# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 122746c3-5653-52e7-9a10-a5c1f6dbda85
**Source:** Bundesgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 1999-05-19
**Language:** de
**Title:** Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) Bundesrat 19.05.1999 JAAC 63.86
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_VB/CH_VB_008_JAAC-63-86--_1999-05-19.pdf

## Full Text

JAAC 63.86

Entscheid des Bundesrates vom 19. Mai 1999

Demande de révision d’une décision du Conseil fédéral au motif d’une
violation de la Convention européenne de droits de l’homme.

Art. 66 al. 1 let. b PA. Art. 46 al. 1 CEDH. Art. 41 CEDH.

- La procédure ne doit être révisée que dans la mesure rendue nécessaire
par le motif de révision. Si la violation de la Convention constatée
ne présente aucun rapport avec [un certain point de] la décision sur
recours prise au niveau national, l’arrêt de la Cour ne peut entraîner
une révision sur ce point (consid. III.1).

- La question de savoir si la violation constatée de la Convention
découle directement d’une règle de droit contraire à cette dernière, ou si
les autorités ont appliqué de façon contraire à la Convention une règle
conforme, est sans influence sur la possibilité de révision au titre de
l’art. 66 al. 1 let. b PA (consid. III.3).

- L’art. 46 al. 1 CEDH crée pour l’Etat contractant en premier lieu
l’obligation de veiller à ce que le lésé obtienne une réparation complète.
Il est satisfait au droit à une réparation complète lorsqu’au moment
de la procédure de révision il ne subsiste plus aucune conséquence
dommageable de la violation de la Convention (consid. III.4-5).

- Une indemnité accordée par la Cour en application de l’art. 41
CEDH constitue une réparation complète du préjudice causé par la
violation de la Convention. Il n’y a plus place, par conséquent, pour une
indemnisation supplémentaire selon le droit national (consid. III.6).

Gesuch um Revision eines Bundesratsentscheids wegen Verletzung der
Europäischen Menschenrechtskonvention.

Art. 66 Abs. 1 Bst. b VwVG. Art. 46 Abs. 1 EMRK. Art. 41 EMRK.

1

- Das Verfahren ist nur so weit wieder aufzurollen als der
Revisionsgrund reicht. Wenn die festgestellte Konventionsverletzung in
keinem Zusammenhang mit dem innerstaatlichen Beschwerdeentscheid
steht, kann das Urteil des Gerichtshofes in diesem Punkt auch nicht zu
einer Revision führen (E. III.1).

- Ob sich die festgestellte Konventionsverletzung unmittelbar aus einer
konventionswidrigen Rechtsnorm ergibt, oder ob die Behörden eine an
sich konventionskonforme Rechtsnorm im Einzelfall konventionswidrig
angewendet haben, ist für die Frage der Zulässigkeit einer Revision
nach Art. 66 Abs. 1 Bst. b VwVG unerheblich (E. III.3).

- Aus Art. 46 Abs. 1 EMRK erwächst dem beteiligten Vertragsstaat die
primäre Verpflichtung, für eine vollkommene Wiedergutmachung
des Betroffenen zu sorgen. Der Anspruch auf eine vollkommene
Wiedergutmachung ist gewahrt, wenn zum Zeitpunkt des
Revisionsverfahrens keine nachteiligen Auswirkungen der
Konventionsverletzung fortbestehen (E. III.4-5).

- Eine vom Gerichtshof in Anwendung von Art. 41 EMRK zugesprochene
Entschädigung stellt eine Totalreparation für den durch die
Konventionswidrigkeit entstandenen Schaden dar. Für eine
weitergehende Entschädigung nach Landesrecht bleibt daher kein Raum
(E. III.6).

Domanda di revisione di una decisione del Consiglio federale in seguito
a una violazione della Convenzione europea dei diritti dell’uomo.

Art. 66 cpv. 1 lett. b PA. Art. 46 cpv. 1 CEDU. Art. 41 CEDU.

- La procedura va rivista soltanto nella misura in cui esiste un motivo
sufficiente per la revisione. Se la violazione della Convenzione rilevata
non è in nessun modo legata alla decisione di ricorso di diritto interno,
la sentenza del tribunale su questo punto può anche non avere come
conseguenza una revisione (consid. III.1).

- dell’ammissibilità di una revisione secondo l’art. 66 cpv. 1 lett. b
PA è irrilevante se la violazione della Convenzione rilevata risulti
direttamente da una norma in contrasto con la Convenzione, o se le
autorità nel caso specifico abbiano applicato in modo illecito una
norma di per sé conforme alla Convenzione (consid. III.3).

- Dall’art. 46 cpv. 1 CEDU deriva per lo Stato contraente l’obbligo
primario di provvedere alla completa riparazione nei confronti degli
interessati. Il diritto alla completa riparazione è garantito se al
momento della procedura di revisione la violazione della Convenzione
non produce più alcun effetto dannoso (consid. III.4-5).

- Una riparazione garantita dalla Corte in applicazione dell’art. 41
CEDU rappresenta una riparazione totale per i danni risultanti dalla
violazione della Convenzione. Di conseguenza, non è più possibile
un’ulteriore riparazione in base al diritto interno (consid. III.6).

2

I

A. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat am 25. März
1998 eine Individualbeschwerde des Gesuchstellers wegen Verletzung von
Art. 8 der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und
Grundfreiheiten vom 4. November 1950 (EMRK, SR 0.101) gutgeheissen.

B. Nachfolgend wird der Sachverhalt, der zur Gutheissung der Beschwerde
geführt hat, in seinen wesentlichen Zügen dargelegt. Die Wiedergabe des
Sachverhalts stützt sich dabei auf die Erwägungen des Urteils des EGMR vom
25. März 1998:

Am 31. Januar 1989 setzten die Eidgenössischen Räte eine Parlamentarische
Untersuchungskommission (PUK) zu den Vorkommnissen im Eidgenössischen
Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) ein. Die PUK wurde vom damaligen
Nationalrat und heutigen Bundesrat Moritz Leuenberger präsidiert. Im
Februar 1989 wurde der Präsident der PUK informiert, dass der Gesuchsteller
einem amerikanischen Staatsbürger gegen ein Entgelt von Fr. 250 000.- ein
geheimes Aktenstück übergeben habe, dessen Herausgabe das Bundesamt für
Polizeiwesen (BAP) und das Bundesgericht verweigert hätten. Der Präsident
der PUK erhielt diesen Hinweis durch Y. (Informant), dieser seinerseits
durch Z. (Hauptinformant). Die PUK ermittelte, dass es sich beim fraglichen
Aktenstück um ein Rechtshilfeersuchen der Vereinigten Staaten handeln
musste, das geheime Ausführungen über das organisierte Verbrechen
enthielt. Es bestand deshalb der Verdacht, ein Beamter des EJPD könnte
das Rechtshilfeersuchen unter Verletzung des Amtsgeheimnisses einem
Unbefugten herausgegeben haben.

Der Bundesanwalt eröffnete daraufhin am 21. November 1989 ein
gerichtspolizeiliches Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt, um den
Informanten Y. zu befragen und den ungetreuen Beamten im EJPD ausfindig
zu machen. Auf Anordnung des Bundesanwalts wurden bei mehreren
Drittpersonen, darunter auch dem Gesuchsteller, Telefonabhörungen
durchgeführt.

Am 1. Dezember 1989 befragte die Bundesanwaltschaft in Anwesenheit des
Präsidenten der PUK den Informanten Y. Am 4. Dezember 1989 nahm der
Präsident der PUK mit dem Hauptinformanten Z. Kontakt auf, der von der
Bundesanwaltschaft am 8. Dezember 1989 befragt wurde.

3

Am 6. März 1990 verfügte der Bundesanwalt die Einstellung des
gerichtspolizeilichen Verfahrens gegen Unbekannt, da sich der Verdacht der
Amtsgeheimnisverletzung als unbegründet erwiesen hatte.

C. In der Folge bestritt der Gesuchsteller die Zulässigkeit der Telefonabhörung.
Als letzte innerstaatliche Instanz hielt der Bundesrat am 30. Juni 1993 an der
Rechtmässigkeit der Telefonabhörung fest. Im Übrigen sah der Bundesrat von
aufsichtsrechtlichen Massnahmen ab. Er auferlegte dem Gesuchsteller die
Verfahrenskosten und sprach ihm keine Parteientschädigung zu.

D. Am 1. November 1998 trat für die Schweiz das Protokoll Nr. 11 vom
11. Mai 1994 zur EMRK über die Umgestaltung des durch die Konvention
eingeführten Kontrollmechanismus (Prot. Nr. 11 EMRK) in Kraft (AS 1998
2993). Mit Inkrafttreten des Prot. Nr. 11 EMRK erhielten verschiedene
Bestimmungen der EMRK, die es im vorliegenden Fall zu berücksichtigen
gilt, neue Artikelnummern:

- Art. 50 EMRK: neu Art. 41 EMRK («Gerechte Entschädigung»)

- Art. 52 EMRK: neu Art. 44 EMRK («Endgültige Urteile»)

- Art. 53 EMRK: neu Art. 46 Ziff. 1 EMRK («Verbindlichkeit und Vollzug der
Urteile»)

Nachfolgend wird durchwegs die neue Artikelnummerierung verwendet.

E.Mit Urteil vom 25. März 1998 stellte der EGMR die Konventionswidrigkeit
der Telefonabhörung fest. Der EGMR hielt in seinen Erwägungen fest, dass
die Telefonüberwachung einer genügenden Gesetzesgrundlage («qualité
de la loi») entbehrte. In Anwendung von Art. 41 EMRK wurden dem
Gesuchsteller Fr. 15 000.- (nebst Zins zu 5%) für die Kosten und Auslagen des
innerstaatlichen Verfahrens und des Verfahrens vor den Konventionsorganen
zugesprochen. Die vom Gesuchsteller gestützt auf Art. 41 EMRK beantragte
Entschädigung für den angeblich erlittenen materiellen und immateriellen
Schaden wies der EGMR hingegen ab.

F.Mit Eingabe vom 24. Juni 1998 an den Bundesrat verlangt der Gesuchsteller
die teilweise Revision des bundesrätlichen Entscheids vom 30. Juni 1993. Er
stellt folgende Anträge:

1. Die Ziff. 1 (Abweisung der Beschwerde soweit darauf einzutreten
war), die Ziff. 3 (Auflage der Verfahrenskosten) und die Ziff. 4 (keine
Parteientschädigung) des Bundesratsentscheids vom 30. Juni 1993 seien
aufzuheben.

2. Die Beschwerde des Gesuchstellers vom 2. Dezember 1992 sei im Umfang
des Antrags 1 (Feststellung der Rechtswidrigkeit der Telefonüberwachung),
des Antrags 3 (Anordnung von disziplinarischen, eventuell strafrechtlichen
Massnahmen) und des Antrags 5 (keine Auflage von Verfahrenskosten /
Zusprechung einer Parteientschädigung) gutzuheissen.

3. Bundesrat Leuenberger habe sich bei Behandlung und Beratung des
Revisionsgesuches wie bei der Beschlussfassung über dieses in den Ausstand
zu begeben.

G. Die Instruktionsbehörde hat einen zweifachen Schriftenwechsel
angeordnet. Zusammenfassend führt der Gesuchsteller in seiner Eingabe
vom 24. Juni 1998 und der Replik vom 2. November 1998 folgendes aus:

4

Bundesrat Leuenberger habe in seiner damaligen Funktion als Präsident der
PUK unter anderem eigentliche Untersuchungshandlungen zuhanden der
Bundesanwaltschaft unternommen, weshalb er in vorliegendem Verfahren
befangen sei und sich in den Ausstand zu begeben habe.

Nach Art. 66 Abs. 1 Bst. b des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968
über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) könne eine Revision
anbegehrt werden, wenn der EGMR eine Individualbeschwerde gutheisse
und eine Wiedergutmachung nur durch eine Revision möglich sei. Diese
Voraussetzungen seien vorliegend erfüllt:

- Für die Frage, ob dem Gesuchsteller ein Anspruch auf Revision zustehe, sei
unerheblich, woraus sich die Konventionsverletzung ergebe. Auch wenn die
Konventionswidrigkeit, wie vorliegend, ihren Grund in einem Ungenügen
des Gesetzes («qualité de la loi») habe, ändere sich nichts am Anspruch auf
Revision.

- Die dem Gesuchsteller vom EGMR gestützt auf Art. 41 EMRK zugesprochene
Entschädigung stehe einer weitergehenden Wiedergutmachung nach
nationalem Recht nicht entgegen. Mit der Ratifikation der EMRK habe sich
die Schweiz vielmehr verpflichtet, die aus einer Konventionsverletzung
erwachsenen Nachteile so weit wie möglich auszugleichen. Geschuldet sei
eine vollkommene Wiedergutmachung (restitutio in integrum), demgegenüber
habe der EGMR nach Art. 41 EMRK nur eine «gerechte Entschädigung»
zuzusprechen.

- Eine vollkommene Wiedergutmachung sei so lange nicht erreicht, als in
der Schweiz ein rechtskräftiger Entscheid des Bundesrates bestehen bleibe,
der die Rechtmässigkeit einer Telefonüberwachung bestätige, die sich als
menschenrechtswidrig erweise.

- Zu einer vollkommenen Wiedergutmachung gehöre auch die
straf- und disziplinarrechtliche Ahndung der Täter, die an der
Menschenrechtsverletzung beteiligt gewesen seien.

- In Bezug auf die Verfahrenskosten und die Parteientschädigung habe der
EGMR dem Gesuchsteller nur einen Teil der tatsächlichen Kosten vergütet.
Geschuldet sei auch diesbezüglich eine vollkommene Wiedergutmachung. Es
bleibe eine zu entschädigende Restanz von Fr. 59 900.- an anwaltschaftlichen
Kosten für das innerstaatliche Verfahren. Die Verfahrenskosten seien zudem
nicht dem Gesuchsteller aufzuerlegen.

H. Im Namen der zur Vernehmlassung geladenen Bundesanwaltschaft, des
Bundesamtes für Justiz (BJ) und des Generalsekretariats des EJPD (GS-EJPD)
führt letzteres in seiner Stellungnahme vom 28. September 1998 und der
Duplik vom 23. November 1998 folgendes aus:

- Die Konventionsverletzung resultiere direkt aus der ungenügenden
gesetzlichen Grundlage der Telefonüberwachung. Weder die Feststellung
der Rechtswidrigkeit der Telefonüberwachung, noch die Anordnung von
Straf- und Disziplinarmassnahmen könnten den Mangel der ungenügenden
Gesetzesgrundlage heilen, weshalb die Voraussetzungen einer Revision nach
Art. 66 Abs. 1 Bst. b VwVG nicht erfüllt seien.

5

- Die vom EGMR zugesprochene Entschädigung für Kosten und Auslagen
sei umfassend und abschliessend («exhaustive»). In Bezug auf die Kosten
und Auslagen für das Verfahren vor den Strassburger Instanzen, sei eine
weitergehende Entschädigung wegen der formellen Rechtskraft des Urteils des
EGMR (Art. 44 EMRK) ohnehin ausgeschlossen.

II

1. Frist / Zuständigkeit

Das Urteil des EGMR vom 25. März 1998 wurde dem Gesuchsteller am 27. März
1998 zugestellt. Die Revisionsfrist von 90 Tagen gemäss Art. 67 Abs. 1 VwVG
wurde gewahrt.

Der Bundesrat ist nach Art. 66 Abs. 1 VwVG zur Beurteilung des
Revisionsgesuchs zuständig.

2. Ausstand

Aufgrund seiner ehemaligen Funktion als Präsident der PUK ist Bundesrat
Leuenberger gestützt auf Art. 10 Abs. 1 Bst. d VwVG in den Ausstand getreten.
Das Ausstandsbegehren ist damit gegenstandslos geworden.

3. Legitimation

Der Gesuchsteller stellt kein Rechtsbegehren um Aufhebung von Ziff. 2 des
Bundesratsentscheids vom 30. Juni 1993, die festhält, dass der Bundesrat
von aufsichtsrechtlichen Massnahmen absieht. Aus dem Antrag 3 sowie
der Begründung des Gesuchs lässt sich indessen klar ermitteln, dass
die Aufhebung von Ziff. 2 des Entscheids ebenfalls verlangt wird. Es
ist daher davon auszugehen, der Gesuchsteller hätte die Aufhebung
von Ziff. 2 des Entscheides explizit beantragt (BGE 103 Ib 95; Fritz Gygi,
Bundesverwaltungsrechtspflege, Bern 1983, S. 196).

Zur Revision ist berechtigt, wer im Verfahren, das zum angefochtenen
Entscheid geführt hat, Parteistellung innehatte und ein schutzwürdiges
Interesse an der Wiederaufnahme geltend machen kann (Elisabeth Escher,
in Thomas Geiser / Peter Münch, Prozessieren vor Bundesgericht, Bd. I,
2. Aufl., Basel und Frankfurt a. M. 1998, S. 273). Der Gesuchsteller ist als

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http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_103_Ib_95&resolve=1

Adressat des angefochtenen Entscheides formell beschwert. Er verfügt über
ein schutzwürdiges Interesse an der Wiederaufnahme der Streitsache. Die
Legitimationsvoraussetzungen sind demnach erfüllt.

4. Eintreten

Auf das Revisionsgesuch ist somit einzutreten.

III

1. Das Begehren um Aufhebung von Ziff. 2 (Absehen von aufsichtsrechtlichen
Massnahmen) des Bundesratsentscheids vom 30. Juni 1993 ist abzuweisen.
Denn nach konstanter Praxis und Lehre ist das Verfahren nur so weit
wieder aufzurollen, als der Revisionsgrund reicht (BGE 120 V 156 f.;Walter J.
Habscheid, Schweizerisches Zivilprozess- und Gerichtsorganisationsrecht,
2. Aufl., Basel und Frankfurt a. M. 1990, S. 277). Wie der Gesuchsteller
in seiner Beschwerde vom 15. Dezember 1993 an die Europäische
Kommission für Menschenrechte ausführte, steht aber die «Frage des
strafrechtlichen und disziplinarischen Vorgehens gegen die für die
Telefonüberwachung Verantwortlichen weder in direktem noch indirektem
Zusammenhang mit den hier gerügten Verletzungen der Konvention».
Wenn die Konventionsverletzung in keinerlei Zusammenhang mit den
beantragten Straf- und Disziplinarmassnahmen steht, kann das Urteil des
EGMR konsequenterweise in diesem Punkt auch nicht zu einer Revision
führen.

Im Übrigen stünde die Anordnung von Straf- und Disziplinarmassnahmen
in einem neuen Aufsichtsbeschwerdeverfahren ohnehin ausser Frage.
Nach ständiger Praxis schreitet die Aufsichtsbehörde nur ein, «wenn klares
materielles Recht, wesentliche Verfahrensvorschriften oder öffentliche
Interessen offensichtlich missachtet» worden sind (VPB 52.52 E. 2). Im Urteil
des EGMR vom 25. März 1998 wurde festgestellt, dass die Verletzung der
EMRK in einer ungenügenden gesetzlichen Grundlage der angeordneten
Telefonabhörung liegt. Zum Zeitpunkt der Telefonüberwachung gingen die
für die Telefonüberwachung Verantwortlichen aber in Übereinstimmung
mit der damaligen, vom Bundesgericht nie beanstandeten Behördenpraxis,
berechtigterweise davon aus, die Telefonabhörung basiere auf einer
genügenden Gesetzesgrundlage. Von einer offensichtlichen Verletzung klaren
materiellen Rechts durch die für die Telefonabhörung Verantwortlichen
kann damit nicht gesprochen werden. Unter diesen Umständen bestünde
auch zum heutigen Zeitpunkt kein Anlass zur Anordnung von Straf- und
Disziplinarmassnahmen durch die Aufsichtsbehörde. Entsprechende
Massnahmen wären überdies voraussichtlich verjährt.

2. Wird eine Individualbeschwerde vom EGMR gutgeheissen, erwächst
dem beteiligten Vertragsstaat aus Art. 46 Abs. 1 EMRK die primäre
Verpflichtung, für eine vollkommene Wiedergutmachung des Betroffenen
zu sorgen. Der Begriff der vollkommenen Wiedergutmachung ist
gleichbedeutend mit den in Praxis und Lehre ebenfalls verwendeten
Begriffen der «Naturalrestitution» und der restitutio in integrum. Die

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http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_120_V_156&resolve=1
https://www.amtsdruckschriften.bar.admin.ch/viewOrigDoc/150000776.pdf?ID=150000776

Pflicht zur vollkommenen Wiedergutmachung umfasst erstens die
Beseitigung der EMRK-Verletzung und zweitens die Beseitigung ihrer
nachteiligen Auswirkungen (Mark E. Villiger, Handbuch der Europäischen
Menschenrechtskonvention, Zürich 1993, N 242, S. 150; Jörg Polakiewicz,
Die Aufhebung konventionswidriger Gerichtsentscheidungen nach einem
Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte, Zeitschrift für
ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht [ZaöRV], Bd. 52 [1992],
S. 822).

3. Mit der Einführung von Art. 66 Abs. 1 Bst. b VwVG hat der Gesetzgeber eine
Vorschrift geschaffen, die es ermöglicht, der völkerrechtlichen Verpflichtung
zur vollkommenen Wiedergutmachung nachzukommen.

Eine Revision nach Art. 66 Abs. 1 Bst. b VwVG setzt die Gutheissung
einer Individualbeschwerde durch die Strassburger Organe voraus.
Diese Voraussetzung ist vorliegend unbestrittenermassen erfüllt. Ob
sich die festgestellte Konventionsverletzung unmittelbar aus einer
konventionswidrigen Rechtsnorm ergibt, oder ob die Behörden eine an
sich konventionskonforme Rechtsnorm im Einzelfall konventionswidrig
angewendet haben, ist für die Frage der Zulässigkeit einer Revision nach
Art. 66 Abs. 1 Bst. b VwVG unerheblich. Wie der Gesuchsteller zutreffend
ausführt, steht ihm in beiden Fällen ein Anspruch auf vollkommene
Wiedergutmachung zu (BGE 124 II 480 ff.). Davon unabhängig ergibt
sich für den Vertragsstaat die Verpflichtung, eine konventionswidrige
Bestimmung in Zukunft nicht mehr anzuwenden oder abzuändern (Jochen
Abr. Frowein /Wolfgang Peukert, Europäische Menschenrechtskonvention,
EMRK-Kommentar, 2. Aufl., Kehl / Strassburg / Arlington 1996, S. 728).

4. Die Tatsache, dass eine Individualbeschwerde in Strassburg gutgeheissen
wird, hat aber für sich allein noch nicht zur Folge, dass das schweizerische
Urteil revidiert werden muss (BGE 123 I 286). Die Revision ist nach
Art. 66 Abs. 1 Bst. b VwVG vielmehr erst dann zulässig, wenn «eine
Wiedergutmachung nur durch Revision möglich ist».

Soweit sich die nachteiligen Auswirkungen einer Konventionsverletzung
durch die Leistung einer Geldsumme als Entschädigung oder auf andere Weise
beseitigen lassen, ist die Wiederaufnahme des Verfahrens zu versagen (BBl
1991 II 529 f.; Arthur Häfliger, Die Europäische Menschenrechtskonvention
und die Schweiz, Bern 1993, S. 353). Nach Lehre und Rechtsprechung ist
demgegenüber eine Revision insbesondere dann zuzulassen, wenn mit
dem konventionswidrigen staatlichen Akt ein Schuldvorwurf verbunden
ist. Diesfalls könnte eine bloss finanzielle Entschädigung den Gesuchsteller
nicht vollständig rehabilitieren und die nachteiligen Auswirkungen des
konventionswidrigen staatlichen Handelns bestünden fort (BGE 124 II 480 ff.;
Jean-François Poudret, Festschrift für O. Vogel, Freiburg 1991, S. 212; Häfliger,
a. a. O., S. 353).

5. In Bezug auf die vom EGMR festgestellte Konventionswidrigkeit der
Telefonabhörung ist der Anspruch des Gesuchstellers auf eine vollkommene
Wiedergutmachung auch ohne Revision gewahrt, da zum heutigen Zeitpunkt
keine nachteiligen Auswirkungen der Konventionsverletzung fortbestehen:

- Die Telefonabhörung stellte einen zeitlich begrenzten Eingriff in die
Privatsphäre des Gesuchstellers dar. Mit Einstellung der Telefonabhörung
im Dezember 1989 wurde die EMRK-Verletzung im konkreten Fall beseitigt.

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http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_124_II_480&resolve=1
http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_123_I_286&resolve=1
http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_124_II_480&resolve=1

- Die Rechtswidrigkeit der Telefonabhörung ist durch den EGMR
unbestrittenermassen festgestellt. Die Tatsache, dass der Entscheid des
Bundesrates vom 30. Juni 1993 nach wie vor in formeller Rechtskraft steht, ist
aber für den Gesuchsteller mit keinen nachteiligen Auswirkungen verbunden.
Mit dem Entscheid des Bundesrates ist insbesondere kein Schuldvorwurf
verbunden, der beseitigt werden müsste. Das von der Bundesanwaltschaft
am 21. November 1989 eröffnete gerichtspolizeiliche Ermittlungsverfahren
richtete sich gegen Unbekannt und die angeordnete Telefonüberwachung
betraf den Gesuchsteller als Drittperson und nicht als Tatverdächtigen.
Eine Rehabilitation des Gesuchstellers durch eine Revision ist damit nicht
notwendig.

Nach dem Gesagten ist das Begehren um Aufhebung von Ziff. 1 (Abweisung der
Beschwerde soweit darauf einzutreten war) des Bundesratsentscheids vom
30. Juni 1993 abzuweisen.

6. Die dem Gesuchsteller vom EGMR in Anwendung von Art. 41 EMRK
zugesprochene Entschädigung für Kosten und Auslagen des innerstaatlichen
Verfahrens ist abschliessend. Für eine weitergehende Entschädigung nach
Landesrecht bleibt kein Raum:

Art. 41 EMRK modifiziert die sich aus Art. 46 Abs. 1 EMRK ergebende primäre
Pflicht zur vollkommenen Wiedergutmachung. Für den Fall, dass die
innerstaatliche Rechtsordnung keine vollkommene Wiedergutmachung
erlaubt, kann der EGMR dem Individuum eine gerechte Entschädigung in
Geld zubilligen (statt vieler: Mark E. Villiger, Wirkungen der Entscheide der
EMRK-Organe im innerstaatlichen Recht, Zeitschrift für Schweizerisches Recht
[ZSR], I. Halbband 1985, S. 477). Der EGMR kann dem Individuum auch dann
eine gerechte Entschädigung zusprechen, wenn die Konventionsverletzung,
wie in vorliegendem Fall, eine abgeschlossene Handlung betrifft (Frowein /
Peukert, a. a. O., S. 670).

Wie der EGMR in konstanter Praxis festhält, stellt eine in Anwendung
von Art. 41 EMRK zugesprochene Entschädigung eine Totalreparation
für den durch die Konventionswidrigkeit entstandenen Schaden dar
(Gerhard Dannemann, Schadenersatz bei Verletzung der Europäischen
Menschenrechtskonvention, Köln 1994, S. 231). Daran ändert nichts, dass sich
der EGMR bei der Festsetzung der Entschädigung für die Kosten und Auslagen
weitgehend von Billigkeitserwägungen leiten lässt. Die Entschädigung nach
Art. 41 EMRK ist als «finanzielles Äquivalent einer Naturalrestitution» zu
betrachten (Dannemann, a. a. O., S. 231). Im Übrigen spricht der EGMR dem
Betroffenen gerade auch deshalb eine Entschädigung zu, um es ihm nach
einem mehrjährigen Verfahren vor den Konventionsorganen zu ersparen,
seinen Entschädigungsanspruch auf dem innerstaatlichen Rechtsweg geltend
machen zu müssen (Frowein / Peukert, a. a. O., S. 670).

«Mit Zahlung der festgesetzten Entschädigung hat der verurteilte Staat
seiner Wiedergutmachungspflicht aus der Konvention vollständig genügt»
(Jörg Polakiewicz, Die Verpflichtungen der Staaten aus den Urteilen des
Europäischen EGMR für Menschenrechte, Berlin usw. 1993, S. 144). Die
Leistung der zugesprochenen Geldsumme tritt demnach an die Stelle der
primären Verpflichtung zur vollkommenen Wiedergutmachung. Dies
bedeutet zwar nicht, dass es dem betroffenen Staat verwehrt wäre, auch
nach Zubilligung einer Entschädigung durch den EGMR weitergehende

9

Massnahmen der Naturalrestitution (vollkommene Wiedergutmachung)
zu ergreifen (Polakiewicz, a. a. O., S. 144). Eine Verpflichtung zu derartigen
Massnahmen von Konventions wegen besteht jedoch in diesen Fällen nicht
mehr. Die Voraussetzungen weitergehender Massnahmen richten sich daher
ausschliesslich nach Landesrecht.

Gemäss Art. 66 Abs. 1 Bst. b VwVG kommt, wie bereits erwähnt, die
Wiederaufnahme eines Verfahrens als Massnahme der Naturalrestitution nur
in Frage, wenn die nachteiligen Auswirkungen einer Konventionsverletzung
durch eine Geldentschädigung oder auf andere Weise nicht beseitigt werden
können (BBl 1991 II 509). Soweit der EGMR bereits eine Entschädigung
zugesprochen hat und der Gesuchsteller, wie das hier zutrifft, rein materielle
Interessen geltend macht, sind die Voraussetzungen einer Revision nach
Art. 66 Abs. 1 Bst. b VwVG nicht erfüllt (BGE 123 I 287; Häfliger, a. a. O., S. 353).

Die vom EGMR zugesprochene Entschädigung stellt das finanzielle Äquivalent
einer vollkommenen Wiedergutmachung dar. Der schweizerische Gesetzgeber
hat daher mit gutem Grund für solche Fälle keine Rechtsgrundlage
geschaffen, um einem Gesuchsteller ausserhalb des Revisionsverfahrens eine
weitergehende Entschädigung zuzusprechen. Die vom EGMR in Anwendung
von Art. 41 EMRK zugesprochene Entschädigung ist somit unter allen
Rechtstiteln umfassend und abschliessend.

Nach dem Gesagten ist das Begehren um Aufhebung der Ziff. 3
(Auflage der Verfahrenskosten) und 4 (keine Parteientschädigung) des
Bundesratsentscheids vom 30. Juni 1993 abzuweisen.

7. Für das Verfahren vor den Konventionsorganen verlangt der Gesuchsteller
im Übrigen keine weitergehende Entschädigung als ihm vom EGMR
zugesprochen wurde. In Bezug auf die Kosten und Auslagen für das Verfahren
vor den Konventionsorganen wäre die vom EGMR zugebilligte Entschädigung
selbstredend aber ohnehin abschliessend.

8. Das Revisionsgesuch ist damit abzuweisen.

IV

Nach Art. 68 Abs. 2 VwVG finden auf die Behandlung des Revisionsbegehrens
insbesondere die Art. 63 und 64 VwVG Anwendung. Der Kosten- und
Entschädigungspunkt ist deshalb nach Art. 63 f. VwVG zu regeln.

Da der Gesuchsteller mit seinen Begehren unterliegt, sind ihm gemäss
Art. 63 Abs. 1 VwVG die Verfahrenskosten aufzuerlegen. Nach Art. 1 der
Verordnung vom 10. September 1969 über Kosten und Entschädigungen im
Verwaltungsverfahren (VwVK, SR 172.041.0) umfassen die Verfahrenskosten
insbesondere die Spruch- und Schreibgebühren. Nach Art. 11 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 2 VwKV bemisst sich die Spruchgebühr nach der
Bedeutung der Streitsache und dem zur Erledigung erforderlichen Aufwand;
sie beträgt in der Regel Fr. 100.- bis Fr. 5000.-. Im vorliegenden Fall werden die
Verfahrenskosten auf insgesamt Fr. 600.- bestimmt. Eine Parteientschädigung
wird dem Gesuchsteller nicht ausgerichtet (Art. 64 Abs. 1 VwVG).

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http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_123_I_287&resolve=1

Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften

Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées

Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali

JAAC 63.86 - Entscheid des Bundesrates vom 19. Mai 1999

In Verwaltungspraxis der Bundesbehörden
Dans Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération
In Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione

Jahr 1999
Année

Anno

Band 63
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Ref. No 150 004 409

Das Dokument wurde durch das Schweizerische Bundesarchiv und die Bundeskanzlei konvertiert.

Le document a été digitalisé par les Archives Fédérales Suisses et la Chancellerie fédérale.

Il documento è stato convertito dall'Archivio federale svizzero e della Cancelleria federale.

	Entscheid des Bundesrates vom 19. Mai 1999
	I
	II
	1. Frist / Zuständigkeit
	2. Ausstand
	3. Legitimation
	4. Eintreten
	III
	IV