# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 86748e85-edce-5554-b78b-109544780e01
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2014-06-30
**Language:** de
**Title:** Natürlicher Kausalzusammenhang von psychischen Beschwerden zu verneinen (BGE 8C_608/2014) (hängig)
**Docket/Reference:** UV.2013.00078
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/UV.2013.00078.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
UV.2013.00078
IV. Kammer
Sozialversicherungsrichter Hurst, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Arnold Gramigna
Sozialversicherungsrichter Vogel
Gerichtsschreiber Kreyenbühl
Urteil
vom
30. Juni 2014
in Sachen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch Rechtsanwalt Jürg Federspiel
Advokaturbüro Federspiel
Lindenstrasse 37, Postfach, 8034 Zürich
gegen
Basler Versicherung AG
Unfallversicherung
Aeschengraben 21, Postfach, 4002 Basel
Beschwerdegegnerin
vertreten durch Rechtsanwalt Oskar Müller
Badenerstrasse 141, Postfach, 8026 Zürich
Sachverhalt:
1.
X.___
, geboren
1978
,
arbeitete seit Septem
ber 2006 als Chauffeur
bei der
Y.___
in
Z.___
und war dadurch bei der Basler Versicherung AG obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen versichert, als er am
1
2.
April 2010 bei einer
tätlichen
Auseinandersetzung mit einem Bekannten durch einen Pistolenschuss in den Hals verletzt wurde (
Schadenmeldung UVG
vom 1
7.
April 2010,
Urk.
11
/2.1).
Im Anschluss daran begab sich der Versicherte in die Praxis von
Dr.
med.
A.___
, Facharzt FMH für Innere Medizin, und wurde von dort
mit der Sanität
in die Klinik für Unfallchirurgie des
B.___
verlegt. Die behandelnden Ärzte
der Klinik für Unfallchirurgie
des
B.___
diagnostizierten eine Schussverletzung
am
Hals rechts mit Weichteilem
physem rechts
und
führten
noch
am selben Tag
eine
n ersten operativen Eingriff durch
, bei dem
eine Drainage
in die Wunde
eingelegt
wurde
. Beim operativen Eingriff vom
1
4.
April 2010
wurde
dann
das
betreffende Projektil
entfernt,
und am
1
6.
April 2010 wurde der
Versicherte in die
ambulante
Weiterbehandlung durch
Dr.
A.___
entlassen (
Urk.
11/3.3
und
Urk.
11/3.4
). Die Basler Versi
cherung trat auf den Schaden ein und erbrachte Heilbehandlungs- und Tag
geldleistungen.
Per Ende September 2010 wurde dem Versicherten die Stelle als Chauffeur bei der
Y.___
gekündigt (Urk.
11/2.31
).
V
om
2
1.
September 2010 bis zum 17.
Februar 2011
wurde er
im Auftrag der Basler
Versicherung observiert (
Urk.
11/
13,
vgl.
auch
Urk.
11/4
.1
/14-26
), und am
2
8.
November 2011 nahm Dr.
med.
C.___
, Facharzt FMH für Innere Medizin, zuhanden der Basler Versicherung eine medizinische Aktenbeurteilung vor (
Urk.
11/4.1).
Mit Verfügung vom 4.
April 2012 stellte die Basler Versicherung die Heilbe
handlungsleistungen für die somatischen Beschwerden ab dem
1.
Oktober 2010 und für die psychischen Beschwerden ab dem
1.
Januar 2011 ein (wobei auf eine Rückforderung der bis dato erbrachte
n Leistungen verzichtet wurde
). Wei
ter wurden mit Wirkung ab dem
1.
Januar 2011 auch die Taggeldleistungen eingestellt (
Urk.
11/5.13). Die dagegen vom Versicherten am 2
8.
April 2012 erhobene Einsprache
(Urk.
11/5.17)
wies die
Basler Versicherung mit Ein
spracheentschei
d vom 5.
März 2013 ab
(
Urk.
2).
2.
Hiergegen erhob
X.___
, vertreten durch Rechtsanwalt Jürg Federspiel, am
5.
April 2013 Beschwerde mit folgendem Rechtsbegehren (
Urk.
1):
„
1.
Der angefochtene Entscheid sei vollumfänglich aufzuheben.
2.
Die Basler Versicherungen seien zu verpflichten, Herr
X.___
aufgrund des
Ereignisses vom 1
2.
April 2010 weiterhin Versicherungsleistungen auszurichten,
für die psychischen Beschwerden insbesondere auch ab dem
1.
Januar 2011.
3.
Eventualiter wären weitere Beweise zu erheben.
4.
Dem Beschwerdeführer sei
die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und
der Unterzeichnende als sein unentgeltlicher Rechtsvertreter zu ernennen.
5.
Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge
n
zulasten der Beschwerdegegnerin
bzw. der Staatskasse.“
Die Beschwerdegegnerin schloss mit Beschwerdeantwort vom 2
4.
Juni 2013 auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
10), was dem B
eschwerdeführer am 2
6.
Juni 2013
angezeigt wurde (
Urk.
13).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Streitig und zu prüfen i
st, ob der Beschwerdeführer
nach dem
1.
Januar 2011 noch Anspruch auf Leistungen der Beschwerdegegnerin hat.
1.2
Gemäss
Art.
6 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) werden - soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt - die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt (
Abs.
1).
1.
3
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt zunächst voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sin
ne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Um
stände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als einge
treten oder nicht als in der gleichen Weise beziehungsweise nicht zur gleichen Zeit einge
treten gedacht werden kann. Entspre
chend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürli
chen Kau
salzusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die al
leinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schä
digende Ereignis zu
sammen mit anderen Bedingungen die kör
perliche oder geistige Integrität der versicherten Person beein
trächtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht wegge
dacht werden kann, ohne dass auch die ein
getretene gesund
heitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1, 406 E. 4.3.1, 123 V 45 E. 2b, 119 V 335 E. 1, 118 V 289 E. 1b, je mit Hinwei
sen).
Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesund
heitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang be
steht, ist eine Tatfrage, worüber die Verwaltung beziehungsweise im Be
schwerdefall das Gericht im Rahmen der
ihm obliegenden Be
weis
würdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht übli
chen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines Leistungsanspruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinwei
sen).
1.4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorak
ten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuch
tet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 125
V
351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
1.5
Auch den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärzte und Ärztinnen kommt Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen. Die Tatsache allein, dass der befragte Arzt oder die befragte Ärztin in einem Anstellungsverhältnis zum Versicherungsträger steht, lässt nicht schon auf mangelnde Objektivität und auf Befangenheit schliessen. Es bedarf vielmehr besonderer Umstände, welche das Misstrauen in die Unpar
teilichkeit der Beurteilung objektiv als begründet erscheinen lassen. Im Hinblick auf die erhebliche Bedeutung, welche den Arztberichten im Sozialversiche
rungsrecht zukommt, ist an die Unparteilichkeit des Gutachters oder der Gut
achterin allerdings ein strenger Massstab anzulegen (RKUV 1999 Nr. U 356
S.
572; BGE 122 V 157 E. 1c; vgl. auch 123 V 331 E. 1c).
2.
2.1
Nach dem Unfallereignis vom 1
2.
April 2010 diagnostizierten die behandelnden Ärzte der Klinik für Unfallchirurgie des
B.___
in ihrem Bericht vom 1
6.
April 2010 eine Schussverletzung am Hals rechts mit Weichteilemphysem rechts. Sie erklärten, dass der Beschwerdeführer am 1
2.
April 2010 mit stabilem Kreislauf aufgenommen worden sei. In der computertomographischen Bildgebung habe sich das Projektil in situ ca. 2 cm subcutan auf Höhe des Proc. coracoideus rechts gezeigt. Noch gleichentags sei ein erster operativer Eingriff mit Débride
ment des Schusskanals, EF-Drainagen-Einlage und Primärverschluss vorge
nommen worden. Beim zweiten operativen Eingriff vom 1
4.
April 2010 sei dann die Projektilentfernung erfolgt. Bei komplikationslosem peri- und posto
perativem Verlauf habe der Beschwerdeführer am 1
6.
April 2010 unter antibio
tischer Therapie mit reizlosen Wundverhältnissen ohne neurologische Folgeer
scheinungen in die ambulante Weiterbehandlung durch den Hausarzt entlassen werden können (
Urk.
11/3.3).
2.2
Dr.
A.___
gab in seinem Bericht vom 2
4.
Juni 2010 an, dass die medizini
sche Erholung und Wundheilung nach der Entlassung (aus dem
B.___
) zunächst ereignislos gewesen sei. Nun bahne sich allerdings eine chronifizierende Schmerzsituation im rechten Nacken-Schulter-Arm Bereich an, gemäss Aussage des Physiotherapeuten mit palpabler Myogelose im Trapezius-Supraspinatus Bereich. Nach seiner Meinung dürfte die Hauptursache der protrahierten Rekonvaleszenz aber in der ungeklärten beruflichen und sozialen Situation lie
gen. So habe die Bäckerei, bei welcher der Beschwerdeführer als Chauffeur angestellt gewesen sei, für dessen Stelle bereits einen neuen Mann eingestellt. Der Beschwerdeführer habe nun mit einer leichten Arbeit halbtags (effektive Arbeitsfähigkeit 25
%
) in der Sandwich-Herstellung begonnen. Auch sei der familiäre Zwist, der zur Schiesserei geführt habe, immer noch schwebend. Am
6.
Mai 2010 sei der Beschwerdeführer in diesem Zusammenhang vorübergehend festgenommen und im verletzten Schulter-/Nackenbereich recht unsanft ange
fasst worden, was natürlich zu weiterer Exazerbation und Protrahierung des Schmerzsyndroms geführt habe. Für eine erfolgreiche Rehabilitation erachte er eine Intervention sowohl bezüglich Arbeitssituation als auch bezüglich seines sozialen Umfelds als unumgänglich (
Urk.
11/3.4).
2.3
Dr.
med.
D.___
, Facharzt FMH für Psychiatri
e und Psychotherapie, stellte im Fragebogen vom
7.
S
eptember 2010 die Diagnose
Angst und depressi
ve
Reaktion gemisch
t (ICD-10 F43.22
). Er kenne und behandle den Beschwer
deführer seit dem
9.
Juni 2010 im Zusammenhang mit seinen Ängsten und Albträumen sowie Schmerzen der rechten Schulter nach der Schussverletzung vom 1
2.
April 201
0.
Vorher habe es keine psychischen Auffälligkeiten gegeben. Mit einem Abschluss der Behandlung könne ca. Ende 2010 gerechnet werden. Aus psychiatrischer Sicht bestehe keine Arbeitsunfähigkeit (
Urk.
11/3.5-7).
2.4
Die Ärzte der Rheumaklinik des
B.___
führten mit dem Beschwerdeführer am 17. August und 13./1
4.
September 2010 im Auftrag der Beschwerdegegnerin ein Arbeitsassessment durch und diagnostizierten in ihrem Bericht dazu vom 16. November 2010 (1) ein
myofasziales zervikobrachiales Schmerzsyndrom (ICD-10 M79.19) und (2) eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1). Sie führten aus, dass der Verlauf nach der operativen Sanierung der Schussverletzung vom 1
2.
April 2010 schleppend gewesen sei. Trotz angepass
ter analgetischer Medikation hätten die Schmerzen im Bereich der Operations
narbe persistiert. Im Verlauf sei es zu einer Ausweitung der Schmerzen auf die rechte obere Extremität sowie zum Auftreten einer progredienten Kraftminde
rung des rechten Oberarmes gekommen. Bisherige physiotherapeutische Mass
nahmen hätten nur eine leichte Besserung gebracht. Aufgrund von Schlafstö
rungen und posttraumatischen Störungen sei der Beschwerdeführer zudem in psychotherapeutischer Behandlung. Die psychologische Beurteilung von lic. phil
E.___
am 22. September 2010 bestätige, dass er an einer posttraumati
schen Belastungsstörung nach Schussverletzung leide. Der Beschwerdeführer erlebe das Trauma in Albträumen und in sich aufdrängenden Erinnerungen (Flashbacks). Es bestehe ausserdem eine übermässige Schreckhaftigkeit und Schlaflosigkeit. Da der Täter noch nicht verurteilt sei und dessen Familie sich rächen möchte, sei die Gefahr für den Beschwerdeführer noch nicht vorbei. In der klinischen Untersuchung würden sich im Bereich des Halses ventrolateral sowie thorakodorsal rechts reizlose OP-Narben mit locoregionären Druckdolen
zen und auf tiefe Palpation Schmerzausstrahlung in die rechte obere Extremität zeigen. Zudem sei die Kraft von M4 der Mm. biceps, supraspinatus und delto
ideus vermindert bei unauffälliger Sensibilität. Aus somatisch-rheumatologi
scher Sicht betrage die Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Chauffeur etwa 80
%
. In einer leichten bis mittelschweren Tätigkeit sei aus rheumatologischer Sicht von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Zusätzlich bestehe aber auch ein psychisches Leiden mit Krankheitswert, wel
ches die Leistungs- und Arbeitsfähigkeit beeinträchtige. Das Ausmass dieser Beeinträchtigung könne von ihnen jedoch nicht genau quantifiziert werden und müsste durch einen Psychiater festgelegt werden (Urk. 11/3.17/2-3).
2.5
Dr.
D.___
erklärte im Fragebogen vom 1
8.
März 2011
(wohl Versanddatum der Beschwerdegegnerin)
, dass der Beschwerdeführer am 2
4.
März 2011 niederge
schlagen in seine Sprechstunde gekommen sei und mitgeteilt habe, dass ihn seine Ehefrau mit Kleinkind verlassen hätte. Diese Situation verstärke seine Verzweiflung und Ängste, die reaktiv auf die geschehenen Ereignisse seien. Er diagnostizierte (erneut) Angst und depressive Reaktion gemischt, reaktiv auf die vorangegangenen Ereignisse sowie die psychosoziale Belastungssituation (keine Arbeitsstelle). Der Beschwerdeführer sei fixiert auf die Schussverletzung und auf die Rache der Familie des Täters. Er habe den Beschwerdeführer, den er im Jahr 2010 elf Mal und im Jahr 2011 bisher sieben Mal gesehen habe, nie krankgeschrieben. Die Prozente der Arbeitsunfähigkeit seien durch
Dr.
A.___
festgelegt worden. Deswegen sei ein multidisziplinäres Gutachten bei einer MEDAS oder eine Begutachtung beim Vertrauensarzt der Beschwerdegegnerin empfehlenswert (
Urk.
11/3.
21
).
2.6
Die Ärzte der Interdisziplinären Schmerzsprechstunde des
B.___
gaben im Bericht vom 1
4.
Oktober 2011 an, dass sich beim Beschwerdeführer, der am 12. April 2010 eine Schussverletzung durch einen Bekannten erlebt habe, heute
eine ausgeprägte posttraumatische Belastungsstörung mit Vermeidungsverhalten, Wiedererleben und ausgeprägten Symptomen einer erhöhten psychischen Sensibi
lität und Erregbarkeit diagnostizieren lasse. Zusätzlich bestehe ein starker Ver
dacht auf eine somatoforme Schmerzstörung, die im Zusammenhang mit der Traumafolgestörung zu sehen sei. Aus rein rheumatologischer Sicht falle eine muskuläre Dysbalance mit druckdolenter Muskulatur mit hohem Tonus und Triggerpunkten rechtsbetont paravertebral zervikal und im Schultergürtelbe
reich auf. Bis auf eine nicht physiologische HWS-Haltung mit leichtgradiger Retrolisthese von C4 über C5 bei unauffälligen Röntgenbildern der HWS, der rechten Schulter (einschliesslich Schultersonographie) sei die Beweglichkeit sowohl in der HWS als auch in der Schulter aber gut erhalten. Auffällig seien eine ausgeprägte Ausweitungssymptomatik mit einem diskreten rechtsseitigen Hemineglect (Urk. 11/5.14/4).
2.7
Dr.
C.___
kam in seiner Aktenbeurteilung vom 2
8.
November 2011 zum Schluss, dass für die vom Beschwerdeführer im Sommer 2010 noch anhaltend geklagten myofaszialen Beschwerden im Bereich der rechten Schulter, des rechten Armes und des Nackens kein objektiviertes strukturelles Korrelat einer Verletzung bestanden habe, welche die Beschwerden hätte erklären können. Ein posttraum
atisches Belastungssyndrom sei
vom behandelnden Psychiater Dr.
D.___
nicht diagnostiziert
worden
. Im Vordergrund stehe eine Anpassungs
störung, deren Dauer nach Einschätzung von
Dr.
D.___
limitiert sei.
Dr.
D.___
habe aus psychiatrischer Sicht
auch
keine
Arbeitsunfähigkeit bestätigt.
Weiter sei darauf hinzuweisen, dass die familiären Auseinandersetzungen sowie die unsichere berufliche Situation bei Migrationshintergrund ohne Lehrabschluss für den Beschwerdeführer eine erhebliche psychosoziale Belastung darstellen würde. Im Hinblick auf die körperlichen Beschwerden sei die Behandlung bis und mit dem
1.
Oktober 2010 überwiegend wahrscheinlich unfallkausal, im Hinblick auf die psychischen Beschwerden bis zum 3
1.
Dezember 2010 (Urk. 11/4.1/28-36).
3.
3.1
Zu prüfen ist zunächst, ob die Einstellung der Heilbehandlungsleistungen betref
fend die somatischen Beschwerden per 1. Oktober 2010 zu Recht erfolgte.
3.2
Dr.
C.___
legte dazu in seiner Aktenbeurteilung vom 2
8.
November 2011
dar, dass im Sommer 2010 für die myofaszialen Beschwerden im Bereich der rech
ten Schulter, des rechten Armes und des Nackens gemäss radiologischer Untersuchung (vom 5. August 2010, vgl.
Urk.
11/3.9) kein objektiviertes struk
turelles Korrelat einer Verletzung mehr bestanden habe, welche diese Beschwerden hätte erklären können. Vaskuläre Strukturen seien bei der Schiesserei nicht beschädigt worden. Für eine Läsion einer neurologischen Struktur habe ebenso kein Anhaltspunkt bestanden. Zur hausärztlichen Begründung der fortdauernd attestierten Arbeitsunfähigkeit seien zahlreiche klar unfallfremde Gründe wie familiäre Zwistigkeiten, drohender Arbeitsplatz
verlust, Rechtsstreitigkeiten bzw. polizeiliche Ermittlungen etc. herangezogen worden, welche nicht hätten berücksichtigt werden dürfen. Im Hinblick auf die körperlichen Beschwerden sei die Behandlung daher bis und mit dem
1.
Oktober 2010 überwiegend wahrscheinlich unfallkausal (
Urk.
11/4.1/28-36). Diese Beurteilung von Dr.
C.___
zu von Ärzten der jeweiligen Fachbereiche vorge
nommenen Untersuchunge
n
, zu welcher er – entgegen den Darlegungen des Beschwerdeführers (
Urk.
1 S. 7) – sehr wohl kompetent war, ist ohne Weiteres nachvollziehbar und findet in den vorliegenden medizinischen Akten ihre Stütze. Das von den Ärzten der Rheumaklinik des
B.___
im Bericht vom 1
6.
November 2010 - gestützt auf die am 1
7.
August und 13./1
4.
September 2010 durchgeführten Untersuchungen - in somatischer Hinsicht diagnostizierte
myofasziale zervikobrachiale Schmerzsyndrom (ICD-10 M79.19; weitere soma
tische Diagnosen
wurden nicht genannt) ist dabei
nach
der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. etwa Urteil des Bundesgeric
hts U
339/06 vom
6.
März 2007 E. 4.1) nicht als organisch hinreichend nachweisbare Unfallfolge zu betrachten.
A
m
1.
Oktober
2010
waren daher
keine behandlungsbedürftigen organischen Unfal
lfolgen mehr ausgewiesen.
3.3
Die
Einstellung der Heilbehandlungsleistungen betreffend die somatischen Beschwerden per
1.
Oktober 2010
erweist sich deshalb
als rechtens.
4.
4.1
Im Weiteren ist zu prüfen, ob auch die Einstellung der Heilbehandlungsleistun
gen hinsichtlich der psychischen Beschwerden sowie
die Einstellung
der Tag
geldleistungen
je
per
1.
Januar 2011 zu Recht erfolgte.
4.2
Dr.
C.___
führte dazu in seiner Aktenbeurt
eilung vom 2
8.
November 2011
zutreffend
aus, dass ein posttraumatisches Belastungssyndrom vom behandeln
den Psychiater Dr.
D.___
nicht diagnostiziert worden sei
. Im Vordergrund stehe eine Anpassungsstörung, deren Dauer nach Einschätzung von
Dr.
D.___
limi
tiert sei. Die Medikation werde mit 20 mg Paroxetin einmal täglich sehr tief angesetzt.
Dr.
D.___
habe aus psychiatrischer Sicht keine Arbeitsunfähigkeit bestätigt, sondern vielmehr betont, dass der Beschwerdeführer möglichst rasch zu reintegrieren sei. Weiter sei darauf hinzuweisen, dass die familiären Ausei
nandersetzungen sowie die unsichere berufliche Situation bei Migrationshinter
grund ohne Lehrabschluss für den Beschwerdeführer eine erhebliche psychoso
z
iale Belastung darstellen würde
(Urk. 11/4.1/28-36).
4.3
Dr.
D.___
, bei dem der Be
schwerdeführer seit
Behandlungsbeginn
am
9.
Juni 2010 in der Regel alle zwei Wochen in der Sprechstunde war,
diagnostizierte sowohl am
7.
September 2010 als auch
Ende
März
2011 jeweils Angst und depressive Reaktion gemischt (vgl. E. 2.3 und E. 2.5).
Diese Diagnose ist nur zu verwenden, wenn keine der beiden Störungen ein Ausmass erreicht, das eine entsprechende einzelne Diagnose (etwa eine leichte depressive Episode, ICD-10 F32.0, oder eine generalisierte Angststörung, ICD-10 F41.1) rechtfertigen würde. Dabei werden Patienten mit dieser Kombination verhältnismässig milder Symptome in der Primärversorgung häufig gesehen. Noch viel häufiger finden sie sich in der Bevölkerung, ohne je in medizinische oder psychiatrische Behandlung zu gelangen (Dilling/Mombour/Schmidt, Internationale Klassifika
tion psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V [F], Klinisch-diagnostische Leitli
nien,
9.
Auflage, Bern 2014, S. 199). Eine solche Diagnose steht folglich der Ausübung einer Erwerbstät
igkeit kaum je – und gemäss Dr.
D.___
auch vorlie
gend nicht
(vgl. E. 2.3 und E. 2.5)
- massgeblich entgegen (vgl. Urteil des hiesi
gen Gerichts IV.2009.00790 vom 1
7.
März 2011 E. 4.3).
Schliesslich erklärte
Dr.
D.___
am
7.
September 2010
denn auch
,
dass er mit einem Behandlungsab
schluss ca. E
nde 2010 rechne (vgl. E. 2.3
).
Eine posttraumatische Belastungs
störung konnte
Dr.
D.___
-
wie
Dr.
C.___
richtig bemerkte
– indes
zu keinem Zeitpunkt feststellen. Nach der auf die diagnostischen Leitlinien der ICD-10 Bezug nehmenden Rechtsprechung des Bundesgerichts
soll
eine solche Störung grundsätzlich
aber nur diagnos
t
iziert werden,
wenn sie innerhalb von sechs Monaten
nach einem traumatisierenden Ereignis von aussergewöhnlicher Schwere auf
tritt
(vgl. Urteil des Bundesgerichts I 894/06 vom 1
6.
Oktobe
r 2007 E. 4, mit Hinweisen;
Dilling/Mo
mbour/Schmidt, a.a.
O., S. 208
).
4.4
Dem Kommentar
Dr.
C.___
s vom 2
8.
November 2011 zur von der Beschwerde
gegnerin in Auftrag gegebenen Observation des Beschwerdeführers i
st sodann zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer bereits im Herbst 2010 keinerlei Zei
chen einer sozialen Zurückgezogenheit mehr gezeigt habe. Vielmehr habe er sich von Beginn der Videobeobachtung an wiederholt unter verschiedenen Leuten gezeigt, vor allem Familienangehörigen. Sein Auftreten habe dabei sehr gepflegt, modisch-leger und keineswegs bedrückt oder gar verwahrlost gewirkt. Häufig sei er auch mit dem Auto gefahren, wobei allerdings nicht festgehalten sei, welche Strecken er dabei zurückgelegt habe (
Urk.
11/4.1/33).
4.5
Des Weiteren ist
aktenkundig, dass beim Beschwerdeführer im Anschluss an das Unfallereignis vom 1
2.
April 2010 eine erhebliche psychosoziale Belastungssi
tuation aufgetreten ist. So wurde dem Beschwerdeführer, der über keinen Lehr
abschluss verfügt, zunächst
per Ende September 2010 die Stelle als Chauffeur bei der
Y.___
gekündigt (
Urk.
11/2.31)
. Zudem gab der Beschwerde
führer
mehrfach
an, dass er und seine Familie von der Familie des Bekan
nten, der ihn in den Hals geschossen hatte
und der anscheinend in der u
nmittelbaren Nachbarschaft wohnhaft ist
(gemäss Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
7.
Februar 2011 ist
die Adresse des
Bekannte
n
F.___
und
diejenige des Beschwerdeführers
G.___
in
Z.___
, vgl.
Urk.
11/8.7/1), bedroht würden (
Urk.
11/3.17/2
, E. 2.2 und E.
2.4
). Im Februar 2011 erstattete
der Bekannte dann auch
Strafanzeige gegen den Beschwerde
führer (
Urk.
11/4.1/32) und wurde in der Folge hinsichtlich des Vorfalles vom 1
2.
April 2010 vor Gericht wegen Notwehr
offenbar
freigesprochen (der Streit
fall sei derzeit vor Bundesgericht pendent,
Urk.
1 S. 5). Hinzu kam auch noch ein Konflikt in der eigenen Familie, der dazu führte, dass die Ehefrau den Beschwer
deführer mit ihrem gemeinsamen Kleink
ind im März 2011 verliess (
Urk.
11/3.21/1). Inzwischen wurde diese Ehe auch geschieden (
Urk.
1 S. 5).
4.6
Aufgrund des
seit
Behandlungsbeginn
bei
Dr.
D.___
am
9.
Juni 2010
unveränder
ten, vergleichsweise milden psychischen Beschwerdebildes
(vgl
.
E.
4.3)
, des gemäss
Kommentar zur
Observation unauffälligen Alltagsverhaltens des Be
schwerdeführers im Herbst 2010
(vgl. E. 4.4)
und
der nach dem Unfall
vom 1
2.
April 2010
hinzugetreten
en
erheblichen psychosozialen Belastungssi
tuation (Stellenverlust, Bedrohungssituation,
Ehekrise mit späterer Trennung
, vgl. E. 4.5
)
ist
daher mit Dr.
C.___
(
Urk.
11/4.1/36)
nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrsch
einlichkeit davon auszugehen
, dass
die
z
um Zeitpunkt des durch
den behandelnden Psychiater
Dr.
D.___
vorgesehenen Behandlungs
abschlusses
per
Ende 2010 noch vorhandenen psychischen Beschwerden nicht mehr – und zwar auch nicht mehr teilweise – natürlich kausal zum Unfallge
schehen
vom 1
2.
April 2010
waren. Ab diesem Zeitpunkt sind sie vielmehr
überwiegend wahrscheinlich ausschliesslich auf die seit dem Unfall
entstandene
erhebliche
psychosoziale Belastungssituation zurückzuführen.
4.7
Auch die Einstellung der Heilbehandlungsleistungen betreffend die psychischen Beschwerden sowie die Einstellung der Taggeldleistungen
je
per
1.
Januar 2011
erweisen sich somit
als korrekt
.
Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
5
.
5
.1
Da das
vorliegende
Verfahren kostenlos ist, erweist sich
das Gesuch des Beschwer
deführers um unentgeltliche Pr
ozessführung
als obsolet.
5
.2
Das Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche Rechtsvertretung ist
demge
genüber
zu bewilligen, und es ist ihm antragsgemäss Rechtsanwalt Jürg Federspiel als unentgeltlicher Rechtsvertrete
r zu bestellen, da
der
vorliegende
Prozess nicht als von vornherein aussichtslos bezeichnet werden kann und der Beschwerdeführer bedürftig ist (
Urk.
7)
.
Die Entschädigung ist
dabei ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses nach Ermessen auf
Fr.
1‘900.-- (inklusive Barausla
gen
und Mehrwertsteuer) festzulegen
.
Kommt der Beschwerdeführer künftig in günstige wirtschaftliche Verhältnisse, kann ihn das Gericht zur Nachzahlung der Auslagen für die unentgeltliche Rechtsvertretung verpflichten (
§
16
Abs.
4 des Gesetzes über das Sozialversi
cherungsgericht, GSVGer).
Das Gericht beschliesst:
In Bewilligung des Gesuchs vom
5.
April 2013 wird dem Beschwerdeführer Rechtsanwalt Jürg Federspiel, Zürich, als unentgeltlicher Rechtsvertreter für das vorliegende Verfahren bestellt.
und
erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Das Verfahren ist kostenlos.
3.
Der unentgeltliche Rechtsvertreter des Beschwerdeführers, Rechtsanwalt Jürg Feder
spiel, Züri
ch, wird mit
Fr.
1‘900.--
(inkl. Barauslagen und MWSt) aus der Gerichts
kasse entschädigt. Der Beschwerdeführer wird auf
§
16
Abs.
4 GSVGer hingewiesen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Jürg Federspiel
-
Rechtsanwalt Oskar Müller
-
Bundesamt für Gesundheit
sowie an:
-
Gerichtskasse
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismit
tel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDer Gerichtsschreiber
HurstKreyenbühl