# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** be364449-46e8-5b5d-81f2-b036c04db447
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-08-03
**Language:** de
**Title:** Prüfung der Standardindikatoren bei langjähriger Krankheitsgeschichte mit gescheiterter beruflicher Eingliederung trotz leistungsorientierter BFin; Bestätigung der gutachterlichen Einschätzung einer Arbeitsfähigkeit von 50 % in optimal angepasster Tätigkeit; Rentenbeginn bei Aufnahme beruflicher Massnahmen nach Ablauf des Wartejahres.
**Docket/Reference:** IV.2022.00392
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2022.00392.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2022.00392
damit vereinigt
IV.2022.00393
III. Kammer
Sozialversicherungsrichter Gräub, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Slavik
Ersatzrichterin Gasser Küffer
Gerichtsschreiber Schetty
Urteil
vom
3. August 2023
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Rechtsanwalt
Dr.
Ronald Pedergnana
Rorschacher Strasse 21, Postfach 27, 9004 St. Gallen
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
1.1
Die im Jahre 197
1
geborene
X.___
wurde
am 1
4.
April 1972 im Zusam
menhang mit einem Entwicklungsrückstand
erstmals
bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an
gemeldet
(Urk.
7/1).
Mit Beschluss vom 2
1.
Juni 1972 erteilte diese Kostengutsprache für die Behandlung der Geburtsgebrechen Nr. 390 und Nr. 452 (
Urk.
7/3). Im Oktober 1982 wurde bei der Versicherten eine angeborene Schallleitungsschwerhörigkeit rechts mit Verdacht auf Mittelohrmissbildung diagnostiziert (
Urk.
7/31). Mit Beschluss vom 1
4.
Juli 1983 erteilte die Eidgenössische Invalidenversicherung Kostengutsprache für die Überwachung sowie die Behandlung des Geburtsgebrechens Nr. 152 (
Urk.
7/46)
;
die Kostenübernahme für ein Hörgerät erfolgte mit Beschluss vom
6.
September 1984 (
Urk.
7/55).
Im Jahr 1990 schloss die Versicherte eine Ausbildung zur Büroangestellten ab (
Urk.
7/73 S. 4).
1.2
Am
6.
Mai 1998 meldete sich die Versicherte
im Zusammenhang mit einem am
1.
April 1997
erlittenen
HWS-Trauma
bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich
, IV-Stelle, zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/73,
Urk.
7/81 S. 2). Mit Verfügung vom 1
3.
November 1998 sprach diese der Versicherten mit Wirkung ab
1.
April 1998 eine ganze Rente zu (
Urk.
7/87). Im Rahmen der im August 1999 sowie Oktober 2000 durchgeführten Rentenrevisionen konnte keine rentenbeein
flussende Änderung festgestellt werden (
Urk.
7/92,
Urk.
7/96). Nachdem die Ver
sicherte ab April 2003 wieder eine
vollzeitliche
Erwerbstätigkeit
aufnehmen
konnte (
Urk.
7/109), hob die IV-Stelle die Invalidenrente mit Verfügung vom 1
5.
Dezember 2003 per
1.
Februar 2004 auf (
Urk.
7/112).
1.3
Am 2
4.
September 2017 war die Versicherte als Beifahrerin
erneut in einen Ver
kehrsunfall verwickelt, zog sich eine HWS-Distorsion zu und meldete sich in diesem Zusammenhang am 2
7.
März 2018 bei der IV-Stelle Aargau zum Leis
tungsbezug an (
Urk.
7/137,
Urk.
7/143/41). Mit Verfügung vom
8.
März 2016 stellte der Unfallversicherer die zunächst gewährten Leistungen per 3
1.
März 2018 ein (
Urk.
7/143/127-130). Am
4.
Februar 2019 erteilte die SVA Zürich, IV
Stelle, Kostengutsprache für eine Potenzialabklärung in der Frühintervention (
Urk.
7/171); der entsprechende Abschlussbericht über die Potenzialerhebung datiert vom 1
5.
April 2019 (
Urk.
7/177). Mit Mitteilung vom
5.
Juni 2019 erteilte die IV-Stelle Kostengutsprache für eine wirtschaftsnahe Integration mit Support am Arbeitsplatz (
Urk.
7/185).
1.4
Am 2
4.
Oktober 2019
wurde bei der Versicherten eine schwere
Takotsubo
-Kardi
omyopathie mit kardiogenem Schock diagnostiziert
, was bis zum 1
3.
November 2019 zur Hospitalisation führte (
Urk.
7/20
9
)
;
die Rehabilitation erfolgte vom
6.
Dezember 2019 bis zum 3
0.
Januar
2020
in
der
Y.___
(
Urk.
7/214/13
15).
Mit Mitteilung vom 1
6.
Dezember 2019
informierte die IV
Stelle unter Hinweis auf das Ereignis vom 2
4.
Oktober 2019 über den Abschluss der Einglie
derungsberatung (
Urk.
7/202).
Im Rahmen der weiteren Abklärungen veranlasste die IV-Stelle die polydisziplinäre Abklärung der Versicherten
;
das entsprechende
Z.___
-Gutachten datiert vom 1
9.
April 2021 (
Urk.
7/275).
Mit Vorbescheid vom 1
6.
November 2021 stellte die IV-Stelle der Versicherten ab
1.
Dezember 2019 die Ausrichtung einer ganzen und ab
1.
Juni 2021 einer halben Rente in Aussicht (
Urk.
7/284) und bestätigte diesen Entscheid mit Verfügungen vom 2
9.
April 2022 (
Urk.
7/305
= Urk. 4/2/2
,
Urk.
7/306
= Urk. 2/2
).
2.
Dagegen erhob der Vertreter der Versicherten am
3.
Juni 2022 respektive
7.
Juni 2022 Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons Schwyz und beantragte, es sei der Beschwerdeführerin ab
1.
September 2018 eine ganze Rente zuzu
sprechen
; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerde
gegnerin
(
Urk.
2/1,
Urk.
4/2/1). Mit Entscheid vom
7.
respektive
8.
Juni 2022 trat das angerufene Gericht auf die Beschwerden mangels örtlicher Zuständigkeit nicht ein und überwies die Streitsache an das hiesige Gericht (
Urk.
1/1
[Prozess Nr. IV.2022.00392]
,
Urk.
4/1/1
[Prozess Nr. IV.2022.00393]
). Mit Verfügungen vom
1.
September 2022 wurde der Prozess Nr. IV.2022.00393 mit dem vorliegen
den Prozess Nr. IV.2022.00392 vereinigt und unter dieser Nummer weitergeführt (
Urk.
3); weiter wurde der Prozess Nr. IV.2022.00393 als dadurch erledigt abge
schrieben (
Urk.
4/3).
Mit Beschwerdeantwort vom 1
2.
Oktober 2022 beantragte die Beschwerdegeg
nerin die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6). Mit Replik vom
4.
Januar 2023 (
Urk.
11)
sowie Duplik vom 1
0.
Februar 2023 hielten die Parteien an den gestell
ten Anträgen fest (
Urk.
16); die Wahrung des rechtlichen Gehörs erfolgte mit Ver
fügung vom 1
4.
Februar 2023 (
Urk.
17).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen).
Auch wenn die angefochtenen Verfügungen vorliegend vom 29. April 2022 datieren (BGE 144 V 210 E. 4.3.1, 132 V 215 E. 3.1.1, je mit Hinweisen), steht der Anspruch auf IV-Leistungen im Wesentlichen im Zusammenhang mit den Ereig
nissen vom 2
4.
September 2017 sowie 2
4.
Oktober 2019, wobei Leistungen ab
1.
September 2018 strittig sind
und eine
Rentenzusprache
ab Dezember 2019 erfolgte
, sodass vorliegend die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechts
vorschriften anwendbar sind, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die
nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.4
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
geglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in
valid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
). Der Einkommensver
gleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegen
übergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditäts
grad bestimmen lässt (sog. allgemeine Methode des Einkommensvergleichs; BGE 130 V 343 E. 3.4.2, 128 V 29 E. 1).
1.5
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
benenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
1.6
Versicherungsträger und das Sozialversicherungsgericht haben den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Sie haben alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie
stamm
en, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuver
lässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten (BGE 125 V 351 E. 3a).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Her
kunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a).
2.
2.1
Die
Beschwerdegegnerin begründete die angefochtenen Verfügungen damit, dass
aufgrund des Unfalls am 2
4.
September 2017 von einem Ende des Wartejahres per 2
3.
September 2018 auszugehen sei. In der Zeit ab Oktober 2018 seien Ein
gliederungsmassnahmen durchgeführt worden, welche am 1
6.
Dezember 2019 hätten abgebrochen werden müssen. Aufgrund der anschliessenden 100%igen Arbeitsunfähigkeit bestehe ab dem
1.
Dezember 2019 ein Anspruch auf eine ganze Rente. Ab 1
9.
Februar 2021 sei von einer Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit von 50
%
auszugehen, was ab
1.
Juni 2021 zu einem Anspruch auf eine halbe Rente führe (
Urk.
2/2).
2.2
Demgegenüber machte
der Vertreter der Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, dass
diese
r
auch in der Zeit vom 2
4.
September 2018 bis 2
3.
Oktober 2019 keine Leistung auf dem ersten Arbeitsmarkt habe zugemutet werden können (
Urk.
4/2/1 S. 3). Die Steigerung des Pensums auf 50
%
im Rahmen des Arbeits
trainings habe zu einem Herzinfarkt geführt, zuvor sei von einer Leistungsfähig
keit von gerade einmal 33
%
auszugehen (
Urk.
2/1 S. 4). Weiter würden die Gut
achter ausführen, dass die Beschwerdeführerin nicht zu 50
% arbeiten könne, sondern erst nach sorgfältiger Begleitung im Eingliederungsprozess wieder ein Potenzial von 50
%
erreichen könne (S. 6).
Im Rahmen der Replik wies der Vertreter der Beschwerdeführerin zudem darauf hin, dass im vorliegenden Fall kein Prozentvergleich erfolgen könne, sondern ein
Einkommensvergleich vorzunehmen sei, wobei
für die Invaliditätsbemessung
gestützt auf das Kompetenzniveau 2 der LSE-Tabelle ein monatliches
Invaliden
einkommen
von
Fr.
4'810.
--
heranzuziehen sei (
Urk.
11 S. 5 ff.).
3.
3.1
Die für das
Z.___
-Gutachten vom 1
9.
April 2021 verantwortlichen Fachärzte stellten mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit die folgenden Diagnosen (Urk.
7/275 S. 10
ff.
):
-
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig weitgehend remittiert (ICD-10 F33.4)
-
Leistungsorientierte, pflichtbewusste, selbstunsichere Persönlichkeitszüge (ICD-10 Z73.0)
-
Anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4) nach mehreren Unfällen
-
Chronisches
zervikothorakales
Schmerzsyndrom mit
zervikozephaler
und
zervikobrachialer
Symptomatik mit/bei
-
d
ezentriertem
Dens
, Blockwirbel HWK2/3 (Fusion Wirbelkörper und Facettengelenke) sowie partieller Blockwirbel HWK6/7 (Fusion Wirbel
körper und Facettengelenke links), Bogenschlussstörung HWK6,
Osteo
chondrose
HWK 5/6 mit erosiver Komponente und
Spondylophyten
, konventionell radiologisch zudem leichte
Listhesis
, geringe Osteo
phyten HWK4/5 bei normal weitem
Inter
vertebralraum
;
-
k
linischneurologisch
kein Nachweis eines
zervikoradikulären
Reiz- und Ausfallsyndroms, kein Nachweis einer Rückenmark-Funktionsstörung
;
-
Status nach Reitunfall mit möglicher Stauchung/Kontusion der Hals
wirbelsäule 1987 mit gemäss Angaben der Versicherten über eine längere Zeit persistierendem Tinnitus un
d
Lähmungen der rechten oberen und unteren Extremität, schlussendlich
restitutio
ad integrum
-
w
ahrscheinlich HWS-
Dezelerationstrauma
April 1994 (Anschlagen Nase an Bett im Camper) mit in der Folge über Jahre persistierenden Nackenschmerzen, Tinnitus, rascher Ermüdbarkeit, schlussendlich
restitutio
ad integrum
;
-
HWS-Distorsionstrauma infolge Heckauffahrkollision als Fahrerin 2010 (keine Akten) mit gemäss Angaben der Versicherten über längere Zeit vorhandene
n
Nackenschmerzen, unkontrollierbarem generalisier
tem Zittern, schlussendlich
restitutio
ad integrum
;
-
e
rneutem HWS-Distorsionstrauma durch Heckauffahrkollision (als Bei
fahrerin) am 2
4.
September 2017 mit bis heute persistierender Symp
tomatik
.
-
Tiefnormale linksventrikuläre Auswurffraktion (50-55
%
, TEE vom 2
6.
Februar 2020)
-
Status nach
Spontandissektion
Typ II mit 70%iger Stenosierung des
1.
Posterolateralastes
I (RCX) mit sekundärer schwerer
Takotsubo
-Kardio
myopathie Oktober 2019 mit/bei
-
Kardiogenem Schock mit LVEDP von 45
mmHg
am 2
4.
Oktober 2019
-
Status nach Intubation bei respirator
i
scher Erschöpfung sowie Einlage einer IABP (intraarterielle Ballonpump
e
) von femoral rechts
-
Koronarangiographisch am 2
4.
Oktober 2017 70%-
ige
langstreckige Stenose des PLA1-Abgangs bei Wandhämatom (
Spontan
dissektion
Typ I), übrige
Kor
o
narien
ohne relevante Stenosierung
-
Linksventrikuläre Auswurffraktion initial 20
%
bei
midventrikulärer
und apikaler Akinesie
-
Kongenitale Schwerhörigkeit beidseits mit Zustand nach Hörgeräteversor
gung
-
Tinnitus beidseits mittelgradig kompensiert
Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit würden die folgenden Diagnosen bleiben (S. 12):
-
Arterielle Hypertonie mit hypertensiver Kardiopathie, aktuell gut kontrol
lierte Blutdruckwerte
-
Status nach Nausea und rezidivierendem Erbrechen unklarer Ätiologie 2019 mit konsekutiver Hypokaliämie, DD: psychosomatisch
-
Status nach Soor-Ösophagitis November 2019, behandelt mit einmaliger Gabe von
Difluxan
400 mg
i.v.
am 1
2.
November 2019
-
Tendenz zur
Hyperlaxizität
-
Anamnestisch Status nach
Supinationstrauma
rechts und in der Folge operativem Eingriff am
Malleolus
, seitdem beschwerdefrei
-
Sonstige negative Kindheitserlebnisse mit Status nach Gewalterfahrung und emotionaler Deprivation in der Kindheit
In der bisherigen Tätigkeit als Angestellte
beim
Einwohneramt
A.___
sei die Beschwerdeführerin aus psychiatrischen Gründen nicht mehr arbeitsfähig (S. 17).
In einer angepassten Tätigkeit, ohne Hektik, ohne Führungsfunktion
und ohne Schichtarbeit, sei die Beschwerdeführerin aus psychiatrischer Sicht noch
vier
Stunden täglich einsetzbar, ohne Verminderung des Rendements. Eine Verbesse
rung des psychischen Gesundheitszustandes müsse ab Februar 2021 definitiv angenommen werden, eine mögliche frühere Verbesserung lasse sich aufgrund der Akten nicht exakt eruieren. Aus rheumatologischer Sicht sei in einer optimal angepassten Tätigkeit von einer vollständigen Arbeitsfähigkeit aus
zugehen, aus neurologischer Sicht bestehe ein erhöhter Pausenbedarf von 10
%
, aus
otoneuro
logischer
Sicht bestehe eine Einschränkung in der Leistungsfähigkeit von 20
%
(S. 18 f.).
Für die Zeit ab dem 2
4.
September 2017 sei von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit für die Dauer bis maximal neun Monaten auszugehen. Ab Juli 2018 sei in einer angepassten Tätigkeit von einer vollschichtigen Arbeitsfähigkeit auszugehen mit einer Leistungseinschränkung von 10
%
.
Ab
dem 2
4.
Oktober 2019 bis Februar 2020 bestehe wieder eine volle Arbeitsfähigkeit (richtig: Arbeitsunfähigkeit) für sämtliche Tätigkeiten (S. 19 f.).
3.2
3.2.1
Das vorliegende
Z.___
-Gutachten legt den medizinischen Sachverhalt hinsicht
lich der im Zeitpunkt des Gutachtens geltenden Arbeitsfähigkeit in einer nach
vollziehbaren Weise dar.
Die nunmehr attestierte Arbeitsfähigkeit von 50
%
ergibt sich dabei insbesondere aufgrund der psychischen Einschränkungen. Dabei
kann die Situation im Zeitpunkt der Begutachtung
nicht mit
jener
im Zeitpunkt
der
durchgeführten
beruflichen Massnahmen
im Sommer 2019 verglichen werden, ist es doch seither zu einer Verbesserung der depressiven Problematik gekommen (
Urk.
7/27
5/153
). Auch wenn im Rahmen des psychiatrischen Teilgut
achtens eine Eingewöhnungszeit und berufliche Massnahmen als notwendig erachtet
wurden
(
Urk.
7/275/151), ergibt sich dies aus der Konsensbeurteilung nicht mehr. Dabei kann auf die abschliessende Gesamteinschätzung abgestellt werden. Zum einen fand eine Konsensbesprechung statt, sodass sich
Dr.
med.
B.___
als für den psychiatrischen Teil verantwortlicher Facharzt direkt ein
bringen konnte. Zum anderen verbleiben aus psychiatrischer Sicht allein die Diagnosen leistungsorientierte, pflichtbewusste, selbstunsichere Persönlichkeits
züge (ICD-10 Z73.0) sowie anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4) nach mehreren Unfällen. Aus diesen Diagnosen auf eine 50%ige
Arbeits
fähigkeit in einer optimal angepassten Tätigkeit zu schliessen erscheint im Ver
gleich mit ähnlich gelagerten Fällen
prima
vista
als wohlwollend,
vermag aber
unter Berücksichtigung der langjährigen Entwicklung der Beschwerden, der mehrfachen HWS-Distorsionen sowie der nunmehr aufgetretenen Herzprobleme zu überzeugen.
Für die Zeit ab Februar 2021 ist demnach in einer optimal angepassten Tätigkeit von einer Arbeitsfähigkeit von 50
%
auszugehen. Aufgrund der Ausführungen im Gutachten ist die bisherige Tätigkeit nicht mehr zuzumuten, was im Rahmen des Einkommensvergleichs zu berücksichtigen sein wird.
3.2.2
Nicht zu überzeugen vermag die gutachterliche Einschätzung jedoch hinsichtlich der retrospektiven Beurteilung der Leistungsfähigkeit in der Zeit ab Juli 2018 bis zum Ereignis vom 2
4.
Oktober 201
9.
Die nach einer Angewöhnung als möglich erachtete Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit von 100
%
mit einer Leistungseinbusse von 10
%
widerspricht sowohl den echtzeitlichen ärztlichen Berichten wie auch den Erfahrungen im Rahmen der beruflichen Eingliederung. So ging
Dr.
med.
C.___
vom
D.___
Zentrum für funktionelle Medizin in seinem Bericht vom
4.
Dezember 2018 von einer Arbeitsfähigkeit von 20
%
aus (
Urk.
7/168),
während
Dr.
med.
E.___
, Facharzt FMH für orthopädische Chirur
gie und Traumatologie des Bewegungsapparates, in seinem Bericht vom 2
7.
September 2019 eine solche von 2-3 Stunden pro Tag als möglich erachtete (Urk. 7/199). Im Rahmen der Potentialerhebung der IV-Stelle war die Beschwer
deführerin ab dem 1
1.
März 2019 für drei Stunden pro Tag präsent. Sie sei aber trotz guter Motivation deutlich an ihre Belastungsgrenze gekommen. Für die wei
tere Integrationsmassnahme wurde eine Einstiegspräsenz von 2 Stunden pro Tag empfohlen (
Bericht vom
1
5.
April 2019;
Urk.
7/177 S. 5). Ziel der weiterführen
den Arbeitsintegration ab dem
3.
Juni 2019 war es dabei,
eine Präsenz
von mindestens 50
%
eines vollen Pensums zu erreichen (
Urk.
7/188).
Vor diesem Hintergrund ist für die Zeit ab
1.
September 2018 (
frühstmöglicher
Rentenbeginn) bis
zum Ereignis
vom 2
4.
Oktober 2019
mit überwiegender Wahr
scheinlichkeit von einer Arbeitsfähigkeit von rund 30
%
auszugehen. In der Zeit vom 2
4.
Oktober 2019
bis Januar 2021 liegt unbestrittenermassen eine volle Arbeitsunfähigkeit vor.
4
.
4
.1
Gestützt auf das
Z.___
-Gutachten ist davon auszugehen, dass die Beschwerde
führerin
in ihrer Arbei
tsfähigkeit insbesondere durch die psychischen Probleme eingeschränkt ist
; entsprechend der Rechtsprechung des Bundesgerichts ist damit ein strukturiertes Beweisverfahren durchzuführen.
Dabei ist davon abzusehen, einzelne Beschw
erden und Störungen ohne Einzel
fall
prüfung wegen grundsätzlich fehlender invalidenversicherungsrechtlicher Rele
vanz
auszuscheiden (vgl. BGE 143 V 418 E. 8.1). Indes gilt unverändert, dass ein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden nur gegeben sein kann, wenn das klinische Beschwerdebild nicht einzig
in psychosozialen und soziokul
turellen Umständen seine Erklärung findet, so
ndern davon psychiatrisch unter
scheidbare Befunde umfasst (Urteil des Bundesgerichts 9C_732/2017 vom
5.
März 2018 E.
4.3.1 mit Hinweis).
Aufgrund des Gutachtens ist dabei davon auszugehen, dass die Einschränkung in der Leistungsfähigkeit auf die festgestellten psychiatrischen Befunde zurückgeführt werden können; es finden sich keine Hinweise auf sozio
kulturelle oder psychosoziale Faktore
n, vielmehr werden die Einschränkungen
der
Arbeitsfähigkeit mit den gestellten Diagnosen begründet (
Urk.
8/275 S. 12 ff.).
4
.2
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V
281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
4
.3
4
.3.1
Auch wenn allein gestützt auf die Diagnoseliste
– verglichen mit ähnlich gela
gerten Fällen - auf den ersten Blick eher von leichten bis mittelgradigen Ein
schränkungen auszugehen wäre,
liegen im
konkreten Fall – entsprechend der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch die Gutachter –
erhebliche Einschrän
kungen vor
. So ist durch die Akten mehrfach belegt, dass die Beschwerdeführerin bereits vor der Herzerkrankung ihre Grenzen nicht wahrgenommen und regel
mässig überschritten hat (
Urk.
8/275 S. 14) und dabei trotz ihrem Einsatz – etwa im Rahmen der beruflichen Eingliederung im Sommer 2019 (vgl.
Urk.
8/177) – ihre
Leistungsfähigkeit nicht nachhaltig verbesser
n
konnte. Aufgrund der im Oktober 2019 neu hinzugekommenen Herzprobleme ist mittlerweile von multi
plen, teilweise langjährigen gesundheitlichen Problemen und damit von einer ausgeprägten Komorbidität auszugehen. Die aus psychiatrischer Sicht attestierte Einschränkung von 50
%
auch in einer angepassten Tätigkeit ist vor diesem Hin
tergrund nicht zu beanstanden und wird dem langjährigen Krankheitsgeschehen sowie der Therapieresistenz gerecht.
Weiter ist auch von weiteren therapeutischen Möglichkeiten
kein nennenswerter Nutzen im Hinblick auf die Arbeitsfähigkeit zu erwarten (
Urk.
8/275 S. 20 f.).
4
.3.2
Was den Komplex «Persönlichkeit» betrifft, ist
aufgrund der langen K
rankheits
dauer
sowie der mannigfaltigen Einschränkungen nur
noch von
mässigen
Ressourcen auszugehen
. Dabei ist insbesondere zu beachten, dass die Beschwer
deführerin extrem leistungsorientiert und pflichtbewusst ist, was immer wieder zu Überschreitungen der Belastungsgrenze geführt hat. Zudem ist im Anschluss an den Herzstillstand
mit Lebensgefahr
von einer weiteren Verunsicherung hin
sichtlich der Leistungsfähigkeit auszugehen.
Aufgrund der genannten Ausführungen ist insgesamt
doch
von
deutlich
einge
schränkten persönlichen Ressourcen auszugehen.
4
.3.
3
Bei der Beurteilung des sozialen Kontexts ist zu berücksichtigen, dass die Beschwer
deführerin
nach der Trennung von ihrem langjährigen Partner
nach dem Herzstillstand
seit 2020 alleine lebt
, durch den damit zusammenhängenden Wohn
ortwechsel aber durch ihre Familie mehr Hilfe erhält
, so dass sie auf Bezie
hungsebene
immerhin
auf
mässige Unterstützung zurückgreifen kann
(Urk.
7
/
275
/
9 und
149
).
4
.3.
4
Bei der Beurteilung von möglichen
Inkonsistenzen
(Autofahrt zum Termin, Konzentrationsfähigkeit während der Untersuchung)
führten die
Z.___
-Gutachter aus, dass dabei
die leistungsorientierte Persönlichkeitsstruktur sowie die Lebensgeschichte der Beschwerdeführerin zu berücksichtigen
sei
. So sei aus psychiatrischer Sicht festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin nicht jammere, nicht aggraviere und auch
keine
Verdeutlichungstendenz ihrer Symptome zeige. Zu berücksichtigen sei auch der enorme Leistungsdruck, welchen die Beschwer
deführerin an sich selbst stelle (
Urk.
7/275/141
). Aktuell bestehe eine Einschrän
kung des Aktivitätsniveaus in vergleichbaren Lebensbereichen, wobei Corona dabei auch ein
e
Rolle spiele (Urk. 7/275/152).
4
.3.5
Weiter hielten die Gutachter fest, dass aufgrund des
langjährigen Krankheitsver
laufs sowie der 2019 aufgetretenen Herzprobleme
nunmehr davon auszugehen sei, dass
die Beschwerdeführerin psychiatrisch zwischen «Stühle und Bänke» geraten
sei
(
Urk.
7/275 S. 14)
. Weiter ist aufgrund der bereits vor den Herzbe
schwerden gescheiterten beruflichen Eingliederung mittlerweile doch von einem
gewisse
n
Leidensdruck
auszugehen.
4
.4
In einer Gesamtwürdigung der massgebenden Standardindikatoren ist die Ein
schätzung des Leistungsvermögens durch die
Z.___
-Gutachter nicht zu bean
standen.
Die attestierte
50%ige
Arbeitsfähigkeit in einer optimal angepassten Tätigkeit widerspiegelt die langjährige Krankheitsgeschichte bei zeitweise zu hohen Anforderungen der Beschwerdeführerin an die eigene Leistungsfähigkeit sowie bisher missglückter beruflicher Wiedereingliederung. Auf der anderen Seite verfügt
die Beschwerdeführerin
über eine stabile
Wohnsituation und über gewisse persönliche Ressourcen, welche bei im Zeitpunkt der Begutachtung remittierter depressiver Erkrankung genutzt werden können.
Damit ist
für die Zeit ab Februar 2021 in einer optimal
angepassten Tätigkeit von einer Arbeitsfähigkeit von 50 % auszugehen.
4
.5
Die Beschwerdegegnerin
und ihr Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD) erachteten das
Z.___
-Gutachten und insbesondere das psychiatrische Teilgutachten als sorgfältig und ausführlich, weshalb vollständig darauf abgestellt werden könne (Urk. 7/282/14). Sie
gingen aber
- anders als die Gutachter -
davon aus, dass es sich bei der ange
stamm
ten Tätigkeit der Beschwerdeführerin als Kanzleisekretärin
bei der Bezirksverwaltung
A.___
(Urk. 7/290) um eine optimal angepasste Tätigkeit handle.
Die Beschwerdegegnerin
argumentierte
verfügungsweise
ins
besondere damit, dass
die ange
stamm
te
Tätigkeit keine Führungsfunktionen beinhalte, auch wenn die Beschwerdeführerin für die Betreuung und Ausbildung der KV-Lernenden im ersten Lehrjahr zuständig gewesen sei (Urk. 4/2/2/4).
Dem ist entgegen zu halten, dass auch die Gutachter nicht von eigentlichen Führungs
funktionen ausgingen und zum Tätigkeitsprofil in der ange
stamm
ten Tätigkeit lediglich notierten: «Führung Kanzleisekretariat, Telefonzentrale/Schalter, Unter
stützung Landschreiber, Organisation Bezirksanlässe, Führung Sekretariat Einbürgerungsbehörde» (Urk. 7/275/7). Mit Verweis auf den Arbeitgeberfrage
bogen vom
7.
Mai 2018 (Urk.
7/146/3
)
und die Berufsunterlagen vom 1
9.
Dezember 2018
(Urk.
7/169/1
)
führten die Gutachter aus, dass die Anforde
rungen/Belastungen hinsichtlich Konzentration/Aufmerksamkeit, Sorgfalt sowie Auffassungs- und Durchhaltevermögen
in dieser Tätigkeit
gross gewesen seien. Unter dem Titel «Führung Kanzleisekretariat» wird damit klarerweise der kom
plexe Bereich der Sekretariatsaufgaben erfasst und sind damit keine Führungs
aufgaben im
betriebswirtschaftlichen
Sinn gemeint. Dass die Beschwerdeführerin i
n
diesem «
Multitaskingumfeld
mit hohen kognitiven Anforderungen» (Urk. 7/275/153)
auch ohne eigentliche Führungsaufgaben
nicht mehr bestehen kann, ergibt sich zweifelsfrei aus der nachvollziehbaren Einschätzung des psychiatrischen Gutachters (vgl. E. 3.2.1 und E.
4
.3). Somit ist gestützt auf die Ausführungen der
Z.___
-Gutachter - und entgegen der Ansicht der Beschwer
degegnerin - davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin ihre ange
stamm
te Tätigkeit aus
psychischen
Gründen nicht mehr ausführen kann.
5
.
5
.1
Bei dieser Ausgangslage ist der Invaliditätsgrad anhand eines Einkommens
vergleichs zu ermitteln.
Die Beschwerdeführerin war zuletzt im Jahr 2016 ohne nennenswerte Einschrän
kung erwerbstätig und konnte dabei ein Einkommen von
Fr.
86'902.--erzielen (
Urk.
7/145). Aufgrund der eingetretenen
Nominallohnentwicklung
führt dies im Zeitpunkt des früh
e
stmöglichen Rentenbeginns per 2018
(
BFS, Entwicklung der Nominallöhne, der Konsumentenpreise und der Reallöhne, T39, Frauen, Stand 2016: 2709, Stand 2018: 2732
)
zu einem massgebenden
Valideneinkommen
von Fr.
87
'
639
.
8
0.
5
.2
Aufgrund der Ausbildung der Beschwerdeführerin
sowie ihrer langjährigen Berufserfahrung
ist
für die Ermittlung des Invalideneinkommens auf die Werte des
Kompetenzniveau
s
2
abzustellen. Im Bereich des Sektors Dienstleistungen
(45-96) führt dies per 2018 zu einem monatlichen Einkommen in der Höhe von
Fr.
4'810.--
, was nach Berücksichtigung der durchschnittlichen Arbeitszeit von 41,7 Stunden pro Woche
(
BFS, Betriebsübliche Arbeitszeit nach Wirtschaftsab
teilungen, T03.02.03.01.04.01
)
zu einem massgebenden Jahreseinkommen von Fr. 6
0
'
173
.
1
0 führt. Bei einem zumutbaren Pensum von
50
%
führt dies zu einem
massgebenden
Invalideneinkommen von
Fr.
30
’
086
.
5
5.
Dies führt für die Zeit ab Februar 2021 zu einem
Invaliditätsgrad von
66
% ([Fr.
87'639.80
- Fr.
30’086.55
] x 100 / Fr.
87'639.80
=
65
.6
7
).
Selbst wenn man aufgrund der Tatsache, dass die Beschwerdeführerin im Kompetenzniveau 2 auf ein stressfreies Umfeld angewiesen ist und zudem auch aus rheumatologischer, neurologischer und
otoneurologischer
Sicht Anforderungen an einen ange
passten Arbeitsplatz gestellt werden (vgl. E. 3.1), einen leidensbedingten Abzug in der Höhe von 10
%
vornähme, würde sich dies bei einem Invaliditätsgrad von 69
%
nicht rentenrelevant auswirken ([Fr. 87'639.80 - Fr. 27’077.90] x 100 / Fr. 87'639.80 = 69.10).
Zu
m
identischen Ergebnis führte ein Abstellen auf
die Werte der Tabelle T17 der LSE 2018, Bürokräfte und verwandte Berufe
(vgl. hierzu Urteil des Bundesgerichts 8C_735/2021 vom 1
7.
März 2022 E. 4.3)
. Frauen im Alterssegment der Beschwer
deführerin erzielten ein Einkommen von
Fr.
5'958.--, was aufgerechnet auf die betriebsübliche Arbeitszeit von 41.7 Stunden (
Betriebsübliche Arbeitszeit nach Wirtschaftsabteilungen 1990-2021, Bundesamt für Statistik) bei einer 50%igen Arbeitsfähigkeit zu einem Einkommen von
Fr.
37'267.-- führt. Da dieser Lohn auf zuweilen stressigen Tätigkeiten im Bürobereich basiert, erweist sich bei dieser Berechnungsweise ein Abzug vom Tabellenlohn von 10
%
als zwingend (Urteile des Bundesgerichts 9C_955/2011 vom
7.
November 2012 E. 5.3 und 8C_297/2018 vom
6.
Juli 2018 E. 4.3). Damit resultiert ein Invalideneinkommen von
Fr.
33'541.-- und ein Invaliditätsgrad von 62
%
.
5
.3
Zu prüfen bleibt weiter der Rentenbeginn bei Ende des Wartejahres per 2
3.
September 2018
und einer ersten Eingliederungsberatung am 1
9.
Dezember 2018 (
Urk.
7/171).
Kann die Erwerbsfähigkeit einer versicherten Person voraussichtlich durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder hergestellt
, erhalten oder verbes
sert w
erden, so greift der Grundsatz «
Eingliederung vor Rente
»
(vgl.
Art. 28 Abs. 1 lit. a IVG) bzw. «
Eingliederung statt Rente
»
. Nur wenn keine entsprechenden Massnahmen (mehr) in Frage kommen, kann ein Rentenanspruch bejaht werden; andernfalls sind vorab geeignete Eingl
iederungsmassnahmen anzuordnen
. Nach der gesetzlichen Konzeption kann eine Rente vor der Durchführung von Einglie
derungsmassnahmen (allenfalls auch rückwirkend) nur zugesprochen werden,
wenn die versicherte Person wegen ihres Gesundheitszustandes nicht oder noch nicht eingliederungsfähig war. Dass der Rentenanspruch grundsätzlich erst nach Beendigung der Eingliederungsmassnahmen entstehen kann, gilt dabei selbst im Fall, dass diese nur einen Teile
rfolg brachten oder scheiterten
. Anders verhält es sich nach Abklärungsmassnahmen, die zeigen sollen, ob die versicherte Person überhaupt eingliederungsfähig ist, und die dann ergeben, dass dies nicht zutrifft; diesfalls kann eine Rente rückwirkend zugesprochen werden (
BGE 148 V 397
E. 6.2.4 mit Hinweisen u.a. auf BGE 121 V 190
).
Aufgrund der medizinischen Akten ist frühestens ab Dezember 2018 von einer 20%igen Arbeitsfähigkeit in einem wohlwollenden Umfeld auszugehen (Urk. 7/168). Dies entspricht dem Vorgehen der Beschwerdegegnerin, welche ein erstes Gespräch
betreffend berufliche Eingliederung
am 1
9.
Dezember 2018 durchführte. Für die Zeit ab
1.
September 2018 ist damit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin aufgrund
ihres Gesundheitszustandes nicht oder noch nicht eingliederungsfähig war.
Vor diesem Hintergrund hat
sie
ab dem
1.
September 2018 Anspruch auf eine ganze Rente.
Für die Dauer der beruflichen Eingliederung bis zum Ereignis vom 2
4.
Oktober 2019 ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von einer Arbeitsfähigkeit von rund 30
%
auszugehen, was unter Berücksichtigung des
vergleichsweise
hohen
Valideneinkommens
auch in dieser Zeit
grundsätzlich
zu einem Anspruch auf eine ganze Rente führt
, wobei
rechtsprechungsgemäss für den Zeitraum des Tag
geldbezugs der Taggeldanspruch den Rentenanspruch unterbricht Meyer/Reich
muth, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, 4. Aufl. 2022, N. 11 zu Art. 29 mit weiteren Hinweisen)
. Gleiches gilt in der Zeit ab 2
4.
Oktober 2019 bis 3
1.
Mai 2021 (Begutachtung am 1
6.
Februar 2021).
5
.4
Zusammengefasst
hat die Beschwerdeführerin demnach ab
1.
September 2018
unter Vorbehalt eines vorgehenden Taggeldanspruchs
nach
IVG
Anspruch auf eine ganze Rente und ab
1.
Juni 2021 Anspruch auf eine Dreiviertelsrente der Invalidenversicherung. Die
s
führt zur teilweisen Gutheissung der Beschwerde.
6
.
6
.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV
Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 800.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Ver
fahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
6
.2
Ausgangsgemäss ist die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, der Beschwerdefüh
rerin eine angemessene Prozessentschädigung zu bezahlen, welche in Anwen
dung von
Art.
61 lit. g ATSG, namentlich unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses auf
Fr.
2
'
9
00.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.
Vorliegend hat das in der Beschwerde gestellte Rentenbegehren den Prozessaufwand nicht beeinflusst. Das bloss teilweise Obsiegen in diesem Punkt rechtfertigt deshalb keine Reduktion der Parteientschädigung
(vgl. BGE 117 V 401 E. 2c)
.
Das Gericht erkennt:
1.
In teilweiser Gutheissung der Beschwerde
werden die
Verfügungen vom 2
9.
April 2022
aufgehoben und es wird festgestellt, dass die Beschwerdeführerin
unter Vorbehalt eines vorgehenden Taggeldanspruchs
nach
IVG
ab
1.
September 2018 Anspruch auf eine ganze Rente und ab
1.
Juni 2021 Anspruch auf eine Dreiviertelsrente hat.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
800
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird
verpflichtet,
der Beschwerdeführerin
eine Parteientschä
digung von
Fr.
2’900
.-- (
inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer
) zu bezahlen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt
Dr.
Ronald Pedergnana
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundesge
setzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebenten Tag vor Ostern bis und mit dem siebenten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit dem 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift
der
beschwerdeführenden
Partei oder ihrer Rechtsvertretung
zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDer Gerichtsschreiber
GräubSchetty