# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** de6ee706-62e3-5a80-bbcf-86e3b3d0d631
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2019-11-13
**Language:** de
**Title:** In den medizinischen Akten sind keine echtzeitlichen Beobachtungen enthalten, weshalb diese als Grundlage für ein psychiatrisches Gerichtsgutachten nicht herangezogen werden können. Auf die Anordnung eines Gerichtsgutachtens ist daher zu verzichten. Abweisung. (BGE 4A_12/2020)
**Docket/Reference:** KK.2019.00021
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/KK.2019.00021.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
KK.2019.00021
II. Kammer
Sozialversicherungsrichter Mosimann, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Käch
Sozialversicherungsrichterin Romero-Käser
Gerichtsschreiberin Tiefenbacher
Urteil
vom
1
3.
November 2019
in Sachen
X.___
Klägerin
vertreten durch Rechtsanwalt Silvan Meier Rhein
advokatur rechtsanker
Ankerstrasse 24, Postfach 9822, 8036 Zürich
gegen
CSS Versicherung AG
Hauptsitz, Abteilung Recht & Compliance
Tribschenstrasse 21, Postfach 2568, 6002 Luzern
Beklagte
Sachverhalt:
1.
1.1
X.___
, geboren 1963, war seit 1. August 2014 als Sales Manager bei der
Y.___
AG angestellt (Urk. 2/16) und dadurch bei der CSS Versicherung AG (nachfolgend CSS) im Rahmen einer Kollektiv-Kran
kentaggeldversicherung nach dem Bundesgesetz über den Versicherungsvertrag (VVG) gegen Erwerbsausfall bei Krankheit versichert (Urk. 2/2/2). Ab 12. Januar 2015 wurde ihr bis 31. Januar 2016 eine 100%ige und alsdann eine 50%ige Arbeitsf
ähigkeit attestiert (Urk. 2/2/13-20
). Die CSS leistete Taggelder entspre
chend einer Arbeitsunfähigkeit von 100 % (Urk. 2/2/26, Urk. 2/2/32).
Gestützt auf das von ihr bei
Dr.
med. Dipl. Psych.
Z.___
, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, in Auftrag gegebene Gutachten vom 31. Mai 2015 (Urk. 2/2/29) stellte die CSS die Taggeldleistungen per 21. Mai 2015 ein (Urk. 2/8/6).
1.2
Am 4. Juli 2016 erhob die Versicherte gegen die CSS Klage und beantragte,
diese sei zu verpflichten, ihr Krankentaggelder à Fr. 227.76 für die Zeit vom 22. Mai 2015 bis 31. Januar 2016 (255 Tage) auf der Basis einer 100%igen Arbeitsunfä
higkeit (Fr. 58'078.80) und für die Zeit vom 1. Februar 2016 bis 31. Mai 2016 (121 Tage) auf der Basis einer 50%igen Arbeitsunfähigkeit
auszurichten (Urk. 2/1 S. 2).
Das hiesige Gericht wies die Klage mit Urteil vom 23. Novemb
er 2017 ab und entschädigte
den unentgeltlichen Rechtsvertreter (vgl. Urk. 2/12) mit Fr. 2'993.
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse (Urk. 2/28).
2.
Das Bundesgericht hob den kantonalen
Entscheid
in Bezug auf die Krankentag
gelder
mit Urteil vom 15. Mai 2019
(Urk. 2)
auf und wies die Sache zu neuer Entscheidung an das hiesige Gericht zurück
(Dispositiv-Ziff. 1
).
In Bezug auf die Höhe des dem unentgeltlichen Rechtsvertreters der Klägerin geschuldeten Betra
ges trat es auf die Beschwerde nicht ein (Dispositiv-Ziff. 2).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesgericht erwog zusammenfassend
(Urk. 1)
, das hiesige Gericht habe bei seiner antizipierten Beweiswürdigung in gewissen Punkten der Rechtsprechung des Bundesgerichts eine Tragweite zugemessen, die ihr nicht zukomme. Dadurch habe es die antizipierte Beweiswürdigung sowie die Würdigung des Parteigutach
tens unter falschen Voraussetzungen vorgenommen beziehungsweise insoweit jedenfalls seinen Entscheid nicht hinreichend begründet. Die Sache sei daher zurückzuweisen, damit das hiesige Gericht die inhaltlichen Einwände der Klägerin gegen das Parteigutachten behandle und über die Beweistauglichkeit des Gerichtsgutachtens neu entscheide
(E. 2.7)
.
Hinge
g
en erwog das Bundesgericht, es sei nicht offensichtlich unhaltbar, wenn das hiesige Gericht trotz der ange
führten Arztberichte Zweifel an den Behauptungen der Beschwerdeführerin hege, zumal das Parteigutachten der Beschwerdegegnerin zu diametral entgegengesetz
ten Ergebnissen komme. Die Beschwerdeführerin vermöge nicht aufzuzeigen, dass das hiesige Gericht in Willkür verfallen wäre, wenn es den Beweis für die Behauptungen der Beschwerdeführerin aufgrund der angeführten Arztzeugnisse als nicht erbracht erachte (E. 2.4)
2.
2.1
Unbestritten ist, dass die Klägerin bis zum 21. Mai 2015 zu 100 % arbeitsunfähig war; die Beklagte leistet
e
bis zu diesem Zeitpunkt das volle Taggeld (vgl. Urk. 2/2/32). Streitig und zu prüfen ist, ob zwischen dem 22. Mai 2015 bis 31. Mai 2016 aufgrund einer psychischen Erkrankung eine 100%ige Arbeitsun
fähigkeit ausgewiesen ist. De
n von den Parteien eingereichten massgebenden ärztlichen Berichten
ist Folgendes zu entnehmen:
2.
2
Dr.
med. A.___
, Facharzt für
Radiologie
, führte mit Bericht vom 20. Januar 2015 (Urk.
2/
2/6) aus, es bestünden multisegmentale degenerative Ver
änderungen der Halswirbelsäule (HWS; S. 2).
2.
3
PD
Dr.
med.
B.___
, Facharzt für
Neurochirurgie
,
C.___
, nannte mit Bericht vom
4.
Februar 2015 (Urk.
2/
2/8) folgende Diagnosen (S. 1):
-
schwere degenerative Veränderungen der gesamten
HWS
mit multiseg
mentalen Unkarthrosen und Gefügestörungen in
Halswirbel
kör
per (HWK)
3 gegenüber 4 und 5 gegenüber 6
-
Zustand nach Hyperextensionstrauma bei Kite-Unfall im Mai 2013
-
Zustand nach Herpes Zoster rechts im Bereich des Schulter-Blattes, etwa
Thorakalsegment
(Th) 2-3
-
n
icht eindeutig radikuläre Ausfälle rec
hts mit Parästhesien und Finger
streckerparese
Eine operative Therapie sei nur zu empfehlen, w
enn eine klare Instabilität vor
liege oder ein Wurzelkompressionssyndrom ein
deutig nachgewiesen sei (S. 3).
2.4
PD
Dr.
med. D.___
, leitender Arzt und Facharzt für
Radiologie
,
E.___
, führte mit Bericht vom 6. Februar 2015 (Urk.
2/
2/7
) aus, es liege eine Hypermobilität im Segment HWK 3/4 vor, sonst bestehe ein regelrechtes Alignement der Halswirbelsäule
(S. 1).
2.
5
Dr.
med.
F.___
, Praktischer Arzt,
nannte mit Bericht vom 19. Februar 2015 (Urk.
2/
2/21) folgende Diagno
sen (S. 1 Ziff. 1):
-
reaktive Depression
-
Burn-out Symptomatik
-
Zoster-N
euralgie
/Hypothyreose
Zur Anamnese führte er aus: „Zunehmende Überlastungssymptoma
tik, Familie und berufliche Belastungssituation, geschwächte Immunsituation führte zu Her
pes-Zoster, derzeit Neuralgie“. Als aktuelle Symptome
erwähnte er
:
„Zoster-Neu
ralgie, depressive Verst
immung, Schlafstörungen, psychovege
tativer Erregungs
zustand, Erschöpfungssyndrom“ (S. 1 Ziff. 5). Seit 12. Januar 2015 bis heute bestehe eine 100%ige Arb
eitsunfähigkeit (S. 2 Ziff. 8).
2.6
Dr.
med. G.___
, Fachärztin für Neurologie, führte mit Bericht vom 23. Februar 2015 (Urk.
2/
2/9/1-4) aus, klinisch-neurologisch fänden sich kaum objektivierbare Ausfallerscheinungen, zwar zeige sich im Seitenvergleich eine diffuse Schwäche im Bereich der rechten Hand, allerdings sowohl im Bereich der ulnaris- als auch medianusinnervierten Handmuskeln (diffuse Schwäche für alle Bewegungen der rechten Hand, des Weiteren ausserdem im Ausmass stark wech
selnd). Elektroneurographisch zeige sich allerdings eine Amplitudenmin
derung ausschliesslich im Bereic
h der motorischen Fasern des Nervus (N.)
ulnaris ohne Hinweis auf eine distale Schädigung dieses Nervs, bei völlig unauffälligem sen
siblem Antwortpotential trotz für die
Klägerin
sogar eher im Vordergrund ste
hender Sensibilitätsstörung
überwiegend im Dermatom des
N.
ulnaris bezie
hungsweise C8, weniger aber auch im Dermatom Th1 und 2, Th3,4,5. Am ehesten sei von einer partiellen unteren, am ehe
sten entzündlichen Plexusirrita
tion aus
zugehen - insbesondere auch unter Berücksichtigung der gesamten Anamnese, möglicherweise im Rahmen einer 2-maligen Herpes zoster-Infektion (retrospek
tive Beurteilung, sie habe die
Klägerin
seinerzeit mit dem Bläschen
ausschlag nicht gesehen!; S. 3).
2.
7
Mit Schreiben vom 17. April 2015
(Urk. 2/2/28)
führte
Dr.
F.___
zuhanden der Beklagten aus, bei der Klägerin liege eine agitierte Depression vor. Als Neben
diagnose, die sie gerne vorschiebe (wer sei schon gerne psychisch krank), liege eine schlecht zu behandelnde Zoster-Neuralgie im Dermatom C4 rechts vor. Da die Klägerin im Rahmen ihrer Krankheitsverarbeitung die verschiedenen Stellen ununterbrochen mit neuen fachärztlichen u
nd anderen Diagnosen und Befind
lichkeitsstörungen überhäufe, könne man genei
gt sein, sie als Simulantin hin
zu
stellen. Dies sei Symptom der Erkrankung und nichts desto weni
ger sei sie ernst
haft erkrankt.
2.8
Dipl.
p
sych. H.___
führte mit Zwischenbericht vom 27. April 2015 (Urk.
2/
2/10) aus, bei der Klägerin liege diagnostisch eine Somatisierungsstörung einhergehend mit einer agitierten Depression mittleren Grades vor dem Hinter
grund einer altruistischen Persönlichkeit vor. Seit ihrem Systemkollaps und der daraus resultierenden Arbeitsunfähigkeit zeichne sich eine Stabilisierung ihres allgemeinen psychischen Zustandes ab.
2.9
Dr.
Z.___
erstattete am 31. Mai 2015 (Urk.
2/
2/29)
ein von der Beklagten veran
lass
tes psychiatrisches Gutachten,
welches sich auf die ihm zur Verfügung gestellten
Unterlagen
sowie eine am 1
1.
Juli 2014 durchgeführte Untersuchung stützte.
Er nannte keine Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Er nannte folgende Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (S. 15 Ziff. 7):
-
Somatisierungsstörung (ICD-10 F45.0)
-
Anpassungsstörung mit depressiven und psychovegetativen Symptomen (ICD-10 F43.20)
-
Unwohlsein und Ermüdung
-
Eisenmangelanämie
-
Chronic fatigue Synd
ro
m - Neurasthenie nach ICD-10 F48.0
-
chronischer ständiger Gebrauch - Abhäng
igkeitssyndrom von Cannabi
noi
den (ICD-10 F12.25)
-
ständiger schädlicher Gebrauch von Nikotin (ICD-10 F17.25)
Sollte eine depressive Episode aufgetreten sein
, so sei diese inzwischen remit
tiert, aktuell lasse sich eine namhafte psychiatrische Störung nicht mehr eruieren. Die Klägerin
nenn
e
keine Kardinal
s
ymptome einer depressiven Störung nach ICD-10 F32/33, vor allem keine Symptome einer agitierten Depression.
Die Klägerin
leide unter den Folgen einer Neuralgie, Schmerzen, degenerativen Veränderungen ihres Knoch
e
ngerüstes, berichte von Symptomen einer Somatis
i
erungsstörung (
g
astro
intestinal, kardial, urogenita
l
,
Schmerzen
) nach F45.0, ein
e
m „empty-nest-syn
droms" (Tochter zieht aus),
Ü
berlastung durch Beruf und Familie
,
einer chroni
schen Erschöpfung (
Neurasthenie F48.0)
bei chroni
s
chem
Eisenmangel
und aktu
ell von einer Anpassungsstöru
ng mit de
pressive
r
und psycho
ve
ge
t
ative
r
Störung, die so mild
sei
, dass
Psychophar
maka
nicht zum Einsatz
kämen
. Deshalb
könne
daraus auch keine
Funktions
störung
abgeleitet werden, die
eine Arbeitsunfähig
keit rechtfertigen könne
. Die
berichtete
„Müdigkeit"
- bei bekanntem Eisenmangel -
, Mangel an der Fähigkeit zu fokussieren, die kleinen Befin
d
lichkeitsstörungen (V
e
rstimmungszustände
, Empfindlichkeiten, Mattigkeit,
Osteoporose, d
e
genera
tive Beschwer
d
en
musku
loskelet
t
al
usw.)
liessen
sich auch mit
sehr
grosser Wahr
scheinlichkeit als perimenopausale, physiologis
che
Beschwerden erklären, die eine Arbeitsunf
ähigkeit
nicht rechtfertigen könn
t
en
(S. 15 f. Ziff. 8).
Es f
ä
nden sich Hinweise
auf anhaltenden Cannabiskonsum. Ca
nnabis entfalte eine erhebliche
psychotrope
Wirkung, diese
könne
die von
der Klägerin geklag
ten Symptome auslösen. Aufgrund
des Ausschlusskriteriums G3 des
I
CD
-10
bei F32 und F33
könne eine „Major Depressi
on" ausg
e
schlossen werden. Psycho
phar
maka
seien
offensichtlich nicht notwendig und
würden
abgelehnt, ein Hin
weis
, dass eine namhafte depressive Störung nicht vorliegen
könne
.
Die Kläge
rin nehme oder habe
Aciclovir ein
genommen
, dieses Medikament ha
be erhebli
che Nebenwirkung
en, die dem Spektrum der ge
kl
agten Beschwerden ent
sprechen könn
t
en. Fazit: alles Punkte, die eine namhafte psychiatrische Störung aus
schliessen
würden und
damit auch eine anhaltende Arbeitsun
f
ähig
ke
it
(S. 17).
Es bestehe spätestens ab dem 22. Mai 2015 eine 100%ige Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit. Eine namhafte psychiatrische Erkrankung könne mit grosser Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Medizinisch begründ
bare Einschränkungen bestünden nicht. Eine Rückkehr an den alten Arbeitsplatz sei nicht mehr möglich. Der Klägerin sei gekündigt worden (S. 17 Ziff. 9). Es bestün
den aktuell keinerlei funktionelle Einschränkungen. Der Klägerin seien 8.4 Stun
den pro Tag an fünf Tagen pro Woche zumutbar (S. 17 Ziff. 12).
2.10
Die Fachpersonen des
E.___
nannten mit Bericht vom 28. Juli 2015 (Urk.
2/
2/11) als Hauptdiagnose einen Verdacht auf eine bipolare affektive Stö
rung, gegenwärtig hypomanische Episode (ICD-10 F31.0; S. 1). Die Klägerin sei im jetzigen Zustand zu 100 % arbeitsunfähig einzuschätzen. Es liege ein behand
lungsbedürftiges Krankheitsbild vor (S. 3).
2.11
Dr.
Z.___
nahm mit Schreiben vom 4. September 2015 (Urk.
2/
2/30) zum Bericht der
Fachpersonen des
E.___
vom 2
8.
Juli 2015
(vorstehend E. 3.14) Stellung und führte zusammenfassend aus, der Bericht sei in sich inkonsistent und widersprüchlich und die Schlussfolgerungen seien nicht nachvollziehbar (S. 2).
2.1
2
Mit Bericht vom 18. Februar 2016 (Urk. 2/2/12) nannte
Dr.
I.___
folgende Diagnosen (S. 4):
-
mittelgradige bis schwere depressive Episode (ICD-10 F32.1) mit somati
schem Syndrom
-
akzentuierte Persönlichkeitsstruktur mit emotional-instabilen Zügen
Er habe in seiner Funktion als unabhängiger Psychiater und aus voller Überzeu
gung die
Klägerin
vom 1. August bis 30. September 2015 als 100 % arbeitsun
fä
hig deklariert. Aus der intensiven Exploration habe sich für den Referenten der Eindruck ergeben, dass eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit spätestens seit März 2015 bestanden habe. Es sei darum für ihn nicht nachvollziehbar, warum sich die
Beklagte
als Krankentaggeldversicherung anhaltend weigere, der
Klägerin
die ihr zustehenden finanziellen Leistungen zukommen zu lassen. Die jetzige Situation der
Klägerin
werde massgeblich negati
v beeinflusst durch die finanzi
elle Notlage, die sich aus den fehlenden Krankentaggeldern ergeben habe. Die
Klägerin
sei beim Aufbau einer neuen Existenzgrundlage dringend darauf angewiesen, dass diese Gelder nachträglich nun endlich gezahlt würden. Eine völlige Dekompen
sation der
Klägerin
mit anhaltender Arbeitsunfähigkeit sei unbedingt zu verhin
dern (S. 4).
3.
3.1
Die Klägerin brachte gegen die Schlüssigkeit des Parteigutachtens von
Dr.
Z.___
vor
(Urk. 2/1)
, aus dessen Nachtrag vom 4. September 2015 ergebe sich eine ten
denziöse, einer o
b
jektiven Be
ur
teilung gänzlich fremde
, Ausrichtung (S. 8 f.
Ziff.
14). Aber auch inhaltlich sei die Beurteilung nicht nachvollziehbar und sie scheine klar interessensgesteuert
.
3.2
Laut Anamnese beschrieb die Klägerin gegenüber dem Gutachter
(E. 2.9)
folgende Beschwerden: Schlafprobleme, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Kribbeln und Taubheitsgefühle des rechten Arms (Neuralgie) sowie eine totale Erschöpfung, wobei sie körperlich und geistig erschöpft sei, alles sei ermattet, es sei ein Zusammenspiel von Körper und Geist. Entgegen der Auffassung des Hausarztes liege keine agitierte Depression vor, viel eher sei sie depressiv, müde und erschöpft. Sie leide unter erheblichen Konzentrationsstörungen,
sie könne sich schlecht fokussieren, habe kleine Aussetzer und kleine Gedächtnislücken, sie ziehe sich stark zurück, und sie fühle eine grosse innere Leere und grosse Sinn
losigkeit. Sie leide unter Zukunftsängsten und unter Zweifeln bis hin zur Ver
zweiflung. Sie fokussiere sich aktuell auf Menschen im sozialen Umfeld, die ihr guttäten, andere Menschen steuere sie gar nicht mehr an. Sie fühle sich als Neut
rum, es sei jede Lust und Sinnlichkeit abhandengekommen, sie fühle sich gar nicht mehr weiblich (
Gutachten
S. 4 f).
3.3
Dr.
Z.___
erlebte die Klägerin während der Exploration als eine angespannte, aber wenig depressive, auslenkbare Person mit lebhafter
,
aber unauffälliger Mimik und Psychomotorik, die auf ihn sportlich, eher exaltiert als agitiert wirkte, die gesti
kulierte und logorrhoisch sprach (
Gutachten
S. 12
Mitte
).
Die von der Klägerin subjektiv empfundenen erheblichen Konzentrationsstörungen und die geklagten Gedächtnislücken konnte
er
anlässlich des Gesprächs nicht objektivier
en
(
Gut
achten
S. 13
oben
).
Die Art und Weise, wie
Dr.
Z.___
die Klägerin anlässlich der Untersuchung erlebt hat, ist ungeachtet des Umstandes, dass sich die Klägerin anders fühlt
e
als von ihm wahrgenommen, als momentaner (im Zeitpunkt der Begutachtung
festge
stellter
) Psychostatus hinzunehmen.
3.4
Insoweit aber
Dr.
Z.___
feststellte, Antrieb und Libido seien als nicht gemindert berichtet worden, steht dies
zumindest betreffend Libido im Widerspruch
zu den Aussagen der
Klägerin
, wonach ihr
jede Lust und Sinnlichkeit abhandengekom
men
sei
und
sie
sich nicht mehr weiblich
fühle
. Dieser Zustand machte ihr offen
bar Sorgen, fügte sie doch ihrer Aussage hinzu, dass sie sich frage, wie di
es wei
tergehen solle, dies führ
e doch zur Einsamkeit
(
Gutachten
S. 5 Mitte)
.
A
uch wenn die Klägerin - wie sie
schilderte (
Gutachten
S.
12 Mitte
) - sich ab und zu mit männlichen Kollegen tr
af
, deutet dies nicht
auf eine uneingeschränkte Libido hin
, wies
sie
doch
laut Gutacht
er
ausdrücklich darauf hin, dass
diese
keine sexuellen Partner seien
(
Gutachten
S.
8 unten)
.
3.5
Was die Tagesstruktur betrifft,
kann dem Gutachten nicht schlüssig entnommen werden, ob
die Klägerin d
en im Begutachtungszeitpunkt aktuellen Tagesablauf
schilderte
, w
urde
darin, obwohl auf die Kündigung auf Ende März 2015
und
die
seitherige Arbeitslosigkeit
Bezug genommen wurde, doch
ausgeführt
,
sie
gehe
vormittags
und nachmittags
ins Büro
und versende
M
ails und Briefe und
versu
che Aufträge zu generieren
(Gutachten S. 12 oben)
. Sollte die Klägerin im Zeit
punkt der Begutachtung tatsächlich ihre freiberufliche Tätigkeit (vgl.
Gutachten
S. 12 oben)
vormittags und nachmittags wieder aufgenommen haben,
wäre dies ein nachvollziehbares Argument für die Annahme einer Arbeitsfähigkeit gewesen und
hätte dies in d
ie
Beurteilung des Gutachters einfliessen sollen. Wenn es sich
jedoch nicht um den im Zeitpunkt der Begutachtung aktuellen Tagesablauf
gehandelt haben
sollte, kann er für die Aussage, die Tagesstruktur sei erhalten geblie
ben, nicht herangezogen werden.
3.6
Dem Gutachten kann
ferner
nicht entnommen werden, welcher Art die geklagten Schlafprobleme sind, eine diesbezügliche Nachfrage durch den Gutachter ist offensichtlich unterblieben. Deshalb ist auch nicht nachvollzie
h
bar, weshalb
Dr.
Z.___
in seiner Beurteilung auf eine
schlechte Schlafhygiene, ohne Regel (
Gutachten
S.
13 oben)
bei allerdings
regelmässige
m
, zwar späte
m
Zubettgehen (zwischen 2.00 und 3.00 Uhr) und regelmässige
m
Aufstehen (zwischen 8.00 und 9.00 Uhr
;
Gutachten
S. 11 unten)
hinwies.
3.7
Insgesamt erweist sich das Gutachten von
Dr.
Z.___
als nicht schlüssig,
und es ist insbesondere aufgrund der ungenauen Erhebung
en durch den Gutachter ni
cht geeignet
, einem psychiatrischen Gerichtsgutachten
als Grundlage
zu dienen
.
4.
4.1
Arbeitsunfähigkeitsatteste bescheinigen zwar eine Arbeitsunfähigkeit, sie enthal
ten indessen keine echtzeitlichen Beobachtungen
der behandelnden
Ärzte
. Die Arbeitsunfähigkeitsatteste (Urk. 2/2/13.-20 und Urk. 2/2/22-24) können daher nicht
als Grundlage für ein Gerichtsgutachten herangezogen werden
.
Die medizinischen Berichte, die allein über den somatischen Gesundheitszustand der Klägerin Auskunft geben, können als Grundlage für ein psychiatrisches Gut
achten nicht herangezogen werden. Es handelt sich hierbei um die Berichte von
Dr.
A.___
(E. 2.
2
),
Dr.
B.___
(E. 2.
3
), PD
Dr.
D.___
(E. 2.
4
)
und
Dr.
G.___
(E. 2.
6
).
4.
2
Dr.
F.___
(E. 2.5
und 2.
7
)
diagnostizierte
in seinen Berichten unter anderem eine reaktive Depression
und eine Burn-out-Symptomatik
. Die von ihm aufgeführten, nicht näher umschriebenen Stichworte zur Symptomatik entsprechen den von der Klägerin widergegebenen Beschwerden und sind nicht geeignet, Rückschlüsse auf den Psychostatus zu ziehen.
Echtzeitliche
Beobachtungen wurden keine beschrie
ben.
Auch die von Psychologin
H.___
(E. 2.
8
)
aufgeführten Symptome entsprechen nicht von ihr gemachten echtzeitlichen Beobachtungen, sondern den von der Klä
gerin vorgetragenen Beschwerden.
Dr.
I.___
beschränkte sich in seinem Bericht (E. 2.1
2
)
darauf, die biographische Entwicklung, insbesondere den Verlauf innerhalb der letzten Jahre zu beschrei
ben. Dabei stütze er sich selbstredend auf Angaben der Klägerin und nicht auf eigene Beobachtungen.
4.
3
Einzig dem Bericht des
E.___
(E. 2.10)
können eigene Beobachtungen der behandelnden Fachpersonen entnommen werden. Allerdings deckt
der Beobachtungszeitraum
lediglich fünf Wochen ab, weshalb gestützt darauf allein kein psychiatrisches Gerichtsgutachten, welches den Gesundheitszust
and sowie die Arbeitsfähigkeit zwischen dem
22. Mai 2015
und dem
31. Mai 2016 abbilden sollte, erstellt werden kann.
5.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass
von einem vom Gericht in Auftrag
zu gebenden
Gerichtsgutachten
keine
neuen Erkenntnisse
zu erwarten
wären
, da
die medizinische Aktenlage
auch
einer
medizinische
n
Fachperson
keine
Rückschlüsse auf den gesundheitlichen Zustand sowie die Arbeitsfähigkeit der Klägerin
im strittigen Zeitraum
ermöglichen. A
uf die Einholung eines
Gerichtsg
utachtens
ist daher zu verzichten
. Damit gelingt es der Klägerin nicht, zu beweisen, dass
sie
überwiegend wahrscheinlich über den 21.
Mai 2015 hinaus arbeitsunfähig gewe
sen ist.
Es ist daher
nicht zu beanstanden, dass die Beklagte das Taggeld der Klägerin per 21. Mai 2015 einstellte. Die Klage ist dementsprechend abzuweisen.
6.
Nachdem das Urteil des hiesigen Gerichts vom 2
3.
November 2017 (
Urk.
28)
sei
tens des Bundesgerichts mit Urteil vom 1
5.
Mai 2019 (
Urk.
1
) aufgehoben wurde, ist
vorliegend
auch über die Prozesskostenverteilung neu zu befinden.
Zu den Prozesskosten gehören die Gerichtskosten und die Parteientschädigung (
Art.
95
Abs.
1 ZPO).
Gemäss
Art.
114 lit. e ZPO ist das Verfahren kostenlos. Der nicht berufsmässig vertretenen obsiegenden Beklagten steht praxisgemäss keine Parteientschädigung zu (BGE
133 III 439 E. 4).
Da der Klägerin mit der Rückweisung der Sache an das hiesige Gericht zu neuer Entscheidung kein weiterer Aufwand entstanden ist, ist von einer weitergehenden Entschädigung an den unentgeltlichen Rechtsvertreter als
der
bereits mit
aufge
hobenem
Urteil vom 23. November 2017
(
Urk.
28)
festgesetzte
n
abzusehen
.
Mit Verweis auf Ziffer 5.3 der Begr
ündung des aufgehobenen Urteils
ist der unent
geltliche Rechtsvertreter der Klägerin, Rechtsanwalt Silvan Meier Rhein, Zürich, mit insgesamt
Fr.
2'993.- (inkl. Mehrwertsteuer und Barauslagen) aus der Gerichtskasse zu entschädigen.
Das Gericht erkennt:
1.
Die
Klage
wird abgewiesen.
2.
Das Verfahren ist kostenlos.
3.
Der Beklagten wird keine Prozessentschädigung zugesprochen.
4.
Der unentgeltliche Rechtsvertreter der Klägerin, Rechtsanwalt Silvan Meier Rhein, wird mit
Fr.
2'993.- (inkl. Barauslagen und MWSt) aus der Gerichtskasse entschädigt. Die Klägerin wird auf die Nachzahlungspflicht gemäss
§
16
Abs.
4 GSVGer hingewiesen.
5
.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Silvan Meier Rhein
-
CSS Versicherung AG
-
Eidgenössische Finanzmarktaufsicht FINMA
sowi
e
an:
-
Gerichtskasse
6
.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde in Zivilsachen nach Art. 72 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundesge
setzes über das Bundesgericht (BGG) eingereicht werden. Die Frist steht während fol
gender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, 1000 Lausanne 14, zuzustellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismit
tel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizu
legen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
MosimannTiefenbacher