# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 7c14b26f-22b9-5881-98db-a3784771b7c0
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2020-05-13
**Language:** de
**Title:** Schadenersatzpflicht nach Art. 52 AHVG. Nicht AHV-pflichtige Krankentaggelder wurden in den deklarierten Lohnsummen berücksichtigt. Krankheit stellt keinen Exkulpationsgrund dar.
**Docket/Reference:** AK.2019.00016
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/AK.2019.00016.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
AK.2019.00016
IV. Kammer
Sozialversicherungsrichter Hurst, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Arnold Gramigna
Sozialversicherungsrichterin Fankhauser
Gerichtsschreiberin Stadler
Urteil
vom
1
3.
Mai 2020
in Sachen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch Rechtsanwalt
Dr.
Ulrich Weiss
Tösstalstrasse
23, 8400 Winterthur
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
X.___
war seit der Gründung am 2
1.
Dezember 2004 (Tagebucheintrag)
bis am
2.
Dezember 2013
als Präsident des Ver
wal
tungs
rates der
Y.___
AG mit Kollektivunterschrift zu zweien im Handels
register des Kantons Zürich einge
tra
gen
. Seit
dem
2.
Dezember 2013
amtete er als
einziges
Mitglied des Ver
waltungs
rates mit Einzeich
nungs
berechtigung
(vgl. Internetauszug aus dem Handels
register). Die
Y.___
AG war der Sozial
ver
sicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichs
kasse,
als beitrags
pflichtige Ar
beit
geberin ange
schlos
sen. Der Konkursrichter des Bezirks
gerichts
Winterthur
eröffnete mit Urteil vom
5.
De
zem
ber 2016
den Konkurs über die
Gesellschaft
. Mit Urteil desselben Rich
ters vom
1
5.
Dezember 2016
wurde das
Konkursverfahren mangels Aktiven einge
stellt
und die Gesell
schaft im Sinne von Art.
159
Abs.
5
lit
. a
der Handels
re
gis
ter
verordnung von Amtes wegen gelöscht (Urk. 6/
325
, Urk. 6/
328
).
Aus vor
gängig eingeleiteten Betreibungen
erwirkte
die Aus
gleichs
kasse für Beiträge bis zur Konkurser
öffnung Verlustschein
e
über
insgesamt
Fr.
32'154.35
(Urk. 6/
3
10
-315,
Urk.
6/
326,
Urk.
6/
332
)
.
Mit Verfügung vom
2.
Oktober
2018 forderte die Ausgleichskasse
von
X.___
für
entgangene Lohn- und FAK-Beiträge sowie Verwaltungskosten, Verzugs
zin
sen und Gebühren der Jahre 2014, 2015 und
2016 sowie nach Abzug von nach Konkurs
eröffnung entstandenen
K
osten in der Höhe von Fr. 133.10 Scha
den
ersatz im Umfang von Fr. 34'244.05 (Urk. 6/341/2f.). Gegen die Schaden
er
satz
verfügung erhob
X.___
am 31. Oktober 2018 (Urk. 6/342) sowie ergänzend am 2
6.
Januar 2019 (Urk. 6/361) und unter Beilage diverser Doku
men
te (Urk. 6/352-359) Einsprache. Die Ausgleichskasse hiess die Einsprache mit Ver
fügung vom 2
6.
März 2019 teilweise gut
im Sinne einer Re
duk
tion der Scha
den
ersatzsumme auf
Fr.
32'125.50
(Urk. 6/
363
= Urk. 2).
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom 2
6.
März 2019 erhob
X.___
am 13. Mai 2019 Beschwerde und beantragte dessen Aufhebung (Urk. 1 S. 2). Die Be
schwerdegegnerin
schloss
m
it Beschwerdeantwort vom 2
0
.
Juni
2019
auf
Ab
weisung der Beschwerde (Urk. 5
, unter Beilage der Kassenakten [
Urk. 6/1-365
]).
Mit Verfügung vom 2
4.
Juni 2019
wurde de
m
Beschwerdeführer
die Beschwer
de
antwort zur
Kenntnisnahme zugestellt (Urk. 7
).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art. 52 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenver
sicherung
(AHVG)
hat ein Arbeitgeber, der durch absichtliche oder grobfahrläs
sige Missachtung von Vorschriften der Versicherung einen Schaden zufügt, die
sen zu ersetzen. Handelt es sich beim Arbeitgeber um eine juristische Person, so haften subsidiär die Mitglieder der Verwaltung und alle mit der Geschäftsführung oder Liquidation befassten Personen. Sind mehrere Personen für den gleichen Schaden verantwortlich, so haften sie für den ganzen Schaden solidarisch (Art. 52 Abs. 2 AHVG).
1.2
Die Vorschriften über die Arbeitgeberhaftung nach Art. 52 AHVG sowie die dazu entwickelte Rechtsprechung des Bundesgerichts finden mangels eigener Bestim
mungen sinngemäss Anwendung auf die Invalidenversicherungs- (Art. 66 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung), Erwerbsersatz- (Art. 21 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Erwerbsersatz für Dienstleistende und bei Mutter
schaft) und Arbeitslosenversicherungsbeiträge (Art. 6 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung) sowie auf jene an die Familienausgleichskassen (FAK) gemäss dem Bundesgesetz über die Familienzulagen (Art. 25
lit
. c).
2.
2.1
Voraussetzung für eine Haftung nach Art. 52 AHVG ist zunächst das Vorliegen eines Schadens. Dieser besteht darin, dass der AHV ein ihr gesetzlich geschuldeter Beitrag entgeht. Die Höhe des Schadens entspricht dabei dem Betrag, dessen die Kasse verlustig geht (Thomas Nussbaumer, Die Ausgleichskasse als Partei im Schadenersatzprozess nach Artikel 52 AHVG, ZAK 1991 S. 383 ff. und 433 ff.). Verwaltungs- und Betreibungskosten, Veranlagungs- und Mahngebühren sowie die Verzugszinsen bilden Bestandteil des Schadens, welcher der Ausgleichskasse zu ersetzen ist (BGE 121 III 382 E. 3bb; vgl. auch BGE 109 V 95 oben, 108 V 189 E. 5). Im Hinblick auf die in Art. 14 Abs. 1 AHVG normierte Beitrags- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers gehören auch die Arbeitgeberbeiträge zum massgeblichen Schaden (BGE 98 V 26 E. 5).
2.2
Gemäss Kontoauszug vom 27. September 2018 bezahlte die
Y.___
AG Lohnbeiträge für die Jahre 2014, 2015 und 2016 (inkl. Nebenkosten) im Umfang von total Fr.
34'377.15
nicht (Urk. 6/362/14-19).
Im angefochtenen
Einspracheentscheid
vom 26. März 2019 (Urk. 2) machte die Be
schwerdegegnerin den Beschwerdeführer für unbezahlt gebliebene
Akonto
bei
träge
für die Jahre 2014, 2015 und 2016
(
einschliesslich dazugehörige Mahnge
bühren, Verzugszinsen und Betreibungskosten
)
haftbar, wobei sie die
«
Guthaben
»
aus den Schlussrechnungen 2014 und 2015 (Pos. 2016 0001 und Pos. 2017 0001,
Urk.
6/362 S. 17 und S. 18) berücksichtigte und Beiträge für
das 4.
Quartal 2016, die erst
nach Konkurs in Rech
nung gestellt
wurden und zu bezahlen gewesen wären
,
im Umfang der effektiv
geschuldeten
Beiträge von
Fr.
1'900.70 (Pos
.
2016 0007
des
korrigierte
n
Konto
auszug
es
[
Urk.
6/362 S. 18]) sowie
die erst nach der Konkurseröffnung
angefallenen
Mahngebühren, Verzugszinsen und
Be
treibungs
kosten in der
Höhe von total Fr.
350.95
(Pos.
2016 0004 und Pos. 2016 0005
des Kontoauszuges)
nicht zur Schadenersatzsumme zählte
(
Fr.
34'377.15 ./.
Fr.
1
’
900.
70 .
/.
Fr.
350.95)
.
Diese Forderung ist anhand der Kassenakten
,
insbesondere des Kontoauszuges vom 27. September 2018 (Urk. 6/362)
sowie des Kontrollberichtes des Kassenre
visors vom 1
6.
Juni 2017
samt Lohndeklarationen 2015 und 2016 (
Urk.
6/334-338
)
und der Lohndeklaration 2014 (
Urk.
6/270),
hinreichend sub
stanti
iert dar
gelegt und
ausgewiesen sowie mit den
vorhandenen Verlustscheine
n
vom
3.
Ok
tober
2016 (
Urk. 6/310-315),
2.
Dezember 2016 (
Urk.
6/326) und
9.
Februar 2017 (
Urk.
6/332
)
verbrieft
.
Der Einwand
des Beschwerdeführers
, Krankentaggelder unterstünden nicht der Beitragspflicht, trifft an sich zu (
vgl.
Art.
6
Abs.
2
lit
. b
der Verordnung über die Alters- und
Hinterlassen
en
versicherung
(AHVV)
).
Demgegenüber unterstehen Leistungen des Arbeitgebers für den Lohnausfall infolge Krankheit der Beitrags
pflicht (
Art.
7
lit
. m AHVV).
Massgebend für die Beitragspflicht ist, wer effektiv die Leistung er
bringt (BGE 128 V 176 E. 2 und 3 S. 178 ff, 113 V 161 E. 5 S. 167 f.).
Mit
der Lohndeklaration für das Jahr 2014
bescheinigte
die Gesellschaft Lohn
zahlung
en von insgesamt
Fr.
170'768.55 (
Urk.
6/270), wobei die im Jahr 2014 ausbezahlten Krankentaggelder - laut
Angaben
des Beschwerdeführers im Rah
men der AHV-Schlussrevision - darin berücksichtigt seien (vgl. Urk. 6/338/14).
Im Zuge der AHV-Revision im
Januar
2017 wurden die Lohn
dekla
rationen der Jahre 2015 und 2016 erstellt
. Dabei wurde für das J
ahr 2015 eine Lohnsumme von Fr.
225'686.-- (vgl.
Urk.
6/336) und für das Jahr 2016 ei
ne
solche
von Fr. 54'662.-- (vgl. Urk.
6/334) angenommen, was angesichts der vom Be
schwer
de
führer bereit
ge
stellten Übersicht über die AHV-pflichtigen Lohn
summen nach Abzug der aus
be
zahlten Taggelder seit 2013 (vgl.
Urk.
6/338/13; demnach wur
den im Jahr 2015 Löhne in der Höhe von Fr. 229'023.15 und im Jahr 2016 solche von Fr. 58'460.-- ausbezahlt)
kein Anlass zu Korrekturen gibt
.
Überdies wird die Scha
dens
höhe vom Be
schwerde
füh
rer nicht weiter bestritten.
3.
3.1
Art. 14 Abs. 1 AHVG und die Art. 34 ff.
AHVV
schreiben vor, dass der Arbeitge
ber bei jeder Lohnzahlung die Arbeitnehmerbeiträge in Abzug zu bringen und zusammen mit den Arbeitgeberbeiträgen der Ausgleichskasse zu entrichten hat. Die Arbeitgeber haben den Ausgleichskassen periodisch Abrechnungsunterlagen über die von ihnen an ihre Arbeitnehmer ausbezahlten Löhne zuzustellen, damit die entsprechenden paritätischen Beiträge ermittelt und verfügt werden können. Die Beitragszahlungs- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers ist eine gesetz
lich vorgeschriebene
öffentlichrechtliche
Aufgabe. Die Nichterfüllung dieser
öffentlichrechtlichen
Aufgabe bedeutet eine Missachtung von Vorschriften im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG und zieht die volle Schadendeckung nach sich (BGE 118 V 193 E. 2a; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.6).
3.2
Nach
Art.
34
Abs.
1
lit
. a AHVV haben die Arbeitgeber der Ausgleichskasse die Beiträge monatlich oder, bei jährlichen Lohnsummen unter 200‘000 Franken, vierteljährlich zu bezahlen.
Die für eine Zahlungsperiode geschuldeten Beiträge sind innert zehn Tagen nach deren Ablauf zu bezahlen (Art. 34 Abs. 3 1. Satz AHVV).
Gemäss
Art.
35
Abs.
1 AHVV haben die Arbeitgeber im laufenden Jahr periodisch
Akontobeiträge
zu entrichten. Diese werden von der Ausgleichskasse auf Grund der voraussichtlichen Lohnsumme des Beitragsjahres festgesetzt
,
wobei sich die Ausgleichskasse dabei auf die letzte bekannte Lohnsumme unter Berück
sichtigung der zu erwartenden Lohnentwicklung stützt und die Angaben der Arbeitgeber berücksichtigt.
Gemäss
Art.
36
AHVV haben die Arbeitgeber die Löhne innert 30 Tagen nach Ablauf der Abrechnungsperiode abzurechnen (Abs. 2). Die
Ausgleichskasse
nimmt
den Ausgleich zwischen den geleisteten
Akontobeiträgen
und den tatsächlich geschuldeten Beiträgen aufgrund der Abrechnung der Arbeitgeber vor
.
Ausstehende Beiträge sind innert 30 Tagen ab Rechnungsstellung zu bezahlen. Überschüssige Beiträge werden von der Aus
gleichskasse zurückerstattet oder verrechnet
(Abs. 4)
. Die Abrechnungsperiode umfasst das Kalenderjahr
(Abs. 3)
.
3.3
Den Kassenakten ist zu entnehmen, dass die Gesellschaft ihren Pflichten nicht nachgekommen ist und damit öffentlich-rechtliche Vorschriften missachtet hat.
In den Jahren 2014, 2015 und 2016 richtete die Gesellschaft Lohnzahlungen von insgesamt Fr.
451
'
116
.
55
(Fr.
170
'
768
.
55
[Urk. 6/
270
] + Fr. 2
25
'
686
.-- [Urk.
6/336
]
+ Fr. 54'662.-- [
Urk.
6/334]
) aus, blieb aber der Beschwerdegegnerin geschuldete Sozialversicherungsbeiträge (inkl. Mahn- und Betreibungskosten sowie Verzugszinsen) in der Höhe von Fr.
34
'
377
.
1
5 schuldig, womit die Gesell
schaft ihren Zahlungspflichten nicht nach
gekommen ist. Aus den Akten ist
ersicht
lich, dass die Gesellschaft für die Beglei
chung der Beiträge etliche Male gemahnt (vgl. Urk. 6/
219
, Urk. 6/
250
, Urk. 6/
251
, Urk. 6/
263
, Urk. 6/
279
, Urk. 6/
288
, Urk. 6/
298
, Urk. 6/
316
) und in der Folge betrieben werden musste (Urk. 6/
233
, Urk. 6/
255
-256
, Urk. 6/
259-260
, Urk. 6/
280,
Urk.
6/283,
Urk.
6/289, Urk. 6/300,
Urk.
6/319
), was letztlich zum ausgewiesen
en Schaden in der Höhe von Fr. 34
'
377
.
1
5
für die Beiträge der Jahre 2014,
2015
und 2016
führte (vgl.
E.
2
.2 vorstehend
).
Ferner rechnete sie die Lohnbeiträge 2015 nicht ab.
Zu prüfen bleibt, inwieweit diese Missachtung
öffentlichrechtlicher
Arbeitgeber
pflichten auf grobfahrlässiges oder vorsätzliches Verhalten des Beschwerde
füh
rers zurückzuführen ist.
4.
4.1
Die wesentliche Voraussetzung für die Schadenersatzpflicht besteht nach dem Wortlaut des Art. 52 AHVG darin, dass der Arbeitgeber absichtlich oder grob
fahrlässig Vorschriften verletzt hat und dass durch diese Missachtung ein Scha
den verursacht worden ist (BGE 108 V 183 E. 1a). Absicht beziehungsweise Vorsatz und Fahrlässigkeit sind verschiedene Formen des Verschuldens. Art. 52 AHVG statuiert demnach eine Verschuldenshaftung, und zwar handelt es sich um eine Verschuldenshaftung aus öffentlichem Recht. Die Schadenersatzpflicht ist im konkreten Fall nur dann begründet, wenn nicht Umstände gegeben sind, wel
che das fehlerhafte Verhalten des Arbeitgebers als gerechtfertigt erscheinen lassen oder sein Verschulden im Sinne von Absicht oder grober Fahrlässigkeit ausschliessen. In diesem Sinne ist es denkbar, dass ein Arbeitgeber zwar in vorsätz
licher Missachtung der AHV-Vorschriften der Ausgleichskasse einen Schaden zufügt, aber trotzdem nicht schadenersatzpflichtig wird, wenn besondere Umstände die Nichtbefolgung der einschlägigen Vorschriften als erlaubt oder nicht schuldhaft erscheinen lassen (BGE 108 V 183 E. 1b; ZAK 1985 S. 576 E. 2 und S. 619 E. 3a).
4.2
4.2.1
Grobe Fahrlässigkeit liegt praxisgemäss vor, wenn ein Arbeitgeber das ausser Acht lässt, was jedem verständigen Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als beachtlich hätte einleuchten müssen. Das Mass der zu ver
langen
den Sorgfalt ist abzustufen entsprechend der Sorg
faltspflicht, die in den kauf
männischen Belangen jener Arbeitgeberkategorie, welcher die betreffende Person angehört, üblicherweise erwartet werden kann und muss (BGE 112 V 156 E. 4 mit Hinweisen; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.6).
4.2.2
Nicht jedes einer Firma als solcher anzulastende Ver
schulden muss auch ein solches ihrer sämtlichen Organe sein. Vielmehr hat man abzuwägen, ob und inwieweit eine Handlung der Firma einem bestimmten Organ im Hinblick auf dessen rechtliche und faktische Stellung innerhalb der Firma zuzurechnen ist. Ob ein Organ schuldhaft gehandelt hat, hängt demnach entscheidend von der Ver
antwortung und den Kompetenzen ab, die ihm von der juristischen Person über
tragen wurden (BGE 108 V 199 E. 3a; ZAK 1985 S. 620 E. 3b). Bei einfachen Verhältnissen muss vom einzigen Verwaltungsrat einer Aktiengesellschaft, der als solcher die Verwaltung der Gesellschaft als einzige Person in Organstellung zu besorgen hat, in der Regel der Überblick über alle wesentlichen Belange der Firma verlangt werden, und dies selbst dann, wenn er seine Befugnisse weitge
hend an einen Geschäftsführer delegiert hat. Er kann mit der Delegation der Geschäftsführung nicht zugleich auch seine Verantwortung als einziges Verwal
tungsorgan an den Ge
schäftsführer delegieren (BGE 108 V 199 E. 3b).
4.3
4.3.1
Der Beschwerdeführer war seit der Gründung der Gesellschaft im Dezember 2004 bis zu deren Auflösung im März 2017 als Mitglied des Verwaltungsrates
,
seit Dezember 2013
als einziges Mitglied des Verwaltungsrates
mit Einzelzeichnungs
berechtigung im Handelsregister ein
ge
tragen und somit deren formelles Organ.
Überdies war der Beschwerdeführer mit der Geschäftsführung der Gesellschaft betraut (vgl.
Urk.
6/338/4).
Als einziger
Verwaltungsrat
war er für einen korrek
ten Abrechnungs- und Zahlungs
verkehr mit der Beschwerdegegnerin verantwort
lich.
Aus den
Lohndeklarationen (
Urk. 6/8
6
, Urk. 6/1
25
, Urk. 6/
147
, Urk. 6/
209
, Urk. 6/
270
, Urk. 6/
334
, Urk. 6/
336
) sowie dem
Einvernahme
protokoll
(
Urk. 6/
338
) ergibt sich, dass es sich bei der Gesellschaft um ein klei
nes Unter
nehmen mit - nebst de
m Beschwerdeführer
-
zeitweise höchstens
drei
zusätz
lich
en Angestellten han
delte
. Bei derart leicht überschau
baren Verhält
nis
sen muss von jedem
Geschäfts
führungs
- und Verwaltungsrats
mitglied einer
Aktien
g
esell
schaft verlangt werden, dass es den Überblick über alle wesentli
chen Belange des Unternehmens hat. In diesen Konstellationen werden praxisge
mäss auch erhöhte Anforderungen an Kennt
nis und Erledigung von Abrechnungs- und Zahlungs
verkehr mit der Aus
gleichs
kasse gestellt.
Denn vom
Verwaltungsrat
einer
AG
wird von Gesetzes wegen (
Art.
716a
Abs.
1 des Obli
gationenrechts [OR]
) verlangt, dass er den Überblick über alle wesent
lichen Belange der Firma wahrt und sämtliche gesetzlichen Pflichten einhält, worunter auch die Abrechnung und die Abgabe der Sozial
ver
siche
rungs
beiträge fallen.
Diesen Vor
gaben ist
der Beschwerdeführer
offenkundig nicht nach
ge
kom
men, wie die zahl
reichen Mahnungen, Betreibung
en und Zahlungs
befehle bele
gen (vgl. E.
3
.
3 hier
vor
).
Der Beschwer
deführer
muss sich demnach den Vorhalt gefallen lassen, dass
die
Y.___
AG
in den Jahren 201
4
bis 201
6
trotz Rückstände bei den
gesetzlich geschuldeten Sozial
versiche
rungsbei
träge
n
weiterhin Loh
n
zah
lungen ausrichtete. Mit anderen Worten wurde den Lohnzahlu
ngen Priorität vor der Bei
trags
ent
richtung ein
geräumt, wodurch die Beschwerdegegnerin zu Schaden kam.
Werden bei ungenügender Liquidität die einen Forderungen bezahlt, andere aber nicht, ist dies grundsätzlich nicht grobfahrlässig. Nach der Rechtsprechung zu Art. 52 AHVG ist es allerdings – allenfalls abgesehen von kurzfristigen Ausstän
den – grobfahrlässig, Löhne zu bezahlen, wenn die darauf geschuldeten AHV-
Beiträge nicht gedeckt sind. Gegenteiliges Verhalten ist den verant
wort
lichen Orga
nen grundsätzlich als qualifiziertes Verschulden zuzurechnen, was die volle Schadenersatzpflicht nach sich zieht, sofern die übrigen Haftungs
voraus
setzun
gen ebenfalls erfüllt sind. Der Grund liegt in der besonderen Natur der AHV-Beträge, hinsichtlich welcher der Arbeitgeber die Funktion eines Vollzugs
organs ausübt (Art. 51 AHVG). Daraus resultiert eine besondere Pflicht, für die ordnungs
gemässe Bezahlung der Beiträge zu sorgen (Urteil des Bundes
gerichts 9C_311/2
015 vom 9. Juli 2015 E. 4.2.2). Falls daher die Liquiditäts
situation die Begleichung der vollen Bruttolöhne zuzüglich des Beitragsanteils des Arbeitge
bers nicht zu
lässt, sind die Lohnzahlungen praxisgemäss auf ein Mass zu redu
zieren, welches die Entrichtung der darauf anfallenden Sozial
versicherungsbei
träge erlaubt (vgl. etwa bereits Urteil des damaligen Eidge
nössischen Versiche
rungsgerichts H 69/05
vom 15. März 2006 E. 5.3.3 mit Hin
weis; ferner Bundes
gerichtsurteil 9C_328
/2012 vom 11. Dezember 2012 E. 5.1 mit Hinweis auf Marco
Reichmuth
, Die Haftung des Arbeitgebers und seiner Organe nach Art. 52 AHVG, 2008,
Rz
673 und 952 mit weiteren Hinweisen).
Als
seit Ende 2013
einzige
s
Verwaltungsrat
smitglied
einer kleinen
AG
wusste
der Beschwerdeführer
um die finanzielle Lage der
Gesellschaft
(oder hätte darum wissen müssen). Indem
er
es zuliess oder selber veranlasste, dass fortlaufend Löhne ausgerichtet wurden, für die die Gesellschaft offensichtlich nicht in der Lage war, die entsprechenden Sozial
ver
sicherungs
bei
träge abzuführen, nahm
er
zumindest eventualvorsätzlich einen Schaden der Sozialversicherungen in Kauf.
4.3.2
Der Beschwerdeführer machte
geltend, er sei aufgrund der psychischen Gesund
heits
beeinträchtigung krankheitsbedingt nich
t in der Lage gewesen, sich ord
nungs
gemäss um die Geschäfte zu kümmern. Darauf hinweisend reichte er eine
Bestätigung von
Dr.
med.
Z.___
, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, der
während der psychiatrischen Behandlung
attestierten
krankheitsbedingte
n
Ar
beits
unfähigkeit zu den Akten (vgl.
Urk.
6/358
). Daraus geht hervor, dass der Be
schwerdeführer vom 1
3.
Dezember 2013 bis
9.
März 2014 zu 100
% arbeits
unfä
hig war.
Danach
war er bis zum 21.
April 2014 zu 80 %, bis 2
1.
Juli 2014 zu 60
% und schliesslich bis Ende Juli 2014 noch zu 40
%
arbeitsunfähig
.
Ab August 2014 wurde dem Beschwerdeführer keine Arbeitsunfähigkeit mehr attestiert.
Aus dem Kontoauszug vom 2
7.
September 2018 (
Urk.
6/362) ergibt sich, dass die
ver
lustig gegangenen
Beiträge aus dem Jahr 2014 die Lohnbeiträge für
Oktober bis Dezember 2014 betra
f
en
und damit zur Zahlung fällig
wurden
, als der Beschwer
deführer be
reits wieder vollständig arbeitsfähig
geschrieben
war. Überdies geht aus dem Kontoauszug her
vor, dass
die Gesellschaft bereits seit dem Jahr 2010 regelmässig gemahnt und betrieben werden musste (
Urk.
6/362 S. 4ff.)
. Des Wei
teren wäre es seine Pflicht als einziger Verwaltungsrat und Geschäftsführer gewesen, dafür zu sorgen, dass die Geschäfte der Gesellschaft auch während seiner Abwesenheit ordnungs
ge
mäss abgewickelt werden.
Der Kontoauszug zeigt
auch
, dass
zwischen De
zem
ber 2013 und Juli 2014
- während der Beschwerde
führer krankheitsbedingt
(teilweise)
arbeitsunfähig war -
fällige Zahlungen begli
chen
wurden
(vgl. Urk.
6/362 S. 11).
Vor diesem Hintergrund
sind von weiteren Akten der Invalidenversicherung
zum Krankheitsverlauf des Beschwerdeführers
keine weiteren Erkenntnisse zu erwar
ten.
4.3.3
Nach dem Gesagten steht fest, dass dem Beschwerdeführer die Nichtbegleichung von Sozialversicherungsbeiträgen aus den Ja
hren 2014, 2015 und 2016 als zu
min
dest grobfahrlässige Unterlassung anzurechnen ist. Exkulpationsgründe sind nicht ersichtlich.
5.
5.1
Schliesslich setzt die Schadenersatzpflicht des Arbeitgebers nach Art. 52 Abs. 1 AHVG voraus, dass zwischen der absichtlichen oder grobfahrlässigen Missach
tung von Vorschriften und dem eingetretenen Schaden ein adäquater Kausalzu
sammenhang gegeben ist (BGE 119 V 401 E. 4a mit Hinweisen auf die Lehre, 103 V 120 E. 4).
Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als adäquate Ursache eines Erfolges zu gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des ein
getretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolges also durch das Ereignis allge
mein als begünstigt erscheint (BGE 119 V 401 E. 4a mit Hinweisen; vgl. auch BGE 122 V 189 sowie 119
Ib
334 E. 3c).
5.2
Das vorwerfbare Verhalten führte zum Schaden der Beschwerdegegnerin. Wäre die Gesellsc
haft unter der Verantwortung des
Beschwerdeführer
s
ihren Zahlungs-
und Abrechnungspflichten rechtzeitig und vollständig nachgekommen und wären
nur soweit Löhne ausbezahlt worden, als die darauf geschuldeten Abgaben bei Fälligkeit hätten beglichen werden können, wäre der Schaden nicht einge
treten. Ein Mitverschulden seitens der Beschwerdegegnerin ist nicht ersichtlich.
6.
Nach dem Gesagten
erweist sich der angefochtene
Einspracheentscheid
vom 26. März 2019 als rechtens, was zur Abweisung der Beschwerde führt.
Das Gericht erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Das Verfahren ist kostenlos.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt
Dr.
Ulrich Weiss
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
4.
Da der Streitwert Fr. 30'000.-- übersteigt, kann gegen diesen Entscheid innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff., insbesondere Art. 85, in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundesgesetzes über das Bun
desgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzustellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismit
tel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizu
legen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
HurstStadler