# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 927713fc-9464-56b2-8373-4b7f48ada3da
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2012-01-30
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 30.01.2012 D-74/2012
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-74-2012_2012-01-30.pdf

## Full Text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t

T r i buna l   adm in i s t r a t i f   f édé ra l

T r i buna l e   ammin i s t r a t i vo   f ede ra l e

T r i buna l   adm in i s t r a t i v   f ede ra l

   

Abteilung IV
D­74/2012

U r t e i l   v om   3 0 .   J a nua r   2 0 1 2

Besetzung Richter Martin Zoller (Vorsitz),
Richter Walter Lang,
Richter Yanick Felley;
Gerichtsschreiberin Susanne Burgherr.

Parteien A._______, geboren am (…), 
und deren Kind
B._______, geboren am (…),
Staat unbekannt,
vertreten durch (…) 
Beschwerdeführende, 

gegen

Bundesamt für Migration (BFM), 
Quellenweg 6, 3003 Bern,   
Vorinstanz.

Gegenstand Wiederaufnahme des Asylverfahrens nach Rückzug 
des Asylgesuchs;
Verfügung des BFM vom 22. Dezember 2011 / N (…).

D­74/2012

Seite 2

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,

dass die Beschwerdeführerin am 28. November 2005 in der Schweiz um 
Asyl nachsuchte,

dass  die  Beschwerdeführerin  ihr  Asylgesuch  mit  Eingabe  an  das  BFM 
vom 10. November 2011 zurückzog,

dass sie zur Begründung ausführte, sie halte die Lebensumstände – sie 
kämpfe  aufgrund  der  Verhaftung  ihres  Partners  und  der  Ungewissheit 
über  den  Ausgang  ihres  Asylverfahrens  mit  schweren  psychischen 
Problemen – nicht mehr aus und ziehe ihr Asylgesuch deshalb zurück, 

dass  das  BFM  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin  deshalb  mit 
Verfügung vom 15. November 2011 – eröffnet am 21. November 2011 – 
als gegenstandslos geworden abschrieb, 

dass  die Beschwerdeführerin mit Eingabe  vom 5. Dezember  2011  beim 
BFM um Wiederaufnahme des Asylverfahrens ersuchte, 

dass  ihr  Rechtsvertreter  zur  Begründung  vorbrachte,  die 
Beschwerdeführerin habe es sich nunmehr anders überlegt und möchte, 
dass ihr Asylverfahren weitergeführt werde, 

dass  er  davon  ausgehe,  dass  das  unschlüssige  Verhalten  seiner 
Mandantin mit  der  schwierigen  Phase,  die  sie  durchmache  (Verhaftung 
des Partners, psychische Probleme [vgl. beigelegter Bericht des [Spitals] 
vom [Datum]], kleines Kind), zusammenhänge, 

dass  das  BFM  mit  Verfügung  vom  22. Dezember  2011  –  eröffnet  am 
29. Dezember  2011  –  feststellte,  dass  keine  zureichenden  Gründe 
vorlägen,  um  das  Asylverfahren  wieder  aufzunehmen,  weshalb  das 
Asylgesuch abgeschrieben bleibe, 

dass  das  BFM  zur  Begründung  im  Wesentlichen  anführte,  der 
wesentliche Irrtum, die absichtliche Täuschung und der Zwang (Art. 23 ff. 
des  Obligationenrechts  vom  30. März  1911  [OR,  SR 220])  bildeten 
zureichende Gründe, um den Rückzug eines Asylgesuchs für ungültig zu 
erklären, 

dass vorliegend keine solchen Gründe vorlägen, 

D­74/2012

Seite 3

dass kein Irrtum zu erkennen sei, zumal die Beschwerdeführerin sich der 
Tragweite  des  Rückzugs  des  Asylgesuchs  bewusst  gewesen  sei,  habe 
sie  doch  –  wie  dem  Arztbericht  vom  (Datum)  zu  entnehmen  sei  –  im 
Anschluss mit Ausreisevorbereitungen begonnen, womit sie offensichtlich 
urteilsfähig gewesen sei, 

dass lediglich der Umstand, dass sie es sich später anders überlegt habe, 
nicht zur Wiederaufnahme des Verfahrens führen könne, 

dass  dem  Wiederaufnahmegesuch  vom  5. Dezember  2011  auch  nicht 
entnommen werden könne, dass die Beschwerdeführerin  im Sinne einer 
absichtlichen  Täuschung  gemäss  Art. 28  OR  zu  dem  Rückzug  des 
Asylgesuchs  verleitet  worden  wäre,  oder  dass  dieser  unter  Zwang  im 
Sinne von Art. 29 f. OR erfolgt wäre, 

dass  die  Beschwerdeführerin  mit  Eingabe  vom  5. Januar  2012  beim 
Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erhob, worin  um Aufhebung  der 
Verfügung des BFM vom 22. Dezember  2011 und um Wiederaufnahme 
des Asylverfahrens ersucht wurde,

dass  zudem  in  formeller  Hinsicht  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines 
Kostenvorschusses  ersucht  wurde,  wobei  diesbezüglich  eine 
Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung  vom  3. Januar  2012  eingereicht 
wurde, 

dass  die  Beschwerdeführerin  zur  Begründung  im  Wesentlichen 
vorbrachte, sie sei wegen der negativen Atmosphäre im Asylzentrum und 
Problemen mit  ihrem Partner,  der  sie  betrogen,  schlecht  behandelt  und 
nach  der  Geburt  des  gemeinsamen  Kindes  im  Stich  gelassen  habe,  in 
eine schwere psychische Krise geraten,

dass  sie  aus  der  für  sie  unerträglichen  Situation  habe  fliehen  wollen, 
weshalb sie das Asylgesuch zurückgezogen habe, ohne sich  jedoch der 
Tragweite ihres Handelns bewusst gewesen zu sein, 

dass  sie  aufgrund  der  psychischen  Probleme  eine  falsche  Vorstellung 
von der Realität gehabt habe,

dass  sie  sich  deshalb  in  einem  Irrtum  befunden  habe  und  nicht 
urteilsfähig gewesen sei, 

D­74/2012

Seite 4

dass  die  Beschwerdeführerin  zur  Stützung  ihrer  Vorbringen  eine  Kopie 
des bereits aktenkundigen Berichts des (Spitals) vom (Datum) und einen 
Bericht des (Spitals) vom (Datum) einreichte, 

und zieht in Erwägung, 

dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig 
über Beschwerden gegen Verfügungen (Art. 5 des Bundesgesetzes vom 
20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  [VwVG, 
SR 172.021])  des  BFM  entscheidet,  ausser  bei  Vorliegen  eines 
Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die 
beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes 
vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR  142.31]  i.V.m.  Art. 31­33  des 
Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [VGG,  SR 173.32]; 
Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005 
[BGG, SR 173.110]), 

dass  die  Beschwerdeführenden  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz 
teilgenommen  haben,  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders 
berührt  sind,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung 
beziehungsweise  Änderung  haben  und  daher  zur  Einreichung  der 
Beschwerde  legitimiert  sind,  weshalb  auf  die  frist­  und  formgerecht 
eingereichte  Beschwerde  einzutreten  ist  (Art. 108  Abs. 2  AsylG  sowie 
Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1  sowie  Art. 52 
VwVG), 

dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige 
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und 
die Unangemessenheit gerügt werden kann (Art. 106 Abs. 1 AsylG), 

dass  gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  auf  einen  Schriftwechsel 
verzichtet wurde, 

dass die Beschwerdeführerin geltend machte, sie habe sich im Zeitpunkt 
des Rückzugs  ihres Asylgesuchs  in einem  Irrtum befunden,  da sie eine 
falsche Vorstellung von der Realität gehabt habe,

dass die in Art. 23 ff. OR aufgezählten Willensmängeltatbestände – Irrtum 
(Art. 23 ff. OR), absichtliche Täuschung (Art. 28 OR) und Furchterregung 
(Art. 29 f. OR) – auch auf einseitige Rechtsgeschäfte anwendbar sind,

dass  sich  die  vorinstanzlichen  Erwägungen  aufgrund  der  Akten  als 
zutreffend erweisen, weshalb zur Vermeidung von Wiederholungen vorab 

D­74/2012

Seite 5

auf  die  nicht  zu  beanstandenden  Ausführungen  des  BFM  in  der 
angefochtenen Verfügung verwiesen werden kann, 

dass vorliegend keine Willensmängel  im Sinne von Art. 28 und 29 f. OR 
(absichtliche  Täuschung  /  Furchterregung)  ersichtlich  sind  und  von  der 
Beschwerdeführerin auch nicht geltend gemacht werden, 

dass  aber  auch  nicht  davon  auszugehen  ist,  die  Beschwerdeführerin 
hätte  sich  im  Zeitpunkt  des  Rückzugs  ihres  Asylgesuchs  in  einem 
wesentlichen  Irrtum  gemäss  Art. 24  Abs. 1  OR  –  namentlich  in  einem 
Grundlagenirrtum im Sinne von Art. 24 Abs. 1 Ziff. 4 OR – befunden, 

dass sich aus den Akten nicht ergibt, die Beschwerdeführerin hätte sich 
einen Sachverhalt  vorgestellt,  der nicht der Realität entsprach, und sich 
damit  bei  der  Willensbildung  –  dem  Entschluss  zum  Rückzug  des 
Asylgesuchs – von einer falschen Vorstellung leiten lassen (vgl. BGE 113 
II 25 ff.), 

dass  die  Beschwerdeführerin  die  Umstände,  die  sie  zum  Rückzug  des 
Asylgesuchs  bewogen  hätten,  in  der  Rückzugserklärung  vom 
10. November  2011  vielmehr  realistisch  schilderte  (schwierige  Situation 
verbunden  mit  psychischen  Problemen  aufgrund  der  Verhaftung  des 
Partners  und  der Ungewissheit  über  den Ausgang  des Asylverfahrens), 
so dass nicht  ersichtlich  ist,  sie wäre  von  falschen Tatsachen,  die nicht 
mit  der  Wirklichkeit  übereingestimmt  hätten  (bspw.  irrtümlich 
angenommene Verhaftung des Partners), ausgegangen, 

dass die Beschwerdeführerin die Rückzugserklärung zudem durch  ihren 
rechtskundigen Rechtsvertreter einreichen  liess, so dass nicht von einer 
Kurzschlusshandlung gesprochen werden kann, 

dass  die  Beschwerdeführerin  durch  die  im  Anschluss  an  die 
Rückzugserklärung  offenbar  in  Angriff  genommenen 
Ausreisevorbereitungen  überdies  zeigte,  dass  sie  sich  der  Tragweite 
ihres  Handelns  bewusst  war  und  dieses  ihrem  damaligen  Willen 
entsprach, 

dass damit  aber  nicht  davon auszugehen  ist,  sie wäre  im Zeitpunkt  der 
Rückzugserklärung  vom  10. November  2011  urteilsunfähig  gewesen 
(Art. 18  des Schweizerischen Zivilgesetzbuchs  vom 10. Dezember  1907 
[ZGB, SR 210]), 

D­74/2012

Seite 6

dass  die  ärztlichen  Berichte  vom  (Datum)  und  vom  (Datum)  an  dieser 
Einschätzung  nichts  zu  ändern  vermögen,  da  sie  keinen Willensmangel 
im  Sinne  von  Art. 23  ff.  OR  beziehungsweise  eine  Urteilsunfähigkeit 
gemäss  Art. 18  ZGB  im  Zeitpunkt  der  Rückzugserklärung  der 
Beschwerdeführerin vom 10. November 2011 zu belegen vermögen, 

dass später auf der gleichen Grundlage – die Beschwerdeführerin berief 
sich  im Wiederaufnahmegesuch  vom  5. Dezember  2011  auf  die  genau 
gleichen Gründe, die sie der Rückzugserklärung vom 10. November 2011 
zugrunde  gelegt  hatte  (schwierige  Phase  aufgrund  der  Verhaftung  des 
Partners,  psychische  Probleme)  –  aufgetretene  Zweifel  an  den 
Zielsetzungen und ein Bereuen des erklärten Rückzugs des Asylgesuchs 
indes  eine  Wiederaufnahme  des  Verfahrens  nicht  zu  begründen 
vermögen, 

dass das BFM damit zu Recht  festgestellt hat, dass keine zureichenden 
Gründe vorliegen, um das Asylverfahren wieder aufzunehmen, 

dass  es  den  Beschwerdeführenden  demnach  nicht  gelungen  ist, 
darzutun,  inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt, 
den  rechtserheblichen Sachverhalt  unrichtig  oder  unvollständig  feststellt 
oder  unangemessen  ist  (Art. 106  AsylG),  weshalb  die  Beschwerde 
abzuweisen ist, 

dass  sich  das  Gesuch  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines 
Kostenvorschusses mit  vorliegendem Urteil  ohne  vorgängige  Instruktion 
als gegenstandslos erweist, 

dass vorliegend auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten ist 
(Art. 63 Abs. 1 letzter Satz i.V.m. Art. 6 des Reglements vom 21. Februar 
2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem 
Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).

(Dispositiv nächste Seite)

D­74/2012

Seite 7

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1. 
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2. 
Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 

3. 
Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die 
zuständige kantonale Behörde.

Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin:

Martin Zoller Susanne Burgherr

Versand: