# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** c6e0b6b8-d75a-599b-b12f-b22e41c08b35
**Source:** Schaffhausen (SH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2021-02-08
**Language:** de
**Title:** Schaffhausen Obergericht 08.02.2021 (publiziert) 60/2003/35
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SH_OG/SH_OG_001_60-2003-35_2021-02-08.pdf

## Full Text

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Art. 10, Art. 11 und Art. 374 Abs. 1 StGB; Art. 373 StPO; § 6 StVV. 

Strafvollzug; Voraussetzungen für Aufschub oder Einstellung wegen 
Geisteskrankheit (Entscheid des Obergerichts Nr. 60/2003/35 vom 26. Sep-
tember 2003 i.S. X.). 

 

 Aufschub oder Einstellung des Vollzugs rechtskräftiger Freiheitsstrafen 

wegen Beeinträchtigung der geistigen Gesundheit rechtfertigen sich erst, 

wenn diese einer Geisteskrankheit i.S.v. Art. 10 StGB nahekommt. 

 

Aus den Erwägungen: 

 

 2.–  Gemäss Art. 374 Abs. 1 Satz 1 des Schweizerischen Strafgesetz-
buchs vom 21. Dezember 1937 (StGB, SR 311.0) vollziehen die Kantone die 
von ihren Strafgerichten auf Grund des Strafgesetzbuchs ausgefällten Urteile.  

 Nach Art. 373 der Strafprozessordnung für den Kanton Schaffhausen 
vom 15. Dezember 1986 (StPO, SHR 320.100) ist eine rechtskräftig aus-
gesprochene Freiheitsstrafe oder freiheitsentziehende Massnahme sofort zu 
vollziehen, wenn Fluchtgefahr oder eine erhebliche Gefährdung der Öffent-
lichkeit oder des Massnahmezwecks besteht (Abs. 1). In den übrigen Fällen 
erlässt die zuständige Behörde einen Strafantrittsbefehl; wenn besondere Um-
stände es rechtfertigen, kann sie einen Aufschub bewilligen (Abs. 2). Wann 
dies der Fall ist, hat der Regierungsrat in § 6 Verordnung über den Vollzug 
von Freiheitsstrafen und sichernden Massnahmen vom 23. August 1988 
(Strafvollzugsverordnung, StVV, SHR 341.101) geregelt. Danach ist der 
Vollzug einer Freiheitsstrafe aufzuschieben oder einzustellen, wenn der Ver-
urteilte in Geisteskrankheit verfällt oder wenn infolge anderer Krankheit eine 
nahe Lebensgefahr zu befürchten ist (Abs. 1). Der Vollzug einer Freiheits-
strafe oder sichernden Massnahme ist auch aufzuschieben, wenn sich der 
Verurteilte in einem Zustand befindet, bei dem die sofortige Vollstreckung 
mit der Einrichtung der Anstalt unverträglich ist (Abs. 2). Über Ort, Art, Zeit-
punkt sowie Aufschub und Einstellung des Vollzugs von Freiheitsstrafen ent-
scheidet im Kanton Schaffhausen das Amt für Justiz und Gemeinden (§§ 3 ff. 
StVV). 

 3.–  ... 

 c)  ... 

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 Der Regierungsrat stellte im angefochtenen Entscheid fest, dass die Fra-
ge der Hafterstehungsfähigkeit mangels aktuellen Gutachtens "nicht definitiv 
geklärt" sei. Früher erstattete Gutachten und Berichte diagnostizierten eine 
paranoide Persönlichkeitsstörung. Doch finden sich keine schlüssigen Fest-
stellungen, aus denen abzuleiten wäre, dass der Beschwerdeführer nicht haft-
erstehungsfähig wäre. Auch der Experte, der sich spezifisch mit dieser Frage 
befasst hatte, verneint die Hafterstehungsfähigkeit nicht. Er gibt lediglich auf 
Grund seiner Kenntnis der Persönlichkeit des Beschwerdeführers die Empfeh-
lung ab, auf eine gewaltsame Durchsetzung der Strafhaft zu verzichten. Hier-
in kommt eine psychiatrische Überlegung zum Ausdruck, die mehr von der 
Frage nach dem konkreten Nutzen des Vollzugs geleitet ist als von der Frage, 
ob dem grundsätzlich vorgeschriebenen Strafvollzug das Hindernis der Geis-
teskrankheit i.S.v. § 6 Abs. 1 StVV entgegenstehe. Nur letzteres kann aber 
hier entscheidend sein. 

 Gegen die Annahme einer vollzugshindernden Geisteskrankheit sprechen 
zwei früher erstattete Berichte, in denen die Frage der Hafterstehungsfähig-
keit unter bestimmten Voraussetzungen bejaht wurde. Die später ergangenen 
fachärztlichen Feststellungen sind dagegen von einer grossen Unbestimmtheit 
geprägt. Wohl bezeichnen die beiden Experten die Persönlichkeitsstörung des 
Beschwerdeführers klar nicht als Geisteskrankheit. Auf der anderen Seite aber 
ist zu bedenken, dass der medizinische Begriff der Geisteskrankheit von je-
nem einzelner Rechtsnormen abweichen kann. So umfasst der Begriff etwa in 
vormundschaftsrechtlichem Sinn jeden wie auch immer gearteten abnormalen 
Geisteszustand dauernder Natur (BGE 118 II 261 E. 4a mit Hinweisen). Ähn-
lich verhält es sich im Strafrecht, wonach unter Geisteskrankheit die Zerreis-
sung der Kontinuität des Sinnzusammenhangs zu verstehen ist, radikal verän-
derte seelische Vollzüge, uneinfühlbares, sonderbares und unverständliches 
Verhalten; auszugehen ist somit vor allem vom beobachtbaren Verhalten und 
den gestörten sozialen Funktionen (Bommer/Dittmann, Basler Kommentar, 
Strafgesetzbuch I, Basel, Genf, München 2003, Art. 10 StGB N. 19, S. 130). 
Sind solche Erscheinungen weniger stark ausgeprägt, so kommt der Begriff 
der "Beeinträchtigung der geistigen Gesundheit" zum Zug (vgl. Bom-
mer/Dittmann, Art. 11 StGB N. 8, S. 139). Ist ein Täter davon betroffen, so 
kann das Gericht bei der Anwendung des materiellen Strafrechts die Strafe 
nach freiem Ermessen mildern (Art. 11 StGB). Solche Unterschiede im Grad 
der Beeinträchtigung der geistigen Gesundheit müssen auch im Strafvollstre-
ckungsrecht berücksichtigt werden: Steht die Vollstreckung einer Freiheits-
strafe an einer Person in Frage, die in ihrer geistigen Gesundheit beeinträch-
tigt ist, so kann das Vollzugshindernis der Geisteskrankheit nur dann zum 
Zug kommen, wenn die Beeinträchtigung einen sehr hohen Grad aufweist, 
d.h. einen solchen, wie ihn Art. 10 StGB voraussetzt. Wäre es anders, würde 
jedenfalls bei langzeitiger Gesundheitsbeeinträchtigung dieser Umstand dop-

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pelt zu Gunsten des Täters berücksichtigt: einmal bei der Strafzumessung und 
einmal bei der Vollstreckung der Freiheitsstrafe. Das aber widerspräche dem 
Sinn des Strafrechts. Denn dieses verlangt in den Fällen von Art. 11 StGB die 
Verhängung einer Strafe, lässt aber je nach Grad der Beeinträchtigung der 
geistigen Gesundheit des Täters eine Milderung nach freiem Ermessen zu. 
Die so gemilderte Strafe aber ist – unter Vorbehalt massnahmebedingter Ein-
schränkungen – grundsätzlich zu vollziehen. Der Strafgesetzgeber verlangt 
also in den entsprechend gelagerten Fällen durchaus auch die Vollstreckung 
von Freiheitsstrafen an Personen, die in ihrer geistigen Gesundheit be-
einträchtigt sind. 

 Im vorliegenden Fall haben die zitierten fachärztlichen Beurteilungen 
keinerlei Anhaltspunkte geliefert, die den Beschwerdeführer in seiner geisti-
gen Gesundheit derart beeinträchtigt erscheinen liessen, dass er in die Nähe 
eines Geisteskranken i.S.v. Art. 10 StGB zu rücken wäre. In diese Richtung 
weist auch seine Verurteilung durch das Obergericht im Jahr 1999: Damals 
hatte ihm das Gericht lediglich eine Verminderung seiner Zurechnungsfähig-
keit in höchstens mittlerem Grad zugebilligt. Kann aber nicht von einer Be-
einträchtigung der geistigen Gesundheit des Beschwerdeführers in einem 
Grad gesprochen werden, der für die Anwendung von Art. 10 StGB vorausge-
setzt ist, so ist auch der Aufschubs- beziehungsweise Einstellungsgrund der 
Geisteskrankheit i.S.v. § 6 StVV nicht gegeben. Die Beschwerde erweist sich 
somit auch in dieser Hinsicht als unbegründet.