# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** ccefb39f-26d9-56ab-b4be-1a5ef130dc8a
**Source:** Solothurn (SO)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2019-08-19
**Language:** de
**Title:** Solothurn Versicherungsgericht 19.08.2019 VSBES.2018.72
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SO_Omni/SO_VSG_001_VSBES-2018-72_2019-08-19.html

## Full Text

Urteil vom 19. August 2019

Es wirken mit:

Vizepräsidentin Weber-Probst 

Oberrichter Kiefer

Oberrichter von Felten

Gerichtsschreiber Haldemann 

In Sachen

A.___, vertreten durch Rechtsanwalt und Notar Claude Wyssmann

Beschwerdeführer 

gegen

IV-Stelle Solothurn,
Allmendweg 6, 4528 Zuchwil 

Beschwerdegegnerin 

betreffend     Invalidenrente und berufliche Massnahmen (Verfügung vom
26. Januar 2018)

 

 

zieht das
Versicherungsgericht in Erwägung:

I.     
 

 

1.

1.1     Die IV-Stelle des Kantons
Solothurn (fortan: Beschwerdegegnerin) sprach dem Versicherten A.___ (fortan:
Beschwerdeführer), geb. am [...] 1956, am 6. Mai 1999 mit Wirkung ab 1. Oktober
1998, ausgehend von einem Invaliditätsgrad von 85 %, eine ganze Rente zu
(IV-Stelle Beleg / IV-Nr. 2). Diese wurde am 9. Mai 2000 und 20. Dezember 2005
bestätigt (IV-Nrn. 5 +15).

 

1.2     Am 6. August 2010 leitete die
Beschwerdegegnerin erneut ein Revisionsverfahren ein (IV-Nr. 31). Nach
verschiedenen Abklärungen hob sie die Rente mit Verfügung vom 26. Januar 2018
auf das Ende des der Zustellung der Verfügung folgenden Monats hin auf, da kein
rentenbegründender Invaliditätsgrad mehr vorliege, und entzog einer dagegen
gerichteten Beschwerde die aufschiebende Wirkung. Ausserdem lehnte es die
Beschwerdegegnerin ab, die Kosten des Berichts von Dr. med. B.___ vom 29.
März 2012 zu übernehmen (Aktenseite / A.S. 1 ff.).

 

2.

2.1     Der
Beschwerdeführer lässt am 28. Februar 2018 beim Versicherungsgericht des
Kantons Solothurn (fortan: Versicherungsgericht) Beschwerde erheben und
folgende Rechtsbegehren stellen (A.S. 6 ff.): 

1.      Die Verfügung der IV-Stelle Solothurn
vom 26. Januar 2018 sei vollumfänglich aufzuheben.

2.      a) Die Beschwerdesache sei wegen
schwerer Gehörsverletzung an die IV-Stelle zur Durchführung des
Vorbescheidverfahrens und zur Neuverfügung zurückzuweisen.

b)
Eventualiter: Es seien dem Beschwerdeführer weiterhin die bisherigen
IV-Rentenleistungen bei einem lnvaliditätsgrad von 100 % auszurichten.

c)
Subeventualiter: Es seien ergänzende medizinische und beruflich-erwerbsbezogene
Abklärungen durchzuführen.

d)
Subsubeventualiter: Es sei die Beschwerdesache zu beruflichen Eingliederungsmassnahmen
verbunden mit der Anordnung der Weiterausrichtung während derselben an die
Vorinstanz zurückzuweisen.

3.      Es seien dem Beschwerdeführer die ihm im
Zusammenhang mit der neuropsychologischen Abklärung bei Frau Dr. med. B.___ vom
29. März 2012 entstandenen und ausgewiesenen Kosten im Betrage von CHF 643.80
zu ersetzen.

4.      Es sei der vorliegenden Beschwerde die
aufschiebende Wirkung zu erteilen.

5.      Es sei nach Art. 191 ZPO eine
gerichtliche und protokollarische Befragung [des Beschwerdeführers] zur
bestrittenen Gefahr der Uneinbringlichkeit der IV-Leistungen (Beweisthema:
aufschiebende Wirkung) und über den Eingliederungswillen (Beweisthema:
Eingliederungsmassnahmen, Eingliederung vor Rentenaufhebung) durchzuführen.

6.      Über die von der Beschwerdeführerin im
vorliegenden Beschwerdeverfahren gestellten Beweisanträge sei gerichtlich eine
Beweisverfügung nach Art. 154 ZPO zu eröffnen, worin die zugelassenen
Beweismittel bezeichnet werden und wo bestimmt wird, welche Partei zu welchen
Tatsachen der Haupt- oder Gegenbeweis obliegt. Dabei sei der Praxis des
Bundesverwaltungsgerichts Rechnung zu tragen, welche die Anordnung einer
solchen Beweisverfügung auch im Bereich des Sozialversicherungsverfahrens
ausdrücklich verlangt.

7.      Es sei eine öffentliche Verhandlung nach
Art. 6 Ziff. 1 EMRK mit zusätzlicher Parteibefragung durchzuführen.

8.      Alles unter Kosten- und
Entschädigungsfolge zu Lasten der Beschwerdegegnerin.

 

2.2     Die Beschwerdegegnerin beantragt
am 23. April 2018, das Gesuch um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung
sei abzuweisen (A.S. 36 f.). Die Vizepräsidentin des Versicherungsgerichts
stellt in der Folge mit Verfügung vom 7. Mai 2018 die aufschiebende Wirkung der
Beschwerde wieder her (A.S. 38 f.). 

 

2.3     Die Beschwerdegegnerin
verzichtet am 23. Mai 2018 auf eine Beschwerdeantwort und beantragt die
Abweisung der Beschwerde; eventualiter sei die Beschwerde in dem Sinne
gutzuheissen, als dem Beschwerdeführer eine Teilrente auszurichten sei
(A.S. 47). 

 

2.4     Am 23. Mai 2018 beantragt die
Beschwerdegegnerin, die Verfügung der Vizepräsidentin vom 7. Mai 2018 sei in
dem Sinne anzupassen, als dass dem Beschwerdeführer während des laufenden
Beschwerdeverfahrens nur eine halbe Invalidenrente, eventualiter eine
Dreiviertelsrente auszurichten sei (A.S. 45 f.). Der Beschwerdeführer lässt am
3. Juli 2018 die Abweisung dieses Gesuchs begehren (A.S. 50). 

 

Die Vizepräsidentin hebt am 17. Juli
2018 Ziffer 2 der Verfügung vom 7. Mai 2018 wiedererwägungsweise auf und
entzieht der Beschwerde die aufschiebende Wirkung (A.S. 55 f.). 

 

2.5     Die Vizepräsidentin teilt den
Parteien mit Verfügung vom 31. Juli 2018 mit, es sei vorgesehen, bei Dr. med. C.___,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, ein Gerichtsgutachten
einzuholen (A.S. 57 ff.). Nachdem die Parteien innert Frist weder Einwände
erhoben noch Zusatzfragen gestellt haben, erteilt die Vizepräsidentin Dr. med. C.___
am 20. September 2018 den Begutachtungsauftrag (A.S. 69 ff.). 

 

Das Gerichtsgutachten ergeht am 26.
November 2018 (A.S. 72 ff.). Während die Beschwerdegegnerin keine Stellungnahme
dazu abgibt (s. A.S. 113), lässt der Beschwerdeführer am 7. Februar 2019 einen
Bericht der Dres. D.___ und E.___ einreichen. Er hält dafür, mangels einer
wesentlichen Veränderung des Gesundheitszustands entfalle eine Revision;
eventualiter seien vor einer Rentenanpassung berufliche
Eingliederungsmassnahmen durchzuführen. Ausserdem sei der Beschwerde die
aufschiebende Wirkung zu erteilen (A.S. 102 ff.). 

 

Die Vizepräsidentin weist das Gesuch um
Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung mit Verfügung vom 26. Februar 2019
ab und holt bei Dr. med. C.___ eine ergänzende Stellungnahme ein (A.S. 113 f.),
welche am 18. März 2019 ergeht (A.S. 116 f.). Während sich die
Beschwerdegegnerin dazu nicht äussert, lässt der Beschwerdeführer am 4. Juni
2019 einen weiteren Bericht einreichen (A.S. 127 f.).

 

2.6     Der Beschwerdeführer lässt am
16. Januar 2019 die unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung
beantragen (A.S. 96). Mit Verfügung vom 26. Februar 2019 gewährt die Vizepräsidentin
die unentgeltliche Rechtspflege in dem Sinne, als sie Rechtsanwalt Claude
Wyssmann ab Gesuchsdatum als unentgeltlichen Rechtsbeistand bestellt
(A.S. 113).

 

2.7     Mit Verfügung vom 13. Juni 2019
weist die Vizepräsidentin den Antrag des Beschwerdeführers auf eine
Parteibefragung ab (A.S. 129). 

 

2.8     Am 14. August 2019 findet vor
dem Versicherungsgericht eine öffentliche Verhandlung statt. Der Vertreter des
Beschwerdeführers bekräftigt in seinem Parteivortrag die in der Beschwerde
gestellten Rechtsbegehren (s. Protokoll, A.S. 133 f.). Ausserdem reicht er eine
Kostennote ein (A.S. 135 ff.). Die Beschwerdegegnerin, der das Erscheinen
freigestellt worden ist (s. dazu A.S. 130), nimmt an der Verhandlung nicht
teil (A.S. 133).

 

II.

 

1.       Die Sachurteilsvoraussetzungen
(zulässiges Anfechtungsobjekt, Einhaltung von Frist und Form, örtliche,
sachliche und funktionelle Zuständigkeit des angerufenen Gerichts,
Legitimation) sind erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten. Streitig und zu
prüfen ist die Rentenaufhebung per 28. Februar 2018 (nachdem die
Revisionsverfügung dem Vertreter des Beschwerdeführers am 29. Januar 2018
zugestellt wurde, E. I. 1.2 hiervor sowie A.S. 9 Ziff. 2). Massgebend ist
grundsätzlich der Sachverhalt, der bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung
am 26. Januar 2018 eingetreten ist (BGE 121 V 362 E. 1b
S. 366). 

 

2.

2.1     In zeitlicher Hinsicht sind –
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen – grundsätzlich
diejenigen Rechtssätze massgeblich, die bei der Erfüllung des rechtlich zu
ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben
(BGE 132 V 215 E. 3.1.1 S. 220). Im vorliegenden Fall steht
eine Aufhebung der Rente per Ende Februar 2018 zur Debatte. Somit ist die
Rechtslage ab 1. Januar 2012, nach der 6. IV-Revision, massgebend.

 

2.2     Als Invalidität gilt die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit andauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts / ATSG, SR 830.1). Sie kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
Bundesgesetz über die Invalidenversicherung / IVG, SR 831.20). Für
die Beurteilung der Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die aus objektiver
Sicht nicht überwindbaren Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu
berücksichtigen (Art. 7 Abs. 2 ATSG). 

 

Nach der neuen, am 30. November 2017
begründeten Rechtsprechung ist grundsätzlich auf sämtliche psychischen
Erkrankungen das sog. strukturierte Beweisverfahren gemäss BGE 141 V 281
anzuwenden (BGE 143 V 418 E. 7.2 S. 429 sowie 143 V 409 E. 4.5.2 S.
416 f.). Die Frage, ob ein psychisches Leiden zu einer ganzen oder teilweisen
Arbeitsunfähigkeit führt, beurteilt sich nach einem strukturierten, normativen
Prüfungsraster. Anhand eines Kataloges von Indikatoren, welche sich auf den
funktionellen Schweregrad des Leidens und die Konsistenz des Verhaltens
beziehen, erfolgt eine ergebnisoffene symmetrische Beurteilung des – unter
Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und
Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits – tatsächlich erreichbaren
Leistungsvermögens (BGE 141 V 281 E. 3.6 S. 294 f. und E. 4.1.3
S. 297). 

 

2.3     Bei einem Invaliditätsgrad ab
40 % besteht Anspruch auf eine Viertelsrente, ab 50 % auf eine halbe
Rente, ab 60 % auf eine Dreiviertelsrente sowie ab 70 % auf eine
ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG). 

 

2.4     Ändert sich der Invaliditätsgrad
eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf
Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben
(Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede
wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den
Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen (BGE 125
V 368 E. 2 S. 369). Die Invalidenrente ist deshalb nicht nur bei
einer wesentlichen Veränderung des Gesundheitszustandes revidierbar, sondern
auch dann, wenn sich die erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich
gebliebenen Gesundheitszustandes erheblich verändert haben (BGE 130
V 343 E. 3.5 S. 349 f., 117 V 198 E. 3b S. 199).
Die Frage, ob eine erhebliche, d.h. mit Bezug auf den Invaliditätsgrad
rentenwirksame Änderung der tatsächlichen Verhältnisse eingetreten ist,
beurteilt sich auf Grund eines Vergleichs des Sachverhaltes, wie er im
Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenverfügung – oder einer späteren, auf einer
umfassenden Prüfung beruhenden Bestätigung oder Änderung – bestanden hat, mit
demjenigen im Zeitpunkt der streitigen Revisionsverfügung (BGE 133
V 108 E. 5 S. 110 ff.). Das Heranziehen eines
Verwaltungsaktes als Vergleichsbasis setzt voraus, dass er auf den Abklärungen
beruht, welche mit Blick auf die möglicherweise veränderten Tatsachen notwendig
erscheinen (Urteil des Bundesgerichts 8C_441/2012 vom 25. Juli 2013
E. 6.2).

 

2.5     Um den Invaliditätsgrad bemessen
zu können, ist die Verwaltung auf Unterlagen angewiesen, die Arztpersonen und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung gestellt haben. Aufgabe des
Arztes ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu
nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren bilden die ärztlichen Auskünfte eine
wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der
versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 140 V 193
E. 3.2 S. 196, 105 V 156 E. 1 S. 158 f.).

 

Der im Sozialversicherungsrecht
massgebende Beweisgrad ist derjenige der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
(BGE 117 V 194 f. E. 3.b). Weiter gilt für das gesamte
Verwaltungs- und gerichtliche Beschwerdeverfahren der Grundsatz der freien
Beweiswürdigung (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352). Der
Sozialversicherungsrichter hat alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie
stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die verfügbaren
Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches
gestatten. Insbesondere darf er bei einander widersprechenden medizinischen
Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu
würdigen und die Gründe anzugeben, warum er auf die eine und nicht auf die
andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines
Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend
ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten – d.h. der Anamnese – abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und in seinen
Schlussfolgerungen begründet ist. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist
grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung
der eingereichten resp. in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder
Gutachten (a.a.O.; BGE 122 V 157 E. 1c S. 160). Die
Rechtsprechung erachtet es jedoch als mit dem Grundsatz der freien
Beweiswürdigung vereinbar, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte
und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (BGE 125
V 351 E. 3b S. 352). So ist einem im Rahmen des
Verwaltungsverfahrens eingeholten medizinischen Gutachten durch externe
Spezialärzte, welches auf Grund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen
sowie nach Einsicht in die Akten erstellt wurde und bei der Erörterung der
Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangt, in der Beweiswürdigung volle
Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 210 E. 2.2.2
S. 232, 125 V 351 E. 3b/bb S. 353). Andererseits ist der
Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen, dass behandelnde Ärzte im Hinblick auf
ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen mitunter eher zu
Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE 125 V 351 E. 3b/cc
S. 353).

 

Von einem Gerichtsgutachten darf nur bei
zwingenden Gründen abgewichen werden (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 469). Ein solcher
Grund kann vorliegen, wenn das Gerichtsgutachten widersprüchlich ist oder ein
vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu anderen
Schlussfolgerungen gelangt. Eine divergierende Beurteilung kann ferner
gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer
Fachexperten dem Gericht als triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des
Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung durch
einen Oberexperten für angezeigt hält, sei es, dass es ohne Oberexpertise vom
Ergebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (BGE 125 V
351 E. 3b/aa S. 352 f.; Urteil des Bundesgerichts 9C_429/2017 vom 30.
August 2017 E. 3.1.3).

 

In Revisionsfällen ist zusätzlich zu
beachten, dass sich eine medizinische Beurteilung, welche von einer früheren
ärztlichen Einschätzung abweicht, hinreichend darüber aussprechen muss,
inwiefern eine effektive Veränderung des Gesundheitszustandes stattgefunden
hat. Die Feststellung einer Veränderung erfolgt durch eine Gegenüberstellung
eines vergangenen und des aktuellen Zustandes. Der Beweiswert eines zwecks
Rentenrevision erstellten Gutachtens hängt also wesentlich davon ab, ob es sich
ausreichend auf das Beweisthema der erheblichen Änderung des Sachverhalts
bezieht. Einer für sich allein betrachtet vollständigen und schlüssigen
medizinischen Stellungnahme, die im Hinblick auf eine erstmalige Beurteilung
der Rentenberechtigung tauglich wäre, mangelt es daher in der Regel am
rechtlich erforderlichen Beweiswert, wenn sie sich nicht hinreichend darüber
ausspricht, inwiefern eine effektive Veränderung des Gesundheitszustandes
eingetreten ist. Vorbehalten bleiben Sachlagen, in denen es evident ist, dass sich
die gesundheitlichen Verhältnisse verändert haben (Urteil des Bundesgerichts
8C_38/2013 vom 2. September 2013 E. 4.4.3). Ist eine
anspruchserhebliche Änderung des Sachverhalts nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit erstellt, bleibt es nach dem Grundsatz der materiellen
Beweislast beim bisherigen Rechtszustand (a.a.O., E. 2.4). 

 

2.6     Im Sozialversicherungsverfahren
gilt der Untersuchungsgrundsatz, d.h. die Verwaltung resp. das Gericht haben
von sich aus für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhalts zu sorgen (Art. 43 Abs. 1 und Art. 61 lit. c ATSG). Diese
Untersuchungspflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteilung des
streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende Klarheit besteht.
Der Grundsatz gilt jedoch nicht uneingeschränkt, sondern wird durch die
Mitwirkungspflichten des Versicherten relativiert (BGE 125 V 193 E. 2 S. 195,
122 V 157 E. 1a S. 158). Ein Teilgehalt der Mitwirkungspflicht besteht in der
Teilnahme am Beweisverfahren (Ueli Kieser in: Kommentar zum ATSG, 3. Aufl.,
Zürich 2015, Art. 43 N 86).

 

Der Untersuchungsgrundsatz schliesst die
Beweislast im Sinne einer Beweisführungslast begriffsnotwendig aus. Die
Parteien tragen mithin im Sozialversicherungsverfahren in der Regel eine Beweislast
nur insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener
Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten
wollte. Diese Beweisregel greift allerdings erst Platz, wenn es sich als
unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes auf dem Wege der
Beweiserhebung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die
Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 117 V 261
E. 3b S. 264).

 

Führen die von Amtes wegen vorzunehmenden
Abklärungen die Verwaltung oder das Gericht bei pflichtgemässer Beweiswürdigung
zur Überzeugung, ein bestimmter Sachverhalt sei als überwiegend wahrscheinlich
zu betrachten und es könnten weitere Beweismassnahmen an diesem feststehenden
Ergebnis nichts mehr ändern, so ist auf die Abnahme weiterer Beweise zu
verzichten. Gleiches gilt, wenn der Sachverhalt, den eine Partei beweisen will,
nicht rechtserheblich erscheint (BGE 126 V 353 E. 5b S. 360, 125 V 193 E. 2 S.
195, 122 V 157 E. 1d S. 162). In einer solchen antizipierten Beweiswürdigung
liegt kein Verstoss gegen das verfassungsmässig gewährleistete rechtliche Gehör
(BGE 134 I 140 E. 5.3 S. 148, 124 V 90 E. 4b S. 94). Bleiben jedoch erhebliche
Zweifel an der Vollständigkeit und / oder Richtigkeit der bisher getroffenen
Tatsachenfeststellung bestehen, ist weiter zu ermitteln, soweit von
zusätzlichen Abklärungsmassnahmen noch neue wesentliche Erkenntnisse zu
erwarten sind (Urteil des Bundesgerichts 9C_407/2015 vom 22. April 2016 E.
3.1).

 

3.

3.1     Der Beschwerdeführer besuchte
sechs Jahre die Primar- und drei Jahre die Bezirksschule sowie ein Jahr ein Handelsinstitut
und vier Jahre die Gewerbeschule, bevor er 1977 die vierjährige Lehre als
Fernmelde-, Elektro- und Apparatemonteur (FEAM) abschloss. Weiter erwarb er 1994
das Schweizerische Informatik-Zertifikat (SIZ) als Anwender und war zuletzt,
bis 1999, in diesem Bereich tätig (IV-Nr. 41.3 S. 1 f.). 

 

Die Beschwerdegegnerin stützte sich bei
der Rentenzusprache vom 6. Mai 1999 (IV-Nr. 23) auf das Gutachten von Dr. med. F.___,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 25. Januar 1999 (IV-Nr.
1.10). Dieser hielt zur Vorgeschichte fest, der Beschwerdeführer habe die
2. Klasse der Bezirksschule wiederholt. Damals habe er Drogenerfahrungen
gemacht und während vier Jahren Marihuana geraucht. Nach der Schule habe er,
nach langer Unentschlossenheit, eine vierjährige Lehre absolviert. Schon damals
habe der Beschwerdeführer eine starke innere Unruhe und Nervosität verspürt. Um
Ruhe zu finden habe er drei Monate auf einer Insel in der Ägäis verbracht. Nach
zwei Monaten Arbeit in der Schweiz sei der Beschwerdeführer für drei Monate in
Irland und neun Monat in Paris gewesen. Dort sei nach Ansicht der Eltern eine
abrupte psychische Verschlechterung eingetreten. Der Beschwerdeführer sei
reizbarer geworden, habe unzusammenhängend gesprochen, sei rastlos und
aufbrausend gewesen. In der Folge habe der Beschwerdeführer den Arbeitsplatz
immer häufiger gewechselt. Seine Leistungen seien schlechter geworden, er habe
Schwierigkeiten mit den Vorgesetzten bekommen und oft sei ihm gekündigt worden.
Er habe unzählige jeweils kurzfristige Ausbildungen begonnen und sein Geld
sinnlos ausgegeben, weshalb ihn die Eltern finanziell unterstützt hätten (S.
2). Auf Veranlassung der Eltern und des Hausarztes sei der Beschwerdeführer von
einer Psychologin, einer Psychiaterin sowie, nachdem die Beziehung zu seiner
Freundin 1997 in die Brüche gegangen sei, in einer psychiatrischen Polyklinik
psychotherapeutisch behandelt worden. Subjektiv fühle sich der Beschwerdeführer
durch die starke innere Unruhe stark beeinträchtigt. Als Elektroniker sei er
überfordert, er wolle wieder mit Computern arbeiten. Die immer häufigeren
Arbeitsplatzwechsel rührten daher, dass er Stress nicht länger aushalte. Er
habe auch oftmals viel Alkohol konsumiert, um abzuschalten. Mit dem Trinken
habe er mit 16 Jahren angefangen. Zeitweise habe er täglich bis zu zehn
Flaschen Bier konsumiert. Seit 1997 habe er keine Stelle mehr. Was die
objektiven Befunde angehe, so zeige sich der Beschwerdeführer bewusstseinsklar
und ausreichend orientiert. Die Stimmung sei leicht gedrückt bis depressiv, die
Affektivität instabil. Vordergründig wirke der Beschwerdeführer freundlich (S. 3),
im Hintergrund seien jedoch Angst, Aggressivität und eine starke
intrapsychische Spannung spürbar (S. 3 f.). Das Denken sei beschleunigt und
inkohärent. Der Beschwerdeführer verliere im Gespräch immer wieder den Faden
und habe grosse Mühe am Thema zu bleiben. Es machten sich deutliche Konzentrationsstörungen
bemerkbar. Der Beschwerdeführer könne zu seiner letzten Arbeit sowie zur
jetzigen Ausbildung keine verwertbaren Angaben machen. Im Laufe des Gespräches stelle
sich eine starke Müdigkeit mit gehäuften Fehlleistungen ein. Die Gefühlslage sei
monoton. Der Beschwerdeführer wolle einen ruhigen Job ohne viel Lärm.
Halluzinatorische Erlebnisse sowie wahnhaft produktive Inhalte negiere er. Der
Beschwerdeführer scheine in der Vergangenheit eine schizophrene Erkrankung
durchgemacht zu haben (s. Bericht von Dr. med. G.___ vom 17. August 1998, der
von einer jugendlichen Schizophrenie spricht, IV-Nr. 1.14), Beim heutigen
Zustandsbild könne ein schizophrenes Residuum (F20.5) diagnostiziert werden.
Die Arbeitsfähigkeit liege bei ca. zehn bis 15 %. Der Beginn lasse sich
rückblickend nicht genau bestimmen, liege aber länger als ein Jahr zurück (S.
4). In einer anderen Tätigkeit denn als FEAM sei die Arbeitsfähigkeit ebenfalls
sehr niedrig. Angesichts der geringen Ausdauer in den Ausbildungen nach der
Lehre schienen berufliche Massnahmen nicht opportun (S. 5).

 

Die ganze Rente wurde am 9. Mai 2000
bestätigt (IV-Nr. 5), nachdem Dr. med. G.___ am 8. März 2000 festgehalten
hatte, seit seinem letzten Bericht vom 17. August 1998 habe sich nichts
geändert (IV-Nr. 4). Eine weitere Rentenbestätigung erfolgte am 20. Dezember
2005 (IV-Nr. 15), nachdem Dr. med. G.___ im Bericht vom 6. Dezember 2005
von einem stationären Zustand sowie einer unveränderten Diagnose gesprochen und
Dr. med. H.___ vom Regionalen Ärztlichen Dienst der Invalidenversicherung (RAD)
bestätigt hatte, dass weiterhin eine Arbeitsunfähigkeit von 85 % vorliege
(IV-Nrn. 13 + 14).

 

3.2     Nachdem die Beschwerdegegnerin
am 6. August 2010 ein weiteres Revisionsverfahren eingeleitet hatte, gab
der Beschwerdeführer im entsprechenden Fragebogen am 19. August 2010 an,
sein Zustand sei unverändert (IV-Nr. 31). Med. pract. I.___
bestätigte am 3. März 2011, dass der Zustand stationär sei, und erwähnte als
Diagnose eine juvenile Schizophrenie (IV-Nr. 34).

 

Im Revisionsgespräch vom 14. April 2011
(IV-Nr. 36) erklärte der Beschwerdeführer, bei seinen Eltern zu leben. Er
besorge Haushalt und Garten. Im Internet suche er nach Computern, die er
repariere, womit er im Monat CHF 100.00 bis 200.00 verdiene. Daneben fahre
er gern mit dem Velo, spiele Gitarre, angle und schwimme. Seine Psyche habe
sich beruhigt. Medikamente nehme er keine. Er vertrage sich gut mit anderen
Menschen, sei aber schon asozial; wenn er launisch sei, ertrage er gar nichts
und ziehe sich zurück. Stimmen höre er keine; er träume, was ihn aber im Alltag
nicht belaste. Wegen des Entzugs seines Führerausweises trinke er derzeit
keinen Alkohol. Er wolle reisen und musizieren. Bei monotonen Arbeiten gehe es
ihm wieder schlechter. Mehr als vier Stunden könne er sich nicht konzentrieren.
Es interessiere ihn nicht mehr, eine Arbeit aufzunehmen, der Aufwand lohne sich
nicht. Das Protokoll vermerkt, auf Fragen nach seiner Psyche antworte der
Beschwerdeführer ausweichend, berichte aber auf intensives Nachfragen über eine
Vermischung von Traum und Wirklichkeit. 

 

3.3     Dr. med. J.___, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, hielt in seinem Gutachten vom 7. Oktober
2011 (IV-Nr. 41.1) fest, es liege keine Diagnose mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit vor (S. 14). Differentialdiagnostisch sei eine remittierte
hebephrene Schizophrenie (F20.15) zu diskutieren. Es bestehe der Verdacht auf
eine emotionale Unreife mit teilweiser Realitätsfehlanpassung, erworbener
Intelligenz- und leichter emotionaler Verwahrlosung, mit / bei

·      letztlich unklarer Störung,
differentialdiagnostisch hysterisch-hypochondrische Neurose

·      Langzeitberentung seit 1998 wegen
Verdachts auf Status nach jugendlicher Schizophrenie resp. schizophrenes
Residuum 

Die Entwicklung seit 1998 lasse sich
wegen der unbrauchbaren Akten nicht beurteilen (S. 20 + 21). Inwieweit die
bisherige Tätigkeit noch möglich sei, könne er nicht beantworten (S. 19). Aus
psychiatrisch-theoretischer Sicht bestehe in einer angepassten Tätigkeit keine
zeitliche Einschränkung, abgesehen vom Problem der Arbeitsdisziplin und
allenfalls der Belastbarkeit. Die praktische Umsetzung sei schwer zu beurteilen,
sie dürfte zwischen 50 und 100 % liegen. Ob die Leistungsfähigkeit innerhalb
des Arbeitspensums reduziert sei, hänge vom Tätigkeitsbereich ab (S. 21). In
Frage kämen nebst EDV im weitesten Sinn eine Vielzahl von (auch weniger
anspruchsvollen, handwerklich-manuellen) Tätigkeiten (S. 20).

 

In seiner Stellungnahme vom 9. November
2011 (IV-Nr. 43 S. 1) erklärte der Beschwerdeführer, er fühle sich nicht in der
Lage, wieder zu arbeiten. In der heutigen krisenhaften Zeit sei zweifelhaft, ob
er in seinem Alter eine Stelle finde. Ein Engagement von zwei Tagen pro Woche
sei unter Umständen noch vorstellbar. 

 

Dr. med. H.___, Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, diagnostizierte im Bericht vom 22. April
2013 (IV-Nr. 106 S. 3 ff.) eine dem schizophrenen Formenkreis zugehörige
Erkrankung im Sinne einer hebephrenen Schizophrenie (F20.1). Bei dieser stünden
die affektiven Störungen im Vordergrund. Zudem müssten die allgemeinen
Kriterien einer Schizophrenie erfüllt sein, d.h. ein zielloses und
unzusammenhängendes Verhalten oder Denkstörungen; in leichter Form könne es
auch zu Wahnvorstellungen oder Halluzinationen kommen. Das Denken des
Beschwerdeführers sei inkohärent und die Exploration deutlich erschwert. Ohne
massive Strukturierung des Gesprächs berichte er assoziativ gelockert und
logorrhoeisch ausgekleidet. Die Fragen würden fahrig und teils mit logischen
Brüchen beantwortet. Der Beschwerdeführer wirke vordergründig ausgeglichen,
aber angespannt, eher gedrückt und affektiv abgeflacht. Für ein akutes
psychotisches Geschehen gebe es keine Hinweise. Die Arbeitsunfähigkeit liege
bei 80 %.

 

Nach Einsicht in den Bericht von Dr.
med. H.___ empfahl Dr. med. J.___ am 27. Juni 2013 eine Nachbegutachtung (IV-Nr.
113). Seit seinem Gutachten seien zwei Jahre vergangen und bei den Befunden
gebe es Abweichungen.

 

3.4     Prof. Dr. phil. K.___,
Neuropsychologin, und Dr. med. B.___, Fachärztin für Neurologie FMH, klärten
den Beschwerdeführer in dessen Auftrag verhaltensneurologisch ab und gelangten
im Bericht vom 29. März 2012 (IV-Nr. 54 S. 2 ff.) zum Ergebnis, dieser zeige
ein markantes Verhaltenssyndrom mit Sprunghaftigkeit, Gedankenabbrechen,
Suchtverhalten (Messiesyndrom, Internet, früher episodischer
Alkoholüberkonsum), vermindertem Realitätsbezug und markanter Ablenkbarkeit.
Auf kognitiver Ebene seien eine verminderte geteilte Aufmerksamkeit, eine
sprachlich betonte Lern- und Gedächtnisschwäche sowie Frontalhirndysfunktionen
feststellbar. Zusammen mit den anamnestischen Angaben entsprächen die
kognitiven Dysfunktionen und die psychiatrischen Symptome den Folgen einer
frühkindlichen zerebralen Störung unklarer Genese, wahrscheinlich perinatal
erworben (G93.6). Der Beschwerdeführer sei aktuell nicht urteilsfähig und
bedürfe eines Beistands oder Vormunds. Derzeit bestehe keine verwertbare
Erwerbsfähigkeit. In einer den Symptomen angepassten Tätigkeit und unter
geschützten Bedingungen sei von einer theoretischen Restarbeitsfähigkeit von
ca. 50 % auszugehen. Es sei eine umfassende psychiatrische Abklärung
erforderlich. 

 

Dr. phil. L.___, Fachpsychologe für Neuropsychologie
FSP beim RAD, hielt in seiner Stellungnahme vom 23. Juli 2012 fest (IV-Nr. 72
S. 2), der Bericht der Dres.  K.___ und B.___ sei nicht ohne weiteres
nachvollziehbar. Mangels Beschwerdevalidierung sei ungewiss, ob es sich bei den
Testleistungsdefiziten um zerebrale Beeinträchtigungen oder aber um psychogene
resp. motivationale Artefakte handle. Es bedürfe einer methodisch vollständigen
neuropsychologischen Untersuchung. 

 

Lic. phil. M.___,
Fachpsychologe für Neuropsychologie FSP, gelangte in seinem Gutachten vom 9.
Januar 2013 (IV-Nr. 87.1) zum Ergebnis, in der Testdiagnostik zeigten sich in
rein kognitiver Hinsicht lediglich minimale bis leichte
Funktionsbeeinträchtigungen. Vermindert seien ein einzelner Testwert der
kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit, bei gleichzeitig vielen guten
Testwerten in anderen Verfahren, sowie ein Testwert der selektiven
Aufmerksamkeit / lnterferenzkontrolle, bei normgemässen Leistungen in weiteren
vergleichbaren Testungen. Gut bzw. recht gut erhalten seien die verbalen
Denkleistungen, die Merkspannen, die eigentlichen Gedächtnisleistungen (mit
verbalem und mit visuellem Material), viele Aufmerksamkeitsleistungen inklusive
der geteilten Aufmerksamkeit, die meisten Leistungen im Bereich der
Exekutivfunktionen, die Visuokonstruktion sowie die Sprache. Das kognitive
Befundbild stimme mit den guten Leistungen in der Primarschule und der später
mit guten Leistungen absolvierten anspruchsvollen Berufslehre überein. Dagegen
bestehe eine markante Diskrepanz zu den von Dr. med. B.___ erhobenen Befunden.
Deren Beurteilung sei nicht überprüf- und nachvollziehbar, da weder Angaben zu
den durchgeführten Testverfahren noch zu den genauen Testwerten (keine Rohwerte
oder statistischen Werte, keine Schweregradangaben) gemacht würden. Es habe
sich offensichtlich um eine rudimentäre Testabklärung gehandelt, wobei viele
Einschätzungen lediglich auf dem klinischen Eindruck und nicht auf normierten
Testverfahren beruhten (S. 12). Die Resultate der jetzigen neuropsychologischen
Untersuchung sprächen vor dem Hintergrund der erfolgreichen Schul- und
Berufsausbildung klar gegen eine frühkindliche zerebrale Schädigung. Allerdings
zeigten sich (wie sie schon in diversen Vorberichten geschildert) deutliche
verhaltensmässige Auffälligkeiten: Der Beschwerdeführer wirke in seinem
sprachlichen Ausdruck wenig organisiert und strukturiert. Sachverhalte wurden
ausschweifend geschildert, wobei er Mühe habe, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden
bzw. sich an einem inhaltlichen roten Faden auszurichten. Ansonsten wirke der
Beschwerdeführer nicht unruhig oder erhöht ablenkbar. Diese Auffälligkeiten passten
gut zum früheren unsteten Lebenswandel sowie zur langjährigen beruflichen und
sozialen Desintegration (S. 13). In den Jahren nach der Lehre hätten in
schneller Folge Auslandaufenthalte mit kurzen Anstellungen und abgebrochenen
Versuchen einer höheren Ausbildung abgewechselt. Die spätere Berufslaufbahn bis
1997/98 sei von einer Vielzahl verschiedener Anstellungen geprägt gewesen,
welche kaum je länger als ein Jahr gedauert hätten. Auch in sozialer Hinsicht
bestehe eine deutliche Desintegration mit langjährigem Wohnen als Erwachsener
im Haus der betagten Eltern und Fehlen einer dauerhaften Partnerschaft. Bekannt
seien ein früherer Marihuana- und ein langjähriger hoher Alkoholkonsum; seit
einer Auflage des Strassenverkehrsamtes scheine der Beschwerdeführer jedoch
seit mehr als einem Jahr abstinent zu sein. Die Verhaltensauffälligkeiten liessen
sich nicht primär dem Alkoholkonsum zuschreiben. Die weitgehend erhaltene
kognitive Leistungsfähigkeit mit gleichzeitig ausgeprägten
Verhaltensauffälligkeiten bei deutlicher beruflicher und sozialer
Desintegration deute darauf hin, dass es sich weniger um ein spezifisch
neuropsychologisches, sondern in erster Linie um ein psychiatrisches bzw.
psychopathologisches Störungsbild handle (S. 14). Er stelle folgende Diagnosen:

1.   Minimale bis leichte kognitive
Funktionsbeeinträchtigungen 

2.   Verhaltensauffälligkeiten im Sinne von Einschränkungen
in der Verhaltensorganisation und -strukturierung sowie in der Bewertung von
Wichtigkeiten bzw. von Sachverhalten (aus psychiatrischer Sicht zu beurteilen)

Die rein kognitive Leistungsfähigkeit
dürfte sich seit der Rentenzusprache nicht verändert haben. Ob und inwieweit
sich die psychopathologische Situation verschlechtert habe, sei aus
psychiatrischer Sicht zu beurteilen. Neuropsychologisch gesehen sei die
Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit höchstens um 10 %
eingeschränkt, wobei von einem stabilen Verlauf auszugehen sei (S. 15). Für
eine angepasste Tätigkeit würden ähnliche Überlegungen gelten. Medizinische
Massnahmen versprächen aus neuropsychologisch-kognitiver Sicht keinen Erfolg.
Berufliche Massnahmen wären zumutbar (S. 16). 

 

3.5     Dr. med. N.___,
Spezialarzt FMH für Chirurgie, Wirbelsäulenleiden, Schleudertrauma und
orthopädische Traumatologie, stellte in seinem Bericht vom 27. Januar 2014
(IV-Nr. 133) folgende Diagnosen:

·      cervical und lumbal betontes
Panvertebralsyndrom 

·      lumbovertebrales Syndrom mit
rechtsbetonter Ausstrahlung bei multisegmentaler Diskopathie und
Spondylarthosen der Lendenwirbelsäule (fortan: LWS)

Die bisherige Tätigkeit komme wegen der vor allem
belastungsabhängigen Beschwerden nicht mehr in Frage. Zumutbar seien körperlich
leichte Tätigkeiten in wirbelsäulenadaptierten Positionen (Wechsel zwischen
Sitzen, Stehen und Gehen) und ohne Heben schwerer Lasten (kurzfristig bis 5 kg,
langfristig bis 2 kg). Unter diesen Bedingungen bestehe eine Arbeitsfähigkeit
von 50 % resp. vier Stunden pro Tag ohne zusätzliche Leistungsverminderung. Die
gleiche Auffassung äusserte Dr. med. N.___ auch im Bericht des
Medizinischen Zentrums O.___ vom 1. Juni 2015 zur interdisziplinären
Schmerzbehandlung (IV-Nr. 186 S. 8 ff.). Dieser Bericht enthielt folgende
Diagnosen:

1.   Hebephrene Schizophrenie (F20.1)

2.   Status nach Alkoholabhängigkeit, unklar
bis wann (F10.20)

3.   Cervikozephales Schmerzsyndrom mit / bei
mässigen Osteochondrosen C3/4, C5/6 und C6/7 sowie mässigen
Uncovertebralarthrosen C5/6

4.   Lumbovertebrales Schmerzsyndrom mit /
bei starker S-förmiger Skoliose, leichten bis mässigen, nach kaudal zunehmenden
Spondylosen, starker Osteochondrose L4/5

Der Schmerztherapeut Dr. med. P.___,
Fachharzt für Anästhesiologie FMH, attestiere für die frühere Tätigkeit und auf
Grund der Persönlichkeit eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Dr. med. Q.___,
Facharzt für Orthopädische Chirurgie FMH, ging für gut angepasste Tätigkeiten
von keiner Arbeitsunfähigkeit aus. Dr. med. R.___, Facharzt für Physikalische
Therapie und Rheumatologie FMH, nahm in seinem Gebiet eine volle
Arbeitsfähigkeit an. In der Konsensbeurteilung führte dies aus rein somatischer
Sicht für adaptierte Arbeiten zu einer Arbeitsfähigkeit von 50 bis 100 %. Dr.
med. S.___, Facharzt für Psychiatrie FMH, attestierte auf Grund der Diagnosen
sowie des positiven und negativen Leistungsbildes eine Arbeitsunfähigkeit von
100 %. 

 

Dr. med. T.___, Chefarzt Kardiologie am U.___,
diagnostizierte in seinem Bericht vom 3. Dezember 2015 (IV-Nr. 190 S. 4 f.)
eine koronare und valvuläre Herzkrankheit und äusserte den Verdacht auf eine
COPD. Ob der Koronarbefund die atypischen Beschwerden erkläre, sei unsicher. Die
empfohlene Revaskularisation erfolgte am 28. Dezember 2015 (IV-Nr. 221.7
S. 5 f.).

 

3.6     Dem Gutachten der
Gutachterstelle V.___ vom 28. November 2016 (IV-Nr. 221.1) lassen sich
folgende Diagnosen entnehmen (S. 17):

Mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
(letzte Tätigkeit):

1.      Undifferenzierte Schizophrenie (F20.3).

Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
(letzte Tätigkeit)

2.      Anamnestisch zervikozephales
Schmerzsyndrom bei degenerativen Veränderungen der Halswirbelsäule (fortan: HWS).

3.      Verschleissveränderung und
Bandscheibenvorwölbungen der LWS ohne neurologische Auffälligkeiten und ohne
Bewegungseinschränkungen der LWS.

4.      Anamnestisch vor vielen Jahren mögliche
Irritation der Nervenwurzel L4/5 rechtsbetont bei bekannter medio-linksseitiger
Diskushernie L4/5 bei ausgeprägt degenerativen Veränderungen der LWS.

5.      Knöchern konsolidierte Fersenbeinfraktur
rechts unter Abflachung des Fussgewölbes und Ausbildung einer Exostose mit der
Notwendigkeit des Tragens von orthopädisch zugerichtetem Schuhwerk.

6.      Anamnestisch COPD (in der klinischen
Untersuchung nicht evident).

7.     
Nikotinabusus
mit ca. 40 pack years.

8.      Anamnestisch arterielle Hypertonie
(klinisch nicht evident).

9.      Dyslipidämie.

10.   Zustand nach Appendektomie ca. 1980.

11.   Koronare Kardiopathie

·      Koronare 3-Gefässerkrankung mit Status
nach PTCA und Stentimplantation im Bereich des RIVA/D1, Status nach PTCA und
Stentimplantation im Bereich des proximalen RCX sowie Status nach PTCA und
zweifach Stentimplantation im Bereich der proximalen RCA.

·      Aktuell normale systolische und
LV-Funktion ohne regionale Wandbewegungsstörungen, leichte diastolische
Dysfunktion. Klinisch und elektrisch negative Ergometrie bei Erreichen der
Ziellast. 

·      Kardiovaskuläre Risikofaktoren:
arterielle Hypertonle, Hyper- und Dyslipidämie, positive Familienanamnese,
Äthylabusus

 

3.6.1  Anlässlich der internistischen
Begutachtung vom 26. Oktober 2016 (IV-Nr. 221.4) hielt Dr. med. W.___,
Facharzt für Innere Medizin und Hämatologie / Onkologie, fest, der
Beschwerdeführer gebe als Hauptproblem seine geistige Verfassung an. Er
schildere verschiedene nervliche Symptome (Nervosität, Ängste, Gedankenkreisen
etc.), bezeichne sich als sehr lärmsensibel und klage über einen Tinnitus. Von
der physischen Seite her sei er vor allem durch seine Rückenschmerzen
eingeschränkt. Der Beschwerdeführer erledige tagsüber Einkäufe und Hausarbeit
wie Staubsaugen oder Waschen. Das Mittagessen bereite er selbst zu, gehe aber
alle zwei bis drei Tage auswärts essen. Er fahre mit dem Velo, angle und
schwimme im Fluss. Ansonsten beschäftige er sich mit der Reparatur von
Apple-Computern. Das Nachtessen halte er sehr klein. Er verbringe den Abend vor
dem Fernseher und schlafe gegen 0:00 oder 0:30 Uhr ein. Seit ca. 2012, als der
Führerausweis entzogen wurde, lebe der Beschwerdeführer alkoholabstinent
(S. 2). Was die krankheitsbedingten Einschränkungen am letzten
Arbeitsplatz angehe, so gebe der Beschwerdeführer vor allem das Heben und
Tragen von Monitoren an; damals habe es noch keine Flachbildschirme gegeben. Er
beschreibe aber auch die Arbeitsbelastung insgesamt mit frühem Aufstehen und
weiter Anfahrt. Der Beschwerdeführer sehe auf dem Arbeitsmarkt keine grossen
Chancen (S. 4).

 

Die pulmonale Situation zeige sich in
der klinischen Untersuchung nicht auffällig (keine Ruhedyspnoe, unauffälliger
Ruhepuls unter Beta-Blocker). Der Beschwerdeführer präsentiere sich in recht
gutem Allgemeinzustand. Die arterielle Hypertonie sei offensichtlich gut
eingestellt, die Dyslipidämie werde medikamentös behandelt. Wegen einer möglichen
COPD seien körperlich schwerste Tätigkeiten, insbesondere unter
Allergenexposition, ungeeignet. Für leichte bis max. mittelschwere Tätigkeiten
sei der Beschwerdeführer allgemeininternistisch zu 100 % arbeitsfähig.
Eine retrospektive Einschränkung der Arbeitsfähigkeit sei nicht erkennbar (S.
6).

 

3.6.2  Der Experte Dr. med. X.___,
Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie FMH, gelangte nach der Untersuchung
vom 19. Oktober 2016 (IV-Nr. 221.6) zum Ergebnis, es bestehe eine koronare
3-Gefässerkrankung mit Status nach Koronarintervention an allen drei
Hauptgefässen bei einem umfangreichen kardiovaskulären Risikoprofil. Die
klinische HKL-Untersuchung sei unauffällig, kardiopulmonale Insuffizienzzeichen
fehlten. Das Ruhe-EKG weise auf frühere ischämische Ereignisse hin, aber es
fänden sich keine aktuellen lschämiezeichen oder Rhythmusstörungen. Die
Belastungsuntersuchung sei konklusiv sowie klinisch und elektrisch negativ. Die
Belastbarkeit des Beschwerdeführers sei gut, es bestünden keine Hinweise auf
eine Ischämiereaktion bei komplexem Vorbefund oder auf Rhythmusstörungen.
Echokardiographisch finde sich eine normale systolische LV-Funktion. Regionale
Wandbewegungsstörungen liessen sich heute nicht nachweisen, allenfalls eine
leichte diastolische Dysfunktion. Ansonsten sei der Befund normal, insbesondere
ohne Klappenvitium und ohne Anhalt für eine Rechtsherzbelastung (S. 3).

 

Die koronare Herzerkrankung, erstmals im
August 2015 diagnostiziert und manifest geworden, sei adäquat versorgt und
behandelt (S. 3). Gegenwärtig betrage die Arbeitsfähigkeit aus kardiologischer
Sicht 100 %. Schwere körperliche Arbeiten sowie das Heben und Tragen von
Lasten seien aber zu vermeiden.

 

3.6.3  Die Expertin Y.___, Fachärztin
für Neurologie, hielt zur Begutachtung vom 2. November 2016 (IV-Nr. 221.5)
fest, der Beschwerdeführer schildere seine Beschwerden ungeordnet, sprunghaft
und unkonzentriert, gebe kaum Antwort auf die gestellten Fragen und wechsle das
Thema (S. 2 + 5). Angesprochen auf die Rückenbeschwerden, gebe
er als Hauptbeschwerde das ständige Kältegefühl in den Knochen an. Letztes
Wochenende sei er mit einem schweren Rucksack zehn bis 15 km gewandert.
Das Maximum der Rückenschmerzen liege im lumbosakralen Übergangsbereich (S. 2)
mit Ausstrahlung in die ganzen Beine. Auf Nachfrage gebe er an, es «mit den
Nerven» zu tun zu haben. Bei geringster Anstrengung überkomme ihn ein
Engegefühl bei der Atmung. Zum Tagesablauf gebe der Beschwerdeführer an, dass
er an schlechten Tagen im Bett liegen bleibe, sich dann aber zwinge, immer
wieder aufzustehen. Nach dem Frühstück mache er die Wäsche, erledige den
Haushalt meist selber und versorge seine beiden Wellensittiche. Am besten gehe
es ihm, wenn er in der Natur spaziere. Er fahre auch mit dem E-Bike. Offenbar
lebe der Beschwerdeführer recht zurückgezogen; er erwähne zwar, dass man ihn im
Dorf kenne und er Kontakt zu seiner Familie habe, scheine aber eher
Einzelgänger zu sein. Mit den «Nerven» habe er schon seit der Jugendzeit zu
tun. Rückenschmerzen plagten ihn schon viele Jahre, wechselnd ausgeprägt mit
zeitweiliger Ausstrahlung in die Beine (S. 3). Momentan fühle sich der
Beschwerdeführer psychisch völlig instabil. Er könne sich nicht mehr vorstellen,
in seinem angestammten Beruf zu arbeiten. Die Computerbranche sei sehr
schnelllebig, mit gewissen Computersystemen komme er nicht mehr zurecht (S. 4).
Der Beschwerdeführer sitze unruhig auf seinem Stuhl, von einer inneren
Angespanntheit und Unruhe getrieben, aber er müsse nicht wegen Schmerzen
auffallend häufig die Position wechseln (S. 5). 

 

Im Jahre 2000 sei der Beschwerdeführer
erstmals wegen Lumbalgien mit zeitweiliger Ausstrahlung insbesondere ins rechte
Bein abgeklärt worden (s. IV-Nr. 43 S. 2). Es habe sich eine medio-linksseitige
diskale Hernie L4/5 mit möglicher rechtsbetonter Irritation der Nervenwurzel L4
bzw. L5 gefunden. Eindeutige Ischialgien seien nie festgestellt worden. Der
Beschwerdeführer leide seit Jahren vor allem an Lumbalgien und, wie später in
den Akten erwähnt, auch zervikalen Schmerzen, aber nach seinen anamnestischen
Angaben nie an eindeutigen radikulären Schmerzen. Die ärztlichen Berichte beschrieben
keine neurologischen Ausfälle. Aus neurologischer Sicht ergäben sich auch auf
Grund der neurologischen Untersuchung keine Anhaltspunkte für eine radikuläre
Reiz- oder Ausfallssymptomatik. Somit müssten eher pseudoradikuläre
Schmerzausstrahlungen bei ausgeprägten degenerativen Veränderungen im LWS-Bereich
angenommen werden. Ein genaues Belastungsprofil sei aus orthopädischer Sicht zu
bestimmen. Neurologisch bestünden keine somatischen Beeinträchtigungen, welche
das Ausmass der orthopädisch festgestellten Funktionseinbussen überschreiten
würden. Der Beschwerdeführer sei voll arbeitsfähig. Die Arbeitsfähigkeit in der
bisherigen und in einer Verweistätigkeit sei aus neurologischen Gründen nie
eingeschränkt gewesen (S. 6).

 

3.6.4  Der Experte Dr. med. Z.___,
Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, stellte
anlässlich der Begutachtung vom 21. Oktober 2016 (IV-Nr. 221.3) fest, laut
dem Beschwerdeführer stünden die chronischen Rückenschmerzen im Vordergrund. Er
habe Schmerzen in der LWS, spüre Schmerzen vom Fuss bis in das Kreuz. Nach dem
Bruch des rechten Fersenbeines habe sich an der Ferse ein Überbein gebildet,
das sich von Zeit zu Zeit durch einen Druck in den Schuhen bemerkbar mache.
Ausserdem habe sich das Bein um fünf bis sechs Millimeter verkürzt, weshalb
seine Schuhe zugerichtet werden müssten (wofür die Beschwerdegegnerin
Kostengutsprache erteilt hat, s. IV-Nr. 30). Der Beschwerdeführer gebe an, nach
dem Frühstück kaufe er ein und erledige die Hausarbeit. Insgesamt sei er der
Meinung, er habe einen sehr strukturierten Tagesablauf. Als Hobbys betreibe er
Angeln, Schwimmen, Wandern, Velofahren sowie im Winter Fitness. Sein
Freundeskreis sei eher klein, konzentriere sich auf die Familie und wenige
Nachbarn. Momentan laufe keine aktuelle Behandlung, Physiotherapie sei geplant
(S. 2). Es habe sich alles eingependelt und solle wie bisher weitergehen. Eine
Berufstätigkeit könne er sich nicht vorstellen und sei auch nicht beabsichtigt
(S. 4). Seit 1999 / 2000 kaufe er defekte Apple-Geräte, repariere und verkaufe
sie wieder. Dabei handle es sich aber nur um eine geringfügige Beschäftigung,
im Wesentlichen sei er alleinstehender Hausmann und versorge seinen Haushalt.
Dies sei eine Vollzeitarbeit, welche ihn hinreichend ausfülle (S. 3).

 

Der Beschwerdeführer setze sich ohne
Schmerzäusserungen und ohne Zuhilfe-nahme der Hände. Auch wenn er die Position wechsle,
äussere er nie Schmerzen. Das Aufstehen aus dem Stuhl sowie das An- und
Auskleiden gestalteten sich ohne wesentliche Einschränkungen. Die
Oberbekleidung werde teils im Stehen und teils im Sitzen ausgezogen. Beide
Beine würden zum Ausziehen seitengleich und altersentsprechend mitbenutzt. Der
Gang auf ebener Erde weiche nicht vom Gang in das Untersuchungszimmer ab. Der
Beschwerdeführer trage Konfektions-Turnschuhe mit seitengleichen
Benutzungsrändern des Obermaterials und der Laufsohlen. Er gebe an, seine
anderen Schuhe seien an den Sohlen zugerichtet und würden mit langsohligen
Einlagen getragen, was hier nicht der Fall sei (S. 4). Bei der klinischen
Untersuchung sei die LWS altersentsprechend frei beweglich. Es fänden sich
keine neurologischen Auffälligkeiten und keine Hinweise für ein
Wurzelreizsyndrom. Die Muskulatur der Wirbelsäule zeige sich dem Alter entsprechend
unauffällig, ohne Muskelverspannungen des gesamten Achsorganes. Die LWS sei
altersentsprechend entfaltbar. Insgesamt seien klinisch keine vom Alter
abweichenden Auffälligkeiten der Wirbelsäule vorhanden. Die in den früheren bildgebenden
Untersuchungen dargestellten LWS-Veränderungen entsprächen weitgehend dem Alter
und hätten nicht den Charakter einer invalidisierenden Erkrankung. Die
Kalkaneusfraktur des rechten Fusses sei und unter Abflachung des sog. Böhler-Winkels
stabil verheilt. Weiter habe sich eine Exostose der Ferse gebildet, welche
sowohl für Privat- als auch für Arbeitsschuhe massangefertigte Schuheinlagen
bzw. eine Schuhsohlenzurichtung im Sinne von Abrollhilfen, Schmetterlingssohlen
o.ä. erfordere. (S. 8). 

 

Zusammenfassend sei auf dem
orthopädisch-traumatologischen Fachgebiet keine invalidisierende Erkrankung
bzw. Veränderung feststellbar, die Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hätte.
Einschränkungen der Belastbarkeit liessen sich auf Grund der Untersuchungsbefunde
nicht begründen. Unter Benützung der orthopädischen Schuhzurichtungen seien
alle altersangepassten Tätigkeiten möglich. Die Arbeitsfähigkeit sei sowohl in
der bisherigen als auch in einer leidensadaptierten Tätigkeit nicht
eingeschränkt (S. 8). Eine bleibende Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit sei
retrospektiv auch in der Vergangenheit nicht wahrscheinlich gewesen (S. 9).

 

3.6.5  Bei der Begutachtung durch Dr.
med. AA.___, Facharzt für Psychiatrie, am 26. Oktober 2016 (IV-Nr. 221.2)
erklärte der Beschwerdeführer, den Umständen entsprechend gehe es ihm nicht
schlecht. Seine Stimmung sei wechselhaft, manchmal etwas depressiv, oft aber
auch ausgeglichen. Die Ungewissheit über die Zukunft mache ihm manchmal Angst (darüber
hinaus würden keine Ängste beschrieben und Suizidalität verneint). Er sei nicht
besonders reizbar oder gar aggressiv, aber seit Jahren sehr lärmempfindlich und
schnell abgelenkt. Manchmal sei er zerstreut und im Denken sprunghaft (S. 2).
Er könne sich für etwa ein- bis eineinhalb Stunden auf etwas fokussieren. Das
Gedächtnis sei ansonsten unbeeinträchtigt. Ferner leide er unter Schmerzen,
hauptsächlich im unteren Rückenbereich. Die psychiatrisch-psychotherapeutische
Behandlung bei Dr. med. H.___ und Dr. phil. klin. psych. E.___
habe er aufgenommen, weil er mit der Stresssituation nicht mehr zurechtgekommen
sei. Der Führerscheinentzug, der Verlust beider Elternteile im Jahr 2012 sowie seine
Schuldenproblematik hätten ihn massiv belastet. Seither sei er auch verbeiständet,
neben der Schuldenregulierung habe es damals auch Auseinandersetzungen wegen
der Erbschaft gegeben. Er habe das Elternhaus gegen seinen Willen verlassen
müssen und sei 2013 in eine Wohnung gezogen. Die mit der ganzen Situation
verknüpfte Anspannung und Unruhe habe dazu geführt, dass er nicht mehr in der
Lage gewesen sei, sein Leben angemessen zu bewältigen (S. 3). 

 

Der Beschwerdeführer halte trotz
Beschwerden eine Tagesstruktur ein. Zwischen 7:30 und 8:00 Uhr stehe er auf und
frühstücke nach der Morgentoilette. Im Laufe des Vormittags kümmere er sich
teils um den Haushalt, teils fahre er für Einkäufe und Besorgungen mit dem Velo
in den Ort. Manchmal trinke er dort auch einen Kaffee, esse ein Gipfeli und
unterhalte sich im Café mit Bekannten und Kollegen. Er sei in der Nachbarschaft
bekannt. Anschliessend fahre er wieder heim und bereite das Mittagessen zu.
Zwischen 13:00 und 14:00 Uhr halte er ca. eine Stunde Mittagsruhe. Am
Nachmittag unternehme er manchmal einen Waldspaziergang. Bei schlechtem Wetter
bleibe er daheim und beschäftige sich mit der Reparatur von elektronischen
Geräten, welche er bei Ebay defekt ersteigere und wieder veräussere. Man könne
davon zwar nicht leben, aber er beschäftige sich dann wenigstens in seinem
erlernten Beruf. Im Sommer fahre er auch mit dem Velo spazieren, gehe schwimmen
oder kühle sich im Fluss ab. Daheim kümmere er sich um seine beiden
Wellensittiche. Nach dem Nachtessen treffe er sich am Abend manchmal mit
Kollegen im Ort, gelegentlich besuche er auch Veranstaltungen wie Konzerte
(S. 3). Zu Hause schaue er fern, wobei er sich am ehesten für Nachrichten
und Dokumentarfilme interessiere. Auf den aktenkundigen Vermerk, er neige zum
Messietum, erwidere der Beschwerdeführer, sein Haushalt sei zwar auf den ersten
Blick ein wenig unkonventionell und ungeordnet, aber er finde, was er suche.
Nachtruhe sei zwischen 23:30 und 0:30 Uhr. Er leide nicht unter
Einschlafstörungen, allerdings träume er sehr lebhaft und erwache meist
zwischen 3:00 und 4:00 Uhr, schlafe dann aber meist wieder ein. Seinen
Führerschein habe er 2010 wegen Alkohol am Steuer verloren. Damals habe er
häufig und zum Teil exzessiv Alkohol getrunken. Inzwischen lebe er jedoch
abstinent. Nachdem er im 14. oder 15. Lebensjahr damit angefangen habe, habe
sich der Alkoholkonsum zwischen dem 23. und 55. Lebensjahr zunehmend gesteigert.
Er habe dann ohne gravierende Entzugserscheinungen aufhören können. Obwohl in
seinem Umfeld als junger Erwachsener oft Cannabis konsumiert worden sei, habe
dieses für ihn nie ein Problem dargestellt. Auch andere illegale Drogen habe er
zu keinem Zeitpunkt konsumiert (S. 4).

 

Wegen seines unsteten Lebens und seines
phasenweise exzessiven Alkoholkonsums habe er sich etwa 1982 erstmals für drei
Jahre in psychiatrische Fachbehandlung bei Frau Dr. med. AB.___, Spezialärztin
für Kinder- und Jugendpsychiatrie FMH, begeben. Sie habe an eine Schizophrenie
gedacht und Psychopharmaka verordnet, aber er habe das alles nicht so ganz
ernst genommen (Dr. med. AB.___ erwähnt im Bericht vom 11. Juni 1984, IV-Nr.
43 S. 4, der Beschwerdeführer sei im November 1982 wegen eines akuten
Verwirrungszustands zu ihr gekommen; er habe seine berufliche Tätigkeit nicht
mehr fortführen können und eine weniger beanspruchende Arbeit annehmen müssen).
Später sei er wegen seines unkonventionellen Lebensstils und des Alkoholkonsums
viele Jahre lang von Dr. med. G.___ psychiatrisch behandelt worden. Seit 2011 /
2012 sei er bei den Dres. H.___ und E.___ (S. 5). Aktuell konsultiere er Dr.
med. H.___ etwa alle drei Monate. (S. 4 f.). Eine Medikation mit Psychopharmaka
erfolge nicht. Seit etwa 2013 erfolge eine Wohnbegleitung mit Kontakten etwa
alle 14 Tage, wobei man die anliegenden Probleme bei der Bewältigung des
Alltages bespreche (S. 5). Er leide seit dem Fersenbeinbruch 1993 / 1994 unter
Beschwerden am rechten Fuss, ausserdem seit vielen Jahren unter
Lumboischialgien mit zeitweiliger Ausstrahlung ins rechte Bein sowie unter
Nackenschmerzen. Seit 2014 sei eine koronare Herzkrankheit bekannt; 2015 sei
eine Herzkatheteruntersuchung erfolgt und er müsse regelmässig zahlreiche
kardiologische Medikamente einnehmen (S. 6).

 

Er sei als viertes von fünf Kindern in
sehr geordneten Verhältnissen aufgewachsen. Neun Jahre lang habe er die Schule
besucht und sei stets integriert gewesen. Anschliessend habe er ein Jahr lang
die Handelsschule besucht und sodann erfolgreich die FEAM-Ausbildung. Nach der
Rekrutenschule habe er ein Jahr in Paris gelebt und teils einen exzessiven
Lebenswandel geführt. In den folgenden Jahren sei er in verschiedenen
Tätigkeiten eher unstet beschäftigt gewesen, neben dem erlernten Beruf habe er
u.a. auch in der Gastronomie gearbeitet oder Musikfestivals organisiert (s.a.
Lebenslauf und Arbeitszeugnisse, IV-Nr. 41.3). Am [...] habe er ein Semester
Elektrotechnik studiert, dann aber andere Interessen verfolgt. Nach einem
Informatikgrundkurs habe er sich ein Jahr lang zum lnformatiktechniker
weitergebildet. Ausserdem sei er in England gewesen. Längere Zeit habe er nie
an einem Arbeitsplatz Fuss gefasst. Seit Ende der 90er Jahre habe er nicht mehr
arbeiten können und wieder im Elternhaus gewohnt. Erst seit 2013 lebe er wieder
in einer eigenen Wohnung und merke, wie anstrengend und zeitraubend ein eigener
Haushalt sei. Er sei ledig. Eine feste Partnerschaft bestehe schon seit vielen
Jahren nicht mehr. In der Vergangenheit sei er so etwa drei bis vier feste
Beziehungen eingegangen, die letzte sei nach etwa vierjähriger Dauer in die
Brüche gegangen (S. 6). Ein Freundes- und Bekanntenkreis sei vorhanden und
werde als verlässlich erlebt. Eine Schwester komme mindestens alle ein bis zwei
Wochen bei ihm vorbei. Auch zu seinen beiden anderen Schwestern habe er
Kontakt, aber weniger, da sie etwas weiter entfernt wohnten. Das Verhältnis zu
seinem Bruder, der ein sehr gesellschaftskonformes Leben als Verkäufer führe,
sei etwas distanzierter. Gegenwärtig lebe er von einer IV-Rente und
Ergänzungsleistungen. Er könne sich keine wie auch immer geartete Tätigkeit
vorstellen. Er schaffe es ja gerade einmal, seinen Haushalt zu bewerkstelligen,
für eine regelmässige Tätigkeit finde er gar keine Zeit. (S. 7). 

 

Zu den Befunden hielt der Experte fest,
der Beschwerdeführer vermittle einen nur mässig gepflegten Gesamteindruck, aber
ohne Anhaltspunkte für eine Vernachlässigung der Körperhygiene. Er beantworte die
gestellten Fragen offen und mit unauffälligen Antwortlatenzen. Auffallend sei
allerdings eine bemerkenswerte psychomotorische Unruhe. Der Beschwerdeführer
wirke hintergründig unruhig und angespannt, jedoch nach aussen kontrolliert.
Der Rapport sei gelegentlich etwas sprunghaft, aber zu keinem Zeitpunkt
verliere der Beschwerdeführer den roten Gesprächsfaden. Die gestellten Fragen
würden teilweise recht ausufernd beantwortet. Es entstehe der Eindruck, dass
der Beschwerdeführer nicht immer Wesentliches von weniger Wichtigem zu
unterscheiden vermöge. Er verfolge das Gespräch mit ausreichender, gegen Ende
leicht nachlassender Aufmerksamkeit. Auf die jeweiligen Gesprächsinhalte könne
er sich ein- und umstellen. Die höheren kognitiven Leistungen wie problemlösendes
Denken und Handeln seien differenziert, allerdings falle es dem
Beschwerdeführer schwer, weitgespannte intentionale Spannungsbögen
durchzuhalten, er wirke dann etwas vermehrt ablenkbar. Der Beschwerdeführer
zeige sich bewusstseinsklar und in allen Qualitäten vollständig orientiert. Er
spreche mit gut modulierter Stimme und unauffälliger Sprachfrequenz. Die
Wortwahl entspreche Bildung und Sozialisation, ungewöhnliche
Wortneuschöpfungen, sinnwidrige Begriffsverwendungen oder Neologismen zeigten
sich keine. Formalgedanklich sei der Beschwerdeführer geordnet und weder
eindeutig ideenflüchtig noch denkzerfahren. Eine Denkhemmung liege nicht vor.
Der Gedankengang sei nicht gesperrt, es komme auch nicht zum Gedankenabriss.
Inhaltlich seien die Denkabläufe unauffällig. Es ergäben sich keine Hinweise
auf Veränderungen der Sinneswahrnehmung. Der Beschwerdeführer zeige keine
halluzinatorischen Fehlwahrnehmungen oder illusionären Verkennungen (S. 8).
Es würden auch keine ungewöhnlichen oder wahnhaften Einfälle, Wahnwahrnehmungen
oder systematisch wahnhaft aufeinander bezogene Denkinhalte vorgetragen. Für
eine schuldwahnhafte oder delirante Symptomatik ergäben sich keine Hinweise.
Merkfähigkeit, Kurz- und Langzeitgedächtnis wirkten im klinischen Befund nicht
beeinträchtigt, es bestünden keine ausreichenden Anhaltspunkte für eine
mnestische Störung als Folge einer hirnorganisch bedingten Leistungsminderung.
Derealisations- oder Depersonalisationsphänomene lägen nicht vor. Die
Ich-Grenzen seien geschlossen. Es ergäben sich keine Hinweise darauf, dass der
Beschwerdeführer sich selbst oder seine Umgebung als fremd erlebe, dass er
seine seelischen Vorgänge nicht als dem eigenen Ich zugehörig empfinde oder
sich als von aussen gelenkt oder beeinflusst fühle. Das lntelligenzniveau
erscheine unter Berücksichtigung von Schulbildung, beruflichem Werdegang sowie
klinischem Gesamteindruck als durchschnittlich. Die Willenskräfte seien
durchaus strukturiert und zielgerichtet, ohne dass sich Ambivalenz oder
Ambitendenz zeigten. Der Beschwerdeführer könne Entscheidungen fällen und diese
argumentativ vertreten. Es sei aber ein vorzeitiger Abbruch von Intentionen zu
beobachten. Die Antriebslage sei erhalten, eine Antriebsminderung oder eine
pathologische Antriebssteigerung lägen nicht vor. Gestik und Mimik seien
angemessen und unterstrichen Stimmung und Affekt synthym. Eine psychomotorische
Hemmung oder Verlangsamung liege nicht vor. In der emotional-affektiven
Schwingungsfähigkeit präsentiere sich der Beschwerdeführer wenig schwingend,
allerdings nicht nivelliert. Die Affektlage sei ernst, jedoch nicht
tiefgreifend depressiv gedrückt. Eine durchgehende Depressivität, ein
Interesseverlust, ein ausgewiesener sozialer Rückzug aus allen Lebensbereichen
oder eine Anhedonie lägen nicht vor. Pathologische Ängste prägten den
psychopathologischen Befund zu keinem Zeitpunkt. Hinweise auf Phobien oder
Panikstörung ergäben sich keine. Alltagsrelevante Zwänge liessen sich nicht
feststellen. In der Persönlichkeitsstruktur zeige sich der Beschwerdeführer eher
exzentrisch, dabei auch vermehrt narzisstisch kränkbar. Die Merkmale einer
Persönlichkeitsstörung von Krankheitswert seien bei hinlänglicher Flexibilität
in der Reaktion auf das Gegenüber und die jeweilige Situation aber nicht
erfüllt. Die Urteils- und Kritikfähigkeit sei ausreichend erhalten und der
Beschwerdeführer handlungsfähig (S. 9). In der Anamnese falle jedoch eine
Neigung zu einem eher nicht immer den Normen angepassten Verhalten auf (S. 9
f.). Für eine regelmässige Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zeige der
Beschwerdeführer keine ausreichende Motivation. Es bestehe keine Gefangenheit
in Alkoholkonsum. Für zirkadiane Stimmungsschwankungen, eine
depressionstypische Inappetenz und eine depressionstypische Dyssomnie ergäben
sich keine zuverlässigen Hinweise (S. 10).

 

In der Vergangenheit sei wiederholt die
Diagnose einer Schizophrenie gestellt worden. Einerseits sei von einer
hebephrenen Schizophrenie die Rede, bei der die affektiven Veränderungen im
Vordergrund stünden, während Wahnvorstellungen und Halluzinationen nur flüchtig
auftreten würden. Andererseits werde von einem schizophrenen Residuum
gesprochen, also einem chronischen Stadium in der Entwicklung einer
Schizophrenie, mit eindeutiger Verschlechterung von einem früheren zu einem späteren
Stadium und lang dauernden negativen Symptomen (S. 10). Dr. med. J.___
sei 2011 zu einer anderen Einschätzung gelangt, d.h. er habe keine Diagnose mit
Relevanz für die Arbeitsfähigkeit gestellt und keine schizophrene
Residualsymptomatik bestätigt. In der jetzigen Untersuchung zeige der
Beschwerdeführer keine inhaltlichen Denkstörungen. Formalgedanklich wirke er
etwas sprunghaft, manchmal nicht ganz kohärent, aber nicht eindeutig zerfahren.
Die Stimmungslage sei im Sinne einer anhaltend besorgten, aber nicht
depressiven Grundstimmung leicht gestört. Die Antriebslage werde durch eine
beeinträchtigte Fähigkeit, weit gespannte intentionale Spannungsbögen
durchzuhalten, eingeschränkt. Die sprachliche Ausdrucksfähigkeit sei insgesamt
durchaus differenziert. Es ergäben sich keinerlei Hinweise auf
halluzinatorische Fehlwahrnehmungen oder illusionäre Verkennungen. Auch
schizophrene Ich-Störungen fehlten. Auffallend sei ein vielfach
desorganisiertes Verhalten, unangepasst an sozialen Normen und in der
Zielrichtung rasch wechselnd. Es komme allerdings nicht zu einem massiven
Antriebsverlust und einer Minussymptomatik. Auch eine vollständige soziale
Isolation liege nicht vor. Von einer hebephrenen Schizophrenie könne man vor
diesem Hintergrund nicht sprechen. Bei einem schizophrenen Residuum wiederum
finde sich in der Regel eine psychomotorische Verlangsamung und neben einer
Affektverflachung eine ausgeprägte Passivität mit Initiativemangel sowie eine
deutliche Beeinträchtigung der nonverbalen Kommunikation in der Körpersprache,
z.B. durch starren Gesichtsausdruck, fehlenden Blickkontakt und pathologische
oder fehlende Stimmmodulation. All dies liege hier nicht vor. Die soziale
Leistungsfähigkeit sei aber zweifelsohne beeinträchtigt, und es bestehe eine
gewisse Verwahrlosungstendenz. Die vom Beschwerdeführer in seiner Wohnung
aufgenommen Fotos zeigten zwar einen etwas unaufgeräumt wirkenden,
unkonventionellen Wohnstil mit in Holzregalen abgestellten Elektronikbauteilen
sowie einen vollgestellten Tisch, aber von einer Verwahrlosung mit hygienisch
bedenklichen Zuständen oder dem Vollbild eines sog. «Messie-Syndroms» könne
nicht die Rede sein. Die Diagnose eines schizophrenen Residuums setze deutlich
stärkere Veränderungen im Verhalten voraus, als dies der Beschwerdeführer
derzeit erkennen lasse. Als diagnostische Kategorie sei am ehesten an eine
undifferenzierte Schizophrenie zu denken. Dabei handle es sich um eine
Schizophrenie-Unterform aus dem Kreis der psychotischen Störungen (S. 11).
In diese diagnostische Kategorie passe auch die von Dr. med. J.___ beschriebene
Neigung zur intellektuell-emotionalen Verwahrlosung, denn schlussendlich seien
auch seine Befunde als Hinweis auf ein desorganisiertes Verhalten des
Beschwerdeführers zu interpretieren (S. 12).

 

Die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers sei angesichts der Erkrankung aus dem schizophrenen
Formenkreis psychiatrisch erheblich beeinträchtigt. Im Lichte der langjährigen
Arbeitsabstinenz durch Langzeitberentung erscheine eine Rückkehr auf den
allgemeinen Arbeitsmarkt problematisch, aber nicht vollständig ausgeschlossen.
Es sei eine berufliche Abklärung mit Belastungserprobung und gegebenenfalls
Arbeitstraining notwendig, um eine dauerhafte Reintegration in den Arbeitsmarkt
zu erreichen. In einer leidensadaptierten Tätigkeit dürfte, bei günstigem
Verlauf, innert ein bis zwei Jahren eine Arbeitsfähigkeit von max. 50 %
erreichbar sein. Voraussetzung sei eine kontinuierliche psychiatrische
Mitbehandlung, gegebenenfalls mit Psychopharmakotherapie. Die diagnostischen
Algorithmen einer psychosomatischen Störung resp. somatoformen Schmerzstörung
seien nicht erfüllt, da der Beschwerdeführer keine quälenden Schmerzen
präsentiert habe. Auch ein Zusammenhang der Rückenschmerzen mit einer gravierenden
innerseelischen Konfliktsituation oder einer schweren psychosozialen Belastung
lasse sich nicht explorieren. Für Aggravation oder Simulation fänden sich keine
Hinweise (S. 12).

 

Die für eine psychotische Störung
diagnoserelevanten Befunde seien mässig ausgeprägt, führten aber zu einer
deutlichen Beeinträchtigung mit desorganisiertem Verhalten. Die Bewältigung des
Alltags falle dem Beschwerdeführer schwer. Zusätzlich zur psychiatrischen
Mitbehandlung sei dringend eine psychopharmakologische Therapie zu erwägen.
Eingliederungserfolge seien keine zu verzeichnen. Neben den psychischen
Beeinträchtigungen lägen degenerative Veränderungen vor, und es sei eine
koronare Herzkrankheit behandelt worden. Die Persönlichkeitsstruktur weise eine
etwas vermehrte narzisstische Kränkbarkeit auf, ohne dass die diagnostischen
Merkmale einer Persönlichkeitsstörung von Krankheitswert gemäss lCD-10 erfüllt
seien. Der Beschwerdeführer weise indes nur geringe persönliche Ressourcen auf,
um mit der Erkrankung aus dem psychotischen Formenkreis umzugehen. Das soziale
Umfeld habe mässig stützendem Charakter. Ein ausgewiesener sozialer Rückzug aus
allen Lebensbereichen liege zwar nicht vor, aber der Beschwerdeführer gelte als
Exzentriker mit eher geringer sozialer Integration, auch wenn keine
schwerwiegenden Konflikte benannt würden (S. 13). Das Aktivitätenniveau sei in
allen vergleichbaren Lebensbereichen deutlich eingeschränkt. Ein Leidensdruck
sei spürbar, allerdings fehlten Eingliederungsbemühungen. Der Beschwerdeführer
sei psychiatrisch in der Lage, Tätigkeiten einfacher geistiger Art mit geringer
Verantwortung, ohne besondere Anforderungen an die Team- und Konfliktfähigkeit,
zu verrichten. Ausgeschlossen sind Tätigkeiten mit besonderem Zeitdruck sowie
Akkord- und Nachtarbeit. Die Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt
sei schwer zu beurteilen, da der Beschwerdeführer seit über 15 Jahren berentet
sei und keiner Tätigkeit nachgehe. Auch zuvor sei sein Arbeitsleben –
wahrscheinlich krankheitsbedingt – sehr unstet gewesen, mit zahlreichen Anstellungsverhältnissen,
Zeiten von Arbeitslosigkeit und nicht dem Ausbildungsstand entsprechenden
Tätigkeiten. Im angestammten Lehrberuf müsse man die Arbeitsfähigkeit mit
0 % beziffern. Tätigkeiten im oben beschriebenen Belastbarkeitsprofil
werde der Beschwerdeführer mit einer Arbeitsfähigkeit von max. 50 %
bewältigen können, allerdings seien zuvor berufliche Reintegrationsmassnahmen
dringend nahezulegen. Retrospektiv sei die Arbeitsfähigkeit in der angestammten
Tätigkeit als FEAM seit 1998 aufgehoben. In einer leidensadaptierten Tätigkeit
sei spätestens mit der von Dr. med. J.___ im Jahre 2011 dokumentierten
Teilremission der psychotischen Erkrankung, im Sinne eines mässig ausgeprägten
Zustandsbildes bei undifferenzierter Schizophrenie, von einer Arbeitsfähigkeit
in der Grössenordnung von 50 % auszugehen (S. 14). Auch die
verhaltensneurologische Beurteilung im März 2012 habe eine
medizinisch-theoretische Restarbeitsfähigkeit von ca. 50 % ergeben. Lic. phil. M.___
habe zwar aus neuropsychologischer Sicht keine gravierenden kognitiven
Einschränkungen gesehen, aber postuliert, das desorganisierte Verhalten des
Beschwerdeführers sei am ehesten Ausdruck einer psychiatrisch zu beurteilenden
Gesundheitsstörung. Bei langjährigem Verlauf und geringer Motivation des
Beschwerdeführers für eine Rückkehr in den Arbeitsmarkt sehe man die Chance auf
eine berufliche Wiedereingliederung als eher gering an (S. 15).

 

3.6.6  Im interdisziplinären Konsens
gelangten die Experten zum Schluss, dass der Beschwerdeführer die bisherige
Tätigkeit seit 1998 nicht mehr verrichten könne. Uneingeschränkt möglich seien
leichte bis mittelschwere Arbeiten, nicht aber schwere Arbeiten mit Heben und
Tragen entsprechender Lasten. Unter optimaler Anpassung an das Belastungs- und
Ressourcenprofil sowie nach Durchführung von lntegrationsmassnahmen sei medizinisch-theoretisch
eine Restarbeitsfähigkeit in der Grössenordnung von 50 % denkbar. Diese
Arbeitsfähigkeit in einer leidensadaptierten Tätigkeit gelte seit dem Gutachten
von Dr. med. J.___ im Jahr 2011 (A.S. 18 + 19). Die Bewertung der
Arbeitsfähigkeit beruhe ausschliesslich auf medizinischen Gründen, die Folgen
Iangjähriger Arbeitslosigkeit habe man ausgeklammert. Ein Suchtleiden liege
nicht vor (S. 20). Die bisherige Therapie sei lege artis, wobei man auf die
Empfehlungen im Gutachten verweise. Das Krankheitsbild der undifferenzierten
Schizophrenie stehe im Vordergrund, die somatischen Erkrankungen potenzierten
die Arbeitsunfähigkeit nicht. (S. 22). Eingliederungsmassnahmen seien aus
polydisziplinärer medizinischer Sicht zumutbar. Das desorganisierte Verhalten
des Beschwerdeführers bewirke interpersonelle Schwierigkeiten, welche die Eingliederung
erschwerten. (S. 23). Es seien keine gravierenden Inkonsistenzen auszumachen. Das
Ausmass der Einschränkung in den verschiedenen Lebensbereichen sei vergleichbar.
Ein detaillierter Vergleich mit dem Aktivitätenniveau vor 1998 sei nicht
möglich. Therapeutische Massnahmen seien wahrgenommen worden. Trotz
krankheitsbedingter Schwierigkeiten bestehe keine vollständige Unfähigkeit zur
Therapieadhärenz (S. 24). Der Gesundheitszustand habe sich seit der
Rentenzusprache verändert, indem seit 2011 eine Teilremission der schizophrenen
Erkrankung dokumentiert sei. Man gehe allerdings nicht wie Dr. med. J.___ von
einer vollständigen Remission aus, sondern lediglich von einer Teilremission
mit fortbestehenden Symptomen im Sinne einer undifferenzierten Schizophrenie
(S. 26). Auch bei fortgesetzter Fachbehandlung sei eine weitergehende
Verbesserung der Arbeitsfähigkeit nicht wahrscheinlich. Berufliche Massnahmen setzten
ein wohlwollendes, psychagogisches Umfeld voraus (S. 27). Insgesamt sei die
Prognose zweifelhaft, zumal der langjährige Verlauf, aber auch die geringe
Motivation die Chancen einer beruflichen Wiedereingliederung eher schlecht
erscheinen liessen (S. 28).

 

3.6.7  Die RAD-Ärztin Dr. med. AC.___,
Fachärztin für Allg. Medizin, hielt in ihrer Stellungnahme vom 3. April 2017
dafür (IV-Nr. 233), das Gutachten des psychiatrischen Experten Dr. med. AA.___
sei in sich widersprüchlich, weshalb seine Diagnose einer undifferenzierten
Schizophrenie nicht übernommen werden könne. Die Anamnese sei fast unauffällig
und die erhobenen Befunde fast durchgehend normal. Dr. med. AA.___ verändere
die leichten Verhaltensabweichungen zu einer krankhaften Abnormität. So gebe
der Beschwerdeführer an, er halte einen geregelten Tagesablauf ein und verlasse
die Wohnung für Einkäufe, soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten, während Dr.
med. AA.___ von einer deutlichen Beeinträchtigung mit desorganisiertem
Verhalten und Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags spreche. Laut dem
Beschwerdeführer seien ein verlässlicher Freundes- und Bekanntenkreis sowie
Kontakte zu einer Schwester vorhanden, was Dr. med. AA.___ als ein Umfeld mit
mässig stützendem Charakter und eher geringe soziale Integration werte.
Ausserdem berichte der Beschwerdeführer von verschiedenen Aktivitäten, während
Dr. med. AA.___ eine deutliche Einschränkung in allen Lebensbereichen sehe.
Andererseits habe der Experte die medizinischen Vorbefunde nur oberflächlich
studiert. Er zitiere Dr. med. B.___ mit der Aussage, in einer adaptierten
Tätigkeit sei der Beschwerdeführer zu 50 % arbeitsfähig, obwohl sie diese
Arbeitsfähigkeit auf einen geschützten Rahmen beziehe. Weiter habe Dr. med.
AA.___ übersehen, dass bei Dr. med. J.___ keine Rede von einer Teilremission
der Schizophrenie sei, sondern dieser keine Diagnose mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit stelle. Daher sei weiterhin auf Dr. med. J.___ abzustellen. 

 

3.6.8  Dr. med. H.___ attestierte
im Schreiben vom 18. Dezember 2017 (IV-Nr. 246 S. 4) wegen der «komplexen
medizinischen Situation» eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %. Der
Beschwerdeführer sei auf strukturierende Unterstützung im Alltag angewiesen,
sonst sei eine Labilisierung seines Zustands mit entsprechenden Komplikationen
zu befürchten.

 

3.7

3.7.1  Dem
Gerichtsgutachten von Dr. med. C.___ vom 26. November 2018 (A.S. 72 ff.)
lassen sich folgende Diagnosen entnehmen (A.S. 86):

·      akzentuierte Persönlichkeitszüge mit
unreifen oder emotional instabilen Zügen (Z73.1)

·      Status nach Alkoholüberkonsum, seit 2012
abstinent (ICD-10 F10.20)

·      Status nach möglicher Erkrankung aus dem
schizophrenen Formenkreis, aktuell remittiert

 

Der Beschwerdeführer gebe an, nach der
Rentenaufhebung habe er erfolglos Arbeit gesucht. Es sei schwierig, in seinem
Alter etwas zu finden. Nach all den Jahren wäre er auch nicht in der Lage,
plötzlich ein Vollpensum zu leisten, und er habe auch noch den Haushalt zu
verrichten. Mit beruflichen Massnahmen wäre er einverstanden. Schon seit vielen
Jahren leider er hauptsächlich unter chronischen Rückenbeschwerden, weshalb
körperliche Schwerarbeit ausscheide. Er frage sich, ob er noch genug Geduld und
Aufmerksamkeit für eine Tätigkeit aufbringe. Mit der heutigen Elektronik komme
er nicht mehr zurecht, obwohl er versuche, auf dem Laufenden zu sein. Auf die
Frage nach psychischen Beschwerden meine der Beschwerdeführer, es sei eher
moralisch ein Problem. Der Tod der Eltern im Jahr 2012 und die Erbteilung hätten
ihn sicher belastet. Das Elternhaus sei verkauft worden, weshalb er in eine
Wohnung habe umziehen müssen (A.S. 76). Seit etwa 2012 suche er bei Bedarf Dr.
med. H.___ auf. Etwa 1984 sei er wegen seines «feuchtfröhlichen» Lebens kurz
bei Dr. med. AB.___ gewesen. Man habe ihm geraten, den Beruf zu wechseln,
und Medikamente verordnet, die er nicht vertragen habe. Diese Behandlung habe
er bald abgeschlossen. Etwa 1997 und 1998 habe ihn sein Hausarzt Dr. med. G.___
psychiatrisch behandelt (u.a. wegen der Beziehung mit der Freundin), aber nicht
intensiv. Abends nehme er eine Tablette Baldrian, ausserdem seit etwa drei
Jahren eine Tablette Redormin und bei Bedarf Stilnox, wenn er nicht gut
schlafe. Fluctine nehme er seit über einem Jahr nicht mehr (A.S. 77). 

 

Er stehe zwischen 7:00 und 8:00 Uhr auf
und fühle sich ausgeschlafen. Nach der Morgentoilette kümmere er sich um seine
zwei Wellensittiche. Meist trinke er irgendwo einen Kaffee und esse ein
Gipfeli, kaufe ein Brot ein und lese noch die Zeitungen. Er informiere sich
auch übers Internet und lese die Nachrichten, teilweise auch Fachlektüre im
elektronischen Bereich. Regelmässig treffe er sich morgens in einem Café mit
anderen Personen. Den Haushalt verrichte er selbständig, er räume auf, putze
und mache die Wäsche. Er halte einigermassen Ordnung (auf den vorgelegten Fotos
wirke die Wohnung nicht unordentlich). Ansonsten schwimme er oft in der Aare
oder angle. Er sei auch mit dem E-Bike unterwegs, spaziere und wandere gerne. Bei
schlechterem Wetter sei er meist zuhause, wo er Computer repariere. Er gehe
etwas hinaus, trinke irgendwo einen Kaffee. Ausserdem schaue er fern,
vorwiegend dokumentarische und wissenschaftliche Sendungen etc. Er besuche auch
gerne einmal eine Stadt und bummle herum. Regelmässig nehme er gegen 18:00 und
19:00 Uhr ein Nachtessen ein, teilweise koche er, alle zwei bis drei Tage gehe
er in ein Restaurant. Zu den Familienmitgliedern bestehe ein guter Kontakt.
Mindestens einmal im Jahr sehe er seine Geschwister. (A.S. 77). Im
zwischenmenschlichen Bereich habe er keine Probleme. In [...], wo er wohne,
bestehe ein normaler Umgang zu allen Leuten, die er kenne. Mit den Nachbarn
komme er gut zurecht. Er habe einige Bekannte. In Zürich treffe er sich
regelmässig mit zwei bis drei Leuten (A.S. 77 f.). Gegen 21:00 Uhr lege er sich
ins Bett, schaue aber meist bis Mitternacht fern und schlafe dann irgendwann
ein. In der Regel sei der Schlaf gut, es komme manchmal vor, dass er nachts
aufwache und zur Toilette müsse, dann aber weiterschlafe. Er habe keine
besonderen Träume. Heute sei er nicht mehr übermässig nervös, doch habe es
Zeiten gegeben, in denen er eher unruhig gewesen sei, auch angesichts der
belastenden Situation. Früher habe er oft gereizt reagiert und teilweise
Wutausbrüche gehabt, heute sei er gelassener und kontrollierter. Diffuse Ängste
habe er keine. Seit dem Führerausweisentzug im Jahr 2012 habe er keinen Alkohol
mehr getrunken. Cannabis habe er in der Jugend probiert, aber nicht regelmässig
konsumiert. Seine letzte Beziehung habe im Jahre 2000 geendet. Im Prinzip sei
er offen, doch suche er keine neue Beziehung. Seine Beiständin helfe ihm bei
verschiedenen Belangen. Er sei seit etwa 2012 verbeiständet, damals auch wegen
der Situation mit den Eltern und der ganzen Lebenssituation (A.S. 78).

 

Seine Kindheit habe er in sehr guter
Erinnerung. Zu Gleichaltrigen habe er gute Kontakte gepflegt. Die Grundschule
habe er ohne Probleme besucht, in der Bezirksschule dann aber den Anschluss
verpasst (A.S. 78). Er sei oft unterwegs gewesen und habe nichts gelernt. 1973
bis 1977 habe er ohne Probleme die Lehre zum FEAM absolviert, das Technikum in [...]
aber nach einem Semester abgebrochen. Er habe sich dann für verschiedene andere
Techniken interessiert, Weiterbildungskurse besucht, Reisen unternommen und mit
verschiedenen kurzzeitigen Anstellungen (u.a. im Service) Geld verdient, um zu
überleben. Er sei unruhig gewesen und dauernd unterwegs. Schliesslich habe er
sich in Informatik weitergebildet und auch zwei Semester Wirtschaftsinformatik
besucht. Er sei nie längere Zeit irgendwo angestellt gewesen und habe teilweise
auch temporär gearbeitet. Nach der Rentenzusprache habe er sich nicht mehr um
Arbeit bemüht und seine PC-Kenntnisse im privaten Bereich angewendet.
Zeitlebens habe er verschiedene kurze Beziehungen geführt sowie eine längere in
den 90er Jahren. Die letzte Beziehung sei 2000 nach zwei Jahren beendet worden.
Er habe immer gerne Musik gehabt und einmal erfolglos versucht, ein Festival zu
organisieren. Vor allem in jungen Jahren habe er sicher teilweise übermässig
Alkohol getrunken. Insgesamt sei ihm zweimal wegen Alkohol am Steuer der
Führerausweis entzogen worden. Seit 2012 trinke er deswegen keinen Alkohol
mehr. Lange Zeit sei keine eigentliche psychiatrische Behandlung erfolgt. Erst
in den letzten Jahren nehme er in teilweise unregelmässigen Abständen
psychiatrische Hilfe in Anspruch, was aber keine intensive Behandlung darstelle.
Er sei nie psychiatrisch hospitalisiert gewesen. Einige Zeit habe er ein
Antidepressivum eingenommen. Die Rente sei in einer turbulenten Zeit
zugesprochen worden, damals seien die Rückenbeschwerden im Vordergrund
gestanden. Er müsse wohl annehmen, dass er eine Schizophrenie habe, doch könne
er nicht angeben, welche Symptome er diesbezüglich verspüre (A.S. 79). Seine
Zukunft sei unklar, ihn beschäftige vorwiegend die finanzielle Situation. Er
denke, dass er zumindest stundenweise arbeiten könnte, doch sei wegen seiner
langen Abwesenheit vom Arbeitsmarkt fraglich, ob er eine genügende Leistung
oder Kenntnisse aufweise (A.S. 80).

 

Während der Untersuchung von 9:00 bis
10:45 Uhr erhob der Experte die folgenden Befunde: Der Beschwerdeführer sei
ordentlich gekleidet. Die Begrüssung und der Gang ins Untersuchungszimmer seien
unauffällig. Der Beschwerdeführer sei mühelos in der Lage, während der gesamten
Untersuchung auf seinem Stuhl sitzenzubleiben. Er spreche mit kräftiger Stimme.
Das Bewusstsein sei klar und die Orientierung allseits erhalten. Es zeigten
sich keine Hinweise auf kognitive Schwierigkeiten. Die Konzentrationsfähigkeit
sei ungetrübt. Der Beschwerdeführer gehe schnell auf die Fragen ein, wobei er
sich teilweise in Nebensächlichkeiten verliere. Für sprachliche Auffälligkeiten
sowie formale und inhaltliche Denkstörungen fänden sich keine Hinweise. Der
Beschwerdeführer wirke in keiner Weise verlangsamt oder beschleunigt. Es falle ihm
schwer, seinen psychischen Zustand zu beschreiben, er stelle spontan die
körperliche Situation in den Vordergrund. Erst auf Nachfrage seien einige
wenige Angaben über den psychischen Zustand erhältlich. Wahn, Halluzinationen
und psychotische Phänomene würden verneint. Im Affekt wirke der
Beschwerdeführer euthym und könne auch lächeln. Nach seinen Angaben sei er in
der Lage, Interessen nachzugehen und sich über etwas zu freuen. Seine Stimmung
sei nicht dauerhaft gedrückt, die Situation besorge ihn allerdings. Er sei
heute nicht mehr derart nervös und jähzornig wie in jungen Jahren, er reagiere ruhiger
und bedachter. Suizidgedanken würden verneint. Teilweise wirke der
Beschwerdeführer etwas unruhig, aber eine dauernde motorische Unruhe könne nicht
angenommen werden. Psychomotorisch sei der Beschwerdeführer weitgehend adäquat.
Hinweise auf Ich-Störungen fänden sich keine (A.S. 80). Die Intelligenz sei als
durchschnittlich zu beurteilen. Die affektive Modulation sei erhalten, ebenso
eine adäquate Gestik und Mimik. Der Beschwerdeführer schildere teilweise
belastende Situationen aus der Vergangenheit, wirke dabei aber nicht sehr
betroffen. Er wirke von der Persönlichkeitsstruktur her eher etwas einfach
strukturiert. Insgesamt hinterlasse der Beschwerdeführer im Gespräch einen
psychopathologisch weitgehend unauffälligen Eindruck. Gemäss der telefonischen
Rücksprache mit Dr. med. H.___ vom 22. November 2018 suche der
Beschwerdeführer sie in unterschiedlichen Abständen ein- bis zweimal monatlich
auf. Es handle sich mehr um eine Anbindung als um eine eigentliche Behandlung.
Die Diagnose sei etwas unklar. In der Vergangenheit habe sie sich auch auf
einen vorbestehenden Bericht gestützt, um eine Hebephrenie oder Schizophrenie
zu diagnostizieren. Die auffällige Anamnese sei nicht allein mit einer
neurotischen Störung erklärbar. Heute liessen sich tatsächlich keine positiven
Symptome einer Störung aus dem schizophrenen Formenkreis finden. Eine
medikamentöse Behandlung mit einem Neuroleptikum sei versucht, aber wegen
Nebenwirkungen gestoppt worden. Ihrer Meinung nach sei der Beschwerdeführer
nicht in der Lage, in der freien Marktwirtschaft einer verwertbaren Arbeit nachzugehen,
er müsste entsprechend seinem Müssiggang eine Tätigkeit verrichten können (A.S.
81).

 

In seiner Beurteilung führte der Experte
aus, in der Schule hätten sich, abgesehen von der Repetition eines Jahrs in der
Bezirksschule, keine Schwierigkeiten gezeigt. In der Folge habe der
Beschwerdeführer erfolgreich eine Lehre absolviert. Demnach hätten keine
starken Auffälligkeiten vorgelegen, welche den Beschwerdeführer daran gehindert
hätten, einen allgemein üblichen Bildungsweg zu durchlaufen. In der Folge sei
es ihm allerdings nie gelungen, beruflich irgendwo Fuss zu fassen resp. längere
Zeit eine Arbeitsstelle zu halten. Damals solle ein Alkoholüberkonsum bestanden
haben. Der Beschwerdeführer sei wiederholt gereist, habe sich an verschiedenen
Orten betätigt sowie mehrere Ausbildungen und Projekte in Angriff genommen
habe, ohne aber jemals länger bei einer Tätigkeit zu bleiben sei. Der
Beschwerdeführer habe auch nie dauerhafte und tragende Beziehungen gepflegt, woran
offenbar kein wesentliches Interesse bestanden habe (A.S. 81). Diese berufliche
und beziehungsmässige Unruhe sei auch dem damaligen Hausarzt Dr. med. G.___
aufgefallen, der am 17. August 1998 geschrieben habe, der Beschwerdeführer sei
teamworkunfähig, autistisch, gedankenflüchtig und lebe in einer schizophrenen
Welt (IV-Nr. 1.14 S. 2). Der Experte Dr. med. F.___ begründe in seinem Gutachten
vom 25. Januar 1999 (E. II. 3.1 hiervor) weder Diagnose eines schizophrenen
Residuums noch das Vorliegen einer Schizophrenie in der Vergangenheit oder die
Restarbeitsfähigkeit von zehn bis 15 %. Im weiteren Verlauf habe Dr. med. G.___
im Jahr 2000 einen unveränderten Zustand angegeben (IV-Nr. 4) und im Jahr 2005
einen stationären Verlauf (IV-Nr. 13). Nähere psychiatrische Angaben seien nicht
erhältlich, bis 2011 eine psychiatrische Abklärung durch Dr. med. J.___ erfolgt
sei, welcher weder eine akute Psychose noch eine Minussymptomatik oder ein
schizophrenes Residuum habe bestätigen können; ein Zustand nach juveniler
Hebephrenie sei als nicht ausgeschlossen, aber nicht eindeutig beweisbar angesehen
worden. Im Gegensatz dazu sei Dr. med. B.___ am 29. März 2012 von einem
markanten Verhaltenssyndrom bei hirnorganischer Beeinträchtigung ausgegangen
(E. II: 3.4 hiervor). Worauf sich dieser knappe Bericht stütze, sei
unklar, offensichtlich einzig auf Beobachtungen und Interpretationen bei einer
Konsultation. Lic. phil. M.___ habe demgegenüber am 9. Januar 2013 bloss
minimale bis leichte kognitive Funktionsbeeinträchtigungen ermitteln können.
Dr. med. H.___ habe am 22. April 2013 einer Erkrankung aus dem schizophrenen
Formenkreis im Sinne einer hebephrenen Schizophrenie angenommen (E. II. 3.3
hiervor). Unklar sei, inwieweit die angegebenen Diagnosekriterien wirklich
erfüllt gewesen seien und ob eine Arbeitsunfähigkeit von 80 % bestanden habe (A.S.
82). Der handschriftliche Bericht von Dr. med. H.___ vom 19. November 2013 (IV-Nr.
120) sei teilweise nicht zu entziffern. Die angegebene Schizophrenie werde erneut
ungenügend begründet und die Arbeitsunfähigkeit sei angesichts der Knappheit
des Berichtes nicht nachvollziehbar (A.S. 82 f.). Das V.___-Gutachten vom
27. Oktober 2016 (E. II. 3.6 hiervor) diagnostiziere eine undifferenzierte
Schizophrenie, gehe aber nicht näher darauf ein, ob deren Symptomatik beim
Beschwerdeführer überhaupt vorliege. Vielmehr werde aufgezählt, welche
typischen Befunde nicht hätten gefunden werden können. Da die Diagnosen einer
Hebephrenie oder eines schizophrenen Residuums ausgeschlossen worden seien,
habe Dr. med. AA.___ gefolgert, dass am ehesten eine undifferenzierte
Schizophrenie vorliege. Differentialdiagnostische Überlegungen fehlten (A.S.
83). 

 

In der heutigen Untersuchung liessen
sich keine gedanklichen Auffälligkeiten finden, einzig beim freien Sprechen zeige
sich eine gewisse Tendenz zu Perseverationen sowie eine leichte
Umständlichkeit, indem der Beschwerdeführer sich teilweise in Gedankengängen
verirre, ohne den roten Faden zu verlieren. Es handle sich nicht um ein massiv
auffälliges pathologisches Verhalten, sondern eher um ein
Verlegenheitsverhalten des Beschwerdeführers, der auch bei konkreten Fragen
Mühe habe, seinen psychischen Zustand darzulegen. Der Beschwerdeführer sei
affektiv gut moduliert. Er sei kognitiv nicht beeinträchtigt und gehe in
adäquatem Tempo auf die Fragen ein. Der Beschwerdeführer könne nicht als
psychomotorisch unruhig eingestuft werden. Seine Ausführungen begleite er mit
adäquater Gestik und Mimik. Insgesamt entstehe während der gesamten
Untersuchung nie der Eindruck, dass der Beschwerdeführer in psychischer
Hinsicht massiv beeinträchtigt wäre, obwohl ihn die Situation nachvollziehbar
belaste. Er schildere einen unauffälligen Tagesablauf und scheine auch gewissen
Interessen nachzugehen. Es bestünden verschiedene soziale Kontakte, vielleicht
eher oberflächlich und ohne tragende Freundschaften, doch im familiären Umfeld
sei der Kontakt eng. Der Beschwerdeführer sei eher etwas einfach strukturiert. Er
sehe ein, dass er theoretisch in der Lage wäre, zumindest teilweise eine
adaptierte Tätigkeit auszuüben, auch wenn er selbst nicht wisse, wie hoch die
Leistungsfähigkeit sei (A.S. 83). Insgesamt könne keine grundlegende und
charakteristische Störung von Denken und Wahrnehmung sowie kein inadäquater
oder verflachter Affekt festgestellt werden (A.S. 83 f.). Es zeigten sich keine
Hinweise auf kognitive Defizite, keine Störung der Gedanken- und Gefühlswelt
sowie keine Hinweise auf Halluzinationen, sodass die Diagnose einer
Schizophrenie nicht gestellt werden könne. Auch die Kriterien einer hebephrenen
Schizophrenie seien nicht erfüllt, denn dabei müssten das Verhalten und die
Stimmung derart inadäquat sein, dass dies auch einem Laien auffallen würde. Die
Diagnose einer undifferenzierten Schizophrenie werde erst dann gestellt, wenn
nicht eindeutig Symptome für eine Richtung der Schizophrenie vorlägen, doch
müssen dennoch entsprechende Beeinträchtigungen des Denkens, des Verhaltens und
des Fühlens bestehen. Für ein schizophrenes Residuum wären auffallende negative
Symptome mit psychomotorischer Verlangsamung, Aktivitätsverminderung,
Affektverflachung, Passivität und Initiativemangel sowie allgemeiner Verarmung notwendig.
Dies lasse sich beim Beschwerdeführer nicht feststellen. Auf Grund der heutigen
Befunde könne daher die Diagnose einer Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis
nicht bestätigt werden. Die Diagnose einer undifferenzierten Schizophrene könne
nicht allein durch Ausschluss anderer Schizophrenieformen gestellt werden, wie
dies Dr. med. AA.___ tue, sondern es müssten einige positive Symptome
eruiert werden. Dasselbe gelte für den Bericht von Dr. med. H.___ vom 22. April
2013. Sie beschreibe zwar einen etwas auffälligen Exploranden, weise aber nicht
nach, dass die Kriterien der diagnostizierten hebephrenen Schizophrenie
tatsächlich erfüllt seien. Dr. med. H.___ habe auch beim Beschwerdeführer
keine entsprechende Behandlung durchgeführt. Es seien einzig einige Zeit
Antidepressiva eingesetzt worden, aber keine Neuroleptika, wie dies bei
schizophrenen Störungen notwendig wäre. Dies deute ebenfalls auf eine diagnostische
Unsicherheit hin. Der Verlaufsbericht vom 19. November 2013 sei nicht
verwertbar. Die telefonische Nachfrage habe denn auch ergeben, dass Dr. med. H.___
offensichtlich Angaben aus dem Vorfeld übernommen habe. Bei dieser Nachfrage hätten
sich keine eindeutigen Hinweise eruieren liessen, um die gestellte Diagnose zu
erhärten (A.S. 84).

 

Aus neuropsychologischer Sicht wären bei
einer Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis viel mehr (kognitive)
Auffälligkeiten zu erwarten gewesen. Lic. phil.  M.___ lege im
Bericht vom 9. Januar 2013 (E. II: 3.4 hiervor) aber keine solchen
Auffälligkeiten dar. Allerdings seien Verhaltensweisen im Sinne von
Einschränkungen in der Verhaltensorganisation und Strukturierung sowie in der
Bewertung von Wichtigem bzw. von Sachverhalten erkannt worden. Dies erkläre zum
Grossteil das desorganisierte Leben, welches der Beschwerdeführer bis anhin
geführt habe. Auch heute brauche er bei der Regelung der psychosozialen
Situation teilweise Hilfe von aussen, indem er eine Beiständin habe. Ansonsten
gelinge es dem Beschwerdeführer aber gut, seinen Alltag zu organisieren und zu
strukturieren; er könne Aktivitäten nachgehen und Interessen verfolgen sowie
soziale Kontakte pflegen. Es scheine aber eine Tendenz zu bestehen, in
komplexen Situationen die Übersicht zu verlieren. Diese
Verhaltensauffälligkeiten hätten schon seit der Kindheit bestanden, seien
jedoch wegen äusserer Leitplanken nicht derart stark aufgefallen, so dass der
Beschwerdeführer auch eine Lehre habe absolvieren können. Sobald es aber darum
gegangen sei, sein Leben selbständig zu planen, habe er Schwierigkeiten
bekommen (A.S. 84). Diese Auffälligkeit in Verhalten und Organisation könne
Ausdruck verschiedener Faktoren sein. Hinweise auf eine hirnorganische Störung
als Ursache fehlten. Der übermässige Alkoholkonsum erkläre mit grosser
Wahrscheinlichkeit zumindest einen Teil der Verhaltensauffälligkeiten. Eine
dauerhafte resp. längere affektive Störung oder eine Angststörung liessen sich
nicht eruieren. Wie bereits erwähnt, könne heute keine Erkrankung aus dem
schizophrenen Formenkreis bestätigt werden. Es sei nicht ausgeschlossen, dass eine
solche in der Vergangenheit eine Rolle gespielt habe, doch müsste auf Grund der
heutigen Befunde zwischenzeitlich eine Remission eingetreten sein. In Betracht
zu ziehen seien Persönlichkeitsstörungen, wobei hier vorwiegend emotional
instabile, allenfalls auch unreife Persönlichkeitszüge eine Rolle spielen
könnten. Vergleiche man die heutigen Befunde mit den 1999 von Dr. med. F.___
beschriebenen, so werde heute ein anderer Beschwerdeführer wie damals
vorgefunden. Die Stimmung präsentiere sich heute unauffällig, insbesondere
nicht gedrückt und depressiv. Ausserdem fänden sich keine instabile
Affektivität, keine Hinweise auf Angst, Ratlosigkeit und Aggressivität, keine
übertrieben starke intrapsychische Spannung sowie kein beschleunigtes oder
inkohärentes Denken. Kognitive Schwierigkeiten liessen sich nicht beobachten.
In diesem Sinne sei anzunehmen, dass eine Beruhigung eingetreten sei. Der
Beschwerdeführer wirke psychopathologisch nicht mehr auffällig wie damals, es
habe sich demnach objektiv eine gewisse Veränderung ergeben. Auch die
subjektiven Angaben deuteten auf eine deutliche Beruhigung des Zustandes hin
mit kaum mehr vorhandenen psychischen Auffälligkeiten. Differentialdiagnostisch
könne beim damaligen Verhalten eine unreife Persönlichkeitsproblematik,
getriggert durch überhöhten Alkoholkonsum und psychosozial schwierige Umstände,
eine Rolle gespielt haben. Auffallend sei weiter, dass der Beschwerdeführer
sich in all den Jahren nie motiviert gezeigt habe, eine Änderung seiner
Situation herbeizuführen. Nach der Rentenzusprache habe er mit dem Arbeitsleben
abgeschlossen und keine Eingliederungsversuche unternommen. Zudem falle auf,
dass keine konsequente und intensive psychiatrische Behandlung durchgeführt
worden sei; dies könne freilich insoweit nachvollzogen werden, als sich der
Beschwerdeführer subjektiv nicht als psychisch beeinträchtigt erlebe. Es gebe
nur mehr oder weniger sporadische Konsultationen, weshalb es sich mehr um eine
Beratung zu handeln scheine. Die behandelnde Psychiaterin spreche denn auch von
einer «Anbindung» und nicht von eigentlichen psychiatrischen
Behandlungsmassnahmen (A.S. 85).

 

Zusammenfassend klage der
Beschwerdeführer vorwiegend über körperliche Beschwerden. Sowohl die
subjektiven Angaben wie auch die objektivierbaren Befunde deuteten heute auf
keine wesentliche psychische Störung hin. Ausser der diskreten Tendenz zu
Perseverationen sei der Beschwerdeführer psychopathologisch weitgehend
unauffällig. Der heutige Zustand sei in keiner Weise vergleichbar mit den
Angaben, die 1999 gemacht worden seien. Demnach sei von einer deutlichen
Verbesserung oder Remission des damaligen Zustandes auszugehen. Der heutige
Zustand sei mit grosser Wahrscheinlichkeit vergleichbar mit dem Zustand, wie er
zum Zeitpunkt der Verfügung vom 26. Januar 2018 vorgelegen habe. Es gebe keine
Hinweise darauf, dass zwischenzeitlich eine Veränderung eingetreten sein
könnte. Der heutige Zustand entspreche mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr
als 50 % demjenigen, den Dr. med. J.___ 2011 beschrieben habe. Aus
psychiatrischer Sicht könne keine Diagnose gestellt werden, welche die
Fähigkeiten massiv beeinträchtige. Der Beschwerdeführer sei in der Lage, sich
im Alltag zurechtzufinden, er könne Termine wahrnehmen, sich Begebenheiten
anpassen, den Tag planen und strukturieren, sich ein Urteil bilden und
Entscheide fällen. Er versuche sich in der Elektronik weiterzubilden und
beschäftige sich mit der Reparatur von Computern. Die Durchhaltefähigkeit und
die Selbstbehauptungsfähigkeit seien nicht beeinträchtigt (A.S. 86). Der
Beschwerdeführer pflege Kontakte zu Dritten und familiäre Beziehungen zu den
Geschwistern (A.S. 86 f.). Er gehe verschiedenen Aktivitäten zielgerichtet
nach, sei in der Selbstpflege und Verkehrsfähigkeit nicht beeinträchtigt. Psychisch
sei der Beschwerdeführer in der Lage, ähnliche Tätigkeiten wie früher im
Bereich Informatik und Elektroinstallation in vollem Umfang durchzuführen. Es
lasse sich weder eine Beeinträchtigung noch eine leistungsmässige Einschränkung
begründen. Dasselbe gelte für eine alternative Tätigkeit, welche nicht über die
bisherigen Tätigkeiten hinausgehe. Angesichts der eher etwas einfachen
Persönlichkeitsstruktur sollte der Beschwerdeführer keine leitenden Funktionen
ausüben und keine Verantwortung übernehmen, die Arbeiten müssten vorgegeben
sein. Es sei nicht von einem wechselnden Verlauf auszugehen. Allerdings habe
sich in der Vergangenheit mit grosser Wahrscheinlichkeit der Alkoholkonsum
ungünstig auf den Gesamtzustand ausgewirkt. Weiter sei anzunehmen, dass sich
instabile Persönlichkeitsstrukturen in jungen Jahren eher stärker auswirkten.
Unklar sei, inwieweit in der Vergangenheit eine schizophrenieartige Störung
tatsächlich vorgelegen habe, denn die Angaben seien insgesamt zu ungenau. Im
Verlauf sei eine Stabilisierung der Persönlichkeitsstruktur und des
Gesamtzustandes anzunehmen, wie der Vergleich der verschiedenen Berichte aufzeige.
Es sei aber weiterhin denkbar, dass unter Belastung eine Tendenz bestehe, mit
emotional instabilen oder desorganisierten Verhaltensweisen zu reagieren, was
in der Vergangenheit zu teilweise unterschiedlichen Einschätzungen des
Zustandes geführt habe (A.S. 87). 

 

Die für Therapiemassnahmen erforderliche
Einsicht in eine allfällige (psychische) Problematik fehle hier. Sinnvoll wäre
ein Coaching, da der Beschwerdeführer teilweise Mühe habe, sich veränderten
Lebensbedingungen adäquat anzupassen (A.S. 87). Berufliche Massnahmen zur
Angewöhnung an einen Arbeitsplatz seien angesichts der langen Arbeitsabsenz
durchaus sinnvoll. Angezeigt sei eine ähnliche wie die angestammte Tätigkeit. Die
Prognose sei fraglich, aber nicht wegen des gesundheitlichen Zustand, sondern
der psychosozialen Umstände, indem der Beschwerdeführer schon jahrelang aus dem
Arbeitsprozess herausgefallen sei. Weiter bestehe kaum eine Motivation, wieder
einer Arbeit nachzugehen. Eine weitere Verschlechterung der gesundheitlichen
Situation sei nicht zu befürchten.

 

3.7.2  Die Dres. D.___ und E.___
äusserten sich am 4. Januar 2019 wie folgt zum Gerichtsgutachten
(Beschwerdebeilage / BB-Nr. 7): Der Beschwerdeführer sei nicht wegen der
psychosozialen Situation seit 2014 verbeiständet, sondern da er nicht in der
Lage sei, seine administrativen Belange zu regeln. Die von Dr. med. C.___ postulierte
Arbeitsfähigkeit sei daher in Frage zu stellen. 

 

Die subjektiven Angaben
des Beschwerdeführers im Gerichtsgutachten erschöpften sich in Ausführungen zu
Rentenentscheiden, Erbschaften, Rückenbeschwerden sowie einem «moralischen
Problem». Der psychopathologische Befund enthalte vorwiegend positive Überschätzungen.
Die Kriterien für eine hebephrene S