# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** afd35f41-dc4f-5c8d-9a86-3ad3653dd57f
**Source:** St. Gallen (SG)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2022-12-22
**Language:** de
**Title:** St.Gallen Versicherungsgericht 22.12.2022 IV 2020/247
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SG_Gerichte/SG_VSG_001_IV-2020-247_2022-12-22.pdf

## Full Text

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St.Galler Gerichte

Fall-Nr.: IV 2020/247

Stelle: Versicherungsgericht

Rubrik: IV - Invalidenversicherung

Publikationsdatum: 09.02.2023

Entscheiddatum: 22.12.2022

Entscheid Versicherungsgericht, 22.12.2022
Art. 28 IVG. Art. 16 ATSG. Rente der Invalidenversicherung. Würdigung eines 
Administrativgutachtens (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons 
St. Gallen vom 22. Dezember 2022, IV 2020/247).

Entscheid vom 22. Dezember 2022

Besetzung

Präsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Karin Huber-Studerus und Corinne 

Schambeck; Gerichtsschreiber Tobias Bolt

Geschäftsnr.

IV 2020/247

Parteien

A.___,

Beschwerdeführer,

vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Lorenz Gmünder, Schwager Mätzler Schneider, 

Poststrasse 23, Postfach 1936, 9001 St. Gallen,

gegen

IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,

Beschwerdegegnerin,

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Gegenstand

Rente

Sachverhalt

A.  

A.___ meldete sich im Oktober 1993 zum Bezug von Leistungen der 

Invalidenversicherung an (IV-act. 3). Er gab an, er habe eine kaufmännische Ausbildung 

absolviert. Sein Hausarzt, Dr. med. B.___, berichtete im November 1993 (IV-act. 6), der 

Versicherte habe ihn erstmals im Mai 1991 konsultiert. Damals habe er sich schon seit 

langem in psychiatrischer Behandlung befunden. In den anschliessenden mehr oder 

weniger regelmässigen Konsultationen habe der Versicherte ein buntes funktionelles 

Beschwerdebild gezeigt. Sämtliche somatischen Abklärungen hätten keinen 

pathologischen Befund geliefert. Der behandelnde Psychiater Dr. med. C.___ teilte der 

IV-Stelle im April 1994 mit (IV-act. 9), der Versicherte leide an Angst- und 

Panikstörungen bei einer Persönlichkeit mit vermeidenden und narzisstischen Zügen. 

Er befinde sich in einer Identitätskrise, weil er einerseits seinen Beruf nicht selbst, 

sondern unter Druck des sehr autoritären und konservativ denkenden Vaters ergriffen 

habe und weil er andererseits homosexuell sei, was in seiner Familie ein Tabu sei. Im 

Jahr 1990 habe er sich von der Familie getrennt. Der Gesundheitsschaden habe sich 

im Verlauf des Jahres 1990 allmählich entwickelt. Die bisherigen Therapieversuche 

seien gescheitert. An beruflichen Massnahmen seien eine Berufsberatung und eventuell 

eine Umschulung und eine Vermittlung in eine Tätigkeit zu empfehlen, die der 

Persönlichkeit des Versicherten entspreche. Nachdem der Versicherte gegenüber 

einem Berufsberater der Invalidenversicherung erklärt hatte, dass er sich einen 

Berufswechsel nicht zutraue und dass er deshalb selbständig nach einer weniger 

anspruchsvollen Tätigkeit im kaufmännischen Bereich suchen wolle (vgl. IV-act. 19), 

wurde das Verfahren betreffend berufliche Massnahmen mit einer Verfügung vom 14. 

Juli 1995 abgeschlossen (IV-act. 22).

A.a. 

Im März 2012 meldete sich der Versicherte erneut zum Bezug von Leistungen der 

Invalidenversicherung an (IV-act. 23). Er gab an, er leide seit Juni 2011 an einem 

A.b. 

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Morbus Sudeck. Die Arbeitgeberin berichtete im April 2012 (IV-act. 31), der Versicherte 

sei seit August 2007 als Sachbearbeiter in einem Pensum von 80 Prozent angestellt. 

Aktuell arbeite er in einem Pensum von 40 Prozent. Der Hausarzt Dr. med. D.___ gab 

am 20. April 2012 gegenüber Dr. med. E.___ vom IV-internen regionalen ärztlichen 

Dienst (RAD) telefonisch an (IV-act. 40–1 f.), er habe den Versicherten schon seit 

längerem nicht mehr gesehen. Dieser leide seit Juni 2011 an massiven Schmerzen und 

an einer zunehmenden Bewegungseinschränkung des rechten, dominanten Arms vom 

Handgelenk bis zur Schulter. Die Ursache sei unklar. Ein Chiropraktor habe einen 

Morbus Sudeck diagnostiziert. Der Versicherte könne den rechten Arm maximal noch 

bis zur Horizontalen heben. Seit längerem sei er zu 50 Prozent arbeitsunfähig (bezogen 

auf sein Pensum von 80 Prozent). Phasenweise sei er auch vollständig arbeitsunfähig 

gewesen. Die Tätigkeit als Sachbearbeiter sei ideal leidensadaptiert. In einem 

„Assessmentgespräch“ teilte der Versicherte mit (IV-act. 51), er arbeite in einem 

Pensum von 80 Prozent, weil er sich dies leisten könne. Im September 2011 sei er 

vollständig arbeitsunfähig gewesen. Ab Dezember 2011 habe er wieder zu 50 Prozent 

(von 80 Prozent) gearbeitet. Seine effektive Leistung sei aber tiefer, weil er zusätzliche 

Pausen benötige. Er könne nicht einmal mehr den Telefonhörer halten, weshalb er mit 

einem Head-Set versorgt worden sei. Er könne die Türen nicht mehr selbständig öffnen 

und er brauche Hilfe beim Anziehen eines Jacketts. Im Auftrag der 

Krankentaggeldversicherung erstellte Dr. med. F.___ am 12. Dezember 2012 ein 

orthopädisches Gutachten (Fremdakten). Sie hielt fest, der Versicherte leide an 

erheblichen Funktionseinschränkungen beider Schultergelenke, an rechts ausgeprägter 

als links vorhandenen Funktionseinschränkungen der Ellbogengelenke und der 

Handgelenke sowie an einer Fehlstatik der Wirbelsäule. Der Psychiater Dr. med. G.___ 

habe anlässlich einer Rückfrage angegeben, dass eine leichte depressive Episode ohne 

Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit vorliege. Aus orthopädischer Sicht sei wegen des 

Verdachts auf eine frozen shoulder-Problematik eine vollständige Arbeitsunfähigkeit für 

die nächsten sechs Monate ausgewiesen.

Im Dezember 2013 meldete sich der Versicherte zum Bezug einer 

Hilflosenentschädigung an (IV-act. 78). Er gab an, er benötige eine regelmässige 

erhebliche Dritthilfe beim An- und Auskleiden (seit August 2012), beim Essen (seit 

September 2012), bei der Körperpflege (seit Juli 2012), beim Verrichten der Notdurft 

A.c. 

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(seit November 2012) sowie bei der Fortbewegung im Freien (seit Januar 2013). Im 

Auftrag der IV-Stelle erstattete die Ärztliches Begutachtungsinstitut (ABI) GmbH am 2. 

September 2014 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 96). Die Sachverständigen 

hielten fest, der Versicherte leide an einem Funktions- und Belastungsdefizit des 

gesamten rechten Armes, an einem Funktions- und Belastungsdefizit der linken 

Schulter, an einer leichten schmerzbedingten kognitiven Beeinträchtigung sowie – ohne 

Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an einer anhaltenden somatoformen 

Schmerzstörung, an akzentuierten ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitszügen, an 

einem chronischen thoraco-lumbo-spondylogenen Schmerzsyndrom, an einem 

chronischen cervico-spondylogenen Schmerzsyndrom, an einer chronischen Hepatitis 

B, an einem Morbus Basedow sowie an Übergewicht. Zudem bestehe der Verdacht auf 

eine arterielle Hypertonie. Aus somatischer Sicht liessen sich die angegebenen 

Beschwerden und Funktionseinschränkungen nur zum Teil begründen. Die 

ausgeprägte Invalidisierung mit anamnestischer Hilfsbedürftigkeit sei aus 

rheumatologischer Sicht nicht nachvollziehbar. Die Funktionseinschränkungen seien 

am ehesten auf die Ruhigstellung zurückzuführen, die zu einer gewissen Versteifung 

der Gelenke geführt habe. Bei der neurologischen Untersuchung sei aufgefallen, dass 

der Versicherte beim Ankleiden „völlig gezielte“ Bewegungen mit beiden Händen 

ausgeführt habe. Aus psychiatrischer Sicht könne keine Diagnose mit Auswirkung auf 

die Arbeitsfähigkeit gestellt werden. Zusammenfassend seien körperlich leichte, 

adaptierte Tätigkeiten im Vollpensum zumutbar, wobei aufgrund der schmerzbedingten 

kognitiven Einschränkung eine Leistungseinbusse von zehn Prozent bestehe. Der 

Arbeitsfähigkeitsgrad betrage also 90 Prozent. Zusammenfassend bestehe eine 

„deutliche“ Diskrepanz zwischen der Beurteilung und der Selbsteinschätzung. Die 

RAD-Ärztin Dr. E.___ qualifizierte das Gutachten als überzeugend (IV-act. 97).

Mit einem Vorbescheid vom 23. Oktober 2014 teilte die IV-Stelle dem Versicherten 

mit, dass sie die Abweisung seines Rentenbegehrens mangels eines 

rentenbegründenden Invaliditätsgrades vorsehe (IV-act. 108). Am 18. Dezember 2014 

notierte die RAD-Ärztin Dr. med. H.___ im Zusammenhang mit der Prüfung des 

Begehrens um eine Hilflosenentschädigung (IV-act. 115), unter Berücksichtigung der 

aktuellen medizinischen Befunde und der Vorgeschichte leide der Versicherte an einer 

schweren psychischen Erkrankung aus dem neurotisch-somatoformen Formenkreis. 

A.d. 

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Angesichts des langwierigen Krankheitsverlaufs mit einer progredienten Symptomatik 

müsse davon ausgegangen werden, dass der Versicherte diese nicht willentlich 

beeinflussen könne. Durch die schwere psychische Erkrankung sei der vom 

Versicherten angegebene Unterstützungsbedarf im Alltag plausibel begründet. Mit 

einer Verfügung vom 22. Januar 2015 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren des 

Versicherten ab (IV-act. 119). Mit einer Verfügung vom 6. Mai 2015 sprach sie ihm 

rückwirkend per 1. Dezember 2012 eine Entschädigung bei einer Hilflosigkeit mittleren 

Grades zu (IV-act. 133).

Bereits am 25. Februar 2015 hatte der Versicherte eine Beschwerde gegen die das 

Rentenbegehren abweisende Verfügung vom 22. Januar 2015 erhoben (IV-act. 127). 

Noch während des laufenden Beschwerdeverfahrens meldete er sich im Januar 2016 

zum Bezug eines Assistenzbeitrages an (IV-act. 138). Eine Sachbearbeiterin der IV-

Stelle ermittelte nach einem Gespräch mit dem Versicherten in dessen Wohnung einen 

Assistenzbedarf von 111,91 Stunden pro Monat, wovon 35,71 Stunden durch die 

Hilflosenentschädigung und 52,2 Stunden durch Leistungen der obligatorischen 

Krankenpflegeversicherung abgedeckt waren (IV-act. 156). Mit einer Verfügung vom 

13. Juni 2016 sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit Wirkung ab dem 1. Januar 

2016 einen Assistenzbeitrag für 32,09 Stunden pro Monat zu (IV-act. 162). Mit einem 

Entscheid vom 31. Oktober 2017 hob das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen 

die Rentenverfügung vom 22. Januar 2015 auf (IV 2015/68; vgl. IV-act. 164). Es hielt 

fest, das psychiatrische Teilgutachten der ABI GmbH überzeuge nicht, weil es mit der – 

mittlerweile aufgegebenen – „Päusbonog“-Rechtsprechung des Bundesgerichtes 

begründet worden sei. Zudem hätte die IV-Stelle der ABI GmbH das von Dr. F.___ 

erwähnte psychiatrische Teilgutachten von Dr. G.___ zur Verfügung stellen müssen, 

das sich nicht bei den Akten befinde. Das rheumatologische Teilgutachten sei nicht 

umfassend, weil keine aktuellen bildgebenden Untersuchungen durchgeführt worden 

seien. Im Übrigen sei nicht nachvollziehbar, weshalb die IV-Stelle das Rentenbegehren 

bei einem Invaliditätsgrad von null Prozent abgewiesen, dem Versicherten aber eine 

Entschädigung bei einer Hilflosigkeit mittleren Grades sowie einen Assistenzbeitrag 

zugesprochen habe.

A.e. 

Die IV-Stelle versuchte in der Folge, das psychiatrische Teilgutachten von 

Dr. G.___ erhältlich zu machen, was allerdings nicht gelang (IV-act. 175 ff., 192–1 und 

A.f. 

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195). Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die estimed AG am 27. Juni 2019 ein 

polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 218). Die Sachverständigen hielten fest, 

insbesondere unter Berücksichtigung der Ergebnisse der neurologischen und der 

psychiatrischen Begutachtung müsse die im Vordergrund stehende beidseitige 

Armparese im Rahmen einer psychogenen respektive funktionellen Störung 

beziehungsweise im Rahmen einer dissoziativen Bewegungsstörung gesehen werden. 

Nebst dieser dissoziativen Bewegungsstörung lägen eine somatoforme Störung, eine 

leichte kognitive Störung sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – ein 

schwergradiges obstruktives Schlafapnoesyndrom, eine chronische Hepatitis B, ein 

Morbus Basedow, eine arterielle Hypertonie, eine mittelgradige 

Aortenklappeninsuffizienz, eine Adipositas, eine anankastisch histrionisch, asthenisch 

ängstlich vermeidend strukturierte Persönlichkeitsakzentuierung, eine 

Überlastungsarthro- und Tendinopathie der beiden Füsse, ein myofascial betontes 

Panvertebralsyndrom und Ekchondrome des linken Humerus vor. Funktionell sei der 

Versicherte durch die abhanden gekommene Funktionalität der beiden Arme massivst 

eingeschränkt. Das betreffe sowohl den persönlich-privaten als auch den 

geschäftlichen Alltag. Inkonsistenzen seien nicht aufgefallen. In den Untersuchungen 

habe sich eine leichte Verdeutlichungstendenz gezeigt. Die dissoziative 

Bewegungsstörung dürfe nicht mit einer Aggravation oder Simulation verwechselt 

werden. Sowohl aus neurologischer als auch aus psychiatrischer Sicht sei für sämtliche 

Tätigkeiten eine vollständige Arbeitsunfähigkeit zu attestieren. Die 

Arbeitsfähigkeitsschätzung der ABI GmbH sei retrospektiv als illusorisch zu 

qualifizieren, da der Versicherte seine Arme für nichts mehr benutzen könne. Allerdings 

sei zu berücksichtigen, dass damals noch lediglich der rechte Arm betroffen gewesen 

sei. Die Wurzeln der Erkrankung reichten wohl bis in die Kindheit und Jugend des 

Versicherten zurück. Im Jahr 2011 möge sich dann ein Seelenschmerz körperlich 

manifestiert haben, der sich in einer symbolhaften Handlungsunfähigkeit sowie in einer 

Unfähigkeit, dem Vater die Hand zu reichen, gezeigt habe. Zum damaligen Zeitpunkt 

hätten allerdings wohl noch die Schmerzen im Vordergrund gestanden. Im weiteren 

Verlauf sei es mit dem endgültigen Bruch beziehungsweise der Abwendung des Vaters 

zu einer Zunahme der Erkrankung mit der Herausbildung der Symptomatik einer 

Konversionsstörung gekommen. Die Verschlimmerung mit dem Erlöschen der 

Arbeitsfähigkeit möge auf Dezember 2016, Januar 2017 zu datieren sein. Die RAD-

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Ärztin Dr. med. I.___ qualifizierte das Gutachten als überzeugend; der RAD-Arzt med. 

pract. J.___ hielt fest (IV-act. 219), das Gutachten enthalte verschiedene Hinweise auf 

Inkonsistenzen: Während der neuropsychologischen Testung habe der Versicherte 

unvermittelt mit beiden Armen respektive Händen unter seinen Stuhl (Gewicht ca. 5–

7kg) gegriffen, um diesen näher an den Tisch zu rücken; die Serum-

Wirkstoffkonzentration der eingenommenen Psychopharmaka hätten gegen eine 

regelmässige Einnahme gesprochen; bei der allgemein-internistischen Untersuchung 

seien das Greifen mit den Händen auf der Liege sowie das Abstützen beim Abliegen 

und Aufsitzen zu beobachten gewesen; während der rheumatologischen Untersuchung 

habe sich der Versicherte zwischendurch schnell bewegt, gewisse Ankleide- und 

Ausziehtätigkeiten selbst durchgeführt und dabei einen geschätzt etwas grösseren 

Bewegungsumfang als in der eigentlichen Untersuchung gezeigt. Eine Muskelatrophie, 

wie sie nach einem angeblich so langen Zeitraum des Nichtbenutzens der Arme und 

Hände zu erwarten gewesen wäre, habe nicht festgestellt werden können. Der 

Versicherte nehme keine Behandlungen in Anspruch. Offenbar wurde der Versicherte in 

der Folge im Auftrag der IV-Stelle observiert; da die Observation den Verdacht, der 

Versicherte habe unwahre Angaben gemacht, nicht hatte bestätigen können, ordnete 

die IV-Stelle mit einer Verfügung vom 25. März 2020 die Vernichtung der 

Observationsergebnisse an (IV-act. 236). Im Juli 2020 notierte der RAD-Arzt J.___ (IV-

act. 244), unter Berücksichtigung des Observationsmaterials sei mit überwiegender 

Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Versicherte an den vom 

psychiatrischen Sachverständigen diagnostizierten psychischen Beeinträchtigungen 

leide. Nach der Einschätzung des Sachverständigen seien diese Beeinträchtigungen 

gut behandelbar. Bislang habe der Versicherte aber noch keine entsprechende 

psychiatrische Behandlung in Anspruch genommen. Ihm sei eine solche Behandlung 

aber zumutbar. Ein Sachbearbeiter der IV-Stelle hatte bereits im Juni 2020 notiert (IV-

act. 246), die vollständige Arbeitsunfähigkeit sei gemäss dem Gutachten der estimed 

AG sicher seit Dezember 2016 ausgewiesen. Vermutlich sei der Versicherte seit dem 

Jahr 2014 oder 2015 zumindest teilweise arbeitsunfähig gewesen. Der Assistenzbeitrag 

sei per 1. Januar 2016 zugesprochen worden. Eine Spitexorganisation habe im Juni 

2016 berichtet, dass sie den Versicherten seit August 2015 unterstütze. Der Beginn der 

Arbeitsunfähigkeit sei deshalb auf diesen Zeitpunkt festzusetzen. Da der Versicherte 

nur zu 80 Prozent erwerbstätig gewesen sei, sei der Invaliditätsgrad anhand der 

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B.  

sogenannten „gemischten Methode“ zu berechnen. Im Haushalt sei unter 

Berücksichtigung der Mithilfe des Lebenspartners von einer Einschränkung von 50 

Prozent auszugehen. Der Invaliditätsgrad belaufe sich auf 90 Prozent (= 100% × 80% + 

50% × 20%).

Mit einem Vorbescheid vom 7. Juli 2020 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, 

dass sie die Zusprache einer ganzen Rente mit Wirkung ab dem 1. August 2016 

vorsehe (IV-act. 247). Dagegen liess der Versicherte am 24. Juli 2020 einwenden (IV-

act. 252–1 ff.), die Invalidität sei schon wesentlich früher eingetreten. Ihm müsse die 

ganze Rente mit Wirkung ab Dezember 2012 zugesprochen werden. Von September 

bis Dezember 2011 sei er vollständig arbeitsunfähig gewesen; danach habe er bloss 

noch 50 Prozent (von 80 Prozent) arbeiten können. Ab August 2012 sei er nur noch zu 

30 Prozent arbeitsfähig gewesen. Die Orthopädin Dr. F.___ habe ihm im Dezember 

2012 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit attestiert. Seit Dezember 2012 sei er hilflos. 

Er habe bereits ab Juli 2012 Spitexleistungen bezogen. Mit einer Verfügung vom 29. 

Oktober 2020 sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit Wirkung ab dem 1. August 

2016 eine ganze Rente zu (IV-act. 265). Bezugnehmend auf die Einwände des 

Versicherten hielt sie fest (IV-act. 260; vgl. auch IV-act. 256), die Arbeitsunfähigkeit sei 

gemäss den überzeugenden Ausführungen der Sachverständigen der estimed AG erst 

ab dem Jahr 2016 ausgewiesen. Aus Sicht des RAD sei auf diese Ausführungen 

abzustellen.

A.g. 

Am 27. November 2020 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) 

eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 29. Oktober 2020 erheben (act. G 1). Sein 

Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die 

Zusprache mindestens einer halben Rente ab September 2012 und einer ganzen Rente 

ab Dezember 2012 sowie eventualiter die Durchführung von weiteren medizinischen 

Abklärungen. Zur Begründung führte er aus, der Beschwerdeführer sei seit dem Jahr 

2011 arbeitsunfähig und seit Herbst 2012 nicht mehr erwerbstätig. Er habe sich im 

März 2012 zum Leistungsbezug angemeldet.

B.a. 

Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 12. 

Januar 2021 die Abweisung der Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie an, 

B.b. 

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die vom Beschwerdeführer behauptete Arbeitsunfähigkeit in der Vergangenheit sei in 

den Akten nicht ausgewiesen, wie die RAD-Ärzte J.___ und Dr. I.___ überzeugend 

aufgezeigt hätten.

Der Beschwerdeführer liess am 28. Januar 2021 an seinen Anträgen festhalten 

(act. G 6). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 8).

B.c. 

Das Versicherungsgericht forderte die estimed AG am 19. Januar 2022 auf 

(act. G 11), Stellung zur Frage zu nehmen, ob für die Vergangenheit auf das Gutachten 

der ABI GmbH abgestellt werden könne. Es hielt fest, in der Konsensbeurteilung der 

estimed AG sei die Arbeitsfähigkeitsschätzung der Sachverständigen der ABI GmbH 

als „illusorisch“ bezeichnet worden, während das psychiatrische Teilgutachten der 

estimed AG den Eindruck vermittle, die Sachverständigen der ABI GmbH hätten den 

damaligen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers korrekt erfasst und eine 

überzeugende Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben. Die estimed AG hielt am 9. März 

2022 fest (act. G 12), offenbar liege ein Missverständnis vor. Der Beschwerdeführer sei 

retrospektiv als erst ab Ende 2016, Anfang 2017 vollständig arbeitsunfähig zu 

qualifizieren. Im Vorfeld sei es im Zusammenhang mit dem Bruch der Beziehung zum 

Vater zu einer erheblichen Verschlechterung gekommen. Retrospektiv überzeuge die 

Arbeitsfähigkeitsschätzung der ABI GmbH für den damaligen Zeitraum bis zum Jahr 

2014, in dem die ABI GmbH ihr Gutachten erstellt habe. Im Gutachten der estimed AG 

sei ja festgehalten worden, dass aus somatischer Sicht nach wie vor von einem 

Arbeitsfähigkeitsgrad von 90 Prozent ausgegangen werden könne, nur sei die 

Verwertung dieser Arbeitsfähigkeit eben seit dem Jahreswechsel 2016/2017 aus 

psychischen Gründen illusorisch geworden.

B.d. 

Der Beschwerdeführer liess am 15. März 2022 geltend machen (act. G 14), die 

Stellungnahme der estimed AG sei unsorgfältig erstellt worden, was wohl auf den 

Umstand zurückzuführen sei, dass die Sachverständigen dafür nicht entschädigt 

würden. In ihrer Stellungnahme hätten sie zentrale Aussagen des ursprünglichen 

Gutachtens umgedeutet. Im Zeitpunkt, in dem das Gutachten erstellt worden sei, also 

im Frühjahr 2019, hätten die Sachverständigen der estimed AG eine seit mehreren 

Jahren bestehende vollständige Arbeitsunfähigkeit attestiert. Die Beschwerdegegnerin 

nahm keine Stellung.

B.e. 

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Erwägungen

1.

Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen Verfügung 

auf deren Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem des vorangegangenen 

Verwaltungsverfahrens entsprechen muss. Dieses hat sich auf die Prüfung eines im 

März 2012 eingereichten Rentenbegehrens beschränkt, nachdem berufliche 

Eingliederungsmassnahmen bereits vor Jahren eingestellt worden sind. Zwischen den 

Parteien ist zwar nur der Zeitpunkt des Rentenbeginns umstritten, aber den – 

unteilbaren – Anfechtungs- und Streitgegenstand dieses Beschwerdeverfahrens bildet 

die Rentenzusprache an sich, was bedeutet, dass umfassend zu prüfen ist, ob und falls 

ja ab wann und in welcher Höhe ein Rentenanspruch des Beschwerdeführers 

gegenüber der Invalidenversicherung besteht.

Das Versicherungsgericht wies den Beschwerdeführer am 12. Juli 2022 darauf hin 

(act. G 20), dass die Möglichkeit einer reformatio in peius bestehe. Die 

Beschwerdegegnerin habe den Rentenbeginn nämlich auf einen früheren als jenen 

Zeitpunkt festgesetzt, der massgebend wäre, wenn den Ausführungen der 

Sachverständigen der estimed AG gefolgt würde. Der Beschwerdeführer liess am 15. 

Juli 2022 an der Beschwerde festhalten (act. G 22).

B.f. 

Am 26. Juli 2022 forderte das Versicherungsgericht die Sachverständigen der 

estimed AG auf zu erklären (act. G 24), wie es sich medizinisch rechtfertigen lasse, von 

einer objektiv praktisch vollständig aufgehobenen Fähigkeit des Beschwerdeführers 

auszugehen, auf beiden Seiten die Arme, Hände und Finger einzusetzen, wenn dieser 

doch bewiesen habe, dass er beidseitig die Arme, Hände und Finger einsetzen könne, 

als er während der neuropsychologischen Begutachtung den Stuhl an den Tisch 

herangerückt habe. Die Sachverständigen antworteten am 21. August 2022 (act. G 25), 

das spontane Heranrücken des Stuhls an den Tisch sei weder als eine Diskrepanz 

noch als ein Hinweis auf eine Simulation zu werten. Die Handlungsunfähigkeit sei als 

ein Abwehrmechanismus zu einem sonst bestehenden „unerträglichen“, unbewussten, 

intrapsychischen Konflikt zu qualifizieren, wobei die „Lähmung“ der oberen Extremität 

nur im Erleben des Beschwerdeführers bestehe und nicht auf einem organischen 

Korrelat basiere. Es handle sich um eine Desintegration der Gesamtpersönlichkeit und 

um eine Entkopplung von seelischen und körperlichen Funktionen.

B.g. 

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2.  

Ein Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung besteht nach Art. 28 Abs. 1 

IVG, wenn die versicherte Person ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare 

Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, wenn sie 

während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich 

mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und wenn sie nach dem Ablauf 

dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist. Für die Bemessung der Invalidität 

wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der 

Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen 

Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare 

Erwerbstätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in 

Beziehung zu jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie 

gesund geblieben wäre (Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG).

2.1. 

Der Beschwerdeführer hat eine Ausbildung zum Kaufmann mit einem 

eidgenössischen Fähigkeitszeugnis abgeschlossen und in der Folge als Kaufmann 

gearbeitet. Die Validenkarriere entspricht jener eines typischen Kaufmannes, weshalb 

das Valideneinkommen dem statistischen Zentralwert der Löhne von Kaufleuten 

entsprechen muss.

2.2. 

Für die Bestimmung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens ist 

massgebend, welche Tätigkeiten dem Beschwerdeführer aus medizinischer Sicht 

zumutbar sind. Die Beschwerdegegnerin hat im Verlauf des Verwaltungsverfahrens 

zwei Gutachten eingeholt, die als Administrativgutachten nach der vom Bundesgericht 

geschaffenen Beweiskaskade als Beweismittel „zweiter Klasse“ zu qualifizieren sind 

und allein deshalb schon einen wesentlich höheren Beweiswert als die – 

„viertklassigen“ – Berichte der behandelnden Ärzte haben (vgl. zum Ganzen etwa den 

Entscheid IV 2019/277 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 24. August 2021, E. 

4.1, mit zahlreichen Hinweisen). Der Beweiswert des sorgfältig erarbeiteten sowie auf 

einer umfassenden Abklärung des massgebenden medizinischen Sachverhaltes und 

einer eingehenden Würdigung der Vorakten beruhenden Gutachtens der estimed AG ist 

von den Parteien zu Recht nicht in Frage gestellt worden. Gälte im 

Sozialversicherungsrecht allerdings nicht das reduzierte Beweismass der 

überwiegenden Wahrscheinlichkeit, sondern das im allgemeinen Verwaltungsrecht 

massgebende höhere Beweismass der an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit, 

könnte nicht auf dieses Gutachten abgestellt werden. Während der 

neuropsychologischen Testung hat der Beschwerdeführer nämlich gemäss der 

Schilderung der Sachverständigen einmal unvermittelt mit beiden Händen unter den 

2.3. 

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Stuhl gegriffen, diesen hoch gehoben und nach vorne gerückt, was ihm gemäss den 

Ausführungen der Sachverständigen der estimed AG medizinisch gar nicht möglich 

hätte sein dürfen. Als weitere Inkonsistenzen sind im Gutachten die nicht planmässige 

Einnahme der Psychopharmaka und das Abstützen auf die Arme und Hände beim 

Aufsitzen von der Liege erwähnt. Da die Sachverständigen eine – zumindest aus der 

Sicht eines medizinischen Laien – überzeugende Erklärung dafür geliefert haben, dass 

die auffälligste Inkonsistenz (das Heranrücken des Stuhles an den Tisch) in 

medizinischer Hinsicht nicht im Widerspruch zur attestierten praktischen 

Gebrauchsunfähigkeit der Arme und Hände steht und da in den einen langen Zeitraum 

abdeckenden Akten insgesamt nur wenige Inkonsistenzen beschrieben werden, 

wecken die erwähnten Inkonsistenzen nicht ausreichend ernsthafte Zweifel an der 

Zuverlässigkeit des Gutachtens der estimed AG, was bedeutet, dass das Gutachten 

trotz dieser Inkonsistenzen in Bezug auf die Diagnosen und damit auch in Bezug auf 

die Arbeitsfähigkeit als überwiegend wahrscheinlich richtig zu qualifizieren ist.

Für die Beurteilung des Zeitraums vor der Begutachtung des Beschwerdeführers 

im Frühjahr 2019 haben die Sachverständigen der estimed AG unter anderem 

massgeblich auf das Gutachten der ABI GmbH abgestellt. Der Rechtsvertreter des 

Beschwerdeführers hat wiederholt und mit sich teils an der Grenze der Sachlichkeit 

bewegenden Ausführungen geltend gemacht, das Gutachten der ABI GmbH sei vom 

Versicherungsgericht als untauglich qualifiziert worden. In der Replik hat er geltend 

gemacht, er „hoffe, das Versicherungsgericht findet dazu deutliche Worte“. Diese 

Auffassung von der Haltung des Versicherungsgerichtes zum Gutachten der ABI GmbH 

ist allerdings unzutreffend; das Missverständnis dürfte wohl auf eine unsorgfältige 

Lektüre des Entscheides IV 2015/68 vom 31. Oktober 2017 zurückzuführen sein. Das 

Versicherungsgericht hat nämlich festgehalten, dass auf das psychiatrische 

Teilgutachten der ABI GmbH nicht abgestellt werden könne, weil die 

Arbeitsfähigkeitsschätzung mit der „Päusbonog“-Rechtsprechung des 

Bundesgerichtes begründet worden sei, die aber in der Zeit zwischen der Erstellung 

des Gutachtens und der gerichtlichen Würdigung aufgegeben worden sei. Der vom 

Rechtsvertreter des Beschwerdeführers bereits damals vorgebrachten, an der Sache 

vorbeigehenden Kritik am Gutachten der ABI GmbH ist das Versicherungsgericht nicht 

gefolgt. Das Argument des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers, die Beurteilung 

der Sachverständigen der estimed AG könne nicht zutreffend sein, soweit sie sich mit 

jener der Sachverständigen der ABI GmbH decke, weil das Gutachten der ABI GmbH 

vom Versicherungsgericht als untauglich verworfen worden sei, trifft deshalb nicht zu. 

Der Vorwurf an die Sachverständigen der estimed AG, sie hätten die gerichtliche 

Anfrage unsorgfältig beantwortet, weil sie dafür kein Geld mehr erhalten hätten, ist 

2.4. 

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haltlos, zumal die Sachverständigen der estimed AG ihren Aufwand in Rechnung 

gestellt und selbstverständlich vergütet erhalten haben. Aus der Sicht eines 

medizinischen Laien leuchten die Ausführungen der Sachverständigen der estimed AG 

in deren Stellungnahme vom 9. März 2022 ein. Ein Widerspruch zu den Ausführungen 

im Gutachten oder gar eine – vom Rechtsvertreter des Beschwerdeführers behauptete 

– „Umdeutung“ von Passagen im Gutachten ist nicht auszumachen. Die 

Sachverständigen der estimed AG haben bereits im Gutachten mehrfach ausdrücklich 

darauf hingewiesen, dass es im Zeitraum zwischen der Begutachtung durch die ABI 

GmbH im Jahr 2014 und der Begutachtung durch die estimed AG im Frühjahr 2019 zu 

einer wesentlichen Verschlechterung des Gesundheitszustandes des 

Beschwerdeführers gekommen sein müsse, wobei insbesondere der Abbruch der 

Beziehung zum Vater eine wesentliche Rolle gespielt habe, der zum Jahreswechsel 

2016/2017 erfolgt sei (vgl. dazu etwa die anamnestischen Angaben in IV-act. 218–209 

und 218–218). Dem Gutachten lässt sich entnehmen, dass die Sachverständigen der 

estimed AG die Ausführungen der Sachverständigen der ABI GmbH als grundsätzlich 

überzeugend, aber mittlerweile – wegen der erwähnten Verschlechterung des 

psychischen Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers – „veraltet“ qualifiziert 

haben. Inhaltlich stimmen die Schlussfolgerungen in der Stellungnahme vom 9. März 

2022 also mit jenen im Gutachten überein. Daran kann die vom Rechtsvertreter des 

Beschwerdeführers aus dem Kontext gerissene Aussage im Gutachten, der 

Beschwerdeführer sei schon seit Jahren vollständig arbeitsunfähig, was nach der 

Interpretation des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers „mehr als zwei Jahre“ 

bedeuten müsse, nichts ändern. Gestützt auf die - zumindest aus der Sicht eines 

medizinischen Laien - überzeugende Würdigung der Befundschilderungen im 

Gutachten der ABI GmbH durch die Sachverständigen der estimed AG steht mit dem 

erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der 

Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Begutachtung durch die ABI GmbH im Jahr 2014 

zumindest noch nicht vollständig arbeitsunfähig gewesen ist. Die vom Rechtsvertreter 

des Beschwerdeführers als Gegenbeweis angeführten „echtzeitlichen“ Berichte aus 

den Jahren 2011–2014 wecken daran keinen Zweifel, da die Beurteilungen der 

behandelnden Ärzte massgebend vom therapeutischen Behandlungsauftrag 

beeinflusst gewesen sind, weshalb nach der bundesgerichtlichen Auffassung ein 

objektiver Anschein der Befangenheit besteht, und da sich jene Beurteilungen 

retrospektiv als unzutreffend erweisen, weil sich aus dem Gutachten der estimed AG 

mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ergibt, dass 

die Funktionsstörung der Arme entgegen den damaligen Mutmassungen der 

behandelnden Ärzte keine objektivierbare somatische Ursache hat. Der Umstand, dass 

der Beschwerdeführer bereits ab dem Jahr 2012 Spitex-Leistungen in Anspruch 

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 14/16

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genommen hat, sagt nichts über die massgebende versicherungsmedizinische 

Zumutbarkeitsbeurteilung für eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit aus. Das im Auftrag 

der Krankentaggeldversicherung erstellte Gutachten der Orthopädin Dr. F.___ von Ende 

2012 ist schliesslich ebenfalls nicht geeignet, Zweifel an der retrospektiven Beurteilung 

der Sachverständigen der estimed AG zu wecken, denn mittlerweile ist erwiesen, dass 

die massgebende Gesundheitsbeeinträchtigung auf keine objektivierbare somatische 

Ursache zurückgeführt werden kann, was bedeutet, dass der Beschwerdeführer aus 

rein orthopädischer Sicht gar nie massgeblich in seiner Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt 

gewesen ist. Zusammenfassend besteht also keine Veranlassung, von der 

retrospektiven Beurteilung der Sachverständigen der estimed AG abzuweichen.

Der Beschwerdeführer ist gemäss den - aus der Sicht eines medizinischen Laien - 

überzeugenden Ausführungen der Sachverständigen der estimed AG ab Januar 2017 

vollständig arbeitsunfähig gewesen. Für die Zeit davor haben die Sachverständigen der 

estimed AG retrospektiv keine Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben, sondern 

lediglich festgehalten, die Wurzeln der Erkrankung reichten wohl bis in die Kindheit und 

Jugend des Versicherten zurück. Im Jahr 2011 möge sich dann ein Seelenschmerz 

körperlich manifestiert haben, der sich in einer symbolhaften Handlungsunfähigkeit 

sowie in einer Unfähigkeit, dem Vater die Hand zu reichen, gezeigt habe. Zum 

damaligen Zeitpunkt hätten allerdings wohl noch die Schmerzen im Vordergrund 

gestanden. Im weiteren Verlauf sei es mit dem endgültigen Bruch beziehungsweise der 

Abwendung des Vaters zu einer Zunahme der Erkrankung mit der Herausbildung der 

Symptomatik einer Konversionsstörung gekommen. Die Verschlimmerung mit dem 

Erlöschen der Arbeitsfähigkeit möge auf Dezember 2016, Januar 2017 zu datieren sein. 

Diese vagen Ausführungen erlauben es nicht, für die weiter zurückliegende Zeit eine 

allfällige relevante Arbeitsunfähigkeit und deren Grad mit dem erforderlichen 

Beweisgrad zu bestimmen. Auf die Berichte der behandelnden Ärzte aus jener Zeit 

kann aus den oben genannten Gründen nicht abgestellt werden. Zu berücksichtigen ist 

schliesslich, dass die Sachverständigen der estimed AG ausdrücklich (und 

überzeugend) festgehalten haben, die Gesundheitsbeeinträchtigung habe sich in den 

Jahren 2011–2017 in einem fortlaufenden Prozess verschlechtert; erst ab Januar 2017 

sei der Beschwerdeführer dann vollständig arbeitsunfähig gewesen. Von weiteren 

Abklärungen kann bezüglich des genauen Verlaufs in antizipierender Beweiswürdigung 

kein Erkenntnisgewinn erwartet werden. Das bedeutet, dass für die Zeit vor Januar 

2017 eine objektive Beweislosigkeit hinsichtlich des Grades der Arbeitsunfähigkeit 

vorliegt, deren Nachteil in einer analogen, lückenfüllenden Anwendung des Art. 8 ZGB 

der Beschwerdeführer zu tragen hat. Folglich hat das sogenannte Wartejahr (Art. 28 

Abs. 1 lit. b IVG) erst im Januar 2017 zu laufen begonnen und damit erst am 31. 

2.5. 

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3.  

Hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen gilt dieser Verfahrensausgang als 

ein Unterliegen des Beschwerdeführers. Die angesichts des durchschnittlichen 

Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind deshalb 

ihm aufzuerlegen. Sie sind durch den von ihm geleisteten Kostenvorschuss von 600 

Franken gedeckt. Die zusätzlichen Kosten von 600 Franken für die Beantwortung der 

Ergänzungsfragen sind wegen einer Verletzung der Untersuchungspflicht der 

Beschwerdegegnerin (Art. 43 Abs. 1 ATSG) angefallen. Sie sind nach dem 

Verursacherprinzip der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der unterliegende 

Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.

Entscheid

im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP

1.

Die angefochtene Verfügung vom 29. Oktober 2020 wird aufgehoben und es wird 

festgestellt, dass der Beschwerdeführer ab dem 1. Januar 2018 einen Anspruch auf 

eine ganze Rente der Invalidenversicherung hat; die Sache ist zur Neufestsetzung der 

Rentenbeträge an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.

2.

Der Beschwerdeführer hat die Gerichtskosten von 600 Franken zu bezahlen; diese sind 

durch den von ihm geleisteten Kostenvorschuss gedeckt.

Dezember 2017 geendet. Da sich der Beschwerdeführer mehr als ein halbes Jahr vor 

diesem Zeitpunkt zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung angemeldet 

hatte, ist ihm in Anwendung der Art. 28 und 29 IVG mit Wirkung ab dem 1. Januar 2018 

eine ganze Rente der Invalidenversicherung zuzusprechen. Die angefochtene 

Verfügung ist entsprechend im Sinne einer reformatio in peius zu korrigieren und der 

Rentenbeginn ist vom 1. August 2016 auf den 1. Januar 2018 zu verschieben. Da diese 

Verschiebung des Rentenbeginns einen Einfluss auf die für die Berechnung der 

Rentenbeträge massgebenden Faktoren (insb. auf das massgebende durchschnittliche 

Jahreseinkommen) haben dürfte, ist die Sache zur Neufestsetzung der Rentenbeträge 

an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 16/16

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3.

Die Beschwerdegegnerin hat die Kosten für die ergänzende Stellungnahme der 

estimed AG von 600 Franken zu bezahlen.

4.

Das Begehren um eine Parteientschädigung wird abgewiesen.

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	Entscheid Versicherungsgericht, 22.12.2022
	Art. 28 IVG. Art. 16 ATSG. Rente der Invalidenversicherung. Würdigung eines Administrativgutachtens (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 22. Dezember 2022, IV 2020/247).

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