# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 0d6ac5ca-bb3d-509d-ba16-dbe1f36fd7ff
**Source:** Zürich (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2008-05-27
**Language:** de
**Title:** Zürich Kassationsgericht 27.05.2008 AC070012
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/ZH_Obergericht/ZH_KSG_001_AC070012_2008-05-27.pdf

## Full Text

Kassationsgericht des Kantons Zürich

Kass.-Nr. AC070012/U/mum

Mitwirkende: die Kassationsrichter Herbert Heeb, Vizepräsident, Bernhard

Gehrig, Andreas Donatsch, Paul Baumgartner und Reinhard

Oertli sowie der juristische Sekretär Jürg-Christian Hürlimann

Zirkulationsbeschluss vom 27. Mai 2008

in Sachen

S.,
...,

Angeklagte und Beschwerdeführerin
amtlich vertreten durch Rechtsanwalt ...

gegen

1. Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich,
Anklägerin und Beschwerdegegnerin

2. C.,
...,

Geschädigter und Beschwerdegegner
1 vertreten durch Staatsanwalt ...

2 unentgeltlich vertreten durch Rechtsanwalt ...

betreffend

vorsätzliche schwere Körperverletzung, mehrfache Widerhandlung gegen
das ANAG

Nichtigkeitsbeschwerde gegen ein Urteil des Geschworenengerichts des
Kantons Zürich vom 23. November 2005 (WG050005/UEA)

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Das Gericht hat in Erwägung gezogen:

 I.

1. Die Anklage wirft der Angeklagten (Beschwerdeführerin) folgendes vor: Am 20.

November 2003, ca. 15.30 Uhr, sei der seit einigen Wochen getrennt von der An-

geklagten lebende Geschädigte (Beschwerdegegner 2) in der Wohnung der Be-

schwerdeführerin, aus der er rund drei Wochen zuvor ausgezogen sei, erschie-

nen, um Mobiliar, an welchem er Eigentumsansprüche geltend mache, abzuho-

len. Während der Geschädigte seine Möbel und Effekten aus der Wohnung ge-

räumt habe, sei es zu einem massiven, sowohl verbalen wie auch tätlichen Streit

gekommen, in dessen Verlauf die Angeklagte in der Küche ein grosses Messer

ergriffen, sich im Wohnzimmer vor den Geschädigten hingestellt und ihn mit

fuchtelnden Bewegungen bedroht habe. Der Geschädigte habe aber sofort die

Arme der Angeklagten ergriffen, und es sei erneut zu einer Rangelei gekommen,

wobei die Angeklagte nicht bereit gewesen sei, vom Geschädigten abzulassen

und das Messer fallen zu lassen. Im Verlauf des Gerangels habe die Angeklagte

dem Geschädigten bewusst und gewollt mit dem Messer eine mehrere Zentimeter

tiefe Stichwunde in Höhe des 10. Zwischenrippenraums links zugefügt. Dieser

Stich sei in die Brustkorbhöhle eingedrungen, ohne jedoch die Lunge oder das

Zwerchfell zu verletzen. Infolge der Verletzung sei Luft in die Brustkorbhöhle ge-

langt, was ohne ärztliche Hilfe zu einem lebensbedrohlichen Spannungspneumo-

thorax und als Folge zu einem Kreislaufstillstand hätte führen können. Bei dieser

Tathandlung habe die Angeklagte gewusst, dass sie dadurch beim Geschädigten

eine akute und besonders naheliegende Lebensgefahr herbeigeführt habe, und

sie habe den Geschädigten auch derart schwer verletzen wollen bzw. habe diese

Verletzungen zumindest in Kauf genommen. Eventualiter habe sie dem Geschä-

digten diese Stichverletzung zwar nicht absichtlich zugefügt, jedoch eine solche

lebensgefährliche Stichverletzung anlässlich der Rauferei mit dem Messer zumin-

dest in Kauf genommen und gebilligt, indem sie nicht bereit gewesen sei, beim

Gerangel das Messer loszulassen, obwohl ihr bewusst gewesen sei, dass sie da-

durch den Geschädigten lebensgefährlich verletzen könnte. In einem zweiten An-

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klagepunkt wird der Angeklagten vorgeworfen, wiederholt eine slowakische

Staatsangehörige als Kinderbetreuerin beschäftigt zu haben, obwohl diese nicht

über eine entsprechende Arbeitsbewilligung verfügt habe, was die Angeklagte

gewusst habe (GG act. 23).

Das Geschworenengericht erkannte die Angeklagte mit Urteil vom 23. November

2005 schuldig der versuchten schweren Körperverletzung und der Widerhandlung

gegen das Bundesgesetz über den Aufenthalt und die Niederlassung der Auslän-

der (ANAG). Es bestrafte die Angeklagte mit 18 Monaten Gefängnis, wovon 20

Tage durch Polizeiverhaft und Untersuchungshaft erstanden sind, und mit einer

Busse von Fr. 600.--. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wurde aufgeschoben und die

Probezeit auf drei Jahre angesetzt. Weiter wurde die Angeklagte verpflichtet, dem

Geschädigten Schadenersatz in Höhe von Fr. 650.-- sowie eine Genugtuung in

Höhe von Fr. 6'000.--, jeweils zuzüglich Zins seit dem 20. November 2003, zu be-

zahlen (GG act. 52 = KG act. 2). Die Ausfertigung des Urteils mit schriftlicher Be-

gründung wurde dem amtlichen Verteidiger der Angeklagten am 19. April 2007

zugestellt (Empfangsschein, GG act. 55/3).

2. Mit ihrer fristgerecht begründeten Nichtigkeitsbeschwerde beantragt die Ange-

klagte, es sei das genannte Urteil des Geschworenengerichts aufzuheben (KG

act. 1). Der Geschädigte beantragt, die Nichtigkeitsbeschwerde abzuweisen (KG

act. 10). Das Geschworenengericht verzichtet auf eine Vernehmlassung (KG act.

9). Seitens der Staatsanwaltschaft ging keine Beschwerdeantwort ein.

Gemäss Mitteilung der Beschwerdeführerin, erhob diese gegen das angefochtene

Urteil auch Beschwerde in Strafsachen beim Bundesgericht (vgl. KG act. 1 S. 2

Ziffer 1).

 II.

1. Gegenstand des vorliegenden Kassationsverfahrens ist das Geschehen am 20.

November 2003 zwischen der Beschwerdeführerin und dem Geschädigten, wel-

ches zur Verurteilung wegen versuchter schwerer Körperverletzung führte. Mit

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Bezug auf den Vorwurf der Widerhandlung gegen das ANAG bringt die Be-

schwerdeführerin keine Rügen vor.

2. Das Geschworenengericht setzt sich im angefochtenen Urteil eingehend mit

dem Anklagesachverhalt auseinander. Es gibt zunächst zusammenfassend den

Anklagevorwurf sowohl im Sinn des Hauptstandpunkts der Staatsanwaltschaft wie

auch des Eventualstandpunkts wieder (KG act. 2 S. 9 Erw. II/1.1.1). Weiter fasst

es die Stellungnahme der Beschwerdeführerin hierzu zusammen (S. 10 Erw.

II/1.3.1). Nach einigen allgemeinen und nicht fallspezifischen Erwägungen zur

Beweiswürdigung (S. 10 - 12 Erw. II/1.4) listet das Geschworenengericht diejeni-

gen Elemente des Anklagesachverhalts auf, welche von der Beschwerdeführerin

bestritten sind (S. 13 f. Erw. II/1.5). Sodann äussert sich das Geschworenenge-

richt zur Glaubwürdigkeit der Beschwerdeführerin und des Geschädigten (S. 14 -

16 Erw. II/2) und zur Beziehung zwischen diesen beiden (S. 16 - 22 Erw. II/3). Es

gibt die Aussagen der Beschwerdeführerin und des Geschädigten wieder und

würdigt diese (S. 22 - 28 Erw. II/4). Dasselbe tut das Geschworenengericht mit

Bezug auf die Aussagen von Zeugen und Sachverständigen (S. 28 - 30 Erw. II/5.1

- 5.5).

Das Geschworenengericht hält hierauf zusammenfassend fest, der Vorwurf der

Anklagebehörde, die Beschwerdeführerin habe die Verletzung des Geschädigten

mit einer bewusst und gewollt geführten Stichbewegung verursacht, lasse sich

nicht aufrechterhalten. Zu prüfen sei deshalb im Folgenden der von der Anklage

vertretene Eventualstandpunkt, wonach die Beschwerdeführerin anlässlich der

Rauferei mit dem Geschädigten eine lebensgefährliche Stichverletzung zumindest

in Kauf genommen habe, indem sie nicht bereit gewesen sei, das Messer loszu-

lassen (KG act. 2 S. 30 f. Erw. II/5.6). In der Folge befasst sich das Geschwore-

nengericht mit dem inneren Sachverhalt (S. 31 - 36 Erw. II/6) und schliesst mit der

Feststellung, nach dem Gesagten bestehe kein vernünftiger Zweifel, dass der Be-

schwerdeführerin die Gefährlichkeit ihres Tuns bewusst gewesen sei, und dass

sie dadurch, dass sie sich mit dem Tatmesser in der Hand eine Rangelei mit dem

Geschädigten geliefert habe, dessen Verletzung billigend in Kauf genommen ha-

be. Sie habe damit eventualvorsätzlich gehandelt (S. 36 Erw. II/6.11).

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3. Die Beschwerdeführerin bringt vor, die Eventualanklage beinhalte, im Gegen-

satz zur Hauptanklage, keine eigentliche eigenhändige Tathandlung der Be-

schwerdeführerin. Folge man der Eventualanklage im Wortlaut, so sei der mass-

gebliche relevante Vorwurf das "Nichtloslassen" des Messers im Gerangel (KG

act. 1 S. 3 Ziffer 5).

Die Beschwerdeführerin fährt fort, suche man im angefochtenen Urteil eine klare

Aussage über den äusseren Sachverhalt, werde man nicht fündig. Das Geschwo-

renengericht erkläre zwar, es sei der Vorwurf einer bewusst und gewollt geführten

Stichverletzung im Sinne der Hauptanklage nicht aufrecht zu erhalten, und es sei

zugunsten der Beschwerdeführerin nicht auf die Darstellung des Geschädigten

sondern auf diejenige der Beschwerdeführerin abzustellen. Im nächsten Satz sei

aber schon die Rede vom inneren Sachverhalt, vom Eventualstandpunkt und dem

Eventualvorsatz der Beschwerdeführerin. Das Geschworenengericht beschäftige

sich in der Folge mit dem inneren Sachverhalt, ohne dass der eigentliche äussere

Sachverhalt der Eventualanklage klar und eindeutig festgestellt worden sei. Die

Eventualanklage spreche nur davon, die Stichverletzung sei nicht absichtlich zu-

geführt worden. Was das konkret heisse, sei offen geblieben. Heisse dies, die

Verletzung sei dem Geschädigten unabsichtlich zugefügt worden, oder heisse

dies, die Verletzung sei dem Geschädigten gar nicht zugefügt worden, sondern er

habe sie sich selbst zugefügt, indem er in das Messer gelaufen sei? Die Anklage

sei hier unklar und ungenau, und das Geschworenengericht habe in seinen Erwä-

gungen die Angelegenheit nicht klarer gemacht. Das Geschworenengericht habe

zwar den äusseren Sachverhalt nicht bestimmt, sei aber gleichzeitig offenbar da-

von ausgegangen, die Stichverletzung sei durch die Beschwerdeführerin verur-

sacht worden. Das zeige sich recht klar an einer Erwägung des Geschworenen-

gerichts, wo ausgeführt werde, die Beschwerdeführerin hätte, falls sie den Ge-

schädigten wirklich hätte verletzen wollen, mehrmals zugestochen (KG act. 2 S.

33 unten). Damit sage das Geschworenengericht, die Beschwerdeführerin habe

zwar nicht mehrmals, aber doch einmal zugestochen. An einer weiteren Stelle sa-

ge das Geschworenengericht, der Stich der Beschwerdeführerin hätte zu lebens-

bedrohlichen Verletzungen führen können (S. 42 oben). Damit postuliere das Ge-

schworenengericht, die Beschwerdeführerin habe zugestochen. Diese Erwägun-

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gen zeigten verschiedenes auf: Das Geschworenengericht widerspreche seiner

eigenen rudimentären Sachverhaltserstellung, in der es ausführe, es müsse beim

äusseren Sachverhalt auf die Darstellung der Beschwerdeführerin abgestellt wer-

den. Die Beschwerdeführerin schildere den Vorfall aber gerade nicht so, dass sie

den Stich verursacht habe (vgl. KG act. 2 S. 23). Die zitierten Darstellungen des

Geschworenengerichts seien also widersprüchlich und damit willkürlich. Die Dar-

stellungen widersprächen aber auch der Anklage, die eindeutig nicht von einem

Verursachen des Stichs durch die Beschwerdeführerin spreche. Also liege eine

Verletzung des Anklageprinzips vor. Und schliesslich zeige das Geschworenen-

gericht damit, dass es wohl innerlich eben doch davon ausgehe, die Beschwer-

deführerin habe (absichtlich) zugestochen, was es als voreingenommen und be-

fangen erscheinen lasse und gegen Art. 30 Abs. 1 BV verstosse (KG act. 1 S. 3 f.

Ziffer 6). Indem das Geschworenengericht im Weiteren den massgeblichen äu-

sseren Sachverhalt nicht erstelle, verletze es den Anspruch der Beschwerdefüh-

rerin auf rechtliches Gehör in Form der Begründungspflicht (KG act. 1 S. 4 Ziffer

7).

Die Beschwerdeführerin hält dafür, die Erwägungen des Geschworenengerichts

zeigten auf, dass dieses die Beschwerdeführerin wegen eines anderen Verhal-

tens resp. eines anderen Vorgangs verurteile, als die Eventualanklage darstelle.

Wie erwähnt sehe die Anklage das massgebliche Verhalten im Nichtloslassen des

Messers. Das Geschworenengericht erwäge aber bei der Beurteilung des Even-

tualvorsatzes resp. des inneren Sachverhalts, dass die Beschwerdeführerin "da-

durch, dass sie sich mit dem Tatmesser in der Hand eine Rangelei mit dem Ge-

schädigten lieferte, dessen Verletzung billigend in Kauf nahm" (KG act. 2 S. 36).

Hier sei nicht mehr die Rede davon, dass das Messer nicht losgelassen worden

sei, sondern, dass die Beschwerdeführerin sich eine Rangelei geliefert habe.

Auch an weiteren Stellen werde der Beschwerdeführerin zum Vorwurf gemacht,

sie habe mit dem Geschädigten eine Rauferei bzw. "eine Rangelei geliefert". Hier

lägen äusserst massgebliche Unterschiede zwischen dem Vorwurf gemäss

Eventualstandpunkt der Anklage und dem Vorwurf, den das Geschworenenge-

richt der Beschwerdeführerin mache, vor. Das sich "eine Rangelei Liefern" sei ein

Tätigwerden, das Nichtloslassen ein Unterlassen. Es gehe also um zwei sehr ver-

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schiedene Vorgänge, und die Verurteilung widerspreche so klar dem Anklage-

prinzip (KG act. 1 S. 4 f. Ziffer 8).

Unter Ziffer 9 der Beschwerdeschrift macht die Beschwerdeführerin geltend, sie

habe zwar gemäss ihrer Version, auf welche gemäss Geschworenengericht zu ih-

ren Gunsten abzustellen sei, eine Waffe ins Spiel gebracht, damit aber nicht eine

konkrete Gefahr geschaffen. Die von ihr geschaffene Situation sei noch nicht ge-

fährlich gewesen: sie sei dem Geschädigten in einem Abstand gegenüber ge-

standen, habe ihn nicht attackiert und es habe keine Verletzungsgefahr bestan-

den. Es sei der Geschädigte gewesen, der - ohne sich in einer Notwehrsituation

zu befinden - und auch ohne sonstige Notwendigkeit gewissermassen in den "in-

fight" gegangen sei und so das Risiko geschaffen habe. Er sei es gewesen, der

sich in eine gefährliche Situation begeben habe, und er sei es gewesen, der an

den Armen und Händen der Beschwerdeführerin gerissen und gezogen habe und

so unkontrollierte Bewegungen verursacht habe. Wenn also hier jemand eine

Gefahr geschaffen und einen Erfolg in Kauf genommen habe, sei dies der Ge-

schädigte gewesen, der ein Gerangel verursacht habe. Die Beweiswürdigung und

die Erstellung des massgeblichen Sachverhalts durch das Geschworenengericht

sei also willkürlich und aktenwidrig zustande gekommen (KG act. 1 S. 5 - 7).

Nicht akzeptiert werden könne auch die Beurteilung des inneren Sachverhalts

durch das Geschworenengericht. Das pure Nichtloslassen eines Messers sei kei-

neswegs mit dem Wissen verbunden, dass dadurch eine schwere Körperverlet-

zung entstehen könnte. Die Möglichkeit sei zwar bestehend, aber dennoch so

weit entfernt, dass sie sich keineswegs als so wahrscheinlich aufdränge, dass das

Verhalten vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des eingetretenen Erfolgs aus-

gelegt werden könne (KG act. 1 S. 7 Ziffer 10).

Zuletzt setzt sich die Beschwerdeführerin für den Eventualfall, dass die Annahme

des Geschworenengerichts, die Beschwerdeführerin habe "sich eine Rangelei ge-

liefert", vertretbar sein soll, mit der Frage auseinander, ob das Geschworenenge-

richt zu Recht angenommen habe, sie habe in Kauf genommen, den Geschädig-

ten schwer zu verletzen. Sie führt hierzu aus, das Geschworenengericht erwäge,

es sei ihr zu glauben, dass sie den Geschädigten nicht habe verletzen wollen,

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sondern habe sich Abstand und Respekt schaffen wollen. Wer sich im Bewusst-

sein relativer Stärke, vielleicht sogar Überlegenheit gegenüber einem unbewaff-

neten Geschädigten, und mit dem festen Willen, nun um keinen Preis nachzuge-

ben, mit einem langen Messer in der Hand "eine Rauferei bzw. Rangelei liefere",

der nehme in Kauf, dass daraus schwere Verletzungen resultieren könnten (KG

act. 2 S. 34 oben). Das Geschworenengericht, so die Beschwerdeführerin, habe

hier plötzlich Umstände als gegeben erachtet, die bei der Erstellung des Sachver-

halts nie erwähnt worden seien. Ohne weitere Erklärungen, weshalb dies als so

erstellt gelten solle, sei nun von dem Gefühl relativer Stärke, von Überlegenheit,

vom festen Willen, keineswegs nachzugeben, die Rede. Dies verletze die Be-

gründungspflicht. Im Übrigen würden hier willkürlich Beweise zu Ungunsten der

Beschwerdeführerin gewürdigt. Diese Einschätzung sei offensichtlich unsinnig

und damit ohne weiteres willkürlich: die Beschwerdeführerin habe das Gefühl von

Überlegenheit ja gerade nicht haben können, da der Geschädigte ihren Willen

eben nicht respektiert habe und sich nicht einmal durch das Vorzeigen eines

Messers ihrem Willen gefügt habe und aus der Wohnung verschwunden sei. Au-

sserdem sei diesen Erwägungen nicht zu entnehmen, weshalb ein Wille und ein

Inkaufnehmen hätte vorliegen sollen. Zwar seien die Situation gespannt und die

Beschwerdeführerin wütend gewesen. Aber dies heisse noch lange nicht, dass

die Beschwerdeführerin eine schwere Verletzung in Kauf genommen und nicht

einfach darauf vertraut habe, dass keine Gefahr für den Geschädigten geschaffen

würde. Insbesondere gelte dies auch deshalb, weil sie mit der Reaktion des Ge-

schädigten nicht habe rechnen können, sondern vielmehr davon ausgegangen

sei, er werde sich davon machen. Auch ihre Reaktion nach der Verletzung (Um-

armen des Geschädigten, weinen, Sanität holen usw.) zeige, dass sie nie und

nimmer damit gerechnet habe, dass so etwas passiere. es liege auch hier eine

Verletzung der Begründungspflicht vor. Das Holen des Messers und das mit dem

Messer in der Hand dem Geschädigten gegenüber stehen, sei nicht zu beanstan-

den und nicht strafbar. Dass sich der Geschädigte ohne Not auf die Beschwer-

deführerin stürzen und versuchen würde, ihr das Messer zu entwinden, sei eine

derart aussergewöhnliche Reaktion gewesen, dass damit nicht habe gerechnet

werden müssen. Dass die Beschwerdeführerin dann das Messer nicht losgelas-

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sen habe, könne nicht als Manifestation eines Inkaufnehmens einer Verletzung

gewertet werden, sondern als Manifestation des Willen, sich nicht alles bieten zu

lassen. Das Auslegen des Verhaltens der Beschwerdeführerin durch das Ge-

schworenengericht als Inkaufnahme einer schweren Verletzung sei damit willkür-

lich zu Ungunsten der Beschwerdeführerin erfolgt (KG act. 1 S. 7 f. Ziffer 11).

4. Wie bereits ausgeführt, wirft die Anklage der Beschwerdeführerin eventualiter

vor, sie habe dem Geschädigten die Stichverletzung nicht absichtlich zugefügt,

jedoch eine solche lebensgefährliche Stichverletzung anlässlich der Rauferei mit

dem Messer zumindest in Kauf genommen und gebilligt, indem sie nicht bereit

gewesen sei, beim Gerangel das Messer loszulassen, obwohl ihr bewusst gewe-

sen sei, dass sie dadurch den Geschädigten lebensgefährlich verletzen könnte

(GG act. 23 S. 3 oben). Das Geschworenengericht hält fest, der Beschwerdefüh-

rerin könne nicht vorgeworfen werden, die Verletzung des Geschädigten mit einer

bewusst und gewollt geführten Stichbewegung verursacht zu haben. Es trifft somit

nicht zu, dass das Geschworenengericht davon ausgeht, die Beschwerdeführerin

habe absichtlich zugestossen.

Eine Stichverletzung kann nicht nur durch eine aktive und bewusste Stichbewe-

gung, sondern im Rahmen der Rauferei durch andere Bewegungen verursacht

oder mitverursacht werden, indem in einer angeheizten Situation ein Messer offen

getragen wird, so dass die Gefahr einer Verletzung entsteht und sich diese Ge-

fahr schliesslich verwirklicht. Ein solches Verhalten wirft die Anklage der Be-

schwerdeführerin eventualiter vor. Das Vorbringen der Beschwerdeführerin, die

Anklage gehe in ihrem Eventualstandpunkt nicht von einem Verursachen des

Stichs durch die Beschwerdeführerin aus, trifft somit nicht zu. Ob die Verletzung

letztlich dadurch entstand, dass die Beschwerdeführerin im Laufe des Gerangels

ohne Absicht zustach, oder dass der Geschädigte ins Messer hineinlief, lässt die

Anklage offen.

Unbestritten ist, dass der Geschädigte im Laufe einer Rauferei eine Stichverlet-

zung erlitt und dass die Beschwerdeführerin in diesem Moment das Messer in der

Hand hielt. Damit ist der äussere Sachverhalt gemäss Anklage erstellt. Weiterer

Ausführungen hierzu bedarf es nicht, insbesondere da das Geschworenengericht

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im Zusammenhang mit der Beurteilung des Hauptstandpunktes der Anklage sich

bereits eingehend mit den Aussagen der Beschwerdeführerin und des Geschä-

digten sowie mit den weiteren Beweismitteln befasst. Sowohl die Rüge der Verlet-

zung des Anklageprinzips wie auch diejenigen der Verletzung der Begründungs-

pflicht gehen fehl.

Die Formulierung des Geschworenengerichts, die Beschwerdeführerin habe sich

mit dem Tatmesser in der Hand "eine Rangelei mit dem Geschädigten geliefert"

(KG act. 2 S. 36 Erw. II/6.11), enthält keine Feststellung darüber, wer die Range-

lei begonnen habe. Soweit liegt keine willkürliche oder aktenwidrige tatsächliche

Annahme vor.

Die Reaktion der Beschwerdeführerin nach der Verletzung (umarmen des Ge-

schädigten, weinen, Sanität holen) weist darauf hin, dass die Beschwerdeführerin

über die tatsächlichen Folgen der Rangelei erschrocken war und dass sie eine

Verletzung des Geschädigten nicht beabsichtigte. Daraus ergibt sich jedoch nicht,

dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Rangelei eine solche Verletzung

für den Fall, dass der Geschädigte nicht von ihr ablässt, nicht in Kauf genommen

habe. Die diesbezügliche Willkürrüge ist unbegründet.

Die Feststellung des Geschworenengerichts, wer sich im Bewusstsein relativer

Stärke, vielleicht sogar Überlegenheit gegenüber einem unbewaffneten Geschä-

digten, und mit dem festen Willen, nun um keinen Preis nachzugeben, mit einem

langen Messer in der Hand "eine Rauferei bzw. Rangelei liefere", der nehme in

Kauf, dass daraus schwere Verletzungen resultieren könnten (KG act. 2 S. 34

oben, Erw. II/6.8), betrifft in erster Linie Erkenntnisse allgemeiner Lebenserfah-

rung. Dasselbe gilt für das Vorbringen der Beschwerdeführerin, die Möglichkeit,

dass das pure Nichtloslassen eines Messers zu einer schweren Körperverletzung

führen könne, bestehe zwar, sei aber so weit entfernt, dass es sich nicht als

wahrscheinlich aufdränge, dass solches Verhalten als Inkaufnahme des einge-

tretenen Erfolgs ausgelegt werden könne (KG act. 1 S. 7 Ziffer 10). Ob eine Er-

kenntnis allgemeiner Lebenserfahrung vorliege und ob eine solche Erkenntnis

richtig angewandt wird, prüft das Bundesgericht im Verfahren der eidgenössi-

schen Nichtigkeitsbeschwerde - diese ist vorliegend gegeben, da das angefoch-

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tene Urteil vor Inkrafttreten des Bundesgerichtsgesetzes erging - analog einer

Verletzung von Bundesrecht (Art. 269 Abs. 1 BStP; Robert Hauser / Erhard

Schweri, Schweizerisches Strafprozessrecht, 5. Aufl., Basel 2002, S. 499, § 104

RZ 36; Erhard Schweri, Eidgenössische Nichtigkeitsbeschwerde in Strafsachen,

Bern 1993, S. 204 RZ 649). Diesbezüglich ist die kantonale Nichtigkeitsbe-

schwerde nicht zulässig (§ 430b StPO).

Auch wenn der Geschädigte sich durch das Messer in der Hand der Beschwer-

deführerin nicht davon abhalten liess, weiter auf diese zuzugehen, ändert dies

nichts daran, dass das Messer der Beschwerdeführerin zumindest eine gewisse

Stärke verlieh. Wenn die Beschwerdeführerin ausführt, sie habe, als sie das Mes-

ser aus der Küche geholt habe, "Abstand, Respekt und Verschwinden" erreichen

wollen (GG Prot. S. 86 Mitte, KG act. 1 S. 6), bestätigt sie damit, dass das Messer

ihr Stärke hätte verleihen sollen. Es ist somit nicht willkürlich anzunehmen, sie sei

sich dieser Stärke bewusst gewesen.

5. Zusammenfassend erweist sich die Nichtigkeitsbeschwerde als unbegründet

und ist sie abzuweisen, soweit auf sie eingetreten werden kann.

III.

Ausgangsgemäss wird die Beschwerdeführerin für das Kassationsverfahren ko-

stenpflichtig (§ 396a StPO).

Das Gericht beschliesst:

1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten werden kann.

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2. Die Gerichtsgebühr für das Kassationsverfahren wird festgesetzt auf Fr.

3'000.--.

3. Die Kosten des Kassationsverfahrens, inklusive diejenigen der amtlichen

Verteidigung und der Rechtsvertretung des Geschädigten werden der Be-

schwerdeführerin auferlegt.

4. Gegen diesen Entscheid kann unter den Voraussetzungen von

Art. 90 ff. BGG innert 30 Tagen nach dessen Empfang schriftlich durch eine

Art. 42 BGG entsprechende Eingabe Beschwerde gemäss Art. 78 ff. BGG

an das Schweizerische Bundesgericht, 1000 Lausanne 14, erhoben werden.

Hinsichtlich des Fristenlaufes gelten die Art. 44 ff. BGG.

5. Schriftliche Mitteilung an die Parteien, das Geschworenengericht des Kan-

tons Zürich, das Schweizerische Bundesgericht und das Migrationsamt des

Kantons Zürich, je gegen Empfangsschein.

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KASSATIONSGERICHT DES KANTONS ZÜRICH
Der juristische Sekretär: