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**Case Identifier:** 58d39d3f-f597-5688-a827-d37c6a0d5276
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2016-04-21
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 21.04.2016 D-3685/2015
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-3685-2015_2016-04-21.pdf

## Full Text

B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i f  f éd é r a l  

T r i b u n a l e  am m in i s t r a t i vo  f e d e r a l e  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i v  fe d e r a l  

 
 
  
 

 

 

  

 
 Abteilung IV 

D-3685/2015 

 

 
 

  U r t e i l  v o m  2 1 .  A p r i l  2 0 1 6  

Besetzung 
 Richterin Contessina Theis (Vorsitz), 

Richter Markus König, Richter Gérald Bovier,  

Gerichtsschreiberin Susanne Bolz. 

   

Parteien 

 
A._______, geboren am (…), 

China (Volksrepublik),  

vertreten durch lic. iur. Ursina Bernhard,  

Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not,  

Beschwerdeführerin,  

 

  
gegen 

  
Staatssekretariat für Migration  

(SEM; zuvor Bundesamt für Migration, BFM), 

Quellenweg 6, 3003 Bern, 

Vorinstanz. 

   

Gegenstand 

 
Asyl und Wegweisung;  

Verfügung des SEM vom 11. Mai 2015 / N (…). 

 

 

 

D-3685/2015 

Seite 2 

Sachverhalt: 

A.  

Eigenen Angaben zufolge verliess die Beschwerdeführerin ihre Heimat  

Tibet ungefähr am 17. Februar 2012 und gelangte zu Fuss sowie mit einem 

Fahrzeug über die Grenze nach Nepal. Dort hielt sie sich während circa 

sechs Wochen bei einem Bekannten ihres Onkels auf, bevor sie am 2. April 

2012 mit einem gefälschten nepalesischen Pass auf dem Luftweg von  

Kathmandu Richtung Europa reiste. Am 4. April 2012 stellte sie ein Asylge-

such im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._______. Am 24 April 

2012 fand ihre Befragung zur Person (BzP) statt. Am 30. September 2014 

wurde die Beschwerdeführerin eingehend zu ihren Asylgründen angehört. 

Sie reichte weder Identitätspapiere noch Beweismittel ein. 

B.  

Die Beschwerdeführerin gab an, sie habe ihr Herkunftsland wegen politi-

scher Probleme verlassen. Bis Februar 2012 habe sie mit ihrem Ehemann 

und ihrer Schwiegermutter sowie ihrer Zwillingsschwester, welche eben-

falls eine Frau ihres Ehemannes sei, im Dorf C._______, Kreis D._______, 

Bezirk E._______, autonome Region Tibet, zusammengelebt, wo sie auch 

herstamme. Sie habe mit ihrem Mann ein behindertes Kind, er habe auch 

mit ihrer Schwester noch zwei Kinder. Mann und Schwester bewirtschafte-

ten als Nomaden die Weiden, sie habe sich um den Haushalt gekümmert, 

Handarbeiten ausgeführt und manchmal auf dem Acker gearbeitet.  

Am Abend des 15. Februar 2012 hätten Polizeibeamte ohne Ankündigung 

ihr Haus aufgesucht und es durchsucht. Nur sie, ihre Schwiegermutter und 

ihr Kind seien anwesend gewesen. Bei der Hausdurchsuchung hätten die 

Beamten ein Bild des Dalai Lama, welches am Hausaltar versteckt gewe-

sen sei, gefunden und auf den Boden geworfen. Sie habe es aufgehoben 

und sei deshalb von den Polizisten mit einem Stock geschlagen worden. 

Die Polizisten hätten sie in ihren Wagen gezerrt und in das Gefängnis in 

F._______ gebracht. Dort sei sie während der Nacht von drei uniformierten 

Männern vergewaltigt worden. Diese hätten ihr die Kleider vom Leib geris-

sen. Sie sei dann ohnmächtig geworden. Als sie wieder zu sich gekommen 

sei, habe sie Schmerzen am ganzen Leib gehabt. Ihr Vater habe sie am 

nächsten Morgen, dem 16. Februar 2012, aus dem Gefängnis abholen 

können und nach Hause gebracht. Da sie von der Polizei zu Unrecht der 

Aufwiegelung gegen die Behörden bezichtigt worden sei, habe die Familie 

entschieden, sie ausser Landes zu schicken. Am 17. Februar 2012 sei sie 

mit ihrem Onkel, einem Kaufmann, mit einem Fahrzeug rund eine Woche 

D-3685/2015 

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bis zur Grenzstadt G._______ gefahren, wo sie zu Fuss die Grenze nach 

Nepal überquert habe und wieder mit einem Fahrzeug nach  

Kathmandu weitergereist sei. Die Beschwerdeführerin war zum Zeitpunkt 

der Einreichung des Asylgesuchs schwanger, verlor das Kind aber im April 

2012. 

C.  

Mit Verfügung vom 11. Mai 2015 – eröffnet am 15. Mai 2015 – lehnte die 

Vorinstanz das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab und ordnete die 

Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an, wobei sie den Voll-

zug der Wegweisung in die Volksrepublik China ausschloss. Das SEM hielt 

die Ausführungen der Beschwerdeführerin für unglaubhaft und zweifelte 

auch ihre Herkunft aus China und ihre Sozialisation in der autonomen Re-

gion Tibet an.  

D.  

Die Beschwerdeführerin erhob – vertreten durch ihre Rechtsvertreterin (le-

gitimiert durch Vollmacht vom 10. Juni 2015) – mit Eingabe vom 11. Juni 

2015 gegen die Verfügung der Vorinstanz beim Bundesverwaltungsgericht 

Beschwerde. Sie beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung 

und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur erneuten Überprü-

fung. In prozessualer Hinsicht beantragte sie die unentgeltliche Prozess-

führung einhergehend mit dem Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-

schusses und die Beiordnung der Rechtsvertreterin als amtliche Beistän-

din. Zur Begründung berief sich die Rechtsvertreterin auf das Grundsatz-

urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-3361/2014 vom 6. Mai 2015 (in-

zwischen als BVGER 2015/10 veröffentlicht), welches Mindeststandards 

hinsichtlich der Abklärungen des Länderwissens im Kontext Tibet/China 

formuliere. Diese Standards seien in ihrem Verfahren nicht eingehalten 

worden: Sie habe keine Gelegenheit gehabt, sich zur Einschätzung ihrer 

Auskünfte über den Länderkontext durch die Vorinstanz zu äussern und 

auf die Zweifel der Vorinstanz aus ihrer Herkunft zu reagieren. Daher sei 

das rechtliche Gehör verletzt worden und die ergangene Verfügung sei zu 

kassieren.  

E.  

Mit Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 24. Juni 2015 

wurde das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung 

gutgeheissen und auf die Zahlung eines Kostenvorschuss verzichtet. Die 

Rechtsvertreterin wurde antragsgemäss zur amtlichen Rechtsvertreterin 

gemäss Art. 110a Abs. 1 AsylG (SR 142.31) bestellt. Gleichzeitig wurde die 

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Vorinstanz zur Stellungnahme eingeladen, insbesondere zur Frage der An-

wendbarkeit der im Urteil E-3361/2014 niedergelegten Grundsätze auf den 

vorliegenden Fall.  

F.  

Nach gutgeheissener Fristerstreckung zur Koordination der aufgeworfenen 

Rechtsfragen führte das SEM in seiner Stellungnahme vom 31. Juli 2015 

aus, die Beschwerdeführerin habe in der ganztägigen Anhörung genügend 

Gelegenheit gehabt, ihr Länder- und Alltagswissen unter Beweis zu stellen. 

Der Asylentscheid begründe ausführlich, warum die Vorbringen nicht als 

glaubhaft erachtet würden und weshalb die Beschwerdeführerin aller 

Wahrscheinlichkeit nach nicht aus dem Tibet stamme, beziehungsweise 

dort nicht sozialisiert worden sei. Nicht aufgeführt worden seien lediglich 

die Informationsquellen, auf welche das SEM seine Einschätzung ab-

stütze. Diese würden dem Gericht in einem separaten Aktenstück zusam-

mengefasst vorgelegt. Tatsächlich sei der Beschwerdeführerin nicht – wie 

im Urteil E-3361/2014 verlangt – in umfassendem Sinne das rechtliche Ge-

hör gewährt worden. Der Umstand, dass die Asylvorbringen der Beschwer-

deführerin offensichtlich unzulänglich und somit derart haltlos seien, recht-

fertige aber das Vorgehen, auf weitere Abklärungen zu verzichten.  

G.  

In der Replik vom 14. Dezember 2015 erwidert die Rechtsvertreterin, dass 

die Aussagen der Beschwerdeführerin im Rahmen des geprüften ihrem 

Länder- und Alltagswissens nicht derart unplausibel ausgefallen seien, 

dass sich weitere Abklärungen erübrigten. Da die Akteneinsicht in das als 

Hintergrundinformation zum geprüften Länderwissen bezeichnete Doku-

ment nicht gewährt worden sei, könne die Beschwerdeführerin nicht dazu 

Stellung nehmen, auf welcher Grundlage ihre Vorbringen als unglaubhaft 

eingestuft würden. Am Beschwerdevorbringen werde festgehalten.  

 

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 

1.  

1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-

schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den 

Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-

waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne 

von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher 

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zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-

det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-

ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-

son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 

Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht 

vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 

1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, 

soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 

1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die 

Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, 

ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein 

schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-

rung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 

108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).  

Auf die Beschwerde ist einzutreten. 

2.  

Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen 

richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-

länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 

3.  

3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-

sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im 

Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-

tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer 

politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-

gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 

Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung 

des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen 

unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen 

Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 

3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen 

oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die 

Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-

geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen 

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Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-

chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte 

Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 

4.  

4.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Entscheid in erster Linie 

mit der Unglaubhaftigkeit der Ausführungen der Beschwerdeführerin. Sie 

habe zu wenige Angaben über ihre angebliche Herkunftsregion machen 

können, insbesondere habe sie nur einen Berg in der Umgebung der Stadt 

H._______ nennen können aber keine umliegenden Dörfer und Städte, 

beispielsweise die Bezirkshauptstadt I._______. Sie habe auch keine 

Flüsse gekannt, nicht einmal den grossen Fluss J._______. Die admini-

strative Gliederung der Region habe sie nur unvollständig wiedergeben 

können. Es sei zu vermuten, dass sie die Gegend nur vom Hörensagen 

kenne, wofür auch spreche, dass sie während der Anhörung oft erwähnte, 

sie habe etwas "von den Eltern" oder "dem Vater gehört ". Es könne ferner 

nicht geglaubt werden, dass sie über das Schulwesen nicht Bescheid ge-

wusst habe, gehörten doch zu ihrer Familie noch zwei Kinder. Auch die 

Schilderung der Fluchtgründe sei widersprüchlich, weshalb die Vorinstanz 

davon ausgehe, sie habe die Geschichte erfunden. Für diese Einschätzung 

spreche auch, dass ihre Schwangerschaft gemäss den Zeitangaben im 

dem von ihr vorgelegten Arztbericht nicht die Folge der angeblich erlittenen 

Vergewaltigung sein könne. Wenig plausibel seien auch die geschilderten 

Umstände ihrer Freilassung. Aus all diesen Gründen sei auch der von ihr 

geschilderte Reiseweg anzuzweifeln. Schliesslich habe sie keine Identi-

tätspapiere abgegeben und es sei aus dem Arztbericht zu schliessen, dass 

sei auch bezüglich ihrer Familienverhältnisse falsche Angaben gemacht 

habe.  

4.2 Die Beschwerde konzentriert sich auf die Verletzung des rechtlichen 

Gehörs. Es wird gerügt, die Vorinstanz habe die im Leiturteil des BVGer 

dargestellten Grundsätze missachtet und der Beschwerdeführerin keine 

Gelegenheit gegeben, zu den Vorwürfen der Vorinstanz bezüglich ihrer 

Herkunft Stellung zu nehmen. Damit sei das rechtliche Gehör in schwer-

wiegendem Mass verletzt worden, weshalb die Verfügung aufzuheben sei.  

5.  

5.1  Das SEM hat einerseits die Pflicht, den rechtserheblichen Sachverhalt 

richtig und vollständig abzuklären (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG) und 

hierzu alle für das Verfahren rechtlich relevanten Umstände abzuklären so-

wie ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Dabei hat es alle sach- 

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und entscheidwesentlichen Tatsachen und Ergebnisse in den Akten fest-

zuhalten (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1 m.w.H.). Andererseits ergibt sich aus 

dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 20 Abs. 2 BV) das Recht der 

Parteien auf vorgängige Äusserung und Anhörung, welches den Betroffe-

nen Einfluss auf die Ermittlung des wesentlichen Sachverhalts sichert, so-

wie die Pflicht der Behörde, die Vorbringen sorgfältig und ernsthaft zu prü-

fen sowie in der Entscheidfindung zu berücksichtigen. Unerlässliches Ge-

genstück dazu bildet die Pflicht der Parteien, an der Feststellung des Sach-

verhalts mitzuwirken (Art. 8 AsylG).  

5.2  

5.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat in BVGER 2015/10 vom 6. Mai 

2015 festgestellt, dass das SEM vor einiger Zeit eine neue Methode der 

Herkunftsabklärung für Asylsuchende tibetischer Ethnie eingeführt hat. Da-

bei wird nicht mehr eine Analyse der Fachstelle Lingua (sprachliche Ana-

lyse oder Lingua-Alltagswissensevaluation) durchgeführt, sondern es wer-

den im Rahmen der eingehenden Anhörung durch den Sachbearbeiter  

oder die Sachbearbeiterin des SEM vertiefte Fragen zu den Länderkennt-

nissen und zum Alltagswissen der asylsuchenden Person gestellt. Auch bei 

diesem Vorgehen ist das SEM – um dem Untersuchungsgrundsatz und 

dem Anspruch auf rechtliches Gehör gerecht zu werden – verpflichtet, die 

Vorbringen der Betroffenen in einer auch für die Beschwerdeinstanz nach-

vollziehbaren Weise sorgfältig und ernsthaft zu prüfen (vgl. E. 5.2.2.1 

m.w.H.). 

5.2.2 Bei Abklärungen des Länder- und Alltagswissens von Asylsuchenden 

an der einlässlichen Anhörung müssen zudem den Akten Informationen 

entnommen werden können, die es dem Gericht erlauben, zuverlässig zu 

ermitteln, inwiefern die asylsuchende Person hinreichende Angaben über 

das behauptete Herkunftsland machen konnte. Da bei dieser neuen Me-

thode der Vorinstanz kein amtsexterner Sachverständiger mehr mitwirkt, 

sind die zutreffenden Antworten – unter Einhaltung der hier üblichen Stan-

dards – mit Informationen zum Herkunftsland (Country of Origin Informa-

tion, COI) zu belegen (vgl. E. 5.2.2.1 f. m.w.H.). 

5.2.3 Der wesentliche Inhalt der Herkunftsanalyse muss der betroffenen 

Person sodann zur rechtsgenüglichen Gewährung der Akteneinsicht  

– entweder in einer zu protokollierenden mündlichen Anhörung oder in ei-

ner aktenkundigen schriftlichen Notiz – zur Kenntnis gebracht und ihr die 

Möglichkeit eingeräumt werden, sich insbesondere zu den als unzu-

http://links.weblaw.ch/BVGE-2012/21

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reichend eingestuften Antworten zu äussern. Dabei sind die als tatsachen-

widrig, falsch oder unzureichend erachteten Antworten unter Angabe der 

dazugehörigen Fragen so detailliert aufzuzeigen, dass die betroffene Per-

son hierzu konkrete Einwände anbringen kann. Es genügt somit nicht, die 

Schlussfolgerungen der Herkunftsabklärung in einer pauschalen Zusam-

menfassung darzulegen, ohne der betroffenen Person die ihr konkret vor-

geworfenen Falschangaben in geeigneter Weise erkennbar zu machen 

(vgl. E. 5.2.2.3 f. m.w.H.). 

5.3 Die Vorinstanz ist in vorliegendem Verfahren ihrer Untersuchungs-

pflicht in Bezug auf ihre neu eingeführte Methode der Herkunftsabklärung 

für Asylsuchende tibetischer Ethnie nicht nachgekommen, und sie hat auch 

die vorab umschriebenen Mindeststandards betreffend Gewährung des 

rechtlichen Gehörs nicht erfüllt. 

5.3.1 Der Beschwerdeführerin wurden anlässlich der Anhörung zu ihren 

Asylgründen Fragen betreffend ihr Herkunfts- und Alltagswissen gestellt 

(vgl. act. A16/23, F. 30 – 61). Sie wurde zu ihren Identitätspapieren und 

zum Kontakt zu ihrer Familie und zur Gesundheit und Pflege ihres Kindes 

befragt. Es wurden des Weiteren auch Fragen zu Gebirgen und Gewäs-

sern in der Umgebung ihres Heimatortes gestellt sowie zur Administration 

im Bezirk. Die Beschwerdeführerin musste die Masseinheit für Salz und 

dessen Preis nennen und wurde zum Wert und zur Stückelung des Geldes 

befragt sowie zu ihren Chinesischkenntnissen. Diesbezüglich sind dem An-

hörungsprotokoll lediglich die gestellten Fragen und die entsprechenden 

Antworten der Beschwerdeführerin zu entnehmen. Die Beschwerdeführe-

rin wurde nicht konkret darauf hingewiesen, welche ihrer Aussagen nicht 

den Informationen des SEM entsprechen würden. Sie hatte daher nicht die 

Möglichkeit, zu den von der Vorinstanz als tatsachenwidrig, falsch oder un-

zureichend erachteten Antworten konkrete Einwände anzubringen. Auch 

im weiteren Verlauf des erstinstanzlichen Verfahrens erhielt sie keine Ge-

legenheit, hierzu Stellung zu nehmen.  

Nach Durchsicht der Befragungsprotokolle erscheint zwar die Auffassung 

des SEM als nachvollziehbar, die geltend gemachten Asylgründe und bei-

spielsweise auch gewisse Angaben zum Reiseweg und zu den Familien-

verhältnissen seien unglaubhaft. Eine zuverlässige Aussage über die 

Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Herkunft aus Tibet liess und lässt 

die Aktenlage aber nicht zu. Die Beschwerdeführerin nimmt für sich in An-

spruch, sie sei bildungsfern und kenne sich nicht sehr gut aus. Die Schule 

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habe sie nie besucht und sie sei auch wenig in der Umgebung herumge-

kommen. Mit Blick auf das auf Vernehmlassungsstufe eingereichte Doku-

ment "Hintergrundinformation zum geprüften Länderwissen" ist festzustel-

len, dass die Beschwerdeführerin nach Ansicht der Vorinstanz einen nicht 

unerheblichen Teil der gestellten Fragen (teilweise) korrekt beantworten 

konnte. Diese korrekten Antworten sind bei der Beurteilung der Glaubhaf-

tigkeit ihrer Herkunftsangaben gebührend zu berücksichtigen (vgl. das zur 

Publikation vorgesehene Urteil des Bundesverwaltungsgerichts  

E-5846/2014 vom 4. August 2015, E. 6.2, 6.3). 

5.4 Die Vorinstanz hat nach dem Gesagten den Untersuchungsgrundsatz 

und den Anspruch der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör verletzt 

sowie den rechtserheblichen Sachverhalt unvollständig festgestellt. 

5.5 Die Vorinstanz bestreitet nicht, dass der Beschwerdeführerin nicht das 

umfassende rechtliche Gehör im Sinne der in BVGE 2015/10 

niedergelegten Grundsätze gewährt wurde. Sie rechtfertigt ihr Vorgehen 

jedoch mit dem Umstand, dass sie die Asylgründe der Beschwerdeführerin 

für völlig unglaubhaft und offensichtlich haltlos gehalten habe. Die 

Beschwerdeführerin habe sich in ihren Aussagen in der BzP und in der 

Anhörung mehrmals widersprochen, was ein starkes Indiz für die 

Unglaubhaftigkeit ihrer Vorbringen sei. Auch das Grundsatzurteil BVGE 

2015/10 halte fest, dass auf die Einhaltung der Mindeststandards in jenen 

Fällen verzichtet werden könne, in denen die Vorbringen der 

asylsuchenden Person – aufgrund gänzlicher Unplausibilität, 

Substanzarmut oder Widersprüchlichkeit ‒ offensichtlich unzulänglich und 

somit derart haltlos seien, dass deren Beurteilung keiner weiteren 

fachlichen Abklärungen mehr bedürfe (vgl. Urteil des BVGer D-3623/2014 

vom 9.Juli 2014 E.5).  

 

5.6 Das Bundesverwaltungsgericht vermag diese Einschätzung nicht zu 

teilen. Zum einen ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin ihre 

Fluchtgründe im Wesentlichen konsistent dargelegt hat. Tatsächlich sind 

die Aussagen in verschiedenen Aspekten widersprüchlich, diese 

Widersprüche sind jedoch nicht als sehr gravierend zu erachten. In diesem 

Zusammenhang ist auch die lange Zeitspanne zwischen BzP und 

Anhörung zu berücksichtigen. Obwohl die Beschwerdeführerin gemäss 

Vorakten mehrmals um einen Entscheid über ihr Gesuch ersuchte, 

vergingen zwischen der BzP vom 24. April 2012 und der Anhörung am 

30. September 2014 fast zweieinhalb Jahre. Es ist nachvollziehbar, dass 

die Beschwerdeführerin sich nach so langer Zeit nicht aller Details 

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genauestens zu erinnern vermag. Zudem hat sie darauf hingewiesen, dass 

sie in der BzP dazu angehalten wurde, sich möglichst kurz zu fassen. Des 

Weiteren ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin einen ganzen Tag 

zu ihren Asylgründen angehört wurde, ein Umstand der nicht darauf 

hindeutet, dass ihre Vorbringen als offensichtlich haltlos und völlig 

unbegründet erachtet wurden, sondern vielmehr eine vertiefte 

Auseinandersetzung stattfand.  

6.  

Die Frage einer Heilung dieser Verfahrensmängel kann sich schon deshalb 

nicht stellen, weil sie im Rahmen des Beschwerdeverfahrens nicht vollum-

fänglich behoben worden sind. Die Beschwerde ist deshalb insoweit gut-

zuheissen, als damit die Aufhebung der angefochtenen Verfügung vom 

18. August 2014 beantragt worden ist. Die Sache ist zur korrekten Durch-

führung des Asylverfahrens im Sinn der Erwägungen und zur erneuten Be-

urteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.  

 

7.  

Das Gesuch um Akteneinsicht in das als "vertraulich" klassifizierte Doku-

ment des SEM "Hintergrundinformation zum geprüften Länderwissen" ist 

abzuweisen. Bei diesem Verfahrensausgang kann auch auf eine Zusam-

menfassung der Argumente verzichtet werden.  

 

8.  

Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 

Abs. 1 und 2 VwVG). 

9.  

Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in An-

wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 

21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-

verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr 

notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Bei der Fest-

setzung des Honorars der amtlichen Rechtsbeiständin hält das Gericht den 

in der Kostennote vom 10. Juni 2015 ausgewiesene Vertretungsaufwand 

von sechs Honorarstunden für angemessen, soweit damit auch die Erstel-

lung der Replik abgegolten wird. Unter dieser Voraussetzung bewegt sich 

das Honorar sich im Rahmen der in Betracht zu ziehenden Bemessungs-

faktoren (Art. 9 – 13 VGKE). Das Honorar ist auf insgesamt Fr. 1216.40 

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Seite 11 

(inkl. Auslagen und Nebenkosten) festzusetzen und dem SEM zur Vergü-

tung unter dem Titel einer Parteientschädigung im Sinn von Art. 64 VwVG 

aufzuerlegen.  

(Dispositiv nächste Seite) 

  

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Seite 12 

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 

1.  

Die Beschwerde wird gutgeheissen. 

2.  

Die Verfügung des BFM vom 11. Mai 2015 wird aufgehoben. Die Akten 

werden zur Weiterführung des Asylverfahrens im Sinn der Erwägungen so-

wie zum neuen Entscheid an die Vorinstanz zurückgewiesen. 

3.  

Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 

4.  

Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor 

dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt 

Fr. 1216.40 auszurichten. 

5.   

Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale 

Migrationsbehörde. 

 

Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: 

  

Contessina Theis Susanne Bolz 

 

 

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