# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** f5f10976-7afa-5fd0-8035-b890560791e0
**Source:** Fribourg (FR)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 
**Language:** de
**Title:** FR 1A_2001_47_01_12_091.pdf
**Docket/Reference:** 1A_2001_47_01_12_091.pdf
**URL:** https://www.fr.ch/sites/default/files/contens/tc/_www/files/pdf22/1A_2001_47_01_12_091.pdf

## Full Text

1A 2001-47 

Urteil vom 1. Dezember 2009 

I. VERWALTUNGSGERICHTSHOF 

BESETZUNG 

Präsidentin: 
Richter: 
Gerichtsschreiber-Berichterstatter: 

Gabrielle Multone 
Josef Hayoz, Christian Pfammatter 
Christoph Rohrer 

PARTEIEN 

X1, geboren 1997, Klägerin 1, 
X2, geboren 1964, Klägerin 2, 
X3, geboren 1969, Kläger 3, 
X4, geboren 1993, Kläger 4, 
X5, geboren 1995, Klägerin 5, 
X6, geboren 1999, Kläger 6, 

alle  vertreten  durch  Fürsprecher  Rolf  P.  Steinegger,  Hirschengraben  2, 
Postfach 8364, 3001 Bern, 

Eidgenössische  Invalidenversicherung,  vertreten  durch  das  Bundes-
amt für Sozialversicherung, Effingerstrasse 20, 3003 Bern, Klägerin 7, 

vertreten  durch  Fürsprecher  Franz  Müller,  Herrengasse  22,  Postfach  663, 
3000 Bern 7, 

gegen 

HFR  FREIBURG  -  KANTONSSPITAL,  Ch.  des  Pensionnats  2/6,  Postfach, 
1708 Freiburg, Beklagter, 

vertreten  durch  Rechtsanwalt  Elmar  Perler,  Cité-Bellevue  6,  Postfach  41, 
1707 Freiburg, 

GEGENSTAND 

Haftung der Gemeinwesen und ihrer Amtsträger 
Spitalhaftung 
Zwischenentscheid 

Klage vom 8. Juni 2001. 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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S a c h v e r h a l t  

A.  Nachdem X2 in den Jahren 1993 und 1995 X4 und X5, beides gesunde Kinder, zu Welt 
brachte,  wurde  sie  1996  erneut  schwanger.  In  der  Nacht  vom  14. auf  den  15.  Juni  1997, 
um etwa 01.50 Uhr, 7 Tage vor dem errechneten Entbindungstermin, begab sie sich in das 
Kantonsspital Freiburg, weil sie den Eindruck hatte, etwas stimme nicht; offenbar verspürte 
sie weniger Kindsbewegungen.  

B.  Um  06.31  Uhr  hat  X2  ihre  Tochter  X1,  die  körperlich  und  geistig  schwerstbehindert 
auf die Welt kam, geboren; X1 ist irreversibel hirngeschädigt und bedarf einer lebenslangen 
Intensivpflege. Der Grund ist eine hypoxisch-ischämische Enzephalopathie (Hirnschädigung 
infolge  Sauerstoffmangel  und  Minderdurchblutung  des  Gehirns).  Unmittelbar  nach  der 
Geburt  wurde  X1  in  die  Medizinische  Universitäts-Kinderklinik  des  Inselspitals,  Bern, 
eingeliefert, wo sie bis zum 18. Juni 1997 blieb (Klagebeilage [nachfolgend: KlBl] 8). 

Im  Zusammenhang  mit  dieser  Geburt  waren  folgende  Personen  des  Kantonsspitals 
involviert: 

-  Dr. A, vorgesetzter Arzt 
-  Dr. B, 
-  Dr. C, vorgesetzter Arzt 
-  Dr. D, 
-  Dr. E, 
-  Hebamme N. 

C.  Die  Familie  X  ist  der  Auffassung,  dass  die  Schäden,  an  welchen  X1  leidet,  auf  einen 
ärztlichen  Kunst-  und  Behandlungsfehler  zurückzuführen  sind.  Wenn  die  richtigen  Unter-
suchungen  rechtzeitig  durchgeführt,  deren  Ergebnisse  richtig  analysiert  und  die  richtigen 
Entscheidungen  und  Massnahmen  getroffen  beziehungsweise  veranlasst  worden  wären, 
wäre  kein  Gesundheitsschaden  eingetreten,  insbesondere  nicht,  wenn  rechtzeitig  ein 
Kaiserschnitt durchgeführt worden wäre. 

D.  Am  24.  September  1998  gaben  X2  und  X3  bei  der  FMH  (Verbindung  der  Schweizer 
Ärztinnen und Ärzte) ein aussergerichtliches Gutachten in Auftrag. Die FMH bezeichnete die 
Dres.  K  und  L  zu  Gutachtern.  Diese  kamen  in  ihrem  Bericht  vom  5.  Januar  2000  zum 
Schluss, dass die Aktenlage einen schlüssigen Beleg für die Argumentation, dass durch eine 
frühzeitige  Kaiserschnittentbindung  der  Zustand  des  Neugeborenen  besser  gewesen  wäre, 
nicht zu liesse (KlBl 15; nachfolgend: FMH-Gutachten). 

E.  Am 21. Oktober 1999 gebar X2 noch X6. 

F.  Mit  Klage  vom  8.  Juni  2001  leiteten  die  Kläger  2-6  sowie  die  Eidgenössische 
Invalidenversicherung  (IV)  beim  Verwaltungsgericht  des  Kantons  Freiburg  ein  Klagever-
fahren  gegen  das  Kantonsspital  ein.  Sie  stellten  die  Begehren,  der  Beklagte  sei  zu 
verurteilen, ihnen folgende Beträge zu bezahlen (act. 1): 

1. 

Der Klägerin 1: 
1.1.  450'021 Franken, nebst Zins zu 5% seit 1. Juli 1999, und 
1.2.  9'194'120 Franken, nebst Zins zu 5% seit 1. Januar 2001 und 
1.3 

einen  gerichtlich  zu  bestimmenden  Betrag,  nebst  Zins  zu  5%  seit  1.  Januar 
2001  (zukünftige  Heilungskosten,  bauliche  Anpassungen/Fahrzeug,  Renten-
schaden, erhöhte Bedürfnisse) sowie  

 
 
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1.4.  200'000 Franken, nebst Zins zu 5% seit 15. Juni 1997; 
den Klägern 2 und 3: 

2. 

je 100'000 Franken, nebst Zins zu 5% seit 15. Juni 1997, 

3. 

den Klägern 4 und 5: 

je 50'000 Franken, nebst Zins zu 5% seit 15. Juni 1997, 

4. 

5. 

dem Kläger 6: 

50'000 Franken, nebst Zins zu 5% seit 21. Oktober 1999, 

der Klägerin 7:  

2'790'217  Franken,  nebst  Zins  zu  5%  seit  15.  September  1999  auf  675'999 
Franken und seit 1. Juni 2001 auf 2'114'319 Franken. 

Die Begehren Nr. 1.1., 1.2. und 1.3. betreffen einen Schadenersatz- und die Nr. 1.4. einen 
Genugtuungsanspruch.  Die  Kläger  2  -  4  machen  Genugtuung  und  die  Klägerin  7  einen 
Regressanspruch geltend. 

Der  Beklagte  schliesst,  soweit  auf  die  Klage  eingetreten  werden  könne,  auf  deren 
Abweisung (act. 10). 

G.  Am 25. Januar 2002 beschränkte der Instruktionsrichter das Verfahren einstweilig auf 
die Frage der grundsätzlichen Haftung des Beklagten (act. 12). 

Eine erste Instruktionsverhandlung, an welcher Dres. A und D einvernommen wurden, fand 
am 1. März 2002 statt (act. 23). Eine zweite Sitzung wurde am 6. Juni 2002 durchgeführt 
und es wurden Dres. E, C, B sowie die Hebamme N zur Sache befragt (act. 38). 

Am 28. Januar 2003 beauftragte der Instruktionsrichter, mit Zustimmung der Parteien, die 
Dres.  K  und  L  mit  der  Durchführung  eines  gerichtlichen  Gutachtens  (act.  53).  Wegen  der 
Emeritierung  von  Dr.  K  wurde  Dr. F  zum  Mitexperten  bestimmt  (act.  57).  Das  Gutachten, 
das  allein  von  Dr. L  erstellt  wurde,  traf  am  5. August  2004  beim  Verwaltungsgericht  ein 
(act. 65). 

H.  Am  18.  Oktober  2004  reichten  die  Kläger  gegen  Instruktionsrichter  Hayoz  ein 
Ablehnungsgesuch ein (act. 75). Dieses wurde am 6. Dezember 2004 abgewiesen (act. 79). 

Am 28. Januar 2005 unterbreitete der Instruktionsrichter Dr. L mehrere Zusatzfragen 

I. 
(act. 81), die dieser mit Eingabe vom 27. Dezember 2005 beantwortete (act. 88). 

J.  Mit  einer  prozessleitenden  Verfügung  vom  30.  März  2006 
lehnte  der 
Instruktionsrichter ein Gesuch der Kläger um Protokollberichtigung ab und wies bestimmte, 
von ihnen eingereichte Akten aus dem Gerichtsdossier (act. 93). 

K. 
Am  12.  April  2006  reichten  die  Kläger  unter  anderem  ein  von  Dr.  M  erstelltes 
Privatgutachten  ein  (act.  98/1;  Gutachten  in  KlBl-Ordner  4;  nachfolgend:  Gutachten  M). 
Dieses  wurde  am  14.  März  2007  dem  Gerichtsgutachter  Dr. L  unterbreitet  (act.  114),  der 
dazu am 10. Mai 2007 Stellung nahm (act. 116). 

Am  11.  Mai  2006  fand  eine  weitere  Instruktionsverhandlung  statt,  an  welcher  die 

L. 
Kläger 2 und 3 einvernommen wurden (act. 102).  

Im  Oktober  2007 

liess  der  Instruktionsrichter  die  Akten  der  Medizinischen 
M. 
Universitäts-Kinderklinik des Inselspitals, Bern, beiziehen und sie in der Folge den Parteien 
zur Einsichtnahme zustellen (act. 125 ff.). 

 
 
 
 
 
 
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N.  Am  7.  März  2008  wollte  der  Instruktionsrichter  ein  Gutachten  zur  Klärung  der  Frage 
anordnen, wie lange Zeit die Klägerin 1 vorgeburtlich unter Sauerstoffmangel gelitten hatte 
(act.  139).  Die  Parteien  widersetzten  sich  diesem  Vorgehen  (act.  144  und  145),  weshalb 
der  Instruktionsrichter  gestützt  auf  Art.  200  Abs. 2  der  Zivilprozessordnung  vom  28.  April 
1953  (ZPO;  SGF  270.1)  auf  sein  Vorhaben  verzichten  musste  (act.  146;  vgl.  unten 
Erwägung [Erw.] F. 3 S. 10). 

O.  Mit Schreiben vom 13. Mai 2008 setzte der Instruktionsrichter den Parteien eine Frist, 
um  zu  den  vorhandenen  medizinischen  Gutachten  eine  Stellungnahme  einzureichen 
(act. 146). Diese Vernehmlassungen trafen am 19. und 20. August 2008 ein (act. 151 und 
152). 

Am 22. April 2009 (act. 158) teilte der Instruktionsrichter den Parteien mit, dass das 
P. 
Gutachten  M  und  weitere  von  den  Klägern  eingereichten  Akten  zum  Dossier  genommen 
werden.  Gleichzeitig  wies  er  die  Anträge  auf  Einvernahme  der  Ärzte  L  sowie  M  ab  und 
schloss das Beweisverfahren, soweit dieses auf den Grundsatz der Haftung beschränkt ist. 

Q.  Am  10.  November  2009  fand  vor  Gericht  eine  öffentliche  Sitzung  statt.  Diese  war 
beschränkt  auf  den  Parteivortrag.  Die  Parteienvertreter  plädierten,  replizierten  und 
duplizierten. 

Die  weiteren  Elemente  des  Sachverhalts  ergeben  sich,  soweit  sie  für  die  Urteilsfindung 
massgebend sind, aus den nachfolgenden rechtlichen Erwägungen. 

E r w ä g u n g e n  

A.  Zuständigkeit / Anwendbares Recht 

1.  Mit  Wirkung  ab  dem  1.  Januar  2008  wurde  das  Verwaltungsgericht  als  Verwaltungs-
rechtliche  Abteilung  in  das  Kantonsgericht  integriert  (vgl.  das  Gesetz  vom  14. November 
2007  über  die  Organisation  des  Kantonsgerichts  [KGOG;  SGF  131.1.1]);  der  Begriff 
Verwaltungsgericht ist aus der freiburgischen Gesetzessammlung verschwunden (Freiburger 
Zeitschrift für Rechtsprechung [FZR] 2008 S. 5 ff.). 

2. 
a)  Das  Kantonsgericht  urteilt  im  Klageverfahren  als  einzige  kantonale  Instanz  über 
vermögensrechtliche  Streitigkeiten,  an  denen  der  Kanton,  eine  Gemeinde  oder  eine 
öffentlich-rechtliche  Körperschaft  oder  Anstalt  des  kantonalen  oder  kommunalen  Rechts 
beteiligt ist,  sofern  nicht  die  Verwaltungsgerichtsbeschwerde  gegeben  oder  ein  Zivilgericht 
zuständig  ist  (Art.  123  des  Gesetzes  vom  23.  Mai  1991  über  die  Verwaltungsrechtspflege 
[VRG, SGF 150.1]; FZR 1996 S. 310, 312 ff.). 

b) Die vorliegende Klage richtet sich gegen das Kantonsspital, eine juristische Person 
des  öffentlichen  Rechts  (vgl.  Art. 2  Abs. 2,  Art. 11  des  aufgehobenen  Spitalgesetzes  vom 
23. Februar 1984 [Amtliche Sammlung des Kantons Freiburg, ASF, 1984 S. 68]). Seit dem 
1. Januar 2007 bildet das Kantonsspital zusammen mit fünf anderen  öffentlichen Spitälern 
des Kantons das Freiburger Spitalnetz (FSN) und für das (ehemalige) Kantonsspital wurde 
alsdann  der  Begriff  Freiburger  Spital  gebraucht.  Seit  dem  24.  November  2008  wird  es  als 
"HFR  Freiburg  -  Kantonsspital"  bezeichnet.  Diese  verschiedenen  Namensgebungen  haben 
an  der  Struktur  des  Spitals  als  eine  selbstständige  Anstalt  des  öffentlichen  Rechts  nichts 
geändert:  Nach  Art.  4  des  Gesetzes  vom  27. Juni  2006  über  das  Freiburger  Spitalnetz 

 
 
 
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(FSNG;  SGF  822.0.1)  ist  das  FSN  eine  öffentlich-rechtliche  Anstalt  mit  eigener  Rechts-
persönlichkeit (Abs. 1) und selbstständig in den Grenzen des Gesetzes (Abs. 2). Weiter hat 
es  die  Führung  und  die  Vermögen  der  bestehenden  öffentlichen  Spitäler  sowie  die  Rechte 
und  Pflichten  aus  den  Verträgen  zwischen  den  Spitälern  und  Dritten  übernommen 
(Art. 49 ff. FSNG). Damit ist das HFR Freiburg - Kantonsspital als Nachfolger des Kantons-
spitals  in  dessen  Parteistellung  eingetreten  (vgl.  Entscheid  des  Verwaltungsgerichts  vom 
12. Februar 2007, 1A 02 39, Erw. 1; BGE 133 III 462 lit. B des Tatbestands). 

c)  Die  Kläger  machen  Ansprüche  aus  der  Staatshaftung  geltend  und  stützen  ihre 
Klage  auf  das  Gesetz  vom  16.  September  1986  über  die  Haftung  der  Gemeinwesen  und 
ihrer Amtsträger (HGG; SGF 16.1).  

Nach der im Zeitpunkt des Einreichens der Klage geltenden Gesetzesbestimmungen richtete 
sich  die  Haftung  der  kantonalen  Spitäler  und  der  Gemeindeverbände  sowie  diejenige  der 
Mitglieder  der  Organe  und  des  Personals  der  öffentlichen  Spitäler  nach  dem  erwähnten 
Haftungsgesetz  (vgl.  Art.  6  Spitalgesetz  vom  23.  Februar  1984,  Revision  vom  1.  Januar 
1987 in ASF 1986 S. 258, 265). Daran hat das neue Spitalgesetz (FSNG) nichts geändert. 
Gemäss  Art.  41  FSNG  wird  die  Haftung  eines  Spitals,  das  im  FSN  zusammengeschlossen 
ist, für den Schaden, den seine Angestellten in Ausübung ihrer Funktion Dritten widerrecht-
lich  zufügen,  sowie  die  Haftung  von  Angestellten  für  den  Schaden,  den  sie  ihrem  Arbeit-
geber  in  Verletzung  ihrer  Berufspflichten  zufügen,  durch  das  HGG  geregelt.  Art.  6  Abs.  1 
HGG  bestimmt,  dass  die  Gemeinwesen,  dazu  gehören  Gemeindeverbände  und  andere 
öffentliche Körperschaften (Art. 2 Abs. 1 lit. b und c sowie Abs. 2 HGG), für den Schaden, 
den ihre Amtsträger in Ausübung ihres Amtes Dritten widerrechtlich zufügen, haften. 

d) Die ärztliche Tätigkeit an einem öffentlichen Spital gilt nach konstanter Praxis des 
Bundesgerichts  als  amtliche  Verrichtung im  Sinne  von  Art.  61  Abs.  1  des  Schweizerischen 
Obligationenrechts  vom  30.  März  1911  (OR;  SR  220).  Ein  Arzt,  der  in  einem  öffentlichen 
Spital tätig ist, gilt als Amtsträger (Art. 3  HGG). Dies führt für Ansprüche aus fehlerhafter 
Behandlung  zur  Anwendung  des  öffentlichen  kantonalen  Verantwortlichkeitsrechts 
(vgl. BGE  122  III  76  Erw.  1  S.  78  ff.;  Bundesgerichtsurteil  4C.97/2002  vom  1.  Juli  2002; 
Bernische  Verwaltungsrechtsprechung  [BVR]  2004  S.  289  Erw. 1.1  S.  290  f.,  je  mit  Hin-
weisen). Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Klägerinnen 1 und 2 nicht Privat-
patientinnen waren. Somit gilt der Vorbehalt des Abs. 2 von Art. 61 OR nicht, weil es sich 
bei  der  Tätigkeit  von  Ärzten  an  öffentlichen  Spitälern  nicht  um  eine  gewerbliche,  sondern 
um eine amtliche Tätigkeit handelt (HUBERT STÖCKLI, in Peter Gauch / Viktor Aepli / Hubert 
Stöckli,  Präjudizienbuch  OR,  7.  A.,  Zürich  2009,  Art.  61  N  3;  THOMAS  EICHENBERGER,  Die 
Rechtstellung des Arztes am öffentlichen Spital, Diss. Bern 1995, S. 259, je mit Hinweisen). 

3. 
Zusammenfassend  lässt  sich  feststellen,  dass  sämtliche  Voraussetzungen  für  die 
Anwendung  des  HGG  gegeben  sind.  Die  Ansprüche  der  Kläger  sind  öffentlich-rechtlicher 
Natur und folglich auf dem Klageweg geltend zu machen. Da das kantonale Recht für solche 
Begehren  keine  andere  Behörde  vorsieht,  ist  die  Verwaltungsrechtliche  Abteilung  des 
Kantonsgerichts für die Beurteilung der Klage zuständig.  

B. 

Legitimation  

1.  Die  Aktivlegitimaton  der  Klägerin  1  als  unmittelbar  geschädigte  Person  steht  ausser 
Frage. 

Die  Kläger  2  -  6  stützen  ihre  Genugtuungsansprüche  auf  Art.  49  OR.  Nach  der  bundes-
gerichtlichen  Rechtsprechung  können  die  nahen  Angehörigen  (Eltern,  Ehegatten,  Kinder, 
Geschwister)  eines  Verletzen  einen  selbstständigen  Anspruch  auf  Genugtuung  haben 

 
 
 
 
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(STÖCKLI, Art. 49 N 5; HEINRICH HONSELL, Schweizerisches Haftpflichtrecht, 4. A., 2005, § 10 
N  4  S.  112,  je  mit  Hinweisen).  Mithin  ist  auch  deren  Aktivlegitimation  zu  bejahen 
(vgl. immerhin unten Erw. D.2.c S. 8). Dieses Ergebnis bedeutet aber nicht, dass, falls die 
Haftung  des  Beklagten  bejaht  werden  sollte,  die  Kläger  2-  6  auch  tatsächlich  einen 
Genugtuungsanspruch haben. Nach Art. 7 Abs. 1 HGG steht nämlich nur - aber immerhin - 
dem  Verletzten  oder  den  Angehörigen  des  Getöteten  ein  Anspruch  auf  eine  angemessene 
Geldsumme als Genugtuung zu (Art. 7 Abs. 1 HGG). 

Auch die Aktivlegitimation der Klägerin 7 lässt sich nicht bestreiten. Diese hat von Gesetzes 
wegen einen Regressanspruch (siehe dazu unten Erw. D.2.d S. 8 f.).  

2.  Gegenüber dem Amtsträger steht dem Geschädigten kein direkter Anspruch zu (Art. 6 
Abs. 2 HGG). Somit ist der Beklagte Haftungssubjekt (vgl. Amtliches Tagblatt der Sitzungen 
des  Grossen  Rates  des  Kantons  Freiburg  [TGR]  1986  S.  558  und  575)  und  seine 
Passivlegitimation ist gegeben. 

C.  Verfahrensrecht / Kognition 

1.  Das  Verfahren  vor  der  Verwaltungsrechtlichen  Abteilung  des  Kantonsgerichts  richtet 
sich nach dem VRG. Nach Art. 101 VRG wird es im Bereich der öffentlich-rechtlichen Klage 
jedoch  durch  sinngemässe  Anwendung  der  ZPO  geregelt.  Infolgedessen  sind  für  die  vor-
liegende Angelegenheit die Bestimmungen der ZPO heranzuziehen; vorbehalten bleiben die 
in Art. 101 VRG aufgeführten Ausnahmen. 

2.  Das  Gericht  ist  keinerlei  Kognitionsbeschränkungen  unterworfen,  da  es  prinzipiell 
dieselbe  Stellung  hat  wie  der  erstinstanzliche  Zivilrichter.  Seine  Kognition  erstreckt  sich 
daher auf Rechts-, Tat- und Ermessensfragen. Immerhin ist es an die Anträge der Parteien 
gebunden  (Art.  4  ZPO).  Es  darf  somit  dem  Kläger  weder  mehr  noch  anderes  zusprechen, 
als dieser verlangt hat, und nicht weniger, als der Beklagte anerkannt hat. 

3.  Die  Untersuchungsmaxime,  die  grundsätzlich  gemäss  45  VRG  herrscht,  gilt  für  das 
Klageverfahren  nach  der  in  Art.  101  VRG  enthaltenen  Verweisung  nicht.  Somit  kommt  die 
Verhandlungsmaxime  (Dispositionsmaxime)  zur  Anwendung,  aber  nicht  im  gleichen 
Umfange  wie  im  Zivilprozess.  Das  bedeutet,  dass  die  Parteien  durch  ihre  Sachvorbringen 
den Prozessstoff bestimmen, über den das Gericht zu entscheiden hat (Art. 192 ZPO). Das 
hindert  den  Richter  indes  nicht,  auch  von  den  Parteien  nicht  angebotene  Beweismittel 
beizuziehen (Art. 200 ZPO; FZR 1996 S. 309, 320 f.). 

D.  Einleitungsverfahren 

1. 
a)  Bevor  der  Kläger  seine  Klage  beim  Kantonsgericht  einreicht,  muss  er  seine 
Ansprüche  beim  obersten  Organ  des  Beklagten  geltend  machen  (vgl.  Art.  20  Abs.  1  lit.  d 
HGG). Dies hat schriftlich und mit einer Begründung sowie innerhalb eines Jahres seit dem 
Tag,  an  dem  er  Kenntnis  vom  Schaden  und  vom  entschädigungspflichtigen  Gemeinwesen 
erlangt hat, zu erfolgen (Art. 102 Abs. 1 VRG in Verbindung mit Art. 24 Abs. 1 lit. b HGG; 
vgl. TGR 1986 S. 570 Ziff. 1.2). Wird das Vorverfahren ausgelassen, so ist die Klage in den 
im  Gesetz  vorgesehenen  Fällen  unzulässig  (Art.  102  Abs.  2  VRG).  Wenn  in  den  übrigen 
Fällen der Kläger die Klage ohne das Vorverfahren einreicht, trägt die angerufene Behörde 
diesem  Umstand  bei  der  Festsetzung  der  Verfahrenskosten  und  der  Parteientschädigung 
Rechnung (Abs. 3). 

b)  Die  Kläger  1,  2,  3,  4  und  5  gelangten  am  2.  April  1998  an  die  damalige 
Gesundheits-  und  Sozialfürsorgedirektion  (heutige  Bezeichnung:  Direktion  für  Gesundheit 

 
 
 
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und  Soziales)  und  machten  Schadenersatz-  und  Genugtuungsansprüche  geltend,  ohne 
indes ihre Begehren zu substanziieren. Zur Begründung brachten sie vor, es gehe in erster 
Linie  darum,  ein  medizinisches  Gutachten  erstellen  zu  lassen  und  das  weitere  Vorgehen 
festzulegen (KlBl 1). Der Beklagte antwortete mit Schreiben vom 22. Mai 1998 (KlBl 2) und 
erklärte,  auf  die  Verwirkungseinrede  nach  Art.  24  HGG  zu  verzichten  und  mit  der 
Durchführung einer Expertise einverstanden zu sein. Er verlange aber, dass die Ansprüche 
beziffert würden. Am 31. Mai 2000 verzichtete der Beklagte auf die Einrede der Verjährung, 
laufend ab 14. Juni 1999 und vorläufig für ein weiteres Jahr, gegenüber den Klägern 1 - 6 
(KlBl 5). Am 12. Dezember 2000 stritt er die Forderung der Kläger ab (KlBl 4a). 

c)  Mit  dem  Verzicht  auf  die  Verjährungseinrede,  so  die  Kläger,  gelte  die  Anspruchs-
bestreitung  des  Beklagten  auch  gegenüber  dem  Kläger  6.  Eine  weitere  Forderungs-
anmeldung für dessen Ansprüche sei nicht notwendig gewesen, andernfalls ein überspitzter 
Formalismus  vorläge.  Gleich  verhalte  es  sich  mit  dem  Anspruch  der  Klägerin  7.  Wenn  der 
Beklagte  den  Direktschaden  vollumfänglich  bestreite,  sei  es  undenkbar,  dass  er  die 
Regressansprüche  der  Klägerin  7  auch  nur  teilweise  anerkennen  könne.  Das  Vorverfahren 
erübrige  sich  somit.  Aus  prozessökonomischen  Gründen,  um  keinen  Parallelprozess  zu 
veranlassen,  habe  sich  die  Klägerin  7  entschieden,  sich  im  vorliegenden  Verfahren  als 
Streitgenossin zu beteiligen. 

d) Der Beklagte macht geltend, dass lediglich die Kläger 1 - 5 eine Forderung, die nie 
ziffernmässig  begründet  worden  sei,  angemeldet  hätten.  Das  Vorverfahren  sei  obligato-
risch,  eine  zwingende  Prozessvoraussetzung.  Insofern  gewisse  Kläger  das  formelle  Vor-
gehen nicht eingehalten hätten, sei auf die Klage nicht einzutreten. 

2. 
a) Das Vorverfahren ist frei von Formalismus (TGR 1986 S. 570). Namentlich gibt es 
keine  ausdrückliche  Regelung  darüber,  dass  ein  Begehren  auf  Schadenersatz  und/oder 
Genugtuung  bereits  im  Vorverfahren  zu  substanziieren  ist.  Dies  gilt  grundsätzlich  erst  für 
das  Hauptverfahren.  Entsprechend  sieht  Art.  158  Abs.  1  ZPO  vor,  dass  die  Klageschrift 
insbesondere die Angabe des Streitwertes (lit. b) sowie die Rechtsbegehren (lit. c) enthält. 
Mithin  ist  die  gehörige  Bezifferung  der  Klage,  mit  welcher  ein  vermögensrechtlicher 
Anspruch geltend gemacht wird, eine Prozessvoraussetzung, wobei Ausnahmen zugelassen 
sind.  Das  ist  etwa  bei  Schadenersatz  bei  Körperverletzung  der  Fall  und  wenn  der  Umfang 
des  Schadens  von  künftigen  Ereignissen  (Verminderung  der  Erwerbsfähigkeit  usw.)  ab-
hängt.  Ein  unbestimmter  vom  Gericht  festzusetzender  Betrag  kann  ferner  eingeklagt 
werden,  wenn  die  Höhe  des  Anspruchs  erst  aufgrund  der  vom  Beklagten  zu  liefernden 
Angaben  oder  weiterer  Beweismittel  substanziiert  werden  kann.  Das  trifft  generell  auf 
Schadenersatzleistungen zu, deren Umfang in das Befinden beziehungsweise Ermessen des 
Gerichts  gestellt  wird,  wobei  alsdann  in  der  Begründung  die  notwendigen  Grundlagen  zur 
Berechnung  des  Anspruchs  zu liefern  sind  (RICHARD  FRANK  /  HANS  STRÄULI  /  GEORG  MESSMER, 
Kommentar  zur  Zürcherischen  Zivilprozessordnung,  3.  A.,  Zürich  1997,  N  10  zu  §  54  und 
N 25  ff.  zu  §  61;  GEORG  LEUCH  /  OMAR  MARBACH  /  FRANZ  KELLERHANS  /  MARTIN  STERCHI,  Die 
Zivilprozessordnung  für  den  Kanton  Bern,  5.  A.,  Bern  2000,  N  3a  zu  Art.  157;  MAX 
GULDENER, Schweizerisches Zivilprozessrecht, 3. A., Zürich 1979, S. 193, je mit Hinweisen).  

b)  Gestützt  auf  das  Gesagte  kann  der  Beklagte  aus  dem  Umstand,  dass  im 
Vorverfahren  keine  substanziierten  Begehren  vorlagen,  nichts  zu  seinen  Gunsten  ableiten. 
Das  Vorverfahren  ersetzt  in  einem  gewissen  Umfang  das  im  Zivilverfahren  übliche 
Sühneverfahren.  Wenn  der  Beklagte  die  Forderung  ablehnt,  ist  diese  Erklärung  keine 
Verfügung, sondern eine blosse Willensäusserung (FZR 1996 S. 316). Dem Kläger entsteht 
kein  eigentlicher  Nachteil,  ausser  dass  er  nunmehr  den  ordentlichen  Prozessweg  zu 

 
 
 
 
 
- 8 - 

beschreiten  hat.  Somit  ist  es  nicht  von  Belang,  dass  die  Kläger  im  Vorverfahren  ihre 
Forderung nicht beziffert hatten. 

c)  Der  Beklagte  ist  der  Auffassung,  dass  dem  Kläger  6  kein  Anspruch  zusteht. 
Bedingung  für  einen  haftpflichtrechtlichen  Anspruch  sei,  dass  man  zum  Zeitpunkt  des  die 
Haftung  auslösenden  Ereignisses  Träger  eines  geschützten  Rechtsgutes  ist.  Dies  sei  hier 
nicht der Fall, weil der Kläger 6 erst nach Einleitung des Vorverfahrens geboren ist.  

Der Kläger 6 war am 2. April 1998, als das Vorverfahren hängig gemacht wurde, noch gar 
nicht geboren. Über die Frage, ob ihm ein Anspruch auf Genugtuung zusteht, ist hier nicht 
zu entscheiden, sondern darüber, ob auf sein Begehren überhaupt einzutreten ist, hatte er 
doch selbst kein Vorverfahren eingeleitet. Es wurde schon vermerkt, dass im Vorverfahren 
ein Formalismus zu vermeiden ist. Wenn der Beklagte bereits die Ansprüche der Kläger 2 - 
5 bestreitet, wäre es einem prozessualen Leerlauf gleich gekommen, wenn auch der Kläger 
6, dessen Begehren identisch sind mit jenen der Kläger 2 - 5, ein Vorverfahren eingeleitet 
hätte. Das Ergebnis wäre gleich gewesen. Demnach lässt es sich nicht beanstanden, wenn 
sich der Beklagte in einem Vorverfahren nicht mit dem Begehren des Klägers 6 zu befassen 
gehabt hatte. 

d)  Der  Klägerin  7  steht  ohne  Weiteres  ein  Regressrecht  zu  (HONSELL,  §  24  N  10 ff. 
S. 218;  HANS  RUDOLF  SCHWARZENBACH-HANHART,  Staatshaftungsrecht  bei  verfügungsfreiem 
Verwaltungshandeln,  Bern  2006,  S.  77  f.;  Art.  72  ff.  des  Bundesgesetzes  über  den  Allge-
meinen  Teil  des  Sozialversicherungsrechts  vom  6.  Oktober  2000  [ATSG;  SR  830.1]). 
Insofern erübrigte sich ihre Teilnahme am Vorverfahren. Im vorliegenden Verfahren ist die 
Klägerin 7 als Streitgenossin im Sinne der Art. 86 ff. ZPO zu qualifizieren. 

E. 

Frist 

1.  Nach  Art.  24  Abs.  1  HGG  erlischt  die  Haftung  des  Gemeinwesens,  wenn  der  Ge-
schädigte seinen Anspruch ihm gegenüber nicht innerhalb folgender Fristen geltend macht: 
a)  innerhalb  eines  Jahres  seit  dem  Tag,  an  dem  er  Kenntnis  vom  Schaden  und  vom 
entschädigungspflichtigen  Gemeinwesen  erlangt  hat,  b)  spätestens  aber  innerhalb  zehn 
Jahren  seit  dem  Tag  des  schädigenden  Ereignisses.  Bestreitet  das  Gemeinwesen  den 
Anspruch  ganz  oder  teilweise,  so  muss  der  Geschädigte  bei  Verwirkungsfolge  innerhalb 
sechs Monaten seit der Mitteilung der Anspruchsbestreitung Klage einreichen. Solange das 
Gemeinwesen nicht Stellung genommen hat, beginnt kein Fristenlauf (Art. 24 Abs. 2 HGG). 

2.  Die  Klägerin  1  wurde  am  15.  Juni  1997  geboren  und  machte,  zusammen  mit  den 
Klägern  2  -  5,  am  2.  April  1998  Schadenersatz-  und  Genugtuungsansprüche  gegenüber 
dem  Beklagten  geltend  (KlBl  1).  Die  einjährige  Frist  des  Art.  24  Abs.  1  lit.  a  HGG  ist 
demnach eingehalten. 

3.  Der Beklagte bestritt die Ansprüche mit Schreiben vom 12. Dezember 2000 (act. 4a). 
Ab diesem Datum lief die sechsmonatige Frist. Diese ist unbestrittenermassen eingehalten, 
haben die Kläger ihre Klage doch am 8. Juni 2001 eingereicht. Der Umstand, dass sich die 
Kläger 6 und 7 nicht am Vorverfahren beteiligt hatten, ändert am rechtzeitigen Einreichen 
der Klage nichts. 

F.  Beweisverfahren 

1.  Der  Instruktionsrichter  erklärte  mit  Schreiben  vom  22.  April  2009,  dass  das  Beweis-
verfahren  abgeschlossen  und  auf  die  Abnahme  weiterer  Beweise  verzichtet  werde.  Weiter 
beschränkte  er  die  Verhandlung  vom  10.  November  2009  auf  die  Parteivorträge  (act.  158 

 
 
 
 
- 9 - 

und  159).  In  der  damit  verbundenen  antizipierten  Beweiswürdigung  kann  kein  Verstoss 
gegen  den  Anspruch  auf  rechtliches  Gehör  erblickt  werden,  dies  aus  folgenden  Gründen 
(vgl. auch BGE 122 V 157 Erw. 1d S. 162): 

Das  durch  Art.  29  Abs.  2  der  Bundesverfassung  vom  18.  April  1999  (BV;  SR  101) 
garantierte  rechtliche  Gehör  beinhaltet  das  Recht,  am  Beweisverfahren  mitzuwirken,  das 
heisst  Beweisanträge  zu  stellen,  an  den  Beweiserhebungen  teilzunehmen  und  sich  zum 
Ergebnis  des  Beweisverfahrens  zu  äussern.  Die  Parteien  haben  namentlich  Anspruch 
darauf,  mit  rechtzeitig  und  formgültig  angebotenen  Beweisanträgen  gehört  zu  werden, 
soweit  diese  erhebliche  Tatsachen  betreffen  und  nicht  offensichtlich  beweisuntauglich  sind 
(BGE 120 Ia 379 Erw. 3b S. 383). Die Erhebung beantragter Beweise darf indessen unter-
bleiben,  wenn  der  Richter  auf  Grund  bereits  abgenommener  Beweise  seine  Überzeugung 
gebildet  hat  und  ohne  Willkür  in  vorweggenommener  Beweiswürdigung  annehmen  kann, 
dass seine Überzeugung durch weitere Beweiserhebungen nicht geändert würde (BGE 124 I 
208  Erw.  4a  S.  211,  mit  Hinweisen;  REINHOLD  HOTZ,  St.  Galler  Kommentar  zu  Art.  29  BV 
N 33; Art. 200 ZPO).  

2.  Das  Gericht  ist  der  Auffassung,  dass  über  die  Frage  der  Haftung  aufgrund  der 
umfangreichen  Akten  und  den  schriftlichen  Ausführungen  der  Parteien  ohne  weitere 
Instruktionsmassnahmen  entschieden  werden  kann.  Namentlich  ist  die  von  den  Klägern 
verlangte mündliche Einvernahme von Dres. L und M nicht notwendig. Das Gericht ist auch 
ohne deren Anhörung in der Lage, mögliche Differenzen zwischen diesen beiden Ärzten zu 
beurteilen. 

3.  Der  Instruktionsrichter  wollte  von  Amtes  wegen  ein  zusätzliches  Gutachten  durch-
führen  lassen.  Diesem  Ansinnen  haben  sich  die  Parteien  widersetzt  (vgl.  oben  Punkt  L 
Tatbestand S. 4).  

Der  Richter  ist,  wie  schon  gesagt,  nicht  an  die  Beweisanträge  der  Parteien  gebunden.  Er 
tritt  auf  Beweismittel  nicht  ein,  die  er  nach  Einsicht  in  die  Akten  und  auf  Grund  seiner 
Kenntnis  des  Rechtsstreits  ohne  Bedenken  für  überflüssig  hält,  selbst  wenn  sie  angerufen 
werden,  um  erhebliche  Tatsachen  zu  beweisen  (Art.  200  Abs.  1  ZPO).  Er  kann  auch  von 
den  Parteien  nicht  angebotene  Beweismittel  beiziehen,  sofern  nicht  beide  Parteien  in 
Angelegenheiten,  welche  das  öffentliche  Interesse  nicht  berühren,  sich  formell  dagegen 
aussprechen (Art. 200 Abs. 2 ZPO). 

Die  vom  Instruktionsrichter  vorgesehene  Beweismassnahme  betraf  nicht  das  öffentliche 
Interesse.  Wenn  sich  sowohl  die  Kläger  wie  auch  der  Beklagte  gegen  ein  zusätzliches 
Gutachten  aussprachen,  konnte  der  Instruktionsrichter  auf  dessen  Durchführung  gestützt 
auf  Art.  200  Abs.  2  ZPO  verzichten.  Immerhin  gelten  allfällige  daraus  resultierende 
Nachteile von den Parteien verschuldet und sind von diesen zu tragen. 

Es  ist  in  Erinnerung  zu  rufen,  dass  das  vorliegende  Verfahren  auf  die  Haftungsfrage 

4. 
beschränkt ist. Aus diesem Grund wurden zur Höhe des Schadens keine Beweise erhoben. 

G.  Gutachten 

1.  Dem Gericht liegt ein aussergerichtliches Gutachten der FMH vom 5. Januar 2000 vor 
(KlBl  15).  Die  Durchführung  dieser  Begutachtung  wurde  von  den  Klägern  angeregt,  der 
Beklagte  war  damit  aber  einverstanden.  Es  kann  somit  davon  ausgegangen  werden,  dass 
es im Auftrag beider Parteien durchgeführt wurde, weshalb ihm volle Beweiskraft zuerkannt 
werden  kann  (LUCREZIA  GLANZMANN-TARNUTZLER,  Der  Beweiswert  medizinischer  Erhebungen 

 
 
- 10 - 

im  Zivil-,  Straf-  und  Sozialversicherungsprozess,  in  Aktuelle  Juristische  Praxis  [AJP],  2005 
S. 73, 77). 

2.  Der  Auftrag  für  das  Erstellen  der  Gerichtsexpertise  erging,  wie  schon  gesagt,  an  die 
Dres. L und K (act. 53), die bereits das FMH-Gutachten erstellt hatten. Dr. K wurde in der 
Folge durch Dr. F ersetzt (act. 54 - 59). Das Gutachten wurde am 25. Juli 2004 abgegeben. 
Dr.  F  hatte  dieses  nicht  unterzeichnet  mit  der  Begründung,  dass  "er  nicht  von  Anfang  an 
einbezogen  war"  (act.  65).  Die  Kläger  haben  dieses  Vorgehen  in  formeller  Hinsicht 
beanstandet  mit  der  Begründung,  es  sei  vom  Gericht  ein  "Co-Gutachten"  angeordnet 
worden und nunmehr habe es Dr. L allein erstattet. 

Auch wenn diese Kritik berechtigt sein mag, bleibt sie ohne Konsequenz, denn die Parteien 
waren  in  der  Folge  (stillschweigend)  einverstanden,  dass  Dr.  L  weiterhin  allein  als 
Gerichtsgutachter tätig bleibt (vgl. act. 81). 

3. 
Am 12. April 2006 reichten die Kläger ein medizinisches Gutachten von Dr. M ein (KlBl 
1 und 2 [in Ordner 4] zur Eingabe vom 12. April 2006). Es handelt sich hierbei um ein von 
ihnen  allein  in  Auftrag  gegebenes  Gutachten  und  hat  deshalb  grundsätzlich  nur  -  aber 
immerhin  -  die  Bedeutung  einer  Parteibehauptung.  Jedoch  ist  es  als  Beweismittel  zuzu-
lassen,  weil  es  sich  mit  der  Expertise  von  Dr.  L  auseinandersetzt  und  weil  dieser  dazu 
Stellung  nehmen  konnte  (act.  107  und  116;  vgl.  auch  GLANZMANN-TARNUTZLER,  S.  76  f.; 
PETER  JÄGER  /  ANGELA  SCHWEITER,  Rechtsprechung  des  Bundesgerichts  zum  Arzthaftpflicht- 
und Arztstrafrecht, 2. A., 2006, S. 159). Zudem kann ein Privatgutachten durch den Gehalt 
seiner Begründung dem Richter Anhaltspunkte dafür geben, ob das gerichtliche Gutachten, 
das er frei würdigt, schlüssig sei. Es kann daher eine Gerichtsexpertise ebenso gut stützen 
wie erschüttern. Den Parteien wird ja vor allem deswegen  Gelegenheit gegeben,  sich zum 
Beweisergebnis  zu  äussern,  damit  der  Richter  nachprüfen  kann,  ob  seine  Auffassung  über 
das Beweisergebnis standhält (Extraits 1983 S. 42; PETER BECK / ROLAND SCHAER, Die Recht-
sprechung  des  Eidgenössischen  Versicherungsgerichts  in  den  Jahren  1999  und  2000,  in 
Zeitschrift des Bernischen Juristenvereins [ZBJV], 139/2003 S. 180, 241 f.).  

4.  Hinsichtlich  der  Würdigung  einer  Expertise  ist  zu  bemerken,  dass  der  Richter  nicht 
ohne zwingende Gründe von den Feststellungen und Schlussfolgerungen eines Gerichtsgut-
achtens  abweicht.  Ein  Grund  zum  Abweichen  kann  dann  vorliegen,  wenn  die  Gerichts-
expertise  widersprüchlich  ist  oder  wenn  ein  vom  Gericht  eingeholtes  Obergutachten  in 
überzeugender  Weise  zu  anderen  Schlussfolgerungen  gelangt  oder  wenn  gegensätzliche 
Meinungsäusserungen  anderer  Fachexperten  dem  Richter  als  triftig  genug  erscheinen,  die 
Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen (BECK / SCHAER, S. 240 f.). 

H.  Haftungsvoraussetzungen 

I. 

  Allgemeines 

1. 
a)  Mit  Art.  6  Abs.  1  HGG  wird  eine  primäre  und  ausschliessliche  Kausalhaftung  der 
Gemeinwesen  statuiert;  dem  geschädigten  Dritten  steht  gegenüber  dem  Amtsträger  kein 
Anspruch  zu  (Art.  1  Abs.  2  HGG).  Mit  dieser  Kausalhaftung  haften  die  Gemeinwesen, 
unabhängig  von  einem  allfälligen  Verschulden,  für  jeden  widerrechtlichen,  wenn  auch  in 
entschuldbarem Rechts- oder Tatsachenirrtum erlassenen Justiz- oder Verwaltungsakt, oder 
für  jede  widerrechtliche  Unterlassung.  Der  Geschädigte  braucht  somit,  im  Gegensatz  zur 
Verschuldenshaftung, das Vorhandensein eines Verschuldens nicht zu beweisen (FZR 1998 
S.  109,  mit  Hinweisen;  MORITZ  W.  KUHN,  Arzt  und  Haftung  aus  Kunst-  bzw.  Behandlungs-
fehlern,  in  Moritz  W.  Kuhn  /  Tomas  Poledna  [Hrsg.],  Arztrecht  in  der  Praxis,  2. A.,  2007, 
S. 602). 

 
 
- 11 - 

b) Aufgrund des Verweises in Art. 9 HGG sind im Übrigen die Bestimmungen des OR 
anwendbar,  so  namentlich  zur  Berechnung  des  Schadens  und  zur  Festsetzung  der 
Entschädigung (zum Ganzen: JOST GROSS, Schweizerisches Staatshaftungsrecht, Stand und 
Entwicklungstendenzen,  2.  A.,  Bern  2001,  S.  62  [nachfolgend  zitiert:  GROSS,  Staatshaf-
tungsrecht];  die  von  diesem  Autor  auf  S.  63  erwähnte  Sondernorm  der  Verantwortlichkeit 
im  medizinischen  Bereich,  nämlich  Art.  6  Spitalgesetz,  der  eine  Verschuldenshaftung 
vorsah,  wurde  aufgehoben  [vgl.  Art.  135  des  Gesundheitsgesetzes  vom  16.  November 
1999,  SGF  821.0.1,  AS  1999  S.  439].  Die  Haftpflicht  der  öffentlichen  Institutionen  [dazu 
gehören auch Gemeindeverbände] und ihres Personals wird nunmehr allein durch das HGG 
geregelt  [vgl.  Art.  108  Gesundheitsgesetz,  Botschaft  des  Staatsrates  vom  23.  März  1999 
zum  Entwurf  des  Gesundheitsgesetzes  in  TGR  1999  S.  575,  586]).  Überdies  steht  bei 
Körperverletzung  oder  Tötung  eines  Menschen,  wenn  die  Umstände  es  rechtfertigen,  dem 
Verletzten  oder  den  Angehörigen  des  Getöteten  ein  Anspruch  auf  eine  angemessene 
Geldsumme  als  Genugtuung  zu  (Art.  7  Abs.  1  HGG).  Diese  Bestimmung  entspricht  im 
Wesentlichen  Art.  47  OR.  Nach  der  Botschaft  des  Staatsrates  zum  Entwurf  des  HGG 
(TGR 1998  I  S.  553  insb.  S.  562  ff.)  ist  Art.  7  HGG  im  gleichen  Sinne  auszulegen  wie  die 
entsprechenden Bestimmungen des OR. Art. 7 HGG verzichtet darauf, die Genugtuung von 
einem  Verschulden  des  Amtsträgers  abhängig  zu  machen.  Ein  solches  Erfordernis  wider-
spräche dem Grundsatz der Kausalhaftung.  

2.  Damit  bestehen 
folgende  materielle  Voraussetzungen  der  Haftung  aus 
Verantwortlichkeit:  Erstens  ein  widerrechtliches  Verhalten  eines  Beamten,  das  zweitens 
seiner  amtlichen  Tätigkeit  zuzurechnen  ist;  drittens  ein  dem  Kläger  zugefügter  Schaden, 
und viertens ein adäquater Kausalzusammenhang zwischen widerrechtlichem Verhalten und 
Schaden.  Die  einzelnen  Voraussetzungen,  welche  einen  Schadenersatz-  und  einen 
Genugtuungsanspruch  begründen,  müssen  kumulativ  erfüllt  sein  (BVR  2005  S.  3  Erw.  3.1 
S. 6).  Für  das  Vorliegen  dieser  Voraussetzungen  ist  der  Kläger  beweispflichtig  (GROSS, 
Staatshaftungsrecht, S. 370). 

II.  Schaden 

1. 
a)  Primäre  Haftungsvoraussetzung  ist  das  Vorliegen  eines  Schadens.  Der  Schadens-
begriff  im  öffentlichen  Recht  folgt  prinzipiell  den  privatrechtlichen  Grundsätzen.  Personen-
schäden  weisen  eine  materielle  und  eine  immaterielle  Komponente  auf.  Einerseits 
verursachen  sie  Kosten  für  die  Heilung  sowie  Lohnausfall  zufolge  Erwerbsunfähigkeit  und 
andererseits  beeinträchtigen  sie  das  geistige  und  körperliche  Wohlbefinden  (TOBIAS  JAAG, 
Staats-  und  Beamtenhaftung,  in  Heinrich  Koller  /  Georg  Müller  /  René  Rhinow  /  Ulrich 
Zimmerli  [Hrsg.],  Schweizerisches  Bundesverwaltungsrecht,  Basel/Frankfurt  a.M.  1996, 
N 60 f.). 

b)  Die  Klägerin  1  wurde  mit  einer  schwere  Anämie  (hier  Blutarmut  infolge 
fetomaternaler  Massentransfusion  [Blutübertritt  vom  Fetus  in  den  Kreislauf  der  Mutter]; 
vgl.  act.  116  S.  3  mit  Hinweis  auf  Gutachten  M  S. 9;  act.  152)  und  einer  schweren 
(metabolischen) Azidose (Übersäuerung des Blutes und des Körpers infolge langdauernder 
Unterversorgung des Fetus mit Sauerstoff; vgl. KlBl 15 S. 4; KlBl 7/18; infolge Angabe des 
Vertreters  der  Klägerin  7  auch  REINHARD LARSEN,  Anästhesie,  8.  A.,  München  2006, 
S. 1009 f.) ohne Lebenszeichen praktisch tot geboren. Trotz einer unmittelbar eingeleiteten 
Reanimation  und  einer  in  der  Folge  durchgeführten  Bluttransfusion  bestand  bei  ihr  ein 
Zustand  insbesondere  ohne  spontane  Atmung  und  Herzschlag  noch  5  Minuten  nach  der 
Geburt  und  ohne  spontane  Herztätigkeit  noch  10  Minuten  nach  der  Geburt  (neonatale 
Asphyxie  bei  einem  APGAR-Wert  [Punkteschema 
für  die  Zustandsdiagnostik  des 
Neugeborenen]  von  0/0/2;  vgl.  Akten  Kantonsspital  act.  2  ["feuille  acc.  5"]  =  KlBl  7/19; 

 
 
 
 
- 12 - 

KlBl  7/21  in  fine  sowie  die  Berichte  der  Medizinischen  Universitäts-Kinderklinik,  Inselspital 
Bern,  vom  26.  Juni  1997  sowie  vom  29. Juni  1997;  KlBl  15  S.  3  f.).  Kurze  Zeit  nach  der 
Geburt  wurde  klinisch  und  sonographisch  ein  ausgeprägtes  Hirnödem  (Volumenzunahme 
des  Gehirns  durch  Wassereinlagerung;  das  Elektroenzephalogramm  [EEG]  war  "auffallend 
spannungsarm" und registrierte multiple Anfälle) festgestellt sowie, neben einer hypoxisch-
ischämischen Hepato- und Nephropathie (Leber- und Nierenschädigung infolge Sauerstoff-
mangels und Minderdurchblutung), eine hypoxisch-ischämische Enzephalopathie diagnosti-
ziert  (Gehirnschädigung  infolge  Sauerstoffmangels  und  Minderdurchblutung;  vgl.  Bericht 
der  Medizinischen  Universitäts-Kinderklinik,  Inselspital  Bern,  vom  26.  Juni  1997  über  die 
Hospitalisation  vom  15.  bis  18. Juni  1997;  vgl.  auch  Bericht  vom  29. Juni  1997).  In  der 
Folge  wurde  bildgebend  unter  anderem  eine  fast  vollständige  Resorption  der  grauen  und 
weissen Hirnsubstanz des gesamten Kortex (Grosshirnrinde) beider Hirnhälften der Klägerin 
1  bei  schwerer  hypoxisch-ischämischer  Enzephalopathie  objektiviert  (vgl. Berichte  der  Me-
dizinischen  Universitäts-Kinderklinik,  Inselspital  Bern,  vom  4.,  10.  [im  MRI  generalisierter 
Infarkt  des  Neokortex,  beide  Hemisphären  betreffend]  und  22.  Juli  1997).  Es  zeigten  sich 
ein  schwerer  allgemeiner  Entwicklungsrückstand  mit  spastisch-dystoner  Tetraparese  (in-
komplette  Lähmung  mit  Befall  sämtlicher  Gliedmassen)  und  ein  Anfallsleiden  mit 
generalisierten  epileptischen  Anfällen.  Die  Klägerin  1  ist  unbestrittenermassen  irreversibel 
hirngeschädigt  und  bedarf  einer  lebenslangen  intensiven  Pflege  und  Betreuung.  Das 
Vorhandensein eines Schadens ist somit evident. 

2.  Nachdem  das  Verfahren  vorab  auf  die  Frage  der  Haftung  beschränkt  worden  ist, 
braucht die Höhe des Schadens hier (noch) nicht geprüft zu werden. 

III.  Amtliche Tätigkeit 

Die Haftung der Gemeinwesen wird nur dann begründet, wenn der Schaden durch Personen 
verursacht wird, die unmittelbar mit öffentlich-rechtlichen Aufgaben betraut sind, das heisst 
vorliegend  im  Auftrag  des  Beklagten  gehandelt  haben  oder  hätten  handeln  müssen.  Eine 
hoheitliche  (und damit amtliche)  Verrichtung wird  grundsätzlich  dann  angenommen,  wenn 
das  Gemeinwesen,  allenfalls  auch  in  Konkurrenz  mit  Privaten,  wesensmässig  öffentliche 
Aufgaben  erfüllt  und  das  Rechtsverhältnis  zum  Privaten  ganz  oder  teilweise  öffentlich-
rechtlich  eingebunden  und  durchnormiert  ist  (vgl.  GROSS,  Staatshaftungsrecht,  S.  115  f.; 
Verwaltungspraxis der Bundesbehörden [VPB] 69.78 Erw. 2a/cc). 

Die  ärztliche  Tätigkeit  an  einem  öffentlichen  Spital  gilt  als  amtliche  Verrichtung  im  Sinne 
von Art. 61 Abs. 1  OR  (vgl. oben Erw. A.2.d S. 6). Der  Beklagte ist ein öffentliches Spital 
(vgl. oben Erw. A.2.b S. 5). Mithin ist von einer amtlichen Tätigkeit auszugehen. 

IV.  Widerrechtlichkeit 

a)  Weiter  wird  für  die  Haftung  des  Gemeinwesens ein  widerrechtliches  Handeln  oder 
1. 
Unterlassen  verlangt;  ein  Verschulden  ist,  wie  eingangs  dargelegt,  nicht  erforderlich. 
Haftpflichtrechtlich  massgebliche  Widerrechtlichkeit  setzt  die  Verletzung  eines  von  der 
Rechtsordnung geschützten Gutes voraus, sei es, dass ein absolutes Recht des Geschädig-
ten  beeinträchtigt  (Erfolgsunrecht),  sei  es,  dass  eine  reine  Vermögensschädigung  durch 
Verstoss  gegen  eine  Norm  bewirkt  wird,  die  ihrem  Zweck  nach  vor  derartigen  Schäden 
schützen  soll  (Verhaltensunrecht).  Vorbehalten  bleiben  in  jedem  Fall  Rechtfertigungs-
gründe.  Vorausgesetzt  wird,  dass  die  verletzten  Verhaltensnormen  zum  Schutz  vor  diesen 
Schädigungen dienen (BGE 123 II 577 Erw. 4d S. 581; GROSS, Staatshaftungsrecht, S. 167 
ff.;  URSINA  PALLY,  Arzthaftung  mit  den  Schwerpunkten  Schwangerschaftsbetreuung  und 
Geburtshilfe,  Diss.  Zürich  2007,  S.  285  f.;  BGE  123  II  577  Erw.  4d - f  S.  581  ff.;  JOST 

 
 
- 13 - 

GROSS,  Staats-  und  Beamtenhaftung,  in  Münch  /  Geiser  [Hrsg.],  Schaden-Haftung-
Versicherung, Handbücher für die Anwaltspraxis, Bd. V, Basel/Genf/München 1999, N 3.41; 
nachfolgend zitiert: GROSS, Staats- und Beamtenhaftung). 

Die  Widerrechtlichkeit  ist  zu  unterscheiden  vom  Verschulden.  Sie  ist  ein  rein  objektives 
Verhalten. Beim Verschulden spielt die subjektive Einstellung der schädigenden Person eine 
Rolle.  Eine  Handlung  oder  Unterlassung  kann  objektiv  rechtswidrig  sein,  ohne  dass  dem 
Verursacher  subjektiv  ein  Vorwurf  gemacht  werden  kann.  Allerdings  ist  der  Unterschied 
dann gering, wenn das Verschulden nach objektivierten Massstäben beurteilt wird; dies ist 
der  Fall,  wenn  Verschulden  als  Verletzung  objektivierter  Sorgfaltspflichten  aufgefasst  wird 
(JAAG,  N  100;  FRITZ  GYGI,  Die  Widerrechtlichkeit  in  der  Staatshaftung  in  Mélanges  André 
Grisel, Neuenburg 1983, S. 425).  

b)  Das  gesetzlich  geforderte  Verhalten  kann  in  einem  Tun  oder  einem  Unterlassen 
bestehen. Wer allerdings eine Handlung unterlässt, zu der er nach der Rechtsordnung nicht 
verpflichtet ist, verstösst nicht gegen diese und handelt nicht rechtswidrig. Widerrechtliche 
Unterlassung  setzt  damit  eine  Garantenstellung  für  den  Geschädigten  voraus  (BGE  123  II 
577 Erw. 4d/ff S. 583; BVR 2005 S. 3 Erw. 3.3 S. 7). 

Die  Vernachlässigung  von  Aufsichtspflichten  kann  eine  massgebliche  Amtspflichtwidrigkeit 
darstellen  (JAAG,  S.  44  und  61).  Dabei  ist  die  primäre  Staatshaftung  grundsätzlich  als 
Organisationshaftung  zu  verstehen  (GROSS,  Staatshaftungsrecht,  S.  163  ff.).  Sie  knüpft 
nicht  ausschliesslich  an  ein  individuelles  Fehlverhalten  staatlicher  Organisationsträger  an, 
sondern rechnet die Nicht-Erfüllung der Amtspflicht dem verantwortlichen Gemeinwesen als 
Ganzem zu. Liegt ein Versagen auf unterer Stufe vor, ist daher unwesentlich, ob die höhere 
Stufe  davon  Kenntnis  hat  oder  nicht.  Unerlässlich  bleibt  aber,  dass  eine  Pflicht  zum  Ein-
schreiten  besteht,  sei  es  unmittelbar  gegenüber  der  zu  beaufsichtigenden  Organisa-
tionseinheit durch die dafür zuständige Behörde, sei es durch Information derselben durch 
eine andere Instanz über den Sachverhalt, der ein Einschreiten erfordert. 

ist,  desto 

je  grösser  das  Risiko 

Der  Garant  muss  aber  nicht  alle  erdenklichen  Sicherheitsvorkehren  treffen,  sondern  nur 
diejenigen,  die  sich  aus  besonderen  Vorschriften  ergeben  oder  aufgrund  allgemeiner 
Vorsichtsregeln  als  zweckmässig  und  vernünftigerweise  zumutbar  erweisen,  um  eine 
drohende  Gefahr  abzuwehren.  Der  Umfang  der  Schutzpflicht  hängt  namentlich  von  der 
Natur  des  Rechtsverhältnisses  und  von  den  Kenntnissen  beziehungsweise  der  Schutz-
bedürftigkeit  der  beteiligten  Personen  ab.  Je  hilfsbedürftiger  und  unselbstständiger  die  zu 
schützenden  Personen  sind  und 
intensivere 
Vorsichtsmassnahmen sind erforderlich. Zu schützen ist insbesondere vor Gefahren, welche 
für  die  zu  Schützenden  nicht  ohne  Weiteres  erkennbar  sind  und  sich als  eigentliche  Fallen 
erweisen.  Die  blosse  Tatsache,  dass  ein  Schaden  bei  nachträglicher  Betrachtung  durch 
bestimmte  Vorkehren  allenfalls  hätte  vermieden  werden  können,  begründet  noch  keine 
Staatshaftung. Eine solche besteht aber - wie im privaten Haftpflichtrecht - dann, wenn die 
Verantwortlichen  eine  konkret  erkennbare  ungewöhnliche  Gefahr  nicht  erkennen,  sie 
fehlerhaft  einschätzen  oder  nicht  beachten  beziehungsweise  trotz  erkannter  Gefahr  die 
notwendigen und zumutbaren Massnahmen nicht treffen, um den Eintritt einer Schädigung 
zu  vermeiden.  Ist  hingegen  den  Verantwortlichen  eine  Gefahr  nicht  bekannt  und  bei 
zumutbarer  Sorgfalt  nicht  erkennbar,  so  besteht  keine  Pflicht,  sie  abzuwehren.  Den 
zuständigen  Stellen  und  Personen  muss  ein  gewisses  Ermessen  in  der  Beurteilung  der 
Situation  zugestanden  werden,  insbesondere  in  ausserordentlichen  Situationen,  in  denen 
rasches Handeln erforderlich ist. Im Rahmen der als Kausalhaftung ausgestalteten Staats-
haftung  kommt  es  für  die  Beurteilung,  ob  eine  Gefahr  erkennbar  und  Schutzvorkehren 
geboten  gewesen  wären,  nicht  auf  die  individuellen  Fähigkeiten  und  Kenntnisse  der 

 
 
 
- 14 - 

handelnden  Staatsangestellten  an,  sondern  darauf,  was  bei  objektivierter  Betrachtung 
aufgrund  der  gegebenen  Umstände  vernünftigerweise  vom  Staat  erwartet  und  verlangt 
werden kann. Höhere Anforderungen an die Schadensabwehr gelten, wenn die in Anspruch 
genommene  Person  selber  die  gefährliche  Lage  verursacht  hat  (BVR  2005  S.  3  Erw. 3.4 
S. 8  f.,  mit  Hinweisen;  PETER  HÄNNI,  Staatshaftung  wegen  Untätigkeit  der  Verwaltung,  in 
Mélanges Pierre Moor, Bern 2005, S. 337 ff.). 

c)  Die  Regeln  der  ärztlichen  Kunst  sind  Grundsätze,  die  von  der  medizinischen 
Wissenschaft  aufgestellt  wurden,  generell  anerkannt  sind  und  von  den  Ärzten  im  Allge-
meinen befolgt und angewendet werden (BGE 133 III 121 Erw. 3.1, mit Hinweisen = Praxis 
[Pra]  9/2007  Nr.  105).  Die  Sorgfaltspflichtverletzung  beziehungsweise  der  Kunst-  oder 
Behandlungsfehler  des  Arztes  wird  der  Widerrechtlichkeit  zugeordnet  (MORITZ  KUHN, 
Aktuelle Probleme in der Ärztehaftpflicht, in SJZ 89/1993 S. 257, 263). 

d)  Ausgangspunkt  für  das  Mass  der  anzuwendenden  Sorgfalt  stellt  in  dem  zu 
beurteilenden  Fall  die  den  Arzt  treffende  allgemeine  Pflicht  dar,  die  Heilkunst  nach  aner-
kannten  Grundsätzen  der  ärztlichen  Wissenschaft  und  Humanität  auszuüben,  alles  zu 
unternehmen,  um  den  Patienten  zu  heilen,  und  alles  zu  vermeiden,  was  ihm  schaden 
könnte (BGE 130 IV 7 Erw. 3.3 S. 11; BGE 108 II 59 Erw. 1 S. 61). Die Besonderheit der 
ärztlichen  Kunst  liegt  darin,  dass  der  Arzt  mit  seinem  Wissen  und  Können  auf  einen 
erwünschten  Erfolg  hinzuwirken  hat,  diesen  aber  nicht  herbeiführen  oder  gar  garantieren 
muss.  Die  Anforderungen  an  die  dem  Arzt  zuzumutende  Sorgfaltspflicht  richten  sich  nach 
den Umständen des Einzelfalls, namentlich nach der Art des Eingriffs oder der Behandlung, 
den  damit  verbundenen  Risiken,  dem  nach  objektivem  Wissensstand  gegebenen  Beur-
teilungs-  und  Bewertungsspielraum  (Auswahl  unter  verschiedenen  in  Betracht  fallenden 
Möglichkeiten),  der  dem  Arzt  zusteht,  sowie  den  Mitteln  und  der  Dringlichkeit  der 
medizinischen  Massnahme.  Die  Haftung  des  Spitals  beschränkt  sich  dabei  nicht  auf  grobe 
Verstösse  gegen  die  Regeln  der  ärztlichen  Kunst.  Vielmehr  hat  der  Arzt  Kranke  stets 
fachgerecht  zu  behandeln,  zum  Schutze  ihres  Lebens  oder  ihrer  Gesundheit  insbesondere 
die  nach  den  Umständen  gebotene  und  zumutbare  Sorgfalt  zu  beachten,  grundsätzlich 
folglich  für  jede  Pflichtverletzung  einzustehen.  Eine  Pflichtverletzung  ist  jedoch  nur  dort 
gegeben, wo eine Diagnose, eine Therapie oder ein sonstiges ärztliches Vorgehen nach dem 
allgemeinen fachlichen Wissensstand nicht mehr vertretbar erscheint und damit ausserhalb 
der objektivierten ärztlichen Kunst steht. Der Arzt hat somit für eine unrichtige Beurteilung 
nur  einzustehen,  wenn  diese  unvertretbar  ist  oder  auf  objektiv  ungenügender  Unter-
suchung beruht (BGE 120 Ib 411 Erw. 4 a S. 412 f., mit Hinweisen; BGE 130 IV 7 Erw. 3.3 
S.  11).  Er  handelt  unsorgfältig,  wenn  sich  sein  Vorgehen  nicht  nach  den  durch  die  medi-
zinische  Wissenschaft  aufgestellten  und  generell  anerkannten  Regeln  richtet  und  dem 
jeweiligen  Stand  der  Wissenschaft  nicht  entspricht.  Ob  eine  Sorgfaltspflichtverletzung 
vorliegt,  beurteilt  sich  dabei  danach,  was  der  Arzt  im  Zeitpunkt,  in  dem  er  sich  für  eine 
Massnahme  entschied  oder  eine  solche  unterliess,  von  der  Sachlage  halten  musste 
(Beurteilung aus damaliger Sicht; ex ante), nicht nach dem Sachverhalt, wie er sich nach-
träglich dem Experten  oder dem Richter darstellt (ex post; BGE 115 Ib  Erw. 3b S 184 f.). 
Welche  Anforderungen  an  die  Sorgfaltspflicht  des  Arztes  zu  stellen  sind,  ist  eine  Rechts-
frage;  zum  Sachverhalt  gehört  hingegen  die  Frage,  ob  eine  allgemein  anerkannte  Berufs-
regel existiert, welches der Zustand des Patienten war und wie sich die Handlung abgespielt 
hat.  Es  obliegt  dem  Geschädigten,  die  Verletzung  der  Regeln  der  ärztlichen  Kunst  zu 
beweisen  (BGE  133  III  121  Erw.  3.1,  mit  Hinweisen).  Steht  ein  Unterlassen  des  Arztes  in 
Frage,  so  ist  der  Beweisnot  des  Patienten  dadurch  Rechnung  zu  tragen,  dass  ein  strikter 
Beweis nicht gefordert wird und den Arzt eine Mitwirkungspflicht beim Nachweis negativer 
Tatsachen  trifft  (Pra  2000  Nr.  155  Erw.  2c;  zum  Ganzen  auch:  BVR  2007  S.  203  Erw.  4 
S. 205 ff.; PALLY, S. 207 ff.). 

 
 
 
 
2.  Der  nachfolgende  Zeitplan 

illustriert  die  unbestrittenen  Vorkommnisse  des 

- 15 - 

Zeit  

14.6.1997: Vorabend 
15.6.1997: 
01.20 
01.48  
01.48 

vor 02.10 
02.10 
gegen 02.20 
02.20  
gegen 02.45 

02.53-03.12 
03.15 

03.17 

03.40 
03.45-03.50 

ab etwa 03.48 

04.00 

04.10 

ab 04.30 
04.45 

04.50 
05.00 oder 05.05 
05.10 

05.35 

05.40 

05.50  

06.10 
06.12 
06.13  
06.31 
Geburtsvorgangs:  

weniger Kindsbewegungen 

Tätigkeit 

Klägerin 2 telefoniert ins Spital 
Eintritt ins Empfangszimmer; vor Eintritt keine Wehen 
Beginn CTG-Aufzeichnung1 
Vaginaluntersuchung durch Hebamme N (Muttermund 3 cm eröffnet) 
CTG suspekt; Hebamme N ruft Dr. D  
Verlegung Klägerin 2 in Gebärsaal 
Beginn CTG-Aufzeichnung im Gebärsaal 
Vaginaluntersuchung durch Dr. D (Muttermund 4 cm eröffnet) 
CTG nun abklärungsbedürftig 
CTG nicht interpretierbar (schlechte Aufzeichnung) 
schwere variable Dezeleration2 
Stopp Wehenmittel 
Intrauterine Reanimation?3 
Entfernung CTG-Streifen 
Blatt 124 wurde nicht weiter geschrieben, Blätter 125 und 126 fehlen 
Tel. an Dr. C 
Dr. D bis gegen 03.50 Uhr abwesend 
Stopp Wehenmittel 
Besprechung Dr. D mit Dr. A, Entscheid zur: 
-Anordnung einer Periduralanästhesie (PDA)4 
-Anordnung der Sectio (Kaiserschnitt)-Bereitschaft 
CTG-Aufzeichnung wieder vorhanden; 
Verabreichung Gynipral (wehenhemmendes Medikament) 
Muttermund etwas mehr als 4 cm eröffnet; kindlicher Kopf hoch5 
Eintreffen des Anästhesisten 
Anamnese: notiert Muttermund 3 cm eröffnet 
eingeschränkter Herztonverlauf bei nun regelmässigen Wehen 
PDA fertig gelegt gegen Schmerzen, anschliessend Verabreichung 
Schmerzmittel 
Dr. D verlässt den Gebärsaal und ist bis gegen 06.00 Uhr abwesend 
erneut Wehenmittel; CTG suspekt 
Anästhesist geht  
Muttermund 5 cm eröffnet; kindlicher Kopf hoch 
CTG eingeschränkt undulatorisch (wellenförmig) bis silent (stark 
eingeschränkte Undulation der Herztonkurve im Zeitverlauf) 
CTG (von 05.18-05.33 Uhr nicht interpretierbar) abklärungsbedürftig 
kindlicher Kopf nach wie vor hoch 
Sauerstoff an Klägerin 2 
Intrauterine Reanimation der Klägerin 1 
Steigerung Wehenmittel; Gabe von Schmerzmittel 
nun schwere variable Dezelerationen 
Eröffnung Fruchtblase 
Dr. C wird gerufen 
Muttermund ganz eröffnet 
Geburt von X1 

1  CTG  =  Kardiotokogramm  /  fortlaufende  apparative  Aufzeichnung  der  fetalen  (kindlichen)  Herzfrequenz  und  gleichzeitig  der 

mütterlichen Wehentätigkeit; 

  Das  CTG  dient  der  Überwachung  des  Fetus  (Bezeichnung  des  ungeborenen  Kindes  im  Mutterleib  ab  der  9. Schwanger-
schaftswoche)  und  der  frühzeitigen  Erkennung  einer  intrauterinen  Hypoxie  (=  Sauerstoffmangel  des  Kindes  im  Mutterleib; 
vgl. Fn. 3) und wird standardmässig insbesondere bei der Geburt eingesetzt ; 

  Das CTG wird als normal, suspekt oder pathologisch bewertet, wobei es verschiedene Bewertungssysteme (Scores) gibt. 

2  Als  Dezeleration  bezeichnet  man  ein  mittels  CTG  dargestelltes,  wehenabhängiges  Absinken  der  fetalen  Herzfrequenz; 
Dezelerationen  kommen  je  nach  Ausprägung  respektive  Form  und  ihrem  zeitlichen  Zusammenhang  mit  der  Wehentätigkeit 
unterschiedliche Bedeutung (harmlos bis potenziell gefährlich) zu; 

  Variable Dezeleration: Dezeleration wechselnd bezüglich Form und Wehenverlauf.  

 
 
 
                                                 
 
- 16 - 

Zeittabelle 

3. 
a)  Nach  den  Ausführungen  der  Kläger  liegen  sowohl  ein  Kunst-  oder  Behandlungs-
fehler  wie  auch  eine  Verletzung  der  körperlichen  Integrität  der  Klägerin  1  vor.  Die 
Unterlassungen  der  Ärzte  im  Verlaufe  des  Geburtsgeschehens  stellten  eine  grobe  und 
mehrfache  Verletzung  der  Sorgfaltspflicht  dar,  hätten  zu  einer  schweren  Hirnschädigung 
und  zu  schwersten  Bewegungsstörungen  der  Klägerin  1  geführt,  mithin  ein  absolutes 
Rechtsgut  verletzt.  Auch  sei  ein  Organisationsfehler  (Nichtbenachrichtigung  des  "Hinter-
grunddienstes"  [= medizinisches  Personal,  das  auf  Abruf  bereitsteht])  begangen  worden. 
Bei  richtiger  Untersuchung  und  Behandlung,  insbesondere  bei  einer  Sectio  ab  02.30  Uhr, 
wäre kein Gesundheitsschaden bei der Klägerin 1 eingetreten.  

b) Dres. K und L beantworteten im FMH-Gutachten vom 5. Januar 2000 (KlBl 15) die 

ihnen gestellten Fragen wie folgt: 

1.  Frage:  War  das  CTG  um  02.10  Uhr  pathologisch  (als  nicht  normal  zu 

beurteilen)? 
Antwort:  Das  CTG  zeigt  gegen  02.10  Uhr  eine  mittelschwere  variable 
Dezeleration  mit  negativen  Zusatzkriterien.  Gegen  02.10  Uhr  ist  es  mit 
einer Baseline (Grundfrequenz, mittlere Herzfrequenz, die langfristig be-
steht;  kurzfristige  Änderungen  der  fetalen  Herzfrequenz  werden  dabei 
nicht  beachtet)  von  170  Schlägen/min.  tachykard  (höhere  als  normale 
Herzfrequenz)  und  silent  (stark  eingeschränkte  Variation  der  Herz-
frequenz bezogen auf die Baseline; vgl. auch unten Erw. 6.c S. 27 f. zu 
Oszillation).  In  prospektiver  Analyse  sei  es  nicht  pathologisch,  sondern 
müsse  als  suspekt  (nicht  normal,  aber  auch  nicht  pathologisch)  einge-
stuft werden. 

2.  Frage:  Falls  das  CTG  in  diesem  Zeitpunkt  pathologisch  war,  war  der 
Entscheid,  in  dieser  Lage  und  bei  den  gegebenen  Kontraktionen  eine 
Oxytocin-Belastung  (man  provoziert  Wehen,  um  festzustellen,  wie  das 
Kind reagiert) durchzuführen, zweckmässig? 
Antwort: Das CTG wurde wohl vom betreuenden Gebärsaalarzt wie auch 
von  der  Hebamme  als  suspekt  eingestuft,  weshalb  der  Entscheid,  eine 
Oxytocin-Belastung  zu  indizieren,  zweckmässig  sei.  Der  Beginn  dieser 
Massnahme,  die  im  Partogramm  (graphische  Darstellung  des  Geburts-
verlaufs anhand der Muttermundöffnung sowie des Tiefertretens und der 
Rotation des vorangehenden kindlichen Teiles [hier der Kopf der Klägerin 
1])  um  02.20  Uhr  festgehalten  ist,  sei  jedoch  ohne das  Vorliegen  eines 
vaginalen  Untersuchungsbefundes  erfolgt.  Demzufolge  könne  nicht 
beurteilt  werden,  ob  zu  diesem  Zeitpunkt  bereits  weitere  Massnahmen 
hätten ergriffen werden können. 

3.  Frage:  War  das  CTG  auch  ab  02.30  Uhr,  02.50  Uhr,  03.40  Uhr  und  ab 

05.35 Uhr pathologisch? 
Antwort: In der Zeit von 02.20 bis 02.40 Uhr seien im CTG drei weitere 
variable  Dezelerationen  mit  negativen  Zusatzkriterien  gefolgt.  Die 
vaginale Untersuchung um 02.45 Uhr ergebe einen auf 4 cm eröffneten 

3  Behandlung  einer  fetalen  Hypoxie  während  des  Geburtsvorgangs  durch  medikamentöse  Wehenhemmung  (Tokolyse)  und 
Lageveränderung  der  Gebärenden  (Seitenlagerung,  Beckenhochlagerung  etc.)  zur  Vermeidung  einer  bzw.  zur 
Zeitüberbrückung bis zu einer geburtshilflichen (Not)Operation (z.B. Kaiserschnitt).  

4  PDA  =  Form  der  Anästhesie  (durch  Narkose  hervorgerufener  Zustand  der  Empfindungslosigkeit)  zur  segmentalen  Nerven-

blockade an den Wurzeln von Spinalnerven (z.B. zur Ausschaltung der Geburtsschmerzen). 

5  Was bedeutet, dass der Geburtsvorgang nicht weit fortgeschritten ist. 

 
 
 
 
 
 
 
                                                                                                                                                            
- 17 - 

Muttermund[sbefund]. Die CTG-Veränderungen um 02.45 Uhr seien nun 
als  abklärungsbedürftig  zu  bezeichnen,  so  dass  sich  die  Frage  stelle, 
weshalb  hier  keine  Amniotomie  (künstliche  Eröffnung  der  Fruchtblase) 
mit  nachfolgender  Mikroblutuntersuchung 
([MBU]  Verfahren  zur 
Überwachung  des  Kindes  unter  der  Geburt  durch  Entnahme  einiger 
Tropfen Blut aus der Haut des vorangehenden kindlichen Teils - hier von 
der  Kopfhaut  -  und  Bestimmung  des  pH-Werts  [Säure-Base-Wert]  des 
Blutes  zur  frühzeitigen  Erfassung  einer  intrauterinen  Azidose)  durchge-
führt worden sei. Nachdem sich im Anschluss an die Untersuchung eine 
weitere Dezeleration ereignet habe, sei das CTG von 02.53 bis 03.12 Uhr 
nicht  beurteilbar.  Dieser  Umstand  hätte  eine  Amniotomie  mit  interner 
Ableitung  erforderlich  gemacht  und  letztlich  die  Chance  für  eine  MBU 
eröffnet.  Durch  eine  solche  Untersuchung  hätte  der  Grad  der  Azidose 
festgestellt  werden  können  und  gleichzeitig  wären  hierdurch  möglicher-
weise  erste  Hinweise  auf  eine  fetale  Anämie  (Mangel  an  roten 
im  Kreislauf  des  ungeborenen  Kindes,  hier  der 
Blutkörperchen 
ungeborenen Klägerin 1) aufgefallen. Gegen 03.15 Uhr sei es erneut zu 
einem  Herztonabfall  gekommen.  Da  die  CTG-Dokumentation  zwischen 
etwa 03.17 und 03.45 Uhr fehle, könne keine Aussage zum CTG-Befund 
um  03.40  Uhr  gemacht  werden.  Zudem  befänden  sich  in  der  CTG-
Dokumentation zwischen 05.35 und 05.45 Uhr mehrere schwere variable 
Dezelerationen, die abklärungsbedürftig seien. 

4.  Frage:  Warum  hat  der  vorgesetzte  Arzt  Dr.  A  das  CTG  erst  um  03.40 

Uhr gesehen? 
Antwort:  Dr.  A  sei  um  03.40  Uhr  ausserplanmässig  mit  dem  CTG 
konfrontiert  worden.  Welcher  CTG-Teil  ihm  gezeigt  wurde  und  welche 
Anordnungen  getroffen  worden  sind,  sei  nicht  schriftlich  festgehalten. 
Jedoch  sei  danach  eine  PDA  durchgeführt  worden.  Warum  der  zu-
ständige Hintergrunddienst zu diesem Zeitpunkt nicht informiert worden 
sei, sei unklar. 

5.  Frage:  War  es  richtig, in  dieser  Situation  (04.00  Uhr)  zuzuwarten,  statt 

eine Sectio durchzuführen? 
Antwort:  Bei  der  Geburtsbetreuung  der  Klägerin  2  sei  nicht  der 
Entscheid  zwischen  abwartendem  Vorgehen  und  Durchführung  eines 
Kaiserschnitts  relevant.  Es  gehe  vielmehr  um  die  Frage,  inwieweit  das 
abwartende  Vorgehen  zu  begründen  sei,  da  das  CTG  zwar  in  der  Lage 
sei,  Gefahrenzustände  zu  erkennen,  jedoch  bei  Weitem  nicht  alle 
auffälligen CTG's mit einer Gefahrensituation einhergehen. Daher sei bei 
CTG-Mustern,  wie  sie  im  Verlaufe  der  Geburt  auftraten,  eine  Abklärung 
durch  MBU  angezeigt,  wenn  eine  vaginale  Geburt  angestrebt  werden 
soll. 

6.  Sofern  die  Frage  3  bejaht  werden  muss,  war  es  richtig,  in  diesem 

Zeitpunkt zuzuwarten, statt eine Sectio durchzuführen? 
Antwort: Die Antwort zu dieser Frage ergebe sich aus den Antworten zu 
den Punkten 2., 3. und 5. 

7.  Frage:  War  es  richtig, in  dieser  Situation  (05.10  Uhr)  zuzuwarten,  statt 

eine Sectio durchzuführen? 
Antwort:  Der  Entscheid  zum  Kaiserschnitt  ergebe  sich  aus  der 
Beurteilung  des  aktuellen  kindlichen  Zustands  und  der  Einschätzung 
über  die  vermeintliche  Dauer  der  vaginalen  Geburt,  die  sich  mittels 
klinischer  Erfahrung  aus  dem  bisherigen  Geburtsverlauf  ergebe.  Eine 
Indikation  zum  Kaiserschnitt  könne  daher  nur  aus  der  Kenntnis  des 

 
 
 
 
 
 
- 18 - 

aktuellen  kindlichen  Zustands  gestellt  werden.  Dazu  wäre  eine  MBU 
notwendig gewesen.  

8.  Frage:  War  es  richtig,  nach  der  intrauterinen  Reanimation  (05.40  Uhr) 

keine Sectio durchzuführen und keinen Facharzt beizuziehen? 
Antwort: Das Auftreten schwerer variabler Dezelerationen im Verlauf der 
Geburt  rechtfertige  die  Einleitung  einer  intrauterinen  Reanimation  mit 
Tokolytika  (Wirkstoff  zur  Unterdrückung  der  Wehentätigkeit),  wie  sie 
bereits  gegen  03.15  Uhr  durchgeführt  worden  sei.  Danach  sei  jedoch 
eine  Evaluation  des  kindlichen  Zustands  durchzuführen,  die  entweder 
mittels  einer  kontinuierlichen  CTG-Ableitung  mit  völlig  unauffälligem 
Herztonmuster (= Herzfrequenzmuster) und/oder einer MBU zu erfolgen 
habe. Sollte der diensttuende Arzt diese Massnahmen nicht beherrschen, 
sollte  er  den  Hintergrunddienst  beiziehen.  Wann  der  diensthabende 
Hintergrunddienst informiert  wurde,  gehe  aus  den  Akten  nicht  zweifels-
frei  hervor.  Gegen  06.12  Uhr  sei  ein  Telefonat  dokumentiert,  das  Dr. C 
gegolten  haben  könnte.  Inwieweit  dieser  zuvor  informiert  gewesen  sei, 
gehe aus den Unterlagen nicht hervor. 

c)  Gestützt  auf  diese  Feststellungen  der  Gutachter  werfen  die  Kläger  den  Ärzten  des 

Beklagten im Einzelnen vor, 

a)  dass  zu  Beginn  der  Oxytocin-Belastung  um  02.20  Uhr  kein  vaginaler 
Untersuchungsbefund  erhoben  worden  sei;  dieser  hätte  Anlass 
(Indikation) für weitere Massnahmen ergeben; 

b)  dass  um  02.05  Uhr  und  um  02.20-02.40  Uhr  das  CTG  vier  variable 
Dezelerationen mit negativen Zusatzkriterien aufzeige. Trotz abklärungs-
bedürftigen  CTG-Veränderungen  sei  keine  Amniotomie  mit  MBU  durch-
geführt worden; 

c)  dass  es  auch  später  (nach  02.45,  um  03.15  und  ab  05.35  Uhr)  zu 
mehreren  schweren  Dezelerationen,  die  abklärungsbedürftig  gewesen 
seien,  gekommen  sei.  Nach  wie  vor  sei  der  kindliche  Zustand  nicht 
evaluiert worden; 

d)  dass  der  diensttuende  Arzt  den  Hintergrunddienst  nicht  orientiert  habe. 
Dazu  sei  er  verpflichtet  gewesen,  nachdem  er  offensichtlich  weder 
schwere  Dezelerationen  im  CTG  ansprechen  konnte  noch  die  ange-
zeigten Massnahmen beherrschte. 

Zudem vertreten sie in Abweichung zum FMH-Gutachten den Standpunkt, 

e)  dass  die  verschiedenen  CTG-Sequenzen  mit  variablen  Dezelerationen 
nicht nur als suspekt, sondern als hochpathologisch zu bezeichnen seien 
(abweichende CTG-Interpretation); 

f)  dass  bereits  ab  02.00  Uhr  eine  Amniotomie  mit  MBU  angebracht 

gewesen wäre (nicht spätestens um 03.00 Uhr); 

g)  dass  der  Oxytocin-Belastungstest  nicht  angezeigt  gewesen  sei.  Dieser 
Test  werde  angeordnet,  wenn  man  nicht  wisse,  ob  es  dem  Fetus 
schlecht  gehe.  Im  vorliegenden  Fall  habe  keine  unklare  Situation 
vorgelegen,  sondern  aufgrund  des  CTG's  eine  klare  Indikation  zu 
weiteren Abklärungen; 

h)  dass den Gutachtern entgangen sei, dass einmal Syntocinon (wehenför-
derndes/-unterstützendes Mittel) und dann Gynipral (wehenhemmendes 

 
 
 
 
 
- 19 - 

Medikament)  verordnet  worden  sei;  auch  die  medikamentöse  Behand-
lung sei falsch gewesen; 

i)  dass  der  vorgesetzte  Arzt  Dr.  A  oder  Dr.  C  persönlich  hätte  anwesend 
sein  müssen  und  der  Arzt  Dr.  D  diese  spätestens  nach  der  CTG-
Aufnahme  um  02.05  Uhr  hätte  rufen  müssen.  Tatsächlich  sei  der 
Hintergrunddienst  offenbar  erst  um  06.12  Uhr  beigezogen  worden,  was 
als schwerer Fehler gerügt werde. 

4.  Der  Beklagte  bestreitet  die  Behauptung  der  Kläger,  es  wären  Kunst-  oder 
Behandlungsfehler  sowie  Organisationsfehler  begangen  worden.  Die  Hebamme  und  die 
Ärzte  hätten  die  Klägerin  2  fachgerecht  behandelt  und  die  zum  Schutze  ihrer  Gesundheit 
sowie  jener  des  Kindes  (Klägerin  1)  gebotene  Sorgfalt  walten  lassen.  Die  Nichtbenach-
richtigung des Hintergrunddienstes habe nichts mit der Organisation des Spitals zu tun. Der 
diensttuende  Arzt  sei  gestützt  auf  seine  eigenen  Feststellungen  sowie  auf  den  Ratschlag 
des  vorgesetzten  Arztes  Dr.  A  bis  kurz  vor  06.00  Uhr  der  Auffassung  gewesen,  ein 
Kaiserschnitt sei nicht notwendig.  

In  den  Instruktionssitzungen  vom  1.  März  2002  (act.  23)  und  vom  6.  Juni  2002 

5. 
(act. 38) wurden Dres. A, B, C, D, E sowie die Hebamme N als Zeugen zur Sache befragt.  

a)  Der  vorgesetzte  Arzt  Dr.  A  erklärte,  dass  er  die  Klägerin  2  weder  während  ihrer 
Schwangerschaft  noch  während  der  Geburt  gesehen  und  sie  demnach  auch  nicht  unter-
sucht  habe.  Er  sei  um  03.45  Uhr  mit  einer  anderen  Geburt  in  einem  anderen  Gebärsaal 
beschäftigt  gewesen.  Es  komme  oft  vor,  dass  kurz  vor  der  Geburt,  wie  hier  eine  Woche 
vorher,  weniger  Kindsbewegungen  zu  spüren  sind.  Das  könne  daher  kommen,  dass  das 
Kind weniger Platz habe; es bedeute grundsätzlich nichts Beunruhigendes.  

Ein  "stress  test"  (Oxytocin-Belastungstest)  sei  nicht  durchgeführt  und  um  02.20  Uhr  sei 
auch  kein  Syntocinon  verabreicht  worden,  sondern  erst  nach  der  Vaginaluntersuchung 
durch Dr. D um 02.45 Uhr. Der entsprechende Eintrag für 02.20 Uhr sei von der Hebamme 
erst nach der Geburt gemacht worden. Er sei nicht richtig, weil um diese Zeit die Klägerin 2 
erst in den Gebärsaal geführt worden und die Hebamme bei ihm im Gebärsaal (das heisst 
in einem anderen Gebärsaal als Klägerin 2) gewesen sei. 

Um  03.45  Uhr  habe  er  aber  mit  Dr.  D  das  CTG  besprochen,  was  ungefähr  5  Minuten  in 
Anspruch  genommen  habe.  Dabei  habe  er  angeordnet,  dass  man  der  Klägerin  2  Gynipral 
verabreiche.  Dies  werde  gemacht,  wenn  man  eine  Patientin  in  die  "Sectio-Bereitschaft" 
(Kaiserschnitt-Bereitschaft:  heisst,  die  betroffenen  Leute,  nämlich  das  Operationsteam, 
informieren,  dass  eventuell  ein  Kaiserschnitt  durchgeführt  werden  wird)  bringen  und  eine 
Periduralanästhesie  (PDA)  legen  wolle.  Diese  Massnahme  habe  er  ungefähr  um  03.45  Uhr 
und  nicht  wie  angegeben  um  03.15  Uhr  getroffen.  Um  03.17  Uhr  sei  er  nämlich  noch  mit 
einer Geburt in einem anderen Saal beschäftigt gewesen.  

Dr. A ist der Auffassung, dass bis 03.50 Uhr im Spital alles richtig gemacht worden sei. Die 
Behandlung der Klägerin 2 sei korrekt gewesen und es seien Entscheide gefällt worden. Ob 
diese richtig waren, lasse er offen, aber es sei jedenfalls etwas gemacht worden. Bis 05.45 
Uhr sei alles korrekt verlaufen. Die Behauptung, dass, wäre ab 02.30 Uhr ein Kaiserschnitt 
durchgeführt worden, kein Gesundheitsschaden eingetreten wäre, sei reine Spekulation. Ab 
03.50  Uhr  bis  ungefähr  04.40  Uhr  sei  der  Herzschlag  des  Kindes  in  Ordnung  gewesen. 
Danach habe es eine Einschränkung des Herzschlags und, um 05.35 Uhr, mehrere schwere 
variable  Dezelerationen  gegeben.  Man  hätte  um  05.40  Uhr  tatsächlich  überlegen  können, 
ob man noch einen Kaiserschnitt durchführen sollte, aber der Muttermund sei so weit offen 

 
 
 
- 20 - 

und  der  Geburtsvorgang  so  weit  fortgeschritten  gewesen,  dass  es  schwierig  gewesen  sei, 
einen  Entscheid  zu  treffen.  Für  einen  Kaiserschnitt  brauche  es  mehrere  Leute 
(Operationsteam),  die  zwar  im  Hause  waren,  aber  nicht  zusammengerufen  wurden. 
Beispielsweise  brauche  es  im  Frauenspital  Bern  im  Moment  eines  pathologischen  CTG  bis 
zur  Operation  30  Minuten.  Um  06.12  Uhr  sei Dr.  C  zur  Geburt  gerufen  worden;  es  sei  die 
Regel, dass der vorgesetzte Arzt bei jeder Geburt anwesend sei. Das Kind sei um 06.31 Uhr 
geboren  worden.  Ein  Kaiserschnitt  (wird  im  Operations-  und  nicht  im  Gebärsaal  gemacht) 
hätte wahrscheinlich nichts geändert. 

Während einiger Minuten, nämlich als die Klägerin 2 vom Empfangszimmer zum Gebärsaal 
geführt  wurde,  und  auch  zwischen  03.15  und  03.50  Uhr,  sei  kein  CTG  gemacht  worden. 
Man hätte jedoch die Herztöne hören können.  

Dr.  A  gibt  an,  dass  es  zwischen  02.20  und  02.55  Uhr  variable  Dezelerationen  gegeben 
habe,  wobei  die  letzte  schwer  gewesen  sei.  Zwischen  02.55  und  03.15  Uhr  seien  die 
Aufzeichnungen  schlecht,  weil  sich  der  "capteur"  (CTG-Schallkopf  mit  integriertem 
Empfänger,  der  an  den  Körper  der  Mutter  gelegt  wird,  um  Messwerte  zur  fetalen 
Herzfrequenz und der mütterlichen Wehentätigkeit zu erhalten) möglicherweise verschoben 
habe. Ab 05.45 Uhr sei für ihn der CTG-Befund pathologisch.  

b)  Arzt  Dr.  D  sagte  aus,  dass  er  im  Juni  1997  im  […]  Jahr  der  Ausbildung  zum 
Frauenarzt,  inbegriffen  […]  Jahr  Chirurgie  […]  und  […]  Jahr  Gynäkologie  (Geburtshilfe), 
gewesen  sei.  Bis  zum  15.  Juni  1997  habe  er  in  eigener  Verantwortung  zwischen  300  und 
320  Geburten  durchgeführt.  Die  Klägerin  2  habe  er  vor  deren  Eintritt  in  das  Spital  nicht 
gekannt  und  sie  etwa  um  02.11/02.12  Uhr  im  Empfangszimmer  zum  ersten  Mal 
angetroffen.  Sie  sei  darauf  in  den  Gebärsaal  geführt  worden,  weil  es  sich  um  eine 
Drittgeburt  handelte  und  weil  gemäss  Untersuchung  der  Hebamme  der  Muttermund  auf 
bereits  3  cm  erweitert  gewesen  sei.  Das  heisse,  dass  sich  die  Klägerin  2  unter  dem 
Geburtsvorgang  befunden  habe.  Er  habe  von  der  Hebamme  gewusst,  dass  die  Klägerin  2 
wegen  verminderten  Kindsbewegungen  in  das  Spital  gekommen  sei.  Er  stimme  mit  den 
Experten darin überein, dass das CTG um 02.10 Uhr suspekt gewesen sei. Hinsichtlich einer 
fetomaternalen Transfusion (Blutübertritt vom Fetus in den Kreislauf der Mutter) habe man 
im  CTG  nichts  feststellen  können.  Um  02.45  Uhr  habe  er  eine  vaginale  Untersuchung 
durchgeführt  und  eine  Öffnung  des  Muttermundes  von  4  cm  festgestellt,  wobei  der 
kindliche  Kopf  auf  –3  cm  gestanden  habe  (beim  Beckeneingang,  vgl.  act.  23  S.  5  [tief  in 
der Kreuzbeinhöhle]; vgl. KlBl 7/30 und 7/44). Danach habe er der Klägerin 2 per Infusion 
ein  Wehenmittel  gegeben,  die  Wehen  seien  vorher  unregelmässig  und  unkoordiniert 
gewesen. Auffällig sei gewesen, dass sich die Herztöne des Kindes verlangsamt hätten. Das 
sei auch ein Grund gewesen, weshalb er das Wehenmittel verabreicht habe. Dann habe sich 
die  Herztonfrequenz  normalisiert  und  es  seien  keine  Dezelerationen  mehr  festgestellt 
worden. Um 03.15 Uhr sei es zu einer weiteren leichten Dezeleration gekommen, worauf er 
die  Infusion  gestoppt  habe.  Er  habe  den  CTG-Streifen  vom  Apparat  entfernt  und  den 
vorgesetzten  Arzt  Dr.  C  telefonisch  informiert.  Auch  habe  er  die  Situation  mit  Dr.  A,  der 
sich  nebenan  befand,  besprochen.  Um  etwa  03.40  Uhr  habe  diese  Besprechung 
stattgefunden und es sei beschlossen worden, eine Sectio-Bereitschaft und eine Anästhesie 
zu  erstellen.  Zwischen  03.45  und  03.50  Uhr  habe  man  der  Klägerin  im  Hinblick  auf  die 
Anästhesie  ein  wehenhemmendes  Mittel  verabreicht  und  sie  über  die  Sectio-Bereitschaft 
informiert. Um 04.10 Uhr sei der Anästhesiearzt eingetroffen. Bis 04.10 Uhr habe er keine 
weiteren  Untersuchungen  angestellt.  Das  CTG  sei  normal  verlaufen  und  es  hätte  keine 
weiteren  Dezelerationen  gegeben.  Um  04.45  Uhr  sei  die  PDA  bereit  gewesen,  das  heisst 
man hatte die Klägerin 2 anästhesiert. Das CTG sei normal und die Klägerin 2 schmerzfrei 
ihr  ein  wehenförderndes  Mittel  gegeben  habe,  um  den 
gewesen,  sodass  man 

 
 
 
- 21 - 

Geburtsvorgang  wieder  in  Gang  zu  setzen.  Das  CTG  sei  in  der  Folge  eingeschränkt,  aber 
nicht  pathologisch  gewesen.  Um  05.10  Uhr  habe  die  Hebamme  eine  Vaginaluntersuchung 
gemacht. Die Öffnung des Muttermundes habe 5 cm betragen und der Kopf des Kindes sei 
auf -2 tiefer getreten (das heisst 1 cm tiefer als um 02.45 Uhr, auf die Höhe 2 cm oberhalb 
der  Referenzebene  [Interspinalebene]  im  mütterlichen  Becken;  die  Angabe  dient  der 
Beurteilung  des  Geburtsfortschritts).  Um  05.30  Uhr  habe  die  Hebamme  den  CTG-Apparat 
gewechselt, weil beim ersten Apparat der Streifen zu Ende war. Statt einen neuen Streifen 
einzusetzen, habe sie einen anderen Apparat genommen. 

Um  05.35  Uhr  sei  es  zu  einer  weiteren  mittelschweren  Dezeleration  gekommen,  was  sich 
wiederholte.  Um  05.34  Uhr  sei  durch  die  Hebamme  erneut  eine  vaginale  Untersuchung 
durchgeführt  worden.  Die  Muttermundserweiterung  habe  zu  diesem  Zeitpunkt  7  cm 
betragen.  Die  Hebamme  habe  versuchte,  die  Fruchtblase  zu  sprengen.  Es  handelte  sich 
wahrscheinlich  um  eine  Vorblase,  weil  kein  Fruchtwasser  abgegangen  sei.  Um  05.40  Uhr 
habe  die  Hebamme  eine  intrauterine  Reanimation  durchgeführt  und  um  05.50  Uhr  der 
Klägerin 2 das Medikament Buscopan (Arzneimittel mit krampflösender und damit schmerz-
lindernder Wirkung) abgegeben. Um 06.09 Uhr habe sie wieder eine vaginale Untersuchung 
durchgeführt und dabei die Fruchtwasserblase definitiv gesprengt. Die Muttermundsöffnung 
sei auf 8 cm erweitert gewesen und der Kopf des Kindes auf die Interspinal-Ebene (Becken-
enge)  des  Beckens  tiefer  getreten.  Es  habe  sich  eine  rasche  Spontangeburt  abgezeichnet. 
Um 06.13 Uhr habe die Hebamme eine vollständige Öffnung des Muttermundes festgestellt 
(10  cm  gemäss  Partogramm).  Dr.  C  sei  informiert  worden,  weil  sich  die  Geburt  abge-
zeichnet habe und der vorgesetzte Arzt bei der Geburt dabei sei.  

Dr.  D sagte  weiter  aus, dass er um 04.45 Uhr auf die Abteilung gerufen worden und kurz 
vor  06.00  Uhr  zur  Klägerin  2  zurückgekommen  sei,  das  heisse  auf  Rufdistanz  zur 
Hebamme.  

Er könne nicht sagen, ob am Morgen des 15. Juni 1997 innert 30 Minuten die Sectio hätte 
durchgeführt werden können, weil er nicht wisse, ob der Anästhesist zur Verfügung stand. 

Weshalb  die  Hebamme  die  Verabreichung  des  Medikaments  (gemeint  Gynipral)  auf  03.15 
statt auf 03.50 Uhr eingetragen hat, wisse er nicht; wahrscheinlich habe sie die Eintragung 
einfach auf das Ende des Streifens gemacht. 

c)  Mit  den  im  FMH-Gutachten  gegebenen  Antworten  auf  die  acht  Fragen  der  Kläger 
konfrontiert,  erklärten  Dres.  A  und/oder  D  anlässlich  der  Befragung  vom  1. März  2002 
(act. 23): 

1.  beide (Dres. A und D): dass sie mit der Beurteilung des CTG um 02.10 

Uhr als suspekt einverstanden seien; 

2.  beide:  dass  um  02.20  Uhr  kein  Oxytocin-Belastungstest  durchgeführt 

worden sei;  

  Dr. D: aber der Befund der vaginalen Eingangsuntersuchung vorgelegen 

habe; 

3.  Dr.  A:  dass  das  CTG  zwischen  02.20  und  02.55  Uhr  variable 
Dezelerationen aufgewiesen habe, wobei die letzte schwer war, und mit 
der  MBU  nur  der  pH-Wert,  nicht  jedoch  eine  Anämie  hätte  festgestellt 
werden können; 

  Dr.  D:  dass  zu  diesem  Zeitpunkt  eine  MBU  gefährlich  gewesen  wäre, 

weil der kindliche Kopf sehr hoch stand; 

 
 
 
- 22 - 

  Dr. A: dass zwischen 02.55 und 03.12 Uhr die Aufzeichnungen schlecht 
seien, dass man wegen der PDA um 03.50 Uhr die Wehen gestoppt habe 
und dass das CTG von 03.50 bis 04.40 Uhr normal gewesen sei und ab 
05.45 Uhr pathologisch;  

4.  beide: dass der zuständige Hintergrunddienst (gemeint Dr. C) sehr wohl 
informiert  (um  03.15  Uhr)  und  danach  der  vorgesetzte  Arzt  (das  heisst 
Dr. A) beigezogen worden sei; 

5.  beide: dass das CTG um 04.00 Uhr normal gewesen sei und  
  Dr. A: dass das CTG nicht absolut gelte; es weise eine "gute Sensibilität" 
auf,  aber  eine  "schlechte  Spezifität".  Bei  abnormaler  Registrierung 
komme es trotzdem bei 30-40% der Kinder immer noch gut;  

6.  (…); 
7.  Dr. D: dass es richtig gewesen sei, um 05.40 Uhr zuzuwarten; 
8.  Dr. D: dass Dr. C zwischen 03.50 und 06.13 Uhr nicht weiter informiert 
worden  sei.  Um  05.45  Uhr  könne  das  CTG  als  pathologisch  bezeichnet 
werden.  Hätte  man  sich  dann  für  eine  Sectio  entschieden  (die  Zeit,  um 
eine  Sectio  durchzuführen  bis  zum  Beginn  des  Kaiserschnitts 
[Hautschnitt] dauere 30 Minuten [genauso Dr. E, Befragung vom 6. Juni 
2002,  act.  38  S.  2],  der  Kaiserschnitt  selbst  zwischen  30  und  60 
Minuten,  act.  23  S.  11;),  und  die  noch  erwähnten  30  Minuten 
berücksichtigt,  wären  bis  zur  vaginalen  Geburt  somit  noch  15  Minuten 
zur  Verfügung  gestanden;  es  habe  sich  eine  rasche  Spontangeburt 
abgezeichnet (act. 23 S. 11).  

d)  Dr.  E  erklärte,  dass  er  bei  der  Klägerin  2  eine  PDA  nicht  im  Hinblick  auf  einen 
Kaiserschnitt  gelegt  habe,  sondern  gegen  die  Schmerzen  der  Patientin.  Normalerweise 
bleibe  er  dann  bei  der  Patientin  bis  das  Medikament  wirke,  was  etwa  zwischen  15  und  20 
Minuten  dauere.  Wie  es  sich  im  vorliegenden  Fall  verhalten  habe,  wisse  er  nicht  mehr.  Er 
habe die Klägerin 2 um 04.10 Uhr angetroffen und nach den Vorbereitungen um 04.45 Uhr 
das Medikament gespritzt. Wenn er noch 15 bis 20 Minuten zur Beobachtung geblieben sei, 
dann  habe  er  die  Patientin  zwischen  05.00  und  05.05  Uhr  verlassen;  gesehen  habe  er  sie 
dann nicht mehr. 

e)  Dr.  C  war  in  der  Nacht  vom  14.  auf  den  15.  Juni  1997  bei  sich  zu  Hause.  Er  sei 
damals  diensthabender  vorgesetzter  Arzt  gewesen.  Um  03.15  Uhr  sei  er  von  Dr.  D 
telefonisch kontaktiert worden. Dieser habe ihm mitgeteilt, dass die Klägerin 2 eingetroffen 
sei  und  dass  es  sich  nicht  um  eine  dringliche  Angelegenheit  handle.  Das  CTG  habe  er 
(Dr. D)  mit  einem  anderen  […]arzt  besprechen  wollen,  weil  es  einige  Dezelerationen 
aufweise,  es  sich  aber  nicht  um  einen  extremen  pathologischen  Fall  handle.  Dr.  D  habe 
vorgeschlagen, die Angelegenheit mit dem anwesenden Dr. A zu besprechen, womit er (C) 
einverstanden gewesen sei; er habe aber über die weiteren Massnahmen informiert werden 
wollen. 

In  ganz  normalen  Fällen  habe  der  Arzt  den  vorgesetzten  Arzt  nicht  zu  informieren.  Das 
geschehe  erst  dann,  wenn  etwas  nicht  normal  sei  sowie,  wenn  der  Geburtsvorgang 
"aktuell" werde; dann sei der vorgesetzte Arzt obligatorisch anwesend. 

Um 03.50 Uhr habe er einen zweiten Anruf erhalten. Dr. D habe ihm mitgeteilt, dass man 
die Wehen unterstützen, eine PDA legen und den Verlauf beobachten würde. Auch sei eine 
Sectio-Bereitschaft erstellt worden und er (C) müsse gegebenenfalls anwesend sein.  

 
 
 
 
- 23 - 

Um 06.12 oder 06.13 Uhr sei er telefonisch informiert worden, dass es zur Geburt kommen 
würde und er in das Spital kommen sollte. Er sei unmittelbar vor der Geburt eingetroffen.  

f) Dr. B  sagte aus, dass er die Klägerin 2 zum ersten Mal am 3. Juni 1997 getroffen 
habe.  Es  sei  darum  gegangen,  mit  ihr  ein  Vertrauensverhältnis  aufzubauen.  Sie  sei  etwas 
enttäuscht gewesen, dass sie in das Kantonsspital Freiburg kommen musste; ihre anderen 
Geburten  hätte  sie  in  Bern  gehabt.  Er  habe  damals  eine  allgemeine  Untersuchung 
durchgeführt und dabei nichts Aussergewöhnliches festgestellt. Er habe sie für zwei Wochen 
später wieder aufgeboten, sie aber bereits wieder am 8. Juni 1997 gesehen. Sie habe sich 
selbst  angemeldet,  weil  Wehen  eingesetzt  hätten.  Sie  sei  von  der  Hebamme  betreut 
worden.  Diese  habe  ein  CTG  und  eine  gynäkologische  Untersuchung  gemacht.  Das  CTG 
(Monitoring)  habe  nichts  Aussergewöhnliches  aufgewiesen,  weshalb  die  Patientin  wieder 
nach  Hause  gehen  konnte.  Später  sei  sie  wieder  in  das  Spital  zur  Hebamme  gekommen, 
weil sie erneut Wehen hatte. Er habe sie nicht gesehen, aber vermutlich sei er telefonisch 
über  ihre  Anwesenheit  informiert  worden.  Da  der  Geburtsvorgang  nicht  begonnen  hatte, 
habe sie zwei Tabletten erhalten, um die Wehen zu unterdrücken. Sie sei dann wieder nach 
Hause  gegangen;  das  Monitoring  (CTG)  sei  in  Ordnung  gewesen.  Die  Klägerin  2  habe  er 
erst wieder am Tag nach der Geburt gesehen, und zwar lediglich, um sie zu begrüssen. Bei 
der  Geburt  sei  er  nicht  anwesend  gewesen.  Er  hätte  nicht  Bereitschaftsdienst  gehabt  und 
sei über die Anwesenheit der Klägerin 2 im Spital nicht informiert worden.  

g)  Hebamme  N  erinnerte  sich  nicht  mehr,  wann  sie  die  Klägerin  2  zum  ersten  Mal 
gesehen hat. Nach deren Eintritt in das Spital am 8. Juni 1997 sei die Klägerin 2 zuerst von 
einer  anderen  Hebamme  behandelt  worden.  Nachdem  diese  ihren  Dienst  beendet  hatte, 
habe  sie  (N)  die  Behandlung  abgeschlossen.  Sie  habe  das  Monitoring  mit  der  Patientin 
besprochen,  weil  diese  etwas  verängstigt  gewesen  sei,  aber  keine  gynäkologische 
Untersuchung gemacht. 

Am  15.  Juni  1997  sei  sie  (Klägerin  2)  um  01.50  Uhr  eingetroffen,  nachdem  diese  sie  um 
01.20  Uhr  angerufen  hatte.  Nach  deren  Ankunft  habe  sie  sie  an  das  Monitoring 
angeschlossen und sei dann zu einer anderen  Patientin gegangen. Die Klägerin 2 habe ihr 
anlässlich  des  Telefongesprächs  gesagt,  dass  sie  in  Sorge  sei,  ihr  Kind  bewege  sich 
weniger.  Sie  (N)  habe  nicht  schriftlich  festgehalten,  wann  sie  die  erste  vaginale 
Untersuchung  durchgeführt  habe.  Das  (die  Untersuchung)  habe  sie  gemacht,  als  sie 
feststellte,  etwas  sei  nicht  in  Ordnung.  Die  Herzschläge  des  Kindes  hätten  sich  etwas 
verlangsamt und es hätte auch einige Wehen gegeben. Darauf habe sie Dr. D angerufen. 

Das  Krankenblatt  (KlBl  7/30),  ausser  die  letzte  Linie,  habe  sie  ausgefüllt.  Der  Eintrag  um 
02.20  Uhr  stamme  ebenfalls  von  ihr.  O  sei  eine  Krankenschwester,  welche  die  Klägerin  2 
vom  Empfangszimmer  in  den  Gebärsaal  geführt  habe.  Das  erwähnte  Blatt  habe  sie  (N) 
nach  dem  Ende  ihres  Dienstes,  um  etwa  07.00  oder  08.00  Uhr  ausgefüllt.  Normalerweise 
würden die Eintragungen sofort gemacht. Es gebe aber Situationen, wo dies nicht möglich 
sei.  

Es sei kein "stress test" durchgeführt worden. Bei diesem Eintrag handle es sich um einen 
Lapsus. Man habe ihr nicht gesagt, sie solle diesen Eintrag machen. Sie könne nicht sagen, 
in wie vielen Fällen ein solcher Test durchgeführt werde. Er werde normalerweise während 
der Schwangerschaft gemacht und nicht mehr, wenn die Patientin in das Spital kommt, um 
zu  gebären.  Auf  dem  Blatt  KlBl  7/19  ("Feuille  acc.  5")  habe  sie  den  Eintrag  "stress  test  - 
prov. au synto" gemacht (vgl. diesbezüglich KlBl 7/30: Eintrag um 02.20 Uhr "stress test", 
Sign. O); das Blatt sei aber nicht von ihr unterschrieben. Diesen Eintrag habe sie ebenfalls 
nach dem Dienst um etwa 07.00 oder 08.00 Uhr gemacht. 

 
 
 
 
- 24 - 

Sie  könne  nicht  sagen,  wann  genau  sie  im  Gebärsaal  war.  Sie  hätte  noch  eine  andere 
Patientin zu betreuen gehabt. Zwischen dieser Patientin und der Klägerin 2 sei ein anderer 
Saal, in dem sich niemand befunden habe. Die Säle seien durch Türen geschlossen.  

Wenn  das  Monitoring  abgestellt  oder  das  Papier  ausgewechselt  werde,  könne  es 
vorkommen,  dass  keine  Aufzeichnungen  stattfänden.  Die  Eintragungen  könnten  abgestellt 
werden.  Die  akustischen  Signale  würden  aber  bestehen  bleiben,  ausser  man  würde  diese 
absichtlich abstellen. Als sie bei der Patientin von Dr. A gewesen sei, habe sie die Herztöne 
aus dem Apparat vom Zimmer der Klägerin 2 nicht hören können. 

Sie  hätte  zwischen  04.45  und  06.00  Uhr  viel  Arbeit  mit  der  Klägerin  2  und  der  anderen 
Patientin  gehabt.  Solche  Situationen  würden  sich  immer  wieder  ereignen.  Sie  hätte  sich 
gestresst  gefühlt  und  viel  zu  tun  gehabt.  Ob  sie  überfordert  gewesen  sei,  wisse  sie  nicht. 
Die  Herztöne  würden  sie  nicht  stören;  sie  müsse  diese  hören.  Wenn  sie  diese  nicht  mehr 
höre, müsse sie etwas unternehmen. 

a)  Gestützt  auf  die  von  Dres.  A  und  D  anlässlich  der  gerichtlichen  Befragung 
6. 
gemachten Aussagen "präzisierte" Dr. L in seiner Expertise (act. 66) den im FMH-Gutachten 
geschilderten  Sachverhalt  dahingehend,  dass  erstmals  um  02.45  Uhr,  das  heisst  nach  der 
vaginalen Untersuchung durch Dr. D, Syntocinon verabreicht worden sei. Da Dr. D gemäss 
der Äusserung von Dr. A in der Lage gewesen sei, eine Geburt selbstständig durchzuführen, 
habe  Dr.  D  auch  ohne  Rücksprache  mit  dem  vorgesetzten  Arzt  "gegen  02.20  Uhr  die 
Entscheidung getroffen", Syntocinon zur Unterstützung der Wehentätigkeit zu geben.  

Dr.  L  hält  weiter  fest,  dass  das  Vorgehen  der  Ärzte  bis  03.15  Uhr  vertretbar  war.  Zur 
Begründung  führt  er  im  Wesentlichen  an,  dass  aufgrund  des  CTG's  mit  bis  03.00  Uhr 
wiederholt auftretenden mittelschweren und einer schweren Dezeleration, wobei nicht jede 
Wehe  mit  einer  Dezeleration  assoziiert  war,  je  nach  innerklinischen  Gepflogenheiten  zu 
erwägen war, den vorgesetzten Arzt zu rufen oder weitere Massnahmen zur Abklärung des 
kindlichen Zustands zu treffen (vgl. act. 66 S. 4).  

Dres. K und L hatten bereits im FMH-Gutachten den Verlauf der kindlichen Herzfrequenz im 
Detail  nachgezeichnet  und  festgehalten,  dass  sich  um  02.05  Uhr  eine  mittelschwere 
variable  Dezeleration  mit  negativen  Zusatzkriterien  ereignete.  Darauf  sei  das  CTG 
tachykard und silent und der Arzt gerufen geworden (vgl. KlBl 15 S. 2 und 4). Von 02.20-
02.40 Uhr, die Klägerin 2 war in den Gebärsaal verlegt worden, seien drei weitere variable 
Dezelerationen  mit  negativen  Zusatzkriterien  aufgetreten.  Nachdem  sich  im  Anschluss  an 
die Untersuchung um 02.45 Uhr eine schwere Dezeleration ereignet hatte, gefolgt von einer 
erhöhten  Baseline  mit  eingeschränkter  Undulation  (vgl.  auch  KlBl  88  ad  Frage  1),  sei  das 
CTG abklärungsbedürftig geworden (vgl. KlBl 15 S. 4 Frage 3). Von 02.53 bis 03.12 Uhr sei 
das  CTG  nicht  beurteilbar  (was  eine  Amniotomie  mit  interner  Ableitung  erforderlich 
gemacht  hätte,  wodurch  die  Chance  für  eine  MBU  eröffnet  worden  wäre;  das  Syntocinon 
wurde  um  02.55  Uhr  erhöht)  und  um  03.15  Uhr  habe  sich  ein  weiterer  Herztonabfall 
ereignet (das Syntocinon wurde gestoppt und vermutlich Gynipral verabreicht; vgl. KlBl 15 
S. 2). 

Dr.  L  hält  in  seinem  Gutachten  (act.  66)  dazu  fest,  dass  sich  Dr.  D  noch  während  des 
Herztonabfalls  um  03.15  Uhr  entschieden  habe,  den  eingeschlagenen  Weg,  über  die 
Stimulierung der Wehentätigkeit zur Geburt zu kommen, zu beenden. Sicherlich hätte man 
bereits gegen 03.15 Uhr eine Entbindung durch Kaiserschnitt vertreten können, zumal man 
auf  eine  MBU  verzichtet  habe.  Ein  Entscheid  zur  Sectio  unmittelbar  nach  der  Aufnahme 
wäre aber voreilig gewesen.  

 
 
- 25 - 

Bei  einer  mittelschweren  variablen  Dezeleration  überwache  der  Arzt  gemeinsam  mit  der 
Hebamme die Herztöne des Ungeborenen kontinuierlich und schreite erst bei wiederholtem 
Auftreten oder Zunahme des Schweregrades der Dezeleration ein (act. 66 S. 3 unten). 

Wiederholt  auftretende  mittelschwere  variable  Dezelerationen  seien  signifikant  verbunden 
mit einem Abfall des fetalen pH-Wertes (act. 66 S. 4). In derartigen Situationen seien alle 
Massnahmen zu treffen, um gegebenenfalls rasch einen Kaiserschnitt zu machen. Falls die 
Sectio-Bereitschaft  gewährleistet  ist,  sei  lediglich  eine  technisch  einwandfreie  fetale  Über-
wachung  nötig  (dies  sei  mittels  MBU  möglich).  Bei  unklaren  CTG-Befunden  (aus  dem  CTG 
könne nur eine potenzielle Gefährdung abgelesen werden; act. 66 S. 10) werde, wenn zur 
fetalen  Überwachung  allein  das  CTG  herangezogen  werde,  meist  die  Zweitmeinung  eines 
erfahrenen  Arztes  eingeholt  und  auf  dieser  Grundlage  die  Entscheidung  zur  Sectio 
getroffen.  Denn  die  CTG-Interpretation  sei  sehr  subjektiv  und  das  abwartende  Verhalten 
allein  auf  der  Basis  des  CTG  berge  die  Gefahr  einer  Fehleinschätzung  des  kindlichen 
Zustands. Aufgrund der lokalen Gegebenheiten werde im Kantonsspital Freiburg keine MBU 
gemacht.  Der  Verzicht  auf  eine  MBU  stelle  auch  keinen  Kunstfehler  dar  (act.  66  S.  12 
unten). Vielmehr hänge das klinische Vorgehen von der Veränderung der CTG-Befunde und 
der  Progredienz  (Fortschreiten)  der  Muttermundsöffnung  ab.  Die  Indikation  zum  Kaiser-
schnitt ergebe sich aus der Beurteilung des kindlichen Zustands und der Einschätzung über 
die vermeintliche Dauer einer vaginalen Geburt (act. 66 S. 5 f.). 

Vorliegend  sei  versucht  worden,  mittels  PDA  die  Chance  eines  raschen  Geburtsfortschritts 
zu nutzen. Dieses Vorgehen berge in Unkenntnis des Säure-Base-Status des Ungeborenen 
aber das Risiko für eine intrauterine Notfallsituation (act. 66 S. 11). Da vorliegend eine PDA 
erst ab 04.50 Uhr Schmerzfreiheit bewirkt habe und der Muttermund um 05.10 Uhr nur auf 
5  cm  eröffnet  gewesen  sei,  was  nicht  für  einen  raschen  Geburtsfortschritt  spreche,  hätte 
aus  damaliger  Sicht  spätestens  um  05.10  Uhr  bei  Verzicht  auf  eine  Evaluation  des 
kindlichen  Zustands  durch  eine  MBU  ein  Kaiserschnitt  vorgenommen  werden  müssen 
(act. 66 S. 11).  

Weiter geht, entgegen der Äusserung von Dr. A, aus dem Gutachten L zweifelsfrei hervor, 
dass  mit  einer  MBU  neben  dem  pH-Wert  auch  das  Hämoglobin  (wichtiger  Bestandteil  der 
roten  Blutkörperchen,  dessen  Hauptaufgabe  der  Transport  von  Sauerstoff  ins  Gewebe 
darstellt) und der Hämatokrit (Anteil der zellulären Bestandteile am gesamten Blutvolumen, 
ausgedrückt  als  Vol.%)  des  kindlichen  Blutes  der  Klägerin  1  bestimmt  worden  wären  (der 
Gutachter verweist dabei auf das im Kantonsspital Freiburg verwendete Gerät, vgl. act. 66 
S. 10 oben). Der Gutacher verneint, dass bei der Aufnahme der Klägerin 2 ein Kleihauertest 
(gibt Hinweise auf eine fetomaternale Transfusion) hätte gemacht werden müssen (act. 66 
S.  8).  Schliesslich  hält  er  fest,  dass  die  Dienstbesetzung  den  Anforderungen  an  ein  nicht-
universitäres Spital vollumfänglich entsprochen habe,  vorausgesetzt, dass der Hintergrund 
(vorgesetzter Arzt) innerhalb von wenigen Minuten im Spital sein konnte, um eine E-E-Zeit 
(Entschluss-Entbindungszeit;  Spanne  vom  Entschluss  zur  Notsectio  bis  zur  Geburt  des 
Kindes) von 20 Minuten zu gewährleisten (act. 66 S. 11 unten). 

b)  In  seinem  Ergänzungsgutachten  vom  28.  Januar  2005  (act.  88)  bestätigte  Dr. L, 
dass  die  schwere  variable  Dezeleration  um  02.45  Uhr  stattfand,  und  ergänzte,  dass  um 
02.45  Uhr  ein  suspektes  CTG  vorlag  (Anmerkung:  Dies  steht  im  Widerspruch  zum  FMH-
Gutachten  KlBl  15  S.  4  Frage  3  [siehe  oben],  sowie  zu  seinem  ersten  Gutachten  [act. 66 
S. 12  und  S.  4  oben  f.],  wo  das  CTG  zu  diesem  Zeitpunkt  als  abklärungsbedürftig 
bezeichnet wird). Offenbar sei sich Dr. D in der Beurteilung des CTG's nicht sicher gewesen 
und  habe  daher  eine  Zweitmeinung  durch  einen  seiner  Vorgesetzten  eingeholt  (act.  88  S. 
5/6).  Am  Telefon  hätten  sich  Dres. D  und  C  dahingehend  verständigt,  dass  diese 

 
 
 
- 26 - 

Zweitmeinung  durch  den  zufällig  vor  Ort  befindlichen  Dr.  A  erfolgen  soll.  Um  03.15  Uhr 
habe keine akute Notsituation vorgelegen, auch nach Dr. A nicht (act. 88 S. 6). Anschlies-
send  stellte  der  Gutachter  die  von  den  Ärzten  vorgenommenen  Abklärungsmassnahmen 
chronologisch dar (act. 88 S. 3-4). Bis 03.15 Uhr sei das Vorgehen mit den Empfehlungen 
der  AWMF  (Arbeitsgemeinschaft  der  Wissenschaftlichen  Medizinischen  Fachgesellschaften) 
zum Stellenwert des CTG unter der Geburt vereinbar gewesen (act. 88 S. 9).  

Auf  die  Frage,  ob  das  Vorgehen  der  Ärzte  ab  03.15  Uhr  nach  dem  allgemeinen  fachlichen 
Wissensstand  vertretbar  war  oder  nicht,  äusserte  sich  der  Gutachter  dahingehend,  dass 
man sich fragen müsse, warum bei wiederholten variablen Dezelerationen und mangelndem 
Geburtsfortschritt  nach  dem  Legen  der  PDA  der  Weg  der  vaginalen  Geburt  fortgesetzt 
wurde. Das Vorgehen sei risikobehaftet, zumal der aktuelle Zustand des Feten nicht durch 
eine  MBU  abgesichert  wurde  (act.  88  S.  9).  Möglicherweise  habe  man  sich  um  05.10  Uhr 
nicht  zu  einem  Kaiserschnitt  entschlossen,  weil  um  05.30  Uhr  der  Muttermund  auf  7  cm 
eröffnet  gewesen  sei.  In  Anbetracht  des  Geburtsverlaufs  habe  jedoch  keine  akute  Not-
situation  vorgelegen  (act.  88  S.  7).  Beim  Entscheid  zur  Sectio  wäre  das  Kind  zwischen 
05.30  und  05.40  Uhr  geboren  worden.  Aus  statistischen  Überlegungen  sei  das  Vorgehen 
der  Ärzte  jedoch  vertretbar  (act.  88  S.  9).  Dennoch  hält  er  fest,  dass,  nachdem  man  sich 
um  03.45  Uhr  zur  Fortsetzung  der  vaginalen  Geburt  entschlossen  habe,  die  Reaktion  (des 
Beklagten)  bei  erneut  suspektem  CTG  (um  05.10  Uhr  sei  das  CTG  nach  wie  vor  suspekt, 
vgl.  act.  88  S.  3  oben)  und  nur  zögerlichem  Geburtsfortschritt  schwerlich  nachvollziehbar 
sei. Möglicherweise habe der "betreuende Arzt" durch den  raschen  Geburtsfortschritt nach 
05.10 Uhr keinen Anlass gesehen, das Geburtsprozedere zu ändern (Anmerkung: Der letzte 
Satz erstaunt, denn es war, wie die Befragung ergeben hatte, seit 04.45 Uhr und bis kurz 
vor  06.00  Uhr  kein  Arzt  der  Gynäkologie  mehr  im  Gebärsaal  bei  der  Klägerin  2  und  es 
wurde offenbar auch keiner gerufen, um die Geburt zu betreuen und Entscheide zu fällen).  

Dres.  K  und  L  haben  den  CTG-Verlauf  nach  03.45  Uhr  wie  folgt  beschrieben:  Ab 
04.30/04.47  Uhr,  als  die  PDA  platziert  und  das  Anästhetikum  gespritzt  wurde,  zeigte  das 
CTG einen eingeschränkten Herztonverlauf mit gelegentlichen Akzelerationen bei nun regel-
mässigen Wehen (um 04.45 Uhr verliess Dr. D den Gebärsaal). Um 04.50 Uhr erfolgte die 
erneute  Infusion  von  Syntocinon  mit  15  ml/h  (das  CTG  ist  ab  04.50  Uhr  erneut  suspekt, 
vgl. Dr. L act. 88 S. 2 f.; um 05.05 Uhr verliess auch Dr. E den Gebärsaal). Um 05.10 Uhr 
(die  Vaginaluntersuchung  durch  die  Hebamme  ergibt  einen  auf  5  cm  eröffneter 
Muttermund, der Kopf steht bei -2, das heisst 2 cm über interspinal) ist die Herzfrequenz-
kurve eingeschränkt undulatorisch bis silent. Von 05.18 bis 05.33 Uhr kann das CTG wegen 
mangelhafter  Qualität  nicht  beurteilt  werden.  Um  05.35  ist  eine  (mittel)schwere  variable 
Dezeleration  erkennbar  (die  vaginale  Untersuchung  der  Hebamme  ergibt  einen  auf  7  cm 
eröffneten Muttermund). Da sich die abklärungsbedürftigen Dezelerationen in den nächsten 
Minuten  wiederholen,  wird  Sauerstoff  verabreicht  und  um  05.40  Uhr  eine  Notfalltokolyse 
mit  3  ml  Gynipral  durchgeführt  (das  heisst,  eine  intrauterine  Reanimation  der  Klägerin  1 
durch die Hebamme; das CTG ist abklärungsbedürftig). Um 05.50 Uhr wird die Syntocinon-
infusion  auf  60  ml/h  erhöht  und  der  Klägerin  2  zur  Linderung  ihrer  Wehenschmerzen 
Buscopan  intravenös  gegeben.  Bei  nun  schweren  variablen  Dezelerationen  und  einer 
Muttermundsöffnung von 8 cm (der Kopf steht interspinal; Untersuch durch die Hebamme) 
wird  die  Fruchtblase  gegen  06.10  Uhr  eröffnet.  Um  06.15  Uhr  ist  die  Herztonkurve  kaum 
mehr zu beurteilen und zeigt schwerste variable Dezelerationen (KlBl 15 S. 3 und 5; act. 23 
S. 10; KlBl 7/57ff. und KlBl 9; KlBl 7/18). Die Geburt erfolgte um 06.31 Uhr.  

c) Privatgutachter Dr. M schildert das Vorgehen in seinem Gutachten wie folgt: Nach 
einem  unproblematischem  Schwangerschaftsverlauf  sei  die  Geburt  nicht  allein  in  Gang 
gekommen,  sondern  die  Hebamme  habe  die  Klägerin  2  am  15.  Juni  1997  in  das  Spital 

 
 
 
- 27 - 

kommen  lassen,  weil  diese  darüber  besorgt  war,  weniger  oder  keine  Kindsbewegungen 
mehr  zu  spüren.  Nach  ihrem  Eintritt  sei  zügig  ein  CTG  aufgenommen  worden.  Gegen 
02.10 Uhr  -  20  Minuten  nach  Beginn  der  CTG-Aufzeichnung  -  seien  die  zuständigen 
Geburtshelfer mit fehlenden Kindsbewegungen als möglichem Zeichen einer Befindlichkeits-
störung  des  Feten,  die  ausgeschlossen  werden  sollte,  sowie  einem  pathologischen  CTG 
konfrontiert  gewesen.  Pathopysiologisch interpretiert  (die  Pathophysiologie  beschreibt,  wie 
der  Körper  unter  den  krankhaften  Veränderungen  abweichend  funktioniert  und  welche 
Funktionsmechanismen  zu  der  krankhaften  Veränderung  führen),  weise  der  Fetus  zu 
diesem  Zeitpunkt  ein  grosses  Problem  auf,  weshalb  er  sich  wenig  oder  gar  nicht  mehr 
bewegte,  keine  spontanen  Akzelerationen  (gelegentlicher  sprunghafter  Anstieg  der  fetalen 
Herzfrequenz) im CTG aufwies und nicht zuletzt auf eine schwere variable Dezeleration mit 
einer  tachykarden  Herzfrequenz  ohne  Akzelerationen  (kurzfristige  Herzfrequenzanstiege) 
oder  Oszillationen  (Variationen  der  Herzfrequenz  im  Zeitverlauf  bezogen  auf  die  mittlere 
fetale  Herzfrequenz,  wobei  zwischen  Oszillationsfrequenz  [Häufigkeit  der  Änderung]  und 
Oszillationsamplitude  [Ausmass  der  Änderung  der  Herzfrequenz]  unterschieden  wird) 
vollkommen  inadäquat  reagierte.  Es  könne  um  diese  Zeit  (02.10  Uhr)  kaum  mehr  davon 
ausgegangen  werden,  dass  unter  den  gegebenen  Umständen  die  Geburt  auf  vaginalem 
Weg  problemlos  zu  Ende  gebracht  werden  könne.  "Beim  Versuch,  den  vorliegenden 
Geburtsverlauf  zu  verstehen,  kann  der  Gutachter  eigentlich  nur  annehmen,  dass  die 
ungünstigen Zeichen wie verminderte Kindsbewegungen und pathologisches CTG quasi vor 
Geburtsbeginn  nicht  als  gravierend  ungünstig  bezüglich  der  Geburtsprognose  angesehen 
wurden,  sodass  sogar  Wehen  stimuliert  wurden,  obwohl  das  CTG  schon  ohne  Auslösung 
von  Wehen pathologisch war". Dieses Konzept des Weitermachens um einen unbekannten 
Preis habe sich über die gesamte Geburt fortgesetzt (Gutachten M S. 6).  

d)  Nach  Auffassung  von  Dr.  M  hätten  die  folgenden  Zeitpunkte  besonderer 
Aufmerksamkeit  verlangt  und  sind  den  behandelnden  Ärzten  folgende  Behandlungsfehler 
vorzuwerfen (Gutachten M S. 6 ff.): 

1.  Die  Wehenstimulation,  mit  welcher  wahrscheinlich  gegen  03.00  Uhr  begonnen  wurde, 
sei bei vorbestehendem pathologischem CTG erfolgt, was "eigentlich als kontraindiziert 
gilt", da dafür keine Erklärung vorliege; 

2.  Das  letzte  CTG  um  03.15  Uhr  sei  pathologisch,  weshalb  unklar  sei,  mit  welchem  Ziel 
nach den Vorbefunden  seit 01.45 Uhr die Anordnungen zwischen 03.15 und 03.50 Uhr 
getroffen wurden; ebenso sei unklar, warum das CTG Blatt 124 nicht weitergeschrieben 
wurde und die CTG-Blätter 125 und 126 fehlten; 

3.  Nach  Wehenhemmung  sei  das  CTG  um  03.50  Uhr  nicht  normal,  wenn  auch  weniger 

dramatisch (Zwischenphase einer relativen Besserung); 

4.  Nach Rückkehr der Wehentätigkeit hätte das CTG ab 04.40 Uhr erhöhter Aufmerksam-

keit bedurft; 

5.  Bis  gegen  05.10  Uhr  habe  im  Prinzip  ein  Geburtsstillstand  vorgelegen,  ganz 
fehlender  effizienter  Wehentätigkeit,  was  wiederum  das 

offensichtlich 
zwischenzeitlich weniger auffällige CTG erklären könnte;  

infolge 

6.  Nach  qualitativ  ungenügenden  Aufzeichnungen  und  Wechsel  des  CTG-Geräts  um 
05.35 Uhr würden sich bei nach wie vor keinem entscheidenden Geburtsfortschritt und 
nun  scheinbar  kräftigen  Wehen  schwere  Reaktionen  im  CTG  zeigen;  dieses  sei  als 
hochpathologisch  –  kaum  steigerungsfähig  –  zu  bezeichnen;  eine  Sauerstoffgabe  und 
erneute  Wehenhemmung  hätten  sich  "quasi  erwartungsgemäss"  nicht  als  erfolgreich 
erwiesen; 

7.  Von 05.35 bis zur Geburt um 06.31 Uhr liege eine hochpathologische Schlussphase von 
wenigstens 55 Minuten vor. Schwere Dezelerationen ohne Kompensationsmöglichkeiten 
folgen  einander  und  Oszillationen  seien  kaum  auszumachen.  Gegen  06.10  Uhr  habe 

 
 
 
- 28 - 

sicher nicht von einer zügigen vaginalen Geburt ausgegangen werden können, da weder 
der Muttermund vollständig eröffnet war noch der Kopf ausreichend tief stand. Es wäre 
ein  Kaiserschnitt  im  Sinne  einer  sicher  schnellen  Geburtsbeendigung  angezeigt 
gewesen.  Auch  nach  definitiver  Eröffnung  der  Fruchtblase  um  06.13  Uhr  sei  keine 
vaginal-operative  Geburtsbeendigung  ins  Auge  gefasst,  sondern  auf  den  vorgesetzten 
Arzt  gewartet  worden.  Der  einzige  Eingriff,  der  schliesslich  geburtsbeschleunigend 
gewirkt  haben  mag,  sei  der  Dammschnitt  gewesen.  "Die  Synopsis  von  Anamnese  und 
klinischem  Befund  hätten  schon  vor  Geburts-  bzw.  stimuliertem  Wehenbeginn  einen 
Kaiserschnitt  als  für  das  Kind  schonende  Geburtsform  gerechtfertigt,  die  für  das  Kind 
unter  den  gegebenen  kritischen  und  unklaren  Umständen  die  geringste  Belastung 
beinhaltet hätte" (Gutachten M S. 11).  

e)  In  seiner  Stellungnahme  vom  9./10.  Mai  2007  (act.  116)  zum  Gutachten  M 
bezeichnet Dr. L die CTG-Interpretation von Dr. M zwischen 01.50 und 02.10 Uhr aufgrund 
des  Fehlens  einer  einheitlichen  Definition  der  Ruhefrequenz  als  "zumindest  fragwürdig". 
Zudem  sei  der  Fischer-Score  (Punkteschema  zur  Beurteilung  des  fetalen  Zustands  nach 
Fischer  und  Mitarbeiter)  nur  für  antepartuale  (vorgeburtliche)  Situationen  festgelegt. 
Hinsichtlich  der  CTG-Interpretation  im  Allgemeinen  verweist  er  auf  die  in  der  Literatur 
beschriebene  grosse  Interobserver-Variabilität  (hier:  Beurteilungsunterschiede  zwischen 
verschiedenen  Gynäkologen,  die  dasselbe  CTG  analysieren).  Es  gebe  kein  einheitliches 
Vorgehen bei suspektem CTG. Alle Empfehlungen würden aber zunächst ein konservatives 
abwartendes  Vorgehen  vorsehen,  wobei  er  diesbezüglich  auf  die  AWMF-Leitlinie  2004 
hinweist.  Am  Schluss  hält  Dr.  L  fest:  "Für  die  Bewertung  der  klinischen  Entscheidung  darf 
meines  Erachtens  nicht  auf  die  subjektive  Einschätzung  von  Experten  abgestellt  werden, 
welche den Ausgang der Geburt kennen. Vielmehr ist auf der Basis der wissenschaftlichen 
Evidenz eine Beurteilung zu treffen und klinisch zu entscheiden. Leider ist diese Basis sehr 
schwach, was auch in den Expertisen Berücksichtigung finden muss".  

7. 
a) Am 13. Mai 2008 (act. 146) setzte der  Instruktionsrichter den Parteien eine Frist, 
um sich zu sämtlichen bei den Akten liegenden Gutachten zu äussern. Aus der Eingabe der 
Kläger vom 19. August 2008 (act. 151) lassen sich folgende Vorwürfe gegen die Ärzte des 
Beklagten entnehmen: 

für die Zeit bis 03.00 Uhr:  

-  Nichtbeizug des vorgesetzten Arztes bereits in der  Initialphase, keine adäquate CTG-
Interpretation und Nichtbeachtung der fehlenden Kindsbewegungen durch den Arzt; 
-  Verstärkung  der  kindlichen  Belastung  durch  Wehenstimulation  bei  pathologischem/ 

suspektem CTG; 

-  Arzt ruft vorgesetzten Arzt nicht; 
-  Nichtvornahme eines Kaiserschnitts nach 03.00 Uhr, weil sorgfaltswidrig keine Klärung 
des  aktuellen  kindlichen  Zustands  erfolgt  sei,  obwohl  die  CTG-Aufzeichnungen  seit 
Beginn  eine  zunehmende  potenzielle  Gefährdung  der  Klägerin  1  angezeigt  hätten, 
welche  spätestens  ab  02.45  Uhr  abklärungsbedürftig  gewesen  seien  (dies  deute  auf 
ein fehlendes Handlungskonzept der Ärzte hin, die in Ermangelung eines solchen eine 
Geburtsbeschleunigung gar nie ins Auge gefasst hätten); 

für die Zeit von 03.00 bis 06.31 Uhr:  

-  unzureichende/irreführende  Informationen  des  Arztes  an  seine  vorgesetzten  Ärzte 

Dr. C und Dr. A;  

 
 
 
- 29 - 

-  Abwesenheit  eines  vorgesetzten  Arztes  im  Gebärsaal  (Dr.  A  war  bis  03.45  Uhr  mit 

einer Parallelgeburt beschäftigt, Dr. C zu Hause);  

-  Konzept  des  Weitermachens  um  einen unbekannten  Preis  trotz  bei  Wehenstimulation 
"beängstigenden  Veränderungen"  im  CTG  bei  nicht  nachvollziehbarem  Sicherheits-
standard der  Geburtsleitung, wodurch mit zunehmendem Zeitablauf das schon in der 
Initialphase nicht verständliche Abwarten immer weniger nachvollziehbar werde; 

-  es  werde  keine  einzige  Massnahme  zur  Abklärung  des  aktuellen  kindlichen  Zustands 
getroffen,  und  die  getroffenen  Massnahmen  (wie  PDA,  Tokolyse  [Wehenhemmung], 
Sauerstoff,  Buscopan  gegen  Schmerzen,  Eröffnung  der  Fruchtblase)  seien  ohne 
Weiteres  als  Ausdruck  einer  völlig  überforderten  Geburtsleitung  ohne 
jedes 
Handlungskonzept zu erklären; 
inakzeptable Versorgung von Mutter und Kind ab 04.45 bis gegen 06.00 Uhr, wo allein 
eine überforderte Hebamme, welche noch eine andere Geburt zu betreuen hatte, zur 
Verfügung stand;  

- 

-  weder der praktische  Geburtsstillstand noch das hochpathologische CTG (kaum mehr 

- 

steigerungsfähig) hätten zu einer raschen Geburtsbeendigung geführt; 
in  der  Schlussphase  sei  keine  vaginal-operative  Geburtsbeendigung  durchgeführt 
worden. 

b) Mit Eingabe vom 20. August 2008 (act. 152) hält der Beklagte fest, dass der Arzt 
das CTG ab 03.00 Uhr als pathologisch angesehen, weisungsgemäss den vorgesetzten Arzt 
C  informiert,  das  CTG  mit  dem  vorgesetzten  Arzt  A  besprochen  und  in  der  Folge 
Massnahmen  eingeleitet  habe,  namentlich  die  Sectio-Bereitschaft.  Aufgrund  der 
Nichtwürdigung aller Massnahmen und Schritte, welche getroffen worden seien, und unter 
Nichtbeachtung  der  "Tatsache,  dass  das  CTG  phasenweise  (z.B.  03.50  Uhr)  kaum  mehr 
pathologisch  war  und  den  Entscheid,  den  eingeschlagenen  Weg  der  natürlichen  Geburt  zu 
verlassen,  erschwerte  bzw.  hinauszögerte"  (S.  2),  entstehe  der  Eindruck,  dass  dem 
Gutachten  M  eine  gewisse  Parteilichkeit  anhafte.  Auch  scheine  dieser  teilweise  aus  der 
retrospektiven  Warte  Schlüsse  zu  ziehen.  Jedenfalls  sei  es  nach  überzeugter  Auffassung 
beider  Experten  nicht  möglich,  verlässliche  Äusserungen  zur  Frage  zu  machen,  wie  und 
wann die fetomaternale Transfusion stattgefunden habe, welche zur schweren Anämie des 
Kindes geführt habe. Auch ein weiteres Gutachten vermöge keine Klarheit zu schaffen. 

8. 
a)  Nach  Aussagen  von  Dr.  C  gilt  beim  Beklagten  der  Grundsatz  und  damit  folgende 
Handlungsregel für das ärztliche Vorgehen während der Eröffnungsphase einer Geburt: Der 
Arzt  ruft  den  vorgesetzten  Arzt,  wenn  das  CTG  suspekt  oder  pathologisch  ist.  Wenn  das 
CTG sich wieder normalisiert hat, ist die Anwesenheit des vorgesetzten Arztes nicht (mehr) 
notwendig.  Diesen  Grundsatz  relativiert  er  dann  insofern,  als  der  Arzt  den  vorgesetzten 
Arzt  nicht  unbedingt  ruft,  wenn  sich  bei  schlechtem  CTG  die  Schwierigkeiten  mit  den 
üblichen  Massnahmen  korrigieren  lassen.  Solche  Massnahmen  seien  zum  Beispiel  die 
Abgabe  von  Gynipral,  die  Umlagerung  der  Patientin,  eventuell  die  Zuführung  von 
Sauerstoff.  Wenn  der  Verlauf  nicht  normal  sei,  werde  Sectio-Bereitschaft  erstellt  und 
demzufolge sollte auf einen Kaiserschnitt hingearbeitet werden. Bei schlechtem CTG hänge 
der  Entscheid,  Kaiserschnitt  oder  MBU  oder  (dritte  Möglichkeit)  "Wehen  hemmen,  Blase 
sprengen", von der Lage des Kindes ab (act. 38 S. 5 f.). 

b)  Gemäss  dem  Gerichtsgutachter  ist  bei  "schlechtem  CTG"  (bei  präpathologischem, 
pathologischem  und  unklarem  CTG,  insbesondere  bei  suspekten  mittelschweren  variablen 
Dezelerationen)  die  Informierung  des  vorgesetzten  Arztes  abhängig  von  der  Schwere  des 
Befundes  und  dem  Ausbildungsgrad  des  Arztes.  Bei  einer  mittelschweren  variablen 
Dezeleration  überwache  der  Arzt  gemeinsam  mit  der  Hebamme  die  Herztöne  des 
Ungeborenen  "kontinuierlich"  und  schreite  erst  bei  wiederholtem  Auftreten  oder  Zunahme 

 
 
 
 
- 30 - 

des  Schweregrades  der  Dezeleration  ein.  Es  werde  der  vorgesetzte  Arzt  gerufen  oder  je 
nach  innerklinischen  Gepflogenheiten  weitere  Massnahmen  zur  Abklärung  des  kindlichen 
Zustands  getroffen  (act.  66  S.  3f.).  Bei  unklaren  CTG-Befunden  werde  meist  die  Meinung 
eines erfahrenen Arztes eingeholt. Auf dieser Grundlage erfolge üblicherweise die Indikation 
zur  Kaiserschnittentbindung,  wenn  zur  fetalen  Überwachung  allein  das  CTG  zur  Verfügung 
stehe (act. 66 S. 3 und 6).  

Bei wiederholt mittelschweren variablen Dezelerationen, welche signifikant mit einem Abfall 
des  kindlichen  pH-Wertes  einhergehen  können  und  damit  eine  potenzielle  Gefährdung  des 
Feten  darstellen  können  (Ausführungen  zum  suspekten  CTG  von  02.20  bis  02.40  Uhr,  als 
nicht  jede  Wehe  mit  einer  Dezeleration  assoziiert  war;  das  CTG  wurde  vorliegend  ab 
04.50 Uhr  erneut  suspekt),  seien  alle  Massnahmen  zu  treffen,  um  gegebenenfalls  sehr 
rasch eine Entbindung durch Kaiserschnitt herbeiführen zu können. Wenn in einer Klinik die 
Sectio-Bereitschaft  rund  um  die  Uhr  gewährleistet  ist,  sei  lediglich  eine  "technisch 
einwandfreie  fetale  Überwachung"  notwendig.  Dies  sei  mit  einer  MBU  möglich,  wobei  der 
übergeordnete Dienst beigezogen werde (act. 66 S. 4). Es gebe aber bei einem suspektem 
CTG  kein  einheitliches  Vorgehen  (act.  116  S. 2).  Alle  Empfehlungen  würden  jedoch  ein 
zunächst  konservatives  abwartendes  Vorgehen  enthalten.  Er  verweist  auf  die  AWMF-
Leitlinie  2004  Nr. 015/036  zur  "Anwendung  des  CTG  während  Schwangerschaft  und 
Geburt"  der  Deutschen  Gesellschaft  für  Gynäkologie  und  Geburtshilfe  und  auf  die  dort 
beschriebenen  und  zu  treffenden  konservativen  Massnahmen  (zum  Beispiel  Lagewechsel, 
Infusion, O2-Gabe). 

Der  Entscheid  zum  Kaiserschnitt  ergebe  sich  (bei  schlechtem  CTG,  vgl.  act.  66  S.  5)  aus 
der Beurteilung des aktuellen kindlichen Zustands und der Einschätzung der vermeintlichen 
Dauer  der  vaginalen  Geburt,  welche  sich  mittels  klinischer  Erfahrung  aus  dem  bisherigen 
Geburtsverlauf  ergebe  (vgl.  FMH-Gutachten  KlBl  15  S.  5;  act.  38  S.  11;  act.  116  S.  2  f.; 
act. 116 S. 3, mit Hinweis auf das technische ACOG-Bulletin Nr. 207 vom Juli 1995 [ACOG 
=  The  American  College  of  Obstetricians  and  Gynecologists  =  Amerikanische  Gesellschaft 
für Geburtshelfer und Gynäkologen] für die Entscheidsituation bei "non-reassuring" ["nicht-
beruhigende",  respektive  suspekten/fraglich  pathologischen]  CTG-Mustern),  mit  anderen 
Worten:  aus  der  Veränderung  des  CTG-Befundes  und  der  Progredienz  der  Muttermunds-
öffnung (act. 66 S. 5, wobei gegebenenfalls je nach CTG-Veränderung eine MBU angezeigt 
sei,  wenn  eine  vaginale  Geburt  angestrebt  werde,  weil  das  CTG  nur  eine  potenzielle 
Gefährdung anzeige).  

c)  Ob  die  erwähnte  AWMF-Leitlinie  aus  dem  Jahre  2004  vorliegend  anwendbar  ist, 
kann offen gelassen werden, da die dargestellten Handlungsgrundsätze mit dieser Leitlinie 
offenbar  grundsätzlich  übereinstimmen.  Gemäss  der  AWMF-Leitlinie  sollte  bei  suspektem 
CTG  eine wiederholte Beurteilung nach etwa 30 Minuten dokumentiert werden mit Angabe 
der suspekten Parameter; bei pathologischem CTG muss eine ständige Beurteilung erfolgen 
(mit  Dokumentation  der  Beurteilung  alle  10  Minuten).  Im  ersten  Fall  können  zur  Klärung 
des  CTG-Musters  konservative  Massnahmen  erfolgen  (zum  Beispiel  Lagewechsel,  Infusion, 
O2-Gabe).  Im  zweiten  Fall 
ist  neben  dem  Ergreifen  konservativer  Massnahmen 
(z.B. Tokolyse,  Weckversuch,  Lagewechsel,  Infusion,  O2-Gabe)  eine  MBU  vorzunehmen, 
wenn dies möglich oder sinnvoll ist und, falls keine Verbesserung des CTG-Musters erzielbar 
ist  beziehungsweise  die  MBU  eine  drohende  Azidämie  (Synonym  von  Azidose;  Störung  im 
Säure-Basen-Haushalt  mit  Abfall  des  arteriellen  pH-Wertes  unter  etwa  7.25  während  der 
Eröffnungsperiode) des Feten anzeigt, die rasche Entbindung indiziert (vgl. AWMF-Leitlinien 
2004 Ziff. 5.4 f.).  

 
 
 
- 31 - 

d)  Zusammengefasst  ergeben  sich  folgende  Handlungsregeln  für  die  ärztliche 
Betreuung  einer  Geburt:  Ist  das  CTG  suspekt  oder  pathologisch,  ist  eine  kontinuierliche 
CTG-Aufzeichnung erforderlich. Im Sinne eines konservativen Abwartens erfolgt eine CTG-
Beurteilung  nach  spätestens  30  Minuten  bei  suspektem  CTG,  beziehungsweise  fortlaufend 
bei  pathologischem  CTG.  Je  nach  Schweregrad  und  Entwicklung  des  CTG-Musters  sind 
dabei konservative Massnahmen (Lagewechsel, Wehenhemmung, Sauerstoffgabe, Infusion) 
sowie,  abhängig  von  der  Lage  des  Kindes  und  der  Einschätzung  der  vermeintlichen  Dauer 
bis  zur  vaginalen  Geburt  aufgrund  des  bisherigen  Geburtsfortschritts,  weitere  Abklärungs- 
beziehungsweise  Handlungsmassnahmen  (Sectio-Bereitschaft  erstellen,  vorgesetzten  Arzt 
rufen, MBU zur Abklärung des aktuellen kindlichen Zustands, Sectio) zu ergreifen. 

e)  Der  Gerichtsgutachter  kommt,  wie  erwähnt,  zum  Schluss,  dass  dem  diensthaben-
den Arzt für den Geburtsverlauf bis 03.15 Uhr kein Vorwurf gemacht werden könne. Diese 
Schlussfolgerung ist nicht ganz überzeugend. Aufgrund der vorliegenden Akten ist erstellt, 
dass  die  Hebamme  N  den  Arzt  Dr.  D  um  02.10  Uhr  telefonisch  informierte,  nachdem  sie 
mittels  CTG-Ableitung  festgestellt  hatte,  etwas  sei  nicht  in  Ordnung  (zwei  Dezelerationen 
mit  anschliessender  fetaler  Herzfrequenz  von  170  Spm  [Schläge  pro  Minute],  vgl.  ihre 
Aufzeichnung  in  KlBl  7/30  sowie  CTG-Blätter  108-110  in  KlBl 9).  Gemäss  KlBl  7/30  wurde 
mit  Dr. D  zusammen  entschieden,  die  Klägerin  2  in  den  Gebärsaal  zu  verlegen  (vgl.  auch 
CTG-Blätter 110-111 in KlBl 9), was durch die Krankenschwester O bis um etwa 02.18 Uhr 
geschehen war (Beginn der neuen CTG-Aufzeichnung, vgl. KlBl 7/30, CTG-Blätter 111 ff. in 
KlBl 9).  Das  CTG  ist  für  die  Abschnitte  zwischen  02.20  und  02.30  Uhr  durch  Dr.  D  visiert 
(KlBl  7/41  und  42),  ebenso  finden  sich  zwischen  02.40  und  02.45  Uhr  auf  dem  CTG-
Streifen die Ergebnisse der Vaginaluntersuchung von Dr. D vermerkt ("0,5 cm / mi sac. /mi 
mou / 4 cm dil" [CTG Blatt 117 KlBl 7/44], was offenbar bedeutet: Muttermund 4 cm offen, 
0.5  cm  dick  und  halb  weich,  halb  ….?,  vgl.  KlBl  7/30),  wobei  Angaben  zum  Stand  des 
kindlichen Kopfes zu fehlen scheinen, es sei denn, "mi sac." heisst "in der Mitte der Kreuz-
beinhöhle" (vgl. KlBl 7/44; act. 23 S. 9; vgl. dagegen Höhenangabe oben Erw. 5.b S. 21). 
Im Anschluss an diese Untersuchung erfolgte bei nun abklärungsbedürftigem CTG offenbar 
ein Klärungsversuch durch die Massnahme von Lagewechseln (vgl. Vermerke auf dem CTG-
Streifen KlBl 7/44 f.: "DLG" / "DLD" = décubitus latéral gauche [Linksseitenlage]/ décubitus 
latéral  droit  [Rechtsseitenlage],  act. 156)  und  danach  zwischen  02.55  und  03.00  Uhr  eine 
Erhöhung  der  Syntocinon-Gabe  (vgl.  Eintragungen  auf  KlBl  7/44  und  45).  Da  das  CTG 
bereits ab 02.53 bis 03.12 Uhr wegen schlechter Aufzeichnung nicht mehr beurteilbar war, 
konnte  somit  in  dieser  Zeit  (rund  20  Minuten  lang)  auch  nicht  überprüft  werden,  ob  die 
ergriffenen  konservativen Massnahmen den gewünschten  Erfolg, eine  Besserung des CTG-
Befundes,  zeitigten.  Diese  Situation  hätte  gemäss  Dres.  L  und  K  um  03.00  Uhr  eine 
Amniotomie  mit  interner  Ableitung  erforderlich  gemacht  mit  allenfalls  nachfolgender  MBU 
(KlBl  15  S. 4).  Da  diese  Einschätzung  mit  den  dargestellten  Handlungsmaximen,  welche 
nach  einer  mittelschweren  variablen  Dezeleration  eine  kontinuierliche  CTG-Überwachung 
sowie  das  Einschreiten  bei  sich  wiederholenden  Dezelerationen  oder  bei  Zunahme  des 
Schweregrades fordern, übereinstimmt, umso mehr als das CTG seit 02.45 Uhr abklärungs-
bedürftig  war,  ist  die  spätere  Schlussfolgerung  des  Gerichtsgutachters  Dr. L,  dass  dem 
diensthabenden  Arzt  bis  03.15  Uhr  kein  Vorwurf  gemacht  werden  könne,  somit  nicht 
überzeugend.  Gemäss  den  dargestellten  Handlungsmaximen  und  der  Einschätzung  der 
FMH-Gutachter lag hier zwar ein medizinischer Entscheidungsspielraum vor. Dieser liess bei 
pflichtgemässem  Ermessen  um  03.00  Uhr  jedoch  nur  noch  die  Wahl  zwischen  der 
Abklärung des tatsächlichen Zustands der Klägerin 1 (mittels Ableitung eines unauffälligen 
CTG's  [via  Amniotomie]  oder  mittels  Vornahme  einer MBU  –  sofern  die  sectio-Bereitschaft 
gewährleistet ist [was nicht der Fall war, vgl. unten Erw. 8.h S. 35 f.], vgl. act. 66 S. 4 mit 
KlBl 15  S.  4  und  6)  und  der  Einholung  einer  Zweitmeinung  zu  (zur  Evaluation,  ob  ein 
Kaiserschnitt vorzunehmen sei, vgl. act. 66 S. 4) und erlaubte ein weiteres Zuwarten nicht 

 
 
 
 
- 32 - 

mehr. Dreissig Minuten, nachdem das CTG abklärungsbedürftig geworden war, wurde nach 
einer  schweren  variablen  Dezeleration  um  03.15  Uhr  das  Wehenmittel  gestoppt  und 
vermutlich 4 ml Gynipral als Notfalltokolyse gegeben (KlBl 7/45-47; act. 88 S. 3 f.; KlBl 15 
S.  2).  Offenbar  ging  Dr.  D  nun  von  einem  unklaren  (schlechten)  CTG-Befund  aus  und 
entfernte  sich  mit  dem  CTG-Streifen,  den  er  seiner  Aussage  zu  Folge  um  03.15  Uhr 
(03.17 Uhr,  vgl.  CTG-Blatt  124  act.  7)  vom  Apparat  abgenommen  hatte  (act.  23  S.  9; 
vgl. auch Eintrag auf KlBl 7/47 beziehungsweise am Ende des letzten CTG-Blatts 124 dieses 
Streifens:  "vu  par  Dr.  A"),  um  eine  Zweitmeinung  einzuholen.  Er  ist  sich  nicht  sicher,  vor 
03.45 Uhr wieder in den Gebärsaal zurückgekehrt zu sein (act. 23 S. 9). Das Vorgehen bis 
03.15  Uhr  entspricht  damit  entgegen  der  Ansicht  des  Gerichtsgutachters  den  oben 
dargestellten  Handlungsgrundsätzen  nicht,  wenngleich  eine  Wehenhemmung  mittels  Gyni-
pral als eine Massnahme bei schlechtem CTG angesehen werden  kann. Vielmehr wäre das 
CTG  kontinuierlich  zu  überwachen  und,  da  es  nicht  interpretierbar  war  und  keine  Sectio-
Bereitschaft  erstellt  war,  eine  Zweitmeinung  bereits  um  03.00  Uhr  einzuholen  gewesen, 
nicht erst um 03.17 Uhr. Denn es stand zur Überwachung der Klägerin 1 allein das CTG zur 
Verfügung,  welches  nicht  unauffällig,  sondern  bereits  um  02.45  Uhr  abklärungsbedürftig 
war  (und  pathologisch,  wie  weiter  unten  dargestellt  wird).  Da  es  sich  ab  02.53  bis 
03.12 Uhr infolge schlechter Aufzeichnung nicht mehr interpretieren liess, war in dieser Zeit 
(knapp  20  Minuten  lang)  nicht  überprüfbar,  ob  es  durch  konservative  Massnahmen 
verbessert  werden  konnte.  Aufgrund  des  Dargelegten lässt  sich  jedoch  nicht  folgern,  dass 
nach  den  Regeln  der  ärztlichen  Kunst  bereits  um  03.00  Uhr  ein  Kaiserschnitt  hätte 
vorgenommen  werden  müssen.  Denn  um  03.00  Uhr  lag  eine  Situation  vor,  welche  unter 
Beizug des vorgesetzten Arztes eine Entscheidung über das weitere Vorgehen verlangte.  

f)  Im  Weiteren  kann  man  sich  fragen,  ob  die  Syntocinongabe,  welche  gemäss  den 
vorliegenden Akten und dem Gerichtsgutachter ab 02.20 Uhr, das heisst nach dem Eintritt 
in  den  Gebärsaal  und  demnach  rund  25  Minuten  vor  der  Vaginaluntersuchung  durch  den 
Arzt  erfolgte  (act.  88  S.  3)  -  was  von  Dr.  A  bestritten  wird  (act.  23  S.  7;  act. 66  S.  2)  -, 
den anerkannten ärztlichen Handlungsregeln entsprach. Wenn gemäss Dr. A der Arzt ohne 
Vaginaluntersuchung nichts unternimmt (act. 23 S. 7), lässt sich eine negative Antwort auf 
die Frage erwarten. Jedenfalls könnte der Arzt den Entscheid, Syntocinon zu verabreichen, 
nicht  fällen,  bevor  er  eine  Vaginaluntersuchung  durchgeführt  hat,  was  vorliegend  jedoch 
von Dr. L behauptet wird (act. 66 S. 3; oben Erw. 6.a S. 25). Die von Dr. A vorgebrachten 
Argumente  gegen  einen  Beginn  der  Abgabe  des  Wehenmittels  bereits  um  02.20  Uhr 
vermögen nicht zu überzeugen. Wie oben dargelegt, war die Klägerin bereits um 02.18 Uhr 
im Gebärsaal, weshalb es möglich war, mit Syntocinon um 02.20 Uhr zu beginnen. Zudem 
bedeutet  der  Eintrag  auf  Blatt  121  der  CTG-Aufzeichnung  "30  ml/h"  (KlBl  7/45;  gegen 
03.00 Uhr) nicht unbedingt, dass vorher noch kein Syntocinon abgegeben worden war. Aus 
KlBl 7/30  geht  vielmehr  hervor,  dass  um  02.20  Uhr  mit  15  ml/h  Syntocinon  begonnen 
wurde  (Partogramm  KlBl  7/18;  KlBl 15  S.  2; vgl.  auch  act.  88  S. 3).  Den  CTG-Eintrag  auf 
Blatt  121  hatten  die  FMH-Gutachter  denn  auch  als  Erhöhung  der  Syntocinongabe 
verstanden,  ohne  dass  sie  diesbezüglich  eine  Nachfrage  beim  Beklagten  für  nötig 
erachteten  (KlBl  15  S. 2).  Zudem  war  Dr.  A  gemäss  seiner  Aussage  gar  nie  im  Gebärsaal 
bei  der  Klägerin  2  (act.  23  S. 4/5).  Im  Übrigen  bestreitet  Dr. D  zwar,  dass  zu  Beginn  ein 
Oxytocin-Belastungstest durchgeführt worden sei, nicht jedoch eine Syntocinon-Abgabe ab 
02.20  Uhr.  Er  wusste,  wie  er  anlässlich  der  Befragung  erklärte,  durch  die  erfahrene 
Hebamme  N,  welche  selber  kurz  vor  dem  Anruf  um  02.10 Uhr  eine  Vaginaluntersuchung 
durchgeführt hatte, dass der Muttermund um 3 cm eröffnet war (act. 23 S.9; dieser Befund 
ist  nirgends  dokumentiert).  Dies  bedeutete  für  Dr. D,  dass  die  Klägerin  2  sich  "unter  dem 
Geburtsvorgang" befand (act. 23 S. 9; act. 38 S. 10 Mitte). Ob diese Aussage stimmt, oder 
ob nicht noch zusätzlich Wehen erforderlich sind, kann offen gelassen werden (vgl. jedoch 
Dr. M:  die  Geburt  war  nicht  allein  in  Gang  gekommen,  Gutachten  M  S.  4).  Im  Weiteren 

 
 
 
- 33 - 

dürfte  die  Aussage  von  Dr.  D,  dass  der  Muttermund  gemäss  Partogramm  um  diese  Zeit 
bereits  gar  um  4  cm  eröffnet  war,  nicht  zutreffen,  denn  das  Partogramm  enthält 
diesbezügliche  Werte  erst  ab  03.00  Uhr  (act. 23  S. 9  Mitte;  KlBl  7/18).  Ob  es  unter  der 
Annahme  einer  Syntocinon-Abgabe  ab  02.20  Uhr  den  Regeln  der  ärztlichen  Kunst 
entspricht,  dass  sich  Dr.  D  diesbezüglich  auf  eine  erfahrene  Hebamme  verlassen  durfte, 
kann indes offen gelassen werden, da dies von den Klägern nicht explizit als sorgfaltswidrig 
gerügt wird, sondern lediglich die Syntocinon-Abgabe vor einer Vaginaluntersuchung. Auch 
die Frage, ob sich die Klägerin 2 tatsächlich "unter dem Geburtsvorgang" befunden hat oder 
nicht vielmehr via Syntocinon-Abgabe eine künstliche Geburtseinleitung erfolgte (und, falls 
dem  so  war,  ob  der  Arzt  dies  ohne  Rücksprache  mit  dem  vorgesetzten  Arzt  tun  durfte), 
braucht  nicht  weiter  geprüft  zu  werden,  weil  dem  Arzt  in  diesem  Kontext  nur  -  aber 
immerhin  -  vorgeworfen  wird,  die  CTG-Befunde  in  Kombination  mit  den  fehlenden 
Kindsbewegungen nicht richtig interpretiert zu haben. 

g)  Bei  schlechtem  CTG,  und  ein  solches  lag  ab  02.45  Uhr  unbestritten  vor  (es  war 
abklärungsbedürftig),  wird  gemäss  den  dargestellten  Handlungsgrundsätzen,  wenn  der 
erfahrene  Arzt  dieses  durch  die  üblichen  Massnahmen  nicht  korrigieren  kann,  der 
vorgesetzte  Arzt  gerufen.  Damit  ist  davon  auszugehen,  dass  der  vorgesetzte  Arzt  in  den 
Gebärsaal kommt, um mit dem Arzt die Situation zu analysieren. Gleichzeitig wird die CTG-
Aufzeichnung nach mehreren  variablen Dezelerationen kontinuierlich fortgesetzt, denn das 
CTG stellt eine Entscheidgrundlage dar und muss erneut beurteilt werden können (vgl. auch 
act.  66  S.  3  f.),  gemäss  AWMF-Leitlinie  nach  rund  30  Minuten,  wenn  ein  suspektes  CTG 
vorliegt,  beziehungsweise  fortlaufend  mit  Dokumentation  (Auswertung)  alle  10  Minuten, 
wenn  ein  pathologische  CTG  vorliegt.  Aufgrund  der  vorliegenden  Akten  ist  auf  den  ersten 
Blick  keine  der  beiden  Handlungsmaximen  erfüllt.  Die  Erstere  ist  bereits  deshalb  nicht 
erfüllt, da als gesichert gelten kann, dass nie ein vorgesetzter Arzt in den Gebärsaal kam. 
Dr.  A  war  gemäss  seiner  Aussage  zufolge,  was  Dr.  D bestätigte,  gar  nie im  Gebärsaal  bei 
der  Klägerin  2  (act.  23  S.  4/5  und  11),  und  Dr.  C  war  bis  unmittelbar  vor  der  Geburt  zu 
Hause (act. 38 S. 4). Im Weiteren scheint die Behauptung von Dr. A, zwischen 03.15 und 
03.45  Uhr  sei  keine  CTG-Aufzeichnung  gemacht  worden  (act.  23  S.  6)  zuzutreffen,  womit 
auch die zweite Handlungsmaxime – kontinuierliche CTG-Aufzeichnung - nicht erfüllt wäre. 
Ein  genauerer  Blick  auf  das  Original  des  CTG-Blatts  127  lässt  jedoch  hinsichtlich  der 
Richtigkeit dieser zweiten Aussage Zweifel entstehen. Links oben auf  diesem CTG-Blatt ist 
nämlich,  da  wo  es  an  das  CTG-Blatt  126  anschliessen  würde,  eine  handgeschriebene 
Eintragung  "DD."  (=  décubitus  dorsal  [Rückenlage],  vgl.  act.  156)  angebracht  (vgl.  auch 
Kopie davon in act. 7/47), welche teilweise abgeschnitten ist. Dies lässt vermuten, dass ein 
CTG-Blatt 126 geschrieben worden sein muss, welches den abgeschnittenen Teil von dieser 
Eintragung  "DD."  getragen  hat.  Wenn  man  im  Übrigen  die  CTG-Streifen  durchsieht,  kann 
man  feststellen,  dass  die  Eintragung  "DD."  auch  andernorts  angebracht  wurde  (vgl.  KlBl 
7/42  und  7/57).  Wird  schliesslich  bedacht,  dass  Dr. D  zu  Protokoll  gab,  er  wisse  nicht, 
warum die CTG-Aufzeichnungen zwischen 03.17 und 03.45 Uhr "fehlen" (act. 23 S. 12, das 
heisst  die  CTG-Blätter  125  und  126),  so  liegen  Indizien  vor,  dass  das  CTG,  wie  es  den 
dargestellten  Regeln  entspricht,  auch  zwischen  03.17  und  03.45  Uhr  weitergeschrieben 
wurde  (auch  die  FMH-Gutachter  gehen  davon  aus,  dass  die  CTG-Dokumentation  zwischen 
03.17  und  03.45  Uhr  "fehlt",  vgl. KlBl 15  S.  3  und  S.  5  oben).  Die  gegenteilige  Erklärung 
des Beklagten vermag nicht zu überzeugen (vgl. act. 10 S. 8). Im Übrigen verzeichnet auch 
das  Partogramm  eine  durchgehende  CTG-Aufzeichnung  (vgl. KlBl 7/18).  Mit  Blick  auf  die 
Aussage von Dr. A fragt sich daher, warum das CTG den Gutachtern und dem Gericht nicht 
vollständig  vorliegt  und  wie  das  nicht  vorliegende  CTG  fachärztlich  zu  qualifizieren  wäre. 
Jedenfalls  wäre  das  CTG  gemäss  den  dargestellten  Handlungsgrundsätzen  ständig  zu 
registrieren  und  zu  beurteilen  gewesen.  Wenn  im  Übrigen  gemäss  Gerichtsgutachter  das 
CTG von der Aufnahme bis 03.15 Uhr mit einer Grundfrequenz von 150-170 Schlägen pro 

 
 
 
- 34 - 

Minute und variablen Dezelerationen von bis zu drei Minuten Dauer zwei suspekte Kriterien 
aufwies  (vgl.  act.  88  S.  8  unten),  wäre  es  auch  gemäss  der  von  ihm  erwähnten  AWMF-
Leitlinie  2004  (Tabelle  5)  als  pathologisch  zu  bezeichnen  und  damit  jedenfalls  ständig  zu 
beurteilen gewesen, wobei die Beurteilung alle 10 Minuten schriftlich festzuhalten ist. Eine 
solche  kontinuierliche  Beurteilung  konnte  von  02.53  Uhr  bis  03.12  Uhr,  wie  ausgeführt, 
allein  schon  mangels  nicht  interpretierbaren  CTG's  nicht  erfolgen,  und  ist  auch 
anschliessend nicht geschehen, da Dr. D den Gebärsaal um 03.17 Uhr verlassen hatte, um 
offenbar  erst  nach  der  Besprechung  um  03.45  Uhr  wieder  zu  den  Klägerinnen  1  und  2 
zurückzukehren.  Weil  aber  die  CTG-Aufzeichnungen  zwischen  03.17  und  03.45  Uhr  nicht 
vorliegen,  kann  folglich  die  Frage  nicht  beantwortet  werden,  ob  ein  Kaiserschnitt,  welcher 
bei  Verzicht  auf  eine  MBU  gemäss  Gerichtsgutachter  bereits  um  03.15  Uhr  vertretbar  war 
(act. 66 S. 6 unten), als keine akute Notsituation vorgelegen habe (act. 88 S. 6; ebenso M 
im  Schreiben  vom  4.  Januar  2006  S.  2  in  Ordner  2  Beilage  10  vom  12.  April  2006;  die 
Gutachter  sagen  dies,  obwohl  der  aktuelle  kindliche  Zustand  zu  diesem  Zeitpunkt  nicht 
bekannt  war  und  ist),  aufgrund  der  folgenden  CTG-Entwicklung  bis  03.40  Uhr,  in 
Kombination  mit  dem  bisherigen  und  prospektiv  abzuschätzenden  Geburtsverlauf,  gegen 
03.40  Uhr  tatsächlich  indiziert  gewesen  wäre.  Bekannt  ist  nur,  dass  das  Syntocinon  um 
03.40  Uhr  wieder  gestoppt  wurde  (vgl.  KlBl 7/18  und  30;  act.  88  S.  4)  und  das  CTG  zu 
Beginn  der  wieder  vorliegenden  Aufzeichnung  ab  etwa  03.48  Uhr  eingeschränkt 
undulatorisch  war  bei  nach  wie  vor  unregelmässiger  und  unkoordinierter  Wehentätigkeit 
(vgl. KlBl 15 S. 3 oben). Damit wurde das Syntocinon offenbar bereits vor der Besprechung 
mit Dr. A, welcher gemäss seiner Aussage ja um 03.17 bis um 03.45 Uhr mit einer anderen 
Geburt in einem anderen Saal beschäftigt war und erst um 03.45 Uhr zur Besprechung zur 
Verfügung  stand  (act.  23  S.  6),  gestoppt,  somit  nicht  erst  im  Hinblick  auf  eine  PDA. 
Aufgrund  des  Dargelegten  folgt,  dass  auch  die  Handlungsweise  von  03.00  bis  03.45  Uhr 
allein  schon  aufgrund  der  fehlenden  ärztlichen  Überwachung  der  Klägerin  2  dem 
medizinischen Standard offensichtlich nicht entspricht. Ob bei erfolgter und regelkonformer 
Überwachung  ab  03.17  Uhr  spätestens  gegen  03.40  Uhr  der  Entscheid  für  einen 
Kaiserschnitt  hätte  gefällt  werden  müssen,  kann  jedoch  infolge  der  fehlenden  CTG-
Aufzeichnung nachträglich nicht mehr festgestellt werden.  

Mit  Blick  auf  die  dargestellten  Handlungsgrundsätze  kann  zumindest  festgehalten  werden, 
dass Dr. D angesichts eines pathologischen und bereits ab 02.45 Uhr abklärungsbedürftigen 
CTG bei nicht gewährleisteter Sectio-Bereitschaft zu lange auf eine Zweitmeinung gewartet 
und  infolge  seiner  Abwesenheit  in  der  Zeit  von  03.17  bis  03.45  Uhr  die  Klägerin  1  und  2 
regelwidrig nicht betreut und überwacht hat. Dr. C hat denn auch bestätigt, dass er (Dr. C) 
hätte anwesend sein müssen. Er habe nicht gewusst, dass Dr. A noch für eine halbe Stunde 
mit  einer  anderen  Patientin  beschäftigt  war  (act.  38  S.  6).  Die  nicht  kontinuierliche 
Auswertung des CTG's ab 03.17 Uhr sowie die Nicht-Anwesenheit eines vorgesetzten Arztes 
für  eine  Lageanalyse  hinsichtlich  der  Klägerin  1  ab  03.00  Uhr  stellen  damit  offensichtliche 
Verletzungen  des  medizinischen  Standards  dar.  Infolge  dieser  Unterlassungen  lässt  sich, 
unabhängig davon, ob nun ein Teil des CTG's fehlt oder ob zwischen 03.17 und 03.45 Uhr 
tatsächlich  keine  CTG-Aufzeichnung  erfolgte,  auch  die  Frage,  ob  vorliegend  bereits  gegen 
03.40 Uhr ein Kaiserschnitt indiziert gewesen wäre, nicht beantworten. 

h)  Über  die  um  03.45  bis  03.50  Uhr  stattgefundene  Besprechung,  welche  nicht 
dokumentiert  ist,  ist  nichts  weiter  bekannt,  als  dabei  das  CTG  bis  03.17  Uhr  besprochen 
wurde  mit  dem  Ergebnis,  dass  eine  Sectio-Bereitschaft  und  eine  Anästhesie  zu  erstellen 
seien (act. 23 S. 9 und 5). Dass die Informationen, welche Dr. D seinem vorgesetzten Arzt 
A  dabei  gegeben  hatte,  wirklich  unzureichend  oder  gar  irreführend  waren,  wie  die  Kläger 
vorbringen, kann in Unkenntnis des genauen Inhalts des Gesprächs nicht beurteilt werden. 
Die getroffene Entscheidung erscheint unter dem gemachten Vorbehalt (vgl. oben Erw. 8.g 

 
 
 
- 35 - 

Abs. 2 S. 35) allgemein als richtig. Die Anordnung einer Sectio-Bereitschaft bei schlechtem 
CTG  entspricht  den  genannten  Handlungsregeln,  wobei  mit  einer  PDA  gemäss  Gerichts-
gutachter  die  Chance  für  einen  raschen  Geburtsfortschritt  genutzt  werden  kann  (act.  66 
S. 11). Auch ist erstellt, dass die Klägerin 2 eine PDA gegen die Schmerzen wollte (act. 102 
S. 3).  Ob  diese  Massnahmen  jedoch  genügend  waren  und  sich  ein  Abwarten  nach  den 
ärztlichen  Handlungsregeln  rechtfertigte,  lässt  sich  aufgrund  des  fehlenden  CTG's,  wie 
ausgeführt,  nicht  beurteilen.  Fest  steht  immerhin,  dass  aufgrund  der  bisherigen 
Geburtsentwicklung nach Ansicht des Gerichtsgutachters eine Sectio bereits um 03.15 Uhr 
zumindest  vertretbar  war.  Jedenfalls  hätte  im  Anschluss  an  die  intrauterine  Reanimation 
um 03.15 Uhr der kindliche Zustand (unter Sectio-Bereitschaft) abgeklärt werden müssen, 
entweder mittels einer kontinuierlichen CTG-Aufzeichnung mit unauffälligem Herztonmuster 
oder  mittels  einer  MBU,  um  gegebenenfalls  rasch  eine  Entbindung  durch  Kaiserschnitt 
herbeiführen zu können (vgl. FMH-Gutachten KlBl 15 S. 5 sowie act. 66 S.4). 

Im Anschluss an die Besprechung wurde gemäss den Aussagen der befragten Ärzte Dres. D 
und C eine Sectio-Bereitschaft erstellt (act. 23 S. 9; act. 38 S. 5), aktenkundig vermerkt ist 
sie jedoch nicht. Die Frage,  ob  eine Sectio demnach innert 30 Minuten hätte durchgeführt 
werden  können,  konnte  Dr.  D  nicht  beantworten,  weil  er  nicht  wusste,  ob  der  Anästhesist 
zur  Verfügung  stand  (act.  23  S.  11).  Die  Befragung  von  Dr.  E  hat  ergeben,  dass  er  vom 
Anästhesiedienst  aufgeboten  wurde  und  sich  bei  der  Hebamme  (also  vor  Ort)  über  den 
Grund  der  Massnahme  informiert  habe,  offenbar  darüber,  warum  er  gerufen  wurde,  eine 
PDA  zu  legen  (act.  38  S.  3).  Dies  kann  wohl  nur  bedeuten,  dass  zumindest  er  von  der 
Anordnung einer Sectio-Bereitschaft nichts wusste, weshalb Dr. D auch nicht sagen konnte, 
ob  der  Anästhesist  für  eine  Sectio  innert  nützlicher  Frist  zur  Verfügung  gestanden  wäre. 
Zudem  führte  Dr.  E  aus,  dass  er  die  PDA  nicht  im  Hinblick  auf  einen  Kaiserschnitt  gelegt 
habe,  die  PDA  aber  eine  Narkose  für  einen  späteren  Kaiserschnitt  nicht  ausgeschlossen 
hätte. Dass er über die Anordnung einer Sectio-Bereitschaft informiert worden wäre, gab er 
nicht  zu  Protokoll  (vgl. act.  38  S.  3).  Dr.  D  hatte  sich  offenbar  entschieden,  den 
eingeschlagenen  Weg  einer  vaginalen  Geburt  fortzusetzen  (vgl.  act.  66  S. 4;  Aussage  D: 
act. 23 S. 9 unten). Die zweite Massnahme wurde umgesetzt. Um die PDA zu legen, wurde 
nach  der  Besprechung  ein  wehenhemmendes  Mittel  verabreicht  (vgl.  act.  23  S.  9  unten), 
wobei  sich  das  CTG,  nach  bereits  vorab  gestopptem  Syntocinon,  bei  nach  wie  vor 
unkoordinierter  und  unregelmässiger  Wehentätigkeit  gegen  03.50  Uhr  "gebessert"  hatte 
(vgl. act. 88 S. 9 oben; FMH-Gutachten KlBl 15 S. 3 oben; KlBl 7/47 ff.).  Es war aber bei 
normaler Baseline eingeschränkt undulatorisch (KlBl 15 S. 3 oben). Dr. E sei um 04.10 Uhr 
bei  der  Klägerin  2  eingetroffen,  hatte  bis  04.45  Uhr  die  PDA  gelegt  und  bis  05.00  Uhr, 
spätestens 05.05 Uhr das Anästhetikum "pour le comfort maternel" vollständig verabreicht, 
oder  wie  er  selber  sagte,  gegen  die  Schmerzen  der  Klägerin  2  und  nicht  im  Hinblick  auf 
einen Kaiserschnitt (vgl. act. 38 S. 3; diese Angaben weichen zeitlich von den Eintragungen 
im  Anästhesieprotokoll  etwas  ab;  vgl.  KlBl  7/34).  Danach  hat  er  den  Gebärsaal  verlassen 
(act. 38  S.  2  f.;  act. 7/33f.).  Ob  ein  erster  Versuch  vorausgegangen  war,  bereits  früher 
eine PDA zu legen, kann nicht mit Sicherheit eruiert werden. Darauf könnte eine Aktennotiz 
von  Dr.  D  hindeuten  (vgl.  KlBl  7/19),  die  Eintragung  auf  dem  CTG-Streifen  (KlBl  7,  Blatt 
124), ebenso die Aussage der Klägerin 2 (vgl. act. 102 S. 3). Unklar ist auch, warum Dr. E 
auf dem Anästhesieprotokoll um 04.10 Uhr (KlBl 7/33) eine Muttermundsöffnung von 3 cm 
notierte,  wenn  gemäss  der  nur  auf  dem  CTG-Streifen  notierten  Untersuchung  von  Dr. D 
bereits  um  02.45  Uhr  eine  Muttermundsöffnung  von  4  cm  vorgelegen  haben  soll,  welche 
laut Partogramm um 04.00 Uhr etwas mehr als 4 cm betragen hat.  

i)  Angesichts  der  regelwidrig  nicht  erfolgten  Abklärung  des  CTG-Befundes  um  03.00 
Uhr,  nach  der  intrauteriner  Reanimation  um  03.15  Uhr  und  angesichts  der  nicht  erfolgten 
beziehungsweise nicht vorliegenden CTG-Aufzeichnung von 03.17 bis 03.45 Uhr - somit im 

 
 
 
- 36 - 

Nichtwissen darum, ob gegen 03.40 Uhr bereits eine Sectio-Indikation vorgelegen hatte - , 
bleibt  zu  fragen,  ob  in prospektiver  Betrachtung  (ex  ante)  es  regelkonform  war,  ab  03.40 
Uhr  die  vaginale  Geburt  bis  zum  Ende  fortzusetzen  (zuwartendes  Verhalten),  oder  ob  im 
Verlauf ein Kaiserschnitt indiziert war.  

Auf  die  Frage,  ob  das  zuwartende  Verhalten  um  04.00  Uhr  richtig  war,  haben  die  FMH-
Gutachter  geantwortet,  dass  "bei  CTG-Mustern,  wie  sie  im  Verlaufe  der  Geburt  von  X2 
auftraten, eine Abklärung durch Mikroblutuntersuchung angezeigt (ist), wenn eine vaginale 
Geburt  angestrebt  werden  soll".  Relevant  sei  aber  die  Frage,  inwieweit  das  abwartende 
Verhalten  zu  begründen  ist.  Denn  das  CTG  sei  zwar  in  der  Lage,  Gefahrenzustände  zu 
erkennen,  es  würden  aber  bei  weitem  nicht  alle  auffälligen  CTG's  mit  einem 
Gefahrenzustand  einhergehen.  "Die  Entscheidung  zum  Kaiserschnitt  ergibt  sich  aus  der 
Beurteilung  des  aktuellen  kindlichen  Zustandes  und  der  Einschätzung  über  die  vermeint-
liche Dauer der vaginalen Geburt, die sich mittels klinischer Erfahrung aus dem bisherigen 
Geburtsverlauf  ergibt.  Eine  Indikation  zum  Kaiserschnitt  kann  daher  nur  aus  der  Kenntnis 
des  aktuellen  kindlichen  Zustands  gestellt  werden.  Dazu  wäre  eine  Mikroblutuntersuchung 
notwendig  gewesen"  (FMH-Gutachten  KlBl  15  S. 5  zu  Fragen  5  und  7).  Demgegenüber 
hätten  nach  Ansicht  des  Beklagten  die  Ärzte  "auf  die  Dynamik  der  Geburt  bei  einer 
mehrfachgebärenden  Frau  abgestellt.  Aus  diesem  Grund  wurden  alle  Vorkehrungen  im 
Hinblick  auf  eine  natürliche  Geburt  getroffen  und  die  Patientin  entsprechend  begleitet, 
betreut  und  behandelt.  Eine  Mikroblutuntersuchung  wurde  nicht  in  Erwägung  gezogen" 
(act. 10 S. 11).  

Vorliegend zeigte das CTG ab 04.30 Uhr bei nun regelmässigen Wehen einen eingeschränk-
ten  Herztonverlauf  mit  gelegentlichen  Akzelerationen  (FMH-Gutachten  KlBl  15  S.  3).  Um 
04.50  Uhr  wurde  erneut  Syntocinon  gegeben  (vgl.  KlBl  7  CTG-Blatt  135;  act.  10  S.  9; 
act. 23 S. 10). Das CTG war um diese Zeit erneut suspekt (act. 88 S. 2 f.). Um 05.10 Uhr 
(die Klägerin war nach Applikation des Anästhetikums möglicherweise schmerzfrei) war das 
CTG  eingeschränkt  undulatorisch  bis  silent  geworden  und  der  Muttermund  hatte  bei  hoch 
stehendem  kindlichem  Kopf  eine  Öffnung  von  5  cm  aufgewiesen  (FMH-Gutachten  S. 3; 
act. 7/18).  Dr. D  war  um  diese  Zeit  nicht  mehr  im  Gebärsaal.  Er  wurde,  wie  gesagt,  um 
04.45  Uhr  auf  die  Abteilung  gerufen,  um  erst  gegen  06.00  Uhr  wieder  zurückzukehren 
(act. 23  S.  10).  Aufgrund  des  sich  bisher  entwickelnden  Geburtsverlaufs  kommt  der 
Gerichtsgutachter  zum  Schluss,  dass  spätestens  um  05.10  Uhr  eine  Evaluation  des  kind-
lichen  Zustands  angezeigt  und  bei  Verzicht  auf  eine  MBU  ein  Kaiserschnitt  vorzunehmen 
gewesen  wäre  (act.  66  S.  11  oben).  Zur  Begründung  führt  er  an,  dass  das  vom  Arzt 
gewählte Vorgehen, über den Versuch, mittels PDA die Chance für einen raschen Geburts-
fortschritt  zu  nutzen,  für  das  Ungeborene  ein  erhöhtes  Risiko  für  eine  intrauterine 
Notsituation  berge.  Dies  deshalb,  weil  der  aktuelle  kindliche  Zustand  (in  Unkenntnis  des 
Säure-Base-Status)  nicht  bekannt  war.  Nachdem  sich  "die  Hoffnung  auf  einen  raschen 
Geburtsfortschritt nicht erfüllt hatte" – "die Periduralanästhesie bewirkte erst ab 04:50 Uhr 
Schmerzfreiheit und der Muttermund[sbefund] ist um 05:10 Uhr nur auf 5 cm eröffnet, was 
nicht  für  einen  raschen  Geburtsfortschritt  spricht"  –"wäre"  daher  "spätestens  hier"  "eine 
Evaluation  des  kindlichen  Zustands  angezeigt  und  bei  Verzicht  auf  eine  MBU  ein  Kaiser-
schnitt vorzunehmen gewesen" (act. 66 S. 11). Hinzuzufügen ist, dass, wie dargelegt, auch 
um  05.10  Uhr  der  kindliche  Kopf  nach  wie  vor  hoch  stand  (denn  dies  halten  die  FMH-
Gutachter noch für die Zeit um 05.34 Uhr fest, vgl. KlBl 15 S. 3), was nicht für eine rasche 
Geburt sprach. 

Diese Schlussfolgerung  des  Experten  vermag zu überzeugen. Sie  entspricht den dargeleg-
ten  medizinischen  Handlungsgrundsätzen  und  sagt  aus,  dass  angesichts  der  bisher  aufge-
zeichneten  CTG-Muster  und  der  kaum  fortschreitenden  Geburtsentwicklung  ein  weiterhin 

 
 
- 37 - 

abwartendes Verhalten in Unkenntnis des wirklichen Zustands der Klägerin 1 spätestens um 
05.10 Uhr nicht mehr gerechtfertigt war. Dies trifft umso mehr zu, als vorliegend, mit der 
dargelegten  Begründung,  um  diese  Zeit  prospektiv  nicht  mit  einer  raschen  Spontangeburt 
gerechnet  werden  konnte.  Der  Gerichtsgutachter  hält  insbesondere  fest,  dass  das  CTG 
bereits  unmittelbar  nach  Aufnahme  suspekt  und  nach  dem  Auftreten  einer  schweren 
variablen  Dezeleration  als  abklärungsbedürftig  zu  bezeichnen  war,  es  jedoch  keine  exakte 
Dokumentation  des  kindlichen  Zustands  unter  der  Geburt  gebe  (act.  66  S.  11  f.).  Da  die 
CTG-Interpretation  sehr  subjektiv  sei  (geringe  Reproduzierbarkeit)  und  der  kindliche 
Zustand  alleine  aufgrund  des  CTG's  beurteilt  wurde,  das  nur  eine  potenzielle  Gefährdung 
anzeige  (act.  66  S.  10),  war  mit  der  damit  verbunden  Gefahr  der  Fehleinschätzung  und 
angesichts  des  sich  nicht  rasch  abzeichnenden  Geburtsvorgangs  in  Unkenntnis  über  den 
wirklichen Zustand des Kindes (der Klägerin 1) kein anderes Vorgehen mehr  kunstgerecht 
(vgl.  act.  66  S.  6),  eben  weil  der  aktuelle  Zustand  des  Feten  nicht  durch  eine  MBU 
abgesichert  war  (act.  88  S.  9).  Spätestens  um  05.10  Uhr  bestand  somit,  da  bei  der 
Beklagten  in  der  Regel  keine  MBU's  durchgeführt  werden  und  eine  solche  vorliegend 
unbestritten nicht in Betracht gezogen wurde (vgl. act. 10 S. 11) - es war ja seit 04.45 Uhr 
auch  kein  Gynäkologe  mehr  im  Gebärsaal  der  Klägerin  2  -  nach  den  Regeln  der  geburts-
ärztlichen Kunst nur noch eine Handlungsoption: der Kaiserschnitt.  

j)  Es  scheint,  dass  der  Gerichtsgutachter  diese  Beurteilung  später  bei  der  Beant-
wortung der Zusatzfragen zumindest relativiert hat. Er erklärte nämlich, dass das Vorgehen 
der Ärzte auch ab 03.15 beziehungsweise ab 03.45 Uhr vertretbar sei (act. 88 S. 9), denn 
gemäss  einer  Studie  würde  nur  eines  von  516  Kindern  bei  auffälligem  CTG  von  einer 
Kaiserschnittentbindung  profitieren  (act.  88  S.  9).  Auch  hielt  er  zusammenfassend  fest, 
dass die Überwachung der Geburt mit den ärztlichen Standards vereinbar gewesen sei, weil 
die  Diagnose  "Fetomaternale  Transfusion"  bei  Aufnahme  in  den  Gebärsaal  nicht  zu 
erkennen  gewesen  sei  und  erst  im  Nachhinein,  das  heisst  nach  der  Geburt  habe  gestellt 
werden können (act. 88 S. 11). Dass diese Argumentation nicht überzeugt und auch nicht 
zulässig ist, ergibt sich von selbst. Denn der Gutachter argumentiert nicht mehr prospektiv, 
aus  der  damaligen  Situation  heraus,  als  die  Entscheidungen  zu  fällen  waren,  sondern 
retrospektiv  vom  Geburtsergebnis  der  hirngeschädigten  Klägerin  1  aus.  Nur  so  konnte  er 
zum Ergebnis gelangen, dass die Handlungsweise der Ärzte insgesamt vertretbar war, weil 
gemäss  der  angeführten  Studie  die  Wahrscheinlichkeit,  dass  mit  einem  Kaiserschnitt  ein 
besseres  Ergebnis  hätte  erreicht  werden  können,  statistisch  gesehen  sehr  gering  gewesen 
wäre.  Und  zum  Ergebnis,  dass  sich  erst  im  Nachhinein  herausstellen  konnte,  dass  der 
aktuelle  kindliche  Zustand  während  der  Geburt  tatsächlich  nicht  gut  war  (das  heisst,  dass 
die  im  CTG  angezeigte  potenzielle  Gefährdung  in  Wirklichkeit  bestanden  hat),  eben  weil 
eine  fetomaternale  Transfusion  (und  eine  fetale  Anämie)  "vorlag",  welche  von  den  Ärzten 
vor  der  Geburt  nicht  hätte  erkannt  werden  müssen.  Letzterem  ist  überdies  entgegen-
zuhalten, dass entgegen der gegenteiligen Behauptung von Dr. A (act. 23 S. 7) mittels MBU 
auch im  Kantonsspital Freiburg  eine  Anämie  der  Klägerin  1  hätte  erkannt  werden  können, 
auf  die  gleiche  Weise  und  mit  dem  gleichen  Gerät,  wie  dies  nach  der  Geburt  mit  dem 
Nabelschnurblut  der  Klägerin  1  geschehen  ist  (act.  66  S.  9  f.  mit  Hinweis  auf  "feuille 
acc. 4 "  [KlBl  7/18]).  Daran  ändert  nichts,  dass  bei  der  Beklagten  die  Durchführung  einer 
MBU  grundsätzlich  selten  sei  (act.  23  S.  8).  Schliesslich  führte  der  Gerichtsgutachter, 
wiederum  in  retrospektiver  Betrachtungsweise  an,  dass  der  betreuende  Arzt  möglicher-
weise  durch  den  raschen  Geburtsfortschritt  nach  05.10  Uhr  keinen  Anlass  gesehen  habe, 
das  Vorgehen  zu  ändern  (act.  88  S.  9  unten).  Und  dies  behauptet  er,  obwohl  gemäss 
Aktenlage  der  kindliche  Kopf,  wie  dargelegt,  auch  noch  um  05.35  Uhr  hoch  stand,  wobei 
das erneut  suspekte CTG nun abklärungsbedürftig geworden war, und seit 04.45 Uhr, wie 
die Befragung ergeben hatte, kein betreuender Arzt mehr im Gebärsaal bei den Klägerinnen 
1 und 2 war, der die Entscheidung zur Kaiserschnittentbindung hätte fällen können.  

 
 
 
- 38 - 

Da  nach  Auffassung  des  Gerichtsgutachters  geburtshilfliche  Entscheidungen  immer  pros-
pektiv auf dem Boden der verfügbaren Fakten zu treffen sind (act. 116 S. 3), kann nichts 
anderes  für  deren  richterliche  Überprüfung  gelten.  Der  Gerichtsgutachter  bemerkt  denn 
anlässlich der Beantwortung von Zusatzfragen am 20. Dezember 2005, dass im Sinne einer 
prospektiven  Geburtshilfe,  die  sich  (allein)  zu  einer  kontinuierlichen  CTG-Ableitung  unter 
der  Geburt  entschlossen  hat,  aus  auffälligen  CTG-Mustern  Konsequenzen  gezogen  werden 
müssen. Dabei kommt er zum Schluss: "Nachdem man sich um 03.45 Uhr zur Fortsetzung 
der vaginalen Geburt entschlossen hat, ist die Reaktion bei erneut suspektem CTG und nur 
zögerlichem  Geburtsverlauf  schwerlich  nachvollziehbar"  (act. 88  S.  9).  Angesichts  dieser 
klaren  Äusserung  muss  daran  erinnert  werden,  dass  ab  04.45  Uhr  -  "trotz  erneut  suspek-
tem  CTG  (ab  04.50  Uhr,  vgl.  act.  88  S.  2  f.  Antwort  zu  Frage  2)  und  nur  zögerlichem 
Geburtsverlauf"  -  bis  kurz  vor  06.00  Uhr  kein  Arzt  der  Gynäkologie  bei  der  Klägerin  2 
anwesend  war,  um  den  Geburtsvorgang  zu  überwachen  und  die  notwendigen  Entschei-
dungen zu treffen. Hinzu kommt, dass in dieser Zeit die Hebamme N zwei Patientinnen (in 
verschiedenen  Gebärsälen)  gleichzeitig  betreuen  musste:  "Ich  fühlte  mich  gestresst  und 
hatte  viel  zu  tun"  (act.  38  S.  12).  Im  Übrigen  räumte  sie  ein,  dass  sie  die  Herztöne 
nebenan  nicht  hören  konnte  (act.  38  S.  11),  ganz  abgesehen  davon,  dass  eine  solche 
Überwachungsmethode  weder  vom  Gerichtsexperten  noch  in  der  AWMF-Leitlinie  als  regel-
konform aufgeführt wird. Damit muss nicht nur die Nichtvornahme eines Kaiserschnitts bei 
Verzicht  auf  eine  MBU,  sondern  auch  die  fehlende  ärztliche  Überwachung  in  dieser  langen 
Zeit als klarer Verstoss gegen die medizinischen Berufsregeln qualifiziert werden. Dabei ist 
die  Frage,  ob  sich  durch  einen  Kaiserschnitt  am  Ergebnis  etwas  geändert  hätte,  nicht 
Gegenstand der Prüfung der Sorgfaltspflichtverletzung, sondern der Kausalität.  

k) Das Gutachten M weicht zumindest in Einzelheiten vom Gerichtsgutachten ab. Die 
Unterschiede  beruhen  primär  auf  unterschiedlicher  Bewertung  des  CTG's,  wobei  das 
Problem insbesondere der Interobserver-Variabilität bei der CTG-Beurteilung (abweichende 
Beurteilung  desselben  CTG's  durch  verschiedene  Gynäkologen)  bekannt  ist.  Die  teilweise 
abweichende CTG-Beurteilung hat beim Gutachten M zur Folge, dass nach den Regeln der 
ärztlichen  Kunst  bereits  zu  einem  früheren  Zeitpunkt  Massnahmen  hätten  ergriffen  oder 
unterlassen  werden  müssen.  So  war  die  Wehenstimulation  mit  Syntocinon  bei  auffälligem 
CTG,  ob sie nun um 02.20 Uhr oder erst  später begann (um 02.45 Uhr gemäss Dres. D/A 
beziehungsweise nach Dr. M am ehesten gegen 03.00 Uhr), "eigentlich kontraindiziert", da 
eine  plausible  Begründung  für  dieses  von  den  Regeln  der  ärztlichen  Kunst  abweichende 
Verhalten  nicht  vorliege  und  nicht  erkennbar  sei  (vgl. Gutachten  F  S.  6  unten  mit  Brief  M 
vom  4. September  2005  in  Ordner  2  Beilage 5  vom  12.  April  2006).  Und  der  vorgesetzte 
Arzt hätte nach den Angaben der Kläger - der Privatgutachter hält dies nicht explizit fest - 
spätestens  um  03.00  Uhr  gerufen  werden  müssen,  nicht  erst  um  03.15  Uhr 
(Gerichtsgutachter). Wenn die Kläger jedoch an anderer Stelle folgern, dass spätestens um 
02.45  Uhr  eine  zwingende  Indikation  zum  Kaiserschnitt  vorgelegen  habe,  so  können  sie 
sich  für  diese  Behauptung  auch  nicht  auf  den  Privatgutachter  abstützen  (act. 151  S.  8). 
Denn  nach  dessen  Ansicht  wäre  es  bereits  insbesondere  um  03.00  Uhr  (Syntocinon  trotz 
"pathologischen"  CTG's)  und  04.25  Uhr  (erneut  Dezelerationen  nach  Rückkehr  der 
Wehentätigkeit)  "möglich  und  sinnvoll  gewesen,  eine  Entscheidung  in  Richtung  einer 
Geburtsbeendigung  auf  anderem  Weg  zu  treffen"  (Brief  M  vom  4. September  2005  zu 
Gutachten S. 6 in Ordner 2 Beilage 5 vom 12. April 2006). Dies ergebe sich einerseits aus 
der  Beobachtung,  dass  das  CTG,  welches  auch  nach  Ansicht  des  Beklagten  bereits  zu 
Beginn  nicht  normal  war,  sich  unter  Wehentätigkeit  beziehungsweise  Syntocinongabe 
jeweils  verschlechterte  ("Wenn  Wehen  ausreichend  stimuliert  werden,  kommt  es  zu 
entsprechenden  beängstigenden  Veränderungen  im  CTG"  [Gutachten  M  S.  4]:  z.B.  um 
02.05 Uhr, als eine singuläre Wehe  eine schwere  variable Dezeleration auszulösen scheint 
[vgl. Gutachten  M  S.  3  unten  und  10  oben,  act.  23  S. 7  oben,  KlBl  9];  ab  02.20  Uhr,  als 

 
 
 
- 39 - 

eine  unregelmässige  und  unkoordinierte  Wehentätigkeit  einsetzte  [KlBl  15  S.  2]  und  ab 
ungefähr  04.30  Uhr,  als  sich  regelmässige  Wehen  einstellten  [KlBl  15  S.  3  und  9]). 
Andererseits  wies  das  CTG  in  Phasen  der  Wehenhemmung  und  praktisch  fehlender/keiner 
Wehentätigkeit  insbesondere  von  03.50  bis  gegen  04.30  Uhr  eine  Phase  relativer 
Besserung auf (vgl. Gutachten M S. 6), respektive war gemäss dem Beklagten phasenweise 
kaum mehr pathologisch (act. 152 S. 2). Daraus folgt gemäss Dr. M, dass bei konsequenter 
Analyse  der  aufgelaufenen  Reaktionen  des  Feten  (vgl. das  vorliegende  CTG)  –  wobei  bis 
05.10 Uhr im Prinzip ein Geburtsstillstand zu konstatieren sei - hätte auffallen können, dass 
folgenlos  verträgt.  Entsprechend 
dieser  Fetus  Belastungen  durch  Wehen  nicht 
unverständlich und nicht nachvollziehbar sei das Handlungskonzept der Ärzte ("Konzept des 
Weitermachens  um  einen  unbekannten  Preis"),  welche  das  abgeleitete  CTG  nicht  adäquat 
interpretiert  und  keine  nachvollziehbar  adäquaten  Konsequenzen  aus  den  vorliegenden 
Befunden  gezogen,  das  heisst  nichts  zur  Beschleunigung  der  Geburt  unternommen  hätten 
(vgl. Gutachten M S. 6). Dies nicht zuletzt eingedenk des Umstands der klinischen Angabe 
fehlender  Kindsbewegungen.  Die  Feststellung  abnehmender  Kindsbewegungen  war  alleini-
ger  Grund  für  die  Klägerin,  sich  sieben  Tage  vor  dem  errechneten  Geburtstermin  in  das 
Spital zu begeben, wie sie dem Beklagten bereits vor und auch bei Spitaleintritt mitgeteilt 
hatte.  Dr. M  hält  schliesslich  fest,  dass  um  03.15  Uhr,  im  Sinne  einer  kontinuierlichen 
Zuspitzung  einer  Problemsituation,  eine  entscheidreife  Situation  mit  eindeutigem  Ergebnis 
vorgelegen hätte. Ebenso wäre man um 05.10 Uhr, auch wenn wiederum keine eigentliche 
Notfall-Situation  vorgelegen  habe,  in  einer  Bilanz  dazu  gekommen,  ein  Kaiserschnitt  sei 
indiziert (Schreiben Dr. M vom 4. September 2005 und 4. Januar 2006 S. 2, Beilagen 5 und 
10 vom 10. April 2006). 

l)  Damit  kommen  sowohl  der  Gerichts-  als  auch  der  Privatgutachter  letztlich  zum 
gleichen  Ergebnis,  nämlich,  dass  aufgrund  der  aufgelaufenen  CTG-Befunde  und  der 
Tatsache, dass bis 05.10 Uhr praktisch ein Geburtsstillstand vorlag (offensichtlich lag bisher 
keine  effiziente  Wehentätigkeit  vor),  nach  den  Regeln  der  geburtsärztlichen  Kunst 
spätestens  um  diese  Zeit  ein  Kaiserschnitt  vorzunehmen  war.  Zum  Gutachten  M  sei  noch 
bemerkt,  dass  der  Verfasser  bei  der  Analyse  der  Vorgehensweise  des  Beklagten  teilweise 
aus  nachträglicher  Sicht  argumentiert,  weshalb  es  nicht  als  primäre  Beurteilungsbasis 
herangezogen  wird.  Eine  Argumentation  ex  post  scheint  insbesondere  etwa  bei  folgender 
Feststellung  durch:  "Bei  konsequenter  Analyse  der  aufgelaufenen  Reaktionen  des  Feten 
hätte  (…)  auffallen  können,  dass  dieser  Fet  Belastungen  durch  Wehen  nicht  folgenlos 
verträgt"  (Gutachten  M  S.  6),  oder  zu  02.10  Uhr:  "Pathophysiologisch  weist  der  Fet  zu 
diesem Zeitpunkt ein grosses Problem auf (….), auf jeden Fall fehlt ihm ganz offensichtlich 
die  Möglichkeit  zur  adäquaten  Kompensation  einer  Dezeleration  (…)"  mit  der  Folgerung, 
dass  zu  diesem  Zeitpunkt  kaum  mehr  davon  ausgegangen  werden  kann,  "dass  unter  den 
gegebenen Umständen die Geburt auf vaginalem Weg problemlos zu Ende gebracht werden 
kann (…)" (Gutachten M S. 4). Diese Äusserungen erstaunen angesichts der Tatsache, dass 
das CTG nur potenzielle Gefährdungen des Ungeborenen anzuzeigen vermag, weshalb sich 
ja  gerade  die  Abklärung  solch  unklarer  und  sich  verschlechternder  CTG-Befunde  nach  den 
Regeln der ärztlichen Kunst gebietet. Im Übrigen überzeugt auch der von Seiten der Kläger 
gegen  das  Gerichtsgutachten  vorgebrachte  Einwand,  dieses  wäre  so  unklar,  dass  es 
ergänzende  Fragen  nötig  machte,  nicht.  Denn  auch  sie  haben  dem  Privatgutachter 
Ergänzungsfragen  zu  dessen  Gutachten  gestellt,  welches  ihnen  ursprünglich  offenbar 
datiert vom 31. März 2005 vorlag, dem Gericht aber mit 31. Dezember 2005 datiert einge-
reicht  wurde  (vgl.  Schreiben  M  vom  4.  September  2005  sowie  Gutachten  M  in  Ordner  2 
Beilagen  5  und  2  vom  12.  April  2006).  Im  Weiteren  begründen  die  Kläger  auch  ihre 
Behauptung,  dem  Gerichtsgutachter  fehle  es  an  klinischer  Erfahrung,  weshalb  auf  das 
Gutachten des Praktikers Dr. M abzustellen sei, nicht.  

 
 
 
- 40 - 

m) Zusammenfassend ergibt sich, dass den Ärzten des Beklagten im Hinblick auf die 

Regeln der ärztlichen Kunst vorzuwerfen ist:  

-  dass nicht schon um 03.00 Uhr der vorgesetzte Arzt beigezogen wurde; 
-  dass  für  das  Einholen  einer  Zweitmeinung  jedenfalls  zu  lange  gewartet  wurde,  umso 
mehr, als das CTG seit längerem mindestens als abklärungsbedürftig zu bezeichnen war 
und sich durch konservative Massnahmen nicht korrigieren liess; 

-   dass zudem – bei seit 02.45 Uhr abklärungsbedürftigem CTG – das CTG von 03.17 bis 
03.50  Uhr  infolge  Abwesenheit  des  Arztes  beziehungsweise  eines  vorgesetzten  Arztes 
im Gebärsaal der Klägerin 2 während über 30 Minuten nicht fortlaufend beurteilt wurde; 
-  dass  demzufolge  während  über  30  Minuten  gar  keine  Beurteilung  und  Klärung  des 
aktuellen  kindlichen  Zustands  trotz  vorausgegangenen  Anzeichen  einer  zunehmenden 
potenziellen Gefährdung der Klägerin 1 erfolgte;  

-   dass die Sectio-Bereitschaft nur unvollständig angeordnet wurde; 
-   dass  ab  04.45  bis  gegen  06.00  Uhr  kein  Arzt  der  Gynäkologie  bei  der  Klägerin  2  im 
Gebärsaal anwesend war, um den Verlauf zu beurteilen und die nötigen Entscheidungen 
zu  treffen,  sondern  nur  eine  Hebamme,  die  gleichzeitig  noch  eine  andere  Geburt  zu 
betreuen hatte; 

-  dass  bei  Verzicht  auf  eine  MBU  nicht  spätestens  um  05.10  Uhr  ein  Entscheid  zu  einer 

Kaiserschnittentbindung gefällt (und umgesetzt) wurde;  

-  dass  auch  nach  05.15  Uhr  keine  Massnahmen  zur  Abklärung  des  tatsächlichen  kind-
lichen  Zustands  unternommen  wurden  (pathologisches  CTG  führt  nicht  zu  rascher 
Geburtsbeendigung); 

-  dass  es  selbst  in  der  Schlussphase  zu  keiner  vaginal-operativen  Geburtsbeendigung 

kam. 

9.  Damit  steht  für  das  Gericht  fest,  dass  das  Vorgehen  der  Ärzte  des  Beklagten 
spätestens  ab  03.17  Uhr  nicht  mehr  den  Regeln  der  ärztlichen  Kunst  entsprach  und 
spätestens  um  05.10  Uhr  bei  Verzicht  auf  eine  MBU  und  insbesondere  in  Unkenntnis  des 
tatsächlichen Zustandes der Klägerin 1 aufgrund der gesamten Umstände ein Kaiserschnitt 
hätte  vorgenommen  werden  müssen.  Infolgedessen  muss  sich  der  Beklagte  in  diesem 
Zeitraum mehrere und teilweise schwere Sorgfaltspflichtverletzungen vorhalten lassen. 

V.  Kausalzusammenhang 

1. 
a) Bei Klage wegen eines Kunst- oder Behandlungsfehlers muss der Geschädigte den 
Kausalzusammenhang  zwischen  der  fehlerhaften  Behandlung  und  dem  Schaden  beweisen 
(JÄGER  /  SCHWEITER,  S.  105).  Ursache  im  Rechtssinne  ist  jede  Bedingung,  die  nicht  hinweg 
gedacht werden kann, ohne dass auch der Erfolg entfiele, die also "conditio sine qua non" 
war (BGE 132 III 715 Erw. 2.2 S. 718; ROLAND BREHM, in Berner Kommentar, Art. 41 N 106; 
GROSS,  S.  193).  Der  Geschädigte  hat  den  Beweis  für  den  Kausalzusammenhang  zwischen 
Ursache und Schaden nicht wissenschaftlich genau und zwingend zu erbringen, sondern es 
genügt,  wenn  die  überwiegende  Wahrscheinlichkeit  für  die  natürliche  Kausalität  spricht. 
Dies  bedeutet,  dass  nicht  ein  strikter  und  absoluter  Beweis  erforderlich  ist.  Vielmehr  hat 
sich der Richter mit derjenigen Gewissheit zufrieden zu geben, die nach dem gewöhnlichen 
Lauf der Dinge und der Lebenserfahrung verlangt werden kann. Nach dem Beweismass der 
überwiegenden Wahrscheinlichkeit gilt ein Beweis als erbracht, wenn für die Richtigkeit der 
Sachbehauptung  nach  objektiven  Gesichtspunkten  derart  gewichtige  Gründe  sprechen, 
fallen.  Eine 
dass  andere  denkbare  Möglichkeiten  nicht  massgeblich 
überwiegende  Wahrscheinlichkeit  wird  als  ausreichend  betrachtet,  wo  ein  strikter  Beweis 
nicht  nur  im  Einzelfall,  sondern  der  Natur  der  Sache  nach  nicht  möglich  oder  nicht 
zumutbar  ist  (BGE  133  III  121  Erw.  3  S.  123  ff.;  BGE  133  III  462  Erw.  4.4.2  S.  470; 

in  Betracht 

 
 
 
- 41 - 

Entscheid des Schweizerischen Bundesverwaltungsgerichts, BVGE, 2008 Nr. 6 Erw. 4.2.2.1 
S.  81,  mit  Hinweisen;  CHRISTOPH  MÜLLER,  Die  ärztliche  Haftpflicht  für  die  Geburt  eines 
unerwünschten behinderten Kindes in AJP 2003 S. 522, 534; PALLY, S. 29). 

b)  Die  Haftpflicht  des  Beklagten  setzt  weiter  voraus,  dass  zwischen  der 
Handlung/Unterlassung  und  dem  eingetretenen  Schaden  ein  adäquater  Kausalzusammen-
hang besteht. Adäquat und somit rechtserheblich ist ein Kausalverlauf, wenn er nach dem 
gewöhnlichen  Lauf  der  Dinge  und  der  allgemeinen  Lebenserfahrung  geeignet  erscheint, 
einen  Schaden  von  der  Art  des  eingetretenen  herbeizuführen,  der  Eintritt  dieses  Erfolgs 
also  durch  das  Ereignis  allgemein  als  begünstigt  erscheint.  Es  genügt,  wenn  ein  Schaden 
zwar relativ selten auftritt, aber doch als mögliche Folge ärztlichen Handelns im Sinne einer 
überwiegenden Wahrscheinlichkeit betrachtet werden muss (MORITZ W. KUHN, S. 610 ff., mit 
Hinweisen; BGE 119 Ib 334 Erw. 5b S. 345).  

c) Um als adäquate Ursache eines Schadens zu gelten, muss der Kausalverlauf einer 
Handlung  voraussehbar  sein.  Nach  der  Rechtsprechung  kommt  es  dabei  nicht  auf  die 
persönlichen Kenntnisse und Fertigkeiten der schadensverursachenden Person an; vielmehr 
nimmt  das  Bundesgericht  hinsichtlich  der  Voraussehbarkeit  eines  Schadenseintritts  eine 
objektive nachträgliche Prognose vor: Das Gericht geht die Frage rückwärts an, vom einge-
tretenen  Schaden  ausgehend  bis  zur  als  Ursache  eingeklagten  Handlung,  und  beantwortet 
die  Frage,  ob  eine  solche  Folge  noch  zu  jenen  zu  zählen  sei,  die  vernünftig  und  objektiv 
vorauszusehen  waren.  Dabei  ist  nicht  von  einer  statistischen  Häufigkeit  der  eingetretenen 
Folge  auszugehen,  sondern  es  ist  von  den  konkreten  Umständen  des  Einzelfalls  her  rück-
wärts zu bestimmen, ob die fragliche Ursache immer noch als für den Schaden massgebend 
betrachtet werden kann (BVR 2007 S. 203 Erw. 5.2.2 S. 212, mit Hinweisen). 

d)  Nach  der  Rechtsprechung  des  Bundesgerichts  muss  der  aus  einem  Kunst-  bezie-
hungsweise  Behandlungsfehler  Klagende  neben  dem  eigentlichen  Kausalzusammenhang 
überdies  auch  das  den  Schaden  verursachende  Verhalten  des  Arztes  genau  bezeichnen 
beziehungsweise beweisen. So hat er insbesondere detailliert anzugeben, welche Handlung 
oder  Unterlassung  des  Arztes  (fehlerhafte  Diagnose,  konkreter  Eingriff  beziehungsweise 
konkrete  Therapiebehandlung,  falsche  Medikamentenabgabe  usw.)  den  Kunst-  oder 
Behandlungsfehler bewirkte beziehungsweise die adäquate Ursache des Schadens im Sinne 
einer  "conditio  sine  qua  non"  darstellte  (MORITZ  W.  KUHN,  S.  613).  Weil  ein  Gesund-
heitsschaden in der medizinischen Behandlung oft verschiedene Ursachen haben kann, die 
gewissermassen multifaktoriell zusammenwirken, ist der direkte Nachweis eines natürlichen 
Kausalzusammenhangs  bei  ärztlicher  Pflichtverletzung  oft  schwierig,  bei  Unterlassung  im 
naturwissenschaftlichen Sinne gar nicht zu erbringen. Wie oben ausgeführt, muss sich das 
Recht in solchen Fällen mit dem indirekten, dem Indizienbeweis begnügen. Er ist erbracht, 
wenn  die  überwiegende  Wahrscheinlichkeit  eines  bestimmten  Kausalverlaufs  dargetan  ist. 
Ist  gegen  anerkannte  Regeln  der  ärztlichen  Kunst  verstossen  worden,  und  liegt  demnach 
ein Kunstfehler im medizinischen Sinne vor, so ist im Falle einer Schädigung des Patienten 
die  Wahrscheinlichkeit  des  schädigenden  Kausalverlaufs  regelmässig  gegeben.  Diese 
Grundsätze  sind  in  Lehre  und  Rechtsprechung  anerkannt  (GROSS,  Staatshaftungsrecht, 
S. 194 f., mit Hinweisen).  

Vorliegend 

2. 
ist  erstellt,  dass  die  hauptsächlich  vorwerfbaren  Sorgfaltspflicht-
verletzungen in der nicht rechtzeitigen Vornahme von Massnahmen zur Abklärung des kind-
lichen Zustands unter der Geburt bestehen, insbesondere bei Verzicht auf eine MBU in der 
Nicht-Vornahme eines Kaiserschnitts spätestens um 05.10 Uhr. Es fällt auf, dass abgesehen 
von  der  kurzen  Besprechung  zwischen  Arzt  D  und  vorgesetztem  Arzt  A  kein  vorgesetzter 
Arzt  sich  um  die  Klägerinnen  1  und  2  gekümmert  hat.  Mithin  mangelt  es  an  einer 

 
 
 
 
 
- 42 - 

eigentlichen  Betreuung  der  Klägerin  1  durch  einen  vorgesetzten  Arzt.  Angesichts  des 
Geburtsverlaufs  und  der  Tatsache  der  zeitweise  völligen  Abwesenheit  einer  notwendigen 
ärztlichen Geburtsbegleitung der Klägerin 2 namentlich von 04.45 bis kurz vor 06.00 Uhr - 
während über einer Stunde – fehlte es insbesondere auch an den Voraussetzungen, dass in 
dieser Zeit überhaupt die notwendigen ärztlichen Entscheide hätten gefällt werden können. 
Es  handelt  sich  somit  überwiegend  um  Unterlassungen,  welche  die  Kläger  dem  Beklagten 
vorwerfen.  Der  Beweis  der  natürlichen  Kausalität  ist,  wie  oben  dargelegt,  bei  ärztlicher 
Unterlassung  im  naturwissenschaftlichen  Sinne  nicht  zu  erbringen.  Darum  erstaunt  es 
nicht,  dass  Dres. L  und  K  die  Frage  der  Kausalität  dahingehend  beantworten,  es  sei  rein 
spekulativ  zu  sagen,  inwieweit  eine,  zu  welchem  Zeitpunkt  auch  immer  vorgenommene 
Schnittentbindung  das  Ausmass  der  Schädigung  der  Klägerin  1  reduziert  hätte  (ähnlich 
Gutachten  M  S.  10  f.).  Denn  es  fehlt  hierfür,  wie  der  Gerichtsgutachter  ausführt,  eine 
exakte  Dokumentation  des  kindlichen  Zustands  unter  der  Geburt  als  Ausgangswert.  Die 
Gutachter  argumentieren  somit  in  rein  naturwissenschaftlichem  Sinne,  wobei  feststeht, 
dass  die  Ärzte  des  Beklagten,  die  entschieden  haben,  auf  eine  MBU  zu  verzichten  und  die 
Geburt per Wehenstimulation durchzuziehen, das Fehlen der genannten Dokumentation zu 
vertreten haben. Gemäss dargestellter Rechtslage genügt in einem solchen Fall der indirek-
te  Beweis.  Dieser  ist  erbracht,  indem  sowohl  eine  Schädigung  der  Klägerin  1  als  auch 
schwere  Sorgfaltspflichtverletzungen  des  Beklagten  erstellt  sind.  Daraus  folgt,  dass  die 
natürliche  Kausalität  zwischen  den  sorgfaltswidrigen  Unterlassungen  und  dem  Eintritt  der 
Schädigung  der  Klägerin  1  zu  bejahen ist.  Diese  Schlussfolgerung  ist umso  mehr  gerecht-
fertigt, als nach 03.17 Uhr trotz des Verzichts auf eine MBU auch keine durchgehende CTG-
Aufzeichnung  vorliegt  respektive  keine  durchgehende  CTG-Auswertung  erfolgte  und  das 
Geburtsgeschehen  somit  nicht  vollständig  dokumentiert  ist,  wodurch  die  Beweislage  der 
Kläger  teilweise  vereitelt  beziehungsweise  zumindest  erschwert  wird,  weshalb  das 
Beweismass aufgrund dieser Umstände vorliegend ohnehin herabgesetzt wäre.  

3. 
a)  Zu  prüfen  bleibt,  ob  der  vorliegende  Schaden  durch  den  Beklagten  auch  adäquat 
kausal  verursacht  worden  ist,  mithin,  ob  die  ärztlichen  Unterlassungen  auch  als  rechts-
erheblich  zu  betrachten  sind.  Mit  anderen  Worten  ist  zu  prüfen,  ob  die  Schädigung  der 
Klägerin  1  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  mögliche  Folge  der  Unterlassungen  des 
Beklagten ist. Bei Beantwortung dieser Rechtsfrage kann der Richter insbesondere auch auf 
die allgemeine Lebenserfahrung abstellen. 

Aus  den  Akten  ergibt  sich,  dass  die  Klägerin  2,  mit  dem  dritten  Kind  schwanger,  nach 
unauffälligem  Schwangerschaftsverlauf,  nahe  am  Geburtstermin,  am  14.  Juni  1997  gegen 
Abend feststellte, dass sich das Kind nicht mehr so intensiv bewegte wie vorher. Darum trat 
sie  aus  Besorgnis  darüber,  jedoch  ohne  Wehen  zu  haben  (vgl.  KlBl  7/30),  in  der  Nacht 
gegen 01.50 Uhr in das Spital ein. Das CTG war nicht normal, zeigte aber auch nicht das in 
der Literatur bei der seltenen fetomaternale Transfusion mehrfach beschriebene sinusoidale 
Muster  (spezielles  wellenförmiges  CTG-Muster).  Nach  künstlich  weheninduzierter  vaginaler 
Geburt wurde, wie dargestellt, die Klägerin 1 geboren, reanimiert und notfallmässig in das 
Universitätsspital  nach  Bern  (Inselspital)  verlegt.  Aufgrund  von  Blutanalysen  nach  der 
Geburt  wurde  eine  fetomaternale  (Makro)transfusion  diagnostiziert,  welche  dazu  geführt 
hatte, dass die Klägerin 1 bis zum Zeitpunkt der Geburt schätzungsweise 75% ihres Blutes 
verloren  hatte  (vgl. Gutachten  M  S.  9;  vgl.  auch  KlBl  15  S.  4).  Sie  wurde  aufgrund  der 
vorliegenden Akten mit einem Hämoglobin von 3.9 g/dl (vgl. KlBl 7/19; ein Geräteausdruck 
dieser  ersten  Blutentnahme  liegt  nicht  vor;  Normalwert:  16.8  g/dl  [M.H.  KLAUS  / 
A.A. FANAROFF,  Care  of  the  high-risk  neonate,  Philadelphia  2001,  vgl.  Gutachten  M  S.  9]), 
einem pH von rund 7.04 (vgl. KlBl 7/18 [Ausdruck ohne Zeitangabe, KlBl 7/19: 15 Minuten 
nach  Geburt];  pH-Minimum:  6.9,  vgl.  Bericht  der  Medizinischen  Universitäts-Kinderklinik, 
Inselspital  Bern,  vom  26.  Juni  1997;  pH  von  6.998  um  07.12  Uhr,  vgl. KlBl 7/18)  und 

 
 
- 43 - 

einem APGAR von 0/0/2 als praktisch totes Kind geboren (KlBl 7/35) und wies namentlich 
eine schwere Hirnschädigung auf. 

Es stellt sich damit die Rechtsfrage, ob die bei Geburt festgestellte schwere Hirnschädigung 
(hypoxisch-ischämische  Encephalopathie,  vgl.  KlBl  7/35)  der  Klägerin  1  bei  ausgeprägter 
Anämie  (Mangel  an  roten  Blutkörperchen  im  Kreislauf  des  Kindes)  auf  der  Basis  einer 
fetomaternalen  (Makro)transfusion  (ICD-10  P50.4;  infolge  eines  bis  zum  Zeitpunkt  der 
Geburt stattgefundenen Übertritts von kindlichem Blut in den Blutkreislauf der Mutter) und 
ausgeprägter Azidose (schwerer Sauerstoffmangel im Gewebe der Klägerin 1, insbesondere 
im  Hirngewebe)  nach  dem  gewöhnlichen  Lauf  der  Dinge  und  allgemeiner/medizinischer 
Erfahrung  letztlich  durch  die  sorgfaltswidrige  Unterlassung  eines  Kaiserschnitts  durch  den 
Beklagten (ein Kaiserschnitt wäre vorliegend, wie ausgeführt, bis spätestens um 05.10 Uhr, 
eventuell  bereits  gegen  03.40  Uhr  vorzunehmen  gewesen)  herbeigeführt  worden  ist,  oder 
aber diese Unterlassung zumindest allgemein geeignet war, den Eintritt eines Hirnschadens 
in der Art des eingetretenen zu begünstigen.  

b)  Die  Frage,  inwieweit  der  Gesundheitszustand  der  Klägerin  1  durch  ein  anderes 
Vorgehen unter der Geburt beeinflussbar gewesen wäre, kann gemäss dem FHM-Gutachten 
nicht  aufgrund  von  eindeutigen  Fakten  beurteilt  werden.  Es  bestehe  hier  ein  weiter  Raum 
für Spekulationen. Es sei völlig unklar, zu welchem Zeitpunkt die fetomaternale Transfusion 
(Blutübertritt vom Fetus in den Kreislauf der Mutter) eingesetzt habe. Am 8. Juni 1997 sei 
das  Herzfrequenzmuster  völlig  unauffällig  gewesen  und  auch  unmittelbar  nach  der 
Aufnahme der Klägerin 2 habe das CTG kein sinusoidales Muster gezeigt. Allerdings sei das 
CTG  bereits  um  02.10  Uhr  suspekt  gewesen  (rund  20  Minuten  nach  Beginn  der  CTG-
Aufzeichnung)  und  hätte  spätestens  gegen  03.00  Uhr  eine  MBU  gerechtfertigt.  Bei  dieser 
hätte man dann nicht nur den aktuellen pH-Wert aus dem kindlichen Kapillarblut (Blut aus 
den  Endstrombahnabschnitten  des  Gefässsystems)  feststellen,  sondern  auch  Hinweise  auf 
eine möglicherweise bestehende Anämie des Feten gewinnen können. Hätte man zu diesem 
Zeitpunkt  bereits  eine  schwere  Azidose  und  eine  fetale  Anämie  festgestellt,  hätte  der 
Kaiserschnitt möglicherweise keine wesentliche Verbesserung der Gesundheitssituation des 
Neugeborenen bewirkt. Wenn die MBU jedoch  eine leichte Azidose ergeben hätte,  so wäre 
nach  einem  Kaiserschnitt  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  der  Zustand  des  Neugeborenen 
besser  gewesen  als  nach  einer  vaginalen  Geburt  drei  Stunden  später.  Zusammenfassend 
kamen  die  Experten  zum  Schluss,  dass  es  zu  einer  ausgeprägten  fetomaternalen  Trans-
fusion gekommen sei, die im Aufnahme-CTG nicht mit einem pathologischen Herzfrequenz-
muster  assoziiert  gewesen  sei.  Da  keine  MBU  durchgeführt  worden  sei,  lasse  sich  der 
kindliche  Zustand  unter  der  Geburt  nicht  eindeutig  beurteilen.  Die  Aktenlage  lasse  einen 
schlüssigen  Beleg  für  die  Argumentation,  dass  durch  eine  frühzeitige  Kaiserschnitt-
entbindung der Zustand des Neugeborenen besser gewesen wäre, nicht zu (vgl. KlBl 15). 

Sämtliche  Gutachter  vermuten  aufgrund  des  unspezifischen  Symptoms  der  verminderten 
Kindsbewegungen, dass die ausgeprägte fetomaternale (Makro)Transfusion bereits vor dem 
Spitaleintritt erfolgt sei (KlBl 15 S. 6; act. 88 S. 11; Gutachten M S. 10 f.). Dres. L und K 
sagen  aber  gleichzeitig,  dass  die  fetomaternale  Transfusion  auch  erst  unter  der  Geburt 
eingetreten sein könnte (KlBl 15 S. 4; act. 88 S. 8 oben), der Zeitpunkt sei letztlich unklar. 
Jedenfalls  war  das  CTG  bei  Eintritt  gemäss  den  FMH-Gutachtern  nicht  mit  einem 
pathologischen  beziehungsweise  sinusoidalen  Muster  assoziiert  (KlBl  15  S.  6).  Diese  CTG-
Interpretation  wird  durch  den  Austrittsbericht  des  Inselspitals  Bern  vom  26.  Juni  1997 
gestützt,  in  dem  das  CTG  bei  Eintritt  als  "leicht  eingeschränkt"  beurteilt  wurde  (KlBl  8). 
Damit  ist  entgegen  der  späteren  Äusserung  von  Dr.  L  (vgl. act.  116  S.  3)  nicht  mit 
überwiegender  Wahrscheinlichkeit  erstellt,  dass  bereits  bei  Spitaleintritt  eine  ausgeprägte 
fetomaternale  Transfusion  vorlag,  welche  in  der  Folge  über  eine  Anämie  eine  Azidose 

 
 
 
- 44 - 

bewirkt  hatte  (vgl.  act.  88  S.  11).  Infolgedessen  ist  auch  nicht  mit  überwiegender 
Wahrscheinlichkeit  erstellt,  dass  bei  Spitaleintritt  bereits  eine  Schädigung  der  Klägerin  1 
bestanden hatte (act. 116 S. 3). Vielmehr ist mit den FMH-Gutachtern davon auszugehen, 
wie  weiter  unten  ausgeführt  wird,  dass  es  in  Folge  der  Anämie  "unter  der  Geburt"  zur 
schweren Azidose der Klägerin 1 gekommen ist (KlBl 15 S. 4).  

Zur  Frage,  wann  die  Schädigung  der  Klägerin  1  eingetreten  ist,  antwortete  Dr.  L  später, 
dass  dies  möglicherweise  bereits  vor  der  Geburt  der  Fall  war,  möglicherweise  mit 
Verschlimmerung  unter  der  Wehentätigkeit.  Eine  Schädigung  könnte  aber  auch  erst  unter 
der  Geburt  eingetreten  sein.  Allerdings  sei  (statistisch)  die  häufigste  Ursache  (90%)  für 
eine  kindliche  Schädigung  vor  der  Geburt  zu  suchen.  Nur  10  %  der  Schädigungen  träten 
während der Geburt auf. Dabei beruft er sich auf die Studien von Parer, Gaffney und Nelson 
(J.T.  PARER  /  T.  KING,  Fetal  heart  rate  monitoring: is it  salvageable?  Am  J  Obstet  Gynoecol 
2000  S.  982  ff.;  G.  GAFFNEY  et  al.,  Case-control  study  of  intrapartum  care,  cerebral  palsy, 
and perinatal death, BMJ 1994 S. 743 ff.; K.B. NELSON et al., Uncertain value of electronic 
fetal  monitoring  in  predicting  cerebral  palsy,  N  Engl  J  Med  1996  S.  613  ff.).  Er  fährt  fort, 
dass gemäss Scheller (J.M. SCHELLER / K.B. NELSON, Does cesarean delivery prevent cerebral 
palsy  or  other  neurologic  problems  of  childhood?  Obstet  Gynecol  1994  S.  624  ff.)  mittels 
eines  Kaiserschnitts  die  Risiken  für  neurologische  Schädigungen  und  eine  Zerebralparese 
nicht  zu  reduzieren  seien  (act.  88  S. 8).  Zu  den  ersten  Studien  bemerkt  Dr.  M  in  seinem 
Schreiben  vom  4. Januar  2006,  dass  diesen  nicht  ein  spezifisches  Kollektiv  von  Fällen  mit 
pathologischem  CTG  zugrunde  liege.  Er  hat  in  seinem  Gutachten  dargelegt,  dass  das 
Symptom  der  verminderten  oder  fehlenden  Kindsbewegungen  in  nicht  wenigen  Fällen  mit 
einer  schweren  Störung  einhergehe,  deren  Konsequenz  schwerste  hypoxisch-ischämische 
Enzephalopathie  oder  Tod  sein  können.  Wenn  allerdings  die  Geburt  zügig  erfolgte,  habe 
eine Reihe von Kindern auch folgenlos überlebt (Gutachten M S. 9, mit Hinweis). Mit Blick 
auf  die  Geburtsbetreuung  hielt  er  fest,  dass  der  seltenen  fetomaternalen  Transfusion 
höchstens durch rechtzeitige adäquate Reaktion auf Frühzeichen wie eingeschränkte Kinds-
bewegungen  und  CTG-Veränderungen  erfolgreich  begegnet  werden  könne.  Werden  diese 
Chancen  nicht  rechtzeitig  genutzt,  müsse  in  schweren  Fällen  mit  erheblichem  Blutverlust 
des  Feten  und  zusätzlichen  respiratorischen  und  metabolischen  Belastungen  mit  einem 
ungünstigen Ausgang gerechnet werden (Gutachten M S. 11). In Erwiderung auf Dr. M und 
gestützt  auf  eine  Studie  von  Leveno  von  1986  (KJ. LEVENO /  FG.  CUNNINGHAM  /  S.  NELSON  / 
M. ROARK  /  ML.  WILLIAMS  /  D. GUZICK  et  al.,  A prospective  comparison  of  selective  and 
universal  electronic  fetal  monitoring  in  34'995  pregnancies,  N Engl  J  Med  1986  S  615  ff.) 
führte  Dr.  L  daraufhin  aus,  dass  es  sehr  schwer  sei,  aus  dem  CTG  eine  Ursache-
Wirkungsbeziehung abzuleiten (act. 116 S. 2). 

c) Zunächst ist festzuhalten, dass Dr. L hinsichtlich der von ihm zitierten Studien nicht 
angibt,  ob  ihnen  ein  Kollektiv  zugrunde  liegt,  bei  dem  eine  fetomaternale  Transfusion 
stattfand.  Zudem  ist  bei  der  Beantwortung  der  Frage  der  adäquaten  Kausalität  nicht  auf 
statistische  Werte  abzustellen.  Es  ist  somit  nicht  ersichtlich,  inwiefern  diesen  Aussagen 
vorliegend  Beweiswert  zukommt.  Hinsichtlich  der  erwähnten  Studie  Leveno  und  insbe-
sondere der Wertigkeit des subpartualen CTG stellt das Gericht vielmehr fest, dass der von 
Dr. L erwähnten AWMF-Leitlinie 2004 Nr. 015/036 (Ziff. 4.2) Folgendes entnommen werden 
kann: "Die zunächst vorliegenden prospektiv randomisierten Studien (…., Leveno 1986, ….) 
fanden selbst in Hochrisikokollektiven keine Verbesserung des perinatologischen "outcome", 
abgesehen  von  Krämpfen 
im  Neugeborenenalter.  (…)  Neuere  Auswertungen  der 
vorliegenden Studien (nach Herausnahme von Studien mit methodischen Fehlern) ergeben 
allerdings Vorteile der elektronischen CTG-Registrierung: Nach Vintzileos führt das CTG zu 
einer  Reduktion  der  perinatalen  Mortalität  (…)  und  zu  einer  signifikant  verbesserten 
Erkennung der verschiedene Formen der Geburtsazidose (Vintzileos 1995a, EL Ib)". Zudem 

 
 
 
- 45 - 

hat das Beweisverfahren ergeben, dass bei schlechtem CTG es nur in 30-40% der Fälle zu 
keinem  abnormalen  Verlauf  für  das  Kind  kommt  (vgl.  unter  anderem  act.  38  S.  6).  Das 
bedeutet,  dass  es  in  60-70%  der  Fälle  mit  schlechtem  CTG  tatsächlich  zu  einem 
abnormalen  Verlauf  kommt.  Das  wiederum  heisst,  dass  bei  im  CTG  angezeigter  bloss 
potenzieller  Gefährdung  sich  in  60-70%  dieser  Fälle  herausstellt,  dass  das  Kind  im 
Mutterleib  tatsächlich  gefährdet  war.  Aus  dem  Gesagten  kann  somit  wohl  nur  der  Schluss 
gezogen werden, dass sich im Einzelfall eine regelkonforme CTG-Überwachung lohnt, wenn 
aus  schlechten  CTG's,  gemäss  den  Regeln  der  ärztlichen  Kunst,  rechtzeitig  die  nötigen 
Konsequenzen  gezogen  werden  und  mithin  ein  Kaiserschnitt  vorgenommen  wird,  wenn 
weiteres  Zuwarten  nicht  mehr  vertretbar  ist.  Dies  war  vorliegend  mit  Sicherheit  um 
05.10 Uhr der Fall, möglicherweise bereits gegen 03.40 Uhr.  

d) Hätte eine Mikroblutuntersuchung um 03.00 Uhr eine leichte Azidose gezeigt, wäre 
nach  einem  Kaiserschnitt  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  der  Zustand  des  Neugeborenen 
besser gewesen als nach einer vaginalen Geburt drei Stunden später (KlBl 15 S. 6; act. 88 
S.  12).  Dass  eine  asphyktische  Schädigung  in  der  Regel  somit  kumulativ  und  progressiv 
verläuft, wie auch die Kläger einbringen (vgl. act. 151 S. 33; Gutachten M S. 9 ff.), dürfte 
eine  Erfahrungstatsache  darstellen.  Der  zeitliche  Verlauf,  der  Schweregrad  und  die  Dauer 
des Sauerstoffmangels beeinflussen das Ausmass der Gehirnverletzung und der sekundären 
asphyktischen Schädigung. Entsprechend stellt eine (durch Abklärung objektivierte) "fetale 
Azidose"  eine  absolute  Sectio-Indikation  dar,  was  bedeutet,  dass  ein  Kaiserschnitt  "aus 
zwingenden  geburtsmedizinischen  Gründen,  namentlich  zur  Rettung  von  Leben  und 
Gesundheit  des  Kindes"  (AWMF  online  2006,  Leitlinie  Nr.  015/054:  Absolute  und  relative 
Indikation  zur  Sectio  caesarea  und  so  genannte  Sectio  auf  Wunsch,  Kp.  2  Ziff.  1  lit. a) 
rasch vorzunehmen ist (vgl. auch AWMF online 2004, Leitlinie Nr. 015/036 zur Anwendung 
des CTG während der Schwangerschaft und Geburt, Kp. 5 Ziff. 5.5.1). Dasselbe gilt bei der 
relativen Sectio-Indikation, bei der namentlich infolge "pathologischen CTG's, protrahierter 
Geburt  (und)  Geburtsstillstand"  eine  Abwägung  der  geburtsmedizinischen  Risiken  für 
Mutter und Kind geboten (AWMF online 2006, Leitlinie Nr. 015/054, Kp. 2 Ziff. 1 lit. b) und 
eine  Sectio  durchzuführen  ist,  sobald  ein  weiteres  Abwarten  aufgrund  der  medizinischen 
Handlungsregeln  nicht  mehr  vertretbar  ist.  Auch  wenn  der  Gerichtsgutachter  somit 
anmerkt, dass es "wegen fehlender exakter Dokumentation des kindlichen Zustandes unter 
der  Geburt"  rein  spekulativ  sei,  inwieweit  ein  Kaiserschnitt  um  05.10  Uhr  oder  zu  einem 
früheren  Zeitpunkt  einen  günstigeren  postpartalen  (nachgeburtlichen)  Verlauf  ermöglicht 
hätte (act. 66 S. 11; act. 116 S. 3 unten), ist davon auszugehen, dass solche Leitlinien und 
Handlungsregeln  einer  gynäkologischen  Fachgesellschaft,  welche 
im  Übrigen,  wie 
dargestellt,  auch  bei  der  Beklagten  galten,  auf  langjähriger  klinischer  Erfahrung  beruhen 
und  nicht  grundlos  erstellt  werden.  Mithin  ist  davon  auszugehen,  dass  ihre  Befolgung  mit 
überwiegender  Wahrscheinlichkeit  geeignet  ist,  Schäden  der  eingetretenen  Art  zu 
verhindern oder zumindest zu vermindern.  

e)  Vorliegend  war,  wie  dargestellt,  spätestens  um  05.10  Uhr  eine  rasche  Schnittent-
bindung indiziert. Bei erstellter Sectiobereitschaft wäre die Klägerin 1 spätestens um 05.30 
bis  05.40  Uhr  geboren  worden.  Stattdessen  wurde  sie  durch  die  Hebamme  um  diese  Zeit 
bei  schweren  variablen  Dezelerationen  (05.40  Uhr)  erneut  intrauterin  reanimiert.  Danach 
dauerte  es  nach  Erhöhung  der  Syntocinongabe  um  05.50  Uhr  (und  damit  unter  künstlich 
erhöhtem  Geburtsstress  für  das  Kind)  bei  pathologischem  CTG  (mit  schweren  variablen 
Dezelerationen)  noch  41  Minuten  bis  zur  vaginalen  Geburt,  wobei  das  CTG  um  06.15  Uhr 
"schwerste"  variable  Dezelerationen  aufweist  (KlBl  15  S.  3  und  5).  Wie  aus  dem  Zustand 
der  Klägerin  1  bei  Geburt  geschlossen  werden  muss  -  sie  war,  wie  dargelegt,  ohne  jedes 
Lebenszeichen  praktisch  tot  geboren  worden  (APGAR  0  noch  5  Minuten  nach  der  Geburt) 
mit  insbesondere  schwerer  Anämie  und  schwerer  metabolischer  Azidose  (vgl. unter 

 
 
 
 
- 46 - 

anderen KlBl 7/18, 7/19 und KlBl 15 S. 4 Mitte sowie oben II. 1. b sowie V. 3 zu Beginn) - , 
bestand die im CTG angezeigte potenzielle schwere Gefährdung der Klägerin 1 tatsächlich. 
Dies  bedeutet,  dass  die  Klägerin  1  nach  erneuter  intrauteriner  Reanimation um  05.40  Uhr 
und  nach  Erhöhung  des  Syntocinon  10  Minuten  später,  vorgeburtlich während  mindestens 
20  bis  40  Minuten  einem  zunehmend  erheblichen  Sauerstoffmangel  ausgesetzt  gewesen 
sein musste, welcher jedenfalls geeignet war, nach unauffälligem Schwangerschaftsverlauf 
die festgestellte schwere hypoxisch-ischämische Hirnschädigung zu verursachen (vgl. dazu 
gemäss Angaben des Vertreters der Klägerin 7 etwa LARSEN, S. 1009 f. sowie KAY GOERKE / 
JOACHIM STELLER / AXEL VALET, Klinikleitfaden Gynäkologie / Geburtshilfe, 7. A., 2008, S. 345) 
und  welcher  letztlich  praktisch  zum  Tod  der  Klägerin  1  noch  kurz  vor  der  Geburts-
beendigung geführt hatte (vgl. APGAR 0/0/2). Da eine Hirnschädigung gemäss allgemeiner 
Erfahrung  progressiv  verläuft  und  sich  je  schwerer  ausprägt,  je  mangelhafter  die  Ver-
sorgung des Gehirns wird und je länger dieser ungünstige Zustand andauert, ist vorliegend 
aufgrund  des  Dargelegten  somit  mit  dem  Beweisgrad  der  überwiegenden  Wahrscheinlich-
keit  erstellt,  dass  eine  rechtzeitige  Kaiserschnittentbindung  die  Hirnschädigung  der 
Klägerin 1  verhindert  hätte  oder  zumindest  geeignet  gewesen  wäre,  das  Ausmass  der 
Hirnschädigung erheblich zu begrenzen. Jedenfalls war die Gefahr, dass die Klägerin 1 bei 
Fortsetzung  der  vaginalen  Geburt  tatsächlich  Schaden  nehmen  könnte,  spätestens  um 
05.10  Uhr  aufgrund  der  gesamten  Umstände  klar  erkennbar,  mithin  eine  mögliche 
Schädigung vorhersehbar; es war und ist bekannt, dass schlechte CTG's mit einer Gesund-
heitsschädigung des Neugeborenen, namentlich einer Hirnschädigung, einhergehen können 
und dass daher rechtzeitig die nötigen Massnahmen ergriffen werden  müssen, um solches 
zu verhindern. 

f) Wäre hingegen die Klägerin 1 bei Spitaleintritt infolge einer bereits stattgefundenen 
fetomaternalen  Transfusion  erheblichen  Ausmasses  bereits  hirngeschädigt  gewesen,  so 
könnte  nicht  plausibel  erklärt  werden,  wie  sie  in  einem  solchen  Zustand  schwerer  Anämie 
und  Azidose  die  Belastungen  der  geschilderten  stundenlangen  Geburt  physisch  überhaupt 
hätte überleben können.  

Damit ist vorliegend gemäss dargestellter Rechtslage die Wahrscheinlichkeit des schädigen-
den  Kausalverlaufs  infolge  unterlassenen  Kaiserschnitts  zu  bejahen  und  mithin  die 
adäquate  Kausalität  zwischen  der  sorgfaltswidrigen  Betreuung  der  Geburt  durch  den 
Beklagten und der Schädigung der Klägerin 1 erstellt.  

Zusammenfassend  kann 

4. 
festgehalten  werden,  dass  sich  nach  unauffälligem 
Schwangerschaftsverlauf bei der Klägerin 1 im Rahmen des Geburtsgeschehens eine durch 
schweren Blutverlust entstandene schwere Anämie (Blutung via fetomaternale Transfusion) 
und  damit  einhergehend  eine  mangelnde  Organversorgung  mit  Sauerstoff  ereignet  hat. 
Eine so hervorgerufene Hirnschädigung wird nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge umso 
grösser,  je  schwerer  die  Anämie  und  im  Gefolge  die  Hypoxie  sich  ausprägt  und  je  länger 
dieser  Zustand  ohne  medizinische  Abhilfe  andauert.  Insofern  kann  davon  ausgegangen 
werden, dass die bei der Geburt erkannte schwere Hirnschädigung der Klägerin 1 mit über-
wiegender  Wahrscheinlichkeit  mögliche  Folge  der  äusserst  mangelhaften  Geburtsüber-
wachung  ist,  indem  gegen  die  Regeln  der  ärztlichen  Kunst  bei  Verzicht  auf  eine  MBU  und 
unter alleinigem Abstellen auf das CTG nicht spätestens um 05.10 Uhr die Entscheidung zu 
einem  raschen  Kaiserschnitt  getroffen  wurde.  Insbesondere  war  aufgrund  des  bisherigen 
Geburtsverlaufs  und  des  aufgezeichneten  CTG's  die  Gefahr  einer  Hirnschädigung  der 
Klägerin  1  vernünftig  und  objektiv  erkennbar  und  die  Möglichkeit  ihres  Eintritts 
vorhersehbar und daher ein längeres Zuwarten ab 05.10 Uhr nach den Regeln der geburts-
ärztlichen Kunst nicht mehr vertretbar.  

 
 
 
- 47 - 

Dass die Sorgfaltspflichtverletzung des Beklagten rechtserheblich ist, darf im Übrigen auch 
aus  dem  Umstand  abgeleitet  werden,  dass  aufgrund  der  nicht  vollständigen  CTG-
Dokumentation letztlich nicht beurteilt werden kann, ob ein Kaiserschnitt nach den Regeln 
der  ärztlichen  Kunst  nicht  bereits  gegen  03.40  Uhr  hätte  vorgenommen  werden  müssen. 
Jedenfalls wäre nach Ansicht der FMH-Gutachter der Zustand der Klägerin 1 bei Geburt mit 
grosser  Wahrscheinlichkeit  besser  gewesen,  wenn  eine  MBU  um  03.00  Uhr  eine  leichte 
Azidose  gezeigt  hätte  und  danach  eine  Kaiserschnittentbindung  erfolgt  wäre.  Aufgrund 
allgemeinmenschlicher  Überlegung  darf  auch  angenommen  werden,  dass  die  künstliche 
Stimulierung  von  Wehen  geeignet  war,  die  fetomaternale  Blutung  und  mithin  die  Anämie 
und  Azidose  der  Klägerin  1  zu  fördern.  Ganz  abgesehen  davon  dürfte  ein  anämisches  und 
azidotisches Ungeborenes Wehenstress umso weniger unbeschadet überleben, je länger es 
diesem Stresszustand ausgesetzt ist und je schlechter seine physische Kondition durch den 
Blutverlust  wird.  Anders  gewendet,  wäre  die  Klägerin  1,  welche  durch  fetomaternale 
Blutung  zum  Zeitpunkt  der  Geburt  rund  75%  ihres  eigenen  Blutes  verloren  hatte,  schwer 
azidotisch  und  praktisch  tot  war,  bereits  bei  Spitaleintritt  durch  eine  bereits  stattgehabte 
fetomaternale Blutung erheblichen Ausmasses geschädigt gewesen, wofür es keine sicheren 
Hinweise  gibt  (denn  abnehmende  Kindsbewegungen  am  Ende  der  Schwangerschaft  gelten 
als  unspezifisches  Zeichen,  vgl. Gutachten  M  S.  4  unten,  act. 116  S.  2),  könnte  nicht 
vernünftig nachvollzogen werden, wie sie mit einer solchen Vorschädigung den Stress einer 
vaginale  Geburt  von  mehreren  Stunden  Dauer  überhaupt  hätte  überleben  können. 
Aufgrund  des  Dargelegten  ist  somit  zwischen  dem  eingetretenen  Schaden  und  den 
pflichtwidrigen  Unterlassungen  des  Beklagten,  insbesondere  in  der  Nichtvornahme  eines 
Kaiserschnitts,  ein  adäquatkausaler  und  damit  ein  rechtserheblicher  Zusammenhang  zu 
bejahen.  Eine  andere  Lösung  würde  nicht  zuletzt  dem  Grundgedanken  der  gesetzlichen 
Haftpflicht widersprechen, dass ein Handlungsträger sich dadurch einer möglichen Haftung 
entziehen  könnte,  indem  er  im  Einzelfall  medizinisch  indizierte  Abklärungsmassnahmen 
unterlässt.  

I. 

Schlussfolgerungen 

1.  Nach  dem  Gesagten  ist  die  Haftpflicht  des  Beklagten  im  Grundsatz  zu  bejahen. 
Gründe  für  eine  Herabsetzung  (vgl.  Art.  44  OR)  der  Ersatzpflicht  liegen  nicht  vor  und 
werden  im  Übrigen  auch  nicht  geltend  gemacht.  Folglich  haben  die  Kläger  Anspruch  auf 
Schadenersatz. Dessen Höhe wird in einem späteren Verfahren festzusetzen sein. 

2.  Nebst  dem  Schadenersatz  machen  die  Kläger  auch  Genugtuungsansprüche  geltend. 
Die  Genugtuung  ersetzt  immateriellen  Schaden.  Zur  Anwendung  wird  wohl  der  bereits 
zitierte  Art.  7  Abs.  1  HGG  gelangen.  Ob  und  in  welchem  Umfang  solche  Verletzungen 
vorliegen, ist eine Frage der Schadenshöhe und wird im nachfolgenden Verfahren zu prüfen 
sein (vgl. BVR 2003 S. 241 Erw. 7 S. 253). 

3.  Die  Akten  sind  an  den  Instruktionsrichter  zurückzuweisen  zur  Fortführung  des 
Verfahrens,  nämlich  zur  Feststellung  des  Schadensersatz-  und  Genugtuungsanspruchs. 
Dazu wird insbesondere auch die Frage gehören, ob der Kläger 6, der nach der Geburt der 
Klägerin 1 auf die Welt kam, Anspruch auf Genugtuung haben kann. 

J.  Rechtsmittel 

Der vorliegende Entscheid ist ein Zwischenentscheid, mit welchem die Voraussetzungen der 
Haftung des Beklagten bejaht werden. Ein Rechtsmittel ist nicht gegeben (vgl. BGE 132 III 
785; Urteil des Bundesgerichts 4A_109/2007 vom 30. Juli 2007).  

 
 
 
- 48 - 

K.  Kosten 

Die Kosten dieses Entscheids bleiben vorbehalten. 

D e r   H o f   e r k e n n t :  

I. 

Die  Klage  wir  insofern  gutgeheissen,  als  die  Haftpflicht  des  Beklagten  im  Grundsatz 
bejaht wird.  

II 

Die Akten gehen zurück an den Instruktionsrichter. 

III.  Die Kosten bleiben vorbehalten. 

105.1; 105.2; 105.7