# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** f40f84cb-c737-53aa-95ae-15864457fec1
**Source:** Graubünden (GR)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 
**Language:** de
**Title:** Graubünden Kantonsgericht Praxis des Kantonsgerichts 00.00.0000 PKG 2014 21
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/GR_Gerichte/GR_KG_001_PKG-2014-21_0000-00-00.pdf

## Full Text

PKG 2014

e) Zivilrechtliche Berufungen

21 – Verletzung des Beschleunigungsgebots nach Art. 5 
Abs.1 StPO. Gegeben, wenn die Behörde bei objekti- 
ver Betrachtung der konkreten Umstände in der Lage 
gewesen wäre, den Fall innert wesentlich kürzerer Zeit 
abzuschliessen. Die möglichen Sanktionen rei- chen 
vom förm-lichen Festhalten des Verstosses über die 
Reduktion der Strafe bis hin zur gänzlichen Verfah- 
renseinstellung
(Erw. 3).

Aus den Erwägungen:
3. a) Gemäss Art. 5 Abs. 1 StPO nehmen die Strafbehörden die 

Strafverfahren unverzüglich an die Hand und bringen sie ohne unbegrün- 
dete Verzögerung zum Abschluss. Art. 5 StPO enthält den Grundsatz der 
Beschleunigung (sogenannte Konzentrationsmaxime). Eine sehr lange Ver- 
fahrensdauer stellt eine Gefährdung der Rechtsanwendung dar und ist 
rechtsstaatlich problematisch. Betroffen ist primär die beschuldigte Person. 
Im Fall eines Freispruchs nach vielen Jahren Prozessdauer lebte sie lange 
Zeit zu Unrecht in Unsicherheit. Im Fall einer Verurteilung ist eine Strafe 
unter Umständen aus der Sicht der Strafzwecke fragwürdig. Es gibt viele 
Gründe für die oft lange Dauer von Prozessen. Zu erwähnen sind faktische 
Probleme (bei komplexen Sachverhalten), institutionelle Gründe, so insbe- 
sondere verfahrensrechtliche Sicherungen wie namentlich prozessuale Mit- 
wirkungsrechte der Parteien und Rechtsmittel und schliesslich «vermeid- 
bare» Ursachen wie Überlastung, Trölerei, Frist der Anwaltschaft etc. Das 
Beschleunigungsgebot gilt für alle Verfahrensstufen, so zwischen Anklage 
und Hauptverhandlung. Entscheidend ist jedoch die Gesamtdauer des Ver- 
fahrens, nicht der einzelnen Prozesshandlungen. Dass eine einzelne Verfah- 
renshandlung zu einem früheren Zeitpunkt hätte vorgenommen werden 
können, verletzt das Beschleunigungsgebot für sich allein gesehen noch 
nicht. Erforderlich ist, dass die Behörden bei objektiver Betrachtung des 
Einzelfalles in der Lage gewesen wären, den Fall als solchen innert wesent- 
lich kürzerer Zeit abzuschliessen. Dies ist dann anzunehmen, wenn das Ver- 
fahren über einen Zeitraum von mehreren Monaten hinweg nicht betrieben 
wurde. Dass die Strafverfolgungsbehörden und/oder Gerichte unzweckmäs- 
sig organisiert sind, entschuldigt Verzögerungen ebenso wenig wie eine un- 
zureichende personelle und/oder sachliche Ausstattung, es sei denn, es han- 
delt sich um bloss vorübergehende und nicht vorhersehbare Engpässe.

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Überlängen des Verfahrens haben grundsätzlich eine Reduktion des Straf- 
masses zur Folge, die bis hin zu einem Absehen von Strafe reichen kann und 
die im Urteil ausdrücklich offenzulegen ist. In extremen Fällen, bei denen  
die Strafreduktion nicht ausreicht, um den Verstoss gegen den Anspruch auf 
Aburteilung innerhalb angemessener Frist adäquat zu kompensieren, hat als 
ultima ratio eine Einstellung des Verfahrens zu erfolgen. Für die Wahl der 
Sanktionierung des prozessualen Fehlers ist entscheidend, wie stark die be- 
schuldigte Person durch die Verfahrensverzögerung getroffen wurde. Nach 
der Rechtsprechung des Bundesgerichts genügt eine Feststellung einer Ver- 
letzung des Beschleunigungsgebots, wenn es sich um keine schwere Verlet- 
zung handelt beziehungsweise wenn die Verzögerung keine besondere Be- 
lastung verursachte (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 23. Oktober 2010, 
1P.338/2000 E. 4 = Pra 2001 Nr. 3, 18 ff.). Als angemessene Sanktion der Ver- 
letzung des Beschleunigungsgebots wird in der Rechtsprechung aber die Re- 
duktion der Strafhöhe gesehen (vgl. BGE 124 I 139; 122 IV 103, E. 1.4; Urteil 
des Bundesgerichts vom 17. März 2004, 1P_722/2003; zum Ganzen auch BGE 
117 IV 124; Franz Riklin, Kommentar StPO, 2. Aufl., Zürich 2014, N. 1 ff. zu 
Art. 5; Niklaus Schmid, Praxiskommentar, 2.Aufl., Zürich/St. Gallen 2013,
N. 1 f. zu Art. 5; Wolfgang Wohlers, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber, Kom- 
mentar zur StPO, Zürich 2010, N. 8 ff. zu Art. 5 mit zahlreichen Hinweisen auf 
die bundesgerichtliche Rechtsprechung; Sarah Summers, in: Basler Kom- 
mentar zur StPO, Basel 2011, N. 15 ff. zu Art. 5).

b) Der Berufungskläger beging die ihm vorgeworfene Verkehrs- 
regelverletzung am 6. Juni 2008. Die Eröffnungsverfügung der Staatsanwalt- 
schaft Graubünden erging am 14. Juli 2008, die Anklageverfügung am 13. Ja- 
nuar 2010 (vgl. act. V./1.1 und 1.19). Mit prozessleitender Verfügung der 
Vorinstanz vom 1. Februar 2010 wurde X._ und der Staatsanwaltschaft 
Graubünden Frist angesetzt, um Anträge auf Ergänzung  der  Untersuchung 
zu stellen (vgl. act. V.2/16). Mit Schreiben vom 17. Februar 2010 beantragte 
und begründete der Rechtsvertreter von X._ eine Ergänzung des bereits ein- 
gereichten Privatgutachtens vom 2. Juni 2009 (vgl. act. V.2/15). Die Staatsan- 
waltschaft Graubünden stellte am 3. März 2010 den Antrag auf Abweisung 
der Beweisergänzung (vgl. act. V.2/13). Mit prozessleitender Verfügung vom
16. Oktober 2013 wurde der Beweisergänzungsantrag von der  Vorinstanz
abgelehnt (vgl. act. V.2/11). Am 22. Oktober 2013 wurde zur Hauptverhand- 
lung vom 10. Januar 2014 vorgeladen (vgl. act. V./2/10). Das Verfahren zwi- 
schen Anklage und Hauptverhandlung vor der Vorinstanz dauerte ziemlich 
genau fast vier Jahre. Diese Verfahrensdauer ist zweifelsfrei als unangemes- 
sen zu taxieren. Weder die Komplexität noch der Umfang der vorliegenden 
Verkehrsregelverletzung rechtfertigen eine solche Zeitspanne. Es ist nicht 
ersichtlich, weshalb das Bezirksgericht Albula nicht in der Lage gewesen 
wäre, den Fall innert wesentlich kürzerer Zeit abzuschliessen. Es ist insbe-

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sondere nicht nachvollziehbar, weshalb die Vorinstanz für die Abweisung 
des am 17. Februar 2010 gestellten Beweisantrages mehr als dreieinhalb 
Jahre brauchte, zumal sie in dieser Zeit keine weiteren Verfahrenshandlun- 
gen anordnete und das Verfahren gar nicht betrieben wurde. Verzögerungen 
aufgrund allfälliger personeller Ressourcen entschuldigen die lange Verfah- 
rensdauer grundsätzlich nicht. Die Gesamtdauer von der Anklage bis zum 
vorinstanzlichen Urteil von vier Jahren ist damit als unverhältnismässig zu 
qualifizieren, womit das Beschleunigungsgebot gemäss Art. 5 Abs. 1 StPO 
verletzt wurde. Anzumerken bleibt, dass eine Intervention der Staatsanwalt- 
schaft bei der Vorinstanz hätte hilfreich sein können. Die Verletzung von 
Art. 5 Abs. 1 StPO wiegt vorliegend nun aber nicht derart schwer, dass diese 
eine Verfahrenseinstellung rechtfertigen würde, zumal eine solche auch die 
Ausnahme bilden soll. Der Berufungskläger war während der ganzen Ver- 
fahrensdauer im Besitz seines Führerausweises und damit fahrberechtigt. Es 
ist nicht ersichtlich, dass X._ durch die Verfahrensverzögerung sehr schwer 
getroffen worden wäre. Nichtsdestotrotz gilt es der Verletzung des Beschleu- 
nigungsgebotes für den Fall Rechnung zu tragen, dass X._ verurteilt würde. 
In diesem Fall wäre eine Reduktion des Strafmasses vorzunehmen.
SK1 14 8 Urteil vom 11. Juni 2014

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