# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 855a5f43-6930-55df-9162-ec460a7f1d00
**Source:** Zürich (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2000-05-12
**Language:** de
**Title:** Zürich Obergericht Zivilkammern 12.05.2000 NX000004
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/ZH_Obergericht/ZH_OG_001_NX000004_2000-05-12.pdf

## Full Text

Art. 274a, 275 ZGB. Besuchsrecht des (Stief-)Vaters. Es ist unzweckmässig 
und dem Kindeswohl nicht zuträglich, Besuche eines elfjährigen Kindes bei sei-
nem Stiefvater, der mit seiner Mutter zerstritten ist, davon abhängig zu machen, 
ob es im Einzelfall gehen will oder nicht. 
 

Das elfjährige Kind lebt bei seiner Mutter. Mit dem leiblichen Vater bestand 
nie eine Familiengemeinschaft, doch hat sich in letzter Zeit ein regelmässi-
ger und unproblematischer Kontakt ergeben. Der Stiefvater, den das Kind 
während mehrerer Jahre als Lebenspartner seiner Mutter und damit als 
seinen "Papa" erlebte und den es nach eigener Angabe "gern hat", bean-
sprucht ein Besuchsrecht. Alle Instanzen anerkennen das grundsätzlich. 

 
Aus den Erwägungen des Obergerichts: 

 

 Die wesentlichste Differenz zwischen Vormundschaftsbehörde und Bezirks-

rat besteht in der (Un-)Verbindlichkeit der Anordnung; die Vormundschaftsbehör-

de macht Besuche Sonias abhängig davon "ob sie es selber will", und die Kläge-

rin (die Mutter) erachtet das als richtig. Wenn damit der Situation Rechnung ge-

tragen werden sollte, dass Sonia sozusagen "zwei Väter" hat, und dass ihr der 

Kontakt zum leiblichen Vater, Rudolf P, jedenfalls nicht erschwert werden sollte, 

hat das zunächst etwas für sich. Besuche vom Willen des Kindes abhängig zu 

machen, ist aber grundsätzlich sehr problematisch (BK-Hegnauer, N. 119 zu ZGB 

273 und BGE 100 II 82). Das Kind wird in einen Loyalitätskonflikt gestürzt, der 

gravierende Folgen haben kann. Letztlich schieben die Erwachsenen (Eltern und 

Behörden) damit ihre Verantwortung auf das Kind ab. Im vorliegenden Fall ist das 

nicht anders zu beurteilen. Stiefvater und Mutter hatten und haben ernsthafte Dif-

ferenzen untereinander. Ob Sonia ihren Stiefvater besuchen will oder nicht, kann 

also auch eine Komponente der (II-)Loyalität gegenüber der Mutter haben. Die 

beiden "Väter" hatten bislang wenig Kontakt und auch keinen Streit. Rudolf P hat 

sich aber im Verfahren gegen ein Besuchsrecht des Stiefvaters, Martin S, ge-

wandt. Das ist selbstverständlich sein Recht. Aber auch hier könnte Sonia in den 

Konflikt geraten, dem einen oder anderen ihrer "Väter" ihre Zuneigung dadurch 

zeigen zu wollen, dass sie Martin S besuchte oder eben nicht. Der Brief, den So-

nia dem Gericht geschrieben hat, bestätigt diese Beurteilung: 

"ich wil nicht zu Martin weil ich angst habe das er mich fragt warum das ich 

das letzte mal nicht da war (...) Ich habe meine Mutter sehr gern (...) Als das 

letzte Mal meine kleine Schwester (...) von Martin zurück kam, sie wuste ge-

nau das ich nicht woltte da sagte sie mir dass Martin gesagt hat er würde 

mich nicht fragen (...) Ich wil nicht zu ihm nicht das ich ihn nicht gern habe." 

 Eindrücklicher kann der Konflikt des Kindes, es den Erwachsenen recht zu 

machen und sie beide seiner Zuneigung zu versichern, nicht ausgedrückt werden. 

Die persönliche Anhörung von Sonia ergab keine anderen Gesichtspunkte. Na-

mentlich wurde deutlich, dass sie wohl (verständlicherweise) möglichst frei sein 

möchte, am Wochenende das zu tun, was ihr gerade am besten behagt, dass sie 

aber anderseits durchaus keine Abneigung gegen "Martin" zeigt und nicht unter 

der Vorstellung von Besuchen bei ihm leidet, sondern unter dem Streit der Mutter 

mit dem Stiefvater (...). Die Klägerin beteuert, sie beeinflusse das Kind nicht, und 

sie wolle ihm nur das Recht zur eigenen Entscheidung zugestehen. Abgesehen 

davon, dass zur Betätigung des eigenen Willens die Fähigkeit zur Willensbildung 

gehört, die sich bei Kindern eben erst entwickeln muss, kann diese Darstellung 

der Klägerin nicht überzeugen. Es mag ja sein, dass Sonia den Brief an das Ge-

richt wirklich ohne Auftrag der Mutter schrieb. Immerhin war sie aber eben über 

den pendenten Prozess vor Obergericht informiert - und zwar durch ihre Mutter 

(...). Eine solche Information neutral zu vermitteln, ist fast nicht möglich, wenn die 

Informierende selber Partei ist. Bezeichnenderweise gesteht denn die Klägerin 

auch zu, dass sie es war, die dem Kind als Variante die "Freiwilligkeit" der Besu-

che vorlegte, und sie sagte nach eigener Darstellung: "Lueg, Martin will, dass du 

einmal pro Monat bei ihm vorbeigehen musst" (..., Hervorhebung beigefügt). Ge-

rade diese offenen und verdeckten (vielleicht bisweilen gar unbewussten) Beein-

flussungen des Kindeswürden bei einer Lösung, welche Besuche vom Willen des 

Kindes abhängig machte, auf fatale Weisegefördert. 

 Es ist darum der Lösung des Bezirksrates der Vorzug zu geben und das Be-

suchsrecht nicht vom Willen Sonias abhängig zu machen. 

 
Obergericht, II. Zivilkammer 

Urteil vom 12. Mai 2000 
Geschäfts-Nr. NX000004/U