# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 5712c769-8c49-5290-8a56-f121d106399d
**Source:** Aargau Gerichte (AG)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2024-03-01
**Language:** de
**Title:** Aargau Obergericht Versicherungsgericht 01.03.2024 VBE.2023.300
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/AG_Gerichte/AG_OG_007_VBE-2023-300_2024-03-01.pdf

## Full Text

Versicherungsgericht 

2. Kammer 

 

VBE.2023.300 / lf / sc 
Art. 33 

 

 

Urteil vom 1. März 2024 
 

 

Besetzung  Oberrichterin Peterhans, Präsidentin 

Oberrichterin Gössi 

Oberrichterin Fischer 

Gerichtsschreiberin Fricker 

 

 
   

Beschwerde- 

führer  

 A._____ 

vertreten durch Sarah Brutschin, Advokatin, Picassoplatz 8, 4010 Basel 

 

 
   

Beschwerde- 

gegnerin  

 Suva, Rechtsabteilung, Fluhmattstrasse 1, Postfach, 6002 Luzern 

 

 
 

Gegenstand  Beschwerdeverfahren betreffend UVG; Berufskrankheit 

(Einspracheentscheid vom 23. Mai 2023) 
 

  

 - 2 - 

 

 

   

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten: 

 

1. 

Der 1957 geborene Beschwerdeführer war aufgrund seiner Anstellung als 

Chemikant bei der Beschwerdegegnerin gegen die Folgen von Berufsun-

fällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten versichert. Am 14. Ja-

nuar 2022 meldete er dieser eine Small Fibre Neuropathie als Berufskrank-

heit. In der Folge tätigte die Beschwerdegegnerin berufliche sowie medizi-

nische Abklärungen, führte ein persönliches Gespräch mit dem Beschwer-

deführer und holte eine arbeitsmedizinische Beurteilung ein. Mit Verfügung 

vom 22. August 2022 verneinte die Beschwerdegegnerin ihre Leistungs-

pflicht für die gemeldete Small Fibre Neuropathie. Die dagegen erhobene 

Einsprache wies sie mit Einspracheentscheid vom 23. Mai 2023 ab. 

 

2. 

2.1. 

Gegen den Einspracheentscheid vom 23. Mai 2023 erhob der Beschwer-

deführer mit Eingabe vom 26. Juni 2023 fristgerecht Beschwerde und 

stellte folgende Rechtsbegehren: 

 

"1. Es seien die Verfügung vom 22. August 2022 und der Einspracheent-
scheid vom 23. Mai 2023 aufzuheben und die Sache zur Vornahme 
weiterer medizinischer Abklärungen betreffend Berufskrankheit und 
nachfolgend neuem Entscheid an die Beschwerdegegnerin zurückzu-
weisen. 

 
2. Unter o/e-Kostenfolge." 

 

2.2. 

Mit Vernehmlassung vom 7. August 2023 beantragte die Beschwerdegeg-

nerin die Abweisung der Beschwerde. 

 

 
   

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung: 

 

1. 

Vorab ist darauf hinzuweisen, dass nach Art. 52 Abs. 1 ATSG gegen Ver-

fügungen innerhalb von 30 Tagen bei der verfügenden Stelle Einsprache 

erhoben werden kann, soweit es sich nicht um prozess- und verfahrenslei-

tende Verfügungen handelt (vgl. hierzu LOCHER/GÄCHTER, Grundriss des 

Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. 2014, § 71 Rz. 51 ff.). Das Einsprache-

verfahren wird durch Erlass eines Einspracheentscheids abgeschlossen. 

Dieser Einspracheentscheid tritt im sozialversicherungsrechtlichen Verwal-

tungsverfahren an die Stelle der einspracheweise angefochtenen Verfü-

gung (UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, N. 74 zu Art. 52 

ATSG). Die Verfügung, soweit angefochten, hat mit Erlass des Einsprache-

entscheides jede rechtliche Bedeutung verloren (vgl. etwa Urteil des 

 - 3 - 

 

 

Bundesgerichts 8C_42/2016 vom 10. Juni 2016 E. 2.1 mit Hinweisen). 

Soweit vorliegend verlangt wird, die Verfügung vom 22. August 2022 (Ver-

nehmlassungsbeilage [VB] 43) sei aufzuheben (vgl. Rechtsbegehren 

Ziff. 1), ist auf die Beschwerde daher nicht einzutreten. 

 

2. 

Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin mit Einspracheent-

scheid vom 23. Mai 2023 (VB 69) zu Recht eine Leistungspflicht im Zusam-

menhang mit der am 14. Januar 2022 gemeldeten Small Fibre Neuropathie 

unter dem Titel "Berufskrankheit" verneint hat. 

 

3. 

3.1. 

Nach Art. 6 Abs. 1 UVG werden – soweit das Gesetz nichts anderes be-

stimmt – die Versicherungsleistungen nebst Berufsunfällen und Nichtbe-

rufsunfällen auch bei Berufskrankheiten gewährt. Dabei sind Berufskrank-

heiten von ihrem Ausbruch an einem Berufsunfall gleichgestellt. Sie gelten 

als ausgebrochen, sobald der Betroffene erstmals ärztlicher Behandlung 

bedarf oder arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) ist (Art. 9 Abs. 3 UVG). 

 

3.2. 

3.2.1. 

Als Berufskrankheiten gelten jene Krankheiten (Art. 3 ATSG), die bei der 

beruflichen Tätigkeit ausschliesslich oder vorwiegend durch schädigende 

Stoffe oder bestimmte Arbeiten verursacht worden sind. Der Bundesrat er-

stellt die Liste dieser Stoffe und Arbeiten sowie der arbeitsbedingten Er-

krankungen (Art. 9 Abs. 1 UVG). Auf der Grundlage dieser Gesetzesdele-

gation und gestützt auf Art. 14 UVV hat der Bundesrat in Anhang I zur UVV 

eine Liste dieser Stoffe und Arbeiten sowie der arbeitsbedingten Erkran-

kungen aufgestellt. Gemäss der Rechtsprechung ist das Erfordernis eines 

Kausalzusammenhanges erfüllt, wenn die Krankheit zu mehr als 50 % 

durch einen im Anhang I zur UVV erwähnten schädigenden Stoff verur-

sacht worden ist (BGE 133 V 421 E. 4.1 S. 425 mit Hinweisen; vgl. deutsche 

Übersetzung in: Pra 2008 Nr. 85 S. 550 E. 4.1). 

 

3.2.2. 

Gemäss Art. 9 Abs. 2 UVG gelten als Berufskrankheiten auch andere 

Krankheiten, von denen nachgewiesen wird, dass sie ausschliesslich oder 

stark überwiegend durch berufliche Tätigkeit verursacht worden sind. Die 

Voraussetzung des ausschliesslichen oder stark überwiegenden Zusam-

menhanges ist nach ständiger Rechtsprechung erfüllt, wenn die Berufs-

krankheit mindestens zu 75 % durch die berufliche Tätigkeit verursacht 

worden ist. Die Anerkennung von Beschwerden im Rahmen dieser von der 

Rechtsprechung als "Generalklausel" bezeichneten Anspruchsgrundlage 

ist an relativ strenge Beweisanforderungen gebunden. Verlangt wird, dass 

die versicherte Person für eine gewisse Dauer einem typischen Berufsrisiko 

 - 4 - 

 

 

ausgesetzt ist. Die einmalige gesundheitliche Schädigung, die gleichzeitig 

mit der Berufsausübung eintritt, genügt nicht. Für die Beurteilung der Ex-

position (oder Arbeitsdauer) ist die gesamte, gegebenenfalls auch die 

schon vor dem 1. Januar 1984 (Inkrafttreten des UVG) ausgeübte, Berufs-

tätigkeit zu berücksichtigen (BGE 126 V 183 E. 2b S. 186 mit Hinweisen). 

 

4. 

4.1. 

In ihrem Einspracheentscheid vom 23. Mai 2023 (VB 69) stützte sich 

die Beschwerdegegnerin in medizinischer Hinsicht im Wesentlichen 

auf die arbeitsmedizinische Beurteilung ihrer Versicherungsmediziner 

Dres. med. B._____, Facharzt für Arbeitsmedizin und für Allgemeine In-

nere Medizin, und C._____, seit dem 25. Mai 2023 Facharzt für Arbeitsme-

dizin, vom 8. August 2022. Diese hielten fest, Small Fibre Neuropathien 

würden häufig ab dem 50. Lebensjahr auftreten, wobei häufig metaboli-

sche, infektiöse, medikamentöse, Autoimmunerkrankungen, Malnutritionen 

wie auch Alkohol als Hauptursachen erwähnt würden. Der Beschwerdefüh-

rer habe angegeben, dass er täglich mit grossen Mengen Cyanchlorid ge-

arbeitet habe, vermutlich habe er hier Cyanwasserstoff, auch Blausäure 

genannt, gemeint. Bei der Blausäure handle es sich um eine farblose, 

brennbare und wasserlösliche Flüssigkeit, welche den unangenehmen Ge-

ruch von Bittermandel aufweise. Bei einer Blausäureintoxikation würden re-

lativ rasch starke Kopfschmerzen, Erbrechen und Bewusstlosigkeit auftre-

ten. Solche Veränderungen seien vom Beschwerdeführer nicht beschrie-

ben worden. Unbehandelt trete der Tod häufig innerhalb kürzester Zeit auf. 

Auch solche Todesfälle im Betrieb seien vom Beschwerdeführer nicht er-

wähnt worden. Gemäss der vorliegenden Literatur verursache eine Expo-

sition zu Blausäure nicht überwiegend wahrscheinlich neurale Veränderun-

gen. Es sei deshalb zusammenfassend festzustellen, dass unter Berück-

sichtigung sowohl der Literaturangabe des Universitätsspitals D._____, der 

Stellungnahme von Prof. Dr. med. E._____, Facharzt für Neurologie, Kan-

tonsspital F._____, als auch ihrer eigenen Recherche mit dem hausinter-

nen Toxikologen nicht mindestens überwiegend wahrscheinlich sei, dass 

die Small Fibre Neuropathie durch eine langjährige vorangehende Blau-

säureexposition verursacht worden sei. Sie würden daher empfehlen, die 

Small Fibre Neuropathie als Berufskrankheit abzulehnen (VB 37 S. 2). 

 

4.2. 

4.2.1. 

Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob die-

ser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen 

beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der 

Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medi-

zinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situ-

ation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet 

sind (BGE 134 V 231 E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352). 

 - 5 - 

 

 

4.2.2. 

Auch wenn die Rechtsprechung den Berichten versicherungsinterner me-

dizinischer Fachpersonen stets Beweiswert zuerkannt hat, kommt ihnen 

praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft wie einem gerichtlichen oder im 

Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger in Auftrag gegebe-

nen Gutachten zu (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352 ff.; 122 V 157 E. 1c 

S. 160 ff.). Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und 

Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind 

ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 469 f. 

und 122 V 157 E. 1d S. 162 f.). 

 

4.2.3. 

Beweistauglich kann auch eine reine Aktenbeurteilung sein, wenn es im 

Wesentlichen um die Beurteilung eines feststehenden medizinischen 

Sachverhalts geht und sich neue Untersuchungen erübrigen. Dies ist ins-

besondere der Fall, wenn genügend Unterlagen aufgrund anderer persön-

licher Untersuchungen vorliegen, die ein vollständiges Bild über Anam-

nese, Verlauf und gegenwärtigen Status ergeben. Der medizinische Sach-

verständige muss sich insgesamt aufgrund der vorhandenen Unterlagen 

ein lückenloses Bild machen können (Urteile des Bundesgerichts 

8C_46/2019 vom 10. Mai 2019 E. 3.2.1; 8C_641/2011 vom 22. Dezember 

2011 E. 3.2.2 mit Hinweisen). 

 

4.3. 

Der Beschwerdeführer bringt im Wesentlichen vor, die Beschwerdegegne-

rin habe den rechtserheblichen Sachverhalt nicht vollständig festgestellt 

und als Folge dessen das Vorliegen einer Berufskrankheit gestützt auf ei-

nen unvollständig festgestellten Sachverhalt und insofern zu Unrecht ver-

neint (vgl. Beschwerde S. 3, 8). Die Beschwerdegegnerin habe die Ursache 

der Small Fibre Neuropathie einzig in Bezug auf die langjährige Arbeit mit 

Blausäure, nicht jedoch in Bezug auf die Exposition mit anderen Stoffen 

bzw. Chemikalien geprüft. Dies stehe im Widerspruch zur Empfehlung des 

Universitätsspitals D._____ im Bericht vom 29. Juni 2021, wonach ein Gut-

achten eingeholt werden solle (vgl. Beschwerde S. 6 ff.). 

 

4.4. 

Den medizinischen Akten lässt sich im Wesentlichen Nachfolgendes ent-

nehmen:  

 

4.4.1. 

Im Bericht des Universitätsspitals D._____ vom 29. Juni 2021 hielten die 

Assistenzärztin G._____, seit dem 9. September 2021 Fachärztin für Allge-

meine Innere Medizin und seit dem 16. März 2023 Fachärztin für Klinische 

Pharmakologie und Toxikologie, Dr. med. H._____, seit dem 23. Februar 

2023 Fachärztin für Klinische Pharmakologie und Toxikologie, und 

Prof. Dr. med. I._____, Facharzt für Klinische Pharmakologie und 

 - 6 - 

 

 

Toxikologie sowie für Allgemeine Innere Medizin, fest, gemäss Anamnese 

sei der Beschwerdeführer über längere Zeit bzw. über mehrere Jahre vor 

allem mit Blausäure und Stickstoffgas ungeschützt in direkten Kontakt ge-

kommen, so dass insbesondere diese Stoffe als verdächtig betrachtet wer-

den sollten. Dies auch, da die weiteren ihnen bekannten Stoffe nicht mit 

der Symptomatik in Verbindung gebracht werden könnten. Seine Tätigkeit 

in der Firma J._____ zwischen 2015 und 2017 sei unter Vollschutz erfolgt 

und die dort verwendeten Stoffe seien in einem geschlossenen System ge-

wesen, so dass die direkte Aussetzung mit diesen Chemikalien und die da-

mit verbundene Wahrscheinlichkeit einer dadurch bedingten Symptomatik 

im Gegensatz zu Blausäure und zum Stickstoffgas eher sehr gering – ob-

wohl nicht ausgeschlossen – gewesen sei (VB 2 S. 30). Aufgrund der nicht 

passenden Klinik komme in diesem Fall Stickstoff als Ursache nicht in 

Frage. Blausäure (HCN) sowie ihre Salze seien hochgiftig (VB 2 S. 33). 

Insgesamt sei die vorhandene Literatur für eine chronische low-level HCN-

Exposition sowie allfällige Folgen sehr spärlich und die mögliche Latenzzeit 

bis zur Entwicklung der Beschwerden werde meist nicht explizit erwähnt. In 

der Literatur fänden sich keine Fälle, wo es erst nach langer asymptomati-

scher Latenz nach der letzten chronischen Exposition gegenüber HCN/Cy-

anid zu einem erstmaligen Auftreten von Symptomen gekommen sei. Jeg-

liche Beschwerden, auch die neurologischen Symptome, habe der Be-

schwerdeführer erst 2017 und damit sechs Jahre nach Ende seines Kon-

taktes mit Blausäure entwickelt. Ausserdem könnten nicht alle vorhande-

nen Symptome durch Blausäure erklärt werden. Die Ursache der Neuropa-

thie sei aktuell unklar. Differentialdiagnostisch würden hinsichtlich der Neu-

ropathie zusätzlich eine Small Fiber Neuropathie sowie unzureichende Ver-

stoffwechselung von Vitamin B12 erwogen. In der bisherigen Neuro-MRT-

Bildgebung hätten keine zu einer HCN-Intoxikation passenden bzw. rele-

vanten radiologischen Veränderungen im zentralen Nervensystem nachge-

wiesen werden können. In Zusammenschau der aktuellen Befunde und der 

ihnen vorliegenden, vor allem durch den Beschwerdeführer erfolgten 

anamnestischen Angaben scheine eine durch Blausäure bedingte Erklä-

rung für die neurologische Symptomatik unwahrscheinlich. Allerdings 

bleibe die mögliche Latenzzeit des Symptombeginns nach Exposition un-

klar, so dass eine HCN-bedingte Neuropathie letztendlich nicht sicher aus-

geschlossen werden könne (VB 2 S. 27, 34).  

 

Als Fazit wurde festgehalten, eine durch Blausäure bedingte Neuropathie 

könne aktuell bei spärlicher Literatur nicht ausgeschlossen werden, 

scheine aber eher unwahrscheinlich zu sein – ebenso die ihnen bekannten 

restlichen Chemikalien (wobei diese primär auf anamnestischen Angaben 

des Beschwerdeführers beruhen würden). Die Exposition gegenüber Stick-

stoff sei ihres Erachtens nicht mit der aktuellen Symptomatik assoziiert. Für 

eine detailliertere Beurteilung würden sie die Factsheets der Firmen mit den 

angewandten Chemikalien bzw. die Sicherheitsdatenblätter mit Grenz- 

werten sowie tatsächlich durchgeführte (Schutz-) Massnahmen und 

 - 7 - 

 

 

gegebenenfalls allfällig damals durchgeführte regelmässige Untersuchun-

gen brauchen. Falls die Frage eines medizinischen Versicherungsanspru-

ches bestehe, sollte ein Gutachten angefordert werden; auch hinsichtlich 

einer vollständigen Beurteilung der allfälligen weiteren angewandten Che-

mikalien, aktuell sei lediglich auf Stickstoff und Blausäure fokussiert worden 

(VB 2 S. 27). 

 

4.4.2. 

Dr. med. K._____, Fachärztin für Endokrinologie-Diabetologie und für All-

gemeine Innere Medizin, und Assistenzärztin Dr. med. L._____, Universi-

tätsspital D._____, führten in ihrem Bericht vom 17. September 2021 aus, 

die Ursache der Polyneuropathie bleibe im Moment noch nicht gesichert. 

Die üblichen ätiologischen Faktoren seien unwahrscheinlich (lediglich Prä-

diabetes, Vitamin B12 substituiert, kein multiples Myelom, nur ein sehr ge-

legentlicher Alkoholkonsum mit entsprechendem Wert der CDT). Somit 

komme eine toxische Ätiologie in Frage (Beschwerdeführer habe 30 Jahre 

in der Chemieindustrie mit verschiedenen Chemikalien gearbeitet). Eine 

Beurteilung durch die klinische Pharmakologie des Universitätsspitals 

D._____ sei bereits erfolgt, die nicht konklusiv ausgefallen sei. Aktuell seien 

gewisse Abklärungen noch ausstehend (VB 2 S. 10).  

 

4.4.3. 

In seinem Bericht vom 4. November 2021 stellte Prof. Dr. med. E._____ die 

Diagnose Small Fibre Neuropathie in Assoziation mit langjährigem Arbeiten 

mit Chemikalien (u.a. Blausäure) (VB 1 S. 1). Die Ursache der Small Fibre 

Neuropathie bleibe nicht klar, sie könnte jedoch aufgrund von zweimal 

leicht erhöhten HBA1c als prädiabetisch bzw. metabolisch zuzuordnen 

sein. Es stelle sich auch die Frage, ob die lange (über 20 Jahre) dokumen-

tierte Arbeit mit toxischen Chemikalien (u.a. Blausäure) ursächlich sei 

(VB 1 S. 2). Es bleibe die Diskussion des Ursprungs der Small Fibre Neu-

ropathie. Anhand der Daten in der Literatur und der eigenen Kohorte sei in 

ca. 30 bis 50 % keine Ätiologie zu finden. Die Frage, ob die langjährige 

Arbeit mit Blausäure (oder anderen hier nicht gelisteten Chemikalien, mit 

denen der Beschwerdeführer in Kontakt gekommen sei) ursprünglich sein 

könne, sei sehr schwierig zu beantworten. In seiner Literaturrecherche 

habe er (Prof. Dr. med. E._____) keinen Fall einer Small Fibre Neuropathie 

finden können und auch er selbst habe das bisher in seiner langjährigen 

Erfahrung als Neurologe nicht feststellen können. Da es aber für chroni-

sche Blausäure-Expositionen keine akzeptierten Biomarker gebe, dürfte es 

auch schwierig sein, die Kausalität zu beweisen. Die Kausalität sei bereits 

im Bericht des Universitätsspitals D._____ vom 29. Juni 2021 im Detail dis-

kutiert worden. Er verweise auf diesen Bericht und schliesse sich der Mei-

nung des Berichts an. Nichtsdestotrotz bestehe aufgrund der allgemein ak-

zeptierten Toxizität der Blausäure und anderer Toxen die Möglichkeit eines 

Zusammenhangs mit der Small Fibre Neuropathie. Das Mass der 

 - 8 - 

 

 

Wahrscheinlichkeit abzuschätzen sei ihm nicht näher möglich und es be-

dürfe einer speziellen Begutachtung (VB 1 S. 3). 

 

4.4.4. 

Im Bericht vom 14. Dezember 2021 hielt Prof. Dr. med. E._____ fest, durch 

Kontakt mit dem Beschwerdeführer sei er darauf aufmerksam gemacht 

worden, dass ein HbA1c-Wert vom 26. November 2021 einen Wert von 

5.5 % ergeben habe. Somit könne man annehmen, dass der Zuckerstoff-

wechsel wieder normalisiert sei und als mögliche Ursache der Small Fibre 

Neuropathie weniger wahrscheinlich sei. Letztlich könne die lange Exposi-

tion Toxinen gegenüber doch die am naheliegendste Möglichkeit der unbe-

kannten Ursache der Small Fibre Neuropathie darstellen (VB 2 S. 4). 

 

4.4.5. 

In dem im Rahmen des Beschwerdeverfahren eingereichten Bericht vom 

5. April 2023 führte Dr. med. N._____, Fachärztin für Neurologie, Universi-

tätsspital D._____, aus, hinsichtlich der bestehenden Small-Fibre-Neuro-

pathie sei der Beschwerdeführer ausführlich in F._____ abgeklärt worden. 

Die Ätiologie der Neuropathie sei aktuell leider trotz intensiver Abklärungen 

nicht abschliessend geklärt. Hinweise für einen Diabetes, einen Vitamin B1-

/B6-/B12-Mangel, eine Nephro- oder Hepatopathie, eine Symstemerkran-

kung/rheumatologische Genese der Beschwerden oder eine infektiöse Ge-

nese hätten sich nicht ergeben. Toxikologischerseits seien Blei- und 

Quecksilber-Spiegel im Dezember 2020 nicht erhöht gewesen. Das M-Pro-

tein sei im Serum und Urin negativ. Auch eine genetische Testung hinsicht-

lich einer hereditären TTR-Amyloidose sei zuletzt im März 2023 negativ 

gewesen. Die im Jahr 2021 durchgeführte spinale, bildgebende Untersu-

chung mit Kontrastmitteln und der expliziten Frage nach Nerve-Seeking-

Lymphoma habe keine Hinweise für ein solches und auch keine bildgeben-

den Hinweise für eine chronisch, inflammatorisch sensible Polyradikulitis 

als möglich Differentialdiagnose der fehlenden spinalen Tibialis SEP Ant-

worten ergeben. In dieser Konstellation sei eine toxische Genese in Be-

tracht zu ziehen. Es sei diesbezüglich bereits eine Vorstellung im Universi-

tätsspital D._____ erfolgt. Sie verweise dafür auf die Stellungnahme vom 

29. Juni 2021 (BB 6 S. 2). 

 

4.5. 

Die Dres. med. B._____ und C._____ kamen in ihrer versicherungsmedizi-

nischen Aktenbeurteilung vom 8. August 2022 in Kenntnis und Würdigung 

der medizinischen Akten sowie der erhaltenen Sicherheitsdatenblätter zum 

Stoff Leucophor insgesamt zur nachvollziehbar begründeten Schlussfolge-

rung, dass es nicht mindestens überwiegend wahrscheinlich sei, dass die 

Small Fibre Neuropathie durch eine langjährige vorangehende Blausäure-

exposition verursacht worden sei (VB 37 S. 2). Dies steht in Übereinstim-

mung mit den weiteren Akten, wonach eine durch Blausäure bedingte Neu-

ropathie nicht ausgeschlossen werden könne, aber eher unwahrscheinlich 

 - 9 - 

 

 

erscheine (vgl. E. 4.4. hiervor). Dies wird vom Beschwerdeführer be-

schwerdeweise auch nicht beanstandet. 

 

Der Beschwerdeführer rügt jedoch, dass die Beschwerdegegnerin die 

Ursache der Small Fibre Neuropathie nicht in Bezug auf die Exposition mit 

anderen Stoffen bzw. Chemikalien geprüft und damit ihre Untersuchungs-

pflicht verletzt habe (vgl. Beschwerde S. 3, 6 ff.). Die Beschwerdegegnerin 

stellt sich diesbezüglich in ihrer Vernehmlassung auf den Standpunkt, dass 

sie einzig abgeklärt habe, ob die geltend gemachten neurologischen Be-

schwerden im Zusammenhang mit der Blausäureexposition stehen wür-

den, namentlich ob aus diesem Grund eine Berufskrankheit anerkannt wer-

den könne. Andere Stoffe seien nicht zur Diskussion gestanden. Dabei 

handle es sich um einen anderen Streitgegenstand, zu dem im Einsprache-

entscheid nicht Stellung genommen worden sei (vgl. Vernehmlassung 

S. 3). 

 

Im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren sind grundsätzlich nur 

Rechtsverhältnisse zu überprüfen bzw. zu beurteilen, zu denen die zustän-

dige Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich – in Form einer Verfügung 

bzw. eines Einspracheentscheides – Stellung genommen hat. Insoweit be-

stimmt die Verfügung bzw. der Einspracheentscheid den beschwerdeweise 

weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Innerhalb des Anfechtungsge-

genstands bilden die von der beschwerdeführenden Person gestellten 

Anträge den Streitgegenstand (BGE 131 V 164 E. 2.1 S. 164 mit Hinweis; 

Urteil des Bundesgerichts 8C_126/2022 vom 7. April 2022 E. 4.3). 

 

Die Beschwerdegegnerin setzte sich im vorliegend angefochtenen Ein-

spracheentscheid vom 23. Mai 2023 (VB 69) zwar insbesondere mit der 

Frage eines Zusammenhangs zwischen der Exposition zu Blausäure und 

dem Vorliegen einer Small Fibre Neuropathie auseinander, verneinte dann 

aber die Qualifikation der Small Fibre Neuropathie als unfallversicherungs-

rechtlich relevante Berufskrankheit im Allgemeinen. Dies bildet somit den 

Anfechtungsgegenstand und, da der Einspracheentscheid insgesamt an-

gefochten wurde, damit auch den Streitgegenstand (BGE 131 V 164 E. 2.1 

S. 164). Damit hatte die Beschwerdegegnerin entgegen ihren Ausführun-

gen nicht bloss abzuklären, ob die Small Fibre Neuropathie durch die Ex-

position zu Blausäure, sondern auch ob sie durch die Exposition zu ande-

ren Stoffen im Rahmen der beruflichen Tätigkeit des Beschwerdeführers 

verursacht worden ist. 

 

Zwar wurde im Bericht des Universitätsspitals D._____ vom 29. Juni 2021 

ausgeführt, dass es eher unwahrscheinlich sei, dass die ihnen bekannten 

Chemikalien ursächlich für die Neuropathie seien. Darin wurde jedoch auch 

festgehalten, dass die betrachteten Chemikalien primär auf den anamnes-

tischen Angaben des Beschwerdeführers beruhen würden und sie sich bei 

ihrer Abklärung lediglich auf Stickstoff und Blausäure fokussiert hätten. Für 

 - 10 - 

 

 

eine detailliertere Beurteilung würden sie die Factsheets der Firmen mit den 

angewandten Chemikalien bzw. den Sicherheitsdatenblätter mit Grenzwer-

ten sowie den tatsächlich durchgeführten (Schutz-) Massnahmen und ge-

gebenenfalls die Ergebnisse damals durchgeführter regelmässiger Unter-

suchungen brauchen. Für die Frage eines Versicherungsanspruches sollte 

daher ein Gutachten angefordert werden (vgl. E. 4.4.1. hiervor). Auch 

Prof. Dr. med. E._____ führte aus, dass aufgrund der allgemein akzeptier-

ten Toxizität anderer Toxen die Möglichkeit eines Zusammenhangs mit der 

Small Fibre Neuropathie bestehe. Das Mass der Wahrscheinlichkeit abzu-

schätzen, sei ihm nicht näher möglich und bedürfe einer speziellen Begut-

achtung (vgl. E. 4.4.3. hiervor). 

 

Die Beschwerdegegnerin fragte sodann mit E-Mail vom 23. Juni 2022 bei 

einer ehemaligen Arbeitgeberin des Beschwerdeführers nach den massge-

benden Sicherheitsdatenblättern, um nachweisen zu können, mit welchen 

Stoffen der Beschwerdeführer in Kontakt gekommen sei (VB 35 S. 3). 

Nachdem ihr mitgeteilt worden war, dass diese nicht mehr vorliegen wür-

den (VB 35 S. 2), verlangte die Beschwerdegegnerin zumindest ein aktuel-

les Sicherheitsdatenblatt für den Stoff Leucophor ein. Dem kam die ehe-

malige Arbeitgeberin des Beschwerdeführers sodann nach (VB 35 S. 1, 

4 ff.). Zudem wurde der Beschwerdegegnerin auch der Werks- und Fach-

arzt der damaligen Arbeitgeberin Dr. med. O._____, Facharzt für Arbeits-

medizin und Praktischer Arzt, bekannt gegeben, der den Beschwerdeführer 

aktenkundig gesundheitlich begleitet habe (VB 35 S. 1). Die erhaltenen Si-

cherheitsdatenblätter zum Stoff Leucophor legte die Beschwerdegegnerin 

ihren Versicherungsmedizinern für ihre Stellungnahme vom 8. August 2022 

vor (VB 37 S. 1). Die Beschwerdegegnerin hat jedoch keine weiteren Ab-

klärungen dazu getroffen, welchen Stoffen der Beschwerdeführer im Rah-

men seiner beruflichen Tätigkeit und in welcher Intensität er diesen ausge-

setzt war. Sie hat auch bei den weiteren Arbeitgebenden des Beschwerde-

führers keine Informationen zu den stattgehabten Expositionen einverlangt. 

Des Weiteren hat die Beschwerdegegnerin trotz Bekanntgabe des für den 

Beschwerdeführer zuständigen Werkarztes Dr. med. O._____ keine Akten 

bei diesem eingeholt, obwohl im Bericht des Universitätsspitals D._____ 

vom 29. Juni 2021 "damals durchgeführte regelmässige Untersuchungen" 

als wesentliche Information für eine detailliertere Beurteilung aufgeführt 

wurden (vgl. E. 4.4.4.1. hiervor). 

 

Damit bestehen insgesamt hinreichende Anhaltspunkte, dass zusätzliche 

Abklärungsmassnahmen noch neue wesentliche Erkenntnisse bringen 

könnten. Daran vermag auch die medizinische Beurteilung des Sachver-

halts durch die Beschwerdegegnerin (vgl. Vernehmlassung S. 3 f.) nichts 

zu ändern, da dies Aufgabe der medizinischen Fachpersonen ist. 

 

 - 11 - 

 

 

4.6. 

Zusammenfassend erweist sich der zur Beurteilung eines allfälligen Leis-

tungsanspruchs des Beschwerdeführers relevante Sachverhalt damit im 

Lichte der Untersuchungsmaxime als nicht rechtsgenüglich erstellt (Art. 43 

Abs. 1 und Art. 61 lit. c ATSG; BGE 133 V 196 E. 1.4 S. 200; 132 V 93 

E. 5.2.8 S. 105; 125 V 193 E. 2 S. 195; UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 

4. Aufl. 2020, N. 13 ff. zu Art. 43 ATSG). Es rechtfertigt sich daher vorlie-

gend, die Sache zu ergänzender Abklärung an die Beschwerdegegnerin 

zurückzuweisen (BGE 139 V 99 E. 1.1 S. 100; 137 V 210 E. 4.4.1.4 

S. 264 f.). Dabei ist insbesondere abzuklären, welchen Stoffen der Be-

schwerdeführer im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit und in welcher In-

tensität er diesen ausgesetzt war, und fachärztlich zu beurteilen, ob die 

Small Fibre Neuropathie (ausschliesslich, vorwiegend oder stark überwie-

gend; vgl. E. 3.2. f. hiervor) durch die Exposition zu einem dieser Stoffe 

verursacht wurde. Anschliessend hat die Beschwerdegegnerin neu über 

das allfällige Vorliegen einer Berufskrankheit zu verfügen. 

 

5. 

5.1. 

Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde, soweit darauf einzutreten ist, 

gutzuheissen, der angefochtene Einspracheentscheid vom 23. Mai 2023 

aufzuheben und die Sache zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwägun-

gen und zur Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. 

 

5.2. 

Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. fbis ATSG). 

 

5.3. 

Ausgangsgemäss hat der Beschwerdeführer Anspruch auf Ersatz seiner 

richterlich festzusetzenden Parteikosten (Art. 61 lit. g ATSG). 

 

 
   

Das Versicherungsgericht erkennt: 

 

1. 

In Gutheissung der Beschwerde, soweit darauf eingetreten wird, wird der 

Einspracheentscheid vom 23. Mai 2023 aufgehoben und die Sache zur 

weiteren Abklärung im Sinne der Erwägungen und zur Neuverfügung an 

die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen. 

 

2. 

Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 

 

3. 

Die Beschwerdegegnerin wird verpflichtet, dem Beschwerdeführer die 

Parteikosten in richterlich festgesetzter Höhe von Fr. 2'500.00 zu bezahlen. 

 - 12 - 

 

 

 
   

Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 

 

Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen seit der Zustellung beim 

Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung 

mit Art. 90 ff. BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom sieb-

ten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli 

bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar 

(Art. 46 BGG).  

 

Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 

6004 Luzern, zuzustellen. 

 

Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe 

der Beweismittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines 

Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweis-

mittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Hän-

den hat (Art. 42 BGG). 

 

 
   

Aarau, 1. März 2024 

 

Versicherungsgericht des Kantons Aargau 

2. Kammer 

Die Präsidentin: Die Gerichtsschreiberin: 

 

 

 

Peterhans Fricker