# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 4089eca1-9079-5438-8eef-0d5185009363
**Source:** Graubünden (GR)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2013-06-12
**Language:** de
**Title:** Graubünden Verwaltungsgericht 3. Kammer 12.06.2013 S 2012 35
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/GR_Gerichte/GR_VG_003_S-2012-35_2013-06-12.pdf

## Full Text

S 12 35

3. Kammer als Versicherungsgericht

URTEIL
vom 12. Juni 2013

in der verwaltungsrechtlichen Streitsache

betreffend IV-Rente

1. Am 9. März 2007 meldete sich … bei der IV-Stelle des Kantons Graubünden 

zum Bezug von Leistungen an. In ihrem Gesuch gab sie an, sie sei bis Ende 

Juli 2005 in einem 100% Pensum als Verkäuferin bei einer … Tankstelle tätig 

gewesen, seither sei sie arbeitslos. Sie sei am 17. Februar 2005 auf eisglattem 

Boden ausgerutscht und gestürzt und leide seither an Nacken- und 

Rückenschmerzen. Sie reichte unter anderem einen Bericht der Rehaklinik … 

über einen stationären Aufenthalt im Februar/März 2006 und einen 

Operationsbericht des Kantonsspitals Chur vom September 2006 über eine 

ventrale Diskektonomie C5/6 und eine Käfigspondylodese C5/6 ein.

2. Im Auftrag der IV-Stelle wurde sie am 14. Mai 2008 im Ärztlichen 

Begutachtungsinstitut Basel (ABI) internistisch, allgemeinmedizinisch, 

psychiatrisch und rheumatologisch untersucht. Mit Gutachten vom 10. Juni 

2008 wurden folgende Diagnosen gestellt: Chronisches lumbospondylogenes 

Schmerzsyndrom bilateral rechtsbetont, chronisches zervikospondylogenes 

Schmerzsyndrom bilateral, anhaltende somatoforme Schmerzstörung. Aus 

psychiatrischer Sicht könne der Explorandin zugemutet werden, trotz der 

geklagten Beschwerden die notwendige Willensanstrengung für eine 

ganztägige berufliche Tätigkeit aufzubringen. Aus rheumatologischer Sicht 

müsse festgestellt werden, dass das Ausmass der geklagten Schmerzen, die 

Schmerzchronifizierung sowie die tendenzielle Schmerzausweitung aufgrund 

der somatisch objektivierbaren Befunde am Bewegungsapparat nicht 

ausreichend erklärt werden könnten. Der Explorandin könne jegliche leichte bis 

intermittierend mittelschwere und wechselbelastende berufliche Tätigkeit zu 

80% ganztags verwertbar zugemutet werden, wobei bereits eine Einschränkung 

der Leistungsfähigkeit um 20% aufgrund der allgemeinen muskulären 

Dekonditionierung berücksichtigt worden sei. Für die Zeit vom Unfall bis zur 

Abfassung dieses Gutachtens könnte die Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten 

Tätigkeit gemittelt auf 50% festgelegt werden.

3. Mit Verfügung vom 22. April 2009 sprach die IV-Stelle … gestützt auf das ABI-

Gutachten für den Zeitraum vom 1. März 2006 bis zum 31. Juli 2008 eine halbe 

IV-Rente bei einem Invaliditätsgrad von 50% zu. Diese Verfügung erwuchs 

unangefochten in Rechtskraft.

4. Vom 20. April bis zum 8. Mai 2009 war … in der psychiatrischen Klinik … 

hospitalisiert. Mit Austrittsbericht vom 5. Juni 2009 diagnostizierte die Co-

Chefärztin Dr. med. … eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (F45.5) 

und eine leichte depressive Episode (F32.0). 

5. Mit Bericht vom 22. Juni 2010 gab Dr. med. …, Oberärztin der psychiatrischen 

Klinik … an, … sei seit dem 12. April 2010 bei ihr in ambulanter Behandlung. 

Dr. med. … stellte ebenfalls die Hauptdiagnose einer somatoformen 

Schmerzstörung. Als Nebendiagnosen nannte sie den Verdacht auf eine 

andauernde Persönlichkeitsveränderung bei chronischem Schmerzsyndrom 

(F62.80) und eine depressive Störung, gegenwärtig leichte bis mittelgradige 

depressive Episode (F32.1). Aus heutiger Sicht sei eine 100%ige 

Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht gegeben. Nach fünfjährigem 

chronifizierendem und invalidisierendem Verlauf sei festzustellen, dass die 

Patientin, vermutlich aufgrund einer vorbestehenden akzentuierten 

Persönlichkeit mit paranoiden und narzisstischen Zügen, nicht über die 

Möglichkeit verfüge, die Krankheit adäquat zu bewältigen. Mit Bericht vom 8. 

November 2010 ergänzte Dr. med. …, nach siebenmonatiger Behandlung 

könne sie die Diagnose einer anhaltenden Persönlichkeitsänderung bei 

chronischem Schmerzsyndrom stellen. Es sei dies eine psychische Krankheit 

von erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer, die die Schmerzbewältigung 

durch die Patientin intensiv und konstant behindere, so dass der Wiedereinstieg 

in den Arbeitsprozess vermutlich in den nächsten Jahren unzumutbar sein 

werde.

6. Am 1. April 2011 meldete sich … erneut zum Bezug von IV-Leistungen an. Sie 

machte geltend, ihr Zustand habe sich verschlechtert. Die IV-Stelle beauftragte 

daraufhin das ABI, ein Verlaufsgutachten zu erstellen. Am 17. Oktober 2011 

wurde … im ABI interdisziplinär untersucht. Mit Gutachten vom 10. November 

2011 wurden ein chronisches zervikospondylogenes bis zervikobrachiales 

Schmerzsyndrom linksbetont, ein chronisches lumbospondylogenes 

Schmerzsyndrom rechtsbetont, ein Verdacht auf ein intermittierendes 

Schulterimpingementsyndrom rechts, eine leichte depressive Episode und eine 

anhaltende somatoforme Schmerzstörung diagnostiziert. Aus 

rheumatologischer Sicht sei die Beurteilung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit 

im Vergleich zum Gutachten von Mai 2008 identisch. Die psychiatrischen 

Diagnosen hätten keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Aus polydisziplinärer 

Sicht bestehe für jegliche leichte bis intermittierend mittelschwere, 

wechselbelastende berufliche Tätigkeit in der freien Wirtschaft unter gewissen 

qualitativen Einschränkungen eine 80%ige, ganztägig verwertbare Arbeits- und 

Leistungsfähigkeit mit erhöhtem Pausenbedarf bis zehn Minuten pro Stunde.

7. Mit Vorbescheid vom 9. Januar 2012 teilte die IV-Stelle … mit, sie beabsichtige, 

das Leistungsbegehren abzuweisen. Bei einer Arbeitsfähigkeit von 80% 

gemäss ABI-Gutachten ergebe sich ein nicht rentenbegründender 

Invaliditätsgrad von 19.5%. Mit Schreiben vom 17. Januar 2012 beschrieb … 

ihre aktuelle gesundheitliche Situation und mit Einwand vom 28. Januar 2012 

machte sie, vertreten von ihrem Hausarzt Dr. med. …, geltend, es sei auf die 

Beurteilung von Dr. med. … abzustellen. dieser habe sie über Jahre betreut; sie 

sei bezüglich diagnostischer Sicherheit sicher glaubwürdiger als der Psychiater 

des ABI, welcher nur eine kurze Untersuchung gemacht habe. Mit Verfügung 

vom 10. Februar 2012 bestätigte die IV-Stelle ihren Vorbescheid und wies das 

Leistungsbegehren ab.

8. Gegen diese Verfügung erhob … am 2. März 2012 Beschwerde ans 

Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden. Sie beantragte sinngemäss, die 

angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei ihr eine IV-Rente 

zuzusprechen. Es sei auf die Beurteilung von Dr. med. … abzustellen. Der 

psychiatrische ABI-Gutachter habe nur während etwa 20 Minuten mit ihr 

gesprochen, sein Gutachten beruhe nicht auf eingehenden Beobachtungen und 

Untersuchungen. Hinzu komme, dass Dr. med. … eine unabhängige 

Psychiaterin sei, während der ABI-Psychiater im Auftrag und unter Bezahlung 

der IV gearbeitet habe.

9. Die IV-Stelle beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 20. März 2012 die 

Abweisung der Beschwerde. Sie habe zu Recht auf das ABI-Gutachten 

abgestellt. Nach der Rechtsprechung komme es für den Aussagegehalt eines 

medizinischen Gutachtens grundsätzlich nicht auf die Dauer der Untersuchung 

an. Vorliegend sei zu berücksichtigen, dass es sich um ein Verlaufsgutachten 

zum 2008 erstellten Gutachten handle. Das psychiatrische Teilgutachten sei 

schlüssig und nehme detailliert zur abweichenden Diagnosestellung von Dr. 

med. … Stellung. Es sondere, im Gegensatz zum Bericht von Dr. med. … die 

psychosozialen und damit IV-fremden Belastungsfaktoren aus und 

berücksichtige die schlechte Medikamentencompliance.

10. In ihrer Replik vom 10. April 2012 machte die Beschwerdeführerin geltend, der 

ABI-Gutachter habe sich blenden lassen von der früheren Schmerzstörung und 

kategorisiere sie als Schmerzpatientin. Es liege aber eine eigenständige 

psychische Krankheit vor. Der Vorwurf der schlechten 

Medikamentencompliance sei nicht berechtigt, sie nehme die Medikamente 

regelmässig ein.

11. Mit Schreiben vom 23. April 2012 verzichtete die IV-Stelle auf die Einreichung 

einer Duplik.

Auf die weiteren Ausführungen in der angefochtenen Verfügung und in den 

Rechtsschriften wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Das Gericht zieht in Erwägung:

1. Anfechtungsobjekt ist die Verfügung der IV-Stelle vom 10. Februar 2012, mit 

welcher das Leistungsbegehren der Beschwerdeführerin abgewiesen wurde. 

Streitig und zu prüfen ist, ob die IV-Stelle den Invaliditätsgrad korrekt bemessen 

hat, beziehungsweise ob sie für die Festlegung der Arbeitsfähigkeit zu Recht 

abgestellt hat auf das Gutachten des Ärztlichen Begutachtungsinstitut Basel 

(ABI) vom 10. November 2011 (Beilagen der Beschwerdegegnerin Nr. 82 

[Bg/82]).

2. Als Invalidität gilt gemäss Art. 8 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil 

des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) und Art. 4 des 

Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) die durch 

einen körperlichen oder geistigen Gesundheitsschaden verursachte, 

voraussichtlich bleibende oder längere Zeit andauernde Erwerbsunfähigkeit. 

Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG hat eine Versicherte Anspruch auf eine ganze 

Rente, wenn sie zu mindestens 70% invalid ist, auf eine Dreiviertelsrente wenn 

sie zu mindestens 60% invalid ist, auf eine halbe Rente, wenn sie zu 

mindestens 50% invalid ist und auf eine Viertelsrente, wenn sie zu mindestens 

40% invalid ist. Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird gemäss Art. 

28a Abs. 1 IVG und Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das die Versicherte 

nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen 

Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr 

zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte 

(Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie 

erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).

3. Für die Bestimmung des Invalideneinkommens, das heisst des trotz 

Gesundheitsschädigung zumutbarerweise noch realisierbaren Einkommens, ist 

nach der Rechtsprechung primär von der beruflich-erwerblichen Situation 

auszugehen, in welcher die Versicherte konkret steht (BGE 126 V 75 E.3b/aa). 

Ist wie im vorliegenden Fall kein solches tatsächlich erzieltes 

Erwerbseinkommen gegeben, so ist ein hypothetisches Invalideneinkommen 

festzulegen. Dabei ist die Frage entscheidend, welche Arbeitsleistungen der 

Versicherten in welchem Umfang noch zugemutet werden können, 

beziehungsweise wie gross die Arbeitsfähigkeit in einer optimal angepassten 

Tätigkeit ist. Diese Frage kann nur gestützt auf medizinische Experten 

beantwortet werden, welche zu beurteilen haben, inwiefern eine Versicherte in 

ihren wesentlichen körperlichen und geistigen Funktionen durch ihr Leiden 

eingeschränkt ist (BGE 132 V 93 E.4). 

4. Im vorliegenden Fall stehen Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit aus 

somatischen und psychischen Gründen in Frage. Die Arbeitsfähigkeit aus 

somatischer Sicht wurde von der IV-Stelle gestützt auf das rheumatologische 

ABI-Teilgutachten (Bg/82-29) auf 80% in einer adaptierten Tätigkeit festgelegt. 

Dies wird von der Beschwerdeführerin nicht beanstandet. 

5. a) Streitig ist die Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht. Die IV-Stelle geht 

gestützt auf das psychiatrische ABI-Teilgutachten vom 10. November 2011 von 

Dr. med. …, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, von einer 

100%igen Arbeitsfähigkeit aus (Bg/82-25). Die Beschwerdeführerin ist 

demgegenüber der Ansicht, gestützt auf die Einschätzung ihrer behandelnden 

Ärztin, Dr. med. …, Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 8. 

November 2010 sei von einer Arbeitsfähigkeit von 0% auszugehen (Bg/67-9). 

Im Folgenden werden diese sich auch in Bezug auf die Diagnosen 

widersprechenden fachärztlichen Beurteilungen auf ihren Beweiswert hin 

untersucht.

b) In einem sozialversicherungsrechtlichen Verfahren unterliegen sämtliche 

Beweismittel, somit auch medizinische Berichte und Gutachten, der freien 

Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Hinsichtlich des Beweiswertes eines 

Arztberichtes ist somit entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange 

umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten 

Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in 

der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der 

medizinischen Situation einleuchtet, und ob die Schlussfolgerungen des 

Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E.5.1, 125 V 351 E.3a). Nach der 

Rechtsprechung kann bei der Beweiswürdigung allerdings auf gewisse 

Richtlinien abgestellt werden. So ist den im Rahmen des 

Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten, 

welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach 

Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu 

schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange 

nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 

137 V 210 E.1.3.4; 125 V 351 E.3b/bb). In Bezug auf Berichte von 

behandelnden Ärzten darf und soll der Richter der Erfahrungstatsache 

Rechnung tragen, dass diese mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche 

Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen. 

Der Bericht eines behandelnden Arztes hat somit nicht den gleichen Rang wie 

ein von der IV-Stelle nach dem vorgegebenen Verfahrensrecht eingeholtes 

Gutachten. Er verpflichtet indessen - wie jede substanziiert vorgetragene 

Einwendung gegen ein solches Gutachten - den Richter zu prüfen, ob der 

Bericht des behandelnden Arztes die Auffassungen und Schlussfolgerungen 

des förmlich bestellten Gutachters derart zu erschüttern vermag, dass davon 

abzuweichen ist (BGE 125 V 361 E.3c).

6. Vor dem Hintergrund dieser Rechtsprechung kann weder dem psychiatrischen 

ABI-Teilgutachten von Dr. med. …, noch den Berichten von Dr. med. … volle 

Beweiskraft beigemessen werden. Dies aus den nachstehend dargelegten 

Gründen.

a) Im ABI-Gutachten fehlt die Angabe darüber, wie lange die Untersuchung der 

Beschwerdeführerin durch Dr. med. … gedauert hat (Bg/82-25). Dies stellt 

einen Mangel dar. Wie dargelegt kann einem Gutachten nach der 

Rechtsprechung nur dann eine volle Beweiskraft zuerkannt werden, wenn es 

auf einer eingehenden Untersuchung beruht. Für die Beweiswürdigung ist es 

deshalb notwendig, dass die Dauer der Untersuchung und die angewendeten 

Untersuchungsmethoden bekannt sind. Die Beschwerdeführerin macht geltend, 

Dr. med. … habe nur während rund 20 Minuten mit ihr gesprochen. Allein 

aufgrund dieser kurzen Untersuchungsdauer ist Dr. med. … Gutachten 

allerdings nicht als absolut beweisuntauglich zu qualifizieren. Nach der 

Rechtsprechung des Bundesgerichtes zeigt selbst eine lediglich 20 Minuten 

dauernde psychiatrische Exploration nicht von vornherein eine 

Sorgfaltswidrigkeit des Gutachters an. Für den Aussagegehalt eines 

Arztberichtes kommt es nicht auf die Dauer der Untersuchung an. Massgebend 

ist vielmehr, ob der Bericht inhaltlich vollständig und im Ergebnis schlüssig ist. 

Der für eine psychiatrische Untersuchung zu betreibende zeitliche Aufwand ist 

von der Fragestellung und der zu beurteilenden Psychopathologie abhängig, 

und ein genereller Zeitrahmen für eine Untersuchung lässt sich nicht 

allgemeingültig definieren. Ein Explorationsgespräch von 20 Minuten ist 

offensichtlich nicht ausreichend, wenn die unerlässlichen Kernkomponenten 

einer umfassenden psychiatrischen Begutachtung zu erheben sind; da die 

psychiatrische Untersuchung hauptsächlich mittels eingehender Befragung, 

Verhaltensbeobachtung und allenfalls Tests erfolgt, ist hierfür in der Regel ein 

wesentlich höherer Zeitaufwand zu veranschlagen. Ein geringerer Zeitaufwand 

ist umso mehr anzunehmen, wenn bereits verschiedenste ärztliche 

Untersuchungen durchgeführt worden sind, deren Ergebnisse vom Gutachter 

zusätzlich zu den eigenen Abklärungen in der Expertise verarbeitet werden 

können (Urteil des Bundesgerichts 9C_55/2009 vom 1. April 2009 E.3.3). Im 

vorliegenden Fall standen Dr. med. … das psychiatrische ABI-Teilgutachten 

vom Juni 2008 von Dr. med. … (Bg/35-16), der Austrittsbericht der Klinik … von 

Dr. med. ... vom 5. Juni 2009 (Bg/67) und die beiden Berichte von Dr. med. … 

vom 22. Juni und vom 8. November 2010 (Bg/67-5; 67-9) zur Verfügung. Auf 

die Erkenntnisse des ABI-Gutachters Dr. med. … konnte Dr. med. … dabei 

entgegen der Ansicht der IV-Stelle nur in geringem Mass abstellen, hatte sich 

doch die gesundheitliche Situation der Beschwerdeführerin im Zeitraum 

zwischen der ersten ABI-Begutachtung im Juni 2008 und der 

Verlaufsbegutachtung durch Dr. med. … im Oktober 2011 wesentlich verändert. 

Während 2008 noch eindeutig die somatischen Probleme im Vordergrund 

standen, waren 2011 die psychischen Probleme in den Vordergrund gerückt, 

nachdem die Beschwerdeführerin im April/Mai 2009 in der psychiatrischen 

Klinik … hatte hospitalisiert werden müssen und sich seither in ambulanter 

psychiatrischer Behandlung befand. Auch aus dem Bericht von Dr. med. … 

liess sich für die Begutachtung von Dr. med. … nicht viel ableiten. Dieser 

Bericht war aus der Perspektive der behandelnden Klinikärztin verfasst worden 

und enthielt keine Angabe zur Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit. Vor 

diesem Hintergrund erscheint die Untersuchungsdauer von 20 Minuten 

ungenügend.

b) Dr. med. … diagnostizierte eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach 

chronischem Schmerzsyndrom und erklärte dazu, diese komme in Bezug auf 

die Schwere und Auswirkung einer Persönlichkeitsstörung gleich. Es sei dies 

eine psychische Krankheit von erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer, 

die die Schmerzbewältigung durch die Patientin intensiv und konstant 

behindere, so dass der Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess vermutlich in den 

nächsten Jahren unzumutbar sein werde (Bg/67-11). Der ABI-Gutachter Dr. 

med. … verneinte das Vorliegen einer andauernden Persönlichkeitsänderung 

nach chronischem Schmerzsyndrom (Bg/82-28). Er führte aus, für diese 

Diagnose fordere die von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebene 

Internationale Klassifikation der Krankheiten ICD-10 das Vorliegen einer 

deutlich schwereren Krankheit; es müssten nachvollziehbare Schmerzen 

vorhanden sein, zum Beispiel Schmerzen bei einem Tumorleiden. Dem kann 

nicht gefolgt werden. Vorausgesetzt ist nach dem Wortlaut von ICD-10 F62.80 

ein „chronisches Schmerzsyndrom“. Ein solches liegt bei der 

Beschwerdeführerin angesichts ihrer rheumatologischen Diagnosen 

unzweifelhaft vor. Dr. med. … machte sodann geltend, es fehle auch die für 

diese Diagnose notwendige Entfremdung; es bestehe zwar ein sozialer 

Rückzug, die Explorandin falle aber nicht aus dem sozialen Rahmen heraus, sie 

sei innerhalb der Familie gut integriert und es bestehe eine gute 

Beziehungssituation. Auch in diesem Punkt kann Dr. med. … nicht gefolgt 

werden. In der ICD-10 sind zu der Diagnose der andauernden 

Persönlichkeitsänderung bei chronischem Schmerzsyndrom (F62.80) keine 

Kriterien aufgeführt. Es sind deshalb die Kriterien heranzuziehen, die für 

andauernde Persönlichkeitsänderungen allgemein gelten (F62.-), sowie die 

Kriterien, die bei den Diagnosen F62.0 (andauernde Persönlichkeitsänderung 

nach Extrembelastung) und F62.1 (andauernde Persönlichkeitsänderung nach 

psychischer Krankheit) aufgeführt sind: 
Kernsymptome

- eindeutige und andauernde Veränderung in der Wahrnehmung sowie im Verhalten und 

Denken bezüglich der Umwelt und der eigenen Person

- deutlich ausgeprägte Persönlichkeitsänderung

- unflexibles und fehlangepasstes Verhalten, das vor der pathogenen Erfahrung nicht 

bestanden hat

Andere häufige Symptome

- feindliche oder misstrauische Haltung gegenüber der Welt

- sozialer Rückzug

- Gefühle der Leere oder Hoffnungslosigkeit

- chronisches Gefühl der Anspannung wie bei ständigem Bedrohtsein

- Entfremdungsgefühl

- hochgradige Abhängigkeit sowie Anspruchs- und Erwartungshaltung gegenüber anderen

- Überzeugung, durch die Krankheit verändert oder stigmatisiert worden zu sein

- Unfähigkeit, enge und vertrauensvolle persönliche Beziehungen aufzunehmen und 

beizubehalten

- soziale Isolation 

- Passivität

- verminderte Interessen

- Vernachlässigung von Freizeitbeschäftigungen

- ständige Beschwerden über das Kranksein, oft verbunden mit hypochondrischen Klagen und 

kränkelndem Verhalten

- dysphorische oder labile Stimmung, die nicht auf dem Vorliegen einer gegenwärtigen 

psychischen Störung oder einer vorausgegangenen psychischen Störung mit affektiven 

Residualsymptomen beruht

- Probleme in der sozialen und beruflichen Funktionsfähigkeit

Aus diesem Kriterienkatalog ist ersichtlich, dass „Entfremdung“ kein 

Kernsymptom, sondern nur eines von vielen anderen häufigen Symptomen ist. 

Entgegen der Ansicht von Dr. med. … kann eine andauernde 

Persönlichkeitsänderung bei chronischem Schmerzsyndrom somit auch dann 

gegeben sein, wenn zwar keine Entfremdung vorliegt, aber genügend andere 

Kriterien erfüllt sind. Dr. med. … vermochte somit nicht überzeugend darzutun, 

weshalb Dr. med. … mit ihrer Diagnose falsch liegen sollte. Umgekehrt ist Dr. 

med. … Bericht nicht beweiskräftig genug, um davon auszugehen, dass 

tatsächlich eine anhaltende Persönlichkeitsänderung nach chronischem 

Schmerzsyndrom vorliegt. Dies weil Dr. med. … keine nachvollziehbare 

Begründung für ihre Diagnose lieferte. Sie verwies bloss auf den „Verlauf“ und 

die „vorliegende Symptomatik“, ging aber nicht näher auf die Kriterien ein, 

welche nach der ICD-10 bei dieser psychischen Störung vorhanden sein 

müssen. Dr. med. …‘ Bericht weckt somit Zweifel an der Richtigkeit der 

Diagnose des ABI-Gutachters Dr. med. ... Diese Zweifel vermochte Dr. med. … 

mit seiner Stellungnahme nicht zu beseitigen. Dies führt dazu, dass sich anhand 

der vorliegenden ärztlichen Unterlagen nicht zuverlässig beurteilen lässt, ob die 

Beschwerdeführerin unter einer anhaltenden Persönlichkeitsänderung bei 

chronischem Schmerzsyndrom leidet und inwieweit die Arbeitsfähigkeit davon 

beeinträchtigt ist.

c) Dr. med. … diagnostizierte in ihrem Bericht vom 22. Juni 2010 eine leichte bis 

mittelgradige depressive Episode (F32.1). In ihrem Bericht vom 8. November 

2010 gab sie an, es liege eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig 

leichte bis mittelgradige Episode (F33.1) vor. Dabei bezog sich ihre ICD-10 

Codierung auf den Schweregrad „mittelgradig“. Dr. med. … diagnostizierte 

demgegenüber eine leichte depressive Episode (F32.0). Diese unterschiedliche 

Einschätzung ist von Bedeutung im Hinblick auf die Beurteilung der 

Arbeitsfähigkeit. Gemäss ICD-10 ist nämlich der von einer leichten depressiven 

Episode betroffene Patient im Allgemeinen von den Symptomen beeinträchtigt 

aber oft in der Lage, die meisten Aktivitäten fortzusetzen. Bei einer 

mittelgradigen depressiven Episode hingegen hat der betroffene Patient meist 

grosse Schwierigkeiten, alltägliche Aktivitäten fortzusetzen. Sowohl bei Dr. med. 

… als auch beim ABI-Gutachter Dr. med. … fehlt es an einer nachvollziehbaren 

Begründung für den angegebenen Schweregrad der depressiven Störung. Nach 

der ICD-10 und den dazugehörigen Leitlinien (DILLING/MOMBOUR/ SCHMIDT, 

Internationale Klassifikation psychischer Störungen -  Klinisch-diagnostische 

Leitlinien, 7. Auflage, 2010) bemisst sich der Schweregrad der Depression nach 

der Anzahl und der Ausprägung der drei Kernsymptome und der sieben anderen 

häufigen Symptome (Gedrückte Stimmung, Interessenverlust und 

Freudlosigkeit, Verminderung des Antriebs und erhöhte Ermüdbarkeit, 

verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, vermindertes Selbstwertgefühl 

und Selbstvertrauen, Schuldgefühle und Gefühle der Wertlosigkeit, negative und 

pessimistische Zukunftsperspektiven, Suizidgedanken, Schlafstörungen, 

verminderter Appetit). In den Berichten der Dres. med. … und Widmer finden 

sich keine kohärenten und nachvollziehbaren Ausführungen zu diesen 

Symptomen. Dr. med. … nimmt in seinem Gutachten zwar Stellung zu der 

abweichenden Diagnose von Dr. med. …, allerdings nur im Hinblick auf die 

Frage, ob eine rezidivierende Störung vorliege, und nicht im Hinblick auf den 

Schweregrad. Aus diesem Grund vermag die Einschätzung der behandelnden 

Ärztin Dr. med. … auch im Bezug auf die Depression Zweifel an der Beurteilung 

durch den ABI-Gutachter zu wecken, so dass sich der Schweregrad der 

Depression und die Auswirkungen der Beschwerden auf die Arbeitsfähigkeit 

gestützt auf die vorliegenden Berichte nicht zuverlässig beurteilen lässt. Hinzu 

kommt der Umstand, dass das ABI-Gutachten ein nach altem Standard in 

Auftrag gegebenes Gutachten darstellt, was bei der Beweiswürdigung zu 

berücksichtigen ist. Es genügen ähnlich wie bei versicherungsinternen 

medizinischen Entscheidungsgrundlagen schon geringe Zweifel an der 

Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der ärztlichen Feststellungen, um eine neue 

Begutachtung anzuordnen (Urteil des Bundesgerichtes 9C_495/2012 vom 4. 

Oktober 2012 Erw. 2.3, BGE 137 V 210).

d) Die IV-Stelle ist der Ansicht, die unterschiedliche Beurteilung durch die Dres. … 

und … sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass Dr. med. … anders als 

Dr. med. … die psychosozialen und damit IV-fremden Belastungsfaktoren nicht 

ausgesondert habe. Dem kann nicht gefolgt werden. Wie bereits dargelegt fehlt 

es den Berichten von Dr. med. … an einer klaren Herleitung der Diagnosen. Aus 

ihren Berichten lässt sich deshalb nicht mit Sicherheit darauf schliessen, welche 

Symptome und Belastungsfaktoren sie bei der Beschwerdeführerin festgestellt 

und in ihre Einschätzung der Arbeitsfähigkeit miteinbezogen hat. Dennoch 

kommt ihrer Einschätzung ein gewisser Beweiswert zu. Sie verfügt als 

Fachärztin und als Oberärztin der Klinik … über die nötige Fachkompetenz und 

Erfahrung, und sie kannte die Beschwerdeführerin und ihre Problematik 

aufgrund der mehrmonatigen Behandlung gut.

e) Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich zwei Einschätzungen 

von Fachärzten gegenüberstehen, welche sich bezüglich Diagnose und 

Arbeitsfähigkeit widersprechen. Da keiner dieser Einschätzungen ein voller 

Beweiswert beigemessen werden kann, ist es für das Gericht nicht möglich, den 

Widerspruch zu beseitigen. Gestützt auf die vorliegenden psychiatrischen 

Berichte lässt sich die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in einer 

adaptierten Tätigkeit nicht zuverlässig beurteilen.

7. Somit ergibt sich, dass die IV-Stelle zu Unrecht auf das psychiatrische ABI-

Teilgutachten von Dr. med. … abgestellt hat. Die angefochtene Verfügung 

erweist sich als rechtswidrig, und die Beschwerde ist in dem Sinne 

gutzuheissen, dass die Angelegenheit zur weiteren medizinischen Abklärung an 

die IV-Stelle zurückzuweisen ist. Dabei wird die IV-Stelle nach neuem Standard 

bei der Beauftragung von Gutachten vorgehen müssen (BGE 137 V 210). 

8. Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten 

um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem 

kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem 

Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- 

bis Fr. 1000.-- festgelegt. Vorliegend werden die Kosten auf Fr. 700.-- 

festgesetzt. Diese Kosten hat die unterliegende IV-Stelle zu übernehmen (Art. 

73 Abs. 1 des kantonalen Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; VRG; 

BR 370.100).

Demnach erkennt das Gericht:

1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen und die 

Angelegenheit wird an die IV-Stelle zur weiteren medizinischen Abklärung 

zurückgewiesen.

2. Die Kosten von Fr. 700.-- gehen zulasten der IV-Stelle und sind innert 30 Tagen 

seit Zustellung dieses Entscheides an die Finanzverwaltung des Kantons 

Graubünden, Chur, zu bezahlen.