# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 7d51aac0-dfc8-5084-893e-0f92f027cf89
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2016-11-30
**Language:** de
**Title:** Posttraumatische Belastungsstörung und mittelgradige bis schwere Depression; Rentenanspruch unklar, da der medizinische Sachverhalt ungenügend abgeklärt wurde
**Docket/Reference:** IV.2015.00793
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2015.00793.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2015.00793
I. Kammer
Sozialversicherungsrichterin Grünig, Vorsitzende
Sozialversicherungsrichter Spitz
Ersatzrichter Wilhelm
Gerichtsschreiber Klemmt
Urteil
vom
30. November 2016
in Sachen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch Advokatin Raffaella Biaggi
Rechtsanwälte Schmid Hofer
Lange Gasse 90, 4052 Basel
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Nachdem
sich der 1968 geborene
X.___
am 10. Oktober 2014 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug angemeldet hatte
(
Urk.
6
/11)
,
nachdem
die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
mit
Verfügung
vom
29. Juni 2015
einen Anspruch
des Versicherten
auf Leistungen der Invali
denversicherung verneint hatte mit der Begründung, aus
versicherungsmedizi
nischer
Sicht sei kein Gesundheitsschaden ausgewiesen, welcher die Arbeitsfä
higkeit dauerhaft einschränke
(
Urk.
2
),
nach Einsicht in die Beschwerde vom
11. August 2015
, mit welcher
der Beschwerde
führer
, vertreten durch Rechtsanwältin Raffaella Biaggi,
die
Zusprechung einer ganzen Invalidenrente ab April 2015
sowie eventuell die Rückweisung der Sache an die IV-Stelle zur Neubeurteilung
beantragt
e
(
Urk.
1
),
nach Einsicht
in die auf Abweisung der Beschwerde schliessende Beschwerdeantwort
der IV-Stelle
vom
27. August 2015
(
Urk.
5
),
unter Hinweis
darauf
,
dass der Beschwerdeführer am 25. September 2015 (
Urk.
8) den Verlaufsbericht der
Y.___
vom 7. September 2015
(
Urk.
9) zu den Akten
reichte
,
und
die IV-Stelle auf eine
Stellungnahme zu diesem Bericht verzichtete
(
Urk.
11),
in Erwägung,
d
ass
Invalidität die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts; ATSG
)
ist und
Folge von
Geburtsge
brechen
, Krankheit oder Unfall sein
kann
(Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung; IVG
),
dass
Erwerbsunfähigkeit der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Ein
gliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglich
keiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
ist (Art. 7 Abs. 1 ATSG),
dass
b
ei erwerbstätigen Versicherten der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Ver
bindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Ein
kommensvergleichs zu bestimmen
ist
,
dass d
azu das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invali
dität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine
ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
gegliche
ner Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalidenein
kommen), in Bezie
hung gesetzt wird z
um Erwerbseinkommen, das sie erz
ielen könnte, wenn sie nicht in
valid geword
en wäre (sog.
Valideneinkommen
),
dass
b
ei einem Invaliditätsgrad von mindest
ens 40 % Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente
besteht
(Art. 28
Abs.
2 IVG
),
dass
f
ür die verlässliche Beurteilung des psychischen Gesundheitszustandes und seiner Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit in der Regel psychiatrische Fachärzte beizuziehen
sind
(BGE 130 V 352 E. 2.2.3; Urteil des Bundesgerichts 8C_989/2010 vom 16. Februar 2011 E. 4.4.2 mit weiteren Hinweisen; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 8C_880/2
015 vom 30. März 2016 E. 4.2.4),
dass das Gericht die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen kann, wenn der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
),
dass dem
Beschwerdeführer
erstmals ab
1. März 2014
im Anschluss an den gleichen
tags erlittenen Unfall (
Urk.
6/42/120,
Urk.
6/42/126)
eine 100
%
ige
A
rbeitsunfä
hig
keit
attestiert
wurde
und die behandelnden Psychiater ihm
vom 26. März 2014 bis mindestens Anfang September 2015
eine vollständige Arbeitsunfähig
keit
bescheinigt
en
(
Urk.
6/11/3,
Urk.
6/12/2,
Urk.
6/12/7
,
Urk.
6/28
,
Urk.
9
),
dass
Dr.
med.
Z.___
, Facharzt für P
sychiatrie und Psychotherapie,
sowie die Psychiater der
Y.___
eine mittelgradige bis schwere
Depression
, eine posttraumatische Belastungsstörung sowie ein chronisches Schmerzsyndrom bei langdauernder Rückenproblematik mit akuter Phase im Juni 2014
diagnostizierte
n (
Urk.
6/12/3
,
Urk.
9
)
,
dass
der Beschwerdeführer
von
Dr.
Z.___
ambulant und von
den Ärzten der
Y.___
vom 24. Juli bis 18. Dezember 2014 sowie vom 5. Januar bis 23. März 2015 stationär, danach
teilstationär und
ambulant in der Tagesklinik
sowie
ab dem 3
.
August 2015
wieder stationär behandelt wurde
(
Urk.
1 S. 4 f.
,
Urk.
6/12/4,
Urk.
6/29 S. 2,
Urk.
6/38
/1-2
,
Urk.
6/42/74,
Urk.
6/43 S. 1
,
Urk.
9
),
dass
Dr.
med.
A.___
, Facharzt für Chirurgie vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) der IV-Stelle
,
in seiner versicherungsmedizinischen Würdigung der Berichte
der behandelnden Psychiater
vom 27. April 2015
zur Beurteilung gelangte, die gestellten Diagnosen seien anhand der geschilderten Befunde nicht nachvollziehbar
, und es liege mit grosser Wahrscheinlichkeit kein
Gesundheits
schaden
vor, welcher die Arbeitsfähigkeit dauerhaft einschränke (
Urk.
6/47/4-5),
dass die
Anmerkung
von
Dr.
A.___
, die vom Beschwerdeführer erlebten Trauma
tisierungen (Bagatellunfall und
Beinaheunfall
) seien nicht genügend schwer gewe
sen, um
sämtliche Krit
er
i
en
für die Diagnose einer posttraumatischen
Belastungsstörung zu erfüllen (
Urk.
6/47/4), geeignet ist, gewisse Zweifel an der Beweiskraft der Beurteilungen der behandelnden Psychiater zu wecken
,
dass andererseits aber auch nicht ohne
Weiteres
übergangen werden darf, dass
mehrere
behandelnde
Psychiater
beim Beschwerdeführer eine schwere, im Ver
lauf trotz intensiver Therapie weitgehend unveränderte psychische
Krankheits
symptomatik
erhoben,
dass
Dr.
A.___
den Beschwerdeführer
nicht persönlich untersucht hat und im
Übrigen Facharzt für Chirurgie - nicht Psychiatrie -
ist,
weshalb sein Bericht
für sich allein das Fehlen einer invalidisierenden psychischen Störung
nicht
zu belegen
vermag
,
dass der medizinische Sachverhalt bei der gegenwärtigen Aktenlage nicht spruchreif ist,
dass
die IV-Stelle
, an welche die Sache zurückzuweisen ist, ein medizinisches Gutach
ten über den Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit des Beschwerde
führers im zeitlichen Verlauf einzuholen haben wird,
dass sich angesichts der komplexen Symptomatik mit somatischen und möglicherweise
somatoformen
Anteilen eine multidisziplinäre Begutachtung aufdrängt
, wobei die Gutachter
gegebenenfalls
der
bundesgerichtliche
n
Rechtsprechung zur
inva
lidenversicherungsrechtlichen
Würdigung von Depressionen (
BGE 140 V 193
E.
3.3 mit Hinweis
) und psychosomatischen Leiden (
BGE 141 V 281) ebenso Rechnung zu tragen haben werden wie dem Umstand, dass Beeinträchtigungen, welche allein von psychosozialen Belastungsfaktoren herrühren, keinen invali
disierenden psychischen Gesundheitsschaden darstellen,
dass die Beschwerde in diesem Sinne gutzuheissen ist,
dass die Verfahrenskosten von
Fr.
500.
--
zulasten der unterliegenden IV-Stelle gehen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG),
dass nach ständiger Rechtsprechung die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen gilt (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb
d
e
r
vertretene Beschwerdeführer Anspruch auf eine
Prozessentschädigung hat,
welche nach §
34
GSVGer
und Art. 61
lit
. g ATSG ohne
Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses festzusetzen ist,
dass sich in Berücksichtigung dieser Kriterien die Zusprechung einer
Prozessentschädi
gung
von Fr. 2'200.-- (inklusive Barauslagen und
MWSt
) rechtfertigt
,
erkennt das Gericht:
1.
Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass
die
angefochtene
Verfügung vom 2
9.
Juni 2015 aufgeho
ben und die Sache an die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zurückgewiesen wird, damit diese, nach erfolgter Abkläru
ng im Sinne der Erwägun
gen, neu
über den Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Invalidenrente
verfüge.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
500
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird
verpflichtet,
dem Beschwerdeführer
eine
Prozessent
schädigung
von
Fr.
2
‘
200
.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) zu bezahlen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Advokatin Raffaella Biaggi
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu ent
hal
ten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Die VorsitzendeDer Gerichtsschreiber
GrünigKlemmt