# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 6c38c232-9d53-55e1-8196-6621b2e77a6f
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2014-09-23
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 23.09.2014 B-8430/2010
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_B-8430-2010_2014-09-23.pdf

## Full Text

B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i f  f éd é r a l  

T r i b u n a l e  am m in i s t r a t i vo  f e d e r a l e  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i v  fe d e r a l  

 
 

Entscheid aufgehoben durch BGer mit  

Urteil vom 09.10.2017 (2C_1017/2014) 

 
 
    
 

 

 

  

 

 Abteilung II 

B-8430/2010 

 

 

  U r t e i l  v o m  2 3 .  S e p t e m b e r  2 0 1 4   

 

Besetzung 

 
Richter Stephan Breitenmoser (Vorsitz), 

David Aschmann und Maria Amgwerd, 

Gerichtsschreiberin Linda Kubli. 

 

 
 

Parteien 

 
Paul Koch AG,  

Birgistrasse 3, 8304 Wallisellen,   

vertreten durch Rechtsanwälte Dr. iur. Patrick Sommer  

und lic. iur. Stefan Brunnschweiler,  

CMS von Erlach Henrici AG,  

Dreikönigstrasse 7, Postfach, 8022 Zürich, 

Beschwerdeführerin,  

 
 

 
gegen 

 

 
Wettbewerbskommission WEKO,  

Monbijoustrasse 43, 3003 Bern,    

Vorinstanz. 

  

Gegenstand 

 
Unzulässige Wettbewerbsabrede. 

B-8430/2010 

Seite 2 

Sachverhalt: 

A.  

Die Paul Koch AG, Wallisellen (Koch), ist die grösste Händlerin für Fenster- 

und Fenstertürbeschläge in der Schweiz.  

Koch vertreibt fast ausschliesslich Siegenia-Beschläge. Nur auf Wunsch 

von Kunden werden auch Produkte anderer Hersteller geliefert. Koch ge-

hört zur Koch-Gruppe, zu welcher neben Koch auch die Paul Koch AG, 

Birsfelden, die Eugen Koch AG, St. Gallen, die KWB AG, Bern, sowie die 

KWB AG, Bulle, gehören. Daneben ist Koch in anderen Bereichen (z.B. 

Eisenwaren) tätig.  

A.a  

Unter Fenster- und Fenstertürbeschlägen werden alle mechanischen Teile 

verstanden, welche Fensterflügel und -rahmen verbinden und die Öff-

nungs- und Schliessfunktion eines Fensters oder einer Fenstertüre steu-

ern. Für die Herstellung eines Beschlags werden vorwiegend nichtrostende 

metallische Stoffe wie Stahl, Zamak und Aluminium eingesetzt. Fenster- 

und Fenstertürbeschläge umfassen sämtliche Beschlagskomponenten, die 

Fenster und Fenstertüren funktionsfähig machen.  

A.b  

Die führenden Hersteller von Fenster- und Fenstertürbeschlägen sind die 

Roto Frank AG, Leinfelden-Echterdingen, Deutschland (Roto D), Siegenia, 

Deutschland (D), Winkhaus GmbH und Co. KG, Telgte, Deutschland (Wink-

haus), die Gretsch-Unitas GmbH, Ditzingen, Deutschland (GU D), und die 

Mayer & Co Beschläge GmbH, Salzburg (Maco). Auf diese fünf ausländi-

schen Hersteller von Baubeschlägen entfällt nahezu der gesamte schwei-

zerische Markt für Fenster- und Fenstertürbeschläge. Neben den genann-

ten Herstellern gibt es europaweit nur noch wenige weitere Hersteller von  

Fenster- und Fenstertürbeschlägen. Diese sind jedoch ausserhalb der 

Schweiz geschäftstätig. 

Die Hersteller Roto D und GU D vertreiben ihre Produkte über eigene, in 

der Schweiz domizilierte Tochtergesellschaften, Winkhaus über eine 

Zweigniederlassung. Diese sog. Vertriebsgesellschaften wiederum belie-

fern sowohl kleinere Zwischenhändler (z.B. Rudolf Geiser AG, Immer AG, 

Fritz Blaser & Cie. AG) als auch Fensterverarbeiter direkt.  

B-8430/2010 

Seite 3 

Andere Hersteller vertreiben ihre Produkte über Schweizer Grosshändler, 

die wiederum sowohl kleinere Zwischenhändler als auch Fensterverarbei-

ter direkt beliefern. Diese Vertriebsform wird beispielsweise von Maco über 

SFS unimarket AG, Heerbrugg (SFS), als Grosshändlerin praktiziert.  

Siegenia D organisiert ihren Vertrieb grundsätzlich über ihre Tochtergesell-

schaft Siegenia Schweiz. Siegenia Schweiz wiederum vertreibt die Pro-

dukte schwergewichtig über den Grosshändler Koch, der an kleinere Zwi-

schenhändler und Fensterverarbeiter verkauft. Daneben hat Siegenia 

Schweiz drei Kunden, die sie selbst direkt beliefert. Die Vorgehensweise 

von Siegenia D stellt somit eine Mischform der beiden oben beschriebenen 

Vertriebsarten dar. 

Vereinzelt beliefern auch in Deutschland ansässige Zwischenhändler 

Fensterverarbeiter in der Schweiz. Zudem kommt es vor, dass Händler ei-

nander gegenseitig beliefern. 

Der Handel mit Baubeschlägen in der Schweiz lässt sich demnach in zwei 

Stufen unterteilen:  

 Einer ersten Stufe sind Händler (sog. Direkteinkäufer) zuzuordnen, 

welche Baubeschläge direkt von einem Hersteller beziehen und – 

entweder an einen Fensterverarbeiter oder an einen weiteren 

Händler – weiterverkaufen; 

 auf der zweiten Stufe sind diejenigen Händler einzuordnen, welche 

die Baubeschläge von einem anderen Händler beziehen und wei-

terverkaufen (Zwischenhändler). 

B.  

Fensterverarbeiter erhalten in der Regel Preislisten von ihren Bezugsquel-

len. Auf den darauf enthaltenen Bruttopreisen werden einzelnen Fenster-

verarbeitern jeweils mehr oder weniger grosse Rabatte gewährt.  

Preiserhöhungen werden auf unterschiedliche Art und Weise vorgenom-

men: In der Regel wird die Preisbasis, namentlich der Einkaufspreis, er-

höht, indem sie von den Herstellern mit einem Materialteuerungszuschlag 

(nachfolgend: MTZ) versehen wird. Vereinzelt bleibt die Preisbasis unver-

ändert, und die Preiserhöhung erfolgt mittels individueller, mit den einzel-

nen Kunden verhandelter Rabattanpassungen. 

B-8430/2010 

Seite 4 

B.a  

In den Jahren 2004 und 2006/2007 kam es aufgrund gestiegener Stahl-, 

Zink- und Aluminiumpreise zu Preiserhöhungen der Hersteller. 

Die Europäische Kommission sanktionierte am 28. März 2012 neun Her-

steller von Fensterbeschlägen für wettbewerbswidrige Abreden in Form ei-

ner horizontalen Preisabsprache in der Zeitspanne von November 1999 bis 

Juli 2007 mit einer Geldbusse von 86 Mio. Euro. Die ausländischen Her-

steller von Fensterbeschlägen hatten danach auch Preiserhöhungen für 

die Schweiz beschlossen, und die lokalen Vertriebsgesellschaften in ganz 

Europa hätten ebenfalls regelmässig Kontakte untereinander gehabt, um 

den Erfolg des Kartells zu gewährleisten (vgl. Pressemitteilung der EU-

Kommission vom 28. März 2012). 

B.b  

Zwecks Umsetzung der Preiserhöhungen für das Jahr 2007 lud die Be-

schwerdeführerin mit E-Mail vom 7. September 2006 Siegenia, die Roto 

Frank AG, Dietikon (Roto), SFS, und Winkhaus zu einem Treffen am 

22. September 2006 zu sich nach Wallisellen ein. Am Treffen vertreten wa-

ren die Beschwerdeführerin, Siegenia, Roto, SFS und Winkhaus. Die ent-

sprechende E-Mail enthielt den Betreff „Terminanfrage Umsetzung MTZ 

2007“ und hatte u.a. folgenden Wortlaut: „Aufgrund der Preisentwicklung 

der Rohmaterialien Stahl, Zink und Alu sowie der gestiegenen Sozial- und 

Transportkosten werden alle Hersteller Preisaufschläge ankündigen. Be-

züglich Umsetzung und Höhe sollten wir uns in der Schweiz abstimmen, 

um dem Internationalen Preisniveau etwas näher zu kommen.“ 

B.c  

Am 10. Juli 2007 ging beim Sekretariat der Wettbewerbskommission (Sek-

retariat) eine Selbstanzeige in Form einer schriftlichen Unternehmenser-

klärung von Roto ein. Gestützt auf diese Selbstanzeige eröffnete das Sek-

retariat am 16. Juli 2007 eine Untersuchung gemäss Art. 27 KG gegen die 

Beschwerdeführerin, Siegenia, SFS, Roto, Winkhaus, GU und Maco be-

treffend unzulässige Wettbewerbsabreden im Sinne von Art. 5 KG im Be-

reich der Baubeschläge für Fenster, Fenstertüren und Türen. Das Sekreta-

riat gab die Eröffnung der Untersuchung mittels amtlicher Publikation im 

Schweizerischen Handelsamtsblatt vom 30. Juli 2007 (Nr. 145, S. 38) so-

wie im Bundesblatt vom 7. August 2007 (BBl 2007 6007) bekannt.  

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Seite 5 

Am 2. Oktober 2008 gab die Beschwerdeführerin beim Sekretariat eine 

Protokollerklärung ab (act. 62), womit sie dem Sekretariat ihre volle Koope-

rationsbereitschaft zusicherte. Im Rahmen ihrer Kooperation lieferte die 

Beschwerdeführerin am 18. Februar 2009 zusätzliche Informationen (act. 

80) und dokumentierte diese schliesslich zusätzlich in schriftlicher Form 

(act. 181). Diese drei Elemente bildeten die Bestandteile der Selbstanzeige 

der Beschwerdeführerin.  

Am 18. Oktober 2010 erliess die Wettbewerbskommission in der Untersu-

chung betreffend  Fenster- und Fenstertürbeschläge eine Verfügung mit 

folgendem Dispositiv:  

"1. Es wird festgestellt, dass die von den Untersuchungsadressaten Roto 

Frank AG, Dietikon, Aug. Winkhaus GmbH & Co. KG, Telgte, Siegenia-Aubi 

AG, Uetendorf, Paul Koch AG, Wallisellen, und SFS unimarket AG, 

Heerbrugg, im Jahre 2006/2007 praktizierte/getroffene Wettbewerbsabrede 

betreffend Preiserhöhungen nach Massgabe von Art. 5 Abs. 1 i.V.m. Art. 5 

Abs. 3 lit. a KG unzulässig ist.  

2. Es wird festgestellt, dass die von den Untersuchungsadressaten Roto Frank 

AG, Dietikon, und Siegenia-Aubi AG, Uetendorf, praktizierte/getroffene Wett-

bewerbsabrede betreffend Preiserhöhungen im Jahre 2004 nach Massgabe 

von Art. 5 Abs. 1 i.V.m. Art. 5 Abs. 3 lit. a KG unzulässig ist.  

3. Die zwischen dem Sekretariat der Wettbewerbskommission und den Unter-

suchungsadressaten Roto Frank AG, Aug. Winkhaus GmbH & Co. KG und 

Siegenia-Aubi AG abgeschlossenen einvernehmlichen Regelungen werden 

genehmigt im Sinne von Art. 29 Abs. 2 KG.  

4. Die Untersuchung gegen Gretsch-Unitas AG, Rüdtligen b. Kirchberg, und 

Mayer & Co. Beschläge GmbH, Salzburg, wird ohne Folgen eingestellt.  

5. Die an den unzulässigen Wettbewerbsabreden beteiligten Untersuchungs-

adressaten werden für das unter Ziffer 1 und Ziffer 2 vorstehend beschriebene 

Verhalten gestützt auf Art. 49a KG mit folgenden Beträgen belastet:  

Roto Frank AG    CHF 0 

SFS unimarket AG    CHF 557‘200 

Siegenia-Aubi AG    CHF 3‘876‘465 

Aug. Winkhaus GmbH & Co. KG  CHF 235‘381 

Paul Koch AG     CHF 2‘957‘817 

6. Die Verfahrenskosten von insgesamt CHF 718‘670 (bestehend aus einer 

Gebühr von CHF 715‘670 und Auslagen von CHF 3‘000) werden den Adres-

saten der Verfügung zu gleichen Teilen und unter solidarischer Haftung aufer-

legt. Da die Untersuchung gegen GU und Maco eingestellt wird, geht ihr Anteil 

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Seite 6 

zu Lasten der Staatskasse. Somit werden die verbleibenden Unternehmen wie 

folgt belastet:  

Roto Frank AG    CHF 102‘667 

SFS unimarket AG    CHF 102‘667 

Siegenia-Aubi AG    CHF 102‘667 

Aug. Winkhaus GmbH & Co. KG  CHF 102‘667 

Paul Koch AG     CHF 102‘667  

7. [Rechtsmittelbelehrung] 

8. [Eröffnung]" 

Zur Begründung führte die Vorinstanz aus, bei der Beurteilung der Wirkun-

gen der Wettbewerbsabrede sei von einem Markt für Baubeschläge der Art 

Drehkipp in der Schweiz auszugehen. 

Es sei erstellt, dass die Beschwerdeführerin sich am Treffen vom 22. Sep-

tember 2006 für diesen Markt mit den weiteren dort anwesenden Unter-

nehmen über die Festsetzung von (Mindest-)Preiserhöhungen abgespro-

chen habe. Dadurch sei die Unsicherheit des freien Wettbewerbs beseitigt 

worden, weshalb der wirksame Wettbewerb vermutungshalber als beseitigt 

gelte. Die Vermutung werde auch nicht durch vorhandenen Restwettbe-

werb umgestossen. Innenwettbewerb bestehe nicht, da sich die am Treffen 

Beteiligten im Nachgang an dieses an die Absprache gehalten hätten. Ak-

tueller Aussenwettbewerb liege ebenfalls nicht vor, da die an der Abspra-

che beteiligten Unternehmen nahezu den gesamten Markt in der Schweiz 

ausmachten. Potentiell sei es theoretisch zwar möglich, dass Fensterver-

arbeiter Drehkippbeschläge von ausländischen Zwischenhändlern bezö-

gen. Das höhere Preisniveau in der Schweiz und die Tatsache, dass Fens-

terverarbeiter Beschläge trotz tieferer Preise nicht im umliegenden Ausland 

einkauften, sprächen jedoch gegen eine disziplinierende Wirkung der aus-

ländischen Zwischenhändler auf den Schweizer Markt. Die Wettbewerbs-

abrede könne überdies nicht durch Effizienzgründe gerechtfertigt werden, 

weshalb von einem direkt sanktionierbaren Verstoss gegen das Kartellge-

setz auszugehen sei. Die Höhe der Sanktion sei für die Beschwerdeführe-

rin zumutbar, und auch die Höhe der Sanktionsreduktion sei aufgrund der 

Wichtigkeit der gelieferten Beweise sowie der zusätzlich eingereichten In-

formationen betreffend eines weiteren Wettbewerbsverstosses angemes-

sen. 

C.  

Gegen diese Verfügung erhob die Beschwerdeführerin am 6. Dezember 

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Seite 7 

2010 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragt, die an-

gefochtene Verfügung sei sowohl aus formellen als auch aus materiellen 

Gründen vollumfänglich aufzuheben; es sei festzustellen, dass sie nicht 

gegen das Kartellgesetz verstossen habe und sie für  

das vorinstanzliche Verfahren angemessen zu entschädigen sei. Eventua-

liter seien die ihr auferlegte Sanktion und die Kosten nach freiem Ermessen 

zu reduzieren. Alles unter Verzicht auf Kostenfolge zu ihren Lasten und 

unter Entschädigungsfolge zu Lasten der Vorinstanz. 

C.a  

In formeller Hinsicht macht die Beschwerdeführerin geltend, die Vorinstanz 

habe ihren Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt, indem sie sich mit 

rechtserheblichen Vorbringen nicht hinreichend auseinandergesetzt habe. 

Folglich habe die Vorinstanz insbesondere übersehen, dass die Beschwer-

deführerin an einer vermeintlichen horizontalen Abrede zwischen den Her-

stellern bzw. deren schweizerischen Vertriebsgesellschaften bereits auf-

grund ihrer Marktposition nicht habe teilnehmen können, da sie weder auf 

der gleichen Marktstufe wie die Hersteller noch auf der gleichen Marktstufe 

wie deren schweizerischen Vertriebsgesellschaften tätig sei.  

Des Weiteren bringt die Beschwerdeführerin vor, der von der Vorinstanz 

festgestellte Sachverhalt sei unvollständig, unrichtig und könne nicht als 

Entscheidgrundlage dienen. Die Vorinstanz habe den Sachverhalt weitge-

hend einer fremden Selbstanzeige entnommen, ohne diese genügend zu 

verifizieren. Die unvollständige Sachverhaltsermittlung der Vorinstanz 

lasse die relevante Wettbewerbssituation auf der Marktstufe, auf der die 

Beschwerdeführerin tätig sei, völlig ausser Betracht. Die von der Vorinstanz 

vorgenommene Befragung der Fensterverarbeiter habe lediglich die Wett-

bewerbssituation zwischen den Herstellern zum Gegenstand, obwohl die 

Beschwerdeführerin sich auf der Zwischenhandelsstufe befinde. Die Be-

fragung der Vorinstanz sei zudem nicht repräsentativ, da sie sich auf 55 

von den in der Schweiz tätigen 600 bis 700 Fensterverarbeitern be-

schränke. Des Weiteren habe die Vorinstanz ohne Angabe plausibler 

Gründe auf die Verwertung rechtserheblicher Angaben der im Rahmen des 

Untersuchungsverfahrens befragten Unternehmen verzichtet.  

Überdies hätte die Vorinstanz ermitteln müssen, inwiefern die Beschwer-

deführerin die Preiserhöhungen gegenüber den Fensterverarbeitern tat-

sächlich habe durchsetzen können, um festzustellen, welche Auswirkun-

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Seite 8 

gen ihr vermeintlich kartellrechtlich relevantes Verhalten auf den Wettbe-

werb gehabt habe. Angaben, welche sich spezifisch auf die Beschwerde-

führerin bezögen, lägen aber nicht in einem aussagekräftigen Masse vor. 

Schliesslich habe die Vorinstanz den Untersuchungsgrundsatz auch mit 

Bezug auf die für die Berechnung der Sanktion zu berücksichtigenden Um-

sätze verletzt. 

C.b  

In materieller Hinsicht rügt die Beschwerdeführerin verschiedene Verlet-

zungen von Bundesrecht. Am Treffen vom 22. September 2006 habe sie 

sich nicht mit ihren Konkurrenten über Preise abgesprochen, sondern sich 

gegen die von den Herstellern beschlossenen Preiserhöhungen gewehrt. 

Mangels Herstellerfunktion könne sie an keiner horizontalen Preisabrede 

zwischen den Herstellern und ihren Vertriebsgesellschaften beteiligt gewe-

sen sein; als reine Händlerin stehe sie zu den Herstellern und deren Toch-

tergesellschaften in einem vertikalen Verhältnis.  

Bei der in Frage stehenden Abrede handle es sich überdies nicht um eine 

Preisabrede im Sinne von Art. 5 Abs. 3 Bst. a KG, da lediglich unbedeu-

tende Preisbestandteile abgesprochen worden seien, welche keine Aus-

wirkungen auf den Endpreis gehabt hätten. Zudem würden auf die Brutto-

preise erhebliche Rabatte gewährt, weshalb nicht von einer preisharmoni-

sierenden Wirkung der Abrede ausgegangen werden könne.  

Des Weiteren rügt die Beschwerdeführerin, bei der Prüfung des Restwett-

bewerbs habe die Vorinstanz hauptsächlich die Verhältnisse auf Herstel-

lerebene untersucht. Zudem sei der Markt für die Handelsstufe zu eng ab-

gegrenzt worden, da Fensterverarbeiter die Möglichkeit hätten, Baube-

schläge von Zwischenhändlern aus dem umliegenden Ausland zu kaufen. 

Auch habe eine allfällige Wettbewerbsabrede weder qualitativ noch quan-

titativ erhebliche Auswirkungen gehabt. Es liege ein einmaliger, pauschaler 

Informationsaustausch vor, und die Befragung der Fensterverarbeiter sei 

nicht geeignet gewesen, die Auswirkungen der Absprache nachzuweisen. 

Auswirkungen auf den Markt seien nicht untersucht worden, womit die Vo-

rinstanz faktisch von einer per se-Erheblichkeit ausgegangen sei. Schliess-

lich sei die Abrede auf Grund von Effizienzgründen gerechtfertigt; der Pro-

test der Beschwerdeführerin gegen die Erhöhung der Preise habe zu tiefe-

ren Preiserhöhungen der Hersteller geführt, als diese ursprünglich beab-

sichtigt hätten. 

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Seite 9 

Des Weiteren sei die gegen die Beschwerdeführerin verhängte Sanktion 

unzulässig, da sie an keiner Abrede beteiligt gewesen sei. Bei gegenteiliger 

Ansicht wäre aus völker- und verfassungsrechtlichen Gründen, mangels 

Beseitigung des wirksamen Wettbewerbs und mangels Vorwerfbarkeit des 

angeblich unzulässigen Verhaltens dennoch von einer Sanktionierung der 

Beschwerdeführerin abzusehen oder die von der Vorinstanz auferlegte 

Strafe wäre jedenfalls massiv zu reduzieren. Überdies verletze die ver-

hängte Sanktion sowohl den Gleichbehandlungsgrundsatz als auch das 

Verhältnismässigkeitsprinzip. Schliesslich habe die Beschwerdeführerin 

Anspruch auf Ersatz des im vorinstanzlichen Verfahren erlittenen Scha-

dens. 

D.  

Mit Vernehmlassung vom 28. Februar 2011 beantragt die Vorinstanz die 

Abweisung der Beschwerde unter Kostenfolge. In formeller Hinsicht macht 

die Vorinstanz im Wesentlichen geltend, sie habe weder den rechtlichen 

Gehörsanspruch der Beschwerdeführerin noch den Untersuchungsgrund-

satz verletzt. So seien insbesondere die Befragungen der Fensterverarbei-

ter im Sinne einer Plausibilitätsprüfung als Ergänzung zu den anlässlich 

der Hausdurchsuchungen beschlagnahmten Beweismitteln und den einge-

reichten Selbstanzeigen von Roto, SFS und der Beschwerdeführerin vor-

genommen worden; diese hätten damit nicht die alleine entscheidende 

Grundlage für die Beurteilung der in Frage stehenden Wettbewerbsabre-

den gebildet. Materiell-rechtlich habe sie den vorliegenden Sachverhalt 

entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin zu Recht als unzulässige 

Preisabrede gemäss Art. 5 Abs. 3 KG qualifiziert, weshalb die Sanktionie-

rung der Beschwerdeführerin zulässig sei.  

E.  

Mit Replik vom 12. Mai und Duplik vom 11. Juli 2011 halten die Parteien an 

ihren Anträgen fest. 

Am 29. Mai 2012 fand eine Instruktionsverhandlung statt. Die schriftliche 

Beantwortung der anlässlich der Verhandlung gestellten Fragen erfolgte 

seitens der Vorinstanz am 16. Juli 2012 und seitens der Beschwerdeführe-

rin am 27. Juli 2012. Die Parteien halten darin an ihren Anträgen fest.  

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 

1. Prozessvoraussetzungen 

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Seite 10 

1.1 Die Verfügung der Vorinstanz vom 18. Oktober 2010 ist eine Verfügung 

im Sinne von Art. 5 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. 

Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das Bundesverwaltungsgericht, 

das gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 

(VGG, SR 173.32) als Beschwerdeinstanz Beschwerden gegen Verfügun-

gen nach Art. 5 VwVG beurteilt, ist nach Art. 33 Bst. f VGG für die Behand-

lung der vorliegenden Streitsache zuständig, zumal keine Ausnahme nach 

Art. 32 VGG greift. 

1.2 Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-

nommen und ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt. Sie 

hat zudem ein als schutzwürdig anzuerkennendes Interesse an deren Auf-

hebung oder Änderung, weshalb sie zur Beschwerde legitimiert ist (Art. 48 

Abs. 1 VwVG). Ihre Vertreter haben sich rechtsgenüglich durch Vollmacht 

ausgewiesen (Art. 11 Abs. 2 VwVG). Die Eingabefrist sowie die Anforde-

rungen an Form und Inhalt der Beschwerdeschrift sind gewahrt (Art. 50 und 

52 Abs. 1 VwVG). Der Kostenvorschuss wurde fristgemäss bezahlt (Art. 63 

Abs. 4 VwVG). 

Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. 

2. Zulässigkeit der Beschwerde bei Vorliegen einer Selbstanzeige  

Im Zusammenhang mit der von der Beschwerdeführerin eingereichten 

Selbstanzeige ist das Folgende festzuhalten: 

a) Vorbringen der Vorinstanz 

2.1 Die Vorinstanz wertet die nachträglich zur Selbstanzeige eingereichte 

Beschwerde als widersprüchliches Verhalten der Beschwerdeführerin. Sie 

macht geltend, die Beschwerdeführerin bestreite in ihrer Beschwerde nicht 

nur ihre Beteiligung an einer unzulässigen Wettbewerbsabrede im Sinne 

von Art. 5 Abs. 3 des Bundesgesetzes über Kartelle und andere Wettbe-

werbsbeschränkungen vom 6. Oktober 1995 (Kartellgesetz, KG, SR 251), 

sondern überhaupt das Vorliegen einer Abrede im Sinne von Art. 4 Abs. 1 

KG. Dies stehe im Widerspruch zur Tatsache, dass die Beschwerdeführe-

rin eine Selbstanzeige eingereicht und damit zumindest zum Ausdruck ge-

bracht habe, dass sie an einer unzulässigen Wettbewerbsabrede beteiligt 

gewesen sei. Dass die Beschwerdeführerin nun sogar das Vorliegen einer 

– hinsichtlich der wettbewerbsrechtlichen Zulässigkeit nichts aussagenden 

– Wettbewerbsabrede im Sinne von Art. 4 Abs. 1 KG vehement bestreite, 

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Seite 11 

sei als venire contra factum proprium zu werten und komme einem nach-

träglichen Rückzug ihrer Selbstanzeige gleich. Folglich müsse der Be-

schwerdeführerin infolge Wegfalls der entsprechenden Voraussetzung im 

Rahmen des Beschwerdeverfahrens die gewährte Sanktionsreduktion von 

20% vollständig entzogen werden (vgl. Vernehmlassung Rz. 7 ff.). 

b) Vorbringen der Beschwerdeführerin 

2.2 Demgegenüber macht die Beschwerdeführerin im Wesentlichen gel-

tend, für eine Reduktion einer Sanktion gestützt auf die Bonusregelung sei 

entscheidend, dass ein Unternehmen freiwillig mit den Behörden zusam-

menarbeite und an der Aufklärung des Sachverhalts mitwirke, indem es die 

notwendigen Informationen und Beweismittel liefere. Die im Rahmen der 

Kooperation gemachten Angaben würden sich lediglich auf die Erhebung 

des Sachverhalts beziehen und nicht auf dessen rechtliche Würdigung. 

Eine Sanktionsreduktion auf der Basis der Kooperation setze kein Schuld-

eingeständnis voraus, und die Tatsache, dass ein Unternehmen koope-

riere, stelle kein Schuldeingeständnis dar (vgl. Replik Rz. 6 ff.). So habe 

sie in ihrer Kooperationsanzeige ausdrücklich darauf hingewiesen, dass 

ihre Ausführungen nicht als Schuldeingeständnis zu verstehen seien, und 

dass mit der Kooperationsanzeige keine rechtliche Würdigung des Sach-

verhalts erfolge (vgl. act. 181). 

2.3 Entgegen der Auffassung der Vorinstanz sei ihr Verhalten nicht wider-

sprüchlich. Sie habe ihre Beteiligung an einer horizontalen Preisabrede be-

treffend den Materialteuerungszuschlag bereits anlässlich des  

vorinstanzlichen Verfahrens bestritten (vgl. act. 265 Rz. 36-38, Rz. 43 ff. 

und Rz. 65 ff., Rz. 79 f.). Die Vorinstanz habe darin keinen Rückzug der 

Kooperationsbereitschaft gesehen. Die Beschwerdeschrift enthalte zudem 

keine neuen Bestreitungen.  

2.4 Die Vorinstanz stelle in ihrer Verfügung vielmehr zu Recht fest, dass 

sie die Voraussetzungen für eine Sanktionsreduktion gestützt auf Art. 12 

der Verordnung über die Sanktionen bei unzulässigen Wettbewerbsbe-

schränkungen vom 12. März 2004 (KG-Sanktionsverordnung, SVKG, SR 

251.5) erfülle. Die Vorinstanz bestätige damit, dass die von ihr eingereich-

ten Beweismittel "zu einem besseren Gesamtüberblick des Sachverhalts 

verhalfen" (Verfügung Rz. 473). Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens 

übe sie nun lediglich ihre Verteidigungsrechte aus. Es könne weder von 

B-8430/2010 

Seite 12 

einem widersprüchlichen Verhalten oder von einer missbräuchlichen Inan-

spruchnahme der Bonusregelung noch von einem impliziten Rückzug der 

Kooperationsanzeige die Rede sein.  

c) Würdigung des Gerichts 

2.5 Im vorliegenden Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass im Um-

stand, dass eine Verfahrenspartei im Rahmen einer Selbstanzeige mit der 

Vorinstanz kooperiert und anschliessend die rechtliche Würdigung des 

Sachverhalts mit einer Beschwerde bestreitet, grundsätzlich kein wider-

sprüchliches Verhalten zu sehen ist. Würde nämlich das Verhalten der Be-

schwerdeführerin als nachträglicher Rückzug der Selbstanzeige gewertet 

werden, so müsste im vorliegenden Verfahren überdies der Frage Beach-

tung geschenkt werden, ob der Wegfall der Grundlage für eine Sanktions-

reduktion auch einen Einfluss auf die ungehinderte Verwertbarkeit der an-

lässlich der Selbstanzeige erlangten Informationen und eingereichten Be-

weismittel haben könnte.  

2.6 Nach Ansicht der Vorinstanz müsste der Beschwerdeführerin die ur-

sprünglich gewährte Sanktionsreduktion bei der Sanktionsbemessung auf-

grund des Wegfalls der Grundlage entzogen werden. Dennoch stützt sie 

sich im weiteren Verlauf dieses Verfahrens auf die Selbstanzeigen der Un-

tersuchungsadressaten und qualifiziert diese folglich als taugliche Beweis-

mittel. Insbesondere im Zusammenhang mit dem Beweiswert der Frage-

bogen weist sie darauf hin, dass die Fragebogen im Sinne einer Plausibili-

tätsprüfung anzusehen seien und die Würdigung des Sachverhalts sich 

auch auf weitere Beweismittel stütze, u.a. auf die eingereichten Selbstan-

zeigen. Dass die Vorinstanz den Selbstanzeigen sowohl der Beschwerde-

führerin als auch der übrigen Untersuchungsadressaten keineswegs eine 

nur untergeordnete Bedeutung bei der Beweiswürdigung beimisst, wird 

auch aufgrund ihrer Ausführungen zum Untersuchungsgrundsatz in ihrer 

Duplik vom 11. Juli 2011 ersichtlich. Als die Beschwerdeführerin in ihrer 

Replik im Zusammenhang mit der Befragung der Fensterverarbeiter u.a. 

vorbringt, die Vorinstanz könne nicht begründen, inwiefern es unverhältnis-

mässig gewesen wäre, mehrere Fensterverarbeiter als 55 zu befragen (vgl. 

Replik Rz. 90), nachdem im Fall Hors-Liste-Medikamente ca. 850 Markt-

teilnehmer befragt worden seien (vgl. RPW 2010/4, S. 649 ff.), weist die 

Vorinstanz in ihrer Duplik diesbezüglich präzisierend darauf hin, dass im 

Fall Hors-Liste-Medikamente keine Selbstanzeigen vorgelegen hätten. Da-

mit sei klar, dass der Ermittlungsaufwand viel grösser gewesen sei als im 

vorliegenden Verfahren, in welchem drei Selbstanzeigen vorliegen würden. 

B-8430/2010 

Seite 13 

Selbstanzeigende Unternehmen seien dazu verpflichtet, bei der Aufde-

ckung unzulässiger Wettbewerbsabreden unaufgefordert und uneinge-

schränkt mitzuwirken. Deshalb könne und dürfe sich die Vorinstanz bis zu 

einem gewissen Grad auf die Informationen, die von den selbstanzeigen-

den Unternehmen eingereicht worden seien, verlassen (vgl. Duplik Rz. 28 

und die Ausführungen unter Ziff. 8.3 hiernach 

2.7 Diese Vorgehensweise der Vorinstanz wirft die Frage auf, ob darin 

dann ein inkonsistentes Verhalten erblickt werden könnte, wenn die Selbst-

anzeige als Grundlage im Zusammenhang mit der Gewährung einer Sank-

tionsreduktion als weggefallen gewertet wird, in der Folge aber gleichwohl 

ohne Einschränkung Eingang in die Beweiswürdigung findet. 

2.8 Das Gericht erachtet es grundsätzlich als zulässig, wenn eine Verfah-

renspartei im Rahmen einer Selbstanzeige mit der Vorinstanz kooperiert 

und anschliessend die rechtliche Würdigung des Sachverhalts mit einer 

Beschwerde bestreitet. Folglich besteht in solchen Fällen kein Anlass, die 

Frage der Zulässigkeit der Verwertung einer von der Vorinstanz als nach-

träglich zurückgezogen qualifizierten Selbstanzeige im Rahmen der Be-

weiswürdigung zu verneinen. Die Kooperationsbereitschaft einer Partei 

darf nicht per se als Schuldeingeständnis gewertet werden, und das Ein-

reichen einer Selbstanzeige hat auf die Verteidigungsrechte der Partei 

grundsätzlich keinen Einfluss. Die im Rahmen der Selbstanzeige der Wett-

bewerbsbehörde gelieferten Informationen und Beweismittel beziehen sich 

vielmehr lediglich auf den Sachverhalt. Die rechtliche Würdigung eines an-

gezeigten Sachverhalts ist deshalb nicht Gegenstand der anlässlich der 

Selbstanzeige gemachten Sachverhaltsdarstellung. Denn mit dem An-

spruch auf rechtliches Gehör und der Rechtsweggarantie nicht vereinbar 

wäre der Verzicht auf die Einlegung eines Rechtsmittels vor Erlass der in 

Frage stehenden Verfügung. „Mitwirken“ im Sinne von Art. 49a Abs. 2 KG 

darf daher nicht ausschliessen, dass zu einem späteren Zeitpunkt des Ver-

fahrens eine divergierende Rechtsauffassung vertreten wird. Folglich kann 

die rechtliche Bewertung mittels Beschwerde angefochten werden.  

3. Formelle Rügen 

In formeller Hinsicht rügt die Beschwerdeführerin Verletzungen ihres An-

spruchs auf rechtliches Gehör und des Untersuchungsgrundsatzes. 

3.1 Rüge der Verletzung des rechtlichen Gehörs 

a) Vorbringen der Vorinstanz 

B-8430/2010 

Seite 14 

3.1.1 Die Vorinstanz macht geltend, sie habe sich genügend mit den Vor-

bringen der Beschwerdeführerin auseinandergesetzt. Sie habe die Vorbrin-

gen gehört, in der Entscheidfindung berücksichtigt und in der Verfügung 

substantiiert abgehandelt (vgl. Vernehmlassung Rz. 50 ff.). Anlässlich der 

Erörterung des rechtserheblichen Sachverhalts habe sie ausführlich und 

detailliert die Marktteilnehmer (vgl. Verfügung Rz. 3-9), deren Tätigkeiten 

wie auch die Marktstruktur (vgl. Verfügung Rz. 10-20) dargelegt. Für die 

Beschwerdeführerin sei daher von Beginn an nachvollziehbar gewesen, 

von welcher Grundlage die Vorinstanz bei der Beurteilung der in Frage ste-

henden wettbewerbsrechtlichen Sachverhalte ausgegangen sei. Die dies-

bezüglichen Einwände der Beschwerdeführerin seien bei der Beurteilung 

der Frage des Vorliegens einer Wettbewerbsabrede gebührend berück-

sichtigt worden (vgl. Verfügung Rz. 186-190). Damit sei für die Beschwer-

deführerin auch nachvollziehbar gewesen, weshalb ihre Vorbringen von 

der Vorinstanz nicht berücksichtigt worden seien. Die Vorinstanz habe dar-

gelegt, weshalb sie die Vorbringen der Beschwerdeführerin als unbeacht-

lich qualifiziert habe. Der Beschwerdeführerin sei es nicht gelungen, ihre 

Behauptungen zu untermauern, obwohl sie anlässlich der Anträge des 

Sekretariats (act. 223 und act. 283) zweimal schriftlich die Möglichkeit dazu 

gehabt habe und von der Vorinstanz mündlich angehört worden sei (act. 

339). 

b) Vorbringen der Beschwerdeführerin 

3.1.2 Die Beschwerdeführerin macht demgegenüber im Wesentlichen gel-

tend, die Verfügung der Vorinstanz greife stark in ihre individuellen Rechte 

ein, weshalb sehr hohe Anforderungen an die Prüfungs- und Begründungs-

dichte des Entscheids zu stellen seien. Da die Verfügung der Vorinstanz 

sich mit den rechtserheblichen Vorbringen der Beschwerdeführerin nicht 

hinreichend auseinandergesetzt  habe, genüge sie diesen Anforderungen 

nicht. Die Beschwerdeführerin bringt vor, sie habe während des Verfahrens 

vor der Vorinstanz mehrmals Ungenauigkeiten betreffend den festgestell-

ten Sachverhalt gerügt (act. 231, act. 265 Rz. 24 ff., sowie act. 337). Sie 

habe die Vorinstanz und ihr Sekretariat insbesondere mehrmals auf ihre 

Marktposition hingewiesen und wiederholt darauf aufmerksam gemacht, 

dass sie weder auf der gleichen Marktstufe der Hersteller noch auf der 

Marktstufe ihrer schweizerischen Vertriebsgesellschaften tätig sei (vgl. Be-

schwerde Rz. 41 ff.). Die Vorinstanz habe diese rechtserheblichen Argu-

mente jedoch nicht berücksichtigt oder mit vagen Sachverhaltsannahmen 

(wie z.B.: "mehrere der Untersuchungsadressaten sind […] der Ansicht, 

dass alle am Treffen vom 22. September 2006 anwesenden Unternehmen 

B-8430/2010 

Seite 15 

ähnliche Interessen gehabt hätten [Verfügung Rz. 105]“) verworfen. Die 

richtige Feststellung der Marktverhältnisse und der Rolle der Beschwerde-

führerin als reine Zwischenhändlerin sei aber von wesentlicher Bedeutung, 

um ihre allfälligen Beteiligungen an vermeintlichen Abreden zu prüfen. Auf-

grund der mangelnden Auseinandersetzung mit ihren Vorbringen habe die 

Vorinstanz insbesondere übersehen, dass die Beschwerdeführerin an ei-

ner vermeintlichen horizontalen Abrede zwischen den Herstellern bzw. de-

ren schweizerischen Vertriebsgesellschaften bereits aufgrund ihrer Markt-

position nicht habe teilnehmen können (vgl. Beschwerde Rz. 14 ff.). 

c) Würdigung des Gerichts  

3.1.3 Der Anspruch auf rechtliches Gehör ergibt sich aus Art. 29 Abs. 2 der 

Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 

1999 (BV; SR 101) und verleiht den von einem zu treffenden Entscheid 

Betroffenen verschiedene Mitwirkungsrechte. Das rechtliche Gehör um-

fasst insbesondere den Anspruch auf Orientierung, das Recht auf Akten-

einsicht (Art. 26 ff. VwVG), auf vorgängige Stellungnahme und Anhörung 

(Art. 30 VwVG), auf Mitwirkung bei der Feststellung des Sachverhalts (Art. 

12 ff. VwVG), sowie auf ernsthafte Prüfung der Vorbringen durch die Be-

hörde und deren Berücksichtigung bei der Entscheidfindung (Art. 32 

VwVG; vgl. u.a. BGE 135 II 286, E. 5.1; Urteil des Bundesverwaltungsge-

richts B-2050/2007 vom 24. Februar 2010, Swisscom, E. 6.1; ALFRED 

KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Ver-

waltungsrechtspflege des Bundes, Zürich/Basel/Genf 2013, S. 173 ff.; 

ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessieren vor 

dem Bundesverwaltungsgericht, Handbücher für die Anwaltspraxis, Band 

X, 2. Aufl., Basel 2013, Rn. 3.80 ff.; RENÉ RHINOW/HEINRICH KOLLER/CHRIS-

TINA KISS-PETER/DANIELA THURNHERR/DENISE BRÜHL-MOSER, Öffentliches 

Prozessrecht, 3. Aufl., Basel 2014, Rn. 309 ff.; THIERRY TANQUEREL, Ma-

nuel de droit administratif, Genève/Zurich/Bâle 2011, Rn. 1526 ff.; DANIELA 

THURNHERR, Verfahrensgrundrechte und Verwaltungshandeln, Die verfas-

sungsrechtlichen Mindestgarantien prozeduraler Gerechtigkeit unter den 

Bedingungen der Diversität administrativer Handlungsmodalitäten, Zü-

rich/St. Gallen 2013, Rn. 317 ff., 402 ff.). Um den Betroffenen eine Stel-

lungnahme vor Erlass der Verfügung zu ermöglichen, muss ihnen die Ver-

waltungsbehörde den voraussichtlichen Inhalt der Verfügung, zumindest 

ihre wesentlichen Elemente, bekannt geben (vgl. ULRICH HÄFELIN/GEORG 

MÜLLER/FELIX UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 6. Aufl., Zürich/St. 

Gallen 2010, Rn. 1681). Im Kartellverwaltungsverfahren wird der Anspruch 

auf rechtliches Gehör durch Art. 30 Abs. 2 KG insofern erweitert, als die 

B-8430/2010 

Seite 16 

Verfahrensbeteiligten schriftlich zum Antrag des Sekretariats Stellung neh-

men können, bevor die Wettbewerbskommission ihren Entscheid trifft (vgl. 

Urteil des Bundesgerichts 2A.492/2002 vom 17. Juni 2003, Elektra Basel-

land, E. 3.4). Wie das Bundesgericht festgestellt hat, beschränkt sich der 

Gehörsanspruch dabei auf rechtserhebliche Sachfragen (vgl. Urteil des 

Bundesgerichts 2A.492/2002 vom 17. Juni 2003, Elektra Baselland, E. 

3.2.3). 

3.1.4 Des Weiteren soll gewährleistet werden, dass ein Entscheid auf alle 

wesentlichen Elemente abgestützt und entsprechend nachvollziehbar be-

gründet wird (vgl. Entscheid der REKO/WEF FB/2004-4 vom 4. Mai 2006, 

20 Minuten, E. 4.1, veröffentlicht in: RPW 2006/2, S. 347 ff., bestätigt im 

Urteil des Bundesgerichts 2A.327/2006 vom 22. Februar 2007, 20 Minuten; 

RHINOW/KOLLER/KISS-PETER/THURNHERR/BRÜHL-MOSER, a.a.O., Rn. 343 

ff.; THURNHERR, a.a.O., Rn. 412 f.). Die Begründung eines Entscheids darf 

sich auf diejenigen Aspekte beschränken, welche die Behörde willkürfrei 

als wesentlich betrachtet. Sie muss aber darlegen, weshalb sie vorge-

brachte Parteistandpunkte für nicht erheblich, unrichtig oder allenfalls un-

zulässig hält (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts B-2612/2011 vom 

2. Juli 2013, E. 4.3.1; Entscheid der REKO/WEF FB/1999-7 vom 4. No-

vember 1999, Cablecom-Headends, E. 4.3, veröffentlicht in: RPW 1999/4, 

S. 618 ff.; MICHELE ALBERTINI, Der verfassungsmässige Anspruch auf 

rechtliches Gehör im Verwaltungsverfahren des modernen Staates, Bern 

2000, S. 369, 404). Je grösser der Spielraum ist, welcher der Behörde in-

folge Ermessens oder unbestimmter Rechtsbegriffe eingeräumt wird, und 

je stärker der Entscheid in die individuellen Rechte einer Partei eingreift, 

desto höhere Anforderungen sind an die Prüfungs- und Begründungsdichte 

zu stellen (vgl. BGE 112 Ia 107, E. 2b S. 110). 

3.1.5 Mit Schreiben vom 10. Mai 2010 reichte die Beschwerdeführerin ihre 

Stellungnahme zum ersten Verfügungsentwurf des Sekretariats vom 11. 

Februar 2010 ein. Zum überarbeiteten Verfügungsantrag des Sekretariats 

vom 14. Juli 2010 nahm die Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 24. 

August 2010 Stellung. Am 20. September 2010 wurde die Beschwerdefüh-

rerin von der Vorinstanz angehört. Mit Blick auch auf die von der Beschwer-

deführerin eingereichte Selbstanzeige (vgl. act. 62, act. 80 und act. 181) 

ist vorliegend folglich festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin hinrei-

chend Gelegenheit hatte, ihre Vorbringen vor der Vorinstanz geltend zu 

machen.  

B-8430/2010 

Seite 17 

3.1.6 Des Weiteren ist festzustellen, dass die Rügen der Beschwerdefüh-

rerin, die Vorinstanz habe ihre Vorbringen nicht berücksichtigt oder sich 

nicht objektiv und ernsthaft mit ihnen befasst, in der Hauptsache die 

rechtliche Würdigung der Sache durch die Vorinstanz beschlagen. Diese 

mag zu einem anderen als dem von der Beschwerdeführerin beantragten 

Ergebnis geführt haben. Die Rechtmässigkeit dieser abweichenden 

Rechtsauffassung stellt jedoch keine Frage des Gehörsanspruchs dar. 

Vielmehr geht es dabei um die im Folgenden zu behandelnden materiellen 

Fragen. 

3.1.7 Folglich ist die Rüge der Verletzung des rechtlichen Gehörs abzuwei-

sen.  

3.2 Rüge der Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes  

3.2.1 Angesichts des engen Bezugs der Rügen zum Inhalt der angefoch-

tenen Verfügung sind die Rügen der Beschwerdeführerin mit Bezug auf die 

Verletzung der Untersuchungsmaxime ebenfalls als materielle Fragestel-

lungen im Zusammenhang mit der Rechtmässigkeit der Verfügung zu prü-

fen (vgl. Entscheid der REKO/WEF FB/2004-4, a.a.O., E. 4.3, bestätigt im 

Urteil des Bundesgerichts 2A.327/2006, a.a.O., veröffentlicht in: RPW 

2007/2, S. 331 ff.). 

3.2.2 Dem Untersuchungsgrundsatz kommt überdies zentrale Bedeutung 

im Zusammenhang mit der Frage nach dem erfoderlichen Beweismass bei 

Vorliegen einer Selbstanzeige zu (vgl. unten E. 5).  

4. Persönlicher Anwendungsbereich  

4.1 Das Kartellgesetz bezweckt, volkswirtschaftlich oder sozial schädliche 

Auswirkungen von Kartellen und anderen Wettbewerbsbeschränkungen zu 

verhindern und damit den Wettbewerb im Interesse einer freiheitlichen 

marktwirtschaftlichen Ordnung zu fördern (Art. 1 KG).  

4.2 Das Kartellgesetz gilt für Unternehmen des privaten und des öffentli-

chen Rechts, die Kartell- oder andere Wettbewerbsabreden treffen, Markt-

macht ausüben oder sich an Unternehmenszusammenschlüssen beteili-

gen (Art. 2 Abs. 1 KG). Als Unternehmen gelten sämtliche Nachfrager oder 

Anbieter von Gütern und Dienstleistungen im Wirtschaftsprozess, unab-

hängig von ihrer Rechts- oder Organisationsform (Art. 2 Abs. 1bis KG). Es 

B-8430/2010 

Seite 18 

werden alle Formen unternehmerischer Tätigkeiten erfasst, soweit sich da-

raus eine Wettbewerbsbeschränkung ergeben kann (vgl. Urteil des Bun-

desverwaltungsgerichts B-420/2008 vom 1. Juni 2010, E.3). 

4.3 Die Beschwerdeführerin ist eine schweizerische Aktiengesellschaft und 

bildet zusammen mit der Eugen Koch AG und der KWB Beschläge AG die 

Koch-Gruppe. Folglich ist die Beschwerdeführerin als Unternehmen im kar-

tellrechtlichen Sinne gemäss Art. 2 Abs. 1bis KG zu qualifizieren.  

5. Das Beweisrecht im kartellrechtlichen Sanktionsverfahren  

5.1 Geltung des Untersuchungsgrundsatzes  

5.1.1 Mit Bezug auf die Beweisführung ist festzuhalten, dass ein Verstoss 

gegen das Kartellgesetz gemäss der auch im Kartellverfahren anwendba-

ren Untersuchungsmaxime grundsätzlich durch die Behörden zu untersu-

chen ist (Art. 39 f. KG i.V.m. Art. 12 VwVG; Entscheid der REKO/WEF 

FB/2005-4 vom 11. Juli 2006, Buchpreisbindung, E. 6.1, veröffentlicht in: 

RPW 2006/3, S. 548 ff.). Dies bedeutet, dass die Wettbewerbsbehörde für 

die Beschaffung der Entscheidungsgrundlagen verantwortlich ist, allen re-

levanten Tatsachen nachzugehen hat und dass sie sich nicht auf die Aus-

sagen, Informationen und Beweismittel von Verfahrensbeteiligten be-

schränken darf. Sie muss vielmehr aus eigener Initiative erforderliche 

Sachverhaltselemente aufklären. Dies gilt sowohl für den Nachweis von 

unzulässigen Wettbewerbsbeschränkungen als auch für Elemente, welche 

deren Rechtfertigung ermöglichen (Art. 5 Abs. 2 bis 4 KG). Sie hat die 

Pflicht, den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen richtig und 

vollständig abzuklären, wobei die Parteien gestützt auf Art. 13 VwVG eine 

Mitwirkungspflicht trifft. Als rechtserheblich gelten alle Tatsachen, welche 

den Ausgang der Entscheidung beeinflussen können (vgl. BGE 117 V 282, 

E. 4a; Entscheid der REKO/WEF FB/2004-1 vom 27. September 2005, Ti-

cketcorner, E. 5.1, veröffentlicht in: RPW 2005/4, S. 672 ff.).  

5.2 Freie Beweiswürdigung 

5.2.1 Die Bestandsaufnahme der rechtserheblichen Tatsachen ist in einem 

ersten Schritt auf deren Überzeugungskraft hin zu prüfen. Dabei gilt auch 

im Kartellverwaltungsverfahren der Grundsatz der freien Beweiswürdigung 

(Art. 39 KG i.V.m. Art. 19 VwVG und Art. 40 Bundesgesetz über den Bun-

deszivilprozess, BZP; SR 273). Demnach zieht der Richter aus dem Be-

weisergebnis nach freier Überzeugung die Schlüsse darüber, was er als 

bewiesen erachtet.  

B-8430/2010 

Seite 19 

5.2.2 Frei ist die Beweiswürdigung vor allem darin, dass sie nicht an be-

stimmte starre Beweisregeln gebunden ist, die dem Richter genau vor-

schreiben würden, wie ein gültiger Beweis zustande kommt. Für das Be-

schwerdeverfahren bedeutet dies, dass der Richter alle Beweismittel un-

abhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu 

entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurtei-

lung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten (vgl. BGE 125 V 351, E. 3a). 

Der Beweis ist erbracht, wenn der Richter gestützt auf die Beweiswürdi-

gung zur Überzeugung gelangt, dass sich der rechtserhebliche Sachum-

stand verwirklicht hat (vgl. Entscheid der REKO/WEF FB/2005-4 vom 11. 

Juli 2006, Buchpreisbindung, E. 6.2, veröffentlicht in: RPW 2006/3, S. 548 

ff.). 

5.3 Beweismass des Vollbeweises  

5.3.1 In einem zweiten Schritt ist zu entscheiden, ob die gewürdigten Tat-

sachen den erforderlichen Grad des Beweismasses und damit der Über-

zeugung erreichen.   

5.3.2 Sowohl im ordentlichen Verwaltungsverfahrensrecht und als auch im 

Kartellrecht gilt grundsätzlich das Beweismass des Vollbeweises, mithin 

der Gewissheit (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts B-506/2010 

vom 19. Dezember 2013, Gaba, E. 5). Dabei stellt sich jedoch die Frage, 

ob auch bei Vorliegen einer Selbstanzeige im kartellrechtlichen Sanktions-

verfahren die gleichen Anforderungen an das Beweismass zu stellen sind.  

5.3.3 Nach dem Regelbeweismass des Vollbeweises ist für den Nachweis 

erforderlich, dass der Richter nach objektiven Gesichtspunkten von der 

Verwirklichung der Tatsache überzeugt ist (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜH-

LER, a.a.O., Rn. 3.141; RHINOW/KOLLER/KISS-PETER/THURNHERR/BRÜHL-

MOSER, a.a.O., Rn. 999). Die Verwirklichung der Tatsache braucht indes-

sen nicht mit Sicherheit festzustehen, sondern es genügt, wenn allfällige 

Zweifel unerheblich erscheinen (vgl. BGE 130 III 321, E. 3.2; MAX BER-

GER/ROMAN NOGLER, Beweisrecht  die Last mit dem Beweis(en), recht 

2012, S. 171; STEFAN BILGER, Das Verwaltungsverfahren zur Untersu-

chung von Wettbewerbsbeschränkungen, Diss., Fribourg 2002, S. 305; 

FRITZ GYGI, Bundesverwaltungsrechtspflege, 2. Aufl., Bern 1983, S. 279).  

5.3.4 Vom Regelbeweismass des Vollbeweises zu unterscheiden sind die 

Beweismasse einerseits der Glaubhaftmachung und andererseits der ho-

hen bzw. überwiegenden Wahrscheinlichkeit: Das Glaubhaftmachen stellt 

B-8430/2010 

Seite 20 

das tiefste Beweismass dar, welches mehr ist als ein Behaupten, aber we-

niger als der strikte Beweis. Ein Glaubhaftmachen erfordert somit lediglich 

– aber immerhin – eine begründete, plausible Behauptung, die mindestens 

punktuell durch Beweismittel erhärtet ist (vgl. ROGER GRONER, Beweis-

recht, Bern 2011, S. 195 f.). Dieses tiefe Beweismass stellt eine Ausnahme 

dar und ist auch für das ordentliche Verfahren im Kartellrecht irrelevant. 

Das Beweismass der hohen Wahrscheinlichkeit bzw.  in der Terminologie 

des Bundesgerichts und eines Teils der Lehre  der überwiegenden Wahr-

scheinlichkeit ist demgegenüber höher als bei der Glaubhaftmachung und 

gilt dann als erbracht, wenn für die Richtigkeit der Sachbehauptung nach 

objektiven Gesichtspunkten derart wichtige Gründe sprechen, dass andere 

denkbare Möglichkeiten vernünftigerweise nicht massgeblich in Betracht 

fallen (vgl. BERGER/NOGLER, a.a.O., S. 171). Auch das Beweismass der 

hohen bzw. überwiegenden Wahrscheinlichkeit stellt zwar eine Ausnahme 

zum sog. Regelbeweismass dar, ergibt sich aber einerseits aus gesetzli-

chen Bestimmungen selbst und andererseits in gewissen durch die Recht-

sprechung gebildeten Fällen, wo kein strikter Beweis möglich erscheint. 

Den Ausnahmen liegt die Überlegung zu Grunde, dass die Rechtsdurch-

setzung nicht an Beweisschwierigkeiten scheitern darf, die typischerweise 

bei bestimmten Sachverhalten auftreten (vgl. GRONER, a.a.O., S. 184). 

5.3.5 Bei der Bestimmung des erforderlichen Beweismasses im schweize-

rischen Kartellrecht gilt es insbesondere danach zu unterscheiden, ob die 

beweisrechtlichen Anforderungen bereits vor Einführung der direkten 

Sanktionen galten oder erst danach statuiert wurden.  

5.3.6 Vor Einführung der direkten Sanktionen wurde hinsichtlich des kar-

tellrechtlichen Verwaltungsverfahrens von der REKO/WEF festgehalten, 

dass der Beweis erbracht sei, wenn der Richter gestützt auf die Beweis-

würdigung zur Überzeugung gelangt ist, dass sich der rechtserhebliche 

Sachverhalt verwirklicht habe. Es brauche dabei nicht absolute Gewissheit 

und unter Umständen genüge der Beweisgrad der überwiegenden Wahr-

scheinlichkeit (vgl. Entscheid der REKO/WEF FB/2002-1 vom 22. Dezem-

ber 2004, Betosan, E. 8, veröffentlicht in: RPW 2005/1, S. 183 ff.). Dies 

erscheine im wettbewerbsrechtlichen Zusammenhang als besonders an-

gezeigt, zumal ökonomische Erkenntnisse immer mit einer gewissen Unsi-

cherheit behaftet seien (vgl. Entscheid der REKO/WEF FB/2005-4 vom 11. 

Juli 2006, Buchpreisbindung, E. 6.2, veröffentlicht in: RPW 2006/3, S. 548 

ff.). Das Bundesgericht hielt im Entscheid „Buchpreisbindung“ fest, der 

bundesrechtliche Regelbeweis gelte als erbracht, wenn das Gericht nach 

objektiven Gesichtspunkten von der Richtigkeit einer Sachbehauptung 

B-8430/2010 

Seite 21 

überzeugt sei, wobei angesichts der Komplexität kartellrechtlicher Sach-

verhalte keine übertriebenen Ansprüche an das Beweismass gestellt wer-

den dürften (Urteil des Bundesgerichts 2A.430/2006, RPW 2007/1, S. 129 

ff., E. 10.4; ähnlich BVGE 2009/35, E. 7.4; vgl. PAUL RICHLI, Kartellverwal-

tungsverfahren, in: SIWR V/2, S. 454; HANS-UELI VOGT, Auf dem Weg zu 

einem Kartellverwaltungsverfahrensrecht, AJP 1999, S. 844). Im Schrifttum 

wird das Beweismass der überwiegenden bzw. hohen Wahrscheinlichkeit 

einerseits befürwortet (vgl. BILGER, a.a.O., S. 306), wobei aber der Vollbe-

weis dann für einschlägig gehalten wird, wenn die kartellrechtliche Rechts-

folge besonders schwer ist (vgl. MARC AMSTUTZ/STEFAN KELLER/MANI 

REINERT, „Si unus cum una…“, Vom Beweismass im Kartellrecht, in: BR 

2005, S. 119); andererseits wird der strikte Beweis als Regelbeweis im kar-

tellrechtlichen Verwaltungsverfahren gefordert (vgl. RAPHAEL BRÜTSCH, Pa-

rallelverhalten im Oligopol als Problem des schweizerischen Wettbewerbs-

rechts, Diss., Bern 2003, S. 150 f.; LUCAS DAVID/RETO JACOBS, Schweize-

risches Wettbewerbsrecht, 5. Aufl., Bern 2012, Rn. 826; LUCAS DAVID/MAR-

KUS FRICK/OLIVER KUNZ/MATTHIAS STUDER/DANIEL ZIMMERLI, Der Rechts-

schutz im Immaterialgüter- und Wettbewerbsrecht, in: SIWR I/2, 3. Aufl., S. 

465 ff.; DANIEL ZIMMERLI, Zur Dogmatik des Sanktionssystems und der „Bo-

nusregelung“ im Kartellrecht, Bern 2007, S. 617).  

5.3.7 Die REKO/WEF liess die Frage offen, ob bei sanktionsbedrohten Tat-

beständen die Anforderungen an das Beweismass erhöht seien (vgl. Ent-

scheid der REKO/WEF FB/2005-4 vom 11. Juli 2006, Buchpreisbindung, 

E. 6.2, a.a.O.). Grundsätzlich gelte auch im Kartellrecht das Beweismass 

des Vollbeweises, mithin der Gewissheit. Gemäss Rechtsprechung des 

Bundesverwaltungsgerichts erfährt dieser Grundsatz indes bei komplexen 

wirtschaftlichen Sachverhalten eine Relativierung und Einschränkung, 

weshalb im Zusammenhang mit wirtschaftlich komplexen Fragen im wett-

bewerbsrechtlichen Kontext keine überspannten Anforderungen an das 

Beweismass zu stellen sind. Die Komplexität wirtschaftlicher Sachverhalte, 

insbesondere die vielfache und verschlungene Interdependenz wirtschaft-

lich relevanten Verhaltens, schliesst eine strikte Beweisführung vielmehr 

regelmässig aus (vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgerichts B-506/2010 

vom 19. Dezember 2013, Gaba, E. 5; BVGE 2012/8, Swisscom/COLT, E. 

13.2; BVGE 2009/35, Swisscom Bitstrom, E. 7.4). Der besonderen Kom-

plexität wirtschaftlicher Sachverhalte wird dort, wo sie zu bejahen ist, an-

gemessen Rechnung getragen (vgl. BVGE 2012/8, Swisscom/COLT, E. 

13.2). 

B-8430/2010 

Seite 22 

5.3.8 Auch das Bundesgericht hält i.S. Publigroupe im Zusammenhang mit 

der Beurteilung der Marktverhältnisse fest, es handle sich hierbei um eine 

komplexe Analyse, der zwangsläufig gewisse ökonomische Annahmen zu 

Grunde liegen würden. Die Anforderungen an den Nachweis solcher öko-

nomischen Zusammenhänge dürften mit Blick auf die Zielsetzung des Kar-

tellgesetzes, volkswirtschaftlich oder sozial schädliche Auswirkungen von 

Kartellen und anderen Wettbewerbsbeschränkungen zu verhindern und 

damit den Wettbewerb im Interesse einer freiheitlichen marktwirtschaftli-

chen Ordnung gemäss Art. 96 BV und Art. 1 KG zu fördern, nicht übertrie-

ben werden (BGE 139 I 72, Publigroupe, E. 8.3.2, u.a. mit Verweis auf DA-

VID/FRICK/KUNZ/STUDER/ZIMMERLI, a.a.O., S. 470 f., welche die Auffassung 

vertreten, dass die Vorinstanz aufgrund der Anwendbarkeit von Art. 6 

EMRK in Sanktionsverfahren „ohnehin den Vollbeweis“ führen müsse, so-

wie auf AMSTUTZ/KELLER/REINERT, a.a.O., S. 119, die sich ebenfalls dafür 

aussprechen, dass in kartellrechtlichen Sanktionsverfahren in aller Regel 

nur der Vollbeweis genügen könne. Für den strikten Beweis vgl. auch BEAT 

ZIRLICK/CHRISTOPH TAGMANN, in: BSK Kartellgesetz, Art. 30 Rn. 102). In 

diesem Sinne erscheine eine strikte Beweisführung bei diesen Zusammen-

hängen kaum möglich. Eine gewisse Logik der wirtschaftlichen Analyse 

und Wahrscheinlichkeit der Richtigkeit müssten aber überzeugend und 

nachvollziehbar erscheinen (BGE 139 I 72, a.a.O.; vgl. BILGER, a.a.O., S. 

305). 

5.3.9 Die Vorinstanz äussert sich in ihrer Verfügung vom 18. Oktober 2010 

nicht zum Beweismass.  

5.4 Beweismass bei Vorliegen einer Selbstanzeige  

5.4.1 Für das vorliegende Verfahren von massgebender Bedeutung ist die 

Frage, ob die Vorinstanz den Sachverhalt weitgehend der eingereichten 

Selbstanzeige von Roto entnommen hat, ohne diese genügend zu verifi-

zieren, und ob sie ihre darauf gestützten Ausführungen ohne weitere er-

gänzende Abklärungen auf alle Verfahrensparteien ausgedehnt hat.  

5.4.2 Entsprechend ist vorliegend die Frage zu klären, ob beim Vorliegen 

einer Selbstanzeige in einem kartellrechtlichen Sanktionsverfahren die An-

forderungen an das Beweismass sowohl der Vorinstanz als auch des Bun-

desverwaltungsgerichts grundsätzlich aus sog. prozessökonomischen 

Gründen herabgesetzt werden dürfen, oder ob der Untersuchungsgrund-

satz auch im Falle einer Selbstanzeige in vollem Umfang gilt.  

B-8430/2010 

Seite 23 

5.4.3 Bei einer Selbstanzeige stellt sich überdies die Frage nach dem Be-

weiswert von Aussagen, (i) die sich einerseits gegen das anzeigende Un-

ternehmen selbst und andererseits (ii) gegen Dritte richten. Der Fokus 

nachfolgender Ausführungen richtet sich primär auf die Geltung des Unter-

suchungsgrundsatzes hinsichtlich der durch die Selbstanzeige belasteten 

Dritt-Unternehmen, da dies für das vorliegende Verfahren von zentraler Be-

deutung ist. Entsprechend gilt es zu klären, welchen Beweiswert Selbstan-

zeigen im Zusammenhang mit Dritten, die die belastenden Aussagen der 

Selbstanzeige bestreiten, zukommen. 

5.4.4 Da eine Beantwortung der gestellten Fragen sich nicht unmittelbar 

aus dem schweizerischen Kartellrecht ergibt und es an einer entsprechen-

den Behörden- und Gerichtspraxis bislang noch fehlt, liegt eine kurze Dar-

stellung der Praxis der EU-Kommission und der Rechtsprechung der Uni-

onsgerichte zur sog. EU-Leniency-Regelung nahe. Denn die Selbstanzei-

gepraxis im EU-Wettbewerbsverfahren ist für das schweizerische Kartell-

verfahren von grosser Bedeutung, dienten doch die sog. Kronzeugenrege-

lung und ihre Praxis in der EU als Vorbild für die Einführung einer Selbst-

anzeigenregelung im schweizerischen Kartellrecht (vgl. Botschaft des Bun-

desrates über die Änderung des Kartellgesetzes vom 7. November 2001, 

BBl 2002 2022, 2038 f.). Entsprechend wird auch in den Erläuterungen zur 

Sanktionsverordnung im 3. Abschnitt über den vollständigen Erlass bei 

Sanktionen, in denen die Voraussetzungen eines Sanktionserlasses oder 

einer Sanktionsreduktion in Fällen von Selbstanzeigen näher umschrieben 

werden, ausdrücklich auf die EU-Leniency Regelung hingewiesen. 

5.4.5 Im EU-Wettbewerbsverfahren haben Selbstanzeigen eine grosse Be-

deutung und werden nach dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung ge-

prüft. Für die Glaubwürdigkeit von Belastungen Dritter wird u.a. das Inte-

resse des Selbstanzeigers an einer solchen Aussage gewürdigt.  

a) Praxis der EU-Kommission und Rechtsprechung der EU-Gerichte 

5.4.6 Für eine Sanktionsreduzierung muss das Unternehmen zunächst In-

formationen und Beweismittel vorlegen, welche die EU-Kommission in die 

Lage versetzen, gegen eine mutmassliche Zuwiderhandlung gegen Art. 

101 AEUV zu ermitteln. Auch nachträgliche Geständnisse von Unterneh-

men sind als Beweismittel zulässig. Hierbei muss allerdings beachtet wer-

den, dass weitere unterstützende Beweismittel erforderlich sind, wenn, um 

die Zuwiderhandlung nachzuweisen, andere Kartellanten der Aussage des 

B-8430/2010 

Seite 24 

ersten Unternehmens widersprechen (vgl. EuG, Enso-Gutzeit/Kommis-

sion, T-337/94, EU:T:1998:98, Rn. 91; EuG, Tokai Carbon/Kommission, T-

236/01, EU:T:2004:118, Rn. 219; GERHARD DANNECKER/JÖRG BIERMANN, 

in: Ulrich Immenga/Ernst-Joachim Mestmäcker (Hrsg.), Wettbewerbsrecht, 

Kommentar zum Europäischen Kartellrecht, Bnd. 1 EU/Teil 2, 5. Aufl., Mün-

chen 2012, Art. 23 VO 1/2003, Rn. 253; MICHAEL TSCHUDIN, Die verhan-

delte Strafe, einvernehmliche Regelung neben kartellrechtlicher Sanktion, 

AJP 2013, S. 1020). 

5.4.7 Bei Selbstanzeigen von Kartellanten ist zu beachten, dass die EU-

Kommission selbst bei einem Verzicht auf die Verhängung einer Geldbusse 

ein vollständiges Verwaltungsverfahren gegen das betroffene Unterneh-

men durchführt und die Entscheidung auch veröffentlicht. Dabei wird in den 

Entscheidungsgründen dargelegt, wie hoch die eigentlich zu verhängende 

Geldbusse gewesen wäre. Dies ist zum einen für die Beurteilung der Ein-

haltung des Gleichbehandlungsprinzips hinsichtlich der sonstigen von der 

Entscheidung betroffenen Unternehmen bedeutsam. Zum anderen können 

diese Angaben relevant werden, wenn sich im gerichtlichen Verfahren her-

ausstellen sollte, dass die Voraussetzungen für die Anwendung der Kron-

zeugenmitteilung nicht vorgelegen haben. Des Weiteren ist die fiktive Geld-

busse auch für die Haftungsquote im Hinblick auf allfällige nachfolgende 

privatrechtliche Ansprüche von Bedeutung.  

5.4.8 In der Rechtsprechung der EU-Gerichte gab es in den letzten Jahren 

einige Urteile, in denen die Frage des Beweiswerts von Mitteilungen im 

Rahmen von Kronzeugenanträgen von den Verfahrensbeteiligten aufge-

bracht wurde. In keinem Urteil der EU-Gerichte ist bislang jedoch die Frage 

gestellt worden, ob aus prozessökonomischen Gründen im Falle eines 

Kronzeugenantrags die Anforderungen an das Beweismass durch die EU-

Kommission reduziert sein könnte. Im Gegenteil wurde von den Beschwer-

deführern jeweils vorgebracht, dass der Beweiswert einer Kronzeugenin-

formation gering sei, da ein Anreiz bestehe, Beweise mit einem erheblichen 

Mehrwert zu liefern, um eine möglichst hohe Herabsetzung der Geldbusse 

zu erreichen. Es sei deshalb die Gefahr einer überschiessenden Tendenz 

zur Belastung anderer Unternehmen in Betracht zu ziehen. 

5.4.9 In der jüngsten Rechtsprechung der EU-Gerichte wurde die Frage 

des Beweiswerts des Kronzeugenantrags letztlich offen gelassen, entwe-

der mit der Begründung, dass ohnehin genügend andere Beweismittel vor-

liegen würden und es daher auf den Kronzeugenantrag nicht ankomme 

(vgl. EuG, AC-Treuhand AG/Kommission, T-99/04, EU:T:2008:256), oder 

B-8430/2010 

Seite 25 

dass es sich um ein Rechtsmittelverfahren handle, bei welchem keine Be-

weiswürdigung mehr erfolge (vgl. EuGH, Kaimer u.a./Kommission, C-

264/11 P, EU:C:2012:498). Gleichwohl wurden in den Urteilen wichtige 

Aussagen zum Beweiswert und damit im Ergebnis auch zum Beweismass 

von Kronzeugenanträgen gemacht. In keinem der Fälle wurde aber das 

Beweismass herabgesetzt oder die volle Geltung des Untersuchungs-

grundsatzes in Frage gestellt. 

5.4.10 Die Gefahr falscher oder überzogener Angaben im Rahmen von 

Kronzeugenanträgen – einerseits, um eine möglichst umfassende Koope-

rationsbereitschaft zu zeigen, d.h. um eine möglichst hohe Bussgeldreduk-

tion zu erwirken, und andererseits, um die anderen Kartellteilnehmer, die 

in aller Regel Mit-Wettbewerber sind, zu schädigen – wird auch von der 

EU-Kommission gesehen. Sie versucht dieser Gefahr durch den Entzug 

von Vergünstigungen entgegenzusteuern. Daraus folgt, dass die EU-Kom-

mission nicht die Frage stellt, ob im Falle von Kronzeugenanträgen das 

Beweismass herabzusetzen sei und dieses daher weniger strengen Anfor-

derungen an die Beweisführung unterliege. Das Gegenteil ist vielmehr der 

Fall: Die Kommission sieht durchaus die Gefahr verfälschter Beweise und 

Aussagen im Rahmen von Kronzeugenanträgen. In Fällen aber, in denen 

ein Unternehmen nicht allzu viele Informationen liefern kann und daher ein 

Kronzeugenantrag von vornherein ausscheidet, kann es ohnehin nicht zu 

einer Vergünstigung kommen.  

5.4.11 Aus der Gesamtsicht der Praxis der EU-Kommission sowie der 

Rechtsprechung der EU-Gerichte ergibt sich deshalb das folgende Bild: 

Die EU-Kommission selbst hat Zweifel am Beweiswert von Kronzeugenan-

trägen im Zusammenhang mit Dritten, die durch die Aussagen eines Kron-

zeugen belastet werden.  

5.4.12 Die Gefahr falscher Angaben wird in der EU somit erkannt, weshalb 

sich die Überlegungen einer Reduzierung des Beweismasses sowie einer 

Einschränkung des Untersuchungsgrundsatzes im Falle von Kronzeugen-

anträgen erübrigen. In den Dokumenten der EU-Kommission und den Ur-

teilen der EU-Gerichte werden ebenfalls keine prozessökonomischen 

Überlegungen aufgeführt, die den Beweismassstab oder den Untersu-

chungsgrundsatz antasten oder gar einschränken würden. 

5.4.13 Aus der Sicht der Kronzeugenpraxis im EU-Wettbewerbsrecht, wel-

che auch Vorbild für die Selbstanzeigenregelung im schweizerischen Kar-

B-8430/2010 

Seite 26 

tellrecht war, ist deshalb die Frage, ob bei einem Vorliegen einer Selbstan-

zeige in einem kartellrechtlichen Sanktionsverfahren die Anforderungen an 

das Beweismass im Hinblick auf belastete Dritte herabgesetzt werden dür-

fen, zu verneinen. Der Untersuchungsgrundsatz gilt im EU-Wettbewerbs-

recht mithin in vollem Umfang auch bei Selbstanzeigen.   

b) Selbstanzeigepraxis in Deutschland  

5.4.14 Rechtsvergleichend sei an dieser Stelle auch kurz auf die Selbstan-

zeigepraxis in Deutschland hingewiesen, da das deutsche Kartellrecht die 

Kronzeugenpraxis entsprechend der Praxis im EU-Wettbewerbsverfahren 

übernommen hat (vgl. CLAUDIA SEITZ, in: Gerald Mäsch (Hrsg.), Praxiskom-

mentar zum deutschen und europäischen Kartellrecht, Münster 2010, § 81 

GWB, Rn. 43). Die EU-Praxis war somit auch Vorbild für die Kronzeugen-

regelung in Deutschland, wodurch sich Parallelen zur Selbstanzeigenpra-

xis in der Schweiz ergeben. 

5.4.15 In der Entscheidungspraxis des Bundeskartellamts (BKartA) und 

der Urteilspraxis der Gerichte in Deutschland sind keine Fälle ersichtlich, 

in denen die Frage thematisiert wurde, ob Kronzeugenanträge allenfalls 

Auswirkungen auf das Beweismass oder die Beweisanforderungen an das 

Bundeskartellamt haben können. Entsprechend wurde bislang auch nicht 

diskutiert, ob prozessökonomische Gründe für eine Reduzierung des Be-

weismasses sprechen könnten. Das Bundeskartellamt ist sich im Gegenteil 

bewusst, dass im Rahmen von Kronzeugenanträgen erlangte Beweise mit 

"Vorsicht zu würdigen" seien. Die gerichtliche Überprüfung der Entschei-

dungen des Bundeskartellamtes durch den Kartellsenat des OLG Düssel-

dorf erfolgt ohnehin vollumfänglich, was bedeutet, dass eine umfassende 

Beweiswürdigung vorgenommen wird, die sich insbesondere auch auf 

Kronzeugenanträge erstreckt. 

5.4.16 Im Hinblick auf den Beweiswert der Aussagen, die im Rahmen von 

Anträgen auf Bussgelderlass oder auf eine Reduktion von Geldbussen vor-

genommen werden, stehen diese unter dem Vorbehalt genereller Beden-

ken (vgl. GERHARD DANNECKER/JÖRG BIERMANN, in: Ulrich Immenga/Ernst-

Joachim Mestmäcker (Hrsg.), Wettbewerbsrecht, Kommentar zum Deut-

schen Kartellrecht, 4. Aufl., München 2007, § 81 Rn. 426). Das Bundeskar-

tellamt hat dies schon seit längerem gesehen und daher bereits in seiner 

Bekanntmachung von 2000 angeführt, dass die Aussage eines Kartellmit-

glieds, das als Folge seiner Zusammenarbeit eine erhebliche Reduktion 

erwartet, „mit Vorsicht zu würdigen“ sei und „grundsätzlich von anderen 

B-8430/2010 

Seite 27 

Beweisen“ gestützt werden“ müsse, bevor sie als Grundlage für den Nach-

weis eines Kartells und die Gewichtung der Tatbeiträge der Mitglieder die-

nen könne (vgl. Richtlinien des Bundeskartellamtes für die Festsetzung 

von Geldbussen vom 17. April 2000 [Bekanntmachung Nr. 68/2000], zitiert 

in: DANNECKER/BIERMANN, a.a.O., § 81 Rn. 426). Daneben sollen auch die 

Aussagen der anderen Kartellteilnehmer im Hinblick auf das kooperierende 

Unternehmen stets vorsichtig gewürdigt werden (vgl. DANNECKER/BIER-

MANN, a.a.O., § 81 Rn. 426).  

5.4.17 Es kann deshalb abschliessend festgehalten werden, dass gemäss 

der Rechtslage und der Entscheidungspraxis des Bundeskartellamts sowie 

der Urteilspraxis des OLG Düsseldorf im Rahmen eines Kronzeugenan-

trags die gleichen Anforderungen an das Beweismass gelten, wie in ande-

ren Kartellrechtsverfahren auch, bei denen das Bundeskartellamt ohne 

Hinweise durch einen Kronzeugenantrag ein Kartell aufdeckt. Der Unter-

suchungsgrundsatz wird mithin in Fällen von Kronzeugenanträgen nicht 

herabgesetzt, sondern gilt in vollem Umfang. 

c) Grundsätzliche Anforderungen an das Beweismass in Wettbewerbsver-

fahren 

5.4.18 Im Zusammenhang mit den Anforderungen an das Beweismass bei 

einer Selbstanzeige im schweizerischen Kartellrecht ist zunächst  über 

den rechtsvergleichenden Blick auf das EU-Recht hinaus  auf die grund-

sätzlichen Anforderungen an das Beweismass in Wettbewerbsfällen hinzu-

weisen. 

5.4.19 Aus dem Grundrecht auf rechtliches Gehör folgt, dass die Parteien 

eines Wettbewerbsverfahrens ein Recht darauf haben, dass die Behörde 

sämtliche entscheidrelevanten Äusserungen, Stellungnahmen und Be-

weisanträge entgegennimmt, prüft, würdigt und bei der Entscheidfindung 

berücksichtigt (vgl. STEFAN BILGER, Das Verwaltungsverfahren zur Unter-

suchung von Wettbewerbsbeschränkungen, Freiburg 2002, S. 304). Das 

Ergebnis der behördlichen Prüfung muss sich sodann in der Begründung 

des Entscheids niederschlagen.  

5.4.20 Eng mit der Beweiswürdigung und der Begründungsdichte einer 

Verfügung verbunden ist zudem die Frage, welche Anforderungen im Un-

tersuchungsverfahren an das Beweismass zu stellen sind. Im ordentlichen 

Verwaltungsverfahrensrecht und damit grundsätzlich auch im Kartellrecht 

gilt das Erfordernis des Vollbeweises. Dies bedeutet, dass die Behörde 

B-8430/2010 

Seite 28 

eine Tatsache grundsätzlich erst dann als bewiesen annehmen darf, wenn 

sie von deren Vorhandensein in dem Masse überzeugt ist, dass das Ge-

genteil als unwahrscheinlich erscheint (vgl. BILGER, a.a.O., S. 305). Kann 

aber selbst im Strafrecht ein solcher Vollbeweis gestützt auf den Nachweis 

einer geschlossenen und in sich schlüssigen Indizienkette erbracht wer-

den, so muss dies umso mehr im Kartellrecht möglich sein, wo den Kar-

tellsanktionen lediglich – aber immerhin – strafrechtsähnlicher Charakter 

zukommt (vgl. BGE 139 I 72, Publigroupe, E. 2.2.2; BVGE 2011/32, 

Swisscom, E. 4.2; Urteile des Bundesverwaltungsgerichts B-506/2010 vom 

19. Dezember 2013, Gaba, E. 6.1.3, und B-2977/2007 vom 27. April 2010, 

Publigroupe, E. 8.1.3). 

d) Differenzierung von Information und Beweismitteln bei Vorliegen  

einer Selbstanzeige  

5.4.21 Gemäss Art. 8 SVKG, der den vollständigen Erlass der Sanktion re-

gelt, ist ein solcher Sanktionserlass für ein Unternehmen dann möglich, 

wenn es als Erstes der Wettbewerbsbehörde Informationen liefert (Bst. a) 

oder Beweismittel vorlegt (Bst. b), die es der Behörde ermöglichen, ein kar-

tellrechtliches Verfahren nach Art. 27 KG zu eröffnen (Bst. a ) oder einen 

Wettbewerbsverstoss nach Art. 5 Abs. 3 oder 4 festzustellen (Bst. b). 

5.4.22 Insofern ist begrifflich zwischen Informationen und Beweismitteln zu 

unterscheiden: Eine Information kann – muss aber nicht – ein Beweismittel 

sein; demgegenüber enthalten Beweismittel regelmässig Informationen 

(vgl. FRANZ HOFFET/KLAUS NEFF, Ausgewählte Fragen zum revidierten Kar-

tellgesetz und zur KG-Sanktionsverordnung, Anwaltsrevue 2004, S. 129 

ff.). Es gilt demnach zunächst festzustellen, ob es sich beim Inhalt einer 

Selbstanzeige um Informationen oder um Beweise handelt. Beweise stel-

len somit – analytisch betrachtet – eine Teilmenge der Informationen dar. 

Handelt es sich ausschliesslich um blosse Informationen, so liegen keine 

Beweismittel vor. Die Frage von allfälligen Auswirkungen auf das Beweis-

mass bis hin zur Frage einer Beweismassreduzierung aus prozessökono-

mischen Gründen stellt sich in diesem Fall nicht.  

5.4.23 Geht es tatsächlich um das Vorhandensein von Beweisen, so ist im 

Hinblick auf die Beweiswürdigung festzuhalten, dass das Erfordernis des 

Vollbeweises verlangt wird und eine hinreichende Wahrscheinlichkeit  nicht 

genügen kann. Dieses Erfordernis gilt es insbesondere dann zu beachten, 

wenn die im Rahmen einer Selbstanzeige vorgelegten Beweise von den 

anderen Kartell- und Verfahrensbeteiligten bestritten werden. 

B-8430/2010 

Seite 29 

e) Ökonomische Funktion der Kronzeugenregelung 

5.4.24 Des Weiteren können die aufgeworfenen Fragen der Anforderungen 

an das Beweismass und eine allfällige Einschränkung des Untersuchungs-

grundsatzes in Fällen von Selbstanzeigen auch vor dem Hintergrund der 

ökonomischen Funktion der Kronzeugenregelung betrachtet werden. Ge-

rade auch aus ökonomischer Sicht lassen sich Fragen an den Beweiswert 

von Informationen und Aussagen im Zusammenhang mit Kronzeugenan-

trägen stellen. Das Fundament der Kronzeugenregelung aus ökonomi-

scher Sicht liegt in der Instabilität von Kartellabsprachen begründet. Auch 

wenn die Kartellanten eine kartellrechtswidrige Absprache treffen, so kön-

nen sie vor dem Hintergrund der Bonusregelung nicht sicher sein, dass ein 

Kartellmitglied aus dem Kartell ausbricht, das Kartell aufdeckt und von der 

Bonusregelung profitiert. Die Kartellmitglieder können dadurch nicht mehr 

sicher sein, dass ihre illegale Absprache unentdeckt bleibt, denn die Stabi-

lität von Kartellvereinbarungen wird durch das Kronzeugenprogramm wirk-

sam geschwächt und in vielen Fällen kommen unzulässige Absprachen 

erst gar nicht zustande (vgl. BKartA, Erfolgreiche Kartellverfolgung, Nut-

zung für Wirtschaft und Verbraucher, S. 11).  

5.4.25 Die Kronzeugenregelung setzt hier an und bringt die Kartellanten in 

die Situation des sog. prisoner´s dilemma (vgl. CLAUDIA SEITZ, Anmerkung 

zum Urteil des EuGH in „Pfleiderer AG/Bundeskartellamt“, EuZW 2011, S. 

599 ff.; CENTO G. VELJANOVSKI, Economic Principles of Law, 2007, S. 262). 

Dies funktioniert aus ökonomischer Sicht nur aufgrund des Umstands, 

dass alle Beteiligten nach wie vor Wettbewerber und an dem für sie besten 

Ergebnis interessiert sind. Dies führt zu dem Ergebnis, dass jeder Beteiligte 

an einer möglichst hohen Reduktion für sich selbst interessiert ist, bei einer 

gleichzeitigen Schädigung der anderen Beteiligten, wenn dies das eigene 

Ergebnis verbessert.  

f) Schlussfolgerung  

Aufgrund obiger Ausführungen kann Folgendes festgehalten werden:  

5.4.26 Für eine Einschränkung des Beweismasses in Fällen von Selbstan-

zeigen aus prozessökonomischen Gründen finden sich weder im EU-Wett-

bewerbsrecht noch im deutschen Kartellrecht Anhaltspunkte, und zwar we-

der in der Praxis der Behörden noch in der Rechtsprechung der Gerichte. 

B-8430/2010 

Seite 30 

Im Übrigen sprechen auch sog. prozesstaktische Gründe aus ökonomi-

scher Sicht gegen eine prozessökonomische Reduzierung des Beweis-

masses bei Vorliegen von Selbstanzeigen. 

5.4.27 Mehrere Gesichtspunkte sprechen überdies gegen eine Einschrän-

kung des Beweismasses bei Vorliegen einer Selbstanzeige: So kann sich 

erstens bei einer Einschränkung des Beweismasses aus prozessökonomi-

schen Gründen die weitere Frage stellen, wann ein solcher Fall der Pro-

zessökonomie im Einzelfall gegeben sein soll, bei dem das Beweismass 

eingeschränkt werden könnte, und wann nicht. Dies kann vor dem Hinter-

grund der Tatsache, dass nicht jede Information mit einem Beweis gleich-

zusetzen ist und damit nicht jede Selbstanzeige automatisch zu einer Ein-

schränkung des Beweismasses führen kann, zusätzliche Fragen und Prob-

leme aufwerfen. 

5.4.28 Zweitens spricht insbesondere die Unschuldsvermutung gegen eine 

Einschränkung des Beweismasses bei Vorliegen einer Selbstanzeige. Auf-

grund der strafrechtsähnlichen Natur der Sanktion gemäss Art. 49a KG fin-

den die Garantien der EMRK im Bussgeldverfahren des Kartellrechts An-

wendung (vgl. BGE 139 I 72, E. 2.2 ff., mit weiteren Hinweisen; BVGE 

2011/32, Swisscom, E. 4.2; Urteile des Bundesverwaltungsgerichts B-

506/2010 vom 19. Dezember 2013, Gaba, E. 6.1.3, und B-2977/2007 vom 

27. April 2010, Publigroupe, E. 8.1.3). Art. 6 Abs. 2 EMRK statuiert die Un-

schuldsvermutung und besagt, dass jede Person, die einer Straftat ange-

klagt ist, bis zum gesetzlichen Beweis ihrer Schuld als unschuldig gilt (vgl. 

CHRISTOPH GRABENWARTER, in: Christoph Grabenwarter/Katharina Pabel 

(Hrsg.), Europäische Menschenrechtskonvention, 5. Aufl., München 2012, 

§ 24 Rn. 124 ff.).  

5.4.29 Aus der Unschuldsvermutung folgen jedenfalls die grundlegenden 

sowie unverzichtbaren beweis- und grundrechtlichen Anforderungen an die 

Tatsachenermittlung und die Beweislastverteilung. Die Behörde trifft dabei 

die volle Beweislast für das Vorliegen eines Kartellrechtsverstosses. Dies 

kann durch Selbstanzeigen mit unklarem Beweiswert nicht eingeschränkt 

werden. Kann die Behörde im Voruntersuchungsverfahren bereits alle Be-

weise erheben, so soll dies auf dieser Ebene vorgenommen werden, da 

eine Beweiserhebung auf den nachfolgenden Verfahrensstufen oftmals nur 

schwer möglich ist. Eine Einschränkung des Beweismasses aus prozess-

ökonomischen Gründen würde mithin die Unschuldsvermutung verletzen. 

B-8430/2010 

Seite 31 

5.4.30 Drittens ist darauf hinzuweisen, dass sich bei einer allfälligen Ein-

schränkung des Beweismasses und des Untersuchungsgrundsatzes aus 

prozessökonomischen Gründen bei den Wettbewerbsverfahren der Vo-

rinstanz in Fällen von Selbstanzeigen nicht nur eine Einschränkung des 

Beweismasses auf Seiten der Vorinstanz ergeben kann, sondern vielmehr 

auch bei sämtlichen nachfolgenden Rechtsschutzverfahren vor den Ge-

richten. Die Beweismassreduktion im Voruntersuchungsverfahren schlägt 

somit auf sämtliche Entscheidungen und Urteile durch. Dies wirft die Frage 

der tatsächlichen Ausübung der vollen Kognition auf. 

5.4.31 Sodann ist als vierter Gesichtspunkt, der gegen eine Einschränkung 

des Beweismasses spricht, darauf hinzuweisen, dass die Kronzeugenpra-

xis im EU-Wettbewerbsrecht und im deutschen Kartellverfahrensrecht 

zeigt, dass das Verfahren für jeden Kartellbeteiligten mit einer Entschei-

dung abgeschlossen wird, und dies unabhängig vom Umstand, ob ein 

Kronzeugenantrag gestellt wurde oder nicht. Eine Entscheidung erscheint 

aus mehrfacher Sicht erforderlich: Zunächst verlangt das formelle Verfah-

rensrecht, dass ein Verfahren mit einer Entscheidung abzuschliessen ist. 

Zudem bilden Entscheidungen – auch bei Kronzeugenanträgen – die 

Grundlage für den nachfolgenden Rechtsschutz. Schliesslich bilden diese 

Entscheidungen auch die Grundlage für die private Durchsetzung des Kar-

tellrechts mittels privater Schadenersatzklagen. 

5.4.32 In den Entscheidungen gegenüber den kartellbeteiligten Unterneh-

men werden jeweils deren Tatbeitrag festgestellt und die Sanktion festge-

setzt, die gegen das jeweilige Unternehmen verhängt wird. Dies geschieht 

auch im Hinblick auf Unternehmen, die einen Kronzeugenantrag gestellt 

haben und von einer vollständigen Sanktionsbefreiung profitieren können. 

In diesem Fall wird zwar trotzdem ein Bussgeld in einer Entscheidung fest-

gesetzt, doch wird dieses im Falle eines erfolgreichen Kronzeugenantrags 

dem betreffenden Unternehmen gegenüber erlassen. 

5.4.33 Die Feststellung des jeweiligen Tatbeitrags und die darauf gestützte 

Sanktionsfestsetzung bedingen jedoch eine volle Beweiswürdigung ohne 

Einschränkung des Beweismasses. Würde in Fällen der Selbstanzeige bei 

der Belastung von Dritten aus prozessökonomischen Gründen eine Ein-

schränkung des Beweismasses und des Untersuchungsgrundsatzes erfol-

gen, könnten weder der Tatbeitrag festgestellt werden noch eine Sankti-

onsfestsetzung erfolgen. 

B-8430/2010 

Seite 32 

5.4.34 Es bleibt folglich die Feststellung, dass die Beschuldigungen eines 

Selbstanzeigers für sich allein nicht als massgebender oder gar als hinrei-

chender Beweis für einen Wettbewerbsverstoss genügen, wenn die belas-

teten Dritt-Unternehmen die Beschuldigungen bestreiten; die Behauptun-

gen des Selbstanzeigers sind vielmehr stets durch weitere Beweismittel zu 

ergänzen und zu untermauern.  

5.4.35 Aufgrund dieser Erwägungen ist vorliegend festzuhalten, dass auch 

im schweizerischen Kartellrecht bei Vorliegen einer Selbstanzeige die An-

forderungen an das Beweismass im Zusammenhang mit belasteten Dritten 

weder von der Vorinstanz noch vom Bundesverwaltungsgericht aus pro-

zessökonomischen Gründen herabgesetzt werden dürfen, weshalb dem 

Untersuchungsrundsatz auch im Falle einer Selbstanzeige in vollem Um-

fang Geltung und Nachachtung zu verschaffen ist. Folglich ist die Vo-

rinstanz verpflichtet, den Sachverhalt für jede einzelne Verfahrenspartei 

separat zu erstellen und abzuklären. Entsprechend muss die Vorinstanz 

den Kartellrechtsverstoss jeder Verfahrenspartei einzeln zur Last legen, mit 

anderen Worten hat sie sowohl die jeweilige Beteiligung an der Absprache 

als auch deren Auswirkungen auf den Wettbewerb, d.h. auf dessen Besei-

tigung oder erhebliche Beeinträchtigung, individuell nachzuweisen.  

6. Vorliegen einer Wettbewerbsabrede  

6.1 Ausgangslage 

6.1.1 Als Wettbewerbsabreden im Sinne von Art. 4 Abs. 1 KG gelten recht-

lich erzwingbare oder nicht erzwingbare Vereinbarungen sowie aufeinan-

der abgestimmte Verhaltensweisen von Unternehmen gleicher oder ver-

schiedener Marktstufen, die eine Wettbewerbsbeschränkung bezwecken 

oder bewirken.  

6.1.2 Kernpunkt jeder Wettbewerbsabrede ist der Verzicht oder die Ein-

schränkung der wirtschaftlichen Entscheidungsautonomie der Marktteil-

nehmer. Mittels einer solchen Abrede verzichten Unternehmen auf ihre aus 

dem Grundrecht der Wirtschaftsfreiheit (Art. 27 BV) resultierende unter-

nehmerische Handlungsfreiheit (vgl. MARC AMSTUTZ/BLAISE CARRON/MANI 

REINERT, in: Vincent Martenet/Christian Bovet/Pierre Tercier [Hrsg.], Com-

mentaire Romand, Droit de la concurrence, Basel 2013, Art. 4 Abs. 1 Rn. 

11 ff., 71 ff.; THOMAS NYDEGGER/WERNER NADIG, in: Marc Amstutz/Mani 

Reinert (Hrsg.), Basler Kommentar zum Kartellgesetz, Basel 2010, Art. 4 

Abs. 1 Rn. 51 ff.). 

B-8430/2010 

Seite 33 

6.1.3 Von einem solchen Verzicht erfasst wird jedes erdenkbare Marktver-

halten, mit welchem sich zwei oder mehrere Unternehmen auf dem Markt 

gegenüberstehen, sei es als Konkurrenten auf horizontaler oder als Anbie-

ter und Nachfrager auf vertikaler Ebene (vgl. AMSTUTZ/CARRON/REINERT, 

a.a.O., Art. 4 Abs. 1 Rn. 102 ff.). Von Bedeutung ist, dass der Verzicht und 

somit die Wettbewerbsabrede auf einem Konsens beruhen, d.h. auf einem 

bewussten und gewollten Zusammenwirken von zwei oder mehreren be-

teiligten Unternehmen (vgl. NYDEGGER/NADIG, a.a.O., Art. 4 Abs. 1 Rn. 52 

ff.). 

6.1.4 Aufgrund der im Recht liegenden Beweismittel und Stellungnahmen 

der Untersuchungsadressaten erachtet es die Vorinstanz für beweismässig 

erstellt, dass die Beschwerdeführerin sich zusammen mit Siegenia, Roto, 

SFS und Winkhaus am Treffen vom 22. September 2006 in Wallisellen über 

Preiserhöhungen ausgetauscht und dabei insbesondere die Höhe und das 

Datum der Umsetzung untereinander koordiniert haben. Gestützt darauf 

geht die Vorinstanz in tatsächlicher Hinsicht von einer beweismässig er-

stellten einmaligen Absprache zwischen der Beschwerdeführerin, Roto, 

Siegenia, SFS und Winkhaus mit Bezug auf die Preiserhöhungen im Jahre 

2006/2007 aus. 

6.1.5 In rechtlicher Hinsicht qualifiziert die Vorinstanz diese Absprache als 

Abrede über die direkte oder indirekte Festsetzung von Preisen gemäss 

Art. 5 Abs. 3 Bst. a KG. Diese Form der Abrede setzt voraus, dass sie zwi-

schen Unternehmen getroffen wird, die tatsächlich oder der Möglichkeit 

nach miteinander im Wettbewerb stehen. Es bedarf somit einer horizonta-

len Wettbewerbsabrede. Das Gericht stellt fest, dass die Verfügung der Vo-

rinstanz sich trotz offensichtlich vorhandener Anhaltspunkte im Sachverhalt 

für das Vorliegen einer vertikalen Wettbewerbsbeschränkung in Form einer 

Preisvorgabe bzw. einer Preisbindung der zweiten Hand gleichwohl aus-

schliesslich auf eine horizontale Preisabsprache bezieht; auf vertikale 

Wettbewerbsbeschränkungen wird nicht eingegangen. Überdies ist die 

Durchsetzung des horizontalen Kartells der Hersteller auf EU-Ebene in der 

Schweiz nicht näher untersucht worden, obwohl hierfür aufgrund des Wett-

bewerbsverfahrens der EU-Kommission mehrere Anhaltspunkte bestan-

den haben, die eine nähere Untersuchung und Einbeziehung in die Ana-

lyse der Wettbewerbsbeschränkungen nahe gelegt hätten.  

6.1.6 Gemäss Art. 5 Abs. 1 KG sind Abreden, die den Wettbewerb auf ei-

nem Markt für bestimmte Waren oder Leistungen erheblich beeinträchtigen 

B-8430/2010 

Seite 34 

und sich nicht durch Gründe der wirtschaftlichen Effizienz rechtfertigen las-

sen, sowie Abreden, die zur Beseitigung wirksamen Wettbewerbs führen, 

unzulässig. 

6.1.7 Die Beseitigung wirksamen Wettbewerbs wird gemäss Art. 5 Abs. 3 

Bst. a KG bei Abreden über die direkte oder indirekte Festsetzung von Prei-

sen vermutet, sofern sie zwischen Unternehmen getroffen werden, die tat-

sächlich oder der Möglichkeit nach miteinander im Wettbewerb stehen. 

Kann diese Vermutung durch den Nachweis von Restwettbewerb auf dem 

fraglichen Markt umgestossen werden, bleibt zu prüfen, ob die fragliche 

Abrede den Wettbewerb erheblich beeinträchtigt (vgl. AM-

STUTZ/CARRON/REINERT, a.a.O., Art. 5 Rn. 371 ff., 395 ff.; PATRICK L. 

KRAUSKOPF/OLIVIER SCHALLER, in: Marc Amstutz/Mani Reinert (Hrsg.), 

Basler Kommentar zum Kartellgesetz, Basel 2010, Art. 5 Rn. 9).  

6.1.8 Die Vermutungsbasis von Art. 5 Abs. 3 Bst. a KG ist erfüllt, wenn eine 

Preisabrede zwischen Konkurrenten vorliegt. Vorausgesetzt ist eine hori-

zontale Abrede zwischen Unternehmen, die tatsächlich oder der Möglich-

keit nach miteinander im Wettbewerb stehen (vgl. AM-

STUTZ/CARRON/REINERT, a.a.O., Art. 5 Rn. 380 ff.; KRAUSKOPF/SCHALLER, 

a.a.O., Art. 5 Rn. 364 ff.). 

6.2 Horizontale Wettbewerbsabrede 

6.2.1 Für die Untersuchung einer horizontalen Preisabsprache stellt sich 

somit die Frage, ob sowohl die Beschwerdeführerin als auch SFS als wirt-

schaftlich selbständige Zwischenhändlerinnen einerseits und die vertikal 

integrierten Tochtergesellschaften andererseits auf derselben Marktstufe 

tätig sind, d.h. ob sie als Konkurrenten zu qualifizieren sind.  

Nachfolgend wird daher als Erstes geprüft, ob die Vorinstanz der Struktur 

des untersuchten Markts hinreichend Rechnung getragen hat. 

a) Vorbringen der Vorinstanz 

6.2.2 Die Vorinstanz vertritt die Ansicht, die Untersuchungsadressaten hät-

ten sich als Vertriebsgesellschaften und grosse Zwischenhändler in einem 

insgesamt horizontalen Verhältnis als Konkurrenten gegenüber gestanden. 

Auch wenn die Untersuchungsadressaten sich teilweise gegenseitig belie-

fern würden, was auf einen zusätzlichen vertikalen Aspekt der Beziehun-

gen hindeute, sei das Verhältnis doch insgesamt als ein horizontales zu 

qualifizieren. 

B-8430/2010 

Seite 35 

6.2.3 Einzig entscheidend sei, dass Roto, Siegenia, GU und Winkhaus 

keine Produkte in der Schweiz herstellten, sondern diese lediglich vertrei-

ben würden und damit genau dasselbe täten wie die Beschwerdeführerin 

und SFS. Roto und Siegenia hätten ausgesagt, dass die Vertriebsgesell-

schaften in der Schweiz eigentlich eine Händlerfunktion ausüben würden 

(vgl. act. 355, S. 6, 15, 37). Mehrere der Untersuchungsadressaten seien 

zudem der Ansicht, dass alle am Treffen vom 22. September 2006 anwe-

senden Unternehmen ähnliche Interessen gehabt hätten (vgl. act. 355, S. 

6, 8, 11; Verfügung Rz. 105, 188). Die Vertriebssysteme der ausländischen 

Hersteller differenzierten einzig danach, ob sie über eine eigene Vertriebs-

gesellschaft oder eine grosse Zwischenhändlerin organisiert seien. Zwar 

treffe es zu, dass die Beschwerdeführerin zu Siegenia und SFS zu Maco 

über ein besonderes, enges Verhältnis verfügten, das über eine gewöhnli-

che Lieferbeziehung hinausgehe. Dass sich die Beschwerdeführerin und 

SFS jedoch auch mit Roto und Winkhaus bzw. Roto, Winkhaus und Siege-

nia ausgetauscht hätten, spreche aber dafür, dass ihr Verhältnis zu den 

übrigen Untersuchungsadressaten gesamthaft betrachtet als ein horizon-

tales zu qualifizieren sei.  

6.2.4 Zwar möge grundsätzlich zutreffend sein, dass die Preiserhöhung ge-

gen den Willen der Beschwerdeführerin erfolgt und sie gezwungen gewe-

sen sei, die Preiserhöhung weiterzugeben. Dies ändere jedoch nichts da-

ran, dass die Beschwerdeführerin und SFS sich am Treffen vom 22. Sep-

tember 2006 über Preiserhöhungen ausgetauscht hätten. Massgeblich sei 

einzig, dass die Beschwerdeführerin die Preiserhöhungen, wie am Treffen 

vereinbart, ihren Kunden gegenüber kommuniziert und umgesetzt habe. 

Ob ihre Teilnahme eine stabilisierende Wirkung gehabt habe oder nicht, 

könne letztlich dahingestellt bleiben, denn ungeachtet der Beweggründe 

und Auswirkungen des am Treffen Vereinbarten auf die Beschwerdeführe-

rin sei nicht einzusehen, weshalb sie gezwungen gewesen sein sollte, am 

Treffen teilzunehmen und sich insbesondere mit Roto auszutauschen. An-

gesichts der Abwesenheiten von GU und Maco deute die Teilnahme der 

Beschwerdeführerin am Treffen eher darauf hin, dass sie sich aktiv am 

Austausch habe beteiligen wollen.  

6.2.5 Des Weiteren habe die Beschwerdeführerin der Vorinstanz anlässlich 

ihrer Protokollerklärung mitgeteilt, dass es sich bei den Produkten der Mar-

ken Roto, GU, Winkhaus und Maco um Konkurrenzprodukte handle (vgl. 

act. 62, S. 4, dritter Themenkomplex). In der Präsentation, welche die Be-

schwerdeführerin eingereicht habe, heisse es: „Roto Frank, Gretsch 

Unitas, Maco, Winkhaus vertreiben ihre Produkte selbst. Sie verkaufen 

B-8430/2010 

Seite 36 

gleichzeitig an Verarbeiter und Händler. Damit konkurrenzieren sie die 

Koch-Gruppe“ (act. 80, Folie 14). Fakt sei, dass keines der Unternehmen 

Roto, Siegenia, Winkhaus, GU und Maco in der Schweiz  Fenster- und 

Fenstertürbeschläge hergestellt habe bzw. herstelle. In der Schweiz seien 

die Tochtergesellschaften der deutschen Herstellerunternehmen als reine 

Vertriebsgesellschaften tätig, d.h. die Haupttätigkeit bestehe darin, Baube-

schläge in der Schweiz an verschiedene Abnehmer zu verkaufen. Irrele-

vant sei die Behauptung der Beschwerdeführerin, dass die „Herstellerver-

tretungen in der Schweiz“ ihr gegenüber als Hersteller auftreten würden. 

Denn aus kartellrechtlicher Sicht sei nicht entscheidend, wie ein Abrede-

partner einem anderen gegenüber auftrete, sondern ob er im (relevanten) 

Markt als Nachfrager oder Anbieter von Baubeschlägen auftrete.  

6.2.6 Wenn die am Treffen vom 22. September 2006 anwesenden Unter-

suchungsadressaten nicht auf derselben Marktstufe tätig wären, wäre un-

erklärlich, weshalb die Beschwerdeführerin an einem Treffen zwischen 

mutmasslichen Herstellern (Roto, Siegenia und Winkhaus) teilnehmen 

würde, an welchem die Ankündigung und Umsetzung der von den auslän-

dischen Herstellerunternehmen beschlossenen Preiserhöhungen gemein-

sam besprochen bzw. koordiniert werden sollten. Ihre aktive Teilnahme am 

Treffen zeige, dass sie – als eines die gleiche Tätigkeit wie Roto, Siegenia 

und Winkhaus ausübendes Unternehmen – die Möglichkeit gehabt habe, 

die Ergebnisse des Treffens zu beeinflussen. Denn Fakt sei auch, dass die 

kleineren Zwischenhändler von Baubeschlägen, wie beispielsweise die 

Rudolf Geiser AG und die Immer AG  gemäss Beschwerdeführerin ihre 

Konkurrenten , nicht am Treffen teilgenommen hätten und dazu gar nicht 

erst eingeladen worden seien. Würden die Beschwerdeführerin und SFS 

den Tochtergesellschaften Roto, Siegenia und Winkhaus nicht als gleich-

berechtigte Partner einander gegenüberstehen und diese beiden Gross-

händler zu den anderen Untersuchungsadressaten (Roto, Siegenia und 

Winkhaus) ausschliesslich in einem vertikalen Lieferverhältnis stehen, be-

stünde ein Verhandlungsungleichgewicht, so dass die Beschwerdeführerin 

und SFS von vornherein weder Mitsprache noch Einflussmöglichkeiten ge-

habt hätten. Dies treffe aber gerade nicht zu: Für Roto, Siegenia und Wink-

haus sei die Teilnahme der Beschwerdeführerin und SFS am Treffen offen-

sichtlich erforderlich gewesen. 

b) Vorbringen der Beschwerdeführerin  

6.2.7 Die Beschwerdeführerin macht demgegenüber sowohl in formeller 

als auch in materieller Hinsicht geltend, die Vorinstanz habe ihre Marktstufe 

B-8430/2010 

Seite 37 

unrichtig untersucht und gewürdigt, indem sie sie fälschlicherweise auf die 

gleiche Marktstufe wie die ausländischen Hersteller und deren schweizeri-

sche Vertriebsgesellschaften gestellt habe. Die Vorinstanz habe sich mit 

ihren diesbezüglichen rechtserheblichen Vorbringen nur mangelhaft ausei-

nandergesetzt. Ihre auf eine fremde Selbstanzeige gestützten Ausführun-

gen habe sie undifferenziert auf alle Verfahrensparteien ausgedehnt und 

davon abgesehen, die konkrete Marktsituation und Interessenlage der Be-

troffenen separat zu ermitteln.  

6.2.8 An der vermeintlichen horizontalen Abrede habe sie sich nicht betei-

ligen können, da sie sich nicht auf der gleichen Marktstufe wie die Herstel-

ler und ihre Vertriebsgesellschaften befinde. Sie sei eine reine Händlerin. 

Als solche unterhalte sie vertikale Geschäftsbeziehungen mit diversen Her-

stellervertretungen in der Schweiz. Diese würden ihr gegenüber als Her-

steller von Fensterbeschlägen auftreten, weshalb sie sich auf einer ande-

ren Marktstufe als die ausländischen Hersteller und deren schweizerische 

Vertriebsgesellschaften befinde.  

6.2.9 Im Gegensatz zu den Vertriebsgesellschaften der ausländischen 

Hersteller sei sie von den Herstellern wirtschaftlich unabhängig. Sie führe 

ein Sortiment von über 40'000 Artikeln verschiedenster Hersteller. Demge-

genüber würden die Vertriebsgesellschaften der ausländischen Hersteller 

ausschliesslich die hauseigenen Produkte vertreiben und ausschliesslich 

die Interessen der Muttergesellschaft verfolgen. Während die Hersteller 

(unter Einschluss ihrer Vertriebsgesellschaften) von Preiserhöhungen pro-

fitierten, bedeuteten diese für die Händler in der Regel Margenverluste und 

im besten Fall ein "Nullsummenspiel". Profitieren könne ein Händler von 

Preiserhöhungen nicht. Soweit die Beschwerdeführerin von den Herstel-

lern und deren Ländervertretungen Waren beziehe, werde sie von diesen 

über anstehende Preiserhöhungen informiert (vgl. act. 265 Rz. 42 letzter 

Punkt). Händler seien auf solche einseitige Ankündigungen angewiesen, 

damit sie die notwendigen Systemanpassungen fristgerecht vornehmen 

könnten. Ein derartiger vertikaler Informationsfluss von Herstellern zu 

Händlern gehöre zum täglichen Geschäft und sei kartellrechtlich nicht zu 

beanstanden. Insbesondere in Zusammenhang mit dem MTZ verfolge sie 

somit andere Interessen als die Hersteller.  

6.2.10 Selbst wenn die Vertriebsgesellschaften der ausländischen Herstel-

ler zum Teil Produkte an Fensterverarbeiter lieferten, könnten diese nicht 

als reine Händler betrachtet werden, da sie Produkte ausschliesslich von 

B-8430/2010 

Seite 38 

ihren Muttergesellschaften bezögen. Die Geschäftsstrategie der Vertriebs-

gesellschaften werde von ihren Muttergesellschaften bestimmt und in der 

Schweiz würden sie ihre Muttergesellschaften gegenüber den schweizeri-

schen Händlern vertreten. Unabhängig von der konzerninternen Funktion, 

welche diesen Vertriebsgesellschaften zukomme, träten diese gegenüber 

den reinen Händlern in der Schweiz als Hersteller auf. Deshalb müsse sie 

mit den schweizerischen Vertriebsgesellschaften über die von den auslän-

dischen Herstellern beschlossenen Erhöhungen verhandeln. Dasselbe 

müsse sie mit den anderen Vertriebsgesellschaften tun, wenn sie die Pro-

dukte ihrer Muttergesellschaften beziehen möchte. Die Vertriebspolitik sol-

cher Tochtergesellschaften werde von der jeweiligen Muttergesellschaft im 

Einklang mit der Konzernstrategie bestimmt. Es könne beispielsweise 

durchaus vorkommen, dass aufgrund konzerninterner Überlegungen 

knappe Margen oder sogar Verluste einzelner Tochtergesellschaften in 

Kauf genommen oder sogar beabsichtigt würden. Reine Händler hätten 

demgegenüber keine solchen konzerninternen Kompensationsmechanis-

men. Das Verhalten, das ihr vorgeworfen werde, beziehe sich auf eine 

Preiserhöhung mittels MTZ, welche von den Herstellern auf internationaler 

Ebene beschlossen und durch die jeweiligen Vertriebsgesellschaften auf 

den Schweizer Handel überwälzt worden sei.  

6.2.11 Ihr vehementer Widerstand gegen den MTZ sei Auslöser für das 

Treffen vom 22. September 2006 mit den schweizerischen Lieferanten ge-

wesen. Das einzige Ziel des Treffens sei es gewesen, das Diktat der aus-

ländischen Hersteller zu brechen, den MTZ auf ein tragbares Mass zu be-

schränken und damit die eigene Konkurrenzfähigkeit gegenüber dem eu-

ropäischen Ausland nicht weiter zu verschlechtern. Aufgrund ihrer Position 

gegenüber Siegenia vertrete sie auch die Interessen der anderen schwei-

zerischen Zwischenhändler, welche Siegenia-Fensterbeschläge vertrie-

ben, weshalb sie sich auch in deren Namen gegen Preiserhöhungen ge-

wehrt habe. 

6.2.12 Der Selbstanzeige könne entnommen werden, dass Siegenia und 

Roto sich bereits am 22. August 2006 telefonisch dahingehend verständigt 

hätten, die Preise in der Schweiz um 5 - 6% zu erhöhen (vgl. act. 2, Anlage 

20; act. 358, S. 15). Siegenia und Roto seien sich zudem einig gewesen, 

"dass sich zuerst die beiden Hersteller untereinander abstimmen sollten, 

bevor dann die Händler hinzugezogen werden sollten" (act. 2, Anlage 20). 

Basierend auf dieser Abstimmung zwischen Roto und Siegenia habe ihr 

Letztere erneut einen MTZ von 6% per 1. September 2006 angekündigt, 

wogegen sie sich ebenfalls gewehrt habe. Diese Umstände belegten, dass 

B-8430/2010 

Seite 39 

es sich beim untersuchten Sachverhalt erstens um eine Absprache unter 

den Herstellern handle. Zweitens sei dadurch erwiesen, dass die Koordi-

nation unter den Herstellern bereits vor dem Treffen vom 22. September 

2006 stattgefunden habe, also zu einem Zeitpunkt, in welchem sie selbst 

nicht involviert gewesen sei, woraus drittens resultiere, dass es an diesem 

Treffen nichts mehr abzustimmen gegeben habe und dass ihr Verhalten 

auf keinen Fall kausal für eine allfällige Abrede gewesen sei. 

6.2.13 Beweggrund für die Organisation des Treffens seien die negativen 

Erfahrungen der Vorjahre und die Tatsache gewesen, dass die ausländi-

schen Hersteller gegenüber den schweizerischen Abnehmern stets höhere 

MTZ hätten durchsetzen können als gegenüber den übrigen europäischen 

Konkurrenten. Denn entgegen den Ausführungen der Vorinstanz (vgl. Ver-

fügung Rz. 265) erzeuge der Import von Drehkippbeschlägen aus dem 

Ausland – wie auch von mehreren Händlern und Fensterverarbeitern be-

stätigt (vgl. z.B. act. 100, Antworten 10, 15, 17; act. 261, Rz. 47 ff.) – einen 

erheblichen Druck auf die einheimischen Händler. Die ausländischen Her-

steller gewährten den ausländischen Händlern bessere Einkaufskonditio-

nen als den schweizerischen (vgl. act. 2, Anlage 5), was Exporte deutscher 

Händler in die Schweiz sehr interessant mache. Dies werde durch die Ak-

tivitäten ausländischer Händler in der Schweiz bestätigt. Unternehmen, wie 

z.B. die "Ernst Straub Baubeschläge" in Konstanz (DE) oder die "ASAL 

GmbH" in Offenburg (DE), würden Kunden in der Schweiz beliefern (vgl. 

act. 108, Antwort 9; act. 144, Antwort 9) und regelmässig versuchen, Kun-

den von der Beschwerdeführerin abzuwerben. Um diese Kunden halten zu 

können, bleibe ihr nichts anderes übrig, als bei den Konditionen mit den 

ausländischen Anbietern gleichzuziehen. Und dies, obschon sie für die 

gleichen Produkte höhere Einstandspreise bezahle. Hierfür müsse sie teil-

weise massive Margenverluste in Kauf nehmen. Folglich sei sie auf tiefe 

Preise in der Schweiz angewiesen (vgl. act. 265, Rz. 8 und 119), weshalb 

sie sich stets vehement gegen Preiserhöhungen gewehrt habe (vgl. Verfü-

gung Rz. 42, 69, 98; act. 358, S. 37).  

6.2.14 Die Absicht, sich gegen die von den Herstellern angekündigten 

Preiserhöhungen zu wehren, gehe bereits aus dem Wortlaut der von der 

Vorinstanz zitierten E-Mail vom 7. September 2006 (vgl. act. 15, B-6) her-

vor: "Aufgrund der Preisentwicklung der Rohmaterialien Stahl, Zink und Alu 

sowie die gestiegenen Sozial- und Transportkosten werden alle Hersteller 

Preisaufschläge in der Schweiz ankündigen. Bezüglich der Umsetzung und 

Höhe sollten wir uns in der Schweiz abstimmen, um dem Internationalen 

Preisniveau näher zu kommen." Da das internationale Preisniveau tiefer 

B-8430/2010 

Seite 40 

als das schweizerische sei, ergebe sich deutlich die Absicht, im Rahmen 

dieses Treffens die diktierte Preiserhöhung einzuschränken. Die Abstim-

mung beziehe sich auf die gemeinsame Position gegenüber den ausländi-

schen Herstellern und nicht – wie von der Vorinstanz suggeriert – auf einen 

gemeinsam unter den Herstellern koordinierten MTZ. Es sei denn auch ge-

lungen, den von Siegenia Deutschland für sie ursprünglich vorgesehenen 

MTZ von 8 - 9% auf 5.7% zu senken. Zudem sei die Erhöhung per 1. Feb-

ruar 2007 statt per 1. September 2006 vorgenommen worden. Die defini-

tive Höhe der MTZ sei erst nach dem Treffen bilateral, zwischen Lieferant 

und Händler, im Falle der Beschwerdeführerin mit Siegenia, ausgehandelt 

worden. Entsprechend habe sie erst im November 2006 die offizielle Preis-

erhöhungsankündigung erhalten.  

6.2.15 An der vermeintlichen Abrede im Zusammenhang mit den Preiser-

höhungen 2006/2007 seien die ausländischen Hersteller, inklusive deren 

schweizerische Vertriebsgesellschaften, beteiligt gewesen. Die Erhöhun-

gen seien in der Schweiz durch die Vertriebsgesellschaften der ausländi-

schen Hersteller einseitig umgesetzt worden. 

c) Würdigung des Gerichts 

6.2.16 Horizontale Wettbewerbsabreden sind dadurch charakterisiert, 

dass zwei oder mehrere wirtschaftlich selbständige Unternehmen gleicher 

Marktstufe den Wettbewerb durch ein koordiniertes Verhalten beschränken 

(vgl. Botschaft des Bundesrates vom 23. November 1994 zu einem Bun-

desgesetz über Kartelle und andere Wettbewerbsbeschränkungen, BBl 

1995 468, 545 [Botschaft 1994]). Auf gleicher Marktstufe befinden sich Un-

ternehmen dann, wenn sie infolge der Austauschbarkeit ihrer Güter oder 

Dienstleistungen „tatsächlich oder der Möglichkeit nach miteinander im 

Wettbewerb stehen“. Nach dem Wortlaut von Art. 5 Abs. 3 KG spielt es 

dabei keine Rolle, ob die an der Abrede beteiligten Unternehmen sich tat-

sächlich konkurrenzieren (sog. aktueller Wettbewerb) oder ob die Unter-

nehmen nur der Möglichkeit nach (potentiell) in Konkurrenz zueinander 

stehen. Letzteres ist dann der Fall, wenn ein Unternehmen innerhalb einer 

kurzen Frist von zwei bis drei Jahren den Eintritt auf den von der Abrede 

betroffenen Markt vollziehen und damit den Wettbewerbsdruck auf die an 

der Abrede beteiligten Unternehmen erhöhen kann (sog. potentieller Wett-

bewerb; vgl. AMSTUTZ/CARRON/REINERT, a.a.O., Art. 5 Rn. 382; NYDEG-

GER/NADIG, a.a.O, Art. 4 Abs. 1 Rn. 129 ff.; ALAIN RAEMY/MONIQUE LUDER, 

Horizontale oder vertikale Abrede?  Schnittstellen und Abgrenzungskrite-

rien, Jusletter vom 17. Oktober 2005). 

B-8430/2010 

Seite 41 

6.2.17 Primär gilt es daher zu klären, ob es sich beim Verhältnis zwischen 

der Beschwerdeführerin und Siegenia um ein horizontales oder ein verti-

kales handelt. Aus diesem Grund sind denn auch die Vorbringen und Ver-

hältnisse von Siegenia in die Würdigung einzubeziehen, da es sich um 

denselben Sachverhalt handelt. 

aa) Verhältnis zu Siegenia 

6.2.18 Aufgrund der Akten ist als erstellt zu betrachten, dass der Vertrieb 

von Siegenia-Produkten in der Schweiz aufgrund des vollautomatisierten 

Lagers der Beschwer