# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 3a7b70f1-f906-5203-91ca-b889e8daf493
**Source:** Schaffhausen (SH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-11-10
**Language:** de
**Title:** Schaffhausen Obergericht 10.11.2023 50/2023/4
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SH_OG/SH_OG_001_50-2023-4_2023-11-10.pdf

## Full Text

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Versuchte vorsätzliche Tötung; Beweiswürdigung; Grundsatz in dubio pro 

reo – Art. 111 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB; Art. 10 StPO.  

Der In-dubio-Grundsatz gelangt erst zur Anwendung, nachdem alle notwendigen 

Beweise ausgewertet worden sind und die Beweislage insgesamt nicht eindeutig 

ist (E. 3.2).  

Ein Schuldspruch setzt nicht voraus, dass das Tatmotiv und die konkreten Um-

stände der Tat bekannt sind (E. 3.2–3.4).  

OGE 50/2023/4 vom 10. November 2023 

Keine Veröffentlichung im Amtsbericht 

Sachverhalt  

Die Staatsanwaltschaft wirft der Beschuldigten vor, ihren Ehemann X. mit einem 

Küchenmesser (Klingenlänge 18 cm) seitlich in den rechten Mittelbauch gestochen 

und ihm dabei eine ca. 9 cm tiefe Stichwunde zugefügt zu haben. Anschliessend 

soll sie das Messer in die Spülmaschine gelegt und X. stark blutend allein in der 

Wohnung zurückgelassen haben. Diesem gelang es in der Folge selbst, die Ret-

tungskräfte zu alarmieren. Durch die notfallmässige chirurgische Intervention mit 

Blutstillung konnte der tödliche Verlauf der Stichverletzung abgewendet werden.  

Im Laufe des Strafverfahrens machten zwar beide Ehegatten Aussagen, nicht je-

doch zum konkreten Tatgeschehen. X. gab in sämtlichen Einvernahmen an, nicht 

zu wissen, wie er verletzt worden sei und wer ihm die Stichwunde zugefügt habe.  

Das Kantonsgericht sprach die Beschuldigte in Anwendung des Grundsatzes "in 

dubio pro reo" frei. Das Obergericht hiess die dagegen erhobene Berufung der 

Staatsanwaltschaft teilweise gut und verurteilte die Beschuldigte (mit Mehrheits-

entscheid) wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 

3 Jahren. Im Umfang von 30 Monaten schob es den Vollzug der Freiheitsstrafe 

bedingt auf bei einer Probezeit von 2 Jahren.   

Aus den Erwägungen 

3.2.1 Gemäss Art. 10 StPO gilt jede Person bis zu ihrer rechtskräftigen Verurtei-

lung als unschuldig (Abs. 1). Das Gericht würdigt die Beweise frei nach seiner aus 

dem gesamten Verfahren gewonnenen Überzeugung (Abs. 2). Bestehen unüber-

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windliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraussetzungen der ange-

klagten Tat, so geht das Gericht von der für die beschuldigte Person günstigeren 

Sachlage aus (Abs. 3). 

3.2.2. Nach dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung sollen die Strafbehörden 

einzig nach ihrer persönlichen Überzeugung aufgrund gewissenhafter Prüfung dar-

über entscheiden, ob sie eine Tatsache für bewiesen halten oder nicht. Das Gebot 

will folglich sicherstellen, dass das Gericht nicht verpflichtet ist, etwas als erwiesen 

zu betrachten, wenn es dies nach seiner Überzeugung nicht ist, oder umgekehrt 

etwas als nicht erwiesen anzusehen, worüber für jenes kein Zweifel besteht. Die 

Überzeugung muss durch gewissenhaft festgestellte Tatsachen und logische 

Schlussfolgerungen begründet sein; dadurch wird die Herleitung des Beweisergeb-

nisses objektiv nachvollziehbar (Esther Tophinke, in: Niggli/ Heer/Wiprächtiger 

[Hrsg.], Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung/Jugendstrafpro-

zessordnung, Art. 1–195 StPO, 3. A., Basel 2023 [BSK StPO I], Art. 10 N. 58 und 

61). 

3.2.3. Der Grundsatz "in dubio pro reo" kommt in erster Linie zur Anwendung, 

wenn die Beweislage nicht eindeutig ist, also Zweifel bestehen, ob die vorliegenden 

Beweise für die Feststellung einzelner rechtserheblicher Tatsachen oder für einen 

Schuldspruch insgesamt ausreichen oder nicht. Entsprechende Ungewissheiten 

wirken sich zum Nachteil des Staates aus, der mit der Anklage den Strafanspruch 

der Rechtsgemeinschaft geltend macht und bei Nichterweislichkeit der Anspruchs-

voraussetzungen die entsprechenden Folgen trägt. Nach konstanter Rechtspre-

chung des Bundesgerichts bedeutet der Grundsatz "in dubio pro reo" als Beweis-

würdigungsregel, dass sich das Strafgericht nicht von der Existenz eines für die 

beschuldigte Person ungünstigeren Sachverhalts überzeugt erklären darf, wenn 

bei objektiver Betrachtung erhebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel beste-

hen, ob sich der Sachverhalt so verwirklicht hat. Eine Verurteilung darf nur erge-

hen, wenn das Strafgericht über jeden vernünftigen Zweifel hinaus überzeugt ist, 

dass sämtliche Strafbarkeitsvoraussetzungen in tatsächlicher Hinsicht vorliegen. 

Eine überwiegende Wahrscheinlichkeit reicht hierfür nicht aus. Auf der anderen 

Seite ist absolute Gewissheit angesichts der Unvollkommenheit der Erkenntnismit-

tel und des menschlichen Urteilsvermögens nicht erreichbar. Es ist unerheblich, ob 

nur abstrakte und theoretische Zweifel bestehen, die immer möglich sind. Es muss 

sich um ernsthafte, unüberwindbare Zweifel handeln, d.h. nur Zweifel, die sich dem 

Verstand in Abhängigkeit von der objektiven Situation aufdrängen. Der In-dubio-

Grundsatz wird erst anwendbar, nachdem alle aus Sicht des urteilenden Gerichts 

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notwendigen Beweise erhoben und ausgewertet worden sind. Auf die Frage, wel-

che Beweismittel zu berücksichtigen und wie sie zu würdigen sind, ist der Grund-

satz nicht anwendbar. Insbesondere stellt das Gericht bei sich widersprechenden 

Beweismitteln nicht unbesehen auf den für den Beschuldigten günstigeren Beweis 

ab (vgl. BGE 148 IV 409 E. 2.2; 144 IV 345 E. 2.2.1 ff.; Tophinke, Art. 10 N. 78 und 

82 f., S. 191 und 193 f.). 

3.2.4. X. alarmierte in der Tatnacht um 02:19 Uhr telefonisch die Polizei, wobei er 

immer wieder verlangte, dass die Polizei kommen solle, sich gegenüber der Ein-

satzzentrale jedoch nicht näher zu seinem Problem äusserte. Um 02:32 Uhr mel-

dete sich X. erneut telefonisch bei der Einsatzzentrale, wobei das Wort "Messer" 

vernommen werden konnte. Im gleichen Moment traf die Polizeipatrouille am Tatort 

ein und das Gespräch wurde beendet.  

3.2.5. Aus dem Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin Zürich (IRM) zur kör-

perlichen Untersuchung von X. ergibt sich, dass dieser sich beim Vorfall eine ca. 

9 cm tiefe Stichverletzung am rechten Mittelbauch zuzog. Diese habe zu einer Ver-

letzung einer dort befindlichen Zwischenrippenschlagader geführt, wobei eine sol-

che unbehandelt in der Regel innert wenigen bis etlichen Minuten zum Verblu-

tungstod führe. Im vorliegenden Fall habe die chirurgische Intervention mit Blutstil-

lung den tödlichen Verlauf abwenden können. Aus dem Gutachten des IRM zur 

körperlichen Untersuchung der Beschuldigten ergibt sich sodann, dass diese eine 

rotblaue Hautunterblutung mit Hautschüppchen am linken Oberarm aufwies, die 

gemäss Gutachter in der Tatnacht entstanden sein könnte. Diese Verletzung sei 

eher nicht mit einem Sturz oder Anstossen, sondern eher mit einem Kneifen oder 

groben Halten zu vereinbaren. Beide Eheleute wiesen sodann erhebliche Alkohol-

werte auf. Während bei der Beschuldigten die Blutalkoholanalyse eine rückgerech-

nete Blutalkoholkonzentration von mindestens 1.36 bis maximal 2.14 Gewichtspro-

mille ergab, zeigte der Labor-befund bei X. eine Ethanolmenge bzw. einen Blutal-

koholspiegel von 2.9 Promille.  

3.2.6. Beim Eintreffen der Polizei in der Wohnung des Ehepaars konnte ein Kü-

chenmesser Marke Victorinox, Klingenlänge 18cm, in der (ungespülten) Spülma-

schine sichergestellt werden. Gemäss Bericht der Spurensicherung wurden auf der 

Klinge des sichergestellten Küchenmessers Gewebeanhaftungen festgestellt, die 

ausschliesslich X. zugerechnet werden können. Ab dem Handgriff des Messers 

wurde eine DNA-Spur als Einzelprofil gesichert, welche nach Auffassung der Spu-

rensicherung der Beschuldigten ("DNA-Profil erstellt, weiblich, typi-Systeme: 15") 

zuzuordnen ist. DNA einer anderen Person wurde weder auf der Klinge noch auf 

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dem Griff des Messers nachgewiesen. Beim sichergestellten Küchenmesser han-

delt es sich ohne Zweifel um die Tatwaffe, zumal auch die Einstichwunde sowie 

die Gewebedefekte am T-Shirt und der Kapuzenjacke von X. mit der Klingengrösse 

übereinstimmen. 

3.2.7. Auf einer Videodatei der Bankfiliale Y. ist zu sehen, wie die Beschuldigte in 

der Tatnacht um 03.42 Uhr die Bank betritt, Bargeld aus einem Automaten bezieht 

und die Räumlichkeiten anschliessend um 03.44 Uhr wieder verlässt. Auf der Ka-

mera 20 der Stadtpolizei, welche vom Bahnhof her in Richtung […] filmt, ist zu 

sehen, wie die Beschuldigte um 03.42 Uhr von […] herkommend in die A.-strasse 

einbiegt und sich eine Zigarette anzündet. Um 03.43 Uhr ist sie auf der Kamera 21 

zu sehen, wie sie von Gleis 1 herkommt und in ein Taxi einsteigt. Um 03.53 Uhr 

wurde die Beschuldigte an ihrem Wohnort durch die Polizei angehaltenen.  

3.2.8. In Bezug auf diese objektiven Beweismittel ist festzuhalten, dass die Video-

aufnahmen einen Zeitraum nach der Tat betreffen und folglich keine direkten Rück-

schlüsse auf die Täterschaft zulassen. Immerhin decken sie sich mit den Angaben 

der Beschuldigten, wonach sie Geld abgehoben habe und mit dem Taxi zu Z. habe 

fahren wollen. Bezüglich der Spurenauswertung an der mutmasslichen Tatwaffe 

ist dem amtlichen Verteidiger zuzustimmen, dass ein DNA-Hit auf dem eigenen 

Küchenmesser zu erwarten und an sich noch kein zwingendes Verdachtsmoment 

ist. Gleichwohl schränken die vorliegenden Ergebnisse der Spurensicherung so-

wohl die Wahrscheinlichkeit einer Selbstverletzung als auch einer Dritttäterschaft 

ein, zumal ausschliesslich DNA der Beschuldigten am Griff festgestellt wurde. Wei-

ter fanden sich in der Wohnung keinerlei Hinweise für ein Kampfgeschehen oder 

nur schon dafür, dass sich eine Drittperson Zutritt zur Wohnung verschafft haben 

könnte. Bezüglich ihrer körperlichen Untersuchung ist im Übrigen zu berücksichti-

gen, dass die Beschuldigte erst rund 1,5 Stunden nach der Tat angehalten werden 

konnte. Demzufolge ist ihre Täterschaft nicht bereits deshalb ausgeschlossen, weil 

DNA-Hits und Blutspuren an der Kleidung der Beschuldigten bzw. deren Hände 

fehlen.  

3.2.9. Am ____ wurde eine Nachbarin des Ehepaars als Auskunftsperson befragt. 

Sie beschrieb, dass sie in der Nacht des Vorfalls, gegen 02:30 Uhr, zwei Männer-

stimmen und ein Rumpeln gehört habe. Die Männer hätten nicht laut geschrien, es 

habe sich für sie eher wie eine Diskussion angehört. Auf entsprechende Nachfrage 

hin erklärte sie, es habe in einer anderen Sprache als Deutsch sein müssen, weil 

sie die Personen ja sonst verstanden hätte. Die Stimme der Beschuldigten habe 

sie nicht gehört. Zum Vorfall selbst konnte die Auskunftsperson keine weiteren An-

gaben machen.  

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Bei der Würdigung dieser Aussagen ist zu berücksichtigen, dass X. seinen Notruf 

um 02:19 Uhr absetzte. Als die disponierte Patrouille am Wohnort von X. eintraf, 

fand sie diesen mit einer Stichverletzung am Bauch vor. Ausser X. befanden sich 

keine weiteren Personen in der Wohnung. Sowohl er als auch die Beschuldigte 

selbst schlossen aus, dass die Auskunftsperson weitere Personen in der Wohnung 

gehört haben könnte. Insbesondere X. verneinte dies ausdrücklich, nachdem er 

mit den Angaben der Auskunftsperson konfrontiert worden war. Der von der Aus-

kunftsperson genannte Zeitpunkt stimmt denn auch mit dem Eintreffen der Polizei-

patrouille um 02:32 Uhr sowie der wenige Minuten später erscheinenden Rettungs-

equipe überein. Um 03:25 Uhr traf sodann der Polizeibeamte der Spurensicherung 

vor Ort ein.  

Nach Ansicht einer Gerichtsmehrheit beziehen sich die Wahrnehmungen der Aus-

kunftsperson daher mit aller Wahrscheinlichkeit auf den Rettungseinsatz selbst. 

Andernfalls ist nicht erklärbar, dass die Auskunftsperson zwar eine Diskussion so-

wie Rumpeln in der Wohnung des Ehepaars gehört, dann aber – trotz der offenbar 

ringhörigen Verhältnisse – das Eintreffen der Polizei und Ambulanz sowie die an-

schliessenden spurentechnischen Erhebungen nicht mitbekommen haben soll. 

Schliesslich ist festzuhalten, dass gemäss Auskunftsperson in der Tatnacht unter-

halb der Wohnung des Ehepaars noch eine Party im Gange war, die Lärm verur-

sacht habe.  

Nach Ansicht einer Gerichtsminderheit erscheint es angesichts der zeitlichen Koin-

zidenz möglich, dass der Auskunftsperson die von der Gerichtsmehrheit angenom-

mene Verwechslung unterlief. Klar ist dies aber nicht. Die Auskunftsperson sagte 

aus, sie habe in der Nacht des Vorfalls die Beschuldigte nicht gehört. Sie habe bis 

ca. Mitternacht oder 01:00 Uhr Partylärm gehört und deswegen nicht recht schlafen 

können. Schliesslich sei sie in einen Dämmerschlaf gefallen und dann wieder er-

wacht "wegen des Rumpelns und der Männerstimmen", die von der Nachbarswoh-

nung gekommen seien. Sie habe "schätzungsweise halb drei" zwei Männerstim-

men gehört, wobei sie vermute, dass die eine Stimme X. gewesen sei. Auf die 

Frage, welche Sprache die Männer gesprochen hätten, sagte sie, es sei eine Spra-

che gewesen "die ich auf jeden Fall nicht verstehen kann", und auf Nachfrage, ob 

die Männer Deutsch gesprochen hätten, sagte sie "Nein. Wenn es Deutsch gewe-

sen wäre, hätte ich es ja verstanden". Weiter sagte sie, es sei "kein Geschrei" ge-

wesen, sondern eher ein aufgeregtes, hektisches Diskutieren. Es erscheint mög-

lich, dass die Auskunftsperson kurz darauf schliesslich einschlief und folglich die 

zahlreichen (Deutsch sprechenden) Polizei- und Rettungskräfte nicht hörte. Die 

Aussagen der Auskunftsperson sprechen mithin, wie das Kantonsgericht zu Recht 

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festhielt, gegen eine Täterschaft der Beschuldigten und für eine solche eines Drit-

ten, die nicht mit hinreichender Sicherheit ausgeschlossen werden kann (vgl. 

vorne, E. 3.2.2, und hinten, E. 3.4).  

3.2.10. Weiter sind die Aussagen des Opfers, X., zu würdigen. Die ersten mündli-

chen Angaben machte X. noch in der Tatnacht gegenüber den ausgerückten Poli-

zeifunktionären sowie dem Anästhesiepfleger des Krankenhauses. Dabei gab er 

stets an, dass er nicht wisse, wie die Verletzung entstanden sei und er auch sonst 

keinerlei Angaben zum Tathergang machen könne. Am darauffolgenden Morgen 

führte er gegenüber den befragenden Polizeifunktionären aus, dass er am Vor-

abend viel Alkohol konsumiert habe und nicht mehr wisse, was passiert sei. Seine 

Frau sei jedenfalls unschuldig und er wolle keine Anzeige machen. Sie habe die 

Wohnung "vor der Tat" verlassen. Namentlich sei sie irgendwann nach draussen 

gegangen und dann sei ca. 45 Minuten bis eine Stunde später das Ganze passiert. 

Er sei zu diesem Zeitpunkt alleine gewesen.  

In der ersten Einvernahme als Geschädigter gab X. erneut an, dass er nicht mehr 

wisse, wie die Verletzung entstanden sei. Er habe plötzlich bemerkt, dass er am 

Bauch blute. Er könne auch nicht mehr sagen, wann es gewesen sei, jedenfalls sei 

seine Frau zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause gewesen. Er könne sich lediglich 

an die Geschehnisse bis 24:00 Uhr erinnern. Ohnehin habe er nicht die Polizei, 

sondern bloss die Ambulanz anrufen wollen. Weiter führte er aus, dass sie eine 

harmonische Ehe führten und er sich auch nicht an einen Streit erinnern könne. In 

der polizeilichen Einvernahme vom […] machte X. wiederum eine Erinnerungslü-

cke geltend und begründete dies erneut mit seinem erheblichen Alkoholkonsum. 

Allerdings gab er in zeitlicher Hinsicht nunmehr an, sich lediglich an die Gescheh-

nisse bis ca. 22:00 Uhr erinnern zu können. Auf entsprechenden Vorhalt räumte er 

ein, dass es am Abend vor der Tat zwar keinen richtigen Streit, aber eine Diskus-

sion über das Abendessen bzw. Bohnen gegeben habe. Danach sei aber nichts 

passiert und irgendwann sei seine Frau gegangen. 

Anlässlich der Berufungsverhandlung wurde X. als Zeuge einvernommen. Auf ent-

sprechende Nachfrage führte er im Wesentlichen aus, dass er sich nicht mehr an 

die Tatnacht erinnern könne, weil er einerseits unter Alkoholeinfluss gestanden und 

andererseits eine Bypass-Operation gehabt habe, seit der er sehr vergesslich ge-

worden sei. Gleichwohl sei es die Beschuldigte nicht gewesen. Erstmals führte X. 

aus, dass es sich möglicherweise um einen Dieb gehandelt haben könnte, der aus 

Notwehr gehandelt habe. Dies sei aber nur so ein Gedanke. Es sei auf jeden Fall 

niemand anderes als er und seine Frau in der Tatnacht in der Wohnung gewesen. 

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Zur Stichverletzung selbst machte X. geltend, diese im ersten Moment nicht be-

merkt und erst nach ca. fünf bis zehn Minuten eine Nässe an seinem Bauch gespürt 

zu haben. Weshalb er sich zwar nicht an die Stichverletzung erinnern könne, aber 

gleichzeitig wisse, dass es fünf bis zehn Minuten später gewesen sein soll, konnte 

er nicht schlüssig erklären. 

3.2.11. Zusammenfassend machte X. während des ganzen Verfahrens keine Aus-

führungen zum konkreten Tathergang. Während er sich teilweise an – vorwiegend 

irrelevante – Details erinnern konnte, machte er bezüglich des Tatgeschehens 

stets Gedächtnislücken geltend, deren Zeitpunkt er im Verlaufe des Verfahrens 

anpasste (zunächst Erinnerung bis 24:00 Uhr, später bis 22:00 Uhr). Zwar ist auf-

grund seines hohen Blutalkoholspiegels im Laborbefund davon auszugehen, dass 

X. an diesem Abend eine erhebliche Menge Alkohol konsumiert hatte. Die Anga-

ben von X. erscheinen jedoch selbst bei der Annahme eines Vollrausches nicht 

glaubhaft. So konnte er sich – trotz angeblichem Gedächtnisverlust – an seine Te-

lefongespräche mit B. erinnern, welche gemäss Mobilauswertung um 00:02 bzw. 

um 02:19 Uhr stattfanden. Auch ein rauschbedingtes "Blackout" würde im Übrigen 

nicht erklären, weshalb sich X. daran erinnern kann, zu welchem Zeitpunkt die Er-

innerungslücke eingetreten sein soll. Eine solche selektive Gedächtnislücke ist un-

glaubhaft und lebensfremd. Das Gleiche gilt, soweit sich X. an den Verletzungs-

hergang überhaupt nicht erinnern will, gleichzeitig aber zu wissen glaubt, dass er 

zehn Minuten später Blut an seinem Bauch bemerkt habe.  

Weiter zeigte X. bei seinen Aussagen ein deutliches Bestreben, die Beschuldigte 

zu entlasten. Es ist für das Berufungsgericht nicht nachvollziehbar, wie sich X. ei-

nerseits zwar überhaupt nicht an den Vorfall erinnern und keinerlei Angaben zum 

Tatgeschehen machen kann, zum anderen jedoch angeblich ganz genau wissen 

will, dass es die Beschuldigte jedenfalls nicht gewesen sei und diese die Wohnung 

noch vor der Tat verlassen haben soll. Dies nur damit zu begründen, dass er und 

seine Frau eben ein Paar seien, dass sich sehr lieben würde, überzeugt nicht. Be-

reits am Morgen nach der Tat hatte X. gegenüber den Polizeifunktionären auf die 

Unschuld der Beschuldigten hingewiesen, obschon diese mit keinem Wort erwähnt 

worden war und sich die Untersuchung zum damaligen Zeitpunkt noch in einem 

derart frühen Stadium befand, dass die Beschuldigte noch nicht als Verdächtige 

behandelt wurde. Gleichwohl betonte X. – von sich aus und ohne entsprechende 

Nachfrage –, dass die Beschuldigte nicht die Täterin gewesen sei. Erstmals vor 

Berufungsgericht relativierte X. sodann seine früheren Aussagen und brachte vor, 

dass es auch ein Dieb hätte gewesen sein können, der aus Notwehr gehandelt 

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habe. Insgesamt zeigte X. ein höchst widersprüchliches und angepasstes Aussa-

geverhalten mit dem Bestreben, den Verdacht möglichst von seiner Frau wegzu-

lenken. Entgegen der Ansicht der Verteidigung vermögen die Angaben von X. die 

Beschuldigte nicht zu entlasten. 

3.2.12. Demgegenüber sagte die Beschuldigte anlässlich der ersten polizeilichen 

Befragung – damals noch als Auskunftsperson – sinngemäss aus, dass sie nach 

einem Streit mit ihrem Ehemann, der sich über das Abendessen (Bohnen) be-

schwert habe, nach 17:00 Uhr die Wohnung verlassen habe, um Zigaretten zu ho-

len. Danach sei sie in den Keller gegangen und habe diesen um ca. 19:00 Uhr 

wieder verlassen, um auf dem Parkplatz der Pizzeria C. zu rauchen. Sie sei nicht 

in die Wohnung zurückgekehrt. Nach ca. 21:00 Uhr sei sie Richtung Rhein gegan-

gen und habe sich da auf eine Bank gesetzt. Anschliessend sei sie zur Bank ge-

gangen, habe da Geld abgehoben und sei daraufhin mit dem Taxi nach Hause 

gefahren. Dort habe sie die Polizei bereits erwartet. Anlässlich der Hafteinver-

nahme durch die zuständige Staatsanwältin gab die Beschuldigte wiederum an, 

dass es am Abend des Vorfalls einen Streit über Bohnen gegeben habe und sie 

deshalb in den Keller gegangen sei, um dort zu schlafen. Sie gehe immer in den 

Keller, wenn es Streit gebe, weil sie das nicht ertrage. Danach sei sie nicht mehr 

in die Wohnung zurückgekehrt. In der delegierten Einvernahme vom […] gab die 

Beschuldigte zwar erneut zu Protokoll, dass sie Zigaretten geholt habe und an-

schliessend in den Keller gegangen sei. Weiter gab die Beschuldigte jedoch an, 

sie sei anschliessend in die Wohnung zurückgekehrt und habe mit ihrem Ehemann 

gegessen. Während des Essens sei es zu einer Diskussion über Bohnen gekom-

men. Sie sei deshalb nochmals in den Keller gegangen und habe geschlafen. An-

schliessend habe sie sich in Richtung der Pizzeria begeben, um zu rauchen. In der 

Schlusseinvernahme führte die Beschuldigte zusammengefasst aus, dass sie nach 

der Diskussion über die Bohnen Zigaretten kaufen und anschliessend in den Keller 

schlafen gegangen sei. Danach sei sie zur Pizzeria gegangen und habe geraucht. 

Sie wisse nicht mehr, ob sie noch kurz in die Wohnung gegangen sei. An der 

Hauptverhandlung vor Kantonsgericht bestätigte die Beschuldigte im Wesentlichen 

den geschilderten Ablauf der Tatnacht. Allerdings sagte sie nun erneut aus, sie sei, 

nachdem sie in den Keller gegangen sei, nicht in die Wohnung zurückgekehrt. 

Anlässlich der Berufungsverhandlung wurde die Beschuldigte erneut zur Sache 

befragt. Sie wiederholte im Wesentlichen ihre Schilderungen zum Ablauf des 

Abends und der Tatnacht, die sie bereits anlässlich der polizeilichen und staatsan-

waltschaftlichen Einvernahmen geäussert hatte. Zusammenfassend führte sie 

auch anlässlich der Berufungsverhandlung aus, dass sie nach einer Diskussion mit 

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ihrem Ehemann über Bohnen zunächst Zigaretten geholt habe, danach in den Kel-

ler gegangen sei, dort Bier getrunken habe und dann wieder nach draussen ge-

gangen sei. Weiter gab die Beschuldigte an, sie habe eigentlich mit dem Taxi zu 

Z. fahren wollen und aus diesem Grund bei der Bank den Betrag von Fr. 100.– 

abgehoben. Erst im Taxi habe sie dann ihre Meinung geändert und sich entschlos-

sen, doch nach Hause zu gehen. Als sie zurück zur Wohnung gekommen sei, seien 

dort bereits Polizisten gewesen und sie habe sofort gefragt, ob etwas mit ihrem 

Mann passiert sei, weil dieser getrunken habe. Dass er verletzt war, habe sie erst 

später erfahren. Sie sei jedenfalls nicht zu Hause gewesen. Gleichzeitig betonte 

die Beschuldigte aber, dass sie nie Männerbesuch hätten und sie sich nicht vor-

stellen könne, dass ihr Mann Besuch gehabt habe. Die Männerstimmen, die die 

Auskunftsperson gehört habe, hätten allenfalls von einem Telefonat stammen kön-

nen. 

3.2.13. Insgesamt machte die Beschuldigte zum groben Ablauf der Tatnacht relativ 

konstante Aussagen. Allerdings fällt auch bei ihren Aussagen auf, dass die Be-

schuldigte jeweils genau schildern kann, was sie am frühen bzw. späteren Abend 

sowie in den frühen Morgenstunden gemacht hat. Wo sie jedoch zum Tatzeitpunkt, 

nämlich zwischen 00:30 Uhr und 02:19 Uhr war, bleibt offen. Gleichzeitig bleibt das 

Motiv für den nächtlichen Ausflug letztlich unklar. Es ist nicht glaubhaft, dass die 

Beschuldigte sich in der regnerischen Tatnacht bis gegen vier Uhr morgens (Zeit-

punkt der Anhaltung 03:53 Uhr) ausser Haus aufgehalten und zeitweise sogar noch 

vor einer Garage bzw. zwei Mal auf einer Bank geschlafen haben soll, nur wegen 

einer Diskussion über Bohnen, die gemäss den Eheleuten nicht heftig ausgefallen 

sein soll. Auch ihre Angaben, wonach die Beschuldigte im Verlauf der Nacht X. am 

Bahnhof suchen gegangen sein soll, ergeben keinen Sinn, zumal sie dann zu-

nächst in der Wohnung nachgesehen hätte. Sodann machte die Beschuldigte im 

Laufe des Verfahrens widersprüchliche Aussagen, die teilweise auch den Aussa-

gen von X. diametral gegenüberstehen. So hat die Beschuldigte beispielsweise 

mehrmals erklärt, die Wohnung nach 17:00 Uhr bzw. den Keller um 19:00 Uhr ver-

lassen zu haben, während X. angab, dass er sich zwar nicht an den genauen Zeit-

punkt erinnern könne, wann seine Frau die Wohnung verlassen habe, aber es je-

denfalls "Nacht" gewesen sei. Widersprüche zeigen sich sodann auch in den 

Äusserungen hinsichtlich ihres Alkoholkonsums bzw. wann sie wo wie viel getrun-

ken hatte. In der Einvernahme am Tag nach der Tat gab sie an, nicht betrunken 

gewesen zu sein. Erst mit fortgeschrittener Ermittlung steigerte sie die Menge des 

angeblich konsumierten Alkohols. So behauptete sie in der Einvernahme vom 

____, doch mehr getrunken zu haben und sogar richtig "benebelt" gewesen zu 

sein. Konkret nach den konsumierten Getränken befragt, gab sie mehrmals an, 

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lediglich drei Panache und Teile eines Biers getrunken zu haben. Anlässlich der 

Berufungsverhandlung gab sie an, sie habe insgesamt ca. zwei bis drei Dosen Bier 

getrunken. Die Ergebnisse des pharmakologisch-toxikologischen Gutachtens sind 

mit dem Konsum von lediglich drei Panache und einem nicht ganz vollen Bier al-

allerdings nicht zu vereinbaren. Gleiches hielt auch der Gutachter im Gutachten 

zur körperlichen Untersuchung der Beschuldigten fest. Aus seiner Sicht habe die 

Beschuldigte entweder am Abend des Vorfalls erheblich mehr Alkohol konsumiert, 

als sie angegeben habe, oder auch später, vermutlich noch nach der Tat, erneut 

Alkohol konsumiert.  

3.3. Die Gesamtbetrachtung aller Beweismittel und Indizien lässt vorliegend 

nach der Ansicht einer Mehrheit des Gerichts keine ernstzunehmenden Zweifel 

daran, dass sich der Sachverhalt in der Tatnacht so abspielte, wie er der Beschul-

digten in Ziff. 2 AKS zur Last gelegt wird. Namentlich bestehen keine ernstzuneh-

menden Zweifel daran, dass es die Beschuldigte war, die X. mit dem sichergestell-

ten Küchenmesser in den unteren Bauch stach und ihm dabei die genannte Ver-

letzung zufügte. Die Tatsache, dass die Beschuldigte ihren rechten Arm im Tatzeit-

raum aufgrund von Schmerzen nur sehr eingeschränkt nutzte, spricht nicht gegen 

ihre Täterschaft. Auch dieser Aspekt fügt sich in das Gesamtbild ein, zumal X. am 

rechten Mittelbauch verletzt wurde, was darauf schliessen lässt, dass die Beschul-

digte mit der linken Hand zustach. Bei ihr wurden sodann am linken Oberarm Haut-

verfärbungen festgestellt, die gemäss Gutachter mit einem groben Halten verein-

bar sind, während sich der rechte Arm unverletzt präsentierte. Schliesslich vermag 

auch der Umstand, dass die Beschuldigte bei der ersten polizeilichen Einvernahme 

nach X. fragte und sich wunderte, was er wohl getan habe, keine ernsthaften Zwei-

fel an ihrer Täterschaft zu erwecken.  

3.4. Nach Auffassung einer Minderheit des Gerichts müsste die Beschuldigte 

nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" freigesprochen werden (vgl. vorne, 

E. 3.2.3). Es bestehen erhebliche, nicht zu unterdrückende Zweifel, ob sich der 

angeklagte Sachverhalt so verwirklichte. Sicherlich spricht vieles dafür, dass es die 

Beschuldigte war, welche ihren Ehemann, X., mit dem sichergestellten Messer in 

den Bauch stach. Ein klares Gesamtbild ergibt sich aber nicht, und dies nicht nur, 

weil X. durchgehend beteuerte, seine Ehefrau sei unschuldig und habe mit der Sa-

che nichts zu tun. Insbesondere die Aussagen der Nachbarin, welche in der Tat-

nacht in der Wohnung des Ehepaars zwei Männer in einer Fremdsprache aufge-

regt und hektisch diskutieren hörte (vgl. vorne, E. 3.2.9), passen nicht ins Bild. 

Wenngleich möglich erscheint, dass X. seine Ehefrau schützen will, so erscheint 

es auch nicht ausgeschlossen, dass er sich an das Geschehene tatsächlich nicht 

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mehr erinnert, zumal er ganz erheblich alkoholisiert war (Blutalkoholspiegel von 

2.9 Promille). Insbesondere aber erscheint es durchaus auch möglich, dass X. eine 

ihm bekannte Drittperson schützen will, welche die Tat mit Handschuhen began-

gen haben könnte (was auch der von der Staatsanwaltschaft angefragte Polizei-

beamte nicht ausschloss). Diesbezüglich erscheint auffällig, wie vehement X. rea-

gierte, als er vor Obergericht mit der Aussage der Auskunftsperson konfrontiert 

wurde ("Wenn jemand bei uns zuhause gewesen wäre, würde ich das sagen. Wa-

rum sollte ich das verheimlichen. Auch wenn es mein leiblicher Bruder gewesen 

wäre. Wenn mich jemand versucht zu töten, würde ich diese Person bestimmt nicht 

schützen. Diese Frau ist meiner Meinung nach nicht normal. Sie erfindet Geschich-

ten. Ich würde ihren Aussagen deshalb keinen Glauben schenken"). Die amtliche 

Verteidigung weist zu Recht darauf hin, dass die Täterschaft einer – dem Opfer wie 

auch der Beschuldigten bekannten – Drittperson nicht mit hinreichender Sicherheit 

auszuschliessen ist. Die vorliegenden Beweise reichen mithin nach Auffassung ei-

ner Gerichtsminderheit jedenfalls nicht aus für einen Schuldspruch, weshalb die 

Beschuldigte freizusprechen wäre.