# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** e8c34dbc-6759-5631-a6d2-7a144a650de2
**Source:** Zürich (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2003-06-16
**Language:** de
**Title:** Zürich Kassationsgericht 16.06.2003 2002/198 S
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/ZH_Obergericht/ZH_KSG_001_2002-198-S_2003-06-16.pdf

## Full Text

Beschluss des

KASSATIONSGERICHTES DES KANTONS ZÜRICH

vom 16. Juni 2003 i.S. M.; Kass.-Nr. 2002/198 S

(Urteil des Obergerichtes des Kantons Zürich vom 27. März 2002 [SB010408])

betreffend

mangelnde Sorgfalt bei Finanzgeschäften

Aus den Erwägungen Kassationsgerichtes ab Seite 12:

4.1 Das Thema des vorliegenden Beschwerdeverfahrens steht im Schnittbe-

reich zwischen der Anrechnung der Untersuchungshaft auf eine Strafe auf der einen und

der Entschädigung bzw. Genugtuung für diese Haft auf der anderen Seite. Nachdem

sich das Bundesrecht in Art. 69 StGB mit der Anrechnung der Haft auf die ausgefällte

Strafe befasst, die Pflicht, für ungerechtfertigte (unschuldig erlittene) Haft Schadenersatz

und Genugtuung zu leisten, sich nach überwiegender Auffassung hingegen allein aus

dem kantonalen Recht ergibt (Donatsch, in: Donatsch/Schmid, Kommentar zur Strafpro-

zessordnung des Kantons Zürich, Zürich 1996, N 42 zu Vorbem. zu §§ 49 ff. StPO,

m.H.; Schmid, in: Donatsch/Schmid, a.a.O., N 2 zu § 43 StPO, m.H.; zur hier nicht wei-

ter interessierenden Unterscheidung zwischen ungesetzlicher und ungerechtfertigter

Haft vgl. insb. ZR 100 Nr. 58), stellt sich - nicht zuletzt vor dem Hintergrund von § 430b

StPO - die Frage nach der Abgrenzung zwischen den beiden Problemkreisen im vorlie-

genden Fall.

4.2 Bei oberflächlicher Betrachtung scheint die vom Beschwerdeführer aufge-

worfene Frage auf die richtige Anwendung von Art. 69 StGB abzuzielen. Entgegen die-

sem Eindruck geht es vorliegend jedoch nicht um die (bundesrechtliche) Frage, ob die

Vorinstanz die erlittene Untersuchungshaft anrechnen durfte und musste, sondern um

die kantonalrechtliche Frage, ob dem Beschwerdeführer wegen der erlittenen 389-

tägigen Untersuchungshaft nach der Einstellung des Strafverfahrens wegen Geld-

wäscherei Schadenersatz- und Genugtuungsansprüche zustehen, und wenn ja, in wel-

cher Höhe (vgl. Bundesgericht, I. öffentlich-rechtliche Abteilung, Urteil vom 13. Februar

2001 i.S. N., 1P.713/2000, Erw. 3.a). Zu dieser Hauptfrage gehört auch die weitere

(kantonale) Frage, ob ein Schaden oder eine immaterielle Unbill und damit ein Entschä-

digungs- bzw. Genugtuungsanspruch zu verneinen ist, wenn die Untersuchungshaft auf

eine ausgefällte Freiheitsstrafe angerechnet worden ist (zit. Urteil des Bundesgerichts,

a.a.O.). Soweit deren Beantwortung davon abhängt, ob die Untersuchungshaft zu Recht

oder zu Unrecht angerechnet worden ist, ist diese letztere Frage - und nur dann -eine

Vorfrage, die sich nach Art. 69 StGB richtet, und damit eine Frage des Bundesrechts

(zit. Urteil des Bundesgerichts, a.a.O.). Mit anderen Worten handelt es sich bei der Fra-

ge, ob die Untersuchungshaft zu Recht oder zu Unrecht angerechnet worden ist, dann

um eine (eidgenössische) Vorfrage, wenn diese für den Bestand der geltend gemachten

Schaden- oder Genugtuungsansprüche entscheidend ist. Dies ist jedoch nicht zwingend

der Fall. So ist insbesondere darauf hinzuweisen, dass nach der in der Lehre vertrete-

nen Ansicht bei Art. 69 StGB der Grundsatz der Verfahrensidentität massgebend ist (vgl.

etwa Rehberg, Strafrecht 11, 7. A., Zürich 2001, S. 79, m.H.; Trechsel, Schweizerisches

Strafgesetzbuch, Kurzkommentar, 2. A., Zürich 1997, N 15 zu Art. 69 StGB; ferner

Schubarth, Anrechnung der Untersuchungshaft auf eine ausgesprochene Strafe oder

Entschädigung für ungerechtfertigte Untersuchungshaft?, ZStr 116 [1998] 112 f.). Dieser

Ansicht folgend, könnte die Anrechnung der Untersuchungshaft fehlerfrei erfolgen, ob-

wohl ein Entschädigungs- bzw. Genugtuungsanspruch nach kantonalem Recht gleich-

wohl bestünde, sei es, dass die Untersuchungshaft auf eine bedingt ausgesprochene

Strafe angerechnet würde (was nach Art. 69 StGB zulässig ist, nach kantonaler Praxis

mangels tatsächlichem Ausgleich der erlittenen materiellen und immateriellen Nachteile

hingegen ausser Betracht fällt [vgl. dazu ZR 100 Nr. 59 sowie nachfolgend Ziff. 11./5.]),

sei es, dass die durch die Untersuchungshaft erlittenen materiellen und immateriellen

Nachteile durch die Anrechnung noch nicht vollständig abgegolten wären. Sodann wird

nach der Revision des Allgemeinen Teils des Strafgesetzbuchs bei der Frage der An-

rechnung der erstandenen Untersuchungshaft an die ausgefällte Strafe der Grundsatz

der Verfahrensidentität gelten (vgl. MettIer, in: Niggli/Wiprächtiger [Hrsg.], Strafgesetz-

buch I, Art. 1 -110 StGB, Kommentar, Basel 2003, N 50. zu Art. 69 StGB; Vorentwurf der

Expertenkommission zum Allgemeinen Teil und zum Dritten Buch des Strafgesetzbu-

ches und zu einem Bundesgesetz über die Jugendstrafrechtspflege, 1993, Bundesamt

für Justiz, Art. 53 VE StGB; Bericht zur Revision des Allgemeinen Teils und des Dritten

Buches des Strafgesetzbuches und zu einem Bundesgesetz über die Jugendstraf-

rechtspflege, 1193, Bundesamt für Justiz, S. 75). Dannzumal wird in einem Fall wie dem

vorliegenden die Anrechnung der Untersuchungshaft womöglich fehlerfrei erfolgt sein,

obwohl damit die Entschädigungs- bzw. Genugtuungsansprüche nach kantonalem

Recht bzw. kantonaler Praxis nicht notwendigerweise entfallen. Die Frage, ob die An-

rechnung der wegen des Verdachts qualifizierter Geldwäscherei erstandenen Untersu-

chungshaft auf die wegen mangelnder Sorgfalt bei Finanzgeschäften ausgefällte Frei-

heitsstrafe fehlerhaft sei, ist demnach im hier interessierenden Kontext auch nicht als

Vorfrage eidgenössischen Rechts, sondern als Frage kantonalen Rechts zu behandeln.

An der kassationsgerichtlichen Zuständigkeit und Kognition ändert diese KlarsteIlung

aber nichts, da sowohl kantonale Hauptfragen als auch Vorfragen eidgenössischen

Rechts unter den hier gegebenen Voraussetzungen von § 43Gb Abs. 2 StPO von der

Kassationsinstanz zu prüfen sind.

5.1 a) Rechtsgrundlage für Ansprüche aus ungerechtfertigter (d.h. gesetzmässi-

ger, aber unschuldig erlittener) Haft, welche sich nach überwiegender Ansicht allein -

wie gesagt - aus dem kantonalen Recht ergeben (vgl. dazu ziff. II./4. vorstehend), bilden

die §§ 43, 191 und 455 StPO, welche, an die prozessualen Sachverhalte der Einstel-

lung, des Freispruchs bzw. der Revision anknüpfend, einen Anspruch des Angeschul-

digten bzw. Freigesprochenen auf Schadenersatz und Genugtuung vorsehen.

Hauptanwendungsfall bildet die gegenüber dem Angeschuldigten in StPO-konformer

Weise angeordnete, vom schliesslich für unschuldig befundenen Betroffenen erlittene

Untersuchungs- (und evtl. Sicherheits-)haft (Donatsch, in: Donatsch/Schmid, a.a.O., N

42 zu Vorbem. zu§§ 49 ff. StPO) bzw. die gegenüber einem Angeschuldigten gesetz-

mässig angeordnete Untersuchungshaft, gegen welchen das Verfahren in der Folge

eingestellt wurde. Sodann fällt nach Lehre und Praxis auch die sog. Überhaft darunter,

das heisst Fälle, in denen bei einer Verurteilung die durch Untersuchungs- bzw. Sicher-

heitshaft erstandene Haft die Dauer der rechtskräftig verhängten Strafe übersteigt

(Schmid, in: Donatsch/Schmid, a.a.O., N 2 und N 9 zu § 43 StPO).

b) In der Praxis nicht selten sind Fälle, in denen eine TeileinsteIlung erfolgt.

Dabei stellt sich zum einen die Frage, welche Behörde in welchem Verfahren über die

im Zusammenhang mit dem eingestellten Verfahren geltend gemachte Entschädigung

und Genugtuung für die erlittene Untersuchungshaft zu befinden hat. Zum anderen fragt

es sich, nach welchen Grundsätzen in einem solchen Fall mit Bezug auf Entschädigung

und Genugtuung für die erstandene Haft zu entscheiden ist.

c) Gemäss § 44 StPO ist der Entscheid über Kosten und - hier vor allem von

Bedeutung - Entschädigung in die Einstellungsverfügung aufzunehmen. Weiter sieht die

Bestimmung vor, dass der Angeschuldigte (eigentlich: unschuldig Verfolgte) diesbezüg-

lich gerichtliche Beurteilung verlangen kann, wobei das Begehren im Falle der Einstel-

lung durch die Bezirksanwaltschaft beim Einzelrichter und im Falle der Einstellung durch

die Staatsanwaltschaft beim Bezirksgericht zu stellen ist (Satz 2 und 3 von § 44 StPO).

Gegen den Entscheid des Gerichts sind - je nach Streitwert - der Rekurs oder die Nich-

tigkeitsbeschwerde gegeben (§ 44 Satz 5 StPO; Schmid, in: Donatsch/Schmid, a.a.O., N

15 und 16 zu § 44 StPO). Für die Ausrichtung einer Entschädigung bzw. einer Genugtu-

ung an den unschuldig Verfolgten ist somit grundsätzlich die mit der Einstellung befasste

Behörde bzw. die von § 44 StPO vorgesehene gerichtliche Instanz zuständig (vgl. auch

Wallimann Baur, Entschädigung und Genugtuung durch den Staat an unschuldig Ver-

folgte im ordentlichen zürcherischen Untersuchungsverfahren, Diss. Zürich 1998, S.

161). Nicht gesagt ist aber damit, ob nur diese Behörden oder auch die ordentlichen Ge-

richte im Rahmen der Beurteilung der zur Anklage gebrachten Vorwürfe über Entschä-

digung bzw. Genugtuung hinsichtlich des eingestellten Verfahrens entscheiden dürfen.

In Betracht zu ziehen ist dabei, dass sich § 44 StPO mit der Thematik der TeileinsteIlung

als solcher nicht befasst. Aus dieser Bestimmung kann deshalb nicht ohne weiteres ab-

geleitet werden, die Zuständigkeit sei ausschliesslich den mit der Einstellung befassten

Strafverfolgungsbehörden und den mit dem Begehren um gerichtliche Beurteilung ange-

rufenen gerichtlichen Instanzen vorbehalten. Sodann kann zwischen dem zur Anklage

gebrachten Delikt und demjenigen Delikt, hinsichtlich welchem das Verfahren eingestellt

wurde, ein enger Zusammenhang bestehen. Von da her betrachtet erscheint es durch-

aus als sachgerecht, dem Strafrichter die Kompetenz einzuräumen, über die Entschädi-

gung bzw. Genugtuung für die im Verfahren erstandene Haft zu befinden. Kommt hinzu,

dass der Strafrichter auch über die Anrechnung bzw. Nichtanrechnung der erlittenen

Haft zu entscheiden hat, was sich wiederum auf die Bemessung des Entschädigungs-

bzw. Genugtuungsanspruchs auswirken kann (vgl. dazu nachfolgend lit. d) und e). In der

Literatur wird sogar die Ansicht vertreten, dass bei teilweiser Beendigung des Verfah-

rens die Frage der Entschädigung bzw. Genugtuung im Einstellungsentscheid offenzu-

lassen und erst beim Abschluss des gesamten Verfahrens zu beurteilen sei (vgl. die

Nachweise bei Wallimann Baur, a.a.O., S. 161). Auch wenn diese Ansicht in Anbetracht

der Regelung von § 44 StPO als (zu) weitgehend erscheint, kann jedenfalls nicht gesagt

werden, das Obergericht sei für die Beurteilung der Entschädigungs- bzw. Genugtu-

ungsforderung für die erlittene Haft unzuständig gewesen.

d) Ist von der obergerichtlichen Zuständigkeit auszugehen, ist demnach auf

die weitere Frage einzugehen, nach welchen Grundsätzen im Falle der teilweisen Ein-

stellung über die Entschädigung und Genugtuung für die erstandene Haft zu entschei-

den ist. Keine Probleme ergeben sich dabei, wenn die erlittene Haft wegen desjenigen

Delikts angeordnet wurde, welches letztendlich zur Verurteilung des Angeschuldigten

führt. Hier sind nach dem klaren Sinn der vorstehend erwähnten kantonalen Bestim-

mungen insoweit d.h. für die erstandene Haft keine Schadenersatz- oder Genugtuungs-

leistungen geschuldet, liegt doch in einem solchen Fall gerade keine ungerechtfertigte

Haft dar und wird im Übrigen unter den Voraussetzungen von Art. 69 StGB die Haft an

die ausgefällte Strafe angerechnet. Weniger eindeutig stellt sich die Lage hingegen dar,

wenn die Untersuchungshaft wegen eines Deliktes angeordnet wurde, bezüglich wel-

chem das Verfahren mit einer Einstellung (oder einem Freispruch) endete, eine Verur-

teilung aber wegen eines anderen oder mehrerer anderer Delikte erfolgt. Hier hängt die

Frage, ob ein Entschädigungsanspruch für die erlittene Haft besteht, eng mit der weite-

ren - wie gesehen kantonalen Frage zusammen, inwieweit die Untersuchungshaft an die

wegen eines anderen Deliktes ausgefällte Strafe angerechnet werden darf (vgl. Schmid,

in: Donatsch/Schmid, a.a.O., N 25 zu § 43 StPO) bzw. ob ein Schaden oder eine im-

materielle Unbill und damit ein Entschädigungsanspruch zu verneinen ist, wenn die Un-

tersuchungshaft auf eine ausgefällte Freiheitsstrafe angerechnet worden ist.

e) Das Kassationsgericht hat bereits in einem Entscheid aus dem Jahre 1996

festgehalten, dass der Anspruch des Angeschuldigten auf Schadenersatz bzw. Genug-

tuung für ungerechtfertigte Untersuchungshaft nicht durch die Anrechnung auf eine

Strafe für andere Delikte, hinsichtlich derer keine Untersuchungshaft angeordnet worden

sei, abgegolten werden könne (RB 1996 Nr. 145 = Kass.-Nr. 95/480 S, Entscheid vom

4. November 1996 i.S. I., Erw.. II./3.4). Es folgt damit dem Grundsatz der Tatidentität (im

Gegensatz zum Grundsatz der Verfahrensidentität), welcher gemäss wohl nach wie vor

herrschender Auffassung auch bei der Frage der Anrechnung der Untersuchungshaft im

Sinne von Art. 69 StGB gilt (vgl. dazu insb. Mettler, in: Niggli/Wiprächtiger [Hrsg.],

a.a.O.). In ZR 100 Nr. 59 (= Kass.-Nr. 2001/065 S, Entscheid vom 6. Mai 2001 i.S. N.),

auf welchen Entscheid sich der Beschwerdeführer ausdrücklich beruft, hat sich das

Kassationsgericht erneut mit dem Grundsatz der Tatidentität bzw. mit der Frage befasst,

ob dem Angeschuldigten im Rahmen von § 43 StPO auch dann ein Anspruch auf Ent-

schädigung und Genugtuung für ungerechtfertigte Haft zustehe, wenn diese Haft zuvor -

und zwar in einem rechtskräftigen Entscheid - bereits auf eine (wegen eines anderen

Deliktes ausgefällten) Freiheitsstrafe angerechnet worden sei. Es hat dabei festgehal-

ten, dass sich Ansprüche aus §§ 42 ff. StPO auf Schadenersatz bzw. Genugtuung in der

Regel auf Geldleistungen beschränkten. Ausdrücklich sehe dies § 43 Abs. 3 StPO für

die Genugtuung ("Ausrichtung einer angemessenen Geldsumme") vor. Im schweizeri-

schen Haftpflichtrecht sei grundsätzlich neben Ersatz in Form von Geldleistungen auch

Realersatz eine mögliche - wenn auch selten Anwendung findende -Ausgleichsform für

materiellen Schaden bzw. immaterielle Unbill. Vor diesem Hintergrund erscheine es

nicht von vornherein als unzulässig, auch im Rahmen des kantonalrechtlichen Haftent-

schädigungsverfahrens wegen ungerechtfertigter bzw. ungesetzlicher Haft von der Zu-

lässigkeit dieser Kompensationsform auszugehen; sachlich überzeuge der Gedanke,

wonach ein zu Unrecht bzw. sich nachträglich als ungerechtfertigt erweisender Frei-

heitsentzug grundsätzlich am angemessensten in der Weise abgegolten werde, dass

dem Betroffenen eine entsprechende Haftdauer an einen (anderen) Freiheitsentzug an-

gerechnet und ihm damit gewissermassen die Freiheit zurückgegeben werde. Dies set-

ze aber voraus, dass ein solcher anderweitiger Freiheitsentzug tatsächlich stattfinde. Ei-

ne wirksame Anrechnung finde dann nicht statt, wenn die betreffende Freiheitsstrafe -

wegen Bewilligung des bedingten Vollzuges und Bewährung in der Probezeit - gar nicht

vollzogen werde. Es sei nicht ersichtlich, inwiefern eine wirksame Haftentschädigung

darin liegen solle, dass die in Frage stehende Haft an eine Freiheitsstrafe angerechnet

werde, die nicht vollstreckt werde. In solchen Fällen bleibe die Anrechnung rein statisti-

scher Natur und habe nicht zur Folge, dass dem Verurteilten die ihm zu Unrecht bzw.

ungerechtfertigterweise entzogene Freiheit wieder zurückgegeben werde. Der so ge-

währte Vorteil sei (während der Dauer der Probezeit) latenter Natur und könne sich -

nach Ablauf der Probezeit unter Bewährung - definitiv nicht mehr verwirklichen; insoweit

erweise sich die Anrechnung an eine Freiheitsstrafe jedenfalls als ungeeignete Aus-

gleichsform für unschuldig erlittene Haft. Dem könne auch nicht entgegengehalten wer-

den, dass nach Art. 69 StGB die Anrechnung der Untersuchungshaft auch zu erfolgen

habe, wenn die Freiheitsstrafe bedingt ausgesprochen werde. Bei Art. 69 StGB gehe es

nicht um Kompensation im Sinne eines Ausgleichs eines ungerechtfertigt erlittenen

Schadens, denn die zur Anrechnung gebrachte Untersuchungshaft sei weder unge-

rechtfertigt noch ungesetzlich und brauche daher in keiner Form abgegolten zu werden.

Demgegenüber verlange § 43 StPO im Fall der ungerechtfertigten oder ungesetzlichen

Haft einen effektiven Schadensausgleich, der im Fall der Anrechnung auf eine nicht zu

vollziehende Freiheitsstrafe nicht gegeben sei. Zum gleichen Ergebnis führe die Überle-

gung, wonach ein Zweck der Gewährung des bedingten Strafvollzugs darin liege, dass

der Verurteilte, sofern er sich bewähre, seine Strafe nicht zu verbüssen habe und damit

die mit der Verbüssung verbundenen materiellen und immateriellen Nachteile nicht er-

leide. Werde aber ein Angeschuldigter, dessen Verfahren insoweit mit Einstellung oder

Freispruch ende, für erlittene Untersuchungshaft nicht oder nur teilweise entschädigt mit

der Begründung, er sei wegen einer anderen Straftat, deren Verfolgung nicht kausal für

die Anordnung der Untersuchungshaft gewesen sei, mit einer bedingten Freiheitsstrafe

belegt worden, an welche die Untersuchungshaft angerechnet worden sei, so erleide er

eben diese durch die Gewährung des bedingten Strafvollzugs zu vermeidenden Nach-

teile. An der bisherigen Rechtsprechung, so das Kassationsgericht, sei jedenfalls inso-

fern festzuhalten, als eine Abgeltung des Schadenersatz- bzw. Genugtuungsanspruchs

für zu Unrecht erlittene Haft durch Anrechnung an eine anderweitige Freiheitsstrafe, die

nicht vollzogen werde, ausgeschlossen sei. Ob im Falle des Vollzugs der wegen eines

anderen Delikts ausgesprochenen Freiheitsstrafe durch die Anrechnung bereits eine

volle Entschädigung der materiellen und immateriellen Nachteile erzielte werde, brauche

hier nicht entschieden zu werden. Immerhin sei denkbar, dass bestimmte situationsbe-

zogene Nachteile (z.B. entgangener Gewinn) oder eine besonders schwere Verletzung

in den persönlichen Verhältnissen durch die Art und Weise der Festnahme durch die

blosse Anrechnung nicht abgegolten seien (zit. Entscheid, a.a.O.).

f) Nach dieser Rechtsprechung, von welcher abzuweichen vorliegend kein

Anlass besteht, kann somit eine Anrechnung nur erfolgen, wenn Tatidentität besteht

oder im selben Verfahren eine unbedingte Strafe zur Verbüssung ansteht.

5.2 a) Den Akten ist zu entnehmen, dass gegen den Beschwerdeführer - wie

auch gegen die (Mit-)Angeklagten L., C. und X. - ursprünglich wegen Verdachts der

(qualifizierten) Geldwäscherei ermittelt wurde. Unter diesem Titel wurde der Beschwer-

deführer am 27. September 1996 verhaftet (vgl. dazu BG act. HD l/E 1.2/1-2) bzw. wur-

de der Antrag auf Anordnung der Untersuchungshaft gestellt (BG act. HD l/E 1.2/5). In

der Folge befand sich der Beschwerdeführer bis am 20. Oktober 1997 in Untersu-

chungshaft (BG act. HD l/E 1/2.2/113). Da sich trotz intensiven Bemühungen und

Nachforschungen seitens der Untersuchungsbehörde nicht nachweisen liess, dass die

transportierten Gelder aus Verbrechen stammten, wurde der Vorwurf der Geldwäscherei

fallengelassen, was am 3. April 2000 zu entsprechenden Verfahrenseinstellungen führte

(für den Beschwerdeführer vgl. BG act. HD l/A 1/2.1). Gestützt auf das Untersuchungs-

ergebnis wurde jedoch gleichentags wegen mangelnder Sorgfalt bei Finanzgeschäften

Anklage erhoben, worauf im Übrigen auch in der Einstellungsverfügung hingewiesen

wurde (vgl. BG act. HD l/A 1/2.1 S. 14). Dies führte wie gesehen zu einem entsprechen-

den Schuldspruch sowohl in erster als auch in zweiter Instanz und zu einer Freiheits-

strafe von neun Monaten Gefängnis (KG act. 7 und OG act. 57).

b) Nachdem dem Beschwerdeführer der bedingte Strafvollzug gewährt wurde

(vgl. KG act. 7 S. 116), steht (im selben Verfahren) keine unbedingte Strafe zur Ver-

büssung an, auf welche die erlittene Untersuchungshaft im Lichte der obigen Recht-

sprechung angerechnet werden könnte. Es kann sich daher nur noch fragen, ob der

Grundsatz der Tatidentität es mit Blick auf die geltend gemachte Schadenersatz- und

Genugtuungsforderung in diesem Fall erlaubte, die unter dem Titel Geldwäscherei er-

standene Untersuchungshaft auf die wegen mangelnder Sorgfalt bei Finanzgeschäften

ausgefällte Strafe anzurechnen. Soweit ersichtlich hatten sich bis anhin weder das Bun-

desgericht noch die zürcherischen Gerichte mit dieser Frage bzw. der Auslegung des

Grundsatzes der Tatidentität zu befassen.

c) Wird der Grundsatz der Tatidentität in einem engen Sinn verstanden, kann

eine Anrechnung der erstandenen Untersuchungshaft an die ausgesprochene Strafe nur

erfolgen, wenn das Delikt, hinsichtlich dessen die Untersuchungshaft angeordnet wurde,

mit demjenigen Delikt identisch ist, dessen der Betroffene auch schuldig gesprochen

wurde. So gesehen kann beispielsweise die wegen Diebstahlverdachts angeordnete

Untersuchungshaft an die wegen Veruntreuung ausgesprochene Strafe nicht angerech-

net werden und müsste dem Verurteilten eine Entschädigung und/oder Genugtuung

ausgerichtet werden, wenn sich im Laufe der Strafuntersuchung herausstellen sollte,

dass ihm die fremde bewegliche Sache vom Geschädigten vorgängig anvertraut worden

war. Gleiches müsste etwa auch dann gelten, wenn sich der Verdacht der Vergewalti-

gung in der Strafuntersuchung nicht erhärten liesse und "nur" zu einem Schuldspruch

wegen sexueller Nötigung führen würde oder wenn der wegen des Verdachts der vor-

sätzlichen Tötung Verhaftete letztendlich des Totschlags oder lediglich der fahrlässigen

Tötung schuldig gesprochen würde. Ein solch enges Verständnis des Grundsatzes der

Tatidentität wird dem Sinn der strafprozessualen Entschädigungsnormen, welche dem

zu Unrecht Verdächtigten eine Schadenersatz- und/oder Genugtuungsforderung zuge-

stehen, nicht gerecht und ist abzulehnen. Entscheidend muss vielmehr sein, ob die Un-

tersuchungshaft wegen einer Handlung ausgestanden worden ist, für die der Beschul-

digte letztendlich bestraft wird (vgl. dazu auch BGE 77 IV 6 und 85 IV 12). Denn nur wo

dies nicht der Fall ist, kann von unschuldig erlittener Haft gesprochen werden und

rechtfertigt sich die Pflicht des Staates zur Entschädigung für die rechtmässig angeord-

nete Untersuchungshaft. Daran ändert auch der Hinweis des Beschwerdeführers auf

den Entscheid des Kassationsgerichts vom 7. Mai 2001 i.S. B. (Kass.-Nr. 2000/091 S)

nichts. Zwar wurde dort die Tatidentität zwischen einer Drohung, hinsichtlich derer ein

Schuldspruch erfolgte, und dem Vorwurf der Vergewaltigung und mehrfacher Drohun-

gen, hinsichtlich welcher Delikte der Beschwerdeführer freigesprochen wurde, verneint,

weil die erstandene Untersuchungshaft in keinerlei kausalem Zusammenhang mit der

Drohung gestanden habe, bezüglich welcher der Beschwerdeführer schuldig gespro-

chen worden sei. Im Gegensatz zum vorliegenden Fall war dort die Untersuchungshaft

aber gerade nicht wegen einer Handlung ausgestanden worden, für die der Beschul-

digte letztendlich bestraft wurde: Die Drohung, die zu einem Schuldspruch führte, hatte

sich am 23. Februar 1997 ereignet, während die Untersuchungshaft allein wegen des

Verdachts der Vergewaltigung und mehrerer Drohungen, welche sich zwischen Ende

Januar bis ca. anfangs Februar 1996 abgespielt haben sollten, angeordnet worden war.

d) Ein weites Verständnis des Grundsatzes der Tatidentität führt zudem zur

klaren Abgrenzung zwischen der (bundesrechtlichen) Regelung betreffend Anrechnung

der Untersuchungshaft gemäss Art. 69 StGB und den kantonalen Bestimmungen über

die Entschädigung wegen unschuldig erlittener Haft: Wurde die Untersuchungshaft we-

gen einer Handlung ausgestanden, für die der Beschuldigte bestraft wurde, erfolgt die

Anrechnung auf die ausgesprochene Strafe nach Art. 69 StGB, ohne dass den Staat

noch eine Entschädigungspflicht (nach kantonalem Recht) für die angeordnete und ge-

rade nicht unschuldig erlittene Untersuchungshaft treffen würde. Wurde die Untersu-

chungshaft hingegen wegen einer Handlung angeordnet, deretwegen der Beschuldigte

nicht schuldig gesprochen wurde, ist eine Anrechnung nach der geltenden Praxis zu Art.

69 StGB nicht möglich und stellt sich alsdann die Frage einer Entschädigung nach kan-

tonalem Recht für die diesfalls unschuldig erlittene Untersuchungshaft, wobei das kan-

tonale Recht bestimmt, unter welchen Bedingungen der Entschädigungsanspruch al-

lenfalls auch durch Anrechnung an eine andere Strafe erfüllt werden kann (vgl. oben) .

e) Auch wenn im vorliegenden Fall die Untersuchungshaft wegen des Ver-

dachts auf qualifizierte Geldwäscherei angeordnet, der Beschwerdeführer hingegen der

mangelnden Sorgfalt bei Finanzgeschäften schuldig gesprochen wurde, kann doch kein

Zweifel daran bestehen, dass die Untersuchungshaft wegen einer Handlung erstanden

wurde,. für welche der Beschwerdeführer letztlich bestraft wurde. Dem ursprünglich er-

hobenen Vorwurf der Geldwäscherei und dem letztlich zur Anklage gelangten Vorwurf

der mangelnden Sorgfalt bei Finanzgeschäften liegt nämlich ein und derselbe Lebens-

sachverhalt zu Grunde, welcher darin besteht, dass der Beschwerdeführer unter Verlet-

zung strafrechtlicher Normen Gelder in die Schweiz transportiert hat bzw. hat transpor-

tieren lassen. Darauf hat bereits das Obergericht zu Recht hingewiesen und den Grund-

satz der Identität der Tat richtigerweise als gewahrt betrachtet. Dass sich die Tatbestän-

de der Geldwäscherei und der mangelnden Sorgfalt bei Finanzgeschäften voneinander

unterscheiden, liegt in der Natur der Sache begründet und ändert an der engen Ver-

flechtung, die sich namentlich in der (gemeinsamen) Entstehungsgeschichte (Trechsel,

a.a.O., N 1 zu Art. 305ter StGB), der systematischen Stellung innerhalb des StGB

(Trechsel, a.a.O., N 6 zu Art. 305bis StGB und N 1 zu Art. 30Ster StGB) und nicht zu-

letzt beim geschützten Rechtsgut (vgl. Botschaft 1989, 1071 f., 1081 und TrechseI,

a.a.O., N 1 zu Art. 305ter StGB) sowie der Frage der Konkurrenz zeigt (Trechsel, a.a.O.,

N 2S zu Art. 305ter StGB), nichts. Im vorliegenden Fall erlaubte es der Grundsatz der

Tatidentität mit Blick auf die geltend gemachte Schadenersatz- und Genugtuungsforde-

rung, die unter dem Titel Geldwäscherei erstandene Untersuchungshaft auf die wegen

mangelnder Sorgfalt bei Finanzgeschäften ausgefällte Strafe anzurechnen bzw. die er-

standene Untersuchungshaft von insgesamt 389 Tagen nur insoweit als unschuldig er-

litten und damit schadenersatz- sowie genugtuungsbegründend anzusehen, als diese

die ausgefällte Gefängnisstrafe von neun Monaten überschritt. Das Obergericht hat

demnach keine materiellen Gesetzesvorschriften verletzt, wenn es die Genugtuung auf

der Grundlage von 119 Tagen unschuldig erlittener Haft zusprach.

6. Weitere Rügen werden keine erhoben. Insbesondere wird nicht geltend

gemacht, die - auf der Basis von einer Überhaft von 119 Tagen - bemessene Entschädi-

gung von Fr. 16'000.-- und die Genugtuung von Fr. 10'000.- seien (im Quantitativen) of-

fensichtlich unangemessen (zur diesfalls beschränkten Kognition des Kassationsge-

richts vgl. statt vieler Kass.-Nr. 99/044 S, Entscheid vom 6. Dezember 1999 i.S. F., Erw.

11./3.).

Zusammenfassend ist daher festzuhalten, dass der Beschwerdeführer keinen

Nichtigkeitsgrund aufzuzeigen vermochte. Die Beschwerde ist demzufolge abzuweisen.