# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 5ee7bd9b-9bb5-5651-8e0e-c4254b3635a9
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2020-12-10
**Language:** de
**Title:** Medizinischer Sachverhalt ungenügend abgeklärt. Rückweisung zur Vornahme weiterer medizinischer Abklärungen.
**Docket/Reference:** IV.2019.00630
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2019.00630.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2019.00630
V. Kammer
Sozialversicherungsrichter Vogel, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Philipp
Ersatzrichterin Gasser Küffer
Gerichtsschreiberin Kuoni
Urteil
vom
10. Dezember 2020
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Stadt Zürich Soziale Dienste
lic.
iur
.
Y.___
, Sozialversicherungsrecht, Team Recht
Hönggerstrasse
24, 8037 Zürich
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
D
ie 1963 geborene
X.___
verlegte ihren Wohnsitz im Jahr 1985
in die Vereinigten Staaten
, heiratete dort
und kehrte im Deze
mber 2008 in die Schweiz zurück.
Ab April
2013 war sie als Betreuungsassistentin
in
unterschiedlichen Pensen
i
n einem Kinderhort tätig
.
Unter
dem
Hinweis auf seit dem 12.
Januar 2017 bestehende Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates meldete
sie
sich am 2.
August 2017 (E
ingang) bei der Sozialversicherungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
zum
Leistungsbezug an (Urk.
7/
3/1-2, Urk. 7/4 f., vgl. auch Urk. 7/69/1, Urk. 7/72, Urk. 7/74 f. und Urk. 7/50/2
).
Diese klärte die medizini
schen und erwerblichen Verhältnisse ab und entschied am 8.
Februar 2018, dass keine Eingliederungsmassnahmen möglich seien (Urk.
7/17). Am 13.
Oktober 2018
er
teilte die IV-Stelle der Versicherten
sodann
Kosten
gutsprache
für einen Rollator (Urk.
7/39).
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Vorbescheid vom 22.
März 2019
[
Urk.
7/56
]; Einwand vom
7.
Juni 2019
[
Urk.
7/77
]
)
, ver
neinte
sie hingegen
m
it Verfügung vom 30.
Juli 2019 einen Anspruch der Ver
si
cherten auf eine Rente (Urk.
2 [=
Urk.
7/81]
).
2.
Dagegen erhob die Versicherte mit Eingabe
vom 12.
September 2019
Beschwerde beim Sozialversicherungsgericht und
be
antragte, die Verfügung vom 30.
Juli 2019 sei aufzuheben und es sei
ihr
eine ganze Rente
der Invalidenversicherung
ab Februar 2018 zuzusprechen; eventu
ell
sei eine psychiatrische Untersuchung durchzuführen und der Rentenanspruch neu zu prüfen.
In prozessualer Hinsicht beantragte die
Beschwerdeführerin die unentgeltliche Prozessführung (Urk.
1 S.
2). Mit Beschwerdeantwort vom 17.
Oktober 2019 (Urk.
6) schloss die Be
schwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde, was der
Beschwerdeführerin
mit Verfügung vom 21.
Oktober 2019 angezeigt wurde (Urk.
8).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1
.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende
ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer In
validität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Er
werbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Für die verlässliche Beurteilung des psychischen Gesundheitszustandes und sei
ner Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit sind in der Regel psychiatrische Fach
ärzte beizuziehen (BGE 130 V 352 E. 2.2.3; Urteil des Bundesgerichts 8C_989/2010 vom 16. Februar 2011 E. 4.4.2 mit weiteren Hinweisen; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 8C_880/2015 vom 30. März 2016 E. 4.2.4).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, er
halten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich minde
s
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
1.3.1
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Be
schwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebe
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, wel
che Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
1.3.2
Die regionalen ärztlichen Dienste (RAD) stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funktio
nelle Leistungsfähigkeit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medizinischen Sachentscheid im Einzelfall unabhängig (Art. 59 Abs. 2
bis
IVG). Nach Art. 49 IVV beurteilen die RAD die medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs. Die geeigneten Prüfmethoden können sie im Rahmen ihrer medizinischen Fach
kompetenz und der allgemeinen fachlichen Weisungen des Bundesamtes frei wählen (Abs. 1). Die RAD können Versicherte bei Bedarf selber ärztlich untersu
chen. Sie halten die Untersuchungsergebnisse schriftlich fest (Abs. 2; Urteil des Bundesgerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweis auf BGE 135 V 254 E. 3.5).
Die Funktion interner RAD-Berichte besteht darin, aus medizinischer Sicht – ge
wissermassen als Hilfestellung für die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche in der Folge über den Leistungsanspruch zu entscheiden haben – den medizinischen Sachverhalt zusammenzufassen und zu würdigen, wozu na
mentlich auch gehört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten eine Wertung vorzunehmen und zu beurteilen, ob auf die eine oder die andere Ansicht abzu
stellen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzunehmen sei. Sie würdigen die vorhandenen Befunde aus medizinischer Sicht (Urteil des Bundesgerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweisen).
Praxisgemäss kommt einer reinen Aktenbeurteilung des RAD im Vergleich zu einer auf allseitigen Untersuchungen beruhenden Expertise, welche auch die ge
klagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abge
geben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und die Schlussfolgerun
gen
widerspruchsfrei begründet, nicht der gleiche Beweiswert zu (Urteil des Bun
desgerichts
8C_971/2012 vom 11. Juni 2013 E. 3.4).
1.4
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrelevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog in der angefochtenen Verfügung,
gemäss der me
dizinischen Beurteilung sei die bisherige Tätigkeit als Betreuungsassistentin auf
grund der gesundheitlichen Einschränkung nicht mehr zumutbar
. In einer ange
passten Tätigkeit, unter Berücksichtigung von folgendem Belastungsprofil, sei je
doch eine volle Arbeitstätigkeit
in einem Pensum von 100
% zumutbar: Leichte Tätigkeit im Sitzen,
k
eine Arbeit auf Leitern und Gerüsten,
k
ein Verharren in Zwangshaltungen
(
Urk.
2).
2.2
Demgegenüber
wurde in der Beschwerde vom 12.
September 2019 im Wesent
lichen vorgebracht,
d
ie Stellungnahme
des
RAD
, worauf sich die angefochtene Verfügung in medizinischer Hinsicht stütze, sei in keiner Weise nachvollziehbar. Mit der Einschätzung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit hinsichtlich einer ange
passten Tätigkeit von 100
%
widerspreche
der RAD-Arzt den
übrigen
Arztberich
ten in den IV-Akten
diametral
.
Er habe keine
eigene Untersuchung vorgenom
men
. Er stelle in seiner
Stellungnahme
zwar auf die Diagnosen der Arztberichte ab, komme aber ohne nähere Begründung zur gegenteiligen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit. Die RAD-Stellungnahme sei nicht schlüssig und vermöge d
en
Anforderungen an eine beweiskräftige Aktenbeurteilung nicht zu genügen. Auf
grund der medizinischen Akten stehe fest, dass die Beschwerdeführerin nicht mehr arbeits- und erwerbsfähig sei.
Von der Spitex würden mittlerweile nicht nur hauswirtschaftliche Leistungen, sondern auch Leistungen in psychiatrischer Hin
sicht erbracht.
Es sei von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit seit Januar 2017 auszugehen. Auch die
Pensionskasse
Z.___
gehe von einer vollständi
gen Erwerbsunfähigkeit aus und richte der Beschwerdeführerin eine Rente aus. Nebst dem Hinweis des Hausarztes werde auch im Bericht des Vertrauensarztes vom 16.
November 2018 darauf aufmerksam gemacht, dass eine psychiatrische Abklärung notwendig sei.
Diese sei für den Fall, dass die Beschwerdeführerin
nicht als V
ollzeit
e
rwerbstätige zu qualifizieren sein sollte, nachzuholen und
es sei
unter Berücksichtigung der psychiatris
chen Einschränkungen d
er Renten
anspruch neu zu berechnen
(Urk. 1)
.
3.
3.1
Im pro
visorischen Austrittsbericht der
Reha
klinik
A.___
vom 17.
Mai 2017 wurden folgende Diagnosen festgehalten (Urk.
7/13/6):
-
Chronisches Schmerzsyndrom
zervikal und lumbal
-
Hemikranielle
Kopfschmerzen rechts mit dezentem sensomotorische
m
He
misyndrom
links EM 11.01.2017
-
St
atus
n
ach
Gastric
By-Pass (Juni 2014)
Es wurde festgehalten, d
ie Beschwerdeführerin sei in das multimodale angepasste Therapieprogramm aufgenommen worden. Es sei eine deutliche Verbesserung der Schmerzen im Bereich der Nacken- sowie auch der lumbalen Region mit elektro
stimulierender Therapie erreicht worden. Bei Austritt habe die Beschwerdeführe
rin noch Schmerzen gehabt, diese hätten sich jedoch deutlich reduziert gezeigt und der Umgang mit den eigenen Schm
erzen habe sich positiv entwickelt
. Die Beschwerdeführerin habe sich auch beim Gehtest stark verbessert (Urk.
7/13/7).
3.2
Im Bericht des Vertrauensarztes
Dr.
med.
B.___
, Facharzt FMH für innere Medizin und Rheumatologie,
vom
16.
Juni 2017 wurden folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
aufgeführt
(Urk.
7/11/2)
:
-
Mehrsegmental degenerative Veränderungen
,
MRI der ganzen Wirbelsäule vom 7.
Februar 2017
-
Diskopathien ohne neurale Kompromittierung C5/C6 und C6/C7, kleine Diskushernie thorakal 5/thorakal 6 ohne Myelopathie. Mässiggradige Spondylarthrose L4/L5, degenerative
neuroforaminale
Stenosierung L5/S1 mit Kontakt zur Nervenwurzel S1 links
-
Konsekutive Belastbarkeitseinschränkung
-
Nicht näher spezifizierbares, die linke Körperhälfte betontes weichteil
rheumatisches Schmerzsyndrom im Sinne einer Fibromyalgie
-
m
it ungünstiger Wirkung auf die axiale Belastbarkeit
-
und m
uskulärer Dekonditionierung mit ungenügender muskulärer Abstützung
Dr.
B.___
hielt sodann fest,
am 12. Januar 2017 sei es zu ein
e
r Dekompensation gekommen, wofür er den Grund nicht angeben könne. Es habe sich eine Somati
sierungsstörung im Sinne einer Schmerzverarbeitungsstörung entwickelt, wie dies differenziert im Bericht der Klinik
A.___
vom 17. Mai 2017 ausgeführt wor
den sei.
Die Einschränkungen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestünden seit dem 12.
Januar 201
7.
Für die angestammte
Tätigkeit gehe er von einer 50
%igen Arbeitsfähigkeit bezogen auf ein niedriges Pensum aus. In einer weniger rückenbelastenden Tätigkeit ohne repetitiv gebückte Arbeit
sabläuf
e
bestehe
eine 100
%ige Arbeitsfähigkeit hinsichtlich jedes Pensums.
Es liege ein nicht näher spezifizierbares weichteilrheumatisches Syndrom im Sinne multipler Tender
points
vor
, welches einer Fibromyalgie entspr
eche
. Dieses befinde sich in der lin
ken Körperhälfte, wobei die Achsenskelette gut kompensiert seien. Es lägen keine anderen pathologischen somatisch-rheumatologisch fassbaren Befunde vor (Urk.
7/11).
3.3
Im Bericht
vom 20.
März 2018 zur Verlaufskontrolle vom 9. März 2018 führte Dr.
B.___
aus
(Urk.
7/18/
3)
,
grundsätzlich ändere sich nichts an seiner Beurtei
lung (Urk. 7/18/3). Der klinische Befund entspreche demjenigen im Juni 2017 (Urk. 7/18/6).
Zusammenfassend bestehe anhaltend eine linksseitige
Tenderpoint
bildung
mit Generalisierungstendenz im Sinne einer linksseitigen lokalisierten Fibromyalgie, wobei die rechte Körperhälfte kaum mehr Tenderpoints aufweise. Der übrige Untersuch sei schmerzfrei und unauffällig, insbesondere auch im Be
reiche des Achsenskelettes.
Offensichtlich bestehe gemäss der Schmerzevaluation durch Frau Dr.
C.___
eine erhebliche psychosoziale und psychische Belastungs
situation; diese habe zusammen mit der Dekonditionierung zu einer chronischen Schmerzentwicklung ohne somatisches Korrelat geführt (Urk.
7/18/6).
E
r
(Dr.
B.___
)
gehe von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit aus für
eine monoton stehende und zum Teil gewichtsbelastende Tätigkeit
,
bezogen
auf jedes Pensum. Für jede andere, weniger rückenbelastende Tätigkeit mit Wechsel zwischen stehenden und sitzenden Arbeitsabläufen
attestiere
er eine 100%ige Arbeitsfähigkeit. Die beste
«
Therapie
» sei aus seiner Sicht
eine berufliche Integration in eine Verweistätigkeit mit einem Mindestpensum wie das
a
ngestammte (Urk.
7/18/4).
3.
4
Im Austrit
tsbericht vom 2.
August 2018 des
Universitätsspital
s
D.___
, Kli
nik für Neurologie,
über den stationären Aufenthalt vom 25.
Juli 2018 bis am 2.
August 2018 wurde
festgehalten, die Beschwerdeführerin sei am 25. Juli 2018 bei rasch progredienten brennenden Schmerzen der Beine mit zunehmender Kraftminderung notfallmässig zugewiesen worden. Sie habe vorgängig dazu an einem gastrointestinalen Infekt gelitten, der über 14 Tage mit Metronidazol be
handelt worden sei. In der Zusammenschau bleibe die Ursache für die beschrie
bene
Symptomatik
(
bei
Verdacht auf Polyneuropathie)
bei verschiedenen Diffe
rentialdiagnosen noch unklar. Aufgrund der fluktuierenden Klinik und der vor
b
ekannten Depression sei ätiologisch eine funktionelle Überla
gerung möglich (Urk. 7/47/28).
Die neuropathischen Schmerzen der Beine und die initiale Gangunsicherheit hätten sich während des Aufenthaltes gebessert
. Die Beschwer
deführerin sei am 2. August 2018 in gutem Allgemeinzustand ins Rehabilita
tionszentrum
E.___
verlegt worden
(Urk.
7/47/28).
3.
5
Im Austrittsbericht
vom 1.
September 2018 de
s Rehabilitationszentrums
E.___
,
Klinik für Neurologie
,
über den stationären Aufenthalt
vom 2.
August 2018 bis zum 1.
September 2018
wurde
ausgeführt, d
er stationäre Aufenthalt sei zur neu
rologischen Rehabilitationsbehandlung erfolgt. Ziele der Rehabilitation seien die Verbesserung der Gehsicherheit, die Erweiterung der maximalen Gehstrecke und das Erreichen einer Selbständigkeit im Alltag gewesen.
Klinisch im Vordergrund gestanden seien sensible Dysästhesien mit wechselnden Lokalisationen ohne
Der
matomzugehörigkeit
. Bei Verdacht auf eine multifaktorielle Genese der Be
schwerden und Funktionseinschränkungen sei die Beschwerdeführerin während des stationären Aufenthaltes engmaschig psychotherapeutisch betreut worden. Sie
habe sich hinsichtlich der Belastbarkeit steigern können. Auch im Mobilitäts
training habe sie Fortschritte gemacht. Insgesamt habe eine zufriedenstellende Leistungssteigerung erreicht werden können (Urk.
7/36/
4 f.
).
3.
6
D
e
r
Vertrauensarzt
Dr.
med.
F.___
, Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin,
hielt in seinem Bericht
vom 16.
November
2018
fest, es sei seit dem letzten Bericht von Dr.
B.___
zu einer deutlichen Verschlechterung des Ge
sundheitszustandes mit einer
Ab
nahme der allgemeinen Belastbarkeit gekommen. Ende Juli 2018 sei die Verdachtsdiagnose einer Polyneuropathie
gestellt worden, somatische Ursachen seien aber nicht gefunden worden (Urk. 7/45/8
)
. Er emp
fehle eine psychiatrische Begutachtung (Urk.
7/45/10).
Dr.
F.___
attestierte der Beschwerdeführerin
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bezüglich jeder Tätig
keit
(Urk.
7/45/2).
3.
7
Der Arzt des RAD,
Dr.
med.
G.___
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie,
ging
in seine
r
Stellungnahme
vom 18.
März 2019
von einer 100
%igen Arbeitsunfähigkeit für die angestammte Tätigkeit
und von einer
100
%ige
n
Arbeitsfähigkeit hinsichtlich einer angepassten Tätigkeit mit entspre
chendem Belastungsprofil
aus. Eine 100%ige Erwerbsunfähigkeit sei anhand der objektivierbaren Befunde nicht nachvollziehbar. Es sei nicht zu erwarten, dass sich der Gesundheitszustand wesentlich ändern werde, die degenerativen Verän
derungen würden im Laufe des Lebens zunehmen. Es sei nicht davon auszugehen,
dass weitere medizinische Massnahmen zu einer relevanten Reduktion der Ar
beitsunfähigkeit führen würden, jedoch sei eine psychiatrische Therapie zu emp
fehlen. Es liege eine schwere Erkrankung vor, welche alle Lebensbereiche betreffe. Es bestehe teilweise eine Therapieresistenz. Ob bei der Beschwerdeführerin Res
sourcen bestünden, sei nicht bekannt
(Urk.
7/55/6
f.
).
4.
4.1
In medizinischer Hinsicht stützte sich die Beschwerdegegnerin in der angefoch
tenen Verfügung im Wesentlichen auf die Stellungnahme von RAD-Arzt Dr.
G.___
vom 18. März 2019 (Urk. 7/55/7). Diese vermag jedoch nicht zu über
zeugen: Aufgrund der Akten ist ersichtlich, dass verschiedene Beurteilungen über den Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin vorliegen. Dabei ist fraglich, ob es sich
bloss
um divergierende Beurteilungen des gleichen Sachverhaltes handelt oder ob es im Verlauf zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes ge
kommen ist. Anlässlich des Klinikaufenthaltes in
E.___
wurde für die Beschwer
deführerin ein Rollator bestellt (Urk. 7/38), für welchen die Beschwerdegegnerin
schliesslich
Kostengutsprache erteilte (Urk. 7/39).
Ausserdem
ergaben sich wie
derholt Hinweise auf das Vorliegen einer psychischen Symptomatik. So diagno
stizierte beispielsweise der Hausarzt
Dr.
med.
H.___
in seinem Bericht vom 19. November 2018 eine chronische Depression mit Schwierigkeiten hin
sichtlich der Lebensbewältigung (Urk. 7/47/5). Auch im Austrittsbericht des
D.___
vom 2. August 2018 wurde eine rezidivierende depressive Störung, bestehend seit 2002, erwähnt (Urk. 7/47/23).
Dr.
G.___
setzte sich jedoch zu wenig mit den sich in den Akten befindenden Arztberichten auseinander. Er
äusserte
sich ins
besondere auch nicht zur hier interessierenden Frage, inwiefern die aus somati
scher Sicht – zu einem nicht unerheblichen Teil – nicht erklärbaren Schmerzen psychisch überlagert sind. Bei der vorliegenden multifaktoriellen Genese der Be
schwerden (vgl. E. 3.5), der im Raum stehenden Schmerzverarbeitungsstörung (Urk. 7/11/2; vgl. auch Urk. 7/47/7) sowie der
erheblichen psychosozialen und psychischen Belastungssituation
(E. 3.3) kann die psychische Komponente nicht
ausser
Acht gelassen werden, zumal bereits mehrere Ärzte zu einer psychiatri
schen Abklärung (Urk. 7/13/2 und Urk. 7/45/10) oder Behandlung geraten haben (Urk. 7/11/4 und Urk. 7/47/7). Der Umstand, dass sich die Beschwerdeführerin einer konsequenten psychologischen oder psychiatrischen Behandlung entzieht (vgl. Urk. 7/9, Urk. 7/30 und Urk. 7/42), ändert daran nichts. Selbst Dr.
G.___
empfahl eine psychiatrische Therapie (Urk. 7/55/7). Weshalb er in Anbetracht dessen keine psychiatrische Abklärung empfahl, lässt sich
daher
nicht nachvoll
ziehen. Des Weiteren erscheint es widersprüchlich, dass er
einerseits von einer schweren Erkrankung mit Einschränkung in allen Lebensbereichen ausging (Urk. 7/55/7), ander
erseits aber trotzdem eine 100%
ige Arbeitsfähigkeit in an
gepasster Tätigkeit attestierte.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich
aufgrund der vorstehenden Berichte kein schlüssiges Bild über den Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin ergibt.
4.2
Vor diesem Hintergrund fehlt es an einer vollständigen Sachverhaltsermittlung betreffend den Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin. Damit mangelt es an verlässlichen medizinischen Voraussetzungen zur Beurteilung der gesundheitli
chen Situation und der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin und an der Grundlage für einen Entscheid. Entsprechend ist die angefochtene Verfügung vom 30. Juli 2019 (Urk. 2) aufzuheben und die Sache zu weiteren Abklärungen in psychiatrischer und somatischer Hinsicht und zum erneuten Entscheid über den Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin an die Beschwerdegegnerin zu
rückzuweisen.
Je nach Resultat der medizinischen Abklärungen ist auch die Statusfrage zu klä
ren und zu prüfen, ob die (alleinstehende) Beschwerdeführerin im Gesundheitsfall als Vollerwerbstätige oder als (Teil-)Erwerbstätige zu qualifizieren ist. Sie war ab April 2013 zwar in tiefen Pensen zwischen 27 % und 50 % tätig (Urk. 7/3, Urk. 7/69/1, Urk. 7/72, Urk. 7/74, Urk. 7/75 und Urk. 7/50/2). Sie machte jedoch geltend, sie habe ihr tiefes Pensum immer erhöhen oder eine andere Teilzeittätig
keit annehmen wollen (Urk. 1 S. 9). Dies zeige sich auch darin, dass sie sich beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zur Arbeitsvermittlung für ein Pensum von 100 % angemeldet habe (Urk. 7/71).
5.
Die Kosten des Verfahrens sind
auf Fr. 600.-- festzusetzen (
Art. 6
9
Abs. 1
bis
IVG
)
. Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb die Gerichtskosten der Beschwerdegegnerin auf
zuerlegen sind. Damit erweist sich das Gesuch der Beschwerdeführerin um Ge
währung der unentgeltlichen Prozessführung als gegenstandslos.
Das Gericht erkennt:
1.
Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass die angefochtene Verfügung der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, vom 3
0.
Juli 2019 aufgehoben und die Sache an diese zurückgewiesen wird, damit sie im Sinne der
Erwägungen ver
fahre und hernach über den Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine Invalidenrente neu verfüge.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
600
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zu
gestellt.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Stadt Zürich Soziale Dienste
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
4.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zu
zustellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind bei
zulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
VogelKuoni