# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 22ae4dca-875a-5e31-b778-36a98c0ed9bf
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2011-08-26
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 26.08.2011 D-1893/2011
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-1893-2011_2011-08-26.pdf

## Full Text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t

T r i buna l   adm in i s t r a t i f   f édé ra l

T r i buna l e   ammin i s t r a t i vo   f ede ra l e

T r i buna l   adm in i s t r a t i v   f ede ra l

Abteilung IV
D­1893/2011

U r t e i l   v om   2 6 .   Augus t   2 0 1 1

Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz),
Richter Daniele Cattaneo, Richter Martin Zoller,   
Gerichtsschreiber Christoph Basler.

Parteien A._______, geboren am (…),
Afghanistan, 
(…),  
Beschwerdeführer, 

gegen

Bundesamt für Migration (BFM), 
Quellenweg 6, 3003 Bern,   
Vorinstanz. 

Gegenstand Vollzug der Wegweisung; 
Verfügung des BFM vom 21. Februar 2011 / N (…).

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Sachverhalt:

A. 
A.a.  Der  Beschwerdeführer,  ein  ethnischer  Tadschike  mit  letztem 
Wohnsitz  in der Provinz Parwan, verliess Afghanistan eigenen Angaben 
gemäss  im Jahr 2001 und  lebte danach  im  Iran. Nach einer dreieinhalb 
monatigen  Reise,  die  ihn  durch  die  Türkei,  Griechenland  und  Italien 
geführt habe, sei er am 8. September 2009 in die Schweiz eingereist, wo 
er am selben Tag um Asyl nachsuchte.

A.b. Im Auftrag des BFM führte ein Kinderarzt mit dem Beschwerdeführer 
am  9.  September  2009  eine  Knochenaltersanalyse  durch.  Diese  ergab 
ein  Knochenalter  von  über  18  Jahren,  während  der  Beschwerdeführer 
geltend machte, er sei 16 Jahre und 8 Monate alt.

A.c.  Bei  der  Erstbefragung  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum 
Chiasso  vom  17.  September  2009  sagte  der  Beschwerdeführer,  sein 
Vater  sei  in B._______  von den Taliban  getötet worden, weshalb  seine 
Mutter mit den Kindern nach Kabul gegangen sei. Seine Mutter und seine 
Zwillingsschwestern seien  in Kabul bei einer Bombardierung ums Leben 
gekommen. Sein Bruder und er seien von einem Verwandten in den Iran 
gebracht  worden.  Dort  seien  sie  von  der  Polizei  einige  Male 
festgenommen  und  kurzzeitig  festgehalten  worden.  Man  habe  ihnen 
gesagt,  sie  sollten  nach  Afghanistan  zurückkehren.  Bei  der  letzten 
Festnahme  seien  die  Waren,  die  sie  hätten  verkaufen  wollen, 
beschlagnahmt worden. In Afghanistan herrsche immer noch Krieg und er 
habe dort  niemanden, bei  dem er  leben könne. Dem Beschwerdeführer 
wurde  eröffnet,  dass  das  BFM  aufgrund  der  durchgeführten 
Knochenaltersanalyse,  dem  Fehlen  von  Identitätspapieren  und 
ungereimter  Aussagen  von  seiner  Volljährigkeit  ausgehe  und  ihm  keine 
Vertrauensperson beiordne.

A.d.  Am  28.  Oktober  2009  wurde  der  Beschwerdeführer  vom  BFM  zu 
seinen Asylgründen angehört. Er machte  im Wesentlichen geltend,  sein 
Bruder und er hätten Afghanistan verlassen, um in einem anderen Land 
ihr Glück zu versuchen. In Afghanistan habe er seine Eltern verloren und 
kein  Zuhause  mehr.  Seine  Mutter  habe  seinen  Bruder  und  ihn  einem 
Schlepper anvertraut. Im Iran habe er ein gutes Leben geführt, das ältere 
Ehepaar,  bei  dem  er  gewohnt  habe,  habe  gut  für  ihn  gesorgt.  Jedoch 
hätten  ihn  die Beamten der Einwohnerkontrolle  nicht  in Ruhe gelassen. 
Er  sei  immer  wieder  festgenommen  und  festgehalten  worden  und man 

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habe seine Waren konfisziert. Er sei von den Beamten auch geschlagen 
und zum Verlassen des Iran aufgefordert worden. 

B. 
Mit Verfügung vom 21. Februar 2011 – eröffnet  am 24. Februar 2011 – 
stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die 
Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und  lehnte  das  Asylgesuch  ab.  Zugleich 
verfügte es seine Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug 
an.

C. 
In seiner Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 28. März 2011 
beantragte  der  Beschwerdeführer  die  Aufhebung  der  angefochtenen 
Verfügung. Es sei ihm infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs 
eine  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren.  Es  sei  ihm  die  Bezahlung  der 
Verfahrenskosten  zu  erlassen  und  auf  die  Erhebung  eines 
Kostenvorschusses zu verzichten.

D. 
Der  Instruktionsrichter  verzichtete  mit  Zwischenverfügung  vom  4.  April 
2011  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Hinsichtlich  des 
Entscheids  über  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen 
Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 
20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) 
verwies er auf einen späteren Zeitpunkt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:

1. 
1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden 
gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den 
Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des 
Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme 
im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht 
ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und 
entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen 
eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die 
beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes 

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vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des 
Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).

1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem 
BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 
AsylG).

1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der 
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist 
durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein 
schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise 
Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert 
(Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). 
Auf die Beschwerde ist einzutreten.

2. 
Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige 
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und 
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

3. 
3.1. Die Ziffern 1, 2 und 3 des Dispositivs der vorinstanzlichen Verfügung 
sind  in Rechtskraft erwachsen, zumal sich die Beschwerde ausdrücklich 
nur gegen den Vollzug der Wegweisung  richtet. Betreffend Asyl und die 
verfügte Wegweisung wird weder ein konkreter Antrag gestellt, noch lässt 
sich ein solcher sinngemäss aus der Begründung ableiten. Es ist deshalb 
zu  prüfen,  ob  die  Vorinstanz  den  Vollzug  der  Wegweisung  zu  Recht 
angeordnet hat.

3.2.  Gestützt  auf  Art.  111a  Abs.  1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  einen 
Schriftenwechsel verzichtet.

4. 
4.1. Das BFM begründet seinen Entscheid damit, dass die Aussagen des 
Beschwerdeführers  zum  Tod  seines  Vaters  widersprüchlich  gewesen 
seien. So habe er bei der Erstbefragung zuerst gesagt, sein Vater sei bei 
einer Bombardierung ums Leben gekommen, während er  später gesagt 
habe,  die  Taliban  hätten  ihn  mitgenommen,  als  sie  das  Haus  nach 
Waffen  durchsucht  hätten.  Nach  acht  bis  zehn  Tagen  hätten  sie  ihn 
laufen  lassen,  ihn  aber  später  wieder  mitgenommen.  Sein  Vater  sei 
anschliessend  im  Krieg  getötet  worden.  Bei  der  Anhörung  habe  er 

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angegeben,  sein  Vater  sei  von  den  Taliban  erschossen  worden.  Seine 
Mutter  habe  ihn  eines  Tages  beim  öffentlichen  Brunnen  gefunden.  In 
derselben Anhörung habe er auch geltend gemacht, sein Vater habe mit 
den Mudjahedin  zusammen  gearbeitet  und  sei  getötet  worden,  weil  ihn 
jemand an die Taliban verraten habe. Somit lägen vier Versionen vor, wie 
und weshalb sein Vater getötet worden sei. Deshalb könne geschlossen 
werden,  es  handle  sich  um  eine  konstruierte  Geschichte,  deren 
Glaubhaftigkeit  in Zweifel gezogen werden müsse.  Im Übrigen seien die 
Schilderungen, wie er  im Krieg seine Eltern verloren habe, oberflächlich, 
wenig  detailliert  und  pauschalisierend.  Die  Ereignisse  lägen  zwar 
mehrere  Jahre  zurück,  aber  es  handle  sich  um  einschneidende 
Erlebnisse,  über  die  man  auch  im  Erwachsenenalter  noch  Bescheid 
wisse.  Gemäss  der  Logik  des Handelns  hätte  er  genaue  Informationen 
über das Geschehnis von seinen zahlreichen Verwandten in Afghanistan 
in  Erfahrung  bringen  können.  Die  allgemeine  Sicherheitslage  in 
Afghanistan  sei  angespannt.  Die  aufständischen  Kräfte  hätten  ihre 
Aktivitäten  verstärkt  und  ihren  Einfluss  ausdehnen  können.  Die 
internationale  Truppenpräsenz  sei  zahlenmässig  zu  schwach,  um 
flächendeckend  wirksam  zu  sein.  Funktionierende  staatliche  Strukturen 
seien in vielen Regionen kaum entwickelt. Dennoch könne nicht von einer 
konkreten  Gefährdung  der  gesamten  Bevölkerung  in  Afghanistan  oder 
von einer Situation allgemeiner Gewalt  im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG 
ausgegangen  werden.  Die  Lage  in  den  nördlichen  Provinzen  Parwan, 
Baghlan,  Takhar,  Badakshan,  Balkh,  Sari  Pul  sowie  Kabul  und  der 
westlichen  Provinz  Herat  sei  als  vergleichsweise  sicher  einzustufen.  In 
diesen  Regionen  könne  nicht  von  einer  permanent  instabilen  Situation 
gesprochen  werden;  eine  Wegweisung  in  diese  Provinzen  sei 
grundsätzlich  zumutbar.  Der  Beschwerdeführer  stamme  eigenen 
Angaben  zufolge  aus  der  Provinz  Parwan  und  verfüge  über  eine 
weitverzweigte Verwandtschaft im Heimatland. Insbesondere habe er zur 
Cousine  seiner  Mutter  telefonischen  Kontakt.  Darüber  hinaus  habe  er 
während  seinem  längeren  Aufenthalt  im  Iran  wertvolle  Lebens­  und 
Berufserfahrungen  sammeln,  die  ihm  bei  der  Wiedereingliederung  in 
seinem Heimatland nützlich sein könnten.

4.2.  In  der  Beschwerde  wird  geltend  gemacht,  der  Beschwerdeführer 
habe Afghanistan im Alter von acht Jahren verlassen und sei seither nicht 
mehr dorthin  zurückgekehrt. Er habe keinen Bezugspunkt mehr gehabt, 
ausser  zur  Cousine  seiner  Mutter,  die  er  nie  getroffen  habe,  habe  er 
keinen  Kontakt  zu  anderen  Verwandten  gepflegt,  da  er  diese  auch  nie 
kennengelernt  habe.  Es  sei  unklar,  wo  sich  diese  befänden  und  ob  sie 

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noch am Leben seien. Er habe weder Kenntnis der Lebensumstände  in 
Afghanistan noch ein soziales Netz, das ihn stützen könne. Bei der Flucht 
aus dem Iran sei er von seinem Bruder getrennt worden, weshalb er nach 
einer  Rückkehr  nach  Afghanistan  auf  sich  allein  gestellt  wäre.  Eine 
Wegweisung  in den  Iran sei  nicht möglich und  in Afghanistan  fehle  ihm 
ein Beziehungsnetz genauso wie eine gesicherte Wohnsituation und die 
Gewährleistung  des  Existenzminimums.  Zu  berücksichtigen  seien  auch 
die schlechten Aussichten auf ein wirtschaftliches Auskommen. Er habe 
weder  eine  Schulbildung  noch  einen  Beruf  erlernt.  Es  sei  nicht  davon 
auszugehen,  dass  er  nach  einer  Rückkehr  in  Afghanistan  ein 
Auskommen  finden  könne.  Die  Darstellungen  zum  Tod  seines  Vaters 
seien  durchaus  miteinander  in  Verbindung  zu  bringen.  Es  sei  logisch, 
dass  sein  Vater  aufgrund  seiner  Zusammenarbeit  mit  den  Mudjahedin 
von  den  Taliban  getötet  worden  sei.  Wäre  sein  Vater  nicht  getötet 
worden, hätte die Mutter wohl kaum zusammen mit fünf Kindern das Dorf 
verlassen.  Es  sei  ihm  nicht  anzulasten,  dass  seine  Schilderungen 
oberflächlich  geblieben  seien.  Als  Achtjähriger  seine  Eltern  zu  verlieren 
sei  nicht  die  beste  Voraussetzung,  sich  mit  klarem  Kopf  die  genauen 
Umstände deren Todes einzuprägen. Es  sei  unrealistisch,  dass er  über 
seine verstreuten Verwandten mehr über den Tod seiner Eltern hätte  in 
Erfahrung bringen können, zumal er noch ein Kind gewesen sei und die 
Verwandten beim Tod seiner Angehörigen nicht zugegen gewesen seien. 

5. 
5.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder 
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach 
den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von 
Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes 
vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG, 
SR 142.20]).

5.2.  Gemäss  ständiger  Rechtsprechung  sind  die  genannten  drei 
Bedingungen  für  einen  Verzicht  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung 
alternativer  Natur.  Sobald  eine  davon  erfüllt  ist,  ist  der  Vollzug  als 
undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  der 
betroffenen Person  in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die 
vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der 
Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54 
f.).  Gegen  eine  allfällige  Aufhebung  dieser  vorläufigen  Aufnahme  steht 
dem weggewiesenen Asylsuchenden wiederum die Beschwerde an das 
Bundesverwaltungsgericht offen (Art. 105 i.V.m. Art. 44 Abs. 2 AsylG). In 

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diesem  Verfahren  wäre  dann  der  Vollzug  der  Wegweisung  vor  dem 
Hintergrund  sämtlicher  Vollzugshindernisse  von  Amtes  wegen  nach 
Massgabe der  in diesem Zeitpunkt herrschenden Verhältnisse zu prüfen 
(vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748).
5.3. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und 
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf 
Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und 
medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete 
Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG – 
die vorläufige Aufnahme zu gewähren.

5.3.1. In Bezug auf die allgemeine Lage in Afghanistan kann auf die vom 
Bundesverwaltungsgericht  vorgenommene  Einschätzung  der  Lage  in 
einem  vor  kurzem  ergangenen,  zur  Publikation  vorgesehenen 
Grundsatzurteil  verwiesen  werden  (vgl.  Urteil  des 
Bundesverwaltungsgerichts            E­7625/2008 vom 16. Juni 2011). Das 
Gericht  stellt  dort  zusammenfassend  fest,  dass  in  weiten  Teilen  von 
Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in Grossstädten  –  eine  derart  schlechte 
Sicherheitslage  und  derart  schwierige  humanitäre  Bedingungen 
bestünden, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 
Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei. Von dieser allgemeinen Feststellung sei 
die Situation  in  der Hauptstadt Kabul  zu  unterscheiden. Angesichts  des 
Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlaufe  des 
vergangenen Jahres nicht weiter verschlechtert habe und die humanitäre 
Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  etwas  weniger 
dramatisch  sei,  könne  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Kabul  unter 
Umständen als  zumutbar  qualifiziert werden. Solche Umstände  könnten 
namentlich dann gegeben sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen 
jungen,  gesunden  Mann  handle.  Angesichts  der  bisher  aufgezeigten 
konstanten  Verschlechterung  der  Lage  über  die  vergangenen  Jahre 
hinweg und der auch in Kabul schwierigen Situation verstehe es sich aber 
von selbst, dass die bereits in EMARK 2003 Nr. 10 formulierten strengen 
Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und  erfüllt  sein 
müssten,  um  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  als  zumutbar  zu 
qualifizieren. Unabdingbar sei in erster Linie ein soziales Netz, dass sich 
im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehres 
als  tragfähig erweise. Ohne Unterstützung durch Familie oder Bekannte 
würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul unweigerlich in 
eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende  Situation  führen. 
Für einen Rückkehrer aus Europa bestehe aufgrund der Vermutung, dass 
er  Devisen  auf  sich  trage,  gleich  nach  seiner  Ankunft  in  Kabul  ein 

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erhöhtes Risiko,  entführt  oder  überfallen  zu werden. Verfüge  er  auf  der 
anderen Seite  über  keine  genügenden  finanziellen Mittel,  hätte  er  ohne 
soziale Vernetzung kaum Aussicht auf eine zumutbare Unterkunft. Auch 
bei  der  Arbeitssuche  sei  die  Einstellung,  selbst  von  unqualifizierten 
Arbeitskräften,  regelmässig  von  persönlichen  Beziehungen  abhängig. 
Eine  die  Gesundheit  nur  einigermassen  garantierende  Ernährung  wäre 
ohne die Hilfe von nahestehenden Personen ebenfalls kaum möglich, und 
der  Zugang  zu  sauberem  Trinkwasser  schwierig; 
Unterstützungsmassnahmen  der  Regierung  oder  internationaler 
Organisationen könnten  laut zuverlässigen Quellen daran nichts ändern. 
Kämen  in  einer  solchen  Situation  noch  gesundheitliche 
Umstellungsschwierigkeiten  hinzu,  geriete  auch  ein  junger  gesunder 
Mann  ohne  soziale  Vernetzung  unweigerlich  innert  absehbarer  Zeit  in 
eine existenzbedrohende Situation (vgl. a.a.O. E. 9.9.1 f.).

5.3.2. Der Beschwerdeführer  stammt  aus  der  Provinz Parwan. Gemäss 
der soeben dargelegten Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts 
ist  von  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  dorthin 
auszugehen.

5.3.3.  Bei  dieser  Sachlage  stellt  sich  die  Frage,  ob  dem 
Beschwerdeführer  allenfalls  eine  Aufenthaltsalternative  in  Kabul  zur 
Verfügung  steht.  Die  Bejahung  einer  zumutbaren  innerstaatlichen 
Aufenthaltsalternative  in  Kabul  setzt  insbesondere  die  dortige  Existenz 
eines  tragfähigen  Beziehungsnetzes,  die  konkrete  Möglichkeit  der 
Sicherung  des  Existenzminimums  sowie  eine  gesicherte  Wohnsituation 
voraus  (vgl.  wiederum  das  zur  Publikation  vorgesehene Grundsatzurteil 
des Bundesverwaltungsgerichts           E­7625/2008 vom 16. Juni 2011 E. 
9.9.2 mit Verweis auf EMARK 2003 Nr. 10 E. 10 cc).

5.3.4.  Der  Beschwerdeführer  wurde  gemäss  seinen  Angaben  in 
B._______, Provinz Parwan, geboren. Im Alter von etwa acht Jahren sei 
er  zusammen  mit  seiner  Mutter  und  vier  Geschwistern  nach  Kabul 
geflüchtet,  wo  er  14  Tage  lang  bei  einem  entfernten  Verwandten 
untergebracht gewesen sei. Von Kabul aus sei er zusammen mit einem 
jüngeren Bruder von einem Schlepper in den Iran gebracht worden. In der 
iranischen  Stadt  C._______  habe  er  bei  einem  älteren  Ehepaar  gelebt 
und als fliegender Händler gearbeitet und Sonnenbrillen verkauft. Er habe 
telefonischen Kontakt zu einer  in Kabul  lebenden Cousine seiner Mutter 
gehabt  und weitere Verwandte hätten  sich  in B._______ befunden  (act. 
A18/13 S. 3). Zum Zeitpunkt seiner Ausreise aus dem Iran habe sich sein 

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jüngster  Bruder  bei  einem  entfernten  Verwandten  in  Kabul  aufgehalten 
(act. A1/13 S. 5). Die Cousine seiner Mutter habe  ihm gesagt,  sie habe 
von seinem jüngsten Bruder nichts mehr gehört (act. A18/13 S. 7). 

Das Bundesverwaltungsgericht geht nicht davon aus, dass die allenfalls 
noch  in  Kabul  lebenden,  entfernten  Verwandten  für  den 
Beschwerdeführer  ein  "tragfähiges  Beziehungsnetz"  darstellen. 
Ungeachtet der bestehenden Unklarheit, ob diese Personen heute noch 
in Kabul leben, ist festzuhalten, dass einem solchen, nur aus nicht zu den 
näheren  Angehörigen  zu  zählenden  Personen  bestehenden 
verwandtschaftlichen  Beziehungsnetz  nicht  die  für  eine  wirtschaftliche 
und  soziale  Eingliederung  in  Kabul  notwendige  Qualität  zukommt. 
Aufgrund der Akten ergeben sich auch keine Anhaltspunkte dafür,  dass 
der Beschwerdeführer  in Kabul  über ein ausreichendes Beziehungsnetz 
im weiteren Sinn verfügen würde.

Sodann  hat  der  Beschwerdeführer  nur  zirka  zwei  Wochen  in  Kabul 
gelebt, sein Heimatland bereits im Alter von acht Jahren verlassen und ist 
seither  nie  mehr  dorthin  zurückgekehrt,  womit  er  dort  nie  sozialisiert 
wurde. Er verfügt auch über keine gesicherte Wohnsituation. Zwar  ist er 
jung,  macht  keine  gesundheitlichen  Probleme  geltend  und  verfügt  über 
einige  Jahre  Berufserfahrung  als  fliegender  Händler,  doch  genügt  dies 
angesichts der kaum vorhandenen sozialen Kontakte und angesichts des 
Umstandes,  dass  er  gemäss  seinen  Angaben  nie  eine  Schule  besucht 
habe, nicht zur Schaffung einer Lebensgrundlage. Somit erweist sich ein 
Wegweisungsvollzug nach Kabul als unzumutbar. 

5.3.5.  Insgesamt  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach 
Afghanistan im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG als unzumutbar.

6. 
Nach  dem  Gesagten  ist  die  sich  einzig  gegen  den  vorinstanzlich 
angeordneten  Vollzug  der  Wegweisung  richtende  Beschwerde 
gutzuheissen.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  vorinstanzlichen 
Verfügung  vom  21.  Februar  2011  sind  aufzuheben,  und  das  BFM  ist 
anzuweisen,  den  Beschwerdeführer  wegen  gegenwärtiger 
Unzumutbarkeit  des  Vollzugs  vorläufig  aufzunehmen.  Einer  vorläufigen 
Aufnahme  stehen  im  Übrigen  keine  einschränken  gesetzlichen 
Tatbestände (Art. 83 Abs. 7 AuG) entgegen.

7. 

D­1893/2011

Seite 10

7.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  keine  Verfahrenskosten 
aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Bei dieser Sachlage wird das 
in der Rechtsmitteleingabe vom 28. März 2011 gestellte, bis anhin nicht 
behandelte Gesuch  um Gewährung  der  unentgeltlichen Prozessführung 
im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gegenstandslos.

7.2. Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG kann die Beschwerdeinstanz der ganz 
oder  teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren 
eine  Entschädigung  für  die  ihr  erwachsenen  notwendigen  und 
verhältnismässig hohen Kosten zusprechen. Da nicht davon auszugehen 
ist,  dem  nicht  anwaltlich  vertretenen  Beschwerdeführer  seien  bei  der 
Beschwerdeführung verhältnismässig hohe Kosten entstanden,  ist  keine 
Parteientschädigung zu entrichten.

(Dispositiv nächste Seite)

D­1893/2011

Seite 11

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1. 
Die Beschwerde wird gutgeheissen.

2. 
Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der  vorinstanzlichen Verfügung vom 
21. Februar  2011 werden  aufgehoben. Das BFM wird  angewiesen,  den 
Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. 

3. 
Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt.

4. 
Es wird keine Parteientschädigung entrichtet.

5. 
Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die 
zuständige kantonale Behörde.

Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber:

Hans Schürch Christoph Basler

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