# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 333d8d32-f67a-5f26-a5f9-c67b130edbbb
**Source:** Zürich Baurekursgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2017-05-05
**Language:** de
**Title:** Natur- und Heimatschutz. Genossenschaftliche Wohnsiedlung "Kanzleistrasse" Zürich.
**Docket/Reference:** BRGE I Nr. 0062/2017
**URL:** https://www.baurekursgericht-zh.ch/media/entscheidauszug_aus_brge_i_nr._0062-2017_vom_5._mai_2017__kanzleistrasse_.pdf

## Full Text

Baurekursgericht 
des Kantons Zürich 
1. Abteilung 

G.-Nr. 
BRGE I Nr. 

R1S.2016.05125 
0062/2017 

Entscheid vom 5. Mai 2017 

Mitwirkende 

Abteilungspräsident Bruno Grossmann, Baurichter Claude Reinhardt, Bau-
richter Walter Baumann, Gerichtsschreiberin Anna Frey     

in Sachen 

Rekurrent 

Zürcher Heimatschutz ZVH, Eichstrasse 29, 8045 Zürich  

gegen 

Rekursgegner 

1.  Stadtrat von Zürich, Stadthaus, 8022 Zürich  

Mitbeteiligte 

2.  Allgemeine Baugenossenschaft Zürich ABZ, Gertrudstrasse 103, 

8003 Zürich  

betreffend 

Beschluss  des  Stadtrates  von  Zürich  vom  24.  August  2016;  Verzicht  auf 
Unterschutzstellung  und  Entlassung  aus  dem 
Inventar  Vers.-
Nrn. 26404173,  26404177,  26404181,  26404185,  Kat.-Nr.  AU3970,  Eris-
mannstrasse 45-55, Kanzleistrasse 151-163, Karl-Bürki-Strasse 2-10, See-
bahnstrasse 193-201, Zürich 4 - Aussersihl 
______________________________________________________ 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
hat sich ergeben: 

A. 

Mit Beschluss vom 24. August 2016 verzichtete der Stadtrat von Zürich auf 

die Unterschutzstellung der Wohnsiedlung "Kanzleistrasse" auf der Parzelle 

Kat.-Nr. AU3970 an der Erismannstrasse 45 - 55, Kanzleistrasse 151 - 163, 

Karl-Bürkli-Strasse 2 - 10 und Seebahnstrasse 193 - 201 in Zürich 4 - Aus-

sersihl, und verfügte deren suspensiv-bedingte Entlassung aus dem Inven-

tar  der  kunst-  und  kulturhistorischen  Schutzobjekte  von  kommunaler  Be-

deutung, sobald aufgrund einer rechtskräftigen Baubewilligung die Baufrei-

gabe für den Ersatzneubau erteilt werde. Mit Ausnahme zweier Blutbuchen 

(Fagus silvatica "Atropunicea") und sechs Sommerlinden (Tilia platyphyllos) 

im Innenhof der Wohnsiedlung, die gestützt auf den verwaltungsrechtlichen 

Schutzvertrag  vom  4. Oktober  2010  unter  Schutz  gestellt  wurden,  entliess 

der  Stadtrat  auch  sämtliche  Aussenräume  aus  dem  kommunalen  Inventar 

der schützenswerten Gärten und Anlagen. 

B. 

Hiergegen  wandte  sich  der Zürcher Heimatschutz  mit  Rekurseingabe  vom 

31. Oktober 2016 ans Baurekursgericht des Kantons Zürich und beantrag-

te, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben, soweit damit nicht die Un-

terschutzstellung  der  insgesamt  acht  Solitärbäume  verfügt  wurde,  und  die 

Vorinstanz sei einzuladen, die Wohnsiedlung Kanzleistrasse einschliesslich 

Aussenräume in geeignetem Umfang unter Schutz zu stellen, unter Kosten- 

und Entschädigungsfolgen. 

C. 

Mit Verfügung vom 4. November 2016 wurde vom Rekurseingang Vormerk 

genommen und das Vernehmlassungsverfahren eröffnet.  

D. 

Sowohl die Vorinstanz als auch die Mitbeteiligte liessen sich hierauf fristge-

recht  vernehmen  und  schlossen  je  mit  Eingaben  vom  7. Dezember  2016 
auf Abweisung des Rekurses, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu-
lasten des Rekurrenten.  

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E. 

Mit Replik vom 3. Januar 2017 sowie je mit Dupliken vom 26. Januar 2017 

hielten die Parteien an ihren Anträgen fest.  

F. 

Am  8. Februar  2017  führte  die  1. Abteilung  des  Baurekursgerichts  im  Bei-

sein der Parteien einen Augenschein auf Lokal durch.  

G. 

Mit Triplik vom 9. Februar 2017 sowie Quadrupliken vom 17. Februar 2017 

bzw. 23. Februar 2017 reichten die Parteien weitere Stellungnahmen ein.  

H. 

Auf  die  Vorbringen  der  Parteien  sowie  die  anlässlich  des  Augenscheins 

gemachten  Feststellungen  ist  im  Folgenden  insoweit  einzugehen,  als  dies 

für die Entscheidfindung erforderlich erscheint. 

Es kommt in Betracht: 

1. 

Gemäss § 338b Abs. 1 lit. a PBG sind gesamtkantonal tätige Verbände, die 

sich  seit  wenigstens  zehn  Jahren  im  Kanton  statutengemäss  dem  Natur- 

und Heimatschutz oder verwandten, rein ideellen Zielen widmen, zum Re-

kurs gegen Anordnungen und Erlasse berechtigt, soweit sich diese auf den 

III. Titel (Natur- und Heimatschutz, §§ 203 – 217 PBG) oder § 238 Abs. 2 

PBG  stützen.  Der  Rekurrent  erfüllt  diese  Voraussetzungen  unbestrittener-

massen.  Da  auch  die  übrigen  Prozessvoraussetzungen  erfüllt  sind,  ist  auf 

den Rekurs einzutreten. 

2.1. 

Die  streitbetroffene  genossenschaftliche  Wohnsiedlung  "Kanzleistrasse" 
befindet sich im Alleineigentum der Mitbeteiligten und liegt gemäss gelten-

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der  Bau-  und  Zonenordnung  (BZO)  der  Stadt  Zürich  in  der  Quartiererhal-

tungszone. Die Siedlung wurde 1930 durch den Architekten Otto Streicher 

als offene Blockrandbebauung mit Wohnmitteltrakt und zwei begrünten In-

nenhöfen  erbaut  und  weist  Fassadenmalereien  von  Wilhelm  Hartung  auf. 

Zusammen  mit  den  angrenzenden,  fast  gleichzeitig  entstandenen  Wohn-

siedlungen  "Seebahn"  der  Baugenossenschaft  des  eidgenössischen  Per-

sonal  (BEP,  1930)  und  "Erismannhof"  (im  Eigentum  der  Stadt  Zürich, 

1927 - 1928) bildet sie das südliche Endstück einer städtebaulichen Dreier-

abfolge,  welche  sich  dem  Verlauf  des  tiefer  gelegenen  Bahntrassees  der 

Seebahnlinie anpasst.  

Die  Wohnsiedlung  Kanzleistrasse  ist  im  kommunalen  Inventar  der  kunst- 

und  kulturhistorischen  Schutzobjekte  ("Spezialinventar  Wohnsiedlungen") 

enthalten  und  ist  Bestandteil  des  Siedlungsverbundes  Sihlfeld,  der  sieben 

gemeinnützig erstellte Wohnsiedlungen umfasst, welche allesamt zwischen 

den  Jahren  1923  und  1931  erbaut  worden  sind.  Überdies  ist  das  Sihlfeld-

Quartier,  zu  welchem  auch  die  Wohnsiedlung  Kanzleistrasse  gehört,  im 

Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler 

Bedeutung  (ISOS) mit  Erhaltungsziel  A  vermerkt,  welches für Substanzer-

haltung steht. Die unter anderem mit Bezug auf die Stadt Zürich revidierte 

Verordnung  über  das  Bundesinventar  der  schützenswerten  Ortbilder  der 

Schweiz  (VISOS)  ist  allerdings  erst  per  1. Oktober  2016  und  damit  nach 

Fällung des angefochtenen Beschlusses in Kraft getreten.  

2.2. 

Im Jahr 2008 wandte sich die Mitbeteiligte an die städtische Denkmalpflege 

und ersuchte um Abklärung der Schutzwürdigkeit der Wohnsiedlung Kanz-

leistrasse  bzw.  um  deren  Entlassung  aus  dem  kommunalen  Inventar  der 

kunst-  und  kulturhistorischen  Schutzobjekte.  Die  Mitbeteiligte  erhoffte  sich 

mit  diesem  Provokationsbegehren  Planungssicherheit  im  Zusammenhang 

mit der Erneuerung der Siedlung Kanzleistrasse; geplant ist ein vollständi-

ger  Abbruch  bzw.  Ersatzneubau  der  Siedlung.  Im  Rahmen  der  Schutzab-

klärung kamen die Denkmalpflege der Stadt Zürich wie auch die städtische 

Denkmalpflegekommission  zum  Schluss,  dass  die  Siedlung  Seebahn  in 

städtebaulicher  und  baukünstlerischer  Hinsicht  ein  Schutzobjekt  darstelle. 

Auch  die  Vorinstanz  anerkannte  im  angefochtenen  Beschluss  die  grund-

sätzliche  Schutzwürdigkeit  der  streitbetroffenen  Baute,  verzichtete  jedoch 
aus  Gründen  der  Verhältnismässigkeit  auf  Schutzmassnahmen  und  ent-

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liess  die Wohnsiedlung  samt  den  dazugehörigen  Aussenräumen  aus  dem 

Inventar.  Davon  ausgenommen  sind  einzig  die  mit  verwaltungsrechtlichen 

Schutzvertrag  vom  4. Oktober  2010  auserwählten  Solitärbäume  im  Innen-

hof der Siedlung, namentlich zwei Blutbuchen und sechs Linden (act. 5.10).  

3.1. 

Im Rahmen seiner Triplik vom 9. Februar 2017 hat der Rekurrent die Einho-

lung  eines  Gutachtens  der  Kantonalen  Denkmalpflegekommission  (KDK) 

beantragt für den Fall, dass an der sehr hohen Bedeutung des Ensembles 

der  drei  Siedlungen  Kanzleistrasse,  Seebahn  und  Erismannhof  gezweifelt 

würde. Diesfalls wäre gutachterlich zu klären, welcher Schutzrang dem En-

semble  attestiert  werden  müsste  und  ob  es  sich  um  ein  Schutzobjekt  von 

kantonaler Bedeutung handle. 

3.2. 

Sofern in einem Verfahren bereits unabhängige Sachverständige mitgewirkt 

haben,  ist  ein  weiteres  Gutachten  bzw.  Obergutachten  nur  dann  einzuho-

len, wenn begründete Zweifel an der richtigen Beurteilung einer Sachfrage 

bestehen  (VB.2009.00270  vom  24. Februar  2010,  E.  2.2).  Solche  begrün-

deten  Zweifel  liegen  beim  Gutachten  vom  9. Mai  2016  zuhanden  der 

Denkmalpflegekommission  (act. 5.2,  nachfolgend:  Gutachten  2016)  nicht 

vor  und  werden  seitens  des  Rekurrenten  auch  nicht  vorgebracht.  Die 

Schutzwürdigkeit der Wohnsiedlung Kanzleistrasse wurde im Rahmen des 

Gutachtens  2016  einlässlich  abgeklärt.  Zudem  ist  auch  das  Baurekursge-

richt  als Fachgericht  in  der Lage, die  Siedlung  Kanzleistrasse  in  denkmal-

pflegerischer  Hinsicht  zu  bewerten.  Aufgrund  der  Akten  sowie  der  anläss-

lich  des  Abteilungsaugenscheins  getroffenen  Feststellungen  ist  der  Sach-

verhalt  vorliegend  genügend  klar,  um  insbesondere  auch  den  Grad  der 

Schutzwürdigkeit des fraglichen Objektes – auch im Kontext der angespro-

chenen Dreierabfolge – zu beurteilen. Von der Einholung eines Gutachtens 

der  Kantonalen  Denkmalpflegekommission  kann  deshalb  abgesehen  wer-

den. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass die Frage, ob sich ein zusätz-

liches Obergutachten aufdrängt, nicht vom materiellen Ausgang des vorlie-

genden Rekursverfahrens abhängig gemacht werden kann.  

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4. 

Die Vorinstanz begründete den angefochtenen Beschluss im Wesentlichen 

damit,  dass  die  Wohnsiedlung  Kanzleistrasse  zwar  in  baukünstlerischer 

und städtebaulicher Hinsicht von grosser Bedeutung sei, Bestandteil eines 

dreiteiligen  Siedlungsensembles  entlang  der  Seebahnlinie  bilde  und  auch 

innerhalb  des  Siedlungsverbundes  Sihlfeld  von  hohem  städtebaulichem 

Wert  sei,  einer  Unterschutzstellung  jedoch  gewichtige  öffentliche  und  pri-

vate  Interessen  entgegenstünden.  Namentlich  sei  die  Siedlung  Kanzleist-

rasse  –  trotz  Südwestumfahrung  –  nach  wie  vor  einer  starken  Lärm-  und 

Luftschadstoffbelastung ausgesetzt; nicht nur entlang der Seebahnstrasse, 

sondern auch in den Querstrassen seien die Immissionsgrenzwerte teilwei-

se überschritten. Unter gleichzeitiger Berücksichtigung aller wirtschaftlichen 

und  denkmalpflegerischen  Aspekte  stelle  eine  teure  Sanierung  der  beste-

henden Siedlung daher keine nachhaltige Lösung dar, zumal sich dadurch 

die strukturellen Mängel der Wohnungen (kleine und unflexible Wohnungs-

grundrisse,  Ausrichtung  der  Wohn-  und  Schlafräume  zur  lärmigen  See-

bahnstrasse, Schallschutz) nicht beheben liessen. Auch die erheblichen fi-

nanziellen  Belastungen,  die  mit  einer  Sanierung  der  bestehenden  Liegen-

schaft  einhergehen  würden,  dürften  nicht  ausser  Acht  gelassen  werden. 

Berechnungen  der  Mitbeteiligten  hätten  ergeben,  dass  bereits  eine  einfa-

che  Instandsetzung  der  heutigen Wohnungen  zu  Mietzinsaufschlägen  von 

rund 14 Prozent führen würde. Um die bestehenden Defizite – unter ande-

rem zu geringe Wohnflächen, bescheidener Ausbaustandard, zu einseitiger 

Wohnungsmix, geringer Schallschutz, schlechte Energiebilanz, hohe Lärm-

belastung, fehlende Behindertengerechtigkeit  – zu beheben, wären weiter-

gehende  strukturelle  Verbesserungen notwendig,  wie  beispielsweise Woh-

nungszusammenlegungen,  Grundrissänderungen,  Anbau  von  Balkonen 

sowie Einbau von Personenliften. Solche Massnahmen hätten noch höhere 

Mietzinsaufschläge  zur  Folge,  was  im  Widerspruch  zum  sozialpolitischen 

Auftrag der Baugenossenschaften zur Förderung bezahlbaren Wohnraums 

stehe. Zudem würden solche strukturellen Massnahmen das originale Fas-

sadenbild  zerstören,  und  es  entstünden  unverhältnismässig  viele  2-Zim-

merwohnungen  respektive  unverhältnismässig  grosse  und  damit  teure 

Wohnungen.  Abgesehen  davon  seien  gewisse  notwendige  Sanierungs-

massnahmen  aufgrund  der Statik-/Grundrissstruktur, der mittleren Hofbau-

zeile, der geschützten Bäume und Erker gar nicht möglich. Demgegenüber 

führe ein Ersatzneubau mit zeitgemässen, grösseren, dem heutigen genos-
senschaftlichen  Standard  entsprechenden Wohnungen  zu  vergleichsweise 

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geringeren  Mieten  pro  Quadratmeter.  Auch  ein  Teilabbruch  bzw.  -neubau 

entlang  der  Seebahnstrasse  sei  geprüft  worden;  damit  könnte  die  Proble-

matik  der  Lärm-  und  Feinstaubbelastung  zwar  entschärft  werden,  in  wirt-

schaftlicher  Hinsicht  wäre  ein  solches  Vorhaben  jedoch  ebenfalls  unver-

hältnismässig, zumal die erwähnten Probleme hinsichtlich Wohnungsmix,  -

grössen und -standard für die übrigen Siedlungsteile bestehen bleiben wür-

den.  

Sodann sei daran zu erinnern, dass die Stadt Zürich verschiedene gesetzli-
che Aufträge zu erfüllen habe. Seit Mai 2014 verpflichte Art. 1 Abs. 2 lit. abis 
des  Bundesgesetzes  über die  Raumplanung  (RPG)  die  Gemeinden  zu  ei-

ner Siedlungsentwicklung nach innen. Gemäss den Vorgaben des kantona-

len  und  regionalen  Richtplans  habe  sich  die  Stadt  Zürich  für  ihre  Planung 

am Bevölkerungswachstum zu orientieren; aufgrund der aktuellen Entwick-

lungsprognosen bedeute dies, dass bis im Jahr 2040 Raum für 80'000 zu-

sätzliche Einwohnerinnen und Einwohner bereitgestellt werden müsse. Die 

dafür notwendige  Verdichtung  solle  nachhaltig,  sozialverträglich  und  quali-

tätsvoll erfolgen. Das Neubauprojekt von Müller Sigrist Architekten, das als 

Sieger des im Jahr 2015 durchgeführten Studienauftrags für den Ersatz der 

Wohnsiedlung  Kanzleistrasse  hervorgegangen  sei,  sehe  neu  210  anstelle 

der bisher 156 Wohnungen vor, womit Platz für ca. 300 zusätzliche Bewoh-

nerinnen und Bewohner geschaffen werde. Dies entspreche ungefähr einer 

Verdoppelung  der  heutigen  Bewohnerzahl.  Weiter  habe  sich  die  Zürcher 

Stimmbevölkerung  im  Jahr  2011  mit  grosser  Mehrheit  für  den  wohnpoliti-

schen Grundsatzartikel ausgesprochen, welcher zum Ziel habe, den Anteil 

der  Mietwohnungen  in  der  Hand  von  gemeinnützigen  Bauträgern  schritt-

weise auf einen Drittel zu erhöhen. Dabei sollen insbesondere die Bedürf-

nisse  von  Familien  und  älteren  Menschen  sowie  die  Anforderungen  des 

ökologischen Wohnungsbaus  berücksichtigt  werden,  was  bei dem  geplan-

ten Neubauprojekt der Fall sei. Die Gemeindeordnung verpflichte die Stadt 

Zürich überdies dazu, eine nachhaltige Entwicklung im Hinblick auf die Er-

reichung der 2000-Watt-Gesellschaft zu verfolgen. 

Zusammenfassend  werde  mit  dem  Abbruch  und  Neubau  der  Siedlung 

Kanzleistrasse bzw. mit der Verbesserung des Wohnangebots die langfris-

tige  Entwicklung  im  Quartier  Hard  positiv  beeinflusst,  woran  die  Stadt  Zü-

rich ein sehr grosses Interesse habe. Der Ersatzneubau leiste einen quali-

tätsvollen Beitrag an die Quartiersbelebung, die innere Verdichtung, die Er-
höhung  des  Anteils  an  gemeinnützigem  Wohnraum  sowie  die  Erreichung 

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der Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft. Zudem werde mit dem Ersatzneubau 

die städtebauliche Integration in die Quartierstruktur im Sinne des im Okto-

ber  2010  abgeschlossenen  Leitbilds  Seebahn-/Hohlstrasse  gewährleistet. 

Das  Leitbild  basiere  wiederum  auf  den  vom  Stadtrat  Zürich  im  Jahr  2009 

verabschiedeten und gemeinsam mit den Baugenossenschaften BEP, ABZ 

und  GBMZ  (Gemeinnützige  Bau-  und  Mietergenossenschaft  Zürich)  erar-

beiteten  Leitsätzen  für  eine  zukunftsgerichtete  und  sozialverträgliche  Wei-

terentwicklung  des  Bullingerquartiers  und  der  in  diesem  Zusammenhang 

durchgeführten städtebaulichen Machbarkeitsstudie. Insgesamt würden die 

genannten öffentlichen Interessen somit das öffentliche Interesse am Erhalt 

der  Wohnsiedlung  Kanzleistrasse  überwiegen.  Hinzu  komme,  dass  Otto 

Streicher als Hausarchitekt der Mitbeteiligten in der Zwischenkriegszeit ins-

gesamt 12 Wohnsiedlungen in der Stadt Zürich realisiert habe. Hiervon sei-

en insgesamt drei Siedlungen im kommunalen Inventar der kunst- und kul-

turhistorischen Schutzobjekte aufgeführt: neben der Siedlung Kanzleistras-

se  handle  es  sich  um  die  Siedlungen  Ottostrasse  (1927)  und  Sihlfeld  I/II 

(1928  -  1929),  wobei  letztere  seit  2012  gar  unter  Denkmalschutz  stehe. 

Diese  beiden  auf  Monumentalwirkung  bedachten,  grossmassstäblichen 

Wohnanlagen zählten zu den bedeutendsten Werken der Pionierphase des 

Genossenschaftlichen Wohnungsbaus der 1920er-Jahre. Die analoge Ver-

wendung von dreieckigen Erkerbauten und die für Zürich grosse Bedeutung 

der expressiven Wandmalereien an den Fassaden der Siedlung Sihlfeld I/II 

rechtfertigten  auch  unter  diesem  Gesichtspunkt  eine  Inventarentlassung 

der  in  baukünstlerischer  Hinsicht  bescheidener  ausgestalteten  Siedlung 

Kanzleistrasse. Die Typologie der eingezogenen Loggien bleibe sodann bei 

der Siedlung Ottostrasse als wichtiges Referenzwerk von Otto Streicher er-

halten.  Die  suspensiv-bedingte  Inventarentlassung  der  Siedlung  Kanzleist-

rasse  sei  daher  insgesamt  eine  geeignete  und  erforderliche  Massnahme, 

um die in den aufgezeigten Interessen liegenden Ziele zu erreichen.  

5.1. 

Der Rekurrent hält die Wohnsiedlung Kanzleistrasse demgegenüber für ein 

hochkarätiges  Schutzobjekt.  Davon  zeuge  insbesondere  das  Gutachten 

2016,  welches  unzweideutig  festhalte,  dass  die  Siedlung  Kanzleistrasse 

aufgrund  ihrer  städtebaulichen,  baukünstlerischen  und  sozialgeschichtli-

chen Bedeutung ein Schutzobjekt im Sinne von § 203 Abs.1 lit. c PBG dar-
stelle.  Auch  die  Ensemblequalität  der  drei  Wohnsiedlungen  Erismannhof, 

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Seebahn und Kanzleistrasse werde  – trotz ihres jeweils individuellen Cha-

rakters – uneingeschränkt bejaht (vgl. act. 5.2 S. 7). Die Siedlung Kanzleist-

rasse sei im "Spezialinventar Wohnsiedlungen" aufgeführt; nichtsdestotrotz 

beabsichtige  die  Vorinstanz  nun  ausgerechnet,  eines  der  Paradebeispiele 

für den Siedlungsbau in  der  Stadt  Zürich dem  Abbruch preiszugeben.  Der 

entsprechende  Inventareintrag  beschreibe  die  Siedlung  Kanzleistrasse  als 

"quartierprägenden  Teil  des  schützenswerten  Siedlungsensembles  Sihl-

feld/Seebahneinschnitt".  Zusätzlich  zum  erheblichen  Eigenwert  werde  der 

streitbetroffenen  Wohnkolonie  somit  auch  ein  hoher  Situationswert  attes-

tiert,  wobei  der  Inventareintrag  die  Erhaltung  der  Gesamtanlage  mit  den 

Malereien  empfehle.  Überdies  bilde  die  Siedlung  Kanzleistrasse  –  zusam-

men  mit  den  Siedlungen  Erismannhof  und  Seebahn  –  ein  hochgradig 

schützenswertes  Dreier-Ensemble,  weshalb  sie  nicht  isoliert,  sondern  im-

mer auch in Bezug auf die anderen Ensembleteile zu betrachten sei. Auch 

wenn  die  drei  Siedlungen  stilistisch  nicht  identisch  seien,  so  würden  sie 

aufgrund ihrer städtebaulichen, topographischen und erschliessungstechni-

schen  Zusammengehörigkeit  sowie  der  gemeinnützigen  Bauherrschaften 

ähnliche  charakteristische  Merkmale  aufweisen  (vgl.  act. 5.2  S. 18).  Die 

Fassadengestaltung der Siedlung Kanzleistrasse werde einerseits vom sich 

wiederholenden  Architekturmotiv  des  Erkers  geprägt,  andererseits  stellten 

die  Fassadenmalereien  von  Wilhelm  Hartung  eine  Besonderheit  dar,  wel-

che  diese  Siedlung  von  den  anderen  beiden  Ensembleteilen  abhebe.  Ge-

rade  diese  Fassadenbilder  würden  Zürcher  Architektur-  und  Sozialge-

schichte auf eine einzigartige Weise ablesbar und erlebbar machen; mit der 

angestrebten Inventarentlassung seien jedoch auch die Malereien von Har-

tung dem Untergang geweiht. Sollten zwei Drittel dieser bemerkenswerten 

Abfolge  abgebrochen werden,  würde  auch  der zu  erhaltende Erismannhof 

in  seiner  Qualität  als  Teil  dieses  schützenswerten  Ensembles  beeinträch-

tigt. Der Architekt Otto Streicher habe sich sehr intensiv mit dem genossen-

schaftlichen  Wohnungsbau  beschäftigt;  das  Gutachten  stufe  die  Siedlung 

Kanzleistrasse  denn  auch  als  charakteristisch  für  sein  Schaffen  in  den 

1920er-/1930er-Jahren  ein  (vgl.  act. 5.2  S. 24). Die  Vorinstanz  berufe  sich 

im  angefochtenen  Beschluss  fälschlicherweise  auf  die  unter  Schutz  ste-

hende Siedlung Sihlfeld I/II als Vergleichsobjekt, unter Betonung der "ana-

logen  Verwendung  von  dreieckigen Erkerbauten  und  die für Zürich  grosse 

Bedeutung der expressiven Wandmalereien". Dabei werde indes verkannt, 

dass sich die Siedlung Sihlfeld I/II gar nicht als Vergleichsobjekt eigne: bei 
der  Siedlung  Sihlfeld  I/II  handle  es  sich  namentlich  um  eine  gewöhnliche, 

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nicht geschlossene Randbebauung, die von der Anlage her wenig anspre-

chend sei. Die Gebäudezeilen wirkten massig und seien ästhetisch weniger 

ausgewogen als bei der Siedlung Kanzleistrasse. Zwar weise die Siedlung 

Sihlfeld ebenfalls spitze Erker und Malereien von Hartung auf, diese seien 

aber naiver, ungelenker und in den Motiven sowie in der Ausführung weni-

ger  modern.  Auch  bilde  die  Siedlung  Sihlfeld  nicht  Teil  eines  Ensembles. 

Immerhin  handle  es  sich  bei  der  Siedlung  Sihlfeld  um  ein  hervorragendes 

Beispiel  einer  gelungenen  Sanierung  einer  genossenschaftlichen  Wohn-

siedlung aus den 1920er-Jahren.  

Der  Innenhof  der  Kolonie  Kanzleistrasse  sei  im  kommunalen  Inventar  der 

schützenswerten  Gärten  und  Anlagen  enthalten.  Notwendigerweise  seien 

das Gebäude und die Gestaltung der Aussenräume sowohl in baukünstleri-

scher  als  auch  sozialgeschichtlicher  Hinsicht  eng  miteinander  verknüpft. 

Zur  Schutzwürdigkeit  der  separat  inventarisierten  Aussenräume  habe  die 

Gartendenkmalpflege ein Gutachten erstellen lassen (vgl. act. 5.9). Dieses 

stufe in erster Linie die Ausdehnung der Grünflächen als schutzwürdig ein, 

wogegen  es  den  Schutz  von  einzelnen  Pflanzen  lediglich  in  sekundärer 

Hinsicht empfehle (vgl. act. 5.9 S. 23). Im Widerspruch dazu seien im ange-

fochtenen  Beschluss  ausschliesslich  einzelne  Bäume  geschützt  worden. 

Der  Schutz  von  acht  Einzelbäumen  sei  zwar  grundsätzlich  zu  begrüssen, 

werde der Qualität des betroffenen Gartenobjekts aber nicht gerecht, zumal 

die Schutzwürdigkeit der Aussenräume gerade nicht im Bestand von alten 

Bäumen,  sondern  in  der  programmatischen  Konzeption  von  Freiräumen 

begründet sei.  

Was  sodann  die  von  der  Vorinstanz  vorgenommene  Interessenabwägung 

anbelange, so sei darauf hinzuweisen, dass auf kommunaler Ebene mehr-

fach  der  Wille  bekräftigt  worden  sei,  die  Kolonie  Kanzleistrasse  als  einen 

bemerkenswerten Zeitzeugen einer für die Geschichte der Stadt Zürich be-

deutenden  Epoche  zu  erhalten.  Die  Siedlung  sei  in  das  Spezialinventar 

aufgenommen, ihre Bedeutung in der räumlichen Entwicklungsstrategie des 

Stadtrats  untermauert  und  ihre  Schutzwürdigkeit  gutachterlich  festgestellt 

worden.  Das  denkmalpflegerische  und  städtebauliche  öffentliche  Erhal-

tungsinteresse  wiege  mithin  schwer.  Eine  zusätzliche  Gewichtung  des 

Denkmalschutzinteresses  ergebe  sich  überdies  aufgrund  der  Bedeutung 

des  ISOS,  dessen  Schutzanliegen  nach  bundesgerichtlicher  Rechtspre-

chung in zweifacher Hinsicht zu beachten seien: einerseits im Rahmen der 
(vgl. 
Nutzungsplanung,  andererseits  bei  der 

Interessenabwägung 

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Seite 10 

 
 
BGr 1C_488/2015  vom  24. August  2016,  E.  4.3.).  Die  Vorinstanz  erwähne 

das  ISOS  im  angefochtenen Beschluss  zwar, dessen  Berücksichtigung  im 

Rahmen  der  Interessenabwägung  fehle  jedoch.  Ein  öffentliches  Interesse 

am Abbruch und Neubau der Siedlung Kanzleistrasse, welches das erheb-

liche denkmalpflegerische Erhaltungsinteresse überwiegen würde, sei denn 

auch  nicht  dargetan  worden.  Bei  den  Interessen,  auf  welche  sich  die  Vo-

rinstanz berufe, handle es sich mehrheitlich um generelle Anliegen der heu-

tigen  Zeit  (Verdichtung,  Nachhaltigkeit,  Sozialpolitik),  welche  typischer-

weise  in  einem  Spannungsverhältnis  zum  Denkmalschutz  stünden.  Inwie-

fern  die  angeführten  Interessen  im  vorliegenden  Einzelfall  ausschliesslich 

durch  die  völlige  Preisgabe  des  Denkmalschutzes  gewahrt  werden  könn-

ten, werde nicht dargelegt.  

Den von der Vorinstanz ins Feld geführten Interessen sei im Einzelnen Fol-

gendes  entgegenzuhalten:  Die  Lärm-  und  Schadstoffbelastung  stelle  ein 

grundsätzliches  Problem  für  viele  Bauten  in  der  Stadt  Zürich  dar  und  sei 

beim  streitbetroffenen  Schutzobjekt  nicht  von  besonderer  –  einen  Abriss 

und  Neubau  erfordernder  –  Bedeutung,  zumal  die  Belastungen  bei  einem 

Ersatzneubau  genau  gleich  hoch  wären  und  mit  baulichen  Massnahmen 

entschärft  werden  müssten.  Gerade  im  Bereich  der  Seebahnstrasse  habe 

sich  die  Situation  aufgrund  der  Südwestumfahrung  zudem  massiv  ent-

spannt.  Zu  den  geltend  gemachten  Sanierungskosten  sei  im  Weiteren  zu 

bemerken,  dass  es  sich  hierbei  um  Berechnungen  der  am  Abriss  interes-

sierten  Mitbeteiligten  handle,  mithin  um  blosse  Parteibehauptungen,  die 

weder  nachvollziehbar  noch  belegt  seien.  Ausserdem  sei  der  behauptete, 

aber  nicht  substantiierte  Preisunterschied  teilweise  von  Subventionen  ab-

hängig.  Hinzu  komme,  dass  auch  beim  Neubauprojekt  von  Müller  Sigrist 

Architekten  die  zu  erwartenden  Erstellungskosten  7  - 13  %  über dem  vor-

gegebenen  Benchmark  liegen  würden  (vgl.  Studienauftragsbericht,  S. 21). 

Inwiefern  ein  Ersatzneubau  kostengünstiger  sei  als  eine  Sanierung  bzw. 

besser geeignet wäre, den genossenschaftlichen Auftrag zu fördern, werde 

jedenfalls  nicht  dargelegt.  Ohnehin  stelle  das  Neubauprojekt  einen  grund-

legenden Eingriff in das charakteristische Erscheinungsbild des heute aus-

sergewöhnlich intakten Quartiers dar und bewirke eine aus städtebaulicher 

Sicht  zu  weitgreifende  Veränderung,  zumal im  Rahmen  der Machbarkeits-

studie sowohl das Amt für Städtebau als auch die Stadtentwicklung Zürich 
einen Erhalt bzw. Teilerhalt der Kolonie Kanzleistrasse favorisierten. Hinzu 
komme, dass sich das Neubauprojekt hinsichtlich seiner Gestaltung nicht in 

das  Quartierbild  einfüge  und  auch  in Bezug  auf  das  unbestrittenermassen 

R1S.2016.05125 

Seite 11 

 
 
zu  erhaltende  Schutzobjekt  Erismannhof  problematisch  erscheine  (§  238 

Abs. 2 PBG).  

Die Vorinstanz berufe sich sodann aufs Leitbild Seebahn-/Hohlstrasse, dem 

allerdings  kein  rechtsverbindlicher  Charakter  zukomme.  Dieses  postuliere 

eine  Veränderung  der  Bevölkerungsstruktur  im  Quartier  mittels  Abbruch 

und Neubau der Siedlungen. Der sozialpolitische Auftrag der gemeinnützi-

gen Wohnbauträger könne angeblich nicht mehr gewährleistet werden, weil 

das soziale Gleichgewicht im Quartier gestört sei; die Wohnungen könnten 

nicht mehr an mittelständische Familien, sondern nur noch an Studierende 

und Ausländer vermietet werden. Es sei zumindest fraglich, ob es an dieser 

Lage sinnvoll sei, grössere Familienwohnungen für den Mittelstand zu pla-

nen und die heutigen Mieter aus der Stadt zu drängen, zumal die Nachfra-

ge  nach  günstigen  Kleinwohnungen  unbestrittenermassen  hoch  sei.  Die 

Mitbeteiligte  habe  weder  behauptet  noch  belegt,  dass  Schwierigkeiten  bei 

der Vermietung der vorhandenen Wohnungen bestünden. Was im Übrigen 

die mit Verweis auf das gesetzliche Ziel der Siedlungsentwicklung nach in-

nen  angestrebte  Erhöhung  der  Bewohnerzahl  anbelange,  so  könnte  diese 

auch durch den Ausbau der Dachgeschosse oder die Aufstockung der be-

stehenden  Siedlung  gefördert  werden,  was  in  der  Machbarkeitsstudie  of-

fenbar  völlig  vergessen  gegangen  sei.  Damit  würde  auch  dem  wohnpoliti-

schen  Grundsatzartikel  zum  genossenschaftlichen  Wohnen  –  welcher 

überdies  weitaus  weniger  konkret  und  justiziabel  sei  als  der  gesetzliche 

Auftrag  zum  Denkmalschutz  –  Genüge  getan.  Schliesslich  werde  im  Zu-

sammenhang  mit  dem  Thema  Nachhaltigkeit  unkritisch  davon  ausgegan-

gen,  dass  ein  Neubau  energietechnisch  in  jedem  Fall  besser  abschneide 

als ein Altbau. Dies möge für gewisse Epochen – insbesondere für gewisse 

Hochkonjunkturbauten  in  der  Nachkriegszeit  –  zwar  zutreffen,  gerade  Ge-

nossenschaftsbauten, die vor dieser Zeit entstanden seien, zeichneten sich 

energietechnisch  jedoch  regelmässig  durch  ihre  qualitätsvolle  Bauweise 

aus.  Auch  der  bauliche  Zustand  der  Kolonie  Kanzleistrasse  rechtfertige 

keinen Abbruch; gemäss Gutachten 2016 scheine die Bausubstanz in kei-

ner  Weise  baufällig  (vgl.  act. 5.2  S. 25).  Insgesamt  dürfte  sich  der  Erhalt 

des  Schutzobjekts  sogar  als  ökologisch  nachhaltigere  Alternative  heraus-

stellen,  zumal  ein  Ersatzneubau  grundsätzlich  immer  mit  Wertvernichtung 

verbunden  sei  und  grosse  Mengen  an  Energie  und  Rohstoffen  (Stichwort 
graue Energie) verschlinge.  

R1S.2016.05125 

Seite 12 

 
 
5.2. 

Die  Vorinstanz  hält  dem  entgegen,  dass  die  Inventarisierung  von  Bauten, 

Gärten und Anlagen keinerlei qualifizierende Aussagen zu einem erfassten 

Objekt  mache;  der  Inventareintrag  begründe  zwar  die  Vermutung  der 

Schutzwürdigkeit,  erst  konkrete  Schutzabklärungen  im  Einzelfall  bzw.  der 

begründete Entscheid der zuständigen Behörde legten jedoch fest, ob und 

in welchem Grad ein Objekt für schutzwürdig befunden werde. Auch einem 

Spezialinventar  komme  keine  erhöhte  oder  qualifizierte  Schutzvermutung 

zu. Entgegen dem Dafürhalten des Rekurrenten sei in Bezug auf die Sied-

lung  Kanzleistrasse  nicht  von  einer  "unbestrittenermassen  hochgradigen 

Schutzwürdigkeit"  auszugehen;  diese  Qualifizierung  decke  sich  weder  mit 

der  Einschätzung  des  den  Stadtrat  beratenden  Fachgremiums  –  der 

Denkmalpflegekommission  der  Stadt  Zürich  –  noch  derjenigen  des  Stadt-

rats als zuständige Behörde. Im Gutachten 2016 werde der Siedlung Kanz-

leistrasse  in  baukünstlerischer  und  städtebaulicher  Hinsicht  eine  grosse 

Bedeutung  attestiert,  welche  deren  Schutzwürdigkeit  begründe.  Die  Denk-

malpflegekommission habe die Siedlung immerhin als grundsätzlich schutz-

würdig  eingestuft.  Ein  hoher  Situationswert  werde  der  Siedlung  Kanzleist-

rasse dabei nicht attestiert. Die Ensemblewirkung der drei Wohnsiedlungen 

Seebahn, Kanzleistrasse und Erismannhof könne hingegen bejaht werden; 

aufgrund  ihrer  städtebaulichen,  topografischen  und  erschliessungstechni-

schen Zusammengehörigkeit sowie den gemeinnützigen Bauträgerschaften 

würden  die  Bauten  durchaus  ähnliche  charakteristische  Merkmale  aufwei-

sen. Sie würden sich jedoch erheblich durch Farbwahl, Aussenraumgestal-

tung, Gestalt und Strukturierung unterscheiden; als hochgradig schutzwür-

dig sei das Ensemble daher nicht zu bezeichnen. Der Begriff "hochgradig" 

suggeriere  eine  Einzigartigkeit,  die  der  Siedlung  Kanzleistrasse  weder  für 

sich allein noch im Verbund mit den Siedlungen Erismannhof und Seebahn 

zukomme. Von einem hochrangigen städtebaulichen Ensemble könne etwa 

bei  den  drei  Wissenschaftsbauten  ETH-Maschinenlaboratorium,  Universi-

täts-Hauptgebäude und ETH-Hauptgebäude ausgegangen werden. Diesem 

Vergleich  halte  das  vorliegende  Ensemble  jedoch  nicht  stand.  Im  Übrigen 

sei  zu  betonen,  dass  der  Quartierbereich  zwischen  Bahneinschnitt  und 

Hardau in städtebaulicher und architektonischer Hinsicht nicht ausschliess-

lich  homogen  strukturiert  bzw.  "weitgehend  unverändert  in  Struktur  und 

Substanz  geblieben"  sei,  wie  seitens  des  Rekurrenten  behauptet  werde. 

Ausserdem  könne  der  bestehenden  Siedlungsstruktur  auch  mit  dem  ge-

R1S.2016.05125 

Seite 13 

 
 
planten  Ersatzneubau  von  Müller  Sigrist  Architekten  Rechnung  getragen 

werden.  

Bei dem vom Rekurrenten hervorgehobenen Erkermotiv handle es sich um 

ein architektonisches und baukünstlerisches Element, das sich im kommu-

nalen und genossenschaftlichen Wohnungsbau  der Zwischenkriegszeit bis 

weit  in  die  Nachkriegszeit  grosser  Beliebtheit  erfreut  habe  und  bereits  im 

Heimatstil  zu  Beginn des  20.  Jahrhunderts häufig  zur Anwendung  gekom-

men  sei.  Auch  im Werk  des  Architekten  Otto  Streicher sei das  Erkermotiv 

zahlreich  repräsentiert,  etwa  bei  den  ABZ-Wohnsiedlungen  Ottostrasse 

(1927,  im  Inventar)  und  Sihlfeld  I/II  (1928  -  1929,  unter  Schutz).  Was  so-

dann  die  Fassadenmalereien  von  Wilhelm  Hartung  anbelange,  so  seien 

diese ebenfalls nicht derart einzigartig, wie der Rekurrent glaubhaft machen 

wolle.  Die  genrehaften  Szenen  bildeten  eine  horizontal  durchlaufende  Bil-

derabfolge, die ein kontinuierliches Narrativ suggerierten. Die künstlerische 

Strategie  der  Bilderreihe  verrate  ein  eher  traditionelles  Verständnis  von 

Fassaden-  und  Bauschmuck,  welcher  dem  Bedürfnis  nach  Selbstdarstel-

lung  nach  aussen  zum  Ausdruck  verhelfe.  Im  Vergleich  dazu  seien  die 

ebenfalls  von Wilhelm  Hartung  geschaffenen  Erkermalereien  der Siedlung 

Sihlfeld  I/II  als  ein  auf  die  vertikalen  Erkertürme  bezogenes,  komplexes 

Bildgeschehen  aus  abstrakt  gestalteten  Wandpartien  und  figürlichen  Dar-

stellungen  zu  werten.  Dieses  Werk  verrate  ein  von  künstlerischer  Avant-

garde  inspiriertes,  vergleichsweise  modernes  Kunstverständnis,  welches 

vom Rekurrenten pauschal und unbegründet als "naiv" und "ungelenk" ab-

qualifiziert  worden  sei.  Die  im  Vergleich  zur  Siedlung  Kanzleistrasse  mo-

derne  Kunstauffassung  Hartungs  zeige  sich  bei  der  Siedlung  Sihlfeld  I/II 

besonders  deutlich  an  den  kleinteiligen,  farbigen  Verglasungen  der  Ein-

gangstüren.  Diese  stellten  ein  Werk  abstrakter  Kunst  dar,  was  im  genos-

senschaftlichen  Wohnungsbau  völlig  einzigartig  sei.  Im  Übrigen  seien  die 

zahlreichen  Fassadenmalereien  von  Wilhelm  Hartung  in  Zürich  auch  wei-

terhin vorzüglich repräsentiert: Medaillons-Malerei, Gewölbe der Kuppelde-

cke  der  offenen  Tramwartehalle,  Kreuzplatz  11  (1918,  im  Inventar);  "Zug 

der Zürcherinnen auf dem Lindenhof", Strehlgasse 14 / Schwanengasse 9 

(1924, unter Schutz seit 1966); "Reiter", Stüssihofstatt 11 (1925, im Inven-

tar); "Der Minnesänger Maness", Manessestrasse 28 (1927, nicht im Inven-

tar); "Zähringer", Zähringerstrasse 10 / Mühlegasse 19 (1927, im Inventar); 
Apotheke  zum  Hammerstein,  Rennweg  27  /  Kuttelgasse  2  (1928,  unter 
Schutz  seit  2005);  ABZ-Wohnsiedlung Sihlfeld  I/II  (1929, unter Schutz  seit 

2012);  ABZ-Wohnsiedlung  Neugasse  (1929,  nicht  im  Inventar)  sowie  Hei-

R1S.2016.05125 

Seite 14 

 
 
matwerk, Schipfe 32 (1939, im Inventar). Es treffe zwar zu, dass es sich bei 

der  ABZ-Wohnsiedlung  Sihlfeld  I/II  um  eine  geschlossene  Hofbebauung 

handle,  die  platzbildprägende  Funktion  und  die  auf  Monumentalwirkung 

bedachte,  symmetrische  Hauptfassade  mit  dem  erhöhten  Dachaufbau  sei 

jedoch  vergleichbar  mit  der  ebenfalls  von  Otto  Streicher  für  die  ABZ  ge-

schaffenen  Siedlung  Ottostrasse.  Beide  Siedlungen  zeugten  vom  Einfluss 

der kommunalen Wohnanlagen des "Roten Wien" und seien ein genossen-

schaftliches  Bekenntnis  aus  der  Zwischenkriegszeit  zum  urbanen  Städte-

bau. Die Einschätzung des Rekurrenten, wonach die Siedlung Sihlfeld an-

geblich  "ästhetisch  weniger  ausgewogen"  sei  als  die Wohnsiedlung  Kanz-

leistrasse und deswegen "massig" wirke, erweise sich aus denkmalpflege-

rischer Hinsicht jedenfalls als unhaltbar.  

Was die Aussenräume der Wohnsiedlung Kanzleistrasse anbelange, so wi-

derspreche die Unterschutzstellung einzelner Bäume nicht dem Gutachten 

der  Gartendenkmalpflege.  Zum  Schutzwert  des  Innenhofs  halte  das  Gut-

achten fest: "Markante Blutbuchen, eigentlich eher Park- als Gartenbäume, 

prägen den Hofraum, Lindenbäume beschatten den Kiesplatz in der Liege-

wiese.  Diese  einfache  strukturierende  Geste  der  Baumsetzungen  macht 

aus dem Hofraum heute, nach ca. 80 Jahren, einen Freiraum von ausser-

gewöhnlicher originaler Qualität und Atmosphäre (vgl. act. 5.9 S. 23). Dar-

aus  sei  erkennbar,  dass  beim  vorliegenden  Hof  vorab  die  Solitärbäume 

schützenswert  seien  und  nicht  primär  die  Ausdehnung  der  Grünfläche. 

Zwar  werde  das  gestalterisch  wichtige  Grundprinzip  der  Blockrandbebau-

ung durch die umlaufenden Vorgärten und die grosszügigen Innenhöfe be-

gründet;  die  im  Schutzvertrag  bezeichneten  Bäume  seien  jedoch  für  die 

Qualität  und  Atmosphäre  des  Hofes  von  entscheidender  Bedeutung.  Mit 

der Machbarkeitsstudie 2011 respektive dem Leitbild Seebahn-/Hohlstrasse 

sei  sichergestellt  worden,  dass  die  heutige  Freiraumqualität  auch  in  einer 

Nachfolgesiedlung  in  gleicher  Weise  zum  Tragen  kommen  werde,  ohne 

dass  dafür  die  Grünfläche  als  solches  in  ihrer  Substanz  erhalten  bleiben 

müsse. Die geschützten Bäume der ursprünglichen Anlage würden jedoch 

wesentlich  dazu  beitragen,  dem  neuen  Hof  von  Anbeginn  weg  eine  reife, 

parkartige Atmosphäre zu verleihen und dadurch die alten Qualitäten hoch 

zu halten.  

Zusammenfassend  sei  der  denkmalpflegerische  Wert  der  Wohnsiedlung 

Kanzleistrasse  zwar  durchaus  anzuerkennen,  das  Erhaltungsinteresse  sei 
jedoch  gegenüber  den  erheblichen  öffentlichen  und  privaten  Interessen 

R1S.2016.05125 

Seite 15 

 
 
insgesamt  als  geringer  einzustufen,  was  im  angefochtenen  Beschluss  in 

nachvollziehbarer  Weise  dargelegt  worden  sei.  Eine  zusätzliche  Gewich-

tung erfahre das denkmalpflegerische Erhaltungsinteresse auch nicht durch 

die inzwischen in Kraft getretene ISOS-Festsetzung für die Stadt Zürich. Im 

Zeitpunkt des angefochtenen Beschlusses sei das ISOS für das betroffene 

Gebiet  noch  nicht  rechtskräftig  festgesetzt  gewesen  und  habe  daher  im 

Rahmen der Interessenabwägung auch noch nicht unmittelbar berücksich-

tigt  werden  können.  Sollte  für  das  betroffene  Gebiet  im  Hinblick  auf  einen 

allfälligen Ersatzneubau dereinst ein Gestaltungsplan realisiert werden, wä-

re  den  Schutzanliegen  des  ISOS  im  Rahmen  dieser  Nutzungsplanung 

dannzumal selbstverständlich Rechnung zu tragen. 

5.3. 

Die  Mitbeteiligte  vertritt  zusammengefasst  den  Standpunkt,  die Wohnsied-

lung Kanzleistrasse sei nicht als hochgradig schutzwürdig einzustufen, zu-

mal die  städtebauliche  Struktur auch mit  dem  geplanten Ersatzneubau  er-

halten bleibe bzw. mit diesem sogar noch verbessert werde. Auch die En-

semblewirkung der drei gemeinnützigen Wohnsiedlungen entlang des See-

bahneinschnitts – Erismannhof, Seebahn und Kanzleistrasse – sei stark zu 

relativieren.  Der  Vorwurf  des  Rekurrenten,  es  werde  mit  intransparenten, 

falschen Kostenberechnungen operiert, weist die Mitbeteiligte überdies mit 

Nachdruck zurück. Es liege ein ausführlicher Bericht bei den Akten, welcher 

die  verschiedenen  Erneuerungsvarianten  inkl.  deren  Kostenfolgen  erläute-

re,  unter anderem  auch  anhand  eines  Vergleichs  mit der gesamtsanierten 

Siedlung  Sihlfeld  I/II  (vgl.  act. 13.5).  Die  unangebrachten,  teil  polemischen 

Bemerkungen des Rekurrenten würden darin Punkt für Punkt widerlegt: Ei-

ne sogenannte sanfte Sanierung sei heutzutage bei Wohnbauten dieses Al-

ters nicht mehr möglich, weil selbst eine nur halbwegs erfüllte Erdbebener-

tüchtigung eine tiefgreifende Sanierung erfordern würde. Die Massnahmen 

der  Erbebenertüchtigung  dürften  nicht  dem  Erneuerungsfond  zugerechnet 

werden  und  seien  daher  direkt  mietzinswirksam.  Der  Erneuerungsfonds 

wäre ohnehin bereits bei einer einfachen Instandstellung aufgebraucht und 

es würde eine Mietzinserhöhung von 12 % resultieren (vgl. act. 13.5 S. 3). 

Der  Bericht  befasse  sich  überdies  mit  den  Erweiterungsmöglichkeiten  und 

deren Konsequenzen im Falle einer tiefgreifenden Sanierung. Bereits ohne 

Berücksichtigung  der  Kosten  würden  sich  alle  Optionen  entweder  als  un-

tauglich oder aber als zu wenig wirksam erweisen, um den heutigen Anfor-
derungen  an  den  gemeinnützigen  Wohnungsbau  gerecht  zu  werden.  Der 

R1S.2016.05125 

Seite 16 

 
 
Vergleich der drei Varianten "einfache Sanierung für einen Zeithorizont von 

20  -  25  Jahren",  "tiefgreifende  Sanierung  /  Erweiterung  wie  Sihlfeld"  und 

"Neubau"  zeige  auf,  dass  die  Kosten  für  eine  tiefgreifende  Sanierung  nur 

leicht unter den Neubaukosten zu liegen kämen, dies notabene bei weiter-

hin mehrheitlich zu engen Wohnungen, weniger Komfort und einer nur mit-

telfristig  wirksamen  Verbesserung.  Insbesondere  fiele  bei  einer  Sanierung 

das Verdichtungspotential eines Neubaus weg; damit würde rund 300 Per-

sonen der Zugang zu preisgünstigen Wohnungen verwehrt bleiben.  

6. 

Als  Schutzobjekte  fallen  gemäss  §  203  Abs.  1  lit.  c  PBG  unter  anderem 

Gebäudegruppen, Gebäude und Teile sowie Zugehör von solchen, die als 

wichtige Zeugen einer politischen, wirtschaftlichen, sozialen oder baukünst-

lerischen  Epoche  erhaltungswürdig  sind  oder die  Landschaften  oder Sied-

lungen  wesentlichen  mitprägen,  samt  der  für  ihre  Wirkung  wesentlichen 

Umgebung  in  Betracht.  Weiter  besagt  lit.  f  derselben  Bestimmung,  dass 

wertvolle  Park-  und  Gartenanlagen,  Bäume,  Baumbestände,  Feldgehölze 

und Hecken ebenso erhaltenswert sind. Für die Qualifikation als Schutzob-

jekt setzt das Gesetz alternativ die wichtige Zeugenschaft (sog. Eigenwert) 

oder  die  wesentliche  landschafts-  bzw.  siedlungsprägende  Wirkung  (sog. 

Situationswert) voraus.  

Die Qualifikation eines Baudenkmals als Schutzobjekt im Sinne von § 203 

PBG führt indes nicht zwingend zum Erlass von Schutzmassnahmen, son-

dern nur, wenn die denkmalpflegerische Bedeutung und das öffentliche In-

teresse an der Erhaltung des Schutzobjekts im Rahmen der vorzunehmen-

den Güterabwägung höher zu gewichten sind als entgegenstehende öffent-

liche und private Interessen (RB 1992 Nr. 62). Beim Entscheid, ob ein Ob-

jekt unter Schutz gestellt oder aus dem Inventar entlassen werden soll, ver-

fügen die Gemeinden über ein Auswahlermessen. Sie  müssen unter meh-

reren infrage kommenden Objekten eine Auswahl treffen und diejenigen se-

lektionieren,  welche  sie  in  Beachtung  aller  Umstände  als  für  die  Unter-

schutzstellung  am  geeignetsten  halten  (RB  1989  Nr. 67).  Im  Falle  eines 

Verzichts  auf  die  Unterschutzstellung  eines  wichtigen  Zeugen  hat  die  Ge-

meinde  ihre  Denkmalpflegestrategie  unter  Verweis  auf  vergleichbare,  be-
reits unter Schutz gestellte Objekte darzulegen sowie unter Verhältnismäs-
sigkeitsgesichtspunkten  unterschiedlich  weitreichende  Schutzanordnungen 

(z.B. teilweise Unterschutzstellung, Ergänzungsbauten sowie allfällige Nut-

R1S.2016.05125 

Seite 17 

 
 
zungskonzepte) vertieft zu prüfen und schlussendlich die erforderliche Inte-

ressenabwägung unter Berücksichtigung aller übrigen einzelfallartigen Fak-

toren vorzunehmen (vgl. VB.2014.00603 vom 9. Juli 2015, E. 3.1).  

Dem  Umstand,  dass  den  Gemeinden  bei  der  Beurteilung  der  Schutzwür-

digkeit  sowie  bei  der Auswahl  unter mehreren  infrage  kommenden  Objek-

ten ein gewisser Ermessensspielraum zukommt, trägt das Baurekursgericht 

dadurch  Rechnung,  dass  es  sich  bei  der  Überprüfung  eines  vertretbaren 

denkmalpflegerischen Entscheides der Vorinstanz Zurückhaltung auferlegt. 

Lässt  sich  dieser  auf  vernünftige  Gründe  abstützen,  so  schreitet  die  Re-

kursinstanz  nicht  ein.  Im  Übrigen  kommt  dem  Baurekursgericht  bei  der 

Überprüfung  von  denkmalpflegerischen  Anordnungen  in  der  Regel  volle 

Kognition zu. 

7.1. 

Vorliegend ist die grundsätzliche Schutzwürdigkeit der Wohnsiedlung Kanz-

leistrasse im Sinne von § 203 Abs. 1 lit. c PBG unbestritten. Strittig ist hin-

gegen der Grad der Schutzwürdigkeit und damit die Frage, ob es sich um 

ein Objekt von geringer, mittlerer, hoher oder besonders hoher Schutzwür-

digkeit  handelt.  Nach  Ansicht  des  Rekurrenten  handelt  es  sich  bei  der 

streitbetroffenen  Siedlung  um  ein  hochkarätiges  Schutzobjekt,  und  zwar 

sowohl hinsichtlich ihres Eigenwerts wie auch ihres Situationswerts, ferner 

auch  als  Bestandteil  des  Dreierensembles  "Erismannhof,  Seebahn,  Kanz-

leistrasse".  Demgegenüber gehen  die  Vorinstanz  und  die  Mitbeteiligte  von 

einer bloss eingeschränkten Schutzwürdigkeit aus.  

7.2. 

Um die Schutzwürdigkeit der Wohnsiedlung Kanzleistrasse inkl. deren Aus-

senräume (Innenhof und Vorgärten) abzuklären, gab die Vorinstanz mehre-

re Gutachten in Auftrag. Dem Hauptgutachten vom 9. Mai 2016 zuhanden 

der  Denkmalpflegekommission  (act. 5.2)  lässt  sich  im  Wesentlichen  ent-

nehmen,  dass  es  sich  bei  der  Siedlung  Kanzleistrasse  um  eine  typische 

genossenschaftliche  Wohnkolonie  handelt,  wie  sie  in  der Stadt  Zürich  seit 

den  frühen  1920er-Jahren  häufig  vorkommt.  Insbesondere  im  Quartier 

Aussersihl  wurden  in  den  1920er-/1930er-Jahren  diverse  mächtige Wohn-

siedlungen mit Blockrandbebauung erstellt. Charakteristisch für die damali-
ge  Bauzeit  war die  Öffnung  des Blockrandes  an  den  Ecken;  dieses  Merk-

R1S.2016.05125 

Seite 18 

 
 
mal lässt  sich auch bei der Siedlung  Kanzleistrasse  erkennen.  Die  beiden 

offenen Einfahrten an der Karl-Bürklistrasse sowie die gegenüberliegenden 

Torbauten  an  der  Kanzleistrasse  erzeugen  eine  Durchlässigkeit,  wodurch 

der  leicht  zugängliche  Innenhof  eine  halböffentliche  Wirkung  erhält.  Statt 

die  Baufläche  maximal  auszunützen,  weist  die  Siedlung  einen  grosszügi-

gen,  durch  eine  mittlere  Bauzeile  unterteilten  Innenhof  auf;  anders  als  bei 

verdichteten  Mietskasernen  standen  bei  den  Genossenschaftssiedlungen 

Licht und Hygiene im Vordergrund. Die Wohnungen der Siedlung Kanzleist-

rasse  kommen  daher  der  in  den  1920er-Jahren  propagierten  Forderung 

nach Licht, Luft und Sonne nach. Die Grundrisse orientieren sich nach dem 

Sonnenlauf:  Wohn-  und  Schlafzimmer  sind  auf  der  Sonnenseite  angeord-

net,  während  Treppenhaus,  Bad,  Küche  sowie  allenfalls  ein  weiteres  Zim-

mer  auf  der  Schattenseite  liegen.  Durch  die  Möglichkeit  der  Querlüftung 

wird  die  Luftzufuhr  verbessert  und  durch  die  geringeren  Gebäude-  bzw. 

Zimmertiefen respektive die Vergrösserung der Gebäudeabstände eine gu-

te Belichtung gewährleistet. 

Stilistisch  bewegt  sich  die  Siedlung  Kanzleistrasse  zwischen  Traditionalis-

mus  und  Neuem  Bauen.  Die  Genossenschaften  suchten  zur  Bauzeit  eine 

Balance  zwischen  traditionellen  Gepflogenheiten  und  neuen  Gestaltungs-

impulsen. Während sich der gemeinnützige Wohnungsbau vor dem ersten 

Weltkrieg  an  ländliche  Vorbilder  und  heimatliche  Tradition  anlehnte,  redu-

zierte  sich  die  ästhetische  Gestaltung  nach  dem  ersten  Weltkrieg  auf  das 

sachlich Notwendige. Die Blockrandbebauung der Siedlung Kanzleistrasse 

ist  in  einzelne  Zeilen  aufgebrochen,  die  unter  einem  Walmdach  zu  einer 

Grossform  zusammengefasst  sind.  Das Walmdach  kragt  minimal  über  die 

Fassade hinaus. Die Hausfassaden wirken – abgesehen von den Malereien 

– schlicht und nüchtern und weisen keinerlei plastischen Schmuck auf. Die 

Fassadenöffnungen  wie  Fenster und  Loggien  sind  in der Grösse  reduziert 

und regelmässig angeordnet. Im Bereich des obersten Geschosses und der 

Treppenhäuser betonen Gesimse die horizontale Ausrichtung. Im Kontrast 

dazu  stehen  die  dreiecksförmigen  Erker  auf  den  Südostseiten  sowie  die 

durch  versetzte  Fenster  hervorgehobenen  Treppenhäuser.  Die  Verschrän-

kung von horizontalen und vertikalen Gliederungselementen ist ein charak-

teristisches  Merkmal  der  Moderne.  Hervorzuheben  ist  sodann  die  Verbin-

dung  expressionistischer  Ausdrucksformen  (Fassadenmalereien,  abgerun-
dete Türstürze im Hof) mit einer modernen Bauauffassung (Ausrichtung der 
Wohnbereiche zur Sonnenseite statt überall zur "repräsentativen Strassen-

seite"). Der Architekt Otto Streicher war einer der Hausarchitekten der Mit-

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beteiligten und entwarf für sie mehrere genossenschaftliche Wohnkolonien. 

Während  sich  seine  Siedlungen  anfänglich  noch  am  Heimatstiel  orientier-

ten, realisierte er mit der Wohnkolonie Ottostrasse erstmals eine aufgebro-

chene  Hofrandbebauung  und  setzte dabei Gebäudevor-  und  Rücksprünge 

als plastische Gestaltungselemente an den langen Häuserzeilen ein (1927; 

ABZ,  im  Inventar).  Bei  der  Wohnkolonie  Sihlfeld  I/II  verwendete  Hartung 

sodann erstmals dreiecksförmige, bemalte Erker (1928  - 1929; ABZ, unter 

Schutz  seit  2012,  Gesamtsanierung  2011  -  2013).  Diese  finden  sich  auch 

bei  der Wohnkolonie  Neugasse/Ackerstrasse  und  bei  der  streitbetroffenen 

Wohnkolonie Kanzleistrasse.  

Die  Fassadenmalereien  von  Wilhelm  Hartung  im  Bereich  der  Erker  und 

Eingänge  der  Siedlung  Kanzleistrasse  sind  ein  zeittypisches  Gestaltungs-

merkmal der Baugenossenschaften; Farbe war ein günstiges Gestaltungs-

mittel  und  verlieh  den  Wohnbauten  einen  repräsentativen  Ausdruck.  Die 

von Hartung aufgegriffenen Themen der Verhäuslichung der Arbeiterschaft 

und der ländlich-bäuerlichen  Idylle  sowie  der  Tugenden  der Arbeitsfreude, 

des  Familiensinns,  der Frömmigkeit und  der Vaterlandsliebe  stehen  in  der 

Tradition der Philanthropen und gehören motivisch zum Standardrepertoire 

und Selbstverständnis der Baugenossenschaften. Die bunten Fassadenbil-

der  evozieren  eine  ländliche  Idylle  und  bringen  die  Sehnsucht  nach  dem 

Leben  auf  dem  Land  zum  Ausdruck;  mit  Tier-  und  Pflanzenmotiven  ver-

suchte man, die Natur in die Stadt zu bringen. Ausgeblendet bleibt die so-

ziale Realität der Arbeiterschaft, die vielfach von Not, Armut, Krankheit und 

Gewalt geprägt war. Zu dem sich wiederholenden Architekturmotiv des Er-

kers  fügen  sich  die  ohne  individuelle  Gesichtszüge  ausgestatteten  Men-

schentypen  besonders  gut  ein.  Die  der  Gegenständlichkeit  verpflichteten 

Fassadenbilder  sind  in  ihrer  stilisierten  Darstellung,  ohne  illusionistische 

Raumtiefe und ohne Wiedergabe von Licht und Schatten von einer sachli-

chen Ästhetik, die mit Wilhelm Hartungs Malereien an den ABZ-Siedlungen 

Sihlfeld  (1928,  unter  Schutz  seit  2012)  und  Neugasse  (1930)  vergleichbar 

sind.  Vor  den  rosafarbenen  Fassadenflächen  setzt  der  Künstler  kräftige 

Farbkontraste  in  Rot,  Blau,  Schwarz  und  Weiss,  zu  denen  sich  weichere 

Farbklänge  in  Braun-  und  Grautönen  gesellen.  Das  Bildprogramm  zeugt 

von  der  Sehnsucht  nach  einer  von  Klassengegensätzen  befreiten  Gesell-

schaft,  deren  gemeinschaftliche  Idee  des  genossenschaftlichen  Wohnens 
mit  dem  Ideal der bürgerlichen  Familie  vereint  wird  und als verklärtes  Ge-
genbild zur sozialen Ordnung im Kapitalismus wirken soll. 

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Seite 20 

 
 
Abschliessend kommt das Gutachten zum Schluss, dass die Wohnkolonie 

Kanzleistrasse  sowohl  städtebaulich  als auch  baukünstlerisch  von  grosser 

Bedeutung  ist  und  sich  als  Schutzobjekt  im  Sinne  von  §  203  Abs.  1  lit.  c 

PBG qualifizieren lässt. Zusammen mit den fast gleichzeitig erbauten Sied-

lungen Seebahn und Erismannhof bildet sie ein städtebauliches Ensemble, 

welches  sich  dem  tiefer  liegenden  Bahntrassee  anpasst.  Aufgrund  ihrer 

städtebaulichen,  topographischen  und  erschliessungstechnischen  Zusam-

mengehörigkeit sowie der gemeinnützigen Bauherrschaften weisen die drei 

Siedlungen ähnliche Merkmale wie die offene, grossformatige Bebauungs-

weise oder die gemeinschaftlich genutzten, begrünten Innenhöfe auf. Auch 

baukünstlerisch stehen sie allesamt zwischen Traditionalismus und Neuem 

Bauen; dennoch besitzt jede Siedlung ihren individuellen Charakter und ih-

re eigene Formensprache. Bei der Siedlung Kanzleistrasse sind es die An-

ordnung  der  Baublöcke,  die  dreiecksförmigen  Erker  sowie  die  vom  Maler 

Wilhelm Hartung (1879 - 1957) geschaffenen knapp vierzig Fassadenmale-

reien,  welche  ländliche  Motive  und  Alltagsszenen  zeigen.  Auch  innerhalb 

des  Siedlungsverbundes  Sihlfeld  ist  die  Siedlung  Kanzleistrasse  von  ho-

hem städtebaulichen Wert. Sie nimmt das Blockrandmuster der gegenüber-

liegenden  Seite  des  Seebahneinschnitts  wieder  auf,  interpretiert  dieses 

Thema aber neu unter Berücksichtigung der damaligen modernen wohnhy-

gienischen  Vorstellungen  (Ausrichtung)  sowie  der  genossenschaftlichen 

Elemente (niedrigere Dichte; vgl. zum Ganzen act. 5.2).  

7.3. 

Neben  dem  Hauptgutachten  existiert  überdies  ein  Gartendenkmalpflegeri-

sches  Gutachten  vom  11. Januar  2010  (act. 5.9).  Aus  dem  Gartengutach-

ten geht hervor, dass die historische Substanz des Wohnhofs aus der Ent-

stehungszeit noch zu wesentlichen Teilen vorhanden ist und auch das heu-

tige  Bild  noch  sehr stimmig  prägt.  Vor allem  der heute  reife  Baumbestand 

ist praktisch lückenlos vorhanden. Änderungen haben hauptsächlich im De-

tail, nicht aber in den Strukturen stattgefunden. Die Bepflanzung der Rabat-

ten  hingegen  entspricht  nicht  mehr  dem  originalen  Zustand,  die  Sträucher 

und Stauden wurden (konzeptfremd) verändert. Die Vorgärten sind struktu-

rell  erhalten,  die  Bepflanzung  wurde  jedoch  ungefähr  nach  dem  histori-

schen  Vorbild  erneuert.  Grundsätzlich  sind  die  durchgrünten,  umfriedeten 

Vorgärten und bepflanzten Innenhöfe noch in ihrer originalen Ausdehnung 

erhalten.  Die  Wohnhöfe  von  Blockrandbebauungen  des 
frühen 
20. Jahrhunderts sind programmatisch als gemeinschaftliche Freiräume für 

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die  Bewohner  konzipiert  und  sollten  als  "Kritik  der  steinernen  Stadt"  fort-

schrittlich  Licht  und  Luft  in  die  Wohnkolonien  bringen.  Auch  der  aus  zwei 

Räumen  bestehende  Wohnhof  der  Siedlung  Kanzleistrasse  erfüllt  dieses 

Programm.  Markante  Blutbuchen,  eigentlich  eher  Park-  als  Gartenbäume, 

prägen den Hofraum, Lindenbäume beschatten den Kiesplatz in der Liege-

wiese.  Diese  einfache  strukturierende  Geste  der  Baumsetzungen  macht 

aus dem Hofraum heute, nach ca. 80 Jahren, einen Freiraum von ausser-

gewöhnlicher  originaler  Qualität  und  Atmosphäre.  Zusammenfassend 

kommt das Gartengutachten zum Schluss, dass die durchgrünten, klar ein-

gefriedeten  Vorgärten  und  die  bepflanzten  Hofflächen  der  Siedlung  Kanz-

leistrasse  als  wichtige  städtebauliche  Zeitzeugen  in  ihrer  Ausdehnung 

schutzwürdig  sind,  nicht  aber  mit  Bezug  auf  die  heutige  Gestaltung  der 

Grünflächen. Soweit die Gehölze vital sind und eine langfristige Lebenser-

wartung  aufweisen,  erweisen  sie  sich  ebenfalls  als  grundsätzlich  schüt-

zenswert (vgl. zum Ganzen act. 5.9).  

7.4. 

Entgegen der rekurrentischen Darstellung lassen sich den beiden Gutach-

ten  keine  Anhaltspunkte  für  eine  hochgradige  Schutzwürdigkeit  der  Sied-

lung  Kanzleistrasse  (inkl.  Aussenräume)  entnehmen.  Wohl  qualifiziert  das 

Gutachten  2016  die  streitbetroffene  Siedlung  in  baukünstlerischer,  städte-

baulicher und sozialgeschichtlicher Hinsicht als Schutzobjekt im Sinne von 

§ 203 Abs. 1 lit. c PBG und streicht als besondere gestalterische Merkmale 

die dreiecksförmigen Erker sowie die vom Maler Wilhelm Hartung (1879  – 

1975) geschaffenen knapp vierzig Fassadenmalereien heraus. Von beiden 

Gestaltungsmerkmalen  konnte  sich  auch  das  Baurekursgericht  anlässlich 

des  Lokaltermins  ein  Bild  machen  (vgl.  Foto  Nr. 15).  Allerdings  geht  aus 

dem Gutachten auch deutlich hervor, dass es sich bei der Siedlung Kanz-

leistrasse um einen typischen Vertreter einer genossenschaftlichen Wohn-

kolonie handelt, wie er in Zürich überaus häufig vorkommt. Der genossen-

schaftliche Wohnungsbau spielt in Zürich eine für Schweizerische Verhält-

nisse  exemplarische  Rolle; 

in  der  zehnjährigen  Bauperiode  von 

1922 - 1931  wurden  in  Zürich  etwa  die  Hälfte  aller  Wohnbauten  auf  ge-

meinnütziger Basis erstellt, wobei als Bautyp vermehrt die Kolonie gewählt 

wurde. Dies zeigt sich einerseits daran, dass nur schon im "Spezialinventar 

Wohnsiedlungen"  die  beachtliche  Anzahl  von  89  Wohnsiedlungen  aufge-

führt ist.  Andererseits verfügt  die  Mitbeteiligte  über rund  60  Siedlungen  im 
Kanton  Zürich  und  ist  damit  die  grösste  Wohnbaugenossenschaft  der 

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Seite 22 

 
 
Schweiz, wobei Otto Streicher als einer ihrer Hausarchitekten fungierte (vgl. 

dazu auch act. 13.1). Allein in der Zwischenkriegszeit realisierte Otto Strei-

cher für die Mitbeteiligte insgesamt zwölf Wohnsiedlungen in der Stadt Zü-

rich;  hiervon  ist  neben  der  Siedlung  Kanzleistrasse  auch  die  Siedlung  Ot-

tostrasse (1927) im kommunalen Inventar der kunst- und kulturhistorischen 

Objekte verzeichnet, die gesamtsanierte Siedlung Sihlfeld I/II (1928 - 1929) 

steht seit 2012 sogar unter Denkmalschutz. Der Grad der Schutzwürdigkeit 

eines  Objekts  hängt  immer  auch  entscheidend  davon  ab,  ob  noch  andere 

vergleichbare  Objekte  derselben  Bau-  und  Stilepoche  existieren.  Dies  ist 

mit Blick auf die streitbetroffene Siedlung Kanzleistrasse der Fall. Auch von 

der angeblich hochgradigen Schutzwürdigkeit des Dreier-Ensembles "Eris-

mannhof,  Seebahn,  Kanzleistrasse"  ist  im  Gutachten  nirgends  die  Rede. 

Die  Vorinstanz  anerkennt  zwar  eine  gewisse  Ensemblewirkung  der  drei 

Siedlungen  und  eine  solche  liess  sich  auch  anlässlich  des  Augenscheins 

feststellen,  von  einer einzigartigen  siedlungsprägenden Wirkung  kann  hier 

jedoch nicht gesprochen werden. Zusammenfassend ist für die nachfolgen-

de  Güterabwägung  daher  von  einer  mittleren  Schutzwürdigkeit  der Wohn-

siedlung Kanzleistrasse (inkl. Aussenräume) auszugehen.  

8.1. 

Neben den erwähnten Fachgutachten dienten der Vorinstanz einerseits das 

Leitbild  "Quartier  Seebahn-/Hohlstrasse"  vom  6. Oktober 2010  (act. 5.151) 

und  andererseits  die  vom  Amt  für  Städtebau  durchgeführte  Machbarkeits-

studie "Seebahn" aus dem Jahr 2011 (act. 5.13) als wesentliche Entschei-

dungsgrundlagen. Der Betrachtungsperimeter des Leitbilds umfasste neben 

der Siedlung Kanzleistrasse auch die Siedlung Seebahn der BEP sowie die 

Siedlung  der  GBMZ  an  der  Ernastrasse/Hohlstrasse/Stüdeliweg/Zypres-

senstrasse. Auf der Basis eines vollständigen Abbruchs respektive Ersatz-

neubaus  der  betreffenden  Siedlungen  wurden  im  Leitbild  städtebauliche, 

sozioökonomische  und  umweltspezifische  Zielsetzungen  definiert,  denen 

allfällige  Neubauten  zu  genügen  hätten.  Besonderes  Augenmerk  wurde 

dabei  auf  eine  verbesserte  Durchmischung  der  Bevölkerungsstruktur  im 

Bullingerquartier, die Schaffung von (zusätzlichem) preiswertem und quali-

tativ  hochstehendem  Wohnraum  im  Rahmen  einer  sozialverträglichen 

Etappierung  der  Neubauprojekte,  die  Erhaltung  der  städtebaulichen  bzw. 

quartiertypischen Qualitäten in Form von Blockrandstrukturen mit geschlos-
senen,  prägnanten  Strassenräumen  und  grosszügigen  Grünflächenberei-

R1S.2016.05125 

Seite 23 

 
 
chen (Vorgärten, Innenhöfen), eine nachhaltige und  energiesparende Bau-

weise, einen unterdurchschnittlichen Wohnflächenverbrauch sowie die Ver-

besserung der Lärmsituation gelegt. Das Leitbild bildete Grundlage des an-

schliessend durchgeführten Studienauftrags, welcher von Müller Sigrist Ar-

chitekten  mit  ihrem  Neubauprojekt  gewonnen  wurde  (vgl.  dazu  act. 5.6). 

Die  Vorinstanz  setzte  sich  jedoch  nicht  nur  mit  einem  vollständigen  Ab-

bruch  respektive  Neubau  der  Siedlung  Kanzleistrasse  auseinander,  son-

dern liess auch alternative Varianten wie den vollumfänglichen Erhalt bzw. 

Teilerhalt/Teilabbruch im Rahmen der Machbarkeitsstudie 2011 vertieft prü-

fen. Während sich das Amt für Städtebau und die Stadtentwicklung Zürich 

grundsätzlich  für  einen  Erhalt  bzw.  Teilerhalt  der  Siedlung  Kanzleistrasse 

mit Ersatz der Häuserzeilen  entlang der Seebahnstrasse aussprachen, fa-

vorisierten  die  beigezogenen  Experten  einen  Ersatzneubau  der  Siedlung 

Kanzleistrasse (unter gleichzeitigem Erhalt der Siedlung Seebahn). Sämtli-

che Beteiligte erachteten jedoch siebengeschossige Neubauten entlang der 

Seebahnstrasse  in  städtebaulicher  Hinsicht  als  möglich  (vgl.  act. 5.6  S. 9 

ff.).  Dieser  Umstand,  wie  auch  die  Tatsache,  dass  nebst  den  städtebauli-

chen  Aspekten  noch  zahlreiche  weitere  öffentliche  und  private  Interessen 

zu berücksichtigen waren, bewog die Vorinstanz letztlich dazu, die Variante 

Teilerhalt/Teilabbruch  der  Siedlung  Kanzleistrasse  im  Rahmen  der  Güter-

abwägung zu verwerfen und stattdessen einen Ersatzneubau zu befürwor-

ten. Wenn sich die Vorinstanz also auf den Standpunkt stellt, dass mit dem 

geplanten  Neubauvorhaben  von  Müller  Sigrist  Architekten  den  im  Leitbild 

erwähnten,  im  öffentlichen  Interesse  liegenden  Zielen  Rechnung  getragen 

werde bzw. ein qualitativ gleichwertiger Ersatz für die bestehende Siedlung 

geschaffen werde, so ist dies nicht zu beanstanden. Hierbei handelt es sich 

durchwegs  um  legitime  öffentliche  Interessen,  denen  die  Vorinstanz  im 

Rahmen  der  Güterabwägung  zu  Recht  erhebliches  Gewicht  beigemessen 

hat. Die architektonische Ausgestaltung des Neubauvorhabens bildet aller-

dings  nicht  Gegenstand  des  vorliegenden  Verfahrens,  sondern  wird  viel-

mehr im Rahmen eines späteren Nutzungsplanungs- und Baubewilligungs-

verfahrens zu prüfen sein. Entsprechend erweist sich die vom Rekurrenten 

bemängelte  Einordnung  des  Neubauprojekts  respektive  fehlende  Bezug-

nahme  auf  das  zu  erhaltende  Schutzobjekt  "Erismannhof"  (§  238  Abs.  2 

PBG) im jetzigen Zeitpunkt als verfrüht. 

Der Rekurrent verkennt überdies die denkmalschutzrechtlichen Auswirkun-
gen der mittlerweile in Kraft getretenen ISOS-Festsetzung für die Stadt Zü-

rich respektive der Deklarierung des Sihlfeld-Quartiers mit Erhaltungsziel A 

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Seite 24 

 
 
(Erhaltung  der  Substanz).  Gemäss  verwaltungsgerichtlicher  Rechtspre-

chung  sind  Rechtsänderungen  während  des  Rechtsmittelverfahrens  zwar 

grundsätzlich zu berücksichtigen (vgl. RB 1985 Nr. 116), allerdings begrün-

den auf Gebiete bezogene Erhaltungsziele des ISOS nicht die Schutzwür-

digkeit  von  Einzelobjekten.  Das  ISOS  beurteilt  Ortsbilder  in  ihrer  Gesamt-

heit und nicht aufgrund der Qualität einzelner Bauten. Andernfalls hätte der 

Umstand, dass ein Quartier der Substanzerhaltungszone (Erhaltungsziel A) 

zugeschieden ist, zur Folge, dass sämtliche dort gelegenen Bauten in ihrer 

Substanz erhalten respektive flächendeckend unter Schutz gestellt werden 

müssten.  Dies  kann  nicht  Sinn  und  Zweck  des  Denkmalschutzes  sein.  Im 

Rahmen  einer  künftigen  (projektbezogenen)  Nutzungsplanung  werden  die 

Schutzanliegen des ISOS jedoch angemessen zu berücksichtigen sein.  

8.2. 

Die von der Vorinstanz vorgenommene Interessenabwägung ist vollständig, 

nachvollziehbar  und  zudem  mit  der  notwendigen  Dichte  begründet.  Dem 

Rekurrenten kann nicht gefolgt werden, wenn er behauptet, bei den von der 

Vorinstanz ins Feld geführten Interessen handle es sich lediglich um gene-

relle Anliegen der heutigen Zeit. Die Vorinstanz hat die im konkreten Einzel-

fall  tangierten  öffentlichen  und  privaten  Interessen  sorgfältig  ermittelt  und 

gegeneinander abgewogen. 

Die  erhebliche  Lärm-  und  Schadstoffbelastung  entlang  der  stark  befahre-

nen  Seebahnstrasse  wird  zwar  auch  im  Falle  eines  Ersatzneubaus  beste-

hen bleiben, mit einem Neubau kann jedoch weitaus gezielter und effizien-

ter auf die Belastungen reagiert werden, als mit einer Sanierung der beste-

henden  Siedlung.  Notwendig  wären  tiefgreifende  strukturelle  Sanierungs-

massnahmen – wie beispielsweise die Umkehr der Wohnungsgrundrisse –, 

was  wiederum  in  wirtschaftlicher  Hinsicht  unverhältnismässig  wäre.  Wie 

vorstehend dargelegt, ist die Schutzwürdigkeit der Siedlung Kanzleistrasse 

und damit das denkmalpflegerische Interesse an der Erhaltung des Schutz-

objekts lediglich als mittel einzustufen. Demnach rechtfertigt es sich vorlie-

gend, den finanziellen Interessen der Mitbeteiligten einiges Gewicht beizu-

messen (vgl. dazu BGr 1P.584/1995, E. 6b, in ZBl 1996 366 ff.). Angesichts 

der  bei  den  Akten  liegenden  Kostenschätzungen  ist  davon  auszugehen, 

dass  die  im  Falle  einer  Unterschutzstellung  notwendige  werdende  umfas-

sende Sanierung der bestehenden Siedlung beträchtliche finanzielle Nach-
teile für die Mitbeteiligte zur Folge hätte und die voraussichtlichen Mietprei-

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Seite 25 

 
 
se  zudem  über denjenigen  eines  Neubaus  liegen  würden  (vgl.  Anhang  zu 

act. 5.15,  act. 13.5).  Nicht  ausser  Acht  gelassen  werden  darf  schliesslich 

das  mit  einem  Neubauvorhaben  verbundene  erhebliche  Verdichtungspo-

tential, mit welchem nicht nur die bestehenden Ausnützungsreserven mobi-

lisiert, sondern auch die Bewohnerzahl nahezu  verdoppelt werden könnte. 

Die  haushälterische  Bodennutzung  und  die  Siedlungsentwicklung  nach  in-
nen (Art. 1 Abs. 2 lit. abis RPG) sind zentrale Gebote der Raumplanung und 
von hohem öffentlichen Interesse. Der Rekurrent wendet ein, eine Verdich-

tung  liesse  sich  auch  durch  den  Ausbau  des  Dachgeschosses  respektive 

mittels Aufstockung erreichen. Rein theoretisch trifft dies wohl zu, allerdings 

nur  unter  der  Voraussetzung,  dass  eine  Aufstockung  der  bestehenden 

Siedlung in baustatischer Hinsicht überhaupt möglich wäre, was es zumin-

dest  zu  bezweifeln  gilt  (vgl.  act. 13.5  S. 5). Die  Verdichtungsmöglichkeiten 

wären  jedenfalls  ungleich  geringer, als bei einem  Neubau.  Zudem  ist  dem 

Rekurrenten  entgegenzuhalten,  dass  eine  Aufstockung  der  bestehenden 

Siedlung in denkmalschutzrechtlicher Hinsicht alles andere als unproblema-

tisch wäre, würde sich das Erscheinungsbild des  – nach seinem Dafürhal-

ten  hochkarätigen  –  Schutzobjekts  dadurch  doch  nachhaltig  wandeln.  Oh-

nehin erweist sich die Argumentation des Rekurrenten als widersprüchlich, 

wenn  er einerseits eine  Verdichtung mittels Aufstockung  propagiert,  ande-

rerseits  jedoch  befürchtet,  dass  sich  die  Siedlungsstruktur  des  Quartiers 

aufgrund  des  Neubauvorhabens  erheblich  verändern  würde,  weil  mit  die-

sem zusätzliche Stockwerke entlang der Seebahnstrasse geplant seien.  

8.3. 

Die  Vorinstanz  hat  sich  schliesslich  auch  mit  dem  Vorhandensein  ver-

gleichbarer Schutzobjekte auseinandergesetzt und dargelegt, dass mit den 

ABZ-Siedlungen  "Ottostrasse"  und  "Sihlfeld  I/II"  vergleichbare  genossen-

schaftliche Wohnkolonien des Architekten Otto Streicher inventarisiert sind 

respektive  unter  Schutz  stehen.  Insbesondere  die  seit  2012  unter  Denk-

malschutz stehende Siedlung Sihlfeld I/II (1928 - 1929) befindet sich – wie 

die Besichtigung anlässlich des Lokaltermins gezeigt hat (vgl. Protokoll S. 9 

f.)  –  nicht  nur  in  unmittelbarer  Gehdistanz  zur  Siedlung  Kanzleistrasse, 

sondern  verfügt mit  den  von Wilhelm  Hartung  bemalten Erkerbauten  auch 

über  analoge  Gestaltungsmerkmale.  Zur  Denkmalpflegestrategie  der  Vo-

rinstanz  gehört  überdies, dass  mit  der Erhaltung  der inventarisierten Sied-

lung  "Erismannhof"  der  grossstädtische  Typus  der  offenen  Blockrandbe-
bauung  im  Sihlfeld-Quartier  weiterhin  vertreten  bleibt.  Der  Rekurrent  kann 

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Seite 26 

 
 
keine  ausreichenden  Zweifel  an  der  Vergleichbarkeit  mit  den  von  der 

denkmalfachkundigen  Stadt  Zürich  genannten  genossenschaftlichen 

Wohnkolonien wecken, zumal Vergleichsobjekte kaum je "gleich", sondern 

bloss – mehr oder weniger – vergleichbar sind. Die von der Vorinstanz ge-

troffene  Auswahl  erweist  sich  mit  Blick  auf  das  ihr  zustehende  Ermessen 

daher als vertretbar.  

8.4. 

Zusammenfassend  vermag  das  öffentliche  Interesse  an  der  Erhaltung  der 

streitbetroffenen  Siedlung  Kanzleistrasse  die  entgegenstehenden  öffentli-

chen und privaten Interessen somit nicht zu überwiegen. Es ist daher nicht 

rechtsverletzend,  wenn  die  Vorinstanz  die  Siedlung  Kanzleistrasse  inkl. 

Aussenräume aus dem Kreis der möglichen Schutzobjekte entlassen bzw. 

(weitgehend)  auf  Schutzmassnahmen  verzichtet  hat.  Soweit  gestützt  auf 

den  verwaltungsrechtlichen  Schutzvertrag  vom 4. Oktober 2010  (act. 5.10) 

die Unterschutzstellung von insgesamt acht Solitärbäumen im Innenhof ver-

fügt wurde, ist dies ebenfalls nicht zu beanstanden, zumal mit dieser Mass-

nahme der Erhaltung der parkartigen Atmosphäre und den Freiraumqualitä-

ten Rechnung getragen wird.   

9.1. 

Der Rekurs ist demnach abzuweisen.  

[….] 

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