# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** cffd90d9-4985-541a-ae26-2b3ae1f26855
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2022-12-15
**Language:** de
**Title:** Bidisziplinäres Gutachten erfüllt die Anforderungen an den Beweiswert eines medizinischen Gutachtens nicht. Beurteilung des Gesundheitszustands und insbesondere der Arbeitsfähigkeit nicht möglich, da keine verlässliche medizinische Einschätzung vorliegt. Der Beschwerdeführer muss deshalb noch nicht die Folgen einer Beweislosigkeit tragen. Vielmehr wurde noch nicht genügend abgeklärt.  Rückweisung.
**Docket/Reference:** IV.2022.00371
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2022.00371.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2022.00371
II. Kammer
Sozialversicherungsrichterin Grieder-Martens, Vorsitzende
Sozialversicherungsrichterin Käch
Ersatzrichterin Lienhard
Gerichtsschreiberin Peter-Schwarzenberger
Urteil
vom
1
5.
Dezember 2022
in Sachen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch Rechtsanwalt Sebastian Lorentz
Lorentz Schmidt Partner, Rechtsanwälte
Weinbergstrasse 29, 8006 Zürich
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
X.___
, geboren 1978,
war
zuletzt
von April 2017
bis
Juli 2018
bei
der
Y.___
GmbH
als
Hilfsarbeiter Plattenleger
tätig, wobei der letzte Arbeitstag am
23. März 2018
war (Urk.
7/12
). Unter Hinweis auf eine psychische Erkrankung meldete sich der Versicherte am 29. August 2018 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 7/5). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische und erwerblich
e Situation ab und
zog Akten der Krankentaggeldversicherung bei (Urk. 7/6
; Urk. 7/17; Urk. 7/24
)
.
Am 6. März 2019 teile die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass derzeit aufgrund seines Gesundheitszustandes keine Eingliederungsmassnahmen möglich seien (Urk. 7/29). Zudem holte die IV-Stelle ein neuropsychologisches und psychiatri
sches Teilgutachten ein, welche am 22. Oktober und am 2. Dezember 2020 erstattet wurden (Urk. 7/63; Urk.
7/69/1-48).
Nach durchgeführtem Vorbescheid
verfahren (Urk.
7/91
; Urk.
7/101
) verneinte di
e IV-Stelle mit Verfügung vom 7. Juni 2022 (Urk. 7/104 = Urk. 2)
einen Rentenanspruch
.
2.
Der
Versicherte erhob am
6. Juli 2022
Beschwerde gegen die Verfügung vom
7. Juni 2022
(
Urk.
2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei
en
ihm
die gesetzlichen Leistungen, insbesondere eine Rente, zuzusprechen, eventuell sei ein gerichtliches Gutachten einzuholen. Zudem beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsvertretung sowie die Durchführung eines zweiten Schriftenwechsels
(Urk. 1 S.
2
Ziff. I.1-3, Ziff. II.1-2
).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
8. September 2022
(Urk.
6
) die Abwei
sung der Beschwerde.
Mit Verfügung vom 9. September 2022 (Urk. 8) wurde dem Beschwerdeführer die Beschwerdeantwort zur Kenntnis gebracht und festge
halten, dass das Gericht die Anordnung eines weiteren Schriftenwechsels nicht als erforderlich erachtet. Den Parteien bleibe es jedoch unbenommen, sich noch
mals zur Sache zu äussern und weitere sachbezogene Unterlagen einzureichen.
Weitere Eingaben erfolgten nicht.
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes
über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da der Zeit
punkt des Invaliditätseintritts (Art. 28 Abs. 1 und 1
bis
IVG) und jener des Renten
anspruchs nicht unbedingt identisch sind, fällt eine Invalidenrente unter das neue Recht, wenn der Anspruchsbeginn ab dem 1. Januar 2022 liegt, auch wenn die Invalidität vor diesem Zeitpunkt eingetreten ist. Neurechtliche Invalidenrenten sind somit Renten, auf die gemäss Art. 29 Abs. 1 und 2 IVG der Anspruch ab dem 1. Januar 2022 entsteht (vgl.
Rz
. 1008 des Kreisschreibens zu den Übergangsbe
stimmungen zur Einführung des linearen Rentensystems, KS ÜB WE IV, gültig ab 1. Januar 2022).
Die angefochtene Verfügung erging nach dem 1. Januar 202
2.
Da die Entstehung eines Rentenanspruchs vorliegend bereits vor dem 1. Januar 2022 in Betracht fällt, sind die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente,
bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.4
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.5
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Inva
liditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizi
nisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nach
weis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweis
losigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Januar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
1.6
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
1.7
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1
des
Gesetz
es
über das Sozialversicherungsgericht
,
GSVGer)
.
Bei ungenügenden Abklärungen durch den Versicherungsträger holt die Beschwerdeinstanz im Regelfall ein Gerichtsgutachten ein, wenn sie einen (im Verwaltungsverfahren anderweitig erhobenen) medizinischen Sachverhalt über
haupt für gutachterlich abklärungsbedürftig hält oder wenn eine Administrativ
expertise in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig ist. Die betreffende Beweiserhebung erfolgt alsdann vor der – anschliessend reformato
risch entscheidenden – Beschwerdeinstanz selber statt über eine Rückweisung an die Verwaltung. Eine Rückweisung an den Versicherungsträger bleibt hingegen möglich, wenn sie allein in der notwendigen Erhebung einer bisher vollständig ungeklärten Frage begründet ist. Ausserdem bleibt es dem kantonalen Gericht (unter dem Aspekt der Verfahrensgarantien) unbenommen, eine Sache zurückzu
weisen, wenn lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachterlichen Ausführungen erforderlich ist (B
GE 139 V 99 E. 1.1, 137 V 210
E. 4.4.1.4 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 9C_354/2020 vom 8. September 2020 E. 2.1)
.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die Verneinung eines Rentenanspruchs in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) damit,
dass auf die eingehol
te gutachter
liche
bidisziplinäre
Beurteilung nicht abgestellt werden könne, da die gezogenen Schlussfolgerungen mit den genannten Einschränkungen und der Arbeitsunfä
higkeit nicht nachvollziehbar seien. Insgesamt sei aus ärztlicher Sicht keine gesundheitliche Beeinträchtigung ausgewiesen, die zu einem länger dauernden Ausfall der Erwerbsfähigkeit führe.
Die Fremdaggression sei aus ärztlicher Sicht auf den Kokainkonsum zurückzuführen. Nach dem die Arbeitsunfähigkeit im
eingeholten medizinischen Untersuchungsbericht nicht rechtsgenüglich nachge
wiesen worden sei, könne diese nicht übernommen werden. Mit der medizini
schen Abklärung sei die Abklärungspflicht erfüllt worden, weitere Abklärungen seien nicht angezeigt (S. 1 f.).
2.2
Demgegenüber stellte sich der Beschwerdeführer
beschwerdeweise
auf den Standpunkt (Urk. 1),
dass dem eingeholten psychiatrischen Teilgutachten volle
r
Beweiswert zukomme. Deshalb könne von diesem Gutachten nicht einfach aufgrund einer internen Stellungnahme einer Ärztin des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) abgewichen werden. Aufgrund von vermeintlichen Diskrepanzen, auf welche der Gutachter im Rahmen von Rückfragen schlüssig geantwortet habe, zum Schluss zu kommen, dass überhaupt kein arbeitsrelevanter Gesundheitsscha
den vorliege,
wie es die Beschwerdegegnerin getan habe,
könne nicht angehen. Seine Arbeitsfähigkeit
(richtig wohl: Arbeitsunfähigkeit; vgl. S. 5
Rz
18)
betrage – gutachterlich bestätigt – im Zeitraum vom 1. August 2018 bis zum April 2019 50 % und ab April 2019 100 %, weshalb ihm die entsprechenden Rentenan
sprüche zuzusprechen seien (
S. 6 ff.
Rz
27 ff.).
2.3
Streitig und zu prüfen ist ein Rentenanspruch des
Beschwerdeführer
s.
3.
3.1
Der verkehrsmedizinischen Begutachtung der
Universität
Z.___
, Institut für Rechtsmedizin, vom 15. November 2018 (Urk. 7/44/1-9 = Urk. 7/80/2-10) lässt sich entnehmen, dass beim Beschwerdeführer ein verkehrsmedizinisch bedeut
samer Kokainmissbrauch und eine langjährige, verkehrsmedizinisch bedeutsame therapiebedürfte Erkrankung – namentlich eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung, Zustand nach wahnhafter Störung – vorliegt. Zum aktuellen Zeitpunkt müsse die Fahreignung des Beschwerdeführers aus verkehrsmedizini
scher Sicht negativ beurteilt werden. Vor einer erneuten Beurteilung der Fahreig
nung müsse eine mindestens sechsmonatige psychische Stabilität ohne relevante Symptomatik abgewartet werden (S. 9).
In der Folge wurde dem Beschwerdeführer der Führerausweis mit Verfügung vom 26. November 2018 des Strassenverkehrsamts
des Kantons Zürich (Urk. 7/79/2
5) per sofort auf unbestimmte Zeit entzogen.
3.2
Dr.
med.
A.___
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin,
führte in ihrem Bericht vom 26. März 2019 (Urk. 7/35) aus, dass sie den
Beschwerdeführer
seit Juni 2014 behandle (Ziff. 1.1)
,
und dass er durch seinen Psychiater zu 50 % arbeitsunfähig
geschrieben und beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zu 50 % angemeldet worden sei (Ziff. 3.1).
3.
3
Dr.
med.
B.___
führte in seinem Bericht vom 16. April 2019 (Urk. 7/37) aus, dass er den Beschwerdeführer seit März 2017 behandle (
Ziff.
1.1)
,
und nannte eine wahnhafte Störung, Eifersuchtswahn (ICD-10 F22.0), eine komplexe post
traumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) sowie eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1) als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeits
fähigkeit (Ziff. 2.5).
Zudem nannte er psychische und Verhaltensstörungen durch Kokain, schädlicher Gebrauch, gegenwärtig abstinent (ICD-10 F14.20)
,
als Diagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (
Ziff.
2.6).
Vom 24. März bis zum 31. Juli 2018 sei eine 100%ige und vom 1. August 2018 bis zum 30. April 2019 eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit für die bisherige Tätigkeit als Parkettleger attestiert worden (Ziff. 1.3). Aufgrund der aktuellen psychischen Beschwerden sei der Beschwerdeführer in der bisherigen Tätigkeit als auch in einer angepassten Tätigkeit zu 50 % arbeitsunfähig (Ziff. 4.1-4.2
).
3.4
Dr.
B.___
nannte
in seinem
Verlaufsbericht vom 4. Mai 2020 (Urk. 7/50) neben den bisherigen Diagnosen (vorstehend E. 3.2) neu die Diagnose einer schweren depressiven Episode (ICD-10 F32.2; Ziff. 1.2). Die bisherige Tätigkeit als Parkett
leger könne der Beschwerdeführer derzeit aus psychiatrischer Sicht nicht ausüben. Eine angepasste Tätigkeit sei ihm bis zu zwei Stunden pro Tag zumutbar (Ziff. 2.1-2.2, Ziff. 4.2).
3.5
Dipl.-Psych. Dipl. Inf.-
Wiss
.
C.___
,
Fachpsychologe für Neuropsycho
logie FSP und für Verkehrspsychologie FSP, erstattete das von der Beschwerde
gegnerin in Auftrag gegebene neuropsychologische Teilgutachten am 22. Oktober 2020 (Urk. 7/63) und hielt fest, dass aufgrund der auffälligen Ergebnisse in der Leistungsvalidierung beim Beschwerdeführer aus neuropsychologischer Sicht keine Aussage zu Diagnosen g
emacht werden kö
nnten. Auch das kognitive Leistungsvermögen könne zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht valide beurteilt werden (S. 13 Ziff. 6.1).
So habe im Zentrum der neuropsychologischen Befun
dung vom 16. September 2020 die Überprüfung der psychometrisch quantifizier
baren kognitiven und psychischen Leistungsfähigkeit gestanden. Dafür seien im Einzelnen die Funktionsbereiche «Aufmerksamkeit und Konzentration» (kognitive Reaktionsschnelligkeit, selektive und geteilte Aufmerksamkeit, Belastbarkeit), «Exekutive Funktionen» (Ideenproduktion, Konzepterkennung, Handlungspla
nung und Kontrollfunktionen), «Lernen und Gedächtnis» (kurz- und mittelfristig, figural und verbal) sowie «Visuelle Wahrnehmung» (visuell-räumlich und räum
lich-konstruktiv, mentale Rotation) untersucht worden. Sämtliche erbrachte Leistungen in den verschiedenen Funktionsbereichen könnten zusammenfassend
nicht valide beurteilt werden. Aufgrund der subjektiven Angaben des Beschwer
deführers und seine
s
Verhalten
s
während der Untersuchung müsse in Verbindung mit den Akten bei der untersuchten Person aktuell von einer Verdeutlichung beziehungsweise Aggravation ausgegangen werden (S. 13 Ziff. 7).
3.6
Dr.
med.
D.___
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, erstatte das von der Beschwerdegegnerin in Auftrag gegebene psychiatrische Gut
achten am 2. Dezember 2020 (Urk. 7/69/1-48) und nannte eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) sowie eine psychische Verhaltensstörung durch psychotrope Substanzen, psychische und Verhaltensstörung durch Kokain, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig abstinent (ICD-10 F14.20)
,
als D
iagnosen (S. 21 Ziff. 6.1).
In Bezug auf die Herleitung der Diagnose
n
führte
Dr.
D.___
aus, dass der Beschwerdeführer in der Untersuchung drei verschiedene Arten von Traumatisie
rung
en
angegeben habe. So sei er in der Kindheit und Jugend durch seinen Vater schwergradig misshandelt worden und dieser habe ihn immer wieder in einen Keller gesperrt. Er sei nie in eine Klinik eingewiesen worden und es habe nie weitere Abklärungen diesbezüglich gegeben. In seinem
elften
Lebensjahr sei er von einem Busfahrer sexuell missbraucht worden. Dies habe er niemandem gesagt.
Zudem sei er
in einem Militärkonflikt zwischen der Türkei und der Hisbollah von 1995 bis 1996 gewesen. Es fänden sich damit zwei beziehungs
weise
möglicherweise
drei Situationen, die als Katastrophenkriterium nachvoll
ziehbar seien.
Der Beschwerdeführer habe sodann angegeben, sich seit 2018 zunehmend an schwere intrusive Erinnerungen zu erinnern. Es würden alle drei Traumata intrusiv angegeben. In der aktuellen Untersuchung sei als bedroh
licheres Trauma der sexuelle Übergriff durch den Busfahrer angegeben worden. Er würde täglich dazu Erinnerungen erleben. A
m
Bahnhof sei es mit einem ähnlich aussehenden
Mann zu einer sch
wergra
d
igen
Aggression gekommen. Der Beschwerdeführer
h
abe diese fast nicht beherrschen können. Es
sei
damit von
eine
r
wiederholten unau
sweichlichen Erinnerung auszugeh
en. Bei dieser Erinne
rung
komm
e
es zu Aggression, Ag
g
ressionsdurchbrüchen und erhöhter Reizbar
keit. Zusätzlich
habe
sich innerhalb der Untersuchung ein affektiv abgeflachter
Beschwerdeführer gezeigt. Es komme
damit zu emotionalem Rückzug, sozialem Rückzug und
Gefühlsabstumpfung. Zudem würden
vegetative Störungen, Beeinträchtigung der Stimmung und abnormes Verhalten
angegeben. Es fä
nden sich damit alle diagnostischen Kriterien einer posttraumatischen
Belastungsstö
rung, die auch sechs Monate nach einem entsprechenden typischen Verlauf
zu diagnostizieren sei. Im Gegensatz hierzu sei
dann jedoch
k
ein
e de
pressive
Erkrankung
mehr
zu diagnostizieren,
wenn eine ätiologisch klar
e Zuordnung
auftrete. Als
Leitdiagnose
sei
damit die posttraumatische
Belastungsstörung
(ICD-10 F43.1)
zu definieren (S. 22 f. Ziff. 6.2).
Dr.
D.___
führte zudem aus, dass als Arbeitshypothese zur aktuellen psychiatrischen Erkrankung auch
mitzube
rücksichtigen
sei
, dass aufgrund der intensiven Zufuhr von Kokain eine Dekompensation auftrete, die dann auch die posttraumatische Belastungsstörung
dekompensiere
. Aufgrund des Verlaufes der Angaben des
Beschwerdeführer
s und der entsprechenden Gesamtstruktur sei dies aktuell als Arbeitshypothese zu sehen. Es sei aktuell von einer Diagnose einer psychischen Verhaltensstörung durch psychotrope Substanzen, psychische und Verhaltensstörung durch Kokain, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig abstinent (ICD 10 F14.20)
,
auszugehen.
Dr.
D.___
kam zum Schluss, dass zum aktuellen Zeitpunkt von einer
100%igen
Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als angelernter Hilfsarbeiter auszugehen sei. In der Untersuchung hätten sich schwergradige affektive Einschränkungen und
eine
schnelle interaktionelle Überforderung gezeigt. Es komme zu Aggressionsschüben mit potenzieller Fremdaggressivität. Eine Tätigkeit sei im ersten und zweiten Arbeitsmarkt unter
einer Stunde
möglich
(S. 31 f. Ziff. 8.1). Auch in einer angepassten Tätigkeit bestehe zum aktuellen Zeitpunkt keine Arbeitsfähigkeit (S. 32 Ziff. 8.2). Es fänden sich
zum zeitlichen Verlauf der Arbeitsunfähigkeit
erhebliche Ungereimtheiten in der Aktendokumentation und den gegenläufigen Angaben des Beschwerdeführers. Es sei damit nicht von einer medizinischen, nachvollziehbaren, ausreichend doku
mentierbaren Arbeitsunfähigkeit auszugehen.
Nachvollziehbar sei i
n ange
stammter und angepasster Tätigkeit von August 2018 bis April 2019
eine 50%ige Arbeitsfähigkeit
und ab April 2019 bis zum aktuellen Zeitpunkt eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (S. 32
f.
Ziff. 8.1
-8.2).
3.7
Dipl.-Psych. Dipl. Inf.-Wiss.
C.___
und
Dr.
D.___
legten in ihrer Konsensbe
urteilung vom 2. Dezember 2020 (Urk. 7/69/52-79) dar, dass aufgrund der auffälligen Ergebnisse in der Leistungsvalidierung beim Beschwerdeführer aus neuropsychologischer Sicht keine Aussagen zu Diagnosen gemacht werden könnten. Auch das kognitive Leistungsvermögen des Beschwerdeführers könne zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht valide beurteilt werden.
In psychiatrischer Hinsicht nannten sie eine
posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) sowie eine psychische Verhaltensstörung durch psychotrope Substanzen, psychi
sche und Verhaltensstörung durch Kokain, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig abstinent (ICD-10 F14.20)
,
als
Diagnosen (S. 8 Ziff. 4.2).
Die
Gutachter kam
en
zum Schluss, dass insgesamt – gestützt auf das psychiatrische
Teilg
utachten - zum aktuellen Zeitpunkt von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit in der ange
stammten Tätigkeit als angelernter Hilfsarbeiter
als auch in einer angepassten
Tätigkeit
auszugehen sei. Nachvollziehbar sei in angestammter und angepasster Tätigkeit von August 2018 bis April 2019 eine 50%ige Arbeitsfähigkeit und ab April 2019 bis zum aktuellen Zeitpunkt eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
(S. 11 f. Ziff. 4.7-4.8).
3.8
Dr.
D.___
führte nach entsprechenden Rückfragen durch die Beschwerde
gegnerin (vgl. Urk. 7/73/1-2) in seiner Stellungnahme vom 15. Januar 2021 (Urk. 7/74
/1-6
) aus,
dass die zentrale Problematik
beim Beschwerdeführer Scham und
Schuld
sei. Auch innerhalb des Gutachtens werde auf diese Problematik wiederholt hingewiesen. Bei traumatisierten Betroffenen sei dies eine sehr häufige Reaktion. Auslösende Ereignisse könnten nur sehr begrenzt angegeben werden. Es entstünden so erhebliche Probleme bei der Diagnose von Traumafolgestörun
gen. Erst nach Angabe der traumatisierenden Erlebnisse könne dies in einem Gesamtzusammenhang gestellt werden.
Aufgrund der Traumafolgestörungen komme es zu einer Zufuhr von Kokain. Es komme hier zu einer Dekompensation. Kokain als psychotrope Substanz könne zur Dissoziation und auch zum Auftreten von unterdrückten Erinnerungen
führen
. Es komme zu verschiedenen Sympto
men einer Traumafolgestörung. Der Beschwerdeführer selber sei mit der psychiatrischen
Symptomatik überfordert und versuche, diese in verschiedenen Kontexten zu interpretieren. Darauf basierend komme es auch zu verschiedensten psychiatrischen Diagnosen. Es finde sich diesbezüglich sogar eine spezifische Kategorie im
Diagnostic
and Statistical Manual
of
Mental
Disorders
(DSM) als die sogenannte «
delayed
onset
PTSD» (
posttraumatic
stress
disorder
). Es fänden sich verschiedene Inkonsistenzen innerhalb der Angaben sowohl des
Beschwerdefüh
rers
als auch in der Aktenlage. Bis zur Diagnose einer T
raumafolgestörung
würden gerade di
e sogenannten
delayed
onset
posttraumatische Belastungsstö
rungen
Diagnosen sehr häufig als Depression oder psychotische Symptomatik falsch diagnostiziert (S. 3 unten f.).
Zusammenfassend handle es sich hier um eine typische medizinische Erkrankung unter Berücksichtigung der spezifischen Form dieser Traumafolgestörung. Gerade bei dieser Form komme es einerseits sehr häufig zu Fehldiagnosen und Anam
neseinkonsistenzen und Manipulationsversuchen innerhalb der Untersuchung. Diese seien aus der Erkrankung heraus erklärbar und sollten dringend nicht aus
schliesslich als Aggravation oder sogar Simulation interpretiert werden.
Inner
halb des Gutachtens sei versucht worden, dieser Situation entsprechend Rechnung zu tragen. Es sei versucht worden, eine medizinisch adäquate Bewer
tung durchzuführen. Innerhalb des Gutachtens sei immer wieder auf die zu dokumentierenden Inkonsistenzen bezüglich der anamnestischen Angaben und
der Aktendokumentation entsprechend des sehr komplexen Verlaufes hinge
wiesen und eingegangen worden. Die entsprechende Diagnose sowie die Einschränkungen bezüglich der dokumentierten Arbeitsunfähigkeiten würden dies entsprechend berücksichtigen (S. 5 f.).
3.9
Dr.
med.
E.___
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
RAD
, führte in ihrer Stellungnahme vom 27. Januar 2021 (Urk. 7/93/11-12) aus, dass das neuropsychologisch-psychiatrische Gutachten vom 2. Dezember 2020 (vgl. vorstehend E. 3.5-3.
8
) auf eigenen Untersuchungen beruhe, die beklagten Beschwerden berücksichtige und in Kenntnis und Auseinandersetzung mit den
Vorakten
erstellt worden sei. In der Darlegung der medizinischen Zusammen
hänge sei es jedoch nicht vollständig einleuchtend. Die gezogenen Schlussfolge
rungen mit den genannten Einschränkungen und
der
Arbeitsunfähigkeit könnten nicht klar nachvollzogen werden. Es würden verschiedene Diskrepanzen aufge
zeigt, so dass zwar die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) nicht ausgeschlossen werden könne, jedoch die Einschränkungen und daraus resultierenden Arbeitsunfähigkeit nicht nachvollzogen werden könnten. Der psychiatrische Gutachter
Dr.
D.___
habe zwar angegeben, dass er die
Verdeutlichungen
bei der Arbeitsunfähigkeit berücksicht
igt
habe, allerdings werde nicht klar ersichtlich, wie er das getan habe.
RAD-Ärztin
Dr.
E.___
kam daher zum Schluss, dass aufgrund der Diskrepanzen und
Verdeut
lichungen
sowie der Verdeutlichung beziehungsweise Aggravation bei der neuropsychologischen Untersuchung nicht auf die Angaben bezüglich Einschrän
kungen und Arbeitsunfähigkeit abgestellt werden könne.
Es sei eine Überprüfung durch den Rechtsanwender empfohlen.
4.
4.1
Strittig und zu prüfen ist nachfolgend, ob der Beschwerdeführer Anspruch auf eine Rente hat und dabei insbesondere, ob zur Beurteilung des Gesundheitszu
standes auf das von der Beschwerdegegnerin in Auftrag gegebene neuropsycho
logisch-psychiatrische Gutachten vom Dezember 2020 (vgl. vorstehend E. 3.5-3.8) abgestellt werden kann (vorstehend E. 2.1-2.3).
4.2
Dipl.-Psych. Dipl. Inf.-
Wiss
C.___
und
Dr.
D.___
stellten in ihrem neuropsy
chologisch-psychiatrischen Gutachten vom Dezember 2020 die psychiatrischen Diagnosen einer posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) und einer psychischen Verhaltensstörung durch psychotrope Substanzen, psychische und Verhaltensstörung durch Kokain, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig abstinent (ICD-10 F14.20); in neuropsychologischer Hinsicht konnten sie keine Aussagen
zu Diagnosen machen. Die Gutachter kamen zur Einschätzung, dass gestützt auf das psychiatrische
Teilg
utachten in angestammter als auch in angepasster Tätigkeit von August 2018 bis April 2019 eine 50%ige Arbeitsfähigkeit vorge
legen habe und seit April 2019 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestehe (vorste
hend E. 3.7; vgl. vorstehend E. 3.5-3.6, E. 3.8).
Gemäss den diagnostischen Leitlinien zu ICD-10 F43.1 soll eine posttraumatische Belastungsstörung nur diagnostiziert werden, wenn sie innerhalb von sechs Monaten nach einem traumatisierenden Ereignis von aussergewöhnlicher Schwere aufgetreten ist. Eine «wahrscheinliche» Diagnose kann auch dann gestellt werden, wenn der Abstand zwischen dem Ereignis und dem Beginn der Störung mehr als sechs Monate beträgt, vorausgesetzt, die klinischen Merkmale sind typisch und es kann keine andere Diagnose gestellt werden. Zusätzlich zu dem Trauma muss eine wiederholte unausweichliche Erinnerung oder Wiederinszenie
rung des Ereignisses in Gedächtnis, Tagträumen oder Träumen auftreten. Ein deutlicher emotionaler Rückzug, Gefühlsabstumpfung, Vermeidung von Reizen, die eine Wiedererinnerung an das Trauma hervorrufen könnten, sind häufig zu beobachten, aber für die Diagnose nicht wesentlich (
Dilling
,
Mombour
, Schmidt, Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V (F), Klinisch-diagnostische Leitlinien, 1
0.
Auflage, Bern 2015, S. 208).
Der psychiatrische Gutachter
Dr.
D.___
begründete das Vorhandensein einer posttraumatischen Belastungsstörung damit, dass der Beschwerdeführer angege
ben habe, sich seit 2018 zunehmend an schwere intrusive Erinnerungen zu erinnern. Es würden alle drei Traumata intrusiv angegeben, wobei anlässlich der gutachterlichen Untersuchung als bedrohliches Trauma der sexuelle Übergriff durch
ein
en Busfahrer angegeben worden sei. Der Beschwerdeführer würde täglich Erinnerungen erleben. Auf dem Bahnhof sei es mit einem ähnlich ausse
henden Mann zu einer schwergradigen Aggression gekommen. Der Beschwerde
führer habe diese fast nicht beherrschen können. Es sei damit von einer wieder
holten unausweichlichen Erinnerung auszugehen, bei welcher es zu Aggression, Aggressionsdurchbrüchen und erhöhter Reizbarkeit komme. Zusätzlich habe sich innerhalb der Untersuchung ein affektiv abgeflachter Beschwerdeführer gezeigt. Es komme damit zu emotionalem Rückzug, sozialem Rückzug und Gefühlsabstumpfung. Zudem würden vegetative Störungen, Beeinträchtigung der Stimmung und abnormes Verhalten angegeben (vorstehend E. 3.6).
Dr.
D.___
beschrieb
beim erhobenen Befund, dass die gesamte Interaktion während der Begutachtung eigenartig und überzeichnet gewirkt habe. Eine strukturierte Über
prüfung der kognitiven Fähigkeiten sei nicht möglich gewesen, da diese so deut
lich eingeschränkt abgelegt worden sei, dass eine Nachvollziehbarkeit nicht
gegeben sei. Während der Untersuchung habe sich ein affektiv verflachter, affek
tiv verringert schwingungsfähiger Beschwerdeführer gezeigt und die Persönlich
keit habe teilweise bedrohlich gewirkt.
Zudem führte
er
aus, dass der Beschwerdeführer über schwergradige Ängste und ein Auftreten von Angst und Unsicherheit, erhebliche Antriebsarmut und Antriebsreduktion sowie über einen ausgeprägten sozialen Rückzug mit Auftreten von Aggressionen berichtet habe (Urk. 7/69/1-48 S. 19 Ziff. 4.3.2).
Dr.
D.___
stützte sich bei der Diagnoseerhebung hauptsächlich auf die vom Beschwerdeführer
gemachten Angaben
. O
b die typischen Merkmale einer post
traumatischen Belastungsstörung gemäss ICD-10 F43.1 tatsächlich vorliegen, kann dem
psychiatrischen
Gutachten
jedoch
nicht
ohne Weiteres
entnommen werden, hat doch der psychiatrische Gutachter nicht klar dargelegt, welche Merk
male tatsächlich
feststellbar
vorhanden sind oder ob diese aufgrund der Anam
nese angenommen wurden. Zudem
liegen diverse Diskrepanzen vor, wenn der Beschwerdeführer selber angibt, er würde das Haus gar nicht mehr verl
assen, aber dann am Bahnhof
einen Aggressionsschub erlebt
,
oder
angibt, er würde gerne in den Urlaub fahren
.
und als Hinderungsgrund lediglich das Fehlen von finanziel
len M
itteln nennt
. Zudem gibt der Beschwerdeführer verschiedene Verläufe bezüglich der Kokainproblematik an. So gibt er einmal an, im Jahr 2008 erstmalig Kokain konsumiert zu haben und ein anderes Mal ab dem Jahr 2013
(Urk. 7/69/1
48 S. 12
ff. Ziff. 3.2
, S. 21 Ziff. 4.3.5
, S. 29 Ziff. 7.3
).
Ferner
konnte anlässlich der neuropsychologischen Begutachtung aufgrund der auffälligen Ergebnisse in der Leistungsvalidierung beim Beschwerdeführer keine Aussage zu Diagnosen gemacht werden. Auch das kognitive Leistungsvermögen konnte nicht valide beurteilt werden
, vielmehr müsse von Aggravation ausgegangen werden
(vorste
hend E. 3.5, vgl. E. 3.7).
Dr.
D.___
begründete die seit April 2019 bestehende 100%ige Arbeitsunfähig
keit in jeglicher Tätigkeit mit de
n
in der psychiatrischen Begutachtung gezeigten schwergradigen affektiven Einschränkungen und
der
schnellen interaktioneller Überforderung, wobei es zu Aggressionsschüben mit potenzieller Fremdaggressi
vität komme (vorstehend E. 3.6). Dabei stützt sich
Dr.
D.___
wiederum haupt
sächlich auf die durch den Beschwerdeführer gemachten A
ngaben
. In Bezug auf die A
ggressionsschübe
ist
in den Akten
einzig die Aggression gegenüber dem Schwiegervater und der Ehefrau im Jahr 2018 dokumentiert,
die
s
möglicherweise
auf den dannzumaligen Kokaineinfluss zurückzuführen ist
(vgl. Urk. 7/
87-88
).
N
ach dem Gesagten kann gestützt auf das psychiatrische Gutachten von Dr.
D.___
nicht abschliessend beurteilt werden, ob beim
Beschwerdeführer
eine posttraumatische Belastungsstörung vorliegt. Es liegen zwar gewisse Indi
zien
dafür vor, dass eine posttraumatische Belastungsstörung vorliegen könnte, jedoch sind auch verschiedene Diskrepanzen vorhanden. Zudem können die genannten Einschränkungen und die att
estierte
50%ige
Arbeitsunfähigkeit
von August 2018 bis April 2019 sowie 100%ige Arbeitsunfähigkeit ab April 2019
n
icht klar nachvollzogen werden.
4.3
Auch auf die weiteren Berichte kann nicht abgestellt werden.
Dr.
A.___
(vorste
hend E. 3.2) verwies auf die psychiatrische Beurteilung. Der verkehrsmedizini
schen Begutachtung (vorstehend E. 3.1) können keine Angaben zur Arbeitsfähig
keit des Beschwerdeführers entnommen werden.
Auch die Beurteilung durch
Dr.
B.___
vermag keinen genügenden Aufschluss über die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers zu geben, denn g
emäss dem
Medizinalberuferegister
(
www.medregom.admin.ch
, zuletzt besucht am 2
8.
November 2022
)
verfügt
Dr.
B.___
über keine Berufsausübungsbewilligung. Zudem verfügt er nicht über den entsprechenden Facharzttitel
der Psychiatrie und Psychotherapie
, um den Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführer
s fachärztlich festzustellen.
Dies setzt den Beweiswert sein
er Berichte entscheidend herab.
Ausserdem ist i
n Bezug auf Berichte von Hausärz
tinnen und Hausärzten wie überhaupt von behandelnden Arztpersonen bezie
hungsweise Therapiekräften auf die Erfahrungstatsache hinzuweisen, dass diese mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifels
fällen eher zu Gunsten ihrer Patientinnen und Patienten aussagen (BGE 135 V 465 E. 4.5, 125 V 351 E. 3b/cc).
4.4
Zusammenfassend erfüllt das neuropsychologisch-psychiatrische Gutachten von Dipl.-Psych. Dipl. Inf.-
Wiss
C.___
und
Dr.
D.___
vom Dezember 2020 die Anforderungen an den Beweiswert eines medizinischen Gutachtens nicht (vgl. vorstehend
E. 1.6
), liegen doch zahlreiche offene Fragen und Diskrepanzen vor (vorstehend E.
4.2
). Auf die Beurteilung des behandelnden
Dr.
B.___
kann eben
falls nicht abgestellt werden (vorstehend E. 4.3).
4.5
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
benenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können
(BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
Die ärztliche
Ein
schätzung ist eine wichtige Grundlage für die anschliessende juristische Beurtei
lung der Frage, welche Arbeitsleistung der versicherten Person noch zugemutet werden kann (BGE 141 V 281 E. 5.2.1).
Nach BGE 141 V 281 kann
bei psychischen Krankheiten
der Beweis für eine lang andauernde und erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit nur dann als geleistet betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen einer umfassen
den Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen Lebens
bereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt. Fehlt es daran, ist der Beweis nicht geleistet und nicht zu erbringen, was sich nach den Regeln über die (materielle) Beweislast zuungunsten der rentenansprechenden Person auswirkt (BGE 144 V 50 E. 4.3
).
Ist wie vorliegend
jedoch
keine beweiswertige Einschätzung
der Arbeitsfähigkeit
vorhanden, bedeutet dies
noch
nicht, dass die versicherte Person die Folgen dieser Beweislosigkeit ohne weitere Abklärungen zu tragen hat und sich eine volle Arbeitsfähigkeit entgegenhalten lassen muss.
Denn in dieser Situation fehlt die
notwendige medizinische
Grundlage für die (juristische) Prüfung der Frage,
ob die funktionellen Auswirkungen medizinisch anhand der Indikatoren schlüssig und wider
spruchsfrei festgestellt wurden.
Im Sozialversicherungsverfahren gilt der Untersuchungsgrundsatz. Danach haben der Versicherungsträger oder das Durchführungsorgan und im Beschwerdefall das kantonale Versicherungsgericht von sich aus für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen (Art. 43 Abs. 1 und Abs. 1
bis
sowie Art. 61 lit. c in Verbindung mit Art. 2 ATSG). Der Untersuchungs
grundsatz wird durch die Mitwirkungspflicht der Versicherten respektive der Parteien beschränkt (Art. 28 und Art. 43 Abs. 2 ATSG), vor allem in Bezug auf Tatsachen, die sie besser kennen als die (Verwaltungs- oder Gerichts-) Behörde und welche diese sonst gar nicht oder nicht mit vernünftigem Aufwand erheben könnte (BGE 122 V 157 E. 1a; Urteil des Bundesgerichts 9C_341/2020 vom 4. September 2020 E. 2.2 mit Hinweis auf BGE 138 V 86 E. 5.2.3 und 125 V 193 E. 2; vgl. BGE 130 I 180 E. 3.2).
Der Untersuchungsgrundsatz schliesst die Beweislast im Sinne einer Beweisfüh
rungslast begriffsnotwendig aus. Im Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien in der Regel eine Beweislast nur insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen geblie
benen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift allerdings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrund
satzes aufgrund einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der
zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (Urteil des Bundesgerichts 8C_765/2020 vom 4. März 2021 E. 3.2.2 mit Hinweis auf BGE 144 V 427 E. 3.2). Bleiben jedoch erhebliche Zweifel an der Vollständig
keit und/oder Richtigkeit der bisher getroffenen Tatsachenfeststellung bestehen, ist weiter zu ermitteln, soweit von zusätzlichen Abklärungsmassnahmen noch neue wesentliche Erkenntnisse zu erwarten sind (Urteil des Bundesgerichts 8C_257/2018 vom 24. August 2018 E. 3.3.2 mit Hinweis).
So verhält es sich auch vorliegend. Es sind keine Anzeichen vorhanden, gemäss denen es sich beim aktuellen Abklärungsstand
schon
als unmöglich erweisen würde, einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen.
Mithin ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers und dessen Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
fachärztlich
umfassend abkläre und hernach über das Leistungs
begehren neu entscheide.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
5.
5.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV
-
Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr.
7
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Ver
fahrens sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung sowohl für die Frage der Auferlegung der Gerichtskosten wie auch der Parteientschädigung als vollständi
ges Obsiegen (BGE 137 V 57; vgl. auch BGE 141 V 281 E. 11.1 mit Hinweis), weshalb
der
vertretene Beschwerdeführer Anspruch auf eine Prozessentschädi
gung hat.
Da der
Rechtsvertreter des
Beschwerdeführer
s
vor Fällung des Endentscheids keine Kostennote eingereicht hat, ist die Entschädigung nach
§
7
Abs.
2 der Verordnung über die Gebühren, Kosten und Entschädigungen vor dem Sozialver
sicherungsgericht (
GebV
SVGer) nach Ermessen festzusetzen. Vorliegend erscheint beim praxisgemässen Stundenansatz von
Fr.
220.-- eine Prozessent
sc
hädigung in der Höhe von
Fr.
2‘0
00.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwert
steuer) als angemessen.
5.3
Bei dieser Ausgangs
lage erweist sich das Gesuch des
Beschwerdeführer
s
um Bewilligung der unentgeltlichen Prozessfüh
rung und Rechtsvertretung (Urk.
1 S.
2 Ziff. I.
3) als gegenstandslos.
Das Gericht erkennt:
1.
Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass die angefochtene Verfügung vom
7.
Juni 2022 aufgehoben und die Sache an die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zurückgewiesen wird, damit diese, nach erfolgter Abklärung im Sinne der Erwägungen, neu verfüge.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
700
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird
verpflichtet,
dem Beschwerdeführer
eine Prozessentschä
digung von
Fr.
2’000
.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) zu bezahlen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Sebastian Lorentz
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind bei
zulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Die VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
Grieder-MartensPeter-Schwarzenberger