# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 32c7a7e5-4179-5e40-983e-6d095a95edb4
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2012-02-10
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 10.02.2012 D-1691/2010
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-1691-2010_2012-02-10.pdf

## Full Text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t

T r i buna l   adm in i s t r a t i f   f édé ra l

T r i buna l e   ammin i s t r a t i vo   f ede ra l e

T r i buna l   adm in i s t r a t i v   f ede ra l

   

Abteilung IV
D­1691/2010

U r t e i l   v om   1 0 .   F e b r u a r   2 0 1 2

Besetzung Richter Robert Galliker (Vorsitz),
Richter Bendicht Tellenbach, Richter Fulvio Haefeli;
Gerichtsschreiberin Viktoria Szczepinski.

Parteien A._______, geboren (…),
Afghanistan, 
Beschwerdeführer, 

gegen

Bundesamt für Migration (BFM),
Quellenweg 6, 3003 Bern,   
Vorinstanz. 

Gegenstand Asyl und Wegweisung; 
Verfügung des BFM vom 25. Februar 2010 / N (…).

D­1691/2010

Seite 2

Sachverhalt:

A. 
Der  Beschwerdeführer  –  ein  afghanischer  Staatsangehöriger  und 
ethnischer  Hazara  aus  B._______,  Provinz  C._______  –  gelangte 
eigenen  Angaben  zufolge  am  14. Juni  2008  in  die  Schweiz,  wo  er 
gleichentags im Empfangs­ und Verfahrenszentrum (EVZ) D._______ um 
Asyl nachsuchte.

Anlässlich  der  Kurzbefragung  vom  30. Juni  2008  im  EVZ  D._______ 
sowie  der  Anhörung  durch  das  BFM  vom  21. April  2009  machte  der 
Beschwerdeführer  zur  Begründung  seines  Asylgesuches  geltend,  in 
Afghanistan habe Krieg geherrscht und seine Onkel und Cousins sowie 
eine  Tante  väterlicherseits  seien  getötet  worden.  Seine  Familie  gehöre 
ausserdem der religiösen Gruppe des Sayed Kaian an. Die Angehörigen 
dieser  Gruppe  würden  beleidigt,  verfolgt  und  in  E._______  getötet,  da 
man  zu Geld  kommen wolle.  Die  Taliban  hätten  seinen  Vater  aufgrund 
der  Zugehörigkeit  zu  dieser  religiösen  Gruppe  festgenommen  und 
verschleppt. Um den Aufenthaltsort  seines Vaters herauszufinden, habe 
ihn ein Paschtune ebenfalls mitgenommen. Aus diesen Gründen habe er 
im  Jahre  (…)  oder  (…)  zusammen  mit  der  Familie  des  Onkels 
mütterlicherseits Afghanistan verlassen und sich nach Pakistan begeben. 
Nach  etwa  einem  Jahr  sei  er  mit  dem  Onkel  und  den 
Familienangehörigen in den Iran gezogen, wo er als Handlanger auf dem 
Bau  gearbeitet  habe.  Anlässlich  einer  Kontrolle  sei  er  einmal  von  den 
iranischen  Behörden  festgenommen  worden.  Er  sei  auf  Intervention 
seines  Arbeitgebers  sowie  der  Ehefrau  des  Onkels  jedoch  wieder  frei 
gekommen. Etwa Anfang [Datum] sei er dann für acht oder neun Tage zu 
einem  Verwandten  seines  Grossvaters  nach  E._______  zurückgekehrt, 
um  seinen  Vater  zu  suchen.  Die  Suche  sei  jedoch  erfolglos  geblieben. 
Ausserdem habe  der Verwandte  seines Grossvaters Anrufe wegen  ihm 
erhalten. Einer dieser Anrufer habe sich nach seiner Adresse erkundigt. 
Den  Iran habe er  schliesslich Mitte  [Datum]  oder  [Datum]  verlassen,  da 
sein Onkel  ihm  immer seinen Lohn weggenommen und dessen Ehefrau 
ihn  schlecht  behandelt  habe.  Nach  Aufenthalten  in  der  Türkei  und  in 
Griechenland sei er in die Schweiz gelangt.

B. 
Mit – am 27. Februar 2010 eröffneter – Verfügung vom 25. Februar 2010 
lehnte das BFM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete 

D­1691/2010

Seite 3

dessen  Wegweisung  aus  der  Schweiz  an.  Den  Wegweisungsvollzug 
erachtete es als zulässig, zumutbar und möglich.

C. 
Mit  Eingabe  vom  16. März  2010  erhob  der  Beschwerdeführer  gegen 
diese  Verfügung  Beschwerde  beim  Bundesverwaltungsgericht.  Er 
beantragte  in  materieller  Hinsicht  die  Aufhebung  der  angefochtenen 
Verfügung,  die  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  die 
Gewährung  von  Asyl.  Zudem  sei  er  infolge  Unzumutbarkeit  sowie 
Unzulässigkeit  des  Wegweisungsvollzugs  vorläufig  aufzunehmen.  In 
prozessualer  Hinsicht  ersuchte  er  um  Gewährung  der  unentgeltlichen 
Rechtspflege  gemäss  Art. 65  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 
20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) 
sowie  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses. 
Gleichzeitig  sei  ihm  eine  angemessene  Parteientschädigung 
auszurichten.

Mit  der  Beschwerdeschrift  wurde  ein  Bericht  des  US  Committee  for 
Refugees and Immigrants (USCRI) über den Iran, ein Internetartikel vom 
12. Juli  2007  mit  dem  Titel  "Iran  continues  mass  expulsions  of  Afghan 
refugees"  sowie  eine  Fürsorgebestätigung  vom  8. März  2010  zu  den 
Akten gereicht.

Auf  die  Begründung  der  Beschwerde  wird,  soweit  für  den  Entscheid 
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

D. 
Mit  Zwischenverfügung  vom  22. März  2010  hielt  der  Instruktionsrichter 
fest,  der  Beschwerdeführer  könne  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der 
Schweiz  abwarten.  Gleichzeitig  verfügte  er,  dass  über  das  Gesuch  um 
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 
VwVG zu einem späteren Zeitpunkt befunden und auf die Erhebung eines 
Kostenvorschusses verzichtet werde.

E. 
Mit  Verfügung  vom  17. August  2011  wurde  das  BFM  zur  Einreichung 
einer Stellungnahme eingeladen.

F. 
Das  BFM  hob  mit  Verfügung  vom  26. August  2011  die  angefochtene 
Verfügung im Vollzugspunkt auf und ordnete die vorläufige Aufnahme des 

D­1691/2010

Seite 4

Beschwerdeführers  wegen  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges 
in der Schweiz an.

G. 
Eine  Anfrage  des  Gerichts  vom  30. August  2011  betreffend  einen 
allfälligen Beschwerderückzug  im Asylpunkt  ohne Kostenfolge,  liess  der 
Beschwerdeführer ungenutzt verstreichen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:

1. 
1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden 
gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den 
Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des 
Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme 
im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht 
ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und 
entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen 
eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die 
beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes 
vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des 
Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]).  Die 
Frage eines Auslieferungsgesuches  stellt  sich  vorliegend nicht, weshalb 
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.

1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem 
BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 
AsylG).

1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der 
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist 
durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein 
schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise 
Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert 
(Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). 
Auf die Beschwerde ist einzutreten.

2. 
Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige 

D­1691/2010

Seite 5

oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und 
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

3. 
3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen 
grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat 
oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion, 
Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder 
wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt 
sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu 
werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des 
Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen 
unerträglichen psychischen Druck bewirken (vgl. Art. 3 AsylG).

3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft 
nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft 
gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender 
Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere 
Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich 
widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich 
auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7 
AsylG).

4. 
4.1.  Die  Vorinstanz  führte  zur  Begründung  ihres  ablehnenden 
Entscheides  vom  25. Februar  2010  unter  anderem  aus,  dass  die 
Verschleppung des Vaters des Beschwerdeführers und seine Mitnahme 
durch  einen  Paschtunen  nicht  asylrelevant  seien,  da  sich  seit  seiner 
Ausreise  (…)  aus  Afghanistan  die  politische  Situation  in  seinem 
Heimatstaat grundlegend verändert habe. Die Taliban hätten  ihre Macht 
verloren. Man habe eine demokratische Regierung eingesetzt und Hamid 
Karzai als Präsidenten wiedergewählt. Vor diesem Hintergrund habe der 
Beschwerdeführer  zum heutigen Zeitpunkt  aus den genannten Gründen 
keine  Nachteile  mehr  zu  befürchten,  weshalb  dieses  Vorbringen  nicht 
asylrelevant  sei.  Weiter  habe  er  angeführt,  er  sei  im  Iran  bei  einer 
Kontrolle einmal festgenommen und nach kurzer Zeit auf die Intervention 
des  Arbeitgebers  und  der  Ehefrau  seines  Onkels  freigelassen  worden. 
Diese geltend gemachten Nachteile seinen von den iranischen Behörden 
und  nicht  von  den  Behörden  seines  Heimatstaates  ausgegangen, 

D­1691/2010

Seite 6

weshalb  diese  asylrechtlich  nicht  beachtlich  seien.  Gleichzeitig  habe  er 
bei der Anhörung keine überzeugenden Angaben bezüglich der religiösen 
Gruppe von Sayed Kaian machen können. Seine Aussagen seien  vage 
geblieben  und  vermöchten  nicht  zu  überzeugen.  Seinen Angaben  fehle 
es zudem an Plausibilität. So habe er sich trotz seiner Behauptung, dass 
die Anhänger verfolgt und getötet würden, nach E._______ begeben und 
dort  einige  Tage  aufgehalten.  Sein  Verhalten  widerspreche  der  Logik, 
zumal  er  sich  dadurch  als  Anhänger  freiwillig  einer  Gefährdung 
ausgesetzt  hätte.  Angesichts  der  unsubstantiierten  und  unplausiblen 
Angaben  könne  dem  Beschwerdeführer  die  geltend  gemachte 
Zugehörigkeit zur Gruppe von Sayed Kaian nicht geglaubt werden. Seine 
Asylvorbringen  würden  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit 
gemäss  Art. 7  AsylG  nicht  standhalten.  Demzufolge  erfülle  er  die 
Flüchtlingseigenschaft nicht, so dass das Asylgesuch abzulehnen sei.

4.2.  Der  Beschwerdeführer  wendet  in  seiner  Beschwerdeeingabe  vom 
16. März  2010  mitunter  dagegen  ein,  es  könne  aufgrund  der  aktuell  in 
Afghanistan herrschenden instabilen Lage nicht mehr ohne Weiteres von 
der  Machtlosigkeit  der  Taliban  ausgegangen  werden.  Aufgrund  dessen 
habe er nach wie vor begründete Furcht vor einer Verfolgung durch die 
Taliban.  Weiter  sei  festzuhalten,  dass  er  ein  Analphabet  sei,  der  über 
keinerlei  Kenntnisse  betreffend  die  Hintergründe  der  politischen 
Geschehnisse verfüge. Seine Angaben betreffend die Namen der Führer 
der  Sayed  Kaian  Gruppe  und  weshalb  diese  verfolgt  würden, 
entsprächen  vor  dem  Hintergrund  seines  Bildungsgrades  der  Realität. 
Zudem  seien  seine Eltern  Anhänger  von Sayed Kaian  gewesen.  Er  sei 
sozusagen  als  Anhänger  geboren,  habe  sich  hingegen  persönlich  nicht 
für  die  Gruppe  interessiert.  Im  Weiteren  habe  er  nicht  damit  rechnen 
können,  dass  seine  religiöse  Zugehörigkeit  in  E._______  auffliegen 
würde.  Da  sein  Grossvater  ein  enger  Mitarbeiter  von  Sayed  Kaian 
gewesen  sei,  sei  es  entgegen  der  Ansicht  des  BFM  plausibel,  dass  er 
Probleme  bekommen  habe,  nachdem  er  sich  in  E._______  dem 
Ladenbesitzer vorgestellt habe, der seinen Vater gekannt habe.

5. 
Im Folgenden ist zu prüfen, ob das BFM in casu die Asylvorbringen des 
Beschwerdeführers  zu  Recht  als  nicht  asylrelevant  beziehungsweise 
unglaubhaft beurteilt hat.

5.1.  Massgeblich  für  die  Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft  ist  die 
Situation  im Zeitpunkt des Asylentscheides. Ausgangspunkt der Prüfung 

D­1691/2010

Seite 7

ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Furcht vor 
einer  absehbaren  Verfolgung  im  Heimatstaat.  Veränderungen  der 
objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid 
sind  zugunsten  und  zulasten  der  Asylgesuch  stellenden  Person  zu 
berücksichtigen  (vgl.  BVGE  2008/4  E. 5.4  S. 38  und  BVGE  2007/31 
E. 5.3 S. 379, mit weiteren Hinweisen).

Zudem  ist  nach  Lehre  und  Praxis  für  die  Anerkennung  der 
Flüchtlingseigenschaft  erforderlich,  dass  die  asylsuchende  Person 
ernsthafte  Nachteile  von  bestimmter  Intensität  erlitten  hat, 
beziehungsweise  solche  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in 
absehbarer  Zukunft  befürchten  muss.  Die  Nachteile  müssen  der 
asylsuchenden  Person  gezielt  und  aufgrund  bestimmter 
Verfolgungsmotive  drohen  oder  zugefügt  worden  sein  (vgl. 
Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  [vormaligen]  Schweizerischen 
Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 21).

5.1.1. Das BFM brachte  in seiner ablehnenden Verfügung vor, dass die 
vom Beschwerdeführer geltend gemachte Verschleppung seines Vaters, 
seine  Mitnahme  durch  einen  Paschtunen  sowie  die  kriegerischen 
Ereignisse nicht asylrelevant seien. Die politische Situation in Afghanistan 
habe  sich  seit  seiner  Ausreise  grundlegend  verändert  und  die  Taliban 
hätten  ihre  Macht  verloren.  Vor  diesem  Hintergrund  habe  der 
Beschwerdeführer  zum  heutigen  Zeitpunkt  keine  Nachteile  mehr  zu 
befürchten.

5.1.2.  Diese  Einschätzung  ist  insoweit  zu  relativieren,  als  sich  das 
Bundesverwaltungsgericht  in BVGE 2011/7  einlässlich mit  der  aktuellen 
Lage  in Afghanistan befasst hat. Es kommt dabei zum Schluss, dass  in 
weiten Teilen von Afghanistan – ausser allenfalls  in den Grossstädten – 
eine  prekäre  Sicherheitslage  und  schwierige  humanitäre  Bedingungen 
bestehen  (BVGE  a.a.O.  E. 9.9.1).  So  gehen  seit  dem  Jahr  2006 
zahlreiche Gewaltakte in Afghanistan unter anderem von Aufständischen 
– wozu  die  Taliban  gehören  –  aus  (BVGE  a.a.O.  E. 9.5  ff.).  Auch  die 
vielfach  geäusserte  Hoffnung  auf  eine  Beruhigung  der  Lage  nach  den 
Präsidentschaftswahlen  2009  zerschlug  sich  und  die  Anschläge  der 
Aufständischen  verlaufen  immer  folgenschwerer  (BVGE  a.a.O. 
E. 9.6.2.2). Im Verlauf der jüngsten Monate sind die Aufständischen zwar 
lokal aus bestimmten Gebieten im Süden, im Osten und auch im Norden 
Afghanistans zurückgedrängt worden;  inwiefern diese regionalen Erfolge 
in der Aufstandsbekämpfung  für die nahe Zukunft und erst  recht  für die 

D­1691/2010

Seite 8

Zeit  nach  dem  Abzug  der  internationalen  Truppen  von  Dauer  sein 
werden,  ist  zweifelhaft.  Die  Experten  erwarten  keine  Verbesserung, 
sondern gehen  von einer  erneuten Verschlimmerung aus  (BVGE a.a.O. 
E. 9.7.3).

5.1.3.  Vorliegend  hat  der  Beschwerdeführer  folglich  zwar  zu  Recht 
ausgeführt,  dass  aufgrund  der  aktuell  in  Afghanistan  herrschenden 
instabilen  Sicherheitslage  nicht  mehr  ohne  Weiteres  von  der 
Machtlosigkeit  der  Taliban  ausgegangen  werden  könne.  Unbesehen 
dessen gelangt  das Gericht  aufgrund  der Akten  zum Schluss,  dass  der 
Beschwerdeführer diesbezüglich keine begründete Furcht vor Verfolgung 
hat. Den vorgebrachten Eingriffen  fehlt es sowohl an  Intensität als auch 
an Gezieltheit, um als Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG qualifiziert zu 
werden.  Es  lässt  sich  daraus  nicht  ableiten,  dass  ihm  mit  hoher 
Wahrscheinlichkeit  asylrechtlich  relevante  Nachteile  seitens  der  Taliban 
gedroht  hätten.  Im  Übrigen  ist  nicht  anzunehmen,  dass  der 
Beschwerdeführer mit  beachtlicher Wahrscheinlichkeit  noch  im heutigen 
Zeitpunkt  – mehr  als  fünfzehn  Jahre  nach  der Ausreise  aus B._______ 
respektive  fünf  Jahre  nach  der  Ausreise  aus  E._______  –  gezielt  auf 
seine Person bezogene asylrechtlich relevante Verfolgungsmassnahmen 
von Seiten der Taliban befürchten müsste. Die vom Beschwerdeführer im 
Zusammenhang  mit  den  Ereignissen  vom  Jahr  (…)  oder  (…)  geltend 
gemachte Verfolgungsfurcht wurde daher vom BFM im Ergebnis zu Recht 
als nicht asylrelevant bezeichnet.

5.2. Bezüglich der vom Beschwerdeführer vorgebrachten Festnahme  im 
Iran  hat  die  Vorinstanz  zu  Recht  und  mit  zutreffender  Begründung 
festgehalten,  dass  Nachteile,  welche  nicht  von  den  Behörden  in 
Afghanistan ausgehen, keine asylbeachtliche Verfolgung darstellen. Das 
Vorbringen  des  Beschwerdeführers,  er  sei  im  Iran  bei  einer  Kontrolle 
einmal  festgenommen  und  nach  kurzer  Zeit  auf  die  Intervention  des 
Arbeitgebers  und  der  Ehefrau  seines  Onkels  freigelassen  worden,  ist 
demnach nicht asylrelevant.

5.3. 
5.3.1. Grundsätzlich  sind Vorbringen dann glaubhaft  gemacht, wenn sie 
genügend substanziiert,  in  sich  schlüssig und plausibel  sind. Sie dürfen 
sich  nicht  in  vagen Schilderungen  erschöpfen,  in wesentlichen  Punkten 
nicht  widersprüchlich  sein,  der  inneren  Logik  entbehren  oder  den 
Tatsachen  oder  der  allgemeinen  Erfahrung  widersprechen.  Darüber 
hinaus muss der Gesuchsteller  persönlich  glaubwürdig  erscheinen, was 

D­1691/2010

Seite 9

insbesondere  dann  nicht  der  Fall  ist,  wenn  er  wichtige  Tatsachen 
unterdrückt  oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens 
Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt oder die 
nötige Mitwirkung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet 
ferner – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass 
und  lässt  durchaus  Raum  für  gewisse  Einwände  und  Zweifel  an  den 
Vorbringen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche 
für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  sprechen,  im  Rahmen 
einer  Gesamtwürdigung  aller  Elemente  (übereinstimmende  Angaben 
bezüglich  des  vorgebrachten  Sachverhaltes,  Substanziiertheit  und 
Plausibilität  der  Vorbringen,  persönliche  Glaubwürdigkeit)  überwiegen 
oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. Art. 
7 AsylG; EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.). Für das Glaubhaftmachen 
reicht  es  demnach  nicht  aus,  wenn  der  Inhalt  der  Vorbringen  zwar 
möglich  ist,  aber  in Würdigung  der  gesamten  Aspekte  wesentliche  und 
überwiegende  Umstände  gegen  die  vorgebrachte 
Sachverhaltsdarstellung  sprechen  (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in: 
Uebersax/Rudin/Hugi/Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2. Aufl.,  Basel 
2009,  Rz. 11.149;  Handbuch  zum  Asyl­  und  Wegweisungsverfahren, 
Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH [Hrsg.], Bern/Stuttgart/Wien 2009, S. 
161 ff.; EMARK 1996 Nr. 28 E. 3.a S. 270).

5.3.2.  Nach  Prüfung  der  Akten  und  der  Vorbringen  des 
Beschwerdeführers  gelangt  das  Gericht  in  Übereinstimmung  mit  der 
Vorinstanz  zum  Schluss,  dass  sich  die  weiteren  Vorbringen  des 
Beschwerdeführers  in  unplausiblen  Schilderungen  erschöpfen  und  in 
wesentlichen Punkten zu wenig begründet sind.

Anlässlich  der  Anhörung  konnte  der  Beschwerdeführer  keine 
überzeugenden  Angaben  bezüglich  der  religiösen  Gruppe  von  Sayed 
Kaian machen. So wusste er beispielsweise nicht, weshalb und von wem 
die  Anhänger  dieser  Gruppe  in  E._______  verfolgt  würden.  Er  sagte 
diesbezüglich aus, die Leute in E._______ hätten Hunger, es gäbe keine 
Gerechtigkeit und man wolle zu Geld kommen. Da der weltweit bekannte 
Karim Aga Khan Geld habe, würden die Leute denken, seine Anhänger 
hätten auch viel Geld. Dies sei der Grund für  ihre Verfolgung. Er konnte 
im Übrigen  keine weiteren Angaben zur genannten Gruppe machen: Er 
erwähnte  lediglich,  der  politische  Führer  heisse  Sayed  Kaian  und  der 
religiöse  Führer  sei  der  bekannte Karim Aga Khan  (Akten BFM A14/18 
S. 13). Wäre er effektiv Anhänger der Gruppe von Sayed Kaian gewesen, 
dann  hätte  er  detailliertere  Ausführungen  machen  können.  Seine 

D­1691/2010

Seite 10

diesbezüglichen Aussagen blieben jedoch vage und vermochten nicht zu 
überzeugen. In der Beschwerde hält der Beschwerdeführer fest, er sei ein 
Analphabet,  der  keinerlei  Kenntnisse  über  die  Hintergründe  der 
politischen  Geschehnisse  habe.  Seine  diesbezüglichen  Angaben 
entsprächen  vor  dem  Hintergrund  seines  Bildungsgrads  der  Realität. 
Dieser  Einwand  ist  als  unbeholfener  Erklärungsversuch  für  die 
festgestellten Ungereimtheiten in seinen Aussagen zu werten. Er ist nicht 
geeignet,  die  Zweifel  an  der  Glaubhaftigkeit  seiner  Aussagen 
auszuräumen,  zumal  er  offenbar  in  der  Lage  war,  das  Personalienblatt 
(A2/2),  das  ihm  im  Empfangszentrum  vorgelegt  wurde,  selbstständig 
auszufüllen.  Den  Eintragungen  ist  auch  zu  entnehmen,  dass  er  sogar 
über  Grundkenntnisse  der  lateinischen  Schrift  verfügt.  Weiter  führt  der 
Beschwerdeführer  in  seiner  Rechtsmitteleingabe  an,  seine  Eltern  seien 
Anhänger  von  Sayed  Kaian  gewesen;  er  sei  sozusagen  als  Anhänger 
geboren  worden  und  habe  sich  persönlich  nicht  für  die  Gruppe 
interessiert. Diese Einwendung vermag das Gericht nicht zu überzeugen 
und muss als nachgeschoben qualifiziert werden, da er sein Desinteresse 
an  der  Gruppe  erst  auf  Beschwerdeebene  vorbringt.  Vielmehr  hätte  er 
dies  bereits  anlässlich  der  Anhörung  geltend  machen  können,  statt 
dessen  rezitierte er auf Frage einen Gebetsvers  richtig aus dem Koran. 
Weiter nannte er als den einzigen Unterschied zu den anderen Muslimen, 
dass "unser Religionsführer dieser Aga Khan" sei (A14/18 S. 14 f.).

Im Weiteren ist zur Vermeidung von Wiederholungen auf die Erwägungen 
in  der  angefochtenen  Verfügung  des  BFM  zu  verweisen.  Der 
Beschwerdeführer  vermag  mit  seinen  Vorbringen  in  seiner 
Beschwerdeeingabe  und  den  eingereichten  Beweismitteln  zu  keiner 
anderen  Betrachtungsweise  zu  führen,  weshalb  es  sich  erübrigt  weiter 
darauf einzugehen.

5.4. Zusammenfassend ist festzustellen, dass es dem Beschwerdeführer 
nicht  gelungen  ist  nachzuweisen  oder  zumindest  glaubhaft  zu machen, 
dass er in der Heimat ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3 AsylG erlitt oder 
solche bei der Ausreise zu befürchten hatte oder im Falle einer Rückkehr 
nach  Afghanistan  befürchten müsste.  Das  BFM  hat  demnach  zu Recht 
die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers  verneint  und  das 
Asylgesuch abgelehnt.

6. 
6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht 
ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und 

D­1691/2010

Seite 11

ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit 
der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).

6.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche 
Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer 
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 
Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E. 9).

6.3. Nachdem der Beschwerdeführer vom BFM in seinem Entscheid vom 
26. August  2011  wiedererwägungsweise  wegen  Unzumutbarkeit  des 
Wegweisungsvollzugs  vorläufig  in  der  Schweiz  aufgenommen  wurde, 
erübrigen  sich  sodann  Ausführungen  zur  Frage  der  Zulässigkeit  sowie 
der  Möglichkeit  des  Wegweisungsvollzuges  (vgl.  BVGE  2009/51  E. 5.4 
S. 748).  Die  Beschwerde  gegen  den  ursprünglich  angeordneten 
Wegweisungsvollzug  erweist  sich  demnach  als  gegenstandslos  und  ist 
diesbezüglich abzuschreiben.

7. 
Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung 
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und 
vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die 
Beschwerde  ist  daher  abzuweisen,  soweit  sie  nicht  als  gegenstandslos 
geworden abzuschreiben ist.

8. 
8.1. Der Beschwerdeführer hat im Rahmen der Beschwerdebegehren ein 
Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege  gestellt. Gemäss Art. 65 Abs. 1 
VwVG befreit die Beschwerdeinstanz nach Einreichung der Beschwerde 
eine Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, auf Antrag von 
der  Bezahlung  der  Verfahrenskosten,  sofern  ihr  Begehren  nicht 
aussichtslos erscheint.

8.2. Zwar  reichte der Beschwerdeführer  eine Unterstützungsbestätigung 
vom  8. März  2010  ein,  jedoch  ist  aus  der  Datenbank  des  "Zentralen 
Migrationsinformationssystems"  des  BFM  (ZEMIS,  vgl.  ZEMIS­
Verordnung  vom  12. April  2006  [SR  142.513])  ersichtlich,  dass  er  seit 
dem  7. November  2011  einer  Erwerbstätigkeit  nachgeht  und  deshalb 
nicht  als  bedürftig  zu  erachten  ist.  Mangels  Erfüllen  der  kumulativen 
Voraussetzungen  von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  ist  das  Gesuch  um 
Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  –  soweit  nicht  durch  die 

D­1691/2010

Seite 12

teilweise  Wiedererwägung  der  angefochtenen  Verfügung  hinfällig 
geworden – abzuweisen.

8.3. Bei diesem Ausgang des Verfahrens  ist dem Beschwerdeführer ein 
um  die  Hälfte  reduzierter  Anteil  der  Verfahrenskosten  aufzuerlegen 
(Art. 63  Abs. 1  und  5  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr. 300.–  festzusetzen 
(Art. 1 – 3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und 
Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE, 
SR 173.320.2]).

8.4.  Eine  teilweise  obsiegende  Partei  hat  Anspruch  auf  eine 
Parteientschädigung  für  die  ihr  erwachsenen  notwendigen  und 
verhältnismässig  hohen  Kosten  (Art. 64  Abs. 1  VwVG  und  Art. 7  ff. 
VGKE).  Da  der  Beschwerdeführer  im  Beschwerdeverfahren  nicht 
anwaltlich vertreten wurde,  ist nicht davon auszugehen,  ihm seien durch 
die Beschwerdeführung verhältnismässig hohe Kosten erwachsen. Daher 
ist ihm keine Parteientschädigung zuzusprechen.

(Dispositiv nächste Seite)

D­1691/2010

Seite 13

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1. 
Die  Beschwerde  wird  abgewiesen,  soweit  sie  nicht  als  gegenstandslos 
geworden abgeschrieben wird.

2. 
Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  wird 
abgewiesen.

3. 
Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 300.–  werden  dem  Beschwerdeführer 
auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu 
Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen.

4. 
Es wird keine Parteientschädigung gesprochen.

5. 
Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die 
zuständige kantonale Behörde.

Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin:

Robert Galliker Viktoria Szczepinski

Versand: