# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 2fb6420f-b0c5-56db-8030-9db8d6420e23
**Source:** Appenzell Ausserrhoden (AR)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 1992-12-15
**Language:** de
**Title:** Appenzell Ausserrhoden Kantonsgericht Sammlung ARGVP 15.12.1992 Verwaltung ARGVP 1992 1224
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/AR_Gerichte/AR_KG_005_Verwaltung-ARGVP-199_1992-12-15.pdf

## Full Text

A. Entscheide des Reqierunqsrates 1224

2. Finanzen

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Erbschaftssteuerveranlagung. Bewertung der Liegenschaften (Art. 
139 f. StG; bGS 621.11).

Die Liegenschaften aus dem Nachlass G. wurden für die Erb­
schaftssteuern zu dem Wert veranlagt, zu dem sie einem der Erben 
zugewiesen wurden. Dagegen erhob die Erbengemeinschaft Rekurs 
mit dem Begehren, es sei für die Berechnung der Erbschaftssteuern 
vom (sechsmal tieferen) amtlichen Wert der Liegenschaften auszuge­
hen. Als die Steuerrekurskommission diesen Antrag schützte, erhob 
die kantonale Steuerverwaltung Kassationsbeschwerde. Der Regie­
rungsrat wies die Beschwerde aus folgenden Erwägungen ab:
(1 •)
2. Es ist einzig umstritten, zu welchem Wert die zum Nachlass G. ge­
hörenden landwirtschaftlichen Parzellen für die Erbschaftssteuer zu 
veranlagen sind. Bewertungsvorschriften für die Erbschaftssteuer fin­
den sich in Art. 139 f. Gesetz über die direkten Steuern (StG; bGS 
621.11). Strittig ist dabei die Anwendung von Art. 140 Abs. 2 StG:

Die Bewertungsregeln nach Art. 38 bis 42 finden sinngemäss An­
wendung. Für Grundstücke können die Steuerorgane und der Steuer­
pflichtige eine Neuschätzung auf den Todestag verlangen. Eine be­
sondere Ausnahme gilt für Vermögensgegenstände, die bis zum Tei­
lungstag veräussert werden; für sie ist der tatsächliche Erlös massge­
bend.

Die Steuerrekurskommission ist der Ansicht, dass für die Bewer­
tung der Liegenschaft vom steueramtlichen Schätzungswert auszuge­
hen sei, der bei Unterzeichnung des Erbteilaktes gelte. Aus Art. 140 
Abs. 2 StG ergebe sich, dass die Praxis der Gemeinden und der kan­
tonalen Steuerverwaltung rechtswidrig sei, wonach in Fällen, in wel­
chen sich die Erben vor der Erbteilung auf einen anderen Übernah­

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mewert als den aktuellen Steuerschätzungswert einigten, dieser der 
Erbschaftssteuerveranlagung zugrunde zu legen sei. Die Beschwer­
deführerin ist dagegen der Auffassung, dass für die Bewertung der 
Liegenschaft der zwischen den Erben vereinbarte Übernahmewert 
massgebend sei. Die Auslegung der genannten Bestimmung unter 
dem Aspekt des Normenzweckes und unter Berücksichtigung von Art. 
2 Abs. 1 StG, nach dem die Vorschriften des Steuergesetzes nach den 
tatsächlichen Verhältnissen zur Anwendung zu bringen seien, ver­
lange, dass die Übernahme eines Vermögensbestandteiles durch 
einen oder mehrere Erben der Veräusserung durch die Erbengemein­
schaft an einen Dritten gleichzusetzen sei.
3. Steht die Anwendbarkeit einer Gesetzesbestimmung auf einen be­
stimmten Sachverhalt in Frage, so ist der Sinn einer Rechtsnorm zu 
ermitteln. Dies hat durch Gesetzesauslegung zu geschehen, wenn der 
Gesetzeswortlaut nicht klar ist oder wenn der Gesetzeswortlaut zwar 
klar ist, aber Zweifel darüber bestehen, ob er den wahren Sinn der 
Norm wiedergebe. Ist der Sinn einer Norm klar, erübrigt sich in der 
Regel eine Auslegung (vgl. Ulrich Häfelin/Walter Haller, Schweizeri­
sches Bundesstaatsrecht, 2. Aufl., Zürich 1988 N. 64). Die Vorinstanz 
hat sich eingehend mit der Bedeutung der Gesetzesauslegung im all­
gemeinen und für das Steuerrecht im besonderen befasst; auf diese 
Ausführungen kann verwiesen werden. Festzuhalten bleibt, dass keine 
der verschiedenen Auslegungsmethoden gegenüber der anderen Vor­
rang geniesst (Methodenpluralismus) und dass bei der Gewichtung 
der Auslegungselemente auch Rücksicht auf ein vernünftiges und 
praktikables Ergebnis genommen werden soll ( , N. 111
ff.).
4. Ausgangspunkt ist also der Wortlaut des Gesetzes, im vorliegenden 
Fall Art. 140 Abs. 2 StG. Nach Auffassung der Steuerrekurskommission 
impliziert der Begriff der "Veräusserung" die Übertragung eines Ver­
mögenswertes auf einen neuen Rechtsträger. Der Wortlaut setze zu­
dem die Entgeltlichkeit der Veräusserung voraus. Eine Übernahme ei­
nes Grundstückes in die Alleinberechtigung eines an der Erbschaft 
mitbeteiligten Erben sei dagegen ein Akt der Erbteilung und kein Ver- 
äusserungsgeschäft; zudem sei die Übertragung der im Gesamtei­
gentum befindlichen Liegenschaft in das Alleineigentum der Tochter 
auch nicht vor, sondern erst bei der Teilung erfolgt.

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Mit Recht bestreitet die Beschwerdeführerin dieses Ergebnis der 
grammatikalischen Auslegung nicht. Sie wendet aber dagegen ein, 
dass bei einer Auslegung nicht allein vom strengen Wortlaut der Ge­
setzesbestimmung auszugehen sei, sondern auch nach dem Zweck 
der Vorschrift zu fragen sei. Wie bereits ausgeführt, besteht die Not­
wendigkeit den Sinn einer Rechtsnorm zu ermitteln aber nur dann, 
wenn der Gesetzeswortlaut unklar ist (was im vorliegenden Fall weder 
zutrifft noch behauptet wird), oder wenn der Wortlaut zwar klar ist, 
aber Zweifel darüber bestehen, ob er den wahren Sinn der Norm wie­
dergebe.

Dass der Begriff "Veräusserung" tatsächlich nur im Sinne eines Ver­
kaufes an Dritte verstanden werden kann, zeigt folgendes: Das kanto­
nale Erbschaftssteuerrecht knüpft an zahlreichen Stellen an erbrechtli­
che Begriffe an und verweist auf Vorschriften des Zivilgesetzbuches 
(ZGB, SR 210). Der Gegenstand der Erbschaftssteuer beruht denn 
auch auf den dem Erbrecht zugrundeliegenden Sachverhalten (vgl. 
Art. 132 StG). Diese enge Verwandtschaft des Steuerrechts mit dem 
Erbrecht legt es nahe, einem im Wortlaut mit dem Zivilrecht überein­
stimmenden Steuerrechtsbegriff grundsätzlich den gleichen Inhalt zu 
geben wie im Privatrecht (vgl. Ferdinand Steuerrecht II,
Grundsteuern, Erbschafts- und Schenkungssteuern, Zürich 1984, S. 
83). Für den vorliegenden Fall ist in diesem Zusammenhang bedeut­
sam, dass das Zivilgesetzbuch bei einem Übergang einer Erbschafts­
sache an einen Erben konsequent die Begriffe Zuweisung oder Zutei­
lung unter Anrechnung, bei einer Übertragung an einen Dritten aber 
den Begriff Veräusserung oder Verkauf und Erlös verwendet. Dies lässt 
kaum Zweifel darüber aufkommen, dass auch der Begriff der Veräus­
serung in Art. 140 Abs. 2 Satz 3 StG nur den Verkauf von Vermögens­
bestandteilen an Dritte, nicht aber die Zuweisung unter Anrechnung 
eines Übernahmewertes an einen Erben zum Inhalt haben kann. Auf­
grund dieser Erwägungen bleibt kein Raum für eine sinngemässe 
Auslegung.
5. Aber auch aus den Gesetzesmaterialien lässt sich kein dem Wort­
laut von Art. 140 Abs. 2 Satz 3 widersprechender Sinn entnehmen. Im 
Gegenteil, die subjektiv-historische Auslegung gibt eher Anhaltspunkte 
dafür, dass der Gesetzgeber nur die Veräusserung von Vermögensge­
genständen an Dritte, nicht aber die Übernahme unter Erben bedacht

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hat. Die Botschaft der Expertenkommission für die Teilrevision des Ge­
setzes über die direkten Steuern vom 13. August 1971 hält auf S. 29 
fest: "Mit der Bewertung per Todestag können sich gelegentlich 
Schwierigkeiten ergeben. Für Vermögensgegenstände, die zwischen 
Todes- und Teilungstag mit Gewinn oder Einbusse veräussert werden, 
muss es entschieden natürlicher erscheinen, wenn der wirkliche greif­
bare Erlös unter die Steuer fällt". Dabei verstand die Expertenkommis­
sion unter einem wirklich greifbaren oder tatsächlichen Erlös die Reali­
sation des Vermögensgegenstandes bzw. die Umwandlung in Bargeld 
(Sitzungsprotokoll vom 23. Februar 1971, Seite 24). Eine solche Versil­
berung von Vermögensobjekten kann nur bei einem Verkauf an Dritte, 
nicht bei einer blossen Vereinbarung eines Übernahmewertes oder 
auch bei der Zuweisung unter Anrechnung stattfinden.
6. Die Beschwerdeführerin vertritt schliesslich die Auffassung, dass 
die Betrachtung der fraglichen Bestimmung unter dem Aspekt des 
Normenzweckes und in Berücksichtigung von Art. 2 Abs. 1 StG zum 
Schluss führe, dass die in Frage gestellte Praxis der kantonalen Steu­
erverwaltung vom Gesetz verlangt werde. Der Zweck der Norm ver­
lange, dass vor der Erbteilung geschlossene Vereinbarungen unter 
den Erben der Veräusserung an Dritte gleichzusetzen sei.

Die angesprochene teleologische Auslegung geht von der mit der 
Norm verbundenen Zweckvorstellung aus. Auch bei dieser Auslegung 
ist stets vom Wortlaut der auszulegenden Norm auszugehen. Nach der 
ständigen Rechtsprechung des Bundesgerichtes darf dabei vom kla­
ren Wortlaut einer Bestimmung nur abgewichen werden, wenn triftige 
Gründe für die Annahme vorliegen, dass der Wortlaut dem Sinn der 
Norm nicht entspricht (vgl. Häfelin/Haller, N. 102 f. mit Hinweisen). 
Solche Gründe sind im vorliegenden Fall nicht ersichtlich. Es wurde 
bereits dargelegt, dass der Wortlaut der Bestimmung klar ist und der 
Gesetzgeber die von der Beschwerdeführerin ins Auge gefassten Tat­
bestände nicht bedacht hat. Auch wenn die Zielsetzung von Art. 140 
Abs. 2 StG darin zu sehen ist, die der Erbschaftssteuer unterliegenden 
Gegenstände einer aktuellen und objektiven Bewertung zu unterstel­
len, bezieht sich der Wortsinn der Bestimmung nur auf den aus Ver- 
äusserungsgeschäften mit Dritten erzielten Erlös und nicht auf zwi­
schen den Erben vereinbarte Übernahmewerte. Letzteres unter Art. 
140 Abs. 2 Satz 3 StG zu subsumieren, bedeutete eine Überdehnung

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des Wortlautes, was im Blick auf das spezielle Legalitätsprinzip unzu­
lässig ist. Darüber hinaus gebietet nicht nur der Wortlaut der Bestim­
mung eine unterschiedliche Behandlung der beiden Sachverhalte, 
sondern auch die Zwecksetzung der objektiven Bewertung der Nach­
lassgegenstände. Bei der Veräusserung von Gegenständen aus der 
Erbengemeinschaft an Drittpersonen ist eher gewährleistet, dass der 
Wert der Gegenstände nach marktmässigen Ansätzen und damit nach 
objektiven Massstäben festgesetzt wird, während bei der Vereinbarung 
der Anrechnungswerte unter Erben in der Regel personenbezogene 
und damit subjektive Elemente berücksichtigt werden. Diese rechtfer­
tigt auch eine unterschiedliche steuerliche Behandlung. Im vorliegen­
den Fall ist zudem zu berücksichtigen, dass mit dem Übernahmewert 
auch den Verzicht auf ein späteres Gewinnanteilsrechtes nach Art. 619 
ff. ZGB abgegolten wurde. Die Vereinbarung berücksichtigt deshalb 
auch mögliche Wertsteigerungen zwischen der Übernahme und einer 
allfälligen Veräusserung der Grundstücke berücksichtigen.
7. Damit ergibt sich, dass die Praxis der Steuerbehörden nicht dem 
Wortlaut der Bestimmung und dem Willen des Gesetzgebers ent­
spricht und vom Zweck der Norm nicht gedeckt wird. Dieses Ergebnis 
erscheint auch durchaus vernünftig und praktikabel: Die allgemeinen 
Bewertungsregeln und die Möglichkeit, Grundstücke auf den Todestag 
neu schätzen zu lassen, erlauben durchaus eine sachgerechte Be­
steuerung der Erbschaft. In fiskalischer Hinsicht ist zu bemerken, dass 
auch bei einem späteren Verkauf der Liegenschaft zur Berechnung der 
Grundstückgewinnsteuer nicht vom vereinbarten Übernahmewert, 
sondern von den Anlagekosten des Erblassers auszugehen ist.

RRB 15.12.1992

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