ausgeführt werden, ohne
längeres Stehen, ohne längeres Gehen, ohne Arbeiten auf Leitern und ohne
Arbeiten in kauender Stellung. Ebenfalls unvorteilhaft seien Arbeiten über der
90 °–Ebene mit der rechten oberen Extremität. Wegen der Schmerzen seien
der Explorandin vermehrte Pausen zu gewähren, was die 20%ige Einschränkung im
Sinne einer verminderten Leistungsfähigkeit erkläre.

 

In der neurologischen Untersuchung
konnten keine fokalen Defizite objektiviert werden. Die Hypästhesie auf dem
rechten Fussrücken sei hinreichend durch die multiplen Sprunggelenksoperationen
zu erklären. Es finde sich aktuell kein Hinweis auf eine zentral- oder
peripher-vestibuläre Störung. Die von der Explorandin vorgetragene,
insbesondere in der zweiten Hälfte 2015 und im Jahr 2016 zunehmende
Schwindelsymptomatik sei gemäss der Anamnese sehr gut mit einem phobischen
Schwankschwindel zu vereinbaren. Hierfür sprächen insbesondere das ausschliesslich
situative Auftreten des Schwindels und die klare Angstbesetzung. Auch die
Progredienz dieser Schwindelform bei gleichzeitiger Regredienz des
MR-tomographischen Befundes der Sinusvenenthrombose spreche gegen einen
kausalen Zusammenhang und somit auch gegen eine organische Genese der aktuell
beklagten Schwankschwindelsymptomatik. Auf fachneurologischem Gebiet bestehe
somit keine zusätzliche Minderung der Arbeitsfähigkeit.

 

Zur neuropsychologischen Untersuchung
wurde festgehalten, man finde reguläre kognitive Leistungen im Bereich der
Sprach- und sprachassoziierten Funktionen, im Rechnen, in den
konstruktiv-praktischen Fähigkeiten, in den Wahrnehmungsfunktionen, in der
Mehrheit der Konzentrations- und Aufmerksamkeitsleistungen, in der Mehrheit der
Exekutivfunktionen, in den praktischen Fähigkeiten sowie auch in der Mehrheit
der Lern- und Gedächtnisfunktionen. Zu isolierten Leistungseinbussen komme es
bei der Fehlerkontrolle in der selektiven Aufmerksamkeitsleistung, bei der
Geschwindigkeitsleistung in der phasischen Alertness, bei der verbalen
Ideenproduktion, bei der verbalen Abrufleistung nach Vorgabe einer
Interferenzliste wie auch bei der Abrufleistung der komplexen geometrischen
Figur. Diese isolierten kognitiven Teilleistungsschwächen entsprächen einer
leichten kognitiven Störung. Es seien leichte Minderleistungen in mehreren
kognitiven Teilfunktionen bei ein bis zwei Standardabweichungen unter dem
Mittelwert zu finden. Die Funktionsfähigkeit sollte im Alltag und unter den
meisten beruflichen Anforderungen nicht eingeschränkt sein. Bei Aufgaben und
Tätigkeiten mit hohen Anforderungen an die Kognition könnte die
Funktionsfähigkeit eingeschränkt sein. Eine Aggravation / Simulation
als Ursache der leichten kognitiven Störung könne mit hoher Wahrscheinlichkeit
ausgeschlossen werden. Am ehesten sei von einer multifaktoriellen Genese
auszugehen. Die kognitiven Einbussen liessen sich im Rahmen der
Schmerzproblematik und der deutlichen psychischen Verstimmung interpretieren.
In Erwägung zu ziehen seien auch Nebenwirkungen der zentralnervös wirksamen
Medikamente. Zusammenfassend finde man aus rein neuropsychologischer Sicht bei
einer leichten kognitiven Störung keine IV-relevanten Einschränkungen bezüglich
einer Arbeits- oder Umschulfähigkeit.

 

Aus der psychiatrischen Exploration geht
hervor, die Explorandin berichte über unspezifische depressive Symptome in Form
eines somatischen Syndroms mit Gefühlen von Besorgnis, Anspannung, Ängsten und
einer Mischung aus anhaltenden Schmerzen, die nicht vollständig somatisch zu
erklären seien. Die festzustellende leichte depressive Symptomatik erfülle
nicht die diagnostischen Kriterien einer depressiven Episode gemäss ICD-10.
Einzelne Episoden könnten nicht abgegrenzt werden, weshalb hier auf F32 statt
F33 zurückgegriffen werde. Ängste bezögen sich auf die soziale und
gesundheitliche Zukunft, Schlafstörungen seien schmerzbedingt vorhanden und ein
Libidoverlust sei medikamenteninduziert. Reaktiv bedingt sei es zu einem
vermehrten Alkoholkonsum gekommen, den die Explorandin in der Psychotherapie
angehe. Es liege eine familiäre Häufung (Alkoholabhängigkeit) vor. Der Konsum
erfülle aber nicht die Kriterien eines Missbrauchs gemäss den diagnostischen
Leitlinien, weshalb dieser nur Z-kodiert worden sei. Multiple psychosoziale Belastungen,
die sich im Verlauf der Biographie angehäuft hätten, und die Aufeinanderfolge
verschiedener ebenfalls belastender und schmerzhafter Operationen, teilweise
mit Komplikationen, hätten zu einem chronifizierten Schmerzsyndrom (F45.41)
geführt. Die Schmerzsymptomatik werde durch psychische Faktoren verstärkt,
ausgeweitet und modifiziert. Sie ziehe Einschränkungen bei den
Alltagsaktivitäten nach sich. Die seelische Vulnerabilität habe mit jedem neuen
belastenden Ereignis zugenommen. Es seien daneben Ängste und Sorgen
hinzugetreten. In erster Linie habe die Explorandin verschiedene schwerwiegende
Verlusterlebnisse erlitten. So habe sie nach ihrer kurzen Ehe, die nur vier
Jahre gedauert habe (Scheidung 1992), und jahrelangem Status als
Alleinerziehende 2001 den Tod ihres Sohnes durch einen Starkstromunfall im
Alter von 16 Jahren zu verkraften gehabt, 2010 den Tod des Bruders, 2011 einen
als kränkend erlebten Stellenverlust und 2014 den Verlust ihres eigentlichen
Zuhauses, als das Sozialamt sie gezwungen habe, infolge des Konkubinats eine
eigene Wohnung zu suchen. Die Tatsache, dass sich der aktuelle Lebenspartner
nächstens auf eine sechsmonatige Reise begebe und sie somit in ihrem Alltag
alleine lasse, rufe weitere Ängste hervor. Die somatischen Erkrankungen hätten
aufgrund der teilweise als subjektiv erlebten Einschränkungen (die Explorandin
benutze u.a. einen Elektrorollstuhl) zu Ängsten bezüglich der zukünftigen
Gesundheit und allgemein der Zukunftsgestaltung geführt. Für eine Aggravation
oder Schmerzausweitung ergäben sich keine Hinweise. Schwere kognitive Störungen
könnten bei der hiesigen neuropsychologischen Untersuchung nicht festgestellt
werden und stünden einer Tätigkeit nicht im Weg. Aktuell könne keine
psychiatrische Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit festgestellt
werden. Aus versicherungspsychiatrischer Sicht sei die Explorandin als zu
100 % arbeitsfähig zu betrachten.

 

Zu den spezifischen Auswirkungen der
gesundheitlichen Störung auf die Funktions- und Arbeitsfähigkeit führten die Gutachter
im Rahmen der interdisziplinären Beurteilung aus, zusammenfassend und unter
Berücksichtigung aller Gegebenheiten und Befunde sei die Explorandin aufgrund
ihrer multilokulären degenerativen Problematik im Bereich der Schulter rechts,
vor allem aber beider Kniegelenke und des rechten oberen und unteren
Sprunggelenks, als Pflegehelferin oder Hauspflegerin nicht mehr einsetzbar. Für
diesen Beruf sei sie seit April 2001 (recte: 2011) dauerhaft zu 100 %
arbeitsunfähig. In einer den körperlichen Leiden optimal angepassten Tätigkeit
bestehe seit Juni 2015 eine 80%ige Restarbeitsfähigkeit. Diese angepasste
Tätigkeit sollte wechselnd belastend ausgeführt werden können, ohne längeres
Stehen, ohne längeres Gehen, ohne Arbeiten auf Leitern und ohne Arbeiten in kauender
Stellung. Ebenfalls unvorteilhaft seien Arbeiten über der 90 °-Ebene mit
der rechten oberen Extremität. Wegen der Schmerzen seien der Explorandin
vermehrte Pausen zu gewähren, was die 20%ige Einschränkung im Sinne einer
verminderten Leistungsfähigkeit erkläre. Eine zusätzliche, internistische,
neurologisch neuropsychologische oder psychiatrisch bedingte Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit sei nicht ausgewiesen. Aus interdisziplinärer Sicht sei die
Explorandin für behinderungsbedingte Tätigkeiten zu 80 % arbeitsfähig.

 

Zur Festlegung des Beginns und des
weiteren Verlaufs der Arbeitsunfähigkeit wurde dargelegt, retrospektiv könne
der Gesundheitszustand der Explorandin zwischen April 2011 (CTS-Operation) und
Dezember 2014 (letzte Fussoperation) bzw. Juni 2015 (3 Monate nach der
Sinusvenenthrombose) als instabil betrachtet werden. In dieser Zeit sei die
Explorandin mehrheitlich zwischen 50 und 100 % arbeitsunfähig gewesen.
Aufgrund der aktuellen Untersuchungsergebnisse könne für die Zeit danach von
einer stabilen Phase ausgegangen werden, in der ihr eine 80%ige
Restarbeitsfähigkeit für angepasste Tätigkeiten zugemutet werden könne.

 

Zu den Therapievorschlägen wurde
angegeben, aus interdisziplinärer Sicht sei nicht anzunehmen, dass die aktuell
gutachterlich festgestellte Restarbeitsfähigkeit der Explorandin durch
medizinische Massnahmen verbessert oder gesteigert werden könne. Aufgrund der
multiplen belastenden Lebensereignisse mit zunehmender sich chronifizierender
Schmerzsymptomatik seien die Ressourcen der Explorandin, die Einschränkungen
durch die Schmerzen und die weiteren somatischen Symptome wie Kraftlosigkeit
und Schwindel zu überwinden, etwas eingeschränkt, eventuell könne die
Psychotherapie noch intensiviert werden. Berufliche Wiedereingliederungsmassnahmen
seien aus versicherungsmedizinischer Sicht indiziert (IV-Nr. 247).

 

5.19   Im Bericht des I.___ vom
23. März 2017 stellte Dr. med. Y.___ neu die Diagnose «Verdacht auf
seronegative rheumatoide Arthritis (EM 11/2016)» und führte aus, unter einer
nun seit sechs Wochen bestehenden Basisbehandlung mit 15 mg Methotrexat
wöchentlich sowie Reduzierung der zuvor sehr eindrücklich wirksamen
Glukokortikoid-Medikation berichte die Explorandin über ein Wiederauftreten der
altbekannten Symptomatologie im Sinne einer Kraftlosigkeit sowie
Ungeschicklichkeit aller Finger und einem persistierenden Steifigkeitsgefühl,
vor allem morgens, von mehreren Stunden. Klinisch zeige sich keine
eindrückliche floride Synovitis, jedoch aufgrund der geschilderten Klinik müsse
von einer erneuten Krankheitsaktivität ausgegangen werden. Man habe sich
deshalb entschlossen, die Methotrexat-Dosierung zu erhöhen, mit dann weiteren
laborchemischen Verlaufskontrollen. Haupterschwerend werde im weiteren Verlauf
sein, die Beschwerden von Fibromyalgie und entzündlicher Grunderkrankung zu
differenzieren und auch entsprechend die Therapie anzupassen (IV-Nr. 255
S. 7 ff.).

 

5.20   Dr. med. X.___ äusserte sich
in seinem Bericht zu Handen der IV-Stelle vom 24. März 2017 dahingehend,
seit dem Zeitpunkt des Erstellens des polydisziplinären Gutachtens sei es zu
einer weiteren relevanten Diagnose gekommen. Es handle sich um eine rheumatoide
Arthritis, welche zum aktuellen Zeitpunkt mit einer ausgedehnten medikamentösen
rheumatologischen Therapie im Rheumazentrum des I.___ behandelt werde. Eine gut
behandelte rheumatoide Arthritis stelle wahrscheinlich langfristig keine
ausgeprägte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit dar. Jedoch zeige diese
relevante zusätzliche Diagnose, dass der aktuelle gesundheitliche Zustand der
Patientin bei weitem nicht stabil sei. Unabhängig davon erschienen einige
Aussagen im Gutachten doch etwas fragwürdig. Schon inhaltlich seien einige
Aussagen unglaubwürdig, so zum Beispiel, dass die Patientin in ihrer Freizeit
kaum eingeschränkt sei und weiterhin ihre Hobbys pflegen könne. Dies entspreche
nicht den Tatsachen und sei auch kein Argument für eine uneingeschränkte
Arbeitsfähigkeit. Es sei erstaunlich, dass die verschiedenen befragten
Fachärzte zwar in diesem Gutachten zitiert würden, deren Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit aber mehr oder weniger ignoriert werde. So hätten gemäss
diesem Gutachten Dr. med. W.___ von der Neurologie des I.___, die
Rheumatologen des AE.___ die Psychiaterin Dr. med. R.___ sowie die
früheren Gutachter Dres. med. G.___ und H.___ jeweils alle nur eine sehr
eingeschränkte Teilarbeitsfähigkeit konstatiert. Dies werde in den
Schlussfolgerungen dieses Gutachtens weder kommentiert noch diskutiert.
Speziell hinzuweisen sei auf das psychiatrische Teilgutachten. Obwohl Anamnese
und Untersuchung sehr detailliert und sorgfältig erschienen, wirke es so, als
ob anschliessend über eine andere Patientin berichtet worden wäre. Die Diagnose
der behandelnden Psychiaterin vom 18. März 2016 (mittelgradige depressive
Episode ohne Remission) werde vom beurteilenden Psychiater schlichtweg als
Fehldiagnose dargestellt und er entscheide, dass die Patientin keine Depression
habe. Dass er dafür als Beweis anführe, die Patientin sei noch in der Lage,
aktiv in einem Verein mitzumachen, erscheine für einen Psychiater wenig
professionell. Die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit im aktuellen Gutachten
konstatiere eine zumutbare Restarbeitsfähigkeit von 80 % und zusätzlich
sieben zu erfüllende Bedingungen. Dies entspreche dann wahrscheinlich eher
einer Arbeitsfähigkeit von zwischen 30 und 50 % (IV-Nr. 255 S. 1
f.).

 

5.21   Im Bericht des I.___,
Rehabilitations- und Rheumazentrum, vom 6. Juni 2017 wurde u.a. die
Diagnose «Kalziumpyrophosphatarthropathie (CPPD) (EM 11/2016)» gestellt
und darauf hingewiesen, unter der vor eineinhalb Wochen aufgenommenen NSAID-Medikation
mit Etoricoxib 60 mg sei es innerhalb von wenigen Tagen zu einer
massivsten Beschwerdereduktion der klar entzündlichen Beschwerden gekommen.
Auch werde die NSAID-Medikation bei bekannter Refluxösophagitis momentan
relativ gut toleriert. Diese Therapie sei fortzuführen (IV-Nr. 257).

 

5.22   RAD-Arzt Dr. med. AF.___,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, hielt in seiner Stellungnahme vom
14. Juni 2017 fest, auf das polydisziplinäre L.___-Gutachten vom
16. Februar 2017 könne abgestellt werden. Bezüglich der neuen Diagnose
«Kalziumpyrophosphat-Arthropathie» sei festzustellen, dass der aktuellste
Bericht des Rehabilitations- und Rheumazentrums des I.___ explizit auf einen
sehr guten Behandlungserfolg und eine massive Beschwerdereduzierung hinweise,
sich aber nicht zu den Auswirkungen der Diagnose und Befunde auf die
Arbeitsfähigkeit der Explorandin äussere. Da mögliche Einflüsse der neuen
Befunde und Diagnose auf die Arbeitsfähigkeit der Explorandin nicht
abschliessend eingeschätzt werden könnten, empfehle sich diesbezüglich eine
Rückfrage beim rheumatologischen Gutachter (IV-Nr. 258 S. 5).

 

5.23   Der rheumatologische L.___-Teilgutachter,
Dr. med. AA.___, hielt in seiner Stellungnahme vom 2. August 2017
fest, der medizinische Sachverhalt ändere sich insofern, als eine zusätzliche
rheumatologische Diagnose im Raum stehe, welche jedoch als Diagnose ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit angesehen werden müsse. Wegen einer
Kalziumpyrophosphatarthropatie, bei welcher gemäss den Berichten des I.___ nach
begonnener Therapie eine massivste Beschwerdereduktion eingetreten sei, ändere
sich aus rheumatologischer Sicht an der Arbeitsfähigkeit nichts. Zudem sei die Kalziumpyrophosphatarthropathie
eine Krankheit, welche nicht zur dauernden Invalidität führe und zudem gut
behandelbar sei (IV-Nr. 260).

 

5.24   RAD-Arzt Dr. med. AF.___
äusserte sich am 10. August 2017 dahingehend, an den Ergebnissen der
polydisziplinären L.___-Begutachtung könne unter Erweiterung der festgestellten
rheumatologischen Diagnosen einer Kalziumpyrophosphat-Arthropathie weiterhin
unverändert festgehalten werden (IV-Nr. 262 S. 2).

 

5.25   Dr. med. Y.___ hielt in
seinem Bericht vom 16. Oktober 2017 fest, die Patientin leide schon seit
Jahren an einem chronischen Schmerzsyndrom, welches sich anfänglich im Rahmen
einer Fibromyalgie im Sinne eines weichteilrheumatischen Beschwerdebildes
manifestiert habe. Im Verlauf habe sich dann klar ein entzündlich rheumatologisches
Krankheitsbild im Sinne einer rheumatoiden Arthritis bei auch klinisch sehr
eindrücklicher entzündlicher Beteiligung der Gelenke gezeigt, die jeweils auf
höher dosierte Cortison-Gaben sehr gut angesprochen hätten. Es sei davon
auszugehen, dass sich diese entzündliche Grunderkrankung schon vor mehreren
Monaten, d.h. auch schon im Oktober 2015, atypischerweise durch unspezifische
Schmerzen geäussert habe. Somit sei es der Patientin damals auch nicht möglich
gewesen, in einer entsprechenden Arbeitstätigkeit wie beispielsweise als B.___-Angestellte
tätig zu sein. Zusammenfassend müsse somit der Entscheid der IV-Stelle
Solothurn revidiert werden, da damals sicherlich schon von einer entzündlichen
Grunderkrankung ausgegangen werden könne. Aktuell werde eine immunsupressive
Medikation geplant, um das Beschwerdeausmass entsprechend zu reduzieren. Sehr
eindrücklich sei das gute Ansprechen der systemischen Glukokortikoid-Medikation
(IV-Nr. 269 S. 4).

 

5.26   Dem (provisorischen)
Austrittsbericht des I.___, Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefässchirurgie,
vom 20. Oktober 2017 kann entnommen werden, dass bei der Beschwerdeführerin
am 17. Oktober 2017 eine Operation (Diagnostische Laparoskopie,
Hiatus-Repair [Augmentation mit BioA-Netz, resorbierbar], Hemifundoplicatio
nach Toupet [270 Grad], Drainage im Oberbauch links) durchgeführt wurde. Es
wurden u.a. eine «schwere Refluxösophagitis bei grosser axialer Hiatushernie,
klinisch Verdacht auf Barrettösophagus mittelschwere Antrumgastritis» sowie
eine «Peroneussehnenruptur links des M. peroneus longus und partiell M.
peroneus brevis» diagnostiziert. Es habe ein komplikationsloser perioperativer
Verlauf bestanden. Die eingelegte Magensonde habe am 18. Oktober 2017
gezogen werden können. Der stufenweise Kostaufbau sei gut vertragen worden. Im
Rahmen der Mobilisation habe die Patientin zunehmend über Schmerzen im Bereich
des rechten Sprunggelenks geklagt. Diese hätten schon seit dem Treppenlaufen in
der Sprechstunde bestanden. Die am 21. Oktober 2017 durchgeführte Röntgenuntersuchung
habe lediglich degenerative Veränderungen gezeigt. Im MRT des Sprunggelenks am
23. Oktober 2017 habe sich eine vollständige Ruptur der Sehne des M.
peroneus longus und eine partielle Ruptur der Sehne des M. peroneus brevis
links gezeigt. In Rücksprache mit dem orthopädischen Kollegen habe man sich
unter Berücksichtigung der multiplen Vorerkrankungen der Patientin für ein
konservatives Procedere entschlossen. Die Patientin habe am 25. Oktober
2017 schliesslich in gutem Allgemeinzustand nach Hause entlassen werden können
(IV-Nr. 269 S. 5 ff.).

 

5.27   RAD-Arzt Dr. med. AF.___
hielt in seiner Stellungnahme vom 20. November 2017 fest, die von der
Beschwerdeführerin bestrittene medizinische Verbesserung des
Gesundheitszustandes erscheine beim Vergleich der rheumatologischen und
psychiatrischen Befunde, Einschätzungen und Prognosen des Jahres 2014 mit den
Ergebnissen der polydisziplinären Begutachtung des Jahres 2017 nicht
nachvollziehbar. Der von Dr. med. Y.___ erneut vorgenommene
Diagnoseschwenk hin zur sero-negativen rheumatoiden Arthritis – ohne dass neue
medizinische Aspekte und Befunde mitgeteilt würden – erscheine nicht ganz
einfach nachzuvollziehen. Zudem seien die Folgen der beschriebenen Ruptur bzw.
Teil-Ruptur der M. peroneu