# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 2cf9a84d-3240-53bd-a93a-34d5d01d99b8
**Source:** Aargau Gerichte (AG)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2022-05-13
**Language:** de
**Title:** Aargau Obergericht Versicherungsgericht 13.05.2022 VBE.2021.496
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/AG_Gerichte/AG_OG_007_VBE-2021-496_2022-05-13.pdf

## Full Text

Versicherungsgericht 

1. Kammer 

 

VBE.2021.496 / mg / fi  
Art. 50 

 

 

Urteil vom 13. Mai 2022 
 
 

Besetzung  Oberrichter Kathriner, Präsident  

Oberrichterin Fischer  

Ersatzrichter Hess  

Gerichtsschreiber Güntert          

 

 
   

Beschwerde-

führer  

 A._____   

gesetzlich vertreten durch B._____ und C._____   

vertreten durch Dr. iur. Volker Pribnow, Rechtsanwalt, 

Stadtturmstrasse 10, Postfach, 5401 Baden     

 

     
   

Beschwerde-

gegnerin  

 SVA Aargau, IV-Stelle, Bahnhofplatz 3C, Postfach, 5001 Aarau   

 

     
 

Gegenstand  Beschwerdeverfahren betreffend IVG allgemein, medizinische Massnah-

men (Verfügung vom 8. Oktober 2021) 
 

 

  

 - 2 - 

 

 

   

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten: 

 

1. 

Der am tt.mm.2013 geborene Beschwerdeführer wurde am 18. Dezem-

ber 2020 durch seine Eltern mit der Angabe "Autismus-Spektrum-Störung 

(Asperger)" mit "Auffälligkeiten seit Geburt" bei der Beschwerdegegnerin 

zum Bezug von Leistungen (medizinische Massnahmen) der Eidgenössi-

schen Invalidenversicherung (IV) angemeldet. Die Beschwerdegegnerin 

holte in der Folge medizinische Berichte ein, legte diese dem Regionalen 

Ärztlichen Dienst (RAD) vor und wies das Leistungsgesuch des Beschwer-

deführers nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren und erneuter Stel-

lungnahme durch den RAD mit Verfügung vom 8. Oktober 2021 ab. 

 

2. 

2.1. 

Gegen die Verfügung vom 8. Oktober 2021 erhob der Beschwerdeführer 

mit Eingabe vom 9. November 2021 fristgerecht Beschwerde und stellte 

folgende Rechtsbegehren: 

 

" Die Verfügung der IV-Stelle Aarau vom 8. Oktober 2021 sei aufzuheben 
und dem Beschwerdeführer seien die gesetzlichen Leistungen der Invali-
denversicherung auszurichten. 
 
Eventualiter sei die Sache zwecks Vornahme weitere Abklärungen an die 
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. 
 
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegeg-
nerin." 

 

2.2. 

Mit Vernehmlassung vom 9. Dezember 2021 beantragte die Beschwerde-

gegnerin die Abweisung der Beschwerde. 

 

2.3. 

Am 31. März 2022 reichte der Beschwerdeführer eine weitere Eingabe zu 

den Akten. 

 

 
   

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung: 

 

1. 

1.1. 

Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung vom 8. Ok-

tober 2021 (Vernehmlassungsbeilage [VB] 36) – gestützt auf die versiche-

rungsmedizinischen Beurteilungen von Dr. med. D., Fachärztin für Kinder- 

und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, vom 22. April 2021 (VB 14) 

 - 3 - 

 

 

und 30. September 2021 (VB 35) – davon aus, dass keine "Echt-

zeitdokumente" vorlägen, "in welchen autismusspezifische Befunde vor 

dem 5. Lebensjahr zu erkennen waren und dokumentiert wurden". Sodann 

sei keine klare eingeschränkte Interaktion erkennbar (VB 36). Der Be-

schwerdeführer bringt dagegen im Wesentlichen vor, die Diagnose eines 

Asperger-Syndroms sei von mehreren Ärzten gestellt worden und es lägen 

genügend Anhaltspunkte vor, welche belegen würden, dass bereits vor 

dem 5. Geburtstag des Beschwerdeführers Symptome eines Asperger-

Syndroms erkennbar gewesen und die Voraussetzungen für die Anerken-

nung des Leidens als Geburtsgebrechen Ziff. 405 erfüllt seien (Beschwerde 

Rz. 9 ff.).  

 

1.2. 

Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin das Vorliegen des 

Geburtsgebrechens einer Autismus-Spektrum-Störung zu Recht verneint 

und entsprechend die Kostengutsprache für diesbezügliche medizinische 

Massnahmen verweigert hat. 

 

2. 

2.1. 

In seiner Eingabe vom 31. März 2022 verweist der Beschwerdeführer da-

rauf, dass das für die Prüfung seines Leistungsanspruchs massgebende 

Recht per 1. Januar 2022 geändert habe. Da ein offener Dauersachverhalt 

vorliege, sei das neue Recht spätestens ab dem Zeitpunkt dessen Inkraft-

tretens zu berücksichtigen. Deshalb bestehe spätestens seit dem 1. Ja-

nuar 2022 ein Anspruch auf medizinische Leistungen gemäss Art. 13 IVG 

aufgrund des Geburtsgebrechens Ziff. 405.  

 

2.2. 

Nach der bis 31. Dezember 2021 gültigen Ziff. 405 aGgV-Anhang zählen 

zu den Geburtsgebrechen auch Autismus-Spektrum-Störungen, sofern 

diese bis zum vollendeten fünften Lebensjahr erkennbar werden. Gemäss 

der per 1. Januar 2022 in Kraft getretenen Ziff. 405 GgV-EDI-Anhang zäh-

len zu den Geburtsgebrechen Autismus-Spektrum-Störungen, sofern die 

Diagnose durch eine Fachärztin oder einen Facharzt für Kinder- und Ju-

gendmedizin mit Schwerpunkt Neuropädiatrie oder eine Fachärztin oder 

einen Facharzt für Kinder und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Entwick-

lungspädiatrie oder – gemäss IV-Rundschreiben Nr. 410 vom 26. Novem-

ber 2021 – eine Fachärztin oder einen Facharzt für Kinder- und Jugend-

psychiatrie und -psychotherapie bestätigt worden ist. Das Erfordernis der 

Erkennbarkeit bis zum vollendeten fünften Lebensjahr nach Ziff. 405 aGgV-

Anhang besteht nicht mehr. 

 

2.3. 

Ändert sich das anwendbare Recht während eines hängigen Verwaltungs-

verfahrens, so sind bei Fehlen ausdrücklicher Übergangsbestimmungen 

 - 4 - 

 

 

die in diesem Zusammenhang von der Rechtsprechung entwickelten Prin-

zipien heranzuziehen. Welches Recht bei einer derartigen Änderung An-

wendung findet, richtet sich nach dem Grundsatz, dass in materieller Hin-

sicht diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei Erfüllung des recht-

lich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung 

haben (vgl. BGE 138 V 475 E. 3.1 S. 478 mit Hinweisen). Bei der Beurtei-

lung von Dauersachverhalten wird im Sozialversicherungsrecht auf den bis 

zum Zeitpunkt des Erlasses der strittigen Verfügung eingetretenen Sach-

verhalt abgestellt (BGE 147 V 308 E. 5.1 S. 311). Auf zeitlich offene Dau-

ersachverhalte ist grundsätzlich bis zum Inkrafttreten einer Rechtsände-

rung das alte Recht, nachher das neue Recht anwendbar (vgl. mit Hinwei-

sen BGE 147 V 308 E. 5.1 S. 311). Eine andere Frage ist, ob ein Gericht 

bei einem Dauersachverhalt eine zwischen der angefochtenen Verfügung 

und dem Gerichtsurteil erfolgte Rechtsänderung zu berücksichtigen hat. 

Nach ständiger sozialversicherungsrechtlicher Praxis wird auch bei der Be-

urteilung von Dauersachverhalten grundsätzlich auf den bis zum Zeitpunkt 

des Erlasses der streitigen Verfügung eingetretenen Sachverhalt abgestellt 

und demzufolge auch nur auf die bis zu diesem Zeitpunkt geltende Rechts-

lage (Urteil des Bundesgerichts 2C_345/2015 vom 24. November 2015 

E. 2.3 mit Hinweis auf BGE 132 V 215 E. 3.1.1 S. 220). Nachher eingetre-

tene Änderungen bilden Gegenstand einer neuen Verfügung (Urteil des 

Bundesgerichts 2C_345/2015 vom 24. November 2015 E. 2.3). Anders 

verhält es sich mit den verfahrensrechtlichen Neuerungen. Diese sind man-

gels gegenteiliger Übergangsbestimmungen mit dem Tag des In-Kraft-Tre-

tens sofort und in vollem Umfang anwendbar (BGE 132 V 215 E. 3.1.2 

S. 220). 

 

2.4. 

Die Beschwerdegegnerin hat im vorliegenden Fall mit Verfügung vom 

8. Oktober 2021 und somit unter Geltung des aGgV-Anhangs über den An-

spruch des Beschwerdeführers auf medizinische Massnahmen betreffend 

das Geburtsgebrechen Ziff. 405 entschieden (VB 36). Die neue Ziff. 405 

GgV-EDI-Anhang trat per 1. Januar 2022 in Kraft. Es handelt sich dabei 

nicht um eine verfahrensrechtliche Neuerung, sondern um geänderte ma-

terielle Bestimmungen. Weder die revidierten Bestimmungen der IVV sowie 

der GgV-EDI noch des IVG enthalten diesbezüglich Übergangsbestimmun-

gen. Unabhängig davon, ob ein Dauersachverhalt vorliegt, ist die zum Zeit-

punkt der Verfügung geltende Rechtslage massgebend. Es sind somit die 

Bestimmungen des bis am 31. Dezember 2021 gültigen aGgV-Anhang an-

zuwenden. 

 

3. 

3.1. 

Der Beschwerdeführer reichte während des Vorbescheidverfahrens mit 

Eingabe vom 25. Juni 2021 mehrere medizinische Berichte ein (vgl. VB 24 

S. 16), welche von der Beschwerdegegnerin nicht zu den Akten genommen 

 - 5 - 

 

 

wurden. Es ist deshalb eine Verletzung des rechtlichen Gehörs aufgrund 

einer Verletzung der Aktenführungspflicht der Beschwerdegegnerin zu prü-

fen.  

 

3.2. 

Die Aktenführungspflicht von Verwaltung und Behörden bildet das Gegen-

stück zum (aus Art. 29 Abs. 2 BV fliessenden) Akteneinsichts- und Beweis-

führungsrecht, indem die Wahrnehmung des Akteneinsichtsrechts durch 

die versicherte Person eine Aktenführungspflicht der Verwaltung voraus-

setzt (BGE 130 II 473 E. 4.1 S. 477). Für die dem Allgemeinen Teil des So-

zialversicherungsrechts unterstellten Versicherer wurde in Art. 46 ATSG 

die Aktenführungspflicht auf Gesetzesstufe konkretisiert. Danach sind für 

jedes Sozialversicherungsverfahren alle Unterlagen, die massgeblich sein 

können, vom Versicherungsträger systematisch zu erfassen. Sie beinhaltet 

die Pflicht der Vollständigkeit der geführten Akten. Die Behörde hat alles in 

den Akten festzuhalten, was zur Sache gehört und entscheidwesentlich 

sein kann (Urteil des Bundesgerichts 8C_319/2010 vom 15. Dezember 

2010 E. 2.2.2 mit Hinweisen). Ferner sind die Unterlagen von Beginn weg 

in chronologischer Reihenfolge abzulegen; bei Vorliegen eines Gesuchs 

um Akteneinsicht und spätestens im Zeitpunkt des Entscheids ist das Dos-

sier zudem durchgehend zu paginieren (Urteil des Bundesge-

richts 8C_319/2010 vom 15. Dezember 2010 E. 2.2.2 mit Hinweisen).  

 

3.3. 

Da die der Eingabe vom 25. Juni 2021 beigelegten medizinischen Berichte 

von der Beschwerdegegnerin nicht zu den Akten genommen worden wa-

ren, reichte der Beschwerdeführer die fraglichen Berichte mit seiner Be-

schwerde vom 9. November 2021 dem Gericht ein (Beschwerdebeilage 

[BB] 3; 4; 6; 7; 8). Bei diesen Berichten handelt es sich unter anderem um 

ein Schreiben der behandelnden Kinderärztin Dr. med. E., Fachärztin für 

Kinder- und Jugendmedizin, vom 8. Juni 2021 (BB 3) und ein Schreiben 

des behandelnden Psychiaters Dr. med. F., Facharzt für Kinder- und 

Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, vom 9. Mai 2021 (BB 4). 

Dr. med. E. nannte in ihrem Bericht verschiedene Verhaltensauffälligkeiten 

und Symptome, welche beim Beschwerdeführer bereits im frühen 

Kindesalter dokumentiert worden seien und auf eine Autismus-Spektrum-

Störung hinweisen könnten (BB 3). Dr. med. F. schrieb in seinem Bericht 

vom 9. Mai 2021, dass er zum Schluss komme, dass beim Be-

schwerdeführer eine Autismus-Spektrum-Störung vom Typ eines Asper-

ger-Syndroms vorliege (BB 4). Im vorliegenden Verfahren geht es um die 

Frage, ob beim Beschwerdeführer eine Autismus-Spektrum-Störungen vor-

liegt und ob diese bis zum vollendeten fünften Lebensjahr erkennbar ge-

worden war. Es handelt sich bei den beiden erwähnten Schreiben somit um 

medizinische Berichte, welche für das vorliegende Verfahren offensichtlich 

wesentlich sein können. Der RAD hat sich in der Folge mit diesen Berichten 

nicht auseinandergesetzt. Die Akten der Beschwerdegegnerin erwiesen 

 - 6 - 

 

 

sich als unvollständig. Nach dem Dargelegten wurde der Anspruch des Be-

schwerdeführers auf eine gehörige Aktenführung als Teilgehalt des An-

spruchs auf rechtliches Gehör verletzt. 

 

4. 

4.1. 

Versicherte haben gemäss Art. 13 Abs. 1 aIVG bis zum vollendeten 20. Al-

tersjahr Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen (Art. 3 

Abs. 2 ATSG) notwendigen medizinischen Massnahmen. Der Bundesrat 

bezeichnet die Gebrechen, für welche diese Massnahmen gewährt werden. 

Er kann Leistungen ausschliessen, wenn das Gebrechen von geringfügiger 

Bedeutung ist (Art. 13 Abs. 2 aIVG; vgl. auch Art. 3 aIVV). 

 

4.2. 

Als Geburtsgebrechen gilt jede Beeinträchtigung der körperlichen, geisti-

gen oder psychischen Gesundheit, die nicht Folge eines Unfalles ist und 

die eine medizinische Untersuchung oder Behandlung erfordert oder eine 

Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat, sofern die Beeinträchtigung bereits bei 

vollendeter Geburt besteht (Art. 3 Abs. 1 und 2 ATSG). 

 

4.3. 

4.3.1. 

Nach Ziff. 405 Anhang aGgV zählen zu den Geburtsgebrechen auch Au-

tismus-Spektrum-Störungen, sofern diese bis zum vollendeten fünften Le-

bensjahr erkennbar werden. Gemäss Rz. 405 KSME (Kreisschreiben über 

die medizinischen Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung 

in der vorliegend relevanten, ab 1. Juli 2021 gültigen Fassung) müssen die 

entsprechenden krankheitsspezifischen, therapiebedürftigen Symptome 

bis zum vollendeten 5. Lebensjahr erkennbar sein. Dies soll es ermögli-

chen, die prä- oder perinatale Autismus-Spektrum-Störung von nachge-

burtlich entstandenen gleichartigen Leiden abzugrenzen (vgl. Art. 3 Abs. 2 

ATSG). Daher ist die Altersgrenze, bis zu welcher sich das Gebrechen ma-

nifestiert haben muss, relativ tief angesetzt (Urteil des Bundesge-

richts 9C_37/2020 vom 19. Mai 2020 E. 2.3.1 mit Hinweis auf Urteil des 

Bundesgerichts 9C_682/2012 vom 1. Mai 2013 E. 3.2.1). 

 

4.3.2. 

Ziff. 405 aGgV Anhang setzt keine diagnostische Festlegung vor Vollen-

dung des 5. Lebensjahres voraus. Das Erfordernis "krankheitsspezifischer, 

therapiebedürftiger Symptome" ist auch nicht so zu verstehen, dass die 

Symptomatik vor dem 5. Geburtstag so klar ausgebildet gewesen sein 

müsste, dass bereits damals ohne weiteres die zutreffende spezifische Di-

agnose hätte gestellt werden können. Vielmehr besteht nach der gesetz-

mässigen Konzeption der aGgV bei nachträglicher Diagnose schon dann 

hinreichende Gewissheit darüber, dass die Störung auf die Geburt zurück-

 - 7 - 

 

 

reicht, wenn bis zum 5. Geburtstag autismustypische Symptome verzeich-

net wurden. Anhand dieser muss zum einen festgestanden haben, dass 

überhaupt eine (differenzialdiagnostisch noch nicht endgültig spezifizier-

bare) Störung im fachmedizinischen Sinn vorlag; zum andern müssen die 

damaligen Befunde in die spätere definitive Diagnose einfliessen (Urteil des 

Bundesgerichts 9C_37/2020 vom 19. Mai 2020 E. 2.3.2 mit Hinweisen). 

 

4.3.3. 

In beweisrechtlicher Hinsicht folgt aus der Möglichkeit einer retrospektiven 

diagnostischen Festlegung, dass nicht nur sogenannt „echtzeitlich“ ge-

troffene ärztliche Feststellungen massgebend sind, sondern auch spätere, 

soweit sie Rückschlüsse auf eine rechtzeitige Erkennbarkeit der Störung 

zulassen. Allerdings ist eine nachträgliche Schilderung von Symptomen mit 

zunehmender zeitlicher Distanz kritisch zu würdigen, dürfte eine solche 

doch oftmals von späteren Beobachtungen überlagert sein. Im Einzelfall 

muss daher schlüssig dargetan sein, dass die betreffende Anamnese nicht 

bloss aktuelle Feststellungen in die Vergangenheit projiziert (Urteil des 

Bundesgerichts 9C_37/2020 vom 19. Mai 2020 E. 2.3.3 mit Hinweisen). 

 

4.3.4. 

Charakteristisch für Autismus-Spektrum-Störungen wie das Asperger-Syn-

drom (ICD-10 F84.5) ist die Beeinträchtigung der sozialen Kontaktfähigkeit. 

So sind die diagnostischen Kriterien für das Asperger-Syndrom eine soziale 

Beeinträchtigung (ausgeprägte Egozentrizität, wobei mindestens zwei der 

folgenden Merkmale erfüllt sein müssen: Schwierigkeiten in der Interaktion 

mit Gleichaltrigen; Indifferenz hinsichtlich Kontakten mit Gleichaltrigen; 

Schwierigkeiten bei der Interpretation sozialer Schlüsselreize; sozial und 

emotional unangemessenes Verhalten), eingeschränkte Interessen (wobei 

mindestens eines der folgenden Merkmale erfüllt sein muss: Ausschluss 

anderer Aktivitäten; repetitives Kleben an Interessen; mehr mechanische 

als bedeutungsvolle Aktivitäten), das zwanghafte Bedürfnis nach Einfüh-

rung von Routinen und Interessen (wobei mindestens eines der folgenden 

Merkmale erfüllt sein muss: mit Auswirkung auf alle Aspekte des Alltags 

des Betroffenen; mit Auswirkung auf Dritte), die Eigentümlichkeit von Spra-

che und Sprechen (wobei mindestens eines der folgenden Merkmale erfüllt 

sein muss: verzögerte Sprachentwicklung; oberflächlich perfekte Expres-

sivsprache; formale und pedantische Sprache; ungewöhnliche Stimmlage 

[Prosodie], eigentümliche Stimmqualität; Sprachverständnisstörung mit 

Fehlinterpretationen wörtlicher/impliziter Bedeutungen), nonverbale Kom-

munikationsprobleme (wobei mindestens eines der folgenden Merkmale 

erfüllt sein muss: reduzierter Einsatz von Gesten; unbeholfe-

ne/ungeschickte Körpersprache; eingeschränkter Gesichtsausdruck; unan-

gemessener Gesichtsausdruck; eigentümlicher, starrer Blick) sowie eine 

motorische Ungeschicklichkeit (niedrige Leistung bei der entwicklungsneu-

rologischen Untersuchung; zum Ganzen: Urteil des Bundesge-

 - 8 - 

 

 

richts 9C_680/2018 vom 22. Juli 2019 E. 3.6.2 mit Hinweisen; vgl. auch Dil-

ling/Freyberger [Hrsg.], Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychi-

scher Störungen, 9. Aufl. 2019, S. 294 f.). 

 

5. 

Der medizinische Sachverhalt präsentiert sich im Wesentlichen wie folgt: 

 

5.1. 

Dem heilpädagogischen Fachbericht der G. vom 4. April 2016 betreffend 

eine im Zeitraum von Februar bis März 2016 durchgeführte Ent-

wicklungsabklärung ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer nach 

kurzer Schüchternheit gut mit der zuständigen Heilpädagogin Kontakt auf-

genommen und unbefangen geredet und gespielt habe. In der Spielgruppe 

sei er gut integriert. Zudem wird erwähnt, dass Glocken ein aktuelles 

Thema des Beschwerdeführers seien. Er sei ein altersentsprechend entwi-

ckeltes Kind. Es wurde eine teils Über- teils Unterempfindlichkeit des Be-

schwerdeführers festgestellt, weshalb ihm eine Ergotherapie/sensorische 

Integration empfohlen wurde mit dem Ziel einer verbesserten Oberflächen, 

Tiefen- und Schmerzwahrnehmung (VB 12). 

 

5.2. 

Aus den Berichten des Universitätskinderspitals H. vom 25. April 2018 

(BB 7) sowie vom 22. August 2018 (BB 6) geht hervor, dass der Beschwer-

deführer "seit immer" ein schlechter Schläfer sei und häufig in der Nacht 

aufwachen würde.  

 

5.3. 

Aus dem Bericht der Kinderpsychologin lic. phil. I. vom 2. Juli 2019 geht 

hervor, dass die Anmeldung bei der Kinderpsychologin im Mai 2018 durch 

die Kinderärztin des Beschwerdeführers aufgrund von aggressivem 

Verhalten im häuslichen Umfeld erfolgt sei. Die Abklärung habe altersent-

sprechende Kompetenzen im feinmotorischen Bereich gezeigt, während 

sich bezüglich Grobmotorik noch Schwierigkeiten zeigen würden. Bezüg-

lich der Körperwahrnehmung und der sensorischen Integration seien Defi-

zite vorhanden. So bestehe gemäss Schilderung der Mutter des Beschwer-

deführers eine grosse Diskrepanz zwischen einer einerseits grossen Sen-

sibilität und schneller Überstimulation (bspw. bei Lärm) und wenig senso-

motorischer Sensibilität, beispielsweise bezüglich Schmerzempfinden, an-

dererseits. Im emotional-sozialen Bereich würden Schwierigkeiten in der 

Nähe-Distanz Regulation und Schwierigkeiten im Bedürfnisaufschub be-

stehen. Lic. phil. I. gelangte zum Schluss, dass Hinweise auf eine Störung 

des Sozialverhaltens mit oppositionellem Trotzverhalten, eine Ge-

schwisterrivalität und (leichte) motorische Entwicklungsdefizite bestünden 

(VB 1.3).  

 

 - 9 - 

 

 

5.4. 

Im Schlussbericht zur Psychomotorik-Therapie vom 16. Dezember 2019 

wurde ausgeführt, der Beschwerdeführer habe "tolle Fortschritte" gemacht; 

er komme in der Schule gut mit und sei sozial integriert. Die graphomotori-

schen Basisfunktionen seien sicher und er habe Selbstvertrauen gewon-

nen. Er erlebe Gefühle intensiv und die Auseinandersetzung mit seinen 

Emotionen sei noch schwierig. Er werde diesbezüglich psychiat-

risch/psychologisch betreut (VB 1.4 S. 2).  

 

5.5. 

Aus dem Untersuchungsbericht der Psychiatrischen Dienste J., (PDJ), vom 

28. August 2020 (VB 9 S. 7 ff.) geht hervor, dass der Beschwerdeführer 

aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten und Aggressivität gegenüber Eltern 

und Geschwistern zugewiesen worden sei und sich seit 29. August 2019 

bei der PDJ in ambulanter Behandlung befinde. In der störungsspezifischen 

Anamnese wurde ein über mehrere Jahre ausgeprägtes Interesse an 

Glocken, Glockengestühl und Klöppeln genannt (VB 9 S. 8). Im 

psychopathologischen Befund wurde festgehalten, dass Kontaktverhalten 

sei unauffällig (VB 9 S. 9). Als Hauptdiagnose wurde eine emotionale 

Störung mit Trennungsangst des Kindesalters (F 93.0) aufgeführt. Als 

Verdachtsdiagnosen wurde eine Störung des Sozialverhaltens mit op-

positionellem, aufsässigem Verhalten (F 91.3) sowie ein Asperger-Syn-

drom (F 84.5) genannt. Im Bericht wurde festgehalten, dass das zweite Stö-

rungsbild, nämlich die Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem, 

aufsässigem Verhalten, möglicherweise besser mit einer noch zu diagnos-

tizierenden Autismusspektrumsstörung erklärt werden könne. Die Psycho-

loginnen der PDJ codierten diese daher als Verdachtsdiagnose. Aufgrund 

der Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten in der Vorgeschichte und 

des Screenings mittels Autismus-Spektrum-Fragebogen befanden die 

Psychologinnen der PDJ, dass differentialdiagnostisch eine Autismus-

Spektrum-Störung in Frage komme, weshalb sie diese Störung ebenfalls 

als Verdachtsdiagnose codierten (VB 9 S. 12). 

 

5.6. 

Im Überweisungsbericht der PDJ vom 27. Oktober 2020 (VB 9 S. 3) wurde 

festgehalten, der Beschwerdeführer sei im Kontaktverhalten wenig 

mitteilungsbereit, erscheine innerlich abwesend, die Rapportherstellung sei 

aber problemlos möglich. In Stimmung und Affekt sei er wenig spürbar, er 

wirke wenig beteiligt und seine Aufmerksamkeit lasse im Gesprächsverlauf 

deutlich nach (VB 9 S. 4). Als Hauptdiagnose wurde ein Verdacht auf As-

perger-Syndrom (F 84.5) gestellt; dazu wurde ausgeführt, beim Beschwer-

deführer würden sich aufgrund des Verlaufs und der ergänzenden diagnos-

tischen Erhebung die Hinweise auf eine Autismus-Spektrum-Störung ver-

stärken. Die Entwicklungsanamnese sei in dieser Hinsicht ebenfalls auffäl-

lig. Sowohl die Probleme mit der Emotionsregulierung negativer Gefühle 

 - 10 - 

 

 

(aggressive Impulse, Eifersucht, Ängste), die Ich-Bezogenheit resp. Ein-

schränkungen bei der Perspektivübernahme wie auch Veränderungswider-

stand und das Ritualisierungs- und Kontrollbedürfnis, das in eine Zwangs-

symptomatik übergehen könne, sprächen für diese Diagnose. Der Be-

schwerdeführer sei deshalb zur diagnostischen Klärung einer Autismus-

Spektrum-Störung an Dr. med. F. überwiesen worden (VB 9 S. 5 f.). 

 

Im Schreiben der PDJ vom 14. Juli 2021 an die Beschwerdegegnerin 

wurde ergänzend ausgeführt, im Untersuchungsbericht vom 28. August 

2020 sei festgehalten worden, dass Kontaktverhalten des Beschwerdefüh-

rers sei unauffällig. Dieser Befund stütze sich auf das Erstgespräch. Ein 

aufgrund des Alter des Beschwerdeführers erwarteter Beziehungs- und 

Vertrauensaufbau habe sich in der Folge nicht eingestellt, obwohl sich der 

Beschwerdeführer seit Oktober 2019 bei der PDJ in Behandlung befinde 

(VB 31). 

 

5.7. 

Aus dem Bericht von Dr. med. F. vom 14. Januar 2021 geht hervor, dass 

die bisherigen Abklärungen aufgrund der Covid-19-Pandemie ohne 

direkten Patientenkontakt durchgeführt worden seien und sich auf Online-

Befragung, Screening Fragebögen und ausführliches Studium bereits vor-

liegender Unterlagen stützen würden. Er sei jedoch zum Schluss gekom-

men, dass mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Autismus-Spektrum-Stö-

rung vom Typ Asperger-Syndrom vorliege. Diese Beurteilung habe zwar 

nur provisorischen Charakter, wegen der eindeutigen Befunde in Anam-

nese und Fragebögen bestehe aber aus seiner Sicht kein Zweifel an der 

Validität der Diagnose (VB 10 S. 7).  

 

5.8. 

Im Bericht vom 9. Mai 2021 verwies Dr. med. F. auf die Kriterien des DSM-

5 und schreibt, dass beim Beschwerdeführer im Abschnitt A gemäss DSM-

5 (Anhaltende Defizite in der sozialen Kommunikation und sozialen 

Interaktion über verschiedene Kontexte hinweg) alle und im Abschnitt B 

(Eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten, 

die in mindestens zwei der folgenden Merkmale manifestieren) mindestens 

Punkt 2 (Festhalten an Gleichbleibendem, unflexibles Festhalten an 

Routinen oder an ritualisierten Mustern verbalen oder nonverbalen 

Verhaltens) sowie Punkt 4 (Hyper- oder Hyporeaktivität auf sensorische 

Reize oder ungewöhnliches Interesse an Umweltreizen) erfüllt seien. Es sei 

im Übrigen wichtig zu betonen, dass die aufgeführten Symptome nicht alle 

aktuell vorhanden sein müssten. Sie könnten in der Vergangenheit bestan-

den haben und dann durch Lernprozesse maskiert worden sein (BB 4). 

 

 - 11 - 

 

 

5.9. 

Die behandelnde Kinderärztin Dr. med. E. hielt in ihrem Bericht vom 

8. Juni 2021 fest, dass beim Beschwerdeführer bereits im frühen Kindesal-

ter Verhaltensauffälligkeiten und Symptome dokumentiert seien, welche 

auf eine Autismus-Spektrum-Störung hinweisen könnten. So sei in der 

Krankengeschichte des Beschwerdeführers unter anderem Folgendes do-

kumentiert worden: eine ausgeprägte Reizempfindlichkeit und vermehrtes 

Schreien ab dem Alter von ca. 6 Wochen; Diagnose einer Regulationsstö-

rung im Babyalter (F88), Juli 2013, durch die Kinderpsychologin; Hospitali-

sation auf der Mutter-Kind-Station in Q. bei Regulationsstörung und 

elterlicher Erschöpfung (Juli-August 2013); Schlafstörung ab dem Alter von 

ca. 4 Monaten, anhaltend über mehrere Jahre; motorische Entwicklungs-

defizite (Ergotherapie 2017); Defizite bezüglich Körperwahrnehmung und 

sensorischer Integration, wiederholt aufgefallen vor dem Alter von 3 Jah-

ren, zu Hause, in der Spielgruppe und bei der heilpädagogischen Abklä-

rung 2016; Verhaltensauffälligkeit mit Aggressionen, länger bestehend, zu-

nehmend Ende 2017, kein Erfolg mit Erziehungsberatung, daher Anmel-

dung zur psychologischen Abklärung Mai 2018 und dort Feststellung einer 

Störung des Sozialverhaltens. Es seien deshalb durchaus Symptome mit 

Beginn vor dem 5. Geburtstag dokumentiert (BB 3). 

 

5.10. 

Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung vom 8. Ok-

tober 2021 (VB 36) davon aus, dass die Voraussetzungen für die Anerken-

nung eines Geburtsgebrechens gemäss Ziff. 405 Anhang aGgV nicht erfüllt 

seien. Dabei stützte sie sich in medizinischer Hinsicht im Wesentlichen auf 

die Aktenbeurteilung von RAD-Ärztin Dr. med. D. vom 22. April 2021 

(VB 14) sowie vom 7. Juli 2021 (VB 35).  

 

In der Beurteilung vom 22. April 2021 führte die RAD-Ärztin aus, eine Au-

tismus-Spektrum-Störungen von Asperger-Typ manifestiere sich in der Re-

gel erst im (mittleren) Schulalter und sei daher nicht vor dem 5. Altersjahr 

erkennbar. Beim Beschwerdeführer sei im August 2020 durch die PDJ der 

Verdacht auf ein Asperger-Syndrom als dritte Diagnose geäussert worden. 

Nach 8 Wochen sei der Verdacht eines Asperger-Syndroms als 

Hauptdiagnose definiert worden. Es sei nicht ganz nachvollziehbar, worauf 

dieser Wechsel beruhe. Der Gesamt-CutOff im MBAS (Marburger Beurtei-

lungsskala zum Asperger-Syndrom) sei nur teilweise erreicht worden und 

es seien auch keine Sonderinteressen zu eruieren. Dr. med. F. habe die 

Asperger–Diagnose zwar bestätigt, dies jedoch nicht ausreichend 

begründet. Es seien keine Unterlagen eingereicht worden und Dr. med. F. 

habe den Beschwerdeführer aufgrund der Covid-19-Pandemie auch nicht 

sehen können. Die seit Kleinkindalter bestehenden Schwierigkeiten in der 

Entwicklung seien deutlich, hätten immer wieder zu Abklärungen und 

therapeutischen sowie pädagogischen Massnahmen geführt, seien aber 

diagnostisch unterschiedlich klassifiziert worden; ein Autismus sei nicht 

 - 12 - 

 

 

erkennbar gewesen. Im Echtzeitdokument (HPD) sei eine völlig 

altersentsprechende soziale Interaktion festgehalten worden. Auch im 

Bericht der PDJ vom Oktober 2020 sei noch ein unauffälliges Kontakt-

verhalten benannt worden. Aufgrund dieses Sachverhalts seien die Krite-

rien eines Geburtsgebrechen gemäss Ziffer 405 nicht erfüllt (VB 14).  

 

In der Beurteilung vom 30. September 2021 führte die RAD-Ärztin zudem 

aus, es liessen sich nach wie vor keine autismusspezifischen Befunde vor 

dem 5. Lebensjahr erkennen, die entsprechend dokumentiert worden 

seien. Aggressives Verhalten entspreche nicht in erster Linie dem gefor-

derten Charakter einer eingeschränkten sozialen Interaktion im Rahmen 

einer Autismus-Spektrum-Störung. Der Beschwerdeführer sei auch heute 

in sozialer Interaktion, wenn auch nicht immer in gewünschter Art und 

Weise. Zudem lasse sich kein Spezialinteresse eruieren, welches typisch 

für ein Asperger-Syndrom wäre. Gefordert werde "ein ungewöhnlich inten-

sives Interesse (Sonderinteresse), repetitive und stereotype Verhaltens-

muster und zwar weder in Form von motorischen Manierismen noch als 

Beschäftigung mit Teilobjekten". Das beschriebene Interesse an Glocken 

erreiche nicht das Niveau eines Sonderinteresses. Weiter führte die RAD-

Ärztin aus, die vom Beschwerdeführer geltend gemachten motorischen 

Schwierigkeiten kämen bei Autismus-Spektrum-Störungen zwar vor, seien 

jedoch nicht spezifisch und liessen sich in der Regel separat von einer Au-

tismus-Spektrum-Störung beobachten. Die zusätzlich eingereichte Begrün-

dung der PDJ, wonach die soziale Interaktion lediglich im Erstgespräch als 

unauffällig befunden worden sei, sei weder nachvollziehbar noch ak-

zeptabel. Es sei nicht möglich, bei einem Versicherten mit Asperger-Syn-

drom von einer unauffälligen sozialen Interaktion zu sprechen. "Der Spagat 

für dieses Störungsbild [sei] zu gross, zumal es direkt die Kriterien einer 

[Autismus-Spektrum-Störung] tangier[e]" (VB 35 S. 2). 

 

6. 

6.1. 

Dr. med. D. untersuchte den Beschwerdeführer nicht selber, entsprechend 

handelt es sich bei ihren Stellungnahmen um Aktenbeurteilungen. Eine 

reine Aktenbeurteilung ist nicht an sich als unzuverlässig zu beurteilen (vgl. 

Urteile des Bundesgerichts 8C_46/2019 vom 10. Mai 2019 E. 3.2.1; 

8C_641/2011 vom 22. Dezember 2011 E. 3.2.2 mit Hinweisen). Nach 

konstanter Rechtsprechung bedarf es jedenfalls bei psychiatrischen 

Gutachten und Beurteilungen zwar grundsätzlich stets einer persönlichen 

Untersuchung der versicherten Person (vgl. Urteil des Bundesge-

richts 8C_220/2017 vom 5. Oktober 2017 E. 5.2 mit Hinweisen). Die direkte 

ärztliche Auseinandersetzung mit der zu begutachtenden Person rückt aber 

dann in den Hintergrund, wenn es im Wesentlichen nur um die Beurteilung 

eines feststehenden medizinischen Sachverhalts geht und sich neue Un-

tersuchungen erübrigen; in einem solchen Fall kann auch ein reines Akten-

gutachten voll beweiskräftig sein (Urteile des Bundesgerichts 8C_325/2009 

 - 13 - 

 

 

vom 23. September 2009 E. 3.4.1 und 8C_496/2008 vom 14. April 2009 

E. 6.2; je mit Hinweisen). Des Weiteren lässt das Anstellungsverhältnis der 

versicherungsinternen Fachperson zum Versicherungsträger alleine nicht 

schon auf mangelnde Objektivität und Befangenheit schliessen (BGE 125 

V 351 E. 3b/ee S. 353 f.). Soll ein Versicherungsfall jedoch ohne Einholung 

eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswür-

digung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zwei-

fel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärzt-

lichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen 

(BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 469 f.; 122 V 157 E. 1d S. 162 f.). 

 

6.2. 

Bezüglich der Frage, ob der Beschwerdeführer an einer Autismus-Spek-

trum-Störung leidet, besteht Uneinigkeit zwischen einerseits den Psycho-

loginnen der PDJ (VB 9 S. 12; VB 9 S. 5) sowie dem behandelnden Psy-

chiaters Dr. med. F. (VB 10 S. 7; BB 4) und andererseits der RAD-Ärztin 

Dr. med. D. (VB 35; 14). Die RAD-Ärztin gelangte zum Schluss, dass beim 

Beschwerdeführer kein Asperger-Syndrom diagnostiziert werden könne. In 

der Aktenbeurteilung vom 30. September 2021 begründet sie diese 

Einschätzung im Wesentlichen damit, dass sich eine klare Einschränkung 

der sozialen Interaktion und ein Spezialinteresse nicht eruieren liesse 

(VB 35 S. 2). Die RAD-Ärztin verwies in Bezug auf die soziale Interaktion 

in ihrer Aktenbeurteilung vom 22. April 2021 auf den Bericht der PDJ vom 

28. August 2020 (VB 9 S. 7), in welchem noch ein unauffälliges 

Kontaktverhalten des Beschwerdeführers beschrieben worden sei (VB 14 

S. 3). Auch die Beschwerdegegnerin stellte in ihrer Verfügung vom 

8. Oktober 2021 auf diese Aussage der Psychologinnen der PDJ ab 

(VB 36). Die Bemerkung, das Kontaktverhalten des Beschwerdeführers sei 

unauffällig, beruhte auf dessen Verhalten anlässlich des Erstgesprächs mit 

den Psychologinnen der PDJ. Im weiteren Verlauf der Therapie wurde 

diese am Anfang getroffene Feststellung indes nicht bestätigt (VB 31). So 

wiesen die Psychologinnen im Schreiben vom 14. Juli 2021 an die Be-

schwerdegegnerin im Gegenteil darauf hin, dass sich ein aufgrund des Al-

ters des Beschwerdeführers zu erwartender Beziehungs- und Vertrau-

ensaufbau in der Folge nicht eingestellt habe (VB 31). In ihrer zweiten Ak-

tenbeurteilung vom 30. September 2021 führte die RAD-Ärztin aus, es sei 

nicht möglich, von einem Versicherten mit Asperger-Syndrom von einer un-

auffälligen sozialen Interaktion zu sprechen. Der "Spagat" für dieses Stö-

rungsbild sei zu gross, zumal es direkt die Kernkriterien einer Autismus-

Spektrum-Störung tangiere (VB 35 S. 2). Im Gegensatz zu den Psycholo-

ginnen der PDJ, bei denen der Beschwerdeführer von Dezember 2019 bis 

Februar 2021 25 Therapiesitzungen absolviert hatte (VB 9 S. 1), hat die 

RAD-Ärztin den Beschwerdeführer selber nie persönlich gesehen oder un-

tersucht. Auch Dr. med. F. machte lediglich allgemeine Ausführungen zur 

Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung gemäss DSM-5 und schrieb in 

seinem Bericht vom 9. Mai 2021, dass er aufgrund der "klinischen 

 - 14 - 

 

 

Gesamtbeurteilung" zum Schluss komme, dass beim Beschwerdeführer 

eine Autismus-Spektrum-Störung vorliege, ohne dies konkret zu be-

gründen (BB 4). Er äusserte sich in seinen Berichten nicht zum Kontaktver-

halten oder zu allfälligen Spezialinteressen des Beschwerdeführers (VB 10 

S. 7; BB 4). Es liegen somit keine fachärztlichen Berichte vor, welche die 

Ausführungen der RAD-Ärztin, wonach das Kontaktverhalten unauffällig sei 

und kein Spezialinteresse vorliege, stützen. Zudem ist unklar, ob der Be-

schwerdeführer überhaupt je persönlich durch einen Facharzt für Kinder- 

und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie untersucht wurde. So geht 

auch aus dem Bericht von Dr. med. F. vom 9. Mai 2021 nicht hervor, ob er 

den Beschwerdeführer zwischenzeitlich persönliche untersucht hat (BB 4). 

Im Zusammenhang mit seinem früheren Bericht vom 14. Januar 2021 war 

dies jedenfalls wegen der Covid-19-Pandemie nicht der Fall (VB 10 S. 7).  

 

Insgesamt liegen unterschiedliche Beurteilungen der RAD-Ärztin einerseits 

und der behandelnden Fachpersonen andererseits vor betreffend die 

Frage, ob aktuell beim Beschwerdeführer überhaupt ein Asperger-Syn-

drom diagnostiziert werden könne. Von einem für eine psychiatrische Ak-

tenbeurteilung notwendigen feststehenden medizinischen Sachverhalt (vgl. 

E. 6.1. hiervor) kann vorliegend daher nicht ausgegangen werden. 

 

6.3. 

Die Beschwerdegegnerin begründet ihre ablehnende Verfügung vom 

8. Oktober 2021 damit, dass beim Beschwerdeführer keine "Echtzeitdoku-

mente" vorlägen, in welchen autismusspezifische Befunde vor dem 5. Le-

bensjahr zu erkennen wären und dokumentiert worden seien. Auch die 

RAD-Ärztin führt in ihrer Aktenbeurteilung vom 22. April 2021 aus, die seit 

Kleinkindalter bestehenden Schwierigkeiten seien deutlich, hätten immer 

wieder zu Abklärungen und therapeutischen sowie pädagogischen Mass-

nahmen geführt, seien aber diagnostisch unterschiedlich beurteilt worden 

und ein Autismus sei nicht erkennbar gewesen (VB 14 S. 3). In ihrer Akten-

beurteilung vom 30. September 2021 führte die RAD-Ärztin aus, die 

Schwierigkeiten des Beschwerdeführers seien unbestritten, allerdings lies-

sen sich nach wie vor keine autismusspezifischen Befunde vor dem 5. Le-

bensjahr erkennen, welche entsprechend dokumentiert worden seien. 

Zwar kämen motorische Schwierigkeiten bei Autismus-Spektrum-Störun-

gen vor, jedoch seien diese nicht spezifisch und liessen sich separat von 

einer Autismus-Spektrum-Störung beobachten (VB 35 S. 2). 

 

Dem widersprach Dr. med. E.. Diese hielt in ihrem Bericht vom 8. Juni 2021 

fest, sie könne bestätigen, dass beim Beschwerdeführer Ver-

haltensauffälligkeiten und Symptome dokumentiert seien, welche auf eine 

Autismus-Spektrum-Störung hinwiesen und bereits vor dem 5. Lebensjahr 

dokumentiert seien (BB 3). Sie verwies dabei unter anderem auf in der 

Krankengeschichte erwähnte "motorische Entwicklungsdefizite (Ergothera-

 - 15 - 

 

 

pie 2017)", "Defizite bezüglich Körperwahrnehmung und sensorischer In-

tegration" sowie "Verhaltensauffälligkeit mit Aggressionen, länger beste-

hend, zunehmend Ende 2017, kein Erfolg mit Erziehungsberatung, daher 

Anmeldung zur psychologischen Abklärung Mai 2018 und dort Feststellung 

einer Störung des Sozialverhaltens".  

 

Diese ärztlichen Feststellungen von Dr. med. E. sind in beweisrechtlicher 

Hinsicht grundsätzlich zu berücksichtigen und stehen zumindest nicht in 

einem offensichtlichen Widerspruch mit den in den Akten befindlichen 

echtzeitlichen Berichten (vgl. E. 5.1. bis 5.3. hiervor). Die RAD-Ärztin setzte 

sich mit diesem Bericht jedoch nicht auseinander. Es ist davon auszuge-

hen, dass der Bericht von Dr. med. E. der RAD-Ärztin bei ihrer Akten-

beurteilung vom 30. September 2021 nicht vorlag (VB 35). Wie bereits aus-

geführt (vgl. E. 3.3. hiervor), wurde dieser Bericht von der Beschwerdegeg-

nerin nicht zu den Akten genommen und (entsprechend) auch nicht in der 

RAD-Aktenbeurteilung vom 30. September 2021 aufgeführt (VB 35). Die 

RAD-Aktenbeurteilung erfolgte auch aus diesem Grund auf einer ungenü-

genden Grundlage.  

 

6.4. 

Zusammenfassend – unter Berücksichtigung des Umstands, dass die in-

terne Aktenbeurteilung auf keinem feststehenden medizinischen Sachver-

halt beruht und die angefochtene Verfügung unter Verletzung des rechtli-

chen Gehörs bzw. Nichtberücksichtigung von eingereichten Berichten be-

handelnder Fachärzte erging - erweist sich der medizinische Sachverhalt 

als unvollständig und im Lichte der Untersuchungsmaxime (Art. 43 Abs. 1 

und Art. 61 lit. c ATSG; BGE 133 V 196 E. 1.4 S. 200) nicht rechtsgenüg-

lich abgeklärt. Die Streitsache ist daher an die Beschwerdegegnerin zu-

rückzuweisen, damit sie hinreichende fachärztliche Abklärungen vor-

nehme, um den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers rechtsgenüg-

lich beurteilen zu können. In diesem Rahmen wird sie gegebenenfalls Be-

richte zur Ergotherapie des Beschwerdeführers vom August 2016 bis Feb-

ruar 2017 und von August 2017 bis Februar 2018 bei Herr M. einzuholen 

(vgl. VB 1.1 S. 5) und – allenfalls nach Einholung eines Auszugs aus der 

von der Kinderärztin Dr. med. E. geführten Krankengeschichte – zu deren 

im Bericht vom 8. Juni 2021 aufgeführten Verhaltensauffälligkeiten und 

Symptomen eine klare Stellungnahme abzugeben haben.  

 

7. 

7.1. 

Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde in dem Sinne gutzuheissen, 

dass die angefochtene Verfügung vom 8. Oktober 2021 (VB 35) aufzuhe-

ben und die Sache zur weiteren Abklärung und zur Neuverfügung an die 

Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist. 

 

 - 16 - 

 

 

7.2. 

Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten 

werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im 

Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende 

Verfahren betragen diese Fr. 400.00 und sind gemäss dem Verfahrensaus-

gang der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. 

 

7.3. 

Ausgangsgemäss hat der Beschwerdeführer Anspruch auf Ersatz der rich-

terlich festzusetzenden Parteikosten (Art. 61 lit. g ATSG), denn die Rück-

weisung der Sache an die Verwaltung zwecks Vornahme ergänzender Ab-

klärungen gilt als anspruchsbegründendes Obsiegen (BGE 132 V 215 

E. 6.1 S. 235 mit Hinweisen). 

 

 
   

Das Versicherungsgericht erkennt: 

 

1. 

In teilweiser Gutheissung der Beschwerde wird die Verfügung vom 8. Ok-

tober 2021 aufgehoben und die Sache zur weiteren Abklärung im Sinne der 

Erwägungen und zur Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückge-

wiesen. 

 

2. 

Die Verfahrenskosten von Fr. 400.00 werden der Beschwerdegegnerin auf-

erlegt. 

 

3. 

Die Beschwerdegegnerin wird verpflichtet, dem Beschwerdeführer die Par-

teikosten in richterlich festgesetzter Höhe von Fr. 1'500.00 zu bezahlen. 

 

 
 

   

Zustellung an: 

den Beschwerdeführer dreifach (gesetzliche Vertreter, Vertreter)   

die Beschwerdegegnerin    

das Bundesamt für Sozialversicherungen 
 

 

  

 - 17 - 

 

 

 
   

Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 

 

Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen seit der Zustellung beim 

Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung 

mit Art. 90 ff. BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom sieb-

ten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli 

bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar 

(Art. 46 BGG).  

 

Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 

6004 Luzern, zuzustellen. 

 

Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe 

der Beweismittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines 

Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweis-

mittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Hän-

den hat (Art. 42 BGG). 

 

 
   

Aarau, 13. Mai 2022 

 

Versicherungsgericht des Kantons Aargau 

1. Kammer 

Der Präsident: Der Gerichtsschreiber: 

 

 

 

Kathriner Güntert