# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** eb1395d6-c4fb-5257-bd0d-85fb7a41710e
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2024-03-12
**Language:** de
**Title:** Prozessuale Revision; im Neuanmeldungsverfahren erstelltes psychiatrisches Gutachten mit neu gestellter Diagnose einer komplexem posttraumatischen Belastungsstörung vermag den Fehler in der früheren Beweisgrundlage nicht eindeutig aufzuzeigen. Das der ursprünglichen Verfügung zugrunde gelegene Gutachten basierte nicht auf einer unvertretbaren Fehldiagnose.
**Docket/Reference:** IV.2023.00346
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2023.00346.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2023.00346
III. Kammer
Sozialversicherungsrichter Gräub, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Senn
Ersatzrichterin Gasser Küffer
Gerichtsschreiberin Lanzicher
Urteil
vom
12. März 2024
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Rechtsanwalt Andreas Hübscher
lex
go
AG
Bruggerstrasse
69, 5400 Baden
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
1.1
Die 1980 geborene
X.___
,
Mutter einer 2009 geborenen Toch
ter, ist gelernte Friseu
rin
und absolvierte
in
Deutschland
ein Modedesignstudium (Urk.
7
/
3/9-10
,
7/4/3)
.
Zuletzt
arbeitete
sie von Juli 2012
bis im April 2014 in einem Pensum zu 80 % als Filialleiterin in
einer
Bekleidungsboutique
.
Das
Arbeitsverhältnis wurde aus wirtschaftlichen Gründen aufgelöst (Urk.
7/18/1-2
und Urk.
7/18/7
).
Unter Hinweis auf eine
Depression
meldete
sich die
Versicherte am 2. Oktober 2014 bei
der Invalidenversicherung
zum Leistungsbezug an
(Urk.
7/4
). Die Sozialversicherungsan
stalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, wies das Leistungs
begehren mit Verfügung vom 11. September 2015 (Urk.
7/30
) ab.
Dagegen erhob die Versicherte mit an die IV-Stelle gerichtetem Schreiben vom 6.
Oktober 2015 «Rekurs»
(
Urk.
7/32). Auf eine Weiterleitung desselben an das hiesige Gericht ver
zichtete die IV-Stelle, nachdem ihr die Versicherte am 9.
Oktober 2015 telefonisch mitgeteilt hatte, die Beschwerde zwischenzeitlich direkt beim hiesigen Gericht eingereicht zu haben
, weshalb die Beschwerde nicht weitergeleitet werden müsse
(
Urk.
7/33, 7/34).
Ein Beschwerdeverfahren wurde indes in der Folge
von der Ver
sicherten
nicht eingeleitet.
Die Verfügung vom 11.
September 2015 erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
1.2
Am 11. November 2015 (Urk.
7/39
)
meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf eine chronische Depression infolge von
Traumaerlebnissen
erneut bei der Inva
lidenversicherung zum Leistungsbezug an.
Die IV-Stelle tätigte Abklärungen in erwerblicher und medizinischer
Hinsicht
und
wies das Leistungsbegehren der Versicherten
, welche
seit
2. Januar 2017 als
Re
inigungskraft
teilzeitlich
in meh
reren Privathaushalten
tätig war
(vgl. Urk.
7/61),
mit Verfügung vom
2.
März
201
7
(Urk.
7
/66
)
wiederum
ab.
Die dagegen erhobene Beschwerde der Versicherten hiess das hiesige Gericht mit Urteil vom
9.
Oktober 2018 in dem Sinne gut, als es die Sache zu
r ergänzenden medizinischen Abklärung an die Verwaltung zurückwies (
Urk.
7/74
; Prozess-Nr. IV.2017.00392
).
Gestützt auf das hierauf eingeholte Gutachten von PD
Dr.
med.
Y.___
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 1
1.
November 2019 (
Urk.
7/96)
stellte die IV-Stelle der Versicherten mit Vorbescheid vom
7.
September 2020
die Zusprache einer
Viertelsinvalidenrente
rückwirkend ab
1.
Mai 2016 in Aussicht, dies in Anwendung der gemischten Methode ausgehend von einer 80%igen Erwerbstätigkeit im Gesundheitsfall (
Urk.
7/107). Im Einwand dagegen
vom 16.
September 2020
ersuchte die Vers
i
ch
er
te, die Verfügung vom 1
1.
September 2015 in Revision zu ziehen und ihr ab
1.
April 2015 eine
Viertelsrente
und ab
1.
August 2016 (Einschulung der Tochter) eine halbe Invalidenrente zu gewähren (
Urk.
7/109). Am 1
8.
Januar 2021 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, sie trete nicht auf ihr Wiedererwägungsgesuch ein (
Urk.
7/133)
,
und sprach
ihr
mit Verfügung vom
3.
März 2021 die vorbeschiedene Rente zu (
Urk.
7/146)
.
Mit Schreiben vom
5.
März 2021
stellte
die Versicherte klar, dass sie am 16.
September 2020 nicht um Wiedererwägung der Verfügung vom 11.
September 2015, sondern um Revision im Sinne von
Art.
53
Abs.
1
des Bun
desgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG)
ersucht ha
be
, und stellte neuerlich Antrag auf
prozessuale
Revision derselben und Gewährung einer Rente mit Wirkung ab April 2015 (
Urk.
7/153)
. Mit Verfügung
vom
1
2.
April 2021 hob
die IV-Stelle
die Rentenverfügung vom
3.
März 2021 wiedererwägungsweise auf (
Urk.
7/166). Die Versicherte ersuchte am 1
6.
April 2021 unter Hinweis auf ihren Revisionsantrag vom 1
6.
September 2020 neuerlich um Zu
s
prache der beantragten Rente (
Urk.
7/168).
Am
1.
Februar 2021 trat
sie
eine 40
%-Stelle als Ernährungsberaterin und Schönheits-Therapeutin bei der
Z.___
GmbH an (
Urk.
7/170, 7/175)
. Mit neuerlichem Vorbescheid vom 31.
Oktober 2022 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass ihr Leistungsbe
gehren voraussichtlich abgewiesen werde, wobei sowohl eine prozessuale als auch eine materielle Revision aussch
eiden würden
(
Urk.
7/189)
, wogegen die Ver
sicherte Einwand erhob (
Urk.
7/192). Mit Verfügung vom 30.
Mai 2023 hielt die IV-Stelle an der Leistungsverweigerung fest (
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob die Versicherte am
3.
Juli 2023 Beschwerde und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung sowie derjenigen vom 1
1.
September 2015 unter Gewährung einer Invalidenrente ab
1.
April 201
5.
Eventualiter sei die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Beschwerdegegnerin zurückzuwei
sen (
Urk.
1 S. 2). Die Beschwerdegegner
in
schloss in der Beschwerdeantwort vom 1
2.
Septemb
er 2023 auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6), worüber die Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 1
4.
September 2023 in Kenntnis gesetzt wurde (
Urk.
8).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen
des
ATSG, der Verord
nung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bun
desgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) in Kraft getreten. Die angefochtene Verfügung erging nach dem 1. Januar 202
2.
Entsprechend den allgemeinen intertemporal
rechtlichen Grundsätzen (vgl. BGE 144 V 210 E. 4.3.1) ist nach der bis zum 31. Dezember 2021 geltenden Rechtslage zu beurteilen, ob bis zu diesem Zeit
punkt ein Rentenanspruch entstanden ist. Steht ein erst nach dem 1. Januar 2022 entstandener Rentenanspruch zur Diskussion, findet darauf das seit diesem Zeit
punkt geltende Recht Anwendung (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_452/2023 vom 24. Januar 2024 E. 3.2.1 mit Hinweisen).
Auf Grund der im November 2015 anhängig gemachten
Neuanmeldung
könnten allfällige Leistungen frühestens ab Mai 201
6
ausgerichtet werden (vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG)
respektive bei prozessual
-revisionsweiser
Aufhebung der ursprüngli
chen Verfügung vom 1
1.
September 201
5
aufgrund der ersten Anmeldung
zum Leistungsbezug (Oktober 2014) frühestens ab April 201
5.
In dieser übergangs
rechtlichen Konstellation ist die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesene Rechts
lage massgebend, die im Folgenden
soweit nichts anderes vermerkt ist
jeweils in dieser Version wiedergegeben, zitiert und angewendet wird.
Im Urteil vom
9.
Oktober 2018
(
Urk.
7/74)
wurden
die
massgeblichen
Bestimmun
gen und Grundsätze zum Invaliditätsbegriff (
Art.
8
Abs.
1
ATSG
i.V.m
.
Art.
4
Abs.
1
IVG
), zum Anspruch auf eine nach dem Grad der Invalidität abgestuf
te Invalidenrente (
Art.
28 IVG)
und
zur Prü
fung einer revisionsrechtlichen Ände
rung (
Art.
17 ATSG) nach dem Eintreten auf eine
Neuanmeldung
(
Art.
87
Abs.
3 IVV)
bereits dargelegt.
Darauf wird verwiesen.
1.2
Die gesetzliche Regelung betreffend
prozessuale
Revision und Wiedererwägung rechtskräftiger Verfügungen oder
Einspracheentscheide
(
Art.
53
ATSG)
ist im Rahmen der besagten Weiterentwicklung der IV nicht geändert worden, weshalb sich diesbezüglich keine intertemporalrechtlichen Fragen stellen
.
1.
3
1.
3
.1
Gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG
müssen formell rechtskräftige Verfügungen und
Einspracheentscheide
in Revision gezogen werden, wenn die versicherte Person oder der Versicherungsträger nach deren Erlass erhebliche neue Tatsachen ent
deckt oder Beweismittel auffindet, deren Beibringung zuvor nicht möglich war (sog. prozessuale Revision; BGE 143 V 105 E. 2.1; Urteil des Bundesgerichts 8C_206/2020 vom 1. Mai 2020 E. 4.1, je
m.w.H
.).
1.
3
.2
Der Begriff «neue Tatsachen oder Beweismittel» ist bei der (prozessualen) Revision eines Verwaltungsentscheides nach Art. 53 Abs. 1 ATSG gleich auszulegen wie bei der Revision eines kantonalen Gerichtsentscheides gemäss
Art.
61
lit
. i ATSG oder bei der Revision eines Bundesgerichtsurteils gemäss Art. 123 Abs. 2
lit
. a
des Bundesgesetzes über das Bundesgericht (BGG
;
BGE 144 V 245 E. 5.1
m.w.H
.
; Urteil des Bundesgerichts 8C_562/2020 vom 14. April 2021 E. 3.2).
Im Rahmen von Art. 53 Abs. 1 ATSG sind Tatsachen neu, wenn sie sich bis zum Zeitpunkt des Erlasses der Verfügung oder des
Einspracheentscheides
verwirklicht haben, jedoch der das Revisionsgesuch stellenden Person trotz hinreichender Sorgfalt nicht bekannt waren. Die neuen Tatsachen müssen ferner erheblich sein, das heisst sie müssen geeignet sein, die
tatbeständliche
Grundlage des zur Revi
sion beantragten Entscheids zu verändern und bei zutreffender rechtlicher Wür
digung zu einer anderen Entscheidung zu führen (BGE 144 V 245 E. 5.2 und Urteil des Bundesgerichts 8C_531/2020 vom 3. Mai 2021 E. 2.2, je
m.w.H
.). Neue Beweismittel haben entweder dem Beweis der die Revision begründenden neuen erheblichen Tatsachen oder dem Beweis von Tatsachen zu dienen, die zwar im früheren Verfahren bekannt gewesen, aber zum Nachteil der gesuchstellenden Person unbewiesen geblieben sind. Erheblich ist ein Beweismittel, wenn anzu
nehmen ist, es hätte zu einem anderen Entscheid geführt, falls die Verwaltung im früheren Verfahren davon Kenntnis gehabt hätte. Ausschlaggebend ist, dass das Beweismittel nicht bloss der Sachverhaltswürdigung, sondern der Sachverhalts
feststellung dient. Es bedarf dazu neuer Elemente tatsächlicher Natur, welche die Entscheidungsgrundlagen als objektiv mangelhaft erscheinen lassen (vgl. BGE 143 V 105 E. 2.3, vorgenanntes Urteil 8C_531/2020 E. 2.3, je
m.w.H
.).
Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung hat im (prozessualen) Revisionsverfah
ren die gesuchstellende Person die erhebliche neue Tatsache nachzuweisen (BGE 127 V 353 E. 5b; Urteil des Bundesgerichts 9C_764/2016 vom 20. April 2017 E. 3.1
m.w.H
.).
Betrifft der Revisionsgrund eine materielle Anspruchsvo
raussetzung, deren Beurteilung massgeblich auf Schätzung oder Beweiswürdi
gung beruht, auf Elementen also, die notwendigerweise Ermessenszüge aufwei
sen, so ist eine vorgebrachte neue Tatsache als solche in der Regel nicht erheblich. Ein (prozessrechtlicher) Revisionsgrund fällt demnach überhaupt nur in Betracht, wenn bereits im ursprünglichen Verfahren die untersuchende Ärztin oder der untersuchende Arzt und die entscheidende Behörde das Ermessen wegen eines neu erhobenen Befundes zwingend anders hätten ausüben und infolgedessen zu einem anderen Ergebnis hätten gelangen müssen. An diesem
prozessualrevisions
rechtlich
verlangten Erfordernis fehlt es, wenn sich das Neue im Wesentlichen in (differenzial-)diagnostischen Überlegungen erschöpft, also auf der Ebene der medizinischen Beurteilung anzusiedeln ist (BGE 144 V 245 E. 5.3; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_154/2021 vom 11. Mai 2021 E. 4.3.4, je
m.w.H
.).
1.3.3
Neue Tatsachen und Beweismittel im Sinne von Art. 53 Abs. 1 ATSG sind innert 90 Tagen nach ihrer Entdeckung geltend zu machen; nebst dieser relativen Frist gilt eine absolute zehnjährige Frist, die mit der Eröffnung der Verfügung respek
tive des
Einspracheentscheides
zu laufen beginnt (BGE 143 V 105 E. 2.1; Urteil des Bundesgerichts 8C_206/2020 vom 1. Mai 2020 E. 4.2, je
m.w.H
.).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
verneinte
einen Rentenanspruch im angefochtenen Ent
scheid
(
Urk.
2)
unter dem Blickwinkel der materiellen Revision
mit der Begrün
dung, die Befundlage habe sich seit der Verfügung vom 1
1.
September 2015 nicht relevant verändert. Im Vergleich zur psychiatrischen Beurteilung von
Dr.
A.___
vom 3
0.
Januar 2015 ha
ndle
es sich bei der
psychiatrischen
Beurteilung von
PD
Dr.
Y.___
um eine andere Beurteilung desselben Sachverhalts. Der Gesundheits
zustand der Beschwerdeführerin habe sich insgesamt seither nicht verschlechtert.
Was die verlangte prozessuale Revision der Verfügung vom 1
1.
September 2015 anbelange, werde auf die Begründung im Vorbescheid verwiesen
,
wonach
das Kriterium d
er
Erheblichkeit der neuen Tatsachen oder Beweismittel nicht erfüllt sei, enthalte die Beurteilung von
Dr.
A.___
doch keine gravierenden oder unver
tretbaren Fehldiagnosen (
Urk.
7/189/2).
2.2
Die Beschwerdeführerin vertritt dagegen
zusammengefasst
den Standpunkt
,
dass
die
Beurteilung
von
Dr. A.___
aufgrund der von PD
Dr.
Y.___
in seinem Gutachten unmissverständlich aufgezeigten Mängel in der gutachterlichen Vorgehensweise schlicht falsch gewesen sei und er infolgedessen ihre eigentliche psychische Stö
rung, die komplexe posttraumatische Belastungsstörung, gar nicht und die affek
tive Störung nicht richtig erfasst habe. Gleicher Meinung seien die Ärztinnen des regionalen ärztlichen Dienstes (RAD) gewesen
(
Urk.
1 S. 5). Entsprechend liege mit dem Gutachten von PD
Dr.
Y.___
ein Revisionsgrund im Sinne von
Art.
53
Abs.
1 ATSG vor. Nachdem ihr dasselbe am
2.
September 2020 zugestellt worden sei, habe sie das Revisionsgesuch am 1
6.
September 2020 fristgerecht gestellt (S.
7). Da die Verfügung vom
1
1.
September 2015, wie darin explizit ausgeführt, ausschliesslich auf dem mangelhaften Gutachten von
Dr.
A.___
beruht habe, sei die Verfügung vom 3
0.
Mai 2023 aufzuheben und das Revisionsgesuch unter Aufhebung der Verfügung vom 1
1.
September 2015 gutzuheissen.
Im Rahmen des neuen Entscheids sei gestützt auf das Gutachten von PD
Dr.
Y.___
von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit in jeglicher Tätigkeit seit 2014 auszugehen. Die Bemes
sung des Invaliditätsgrades habe initial nach der gemischten Methode zu erfol
gen, dies bei einem Erwerbsanteil von 80
%
. Ab Einschulung der Tochter (August 2016) wäre sie im Gesundheitsfall zu 100
%
erwerbstätig gewesen (S. 8).
Bei ansonsten gleichbleibenden Bemessungsgrundlagen, wie sie die Beschwerdegeg
nerin der Verfügung vom 3.
März
2021
zugrunde gelegt habe, resultiere mit Wir
kung ab
1.
April 2015 ein Anspruch auf eine
Viertelsrente
und ab
1.
August 2016 au
f
eine halbe Invalidenrente (S. 9).
2.3
Mit Blick auf die Parteivorbringen gilt es zu prüfen, ob die
Beschwerdegegnerin zu Recht einen Revisionsgrund im Sinne von
Art.
53
Abs.
1 ATSG verneint
hat
oder ob sie auf die Verfügung vom 1
1.
September 2015 unter diesem Titel hätte zurückkommen müssen.
3.
3.1
Die Beschwerdegegnerin verneinte einen Rentenanspruch der
Beschwerdeführe
rin
mit
Verfügung vom 1
1.
September
2015
(
Urk.
7/30) gestützt auf die im Auf
trag der Krankentaggeldversicherung
am 3
0.
Januar 2015
erstellte Expertise von
Dr.
med.
A.___
, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe,
mit Zusatzqualifika
tionen in Psychosomatischer und Psychosozialer Medizin (SAPPM), als Vertrau
ensarzt (SGV) und in delegierter Psychotherapie (FMPP
;
Urk.
7/26
;
vgl. Feststel
lungsblatt vom 3
0.
Juni 2015,
Urk.
7/28/3).
Dr.
A.___
schloss gestützt auf seine Untersuchung vom 1
6.
Januar 2015 und zwei Berichte des Sanatoriums
B.___
, wo die
Beschwerdeführerin
ab
2
3.
Mai 201
4
i
n
ambulanter Behandlung stand (vgl.
Urk.
7/24
/6
), dass die in den Akten doku
mentierte rezidivierende depressive Störung gegenwärtig remittiert sei.
Es fänden sich noch leichte depressive Symptome, die jedoch durch eine mögliche Non-Compliance bei einem Serumspiegel von
Trittico
, welcher das 100-fache des unteren Referenzwertes unterschreite (vgl. dazu: S. 3), relativiert würden.
Ab dem Untersuchungszeitpunkt bestehe aufgrund d
er gemäss
ICD-10 F33.4
codierten Störung
noch eine 20%ige Arbeitsunfähigkeit
. Ab 1
5.
Februar 2015 bestehe keine Arbeitsunfähigkeit mehr, sofern eine adäquate und konsequente Therapie durch
geführt werde (S. 12 f.).
Als Diagnose ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit führte
Dr.
A.___
Probleme in Bezug auf vermuteten sexuellen Missbrauch in der
Kind
heit (ICD-10 Z61.4)
an
(S. 12
), dies unter anderem in Kenntnis des anamnestisch erhobenen sexuellen Missbrauchs durch den älteren Bruder, einer Bedrohung mit einem Messer, einer Mutter, welche passiv geblieben sei und sie der Lügen bezichtigt habe, in der Kindheit aufgetretener Störungen mit Einnässen, fehlen
de
n
Freundschaften und eigenanamnestisch seit ungefähr 2005 aufgetretene
n
depressive
n
Störungen (
S. 5 f.).
3.2
Die Beschw
erdeführerin beruft sich zur Begründung der prozessualen Revision auf das
psychiatrische
Gutachten von PD
Dr.
Y.___
vom 1
1.
November 2019 (
Urk.
7/96)
.
Der Gutachter schloss auf folgende Diagnose (S. 19)
-
Komplexe posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) mit
-
s
chwerer Neurasthenie (ICD-10 F48.0)
-
m
ittelgradige
n
depressive
n
Episoden (ICD-10 F32.1)
Die Beschwerdeführerin sei in einer psychotraumatisierenden Familie aufgewach
sen, die gravierende Spuren habe hinterlassen müssen. Ihren leiblichen Vater habe sie nur einmal gesehen, dann sei
sie
von der Mutter zusammen mit der Zwillingsschwester und einem Bruder dem älteren Bruder übergeben worden, die Mutter sei abgehauen, eine regelrechte Bindung zur Mutter habe nicht aufgebaut werden können. Als sie der Mutter im Alter von fünf Jahren nach Deutschland nachgereist sei, habe
die Beschwerdeführerin
diese als derart fremd erfahren, dass
sie
nie eine Mutterfigur habe internalisieren können. Diese habe sie zudem fast täglich willkürlich und unberechenbar geschlagen und bestraft. Zudem sei sie von ihrem jüngeren
[wohl: älteren]
Bruder im Kindergartenalter mehrmals sexuell missbraucht worden (S. 21). Aufgrund dieser schwerwiegenden systemischen Ausgangslage habe die Beschwerdeführerin ohne Zweifel nie die Möglichkeit gehabt, stabile versichernde und präsente Elternbilder zu internalisieren, welche es ihr ermöglicht hätten, einen stabilen Narzissmus zu entwickeln
, um sich sodann in späteren Lebensabschnitten in Belastungs- und Konfliktsituationen mit einem sicheren und unterstützenden inneren Objekt identifizieren zu können (S.
21).
Der Kern der innerpsychischen Struktur der Beschwerdeführerin sei also eine aus
geprägte narzisstische Schwäche. Jedoch fehlten, wie näher erläutert, die Ein
gangskriterien für eine eigentliche narzisstische Persönlichkeitsstörung, wie sie fälschlicherweise im Bericht des Sanatoriums
B.___
vom 2
7.
Dezember 2016
(vgl.
Urk.
7/63)
mitdiagnostiziert worden sei (S. 21 f.). Auch greife die diagnosti
sche Einordnung einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung zu kurz
. Zwar lägen
eine defizitäre Affektreagibilität und eine gewisse
emotionale Instabilität vor, doch fehlten anamnestisch Hinweise auf Selbstverletzungen und eine wie
derholte oder gar anhaltende Suizidalität. Auch habe die Beschwerdeführerin eine unauffällige Berufslehre zur
Coiffeuse
durchlaufen.
Die anankastischen und emotional instabilen Persönlichkeitsanteile könnten viel
mehr einer komplexen posttraumatischen Persönlichkeitsstörung (
kPTBS
) zuge
ordnet werden (S. 23). Aufgrund der subjektiven Angaben der Beschwerdeführe
rin zu ihrem Aufwachsen in ihrer Ur
sp
rungsfamilie beste
he
kein Zweifel daran, dass
sie in einem Familiensystem aufgewachsen sei, welches zur Entwicklung einer
kPTBS
prädestiniere
, wobei neben den perfektionistischen und emotional instabilen psychostrukturellen Anteilen auf die bereits seit Kindheit bestehende hohe Tendenz zur Somatisierung, auf die seit früher Kindheit erlebte Bedrückt
heit, die ganz erhebliche Bindungsstörung und auf die mit dieser einhergehenden ganz erheblichen interaktionellen Schwierigkeiten hinzuweisen sei (S.
25).
Diese schwerwiegende psycho
strukturelle Störung könne nur mit einer eingehen
den Systemanamnese erfasst werden. Dies sei in den bisherigen Akten leider nicht erfolgt (S. 25).
Die Affektpathologie sei ein sekundäres Phänome
n
der primären psychostruktu
rellen Pathologie und Ausdruck der primären narzisstischen Fragilität. Die depressive Störung scheine seit 2003 weitgehend anhaltend vorzuliegen, wobei aktuell eine mittelgradige depressive Episode
vorliege
(S
.
26 f.). Was die psycho
sozialen Belastungsfaktoren mit strapazierter beruflicher und finanzieller Situa
tion der alleinerziehenden Beschwerdeführe
r
in
anbelange, würde bei einer Ein
stufung derselben als invaliditätsfremd ausgeklammert
, dass sich die Beschwerdeführerin aufgrund der
kPTBS
nicht auf adäquate Abwehrmechanis
men abstützen könne, sodass
jedwelche
äussere Belastungssituationen zu einer Re-Exazerbation der psychischen Beschwerden prädestinierten (S. 28).
Zum Gutachten von
Dr.
A.___
vom 3
0.
Januar 2015 hielt PD
Dr.
Y.___
fest
,
zwar werde die persönliche Anamnese
in verdienstvollem Detail ausgeführt. Jedoch finde sich erstaunlicherweise keine Systemanamnese, das heisse, die früheren Beziehungsgestaltungen in der Ursprungsfamilie würden ebenso wenig beschrie
ben wie diejenigen in der Berufsgestaltung gewürdigt. Die
s
stelle einen relevanten Mangel in diesem Gutachten dar, weil somit die innerpsychische Struktur der Beschwerdeführerin nicht habe erfasst werden können. Infolgedessen sei eine fal
sche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit erfolgt (S. 31)
.
Was die qualitativen Funktionsfähigkeiten der Beschwerdeführerin anbelange, sei die
kPTBS
von hauptsächlicher Relevanz. Diese liege zudem der beschriebenen Affektpathologie in Form der depressiven Störung zugrunde, mit welcher eine erhebliche Antriebsminderung einhergehe. Zwar führe die Gesamtschau der diversen Tagesaktivitäten der Beschwerdeführerin zum Schluss, dass
aktuell ein hohes Teilzeitpensum im ersten Arbeitsmarkt vorliege (gemeint wohl: eine hohe Teilarbeitsfähigkeit),
doch
sei dasselbe nicht reales Abbild ihrer eigentlichen Funktionsfähigkeiten, weil sie damit deutlich über ihre innerpsychischen Res
sourcen hinausgehe und eine vollständige psychische Dekompensation drohe (S.
33).
In der bisherigen wie auch einer angepassten Tätigkeit bestehe eine Arbeitsfähig
keit von 50
%
, wobei die Tätigkeit idealerweise in kleinen Teams stattfinde, wo die Beschwerdeführerin ernstgenommen werde
,
sich wertgeschätzt fühle
und ihre grundsätzlich guten intellektuellen und allgemeinen kognitiven Ressourcen ein
bringen könne
. Vorzugsweise sollte es sich um Berufsbranchen handeln, welche den weiteren beruflichen Ausbildungen, die die Beschwerde
führerin
zwischen
zeitlich durchlaufen habe, entsprächen (S.
35).
Im zeitlichen Verlauf sei seit 2014 von dieser Arbeitsunfähigkeit auszugehen, ergäben sich doch weder aus den
Vorakten
noch aufgrund der Angaben der Beschwerdeführerin in der hiesigen Begutachtung Hinweise auf eine seither ein
getretene Zustandsverbesserung.
Zur Frage nach
einer
allfälligen Verschlechte
rung des Gesundheitszustandes seit Januar 2015, zu welchem Zeitpunkt die depressive Störung als remittiert beurteilt worden sei, erklärte PD
Dr.
Y.___
, gemäss den von
Dr.
A.___
mitgelieferten Untersuchungsbefunden sei dannzumal keine remittierte depressive Störung vorgelegen
und
Dr.
C.___
vom
Sanatorium
B.___
habe in einem Bericht vom 2
7.
Januar 2015 eine aktuell mittelschwere depressive Episode diagnostiziert (S. 36).
3.3
Die RAD-Ärztin
Dr.
med.
D.___
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychothera
pie, nahm am 2
3.
März 2020 zum Gutachten Stellung und empfahl
,
vollumfäng
lich auf dasselbe abzustellen. Seit 2014 und aktuell bis mittelfristig sei die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin im ersten Arbeitsmarkt um die Hälfte reduziert. Die Einschränkungen seien plausibel und resultierten im Wesentlichen aus der dargestellten Bindungsstörung und darauf resultierenden gutachterlich gestellten Diagnosen. Der Gesundheitszustand habe sich seit 2015 nicht verändert (
Urk.
7/105/5).
4.
4.1
Die Beschwerdeführerin stützt
ihr Gesuch um Revision der ursprünglichen Ver
fügung vom 1
1.
September 2015 auf das Gutachten von PD
Dr.
Y.___
vom 1
1.
September 201
9.
Zu Recht unbestritten blieb dabei, dass sie das Gutachten erst im September 2020 erhalten hat
te
(vgl. dazu: E. 2.2,
Urk.
7/99) und am 16.
September 2020 ihr Revisionsgesuch (
Urk.
7/109/2-3) innert der 90-tägigen Frist
rechtzeitig im Sinne von
Art.
53
Abs.
1 ATSG
stellte.
4.2
In formeller Hinsicht machte die Beschwerdeführerin indes nicht geltend, es sei ihr trotz hinreichender Sorgfalt unmöglich gewesen, die Tatsachen und Beweis
mittel, die sie nunmehr für eine prozessuale Revision anruft, bereits im ursprüng
lichen Verfahren beizubringen. Die Revision ist ein ausserordentliches Rechtsmit
tel und dient nicht einfach der Weiterführung des Verfahrens. Es obliegt den Prozessparteien, rechtzeitig und prozesskonform zur Klärung des Sachverhalts entsprechend ihrer Beweispflicht beizutragen. Dass es ihnen unmöglich war, Tat
sachen und Beweismittel bereits im früheren Verfahren beizubringen, ist nur mit Zurückhaltung anzunehmen. Entsprechend hat die gesuchstellende Person im Revisionsgesuch darzutun, dass sie die Beweismittel im früheren Verfahren trotz hinreichender Sorgfalt nicht beibringen konnte
(BGE 138 II 386 E. 5.1;
Urteil des Bundesgerichts 8C_644/2022 vom
8.
Februar 2023 E.
4.1.1
mit weiteren Hinwei
sen
).
Die Beschwerdeführerin machte weder im Revisionsgesuch vom 1
6.
September 2020 (
Urk.
7/109) noch mit der Beschwerde in diesem Verfahren geltend, die Bei
bringung der Tatsachen und Beweismittel, die sie nunmehr anruft, sei ihr im ursprünglichen Verfahren nicht möglich gewesen. Insbesondere legte sie nicht dar, weshalb sie mittels Anfechtung der Verfügung vom 1
1.
September 2015 die Beweiskraft der Expertise von
Dr.
A.___
nicht hätte in Zweifel ziehen
und
dabei die
nunmehr geltend gemachte
ungenügende
Erhebung und
Berücksichtigung ihrer traumatischen Kindheitserlebnisse
respektive ihrer Psychostruktur
bei der Beurteilung ihres Gesundheitszustandes hätte monieren können. Bereits in for
meller Hinsicht
erfüllt das Revisionsgesuch folglich die gesetzlichen Vorausset
zungen von
Art.
53
Abs.
1 ATSG (E. 1.
3
.2) nicht.
4.
3
In materieller Hinsicht
ist darüber hinaus zu ergänzen, dass n
eue medizinische Expertisen, die im Verfahren, das zur früheren Verfügung geführt hat, keine gra
vierende und unvertretbare Fehldiagnose feststellen, das Kriterium der Erheblich
keit nicht
erfüllen
. Aufgrund der Symptome lassen sich Krankheiten oft nicht klar voneinander abgrenzen. Es wäre nicht sinnvoll, wenn jede im Nachhinein korri
gierte Diagnose eine Revision begründen könnte, zumal der erhobene Krankheits
befund nicht grundlegend für das Mass der
Arbeits
(
un
)
fähigkeit
und damit die Beurteilung des Invaliditätsgrades ist (BGE 144 V 245 E.
5.4).
Damit ein neues Beweismittel einen Revisionsgrund bilden kann, muss es den Fehler in der frühe
ren Beweisgrundlage eindeutig aufzeigen. Nur auf diesem Weg ist zu vermeiden, dass immer wieder neue Beweismittel produziert werden, um eine Revision in Gang zu bringen (BGE 144 V 245 E.
5.5.5).
4.
4
Die Beschwerdeführerin erblickt
in
der
von
Dr.
A.___
angeblich
unterlassenen Systemanamnese sowie
dessen
unstrukturiert und unvollständig erhobene
n
Befund
e
einen materiellen Revisionsgrund, habe doch
Dr.
A.___
angesichts dieser Mängel in der Begutachtung ihre innerpsychische Struktur gar nicht und die affektive Störung nicht richtig erfasst, weshalb er eine gravierende Fehldiagnose gestellt habe (
E. 2.2,
Urk.
1 S. 6 f.).
Hierbei stützte sie sich auf die gutachterliche Beurteilung von PD
Dr.
Y.___
vom 1
1.
November 2019, welcher sich explizit für die Mangelhaftigkeit des Gutachtens von
Dr.
A.___
vom 3
0.
Januar 2015 ausge
sprochen hatte (E. 3.2).
4.
5
Was die Beweiskraft des Gutachtens von PD
Dr.
Y.___
vom 1
1.
November 2019 (E. 3.2) anbelangt,
trägt
d
ieses der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung zum Beweiswert eines Arztberichts
zwar insofern Rechnung,
als
es
für die streitigen Belange umfassend
ist
,
auf den notwendigen
fachärztlichen
Untersuchungen
beruht
,
die geklagten Beschwerden
b
erücksichtigt
und
in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese)
erging
(BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis; Urteil des Bundesgerichts 8C_385/2023 vom 30. November 2023 E. 4.2.1).
Sodann setzte
sich PD
Dr.
Y.___
einlässlich mit den
Vorakten
und dabei insbesondere dem Gutachten von
Dr.
A.___
vom 3
0.
Januar 2015
(
Urk.
7/26)
auseinander
(Urk.
7/96 S. 31 und S. 36)
.
Auch
erweist sich seine
Schlussfolgerung, wonach die Beschwerdeführerin in einer psychotraumatisierenden Familie aufgewachsen sei und diese schwerwiegende systemische Ausgangslage der Entwicklung eines stabilen Narzissmus entgegengestanden sei,
als nachvollziehbar
.
Hinsichtlich der von ihm gestellten Hauptdiagnose
einer
kPTBS
gemäss ICD-10 F43.1
(
Urk.
7/96 S. 19)
ist zur gutachterlichen Codierung dieser Störung festzu
halten, dass
sich
eine explizite Codierung der
kPTBS
er
st
in der
ICD-
11
(ICD-11 6B41)
findet
und die Codierung nach ICD-10 F43.1
das Störungsbild de
r
kPTBS
nicht vollständig umfasst
.
Indes kommt es für
die Belange der Invalidenversiche
rung
letztlich
nicht auf die Diagnose an, sondern einzig darauf, welche Auswir
kungen eine Erkrankung auf die Arbeitsfähigkeit hat (BGE 136 V 279 E. 3.2.1; Urteil
des Bundesgerichts
9C_524/2020 vom 2
3.
November 2020 E.
5.1)
.
Was die Herleitung
und Begründung einer Traumafolgestörung anbelangt, bedarf es rechtsprechungsgemäss einer besonderen Achtsamkeit (BGE 142 V 342 E. 5.2.2).
Dies gilt zunächst für das Belastungskriterium, mithin das auslösende Trauma. Dieses ist nicht in erster Linie und allein von der Gutachterperson bzw. vom Arzt selbst zu klären, aber von diesem zwingend zu referieren. Nebst der für die Bejahung einer
posttraumatischen Belastungsstörung (
PTBS
)
bedeutsamen Schwere des Belastungskriteriums erfordert die Latenzzeit zwischen initialer Belastung und Auftreten der Störung eine eingehende Prüfung. Diese beträgt nach ICD-10 wenige Wochen bis (sechs) Monate. Besondere Begründung braucht es dabei in jenen Fällen, in denen ganz ausnahmsweise aus bestimmten Gründen ein späterer Beginn berücksichtigt werden soll (BGE 142 V 342 E. 5.2.2).
Was das auslösende Trauma respektive die anamnestisch geschilderten Traumata mit unter anderem mehrmalige
m
sexuellem Missbrauch im Kindergartenalter durch den Bruder anbelangt, wurden diese rechtsgenüglich referiert (
Urk.
7/96
S.
21
)
. Auch legte PD
Dr.
Y.___
, was den Zeitpunkt des
Auftreten
s
von Sympto
men bereits in der Kindheit
anbelangt, dar, dass sich
unter anderem
eine
Bin
dungsstörung auf dem Boden der narzisstischen Schwäche schon früh bemerkbar gemacht habe (
Urk.
7/96 S. 22)
.
Indes
referierte er die Kernsymptome einer
PTB
S,
nämlich
Wiedererinnerung, Vermeidung und Übererregung
, welche auch für die Definition einer
k
PTBS
gefordert werden
(
Hecker/
Maercker
, Komplexe posttrau
matische Belastungsstörung nach ICD-11,
Zur
i
ch
Open Repository and Archive, University
of
Zurich
,
2015,
S
. 14,
abrufbar
unter:
www.zora.uzh.ch
[abgerufen am
23
.02.2024])
,
nicht respektive ungenügend.
Nachhallerinnerungen oder Flashbacks wie auch ein Vermeidungsverhalten
(abgesehen
von einem im Zeit
punkt der Begutachtung aktuellen Verzicht auf sexuelle Beziehungen zu Män
nern,
Urk.
7/96 S. 16)
wurden von der Beschwerdeführerin anamnestisch denn auch weder in der Kindheit noch aktuell geklagt
(
Urk.
7/96 S. 13 f.) und vom Gutachter offensichtlich nicht erfragt.
Entsprechend kann die Diagnose einer
kPTBS
nicht als gesichert gelten.
4.
6
Im Lichte dessen
kann der gutachterlichen Beurteilung von PD
Dr.
Y.___
nicht ohne Weiteres gefolgt werden
. Folglich
bietet
seine
neu gestellte Diagnose einer
kPTBS
auch nicht
Anlass, frühere
diagnostische Einschätzungen
als unvertretbar zu erachten (BGE 144 V 245 E. 5.4). Dies gilt umso mehr, als der Beurteilung von PD
Dr.
Y.___
keine neuen, bisher unbekannten revisionsrechtlich relevanten Tat
sachen zugrunde liegen. Wenn auch d
er
Expertise von
Dr.
A.___
vom 30.
Januar 2015 (E. 3.1) durchaus Schwächen anhaften
, s
o
lagen ihr doch eine eingehende Anamnese inklusive der Erfassung der aktuellen Beschwerden, der Krankheits
entwicklung,
eine
Familien- und Beziehungs- sowie
eine
Sozial- und Berufsana
mnese zugrunde (
Urk.
7/26 S. 5-8).
Der
Schluss
von
Dr. A.___
, wonach neben der rezidivierenden depressiven Episode, remittiert, lediglich Probleme in Bezug auf vermuteten sexuellen Missbrauch in der Kindheit
im Sinne einer sogenannten Z-Diagnose (
ICD-10 Z61.4
)
vorlägen (
Urk.
7/26 S. 12), fehlt es
zwar
an einer
überzeugenden
Begründung (
Urk.
7/26 S.
12)
. Indes
er
ging
seine
Beurteilung
durchaus
in Kenntnis
der lebensgeschicht
lichen Belastungen und
der
bereits früh aufgetretenen psychischen Probleme der Beschwerdeführerin
. So wusste er um
den
sexuellen Missbrauch durch den älteren Bruder, d
ie
Bedrohung mit einem Messer,
die
Mutter, welche passiv
blieb, die Beschwerdeführerin
der Lügen bezichtigt
e
und zu welcher sie wie auch zum Vater keinen Kontakt mehr h
at
,
die in d
er
Kindheit aufgetretene
n
Störungen mit Ein
nässen, fehlende Freundschaften und eigenanamnestisch seit ungefähr 2005 auf
getretene depressive Störungen (Urk.
7/26 S. 5
f
.).
Dr.
A.___
konnte
sich
im Lichte dieser anamnestischen Angaben
jedenfalls
ein
Bild über die Beziehungsgestal
tungen der Beschwerdeführerin in der Ursprungsfamilie machen
, schloss aber angesichts de
r
im Wesentlichen unauffälligen Befunde
mit nur leichten depressi
ven Symptomen
bei auffällig tiefen Serumspiegelwerten von
Trittico
als einzigem eingenommenen Medikament
letztlich
auf keine Störung mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
, dies unter zumutbarer leitlinienkonformer Therapie
(
Urk.
7/26 S. 10 und S. 12)
. Dass ihm
für diese Beurteilung
massgebliche, erst nachträglich zu Tage getretene
lebensgeschichtliche
Tatsachen
oder Befunde
nicht bekannt waren,
lässt sich auch dem Gutachten von PD
Dr.
Y.___
nicht entnehmen
. Der beweisrechtliche Mangel einer
allfällig
ungenügenden Berück
sichtigung anamnestischer Angaben bei der Beurteilung
der Psychostruktur der Beschwerdeführerin und damit
einhergehend
ihres
Gesundheitszustandes
und ihrer Leistungsfähigkeit
ebenso wie eine
nicht abschliessend nachvollziehbare
Begründung einer Diagnose bilden indes keine revisionsrechtlich
erheblichen
neuen Tatsachen im Sinne von
Art.
53
Abs.
1 ATSG, sondern
Beweismängel einer Expertise, welche
im ordentlichen Rechtsmittelverfahren geltend zu machen gewese
n
wären
.
Sodann zog
Dr.
A.___
im Lichte der von ihm erhobenen psychopathologischen Befunde
bei einem Verdacht auf eine mögliche Non-Compliance
(
Urk.
7/26/12
f.
)
keine
offensichtlich
unhaltbaren Schlüsse. M
it Blick auf das
anamnestisch erho
bene,
langjährig hohe Leistungsniveau der Beschwerdeführerin
mit Weiterbildun
gen und
qualifizierter Berufstätigkeit
selbst neben der Mutterschaft
(vgl. dazu: Berufsanamnese in
Urk.
7/26/9-10)
drängten sich zumindest dannzumal ergän
zende Abklärungen im Hinblick auf eine massgebliche psychostrukturelle Stö
rung
trotz erheblicher lebensgeschichtlicher Belastungen
nicht zwingend au
f.
Der Beschwerdeführerin gelingt es nach dem Gesagten nicht, gestützt auf das Gutachten von PD
Dr.
Y.___
revisionsrechtlich erhebliche neue Tatsachen vor
zubringen respektive die von
Dr.
A.___
gestellten Diagnosen als gravierende und unvertretbare Fehldiagnosen erscheinen zu lassen (BGE 144 V 245 E. 5.4).
Ent
sprechend sind die Voraussetzungen von
Art.
53
Abs.
1 ATSG nicht erfüllt.
5.
Nachdem die Beschwerdeführerin eine Zustandsverschlechterung seit Erlass der Verfügung vom 1
1.
September 2015 nicht geltend machte, sondern
sich explizit dafür aussprach, dass die Erkrankung
,
wie sie
Dr.
A.___
im Januar 2015 zu begutachten gehabt habe, genau die gleiche gewesen sei, wie sie PD
Dr.
Y.___
beurteilt habe (
Urk.
1 S. 7),
besteht kein
Anlass, den angefochtenen Entscheid unter materiell-revisionsrechtlichen Gesichtspunkten zu überprüfen
, was mit der Beschwerde denn auch nicht gefordert wurde
.
Gegen eine Verschlechterung
des Gesundheitszustandes
sprechen denn auch die Akten
:
So schilderte die Beschwer
deführerin gegenüber PD
Dr.
Y.___
eine Verbesserung ihrer Grundstimmung
im Vergleich zu 2015
wie auch der früher aufgetretenen Panikattacken (
Urk.
7/96 S.
14 f.).
Die Beschwerdeführerin
nahm
nach Beendigung der ambulant-psychiatri
schen Behandlung im Sanatorium
B.___
per Ende 2016
(vgl. dazu:
Urk.
7/63)
lediglich noch einige Male eine psychiatrische Behandlung in
E.___
in Anspruch
und nahm keine Medikamente mehr ein (
Urk.
7/96 S. 17).
Sodann erlangte sie im April 2016 an der
F.___-Schule
das Bürofach-Diplom und absolvierte zwi
schen April und Oktober 2016 an derselben Schule den Lehrgang zum Handels
diplom, dies ebenfalls
mit Diplomabschluss
. Zwischen April 2018 und März 2019 bildete sie sich zudem an der
Schule G.___
zur diplomierten Ernährungsberaterin aus (
Urk.
7/96 S. 9 f.), dies neben der im Januar 2017 auf
genommenen Reinigungstätigkeit (
Urk.
7/96 S. 11
)
, was alles auf eine erhebliche Ressourcenlage schliessen lässt.
Sodann bildet der von der Beschwerdeführerin per August 2016 behauptete Methodenwechsel von der gemischten Methode (80
%
Erwerb/20
%
Haushalt) zu
einem reinen Einkommensvergleich
keinen Revisionsgrund, basierte doch die ursprüngliche Verfügung vom 1
1.
September 2015 nicht auf der gemischten Methode, sondern wurde einzig mit dem Fehlen gesundheitlicher Einschränkun
gen mit bleibendem und erheblichem Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit begründet (
Urk.
7/30/1-2).
Zusammengefasst erweist sich der angefochtene Entscheid als rechtens, was zur Abweisung der Beschwerde führt.
6.
Die Gerichtskosten
gemäss
Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind auf Fr. 700.-- anzusetzen und
ausgangsgemäss
der Beschwerdeführerin aufzuerlegen.
Das Gericht erkennt:
1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
700
.-- werden
der Beschwerdeführerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Andreas Hübscher
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
4.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundesge
setzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebenten Tag vor Ostern bis und mit dem siebenten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit dem 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismit
tel und die Unterschrift
der
beschwerdeführenden
Partei oder ihrer Rechtsvertretung
zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkun
den sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
GräubLanzicher