# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 4756bbe2-88af-5eeb-9d35-953f882772d1
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-06-27
**Language:** de
**Title:** Ungenügende Abklärungen des medizinischen Sachverhaltes insbesondere bei Hinweisen auf ein invalidenversicherungsrechtlich relevantes psychisches Leiden, Rückweisung.
**Docket/Reference:** IV.2022.00505
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2022.00505.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2022.00505
V. Kammer
Sozialversicherungsrichter Vogel, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Philipp
Ersatzrichterin Curiger
Gerichtsschreiberin Schilling
Urteil
vom
27. Juni 2023
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Rechtsanwalt Peter Egli
Rechtsanwälte Pfau und Egli
Stadthausstrasse 12, Postfach 2197, 8401 Winterthur
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
Die 1970 geborene
X.___
meldete sich am
3
1.
Mai
20
17
(Eingangsdatum) unter Hinweis auf eine
COPD-2-Erkrankung
erstmals bei der Sozialversiche
rungsan
stalt des Kantons
Zürich
, IV-Stelle, zum
Leistungs
bezug an (
Urk.
7/1
8
).
Nach
medizinischen und erwerblichen Abklärungen sowie der
Durchführung einer Abklärung der beeinträchtigten Arbeitsfähigkeit in Beruf und Haushalt (
Urk.
7/
34) wurde das Leistungsbegehren bei einem Invaliditätsgrad von 15 % m
it Verfügung vom 1
3
. März 20
18
abgewiesen
(
Urk.
7/
38
).
Am
24. Februar 2021
(Eingangs
datum)
meldete sich
die Versicherte unter Angabe
eines Hirntumors
sowie
der
bereits
bekannten COPD-2-Erkrankung erneut
bei der IV-Stelle
zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/45).
Die IV-Stelle klärte im Folgenden den erwerblichen und medizi
ni
schen Sachverhalt ab und stellte mit Vorbescheid vom
14. Juni 2021
die Abwei
sung des Leistungsbegehrens in Aussicht (
Urk.
7/6
2
). Nach Eingang des Einwan
des vom
16. August 2021
(
Urk.
7/6
7
)
sowie
der
ergänzenden Begründung vom 15. Juli 2022 (
Urk.
7/82),
mit welche
n
neu
auch psychische Beschwerden
geltend gemacht wurden,
wies die IV-Stelle das Leis
tungsbegehren wie angekündigt mit Verfügung vom
26. Juli 2022
ab (
Urk.
2,
7/
89
).
2.
Dagegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 1
4
.
September
2022 Beschwerde beim Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich und beantragte, dass die Verfügung
vom 2
6
. Juli 2022
aufzuheben und ihr
eine angemessene
Invalidenrente zu
zusprechen
sei. Eventualiter sei ein
polydisziplinäres
Gutachten
(internistisch, neurologisch, psychiatrisch)
in Auftrag zu geben. In prozessualer Hin
sicht stellte sie ein Gesuch um unentgeltliche Prozess
führung und Rechtsver
tretung sowie
um
Durchführung einer mit den Normen der EMRK übereinstimmenden, öffentlichen Verhandlung
(
Urk.
1 S. 2). Mit Verfügung vom
19
.
September
2022 wurde
ihr Frist
zum Nachweis ihrer Bedürftigkeit angesetzt (
Urk.
4). Mit Beschwer
deantwort vom
17. Oktober 2022
beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Be
schwerde (
Urk.
6)
und am 22. November 2022 reichte die Beschwerdeführerin das Formular zur Abklärung der prozessualen Bedürftigkeit samt Beilagen ein (
Urk.
9, 10
, 11)
.
Mit Verfügung vom 1. Dezember 2022 wurde die Beschwerdeführerin über die Beschwerdeantwort der Beschwerdegegnerin in Kenntnis gesetzt
(
Urk.
12)
.
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen).
Da der Zeitpunkt des Invaliditätseintritts (Art. 28 Abs. 1 und 1
bis
IVG) und jener des Rentenanspruchs nicht unbedingt identisch sind, fällt eine Invalidenrente unter das neue Recht, wenn der Anspruchsbeginn ab dem 1. Januar 2022 liegt, auch wenn die Invalidität vor diesem Zeitpunkt eingetreten ist. Neurechtliche Invalidenrenten sind somit Renten, auf die gemäss Art. 29 Abs. 1 und 2 IVG der Anspruch ab dem 1. Januar 2022 entsteht (
vgl.
Rz
. 1008
des Kreisschreibens
zu den Übergangsbestimmungen zur Einführung des linearen Rentensystems
, K
S ÜB WE IV
, gültig ab 1. Januar 2022
).
Die angefochtene Verfügung erging nach dem 1. Januar 2022.
Da die Entstehung eines Rentenanspruchs vorliegend bereits vor dem 1. Januar 2022 in Betracht fällt, sind die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.4
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
IVG
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit
ist jedoch nicht ohne W
eiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.5
Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen (E. 7.2; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.1).
Entscheidend ist dabei, unabhängig von der diag
nostischen Einordnung des Leidens, ob es gelingt, auf objektivierter Beurteilungs
grundlage den Beweis einer rechtlich relevanten Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit zu erbringen, wobei die versicherte Person die materielle Beweislast zu tragen hat (BGE 143 V 409 E. 4.5.2 unter Hinweis auf BGE 141 V 281 E. 3.7.2
; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3
).
1.
6
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
benenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
1.
7
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1
des
Gesetz
es
über das Sozialversicherungsgericht
,
GSVGer
).
Bei ungenügenden Abklärungen durch den Versicherungsträger holt die Beschwerdeinstanz im Regelfall ein Gerichtsgutachten ein, wenn sie einen (im Verwaltungsverfahren anderweitig erhobenen) medizinischen Sachverhalt überhaupt für gutachterlich abklärungsbedürftig hält oder wenn eine Administrativexpertise in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig ist. Die betreffende Beweiserhebung erfolgt alsdann vor der – anschliessend reformatorisch entscheidenden – Beschwerdeinstanz selber statt über eine Rückweisung an die Verwaltung. Eine Rückweisung an den Versicherungsträger bleibt hingegen möglich, wenn sie allein in der notwendigen Erhebung einer bisher vollständig ungeklärten Frage begründet ist. Ausserdem bleibt es dem kantonalen Gericht (unter dem Aspekt der Verfahrensgarantien) unbenommen, eine Sache zurückzuweisen, wenn lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachterlichen Ausführungen erforderlich ist (B
GE 139 V 99 E. 1.1, 137 V 210
E. 4.4.1.4
m.w.H
.; Urteil des Bundesgerichts 9C_354/2020 vom 8. September 2020 E. 2.1)
.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog, dass
aufgrund der eingeholten Arztberichte weder aus neurochirurgischer noch aus augenärztlicher Sicht eine langandauernde Einschränkung vorliege, welche die Arbeitsfähigkeit beeinträchtige. Auch die chronische Lungenerkrankung sei stabil
und seit dem letzten Entscheid der Beschwerdegegnerin unverändert
. Sodann könne aufgrund des Befundes im psychiatrischen Bericht auch nicht von einer schweren psychischen Einschränkung ausgegangen werden (
Urk.
2).
2.2
Die Beschwerdeführerin brachte demgegenüber im Wesentlichen vor, dass
die Beschwerdegegnerin den medizinischen Sachverhalt nicht genügend abgeklärt habe. Aufgrund de
r
Berichte des ehemaligen Psychiaters sei erstellt, dass sie an einer schweren psychiatrischen Erkrankung leide und gegenwärtig zu 100 % arbeitsunfähig sei.
Zudem
habe sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert und es
sei davon auszugehen, dass sich erneut Krebszellen im Gehirn gebildet hätten.
Bei dieser Ausgangslage wäre die Beschwerdegegnerin verpflichtet gewesen, weitere
medizinische
Abklärungen vorzunehmen
(
Urk.
1).
3.
3.
1
Im Bericht
des
Spitals Y.___
vom 18. Juli 2017 diagnostizierte
n dessen Ärzte
eine chronisch obstruktive
Pneumopathie
Gold Stadium II, Risikogruppe B, mit apikal betontem
zentrilobulärem
Lungenemphysem und einer mittelschweren CO-Diffusionsstörung. Aufgrund dieser Erkrankung wurde in der angestammten Tätigkeit eine medizinisch-theoretische Ateminvalidität von 30 bis 35 % festgelegt und statuiert, dass die Beschwerdeführerin nur leichte bis mittelschwere körperliche Tätigkeiten
ohne inhalative Noxen
verrichten dürfe, wobei eine Wiederaufnahme der Berufstätigkeit mit einem Pensum von maximal 50 % beginnend langsam zu steigern
sei
(
Urk.
7/30)
. Mit Bericht vom 6. April 2021
führte
Dr. med.
Z.___
,
Spital Y.___
,
sodann aus,
die Beschwerdeführerin am 17. Januar und 17. Juli 201
8
noch zweimalig
in der pneumologischen Sprechstunde
gesehen zu haben, wobei sich die Lungenfunktion in etwa vergleichbar zur Lungenfunktion vom 14. Juli 2017 gezeigt habe (
Urk.
7/52).
3.2
Dr. med.
A.___
, Facharzt für Gehirn- und Nervenchirurgie (Neurochirurgie) und Oberarzt an der Klinik für Neurochirurgie
des Universitätsspitals B.___
,
berichtete
am
8. März und 27. April 2021,
dass bei der Beschwerdeführerin im Oktober 2018
eine Grossteil-Resektion eines lateralen
Keilbein
flügel
meningeom
e
s
und anschliessend eine
adjuvante
Protonenbestrahlung
am PSI
durchgeführt worden
sei. Im Frühjahr
2021
habe
die Beschwerdeführerin über eine subjektive Verschlechterung des
Visus
des rechten Auges und eine intermittierende
periorbitale
Schwellung rechts mit starker Fluktuation berichtet. In der am 8.
März
2
021 durchgeführten MRI-Untersuchung
des Gehirns
hätten sich stationäre
residuelle
kleine Tumoranteile im Bereich der
Orbitaspitze
und retroorbital rechts ohne Hinweis auf Grössendynamik im Verlauf gezeigt. Eine anschliessend bei
Dr. med.
C.___
, Fachärztin FMH für Augenkrankheiten (Ophthalmologie),
durchgeführte opht
h
almologische Verlaufskontrolle habe keinen Hinweis auf objektivierbare neue
Visuseinschränkungen
bei erhaltenem Gesichtsfeld gezeigt
(vgl. Bericht vom 4. März 2021,
Urk.
7/48)
.
Damit bestehe
aus neurochirurgischer Sicht aktuell
eine
stabile Situation ohne Hinweis auf Progression des
Resttumores
im Bereich des lateralen Keilbeinflügels rechts ohne objektivierbare Verschlechterung des neurologischen Zustandes. Eine nächste Verlaufskontrolle mit MRI des Gehirns
sei
in sechs Monaten geplant.
Zum aktuellen Zeitpunkt bestehe
keine Indikation zur erneuten neurochirurgischen Intervention
. A
us neurochirurgischer Sicht
bestünden
grundsätzlich
keine gravierende
n
neurologische
n
Einschränkung
en
, welche die Wiedereingliederungsmassnahmen verunmöglichen würde
n
(vgl.
Urk.
7/58).
3.3
Gestützt auf diese Berichte nahm RAD-Ärztin Dr. med.
D.___
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, am 11. Juni 2021 eine Stellungnahme vor und führte aus, dass
den aktenkundigen Arztberichten
gesamthaft betrachtet
keine objektivierbaren Befunde zu entnehmen
seien
, welche aus versicherungsmedizinischer Sicht eine höhergradige Arbeitsunfähigkeit als bisher wegen der chronischen Lungenerkrankung begründen würden (
Urk.
7/61/3 f.).
3.
4
Dr.
med.
E.___
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, berichtete am 28. Februar 2022, dass sich die Beschwerdeführerin am 19. November 2021 und am 10. Januar 2022 in seiner ambulanten Behandlung befunden habe. Er diagnostizierte eine Agoraphobie mit Panikattacken (ICD-10 F40.01) sowie eine Störung durch Opio
i
de, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig Teilnahme an einem ärztlich überwachten Ersatzdrogenprogramm (ICD-10 F11.22)
und
führte aus, dass die Beschwerdeführerin wach, bewusstseinsklar und 4-fach orientiert sei. Im Ko
n
taktverhalten sei sie freundlich und auskunftswillig. Der Antrieb sei gut, psychomotorisch sei sie unruhig und nervös. Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen seien im Gespräch nicht feststellbar, es beständen keine Merkfähigkeitsstörungen und keine Auffassungsstörungen. Weiter liege ein leicht gedrückter Affekt vor, während die Beschwerdeführerin affektiv schwingungsfähig sei. Im formalen Denken sei sie geordnet. Es beständen Panikattacken, jedoch keine Zwänge, kein Anhalt für Wahn, Halluzinationen oder Ich-Störungen. Der Appetit sei gut. Es
lägen
Durchschlafstörungen
vor
. Die Prognose bezüglich einer Besserung der Symptomatik und auch bezüglich der Arbeitsfähigkeit sei gut unter einer adäquat durchgeführten Psychotherapie und Pharmakotherapie
(
Urk.
7/81)
.
In einer E
-M
ail an den Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin führte Dr.
E.___
am 6. Juni 2022 sodann aus, dass er die Behandlung der Beschwerdeführerin nach drei Terminen beendet habe, da er keine Therapiemotivation habe erkennen können. Aufgrund der Schwere der Erkrankung sei die Beschwerdeführerin nach seiner Ansicht für
jedwelche
Tätigkeit zu 100 % arbeitsunfähig.
Sofern die Beschwerdeführerin für eine adäquate Therapie bereit sei, sei ein guter Verlauf mit einer deutlichen Verbesserung der Arbeitsfähigkeit zu prognostizieren. Wie hoch die Arbeitsfähigkeit dann ansteigen
würde
,
könne er
aktuell nicht beurteil
en
(
Urk.
7/85).
3.
5
RAD-Ärztin Dr.
D.___
nahm am 22. Juli 2022
erneut
Stellung
und führte aus
, dass die Diagnose eines schweren psychischen Gesundheitsschadens anhand des psychopathologischen Befundes, der eher blande formuliert sei, nicht nachvollzogen werden
könne
. Es werde lediglich eine psychomotorische Unruhe angegeben, während die Beschwerdeführerin ansonsten bewusstseinsklar
und
freundlich gewesen sei und keine Konzentrations-, Merkfähigkeits-, Auffassungs- oder Aufmerksamkeitsstörungen
aufgewiesen
habe und der formale Gedankengang geordnet
gewesen
sei. Die für einen derartigen Gesundheitsschaden häufig gleichzeitig vorliegenden depressiven und zwanghaften Symptome seien nicht
vorhanden
. Weiter werde ausdrücklich erwähnt, dass unter Therapie von einer guten Prognose auszugehen sei. Es liege somit eine gut behandelbare psychische Störung mit guter Prognose vor
. Die Behandlung sei von Dr.
E.___
aufgrund mangelnder Therapiemotivation der Beschwerdeführerin beendet worden, was für einen mangelnden Leidensdruck spreche. Zusammenfassend seien den Berichten von Dr.
E.___
keine hinreichend schweren Befunde zu entnehmen, welche aus versicherungsmedizinischer Sicht eine
andauernde Arbeitsunfähigkeit begründen
würden
(
Urk.
7/86/5 f.).
4.
4.1
Gestützt auf die aktenkundigen medizinischen Berichte ist das Vorliegen eines psychiatrischen Leidens mit Krankheitswert nicht auszuschliessen. So berichtete der die Beschwerdeführerin
vom 19. November 2021 bis 5. Mai 2022 behandelnde Dr.
E.___
in seiner Beurteilung vom 28. Februar 2022 sowie der
E
-M
ail vom 6. Juni 2022 von einer Agoraphobie mit Panikattacken (ICD-10 F40.01) sowie einer Störung durch Opioide, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig Teilnahme an einem ärztlich überwachten Ersatzdrogenprogramm (ICD-10 F11.22)
,
und attestierte der Beschwerdeführerin eine vollständige Arbeitsunfähigkeit (vgl.
Urk.
7/81, 7/85). Gemäss den Ausführungen in der Beschwerdeschrift vom 14. September 2022 befindet sich die Beschwerdeführerin zudem mittlerweile bei einem neuen Psychiater in engmaschiger Betreuung
(
Urk.
1 S. 6)
.
4.2
Die Beschwerdegegnerin verneinte in der angefochtenen Verfügung demgegen
über eine erhebliche gesundheitliche Einschränkung, die sich längerfristig auf die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin auswirke. Zur Begründung führte sie – gestützt auf die Stellungnahme der
RAD-Ärztin Dr.
D.___
vom 22. Juli 2022
– aus, dass
die Diagnose eines schweren psychischen Gesundheitsschadens aufgrund des
psychopathologischen
Befundes nicht nachvollziehbar und unter Therapie von einer guten Prognose auszugehen sei
(
Urk.
2).
4.3
Vorab ist darauf hinzuweisen,
dass die grundsätzliche Behandel
bar
keit einer Gesundheitsbeeinträchtigung einen Leistungsanspruch in der Invali
den
versicherung nicht per se ausschliesst (BGE 143 V 409 E. 4.4, BGE 127 V 294 E.
4b). Namentlich
steht die
Therapierbarkeit und/oder prognostizierte Besserungsfähigkeit eines Gesundheitsschadens der Ausrichtung einer Invalidenrente nicht im Weg, wenn im Zeitpunkt der Prüfung des Leistungs
anspruchs die Voraussetzungen erfüllt sind (Arbeitsfähigkeit von 40 % während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch und danach Erwerbsunfähigkeit von mindestens 40 %, Art. 28 Abs. 1
lit
. b und c IVG).
Zu betonen ist jedoch, dass eine fachärztlich festgestellte psychische Krankheit nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität ist, sondern in jedem Einzelfall eine Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose ausgewiesen sein muss (E. 1.4).
Zwar befand
sich d
ie Beschwerdeführerin bislang nicht in psychiatri
scher Behandlung und d
er
erstmals im Rahmen des
Einwand
verfahrens
aufgesuchte Psychiater
erhob
einen beinahe unauffälligen psychopathologischen Befund. Nachdem d
er
Psychiater
aufgrund der Schwere der Erkrankung indes
sen eine vollständige Arbeitsunfähigkeit attestierte und einen guten Verlauf mit einer deutlichen Verbesserung der Arbeitsfähigkeit unter adäquater
Therapie
prognostizierte
, kann
eine relevante gesundheitliche Beeinträchtigung
jedenfalls nicht zum Vornherein ausgeschlossen werden.
Dr.
E.___
mag
bei der Beschwerdeführerin keine Therapiemotivation
erkannt haben, weshalb er die
Therapie nach drei Sitzungen ab
brach
. Jedoch scheint sich die Beschwerdeführerin zwischenzeitlich anderweitig in psychologische Therapie begeben zu haben.
Ferner liess
das Bundesgericht
mit BGE 145 V 215
die bisherige Rechtsprechung fallen, wonach primäre Abhängigkeitssyndrome beziehungsweise Substanzkonsum
stö
rungen zum vornherein keine invalidenversicherungsrechtlich relevanten Ge
sund
heitsschäden darstellen können, und ihre funktionellen Auswirkungen des
halb
keiner näheren Abklärung bedürfen. Fortan ist
–
gleich wie bei allen anderen psy
chischen Erkrankungen
–
nach dem strukturierten Beweisverfahren zu ermitt
eln, ob und gegebenenfalls inwieweit sich ein fachärztlich diagnostiziertes Abhän
gigkeitssyndrom im Einzelfall auf die Arbeitsfähigkeit der versicherten Person aus
wirkt.
Eine
Indikatoren
prüfung
wurde bislang
jedoch
nicht vorgenommen
.
Und gestüt
zt
auf die
Berichte von Dr.
E.___
sowie die
RAD-Stellungnahme von Dr.
D.___
vom
22. Juli 2022
ist es auch
nicht möglich,
die funk
tionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesu
ndheitlichen Anspruchsgrundlage
anhand der Standardindikatoren schlüssig und wider
spruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit
nachzuweisen (vgl. E. 1.
5
, BGE 148 V 49 E. 6.2.2 mit Hinweis, BGE 141 V 281 E. 6; BGE
144 V 50 E. 4.3
).
Damit ist ein invaliden
versicherungsrechtlich relevanter
psychischer
Gesundheitsschaden gestützt auf die derzeitige Aktenlage
weder
aus
zuschliessen
,
noch lassen sich
die Anspruchsvoraussetzungen für Leistungen der Invalidenversicherung
als
er
füllt
beurteilen
.
Zusammengefasst kann die Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin mangels verlässlicher Angaben zu ihrem Gesundheitszustand aus psychiatrischer Sicht nicht abschliessend beurteilt werden, weshalb hierzu weitere Abklärungen zu tätigen sind.
5
.
5.1
Was die gesundheitliche Situation in somatischer Hinsicht betrifft,
so ist
zunächst
die pneumologische Situation
im Rahmen
der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung
zu berücksichtigen.
Im Bericht vom 18. Juli 2017 (
Urk.
7/30) hatte das
Spital Y.___
eine chronisch obstruktive
Pneumopathie
Gold Stadium II, mit apikal betontem
zentrilobulärem
Lungenemphysem diagnostiziert
und
eine medizinisch-theoretische Ateminvalidität von 30 bis 35 % festgelegt
.
Im Bericht vom 6. April 2021
(
Urk.
7/52)
führte das
Spital Y.___
ferner
aus, die Beschwerdeführerin am 17. Januar und 17. Juli 201
8
noch zweimalig gesehen zu haben, wobei sich die Lungenfunktion in etwa vergleichbar zur Lungenfunktion vom 14. Juli 2017 gezeigt habe.
Obwohl
diese Untersuchung
en
bereits
rund drei
Jahre zurücklag
en
und die Hausärztin Dr. med.
F.___
, Fachärztin FMH für Allgemeine Innere Medizin, am 21. April 2021 (
Urk.
7/57) über eine deutliche Einschränkung der Leistungsfähigkeit und der Belastbarkeit im Rahmen des COPD und des zwischenzeitlich aufgetretenen
Mening
e
om
e
s
berichtet
hatte
, beliess es die
RAD-Ärztin
in ihrer Stellungnahme vom 11. Juni 2021
bei der Bemerkung
, dass die chronische Lungenerkrankung unverändert und stabil sei
und keine höhergradige Arbeitsunfähigkeit als bisher zu begründen sei
(
Urk.
7/61/3 f.).
Diese Einschätzung
vermag vor dem Hintergrund, dass es sich dabei mangels selber durchgeführter Unter
suchungen nicht um eine Stellungnahme im Sinne von Art. 49 Abs. 2 IVV, sondern lediglich um eine Beurteilung der Aktenlage handelt – bezüglich welcher strenge Anforderungen an die Beweiswürdigung zu stellen und beim Vorliegen auch nur geringer Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen ergänzende Abklärungen vorzunehmen sind (BGE 142 V 58 E. 5.1 mit Hinweisen; vgl. E.
1.
7
)
–
,
sowie
angesichts
de
s
Umstand
es
, dass die Beschwerdeführerin sowie ihre Hausärztin über einen verschlechterten Gesundheitszustand berichteten
und inzwischen weitere
somatische Beschwerden
aufgetreten sind
(vgl.
E. 5.2
)
,
nicht
restlos
zu überzeugen.
5.2
In
B
ezug auf das
im Jahr 2018 teiloperierte Keilbeinmeningeom legte Dr.
D.___
unter Verweis auf die Berichte von Dr.
A.___
und Dr.
C.___
(E. 3.2)
dar, dass grundsätzlich weder aus neurochirurgischer noch aus opht
h
almologischer Sicht eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit vorliege.
Demzufolge ist zwar anzunehmen, dass die Beschwerdeführerin diesbezüglich grundsätzlich vollum
fänglich arbeitsfähig ist. Allerdings werden die Akten – insbesondere auch im Hinblick auf die geltend gemachte Verschlechterung sowie die beklagten Kopfschmerzen, die erhöhte Ermüdbarkeit und den Schwindel (
Urk.
7/57/3,
7/66) sowie allfällige Wechselwirkungen mit der COPD-Erkrankung oder den psychischen Beschwerden –
zu vervollständigen beziehungsweise zu aktualisieren und gegebenenfalls weitere Abklärungen zu tätigen sein.
6
.
Zusammenfassend ist es bei der aktuellen medizinischen Aktenlage nicht mög
lich, mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit die funktionelle Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin abschliessend zu beurteilen. Damit erweist sich der medizinische Sachverhalt sowohl in psychiat
rischer als auch in somatischer Hinsicht als ergän
zungsbedürftig. Die angefoch
tene Verfügung vom
26. Juli 2022
ist demnach aufzuheben und die Sache zur Durchführung weiterer Abklärungen und zu neuem Entscheid über den Leis
tungsanspruch der Beschwerdeführerin an die Beschwerdegegnerin zurückzuwei
sen.
Unter diesen Umständen kann auf
die Durchführung
eine
r
öffentliche
n
Verhandlung verzichtet wer
den.
7
.
7
.1
Das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über IV-Leistungen vor dem kanto
nalen Versicherungsgericht ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Ver
fahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Im vorliegenden Verfahren sind sie ermessensweise auf Fr.
600.-- anzusetzen. Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 210 E. 7.1, 137 V 57 E. 2.2), weshalb die Gerichtskosten der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen sind.
7
.2
Die vertretene Beschwerdeführerin
hat demnach Anspruch auf eine Prozessent
schädigung
. Diese ist gestützt auf Art. 61
lit
. g ATSG in Verbindung mit § 34 Abs. 1 und 3
GSVGer
unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses auf Fr. 1‘
7
00.-- (inkl. Barauslagen und MWS
T
) festzusetzen.
7
.3
Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege
(
Urk.
1 S. 2)
erweist sich damit als gegenstandslos.
Das Gericht erkennt:
1.
Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass die Verfügung der Sozialversi
cherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, vom 26. Juli 2022 aufgehoben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen wird, damit diese,
nach erfolgter Abklärung im Sinne der Erwägungen
, neu verfüge.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
600
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird verpflichtet, der Beschwerdeführerin eine Prozessent
schädigung von Fr. 1'
7
00.-- (inkl. Barauslagen und MWS
T
) zu bezahlen.
4
.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Peter Egli
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
5
.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundesgesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzustellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
VogelSchilling