# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** cb3b6f80-0096-581a-b0af-8835db606d5a
**Source:** Glarus (GL)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2025-11-19
**Language:** de
**Title:** Glarus Obergericht 19.11.2025 OG.2022.00065 (OGS.2025.193)
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/GL_Omni/GL_OG_001_OG-2022-00065_2025-11-19.html

## Full Text

Kanton Glarus

  
	
   

  
	
  Obergericht

  
	
   

  
	
  Es wirken mit: Obergerichtspräsidentin Dr. iur. Petra Hauser,
  Oberrichter MLaw Mario Marti, Oberrichterin Ruth Hefti, Oberrichter Martin
  Ilg und Oberrichterin Petra Zentner sowie Gerichtsschreiber
  lic. iur. Erich Hug. 

  
	
   

  
	
   

  
	
  Urteil
  vom 19. November 2025

  
	
   

  
	
   

  
	
  Verfahren
  OG.2022.00065

  
	
   

  
	
   

  
	
  A.______                                                                                    Beschuldigter
  und

  
	
                                                                                                     Berufungskläger

  
	
   

  
	
  verteidigt
  durch lic. iur. Mathias
  Zopfi, Rechtsanwalt, 

  
	
   

  
	
  gegen

  
	
   

  
	
   

  
	
  Staatsanwaltschaft
  des Kantons Glarus                               Anklägerin
  und

  
	
                                                                                                     Berufungsbeklagte

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  Gegenstand

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  Verletzung
  der Verkehrsregeln

  
	
   

  
	
   

  
	
  über den
  Antrag des Beschuldigten (gemäss Berufungseingabe
  seines Rechts­vertreters vom 26. September 2022, act. 26):

  
	
   

  
	
  Es sei der
  Beschuldigte von Schuld und Strafe freizusprechen, dies unter Kosten- und
  Entschädigungsfolgen zulasten des Kantons Glarus.

  
	
   

  
	
   

  
	
  ____________________

  
	
   

  
	
  Erwägungen

  
	
   

  
	
  I.

  
	
  (Sachverhalt und
  Prozessgeschichte)

  
	
   

  
	
  1.

  
	
  Die Kantonspolizei Glarus führte am
  Ostersonntag, 4. April 2021, auf der Kerenzer­bergstrasse oberhalb der Ortschaft Mollis (Gemeinde Glarus Nord) eine Radarkon­trolle
  durch. Die Messstelle befand sich im Bereich einer geraden Strecke, wo die
  dort zulässige allgemeine Höchstge­schwindigkeit ausserorts von 80 km/h wegen
  einer Baustelleneinfahrt vorüber­gehend auf 50 km/h herabgesetzt war.

  
	
   

  
	
  Anlässlich dieser Kontrolle wurde kurz nach
  12 Uhr der Beschuldigte A.______ geblitzt, als er mit seinem Personenwagen
  talwärts Richtung Mollis fuhr und dabei die Messstelle mit einer
  Geschwindigkeit von 75 km/h (nach Abzug der Messtoleranz von 5 km/h)
  passierte (act. 2/1). 

  
	
   

  
	
  2.

  
	
  2.1 Die
  Staatsanwaltschaft des Kantons Glarus büsste mit Strafbefehl vom 12. Mai
  2021 den Beschuldigten wegen einfacher Verletzung der Verkehrsregeln zufolge
  Überschreitens der signalisierten Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h um netto
  25 km/h (Art. 90 Abs. 1 SVG i.V.m. Art. 27 Abs. 1
  SVG sowie Art. 4a Abs. 1 und Abs. 5 VRV sowie Art. 22 Abs. 1
  SSV) mit CHF 400.- und auferlegte ihm ausgangsgemäss die Verfahrenskosten
  (act. 3).

  
	
   

  
	
  2.2 Nach
  erfolgter Einsprache des Beschuldigten (act. 2/5) überwies die Staats­anwaltschaft
  in Anwendung von Art. 356 Abs. 1 StPO die Angelegenheit zur gericht­lichen
  Beurteilung an den zuständigen Präsidenten der Strafkammer des Kantons­gerichts
  (act. 1).

  
	
   

  
	
  Mit Entscheid vom
  31. August 2022 bestätigte der Kantonsgerichtspräsident den ange­fochtenen
  Strafbefehl im Schuldpunkt, reduzierte allerdings die Busse gering­fügig auf
  CHF 350.- und überband sämtliche Verfahrenskosten dem Beschuldigten (act.
  23).

  
	
   

  
	
  2.3 Dagegen erhob
  der Beschuldigte am 26. September 2022 beim Obergericht frist­gerecht
  Berufung mit dem Antrag auf Freispruch von Schuld und Strafe (act. 26).

  
	
   

  
	
  3.

  
	
  3.1 Dem
  Obergericht liegen neben der Berufung des Beschuldigten noch vier weitere
  Berufungen vor, die alle auch auf Geschwindigkeitsmessungen an dersel­ben
  Örtlichkeit auf der Kerenzerbergstrasse zurückgehen, bei denen die verzeigten
  Fahr­zeuglenker gleich wie der Beschuldigte von Filzbach her talwärts
  Richtung Mollis fuhren. In zwei Fällen betrifft es einen Auto- und einen
  Motorradlenker, die ebenfalls am Ostersonntag mit überhöhtem Tempo geblitzt
  wurden; bei den beiden anderen Fällen handelt es sich ebenfalls um je einen
  Auto- und Motorradfahrer, die beide am Karfreitagnachmittag, 2. April 2021, geblitzt
  wurden. Alle fünf Lenker machten in der Untersuchung von Anfang an geltend,
  sie hätten im fraglichen Abschnitt keine Signalisation bemerkt, welche die
  Geschwindig­keit auf 50 km/h begrenzte.

  
	
   

  
	
  3.2 Von Filzbach
  her zieht die Kerenzerbergstrasse in ausholenden Schlaufen zum Dorf Mollis
  hinunter. Im hier interessierenden Bereich verläuft die
  Strasse zunächst geradeaus, dreht dann in einer scharfen Linkskurve um 180
  Grad (Haar­nadelkurve) und führt auf einer Strecke von rund 200 Metern in
  wiederum gerader Linie weiter (siehe dazu den Situationsplan im Verfahren
  OG.2022.00033, act. 2/9.1.02-2). Gemäss Angaben der Polizei war im
  Bereich der Haarnadelkurve am rechten Fahrbahnrand temporär eine
  Baustellensignalisation mit einer 50er-Tafel installiert. Die Radarkontrollen
  am Karfreitag und Ostersonntag, 2. und 4. April 2021, erfolgten auf der
  geraden Strecke nach der Kurve. Grund für die vorübergehende
  Tempobeschränkung im betreffenden Strassenabschnitt von der dort sonst zuläs­sigen
  Ausserorts­geschwindigkeit von 80 km/h auf noch 50 km/h waren nicht bauli­che
  Vorkehrungen unmittelbar an der Strasse selber; vielmehr zweigte in diesem
  Teilstück eine (temporäre) Baupiste zu einer abseitigen Baustelle ab; wegen
  des damit verbundenen Werkverkehrs (Zu- und Wegfahrt) wurde aus «Gründen der
  Verkehrssicherheit» eine zeitweilige Tempo­reduktion verfügt (siehe dazu die
  entsprechende Bekanntmachung im Glarner Amts­blatt vom 19. September 2019,
  act. 2/1d).

  
	
   

  
	
  3.3

  
	
  3.3.1 Bei der
  ersten Sichtung der vermeintlichen Polizeifotos in den Akten rückte für das
  Obergericht die Frage in den Vordergrund, ob die anhand der verfügbaren Fotos
  scheinbar im Scheitelpunkt der Haarnadelkurve am rechten Fahrbahnrand
  platzierte Geschwindigkeitstafel für die talwärts fahrenden Lenker überhaupt
  erkenn­bar war (denn beim Befahren einer Linkskurve ist der Blick des
  Motorfahr­zeug­führers grundsätzlich nicht mehr nach rechts, sondern nach
  links zum Kurvenende hin ausgerichtet). Zudem schien dem Obergericht
  klärungsbedürftig, ob die Beschränkung auf Tempo 50 «aus Gründen der
  Verkehrssicherheit» über das verlängerte Feiertagswochenende an Ostern
  effektiv notwendig war bzw. ob es nicht eher angezeigt gewesen wäre, die
  Signalisation vorübergehend abzudecken. Im Folgenden beschränkte sich das
  Obergericht darauf, die Staatsanwaltschaft zu diesen beiden Fragen
  (Erkennbarkeit einer im Scheitelpunkt der Kurve aufgestellten Tafel;
  Notwendigkeit der Tempobeschränkung über Ostern) schriftlich anzuhören (siehe
  act. 29). Eine schriftliche Berufungsbegründung (Art. 406 Abs. 1 lit. c StPO)
  wurde vom Beschuldigten nicht eingeholt.

  
	
   

  
	
  3.3.2 Mit Urteil
  vom 21. November 2023 (act. 41) entschied das Obergericht, dass – erstens –
  eine im Scheitelpunkt der Haarnadelkurve angebrachte Geschwindig­keitstafel
  nicht erkennbar und – zweitens – eine Tempobeschränkung auf 50 km/h am
  Osterwochenende auch nicht rechtens war. Das Obergericht folgerte daraus,
  dass damals auf dem kontrollierten Streckenabschnitt die ausserorts allgemein
  zulässige Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h galt und sprach demzufolge den
  mit einem Tempo von netto 75 km/h geblitzten Beschuldigten von Schuld und
  Strafe frei (act. 41 Dispositiv-Ziff. 1).

  
	
   

  
	
  3.3.3 Auf
  Beschwerde der Staatsanwaltschaft hin kassierte das Bundesgericht mit Urteil
  vom 21. Mai 2024 (act. 46) den eben dargelegten Entscheid und wies die Sache
  zur Neubeurteilung an das Obergericht zurück. Aus Sicht des Bundes­gerichts
  war die Signalisation zum einen für die Fahrzeuglenker leicht und recht­zei­tig
  erkennbar und zum anderen über das Osterwochenende rechtmässig angeord­net
  und daher zu befolgen (siehe dazu act. 46 S. 12 E. 2.5).

  
	
   

  
	
  3.4 In den vier
  Parallelverfahren führte das Obergericht an unterschiedlichen Daten im
  Frühjahr 2025 die mündliche Berufungsverhandlung durch. Bei der eingehenden
  Befassung mit den verschiedenen Fall-Dossiers ergaben sich derart viele
  Ungereimtheiten (siehe die nachstehenden Erwägungen), weshalb das Obergericht
  davon absah, im vorliegenden Verfahren vom Beschuldigten noch eine
  schriftliche Berufungsbegründung einzuholen.

  
	
   

  
	
  II.

  
	
  (Materielle
  Erwägungen)

  
	
   

  
	
  1.

  
	
  In dem vom Bundesgericht aufgehobenen
  Entscheid des Obergerichts vom 21. November 2023 (act. 41) sind auf S. 4
  zum vermeintlichen Standort der Geschwindigkeitstafel in der Haarnadelkurve
  Fotos abgebildet, welche das Obergericht aus dem vorliegenden Verfahren
  OG.2022.00065 entnommen hat. Die betreffenden Fotos sind an den
  Verzeigungsrapport der Polizei angeheftet (siehe act. 2/1 1c), was beim
  raschen Überschauen den Anschein vermittelt, als seien diese Fotos von der
  Polizei selber zum Zeitpunkt der Radarkontrollen am Osterwochenende 2021
  gemacht worden (wovon das Obergericht bei seinem ersten Entscheid denn auch
  ausgegangen ist). Tatsächlich aber stammen diese Fotos nicht von der Polizei,
  sondern vom hier beschuldigten Lenker (act. 2/1 S. 1 unten: „Beilagen:
  Fotoblätter des verantw. Lenkers“). Der im Kanton Graubünden wohn­hafte
  Beschuldigte wurde am Ostersonntag, 4. April 2021, auf der Kerenzer­berg­strasse
  geblitzt; am darauffolgenden Mittwoch, 7. April 2021, erfuhr er von der
  ihm angelasteten Geschwindigkeitsüberschreitung (act. 2/17 Rz. 85 f.).
  Als er in der Folge am Montag, 12. April 2021, auf der Polizeistation in
  Trimmis/GR zum Vorfall befragt wurde, übergab er der Polizei die besagten
  Fotos (act. 2/1 1b). Diese Aufnahmen entstanden demnach erst nach
  Ostern im Zeitraum vom 7. bis 12. April 2021; sie zeigen daher nicht
  unmittelbar, ob und wo konkret über das Osterwochen­ende tatsächlich eine
  (temporäre) Geschwindigkeitstafel angebracht war. Just diese entscheidende
  Frage aber lässt sich, wie die nachstehenden Ausführungen klarma­chen, im
  Nachhinein nicht mehr rechtsgenüglich eruieren.

  
	
   

  
	
  2.

  
	
  Die Verordnung des ASTRA zur
  Strassenverkehrskontrollverordnung (VSKV-ASTRA; SR 741.013.1) schreibt in
  Art. 9 vor, dass bei Geschwindigkeitskontrollen die Verkehrssituation
  bildlich zu dokumentieren ist. Damit ist gewährleistet, dass gerade bei einer
  temporären Signalisation (wie dies vorliegend zutraf; siehe oben E. I.
  3.2) bei einem späteren strafrechtlichen Verfahren Klarheit über den Standort
  der seinerzeit massgebenden Beschilderung besteht. Es sei an dieser Stelle
  bereits vorweggenommen: In den Akten der insgesamt fünf am Obergericht
  anhängigen Berufungsverfahren, welche Fahrzeuglenker betreffen, die am 2. und
  4. April 2021 auf der Kerenzerbergstrasse talwärts in Fahrtrichtung Mollis
  geblitzt wurden (siehe oben E. I. 3.1), befindet sich nicht ein einziges
  Polizeifoto, welches zeigen würde, wo an den beiden Kontrolltagen vor der
  Messstelle in Fahrt­richtung Mollis tatsäch­lich ein Verkehrszeichen
  (50er-Tafel) angebracht war. Im Gegenteil: Bei der Befas­sung mit den fünf
  Verfahrensdossiers musste das Obergericht erkennen, dass die Polizei das
  Bildmaterial hinsichtlich der vorgeblichen Beschilderung in Fahrtrichtung
  Mollis erst im Nachhinein und dabei teilweise sogar manipulativ produziert
  hat.

  
	
   

  
	
  3.

  
	
  3.1 Im Parallelverfahren OG.2022.00033 reichte der mit der
  Geschwindigkeits­mes­sung befasste Polizeibeamte der Staatsanwaltschaft
  zusammen mit dem Verzei­gungsrapport ein Foto ein, auf welchem das mobile
  temporäre Verkehrsschild («Tempo 50») unterhalb der Messstelle
  bergwärts in Fahrtrichtung Filzbach ersichtlich ist (a.a.O., act.
  2/8.1.03), obschon der in jenem Verfahren beschuldigte Lenker (gleich wie der
  hier Beschuldigte) talwärts in Richtung Mollis geblitzt wurde. 

  
	
   

  
	
  Im Verlauf der Untersuchung bemerkte die
  fallzuständige Staatsanwältin das Fehlen eines einschlägigen Fotos zum
  Standort der Geschwindigkeitstafel oberhalb der Messstelle in Fahrtrichtung
  Mollis und kontaktierte hierauf die Polizei (Verfahren OG.2022.00033, act.
  2/9.1.02). Diese reichte Ende Juni 2021 ein Foto ein, auf welchem eine
  oberhalb der Messstelle positionierte Beschil­derung (Baustelle, Tempo 50 und
  Überholverbot) abgebildet ist (a.a.O., act. 2/9.1.02-1). Dieses Foto
  kann aber unmöglich am Osterwochenende Anfang April 2021 aufgenommen worden
  sein, denn die Bäume im Hintergrund sind voll belaubt; an Ostern jedoch
  standen die Laubbäume entlang der Kerenzerbergstrasse noch kahl (vgl. das
  Radarfoto bei act. 2/1; noch deutlicher die Radarbilder im
  Parallelverfahren OG.2025.00002, dort act. 2/9.1.06-3; siehe ferner die vom
  hier Beschuldigten zeitnah gemachten Aufnahmen [oben E. II. 1]). Dass es sich
  beim übermittelten Foto um eine erst viel später entstandene Aufnahme handelt,
  legte die Polizei gegenüber der Staatsanwältin nicht offen; stattdessen
  sollte gegenüber der Staatsanwältin gar noch suggeriert werden, die
  Geschwindigkeitstafel habe vor der Haarnadelkurve gestanden. Diese
  Irreführung erfolgte dadurch, dass die Polizei der Staatsanwältin zusammen
  mit dem Foto unkommentiert den Baustellen­signali­sationsplan mitschickte
  (OG.2022.00033, act. 2/9.1.02-2); gemäss diesem Plan hätte das
  Verkehrsschild tatsächlich noch vor der Kurve aufgestellt werden sollen, was
  so jedoch offensichtlich nicht umgesetzt wurde. Prompt legte die
  Staatsanwältin in der folgenden Einvernahme dem Beschuldigten auch den
  Signalisationsplan vor und fragte ihn, wie er bei dieser Sachlage
  [Temposchild noch vor der Kurve] die Beschil­derung nicht habe sehen können
  (a.a.O., act. 2/10.1.01 Rz. 94 ff. und act. 2/10.1.01-3).
  Hinzu kommt noch Folgendes: Bei dem von der Polizei Ende Juni 2021
  eingereichten Foto handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um eine
  nachgestellte Situation; denn spätestens ab Ende Mai 2021 befand sich die
  Beschilderung nicht mehr in der Kurve, sondern vor der Kurve (siehe
  dazu ausführlich unten E. II. 3.4).

  
	
   

  
	
  3.2 Das gleiche
  Foto mit den bereits belaubten Bäumen im Hintergrund fand auch Eingang in die
  Akten des Parallelverfahrens OG.2025.00002 (dort act. 2/9.1.06-2, Foto 5),
  nachdem auch in jenem Verfahren die dort fallzuständige Staatsanwältin
  hinterher (Ende Januar 2022) Bildmaterial zum genauen Standort der Geschwin­digkeitstafel
  an Ostern 2021 im Bereich der Haarnadelkurve oberhalb der Mess­stelle
  angefordert hatte (a.a.O., act. 2/9.1.05). Im Unterschied aber zur soeben
  besprochenen Fotografie im Verfahren OG.2022.00033 ist jenes Foto versehen
  mit dem Kürzel des Polizeibeamten, welcher damals die
  Geschwindigkeitsmessungen durchgeführt hatte; vor allem aber – und dies ist
  nun geradezu perfid – ist das Foto auf den 6. April 2021 datiert, wobei der
  Polizeibeamte anmerkte, das Bild dokumen­tiere den «genauen
  Standort der temp. Signalisa­tion» (a.a.O., act. 2/9.1.06 S. 2 oben). Indes:
  Wie bereits dargelegt, bildet diese Aufnahme bei bereits weit
  fortgeschrittener Vegetation eindeutig nicht unmittelbar den Zustand an
  Ostern 2021 ab; vielmehr wurde für dieses Foto wohl die zwischenzeitlich
  bereits entfernte Signalisation noch einmal nachgestellt (ohne dies jedoch
  gegenüber der Staatsan­waltschaft offenzulegen).

  
	
   

  
	
  3.3 In einem
  weiteren Parallelverfahren (OG.2022.00061) reichte derselbe Polizeibeamte auf
  Aufforderung einer wiederum anderen fallzuständigen Staatsan­wältin (a.a.O.,
  act. 2/9.1.01) ebenfalls eine Fotografie zum angeblichen Standort des an
  Ostern 2021 temporär installierten Geschwindigkeitsschildes im Bereich der
  Kurve oberhalb der Messstelle ein (a.a.O., act. 2/8.1.07). Auf diesem Foto,
  vom Polizeibeamten auf den 5. Juli 2021 datiert, ist mit einem Pfeil der
  angebliche Standort der Verkehrstafel markiert; demnach soll die Tafel an
  Ostern 2021 noch vor der Haarnadelkurve aufgestellt gewesen sein,
  wobei der Polizeibeamte hierzu festhielt: «Die Signalisation befand sich am
  rechten Strassenrand […] unmittelbar beim Beginn der Linkskurve». Gemäss
  allen zuvor besprochenen vorgeblichen Polizeifotos aber hätte sich die Tafel
  nicht vor der Kurve befunden, sondern unge­fähr im Scheitelpunkt der
  Haarnadelkurve. Kurzum: Der gleiche Polizeibeamte machte in den verschiedenen
  Verfahren, welche allesamt den gleichen Sachverhalt
  (Geschwindigkeitsmessungen am Osterwochenende 2021) betrafen, krass unter­schiedliche
  Angaben zum angeblichen Standort der Verkehrstafel oberhalb der Messstelle in
  Fahrtrichtung Mollis.

  
	
   

  
	
  3.4 Der im
  Parallelverfahren OG.2022.00061 beschuldigte Motorradlenker fuhr nach eigenen
  Angaben am 22. April 2021 die Strecke über den Kerenzer­berg noch einmal ab.
  Dabei hielt er fotografisch fest, dass in Fahrtrichtung Mollis oberhalb der
  Messstelle die Verkehrstafel kurz nach dem Scheitelpunkt der Haarnadelkurve
  positioniert war (a.a.O., act. 2/14.1.11-2). Das vom Beschuldigten
  bezeichnete Datum trifft mit grosser Sicherheit zu, wie anhand des
  Vegetationsstandes erkennbar ist (siehe dazu a.a.O., act. 2/14.1.11-3:
  blühende, mit Löwenzahn über­säte Frühlingswiese; junge Blatttriebe an den
  Bäumen). Am 31. Mai 2021 schoss der Beschuldigte erneut ein Foto vom
  betreffenden Streckenabschnitt (auch diese Datumsangabe erscheint als
  zutreffend, besieht man die inzwischen abgeweidete Wiese neben der Strasse);
  diesmal befand sich die temporäre Verkehrstafel direkt am Kurvenansatz
  (a.a.O., act. 2/14.1.11-4), welcher Standort gemäss Signalisa­tionsplan auch
  von allem Anfang an angedacht gewesen wäre (siehe dazu den grossformatigen
  Plan im Verfahren OG.2022.00062, act. 2/9.1.07-3). Es
  ist hier nicht darüber zu befinden, warum die Beschilderung im Frühjahr 2021
  nicht stets am ursprünglich geplanten (und puncto Sichtbarkeit einzig richten
  Standort) am Kurven­anfang angebracht war; als Erkenntnis festzuhalten ist
  jedoch, dass im Frühjahr 2021 die temporäre Geschwindigkeitstafel («Tempo
  50») im Bereich der Haarnadel­kurve talwärts Richtung Mollis – soweit sie
  überhaupt aufgestellt war – mindestens einmal verschoben worden war.

  
	
   

  
	
  3.5 Im
  Parallelverfahren OG.2022.00062 ersuchte die fallbefasste Staatsanwältin mit
  Ermittlungsauftrag vom 17. August 2021 die Kantonspolizei um Fotos und Pläne
  zum Standort der Signalisation am 2. April 2021 (a.a.O., act. 2/9.1.07-1).
  Der immer gleiche Polizeibeamte übermittelte hierauf der Staatsanwältin den
  Signali­sations­plan, gemäss welchem in Fahrtrichtung Mollis die
  Geschwindigkeitstafel oberhalb der Messstelle vor der Haarnadelkurve
  gestanden wäre (a.a.O., act. 2/9.1.07-3 [klare Irreführung, siehe dazu
  bereits oben E. II. 3.1]); die vom Polizeibeamten zusätzlich eingereichten
  Fotos zeigen sodann den fraglichen Stras­senabschnitt ausschliesslich nur von
  unterhalb der Messstelle bergwärts in Fahrt­richtung Filzbach (a.a.O., act. 2/9.1.07-4),
  obschon für den Polizeibeamten offen­sichtlich war, dass konkret nur der
  Signalisationsstandort in Fahrtrichtung Mollis interessierte. Am
  7. September 2021 gelangte die Staatsanwältin daher erneut an die
  Polizei mit der Bitte um Bildmaterial in Fahrtrichtung Mollis (a.a.O.,
  act. 2/9.1.08); abermals erhielt sie zunächst nur Bilder in
  Fahrtrichtung Filzbach (a.a.O., act. 2/9.1.09). Erst mit E‑Mail
  vom 24. September 2021 übermittelte der Polizeibeamte zwei Fotos, welche
  das Temposchild bei der Haarnadelkurve in Fahrtrichtung Mollis zeigen
  (a.a.O., act. 2/9.1.10). Es handelt sich bei diesen jedoch nicht um
  Polizeifotos; es sind exakt die Aufnahmen, welche kurz nach dem
  Osterwochenende der im vorliegenden Verfahren beschuldigte Lenker vor Ort gemacht
  hatte (siehe dazu oben E. II. 1; auf den eingereichten Fotokopien ist sogar
  noch der auf den Originalfotos [act. 2/1c] deutlich erkennbare Falz in der
  Bildmitte zu sehen). Der Polizeibeamte unterliess es jedoch, diesen Umstand
  offenzulegen; im Gegenteil: er übertitelte die Fotos mit «Fotobogen Kerenzerbergstrasse Mollis Baustelle Beglingen –
  Signalisation Fahrtrichtung Mollis – vom 04.04.2021». Damit erweckte er den
  Anschein, als habe er selbst diese Fotos anlässlich der von ihm
  durchgeführten Geschwin­dig­keitskon­trolle am Osterwochenende 2021 gemacht.
  Dieses manipulative Vorgehen tritt noch deutlicher im Parallelverfahren
  OG.2022.00061 zu Tage: Dort führte der Polizeibe­amte in seinem Bericht vom
  8. November 2021 (a.a.O., act. 14.1.12-2) explizit aus, über die Ostertage
  2021 habe in Fahrtrichtung Mollis die Signalisation «im Scheitelpunkt der
  Kurve» gestanden, und untermauerte diese Darstellung ebenfalls mit den
  gleichen vorgeblichen Polizeifotos, ohne offenzulegen, dass 1) diese
  Aufnahmen von Drittseite stammen und 2) erst nach Ostern gemacht wurden (dazu
  passt, dass derselbe Polizeibeamte in jenem Parallelverfahren OG.2021.00061
  in seinem früheren Bericht vom 5. Juli 2021 noch behauptete, die Tafel habe
  beim Beginn der Haarnadelkurve gestanden [oben E. II. 3.3]).

  
	
   

  
	
  4.

  
	
  4.1 Bei einer,
  wie eben aufgezeigt, derart windigen Arbeit eines Polizeibeamten ohne
  hinreichende Dokumentation der Verkehrssituation lässt sich schlicht nicht
  verbindlich fest­stellen, ob an Ostern 2021 oberhalb der Messstelle in
  Fahrtrichtung Mollis über­haupt eine Tempobeschränkung auf 50 km/h
  signalisiert war. Auf keinen Fall kann auf die vom hier beschuldigten Lenker
  frühes­tens am 7. April 2021 gemachten Fotos (oben E. II. 1) abgestellt
  werden; denn immerhin ist denkbar, dass das für die Baustelle «Reservoir Paradisli» zuständige Bauunternehmen über das verlängerte
  arbeitsfreie Osterwochenende die mobile Geschwin­digkeitstafel abge­deckt
  oder entfernt hatte, wie dies gemäss Art. 81 Abs. 4 SSV bei einem längeren
  Arbeitsun­terbruch verlangt ist. Aber selbst wenn eine
  Geschwin­dig­keitstafel temporär instal­liert gewesen wäre, so lässt sich für
  den Zeit­punkt der Geschwin­digkeitsmessungen am Karfreitag, 2. April 2021,
  und am Oster­sonntag, 4. April 2021, nicht feststellen, wo und zudem in welchem
  Winkel diese Tafel zur Fahrbahn stand, zumal der zuständige Polizist
  unterschiedliche Angaben zum genauen Standort machte (siehe oben E. II. 3.3)
  und die Tafel im Frühjahr 2021 nachweislich verschoben wurde (siehe oben E.
  II. 3.4). Exakt dies aber wäre für die Beurteilung der Erkennbarkeit der
  Signalisation entscheidend, nachdem in allen fünf Berufungs­verfahren die
  Beschuldigten vorbrachten, sie hätten keine Tafel gesehen. Aufschluss hierzu
  brächte ebenso wenig ein Augenschein des Obergerichts vor Ort, ist nämlich
  ohne genaue Kenntnis des Standorts der Tafel vollkommen unklar, welche
  Situation über­haupt nachzustellen wäre. Insofern lässt sich denn auch nichts
  aus dem von der Vorinstanz durchgeführten Augenschein herleiten; angesichts
  der gänzlich fehlenden bildlichen Dokumentation der Situation am 2. und 4.
  April 2021 war die Vorinstanz schlechthin nicht in der Lage, zuverlässig zu
  bestimmen, wo gege­ben­en­falls an diesen beiden Tagen eine
  Signalisationstafel gestanden haben könnte. Insoweit im Übrigen das
  Bundesgericht in seinem Urteil vom 21. Mai 2024 (act. 46) erwog, anhand
  der Fotos sei die Signalisation für die talwärts in Richtung Mollis fahrenden
  Lenker erkennbar gewesen, so unterlag das Höchstgericht ebenso wie das
  Obergericht in seinem früheren Entscheid einem Irrtum über die Authentizität
  der Fotos.

  
	
   

  
	
  4.2 Aus alldem
  folgt, dass sich für das Osterwochenende 2021 nicht rechtsge­nüglich
  feststellen lässt, ob auf der Kerenzerbergstrasse, Höhe «Reservoir Para­disli»,
  in Fahrtrichtung Mollis tatsächlich eine Tempobeschränkung auf 50 km/h
  signalisiert war. Dies wiederum bedeutet, dass auf dem betreffenden Strecken­abschnitt
  die ausserorts allgemein zulässige Höchstgeschwindigkeit
  von 80 km/h galt (Art. 4a Abs. 1 Bst. b VRV).

  
	
   

  
	
  5.

  
	
  Der Beschuldigte wurde am Ostersonntag, 4.
  April 2021, als Personenwagenlenker auf der Kerenzerbergstrasse, Höhe
  «Reservoir Paradisli» mit einer Geschwindigkeit von netto 75 km/h gemessen.
  Er hat somit die an der Messstelle nach den vorste­henden Ausführungen
  erlaubte allgemeine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h nicht
  überschritten und ist demnach in Gutheissung seiner Berufung vom der ihm
  vorgeworfenen Verkehrsregelverletzung freizusprechen.

  
	
   

  
	
  III.

  
	
  (Kostenregelung)

  
	
   

  
	
  1.  Untersuchungs-
  und Gerichtskosten

  
	
   

  
	
  1.1 Beim vorliegenden
  Verfahrensausgang sind die Kosten der Untersuchung sowie die Gerichtskosten
  über beide Instanzen auf die Staatskasse zu nehmen (Art. 426 Abs. 1 StPO e
  contrario und Art. 428 Abs. 1 StPO).

  
	
   

  
	
  2.  Parteientschädigung
  (Art. 429 Abs. 1 Bst. a StPO)

  
	
   

  
	
  2.1 Entschädigung
  für die Untersuchung und das erstinstanzliches Verfahren

  
	
   

  
	
  Das Obergericht setzte in seinem Entscheid
  vom 21. November 2023 die Ent­schädigung für die Bemühungen des Verteidigers
  in der Untersuchung und im erst­instanzlichen Verfahren auf CHF 3'923.20
  (inkl. MwSt. und Auslagen) fest (act. 41 S. 12 f. E. 7.2.2). In der
  Folge hob zwar das Bundesgericht diesen Entscheid auf; die Höhe der
  Anwaltsentschädigung war jedoch im bundesgerichtlichen Beschwer­deverfahren
  kein Thema, weshalb darauf hier nicht mehr zurückzukommen ist (sie­he dazu
  BGE 1143 IV 214 E. 5.2.1 S. 220). Es bleibt damit bei der vorgenannten
  Entschädigung von CHF 3'923.20 für das Erstverfahren und die Untersuchung.

  
	
   

  
	
  2.2 Entschädigung
  für das Berufungsverfahren

  
	
   

  
	
  [Details zur Anwaltsrechnung ohne Bedeutung
  für die Allgemeinheit; darum hier entfernt]

  
	
  ____________________

  
	
   

  
	
  Entscheid

  
	
   

  
	
  	
    1.

    	
    In Gutheissung der Berufung
    wird das Urteil des Kantonsgerichtspräsidenten vom 31. August 2022 im
    Verfahren SG.2021.00081 aufgehoben und wird der Beschuldigte und
    Berufungskläger A.______ vom Vorwurf der Verkehrsre­gel­verletzung im
    Zusammenhang mit der Geschwindigkeitsmessung vom 4. April 2021, 12:11
    Uhr, auf der Kerenzerbergstrasse in Mollis (Glarus Nord) freige­sprochen.

    
	
     

    	
     

    
	
    2.

    	
    Die Gerichtsgebühr für das
    Berufungsverfahren wird festgesetzt auf CHF 1’000.-; sie wird zusammen
    mit der Gerichtsgebühr von CHF 800.- für das vorinstanzli­che Verfahren
    SG.2021.00081 sowie der Untersuchungsgebühr von CHF 700.- im Verfahren
    UB.2021.00793 auf die Staatskasse genommen.

    
	
     

    	
     

    
	
    3.

    	
    Dem Berufungskläger wird aus
    der Staatskasse für die Untersuchung sowie das erstinstanzliche
    Gerichtsverfahren eine Parteientschädigung von insgesamt CHF
    3'923.20 und für das Berufungsverfahren eine solche von CHF 2‘444.40 (je inkl. Auslagen und MwSt.)
    zugesprochen. 

    
	
     

    	
     

    
	
    4.

    	
    Schriftliche Mitteilung an:

    
	
     

    	
    [...]