# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 9083892a-ab56-50f5-8441-0e82677fe358
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2024-11-19
**Language:** de
**Title:** Erstanmeldung, abgestellt aufbeweiskräftiges polydisziplinäres Gutachten, Abweisung, UP/URB
**Docket/Reference:** IV.2023.00665
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2023.00665.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2023.00665
IV. Kammer
Sozialversicherungsrichter Hurst, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Arnold Gramigna
Ersatzrichter Sonderegger
Gerichtsschreiberin Geiger
Urteil
vom
19. November 2024
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Rechtsanwalt Jonas Steiner
schadenanwaelte
AG
Buchserstrasse 18, Postfach, 5001 Aarau 1
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
Die 198
0
geborene
X.___
(verheiratet und Mutter von
drei
Kindern, geboren
2000,
200
6
und 20
09
) arbeitet
e
ohne abgeschlossene Berufsausbildung
seit
2008
bei der
Y.___
AG als Weberin
bei einem
10
0%-Pensum.
A
m 13. Juli 2020 (Eingangsdatum)
meldete sie sich wegen Schmerzen am Bein
bei der Sozialversicherungsanstalt des
Kantons
Zürich, IV-Stelle, zum Leistungs
bezug an (Urk. 9/11).
In der Folge tätigte die IV-Stelle medizinische und erwerbliche Abklärungen und zog
insbesondere
die Akten der
Mutuel Versiche
rungen AG-
Krankentaggeldversicherung
(Urk. 9/14)
und der SUVA
(Urk. 9/26)
bei.
Nach dem durchgeführten Standortgespräch (
Urk. 9/18) teilte sie
X.___
mit Schreiben vom 28.
August 2020 mit, dass zurzeit aufgrund ihres Gesundheitszustandes keine
Eingliederungsmassnahmen
möglich seien (Urk. 9/20).
In der Folge holte die IV-Stelle mehrere Arztberichte der behan
delnden Ärzte, der Klinik
Z.___
in
A.___
(Urk. 9/29, Urk. 9/32, Urk. 9/38, Urk. 9/42 und Urk. 9/44), des Schmerzambulatoriums des
B.___
spitals
(Urk. 9/30) und von Dr. med.
C.___
, Leitender Arzt Neurologische Rehabilitation im
D.___
(Urk. 9/43 und Urk. 9/45) ein.
G
estützt
auf die versicherungsmedizinische Beurteilung von Dr. med.
E.___
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie, vom
r
egionalen
ä
rztlichen Dienst (RAD) vom
9
. Januar 2022 (vgl. Feststellungsblatt für den Beschluss vom 25. August 2022, Urk. 9/75 S. 8 f.)
liess
die IV-Stelle die Versicherte polydisziplinär
(allgemein-internistisch, neurologisch,
orthopädisch-traumatologisch
und psychiatrisch
) durch die
F.___
begutachten
(vgl. polydisziplinäres
F.___
-Gutachten vom 1. Juni 2022, Urk. 9/70).
Nachdem RAD-
Arzt Dr.
E.___
zum polydisziplinären
F.___
-Gutachten Stellung genommen hatte (Urk.
9/75
S.
10
f.), kündigte die IV-Stelle der als vollerwerbstätig qualifizierten Versicherten mit Vorbescheid vom 25.
August 2022
die Abweisung ihres Leistungsbegehrens an (Urk.
9/76
). Dagegen erhob
X.___
am
3. Okto
ber 2022
Einwand (Urk.
9/83
)
und begab
s
ich vom
21. November 2022 bis 26. Januar 2023
in stationäre Behandlung in die
Klinik G.___
Zug
(Urk.
9/86 und Urk. 9/88
)
. Im
Weiteren holte die IV-Stelle
dort und
beim
L.___
(
L.___
)
den
Bericht vom 1. Juni 2023 ein (Urk. 9/90).
Dazu nahm RAD-Arzt Dr.
E.___
am 12. Juli 2023 Stellung und holte eine RAD-
i
nterne fachspezifisch-psychiatrische Evaluation bei Dr. med. (F) C.
M.___
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Master in Public Health, zertifizierter RAD-Arzt, zertifizierter medizinischer Gutachter SIM, Fähigkeitsausweis Vertrauensarzt SGV
,
vom 25. August 2023 ein (vgl. Feststellungsblatt für den Einwand vom 7. November 2023, Urk. 9/93 S. 4 ff.).
Mit Verfügung vom
7. November 2023
verneinte
die IV
-
Stelle wie vorbe
schie
den
einen Rentenanspruch
(Urk. 2).
2.
Hiergegen erhob
X.___
a
m 5. Dezember 2023
Beschwerde und beantragte,
es sei ihr unter Aufhebung der angefochtenen Verfügung vom 7. November 2023 eine
Invalidenrente
zuzusprechen; eventuell sei die Sache zu weiteren Abklärungen hinsichtlich
ihres
psychischen Gesundheitszustandes an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte die Beschwerdeführerin um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
und um Bestellung von Rechtsanwalt
MLaw
J
onas
Steiner
als unentgeltlichen Rechtsver
treter
(Urk. 1). Die Beschwerdegegnerin schloss mit Beschwerdeantwort
25.
Janu
ar 2024
auf Abweisung der Beschwerde (Urk.
7
, unter Beilage ihrer Akten, Urk.
8
9/1-69)
. Mit Eingabe vom 29. Januar 2024 reichte die Beschwer
deführerin das einverlangte und ausgefüllte Formular zur Abklärung der prozessualen Bedürftigkeit samt Belegen ein (Urk. 11-13/1-5).
D
ie Beschwerdeantwort wurde der
Beschwerdeführerin am
30. Januar 2024
zugestellt
(Urk. 1
4
).
3
.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird - soweit erforderlich - im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten. Die angefochtene Verfügung erging nach dem 1. Januar 2022. Entsprechend den allgemeinen intertemporalrechtlichen Grundsätzen (vgl. BGE 144 V 210 E. 4.3.1) ist nach der bis zum 31. Dezember 2021 geltenden Rechtslage zu beurteilen, ob bis zu diesem Zeitpunkt ein Renten
anspruch entstanden ist. Steht ein erst nach dem 1. Januar 2022 entstandener Rentenanspruch zur Diskussion, findet darauf das seit diesem Zeitpunkt geltende Recht Anwendung (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_452/2023 vom 24. Januar 2024 E. 3.2.1 mit Hinweisen).
Auf Grund der im Juli 2020 anhängig gemachten Anmeldung bei der Invali
denversicherung könnten allfällige Leistungen frühestens ab Februar 2021 aus
gerichtet werden (vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG). In dieser übergangsrechtlichen Konstellation ist die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesene Rechtslage massge
bend, die im Folgenden
soweit nichts anderes vermerkt ist
jeweils in dieser Version wiedergegeben, zitiert und angewendet wird.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beur
teilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsun
fähig
keit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG)
.
1.4
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.5
Versicherungsträger und das Sozialversicherungsgericht haben die Beweise frei, das
heisst
ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss
zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestat
ten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medi
zinische These abstellt (BGE 125 V 351 E. 3a).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Zudem muss der Arzt über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügen. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich weder die Her
kunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a; Urteil des Bundesgerichts 8C_225/2021 vom 10. Juni 2021 E. 3.2, je mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging gestützt auf ihre Abklärungen - insbesondere das polydisziplinäre
F.___
-Gutachten vom
1. Juni 2022
(Urk.
9/70
) - davon aus, dass
die
als vollerwerbstätig zu qualifizierende Beschwerdeführerin
bis Ende August 2020 vollumfänglich in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt gewesen sei, ihr ab September 2020 die bisherige Tätigkeit wie auch andere leichte bis mittelschwere Tätigkeiten in abwechselnd gehender, stehender und sitzender Haltung bei erhöhtem Pausenbedarf, ohne Nach
t
schichten oder stark erhöhtem Zeitdruck
wieder
in einem Pensum von 70 % zumutbar sei.
Unter Anwendung des Einkom
mensvergleichs für Erwerbstätige resultiere für die Zeit
ab 1. September 2020
(Art. 28 Abs. 1
lit
. b IVG und Art. 29 Abs. 1 IVG) ein
rentenausschliessender
Invaliditätsgrad von 3
6
%
. Zudem seien die Voraussetzungen für
berufliche
Massnahmen
wie
Arbeitsvermittlung
, Umschulung, Berufsberatung
nicht gege
ben
(Urk. 2 und Urk.
7
).
2.2
Die Beschwerdeführerin ist demgegenüber der Ansicht, dass auf das poly
disziplinäre
F.___
-Gutachten nicht abgestellt werden könne, da die gutachter
liche Einschätzung
der Arbeitsfähigkeit nicht nachvollziehbar sei. Zudem berück
sichtige weder das psychiatrische Gutachten wegen «Veralterung» noch die Beschwerdegegnerin die zum Verfügungszeitpunkt vorliegende Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustandes, weshalb dies abzuklären sei. Im Weiteren sei ihr ein leidensbedingter Abzug von mindestens 10 % zu gewähren (Urk. 1).
3.
3.1
Im Bericht der Klinik
Z.___
vom 7. September 2020 (Urk. 9/21) zuhanden der Beschwerdegegnerin wurden als Diagnose mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähig
keit
chronische postoperative Schmerzen
medialer
Unterschenkel rechts bei Status nach iatrogener
Läsion
des N. Saphenus rechts im Februar 2020
aufgeführt
. Ohne Einfluss auf die
Arbeits
fähig
keit
bestehe eine episodische Migräne. Am 20. April 2019 sei es zu einer Sprunggelenks
-
und Vorfussdistorsion rechts gekommen. Im Verlauf sei ein schmerzhafter Sehnentumor am Fussrücken (differentialdiagnostisch: Riesenzelltumor) entdeckt worden, welcher unter Seh
nen
rekonstruktion operativ entfernt worden sei. Dabei sei es versehentlich zum Einnähen des
N
ervus
Saphenus gekommen, woraufhin am 22. Juni 2020 eine
Revision
durch die
p
lastische Chirurgie des
B.___
spitals
(
B.___
) vorgenommen worden sei. Die Beschwerdeführerin sei
in ihrer bisherigen Tätigkeit als Weberin
seit dem 12. Februar 2020 bis auf Weiteres zu 100 % arbeitsunfähig
.
D
ie Prognose könne nicht beurteilt werden.
3.2
RAD-Arzt Dr.
E.___
gab in seiner Stellungnahme vom 11. November 2020 (Urk. 9/75 S. 3 ff.) die gemäss Aktenlage bestehende Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit wieder:
-
Chronische neuropathische Schmerzen im Narbenbereich am
Unter-
schenkel
rechts
-
Status nach i
a
trogener Läsion d
e
s N. Saphenus rechts bei
Entnahme
eines autologe
n
freien Seh
n
engrafts als Ersatz für die Sehne des M.
extensor
digitorum Dig. II rechts im Rahmen de
r
Exzision eines
Sehnenscheidenfibroms am 12. Februar 2020
-
Status nach Neurolyse des N. Saphenus rechts und
Nervengrafting
mit Avance am 22. Juni 2020
-
Status nach rezidivierenden OSG-Distorsionen rechts, zuletzt am
20. April 2019
Bei der 40-jährigen
Beschwerdeführerin
sei anhand der vorliegenden
Ar
zt
berichte
ein somatischer Gesundheitsschaden ausgewiesen, ei
n
schliesslich einer sich daraus ableitenden Einschränkung der funktionellen Leistungsfähigkeit. Dieser Gesundheitsschaden sei noch nicht stabil, die medizinische Phase dauere noch an,
es sei erst vor drei Monaten mit einer
speziellen
Schmerzthera
pi
e begonnen worden. Hinsichtlich der Arbeitsunfähigkeits-
Bewertungen
seien die akten
kundigen Angaben
-
wie üblich primär für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit
geltend - aus versicherungsmedizinisch-orthopädischer Sicht plausibel, wobei medizin
theoretisch überwiegend wahrscheinlich diese oder eine ähnliche Tätigkeit nicht mehr möglich sein werde, da diese fast ausschliesslich im Stehen und Gehen ausgeübt werde. Für eine leidensangepasste Tätigkeit sei hingegen medizin
theoretisch mit dem Wiedererlangen einer zumindest teilweisen Arbeitsfähigkeit zu rechnen.
E
ine abschliessende versicherungsmedizinisc
h
e Beurteilung sei der
zeit jedoch nicht möglich.
3.3
D
r
. med.
H.___
, FMH orthopädische Chirurgie und
Traumatologie
des Bewegungsappa
rates, von der
Klinik
Z.___
führte in
seinem
Bericht vom 26.
Janu
ar 2021 (Urk. 9/29) folgende Diagnose auf:
-
Chronische postoperative Schmerzen medianer Unterschenkel rechts (ICD-
10: MG30.2) mit/bei:
-
iatrogener Läsion d
e
s N. Saphenus rechts bei
Status nach
Entnahme
eines autologe
n
freien
plantaren
Seh
n
engrafts als Ersatz für die
Sehne des M.
extensor
digitorum Dig. II rechts im Rahmen de
r
Exzision eines Sehnenscheidenfibroms am 12. Februar 2020
-
Status nach Neurolyse des N. Saphenus rechts und
Nervengrafting
mit Avance
(3-4 mm, Länge 7 cm)
am 22. Juni 2020
-
aktuell: ausgeprägte neuropathische Schmerzen im Narbenbereich
nach distal ausstrahlend
-
CRPS
(
komplexes regionales Schmerzsyndrom
,
Complex
Regional
Pain Syndrome)
nach Budapest-Kriterien am 26. August 2020:
negativ
Allmählich stelle sich wohl eine Besserung ein, es bestehe durchaus die Hoffnung, dass sich ein Teil der Nervenfunktion innerhalb der nächsten 12 Monate zurück
bilde und sich die neuropathische Allodynie besser. Es biete sich nu
n
die Durch
führung einer stationären Neuro-Rehabilitation nach peripherer Nervenverlet
zung an.
3.4
Im Bericht des Schmerzambulatoriums des
B.___
vom 28. Januar 2021 (Urk. 9/30) zuhanden der Beschwerdegegnerin
wurde
n
chronische posttraumatische
S
chmer
zen am medianen Unterschenkel rechts (ICD-10: MG30.2) mit neuropathischer Komponente diagnostiziert, welche sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirke.
D
i
e
Prognose
sei aktuell weiterhin reduziert
. Als Funktion
s
einschränkungen komme es bei der Beschwerdeführerin zu Schmerzexazerbationen durch langes Stehen, Berührung, Palpation und längere Belastung auf dem rechten Fuss/Unterschenkel.
3.5
Dr.
H.___
nannte in seinem Bericht vom 17. Februar 2021 (Urk. 9/32) zuhanden der Beschwerdegegnerin als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit chronische postoperative Scherzen am medialen Unterschenkel rechts.
Langfristig sei
von einer guten
Prognose
bezüglich der Wiederherstellung der Arbeitsfähig
keit a
usz
ugehen
. Bedauerlicherweise werde die Normalisierung der gestörten Sensibilität
und
der aktuell
überempfindliche
n
Hau
t
region noch viele Monate in Anspruch nehmen, sodass trotz
fortlaufender
schmerztherapeutischer
Therapie
und aktuell
laufender
neurologischer
Rehabilitation
kurzfristig noch keine
Steigerung
der Arbeitsfähigkeit
anzunehmen
sei.
Aktuell sei die Beschwerde
führerin gekündigt und arbeitsunfähig. Es sei der Abschluss der stationären Reha
bilitation abzuwarten, sodass aktuell weder die bisherige noch eine
an
gepasste Tätigkeit zumutbar seien. Erschwerend komme der Umgang der Beschwerde
führerin
mit den Beschwerden
hinzu sowie eine psychische Belastungssituation aufgrund der zunehmend angespannten ökonomischen und sozialen Verhältnisse der Familie
, da
der Ehemann aufgrund einer eigenen Erkrankung nur teilar
beitsfähig sei. In der Haushaltsführung sei die Beschwerdeführerin teilweise eingeschränkt.
3.6
Im Sprechstundenbericht vom 11. Mai 2021 (Urk. 9/38)
hielt
Dr.
H.___
fest, dass die Beschwerdeführerin nun das
Vollbild einer CRPS der
r
echten unteren Extremität zeige, welche die Prognose nachhaltig verschlechtere. Zudem lägen mehrere ungünstige Kontextfaktoren vor.
3.7
Am 23. August 2021 diagnostizierte Dr.
H.___
(Urk. 9/42) ein CRPS Typ II der rechten unteren Extremität sowie ein myofaszial bedingtes lumbales Schmerz
syndrom im Rahmen der mehrmonatigen Fehlbelastung der rechten unteren Extremität, eine R
e
fluxösoph
ag
itis bei axialer Hiatushernie sowie eine rezidi
vierende Schwindelsymptomatik (differentialdiagnostisch im
R
ahmen der Prega
balin-antidepressiven Therapie).
Die Entwicklung stagniere erheblich
und in den letzten Wochen und Monaten habe
sich keine Besserung
gezeigt, daher müsse die Arbeitsunfähigkeit nochmals verlängert werden.
3.8
Im Bericht der
Neurorehabilitation der
Klinik
I.___
des
J.___s
vom
19. August 2021
(Urk. 9/43
, unter Beilage des
definitiven
Austrittsberichtes vom 24. März 2021, Urk. 9/45
)
zuhanden der Beschwerdegegnerin wird über den dortigen stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin vom 4. bis 27. März 2021 berichtet. Als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit wurde ein
CRPS
gestellt, wobei eine chronische Migräne als Nebendiagnose aufgeführt wurde. Aufgrund der Chronifizierung sei die Prognose einer Wiederaufnahme der Arbeitstätigkeit nach über einem halben Jahr bestehende
m
CRPS ohne Berufs
tätigkeit sehr gering.
Im Rahmen des multidisziplinären Schmerztherapie-Programmes, inklusive
psychologischer Betreuung, sei eine intensive Education der Beschwerdeführerin vorgenommen worden. Der Behandlungserfolg sei durch konsequentes Vermeiden weiterer operativer Eingriffe und Lebenswandel
ände
rung der Beschwerdeführerin zu sichern.
Weder die berufliche Situation noch das Eingliederungspotenzial könnten beurteilt werden. Anzumerken sei aber, dass die Beschwerdeführerin bereits deutlich aggraviere.
3.9
RAD-Arzt Dr.
E.___
hielt in seiner versicherungsmedizinischen Beurteilung vom 1. September 2021 (Urk. 9/75 S. 8 f.) fest, dass bei der Beschwerdeführerin unverändert der schon lange bekannte, bereits chronifizierte Schmerzzustand des rechten Unterschenkels ausgewiesen sei, wobei inzwischen nun offenbar tatsäch
lich die
Budapest-Kriterien für ein CRPS erfüllt seien.
Dieser Gesundheitszustand sei auf niedrigem Funktionsniveau stabil, wobei aber zunehmend auch das Thema Aggravation und Symptomausweitung in den Vordergrund rücke. Daher bedürfe es einer polydisziplinären Begutachtung, um die Arbeitsfähigkeit in bisheriger und insbesondere leidensangepasster Tätigkeit zu beurteilen.
3.10
Dr.
H.___
ergänzte in seinem Bericht vom 4. Januar 2022 (Urk. 9/48
)
die bisherige Diagnose CRPS Typ II mit einer
psychiatrischen Dekompensation mit scheinbar depressiver Episode und Verlustängsten
. Anamnestisch hielt er fest, dass die Beschwerdeführerin zunehmend nervös und psychisch angeschlagen sei. Ab dem 10. Januar 2022 stünde ein 7-wöchiger ambulanter tagesklinischer
psychiatrischer
Aufenthalt an. Arbeiten könne sie aufgrund der neuropathischen Beschwerden an der rechten unteren Extremität und der nun zusätzlich auf
getretenen Wirbelsäulenbeschwerden und der psychischen Komorbidität kaum. Erneut werde die Arbeitsunfähigkeit verlängert, dies neu erstmalig in einem 70%-Pensum, damit beim RAV die medizinische Zumutbarkeit der Arbeits
fähig
keit erfüllt sei.
Es sei eine polydisziplinäre Begutachtung empfohlen mit Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit.
3.11
Im
poly
disziplinären
(allgemein-internistisch
en
, neurologisch
en
,
orthopädisch-traumatologischen
und psychiatrisch
en)
F.___
-Gutachten vom 1. Juni 2022
(
Urk. 9/70)
wurden im Rahmen der interdisziplinären Konsensbeurteilung folgen
de Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit aufgeführt:
-
Neuropathische Schmerzen Ramus
infrapetellaris
N. Saphen
u
s rechts nach
Operation am 12. Februar 2020 (Entnahme eines autologen freien
Plantarissehnengrafts
als Ersatz für die Sehne des M.
extensor
digitorum
longus und M. digitorum
brevis
rechts bei Sehnenscheidenf
i
b
ro
m
)
-
Migräne ohne
Aura
Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit verblieben eine arterielle Hyperton
i
e und
eine
Adipositas (BMI 33.7 kg/m
2
).
Bekannt seien regelmässige Distorsionen des rechten oberen Sprunggelenks, zuletzt am 20. April 2019. Es sei eine konservative Therapie erfolgt.
Die
Beschwerdeführerin
habe
über persistierende
S
chmerzen
und Schwellung des rechten Sprunggelenks berichtet, weshalb ein MRI vom Vorfuss rechts am 15.
Januar 2020 gemacht worden sei. Es sei ein Sehnentumor der Extensor digitorum longus und Extensor digitorum
brevis
-Sehne
Metatarsale
II Fuss rechts gefunden worden und am 12. Februar 2020 sei die operative radikale Tumorresektion mitsamt der Streckersehnen Dig. II, plastischer Sehnenrekons
truk
tion mittels autologem ipsilateralem freiem
Plantarissehnengraft
und
tempo
rärer
Kirschnerdrahtspickelung
Dig. II bis in MT II rechts erfolgt. Infolge der Operation habe die Beschwerdeführerin neuropathische Schmerzen im
Bereich
des Ramus
infrapatellaris
des N. saphenus rechts entwickelt. Aufgrund der erheb
lichen Beschwerden sei am 22. Juni 2020 eine Neurolyse des N. saphenus durchgeführt worden, wodurch eine leichte Linderung der Schmerzen erzielt worden sei.
Durch eine stationäre Reha-Behandlung im März 2021 habe keine Besserung erzielt werden können. Unverändert beschreibe die Beschwerdefüh
rerin ausgeprägte, stark einschränkende Schmerzen in diesem Bereich. Aktuell befinde sie sich in ambulanter tagesklinischer Psychotherapie. Hinsichtlich der Beurteilung von
Konsistenz
und Plausibilität
hielten
die
F.___
-Gutachter fest, dass gleichmässige Einschränkungen des Aktivitätenniveaus in vergleichbaren Lebensbereichen beständen. Die
Beschwerdeführerin
beschreibe ein hohes Mass der Einschränkung des Aktivitätenniveaus.
S
ie erhalte regelmässig Unterstützung durch die Spitex morgendlich beim
A
nziehen und Waschen sowie der Medika
mentenstellung. Das beklagte hohe Mass der Funktionseinschränkungen könne im Konsens nicht
nachvollzogen
werden. Das
hohe
Mass der geklagten Schmerzen in Hö
h
e von 7 auf einer 10-stufigen numerischen Analogskal
a
könne nicht erklärt werden.
Insgesamt erschienen die beklagten Symptome und
F
unktionseinbussen nicht konsistent und nicht plausibel
. Festgehalten werden müsse,
d
ass der Beschwerdevortrag der Beschwerdeführerin insgesamt vage gewesen sei, einen Leidensdruck habe sie nicht hinterlassen können. Auch aus diesem Grund sei die Durchführung einer
(sprachen-unabhängigen)
Beschwer
den
validierung
geboten gewesen, die hoch auffällige Ergebnisse zu Tage gefördert habe. Laut Testmanual sei vom zielgerichteten Vortäuschen einer nicht vorhandenen Symptomatik und somit von einer nicht authentischen
Beschwer
denschilderung
a
usz
ugehen.
Dies äussere sich noch
auf andere vielfältige Weise. Sehr auffällig sei gewesen, dass sie bezüglich des Tagesablaufs so gut wie keine konkreten Angaben gemacht habe
. Der erhobene Medikamentenspiegel von
Pregbalin
liege weit unterhalb des Referenzbereichs.
E
s
beständen
erhebliche Zweifel an der
Medikamentencompliance
. Nicht nachvollziehbar sei, dass die Beschwerdeführerin nach der Neurolyse des N. saphenus (der Nerv sei durchtrennt worden) kaum eine Besserung ihrer neuropathischen Schmerzen angebe. Im Konsens des Gutachtens sei von einem organischen Kern von leichtem funktionellem
A
usmass auf neurologischem Gebiet a
usz
ugehen. Im Wesentlichen seien die Beschwerden in ihrer Gesamtheit aufgrund der Diskrepanzen nicht nachvollziehbar
(Kapitel 4.2)
. Die Synthese/Quintessenz aus allen Fachgebieten und funktionellen Einschränkungen zeige Folgendes:
Seit einem Jahr sei
d
ie arterielle Hypertonie bekannt. Diese werde medikamentös
behandelt
; kardiale Dekompensationszeichen beständen nicht.
D
er
Blutdruck
sei bei der gutach
terlichen
Untersuchung
im Zielbereich gelegen. Bei der Untersuchung habe sich der rechte Fuss
und
der Unterschenkel leichtgradig geschwollen dargestellt. Es lasse sich ein leichtes Ödem
pr
ä
tibial
nachweisen. Trophische Störungen im Bereich der
H
aut, der Hautanhangsgebilde wie Zehennägel, Hinweise auf Störungen der
Sudomotorik
mit Kälte oder vermehrtem Schwitzen seien nicht festgestellt worden. Die Narben stellten sich allesamt reizlos dar, die aktive Funktionsprüfung im oberen
Sprunggelenk
wie Fusshebung und -senkung sei nicht gelungen. Orthopädisch lasse
sich diese Funktionseinschränkung nicht erklären. Radiologisch könne eine Arthrose des Sprunggelenks, eine Belastungs
minderung
d
es rechten Fusses im Vergleich zur Gegenseite ausgeschlossen werden. Die Beschwerdeführerin habe angegeben
,
in regelmässiger psychiat
rischer und psychotherapeutischer Behandlung zu sein; welches Antidepressivum sie einnehme, habe sie nicht sagen können. Festgehalten werden müsse
aller
dings, dass beim
Fehlen einer psychiatrischen Symptomatik eine entsprechende Behandlung nicht indiziert sei. Die Prognose sei aus psychiatrischer Sicht nicht eingeschränkt. Zusammenfassend könne ein neuropathisches Schmerzsyndrom
durch operative Schädigung des R
.
intrapatellaris
des N. saphenus rechts nach
vollzogen werden. Dafür sprächen das fehlende sensible Nervenaktionspotential bei der neurografischen Messung und das angegebene Ausbreitungsgebiet der neuropathischen Schmerzen am Unterschenkel und am Fuss rechts. Das Ausmass der beklagten Schmerzen könne nicht nachvollzogen werden, aufgrund der beschriebenen Diskrepanzen und insbesondere, da der Nerv durchtrennt worden sei. Die
Kriterien für eine CRPS seien nicht erfüllt
. E
s
liege eine bekannte episodische Migräne vor. Eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit hierdurch sei in der Minderung
d
er Arbeitsfähigkeit durch die neuropathischen Schmerzen enthalten. Aufgrund der neuropathischen Schmerzen werde die Arbeitsfähigkeit auf neurologischem Gebiet für jedwede Tätigkeit um 30 % vermindert angesehen aufgrund des erhöhten Pausenbedarfs. Im Konsens des Gutachtens sei von einem organischen Kern von leichtem funktionellen Ausmass auf
neurologischem Gebiet a
usz
ugehen. Im Wesentlichen seien die Beschwerden aufgrund der Diskre
panzen nicht nachvollziehbar. Von der Persönlichkeit her sei die
Beschwerde
führerin
verträglich, kontaktfreudig und offen. Es hätten sich keine Hinweise auf eine Persönlichkeitsakzentuierung o
d
er Persönlichkeitsstörung gezeigt.
Betref
fend Belastungsfaktoren sehe sich die Beschwerdeführerin in der Selbsteinschät
zung nicht in der Lage, erneut eine Tätigkeit wieder aufzunehmen; dabei limitiere sie sich selbst. Sie habe keinen erlernten Beruf und ihre Deutschkenntn
i
sse seien mangelhaft bei einer schwierigen familiären und finanziellen
Situation
. Die soziale Integration sei aber gut.
Die Gesamtarbeitsunfähigkeit ergebe sich aus den neurologischen Einschrän
kungen.
In der bisherigen
Tätigkeit
könne die Beschwerdeführeri
n 8.5
Stunden pro Tag
anwesend sein
bei einer um 30 % reduzierten Leistungsfähigkeit aufgrund
d
es erhöhten Pausenbedarfs durch die neuropathischen Schmerzen. Entsprechend bestehe eine 70%ige Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit. Der zeitliche Verlauf der Entwicklung der Arbeitsfähigkeit zeige sich folgen
d
ermassen: Retrospektiv habe seit dem 12.
Februar 2020 eine Arbeits
fähigkeit von 0 % bestanden und ab circa September 2020 (Neurolyse am 20. Juni 2020 mit einer Rekonvaleszenz von circa 8 Wochen) sei wieder von einer 70%igen Arbeitsfähigkeit in bisheriger Tätigkeit a
usz
ugehen. Die Beschwerde
führerin sei in der Lage
,
körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeiten in gehender, stehender und sitzender Haltung durchzuführen, wobei ein
erhöhter Pausenbedarf bestehe; Nachtschichten und Arbeiten mit stark erhöhtem Zeitdruck seien nicht empfehlenswert. Eine solche der Behinderung optimal angepasste Tätigkeit sei ihr für 8.5 Stunden pro Tag zumutbar, wobei aufgrund des erhöhten Pausenbedarfs die Leistung um 30 % eingeschränkt sei. Der retrospektive Verlauf der Arbeits
fähigkeit sei identisch mit demjenigen in bisheriger Tätigkeit. Die Arbeitsfähigkeit könne durch medizinische Massnahmen nicht mehr relevant verbessert werden.
3.12
Dr.
E.___
unterzog das polydisziplinäre
F.___
-Gutachten in seiner RAD-Stellungnahme vom 28. Juni 2022 einer versicherungsmedizinischen Beurteilung (Urk. 9/75 S. 10 f.) und hielt fest, dass dieses unter vollständiger Würdigung der vorhandenen medizinischen Akten nach ausführlicher Anamneseerhebung, genauem Eingehen auf die geschilderten Beschwerden und umfassender Unter
suchung erstellt worden sei. Die Gutachter kämen nach ausführlicher fach
spezifischer Diskussion in einer interdisziplinären Zusammenfassung zu plausib
len Diagnosen und nachvollziehbaren Schlussfolgerungen hinsichtlich der beste
henden Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin. Auf dieses Gutachten sei daher abzustellen. Daraus ergäbe sich folgende Arbeitsunfähigkeiten
sowohl für
die zuletzt ausgeübte Tätigkeit
als auch für eine angepasste Tätigkeit:
vom 12. Februar 2020 bis
etwa Ende August 2020
habe eine 100%ige Arbeitsun
fähigkeit bestanden; seit dem 1. September 2020 bis auf Weiteres sei die Beschwerdeführerin wieder zu 70 % arbeitsfähig. Eine angepasste Tätigkeit sehe eine körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeit in abwechselnd gehender, stehender und sitzender Haltung bei erhöhtem Pausenbedarf, ohne Nachtschich
ten oder stark erhöhten Zeitdruck
,
vor.
3.13
Im Rahmen des
Einwa
nd
verfahrens
nahm RAD-Arzt Dr.
E.___
nochmals Stellung
zu den dortigen Vorbringen
und
die Beschwerdegegnerin
forderte
weitere Arztberichte ein.
3.13.1
RAD-Arzt Dr.
E.___
wies in seiner Stellungnahme vom 17. November 2022 (Urk. 9/93 S. 2 f.) darauf hin, dass mit dem Einwand keine Arztberichte einge
reicht und keine neuen oder bislang unbekannten medizinischen Tatsachen geltend gemacht worden seien. I
n der gutachterlichen Konsensbeurteilung werde zwar ausdrücklich darauf hingewiesen, dass prinzipiell ein neuropathisches Schmerzsyndrom durch eine operative Schädigung des R.
infrapatellaris
des N.
saphenus rechts nachvollzogen werden könne, jedoch aufgrund der im Gutachten näher beschriebenen Diskrepanzen und der Tatsache, dass der Nerv durchtrennt worden sei, nicht das beklagte
Ausmass
der Schmerzen. Die Auswirkung dieses Schmerzsyndroms auf die Minderung der Arbeitsfähigkeit sei im Zusammenhang mit der seit Jahre
n
bekannten episodischen Migräne zu betrachten und betrage gesamthaft auf neurologischem Gebiet 30 % für jede Tätigkeit aufgrund des erhöhten Pausenbedarfs. Diese Zusammenfassung der Einschränkungen au
f
neurologischem Fachgebiet aus medizinischer Sicht sei gut nachvollziehbar, gerade a
u
ch im Hinblick auf die erwähnten Diskrepanzen.
3.13.
2
Die
Klinik G.___
, wo die Beschwerdeführerin
vom
21.
Novem
ber 202
2
bis 26. Januar 202
3
stationär hospitalisiert war
, reichte ihren
Bericht
am 3. Februar 202
3 ein
(Urk. 9/86
, signiert
von Dipl. Arzt
K.___
, Leitender Arzt,
Facharzt für Anästhesiologie
).
Darin wurden folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellt:
-
Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (ICD
-10: F32.2)
-
Krankheit der Zähne und des Zahnhalteapparates, nicht näher bezeichnet
(
ICD-10: K08.9)
-
Komplexes regionales Sch
m
erzsynd
rom d
er untere
n
Extremität, Typ I,
Status nach radikaler Tumorresektion mitsamt der Strecksehne Dig. 2
(
ICD-10: G90.51)
-
Zervikozephales
Syndrom, minimale Bandscheibendegeneration C3/4
(ICD-10: M53.0)
-
Migräne, nicht näher bezeichnet
(
ICD-10: G43.9)
Die Beschwerdeführerin sei seit dem 21. November 2023 bis unbestimmt für jegliche Arbeitstätigkeit zu
1
00 % arbeitsunfähig. Aufgrund der
aktuell starken Belastung und der Komplexität der psychischen und körperlichen Einschrän
kungen der Beschwerdeführerin sei eine Prognose schwierig
zu machen, dabei sei sicher von einer längeren Arbeitsunfähigkeit a
usz
ugehen.
Im psychopatho
lo
gischen Befund gemäss AMDP bei Aufnahme habe sich die Beschwerdeführerin wach, bewusstseinsklar, zeitlich leichtgradig desorientiert, situativ leichtgradig desorientiert, mit leichtgradigen Auffassungs-, Konzentrations- und Merkfähig
keitsstörungen gezeigt. Im Denken sei sie leichtgradig umständlich, mit leicht
gradigem Grübeln und leichtgradig vorbeiredend gewesen. Sie habe keine Zwänge, keinen Wahn, keine Sinnestäuschungen, keine Ich-Störungen gezeigt. Sie sei mittelgradig deprimiert, schwergradig hoffnungslos, leichtgradig gereizt, mittelgradig innerlich unruhig und mittelgradig klagsam gewesen. Sie habe keine Antriebs- und psychomotorischen Störungen und keine circadianen Besonder
heiten, aber einen mittelgradigen sozialen Rückzug gezeigt. Aus psychiatrischer Sicht schränke die Beschwerdeführerin die schwere Depression mit Niederge
stimmtheit, eingeschränkter Konzentrations- und Merkfähigkeit sowie innerer Unruhe ein. Das Potenzial für die Eingliederung könne nicht beurteilt werden, doch sei der Beschwerdeführerin eine längerfristige ambulante psychiatrisch-psychotherapeutische Weiterbehandlung empfohlen.
Für die Prognose günstige Faktoren seien die Motivation zu Veränderung und Willenskraft. Prognostisch ungünstig seien die
somatischen, chronifizierten Schmerzen, Konzentrationsstö
rungen, rezidivierende depressive Phasen und rezidivierende Angst- und Panik
zustände. Auch
im Haushalt - selbst bei kleinsten Verrichtungen - sei die Beschwer
de
führerin auf Unterstützung ihrer Familie angewiesen, da sie über
fordert sei.
Als Ressourcen weise die Beschwerdeführerin ihre persönliche Motivation und die Unterstützung in der Familie sowie in der Ehe auf.
3.13.
3
Das
L.___
führte in seinem Bericht vom 1. Juni 202
3
(Urk. 9/90) zuhanden der Beschwerdegegnerin folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeits
fähigkeit auf:
-
Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome
(ICD-10: F32.2)
-
Weichteiltumor mit Bezug zu distalen
Extensorensehnen
(EDL und EDB
2. Zehen rechts) mit/bei:
-
Status nach Fussdistorsion rechts am 20. April 2019
-
Verdacht auf Riesenzelltumor (Diagnose von Beschwerdeführerin in
Zweifel gezogen)
-
Radikale Tumorresektion mitsamt der Streckensehnen Dig. 2
-
Plastische Sehnenrekonstruktion mittels autologem ipsilateralem
freien Plantaris
-
Temporäre
Kirschnerdrahtspickung
Dig. 2 bis MT2 rechts am
12. Februar 2020
-
iatrogene Läsion des N. saphenus rechts bei Status nach Entnahme
eines autologen freien plantaren Szenen-Grafts als Ersatz für die
Sehne des M.
extensor
digitorum Dig. II rechts im Rahmen der
Exzision eines Sehnenscheidenfibroms im Februar 2020
-
ausgeprägte neuropathische Schmerzen im Narbenbereich nach
distal ausstrahlend
-
CRPA nach Budapest-Kriterien (gemäss
B.___
vom 26. August 2020
negativ, gemäss Rehaklinik
D.___
vom 4. März 2021 aber positiv)
-
Migräne (1 Mal pro Woche über 3 Tage)
Folgender psychopathologische Befund wurde festgehalten: 42-jährige Patientin, äusserlich gepflegt, mit dem Ehemann erscheinend, Kontaktaufnahme freundlich, altersentsprechend, bewusstseinsklar und allseits orientiert (zeitlich, örtlich, situativ, zur eigenen Person), aufmerksam aber nicht konzentriert, in der emo
tionellen Kontaktaufnahme abwartend, sachlich, aktiv im Spontanverhalten, Vigilanz: wach, Antrieb und Psychomotorik herabgesetzt, Stimmung deutlich depressiv-resigniert, im Gesprächsverlauf verbal mitteilungsaktiv, affektiv unkontrolliert, Gefühl der inneren Leere, schildert ihr Symptomerleben und
verhalten in Zusammenhang mit der Tumorerkrankung. Kognitiv in Aufmerksamkeit, Konzentration, Merkfähigkeit und Gedächtnis deutlich einge
schränkt (Merkfähigkeit vorhanden, Kurz- und Langzeitgedächtnis einge
schränkt), Denken formal beweglich, inhaltlich problemzentriert. Inhaltliches Denken ungestört. Schwingungsfähigkeit reduziert. Keine Anhaltspunkte für psychotische Erlebnisweisen oder weitergehende Wahrnehmungsstörungen. Anam
nestisch keine Suizidgedanken/-wünsche, keine SV, keine konkreten Ausführungspläne, aktuell keine akute Suizidalität.
Die Beschwerdeführerin sei in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit in der Textilproduktion seit dem 2. April 2019 bis heute zu 100 % arbeitsunfähig. Ein 5-monatiger
A
rbeitsversuch sei gescheitert, die Reisefähigkeit sei nicht mehr gegeben und die Beschwerdeführerin sei auf Begleitung angewiesen. Es beständen Reizbarkeit, Aggressionen, Schlaf
störungen (Durchschlaf von einer Stunde), Konzentrationsstörungen, Vergess
lich
keit, Müdigkeit, Gedankenkreisen, Rückzug, Antriebsminderung, Lust- und Interesselosigkeit, aber keine Appetitveränderung. Aufgrund der schweren Depression bestehe eine Funktionseinschränkung. Eine dem Leiden angepasste Tätigkeit sei weniger als zwei Stunden pro Tag zumutbar und auch der Haushalt sei nur zu circa 20 % machbar; der Ehemann und di
e
Tochter würden helfen. Die
Prognose sei schlecht. Die
Beschwerdeführerin
sei seit dem 2. April 2019 zu 100 % arbeitsunfähig. Ihr Zustand habe sich nach der stationären und tagesklinischen Behandlung leicht gebessert, danach sei aber wieder der Status idem wie zuvor eingetreten.
Sie sei alleine nicht reisefähig, habe alle 2-3 Tage Migräne, kein Durchhaltevermögen, könne nicht lange Sitzen oder Gehen und auch im Haushalt sei sie zu 80 % eingeschränkt.
3.14
3.14.1
RAD-Arzt Dr.
E.___
fasste in seiner Stellungnahme vom
12. Juli 2023
die
gemäss
Aktenlage bestehenden Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zusammen (Urk.
9/93 S. 4 f.
) und hielt in seiner versicherungsmedizinischen Beur
teilung fes
t, dass
sich
aus
somatisch-versicherungsmedizinischer Sicht seit der
massgeblichen
polydisziplinären Begutachtung durch die
F.___
im Frühjahr 2022 nichts verändert habe. Vollkommen neu sei aber die in den psychiatrischen Berichten angegebene psychische Gesundheitsstörung „schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome - ICD-10: F32.2“, wobei es schon auffällig sei, dass im psychiatrischen
F.___
-Teilgutachten expressis verbis festgestellt worden sei, dass keine psychiatrische Diagnose vorliege
. Dementsprechend sei auch die Aussage, dass schon seit April 2019 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestehe, höchstens als anamnestische Angabe der Beschwerdeführerin zu werten. Diesbezüglich sei eine ergänzende RAD-interne, fachspezifisch-psychiatrische Evaluation einzuholen.
3.1
4
.2
Dr.
M.___
vom RAD verwies in seiner ergänzenden psychiatrischen Stellungnahme vom 25. August 2023
(Urk. 9/93 S. 6 f.) auf die Konsens
beurteilung im polydisziplinären
F.___
-Gutachten unter Kapitel 4.2, wonach das hohe
Mass
der Funktionseinschränkung nicht habe nachvollzogen werden können und laut Testmanual vom zielgerichteten Vortäuschen einer nicht vorhan
denen Symptomatik und somit von einer nicht authentischen
Beschwer
denschilderung
a
usz
ugehen gewesen sei.
Auch aus dem psychiatrischen Teilgut
achten auf S. 71 habe sich aus dem TOMM (Untersuchung für
Malingering
) ein Ergebnis ergeben, dass für das zielgerichtete Vortäuschen einer nicht vor
handenen Symptomatik spreche. Da der psychopathologische Befund unauf
fällig gewesen sei, sei
auch keine psychiatrische Diagnose gestellt worden.
Das Leistungsbegehren der Beschwerdeführerin sei mit Vorbescheid
vom 25. August 2022 abgewiesen worden. Knapp drei Monate später und nach erhobenem Einwand sei die Beschwerdeführerin vom 21. November 2022 bis 26.
Januar 2023 in der Klinik
G.___
hospitalisiert gewesen. Im ent
sprechenden Arztbericht vom 14. Februar 2023 werde nun eine schwere depressive Episode ohne
psychotische Symptome (ICD-10: F32.2) diagnostiziert. Die Diagnose sei nicht
nachvollziehbar. Im
psychopathologischen
Befund (Ziff. 2.4) fänden sich nicht einmal genügend Symptome, welche das Vorliegen einer leichte
n
depressiven Episode nach ICD-10: F32.0
rechtfertigen
würden.
Ausserdem
stütz
e
sich der Befund hauptsächlich auf die subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin
und es erfolge keine Auseinandersetzung mit
Malingering
.
Der den Bericht unterschreibende Arzt M.
K.___
verfüge
gemäss
MedReg
über einen Facharzttitel in
Anästhesiologie
, womit der Bericht fachfremd und nicht verwertbar sei.
Auch im Arztbericht des
L.___
vom 1. Juni 2023 werde dieselbe Diagnose gestellt ohne verwertbar zu sein, da auch hierbei der unterschreibende Arzt Dr. M.
N.___
gemäss
MedReg
über keinen Facharzttitel verfüge, aber als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie unterschreibe. Zusammenfassend h
ie
lt der RAD-Psychiater fest, dass aus psychiatrischer Sicht gestützt auf das polydisziplinäre
F.___
-Gutachten vom 1. Juni 2022 keine psychiatrische Diag
nose vorliege. die neu diagnostizierte schwere depressive Episode ohne psycho
tische Symptome (ICD-10: F32.2) werde fachfremd und nicht fachärztlich diagnostiziert, sei psychopathologisch nicht nachvollziehbar und beruhe auf den subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin. Dabei sei zu erwähnen, dass die Beschwerdeführerin im Rahmen der Begutachtung zielgerichtet nicht vorhandene Symptome vorgetäuscht habe. Es sei somit zumindest teilweise von Simulation a
usz
ugehen.
3.15
Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens
ging
ein
weiterer
Bericht
von Dr.
H.___
vom 5. Dezember 2023 ein
(Urk.
8
) ein, wobei zu berücksichtigen ist, dass
für die richterliche Beurteilung eines Falles grundsätzlich die tatsächlichen Verhältnisse zur Zeit des Abschlusses des Verwaltungsverfahrens
massgebend
sind.
Tatsachen, die sich erst später verwirklichen, sind jedoch insoweit zu berücksichtigen, als sie mit dem Streitgegenstand in engem Sachzusammenhang stehen und geeignet sind, die Beurteilung im Zeitpunkt des
Entscheiderlasses
zu beeinflussen (BGE 121 V 362 E. 1b; 99 V 98).
Darin wurden folgende Diagnosen gestellt:
-
Bekanntermassen
komplizierter Verlauf mit Entwicklung eines CRPS Typ II
der
r
echten unteren
Extremität
bei iatrogener Verletzung des N. saphenus
mit
-
Rekonstruktionsversuch des N. saphenus rechts mit Nervengraft im
Juni 2020
-
Entstehung im Rahmen der Sehnenrekonstruktion der
Extensorensehne
Dig. II rechts vom Februar 2020 mit
Plantarissehnen
-Entnahme und
versehentlicher
Einnaht
des N.
saphenus im Rahmen
Subkutannaht
-
Reaktive Depression
-
Arterielle Hypertonie
Anamnestisch berichtet
e
Dr.
H.___
von einer weiterhin hochproblematischen Situation. Die Beschwerdeführerin leide weiterhin an einer massiven Schmerz
überempfindlichkeit im Bereich der Unterschenkelinnenseite rechts, welche kaum den Druck einer Socke oder einer geschlossenen Hose vertrage. Mittlerweile sei sie im
O.___
schmerztherapeutisch angebunden, wo im Januar 2024 noch einmal weiter
e
Testungen und ein Infiltrationsversuch geplant seien. Die Beschwerdeführerin sei aktuell arbeitsunfähig und aufgrund der Schmerzsi
tuation und der sekundären reaktiven Depression im regulären Arbeitsmarkt nicht vermittelbar. Zum polydisziplinären
F.___
-Gutachten Stellung nehmend verwies er hinsichtlich der angezweifelten Medikamenten-Compliance und dem Leidens
druck
mangels Nachweises
des
Pregabalins
innerhalb des Medikamentenspiegel-Referenzbereiches auf den Umstand, dass die Beschwerdeführerin zu jenem Zeitpunkt das Pregabalin aufgrund von Nebenwirkungen abgesetzt gehabt habe. Ferner seien die Gutachter zum absurden Schluss gekommen, dass „die Versicherte nach Neurolyse des N. saphenus keine Besserung der neurologischen Symptomatik angab“, da dies falsch sei; es sei ja eben keine Neurolyse oder Nervenverlagerung intraossär erfolgt, sondern ein Rekonstruktionsversuch, welcher mitverantwortlich sei für die von der Beschwerdeführerin festzustellende Restschmerzsymptomatik in dem Sinn, dass der Nerv teilweise noch funktioniere und Fehlinformationen auf cerebraler Ebene verursache. Zudem erschein
e
die gutachterliche Beurteilung
, dass neurologisch kein CRPS vorliege, völlig konträr zu sämtlichen anderen Einschätzungen von therapeutisch involvierten Ärzten. Auch in
d
er orthopädisch-traumatologischen Untersuchung seien die Kriterien eines CRPS ausgeschlossen worden, wobei die Gutachter fälschlich die Budapest-Kriterien angewendet hätten, was aber bei einem CRPS Typ II (Kausalgie durch direkte Nervenverletzung) nicht zulässig sei. Das Gutachten sei daher von ungenügender Qualität.
4.
4.1
Im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren sind grundsätzlich nur Rechts
verhältnisse zu überprüfen beziehungsweise zu beurteilen, zu denen die zuständige Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich – in Form einer Verfügung beziehungsweise eines
Einspracheentscheids
– Stellung genommen hat. Insoweit bestimmt die Verfügung beziehungsweise der
Einspracheentscheid
den beschwerdeweise weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt es an einem Anfechtungsgegenstand und somit an einer Sachurteilsvo
raus
setzung, wenn und insoweit keine Verfügung beziehungsweise kein
Einsprache
entscheid
ergangen ist (BGE 144 I 11 E. 4.3, 131 V 164 E. 2.1, 125 V 413 E. 1a).
4.2
In der angefochtenen Verfügung vom 7. November 2023 (Urk. 2) wurde
aus
schliesslich
über den Rentenanspruch verfügt, was sich ohne Weiteres aus dem Betreff und dem einleitenden Satz ergibt. Soweit die Beschwerdeführerin in der Beschwerde berufliche
Massnahmen
beantragt (Urk. 1 S. 14 f.), ist demnach mangels eines entsprechenden Anfechtungsgegenstands auf die Beschwerde nicht einzutreten.
5.
5.1
Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten, den Anforderungen der Rechtsprechung entsprechenden Gutachten externer Spezialärzte (sog. Administrativgutachten) ist Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 210 E. 1.3.4, 135 V 465 E. 4.4; Urteil des Bundesgerichts 8C_77/2021 vom 20. April 2021 E. 3
m.w.H
.).
5.2
Die Beschwerdegegnerin stützte sich in ihrer ablehnenden Verfügung vom 7. November 2023 (Urk. 2) auf das eingeholte polydisziplinäre
F.___
-Gutachten vom 1. Juni 2022 sowie die zeitlich letzten versicherungsmedizinischen Stellung
nahmen ihrer RAD-Ärzte Dr.
E.___
(aus medizinischer Sicht) und Dr.
M.___
(aus psychiatrischer Sicht, vgl. E. 3.14) zu den im
Einwandverfahren
eingegangenen weiteren Berichte (vgl. E. 3.13).
5.3
Das
F.___
-Gutachten ist für die streitigen Belange umfassend, beruht auf allseitigen Untersuchungen, berücksichtigt auch die geklagten Beschwerden, ist in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden, leuchtet in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation ein und die Schlussfolgerungen wurden durch die Experten begründet. Es kommt ihm daher voller Beweiswert zu.
Gestützt auf dieses Gutachten ist mit dem neuropathischen Schmerzsyndrom am
rechten Unterschenkel durch eine operative Nervenschä
digung ein somatischer Gesundheitsschaden, welcher sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirkt, ausgewiesen. Ferner hält RAD-Arzt Dr.
E.___
in seiner Stellungnahme vom 12. Juli 2023 zum zeitlichen Verlauf schlüssig fest, dass dieser Gesund
heitsschaden aus somatisch-versicherungsmedizinischer Sicht seit der polydis
ziplinären
F.___
-Begutachtung im Frühjahr 2022 unverändert geblieben sei. Eine Verschlechterung ist auch nicht dem Bericht von Dr.
H.___
vom 5.
Dezem
ber 2023 (Urk. 8) zu entnehmen, wenn er unter Beurteilung und Procedere schreibt, die Arbeitsunfähigkeit werde von ihm «noch einmal verlängert». Soweit Dr.
H.___
die Beweiskraft des
F.___
-Gutachtens in Zweifel zieht, kann ihm nicht gefolgt werden. Wenn der Medikamentenspiegel des verschriebenen Medikaments Pregabalin unterhalb des Referenzbereichs lag, ist nicht einzusehen, weshalb die Beschwerdeführerin, sollte sie das Medikament tatsächlich aufgrund der Nebenwirkungen abgesetzt haben, aufgrund des Leidens
drucks sich nicht umgehend um ein Ersatzmedikament bemüht hätte. Im
Übrigen
war der Medi
kamentenspiegel nur eines mehrerer von den Gutachtern festgestellten Indizien für fragliche Konsistenz der Beschwerdeangaben. Soweit Dr.
H.___
die Aussagen des neurologischen sowie des psychiatrischen Teilgutachtens in Zweifel zieht, äussert er sich fachfremd.
Insbesondere vermag
er mit seiner
Rüge,
es habe keine Nerventrennung stattgefunden, sondern ein Rekonstruktionsversuch, welcher verantwortlich für die Restschmerzsymptomatik in dem Sinn sei, dass der Nerv teilweise noch funktioniere und Fehlinformationen auf cerebraler Ebene verursache
,
nichts an der überzeugenden Schlussfolgerung auf neurologischem Fachgebiet zu ändern. Denn es ist keineswegs so, dass die begutachtende Neurologin mit ihrer Feststellung
betreffend ausbleibender Besserung
weiterhin bestehende Beinschmerzen im Zusammenhang mit der Nervenschädigung ausschloss. Sie anerkannte diese vielmehr diagnostisch und funktionell explizit und berücksichtigte diese Beschwerden in Form einer Restsymptomatik beim Belastungsprofil hinsichtlich der dadurch eingeschränkten
Leistungs
fähigkeit.
Schliesslich vermag er auch nicht damit durchzudringen, dass entgegen der polydisziplinären Begutachtung ein CRPS II vorliegt. Die Gutachter diagnos
tizierten konsensual anstelle eines CRPS ein näher umschriebenes neuro
pathisches Schmerzsyndrom, weshalb nicht davon a
usz
ugehen ist, dass ihnen wesentliche Aspekte des Gesundheitsschadens und dessen Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit entgangen sind.
5.4
Nachdem sich die Beschwerdeführerin im Nachgang zum Erlass des Vorbescheids vom 25. August 2022, womit die Verneinung eines Rentenanspruchs angekündigt worden war (Urk. 9/76)
,
vom 21. November 2022 bis 26. Januar 2023 wegen einer depressiven Symptomatik einhergehend mit persistierenden Schmerzen in der
Klinik G.___
in stationärer Hospitalisation befunden hatte, wurde in deren Bericht vom 3. Februar 2023 eine schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome nach ICD-10: F32.2 festgehalten (vgl. E. 3.13.2). Nach Auffassung von RAD-Psychiater Dr.
M.___
ist die Diagnose im entsprechenden Bericht nicht nachvollziehbar, da im psychopathologischen Befund, der sich hauptsächlich auf die subjektiven Angaben der Beschwerdefüh
rerin stütze, sich nicht einmal genügend Symptome fänden, die die Diagnose einer leichten depressiven Episode rechtfertigen würden. Überdies erfolge keine Auseinandersetzung mit
Malingering
und äussere sich der den Arztbericht unterzeichnende Facharzt für Anästhesie fachfremd (E. 3
.
14
.
2). Diese Kritik ist nicht von der Hand zu weisen. Hinzu kommt, dass dieser Bericht keine Ver
schlechterung seit der Begutachtung festhält, sondern unter «Vorgeschichte und Entwicklung» und «Aktuelle medizinische Situation» einen seit 2019 gleich
bleibenden Zustand beschreibt. Dieser Bericht ist daher weder geeignet, die Beweiskraft des
F.___
-Gutachtens in Zweifel zu ziehen, noch eine seitherige Verschlechterung des Gesundheitszustandes auch nur glaubhaft zu machen. Dasselbe gilt für den Bericht des
L.___
vom 1. Juni 2023 (Urk. 9/90), der ebenfalls keinen gravierenden psychopathologischen Befund festhält und ebenfalls keine Verschlechterung seit dem Zeitpunkt der Begutachtung dokumentiert.
5.5.
Demnach ist in medizinischer Sicht auf das
F.___
-Gutachten vom 1. Juni 2022 abzustellen und ist bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung vom 7.
Novem
ber 2023 von keiner Verschlechterung a
usz
ugehen.
Demgemäss
ist der Beschwerdeführerin die bisherige
– und worauf der vorgenommene Einkommens
vergleich basiert (Urk. 9/74), leidensangepasste -
Tätigkeit ab September 2020 in einem vollen Pensum zumutbar, bei einer Einschränkung der Leistung um 30 % aufgrund der neuropathischen Schmerzen (Urk. 70/9). Daran vermag auch der Einwand der Beschwerdeführerin, wonach - entgegen der Konsensbeurteilung - zur neurologischen Einschränkung um 30 % die Einschränkung durch Migräne
attacken wenigstens zu einem gewissen Grad zu addieren sei (Urk. 1 S. 10), nichts zu ändern, schreibt doch Dr. med.
P.___
, Fachärztin für Neurologie, bereits in ihrem neurologischen Teilgutachten, dass die Auswirkung der bekannten episodischen Migräne auf die Arbeitsfähigkeit in der Minderung der Arbeitsfähigkeit durch die neuropathischen Schmerzen enthalten sei (Urk. 9/70/32).
5.6
Entgegen den Vorbringen der Beschwerdeführerin (Urk. 1 S. 12) ist bei einer vollschichtigen Arbeitsfähigkeit mit reduzierter Leistungsfähigkeit kein Leidens
abzug unter dem Aspekt des Beschäftigungsgrades angebracht (Entscheid des Bundesgerichts 9C_283/2020 vom 17. August 2020 E. 7.2.2.).
5.7
Diese Erwägungen führen zur Abweisung der Beschwerde.
6.
6.1
Da der Prozess nicht aussichtslos und eine anwaltliche Vertretung geboten war und die Beschwerdeführerin bedürftig ist, ist ihr in
Gutheissung
des Gesuchs vom 5. Dezember 2023 die unentgeltliche Prozessführung und Rechtsvertretung zu bewilligen (Art. 29 Abs. 3 BV; BGE 135 I 1 E. 7.1; Urteil des Bundesgerichts 9C_686/2020 vom 11. Januar 2021 E. 1).
6.2
Die Gerichtskosten sind unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 800.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen, zufolge Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung aber einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die Beschwerdeführerin ist auf § 16 Abs. 4
GSVGer
hinzuweisen, wonach sie zur Nachzahlung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist.
6.3
Der unentgeltliche Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin, Rechtsanwalt Jonas Steiner, Aarau, ist ermessensweise mit Fr. 2‘100.-- (inkl. Barauslagen und MWST) aus der Gerichtskasse zu entschädigen. Die Beschwerdeführerin ist auf § 16 Abs. 4
GSVGer
hinzuweisen.
Das Gericht beschliesst:
In Bewilligung des Gesuchs vom 5. Dezember 2023 wird der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Prozessführung gewährt und es wird ihr Rechtsanwalt Jonas Steiner, Aarau, als unentgeltlicher Rechtsvertreter für das vorliegende Verfahren bestellt,
und erkennt sodann:
1.
Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist.
2.
Die Gerichtskosten von Fr.
800.-- werden der Beschwerdeführerin auferlegt, jedoch zufolge Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung einstweilen auf die Gerichtskasse genommen.
Die Beschwerdeführerin wird auf § 16 Abs. 4 GSVGer hingewiesen.
3.
Der unentgeltliche Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin, Rechtsanwalt Jonas Steiner, Aarau, wird mit Fr. 2'100.-- (inkl. Barauslagen und MWST) aus der Gerichtskasse entschädigt. Die Beschwerdeführerin wird auf § 16 Abs. 4 GSVGer hingewiesen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Jonas Steiner
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebenten Tag vor Ostern bis und mit dem siebenten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit dem 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art.
46
BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift
der
beschwerdeführenden
Partei oder ihrer Rechtsvertretung
zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
HurstGeiger