# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** fee4beaf-9e29-5ada-a558-73680e13bb69
**Source:** Bern Gerichte (BE)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2013-08-20
**Language:** de
**Title:** Bern Obergericht Beschwerdekammer in Strafsachen 20.08.2013 BK 2013 192
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/BE_ZivilStraf/BE_OG_008_BK-2013-192_2013-08-20.pdf

## Full Text

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BK 2013 192

Beschluss der Beschwerdekammer in Strafsachen

Oberrichterin Schnell (Präsidentin), Oberrichter Trenkel, Oberrichter Aebi
Gerichtsschreiber Baloun

vom 20. August 2013

in der Strafsache gegen

A.
Beschuldigte/Beschwerdeführerin

Regionale Staatsanwaltschaft Berner Jura - Seeland 
vertreten durch Staatsanwalt X.  

Anklagebehörde

wegen Drohung / Rückzug Einsprache

Regeste

Die in Art. 356 Abs. 4 StPO stipulierte Rückzugsfiktion kann nur zum Tragen kommen, wenn 
aus dem unentschuldigten Fernbleiben nach dem Grundsatz von Treu und Glauben auf ein 
Desinteresse am weiteren Gang des Strafverfahrens geschlossen werden kann. 

Die Beschwerdeführerin erhob gegen den Strafbefehl fristgerecht Einsprache. Sie erschien 
persönlich am ersten Termin der Hauptverhandlung und stellte an dieser ein Ausstandsge-
such gegen die vorsitzende Gerichtspräsidentin. Damit hatte sie ihr Interesse am Fortgang 
des Verfahrens ausreichend kundgetan. Die Rückzugsfiktion war – trotz Nichterscheinens 
der Beschwerdeführerin am zweiten Termin der Hauptverhandlung – nicht anwendbar.

Auszug aus den Erwägungen:

[...] 

4.

4.1 Das Strafbefehlsverfahren ist mit der verfassungsrechtlichen Rechtsweggarantie 
(Art. 29a BV) bzw. dem konventionsrechtlichen Anspruch auf Zugang zu einem Gericht 
mit voller Überprüfungskompetenz (Art. 6 Ziff. 1 EMRK) vereinbar, weil es letztlich vom 
Willen des Betroffenen abhängt, ob er den Strafbefehl akzeptiert oder mit blosser Ein-
sprache von dem ihm zustehenden Recht auf gerichtliche Beurteilung Gebrauch machen 
will. Die Rechtsstaatlichkeit des Strafbefehlsverfahrens lässt sich nur damit begründen, 
dass auf Einsprache hin ein Gericht mit voller Kognition und unter Beachtung der für das 

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Strafverfahren geltenden Mindestrechte über den erhobenen Vorwurf entscheidet (Urteil 
des Bundesgerichts 6B_152/2013 vom 27. Mai 2013 E. 3.1). 

4.2 Die Einsprache erhebende Person trifft im Einspracheverfahren jedoch eine Mitwir-
kungspflicht. Bleibt sie der Hauptverhandlung unentschuldigt fern und lässt sie sich auch 
nicht vertreten, so gilt ihre Einsprache gemäss Art. 356 Abs. 4 StPO als zurückgezogen. 
Im Gegensatz zum ordentlichen Verfahren führt das unentschuldigte Fernbleiben an der 
Hauptverhandlung im Einspracheverfahren somit zu einem vollständigen Rechtsverlust 
(Urteil des Bundesgerichts 6B_152/2013 vom 27. Mai 2013 E. 3.3; vgl. auch RIKLIN, in: 
Basler Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2011, Art. 355 N 2, der 
dies als „Ausdruck einer sachlich ungerechtfertigten Benachteiligung“ bezeichnet). Eine 
gerichtliche Beurteilung der im summarischen Strafbefehlsverfahren erhobenen Vorwür-
fe findet nicht mehr statt. Die in Art. 356 Abs. 4 StPO stipulierte Rückzugsfiktion stellt 
damit eine Ausnahme vom verfassungs- und konventionsrechtlich garantierten Anspruch 
auf gerichtliche Beurteilung dar. Diese Bestimmung ist daher – unter Beachtung der ver-
fassungs- und konventionsrechtlichen Vorgaben – eng auszulegen. Nach der Recht-
sprechung des Bundesgerichts kann die gesetzliche Rückzugsfiktion deshalb nur zum 
Tragen kommen, wenn aus dem unentschuldigten Fernbleiben nach dem Grundsatz von 
Treu und Glauben auf ein Desinteresse am weiteren Gang des Strafverfahrens ge-
schlossen werden kann (Urteil des Bundesgerichts 6B_152/2013 vom 27. Mai 2013 
E. 4.5.4).

4.3 Die Beschwerdeführerin hat vorliegend gegen den Strafbefehl fristgerecht Einsprache 
erhoben. Sie erschien persönlich an der Hauptverhandlung vom 21. März 2013 und stell-
te an dieser ein Ausstandsgesuch gegen die vorsitzende Gerichtspräsidentin. Damit hat 
sie ihr Interesse am Fortgang des Verfahrens ausreichend kundgetan. Bei dieser Sach-
lage kann allein aus dem Umstand, dass sie am zweiten Termin der Hauptverhandlung 
nicht erschienen ist, nicht darauf geschlossen werden, dass sie auf ihren Anspruch auf 
gerichtliche Beurteilung (konkludent) verzichtet hat. Die Vorinstanz hat die Rückzugsfik-
tion von Art. 356 Abs. 4 StPO somit zu Unrecht angewendet.

[...]