# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 3544692c-adce-5af1-bdaf-bceae316a286
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2018-12-27
**Language:** de
**Title:** sexueller Übergriff, Schreckereignis, Unfalladäquanz der posttraumatischen Belastungsstörung 8.5 Jahre nach der Tat nach wie vor bejaht
**Docket/Reference:** UV.2017.00164
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/UV.2017.00164.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
UV.2017.00164
III. Kammer
Sozialversicherungsrichter Gräub, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Fehr
Sozialversicherungsrichterin Grieder-Martens
Gerichtsschreiberin Lanzicher
Urteil
vom
27. Dezember 2018
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Rechtsanwalt Ivo Wiesendanger
Advokaturbureau
Bertschinger Isler Wiesendanger
Oberfeldstrasse 158, Postfach 5, 8408 Winterthur
gegen
Suva
Rechtsabteilung
Postfach 4358, 6002 Luzern
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
Die 1989 geborene
X.___
absolvierte ab August 2007 eine Berufslehre als Konstrukteurin bei der
Y.___
AG und war im Rahmen dieses Arbeitsverhältnisses bei der Suva gegen die Folgen von Unfällen versichert (vgl.
Urk.
14 S. 59). Am 2
4.
Oktober 2008 liess sie der Suva mitteilen, dass sie am 1
2.
Oktober 2008 sexuell genötigt worden sei und unter Schock stehe (
Urk.
9/1 und
Urk.
9/4 S. 1). Oberarzt
Z.___
von der
Klinik
A.___
stellte am 1
2.
November 2008 die Diagnose einer komplexen posttraumatischen Belas
tungsstörung mit dissoziativer Komorbidität (
Urk.
9/3/
2). Die Suva erbrachte die gesetzlichen Leistungen (Heilbehandlung und Taggeld;
Urk.
9/45).
Am 1
9.
Oktober 2009 teilte die Suva der Versicherten mit, dass vorgesehen sei, den Schadenfall abzuschliessen, da sie in der Zwischenzeit die Arbeit wieder voll aufgenommen habe und nach dem Klinikaustritt
(
Hospitalisation
vom
9.
März bis
4.
Juni 2009,
Urk.
9/108)
keine B
e
hand
l
ung mehr nötig gewesen sei (Urk. 9/45).
Die Versicherte schloss in der Folge im August 2010 ihre Ausbildung ab und war anschliessend voll erwerbstätig, dies ab
1.
April 2015 als technische Sachbe
arbei
terin bei der
B.___
AG (
Urk.
14 S. 59 und
Urk.
9/47).
Mit Schaden
meldung UVG
vom 1
0.
Mai 2016
liess
sie
der
Suva
mitteilen, dass
sie am 2
9.
April 2016 einen Rückfall erlitten habe (
Urk.
9/47). Die Suva liess die Versicherte am 2
1.
März 2017 durch ihren
Konsiliarpsychiater
Dr.
med.
C.___
, Facharzt für Psy
chiatrie und Psychotherapie, psychiatrisch untersuchen (Expertise vom
4.
April 2017,
Urk.
9/114).
Mit Verfügung vom 2
4.
April 2017
verneinte die
Suva
ihre Leistungspflicht im Zusammenhang mit dem Ereignis vom
1
2.
Oktober 2008
, da
kein sicherer oder wahrscheinlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall vom 1
2.
Oktober 2008 und den gemeldeten Beschwerden bestehe
(Urk.
9/115/1-2
). Die vo
n der
Versicherten gegen diesen Entscheid erhobe
ne Einsprache vom 2
3.
Mai 2017
(Urk.
9/120/1-12
) wies die
Suva am
2.
Juni 2017
ab (Urk.
2).
2.
Dagegen erhob
die
Versicherte am
7.
Juli 2017
Beschwerde (
Urk.
1) und bean
tragte,
der
Einspracheentscheid
vom
2.
Juni 2017 sei aufzuheben und es seien ihr für die Folgen des Unfalles vom 1
2.
Oktober 2008 spätestens ab 2
9.
April 2016 (Rückfall) die gesetzlichen Versicherungsleistungen auszurichten. Dazu reichte sie unter anderem einen Protokollauszug einer Sitzung mit ihrer Psychotherapeutin
med.
pract
.
D.___
, Fachärztin Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie FMH, vom 1
5.
Mai
2017 (
Urk.
3/4) ein. Am 1
0.
Oktober 2017 beantragte
die
Suva, die Beschwerde sei abzuweisen (Urk. 8). Die
Beschwerdeführerin
nahm dazu am 2
4.
Oktober 2017 Stellung (
Urk.
11). Mit Eingabe vom 3
0.
Oktober 2018 (
Urk.
13) reichte sie ein von der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, bei
Dr.
med.
E.___
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, in
Auftrag gegebenes psychiatrisches Gutachten vom 1. Oktober 2018 (
Urk.
14) nach
. Die Beschwerdegegnerin verzichtete am
8.
November 2018 auf eine Stellung
nahme dazu (
Urk.
17),
was de
r
Beschwerdeführer
in
am
9.
November 2018
zur Kenntnis gebracht wurde (Urk.
18
).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2017 sind die am 25. September
2015 beziehungsweise am
9. Novem
ber 2016 verabschiedeten geänderten Bestimmungen des Bundesge
setzes
über die Unfallversicherung (UVG) und der Verordnung über die Unfallver
siche
rung (UVV) in Kraft getreten.
Gemäss den allgemeinen übergangsrechtlichen Regeln sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen, die in Geltung standen, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende und somit rechtserhebliche Sachverhalt ver
wirk
licht hat (vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b, je mit Hinweisen). Dem
ent
sprechend sehen die Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. Septem
ber 2015 des UVG vor, dass Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeit
punkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt werden (Absatz 1 der genannten Übergangsbestimmungen).
Der hier zu beurteilende Unfall
hat sich am 1
2.
Oktober 2008 zugetragen, weshalb die bis 31. Dezember 2016 gültig gewesenen Normen auf den vorliegenden Fall Anwendung finden und in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Nach Art. 6 Abs. 1 UVG werden die Leistungen der Unfallversicherung bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt, soweit das Gesetz nichts
anderes
bestimmt. Als Unfall gilt laut Art. 4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) die plötzliche, nicht
beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen
äusseren
Fak
tors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat.
1.3
Rechtsprechung und Lehre haben
auch
schreckbedingte plötzliche Einflüsse auf die Psyche seit jeher als Einwirkung auf den menschlichen Körper (im Sinne des geltenden Unfallbegriffes) anerkannt und für ihre unfallversicherungsrechtliche Behandlung besondere Regeln entwickelt. Danach setzt die Annahme eines Un
falles voraus, dass es sich um ein
aussergewöhnliches
Schreckereignis, verbunden mit einem entsprechenden psychischen Schock, handelt; die seelische Einwirkung muss durch einen gewaltsamen,
sich
in der unmittelbaren Gegenwart der versi
cherten Person abspielenden Vorfall ausgelöst werden und in ihrer überrasch
en
den Heftigkeit geeignet sein, auch bei einem gesunden Menschen durch Störung des seelischen Gleichgewichts typische Angst- und Schreckwirkungen (wie Läh
mungen, H
erzschlag, etc.) hervorzurufen (Urteil des Bundesgerichts 8C_412/2015 vom 5. November 2015 E. 2.1 mit Hinweisen).
1.4
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Inva
lidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhan
densein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der glei
chen Weise beziehungsweise nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausal
zusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder un
mittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädi
gende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geis
tige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weg
gedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene ge
sundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1, 402 E. 4.3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
1.
5
Die weiter vorausgesetzte Adäquanz des Kausalzusammenhangs zwischen einem Schreckereignis ohne körperliche Verletzungen und den nachfolgend aufgetre
tenen psychischen Störungen beurteilt sich nach der allgemeinen Formel (ge
wöhn
licher Lauf der Dinge und allgemeine Lebenserfahrung). Diese Rechtspre
chung trägt der Tatsache Rechnung, dass bei Schreckereignissen anders als im Rahmen üblicher Unfälle die psychische Stresssituation im Vordergrund steht, wogegen dem somatischen
Geschehen keine (entscheidende) Bedeutung beige
messen werden kann. Aus diesem Grund ist die (analoge) Anwendung der in BGE 115 V 133 entwickelten Adäquanzkriterien ebenso ungeeignet wie diejenige der sogenannten
Schleudertraumapraxis
(
BGE
117 V 359;
Urteil des Bundesgerichts 8C_653/2007 vom 28. März 2008 E. 2.
4
).
Bei der Beurteilung der Adäquanz ist nicht allein auf den psychisch gesunden Versicherten, sondern auf eine weite Bandbreite der Versicherten abzustellen. In diesem Rahmen bilden auch solche Versicherte Bezugspersonen für die Adäquanzbeurteilung, welche im Hinblick auf die
erlebnismässige
Verarbeitung eines Unfalles zu einer Gruppe mit erhöhtem Risiko gehören, weil sie aus
versicherungsmässige
r
Sicht auf einen Unfall nicht
optimal reagieren. Daraus ergibt sich, dass für die Beurteilung der Frage, ob ein konkretes Unfallereignis als alleinige Ursache oder als Teilursache nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet ist, zu einer bestimmten psychischen Schädigung zu führen, kein allzu strenger, sondern im dargelegten Sinne ein realitätsgerechter
Massstab
angelegt werden muss (Urteil des Bundesgerichts
8C_4
12/2015 vom
5.
November 2015 E.
2.2 mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihren
Einspracheentscheid
(
Urk.
2) damit, dass eine Rückfallkausalität mit Blick auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung betreffend Schreckereignisse
und
Unfalladäquanz
bei sexuellen Übergriffen zu verneinen sei. Vorliegend sei es nicht zu derart konkreten sexuellen Übergriffen gekommen. Das Ereignis vom 1
2.
Oktober 2008 solle nicht als harmlos dargestellt werden, habe jedoch nicht die Intensität der in den Urteilen zitierten Sachverhalte erreicht. Eine Leistungspflicht sei
somit
zunächst zu Recht bejaht worden, eine weitergehende Leistungspflicht
hingegen
mangels adäquaten Kausalzu
sammen
hangs zu verneinen (S. 6 f.).
In ihrer
Beschwerdeantwort (
Urk.
8
) hielt sie ergänzend fest,
es gehe um die Frage der adäquaten Kausalität eines Rückfalles. Weder die Frage der Übernahme des Grundfalls noch der natürlichen Kausalität des Rückfalls seien streitig. Der
Ein
spracheentscheid
basiere auf dem gemäss Polizeirapport vom
6.
Januar 2009 geschilderten Sachverhalt, welcher bislang unwidersprochen geblieben sei. Im beschwerdeweise eingereichten Protokollauszug der Psychotherapie
s
itzung vom 1
5.
Mai 2017 werde der Tathergang des Übergriffs abweichend dargestellt, was einen wesentlichen Einfluss auf die
Beurteilung der Adäquanz haben könne. Es sei am angerufenen Gericht zu entscheiden, welche der beiden Sachver
halts
dar
stellungen überwiegend wahrscheinlich sei
,
und basierend darauf den Entscheid in Bezug auf die Adäquanz zu fällen (S. 2 f.).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (
Urk.
1),
sie sei am 1
2.
Oktober 2008 Opfer einer sexuellen Nötigung geworden. Der mit einem Messer bewaffnete alkoholisierte Täter habe sie zu Oralsex gezwungen. Es habe sich um einen massiven Eingriff in ihre sexuelle Integrität gehandelt. Auf
grund eines früheren sexuellen Übergriffs (2005) sei sie zudem im Tatzeitpunkt besonders verletzlich gewesen (S. 3-5 und S. 16). Sie habe sich nach dem Vorfall psychiatrisch behandeln lassen und sei vom
9.
März bis
4.
Juni 2009 für eine stationäre Traumatherapie hospitalisiert gewesen. Die
Beschwerdegegnerin
habe die Versicherungsleistungen ausgerichtet und den Sc
hadenfall
am
19.
Oktober 2009 abgeschlossen, da sie in der Zwischenzeit ihre Arbeit wieder voll aufge
nommen habe und keine weitere medizinische Behandlung angestanden sei. Am 1
0.
Mai 2016 habe sie
ihr
einen Rückfall gemeldet, seit dem 2
9.
April 2016 sei sie zu 100
%
arbeitsunfähig (S. 3-5). Der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem aktuellen Beschwerdebild und dem Unfall vom 1
2.
Oktober 2008 sei - aus näher dargelegten Gründen - gegeben (S.
6-15). Die erlittene sexuelle Nöti
gung sei zudem gemessen an der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet, die heutigen Beschwerden und die aktuell immer noch vorhandene Erwerbsun
fähig
keit herbeizuführen. Die psychische Störung sei damit adäquat kausal auf den sexuellen Übergriff zurückzuführen. Sie habe Anspruch auf Ausrichtung der gesetzlichen Versicherungsleistungen (S. 17-19).
In ihrer Stellungnahme (
Urk.
11) führte sie ergänzend aus, sie habe gegenüber ihrer Psychiaterin den Hergang des Sexualdeliktes nicht abweichend geschildert. Im Polizeirapport seien ihre damaligen Aussagen sinngemäss und kurz zusam
men
gefasst worden
, g
egenüber ihrer Psychiaterin habe sie den Ablauf gleich geschildert, wobei ihre Aussagen detaillierter aufgeschrieben worden seien. Bei derartigen Delikten (sexuelle Nötigung/Oralsex) sei der adäquate Kausalzu
sam
men
hang zu bejahen (S.
1
f.).
3.
3.1
Dem am 1
2.
Oktober 2008 eröffneten Polizeirapport (Druckdatum
6.
Januar 2009,
Urk.
9/18) ist zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin
nachts (Alarmierung der
Polizei um 02:11 Uhr, S. 3)
hinter dem
Kulturzentrum
F.___
in
G.___
in einer Art
Nische auf dem Boden gesessen sei, als ein unbekannter Mann von der Seite gekommen sei und sie aufgefordert habe, seinen
Penis
in den Mund zu nehmen. Sie habe versucht aufzustehen, worauf er sie wieder zu Boden ge
schubst habe. Dann habe sie das Messer in seiner rechten Hand gesehen, welches er ihr vor das Gesicht gehalten und seine Aufforderung wiederholt habe. Er habe die Hand runtergenommen, um seine Hose zu öffnen, worauf sie versucht habe, ihn wegzuschubsen. Er habe den Hosenschlitz geöffnet und sich nahe vor ihr aufgestellt, sein Penis sei beim Auspacken bereits erregt gewesen. Sie habe seinen Penis an ihren Lippen gespürt. Der Täter sei vermutlich betrunken gewesen, da sie ihn in diesem Moment habe wegstossen und aufstehen können. Sie habe
fliehen und die
Securitas
vom F.___
alarmieren können
(S. 2 und S. 4)
.
Aufgrund des schlechten Gesundheitszustandes der
Beschwerdeführerin
sei auf die Durchführung einer zweiten Befragung verzichtet worden.
Gemäss den Aus
sagen ihrer Mutter sei bereits vor zwei Jahren ein sexueller Übergriff zum Nachteil der Beschwerdeführerin geschehen (S. 4 f.).
3.2
Nach dem Vorgespräch vom
6.
November 2008 stellte Oberarzt
Z.___
von der
Klinik
A.___
die Diagnose einer komplexen posttraumatischen Belas
tungs
störung mit dissoziativer Komorbidität (
Urk.
9/12 S. 3).
Vom
9.
März bis
4.
Juni 2009 war die
Beschwerdeführerin in der
Klinik
A.___
für eine Traumatherapie hospitalisiert (Verlaufsbericht vom 20. April 2009,
Urk.
9/24;
Austrittsbericht vom
3.
Juni 2009,
Urk.
9/108).
Als Austritts
diag
nose wurde eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung festgehalten (
Urk.
9/108 S. 4).
Nachdem die Beschwerdeführerin ihre Arbeit wieder
hatte aufnehmen kö
nne
n
un
d keine weitere medizinische Behandlung
an
ge
stand
en war
, schloss die Beschwer
degegnerin den Schadenfall mit Schreiben vom 19. Oktober 2009 ab (
Urk.
9/45).
3.3
Am 1
0.
Mai 2016 meldete die Beschwerdeführerin der Beschwerdegegnerin einen Rückfall sowie eine seit dem 2
9.
April 2016 bestehende 100%ige Arbeits
un
fähig
keit (
Urk.
9/47).
Die Beschwerdegegnerin liess sie daraufhin am 21
.
März 2017 durch ihren
Konsiliarpsychiater
Dr.
C.___
untersuchen (Expertise vom
4.
April 2017,
Urk.
9/114).
Dr.
C.___
führte aus,
die Beschwerdeführerin
habe
2005 und 2008 jeweils einen sexuellen Übergriff
erlitten
. Aktuell
sei
sie seit zirka einem Jahr als arbeitsunfähig beurteilt, aufgrund von ausgeprägten Kopfschmerzen und Konzentration
s
st
ö
rungen, für die kein somatisches Korrelat
habe
gefunden werden
können
. Das Ereignis von 2005
sei
nicht bei der
Beschwerdegegnerin
angemeldet worden und nicht über
diese
versichert
gewesen
.
A
us d
e
r Entwicklung bis zum Alter von 15 oder 16 Jahren
könne
nichts Auffälliges festgestellt oder herausgelesen werden, was zu einem wesentlichen Anteil für die heutige Symptomatik verantwortlich zu machen wäre.
Es stelle
sich nun die Frage, wie das Ereignis 2005 biografisch einzuordnen
sei
.
Die Beschwerdeführerin
habe
sich
damals
mit zwei Kollegen abends in einem Partykeller ge
troffen. Im Verlauf des Abends seien diese
über
griffig
geworden
.
Sie
habe sich
schliesslich dann doch erfolgreich dieser Situation wieder entziehen und sich aus dem Kellerraum entfernen können.
Sie habe
kurz danach zu einem der beiden eine Beziehung begonnen
, welche
etwa drei Jahre
gedauert
habe
und von ihr beendet
worden sei
, weil sie zunehmend für sich
fest
gestellt habe
, dass kaum gemeinsame Inte
ressen zwischen ihnen existiert
hätten.
De
r Verlauf dieser Beziehung
entspreche
damit wohl am ehesten einer soge
nannten gescheiterten Jugendliebe und weis
e
keine erkennbaren Auffälligkeiten oder Besonderheiten auf, mit Ausnahme der Tatsache, dass dieser junge Mann
am
ersten Übergriff 2005 beteiligt
gewesen sei
.
V
or diesem Hintergrund
erscheine
die Frage gerechtfertigt, ob dieses erste Ereignis an sich die eigentliche Belastung dar
gestellt
habe
oder eher die Schuld- und Schamgefühle in Bezug auf die möglichen und/oder von
ihr
möglicherweise gefürchteten Reaktionen der Um
ge
bung in Bezug auf diese Beziehungs- und Ereigniskonstellationen. Dafür
spreche wohl
auch, dass
sie
zwischen de
n
Ereignis
sen
2005 und 2008 ihr Leben weiter aktiv gestaltet
und auch
selber zum Ausdruck
gebracht habe
, dass sie ohne das zweite Ereignis 2008 ganz gut im weiteren Leben zurechtgekommen wäre. Ein ganz anderes Erleben und Empfinden
lasse
sich in Bezug auf das Ereignis vom 12.
Oktober
2008 erkennen und herleiten
(S. 13 f.)
.
Die
Beschwerdeführerin habe
in der polizeilichen Anhörung kurz nach dem Vor
fall angegeben, mit einem Messer bedroht und sexuell genötigt worden zu sein. In der Folge
habe
sie
eine ausgeprägte psychische Symptomatik
entwickelt
, die nachvollziehbar einer psychischen Traumatisierung zugeordnet und entsprechend therapeutisch behandelt
worden sei
. Die auftretenden Beschwerden
hätten
ihr
Leben und Befinden in der Folge nachhaltig
beeinträchtigt
.
Es könne
mit grosser Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass die Symptome
zunächst soweit
hätten
bearbeitet
werden
können
, dass
sie
in der Lage gewesen
sei
, nach einem dreimonatigen stationären Aufenthalt wieder in ihren Alltag zurückzu
kehren und diesen zu gestalten sowie die Arbeit
wieder aufzunehmen
. Es
könne
aber auch davon ausgegangen werden, dass sich in der gesamten Zeit seit damals die Symptome bis heute nicht mehr vollständig zurückgebildet
hätten
. Die Be
schwerdeführerin
habe
sich damals nicht einer weiteren ambulanten Behandlung gegenüber öffnen
können oder
wollen
. Die weiter bestehende Vulnerabilität
sei
beim Wechsel der Arbeitsstelle im April 2015 dann schliesslich zunehmend wirk
sam
ge
worden
. Sie
sei
in einem wachsenden Ausmass belastet
gewesen
durch die Anrufe von Kunden und Geschäftspartnern, die sich kritisch oder gar vorwurfs
voll über die betrieblichen Abläufe in der Zusammenarbeit
geäussert hätten
. Es
könne
davon ausgegangen werden, dass
sie
sich gegen diese kritischen und teil
weise als unfreundlich bis subjektiv feindlich erlebten Anrufe nicht ausreichend
habe
abgrenzen
können
, auch wenn diese eigentlich mit ihr persönlich
wohl
kaum etwas zu tun gehabt
hätten
. Sie
habe begonnen
,
Strategien zu entwickeln, diese Anrufe jeweils im Nachhinein zu verarbeiten
, was ihr aber
immer weniger gelungen
sei
. Sie
habe versucht,
auf der Homepage der betroffenen Firma ein Bild des betreffenden telefonischen Gesprächspartners zu finden. Nur wenn ihr das
gelungen sei, sei es
ihr schliesslich möglich
gewesen
, den Anruf einigermassen einzuordnen. Sie
habe
nach dem Bild dessen
gesucht
, der sie in ihrem Erleben am Telefon bedrängt
habe
. Sie
habe
sich nicht von der Su
c
he nach einem Bild lösen
können
,
ebenso wie
sie in ihren Grübeleien auch immer nach dem Bild des Geschehens vom 1
2.
Oktober
2008
gesucht
und zu rekonstruieren versucht
hab
e, oh
ne dass ihr dies hinreichend zu
friedenstellend gelungen
sei
.
Es
hätten
sehr wahrscheinlich auch bis April 2015, dem Zeitpunkt des Stellenwechsels, Beein
trächtigungen im Alltag
bestanden
, die aber soweit kompensiert
gewesen seien
, dass sie einer geregelten beruflichen Tätigkeit
habe nachgehen können
. Diese
Beeinträchtigungen habe
sie schliesslich durch die Belastungen nach dem Stel
lenwechsel und insbesondere durch das
,
was die Telefonate bei ihr
ausgelöst beziehungsweise
reaktiviert
hätt
en
,
nicht mehr kompensieren
können (S. 14 f.)
.
Es sei
mit grosser Wahrscheinlichkeit davon auszuge
h
en, dass
die Beschwerde
führerin
ohne das Ereignis von 2008 nicht unter den Einschränkungen und Symp
tomen
leiden würde
, die gegenwärtig bei ihr festgestellt werden könn
t
en.
Zudem hand
l
e
es sich um eine relativ typische Symptomatik nach psychischen Traumatisierungen und das verzögerte Auftreten der Symptome
sei
aus den oben geschilderten Abläufen zumindest teilweise
herleitbar
. Insofern
sei
mit grosser Wahr
scheinlichkeit von einem natürlichen Teilkausalzusammenhang zwischen dem stattgehabten sexuellen Übergriff vo
n
Oktober 2008 und der aktuell besteh
enden Symptomatik auszuge
hen (S. 15).
Die Beschwerdeführerin leide unter Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, ins
besondere bei Belastung
,
und
könne
sich gegenüber den zu ihrem letzten Tätigkeitsbereich gehörenden Anrufen mit Geschäftskunden nicht hinreichend
abgrenzen. Die telefonischen Kundenkontakte
würden
einen limitierenden Faktor
darstellen
hinsichtlich der Fähigkeit, derzeit ihre berufliche Tätigkeit auszuüben.
Es sei davon auszugeh
en, dass die A
rbeitsfähigkeit
in der angestammten Tätigkeit gegenwärtig zu einem erheblichen Anteil eingeschränkt
sei
. Dies
treffe
aber
wohl
in einem weitaus geringeren Masse in Hinbli
ck auf eine ange
passte Tätigkeit, zum Beispiel ohne telefonische Kundenkontakte
, zu
, wie das
beispielsweise
in der
vorherigen Tätigkeit als Konstrukteurin der Fall gewesen
sei
, die
sie
bis März 2015 ausgeübt ha
be
. In einer derartigen Tätigkeit, langsam einsteigend, dürf
te relativ kurz- bis mittelfris
tig eine massgebliche Steigerung der Leistungsfähigkeit wieder erreichbar sein
(S. 15 f.)
.
3.4
An der Sitzung vom 1
5.
Mai 2017 schilderte die Beschwerdeführerin der sie seit dem 1
6.
Januar 2017 behandelnden Psychotherapeutin
med.
pract
.
D.___
den Tat
her
gang (
Urk.
3/4).
S
ie
sei
an
jenem
Abend
an
einem Konzert im
H.___
(richtig
:
F.___
) gewesen
, habe
das Gebäude zum Rauchen verlassen und sich an eine Ecke des Gebäudes im Schneidersitz hingesetzt. Es seien kaum Leute draussen gewesen, sie
habe
nur raus
gewollt
, um sich auszuruhen und k
urz frische Luft zu schnappen. Sie s
ei völlig entspannt gewesen. Plötzlich hätten ein Paar dunkle Schuhe vor ihr gestanden. Sie
habe gedacht, dass es ein Kollege
sei, kurz hoch
geschaut
und Hallo
gesagt
.
D
abei
habe sie
fest
gestellt
, dass sie
den Mann
nicht
kenne
. Sie
sei
zunächst verwundert
gewesen und habe gedacht, er gehöre zu einer der Bands und dass er allenfalls Hilfe benötige
. Sie
habe
an dem Abend im Back
stage-Bereich geholfen und
gemeint
, dass er sie gezielt auf Hilfe anspreche. Zu diesem Zeitpunkt sei sie noch völlig entspannt gewesen. Auf ihre Frage
habe
sie keine Antwort
bekommen. Statt
dessen
habe
sie plötzlich ein Messer vor dem Gesicht
gehabt.
Sie
sei
erschrocken
,
habe
Angst und Atemnot
bekommen
. Der erste Gedanke
sei gewesen, dass das
ernst
sei. Sie habe sich gefragt, was sie machen solle, habe sich nich
t bewegen
können
, es habe erst
ein
mal alles aus
gesetzt. Bis er
angefangen habe
zu reden - «
lutsch meinen Schwanz
»
-
, das habe sie wachgerüttelt und ihr Denken aktiviert. Er
sei
über ihr an der Wand
gelehnt, habe
die Waffe an der rechten Seite
gehabt
. Seine Hose
sei
schon offen
gewesen
, das Glied erigiert. Sie
sei
im Schatten
gesessen, es sei
dunkel
gewesen
, an der einen Seite
sei
ein Container
gestanden
. In dem Augenblick sei das Adrenalin hochgekommen. Sie
habe überlegt
,
wie sie
da raus
komme (
Gefahr durch das Messer - keine Chance - muss es ihm wegnehmen - ich stell ihn ruhig
-
nehme seinen Schwanz in den Mund - der
blow
Job ist das kleinere Übel
)
. Um das Glied in den Mund nehmen zu können,
habe
sie sich aufrichten
müssen und sei
damit in eine Sprintposition
gekommen
. Als sie
sein Glied im Mund
gehabt habe, seien
irgendwelche ekligen Geräusche von ihm
gekommen
. Kurze Zeit später
sei
es ihr
gelungen
, ihn wegzudrücken und loszurennen.
3.5
Die IV-Stelle liess die Beschwerdeführerin durch
Dr.
E.___
psychiatrisch
b
egut
achten. Diese
stellte
in ihrer Expertise vom 1. Oktober 2018 (
Urk.
14)
keine Diagnosen ohne und folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeits
fähig
keit (S. 47 f.):
-
anhaltende posttraumatische Belastungsstörung seit sexueller Nötigung 2008 mit
-
seitdem bekannter, gegenwärtig wieder intensivierter dissoziativer Komorbidität/dissoziativer Störung und
-
Agoraphobie, anamnestisch mit Panikstörung, gegenwärtig
chronifiziertes
Vermeidungsverhalten (vor allem öffentliche Verkehrsmittel)
-
psychologische Faktoren oder Verhaltensfaktoren bei andernorts klassifi
zierten Krankheiten:
-
Migräne ohne Aura
-
Spannungskopfschmerz
Dazu führte sie aus,
heute
liege bei teilkompensiertem Gesundheitszustand aber
weiterhin durch Kopfschmerzattacken und gelegentliche Konzentrationsein
brüche
bedingte
Einschränkungen mit Absence-artigen Dissoziationen und dadurch verminderte
r
Belastbarkeit, Selbstbehauptungsfähigkeit, Ausdauer und sozialer Interaktionsfähigkeit eine Arbeitsunfähigkeit von 60
%
vor (S. 53).
Die attestierte Arbeitsunfähigkeit sei vollumfänglich auf die diagnostizierte, im September 2015 vor allem mit psychosomatischer und dissoziativer Komorbidität
dekompensierte
, seit 2008 bekannte posttraumatische Belastungsstörung zurückzuführen. Rele
vante primäre psychosoziale Faktoren, welche die Arbeitsunfähigkeit verursachen würden, lägen keine vor (S. 48).
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin ging in Bezug auf den Übergriff vom 1
2.
Oktober 2008 zu Recht von einem Schreckereignis aus (vgl.
Urk.
2 S. 5).
Auch d
er natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem sexuellen Übergriff vom 12. Oktober 2008 und der aktuell bestehenden Symptomatik ist zwischen den Parteien unbestritten (vgl.
Urk.
1 S. 6-15 und
Urk.
8 S. 2) und mit Blick auf die Ausführungen des
Konsiliarpsychiaters
Dr.
C.___
(E. 3.3
hievor
)
ausgewiesen
.
Unbestritten ist ebenso, dass d
ie Beschwerdeführerin nach wie vor an einer gesundheitlichen Beein
trächtigung im Sinne einer anhaltenden postt
raumatischen Belastungsstörung leidet.
Strittig ist hingegen
,
ob die
Unfalladäquanz
(
vgl. dazu E. 1.5
hievor
)
noch immer zu bejahen ist
.
4.2
Das Bundesgericht bejahte
eine
Unfalladäquanz
im Falle einer Versicherten, welche
von einem betrunkenen Unbekannten in einem nächtlichen Hinterhof unter Drohung mit einem Messer zu sexuellen Handlungen im Sinne von oralem Geschlechtsverkehr gezwungen wurde
, was es als hinsichtlich der gesundheit
lichen Auswirkungen (Traumatisierung) um eine der Vergewaltigung gleichzu
stellende Tat qualifizierte (
Einspracheentscheid
knapp fünf Jahre nach Tat;
Urteil U 193/06 vom 2
0.
Oktober 2006
E.
2.
1
f.)
.
Ebenso bejahte es ein
e
Unfalladäquanz
bei einer Versicherten, welche an ihrem Arbeitsplatz von drei vermummten Einbrechern mit einer Schusswaffe bedroht, gefesselt und in einer Toilette ein
geschlossen wurde, wobei
diese
während 30 Minuten ganz konkret mit einer Ver
gewaltigung und/oder mit dem Tod rechnete (
Einspracheentscheid
knapp zehn Jahre nach Tat;
Urteil 8C_522/2007 vom
1.
September 2008). Weiter bejahte es
die
Unfalladäquanz
im Falle einer Versicherten, welche
im Liegewagenabteil eines Zuges
Opfer
eine
s
sexuellen Übergriff
s
wurde
(Streicheln der Brüste, mehrmaliges Eindringen mit einem Finger in die Vagina, Küssen auf Mund, Hals und Brust,
die Abwehr der Versicherten wurde mit Gewalt überwunden, Situation hätte durch
das Wecken der im gleichen Liegewagen schlafenden Kinder des Täters mittels Schreien beendet werden können), wobei es festhielt, dass
auch dieser eine massive Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung sowie der psychischen und sexuellen Integrität des Opfers bedeutet
habe (
Einspracheentscheid
knapp sechs Jahre nach Tat;
Urteil 8C_412/2015 vom 5.
November 2015 E. 5.1 und E. 6.1).
4.3
Vorliegend ist
gestützt auf den Polizeirapport vom 1
2.
Oktober 2008 (E. 3.1
hievor
)
ausgewiesen, dass die Beschwerdeführerin
in jener Nacht alleine hinter dem
F.___
in einer Art Nische auf dem Boden gesessen
hat
, als ein unbe
kannter und vermutlich alkoholisierter Mann auf sie zutrat, sie aufforderte, seinen Penis in den Mund zu nehmen, sie am Aufstehen gehindert, mit einem Messer bedroht und seine Aufforderung wiederholt hat.
Sie hat seinen erigierten Penis vor sich gesehen und ihn zumindest an den Lippen gespürt, bevor sie den Täter wegstossen und fliehen konnte.
Es steht
ausser
Frage, dass sexuelle Gewalt eine unmittelbare Bedrohung, körperlich und seelisch verletzt zu werden, beinhaltet und sexuelle Handlungen gegen den Willen der betroffenen Person zu einer psy
chischen Dekompensation führen können.
Ob
die Beschwerdeführerin
den Penis des Täters in den Mund nehmen musste, wie sie dies ihrer Psychiaterin geschildert hat (E. 3.4
hievor
), oder ob es
- wie im Polizeirapport festgehalten -
bei einer versuchten
sexuellen Nötigung blieb, ist
vorliegend
nicht von Belang
, ebenso wenig, ob der Vorfall entsprechend ein wenig kürzer oder länger
dauerte
. Denn
auch bei einer versuchten Nötigung
musste die von einem unberechenbaren Täter mit einem Messer bedrohte Beschwerdeführerin ganz konkret
mit erzwungenem oralem Geschlechtsverkehr, einer gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung
hin
sichtlich der gesundheitlichen Auswirkungen (Traumatisierung)
einer
Verge
waltigung gleichzustellende
n
Tat, rechnen
, ihre Gegenwehr wurde abgewehrt und
auf zufällige Hilfe Dritter konnte sie in der
dunklen Umgebung nicht hoffen.
4.4
D
as
Bundesgericht
führte
i
m vorgenannten Urteil U 193/06 aus,
zahlreiche Stu
dien würden belegen, dass das Risiko, eine posttraumatische
Belastungsstörung zu entwickeln, nach sexueller Gewalt (Vergewaltigung/sexuelle Nötigung) beson
ders hoch sei (E. 2.2 mit Hinweisen). Weiter hielt es
im betreffenden Fall
fest,
dass eine sich in einer labilen psychischen Situation befindende Frau, welche unter
Lebensbedrohung zu einer ekelerregenden sexuellen Handlung gezwungen werde
, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung einen nachhaltigen psychischen Gesundheitsschaden erleiden könne (E. 2.3.2).
Zwar ist vorliegend nicht
belegt
, dass die Beschwerdeführerin im Tatzeitpunkt aufgrund ein
es früheren sexuellen Übergriffs (2005) besonders verletzlich war, erachtete sie
diesen
doch nach eigenen Angaben ausdrücklich als nicht trau
matisierend und wäre sie damit ohne den Übergriff 2008 ganz gut im weiteren Leben zurechtgekommen (
Urk.
14 S. 41 und
Urk.
9/114 S. 14).
Ein labiler Vor
zustand ist
jedoch
nicht zwingende Voraussetzung für das Bejahen der Adäquanz,
da
von einer erweiterten
Bandbreite der Versicherten a
uszugehen
ist
. Allerdings kann ein negativer Einfluss dieses prätraumatischen Ereignisses auf den spät
er
en gesundheitlichen Verlauf auch nicht ohne Weiteres von der Hand gewiesen werden. Aber u
nabhängig vom Vorzustand war de
r Vorfall
vom 1
2.
Oktober
2008
geeignet, die noch heute bestehende psychische Beeinträchtigung
herbeizuführen,
erscheint doch
deren
Auftreten durch die erfolgte Tat als zumindest allgemein begünstigt.
So führte auch
Konsiliarpsychiater
Dr.
C.___
in seiner Expertise vom 4. April 2017 (E. 3.3
hievor
) aus, dass es sich bei den gegenwärtig festgestellten Einschränkungen und Symptomen um eine relativ typische Symptomatik nach
psy
chischen Traumatisierungen handle (S.
15).
G
emäss IV-Gutachterin Dr.
E.___
sei die attestierte Arbeitsunfähigkeit vollumfänglich auf die seit 2008 bekannte posttraumatische Belastungsstörung zurückzuführen (E. 3.5
hie
vor
).
Verständlicherweise
leidet die Beschwerdeführerin zudem unter dem Um
stand, dass
der Täter nicht gefunden
wurde
(
Urk.
9/114 S. 11), auch mache ihr zu schaffen, dass
sie sich nicht mehr an dessen Gesicht erinnern könne und innerlich immer noch nach einem Bild suche (
Urk.
14 S. 27).
Bei der Reaktion der im Tatzeitpunkt
19
-jährigen
Beschwerdeführerin
handelt es
sich wohl um eine starke, nicht aber um eine
aussergewöhnliche
, singuläre Reak
tion psychogener
Art.
Dass die im Vordergrund stehende posttraumatische Belas
tungsstörung auch über den Zeitpunkt des angefochtenen
Einspracheentscheides
vom
2.
Juni 2017
(rund 8.5 Jahre nach der Tat)
hinaus andauert, ist
denn auch
mit den ICD-Diagnose-Kriterien vereinbar, wonach sich die Komplexität und
Individualität des Krankheitsbildes vor allem in ihrem
variablen Verlauf wider
spiegelt und
bei wenigen Patienten über viele Jahre einen chronischen Verlauf nimmt und dann in eine andauernde Persönlichkeitsänderung übergeht (
Dilling
/
Mom
bour
/Schmidt,
Internationale
Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V (F), Klinisch-diagnostische Leitlinien, 10. Aufl. 2015, S. 208
).
Zusammenfassend
war
das Ereignis vom 1
2.
Oktober 2008
m
it Blick auf den anzuwendenden realitätsgerechten
Massstab
(E.
1.5
hiervor)
nach dem gewöhn
lichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet, zu den
tatsächlich eingetretenen und trotz vielfältigen Bemühungen und Therapien (vgl. dazu etwa
Urk.
14 S.
44,
S. 46 und S. 49 f.)
weiterhin bestehenden psychischen
Störungen mit entsprechender Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zu führen.
Die von der Beschwerdegegnerin zum Vergleich herangezogene Rechtsprechung, in welcher
die
Unfalladäquanz
verneint wurde (
Urk.
2 S. 5 f.), ändert daran nichts, handelte es
sich
doch bei allen Fällen um körperliche Gewalt und nicht um einen wie vorliegend massiven Eingriff
in die sexuelle Integrität.
Die
Unfalladäquanz
ist damit zu bejahen und es ist in
Gutheissung
der Beschwerde festzustellen, dass die Beschwerdegegnerin
für die am 10. Mai 2016 gemeldeten Beschwerden leis
tungspflichtig ist
.
5
.
Der Beschwerdeführerin steht
ausgangsgemäss
eine Prozessent
schädigung zu, welche vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses, dem Zeit
aufwand und den Barauslagen festgesetzt wird (§ 34 Abs. 1 und 3 des Gesetzes über das Sozial
versicherungsgericht,
GSVGer
). Entsprechend ist ihr eine Pro
zessentschädigung von Fr.
3
‘
1
00.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) auszurichten.
Das Gericht erkennt:
1.
In Gutheissung der Beschwerde wird der
Einspracheentscheid
der Suva vom
2.
Juni 2017
aufgehoben und es wird festgestellt, dass diese für die
am 10. Mai
2016
gemelde
ten Beschwerden
leistungspflichtig ist.
2.
Das Verfahren ist kostenlos.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird verpflichtet, der Beschwerdeführerin eine Prozessent
schädigung von Fr.
3
‘
1
00.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) zu bezahlen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Ivo Wiesendanger
-
Suva
-
Bundesamt für Gesundheit
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht
Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthal
ten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
GräubLanzicher