# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 2a75ec0a-59c8-5b66-b86e-d60969294503
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2022-01-10
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 10.01.2022 F-3248/2020
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_F-3248-2020_2022-01-10.pdf

## Full Text

B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i f  f éd é r a l  

T r i b u n a l e  am m in i s t r a t i vo  f e d e r a l e  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i v  fe d e r a l  

 
 
 
 

 

 

  

 

 Abteilung VI 

F-3248/2020 

 

 
 

  U r t e i l  v o m  1 0 .  J a n u a r  2 0 2 2  

Besetzung 
 Richterin Susanne Genner (Vorsitz), 

Richterin Regula Schenker Senn,  

Richter Yannick Antoniazza-Hafner,  

Gerichtsschreiber Rudolf Grun. 
 

 
 

Parteien 
 A._______, geboren am (…), Afghanistan, 

vertreten durch lic. iur. Okan Manav, Zürcher Beratungsstelle 

für Asylsuchende (ZBA),  

Beschwerdeführerin,  

 
 

 
gegen 

 
 

Staatssekretariat für Migration SEM,  

Quellenweg 6, 3003 Bern, 

Vorinstanz.  

 
 

 
 

Gegenstand 
 Nationales Visum aus humanitären Gründen. 

 

 

 

F-3248/2020 

Seite 2 

Sachverhalt: 

A.  

Am 30. Mai 2019 reichten die in der Schweiz seit Juli 2018 vorläufig aufge-

nommenen Eltern der Beschwerdeführerin (Mutter und Stiefvater) beim 

Migrationsamt des Kantons Zürich ein Gesuch um Familiennachzug für 

ihre in Afghanistan lebende Tochter (Beschwerdeführerin) ein. In der Folge 

teilte das SEM der Familie mit Schreiben vom 28. Juni 2019 mit, dass die 

Voraussetzungen für einen Familiennachzug gemäss Art. 85 Abs. 7 AIG 

nicht erfüllt seien, jedoch nach einer ersten Prüfung aufgrund der zur Ver-

fügung stehenden Unterlagen die Voraussetzungen für die Erteilung eines 

humanitären Visums erfüllt sein dürften. Daraufhin begab sich die Be-

schwerdeführerin im November 2019 nach Pakistan, wo sie am 7. Novem-

ber 2019 bei der schweizerischen Botschaft in Islamabad ein entsprechen-

des Gesuch nach Art. 4 Abs. 2 der Verordnung vom 15. August 2018 über 

die Einreise und die Visumerteilung (VEV; SR 142.204) einreichte. 

Zur Begründung führte die Beschwerdeführerin aus, als sie sechs Jahre alt 

gewesen sei, habe sich ihre Mutter vom leiblichen Vater scheiden lassen. 

Der leibliche Vater sei wegen Vergewaltigung und Tötung eines Kleinkin-

des zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Aufgrund massiver Drohun-

gen des im Gefängnis sitzenden Vaters habe die Familie 2013 beschlos-

sen, Afghanistan zu verlassen. Beim Versuch, die Grenze illegal in Rich-

tung Jordanien zu überqueren, habe sie –  die Beschwerdeführerin – sich 

in einem Auto mit ihrer Tante und weiteren Personen befunden. Sie seien 

von der Polizei aufgehalten, verhaftet und schliesslich zurück nach Afgha-

nistan gebracht worden. Die Mutter und der Stiefvater seien in einem an-

deren Auto gefahren und es sei ihnen gelungen, die Grenze zu überque-

ren. Sie selbst habe danach die ganze Zeit bei ihrer Tante in B._______ 

und zum Teil auch bei der Grossmutter in der Provinz C._______ gelebt. 

Als im Jahr 2018 die Grossmutter gestorben sei, habe sich ihr Onkel um 

sie gekümmert. Dieser habe sie mit einem Freund, welcher ein ranghoher 

Kommandant sei, verheiraten wollen. Sie habe sich aber mit Unterstützung 

ihrer Familie in der Schweiz geweigert, worauf ihr Onkel sie eingesperrt 

und bedroht habe. Sie habe deswegen versucht, sich das Leben zu neh-

men. Mit Hilfe einer Freundin aus B._______ sei ihr dann die Flucht vor 

ihrem Onkel gelungen. Aus Angst, entdeckt zu werden, sei es ihr nicht mög-

lich, das Haus zu verlassen, da viele Männer für den Onkel und den Kom-

mandanten arbeiten würden. 

F-3248/2020 

Seite 3 

B.  

Mit Formularverfügung vom 24. Februar 2020 wies die schweizerische Bot-

schaft in Islamabad den Visumantrag ab. Die Verfügung wurde am 2. März 

2020 eröffnet. 

C.  

Gegen die Verfügung vom 24. Februar 2020 erhob die Beschwerdeführerin 

am 1. April 2020 Einsprache, welche das SEM mit Entscheid vom 26. Mai 

2020 abwies. 

D.  

Mit Rechtsmitteleingabe vom 22. Juni 2020 gelangte die Beschwerdefüh-

rerin ans Bundesverwaltungsgericht und beantragte die Aufhebung der an-

gefochtenen Verfügung und die Rückweisung an die Vorinstanz zwecks 

weiterer Abklärungen und Neubeurteilung. Eventualiter sei ihr ein humani-

täres Visum zu erteilen und die Einreise in die Schweiz zu bewilligen. Fer-

ner ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung. 

E.  

Mit Zwischenverfügung vom 1. Juli 2020 hiess das Bundesverwaltungsge-

richt das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im 

Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut. 

F.  

In ihrer Vernehmlassung vom 13. Juli 2020 beantragte die Vorinstanz die 

Abweisung der Beschwerde. Die Beschwerdeführerin replizierte am 

30.  Juli 2020. Die Vorinstanz reichte am 3. September 2020 eine Duplik 

ein. 

G.  

Mit Eingabe vom 18. August 2021 setzte die Beschwerdeführerin das Bun-

desverwaltungsgericht davon in Kenntnis, dass die Taliban inzwischen die 

Stadt B._______, in der sie lebe, eingenommen habe und sie sich nun in 

C._______ verstecke. Gleichzeitige ersuchte sie das Bundesverwaltungs-

gericht um einen raschen Entscheid. 

H.  

Am 26. August 2021 leitete das Bundesverwaltungsgericht einen weiteren 

Schriftenwechsel ein und lud die Vorinstanz aufgrund der aktuellen Lage in 

Afghanistan (Machtübername durch die Taliban Mitte August 2021) zu ei-

ner weiteren Stellungnahme ein. In ihrer ergänzenden Vernehmlassung 

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Seite 4 

vom 16. September 2021 beantragte die Vorinstanz nach wie vor die Ab-

weisung der Beschwerde. Mit Eingabe vom 21. Oktober 2021 hielt die Be-

schwerdeführerin ihrerseits vollumfänglich an ihren Rechtsbegehren und 

der Begründung fest. Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass sie sich nun 

wieder in B._______ befinde. 

Als Beweismittel für die in der Schweiz gut integrierte Familie legte sie Re-

ferenzschreiben und Lohnabrechnungen zu den Akten. 

 

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 

1.  

1.1 Einspracheentscheide des SEM betreffend humanitäre Visa sind mit 

Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht anfechtbar (Art. 112 Abs. 1 

AIG [SR 142.20] i.V.m. Art. 31 ff. VGG). 

1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet 

sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (vgl. 

Art. 37 VGG). 

1.3 Die Beschwerdeführerin ist zur Erhebung der Beschwerde legitimiert 

(vgl. Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-

schwerde ist einzutreten (Art. 50 Abs. 1 VwVG; Art. 52 Abs. 1 VwVG). 

1.4 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Sache 

endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG). 

2.  

Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung 

von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-

messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-

lichen Sachverhaltes und die Unangemessenheit gerügt werden 

(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht 

von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die Be-

gründung der Begehren gebunden und kann die Beschwerde auch aus an-

deren als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen. 

Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent-

scheids (vgl. BVGE 2014/1 E. 2). 

  

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Seite 5 

3.  

3.1 Als Staatsangehörige von Afghanistan unterliegt die Beschwerdeführe-

rin der Visumspflicht gemäss Art. 9 VEV. Mit ihrem Gesuch beabsichtigt sie 

ausdrücklich einen längerfristigen Aufenthalt, weshalb dieses nicht nach 

den Regeln zur Erteilung von Schengen-Visa, sondern nach den Bestim-

mungen des nationalen Rechts zu prüfen ist (vgl. BVGE 2018 VII/5 E. 3.5 

und E. 3.6.1). 

3.2 Gemäss Art. 4 Abs. 2 VEV kann in Abweichung von den allgemeinen 

Einreisevoraussetzungen (vgl. Art. 4 Abs. 1 VEV) in begründeten Fällen 

aus humanitären Gründen ein Visum für einen längerfristigen Aufenthalt 

erteilt werden. Ein solcher Fall liegt insbesondere vor, wenn die betreffende 

Person im Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und 

Leben gefährdet ist. 

3.3 Praxisgemäss werden humanitäre Visa nur unter sehr restriktiven Be-

dingungen ausgestellt (vgl. BVGE 2015/5 E. 4.1.3). Diese gelten dann als 

erfüllt, wenn bei einer Person aufgrund der konkreten Umstände offensicht-

lich davon ausgegangen werden muss, dass sie sich im Heimat- oder Her-

kunftsstaat in einer besonderen Notsituation befindet, die ein behördliches 

Eingreifen zwingend erforderlich macht und es rechtfertigt, ihr – im Gegen-

satz zu anderen Personen in derselben Lage – ein Einreisevisum zu ertei-

len. Dies kann etwa bei akuten kriegerischen Ereignissen oder aufgrund 

einer konkreten individuellen Gefährdung, die sie mehr als alle anderen 

Personen betrifft, gegeben sein. Befindet sich die betroffene Person bereits 

in einem Drittstaat (BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.3) oder ist sie nach einem Auf-

enthalt in einem solchen freiwillig in ihr Heimat- oder Herkunftsland zurück-

gekehrt (vgl. Urteil des BVGer F-4658/2017 vom 7. Dezember 2018 E. 4.3) 

und hat sie die Möglichkeit, sich erneut in den Drittstaat zu begeben, ist in 

der Regel davon auszugehen, dass keine Gefährdung mehr besteht. Das 

Visumgesuch ist unter Berücksichtigung der aktuellen Gefährdung, der 

persönlichen Umstände der betroffenen Person und der Lage im Heimat- 

oder Herkunftsland sorgfältig zu prüfen. Dabei können auch weitere Krite-

rien wie das Bestehen von Bindungen zur Schweiz und die hier bestehen-

den Integrationsaussichten oder die Unmöglichkeit, in einem anderen Land 

um Schutz nachzusuchen, berücksichtigt werden (vgl. BVGE 2018 VII/5 

E. 3.6.3). 

4.  

4.1 Die Vorinstanz begründet ihren ablehnenden Entscheid im Wesentli-

chen damit, dass – obwohl die Situation für die Beschwerdeführerin als 

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Seite 6 

alleinstehende junge Frau in Afghanistan schwierig sei – sich keinerlei kon-

krete Hinweise ergeben, wonach sie gemessen am durchschnittlichen 

Schicksal vieler anderer junger Frauen in gesteigertem Masse bedroht 

wäre. Die geltend gemachte Befürchtung einer Verfolgung durch den On-

kel, den leiblichen Vater oder den Kommandanten, mit dem sie hätte ver-

heiratet werden sollen, seien nicht als akute und unmittelbare Bedrohung 

zu werten. Es würden keine konkreten Anzeichen auf eine Verfolgung 

durch diese Personen glaubhaft gemacht. Eingriffe in die Freiheit der Be-

troffenen und Situationen, welche eine grossen psychischen Druck bewirk-

ten, reichten jedoch nicht aus, um ein Eingreifen der schweizerischen Be-

hörden als zwingend erscheinen zu lassen. Mit ihrer Flucht und der Unter-

kunft im Mädcheninternat habe sie Schutz vor ihrem Onkel gefunden. An-

haltspunkte, dass dieser aktiv nach ihr suche und sie verfolge, würden nicht 

vorliegen. 

4.2 Die Beschwerdeführerin vertritt demgegenüber die Auffassung, vorlie-

gend sei eine konkrete Gefährdung an Leib und Leben sowohl aufgrund 

der allgemeinen Lage im Herkunftsland als auch aufgrund der Individuellen 

Situation anzunehmen. Afghanischen Frauen, die sich einer bevorstehen-

den Zwangsehe widersetzen und weglaufen würden, drohe nicht nur Ge-

walt vom zukünftigen Ehemann und dessen Familie, sondern auch Gewalt 

von der eigenen Familie. Aufgrund der bereits erfolgten Misshandlungen 

und Drohungen durch den Onkel drohten ihr offensichtlich erhebliche Kon-

sequenzen von der verbliebenen Familie, wenn diese von ihrem Aufent-

haltsort erfahre und sie finde. Andere männliche Familienmitglieder, die sie 

schützen könnten, seien nicht in Sicht. Hinzu komme, dass der afghani-

sche Staat weder schutzfähig noch schutzwillig sei, wenn es um ge-

schlechtsspezifische Übergriffe gegen Frauen und Mädchen gehe. Ferner 

sei zu beachten, dass die Beschwerdeführerin psychisch sehr stark ange-

schlagen und dringend auf moralische und psychische Unterstützung aus 

dem familiären Umfeld angewiesen sei. Dass sie nach wie vor am Leben 

sei, verdanke sie einzig der Tatsache, dass sie untergetaucht sei. Inzwi-

schen habe sie das Mädcheninternat (in B._______) verlassen müssen. 

Ihre in der Schweiz befindliche Familie habe es mit Mühe und Not ge-

schafft, für sie eine private Unterkunft in C._______ zu organisieren, wo sie 

mit weiteren zwei Mädchen temporär zusammenleben könne. Die Gefahr 

von gewalttätigen und sexuellen Übergriffen und Zwangsheirat bleibe so 

oder so bestehen. Sie befinde sich damit auch in einer besonderen Notsi-

tuation. Auch in Pakistan, wo die Gefährdung nicht nachgelassen habe, 

habe sie keine Möglichkeit gehabt, sich an einem sicheren Ort aufzuhalten. 

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Die gesamte nähere Familie und insbesondere auch der Teil der Familie, 

der ihr sowohl moralisch als auch finanziell Unterstützung bieten könne 

(Mutter, Stiefvater und fünf Halbgeschwister), sei mittlerweile in der 

Schweiz gut integriert. Die Trennung von ihrer Familie sei zudem einzig auf 

Pech bzw. ein Unglück bei der Flucht aus Afghanistan zurückzuführen. Die 

Familie in der Schweiz würde alles tun, um sie möglichst rasch zu integrie-

ren. 

Die Vorinstanz sei ihren Pflichten, die sich aus dem Untersuchungsgrund-

satz sowie aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör ergeben, nicht nach-

gekommen. Der angefochtenen Verfügung sei nicht zu entnehmen, dass 

sie nach Elementen geforscht habe, die zu ihren Gunsten sprechen wür-

den. Weshalb die Bedrohungssituation als nicht unmittelbar und zu wenig 

konkret bezeichnet werde, sei nicht nachvollziehbar. Bei der Ablehnung 

des Gesuchs um Familiennachzug für sie als Tochter habe das SEM darauf 

aufmerksam gemacht, dass die Voraussetzungen für ein humanitäres Vi-

sum nach ersten Abklärungen erfüllt seien. Die Schweizer Vertretung in Is-

lamabad habe den Antrag in der Folge jedoch abgelehnt. Weshalb das 

SEM nun ebenfalls von fehlenden Voraussetzungen für die Erteilung eines 

humanitären Visums ausgehe, gehe aus der angefochtenen Verfügung 

nicht rechtsgenügend vor. 

4.3 Die Vorinstanz hält in ihrer Stellungnahme zur aktuellen Lage in Afgha-

nistan nach der Machtübernahme durch die Taliban im August 2021 nach 

wie vor an ihrer Verfügung fest und führt aus, dass noch nicht vollständig 

absehbar sei, wie die Taliban mit spezifischen Personengruppen in der af-

ghanischen Bevölkerung umgehen würden. Es gebe sowohl Hinweise, 

dass sie bestimmte Profile ins Visier nehmen würden, als auch Ankündi-

gungen, die auf gemässigtere Positionen als bei ihrer ersten Herrschaft 

von 1996 bis 2001 hindeuteten. Hinreichende Hinweise, dass bestimmte 

Personengruppen (z.B. alleinstehende Frauen) von den Taliban grundsätz-

lich verfolgt würden, fehlten. 

4.4 In ihrer letzten Stellungnahme macht die Beschwerdeführerin im We-

sentlichen geltend, dass sie C._______ Ende September 2021 wieder ver-

lassen habe und erneut nach B._______ zurückgekehrt sei, wo sie mittler-

weile in einer Mietwohnung lebe, da das Mädcheninternat jetzt unter Kon-

trolle der Taliban sei. Sie könne aber die Wohnung aus Sicherheitsgründen 

zu keinem Zeitpunkt verlassen, was ihren psychischen Zustand enorm be-

laste.  

  

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Seite 8 

5.  

Die Beschwerdeführerin moniert, die Vorinstanz habe nicht nach Elemen-

ten geforscht, die zu ihren Gunsten sprechen würden, und habe nicht 

rechtsgenügend begründet, weshalb sie die Bedrohungssituation als nicht 

unmittelbar und zu wenig konkret erachte.  

5.1 Die Beschwerdeführerin ruft den Untersuchungsgrundsatz gemäss Art. 

12 VwVG an. Die Vorinstanz hielt dazu in ihrer Vernehmlassung zu Recht 

fest, dass die gesuchstellende Person die sie betreffende ernsthafte Ge-

fährdung für Leib und Leben selber belegen können müsse bzw. das Be-

weismass gegenüber demjenigen im Asylverfahren höher liege (vgl. Urteil 

des BVGer E-5105/2014 vom 13. Oktober 2014 E. 3.4 m.H. auf Urteil 

D-3367/2013 vom 12. Mai 2014 E. 4.4). Im Rahmen der Prüfung eines hu-

manitären Visums muss zudem offensichtlich davon ausgegangen werden 

können, dass die betroffene Person im Heimat- oder Herkunftsstaat unmit-

telbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet sei. Dadurch 

ergibt sich ein abgeschwächter Untersuchungsgrundsatz (vgl. Urteil 

D-5815/2014 vom 11.  Februar 2015 E. 4.5). Dieser wird ergänzt durch die 

Mitwirkungspflicht der Partei (Art. 13 Abs. 1 Bst. a VwVG). Indem die Vor-

instanz – aufgrund des im Übrigen von ihr nicht bestrittenen Sachverhalts 

in Bezug auf die Zwangsehe – zum Zeitpunkt der Verfügung bei der Be-

schwerdeführerin nicht von einer unmittelbaren und konkreten Bedrohung 

an Leib und Leben ausging, hat sie den Untersuchungsgrundsatz nicht ver-

letzt.  

5.2 Der Anspruch auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 Abs. 2 BV verlangt, 

dass die verfügende Behörde die Vorbringen der betroffenen Person tat-

sächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung be-

rücksichtigt (Art. 32 Abs. 1 VwVG), was sich entsprechend in der Ent-

scheidbegründung niederschlagen muss (Art. 35 Abs. 1 VwVG). Nicht er-

forderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein-

lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi-

derlegt. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass sich der Betroffene 

über die Tragweite des Entscheids Rechenschaft geben und ihn in voller 

Kenntnis der Sache an die höhere Instanz weiterziehen kann. In diesem 

Sinne müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von 

denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid 

stützt (BGE 143 III 65 E. 5.2; 141 V 557 E. 3.2.1; 136 I 229 E. 5.2; 136 V 

351 E. 4.2).  

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Seite 9 

Diese Vorgaben sind hier eingehalten. Die Vorinstanz hat nur den – im 

Rahmen ihrer Möglichkeiten korrekt erhobenen – Sachverhalt anders ge-

würdigt als die Beschwerdeführerin. Dieser war es ohne weiteres möglich, 

die Gründe für die Abweisung des Gesuchs zu erkennen und dagegen 

sachgerechte Einwände im Beschwerdeverfahren vorzubringen.  

5.3 Dies gilt auch in Bezug auf den Umstand, dass die Vorinstanz im Rah-

men der Vorabklärung zunächst von einer schwerwiegenden Notlage aus-

gegangen war, den sie nach eingehender Prüfung dann verneinte. Aus ei-

ner solchen ersten Einschätzung, die nicht bindend ist für das weitere Ver-

fahren, kann die Beschwerdeführerin nichts zu ihren Gunsten ableiten. Für 

eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz besteht somit auch unter 

diesem Aspekt kein Anlass. 

6.  

Materiell ist zu prüfen, ob konkrete Anhaltspunkte für das Bestehen einer 

unmittelbaren, ernsthaften und konkreten Gefährdung der Beschwerdefüh-

rerin an Leib und Leben vorliegen, welche ein behördliches Eingreifen 

zwingend erforderlich machen würde (vgl. E. 3.3). 

6.1 Auszugehen ist vom – auch von der Vorinstanz nicht bestrittenen – Um-

stand, dass die Beschwerdeführerin im Jahre 2018 sich dem Wunsch ihres 

Onkels widersetzte, einen älteren Mann zu heiraten, und deswegen vor 

ihrem Onkel flüchtete. Sie hielt sich dann bis heute an verschiedenen Orten 

auf (Mädcheninternat in B._______, bei ihrer Tante in B._______, bei ihrer 

Grossmutter in C._______, zusammen mit anderen Mädchen in gemiete-

ten Wohnungen in C._______ und B._______) und konnte auch schon 

zweimal nach Pakistan reisen. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, 

wird sie von den Familienangehörigen in der Schweiz finanziell unterstützt. 

Konkrete Hinweise, wonach sie seit 2018 von ihrem Onkel oder sonst einer 

Person (insbesondere dem Mann, den sie heiraten sollte, oder ihrem leib-

lichen Vater) bedroht oder verfolgt werde, liegen nicht vor. Es ist auch nicht 

bekannt, ob diese Personen sich überhaupt noch in Afghanistan aufhalten 

oder aufgrund der Machtübernahme der Taliban geflohen sind. Auf jeden 

Fall kann von einer konkreten und unmittelbaren Gefahr von gewalttätigen 

und sexuellen Übergriffen sowie von Zwangsheirat nicht die Rede sein. Die 

Beschwerdeführerin hat zudem die Möglichkeit, sich in einen Drittstaat zu 

begeben. In ihrer Eingabe vom 19. August 2021 bringt sie denn auch selbst 

vor, dass eine Ausreise nach Usbekistan oder den Iran zur Diskussion 

stehe.  

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Seite 10 

6.2 Zwar ist die Lage der Beschwerdeführerin als alleinstehende junge 

Frau in Afghanistan, welche sich nach der Machtübernahme der Taliban 

mit Sicherheit nicht verbessert haben dürfte, schwierig. Auch wenn – wie 

in der Eingabe vom 21. Oktober 2021 vorgebracht – seither weitere Perso-

nen aus dem verwandtschaftlichen Umfeld der Beschwerdeführerin umge-

kommen oder verschollen sind, ändert dies nichts an ihrer Gefährdungs-

lage, zumal diese Ereignisse keinen Zusammenhang mit ihrer Situation 

aufweisen. Sie verfügt offensichtlich nach wie vor über ein gewisses Be-

ziehungsnetz in Afghanistan und kann weiterhin auf die finanzielle Unter-

stützung ihrer Familie in der Schweiz zählen. Eine besondere Notsituation, 

die ein behördliches Eingreifen zwingend erforderlich machen würde, liegt 

nicht vor. 

6.3 Aus dem aus Sicht der Beschwerdeführerin unglücklichen Umstand, 

dass sie im Jahre 2015 auf der Flucht von den übrigen Familienmitgliedern 

getrennt wurde und nicht mit ihnen in die Schweiz reisen konnte, kann sie 

ebenso wenig etwas zu ihren Gunsten ableiten wie aus der langen Verfah-

rensdauer des Asylverfahrens ihrer Familie in der Schweiz, welche dazu 

führte, dass sie volljährig wurde, bevor die dreijährige Wartefrist für den 

Familiennachzug (Einbezug in die vorläufige Aufnahme) abgelaufen war. 

Schliesslich kann man der Vorinstanz nicht vorwerfen, sie habe den Asyl-

entscheid der Mutter der Beschwerdeführerin absichtlich hinausgezögert, 

um den Familiennachzug zu verhindern. Im Übrigen kann bei der Beurtei-

lung eines humanitären Visums – wie die Vorinstanz zutreffend ausführt – 

das Bestehen von Bindungen zur Schweiz mitberücksichtigt werden. Ein 

bestehendes soziales Netz in der Schweiz allein genügt jedoch nicht für 

die Erteilung eines humanitären Visums, wenn – wie im vorliegenden Fall – 

keine unmittelbare und konkrete Gefährdungslage gegeben ist. Mit ande-

ren Worten, das humanitäre Visum ist nicht für jene Fälle vorgesehen, bei 

denen die Voraussetzungen für einen Familiennachzug nicht erfüllt werden 

konnten. Bei dieser Sachlage kann darauf verzichtet werden, auf die wei-

teren Vorbringen betreffend die sozialen Verhältnisse der Familie in der 

Schweiz und die entsprechenden Beweismittel einzugehen.  

6.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die restriktiven Vorausset-

zungen für die Erteilung eines humanitären Visums nicht erfüllt sind. Auf-

grund der Aktenlage kann nicht auf eine besondere Notsituation geschlos-

sen werden, die ein behördliches Eingreifen zwingend erforderlich machen 

würde. Die Beschwerdeführerin befindet sich nach dem Gesagten zweifel-

los in einer schwierigen Situation. Allerdings ist diese insgesamt mit jener 

vergleichbar, in der sich letztlich zahlreiche junge Frauen in Afghanistan 

F-3248/2020 

Seite 11 

befinden. Eine unmittelbare Gefährdung der Beschwerdeführerin, welche 

– im Gegensatz zu anderen Personen in einer vergleichbaren Lage – die 

Ausstellung eines humanitären Visums gebieten würde, liegt indessen 

nicht vor. 

7.  

Die angefochtene Verfügung erweist sich somit im Lichte von Art. 49 VwVG 

als rechtmässig. Damit ist die Beschwerde abzuweisen. 

8.  

Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde-

führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Aufgrund der mit Zwischen-

verfügung vom 1. Juli 2020 gewährten unentgeltlichen Prozessführung ist 

jedoch auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten. 

 

(Dispositiv nächste Seite) 

  

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Seite 12 

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 

1.  

Die Beschwerde wird abgewiesen. 

2.  

Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 

3.  

Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin und die Vorinstanz. 

 

Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: 

  

Susanne Genner Rudolf Grun 

 

 

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