# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** a752a7c1-36ad-522f-ac8e-c03fa944431d
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2022-11-30
**Language:** de
**Title:** Die Beschwerdeführerin zündete bei einer Demonstration einen pyrotechnischen Gegenstand, welcher in ihrer Hand detonierte. Die Kürzung der Taggeldleistungen um 50 % wegen Eingehung eines Wagnisses ist rechtens.
**Docket/Reference:** UV.2022.00056
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/UV.2022.00056.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
UV.2022.00056
IV. Kammer
Sozialversicherungsrichter Hurst, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Arnold Gramigna
Sozialversicherungsrichterin Fankhauser
Gerichtsschreiber Hübscher
Urteil
vom
30. November 2022
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Rechtsanwalt Markus Bischoff
Schifflände 22, Postfach, 8024 Zürich
gegen
Schweizerische Mobiliar Versicherungsgesellschaft AG
Direktion Bern
Bundesgasse 35, Postfach, 3001 Bern
Beschwerdegegnerin
vertreten durch Fürsprecherin Barbara Künzi-Egli
Advokaturbüro
Thunstrasse
84, Postfach 31, 3074 Muri b. Bern
Sachverhalt:
1.
X.___
, geboren 1990,
arbeitet seit dem
1.
Januar 2020 als Fachfrau Betreuung EFZ (Kinderbetreuung) beim vom Verein
Y.___
betriebenen Kinderheim
Z.___
(
Urk.
8/2,
Urk.
8/45
www.«Y.___».ch
,
besucht am 1
2.
Oktober 2022).
In dieser Eigenschaft ist sie bei der Schweizerischen Mobiliar Versicherungsgesellschaft AG (nachfolgend:
die Mobiliar
) obligatorisch unfallversichert (
Urk.
8/2). Die Ver
sicherte zündete am 14. Juni 2021 bei einer bewilligten Demonstration
in Zürich
einen pyrotechnischen Gegenstand. Dieser detonierte
in
ihrer
linken
H
and
,
wo
durch
sie
Verletzungen
erlitt
(
Urk.
8/55). Die Ver
sicherte wurde vor Ort durch die anwesende Polizei erstversorgt und anschliessend mittels aufgebotener Sani
tät
in das Universitätsspital
A.___
ge
bracht
(
Urk.
8/20,
Urk.
8/5
6
)
. Dort
wurden
eine Endglied-Teilamputation des Daumens mit mehrfragmentärer En
d
gliedfrak
tur, Nagelbett
de
struktion und Nagelluxation, eine Nagelbettverletzung und aus
gedehnte Weich
teilmantel
verletzung des Endglieds des Zeigefingers, mul
tiple Rissquetschwunden am Mit
telfinger sowie Rissverletzungen der radialseiti
gen Hohl
hand festgestellt
(Urk. 8/10). Die Verletzungen wurden
am Folgetag in der Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie
,
Universitätsspital A.___
,
operativ versorgt
(Urk.
8/1
1
-1
2
).
Die Ärztinnen und Ärzte
des Universitätsspitals A.___
attestierte
n
der V
ersicherten für die Zeitperiode vom 1
5.
Juni
bis
1.
September 2021 eine 100%ige, vom
2.
bis 15. September 2021 eine 50%ige und vom 1
6.
September bis
6.
Oktober 2021 eine 30%ige
Arbeitsun
fähig
keit (
Urk. 8/1,
Urk.
8/13
,
Urk. 8/3
8
,
Urk. 8/46,
Urk. 8/75
).
Nach durchgeführten Abklärungen kürzte
die
Mobiliar
ihre Taggeld
l
eistungen
um 50
%
(Urk. 8/
59
)
.
In ihrem Schreiben an die Versicherte vom 1
0.
September 2021 begründete sie dies damit, dass die Versicherte ihre Verlet
zungen beim Eingehen eines Wagnisses erlitten habe. Dies führe nach der Rege
lung in Gesetz und Verordnung zu einer Leistungskürzung (Urk. 8/62).
Nachdem die Versicherte mit Schreiben vom 11.
Oktober 2021
dagegen Einwendungen erhoben und insbesondere
vorgebracht hatte, sie
sei
nicht wissentlich ein Wagnis eingegangen (Urk.
8/81-82)
, hielt die Mobiliar die
Kürzung der Taggelder am
2
1.
Oktober 2021
verfügungsweise fest
. (
Urk. 8/95-96). Hier
gegen
erhob die
Ver
sicherte am 1
1.
November 2021
Ein
sprache
(
Urk.
8/99-100), welche
die Mobiliar
mit
Einspracheentscheid
vom
2
2.
Februar 2022 abwies
(
Urk.
2).
2.
Mit Eingabe vom 2
2.
März 2022
erhob
X.___
Beschwerde beim Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich. Sie beantragte, der an
ge
fochtene
Einspracheentscheid
vom
22. Februar 2022
und die Verfügung der
Beschwerdegegnerin vom 2
1.
Oktober 2021 seien - unter Kosten- und Ent
schä
digungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin - aufzuheben (
Urk.
1 S. 2).
Die Beschwerdegegnerin schlos
s in der Beschwerdeantwort vom 2
6.
Ap
r
il
2022 auf Abweisung der
Beschwerde (
Urk.
7, unter Beilage ihrer Akten,
Urk.
8/1-123
), was de
r
Beschwerdeführer
in mit Verfügung vom 2
8.
April 2022
zur
Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
10
).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
UV170040
05.2021
Gemäss Art. 6 des Bundesgesetzes über die Unfall
ver
sicherung (UVG) werden - soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt - die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt (Abs. 1). Die Versicherung erbringt ihre Leistungen auch bei den im Einzelnen in Abs. 2 auf
geführten Körperschä
digun
gen, sofern sie nicht vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurück
zuführen sind. Ausserdem erbringt die Versicherung ihre Leis
tungen für Schädigungen, die der verunfallten Person bei der Heilbehandlung zugefügt werden (Abs. 3).
Nach Art. 10 Abs. 1 UVG hat die versicherte Person Anspruch auf die zweckmäs
sige Behandlung ihrer Unfallfolgen. Ist sie infolge des Unfalles voll oder teilweise arbeitsunfähig, so steht ihr gemäss Art. 16 Abs. 1 UVG ein Taggeld zu. Wird sie infolge des Unfalles zu mindestens 10 Prozent invalid, so hat sie Anspruch auf eine Invalidenrente, sofern sich der Unfall vor Erreichen des ordentlichen Ren
tenalters ereignet hat (Art. 18 Abs. 1 UVG). Der Rentenanspruch entsteht, wenn von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes mehr erwartet werden kann und allfällige Eingliederungs
massnahmen der Invalidenversicherung abgeschlossen sind. Mit dem Renten
be
ginn fallen die Heilbehandlung und die Taggeldleistungen dahin (Art. 19 Abs. 1 UVG). Erleidet die versicherte Person durch den Unfall eine dauernde erhebliche Schädigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Integrität, so hat sie Anspruch auf eine angemessene Integritätsentschädigung (Art. 24 Abs. 1 UVG).
1.2
1.2
.1
Gemäss
Art.
39 UVG kann der Bundesrat aussergewöhnliche Gefahren und Wagnisse bezeichnen, die in der Ver
sicherung der Nichtbetriebsunfälle zur Verweigerung sämtlicher Leistungen oder zur Kürzung der Geldleistungen führen. Die Verweigerung oder Kürzung kann er in Abweichung von
Art.
21
Abs.
1-3 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) anordnen.
1.
2
.2
Von der ihm mit
Art.
39 UVG eingeräumten Gesetzgebungskompetenz hat der Bundesrat mit
Art.
50 der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV) Gebrauch gemacht.
Bei Nichtberufsunfällen, die auf ein Wagnis zurückgehen, werden die Geldleistungen um die Hälfte gekürzt und in besonders schweren Fäl
len verweigert (
Art.
50 Abs. 1 UVV). Wagnisse sind Handlungen, mit denen sich der Versicherte einer besonders grossen Gefahr aussetzt, ohne die Vorkehren zu treffen oder treffen zu können, die das Risiko auf ein vernünftiges Mass beschrän
ken. Rettungshandlungen zugunsten von Personen sind indessen auch dann ver
sichert, wenn sie an sich als Wagnisse zu betrachten sind (Art. 50 Abs. 2 UVV).
1.
2
.3
Lehre und Rechtsprechung unterscheiden zwischen absoluten und relativen Wag
nissen. Ein absolutes Wagnis liegt vor, wenn eine gefährliche Handlung nicht schützenswert ist oder wenn die Handlung mit so grossen Gefahren für Leib und Leben verbunden ist, dass sich diese auch unter günstigen Umständen nicht auf ein vernünftiges Mass reduzieren lassen. Ein relatives Wagnis ist gegeben, wenn es die versicherte Person unterlassen hat, die objektiv vorhandenen Risiken und Gefahren auf ein vertretbares Mass herabzusetzen, obwohl dies möglich gewesen wäre (BGE 141 V 216 E. 2.2, 141 V 37 E. 2
.3, je mit Hinweisen).
1.2.4
Es gilt sodann zu beachten, dass sich die versicherte Person wissentlich einer schweren Gefahr aussetzen muss, damit eine Handlung als Wagnis qualifiziert werden kann. Hierbei muss sich das Wissen auf die gefährliche Situation an sich beziehen (Andreas Brunner/Doris Vollenweider, in: Ghislaine
Frésard-Fellay
/ Susanne Leuzinger/Kurt
Pärli
(Hrsg.), Basler Kommentar Unfallversicherungs
gesetz, Basel 2019,
N 46 zu
Art.
39 UVG).
1.
3
Gemäss
Art.
37
Abs.
2 UVG werden in Abweichung von
Art.
21
Abs.
1 ATSG in der Versicherung der Nichtberufsunfälle die Taggelder, die während der ersten zwei Jahre nach dem Unfall ausgerichtet werden, gekürzt, wenn der Versicherte den Unfall grobfahrlässig herbeigeführt hat.
Grobfahrlässig nach
Art.
37
Abs.
2 UVG handelt, wer jene elementaren Vorsichtsgebote unbeachtet lässt, die jeder verständige Mensch in der gleichen Lage und unter den gleichen Umständen befolgt hätte, um eine nach dem natürlichen Lauf der Dinge vorhersehbare Schädigung zu
vermeiden (BGE 138 V 522 E. 5.2.1 mit
Hinweisen)
.
1.
4
Sind die Voraussetzungen von
Art.
37
Abs.
2 und
Art.
39 UVG gleichzeitig erfüllt, gelangt
Art.
39 UVG als
lex
specialis zur
Anwendung (BGE 134 V 340 E. 3.2.4).
1.5
Im Sozialversicherungsverfahren gilt der Untersuchungsgrundsatz. Danach haben der Versicherungsträger oder das Durchführungsorgan und im Beschwerdefall das
kantonale Versicherungsgericht von sich aus für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen (Art. 43 Abs. 1 und Abs. 1
bis
sowie Art. 61
lit
. c in Verbindung mit Art. 2 ATSG). Der Untersuchungs
grundsatz wird durch die Mitwirkungspflicht der Versicherten respektive der Par
teien beschränkt (Art. 28 und Art. 43 Abs. 2 ATSG), vor allem in Bezug auf Tat
sachen, die sie besser kennen als die (Verwaltungs- oder Gerichts-) Behörde und welche diese sonst gar nicht oder nicht mit vernünftigem Aufwand erheben könnte (BGE 122 V 157 E. 1a; Urteil des Bundesgerichts 9C_341/2020 vom 4. September 2020 E. 2.2 mit Hinweis auf BGE 138 V 86 E. 5.2.3 und 125 V 193 E. 2; vgl. BGE 130 I 180 E. 3.2).
Der Untersuchungsgrundsatz schliesst die Beweislast im Sinne einer Beweis
füh
rungslast begriffsnotwendig aus. Im Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien in der Regel eine Beweislast nur insofern, als im Falle der Beweis
losigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewie
sen geblie
benen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift allerdings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des Unter
suchungsgrund
satzes aufgrund einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (Urteil des Bundesgerichts 8C_765/2020 vom 4. März 2021 E. 3.2.2 mit Hinweis auf BGE 144 V 427 E. 3.2). Bleiben jedoch erhebliche Zweifel an der Vollständig
keit und/oder Richtigkeit der bisher getroffenen Tatsachenfeststellung bestehen, ist weiter zu ermitteln, soweit von zusätzlichen Abklärungsmassnah
men noch neue wesentliche Erkenntnisse zu erwarten sind (Urteil des Bundes
gerichts 8C_257/2018 vom 24. August 2018 E. 3.3.2 mit Hinweis).
2.
2.1
Es liegen die folgenden
entscheidrelevanten
Unterlagen vor:
2.2
Der Anamnese im Austrittsbericht des Instituts für Notfallmedizin
des Universitätsspitals A.___
vom 14. Juni 2021 ist zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin mit einer Explo
sionsverletzung der linken Hand notfallmässig mit der Sanität ins
Universitätsspital A.___
gebracht worden sei. Sie sei bei einer Demonstration mitgelaufen und
habe
einen Rauch
feuer
werkskörper zünden wollen, als dieser in ihrer H
and
explodiert sei
. Die Beschwerdeführerin habe geglaubt, dass es sich bei dem Böller um eine Facke
l
handle. Sie habe ihn deswegen nicht losgelassen. Die Beschwerdeführerin könne sich aktuell nicht an die genaue Uhrzeit erinnern, vermute aber gegen 20.00 Uhr. Eine Freundin, die auch Teil der Demonstration gewesen sei, habe, nachdem sie
den Befund gesehen habe, die Hand unmittelbar eingewickelt und die Sanität verständigt (
Urk.
8/20).
2.3
Im am 12.
Juli 2021 ausgefüllten Fragebogen
der Beschwerdegegnerin schilderte die Beschwerdeführerin den Unfallhergang wie folgt (
Urk.
8/25): «Im Rahmen des Umzuges vom 14.6.21, im Gebiet der Langstrasse ca. um 19.30 Uhr wollte ich einen farbigen Rauch ablassen. Ich hielt eine violette Rauchpetarde in den Hän
den und zündete diese oben am Docht an. Es stellte sich jedoch heraus, dass diese ein Böller war. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Dann ist dieser in meiner Hand explodiert, wobe
i drei Finger verletzt wurden.»
2.
4
Am 1
0.
August 2021 antwortete die Beschwerdeführerin a
uf die Frage der Beschwerdegegnerin, wie sich der Unfall zugetragen habe
(
Urk.
8/43)
, dass sie w
ährend des Umzugs
ab ca. 18.00 Uhr gesehen
habe, wie Personen aus einem Sack Rauch
petarden nahmen und diese anzündeten.
Dabei sei Rauch aus den Petarden gequollen. Im Wissen, dass sich in diesem Sack Rauchpetarden befinden, habe
sie
in den Sack gegriffen.
Sie habe ebenfalls eine solche Petarde
angezündet. Der Rauch sei farbig gewesen. Zu einem späteren Zeitpunkt, u
m ca. 19.30 Uhr
an der Langstrasse
,
habe sich nochmals
eine
solche
aus
diesem Sack genommen und sie oben am Docht angezündet. Sie habe keine Zweifel gehabt, dass dies eine Petarde sei, weil diese dieselbe Farbe und Form wie die vorherige Petarde gehabt habe. Völlig unerwartet habe es, statt wie von ihr erwartet violetten Rauch, eine Explo
sion und einen lauten Knall
gegeben. Damit habe sie überhaupt nicht gerechnet. In ihrer Hand habe es eine Explosion gegeben und sie habe sich drei ihrer Finger verletzt (
Urk.
8/42).
Auf die Frage der Beschwerdegegnerin, woher die Rauchpetarden und der ex
plo
dierte Böller stammen würden (
Urk.
8/43), erwiderte die Beschwerdefüh
rerin, sie habe keine Ahnung
und könne dies nicht beantworten (
Urk.
8/42).
2.
5
Gemäss Rapport der Stadtpolizei Zürich vom
8.
Juli 2021 ermittelte die Polizei
gegen die Beschwerdeführerin
wegen des Verdachts auf ein Vergehen gegen das Sprengstoffgesetz
. Sie werde verdächtigt, durch Abbrennen eines pyrotech
ni
schen Gegenstandes zu Ver
gnügungszwecken (Art. 15 Abs. 5 des Bundes
ge
setzes über explosions
gefährliche Stoffe,
SprstG
) sich gemäss
Art.
37
Ziff.
1
SprstG
strafbar gemacht zu haben
.
Im Rapport wurde einleitend festgehalten, dass im Rahmen der bewilligten Demonstration «Frauenstreik» am 1
4.
Juni 2021 ent
lang der Marsch
route an der Spitze des Demonstrationszuges mehrere pyro
technische Gegen
stände (Handlichtfackeln) gezündet und in der Hand haltend abgebrannt worden seien. An vorgenannter Örtlichkeit seien Polizeifunktionäre auf eine Demonstrantin mit erheblichen Verletzungen an der linken Hand auf
merksam
gemacht worden (Urk. 8/56)
.
Zum Sachverhalt wurde ausgeführt, d
ie Beschwer
deführerin habe einen unbekannten pyrotechni
schen Gegenstand gezündet. Der pyrotechnische Gegenstand sei in ihrer Hand detoniert,
wodurch sie Verletzungen erlitten habe (
Urk.
8/55). Aufgrund des hohen Personenauf
kommens bei der Demonstration (ca. 7000
Personen
) habe eine Spuren
sicherung am Tatort nicht vollzogen werden können. Deshalb würde
n
über den betreffenden unbekannten pyrotechnischen Gegenstand bis dato keinerlei Infor
mationen vor
liegen.
Gemäss den vor Ort anwesenden Polizeifunktionären habe keine Person Angaben zum Unfallhergang machen können. Die Aussagen seien ver
weigert worden. Ausser den hinzugezogenen Polizeifunktionären hätten keinerlei Aus
sagen zum Ereig
nisverlauf erhoben werden können. Die Begleiterin (der Beschwerdeführerin), deren Personalien nicht bekannt seien und welche die Beschwerdeführerin schliesslich im Rettungsfahrzeug ins
Universitätsspital A.___
begleitet habe, habe gegenüber den vor Ort anwesenden
Polizeifunktionären sofort klar
gemacht, dass sie sich zu den vorhergehenden Ereignissen nicht äussern
werd
e und jede Aussage gegenüber der Polizei verweigere. Des Weiteren habe die Begleiterin der B
eschwerdeführerin auch die
se
auf ihr Aussageverweige
rungs
recht aufmerksam gemacht (
Urk.
8/55). Die Beschwerdeführerin sei am
8.
Juli 2021 für die protokol
larische Befragung in
d
er Dienststelle erschienen.
Sie habe auf alle Frage ihre Antworten verweigert (
Urk.
8/54, s. a.
Urk.
8/49-51).
Basierend auf den bishe
rigen Erkenntnissen werde zum Zeitpunkt der vorliegenden Rapporter
stattung davon ausgegangen, dass die Verletzungen der Beschwerde
führerin selbst
ver
schuldet beigebracht worden seien. Mit diesem Hintergrund
werde
diesbezüglich von einem Unfall als Ursache für die entstandenen Verletzungen ausgegangen. Hinweise auf eine Drittwirkung bestünden bisher keine (
Urk.
8/55). Insbesondere würden aufgrund der Aus
sage
verweigerung der Beschwerdeführerin und deren Begleiterin keiner gesicherten Erkenntnisse betreffend den genauen Unfall
hergang vorliegen (
Urk.
8/54-55).
2.
6
Der Begründung der
Nichtanhandnahmeverfügung
gemäss
Art.
310 der
S
chwei
ze
rischen
Strafprozessordnung (StPO)
der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 1
6.
November 2021
betreffend Widerhandlung gegen das Sprengstoffgesetz
ist zu entnehmen,
dass im Rahmen der bewilligten Demons
tration «Frauenstreik» am 1
4.
Juni 2021 entlang der Marschroute an der Spitze des Demonstrationszuges mehrere pyrotechnische Gegenstände (Handlicht
fackeln) gezündet und, in der Hand haltend, abgebrannt worden seien. An der Langstrasse, Verzweigung mit der Hohlstrasse, in Zürich 4, seien die Polizei
funk
tionäre auf eine Demonstrantin mit erheblichen Verletzungen an der linken Hand aufmerksam gemacht worden.
Die verletzte Frau, später bekannt als die
der Widerhandlung gegen das Spreng
stoffgesetz b
eschuldigte
Beschwerdeführerin
, habe vor Ort durch die anwesende Polizei erstversorgt und anschliessend durch die aufgebotene Sanität ins
Universitätsspital A.___
überführt werden können. Sowohl die Begleiterin der Beschuldigten, welche diese ins Spital be
gleitet habe, wie auch die B
eschul
digte selbst, hätten si
ch
geweigert, der Polizei gegenüber Aussagen über die Ent
stehung der Verletzung zu machen
. Der Verdacht liege nahe, dass sich die Beschuldigte beim Manipulieren mit pyro
technischen Gegenständen, die er
wähnte Verletzung unabsichtlich selbst zuge
fügt habe. Hinweise für ein Dritt
ver
schulden würden nicht vorliegen, ein solches könne aber nicht mit letzter Sicher
heit ausgeschlossen werden. Mangels weiterer verwertbarer Beweismittel sei es nicht möglich, der Beschuldigten ein
tatbest
änd
liches
Verhalten rechtsgenügend nachzuweisen, obschon ein solches, wie er
wähnt, im Vordergrund stehe. Die Voraussetzungen für die Eröffnung einer Untersuchung seien damit nicht gegeben, weshalb eine Untersuchung nicht anhand zu nehmen sei
(
Urk.
8/116).
3.
3.1
Strittig und zu prüfen ist, ob die von der Beschwerdegegnerin verfügte Leistungs
kürzung rechtens ist.
3.2
Die Beschwerdegegnerin führte im angefochtenen
Einspracheentscheid
vom 22. Februar 2022 insbesondere aus, dass die Beschwerdeführerin bei der Ein
ver
nahme bei der Stadtpolizei Zürich vom 8. Juli 2021 jegliche Aussage ver
weigert
habe
, so dass (aus dem Polizeirapport) keine weiteren Erkennt
nisse zum Sach
ver
halt hätten gewonnen werden können. Es könne aber so oder anders offenbleiben, ob es sich um eine Rauchpetarde oder einen Böller gehandelt habe. Beides seien nicht hand
habungssichere pyrotechnische Gegenstände und deren Besitz und Ver
wen
dung sei nach Art. 37
Ziff
. 1
SprstG
strafbar. Bei vorsätzlicher Begehung werde Gefängnis oder Busse ange
droht. Beides - Besitz und Verwen
dung - treffe hier zu. Selbst wenn nun der Vorfall nicht als Wagnis qualifiziert und die Vor
sätz
lichkeit verneint werde, bleibe eine Kürzungsmöglichkeit. Es liege zumindest eine grobe Fahrlässigkeit, weshalb sie ihre Versicherungslei
s
tungen in Anwen
dung von Art. 37 Abs. 2 UVG kürzen könne. Da die Beschwerdeführerin (bei der Befragung durch die Polizei) jegliche Aussagen verweigert beziehungs
weise (ihr gegenüber in den Fragebogen) uneinheit
liche Aussagen gemacht habe, könnten weder objektive noch subjektive Ent
lastungsgründe ausgemacht werden. Die Ein
sprache sei daher abzuweisen und ihre Verfügung vom 21. Oktober 2021 betref
fend Leistungskürzung sei zu bestä
tigen (Urk. 2 S. 3).
3
.3
Dem hält die Beschwerdeführerin im Wesentlichen entgegen, dass die Petarde, welche in ihrer Hand explodiert sei, die zweite Petarde gewesen sei, welche si
e
bei der bewilligten Demonstration vom 14. Juni 2021 aus einem Sack genommen und angezündet habe. Die erste Petarde, die sie behändigt habe, habe sich ent
zündet, und es habe sich ein violetter Rauch verbreitet. Die Petarde, die ex
plodiert sei, habe äusserlich dieselbe Farbe und Form gehabt, wie diejenige, die sie vorher aus dem Sack genommen habe (
Urk.
1 S. 2). Ein Wagnis liege nicht vor, weil das zentrale Element des Wissens fehle. Ebenso wenig liege eine Grob
fahrlässigkeit gemäss
Art.
37
Abs.
2 UVG vor. Grobfahrlässigkeit sei gege
ben, wenn die ele
mentarsten Vorsichtsgebote nicht erfüllt seien, die jeder ver
nünftige Mensch in derselben Lage und unter den gleichen Umständen erfül
len würde. Eine Leis
tungskürzung komme vor allem im Strassenverkehrsrecht vor, wenn ele
mentarste Verkehrsregeln nicht beachtet worden seien. Diese Kürzungen seien jedoch moderat (
Urk.
1 S. 4). Selbst wenn davon ausgegangen würde, der Ge
brauch von Rauchpetarden
verstiesse gegen
Art.
37
SprstG
, könne im Gebrauch der Rauch
petarde, welche sich als explosiver Böller entpuppte, keine Grobfahrlässigkeit gesehen werden, welche zu einer derart massiven Kürzung der Taggeldleistungen führen müsse. Sie
habe
darauf vertrauen
dürfen und können
, dass
es sich
beim Gegenstand aus dem Sack wieder um eine Rauchpetarde handle. Weil die Rauch
petarden nicht explosiv gewesen seien, keine grosse Hitze entwickelten und bloss Rauch produziert hätten,
sei
der Gebrauch einer solchen Petarde nicht gefährlich und hätte die von ihr erlittene Verletzung nicht
verursachen
können (
Urk.
1 S. 5).
3
.
4
3
.
4
.1
Zu
den Vorbringen
der Parteien ist zunächst festzuhalten, dass der
Gegenstand, welcher in der linken Hand der Beschwerdeführerin explodierte, von der Polizei nicht sichergestellt werden k
o
nnte (
Urk. 8/55
). Zwar bestünde grund
sätz
lich die Möglichkeit, dass das Gericht die Beschwerdeführerin und deren Beg
leiterin beim Demonstrationszug (vgl.
Urk. 8/42, Urk. 8/55
) zu
m
Unfallhergang
befragt
(Art.
61
lit
. c ATSG)
. Hierbei muss aber berücksichtigt werden, dass diese im Rahmen der polizeilichen Ermittlungen sämtliche Aussagen verweigerten
(
Urk. 8/54, s. a. Urk. 8/49-51
) und ein mögliches Strafverfahren
gegen die Beschwerdeführerin
man
gels Beweisen
nicht durchgeführt wurde (E.
2.5
)
.
Es ist mithin nicht davon auszugehen, dass die genannten
Personen
vor dem Sozialversicherungsgericht nähere Angaben zum fraglichen Gegenstand
und dessen Handhabung durch die Beschwerdeführerin
machen und
diese
sich
so e
ventuell
einer Strafverfolgung aus
setzen.
Gemäss der gesicherten Faktenlage hantierte die Beschwerdeführerin
bei der Demonstration vom 1
4.
Juni 2021
, bei welcher mehrere pyrotechnische Gegen
stände (Handlichtfackeln) gezündet und in der Hand haltend abgebrannt
wurden,
mit einem
pyrotechnischen
Gegenstand, welcher ihre linke Hand
so schwer
verletzte
, dass sie im Spital behandelt werden musste
(E. 2.1
, E. 2.4
).
3
.4.2
Die Beschwerdeführerin macht geltend, ein Wagnis könne nicht vorliegen, weil sie sich der Gefahr in keiner Art und Weise bewusst gewesen sei
. Zudem sei nicht erstellt, dass es sich bei der angezündeten Petarde um einen gemäss
SprstG
verbotenen Gegenstand gehandelt ha
be
(
Urk.
1 S. 4).
Zwar wurde der Gegenstand, welcher in der linken Hand der Beschwerdeführerin detonierte, - wie erwähnt (E.
3
.4.1) - nicht gefunden.
Die Polizei war beim erwähnten D
emonstrationszug
aber
präsent und beobachtete, wie pyrotechnische Gegenstände
- von der Polizei als Handlichtfackeln bezeichnet -
abgebrannt wurden (E. 2.4).
D
er Gesetzgeber
hat
die Verwendung
pyrotechnische Gegenstände, die für andere Zwecke bestimmt
sind
, zu Vergnügungszwecken
nicht grundlos
verboten
(Art. 15 Abs. 5
SprstG
). Das Hantie
ren mit pyrotechnischen Gegenständen ist
stets
gefähr
lich
. Aus dem Verbot zu deren Verwendung zu Vergnügungszwecken gemäss Art.
15
Abs.
5
SprstG
ist zu folgern, dass dies umso mehr gilt, wenn die
se
Erzeug
nisse mit einem Explosiv- oder Zündsatz
anders als
zu ihrem vorbestimmten Zweck als Signalmittel, Wetter
raketen, Patronen zum Schweissen oder Härten von Metallen im industriellen, technischen oder landwirtschaftlichen Bereich (vgl.
Art.
7
lit
. a
SprstG
)
gebraucht werden
.
Entsprechend ist die illegale Verwendung pyrotechni
scher Gegenstände für nicht dafür vorgesehene Zwecke durch damit ungeübte Personen stets als Wagnis zu taxieren. Ferner enthalten legal zu Vergnügungs
zwecken in Umlauf bzw. in den Verkauf gebrachte Feuerwerksprodukte
-
eben
falls mit guten Gründen
-
durchwegs eine Altersbeschränkung für den Verkauf und einen detaillierten Beschrieb, unter welchen Voraussetzungen und Vorsichts
massnahmen sie zu verwenden sind. Entsprechend gehört es zur elementaren Sorgfaltspflicht jeder Nutzerin, entsprechende Produktebeschriebe stets persön
lich zur Kenntnis zu nehmen und sich strikte danach zu richten. Das Ignorieren dieser Sorgfaltsplicht ist jedenfalls dann als (gegen sich selbst gerichtetes) Wagnis zu taxieren, wenn man grössere Feuerwerkskörper nach dem Anzünden in der Hand behält.
Ausgehend von den Feststellungen der Polizei wollte die Beschwer
defüh
rerin ebenfalls eine der bei der Demonstra
tion verwendeten Handfackeln anzün
den. Sie führte selber aus, dass sie dies einige Zeit davor (ohne Folgen für ihre Gesundheit) getan habe (E.
2.
4
). Dieser Umstand allein sowie die nicht beweisbare Behauptung
der Beschwerdeführerin,
die zweite Petarde habe äusser
lich dieselbe Farbe und Form wie die erste Petarde gehabt
(E. 2.
4
)
, berechtigte die Beschwerdeführerin aber nicht zu einer schützens
werten Annahme, dass Ab
b
ren
nen einer in der Hand gehalten Petarde sei gefahrlos. Kommt erschwerend hinzu, dass die Beschwerdeführerin gemäss ihren Angaben sich bei der Demonstration -
angeb
lich inspiriert durch andere Teilnehmerinnen - spontan entschied, sich zweimal aus eine
m
Sack mit pyrotechnischen Gegenständen
zu bedienen
, ohne überhaupt zu wissen, woher diese Gegenstände stammen
(E. 2.
4
)
und ohne sich darüber Rechenschaft abzugeben, ob es sich dabei um legale Feuerwerkskörper handelt. Dass sie sich ferner um einen Produktebeschrieb gekümmert und einen solchen sogar befolgt hätte, macht sie ebenfalls nicht geltend. Mithin kann die Beschwerdeführerin unabhängig davon, ob sie wissentlich oder nicht wissentlich verbotene pyrotechnische Gegenstände oder erlaubte Feuerwerkskörper zu Ver
gnügungszwecken abgefackelt hat,
aus ihren Vorbringen
nichts zu ihren Gunsten ableiten. So oder anders ist sie zumindest wegen Verletzung elementarer Sorg
faltspflichten im Zusammenhang mit Feuerwerkskörpern ein Wagnis eingegan
gen.
4.
Demnach erweist sich der angefochtene
Einspracheentscheid
vom 2
2.
Februar 2022 (
Urk.
2) als rechtens, was zur Abweisung der Beschwerde führt.
Das Gericht erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Das Verfahren ist kostenlos.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Markus Bischoff
-
Fürsprecherin Barbara Künzi-Egli
-
Bundesamt für Gesundheit
4.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundesge
setzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismit
tel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der
angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizu
legen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDer Gerichtsschreiber
HurstHübscher