# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** de5dc8b4-1485-5a45-ad35-a403378e62f4
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2022-12-08
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 08.12.2022 D-5292/2022
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-5292-2022_2022-12-08.pdf

## Full Text

B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i f  f éd é r a l  

T r i b u n a l e  am m in i s t r a t i vo  f e d e r a l e  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i v  fe d e r a l  

 
 
 
 

 

 

  

 

 Abteilung IV 

D-5292/2022 

 

 
 

  U r t e i l  v o m  8 .  D e z e m b e r  2 0 2 2  

Besetzung 
 Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger (Vorsitz), 

Richterin Jenny de Coulon Scuntaro, Richter Walter Lang, 

Gerichtsschreiberin Anna Dürmüller Leibundgut. 

   

Parteien 

 
A._______, geboren am (…), 

Afghanistan,   

vertreten durch MLaw Eliane Schmid, Rechtsanwältin,  

Beschwerdeführer,  

 

  
gegen 

  
Staatssekretariat für Migration (SEM), 

Quellenweg 6, 3003 Bern, 

Vorinstanz. 

   

Gegenstand 

 
Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung  

(Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG);  

Verfügung des SEM vom 10. November 2022 / N (…). 

 

 

D-5292/2022 

Seite 2 

Sachverhalt: 

A.  

A.a Der Beschwerdeführer suchte am 6. September 2022 in der Schweiz 

um Asyl nach. 

A.b Ein am 8. September 2022 durchgeführter Abgleich mit der europäi-

schen Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit EURODAC) ergab, dass 

er am 21. August 2022 in Italien registriert worden war. 

A.c Ebenfalls am 8. September 2022 ersuchte das SEM die italienischen 

Behörden um Aufnahme des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 13 

Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments 

und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-

ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-

nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-

stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: 

Dublin-III-VO). 

A.d Anlässlich des persönlichen Dublin-Gesprächs vom 19. September 

2022 führte der Beschwerdeführer aus, bei seiner Einreise nach Italien am 

(…) seien ihm die Fingerabdrücke abgenommen worden. Er sei nach eini-

gen Tagen in die Schweiz weitergereist und habe (erst) hier ein Asylgesuch 

gestellt. Er wolle nicht nach Italien zurückkehren, zumal sein Bruder hier 

lebe. Zudem sei er in Italien krank geworden, und niemand habe ihm ge-

holfen. Er sei ausserdem ausgeraubt worden. Nach seinem Gesundheits-

zustand gefragt, gab er an, er leide an (…). Ausserdem gehe es ihm psy-

chisch nicht gut.  

A.e Am 10. November 2022 teilte das SEM den italienischen Behörden mit, 

die Zuständigkeit zur Durchführung des Asylverfahrens sei infolge der un-

genutzt verstrichenen Frist für die Beantwortung des Aufnahmegesuchs 

per 9. November 2022 auf Italien übergegangen. 

A.f Im Verlauf des vorinstanzlichen Verfahrens gingen beim SEM mehrere 

ärztliche Berichte betreffend den Beschwerdeführer ein. 

B.  

Mit Verfügung vom 10. November 2022 – eröffnet am 11. November 2022 – 

trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) 

auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegwei-

sung aus der Schweiz nach Italien an und forderte ihn auf, die Schweiz 

D-5292/2022 

Seite 3 

spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Ferner 

beauftragte das SEM den Kanton Luzern mit dem Vollzug der Wegwei-

sung, ordnete die Aushändigung der editionspflichtigen Akten an und stellte 

fest, einer allfälligen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu. 

C.  

Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 18. November 

2022 beantragte der Beschwerdeführer, die vorinstanzliche Verfügung vom 

10. November 2022 sei aufzuheben, es sei die Zuständigkeit der Schweiz 

festzustellen und das Asylgesuch materiell zu prüfen. Eventuell sei die Sa-

che zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer 

Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung 

inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Ausserdem 

beantragte er, der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu gewäh-

ren, und die Vollzugsbehörden seien superprovisorisch anzuweisen, von 

Vollzugshandlungen abzusehen. 

Der Beschwerde lagen die angefochtene Verfügung (inkl. Empfangsbestä-

tigung), die Vollmacht vom 9. September 2022, ein Arztbericht vom 14. No-

vember 2022 sowie ein Dokument «Zusammenstellung Infos Italien» der 

Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 6. Mai 2022 (Kopien) bei.  

D.  

Mit Verfügung vom 21. November 2022 setzte die Instruktionsrichterin den 

Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus. 

E.  

Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht gleichen-

tags in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG). 

F.  

Mit Eingabe vom 25. November 2022 reichte der Beschwerdeführer einen 

Arztbericht vom 25. Oktober 2022 sowie ein Schreiben seines Bruders zu 

den Akten. 

  

D-5292/2022 

Seite 4 

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 

1.  

1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls 

in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig über Beschwerden ge-

gen Verfügungen (Art. 5 VwVG) des SEM (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 

VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).  

1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, 

soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 

1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-

rung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-

reichte Beschwerde (Art. 105 und 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52 VwVG) 

ist einzutreten.  

2.  

2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich 

Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder 

unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt 

werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 

2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das 

SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen 

(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-

deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu 

Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 

2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 

3.  

Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver-

zichtet. 

4.  

4.1 Der Beschwerdeführer rügt in seiner Beschwerde, das SEM habe die 

Untersuchungs- sowie die Begründungspflicht verletzt. Es habe nicht ge-

prüft, ob aufgrund seiner Krankheit eine Abhängigkeit von seinem in der 

Schweiz lebenden Bruder im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO be-

stehe und ob Art. 8 EMRK anwendbar sei. Ausserdem habe die Vorinstanz 

unter dem Aspekt einer möglichen Verletzung von Art. 3 EMRK nicht abge-

klärt, wie sich ein Behandlungsunterbruch auf seinen Gesundheitszustand 

D-5292/2022 

Seite 5 

auswirken würde und wie seine medizinische Betreuung in Italien sicher-

gestellt werden könne. 

4.2 Soweit gerügt wird, das SEM habe im Zusammenhang mit dem in der 

Schweiz lebenden Bruder des Beschwerdeführers weder Art. 8 EMRK 

noch die Frage eines Abhängigkeitsverhältnisses im Sinne von Art. 16 

Abs. 1 Dublin-III-VO geprüft, ist festzustellen, dass das SEM in seinen Er-

wägungen berücksichtigt hat, dass der Bruder des Beschwerdeführers in 

der Schweiz lebt, und dazu ausgeführt hat, der Bruder sei weder als Fami-

lienangehöriger im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO zu erachten, noch 

bestünden Hinweise darauf, dass zwischen ihm und dem Beschwerdefüh-

rer ein Abhängigkeitsverhältnis bestehe. Es bestünden keine Gründe für 

eine Anwendbarkeit von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO (vgl. S. 3 der ange-

fochtenen Verfügung). Angesichts dessen, dass den Vorbringen des Be-

schwerdeführers keinerlei Hinweise auf eine medizinisch bedingte Abhän-

gigkeit von seinem Bruder entnommen werden können, sind die erwähnten 

Erwägungen des SEM zu diesem Thema als angemessen und ausrei-

chend zu erachten. Das SEM konnte mangels eines ersichtlichen Abhän-

gigkeitsverhältnisses mit Blick auf den durch Art. 8 Abs. 1 EMRK geschütz-

ten Familienkreis (vgl. dazu statt vieler BGE 144 II 1 E. 6.1, m.w.H.) zudem 

ohne weiteres auf Ausführungen zu Art. 8 EMRK verzichten, zumal der Be-

schwerdeführer auch keine besonders enge emotionale Beziehung zu sei-

nem Bruder – welcher seit dem Jahr (…) in der Schweiz lebt – geltend 

machte (vgl. dazu nachstehend E. 7.3). Eine Verletzung der Begründungs-

pflicht (vgl. Art. 35 Abs. 1 VwVG) liegt bei dieser Sachlage nicht vor.  

4.3 Bezüglich des medizinischen Sachverhalts hat das SEM sodann erwo-

gen, Italien verfüge über eine ausreichende medizinische Infrastruktur, und 

der Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung für Asylgesuch-

steller sei gewährleistet. In sogenannten «take charge»-Dublin-Fällen 

müssten vor der Überstellung selbst bei Personen mit schwerwiegenden 

gesundheitlichen Problemen nicht mehr systematisch individuelle Garan-

tien in Bezug auf Behandlung und Unterbringung eingeholt werden (Ver-

weis auf das Referenzurteil des BVGer D-4235/2021 vom 19. April 2022). 

Der Beschwerdeführer könne seine Behandlung in Italien fortsetzen, wes-

halb nicht davon auszugehen sei, dass die Überstellung eine schwerwie-

gende und unwiderrufliche Verschlechterung seines Gesundheitszustan-

des zur Folge hätte und damit gegen Art. 3 EMRK verstossen würde. Im 

Übrigen würden die italienischen Behörden vor der Überstellung über den 

Gesundheitszustand des Beschwerdeführers und die notwendigen Be-

handlungen informiert. Angesichts dieser Feststellungen konnte das SEM 

D-5292/2022 

Seite 6 

zu Recht von einem ausreichend erstellten Sachverhalt ausgehen und von 

weiteren (hypothetischen) Abklärungen betreffend die Folgen eines allfälli-

gen Behandlungsunterbruchs und die medizinische Betreuung des Be-

schwerdeführers in Italien absehen. Demnach kann der Vorinstanz auch 

keine Verletzung der Untersuchungspflicht (vgl. Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 

VwVG) vorgeworfen werden.  

4.4 Die formellen Rügen erweisen sich somit als unbegründet, und der 

eventualiter gestellte Kassationsantrag ist abzuweisen. 

5.  

5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-

chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des 

Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a 

Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen 

Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO. 

Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die 

Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-

fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt 

hat (respektive nicht innert Frist auf die entsprechende Anfrage geantwor-

tet hat; vgl. Art. 22 Abs. 1 und 7 Dublin-III-VO), auf das Asylgesuch nicht 

ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 

5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem 

einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den im Kapitel III dargelegten Kri-

terien (Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. 

auch Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO).  

6.  

6.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der EU-

RODAC-Datenbank ergab, dass dieser am (…) in Italien registriert worden 

war. Da die zuständigen italienischen Behörden das Aufnahmeersuchen 

des SEM vom 8. September 2022 nicht innert der massgeblichen Frist be-

antworteten, ist gestützt auf Art. 22 Abs. 1 und 7 Dublin-III-VO davon aus-

zugehen, dass Italien seine Zuständigkeit für die Durchführung des Asyl- 

und Wegweisungsverfahrens betreffend den Beschwerdeführer implizit an-

erkannt hat. Der Beschwerdeführer bestreitet seinen vorgängigen Aufent-

halt in Italien nicht. Damit ist die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens ge-

geben. Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden nicht das Recht ein, 

den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 

E. 8.3).  

D-5292/2022 

Seite 7 

6.2 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist sodann zu prüfen, ob es 

wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Auf-

nahmebedingungen für Asylsuchende in Italien würden systemische 

Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder 

entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-

rechtecharta (entspricht Art. 3 EMRK) mit sich bringen würden. 

6.2.1 Italien ist Signatarstaat der EMRK, der FoK sowie der FK, und es ist 

grundsätzlich davon auszugehen, dass es seinen diesbezüglichen völker-

rechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Es darf ausserdem davon ausge-

gangen werden, Italien anerkenne und schütze die Rechte, die sich für 

Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und 

des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für 

die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog. 

Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung 

von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz 

beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben. 

6.2.2 Es bestehen keine Gründe für die Annahme, das Asylverfahren und 

die Aufnahmebedingungen für Antragstellende in Italien würden systemi-

sche Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-

VO aufweisen (vgl. statt vieler Referenzurteil des BVGer D-4235/2021 vom 

19. April 2022 E. 10, m.w.H.). Dem Beschwerdeführer steht es nach erfolg-

ter Überstellung nach Italien frei, dort um Asyl nachzusuchen (was er zuvor 

offensichtlich nicht getan hat) und damit Zugang zu den entsprechenden 

Aufnahmestrukturen und Unterstützungsleistungen zu erhalten. Er hat in 

diesem Zusammenhang kein konkretes und ernsthaftes Risiko dargetan, 

dass die italienischen Behörden sich weigern würden, ihn aufzunehmen 

und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln 

der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind auch keine Gründe für 

die Annahme zu entnehmen, Italien werde in seinem Fall den Grundsatz 

des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwin-

gen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund 

nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, 

zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. 

6.2.3 Nach dem Gesagten ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-

VO nicht gerechtfertigt. 

D-5292/2022 

Seite 8 

6.3 Soweit in der Beschwerde auf die Anwesenheit des Bruders des Be-

schwerdeführers in der Schweiz verwiesen wird, ist Folgendes festzustel-

len: Der Bruder ist offensichtlich kein Familienangehöriger im Sinne von 

Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO, weshalb das Zuständigkeitskriterium von Art. 9 

Dublin-III-VO nicht zum Tragen kommt. Die Anwendbarkeit des vom Be-

schwerdeführer angerufenen Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO verlangt sodann 

ein aus bestimmten Gründen (u.a. Krankheit) bestehendes Abhängigkeits-

verhältnis zwischen dem Antragsteller und der sich rechtmässig in einem 

Mitgliedsstaat aufhaltenden angehörigen Person. Für die Anwendbarkeit 

von Art. 8 Abs. 1 EMRK wird bei familiären Verhältnissen ausserhalb der 

Kernfamilie (diese umfasst die Eltern und ihre minderjährigen Kinder) von 

der Rechtsprechung ebenfalls das Bestehen eines über die normalen fa-

miliären Bindungen hinausgehendes Abhängigkeitsverhältnis gefordert 

(vgl. dazu BGE 144 II 1 E. 6.1, m.w.H.). Mangels entsprechender konkreter 

Vorbringen des Beschwerdeführers sowie allfälliger anderweitiger Indizien 

ist indessen nicht von einem Abhängigkeitsverhältnis im Sinne der genann-

ten Bestimmungen auszugehen. Der Bruder des Beschwerdeführers lebt 

bereits seit dem Jahr (…) hier, während der Beschwerdeführer erst vor 

rund drei Monaten in die Schweiz eingereist ist. Der Beschwerdeführer 

machte zwar geltend, er habe immer Kontakt zu seinem Bruder gehabt, 

der Kontakt habe sich nun wieder intensiviert, und sein Bruder sei ihm eine 

grosse Stütze (vgl. Ziff. II. 12, 21 und 22 der Beschwerdebegründung). 

Auch sein Bruder weist in seinem am 25. November 2022 eingereichten 

Schreiben darauf hin, dass für den Beschwerdeführer die Unterstützung 

durch Familienangehörige wichtig sei; ausserdem könne er seinem Bruder 

beistehen, wenn dieser (…) habe. Diese Vorbringen lassen indessen we-

der darauf schliessen, dass die Beziehung der beiden Brüder besonders 

eng noch der Beschwerdeführer notwendigerweise und dauernd auf die 

persönliche Betreuung oder gar Pflege durch seinen Bruder angewiesen 

ist. Der Aufenthalt des Bruders des Beschwerdeführers in der Schweiz 

steht der Zuständigkeit Italiens daher nicht entgegen. 

6.4 Eine Anwendung der Ermessensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-

VO respektive der – das Selbsteintrittsrecht im Landesrecht konkretisieren-

den – Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-

gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) ist ebenfalls nicht angezeigt.  

6.4.1 Es gilt die Vermutung, dass Italien – als Dublin-Mitgliedstaat – bei der 

Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens seinen völkerrechtli-

chen Verpflichtungen nachkommt und die massgeblichen EU-Richtlinien 

D-5292/2022 

Seite 9 

(vgl. vorstehend E. 7.2.1) respektiert. Diese Vermutung kann durch kon-

krete und erhebliche Vorbringen im Einzelfall umgestossen werden (vgl. 

das Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 5; 

BVGE 2011/9 E. 6 und 2010/45 E. 7.5 m.w.H.). Der Beschwerdeführer 

bringt indessen nichts vor, was diese Vermutung widerlegen könnte, und 

auch eine Durchsicht der Akten fördert keinerlei Anhaltspunkte auf das Be-

stehen eines völkerrechtlichen Vollzugshindernisses im Sinne von Art. 3 

EMRK – welches zwingend zu einem Selbsteintritt führen müsste – zutage. 

Insbesondere lassen die allgemeinen Hinweise auf Kapazitätsprobleme in 

den italienischen Unterbringungsstrukturen sowie der dazu eingereichte 

SFH-Bericht vom Mai 2022 nicht den Schluss zu, dass der Beschwerde-

führer im Falle seiner Rückkehr nach Italien dort effektiv in eine menschen-

rechtswidrige Situation geraten würde. Hinsichtlich des in der Beschwerde 

erwähnten Schreibens der italienischen Behörden an alle Dublin-Einheiten 

vom 21. Juni 2022 ist im Übrigen festzustellen, dass dieser vorüberge-

hende Überstellungsstopp lediglich für Familien galt. 

6.4.2 Auch die medizinischen Probleme des Beschwerdeführers stellen 

unter dem Aspekt von Art. 3 EMRK kein Überstellungshindernis dar. Die 

Anfangs September 2022 diagnostizierte (…) (vgl. den Arztbericht vom 

9. September 2022, A12) wurde therapiert. Die seit der Kindheit beste-

hende (…) wurde bereits im Heimatland medikamentös behandelt, jedoch 

setzte der Beschwerdeführer die Medikamente nach der Ausreise aus dem 

Heimatland ab, weshalb es in der Folge mehrmals zu Anfällen kam. Nach 

der Wiederaufnahme der Behandlung mit (…) ist er nun wieder anfallfrei. 

Die (…)-Dosis konnte zudem von 1500mg/Tag (vgl. den Arztbericht vom 

25. Oktober 2022 [vgl. die Eingabe vom 25. November 2022]) auf 

500mg/Tag (vgl. den Arztbericht vom 14. November 2022, A33 S. 2] ver-

ringert werden. Ausser den erwähnten Medikamenten benötigt er lediglich 

regelmässige Kontrolluntersuchungen (Medikamentenspiegel, Leber-

werte, Blutbild; vgl. den Arztbericht vom 31. Oktober 2022, A25). In der Be-

schwerde wird vorgebracht, der Beschwerdeführer leide ausserdem an 

psychischen Problemen; er habe bereits im Dublingespräch vom 19. Sep-

tember 2022 darauf aufmerksam gemacht. Es ist durchaus glaubhaft, dass 

der Beschwerdeführer psychisch belastet ist und unter seiner aktuellen, 

unsicheren Aufenthaltssituation leidet. Allerdings enthalten weder die vor-

instanzlichen Akten noch die Beschwerdeeingabe Hinweise darauf, dass 

bei ihm eine ernsthafte und behandlungsbedürftige psychische Erkrankung 

vorliegt und/oder dass er deswegen um ärztliche Behandlung nachgesucht 

hat. Vielmehr wird ihm in den vorhandenen Arztberichten – abgesehen von 

der (…) – ein guter allgemeiner Gesundheitszustand attestiert (vgl. dazu 

D-5292/2022 

Seite 10 

die Arztberichte vom 18. September 2022 [A20), 23. September 2022 

[A23] sowie vom 31. Oktober 2022 [A25]). Der aktuellste Arztbericht vom 

14. November 2022 (Beschwerdebeilage 4) enthält ebenfalls keine Hin-

weise auf psychische Probleme. Hingegen wird festgestellt, der Beschwer-

deführer leide an (…), und es wird ihm ein entsprechendes Medikament 

verschrieben. Die beim Beschwerdeführer nach dem Gesagten zurzeit 

noch bestehenden Gesundheitsprobleme, namentlich die unter der aktuel-

len Medikation anfallsfrei verlaufende (…) sowie der (…), sind nicht als be-

sonders schwerwiegend (vgl. dazu das Urteil des EGMR Paposhvili gegen 

Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 

m.w.H.) zu erachten, und die adäquate Weiterbehandlung sowie die benö-

tigten Kontrolluntersuchen sind auch in Italien gewährleistet (vgl. dazu 

auch das Urteil des BVGer E-3356/2021 vom 28. Juli 2021 S. 11). Sollte 

beim Beschwerdeführer zukünftig eine psychische Erkrankung festgestellt 

werden, wäre auch diese in Italien ohne weiteres behandelbar. Es ist zu-

dem davon auszugehen, dass Asylsuchende, die – wie der Beschwerde-

führer – in Italien noch keinen Asylantrag gestellt haben (sog. «take 

charge»-Fälle bzw. Aufnahmeverfahren, vgl. Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-

III-VO), grundsätzlich ab ihrer Ankunft in Italien Zugang zu den notwendi-

gen Dienstleistungen erhalten. Die Einholung von individuellen Zusiche-

rungen ist daher selbst bei Personen, welche unter schwerwiegenden me-

dizinischen Problemen leiden, nicht mehr notwendig (vgl. statt vieler das 

Urteil des BVGer D-2641/2022 vom 5. Juli 2022 E. 11.8, m.w.H. sowie das 

Referenzurteil D-4235/2021 E. 10.4.3.3 und E. 10.4.4). Konkrete Hinweise, 

dass dem Beschwerdeführer nach der Asylgesuchstellung in Italien eine 

angemessene medizinische Behandlung verweigert würde, liegen nicht 

vor. Sein Einwand, er sei in Italien nicht behandelt worden, als er dort einen 

(…) Anfall gehabt habe, vermag an dieser Einschätzung nichts zu ändern, 

zumal er sich eigenen Angaben zufolge lediglich wenige Tage (vgl. A17 S. 

1) in Italien aufgehalten und dort kein Asylgesuch gestellt hatte, weshalb er 

damals nicht von den für Asylsuchende geltenden Aufnahmebedingungen 

und Unterstützungsleistungen profitieren konnte. Bei der Ausgestaltung 

der konkreten Überstellungsmodalitäten hat die zuständige Vollzugsbe-

hörde allfälligen medizinischen Problemen Rechnung zu tragen. Zur Si-

cherstellung einer lückenlosen Weiterbehandlung der (…) kann ihm ein 

Medikamentenvorrat mitgegeben werden. Zudem sind die italienischen Be-

hörden vorgängig in geeigneter Weise über allfällige medizinische Beson-

derheiten zu informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). Es ist davon auszu-

gehen, dass diese Vorgaben im vorliegenden Fall eingehalten werden (vgl. 

dazu A28 «Überstellungsmodalitäten»). 

D-5292/2022 

Seite 11 

6.4.3 Demnach ist die Überstellung des Beschwerdeführers nach Italien 

ohne weiteres als zulässig zu erachten. 

6.4.4 Bei der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 

AsylV 1 verfügt das SEM über einen Ermessensspielraum (vgl. 

BVGE 2015/9 E. 7 f.). Vorliegend bestehen keine Hinweise auf eine nicht 

gesetzeskonforme Ausübung des Ermessens (Ermessensmissbrauch, 

Über- oder Unterschreitung des Ermessens). Bei dieser Sachlage enthält 

sich das Gericht in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. 

6.5 Nach dem Gesagten bleibt Italien der für die Behandlung des Asylge-

suchs des Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-

VO.  

7.  

Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b 

AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da 

der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-

derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Italien in Anwen-

dung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a 

AsylV 1). 

8.  

Das Fehlen von Überstellungshindernissen ist bereits Voraussetzung des 

Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG. Allfällige 

Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) sind da-

her nicht mehr separat zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.). 

9.  

Die Beschwerde ist demnach abzuweisen. 

10.  

10.1 Das Beschwerdeverfahren ist mit dem vorliegenden Urteil abge-

schlossen. Die Anträge, es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses 

zu verzichten, und der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu er-

teilen, sind damit gegenstandslos geworden. Der am 21. November 2022 

angeordnete Vollzugsstopp fällt mir vorliegendem Urteil dahin. 

10.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätz-

lich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da die 

Beschwerdebegehren jedoch nicht als aussichtslos zu erachten waren und 

D-5292/2022 

Seite 12 

aufgrund der Aktenlage von der Bedürftigkeit des Beschwerdeführers aus-

zugehen ist, ist das in der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung 

der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG) gutzuheissen 

und demnach auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten. 

 

(Dispositiv nächste Seite)  

D-5292/2022 

Seite 13 

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 

1.  

Die Beschwerde wird abgewiesen. 

2.  

Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird gut-

geheissen. 

3.  

Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 

4.  

Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale 

Migrationsbehörde. 

 

Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: 

  

Jeannine Scherrer-Bänziger Anna Dürmüller Leibundgut 

 

 

Versand: