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**Case Identifier:** bd187e84-597a-5fcc-a467-6729733b09c6
**Source:** Aargau Gerichte (AG)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-06-29
**Language:** de
**Title:** Aargau Obergericht Zivilkammern 29.06.2023 ZOR.2023.14
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/AG_Gerichte/AG_OG_001_ZOR-2023-14_2023-06-29.pdf

## Full Text

Obergericht 

Zivilgericht, 1. Kammer 

 

 

ZOR.2023.14 / TR  
(OZ.2017.11)  

Art. 25 

 

Entscheid vom 29. Juni 2023 
 

 

Besetzung  Oberrichter Brunner, Präsident  

Oberrichter Lindner  

Oberrichter Holliger  

Gerichtsschreiber Tognella          

 

 
   

Klägerin   A._____,  

[...] 

unentgeltlich vertreten durch lic. iur. Patrick Lerch, Rechtsanwalt,  

[...]    

 

     

 
   

Beklagte   B._____,  

[...] 

vertreten durch LL.M. Barbara Klett, Rechtsanwältin, 

[...]    

 

     

 

 
 

Gegenstand  Ordentliches Verfahren betreffend Forderung 
 

 

  

 - 2 - 

 

 

 

 
   

Das Obergericht entnimmt den Akten: 

 

1. 

1.1. 

Mit Klage vom 10. November 2017 stellte die Klägerin beim Bezirksgericht 

Aarau folgendes Rechtsbegehren: 

 

" 1. 
Die Beklagte sei zu verpflichten 
- Fr. 1'201'314.- 
- zzgl. 5 % Schadenszins 

- über den bisherigen Erwerbs-, Haushalts-, Betreuungs- sowie 
Kostenschaden auf den mittleren Verfall bis Urteilstag und 

- über den Betrag von Fr. 100'000.- seit 7. Juli 2010 bis Urteilstag 
an die Klägerin zu bezahlen.  
 

2. 
Der Klägerin sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und sie sei 
von jeglichen Vorschuss- und Sicherheitsleistungen sowie von den Ge-
richtskosten zu befreien.  
 
3. 
Der Klägerin sei zur Vorbereitung und Durchführung des Klageverfahrens 
RA Patrick Lerch als unentgeltlicher Vertreter zu bestellen und dieser sei 
hierfür angemessen zu entschädigen. 
 
Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zzgl. MwSt. zulasten der 
Beklagten." 

 

1.2. 

Mit Klageantwort vom 7. Mai 2018 beantragte die Beklagte die kostenfällige 

Abweisung der Klage. 

 

1.3. 

Mit Replik vom 14. August 2018 reduzierte die Klägerin ihr Begehren von 

Fr. 1'201'314.00 auf Fr. 1'149'103.00. 

 

1.4. 

Mit Duplik vom 17. Oktober 2018 hielt die Beklagte am Antrag auf kosten-

fällige Klageabweisung fest. 

 

1.5. 

Am 17. Januar 2019 fand vor dem Gerichtspräsidium Aarau eine Instrukti-

onsverhandlung statt.  

 

1.6. 

Mit Eingabe vom 6. März 2019 erstatte die Klägerin eine Stellungnahme zu 

(behaupteten) Dupliknoven. Es folgten unaufgefordert Eingaben vom 

20. März 2019 (Beklagte) und 26. März 2019 (Klägerin).  

 - 3 - 

 

 

 

1.7. 

Anlässlich der Hauptverhandlung vom 26. Juni 2019 vor dem Bezirksge-

richt Aarau, der die als Zeugin vorgeladene C. unentschuldigt fernblieb, 

wurden die Zeugen D., E., F. und Dr. med. G. (dieser als sachverständiger 

Zeuge) sowie die Parteien befragt.  

 

1.8. 

1.8.1. 

Mit Verfügung vom 19. März 2020 wurde Dr. med. H. der Auftrag zur Er-

stellung eines Sachverständigengutachtens erteilt, das am 15. September 

2020 erstattet wurde. 

 

1.8.2. 

Mit Beschlüssen vom 29. Januar 2021 und 2. Juni 2021 wurden dem Ex-

perten Ergänzungsfragen unterbreitet, die dieser am 28. April 2021 bzw. 

8. August 2021 beantwortete. 

 

1.9. 

Am 19. Januar 2022 fand eine zweite Instruktionsverhandlung vor dem Ge-

richtspräsidium Aarau statt.  

 

1.10. 

Mit Eingaben vom 1. März 2022 (Beklagte) bzw. 14. März 2022 (Klägerin) 

reichten die Parteien ihre abschliessenden Stellungnahmen ein, wobei die 

Klägerin am Klagebegehren und die Beklagte am Antrag auf Klageabwei-

sung festhielt.  

 

1.11. 

Am 18. August 2022 erging folgender Entscheid des Bezirksgerichts Aarau: 

 

" 1. 
Die Klage wird abgewiesen. 
 
2.  
Die Gerichtskosten, bestehend aus der Entscheidgebühr für den begrün-
deten Entscheid von Fr. 25'106.00 und den Kosten für die Beweisführung 
von Fr. 9'757.90 (Übersetzungskosten und Zeugenentschädigung von 
Fr. 757.90 sowie Kosten für das Gutachten von gesamthaft Fr. 9'000.00), 
insgesamt Fr. 34'863.90 werden der Klägerin auferlegt. 
 
Sie gehen infolge Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege einstwei-
len zu Lasten des Kantons. Die Klägerin ist zur Nachzahlung verpflichtet, 
sobald sie dazu in der Lage ist (Art. 123 ZPO). 
 
3. 
Die Klägerin wird verpflichtet, der Beklagten eine Parteientschädigung von 
Fr. 95'500.00 (inkl. MwSt. von Fr. 6'828.00 und Auslagen von gesamthaft 
Fr. 529.50) zu bezahlen. 
 
 

 - 4 - 

 

 

 

4. 
Der unentgeltliche Rechtsvertreter der Klägerin wird mit Fr. 95'930.70 (inkl. 
Fr. 6'895.75 MwSt., bestehend aus 8 % MwSt. auf Fr. 13'355.25 und 7.7 % 
MwSt. auf Fr. 75'679.75, sowie Auslagen von gesamthaft Fr. 893.30) vom 
Kanton entschädigt. Die Klägerin ist zur Nachzahlung verpflichtet, sobald 
sie dazu in der Lage ist (Art. 123 ZPO)." 
 

2. 

2.1. 

Gegen diesen ihr am 9. Februar 2023 in motivierter Fassung zugestellten 

Entscheid erhob die Klägerin am 10. März 2023 fristgerecht Berufung mit 

folgenden Anträgen: 

 

" 1. 
Das Urteil OZ.2017.11 des Bezirksgerichts Aarau vom 18. August 2022 sei 
aufzuheben. 
 
2. 
In Gutheissung der Klage vom 10. November 2017 sei die Berufungsbe-
klagte /Beklagte zu verpflichten 
- Fr. 1'149'103.- 
- zzgl. 5 % Schadenszins 

- über den bisherigen Erwerbs-, Haushalts-, Betreuungs- sowie 
Kostenschaden auf den mittleren Verfall bis Urteilstag und 

- über den Betrag von Fr. 100'000.- seit 7. Juli 2010 bis Urteilstag 
an die Berufungsklägerin/Klägerin zu bezahlen.  
 

3. 
Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung und -entscheidung an die 
Vorinstanz zurückzuweisen. 
 
4. 
Der Berufungsklägerin/Klägerin sei für das Berufungsverfahren die unent-
geltliche Rechtspflege zu gewähren und sie sei von jeglichen Vorschuss- 
und Sicherheitsleistungen sowie von den Gerichtskosten zu befreien.  
 
5. 
Der Berufungsklägerin/Klägerin sei für das Berufungsverfahren RA Patrick 
Lerch als unentgeltlicher Beistand zu bestellen und dieser sei hierfür an-
gemessen zu entschädigen. 
 
Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zzgl. MwSt. zulasten der 
Berufungsbeklagten/Beklagten." 

 

2.2. 

Mit Berufungsantwort vom 28. April 2023 beantragte die Beklagte die kos-

tenfällige Abweisung der Berufung. 

 

  

 - 5 - 

 

 

 

 
   

Das Obergericht zieht in Erwägung: 

 

1. 

Beim angefochtenen Entscheid handelt es sich um einen erstinstanzlichen 

Endentscheid (Art. 308 Abs. 1 lit. a ZPO). Die Klägerin hat am vorinstanz-

lichen Verfahren teilgenommen und ist dort unterlegen, sodass sie durch 

den angefochtenen Entscheid beschwert ist. Im Übrigen ist der für die Be-

rufung in vermögensrechtlichen Angelegenheiten erforderliche Mindest-

streitwert von Fr. 10'000.00 (Art. 308 Abs. 2 ZPO) erreicht. Nachdem auch 

die Frist- und Formvorschriften von Art. 311 ZPO eingehalten sind, steht 

einem Eintreten auf ihre Berufung nichts entgegen. 

 

2. 

2.1. 

Mit der Berufung können die unrichtige Rechtsanwendung und die unrich-

tige Feststellung des Sachverhalts durch die Vorinstanz geltend gemacht 

werden (Art. 310 ZPO).  

 

Gemäss Art. 311 Abs. 1 ZPO ist die Berufung zu begründen. In seinen 

Ausführungen hat sich der Berufungskläger mit der Begründung im erstin-

stanzlichen Entscheid im Einzelnen und sachbezogen auseinanderzuset-

zen (REETZ/THEILER, in: Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenberger, Kom-

mentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, 3. Aufl. 2016, N. 36 zu 

Art. 311 ZPO). Begründen bedeutet, aufzuzeigen, inwiefern der angefoch-

tene Entscheid als fehlerhaft erachtet wird. Hierfür muss die Berufung hin-

reichend klar abgefasst sein, was insbesondere eine genaue Bezeichnung 

der beanstandeten Passagen sowie der Aktenstücke, auf welche sich die 

Kritik stützt, bedingt (BGE 141 III 569 E. 2.3.3, 138 III 374 E. 4.3.1, 

5A_466/2016 E. 2.3). Allgemeine Kritik am vorinstanzlichen Entscheid ge-

nügt nicht (BGE 141 III 569 E. 2.3.3, 138 III 374 E. 4.3.1, 5A_466/2016 

E. 2.3, 4A_651/2012 E. 4.2; OGer ZH, LB180064 E. 1.2; SEILER, Die Beru-

fung nach ZPO, 2013, N. 896; HURNI, Der Rechtsmittelprozess der ZPO, 

ZBJV 2020, S. 76). Auch mit blossen Wiederholungen der eigenen Vorbrin-

gen vor erster Instanz, die von dieser bereits abgehandelt wurden, wird 

dem Begründungserfordernis nicht Genüge getan (BGE 141 III 569 

E. 2.3.3, 138 III 374 E. 4.3.1, 5A_466/2016 E. 2.3, 4A_651/2012 E. 4.2;    

OGer ZH, LB180064 E. 1.2; REETZ/THEILER, a.a.O.; HUNGERBÜHLER/BU-

CHER, in: Brunner/Gasser/Schwander [Hrsg.], Kommentar zur Schweizeri-

schen Zivilprozessordnung, 2. Aufl. 2016, Art. 311 N. 31 ZPO; SEILER, 

a.a.O.; HURNI, a.a.O., S. 75 f.). Der Berufungskläger hat dem angefochte-

nen Entscheid vielmehr eine Gegenargumentation entgegenzustellen 

(HURNI, a.a.O., S. 74 und 75 ff.). Die Rechtsmittelinstanz ist nicht gehalten, 

von sich aus alle sich stellenden tatsächlichen und rechtlichen Fragen zu 

untersuchen, wenn die Parteien diese in oberer Instanz nicht mehr vortra-

gen. Sie kann sich grundsätzlich auf die Beurteilung der in der Berufung 

 - 6 - 

 

 

 

und der Berufungsantwort gegen das erstinstanzliche Urteil erhobenen Be-

anstandungen beschränken (BGE 144 III 394 E. 4.1.4, 142 III 413 E. 2.2.4). 

Sie ist aber inhaltlich weder an die Argumente, welche die Parteien zur Be-

gründung ihrer Beanstandungen vorbringen, noch an die Erwägungen der 

ersten Instanz gebunden; sie wendet das Recht von Amtes wegen an 

(Art. 57 ZPO) und verfügt über freie Kognition in Tatfragen (BGE 144 III 394 

E. 4.1.4). Sie kann deshalb die Berufung auch mit einer anderen Begrün-

dung gutheissen oder diese auch mit einer von der Argumentation der ers-

ten Instanz abweichenden Begründung abweisen (BGE 4A_397/2016 

E. 3.1).  

 

Neue Tatsachen und Beweismittel werden im Berufungsverfahren nur noch 

berücksichtigt, wenn sie ohne Verzug vorgebracht werden und trotz zumut-

barer Sorgfalt nicht schon vor erster Instanz vorgebracht werden konnten 

(Art. 317 Abs. 1 ZPO), wofür die Partei, die solche Neuerungen geltend 

macht, die Substantiierungs- und Beweislast trifft (BGE 5A_266/2015 

E. 3.2.2).  

 

2.2. 

Das Obergericht kann ohne Verhandlung aufgrund der Akten entscheiden 

(Art. 316 Abs. 1 ZPO). 

 

3.  

3.1.  

Die Klägerin begab sich am 6. Juli 2010 wegen eines Hämorrhoidalleidens 

in die Praxis der Beklagten, wobei die Parteien für den nächsten Tag die 

Durchführung einer Koloskopie vereinbarten (Klage, act. 4 Rz. 6; Klageant-

wort, act. 89 Rz. 52). Die Beklagte gab der Klägerin ein Informationsblatt 

mit, das einen zur Geringhaltung des Komplikationsrisikos entworfenen 

Fragenkatalog sowie eine vorgedruckte Einwilligungserklärung enthielt und 

das die Klägerin am Folgetag ausgefüllt sowie unterzeichnet in die Praxis 

der Beklagten brachte (Klageantwortbeilage 3). Ohne weitere mündliche 

Aufklärung der Klägerin durch die Beklagte wurde daraufhin am 7. Juli 2010 

(Mittwoch) die Koloskopie durchgeführt, wobei ein zufällig im Darmsigma 

40 cm ab ano vorgefundener Polyp entfernt und abschliessend die Hämor-

rhoiden mit fünf Gummibandligaturen behandelt wurden (Klage, act. 4, Be-

richt zur Koloskopie, Klagebeilage 4). In der Folge persistierten bei der Klä-

gerin Schmerzen, zunächst im Unterbauch, die sich nach dem 8. Juli 2010 

in den Oberbauch verlagerten (so insbesondere auch das I.-Gutachten 

[Klagebeilage 15 S. 17 unten]). Am Morgen des 8. Juli 2010 (zweimal) und 

dann wieder am 12. Juli 2010 rief der damalige Lebenspartner der Klägerin 

in die beklagtische Praxis an (Klagebeilagen 6 und 7), wobei er ihren Zu-

stand ([starke] Schmerzen sowie zusätzliche Symptome wie Erbrechen und 

Fieber) bzw. dessen Veränderung (Verlagerung der Schmerzen in den 

Oberbauch) schilderte (vgl. Krankengeschichte, Klagebeilage 3), ohne 

dass die Beklagte weitere Abklärungen veranlasste. Am 13. Juli 2010 

 - 7 - 

 

 

 

(Dienstag) wurde die Klägerin ins J. (J.) gebracht, wo gleichentags wegen 

einer "gedeckten Kolonperforation der linken Flexur mit ausgedehntem 

subsplenischem/retrokolischem Abszess" notfallmässig eine Laparotomie 

mit "Hemikolektomie links mit Transverso-Sigmoidostomie" durchgeführt 

wurde; wegen am 31. Juli 2010 aufgetretener Abdominalschmerzen er-

folgte am 2. August 2010 eine CT-gesteuerte Abszessdrainage, ehe die 

Klägerin am 11. August 2010 aus dem Spital entlassen werden konnte  

(Austrittsbericht des J. vom 19. August 2010; Klagebeilage 11). Wegen ei-

nes Abszessrezidivs erfolgte eine weitere Hospitalisation der Klägerin vom 

18. bis 24. August 2010 mit CT-gesteuerter Abszessdrainage am 19. Au-

gust 2010 (Austrittsbericht des J. vom 7. September 2010, Klagebeilage 

12).  

 

3.2. 

Mit ihrer vor Vorinstanz eingereichten Klage machte die Klägerin wegen 

einer durch die traumatischen Ereignisse nach der Intervention vom 7. Juli 

2010 verursachten depressiven Störung (atypische Depression, im Verlauf 

auch mittelgradige depressive Episode) mit verschiedensten psychosoma-

tischen Beschwerden (zum einen Symptomatik von Bewegungsapparat 

[in/an Nacken, Rücken, Händen und Beinen], Bauch [Druckgefühl in Magen 

und Unterbauch] und Kopf [Schwindel], zum andern Erbrechen [zwei- bis 

dreimal täglich], Panikattacken und dissoziative Symptome, vgl. Klage, 

act. 14 f. Rz. 26 f.) diverse Schadenersatzforderungen (Erwerbsschaden, 

Haushaltschaden [je auch für die Zukunft], Rentenschaden, Betreuungs- 

und Pflegeschaden für die Zeit vom 7. Juli 2010 bis Ende 2010, Schaden 

im Umfang der von der Klägerin selbst getragenen und auch künftig noch 

zu tragenden Heilungskosten [Franchise und Selbstbehalt], vorprozessuale 

Anwaltskosten) sowie eine Genugtuung geltend (Klage, act. 21 ff. Rz. 40-

67). Diese gesundheitlichen Störungen setzten die Klägerin ausserstande, 

den häuslichen und ausserhäuslichen Alltag für sich und ihre Tochter zu 

bewältigen (Klage, act. 17 Rz. 33). Sie seien keinesfalls schicksalhaft auf-

getreten, sondern kausal auf den durch mehrfache sorgfaltswidrige Unter-

lassungen der Beklagten (ungenügende Aufklärung über die Risiken des 

Eingriffs sowie ungenügende postinterventionelle Betreuung, Klage, act. 9 

ff. Rz. 16-23) gekennzeichneten "postinterventionellen Verlauf" unter ande-

rem mit massivsten Schmerzen, lebensbedrohlichem Zustand und die lang-

wierige, komplikationsbehaftete Notfallbehandlung mit bleibenden grossen 

Narben zurückzuführen (Klage, act. 14 Rz. 26 und 28). 

 

Die Beklagte bestritt eine Haftung im Zusammenhang mit der gastroente-

rologischen Behandlung der Klägerin vom 7. Juli 2010. Sollte eine Sorg-

faltspflichtverletzung bejaht werden, fehle es an der Kausalität zwischen 

dieser und den Beschwerden der Klägerin. Es werde von wesentlichen 

gastrointestinalen und psychischen Vorzuständen inkl. psychosozialen Be-

lastungsfaktoren der Klägerin ausgegangen, die für die Beurteilung des 

 - 8 - 

 

 

 

Kausalzusammenhangs von Bedeutung seien (vgl. insbesondere Kla-

geantwort, act. 78 f. Rz. 7-11). 

 

3.3.  

Zwar ging die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid vorab davon aus, 

dass die Beklagte ihrer Dokumentationspflicht im Hinblick auf die unmittel-

bare Nachbetreuung des Eingriffs vom 7. Juli 2010 nicht hinreichend nach-

gekommen bzw. die Patientendokumentation insoweit ungenügend gewe-

sen sei. Dies führe aber nicht zu einer Beweislasterleichterung, weil die 

Dokumentation weder medizinisch notwendig noch üblich gewesen sei, 

was nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (BGE 141 III 363 

E. 5.3) für den Eintritt dieser beweisrechtlichen Konsequenzen zu verlan-

gen wäre (angefochtener Entscheid E. 6). Alsdann bejahte die Vorinstanz 

eine gültige Einwilligung der Klägerin in den von der Beklagten am 7. Juli 

2010 vorgenommenen medizinischen Eingriff (Koloskopie mit Polypekto-

mie) (angefochtener Entscheid E. 7) und verneinte für die Zeit vor dem 

12. Juli 2010 von der Beklagten im Rahmen des Eingriffs sowie der Nach-

betreuung begangene Sorgfaltspflichtverletzungen (angefochtener Ent-

scheid E. 8 - 10).  Bei der Beurteilung dieser Punkte folgte sie im Wesent-

lichen dem bei Dr. med. H. eingeholten Gerichtsgutachten (act. 492 ff.) inkl. 

Ergänzungen (act. 588 ff. und act. 675 ff.) das als vollständig sowie hinrei-

chend nachvollziehbar und schlüssig beurteilt wurde (vgl. angefochtener 

Entscheid E. 5).  Eine Sorgfaltspflichtverletzung durch die Beklagte bejahte 

die Vorinstanz dagegen für den 12. Juli 2010. In einem Telefonat, das die 

Beklagte am Morgen jenes Tages von der Klägerin bzw. deren damaligem 

Lebenspartner erhalten habe, habe die Beklagte Hinweise auf eine (sekun-

däre) Perforation der Darmwand (Erbrechen mit Fieber bis zu 39°; die 

Schmerzen waren vom Unterbauch in den Oberbauch "gewandert") erhal-

ten, die sie zu einer Einweisung der Klägerin ins Spital hätten veranlassen 

müssen bzw. von der Beklagten nicht als Hinweise auf Sommergrippe hät-

ten gedeutet werden dürfen. Dennoch wies die Vorinstanz die Schadener-

satzklage wegen fehlender Kausalität ab. Auch bei einer sofortigen Spital-

einweisung hätte nach der Einschätzung des Gerichtsgutachtens der glei-

che operative Eingriff (Laparotomie, d.h. Öffnung der Bauchhöhle), auf den 

die Klägerin ihre bleibenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen und den 

Schaden zurückführe, vorgenommen werden müssen, wie er dann am 

nächsten Tag vorgenommen worden sei (rechtmässiges Alternativverhal-

ten, angefochtener Entscheid E. 11). 
 

3.4.  

In ihrer Berufung macht die Klägerin geltend, dass  

- keine rechtsgültige Einwilligung der Klägerin in den von der 

Beklagten vorgenommenen Eingriff (Koloskopie mit Po-

lypektomie) vorgelegen habe, was zu einer vollen Haftung 

 - 9 - 

 

 

 

der Beklagten für sämtliche Folgen des – mangels einer Ein-

willigung – rechtswidrigen Eingriffs führe (Berufung S. 13 ff. 

Rz. 26 ff., so schon Klage, act. 9 Rz. 17), 

- die Beklagte ihre auftragsrechtlich geschuldete Dokumenta-

tionspflicht verletzt habe, was mit einer Beweiserleichterung 

zu sanktionieren sei (Berufung S. 7 ff. Rz. 16 ff.), und  

- die Beklagte den Eintritt des mit dem vorgenommenen Ein-

griff (Polypektomie) verbundenen Risikos (primäre Perfora-

tion der Darmwand, Berufung S. 20 ff. und 37 Rz. 47 ff. und 

84) von Beginn weg sorgfaltswidrig verkannt habe (Berufung 

S. 20 ff. Rz. 46 ff.). 

 

Die vollumfängliche Haftung der Beklagten ergebe sich daraus, dass  

- die Polypektomie rechtswidrig vorgenommen worden sei  

und/oder daraus, dass  

- die Darmwandperforation aufgrund des Fehlverhaltens der 

Beklagten weder am 7. Juli oder 8. Juli noch zwischen dem 

9. und 13. Juli 2010 erkannt und adäquat therapiert worden 

sei, 

- das Fehlverhalten der Beklagten schuldhaft sowie kausal für 

den von der Klägerin geltend gemachten Schaden gewesen 

sei (Berufung S. 53 Rz. 130).  

 

4.  

4.1. 

Der Behandlungsvertrag zwischen einem Arzt und einem Patienten ist ein 

Auftrag im Sinne von Art. 394 ff. OR (FELLMANN, Berner Kommentar, 1992, 

N. 185 zu Art. 394 OR). Dabei handelt es sich um ein prototypisches Auf-

tragsverhältnis, in dem der Erfolg, für dessen Erzielung der Beauftragte 

vom Auftraggeber beigezogen wird (im Arztvertrag die Stellung einer kor-

rekten Diagnose bzw. erfolgreiche Behandlung/Heilung), nicht in jedem Fall 

garantiert werden kann. Geschuldet ist vom Beauftragten ein sorgfältiges, 

auf die Verwirklichung des Erfolgs gerichtetes Tätigwerden. Im Arztvertrag 

geht es um sorgfältige Abklärung der vom Patienten geklagten Symptome, 

korrekte Behandlung sowie im Zusammenhang mit ärztlichen Eingriffen um 

korrekte Überwachung und Nachkontrolle. Bleibt eine Heilung trotz sorgfäl-

tigen Tätigwerdens des Arztes aus, kann der Patient von diesem die auf 

die gesundheitliche Störung zurückzuführende Vermögensverminderung 

nicht als Schaden geltend machen. Vielmehr bleibt er zur Bezahlung der 

verabredeten oder üblichen Vergütung (Art. 394 Abs. 3 OR) verpflichtet 

(soweit nicht zeitlich übermässiger Aufwand betrieben wurde, wofür von 

vornherein keine Vergütung geschuldet ist, vgl. FELLMANN, a.a.O., N. 532 

zu Art. 394 OR).  

 

 - 10 - 

 

 

 

4.2. 

4.2.1. 

Der Beauftragte kann den Auftraggeber bei der Erfüllung des Vertrags nicht 

nur dadurch schädigen, dass durch sein unsorgfältiges Tätigwerden das an 

sich mögliche Erreichen des vom Auftraggeber anvisierten Ziels verfehlt 

wird; er kann ihn auch darüber hinaus selber schädigen. So kann es bei 

der im Rahmen eines Arztvertrags erbrachten Heilbehandlung – statt zu 

einer Heilung – zu einer (unbeabsichtigten) zusätzlichen Körperschädigung 

kommen, etwa durch die Abgabe eines Medikaments oder anlässlich einer 

Operation. Ist diese zusätzliche Körperschädigung auf ein sorgfaltswidriges 

Vorgehen des Arztes (Kunstfehler) zurückzuführen (z.B. irrtümliche Ab-

gabe eines falschen Medikaments im Gegensatz zu Nebenwirkungen), liegt 

sowohl eine Vertragsverletzung als auch eine unerlaubte Handlung im 

Sinne von Art. 41 OR vor, die sowohl nach Art. 97 als auch nach Art. 41 

OR eine Schadenersatzpflicht des Beauftragten nach sich zieht (zur An-

spruchskonkurrenz vgl. anstelle vieler SCHWENZER/FOUNTOULAKIS, 

Schweizerisches Obligationenrecht, 8. Aufl., 2020, Rz. 67.06).  

 

4.2.2. 

Da in einer Körperverletzung – vorbehaltlich eines Rechtfertigungsgrunds 

– eine unerlaubte Handlung im Sinne von Art. 41 OR zu erblicken ist, ist 

jedenfalls nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung für jeden ärztlichen 

Eingriff die Einwilligung des Patienten erforderlich und der ohne solche Ein-

willigung vorgenommene Eingriff widerrechtlich (und vertragswidrig); dies 

mit der Folge, dass der auf den Eingriff zurückzuführende Schaden durch 

den Arzt grundsätzlich selbst dann zu ersetzen ist, wenn der ärztliche Ein-

griff mit aller gebotenen Sorgfalt vorgenommen wurde und sich lediglich ein 

mit diesem verbundenes, nicht vermeidbares Restrisiko verwirklicht hat. 

Dabei kann der Arzt die Einwilligung des Patienten grundsätzlich nur dann 

als Rechtfertigungsgrund anrufen, wenn er den Patienten hinreichend über 

die mit der geplanten medizinischen Massnahme verbundenen Risiken auf-

geklärt hat (BGE 133 III 121 E. 4.1.1).  

 

Immerhin kann sich der Arzt im Falle einer unterbliebenen Aufklärung bzw. 

fehlenden tatsächlichen Einwilligung darauf berufen, dass der Patient auch 

bei hinreichender Aufklärung eingewilligt hätte (hypothetische Einwilligung, 

BGE 133 III 121 E. 4.1.3; vgl. dazu E. 7.3 des angefochtenen Entscheids 

sowie nachfolgende E. 5.2). Dabei geht es allerdings nicht allein um die 

Frage der Widerrechtlichkeit, sondern darum, ob bei einem alternativen 

rechtmässigen Verhalten des Arztes der nun eingetretene Schaden eben-

falls eingetreten wäre, d.h. um die Frage des rechtmässigen Alternativver-

haltens (BGE 4A_160/2015 E. 5.2.2.).  

 

4.2.3. 

Da die (tatsächliche oder hypothetische) Einwilligung einen Rechtferti-

gungsgrund für den ärztlichen Eingriff in die körperliche Integrität und damit 

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eine rechtshindernde Tatsache darstellt, trifft den Arzt die Beweislast für 

die Einwilligung (BGE 133 III 121 E. 4.1.3, BGE 4A_160/2015 E. 5.2.1; LAR-

DELLI/VETTER, Basler Kommentar, 7. Aufl., 2022, N. 62 zu Art. 8 ZGB). Be-

ruft sich der Arzt auf eine hypothetische Einwilligung, trifft den Patienten 

eine Mitwirkungspflicht insoweit, als er glaubhaft zu machen oder wenigs-

tens die persönlichen Gründe anzuführen hat, warum er sich der Operation 

widersetzt hätte, insbesondere wenn er die Risiken gekannt hätte. Grund-

sätzlich darf nicht von einer hypothetischen Einwilligung ausgegangen wer-

den, wenn Art und Schwere des Risikos eine erhöhte Informationspflicht 

geboten hätten, welcher der Arzt nicht nachgekommen ist. In einem sol-

chen Fall ist es in der Tat denkbar, dass sich der Patient, hätte er die um-

fassende Information erhalten, in Bezug auf die zu treffende Entscheidung 

in einem echten Konflikt befunden und eine Überlegungszeit verlangt hätte. 

Nach der Rechtsprechung darf nicht auf ein abstraktes Modell des "ver-

nünftigen Patienten" abgestellt werden, sondern auf die persönliche und 

konkrete Situation des Patienten, um den es geht. Nur wenn der Patient 

keine persönlichen Gründe geltend macht, die ihn zur Ablehnung der vor-

geschlagenen Operation geführt hätten, ist nach objektivem Massstab auf 

die Frage abzustellen, ob die Ablehnung des Eingriffs vom Standpunkt ei-

nes vernünftigen Patienten aus verständlich wäre (BGE 133 III 121 E. 4.1.3; 

BGE 4A_160/2015 E. 5.2.1 und 5.2.2). 

 

4.3. 

4.3.1. 

Für eine Schadenersatzpflicht nach Art. 97 bzw. Art. 41 OR muss (a) ein 

rechtserheblicher (natürlicher und adäquater) Kausalzusammenhang zwi-

schen (b) der Vertragsverletzung bzw. unerlaubten Handlung und (c) dem 

geltend gemachten Schaden bestehen (zum Schaden im juristischen Sinn 

als unfreiwillige Vermögensverminderung im Sinne der Differenztheorie 

[BGE 128 III 22 E. 2e] vgl. SCHWENZER/FOUNTOULAKIS, a.a.O., Rz. 14.03 

ff.). Zu diesen drei Voraussetzungen muss als vierte Voraussetzung (d) für 

beide Haftungsformen ein Verschulden hinzutreten; dieses setzt sich aus 

einem objektiven Komponente (Vorsatz oder – durch Ausserachtlassen der 

im Verkehr erforderlichen Sorgfalt gekennzeichnete [SCHWENZER/FOUN-

TOULAKIS, a.a.O., Rz. 22.14] –  Fahrlässigkeit) und einer subjektiven Kom-

ponente (Urteilsfähigkeit) zusammen (vgl. SCHWENZER/FOUNTOULAKIS, 

a.a.O., Rz. 22.01 ff.). Während das Verschulden im Rahmen eines Vertrags 

vermutet wird (Art. 97 OR), ist es im Zusammenhang mit einer unerlaubten 

Handlung nach Art. 8 ZGB von der geschädigten Person zu beweisen (vgl. 

immerhin BGE 117 II 231 E. 2b, wonach Urteilsfähigkeit als subjektive Seite 

des Verschuldens bei einer erwachsenen bzw. volljährigen Person vermu-

tet wird).  

 

4.3.2. 

Für die Schadenersatzpflicht im Zusammenhang mit einer (misslungenen) 

ärztlichen Behandlung sind zwei Besonderheiten zu beachten: 

 - 12 - 

 

 

 

4.3.2.1. 

Da bei einem prototypischen Auftrag als Dienstleistungsvertrag kein Erfolg 

geschuldet ist, kann anders als bei einem Sach- oder Werkleistungsvertrag 

die Vertragsverletzung nicht im Ausbleiben des erhofften Erfolgs erblickt 

werden. Vielmehr besteht die Vertragsverletzung im Ausserachtlassen der 

geschuldeten Sorgfalt durch den Beauftragten (vgl. dazu vorstehende 

E. 4.1). Dadurch wird die Sorgfaltspflicht aus dem Bereich des Verschul-

dens (wo Sorgfaltspflichtverletzung den Fahrlässigkeitsvorwurf rechtfertigt) 

herausgelöst und in den Bereich der Vertragsverletzung vorverlagert. Dies 

hat zum einen zur Folge, dass ein geschädigter Patient, auch wenn er sich 

auf Art. 97 OR beruft, die Verletzung der Sorgfaltspflicht durch den Beauf-

tragten zu beweisen hat (während im Rahmen eines Sach- bzw. Werkleis-

tungsvertrags ein Verschulden [Vorsatz oder Fahrlässigkeit = Ausseracht-

lassen der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt, vgl. vorstehende E. 4.3.1] 

des Schuldners vermutet wird). Zum andern folgt daraus, dass – nach ge-

lungenem Beweis einer Sorgfaltspflichtverletzung durch den Auftraggeber 

– der Beauftragte sich, wenn überhaupt, nur noch schwer exkulpieren kann 

(vgl. dazu SCHWENZER/FOUNTOULAKIS, a.a.O., Rz. 22.18 ff., HARTMANN, Die 

vorvertraglichen Informationspflichten und ihre Verletzung, 2001, Rz. 274 

ff. und OSER/WEBER, Basler Kommentar, 7. Aufl., 2020, N. 30a und 32 f. zu 

Art. 398 OR).   

 

4.3.2.2. 

Was den rechtserheblichen Kausalzusammenhang zwischen einer Heilbe-

handlung und einem geltend gemachten Schaden betrifft, sind – gerade 

auch hinsichtlich des vorliegenden Falls – folgende Konstellationen ausei-

nanderzuhalten:  

 

Misslingt eine ärztliche Behandlung trotz sorgfältigem Tätigwerden des Arz-

tes, so hat eine – ausserhalb des Machbereichs des Letzteren – gelegene 

Kausalkette schicksalhaft ihren Lauf genommen und der Patient hat den 

damit verbundenen Vermögensschaden zu tragen (casum sentit dominus). 

Vorbehalten ist der Fall, dass keine rechtsgenügliche (tatsächliche oder hy-

pothetische) Einwilligung des Patienten vorliegt; diesfalls hat der Arzt auch 

ohne Sorgfaltspflichtverletzung für den Schaden einzustehen, der aus der 

Realisierung eines nicht vermeidbaren Behandlungsrisikos entstandenen 

ist (dazu vorstehende E. 4.2). 

 

Im Rahmen eines Arztvertrags (Heilbehandlung) kann eine zusätzliche kör-

perliche Schädigung (mit damit verbundenem zusätzlichen [Vermögens-] 

Schaden) auftreten. Beruht diese auf einem Kunstfehler des Arztes, hat 

dieser dafür gegenüber seinem Patienten – nach Art. 97 und Art. 41 OR 

(vgl. vorstehende E. 4.2.1) – einzustehen. Ohne Kunstfehler hat der Patient 

auch diesen Schaden schicksalsmässig zu tragen (sofern er tatsächlich o-

der hypothetisch eingewilligt hat).  

 

 - 13 - 

 

 

 

Denkbar ist (im Sinne einer Kombination), dass sich im Rahmen der Heil-

behandlung ohne ärztlichen Kunstfehler zunächst ein eingriffsimmanentes 

Risiko verwirklicht (das nach dem Gesagten grundsätzlich vom Patienten, 

der eingewilligt hat, als schicksalhaft zu tragen ist), der Arzt aber diesen 

Umstand verkennt, obwohl er ihn bei Aufwendung der auch im Rahmen der 

Nachbehandlung geschuldeten Sorgfalt hätte erkennen müssen. Diesfalls 

hat der Arzt (lediglich, aber immerhin) für den Teil des Schadens einzu-

stehen, dessen Eintritt bei/mit einer sorgfältigen Überwachung/Nachbe-

handlung hätte vermieden werden können. Demgegenüber ist – unter Kau-

salitätsgesichtspunkten – der Teil des Schadens, der auch ohne die Sorg-

faltspflichtverletzung im Rahmen der Nachbehandlung ohnehin eingetreten 

wäre, vom Patienten zu tragen (wenn er tatsächlich oder hypothetisch ein-

gewilligt hat).  

 

5.  

Vorab ist auf die Frage einzugehen, ob die – fremdsprachige (vgl. dazu das 

I.-Gutachten [Klagebeilage 15] S. 12, wo die Gutachter die Einschätzung 

abgaben, dass die Klägerin sprachlich nicht in der Lage sei, ein in Deutsch 

abgefasstes Dokument wie das von ihr unterzeichnete Informationsblatt 

[Klageantwortbeilage 3] zu verstehen) – Klägerin für den Eingriff eine 

rechtsgültige Einwilligung gegeben hat oder ob mangels einer solchen zu-

mindest eine hypothetische Einwilligung bejaht werden kann. Ohne min-

destens hypothetische Einwilligung gilt der ärztliche Eingriff in die körperli-

che Integrität als widerrechtlich und hat der Arzt von vornherein für den 

dabei zugefügten Schaden einzustehen, selbst wenn er nach allen Regeln 

der ärztlichen Kunst vorgegangen ist und sich (ausschliesslich) ein letztlich 

nie ganz vermeidbares Eingriffsrisiko verwirklicht hat (vgl. vorstehende 

E. 4.2). 

 

5.1. 

Die Vorinstanz hat eine rechtsgenügliche tatsächliche Einwilligung der Klä-

gerin in die anlässlich der Koloskopie vorgenommene Polypektomie (Ent-

fernung von Polypen der Darmwand) bejaht (angefochtener Entscheid 

E. 7.4 und 7.5), was von der Klägerin in ihrer Berufung (S. 13 ff. Rz. 26 ff.) 

gerügt wird. In der Tat kann der Vorinstanz insoweit nicht gefolgt werden: 

 

5.1.1. 

Von untergeordneter Bedeutung für die Beurteilung der Frage, ob die Klä-

gerin aufgrund einer hinreichenden Aufklärung eine rechtsgenügliche tat-

sächliche Einwilligung erteilt hat, ist, ob das Aufklärungsformular (Klageant-

wortbeilage 3), das der Klägerin unbestrittenermassen am Tag vor dem 

Eingriff von der Beklagten mitgegeben und von jener – ebenfalls unbestrit-

tenermassen – am Eingriffstag unterschrieben mitgebracht wurde, dem im 

Eingriffszeitpunkt geltenden Standard entsprach oder nicht. Denn ob ein 

Aufklärungsformular den vom Gesetz gestellten Anforderungen genügt, ist 

grundsätzlich eine (Rechts-) Frage, die jedenfalls bei unveränderter 

 - 14 - 

 

 

 

Rechtslage (vorliegend ist zwischen 2010 und heute keine Gesetzesände-

rung ergangen) gleich beurteilt werden muss. Dabei kann sich allenfalls 

herausstellen, dass eine Aufklärung, auch wenn sie einem früher praktizier-

ten Standard entsprach, ungenügend war. Neue medizinische Erkennt-

nisse sind bei unveränderter Gesetzeslage insoweit von Bedeutung, als 

neu bekannt gewordene Risiken in die Informationsblätter aufgenommen 

werden müssen. 

 

Es ist notorisch und wohl auch nicht streitig, dass im Rahmen einer Kolo-

skopie vorgefundene Polypen entfernt werden, weil diese zu bösartigen Tu-

moren (Darmkrebs) entarten können. Daran hat sich zwischen 2010 und 

heute nichts geändert. Auf das mit der Entfernung eines Polypen einherge-

hende Risiko einer Blutung oder Verletzung des Darms, was eine Opera-

tion erfordern könne, wurde in dem (von der Klägerin unterzeichneten) In-

formationsblatt zur Koloskopie (Klageantwortbeilage 3) hingewiesen. Zwar 

macht die Klägerin geltend, sie habe stets zum Ausdruck gebracht, sie 

hätte sich den bei der Koloskopie zufällig entdeckten kleinen Polypen si-

cher nicht am 7. Juli 2010 und schon gar nicht von der Beklagten entfernen 

lassen; sie wäre "nie" einverstanden gewesen, dass die Beklagte sie ope-

riere, sei sie doch "einfach" Fachärztin auf diesem Gebiet, aber nicht Spe-

zialistin bzw. Chirurgin (Berufung S. 17 Rz. 36ii). Dies ist aber nicht zu hö-

ren. Wie die Klägerin selber erkennt, ist die Beklagte Fachärztin (und damit 

Spezialistin) im Bereich der Gastroenterologie. Gastroenterologen führen 

als Fachärzte Koloskopien durch und entfernen bei dieser Gelegenheit Po-

lypen, ohne dass dafür ein Viszeralchirurg beigezogen wird (vgl. dazu auch 

nachfolgende E. 5.2). 

 

5.1.2. 

Ob das von der Klägerin unterzeichnete Informationsblatt (Klageantwort-

beilage 3) den damaligen und/oder heutigen Anforderungen an eine gehö-

rige Aufklärung genügte, kann vorliegend offenbleiben. Denn eine gehörige 

tatsächliche Aufklärung durch den Arzt hat grundsätzlich zweistufig zu sein. 

Auch wenn – wie im vorliegenden Fall – dem Patienten Informationsblätter 

ausgehändigt wurden, hat spätestens am Tag des Eingriffs eine mündliche 

Aufklärung zu erfolgen, an der insbesondere Fragen des Patienten zu be-

antworten sind (vgl. I.-Gutachten [Klagbeilage 15] S. 12 unten). Zumindest 

hat sich aber der Arzt – gerade bei einem fremdsprachigen Patienten (dazu 

der nächste Absatz) – zu vergewissern, dass dieser die Informationsblätter 

gelesen und verstanden hat. Eine solche mündliche Aufklärung der Kläge-

rin durch die Beklagte hat nicht stattgefunden und ist jedenfalls nicht be-

wiesen. Die entsprechende Behauptung in der Klage (act. 9 Rz. 17) kon-

terte die Beklagte in der Klageantwort (act. 89 und 95 Rz. 53 und 77) einzig 

damit, dass sie durch die Übergabe des von der Klägerin unterzeichneten 

"umfassenden" Informationsblattes ihrer Aufklärungspflicht nachgekom-

men sei; sollte es der Klägerin aus sprachlichen Gründen nicht möglich ge-

 - 15 - 

 

 

 

wesen sein, die Einverständniserklärung selbständig zu verstehen und aus-

zufüllen, sei davon auszugehen, dass sie durch jemanden sprachlich un-

terstützt worden sei (was von ihr auch zugestanden sei) und die Informati-

onen vollständig verstanden habe. 

 

Die mündliche Aufklärung erlangt gerade bei einem fremdsprachigen Pati-

enten besondere Bedeutung. Das erkannte oder erkennbare sprachliche 

Unvermögen eines Patienten gebietet es dem Arzt erst recht, vor dem Ein-

griff (mündlich) nachzufragen, ob jener vorgängig abgegebene schriftliche 

Informationen durch eine Drittperson verständlich übersetzt erhalten hat. 

Ist dies nicht der Fall oder kann der Arzt mangels Sprachkenntnis keine 

Gewissheit erlangen, dass eine ausreichend verstandene Übersetzung 

stattgefunden hat, hat er entweder die Informationsblätter mündlich zu er-

läutern (wenn er selber der Sprache des Patienten mächtig ist) oder einen 

Übersetzer beizuziehen. Tut er es nicht und nimmt er trotzdem den medi-

zinischen Eingriff vor, tut er dies grundsätzlich (d.h. vorbehaltlich einer hy-

pothetischen Einwilligung) auf eigenes Risiko.  

 

Im vorliegenden Fall ist eine ausreichende Aufklärung der Klägerin durch 

die Beklagte nicht nachgewiesen, nachdem von der – für die Einwilligung 

als rechtshindernde Tatsache beweispflichtigen – Beklagten nicht einmal 

behauptet worden ist, sie habe sich vor dem Eingriff bei der (fremdsprachi-

gen) Klägerin erkundigt, ob ihr das am Vortag des Eingriffs mitgegebene 

und von ihr unterzeichnet mitgebrachte Informationsblatt (Klageantwortbei-

lage 3) verständlich übersetzt worden war. Allein aus der Tatsache der Un-

terzeichnung, aber auch aus dem Umstand, dass die im Informationsblatt 

gestellten Fragen beantwortet worden waren, durfte die Beklagte – entge-

gen der in der Klageantwort (act. 89 Rz. 53) vertretenen Auffassung –  nicht 

ohne Weiteres bzw. ohne Rückversicherung durch entsprechende Rück-

fragen darauf schliessen, dass der Klägerin das ganze Informationsblatt 

adäquat übersetzt worden war. Denn aufklärungsbedürftig ist nicht die Per-

son des Übersetzers, sondern allein der Patient. 

 

5.2. 

5.2.1. 

Zu prüfen bleibt, ob eine hypothetische Einwilligung der Klägerin angenom-

men werden kann, die die Beklagte schon in der Klageantwort (act. 91 

Rz. 59) geltend machte. Denn auch ohne nachgewiesene tatsächliche Ein-

willigung kommt die Rechtsprechung um gewisse Objektivierungen nicht 

herum, d.h. sie hat Konstellationen zu bestimmen, in denen sich ein ge-

schädigter Patient – letztlich nach dem Grundsatz von Treu und Glauben 

(Art. 2 Abs. 1 ZGB) – nicht darauf berufen kann, keine Einwilligung erteilt 

zu haben. An erster Stelle sind Notfallsituationen zu nennen, in denen der 

Patient wegen seines gesundheitlichen Zustandes (z.B. Ohnmacht) nicht 

in der Lage ist, innert der medizinisch gebotenen Handlungsfrist eine Ein-

 - 16 - 

 

 

 

willigungserklärung abzugeben, und auch kein Angehöriger zum mutmass-

lichen Willen des Patienten befragt werden kann. Hier ist grundsätzlich da-

rauf abzustellen, wie sich eine "vernünftige" Person mutmasslich entschie-

den bzw. zum medizinischen Eingriff gestellt hätte. Sodann ist auch ohne 

Notfallsituation nicht ohne Rückgriffe auf Treu und Glauben auszukommen. 

So hat der Arzt nicht über allgemein bekannte Risiken medizinischer Ein-

griffe wie postoperative Blutungen, Infektionen aufzuklären (BGE 117 Ib 

197 E. 3b), weshalb einem Patienten eine Berufung darauf, es sei eine ent-

sprechende Aufklärung unterblieben, von vornherein abgeschnitten ist. So-

dann trifft auch bei unterbliebener Aufklärung den Patienten eine Mitwir-

kungspflicht dahin, dass er glaubhaft zu machen hat oder wenigstens die 

persönlichen Gründe anführt, warum er sich der Operation widersetzt hätte, 

wenn er insbesondere die Risiken gekannt hätte (vgl. vorstehende 

E. 4.2.3): Auch wenn dabei nicht auf ein abstraktes Modell des "vernünfti-

gen Patienten" abgestellt werden darf, sondern auf die persönliche und 

konkrete Situation des Patienten abzustellen ist, um den es geht (ebenfalls 

vorstehende E. 4.2.3), kann es nicht in jedem Fall genügen, dass der kla-

gende Patient ex post nach dem nicht plangemäss verlaufenen Eingriff vor-

bringt, er hätte sich dem Eingriff bei gehöriger Aufklärung "nie und nimmer" 

unterzogen. Vielmehr müssen unter dem Gesichtspunkt von Treu und 

Glauben die Anforderungen, eine solche Ablehnung plausibel zu begrün-

den, umso höher angesetzt werden, je geringer das mit dem Eingriff bzw. 

der Behandlung verbundene Risiko ist. Denn es gilt: Je höher das Risiko 

des Eingriffs bzw. der Behandlung und/oder je schwerwiegender des-

sen/deren Nebenwirkungen sind, desto individueller wird die Abwägung 

von Vor- und Nachteilen durch den betroffenen Patienten ausfallen. Umge-

kehrt muss gelten: Je geringer das Risiko, desto einförmiger werden sich 

Betroffene entscheiden. Deshalb ist für den Fall, dass sich praktisch jeder-

mann dem fraglichen medizinischen Eingriff trotz eines damit verbundenen 

Restrisikos unterzogen hätte, zu verlangen, dass die Begründung des kla-

genden Patienten, wieso er sich anders als fast jeder andere verhalten 

hätte, eine gewisse Überzeugungskraft erlangen, damit sie als glaubwür-

dige persönliche Gründe Beachtung finden können. 

 

5.2.2. 

Für den vorliegenden Fall ist davon auszugehen, dass eine Koloskopie 

kaum zu Verletzungen des Darms führt (die unter Umständen heftigen 

Bauchschmerzen, die nach einer Koloskopie wegen der beim Eingriff in den 

Darm gepumpten Luft auftreten, stellen keine Verletzungen dar; [vgl. dazu 

das Gerichtsgutachten, act. 496 zu Frage 9.2, wonach 30 % {bei Verwen-

dung von Raumluft} bzw. 10 % {bei Verwendung von CO2} der Koloskopier-

ten an stark schmerzhaften, bis zu Koliken reichenden Bauchspannungen 

leiden). Die Entfernung der Polypen kann zwar – wie der vorliegende Fall 

eindrücklich zeigt – schwere Komplikationen nach sich ziehen. Doch ist 

(und war) dies (schon 2010) nur ganz ausnahmsweise der Fall (0.07 bzw. 

0.18 pro 1000 Fälle bei Screeningkoloskopie ohne bzw. mit Polypektomie, 

 - 17 - 

 

 

 

vgl. Gerichtsgutachten, act. 495 zu Frage 9.1). Anderseits erfolgt die Ent-

fernung von Polypen aus einem handfesten medizinischen Grund (Darm-

krebsvorsorge). Demgemäss gibt es wohl kaum (vernünftige) Patienten, die 

zwar der Durchführung einer Koloskopie als solcher zustimmen, jedoch die 

Entfernung eines im Rahmen der Koloskopie entdeckten Polypen ableh-

nen.  

  

Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht nachvollziehbar, wenn die Klä-

gerin in der Parteibefragung vor Vorinstanz angab, sie sei zwar mit der Ko-

loskopie, aber nicht mit dem Eingriff (gemeint Polypentfernung) einverstan-

den gewesen; den zufällig entdecken Polypen hätte sie "sicher nicht am 

7. Juli 2010 und schon gar nicht von der Beklagten entfernen lassen"; sie 

wäre "nie" einverstanden gewesen, dass die Beklagte sie operiere, diese 

sei einfach Fachärztin, aber nicht Spezialistin bzw. Chirurgin; sie (die Klä-

gerin) habe keinen Eingriff gewollt (act. 348, worauf in der Berufung S. 17 

Rz 36 ii verwiesen wird). Die Differenzierungen zwischen Koloskopie und 

Eingriff (Polypektomie) sowie zwischen Fachärztin und Spezialistin er-

scheinen haarspalterisch. Eine Fachärztin ist eine Spezialistin. Kolosko-

pien werden sodann von gastroenterologischen Fachärzten vorgenommen 

(die Beklagte ist eine gastroenterologische Fachärztin), wobei im Rahmen 

der diagnostischen Koloskopie vorgefundene Polypen grundsätzlich so-

gleich vom Facharzt und nicht einem auf gastroenterologische Chirurgie 

spezialisierten Chirurgen (Viszeralchirurge) abgetragen werden. Sowohl 

die Koloskopie als solche wie auch die Entfernung eines Polypen stellen – 

wie im Übrigen auch die Gummiligatur von Hämorrhoiden, die bei der Klä-

gerin gleichentags erfolgte – medizinische Eingriffe dar, wobei auch bei ei-

ner Koloskopie ohne Polypektomie das Risiko einer Perforation der Darm-

wand besteht. Dieses Risiko ist im Falle einer Kombination zwar gut zwei-

einhalbmal höher als bei einer ausschliesslichen Screeningkoloskopie, dies 

jedoch bei absolut gesehen sehr geringer Wahrscheinlichkeit (vgl. dazu 

den vorstehenden Absatz). Dabei ist nicht glaubhaft, dass die Klägerin we-

gen des relativ gesehen zweieinhalbmal so grossen Risikos zwar in die Ko-

loskopie (und die Behandlung der Hämorrhoiden) eingewilligt hätte, nicht 

aber in die Polypektomie. Sinnfrei ist das Vorbringen der Klägerin in der 

Replik (act. 164 Rz. 105), dass sie sich vor der Zustimmung zu einem "in-

vasiven medizinischen Eingriff" (Polypektomie) zuerst über den Befund 

(Pathologie von Darmpolypen inkl. deren Einteilung in gut- und bösartig) 

erkundigt hätte. Der Befund, ob ein Polyp gut- oder bösartig ist bzw. ein 

Entartungsrisiko birgt, kann erst aufgrund einer Biopsie nach dessen Ab-

tragung im Rahmen einer Koloskopie erhoben werden. 

 

5.3. 

Zusammenfassend ist – im Ergebnis mit der Vorinstanz – eine Einwilligung 

der Klägerin in die anlässlich der Koloskopie vom 7. Juli 2010 vorgenom-

mene Polypektomie (Entfernung eines Polypen) zu bejahen, auch wenn es 

 - 18 - 

 

 

 

sich – entgegen der Vorinstanz – um eine hypothetische Einwilligung han-

delte.  

 

6.  

6.1. 

Hinsichtlich der rechtlichen Voraussetzungen der Sorgfaltspflichtverletzung 

einerseits und dem rechtserheblichen Kausalzusammenhang zwischen 

dieser und dem Schaden anderseits kann grundsätzlich auf die ausführli-

chen Darlegungen in E. 8.3 und 11.6.2 des angefochtenen Entscheids so-

wie vorstehende E. 4 verwiesen werden. 

 

6.2. 

Es darf wohl als unbestritten gelten, dass der von der Beklagten bei der 

Klägerin am 7. Juli 2010 durchgeführte medizinische Eingriff (Entfernung 

eines Polypen mittels elektrischer Schlinge auch ohne Unterspritzung) lege 

artis, d.h. nach den Regeln der (ärztlichen) Kunst sorgfältig erfolgte. In die-

sem Sinne äussert sich insbesondere auch das von der Klägerin zur Unter-

mauerung ihres Standpunktes herangezogene I.-Gutachten (Klagebei-

lage15 S. 14 zuunterst). 

 

Unterschiedlich ist dagegen in den Gutachten die Beurteilung der – für die 

Beurteilung der Frage nach Sorgfaltspflichtverletzungen entscheidwesent-

lichen – Frage ausgefallen, ob sich die Perforation der Darmwand bereits 

anlässlich des Eingriffs (Entfernung eines anlässlich der Koloskopie ent-

deckten Polypen) selber verwirklicht hat (ob somit eine primäre Perforation 

der Darmwand vorliegt [so das I.-Gutachten, Klagebeilage 15 S. 14 f.]) oder 

erst später (als sekundäre Perforation infolge termischer Einwirkung bzw. 

Drucksteigerung auf das Darmgewebe [vgl. Gerichtsgutachten, act. 500 zu 

Frage 12.2 und act. 589 zu Frage 8]). 

 

6.3. 

Nach wie vor scheint die Klägerin in ihrer Berufung (Berufung S. 20 ff. und 

33 Rz. 47 ff. und 84) – unter Hinweis auf das I.-Gutachten (Klagebeilage 

15), dem der Vorzug gegenüber dem Gerichtsgutachten zu geben sei – 

daran festzuhalten, dass die Perforation bereits am 7. Juli 2010 (d.h. dem 

Eingriffstag) vorhanden und erkennbar gewesen sei. In der Tat gingen die 

I.-Gutachter – in erster Linie wegen der bestrittenen (vgl. Klageantwort, 

act. 91 Rz.58) klägerischen Schilderung, dass sie nach dem Eingriff wegen 

der Schmerzen die Embryostellung habe einnehmen müssen und von einer 

beklagtischen Praxisassistentin die Treppe hinunter habe gestützt werden 

müssen davon aus, dass es bereits beim Eingriff (Polypektomie) selber 

(ohne Sorgfaltspflichtverletzung, d.h. im Sinne der Verwirklichung eines 

Eingriffsrisikos)zu einer primären Perforation gekommen sei, die von der 

Beklagten sogleich, d.h. nach dem Erwachen der Klägerin aus der Sedie-

rung hätte erkannt werden müssen (Klagebeilage 15 S, 14 f.).    

 

 - 19 - 

 

 

 

Diesbezüglich ist indes klar der Beurteilung des Gerichtsgutachters zu fol-

gen, dass die Klägerin keine primäre, sondern eine sekundäre Perforation 

erlitten hat. Dies ergibt sich eindeutig aus dem Umstand, dass die Perfora-

tion nicht an der Stelle der Polypabtragung (Sigma im Unterbauch vgl. Be-

richt zur Koloskopie [Klagebeilage 4]: "Dabei findet sich im Sigma bei 40 cm 

ab ano ein etwa 0.8 cm grosses Polypchen, das in der Folge mit der elektri-

schen Schlinge entfernt und geborgen werden konnte") auftrat, sondern an 

einer Stelle des Dickdarms (linke Flexur im Oberbauch, vgl. Klagebeilage 

8 und Gerichtsgutachten, act. 591), die deutlich, durch das Colon descen-

dens getrennt, davon entfernt ist.  

 

6.3.1. 

Dieser Umstand (verschiedene Lokalisationen von medizinischem Eingriff 

einerseits und Perforation anderseits), der den I.-Gutachtern (aber auch 

dem Gerichtsgutachter, dazu nachfolgende E. 6.3.2 in fine und 6.5) offen-

sichtlich entgangen ist, lässt deren Beurteilung, es sei bereits anlässlich der 

Koloskopie selber zu einer primären Perforation gekommen und die von 

der Klägerin der Beklagten nach dem Eingriff am 7. Juli 2010 noch in der 

Praxis und am Morgen des 8. Juli 2010 telefonisch mitgeteilten (Anal- und 

Unterbauch-) Schmerzen seien bereits Symptome dieser primären Perfo-

ration gewesen, als nicht überzeugend bzw. schlüssig erscheinen. Erstens 

ist – jedenfalls ohne entsprechende medizinische Begründung – nicht 

nachvollziehbar, dass bzw. wie es bei der Entfernung eines Polypen in ei-

nem Darmabschnitt (hier Sigma = Colon sigmoideum) zu einer primären 

Perforation des Darms in einem davon deutlich entfernten anderen Darm-

abschnitt (hier linke Flexur [= Flexura coli sinistra], die durch das Colon 

descendens [= absteigendes Colon] vom Sigma getrennt ist) kommen kann 

(vgl. https://wikipedia.org/wiki/Dickdarm "Lage und Struktur"). Es ist viel-

mehr davon auszugehen, dass eine primäre Perforation bei einer Polypab-

tragung stets an der Stelle auftritt, wo der Polyp entfernt wurde.  Zweitens 

ist – wiederum ohne jedwede nachvollziehbare Begründung – nicht einsich-

tig, wieso eine (primäre oder sekundäre) Perforation des Darms in der im 

Oberbauch befindlichen linken Flexur dort selber keine Schmerzen verur-

sacht, dafür aber im Unterbauch auslösen soll (vgl. das I.-Gutachten [Kla-

gebeilage 15] S. 4, wonach [noch] am Morgen des 8. Juli 2010 Schmerzen 

"im Analbereich aber insbesondere im Unterbauch bestanden", die sich "ab 

dem 09.07.2010 in den Oberbauch fortsetzten"). Mit der Beklagten (vgl. 

Klageantwort, act. 97 Rz. 91) ist zumindest nach einem Laienverständnis 

zu erwarten, dass bei einer Perforation der Schmerz an der Perforations-

stelle auftritt und allenfalls von dort ausstrahlt. 

 

6.3.2. 

Demgegenüber hat sich der Gerichtsgutachter in der ersten Ergänzung zu 

seinem Gutachten wie folgt geäussert:  

 

https://wikipedia.org/wiki/Dickdarm

 - 20 - 

 

 

 

" Eine ausgebildete Gastroenterologin mit langjähriger Erfahrung hätte, in 
der Befundbesprechung im Anschluss an die Untersuchung mit Interven-
tion, bei akuten peritonealen Schmerzen im linken Oberbauch nach Po-
lypektomie im linken Oberbauch [Hervorhebung durch Kursivschrift hinzu-
gefügt] die unmittelbare Verdachtsdiagnose einer Perforation gestellt. Dies 
war aber nicht die Symptomatik. [Hervorhebung hinzugefügt] Die analen 
Schmerzen sind mit der 5-fachen Ligatur gut erklärt. Die Unterbauch-
schmerzen mit Krämpfen und Toilettengang mit der liegengebliebenen Luft 
nach einer lang dauernden Koloskopie bei Schlingenbildung mit hoher 
Propofol Dosis und schmerz- und ligaturbedingt verschlossenem Analka-
nal. Retrospektiv lässt sich aufgrund der dokumentierten 'Wanderroute' der 
Schmerzen die Pathophysiologie nachvollziehen. Hier weicht meine Beur-
teilung von dem sehr guten und detaillierten I. Gutachten von Kollege K. 
ab (Register [= Klagebeilage] 15, Seite 15). Ich gehe davon aus, dass ihm 
diese 'Schmerzwanderroute über die Zeit' in der Dokumentation nicht auf-
gefallen ist. Mir ist diese erst bei der zweiten detaillierten Durchsicht der 
Akten aufgefallen. Die Perforation würde nicht am 7.7 Unterbauchschmer-
zen machen, um dann am 9.7 Oberbauchschmerzen zu machen bei ver-
schwindenden Unterbauchschmerzen, um dann präoperativ wieder Unter-
bauchschmerzen zu machen. Ich gehe davon aus, dass es im Verlauf des 
Freitags, den 9.7. ('…. jetzt seit Ende Woche Schmerzen im Oberbauch 
und Erbrechen…') zu der gedeckten Perforation gekommen ist. Dies er-
klärt auch, dass es erst ab Samstag zu Fieber und einer Peritonitis Symp-
tomatik kam (Beilage 11 '2 Tage vor Eintritt exazerbierten…' Die am 7.7 
und 8.7 beschriebenen analen- und Bauchschmerzen speziell im Unter-
bauch, waren gemäss Telefonat bzw. Eintrag vom 12.7.10 'Schmerzen 
nach Kolo verschwunden' weg, neu bestanden Oberbauchschmerzen seit 
Ende Woche (datiert 9.7.2010 im Register 3, sowie Register 15 Seite 4). 
In der Anamnese bei Spitaleintritt (Register 8) werden wieder Unterbauch-
schmerzen, welche seit 2 Tagen exazerbiert seien, beschrieben. Auch 
diese Angaben zur 'Wanderroute' der Schmerzsymptomatik ist pathophy-
siologisch nachvollziehbar. Durch die gedeckte Perforation hat sich der 
Abszess, der Schwerkraft folgend, ab Freitag den 9.7 bis Montag den 12.7 
vom Oberbauch links kontinuierlich retroperitoneal entlang der Rückseite 
des Descendens nach untern und hinten links bis Höhe Niere links ausge-
breitet." (act. 592 zu Frage 10) 

 

Im Gegensatz zu den I.-Gutachtern hat der Gerichtsgutachter offensichtlich 

erkannt, dass die Darmperforation in der linken Flexur auftrat, auch wenn 

er offensichtlich – zu Unrecht – davon ausging, es sei am Ort der Perfora-

tion auch der Polyp entfernt worden (vgl. auch Gerichtsgutachten, act. 502 

zu Frage 16). Doch wird dadurch die Beurteilung des Gerichtsexperten, der 

auf die (von ihm selber erst "bei der zweiten detaillierten Durchsicht" be-

merkten) "Wanderroute" der Schmerzen hinweist, nicht beeinträchtigt, son-

dern im Gegenteil gestärkt. Denn nachdem die Klägerin jedenfalls bis zum 

9. Juli 2010 nicht an Schmerzen im Oberbauch gelitten hatte, können die 

bis dahin und jedenfalls am Abend des Eingriffs und am Morgen des Fol-

getags vorhandenen Schmerzen im Unterbauch nur von der nach der Ko-

loskopie im Darm verbliebenen Raumluft bzw. von den Ligaturen (als Aus-

strahlung der analen Schmerzen, vgl. dazu I.-Gutachten [Klagebeilage 15] 

S. 14 unten) hergerührt haben.  

 

 - 21 - 

 

 

 

6.3.3. 

Zusammenfassend kann/muss die im I.-Gutachten postulierte primäre Per-

foration praktisch ausgeschlossen werden: Nachdem die Perforation in der 

deutlich vom Sigma entfernten im Oberbauch lokalisierten linken Kolonfle-

xur stattfand und die Klägerin (frühestens) am 9. Juli 2010 über ("gewan-

derte") Oberbauchschmerzen litt, erscheint die Einschätzung des Gerichts-

gutachters, dass es am 9. Juli 2010 zu einer sekundären Perforation kam, 

überzeugend. Die von der Klägerin am 7. sowie 8. Juli 2010 geklagten (Un-

terbauch- und Anal-) Schmerzen waren demgemäss noch nicht durch eine 

Perforation der Darmwand im Oberbauch verursacht, sondern waren durch 

die bei der Koloskopie eingeblasene Raumluft und/oder die Hämorrhoiden-

ligaturen zu erklären.  

 

6.4. 

Auch wenn somit von einer sekundären Perforation auszugehen ist, scheint 

die Frage der Sorgfaltspflichtverletzung damit noch nicht entschieden. 

Nachdem die Klägerin unmittelbar nach dem Eingriff (und noch an den bei-

den Folgetagen) gerade an Schmerzen im Unterbauch litt, wo der Polyp 

entfernt worden war, scheint sich an sich die Frage aufzudrängen, ob we-

gen der Schmerzsymptomatik sich weitere medizinische Abklärungen bzw. 

eine Überwachung der Klägerin zum Ausschluss einer möglichen (wenn 

auch tatsächlich nicht gegebenen) primären Perforation (im Unterbauch) 

aufgedrängt hätten (so Klägerin in der Replik, act. 166 f. Rz. 112). Aller-

dings muss davon ausgegangen werden, dass solche Abklärungen, wären 

sie von der Beklagten noch am Tag des Eingriffs (7. Juli 2010) oder tags 

darauf nach dem morgendlichen Telefonat des damaligen Lebenspartners 

der Klägerin veranlasst worden, gerade keine Darmwandperforation erge-

ben hätten, schon gar nicht an der Stelle der Polypektomie im Sigma. Mit 

anderen Worten hätten am 8. Juli 2010 oder gar schon am Eingriffstag sel-

ber veranlasste invasive Abklärungen im Bereich des Unterbauchs, wo der 

Polyp abgetragen worden war und die Schmerzen an jenem Tag noch aus-

schliesslich lokalisiert waren, mit grösster Wahrscheinlichkeit ergeben, 

dass den von der Klägerin geklagten (noch nicht im Oberbauch angelang-

ten) Schmerzen (noch) keine Perforation der Darmwand zugrunde lag. 

 

6.5. 

6.5.1. 

Die Vorinstanz hat dagegen – unter Hinweis auf die Beurteilung im Ge-

richtsgutachten – eine von der Beklagten am 12. Juli 2010 begangene 

Sorgfaltswidrigkeit bejaht: Der Gerichtsgutachter habe bereits im Hauptgut-

achten klar festgehalten, dass in Anbetracht der Tatsache, dass es vier 

Tage nach der Koloskopie zu Erbrechen mit Fieber bis zu 39° und Ober-

bauchschmerzen gekommen sei, von einer sekundären Perforation hätte 

ausgegangen werden müssen. Zu diesem Zeitpunkt sei eine ärztliche Be-

urteilung ratsam, sorgfältig und indiziert gewesen, habe es sich doch um 

einen medizinischen Notfall gehandelt und der Kontrolltermin vom 14. Juli 

 - 22 - 

 

 

 

2010 sei keine Option mehr gewesen (act. 499 f. zu den Fragen 11.1, 11.2 

und 11.3). So habe sich die Perforation klinisch am 9. Juli 2010 mit den neu 

auftretenden Oberbauchschmerzen und am nächsten Tag Fieber gezeigt. 

Für die Beklagte wäre somit am Montag 12. Juli 2010, dem Tag des Tele-

fonanrufes der Klägerin, die Perforation bei Beachtung der notwendigen 

Sorgfalt erkennbar gewesen (act. 501 f. Frage 14). Die Beklagte habe am 

12. Juli 2010 sorglos gehandelt, weil sie die ihr am 12. Juli 2010 telefonisch 

mitgeteilten neuen Schmerzen der Klägerin im Oberbauch als Som-

mergrippe abgetan habe, obwohl zu jenem Zeitpunkt eine die "Vortestwahr-

scheinlichkeit" einer Komplikation höher gewesen sei. Die Klägerin habe zu 

jenem Zeitpunkt die Schmerzen im Bereich der Abtragungsstelle des Poly-

pen lokalisiert und es habe Fieber bestanden (act. 502 zu Frage 16) (an-

gefochtener Entscheid E. 11.4.3).   

 

6.5.2. 

Diesbezüglich ist festzuhalten, dass diese auf das Gerichtsgutachten ge-

stützte Beurteilung des beklagtischen Verhaltens als sorgfaltswidrig etwas 

weniger zwingend erscheint, wenn man bedenkt, dass – wie bereits er-

wähnt – die neu aufgetretenen Schmerzen zwar am Ort der Perforation (in 

der linken Flexur) lokalisiert waren, der aber – entgegen der Annahme des 

Gerichtsgutachters (vgl. act. 502 zu Frage 16) – gerade nicht mit der Stelle 

der Polypektomie (dem im Unterbauch gelegenen Sigma) identisch war. 

Ob die Beklagte am 12. Juli 2010 eine Sorgfaltspflichtverletzung begangen 

hat, kann indes ohnehin offenbleiben. Denn selbst bejahendenfalls wäre 

nach der Beurteilung des Gerichtsgutachters in jenem Zeitpunkt die Ope-

ration, wie sie dann am Tag darauf (13. Juli 2010) im Kantonsspital durch-

geführt wurde (offene chirurgische Sanierung der Bauchhöhle = Laparoto-

mie), wegen des bereits drei Tage alten Abszesses "unumgänglich" gewor-

den (act. 502 zu Frage 15, angefochtener Entscheid 11.6). Die Klägerin 

bringt in der Berufung (S. 52 f. Rz. 128) dagegen vor, dass gemäss I.-Gut-

achten eine zeitnahe Diagnose und die möglichst umgehende Einleitung 

einer Therapie die wichtigsten prognostischen Faktoren bei einer Darm-

wandperforation darstellten; deshalb sei davon auszugehen, dass selbst 

eine erst am 12. Juli 2010 durchgeführte adäquate Therapie die Folgen der 

Darmwandperforation und damit den Gesundheitsschaden der Klägerin im 

Verlauf, aktuell und künftig, zumindest massgeblich reduziert hätten. Dabei 

handelt es sich um eine Mutmassung, zumal nicht aufgezeigt wird, welche 

andere "adäquate Therapie" bei einem drei Tage alten Abszess ohne Öff-

nung der Bauchdecke am 12. Juli 2010 noch zur Verfügung gestanden 

hätte. Damit ist insbesondere davon auszugehen, dass bei einer bereits am 

12. Juli 2010 durchgeführten Operation die im Wesentlichen identische ent-

stellende Narbe entstanden wäre, wie sie durch die tags darauf vorgenom-

mene Operation verursacht wurde. Nach dem Gesagten ist aufgrund der 

gerichtsgutachterlichen Beurteilung mit der Vorinstanz anzunehmen, dass 

der von der Klägerin in der Klage (act. 14 Rz. 26) beschriebene postinter-

ventionelle Verlauf im Wesentlichen gleich ausgefallen wäre.  

 - 23 - 

 

 

 

In diesem Zusammenhang bleibt zu ergänzen, dass nach den beiden Te-

lefonaten am Morgen des 8. Juli 2010 die Beklagte von der Klägerin nicht 

mehr kontaktiert und über zwischenzeitliche Verschlechterungen des Ge-

sundheitszustandes (insbesondere das Wiederaufflammen von Fieber [vgl. 

dazu die Aussage der Beklagten in der Parteibefragung, wonach Abszess-

fieber am Abend komme [act. 425]) informiert wurde. 

 

6.6. 

Bei diesem positiven Beweisergebnis, dass am 7. Juli 2010 – entgegen der 

Beurteilung der I.-Gutachter (Klagebeilage 15) – mit an Sicherheit grenzen-

der Wahrscheinlichkeit (noch) keine (primäre) Perforation vorlag, verbietet 

sich auch von vornherein, der von der Vorinstanz einzig bejahten Verlet-

zung der Dokumentationspflicht durch die Beklagte dadurch, dass sie die 

von der Klägerin beim Verlassen der Praxis geklagten starken Schmerzen 

(vgl. das Zugeständnis der Beklagten in der Parteibefragung [act. 353]) 

nicht vermerkte (angefochtener Entscheid E. 6.4; vgl. dazu auch ergänzen-

des Gerichtsgutachten [act. 678]), irgendwelche Bedeutung beizumessen. 

Andere Dokumentationspflichtverletzungen sind nicht erwiesen. Insbeson-

dere finden sich zu den am 8. und 12. Juli 2010 erfolgten Telefonaten (Kla-

gebeilagen 6 und 7) Einträge in der Krankengeschichte (Klagebeilage 3), 

ohne dass deren Fehlerhaftigkeit nachgewiesen wäre. 
 

7. 

Zusammenfassend erweist sich die Berufung der Klägerin als unbegründet, 

weshalb sie abzuweisen ist. Bei diesem Verfahrensausgang wird die Klä-

gerin auch für das Berufungsverfahren kostenpflichtig (Art. 106 Abs. 1 

ZPO). Bei einem Streitwert von Fr. 1'149'103.00 ist die Gerichtsgebühr auf 

Fr. 25'100.00 festzusetzen (§ 7 und 11 VKD) und beträgt die anwaltliche 

Grundentschädigung gemäss § 3 Abs. 1 lit. a AnwT Fr. 48'967.55. Ausge-

hend davon ist die von der Klägerin der Beklagten zu bezahlende zweitin-

stanzliche Parteientschädigung unter Berücksichtigung eines Abzugs von 

20 % wegen der entfallenen Verhandlung nach § 6 Abs. 2 AnwT, eines 

Abzugs von 25 % nach § 7 Abs. 2 AnwT und eines Rechtsmittelabzugs von 

25 %  nach § 8 AnwT einerseits sowie einer Auslagenpauschale von 

Fr. 100.00 und der Mehrwertsteuer anderseits auf Fr. 23'839.85 

(= [Fr. 48'967.55 x 0.8 x 0.75 x 0.75 + Fr. 100.00] x 1.077) festzusetzen. 

 

8. 

Die Klägerin ersucht um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege auch 

für das vorliegende Berufungsverfahren. Die Gewährung dieser Rechts-

wohltat setzt die Mittellosigkeit der gesuchstellenden Partei voraus, ferner, 

dass ihre Begehren nicht aussichtslos erscheinen (Art. 117 ZPO). Diese 

beide Voraussetzungen sind im vorliegenden Fall glaubhaft gemacht (hin-

sichtlich der Mittellosigkeit vgl. die Bestätigung der Gemeinde Unterentfel-

den, wonach die Klägerin seit 5. März 2012 bis 3. Juni 2021 durch die So-

zialhilfe unterstützt wurde [Berufungsbeilage 7] und E-Mail der Gemeinde, 

 - 24 - 

 

 

 

wonach der Schuldenstand der Klägerin Fr. 180'578.15 betrage [Beru-

fungsbeilage 8], sowie die glaubwürdige Behauptung, dass sie deshalb 

keine Sozialhilfe mehr beziehe, weil sie von ihrem aktuellen Konkubinats-

partner unterstützt werde). 

 

 
   

Das Obergericht erkennt: 

 

1. 

Die Berufung der Klägerin wird abgewiesen. 

 

2. 

Der Klägerin wird für das Berufungsverfahren die ungeteilte unentgeltliche 

Rechtspflege bewilligt und Rechtsanwalt lic. iur. Patrick Lerch, Q., als un-

entgeltlicher Rechtsvertreter bestellt. 

 

3. 

Die obergerichtliche Entscheidgebühr von Fr. 25'100.00 wird der Klägerin 

auferlegt, ihr aber mit Blick auf die ihr erteilte unentgeltliche Rechtspflege 

unter Vorbehalt der Rückforderung gemäss Art. 123 ZPO einstweilen vor-

gemerkt. 

 

4. 

Die Klägerin wird verpflichtet, der Beklagten die zweitinstanzlichen Partei-

kosten in der richterlich festgesetzten Höhe von Fr. 23'839.85 zu ersetzen. 

 
 

   

Zustellung an: 

[...]   

  

 
   

Rechtsmittelbelehrung für die Beschwerde in Zivilsachen (Art. 72 ff., Art. 90 ff. BGG) 

 

Gegen Entscheide, die das Verfahren abschliessen, kann innert 30 Tagen, von der schrift-

lichen Eröffnung der vollständigen Ausfertigung des Entscheides an gerechnet, die Be-

schwerde an das Schweizerische Bundesgericht erhoben werden. In vermögensrechtlichen 

Angelegenheiten ist die Beschwerde nur zulässig, wenn der Streitwert in arbeits- und miet-

rechtlichen Fällen mindestens Fr. 15'000.00 bzw. in allen übrigen Fällen mindestens Fr. 

30'000.00 beträgt, es sei denn, es stelle sich eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeu-

tung oder es handle sich um einen Entscheid des Konkurs- und Nachlassrichters (Art. 44 

Abs. 1, Art. 72, Art. 74, Art. 90, Art. 100 Abs. 1 und Art. 112 Abs. 1 BGG). 

 

Die Beschwerde ist schriftlich oder in elektronischer Form beim Schweizerischen Bundes-

gericht einzureichen (Art. 42 BGG). 

 

Die Beschwerdeschrift ist in einer Amtssprache abzufassen und hat die Begehren, deren 

Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschriften bzw. eine anerkannte 

elektronische Signatur zu enthalten. In der Begründung ist in gedrängter Form darzulegen, 

inwiefern der angefochtene Entscheid Recht (Art. 95 ff. BGG) verletzt. Ist eine Beschwerde 

 - 25 - 

 

 

 

nur unter der Voraussetzung zulässig, dass sich eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Be-

deutung stellt, ist auszuführen, warum diese Voraussetzung erfüllt ist. Die Urkunden, auf die 

sich die Partei als Beweismittel beruft, sind beizulegen, soweit die Partei sie in den Händen 

hat; ebenso ist der angefochtene Entscheid beizulegen (Art. 42 BGG). 

 

Der Streitwert des kantonalen Verfahrens beträgt mehr als Fr. 30'000.00. 

 

 
   

Aarau, 29. Juni 2023 

 

Obergericht des Kantons Aargau 

Zivilgericht, 1. Kammer 

Der Präsident:     Der Gerichtsschreiber: 

 

 

 

Brunner      Tognella