# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 1ecd5c10-de48-5da4-ba91-fc47d750ff29
**Source:** Zürich (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2003-11-28
**Language:** de
**Title:** Zürich Obergericht Strafkammern 28.11.2003 UK020098
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/ZH_Obergericht/ZH_OG_002_UK020098_2003-11-28.pdf

## Full Text

Obergericht des Kantons Zürich

Geschäfts-Nr. UK020098/U/mp           A

III. Strafkammer

Mitwirkend: die Oberrichter lic.iur. Bornatico, Vorsitzender, lic.iur. Spiess und

lic.iur. Naef sowie der juristische Sekretär lic. iur. H.-R. Bühlmann

Beschluss vom 28. November 2003

in Sachen

Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich,
Rekurrentin

gegen

P.,
Rekursgegner

verteidigt durch

betreffend Anklage/Nichtzulassung

Rekurs gegen eine Verfügung des Einzelrichters in Strafsachen des Bezir-
kes Zürich vom 21. August 2002, GG020511

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Das Gericht zieht in Betracht:

 I.

Mit Verfügung vom 21. August 2002 liess der Einzelrichter in Strafsachen

des Bezirkes Zürich eine gegen P. (nachfolgend als Rekursgegner bezeichnet)

erhobene Anklage der Bezirksanwaltschaft Zürich vom 1. Juli 2002 wegen grober

Verletzung von Verkehrsregeln definitiv nicht zu. Die Kosten, einschliesslich der-

jenigen der Untersuchung, wurden auf die Gerichtskasse genommen. Dem Re-

kurrenten wurde sodann eine Prozessentschädigung von Fr. 450.-- (einschliess-

lich Barauslagen und Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse zugesprochen (Urk.

4/21 = Urk. 3).

Die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich erhob gegen die einzelrichterli-

che Verfügung mit Eingabe vom 10. September 2002 Rekurs an die Kammer. Sie

beantragte, es sei der angefochtene Entscheid aufzuheben und die Anklage der

Bezirksanwaltschaft zuzulassen (Urk. 1).

Während die Vorinstanz auf eine Vernehmlassung zum Rekurs verzichtete

(Urk. 6), liess der Rekursgegner mit Eingabe vom 10. September 2002 Abwei-

sung des Rekurses und die Zusprechung einer angemessenen Prozessentschä-

digung für das Rekursverfahren beantragen (Urk. 9).

 II.

1.a) Die Nichtzulassung der Anklage wurde von der Vorinstanz im Wesentli-

chen damit begründet, der Rekurrent sei mit Strafbefehl des Bezirksamtes Baden

vom 23. Mai 2002 wegen des gleichen, nunmehr Gegenstand der Anklage bil-

denden Sachverhaltes bereits rechtskräftig bestraft worden.

Sowohl im Strafbefehl des Bezirksamtes Baden als auch in der Anklage-

schrift der Bezirksanwaltschaft Zürich gehe es um den Vorwurf, der Rekursgegner

habe am Mittwoch, 6. März 2002 um ca. 07.10 Uhr, mit dem Lieferwagen "Merce-

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des Sprinter" beim Hintereinanderfahren auf der Autobahn ungenügenden Ab-

stand gewahrt. Zwar sei im Strafbefehl davon die Rede, dies sei auf der Autobahn

A1, Fahrbahn Bern, im Baregg-Tunnel passiert, während in der Anklageschrift als

Deliktsort die Autobahn A20, zweite Hälfte des Gubrist-Tunnels, genannt werde.

Aus den Akten werde indessen ersichtlich, dass Ausgangspunkt sowohl für den

Strafbefehl wie auch für die Anklageschrift die gleiche Anzeige von H. B. und E.

H. betreffend den gleichen Vorfall bildete, und die unterschiedlichen Ortsangaben

offensichtlich darauf zurückzuführen seien, dass die beiden Anzeigeerstatter zu-

nächst irrtümlich vom Baregg-Tunnel gesprochen, dann aber eingeräumt hätten,

sich getäuscht und den Gubrist-Tunnel mit dem Baregg-Tunnel verwechselt zu

haben. Seitens der Kantonspolizei Aargau sei es am 6. Mai 2002 zur Überwei-

sung an die Bezirksanwaltschaft Zürich gekommen, offenbar ohne Wissen des

Bezirksamtes Baden, welchem der Fall bereits am 22. März 2002 ebenfalls von

der Kantonspolizei Aargau überwiesen worden sei. Einer neuerlichen Verurteilung

des Rekurrenten stehe angesichts der Tatsache, dass der Strafbefehl vom 23.

Mai 2002 gemäss einer beim Bezirksamt Baden eingeholten Auskunft bereits

rechtskräftig sei (vgl. Urk. 4 Prot. S. 3), daher der Grundsatz "ne bis in idem" ent-

gegen, und aufgrund dieses Prozesshindernisses sei auf die (ursprünglich bereits

erfolgte) Anklagezulassung zurückzukommen und die Anklage definitiv nicht zu-

zulassen (Urk. 4/21 = Urk. 3, je S. 2 f.).

b) Die Staatsanwaltschaft macht geltend, den Akten habe offenbar die - ihrer

Rekursschrift unter anderem beigelegte - Einsprache des Rekursgegners vom 5.

Juni 2002 (vgl. Urk. 2/4) nicht beigelegen, welche er zwar an die Direktion für So-

ziales und Sicherheit des Kantons Zürich, Abteilung Administrativmassnahmen,

adressiert, die er aber in Kopie sowohl an das Bezirksamt Baden als auch an die

Bezirksanwaltschaft Zürich gesandt habe. In dieser Einsprache habe der Rekurs-

gegner fristgerecht den Antrag gestellt, es sei der Strafbefehl des Bezirksamtes

Baden aufzuheben. Weshalb der von der Vorinstanz telefonisch kontaktierte Mit-

arbeiter des Bezirksamtes Baden von dieser Einsprache keine Kenntnis gehabt

habe, sei nicht bekannt. Dies ändere aber nichts daran, dass der fragliche Straf-

befehl nicht in Rechtskraft erwachsen sei. Gestützt auf die Einsprache des Re-

kursgegners habe das Bezirksamt Baden mittlerweile seinen Strafbefehl auf An-

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frage der Staatsanwaltschaft hin aufgehoben und sein eigenes Verfahren an die

örtlich zuständige Bezirksanwaltschaft Zürich abgetreten (mit Hinweis auf ein

Schreiben des Bezirksamtes Baden an die Rekurrentin vom 10. September 2002;

Urk. 2/6). Die Untersuchung bei der Bezirksanwaltschaft Zürich sei abgeschlos-

sen und der erneuten Anklageerhebung bei der Vorinstanz stehe nichts im Wege.

Deren Verfügung habe auf dem Irrtum beruht, der Strafbefehl des Bezirksamtes

Baden sei in Rechtskraft erwachsen, was indes aufgrund der erfolgten Einsprache

nicht der Fall sei (Urk. 1 S. 2).

c) Der Rekursgegner befasst sich zunächst mit dem von der Staatsanwalt-

schaft eingereichten Schreiben des Bezirksamtes Baden vom 10. September

2002 und weist darauf hin, dass darin ausgeführt werde, die Kopie seines Schrei-

bens vom 5. Juni 2002 an die Direktion für Soziales und Sicherheit des Kantons

Zürich sei nie auf dem Bezirksamt eingetroffen. Demgegenüber trage das fragli-

che Aktenstück aber den Eingangsstempel des Bezirksamtes Baden mit dem

Datum vom 7. Juni 2002. Dieser Widerspruch bleibe nach wie vor ungeklärt. Den-

noch schliesse sich das Bezirksamt aber der Auffassung der Rekurrentin an, wo-

nach der Strafbefehl nicht in Rechtskraft erwachsen sei.

Die Frage - so der Rekursgegner -, ob die Kopie seines Schreibens vom 5.

Juni 2002 als gültige und fristgerechte Einsprache anzusehen sei, könne aber in

casu offen bleiben. Tatsache sei nämlich, dass er die Busse und die Kosten des

Strafbefehls am 29. August 2002 beglichen habe, wie sich dies aus dem von der

Rekurrentin eingereichten Schreiben des Bezirksamtes Baden ergebe (mit Hin-

weis auf Urk. 2/6 S. 2). Unterstelle man, dass mit dem Schreiben vom 5. Juni

2002 fristgerecht Einsprache erhoben worden sei, stelle das Bezahlen von Busse

und Kosten des Strafbefehls klarerweise den Rückzug der Einsprache durch kon-

kludentes Handeln dar. Gemäss § 198 Abs. 1 der aargauischen Strafprozessord-

nung könne die Einsprache vor Erlass eines neuen Entscheides zurückgezogen

werden; geschehe dies, so erwachse der Strafbefehl in Rechtskraft und gelte als

Urteil. Er - der Rekursgegner - habe bis zur Zahlung der Busse und der Kosten

des Strafbefehls ausser der Rechnungsstellung keine Mitteilungen des Bezirks-

amtes Baden erhalten. Das Bezirksamt sei erst im September 2002 auf Anfrage

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der Rekurrentin hin wieder aktiv geworden, als Busse und Kosten bereits begli-

chen gewesen seien.

Zusammenfassend sei somit festzuhalten, dass der Strafbefehl des Bezirk-

samtes in Rechtskraft erwachsen; sei es, dass der Strafbefehl nicht fristgerecht

angefochten, oder sei es, dass die Einsprache durch Bezahlung von Busse und

Kosten wieder zurückgezogen worden sei. Damit sei das Strafverfahren gegen

ihn - den Rekursgegner - bezüglich des Vorfalles vom 6. März 2002 rechtskräftig

erledigt und einem weiteren Gerichtsverfahren im Kanton Zürich stehe der Grund-

satz "ne bis in idem" entgegen (Urk. 9 S. 3 f.).

2. Im Folgenden sei der Verlauf des vorliegend sowohl im Kanton Aargau

wie auch im Kanton Zürich durchgeführten Strafverfahrens an Hand der Akten im

Einzelnen dargestellt:

Mit Rapport vom 16. März 2002 verzeigte die Kantonspolizei Aargau den

Rekursgegner beim Bezirksamt Baden wegen ungenügenden Abstandes beim

Hintereinanderfahren und missbräuchlicher Verwendung der Lichthupe. Der Ver-

zeigungsrapport stützte sich auf die am Schalter der Verkehrspolizei Schafisheim

von H. B. und E. H. gemachten Aussagen, wonach ihrem Fahrzeug am frühen

Morgen des 6. März 2002 im Baregg-Tunnel ein Lieferwagen mit nur fünf Metern

bzw. weniger als einer Fahrzeuglänge Abstand gefolgt sei und mehrmals Zeichen

mit der Lichthupe gegeben habe. Gemäss den im Polizeirapport festgehaltenen

Abklärungen ergab sich, dass es sich beim Lieferwagen um ein Fahrzeug der

Firma L. S.A. in V. handelte und dieses am besagten Tag vom Rekursgegner ge-

lenkt worden sei. Der telefonisch kontaktierte Rekursgegner habe es zwar als zu-

treffend bezeichnet, dass er zur fraglichen Zeit durch den Baregg-Tunnel gefah-

ren sei, könne sich aber nicht mehr an den ihm vorgehaltenen Vorfall erinnern

(Urk. 4/1; in den Beizugsakten des Bezirksamtes Baden in Urk. 4 befindet sich ein

- mit Ausnahme einer unwesentlichen Abweichung - praktisch gleichlautender Po-

lizeirapport mit [späterem] Datum vom 22. März 2002: Dossier Nr. 2 "Zur Sache").

Die Kantonspolizei überwies ihren Polizeirapport am 17. März 2002 zu-

nächst an die Kantonspolizei Zürich mit dem Ersuchen, dem in Uster wohnhaften

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Rekursgegner die Verzeigung an das Bezirksamt Baden zu eröffnen und diesen

protokollarisch einzuvernehmen (Urk. 4/2).

Im Verlaufe der am 5. April 2002 mit dem Rekursgegner durchgeführten po-

lizeilichen Befragung machte dieser geltend, dass er am fraglichen Morgen gar

nicht durch den Baregg-Tunnel gefahren sei, sondern durch den Gubrist-Tunnel,

habe er doch nach Dietikon zur B.-F. AG fahren müssen (Urk. 4/4 S. 3). Im Nach-

tragsrapport der Kantonspolizei Zürich wurden entsprechende Abklärungen fest-

gehalten, wonach der Rekursgegner wohl tatsächlich durch den Gubrist-Tunnel

gefahren sei, und hiezu auf ein zu den Akten gelegtes Versand-Bordereau ver-

wiesen (Urk. 4/3 und Urk. 5).

Die Kantonspolizei Zürich ersuchte darauf am 11. April 2002 die Kantonspo-

lizei Aargau, beim in S. wohnhaften Anzeigeerstatter H. B. abklären zu lassen, ob

der Vorfall tatsächlich im Baregg-Tunnel oder nicht eher - gemäss den glaubhaf-

ten Aussagen des Rekursgegners - im Gubrist-Tunnel stattgefunden habe (Urk.

4/3 im Anhang).

Die Kantonspolizei Aargau berichtete in ihrem Rapport vom 25. April 2002

darüber, dass beide Anzeigeerstatter telefonisch kontaktiert worden seien. Diese

hätten angegeben, dass es möglich wäre, dass sie sich im Namen des Tunnels

geirrt haben könnten (Urk. 4/6). Mit Schlussverfügung vom 6. Mai 2002 ordnete

die Kantonspolizei Aargau gestützt auf die Nachermittlungen, aus welchen sich

ergebe, dass der angebliche Tatort Baregg-Tunnel mit dem effektiven Tatort Gu-

brist-Tunnel verwechselt worden sei, die Überweisung der Sache an die demge-

mäss zuständige Bezirksanwaltschaft Zürich an (Urk. 4/7).

Am 13. Mai 2002 gingen die Akten bei der Bezirksanwaltschaft Zürich ein,

worauf die Strafuntersuchung mit der Unt.-Nr. 07208/2002 eröffnet (Urk. 4/7 Ein-

gangsstempel) und die üblichen Berichte über den Rekursgegner (Vorstrafenbe-

richt, Steuerauskunft etc.) angefordert wurden (Urk. 4/15).

Unterdessen nahm aber auch das beim Bezirksamt Baden hängige Verfah-

ren seinen Fortgang. So holte auch der Bezirksamtmann am 11. und 15. April

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2002 zunächst Auszüge aus dem Straf- und ADMAS-Register über den Rekurs-

gegner ein (Beizugsakten Bezirksamt Baden in Urk. 4, Dossier Nr. 1 "Zur Per-

son"). Am 23. Mai 2002 sodann erging gegen den Rekursgegner der Strafbefehl,

mit welchem er wegen der am 6. März 2002 im Baregg-Tunnel begangenen Ver-

kehrsregelverletzungen im Sinne von Art. 34 Abs. 4 SVG, Art. 30 SVG, Art. 12

Abs. 1 VRV, Art. 29 Abs. 1 VRV und Art. 90 Ziff. 1 und Ziff. 2 SVG zur Bezahlung

einer Busse von Fr. 300.-- verurteilt wurde. Für den Fall der Bewährung während

einer Probezeit von einem Jahr ordnete das Bezirksamt die Löschung des Eintra-

ges der Busse im Strafregister an (nicht akturierte Exemplare des Strafbefehls in

den Beizugsakten in Urk. 4; Urk. 2/2).

Der Rekursgegner nahm den Strafbefehl am 30. Mai 2002 in Empfang (Bei-

zugsakten in Urk. 4, Empfangsbestätigung). Am 5. Juni 2002 sandte der Rekurs-

gegner der Direktion für Soziales und Sicherheit des Kantons Zürich, Abteilung

Administrativmassnahmen, eine Eingabe, worin er unter anderem auf ein ihm von

dieser Behörde am 10. April 2002 zugesandtes Schreiben Bezug nahm. Wie der

dem Bezirksamt Baden mit der Bitte um Zustellung des rechtskräftigen Strafent-

scheides zugestellten Kopie dieses Schreibens der Administrativbehörde ent-

nommen werden kann, wurde dem Rekursgegner darin unter Bezugnahme auf

den "Vorfall vom 6. März 2002 in Baden / Autobahn A1" mitgeteilt, dass die zu-

ständige Behörde des Wohnsitzkantons nach Abschluss des diesbezüglichen

Strafverfahrens prüfen werde, ob die Voraussetzungen für eine Administrativ-

massnahme (Verwarnung, Führerausweisentzug etc.) gegeben seien. Dabei wer-

de wesentlich auf den rechtskräftigen Strafentscheid abgestellt werden (nicht ak-

turiertes Schreiben in Beizugsakten in Urk. 4). In seinem an die Administrativbe-

hörde gerichteten Schreiben vom 5. Juni 2002 vertrat der Rekursgegner zunächst

seinen Standpunkt, wonach er zur fraglichen Zeit nicht durch den Baregg-Tunnel

gefahren sei und reichte hiezu eine Aufstellung seines Einsatzplanes und das be-

reits erwähnte Versand-Bordereau ein. Sodann ersuchte er darum, es sei unter

den gegebenen Umständen der "Strafbefehl, respektive das Urteil eines mögli-

chen Führerausweisentzuges gegen mich aufzuheben".

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Dieses Schreiben des Rekursgegners gelangte nicht nur an die Administra-

tivbehörde, sondern gemäss seinem Verteiler auch an das Bezirksamt Baden so-

wie an die Bezirksanwaltschaft Zürich. Bei der Bezirksanwaltschaft Zürich, welche

den Rekursgegner mit Vorladung vom 4. Juni 2002 auf den 12. Juni 2002 zur Ein-

vernahme als Angeschuldigter vorgeladen hatte (Urk. 4/16/1-2), traf die Kopie des

Schreibens vom 5. Juni 2002 samt Beilagen am 7. Juni 2002 ein (Urk. 4/8). Hin-

sichtlich der dem Bezirksamt Baden zugestellten Kopie dieses Schreibens ergibt

sich Folgendes: In den Beizugsakten des Bezirksamtes findet sich das fragliche

Schreiben nicht (mehr). Den nicht akturierten Akten in einem gelben Mäppchen

der Untersuchungsakten der Bezirksanwaltschaft Zürich kann jedoch entnommen

werden, dass das Bezirksamt Baden, welches das Schreiben des Rekursgegners

samt Beilagen ebenfalls am 7. Juni 2002 (Eingangsstempel) entgegengenommen

hatte (vgl. auch Urk. 2/4), dieses am 12. Juni 2002 mit Begleitzettel an die Bezirk-

sanwaltschaft Zürich weiterleitete, wo es am 17. Juni 2002 eintraf. Bereits am 6.

Juni 2002 hatte die Bezirksanwaltschaft Zürich das Bezirksamt Baden um Zustel-

lung der mit Strafbefehl erledigten Akten ersucht, welche am 11. Juni 2002 bei ihr

auch eingingen (nicht akturierter Fax und Begleitzettel in Beizugsakten in Urk. 4).

Während die Bezirksanwaltschaft Zürich ihr Verfahren durch Befragungen

des Rekursgegners und der beiden Anzeigerstatter als Zeugen (Urk. 4/11-14) und

schliesslich durch Anklageerhebung beim Einzelrichter in Strafsachen (Urk. 4/17)

zum Abschluss brachte, wurden seitens des Bezirksamtes Baden - soweit den

Akten zu entnehmen ist - keine Weiterungen getroffen.

Hinsichtlich der Örtlichkeit, an welcher der zur Anzeige gebrachte Vorfall

stattgefunden haben solle, ergab sich aus den Zeugeneinvernahmen, dass die

anlässlich der Anzeigeerstattung erfolgte Bezeichnung des Tunnels (Baregg-

Tunnel) aufgrund eines Missverständnisses zwischen H. B. und dem rapportie-

renden Polizeibeamten und damit irrtümlich vorgenommen sein musste, und dass

es sich richtigerweise um den Gubrist-Tunnel gehandelt habe, wie dies auch den

Angaben des Rekursgegners entsprach (vgl. Urk. 4/12 S. 1 f., Urk. 4/13 S. 2).

Mit Präsidialverfügung vom 9. Juli 2002 liess der Einzelrichter in Strafsachen

die gegen den Rekursgegner erhobene Anklage wegen grober Verletzung der

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Verkehrsregeln, mit welcher die Ausfällung einer Busse von Fr. 1'200.-- beantragt

wurde, zunächst zu, und es wurde der Rekursgegner mit Vorladung vom 10. Juli

2002 auf den 23. August 2002 zur Hauptverhandlung vorgeladen (Urk. 4 Prot. S.

2, Urk. 4/18/1-2).

Am 21. August 2002 meldete sich beim Einzelrichter der inzwischen vom

Rekursgegner mandatierte Verteidiger (vgl. Urk. 4/19-20) und wies darauf hin,

dass sein Mandant vom Bezirksamt Baden bereits mit rechtskräftig gewordenem

Strafbefehl vom 23. Mai 2002 für den gleichen Vorfall, der Gegenstand der neuer-

lichen Anklage bilde, bestraft worden sei. Zwar sei im Strafbefehl der Deliktsort

unrichtig angegeben, doch verbiete der Grundsatz "ne bis in idem" eine zweite

Verurteilung für den gleichen Vorfall (Urk. 4 Prot. S. 3). Nachdem der Einzelrichter

von einem Mitarbeiter des Bezirksamtes Baden die Auskunft erhalten hatte, dass

es sich um den gleichen Vorfall handle und dass der Strafbefehl rechtskräftig sei

(a.a.O.), erliess er die vorliegend angefochtene Nichtzulassungsverfügung.

Vor Erhebung ihres Rekurses gelangte die Staatsanwaltschaft mit Schreiben

vom 9. September 2002 und unter Übermittlung der Akten des Zürcher und Aar-

gauer Verfahrens an das Bezirksamt Baden und ersuchte dieses für den Fall,

dass es bei der Durchsicht zum Schluss gelange, der Aargauer Strafbefehl sei als

Folge der Einsprache des Rekursgegners (gemeint: das Schreiben vom 5, Juni

2002) nicht in Rechtskraft erwachsen, das Aargauer Verfahren an die Bezirksan-

waltschaft Zürich abtreten zu wollen (Urk. 2/5). Der Bezirksamtmann von Baden

teilte der Staatsanwaltschaft darauf unter anderem unter Bezugnahme auf das

Schreiben vom 5. Juni 2002 mit, eine Kopie dieses Schreibens sei - entgegen

dem Verteiler - nie auf dem Bezirksamt eingegangen. Aufgrund der Akten teile er

die Ansicht, dass der Rekursgegner die ihm zur Last gelegten Verkehrsübertre-

tungen auf dem Kantonsgebiet begangen habe und demzufolge für die Strafver-

folgung die Behörden des Kantons Zürich zuständig seien. Er schliesse sich auch

den Überlegungen an, dass der Rekursgegner mit dem erwähnten Schreiben ge-

gen den Strafbefehl des Bezirksamtes Einsprache erhoben habe und der Straf-

befehl demgemäss nicht in Rechtskraft erwachsen sei. Nach Rücksprache mit der

Aargauischen Staatsanwaltschaft (Staatsanwalt A.) trete er das Verfahren des

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Bezirksamtes zuständigkeitshalber an die Bezirksanwaltschaft Zürich ab.

Schliesslich wies der Bezirksamtmann noch darauf hin, dass der Rekursgegner

die mit dem Strafbefehl erhobene Busse und die Gebühren von total Fr. 410.-- mit

Zahlungseingang per 29. August 2002 beglichen habe. Er ersuche daher um Mit-

teilung, wie diese Summe zu verwenden sei bzw. ob eine Weiterleitung des Be-

trages an die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich oder eine Rückvergütung an

den Rekursgegner erfolgen solle (Urk. 2/6).

3.a) Gemäss § 197 Abs. 1 StPO/AG kann nebst anderen der Beschuldigte

innert zwanzig Tagen seit Zustellung des Strafbefehls beim Bezirksamtmann

(bzw. in der seit 1. Januar 2003 in Kraft stehenden Fassung: beim Strafbefehls-

richter) schriftlich oder mündlich zu Protokoll Einsprache erheben. Die Einsprache

bewirkt Aufhebung des Strafbefehls (vgl. auch die Rechtsmittelbelehrung auf dem

Strafbefehl vom 23. Mai 2002, Urk. 2/2).

Entsprechend den vorstehenden Ausführungen schickte der Rekursgegner

das Schreiben vom 5. Juni 2002, in welchem er auch um Aufhebung des gegen

ihn ergangenen Strafbefehls ersuchte, unter anderem auch an das Bezirksamt

Baden. Wie den Akten zu entnehmen ist, ging dieses Schreiben - entgegen der

anderslautenden Behauptung im von der Staatsanwaltschaft eingereichten

Schreiben des Bezirksamtmanns K. - am 7. Juni 2002, d.h. innert der dem Re-

kursgegner ab Empfang des Strafbefehls laufenden Einsprachefrist, beim Bezirk-

samt Baden ein. Entsprechendes ergibt sich aus dem aufgedruckten Eingangs-

stempel, welcher offenbar auch mit dem Visum des Bezirksamtmanns versehen

wurde (Urk. 2/4). Am 12. Juni 2002 sandte Letzterer jedoch das Original des

Schreibens des Rekursgegners - wie erwähnt - an die Bezirksanwaltschaft Zürich,

so dass dieses nicht in die Akten des Bezirksamtes Baden, welche ohnehin be-

reits zwei Tage zuvor nach Zürich geschickt worden waren, Eingang fand.

In Übereinstimmung mit den Ausführungen der Staatsanwaltschaft in der

Rekursschrift (Urk. 1 S. 2 Ziff. 3) wie auch der vom Bezirksamtmann im Schreiben

vom 10. September 2002 geäusserten Ansicht (Urk. 2/6 S. 1) ist jedenfalls davon

auszugehen, dass der Rekursgegner mit seinem - zwar an die Administrativbe-

hörde gerichteten, jedoch auch an das Bezirksamt Baden gesandten - Schreiben

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klarerweise den ihm gegen den Strafbefehl zur Verfügung stehenden Rechtsbe-

helf, d.h. die Einsprache gemäss § 197 Abs. 1 StPO/AG, erhoben hatte. Die

eventualiter vertretene gegenteilige Auffassung des Rekursgegners, der Strafbe-

fehl sei nicht fristgerecht angefochten und deshalb rechtskräftig geworden, über-

zeugt schon deshalb nicht, weil sie sich auf die - von ihm selbst ebenfalls als un-

richtig bezeichnete - Behauptung des Bezirksamtmanns stützt, das Schreiben des

Rekursgegners vom 5. Juni 2002 bzw. die Einsprache sei beim Bezirksamt Baden

nie eingetroffen.

b) Wie bereits erwähnt worden ist, bewirkt gemäss § 197 Abs. 1 Satz 2

StPO/AG die Einsprache die Aufhebung des Strafbefehls. Diese gesetzliche Ter-

minologie ist insofern irreführend, als nur etwas das bereits Bestand hat, aufge-

hoben werden kann, der Strafbefehl jedoch vor dem unbenützten Ablauf der Ein-

sprachefrist keine Urteilswirkungen entfaltet. Der rechtliche Bestand des ausge-

fällten Strafbefehls als strafrechtlicher Entscheid hängt von der negativen Sus-

pensivwirkung ab, dass innert gesetzlicher Frist keine gültige Einsprache erhoben

wird. Während dieses Zeitraums befindet sich der Strafbefehl in der Schwebe

(Mark Schwitter, Der Strafbefehl nach aargauischem Strafprozess, Diss. Zürich

1995, S. 279 f.). Wird keine Einsprache erhoben oder wird die - zunächst erhobe-

ne - Einsprache vor Erlass eines neuen Sachentscheides zurückgezogen, so er-

wächst der Strafbefehl in Rechtskraft und gilt als Urteil (vgl. § 198 Abs. 1

StPO/AG; Schwitter, a.a.O., S. 278; Beat Brühlmeier, Aargauische Strafprozess-

ordnung, Kommentar, 2.A., Aarau 1980, N 1 zu § 198 StPO/AG). Wird eine gülti-

ge Einsprache erhoben, so ist der erlassene Strafbefehl - unter Vorbehalt eines

späteren Rückzuges gemäss § 198 Abs. 1 StPO/AG - als nicht existent zu be-

trachten. Die Einsprache hebt den Strafbefehl in vollem Umfang auf und verhin-

dert, dass dieser rechtskräftig wird und Urteilswirkung entfaltet. Ihre Besonderheit

besteht darin, dass sie schon durch die Tatsache ihrer Erhebung den Strafbefehl

ex tunc dahinfallen lässt und dadurch in der Sache eine grundlegend neue erstin-

stanzliche Beurteilung notwendig macht. Der Suspensiveffekt besteht nicht bloss

darin, dass der Vollzug des Urteils aufgeschoben, sondern dass gleich die

strafrichterliche Entscheidung als solche aufgehoben wird. Wird die Einsprache

zurückgezogen, was nach § 198 Abs. 1 StPO/AG bis zum Erlass eines neuen Sa-

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chentscheids möglich ist, so lebt der Strafbefehl mit seinem ganzen Inhalt wieder

auf und erwächst in Rechtskraft (Schwitter, a.a.O., S. 280 ff.; Brühlmeier, a.a.O.,

N 1 zu § 197 und N 1 und 4 zu § 198 StPO/AG).

c) Wie vorstehend unter Erw. II.3a dargelegt worden ist, ist von einer gülti-

gen Erhebung einer Einsprache gegen den Strafbefehl des Bezirksamtes Baden

durch den Rekursgegner auszugehen. Zu prüfen ist die Argumentation des Re-

kursgegners, wonach er - wie das Bezirksamt Baden mit Schreiben an die

Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich bestätigte - die ihm mit besagtem Straf-

befehl auferlegte Busse samt Kosten beglichen und damit den Rückzug der

Einsprache durch konkludentes Handeln erklärt habe.

Der nach § 198 Abs. 1 StPO/AG vor Erlass eines neuen Sachentscheides

vorgenommene Einspracherückzug ist eine einseitige empfangsbedürftige Wil-

lenserklärung, mit der ein Einsprecher die von ihm erhobene Einsprache zurück-

nimmt und den Strafbefehl mit dem ihm eröffneten Inhalt nachträglich vorbehaltlos

und endgültig akzeptiert. Durch die Rückzugserklärung gibt der Einsprecher sei-

nen bereits geltend gemachten gesetzlichen Anspruch auf eine grundlegend neue

Beurteilung der Sache durch das ordentliche erstinstanzliche Strafgericht auf. Als

Bewirkungshandlung hebt der Rückzug die rechtlichen Wirkungen der Einsprache

ohne behördliches Dazutun auf (Schwitter, a.a.O., S, 323).

Die aargauische Strafprozessordnung regelt nicht, in welcher Form ein Ein-

spracherückzug zu erklären ist. Es stellt sich daher die Frage, ob die Einsprache

mangels einer ausdrücklichen Formvorschrift formfrei, d.h. auch durch konklu-

dentes Handelns des Einsprechers, zurückgenommen werden kann. Mark

Schwitter (a.a.O., S. 325 f.) hält aus Gründen der Rechtssicherheit dafür, dass die

Formvorschriften, die für die Erhebung der Einsprache gelten, entsprechend auf

die Rückzugserklärung anzuwenden seien. Die Einsprache könne nur in einer

Form zurückgezogen werden, wie sie für ihre Erhebung in § 197 Abs. 1 StPO/AG

vorgeschrieben sei, nämlich schriftlich oder mündlich zu Protokoll. Konkludentes

Handeln, wie z.B. nachträgliches Bezahlen des Bussgeldbetrages an die Ge-

richtskasse, vermöge deshalb nicht eine gültige Rücknahme der Einsprache zu

bewirken. Dieser Rechtsauffassung steht allerdings - worauf er selbst hinweist

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(a.a.O., S. 326 Fn 3 und S. 333 Fn 1-2) - die überwiegende Lehrmeinung, aber

auch die einschlägige Praxis gegenüber.

Massgebend für die Beurteilung der allgemeinen Frage, ob der Rückzug ei-

nes bereits erhobenen Rechtsmittels oder Rechtsbehelfs - sofern keine ausdrück-

liche Formvorschriften dafür vorliegen - auch durch konkludentes Handeln erfol-

gen kann, ist die Eindeutigkeit und Bedingungslosigkeit der stillschweigenden Er-

klärung. Ähnliches gilt auch für den Verzicht auf die Erhebung von Rechtsmitteln

oder Rechtsbehelfen (Stefan Knecht, Willensmängel bei Prozesshandlungen des

Beschuldigten, Diss. Zürich 1980, S. 75; Titus Graf, Effiziente Verteidigung im

Rechtsmittelverfahren, Zürcher Studien zum Verfahrensrecht, Bd. 116, Zürich

2000, S. 234; Donatsch/Schmid, Kommentar zur Strafprozessordnung des Kan-

tons Zürich, Zürich 1996 ff., N 1 zu § 324 StPO; Andreas Donatsch, Der Strafbe-

fehl sowie ähnliche Verfahrenserledigungen mit Einsprachevorbehalt, in: ZStrR

112 [1994] S. 327; Schwitter, a.a.O., S. 324 und S. 332; AGVE 1992 Nr. 31 S.

133 f.). Wenn auch bei der Annahme einer stillschweigenden Verzichts- oder

Rückzugserklärung grundsätzlich Zurückhaltung am Platz ist, so ist gleichwohl

auch die stillschweigende Erklärung beachtlich, wenn zweifelsfrei auf den Ver-

zichts- oder Rückzugswillen geschlossen werden kann. Es besteht keine Notwen-

digkeit, Ausdrücklichkeit oder eine bestimmte Form zu verlangen (Knecht, a.a.O.,

S. 74 f.; für Ausdrücklichkeit und Formbedürftigkeit von Verzichts- bzw. Rück-

zugserklärungen bei bestimmten Rechtsmitteln, so beim Rekurs: Adrian Meili, Der

Rekurs im Strafprozess nach zürcherischem Recht, Zürich 1968, S. 125; Do-

natsch/Schmid, a.a.O., N 27 und 29 zu § 395 StPO; sowie bei der Berufung:

Klaus Hery, Die Berufung im zürcherischen Strafprozess, Zürich 1975, S. 114 ff.).

Hinsichtlich der teilweise vertretenen Auffassungen, wonach die Verzichts-

oder Rückzugserklärungen den gleichen Formerfordernissen zu genügen hätten,

die für die Erhebung der betreffenden Rechtsmittel gelten, und bloss konkludent

geäusserte Erklärungen nicht genügten, ist festzuhalten, dass dieser Ansicht of-

fenbar der Gedanke des Schutzes des Erklärenden zu Grunde liegt. Dieser soll

nicht auf einem Verhalten behaftet werden, mit welchem er den von der Behörde

daraus abgeleiteten Verzicht oder Rückzug tatsächlich gar nicht erklären wollte. In

- 14 -

diesem Zusammenhang wird auch auf Probleme und administrative Umtriebe

hingewiesen, die dadurch entstehen könnten, dass zum Beispiel ein nicht zur

Einsprache legitimierter Familiengenosse die Busse bezahlt, obschon der Be-

schuldigte selber noch Einsprache erheben wollte (Schwitter, a.a.O., S. 333;

Knecht, a.a.O., S. 73; vgl. ZR 50 Nr. 3 S. 17 f.). Im vorliegend zu beurteilenden

Fall fallen diese Argumentationen indessen ohnehin nicht in Betracht, da der Re-

kursgegner gerade selbst geltend macht, mit seiner Bezahlung von Busse und

Kosten seine Einsprache zurückgezogen zu haben.

Die Annahme eines Verzichtes auf Erhebung einer Einsprache bzw. eines

Rückzuges der erhobenen Einsprache aufgrund eines konkludenten Verhaltens,

insbesondere durch die Bezahlung der ausgefällten Busse und der Verfahrensko-

sten, wird für das Strafbefehlsverfahren sowie für andere Verfahren mit Einspra-

chemöglichkeit - wie bereits erwähnt - durch die überwiegende Lehrmeinung und

auch durch verschiedene publizierte Entscheide gestützt. Vorausgesetzt wird da-

bei entsprechend den vorstehend erwähnten Grundsätzen, dass es sich um ein

unzweideutiges konkludentes Verhalten, im Falle der Bezahlung einer Busse,

dass es sich um eine vorbehaltlose Bezahlung handelt (Hansjörg Bolliger, Das

Strafbefehlsverfahren im Kanton Aargau, Diss. Bern 1953, S. 100 mit Hinweis auf

zahlreiche weitere Autoren; Donatsch/Schmid, a.a.O., N 12 zu § 321 StPO und N

1 zu § 324 StPO, sowie zum Einspracheverfahren gegen Bussenverfügungen der

Verwaltungsbehörden: N 6 zu § 342 StPO und N 1 zu § 346 StPO; Knecht,

a.a.O., S. 24, 71 und 74 mit Hinweisen auf Entscheide des Obergerichtes und

Kassationsgerichtes in ZR 25 Nr. 49 und ZR 51 Nr. 39; Marc Kaeslin, Appellation

im luzernischen Strafprozess, Diss. Zürich 1993, S. 99 Fn 9; Peter Staub, Kom-

mentar zum Strafverfahren des Kantons Bern, Bern 1992, N 5 zu Art. 225

StPO/BE mit Hinweis auf einen Entscheid des Obergerichtes des Kantons Luzern

vom 9. Februar 1960; Max Waiblinger, Das Strafverfahren für den Kanton Bern,

Langenthal 1937/1942, N 2 zu Art. 225 StPO/BE; Praxis des Kantonsgerichts des

Kantons Graubünden, 1992, Nr. 60, Entscheid vom 8. Juli 1992). Auch nach der

Praxis der hiesigen Kammer wird im Falle, da ein Betroffener, der beispielsweise

gegen eine Bussenverfügung zunächst das Begehren um deren gerichtliche Be-

urteilung stellte, die Busse bezahlt hat, angenommen, damit habe dieser unmiss-

- 15 -

verständlich zu verstehen gegeben, dass er an seinem Begehren nicht mehr fest-

halte. Mit der nachträglichen Bezahlung habe er konkludent zu verstehen gege-

ben, dass er sich mit der Busse abgefunden habe (vgl. Beschluss der Kammer

vom 2. Oktober 2002, UN020060, i.S. B., Erw. III und IV).

Es ist somit davon auszugehen, dass der Rekursgegner mit seiner am 29.

August 2002 vorbehaltlos erfolgten Bezahlung der Busse von Fr. 300.-- gemäss

Strafbefehl des Bezirksamtes Baden vom 23. Mai 2002 sowie den ihm auferlegten

Kosten von Fr. 110.-- in unmissverständlicher Weise den Rückzug der mit Schrei-

ben vom 5. Juni 2002 erklärten Einsprache zum Ausdruck brachte und damit zu

verstehen gab, dass er die Verurteilung durch den Strafbefehl akzeptiere. Dem-

entsprechend erwuchs der Strafbefehl gemäss § 198 Abs. 1 StPO/AG in Rechts-

kraft und gilt seither als Urteil.

d) Zu prüfen ist lediglich noch, ob sich an dieser Auffassung aufgrund der

von der Staatsanwaltschaft unter Ziff. 4 ihrer Rekursschrift vorgetragenen Um-

stände etwas ändert. Dass das Bezirksamt Baden den Strafbefehl vom 23. Mai

2002 "aufgehoben" habe, wie dies die Staatsanwaltschaft behauptet (Urk. 1 S. 2),

kann dem Antwortschreiben des Bezirksamtes vom 10. September 2002 nirgends

entnommen werden (vgl. Urk. 2/6). Aufgehoben worden - im vorstehend be-

schriebenen eingeschränkten Sinne - wäre der Strafbefehl durch die zunächst er-

hobene Einsprache des Rekursgegners, wie dies § 197 Abs. 1 Satz 2 StPO/AG

festhält, wobei diese Aufhebung aber noch unter dem gesetzlichen Vorbehalt ei-

nes bis zum Erlass eines neuen Sachentscheides möglichen Rückzuges stand.

Mit dem tatsächlich erfolgten Rückzug der Einsprache lebte der Strafbefehl je-

denfalls wieder auf und erwuchs im Sinne von § 198 Abs. 1 StPO/AG definitiv in

Rechtskraft.

Auch die Argumentation, das Bezirksamt Baden habe sein eigenes Verfah-

ren an die örtlich zuständige Bezirksanwaltschaft Zürich abgetreten, verfängt

nicht. Es trifft zwar zu, dass das Bezirksamt mit seinem Schreiben vom 10. Sep-

tember 2002 - unter Hinweis auf eine Rücksprache mit der Aargauischen Staats-

anwaltschaft und damit auf deren offenbar erteiltes Einverständnis mit diesem

Vorgehen - eine Abtretung seines Verfahrens ST.02.02470 "zuständigkeitshalber"

- 16 -

an die Bezirksanwaltschaft Zürich vorgenommen hat (Urk. 2/6 S. 1 unten). Einer

solchen Abtretung des Verfahrens stand indessen die Tatsache im Wege, dass

das vor dem Bezirksamt Baden geführte Verfahren mit dem Eintritt der Rechts-

kraft des Strafbefehls am 29. August 2002 bereits endgültig erledigt war und

demzufolge am 10. September 2002 gar nicht mehr an die zürcherischen Behör-

den abgetreten werden konnte. Anders wäre lediglich dann allenfalls zu entschei-

den gewesen, wenn eine solche Abtretung in der Zeitspanne zwischen der Erhe-

bung der Einsprache und deren späteren Rückzug vorgenommen worden wäre.

Wird ein Strafbefehl - wie dies im vorliegenden Fall geschehen ist - durch

Erhebung einer Einsprache aufgehoben, so bestimmt sich das weitere Verfahren

nach den Vorschriften des § 197 Abs. 2-4 StPO/AG, wobei das Wiederaufleben

des Strafbefehls im Falle des vor Erlass eines neuen Sachentscheides erfolgten

Rückzuges der Einsprache vorbehalten bleibt. Wie erwähnt, fällt mit der Erhebung

einer Einsprache die negative Suspensivbedingung, von deren Eintritt die Urteils-

wirkung des Strafbefehls abhängt, vorerst aus. Die Einsprache beseitigt den

Strafbefehl in seiner rechtlichen Existenz ex tunc und setzt das Verfahren in den

vorherigen Stand. In prozessualer Hinsicht geht das Strafverfahren weiter, als ob

nie ein Strafbefehl ergangen wäre. Für den Fall, in dem - wie dies vorliegend ge-

schehen ist - der angefochtene Strafbefehl bloss aufgrund der Ergebnisse des

Ermittlungsverfahrens und ohne Untersuchungsverfahren erlassen worden ist, er-

geben sich mehrere Möglichkeiten des weiteren Vorgehens. Erscheint die Straf-

sache genügend aufgeklärt und ist der Erlass eines weiteren Strafbefehls nicht

angezeigt, überweist der Strafbefehlsrichter die Akten der Staatsanwaltschaft zum

Entscheid über Anklageerhebung oder Einstellung des Verfahrens (vgl. § 197

Abs. 3-4 StPO/AG). Bei offensichtlichen Mängeln des Strafbefehls, die ohne wei-

tere Erhebungen festgestellt und korrigiert werden können, kann der Bezirksamt-

mann von sich aus einen neuen verbesserten Strafbefehl erlassen. Erscheint auf

begründete Einwendungen des Einsprechers oder auf Antrag der Staatsanwalt-

schaft hin (vgl. § 197 Abs. 4 Satz 2 StPO/AG) die Strafsache nicht genügend ab-

geklärt, so kann der Bezirksamtmann entweder weitere Ermittlungen anordnen

oder eine Untersuchung eröffnen (vgl. § 126 StPO/AG). Im Anschluss an diese

weiteren Erhebungen hat dann erneut über den Erlass eines zweiten Strafbefehls

- 17 -

(§ 197 Abs. 2 Halbsatz 2 StPO/AG) oder eine Weiterleitung der Akten an die

Staatsanwaltschaft (§ 197 Abs. 3 StPO/AG) zu entscheiden (Schwitter, a.a.O., S.

130 f.; dazu im Einzelnen S. 347 ff.).

Im Zeitpunkt, als der Rekursgegner seinen Einspracherückzug durch Be-

zahlung von Busse und Kosten erklärte, befand sich das Verfahren vor dem Be-

zirksamtmann im vorstehend beschriebenen Stadium, welches nach rechtsgültig

erfolgter Einsprache eintritt, und in welchem auch ein Rückzug gemäss § 198

Abs. 1 StPO/AG noch ohne weiteres zulässig war. Jedenfalls lebte der Strafbefehl

gleichzeitig mit dem Einspracherückzug wieder auf und erwuchs in Rechtskraft.

Dass sich die Akten in jenem Zeitpunkt aufgrund eines Aktengesuchs seit dem

11. Juni 2002 bei der Bezirksanwaltschaft Zürich befanden, vermag daran nichts

zu ändern. Insbesondere kann aus dieser zur Akteneinsicht ("Frist 20 Tage"; vgl.

nicht akturierte Unterlagen in den Beizugsakten in Urk. 4) erfolgten Aktenüber-

mittlung keine Abtretung des Strafverfahrens an die zürcherische Behörde abge-

leitet werden.

4. Nach dem Gesagten bleibt es dabei, dass der Strafbefehl des Bezirk-

samtes Baden vom 23. Mai 2002 in Rechtskraft erwuchs und ihm Urteilscharakter

zukommt.

Das sich aus dem eidgenössischen materiellen Recht herleitende und auch

verfassungsrechtlichen Rang besitzende Prinzip "ne bis in idem" besagt, dass

niemand wegen der gleichen Straftat zweimal verfolgt werden darf oder - mit an-

deren Worten - dass einem zweiten Strafverfahren respektive einer zweiten Be-

urteilung der gleichen Tat der Verbrauch der Strafklage aufgrund des ersten Ur-

teils entgegensteht. Einer nach kantonalem Recht vorgenommenen rechtskräfti-

gen Beurteilung in einem Kanton steht deshalb die erneute Beurteilung in einem

andern wie auch im gleichen Kanton entgegen. Derselbe Schutz folgt aus dem In-

stitut der materiellen Rechtskraft, welche bewirkt, dass die formell rechtskräftig

beurteilte Straftat nicht mehr Gegenstand eines späteren Verfahrens gegen die-

selbe Person bilden kann. Eine neue Entscheidung ist sowohl prozessual wie

auch inhaltlich ausgeschlossen. Voraussetzung für diese Sperrwirkung sind die

Identität der Person sowie die Identität der Tat (BGE 118 IV 271, 116 IV 264 f., je

- 18 -

mit weiteren Hinweisen; Peter Popp, in: Basler Kommentar, Strafgesetzbuch I,

Basel 2002, N 33 ff. vor Art. 3 StGB).

Wie den vorstehenden Erwägungen entnommen werden konnte, handelt es

bei dem mit Strafbefehl des Bezirksamtes Baden beurteilten Lebensvorgang

zweifelsfrei um den gleichen, der von der Bezirksanwaltschaft Zürich bei der Vo-

rinstanz zur Anklage gebracht wurde, wenn auch die Örtlichkeit des Geschehens

im Strafbefehl irrtümlicherweise falsch bezeichnet wurde. Von etwas anderem ge-

hen auch die Verfahrensbeteiligten nicht aus. Einer neuerlichen Beurteilung steht

somit das Verbot der mehrfachen Bestrafung entgegen.

5. Dies führt zur Abweisung des Rekurses.

 III.

Die Kosten des Rekursverfahrens sind bei diesem Ausgang auf die Staats-

kasse zu nehmen. Ausserdem ist dem anwaltlich vertretenen Rekursgegner eine

angemessene Prozessentschädigung zuzusprechen.

Demnach beschliesst das Gericht:

1. Der Rekurs wird abgewiesen.

2. Eine Gerichtsgebühr fällt ausser Ansatz.

3. Die Kosten des Rekursverfahrens werden auf die Staatskasse genommen.

4. Dem Rekursgegner wird eine Prozessentschädigung für das Rekursverfah-

ren von Fr. 430.40 (inklusive 7,6% Mehrwertsteuer; Fr. 30.40) aus der

Staatskasse zugesprochen.

5. Schriftliche Mitteilung an:

� die Rekursparteien

- 19 -

� den Einzelrichter in Strafsachen des Bezirkes Zürich (unter Rücksen-

dung seiner Akten)

� das Bezirksamt Baden, Bezirksgebäude, Ländliweg 2, Postfach, 5402

Baden (zu Handen der Akten BA02.ST.2002.02470, erl. mit Strafbefehl

vom 23.5.2002)

6. Rechtsmittel:

a) Kantonale Nichtigkeitsbeschwerde gemäss § 428 ff. der zürcherischen

Strafprozessordnung (StPO): Gegen diesen Entscheid kann innert

10 Tagen, von seinem Empfang oder von der Entdeckung eines Man-
gels an gerechnet, beim Vorsitzenden des entscheidenden Gerichts

mündlich oder schriftlich Nichtigkeitsbeschwerde zuhanden des Kassa-

tionsgerichts des Kantons Zürich angemeldet werden.

Die Frist zur Begründung der Beschwerde wird nach ihrer Anmeldung

angesetzt.

b) Eidgenössische Nichtigkeitsbeschwerde: Gegen diesen Entscheid

kann innert 30 Tagen, von seinem Empfang an gerechnet, beim Kas-
sationshof des Bundesgerichts Nichtigkeitsbeschwerde erhoben wer-

den.

Die Beschwerde ist schriftlich im Doppel und in der in Art. 273 der

Bundesstrafprozessordnung (BStP) vorgeschriebenen Weise einzurei-

chen. Die Beschwerde kann nur damit begründet werden, dass der an-

gefochtene Entscheid eidgenössisches Recht verletze. Die Beschwer-

delegitimation und die weiteren Beschwerdevoraussetzungen richten

sich nach den Vorschriften in Art. 268 ff. BStP.

- 20 -

__________________________________

OBERGERICHT DES KANTONS ZÜRICH

III. Strafkammer

Der juristische Sekretär:

lic. iur. H.-R. Bühlmann

versandt am:   

Anonymisiert am 14. April 2004 von:
(lic. iur. H.-R. Bühlmann)

	Das Gericht zieht in Betracht:
	Demnach beschliesst das Gericht: