# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 0d8a249c-1e92-599a-ba2b-873d1b5f0ec7
**Source:** Valais/Wallis (VS)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2021-06-28
**Language:** de
**Title:** Wallis Sonstiges Gericht Sonstige Kammer 28.06.2021 S1 20 236
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/VS_Gerichte/VS_BZG_999_S1-20-236_2021-06-28.pdf

## Full Text

76 RVJ / ZWR 2023

Rechtsprechung der
sozialversicherungsrechtlichen Abteilung

Jurisprudence de la Cour des assurances sociales

Invalidenversicherung
Assurance-invalidité

KGE (Sozialversicherungsrechtliche Abteilung) vom 28. Juni 2021 in
Sachen X. c. IV-Stelle S1 20 236

Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit; Alter
- Der Zeitpunkt, in welchem die Frage nach der Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit

bei vorgerücktem Alter beantwortet wird, richtet sich nach dem Feststehen der medi-
zinischen Zumutbarkeit einer (Teil-)Erwerbstätigkeit (E. 4.2).

- Als ausgewiesen gilt die medizinische Zumutbarkeit einer (Teil-)Erwerbstätigkeit, so-
bald die medizinischen Unterlagen diesbezüglich eine zuverlässige Sachverhalts-
feststellung erlauben (E. 4.2.1).

Mise en valeur de la capacité résiduelle de travail ; âge
- Le moment auquel la question de la mise en valeur de la capacité résiduelle de tra-

vail pour un assuré proche de l’âge de la retraite doit être examinée correspond au
moment auquel il a été constaté que l’exercice (partiel) d’une activité lucrative était
médicalement exigible (consid. 4.2).

- L’exigibilité médicale de l'exercice (partiel) d’une activité lucrative est considérée
comme prouvée dès que les documents médicaux permettent d’établir de manière
fiable les faits y relatifs (consid. 4.2.1).

Gekürzter Sachverhalt

A. Die am xxx 1959 geborene X meldete sich am 6. März 2019 zum
Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an, da sie aufgrund
eines Nierenleidens und Schulterbeschwerden ab Mitte Dezember
2018 als Verkäuferin zu 100 % arbeitsunfähig war. Unfallbedingt war
es bereits im September 2018 zu einer Reduktion ihres Arbeitspen-
sums von 100 % auf 80 % und einer Anpassung des Arbeitsplatzes
gekommen. Anlässlich des Standortgespräches vom 26. März 2019

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legte die Versicherte dar, sie leide seit Jahren an Diabetes und habe
aufgrund des Abbaus der Nierenleistungen über 125 Kg gewogen. Die
schleichende medizinische Verschlechterung habe dazu geführt, dass
man ihre Stelle als Verkäuferin immer mehr ihren Einschränkungen
angepasst habe. Zuletzt habe sie an der Kasse gearbeitet und dort
die Regale mit den Kleinartikeln aufgefüllt. Dr. A, Allgemeine Innere
Medizin FMH, attestierte am 2. April 2019 aufgrund der Hämodialyse
und der eingeschränkten Schulterfunktion links eine max. 50 %ige Ar-
beitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit. Seinem Bericht lagen die Ope-
rationsberichte vom 2. März 2018 und 26. März 2019 betreffend die
Humeruskopffraktur sowie der Austrittsbericht des Spitalzentrums
Oberwallis vom 4. Februar 2019 bei. Dr. B, Innere Medizin / Nephro-
logie, führte am 4. April 2019 aus, die 50 % Arbeitsunfähigkeit ergebe
sich durch die mindestens 3 x pro Woche 4 Stundenanwesenheit zur
Dialyse plus Zeit für Vor- und Nachbereitung.

Anlässlich des Assessmentgesprächs vom 9. Mai 2019 schlussfolger-
te die Sachbearbeiterin, die medizinischen Massnahmen würden im
Vordergrund stehen und seien derart zeitraubend, dass nebenbei FI-
Massnahmen nicht vorstellbar seien. Mit Arbeitgeberbericht legte die
J AG am 26. Juni 2019 dar, die Versicherte sei seit dem 14. Dezem-
ber 2018 nicht mehr berufstätig gewesen und bedingt durch die Vor-
erkrankung habe diese nur noch eine Tätigkeit an der Kasse ausüben
können. Andere Arbeiten seien nicht mehr möglich gewesen.

Dr. C, Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Traumatologie, wies am
9. Mai 2019 auf eine zunehmende Humeruskopfnekrose mit Deformie-
rung des Humeruskopfes bei Zustand nach Metallentfernung und
leichtem Höhertreten des Humeruskopfes gegenüber dem Glenoid
hin. Er empfahl eine intensive physiotherapeutische Beübung. Der
Taggeldversicherer befragte die Versicherte am 19. Juli 2019 und
3. Oktober 2019, wobei die Schultersituation trotz Osteosynthesema-
terialentfernung vom 26. März 2019 die Hauptproblematik darstellte,
und schlussfolgerte, bis auf weiteres bestehe aus Unfallgründen eine
100 %ige Arbeitsunfähigkeit. Am 29. August 2019 sah Dr. C als einzi-
ge Möglichkeit einer Besserung der Beschwerdesituation und des
Bewegungsausmasses die Implantation einer inversen Schulterpro-
these. Beim Gesamtbild einer dialysepflichtigen Niereninsuffizienz sei
dies ein risikoreicher Eingriff. Aufgrund einer Venenfistel und damit
zusammenhängenden Punktionsproblemen schlugen die Ärzte des
Spitals D für den 2. Oktober 2019 einen weiteren operativen Eingriff

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vor. Am 25. November 2019 sah sich die Versicherte an den 2 dialy-
sefreien Tagen arbeitsfähig, wenn nicht die Schulter Probleme verur-
sachen würde. Am 11. Februar 2020 legte die Versicherte dar, dass
ein notwendiger operativer Schultereingriff aufgrund der Nierenprob-
lematik erst nach erfolgter Transplantation möglich sei. Der Arbeits-
platz sei so nicht mehr zumutbar und es werde mit der Kündigung
gerechnet.

Gemäss Austrittsbericht des Spitals E vom 27. Januar 2020 war die
Versicherte vom 14. bis 16. Januar 2020 aufgrund einer Korpusgastri-
tis und eines Zökalpolyp von 4mm, der entfernt worden war, hospitali-
siert gewesen. Dr. I wies in seinem Bericht vom 4. Februar 2020
erneut auf Probleme mit der Oberarmfistel sowie mit den Beckenge-
fässen hin. Es seien wiederum Stenosen vorhanden, die an sich eine
PTA notwendig machen würden. Gemäss Diabetes-Sprechstunde bei
Dr. G, Fachärztin für Innere Medizin, vom 10. Februar 2020 hatten die
Auswertungen einen stabilen Nachtverlauf, jedoch nach den Mahlzei-
ten wiederholt Blutzuckeranstiege bis auf 20 mmol/l ergeben. Mit Bericht
vom 14. Februar 2020 attestierte Dr. A eine 100 %ige Arbeitsunfähig-
keit. Die Prognose sei schlecht.

Nachdem die Akten der RAD-Ärztin Dr. H, Fachärztin für Innere Medi-
zin, am 30. März 2020 unterbreitet worden waren, schlussfolgerte die-
se, die Versicherte sei vom 18. Dezember 2018 bis zum 2. Februar
2020 zu 100 % arbeitsunfähig gewesen. Ab dem 3. Februar 2020 sei
diese in der bisherigen, angepassten Verkaufstätigkeit zu 50 % ar-
beitsfähig. Die Tätigkeit sei im Geschäft bereits angepasst und umfas-
se noch das Einräumen von Kleinartikel und die Tätigkeit an der
Kasse. Die Frage nach der Arbeitsfähigkeit in einer angepassten
sonstigen Tätigkeit liess die RAD-Ärztin unbeantwortet. Eine erhöhte
Belastbarkeit der Schulter werde kaum mehr erreicht, da zwar ein Pro-
thesenersatz möglich sei, jedoch ein nicht unerhebliches Komplikati-
onsrisiko bestehe.

Mit Vorentscheid vom 2. April 2020 sprach die IV-Stelle der Versicher-
ten vom 1. Dezember 2019 bis zum 31. Mai 2020 eine ganze und da-
nach eine halbe Rente zu. Ab dem 3. Februar 2020 sei die
Versicherte aufgrund einer Verbesserung des Gesundheitszustandes
zu 50 % arbeits- und erwerbsfähig. Damit erklärte sich die Versicherte
am 17. April 2020 nicht einverstanden und verwies auf die Feststel-
lungen ihres Hausarztes sowie die hinterlegten Arztberichte. Die Ärzte

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der orthopädischen Klinik des Tiefenauspitals interpretierten am
24. Januar 2020 die Bewegungseinschränkungen und Schmerzsymp-
tomatik im Rahmen einer sekundären Verdickung der Kapsel. Die glo-
bale Flexion lag bei 70-80 Grad, die Aussenrotation war bei Null Grad,
Hand-Stirn-Hand-Mund war frei möglich, passive Abduktion bei
40 Grad und Aussenrotation +5 Grad, Innenrotation bis gluteal mög-
lich, die Untersuchung der Rotatorenmanschette war schmerz- und
compliancebedingt nicht möglich. Die inverse Prothese sei indiziert,
aber wegen des Nierenleidens zu risikoreich. Gemäss Zeugnis des
Hausarztes vom 18. April 2020 war die Versicherte ab dem 1. Januar
2020 zu 100 % arbeitsunfähig und mit Bericht vom 28. April 2020 er-
gänzte dieser, die vollständige Arbeitsunfähigkeit bestehe aufgrund
der Schulterproblematik. Es würde eine stark eingeschränkte Schul-
terbeweglichkeit vorliegen. Ausserdem werde 3 mal pro Woche eine
Hämodialyse vorgenommen. Gemäss Dr. I lag am 2. März 2020 ein
gutes Resultat nach PTA im Bereich der linken Oberarmvene vor. Mit
Bericht vom 14. Juli 2020 hielt die RAD-Ärztin an ihrer Beurteilung
fest. Ergänzend führte sie aus, neben dem Vermeiden des Hebens
von schweren Gewichten solle keine über 90 Grad Tätigkeit links, kei-
ne Absturz- oder erhöhte Verletzungsgefahr bei insulinpflichtigem Di-
abetes mellitus ausgeübt werden. Regelmässige Pausen zur
Nahrungsaufnahme seien indiziert. Die Zweitmeinung der Orthopäden
des Tiefenausspitals habe gezeigt, dass eine persistierende, nicht
schmerzmittelbedürftige Schmerzsituation bei bekannter einge-
schränkter Schulterbeweglichkeit vorliege, die jedoch ein Hantieren
bis über Gesichtshöhe erlaube.

Mit Verfügung vom 1. Oktober 2020 hielt die IV-Stelle an ihrem Vor-
entscheid fest. Aus den zusätzlich eingereichten Belegen hätten sich
keine neuen Aspekte ergeben.

B. Mit Beschwerde vom 2. November 2020 sowie Ergänzung vom
2. Dezember 2020 an das Kantonsgericht focht die Versicherte diese
Verfügung vom 1. Oktober 2020 an. Sie bestritt die medizinische Be-
urteilung der 50 % Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit.
Ferner bezweifelte sie angesichts des Alters und des gesundheitli-
chen Zustandes die Verwertbarkeit derselben. Das Arbeitsverhältnis
sei am 15. Dezember 2020 aufgelöst worden. Dr. B habe mit Berich-
ten vom 24. und 27. November 2020 dargelegt, dass neben den Ein-
schränkungen hinsichtlich der Niereninsuffizienz diejenigen der
Schulter zusätzlich zu berücksichtigen seien. Mit Schreiben vom

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16. November 2020 bestätige Dr. A aufgrund der chronischen Schul-
terschmerzen weiterhin eine 100 %ige unfallbedingte Arbeitsunfähig-
keit.

In ihrer Vernehmlassung vom 12. Januar 2021 führte die IV-Stelle
aus, der RAD habe in seiner Beurteilung auch das Schulterleiden ein-
bezogen, was dieser in seinem Bericht vom 11. Dezember 2020
nochmals erläutert habe. Gemäss RAD-Ärztin war in der Zweitmei-
nung der Orthopäden der Klinik des Tiefenauspitals vom 24. Januar
2020 eine deutliche Einschränkung der linken Schulter beschrieben
worden. Eine inverse Prothese sei indiziert, aber wegen der am linken
Arm liegenden Fistel nur restriktiv zu beurteilen. Der Bewegungsum-
fang für die Aussenrotation sei Null Grad, weshalb die Versicherte die
Waren mit der rechten Hand auf dem Kassentisch verschieben müs-
se. Die Stirn und der Mund sowie das Gesäss könne mit der linken
Hand berührt werden. Die Arbeitsfähigkeit von 50 % beziehe sich auf
die vom Arbeitgeber bereits angepasste Tätigkeit. Der rechte Arm sei
damit vor allem belastet. Eine höhere Belastung der Schulter sei nicht
möglich. «Die übliche unangepasste Tätigkeit einer Verkäuferin in ei-
nem Geschäft mit sehr breiter Produktpalette vom Shampoo bis zum
Schrank, mit Einräumen und Umplatzieren in allen Produktebereichen,
ist nicht möglich». Gemäss IV-Stelle bot hinsichtlich der Verwertbar-
keit der hypothetische ausgeglichene Arbeitsmarkt gerichtsnotorisch
genügend Arbeitsmöglichkeiten im Verkauf an, die mit den Einschrän-
kungen vereinbar waren.

Replizierend ergänzte die Beschwerdeführerin am 15. Januar 2021,
die Beschwerde werde mit den darin gestellten Rechtsbegehren inso-
fern aufrechterhalten, dass zumindest bis zum 31. Dezember 2020
eine ganze IV-Rente ausgerichtet werde.

Dr. A habe sie bis zu diesem Zeitpunkt allein aufgrund der Schulter-
beschwerden zu 100 % arbeitsunfähig geschrieben. Seit dem 15. De-
zember 2018 habe sie nicht mehr gearbeitet. Sie übe daher seit rund
zwei Jahren keine Berufstätigkeit mehr aus. Die Verwertbarkeit der
Resterwerbsfähigkeit scheine daher nicht realistisch. Die Beschwerde-
führerin legte den Arztbericht von Dr. A vom 6. Januar 2021 und des-
sen Zeugnis, wonach die Versicherte ab dem 1. Januar 2021 zu 50 %
arbeitsunfähig sei, bei.

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In ihrer Duplik vom 16. Februar 2021 hielt die IV-Stelle an ihrer Verfü-
gung unverändert fest. Die Versicherte sei gemäss eigenen Angaben
bis Dezember 2018 in einer angepassten Verkaufstätigkeit tätig ge-
wesen. Diese sei ihr ab März 2020 wiederum zu 50 % zumutbar. Nicht
einsehbar sei, was gegen eine Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit
in der angestammten Tätigkeit sprechen würde.

Aus den Erwägungen

4.
4.1 Die IV-Stelle stützte sich bei ihrer Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
auf die Aktengutachten ihrer RAD-Ärztin Dr. H vom 14. Juli 2020 und
11. Dezember 2020. Dr. H sichtete das IV-Dossier, verfasste jeweils
ihre Stellungnahme und erstellte das Zumutbarkeitsprofil für die Ar-
beitsfähigkeit aufgrund der von der IV eingeholten Berichte der be-
handelnden und beurteilenden Ärzte. In ihren Schlussberichten kam
sie zur Überzeugung, dass der Versicherten trotz der gesamten ge-
sundheitlichen Einschränkungen die angestammte, optimal angepass-
te Tätigkeit als Kassierin zu 50 % ausüben könne. Dabei beschrieb
sie im Bericht vom 11. Dezember 2020, dass sich diese Teilzeitar-
beitsfähigkeit auf die vom Arbeitgeber bereits angepasste Tätigkeit
bezog, als damit vor allem der rechte Arm belastet wurde, die Versi-
cherte an der Kasse arbeiten durfte und mit dem Einräumen und Um-
platzieren von kleinen Produkten beauftragt worden war. Ihrer
Beurteilung kann gefolgt werden, zumal sich aus den übrigen Akten
nichts Gegenteiliges ableiten lässt.

Dr. B legte dar, die 50 % Arbeitsfähigkeit ergebe sich durch die Stun-
denanwesenheit zur Dialyse plus Zeit für Vor- und Nachbereitung. Zur
Beurteilung aus orthopädischer Sicht wollte sie sich nicht äussern und
verwies auf die entsprechenden Fachärzte. Diese hatten sich zur Ar-
beitsfähigkeit nicht geäussert. Wenn sich sodann die Beschwerdefüh-
rerin auf die Berichte ihres behandelnden Hausarztes beruft, ist
diesbezüglich festzustellen, dass dieser am 14. Februar 2020 eine
100 %ige Arbeitsunfähigkeit ab dem 1. Februar 2019 attestierte
(S. 121), obwohl er mit Bericht vom 2. April 2019 (S. 33) noch ausge-
führt hatte, die Versicherte sei zu 50 % arbeitsfähig. Unbegründet
bleibt sodann auch seine Einschätzung hinsichtlich der Arbeitsfähig-

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keit zuhanden der Arbeitslosenkasse, dass die Versicherte trotz un-
veränderter gesundheitlichen Beeinträchtigung ab dem 1. Januar
2021 zu 50 % arbeitsfähig sei. Dr. A schildert schliesslich die Be-
schwerden seiner Patientin gemäss deren Angaben, was angesichts
seiner Stellung als behandelnder Arzt und Hausarzt, auch verständ-
lich ist. Bei der Würdigung der von Hausärzten oder behandelnden
Ärzten vertretenen Standpunkte ist dem Umstand Rechnung zu tra-
gen, dass sie aufgrund ihrer besonderen Stellung zu ihren Patienten
mitunter in Zweifelsfällen eher zu deren Gunsten aussagen. Sie ha-
ben vorweg selten Gründe, die Angaben ihrer Patienten in Bezug auf
die Arbeitsfähigkeit in Zweifel zu ziehen. In der Regel vertrauen sie
ihren Patienten, was im Auftragsverhältnis auch erwünscht ist, jedoch
ihre Objektivität beeinträchtigt (BGE 135 V 465 E. 4.5).

Für das erkennende Gericht ergibt sich aus den im Dossier zahlreich
vorhandenen Berichten behandelnder Ärzte und stationär im Spital
bzw. in der Klinik beurteilender Spezialärzte ein klares und wider-
spruchsfreies Bild über den Gesundheitszustand der Beschwerdefüh-
rerin und die Zumutbarkeitsbeurteilung der Arbeitsfähigkeit. Danach
war in Übereinstimmung mit der RAD-Ärztin der Versicherten die op-
timal angepasste angestammte Tätigkeit ab dem 3. Februar 2020
nach erfolgter Materialentfernung und nach Fistelverlagerung am
Oberarm mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu 50 % zumutbar.
Die RAD-Ärztin begründete in nachvollziehbarer Weise, weshalb die
IV-Stelle darauf abstellen durfte.

Das Gericht hat sämtliche Akten der Beschwerdegegnerin sowie alle
eingereichten und hinterlegten Belege zu den Akten genommen. Das
urteilende Gericht hat sich aufgrund dieser Beweise seine Überzeu-
gung gebildet und geht zweifelsfrei davon aus, dass von einer weite-
ren medizinischen Abklärung keine neuen entscheidrelevanten
Erkenntnisse zu erwarten sind. Führen die von Amtes wegen vorzu-
nehmenden Abklärungen die Verwaltung oder das Gericht bei pflicht-
gemässer Beweiswürdigung zur Überzeugung, ein bestimmter
Sachverhalt sei als überwiegend wahrscheinlich zu betrachten und es
könnten weitere Beweismassnahmen an diesem feststehenden Er-
gebnis nichts mehr ändern, so ist auf die Abnahme weiterer Beweise
zu verzichten.

4.2 Die Beschwerdeführerin wirft weiter die Frage auf, ob eine im
62. Altersjahr befindliche, ungelernte Verkäuferin mit einer 1/2 IV-Rente

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und mehreren gesundheitlichen Einschränkungen ihre Restarbeitsfähig-
keit verwerten könne. Zu prüfen ist daher in einem zweiten Schritt die
Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit.

4.2.1 Das trotz der gesundheitlichen Beeinträchtigung zumutbarerweise
erzielbare Einkommen ist bezogen auf einen ausgeglichenen Arbeits-
markt zu ermitteln, wobei an die Konkretisierung von Arbeitsgelegenhei-
ten und Verdienstaussichten keine übermässigen Anforderungen zu
stellen sind. Das fortgeschrittene Alter wird, obgleich an sich ein invalidi-
tätsfremder Faktor, in der Rechtsprechung als Kriterium anerkannt, wel-
ches zusammen mit weiteren persönlichen und beruflichen
Gegebenheiten dazu führen kann, dass die einer versicherten Person
verbliebene Resterwerbsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
realistischerweise nicht mehr nachgefragt wird, und dass ihr deren Ver-
wertung auch gestützt auf die Selbsteingliederungspflicht nicht mehr
zumutbar ist. Der Einfluss des Lebensalters auf die Möglichkeit, das
verbliebene Leistungsvermögen auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
zu verwerten, lässt sich nicht nach einer allgemeinen Regel bemessen,
sondern hängt von den Umständen des Einzelfalles ab.

Massgebend können die Art und Beschaffenheit des Gesundheitsscha-
dens und seiner Folgen, der absehbare Umstellungs- und Einarbeitungs-
aufwand und in diesem Zusammenhang auch Persönlichkeitsstruktur,
vorhandene Begabungen und Fertigkeiten, Ausbildung, beruflicher Wer-
degang oder Anwendbarkeit von Berufserfahrung aus dem angestamm-
ten Bereich sein (BGE 138 V 457 E. 3.1). Die Möglichkeit, die
verbliebene Arbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu
verwerten, hängt nicht zuletzt davon ab, welcher Zeitraum der versicher-
ten Person für eine berufliche Tätigkeit und vor allem auch für einen all-
fälligen Berufswechsel noch zur Verfügung steht (BGE 138 V 457
E. 3.2; vgl. auch Bundesgerichtsurteil 8C_645/2017 vom 23. Januar
2018 E. 3.1).

Der Zeitpunkt, in welchem die Frage nach der Verwertbarkeit der Rest-
arbeitsfähigkeit bei vorgerücktem Alter beantwortet wird, richtet sich
nach dem Feststehen der medizinischen Zumutbarkeit einer
(Teil-)Erwerbstätigkeit (BGE 138 V 457 E. 3.3). Als ausgewiesen gilt die
medizinische Zumutbarkeit einer (Teil-)Erwerbstätigkeit, sobald die me-
dizinischen Unterlagen diesbezüglich eine zuverlässige Sachverhalts-
feststellung erlauben (BGE 143 V 431 E. 4.5.1; vgl. BGE 138 V 457
E. 3.4).

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4.2.2 Unstrittig ist, dass sich die Resterwerbsfähigkeit im angestamm-
ten angepassten Bereich auf max. 50 % belaufen hätte. Aufgrund der
Akten geht auch hervor, dass der Versicherten ihre angepasste Stel-
lung nach Jahrzehnten gekündigt worden war. Mithin war selbst ihr
langjähriger Arbeitgeber, der sich auf ihre Einschränkungen eingestellt
hatte, aufgrund der anhaltenden Gesundheitssituation der Versicherte
nicht mehr bereit, ihr den angepassten Arbeitsplatz weiter anzubieten,
weshalb diese eine neue Stelle suchen muss. Die IV-Stelle nimmt da-
zu Stellung und führt aus, die Versicherte sei in der angestammten
Verkaufstätigkeit zu 50 % arbeitsfähig. Dem kann nicht zugestimmt
werden. Gestützt auf die Einschätzung der RAD-Ärztin ist nämlich da-
von auszugehen, dass der Beschwerdeführerin die «übliche unange-
passte Tätigkeit einer Verkäuferin» in einem Geschäft eben gerade
nicht mehr möglich ist (vgl. Bericht vom 11. Dezember 2020 S. 237).
Mithin muss von der Beschwerdeführerin ein Branchenwechsel gefor-
dert werden. Diese war aber zeitlebens als ungelernte Verkäuferin tä-
tig gewesen. Sie verfügt ausserdem über keinen Berufsabschluss.

Weiter steht die medizinische Zumutbarkeit einer Teilerwerbsfähigkeit
zu 50 % fest. Im konkreten Fall ist die Verwertbarkeit der Restarbeits-
fähigkeit am 14. Juni 2020 entscheidend. Damals stand die Versicher-
te kurz vor ihrem 61. Geburtstag, womit noch eine Erwerbstätigkeit
während rund drei Jahren in Aussicht stand. Insgesamt ist zu konsta-
tieren, dass «die Nichtverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit aufgrund
fortgeschrittenen Alters in der Rechtsprechung in der Regel eine Aus-
nahme bleibt» (Marco Weiss, Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit
aufgrund vorgerückten Alters - Rechtsprechungstendenzen, SZS 2018,
S. 630 ff., S. 640). Das Bundesgericht hat demgegenüber die Ver-
wertbarkeit bei einer 61. jährigen Versicherten, der lediglich eine kör-
perlich leichte Tätigkeit im Umfang von 50 % noch zugemutet werden
konnte, verneint (BGE 138 V 457). Ebenfalls verneint wurde die Ver-
wertbarkeit im Urteil vom 30. Oktober 2017 im Fall einer Versicherten,
die bei einer Rückweisung zwecks Anordnung von Eingliederungs-
massnahmen deutlich über 62-jährig gewesen wäre. Da klar weniger
als zwei Jahren bis zum Erreichen des AHV-Pensionsalters verblie-
ben, wurde die bisher ausgerichtete ganze Rente nicht herabgesetzt
oder aufgehoben (Bundesgerichtsurteil 9C_183/2017 E. 5.2.3 und E. 6).

In casu ist die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin aufgrund ihrer
Schulter- und Nieren- Problematik aber auch wegen des Diabetes und
der Adipositas in dem Sinne beeinträchtigt, als sie nur noch leichte

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körperliche Tätigkeiten und vorwiegend mit ihrem rechten Arm ausfüh-
ren kann. Ferner sind keine Arbeiten über Schulterhöhe links mehr
möglich. Einschränkend hatte sodann die RAD-Ärztin keine Absturz-
oder erhöhte Verletzungsgefahr bei insulinpflichtigem Diabetes melli-
tus genannt sowie regelmässige Pausen zur Nahrungsaufnahme. Für
eine solche leichte körperliche Tätigkeiten besteht eine maximale
50 %-ige Arbeitsfähigkeit, wobei erschwerend hinzukommt, dass die
Beschwerdeführerin, bedingt durch die festgelegten Dialysetage, nur
an ganz bestimmten Tagen dem Arbeitgeber zur Verfügung stehen
kann, was dessen weiteres Entgegenkommen erforderlich macht. Da
die Beschwerdeführerin an drei Tagen zur Dialyse geht, ist mithin
auch kein halbtägiger Einsatz möglich. Einschränkend wirkt sich zu-
dem die Adipositas aus, wie dies ihr früher Arbeitgeber andeutete, als
er darlegte, insgesamt sei der Versicherten nur noch eine Tätigkeit an
der Kasse möglich. Andere Arbeiten seien unzumutbar gewesen
(S. 83). Dass schliesslich die Versicherte ein erhöhtes Risiko krank-
heitsbedingter Ausfälle aufweist, zeigen die Krankenakten sowie die
Bemerkung der Sachbearbeiterin der IV-Stelle auf, die bereits anläss-
lich des Assessmentgesprächs vom 9. Mai 2019 (S. 73) schlussfolger-
te, die medizinischen Massnahmen seien derart zeitraubend, dass
nebenbei FI-Massnahmen nicht vorstellbar seien.

Bei diesem Gesundheitsschaden und einer Arbeitsfähigkeit von 50 %
verbleibt – entgegen der Ansicht der IV-Stelle – im Raum Oberwallis
kein weites Spektrum von auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt ver-
fügbaren körperlich leichten Tätigkeiten, insbesondere Hilfsarbeiten,
die mit einem nur geringen oder gar keinem Umstellungs- und Einar-
beitungsaufwand verbunden sind und grundsätzlich altersunabhängig
nachgefragt werden. Die IV-Stelle selbst vermag denn selbst auch
keine zu nennen. Ihr früherer Arbeitgeber konnte ebenfalls eine sol-
che nicht anbieten. Die zumutbare Teilzeit-Tätigkeit ist nur in so ein-
geschränkter Form möglich, dass sie der ausgeglichene Arbeitsmarkt
praktisch nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem Entgegen-
kommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre, womit
das Finden einer entsprechenden Stelle daher von vornherein als
ausgeschlossen erscheint. Die dargelegten gesundheitlichen und be-
ruflichen Gegebenheiten (zusammen mit dem Alter der Versicherten)
führen dazu, dass die der Versicherten zumutbaren Teilzeit-Tätigkeit
derart vielen Einschränkungen unterliegt, dass eine Anstellung nicht
mehr als realistisch zu bezeichnen ist. Sie halten einen durchschnittli-

86 RVJ / ZWR 2023

chen Arbeitgeber jedenfalls davon ab, die mit einer solchen Einstellung
verbundenen Risiken einzugehen, zumal diese behinderungsangepass-
ten Arbeitsplätze auch von jüngeren Versicherten stark gefragten sind
und im fraglichen Umkreis nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen.
Mithin vermag die Beschwerdeführerin mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit auch unter der Vorgabe eines ausgeglichenen Arbeits-
marktes keinen Arbeitgeber mehr zu finden, der sie für eine geeignete
Teilzeittätigkeit einstellt.

4.3 In Würdigung der rechtsprechungsgemäss massgebenden Um-
stände führt das Dargelegte zum Schluss, dass die Restarbeitsfähig-
keit der im massgebenden Zeitpunkt fast 61-jährigen
Beschwerdeführerin nicht mehr als verwertbar einzustufen ist. Damit
liegt eine vollständige Erwerbsunfähigkeit vor, weshalb der Be-
schwerdeführerin insgesamt eine ganze Invalidenrente auszurichten
ist. Die Verfügung der IV-Stelle vom 1. Oktober 2020 wird daher im
Sinne dieser Erwägungen aufgehoben, was zur Gutheissung der Be-
schwerde führt.