# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 2a0d58f3-61a5-5aaf-8bad-8f08f26d166a
**Source:** Glarus (GL)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2021-02-18
**Language:** de
**Title:** Glarus Verwaltungsgericht 18.02.2021 VG.2020.00097 (VG.2021.1029)
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/GL_Omni/GL_VG_001_VG-2020-00097_2021-02-18.html

## Full Text

VERWALTUNGSGERICHT DES KANTONS GLARUS

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  Urteil vom 18. Februar 2021

  
	
   

  
	
   

  
	
  II. Kammer

  
	
   

  
	
   

  
	
  in Sachen

  
	
  VG.2020.00097

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  	
    A.______

    	
    Beschwerdeführerin

    

  

  
	
   

  
	
  	
    vertreten durch Rechtsanwalt B.______

    

  

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  gegen

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  	
    IV-Stelle Glarus

    	
    Beschwerdegegnerin

    

  

  
	
   

  
	
   

  
	
  betreffend

  
	
   

  
	
   

  
	
  Invalidenrente

  
	
   

  
	
  Die Kammer zieht in Erwägung: 

  
	
  I. 

  
	
  1. 

  
	
  1.1 A.______ wurde am […] als C.______ geboren. Die
  IV-Stelle Glarus anerkannte die Geburtsgebrechen Nr. 208 (Micrognathia
  inferior congenita), Nr. 395 (hypotoner Entwicklungsrückstand,
  vorwiegend im lokomotorischen Bereich) und Nr. 404 (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
  [ADHS]) gemäss Anhang zur Verordnung
  über Geburtsgebrechen vom 9. Dezember 1985 (GgV). Sie leistete Kostengutsprache für
  die notwendigen medizinischen Massnahmen. Nachdem A.______ die obligatorische
  Schulzeit beendet hatte, gewährte ihr die IV-Stelle berufliche Massnahmen.
  Vom 1. August 2017 bis zum 31. Juli 2018 liess sie sich zur
  Industriepraktikerin ausbilden, wofür die IV-Stelle die Mehrkosten übernahm
  und ihr ein Taggeld ausrichtete.

  
	
   

  
	
  1.2 Mit Vorbescheid vom 11. Oktober 2019 teilte die
  IV-Stelle A.______ mit, dass sie bei einem Invaliditätsgrad von 30 %
  keinen Anspruch auf eine Invalidenrente habe. Dagegen erhob A.______ am
  4. November 2019 vorsorglichen Einwand, welchen sie am
  16. Dezember 2019 begründete. Die IV-Stelle hielt in der Verfügung
  vom 17. September 2020 an der Abweisung des Leistungsbegehrens
  fest.

  
	
   

  
	
  2.

  
	
  2.1 A.______ gelangte mit Beschwerde vom 14. Oktober
  2020 ans Verwaltungsgericht und beantragte die Aufhebung der Verfügung vom
  17. September 2020. Ihr sei mit Wirkung ab dem 10. September 2013 (unter
  Berücksichtigung allfälliger Wartefristen) eine ganze Invalidenrente
  zuzusprechen, eventuell sei die Sache an die IV-Stelle zurückzuweisen; alles
  unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der IV-Stelle sowie unter
  Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und der unentgeltlichen
  Rechtsverbeiständung.

  
	
   

  
	
  2.2 Die IV-Stelle schloss innert erstreckter Frist am
  17. Dezember 2020 auf Abweisung der Beschwerde.

  
	
   

  
	
  II.

  
	
  1.

  
	
  Das Verwaltungsgericht ist
  gemäss Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die
  Invalidenversicherung vom 19. Juni 1959 (IVG) zur Behandlung der vorliegenden
  Beschwerde zuständig. Da auch die übrigen Prozessvoraussetzungen erfüllt
  sind, ist auf die Beschwerde einzutreten. 

  
	
   

  
	
  2.

  
	
  2.1 Gemäss Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes
  über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts vom 6. Oktober
  2000 (ATSG) ist Invalidität die voraussichtlich bleibende oder
  längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
  Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der
  körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach
  zumutbarer Behandlung sowie Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
  Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
  Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). 

  
	
   

  
	
  2.2 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht bei einem
  Invaliditätsgrad von mindestens 40 % Anspruch auf eine Viertelsrente,
  bei einem solchen von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei
  mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und ab mindestens 70 %
  auf eine ganze Rente. Für die Bestimmung des
  Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach
  Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung
  und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit
  bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zum Erwerbseinkommen
  gesetzt, welches sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
  (Art. 16 ATSG).

  
	
   

  
	
  3.

  
	
  3.1 Nach dem für das gesamte Verwaltungs- und
  Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren geltenden Grundsatz der freien
  Beweiswürdigung haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsrichter die
  Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
  umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet
  dies, dass das Gericht alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie
  stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren
  Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
  gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen
  Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu
  würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die
  andere medizinische These abstellt (BGE 125 V 351 E. 3a).

  
	
   

  
	
  3.2 Es ist Aufgabe des Arztes, sämtliche
  Auswirkungen einer Krankheit oder eines Unfalls auf den Gesundheitszustand
  der versicherten Person zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, bezüglich
  welcher konkreten Tätigkeiten und in welchem Umfang sie arbeitsunfähig ist.
  Die ärztlichen Auskünfte sind sodann eine wichtige Grundlage für die
  Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person im
  Hinblick auf ihre persönlichen Verhältnisse noch zugemutet werden können (vgl. BGE 125 V 256
  E. 4).

  
	
   

  
	
  3.3 Hinsichtlich des Beweiswerts eines ärztlichen
  Gutachtens ist entscheidend, ob es für die Beantwortung der gestellten Fragen
  umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
  Beschwerden berücksichtigt und sich mit diesen sowie dem Verhalten der
  untersuchten Person auseinandersetzt, in Kenntnis der und gegebenenfalls in
  Auseinandersetzung mit den Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, ob es in
  der Darlegung der medizinischen Zustände und Zusammenhänge einleuchtet, ob
  die Schlussfolgerungen des medizinischen Experten in einer Weise begründet
  sind, dass die rechtsanwendende Person sie prüfend nachvollziehen kann, sowie
  ob der Experte nicht auszuräumende Unsicherheiten und Unklarheiten, welche
  ihm die Beantwortung der Fragen erschweren, gegebenenfalls deutlich macht.
  Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft
  eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag
  gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen Inhalt (vgl. BGE 125 V 351 E. 3a).

  
	
   

  
	
  4.

  
	
  4.1 Die Beschwerdeführerin macht
  geltend, gemäss der Stiftung D.______ sei bei ihr lediglich eine
  Eingliederung in einem geschützten Rahmen vorstellbar. Eine Tätigkeit auf dem
  ersten Arbeitsmarkt sei von den Eingliederungsverantwortlichen ausgeschlossen
  worden. Sie sei nicht damit einverstanden, dass ihr in den eingeholten
  Gutachten lediglich eine Erwerbsunfähigkeit von 30 % attestiert werde.
  Die Ärzte der Klinik für Neurologie des Spitals E.______ gingen davon
  aus, dass zusätzlich zu den in den Gutachten gestellten Diagnosen auch eine ADHS-Störung
  sowie ein atypischer Autismus vorlägen, welche die Arbeitsfähigkeit
  einschränkten. Die behandelnde Therapeutin vertrete zudem die Auffassung,
  dass die Gender-Dysphorie die Arbeitsfähigkeit zusätzlich beeinträchtige. Es
  sei nicht nachvollziehbar, weshalb nicht ein weiteres Gutachten in den
  Fachrichtungen Psychiatrie/Orthopädie und Rheumatologie eingeholt worden sei,
  obwohl die Gutachter dies empfohlen hätten und der Regionale Ärztliche Dienst
  (RAD) diese Empfehlung aufgenommen habe. Sie habe überdies keine berufliche
  Ausbildung abgeschlossen, sondern lediglich eine Anlehre in einem geschützten
  Rahmen absolviert. Selbst wenn davon auszugehen wäre, dass sie auf dem
  Arbeitsmarkt eine geeignete Verweisungstätigkeit auszuführen imstande wäre,
  bestünde offensichtlich keine Arbeitsfähigkeit von 70 %. Beim
  Einkommensvergleich wäre schliesslich zu berücksichtigen, dass sie nicht auch
  nur ansatzweise den Tabellenlohn erzielen könnte, wobei zusätzlich ein
  leidensbedingter Abzug von 25 % vorgenommen werden müsste.

  
	
   

  
	
  4.2 Die Beschwerdegegnerin führt aus, sie habe das vom
  RAD empfohlene Gutachten eingeholt. Die Beschwerdeführerin sei psychiatrisch,
  neuropsychologisch und orthopädisch begutachtet worden. Das Gutachten erfülle
  die Qualitätskriterien. Der psychiatrische Gutachter begründe eingehend,
  weshalb er der Auffassung des Integrationscoaches der Stiftung D.______ nicht
  folgen könne, wonach die Beschwerdeführerin lediglich zu 30 %
  arbeitsfähig sei. Schliesslich sei auch die Bemessung des Invaliditätsgrads
  rechtskonform erfolgt. Entgegen ihren Ausführungen benötige die
  Beschwerdeführerin bei einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von maximal
  30 % keinen geschützten Arbeitsplatz.

  
	
   

  
	
  5.

  
	
  5.1 Der RAD empfahl der Beschwerdegegnerin am 23. Juli
  2018 ein bidisziplinäres Gutachten mit den Fachrichtungen Psychiatrie und
  Orthopädie oder Rheumatologie in Auftrag zu geben. Entgegen den Darlegungen
  der Beschwerdeführerin folgte die Beschwerdegegnerin dieser Empfehlung und
  teilte der Beschwerdeführerin am 24. Juli 2018 mit, dass ein
  bidisziplinäres Gutachten notwendig sei. 

  
	
   

  
	
  5.2 Das psychiatrische Gutachten wurde durch
  Dr. med. F.______, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
  Facharzt für Neurologie FMH, am 22. Januar 2019 erstattet. Nach
  Rücksprache mit der Beschwerdegegnerin holte er zusätzlich ein
  neuropsychologisches Teilgutachten bei
  Dr. sc. hum. Dipl. Psych. G.______, Neuropsychologin
  PVK anerkannt, ein. Gestützt auf seine eigenen Untersuchungen und das
  Teilgutachten von Dr. G.______ kam er zum Schluss, dass die
  Beschwerdeführerin an einer einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung
  (ICD-10: F90.0) leide, welche Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit habe.
  Ferner stellte er folgende Diagnosen ohne Auswirkungen auf die
  Arbeitsfähigkeit: Probleme, verbunden mit Schwierigkeiten bei der
  Lebensbewältigung im Sinne von ängstlich-vermeidend (=
  vermeidend-selbstunsicher) und abhängig (asthenisch) akzentuierten
  Persönlichkeitszügen (ICD-10: F73.1); kombinierte Störung schulischer
  Fertigkeiten (ICD-10: F81.3); Geschlechtsidentitätsstörung
  "Transsexualismus" (ICD-10: F64.0). Er attestierte der
  Beschwerdeführerin in der bisherigen Tätigkeit wie auch in adaptierten
  Tätigkeiten eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit von 30 % bei einem
  zumutbaren vollen Arbeitspensum.

  
	
   

  
	
  Dr. F.______
  untersuchte die Beschwerdeführerin eingehend und setzte sich sorgfältig mit
  den vorhandenen medizinischen Berichten und der Einschätzung der Stiftung D.______
  auseinander. Dabei führte er überzeugend aus, dass die Beschwerdeführerin
  keine Autismus-Symptome zeige, weshalb die im Jahr 2012 gestellte
  Diagnose eines atypischen Autismus mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht
  bestätigt werden könne. Ebenso vermögen die Ausführungen zu überzeugen, dass
  die Gender-Dysphorie keine Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit der
  Beschwerdeführerin hat. Eingehend setzte sich Dr. F.______ sodann mit
  dem Abschlussbericht der Stiftung D.______ vom 9. Mai 2018 auseinander,
  in welchem eine Leistungsfähigkeit von lediglich 30 % postuliert wurde.
  Dabei wies er zum einen auf den Widerspruch zwischen der im Abschlussbericht
  dargestellten schwerwiegenden psychiatrischen Störung und der fehlenden
  Behandlung hin. Sodann stützte er sich auf seine eigenen Untersuchungen und
  zeigte deutlich auf, dass die Beschwerdeführerin über zahlreiche positive
  Ressourcen verfügt. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin
  selbst ihre Arbeitsfähigkeit auf 80 % schätzte. 

  
	
   

  
	
  Die durch
  Dr. F.______ attestierte Einschränkung der Leistungsfähigkeit von
  30 % lässt sich auf das neuropsychologische Teilgutachten und die
  diagnostizierte einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung zurückführen.
  So legte Dr. G.______ anhand der durchgeführten Tests nachvollziehbar
  dar, weshalb die Beschwerdeführerin in diesem Ausmass in der Arbeitsfähigkeit
  eingeschränkt ist.

  
	
   

  
	
  5.3 Das orthopädische Gutachten wurde durch
  Dr. med. H.______, Spezialarzt Chirurgie/Orthopädie FMH, am
  6. September 2019 erstattet. Er diagnostizierte eine hypotone
  Muskelschwäche des Schultergürtels beidseits bei ungeklärter Ätiologie. Diese
  habe Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Die Beschwerdeführerin sei in der
  Lage, leichte und mittelschwere Arbeiten, möglichst wechselbelastend und ohne
  Zwangshaltung für die Wirbelsäule, auszuüben. Zu meiden seien Arbeiten in Zwangshaltung
  wie vornübergebeugtes Stehen. Langfristiges Stehen und Sitzen sollte mit
  maximal 60 Minuten limitiert bleiben. Zu meiden seien Arbeiten mit
  repetitiven Bewegungsanforderungen an den Rumpf sowie Arbeiten mit dauerndem
  Vorhalten der Arme und Hände vor dem Körper. Auch Überkopfarbeiten sollten
  der Beschwerdeführerin nicht dauerhaft zugemutet werden. Tätigkeiten, welche
  mit eventueller Unfallgefährdung einhergingen, sollten ebenfalls nicht
  eingefordert werden. Das Heben, Tragen und Bewegen von Lasten sei mit maximal
  15 kg limitiert. In einer solchen Tätigkeit, welche der zum aktuellen
  Zeitpunkt ausgeführten Tätigkeit in der Stiftung I.______ als Monteurin
  entspreche, resultiere aus rein orthopädisch-somatischer Sicht eine
  Arbeitsfähigkeit von 100 %. Das gewählte Pensum von 80 % sei nicht
  aufgrund erkennbarer körperlicher Deformitäten gewählt worden, sondern
  aufgrund einer Leistungsbeschränkung auf psychiatrischem Fachgebiet. 

  
	
   

  
	
  Die Diagnose und die
  Beurteilung der Arbeitsfähigkeit beruhen auf einer eingehenden Untersuchung
  der Beschwerdeführerin. Dr. H.______ führte insbesondere aus, dass die
  Muskelverschmächtigungen, welche hauptsächlich den Oberkörper beträfen, bei
  seitengleicher, freier und schmerzloser Beweglichkeit sämtlicher Gelenke der oberen
  Extremität und einer ausreichenden Muskelmasse an den Ober- und Unterarmen
  nicht als eine wesentliche Behinderung aus orthopädischer Sicht mit
  Krankheitswert aufzufassen seien. Dabei ist es nachvollziehbar, dass der
  Gutachter die Hauptproblematik nicht auf dem orthopädischen, sondern auf dem
  psychiatrischen und auf dem neuropsychologischen Gebiet sieht.

  
	
   

  
	
  5.4 In der Konsensbeurteilung vom 13. September 2019
  gelangten Dr. F.______ und Dr. H.______ zum Schluss, die
  Beschwerdeführerin könne in der zuletzt ausgeübten wie in jeder anderen
  angepassten Arbeitstätigkeit mit einer Einschränkung der Leistungsfähigkeit
  von 30 % in einem vollen Pensum arbeiten. Diese Einschätzung stimmt mit
  den einzelnen Gutachten überein.

  
	
   

  
	
  Das bidisziplinäre
  Gutachten überzeugt und erfüllt die von der Rechtsprechung aufgestellten
  Kriterien (vgl. E. II/3.3), wovon auch der RAD ausgeht. Insbesondere wird
  schlüssig dargelegt, weshalb nicht der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit
  durch die Stiftung D.______ gefolgt werden kann. Auch werden die Ressourcen
  der Beschwerdeführerin aufgezeigt, was es nachvollziehbar erscheinen lässt,
  dass die Gender-Dysphorie keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hat. Da
  die weiteren medizinischen Berichte durch das bidisziplinäre Gutachten
  entweder widerlegt werden oder sich aber nicht zur Arbeitsfähigkeit der
  Beschwerdeführerin äussern, werden durch diese keine Zweifel am Gutachten
  geweckt. Mit der Beschwerdegegnerin ist daher davon auszugehen, dass die
  Beschwerdeführerin in einer Tätigkeit, welche dem orthopädisch festgelegten
  Zumutbarkeitsprofil entspricht, bei einem vollen Arbeitspensum eine
  Arbeitsfähigkeit von 70 % aufweist.

  
	
   

  
	
  6.

  
	
  6.1 Die Beschwerdegegnerin stützte sich sowohl bei der
  Ermittlung des Valideneinkommens als auch bei derjenigen des Invalideneinkommens
  auf die Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamts für Statistik. Wie sich aus
  dem Nachfolgenden ergibt, erweist sich dieses Vorgehen als nicht korrekt.

  
	
   

  
	
  6.2

  
	
  6.2.1 Konnte die versicherte Person wegen der Invalidität
  keine zureichenden beruflichen Erkenntnisse erwerben, so entspricht laut Art.
  26 Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung vom 17. Januar
  1961 (IVV) das Erwerbseinkommen, das sie als Nichtinvalide erzielen könnte,
  den folgenden nach Alter abgestuften Prozentsätzen des jährlich
  aktualisierten Medianwerts gemäss LSE: vor Vollendung von
  21 Altersjahren 70 %; nach Vollendung von 21 Altersjahren und
  vor Vollendung von 25 Altersjahren 80 %; nach Vollendung von
  25 Altersjahren und vor Vollendung von 30 Altersjahren 90 %;
  danach 100 %.

  
	
   

  
	
  6.2.2 Geburts- und Frühinvalide im Sinne von Art. 26
  Abs. 1 IVV sind Versicherte, die seit ihrer Geburt oder Kindheit an
  einem Gesundheitsschaden leiden und deshalb keine zureichenden beruflichen
  Kenntnisse erwerben konnten. Darunter fallen all jene Personen, die wegen
  ihrer Invalidität überhaupt keine Berufsausbildung absolvieren können. Ebenso
  dazu gehören aber auch Versicherte, die zwar eine Berufsausbildung
  abschliessen, zu deren Beginn jedoch bereits invalid waren und die
  absolvierte Ausbildung wegen ihrer Invalidität auf dem ausgeglichenen
  Arbeitsmarkt nicht in gleicher Weise "ummünzen" können wie
  nichtbehinderte Personen mit derselben (ordentlichen) Ausbildung (BGer-Urteil
  9C_233/2018 vom 11. April 2019 E. 1.2; Kreisschreiben des Bundesamts für
  Sozialversicherungen über Invalidität und Hilflosigkeit in der
  Invalidenversicherung [KSIH], gültig ab 1. Januar 2015, Rz. 3035). 

  
	
   

  
	
  6.2.3 Die Beschwerdegegnerin anerkannte bereits im
  Jahr 2004, dass die Beschwerdeführerin an einem ADHS leidet und leistete
  entsprechende medizinische Massnahmen. Die Beschwerdeführerin absolvierte
  eine INSOS (Nationaler Branchenverband der Institutionen für Menschen mit
  Behinderung)-Ausbildung als Industriepraktikerin. Bei der Praktischen
  Ausbildung handelt es um ein Angebot für Jugendliche und junge Erwachsene mit
  Lernschwierigkeiten, denen es (noch) nicht möglich ist, eine Ausbildung mit
  einem anerkannten Berufsabschluss zu absolvieren
  (https://insos.ch/ausbildung-pra/die-pra-in-kuerze/, zuletzt besucht am
  18. Februar 2021).

  
	
   

  
	
  6.2.4 Die Beschwerdeführerin konnte invaliditätsbedingt
  lediglich im geschützten Rahmen eine berufliche Ausbildung als
  Industriepraktikerin absolvieren. Diese vermittelte nicht die gleichen
  Kenntnisse wie eine eigentliche Lehre oder eine andere ordentliche Ausbildung
  (vgl. dazu BGer-Urteil 9C_611/2014 vom 19. Februar 2015
  E. 4.3). Sie hat daher als Frühinvalide im Sinne von Art. 26 Abs. 1
  IVV zu gelten (vgl. BGer-Urteil I 108/05 vom 7. Juni 2005
  E. 5.1.1). 

  
	
   

  
	
  6.3

  
	
  6.3.1 Die Beschwerdeführerin erhielt während ihrer
  Ausbildung bis zum 31. Juli 2018 Taggelder der Invalidenversicherung.
  Art. 29 Abs. 2 IVG sieht vor, dass der Rentenanspruch nicht entsteht, solange
  die versicherte Person ein Taggeld beanspruchen kann. Damit entstand ein
  allfälliger Rentenanspruch frühestens am 1. August 2018.

  
	
   

  
	
  6.3.2 Die Beschwerdeführerin war am 1. August 2018 noch
  nicht 21 Jahre alt, weshalb nach Art. 26 Abs. 1 IVV das Valideneinkommen
  70 % des Medianwerts gemäss LSE betrug, was Fr. 57'400.- entspricht
  (vgl. IV-Rundschreiben Nr. 369). Im März 2019 vollendete die
  Beschwerdeführerin das 21. Altersjahr, weshalb das Valideneinkommen ab
  März 2019 80 % des Medianwerts gemäss LSE betrug, was
  Fr. 66'400.- entspricht (vgl. IV-Rundschreiben Nr. 378).

  
	
   

  
	
  6.4

  
	
  6.4.1 Entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin kann
  für die Bestimmung des Invalideneinkommens nicht auf die Tabellenlöhne der
  LSE abgestellt werden. Dies zeigt sich darin, dass der verwendete
  Tabellenlohn, zumindest solange die Beschwerdeführerin noch nicht 21 Jahre
  alt war, deutlich über dem nach Art. 26 Abs. 1 IVV berechneten
  Valideneinkommen liegt. Wird bei der Ermittlung des Valideneinkommens nach
  Art. 26 Abs. 1 IVV dem Umstand Rechnung getragen, dass im
  jugendlichen Alter im Allgemeinen noch nicht die Löhne erzielt werden, die
  erfahrene Berufsleute erzielen, muss dies auch bei der Ermittlung des
  Invalideneinkommens berücksichtigt werden. Dabei ist auf die konkrete
  Situation der versicherten Person einzugehen (vgl. als
  Anwendungsbeispiel VGer-Urteil VG.2020.00090 vom 10. Dezember 2020
  E. II/4.2).

  
	
   

  
	
  6.4.2 Die Stiftung D.______ ging gestützt auf das Lohnbuch
  des Kantons Zürich von einem auf ein Pensum von 100 % bezogenen
  Grundlohn von Fr. 3'800.- pro Monat aus. Dies scheint realistisch zu
  sein. Bei einer Einschränkung der Leistungsfähigkeit um 30 % ergibt sich
  ein Valideneinkommen von Fr. 34'580.-
  (13 x 3'800 x 0,7). Da nicht auf den Tabellenlohn
  abgestellt wird, kommt ein leidensbedingter Abzug nicht in Betracht. Der
  Invaliditätsgrad der Beschwerdeführerin beträgt folglich vom 1. August
  2018 bis zum 28. Februar 2019 gerundet 40 % (vgl. BGE 130
  V 121 zur Rundungsregel) und ab dem 1. März 2019 48 %, was zum
  Bezug einer Viertelsrente ab dem 1. August 2018 berechtigt. 

  
	
   

  
	
  Demgemäss ist die
  Beschwerde teilweise gutzuheissen. Die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom
  17. September 2020 ist aufzuheben und der Beschwerdeführerin ist ab dem 1.
  August 2018 eine Viertelsrente der Invalidenversicherung zuzusprechen.

  
	
   

  
	
  III.

  
	
  1.

  
	
  1.1 Nach Art. 134 Abs. 1 lit. c des
  Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege vom 4. Mai 1986 (VRG) i.V.m.
  Art. 69 Abs. 1bis IVG hat die Partei, welche im Beschwerdeverfahren
  unterliegt, die amtlichen Kosten zu tragen. Obsiegt die Beschwerde führende
  Person teilweise, ist sie dann nicht kostenpflichtig und erhält eine
  ungekürzte Parteientschädigung, wenn sie im Grundsatz obsiegt und lediglich
  im Masslichen teilweise unterliegt, was beispielsweise bei der Zusprechung
  einer halben statt der beantragten ganzen Invalidenrente der Fall ist. In
  einer solchen Konstellation bedingt das effektiv Erhaltene nämlich
  grundsätzlich den selben Aufwand wie das Beantragte (BGE 117 V 401
  E. 2c; BGer-Urteil 9C_995/2012 vom 17. Januar 2013 E. 3).

  
	
   

  
	
  So verhält es sich auch
  vorliegend, weshalb die Gerichtskosten von pauschal Fr. 600.- der
  Beschwerdegegnerin aufzuerlegen sind.

  
	
   

  
	
  1.2 Aus denselben Gründen ist der Beschwerdeführerin
  gemäss Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG zu
  Lasten der Beschwerdegegnerin eine Parteientschädigung in der Höhe von
  Fr. 1'800.- (inkl. Mehrwertsteuer) zuzusprechen.

  
	
   

  
	
  2.

  
	
  2.1 Die Beschwerdeführerin beantragt die Gewährung der
  unentgeltlichen Prozessführung und der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung.
  Gemäss Art. 139 Abs. 1 VRG befreit die Behörde eine Partei, der die Mittel
  fehlen, um neben dem Lebensunterhalt für sich und ihre Familie die
  Verfahrenskosten aufzubringen, auf Gesuch hin ganz oder teilweise von der
  Kosten- und Vorschusspflicht, sofern das Verfahren nicht aussichtslos ist.
  Unter denselben Voraussetzungen weist sie der Partei auf Gesuch hin oder von
  Amtes wegen einen Anwalt als Rechtsbeistand zu, falls ein solcher für die
  gehörige Interessenwahrung erforderlich ist (Art. 61 lit. f ATSG und
  Art. 139 Abs. 2 VRG). Der Nachweis der Bedürftigkeit obliegt nach
  Art. 139 Abs. 3 VRG der gesuchstellenden Partei.

  
	
   

  
	
  2.2 Da die Gerichtskosten der Beschwerdegegnerin
  aufzuerlegen sind, ist das Gesuch der Beschwerdeführerin um Gewährung der
  unentgeltlichen Prozessführung als gegenstandslos geworden abzuschreiben.

  
	
   

  
	
  2.3 Die Mittellosigkeit der Beschwerdeführerin erscheint
  aufgrund der Aktenlage als offensichtlich, bezieht sie doch Sozialhilfe.
  Zudem obsiegt sie im vorliegenden Verfahren teilweise, womit dieses
  nicht als aussichtslos bezeichnet werden kann. Da die Beschwerdeführerin auf
  eine rechtliche Vertretung angewiesen war, ist das Gesuch um unentgeltliche
  Rechtsverbeiständung gutzuheissen und ihr ist in der Person von Rechtsanwalt
  B.______ ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu
  bestellen. Dieser ist mit Fr. 1'800.- (inkl. Mehrwertsteuer) zu
  entschädigen, woran die Parteientschädigung in gleicher Höhe anzurechnen ist.

  
	
  Demgemäss beschliesst die Kammer:

  
	
  	
    1.

    	
    Das
    Gesuch der Beschwerdeführerin um Gewährung der unentgeltlichen
    Prozessführung wird als gegenstandslos geworden abgeschrieben.

    
	
    2.

    	
    Das
    Gesuch der Beschwerdeführerin um Gewährung der unentgeltlichen
    Rechtsverbeiständung wird gutgeheissen. Ihr wird in der Person von
    Rechtsanwalt B.______ ein unentgeltlicher Rechtsbeistand bestellt.

    
	
    3.

    	
    Der
    Rechtsbeistand wird zu Lasten der Gerichtskasse mit Fr. 1'800.- (inkl. Auslagen
    und Mehrwertsteuer) entschädigt. Daran
    angerechnet wird die Parteientschädigung seitens der Beschwerdegegnerin in
    gleicher Höhe.

    

  und erkennt sodann:

  
	
  	
    1.

    	
    Die
    Beschwerde wird teilweise gutgeheissen. Die Verfügung der
    Beschwerdegegnerin vom 17. September 2020 wird aufgehoben und der
    Beschwerdeführerin wird ab dem 1. August 2018 eine Viertelsrente der
    Invalidenversicherung zugesprochen.

    
	
    2.

    	
    Die
    Gerichtskosten von Fr. 600.- werden der Beschwerdegegnerin auferlegt.

    
	
    3.

    	
    Die
    Beschwerdegegnerin wird verpflichtet, der Beschwerdeführerin innert
    30 Tagen nach Rechtskraft dieses Entscheids eine Parteientschädigung
    von Fr. 1'800.- (inkl. Mehrwertsteuer) zu bezahlen.

    
	
    4.

    	
    Schriftliche
    Eröffnung und Mitteilung an:

    
	
     

    	
    […]