# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** b628e791-f770-50c5-b1d3-60b164bc4f3a
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2024-02-01
**Language:** de
**Title:** Anspruch auf weitere Kostenübernahme für ambulante Psychotherapie bei minderjährigem Versicherten bejaht.
**Docket/Reference:** IV.2023.00462
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2023.00462.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2023.00462
IV. Kammer
Sozialversicherungsrichter Hurst, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Arnold Gramigna
Ersatzrichter Sonderegger
Gerichtsschreiber Wyler
Urteil
vom
1. Februar 2024
in Sachen
X.___
, geb. 2010
Beschwerdeführer
gesetzlich vertreten durch die Mutter
Y.___
diese vertreten durch Rechtsanwalt Urs P. Keller
Suffert Neuenschwander & Partner
Rotfluhstrasse
91, Postfach 525, 8702 Zollikon
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
1.1
Mit Mitteilung vom 1
2.
Juli 2019 erteilte die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, dem 2010 geborenen
X.___
im Hinblick auf eine berufliche Eingliederung die Kosten für ambulante Psycho
therapie nach ärztlicher Verordnung ab
1.
Januar 2019 bis 3
1.
Januar 2021 (
Urk.
7/10).
Am 1
1.
Februar 2020 gewährte
sie
dem Versicherten zudem Kosten
gutsprache für Schuhzurichtungen an Konfektionsschuhen für die Zeit vom 2
8.
Oktober 2019 bis 3
0.
September 2030 (
Urk.
7/20).
Ein am
8.
Oktober 2020 namens des Versicherten gestelltes Gesuch und Kostengutsprache für
Physio
therapie (
Urk.
7/25) wies die IV-Stelle nach durchgeführtem
Vorbescheidver
fahren
(
Urk.
7/33) mit Verfügung vom 2
2.
März
2021 ab (Urk.
7/37). Mit Mitteilung vom 3
0.
März 20
2
1 verlängerte die IV-Stelle die Kostengutsprache für ambulante P
sychotherapie
bis 3
1.
Januar 2023 (
Urk.
7/39).
1.2
Am
7.
Dezember 202
2
beantragte die Mutter
des Versicherten
eine Verlängerung der Kostengutsprache für Psychotherapie
bei
Dr.
phil.
Z.___
, eidg.
a
nerkannter Psychotherapeut
(
Urk.
7/42).
D
ie IV-Stelle
holte
daraufhin
einen Bericht von
Dr.
med.
A.___
, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin,
ein
(Urk.
7/46)
. M
it Vorbescheid vom 1
6.
Februar 2023
stellte die IV-Stelle
in Aussicht, das Gesuch
um weitere Kostengutsprache für Psychotherapie
abzuwei
sen (
Urk.
7/48). Dagegen
erhob der Versicherte, vertreten durch Rechtsanwalt Urs P. Keller,
unter Beilage eines
gemeinsamen
Berichts von Dr.
A.___
und
Dr.
phil.
Z.___
vom 2
8.
Februar 2023
(
Urk.
7/55)
Einwand (Urk.
7/5
6
). Am
5.
April 2023 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sich nach Prüfung des Einwandes die Frage stelle, ob neben den bisherigen Diagnosen eine andere Erkrankung vorliege. Dies müsse primär kinder- und jugendpsychiatrisch abgeklärt werden, bevor eine weitere Kostenübernahme nach
Art.
12
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
geprüft werden könne. Sie b
it
te – nochmals –
die entsprechenden
Arzt
/Spital/KJPP
-
Angaben schriftlich mitzuteilen (
Urk.
7/61).
Am 1
2.
April 2023 erkundigte sich der Rechtsvertreter des Versicherten bei der IV-Stelle, ob eine Behandlung bei Dr.
med.
B.___
, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie,
in Ordnung sei (
Urk.
7/63). Am
1
6.
Juni 2023
stellte
Dr.
B.___
der IV-Stelle einen eigenen Bericht
vom 1
3.
Juni 2023
(
Urk.
7/64)
sowie
einen Bericht
von M.Sc. Lin
d
a
C.___
, eid
g
.
a
nerkannte Psychotherapeutin,
vom 15.
Juni 2023 (
Urk.
7/65)
zu (
Urk.
7/
66). Mit Verfügung vom 1
8.
Juli 2023 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab (
Urk.
2).
2.
Dagegen
erhob der Versicherte, weiterhin vertreten durch Rechtsanwalt Urs P. Keller,
mit Eingabe vom
4.
September 2023
Beschwerde (
Urk.
1) und
beantragte
Kostengutsprache für die Psychotherapie-Verlängerung. Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Beschwerdeantwort vom 1
9.
Oktober 2023 die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6). Mit Replik vom
7.
November 2023
(
Urk.
10)
hielt der Beschwerdeführer
unter Beilage einer Stellungnahme von
Dr.
phil.
Z.___
vom 3.
November 2023 (
Urk.
11/8)
an den Beschwerdeanträgen fest.
Am 2
2.
Novem
ber 2023
nahm der Beschwerdeführer
ergänzend Stellung (Urk.
13). Die Beschwerdegegnerin erklärte am
4.
Dezember 2023
,
auf das Erstatten einer Duplik zu verzichten (
Urk.
16), was dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 5.
Dezember 2023 angezeigt wurde (
Urk.
17).
3.
Auf die Vorbringen
der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Versicherte haben gemäss Art. 12 IVG bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf medizinische Eingliederungsmassnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern unmittelbar auf die Eingliederung in die obligatorische Schule, in die berufliche Erstausbildung, ins Erwerbsleben oder in den Aufgabenbereich gerichtet sind (Abs. 1).
Die medizinischen Eingliederungsmassnahmen müssen geeignet sein, die Schul-, Ausbildungs- oder Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, dauerhaft und wesentlich zu verbessern oder eine solche Fähigkeit vor wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren
. Der Anspruch besteht nur, wenn die behandelnde Fachärztin oder der behandelnde Facharzt unter Berücksich
tigung der Schwere des Gebrechens der versicherten Person eine günstige Prognose stellt (Abs. 3).
1.2
Nach Rechtsprechung und Praxis werden medizinische Vorkehren bei Minder
jährigen schon dann von der Invalidenversicherung übernommen, wenn ohne Behandlung das Leiden mit hinreichender Wahrscheinlichkeit zu einem schwer korrigierbaren, die spätere Ausbildung und Erwerbsfähigkeit erheblich behindernden stabilen pathologischen
Zustand führen würde (BGE 131 V 9 E. 4.2). Auch in derartigen Fällen muss indessen der angestrebte Erfolg medi
zinisch-prognostisch mit genügender Wahrscheinlichkeit voraussehbar sein. Massgebend ist der medizinische Sachverhalt vor Durchführung der Massnahme in seiner Gesamtheit (Urteil des Bundesgerichts 8C_632/2017 vom 6. März 2018 E. 5.3.1 mit Hinweisen). Es ist nicht entscheidend, ob eine Sofortmassnahme oder zeitlich ausgedehntere (aber nicht unbegrenzte) Vorkehr angeordnet wird. Die Massnahmen können sehr wohl eine gewisse Zeit andauern. Allerdings fallen Therapien, die, ob bei psychischen oder physischen Leiden, Dauercharakter haben, das heisst zeitlich unbegrenzt erforderlich sind, ausser Betracht (Urteile des Bundesgerichts 9C_300/2022 vom 26. Januar 2023 E. 3.2 und 9C_343/2021 vom 26. Oktober 2021 E. 5.3.1, je mit Hinweisen).
1.
3
Art. 12 IVG bezweckt namentlich, die Aufgabenbereiche der Invalidenversiche
rung einerseits und der sozialen Kran
ken
und Unfallversicherung anderseits gegeneinander abzu
grenzen. Diese Abgrenzung beruht auf dem Grundsatz, dass die Behandlung einer Krankheit oder einer Verletzung ohne Rücksicht auf die Dauer des Leidens primär in den Aufgaben
bereich der Kranken
und Unfallver
sicherung gehört (BGE 104 V 79 E. 1, 102 V 40; Urteil des Bundesgerichts 9C_551/2018 vom 4. Januar 2019 E. 2 mit Hinweisen).
Die Invalidenversicherung übernimmt in der Regel nur solche medizinische Vorkehren, die unmittelbar auf die Beseitigung oder Korrektur stabiler oder
wenigstens relativ stabilisierter Defektzustände oder Funktionsausfälle hinzielen und welche die Wesentlichkeit und Beständigkeit des angestrebten Erfolges gemäss Art. 12 Abs. 1 IVG voraussehen lassen (BGE 120 V 277 E. 3a mit Hinwei
sen).
Gemäss
Rz
. 645–647/845–847.5
des Kreisschreibens über die medizinischen Eingliederungsmassnahmen der IV (KSME;
Fassung vom
1.
Januar 2022
,
Stand:
1.
Januar 2023) sind die Voraussetzungen zur Kostenübernahme einer Psycho
therapie ausnahmsweise gegeben, wenn nach intensiver fachgerechter Behand
lung von einem Jahr Dauer keine genügende Besserung erzielt wurde und gemäss spezialärztlicher Feststellung bei einer weiteren Behandlung erwartet werden kann, dass der drohende Defekt mit seinen negativen Wirkungen auf die Berufs
ausbildung und Erwerbsfähigkeit zu einem grossen Teil verhindert wird.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erklärte zur Begründung ihres Entscheids (
Urk.
2
), die Notwendigkeit der Fortsetzung der Psychotherapie könne anhand der vorliegen
den Unterlagen und Angaben nicht erkannt werden.
Gemäss Stellungnahme
von
M.Sc.
C.___
seien ein ADHS, eine emotionale Störung und auch eine Autis
mus-Spektrum-Störung (ASS) ausgeschlossen.
Es würden noch «Restsymptome» eines «nicht mehr zu diagnostizierenden ADHS» angegeben und die Therapienot
wendigkeit werde mit der einsetzenden Pubertät begründet.
Das ADHS sei
dabei
als Behandlungsindikation der Psychotherapie angegeben worden.
Gestützt auf die gegebenen
Befunde könne keine
I
ndikation für eine Psychotherapie-Verlängerung erkannt werden.
V
on einer weiteren Behandlung
müsse
erwartet werden können, dass der drohende Defekt mit den negativen Wirkungen auf die Berufsausbildung und die Erwerbsfähigkeit ganz oder in wesentlichem Ausmass verhindert werden könne. Ausschliesslich eingliederungsrelevante Indikationen würden keine beschrieben.
2.2
Der Beschwerdeführer wendete dagegen mit Beschwerde vom
4.
September 2023 im Wesentlichen ein (
Urk.
1)
,
d
ie Notwendig
k
eit der Fortsetzung der Psycho
therapie sei belegt. Eingliederungsrelevante Ziele seien genannt worden. Sodann sei eine ICD-Diagnose nicht vorausgesetzt.
Eine solche habe vorgele
ge
n und es seien noch Restsymptome vorhanden, die behandelt werden müsste
n
. Die Psychotherapie soll die Verbesserung der Mentalisierung und einen verbesserten Umgang mit eigenen Impulsen, mehr Selbständigkeit und Verantwortung bezüg
lich sozialer Situationen und Hausaufgaben bewirken. Sie sei notwendig, um den sozialen Schwierigkeiten in der Schule sowie der fehlenden Konstanz zu
begegnen
. Es
bestehe die Gefahr, dass ohne Therapie die Berufsbildung ganz oder in wesentlichem Ausmass verhindert werde.
2.3
Die Beschwerdegegnerin erklärte mit Beschwerdeantwort vom 1
9.
Oktober 2023 (
Urk.
6),
Art.
12 IVG bezwecke namentlich, die Aufgabenbereiche der Invaliden
versicherung einerseits und der sozialen Kranken- und Unfallversicherung andererseits gegeneinander abzugrenzen. Diese Abgrenzung beruhe auf dem Grundsatz, dass die Behandlung einer Krankheit oder einer Verletzung ohne Rücksicht auf die Dauer des Leidens primär in den Aufgabenbereich der Kranken- und Unfallversicherung
fielen
. Kein taugliches Abgrenzungskriterium sei der Eingliederungserfolg für sich allein betrachtet, zumal praktisch jede ärztliche Vorkehr, die medizinisch erfolgreich sei, auch im erwerblichen Leben eine entsprechende Verbesserung bewirke. Nach der Recht
sprechung
und Praxis kämen medizinische Massnahmen nach
Art.
12 IVG bei Minderjährigen infrage zur Korrektur stabiler Funktionsausfälle oder D
e
fekte sowi
e
,
wenn das Leiden mit hinreichender Wahrscheinlichkeit zu einem schwer korrigierbaren, die spätere Ausbildung und Erwerbsfähigkeit erheblich behindernden stabilen patholo
gischen Zustand führen würde.
Im Zeitpunkt des aktuellen Gesuchs
hätten
noch Impuls
iv
ität, teilweise fehlende Empathie sowie Selbstunsicherheit und motivationale Schwankungen sowie wenig Selbständigkeit bezüglich der Hausaufgaben
bestanden
. Symp
t
ome, wie sie im Teenageralter häufig anzutreffen seien. Es
hätten
nur noch leichte Einschrän
kungen bezüglich Aufmerksamkeit, Kommunikationsverhalten und Lernen
bestanden
. Gegenüber dem Behandlungsbeginn
hätten die ADHS-Kriterien inzwischen nicht mehr erfüllt werden können.
So habe der Beschwerdeführer sicher in die Sekundarschule A eingeteilt werden können.
Dass eine weiter
f
ührende Therapie von Nutzen sei, werde nicht bestritten. Nur habe sich die Situation gegenüber dem Behandlungsbeginn erfreulicherweise in dem Masse verbessert, dass hinsichtlich Eingliederung in
s
Erwerbsleben keine wesentliche Beeinträchtigung mehr bestehe.
2.4
Der Beschwerdeführer liess dagegen mit Replik vom
7.
November 2023 einwen
den (
Urk.
10), entgegen den Ausführungen der Beschwerdegegnerin bestehe nach wie vor eine drohende Invalidität. Dies mache die Verlängerung der Psycho
therapie notwendig. Die Voraussetzungen von
Art.
12 IVG seien erfüllt.
Mit Stellungnahme vom 2
2.
November 2023
erklärte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
(
Urk.
13), der Beschwerdeführer sei von der Sekundar
schule
A in die Sekundar
schule
B zurückgestuft worden. Gemäss der Mutter
des Beschwer
deführers
hätten die Lehrer im Elterngespräch bezüglich Rückstufung auch erwähnt, dass der Beschwerdeführer nach dem Input des Lehrers im Kreis bei der Rückkehr zum eigenen Platz
jeweils
geschlagene 7 bis 10 Minuten benötige, bis er selbständig mit der Arbeit beginnen könne. Sodann seien auch die Noten ungenügend
gewesen
. Die Befürchtung von
Dr.
phil.
Z.___
, dass beim Beschwer
deführer
, bei welchem
ursp
r
ünglich auch das Gymnasium infrage gekommen sei, aufgrund der Symptomatik die H
e
rabstufung in die Sekund
a
rschule B
d
rohe, habe sich bewahrheitet. Dies s
t
elle eindeutig eine wesentliche Beeinträchtigung hinsichtlich Erwerbsleben dar.
3.
3.1
Dr.
A.___
führte mit Bericht an die Beschwerdegegnerin vom 2
4.
Januar 2023 (
Urk.
7/46) als Diagnose an:
-
a
namnestisch F90.0: einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (Diagnose 2018). Gegenwärtig seien die Diagnose-Kriterien nicht erfüllt. Es bestehe eine subklinische Rest-Symptomatik
.
Aktuell bestünden noch Impulsivität (vor allem im zwischenmensch
lich
en Kontext und/oder bei erhöhter Belastung), teilweise fehlende Empathie, Selbstunsicherheit und motivationale Schwankungen sowie wenig Selbständig
keit bezüglich Hausaufgaben. Als eingliederungsrelevante Indikation für die beantragte Psychotherapie führte
Dr.
A.___
soziale Schwierigkeiten in
der Schule (vor allem
in der
Pausensituation) und fehlende Konstanz in der s
chulischen Leistung an.
Die Frage, ob m
it der psychotherapeutischen Behandlung die drohenden negativen Auswirkungen der Erkrankung auf die Berufsausbildung und Erwerbstätigkeit ganz oder in wesentlichem Ausmass verhindert werden
könn
t
en, bejahte
Dr.
A.___
.
Als Therapieziel gab
Dr.
A.___
eine weitere Verbesserung der Mentalisierung für einen verbesserten Umgang mit eigenen Impulsen sowie mehr Selbständigkeit und Verantwortung bezüglich sozialer Situation und Hausaufgaben
an
.
Zu Behandlungsbeginn habe der Beschwerdeführer das Vollbild eine
s
ADHS inklusive sehr häufige
r
soziale
r
Probleme in der Schule und Leistungen nach klinischem Eindruck deutlich unterhalb seines Potenzials gezeigt. Er habe nebst der Psychotherapie auch Psychomotorik und häufige 1:1-Einsätze in der Schule benötigt. Inzwischen seien die ADHS-Kriterien nicht mehr erfüllt. Der Beschwer
deführer habe in die
Sekundarschule
A eingeteilt werden können (alternativ wäre eine Vorbereitung auf das Gymnasium gewesen). Weitere psychosoziale Unterstützung (nebst der Psychotherapie) sei nicht mehr notwendig.
Als Dauer der Therapie sei noch ein Jahr vorgesehen, um den Übertritt in die Oberstufe zu begleiten. Der Beschwerdeführer habe in der Vergangenheit teilweise negativ auf Veränderungen reagiert. Aufgrund der anstehenden Wechsel i
m
Zusammenhang mit dem Wechsel in die Oberstufe sei es wichtig, dass die Psychotherapie als Konstante noch für einige Monate weiterbestehen könne.
3.2
Dr.
med.
D.___
, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Neuro
pädiatrie und Sozialmedizin, vom regionalen ärztlichen Dienst der IV-Stelle
(RAD)
, führte mit Stellungnahme vom 1
4.
Februar 2023 aus (
Urk.
7/47/2), die Notwendigkeit der Fortsetzung der Psychotherapie könne anhand der vorliegen
den Unterlagen und Angaben nicht erkannt werden. Es würden noch «Restsymp
tome» eines «nicht mehr zu diagnostizierenden ADHS» angegeben und die Thera
pienotwendigkeit werde mit der einsetzenden Pubertät begrün
d
et. Da konkrete eingliederungsrelevante Ziele und eine ICD-Diagnose fehlten, könne eine weitere Kostenübernahme nach
Art.
12 IVG nicht empfohlen werden.
3.
3
Dr.
A.___
und
Dr.
phil.
Z.___
nahmen am 2
8.
Februar 2023
zum Vorbescheid
vom 1
6.
Februar 2023
Stellung, dabei erklärten sie unter anderem (
Urk.
7/55), es sei nicht korrekt, dass die Therapienotwendigkeit durch
Dr.
A.___
mit der einsetzenden Pubertät begründet werde. Die Pubertät und deren allfälligen Auswirkungen
würden
lediglich als zu erwartender Faktor berücksichtigt, der, in Kombination mit dem Übertritt in der Oberstufe, den Krankheitsverlauf allenfalls beeinflussen könnte. Weiter erklärten sie, das Bestehen einer ICD-Diagnose bilde keine Voraussetzung für eine Kostenübernahme nach
Art.
12 IVG.
A
nhand des Verlaufs
zeige sich
, dass es sich vorli
e
gend nicht um eine Leidensbehandlung handle.
3.
4
RAD-Arzt
Dr.
D.___
erklärte mit Stellungnahme vom 2
8.
März 2023 (Urk.
7/68/1-2), die jetzt vorliegende Stellungnahme von
Dr.
A.___
und
Dr.
phil.
Z.___
beschreibe ein sogenanntes einfaches ADHS – als Abgrenzung zum
iPOS
– als Behandlungsindikation für die Weiterführung der Psychotherapie. Es werde zu
m
einen noch eine
«subklinische» Restsymptomatik des ADHS angeführt, zu
m
anderen werde angegeben, dass die klinischen Kriterien des ADHS nicht mehr vorlägen. Darau
s
resultiere die Ablehnung der Fortsetzung der Therapie, zumal eine Behandlung über die Pubertät hinaus als notwendig erachtet worden sei, also vor allem die Leidensbehandlung gegeben sei. Es stelle sich nun nach Erhalt des Einwandes die Frage, ob eine andere Erkrankung bzw. ein anderes Leiden vorliege (emotionale Störung,
ASS
), die primär kinder- und jugendpsychiatrisch abgeklärt werden müsse, bevor eine weitere Kosten
übernahme nach
Art.
12 IVG geprüft werden könne.
3.
5
Dr.
B.___
führte
mit Bericht an die Beschwerdegegnerin vom 1
3.
Juni 2023 (
Urk.
7/64)
die gleiche Diagnose wie
Dr.
A.___
in ihrem Bericht vom 2
4.
Januar 2023 an (E. 3.1).
Dr.
B.___
erklärte,
es liege keine ASS vor.
Der Beschwerde
führer habe unter anderem dank Psychotherapie wesentliche Fortschritte in seiner Impulsivität gemacht. Er werde dadurch (kompensatorisch) aber langsamer, was sich sowohl auf seine Leistungen als auch teilweise auf sein Selbstwertgefühl auswirke.
Die Frage, ob d
urch medizinische Massnahmen die Möglichkeit einer späteren Eingliederung ins Erwerbsleben wesentlich verbessert werden
könne, bejaht
e
Dr.
B.___
.
3.
6
M.Sc.
C.___
nahm im Mai
2023
eine testpsychologische Verlaufskontrolle des Beschwerdeführers vor. Sie erklärte dazu mit Bericht vom 1
5.
Juni 2023 (Urk.
7/65
), der Beschwerdeführer
ver
f
üge über ein durchschnittliches kognitives Potenzial mit individuellen
Stärken
in der visuell-räumlichen Verarbeitung und im fluiden Schlussfolgern und einer normativen Schwäche in der Verarbeitungs
geschwindigkeit. Im Vergleich zur Abklärung im Herbst 2020 falle der Gesamt-IQ vergleichbar aus, jedoch zeigten sich auf der Skalenebene einige Unterschiede.
Insbesondere die normative Schwäche in der Verarbeitungsgeschwindigkeit sei in der Abklärung 2020 und auch in der Abklärung 2018
nicht
aufgetreten. Die normative Schwäche in der Verarbeitungsgeschwindigkeit sei eventuell insofern erklärbar, dass es dem Beschwerdeführer besser gelinge, seine Impulsivität zu kontrollieren, was jedoch seine Verarbeitungsgeschwindigkeit verlangsame. Bezüglich Konzentrations- und Aufmerksamkeitsleistungen habe
s
ich eine leichte Impulsivität, welche fremdan
a
mnestisch auch durch die Kindseltern, nicht jedoch durch die Lehrpersonen berichtet worden sei, gezeigt. Die Lehrpersonen hätten hingegen eine erhöhte Unaufmerksamkeit berichtet, welche nicht durch die Kindseltern berichtet worden sei. Fremda
nam
nestisch und auch testpsychologisch hätten sich keine Hinweise auf Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität gezeigt
. Die Diagnose einer einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10 F90.0) sei nicht mehr zutreffend. Im FEEL-KJ und EMO-KJ hätten sich altersent
sprechende Werte bezüglich der Emotionsdifferenzierung und -regulation gezeigt.
3.
7
Mit Stellungnahme vom
5.
Juli 2023 erklärte
Dr.
D.___
(
Urk.
7/68/4),
e
s seien von M.S
c
.
C.___
sowohl ein ADHS, eine emotionale Störung als auch ein ASS ausgeschlossen worden. Auch die zuvor nur noch von den Eltern beschriebene Impulsivität sei gebessert bzw. nicht mehr
nachweisbar. Die Lehrkräfte hätten sie verneint. Das ADHS sei als Behandlungsindikation der Psychotherapie angegeben worden, sodass nun nach diesen Befunden keine Behandlungsindikation erkannt werden könne. Ausschliesslich eingliederungsrelevante Indikationen würden zudem nicht besch
r
i
e
ben. Somit entfalle auch eine Kostenübernahme einer nicht notwendigen Therapie.
3.
8
Am
3.
November 2023 nahm
Dr.
phil.
Z.___
zur Beschwerdeantwort Stellung. Er erklärte dabei (
Urk.
11/8), die Wertung der Symptomatik, wonach Symptome vorlägen, wie sie im Teenageralter häufig anzutreffen seien, werde der Situation des Beschwerdeführers nicht gerecht. Beim Beschwerdeführer liege ein subklinisches ADHS vor. Subklinische Diagnosen stellten keine Norm für das Teenageralter dar. Aus der Tatsache eine
s
nur subklinisch vorhandenen ADHS könne kein «leichter Verlauf» herausgelesen werden, da die Symptomintensitä
t
nur ein Kriterium zur Erreichung bzw. Nicht-Erreichung der Diagnose-Schwelle darstelle. Der vorhandene stabile Defekt führ
e
je nach situativen Anforderungen durchaus zu schwer ausgeprägter Symptomatik, trotz derzeit subklinischer Diagnose.
Die Argumentation der Beschwerdegegnerin, dass
hinsichtlich Eingliede
rung ins Erwerbsleben keine wesentliche Beeinträchtigung mehr bestehe, sei falsch, was sich auch beim neueren Verlauf zeige. Obwohl sogar das Gymnasium infrage gekommen
sei
, drohe dem Beschwerdeführer aufgrund seiner Symptoma
tik die Herabstufung
in die
Sekundarschule
B. Das stelle eindeutig eine wesentliche Beeinträchtigung hinsichtlich Erwerbsleben dar. Die starke Leistungs
schwankung bei Eintritt in die Oberstufe sei bei Vorli
e
gen des geschilderten stabilen Defekts typisch: Die neue Situation, die geringere Konstanz der Lehr
personen in der Oberstufe im Vergleich zur Mittelstufe und die zusätzlichen Herausforderungen durch die Pubertät überforderten
den
Beschwerdeführer, sodass die Symptomatik situativ wieder zun
e
hme
.
Er benötige weitere psycho
therapeutische Unterstützung um die bereits vorhandenen Auswirkungen in der schulischen Leistungsfähigkeit zu reduzieren sowie um eine weitere Aggravation der Auswirkungen zu vermeiden. Die Prognose bleibe dennoch in Anbetracht des insgesamt positiven bisherigen Verlaufs günstig.
4.
4.1
Wie dargelegt
(Sachverhalt
1.1
)
,
hatte die Beschwerdegegnerin dem Beschwerde
führer bereits für die Zeit vom
1.
Januar 2019
bis 3
1.
Januar 2023 therapeutische Massnahmen in Form einer Psychotherapie nach
Art.
12 IVG zugesprochen
(
Urk.
7/10
,
Urk.
7/39).
Aus den Berichten der behandelnden
Fachpersonen
ergibt sich, dass sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers im Laufe der Therapie wesentlich
ge
bessert hat.
Nichtsdestotrotz erachte
n
sie
eine weitere psychotherapeutische Behandlung als erforderlich, um negative Auswirkungen der
Restsymptomatik
auf die Berufsbildung und die Erwerbstätigkeit zu verhin
dern (E. 3.1,
E.
3.
3
, E. 3.
5
,
E. 3.6,
E. 3.
8
).
Was die Beschwerdegegnerin bzw. ihr RAD dagegen vorbringt, erweist sich nicht als schlüssig. So erklärte RAD-Arzt
Dr.
D.___
in seiner Stellungnahme vom 14.
Februar 2023 (E. 3.2), welche
in die Begründung der Verfügung
vom 1
8.
Juli 2023
übernommen wurde (
Urk.
2), dass die Notwendigkeit der Fortsetzung der Psychotherapie anhand der vorliegenden Unterlagen und Angaben nicht erkannt werden könne. Mit Beschwerdeantwort vom 1
9.
Oktober 2023 erklärte die Beschwerdegegnerin hingegen,
ohne dass seit Verfügungserlass neue medizinische Berichte ergangen wären,
dass nicht bestritten werden, dass eine weiter
führende Therapie von Nutzen sei (
Urk.
6 S. 4).
Zur
Ablehnung des Leistungs
begehrens
führte sie
dabei
an
,
dass hinsichtlich Eingliederung ins Erwerbsleben keine wesentliche Beeinträchtigung bestehe.
Wie
Dr.
phil.
Z.___
in seiner Stellungnahme vom
3.
November 2023
jedoch
schlüssig darlegte, war der Übertritt des Beschwerdeführers in die Oberstufe leidensbedingt mit Schwierig
keiten verbunden (E. 3.8). Während der Beschwerdeführer in der Primarschule im Laufe der Zeit sein Leistungspotenzial immer besser ausschöpfen konnte (
Urk.
7/46/2), erbrachte er in der Oberstufe die erwartet
e Leistung nicht und musste von der S
ekundarschule
A in die Sekundar
schule
B versetzt werden (
Urk.
14/1-2).
Dass der Übertritt leidensbedingt mit Schwierigkeiten verbunden sein könnte, hatte
Dr.
A.___
bereits vorgängig in ihrem Bericht vom 2
4.
Januar 2023 dargelegt, und die Notwendigkeit der Weiterführung der Psychotherapie auch mit dem Übertritt und den beim Beschwerdeführer in der Vergangenheit bei Veränderungen aufgetretenen Problemen begründet (
E. 3.1
).
Es erweist sich als schlüssig, dass die behandelnden Fachpersonen die Psychotherapie als
geeignet
erachten
, die Schul-, Ausbildungs- oder Erwerbsfähigkeit dauerhaft und wesent
lich zu verbessern
bzw.
vor wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren
.
Hinsichtlich der zeitlichen Dauer der in Frage stehenden Psychotherapie ist anzumerken, dass noch nicht von einer Dauerbehandlung gesprochen werden
kann
, welche schon allein deshalb eine Kostenübernahme gestützt auf
Art.
12 IVG ausschliessen würde (vgl. demgegenüber Urteil des Bundesgerichts 9C_430/2010 vom 2
3.
November 2010).
Dies gilt umso mehr, als auch die behan
delnde Kinderärztin nur noch von einer befristeten Notwendigkeit der Therapie ausging (
Urk.
7/46/3).
Beantragt ist die Verlängerung um ein Jahr, d.h. um den Übertritt in die Oberstufe zu begleiten (
Urk.
7/46/3).
4.2
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass der Beschwerdeführer gestützt auf
Art.
12 IVG auch über den 3
1.
Januar 2023 hinaus
für eine weiteres Jahr
Anspruch auf Kostenübernahme für ambulante Psychotherapie hat. Die Beschwerde ist somit gutzuheissen.
5.
5.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von
IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand sowie unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und ermessensweise auf
Fr.
6
00.-- anzusetzen. Ausgangsgemäss sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2
Nach § 34 Abs. 1
des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
)
hat die obsiegende Partei Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Höhe der gericht
lich festzusetzenden Entschädigung bemisst sich nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem
Mass
des Obsiegens, jedoch ohne Rücksicht auf den Streitwert (§ 34 Abs. 3
GSVGer
). Als weitere Bemessungs
kriterien nennt
§
7
der Verordnung über die Gebühren, Kosten und Entschädi
gungen vor dem Sozialversicherungsgericht
(
GebV
SVGer
)
den Zeitaufwand und die Barauslagen.
In Anwendung
dieser
Kriterien ist
die von der Beschwerde
gegnerin dem Beschwerdeführer auszurichtende Parteientschädigung
auf
Fr.
2’
1
00.-- (
inkl. Barauslagen und MWST
) festzusetzen.
Das Gericht erkennt:
1.
In Gutheissung der Beschwerde wird die angefochtene Verfügung vom 1
8.
Juli 2023 aufgehoben und es wird festgestellt, dass der Beschwerdeführer auch über den 3
1.
Januar 2023 hinaus für ein weiteres Jahr Anspruch auf Psychotherapie hat
.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
600
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird
verpflichtet,
dem Beschwerdeführer
eine Parteient
schädigung von
Fr.
2’100
.-- (inkl. Barauslagen und MWST) zu bezahlen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Urs P. Keller
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebenten Tag vor Ostern bis und mit dem siebenten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit dem 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzustellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift
der
beschwerdeführenden
Partei oder ihrer Rechtsvertretung
zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDer Gerichtsschreiber
HurstWyler