# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 00715091-eb30-5b1b-bbe4-3f3a95c97c7d
**Source:** Zürich (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2013-03-01
**Language:** de
**Title:** Zürich Obergericht Strafkammern 01.03.2013 UD120002
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/ZH_Obergericht/ZH_OG_002_UD120002_2013-03-01.pdf

## Full Text

Obergericht des Kantons Zürich 
III. Strafkammer    

 
 

Geschäfts-Nr.: UD120002-O/U/KIE 

 

Mitwirkend: die Oberrichter lic. iur. Th. Meyer, Präsident, Dr. iur. P. Martin und 

lic. iur. W. Meyer sowie der Gerichtsschreiber Dr. iur. S. Christen 

 

Beschluss vom 1. März 2013 
 

in Sachen 

 

A._____,  
Beschwerdeführerin 

 

gegen 

 

Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl,  
Beschwerdegegnerin 

 

betreffend Zulässigkeit der Zeugnisverweigerung / Ordnungsbusse 
 
Beschwerde gegen die Verfügung der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 
1. November 2012, G-6/2012/6677 

 

- 2 - 

Erwägungen: 

I. 

1. Die Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl führte eine Strafuntersuchung gegen 

B._____ wegen Nötigung etc. Er soll in den Räumlichkeiten der …organisation … 

gesagt haben, er werde das Haus anzünden in dem er wohne, wenn die 

…organisation ihm und seinem Bruder keine andere Wohnung zuteile. Dabei soll 

A._____ als Dolmetscherin anwesend gewesen sein. 

Am 1. November 2012 wollte die Staatsanwaltschaft A._____ als Zeugin einver-

nehmen. Anlässlich der Einvernahme verweigerte A._____ die Aussage. Sie un-

terstehe als Dolmetscherin der Schweigepflicht (Unt.-Akten Urk. 8/6 S. 1). 

Gleichentags bestrafte die Staatsanwaltschaft A._____ mit einer Ordnungsbusse 

von Fr. 200.-- und auferlegte ihr Kosten von Fr. 100.-- (Urk. 3). A._____ habe ihre 

Aussage verweigert, obschon kein Grund dazu vorgelegen habe. 

2. Am 2. November 2012 bestrafte die Staatsanwaltschaft B._____ mit einem 

Strafbefehl (Unt.-Akten Urk. 15). 

3. A._____ erhebt Beschwerde beim Obergericht des Kantons Zürich (Urk. 2). 

Sie beantragt sinngemäss die Aufhebung der Verfügung der Staatsanwaltschaft 

vom 1. November 2012. 

Die Staatsanwaltschaft hat sich vernehmen lassen (Urk. 7). Sie beantragt die Ab-

weisung der Beschwerde. 

II. 

1. Angefochten ist eine Verfügung, mit welcher die Beschwerdeführerin mit ei-

ner Ordnungsbusse wegen Zeugnisverweigerung bestraft wird (Urk. 3). Dagegen 

ist die Beschwerde zulässig (vgl. Art. 176 und Art. 64 Abs. 2 StPO). Auf die Be-

schwerde ist einzutreten. 

- 3 - 

2. 

2.1 Zeugin oder Zeuge ist eine an der Begehung einer Straftat nicht beteiligte 

Person, die der Aufklärung dienende Aussagen machen kann und nicht Aus-

kunftsperson ist (Art. 162 StPO). Jede zeugnisfähige Person ist zum wahrheits-

gemässen Zeugnis verpflichtet; vorbehalten bleiben die Zeugnisverweigerungs-

rechte (Art. 163 Abs. 2 StPO). 

Die …organisation … ist eine selbständige öffentlich-rechtliche Anstalt der Stadt 

Zürich (vgl. Art. 118 der Gemeindeordnung der Stadt Zürich). Die Beschwerdefüh-

rerin hatte ihre Wahrnehmungen im Rahmen ihrer Tätigkeit bei der …organisation 

… gemacht. Strittig ist, ob die Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 170 StPO zur 

Zeugnisverweigerung berechtigt ist. Zwar hat sich die Beschwerdeführerin nicht 

ausdrücklich auf diese Bestimmung berufen. Von ihr als juristischem Laien kann 

aber nicht verlangt werden, dass sie der Staatsanwaltschaft die konkrete Geset-

zesbestimmung angibt. 

2.2 Die Zeugin oder der Zeuge kann sich jederzeit auf sein Zeugnisverweige-

rungsrecht berufen oder den Verzicht darauf widerrufen (Art. 175 Abs. 1 StPO). 

Gemäss Art. 174 StPO entscheidet über die Zulässigkeit der Zeugnisverweige-

rung im Vorfahren die einvernehmende Behörde (Abs. 1 lit. a). Die Zeugin oder 

der Zeuge kann sofort nach der Eröffnung des Entscheides die Beurteilung durch 

die Beschwerdeinstanz verlangen (Abs. 2). Bis zum Entscheid der Beschwer-

deinstanz hat die Zeugin oder der Zeuge ein Zeugnisverweigerungsrecht (Abs. 3). 

Wer das Zeugnis verweigert, ohne dazu berechtigt zu sein, kann mit Ordnungs-

busse bestraft und zur Tragung der Kosten und Entschädigungen verpflichtet 

werden, die durch die Verweigerung verursacht worden sind (Art. 176 Abs. 1 

StPO). 

2.3 Zu Beginn der Einvernahme ist die einzuvernehmende Person in einer ihr 

verständlichen Sprache umfassend über ihre Rechte und Pflichten zu belehren 

(vgl. Art. 143 Abs. 1 lit. c StPO). 

- 4 - 

Die Staatsanwaltschaft belehrte die Beschwerdeführerin nicht darüber, dass sie 

gegen den Entscheid über ihre Zeugnispflicht nach Art. 174 Abs. 2 StPO eine 

Weiterzugsmöglichkeit an die Beschwerdeinstanz hat (vgl. zu dieser Pflicht Gold-

schmid/Maurer/Sollberger, Kommentierte Textausgabe zur Schweizerischen 

Strafprozessordnung vom 5. Oktober 2007, S. 166; Franz Riklin, Schweizerische 

Strafprozessordnung, Kommentar, Zürich 2010, N. 3 zu Art. 174 StPO). Der Wei-

terzug muss grundsätzlich unmittelbar an die Eröffnung des Entscheids erfolgen, 

ansonsten die aufschiebende Wirkung im Sinne von Art. 174 Abs. 3 StPO keine 

Wirkung hat (so Goldschmid/Maurer/Sollberger, a.a.O., S. 166). Die aufschieben-

de Wirkung schützt den Zeugen oder die Zeugin bis zum Entscheid der Be-

schwerdeinstanz vor den Folgen der unberechtigten Zeugnisverweigerung (vgl. 

Ruckstuhl/Dittmann/Arnold, Strafprozessrecht, Zürich/Basel/Genf 2011, N. 477). 

Erst wenn die Beschwerde abgewiesen wurde, können dem Zeugen oder der 

Zeugin die gesetzlich vorgesehenen Massnahmen zur Durchsetzung der Zeugen-

pflicht im Sinne von Art. 176 StPO angedroht werden (vgl. Niklaus Oberholzer, 

Grundzüge des Strafprozessrechts, 3. Auflage, Bern 2012, N. 786; wohl ebenso 

Vest/Horber, in: Niggli/Heer/Wiprächtiger (Hrsg.), Basler Kommentar, Schweizeri-

sche Strafprozessordnung, N. 1 zu Art. 176 StPO; Niklaus Schmid, Schweizeri-

sche Strafprozessordnung, Praxiskommentar, Zürich/St. Gallen 2009, N. 1 zu Art. 

176 StPO). 

Der Beschwerdeführerin darf aufgrund der Versäumnis der Staatsanwaltschaft 

kein Nachteil entstehen. Sie ist vor den Folgen der unberechtigten Zeugnisver-

weigerung zu schützen. Daran ändert nichts, dass sich die Beschwerdeführerin 

von der vorgesetzten Behörde nicht zur Aussage ermächtigen liess (vgl. Art. 170 

Abs. 2 StPO), wie die Staatsanwaltschaft geltend macht (vgl. Urk. 7 S. 2). Solan-

ge die Entbindung nicht vorliegt, kann sich die Beschwerdeführerin grundsätzlich 

auf das Zeugnisverweigerungsrecht berufen. Sie hat insofern das Einholen der 

Ermächtigung verweigert. Dafür kann sie nach dem Wortlaut von Art. 176 StPO 

nicht bestraft werden. Es ist nicht gewiss, ob die vorgesetzte Behörde die Er-

mächtigung erteilt hätte. 

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3. Die Staatsanwaltschaft hat den Beschuldigten am 2. November 2012 mit ei-

nem Strafbefehl bestraft. Dass die Zeugin noch auszusagen hat, macht die 

Staatsanwaltschaft nicht geltend und ist auch nicht ersichtlich. Unter diesen Um-

ständen kann offen bleiben, ob sich die Beschwerdeführerin berechtigterweise auf 

das Zeugnisverweigerungsrecht berufen konnte. 

4. Die Beschwerde ist gutzuheissen und die angefochtene Verfügung aufzuhe-

ben. Die Beschwerdeführerin obsiegt. Es sind keine Kosten zu erheben (Art. 428 

Abs. 1 StPO). Eine Entschädigung für das Beschwerdeverfahren macht die Be-

schwerdeführerin nicht geltend. Mangels erheblicher Aufwendungen ist ihr keine 

Entschädigung zuzusprechen (Art. 436 StPO). 

 

Es wird beschlossen: 

1. In Gutheissung der Beschwerde wird die Verfügung der Staatsanwaltschaft 

Zürich-Sihl vom 1. November 2012 (Verfahrens-Nr. G-6/2012/6677) aufge-

hoben. 

2. Für das Beschwerdeverfahren werden keine Kosten erhoben. 

3. Der Beschwerdeführerin wird für das Beschwerdeverfahren keine Entschä-

digung zugesprochen. 

4. Schriftliche Mitteilung an: 

− die Beschwerdeführerin, per Gerichtsurkunde 

− die Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl, ad G-6/2012/6677, unter Rücksen-

dung der eingereichten Akten (Urk. 8), gegen Empfangsbestätigung 

5. Rechtsmittel: 

Gegen diesen Entscheid kann Beschwerde in Strafsachen erhoben wer-
den. Die Beschwerde ist innert 30 Tagen, vom Empfang an gerechnet, bei 
der Strafrechtlichen Abteilung des Bundesgerichtes (1000 Lausanne 14) in 

der in Art. 42 des Bundesgerichtsgesetzes vorgeschriebenen Weise schrift-

lich einzureichen. Die Beschwerdelegitimation und die weiteren Beschwer-

- 6 - 

devoraussetzungen richten sich nach den massgeblichen Bestimmungen 

des Bundesgerichtsgesetzes. 

 

 
Zürich, 1. März 2013 

 
Obergericht des Kantons Zürich 

III. Strafkammer 
 

Präsident: 
 
 
 

lic. iur. Th. Meyer 

Gerichtsschreiber: 
 
 
 

Dr. iur. S. Christen 
 

	Beschluss vom 1. März 2013
	
	Erwägungen:
	I.
	II.

	1. In Gutheissung der Beschwerde wird die Verfügung der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 1. November 2012 (Verfahrens-Nr. G-6/2012/6677) aufgehoben.
	2. Für das Beschwerdeverfahren werden keine Kosten erhoben.
	3. Der Beschwerdeführerin wird für das Beschwerdeverfahren keine Entschädigung zugesprochen.
	4. Schriftliche Mitteilung an:
	 die Beschwerdeführerin, per Gerichtsurkunde
	 die Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl, ad G-6/2012/6677, unter Rücksendung der eingereichten Akten (Urk. 8), gegen Empfangsbestätigung

	5. Rechtsmittel: Gegen diesen Entscheid kann Beschwerde in Strafsachen erhoben werden. Die Beschwerde ist innert 30 Tagen, vom Empfang an gerechnet, bei der Strafrechtlichen Abteilung des Bundesgerichtes (1000 Lausanne 14) in der in Art. 42 des Bundes...