# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** c14e6183-ac47-5cde-9c0b-481ca480aef9
**Source:** Solothurn (SO)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-02-10
**Language:** de
**Title:** Solothurn Versicherungsgericht 10.02.2023 VSBES.2021.157
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SO_Omni/SO_VSG_001_VSBES-2021-157_2023-02-10.html

## Full Text

Urteil vom 10. Februar 2023

Es wirken mit:

Vizepräsident Flückiger

Oberrichter Marti

Oberrichter Thomann

Gerichtsschreiber Schmidhauser

In Sachen

A.___

Beschwerdeführerin

 

gegen

IV-Stelle Solothurn, Allmendweg 6, 4528 Zuchwil,

Beschwerdegegnerin

 

betreffend     Invalidenrente
(Verfügung vom 26. August 2021)

 

 

zieht das
Versicherungsgericht in Erwägung:

I.      
 

 

1.

1.1    Die 1962 geborene A.___ (im
Folgenden: Beschwerdeführerin) meldete sich am 13. September 2004 bei der
Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an. Sie gab an,
seit Jahren an chronischen Schmerzen und einer depressiven Störung zu leiden
(IV-Stelle Nr. [IV-Nr.] 7). Die IV-Stelle des Kantons Solothurn (im Folgenden:
Beschwerdegegnerin) veranlasste in der Folge eine bidisziplinäre
(rheumatologische und psychiatrische) Begutachtung bei Dr. med. B.___, FMH
Innere Medizin und Rheumaerkrankungen, sowie Dr. med. C.___, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH (Gutachten vom 28. April 2005,
IV-Nr. 21 f.). Mit Verfügungen vom 19. Juli und 14. September 2005
wurde der Beschwerdeführerin aufgrund eines Invaliditätsgrads von 58 %
rückwirkend eine halbe Invalidenrente ab 1. September 2004 zugesprochen
(IV-Nr. 26 f.).

 

1.2    Im Oktober 2008 nahm die
Beschwerdegegnerin vom Amtes wegen eine Revision vor (IV-Nr. 29) und
führte mit der Beschwerdeführerin am 5. November 2008 ein
Revisionsgespräch durch. Daraufhin veranlasste sie eine psychiatrische
Verlaufsbegutachtung bei Dr. med. C.___ (Gutachten vom 12. Juni 2009,
IV-Nr. 38). Mit rechtskräftiger Verfügung vom 16. Februar 2010 wurde
die bisher gewährte halbe Invalidenrente aufgrund einer gesundheitlichen
Verbesserung aus psychiatrischer Sicht bei einem Invaliditätsgrad von nurmehr
15 % auf Ende März 2010 eingestellt (IV-Nr. 48).

 

1.3    Am 22. Dezember 2010 liess die
Beschwerdeführerin bei der Beschwerdegegnerin ein Gesuch um berufliche
Eingliederungsmassnahmen stellen (IV-Nr. 51). Mit Verfügung vom
7. März 2011 trat die Beschwerdegegnerin auf dieses Leistungsbegehren mangels
glaubhafter Darlegung einer Veränderung des Gesundheitszustands nicht ein
(IV-Nr. 54). Am 19. Mai 2016 wurde die Beschwerdeführerin in der
orthopädischen Klinik D.___ an der Lendenwirbelsäule operiert (vgl. IV-Nr. 64
S. 12 f. und 67 S. 8 f.). Am 8. Februar 2017 stellte die
Beschwerdeführerin erneut ein Leistungsgesuch (IV-Nr. 59). Auch darauf
trat die Beschwerdegegnerin mit rechtskräftiger Verfügung vom 12. Mai 2017
wegen nicht glaubhaft gemachter Veränderung des Gesundheitszustands nicht ein
(IV-Nr. 69).

 

1.4    Am 20. Juni 2017 liess sich
die Beschwerdeführerin am linken Knie in der Klinik E.___, [...], operieren (Knietotalprothesenimplantation)
und am 6. August 2018 erfolgte eine Operation an der Halswirbelsäule im F.___-Spital
[...]. Im Weiteren wurde am 11. Dezember 2018 eine
Knietotalprothesenimplantation rechts durchgeführt. Bereits am 7. September
2018 (Eingang bei der Beschwerdegegnerin: 11. September 2018) hatte sich
die Beschwerdeführerin zum Leistungsbezug neu angemeldet. Sie gab an, sie leide
zunehmend an Wirbelsäulen-, Knie-, Schulter-, Finger- und Fussschmerzen (IV-Nr. 74).
Nach Rücksprache mit dem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) veranlasste die
Beschwerdegegnerin am 29. April 2019 eine polydisziplinäre
(allgemein-internistische, rheumatologische, orthopädische, neurologische und
psychiatrische) Begutachtung in der Gutachterstelle G.___, [...] (im Folgenden:
G.___; Gutachten vom 12. Februar 2020, IV-Nr. 101). Nach Durchführung
des Vorbescheidverfahrens, Beizug weiterer medizinischer Berichte und erneuter Konsultation
des RAD sprach die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom
26. August 2021 aufgrund eines Invaliditätsgrades von 100 % rückwirkend
eine ganze befristete Invalidenrente vom 1. März 2019 bis
30. September 2019 zu; ab 1. Oktober 2019 wurde ein Rentenanspruch
bei einem Invaliditätsgrad von nurmehr 28 % verneint. Ein Anspruch auf
berufliche Eingliederungsmassnahmen wurde abgewiesen. Zur Begründung wurde im
Wesentlichen dargelegt, gemäss den erfolgten Abklärungen habe sich der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin in somatischer Hinsicht gegenüber dem
Jahr 2010 verschlechtert. Es sei zu einer Degeneration ihres Bewegungsapparates
gekommen. Die Beschwerdeführerin habe sich verschiedenen operativen Eingriffen
am Rücken und an den Knien unterziehen müssen. Seit dem lumbalen
Wirbelsäuleneingriff am 19. Mai 2016 bestehe auch für angepasste leichte
Tätigkeit keine volle Arbeits- und Leistungsfähigkeit mehr. Die Einschränkung
der Leistungsfähigkeit betrage 20 % bei einem ganztägigen Pensum. Während
den postoperativen Rehabilitationsphasen von je sechs bis neun Monaten sei die
Beschwerdeführerin gänzlich arbeits- und leistungsunfähig gewesen. Spätestens
ab dem 10. Juni 2019 (sechs Monate nach dem rechtsseitigen
Kniegelenkseinsatz vom 11. Dezember 2018) bestehe für angepasste
Tätigkeiten wieder andauernd eine Arbeitsfähigkeit von 80 % (ganztägiges
Pensum mit um 20 % reduzierter Leistungsfähigkeit aufgrund eines erhöhten
Pausenbedarfs). Die koronare Herzerkrankung begründe keine Einschränkung der
Leistungsfähigkeit. Berufliche Massnahmen könnten angesichts der Krankheits-
und Behinderungsüberzeugung der Beschwerdeführerin nicht erfolgversprechend
durchgeführt werden (IV-Nr. 114 S. 7 ff.; Aktenseiten [A.S.] 1 ff.).

 

2.

2.1    Mit fristgerechter Beschwerde vom
17. September 2021 beantragt die Beschwerdeführerin sinngemäss die Weiterausrichtung
der ganzen Invalidenrente ab 1. Oktober 2019. Zur Begründung legt sie im
Wesentlichen dar, ihr Gesundheitszustand habe sich aufgrund der verschiedenen
Knie-, Herz- und Wirbelsäulenprobleme, welche mehrere Operationen zur Folge
gehabt hätten, in den letzten Jahren eindeutig verschlechtert. Die
Beschwerdegegnerin beurteile sie zu 80 % arbeitsfähig in einer leichten,
wechselbelastenden Tätigkeit. Es sei für sie nicht einfach, als beinahe
60-jährige Frau eine angepasste Arbeitsstelle zu finden. Es sei unverständlich,
dass sie keinen Anspruch auf eine Invalidenrente mehr habe (A.S. 12 f.).

 

2.2    In ihrer Beschwerdeantwort vom
10. Dezember 2021 beantragt die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde (A.S. 20 f.).

 

2.3    Mit Replik vom 17. Januar 2022
hält die Beschwerdeführerin an ihrem Rechtsbegehren fest (A.S. 23 f.).

 

2.4    Mit Verfügung vom 15. Februar
2022 wird festgestellt, dass die Beschwerdegegnerin auf das Einreichen einer
Duplik innert Frist verzichtet hat (A.S. 26).

 

II.     
 

 

1.

1.1    Die Sachurteilsvoraussetzungen
(Einhaltung von Frist und Form, örtliche und sachliche Zuständigkeit des
angerufenen Gerichts) sind erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.

 

1.2    Streitig ist, ob die
Beschwerdeführerin ab 1. Oktober 2019 weiterhin Anspruch auf eine
Invalidenrente hat. Bei der Beurteilung des Falles ist grundsätzlich auf den
Sachverhalt abzustellen, der bis zum Erlass der vorliegend angefochtenen
Verfügung vom 26. August 2021 eingetreten ist (BGE 132 V 215 E. 3.1.1
S. 220 mit Hinweisen).

 

1.3    Am 1. Januar 2022 trat das
revidierte Bundesgesetz über die Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) in
Kraft. Vorbehältlich übergangsrechtlicher Regelungen sind in zeitlicher
Hinsicht grundsätzlich diejenigen materiellen Rechtssätze massgeblich, die bei
der Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden
Tatbestands Geltung haben (statt vieler: BGE 144 V 210 E. 4.3.1
S. 213 mit Hinweisen). Dementsprechend ist der Anspruch für die Zeit bis
Ende 2021 nach denjenigen materiellrechtlichen Normen zu beurteilen, welche
damals in Kraft standen. Da im vorliegenden Beschwerdeverfahren der Sachverhalt
massgebend ist, der sich bis zur Verfügung vom 26. August 2021 entwickelt
hat, richtet sich die Beurteilung nach den Bestimmungen, welche bis Ende 2021
in Kraft waren. Diese werden in der Folge auch zitiert.

 

2.

2.1    Als
Invalidität im Sinne des Gesetzes gelten gemäss Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG,
SR 830.1) die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit andauernde ganze
oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Sie kann nach Art. 4 Abs. 1 IVG
Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein.

 

Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die
Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können
(lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen
sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 %
invalid (Art. 8 ATSG) sind (lit. c).

 

Arbeitsunfähigkeit
ist nach Art. 6 Satz 1 ATSG die durch eine Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder
teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare
Arbeit zu leisten. Das Wartejahr gilt als eröffnet, sobald eine solche
Arbeitsunfähigkeit von mindestens 20 % eingetreten ist (AHI-Praxis 1998,
S. 124). Der Rentenanspruch entsteht indes laut Art. 29 IVG
frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des
Leistungsanspruchs im Sinne von Art. 29 Abs. 1 ATSG.

 

Erwerbsunfähigkeit
ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG;
BGE 130 V 343 E. 3.2 S. 346 f.). Für die Beurteilung des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7
Abs. 2 ATSG; vgl. auch BGE 135 V 215 E. 7 S. 228 ff.).

 

2.2    Gemäss
Art. 28 Abs. 2 IVG besteht bei einem Invaliditätsgrad ab 40 %
ein Anspruch auf eine Viertelsrente, ab 50 % auf eine halbe Rente, ab
60 % auf eine Dreiviertelsrente und ab 70 % auf eine ganze Rente.

 

2.3    Für die Bemessung der Invalidität
von erwerbstätigen Versicherten ist Art. 16 ATSG anwendbar. Für die
Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine
ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in
Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht
invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG; sogenannte allgemeine Methode des
Einkommensvergleichs). Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu
erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig
möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden, worauf sich
aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt (BGE 130 V 343
E. 3.4 S. 348 f., 128 V 29 E. 1 S. 30, 104 V 135 E. 2a
und b S. 136 f.).

 

3.

3.1    Ändert sich der Invaliditätsgrad
eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf
Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben
(Art. 17 Abs. 1 ATSG).

 

3.2    Anlass zur Rentenrevision gibt
jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist,
den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen (BGE 134 V
131 E. 3 S. 132 mit Hinweisen). Die Invalidenrente ist deshalb nicht
nur bei einer wesentlichen Veränderung des Gesundheitszustandes revidierbar,
sondern auch dann, wenn sich die erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich
gebliebenen Gesundheitszustandes erheblich verändert haben. Ein Revisionsgrund
ist ferner unter Umständen auch dann gegeben, wenn eine andere Art der
Bemessung der Invalidität zur Anwendung gelangt oder eine Wandlung des
Aufgabenbereichs eingetreten ist (BGE 130 V 343 E. 3.5 S. 349 f. mit
Hinweisen). Unerheblich unter revisionsrechtlichem Gesichtswinkel ist dagegen
nach ständiger Rechtsprechung die unterschiedliche Beurteilung eines im
Wesentlichen unverändert gebliebenen Sachverhaltes (BGE 112 V 371 E. 2b
S. 372; vgl. auch BGE 135 V 201 E. 5.2 S. 205).

 

3.3    Nach der Rechtsprechung sind
diese Revisionsbestimmungen bei der rückwirkenden Zusprechung einer abgestuften
oder befristeten Rente analog anwendbar, weil noch vor Erlass der ersten
Rentenverfügung eine anspruchsbeeinflussende Änderung eingetreten ist mit der
Folge, dass dann gleichzeitig die Änderung mitberücksichtigt wird. Wird
rückwirkend eine abgestufte oder befristete Rente zugesprochen, sind einerseits
der Zeitpunkt des Rentenbeginns und anderseits der in Anwendung der
Dreimonatsfrist von Art. 88a der Verordnung über die Invalidenversicherung
(IVV, SR 831.201) festzusetzende Zeitpunkt der Anspruchsänderung die
massgebenden Vergleichszeitpunkte. Die Verbesserung der Arbeitsfähigkeit
aufgrund einer Angewöhnung oder Anpassung an die Behinderung kann auch ohne
wesentliche Änderung des Gesundheitszustandes eine Rentenrevision
rechtfertigen. Hingegen ist die lediglich unterschiedliche Beurteilung eines im
Wesentlichen gleich gebliebenen Sachverhalts auch hier unbeachtlich (vgl. Urteile
des Bundesgerichts 8C_678/2020 vom 10. Dezember 2020 E. 3.2., 8C_132/2020
vom 18. Juni 2020 E. 4.2.2., 8C_458/2017 vom 6. August 2018
E. 2. und 8C_375/2017 vom 25. August 2017 E. 2.2., je mit
Hinweisen).

 

4.

4.1    Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist
die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen,
die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung gestellt
haben. Aufgabe des Arztes ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren bilden die ärztlichen
Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 132
V 93 E. 4 S. 99 f. mit Hinweisen).

 

4.2    Der Versicherungsträger und das Gericht haben die
Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet
dies, dass das Gericht alle Beweismittel,
unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu
entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung
des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere darf es bei einander
widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das
gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die
eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (BGE 125 V 351
E. 3a S. 352; vgl. auch BGE 132 V 393 E. 2.1 S. 396).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten
– d.h. der Anamnese – abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet
und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 134 V 231
E. 5.1 S. 232).

 

4.3    Die Rechtsprechung erachtet es
als mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung vereinbar, in Bezug auf
bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die
Beweiswürdigung aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b S. 352).
So ist einem im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten medizinischen
Gutachten durch externe Spezialärzte, welches auf Grund eingehender BeE.___tungen
und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten erstellt wurde und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangt, in der
Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 135 V 465 E. 4.4
S. 470; 125 V 351 E. 3b/bb S. 353).

 

5.      Die Beschwerdegegnerin sprach
der Beschwerdeführerin mit vorliegend angefochtener Verfügung vom
26. August 2021 rückwirkend eine ganze befristete Invalidenrente vom
1. März 2019 bis 30. September 2019 zu; ab 1. Oktober 2019 wurde
ein Rentenanspruch verneint. Streitig und zu prüfen ist, ob die
Beschwerdeführerin ab 1. Oktober 2019 weiterhin Anspruch auf eine
Invalidenrente hat. Wie erwähnt, gilt Art. 17 Abs. 1 ATSG auch im
Rahmen der rückwirkenden Zusprechung einer befristeten und/oder abgestuften
Rente, also dort, wo rückwirkend aus einem einheitlichen Beschluss der
IV-Stelle heraus gleichzeitig für verschiedene Zeitabschnitte Renten
unterschiedlicher Höhe zuerkannt oder allenfalls aufgehoben werden. In solchen
Fällen ist der Sachverhalt zum Zeitpunkt des Beginns der Rente mit demjenigen
anlässlich der Herauf- oder Herabsetzung bzw. der Aufhebung der Rente zu
vergleichen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_375/2017 vom 25. August
2017 E. 2.2. mit Hinweisen). Nach erfolgter Neuanmeldung der
Beschwerdeführerin vom 7. September 2018 (IV-Nr. 74) ist somit der medizinische
Sachverhalt im Zeitpunkt des Rentenbeginns (1. März 2019) mit demjenigen
im Zeitpunkt der Anspruchsänderung vom 10. Juni 2019 (sechs Monate nach
dem rechtsseitigen Kniegelenkersatz vom 11. Dezember 2018 [vgl. IV-Nr. 89
S. 4 f.]; Art. 88a Abs. 1 IVV) zu vergleichen (vgl. E. II. 3.3
hiervor). Der aktuelle medizinische Sachverhalt präsentiert sich wie folgt:

 

5.1    Im Bericht der Orthopädie D.___ (Dr. med.
H.___, leitender Arzt Wirbelsäulenchirurgie; Prof. Dr. med. I.___, Leiter
Wirbelsäulenchirurgie) vom 5. September 2016 (Sprechstunde für
Wirbelsäulenchirurgie) wurden folgende Diagnosen gestellt: «Status nach Dekompression
und Stabilisation, interkorporeller Spondylodese als auch dorsaler Spondylodese
mit zusätzlicher percutaner Stabilisation L3 – L5 mit VIPER CFX-Schrauben vom
19.05.2016 bei Spinalkanalstenose L4/L5 bei degenerativer Olisthesis und
relativer bis absoluter Stenose L3/L4; Gonarthrose beidseits». Zur
Zwischenanamnese wurde dargelegt, die Patientin komme zur geplanten
klinisch-radiologischen Verlaufskontrolle. Die Rückenschmerzen seien insgesamt
gut unter Kontrolle und auch die ausstrahlenden Schmerzen ins Bein seien
komplett regredient. Trotzdem sei die Lebensqualität der Patientin äusserst
schlecht, da sie kaum noch gehen könne aufgrund von massiven Kniebeschwerden.
Bezüglich des Rückens werde noch Physiotherapie durchgeführt. Die aktuelle
Röntgenuntersuchung der Lendenwirbelsäule in zwei Ebenen zeige stabile
Verhältnisse ohne Materiallockerung oder –bruch. Es bestünden keine Hinweise
für eine Anschlusssegmentdegeneration. Unter dem Titel «Beurteilung und
Procedere» wurde dargelegt, bezüglich der LWS liege ein zufriedenstellendes
Ergebnis vor. Es mache sicher Sinn, hier weiter physiotherapeutisch
dranzubleiben und die Aktivitäten zu erhöhen, wie z.B. auch mit der
Wassertherapie. Hinsichtlich der Knie scheine eine zeitnahe endoprothetische
Versorgung wahrscheinlich unausweichlich zu sein. Von Seiten des Rückens sei
vorerst keine Nachkontrolle vorgesehen (IV-Nr. 64 S. 12 f. bzw. 78
S. 7 f.).

 

5.2    Dr. med. J.___, FMH
Rheumatologie und allgemeine innere Medizin, stellte in seinem Bericht vom
28. Januar 2017 die Diagnosen «Fibromyalgie-Syndrom (psychiatrisch DD
somatoforme Schmerzstörung)», «Generalisierte Osteoarthrosen/vertebral
Osteochondrosen», «Mangel an Vitamin D3» sowie «Adipositas und arterielle
Hypertonie» und hielt im Rahmen der Beurteilung im Wesentlichen fest, die
Patientin klage über chronische Beschwerden in beiden Kniegelenken, im
operierten unteren Rücken, in den Schultern und den Händen sowie generell über Schmerzen
in den Knochen. Zur Charakterisierung dieser Beschwerden bediene sich die
Patientin des Vergleichs mit einem «kaputten Glas» und «einschiessenden
Stromschlägen». Die Schmerzintensität sei für die Patientin derart, dass ihre
Lebensqualität zerstört werde und sie alltäglich auf die Hilfe ihrer Familienmitglieder
angewiesen sei. Stehen oder Gehen gelinge nur bedingt, die Patientin erscheine
in der Praxis mit einem Rollator. Bei der klinischen Untersuchung falle zuerst
die ausgeprägte Adipositas auf. Entsprechend der Gewichtsbelastung imponierten erhebliche
Schwierigkeiten bezüglich der Mobilität. Beide Kniegelenke wiesen
Extensionsdefizite auf. Die Sonographie bestätige links einen moderaten Erguss,
das rechte Kniegelenk sei ergussfrei. Ansonsten finde man bezüglich der
peripheren Gelenke keine objektivierbar pathologischen Befunde. Dieser Eindruck
bestätige die veranlasste Skelettszintigraphie. Bezüglich der Wirbelsäule falle
die Patientin durch ihre leicht nach vorne geneigte Haltung auf. Die lumbal
operierte Wirbelsäule werde klinisch nicht weiter untersucht, vorbestehende
Kernspintomographien gäben ausreichend Einblick in deren Strukturen. Die veranlasste
Laboruntersuchung zum Ausschluss einer rheumatologischen Grunderkrankung falle
einzig durch ein diskret erhöhtes C-reaktives Protein und Kreatinkinase auf. Das
diskret erhöhte C-reaktive Protein sei angesichts der Adipositas mit Sicherheit
nicht als pathologisch zu qualifizieren, der Wert der Kreatinkinase begründe
für sich allein keine Muskelpathologie. Die Skelettszintigraphie sei zum
Ausschluss einer bis aktuell okkulten Knochenerkrankung veranlasst worden,
nicht zuletzt auch, um der ängstlich wirkenden Patientin mehr Sicherheit zu
vermitteln. Zwölf Jahre nach der ersten rheumatologischen Abklärung und
Behandlung könne eine entzündliche Grunderkrankung so zuverlässig wie praktisch
möglich ausgeschlossen werden. Ein Teil der Beschwerden sei sicher den
bilateralen Gonarthrosen und vertebral den Segmentdegenerationen zuzuschreiben,
dies werde nachteilig beeinflusst von einer morbiden Adipositas. Hauptsächlich
für die Beschwerden sei ein Fibromyalgie-Syndrom zu sehen, wenn nicht von
psychiatrischer Seite eine somatoforme Schmerzstörung diagnostiziert worden
sei. Rheumatologischerseits seien die Klassifikationskriterien für ein
Fibromyalgie-Syndrom zweifelsohne erfüllt, andere plausible Ursachen seien nebst
den Degenerationen mit ausreichender Sicherheit ausgeschlossen (IV-Nr. 64
S. 6 ff.).

 

5.3    Dr. med. K.___,
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie, stellte in seinem Bericht vom
13. Februar 2017 die Diagnosen «Pangonarthrose beidseits mit/bei Status
nach Kniearthroskopie und medialer Teilmeniskektomie links 2009, Status nach
medialer Teilmeniskektomie und Knorpelglättung rechts 2014», «Status nach
Dekompression, Spondylodese und perkutaner Stabilisation L3/4 5/16»,
«Fibromyalgie Syndrom», «Chronifizierte depressive Episoden», «Arterielle
Hypertonie» und «Adipositas». Zur Anamnese wurde dargelegt, die Patientin
äussere sich unzufrieden über den aktuellen Befund der Wirbelsäule, linksseitig
habe sie wieder vermehrt Schmerzen, dies teilweise immobilisierend. Zudem
bestünden Schmerzen in beiden Knien und Handgelenken sowie eine generelle
Schwäche. Die Patientin habe von einem traumatisierenden Todesfall der Mutter
sowie multiplen anderen psychosozialen Aspekten berichtet. Die Gehstrecke sei
aktuell auch aufgrund der Kniegelenke auf wenige 100 Meter reduziert, eine
normale Funktion im Alltag sei nicht möglich. Zum «Procedere» wurde angegeben,
mit der Patientin und dem begleitenden Ehemann sei besprochen worden, dass
klinisch und radiologisch eine ausgedehnte Gonarthrose vorliege, welche die
Beschwerden im Bereich beider Knie verursache. Eine arthroskopische Operation
bringe keinen Mehrwert. Die einzige Lösung wäre die Implantation einer Knie-Totalprothese
zunächst links beim symptomatischen Knie und im weiteren Verlauf dann
rechtsseitig. Die Patientin sei darauf hingewiesen worden, dass eine Implantation
einer Knie-Totalprothese keine ganzheitliche Lösung, sondern nur ein kleiner
Schritt auf dem Gesamtweg sein könne. Sie sei darüber orientiert worden, dass
die Operation mit postoperativen Beschwerden und Physiotherapie sowie Training
verbunden sei und ein Mitarbeiten für das gute «Outcome» wichtig sei
(IV-Nr. 64 S. 4 f. bzw. 89 S. 15 f.).

 

5.4    Der behandelnde Psychiater
Dr. med. L.___, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, stellte in seinem
Bericht vom 22. Februar 2017 die Diagnosen einer rezidivierenden
depressiven Störung, aktuell mittleren Grades, mit somatischem Syndrom (ICD-10
F33.11) und einer generalisierten Angststörung (ICD-10 F41.1). Die
depressive Störung bestehe seit Januar 2016. Unter den geschilderten Umständen
bestehe eine Arbeitsunfähigkeit der Patientin von zwischen 70 und 100 %
(IV-Nr. 64 S. 2 f.).

 

5.5    Im Bericht der Orthopädie D.___
vom 16. März 2017 wurde im Rahmen der Beurteilung und des Procedere dargelegt,
es zeige sich hier wieder ein zunehmender tiefsitzender Rückenschmerz. Vom
konventionell-radiologischen Bild her zeigten sich keine Veränderungen. Eine
leichte Mehranreicherung in der Skelettszintigraphie erachte man als normal. Um
konklusiv objektivierbar Pathologien im Bereich der Wirbelsäulenversteifung und
auch darüber auszuschliessen, werde eine CT-Untersuchung empfohlen. Bezüglich
der Kniegelenke wolle die Patientin abwarten, wie sich der Rücken entwickle
(IV-Nr. 67 S. 8 f.).

 

5.6    Im Bericht der Orthopädie D.___
zu Handen der Beschwerdegegnerin vom 21. März 2017 wurde angegeben, es
habe eine vollständige Arbeitsunfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit vom
18. Mai 2016 bis 3. Juli 2016 bestanden. Der Gesundheitszustand
verschlechtere sich. Eine ergänzende medizinische Abklärung sei angezeigt
(IV-Nr. 67 S. 1 ff.).

 

5.7    Am 20. Juni 2017 führte
Dr. med. K.___ eine Operation am linken Knie (Implantation einer Totalprothese,
subtotale Synovektomie) in der Privatklinik E.___, [...], durch (vgl.
Operationsbericht, IV-Nr. 89 S. 6). Im Austrittsbericht vom
26. Juni 2017 (Hospitalisation vom 20. Juni bis 26. Juni 2017)
wurde dargelegt, intra- und postoperativ sei ein komplikationsloser Verlauf
festzustellen gewesen. Die radiologische Stellungskontrolle der
Knie-Totalprothese links habe achsengerechte Stellungsverhältnisse gezeigt. Die
Patientin habe mit reizfreien Wundverhältnissen in die weitere Rehabilitation
entlassen werden können (IV-Nr. 89 S. 2 f.).

 

5.8    Dr. med. K.___ stellte in
seinem Bericht vom 9. August 2017 folgende Diagnosen: «Status nach Knie-TP
links am 20.06.2017, Status nach Kniearthroskopie und medialer
Teilmeniskektomie links 2009; Pangonarthrose rechts, Status nach medialer
Teilmeniskektomie und Knorpelglättung rechts 2014; Status nach Dekompression,
Spondylodese und perkutaner Stabilisation L3/4 5/16; Fibromyalgie Syndrom; Chronifizierte
depressive Episode; Arterielle Hypertonie; Adipositas». Zur Anamnese wurde angegeben,
die Patientin sei postoperativ zwei Wochen in der Rehabilitation gewesen, dies
habe ihr gutgetan. Die Beweglichkeit habe sie deutlich steigern können, sie laufe
aktuell nicht immer in Beugestellung beider Kniegelenke. Physiotherapie werde
durchgeführt. Die Patientin mobilisiere bei langen Wegstrecken mittels Rollator
oder an Unterarmgehstöcken. Zum Prozedere wurde vermerkt, es bestehe ein
erfreulicher Verlauf, die Patientin habe von der Operation sehr profitiert. Die
Beweglichkeit werde sich noch verbessern, ebenfalls die Mobilisationsfähigkeit.
Es sollte auf eine gute Gangart geachtet werden, dies mit voller Flexion beider
Kniegelenke. Die Physiotherapie sei fortzusetzen (IV-Nr. 89 S. 12
f.).

 

5.9    Im Bericht von Dr. med. K.___
vom 20. September 2017 wurde angegeben, die Patientin sei sehr zufrieden,
die Schmerzen seien deutlich regredient gegenüber der Situation bei der letzten
Konsultation im August 2017. Eine fixe Analgesie nehme sie nicht mehr wegen des
linken Kniegelenks. Aktuell spüre die Patientin wieder vermehrt den Rücken;
deswegen werde sie physiotherapeutisch behandelt. Zum Befund wurde angegeben,
es bestehe ein gleichschrittiges, stabiles Gangbild am Rollator. Es seien reizlose
Narbenverhältnisse am Knie links vorhanden, eine periartikuläre Überwärmung bestehe
nicht. Das Kniegelenk sei stabil, ein Kniegelenkserguss sei nicht feststellbar.
Zum Prozedere wurde dargelegt, es bestehe ein erfreulicher Verlauf mit
deutlichen Fortschritten und guter Mobilisation des linken Kniegelenkes. Beim rechten
Kniegelenk werde aktuell mit einer Operation noch zugewartet (IV-Nr. 78
S. 13 bzw. 89 S. 14).

 

5.10  Dr. med. M.___ (Neurologische
Praxis [...]) stellte in ihrem Bericht vom 1. Februar 2018 folgende
Diagnosen: «Senso-motorisches Carpaltunnelsyndrom bds., auf der rechten Seite
mässiggradig mit Progredienz im Vergleich zum Dezember 2016, auf der linken
Seite leichtgradig mit tendenzieller Verbesserung; Dekompression und
Stabilisation durch Spondylodese LWK 3 – 5 bei symptomatischer degenerativer
Spinalkanalstenose L(3) – L5 re; Adipositas; Art Hypertonie». Zur aktuellen
Anamnese wurde angegeben, trotz konsequenten Tragens der Handgelenksschienen
bds. zur Nacht leide die Patientin unter einer Zunahme der Beschwerden, mit
Einschlafen der Hände und Schmerzen vor allem nachts, aber auch tagsüber,
teilweise mit Ausstrahlung bis zum Oberarm. Die Beurteilung lautete wie folgt:
Es bestehe ein senso-motorisches Carpaltunnelsyndrom beidseits, auf der rechten
Seite mässiggradig mit Progredienz im Vergleich zum Dezember 2016, auf der
linken Seite leichtgradig mit tendenzieller Verbesserung. Klinisch und
elektrophysiologisch bestünden keine Hinweise für eine Radikulopathie. Angesichts
der Progredienz auf der rechten Seite trotz konsequenten Tragens einer Schiene
werde entweder zusätzlich zur Schiene eine Infiltration des Karpaltunnels mit
Cortison oder aber eine CTS-Operation (ev. linke Seite gleichzeitig operieren)
erwogen (IV-Nr. 78 S. 11 f.).

 

5.11  Am 14. Mai 2018 wurde eine
Karpaltunnelspaltung links durchgeführt. Dr. med. N.___, Facharzt FMH für
Orthopädische Chirurgie, speziell Handchirurgie, hielt in seinem Bericht vom
5. Juni 2018 folgende Diagnosen fest: «Status nach Carpaltunnelspaltung
links mit Besserung des neurologischen Befundes an der linken Hand und
Persistieren einer radikulären Schmerzsymptomatik C5/6 links mit Ausstrahlung
zum dorsalen Daumen; vorgesehen zur Carpaltunnelspaltung auch rechts». Im
Weiteren legte er dar, nach der Operation links habe sich eine leichte
Wundheilungsstörung der Narbe ergeben, welche jetzt stabil sei. Die periphere
Sensibilität im Bereich habe sich normalisiert; diesbezüglich bestünden auch
keine Nachtruhestörungen mehr. Jedoch seien weiterhin die Parästhesien und
Kribbel-Missempfindungen über der Schulter mit Ausstrahlung bis in den Daumen vorhanden
(IV-Nr. 78 S. 9 f.).

 

5.12  Im Bericht von Dr. med. O.___,
Neurochirurgie FMH, vom 28. Juni 2018 wurden folgende Diagnosen angegeben:
«Verdacht auf chronische Zervikobrachialgie beidseits» und «Chronisches
lumbales Schmerzsyndrom bei: Osteochondrose, Spondylarthrose und
Spinalkanalstenose L2/3, Spondylarthrose L5/S1, St.n. Dekompression, TLIF und
transpedikuläre Spondylodese L3-5 beidseits vor 2 Jahren an der Klinik D.___,
Lumbosakrale Übergangsanomalie Castellvi Typ II A, Übergangswirbel L5,
Nearthros links». Als «weitere Diagnosen» wurden ein «St.n.
Karpaltunnelspaltung links am 14.05.2018, Karpaltunnelspaltung rechts geplant»,
«Platzangst», ein «St.n. Knie-TP links bei medialer Gonarthrose bei
Valgusstellung» und «Auch fortgeschrittene Gonarthrose rechts bei
Valgusstellung» aufgelistet. Zur Anamnese wurde dargelegt, bei der Patientin
sei vor vier Wochen ein Karpaltunnelsyndrom operiert worden. Postoperativ sei
es gemäss den Angaben der Patientin zu einer kompletten Erholung von
Gefühlsstörungen in Zeige-, Mittel-, Ring- und Kleinfinger der linken Hand
gekommen und zu einer partiellen Erholung von Gefühlsstörungen im Daumen. Auch
in der rechten Hand habe sie Gefühlsstörungen mit Kribbeln in allen fünf
Fingern. Auch hier sei offenbar eine Karpaltunnelspaltung vorgesehen.
Anamnestisch habe die Patientin auch seit Jahren eine Zervikobrachialgie
beidseits mit Ausstrahlung bis in den Daumen. Die Patientin kenne diesbezüglich
seit langem keine schmerzfreien Momente mehr. Sie leide auch an einem
chronischen lumbalen Schmerzsyndrom bei Zustand nach Dekompression und
Stabilisation L3 – 5. Postoperativ seien zwei Infiltrationen im D.___-Spital
erfolgt, wobei die erste keine wesentliche Besserung, die zweite eine
wesentliche Besserung für ein bis zwei Wochen gebracht habe. Auch im rechten
Knie habe die Patientin anhaltend starke Schmerzen und sei hauptsächlich
deshalb in der Gehfähigkeit massiv eingeschränkt.

 

Zum CT der LWS vom 27. März 2017 wurde
angegeben, es bestünden regelrechte postoperative Verhältnisse ohne Hinweise
auf Lockerungen oder einen Bruch der Schrauben. Es seien radiologische Zeichen
des intervertebralen Durchbaus L3/4 und L4/5 vorhanden. Es bestünden eine
Osteochondrose, eine Spondylarthrose und eine Spinalkanalstenose L2/3 sowie
eine Spondylarthrose L5/S1. Dr. med. O.___ führte aus, in der Tat könne er
den klinischen Verdacht auf eine chronische Zervikobrachialgie beidseits
bestätigen. Er habe der Patientin vorerst die bildgebende Abklärung der
Halswirbelsäule empfohlen. Falls die Indikation für die Operation des CTS
rechts eindeutig sei, bestehe kein Grund, diese zu verschieben (IV-Nr. 86
S. 17 f.).

 

5.13  Aus dem Bericht von Dr. med. O.___
vom 4. Juli 2018 geht hervor, die MRI-Untersuchung der Halswirbelsäule bestätige
das Vorliegen von schweren Degenerationen mit fortgeschrittenen
Osteochondrosen, Spondylosen und Unkovertebralarthrosen C4/5, C5/6 und C6/7 mit
Foramenstenosen C4/5 rechts, C5/6 und C6/7 beidseits. Auch der Spinalkanal sei
bei C5/6 fortgeschritten stenosiert; es liege aber noch keine Myelopathie vor.
Diese eindrücklichen Befunde könnten die langjährigen Nacken- und
Schulterschmerzen und auch die Ausstrahlungen in beide Arme mit Kribbelgefühlen
natürlich sehr gut erklären. Die geplante CTS-Operation auf der rechten Seite
habe die Patientin nun etwas voreilig abgesagt. An sich hätte durchaus zuerst
die ohnehin nötige Karpaltunnel-Spaltung erfolgen können, bevor die
umfangreichere Operation an der Halswirbelsäule mit Dekompression und ACIF
C4/5, C5/6 und C6/7 durchgeführt werde. Die Patientin wünsche nun aber ein
umgekehrtes Vorgehen (IV-Nr. 86 S. 15 f.).

 

5.14  Am 6. August 2018 nahm
Dr. med. O.___ im F.___-Spital, [...], den zervikalen Wirbelsäuleneingriff
vor (Mikrochirurgische Dekompression und ACIF C4/5, C5/6 und C6/7; vgl.
Operationsbericht vom 6. August 2018, IV-Nr. 86 S. 12 ff.). Im
Bericht vom 11. August 2018 wurde ausgeführt, der Eingriff sei
komplikationslos erfolgt. Intraoperativ habe eine schöne Dekompression und
Stabilisation erreicht werden können. Der postoperative Frühverlauf sei
ausgesprochen erfreulich gewesen. Die Patientin habe über eine weitgehende
Progredienz der radikulären Beschwerden berichten können. Sie sei problemlos
mobil geworden. Sie habe im Verlauf mehrfach noch persistierende
Gefühlsstörungen im linken Daumen und Zeigefinger ähnlich präoperativ bei
ansonsten deutlich verbesserten Beschwerden in beiden Armen erwähnt. Die
Röntgenkontrolle mit Halswirbelsäule a.p./seitlich vom 7. August 2018 habe
regelrechte postoperative Befunde mit einer sehr schönen Dekompression gezeigt
(Entfernung des Processus uncinatus C4-7 beidseits) und Wiederherstellung der Segmenthöhen
und Segmentlordosen C4-7). Bei Austritt sei die Patientin schmerzarm,
vollmobilisiert und weitgehend selbstständig gewesen (IV-Nr. 86
S. 10 f.).

 

5.15  Dr. med. K.___ hielt in
seinem Bericht vom 12. September 2018 folgende Diagnosen fest: «Pangonarthrose
rechts, Status nach Knie-TP links am 20.06.2017, Pangonathrose beidseits
mit/bei Status nach Kniearthroskopie und medialer Teilmeniskektomie links 2009,
Status nach medialer Teilmeniskektomie und Knorpelglättung rechts 2014; Status
nach Dekompression, Spondylodese und perkutaner Stabilisation L3/4/ 5/16;
Fibromyalgie Syndrom; Chronifizierte depressive Episode; Arterielle Hypertonie;
Adipositas; Status nach Mikrodiskektomie, Dekompression, intervertebrale
Cage-Version C4/5, C5/6, C6/7 am 06.08.2018; CTS rechts». Zur Anamnese wurde
vermerkt, die Patientin berichte über Schmerzen im Bereich der unteren LWS, des
rechten Kniegelenkes sowie in der rechten Hand. Die nächtliche Ruhe sei
deutlich gestört, hier vor allem durch die Schmerzen im Bereich der rechten
Hand. Der Rücken und das rechte Knie schmerzten bei der Mobilisation. Hier
seien langfristig Operationen für Hand, Knie und Rücken geplant. Zudem leide
die Patientin unter einer Inkontinenz, welche auch operiert werden müsste. Zum
Procedere wurde festgehalten, der Patientin sei geraten worden, zuerst die
Operation der Harnblase durchführen zu lassen und anschliessend das rechte
Karpaltunnelsyndrom «releasen» zu lassen. Hierdurch werde sich wahrscheinlich
für die weiteren Operationen mit stationärem Verlauf eine Linderung der
Symptomatik und ein einfacheres Handling nach möglicher Knie-TP-Implantation
erzielen lassen (IV-Nr. 78 S. 5 f. bzw. 89 S. 7 f.).

 

5.16  Im Bericht von Dr. med. O.___
vom 20. September 2018 wurde zur Verlaufs-anamnese angegeben, es sei
erfreulich, dass es der Patientin besser gehe als vor der Operation. Die
brachialgiformen Schmerzen im linken Arm und die Parästhesien («Ameisen») in
beiden Armen seien seit der Operation komplett regredient. In den ersten zwei Wochen
nach der Operation habe die Patientin auch im rechten Arm keine Schmerzen
gehabt, danach hätten sich erneut altbekannte Beschwerden mit «Einschlafen» und
«Stromgefühl» in der gesamten rechten Hand (alle Finger betroffen) und
gelegentliche, einschiessende Schmerzen im rechten Arm ventral («wie eine
Linie») eingestellt. Am linken Daumen beschreibe die Patientin nach wie vor ein
subjektives Beugedefizit. Im Weiteren beschreibe sie ein noch störendes
Fremdkörpergefühl im Hals bei normaler Stimme. Am Nacken habe sie weniger
Schmerzen als vor der Operation, doch im Bereich der Brust- und
Lendenwirbelsäule habe sie starke Schmerzen. Im rechten Bein habe die Patientin
von lumbal her ausstrahlende Schmerzen in den lateralen Ober- und
Unterschenkel. Das rechte Knie mache beim Belasten zusätzliche Schmerzen bei
bekannter fortgeschrittener Gonarthrose. Unter dem Vermerk «Beurteilung und Prozedere»
wurde dargelegt, postoperativ komplett regredient seien die Brachialgie links
und die Parästhesien in beiden Armen. Rezidiviert nach zweiwöchigem
beschwerdefreiem Intervall seien allerdings Gefühlsstörungen der rechten Hand
mit Beteiligung aller Finger und eine intermittierende Brachialgie rechts. Zur
Verlaufskontrolle und sicheren Bestätigung der ausreichenden Dekompression sei
ein nochmaliges MRI der Halswirbelsäule angemeldet worden (IV-Nr. 78
S. 3 f. bzw. 86 S. 8 f.).

 

5.17  Im Bericht vom 25. September
2018 hielt Dr. med. O.___ zum Verlauf fest, die radiologischen
Verlaufskontrollen der Halswirbelsäule bestätigten, dass die Platzverhältnisse
in den Neuroforaminae postoperativ deutlich besser seien als präoperativ. Er
finde anhand der Bildgebung keine Erklärung für die noch vorhandenen
brachialgiformen Beschwerden im rechten Arm und das «Einschlafen» sowie das «Stromgefühl»
in der gesamten rechten Hand. Die eingebrachten Cages zeigten eine korrekte
Implantat-Lage, unverändert zur unmittelbar postoperativen Röntgen-Kontrolle.
An der Lendenwirbelsäule bestätigten sich die Degenerationen der
Anschlusssegmente mit Spondylarthrose L5/S1 beidseits, Osteochondrose und
Spondylarthrose L2/3 mit mässiger Spinalkanalstenose, weniger auch bei L1/2.
Erhebliche Nervenwurzelkompressionen seien aber nicht vorhanden. Die Patientin
habe offenbar aktuell mit der Hausärztin die bevorstehenden Operationen an der
Blase, der Hand rechts und am Knie besprochen. Aus seiner Sicht sei weder an
der Hals- noch an der Lendenwirbelsäule eine dringliche Massnahme erforderlich.
Bei Bedarf wären infiltrative Behandlungsversuche möglich (IV-Nr. 86 S. 6
f.).

 

5.18  Die behandelnde Hausärztin,
Dr. med. P.___, Innere Medizin FMH, hielt in ihrem Bericht zu Handen der
IV-Stelle vom 27. September 2018 fest, seit der letzten Ablehnung des
Leistungsanspruchs hätten sich bei der Patientin tatsächlich neue und erheblich
beeinträchtigende medizinisch nachvollziehbare Beschwerden ergeben. Die Art der
medizinisch begründeten Leistungsminderungen seien in diesem Fall nicht akut,
sondern über die Jahre entstanden und hätten sich in den letzten Monaten / Jahren
so verschlechtert, dass nun nachweisbar strukturelle, die zunehmenden Schmerzen
begründende Veränderungen vorhanden seien (IV-Nr. 78 S. 1 f.).

 

5.19  Laut dem Bericht von Dr. med.
K.___ vom 27. November 2018 berichtete die Patientin über progrediente
Schmerzen im Bereich des rechten Kniegelenks, sodass sie aktuell mit dem Wunsch
der baldigen Knie-Totalprothesen-Implantation komme. Sie leide unter einem
nächtlichen Ruheschmerz nicht nur im Bereich des rechten Kniegelenkes, sondern
auch im Rücken und der HWS. Zudem bestünden belastungsabhängige Schmerzen im
rechten Knie, unter Belastung könne sie das rechte Kniegelenk nicht mehr
strecken. Zum Procedere wurde dargelegt, mit der Patientin und dem begleitenden
Ehemann sei die Knie-Totalprothesen-Implantation rechts besprochen worden.
Geplant sei der Eingriff am 11. Dezember 2018 in der Privatklinik E.___
(IV-Nr. 85 S. 8 bzw. 89 S. 9).

 

5.20  In ihrem Bericht zu Handen der
IV-Stelle vom 27. November 2018 gab die Hausärztin Dr. med. P.___ an,
sie behandle die Patientin seit Januar 2015. Sie habe keine Arbeitsunfähigkeit
attestiert, da nie ein Arbeitsverhältnis bestanden und die Patientin sich auch
nicht in der Lage gefühlt habe, in ein Arbeitsverhältnis einzutreten. Hätte
sich die Frage nach einer Arbeitsunfähigkeit gestellt, hätte sie aus
verschiedenen, sich zum Teil summierenden Gründen durchgehend eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit attestiert. Zur medizinischen Situation legte die Hausärztin
dar, bei der Patientin dominierten körperliche Beschwerden, welche jedoch
begleitet seien von zum Teil erheblichen psychischen Beeinträchtigungen. Im
Laufe der Jahre hätten sich die körperlichen Beschwerden durch die Zunahme der
Polyarthrosen erheblich verstärkt. In den letzten Jahren seien die LWS
versteift, die HWS operiert, eine Knieprothese eingesetzt, ein CTS operiert und
eine gynäkologische Operation durchgeführt worden. Die Patientin leide unter
Schmerzen in der LWS, den Beinen, im Kopf und in den Händen und unter reduzierter
Gehfähigkeit sowie eingeschränkter Konzentrationsfähigkeit. Es bestünden eine
ausgeprägte Adipositas, ein Gangbild in leichter Hüft- und Knieflexion
beidseits sowie ein Schonhinken rechts, ein paravertebraler Muskelhartspann
sowie eine eingeschränkte LWS- und HWS-Beweglichkeit. Soweit beurteilbar, sei
eine schwach ausgeprägte Skelettmuskulatur bei einer schmerzbedingt erheblichen
Dekonditionierung vorhanden. Als Diagnosen (mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit) wurden Polyarthrosen wahrscheinlich primär und sekundär
metabolisch mit teils schweren degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule,
Gonarthrosen, Fingerpolyarthrosen, ein CTS beidseits sowie eine chronische
depressive Störung gemischt mit Angst und eine morbide Adipositas angegeben.
Die Stress- und Urgeinkontinenz wurden als Diagnosen ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit vermerkt. Die Prognose zur Arbeitsfähigkeit wurde mit
«schlecht» angegeben. Zur beruflichen Situation wurde angegeben, die Patientin
habe ehemals zu 100 % als Betriebsmitarbeiterin gearbeitet, aktuell sei
sie nicht auf Arbeitssuche wegen der schlechten gesundheitlichen Situation. Aufgrund
der Schmerzzunahme unter Belastung und schlechter Gehfähigkeit sowie
reduzierter Beweglichkeit und Schmerzen in den Fingern bestehe aktuell keine
Möglichkeit, die angestammte Tätigkeit weiterhin auszuüben. Hinzu kämen
Konzentrationsschwierigkeiten wegen der Schmerzen. Die Patientin spreche recht
gut Deutsch und sei freundlich. Eine angepasste Tätigkeit sei nicht zumutbar. Die
Prognose zur Eingliederung sei schlecht. Schmerzen, Funktionseinschränkungen
und eine Dekonditionierung stünden einer Eingliederung im Weg (IV-Nr. 85
S. 1 ff.).

 

5.21  Am 11. Dezember 2018 wurde
die Beschwerdeführerin am rechten Knie operiert (Knie-Totalprothesen-Implantation
rechts; Hospitalisation vom 11. bis 17. Dezember 2018). Zur
Operationsindikation wurde angegeben, bei der Patientin hätten jegliche
konservativen Massnahmen nicht mehr angeschlagen, sodass eine Knie-Totalprothesen-Implantation
indiziert gewesen sei. Zum postoperativen Verlauf wurde festgehalten, es sei
intra- und postoperativ ein komplikationsloser Verlauf festzustellen gewesen.
Es bestehe eine problemlose Mobilisation an Unterarmgehstöcken. Es seien
achsengerechte Stellungsverhältnisse der Knie-Totalprothese im postoperativen
Röntgenbild ersichtlich. Als Nachbehandlung wurden Physiotherapie und klinische
sowie radiologische Kontrollen angegeben (vgl. Operations- und Austrittsbericht
vom 14. Dezember 2018, IV-Nr. 89 S. 4 f.).

 

5.22  Dr. med. O.___ stellte in
seinem Bericht zu Handen der Beschwerdegegnerin vom 6. Januar 2019 die
Diagnosen (mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit) «Chronische
Zervikobrachialgie beidseits, links regredient, bei multisegmentalen
degenerativen Veränderungen der HWS» und «Chronisches lumbales Schmerzsyndrom
bei multisegmentalen degenerativen Veränderungen der LWS». Die Prognose zur
Arbeitsfähigkeit lautete wie folgt: Eine Wiederaufnahme der Arbeit sei
insbesondere längerfristig nicht realistisch. Zweifel an der Fahreignung gebe
es nicht. Zum Potenzial für die Eingliederung wurde dargelegt, leichte Arbeiten
wären während weniger Stunden pro Tag denkbar und auch zumutbar. Eine
Wiedereingliederung dürfte bei chronischem Schmerzsyndrom an der HWS und LWS
sehr schwierig sein (IV-Nr. 86 S. 2 ff.).

 

5.23  RAD-Ärztin Dr. med. Q.___,
Fachärztin für Arbeitsmedizin, hielt in ihrer Stellungnahme vom 18. April
2019 fest, insgesamt sei es seit den Jahren 2005 und 2010 zu einer
Verschlechterung der somatischen Situation gekommen. Wegen der
fortgeschrittenen Degenerationen hätten in den Jahren 2016 und 2018 Operationen
an der Wirbelsäule stattgefunden. Es persistierten seither weiterhin Schmerzen,
die jedoch nicht vollständig durch die somatischen Befunde alleine erklärt
werden könnten. Bezüglich der psychischen Situation seien keine aktuellen
fachärztlichen Berichte vorhanden. Von der wirbelsäulenchirurgischen Seite her werde
eine Tätigkeit in einem angepassten Tätigkeitsbereich für wenige Stunden pro
Tag als zumutbar erachtet. Die Hausärztin schätze die Versicherte für jegliche
Tätigkeiten als nicht mehr arbeitsfähig ein. Aufgrund der Unstimmigkeiten und
der komplexen gesundheitlichen Situation müsse die Einschätzung der
möglicherweise verbleibenden zumutbaren Restarbeitsfähigkeit im
interdisziplinären Kontext erfolgen. Angaben zur Arbeitsfähigkeit seien erst
nach der polydisziplinären Begutachtung möglich (IV-Nr. 90 S. 3 f.).

 

5.24  Dem polydisziplinären
(allgemein-internistischen, rheumatologischen, orthopädischen, neurologischen
und psychiatrischen) Gutachten der G.___ vom 12. Februar 2020
(Untersuchungen vom 30. und 31. Juli, 13. August, 18. September
sowie 4. Dezember 2019) können im Rahmen der interdisziplinären
Gesamtbeurteilung (Konsensbeurteilung) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit entnommen werden: «1. Chronisches lumbogluteales
(lumbosakrales) Schmerzsyndrom (ICD-10 M54.5, M79.65, Z98.8), Status nach
Dekompression und interkorporeller sowie dorsaler Spondylodese LWK3/4/5 am
19.05.2016 bei Spinalkanalstenose LWK4/5 bei degenerativer Olisthesis und
Stenose LWK3/4 (Orthopädie D.___ [...]), radiologisch mässige Spondylarthrose
LWK5/SWK1 und weniger LWK2/3 ohne sicheren Hinweis für Neurokompression (CT 27.03.2017,
Röntgen und MRI 25.09.2018); 2. Chronische zervikospondylogene
Schmerzen beidseits (ICD-10 M54.2, M79.61, Z98.8), Status nach
mikrochirurgischer Dekompression und ACIF HWK4/5/6/7 über einen
antero-lateralen Zugang von links am 09.08.2018 bei fortgeschrittener
Osteochondrose, Spondylose und Unkovertebralarthrose HWK4/5/6/7 mit foraminaler
Stenose HWK4/5 rechts und HWK5/6/7 beidseits (Dr. S. O.___, F.___),
radiologisch kein sicherer Hinweis für radikuläre Affektion (Röntgen und MRI
25.09.2018); 3. Gonalgie beidseits, am ehesten bei CPPD
(aktenanamnestische Diagnose) (ICD-10 M25.56, M11.2), Status nach
arthroskopischer medialer Teilmeniskektomie sowie Knorpelglättung am medialen
Femurkondylus links am 12.05.2009, Status nach arthroskopischer medialer
Teilmeniskektomie und Knorpelglättung rechts am 04.03.2014, Status nach
Knie-Teilprothese [recte: Totalprothese] links am 20.07.2017 bei
Pangonarthrose, Status nach Knie-Totalprothese rechts am 11.12.2018 bei
Pangonarthrose; 4. Osteoarthrose (ICD-10 M19.99) mit Fingerpolyarthrose,
Status nach Gonarthrose, Talonavikulararthrose, Facettengelenksarthrose». Die
weiteren gestellten Diagnosen (1. Episodischer Kopfschmerz seit fünf
Jahren, wahrscheinlich zervikogen bedingt [ICD-10 G44.8]; 2. Status nach
Medianusneurolyse links 05/2018 und rechts 03/2019 [ICD-10 G56.0];
3. Adipositas Grad III [ICD-10 E66.92]; 4. Arterielle Hypertonie
[ICD-10 I10.90]; 5. Hyperlipidämie [ICD-10 E78.5]; 6. Hepathopathie
[ICD-10 K76.9]; 7. Vitamin D-Mangel [ICD-10 E55.9]; 8. Eisenmangel
[ICD-10 E61.1]; 9. Gastroösophagealer Reflux [ICD-10 K21.9];
10. Urgeinkontinenz [ICD-10 N39.42]; 11. Anamnestisch
Stuhlinkontinenz [ICD-10 R15]; 12. Nikotinabusus [ICD-10 F17.1];
13. Status nach Hysterektomie 2012 [ICD-10 Z41.9]; 14. Leichte
depressive Episode [ICD-10 F32.0]; 15. Chronische Schmerzstörung mit
somatischen und psychischen Faktoren [ICD-10 F45.41]) haben nach den
gutachterlichen Angaben keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit.

 

Die Krankheitsentwicklung wurde wie
folgt zusammengefasst: Im Jahr 2003 seien Schmerzen im Bereich der Hals- und
Lendenwirbelsäule aufgetreten. Radiologisch seien degenerative Veränderungen
und Diskushernien (C5/6 und L4/5) festgestellt worden. Spondylitisverdächtige
Läsionen hätten sich mittels Skelettszintigraphie (2004 und 2017) und anhand
von Entzündungsparametern nicht bestätigen lassen. Im Jahr 2016 seien wegen
einer Spinalkanalstenose LWK4/5 bei einer degenerativen Olisthese und einer
Stenose bei LWK3/4 eine Dekompression und Stabilisation mit interkorporeller
und dorsaler Spondylodese erfolgt. Im Jahr 2018 seien bei fortgeschrittener
Osteochondrose, Spondylose und Unkovertebralarthrose HWK4/5/6/7 mit foraminaler
Stenose HWK4/5 rechts und HWK5/6/7 beidseits eine mikrochirurgische Dekompression
und ACIF HWK4/5/6/7 (Anterior Cervical Interbody Fusion) durchgeführt worden.
Rheumatologischerseits sei die Diagnose Fibromyalgie-Syndrom gestellt worden.
Im Jahr 2005 seien Schmerzen an den Kniegelenken und Händen aufgetreten.
Radiologisch bestehe der Verdacht auf eine
Kalziumpyrophosphat-Ablagerungserkrankung (CPPD) bei möglichem
Hyperparathyreoidismus. Zunehmende Knieschmerzen hätten im Jahr 2009 am linken
und im Jahr 2014 am rechten Knie zu arthroskopischen Eingriffen an den Menisci
und am Gelenkknorpel geführt. Wegen einer fortschreitenden Kniegelenksarthrose
sei es im Jahr 2017 am rechten (recte: linken) und im Jahr 2018 am linken (recte:
rechten) Kniegelenk zur Implantation von Kniegelenktotalprothesen gekommen. Im
Jahr 2018 sei das Karpaltunnelsyndrom links und im Jahr 2019 das
Karpaltunnelsyndrom rechts operiert worden.

 

Zur Herleitung der aktuellen Diagnosen
wurde dargelegt, die Explorandin verspüre seit vielen Jahren Schmerzen im
Bereich der Hals- und Lendenwirbelsäule und der Extremitäten. Aktenanamnestisch
finde man als Beleg dafür, nebst einer Vielzahl von allgemein-internistischen
und fachärztlich rheumatologischen, neurologischen/neurochirurgischen und
orthopädischen Berichten, dazu passende radiologische Befunde. Aufgrund der
aktuellen klinischen rheumatologischen, orthopädischen und neurologischen
Untersuchungen und der vorhandenen radiologischen postoperativen Röntgenbefunde
liessen sich die Beschwerden der Explorandin im Bereich der Hals- und
Lendenwirbelsäule nicht vollumfänglich erklären. Weder liessen sich an der
Hals- und Lendenwirbelsäule gravierende Einschränkungen in der Beweglichkeit
feststellen, noch bestünden radiologisch nach den mehrsegmental durchgeführten
Eingriffen im zervikalen oder lumbalen Wirbelsäulenbereich höhergradige
Veränderungen im Sinne von Anschlussdegenerationen oder Zeichen einer
radikulären Affektion. Auch aus neurologischer Sicht könnten keine eindeutigen
sensomotorischen Defizite im Bereich der oberen und unteren Extremitäten
nachgewiesen werden. Es sei jedoch nachvollziehbar, dass nach den
mehrsegmentalen Eingriffen an der Hals- und Lendenwirbelsäule und infolge der
ungünstigen Statik im Sinne einer vermehrten Beckenkippung bzw. Fehlhaltung der
LWS eine verminderte Belastbarkeit im Bereich der zervikalen und lumbalen
Wirbelsäule bestehe.

 

In den Jahren 2008/2009 seien zunehmend
Beschwerden an beiden Kniegelenken aufgetreten und die Explorandin habe über vermehrte
Schulter-, Hand-, Hüft- und Fussschmerzen geklagt. Nach arthroskopischer
Teilmeniskektomie und Knorpelglät-tung im Jahr 2009 links sowie Teilmeniskektomie
und Knorpelglättung im Jahr 2014 rechts hätten im Jahr 2017 (links) und im Jahr
2018 (rechts) bei Pangonarthrosen beidseits Knie-Totalprothesen implantiert
werden müssen. Bei der aktuellen Untersuchung bestehe sowohl
orthopädischerseits als auch rheumatologischerseits ein Flexionsdefizit und
rheumatologischerseits zusätzlich eine leichte Überwärmung des rechten
Kniegelenks, die, wie auch die Beschwerden an den Händen, auf eine
Chondrokalzinose (CPPD/Kalziumpyrophosphat-Ablagerungskrankheit) zurückzuführen
sei. Dabei werde zwischen primären (unbekannte Ursache) und sekundären Formen
unterschieden. Die primäre Form trete vorwiegend im Alter auf, vor allem bei
Frauen und insbesondere nach operativen Eingriffen, wie bei der Explorandin.
Für die sekundäre Form fehle eine endokrinologische Ursache für die vermehrte
Kalziumpyrophosphat-Ablagerung, ebenso fehlten Hinweise für andere assoziierte
Begleiterkrankungen. Die aktuell eingeschränkte Beweglichkeit und die
rezidivierend auftretenden Entzündungen infolge der Kristallarthropathie
führten zu Einschränkungen bei der Belastbarkeit der Kniegelenke mit Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit.

 

Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
seien die neurologischerseits diagnostizierten, episodisch auftretenden
Kopfschmerzen. Letztere bestünden erst seit fünf Jahren und könnten damit nicht
einer Migräne zugeordnet werden. Sie seien wahrscheinlich zervikogen bedingt.
Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit sei auch das im Jahr 2018 links und im
Jahr 2019 rechts mittels Medianusneurolyse operierte Karpaltunnelsyndrom.
Ebenso hätten die allgemein-internistischen Diagnosen einer Adipositas Grad
III, einer arteriellen Hypertonie, Hyperlipidämie, Hepatopathie, eines Vitamin
D- und Eisenmangels sowie der gastroösophageale Reflux, die
Urin-(Urge)Inkontinenz, die anamnestische Stuhlinkontinenz, der Nikotinabusus
und der Status nach Hysterektomie keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit.
Psychiatrischerseits werde aufgrund der Tatsache, dass sich das Ausmass der
Beschwerden und die Überzeugung, deswegen nicht mehr arbeiten zu können, mit
den somatischen Befunden nicht hinreichend objektivieren liessen, eine
psychische Überlagerung der Schmerzen angenommen und die Diagnose einer chronischen
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren gestellt. Es bestünden
psychosoziale Belastungsfaktoren, die bei der vorliegenden chronischen
Schmerzproblematik eine Rolle spielen könnten. Im Vordergrund stehe eine
angespannte finanzielle Situation und eine distanzierte Beziehung zum Ehemann,
der bereits seit längerem krank sei und eine IV-Rente beziehe, mit dem die
Explorandin jedoch eher weniger Gemeinsamkeiten habe, wie sie angegeben habe. Zusätzlich
werde eine leichte depressive Episode diagnostiziert, die sich durch eine
depressive Verstimmung mit verminderter Freude, aber auch durch eine erhöhte
Ermüdbarkeit, Schlafstörungen und frühmorgendliches Erwachen sowie
Konzentrationsstörungen äussere. Die Depression habe sich bald nach der
Schmerzproblematik und der anhaltenden Arbeitsunfähigkeit entwickelt. In der
Hamilton Depressionsskala erreiche die Explorandin einen Punktewert von 12, was
einer leichten Depression entspreche, die keine Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit habe.

 

Zu den funktionellen Auswirkungen der
Befunde/Diagnosen auf die Arbeitsfähigkeit wurde Folgendes angegeben: Bedingt
durch die operative Behandlung der Hals- und Lendenwirbelsäule bestünden
Einschränkungen beim Tragen und Heben von Gewichten, sowohl beim Heben vom
Boden bis auf Lendenhöhe wie auch beim Heben über Brusthöhe. Einschränkungen
bestünden zusätzlich bei der Rotation der Hals- und Lendenwirbelsäule, beim
vorgeneigten Sitzen und Stehen sowie bei längerem Sitzen und Stehen. Ebenfalls
bestünden Einschränkungen beim Hantieren mit Werkzeugen. Die
Kniegelenksbeschwerden verunmöglichten langes Gehen, Gehen auf unebenem Gelände
und es komme zu Einschränkungen beim Treppensteigen. Die Einschränkungen im
Bereich der Hals- und Lendenwirbelsäule sowie im Bereich beider Kniegelenke
wirkten sich in ihrer Kombination ungünstig auf die Gesamtbelastbarkeit aus,
was zu einer mittelschweren Beeinträchtigung führe.

 

Zu den Belastungsfaktoren und Ressourcen
wurde vermerkt, im Verlauf der letzten 16 Jahre sei es zu einer progredienten
Gewichtszunahme gekommen, was sich ungünstig auf die Schmerzen im Lumbalbereich
sowie die Kniebeschwerden auswirke. Weitere Belastungsfaktoren seien die
schwierige häusliche Situation mit dem kranken Ehemann und IV-Rentenbezüger
sowie die angespannte finanzielle Situation. Unterstützung erhalte die
Explorandin von ihren beiden Kindern, die auch Eigentümer der Liegenschaft seien,
in der die Explorandin zusammen mit ihrem Ehemann zu günstigen Bedingungen eine
5,5-Zimmer-Wohnung bewohne, sowie von einer guten Freundin, die sie zum Teil zu
den Gutachtern begleitet habe. Ressourcen bestünden in einer Gewichtsabnahme,
die sich positiv auf das Rückenleiden und die Kniebeschwerden, auf den
Blutdruck, die Fettstoffwechselstörung, die Refluxbeschwerden und die
Inkontinenzprobleme auswirken würde. Trotz ihrer Beschwerden sei die
Explorandin in der Lage, selbstständig zu reisen (Reise in die Türkei) und
kurze Strecken selbstständig Auto zu fahren. Die Explorandin selbst sehe sich
aufgrund ihrer Beschwerden als nicht arbeitsfähig. Eine Persönlichkeitsstörung
liege nicht vor.

 

Die Konsistenzprüfung lautete wie folgt:
Aus orthopädischer Sicht könnten die Druckdolenzen am Stamm sowie im Schulter-
und Hüftbereich beiderseits nicht klar nachvollzogen werden. Aus
rheumatologischer Sicht dürfte es sich dabei um Verhärtungen in der
Schultergürtelmuskulatur, im Nacken und im oberen Rückenbereich sowie um
Verspannungen bei der Armabduktion handeln. Ansonsten gebe es aus somatischer
Sicht keine Anhaltspunkte für wesentliche Inkonsistenzen. Im Rahmen der
Begutachtung könne eine gewisse Verdeutlichung der Beschwerden beobachtet
werden (häufiges Aufstehen und Herumgehen während der Untersuchung). Hinweise
für eine Aggravation oder Simulation gebe es jedoch nicht. Hingegen erschienen
die Einschränkungen des Aktivitätenniveaus zwischen dem beruflichen und
privaten Bereich nicht als homogen und vergleichbar, weil sich die Explorandin
einerseits sei vielen Jahren beruflich überhaupt nicht mehr betätige,
andererseits durchaus aktiv sei im Haushalt und in der Freizeit. Trotz
subjektiv starker Beschwerden mit Schmerzen sei der Explorandin ein relativ
hohes Aktivitätsniveau sogar mit Reisen in die Türkei möglich. Die bisher von
somatischer Seite durchgeführten Therapiemassnahmen dürften als angemessen
beurteilt werden. Die regelmässige Einnahme von Schmerzmitteln deute auf einen
gewissen Leidensdruck hin. Psychiatrischerseits sei die Explorandin früher in
ambulanter psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung gewesen. Gemäss ihren
Angaben habe eine solche seit längerer Zeit nicht mehr stattgefunden. Eine
medikamentöse antidepressive Behandlung werde durchgeführt. Die praktisch nicht
bestimmbaren Medikamentenspiegel der antidepressiven Medikation im Rahmen der
aktuellen Untersuchung wiesen aber auf eine schlechte Compliance hin.

 

Sodann wurde dargelegt, in den Akten
werde über das Vorliegen einer Fibromyalgie und einer Spondylarthritis
berichtet. Aus Sicht des rheumatologischen Teilgutachters bestünden bei der
Explorandin die für eine Spondylarthritis typischen Symptome eines
entzündlichen, tiefsitzenden Rückenschmerzes nicht und es fehlten vor allem die
radiologisch nachweisbaren Entzündungen an der Wirbelsäule, dem Sakrum und den
Gelenken (Szintigraphie 2004/2017 negativ). Die bestehenden chronischen
Schmerzen seien durch die degenerativen Veränderungen erklärbar. Als
Grunderkrankung werde von einer Osteoarthrose ausgegangen, die an verschiedenen
Körperstellen in unterschiedlicher Ausprägung vorliege. Somit könne die Diagnose
einer Spondylarthritis als überwiegend unwahrscheinlich beurteilt werden. Gegen
das Vorliegen einer Fibromyalgie spreche, dass es sich dabei um eine
Ausschlussdiagnose handle, d.h., es dürften keine anderen Erkrankungen vorliegen,
die die Beschwerden der Explorandin anderweitig erklärten. Dies sei beim
vorliegenden Krankheitsbild nicht der Fall. Die Beschwerden der Explorandin
könnten durch die degenerativen osteoarthrotischen Gelenksveränderungen und die
dadurch bedingten Schmerzen in Form von myofaszialen Verspannungen und auch mit
der durch die Kristallablagerung in den Gelenken getriggerten, vorübergehend
auftretenden Entzündungen erklärt werden. Ferner sei es gut möglich, dass
früher, wie in Austrittsberichten beschrieben worden sei, gegenüber der aktuell
leichten depressiven Episode eine ausgeprägtere depressive Störung vorgelegen
habe. Ein deutlich rezidivierender Verlauf mit Phasen von
Verbesserung/Verschlechterung und symptomfreien Intervallen lasse sich jedoch
nicht nachweisen. Auch die im interdisziplinären Gutachten aus dem Jahr 2005
beschriebene Klaustrophobie mit Angst vor Dunkelheit bestehe aktuell nicht
mehr.

 

Zur Arbeitsfähigkeit in der bisherigen
Tätigkeit hielten die Gutachter fest, von 1989 bis 2003 sei die Explorandin als
Betriebsarbeiterin mit der Montage von Telefonanlagen beschäftigt gewesen. Seit
dem Jahr 2003 sei sie keiner geregelten Tätigkeit mehr nachgegangen. Für die
frühere Montagetätigkeit – sofern diese dem Belastungsprofil gemäss
rheumatologischem Fachgutachten entsprochen habe, körperlich sehr leicht und
nicht mit Zwangshaltungen oder repetitiven, monotonen Bewegungsabläufen
verbunden gewesen sei – sei von einer 80%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Dies
bei ganztägigem Pensum mit um 20 % reduzierter Leistung aufgrund eines
erhöhten Pausenbedarfs. Diese Einschränkung bestehe seit der Rückenoperation im
Mai 2016. Dabei gelte es zu beachten, dass ab Mai 2016 (lumbaler
Wirbelsäuleneingriff) für neun Monate, ab Juni 2017 (linksseitiger Kniegelenksersatz)
für sechs Monate, ab Oktober (recte: August) 2018 (zervikaler
Wirbelsäuleneingriff) für sechs Monate und ab Dezember 2018 (rechtsseitiger
Kniegelenksersatz) für sechs Monate für sämtliche Tätigkeiten eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit bestanden habe. Über die weiter zurückliegenden
Arbeitsfähigkeiten liessen sich aufgrund der vorhandenen Akten keine genauen
Angaben machen.

 

In einer angepassten Tätigkeit ohne
Überkopfarbeit mit nur seltenem Heben und Tragen von Gewichten bis 2 kg und
ohne Tragen von Gewichten über 2 kg, ohne schwer grobmanuelle Tätigkeit, ohne
Hand- und Schulterrotation sowie Vibration, ohne Arbeit über Kopfhöhe, ohne Rotation
der Halswirbelsäule und des Rumpfes, ohne Knien und Kniebeuge, ohne länger
dauerndes Sitzen und Stehen, ohne Gehen von längeren Strecken, ohne Gehen auf
unebenem Gelände und ohne Treppensteigen sowie ohne Arbeit in Kälte und Nässe
bestehe aufgrund des rheumatologischen Leidens und dem damit verbundenen
vermehrten Pausenbedarf wegen der belastungsabhängigen Schmerzen ebenfalls eine
80%ige Arbeitsfähigkeit. Die gesamte Arbeitsfähigkeit von 80 % in der bisherigen
Tätigkeit sowie die 20%ige Arbeitsunfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit
seien vor allem durch das rheumatologische Leiden am Bewegungsapparat begründet.

 

Zur Frage, ob sich der
Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit verglichen mit der Situation zum
Zeitpunkt der Rentenaufhebung vom 16. Februar 2010 wesentlich verändert hätten,
hielten die Gutachter fest, gegenüber dem Jahr 2010 sei es zu einer weiteren
Degeneration des Bewegungsapparates gekommen. Zwar seien die degenerativen
Veränderungen an der Wirbelsäule und den Kniegelenken zwischenzeitlich
chirurgisch behandelt worden, jedoch bestünden aufgrund der Grunderkrankung der
Arthrose mit wahrscheinlicher Calciumpyrophosphaterkrankung, die in den
arthrotischen Gelenken und in den Gelenken mit Gelenkersatz Entzündungen
verursache, weiterhin Einschränkungen. Eine Arbeitstätigkeit im Umfang von
80 % sei daher nur bei Einhaltung des rheumatologischen Belastungsprofils
zumutbar. Aus neurologischer Sicht sei der Explorandin bis anhin keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit attestiert worden, sodass zum zeitlichen
Verlauf der Entwicklung der Arbeitsfähigkeit von Seiten des Nervensystems nicht
näher Stellung genommen werden könne. Aus allgemein-internistischer Sicht sei
es seit dem Jahr 2010 zu einem Anstieg des Übergewichts von einem BMI von 35 kg/m2
auf einen solchen von 40 kg/m2 gekommen. Aus psychiatrischer Sicht
hätten sich der Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit seit dem
16. Februar 2010 in der bisherigen und in einer angepassten Tätigkeit
nicht wesentlich verändert (IV-Nr. 101.2 S. 5 ff.).

 

5.24.1  Der allgemein-internistische
Teilgutachter, Dr. med. R.___, FMH Allgemeine Innere Medizin, konnte in
seinem Teilgutachten vom 13. August 2019 (Untersuchung vom 31. Juli
2019) aus allgemein-internistischer Sicht keine Diagnosen mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit stellen. Die diagnostizierten Leiden (Adipositas Grad III,
arterielle Hypertonie, Hyperlipidämie, Hepatopathie, Vitamin-D- und
Eisenmangel, Gastroösophagealer Reflux, Urgeinkontinenz, anamnestisch
Stuhlinkontinenz, Nikotinabusus, Status nach Hysterektomie 2012) haben nach den
gutachterlichen Angaben keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Dr. med.
R.___ kam zum Schluss, die allgemein-internistischen Diagnosen seien plausibel
und konsistent. Sie führten zu keinen Funktionseinbussen und hätten somit keine
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Die Ressourcen für eine Teilnahme am
beruflichen und privaten Leben seien nicht eingeschränkt. Im
Längsschnittverlauf habe das Gewicht im Verlauf der letzten 16 Jahre laufend
zugenommen. Die Explorandin sehe sich aufgrund ihrer derzeitigen Beschwerden
als nicht arbeitsfähig. Aus allgemeininternistischer Sicht sei die Explorandin
sowohl in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Betriebsarbeiterin in der
Elektronikbranche als auch in einer angepassten Verweistätigkeit zu 100 %
arbeitsfähig (IV-Nr. 101.4 S. 14 ff.).

 

5.24.2  Die rheumatologische
Teilgutachterin, Dr. med. S.___, FMH Allgemeine Innere Medizin, FMH
Rheumatologie, stellte in ihrem Teilgutachten vom 21. Januar 2020 (Untersuchung
vom 4. Dezember 2019) die Diagnosen (mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit) «Chronische lumbosakrale Schmerzen (ICD-10 M54)», «Chronische
cervicospondylogene Schmerzen beidseits (ICD-10 M54.2)», «Gonalgie bds. am
ehesten bei CPPD (aktenanamnestische Diagnose) (ICD-10 M25.56, M11.2)» und
«Osteoarthrose (ICD-10 M19.99)». Zur Herleitung der Diagnosen wurde dargelegt, die
Explorandin sei bereits seit vielen Jahren durch Schmerzen an den verschiedenen
Körperlokalisationen auffällig gewesen. Mögliche Ursachen habe man im Bereich
der Halswirbelsäule in Form einer deutlichen Bandscheibenprotrusion mit
Eindellung des Myelons, Unkovertebralarthrosen und Osteochondrosen sowie
Foraminalstenosen gefunden. Zusammenfassend seien die Segmente HWK 4 bis HWK 7
betroffen gewesen. Klare Radikulopathien hätten neurologischerseits nicht
nachgewiesen werden können. Die Explorandin lasse offen, inwieweit diese
Operation geholfen habe; zumindest sei es nicht schlechter geworden.

 

In der rheumatologischen Untersuchung finde
man keine gravierenden Einschränkungen in der Beweglichkeit der Halswirbelsäule
und auch im Gespräch wirke die Explorandin hier nicht bewegungseingeschränkt.
Auffällig seien Verhärtungen in der Schultergürtelmuskulatur, im Nacken und in
der oberen Rückenregion. Dies führe auch zu Spannungen bei der Armabduktion
beidseits. Die angegebenen Beschwerden in diesem Bereich könnten in der
rheumatologischen Untersuchung nur durch die etwas auffällige Muskulatur
abgeleitet werden. Sensomotorische Ausfälle an der oberen Extremität seien
nicht klar den Halsoperationen zuzuordnen. Die Kraftminderung der rechten Hand
sei einer lokalen Arthrose im Daumengrundgelenk zuzuordnen und dem bestandenen
Karpaltunnelsyndrom mit Hypothenaratrophie (vgl. neurologisches Teilgutachten).

 

Bei der Explorandin habe eine
Spinalkanalstenose im Segment LWK 3 / LWK 4 multifaktorieller Ursache
(degenerative Olisthese, Diskusprotrusion, Facettengelenkarthrose) bestanden.
Auch hier lasse die Explorandin offen, ob die stattgehabte Operation ihr
geholfen habe. In der aktuellen Untersuchung zeige die Explorandin keine
Auffälligkeiten in der Beweglichkeit der LWS. Man finde hier eher leichte
Schmerzen im Sakralbereich. Aufgrund des hohen Gewichts und des operierten
Rückens seien lokale Schmerzen möglich, radikuläre Ausstrahlungen in die Beine
und sensomotorische Ausfälle seien aber nicht mehr vorhanden. Hinsichtlich der
Knie habe eine Pangonarthrose bestanden. Bereits in früheren Jahren sei
zusätzlich eine Kalziumpyrophosphat-Ablagerungskrankheit in den Händen und
Knien ohne weitere endokrinologische Begleiterkrankungen festgestellt worden. Ein
Vorliegen dieser Erkrankung in den Knien nach Meniskusoperationen und Implantation
einer Knie-Totalprothese sei daher möglich. Aufgrund der Diagnose in bereits
früheren Jahren seien anhaltende Beschwerden in den Knien sogar wahrscheinlich.
Zum aktuellen Zeitpunkt habe man eine leichte Erwärmung rechts gefunden, beide
Knie seien schmerzbedingt bewegungseingeschränkt gewesen durch eine Schwellung
der Gelenke. Eine weitere Erklärung für persistierende Knieschmerzen wäre eine
andere Kristallarthritis. Hinweise für Prothesenlockerungen oder chronische
Protheseninfekte seien derzeit nicht ersichtlich. Die Kalziumpyrophosphat-Ablagerungserkrankung
gehöre – wie auch die Gicht – zu den Kristallarthritiden. Vorzugsorte seien
bereits von der Osteoarthrose betroffene Gelenke. Das Risiko für diese
Erkrankung erhöhe sich nach Operationen und Arthroskopien, typischerweise an
den Knien, wie dies auch bei der Explorandin der Fall sei. Insgesamt finde man
keine Hinweise für genetische Erkrankungen in der Familienanamnese. Der für
eine Spondylarthritis vorausgesetzte entzündliche Rückenschmerz liege bei der
Explorandin nicht vor. Die chronischen Rückenschmerzen seien nachvollziehbar
auf degenerative Veränderungen am Rücken zurückzuführen. Als Grunderkrankung
sei die Osteoarthrose zu nennen, welche an verschiedenen Körperlokalisationen
verschieden stark ausgeprägt vorliege. Eine entzündliche Veränderung habe von
radiologischer Seite nicht beschrieben werden können und sich nach einem
vorübergehenden ärztlichen Verdacht szintigrafisch in den Jahren 2004 und auch
2007 nicht bestätigen lassen. Die Diagnose einer Spondylarthritis könne als
überwiegend unwahrscheinlich beurteilt werden. Gegen eine Fibromyalgie sprächen
die fehlenden Fibromyalgie-Druckpunkte. Aktuell liessen sich die Beschwerden
eher nachvollziehbar auf myofasziale Befunde zurückführen im Rahmen einer
verspannten Muskulatur und degenerativer osteoarthrotischer Gelenkbeschwerden.
Die Schmerzen in den Gelenken würden vorübergehend verstärkt durch eine
Pyrophosphatkristalleinlagerung und durch diese getriggerte Entzündungen.
Auffällige Gelenke seien zum Zeitpunkt der Exploration das CMC 1-Gelenk rechts
und die Knie gewesen. Die Fibromyalgie sei eine Ausschlussdiagnose, die
Beschwerden der Explorandin liessen sich in der Hauptsache durch die
degenerativen Befunde am Bewegungsapparat erklären, insbesondere bei einer
zusätzlich vorliegenden Calciumpyrophosphat-Ablagerungskrankheit.

 

Der bisherige Verlauf wurde wie folgt
beurteilt: Die anfängliche Verdachtsdiagnose einer Spondylarthropathie habe im
weiteren Verlauf nicht standhalten können und habe verworfen werden müssen. Die
Verdachtsdiagnose einer Calciumpyrophosphat-Ablagerungskrankheit sei dagegen nachvollziehbar.
Eine stringente symptomorientierte analgetische Behandlung sei wahrscheinlich
nicht ausreichend gewesen. Konsequente Steroidbehandlungen in Gelenken in
Abständen seien nicht erfolgt. Eine Aufklärung über diese Erkrankung sei
ebenfalls nicht erfolgt. Die Schmerzen an der HWS seien therapierefraktär
gewesen unter der konservativen Behandlung. Bei neurokompressiven Befunden im
MRI habe dies in eine operative Sanierung gemündet, von welcher die Explorandin
nicht eindeutig habe profitieren können. Prinzipiell könne die
Calciumpyrophosphat-Ablagerungskrankheit auch an der Wirbelsäule Symptome
verursachen, daneben kämen aber auch generelle Arthroseschmerzen sowie
myofasziale Beschwerden, die in Abständen bedarfsangepasst analgetisch
behandelt werden sollten, als chronische Schmerzverursacher in Frage.

 

Zur Konsistenz und Plausibilität wurde
angegeben, Inkonsistenzen habe man nicht finden können. Insgesamt sei die
Darstellung der Beschwerden als übersteigert und übertrieben erschienen. Es sei
von einer Symptomverdeutlichung auszugehen, was in Anbetracht der Situation,
die Beschwerden dem Gutachter in relativ kurzer Zeit klar zu machen, menschlich
nachvollziehbar sei. Eine Ressource wäre die Gewichtsreduktion und eine Verbesserung
der körperlichen Aktivität. Von einer diesbezüglich niedrigen Kooperation sei
auszugehen. Die Selbsteinschätzung der Explorandin und das Zutrauen in den
eigenen Körper seien eher niedrig. Insgesamt hätten die operativen Sanierungen
das allgemeine Schmerzempfinden nicht verbessern, aber auch nicht
verschlechtern können, was nachvollziehbar sei, wenn die Hauptbeschwerden von
der Osteoarthrose selbst herkämen mit zeitweiligen Exazerbationen durch die
Kristallarthropathie. Eine übersteigerte Schmerzwahrnehmung und
Fehlverarbeitung seien aufgrund der übersteigerten und übertrieben wirkenden
Darstellungsweise denkbar.

 

Zur Arbeitsfähigkeit in der bisherigen
Tätigkeit wurde festgehalten, in einer mittelschweren und schweren Tätigkeit
(z.B. als Fabrikmitarbeiterin mit Zwangshaltungen und mit repetitiven monotonen
Bewegungsabläufen) bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Die Einschränkung
gelte seit der Rückenoperation im Jahr 2016 und werde aufrechterhalten durch
die weiter entstandenen osteoarthrotischen Verschlechterungen am
Bewegungsapparat und deren Konsequenzen. In einer angepassten, sehr leichten
Tätigkeit mit Wechselbelastung sei die Explorandin gemäss den nachfolgend
ausgeführten Belastungsangaben 80 % arbeitsfähig; dies bei ganztägigem
Pensum mit um 20 % reduzierter Leistung aufgrund eines erhöhten
Pausenbedarfs. Gegenüber dem Jahr 2010 sei es zu einer weiteren Degeneration
des Bewegungsapparates gekommen. Die Arbeitsfähigkeit in der angestammten
Tätigkeit sei nicht mehr gegeben aufgrund der Grunderkrankung der Arthrose mit
wahrscheinlicher Calciumpyrophosphaterkrankung, die in den arthrotischen
Gelenken und in den Gelenken mit Gelenkersatz Entzündungen verursache
(IV-Nr. 101.4 S. 47 ff.).

 

5.24.3  Der orthopädische Teilgutachter,
Dr. med. T.___, Facharzt Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, stellte in seinem Teilgutachten vom 30. September 2019
(Untersuchung vom 18. September 2019) die Diagnosen (mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit) «Chronisches lumbogluteales Schmerzsyndrom (ICD-10
M54.5/M79.65/Z98.8) und «Chronische Nacken-Schulterbeschwerden beidseits
(ICD-10 M54.2/M79.61/Z98.8)». Die «Chronischen Kniebeschweden beidseits (ICD-10
M79.66/Z98.8/Z96.6)» und der «Verdacht auf Schmerzausweitung (ICD-10 F45.41)» wurden
als Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit angegeben. Der
orthopädische Teilgutachter gab zur Herleitung der Diagnosen an, die
Explorandin beklage chronische Beschwerden an der lumbalen Wirbelsäule sowie am
Gesäss beider Seiten, wobei es rechts zur Ausstrahlung bis in den lateralen
Unterschenkel komme. Nach dem bei Spinalkanalstenose und einer degenerativen
Olisthese LWK4/5 sowie einer Stenose LWK3/4 vor drei Jahren durchgeführten
mehrsegmentalen Eingriff sei es nur zu einer geringen Besserung gekommen. Auch
nach an den Knien durchgeführtem arthroskopischem Eingriff sowie Gelenkersatz
sei es nur zu einer Besserung von etwa 50 % gekommen. Geringer ausgeprägte
Beschwerden bestünden im Nacken-Schulterbereich. Die bei mehrsegmentaler
zervikaler Degeneration vor dreizehn Monaten durchgeführte Spondylodese habe
zur mässigen Verbesserung geführt, wogegen ein Ameisenlaufen entlang des
Rückens nachgelassen habe. Weiterhin ziehe die Symptomatik aber bis in die
Schulterblätter. Im Verlauf nachgelassen hätten Beschwerden an den Endgelenken
der Daumen und Zeigefinger beider Seiten. Im Alltag sei sie etwa bei
Überkopfverrichtungen oder körperlich höheren Belastungen eingeschränkt. Sie
könne keine klar lindernden Faktoren nennen. Nach der letztmals vor wenigen
Wochen an der lumbalen Wirbelsäule durchgeführten Infiltration habe sich nur
eine geringe Besserung eingestellt. Aktuell seien auf orthopädischer Ebene
folgende Befunde objektivierbar: Es bestehe ein rechtsseitiges, nicht klar reproduzierbares
Hinken. Während der Zehengang knapp demonstriert worden sei, bleibe unklar,
warum der Fersengang nicht gelinge. Bei der Untersuchung der thorako-lumbalen
Wirbelsäule habe sich unter Gegenhalten eine klar eingeschränkte Beweglichkeit gezeigt,
doch könne der initial deutlich vermehrte Finger-Boden-Abstand später durch
eine verbesserte Auslenkung im Langsitz relativiert werden. Auch an der
Halswirbelsäule zeige sich kein höhergradiges funktionelles Defizit. An den
Kniegelenken bestehe nach beidseitigem Gelenksersatz eine verminderte Flexion
bei reizlosen Verhältnissen sowie rechts sehr straffer Bandführung und links
vergleichsweise vermehrtem Gelenkspiel in der Frontalebene. Die übrigen
Abschnitte der unteren sowie die oberen Extremitäten seien frei beweglich.

 

Im Weiteren legte der orthopädische
Teilgutachter dar, die gesamte ausführliche Untersuchung im Stehen, Gehen,
Sitzen und Liegen könne bei ausreichender Kooperation problemlos durchgeführt
werden. Auffallend seien bezüglich Lokalisation und Intensität ebenso
ausgedehnte wie schwer fassbar angegebene Druckdolenzen an der thorakolumbalen
Wirbelsäule, an Rippen, Flanken, und in der Beckenregion beider Seiten. Die
Explorandin setze die oberen Extremitäten im Langsitz spontan dazu ein, ihre
Position zu wechseln, was mit einer höhergradigen Veränderung etwa im
Handbereich kaum vereinbar sei. Auf radiologischer Ebene zeigten sich an der
zervikalen und lumbalen Wirbelsäule nach mehrsegmental durchgeführtem Eingriff
keine höhergradigen Veränderungen im Sinne einer Anschlussdegeneration und
keine Zeichen einer radikulären Affektion. Der Befund an den Iliosakralgelenken
sei regelrecht. In Anbetracht des klinisch objektiv ansonsten weitgehend
blanden Befundes werde auf die Anfertigung neuer Bilddokumente verzichtet.
Zusammenfassend könne festgestellt werden, dass sich die beklagten Beschwerden
durch die klinischen und radiologischen Befunde nicht vollumfänglich begründen
liessen. Durchaus nachvollziehbar sei eine Minderbelastbarkeit der zervikalen und
lumbalen Wirbelsäule nach mehrsegmentalem Eingriff einerseits sowie bei
ungünstiger Statik im Sinne einer vermehrten Beckenkippung bzw. Fehlhaltung
andererseits. Die im Sinne einer Ausstrahlung an Schulter und Gesäss beider
Seiten angegebenen Beschwerden könnten auf rein orthopädischer Ebene allerdings
nicht nachvollzogen werden. Insgesamt könne aufgrund der anamnestischen und
klinischen Präsentation durchaus von einer gewissen nicht-organischen
Beschwerdekomponente ausgegangen werden. Aufgrund der an zervikaler und
lumbaler Wirbelsäule durchgeführten Eingriffe sei durchaus eine verminderte
Funktion dieser Abschnitte mit entsprechendem Leistungsdefizit im Alltag und
bei der Arbeit nachvollziehbar. Es resultierten daraus sowohl quantitative als
auch qualitative Einschränkungen.

 

Bei der Beurteilung des bisherigen
Verlaufs wurde ausgeführt, die Indikationsstellung zu den erfolgten Eingriffen
könne soweit nachvollzogen werden. Insgesamt sei die Prognose hinsichtlich des
weiteren Verlaufes aber angesichts der Hinweise für ein nicht-organisches
Geschehen eher verhalten zu stellen. Zur Konsistenz und Plausibilität wurde
dargelegt, insbesondere die ausgedehnten und bezüglich Lokalisation und
Intensität nicht klar fassbaren Druckdolenzen an Stamm sowie Schulter- und
Hüftbereich beider Seiten könnten auf rein orthopädischer Ebene nicht klar
nachvollzogen werden. Aufgrund der an der Wirbelsäule bestehenden Veränderungen
sei durchaus eine Funktionsstörung samt quantitativer und qualitativer
Einschränkung für Alltags- und Berufsausübung ableitbar.

 

Zur Arbeitsfähigkeit in der bisherigen
Tätigkeit wurde festgehalten, für körperlich sehr leichte, überwiegend sitzende
Verrichtungen unter Wechselbelastung bestehe aufgrund der aktuellen
Untersuchung eine Arbeitsfähigkeit von 80 % bei ganztägigem Pensum mit um
20 % reduzierter Leistung aufgrund eines vermehrten Pausenbedarfs. Das
wiederholte Heben und Tragen von Lasten über 5 kg, der wiederholte Einsatz
der oberen Extremitäten oberhalb Schulterniveau sowie die Einnahme von Zwangshaltungen
sollten dabei vermieden werden. In diesem Sinne sei auch die zuletzt bei der
Firma U.___ ausgeübte Tätigkeit in diesem Umfang zumutbar. Die Beurteilung des
Verlaufs der Arbeitsfähigkeit anhand anamnestischer Angaben und vorliegender
Akten sei schwierig. Nach dem am 19. Mai 2016 durchgeführten lumbalen
Wirbelsäuleneingriff sei von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit für
sämtliche Tätigkeiten, spätestens neun Monate postoperativ aber von einer
Arbeitsfähigkeit von 80 % bei ganztägigem Pensum mit um 20 %
reduzierter Leistung für genannte Verrichtungen auszugehen. Nach dem am
20. Juni 2017 erfolgten linksseitigen Kniegelenksersatz sei von einer
vollständigen Arbeitsunfähigkeit, spätestens sechs Monate postoperativ aber
wieder von einer Arbeitsfähigkeit von 80 % bei ganztägigem Pensum
auszugehen. Auch nach dem am 6. August 2018 durchgeführten zervikalen
Wirbelsäulengriff sei von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit, spätestens
aber sechs Monate nach dem am 11. Dezember 2018 erfolgten rechtsseitigen
Kniegelenksersatz wiederum von einer Arbeitsfähigkeit von 80 % bei
ganztägigem Pensum mit um 20 % reduzierter Leistung auszugehen. Auch für
andere körperlich sehr leichte Tätigkeiten im genannten Sinne bestehe eine
Arbeitsfähigkeit von 80 % bei ganztägigem Pensum mit um 20 %
reduzierter Leistung aufgrund eines vermehrten Pausenbedarfs. Es könne seit dem
Zeitpunkt der Rentenaufhebung vom 16. Februar 2010 im Wesentlichen von
einer unveränderten Arbeitsfähigkeit ausgegangen werden. Zwar dürfte es im
Verlauf zur Zunahme der degenerativen Veränderungen an der Wirbelsäule und
Kniegelenken gekommen sein, doch seien diese zwischenzeitlich chirurgisch
behandelt worden (IV-Nr. 101.5 S. 19 ff.).

 

5.24.4  Der neurologische Teilgutachter,
Dr. med. V.___, Facharzt FMH für Neurologie, konnte in seinem
Teilgutachten vom 23. August 2019 (Untersuchung vom 30. Juli 2019) keine
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit stellen. Die von ihm
festgehaltenen Diagnosen «Episodische Kopfschmerzen seit fünf Jahren, wahrscheinlich
zervikogen bedingt (ICD-10 G44.8)» und «Status nach Medianusneurolyse links
5/18 und rechts 3/19 (ICD-10 G56.0)» haben gemäss seinen Angaben keinen
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Zur Herleitung der Diagnosen legte der
neurologische Teilgutachter dar, die aktuelle klinisch neurologische
Untersuchung zeige keine eindeutigen relevanten und objektivierbaren
sensomotorischen Defizite. Man finde einige unspezifische Auffälligkeiten wie
ein Absinken beidseits im Armhalteversuch ohne gleichzeitige Pronation, ein
Vorbeizeigen im Fingernaseversuch beidseits sowie ein unsicherer Rombergversuch
mit einem unsicheren Strichgang und einem Schonhinken beim Normalgang bei
Status nach Knieprothesenoperation im Dezember 2018 auf der rechten Seite. Zusammenfassend
könne aus neurologischer Sicht aktuell festgestellt werden, dass bei der
Explorandin weiterhin keine eindeutigen sensomotorischen Defizite im Bereich
der oberen oder unteren Extremitäten nachgewiesen werden könnten.
Dementsprechend sei davon auszugehen, dass die Operationen an der Lenden- und
Halswirbelsäule nicht zu bleibenden neurologischen Defiziten geführt hätten.
Die Kopfschmerzen schildere die Explorandin im Prinzip wie eine Migräne, sie
bestünden aber offenbar erst seit rund fünf Jahren, sodass ein zervikogener
Kopfschmerz in dieser Situation als wahrscheinlicher angenommen werden könne.
Diese Kopfschmerzen hätten aber keinen erkennbaren Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit in sämtlichen Tätigkeiten. Dies gelte ebenfalls für das beidseits
operierte Karpaltunnelsyndrom, welches aktuell zu keinen erkennbaren negativen
Konsequenzen für die Arbeitsfähigkeit mehr führe. Die Arbeitsfähigkeit sei für
sämtliche Tätigkeiten von Seiten des Nervensystems zum aktuellen Zeitpunkt
uneingeschränkt vorhanden bei ebenfalls normaler Leistungsfähigkeit.

 

Bei der Explorandin seien bis anhin
zahlreiche Operationen am Bewegungsapparat, so an der oberen und unteren
Wirbelsäule, an beiden Kniegelenken und auch am Karpaltunnel beidseits,
durchgeführt worden. Die Interventionen hätten aber bis anhin nicht zu einer
erkennbaren Verbesserung des subjektiven Beschwerdebildes geführt. Das von der
Explorandin angegebene Beschwerdebild sei durchaus bunt und komplex, als
gesundheitliches Hauptproblem beklage sie ihre Inaktivität und Probleme mit den
Knochen im Sinne einer Arthrose. Aus neurologischer Sicht könnten diese Angaben
nicht objektiviert werden. Die aktuelle klinisch neurologische Untersuchung
zeige so wie die bisherigen neurologischen Voruntersuchungen keine
objektivierbaren sensomotorischen Defizite. Die leichtgradigen Abnormitäten in
der klinisch-neurologischen Untersuchung seien als unspezifisch einzustufen.
Die Einschränkungen des Aktivitätenniveaus zwischen dem beruflichen und
privaten Bereich erschienen nicht als homogen und vergleichbar, weil die
Explorandin beruflich überhaupt nicht mehr aktiv sei seit vielen Jahren,
andererseits aber die Haushaltsarbeiten weiterhin gemäss ihren Ausführungen gut
erledigen könne. Aus neurologischer Sicht seien die körperlichen Ressourcen der
Explorandin zurzeit nicht eingeschränkt. Sie fühle sich gesamthaft nicht gesund
und dementsprechend auch nicht arbeitsfähig. Aus neurologischer Sicht könne
diese Argumentation nicht nachvollzogen werden.

 

Zur Arbeitsfähigkeit in der bisherigen
Tätigkeit wurde festgehalten, die zuletzt ausgeübte Tätigkeit bis zum September
2003 habe in der Produktion von Telefonapparaten am Fliessband bestanden, es habe
sich hierbei um eine körperlich nicht schwere Tätigkeit gehandelt. Für diese
Tätigkeit bestehe aktuell aus neurologischer Sicht keine Einschränkung der
zeitlichen Zumutbarkeit und der Leistungsfähigkeit. Aus neurologischer Sicht
betrage aktuell die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit
dementsprechend 100 %. Aus neurologischer Sicht sei aktuell keine
angepasste Tätigkeit erforderlich, weil die Arbeitsfähigkeit für sämtliche
Tätigkeiten nicht eingeschränkt sei (IV-Nr. 101.6 S. 13 ff.).

 

5.24.5  Der psychiatrische
Teilgutachter, Dr. med. W.___, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, konnte in
seinem Teilgutachten vom 25. August 2019 (Untersuchung vom 13. August
2019) keine Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit stellen. Die von
ihm angegebenen Diagnosen «Leichte depressive Episode (ICD-10 F32.0)» und
«Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10
F45.41)» haben gemäss seinen Angaben keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Zur
Herleitung der Diagnosen legte er dar, die Explorandin leide vor allem unter
ausgeweiteten Schmerzen im Bewegungsapparat, weshalb sie sich nicht
arbeitsfähig fühle. Das Ausmass der Beschwerden und die Überzeugung, nicht mehr
arbeiten zu können, liessen sich mit somatischen Befunden nicht hinreichend
objektivieren, sodass eine psychische Überlagerung angenommen werden müsse.
Diagnostisch handle es sich um eine chronische Schmerzstörung mit somatischen
und psychischen Faktoren. Gemäss ICD-10 stünden dabei seit mindestens sechs
Monaten bestehende Schmerzen in einer oder mehreren anatomischen Regionen,
deren Ausgangspunkt ein physiologischer Prozess oder eine körperliche Störung sei,
im Vordergrund des klinischen Bildes. Psychischen Faktoren werde eine wichtige
Rolle für den Schmerzgrad, die Exazerbation oder Aufrechterhaltung der
Schmerzen beigemessen, jedoch nicht die ursächliche Rolle für deren Beginn. Der
Schmerz verursache in klinisch bedeutsamer Weise Leiden und Beeinträchtigungen in
sozialen, beruflichen und anderen wichtigen Funktionsbereichen. Vorliegend
bestünden psychosoziale Belastungsfaktoren, welche eine Rolle spielen könnten bei
einer chronischen Schmerzproblematik, die sich trotz Behandlungen auch mit
verschiedenen operativen Eingriffen nicht bessere, einer angespannten
finanziellen Situation und einer etwas distanzierten Beziehung zum seit
längerer Zeit kranken Ehemann, der eine IV-Rente beziehe und mit dem sie gemäss
ihren Angaben eher wenig Gemeinsamkeiten habe.

 

Es bestehe diagnostisch auch eine
leichte depressive Episode. Bei der Beschwerdeführerin sei das Beschwerdebild
gekennzeichnet durch eine depressive Verstimmung mit verminderter Freude, aber
auch durch erhöhte Ermüdbarkeit, Schlafstörungen, frühmorgendliches Erwachen
und Konzentrationsstörungen. Die Diagnose einer leichten depressiven Episode
werde auch durch das Ergebnis der «Hamilton Depression Scale»-Testung gestützt.
Die Depression habe sich bald nach der Schmerzproblematik und der anhaltenden
Arbeitsunfähigkeit entwickelt. Die Anamnese sei sonst früher psychiatrisch
bland mit normaler Sozialisation und voller Leistungsfähigkeit, was gegen die
Achse-II-Diagnose einer Persönlichkeitsstörung spreche. Weder die leichte
depressive Episode noch die chronische Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren beeinträchtigten die Explorandin in ihrer
Arbeitsfähigkeit. Die Schmerzproblematik werde bereits in den somatischen
Fachgutachten ausreichend berücksichtigt, sodass sich aus psychiatrischer Sicht
keine zusätzliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit begründen lasse. Eine
psychiatrisch begründete Arbeitsunfähigkeit sei namentlich auch mit den
täglichen Aktivitäten (weitgehende Besorgung der Haushaltsarbeiten, Kochen,
Spaziergänge, Treffen mit Kollegin, Einkaufen, Reisen), die der Explorandin
möglich seien und die sich auch im Mini-ICF-APP abbilden liessen, nicht
vereinbar.

 

Zum Verlauf wurde erläutert, die
Explorandin sei in einer ambulanten psychiatrisch-psychotherapeutischen
Behandlung, wobei sie nun schon länger keinen Termin mehr wahrgenommen habe
wegen der Schwierigkeiten, alleine mit dem Auto zur Behandlung zu fahren. Gemäss
ihren Angaben wolle sie diese Behandlung aber weiterführen. Es bestehe eine
antidepressive Medikation. Mit der Explorandin sollte aber auch die
regelmässige Medikamenteneinnahme besprochen werden. Die praktisch nicht
bestimmbaren Medikamentenspiegel im Rahmen der aktuellen Untersuchung wiesen
auf eine schlechte Compliance hin. Auch unter einer optimalen Behandlung werde
kaum erreicht werden können, dass die Explorandin in absehbarer Zeit wieder
einer Erwerbstätigkeit nachgehen werde, obschon sie durchaus Hoffnung auf eine
Besserung habe. Die Prognose sei aufgrund des chronischen Verlaufs und der
deutlich ausgeprägten Krankheits- und Behinderungsüberzeugung für die
Wiederaufnahme einer Arbeit ungünstig.

 

Zur Beurteilung von Konsistenz und
Plausibilität wurde angegeben, die Anamnese habe gut erhoben werden können. Die
Explorandin habe sich gut helfen können, indem sie ihr Notizbüchlein bei der
genauen Angabe von Lebensdaten zu Hilfe genommen habe. Die Explorandin fahre
auch nach wie vor selber kürzere Strecken mit dem Auto, was gegen das Vorliegen
von deutlichen Konzentrationsstörungen spreche. Die Einschränkungen des
Aktivitätenniveaus im beruflichen und privaten Bereich erschienen
unterschiedlich. Die Explorandin betätige sich seit vielen Jahren beruflich
überhaupt nicht mehr, sei aber weiterhin durchaus aktiv im Haushalt und in der
Freizeit. Trotz subjektiv starker Beschwerden mit Schmerzen sei ihr ein relativ
hohes Aktivitätsniveau sogar mit Reisen in die Türkei möglich. Insgesamt lasse
sich daher die subjektiv wahrgenommene eingeschränkte Arbeitsfähigkeit nicht
mit dem von der Explorandin geschilderten täglichen Aktivitätsniveau in
Einklang bringen. Die Explorandin sei nie psychiatrisch hospitalisiert gewesen.
Eine Klaustrophobie und Angst vor Dunkelheit seien nicht ausgeprägt. Eine
zusätzliche psychiatrische Arbeitsunfähigkeit könne nicht attestiert werden.
Auch die täglichen Aktivitäten, denen die Explorandin nachgehe, liessen eine
höhergradige Arbeitsunfähigkeit nicht plausibel erscheinen. Zu den Ressourcen
und Belastungen wurde angegeben, arbeitsrelevante psychiatrische Funktionsstörungen
liessen sich aktuell nicht feststellen. Die Explorandin sei dekonditioniert und
es bestehe ein sozialer Rückzug. Indes bestünden auch Ressourcen, die – trotz
einer deutlich ausgeprägten Krankheits- und Behinderungsüberzeugung in der
Selbsteinschätzung – eine Kompensation von dysfunktionalen Bewältigungsmustern
und unzureichenden Behandlungserfolgen ermöglichen würden. So verfüge die
Explorandin über Ressourcen bezüglich angelernter Arbeiten mit mehrjähriger
ausserhäuslicher Berufserfahrung. Auch im Längsschnittverlauf zeige sich, dass
die Explorandin durchaus über Ressourcen verfüge. So habe sie zusammen mit
ihrem Ehemann eine Familie gegründet und zwei Kinder grossgezogen. Nach den
Geburten der Kinder habe sie im Haushalt Hilfe von ihrer Mutter erhalten, sie
habe dann aber langjährig ausserhäuslich zu 100 % gearbeitet. Trotz eines
gewissen sozialen Rückzugs habe sie noch regelmässig Kontakte zu einer
Kollegin, wie sie angegeben habe. Auch innerhalb der Familie habe sie gute
Kontakte und erfahre Unterstützung durch ihre Kinder.

 

Zur Arbeitsfähigkeit wurde angegeben, die
Explorandin könne in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit 8 Stunden pro Tag
anwesend sein. Dabei bestehe während dieser Anwesenheitszeit keine
Einschränkung der Leistung. Somit betrage die Arbeitsfähigkeit in der
bisherigen Tätigkeit 100 % (bezogen auf ein 100 %-Pensum). Auch im
Verlauf könne eine anhaltende psychiatrische Arbeitsunfähigkeit nicht begründet
werden. Dies gelte auch für alle somatisch angepassten und den Fähigkeiten entsprechenden
Verweistätigkeiten. Der Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit hätten sich
seit der Rentenaufhebung vom 16. Februar 2010 nicht wesentlich verändert (IV-Nr. 101.6
S. 34 ff.).

 

5.25  Dem Bericht des X.___, Klinik für
Kardiologie, vom 2. April 2020 können die Hauptdiagnose «V.a. koronare
Herzerkrankung» sowie die Nebendiagnosen «Generalisierte
Osteoarthrosen/vertebrale Osteochondrosen», «St.n. CTS Operation links 05/2018,
rechts 04/2019», «Belastungsinkontinenz (Urin)» und «Chronische affektive Störung
(Angst und Depression gemischt)» entnommen werden. Zur Anamnese wurde
dargelegt, die Patientin stelle sich für eine kardiologische Standortbestimmung
wegen rascher Dyspnoe, nächtlicher Atemnotattacken und intermittierenden
Anschwellens der Beine vor. Anamnestisch beschreibe die Patientin repetitives
panisches Aufwachen in der Nacht mit stark verspürtem Herzpochen sowie
ausgeprägter Atemnot. Auch bei psychischer Aufregung verspüre sie ihren
Herzschlag stärker. Zur Beurteilung bzw. zum Verlauf wurde angegeben, klinisch
sei die Patientin kardiopulmonal kompensiert. In der transthorakalen
Echokardiographie (TTE) könne ein konzentrisch remodelter linker Ventrikel mit
einer normalen systolischen LV-Funktion ohne Regionalitäten dargestellt werden.
Es bestünden ebenfalls keine relevanten Klappenvitien. Um die körperliche
Leistungsfähigkeit und einen eventuellen Sättigungsabfall objektivieren zu
können, sei aktuell eine Ergometrie durchgeführt worden. Unerwartet sei die
Untersuchung sowohl klinisch als auch elektrisch eindeutig positiv gewesen, mit
rascher Besserung der Thorax-schmerzen nach einem Nitrohub, aber
persistierender T-Wellen-Negativierung über der Vorderwand. Wegen der
Persistenz der Repolarisationsstörung nach 6 Minuten sowie angesichts des
ausgeprägten kardiovaskulären Risikoprofils sei der Patientin geraten worden,
sich zur Durchführung einer Koronarographie direkt hospitalisieren zu lassen
(IV-Nr. 107 S. 12 ff.).

 

5.26  Aus dem Austrittsbericht des X.___,
Kardiologische Schwerpunktstation, vom 6. April 2020 über den stationären
Aufenthalt der Beschwerdeführerin vom 1. bis 3. April 2020 gehen die
Hauptdiagnosen «Koronare Herzerkrankung» und «Prä-Diabetes» sowie die Nebendiagnosen
«Chronisches lumbales und zervikales Schmerzsyndrom», «Generalisierte
Osteoarthrose», «V.a. anhaltende, somatoforme Schmerzstörung»,
«Belastungsinkontinenz», «Chronisch affektive Störung», «St.n. CTS Release
links 05/2018, rechts 04/2019» und «St.n. Knie-TP links 2017, rechts 2018» hervor.
Zur Beurteilung wurde dargelegt, die Patientin sei aus der hausinternen
kardiologischen Sprechstunde zugewiesen worden, nachdem sie sich dort bei
rezidivierenden Atemnotattacken, vor allem nachts, vorgestellt habe. Typische
Thoraxschmerzen seien hingegen verneint worden. Die klinische Untersuchung sei
nicht richtungsweisend gewesen. In der Herzkatheteruntersuchung vom
2. April 2020 sei eine koronare Herzerkrankung vorgelegen, mit einer
hochgradigen Stenose des grossen proximalen RCx und einem Verschluss des
mittleren RCx, der jedoch kollateralisiert gewesen sei mit einem relativ
kleinen Versorgungsgebiet. Zusätzlich habe sich eine Stenose der proximalen RCA
gezeigt. Die proximale RCx-Stenose und die RCA-Stenose seien mittels eines
Drug-Eluting-Stents versorgt worden. Postinterventionell sei die Patientin auf der
kardiologischen Schwerpunktstation überwacht worden, wobei keine nennenswerten
Komplikationen aufgetreten seien. Die bei der Patientin bestehenden
kardiovaskulären Risikofaktoren seien mit ihr besprochen worden. Eine
Rauchstoppberatung sei von der Patientin nicht gewünscht worden. Bei einem
festgestellten HbA1c-Wert von 6,2 % sei sie bezüglich Lifestyle-Massnahmen
beraten worden. Eine Ernährungsberatung sei aktuell von der Patientin nicht
gewünscht worden. Aufgrund der Dyslipidämie sei eine Therapie eingeleitet
worden. Die Patientin habe am 3. April 2020 in gutem Allgemeinzustand in
die weitere ambulante Behandlung der Hausärztin entlassen werden können
(IV-Nr. 107 S. 3 ff.; vgl. auch Bericht über die Koronarangiographie,
PTCA und Stentimplantation vom 2. April 2020, IV-Nr. 107 S. 8
ff.).

 

5.27  RAD-Ärztin Dr. med. Q.___ hielt
in ihrer Stellungnahme vom 20. August 2020 fest, bei der Versicherten
seien im April 2020 eine koronare Herzerkrankung mit der Verengung dreier
Herzkranzgefässe festgestellt worden. Im Rahmen einer Koronar-angiographie
seien zwei dieser Engstellen mittels Stent aufgeweitet worden, die dr