# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** d0d82e9c-3180-5a9a-86d2-a7c592c79177
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2015-09-02
**Language:** de
**Title:** Somatoforme Schmerzstörung, neue Rechtsprechung, Rückweisung zu weiteren Abklärungen.
**Docket/Reference:** IV.2014.01099
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2014.01099.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2014.01099
II. Kammer
Sozialversicherungsrichter Mosimann, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichter Bachofner
Sozialversicherungsrichterin Käch
Gerichtsschreiberin Schüpbach
Urteil
vom
2. September 2015
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Rechtsanwalt Sebastian Lorentz
Lorentz Schmidt Partner, Rechtsanwälte
Weinbergstrasse 29, 8006 Zürich
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
X.___
, geboren 1967, war von
1.
April 2001 bis 3
1.
August 2008 für sechs Stunden pro Woche als Haushilfe für den Verein
Y.___
tätig (
Urk.
6/6
)
.
Unter Hinweis auf Handgelenks
beschwerden
meldete sich
die Versi
cherte
am
2
9.
Januar 2008
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
6/2
). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische
und erwerbliche Situation ab,
und holte bei
der MEDAS
Z.___
sowie beim
Begutachtungszentrum
A.___
polydisziplinäre Gutachten ein
, welche
am 2
1.
Oktober 2009
(
Urk.
6/51) und am 1
7.
Dezember 2013 (
Urk.
6/148)
erstattet wurde
n.
Nach
durchgeführtem
Vorbescheid
verfahren
(
Urk.
6/153-158)
verneinte
die IV
Stelle
mit Verfügung vom 1
9.
September 2014 einen
A
nspruch
der Versi
ch
erten
auf Leistungen der Invalidenversicherung
(
Urk.
6/160 =
Urk.
2).
2.
Die Versicherte erhob am 2
2.
Oktober 2014
Beschwerde (
Urk.
1)
g
egen die Verfü
gung vom 1
9.
September 2014
(
Urk.
2) und beantragte, diese sei aufzuhe
ben (S. 2
Ziff.
1
) und es sei
en ihr die gesetzlichen Leistungen
zuzusprechen
, insbesondere eine Rente
(S. 2
Ziff.
2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
2
5.
November 2014
(
Urk.
5
)
die Rückweisung der Beschwerde zur Prüfung beruflicher Massnahmen unter Bestätigung des abweisenden Rentenentscheides.
Am 1
6.
März 2015 teilte die Beschwerdeführerin mit, dass sie auf das Einreichen einer Replik verzichte (
Urk.
12).
Dies wurde
der Beschwerdegegnerin
am
7.
Juli 2015 zur Kenntnis gebracht (
Urk.
13
).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (
Art.
8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Ge
sundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung ver
bleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (
Art.
7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die
Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Er
werbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (
Art.
7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu be
tä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder her
stellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min
destens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
tels
rente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Drei
vier
tels
rente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vor
instanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (
§
26
Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss ständiger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung - da diese das Verfahren verlängert und verteuert - abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwierige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
entscheidrelevante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. SVR 1995 ALV Nr. 27 S. 69).
1.
4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorak
ten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuch
tet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die
Beschwerdegegnerin ging in d
er angefochtenen Verfügung vom 1
9.
Sep
tember
2014
(Urk. 2) davon aus, dass die Beschwerdeführerin ab dem 1
4.
De
zember 2009 in ihrer Tätigkeit während drei Monaten zu 100
%
„
erwerbs
unfähig
“
gewesen sei, ihr danach aus versicherungsmedizinischer Sicht eine Tätigkeit zu 80
%
und nach Ablauf des Wartejahres noch zu 70
%
zumutbar gewesen wäre.
Die Wartezeit sei somit nicht erfüllt und es bestehe kein Anspruch auf eine Rente
. Ausserdem seien die Foerster-Kriterien nicht erfüllt und somit die
Überwind
barkeit
gegeben (S. 2 f.).
2.2
Die Beschwerdeführerin hielt dem beschwerdeweise (
Urk.
1) entgegen, dass sie vor kurzem in die psychiatrische Klinik
B.___
gebracht worden sei. Es se
i
zu vermuten, dass es sich um eine fürsorgerische Unterbringung gehandelt habe. Danach sei sie für einen stationären Aufenthalt nach
C.___
überwiesen worden. Dementsprechend seien aktuelle Unterlagen aus den beiden Kliniken einzuholen (S. 3).
Der psychiatrische Gutachter des
A.___
spre
che von einer eindrücklich schillernden Persönlichkeitsstörung
(S. 6)
. Allein daraus ergebe sich die Intensität, weshalb
diese ausgewiesene Komorbidität
erstellt
sei. Dementsprechend sei es ihr unmöglich, die Schmerzstörung zu
über
winden
(S. 8)
. Zudem bewege sie sich fast nur mit dem Elektro-Rollstuhl fort. Es werde sich
realistischerweise
kein Arbeitgeber auf dem ausgeglichenen Arbeits
markt finden, der einer Person eine Arbeitsstelle anbiete, die unter einer schillernden Persönlichkeitsstörung leide und sich nur mit einem Elektro-Roll
stuhl fortbewege. Dementsprechend sei ihr auch deswegen eine ganze Rente zuzusprechen (S.
8).
2.3
Strittig
und zu prüfen ist vorliegend, ob die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine Rente hat, wobei insbesondere der Grad der Arbeitsunfähigkeit
in psychi
scher Hinsicht umstritten ist.
3.
3.1
Die Ärzte des
D.___
, Interdisziplinäre
Schmerzsprech
stunde
, berichteten am 1
1.
Juni 2008 (
Urk.
6/21) und nannten folgende Diag
nosen (S. 5):
-
generalisiertes Schmerzsyndrom mit/bei
-
Differentialdiagnose: Fibromyalgie Syndrom, generalisierte
Allodynie
-
Migräne ohne Aura
-
episodische Kopfschmerzen vom Spannungstyp
-
Hypercholesterinämie
Sie führten aus,
klinisch zeige sich bei der Beschwerdeführerin neben einer ubiquitären Berührungsempfindlichkeit und Druckschmerzhaftigkeit der Gelenke und Muskulatur ein unauffällige
r
Neurostatus. Aus psychiatrischer
Sicht
könnten die geschilderten Beschwerden in Ermangelung einer eindeutigen somatischen Erklärung einer
Somatisierungsstörung
entsprechen.
Anhand einer einmaligen Konsultation könnten die bekannten eigen- und
fremdanamnesti
schen
Angaben sowie der klinische Befund keiner klaren psychiatrischen Diag
nose gemäss Kriterien der ICD-10 zugeordnet werden
(S. 5)
.
3.2
Die Ärzte des
E.___
berichteten am 1
1.
Juni 2009 (
Urk.
6/49/6-8) und nannten folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 1
Ziff.
1.1):
-
rezidivierende depressive Episode (ICD-10 F33.1)
-
Fibromyalgie
-
Status nach Halswirbelsäulen (HWS)-Distorsion
-
Ulna
-Verkürzung beidseits
Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannten sie einen Status nach Suizidversuch im 1
6.
Lebensjahr. Sie führten aus,
dass das zyklische Geschehen der Depressionen der Beschwerdeführerin sowie die geringe Belast
barkeit mit rasch folgender Überforderung
zur
Einschätzung führen würden,
dass
die Beschwerdeführerin auch auf längere Sicht immer wieder 100
%
arbeitsunfähig sein werde (S. 1 oben). Die Prognose sei eher schlecht.
Es sei vorläufig weiterhin mit einem diskontinuierlichen Arbeitsverlauf zu rechnen (S.
3).
3.3
Die Gutachter der MEDAS
Z.___
erstatteten ihr polydisziplinäres Gut
achten am 2
1.
Oktober 2009 (
Urk.
6/51) gestützt auf die Akten sowie die eigene Befragung und Untersuchung der Beschwerdeführerin. Sie nannten keine Diagnosen mit wesentlicher Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit (S.
10
Ziff.
4.1) und folgende Diagnosen ohne wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, aber mit Krankheitswert (S. 10
Ziff.
4.2):
-
fibromyalgieformes
Schmerzsyndrom mit
Zervikalgien
und bilateralen Arthralgien im Bereich der Radiokarpalgelenke
bei
-
zervikaler Streckfehlform
-
bilateraler
Ulnaminusvariante
-
benigne
Laxität
(HWS, Hüften
, Radiokarpalgelenk, Sprunggelenk)
-
emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ
-
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
-
chronische Migränebeschwerden
-
substituierte Hypothyreose
Sie führten aus,
dass
in den Tätigkeiten im Service
und als Hotelfachassistentin sowie
als Haushaltshilfe Spitex
und
in jeder vergleichbaren Tätigkeit
eine 100%ige Arbeitsfähigkeit bestehe
. Körperliche Schwerarbeit und solche, die mit
gesteigerter Faustschlusskraft verbunden sei, sei aus konstitutionellen Gründen nicht mehr zumutbar
(S. 11
Ziff.
5.1-5.2
)
.
S
eit der IV-Anmeldung im Januar 2008 ha
be
nie ein objektiv begründeter langdauernder Gesundheitsschaden vor
gelegen
(S. 11
Ziff.
5.4).
Es sei mit einem stationären Verlauf zu rechnen (S.
11
Ziff.
5.5).
3.4
Die Ärzte der
F.___
berichteten am
2.
März 2010 (
Urk.
6/61) über den stationären Aufenthalt
der Beschwerdeführerin vom 2
7.
Dezember 2009 bis 2
9.
Januar 2010 und nannten folgende Diagnosen (S. 1):
-
Fibromyalgie
-
rezidivierende depressive Störung (ICD-10 F33.1)
-
aktuell
leichtgradige
Episode
-
psychosoziale Belastungsfaktoren
-
Status nach HWS-Distorsion
-
Migräne ohne Aura
-
Ulnaverkürzung
beidseits
-
substituierte Hypothyreose
-
Bruxismus
Sie führten aus, dass sich die Beschwerdeführerin im Verlauf der Rehabilitation zunehmend habe psychophysisch
rekonditionieren
können. Ihr
Krankheitskon
zept
sei wesentlich organisch orientiert geblieben. Unterstützend werde eine weitere ambulante Psychotherapie empfohlen.
3.5
Die Ärzte der
RehaClinic
G.___
berichteten am 1
0.
Dezember 2010 (
Urk.
6/92/17-23) über den stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin vom 1
2.
Oktober bis 1
2.
November 2010 und
nannten folgende Diagnosen (S. 1):
-
chronisches
zervikozephales
Schmerzsyndrom
mit/bei
-
Status nach HWS-Distorsionstrauma nach Auffahrunfall am 1
4.
Dezember 2009
-
X-Ray HWS vom 2
2.
Dezember 2009: Streckhaltung, keine Hinweise auf
ossäre
Läsionen
-
chronisches
lumbospondylogenes
Schmerzsyndrom
-
Haltungsinsuffizienz, Fehlhaltung
-
MRI Lendenwirbelsäule (LWS) vom 2
4.
September 2010: leichte
Chrondrosen
L3/4 bis L5/S
1.
Keine Diskushernien, keine neuralen Tangierungen. Leichte
Spondylarthrosen
L4/5 und L5/S1
-
Fibromyalgie
-
rezidivierende depressive Störung
-
Migräne ohne Aura
-
Ulnaverkürzung
beidseits
-
Hypothyreose, substituiert
-
Bruxismus
Sie führten aus,
klinisch neurologisch könnten im detailliert durchgeführten Neurostatus keine pathologischen Befunde objektiviert werden. Insbesondere liege kein
zerviko
- oder
lumboradikuläres
sensomotorisches Ausfallsyndrom vor. Klinisch rheumatologisch zeige sich eine diffuse
Druckdolenz
entlang der gesamten Wirbelsäule. Die HWS-Beweglichkeit sei bei der Erstuntersuchung schmerzhaft und zirka 2/3 eingeschränkt, insbesondere in
Reklination
. Ausser
dem bestehe eine schmerzhafte, aber nicht eingeschränkte Beweglichkeit der LWS. Die Beschwerdeführerin habe eine Verbesserung der allgemeinen
Schmerz
symptomatik
erreichen können, obwohl der psychische Zustand geschwankt habe (S. 2).
Es habe sich als schwierig erwiesen, mit der Beschwer
deführerin die bisher entwickelten
Coping
-Strategien im Umgang mit den Beschwerden zu optimieren und fokussiert ein Thema zu erarbeiten. Die Beschwerdeführerin sei in den Gesprächen sehr mitteilungsbedürftig, teilweise sprunghaft gewesen und sie verfüge über ein eigenes Krankheitsverständnis. Die Beschwerdeführerin habe teilweise demonstrativ-theatralisch gewirkt, daneben sei
en
jedoch auch eine erhöhte Verletzlichkeit, ein grosses
Zuwendungsbe
dürfnis
und eine tiefe Verunsicherung spürbar gewesen
. Der psychische Zustand der Beschwerdeführerin erweise sich als sehr schwankend, deutlich abhängig von äusseren Vorkommnissen. Die Beschwerdeführerin reagiere oft impulsiv und sei sich ihrer Wirkung auf andere wenig bewusst (S. 3 oben).
3.6
Dr.
med.
H.___
, Facharzt für Chirurgie, berichtete am
4.
Januar 2011 (
Urk.
6/92/4-6)
und
nannte folgende Diagnosen (S. 1):
-
Status nach Auffahrunfall am 1
4.
Dezember 2009, mit posttraumati
schem,
zervikozephalem
und
lumboradikulärem
Schmerzsyndrom
-
v
egetative Störung
unklarer Ätiologie mi
t
Gefühlsstörungen sakral rechts
-
chronisches
zervikozephales
Syndrom mit Begleitschwindel und Ver
dacht auf neuropsychologische Defizite bei Status nach HWS-Distorsion
-
zervikal- und lumbalbetontes
Panvertebralsyndrom
-
Blasen- und Darmfunktionsstörungen unklarer Genese
-
Status nach
Teilmeniskektomie
mediales
Hinterhorn
rechts und Entfer
nung von freien Gelenkkörpern
-
Fibromyalgie
-
rezidivierende depressive Störung
-
Migräne ohne Aura
-
Ulnaverkürzung
beidseits
-
Hypothyreose, substituiert
-
Bruxismus
Er führte aus, dass die Beschwerdeführerin in der angestammten Tätigkeit (im Service) aufgrund der vor allem belastungsabhängigen Beschwerden zurzeit und bis auf weiteres zu 100
%
arbeitsunfähig sei.
In einer wechselbelastenden, vor
wiegend sitzenden Tätigkeit
sei die Beschwerdeführerin zu 50
%
arbeitsfähig
(S.
3)
.
3.7
Die Ärzte der Rehaklinik
I.___
berichteten am 1
7.
August 2011
(
Urk.
6/102/9-21)
über den stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin vom
6.
Juni bis 1
2.
August 2011 und nannten folgende Diagnosen (S. 1):
-
Unfall vom
2.
Juni 2009: Sprung aus zirka 1.5 m
-
Distorsionstrauma OSG rechts
-
Unfall vom 1
4.
Dezember 2009: PW-Unfall, Heckaufprall
-
HWS-Distorsion
-
Treppensturz mit Kniekontusion beidseits am 3
1.
August 2010
-
Fibromyalgie
-
Migräne ohne Aura
-
Ulnaverkürzung
beidseits
-
Hypothyreose, substituiert
-
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41)
-
paranoide Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.0)
Sie führten aus,
dass infolge des erheblich dysfunktionalen Verhaltens und
der
Inkonsistenz die Resultate der physischen Leistungstests für die Beurteilung der zumutbaren Belastbarkeit nicht verwertbar seien. Es sei davon auszugehen, dass bei gutem
Effort
eine bessere Leistung erbracht werden könnte, als im
Behand
lungsprogramm
gezeigt worden sei
. Infolge des dysfunktionalen Verhaltens hätten die zu erwartenden Verbesserungen bezüglich Funktion und Belastbar
keit nicht erreicht werden können. Das Ausmass der demonstrierten physischen Einschränkungen lasse sich mit den wenig relevanten objektivierbaren patholo
gischen Befunden der klinischen Untersuchung und bildgebenden Abklärung sowie den Diagnosen aus somatischer Sicht nur zum Teil erklären. Die Beurtei
lung der Zumutbarkeit stütze sich deshalb wesentlich auf medizinisch-theoreti
sche Überlegungen, unter Berücksichtigung der Beobachtungen im
Behand
lungsprogramm
. Es liege keine psychische Störung mit Krankheitswert vor, welche eine arbeitsrelevante Leistungsminderung begründen könnte (S. 2 oben).
Der Beschwerdeführerin sei die berufliche Tätigkeit als Hotelfachassistentin mindestens halbtags zumutbar. In körperlicher Hinsicht seien der Beschwerde
führerin mindestens leichte bis mittelschwere wechselbelastende Arbeiten, ohne länger
e
vornübergebeugte Haltung zumutbar
(S. 2
Mitte).
3.8
Die Ärzte des Sanatoriums
J.___
berichteten am
1
1.
März 2013 (
Urk.
6/118)
und nannten folgende
Diagnosen
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 1
Ziff.
1.1):
-
kombinierte und andere Persönlichkeitsstörungen mit
histrionischen
und narzisstischen Zügen (
ICD-10
F61)
-
anhaltende
somatoforme
Schmerzstörung (
ICD-10
F45.40)
Sie führten aus, dass
sich die Beschwerdeführerin im Verlauf eher uneinsichtig zeige und nicht von ihrer Diagnose wissen wolle. Aus diesem Grund sei von einer schlechten Prognose auszugehen, da die Beschwerdeführerin wenig
Krank
heitseinsicht
im Sinne der gestellten Diagnosen aufweise (S. 3). Es bestün
den geistige beziehungsweise psychische Einschränkungen im Rahmen von anamnestischen Konzentrationsstörungen, welche im psychopathologischen Befund nicht hätten erhoben werden können. Die Beschwerdeführerin zeige sich affektiv sehr schwankend und labil, was eine Tätigkeit gegebenenfalls ein
schränken könnte. Da die Beschwerdeführerin sehr auf ihre somatischen Beschwerden und ihre ungerechte Behandlung ihrerseits fixiert sei, werde es schwierig sein, die Beschwerdeführerin für eine Wiedereingliederung zu moti
vieren
(S. 4
Ziff.
1.
7).
Aufgrund der massiv
exazerbierten
Persönlichkeitsstörung bestehe derzeit eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit.
Mangels Krankheitseinsicht und unzureichender Unterstützung sei zumindest mittelfristig keine Besserung zu erwarten (S. 1).
3.9
Die Gutachter des
A.___
Begutachtungszentrums erstatteten ihr
poly
dis
ziplinä
res
Gutachten am 1
7.
Dezember 2013
(
Urk.
6/148)
gestützt auf die Akten sowie die eigenen Abklärungen. Sie nannten folgende Diagnosen mit Aus
wirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 68):
-
kombinierte Persönlichkeitsstörung mit emotional-instabilen,
histrioni
schen
und paranoiden Anteilen (
ICD-10
F61.0)
-
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
(
ICD-10
F45.41)
-
begi
nnende STT Arthrose links betont
-
chronisches
polytopes
Schmerzsyndrom
-
chronische Migräne ohne Aura
-
episodischer Kopfschmerz vom Spannungstyp
-
zervikogenes
und
lumbospondylogenes
Schmerzsyndrom
-
multisegmentale degenerative Veränderungen der HWS und der
LWS
-
keine
Kompromittierung
neuraler Strukturen
-
Status nach
kraniozervikalem
Beschleunigungstrauma
-
HWS-Distorsion
-
Tinnitus und
unsystematisierte
Schwinde
l
beschwerden
Der psychiatrische Teilgutachter
führte aus,
dass die Beschwerdeführerin auch nach zweieinhalb Stunden Exploration keine Ermüdungszeichen zeige. Es finde sich kein Nachweis einer starreren depressiven Verstimmung (S. 24). Die Beur
teilung des MEDAS-Gutachters sei gut nachvollziehbar. Die Beschwerdeführerin zeige die für spezifische Persönlichkeitsstörungen erforderlichen Kriterien einer deutlichen Unausgeglichenheit in den Einstellungen und im Verhalten in mehreren Funktionsbereichen. Sie zeige andauernde, tiefgreifende und gleich
förmige Verhaltensmuster (S. 32 oben).
Die Kriterien einer
Persönlichkeitsstö
rung
seien klar erfüllt (S. 37 Mitte). Bei freilich vorhandenen jahrelangen ehelichen Spannungen einerseits in Bezug auf finanzielle Probleme sowie anderer
seits überwiegenden Interessen des Ehemannes an Arbeit und Hund sei es zu einer Entwicklung einer Schmerzkrankheit bei vorhandener somatischer Prob
lematik im Handgelenk gekommen (S. 37 unten). Die
Persönlichkeits
störung
zeige sich in Form vermehrter Impulsivität und
Stimmungs
schwankungen
, mit vermehrtem Misstrauen und paranoidem Verkennen von Ereignissen sowie vermehrt expressiven Anteilen
(S. 38 oben)
.
Die Beschwerde
führerin zeige eine ausgeprägte Somatisierung
und
widersetze sich immer wieder
,
psychische Anteile zu erkennen
. Sie zeige Auffälligkeiten im
persönli
-
chen
, i
m
beziehungs
mässigen
wie auch im beruflichen Sinne. Seit der
Ehe
trennung
bestehe ein gewisser sozialer Rückzug. Sie sei jedoch in der Lage erfüllend mit einer Nach
barin zu verkehren und stehe in unverbindlichen Beziehungen am Wohnort (S.
38 Mitte).
Bei der Beschwerdeführerin bestehe eine relevante
komorbide
psy
chische Störung im Rahmen einer
Persönlich
keitsstörung
mittlerer Ausprägung. In Bezug auf die chronischen körperlichen Begleiterkrankungen sei auf den Konsens verwiesen. Es bestehe ein mehr
jähriger
chronifizierter
Verlauf, undulierend, progredient seit dem Auszug aus dem ehelichen Haushalt. Sozial könne ein gewisser Rückzug seit dem Auszug aus dem ehelichen Haushalt kon
statiert werden. Von einem primären
Krank
heitsgewinn
könne nicht gesprochen werden. Die Beschwerdeführerin sei in der Lage gewesen, von der integrativ-psychiatrischen Behandlung zu profitieren. Von einer eigentlichen Therapie
reistenz könne somit nicht g
esprochen werden (S. 39 unten). Bei der Beschwer
deführerin sei
e
n durchaus auch Ressourcen vorhanden, indem sie in der Lage sei, auch über weite Strecken mit dem Auto zu fahren, im
K.___
alleine zu leben (das sei wie Ferien), nach der Ehe eine vorübergehende Beziehung einzu
gehen und im
K.___
neue Beziehungen ein
zugehen,
zum Beispiel mit der Nach
barin
(S. 40 oben
).
Der neurologische Teilgutachter führte aus, dass die Beschwerdeführerin ein umfangreiches Beschwerdebild beschreibe. Sie bringe ihre Beschwerden mit sehr hohem Leidensdruck zum Ausdruck, gepaart mit Verzweiflung und auch Wut über das Versagen der ärztlichen Diagnostik und Behandlung (S. 46 f.).
Anläss
lich der aktuell durchgeführten Abklärung zeige sich in der Untersuchung eine leicht rechtsbetonte Einschränkung der HWS-Beweglichkeit, welche im sponta
nen Bewegungsverhalten jedoch nicht in Erscheinung trete. Ein
radikuläres
Reiz- und Ausfallsyndrom könne weder seitens der HWS noch seitens der LWS objektiviert werden (S. 48 f.).
Es zeige sich anlässlich der aktuell durchgeführten neurologischen Untersuchung auch keine neurogene Störung der Gehfähigkeit, welche den Bedarf eines Elektrorollstuhls erklären würde (S. 49 unten).
Der orthopädische Teilgutachter führte aus, dass die Anamneseerhebung erschwert sei, da die Beschwerdeführerin heute einen unstrukturierten Eindruck hinterlasse. Festzuhalten bleibe jedoch, dass sich gemäss den aufgeführten Befunden relativ wenig Pathologisches finden lasse. Die HWS sei in allen Ebenen frei beweglich, insbesondere auch im spontanen Verhalten ohne jegliche Einschränkung
.
D
er rechte Fuss zeige keine abnorme Instabilität oder
Laxität
, die Rückfussbeweglichkeit se
i
regelrecht und es fänden sich keine
Inaktivitäts
zeichen
. Hoch diskrepant sei die praktisch vollständige Entlastung des rechten Beines gegenüber einer symmetrischen Muskelumfangdifferenz im Bereich der unteren Extremitäten, was für eine relevante, nicht somatische Komorbidität spreche (S. 58 f.).
Es könne festgehalten werden, dass sich insgesamt nie eine derart gravierende Pathologie finden lasse, welche die heute demonstrierte Invalidität aus somatischer Sicht begründen lassen würde. Erstaunlich sei auch, dass verschiedenste, gezielte Therapiemassnahmen keinerlei Erfolg gebracht hätten, respektive gleich überschattet worden seien von neu hinzugekommenen, anderweitigen Schmerzproblemen
(S. 59 oben)
.
Der handchirurgische Teilgutachter führte aus, dass sich bei der klinischen Untersuchung
inspektorisch
unauffällige Hände, Handgelenke und Unterarme beidseits gezeigt hätten (S. 62 unten). Die Aufforderung zum Faustschluss könne beidseitig vollständig nachvollzogen werden, auch die Fingerstreckung sei vollständig möglich, ebenfalls die
Abspreizung
und
Anspreizung
der Finger und Daumen. Dabei zeige sich eine gute und uneingeschränkte Beweglichkeit beider Daumen. Die gefundenen Bewegungsausmasse
seien sämtliche sehr gut und nicht pathologisch (S. 63). Bis auf die beginnende STT Arthrose links mehr als rechts fänden sich keine definitiv pathologischen Befunde (S. 65 oben).
Zusammenfassend sei festzuhalten, dass i
m Anschluss an den Verkehrsunfall vom 1
4.
Dezember 2009 approximativ eine vollständige Arbeitsunfähigkeit für
die Dauer von drei Monaten anzunehmen
sei
. Danach sei somatisch-neurolo
gisch eine volle Arbeitsfähigkeit mit
einer
Leistungseinschränkung von 20
%
anzunehmen (S. 73 unten). Gesamtmedizinisch könne der Beschwerdeführerin in einer leichten bis intermittierend mittelschweren adaptierten Tätigkeit eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 30
%
attestiert werden bezogen auf ein vollschichtiges Arbeitsvolumen, dies s
eit Januar 2011 (S. 74 unten).
3.1
0
Dr.
med.
L.___
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, R
egionaler Ärztlicher Dienst (RAD) der Beschwerdegegnerin nahm am
1
6.
Januar 2014
Stellung
(
Urk.
6/151/
8-
9)
und führte aus,
dass
die Beschwerdeführerin
betref
fend das Arbeitsfähigkeitsprofil
bezogen auf die psychische Problematik auf klar strukturierte Tätigkeiten in ruhiger und emotional spannungsarmer, kon
struktiver Atmosphäre angewiesen sei.
4.
4.1
D
ie
jeweilige
n
A.___
-
Teilgutachten in den Disziplinen O
rthopädi
e
(
Urk.
6/148/109-121)
,
H
andchirurgie
(
Urk.
6/148/122-131) und
N
eurologie
(
Urk.
6/148/132-152)
basier
en
auf umfassenden
Untersuchung
en
und wurde
n
in Kenntnis und in Auseinandersetzung mit den
Vorakten
(Anamnese) abgegeben. Die Gutachter ha
ben
detaillierte und nachvoll
ziehbare Befunde und Diagnosen erhoben und sich mit den von der Beschwer
deführerin geklagten Beschwerden auseinandergesetzt. Zudem ha
ben
sie die medizi
nischen Zusammenhänge und die medizinische Situation einleuchtend dargelegt und ihre Schlussfolgerungen
nachvollziehbar begründet. Den
Gut
ach
ten
kommt demnach grundsätzlich volle Beweiskraft zu (vgl. E. 1.
4
).
Der orthopädische Teilgutachter
stellte schlüssig fest,
dass sich insgesamt nie eine derart gravierende Pathologie
habe
finden lasse
n
, welche die von der Beschwerdeführerin demonstrierte Invalidität aus somatischer Sicht begründen lassen würde. Aufgrund der Tatsache, dass sich im Bereich der verschiedenen Gelenke, respektive Schmerzlokalisationen nur diskrete Befunde erheben lassen würden, die angegebenen Beschwerden sich also nur zu einem sehr geringen Anteil objektivieren lassen würden, könnten auch keine für eine allfällige Arbeitsunfähigkeit relevante Diagnose
n
gestellt werden. Der Beschwerdeführerin seien aus orthopädischer Sicht leichte bis mittelschwere, wechselbelastende Tätigkeiten vollumfänglich z
umutbar (S. 12
).
Der handchirurgische Teilgutachter legte sodann plausibel dar, dass sich die deutlich geklagten Beschwerden beider Handgelenke bis auf eine beginnende STT Arthrose links betont nicht objektivieren liessen. Der Beschwerdeführerin
seien leichte bis mittlere Tätigkeiten mit bis maximal zirka 10 kg Belastung mit beiden Handgelenken und Händen zu 100
%
zumutbar (S. 8 f.).
Weiter machte d
er neurologische T
eilgutachter in nachvollziehbarer Weise darauf aufmerksam, dass
ein langjähriges komplexes Beschwerdebild mit Kopf
schmerzen, multiplen Beschwerden im Bereich des Bewegungsapparates sowie Störungen der Blasen- und Darmentleerung bestehe und sich ein
zervikoradi
kuläres
wie auch ein
lumboradikuläres
Syndrom weder anhand der klinischen Untersuchungsbefunde noch der in den Akten dokumentierten radiologischen und elektrophysiologischen Befunde objektivieren liessen
(S. 19)
.
Aus neurolo
gischer Sicht seien der Beschwerdeführerin körperlich leichte bis mittelschwere, wechselbelastende Arbeiten ohne vorwiegende einseitige Körperhaltung
voll
schichtig
zumutbar. Aufgrund der Kopfschmerzproblematik mit derzeit relativ häufigen migräneformen Exazerbationen könne dabei eine
Leistungseinschrän
kung
von 20
%
eingeräumt werden (S. 20).
4.2
Zusammenfassend ist davon auszugehen,
dass der
Beschwerdeführerin aus soma
tischer
Sicht
ab Januar 2011 eine leichte bis intermittierend mittelschwere, wechselbelastende, adaptierte Tätigkeit bezogen auf
ein
vollschichtiges
Arbeits
pensum
zu 100
%
mit einer Leistungseinschränkung von 20
%
zumutbar ist (vgl. auch
Urk.
6/148/1-75 S. 73 f.).
5.
5.1
Mit zur amtlichen Publikation als BGE bestimmtem Urteil 9C_492/2014 hat das Bundesgericht seine bisherige Rechtsprechung zur
Beurteilung
psychosomati
sche
r
Störungen neu gefasst:
D
ie durch BGE 130 V 352 begründete Rechtsprechung bezweckte die Sicherstel
lung eines gesetzmässigen Versicherungsvollzuges mittels der Regel/Ausnahme-Vorgabe
beziehungsweise
der Überwindbarkeitsvermutung.
A
n dieser Recht
sprechung ist nicht festzuhalten.
D
as bisherige Regel/Ausnahme-Modell wird durch ein strukturiertes Beweisverfahren ersetzt. An der Rechtsprechung zu
Art.
7
Abs.
2 ATSG - ausschliessliche Berücksichtigung der Folgen der gesund
heitli
chen Beeinträchtigung und objektivierte Zumutbarkeitsprüfung bei mate
rieller Beweislast der rentenansprechenden Person (
Art.
7
Abs.
2 ATSG) - ändert sich dadurch nichts. An die Stelle des bisherigen Kriterienkatalogs (bei anhal
tender
somatoformer
Schmerzstörung und vergleichbaren psychosomatischen Leiden) treten im Regelfall beachtliche Standardindikatoren. Diese lassen sich in die Kategorien Schweregrad und Konsistenz der funktionellen Auswirkungen ein
teilen
, wobei a
uf den Begriff des primären Krankheitsgewinnes und die
Präpon
deranz
der psychiatrischen Komorbidität verzichte
t wird
.
Damit werden für die
Invaliditätsbemessung bei psychosomatischen Leiden die gesetzgeberi
schen An
ordnungen nach
Art.
7
Abs.
2 ATSG
konkretisiert
. Die Anerkennung eines
ren
tenbegründenden
Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funk
tionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen
An
spruchs
grundlage
im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und wider
spruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nach
gewiesen sind. Fehlt es daran, hat die Folgen der Beweislosigkeit nach wie vor die materi
ell beweisbelastete versicherte Per
son zu tragen (E. 6).
5
.
2
Die Standardindikatoren umschreibt das Bundesgericht im genannten Urteil (vorstehend E.
5
.
1
) wie folgt:
-
Kategorie „
funktioneller Schweregrad"
-
Komplex „
Gesundheitsschädigung"
-
A
usprägung der diagnoserelevanten Befunde
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder –
resistenz
-
Komorbiditäten
-
Komplex „
Persönlichkeit" (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen)
-
Komplex „
Sozialer Kontext"
-
Kategorie „
Konsistenz" (Gesichtspunkte des Verhaltens)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen
ver
-
gleich
baren
Lebensbereichen
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener
Lei
-
dens
druck
Die Antworten, welche die medizinischen Sachverständigen anhand der (im Ein
zelfall relevanten) Indikatoren geben, verschaffen den Rechtsanwendern Indizien, wie sie erforderlich sind, um den Beweisnotstand im Zusammenhang mit der Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit bei psychosomat
ischen Störungen zu überbrücken (E. 4.1.3)
5
.
3
Zum Zusammenwirken von Medizin und Rechtsanwendung hat das Bundesge
richt im g
enannten Urteil (vorstehend E.
5
.
1
) festgehalten, dass sich der rechtli
che Anforderungskatalog auf einen Grundbestand von normativ massgeblichen Gesichtspunkten beschränkt (E. 5.1.2). Die normativ bestimmte Gutachterfrage lautet, wie die sachverständige Person das Leistungsvermögen einschätzt, wenn sie dabei den einschlägigen Indikatoren folgt. Die Rechtsanwendung überprüft die betreffenden Angaben frei, insbesondere dahin, ob die Ärztinnen und Ärzte sich an die massgebenden normativen Rahmenbedingungen gehalten haben, das heisst, ob sie ausschliesslich funktionelle Ausfälle berücksichtigt haben, welche Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung sind (
Art.
7 Abs. 2 Satz 1 ATSG), sowie, ob die versicherungsmedizinische Zumutbarkeitsbeurteilung auf
objektivierter Grundlage erfolgt ist (
Art.
7 Abs. 2 Satz 2 ATSG). Dies sichert die einheitliche und rechtsgleiche Einschätzung der Arbeitsfähigkeit (E. 5.2.2).
5
.
4
Sodann wurde im g
enannten Urteil (vorstehend E.
5
.
1
) festgehalten, dass
gemäss altem Verfahrensstandard eingeholte Gutachten nicht per se ihren Beweiswert
verlieren. Vielmehr ist im Rahmen einer gesamthaften Prüfung des Einzelfalls mit seinen spezifischen Gegebenheiten und den erhobenen Rügen entscheidend, ob ein abschliessendes Abstellen auf die vorhandenen
Beweis
grund
lagen
vor Bundesrecht standhält. In sinngemässer Anwendung auf die nunmehr materiell-beweisrechtlich geänderten Anforderungen ist in jedem ein
zelnen Fall zu prüfen, ob die beigezogenen administrativen und/oder gerichtli
chen Sachverständigengutachten - gegebenenfalls im Kontext mit weiteren fach
ärztlichen Berichten - eine schlüssige Beurteilung im Lichte der massgebli
chen Indikatoren erlauben oder nicht. Je nach Abklärungstiefe und -dichte kann zudem unter Umständen eine punktuelle Ergänzung genügen
(E. 8)
.
6
.
6
.1
Nach dem Gesagten hat die Beurteilung, ob eine fachärztlich diagnostizierte anhaltende
somatoforme
Schmerzstörung eine Invalidität begründet oder nicht, nicht mehr mittel
s
der Regel/Ausnahme-Vorgaben beziehungsweise der
Über
wind
barkeitsvermutung
zu erfolgen.
Vielmehr hat die Invaliditätsbemessung bei psychosomatischen Störungen stär
ker als bisher den Aspekt der funktionellen Auswirkungen zu berücksichtigen, was sich bereits in den diagnostischen Anforderungen
niederzuschlagen hat, indem dem diagnose-inhärenten Schweregrad der
somatoformen
Schmerzstö
rung
vermehrt Rechnung zu tragen ist.
So
dann führt die auf die Begrifflichkeit des medizinischen Klassifikationssystems abstellende Diagnose der anhaltenden
somatoformen
Schmerzstörung nur dann zur Feststellung einer
invalidenversi
cherungsrechtlich
erheblichen Gesundheitsbeeinträchtigung, wenn die Diagnose auch unter dem Gesichtspunkt der Ausschlussgründe
(BGE 131 V 49
E. 1.2
)
standhält.
6
.2
Der Ausgangspunkt der Anspruchsprüfung bildet somit die medizinische
Befund
lage
. Eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit kann immer nur dann anspruchserheblich sein, wenn sie Folge einer Gesundheitsbeeinträchtigung ist, die fachärztlich einwandfrei diagnostiziert worden ist.
Vorliegend
ist somit zu prüfe
n,
ob
die Schmerzstörung als Gesundheitsbeeinträchtigung überhaupt sach
gerecht festgestellt worden ist, und
weiter
ob der psychiatrische
Teilgut
achter
(vgl.
Urk.
6/148/76-108) infolgedessen
ausschliesslich Folgen einer
gesund
heitlichen Beeinträchti
gung berücksichtigt hat und seine Beurteilung auf objektivierter Grundlage er
folgt ist (vorstehend E.
5
.
3
). Ob die medizinische Beurteilung den nunmehr zu beachtend
en Indikatoren (vorstehend E.
5
.
2
) im Ergebnis hinreichend Rechnung trägt, ist im Rahmen einer gesamthaften Prü
fung des Einzelfalls mit seinen spe
zifischen Gegebenh
eiten zu prüfen (vorste
hend E.
5
.
4
).
6
.3
Bei einer anhaltenden
somatoformen
Schmerzstörung nach ICD-10 F45.40 wird als vorherrschende Beschwerden ein andauernder, schwerer und quälender Schmerz
verlangt
,
der durch einen physiologischen Prozess oder eine körperli
che Störung nicht vollständig erklär
t werden kann. Der Schmerz tritt dabei in Verbindung mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen Problemen auf, wobei diese schwerwiegend genug sein sollten, um als entscheidende ursächli
che Einflüsse zu gelten. Die Folge ist sodann gewöhnlich eine beträchtliche persönliche oder medizinische Betreuung oder Zuwendung
(Weltgesundheits
organisation, Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V (F), Klinisch-diagnostische Leitlinien,
Dilling
/
Mombour
/Schmidt [Hrsg.],
9.
Auflage 2014,
Ziff.
F45.4 S. 233).
6.4
Vorliegend wurde
eine chronische
somatoforme
Schmerzstörung
erstmals im August 2011 durch die Ärzte der Rehaklinik
I.___
(vgl. vorstehend E. 3.
7) und sodann auch durch die Ärzte des Sanatoriums
J.___
im März 2013 (vgl. vorstehend E. 3.8) diagnostiziert. In den jeweiligen Berichten wird nicht näher dargelegt, wie die Diagnose zustande kam beziehungsweise gestützt auf welche Befunde diese gestellt wurde.
Auch d
er psychiatrische Teilgutachter
des
A.___
(vgl.
vorstehend E. 3.9;
Urk.
6/148/76-108)
setzt
e
sich im Wesentlichen
vor allem mit den Befunden und dem Verlauf der diagnostizierten
Persönlichkeitsstörung auseinander und geht nicht näher auf
das Zustandekommen der Diagnose einer
somatoformen
Schmerzstörung ein
(S. 29 f.)
. Er legte weder die diesbezüglichen unabdingbaren Befunde dar, noch begründete
er
die Diagnose der
somatoformen
Schmerzstö
rung
in sonst einer Weise. Er
führte
lediglich aus,
dass
es bei vorhandenen jahrelangen ehelichen Spannungen zur Entwicklung einer Schmerzkrankheit bei vorhandener somatischer Problematik im Handgel
enk gekommen sei (S. 29 unten) und die Beschwerdeführerin eine ausgeprägte Somatisierung zeige (S. 30 oben).
Diese zwei erwähnten Hinweise reichen vorliegend nicht, um d
as tat
sächliche Einhalten der
klassifikatorischen
Vorgaben
nachvollziehen zu können
, auch wenn aus den somatischen Teilgutachten hervorgeht (vgl. vorstehend E.
4), dass die Beschwerdeführerin verschiedenste Schmerzen beklagte, welche sich im demonstrierten Ausmass aus somatischer Sicht nicht objektivieren
liessen.
Ob der als vorherrschende Beschwerde verlangte andauernde, schwere und quälende Schmerz sowie eine Beeinträchtigung der Alltagsfunktionen, welche die Diagnose einer
somatoformen
Schmerzstörung per definitionem vor
aus
setzt, vorliegend als gegeben betrachtet werden kann, ist aufgrund der Beurteilungen nicht zu beantworten.
Aus dem psychiatrischen Teilgutachten
geht somit nicht
klar hervor, ob die Schmerzstörung als
Gesund
heits
beein
trächtigung
überhaupt sach
gerecht festgestellt worden ist beziehungsweise ob die Diagnose
vorliegend mit ausreichend Bezug auf die funktionserhebliche Befundlage Eingang in die Beurteilung
gefunden hat.
Des Weiteren
wird
im psychiatrischen Teilgutachten auch
nicht
Bezug
zur Frage genommen
,
ob und
inwiefern
bei der Beurteilung Ausschlussgründe wie Aggravation oder andere ähnliche Erscheinungen berücksichtigt worden sind
, obwohl i
n den somatischen Teilgutachten
diesbe
züglich immer wieder auf eine Diskrepanz zwischen den geschilderten Beein
trächtigungen und dem gezeigten Spontanverhalten hin
gewiesen
wird
(vgl. vorstehend E. 4).
Schliesslich bleibt anzumerken, dass sich der psychiatrische Teilgutachter –
zu
mal
noch in Unkenntnis der bundesgerichtlichen Terminologie –
nicht
nach
vollziehbar
mit dem funktionellen Schweregrad der Beeinträchtigung auseinan
dergesetzt hat.
So wurden
die
Gesundheitsschädigung betreffend weder die Ausprägung der relevanten Befunde
,
noch der Therapieverlauf
näher themati
siert
. Lediglich
die Frage von begleitenden Erkrankung
en
wurde
abschliessend
beantwortet. Ob der Komplex der Persönlichkeit direkt in die Diagnostik einge
flossen ist und der soziale Ko
ntext abschliessend angespro
chen und berück
sichtigt worden ist, lässt sich dem psychiatrischen Teilgutachten ebenfalls nicht
klar
entnehmen.
Unter dem Aspekt der Konsistenz wurde zwar der Umfang der bestehenden Aktivitätseinschränkungen
anhand des Mini-ICF-APP erhoben
. Aufgrund der weiteren Ausführungen
im Teilgutachten zum Tagesablauf
(vgl. S.
9 f.
)
sowie
den
sonstigen
Aktivitäten der Beschwerdeführerin (vgl. S.
18 f., S.
30 unten
, S. 32 Mitte
)
erscheinen diese jedoch nicht
widerspruchsfrei. D
ie funk
tionellen Auswirkungen
der (nach dem Gesagten unzulänglich festge
stellten) gesundheitlichen Anspruchsgrundlage
lassen sich
somit gestützt auf das psychi
atrische Teilgutachten
anhand der neu geltenden Standardindikatoren nicht schlüssig und widerspruchsfrei nachweisen.
6.5
Nach dem Gesagten erweist sich das psychiatrische Teilgutachten für die abschliessende Beurteilung
des Gesundheitszustandes
der Beschwerdeführerin
als unzulänglich
, es fehlt an einer hinreichenden medizinischen
Entscheid
grund
lage
.
Die angefochtene Verfügung ist deshalb aufzuheben und die Sache
-
dem (ver
fahrensrechtlichen) Eventualantrag der Beschwerdeführerin entsprechend - an die
Be
schwerdegegnerin
zurückzuweisen
, damit diese nach Einholung
einer ergänzenden Stellungnahme des psychiatrischen
A.___
-Teilgutachters, welche unter Berücksichtigung der aktuellen Entwicklung des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin und nach Massgabe der gemäss neuster Rechtsprechung des Bundesgerichts zur
somatoformen
Schmerzstörung relevanten Indikatoren zu erfolgen hat,
eine neue Be
urtei
lung vornehme und
anschliessend nach der Prü
fung von beruflichen Massnahmen
über den Leistungsanspruch neu verfüge.
6.
6
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde in dem Sinne gutzuheissen, dass die an
ge
fochtene Verfügung vom
19
.
September
201
4
aufgehoben und die Sache an die Sozial
versicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zurückgewiesen wird, damit diese nach erfolgter Abklärung im Sinne der Erwägungen, neu verfüge.
7.
Mit der Aufhebung der angefochtenen Verfügung und der Rückweisung der Sache an die Beschwerdegegnerin zur Ergänzung des
A.___
-Teilgutachtens wird einem Haupt- und einem verfahrensrechtlichen Eventualantrag der Beschwerdeführerin (vgl. Urk. 1 S. 2 Ziff. I.1 und Ziff. II.3) entsprochen. Folglich liegt einer der Ausnahmegründe vor, die es dem Gericht erlauben, von der beantragten öffentlichen Verhandlung (vgl. Urk. 1 S. 2 Ziff. II.4) abzusehen, ohne den in Art. 6 Ziff. 1 Abs. 1 EMRK garantierten Anspruch auf Durch
führung einer öffentlichen Verhandlung zu verletzen (vgl. hierzu Urteil des Bundesgerichts 8C_518/2010 vom 24. Januar 2011 E. 4.3.1). Weiter Ausführun
gen hierzu erübrigen sich.
8
.
8
.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht,
ist das Verfahren kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Ausgangsgemäss sind die
Geri
chtskosten in der Höhe von Fr. 7
00.-- der unterliegenden
Beschwerde
geg
ne
rin
aufzuerlegen.
8
.2
Bei
diesem Verfahrensausgang hat die
vertretene
Beschwerdeführerin
Anspruch auf eine Prozessentschädigung. Diese ist unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses (
§
34
Abs.
3
des Gesetzes
über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
) und beim massgeblichen
Stun
den
ansatz
von Fr.
2
2
0.-- (zuzügli
ch Mehrwertsteuer) für das Jahr 2015 auf Fr.
2
‘
3
00
.-- (inkl.
Bar
aus
lagen
und
MWSt
) festzulegen.
Das Gericht erkennt:
1.
Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass die angefochtene Verfügung vom
19
.
September
201
4
aufgehoben und die Sache an die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zurückgewiesen wird, damit diese, nach erfolgter Abklärung im Sinne der Erwägungen, neu verfüge.
2.
Die Gerichtskosten von Fr. 7
00
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt. Rech
nun
g und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechts
kraft zu
gestellt.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird
verpflichtet,
der Beschwerdeführerin
eine
Prozessent
schädigung
von
Fr.
2
‘
3
00
.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) zu bezahlen
.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Sebastian Lorentz
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mit
tel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu ent
hal
ten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
MosimannSchüpbach