# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 3a5d11ec-1590-58ea-95c0-3a11bf2ecc6b
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2017-06-28
**Language:** de
**Title:** Wiedererwägungsweise Aufhebung der Rentenzusprache wegen posttraumatischer Belastungsstörung rechtens, Abweisung. (BGE 8C_648/2017)
**Docket/Reference:** IV.2016.00678
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2016.00678.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2016.00678
II. Kammer
Sozialversicherungsrichter Mosimann, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichter Bachofner
Ersatzrichterin Romero-Käser
Gerichtsschreiber Brugger
Urteil
vom
28. Juni 2017
in Sachen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch Rechtsanwältin Pia Dennler-Hager
Anwaltsbüro Pia Dennler, Weinberg
Steiggasse 3, Postfach 1712, 8401 Winterthur
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
1.1
X.___
, geboren 1971, ist Vater von vier Kindern (geboren 1997, 1998
, 2000 und 2002,
Urk.
8/8
Ziff.
3.1). Der Versicherte war von April 2002 bis zur Kündigung per 3
0.
Juni 2007 als Office Steward und
Pizzaiolo
bei der
Y.___
AG,
angestellt (
Urk.
8/14/2
Ziff.
2.1, 2.2 und 2.7). Unter Hinweis auf eine psychische Erkrankung meldete er sich am
3.
Oktober 2007 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
8/8
Ziff.
7.2). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holt
e
ein
bidis
zi
plinäres
Gutachten
(
Urk.
8/24)
ein, das am 1
4.
August 2009 erstattet wurde. Mit
Verfügung vom 2
4.
Dezember 2009 (
Urk.
8/34) sprach
sie
dem Versicherten rück
wirkend ab dem
1.
Oktober 2007 eine ganze Rente zuzüglich Kinderrenten zu.
1.2
Die IV-Stelle gab anlässlich
einer im September 2013 eingeleiteten Revision (vgl.
Urk.
8/38 S.
3 unten) ein polydisziplinäres Gutachten
(
Urk.
8/57)
in Auf
trag, das am 2
4.
Oktober 2014 erstattet wurde. Am
4.
Dezember 2015 erliess
sie
den Vorbescheid (
Urk.
8/61).
Der
Versicherte brachte dagegen Einwände vor (
Urk.
8/64,
Urk.
8/68,
Urk.
8/73
-75
,
Urk.
8/77-78,
Urk.
8/89
).
Mit Verfügung vom
9.
Mai 2016 (
Urk.
8/94 =
Urk.
2) hob die IV-Stelle
die mit
Verfügung vom 2
4.
Dezember 2009 zugesprochene Rente
wiedererwägungs
weise
für die Zukunft auf.
2.
Der Versicherte erhob am
9.
Juni 2016 Beschwerde gegen die Verfügung vom
9.
Mai 2016 (
Urk.
2) und beantragte, in Aufhebung der Verfügung sei der Ren
tenanspruch mit Wirkung ab 1
2.
Mai 2016 zu bestätigen
. Er sei gerichtlich be
gutachten zu lassen und eventuell persönlich anzuhören (
Urk.
1 S. 2
Ziff.
1-3).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 1
0.
August 2016 (
Urk.
7) die Abweisung der Beschwerde. In Bewilligung des Gesuchs vom
9.
Juni 2016 (
Urk.
1 S.
40
Ziff.
5)
bewilligte
das Gericht dem Beschwerdeführer di
e unent
geltliche Prozessführung,
bestellte Rechtsanwältin Pia Dennler-Hager, Winterthur,
als unentgeltliche Rechtsvertreterin für das vorliegende Verfahre
n und stellte ihm
eine Kopie
der Beschwerdeantwort zu
(
Urk.
12 Dispositiv
Ziff.
1-2).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
IVG
)
in Verbindung mit Art. 8
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (
ATSG
)
bewirken.
Rechtsprechungsgemäss
ist bei psychischen Beeinträchti
gung
en zu prüfen, ob ein seelische
s Leiden
mit Krankheitswert besteht, welche
s
die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein
rentenausschliessendes
Erwerbseinkommen zu erzielen (Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG;
BGE 139 V 547
E. 5;
131 V 49
E. 1.2;
130 V 352
E. 2.2.1; vgl. Urteile des Bundesgerichtes 8C_614/2015 vom 15. Dezember 2015 E. 5
und 9C_125/2015 vom 18. November 2015 E.
5.4.
).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt grundsätzlich eine lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte psy
chiatrische Diagnose voraus (vgl. BGE 130 V 396; Urteile des Bundesgerichts 8C_616/2014 vom 25. Februar
201
5
E. 5.3.3.3 und 9C_739/2014 vom 30. Novem
ber 2015 E. 3.2). Eine fachärztlich festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Inva
li
dität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbs
fähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätio
logie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Es ist nach einem weit
gehend objektivierten Massstab zu beurteilen, ob und inwiefern der versicherten Person trotz ihres Leidens die Verwertung ihrer Restarbeitsfähigkeit auf dem ihr nach ihren Fähigkeiten offen stehenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt noch sozial-praktisch zumutbar und für die Gesellschaft tragbar sei (BGE 141 V 281 E. 3.7.3; 136 V 279 E. 3.2.1; BGE 127 V 294 E. 4c; vgl. Urteile des Bundesge
richtes 8C_614/2015 vom 15. Dezember
2015 E. 5 und 8C_731/2015 vom 18. Ap
ril 2016 E. 4.1).
1.2
Ändert sich der Grad der Invalidität eines Rentenbezügers oder einer
Renten
bezügerin
in einer für den Anspruch erheblichen Weise, so ist die Rente laut
Art.
17
Abs.
1 ATSG für die Zukunft entsprechend zu erhöhen, herabzusetzen oder aufzuheben. Der Revisionsordnung gemäss
Art.
17 ATSG geht jedoch der Grundsatz vor, dass die Verwaltung befugt ist, jederzeit von Amtes wegen auf eine formell rechtskräftige Verfügung, welche nicht Gegenstand materieller rich
terlicher Beurteilung gebildet hat, zurückzukommen, wenn diese zweifellos unrichtig und ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (BGE 110 V 176
E.
2a;
Art.
53
Abs.
2 ATSG). Unter diesen Voraussetzungen kann die Verwal
tung
eine Rentenverfügung auch dann abändern, wenn die
Revisionsvoraus
setzung
en
des
Art.
17
Abs.
1 ATSG nicht erfüllt sind. Wird die zweifellose Unrichtigkeit der ursprünglichen Rentenverfügung erst vom Gericht festgestellt, so kann es die auf
Art.
17
Abs.
1 ATSG gestützte Revisionsverfügung der Verwaltung mit dieser Begründung schützen (BGE 125 V 368 E. 2 mit Hinweisen). Nach der Rechtsprechung lässt sich eine allgemein gültige
betragliche
Grenze für die Vor
aussetzung der Erheblichkeit der Berichtigung nicht festlegen. Massgebend sind vielmehr die gesamten Umstände des Einzelfalles. Bei periodischen Leistungen ist die Erheblichkeit der Berichtigung zu bejahen (BGE 119 V 475 E. 1c; Urteil des Bundesgerichts 9C_11/2008 vom 29. April 2008 E. 4.2 mit Hinweisen
)
.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
begründete die wiedererwägungsweise Aufhebung der
Rente
dahingehend,
die
Rentenzusprache
sei gestützt auf das Gutachten vom 1
4.
August 2009 erfolgt
. Im
damaligen
psychiatrischen Teilgutachten sei die Diagnose einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung mit zeitweiliger psychotischer
Dekompensation gestellt und
eine volle Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten attestiert worden (
Urk.
2
S.
2 oben).
Allerdings sei die Frage nach der Überwindbarkeit nicht gestellt worden. Eine Überprüfung dieser Frage wäre allerdings gestützt auf das psychiatrische Gutachten auch nicht mög
lich gewesen, da die notwendigen Angaben gefehlt hätten. Daher liege ein Wiedererwägungsgrund vor (
Urk.
2 S. 2 Mitte).
Die aktuelle Begutachtung sei wesentlich umfangreicher als die Begutachtung von 2008
(richtig: 2009)
.
Es hätten erhebliche Inkonsistenzen aufgedeckt werden können.
Gemäss dem aktu
ellen Gutachten bestehe keine Diagnose mit dauerhafter Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (
Urk.
2
S. 2 unten).
2.2
Der Beschwerdeführer brachte unter anderem vor, eine zweifellose Unrichtigkeit liege nach den Akten nicht vor (
Urk.
1 S. 4
Ziff.
1b).
Ursache der
Grunder
krankung
bildeten Erlebnisse und ein Leiden während einer Internierung
in Bosnien
(
Urk.
1 S. 4
Ziff.
1c).
Solche Erlebnisse in einem Camp deckten sich nicht mit der normalen Erfahrungswelt eines Menschen (S. 5 unten).
Das Gut
achten vom 1
4.
September 2009 erfülle die Qualitätsanforderungen gemäss den Leitlinien für Psychiatrische Gutachten
in der Invalidenversicherung.
Die
Gut
achterin
des psychiatrischen Teilgutachtens habe sich
nicht nur auf die subjek
tiven Angaben
des Beschwerdeführers
abgestützt, sondern auch
fremdanam
nes
ti
sche
Quellen berücksichtigt. Dass bei einer Begutachtung zu einem späteren Zeitpunkt die medizinischen Einschränkungen detaillierter abgehandelt worden
seien, rechtfertige kein Zurückkommen auf die damalige Expertise
(S. 16 unten).
A
ngesic
hts dieser Akten- und Rechtslage
gebe es
keine Veranlassung, die frühere,
bidisziplinäre
Begutachtung als qualifiziert unrichtig zu beurteilen (S. 17 oben).
2.3
Streitig und zu prüfen ist, ob
die Beschwerdegegnerin die
Rentenzusprache
vom 2
4.
Dezember 2009
zu Recht pro
futuro
in Wiedererwägung gezogen hat.
3.
3.1
Die medizinischen Akten ergeben folgendes Bild:
Die Ärzte der Rheumaklinik und des Institutes für Physiotherapie und Poliklinik,
Z.___
, nannten in einem Bericht vom 2
0.
Februar
2007 (
Urk.
8/12/10-11) als Diagnosen ein panvertebrales Schmerzsyndrom mit/
bei
einem
Verdacht auf
eine
segmentale Dysfunktion im Bereich der mittleren Brustwirbelsäule sowie eine mittelgradige depressive Verstimmung (S. 1).
3.2
Dr.
med.
A.___
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, nannte im Bericht vom 2
7.
August 2008
(
Urk.
8/20)
als Diagnose
eine schwere post
trau
matische Belastungsstörung, welche
seit Anfang der 90-er Jahre
bestehe
. Im Jahr 2006 sei es zu einer Exazerbation der Symptomatik gekommen (
Ziff.
1.1). Für die Tätigkeit als Pizzabäcker bestehe seit Ende Oktober 2006 bis heute eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
(
Ziff.
2).
3.3
3.3.1
Die Beschwerdegegnerin gab beim
B.___
ein
bidisziplinäres
Gutachten in Auftrag, das am 1
4.
August 2009 (
Urk.
8/24) erstattet
wurde.
Die rheumatologische Untersuchung erfolgte
am
2.
Juli 2009
durch
Dr.
med.
C.___
, Fachärztin für Physikalis
che Medizin und Rehabili
ta
tion, die psychiatrische Untersuchung
erfolgte am
2.
Juni 2009
durch
Dr.
med.
D.___
, Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie.
Dr.
C.___
führte zur rheumatologischen Begutachtung aus, der Beschwerde
führer sei etwa im Jahr 1992 im Rahmen des Krieges in Bosnien für neun Monate in einem serbischen Gefangenenlager inhaftiert gewesen, wo er unter anderem Folter und Demütigungen ausgesetzt gewesen sei. Etwa 1994 habe er in der Schweiz Asyl beantragt und kurz darauf begonnen, zu 100
%
als Teller
wäscher in einer Pizzeria zu arbeiten (S. 5
Ziff.
2).
Dr.
C.___
nannte als Diagnose
ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (S. 14
Ziff.
5.2):
chronisches generalisiertes Schmerzsyndrom mit/bei:
-
Fehlhaltung und diskreter Fehlstatik
-
myostatischer
Insuffizienz
-
Status nach thorakalem und lumbalem Morbus Scheuermann
-
ohne
w
eiteres nachweisbares pathologisch-anatomisches Korrelat
-
am ehesten im Rahmen der psychiatrischen Diagnose
Die Gutachterin
stellte keine Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (S.
14
Ziff.
5.1).
Weiter führte sie aus, b
ei der aktuellen rheumatologischen Begutachtung imponiere eine erhebliche Se
lbstlimitation und Inkonsistenz. So seien die demonstrierten Beschwerden sowie die teilweise massive
Bewegungs
ver
minderung
im Bereich des Haltungs- und Bewegungsapparates während der Begutachtung deutlich variabel und klinisch im demonstrierten Ausmass nicht plausibel (S. 15
Ziff.
5 oben).
Unter Berücksichtigung aller Gegebenheiten und Befunde bestehe auf orthopädisch-rheumatologischem Fachgebiet kein
Gesund
heits
schaden
, der versicherungsmedizinisch betrachtet eine dauerhafte L
imitie
rung der Arbeitsfähigkeit
bezogen auf die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als
Pizzai
olo
und Kellermeister in einer Pizzeria begründen könne
. Auch in einer all
fälligen Verweistätigkeit sei der Beschwerdeführer ebenso wie als Hausmann aus rein rheumatologischer Sicht uneingeschränkt arbeitsfähig
(S. 16
Ziff.
7).
3.3.2
Dr.
D.___
führte zur psychiatrischen Begutachtung aus, anamnestisch
liessen sich in der Biographie des Beschwerdeführers traumatische Erlebnisse wäh
rend eines 9-monatigen Lageraufenthaltes in einem serbischen Lager eruieren. Im Lager habe er viele schlimme Gewalttätigkeiten und Folterungen gesehen. Diese Bilder würden ihn seit Oktober 2006 verfolgen (S. 19 unten).
Seit zwei Jahren werde er immer aggressiver und sei misstrauischer als früher.
Er
glaube und traue niemandem (S. 20 oben).
Im Rahmen der Exploration zeige sich ein emotional angespannter, gereizter,
hilf- und hoffnungslos wirkender Beschwerdeführer. Die affektive
Schwin
dungs
fähigkeit
sei eingeschränkt. Ein Leidensdruck sei deutlich spürbar und
er
wirke bei der Beschwerdeschilderung authentisch (S.
22
Ziff.
4). Die geschilderten optischen und akustischen Halluzinationen würden in den bisherigen Berichten als sich aufdrängende Erinnerungen des Traumas bezüglich eines
Lageraufent
haltes
im Jahr 1993 eingeordnet.
Nach Einschätzung von
Dr.
D.___
hätten sie einen psychotischen Charakter, da der Beschwerdeführer mit diesen Menschen in Dialog trete. Zum Beispiel werde er bei seinen Spaziergängen nachts bei Schlaflosigkeit immer von einem dieser Leute begleitet, die ihn auch
in Form von imperativen Stimmen dazu auffordern würden, zu ihnen zu kommen
. Die genannten Symptome seien erst 14 Jahre nach dem Kriegstrauma im Jahr 2006 aufgetreten. Nach dem Lageraufenthalt 1993 sei er psychisch unauffällig gewesen
. Aus der Literatur sei bekannt, dass Menschen, die schon früher
traumatisiert worden seien, später vulnerabler seien und schlechter mit Belastungen und Traumatisierungen umgehen könnten
(S. 23 unten).
Dr.
D.___
nannte als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine schwere posttraumatische Belastungsstörung mit psychotischen Sympto
men (S. 24
Ziff.
5). Die Gutachterin attestierte dem Beschwerdeführer für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit sowie für jegliche Verweistätigkeiten eine Arbeits
unfähigkeit von 100
%
. An einem geschützten Arbeitsplatz
sei
er
zu maximal 50
%
arbeitsfähig
. Dabei müsse es sich um eine ruhige Tätigkeit handeln
(S.
24
Ziff.
6). Der Beschwerdeführer sei aus rein psychiatrischer Sicht mit überwie
gender Wahrscheinlichkeit schon seit Ende 2006 zu 100
%
arbeitsunfähig (S. 25
Ziff.
2).
3.4
Dr.
med.
E.___
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Trau
matologie des Bewegungsapparates,
Regionalärztlicher Dienst der
Beschwer
de
gegnerin
(RAD),
gab in einer Stellungnahme vom 2
7.
August
2009 (
Urk.
8/25/5-6)
an, das
bidisziplinäre
Gutachten sei umfassend. Es sei in Kennt
nis der
Vor
akten
erstellt worden und beruhe auf allseitigen Unter
suchungen. Es berück
sichtige die geklagten Beschwerden und sei in der Beurteilung der Ar
beits
fähigkeit nachvollziehbar.
Es sei daher seit
dem 2
7.
Oktober 2006
von einer Arbeitsunfähigkeit von 100
%
für alle Tätigkeiten des ersten Arbeitsmarktes auszugehen (S. 5 unten).
3.5
Die Beschwerdegegnerin sprach dem Beschwerdeführer daraufhin mit Verfü
gun
g
vom 2
4.
Dezember 2009 (
Urk.
8/34) ab dem
1.
Oktober 2007 eine ganze Rente zu
.
4.
4.1
Der behandelnde Psychiater
Dr.
A.___
bestätigte
in einem Bericht vom 3
0.
September 2013 (
Urk.
8/39)
die Diagnose einer schweren posttraumatischen
Belastungsstörung mit zeitweiliger psychotischer Dekompensation (S. 1
Ziff.
1.1
).
Dr.
A.___
gab zudem an
,
der Beschwerdeführer sei weder in der angestammten noch in einer angepassten Tätigkeit arbeitsfähig. Dies werde leider auch in Zu
kunft so
bleiben
(S. 1).
4.2
Dr.
med.
F.___
, Facharzt für Neurologie und für Psychiatrie und Psy
chotherapie, RAD, gab in einer Stellungnahme vom 1
6.
Januar 2014 (
Urk.
8/59 S.
3 unten) an, die psychische Symptomatik des Beschwerdeführers zum Zeit
punkt der
Rentenzusprache
erscheine zwar nachvollziehbar, was die depressive Symptomatik infolge des Arbeitsplatzverlustes
betreffe
. Die Schilderungen be
züg
lich der „reaktivierten“ posttraumatischen Belastungsstörung wirkten jedoch sehr gemacht und aufgesetzt. Der Beschwerdeführer sei in Lagerhaft gewesen. Dies möge als Kriterium ausreichen. Jedoch hätten keine Misshandlungen statt
gefunden. Zudem sei er bis zum Arbeitsplatzverlust nie psychisch krank gewe
sen. Es müsse daher nochmals eine umfassende Abklärung in Auftrag gegeben werden.
4.
3
4.
3
.1
Das
polydisziplinäre Gutachten der G.___
datiert vom 2
4.
Oktober 2014 (
Urk.
8/57). Das Gutachten ist von
Dr.
med.
H.___
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Be
wegungsapparates,
Dr.
med.
I.___
, Facharzt für Psychiatrie und Psycho
therapie
,
und von
Dr.
med.
J.___
, Facha
rzt für Allgemeine Innere Medizin, unterzeichnet. Das neuropsychologische Teilgutachten von
lic
. phil.
K.___
, Fachpsychologe für Neuropsychologie FSP, vom
2.
Juli 20
14 ist dem Gut
achten beigelegt (
Urk.
8/57/36-40).
Die Gutachter
führten
zur Anamnese (Fachbereich Psychiatrie) aus
, der Beschwer
deführer beschreibe tragische Bilder von
toten
Kinder
n
und erwachsene
n Per
sonen
, welche er in einem Lager gesehen habe, in dem er 1992 über neun Monate selber interniert
gewesen sei
.
Man habe ihn verhaftet, weil er Moslem sei
(S. 11
Mitte
).
Bis
2007
habe er
in einer Pizzeria gearbeitet. Seit dieser Zeit sei er arbeitsunfähig. Einen Arbeitsversuch habe er nie unternommen. In die ihm empfohlene Werkstatt sei er nicht gegangen (S. 12 unten).
Der Beschwerdeführer
habe angegeben
, dass er sich vor zirka zweieinhalb Monaten auf dem Dachboden
mit einem Kabel
das Leben
habe
nehmen wollen. Das zweite M
al sei er in den Wald gegangen, wobei seine Frau
ihm gefolgt
sei
. Jetzt begleite sie ihn ständig, damit er sich nichts antue (S. 13 Mitte).
Der Beschwerdeführer habe optische Halluzinationen.
Es handle sich um
Leute, die mit ihm in Gefangenschaft gewesen seien.
Dies
e würden ihn begleiten. Oft verspüre er eine Kälte (S. 14 oben).
Es zeigten
sich Hinweise für das Vorliegen einer narzisstischen, vermeidenden Persönlichkeitsstruktur (S.
15 oben
). Der Beschwerdeführer wirke psychomo
to
risch unruhig. Das Ausdrucksverhalten sei nicht adäquat und wirke aufgesetzt (S. 15 Mitte).
4.
3
.2
Die Gutachter führten zur psychiatrischen Beurteilung aus, d
er Beschwer
de
führer
berichte über zwei Suizidversuche und
klage über Ängste und Schmerzen in der linken Brustseite.
Manchmal bekomme er keine Luft.
Er sehe die Bilder a
us der Haft permanent vor sich und habe auch akustische
Halluzinationen. Diese handelten von Personen, welche mit den damaligen Ereignissen zu tun hätten (S.
16 unten).
Im
Teilg
utachten von
Dr.
D.___
werde berichtet, dass der Beschwerdeführer bis zu seinen Problemen am Arbeitsplatz im Jahre 2006 sowohl psychisch als auch körperlich immer gesund gewesen sei. Ab dem Jahr 1993 habe er 13 Jahre lang im gleichen Betrieb gearbeitet. Erst nach dem Verkauf des Restaurants und unter einem neuen Manager sei es 2005 zu Schwierigkeiten gekommen. Der Beschwerdeführer habe damals Angst vor einer Kündigung gehabt
. Seither gehe es ihm schlecht
(S. 17 unten).
Es ergäben sich Inkonsistenzen hinsichtlich der vom Beschwerdeführer
ange
gebenen Medikamente
.
Die Kontrolle des Serumspiegels
zeige für alle Medi
ka
mente entweder überhaupt keinen Wirkstoffnachweis oder einen deutlich unter dem therapeutischen Bereich liegenden Wirkstoffspiegel (S. 18 oben). Auch im Rahmen der neuropsychologischen Untersuchung vom 1
8.
Juni 2014 seien keine validen Resultate zutage gefördert worden. Bei validen Resultaten
würde
der Beschwerdeführer
einer kognitiv äusserst schwer eingeschränkten Person entsprechen, die praktisch in allen Belangen des täglichen Lebens während 24 Stunden täglich Hilfe benötigen würde
. Dies sei in Anbetracht der verfügbaren Informationen und der klinischen Beobachtungen (zum Beispiel keine schwere Verlangsamung, keine
Anz
eichen, dass
er
sich räumlich nicht orientieren könne
usw.
)
nicht glaubhaft.
Die Untersuchung sei deshalb nach mehreren Versuchen,
die Leistungsbereitschaft des Beschwerdeführers zu steigern, abgebrochen wor
den
.
Auch im Rahmen der orthopädischen Begutachtung seien die angegebenen Beschwerden mit Sicherheit keinem relevanten Gesundheitsschaden zuzuschrei
ben
(S. 18 Mitte).
Betrachte man die auf verschiedenen Fachgebieten wiederholt gezeigten Inkon
sistenzen so seien an den anamnestischen Aussagen des Beschwerdeführers erhebliche Zweifel angebracht, obgleich gerade auf seinen Aussagen in wesent
licher Weise die früheren Einschätzungen der behandelnden Ärzte und ins
be
son
dere der Psychiater beruhten. In Zusammenschau der Inkonsistenzen könne
insbesondere die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung nicht plau
sibel gestellt werden
. Zwar sei ein Trauma
nach
einer ausserordentlichen Be
drohung, zum Beispiel Folter, denkbar
. In aller Regel komme eine posttrau
ma
tische Belastungsstörung jedoch in der Hälfte der Fälle innerhalb eines Jahres zur Spontanremission. Bei der verbleibenden Hälfte könne zwar eine
Chroni
fi
zierung
eintreten. Eine solche habe beim Beschwerdeführer aber ausweislich seiner langjährigen Arbeitstätigkeit und ohne jegliche Bedürftigkeit nach
einer psychiatrischen
Behandlung im Weiteren sicher nicht vorgelegen. Es erscheine auch wenig glaubwürdig und auch nicht nachvollziehbar, dass fast 20 Jahre später, nachdem er 13 Jahre unbeschwert erwerbstätig gewesen sei, ein
Arbeits
platzkonflikt
schuld sei
n
und eine
Reaktualisierung
auslösen solle
(S. 18 unten).
Der Beschwerdeführer sei stets stabil genug gewesen, um mit allen Widrigkeiten seines Lebens zurechtzukommen. Er habe eine Familie gegründet und sich sons
tigen Belastungen ausgesetzt. Auch eine derart lange Beschwerdesymptomatik von über sieben Jahren ohne eine wesentliche Veränderung oder sogar Ver
schlechterung erscheine absolut nicht plausibel. Er müsse sich daher die kriti
sche Frage nach der Grundlage des Leidens stellen lassen. Auch retrospektiv könne keine länger dauernde versicherungsmedizinisch
hinreichende
relevante depressive Störung plausibel gemacht werden. Auch eine Persönlichkeitsstörung in relevanter Form sei nicht anzunehmen, betrachte man die immerhin jahre
lange Arbeitsfähigkeit und die damit gezeigte ausreichend gute Anpassungs
fähigkeit
i
m Rahmen der beruflichen Teilhabe (S. 19 oben).
Der Beschwerdeführer habe allen beteiligten Gutachtern den hochgradigen Ver
dacht auf eine bewusstseinsnahe Verhaltensweise mit nichtauthentischer
Symp
tom
präsentation
und negativer Antwortverzerrung vermittelt (S.
19 oben). Moti
vation und Eigenanstrengung vorausgesetzt bestünden allenfalls leichte Ein
schränkungen in der Fähigkeit
zur Anpassung an Regeln und Routinen.
Dies gelte auch für die
Umstellungs- und die Durchhaltefähigkeit sowie mög
licher
weise
für die
Gruppen-
und
die
Kontaktfähigkeit
zu Dritten. Keine Einschrän
kungen bestünden in der Fähigkeit zur Planung und Strukturierung von Auf
gaben und der Anwendung fachlicher Kompetenz und
in
der Entscheidungs-
,
Urteils- und Selbstbehauptungsfähigkeit (S. 20 oben).
4.3.3
Aus orthopädischer Sicht
sei zusammenfassend festzuhalten, dass die angege
benen Schmerzen und Funktionseinschränkungen betreffend die Wirbelsäule und
die
Gelenke nicht objektiviert werden
könnten. Der Beschwerdeführer habe sich bei der körperlichen Untersuchung teilweise verweigert. So habe er den Hände
druck nicht erwidert und habe die Prüfung des Faustschlusses mit den Worten verweigert, dies könne er „keinesfalls“. Auch bei den Bewegungsprüfungen an der Wirbelsäule habe er die Kooperation teilweise verweigert (S. 21 Mitte).
Die Gutachter verneinten, dass eine Diagnose mit Relevanz für die Arbeits
fähig
keit als
Pizzaiolo
vorliege. Sie stellten folgende Diagnosen ohne Relevanz für die Arbeitsfähigkeit (S. 23
lit
. E):
-
nicht authentische Symptompräsentation (mit offensichtlicher Moti
va
tion
)
-
Persönlichkeitsakzentuierung
-
Unstimmigkeit mit Vorgesetzten oder Arbeitskollegen
-
mit anfänglicher Anpassungsstörung
-
Adipositas per magna
-
a
namnestisch chronisches generalisiertes Schmerzsyndrom
-
mit/bei initialen degenerativen Lendenwirbelsäulenveränderungen
-
und geringer Wirbelsäulenfehlstatik bei Status nach Morbus Scheuer
mann
-
Spreizfuss beidseits
In der angestammten Tätigkeit als
Pizzaiolo
und in einer Verweistätigkeit be
stehe eine Arbeitsfähigkeit von 100
%
. Eine Arbeitstätigkeit solle in einem wohlwollenden Arbeitsumfeld erfolgen mit geringer hierarchischer Strukturie
rung und geringer psychomentaler Belastung (S.
23 f.).
Die Bewertung gelte auch retrospektiv uneingeschränkt (S. 24 oben).
Die Beschwerdegegnerin stellte den Gutachtern die Frage, ob sich der Grad der Arbeitsunfähigkeit seit der letzten Revision verändert habe.
Diese gaben an, für
die versicherungsmedizinische Gesamtbewertung sei insbesondere das psychia
trische Fachgebiet zu berücksichtigen, wobei angesichts der grossen Anzahl an Inkonsistenzen die früheren Diagnosen nicht mehr nachvollziehbar abgestützt werden könnten. Es handle sich um eine Andersbewertung des medizinischen und versicherungsmedizinischen Sachverhaltes (S. 24
lit
. F).
4.4
Dr.
F.___
gab in einer Stellungnahme vom 3
1.
Oktober 2014 an, das Gut
achten der
G.___
vom 2
4.
Oktober 2014 erfülle d
ie formalen Qualitätskriterien. Es
sei nachvollziehbar und in den medizinischen Schlussfolgerungen plausibel. Aus medizinischer Sicht handle es sich bei der Beurteilung der Gutachter aber um eine andere Einschätzung eines im Wesentlichen gleich gebliebenen Sachverhaltes (
Urk.
8/59 S. 4 Mitte).
4.5
Med.
prac
t
.
L.___
, praktischer Arzt und Facharzt für Psychiatrie und Psy
chotherapie, RAD,
stellte am
4.
Dezember 2014 (
Urk.
8/59 S. 6 f.)
fest,
aus ver
s
icherungspsychiatrischer Sicht weise
das
B.___
-Gutachten gravierende Defi
zite auf. Die Gutachterin habe das Trauma nicht wiedergegeben. Sie habe auf S. 17 des Gutachtens Schilderungen aus anderen Quellen übernommen. Die angege
benen „Bilder“ entsprächen keinen geschilderten Lagererinnerungen. Im dama
ligen Lager seien keine mit dem Beschwerdeführer redende
n
Personen ohne
Glied
massen beschrieben worden. Auch frühere
Traumaschilderungen
korre
spon
dierten nicht mit den „Bildern“. Aus psychiatrischer Sicht gebe das Gutachten des
B.___
weder
das zugrunde liegende Trauma wieder noch beschreibe es relevante Erinnerungen oder Albträume. Somit fehlten im Gutachten des
B.___
die Kernkriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung. Eine solche könne daher nicht diagnostiziert werden (S. 6 unten).
4.6
Dr.
med.
M.___
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, führte in einem Bericht vom
4.
Januar 2016 (
Urk.
8/70) aus, der Beschwerdeführer komme seit Juli 1997 wegen diverser körperlicher Probleme in seine Sprechstunde
. Es sei zu einer Zunahme
seines
Gewichts von 110 auf 150 kg im Jahr 2009 und dadurch zu einer Zunahme der rheumatologischen Beschwerden gekommen (S. 1
Mitte
)
. Zu den körperlichen Beschwerden gesellten sich die psychiatrischen Probleme, die bei der psychiatrischen Behandlung regelmässig angesprochen würden.
Der Beschwerdeführer erhalte
eine multimodale, intensive Therapie.
Wären die psychischen Probleme nicht, könnte eine schrittweise Arbeitsintegration den somatischen Leiden entsprechend gewagt werden (S. 1 unten).
4.7
Die Ärzte der
N.___
antworteten in einem Schreiben vom 2
1.
Januar 2016 (
Urk.
8/81) auf die Fragen der Rechtsvertreterin
des Beschwerdeführers
. Sie führten aus,
dieser
sei seit dem 2
1.
Dezember 2015 in der Tagesklinik des
N.___
in Behandlung. Sie könnten sich deshalb
vorwiegend
zum aktuellen Zustand des Patienten äussern. Der Beschwerdeführer sei aktuell glaubwürdig und nachvollziehbar leidend und durch seine Symptomatik schwer belastet. Es habe sich zu keinem Zeitpunkt ein Hinweis auf Simulation ergeben (S.
1
Ziff.
1a). Es handle sich um eine komplexe, posttraumatische
Belastungs
störung
. Die vorgängig diagnostizierte posttraumatische Belastungsstörung und die damit verbundene depressive Symptomatik hätten aus aktueller Sicht zu einer andauernden Veränderung in der Wahrnehmung sowie im Denken und Verhalten des Beschwerdeführers geführt (S. 1 f. 1b).
Die beschriebenen psychiatrischen Befunde stütz
t
en zwar
aktuell
die Annahme einer depressiven Episode. Es werde jedoch nun von einer anhaltenden
Per
sön
lichkeitsänderung
ausgegangen, welche gekennzeichnet sei durch eine miss
traui
sche Haltung gegenüber der Welt, durch sozialen Rückzug, Gefühle der Leere und der Hoffnungslosigkeit und durch ein chronisches Gefühl der An
spannung. Was die Symptomatik einer posttraumatischen Belastungsstörung an
belange, scheine eine Reaktivierung durch eine akute Stresssituation plau
sibel. Zudem sei es ein wohlbekannter Umstand, dass eine
Traumafolgestörung
erst Jahre später auftrete
n könne
(S. 2
Ziff.
1c).
5.
5.1
Die Diagnose
einer
posttraumatische
n
Belastungsstörung gemäss ICD-10 F43.1 setzt voraus, dass sie mit einer Latenz von wenigen Wochen bis Monaten nach einem Ereignis mit aussergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmass auftritt, das bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Prädisponierende Faktoren
können die Schwelle zur Entwicklung dieses Syn
droms zwar senken und den Verlauf erschweren, sind aber weder notwendig noch ausreichend, um dessen Auftreten erklären zu können.
Eine weniger einschränkende Formulierung des Belastungskriterium
s
und damit die Berücksichtigung von Ereignissen, die weder eine aussergewöhnliche Be
droh
ung noch eine Katastrophe darstellen, dennoch aber im Erleben einer ver
sicherten Person eine Traumatisierung auslösen können, mag therapeutisch Sinn
machen. Dasselbe gilt für eine weniger einschränkende Formulierung der zeit
lichen Latenz mit Berücksichtigung von einem erst lange nach den trauma
tischen Ereignissen beginnenden Krankheitsverlauf
. Hingegen ve
rlangt die Leistungsberechtigung
in der Invalidenversicherung zwangsläufig eine gewisse Objektivierung, weshalb solche Konstellationen ausser Betracht bleiben müssen (Urteile des Bundesgerichts 9C_228/2013 vom 2
6.
Juni 2013, E. 4.1.2 und 4.1.3, und 9C_671/2012
vom 1
5.
November 2012, E. 4.3; vgl. auch
das
Urteil
des Bundesgerichts
9C_682/2013 vom 2
5.
Februar 2014, E. 3.4.2).
5.2
Nach
Art.
53
Abs.
2 in Verbindung mit
Art.
2 ATSG kann d
ie Verwaltung auf formell rechtskräftige Verfügungen zurückkommen, wenn diese zweifellos un
rich
tig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist. Zwei
fel
lose Unrichtigkeit im wiedererwägungsrechtlichen Sinn liegt etwa vor, wenn die Verfügung aufgrund falscher oder unzutreffender Rechtsregeln erlassen oder wenn massgebliche Bestimmungen nicht oder unrichtig angewendet werden. Weiter kann eine zweifellose Unrichtigkeit der ursprünglichen Rentenverfügung auch bei unrichtiger Feststellung im Sinne der Würdigung des Sachverhalts gegeben sein. Die
Wiedererwägung im Sinne dieser Bestimmung dient somit der
Korrektur einer anfänglich unrichtigen Rechtsanwendung einschliesslich unrich
tiger Feststellung im Sinne d
er Würdigung des Sachverhaltes (Urteil des Bun
des
gerichts 9C_768/2010 vom 1
0.
November 2010, E. 2.1 und 2.2).
5.3
G
emäss
der mit
BGE 130 V 352
begründeten und seither stetig weiter ent
wickelten Rechtsprechung vermochten eine fachärztlich (psychiatrisch) diagnos
tizierte somatoforme Schmerzstörung und vergleichbare psychosomatische Leide
n (
BGE 140 V 8 E. 2.2.1.3
) in der Regel keine lang dauernde, zu einer Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG führende Arbeitsunfähigkeit zu bewirken. Viel
mehr bestand die Vermutung, dass solche Beschwerdebilder oder ihre Folgen
mit einer zumutbaren Willensanstrengung überwindbar seien und nur bestimmte
Umstände, welche die Schmerzbewältigung intensiv und konstant behindern, den Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess unzumutbar machten, weil die ver
sicherte Person alsdann nicht über die für den Umgang mit den Schmerzen notwendigen Ressourcen verfügt (zur Entstehungsgeschichte dieser Praxis:
BGE 135 V 201
E.
7.1.2;
Urteil des Bundesgerichtes 9C_739/2014 vom 30. November 2015 E. 2.1
).
Ob ein solcher Ausnahmefall vorlag, entschied sich im Einzelfall anhand verschiedener Kriterien (so genannte „Foerster-Kriterien“, vgl. BGE 130 V 352, BGE 131 V 39 E. 1.2, BGE 139 V 547 E. 3.2.3).
Mit BGE 141 V 281 hat das Bundesgericht die Überwindbarkeitsvermutung auf
ge
geben und das bisherige Regel-/Ausnahme-Modell durch
einen strukturierten normativen
Prüfungsraster ersetzt. In dessen Rahmen wird im Regelfall anhand von auf den funktionellen Schweregrad bezogenen Standardindikatoren das tat
sächlich erreichbare Leistungsvermögen ergebnisoffen und symmetrisch beur
teilt, indem
gleichermassen
den
äusseren
Belastungsfaktoren wie den vorhan
de
nen Ressourcen Rechnung getragen wird (BGE 141 V 574 E. 4.2 mit Hinweisen;
Urteil des Bundesgerichts 9C_534/2015 vom 1. März 2016 E. 2.2 mit Hinwei
sen).
Die Anerkennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig,
wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheit
lichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der
Standardindi
katoren
schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahr
schein
lich
keit nachgewiesen sind. Fehlt es daran, hat die Folgen der
Beweis
losigkeit
nach wie vor die materiell beweisbelastete versicherte Person zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; BGE 141 V 547 E. 2; Urteil des Bundesgerichts 8C_28/2016 vom 15. April 2016 E. 3.2).
Die Rechtsprechung hat zu den „vergleichbaren psychosomatischen Leiden“ ausdrücklich jene gezählt, die im Nachgang zu BGE 130 V 352 über die Jahre als sogenannte „
pathogenetisch
-ätiologisch unklare
syndromale
Beschwerde
bilder
ohne nachweisbare organische Grundlage“ in
invalidenversicherungs
recht
licher
Hinsicht den gleichen sozialversicherungsrechtlichen Anforderungen (Regel-Ausnahmemodell mit "Überwindbarkeitsvermutung“) unterstellt wurden (BGE 142 V 342 E. 5.2.1; BGE 141 V 281 E. 4.2; BGE 140 V 8 E. 2.2.1.3; bislang: Fibromyalgie: BGE 132 V 65 E. 4 [Urteil des Bundesgerichts I 336/04 vom 8. Februar 2006]; dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörung: Urteil des Bundesgerichts I 9/07 vom 9. Februar 2007 E. 4 in
fine
, in: SVR 2007 IV Nr. 45 S. 149; dissoziative Bewegungsstörung: Urteil des Bundesgerichts 9C_903/2007 vom 30. April 2008 E. 3.4;
Chronic
Fatigue
Syndrome [CFS; chro
nisches Müdigkeitssyndrom] und Neurasthenie: Urteile des Bundesgerichts I 70/07 vom 14. April 2008 E. 5; 9C_98/2010 vom 28. April 2010 E. 2.2.2, in: SVR 2011 IV Nr. 17 S. 44, und 9C_662/2009 vom 17. August 2010 E. 2.3, in:
SVR 2011 IV Nr. 26 S. 73; spezifische und unfalladäquate HWS-Verletzungen [Schleudertrauma] ohne organisch nachweisbare Funktionsausfälle: BGE 136 V 279 [Urteil des Bundesgerichts 9C_510/2009 vom 30. August 2010];
nichtor
ga
ni
sche
Hypersomnie
: BGE 137 V 64 E. 4 [Urteil des Bundesgerichts 9C_871/201
0 vom 25. Februar 2011]; leichte Persönlichkeitsveränderung bei chronischem Schmerzsyndrom: Urteil des Bundesgerichts 8C_167/2012 vom 15. Juni 2012 E 5.2 und 6.1).
Nach
BGE 142 V 342 ist die Rechtsprechung
gemäss
BGE 141 V 281 auch auf eine posttraumatische Belastungsstörung anwendbar
.
5.4
Dr.
D.___
diagnostizierte im
bidisziplinären
Gutachten des
B.___
vom 1
4.
August
2009 eine schwere posttraumatische Belastungsstörung mit psycho
tischen Symptomen und attestierte dem Beschwerdeführer
eine Arbeitsunfähig
keit von 100
%
für sämtliche Tätigkeiten. Einzig für einen geschützten Arbeits
platz
nannte
sie
eine
zumutbare
Arbeitsfähigkeit von maximal 50
%
(E. 3.3.2 hiervor).
Auch
wenn dem Gutachten des
B.___
vom 1
4.
August 2009
voller
Beweiswert beigemessen werden kann, wie der Beschwerdeführer
vorbrachte
(
Urk.
1 S.
16 unten),
ist zu beachten
, dass sich die
Beschwerdegegnerin
im Rahmen der
Rentenzusprache
vom 2
4.
Dezember 2009
nicht mit der Recht
spre
chung des Bundesgerichts
zur Diagnose einer posttraumatischen
Belastungs
störung
auseinandergesetzt hat,
welche
eine
Latenz von wenigen Wochen bis Monaten beziehungsweise von höchstens sechs Monaten nach dem Ereignis
vor
aus
setzt
.
Der Beschwerdeführer beanstandete in der Beschwerde die dies
be
zügliche Rechtsprechung des Bundesgerichts
(
Urk.
1 S. 11 f.
lit
. d). Davon abzu
weichen, besteht
vorliegend
jedoch kein Grund. Indem die Beschwerdegegnerin
entgegen der
höchstrichterlichen
Rechtsprechung
unberücksichtigt gelassen hat
, dass die Beschwerden erstmals 13 Jahre nach dem
beschriebenen
Lageraufent
halt
im Jahr 1993
geltend gemacht
worden sind
, erweist sich die Verfügung vom
2
4.
Dezember 2009 als zweifellos unrichtig.
Davon abgesehen wirkte eine posttraumatische Belastungsstörung zum Zeit
punkt der
Rentenzusprache
an sich nicht invalidisierend, sondern es musste dar
gelegt sein, inwiefern sie nicht durch zumutbare Willensanstrengung über
wind
bar war (Urteile des Bundesgerichts 9C_209/2011 vom 2
7.
Mai 2011, E. 3.2, und 9C_554/2009 vom 1
8.
August
2009, E.
6).
Die Beschwerdegegnerin hat die Frage der Überwindbarkeit der Folgen einer posttraumatischen
Belastungs
stö
rung
gemäss der damaligen
Rechtsprechung
des Bundesgerichts nicht
weiter geprüft. Soweit das Gutachten des
B.___
zur Beantwortung dieser Frage keine hinreichende Grundlage bot, wäre sie gehalten gewesen, den Sachverhalt weiter abzuklären. Insofern ist bei der
Rentenzusprache
vom Dezember 2009 auch
von einer
ungenügenden Abklärung des Sachverhaltes
auszugehen.
Die Verfügung
vom 2
4.
Dezember 2009
erweist sich
demzufolge
als
zweifellos unrichtig im Sinne von
Art.
53
Abs.
2 ATSG hinsichtlich der
Zusprache
einer ganzen Rente.
Ebenso ist die Voraussetzung der erheblichen Bedeutung erfüllt.
Nachfolgend ist wie bei einer materiellen Revision nach
Art.
17
Abs.
1 ATSG
auf das polydisziplinäre Gutachten des
G.___
vom 2
4.
Oktober 2014 einzu
gehen
.
6.
6.1
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vor
akten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuch
tet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
6.2
Der Beschwerdeführer wurde im
G.___
in den Fachbereichen Allgemeine Innere
Medizin, Orthopädie, Psychiatrie und Psychotherapie und Neuropsychologie aus
führlich begutachtet. Im Gutachten des
G.___
werden die gesundheitlichen Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers dargelegt. So wurde aus psychia
trischer Sicht festgestellt, dass allenfalls leichte Einschränkungen in der Fähig
keit zur Anpassung an Regeln und Routinen, der Umstellungs- und
Durchhalte
fähigkeit
und der Gruppen- sowie der Kontaktfähigkeit bestehen
. Gleichwohl seien dem Beschwerdeführer die angestammte Tätigkeit und eine
Verweis
tätig
keit
zu 100
%
möglich
(E. 4.3.2
und 4.3.3 hiervor
).
Das Gutachten
beruht so
dann auf den notwendigen Untersuchungen und berücksichtigt die geklagten Beschwerden in angemessener Weise. Sodann vermag es in der Beurteilung der medizinischen Situation und in den Schlussfolgerungen zu überzeugen.
Die Gut
achter legten dar, dass die Diagnose einer posttraumatischen
Belastungs
störung
nicht plausibel gestellt werden könne (E. 4.3.2).
Der Beschwerdeführer mutmasste unter anderem, der psychiatrische Gutachter des
G.___
sei vielleicht mit den Symptomen und Auspräg
ungen einer posttraumatischen
Belastungs
stö
rung
mit Folgeerkrankung nicht besonders vertraut (
Urk.
1 S. 29
lit
. k). Die
dies
bezüglichen
Ausführungen des Beschwerdeführers
wie auch die abweichende Beurteilung der verhandelnden Ärzte des
N.___
sind
jedoch
nicht geeignet
,
den Beweiswert des Gutachtens des
G.___
in Zweifel zu ziehen. Auf das Gutachten kann
vielmehr
abgestellt werden.
Weitere Beweismassnahmen, wie die eventualiter beantragte
persönliche Anhö
rung des Beschwerdeführers
oder ein Gerichtsgutachten
(
Urk.
1 S. 2
Ziff.
1-
2), erweisen sich als entbehrlich.
6.3
Gestützt auf das Gutachten vom 2
4.
Oktober 2014 ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit in einer Pizzeria zu 100
%
arbeitsfähig ist. Ein Rentenanspruch scheidet daher für die Zukunft aus.
Die angefochtene Verfügung vom
9.
Mai 2016 erweist sich nach dem Gesagten als rechtens. Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.
7.
7.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfah
rensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG). Vorliegend sind die Kosten auf
Fr.
700.-- festzusetzen und dem unterliegenden
Beschwerdeführer aufzuerlegen. Zufolge Gewährung der unentgeltlichen
Prozess
führung
sind die Kosten jedoch einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
7.2
Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers reichte
dem Gericht
am
7.
Juni 2017
(
Urk.
15) die Honorarnote in Höhe von
Fr.
1‘321.60 (inklusive Barausla
gen und Mehrwertsteuer,
Urk.
16/1) ein. Der geltend gemachte Aufwand von 5.41 Stun
den (zuzüglich Barauslagen) erweist sich angemessen. Die Rechtsvertreterin ist daher mit
Fr.
1‘321.60
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer)
von der Ge
richtskasse zu entschädigen.
Das Gericht erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
700
.-- werden
dem Beschwerdeführer
auferlegt
, zufolge Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung jedoch einstweilen auf die Gerichtsk
asse genommen.
Der Beschwerdeführer wird
auf die Nachzahlungspflicht gemäss § 16 Abs. 4
GSVGer
hingewiesen.
3.
Die unentgeltliche Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers, Rechtsanwältin Pia Dennler-Hager, Winterthur,
wird mit
Fr.
1‘321.60
(inkl. Barauslagen und
MWSt
) aus der Gerichtskasse entschädigt.
Der Beschwerdeführer wird
auf die
Nachzahlungs
pflicht
gemäss § 16 Abs. 4
GSVGer
hingewiesen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwältin Pia Dennler-Hager
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzustellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthal
ten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDer Gerichtsschreiber
MosimannBrugger