# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 76f39da2-3346-5d27-a1c3-b0a6f91df85a
**Source:** Aargau Gerichte (AG)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2025-09-16
**Language:** de
**Title:** Aargau Obergericht Strafgericht 16.09.2025 SST.2024.46
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/AG_Gerichte/AG_OG_008_SST-2024-46_2025-09-16.pdf

## Full Text

Obergericht
Strafgericht, 1. Kammer

SST.2024.46
(ST.2022.59; StA.2020.2369)

Urteil vom 16. September 2025

Besetzung Oberrichter Six, Präsident
Oberrichter Fedier
Oberrichterin Vasvary
Gerichtsschreiberin L. Stierli

Anklägerin Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg,
Riburgerstrasse 4, 4310 Rheinfelden

Privatkläger 1 A._____,
[…]
vertreten durch Advokatin Hanna Bay,
[…]

Privatkläger 2 B._____,
[…]
vertreten durch Rechtsanwalt Markus Trottmann,
[…]

Beschuldigter C._____,
geboren am tt.mm.2000, von Kosovo,
[…]
verteidigt durch Rechtsanwalt Jürg Federspiel,
[…]

Gegenstand Versuchter Mord usw.

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Das Obergericht entnimmt den Akten:

1.
Am 15. Juli 2022 erhob die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg
Anklage gegen den Beschuldigten wegen mehrfach versuchter
vorsätzlicher Tötung gemäss Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB,
eventualiter mehrfach versuchten Mordes gemäss Art. 112 StGB i.V.m.
Art. 22 Abs. 1 StGB, qualifizierter Widerhandlung gegen das Betäubungs-
mittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 2 lit. a BetmG, mehrfacher Wider-
handlung gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 1 lit. c,
lit. d und lit. g BetmG, Widerhandlung gegen das Waffengesetz gemäss
Art. 33 Abs. 1 lit. a WG und mehrfacher Widerhandlung gegen das
Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a Ziff. 1 BetmG.

2.
Mit Urteil vom 27. Oktober 2023 sprach das Bezirksgericht Rheinfelden den
Beschuldigten des mehrfach versuchten Mordes gemäss Art. 112 StGB
i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, der mehrfachen, teilweise qualifizierten
Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 1
lit. d BetmG, teilweise i.V.m. Art. 19 Abs. 1 lit. c BetmG und Art. 19 Abs. 2
lit. a BetmG, der Widerhandlung gegen das Waffengesetz gemäss Art. 33
Abs. 1 lit. a WG und der mehrfachen Widerhandlung gegen das
Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a Ziff. 1 BetmG schuldig und
verurteilte ihn zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 11 Jahren, einer
bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen à Fr. 30.00, d.h. Fr. 900.00,
Probezeit 4 Jahre, sowie einer Busse von Fr. 200.00, ersatzweise 6 Tage
Freiheitsstrafe. Auf den Widerruf des mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft
Lenzburg-Aarau vom 28. April 2020 für eine Geldstrafe von
10 Tagessätzen à Fr. 10.00, d.h. Fr. 100.00, gewährten bedingten Vollzug
wurde verzichtet. Die Vorinstanz ordnete gestützt auf Art. 60 StGB eine
stationäre Suchtbehandlung für die Dauer von 3 Jahren an und schob den
Vollzug der Strafe zugunsten der Massnahme auf. Weiter verzichtete sie
gestützt auf Art. 66a Abs. 2 StGB auf die Anordnung einer Landes-
verweisung und entschied über diverse beschlagnahmte Gegenstände.
Schliesslich verpflichtete sie den Beschuldigten, dem Privatkläger A._____
Schadenersatz von Fr. 54.00 sowie eine Genugtuung von Fr. 10'000.00
und dem Privatkläger B._____ eine Genugtuung von Fr. 20'000.00, je
nebst Zins zu 5 % seit 2. August 2020, zu bezahlen.

3.
3.1.
Mit Berufungserklärung vom 8. März 2024 beantragte die Staats-
anwaltschaft, der Beschuldigte sei zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von
16 Jahren zu verurteilen. Der dem Beschuldigten mit Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 28. April 2020 für eine Geldstrafe
von 10 Tagessätzen gewährte bedingte Vollzug sei zu widerrufen und er

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sei als Gesamtstrafe mit einer unbedingten Geldstrafe von 50 Tagessätzen
à Fr. 30.00 zu bestrafen. Weiter sei der Beschuldigte zu einer Busse von
Fr. 1'500.00, ersatzweise 50 Tage Freiheitsstrafe, zu verurteilen und es sei
eine vollzugsbegleitende ambulante Suchttherapie anzuordnen. Weiter sei
der Beschuldigte gestützt auf Art. 66a Abs. 1 lit. a und lit. o StGB für die
Dauer von 15 Jahren des Landes zu verweisen und die Landesverweisung
sei im Schengener Informationssystem einzutragen. Schliesslich seien
diverse beschlagnahmte Betäubungsmittel und Medikamente einzuziehen.

3.2.
Mit Anschlussberufungserklärung vom 23. April 2024 beantragte der
Beschuldigte, er sei vom Vorwurf des mehrfach versuchten Mordes
freizusprechen und stattdessen der versuchten vorsätzlichen Tötung
gemäss Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB sowie der qualifizierten
einfachen Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 2 StGB, eventualiter der
versuchten schweren Körperverletzung gemäss Art. 122 lit. a StGB (recte:
i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB) schuldig zu sprechen und mit einer
Freiheitsstrafe von 4 ½ Jahren, eventualiter 5 Jahren, zu bestrafen. Weiter
sei die Probezeit für die bedingt ausgesprochene Geldstrafe auf 2 Jahre
festzulegen und es seien, dem Antrag der Staatsanwaltschaft ent-
sprechend, diverse beschlagnahmte Betäubungsmittel und Medikamente
einzuziehen. Schliesslich seien die Zivilforderungen der Privatkläger
B._____ und A._____ auf den Zivilweg zu verweisen.

3.3.
Die Staatsanwaltschaft reichte am 27. Mai 2024 vorgängig zur Berufungs-
verhandlung eine schriftliche Berufungsbegründung. Der Beschuldigte
reichte am 12. Juli 2024 eine schriftliche Anschlussberufungsbegründung
sowie eine Berufungsantwort ein. Der Privatkläger B._____ reichte am
23. Juli 2024 eine schriftliche Anschlussberufungsantwort ein.

3.4.
Die Staatsanwaltschaft reichte am 21. August 2024 eine Stellungnahme
zur Berufungsantwort sowie eine Anschlussberufungsantwort ein. Am
11. September 2024 reichte der Beschuldigte eine freigestellte Stellung-
nahme ein.

3.5.
Die Berufungsverhandlung fand am 16. September 2025 statt.

Das Obergericht zieht in Erwägung:

1.
Das vorinstanzliche Urteil wurde hinsichtlich des Schuldspruchs wegen
mehrfach versuchten Mordes gemäss Art. 112 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1

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StGB, der Strafe, der stationären Suchtbehandlung, der Landesverweisung
und der Einziehung diverser beschlagnahmter Gegenstände angefochten.
Betreffend die Zivilforderungen erklärte der Beschuldigte anlässlich der
Berufungsverhandlung, dass diese nunmehr nicht mehr angefochten
werden (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 38). In den übrigen Punkten
ist das Urteil der Vorinstanz unangefochten geblieben. Eine Überprüfung
dieser unbestrittenen Punkte findet grundsätzlich nicht statt (Art. 404 Abs. 1
StPO). In Bezug auf den ergangenen Schuldspruch wegen qualifizierter
Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 2
lit. a BetmG ist das vorinstanzliche Urteil jedoch in Anwendung von Art. 404
Abs. 2 StPO zu überprüfen, um ein gesetzeswidriges und unbilliges Urteil
zu verhindern.

2.
2.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten des mehrfach versuchten Mordes
gemäss Art. 112 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig gesprochen. Sie
hat es als erstellt erachtet, dass sich der Beschuldigte, D._____, A._____
und B._____ am 2. August 2020 gegen 18.20 Uhr bei der Sportanlage
Q._____ in R._____ getroffen hätten. Dies, zum Zweck der Abwicklung
eines Betäubungsmittelverkaufs, wobei der Beschuldigte, in Begleitung des
kräftig gebauten D._____, als Käufer und A._____ sowie B._____ als
Verkäufer von 100 Gramm MDMA-Kristallen zum Preis von Fr. 1'100.00
aufgetreten seien. Der Beschuldigte habe von Anfang an keine Intention
gehabt, für die Betäubungsmittel zu bezahlen und habe ein Messer sowie
ein zuvor durch ihn vorbereitetes Couvert mit der Aufschrift «xxx», welches
lediglich mit Papier gefüllt gewesen sei, auf sich geführt. Mit dem Couvert
habe er den Anschein erwecken wollen, darin befinde sich Bargeld zur
Bezahlung der Betäubungsmittel. Die Vorinstanz ging nicht davon aus,
dass der Beschuldigte von Anfang an geplant habe, die Drogen mit Hilfe
einer Messerattacke zu behändigen. Als er jedoch bemerkt habe, dass sein
Schwindel auffliegen würde, habe er kurzentschlossen sein Messer
behändigt und damit zugestochen. So habe der Beschuldigte das Couvert
A._____ übergeben und habe, als Letztgenannter daran gewesen sei, das
Couvert zu öffnen, unvermittelt sein Messer gezückt und in den Oberarm
von A._____ eingestochen. Danach habe der Beschuldigte unvermittelt auf
den Oberkörper von B._____ eingestochen, um diesem den Plastiksack, in
welchem die 100 Gramm MDMA-Kristalle gewesen seien, entwenden zu
können. Daraufhin sei B._____ mit dem Plastiksack zum Parkplatz
geflüchtet, wobei der Beschuldigte ihn verfolgt habe. Nach dem Angriff
habe A._____ versucht, sein Messer zu behändigen, wobei er jedoch durch
D._____ daran gehindert worden sei, dieses zu öffnen. Es sei zu einem
Gerangel zwischen A._____ und D._____ gekommen. Nachdem B._____
die Bedingung gestellt habe, dass A._____ loskomme, und der
Beschuldigte dieser Bedingung zugestimmt habe, habe B._____ dem
Beschuldigten den Plastiksack zugeworfen und sei zum Auto gerannt.

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Daraufhin sei der Beschuldigte mit dem Plastiksack in die andere Richtung
gerannt. Da die Rangelei zwischen A._____ und D._____ beendet
gewesen sei, sei A._____, einen Bogen um den herannahenden
Beschuldigten machend, zum Parkplatz resp. zu B._____ gerannt. Der
Beschuldigte und D._____ seien in die andere Richtung geflüchtet und
seien dann von einem Fahrer in einem Fluchtauto davongefahren worden
(vorinstanzliches Urteil E. 3.8.2 und E. 4.4.3).

Der Beschuldigte beantragt mit Anschlussberufung, er sei anstatt des
mehrfach versuchten Mordes der versuchten vorsätzlichen Tötung gemäss
Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB zum Nachteil von B._____ sowie
der qualifizierten einfachen Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 2 StGB,
eventualiter der versuchten schweren Körperverletzung gemäss Art. 122
lit. a StGB (recte: i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB), zum Nachteil von A._____
schuldig zu sprechen (Anschlussberufungserklärung S. 1). Die
Staatsanwaltschaft beantragt die Abweisung der Anschlussberufung
(Anschlussberufungsantwort S. 1).

2.2.
Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, erfüllt den Grundtatbestand der
vorsätzlichen Tötung gemäss Art. 111 StGB. Ist der Täter zudem
besonders skrupellos vorgegangen, hat er den qualifizierten Tatbestand
des Mordes gemäss Art. 112 StGB verwirklicht. Besondere Skrupellosigkeit
liegt namentlich dann vor, wenn der Beweggrund des Täters, der Zweck
der Tat oder die Art der Tatausführung besonders verwerflich sind. Art. 112
StGB erfasst den skrupellosen, gemütskalten, krass und primitiv
egoistischen Täter ohne soziale Regungen, der sich zur Verfolgung seiner
Interessen rücksichtslos über das Leben anderer Menschen hinwegsetzt.
Nach der Rechtsprechung zeichnet sich Mord durch eine ausser-
gewöhnlich krasse Missachtung fremden Lebens bei der Durchsetzung der
eigenen Absichten aus. Es geht um die besonders verwerfliche
Auslöschung eines Menschenlebens. Für die Qualifikation verweist das
Gesetz in nicht abschliessender Aufzählung auf äussere (Ausführung) und
innere Merkmale (Beweggrund, Zweck). Diese müssen nicht alle erfüllt
sein, um Mord anzunehmen. Entscheidend ist eine Gesamtwürdigung der
äusseren und inneren Umstände der Tat. Die für eine Mordqualifikation
konstitutiven Elemente sind jene der Tat selber, während Vorleben und
Verhalten nach der Tat nur heranzuziehen sind, soweit sie tatbezogen sind
und ein Bild der Täterpersönlichkeit geben. Entscheidend ist eine
Gesamtwürdigung der äusseren und inneren Umstände der Tat. Ein
besonders verwerflicher Beweggrund liegt u.a. bei einer Tötung aus
blankem Egoismus vor. Unter das Mordmerkmal der Heimtücke fällt die
bewusste Ausnutzung der Arglosigkeit des Opfers, welches in einen
Hinterhalt gelockt wird (BGE 144 IV 345 E. 2; Urteile des Bundesgerichts
6B_468/2024 vom 15. Januar 2025 E. 8.1; 6B_1040/2023 vom 6. März
2024 E. 3.2.1; jeweils mit Hinweisen).

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Eine schwere Körperverletzung gemäss Art. 122 lit. a StGB begeht, wer
vorsätzlich einen Menschen lebensgefährlich verletzt. Eine qualifizierte
einfache Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 2 StGB begeht u.a., wer
vorsätzlich einen Menschen in anderer Weise an Körper oder Gesundheit
schädigt und dabei einen gefährlichen Gegenstand gebraucht.

Ein Versuch gemäss Art. 22 Abs. 1 StGB liegt vor, wenn der Täter,
nachdem er mit der Ausführung eines Verbrechens oder Vergehens
begonnen hat, die strafbare Tätigkeit nicht zu Ende führt oder, wenn der
zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht eintritt oder dieser nicht
eintreten kann.

2.3.
2.3.1.
In tatsächlicher Hinsicht ist erstellt und im Berufungsverfahren unbestritten
geblieben, dass der Beschuldigte am 2. August 2020 gegen 18.20 Uhr bei
der Sportanlage Q._____ in R._____ anwesend war und mit dem von ihm
mitgeführten Messer auf A._____ und B._____ eingestochen hat.

Der Beschuldigte macht jedoch geltend, sich lediglich verteidigt zu haben.
So seien A._____ und B._____ wütend und aggressiv geworden, als sie
bemerkt hätten, dass der ihnen durch den Beschuldigten überreichte
Umschlag nicht mit Geld gefüllt gewesen sei, woraufhin sie das Couvert
zerrissen und ein Messer hervorgenommen hätten und auf den
Beschuldigten und dessen Kollege D._____ losgegangen seien, woraufhin
der Beschuldigte zu seinem Messer gegriffen habe
(Anschlussberufungsbegründung S. 6 f.; Plädoyer Beschuldigter anlässlich
der Berufungsverhandlung, S. 9 Ziff. 2.1.5).

2.3.2.
Das Gericht würdigt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten
Verfahren gewonnenen Überzeugung (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen
unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraus-
setzungen der angeklagten Tat, so geht das Gericht von der für den
Beschuldigten günstigeren Sachlage aus (Art. 10 Abs. 3 StPO). Bloss
abstrakte und theoretische Zweifel genügen nicht, weil solche immer
möglich sind. Der Grundsatz «in dubio pro reo» verlangt indes nicht, dass
bei sich widersprechenden Beweismitteln unbesehen auf den für den
Angeklagten günstigeren Beweis abzustellen ist. Die Entscheidregel ist erst
anwendbar, nachdem alle aus Sicht des urteilenden Gerichts notwendigen
Beweise ausgewertet worden sind und nach erfolgter Beweiswürdigung als
Ganzem relevante Zweifel bestehen (BGE 148 IV 409 E. 2.2; BGE 144 IV
345 E. 2.2.3).

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2.3.3.
Aufgrund der nachfolgend dargelegten Gründe erachtet es das Obergericht
als erstellt, dass der Beschuldigte am 2. August 2020 gegen 18.20 Uhr bei
der Sportanlage Q._____ in R._____ – während des Verkaufs von
100 Gramm MDMA-Kristallen zum Preis von Fr. 1'100.00 durch A._____
und B._____ an den Beschuldigten, welcher durch D._____ begleitet
worden ist – A._____ ein Couvert übergeben hat, in welchem sich jedoch
kein Geld, sondern nur zwei leere Couverts befunden haben (vgl. UA
act. 686). Weiter ist erstellt, dass der Beschuldigte, als A._____ das
Couvert geöffnet hat, mit einem Messer sowohl dreimal auf B._____, wobei
er mit einem Stich dessen Oberkörper, mit einem anderen Stich dessen
linken Unterarm und mit einem weiteren Stich dessen linke Hand getroffen
hat, und zweimal auf den linken Oberarm von A._____ eingestochen hat.
Es bleibt auch nach der Berufungsverhandlung unklar, auf wen der
Beschuldigte zuerst eingestochen hat. Dies kann jedoch offen gelassen
werden, da nach den nachfolgenden Ausführungen klar wird, dass es
keinen Angriff auf den Beschuldigten und D._____ durch A._____ und
B._____ gegeben hat (vgl. dazu sogleich). Weiter hat der Beschuldigte
versucht, B._____ den Plastiksack mit den darin befindlichen
Betäubungsmitteln aus der Hand zu reissen. Während es im Anschluss
daran zwischen A._____ und D._____ zu einem Gerangel gekommen ist,
hat B._____ mit dem Plastiksack die Flucht ergriffen, woraufhin der
Beschuldigte ihm gefolgt ist und B._____ schreiend aufgefordert hat, ihm
die Betäubungsmittel auszuhändigen, was dieser dann auch gemacht hat,
wonach der Beschuldigte zusammen mit D._____ die Flucht ergriffen hat.
Folglich ist für das Obergericht erstellt, dass kein Angriff von B._____ und
A._____ auf den Beschuldigten und D._____ stattgefunden hat, weshalb
keine Notwehrsituation vorgelegen und es sich bei den B._____ und
A._____ durch den Beschuldigten zugefügten Stichen nicht um
Verteidigungshandlungen gehandelt hat.

2.3.4.
Gegen einen Angriff durch A._____ und B._____ auf den Beschuldigten
spricht vorab, dass auf dem durch A._____ anlässlich der
Auseinandersetzung auf sich geführten Messer (vgl. UA act. 693) keinerlei
Blut- oder DNA-Spuren des Beschuldigten aufgefunden worden sind (UA
act. 469; 671; 699 ff.), was jedoch zu erwarten wäre, wäre der Beschuldigte
tatsächlich mit diesem Messer angegriffen und dabei verletzt worden. Ein
Abwischen der DNA, wie dies der Verteidiger anlässlich der
Berufungsverhandlung vorgebracht hat (Protokoll Berufungsverhandlung,
S. 49), ist abwegig. Einerseits war es A._____ mit den ihm zu Verfügung
stehenden Mitteln (Kleidung, allenfalls ein Taschentuch) gar nicht möglich,
die DNA-Spuren des Beschuldigten vollständig und unwiderruflich vom
Messer abzuwischen. Andererseits wäre bei einer solchen
Reinigungsaktion auch seine eigene Blut- und DNA-Spur verwischt
worden, was jedoch gerade nicht der Fall war (vgl. UA act. 693 und 699 ff.).

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Hinzukommt, dass beim Beschuldigten – bis auf seine Verletzung am
Zeigefinger der rechten Hand (UA act. 429) – keine weiteren auf den Vorfall
zurückzuführenden Verletzungen anlässlich seiner rechtsmedizinischen
Untersuchung, welche ca. drei Monate nach dem Vorfall vorgenommen
worden ist, festgestellt werden konnten. Die durch den Beschuldigten
geltend gemachte Gewalteinwirkung gegen seinen Hinterkopf konnte
anhand objektiver Befunde weder belegt noch ausgeschlossen werden (UA
act. 423 ff.). Sodann hat der Beschuldigte betreffend seine Verletzung am
Zeigefinger schliesslich eingestanden, dass er sich diese während des
Vorfalls wohl selbst mit seinem Messer zugefügt habe (GA act. 257; vgl.
hierzu auch nachfolgend die Ausführungen). Folglich liegen keinerlei
objektiven Beweismittel vor, welche einen Angriff von A._____ und B._____
auf den Beschuldigten und D._____ nachweisen. Ebenso wenig vermögen
sodann die Aussagen der Zeugen einen Angriff durch A._____ und
B._____ zu belegen. Die Zeugin E._____ schilderte lediglich, dass sie
einen Tumult gehört habe (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 20). Daraus
lässt sich aber gerade nicht ableiten, dass dem Zustechen durch den
Beschuldigten ein Angriff durch A._____ und B._____ vorangegangen ist,
wie dies der Beschuldigte offenbar annimmt (vgl. Plädoyer Beschuldigter
anlässlich der Berufungsverhandlung, S. 7), kann ein Tumult doch auch
ohne Weiteres die Folge des Messerangriffs durch den Beschuldigten sein,
als sich A._____ und B._____ dagegen gewehrt haben.

2.3.5.
Abzustellen ist in erster Linie auf die Aussagen von D._____ anlässlich
seiner delegierten Einvernahme vom 10. Dezember 2020. Er führte aus,
dass während des Treffens vom 2. August 2020 B._____ einen Plastiksack
in der Hand gehalten habe, als der Beschuldigte A._____ ein Couvert
übergeben habe. A._____ habe dann das Couvert öffnen wollen, wobei
dieser noch während des Öffnens durch den Beschuldigten mit einem
Messer in den Arm gestochen worden sei. Er, D._____, habe gesehen,
dass der Beschuldigte mit dem Messer im Bereich des Ellbogens auf
A._____ eingestochen habe. Nach dem Stich habe der Beschuldigte
umgehend versucht, B._____ den Plastiksack aus den Händen zu
entreissen. B._____ habe den Sack jedoch nicht losgelassen, woraufhin
sich Letztgenannter und der Beschuldigte von ihm, D._____, und A._____
entfernt und in Richtung des Parkplatzes bewegt hätten. Währenddessen
hätten sie beide am Plastiksack gerissen. Was danach zwischen dem
Beschuldigten und B._____ passiert sei, wisse er, D._____, nicht, weil in
diesem Moment A._____, wohl aus dessen Tasche am Oberkörper, ein
Messer hervorgenommen habe. Wo genau A._____ das Messer
herausgenommen habe, wisse er, D._____, jedoch nicht mehr genau. Er
sei daraufhin sofort auf A._____ zugegangen und habe diesen gepackt,
damit A._____ das Messer nicht habe öffnen und einsetzen können.
Daraufhin seien er, D._____, und A._____ zusammen zu Boden gegangen,

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woraufhin er gesehen habe, dass das Messer aus A._____ Hand gefallen
sei, woraufhin er, D._____, weggerannt sei. Danach sei auch der
Beschuldigte, der den Plastiksack bei sich gehabt habe, rennend zu ihm
gekommen, woraufhin sie gemeinsam weggerannt seien, bis sie einen
schwarzen Personenwagen gesehen hätten. Der Beschuldigte habe ihm,
D._____, dann gesagt, dass sie in den Personenwagen einsteigen sollen,
was sie dann auch gemacht hätten. Danach seien sie in diesem Fahrzeug
weggefahren, wobei er, D._____, den Lenker nicht gekannt habe. Er
vermute, dass der Beschuldigte das Fluchtauto organisiert habe, weil es
der Beschuldigte gewesen sei, der ihm gesagt habe, dass sie in ein Auto
steigen würden, als sie vom Tatort weggerannt seien. In Bezug auf B._____
führte D._____ aus, nicht gesehen oder mitbekommen zu haben, dass
dieser verletzt worden sei. Er nehme jedoch an, dass der Beschuldigte für
die Verletzungen von A._____ und B._____ verantwortlich sei, weil er
selbst niemanden verletzt habe. Nachdem D._____ angegeben hat, dass
es sich beim Beschuldigten um einen Freund handle, welchen er seit der
Schulzeit kenne, und dass er weder A._____ noch B._____ kenne (UA
act. 578 ff.), ist nicht davon auszugehen, dass er den Beschuldigten
anlässlich seiner delegierten Einvernahme vom 10. Dezember 2020 zu
Unrecht belastet hat. Hinzukommt, dass D._____ sich durch die
vorgenannten Aussagen auch selber in Bezug auf schwerwiegende Delikte
belastet hat und infolgedessen für sein Handeln mit rechtskräftigem
Entscheid der Jugendanwaltschaft vom 2. Dezember 2022 wegen Angriffs
gemäss Art. 134 StGB, Unterlassung der Nothilfe gemäss Art. 128 Abs. 1
StGB, Nötigung gemäss Art. 181 StGB sowie Widerhandlung gegen das
Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 1 lit. d BetmG schuldig
gesprochen worden ist (vgl. beigezogene Akten JA.2020.2101). Die von
D._____ an seiner delegierten Einvernahme vom 10. Dezember 2020
getätigten Aussagen erscheinen insgesamt schlüssig und nachvollziehbar.

Die anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung vom 23. Oktober
2023 von D._____ erscheinen dagegen, insoweit sie von seinen vorgängig
dargelegten Aussagen divergieren, nicht glaubhaft, ist darin nach Ansicht
des Obergerichts – wie auch der Vorinstanz (vorinstanzliches Urteil
E. 3.8.1) – doch eine deutliche Tendenz erkennbar, den Beschuldigten
entlasten und damit begünstigen zu wollen. Vorab ist festzuhalten, dass die
vorinstanzliche Hauptverhandlung beinahe drei Jahre nach der delegierten
Einvernahme von D._____ stattgefunden hat, weshalb ihm bei seiner
Aussage, wonach er sich im Zeitpunkt der Hauptverhandlung besser an
den Vorfall erinnern könne als während der delegierten Einvernahme, nicht
gefolgt werden kann. Dass er während der delegierten Einvernahme nach
wie vor unter Schock gestanden haben soll, wie er dies geltend macht (GA
act. 274), kann ihm nicht geglaubt werden, waren in diesem Zeitpunkt seit
der Tat doch bereits mehr als vier Monate vergangen. Auch, dass er
mittlerweile keine Drogen mehr konsumiere und sich deshalb besser an
den Vorfall erinnern könne (GA act. 274), ist nicht nachvollziehbar.

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Hervorzuheben ist diesbezüglich, dass er angegeben hat, weder beim
Vorfall vom 2. August 2020 noch während der delegierten Einvernahme
unter Drogeneinfluss gestanden zu haben (GA act. 279 f.). Hinzukommt,
dass Erinnerungen notorischerweise mit zunehmendem Zeitablauf
kontinuierlich ab- und nicht zunehmen. Gegenteiliges wäre nur im Falle
einer anfänglich noch bestehenden Amnesie zu erwarten, welche jedoch
gerade nicht vorlag, konnte D._____ an seiner delegierten Einvernahme
doch sehr detaillierte Angaben zum Tatgeschehen machen. Es ist denn
auch nicht so, dass sich D._____ an der vorinstanzlichen
Hauptverhandlung besser an den Vorfall hat erinnern können, wie er dies
ausführte. So gab er beispielsweise an, nicht zu wissen, ob der
Beschuldigte und B._____ am Ort der Übergabe stehen geblieben seien.
Sehr auffällig erscheint, dass sämtliche durch D._____ erstmals an der
vorinstanzlichen Hauptverhandlung zu Protokoll gegebenen
Sachverhaltselemente den Beschuldigten entlasten. So führte D._____ an
der vorinstanzlichen Hauptverhandlung erstmals aus, dass sowohl der
Beschuldigte als auch A._____ und B._____ ein Messer auf sich getragen
hätten, wobei zwei Personen gleichzeitig ihr Messer gezückt hätten und die
dritte Person dann später. Wie diese Messer ausgesehen hätten, konnte er
jedoch nicht beschreiben. Weiter gab D._____ neu zu Protokoll, dass
B._____ zuerst den Beschuldigten habe abstechen wollen, woraufhin sich
der Beschuldigte gewehrt habe. Bevor A._____ ein Messer gezückt habe,
sei es zu keiner Auseinandersetzung gekommen. Ebenfalls erstmals führte
D._____ aus, dass es schon möglich sei, dass jemand dem Beschuldigten
einen Schlag auf den Hinterkopf versetzt habe. Dies sei vermutlich B._____
gewesen. Er selbst habe dies jedoch nicht gesehen (GA act. 270 ff.). Es ist
somit eine nachträgliche Angleichung der Aussagen von D._____ an
diejenigen des Beschuldigten erkennbar, was vor Augen führt, dass
D._____ seine anfänglich getätigten Aussagen dahingehend angepasst
hat, sodass diese mit denjenigen des Beschuldigten übereinstimmen und
Letztgenannten, durch die Darstellung einer angeblich vorliegenden
Notwehrsituation, entlasten.

Abwegig erscheint die von der Verteidigung getroffene Annahme, D._____
habe in der ersten Einvernahme alles dafür getan, selber gut
wegzukommen und dabei auch den Beschuldigten zu Unrecht belastet,
später dann aber erkannt, dass er diesen nicht fälschlicherweise belasten
dürfe und dann das Geschehen so geschildert, wie es sich tatsächlich
abgespielt habe (vgl. Plädoyer Beschuldigter anlässlich der Berufungs-
verhandlung, S. 8, Protokoll Berufungsverhandlung, S. 48). Die spätere
Schilderung des Ablaufs, dass es zu einem Messerangriff durch die
Gegenpartei, namentlich B._____, gekommen sei und sie, also der
Beschuldigte und D._____, sich lediglich verteidigt hätten, wäre ja gerade
die günstigste Version sowohl für D._____ als auch den Beschuldigten
gewesen. Wenn denn dies tatsächlich so abgelaufen wäre, so wäre zu
erwarten gewesen, dass D._____ dies bereits anlässlich seiner ersten

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Einvernahme so geschildert hätte, und nicht erst, nachdem der
Beschuldigte entsprechende Aussagen getätigt hatte.

Betreffend die an der Berufungsverhandlung getätigten Aussagen von
D._____ ist festzuhalten, dass er an seinen späteren, unglaubhaften
Aussagen festhält und seine eigene Beteiligung kleinredet. Er will weder
vom Vorhaben des Beschuldigten, Drogen zu kaufen, noch von dessen
Plan, dafür nichts zu bezahlen, gewusst haben. Ob der Beschuldigte ein
Messer gehabt habe, wisse er nicht mehr, sicherlich die andere Partei habe
aber ein Messer gehabt. (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 11 ff.). Einer
sei auf ihn los gegangen, da habe er sich gewehrt und sei dann weggerannt
(Protokoll Berufungsverhandlung, S. 13 f.). Der Beschuldigte selbst erklärte
anlässlich der Berufungsverhandlung hingegen, dass D._____ gewusst
habe, dass sie zu einem Drogendeal fahren würden und er – der
Beschuldigte – dafür nicht bezahlen wolle. D._____ habe diesbezüglich
gelogen (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 27). Insgesamt sind die
Aussagen von D._____ anlässlich der Berufungsverhandlung genau wie
seine Aussagen vor Vorinstanz nicht glaubhaft und vermögen
insbesondere seine tatnächsten glaubhaften und in sich logischen
Aussagen nicht in Zweifel zu ziehen.

2.3.6.
Sodann ist auch gestützt auf die in Bezug auf das eigentliche Kern-
geschehen übereinstimmenden und als glaubhaft zu qualifizierenden
Aussagen von B._____ und A._____ an der Konfrontationseinvernahme
vom 17. Februar 2021 sowie der vorinstanzlichen Hauptverhandlung –
welche in den vorliegend relevanten Punkten mit den Aussagen von
D._____ an dessen delegierten Einvernahme vom 10. Dezember 2020
übereinstimmen – für das Obergericht erstellt, dass es zu keinem
vorgängigen Angriff von A._____ und B._____ auf den Beschuldigten und
D._____ gekommen ist.

So führte A._____ aus, dass der Beschuldigte ihm ein Couvert übergeben
habe, woraufhin der Beschuldigte, während er, also A._____, das Couvert
geöffnet habe, versucht habe, B._____ den Plastiksack mit den Drogen zu
entreissen. Dabei habe er, A._____, gesehen, wie der Beschuldigte einmal
auf B._____ eingestochen habe und Letztgenannter vor Schmerzen
aufgeschrien habe. Danach habe der Beschuldigte zweimal auf ihn im
Bereich seines linken Oberarms eingestochen. Es seien gezielte Stiche
gewesen. Der Beschuldigte habe auf seine Brust gezielt, wobei er sich
noch habe abdrehen können. B._____ habe die Flucht ergriffen und der
Beschuldigte sei ihm gefolgt. In dem Moment habe D._____ ihn, A._____,
zu Boden gerissen, woraufhin es zwischen ihnen beiden am Boden zu einer
Rangelei gekommen sei. Als der Beschuldigte wieder in seine Richtung
zurückgekommen sei, habe er, A._____, sich von D._____ lösen und zu
B._____ rennen können. A._____ gab zwar an, während der

- 12 -

Auseinandersetzung sein Messer, welches er in seiner Hosentasche auf
sich getragen habe, weder behändigt noch eingesetzt zu haben. Er habe
sein Messer erst nach der Auseinandersetzung behändigt, um sein T-Shirt
zum Zweck der Wundverbindung seines verletzten Arms zu zerschneiden.
Dies widerspricht jedoch den Angaben von D._____, welcher ausgeführt
hat, dass A._____ dessen Messer hervorgenommen habe, als B._____
und der Beschuldigte zum Parkplatz gerannt seien (UA act. 579). Auch
wenn diesbezüglich somit sich widersprechende Aussagen vorliegen, so ist
relevant und hervorzuheben, dass das Messer von A._____ nicht
hervorgenommen worden ist, bevor der Beschuldigte
eingestandenermassen auf diesen und B._____ eingestochen hat.
A._____ gab weiter an, dass – nebst ihm – lediglich der Beschuldigte ein
Messer dabeigehabt habe. Vor den durch den Beschuldigten zugefügten
Stichverletzungen sei es weder zu Drohungen noch zu einem Gerangel
gekommen. Der Beschuldigte habe sein Messer plötzlich, wie aus dem
Nichts, hervorgeholt (UA act. 632 f.; GA act. 281 ff.).

Betreffend das eigentliche Kerngeschehen bestätigte B._____ den von
A._____ geschilderten Ablauf des Vorfalls (UA act. 634; GA act. 288 ff.). Im
Widerspruch zu den Angaben von A._____, welcher ausführte, der
Beschuldigte habe während des Einstechens auf B._____ versucht,
diesem den Plastiksack zu entreissen (GA act. 283), führte B._____ aus,
er habe nach dem Angriff durch den Beschuldigten den Plastiksack,
welchen der Beschuldigte ihm entrissen habe, wieder an sich gerissen und
sei in Richtung des Parkplatzes gerannt (UA act. 639; GA act. 289). Ob der
Beschuldigte den Plastiksack mit den darin befindlichen Drogen B._____
tatsächlich entreissen konnte, woraufhin Letztgenannter den Sack an sich
zurückgenommen hat, oder ob B._____ den Sack am eigentlichen Ort der
Übergabe die ganze Zeit in seinen Händen hatte, während der
Beschuldigte bloss versucht hat, diesen zu entreissen, ist vorliegend von
untergeordneter Relevanz für die Frage, wer zuerst ein Messer
hervorgenommen hat und von wem der Angriff ausgegangen ist. Aufgrund
dessen vermag dieser Widerspruch in den Aussagen von A._____ und
B._____ keinen Zweifel an der Glaubhaftigkeit ihrer übrigen Aussagen zu
begründen. B._____ führte weiter aus, als er sich umgedreht habe, sei der
Beschuldigte ca. zwei bis drei Meter hinter ihm ebenfalls stehen geblieben
und habe geschrien, er solle ihm den Plastiksack geben. Im Augenwinkel
habe B._____ gesehen, wie A._____ mit D._____ am Boden gerangelt
habe, woraufhin er dem Beschuldigten gesagt habe, er könne den
Plastiksack haben, wenn D._____ A._____ in Ruhe lasse. Der
Beschuldigte habe dann gesagt, dass dies in Ordnung gehe, woraufhin er,
B._____, ihm den Plastiksack zugeworfen habe. Daraufhin sei der
Beschuldigte in Richtung von D._____ gerannt. B._____ bestätigte, selber
kein Messer bei sich gehabt zu haben und während des Angriffs durch den
Beschuldigten lediglich dessen Messer gesehen zu haben (UA act. 639;
GA act. 289 ff.).

- 13 -

Nicht abzustellen ist dagegen auf die Aussagen von A._____ und von
B._____ anlässlich ihrer ersten Einvernahmen vom 3. August 2020, da
diese nicht als glaubhaft zu qualifizieren sind. So ging es ihnen in diesem
Zeitpunkt augenscheinlich noch darum, die Tatsache zu verheimlichen,
dass sie am 2. August 2020 beabsichtigt hatten, Drogen zu verkaufen. Es
ist offensichtlich, dass die anlässlich dieser Einvernahmen getätigten
Aussagen, wonach A._____ und B._____ rein zufällig bei der Sportanlage
gewesen seien, die auf sie einstechende Person ihnen unbekannt sei und
es sich um einen Raubüberfall gehandelt habe, bei welchem zwei Täter
nach den Wertsachen von A._____ und B._____ gefragt hätten, lediglich
dem Schutz vor einer eigenen Strafverfolgung betreffend der
Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz dienen sollten und
nicht wahrheitsgetreu erfolgt sind (UA act. 513 ff.; 533 ff.). Selbst der
Beschuldigte bestreitet nicht, dass diese Aussagen von A._____ und
B._____ der Verschleierung ihrer Verkaufstätigkeit als Drogenhändler
gedient hat (Anschlussberufungsbegründung S. 5). Folglich ist auf diese
Erstaussagen nicht abzustellen. Dies vermag jedoch nichts an der
Glaubhaftigkeit der vorgängig dargelegten Aussagen von B._____ und
A._____ anlässlich der Konfrontationseinvernahme vom 17. Februar 2021
sowie an der vorinstanzlichen Hauptverhandlung zu ändern, hatten sie in
diesen Zeitpunkten doch bereits zugegeben, am 2. August 2020 für den
Verkauf von Betäubungsmitteln auf dem Sportplatz gewesen zu sein.

2.3.7.
Der Beschuldigte machte sowohl an seiner delegierten Einvernahme vom
2. November 2020 als auch an der Eröffnung seiner Festnahme vom
3. November 2020 von seinem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch
(UA act. 63; 561 ff.). An seiner delegierten Einvernahme vom 12. Januar
2021 sowie an der vorinstanzlichen Hauptverhandlung gestand er dann ein,
bereits mehrere Tage vor dem Treffen vom 2. August 2020 vorgehabt zu
haben, A._____ und B._____ zu «verarschen», indem er diesen einen
Umschlag ohne Geld habe übergeben und diesen die Betäubungsmittel
habe abnehmen wollen. Dies, weil er gewusst habe, dass er nicht werde
bezahlen können. Weiter bestätigte der Beschuldigte, dass es einen
Fluchtwagenfahrer gegeben habe, der bei der Flucht behilflich gewesen
sei, zu welchem er aber keine weiteren Angaben machen wolle (UA
act. 607; GA act. 260). Vor Obergericht erklärte der Beschuldigte erneut,
dass sein Plan die Abnahme der Drogen von den Verkäufern, ohne zu
bezahlen, umfasst habe. Es sollte dabei aber niemand zu Schaden
kommen. Lediglich der Verlust der Drogen hätten die Verkäufer zu tragen
gehabt (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 27).

Der Beschuldigte hat an seiner delegierten Einvernahme vom 12. Januar
2021 zu Protokoll gegeben, nachdem A._____ und B._____ realisiert
hätten, dass im Umschlag kein Geld gewesen sei, als erstes durch einen

- 14 -

von ihnen beiden auf seinen Hinterkopf geschlagen worden zu sein (UA
act. 608). An der vorinstanzlichen Hauptverhandlung gab der Beschuldigte
dann erstmals an, er vermute, dass es B._____ gewesen sei, welcher ihm
auf den Kopf geschlagen habe (GA act. 257). Ebenso erklärte er anlässlich
der Berufungsverhandlung, dass er Schläge auf den Hinterkopf erhalten
habe, wobei er als Verursacher der Schläge A._____ vermutete (Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 26 und 29). Diese Aussagen des Beschuldigten
an der vorinstanzlichen Hauptverhandlung sowie vor Obergericht
erscheinen nicht glaubhaft, ist doch, wie bereits dargelegt, mit
zunehmendem Zeitablauf notorischerweise eine Abnahme und gerade
nicht eine Zunahme des Erinnerungsvermögens zu erwarten. Hinzukommt,
dass bei dem durch den Beschuldigten geltend gemachten Schlag von
hinten auf dessen Hinterkopf zu erwarten wäre, dass die den Schlag
ausführende Person hinter oder zumindest neben dem Beschuldigten
gestanden hätte, was jedoch gerade nicht der Fall war. Dies wurde auch
durch A._____ und B._____ ausgeführt. So gaben sie an, dass es gar nicht
möglich gewesen wäre, dass der Beschuldigte von ihnen auf dessen
Hinterkopf geschlagen worden wäre, da sie ihm gegenübergestanden
seien (UA act. 642 f.). Auch der Beschuldigte selbst gab zu Protokoll, dass
A._____ und B._____ ihm und D._____, welcher neben ihm, also dem
Beschuldigten, gestanden sei, gegenübergestanden seien resp. sie seien
in «so einem Kreis gestanden» (UA act. 608; GA act. 257; Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 26). Auch D._____ gab zu Protokoll, dass
A._____ und B._____ vor dem Beschuldigten gestanden seien (UA
act. 578). A._____ bestätigte an der vorinstanzlichen Hauptverhandlung,
dass der Beschuldigte neben D._____ gestanden sei, und dass die beiden
letztgenannten Personen ihm, also A._____, und B._____ frontal
gegenübergestanden seien. Es habe niemand auf den Kopf des
Beschuldigten geschlagen (GA act. 283; 285). Auch B._____ bestätigte,
dass niemand dem Beschuldigten einen Schlag auf den Kopf verpasst
habe. Der Beschuldigte sei ihm gegenüberbestanden (GA act. 292).
Aufgrund dessen ist das – wohlbemerkt erst nachträglich vorgebrachte
Argument des Beschuldigten – wonach B._____ oder A._____ ihm einen
Schlag auf den Hinterkopf verpasst habe, als reine Schutzbehauptung zu
qualifizieren. Damit im Einklang steht, dass die durch den Beschuldigten
geltend gemachte Gewalteinwirkung gegen dessen Hinterkopf dem
rechtsmedizinischen Gutachten zufolge anhand objektiver Befunde weder
belegt noch ausgeschlossen werden konnte (UA act. 423 ff.).

Zum Ablauf der Auseinandersetzung führte der Beschuldigte an der
vorinstanzlichen Hauptverhandlung aus, das Couvert übergeben zu haben,
welches dann zerrissen worden sei, woraufhin er, der Beschuldigte, einen
Schlag auf den Kopf erhalten habe. Es habe ein Gerangel stattgefunden
und er habe gesehen, dass er blute, woraufhin er ein Messer gesehen
habe. Erst danach habe er sein eigenes Messer rausgenommen, weil er
Angst gehabt habe (GA act. 254). Der Beschuldigte gab erstmals an der

- 15 -

vorinstanzlichen Hauptverhandlung an, dass es wohl A._____ gewesen
sei, der ein Messer hervorgenommen habe (GA act. 258), nachdem er an
seiner delegierten Einvernahme vom 12. Januar 2021 noch ausgeführt
hatte, nicht mehr zu wissen, wer ein Messer in der Hand gehalten habe (UA
act. 608). Vor Obergericht äusserte sich der Beschuldigte sodann wieder
dahingehend, dass er nicht wisse, wer das Messer in der Hand gehalten
habe. Er wisse nur, dass ein Messer im Spiel gewesen sei (Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 29). D._____ hat an seiner delegierten
Einvernahme vom 10. Dezember 2020 jedoch zu Protokoll gegeben, dass
sein Gegenüber, also A._____, erst als der Beschuldigte und B._____
bereits in Richtung des Parkplatzes gerannt seien, dessen Messer
hervorgenommen habe (UA act. 579). Aufgrund dessen kann dem
Beschuldigten nicht geglaubt werden, dass er zuerst von A._____ mit
einem Messer angegriffen worden sein soll und dass dies der Grund
gewesen sein soll, weshalb er – der Beschuldigte – sein Messer
hervorgenommen habe. Der Beschuldigte hat denn auch, wie bereits
dargelegt, an der vorinstanzlichen Hauptverhandlung schliesslich zu
Protokoll gegeben, dass es wohl während des Handgemenges zu seiner
Verletzung an seinem rechten Zeigefinger gekommen sei. Er habe sich
wahrscheinlich selbst verletzt (GA act. 257). Diese Aussage führt vor
Augen, dass der Beschuldigte gerade nicht durch A._____ oder B._____
mit einem Messer angegriffen und verletzt worden ist, bevor er auf diese
eingestochen hat. Nachdem er angegeben hat, sich wahrscheinlich selber
am Finger verletzt zu haben, vermag die Schnittwunde an seinem rechten
Zeigefinger (UA act. 620) – entgegen seinem Vorbringen
(Anschlussberufungsbegründung S. 6) – nicht nachzuweisen, dass es zu
einem vorgängigen Angriff von B._____ und A._____ gekommen ist.

Der Beschuldigte gab weiter an, er habe mit seinem Messer wild um sich
gefuchtelt, ohne dabei darauf zu achten, was er treffe. Er habe nicht gezielt
auf jemanden mit dem Messer eingewirkt (UA act. 608 f.). Gerade unter
Berücksichtigung der Verletzungen von A._____ und B._____ ist diese
durch den Beschuldigten geschilderte Version der Geschehnisse nicht
nachvollziehbar. So geht aus dem Gutachten zur forensisch-klinischen
Untersuchung von B._____ des Instituts für Rechtsmedizin des
Kantonsspitals Aarau vom 10. September 2020 hervor, dass dieser als
Folge der Tat eine ca. 5 cm lange Schnitt-Stichverletzung links neben dem
Brustbein, eine ca. 6 cm lange Schnitt-Stichverletzung an der linken
Unterarmstreckseite sowie eine ca. 2 cm lange Schnittverletzung am linken
Kleinfingerballen erlitten habe. Die Ansammlung von Blut und Luft hinter
dem Brustbein sei Ausdruck des äusserst nah an das Herz heran-
reichenden Stichkanals (UA act. 323 ff.). Das Ergänzungsgutachten zur
forensisch-klinischen Untersuchung von A._____ des Instituts für
Rechtsmedizin der Universität Basel vom 20. Oktober 2020 führt aus, dass
A._____ zwei Stichwunden am linken Oberarm erlitten habe, welche
jeweils ca. 3 cm lang gewesen seien. Die erste Wunde habe eine

- 16 -

Wundtiefe von etwa 1.4 cm und die zweite eine solche von 6.8 cm
aufgewiesen (UA act. 397 ff.). Dass bei einem blossen herumfuchteln mit
einem Messer, ohne ein gezieltes Losgehen auf eine bestimmte Person die
vorliegenden u.a. tiefen Verletzungen entstehen könnten, erscheint höchst
unwahrscheinlich. Hinzukommt, dass B._____ konstant zu Protokoll
gegeben hat, dass es sich bei den durch den Beschuldigten ausgeführten
Stichen um zwei stossartige Stichbewegungen gegen seinen Oberkörper
gehandelt habe. Diese seien sehr gezielt gewesen und es habe sich dabei
nicht um ein Fuchteln gehandelt. Es handle sich bei seinen Verletzungen
nicht um zufällig entstandene Verletzungen (UA act. 634 f.; GA act. 292).
Auch A._____ führte in Bezug die ihn betreffenden Stichbewegungen
konstant aus, dass diese eindeutig gewollt gewesen und gezielt ausgeführt
worden seien (UA act. 634 f.; GA act. 284).

Auch das Vorgehen des Beschuldigten nach der Tat spricht klar gegen die
von ihm geltend gemachte Notwehrsituation, hat er doch angegeben, nach
der Tat das Tatmesser sowie die von ihm getragenen Kleidungsstücke in
einem öffentlichen Abfalleimer entsorgt zu haben (UA act. 612). Hätte es
sich tatsächlich um einen Angriff von A._____ und B._____ auf den
Beschuldigten gehandelt, so wäre zu erwarten gewesen, dass er das von
ihm zum Zweck seiner Verteidigung eingesetzte Messer sowie seine
Kleidung, auf welchem sich möglicherweise ihn entlastende Blut- und DNA-
Spuren hätten finden können, behalten hätte. Dass er diese jedoch im
Gegenteil entsorgt hat, zeigt, dass der Beschuldigte Vertuschungs-
handlungen vorgenommen hat, welche klar gegen eine Notwehrsituation
sprechen. Es erscheint in einer rückwirkenden Betrachtung wenig
überzeugend, dass sich der Beschuldigte keine Gedanken darüber
gemacht haben will, was geschehen soll, wenn die Verkäufer der Drogen
das Couvert und damit die Bezahlung überprüfen würden. Allerdings lassen
die Aussagen des Beschuldigten auch nicht per se darauf schliessen, dass
er bereits vor dem Drogendeal damit gerechnet und geplant hat, das
Messer, welches er gemäss eigenen Aussagen zu jenem Zeitpunkt immer
bei sich getragen habe (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 27), gegen
A._____ und B._____ einzusetzen, mag auch sein Plan reichlich naiv
gewesen sein. Vielmehr ist zu Gunsten des Beschuldigten davon
auszugehen, dass er erst dann – spontan – zum Messer gegriffen hat, als
er realisierte, dass sein Plan nicht aufgehen würde, weil das Couvert noch
vor Übergabe der Drogen geprüft worden ist.

2.3.8.
Die genaue Abfolge der Messerstiche hat sich, wie bereits oben ausgeführt,
auch anlässlich der obergerichtlichen Einvernahmen nicht zweifellos
erstellen lassen. Ob der Beschuldigte zuerst auf A._____ eingestochen hat,
wie dies D._____ geschildert hat, oder er zuerst auf B._____ eingestochen
hat, wie dies A._____ ausgeführt hat, ist aber ohnehin nicht von
entscheidender Bedeutung. Denn einerseits konnte ein Angriff von Seiten

- 17 -

A._____ und B._____ auf den Beschuldigten ausgeschlossen werden und
andererseits bestreitet selbst der Beschuldigte nicht, Urheber der
Verletzungen von A._____ und B._____ zu sein (Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 29). Dass die Anklage davon ausgeht, dass der
Beschuldigte zuerst auf B._____ und erst danach auf A._____
eingestochen hat, spielt in dieser Konstellation somit eine untergeordnete
Rolle. Eine andere Reihenfolge der Messerstiche oder das Offenlassen des
genauen zeitlichen Ablaufs führt insbesondere zu keiner Verletzung des
Anklageprinzips, war dem Beschuldigten aufgrund der Anklage doch klar,
dass ihm vorgeworfen wurde, sowohl B._____ als auch A._____ während
der Drogenübergabe mit Messerstichen verletzt zu haben. Damit ist der
Umgrenzungs- und Informationsfunktion Genüge getan.

2.4.
Der Beschuldigte wusste, dass wiederholte Stiche mit einem Messer in den
Oberkörper resp. in den Arm in unmittelbarer Nähe der Armschlagader und
somit ebenfalls in den Oberkörperbereich einer Person insbesondere
während eines dynamischen Geschehens, bei welchem die Stichzu-
fügungen ungezielt erfolgen, zum Tod führen können. So hat das
Bundesgericht bereits mehrfach ausgeführt, dass es keiner besonderen
Intelligenz bedarf, um zu erkennen, dass (ungezielte) Messerstiche in die
Brust eines Menschen den Tod zur Folge haben können (BGE 109 IV 5
E. 2; Urteil des Bundesgerichts 6B_829/2010 vom 28. Februar 2011
E. 3.2). Der Beschuldigte hat keine Angaben zu seinen Beweggründen
gemacht, da er sich auch noch im Berufungsverfahren zu Unrecht darauf
beruft, von B._____ und A._____ angegriffen worden zu sein und sich
lediglich verteidigt zu haben. Das Obergericht geht zu Gunsten des
Beschuldigten zwar davon aus (siehe oben), dass der Beschuldigte nicht
von Anfang an geplant hatte, zur Durchsetzung seines Planes, die
Betäubungsmittel ohne Bezahlung zu erlangen, fremdes Leben auszu-
löschen. Als er jedoch realisiert hat, dass A._____ das Couvert mit dem
angeblichen Geld überprüfen wollte, hat er sich seines mitgeführten
Messers behändigt und damit mehrmals und ohne Vorwarnung auf die
Oberkörper von B._____ und A._____ eingestochen, um seinen Plan, die
Drogen ohne Gegenleistung zu erhalten, durchziehen zu können. Der
Beschuldigte hat das Tatmesser eigenen Angaben zufolge nach der Tat in
einem öffentlichen Abfalleimer entsorgt (UA act. 612); es konnte nicht
gefunden werden, weshalb zu diesem auch keine genauen Angaben
gemacht werden können. Fest steht jedoch, dass es sich sicherlich um ein
Messer mit einer gewissen Klingenbreite und auch mit einer gewissen
Klingenlänge gehandelt haben muss, da es zu tiefen Stichwunden von bis
zu beinahe 7 cm Wundtiefe gekommen ist. Auch wenn für den
Beschuldigten nicht primär der Tod von B._____ und A._____ im
Vordergrund stand, so lassen die gezielten mehrfachen Stiche in Richtung
der Oberkörper von B._____ und A._____ keinen anderen Schluss zu, als
dass der Beschuldigte deren Tod zumindest in Kauf genommen hat.

- 18 -

Ausgehend vom Umstand, dass der Beschuldigte gerade dabei war, den
Sack mit den Drogen von B._____ zu erhalten und A._____ den Umschlag
öffnete, um die Bezahlung zu kontrollieren (vgl. Protokoll Berufungs-
verhandlung, S. 26), musste der Beschuldigte schnell handeln und er
befand sich selbst in einer Stresssituation, er handelte mithin quasi im
(nicht entschuldbaren) Affekt. Zudem hat der Beschuldigte die
Messerstiche im Rahmen einer dynamischen Situation ausgeführt.
A._____ hat glaubhaft ausgeführt, dass er sich gerade noch abdrehen
konnte, weshalb die Messerstiche in seinen Oberarm und nicht in den
Oberkörper gingen (vgl. UA act. 579). Betreffend die erlittenen
Verletzungen kann auf die vorgängig gemachten Ausführungen verwiesen
werden. Aus dem Gutachten zur forensisch-klinischen Untersuchung von
B._____ geht hervor, dass zwar keine konkrete Lebensgefahr bestanden
habe, wobei Stiche und Schnitte mit einem scharfen Gegenstand gegen
den Rumpf aufgrund der engen räumlichen Beziehung zu lebenswichtigen
Strukturen grundsätzlich zu tödlichen Verletzungen hätten führen können.
Im Hinblick auf die Verletzungslokalisation sei es nur dem Zufall zu
verdanken, dass es im Rahmen der dynamischen Handlungen nicht zu
einer geringen Abweichung der Stichrichtung und damit zu einem Herzstich
gekommen ist, welcher durch einen Blutverlust zum Tod hätte führen
können (UA act. 323 ff.). Das Ergänzungsgutachten zur forensisch-
klinischen Untersuchung von A._____ führt aus, dass eine unmittelbare
Lebensgefahr zwar nicht bestanden habe. Jedoch verlaufe die unverletzt
gebliebene Oberarmschlagader lediglich 1.4 cm vom Ende des Stichkanals
entfernt und wäre bei gleicher Eindringtiefe des Tatmessers in einem
geringfügig anderen Winkel erreichbar gewesen. Weiter müsse
berücksichtigt werden, dass die Eindringtiefe eines scharfen Gegen-
standes, sobald der Hautwiderstand überwunden sei, für den Angreifer
kaum vorherseh- und steuerbar sei. Eine Schädigung der Schlagader sei
zweifellos geeignet wegen, einen raschen Todeseintritt durch Verbluten
herbeizuführen (UA act. 397 ff.). Nach dem Gesagten konnte der
Beschuldigte weder die genauen Einstichstellen noch die Einstichtiefen
kontrollieren und es ist nur dem Zufall zu verdanken, dass es bei B._____
und A._____ nicht zum Todeseintritt gekommen ist.

Bei einer Gesamtwürdigung aller relevanter Umstände ist im Vorgehen des
Beschuldigten entgegen der Vorinstanz noch knapp keine den Tatbestand
des Mordes erfüllende Skrupellosigkeit auszumachen. Allerdings hat der
Beschuldigte durch das mehrfache Zustechen in die Richtung des
Oberkörpers von B._____ und A._____ ohne weiteres deren Tod in Kauf
genommen. Das Risiko der Zufügung einer tödlichen Verletzung war dem
Beschuldigten bekannt, aber es war ihm in der fraglichen Situation,
insbesondere aufgrund der dynamischen Situation, gar nicht möglich, das
Risiko entsprechend zu kalkulieren und zu dosieren (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6B_645/2023 vom 27. September 2023 E. 2.2.2). Damit ist
der Tatbestand der vorsätzlichen Tötung, sowohl in Bezug auf B._____ wie

- 19 -

auch betreffend A._____, erfüllt. Nachdem B._____ und A._____ überlebt
haben, ist es bei versuchten Tatbegehungen geblieben. Rechtfertigungs-
oder Schuldausschlussgründe liegen nicht vor. Der Beschuldigte hat sich
der mehrfach versuchten vorsätzlichen Tötung gemäss Art. 111 StGB
i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig gemacht. Damit erweist sich seine
Anschlussberufung im Schuldpunkt zumindest teilweise als begründet.

3.
3.1.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten für den durch ihn eingestandenen
Besitz von insgesamt 199 Gramm reinem MDMA wegen qualifizierter
Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 2
lit. a BetmG schuldig gesprochen (vgl. vorinstanzliches Urteil E. 5.4).

Dies ist mit Berufung oder Anschlussberufung zwar nicht angefochten
worden, jedoch in Anwendung von Art. 404 Abs. 2 StPO zu korrigieren, um
ein gesetzeswidriges und unbilliges Urteil zu verhindern. Nachdem beim
Betäubungsmittel MDMA (Ecstasy) der bundesgerichtlichen Recht-
sprechung zufolge die Annahme eines mengenmässig schweren Falles
ausscheidet, da es sich hierbei nicht um eine sog. harte Droge handelt, die
einer mengenmässig qualifizierten Widerhandlung gegen das Betäubungs-
mittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 2 lit. a BetmG zugänglich wäre (BGE 125
IV 90 Regeste), hat sich der Beschuldigte diesbezüglich nicht der
qualifizierten Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, sondern
der Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19
Abs. 1 lit. d BetmG schuldig gemacht.

3.2.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten wegen mehrfachen unbefugten
Konsums von Betäubungsmitteln gemäss Art. 19a Ziff. 1 BetmG schuldig
gesprochen.

Die Strafverfolgung von Übertretungen und die Strafe verjähren in drei
Jahren (Art. 109 StGB). Die Verjährung tritt gemäss Art. 97 Abs. 3 StGB
nicht mehr ein, wenn vor Ablauf der Verjährungsfrist ein erstinstanzliches
Urteil ergangen ist. Diese Bestimmung ist auch bei Übertretungen
anwendbar (Art. 104 StGB; BGE 135 IV 196 E. 2.3).

Die Vorinstanz hat im Rahmen der Strafzumessung zwar ausgeführt, dass
die meisten angeklagten Konsumhandlungen bereits verjährt seien
(vorinstanzliches Urteil E. 8.2.1), hat es sodann aber unterlassen, das
Verfahren diesbezüglich zufolge Verjährung einzustellen und dies im
Urteilsdispositiv festzuhalten. Das ist von Amtes wegen zu korrigieren.

- 20 -

4.
4.1.
Der Beschuldigte hat sich der mehrfach versuchten vorsätzlichen Tötung
gemäss Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, der mehrfachen
Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 1
lit. c und lit. d BetmG, der Widerhandlung gegen das Waffengesetz gemäss
Art. 33 Abs. 1 lit. a WG sowie der mehrfachen Widerhandlung gegen das
Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a Ziff. 1 BetmG schuldig gemacht.
Dafür ist er angemessen zu bestrafen.

4.2.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten – ausgehend von einer Qualifikation
als mehrfach versuchter Mord sowie einer qualifizierten Widerhandlung
gegen das Betäubungsmittelgesetz – zu einer unbedingten Freiheitsstrafe
von 11 Jahren, einer bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen à Fr. 30.00,
d.h. Fr. 900.00, Probezeit 4 Jahre, sowie einer Busse von Fr. 200.00,
ersatzweise 6 Tage Freiheitsstrafe, verurteilt. Auf den Widerruf des mit
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 28. April 2020 für
eine Geldstrafe von 10 Tagessätzen à Fr. 10.00, d.h. Fr. 100.00,
gewährten bedingten Vollzugs wurde verzichtet.

Die Staatsanwaltschaft beantragt mit Berufung, der Beschuldigte sei zu
einer unbedingten Freiheitsstrafe von 16 Jahren zu verurteilen. Der dem
Beschuldigten mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom
28. April 2020 für eine Geldstrafe von 10 Tagessätzen gewährte bedingte
Vollzug sei zu widerrufen und er sei als Gesamtstrafe mit einer unbedingten
Geldstrafe von 50 Tagessätzen à Fr. 30.00 zu bestrafen. Weiter sei er zu
einer Busse von Fr. 1'500.00, ersatzweise 50 Tage Freiheitsstrafe, zu
verurteilen (Berufungserklärung S. 2). Der Beschuldigte beantragte
dagegen anlässlich der Berufungsverhandlung, er sei mit einer Freiheits-
strafe von maximal 7 Jahren zu bestrafen (Plädoyer des Beschuldigten
anlässlich der Berufungsverhandlung, S. 2).

4.3.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313; BGE 144 IV
217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff.; je mit Hinweisen).
Darauf kann verwiesen werden.

4.4.
Bei der Wahl der Sanktionsart sind neben dem Verschulden unter
Beachtung des Prinzips der Verhältnismässigkeit als wichtige Kriterien die
Zweckmässigkeit und Angemessenheit einer bestimmten Sanktion, ihre
Auswirkungen auf den Täter und sein soziales Umfeld sowie ihre
Wirksamkeit unter dem Gesichtswinkel der Prävention zu berücksichtigen
(BGE 147 IV 241 E. 3; BGE 134 IV 97 E. 4.2; BGE 134 IV 82 E. 4.1).

- 21 -

Die vorsätzliche Tötung wird von Gesetzes wegen mit Freiheitsstrafe nicht
unter fünf Jahren bis 20 Jahre (Art. 40 Abs. 2 StGB) bestraft. Die
Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 1
lit. c und lit. d BetmG und die Widerhandlung gegen das Waffengesetz
gemäss Art. 33 Abs. 1 lit. a WG sehen als Strafe jeweils Freiheitsstrafe bis
zu drei Jahren oder Geldstrafe vor. Die Widerhandlung gegen das
Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a Ziff. 1 BetmG wird mit Busse
bestraft.

Der Beschuldigte ist vorbestraft. So wurde er mit Strafbefehl der Staats-
anwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 28. April 2020 wegen unrechtmässiger
Aneignung zu einer bedingten Geldstrafe von 10 Tagessätzen à Fr. 10.00
und einer Verbindungsbusse von Fr. 100.00 verurteilt (vgl. aktueller
Strafregisterauszug). Allein aufgrund dieser bedingt ausgesprochenen
Geldstrafe im Bagatellbereich kann nicht davon ausgegangen werden,
dass einzig eine Freiheitsstrafe geeignet wäre, den Beschuldigten von der
Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen abzuhalten. Bei denjenigen
Straftaten, die alternativ eine Freiheitsstrafe oder Geldstrafe vorsehen, ist
somit dort, wo die Schwere des Verschuldens es zulässt, auf eine
Geldstrafe zu erkennen. Für die Übertretung ist von Gesetzes wegen eine
Busse auszusprechen.

4.5.
4.5.1.
In einem ersten Schritt ist die Einsatzfreiheitsstrafe für die schwerste
Straftat festzusetzen. Aufgrund der Tatsache, dass der Beschuldigte
B._____ insgesamt drei Stichwunden, eine davon in unmittelbarer Nähe
seines Herzens, zugefügt hat, ist dessen versuchte Tötung als schwerste
Straftat zu qualifizieren. Dazu ergibt sich Folgendes:

Methodisch ist zunächst die schuldangemessene Strafe für das vollendete
Delikt festzulegen und die derart ermittelte hypothetische Strafe in der
Folge unter Berücksichtigung des fakultativen Strafmilderungsgrundes von
Art. 22 Abs. 1 StGB zu reduzieren (statt vieler: Urteil des Bundesgerichts
6B_466/2013 vom 25. Juli 2013 E. 2.3.1).

Die Vernichtung fremden Lebens ist immer von einer extremen Schwere.
Sie ist der vorsätzlichen Tötung immanent und wird bereits im Strafrahmen
(Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren) berücksichtigt. Allein der Umstand,
dass der Beschuldigte das höchste Rechtsgut eines Menschen, das Leben,
zu verletzen beabsichtigt hat, rechtfertigt aber nicht per se die Ausfällung
der Maximalstrafe. Die Rechtsgutverletzung als solche ist unergiebig, wenn
es um eine Tötung geht, da die Vernichtung des höchsten Rechtsguts den
Tatbestand des Art. 111 StGB begründet. Die objektive Tatschwere
bestimmt sich deshalb vielmehr anhand des Tathergangs und der

- 22 -

Tatumstände. Bei Totschlag (Art. 113 StGB) und bei Mord (Art. 112 StGB)
kennzeichnen subjektive Elemente (eine entschuldbare hefige Gemüts-
bewegung oder eine grosse seelische Belastung resp. eine besondere
Skrupellosigkeit) den privilegierten resp. qualifizierten Tatbestand.
Subjektive Merkmale wie Motive, Beweggründe und Absichten des Täters
sind implizit auch beim hier einschlägigen Grundtatbestand des Art. 111
StGB massgeblich, wenn es um die Festlegung des (objektiven)
Schweregrades geht. Dieser bestimmt sich mit anderen Worten anhand
aller Tatkomponenten, welche einem gesetzlichen Tatbestand zuzuordnen
sind (Urteil des Bundesgerichts 6B_1038/2017 vom 31. Juli 2018 E. 2.6.1).

Der Beschuldigte hat am 2. August 2020 gegen 18.20 Uhr bei der
Sportanlage Q._____ in R._____ im Rahmen eines – nicht nach den
Vorstellungen des Beschuldigten verlaufenden – Drogendeals, anlässlich
welchem er versucht hatte, die Drogenverkäufer in plumper, dummdreister
Weise mit einem Couvert, das nur zum Schein mit Geld gefüllt war, zu
überlisten, dreimal mit seinem mitgeführten Messer auf B._____
eingestochen, um das Drogenpacket ohne Bezahlung an sich nehmen zu
können (siehe dazu im Einzelnen oben). Dabei hat der Beschuldigte
B._____ mit dem Messer eine ca. 5 cm lange Schnitt-Stichverletzung links
neben dem Brustbein, eine ca. 6 cm lange Schnitt-Stichverletzung an der
linken Unterarmstreckseite sowie eine ca. 2 cm lange Schnittverletzung am
linken Kleinfingerballen zugefügt und dadurch zumindest in Kauf
genommen, ihn zu töten. Der Tatablauf zeigt eine Rücksichtslosigkeit des
Beschuldigten gegenüber der körperlichen Unversehrtheit von B._____
und auch eine erhebliche Brutalität. Der Beschuldigte hat nicht nur einmal
sondern gleich drei Mal unvermittelt auf den Oberkörper bzw. in Richtung
des Oberkörpers von B._____ eingestochen. Der Angriff kam für B._____
derart überraschend, dass er zunächst keine Möglichkeit der Abwehr hatte.
Im Rahmen der möglichen Tötungshandlungen ist dieses Verhalten im
mittelschweren bis schweren Bereich anzusiedeln. Zu Gunsten des
Beschuldigten ist davon auszugehen, dass er nicht mit direktem
Tötungsvorsatz handelte und die Tat nicht von vornherein plante, sondern
sich spontan zum Messereinsatz entschied, als die Drogenübergabe nicht
wie von ihm erhofft über die Bühne ging. Aufgrund des mehrfachen
Zustechens auf den Oberkörper, wo sich bekanntlich zahlreiche kritische
Stellen befinden, bei welchen ein Messerstich innert kürzester Zeit zum
Tode führen könnte, ist aber zu schliessen, dass die Tatausführung des
Beschuldigten näher beim direktvorsätzlichen als beim fahrlässigen
Handeln anzusiedeln ist. Auch besteht ein krasses Missverhältnis zwischen
dem verfolgten Ziel, sich Drogen im Umfang von etwas mehr als
Fr. 1'000.00 ohne Bezahlung zu sichern, und der Inkaufnahme der Tötung
von B._____.

Aus dem forensisch-psychiatrischen Gutachten von Dr. med. F._____,
Psychiatrische Dienste Aargau AG, vom 8. September 2021 geht hervor,

- 23 -

dass sowohl die Einsichtsfähigkeit als auch die Steuerungsfähigkeit des
Beschuldigten im Tatzeitpunkt voll erhalten gewesen seien, weshalb er
schuldfähig gewesen sei (UA act. 1021). Den ergänzenden Ausführungen
von Dr. med. F._____ vom 20. Oktober 2021 kann entnommen werden,
dass beim Beschuldigten – selbst bei der Annahme, wonach dessen
Ausführungen, er habe unter Betäubungsmitteleinfluss gestanden und sich
orientierungslos gefühlt, wie er dies in UA act. 613 angegeben hat, korrekt
seien – trotz des erheblichen Substanzeinflusses im Tatzeitpunkt eine voll
erhaltene Einsichts- und Steuerungsfähigkeit vorgelegen habe. Es würden
sich keinerlei intoxikationsbedingte Auffälligkeiten in seiner Orientierung
sowie seinen Denk- und Verhaltensmustern finden lassen. Auch wenn die
Aussagen von A._____, B._____ und D._____ ausser Acht gelassen
würden, wonach der Beschuldigte klar gewirkt und deutlich gesprochen
habe und keinen durch Drogen beeinflussten Eindruck gemacht habe,
würden aus den Angaben des Beschuldigten keinerlei Hinweise für
wesentliche psychopathologische Auffälligkeiten vorliegen, die eine
aufgehobene oder verminderte Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit
begründen könnten. So wirke das Handeln des Beschuldigten über weite
Teile geplant, es habe eine differenzierte Tatplanung und eine
Risikosicherung bestanden. Zusammenfassend könne es sein, dass der
Beschuldigte während der Tat unter erheblichem Substanzeinfluss
gestanden habe, dieser Einfluss sei aber nicht derart gewesen, dass er aus
forensisch-psychiatrischer Sicht die Fähigkeit des Beschuldigten, das
Unrecht seines Handelns einzusehen oder entsprechend dieser Einsicht zu
handeln, derart verändert hätte, dass die Schwelle zur Annahme einer
verminderten Schuldfähigkeit überschritten wäre (UA act. 1042 ff.). Folglich
verfügte der Beschuldigte, bei welchem im Tatzeitpunkt keine verminderte
Schuldfähigkeit vorlag, über ein erhebliches Mass an Entscheidungs-
freiheit. Auch wenn er an einem Abhängigkeitssyndrom von multiplen
psychotropen Substanzen litt (UA act. 1021), war es nicht so, dass er sich
in einer subjektiv aussichtslos empfundenen Lage befunden hätte oder es
keinen anderen Ausweg gegeben hätte. Mithin hätte er seinen Plan, ohne
Bezahlung zu Drogen zu kommen bzw. die Drogenverkäufer übertölpeln zu
wollen, ohne Weiteres abbrechen und ohne die Drogen das Weite suchen
können, als er realisiert hatte, dass seine Täuschung auffliegen würde.
Dennoch hat er sich dazu entschieden, das mitgeführte Drogenpacket an
sich zu nehmen, indem er mehrfach auf B._____ eingestochen hat. Je
leichter es ihm aber gefallen wäre, die körperliche Integrität bzw. das Leben
von B._____ zu respektieren, desto schwerer wiegt die Entscheidung
dagegen und damit einhergehend sein Verschulden (vgl. BGE 117 IV 112
E. 1; BGE 127 IV 101 E. 2a; Urteil des Bundesgerichts 6B_91/2022 vom
18. Januar 2023 E. 3.4.3).

Insgesamt wäre unter Berücksichtigung des Strafrahmens von 5 bis
20 Jahren Freiheitsstrafe für das vollendete Delikt von einem gerade noch

- 24 -

mittelschweren bis schweren Verschulden und einer dafür angemessenen
Freiheitsstrafe von 16 Jahren auszugehen.

Nachdem es bei einem Versuch geblieben ist, ist eine Strafmilderung
gemäss Art. 22 Abs. 1 StGB vorzunehmen. Dabei hat die Strafmilderung
umso geringer auszufallen, je näher der tatbestandsmässige Erfolg und je
schwerer die tatsächlichen Folgen der Tat waren (BGE 121 IV 49 E. 1b).
Der ordentliche Strafrahmen ist nur zu verlassen, wenn aussergewöhnliche
Umstände vorliegen oder die angedrohte Strafe im konkreten Fall als zu
hart erscheint (vgl. BGE 135 IV 55 E. 5.8). Der Taterfolg ist nur deshalb
nicht eigetreten, weil B._____ trotz der zugefügten Stiche hat wegrennen
können und anschliessend im Kantonsspital Aarau notoperiert worden ist.
Folglich hat der Beschuldigte nicht aus eigenem Antrieb von einer
Weiterverfolgung der Tat abgesehen, sondern mehrmals auf B._____
eingestochen. Aus dem Gutachten zur forensisch-klinischen Untersuchung
von B._____ des Instituts für Rechtsmedizin des Kantonsspitals Aarau vom
10. September 2020 geht hervor, dass zwar keine konkrete Lebensgefahr
bei B._____ bestanden habe. Im Hinblick auf die Verletzungslokalisation
sei es vorliegend aber nur dem Zufall zu verdanken, dass es im Rahmen
der dynamischen Handlungen nicht zu einer geringen Abweichung der
Stichrichtung und damit zu einem Herzstich gekommen sei, welcher durch
einen Blutverlust zum Tod hätte führen können (UA act. 323 ff.). Betreffend
die tatsächlichen Folgen ist festzuhalten, dass B._____ zwei Monate lang
vollständig und danach noch während sieben Monaten lang teilweise
arbeitsunfähig war und aufgrund der Tat nach wie vor seine Hand nicht
ganz ausstrecken kann. Seit der Tat leide er an irrationalen
Angstzuständen, weshalb er in psychologischer Behandlung sei (GA
act. 294 ff.; Beilagen zur Eingabe vom 18. Oktober 2023). An der
Berufungsverhandlung führte B._____ aus, dass aufgrund der
Durchtrennung der Streckmuskulatur im Arm die Hand nicht mehr
vollständig funktionsfähig sei. Zudem habe er unter posttraumatischen
Belastungsstörungen gelitten, aufgrund derer er in Therapie gewesen sei.
Diesbezüglich bestünden weiterhin Trigger, wie beispielsweise die
Gerichtsverhandlung. Damit werde er leben müssen. Hingegen habe er
vom Messerstich in den Brustkorb keine bleibenden Folgeschäden erlitten
(Protokoll Berufungsverhandlung S. 6 f.). Auch wenn es somit letztlich nur
dem Zufall zu verdanken ist, dass B._____ nicht tödlich verletzt worden ist,
so ist der Unterschied zwischen dem vom Beschuldigten beabsichtigten
Tod und den effektiv erlittenen Verletzungen von B._____ doch beachtlich.
Dies rechtfertigt es, den Versuch im Umfang von 6 Jahren
verschuldensmindernd zu berücksichtigen (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_510/2015 vom 25. August 2015 E. 1.3). Damit resultiert eine
angemessene Freiheitsstrafe von 10 Jahren.

- 25 -

4.5.2.
Die Einsatzfreiheitsstrafe für die an B._____ begangene versuchte
vorsätzliche Tötung ist nunmehr in Anwendung des Asperationsprinzips
gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB für die versuchte vorsätzliche Tötung von
A._____ angemessen zu erhöhen.

Zum Tatablauf und den Beweggründen kann grundsätzlich auf die obigen
Erwägungen zur versuchten vorsätzlichen Tötung zum Nachteil von
B._____ verwiesen werden. Nachdem der Drogendeal nicht wie vom
Beschuldigten erwartet abgewickelt werden konnte, hat er nicht nur drei
Mal auf B._____, sondern in kurzer Abfolge mit demselben Messer zweimal
auf A._____ eingestochen und dabei dessen Tod zumindest in Kauf
genommen. A._____ hat zwei Stichwunden mit einer Länge von jeweils ca.
3 cm am linken Oberarm erlitten, wobei die erste Wunde eine Wundtiefe
von etwa 1.4 cm und die zweite eine solche von 6.8 cm aufwies (UA
act. 397 ff.). Der Umstand, dass sich A._____ vor den Stichen noch hat
abdrehen können, zeigt, dass der Messerangriff auf ihn nicht in dem
Ausmass unvermittelt erfolgte, wie dies bei B._____ der Fall war. Wie
bereits bei B._____ ausgeführt, ist zwar auch hinsichtlich A._____ nicht
davon auszugehen, dass der Beschuldigte mit direktem Tötungsvorsatz
handelte; sein eventualvorsätzliches Handeln ist jedoch näher beim
direktvorsätzlichen als beim fahrlässigen Handeln anzusiedeln, wurde
A._____ doch nur deshalb «lediglich» am Oberarm verletzt, weil er sich
noch hat abdrehen können.

Betreffend die voll erhaltene Schuldfähigkeit des Beschuldigten im
Tatzeitpunkt sowie sein erhebliches Mass an Entscheidungsfreiheit kann
auf die vorgängigen Ausführungen verwiesen werden. Insgesamt wäre
unter Berücksichtigung des Strafrahmens von 5 bis 20 Jahren
Freiheitsstrafe für die vollendete Tötung von einem mittelschweren bis
schweren Verschulden und einer dafür angemessenen Freiheitsstrafe von
14 Jahren auszugehen.

Nachdem es bei einem Versuch geblieben ist, ist eine Strafminderung
vorzunehmen (vgl. hierzu oben). Der Beschuldigte hat nicht aus eigenem
Antrieb von einer Weiterverfolgung der Tat abgesehen, sondern gleich
mehrmals auf A._____ eingestochen. Aus dem Ergänzungsgutachten zur
forensisch-klinischen Untersuchung von A._____ des Instituts für
Rechtsmedizin der Universität Basel vom 20. Oktober 2020 geht hervor,
dass eine unmittelbare Lebensgefahr zwar nicht bestanden habe. Jedoch
verlaufe die unverletzt gebliebene Oberarmschlagader lediglich 1.4 cm
vom Ende des Stichkanals entfernt und sei bei gleicher Eindringtiefe des
Tatmessers in einem geringfügig anderen Winkel erreichbar gewesen. Eine
Schädigung der Schlagader wäre zweifellos geeignet wegen, einen
raschen Todeseintritt durch Verbluten herbeizuführen (UA act. 397 ff.).
Betreffend die tatsächlichen Folgen ist festzuhalten, dass A._____

- 26 -

aufgrund der Tat 16 Tage lang vollständig arbeitsunfähig war (Beilagen zur
Zivilklage vom 19. Oktober 2023). Auch wenn es somit letztlich nur dem
Zufall zu verdanken ist, dass A._____ nicht tödlich verletzt worden ist, so
ist der Unterschied zwischen dem vom Beschuldigten beabsichtigten Tod
und den effektiv erlittenen Verletzungen von A._____ doch beachtlich. Dies
rechtfertigt es, den Versuch im Umfang von 6 Jahren
verschuldensmindernd zu berücksichtigen (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_510/2015 vom 25. August 2015 E. 1.3). Damit resultiert eine ange-
messene Einzelfreiheitsstrafe von 8 Jahren. Im Rahmen der Asperation ist
zu berücksichtigen, dass die beiden versuchten vorsätzlichen Tötungen
zwar in einem engen örtlichen und zeitlichen Zusammenhang stehen,
jedoch zwei verschiedene Opfer betreffen und auch nicht die Folge einer
einzigen Handlung mit mehreren Opfern, sondern von bewusst
nacheinander ausgeführten Messerstichen waren. Es ist auch keinesfalls
einerlei, ob der Beschuldigte unter den vorliegenden Umständen auf eine
oder zwei Personen eingestochen hat. Mithin ist von einem hohen
Gesamtschuldbeitrag auszugehen. Es rechtfertigt sich, die Einsatz-
freiheitsstrafe von 10 Jahren für die versuchte vorsätzliche Tötung von
A._____ angemessen auf eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren zu erhöhen.

4.5.3.
In Bezug auf die Täterkomponente ergibt sich Folgendes: Der Beschuldigte
ist vorbestraft (vgl. hierzu oben), was straferhöhend ins Gewicht fällt (BGE
136 IV 1 E. 2.6). Er hat offensichtlich keine genügenden Lehren aus dem
früheren Strafverfahren gezogen. Allerdings ist zu beachten, dass die
Vorstrafe, bei welcher es sich bloss um eine Bagatelle handelt, nicht wie
ein eigenständiges Delikt gewürdigt werden darf, weil dies auf eine
Doppelbestrafung hinausliefe (Urteil des Bundesgerichts 6B_18/2022 vom
23. Juni 2022 E. 2.6.1 mit Hinweis auf Urteile 6B_510/2015 vom 25. August
2015 E. 1.4; 6B_325/2013 vom 13. Juni 2013 E. 3.2.3).

Der Beschuldigte räumt zwar ein, am 2. August 2020 bei der Sportanlage
Q._____ in R._____ anwesend gewesen zu sein und mit dem von ihm
mitgeführten Messer auf A._____ und B._____ eingestochen zu haben. Er
macht jedoch geltend, dies gemacht zu haben, um sich zu verteidigen,
womit er es im Ergebnis vollständig ablehnt, Verantwortung für sein
Handeln zu übernehmen. Der Beschuldigte hat ausgeführt, sich bei seinen
beiden Opfern entschuldigen zu wollen und dass es ihm sehr leidtue (GA
act. 311; Protokoll Berufungsverhandlung, S. 52). Es liegt jedoch
hinsichtlich der versuchten vorsätzlichen Tötungen nur bedingt eine
nachhaltige Einsicht und Reue vor, welche über eine blosse Tatfolgenreue
hinausgeht. Eine Strafminderung, wie sie einem von Anfang an
vollumfänglich geständigen und nachhaltig einsichtigen Täter zugute-
kommt, ist unter diesen Umständen ausgeschlossen.

- 27 -

Der heute 25-jährige Beschuldigte ist ledig und kinderlos (GA act. 248; UA
act. 10). Er befindet sich aktuell im Massnahmenzentrum S._____. Vor
seiner Verhaftung war er arbeitslos (UA act. 11). Ausserordentliche
Umstände, welche eine erhöhte Strafempfindlichkeit zu begründen
vermögen, liegen nicht vor (vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts
6B_18/2022 vom 23. Juni 2022 E. 2.6.1 mit Hinweisen).

Insgesamt wirkt sich die Täterkomponente gerade noch neutral aus, womit
es bei einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren bleibt.

4.5.4.
Bei einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren kommt von Gesetzes wegen nur
der unbedingte Strafvollzug in Betracht (vgl. Art. 42 f. StGB). Hinzukommt,
dass die Anordnung einer Massnahme, wie sie vorliegend ausgesprochen
wird (vgl. hierzu nachfolgend), nach der Rechtsprechung des Bundes-
gerichts zugleich eine ungünstige Prognose bedeutet, sodass der bedingte
Aufschub einer gleichzeitig ausgefällten Strafe ohnehin ausgeschlossen
wäre (statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 6B_986/2021 vom 19. Mai
2022 E. 1.3 mit Hinweisen).

4.5.5.
Die vom Beschuldigten bisher ausgestandene Untersuchungshaft, der
vorzeitige Strafvollzug und der vorzeitige Massnahmenvollzug von
insgesamt 1780 Tagen (2. November 2020 bis 16. September 2025; UA
act. 60; 82; 121; 193; 197; 209; GA act. 419; OGA act. 213) sind dem
Beschuldigten auf die Freiheitsstrafe anzurechnen (Art. 51 StGB i.V.m.
Art. 110 Abs. 7 StGB; Art. 236 Abs. 4 StPO).

4.6.
4.6.1.
Für die Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss
Art. 19 Abs. 1 lit. c und lit. d BetmG und die Widerhandlung gegen das
Waffengesetz gemäss Art. 33 Abs. 1 lit. a WG ist aufgrund des jeweiligen
Verschuldens eine Gesamtgeldstrafe auszusprechen.

4.6.2.
Die Einsatzgeldstrafe ist für die Widerhandlung gegen das
Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 1 lit. c und lit. d BetmG durch
Erwerb und Verkauf von 7 Gramm Kokain (2.3 Gramm reiner Wirkstoff), als
konkret schwerstes Delikt, für welches eine Geldstrafe festzulegen ist,
festzusetzen. Dazu ergibt sich Folgendes:

Der Beschuldigte hat sich an einem nicht näher bestimmbaren Tag
zwischen dem 1. Januar 2020 und dem 2. August 2020 im Raum Olten
oder Aarau mit einem ihm nicht näher bekannten Snapchat-Kontakt

- 28 -

getroffen und von diesem 7 Gramm Kokain für rund Fr. 400.00 bis
Fr. 600.00 erworben und dieses teilweise weiterverkauft (UA act. 732 ff.).

Der Tatbestand von Art. 19 BetmG soll insbesondere die öffentliche
Gesundheit schützen. Geschützt werden sollen aber auch die einzelnen
Personen vor den negativen gesundheitlichen oder sozialen Folgen
suchtbedingter Störungen (SCHLEGEL/JUCKER, OFK BetmG, 4. Aufl. 2022,
N. 1 zu Art. 19 BetmG mit Hinweisen). Es handelt sich dabei um
hochstehende Rechtsgüter.

Massgebend für die Bestimmung der objektiven Tatschwere und dem damit
einhergehenden Verschulden sind zunächst Art und Menge der Drogen. Je
grösser die Menge und je schädlicher die Art der vom Täter gehandelten
Betäubungsmittel erscheint, desto gewichtiger erweist sich die von ihm mit
der Tatverübung geschaffene gesundheitliche Gefährdung Dritter.

Bei Kokain handelt es sich um eine harte Droge mit grossem
Abhängigkeits- und Gefährdungspotential. Die Menge des reinen
Wirkstoffs liegt mit 2.3 Gramm deutlich unter dem Grenzwert von
18 Gramm für die Annahme eines mengenmässig schweren Falls im Sinne
von Art. 19 Abs. 2 lit. a BetmG (BGE 145 IV 312, Regeste); dennoch ist
gehandelte reine Drogenmenge und damit einhergehend die Gefährdung
der geschützten Rechtsgüter nicht zu bagatellisieren.

Ein besonders raffiniertes Vorgehen oder eine besondere kriminelle Ener-
gie, die wesentlich über die Erfüllung des Tatbestands hinausgeht, ist nicht
auszumachen. Entsprechend ist die Art und Weise des Tatvorgehens bzw.
die Verwerflichkeit des Handelns des Beschuldigten neutral zu werten.

Hinsichtlich der Beweggründe ist zu berücksichtigen, dass der
Beschuldigte während des Tatzeitraums selbst von Betäubungsmitteln
abhängig war und sich durch den Betäubungsmittelhandel den eigenen
Konsum finanziert hat (UA act. 731). Der Umstand, dass er nicht direkt
einen finanziellen Profit anstrebte, wirkt sich allerdings neutral und nicht
verschuldensmindernd aus, da das Fehlen eines verschuldenserhöhenden
Umstandes wie rein monetäre Beweggründe nicht verschuldensmindernd,
sondern überhaupt nicht zu berücksichtigen ist. Auch verfügte der
Beschuldigte trotz seiner Drogensucht über ein erhebliches Mass an
Entscheidungsfreiheit. Wie bereits vorgängig dargelegt, lag beim
Beschuldigten in den Tatzeitpunkten keine verminderte Schuldfähigkeit
vor. Insbesondere ist auch nicht ersichtlich, dass er sich im Tatzeitpunkt
ernsthaft darum gekümmert hätte, von seiner Drogensucht wegzukommen
oder eine legale Substitutionsabgabe beantragt hätte. Mithin hat er mit der
Tatbegehung zum Erhalt von Drogen zwecks Befriedigung seiner
Drogensucht den aus seiner Sicht einfachsten Weg gewählt. Je leichter es
jedoch für ihn gewesen wäre, die Normen der Betäubungsmittel-

- 29 -

gesetzgebung zu respektieren, desto schwerer wiegt unter Verschuldens-
gesichtspunkten die Entscheidung dagegen (vgl. BGE 117 IV 112 E.1; BGE
127 IV 101 E. 2a; Urteil des Bundesgerichts 6B_91/2022 vom 18. Januar
2023 E. 3.4.3).

Insgesamt ist unter Berücksichtigung der von der Widerhandlung gegen
das Betäubungsmittelgesetz erfassten Betäubungsmitteln, Drogen-
mengen, Handlungsweisen und Beweggründe von einem noch vergleichs-
weise leichten Verschulden und in Relation zum Strafrahmen von
Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe von einer dafür
angemessenen Einsatzstrafe von 90 Tagessätzen Geldstrafe auszugehen.

4.6.3.
Die Geldstrafe wäre an sich für die weiteren Straftaten, für welche eine
Geldstrafe auszusprechen ist (weitere Widerhandlungen gegen das
Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 1 BetmG; Widerhandlung
gegen das Waffengesetz), in Anwendung des Asperationsprinzips gemäss
Art. 49 Abs. 1 StGB sowie unter neutraler Berücksichtigung der
Täterkomponente (siehe dazu oben), angemessen zu erhöhen, was zu
einer Geldstrafe von deutlich mehr als 180 Tagessätzen führen würde.
Nachdem die Geldstrafe gemäss Art. 34 Abs. 1 StGB jedoch höchstens
180 Tagessätze beträgt und ein Strafartenwechsel ausgeschlossen ist
(BGE 144 IV 313), hat es damit sein Bewenden (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6B_91/2022 vom 18. Januar 2023 E. 3.4.3, demzufolge
nicht zu beanstanden ist, dass die weiteren Delikte nicht mehr im Einzelnen
asperiert werden, wenn eine Erhöhung der Strafe ausgeschlossen ist).

4.6.4.
Die Höhe des Tagessatzes bemisst sich nach den Verhältnissen des Täters
im Urteilszeitpunkt (Art. 34 Abs. 2 StGB). Der Beschuldigte befindet sich
aktuell im vorzeitigen Strafvollzug (OGA act. 213). Er lebt somit nahe oder
unter dem Existenzminimum. Es rechtfertigt sich deshalb, den Tagessatz
unter Berücksichtigung der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse
auf das Minimum von Fr. 10.00 festzusetzen (Art. 34 Abs. 2 StGB; BGE
135 IV 180 Regeste; BGE 134 IV 60 E. 6.5.2).

4.6.5.
Die Geldstrafe ist unbedingt auszusprechen, bedeutet die Anordnung einer
Massnahme, wie sie vorliegend ausgesprochen wird (vgl. hierzu
nachfolgend), wie bereits vorgängig dargelegt, doch zugleich eine
ungünstige Prognose, sodass der bedingte Aufschub einer gleichzeitig
ausgefällten Strafe gemäss Art. 42 StGB ausgeschlossen ist.

4.6.6.
Festzuhalten bleibt schliesslich, dass der durch die Staatsanwaltschaft
beantragte Widerruf des dem Beschuldigten mit Strafbefehl der

- 30 -

Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vom 28. April 2020 für eine Geldstrafe
von 10 Tagessätzen gewährten bedingten Vollzugs (Berufungserklärung
S. 2) infolge Zeitablaufs nicht mehr möglich ist. So sind seit dem Ablauf der
zweijährigen Probezeit am 28. April 2022 (vgl. aktueller Strafregister-
auszug) bereits mehr als drei Jahre verstrichen, weshalb der Widerruf
gemäss Art. 46 Abs. 5 StGB nicht mehr angeordnet werden darf (vgl. BGE
143 IV 441 E. 2.2).

4.7.
4.7.1.
Die Vorinstanz hat die Übertretungsbusse für den mehrfachen unbefugten
Konsum von Betäubungsmitteln gemäss Art. 19a Ziff. 1 BetmG unter
Berücksichtigung dessen, dass nur die bis zum erstinstanzlichen Urteil vom
27. Oktober 2023 gemäss Art. 109 StGB noch nicht verjährten
Konsumhandlungen zu berücksichtigen waren, auf Fr. 200.00 festgesetzt.
Die Staatsanwaltschaft beantragt mit Berufung eine Erhöhung der
Übertretungsbusse auf Fr. 1'500.00.

Die Busse ist nach den Verhältnissen des Beschuldigten und seinem
Verschulden zu bemessen (Art. 106 Abs. 3 StGB). Beim unbefugten
Konsum von Betäubungsmitteln ist zu berücksichtigen, dass Täter, die
lediglich (einmalig) eine geringfügige Menge Cannabis konsumieren, mit
einer Ordnungsbusse von Fr. 100.00 bestraft werden (Art. 1 Abs. 1 lit. a
Ziff. 10 OBG i.V.m. Art. 14 OBG und Ziff. 8001 Anhang OBV). Das
Verschulden des Beschuldigten, der im angeklagten und noch nicht
verjährten Zeitraum zwischen 27. Oktober 2020 und Anfang November
2020 eine unbekannte Menge Kokain, MDMA, Cannabis und Morphin
konsumiert hat, wiegt erheblich schwerer als jenes bei einem einmaligen
Konsum von Cannabis, der mit Ordnungsbusse von Fr. 100.00 geahndet
wird, zumal der Beschuldigte nicht nur Cannabis und MDMA, sondern auch
Kokain und Morphin und somit harte Drogen konsumiert hat. Angemessen
erscheint unter diesen Umständen sowie unter Berücksichtigung der
persönlichen und finanziellen Verhältnisse des Beschuldigten eine Busse
von Fr. 1'500.00, wie dies von der Staatsanwaltschaft beantragt worden ist.

4.7.2.
Die Ersatzfreiheitsstrafe für den Fall, dass der Beschuldigte die Busse von
Fr. 1'500.00 schuldhaft nicht bezahlt, ist ausgehend vom als Umrechnungs-
schlüssel zu verwendenden Tagessatz von Fr. 10.00 (BGE 134 IV 60 E.
7.3.3) sowie unter Berücksichtigung von Art. 106 Abs. 2 StGB, wonach die
Ersatzfreiheitsstrafe höchstens drei Monate beträgt, auf drei Monate
festzusetzen (Art. 106 Abs. 2 und 3 StGB).

4.8.
Zusammenfassend ist der Beschuldigte mit einer unbedingten Freiheits-
strafe von 15 Jahren, einer unbedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen

- 31 -

à Fr. 10.00, d.h. Fr. 1'800.00, sowie einer Busse von Fr. 1'500.00, ersatz-
weise 3 Monate Freiheitsstrafe, zu bestrafen.

5.
5.1.
Die Vorinstanz hat gestützt auf Art. 60 StGB eine stationäre Sucht-
behandlung für die Dauer von 3 Jahren angeordnet.

Die Staatsanwaltschaft beantragt mit Berufung, es sei stattdessen eine
vollzugsbegleitende ambulante Suchttherapie anzuordnen (Berufungser-
klärung S. 2). Anlässlich der Berufungsverhandlung beantragte der
Beschuldigte sodann selber, es sei eine vollzugsbegleitende ambulante
Massnahme anzuordnen (vgl. Plädoyer Beschuldigter anlässlich der
Berufungsverhandlung, S. 2 f.).

5.2.
Eine Massnahme ist anzuordnen, wenn eine Strafe allein nicht geeignet ist,
der Gefahr weiterer Straftaten des Täters zu begegnen, ein Behandlungs-
bedürfnis des Täters besteht oder die öffentliche Sicherheit dies erfordert
und die Voraussetzungen der Artikel 59-61, 63 oder 64 StGB erfüllt sind
(Art. 56 Abs. 1 StGB). Die Anordnung einer Massnahme setzt voraus, dass
der mit ihr verbundene Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Täters im
Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit und Schwere weiterer Straftaten nicht
unverhältnismässig ist (Art. 56 Abs. 2 StGB). Das Gericht stützt sich bei
seinem Entscheid über die Anordnung einer Massnahme nach den Artikeln
59-61, 63 und 64 StGB sowie bei der Änderung der Sanktion nach Artikel
65 StGB zwingend auf eine sachverständige Begutachtung (Art. 56 Abs. 3
StGB; BGE 134 IV 315 E. 4.3.1).

Ist der Täter von Suchtstoffen oder in anderer Weise abhängig, so kann
das Gericht gestützt auf Art. 60 Abs. 1 StGB eine stationäre Behandlung
anordnen, wenn der Täter ein Verbrechen oder Vergehen begangen hat,
das mit seiner Abhängigkeit in Zusammenhang steht und zu erwarten ist,
dadurch lasse sich der Gefahr weiterer mit der Abhängigkeit in Zusammen-
hang stehender Taten begegnen. Ist der Täter u.a. von Suchtstoffen
abhängig, so kann das Gericht gestützt auf Art. 63 Abs. 1 StGB anordnen,
dass er nicht stationär, sondern ambulant behandelt wird, wenn der Täter
eine mit Strafe bedrohte Tat verübt, die mit seinem Zustand in
Zusammenhang steht und zu erwarten ist, dadurch lasse sich der Gefahr
weiterer mit dem Zustand des Täters in Zusammenhang stehender Taten
begegnen.

5.3.
Eine stationäre Suchtbehandlung gemäss Art. 60 StGB, wie sie die
Vorinstanz angeordnet hat, kann nicht mehr zum Zuge kommen:

- 32 -

Der mit der stationären Suchtbehandlung gemäss Art. 60 StGB
verbundene Freiheitsentzug beträgt in der Regel höchstens drei Jahre.
Sind die Voraussetzungen für die bedingte Entlassung nach drei Jahren
noch nicht gegeben und ist zu erwarten, durch die Fortführung der
Massnahme lasse sich der Gefahr weiterer mit der Abhängigkeit des Täters
in Zusammenhang stehender Verbrechen und Vergehen begegnen, so
kann das Gericht auf Antrag der Vollzugsbehörde die Verlängerung der
Massnahme einmal um ein weiteres Jahr anordnen (Art. 60 Abs. 4 StGB).
Bei der Berechnung dieser Fristen ist nicht nur der vorzeitige Straf- und
Massnahmenvollzug, sondern auch die zuvor erstandene Untersuchungs-
haft mitzuberücksichtigen (Urteil des Bundesgerichts 6B_1203/2017 vom
1. November 2017 E. 4.1.3 f.; BGE 145 IV 65 E. 2.3.3). Wird die
Massnahme – wie vorliegend – nicht aus der Freiheit heraus angetreten,
ist für den Fristenlauf auf das Datum des in Rechtskraft erwachsenen
Anordnungsentscheids abzustellen (BGE 145 IV 65 E. 2.7.1 mit weiteren
Hinweisen).

Der Beschuldigte befand sich vom 20. Juli 2021 bis 19. Juni 2024 im
vorzeitigen Massnahmenvollzug (UA act. 209 ff.; GA act. 419; OGA
act. 213). Wie bereits in der Verfügung des Obergerichts vom 19. Juni 2024
festgehalten, wäre dem Beschuldigten nach dem Gesagten – bei
rechtskräftiger Anordnung einer stationären Suchtbehandlung gemäss
Art. 60 StGB – der Freiheitsentzug seit 2. November 2020 (UA act. 60)
anzurechnen und somit bereits mit mehr als vier Jahren. Damit wurde der
mit der stationären Behandlung verbundene Freiheitsentzug von in der
Regel höchstens drei Jahren, wie auch die Vierjahresfrist bei Verlängerung
um ein weiteres Jahr gemäss Art. 60 Abs. 4 StGB, bereits überschritten.
Daraus erhellt, dass eine stationäre Suchtbehandlung gar nicht mehr
angeordnet werden kann.

5.4.
Über den Beschuldigten wurde am 14. Juni 2021 ein Vorbericht zur Frage
der Massnahmenindikation durch Dr. med. F._____ erstellt (UA
act. 964 ff.). Weiter wurde am 8. September 2021 durch Dr. med. F._____
(sowie G._____) ein forensisch-psychiatrisches Gutachten (nachfolgend:
Gutachten) erstellt (UA act. 976 ff.). Mit Eingabe vom 20. Oktober 2021 hat
Dr. med. F._____ die Ergänzungsfragen des Beschuldigten erläuternd
beantwortet (UA act. 1042 ff.). Sodann wurde am 23. April 2024 ein
forensisch-psychiatrisches Prognosegutachten (nachfolgend:
Prognosegutachten) durch Dr. med. H._____ erstellt (OGA act. 92 ff.),
welches aufgrund des damals anstehenden Erreichens der Maximaldauer
der durch die Vorinstanz angeordneten Massnahme und der sich deshalb
ergebenden Fragen durch das Amt für Justizvollzug in Auftrag gegeben
worden ist (OGA act. 95). Schliesslich wurde Dr. med. H._____ anlässlich
der Berufungsverhandlung einlässlich einvernommen, wobei auch der

- 33 -

Beschuldigte die Möglichkeit hatte, dem Sachverständigen
Ergänzungsfragen zu stellen (Protokoll Berufungsverhandlung S. 42 ff.).

5.5.
Die Voraussetzungen für die Anordnung einer ambulanten Massnahme
nach Art. 63 Abs. 1 StGB sind erfüllt:

Der Beschuldigte hat sich u.a. der mehrfach versuchten vorsätzlichen
Tötung gemäss Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, der mehrfachen
Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19 Abs. 1
lit. c und lit. d BetmG sowie der mehrfachen Widerhandlung gegen das
Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a Ziff. 1 BetmG schuldig gemacht,
womit gleich mehrere Anlasstaten gemäss Art. 63 Abs. 1 lit. a StGB
vorliegen. Der Beschuldigte bestreitet seine Behandlungsbedürftigkeit
grundsätzlich nicht. Vielmehr hat er mit Eingabe vom 4. Oktober 2024
beantragt, es sei ihm der vorzeitige Antritt einer vollzugsbegleitenden
ambulanten Behandlung gemäss Art. 63 StGB zu bewilligen (OGA
act. 334). Mit Verfügung des Obergerichts vom 31. Oktober 2024 wurde der
vorzeitige Antritt einer ambulanten Massnahme nach Art. 63 StGB,
vollzugsbegleitend zum vorzeitigen Strafvollzug denn auch bewilligt (OGA
act. 349). An der Berufungsverhandlung beantragte der Beschuldigte mit
der Staatsanwaltschaft die Anordnung einer ambulanten Massnahme
(Plädoyer Beschuldigter anlässlich der Berufungsverhandlung, S. 2 f.).

Der Beschuldigte leide dem Gutachten zufolge an einem Abhängigkeits-
syndrom von multiplen psychotropen Substanzen, gegenwärtig abstinent
aber in beschützender Umgebung, sowie an einer einfachen Aktivitäts- und
Aufmerksamkeitsstörung. Der Schweregrad des Abhängigkeitssyndroms
sei als schwer zu beurteilen (UA act. 1021). Auch das Prognosegutachten
hält fest, dass der Beschuldigte an einer Abhängigkeit von multiplen
Substanzen, gegenwärtig abstinent in beschützender Umgebung, leide,
welche als schwergradig zu bezeichnen sei (ICD-10: F19.21). Im Tatzeit-
punkt habe sich die Suchterkrankung im Zustand der aktiven Abhängigkeit
mit gegenwärtigem Substanzgebrauch befunden (ICD-10: F19.24). Nicht
zu bestätigen sei dem Prognosegutachten zufolge jedoch die im Gutachten
gestellte Diagnose der einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung
(OGA act. 151 ff.). Zusammenfassend wird dies damit begründet, dass
weder aus den Ausführungen im Gutachten noch anhand der diesbezüglich
intensiv durchgeführten Befragung des Beschuldigten bei der Unter-
suchung durch Dr. med. H._____ hinreichende Anhaltspunkte für diese
Diagnose vorhanden seien. So sei das Untersuchungsverfahren von
Dr. med. F._____ und G._____ anhand von Selbstbeurteilungsfragebögen
zur Einschätzung von Auffälligkeiten im Kindsalter durchgeführt worden,
bei denen der Beschuldigte einen Grossteil der vorgeschlagenen
Symptome angekreuzt habe, wobei sich aus den Verhaltens-
beobachtungen und Testungen ergebe, dass diese Angaben nicht

- 34 -

zutreffend oder zumindest übertrieben gewesen seien. Es sei deshalb
davon auszugehen, dass die Testergebnisse, die sowohl hinsichtlich der
Aufmerksamkeitsleistung als auch der Intelligenz in deutlichem Gegensatz
zu den klinischen Beobachtungen stehen würden, nicht das tatsächliche
Leistungsvermögen des Beschuldigten widerspiegeln würden, sondern am
ehesten auf eine in der damaligen Situation verminderten Anstrengungs-
bereitschaft des Beschuldigten zurückzuführen seien. Aufgrund dessen
liege gemäss Dr. med. H._____ die Diagnose eines ADHS beim
Beschuldigten nicht vor (OGA act. 139 f.). Diese Ausführungen des
Sachverständigen im Prognosegutachten erscheinen dem Obergericht
schlüssig und nachvollziehbar, weshalb diesen zu folgen ist.

Die schwere psychische Störung der Abhängigkeit von multiplen
Substanzen habe sowohl dem Gutachten als auch dem
Prognosegutachten zufolge in den Tatzeitpunkten vorgelegen, damals im
Zustand der aktiven Abhängigkeit mit gegenwärtigem Substanzgebrauch,
und bestehe auch weiterhin, wenn auch gegenwärtig abstinent in
beschützender Umgebung (UA act. 1023; OGA act. 151 ff.). Sodann stehe
die diagnostizierte psychische Störung der Abhängigkeit von multiplen
Substanzen dem Gutachten sowie dem Prognosegutachten zufolge mit
den Taten (mehrfach versuchter Mord [nunmehr mehrfach versuchte
vorsätzliche Tötung] und mehrfache Widerhandlungen gegen das
Betäubungsmittelgesetz) in Zusammenhang (UA act. 1023; OGA act. 153).
Dem Prognosegutachten zufolge wäre bei einer Entlassung des
Beschuldigten im Zeitpunkt der Erstellung des Prognosegutachtens von
einer mittelfristig eintretenden mittelhohen Wahrscheinlichkeit für die
Verübung erneuter Straftaten, vor allem weiterer Betäubungsmitteldelikte,
aber auch schwerer Gewaltdelikte, wie dem vorliegenden, auszugehen
(OGA act. 157). Auch das Gutachten geht bei einer fehlenden Abstinenz
von einem mittelgradig erhöhten Risiko, erneut straffällig zu werden, aus.
Zu erwarten seien dem Gutachten zufolge am ehesten Straftaten im
Bereich der Beschaffungskriminalität (UA act. 1022). Somit liegt eine
Gefährlichkeit des Beschuldigten vor, die grundsätzlich die Anordnung
einer Massnahme verlangt.

Es ist zu erwarten, dass sich die Gefahr weiterer mit der psychischen
Störung des Beschuldigten in Zusammenhang stehender Taten mit der
ambulanten Massnahme erheblich reduzieren lässt. Dem Gutachten wie
auch dem Prognosegutachten zufolge bestehe eine Behandlungs-
möglichkeit, durch die dem Risiko neuerlichen Straftaten begegnet werden
könne. So seien Suchterkrankungen behandelbar. Es könne davon
ausgegangen werden, dass bei einer suffizienten Behandlung der
schweren Abhängigkeitserkrankung das Risiko zukünftiger Straftaten
gesenkt werden könne (UA act. 1023). Dr. med. H._____ wurde anlässlich
der Berufungsverhandlung als Sachverständiger befragt. Dieser hielt an

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seiner im Prognosegutachten ausgeführten Einschätzung fest und hatte
nichts Neues hinzuzufügen (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 42).

Zusammenfassend ist eine Strafe allein nicht geeignet, dem Rückfallrisiko
angemessen zu begegnen. Die ambulante Massnahme erweist sich für den
Beschuldigten als zwecktauglich und damit als geeignet, seine Legal-
prognose zu verbessern. Ausgehend von der mittelgradigen Rückfallgefahr
besteht ein grosses öffentliches Interesse an der Verhütung weiterer
Delikte des Beschuldigten. Das öffentliche Interesse an der Verhütung
weiterer schwerer Straftaten und das Behandlungsbedürfnis sind höher zu
werten als die Schwere des Eingriffs in die Rechte des Beschuldigten.
Somit ist auch die Verhältnismässigkeit i.e.S. gegeben.

Nach dem Gesagten ist gestützt auf Art. 63 Abs. 1 StGB eine ambulante
Massnahme anzuordnen.

5.6.
Das Gericht kann den Vollzug einer zugleich ausgesprochenen
unbedingten Freiheitsstrafe gemäss Art. 63 Abs. 2 StGB zugunsten einer
ambulanten Behandlung aufschieben, um der Art der Behandlung
Rechnung zu tragen. Der Strafaufschub ist an zwei Voraussetzungen
gebunden: Ungefährlichkeit der betroffenen Person und Vordringlichkeit
der Therapie. Ein Strafaufschub ist anzuordnen, wenn eine tatsächliche
Aussicht auf erfolgreiche Behandlung durch den sofortigen Vollzug der
ausgefällten Freiheitsstrafe erheblich beeinträchtigt würde. Die Therapie
geht vor, falls eine sofortige Behandlung gute Resozialisierungschancen
bietet, welche der Strafvollzug klarerweise verhindern oder vermindern
würde. Der Strafaufschub hat Ausnahmecharakter und bedarf einer
besonderen Rechtfertigung. Dabei ist zu beachten, dass die negativen
Wirkungen des Strafvollzugs auf die psychosoziale Situation des Täters
und die fehlende Möglichkeit der Bewährung im alltäglichen Lebensumfeld
mit der Freiheitsstrafe in der Regel einhergehen und demnach den Regel-
und nicht den Ausnahmefall bezeichnen. Allein damit lässt sich deshalb
kein Aufschub rechtfertigen. Je schwerer die Straftaten und je leichter die
Verminderung der Schuldfähigkeit, desto weniger drängt sich nach der
Rechtsprechung ein Strafaufschub auf. Betreffend die Frage, ob die Strafe
zugunsten der ambulanten Behandlung aufzuschieben ist, kommt dem
Gericht ein Ermessensspielraum zu. Es muss sich bei seinem Entscheid
jedoch auf eine sachverständige Begutachtung stützen (BGE 129 IV 161
E. 4.1; Urteile des Bundesgerichts 6B_986/2021 vom 19. Mai 2022 E. 2.3;
6B_1020/2017 vom 3. Januar 2018 E. 2.5).

Die beiden Voraussetzungen für einen Aufschub, nämlich die Unge-
fährlichkeit des Beschuldigten sowie die Vordringlichkeit der ambulanten
Behandlung, sind nicht erfüllt. Beim Beschuldigten liegt eine mittelhohe
Wahrscheinlichkeit für die Verübung erneuter Straftaten, vor allem weiterer

- 36 -

Betäubungsmitteldelikte, aber auch schwerer Gewaltdelikte, wie dem
vorliegenden, vor (OGA act. 157). Mithin ist erstellt, dass vom
Beschuldigten eine Gefährlichkeit ausgeht. Hinsichtlich der Vordringlichkeit
der ambulanten Behandlung hat der Sachverständige Dr. med. H._____
vor Obergericht festgehalten, dass zwar die im Rahmen einer stationären
Massnahme möglichen Lockerungsmöglichkeiten und das entsprechende
Austesten von Stresssituationen und der psychosozialen Belastungen bei
einer vollzugsbegleitenden ambulanten Massnahme nicht im selben
Ausmass möglich sind, ohne dabei der vollzugsbegleitenden ambulanten
Massnahme die Zweckmässigkeit abzusprechen. Andererseits sei vor
allem die Deliktsarbeit noch weiterzuführen, da der Beschuldigte in Bezug
auf den Einsatz des Messers eine Neigung habe, die Verantwortlichkeit
dafür zu verschieben. Soweit es sich dabei um proaktives Verhalten seitens
des Beschuldigten gehandelt habe, sei es aus forensisch-psychiatrischer
Sicht wichtig, dies im Sinne einer Tatbearbeitung zu besprechen (Protokoll
Berufungsverhandlung, S. 43 f.). Eine solche Deliktsarbeit ist ohne weiters
auch im Rahmen einer vollzugsbegleitenden Massnahme möglich. Dies
zeigt, dass die Aussicht auf eine erfolgreiche Behandlung durch den
sofortigen Vollzug der ausgefällten Freiheitsstrafe nicht beeinträchtigt wird.
Ein Aufschub des Vollzugs der Freiheitsstrafe im Interesse der
Heilbehandlung drängt sich nicht auf. Somit ist die ambulante Behandlung
nicht vordringlich.

Nach dem Gesagten erweist sich der Aufschub des Vollzugs der
ausgesprochenen Freiheitsstrafe zugunsten der ambulanten Massnahme
als nicht gerechtfertigt. Die Freiheitsstrafe ist damit zu vollziehen und die
ambulante Massnahme vollzugsbegleitend anzuordnen.

5.7.
Zusammenfassend ist gestützt auf Art. 63 Abs. 1 StGB eine vollzugs-
begleitende ambulante Massnahme anzuordnen. Damit erweist sich die
Berufung der Staatsanwaltschaft in diesem Punkt als begründet.

6.
6.1.
Die Vorinstanz hat gestützt auf Art. 66a Abs. 2 StGB von der Anordnung
einer Landesverweisung abgesehen.

Die Staatsanwaltschaft beantragt mit Berufung, der Beschuldigte sei
gestützt auf Art. 66a Abs. 1 lit. a und lit. o StGB für die Dauer von 15 Jahren
des Landes zu verweisen und die Landesverweisung sei im Schengener
Informationssystem einzutragen (Berufungserklärung S. 2).

6.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Landesverweisung gemäss
Art. 66a StGB unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des EGMR zu

- 37 -

Art. 8 EMRK wiederholt dargelegt (BGE 146 IV 311; BGE 146 IV 172; BGE
146 IV 105; BGE 146 II 1; BGE 145 IV 455; BGE 145 IV 364; BGE 145 IV
161; BGE 144 IV 332; statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 6B_1248/2023
vom 9. April 2024). Darauf kann verwiesen werden.

6.3.
Der Beschuldigte ist kosovarischer Staatsangehöriger. Er hat mit der
mehrfach versuchten vorsätzlichen Tötung gemäss Art. 111 StGB i.V.m.
Art. 22 Abs. 1 StGB gleich mehrere Katalogtaten i.S.v. Art. 66a Abs. 1 lit. a
StGB begangen, welche eine obligatorische Landesverweisung für 5 bis 15
Jahre zur Folge haben. Die Landesverweisung ist auch bei versuchter
Tatbegehung anzuordnen (BGE 144 IV 168 Regeste). Er ist somit
grundsätzlich aus der Schweiz zu verweisen.

Von der Anordnung der Landesverweisung kann ausnahmsweise unter
den kumulativen Voraussetzungen abgesehen werden, dass sie (1) einen
schweren persönlichen Härtefäll bewirken würde und (2) die öffentlichen
Interessen an der Landesverweisung gegenüber den privaten Interessen
des Ausländers am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen. Dabei ist der
besonderen Situation von Ausländern Rechnung zu tragen, die in der
Schweiz geboren oder aufgewachsen sind (Art. 66a Abs. 2 StGB).

6.4.
6.4.1.
Der heute 25-jährige Beschuldigte ist ledig und kinderlos und verfügte
zuletzt über eine Aufenthaltsbewilligung B (GA act. 248; UA act. 10). Er ist
in der Schweiz auf die Welt gekommen und hier aufgewachsen (MIKA-
Akten S. 89; GA act. 248). Folglich hat der Beschuldigte sowohl seine
Kindheit als auch seine prägenden Jugendjahre in der Schweiz verbracht.
Damit ist er nach der Rechtsprechung des EGMR als «long-term
immigrant» anzusehen (Urteil des Bundesgerichts 7B_730/2023 vom
25. Oktober 2024 E. 4.6.1 mit Verweis auf das Urteil des EGMR
Nr. 52232/20 i.S. P.J. und R.J. gegen die Schweiz vom 17. September
2024, § 28), was es bei seinen persönlichen Interessen zu berücksichtigen
gilt. In sprachlicher Hinsich