# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 2151863f-d175-5716-a72d-73b21ec9afe0
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2020-03-26
**Language:** de
**Title:** Schadenersatz nach Art. 52 AHVG. Ein Unternehmen darf nicht auf Kosten der Sozialversicherungen geführt werden. Der Verwaltungsrat hat daher dafür zu sorgen, dass bezüglich der ausbezahlten Löhne die Bezahlung der Sozialversicherungsabgaben sichergestellt ist.
**Docket/Reference:** AK.2019.00002
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/AK.2019.00002.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
AK.2019.00002
IV. Kammer
Sozialversicherungsrichter Hurst, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Arnold Gramigna
Ersatzrichterin Bänninger Schäppi
Gerichtsschreiber Hübscher
Urteil
vom
26. März 2020
in Sachen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch Rechtsanwalt Dominic Steffen
Winzeler
Steffen Rechtsanwälte
Zeltweg 23, 8032 Zürich
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
X.___
, geboren 1972,
war seit dem
15
.
Oktober
2014 (Tagesregister-Datum) als
Mitglied
des Verwaltungsrates mit Einzelunterschrift der
Y.___
AG
im Handelsregister des Kantons Zürich eingetragen
(
Urk.
5/1,
Urk. 5/414/5,
Urk.
5/390
)
. Die Gesellschaft war der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse, als beitragspflichtige Arbeitgeberin angeschlossen
(
Urk
.
5/7).
Der Konkursrichter des Bezirksgerichts
Dietikon
eröff
nete mit Urteil vom 25
. Januar 201
7
den Konkurs über die Gesellschaft (Urk.
5
/
380
). Mit Urteil desselben Richters vom
23
. J
anuar
201
8
wurde das Konkursverfahren
mangels Aktiven eingestellt
(Urk.
5
/
40
3).
Mit Verfügung
vom
8. A
u
gust
2018 verpflichtete
die Ausgleich
s
kasse
X.___
zur Leistung von Schadenersatz für ihr ent
gangene Lohnbeiträge (inkl. Nebenkosten) im Betrag von Fr.
187'851.80
(Urk. 5/414/2-3)
.
Die dagegen von
X.___
am
6.
September 2018 erho
bene
Einsprache (
Urk. 5/432)
wies d
ie Aus
gleichskasse mit
Einsprache
entscheid
vom
1
0.
Dezember
2018 ab (Urk. 2).
2.
G
egen
diesen Entscheid
erhob
X.___
am
7
.
Januar
201
9
Beschwerde und
beantragte,
die
Schadenersatz
verfügun
g der Beschwerdegegnerin in der Höhe von Fr. 187'851.80 sei
aufzuheben (Urk. 1
)
.
Mit Beschwerdeantwort vom 11
.
Feb
ruar
201
9
beantragte die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde (Urk. 4
, unter Beilage der Kassenakten
,
Urk. 5
/1-4
37), was dem Beschwerdeführer am 12. Februar 2019 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
6).
In der Folge
liess der Beschwerdeführer dem Gericht am
3.
April 2019 mitteilen, dass er im vorliegenden Verfahren nunmehr durch Rechtsanwalt Dominic Steffen vertreten werde (
Urk.
7-8). Daraufhin wurden Rechtsanwalt Steffen antrags
ge
mäss die Verfahrensakten für kurze Zeit zur Einsicht zugestellt (
Urk.
9). Er reichte mit der
Aktenretournierung
vom 1
2.
April 2019 (
Urk.
10)
jedoch
keine Stellung
nahme zur Beschwerdeantwort der Beschwerdegegnerin ein.
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art. 52 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Alters- und
Hinterlas
senen
ver
siche
rung
(AHVG)
hat ein Arbeitgeber, der durch absichtliche oder grobfahrläs
sige Missachtung von Vorschriften der Versicherung einen Schaden zufügt, die
sen zu ersetzen. Handelt es sich beim Arbeitgeber um eine juristische Person, so haften subsidiär die Mitglieder der Verwaltung und alle mit der Geschäftsführung oder Liquidation befassten Personen. Sind mehrere Personen für den gleichen Schaden verantwortlich, so haften sie für den ganzen Schaden solidarisch (Art. 52 Abs. 2 AHVG).
1.2
Die Vorschriften über die Arbeitgeberhaftung nach Art. 52 AHVG sowie die dazu entwickelte Rechtsprechung des Bundesgerichts finden mangels eigener Bestim
mungen sinngemäss Anwendung auf die Invalidenversicherungs- (Art. 66 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung), Erwerbsersatz- (Art. 21 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Erwerbsersatz für Dienstleistende und bei Mutter
schaft) und Arbeitslosenversicherungsbeiträge (Art. 6 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung) so
wie auf jene an die Familienausgleichskassen (FAK) gemäss dem Bundesgesetz über die Familienzulagen (Art. 25
lit
. c).
2.
2.1
Voraussetzung für eine Haftung nach Art. 52 AHVG ist zunächst das Vorliegen eines Schadens. Dieser besteht darin, dass der AHV ein ihr gesetzlich geschuldeter Beitrag entgeht. Die Höhe des Schadens entspricht dabei dem Betrag, dessen die Kasse verlustig geht (Thomas Nussbaumer, Die Ausgleichskasse als Partei im Schadenersatzprozess nach Artikel 52 AHVG, ZAK 1991 S.
383 ff. und 433 ff.). Verwaltungs- und Betreibungskosten, Veranlagungs- und Mahngebühren sowie die Verzugszinsen bilden Bestandteil des Schadens, welcher der Ausgleichskasse zu ersetzen ist (BGE 121 III 382 E. 3bb; vgl. auch BGE 109 V 95 oben, 108 V 189 E. 5). Im Hinblick auf die in Art. 14 Abs. 1 AHVG normierte Beitrags- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers gehören auch die Arbeitgeberbeiträge zum massgeblichen Schaden (BGE 98 V 26 E. 5).
2.2
Mit Schadenersatzverfügung vom
8.
August 2018 führte die Beschwerdegegnerin aus,
dass
aufgrund des Konkurses der
Y.___
AG vom 2
5.
Januar 2017
paritä
tische Lohn- und FAK-Beiträge sowie Verwaltungskosten, Verzugszinsen
und Ge
bühren im Betrag von Fr. 191'947.70 ungedeckt geblieben seien
(
Urk.
5/414/2)
. Dieser Schaden ist aufgrund der Kassenakten ausgewiesen
(vgl. Beitragsübersicht
ab 2015
und Konto-Auszug vom
7.
August
2018
,
Urk. 5/414/7-9
und
Urk. 5/414/14
-20)
. Von diesem Betrag hat die Beschwerde
gegnerin
in der Scha
denersatz
ver
fügung vom
8.
August 2018
Lohnbeiträge
(
und Verwaltungskosten
)
für die Monate Januar und Februar 2017 in der Höhe von Fr. 3'909.30 abgezogen
, weil diese erst nach der Konkurseröffnung entstanden seien (
Urk.
5/414/2)
.
Dies ist nicht zu bean
standen.
Weil am
25. Januar 201
7
über die Gesellschaft der Konkurs eröffnet wurde (
Urk. 5/380
), konnte
der
Beschwerdeführer von diesem Zeit
punkt an nicht mehr über allenfalls vorhandenes Vermögen verfügen (vgl. Art. 204 des Bundes
gesetzes über Schuldbetreibung und Konkurs, SchKG) und insbesondere keine Zahlungen an die Beschwerdegegnerin mehr veranlassen (vgl. Urteil des Sozialversicherungsgerichts des Kantons Zürich AK.2010.00026 vom 22. Septem
ber 2011 E.
4.3.2).
Aus demselben Grund besteht auch keine Haftung für die Betreibungskosten im Zeitraum vom
2.
Februar 2017 bis 2
6.
März 2018 im Um
fang von total Fr.
121.-- (vgl. die Beitragsübersicht vom
7.
August 2018, Urk
.
5
/414/9).
Abzuziehen sind sodann die Beiträge für den
Berufsbildungsfonds BBF für das Jahr 2013 samt Nebenkosten in der Höhe von total Fr.
1'
52
5.
85
(
S.
3 der Beitrags
übersicht, Urk.
5/414/9,
Pos.
2016 0011
des Konto-Auszugs
, Urk.
5/414/19
).
D
ie Vorschriften über die Arbeitgeber
haf
tung nach Art. 52 AHVG sowie die dazu entwickelte Rechtsprechung finden näm
lich keine Anwendung auf die Beiträge an den Berufsbildungsfonds gemäss §§ 26a ff. des Einführungsgesetzes zum Bun
desgesetz über die Berufsbildung (Urteil
e
des Sozial
versicherungsgerichts des Kantons Zürich AK.2015.00045 vom 25. April 2017 E.
2.3
und AK.2016.00030 vom
4.
Oktober 2017 E. 2.3 mit Hinweis
).
Unter Abzug dieser
drei
Positionen
reduziert
sich die
in Frage kommende Scha
denssumme
auf Fr.
186
'3
91.5
5.
3.
3.1
Art. 14 Abs. 1 AHVG und die Art. 34 ff.
der
Verordnung über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung
(AHVV)
schreiben vor, dass der Arbeitgeber bei jeder Lohnzahlung die Arbeitnehmerbeiträge in Abzug zu bringen und zusammen mit den Arbeitgeberbeiträgen der Ausgleichskasse zu entrichten hat. Die Arbeitgeber
haben den Ausgleichskassen periodisch Abrechnungs
unterlagen über die von ih
nen an ihre Arbeitnehmer ausbezahlten Löhne zuzu
stellen, damit die entspre
chenden paritätischen Beiträge ermittelt und verfügt werden können. Die
Bei
tragszahlungs
- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers ist eine gesetzlich vor
geschriebene
öffentlichrechtliche
Aufgabe. Die Nichterfüllung dieser
öffentlich
rechtlichen
Aufgabe bedeutet eine Missachtung von Vorschriften im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG und zieht die volle Schadendeckung nach sich (BGE 118 V 193 E. 2a; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.6).
3.2
Aufgrund der Beitragsübersicht und dem Konto-Auszug vom
7.
August 2018 (
Urk.
5/414/7-9,
Urk.
5/414/14-20) sowie die übrigen
Kassenakten
ist erstellt, dass
die
Konkursitin
zwar beitragspflichtige Löhne ausrichtete,
ihren
damit
ein
her
gehenden
Abrechnungs- und Zahlungspflichten
aber
grösstenteils
nicht
nach
gekommen ist. Dadurch hat sie
öffentlichrechtiche
Vo
rschriften verletzt.
Zu prüfen ist, ob dies auf ein schuldhaftes Verhalten des Beschwerdeführers zu
rückzuführen ist.
4.
4.1
4.1.1
Die wesentliche Voraussetzung für die Schadenersatzpflicht besteht nach dem W
ortlaut des Art. 52 AHVG darin, dass der Ar
beitgeber absichtlich oder grob
fahrlässig Vorschriften verletzt hat und dass durch diese Missachtung ein Scha
den verursacht worden ist (BGE 108 V 183 E. 1a). Absicht beziehungsweise Vor
satz und Fahrlässigkeit sind verschiedene Formen des Verschuldens. Art. 52 AHVG statuiert demnach eine Verschuldenshaftung, und zwar handelt es sich um eine Verschuldenshaftung aus öffentlichem Recht. Die Schadenersatzpflicht ist im konkreten Fall nur dann begründet, wenn nicht Umstände gegeben sind, wel
che das fehlerhafte Verhalten des Arbeitgebers al
s gerechtfertigt erscheinen las
sen oder sein Verschulden im Sinne von Absicht oder grober Fahrlässigkeit aus
schliessen. In diesem Sinne ist es denkbar, dass ein Arbeitgeber zwar in vorsätz
licher Missachtung der AHV-Vorschriften der Ausgleichskasse einen Schaden zu
fügt, aber trotzdem nicht schadenersatzpflichtig wird, wenn besondere Umstände die Nichtbefolgung der einschlägigen Vorschriften als erlaubt oder nicht schuld
haft erscheinen lassen (BGE 108 V 183 E. 1b; ZAK 1985 S. 576 E. 2 und S. 619 E. 3a).
4.1.2
Grobe Fahrlässigkeit liegt praxisgemäss vor, wenn ein Arbeitgeber das ausser Acht lässt, was jedem verständigen Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als beachtlich hätte einleuchten müssen. Das Mass der zu ver
langen
den Sorgfalt ist abzustufen entsprechend der Sorg
faltspflicht, die in den kauf
männischen Belangen
jener Arbeitgeberkategorie, welcher die betreffende Person angehört, üblicherweise erwartet werden kann und muss (BGE 112 V 156 E. 4 mit Hinweisen; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.6).
4.1.3
Nicht jedes einer Firma als solcher anzulastende Ver
schulden muss auch ein sol
ches ihrer sämtlichen Organe sein. Vielmehr hat man abzuwägen, ob und inwie
weit eine Handlung der Firma einem bestimmten Organ im Hinblick auf dessen rechtliche und faktische Stellung innerhalb der Firma zuzurechnen ist. Ob ein Organ schuldhaft gehandelt hat, hängt demnach entscheidend von der Verant
wortung und den Kompetenzen ab, die ihm von der juristischen Person übertra
gen wurden (BGE 108 V 199 E. 3a; ZAK 1985 S. 620 E. 3b). Bei einfachen Ver
hältnissen muss vom einzigen Verwaltungsrat einer Aktiengesellschaft, der als solcher die Verwaltung der Gesellschaft als einzige Person in Organstellung zu besorgen hat, in der Regel der Überblick über alle wesentlichen Belange der Firma verlangt werden, und dies selbst dann, wenn er seine Befugnisse weitgehend an einen Geschäftsführer delegiert hat. Er kann mit der Delegation der Geschäfts
führung nicht zugleich auch seine Verantwortung als einziges Ver
waltungsorgan an den Ge
schäftsführer delegieren (BGE 108 V 199 E. 3b).
4.2
4.2.1
Der Beschwerdeführer war seit dem 15. Oktober 2014 (Tagesregister-Datum) bis zur Konkurseröffnung über die
Y.___
AG
am
25. Januar 201
7
als einziger Verwaltungsrat
dieser Gesellschaft im Handelsregister des Kantons Zürich einge
tragen (Internet-Handelsregisterauszug). Demnach war er im vorliegend mass
ge
benden Zeitraum vom
1.
Januar 2015 bis 3
1.
Dezember 2016, als die
Konkursi
tin
ihre Abrechnungs- und Zahlungspflichten missachtete, formelles Organ dieser Gesellschaft
(
statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_275/2019 vom 6. Novem
ber 2019 E. 2.2 mit weiteren Hinweisen) und war überdies für die Geschäftsfüh
rung verantwortlich (
Urk.
5/390/8)
.
Der Beschwerdeführer bringt vor, dass er die Unternehmung
wohl
früher hätte aufgeben
sollen. Im Geschäftsleben gebe
es aber wohl niemanden, der nicht alles unternehme, um den Fort
bestand seines eigene
n
Unternehmens zu ermöglichen (
Urk.
1).
Dem ist zu entgegnen, dass
derjenige
zu
min
dest grobfahrlässig
handelt
, wer den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seines Unter
neh
mens Löhne ausrichtet, ohne sicherzustellen, dass die darauf geschul
deten Sozial
versicherungsbeiträge und Nebenkosten bezahlt werden können (Urteil des Bundesgerichts H 213/03 vom
9.
Februar 2004 E. 5.1).
Mit
der Haftung nach
Art. 52 AHVG
soll gerade verhindert werden
,
das
s
Unternehmen
auf Kosten der Sozialversicherungen
ge
führ
t
werden
(Urteil des Bundes
gerichts H 34/02 vom
4.
März 2004 E. 5.4).
Gleichwohl
war dies bei der
vom Beschwerdeführer gelei
tete
n
Y.___
AG
der
Fall
.
Unbestrittenermassen beschäftigte d
ie
Y.___
AG
erst
ab Januar 2015 Arbeitnehmer
innen und Arbeitnehmer
(
Urk.
5/20 ff.
; Lohn
deklara
tion 2015, Urk.
5/239
)
, sie bezahlte aber bereits die
Akontobeiträge
und Neben
kosten für dieses Jahr zu
einem g
ross
en T
eil nicht
und
blieb alle folgenden
Akontobeiträge
und Nebenkosten ebenfalls schuldig
(vgl. den Konto-Auszug vom
7.
August 2018, Urk.
5/414/14
ff.
)
.
4.2.2
Es ist weiter zu berücksichtigen, dass sich ein
Arbeitgeber
nach der Recht
spre
chung des Bundesgerichts
wider
rechtlich und schuldhaft im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG
verhält, wenn er in Verletzung der Meldepflicht nach Art. 35 Abs. 2 AHVV zu tiefe
Akontobeiträge
leistet, ohne sicherzustellen, etwa durch Bildung von Rückstellungen, dass unter Berücksichtigung der zu erwarten
den wirtschaft
lichen Entwicklung genügend Mittel für die Begleichung der ent
sprechend höhe
ren Schlussabrechnung in
nert nützlicher Frist zur Verfü
gung stehen
(Urteil des Bundesgericht
s
9C_355/2010 vom 17. August 2010 E. 5.2.
1).
Gemäss Art. 35 Abs. 2 AHVV haben die Arbeit
geber der Aus
gleichskasse wesentliche Änderun
gen der Lohnsumme während des laufenden Jahres zu melden. Laut
Rand
ziffer
2048 der Wegleitung über den Bezug der Bei
träge (WBB) in der AHV,
IV und EO des Bundes
amtes für Sozial
versicherungen BSV (gleich
lautend in den ab 1. Januar 20
1
5
und
1. Januar 20
20
gültigen Versio
nen) gilt eine
Abweichung der jährlichen Lohn
summe von mindestens 10 Prozent von der ur
sprünglichen voraus
sichtlichen Lohn
summe als wesentlich im Si
nne von Art. 35 Abs. 2 AHVV. Da
rauf stellt auch
die bundesge
richtliche Rechtsprechung ab (Urteil des Bundesgerichts 9C_355
/20
09 vom 17. August 2010 E.
5.1).
Für das Jahr 2015 erhob die Beschwerdegegnerin
Akon
tobeiträge
auf einer
voraussichtlichen
Lohnsumme von Fr.
4
00'000.
-- (Urk. 5/170), was dem Beschwerdeführer aufgrund der Rechnungen vom 9.
Okto
ber, 5.
November
und 1.
Dezember
2015 erkennbar war (Urk.
5/173, Urk.
5/183, Urk.
5/185
)
. Mit der Lohndeklaration 2015 vom 3
1.
Mai 2016 - welche im Übri
gen deutlich zu spät eingereicht wurde (vgl.
Art.
36
Abs.
2 AHVV) - meldete die
Y.___
AG der
Beschwerdegegnerin eine Lohnsumme von Fr. 1'315'607.55 (
Urk.
5/239/2). Gemäss dieser Deklaration richtete die
Konkur
sitin
somit mehr als dreimal so viel Löhne aus, als von der Beschwerdegegnerin ursprünglich ange
nommen. Der Beschwerdeführer muss sich somit ebenfalls vorwerfen lassen, dass er der Beschwerdegegnerin diese wesent
liche Abweichung der Lohnsumme
wäh
rend des Jahres 2015
nicht meldete. Zwar bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass die
Konkursitin
die höheren
Akontobeiträge
im Jahr 2015
bezahlt hätte,
da sie
bereits
die während
dieses Jahres
in Rechnung gestell
ten Lohnbeträge und Nebenkosten grösstenteils nicht beglichen hat (vgl.
Pos. 2015 0003-0005 des
Konto-Auszug
s
vom
7.
August 2018
,
Urk.
5/414/14-15). Doch hatte die Nicht
meldung der Differenz
vorliegend zu Folge, dass die Aus
gleichsrechnung für das Jahr 2015 in der Höhe von
Fr.
121'767.25 erst am 5.
September 2016
(Urk.
5/300)
gestellt
werden konnte, als
die
Konkursitin
ihren Betrieb bereits eingestellt hatte (vgl.
Urk.
1).
Auch dies spricht somit dafür, dass die
Kon
kursitin
vom Beschwerdeführer
auf Kosten der
Sozial
versicherungen
ge
führt
wurde
.
4.2.3
Der Beschwerdeführer bringt vor, dass der Umsatz der
Y.___
AG gegen Ende des Jahres 2015 stark zurückgegangen sei. Im Jahr 2016 sei der Umsatz dann um 90
%
eingebrochen
. Es seien
daraufhin sogleich
alle
Sparm
assnahmen, die mög
lich gewesen seien, getroffen worden.
In der Folge
schien sich d
ie Lage zu verbes
sern
, da diverse Aufträge in
Aussicht
ge
standen
hätten
. Aus diesem Grund sei entschieden worden, etwas länger durchzuhalten. Dies zeige sich auch dadurch, dass er selbst der Gesellschaft mittels Einlagen finanzielle Mittel verschafft habe. Als sich dann im Juni
2016
die Aufträge nicht realisiert hätten, sei der Betrieb eingestellt worden (
Urk.
1). Dazu ist zunächst festzuhalten, dass der Beschwerde
führer keine Belege für die behaupteten Sanierungsmassnahmen
ein
gereicht und auch nicht ange
geben
hat, wo sie erhältlich gemacht werden könn
t
en. Zwar hat
er
mit seiner Ein
sprache vom
6.
Septem
ber 2018
genauere Angaben zu
seinen Einlagen gemacht
(Urk. 5/432)
. Weitere Abklärungen
zu diesen
Vorbringen des Beschwerdeführers können
aber
unterbleiben.
Im vorliegenden Zusammenhang wäre unter anderem massgebend
,
ob der Beschwerdeführer
die Sozialversiche
rungsbeiträge
für eine kurze Zeit nicht abgeliefert hat, weil auf
grund dieser vor
übergehenden Einsparung von Kosten und weiteren Sanierungs
massnahmen Aus
sicht auf eine Rettung des Unternehmens bestanden hätte (vgl. Urteil des Bun
desgerichts H 379/01 vom 3
0.
Oktober 2002 E. 2.3).
Vorliegend hat d
ie
Kon
kur
sitin
die Sozialversicherungsbeiträge und Nebenkosten
jedoch
- wie ausge
führt - von Beginn weg nicht bezahlt.
Von einer vorübergehenden Nichtbezah
lung der Beiträge zur Überwindung eines Liquiditätsengpasses kann somit von vornherein nicht gesprochen werden.
Deswegen muss weder die
behaupteten
Sanierungs
mass
nahmen
bewertet noch beurteilt werden, ob zu Beginn des Jahres 2016 tatsächlich eine realistische Chance auf Rettung der
Y.___
AG bestanden
hat
.
Dies führt dazu, dass sich d
er Beschwerdeführer mit seinen Vorbringen nicht zu entlasten
vermag
. Er verursachte den Schaden der Beschwerdegegnerin zumin
dest grobfahrlässig.
5.
5.1
Die Schadenersatzpflicht des Arbeitgebers nach Art. 52 Abs. 1 AHVG setzt vor
aus, dass zwischen der absichtlichen oder grobfahrlässigen Missachtung von Vorschriften und dem eingetretenen Schaden ein adäquater Kausalzusam
men
hang gegeben ist (BGE 119 V 401 E. 4a mit Hinweisen auf die Lehre, 103 V 120 E. 4).
5.2
Das vorwerfbare Verhalten
des Beschwerdeführers
führte zum Schaden der Be
schwerdegegnerin.
Hätte er dafür gesorgt, dass die Sozialversich
erungsbeiträge und Nebenkosten
-
insbesondere
die
auf den laufenden Lohnzahlungen geschuldeten Beiträge
-
bezahlt we
rden,
wäre der Schaden nicht eingetreten.
6.
Wie festgehalten (E. 2.2)
,
reduziert sich der Schaden, für den der Beschwerde
führer einzustehen hat,
aber
auf
Fr. 186'391.5
5.
Daher ist der
Einspracheent
scheid
der Beschwerdegegnerin vom 10. Dezember 2018 i
n teilweiser Gutheissung der Beschwerde dahingehend abzuändern,
das
s
der Beschwerdeführer
verpflichtet wird, Schadenersatz in der Höhe von
Fr.
186
'3
91.5
5
zu bezahlen.
Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen.
Das Gericht erkennt:
1.
In teilweiser Gutheissung der Beschwerde wird der
Einspracheentscheid
der Beschwer
degegnerin vom 10. Dezembe
r 2018 dahingehend abgeändert, das
s der Beschwerde
führer verpflichtet wird, Schadenersatz in der Höhe von
Fr.
186
'3
91.5
5
zu bezahlen. Im Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen.
2.
Das Verfahren ist kostenlos.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Dominic Steffen
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
4.
Da der Streitwert Fr. 30'000.-- übersteigt, kann gegen diesen Entscheid innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff., ins
besondere Art. 85, in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundesgesetzes über das Bundes
gericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis
und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDer Gerichtsschreiber
HurstHübscher