# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** da1b3eff-8a49-5424-9588-51490c869b54
**Source:** Bern Gerichte (BE)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2018-08-31
**Language:** de
**Title:** Bern Obergericht Strafkammern 31.08.2018 SK 2017 503
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/BE_ZivilStraf/BE_OG_005_SK-2017-503_2018-08-31.pdf

## Full Text

Obergericht
des Kantons Bern

2. Strafkammer

Cour suprême
du canton de Berne

2e Chambre pénale

Urteil
SK 17 503

Hochschulstrasse 17
3001 Bern
Telefon +41 31 635 48 08
Fax +41 31 634 50 54
obergericht-straf.bern@justice.be.ch
www.justice.be.ch/obergericht Bern, 31. August 2018 

Besetzung Oberrichter Kiener (Präsident i.V.), Obergerichtssuppleantin Graf, 
Oberrichter Aebi
Gerichtsschreiber Neuenschwander

Verfahrensbeteiligte A.________
a.v.d. Rechtsanwältin I.________ (sistiert per 22. Dezember 
2017)
v.d. Rechtsanwalt B.________

Beschuldigter/Berufungsführer

gegen

Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Bern, Maulbeerstras-
se 10, Postfach 6250, 3001 Bern

und

C.________
a.v.d. Fürsprecherin D.________

Straf- und Zivilkläger

Gegenstand sexuelle Nötigung

Berufung gegen das Urteil des Regionalgerichts Bern-Mittelland 
(Einzelgericht) vom 26. Oktober 2017 (PEN 17 353)

2

Erwägungen:

I. Formelles

1. Erstinstanzliches Urteil

Das Regionalgericht Bern-Mittelland (Einzelgericht) hat mit Urteil vom 26. Oktober 
2017 erkannt (pag. 201 ff.; Hervorhebungen im Original):

I. 

A.________ wird schuldig erklärt:

der sexuellen Nötigung, begangen am 23.08.2016 in J.________ (Ortschaft), zN C.________;

und in Anwendung der Art. 40, 42, 44, 47, 189 Abs. 1 StGB, Art. 426 StPO

verurteilt:

1. Zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten.

Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf zwei Jahre festgesetzt.

2. Zu den Verfahrenskosten, sich zusammensetzend aus Gebühren von CHF 4‘100.00 und Aus-
lagen von CHF 2‘233.50, insgesamt bestimmt auf CHF 6‘333.50.

Pauschalgebühr Strafuntersuchung CHF 1'800.00
Kosten des Gerichts (inkl. schriftl. Begründung) CHF 2'300.00
Total CHF 4'100.00

IRM Bern CHF 1'108.50
Arztbericht lic. phil. K. _______ CHF 525.00
Kosten Auftritt der Staatsanwaltschaft CHF 600.00
Total CHF 2'233.50

Total Verfahrenskosten CHF 6'333.50

Die Gebühren setzen sich zusammen aus:

Die Auslagen setzen sich zusammen aus:

Wird keine schriftliche Begründung verlangt, reduziert sich die Gebühr um CHF 800.00. Die re-
duzierten Verfahrenskosten betragen damit CHF 5‘533.50

II.

1. Die amtliche Entschädigung und das volle Honorar für die amtliche Verteidigung von 
A.________ durch Rechtsanwältin I.________ werden wie folgt bestimmt:

3

Stunden Satz
amtliche Entschädigung 32.75 200.00 CHF 6'550.00

CHF 171.50
Mehrwertsteuer 8.0% auf CHF 6'721.50 CHF 537.70

CHF
Total, vom Kanton Bern auszurichten CHF 7'259.20

volles Honorar 32.75 250.00 CHF 8'187.50
CHF 171.50

Mehrwertsteuer 8.0% auf CHF 8'359.00 CHF 668.70
CHF 0.00

Total CHF 9'027.70

nachforderbarer Betrag CHF 1'768.50

Auslagen MWSt-pflichtig

Auslagen ohne MWSt

Auslagen MWST-pflichtig

Auslagen ohne MWST

Der Kanton Bern entschädigt Rechtsanwältin I.________ für die amtliche Verteidigung von 
A.________ mit CHF 7‘259.20. 

A.________ hat dem Kanton Bern die ausgerichtete amtliche Entschädigung zurückzuzahlen 
und Rechtsanwältin I.________ die Differenz von CHF 1‘768.50 zwischen der amtlichen Ent-
schädigung und dem vollen Honorar zu erstatten, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse 
erlauben (Art. 135 Abs. 4 StPO).

2. Die amtliche Entschädigung und das volle Honorar für die unentgeltliche Rechtsvertretung von 
C.________ durch Fürsprecherin D.________ werden wie folgt bestimmt:

Stunden Satz
amtliche Entschädigung 31.25 200.00 CHF 6'250.00

CHF 183.80
Mehrwertsteuer 8.0% auf CHF 6'433.80 CHF 514.70

CHF
Total, vom Kanton Bern auszurichten CHF 6'948.50

volles Honorar 31.25 250.00 CHF 7'812.50
CHF 183.80

Mehrwertsteuer 8.0% auf CHF 7'996.30 CHF 639.70
CHF 0.00

Total CHF 8'636.00

nachforderbarer Betrag CHF 1'687.50

Auslagen MWSt-pflichtig

Auslagen ohne MWSt

Auslagen MWST-pflichtig

Auslagen ohne MWST

Der Kanton Bern entschädigt Fürsprecherin D.________ für die unentgeltliche Rechtsvertretung 
von C.________ mit CHF 6‘948.50. 

Der Kanton Bern kann von A.________ die Erstattung der amtlichen Entschädigung für die un-
entgeltliche Rechtsvertretung von C.________ verlangen, wenn er sich in günstigen wirtschaftli-
chen Verhältnissen befindet (Art. 138 Abs. 2 i.V.m. Art. 426 Abs. 4 StPO).

A.________ wird verpflichtet, C.________ zuhanden von Fürsprecherin D.________ als Diffe-
renz zwischen der amtlichen Entschädigung für die unentgeltliche Rechtspflege und dem vollen 
Honorar CHF 1‘687.50 zu bezahlen (Art. 433 Abs. 1 StPO).

4

III.

A.________ wird in Anwendung von Art. 41 und 49 OR sowie Art. 126 und 433 StPO weiter verur-
teilt:

1. Zur Bezahlung von CHF 8‘000.00 Genugtuung zuzüglich 5 % Zins seit dem 23.08.2016 an den 
Privatkläger C.________.

2. Für die Beurteilung der Zivilklage werden keine Kosten ausgeschieden.

IV. 

Weiter wird verfügt: [Eröffnungsformel]

2. Berufung

Gegen dieses Urteil meldeten A.________ (nachfolgend Beschuldigter) und seine 
Mutter (als Beistand), neu privat vertreten durch Rechtsanwalt B.________, am 
3. November 2017 fristgerecht Berufung an (pag. 248). Mit Schreiben vom 6. No-
vember 2017 (pag. 251) meldete auch die amtliche Verteidigerin des Beschuldig-
ten, Rechtsanwältin I.________, Berufung an. Die erstinstanzliche Urteilsbegrün-
dung wurde den Parteien mit Verfügung vom 15. Dezember 2017 zugestellt 
(pag. 258 f.). Mit Verfügung vom 22. Dezember 2017 sistierte die Verfahrensleitung 
das Mandat der bisherigen amtlichen Verteidigerin, Rechtsanwältin I.________, 
und stellte dem privaten Verteidiger, Rechtsanwalt B.________, die amtlichen Ak-
ten zur Einsichtnahme zu (pag. 268 f.). In seiner form- und fristgerechten Beru-
fungserklärung vom 29. Dezember 2017 erklärte der Beschuldigte die vollumfängli-
che Berufung des erstinstanzlichen Urteils (pag. 271). Weder die Generalstaatsan-
waltschaft (Schreiben vom 16. Januar 2018; pag. 279 f.) noch der Straf- und Zivil-
kläger (nachfolgend Privatkläger; Eingabe vom 30. Januar 2018; pag. 282) erklär-
ten Anschlussberufung oder machten Gründe für ein Nichteintreten auf die Beru-
fung des Beschuldigten geltend.

3. Oberinstanzliche Beweisergänzungen

In seiner Berufungserklärung vom 29. Dezember 2017 stellte der Beschuldigte die 
Beweisanträge, sowohl der Beschuldigte als auch der Privatkläger seien eingehend 
psychiatrisch zu begutachten. Den Akten liessen sich zwar Kurzgutachten der be-
handelnden Ärzte entnehmen, diese seien aber ungenügend, um die zentralen 
Fragen der Glaubwürdigkeit des Privatklägers und des Geisteszustandes des Be-
schuldigten zu beantworten (pag. 271). Die Generalstaatsanwaltschaft (pag. 279 
ff.) und der Privatkläger (pag. 282) schlossen je auf Abweisung der Anträge. Mit 
begründetem Kammerbeschluss vom 22. März 2018 (pag. 299 ff.) wies die Kam-
mer die Beweisanträge des Beschuldigten ab, stellte mit diversen Einvernahmen 
und der Edition einer Diagnoseliste des Privatklägers aber weitere Beweismass-
nahmen in Aussicht. 

Nachdem der Privatkläger Frau Dr. L.________ von der ärztlichen Schweigepflicht 
entbunden hatte, edierte die Verfahrensleitung bei ihr eine vom IRM angefertigte 
Diagnoseliste und stellte ihr einige Ergänzungsfragen (Schreiben vom 2. Mai 2018, 
pag. 330 f.). Mit Faxeingabe vom 9. Mai 2018 nahm Frau Dr. L.________ zu den 
Ergänzungsfragen Stellung und übermittelte die für den Privatkläger erstellte Dia-

5

gnoseliste (pag. 354). Im Hinblick auf die oberinstanzliche Hauptverhandlung wur-
den zudem praxisgemäss ein aktueller Strafregisterauszug (datierend vom 19. Juli 
2018, pag. 360) und ein Leumundsbericht (datierend vom 13. Juli 2018, pag. 356 
ff.) über den Beschuldigten eingeholt. 

Mit Schreiben vom 24. April 2018 orientierte der als Zeuge vorgeladene 
E.________ die Kammer über einen Verhinderungsgrund, der ihm eine Teilnahme 
an der Berufungsverhandlung verunmögliche (pag. 332 ff.). Die Verfahrensleitung 
dispensierte E.________ von der Teilnahme an der oberinstanzlichen Hauptver-
handlung, lud ihn aber zu einer vorgezogenen Zeugeneinvernahme vor (Verfügung 
vom 14. Mai 2018, pag. 346). Diese wurde am 28. August 2018 in Anwesenheit der 
Parteien durchgeführt (pag. 375 ff.). Nach vorgängiger Anhörung der Parteien be-
schloss die Kammer gleichentags, zur Veranschaulichung des angeblichen Tatorts 
und zur Abklärung der Frage, ob die Garderoben der Lernenden mit einem Vor-
hang von der Werkstatt abgetrennt sind, die Polizei mit der Erstellung eines Foto-
dossiers zu beauftragen (pag. 382). Dieses Fotodossier datiert ebenfalls vom 
28. August 2018 (pag. 385 ff.). 

Ab dem 30. August 2018 fand die oberinstanzliche Hauptverhandlung statt. Neben 
dem Beschuldigten und dem Privatkläger wurden die Zeuginnen F.________, 
H.________ und G.________, alle von der Stiftung M.________ zur Sache befragt. 

4. Opferschutzmassnahmen

4.1 Begegnungsvermeidung und Dispensation von der Berufungsverhandlung

Mit Schreiben vom 14. August 2018 stellte Fürsprecherin D.________ den Antrag, 
es sei eine Begegnung und eine Gegenüberstellung des Privatklägers mit dem Be-
schuldigten zu vermeiden und der Privatkläger sei – abgesehen von seiner eigenen 
Einvernahme – gestützt auf Art. 338 Abs. 1 der Strafprozessordnung (StPO; 
SR 312.0) von der Teilnahme an der Berufungsverhandlung zu dispensieren. Wei-
ter sei die Öffentlichkeit (unter Einschluss allfälliger Vertreter der Medien) von der 
Einvernahme des Privatklägers auszuschliessen (pag. 362 f.). 

Die Strafbehörden vermeiden eine Begegnung des Opfers mit der beschuldigten 
Person, wenn – wie vorliegend – das Opfer dies verlangt. Sie tragen in diesem Fall 
dem Anspruch der beschuldigten Person auf rechtliches Gehör auf andere Weise 
Rechnung (Art. 152 Abs. 3 StPO). Auf dieser Grundlage hiess der Verfahrensleiter 
die Gesuche des Privatklägers um Vermeidung der Konfrontation mit dem Be-
schuldigten und um Dispensation von der Teilnahme an der Berufungsverhandlung 
mit Ausnahme seiner eigenen Einvernahme gut (Verfügung vom 15. August 2018, 
pag. 365 f.). Hinsichtlich des Antrags auf Ausschluss der Öffentlichkeit während der 
Befragung des Privatklägers stellte die Verfahrensleitung einen Beschluss an der 
oberinstanzlichen Hauptverhandlung in Aussicht. 

4.2 Ausschluss Öffentlichkeit (inkl. Medien) während der Befragung des Privatklägers

Nach Art. 69 Abs. 1 StPO sind die Verhandlungen vor dem erstinstanzlichen Ge-
richt und dem Berufungsgericht sowie die mündliche Eröffnung von Urteilen und 
Beschlüssen dieser Gerichte mit Ausnahme der Beratung öffentlich. Gemäss 
Art. 70 Abs. 1 lit. a StPO kann das Gericht die Öffentlichkeit von der Gerichtsver-

6

handlung ganz oder teilweise ausschliessen, wenn das schutzwürdige Interesse 
einer beteiligten Person, namentlich des Opfers, dies erfordert. Das Gericht kann 
Gerichtsberichterstatterinnen und Gerichtsberichterstattern unter bestimmten Auf-
lagen den Zutritt zur Verhandlung gestatten, die nach Absatz 1 nicht öffentlich sind 
(Art. 70 Abs. 3 StPO). Ein ganzer oder teilweiser Ausschluss der Öffentlichkeit ist 
nur für jene Phasen einer Verhandlung zulässig, in welchen dies für die Wahrung 
der tangierten Interessen erforderlich ist. Ob das private Interesse das Interesse an 
der Verfahrensöffentlichkeit (vgl. dazu BGE 122 V 47 E. 2c) überwiegt und aus-
nahmsweise einen Ausschluss der Öffentlichkeit rechtfertigt, ist unter Berücksichti-
gung des Grundsatzes der Verhältnismässigkeit zu entscheiden (NIKLAUS SCHMID/ 
DANIEL JOSITSCH, Schweizerische Strafprozessordnung Praxiskommentar, 3. Aufl. 
2018, N 1 zu Art. 70 StPO mit Verweis auf das Urteil des Bundesgerichts 
6B_350/2012 vom 28. Februar 2013 E. 1.7).

Der Privatkläger liess zur Begründung seines Antrages ausführen, er sei durch den 
erlebten Vorfall nach wie vor stark betroffen und traumatisiert. Bereits das Verfah-
ren als solches sei für ihn sehr belastend. Eine Befragung vor weiteren Personen 
bzw. der Öffentlichkeit würde die bestehende Belastung weiter steigern (pag. 363). 

Das vorliegende Verfahren betrifft den Kern des Intimbereichs des Privatklägers. 
Es ist für die Kammer nachvollziehbar, dass eine Anwesenheit von zusätzlichen 
Personen das Unbehagen über den zu beurteilenden Vorfall zu sprechen potentiell 
vergrössert hätte. Wie oft bei Delikten gegen die sexuelle Integrität kommt den 
Aussagen der Beteiligten bei der Ermittlung des relevanten Sachverhalts entschei-
dende Bedeutung zu. Es besteht damit ein objektives Interesse daran, eine Umge-
bung zu schaffen, die es einem Opfer ermöglicht, möglichst offen über Erlebtes zu 
berichten und sich nicht durch Scham oder Unbehagen zu Aussparungen oder un-
genauen Aussagen hinreissen zu lassen. Nachdem sich weder die Verteidigung, 
noch die Generalstaatsanwaltschaft gegen den beantragten Ausschluss stellten, 
hiess die Kammer den Antrag des Privatklägers mit Beschluss vom 28. August 
2018 gut (pag. 376). Indem die Öffentlichkeit lediglich für die Einvernahme des Pri-
vatklägers ausgeschlossen wurde und ansonsten uneingeschränkt an der Verhand-
lung teilnehmen konnte, wurde auch dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit ge-
bührend Rechnung getragen. 

Im Einverständnis mit der Verteidigung wurde an der Berufungsverhandlung vom 
30. August 2018 die Begegnung zwischen dem Privatkläger und dem Beschuldig-
ten dadurch vermieden, dass ersterer das Gerichtsgebäude erst kurz vor seiner 
Einvernahme betrat und der Beschuldigte den Gerichtssaal vorübergehend ver-
liess, um die Befragung des Privatklägers in einem separaten Raum abzuwarten. 
Bevor der Privatkläger den Gerichtssaal wieder verliess, wurde der Verteidigung 
die Gelegenheit eingeräumt, die Aussagen des Privatklägers mit dem Beschuldig-
ten zu besprechen und Anschlussfragen an den Privatkläger zu stellen (pag. 399). 
Von dieser Möglichkeit machte der Beschuldigte Gebrauch (pag. 421). Auf diese 
Weise wurde der Anspruch des Beschuldigten auf Gewährung des rechtlichen 
Gehörs hinreichend gewahrt. Der Privatkläger liess sich bei seiner Einvernahme 
von N.________ als Vertrauensperson begleiten (vgl. Art. 152 Abs. 2 StPO).

7

5. Anträge der Parteien

Anlässlich der oberinstanzlichen Hauptverhandlung liess der Beschuldigte durch 
seinen Verteidiger, Rechtsanwalt B.________, folgende Anträge stellen (pag. 442): 

1. A.________ sei freizusprechen von der Anschuldigung der sexuellen Nötigung, angeblich be-
gangen am 23.08.2016 z.N. von C.________ in J.________ (Ortschaft).

2. Die Verfahrenskosten der ersten und zweiten Instanz seien dem Kanton aufzuerlegen.

3. A.________ sei eine angemessene Entschädigung für die Verteidigungskosten der ersten und 
zweiten Instanz auszurichten.

4. Die Zivilforderungen von C.________ seien abzuweisen

Für die Generalstaatsanwaltschaft stellte Staatsanwältin O.________ die folgenden 
Anträge (pag. 441; Hervorhebungen im Original):

I.

A.________ sei schuldig zu erklären der sexuellen Nötigung, begangen am 23.08.2016 in 
J.________ (Ortschaft), z.N. von C.________.

II.

A.________ sei in Anwendung von Art. 40, 42, 44, 47, 189 Abs. 1 StGB, Art. 426 ff. StPO

zu verurteilen: 

1. zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten, unter Gewährung des bedingten Vollzugs bei einer 
Probezeit von 2 Jahren; 

2. zur Bezahlung der erst- und oberinstanzlichen Verfahrenskosten (inkl. eine angemessene 
Gebühr gemäss Art. 21 VKD). 

III.

Im Weiteren seien die Honorare des amtlichen Verteidigers und der amtlichen Vertreterin des Privat-
klägers gerichtlich zu bestimmen (Art. 135 StPO).

Fürsprecherin D.________ beantragte für den Privatkläger (pag. 440): 

1. A.________ sei schuldig zu erklären der sexuellen Nötigung, begangen am 23. August 2016 in 
J.________ (Ortschaft) zum Nachteil des Privatklägers gemäss Anklageschrift. 

2. A.________ sei zu bestrafen. 

3. A.________ sei zu verurteilen 

3.1 zu den Verfahrenskosten; 

3.2 zur Bezahlung einer Genugtuung in gerichtlich zu bestimmender Höhe, mindestens aber von 
CHF 8'000.00, nebst Zins zu 5% seit 23. August 2016, an den Privatkläger; 

3.3 zu den erst- und den oberinstanzlichen Parteikosten des Privatklägers gemäss Kostennoten. 

4. Das amtliche Honorar der amtlichen Anwältin des Privatklägers für die erste und die obere Instanz 
sei gestützt auf die eingereichten Honorarnoten gerichtlich zu bestimmen.

8

6. Verfahrensgegenstand und Kognition der Kammer

Angesichts der vollumfänglichen Berufung durch den Beschuldigten hat die Kam-
mer das erstinstanzliche Urteil gesamthaft zu überprüfen. Dabei kommt ihr in An-
wendung von Art. 398 Abs. 3 StPO volle Kognition zu. Aufgrund der alleinigen Be-
rufung durch den Beschuldigten ist oberinstanzlich eine strengere Bestrafung aus-
geschlossen (Verschlechterungsverbot, Art. 391 Abs. 2 StPO). 

II. Sachverhalt und Beweiswürdigung

7. Der Vorwurf gemäss Anklageschrift

In der Anklageschrift vom 26. April 2017 (pag. 127 f.) wird dem Beschuldigten vor-
geworfen, den Privatkläger am 23. August 2016 in den Räumlichkeiten der Stiftung 
M.________ einfach, eventuell mehrfach sexuell genötigt zu haben. Das dem Be-
schuldigten vorgeworfene Verhalten wird dabei wie folgt umschrieben: 

A.________ betrat die Garderobe der Stiftung M.________ als C.________ sich bereits dort befand 
und sich umziehen wollte, jedoch die Kleider noch an hatte. Der Beschuldigte bot dem Geschädigten 
auf dessen Frage hin, wie es so bei der Gartenarbeit sei, an, dass er (Beschuldigter) ihm das sagen 
werde, wenn er (Geschädigter) mit ihm Sex habe. Der Geschädigte erwiderte, dass er nicht schwul 
sei und eine Freundin habe, worauf der Beschuldigte den Geschädigten unvermittelt körperlich an-
ging, so etwa gegen dessen Beine trat (2 – 3 Mal) und ihn festhielt, wodurch er die Gegenwehr des 
Geschädigten überwinden konnte. Der Beschuldigte zog in der Folge die Hosen des Geschädigten 
runter und nahm dessen Penis für kurze Zeit in den Mund. In der Folge drehte der Beschuldigte den 
Geschädigten, unter anderem mittels eines festen Griffes an den Armen, -um, drückte diesen frontal 
gegen die Wand und steckte einen Finger in dessen After.

Im Anschluss drückte der Beschuldigte C.________ und insbesondere dessen Kopf nach unten und 
brachte ihn so in Position, dass Letzterer den Penis des Beschuldigten für kurze Zeit in den Mund 
nehmen musste. Der Beschuldigte erzwang die Öffnung des Mundes des Geschädigten mittels Ein-
satz seiner Hände.

C.________ war durch das aggressive und gewalttätige Verhalten des Beschuldigten in Angst und 
Schrecken versetzt und völlig überrumpelt. Er teilte während des ganzen Vorfalles mehrfach klar und 
deutlich mit, dass er die sexuellen Handlungen nicht wolle, was den Beschuldigten nicht von seinem 
Vorhaben abbringen konnte.

8. Beweiswürdigung durch die Vorinstanz

Die Vorinstanz würdigte zunächst die Aussagen des Privatklägers (S. 28-31 der 
erstinstanzlichen Urteilsbegründung, pag. 234 ff.) und erachtete diese im Ergebnis 
als glaubhaft und erlebnisbasiert. Der Privatkläger schildere Vorgänge, die auch für 
ihn belastend und ihm offensichtlich unangenehm gewesen seien. Es finde sich 
kein vernünftiger Grund dafür, weshalb er eine solche Begegnung mit dem 
Beschuldigten hätte erfinden sollen (S. 31 der erstinstanzlichen Urteilsbegründung, 
pag. 237). 

Demgegenüber vermochten sie die «stereotypen, wenig detaillierten und 
ausweichenden Aussagen des Beschuldigten» nicht zu überzeugen. Diese seien 

9

insgesamt nicht geeignet, die Aussagen des Privatklägers zu entkräften (S. 31 f. 
der erstinstanzlichen Urteilsbegründung, pag. 237 f.). 

Die Vorinstanz kam deshalb zum Schluss, dass sich die Ereignisse in der 
Garderobe so abgespielt hätten, wie diese vom Privatkläger geschildert worden 
und wie sie in der Anklageschrift umschrieben seien (S. 32 f. der erstinstanzlichen 
Urteilsbegründung, pag. 238 f.). 

9. Gegenargumente der Verteidigung

Anlässlich der oberinstanzlichen Hauptverhandlung liess der Beschuldigte aus-
führen, es lägen verschiedene «Ungereimtheiten und Widersprüchlichkeiten» vor, 
die von der Vorinstanz nicht gebührend berücksichtigt worden seien. 

Im Einzelnen seien die Aussagen des Privatklägers nicht derart konstant, wie dies 
von der Vorinstanz angenommen worden sei. So habe der Privatkläger den vom 
Beschuldigten angeblich erzwungenen Oralverkehr erst bei seiner zweiten Einver-
nahme vorgebracht und sich damit in Widersprüche verstrickt. Wenig überzeugend 
seien die Schilderungen des Privatklägers auch, wenn er ausführe, gegenüber dem 
Beschuldigten eingewendet zu haben, er sei nicht schwul und habe eine Freundin. 
Insbesondere mit Blick auf die Freundin sei unklar, ob eine solche damals tatsäch-
lich existiert habe oder ob der Privatkläger diesbezüglich lediglich eine Geschichte 
erzähle. 

Die Vorinstanz habe ihren Schuldspruch mitunter auf eine Entschuldigung gestützt, 
die der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger ausgesprochen haben solle. 
Nach den oberinstanzlichen Zeugeneinvernahmen sei nicht erstellt, dass eine sol-
che auch tatsächlich stattgefunden habe. Soweit keine Entschuldigung ausgespro-
chen worden sei, könne auch nicht auf ein Verhalten geschlossen werden, dass zu 
einer solchen Anlass gegeben hätte. Die befragten Zeugen hätten sodann überein-
stimmend geschildert, wie der Privatkläger eine Erektion gehabt habe, als er sich 
an Herrn E.________ gewendet habe. Es liege daher nahe, dass – soweit von ei-
nem sexuellen Kontakt ausgegangen werde – dieser einvernehmlich erfolgt sei. 

Schliesslich habe die Vorinstanz auch die persönliche Situation des Beschuldigten 
ausgeblendet. Zunächst würde es nicht zu der Persönlichkeit des Beschuldigten 
passen, kurzfristige und unvorhersehbare Aggressionen gegenüber einem Mit-
menschen zu zeigen. Er sei bis anhin auch noch nie mit dem Gesetz in Konflikt ge-
raten. Aus den im Bericht von Herr K.________ aufgenommenen Diagnosen erge-
be sich sodann, dass der Gesundheitszustand des Beschuldigten stark einge-
schränkt sei. Hinzuweisen sei insbesondere auf den diagnostizierten Autismus und 
das Asperger Syndrom. Diese Krankheiten hätten bewirken können, dass der Be-
schuldigte ein allfällig vom Privatkläger ausgesprochenes «Nein» nicht als solches 
hätte erkennen können. Auch das dem Beschuldigten von der Vorinstanz angelas-
tete stereotype Aussageverhalten sei ein typischer Ausdruck der erwähnten 
Störungsbilder. Diese Aspekte dürften nicht als belastende Umstände gewertet 
werden, sondern müssten im Rahmen der Beweiswürdigung und der Strafzumes-
sung zu seinen Gunsten berücksichtigt werden. 

10

10. Argumente der Generalstaatsanwaltschaft

Die Generalstaatsanwaltschaft ging zunächst auf die aus ihrer Sicht wenig glaub-
haften Aussagen des Beschuldigten ein. Als einziges Argument gegen seine Täter-
schaft habe dieser stetig darauf hingewiesen, er sei während dieser Zeit «am Run-
terlaufen» gewesen. Es sei aber wenig wahrscheinlich, dass er direkt nach dem 
Mittagessen runtergelaufen sei, wie er nun vorbringe. Zunächst sei der von ihm an-
gegebene Grund für den vorzeitigen Aufbruch, ein ausnahmsweiser früherer Ar-
beitsbeginn, nachweislich erfunden. Gegenüber Frau F.________ und Frau 
G.________ habe er sodann zugegeben, am Mittag in der Garderobe gewesen zu 
sein. Mit jeder Einvernahme habe der Beschuldigte von einem ausgedehnteren 
Weg erzählt, den er zwischen dem Haupthaus und seiner Arbeitsstelle habe 
zurücklegen müssen. Ausgehend von seiner ersten Version hätte er genügend Zeit 
gehabt, um vor der Aufnahme seiner Arbeit in der Herrengarderobe im Haupthaus 
vorbeizugehen. Auch die in den Aussagen des Beschuldigten erkennbaren Aggra-
vierungstendenzen würden gegen deren Glaubhaftigkeit sprechen. So habe er den 
Privatkläger mehrfach schlecht gemacht und ausgeführt, dieser würde verschiede-
nen anderen Personen auf die Nerven gehen. Damit wolle der Beschuldigte den 
Fokus auf den Privatkläger richten und von seinem eigenen Fehlverhalten ablen-
ken. Ferner sei kaum denkbar, dass der Privatkläger dem Beschuldigten am Mit-
tagstisch «aus dem Nichts» gesagt habe, er sei nicht schwul und habe eine Freun-
din, wie dies vom Beschuldigten geschildert werde. In dieser Aussage sei der Ver-
such des Beschuldigten zu erblicken, einen fehlenden Kontext zu konstruieren. 
Auch die verschiedenen Versionen, wie der Beschuldigte dem Privatkläger «unäx-
tra acho» sei, seien wenig überzeugend. Nicht zu Gunsten des Beschuldigten wirke 
sich auch das Abstreiten des Klärungsgesprächs aus, welches ansonsten von allen 
Zeugen bestätigt worden sei. Herr E.________ und zunächst auch Frau 
F.________ hätten sogar angegeben, der Beschuldigte habe sich bei diesem Ge-
spräch entschuldigt, was ebenfalls darauf hindeute, dass tatsächlich etwas passiert 
sei. Insgesamt seien die Aussagen des Beschuldigten teilweise nachweislich un-
wahr; er verrenne sich verschiedentlich in unlogischen Äusserungen und gehe zu 
unbelegten Anschuldigungen des Privatklägers über. Auf das von ihm Gesagte 
könne damit nicht abgestellt werden. 

Im Gegensatz dazu stünden die Aussagen des Privatklägers, der den einigermas-
sen komplizierten Ablauf mit vielen Dialogen und Details geschildert habe. Passend 
dazu habe er auch die während dem Vorfall wahrgenommenen Emotionen und Ge-
fühle wiedergegeben. Kleinere Widersprüche seien bei Aussagen über derart inti-
me Themen normal und es sei nachvollziehbar, dass sich der Privatkläger für das 
Vorgefallene geschämt und darum nicht über das volle Ausmass der Handlungen 
erzählt habe. Insgesamt würden die Aussagen des Privatklägers aber zu viele Re-
alkennzeichen und Einzelheiten aufweisen, um nicht auf einem tatsächlichen Er-
lebnis zu basieren. Zu stimmig sei auch das von ihm geschilderte Gesamtgefüge, 
obwohl die einzelnen Handlungen alles andere als typisch seien. Mit der tatnahen 
Meldung an Herr E.________, dessen Schilderungen über den Meldungsvorgang, 
den übrigen Zeugenaussagen und den Untersuchungsergebnissen des IRM wür-
den schliesslich zahlreiche weitere Umstände vorliegen, die mit der Version des 

11

Privatklägers konstant seien und den angeklagten Sachverhalt hinreichend beleg-
ten. 

11. Argumente des Privatklägers

Wie vor ihr die Generalstaatsanwaltschaft erachtete auch die Rechtsbeiständin des 
Privatklägers die Aussagen ihres Mandanten als erlebnisbasiert und damit glaub-
haft. Trotz seiner geistigen Beeinträchtigungen habe der Privatkläger äusserst de-
tailreiche und eindrückliche Aussagen gemacht. Er habe ein relativ komplexes, 
mehrschichtiges Geschehen aus einem Guss erzählt und dieses verschiedentlich 
mit ausgefallenen, teilweise für ihn auch unangenehmen Details ausgeschmückt; 
dies wäre nicht zu erwarten gewesen, wenn er die Gegebenheiten nicht tatsächlich 
erlebt hätte. Da sich der Privatkläger unmittelbar nach der Tat an Herr E.________ 
gewendet habe, sei ihm auch keine Zeit geblieben, das Vorgefallene zu erfinden. In 
den Aussagen des Privatklägers seien ferner keine Aggravierungen auszumachen 
und er habe zugegeben, wenn er etwas vergessen oder nicht mehr gewusst habe. 
Der Glaubhaftigkeit seiner Aussagen nicht abträglich sei schliesslich, dass der Pri-
vatkläger hinsichtlich der vorgenommenen sexuellen Handlungen bei seiner zwei-
ten Einvernahme gewisse Ergänzungen angebracht habe. Das Nachgeschobene 
würde sich nahtlos in das Geschehen einfügen und es sei nachvollziehbar, wenn er 
sich angesichts der für ihn unangenehmen Thematik nicht von Anfang an bereit ge-
fühlt habe, über das gesamte Ausmass der Nötigung zu erzählen. Insgesamt fände 
sich in den Aussagen des Privatklägers nichts, was auf eine Falschaussage hin-
deuten würde. 

Im Gegensatz dazu würden die Aussagen des Beschuldigten den Eindruck vermit-
teln, dass «nicht gewesen sei, was nicht sein dürfe». Passend dazu habe er bei 
seiner oberinstanzlichen Befragung angegeben, es «eigentlich» nicht gewesen zu 
sein. Die Aussagen des Beschuldigten würden sodann inhaltlich sehr unterschiedli-
che Qualitäten aufweisen. Während er auf Fragen zu seiner Person frei und offen 
Auskunft erteilt habe, sei sein Aussageverhalten starr und karg geworden, wenn 
die Befragung auf den Vorfall zugelaufen sei. Es greife daher zu kurz, das stereo-
type Aussageverhalten auf die beim Beschuldigten diagnostizierten Störungen 
zurückzuführen. Ihm sei eine durchschnittliche Intelligenz attestiert worden und 
sein Verhalten habe gezeigt, dass er genau begriffen habe, was ihm vorgeworfen 
werde. Soweit der Beschuldigte den gegen ihn erhobenen Vorwürfen entgegenge-
setzt habe, er sei während dieser Zeit «am Runterlaufen» gewesen, sei dies wenig 
überzeugend. Mit dem «unäxtra acho» und dem Gespräch über die sexuelle Aus-
richtung des Privatklägers und dessen angeblichen Beziehungsstatus habe er Teile 
der Schilderungen des Privatklägers übernommen, diese aber auf unpassende 
Weise in seine Version der Geschichte eingebaut. Nach der oberinstanzlichen Be-
fragung der Betreuungspersonen sei erstellt, dass es am Nachmittag des 23. Au-
gust 2016 zu einem klärenden Gespräch gekommen sei. Da der Beschuldigte bei 
diesem Gespräch eine Entschuldigung ausgesprochen habe, welche als solche 
seine Täterschaft indizieren würde, blende er nicht nur die Entschuldigung, sondern 
das ganze Gespräch aus. Der Beschuldigte versuche sich aus den Vorwürfen 
rauszuwinden, tue dies aber nicht auf eine überzeugende Art und Weise. Es könne 
daher nicht auf seine Aussagen abgestellt werden. 

12

Die Version des Privatklägers würde auch durch zahlreiche weitere Umstände ge-
stützt, weshalb im Ergebnis auf diese Darstellung abzustellen sei. 

12. Unbestrittener Sachverhalt 

Der hier zu beurteilende Vorfall geschah im Rahmen der Stiftung M.________ einer 
Institution, die seit mehr als 70 Jahren Jugendliche und junge Erwachsene mit 
speziellem Förderbedarf bei der beruflichen Grundbildung und der Integration in 
der Arbeitswelt und Gesellschaft betreut. Während der Beschuldigte als Lernender 
im Bereich Garten- und Liegenschaftsunterhalt tätig war, arbeitete der Privatkläger 
in der Hauswirtschaft. Die beiden kannten sich, pflegten aber eher einen oberfläch-
lichen Kontakt miteinander. 

13. Bestrittener Sachverhalt 

Nach den Schilderungen des Privatklägers soll es kurz nach dem Mittagessen – in 
der Herrengarderobe des Haupthauses der Stiftung M.________ – zwischen den 
Parteien zu diversen sexuellen Handlungen gekommen sein, die der Beschuldigte 
gegen seinen Willen vollzogen habe. Nach einer Weile sei er indessen aus seiner 
«Schockstarre» erwacht und habe sich befreien können; er sei aus der Garderobe 
gerannt und habe dem Betreuer Mittagstisch, E.________, über das Erlebte berich-
tet. Daraufhin sei am Nachmittag ein klärendes Gespräch durchgeführt worden, an 
welchem neben ihm selber und Herr E.________ auch Frau F.________, Frau 
H.________ und der Beschuldigte teilgenommen hätten. 

Der Beschuldigte bestreitet nicht nur einen sexuellen Kontakt, sondern auch den 
Umstand, dass es am Nachmittag zu einem klärenden Gespräch gekommen sei. Er 
habe das Haupthaus unmittelbar nach dem Mittagessen wieder in Richtung Ar-
beitsstelle verlassen und habe anschliessend bloss mit seiner Ausbildungsleiterin, 
Frau F.________, ein Gespräch geführt. 

In Anlehnung an die von der Vorinstanz entwickelten Beweisfragen (S. 3 f. der 
erstinstanzlichen Urteilsbegründung, pag. 209) wird die Kammer im Rahmen der 
Beweiswürdigung zunächst zu untersuchen haben, ob es am Mittag des 
23. Augusts 2016 in der Garderobe des Haupthauses der Stiftung M.________ 
zu einem Treffen zwischen dem Beschuldigten und dem Privatkläger kam, bei 
welchem die in der Anklageschrift umschriebenen Handlungen vorgenommen 
wurden. Soweit dies zu bejahen ist, wird die Kammer weiter zu untersuchen 
haben, ob diese Handlungen gegen den Willen des Privatklägers vorgenommen 
wurden bzw. welche Nötigungsmittel der Beschuldigte gegebenenfalls einsetzte, 
um den Willen des Privatklägers zu brechen. 

Aus methodischer Sicht ist zunächst näher auf die objektiven Beweismittel und 
die Aussagen Dritter einzugehen, bevor das Hauptaugenmerk auf eine 
Glaubhaftigkeitsanalyse der Aussagen des Privatklägers und des Beschuldigten 
gelegt wird. 

13

13.1 Objektive Beweismittel und Aussagen Dritter

13.1.1 Aus der Untersuchung und dem erstinstanzlichen Verfahren

Während der Untersuchung und dem erstinstanzlichen Verfahren wurden die fol-
genden Berichte in die Akten aufgenommen: 

- Ein IRM-Gutachten vom 7. Oktober 2016 über den Privatkläger (pag. 9 
ff.);

- Ein Bericht der Institutionsleiterin der Stiftung M.________, G.________, 
vom 21. Dezember 2016 (pag. 44);

- Ein Bericht von Frau F.________, Berufsbildnerin bei der Stiftung 
M.________ vom 21. Dezember 2016 (pag. 48) und eine Ergänzung vom 
10. März 2017 (pag. 52);

- Ein Bericht von lic. phil. K.________, Psychotherapeut des 
Beschuldigten, vom 23. März 2017 (pag. 60 ff.);

- Ein Bericht von Dr. P.________, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, 
vom 15. September 2017 betreffend den Privatkläger (pag. 164 f.).

Für die inhaltlichen Zusammenfassungen dieser Berichte kann auf die 
ausführliche und zutreffende Darlegung der Vorinstanz verwiesen werden (S. 5-
10 der erstinstanzlichen Urteilsbegründung, pag 211-216). 

13.1.2 Aus dem oberinstanzlichen Verfahren

Der Privatkläger gab an, nach dem Vorfall weggerannt zu sein und sich sofort an 
E.________ gewendet zu haben, um diesem von dem Vorfall zu berichten. Fer-
ner nahm er verschiedentlich auf ein Klärungsgespräch Bezug, das am selben 
Tag zusammen mit dem Beschuldigten, Herrn E.________ und den Berufsbild-
nerinnen F.________ und H.________ durchgeführt worden sei. Da bisher kei-
ner der Zeugen, die unmittelbar nach dem Vorfall mit dem Privatkläger und dem 
Beschuldigten Kontakt hatten, befragt worden war, wurden diese oberinstanzlich 
erstmals zu der Sache einvernommen (Vorgezogene Zeugeneinvernahme mit 
Herrn E.________ ab pag. 377 ff.; übrige Zeugen anlässlich der oberinstanzli-
chen Hauptverhandlung ab pag. 401 ff.). Zusätzlich befragte die Kammer die Lei-
terin der Stiftung M.________ die am Folgetag (dem 24. August 2016) in das 
Geschehen involviert wurde und mit den Beteiligten einen «Schlichtungsver-
such» durchführte. Da der Privatkläger in seinen Schilderungen (mehrfach) ei-
nen blauen Vorhang erwähnte, den der Beschuldigte zugezogen habe, bevor es 
zum sexuellen Übergriff gekommen sei, beauftragte die Kammer die Kantonspo-
lizei Bern am 28. August 2018 mit der Erstellung eines Fotodossiers zu dieser 
Frage (pag. 383 ff.). Inhaltlich wird direkt bei der Beweiswürdigung näher auf die 
oberinstanzlich erhobenen Beweise eingegangen.

13.1.3 Beweiswürdigung der Berichte
IRM Gutachten 

Das IRM-Gutachten vom 7. Oktober 2016 (pag. 9 ff.) ist insofern bedeutsam, als 
es sich auf eine Untersuchung stützt, welcher sich der Privatkläger lediglich drei 
Tage nach dem Vorfall unterzog. Gemäss diesem Gutachten sind leichte Verlet-

14

zungen durch stumpfe Gewalt nachgewiesen, die zeitlich im Zusammenhang mit 
dem vom Privatkläger geschilderten Ereignis stehen könnten (pag. 10 f.). 

Berichte G.________ und F.________

Die beiden Berichte beschreiben neben dem Ablauf der Mittagspause insbeson-
dere den äusseren Rahmen und die Teilnehmenden der «Einigungsgespräche» 
vom 23. und 24. August 2016, ohne allerdings detailliert auf die damaligen Aus-
sagen der beiden Parteien einzugehen. Gemäss dem Bericht von Frau 
F.________ fand das erste Klärungsgespräch am 23. August 2016 nach der 
«Zvieripause» um 15.15 Uhr statt. Nebst den beiden Parteien werden als weitere 
Teilnehmer des Gesprächs die beiden Berufsbildnerinnen F.________ und 
H.________, sowie der Betreuer aus dem Mittagstisch (Herr E.________) er-
wähnt (Ziff. 11 des Berichts F.________, pag. 48). Von der gleichen Zusammen-
setzung geht auch der Bericht von Frau G.________  aus (Ziff. 7 des Berichts 
G.________ , pag. 44). Dieser erwähnt weiter, dass sich der Beschuldigte eine 
Versöhnung gewünscht habe und dass die «Geschichte» nicht weiter erzählt 
werde. Am 24. August 2016 habe sodann je ein Einzelgespräch mit Frau 
G.________ und den Parteien stattgefunden. Gemäss dem Bericht G.________ 
ist der Umgang mit Freundschaft, Nähe und Distanz, das Erkennen der eigenen 
Grenzen und der Grenzen anderer, sowie die Unterschiede in der Selbst- und 
Fremdwahrnehmung, für beide Parteien mit grossen Schwierigkeiten verbunden 
(pag. 44 unten). 

Berichte K.________ und P.________

Der Bericht von lic. phil. K.________ (Psychotherapeut) äussert sich nicht zum 
Gesundheitszustand des Beschuldigten, da dies in den Bereich der Medizin falle 
(pag. 60). Er gibt lediglich die ihm aus Arztberichten vorliegenden Diagnosen be-
kannt (postenzephalitisches Syndrom mit ataktischer Zerebralparese; Autismus; 
Asperger Syndrom; frühkindliches psychoorganisches Syndrom [POS] bei nor-
maler Intelligenz; Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom [ADHS]; zentrale visuelle 
Entwicklungsstörung; vgl. dazu pag. 61). Ob diese zum heutigen Zeitpunkt noch 
aktuell sind, ergibt sich aus dem Bericht nicht. Schliesslich nimmt lic. phil. 
K.________ die bereits im Bericht G.________ angesprochene Problematik 
Nähe/Distanz auf und führt aus, dass dieses Thema beim Beschuldigten bis zum 
Abschluss des ersten Oberstufenjahres für Diskussionen gesorgt habe (pag. 63 
f.). 

In ihrem Bericht vom 15. September 2017 (pag. 164 f.) beschrieb Frau 
Dr. P.________ (Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie) 
den Privatkläger vor dem 23. August 2016 als motiviert und aufgestellt. Nach 
dem besagten Tag habe der Privatkläger dagegen nicht mehr arbeiten gehen 
wollen, da er Angst gehabt habe, dem Beschuldigten über den Weg zu laufen. Er 
habe ferner deutliche somatische und psychische Stresszeichen wie Übelkeit, 
Erbrechen, Schlafstörungen mit Alpträumen gezeigt und traurig und verzweifelt 
gewirkt. 

15

Oberinstanzlich eingeholte Fotodokumentation

In der Fotodokumentation vom 28. August 2018 ist der Weg vom Erdgeschoss 
bis zu den Garderoben im Haupthaus der Stiftung M.________ fotographisch 
nachvollzogen. Nebst dem Treppenabgang (pag. 386 f.) sind der zum Umkleide-
bereich führende Gang im ersten Untergeschoss (pag. 308 f.) sowie der über ei-
ne Tür erreichbare Werkraum (pag. 390 ff.), von welchem aus die Garderoben 
erreicht werden können, ersichtlich. Für den vorliegend zu beurteilenden Vorfall 
relevant sind die Aufnahmen des auf der Dokumentation als Herrengarderobe 
bezeichneten Raums, welcher durch einen blauen Vorhang vom Werkbereich 
abgetrennt ist und mit blauen Schränken ausgestattet ist (pag. 392 ff.).

13.1.4 Beweiswürdigung der Aussagen Dritter

Herr E.________

Der Betreuer Mittagstisch, E.________, konnte sich trotz den zwei seit dem Vor-
fall vergangenen Jahren relativ gut und detailliert an den Vorfall erinnern und 
gab an, er sei – soviel er wisse – die erste Person gewesen, die vom Privatklä-
ger angesprochen worden sei (pag. 377 Z. 30 f.). Dies sei gegen 12.45 Uhr ge-
wesen. Der Privatkläger habe ihm erzählt, er sei vom Beschuldigten in der Gar-
derobe des Haupthauses der Stiftung M.________ von hinten genommen wor-
den, wobei dieser versucht habe, seine Hosen zu öffnen und seinen Penis in den 
Mund zu nehmen (pag. 377 Z. 39-40 i.V.m. pag. 378 Z. 18-21). Der Privatkläger 
habe ihm ebenfalls klar gemacht, dass er sich genötigt und übergangen gefühlt 
habe und dass er dem Beschuldigten deutlich gesagt habe, dass er dies nicht 
wolle (pag. 378 Z. 4-6). Bei seinen Schilderungen habe der Privatkläger aufge-
wühlt und aufgeregt gewirkt und er (Herr E.________) habe auch eine gewisse 
Unsicherheit gespürt (pag. 378 Z. 8 f.). Weiter sei für ihn ersichtlich gewesen, 
dass der Privatkläger eine Erektion gehabt habe, als er ihn aufgesucht habe 
(pag. 378 Z. 1 f.). Da der Beschuldigte nicht mehr auffindbar gewesen sei, habe 
er mit dem Privatkläger das Gespräch gesucht und ihm erklärt, dass er es bes-
ser fände, diesen Vorfall «mit allen» zu besprechen (pag. 378 Z. 12-15). Ansch-
liessend nahm Herr E.________ Bezug auf das bereits in den Berichten 
F.________ und G.________ erwähnte Klärungsgespräch. Er bestätigte sowohl 
die Zusammensetzung, als auch den Zeitpunkt zu welchem es stattgefunden ha-
be (pag. 378 Z. 16 i.V.m. Z.39 f.). Bei dieser Gelegenheit habe der Privatkläger 
erneut seine Version der Geschichte geschildert. Was genau der Beschuldigte 
gesagt habe, könne er nicht mehr sagen. Das Gespräch habe seinen Abschluss 
aber darin gefunden, dass sich der Beschuldigte beim Privatkläger entschuldigt 
und dieser die Entschuldigung auch angenommen habe (pag. 378 Z. 33-37). 
Vom Vorsitzenden darauf angesprochen, dass der Beschuldigte gemäss den 
Aussagen des Privatklägers gesagt habe, er sei ihm «unäxtra acho», gab Herr 
E.________ an, er könne sich nun in die Situation zurückversetzten. Der Be-
schuldigte habe ausgeführt, es sei ihm aus Versehen passiert (pag. 379 Z. 1-5). 

Frau F.________

Bei Frau F.________ handelt es sich um die damalige Berufsbildnerin im Bereich 
Garten und Liegenschaft der Stiftung M.________ und damit um eine Betreu-

16

ungsperson des Beschuldigten (pag. 401 Z. 17 f. i.V.m. Z. 27 f.). Sie bestätigte 
ihren Bericht vom 21. Dezember 2016, erinnerte sich aber ansonsten nur relativ 
oberflächlich an das Vorgefallene. Auch sie gab an, es sei am Nachmittag des 
23. August 2016 zu einem Gespräch gekommen, an welchem neben den Partei-
en und ihr selber noch Herr E.________ und Frau H.________ teilgenommen 
hätten (pag. 402 Z. 1 ff.). Während der Privatkläger einen Vorfall in der Gardero-
be geschildert habe, habe der Beschuldigte angegeben, dieser hätte nicht statt-
gefunden (pag. 402 Z. 12-15). Er (der Beschuldigte) habe entweder ausgeführt, 
es sei etwas Unabsichtliches oder gar nichts passiert (pag. 402 Z. 27-30). Bis 
zum Ende des Gesprächs sei nicht klar gewesen, was genau passiert sei. Da die 
Beteiligten nicht im gleichen Bereich gearbeitet hätten, seien sie gefragt worden, 
ob es für sie in Ordnung sei, die Arbeit wieder aufzunehmen, was von ihnen 
bestätigt worden sei (pag. 402 f. Z. 35-2). Nach Feierabend habe sie noch ihren 
Vorgesetzten informiert – was danach passiert sei, wisse sie nicht (pag. 402 
Z. 36-38). Auf die angebliche Erektion des Privatklägers angesprochen gab sie 
an, dies komme ihr bekannt vor, Herr E.________ habe von diesem Eindruck er-
zählt (pag. 404 Z. 36 f.). 

Frau H.________

Frau H.________ war im August 2016 im Bereich Küche tätig und damit die 
Ausbildnerin des Privatklägers (pag. 407 Z. 21). Sie sei von Herr E.________ 
über den Vorfall informiert worden. Nach Rücksprache mit ihrer direkten Vorge-
setzten, seien sie zum Schluss gelangt, dass baldmöglichst mit den Beteiligten 
ein Gespräch geführt werden müsse (pag. 407 Z. 23-27). Auch Frau H.________ 
bestätigte in der Folge die Zeit und die Teilnehmer des Klärungsgesprächs 
(pag. 407 Z. 31-33). An den genauen Inhalt des Gesprächs könne sie sich nicht 
mehr erinnern. Es sei um Hosenrunterziehen und einen Vorfall hinter dem Vor-
hang in der Garderobe gegangen. Der eine habe gesagt, es sei etwas passiert, 
der andere nicht (pag. 407 Z. 36-39). So wie sie es interpretiert habe, seien bei-
de in der Garderobe gewesen (pag. 408 Z. 7). Es sei Aussage gegen Aussage 
gestanden und sie hätten sich gefragt, wie man weiter verfahren solle, bis einer 
der beiden vorgeschlagen habe, man gebe sich die Hand und vergesse das 
Ganze. Danach sei man wieder zurück in die Ausbildung (pag. 408 Z. 18-20). Ob 
eine Entschuldigung ausgesprochen worden sei, könne sie nicht mehr sagen, sie 
wisse nur, dass sich der Beschuldigte und der Privatkläger am Ende des Ge-
sprächs die Hand gegeben hätten (pag. 408 Z. 22-24). Vor dem Gespräch sei 
der Privatkläger sehr impulsiv und aufgebracht gewesen. Nach dem Gespräch 
sei von ihm her nichts mehr gekommen (pag. 408 Z. 12 f. und Z. 26-28). Frau 
H.________ bestätigte schliesslich, dass der blaue Vorhang, der die Garderobe 
vom Werkraum trennt, bereits seit mindestens drei Jahren dort hänge (pag. 408 
Z. 38).

Frau G.________

Schliesslich berichtete auch die Leiterin der Stiftung M.________ von ihren Erin-
nerungen an den 23 und 24. August 2016. Sie sei erstmals am 24. August 2016 
von der Berufsbildnerin des Privatklägers, Frau H.________, über den Vorfall in-
formiert worden (pag. 412 Z. 34 f.). Sie habe verschiedene Telefonate geführt 

17

und sich anschliessend mit dem Privatkläger, dessen Mutter und Bruder, sowie 
mit einer weiteren Begleitperson zu einem Klärungsgespräch zusammengesetzt 
(pag. 412 f. Z. 37-3). Der Privatkläger habe erzählt, er sei vom Beschuldigten 
sexuell belästigt worden. Der Beschuldigte habe ihn gefragt, ob er Sex wolle, 
was er (der Privatkläger) nicht gewollt habe. Danach habe ihm der Beschuldigte 
die Hosen runtergelassen, ihn im Intimbereich berührt und geküsst. Kurz vor 
Wiederaufnahme der Arbeit habe er den Betreuer aufgesucht und diesem den 
Vorfall geschildert (pag. 413 Z. 11-23). In einem anschliessend mit dem Be-
schuldigten geführten Gespräch habe dieser die Situation anders geschildert. 
Der Beschuldigte habe angegeben, etwas in die Garderobe getan oder dort ge-
sucht zu haben. Da sei der Privatkläger gekommen und habe ihn nach der Arbeit 
im Garten und dem Liegenschaftsunterhalt gefragt. Danach habe er die Garde-
robe verlassen. Es könne sein, dass er den Privatkläger beim Rausgehen 
berührt habe bzw. diesem angekommen sei. Dies sei aber nicht in einem sexuel-
len Zusammenhang gewesen (pag. 413 Z. 29-38). 

13.2 Aussagen der beiden Parteien bis zum oberinstanzlichen Verfaharen

Die Vorinstanz hat die Aussagen der beiden Hauptbeteiligten aus der Untersu-
chung und der erstinstanzlichen Hauptverhandlung ausführlich und gründlich zu-
sammengefasst. Ein Blick in die Einvernahmeprotokolle und das Studium des 
Videos der Erstbefragung des Privatklägers (pag. 17) zeigen, dass diese Zu-
sammenfassungen sorgfältig, vollständig und korrekt erfolgten. Die Vorinstanz 
fügte gar eine weitgehende Transkription der Videobefragung des Privatklägers 
bei (S. 12-19 der erstinstanzlichen Urteilsbegründung, pag. 218-225). Auf diese 
Ausführungen der Vorinstanz (Ziff. 5.1 und 5.2 der erstinstanzlichen Urteilsbe-
gründung, pag. 218-234) wird verwiesen. 

13.3 Aussagen der Parteien im oberinstanzlichen Verfahren

13.3.1 Privatkläger

Der Privatkläger bestätigte vorab seine bisher gemachten Aussagen (pag. 418 
Z. 6). Er identifizierte die auf dem Fotodossier abgebildeten Räumlichkeiten als 
den Ort des Geschehens und präzisierte, der Beschuldigte habe ihn unter dem 
auf pag. 394 ersichtlichen Fenster an die Wand gedrückt (pag. 418 Z. 22-30). Er 
gab weiter an, nicht sagen zu können, weshalb er zwischenzeitlich erstarrt sei 
und sich erst nach einer gewissen Zeit habe lösen können (pag. 418 Z. 32-35). 
Darauf angesprochen, weshalb er erst bei der Staatsanwaltschaft erzählt habe, 
dass er auch den Penis des Beschuldigten habe in den Mund nehmen müssen, 
führte er aus, bei der Polizei habe er vergessen, dies zu sagen und es sei ihm 
unangenehm gewesen, darüber zu sprechen. Bei Herrn Q.________ (Staatsan-
walt) habe er sich nicht mehr geschämt und über diesen Umstand von sich aus 
berichtet (pag. 418 Z. 37-44). Der Vorfall in der Garderobe sei das erste Mal ge-
wesen, dass er Erfahrungen mit sexuellen Handlungen gemacht habe; auch mit 
seiner Freundin sei diesbezüglich nichts gewesen (pag. 419 Z. 8-11). Diese 
Freundin habe er im Übrigen nicht nur erfunden, damit der Beschuldigte von ihm 
ablasse, die gebe es wirklich – sie heisse R.________. Früher habe sie in 
Langnau gewohnt, nun sei sie nach Zürich gezogen (pag. 419 Z. 1-6 i.V.m. 
pag. 420 Z. 3-7). 

18

13.3.2 Beschuldigter

Zu den Auswirkungen seiner Sehbeschränkung führte der Beschuldigte zunächst 
aus, wenn ein Gegenstand für andere Personen bereits ab zehn Metern zu er-
kennen sei, nehme er diesen erst ab einer Entfernung von vier Metern wahr. Für 
die Lektüre klein geschriebener Texte verfüge er ferner über eine spezielle Brille 
(pag. 424 Z. 18-22). Angesprochen auf die vom Privatkläger erhobenen Vorwürfe 
gab der Beschuldigte an, er sei es «eigentlich» nicht gewesen; er sei es sogar 
sicher nicht gewesen (pag. 424 Z. 32-35). Nachdem er das Haupthaus der Stif-
tung M.________ am besagten Tag um ca. 12.00 Uhr betreten habe, sei er be-
reits um viertelnach 12 Uhr – und damit früher als sonst – wieder in Richtung 
S.______-haus zu seiner Arbeit aufgebrochen, weil sich eine Kollegin einen 
Fuss verstaucht oder gebrochen habe. Der Weg vom Haupthaus zum S.______-
haus nehme in etwa eine halbe Stunde in Anspruch, weshalb er dieses um ca. 
12.45 Uhr erreicht habe (pag. 424 Z. 38-41). Er sei am besagten Tag nie in der 
Garderobe des Haupthauses gewesen. Seit der Turnunterricht an einen anderen 
Ort verlegt worden sei, habe er die entsprechende Garderobe nicht mehr genutzt 
bzw. habe dort auch kein «Kästchen» mehr (pag. 425 Z. 1-8). Der Beschuldigte 
gab weiter zu Protokoll, es sei nie zu dem von den übrigen Parteien geschilder-
ten Klärungsgespräch gekommen. Er habe am besagten Nachmittag nur mit sei-
ner Berufsbildnerin Frau F.________ ein Gespräch geführt; dort habe er auch 
erwähnt, dass er dem Privatkläger unabsichtlich «acho» sei (pag. 425 Z. 10-22). 
Dies sei beim Abräumen des Plateaus am Mittagstisch passiert (pag. 425 Z. 30-
34). Das nächste Gespräch habe dann am Folgetag stattgefunden, als ihm Frau 
G.________ mitgeteilt habe, dass er nicht mehr zur Arbeit kommen dürfe 
(pag. 425 Z. 19-22).

14. Beweiswürdigung der Parteiaussagen durch die Kammer

14.1 Theoretische Grundlagen zur Würdigung von Aussagen; konkretes Vorgehen

Bei der Abklärung des Wahrheitsgehaltes von Aussagen hat sich die sogenannte 
Aussageanalyse weitgehend durchgesetzt (BGE 129 I 49 E. 5 mit Hinweisen; RE-
VITAL LUDEWIG/ SONJA BAUMER/ DAPHNA TAVOR, Wie können aussagepsychologi-
sche Erkenntnisse Richtern und Staatsanwälten helfen?, in: Ludewig/Baumer/Ta-
vor [Hrsg.] Aussagepsychologie für die Rechtspraxis, 2017, S. 42). Nach dem em-
pirischen Ausgangspunkt der Aussageanalyse erfordern wahre und absichtlich fal-
sche Schilderungen unterschiedliche geistige Leistungen. Eine Aussage zu erfin-
den, stellt höhere geistige und intellektuelle Anforderungen an einen Zeugen, als 
einfach zu erzählen, was er erlebt hat. Eine Person berichtet daher in der Tendenz 
mit einer inhaltlich höheren Qualität über tatsächlich Erlebtes, als wenn sie ein Er-
eignis wiedergibt, das sie rein geistig konstruieren musste. Zu beachten ist in die-
sem Zusammenhang allerdings, dass die Qualität einer Aussage nicht abstrakt be-
urteilt werden kann, sondern immer in Relation zu der Aussagekompetenz der be-
fragten Person zu setzen ist. Bei der Aussagenanalyse wird deshalb in erster Linie 
die Frage überprüft, ob die aussagende Person unter Berücksichtigung der konkre-
ten Umstände, ihrer intellektuellen Leistungsfähigkeit und der Motivlage ihre Aus-
sage auch ohne realen Erlebnishintergrund hätte machen können. Von dieser 
«Unwahrhypothese» (Nullhypothese) ist zunächst auszugehen und es ist den Mög-

19

lichkeiten nachzugehen, wie die Aussage auch ohne Erlebnishintergrund hätte zu-
stande kommen können. Zu denken ist nebst der bewussten Falschaussage auch 
an die Möglichkeit, dass die befragte Person aufgrund von Fehlern in der Wahrung 
oder suggestiven Einflüssen subjektiv wahre, aber objektiv nicht zutreffende Anga-
ben macht (ADRIAN BERLINGER, Glaubhaftigkeitsbegutachtung im Strafprozess, 
Beweiseignung und Beweiswert, Zürich 2014, S. 17 ff.). Methodisch wird die Prü-
fung in der Weise vorgenommen, dass das im Rahmen eines hypothesengeleiteten 
Vorgehens durch Inhaltsanalyse (aussageimmanente Qualitätsmerkmale, soge-
nannte Realkennzeichen) und Bewertung der Entstehungsgeschichte der Aussage 
sowie des Aussageverhaltens insgesamt gewonnene Ergebnis auf Fehlerquellen 
überprüft und die persönliche Kompetenz der aussagenden Person analysiert wer-
den. Ergibt die Prüfung, dass diese «Unwahrhypothese» (Nullhypothese) mit den 
erhobenen Fakten nicht mehr in Übereinstimmung stehen kann, so wird sie verwor-
fen. Es gilt dann die Alternativhypothese, dass die Aussage wahr sei. (BGE 129 I 
49 E. 5; ROLF BENDER/ARMIN NACK/WOLF-DIETRICH TREUER, Tatsachenfeststellung 
vor Gericht, 4. Aufl. 2014, N 313 ff.; LUDEWIG/BAUMER/TAVOR, a.a.O., S. 43 ff.). 

Nach einer Analyse der Aussagen selber ist abschliessend zu prüfen, inwiefern 
sich das so gewonnene Ergebnis mit anderen Beweismitteln in Übereinstimmung 
bringen oder durch sie widerlegen lässt.

14.2 Aussagen des Privatklägers

14.2.1 Entstehungsgeschichte der Aussagen

Der Privatkläger gab an, unmittelbar nach dem Vorfall, bzw. nach dem Erwachen 
aus der «Schockstarre», mit den Worten «i ga’s ga säge» (Video [pag. 17] 
08:22:11) zu dem für den Mittagstisch zuständigen Betreuer (E.________) gerannt 
zu sein und diesem vom Übergriff berichtet zu haben. Er beschreibt damit eine 
äusserst kurze Entstehungsgeschichte, die auch vom besagten Zeugen 
E.________ übereinstimmend geschildert wird. 

Wie die Vorinstanz zutreffend ausführt (S. 28 der erstinstanzlichen Urteilsbegrün-
dung, pag. 234), blieb in der kurzen Zeit zwischen dem angeblichen Ereignis und 
der ersten Meldung bei Herrn E.________ kaum Zeit für eine suggestive Beeinflus-
sung des Privatklägers, die ihn zu einer unabsichtlichen Falschaussage bewegt 
haben könnte. Ausgehend von der «Nullhypothese» rückt die Suggestion als ver-
fälschender Faktor damit in den Hintergrund (LUDEWIG/BAUMER/TAVOR, a.a.O., 
S. 71 ff.; RENATE VOLBERT, Suggestion, in: Ludewig/Baumer/Tavor [Hrsg.] Aussa-
gepsychologie für die Rechtspraxis, 2017, S. 413 ff.). Angesichts der Unmittelbar-
keit der Meldung erscheint der Kammer auch ein Irrtum in der Person kaum denk-
bar. Möglich bleibt indessen insbesondere die echte Lüge, bzw. die absichtliche 
Falschaussage, auf welche in der Folge näher einzugehen ist.

14.2.2 Die Aussagetüchtigkeit als erster Teil der Kompetenzanalyse

Im Rahmen der Kompetenzanalyse ist auch die Aussagetüchtigkeit des Privatklä-
gers von Bedeutung. Dabei geht es um die Frage, ob der Privatkläger generell über 
die kognitiven Voraussetzungen verfügt, eine gerichtsverwertbare Aussage zu ma-
chen (vgl. dazu ausführlich LUDEWIG/BAUMER/TAVOR, a.a.O., S. 53 ff. mit weiteren 

20

Hinweisen). Nach LUDEWIG/BAUMER/TAVOR ist dafür im Einzelnen zu untersuchen, 
ob der Privatkläger in der Lage ist 

- einen konkreten Sachverhalt zuverlässig wahrzunehmen;

- diesen Sachverhalt zwischen Geschehen und Befragung im Gedächtnis zu 
behalten;

- ob er ferner über ein ausreichendes Sprachverständnis für die Befragung und 
Ausdrucksfähigkeit für die Schilderung des Ereignisses verfügt;

- ein ausreichendes Mass an Kontrollmöglichkeiten gegenüber Suggestivein-
flüssen hat;

- tatsächlich Erlebtes von Phantasievorstellungen unterscheiden kann.

Die dem Gericht von Frau Dr. L.________ zur Verfügung gestellte Diagnoseliste 
des Privatklägers ist relativ lang und vielseitig (pag. 354). Allerdings sind darauf 
keine Diagnosen ersichtlich, die geeignet wären, sich derart massiv auf die oben 
erwähnten Fähigkeiten auszuwirken, dass diesbezüglich mit ernsthaften Ein-
schränkungen zu rechnen wäre. Immerhin ist auf die beim Privatkläger diagnosti-
zierte Lernbehinderung hinzuweisen, wobei der IQ nach wie vor bei 94 Punkten 
liegt. Die den Privatkläger behandelnde Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie 
gab in ihrem Bericht an, den Privatkläger bei schulischen Problemen sowie bei 
Problemen mit Gleichaltrigen zu unterstützen und mit ihm an seinen emotionalen 
und sozialen Kompetenzen zu arbeiten bzw. diese zu fördern (pag. 164 f.). 

Anlässlich der mehrfachen Befragungen mit dem Privatkläger zeigte sich allenfalls, 
dass teilweise akustische Schwierigkeiten bestanden, dessen Ausführungen 
durchwegs zu folgen (z.B. Video [pag. 17] 08:05:45). Diese Verständigungsproble-
me schienen aber in erster Linie auf physische (u.U. Stimmbänderoperation – vgl. 
pag. 354) oder mechanische Probleme als auf die kognitiven Fähigkeiten des Pri-
vatklägers zurückzugehen. Vielmehr konnte der Privatkläger – nicht zuletzt an der 
oberinstanzlichen Hauptverhandlung – frei über sich und sein Umfeld, aber auch 
über das Rand- und das Kerngeschehen angemessen Auskunft erteilen. Der Pri-
vatkläger stellte ferner verschiedentlich seine Fähigkeit unter Beweis, autonom 
über einen Sachverhalt zu berichten. In diesem Zusammenhang sei beispielhaft die 
Situation erwähnt, in welcher der Privatkläger anlässlich der Befragung vom 
29. August 2016 von Polizist T.________ gefragt wird, ob der Beschuldigte ihm den 
Arm vor oder nach dem Vorfall nach hinten gedrückt habe und er (der Privatkläger) 
nach einer kurzen Überlegungspause angibt, dies sei gerade im Vorfall selber oder 
ein wenig vorher gewesen (Video [pag. 17] ab 08:10:14). Als der Privatkläger 
später gefragt wurde, ob ihn der Beschuldigte vor oder nach dem Vorfall ans Bein 
«gestüpft» habe, dachte er wiederum kurz nach und antwortete, dies sei «zmittst 
im Vorfall gewesen» (Video [pag. 17] ab 08:11:45).

Zusammenfassend ist beim Privatkläger von einer höchstens leicht unterdurch-
schnittlichen Intelligenz (vgl. dazu Abbildung bei SUSANNA NIEHAUS, Besonderhei-
ten bei der Einvernahme und Aussagenbeurteilung bei Personen mit einer geisti-
gen Behinderung, in: Ludewig/Baumer/Tavor [Hrsg.] Aussagepsychologie für die 
Rechtspraxis, 2017, S. 430) und einem Rückstand in der sexuellen Entwicklung 

21

auszugehen. Die Aussagetüchtigkeit des Privatklägers für die Schilderung des hier 
zu beurteilenden Ereignisses ist jedoch in hinreichendem Mass gegeben.

14.2.3 Logische Konsistenz der Aussagen des Privatklägers

Der Privatkläger schildert, wie der Beschuldigte ihn über Mittag in der Herrengarde-
robe der Institution M.________ aufgesucht und hinter sich den Schutzvorhang zu-
gezogen habe. Nachdem er (der Privatkläger) dem Beschuldigten eine Frage zur 
Gartenarbeit gestellt habe, sei er von diesem zu einem «Deal» aufgefordert wor-
den, wonach er (der Beschuldigten) ihm (dem Privatkläger) erst nach gehabten se-
xuellen Handlungen von seiner Gartenarbeit erzählen würde. Der Privatkläger habe 
diesen Deal unter Verweis auf seine sexuelle Ausrichtung und die Beziehung zu 
seiner Freundin abgelehnt, worauf der Beschuldigte seinem Wunsch nach sexuel-
len Handlungen mittels Fusstritten und durch Festhalten Nachdruck versetzt und 
ihn schliesslich durchgesetzt habe. 

Der Privatkläger schildert ohne grosse Vorgeschichte einen Ablauf von verschiede-
nen sexuellen Handlungen, die sich in der Herrengarderobe der Stiftung 
M.________ abgespielt haben sollen. Insbesondere nach der bei der Staatsanwalt-
schaft vorgenommenen Ergänzung fügen sich die Schilderungen des Privatklägers 
zu einem stimmigen, logisch nachvollziehbaren und in sich widerspruchsfreien Ge-
samtablauf zusammen. Gewisse Fragezeichen ergeben sich mit Blick auf die logi-
sche Konsistenz der gesamten Aussage allenfalls in zweierlei Hinsicht: Einerseits 
im Zusammenhang mit der Art und Weise, in welcher der Privatkläger vor und 
während den sexuellen Handlungen vom Beschuldigten festgehalten und getreten 
wurde. Andererseits hinsichtlich der vom Privatkläger geleisteten Gegenwehr, wie 
sie bei einer ablehnenden Haltung gegenüber den sexuellen Handlungen 
grundsätzlich zu erwarten wäre. 

Ad. Nötigungshandlungen des Beschuldigten

In der Videobefragung vom 29. August 2016 versucht der befragende Polizist 
T.________ mehrfach mit dem Privatkläger die Festhaltegriffe herauszuarbeiten, 
die der Beschuldigte angewendet haben soll (Video [pag. 17] ab 08:09:13; von der 
Vorinstanz transkribiert ab pag. 219). Nach einer Pause fragt der Polizeibeamte 
T.________ den Privatkläger, ob er das Festhalten und An-die-Wand-Drücken 
durch den Beschuldigten rasch vorzeigen könne (Video [pag. 17] ab 08:27:38; von 
der Vorinstanz transkribiert pag. 223), was der Privatkläger nach längerem Nach-
denken verneint («Nein, kann ich nicht gerade»). Auch wenn sich der Privatkläger 
in dieser Situation offensichtlich nicht in der Lage sah, einen relativ komplizierten 
Handlungsablauf mit wechselnden Positionen und Interaktionen gleichsam schau-
spielerisch darzustellen, ist immerhin zu erwähnen, dass er bereits in einem frühe-
ren Stadium der Befragung beschrieben hatte, wie ihn der Beschuldigte ans Bein 
getreten, ihm den Arm verdreht und ihn in dieser Position mit einer Hand an die 
Wand gedrückt habe. Weiter ist zu berücksichtigen, dass der Privatkläger zu die-
sem Zeitpunkt noch nicht über das ganze Ausmass der sexuellen Handlungen be-
richtet hatte – so erwähnte er den durch den Beschuldigten erzwungenen Oralver-
kehr erst bei seiner nächsten Befragung vor der Staatsanwaltschaft. Vor diesem 
Hintergrund sind die teilweise schwer verständlichen Ausführungen zu den Gewalt-
anwendungen des Beschuldigten für die Kammer erklärbar; dies gilt umso mehr, 

22

als der Privatkläger nicht Handlungen beschreibt, die physisch nicht möglich er-
scheinen. Die einzelnen Fragmente, in welchen der Privatkläger die Gewalteinwir-
kungen des Beschuldigten beschreibt, werden sodann durch die im IRM-Gutachten 
aufgenommenen Befunde gestützt: Darin ist nämlich von Hautunterblutungen bzw. 
Hautverfärbungen am rechten Ober- und am linken Unterarm sowie am rechten 
Oberschenkel die Rede, welche auf die Anwendung stumpfer Gewalt zurückgehen 
und zeitlich mit den geltend gemachten Ereignissen des 23. August 2016 in Zu-
sammenhang stehen könnten (Bericht vom 7. Oktober 2016, pag. 10 f.). Passend 
dazu schilderte der Privatkläger, der Beschuldigte habe ihm die Arme auf den Rü-
cken gedreht und ihn in die Beingegend getreten (z.B. Video [pag. 17] 08:05:33; 
08:09:08; 08:29:27). Ferner gab er an, vom Beschuldigten festgehalten worden zu 
sein, als dieser ihm die Hosen runtergezogen habe. Auf dem Video ist ersichtlich, 
wie sich der Privatkläger bei dieser Schilderung an den rechten Oberarm greift (Vi-
deo [pag. 17] 08:30:32). 

Ad. Widerstand des Privatklägers

Vorab ist zu erwähnen, dass der Privatkläger selbst angab, insofern erfolgreichen 
Widerstand geleistet zu haben, als er den Beschuldigten während dem erzwunge-
nen Oralverkehr weggestossen habe und weggerannt sei. Zuvor habe er zwar ver-
sucht, sich dem Beschuldigten zu entziehen, sei dazu aber wegen einer «Schock-
starre» nicht in der Lage gewesen. Nach zehn (oder zwei [akustisch schlecht ver-
ständlich]) Minuten habe er gemerkt, wie er «aufgewacht» sei. Er habe den Be-
schuldigten «wegstüpfen» wollen, sei aber dann einfach direkt weggerannt (Video 
[pag. 17] ab 08:05:59, von der Vorinstanz transkribiert auf pag. 219 Mitte). Dieses 
Erwachen beschrieb der Privatkläger später dahingehend, dass ihm in den Sinn 
gekommen sei, was los sei (Video [pag. 17] 08:14:58) bzw. wo er sei und was pas-
siert sei (Video [pag. 17] 08:32:32).

Auch wenn das Verhalten des Privatklägers auf den ersten Blick relativ passiv 
scheint, ist es stets vor dem Hintergrund der Gesamtumstände zu würdigen: 
Zunächst beschreibt der Privatkläger ein für ihn völlig überraschendes Geschehen, 
auf welches er in keiner Weise vorbreitet war. Er gab an, dass es sich bei den 
Übergriffen des Beschuldigten um seinen ersten Kontakt mit der Sexualität gehan-
delt habe (anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung, pag. 184 Z. 11-13; 
zuletzt auch an der oberinstanzlichen Hauptverhandlung, pag. 419 Z. 8 ff.). Weiter 
scheint es sich dabei beim Privatkläger um einen stark schambehafteten Bereich 
zu handeln. Erste Hinweise darauf ergeben sich schon aus der Befragung vor der 
Staatsanwaltschaft, als der Privatkläger nicht auf die Frage antworten will, ob der 
Penis des Beschuldigten während dem Vorfall schlaff oder steif gewesen sei 
(pag. 22 Z. 132 ff.). Auch an der erstinstanzlichen Hauptverhandlung wollte er sich 
nicht dazu äussern, ob sein eigener Penis während den sexuellen Handlungen steif 
geworden sei oder nicht, da er ja nicht über sexuelle Dinge sprechen müsse 
(pag. 182 Z. 1-3). Erst auf Nachfrage der Vorsitzenden führte der Privatläger aus, 
sein Penis sei schlaff gewesen (pag. 182 Z. 5), um kurz darauf – mit dem Zusatz, 
dass er nicht über so etwas sprechen könne – das Gegenteil zuzugeben (pag. 184 
Z. 1-9). 

23

Unter diesen Gesamtumständen erscheint es für die Kammer nachvollziehbar, 
dass der Privatkläger in einer ersten Phase völlig überfordert war und den an ihm 
vorgenommenen Handlungen zunächst nicht viel entgegenhalten konnte bzw. vor-
übergehend erstarrte. Dies gilt umso mehr, wenn von einer zusätzlichen Gewalt-
anwendung durch den Beschuldigten ausgegangen wird, wie sie der Privatkläger 
beschreibt. Passend zum Ende der Schockstarre gab der Privatkläger schliesslich 
an, unmittelbar nach dem «Erwachen» zu einer Betreuungsperson gerannt zu sein 
und dieser von den Geschehnissen erzählt zu haben. Ein entsprechendes Ge-
spräch wird denn auch vom Betreuer des Mittagstisches, E.________, geschildert. 
Dieser gab an, der Privatkläger sei in einem aufgewühlten Gefühlszustand und mit 
einer deutlich erkennbaren Erektion auf ihn zugekommen und habe ihm von einem 
sexuellen Übergriff durch den Beschuldigten erzählt (pag. 377 f. Z. 37-10). Auch 
dieses Verhalten ist mit der vom Privatkläger beschriebenen Hilflosigkeit und Über-
forderung konstant. Soweit die Verteidigung aus der von E.________ wahrgenom-
menen Erektion auf die Einvernehmlichkeit des Kontakts schliessen will, kann ihr 
nicht gefolgt werden: Zunächst bestritt der Beschuldigte durchwegs, je sexuellen 
Kontakt mit dem Privatkläger gehabt zu haben. Ferner wäre nicht zu erwarten, 
dass sich der Privatkläger unmittelbar nach einvernehmlichen sexuellen Handlun-
gen – gar noch mit einer Erektion – zu einer Betreuungsperson begeben hätte, um 
dieser von einem sexuellen Übergriff zu berichten. 

Nach dem Gesagten erachtet die Kammer sowohl die Angaben des Privatklägers 
zu den vom Beschuldigten angewandten Nötigungsmitteln als auch die von ihm 
beschriebene Schockstarre als logisch konsistent und insbesondere mit den von 
E.________ bestätigten Begleitumständen der Meldung vereinbar. 

14.2.4 Inhaltliche Realkennzeichen

Eine grosse Anzahl von Realkennzeichen in Form von detaillierten Schilderungen 
der Geschehnisse spricht dafür, dass eine Person über Selbsterlebtes berichtet; 
denn es ist wesentlich schwieriger, eine nicht erlebte Geschichte selber mit lebhaf-
ten Elementen so zu schmücken, dass sie als selbst erlebt erscheint (BEN-
DER/NACK/TREUER, a.a.O., N 370 f. bzw. 317; LUDEWIG/BAUMER/TAVOR, a.a.O., 
S. 44 ff.). Entsprechend der Vorinstanz, auf deren zutreffende Erwägungen ergän-
zend zu verweisen ist (S. 29 f der erstinstanzlichen Urteilsbegründung, pag. 235 f.), 
erblickt auch die Kammer in den Aussagen des Privatklägers eine Vielzahl ver-
schiedener Realkennzeichen, auf welche in der Folge beispielhaft einzugehen ist: 

Als Ausgangspunkt für das Kerngeschehen schildert der Privatkläger einen «Deal» 
der ihm vom Beschuldigten vorgeschlagen worden sei. So habe dieser ausgeführt, 
er beantworte die von ihm (dem Privatkläger) gestellten Fragen zur Gartenarbeit 
erst, wenn sie zusammen Sex gehabt hätten (Video [pag. 17] 08:05:10, von der 
Vorinstanz transkribiert auf pag. 219 oben). Ein solches Angebot kam nicht nur für 
den Privatkläger überraschend, sondern ist ganz allgemein wenig gebräuchlich. 
Der Privatkläger schildert damit ein originelles, ungewöhnliches Detail, welches in 
dieser Form kaum zu erfinden ist und in einer konstruierten Aussage nicht zu er-
warten wäre (LUDEWIG/BAUMER/TAVOR, a.a.O., S. 50). 

Für die Erlebnisbasiertheit seiner Aussagen sprechen ferner die vom Privatkläger 
verschiedentlich wiedergegebenen wechselseitigen Gesprächsteile (vgl. dazu etwa 

24

BENDER/NACK/TREUER, a.a.O., N 375 f.; LUDEWIG/BAUMER/TAVOR, a.a.O., S. 49). 
Gar in direkter Rede wiederholt der Privatkläger beispielsweise, wie der Beschul-
digte auf seine initiale Frage nach der Gartenarbeit geantwortet habe: «o.k., aber 
zerscht mache mer en Deal» - «was für en Deal» - «mir tüe zäme Sex ha» (Video 
[pag. 17] ab 08:05:15; von der Vorinstanz transkribiert auf pag. 219 oben). Weiter 
erinnert sich der Privatkläger daran, wie der Beschuldigte beim späteren Eini-
gungsgespräch eine andere Aussage gemacht und ausgeführt habe, er sei ihm 
(dem Privatkläger) bloss «unäxtra acho». Für ihn (den Privatkläger) sei die Sache 
aber auch dann noch nicht normal gewesen, als sie sich anlässlich des Gesprächs 
die Hand gegeben hätten; darum habe er dem Beschuldigten an den Kopf gesagt 
«A.________(Rufname), das git denn e Azeig». In der gleichen Art und Weise 
schildert der Privatkläger schliesslich auch, wie er den Beschuldigten zu einem 
späteren Zeitpunkt am Zugbahnhof angetroffen und ihn gefragt habe, weshalb er 
damals beim Klärungsgespräch nicht die Wahrheit gesagt habe und dieser bloss 
geantwortet habe «will du so süess bisch» (Video [pag. 17] ab 08:06:16; von der 
Vorinstanz transkribiert auf pag. 219 Mitte). 

Wie bereits die Vorinstanz zutreffend ausführte (S. 28 der erstinstanzlichen Urteils-
begründung, pag. 234), kann auch in der spontanen Verbesserung bzw. Ergänzung 
der eigenen Aussagen unter Umständen ein Hinweis auf einen Realitätsbezug lie-
gen. Eine falschaussagende Person ist nämlich meist bemüht, ihrer Aussage viel 
Überzeugungskraft zu verleihen und sich selber in ein möglichst positives Licht zu 
rücken; sie wird es entsprechend vermeiden, Lücken oder Ungereimtheiten in ihre 
Geschichte einzubauen, um beim Gegenüber möglichst keine Zweifel an der Rich-
tigkeit ihrer Schilderungen zu erwecken (Strategische Selbstdarstellung, vgl. dazu 
etwa LUDEWIG/BAUMER/TAVOR, a.a.O., S. 52). Umgekehrt steht für eine Person, 
welche die Wahrheit sagt, das tatsächlich Erlebte bzw. dessen möglichst präzise 
Schilderung im Vordergrund; sie lässt sich damit weniger von strategischen Über-
legungen leiten. Spontane Präzisierungen und Korrekturen der eigenen Aussagen, 
sowie das Eingestehen von Erinnerungslücken oder Selbstbelastungen sprechen 
darum meist für eine wahrheitsgeleitete Aussage bzw. stellen ein inhaltliches Real-
zeichen dar (vgl. LUDEWIG/BAUMER/TAVOR, a.a.O., S. 44 und 50 f.). Wenn der Pri-
vatkläger darum innerhalb seiner Erzählung plötzlich auf ein Detail zurückkommt, 
welches er bei der Polizei vergessen habe zu erwähnen und dann auf einen Vor-
hang Bezug nimmt, den der Beschuldigte hinter sich zugezogen habe, als er die 
Garderobe betreten habe, ist dies zwar sprunghaft, spricht aber dafür, dass er ge-
danklich dem Erinnerungsstrang eines tatsächlichen Erlebnisses folgt und bestrebt 
ist, dieses möglichst präzise zu schildern, ohne sich über eine Wirkung beim Ge-
genüber Gedanken zu machen (Video [pag. 17] ab 08:04:45). 

Weiter fällt auf, dass der Privatkläger das Geschehen vielfach nicht ausschliesslich 
mit Worten wiedergibt, sondern dass er Einzelheiten seiner Erzählung physisch 
nachvollzieht. Zudem gewährt er dem Befragenden verschiedentlich Einblicke in 
seine begleitenden Gedankengänge und Gefühle. Auch dieses Aussageverhalten 
deutet darauf hin, dass der Privatkläger ein Ereignis schildert, welches er anhand 
von verschiedenen Aspekten der Erinnerung rekonstruiert und welches entspre-
chend auf einem tatsächlichen Erlebnis basiert (LUDEWIG/BAUMER/TAVOR, a.a.O., 
S. 44 und 50). Beispielhaft ist dafür auf die Gesten hinzuweisen, die der Privatklä-

25

ger macht, als er die vom Beschuldigten vorgenommenen sexuellen Handlungen 
nachvollzieht. So bewegt der Privatkläger seine Hände von oben nach unten, als er 
die Bewegungen beschreibt, die der Beschuldigte mit seiner Zunge an seinem Pe-
nis gemacht habe (Video [pag. 17] 08:13:18); darauf angesprochen, wie ihm der 
Beschuldigte den Finger in den Anus geschoben habe, bewegt er den Zeigfinger 
der linken Hand hin und her (Video [pag. 17] 08:14:22). Als der Polizist T.________ 
den Privatkläger auf den von diesem bereits früher erwähnten blauen Vorhang an-
spricht, den es in der Garderobe gegeben habe, führt der Privatkläger aus, der Be-
schuldigte habe diesen «so» zugeschoben – wobei der Privatkläger mit der Hand 
nach oben greift und eine entsprechende ziehende Bewegung von links nach 
rechts ausführt (Video ab [pag. 17] 08:07:53). Bereits zu Beginn der Einvernahme, 
als der Privatkläger zum ersten Mal auf den Vorhang Bezug nimmt, führt er aus, 
das Zuziehen des Vorhangs habe ihn schon ein wenig verwundert (Video [pag. 17] 
08:05:00). Den angeblich bei der Konfrontation am Bahnhof gemachte Ausspruch 
des Beschuldigten «will du so süess bisch» kommentiert der Privatkläger mit den 
Worten: «Keine Ahnung, was das soll», wobei im Video zu sehen ist, wie er dabei 
mit den Schultern zuckt (Video ab [pag. 17] 08:06:55) und damit Unverständnis si-
gnalisiert. Eine deutliche emotionale Beteiligung zeigt der Privatkläger schliesslich, 
als er vom Polizist T.________ nach einer kurze Pause zum erneuten Mal darauf 
angesprochen wird, wie er sich denn gegen den Beschuldigten gewehrt habe und 
er ausführt, er habe es einfach versucht, «aber wie kann ich mich denn noch weh-
ren, wenn er mich an die Wand drückt? Das geht ja gar nicht.» (Video [pag. 17] ab 
08:28:20; von der Vorinstanz transkribiert auf pag. 223 Mitte). 

14.2.5 Konstanz der Aussagen des Privatklägers

Der Privatkläger wurde insgesamt viermal zur Sache befragt. Die erste Befra-
gung fand lediglich drei Tage nach dem angeblichen Vorfall, nämlich am 26. Au-
gust 2016, statt und wurde auf Video aufgezeichnet (pag. 12 ff.). Im Weiteren 
wurde der Privatkläger am 29. November 2016 von der Staatsanwaltschaft, am 
25. Oktober 2017 vom erstinstanzlichen Gericht und schliesslich an der Beru-
fungsverhandlung vom 30. August 2018 durch die Kammer parteiöffentlich be-
fragt.

Je nach Qualität einer Erinnerung, schreitet der Prozess des Vergessens mit unter-
schiedlicher Geschwindigkeit voran. Grundsätzlich kann bei erlebnisbasierten Aus-
sagen erwartet werden, dass sie zumindest in gewissen Aspekten über eine länge-
re Zeitspanne konstant reproduziert werden können. Dies bezieht sich beispiels-
weise auf Aspekte des Kerngeschehens, unmittelbar am Kerngeschehen beteiligte 
Personen und die Tatörtlichkeiten. Hinsichtlich der Aspekte ausserhalb des Kern-
geschehens ist dagegen mit einer weniger grossen Konstanz zu rechnen (LU-
DEWIG/BAUMER/TAVOR, a.a.O., S. 64). Diese Erkenntnisse sind für den vorliegen-
den Fall insofern von Relevanz, als 

- der Privatkläger erstmals in der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 
29. November 2016 sagte er sei gezwungen worden, den Penis des Beschuldig-
ten in den Mund zu nehmen und zudem die Reihenfolge «Finger in den After» - 
«Oralverkehr passiv» im Vergleich zu seinen früheren Aussagen umkehrte;

26

- der Privatkläger anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung vom 25. Ok-
tober 2017 erstmals zusätzlich erwähnte, dass der Beschuldigte vor dem passi-
ven Oralverkehr seinen Penis massiert habe und dass dieser dabei steif gewor-
den sei (pag. 184 Z. 1-13). 

Die vom Privatkläger nachträglich zu Protokoll gegebenen, von seiner ursprüngli-
chen Schilderung abweichenden Versionen betreffen zweifellos das Kerngesche-
hen und werfen damit gewisse Fragen bezüglich der Glaubhaftigkeit seiner Aussa-
gen auf. Wie von der Verteidigung zutreffend ausgeführt und bereits von der Vorin-
stanz (S. 30 f. der erstinstanzlichen Urteilsbegründung) aufgenommen, sind die 
Aussagen des Privatklägers zur Reihenfolge und dem Ausmass der sexuellen 
Handlungen teilweise unterschiedlich bzw. scheinen auf den ersten Blick gar Ag-
gravierungstendenzen aufzuweisen. Es wäre indessen verfehlt, direkt von gewis-
sen Ungereimtheiten auf die Unglaubhaftigkeit der Aussagen des Privatklägers zu 
schliessen. Diese sind vielmehr mit seinen übrigen Schilderungen in Verbindung zu 
setzen und unter Berücksichtigung der Gesamtumstände zu würdigen: Wie bereits 
unter Ziff. 14.2.3 hiervor (Widerstand des Privatklägers) ausgeführt, bekundete der 
Privatkläger beim Sprechen über die sexuellen Handlungen grosses Unbehagen. 
Dies ist für die Kammer insofern nachvollziehbar, als er vor diesem Vorfall wenig 
bzw. keinen konkreten Kontakt mit der Sexualität hatte (so auch an der oberin-
stanzlichen Hauptverhandlung bestätigt [pag. 419 Z. 10 f.]) und es sich dabei um 
einen für ihn stark schambelasteten Bereich zu handeln scheint. Unter Berücksich-
tigung dieser Umstände erscheint verständlich, dass sich der Privatkläger nicht von 
Anfang an dazu im Stande fühlte, über das ganze Ausmass der sexuellen Übergrif-
fe zu berichten bzw. sich bereits zu Beginn in diesem Umfang zu «entblössen». So 
führte der Privatkläger wiederholt aus, er habe gewisse Teile «vergessen» zu er-
wähnen, schob aber jeweils nach, er könne nicht über solche Dinge sprechen 
(pag. 184 Z. 9 bzw. pag. 418 Z. 37-43). Auch auf dem Video (pag. 17) ist ersicht-
lich, wie der Privatkläger zunächst klar und deutlich über die Begegnung mit dem 
Beschuldigten berichtet; erst als die Erzählung auf die konkreten sexuellen Hand-
lungen zuläuft, blickt der Privatkläger plötzlich zu Boden und beendet den Bericht 
mit einigen wenig verständlichen Sätzen, die den Polizisten T.________ zur Nach-
frage veranlassen (Video [pag. 17] ab 08:05:40). Vor diesem Hintergrund erstaunt 
wenig, dass der Beschuldigte mit dem In-den-Mund-Nehmen des Penis des Be-
schuldigten zu Beginn jenen Teil des Übergriffs ausliess, der für ihn am schlimms-
ten war (pag. 184 Z. 25-27) und diesen erst später gegenüber der Staatsanwalt-
schaft erwähnte, als es ihm nach eigenen Angaben nicht mehr unangenehm war 
bzw. er sich nicht mehr schämte (pag. 418 Z. 42-44). Gleiches kann auch für das 
anfängliche Verschweigen der Erektion gesagt werden, die nun oberinstanzlich 
auch vom Zeugen E.________ bestätigt wurde. Auch diese gab der Privatkläger 
nämlich erst auf Nachfrage, ob er wirklich alles erzählt habe, zu (pag. 183 Z. 41 ff.) 
und präzisierte später, er könne sich nicht erklären, weshalb sein Penis in diesem 
Moment steif geworden sei (pag. 185 Z. 15). 

Nach dem Gesagten erachtet die Kammer den vom Privatkläger vorgebrachten 
Grund für das anfängliche Verschweigen als plausibel. Bedeutend ist gleichzeitig, 
dass die vom Privatkläger nachgeschobenen Aussagen nicht zu einem eigentlichen 
Widerspruch führen, sondern sich problemlos mit seinen früheren Äusserungen 

27

vereinen lassen bzw. diese gar stimmig ergänzen. Während der Privatkläger näm-
lich anfänglich in erster Linie auf die Begleitumstände des Vorfalls einging und le-
diglich sehr zurückhaltend punktuell und wenig geordnet einige sexuelle Handlun-
gen schilderte, die der Beschuldigte gegen seinen Willen an ihm vorgenommen 
habe, erweiterte er diese stetig um gewisse Einzelheiten, so dass sich erst allmäh-
lich ein konkreter Ablauf herauskristallisierte. Dieser Ablauf ist in sich stimmig und 
nicht nur mit den übrigen Aussagen des Privatklägers konstant, sondern auch mit 
den ansonsten zugänglichen Beweismitteln vereinbar (vgl. dazu Ziff. 14.2.8 hier-
nach). Dass der Privatkläger bei seinen Schilderungen nicht immer chronologisch 
und geordnet vorging, ist – wie bereits die Vorinstanz zutreffend ausführte – mit 
Blick auf die involvierten Emotionen und die bereits erwähnten Schilderungs-
schwierigkeiten des Privatklägers nicht erstaunlich bzw. vermag an der Glaubhaf-
tigkeit seiner Aussagen nichts zu ändern (vgl. dazu auch FRIEDRICH ARNTZEN, Psy-
chologie der Zeugenaussage, System der Glaubhaftigkeitsmerkmale, 5. Aufl. 2011, 
S. 66). 

Der Vollständigkeit halber sei schliesslich erwähnt, dass sich bereits in der Vi-
deoeinvernahme erste Hinweise auf eine mögliche spätere Ergänzung finden. So 
antwortete der Privatkläger auf die Frage ob der Beschuldigte sich damals ausge-
zogen habe, nach kurzem Nachdenken mit «Nein, nicht gerade… er hat noch die 
Kleider angehabt, die Arbeitskleider» (Video [pag. 17] ab 08:15:57). Es ist nicht er-
sichtlich, warum der Privatkläger in dieser Situation nicht einfach verneint, sondern 
die Frage mit «nid grad» beantwortet, was so viel heisst, wie «nicht von Anfang 
an», was ja dann schliesslich auch Inhalt seiner ergänzenden Aussage war. Dazu 
passt auch die Ergänzung der Antwort, indem der Beschuldigte eben die Arbeits-
kleider «noch» angehabt habe. Tatsächlich gab der Privatkläger an, der Beschul-
digte habe sich seiner Kleider nie ganz entledigt, sondern sich bloss die Hose 
geöffnet und heruntergezogen zu haben (pag. 183 Z. 3).

Zusammenfassend erachtet die Kammer die vom Privatkläger zum Geschehen 
gemachten Aussagen als konstant. 

14.2.6 Mögliche Falschbezichtigung 

Es stellt sich weiter die Frage, ob der Privatkläger den Beschuldigten nicht zu Un-
recht einer Straftat bezichtigt. Diese Möglichkeit steht zumindest theoretisch immer 
im Raum. Stets ist allerdings nach der Motivation dafür zu fragen. Das mögliche 
Vorliegen eines Motivs beweist allerdings für sich allein noch nicht, dass tatsächlich 
falsch ausgesagt worden ist. Dies entscheidet sich erst anhand einer Motivanalyse 
(BENDER/NACK/TREUER, a.a.O., N. 251 ff.). 

Weder der Privatkläger noch der Beschuldigte konnten auf Frage hin irgendwelche 
Streitigkeiten oder andere Umstände bezeichnen, aus denen sich ein ernsthaftes 
Motiv für eine Falschbeschuldigung des Beschuldigten ergeben könnte; auch für 
die Kammer sind keine solchen ersichtlich.

14.2.7 Kompetenzanalyse (Teil II) – Widerlegung der «Nullhypothese»

Letztlich ist wieder auf die Einstiegsfrage zurückzukommen und im Rahmen der 
Kompetenzanalyse zu fragen, ob der Privatkläger die hier vorliegenden Aussagen 

28

hätte machen können, ohne dass ihr Inhalt erlebnisbasiert wäre (Ziff. 14.2.2 hier-
vor). 

In Anbetracht der leicht eingeschränkten intellektuellen Fähigkeiten und der 
zurückgebliebenen sexuellen Entwicklung des Privatklägers scheint die Erfindung 
eines derart vielschichtigen und in vielerlei Hinsicht komplexen Sachverhalts be-
reits zum Vorneherein unwahrscheinlich: Gegen ein Erfinden spricht ferner, dass 
der Privatkläger das einigermassen ungewöhnliche und originelle Geschehen mit 
einer Anzahl von Realkennzeichen schilderte, die – insbesondere gemessen an 
seiner persönlichen Situation bzw. seinen intellektuellen Fähigkeiten – als sehr 
gross zu bezeichnen ist und bei einem fehlenden Realitätsbezug nicht zu erwarten 
wäre. Bei einer zusätzlichen Berücksichtigung der zeitlichen Verhältnisse erscheint 
eine Falschaussage nach Ansicht der Kammer geradezu ausgeschlossen: So hätte 
der Privatkläger innert kürzester Zeit eine derartige Geschichte erfinden und über 
eine relativ lange Zeitperiode sowohl gegenüber den Strafverfolgungsbehörden, als 
auch gegenüber seiner behandelnden Ärztin konstant schildern bzw. stimmig er-
gänzen müssen. Die äusserst kurze Zeitspanne zwischen Ereignis und erfolgter 
Meldung spricht im Übrigen auch gegen die vom Psychotherapeuten K.________ – 
völlig ohne Belege und Kontext vorgebrachte (pag. 63 unten) – Möglichkeit der Pro-
jektion des Vorfalls von einer dem Privatkläger nahestehenden Person auf den Be-
schuldigten. Schliesslich passen auch die Umstände, welche zur Meldung geführt 
haben, nicht zu einer Falschbezichtigung: So ist nicht erklärbar, weshalb der Pri-
vatkläger, ohne einen gravierenden Vorfall erlebt zu haben, unverzüglich nach dem 
angeblichen Vorfall (und mit einer nach wie vor gut sichtbaren Erektion) zu Herrn 
E.________ hätte gehen und diesem von einem sexuellen Übergriff hätte erzählen 
sollen. 

Nach einer Prüfung der Aussagen des Privatklägers gelangt die Kammer zum 
Ergebnis, dass diese inhaltlich von einer äusserst guten Qualität sind und vom 
Privatkläger nicht in dieser Form hätten gemacht werden können, wenn sie nicht 
auf einem tatsächlichen Erlebnis basieren würden. Damit ist die «Nullhypothese» 
widerlegt und die Aussagen des Privatklägers können dem Sachverhalt 
grundsätzlich zugrunde gelegt werden.

14.2.8 Übereinstimmung mit anderen Beweismitteln

Wie bereits erwähnt (Ziff. 13.1.3 hiervor), lässt sich den objektiven Beweismitteln 
aus dem Vorverfahren kein direkter Beweis für einen sexuellen Übergriff entneh-
men. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sind aber mit den Aussagen des Pri-
vatklägers konstant. Im Einzelnen stimmen die im IRM-Gutachten festgestellten 
Verletzungen durch Einwirkung stumpfer Gewalt sowohl in zeitlicher als auch sach-
licher Hinsicht mit Handlungen überein, wie sie vom Privatkläger geschildert wer-
den. Passend dazu beschrieb die Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Frau 
Dr. P.________, für sie deutlich feststellbare Reaktionen auf das vom Privatkläger 
geschilderte Ereignis. Während er vorher motiviert und aufgestellt gewesen sei, 
habe er nach dem Vorfall – aus Angst dem Beschuldigten über den Weg zu laufen 
– nicht mehr zur Arbeit gehen wollen. Er habe überdies deutliche psychische 
Stresszeichen gezeigt (Übelkeit, Erbrechen, Schlafstörungen, Albträume) und trau-
rig und verzweifelt gewirkt.

29

Auch die oberinstanzlich erhobenen Beweismittel unterstützen die vom Privatkläger 
gemachten Aussagen in verschiedenen Bereichen: So schilderte insbesondere der 
Betreuer des Mittagstischs – E.________ – wie er am besagten Tag von einem 
aufgewühlten Privatkläger über eine sexuelle Nötigung informiert worden sei, die 
unmittelbar zuvor in den Garderoben des Haupthauses stattgefunden haben solle. 
Übereinstimmend schilderten auch die übrigen Mitarbeitenden und die Leiterin der 
Stiftung M.________ wie es am Nachmittag des 23. August 2016 zu einem klären-
den Gespräch gekommen sei, bei welchem der Privatkläger den Beschuldigten der 
später auch bei der Polizei erwähnten sexuellen Handlungen bezichtigt, dieser aber 
alles abgestritten habe. Ob es anlässlich dieses Gesprächs zu einer Entschuldi-
gung gekommen ist, welche ihrerseits wiederum auf ein entsprechendes Ereignis 
hindeuten würde, kann mit Blick auf die Vielzahl der übrigen Indizien offenbleiben. 
Immerhin erwähnten alle Beteiligten das auch vom Privatkläger konstant geschil-
derte Detail, wonach sich der Beschuldigte und der Privatkläger am Ende des Ge-
sprächs die Hand gegeben hätten und deuteten damit einen Akt der Versöhnung 
an. Selbst wenn dabei keine formelle Entschuldigung ausgesprochen wurde, kann 
daraus nicht abgeleitet werden, die Schilderungen der sexuellen Handlungen sei-
tens des Privatklägers seien erfunden, wie dies von der Verteidigung unterstellt 
wird. Nicht nachvollziehbar ist auch, inwiefern der von den Zeugen übereinstim-
mend wiedergegebene Umstand, dass nach den vom Privatkläger erhobenen Vor-
würfe zeitweise weitergearbeitet worden sei, gegen die Glaubhaftigkeit der Aussa-
gen des Privatklägers sprechen sollte. Soweit die Verteidigung damit implizieren 
will, man habe den Vorwurf des Privatklägers bei der Stiftung M.________ zeitwei-
se nicht ernst genommen, mag dies zutreffen; gleichzeitig ist aber darauf hinzuwei-
sen, dass der Beschuldigte bereits am Folgetag von der Arbeit suspendiert wurde. 
Aus der Fotodokumentation vom 28. August 2018 ergibt sich schliesslich, dass 
die Garderoben der Stiftung M.________ mit einem blauen Vorhang abgetrennt 
sind, wie dies vom Privatkläger verschiedentlich geschildert wird. 

14.3 Aussagen des Beschuldigten

Auch der Beschuldigte wurde kurz nach dem Vorfall am 5. September 2016 erst-
mals zur Sache befragt (pag. 27 ff.). Anders als beim Privatkläger wurden seine 
Aussagen aber nicht auf Video aufgezeichnet. Wie bereits zuvor beim Privatkläger 
sind auch die Aussagen des Beschuldigten mittels Realitätskriterien und Lügensi-
gnalen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen und mit den übrigen Beweis-
mitteln in Verbindung zu bringen. Entsprechend ging auch die Vorinstanz vor. Auf 
ihre zutreffenden Erwägungen diesbezüglich ist ergänzend zu verweisen (S. 31 f. 
der erstinstanzlichen Urteilsbegründung, pag. 237 f.). 

Nach einigen einleitenden Fragen führte der Beschuldigte mit zittriger Stimme 
(pag. 29 Z. 45) aus, er wisse nur, dass er zu Mittag gegessen und «oben» Pause 
gemacht habe; danach sei er wieder ins andere Haus gegangen, wobei die beiden 
Häuser 10-15 Minuten auseinander liegen würden (pag. 29 Z. 41-43). 

Bei seinen weiteren Schilderungen ist auffallend, dass der Beschuldigte häufig die 
Aussage verweigerte («dazu möchte ich nichts sagen») - dies selbst bei Fragen, 
die nicht direkt auf die Geschehnisse in der Garderobe gerichtet waren; so wollte er 
sich beispielsweise anfänglich nicht dazu äussern, ob er (der Beschuldigte) den 

30

Privatkläger kenne (pag. 29 Z. 47 f.). Auf Vorhalt der Aussagen des Privatklägers 
bestritt der Beschuldigte den Vorwurf von erzwungenen sexuellen Handlungen lan-
ge nicht explizit, sondern wiederholte stets ausweichend, er sei bereits «am Run-
terlaufen» gewesen und möchte dazu nichts sagen (pag. 30 Z. 90-92 und Z. 110-
137). Erst gegen Schluss der Befragung verneinte er, dass es mit dem Privatkläger 
zu einem Vorfall mit sexuellem Inhalt gekommen sei (pag. 31 Z. 166 f.).

Die Aussagen des Beschuldigten blieben auch in den nachfolgenden Einvernah-
men karg, dünn und stereotyp. Sein immer wieder vorgebrachtes Argument, er sei 
«am Runterlaufen» gewesen, habe sich mithin stetig aus der Tatortumgebung 
wegbewegt und sei weggegangen, vermag nicht zu überzeugen und kann auf eine 
Distanzierung und Abspaltung eines Geschehens hindeuten. Passend dazu schätz-
te der Beschuldigte auch die für den Weg zwischen dem Ort des Geschehens und 
der Arbeitsstelle für den Nachmittag mit jeder Einvernahme länger, um so seinen 
ausserordentlich frühen Aufbruchszeitpunkt zu belegen (Nach den anfänglich ge-
schätzten 10-15 Minuten [pag. 29 Z. 42] waren es bei der nächsten Einvernahme 
bereits 15-20 Minuten [pag. 35 Z. 43]; anlässlich der erstinstanzlichen Hauptver-
handlung gab der Beschuldigte sodann an, zu Fuss mindestens 20 Minuten zu 
benötigen [pag. 188 Z. 12]; oberinstanzlich erweiterte er seine Schätzung schliess-
lich auf «ca. eine halbe Stunde» [pag. 424 Z. 38]). Mit Blick auf den Bericht seiner 
Berufsbildnerin nachweislich erfunden ist in diesem Zusammenhang auch der zur 
Plausibilisierung seiner Version vorgebrachte Einwand des Beschuldigten, er habe 
am besagten Tag seine Arbeit früher aufnehmen müssen, weil eine Kollegin mit ei-
ner Fussverletzung ausgefallen sei. Zwar bestätigte Frau F.________ eine vorge-
fallene Fussverletzung, verneinte aber, dass dies einen Einfluss auf die Arbeitszeit 
des Beschuldigten gehabt habe.

Offensichtlich falsch ist auch, wie der Beschuldigte die Geschehnisse des Nachmit-
tags vom 23. August 2016 darstellt: So soll es gemäss seinen Angaben am besag-
ten Tag bloss zu einem Gespräch zwischen ihm und Frau F.________ gekommen 
sein, bei welchem ihn diese auf die Geschehnisse am Mittag angesprochen und er 
ihr erklärt habe, dass er damals bereits am runtergelaufen gewesen sei (pag. 31 
Z. 169 ff.). Nach den Einvernahmen mit den übrigen Betreuungspersonen ist für die 
Kammer aber klar erstellt, dass es kurz nach der Nachmittagspause zu einem 
Klärungsgespräch kam, an welchem nebst dem Beschuldigten und dem Privatklä-
ger auch Frau F.________, Frau H.________ und Herr E.________ beteiligt wa-
ren. Anlässlich des –  auch vom Beschuldigten anerkannten – Gesprächs am Fol-
getag mit der Leiterin der Stiftung M.________ Frau G.________, soll der Beschul-
digte gar zugegeben haben, während der Mittagspause in der Garderobe gewesen 
zu sein und dort mit dem Privatkläger über die Gartenarbeit und den Liegen-
schaftsunterhalt gesprochen zu haben. Er habe angegeben, es könne sein, dass er 
den Privatkläger beim Verlassen der Garderobe berührt oder bzw. diesem «ange-
kommen» sei (pag. 413 Z. 33 ff.). An der oberinstanzlichen Hauptverhandlung gab 
der Beschuldigte zwar an, nicht gegenüber Frau G.________ sondern gegenüber 
Frau F.________ erwähnt zu haben, er habe den Privatkläger unabsichtlich 
berührt; dies sei aber nicht in der Garderobe gewesen, sondern beim Mittagstisch, 
als er sein Plateau weggeräumt habe (pag. 425 Z. 14-34). Damit nimmt der Be-
schuldigte ein Element der Version des Privatklägers auf – nämlich eine Berührung 

31

in der Garderobe – und baut es in einer möglichst harmlosen Form in seine eige-
nen Schilderungen ein. Während der Privatkläger die Berührung aber im Kontext 
eines komplexen und vielschichtigen Geschehens schilderte, ist sie beim Beschul-
digten Teil einer sehr oberflächlichen und teilweise nachweislich unzutreffenden 
Geschichte. Es deutet damit viel darauf hin, dass sich die Berührung tatsächlich 
ereignete, allerdings nicht in der vom Beschuldigten, sondern in der vom Privatklä-
ger geschilderten Form. Ähnlich verhält es sich auch mit der vom Privatkläger auf 
den «Deal» des Beschuldigten gegebenen Antwort, er sei nicht schwul und habe 
eine Freundin. Im Gegensatz zum Privatkläger, der im Zusammenhang mit einer 
stimmigen Interaktion in der Garderobe von dieser Äusserung berichtet, gab der 
Beschuldigte an, der Privatkläger habe ihm diesen Satz am Mittagstisch «aus dem 
nichts an den Kopf geworfen» (pag. 29 Z. 82-88), um später weiter zu relativieren, 
er sei nicht sicher, ob das Gesagte wirklich an ihn gerichtet gewesen sei (pag. 37 
Z. 97-101). Dies überzeugt nicht. Ob der Privatkläger auch tatsächlich eine Freun-
din hatte, oder diese nur erfand, um den Beschuldigten von sich fern zu halten, 
spielt dabei aus Sicht der Kammer keine Rolle.

Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass der Beschuldigte gleich zu Beginn der 
ersten Einvernahme ungefragt darauf zu sprechen kam, dass er selber mit dem 
Privatkläger zwar noch nie ein Problem gehabt habe, ihm aber bereits «viele» Vor-
fälle zu Ohren gekommen seien, die sich zwischen dem Privatkläger und dessen 
Arbeitskollegen abgespielt hätten (pag. 29 Z. 53-55). Damit versucht der Beschul-
digte einerseits sich selber in ein möglichst gutes Licht zu rücken und gleichzeitig 
die Glaubhaftigkeit der Aussagen des Privatklägers in Zweifel zu ziehen. Diese 
strategische Selbstdarstellung verstärkt den Eindruck der Unglaubwürdigkeit (LU-
DEWIG/BAUMER/TAVOR, a.a.O., S. 52). 

Soweit die Verteidigung ausführt, die schlechte Qualität der Aussagen des Be-
schuldigten sei Ausdruck der bei ihm diagnostizierten Störungsbilder, kann ihr nicht 
gefolgt werden: Zwar trifft zu, dass die Aussagen des Beschuldigten, soweit sie das 
Kerngeschehen betreffen, äusserst karg und wenig nachvollziehbar sind. Demge-
genüber hat er in seinen Ausführungen zu Nebensächlichkeiten (wie beispielsweise 
beim oberinstanzlichlen Bericht zu seiner momentanen Arbeitssituation [pag. 423 
Z. 34-37]) gezeigt, dass er durchaus in der Lage ist, auf eine verständliche Art und 
Weise Angaben zu einem Sachverhalt zu machen, mithin die Fragen zu verstehen, 
die ihm gestellt werden und adäquat darauf zu antworten. Mit einem IQ von 100 
bewegt er sich geistig im Bereich des Privatklägers (vgl. dazu erneute die Abbil-
dung bei NIEHAUS, a.a.O., S. 430) und damit im Bereich einer höchstens leicht un-
terdurchschnittlichen Intelligenz. Angesichts dieser unterschiedlichen Aussagequa-
litäten ist das Fehlen von Realitätskriterien nicht Ausdruck von potentiellen psychi-
schen Störungen, sondern verdeutlicht vielmehr den Grundsatz, wonach das Erfin-
den einer Geschichte geistig höhere Anforderungen an einen Befragten stellt und 
diesbezüglich inhaltlich qualitätsärmere Aussagen zu erwarten sind (interindividuel-
ler Vergleich dazu LUDEWIG/BAUMER/TAVOR, a.a.O., S. 46). In den Aussagen des 
Beschuldigten finden sich zudem weitere Lügensignale und sie stehen vielerorts in 
offensichtlichem Widerspruch zu den übrigen Beweismitteln. Beispielhaft ist in die-
sem Zusammenhang der vom Beschuldigten abgestrittene Vorhang zu erwähnen 
(pag. 190 Z. 10-19), welcher in den Schilderungen des Privatklägers verschiedent-

32

lich auftauchte und dessen Existenz spätestens seit der Erstellung der Fotodoku-
mentation und den oberinstanzlichen Aussagen der Betreuungspersonen als er-
stellt gelten kann. Der psychische Zustand des Beschuldigten hat damit keinen Ein-
fluss auf die Beweiswürdigung, kann sich aber unter Umständen bei der Strafzu-
messung auswirken (dazu Ziff. 19.2 hiernach). Ebenfalls keinen Einfluss auf den 
Ablauf des Geschehens hat die starke Sehschwäche, an welcher der Beschuldigte 
leidet. Auch wenn er Gegenstände und Personen erst spät wahrnimmt und bei der 
Lektüre von kleingeschriebenen Texten Mühe bekundet, ist er ohne weiteres dazu 
in der Lage, sich selbstständig zu bewegen, Personen zu identifizieren und die Ta-
ten zu begehen, die ihm vorliegend vorgeworfen werden (vgl. zu den Auswirkungen 
der Sehschwäche z.B. pag. 424 Z. 18-21).

14.4 Fazit und erstellter Sachverhalt

Nach dem Gesagten sind die Aussagen des Beschuldigten nicht geeignet, die 
Glaubhaftigkeit der Aussagen des Privatklägers zu erschüttern. Werden diese 
dem Sachverhalt zugrunde gelegt, ist unter Berücksichtigung der weiteren vor-
erwähnten Beweismittel der Anklagesachverhalt erstellt. Mit der Vorinstanz 
(S. 32 f. der erstinstanzlichen Urteilsbegründung, pag. 238 f.) erachtet es die 
Kammer weiter als erstellt, dass der Privatkläger mit dem Vorgehen des Be-
schuldigten nicht einverstanden war und dies auch äusserlich erkennbar kundtat. 
Dass auch der Beschuldigte den vom Privatkläger geleisteten Widerstand wahr-
nahm, zeigt sich bereits daran, dass er sich dazu veranlasst sah, den Privatklä-
ger während den sexuellen Handlungen festzuhalten, dessen Arm nach hinten 
zu drehen und ihn zusätzlich mit Fusstritten traktierte.

III. Rechtliche Würdigung

15. Gesetzliche und theoretische Grundlagen

Nach Art. 189 Abs. 1 des Strafgesetzbuches (in seiner bis zum 31. Dezember 
2017 geltenden Fassung; nachfolgend aStGB [vgl. zum anwendbaren Recht 
Ziff. 17 hiernach]) begeht eine sexuelle Nötigung, wer eine Person zur Duldung 
einer beischlafsähnlichen oder einer anderen sexuellen Handlung nötigt, na-
mentlich indem er sie bedroht, Gewalt anwendet, sie unter psychischen Druck 
setzt oder zum Widerstand unfähig macht. Massgeblich ist deshalb neben der 
sexuellen Handlung der Nachweis eines zum Zweck der Nötigung eingesetzten 
Nötigungsmittels. 

Die Vorinstanz hat die Voraussetzungen zur Erfüllung der objektiven und subjek-
tiven Tatbestandselemente richtig und vollständig aufgeführt (S. 33 f. der erstin-
stanzlichen Urteilsbegründung, pag. 239 f.). Darauf kann verwiesen werden. 

16. Subsumtion

Der Charakter der vom Privatkläger geschilderten Ereignisse als sexuelle Handlun-
gen ist offensichtlich. Als Nötigungsmittel schildert der Privatkläger Fusstritte gegen 
die Beine, Verdrehen der Arme auf den Rücken und Festhalten. Dabei handelt es 
sich nicht um eine extreme oder gar brutale Einwirkungen auf den Körper des Pri-

33

vatklägers; zu beachten ist indessen, dass unter dem Nötigungsmittel der Gewalt 
nicht mehr verlangt ist, als das Mass an körperlicher Kraftentfaltung, das notwendig 
ist, um sich über die entgegenstehende Willensbetätigung des Opfers hinwegzu-
setzen (Urteil des Bundesgerichts 6B_95/2015/6B_112/2015/6B_113/2015 vom 
25. Januar 2016 E. 5.1 mit Hinweisen). In der konkreten Situation reichten die 
Fusstritte, das Verdrehen der Arme und das Festhalten aus, um den klein gewach-
senen, in sexuellen Dingen völlig unerfahrenen und dem Beschuldigten unterlege-
nen Privatkläger gefügig zu machen bzw. in von einer substanzielleren Gegenwehr 
abzuhalten: So befand sich der Privatkläger alleine mit dem Beschuldigten in der 
geschlossenen bzw. durch einen Vorhang abgetrennten Herrengarderobe und war 
zumindest zu Beginn der Handlungen nicht in der Lage, dem Beschuldigten mehr 
als einen gewissen Gegendruck gegen das Festhalten entgegenzusetzen. Es wur-
de bereits darauf eingegangen, dass der vom Privatkläger geschilderte Schockzu-
stand und die damit verbundene Hilflosigkeit gegenüber dem gewalttätigen Vorge-
hen für die Kammer mit Blick auf die Persönlichkeit des Privatklägers und die kon-
krete Situation nachvollziehbar sind (Ziff. 14.2.4 hiervor). Die Blockade des Privat-
klägers löste sich erst allmählich, als er vom Beschuldigten zum aktiven Oralver-
kehr gezwungen worden war und dieses Vorgehen ihn schliesslich aus seinem 
Schock «erwachen» liess, worauf er den Beschuldigten zurückstossen und weg