# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** e9e30ff0-b958-5401-90b8-aafe0c7a9c2b
**Source:** Glarus (GL)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-07-28
**Language:** de
**Title:** Glarus Obergericht 28.07.2023 OG.2022.00083 (OGS.2023.157)
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/GL_Omni/GL_OG_001_OG-2022-00083_2023-07-28.html

## Full Text

Kanton Glarus

  
	
   

  
	
  Obergericht

  
	
   

  
	
   

  
	
  Es wirken mit: Obergerichtspräsidentin Dr. iur. Petra Hauser,
  Oberrichterin Monika Trümpi, Oberrichterin Brigitte Müller, Oberrichter MLaw
  Mario Marti und Oberrichter Martin Ilg sowie Gerichtsschreiber
  Dr. iur. Alfonso Hophan. 

  
	
   

  
	
   

  
	
  Urteil
  vom 28. Juli 2023

  
	
   

  
	
  Verfahren
  OG.2022.00083

  
	
   

  
	
  1. A.______

  
	
  Geschädigte
  Person,

  
	
  Privatklägerin und

  
	
  Berufungsklägerin

  
	
   

  
	
  vertreten durch MLaw
  Jacques Marti,
  Rechtsanwalt,

  
	
  Gerichtshausstrasse 34, Postfach 1622, 8750 Glarus 

  
	
   

  
	
  2. Staats- und
  Jugendanwaltschaft des Kantons Glarus

  
	
  Postgasse 29, 8750 Glarus 

  
	
  Anklägerin

  
	
   

  
	
  gegen

  
	
   

  
	
  B.______

  
	
  Beschuldigter,

  
	
  Berufungsbeklagter und

  
	
  Anschlussberufungskläger

  
	
   

  
	
  verteidigt durch lic.
  iur. Philipp Langlotz, Rechtsanwalt, 

  
	
  Spielhof 14A, 8750 Glarus 

  
	
   

  
	
  betreffend

  
	
   

  
	
   

  
	
  Vergewaltigung,
  Nötigung etc.

  
	
   

  
	
   

  
	
  Rechtsbegehren
  der Berufungsklägerin (gemäss Eingabe vom
  24. November 2022 [act. 77, S. 1–2] und mündlich angepasst
  anlässlich der Berufungsverhandlung vom 23. Juni 2023 [act. 96,
  S. 3], sinngemäss):

  
	
   

  
	
  	
    1.

    	
    Es sei die Ziff. 1 des
    Urteils des Kantonsgerichts des Kantons Glarus vom 2. November 2022 im
    Verfahren SG.2021.00058 vollumfänglich aufzuheben.

    
	
     

    	
     

    
	
    2.

    	
    Es sei die Ziff. 2 des
    Urteils des Kantonsgerichts des Kantons Glarus vom 2. November 2022 im
    Verfahren SG.2021.00058 vollumfänglich aufzuheben.

    
	
     

    	
     

    
	
    3.

    	
    Entfällt.

    
	
     

    	
     

    
	
    4.

    	
    Es sei die Ziff. 4 des
    Urteils des Kantonsgerichts des Kantons Glarus vom 2. November 2022 im
    Verfahren SG.2021.00058 vollumfänglich aufzuheben.

    
	
     

    	
     

    
	
    5.

    	
    Es sei die Ziff. 5 des
    Urteils des Kantonsgerichts des Kantons Glarus vom 2. November 2022 im
    Verfahren SG.2021.00058 vollumfänglich aufzuheben.

    
	
     

    	
     

    
	
    6.

    	
    Es sei die beschuldigte Person
    der Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB, der
    Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB, der Drohung im Sinne von
    Art. 180 Abs. 1 StGB und der Beschimpfung im Sinne von
    Art. 177 StGB schuldig zu sprechen.

    
	
     

    	
     

    
	
    7.

    	
    Es sei der Beschuldigte gemäss
    Anklage angemessen zu bestrafen.

    
	
     

    	
     

    
	
    8.

    	
    Es sei der Beschuldigte zu
    verpflichten, der Berufungsklägerin den Betrag von CHF 13'170.30 nebst
    Zins von 5 % seit dem 10. November 2019 als Schadenersatz zu
    bezahlen.

    
	
     

    	
     

    
	
    9.

    	
    Es sei der Beschuldigte zu
    verpflichten, der Berufungsklägerin eine Genugtuung von CHF 15'000.–
    nebst Zins von 5 % seit dem 10. November 2019 zu bezahlen.

    
	
     

    	
     

    
	
    10.

    	
    Unter gesetzlicher Kosten- und
    Entschädigungsfolge.

    
	
     

    	
     

    
	
    11.

    	
    Es sei der Berufungsklägerin
    die unentgeltliche Prozessführung und Rechtsvertretung zu bewilligen und
    Rechtsanwalt MLaw Jacques Marti als unentgeltlicher Rechtsvertreter
    einzusetzen.

    

  

  
	
   

  
	
  Antrag der Staatsanwaltschaft
  (gemäss Protokoll der Berufungsverhandlung vom 23. Juni 2023
  [act. 96, S. 3] und Plädoyernotizen vom 23. Juni 2023
  [act. 102, S. 1], sinngemäss):

  
	
   

  
	
  	
    1.

    	
    Es sei
    das Urteil des Kantonsgerichts des Kantons Glarus vom 2. November 2022
    zu bestätigen.

    
	
     

    	
     

    
	
    2.

    	
    Unter
    gesetzlicher Kosten- und Entschädigungsfolge.

    

  

  
	
   

  
	
  Antrag des Berufungsbeklagten
  (vom 19. Dezember 2022 [act. 79, S. 2], bestätigt anlässlich
  der Berufungsverhandlung vom 23. Juni 2023 [act. 96, S. 3], sinngemäss):

  
	
   

  
	
  	
    1.

    	
    Das Urteil des Kantonsgerichts
    des Kantons Glarus vom 2. November 2022 sei in Dispositivziffer 5
    aufzuheben und ansonsten vollumfänglich zu bestätigen.

    
	
     

    	
     

    
	
    2.

    	
    In Abänderung von
    Dispositivziffer 5 des Urteils sei der beschuldigten Person eine
    Entschädigung in der Höhe von CHF 4'763.– zuzüglich Zins zu 5 %
    seit dem 28. Januar 2020 sowie eine Genugtuung in der Höhe von
    CHF 13'600.– zuzüglich Zins zu 5 % seit dem 17. Februar 2020
    auszurichten.

    
	
     

    	
     

    
	
    3.

    	
    Alles unter gesetzlicher
    Kostenfolge.

    

  

  
	
  ____________________

  
	
   

  
	
  Das Gericht   zieht in Betracht:

  
	
   

  
	
  I. Prozessgeschichte

  
	
  1.  

  
	
  Das vorliegende
  Berufungsverfahren beruht auf den folgenden drei strittigen und in ihrem
  Sachverhalt nachfolgend noch zu klärenden Vorfällen (vgl. hinten Ziff. IV  .):

  
	
   

  
	
  1.1. Gemäss Anklagesachverhalt habe B.______ an einem
  nicht mehr genauer bestimmbaren Wochentag im Juni 2015 sich in die
  Familienwohnung von A.______ und C.______ begeben, wo sich A.______ alleine
  aufgehalten habe. B.______ habe ein Gespräch mit ihr begonnen und darin den
  Willen geäussert, mit ihr Geschlechtsverkehr haben zu wollen, was sie jedoch
  verbal abgelehnt habe. Darauf habe B.______ A.______ auf ein Sofa geworfen,
  das von ihr getragene Kleid hochgeschoben und sich so auf sie gelegt, dass
  sie ihm nicht entweichen und ihm auch keine physische Gegenwehr habe leisten
  können. Hierbei habe er zumindest zeitweise ihre Hände seitlich am Körper
  festgehalten. Nachdem B.______ seine Hose und Unterhose etwas nach unten
  gezogen und den Slip von A.______ zur Seite geschoben habe, habe er sie mit
  seinem erigierten Penis vaginal penetriert, bis er zum Samenerguss in ihrer
  Vagina gekommen sei (act. 1, S. 2, Ziff. 1). Dadurch habe sich
  B.______ der Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB
  schuldig gemacht.

  
	
   

  
	
  1.2. Zu nicht mehr genauer bestimmbaren Zeitpunkten im
  Zeitraum von ca. Januar 2019 bis ca. Oktober 2019 habe B.______ in einer
  nicht mehr genauer bestimmbaren Vielzahl von Fällen von A.______ verbal
  verlangt, dass diese ihren Ehemann C.______ verlasse und in eine Wohnung mit
  ihm und zumindest auch ihrem gemeinsamen Sohn D.______ (geb. [...])
  zusammenziehen soll. Dabei habe er jeweils zu A.______ gesagt, dass er sie
  oder ihre Familie umbringen werde, falls sie seiner Aufforderung nicht
  nachkommen würde. Diese Äusserungen habe er einerseits in  und andernorts in
  der Schweiz direkt gegenüber A.______ getätigt, welche sich dabei jeweils in
  , insbesondere an ihrem Wohnort [...] oder andernorts in der Schweiz
  aufgehalten habe, wobei er sich während dieser Gespräche an nicht mehr
  genauer bestimmbaren Orten in der Schweiz oder im Ausland befand. Aufgrund
  dieser Äusserungen sei A.______ in ihrem Sicherheitsgefühl erheblich beeinträchtigt
  worden, so dass sie aus Furcht um ihr eigenes Wohlergehen und jenes ihrer
  Familie anfangs Oktober 2019 eine eigene Wohnung gemietet habe, um sich
  von ihrem Ehemann zu trennen und zumindest in diesem Punkt den Forderungen
  von B.______ nachzukommen (act. 1, S. 2–3, Ziff. 2). Dadurch
  habe sich B.______ der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB schuldig
  gemacht.

  
	
   

  
	
  1.3. Am Samstag, Sonntag oder Montag, den
  9.–11. November 2019 hätten B.______ und A.______ um
  ca. 21.00 Uhr in , an der [...], in der Küche der dort von A.______
  gemieteten Wohnung ein Gespräch geführt, wobei es zu
  Meinungsverschiedenheiten gekommen sei. Im Verlaufe dieses Gesprächs, bei
  welchem auch der gemeinsame Sohn D.______ (nachfolgend: gemeinsamer Sohn)
  anwesend gewesen sei, habe B.______ aus einer Küchenschublade ein Rüstmesser
  hervorgenommen und dieses mit der Spitze die Kleidung berührend voran gegen
  den Bauch von A.______ gehalten, wobei er gleichzeitig gesagt habe, er würde
  sie töten. Zudem habe er auch die Worte "Nutte" und "Prostituierte"
  an sie gerichtet. A.______, welche diese Äusserungen wahrgenommen habe, sei
  dadurch in ihrem Sicherheitsgefühl erheblich beeinträchtigt worden und habe
  zu zittern begonnen, weil sie befürchtet habe, B.______ würde sie töten
  (act. 1, S. 3, Ziff. 3). Dadurch habe sich B.______ der
  Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB und der Beschimpfung im
  Sinne von Art. 177 StGB schuldig gemacht.

  
	
   

  
	
  2.  

  
	
  2.1. Am 16. Juli 2021 erhob die Staats- und
  Jugendanwaltschaft des Kantons Glarus (nachfolgend: Staatsanwaltschaft)
  Anklage gegen B.______ wegen der soeben genannten Tatbestände (act. 1).

  
	
   

  
	
  2.2. Zwei weitere von
  A.______ behauptete Vergewaltigungen durch B.______ vom Juli 2015 und Juli
  2016 oder 2017 (hierbei bestehen Unklarheiten) haben sich ihren Aussagen
  zufolge in der [...] ereignet. Sie fallen damit ausserhalb des räumlichen
  Geltungsbereiches des Schweizerischen Strafgesetzbuches und der
  Schweizerischen Strafprozessordnung (Art. 3 Abs. 1 StGB i.V.m.
  Art. 1 Abs. 1 StPO), weshalb hierzu keine Anklage erfolgte.

  
	
   

  
	
  3.  

  
	
  Die Hauptverhandlung vor der
  Vorinstanz fand am 15. Dezember 2021 (vgl. act. 37 ff.) und am
  4. Mai 2022 statt (act. 58 ff.). A.______ und B.______ wurden am
  15. Dezember 2021 in separaten Zimmern befragt (act. 38, 41). Mit
  Urteil vom 2. November 2022 sprach die II. Kammer des
  Kantonsgerichts Glarus B.______ frei von den Vorwürfen der Vergewaltigung,
  der Nötigung, der Drohung und der Beschimpfung (act. 73, S. 41,
  Dispositivziffer 1).

  
	
   

  
	
  4.  

  
	
  4.1. Gegen dieses Urteil des Kantonsgerichts erhob
  A.______ (nachfolgend: Berufungsklägerin) mit Eingabe vom 24. November
  2022 (act. 77) beim Obergericht rechtzeitig Berufung mit den eingangs
  wiedergegebenen Anträgen. Mit Eingabe vom 19. Dezember 2022
  (act. 79) erhob B.______ (nachfolgend: Beschuldigter) Anschlussberufung
  mit den eingangs wiedergegebenen Anträgen. Die Vorladung zur
  Berufungsverhandlung erging am 29. März 2023 (act. 82), wobei der
  im Ausland wohnhafte Beschuldigte in Übereinstimmung mit der
  bundesgerichtlichen Rechtsprechung ohne Säumnisfolgen eingeladen wurde (BGE 140
  IV 86 E. 2). Mit Eingabe vom 31. Mai 2023 gab der Beschuldigte an,
  nicht zur Berufungsverhandlung zu erscheinen (act. 90). Mit Eingabe vom
  31. Mai 2023 beantragte die Berufungsklägerin den Ausschluss der
  Öffentlichkeit im Sinne von Art. 70 Abs. 1 lit. a StPO (act. 91),
  welcher Antrag vom Obergericht mit Schreiben vom 2. Juni 2023
  gutgeheissen wurde (act. 93). Die Berufungsverhandlung vor Obergericht
  fand am 23. Juni 2023 statt (act. 95 ff.).

  
	
   

  
	
   

  
	
  II. Formelles

  
	
  1.  

  
	
  Das Urteil des Kantonsgerichts
  vom 2. November 2022 stellt ein taugliches Anfechtungsobjekt dar
  (Art. 398 Abs. 1 StPO). Die Berufungsklägerin ist als
  Privatklägerin (Art. 118 Abs. 1 StPO; vgl. act. 2/3.1.01,
  S. 2 und act. 2/3.1.03, S. 2) zur Berufung legitimiert (Art. 382
  Abs. 1 StPO), hat die Rechtsmittelfrist gewahrt und erhebt zulässige
  Rügen (Art. 398 Abs. 3 StPO; vgl. act. 73, S. 42 [Versand
  am 4. November 2022], act. 75 [Zustellung am 5. November 2022]
  und act. 77 [Berufung vom 24. November 2022]). Das Obergericht ist
  Rechtsmittelinstanz in Strafsachen für die Behandlung von Berufungen
  (Art. 17 Abs. 1 lit. a des Gerichtsorganisationsgesetzes vom
  5. September 2021 [GOG; GS III A/2]). Auf die Berufung ist einzutreten
  (Art. 398 ff. StPO).

  
	
   

  
	
  2.  

  
	
  Nach Art. 398 Abs. 3
  StPO können mit der Berufung Rechtsverletzungen, einschliesslich
  Überschreitung und Missbrauch des Ermessens, Rechtsverweigerungen und
  Rechtsverzögerungen (lit. a), die unvollständige oder unrichtige
  Feststellung des Sachverhalts (lit. b) sowie Unangemessenheit
  (lit. c) gerügt werden.

  
	
   

  
	
  3.  

  
	
  3.1. Die Berufung hat im Umfang der Anfechtung des
  vorinstanzlichen Urteils aufschiebende Wirkung (Art. 402 StPO).
  Vorliegend wendet sich die Berufungsklägerin gegen den erstinstanzlich
  erfolgten Freispruch, gegen die Verweisung der Zivilforderung auf den
  Zivilweg sowie die Kosten- und Entschädigungsfolge (vgl. die eingangs
  wiedergegebenen Anträge). Somit hat das Obergericht das vorinstanzliche
  Urteil im Schuld- und Strafpunkt zu überprüfen (Art. 404 Abs. 1
  StPO), wobei es am Ende ein neues Urteil fällt (Art. 408 StPO).

  
	
   

  
	
  3.2. Das Obergericht ist nur für den angeklagten und von
  der Vorinstanz bereits behandelten Sachverhalt zuständig (act. 97,
  S. 5). Nachfolgend wird nur insoweit auf die anderen behaupteten
  Vorfälle ausserhalb der Schweiz (vgl. vorne Ziff. I.2.2.)
  Bezug genommen, als sie Rückschlüsse auf den vorliegend angeklagten
  Sachverhalt erlauben.

  
	
   

  
	
  4.  

  
	
  Die Akten des vorinstanzlichen
  Verfahrens SG.2021.00058 (act. 1–76) wurden beigezogen. Die
  Strafuntersuchungsakten des Verfahrens SA.2020.00013 bilden integrierenden
  Bestandteil der vorinstanzlichen Akten (act. 2).

  
	
   

  
	
   

  
	
  III. Vorfrage

  
	
  1.  

  
	
  Anlässlich
  der Berufungsverhandlung vom 23. Juni 2023 reichte die Berufungsklägerin
  fünf Tonaufnahmen von Telefongesprächen mit dem Beschuldigten ein und
  beantragte, diese als Beweismittel ins Recht zu nehmen (act. 101; vgl.
  act. 96, S. 4). Die Staatsanwaltschaft widersetzte sich diesem
  Antrag nicht (act. 96, S. 5), wohl aber der Beschuldigte, welcher
  auf den unbestrittenen Umstand hinwies, dass die Aufnahmen ohne sein Einverständnis
  erfolgt seien (act. 96, S. 6). Das Obergericht entschied, dass die
  Tonaufnahmen vorläufig ins Recht genommen und summarisch auf ihren Inhalt
  überprüft würden (act. 96, S. 7).

  
	
   

  
	
  2.  

  
	
  Die Dolmetscherin konnte aus der
  kurzen Sequenz, welche von der Berufungsklägerin anlässlich der
  Berufungsverhandlung abgespielt wurde, keinen klaren Eindruck geben, da sie
  nicht alles verstanden habe. Sie sagte lediglich aus, dass es in der
  abgespielten Sequenz um Geld gehe. Die Berufungsklägerin bestätigte dies und fügte
  an, dass der Bruder des Beschuldigten im Hintergrund sagen würde, er würde
  sie umbringen. Kurz vor Ende der Sequenz werde sie vom Beschuldigten als
  "Hure" bezeichnet und der Beschuldigte sage ihr auch noch, dass er
  ihre Mutter ficken werde (wobei es sich um eine grobe Beschimpfung und nicht
  etwa um eine Drohung handelt). Diese letzten Aussagen wurden von der
  Dolmetscherin bestätigt (vgl. zum Ganzen act. 96, S. 5). Eine
  weitere summarische Prüfung der Aufnahmen durch eine [...] sprechende
  Mitarbeiterin der Gerichte des Kantons Glarus ergab, dass die Aufnahmen zwar
  tatsächlich mehrere Beschimpfungen seitens des Beschuldigten umfassen, jedoch
  gegenüber den sich widersprechenden Sachverhaltsdarstellungen der Parteien
  keinen weiteren Erkenntnisgewinn liefern. Die Vergewaltigung werde nur einmal
  erwähnt und zwar, als der Beschuldigte behauptet, er habe sie nicht
  vergewaltigt (vgl. act. 101/1). Nichts anderes legt die
  Berufungsklägerin selber dar (vgl. act. 96, S. 4: "Es sind
  Beschimpfungen zu hören, Drohungen, sowohl direkte als auch indirekte. Diese
  Audiodateien werden bestätigen, was die Berufungsklägerin heute den ganzen
  Vormittag versucht hat zu erklären: Dass es von 2017–2019 eine latente
  Bedrohungssituation gegeben hat"). Bezüglich dem Zeitpunkt ihrer Entstehung
  ergibt sich aus dem elektronischen Datum der fünf Dateien, dass zwei davon
  vom 9. Dezember 2019 und drei davon vom 10. Dezember 2019 stammen,
  also zeitlich nach den vorliegend angeklagten Vorwürfen aufgenommen
  worden sind (act. 101). Nach diesen Einschätzungen ist diesen Aufnahmen
  keine Beweiskraft für die angeklagte und vorliegend zu beurteilende
  Vergewaltigung, Drohung und Nötigung zuzumessen. Damit sind diese Aufnahmen
  für das vorliegende Verfahren von keiner Relevanz und erübrigt sich eine weitere
  Auseinandersetzung mit der Frage der Verwertbarkeit. Die Ausnahmen sind aus
  dem Recht zu weisen.

  
	
   

  
	
  IV. Sachverhalt

  
	
  1.  

  
	
  1.1. Zur Feststellung des
  massgeblichen Sachverhalts hat das Gericht zunächst sämtliche prozessual
  zulässigen Beweismittel zu erfassen, welche zur Feststellung des
  tatbestandserheblichen Sachverhalts beitragen können. Anschliessend hat das
  Gericht die als relevant erkannten Beweise frei und umfassend zu würdigen
  (Art. 10 Abs. 2 StPO) und seine Erkenntnis als Beweisergebnis
  festzustellen. Dieses Beweisergebnis kann je nach Würdigung als gesichert
  erscheinen, sofern vorhandene Widersprüche bereinigt werden konnten, oder
  aber mit Unsicherheiten behaftet bleiben (vgl. zum Ganzen BGE 144 IV 345
  E. 2.2.3.2).

  
	
   

  
	
  1.2. Bestehen nach der Feststellung des Beweisergebnisses
  unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraussetzungen
  der angeklagten Tat, geht das Gericht in Anwendung des Grundsatzes in
  dubio pro reo ("im Zweifel für den Angeklagten") von der für
  die beschuldigte Person günstigeren Sachlage aus (Art. 10 Abs. 3
  StPO). Denn der angeklagte Sachverhalt kann der beschuldigten Person nur dann
  zur Last gelegt werden, wenn er nach Überzeugung des Gerichts mit an
  Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erstellt ist. Eine entsprechende
  Wahrscheinlichkeit liegt vor, wenn die richterliche Überzeugung, dass sich
  ein Sachverhalt in bestimmter Weise verwirklicht hat, auf einem jeden
  vernünftigen Zweifel ausschliessenden Urteil eines besonnenen und
  lebenserfahrenen Beobachters beruht. Abstrakte und theoretische Zweifel sind
  nicht massgebend, weil solche immer möglich sind; absolute Gewissheit kann
  nicht verlangt werden (vgl. zum Ganzen BGE 144 IV 345 E. 2.2.1,
  E. 2.2.3.2 und E. 2.2.3.3).

  
	
   

  
	
  1.3. Liegen für einen eingeklagten Sachverhalt keine
  direkten Beweise vor, ist auch der sog. indirekte Beweis gestützt auf
  Indizien zulässig. Hierbei wird aus bestimmten Tatsachen, die nicht
  unmittelbar rechtserheblich, aber bewiesen sind (Indizien), auf die zu
  beweisende, unmittelbar rechtserhebliche Tatsache geschlossen. Eine Mehrzahl
  von Indizien, welche für sich alleine nur mit einer gewissen
  Wahrscheinlichkeit auf die Täterschaft oder die Tat hinweisen und einzeln
  betrachtet die Möglichkeit des Andersseins offenlassen, können einen
  Anfangsverdacht verstärken und in ihrer Gesamtheit ein Bild erzeugen, das bei
  objektiver Betrachtung keine Zweifel bestehen lässt, dass sich der
  Sachverhalt so verwirklicht hat. Beim Indizienbeweis gelangt der Grundsatz in
  dubio pro reo nicht bereits bei der Würdigung der einzelnen Indizien zur
  Anwendung, sondern kommt erst zum Tragen, wenn das von den Indizien geprägte
  Gesamtbild steht (BGE 144 IV 345 E. 2.2.3.4; Urteil des
  Bundesgerichts 6B_1302/2020 vom 3. Februar 2021 E. 1.2.3, je
  m.w.H.).

  
	
   

  
	
  1.4. Steht zudem Aussage gegen Aussage, ist anhand sämtlicher
  Umstände, die sich aus den Akten ergeben, zu untersuchen, welche
  Sachverhaltsdarstellung überzeugend ist, wobei es vorwiegend auf den inneren
  Gehalt der Aussagen ankommt, verbunden mit der Art und Weise, wie die Angaben
  erfolgen. Es zählt dabei nicht primär die Persönlichkeit oder die allgemeine
  Glaubwürdigkeit der aussagenden Person, sondern die Glaubhaftigkeit der
  konkreten, im Prozess relevanten Aussagen. Diese sind einer kritischen
  Würdigung zu unterziehen, wobei auf das Vorhandensein von sogenannten
  Realitätskriterien wie etwa die logische Konsistenz, Konstanz und
  Folgerichtigkeit in der Darstellung des Geschehensablaufes, die konkrete und
  anschauliche Wiedergabe des Erlebnisses sowie eine unvorteilhafte Darstellung
  der eigenen Rolle Gewicht zu legen ist. Als Hinweis für unglaubhafte Aussagen
  gelten hingegen etwa Strukturbrüche in den Schilderungen, laufende
  Anpassungen der Aussagen oder wenn Aussagen unstimmig oder widersprüchlich
  sind (BGE 133 I 33 E. 4.3 S. 45; BGE 129 I 49 E. 5
  S. 58; BGE 128 I 81 E. 2 S. 85–86, je m.w.H.; BSK
  StPO-Hauri/Venetz, N 22 zu
  Art. 343 StPO).

  
	
   

  
	
  2. Zur Vorgeschichte

  
	
  2.1. Zur ausserehelichen
  Beziehung

  
	
  Der nachfolgend darzustellende
  Sachverhalt spielte sich vor dem Hintergrund der unbestrittenen
  ausserehelichen Beziehung zwischen der verheirateten Berufungsklägerin und
  dem Beschuldigten ab. Obschon diese aussereheliche Beziehung nicht an und für
  sich strafrechtlich relevant ist, erscheint eine Auseinandersetzung mit den
  diesbezüglichen Aussagen und Indizien für das nachfolgende Verständnis
  unumgänglich.

  
	
   

  
	
  2.1.1. Aussagen der Berufungsklägerin

  
	
  Wie dies sowohl von der
  Vorinstanz (act. 73, E. IV./3.4., S. 23–24) wie auch von der
  Verteidigung (act. 96, S. 10–11; act. 102, S. 2)
  festgestellt wurde, erfuhren die Aussagen der Berufungsklägerin bezüglich
  ihrer ausserehelichen Beziehung mit dem Beschuldigten signifikante
  Veränderungen ins Negative.

  
	
   

  
	
  2.1.1.1.  
  Beginn der ausserehelichen
  Beziehung

  
	
  Die
  Berufungsklägerin bezeichnete in ihrer ersten polizeilichen Einvernahme vom
  7. Januar 2020 den Beschuldigten als einen "Kollegen" von ihr,
  welcher zu einer Zeit, als sie eine Krise mit ihrem Ehemann gehabt habe, zu
  einer Affäre geworden sei (act. 2/8.1.01, F. 9). Anlässlich ihrer
  zweiten polizeilichen Einvernahme vom 8. Januar 2020 wiederholte sie, dass aufgrund der Krise mit ihrem
  Ehemann aus Freundschaft eine Beziehung geworden sei und sie verliebt gewesen
  sei (act. 2/8.1.03, F. 14). Anlässlich der staatsanwaltschaftlichen
  Einvernahme vom 13. Februar 2020 bestätigte sie den Teil von der
  Ehekrise und dass der Beschuldigte zunächst als guter Kollege in ihr Leben
  getreten sei, fügte nun aber an, dass er diese Gelegenheit
  "ausgenutzt" habe (act. 2/10.2.01, Rz. 879–880). Diese
  Bemerkung, wonach sie gewissermassen schon zu Beginn der ausserehelichen
  Beziehung ein Opfer des Beschuldigten war, betonte die Berufungsklägerin noch
  einmal anlässlich der Berufungsverhandlung vom 23. Juni 2023
  (act. 97, F. 28: "In dem Moment hatte ich einen Schwachpunkt
  und der Beschuldigte hat diesen schlechten Punkt bei mir gefunden").

  
	
   

  
	
  Zusammenfassend
  lässt sich in Bezug auf den Beginn
  der Beziehung eine weitgehend übereinstimmende Aussage feststellen, wobei die
  Berufungsklägerin immer mehr den zunächst freiwilligen und amourösen Aspekt
  der ausserehelichen Beziehung infrage zu stellen scheint.

  
	
   

  
	
  2.1.1.2.  
  Dauer der ausserehelichen
  Beziehung

  
	
  Anlässlich
  ihrer ersten polizeilichen Einvernahme vom 7. Januar 2020 sagte die
  Berufungsklägerin, sie kenne den Beschuldigten seit zehn Jahren. Sie habe ihn
  im Internet kennengelernt (act. 2/8.1.01, F. 10–11). Sie habe mit
  ihm eine Affäre gehabt, die "über zehn Jahre lang" gelaufen sei
  (act. 2/8.1.01, F. 9). Allerdings hätten die Probleme mit dem
  Beschuldigten schon seit ca. fünf bis sieben Jahren bestanden, schon lange
  bevor der gemeinsame Sohn gezeugt worden sei (act. 2/8.1.01,
  F. 39). Im Oktober 2019 habe ihr der Beschuldigte aber mit der
  Renovation der neuen Wohnung geholfen (act. 2/8.1.01, F. 30). Der
  letzte persönliche Kontakt zwischen ihr und dem Beschuldigten sei gewesen, als
  er sie mit dem Messer bedroht habe (act. 2/8.1.01, F. 14). Derzeit
  sei sie nicht mehr in einer Beziehung mit ihm (act. 2/8.1.01,
  F. 12).

  
	
   

  
	
  In
  ihrer zweiten polizeilichen Einvernahme vom 8. Januar 2020 begann sie,
  diese ersten Aussagen zu relativieren: Es sei zu Beginn mehr eine
  Freundschaft gewesen, sie seien nicht immer zusammen gewesen, hätten sich
  dann wieder verstritten und seien wieder zusammengekommen. Es sei daher keine
  langanhaltende Beziehung gewesen (act. 2/8.1.03, F. 12). Namentlich
  seien sie das erste Jahr nur Freunde gewesen und erst etwa ab 2011
  zusammengekommen (act. 2/8.1.03, F. 13). Diese anfängliche
  Fernbeziehung habe drei bis vier Jahre (also ca. bis 2013–2014) gedauert
  (act. 2/8.1.03, F. 15), wobei sie vor allem Internetkontakt gehabt
  und sich in den Ferien kurz getroffen hätten, nicht aber jeden Tag
  (act. 2/8.1.03, F. 15).

  
	
   

  
	
  Anlässlich der
  staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 13. Februar 2020 bestätigte
  sie, dass sie sich seit zehn Jahren kennen würden (act. 2/10.2.01,
  Rz. 615). Sie stellte jedoch klar, dass sie nie zusammen gewesen seien
  und nie zusammen gewohnt hätten. Sie hätten sich vielleicht alle drei Monate
  gesehen (act. 2/10.2.01, Rz. 875–876). Sie habe überdies mit dem
  Beschuldigten keinen Kontakt mehr gehabt, bis sie in die neuen Wohnung an der
  [...] gezogen sei (act. 2/10.2.01, Rz. 616). Dennoch bestätigt sie,
  über die App Messenger mehr als acht Jahre lang mit dem Beschuldigten
  kommuniziert zu haben (act. 2/10.2.01, Rz. 901).

  
	
   

  
	
  Anlässlich
  der Hauptverhandlung vom 15. Dezember 2021 gab die Berufungsklägerin an,
  dass sie lediglich von 2009 an während etwa zwei, drei Jahren (also bis ca.
  2011–2012) eine Beziehung zum Beschuldigten gehabt habe (act. 38,
  F. 21). Drei bis vier Jahre vor dem Juni 2015 (also ca. 2011–2012)
  hätten sie sich gestritten und im Juni 2015 hätten sie keine Beziehung mehr
  gehabt (act. 38, F. 22–23). Sodann versuchte sie die in früheren
  Einvernahmen angegebenen zehn Jahre herunterzuspielen: Zehn Jahre seien
  "viel", sie fände diese zehn Jahre viel, denn sie hätten nicht
  nonstop Kontakt gehabt, so habe sie ihn bspw. in den Ferien [...] nie
  getroffen und wenn der Beschuldigte von [...] aus in die Schweiz gekommen
  sei, dann sei dies etwa alle drei Wochen gewesen oder auch nicht. Überdies
  hätten sie sich ja auch eineinhalb Jahre gar nicht gesprochen (act. 38,
  F. 44).

  
	
   

  
	
  Anlässlich
  der Berufungsverhandlung vom 23. Juni 2023 gab die Berufungsklägerin an,
  den Beschuldigten seit dreizehn Jahren (also ca. 2009–2010) zu kennen
  (act. 97, F. 25). Er habe sie damals auf der App Messenger angeschrieben
  und das erste Jahr sei der Kontakt nur schriftlich gewesen (act. 97,
  F. 26, 30). Getroffen hätten sie sich zum ersten Mal in [...], etwa im
  Jahr 2011 oder 2012 (act. 97, F. 30). Da sie damals in einer
  "Krise" mit ihrem Ehemann gewesen sei, seien sie ein Paar geworden
  (act. 97, 28, 31–32, 37: "Liebesbeziehung"). Am Anfang sei es
  ein, zwei Jahre lang gut gegangen (act. 97, F. 67). Sie seien aber
  nie "zusammen" gewesen (act. 97, F. 35–36), womit scheinbar
  gemeint ist, dass sie nicht zusammen gewohnt hätten. Sodann relativierte sie
  die Dauer der Beziehung um die tatsächlich gemeinsam verbrachte Zeit:
  "Also in diesen zehn Jahren, in denen wir zusammen waren, kann man
  sagen, dass wir insgesamt nicht einmal zwei Jahre 'zusammen' waren"
  (act. 97, F. 36). In der Zeit zwischen 2012–2015 hätten sie sich
  maximal zwei- oder dreimal gesehen (act. 97, F. 39).

  
	
   

  
	
  Zusammenfassend kann also eine zunehmende Relativierung der
  anfänglich mit zehn Jahren angegebene Dauer der ausserehelichen Beziehung
  festgestellt werden, wobei die Berufungsklägerin unter anderem durch ein sehr
  enges Verständnis des "Zusammenseins" bemüht scheint, die
  aussereheliche Beziehung nur in ihrem Anfang und für eine kurze Zeit zu
  anerkennen.

  
	
   

  
	
  2.1.1.3.  
  Umgang in der
  ausserehelichen Beziehung

  
	
  Anlässlich
  der ersten polizeilichen Einvernahme vom 7. Januar 2020 beschrieb die
  Berufungsklägerin die Drohung (vgl. hinten Ziff. IV./3.3.) und die
  Berufungsklägerin gab an, dass sie alles nur zugelassen habe, weil sie sich
  und ihre Familie habe schützen wollen (act. 2/8.1.01, F. 31). Sie
  habe seinen Erwartungen jeweils entsprochen, da sie nicht gewollt habe, dass
  ihr und ihrer Familie etwas passiere (act. 2/8.1.01, F. 32).
  Gleichwohl habe sie dem
  Beschuldigten immer wieder gesagt, dass – selbst wenn sie sich von ihrem
  Ehemann trennen würde – sie niemals mit ihm zusammenkommen oder mit ihm
  zusammenleben werde resp. wolle (act. 2/8.1.01, F. 32). Sie habe über solch einen langen Zeitraum immer
  wieder mit dem Beschuldigten Kontakt gehabt, weil sie Angst vor ihm gehabt
  und seinem Willen entsprochen habe (act. 2/8.1.01, F. 49).

  
	
   

  
	
  Merklich
  positiver fielen die Aussagen anlässlich der zweiten polizeilichen
  Einvernahme vom 8. Januar 2020 aus. Von Anfang an habe der Beschuldigte gewollt, dass
  sie sich von ihrem Ehemann trenne und mit ihm lebe (act. 2/8.1.03,
  F. 15). Obwohl die Berufungsklägerin diesen Wunsch des Beschuldigten immer
  verneint habe, gab sie dies gleichzeitig auch als Grund an, warum sie immer
  wieder mit ihm zusammengekommen sei (act. 2/8.1.03, F. 48). Sie hätten "immer wieder eine gute
  Beziehung" gehabt und sich wegen ihrem gemeinsamen Sohn "immer
  wieder um eine gute Beziehung bemüht" (act. 2/8.1.03, F. 49).
  Obschon sie dem Beschuldigten den gemeinsamen Sohn immer wieder vorenthalten
  habe, hätte ihr der gemeinsame Sohn leidgetan, von dem sie gewollt hätte,
  dass er Kontakt mit seinem leiblichen Vater habe (act. 2/8.1.03,
  F. 49). Überdies habe sich der Beschuldigte jeweils für die
  Vergewaltigungen entschuldigt, sodass sie wieder zusammengekommen seien
  (act. 2/8.1.03, F. 46).

  
	
   

  
	
  Wiederum
  negativ schilderte die Berufungsklägerin den Umgang anlässlich der
  staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 13. Februar 2020. Sie habe mit
  dem Beschuldigten über den Vorfall der behaupteten Vergewaltigung vom Juni
  2015 zu sprechen versucht, dabei hätten sie diskutiert und es sei dann zum
  Streit gekommen (act. 2/10.2.01, Rz. 233). Im Widerspruch zu ihrer
  früheren Aussage bestand die Berufungsklägerin nunmehr darauf, dass sich der
  Beschuldigte nie entschuldigt habe, ja sich zu entschuldigen überhaupt nie im
  Sinn gehabt habe (act. 2/10.2.01, Rz. 239–240). Im Gegenteil habe
  der Beschuldigte sie immer bedroht, er habe ihr immer gesagt, sie solle sich
  von ihrem Mann trennen, um mit ihm zusammenzukommen. Er habe ihr auch
  gedroht, mit ihrem Mann darüber zu reden (act. 2/10.2.01,
  Rz. 235–236). Nach der Vergewaltigung habe sie lange Zeit keinen Kontakt
  mehr mit dem Beschuldigten gehabt (act. 2/10.2.01, Rz. 261–262), dieser
  sei erst dadurch wiederaufgenommen worden, dass er mit dem gemeinsamen Sohn
  habe Kontakt haben wollen (act. 2/10.2.01, Rz. 266). Sie habe den
  Kontakt abgebrochen, nachdem er sie mit dem Messer bedroht habe
  (act. 2/10.2.01, Rz. 460).

  
	
   

  
	
  An
  der Hauptverhandlung vom 15. Dezember 2020 gab die Berufungsklägerin an,
  nicht zu wissen und sich nicht erinnern zu können, ob es nach dem Juni 2015
  je wieder zärtliche Gesten wie Küsse und Umarmungen gegeben habe. Alles, was
  sie in ihrer Erinnerung behalten habe, seien die Vergewaltigungen. Sonst
  könne sie sich an nichts erinnern, namentlich auch nicht, dass sie den
  Beschuldigten umarmt hätte (act. 38, F. 90). Der Beschuldigte habe
  sich nie für die Vergewaltigungen entschuldigt (act. 38, F. 101).
  Dennoch habe sie ihm schon in der alten Wohnung zwei, drei Male erlaubt, während
  der Abwesenheit ihres Ehemannes vorbeizukommen, um ihren gemeinsamen Sohn zu
  sehen (act. 38, F. 103: "[…] und ich sagte ok, er kann
  kommen"). Die Fotos, auf denen sie einigermassen glücklich aussehe und
  Wange an Wange mit dem Beschuldigten abgebildet sei, habe sie ihn wegen dem
  gemeinsamen Sohn machen lassen und auch nur, weil er sie bedroht habe
  (act. 38, F. 103).

  
	
   

  
	
  An
  der Berufungsverhandlung vom 23. Juni 2023 gab die Berufungsklägerin an,
  dass es am Anfang ein, zwei Jahre lang gut gegangen sei, bis die
  Missverständnisse und Krisen begonnen hätten (act. 97, F. 67). Sie
  habe schon vor der behaupteten Vergewaltigung vom Juni 2015 keinen Kontakt
  mit dem Beschuldigten gewollt, aber er habe sie "immer bedroht und
  vergewaltigt" und sie sei "dauernd unter seinen Drohungen"
  gestanden (act. 97, F. 47). Dennoch gab sie an, dass sie ihn nach
  dem eineinhalbjährigen Unterbruch ihrer ausserehelichen Beziehung kontaktiert
  habe, um ihm ein Bild von ihrem gemeinsamen Sohn zu schicken (act. 97, F. 50).
  Sie sei aber ständig bedroht gewesen, auch wenn der Beschuldigte den
  gemeinsamen Sohn besuchen ging. Und selbst wenn sie Bilder gemacht habe, die
  glücklich aussehen mögen, so sei sie nicht glücklich mit ihm gewesen und habe
  diese Bilder nur unter dem Eindruck seiner Drohung gemacht (act. 97,
  F. 52). Wenn der Beschuldigte unangemeldet gekommen sei, dann habe er
  sie bedroht, sie sei immer unter seinen Drohungen gewesen und er habe sie
  immer unter Druck gesetzt (act. 97, F. 67). Auch den
  Vaterschaftstest habe er durch massive Drohungen erwirkt und sie gezwungen,
  vor seinen Augen dem Arzt anzurufen und einen Termin zu machen (act. 97,
  F. 68). Erstmals sagte die Berufungsklägerin an der
  Berufungsverhandlung, dass der Beschuldigte in seinen Chatnachrichten anders
  geschrieben, als er beispielsweise am Telefon gesprochen habe:

  
	
  "Er hat zwei Gesichter. Zuerst hat er mich bedroht,
  dann war er wieder lieb zu mir. Wenn er bei mir war, hat er mich beschimpft,
  hat mir auch eine Ohrfeige gegeben" (act. 97, F. 60).

  
	
  Zusammenfassend
  lässt sich in auch Bezug auf den
  Umgang weder eine konstante noch widerspruchsfreie Aussagenfolge erkennen.
  Angesichts der langen Dauer der ausserehelichen Beziehung und des immer
  wieder aufgenommenen Kontaktes erscheint indes ein derart ausschliesslich
  negativer, auf Drohung und Nötigung begründeter Umgang wie er in den späteren
  Einvernahmen dargestellt wird, zwar nicht ausgeschlossen, doch aber
  zweifelhaft. Viel lebensnaher und glaubhafter erscheinen die Aussagen, wonach
  es sich um eine Beziehung mit Hochs und Tiefs gehandelt habe, um welche sich
  beide immer wieder bemüht hätten. In der Absolutheit ihrer Aussagen
  widerspricht sich jedoch die Berufungsklägerin, was auch mit dem erst spät
  erfolgten Hinweis auf die "zwei Gesichter" nicht plausibel dargelegt
  werden kann.

  
	
   

  
	
  2.1.1.4.   Einvernehmlichkeit des Geschlechtsverkehrs

  
	
  Anlässlich
  ihrer ersten polizeilichen Einvernahme vom 7. Januar 2020 erwähnte die
  Berufungsklägerin den einvernehmlichen Geschlechtsverkehr mit dem
  Beschuldigten implizit, insofern sie aussagte, dass aus der langjährigen
  Affäre mit ihm der gemeinsame Sohn entstanden sei (act. 2/8.1.01,
  F. 13). Selbigentags gab sie – nach der erstmaligen Erwähnung der
  Vergewaltigung (vgl. hierzu hinten Ziff. IV./2.2.) – gegenüber der
  Abteilung Migration des Kantons Glarus an, dass sie "zwischendurch auch
  einvernehmlichen Geschlechtsverkehr" mit dem Beschuldigten gehabt habe
  (act. 2/9.1.02, S. 1). Bei diesen einvernehmlichen sexuellen
  Kontakten habe sie sich nicht gewehrt, sie habe "das Ganze mehr einfach
  über sich" ergehen lassen (act. 2/9.1.02, S. 2).

  
	
   

  
	
  Anlässlich ihrer zweiten
  polizeilichen Einvernahme vom 8. Januar 2020, gab sie an, es sei
  abgesehen von den drei behaupteten Vergewaltigungen in dieser ausserehelichen
  Beziehung mehrfach zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr zwischen ihr und
  dem Beschuldigten gekommen (act. 2/8.1.03, F. 16). Dies auch nach
  oder zwischen den behaupteten Vergewaltigungen, da der Beschuldigte sich
  jeweils für die Vergewaltigungen entschuldigt habe (act. 2/8.1.03, F. 46).
  Der letzte einvernehmliche Geschlechtsverkehr sei anfangs November 2019 in
  der neuen Wohnung gewesen (act. 2/8.1.03, F. 47).

  
	
   

  
	
  Anlässlich der
  staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 13. Februar 2020 änderte die
  Aussage; zwar gab die Berufungsklägerin noch immer an, vor der behaupteten
  Vergewaltigung vom Juni 2015 unregelmässig, etwa alle drei oder vier Monate
  mit dem Beschuldigten einvernehmlichen geschlechtlichen Verkehr gehabt zu
  haben (act. 2/10.2.01, Rz. 213), doch sei die Initiative dazu immer
  vom Beschuldigten ausgegangen (act. 2/10.2.01, Rz. 223, 225) und
  dieser habe sie dazu eigentlich immer gezwungen und bedroht, etwa, indem er
  gesagt habe, dass er es ihrem Mann erzählen würde. Sie habe sich also immer
  gezwungen gefühlt (act. 2/10.2.01, Rz. 227–229). Nach der
  behaupteten Vergewaltigung vom Juni 2015 sei der nächste Geschlechtsverkehr
  erneut nicht einvernehmlich gewesen (act. 2/10.2.01, Rz. 216, 218
  [es habe sich hier um die behauptete, vorliegend nicht angeklagte
  Vergewaltigung vom Juli 2015 gehandelt]). Danach habe sie mit dem
  Beschuldigten die Beziehung fortgesetzt und weiterhin mit ihm sexuell
  verkehrt, weil er den Sohn habe sehen wollen. Nach der Vergewaltigung aber
  habe sie lange Zeit keinen Kontakt mit ihm gehabt (act. 2/10.2.01, Rz. 261–262).
  Sie könne sich nicht mehr mit Datum an den letzten einvernehmlichen
  Geschlechtsverkehr erinnern (act. 2/10.2.01, Rz. 210). Es sei aber
  nicht so, dass sie den Geschlechtsverkehr gerne gemacht habe. Sie sei zu
  diesem gezwungen worden, namentlich, indem der Beschuldigte sie immer damit
  bedroht habe, zu ihrem Mann zu gehen. Sie habe diesen Geschlechtsverkehr über
  sich ergehen lassen, weil sie sich letztlich dazu gezwungen gefühlt habe
  (act. 2/10.2.01, Rz. 384–396).

  
	
   

  
	
  An der Hauptverhandlung vom
  15. Dezember 2021 wollte die Berufungsklägerin nichts von mehrjährigem
  einvernehmlichen Geschlechtsverkehr wissen, schliesslich sei der Beschuldigte
  [...] gewesen und sie hätten sich nur unregelmässig gesehen. Einvernehmlich
  sei der Geschlechtsverkehr "nur am Anfang" gewesen, etwa von 2009
  an während zwei bis drei Jahren (act. 38, F. 21, 24). Sie hätten
  sich damals etwa alle drei Wochen getroffen (act. 38, F. 21). Drei
  oder vier Jahre vor der behaupteten Vergewaltigung vom Juni 2015 hätten sie
  sich gestritten und seither hätten sie keinen einvernehmlichen
  Geschlechtsverkehr mehr gehabt, wobei sie das Datum des letzten
  einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs vor dem Juni 2015 nicht nennen könne
  (act. 38, F. 23–24). Zwischen Juni 2015 und Juli 2016 habe sie ausser
  den behaupteten Vergewaltigungen keinen einvernehmlichen Geschlechtsverkehr
  mehr mit dem Beschuldigten gehabt (act. 38, F. 31) und seit den
  Vergewaltigungen habe sie nie wieder Geschlechtsverkehr oder Kontakt oder
  sonst etwas mit ihm gewollt (act. 38, F. 49, 68). Darauf
  angesprochen, dass sie in einer früheren Einvernahme ausgesagt habe, noch bis
  im November 2019 Geschlechtsverkehr mit dem Beschuldigten gehabt zu haben,
  meint sie, sich nicht an eine solche Aussage erinnern zu können
  (act. 38, F. 50, 89). Es stimme nicht, dass sie ausgesagt habe, sie
  hätte auch nach 2015 einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehabt
  (act. 38, F. 89). Sie habe auch schon vor der Vergewaltigung nicht
  "aus freien Stücken" etwas mit dem Beschuldigten gehabt (act. 38,
  F. 51). Der gemeinsame Sohn sei aus der Vergewaltigung heraus entstanden
  (act. 38, F. 56).

  
	
   

  
	
  An der Berufungsverhandlung vom
  23. Juni 2023 sagte die Berufungsklägerin lediglich aus, dass sie beim
  ersten Treffen in [...] im Jahr 2011 oder 2012 einvernehmlichen
  Geschlechtsverkehr gehabt hätten (act. 97, F. 33–34).

  
	
   

  
	
  Zusammenfassend lässt sich
  auch in Bezug auf den einvernehmlichen Geschlechtsverkehr weder eine
  konstante noch widerspruchsfreie Aussagenfolge erkennen. Mit jeder
  Einvernahme werden die anfänglichen Aussagen zum einvernehmlichen
  Geschlechtsverkehr (anfänglich bis November 2019) entweder zeitlich an die
  immer kürzer eingestandene Dauer der ausserehelichen Beziehung angepasst oder
  dahingehend relativiert, dass das Einvernehmen aufgrund der Drohungs- und
  Nötigungssituation im Grunde nicht gegeben gewesen sei.

  
	
   

  
	
  2.1.2. Aussagen des Beschuldigten

  
	
  Im Gegensatz zu den Aussagen der
  Berufungsklägerin sind – wie die Vorinstanz zutreffend festhält
  (act. 73, E. IV./3.4., S. 23) – die Aussagen des Beschuldigten
  gesamthaft betrachtet als gleichbleibend und übereinstimmend zu werten. Sie
  ergeben über mehrere Jahre ein Gesamtbild, das nicht nachträglich korrigiert
  wird.

  
	
   

  
	
  Der Beschuldigte gab an, die
  Berufungsklägerin per Chat im Jahr 2009 oder 2010 kennengelernt zu haben
  (act. 2/8.1.02, F. 15; act. 2/8.1.04, F. 7; act. 41,
  F. 12). Sie habe zunächst ihre Ehe und Mutterschaft verschwiegen, dann
  aber eingestanden, dass sie verheiratet sei, aber Probleme mit ihrem Ehemann
  habe, der gewalttätig zu ihr sei (act. 41, F. 12). Schon bei ihrem
  ersten Treffen im August hätten sie sexuellen Kontakt gehabt
  (act. 2/8.1.04, F. 7). Seit dem Jahr 2010 hätten sie eine Beziehung
  miteinander gehabt, auch eine regelmässige sexuelle Beziehung
  (act. 2/8.1.02, F. 18–19; act. 41, F. 16). Sie hätten
  sich während dieser Zeit im Urlaub getroffen und Sex miteinander gehabt,
  meistens aber und die letzten zwei Jahre ausschliesslich in [...]
  (act. 2/8.1.04, F. 9, 13). Verhütung sei nie ein Thema gewesen, sie
  hätten immer bewusst ungeschützten Verkehr gehabt (act. 2/8.1.04,
  F. 12; act. 41, F. 39). Es sei unwahr, wenn die
  Berufungsklägerin behaupte, dass sie sich einmal in drei Monaten getroffen
  hätten, wo sie sich in Wahrheit fast jede Woche gesehen hätten und er Chats
  und Fotos habe, die das beweisen könnten (act. 2/10.1.02,
  Rz. 176–180). Er sei im Schnitt alle zehn Tage von [...] nach Zürich
  geflogen und nach [...] gekommen (act. 41, F. 11). Im Jahr 2016
  hätten sie einen eineinhalbjährigen Unterbruch ihrer Beziehung gehabt
  (act. 2/8.1.02, F. 14; act. 41, F. 13), die einzige Zeit,
  während welcher sie keinen sexuellen Kontakt gehabt hätten (act. 41,
  F. 16). Der Grund für diesen Unterbruch sei gewesen, dass die
  Berufungsklägerin sich nie von ihrem Ehemann getrennt und ihn immer wieder
  vertröstet habe. Als er jedoch gesehen habe, dass sie erneut schwanger sei,
  habe er sich von ihr getrennt (act. 2/8.1.02, F. 21), da sie ihm –
  nachdem sie ihn längere Zeit mit widersprüchlichen Aussagen darüber im
  Unklaren belassen habe (act. 2/10.1.01, Rz. 146–149) – gesagt habe,
  dass das Kind von ihrem Mann sei und sie bei ihrem Mann bleiben wolle
  (act. 2/8.1.04, F. 8; act. 41, F. 23). Nach der Trennung
  habe er eine andere Frau kennengelernt und sich mit dieser verlobt
  (act. 2/8.1.02, F. 14; act. 2/8.1.04, F. 8;
  act. 2/10.1.01, Rz. 152). Nach diesen eineinhalb Jahren habe ihn
  die Berufungsklägerin aber wieder kontaktiert und ihm eröffnet, dass er der
  Vater ihres jüngsten Sohnes sei (act. 2/8.1.02, F. 19, 21;
  act. 2/10.1.01, Rz. 156–159: "[S]chäme dich, dass du dich
  verlobt hast, und du hast nicht an mich und an den Sohn gedacht";
  act. 2/10.1.02, Rz. 102–109). Auf Bildern habe er gesehen, wie sehr
  der jüngste Sohn der Berufungsklägerin ihm gleiche (act. 2/8.1.04,
  F. 8). Es sei zu einem Treffen mit der Berufungsklägerin und ihrer
  Freundin E.______ in [...] gekommen (act. 2/10.1.02, Rz. 111–121;
  act. 41, F. 24), wobei er später in [...] zum ersten Mal seinen
  Sohn gesehen habe (act. 2/10.1.02, Rz. 122). Da er aber der
  Berufungsklägerin nicht vertraut habe, hätten sie in [...] bei ihrem Arzt
  einen DNA-Test gemacht, für welchen sie CHF 1'200.– bezahlt habe
  (act. 2/10.1.01, Rz. 160–164; act. 2/10.1.02,
  Rz. 127–137). Nachdem er das Ergebnis des DNA-Tests nach [...]
  zugeschickt bekommen habe, sei er nach [...] gefahren und habe – da der
  Ehemann der Berufungsklägerin gerade in [...] gewesen sei – mit der
  Berufungsklägerin einige Tage zusammengewohnt (act. 2/10.1.02,
  Rz. 141–147). Da habe sie von ihm verlangt, dass er seine Verlobung
  auflöse (act. 2/10.1.01, Rz. 166–167; act. 2/10.1.02,
  Rz. 149). Der Beschuldigte habe die Berufungsklägerin geliebt und ihr
  das auch gesagt (act. 2/8.1.02, F. 20; act. 2/10.1.01,
  Rz. 168). Da die Berufungsklägerin zu diesem Zeitpunkt wieder Probleme
  mit ihrem Ehemann gehabt habe, habe sie dem Beschuldigten gesagt, dass sie
  sich von ihrem Ehemann trennen wolle (act. 2/8.1.04, F. 8). Dies
  habe sie auch vor dem Arzt wiederholt, bei dem sie den DNA-Test durchgeführt
  hätten (act. 2/8.1.04, F. 8). Da seine Familie jedoch nach Wegen
  gesucht habe, um seine Verlobung aufrecht zu erhalten, sei er nach [...]
  geflogen und habe offiziell die Verlobung aufgelöst (act. 2/8.1.02,
  F. 6, 14; act. 2/10.1.01, Rz. 143–188; act. 2/10.1.02,
  Rz. 156–165).

  
	
   

  
	
  Er sei noch im November 2019, ca.
  12. bis 14. November 2019, in der neuen Wohnung mit ihr gewesen und da
  hätten sie das letzte Mal Geschlechtsverkehr miteinander gehabt
  (act. 2/10.1.02, Rz. 223–233). Die zeitlichen Angaben zum Ende der
  Beziehung sind etwas wirr: Einerseits gibt er an, ihre Beziehung habe etwa
  bis zum 14. Dezember 2019 gedauert (act. 2/10.1.01,
  Rz. 171), doch kann es sich hierbei um einen Übersetzungs- oder
  Verständnisfehler handeln, denn in einer späteren Einvernahme korrigierte er,
  die Berufungsklägerin habe ihm am 14. November 2019 gesagt, dass
  sie wieder zurück zu ihrem Ehemann gehe und dass er gehen müsse
  (act. 2/10.1.02, Rz. 229, 277: "Nein, ich meine das war
  November 2019. Das war nicht Dezember"). Anlässlich der Hauptverhandlung
  nannte er erneut "Mitte Dezember 2019" als den letzten
  einvernehmlichen Geschlechtsverkehr mit der Berufungsklägerin, bezog sich
  jedoch auch hier auf den Tag, als ihr Ehemann in die neue Wohnung gekommen
  sei (act. 41, F. 38), auch der behauptete Vorfall mit dem Messer
  sei im Dezember gewesen (act. 41, F. 36), was somit auch wieder ein
  Irrtum sein könnte.

  
	
   

  
	
  2.1.3. Weitere Aussagen von
  Auskunftspersonen zur ausserehelichen Beziehung

  
	
  2.1.3.1.  
   Gemäss den am
  9. Januar 2020 gemachten Aussagen von C.______, dem Ehemann der
  Berufungsklägerin, sei die Berufungsklägerin seit etwa drei bis vier Jahren
  anders, nicht mehr zufrieden, immer traurig und sehr komisch zu ihm gewesen
  (act. 2/8.1.05, F. 8, 10). Sie hätten Eheprobleme gehabt
  (act. 2/8.1.05, F. 10), seit ca. vier Jahren keinen Sex mehr und er
  habe gemerkt, dass etwas nicht stimme (act. 2/8.1.05, F. 19), ja er
  habe das Gefühl gehabt, dass sie einen anderen Mann habe (act. 2/8.1.05,
  F. 8). Er habe nichts von der Affäre mitbekommen, wäre damit auch nicht
  einverstanden gewesen und hätte das sicherlich nicht zugelassen
  (act. 2/8.1.05, F. 18). Die Berufungsklägerin habe sich von ihm
  trennen wollen, ohne dass er etwas davon gewusst habe, sie sei auch ohne sein
  Wissen ausgezogen (act. 2/8.1.05, F. 11). Er sei eines Tages nach
  Hause gekommen und es seien die Berufungsklägerin sowie die Kinder weggewesen
  (act. 2/8.1.05, F. 4). Seit dem 20. Dezember 2019 wisse er von
  der "Dame vom Sozialamt", dass er nicht der Vater des jüngsten
  Sohnes der Berufungsklägerin sei (act. 2/8.1.05, F. 12–13). Die
  Berufungsklägerin habe ihm nach der Sitzung erzählt, dass sie vom
  Beschuldigten drei Mal vergewaltigt worden sein soll, wobei sie nicht gesagt
  habe, dass sie diesen Mann näher kenne (act. 2/8.1.05, F. 15).
  Persönlich könne er sich nicht erklären, dass der Beschuldigte sie hier in [...]
  und dann noch zweimal im Urlaub vergewaltigt haben soll (act. 2/8.1.05,
  F. 16, 34). Es sei für ihn nicht logisch, dass die Berufungsklägerin
  seit der Schwangerschaft mit ihrem jüngsten Sohn vom Beschuldigten bedroht
  worden sein soll, aber erst jetzt mit alledem rauskomme (act. 2/8.1.05,
  F. 37).

  
	
   

  
	
  2.1.3.2.  
  Gemäss den am 16. Juni
  2020 gemachten Aussagen von E.______, einer (ehemaligen) Freundin der
  Berufungsklägerin, war ihr die wahre Vaterschaft des jüngsten Sohnes der
  Berufungsklägerin klar, als sie diesen gesehen habe. Sie habe gewusst, dass
  die Berufungsklägerin mit dem Beschuldigten "immer wieder Sex"
  gehabt habe (act. 2/10.2.02, F. 32). An ihrer Einvernahme vom
  16. Dezember 2020 fügte sie an, die Berufungsklägerin habe ihr selber
  gesagt, dass sie ein Kind mit dem Beschuldigten habe (act. 2/10.2.06,
  Rz. 125, 128, 136). Ihrer Ansicht nach hätten die Berufungsklägerin und
  der Beschuldigte eine "normale Beziehung, wie […] normale Menschen"
  gehabt (act. 2/10.2.06, Rz. 114), sie seien in ihren Augen
  "zusammen gute Menschen" gewesen (act. 2/10.2.06, Rz. 131).
  Beide hätten sie mehrere Male mit ihrem gemeinsamen Sohn zusammen in ihrem
  Wohnzimmer übernachtet, obwohl die Berufungsklägerin auch bei ihr im Zimmer
  hätte schlafen können (act. 2/10.2.06, Rz. 222, 224, 226, 228).

  
	
   

  
	
  2.1.3.3.  
  Gemäss den am 2. Juli
  2020 gemachten Aussagen von F.______, einer Freundin der
  Berufungsklägerin, habe die Berufungsklägerin eine Krise in ihrer Ehe gehabt
  und ihr Ehemann habe sie geschlagen, weshalb sie sich etwas voneinander
  entfernt hätten (act. 2/10.2.04, F. 13). Ihrer Ansicht nach wolle
  die Berufungsklägerin nur wegen den Papieren, den Kindern und ihrer Kultur
  bei ihrem Ehemann bleiben (act. 2/10.2.04, F. 15–16). Nach der
  Anzeigeerstattung am 6. Januar 2020 sei sie mit der Berufungsklägerin zu
  ihr nach Hause, da sie Angst gehabt habe, dass ihr Ehemann ihr etwas antun könnte
  (act. 2/10.2.04, F. 21). Von der Kultur her sei es nämlich so, dass
  man die Berufungsklägerin aufgrund ihres unehelichen Kindes umbringen könne
  (act. 2/10.2.04, F. 22). Mit dem Beschuldigten habe die
  Berufungsklägerin keine Beziehung geführt (act. 2/10.2.04, F. 40).
  Die Berufungsklägerin habe ihr erzählt, dass der Sex "eigentlich nicht
  freiwillig" gewesen sei (act. 2/10.2.04, F. 41).

  
	
   

  
	
  2.1.3.4.  
  Gemäss den am
  2. Juli 2020 gemachten Aussagen von G.______, einer entfernten
  Bekannten der Berufungsklägerin, wisse sie, dass die Berufungsklägerin Streit
  mit ihrem Ehemann gehabt habe, obwohl es wieder gut zu sein scheine (act. 2/10.2.05, F. 11, 13–14). Sie habe
  einmal die Berufungsklägerin zur Amtsstelle begleitet, bei der es um die
  Scheidung und um ihre finanzielle Situation gegangen sei
  (act. 2/10.2.05, F. 34).

  
	
   

  
	
  2.1.4. Indizien

  
	
  2.1.4.1.  
  Der behandelnde Arzt,
  welcher den Vaterschaftstest am 10. Juli 2017 durchführte, schrieb in
  seiner Eingabe vom 29. April 2020, dass die DNA-Analysen "absolut
  freiwillig und einvernehmlich gemäss ausdrücklichem Wunsch und Auftrag von
  A.______ und B.______ im Rahmen eines gemeinsamen Termins" erfolgt seien
  (act. 2/3.1.11). Mit Schreiben vom 11. August 2018 teilte das
  Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich der Berufungsklägerin und
  dem Beschuldigten das Ergebnis der DNA-Analyse mit, wonach der Beschuldigte
  zu 99.99 % der Vater des jüngsten Sohnes der Berufungsklägerin sei
  (act. 2/9.1.14-1).

  
	
   

  
	
  2.1.4.2.  
  Im Recht liegen verschiedene
  Bilder vom Estrich der alten Wohnung der Berufungsklägerin (act. 64/1),
  worin gemäss Aussagen der Beschuldigte sich bei Anwesenheit des Ehemannes der
  Berufungsklägerin versteckt und auch übernachtet haben soll (vgl. bspw.
  act. 2/10.1.02, Rz. 86–88). Die Bilder zeigen einen über eine erste
  Tür sowie eine zweite, nicht verschliessbare Holzgittertür zugänglichen Raum,
  der sich unmittelbar unter dem Dach befindet. Aufgrund der Dachschräge
  verliert er gegen hinten kontinuierlich an Höhe. Der Raum ist mit diversen
  Gegenständen verstellt (vgl. act. 64/1). Die Berufungsklägerin behauptete
  vor der Vorinstanz, dass aus den Bildern klar ersichtlich sei, dass "an
  einem solchen Ort nicht mehrere Tage verbracht werden kann, zumal der
  Beschuldigte angeblich im Monat Juni, also nota bene zu der fast wärmsten
  Zeit im Jahr, in diesem Raum lebte". Hierbei verwies die
  Berufungsklägerin darauf, dass es sich um ein Dach aus Eternit handle,
  welches weder vor Kälte noch vor Wärme isoliere (vgl. act. 62,
  Rz. 14). Anlässlich der Berufungsverhandlung rügte die
  Berufungsklägerin, dass sich die Vorinstanz nicht mit diesem Argument
  auseinandergesetzt habe (act. 96, S. 15), weshalb dies nachfolgend
  in der gebotenen Kürze zu geschehen hat: Zunächst ist zu bemerken, dass der
  Beschuldigte nicht angegeben hat, mehrere Tage in diesem tatsächlich ungastlichen
  Raum verbracht zu haben. Gemäss seinen Aussagen habe die Berufungsklägerin,
  wenn ihr Ehemann zuhause gewesen sei, ihm "abends die Türe
  geöffnet" und "in einem Art Dachgeschoss (Estrich)" habe er
  dann "die Nacht verbracht bis am Morgen" (act. 41,
  F. 41). Wenn der Ehemann der Beschuldigten dann morgens um sechs Uhr
  arbeiten gegangen sei, sei die Berufungsklägerin hochgegangen und habe ihn in
  die Wohnung geholt. Dort sei er geblieben, bis der Ehemann nachmittags um
  14.00 Uhr von seiner Schicht zurückgekommen sei. Den Tag habe er
  draussen verbracht, bis ihn um 22.00 Uhr die Berufungsklägerin wieder
  eingelassen und zum Estrich geführt habe (act. 2/10.1.02,
  Rz. 90–95). Überdies scheint aus den Chatnachrichten vom
  23. September 2019 hervorzugehen, dass der Beschuldigte nur ungern dort
  übernachtet habe (act. 43/1: "Und ich auf dem Estrich
  (Dachboden)?"). All dies lässt die Behauptung, dass der Beschuldigte
  während der ausserehelichen Beziehung zeitweise auch im Estrich schlafen
  musste, plausibel erscheinen.

  
	
   

  
	
  2.1.4.3.  
  Im Recht liegen
  verschiedene, zwischen dem 1. Januar und dem 6. Oktober 2019
  datierte Bilder, welche die Berufungsklägerin mit dem Beschuldigten und
  (teilweise) ihrem gemeinsamen Sohn zeigen (vgl. act. 43/8). Die Bilder
  zeigen zahlreiche Zärtlichkeitsbekundungen wie Umarmungen zwischen den
  lächelnden und gelöst wirkenden Berufungsklägerin und Beschuldigten. Weiter
  liegen nicht datierte Bilder im Recht, welche Entblössungen und
  Zärtlichkeiten zwischen der Berufungsklägerin und dem Beschuldigten zeigen
  (vgl. act. 43/11).

  
	
   

  
	
  2.1.4.4.  
  Im Recht liegen sodann
  verschiedene Chatnachrichten, welche sich die Berufungsklägerin und der
  Beschuldigte im Jahr 2019 schickten. Der Vorinstanz ist zuzustimmen, dass aus
  den Textnachrichten grundsätzlich kein eindeutiges Bild hervorgeht (act. 73,
  E. IV./3.9., S. 28). So finden sich mehrere Nachrichten darunter,
  welche ein sehr angespanntes Verhältnis zwischen der Berufungsklägerin und
  dem Beschuldigten zeigen, wobei es um die neue Wohnung, die Anerkennung des
  gemeinsamen Sohnes sowie die gegen den Beschuldigten vorgebrachten Vorwürfe
  geht. Verschiedene Nachrichten aber legen durchaus nahe, dass noch im Jahr
  2019 die Berufungsklägerin dem Beschuldigten Nachrichten verschickte, die als
  liebevoll bezeichnet werden können. So schrieb sie etwa am 7. November
  2019 (zit. in act. 2/10.2.01, Rz. 666, 669–670, 678–679, 685):

  
	
  "[01:46]
  Meine ganze Familie weiss, dass ich ihn nicht liebe"

  
	
  "[01:47]
  Ich habe keine Gefühle"

  
	
  "[01:47]
  Für […]"

  
	
  "[01:55]
  Sehr gut dass ich dich liebe"

  
	
  "[01:55]
  Du weisst ganz genau, dass ich nur für Dich Gefühle habe […]"

  
	
  Hierzu
  bemerkte die Berufungsklägerin, dies habe sie ihm nur wegen des gemeinsamen
  Sohnes so geschrieben (act. 2/10.2.01, Rz. 681), sie habe aber
  keine Gefühle mehr für den Beschuldigten gehabt (act. 2/10.2.01,
  Rz. 683). Noch am 24. November 2019 schrieb sie dem Beschuldigten
  aber folgende Nachrichten (zit. in act. 108/5 und act. 43/12):

  
	
  "[22.27]
  Ich bereue gar nichts."

  
	
  "[22.27]
  Ich habe dich immer geliebt"

  
	
  "[22.27]
  Und ich werde dich immer lieben"

  
	
  "[22.27]
  Denn ich liebe dich"

  
	
   

  
	
  2.1.4.5.  
  Gemäss der Aktennotiz der Sozialen
  Dienste vom 23. Februar 2020 gab die Berufungsklägerin in einem
  Erstgespräch vom 18. September 2019 lediglich Probleme mit ihrem Ehemann
  an (act. 2/18.1, Aktennotiz "Diverse Typen", S. 7). Ab
  dem 14. Oktober 2019 war H.______ von der Opferberatungsstelle
  involviert (act. 2/18.1, Aktennotiz "Diverse Typen",
  S. 6). Am 25. Oktober habe sie gegenüber I.______ der Sozialen
  Dienste gesagt, dass sie noch mit ihren Eltern und ihrem Bruder sowie auch
  mit ihrem Ehemann sprechen müsse "wegen der Scheidung", sie wolle
  ihr die Situation erklären, wenn sie mit allen geredet habe, es sei sehr
  kompliziert und sie habe grosse Angst (act. 2/18.1, Aktennotiz
  "Diverse Typen", S. 5). Am 3. Dezember 2019 habe sich die
  Berufungsklägerin mit I.______ wegen "Eheschutz einreichen"
  besprochen (act. 2/18.1, Aktennotiz "Diverse Typen",
  S. 4). Am 10. Dezember 2019 habe die Berufungsklägerin gegenüber
  I.______ bekanntgegeben, dass ihr Ehemann sie zurück haben wolle und auf
  ihren Entscheid warte, wobei I.______ ihr ein gemeinsames Gespräch anbot. Mit
  dem Eheschutz solle abgewartet werden, bis alle Infos geflossen seien, es sei
  eine sehr schwierige Situation der Berufungsklägerin (act. 2/18.1,
  Aktennotiz "Diverse Typen", S. 2). H.______ äusserte gegenüber
  der Abteilung Migration des Kantons Glarus, dass sie die Berufungsklägerin
  davon habe überzeugen müssen, ihrem Ehemann die Wahrheit über die Vaterschaft
  von ihrem jüngsten Sohn zu erzählen, denn anfänglich habe die
  Berufungsklägerin verheimlichen wollen, "da sie auch Angst vor der
  Reaktion des Ehemannes gehabt habe" und es "früher in der Ehe auch
  häusliche Gewalt" gegeben habe (act. 2/9.1.02, S. 1). Am
  16. Dezember 2019 wurde ein runder Tisch zwischen der Berufungsklägerin
  und ihrem Ehemann vereinbart (act. 2/18.1, Aktennotiz "Diverse
  Typen", S. 1). Am 20. Dezember 2019 fand das Gespräch mit
  I.______, der Berufungsklägerin und ihrem Ehepartner statt und es kam zur
  "Eröffnung des Hauptproblems" (act. 2/18.1, Aktennotiz
  "Diverse Typen", S. 1), womit die wahre Vaterschaft des
  jüngsten Sohnes der Berufungsklägerin gemeint war (act. 2/8.1.01a,
  S. 6). Nach dieser Sitzung solle die Berufungsklägerin ihrem Ehemann
  erzählt haben, dass ihr jüngster Sohn aus einer Vergewaltigung entstanden sei
  (act. 2/8.1.01a, S. 6).

  
	
   

  
	
  2.1.5. Zwischenfazit

  
	
  In einer Gesamtbetrachtung ergibt
  sich in Gegenüberstellung der geradezu konträren Aussagen der
  Berufungsklägerin und des Beschuldigten das dramatische Bild einer vor dem
  Hintergrund einer kriselnden Ehe eingegangenen, jahrelangen ausserehelichen
  Beziehung, aus welcher der gemeinsame Sohn hervorgegangen ist. Über dieses
  emotional an sich schon schwierige Verhältnis legt sich zudem – schwer
  greifbar und doch alles erschwerend – der Druck gewisser kultureller Normen
  und Erwartungen, die sowohl auf der Berufungsklägerin und ihrem Ehemann als
  Ehepartner und dem Beschuldigten als Vater des gemeinsamen Sohnes lagen.

  
	
   

  
	
  Die laufende Anpassung zentraler
  Aussagen durch die Berufungsklägerin, durch welche sie selber in besserem und
  der Beschuldigte in schlechterem Licht dargestellt werden, lassen ihre
  Aussagen zunehmend unglaubhaft erscheinen. Wie die Vorinstanz richtig
  festhält, kann die Berufungsklägerin in ihrer ersten Einvernahme noch das
  Ende der ausserehelichen Beziehung und auch den letzten einvernehmlichen
  Geschlechtsverkehr bestimmen, wozu sie in späteren Einvernahmen nicht mehr
  fähig ist (vgl. act. 73, E. IV./3.10.2., S. 31). Nur ihre
  erste Einvernahme deckt sich mit den Aussagen von E.______, welche ihrerseits
  klar von einer Beziehung spricht, den Eindrücken des behandelnden Arztes,
  welcher von absoluter Freiwillig- und Einvernehmlichkeit sprach, sowie den
  ins Recht gelegten Bildern und Chatnachrichten, welche den Eindruck eines
  teilweise zwar diskutierenden, teilweise aber durchaus liebevollen und
  glücklichen Paares geben. In einer Gesamtbetrachtung drängt sich eine
  tatsächlich bis ca. November 2019 dauernde aussereheliche Beziehung auf, in
  welcher es immer mehr um die Frage zu gehen schien, ob und wann die
  Berufungsklägerin ihren Ehemann zugunsten des Beschuldigten verlassen und
  dieser seinen Sohn als solchen anerkennen würde. Es liegt auf der Hand, dass
  diese Situation für die Berufungsklägerin einen grossen psychologischen Druck
  bedeutete. Jedenfalls geht aus den Notizen der Sozialen Dienste hervor, dass
  bis zum November 2019 ihre Sorgen der Reaktion ihres Ehemannes und nicht dem
  Beschuldigen galten. Diese Einschätzung wurde auch von den anderen
  Auskunftspersonen geteilt, während der Ehemann der Berufungsklägerin sowohl
  über die aussereheliche Beziehung, die Vaterschaft des gemeinsamen Sohns und
  den Umzug in die neue Wohnung in Unkenntnis belassen wurde. Das so
  zusammengesetzte Gesamtbild erscheint plausibel. Damit muss die erste
  Einvernahme der Berufungsklägerin als die glaubhafteste gewürdigt werden und
  ist in der nachfolgenden Sachverhaltserstellung hauptsächlich auf diese
  abzustellen.

  
	
   

  
	
  2.2. Zur Anzeigeerstattung

  
	
  2.2.1. Sozialdienst

  
	
  In
  der Aktennotiz der Sozialen Dienste vom 23. Februar 2020 wird der
  Beschuldigte am 10. Dezember 2019 erstmals erwähnt ("Bedrohung
  durch ihn[,] weiteres Vorgehen besprechen – O[pfer]H[ilfe], Anzeige
  etc."). Notiert wird auch, dass ihr jüngster Sohn am Wochenende
  "eine Bedrohungssituation" mitbekommen haben soll
  (act. 2/18.1, Aktennotiz "Diverse Typen", S. 2). Am
  23. Dezember 2019 meldete sich H.______ von der Opferberatungsstelle
  beim Polizeistützpunkt [...] und verlangte nach einem Termin für eine ihrer
  Klientinnen – deren Namen sie noch nicht bekannt gab – wegen einer
  Anzeigeerstattung betreffend Drohung im Zusammenhang mit einer Waffe.
  Aufgrund der Feiertage sei es jedoch nicht möglich gewesen, kurzfristig einen
  Termin zu vereinbaren (act. 2/8.1.01a, S. 5).

  
	
   

  
	
  2.2.2. Strafanträge

  
	
  2.2.2.1.  
  Am Montag, den
  6. Januar 2020 meldete sich H.______ um 16.00 Uhr telefonisch bei
  der Opferberatungsstelle und gab an, dass sie zur Berufungsklägerin nach [...]
  fahren würde, da diese vom Beschuldigten bedroht würde. Sie würde die
  Berufungsklägerin zum Polizeistützpunkt [...] begleiten, wo diese dann eine
  Anzeige erstatten werde (act. 2/8.1.01a, S. 4). Gemeinsam
  erreichten sie um 16.50 Uhr den Polizeistützpunkt [...] und gaben an,
  dass die Berufungsklägerin vom Beschuldigten bedroht werde
  (act. 2/9.1.10, S. 2). Im Beisein von H.______ unterzeichnete die
  Berufungsklägerin den Strafantrag gegen den Beschuldigten
  (act. 2/8.1.01a, S. 5; act. 2/3.1.01). Kurz darauf, um
  17.41 Uhr, wurde der Beschuldigte in [...] verhaftet und in Polizeihaft
  versetzt (act. 2/8.1.01a, S. 4).

  
	
   

  
	
  2.2.2.2.   Am Dienstag, den 7. Januar 2020, nach der
  ersten Einvernahme des Beschuldigten, wurde die Berufungsklägerin darüber
  informiert, dass der Beschuldigte noch am gleichen Tag entlassen werden
  würde. Damit seien weder die Berufungsklägerin noch H.______ einverstanden
  gewesen (act. 2/8.1.01a, S. 5). Am frühen Nachmittag des
  7. Januars 2020 kontaktierte H.______ daher die Abteilung Migration des
  Kantons Glarus und erklärte, dass eine von ihr betreute Frau massiv von einem
  Mann bedroht werde und grosse Angst habe. Der Mann sei derzeit in
  Polizeigewahrsam, werde aber voraussichtlich am Abend entlassen, weshalb sie
  sich erkundigen wolle, "ob das Migrationsamt in diesem Fall bezüglich
  dem Mann etwas machen könne" (act. 2/9.1.02, S. 1). Als
  während des Gesprächs die aussereheliche Vaterschaft ihres jüngsten Sohnes
  aufkam, fragte der Leiter der Abteilung Migration des Kantons Glarus,
  (nachfolgend: Abteilungsleiter), die Berufungsklägerin, "warum sie denn
  so sicher sei, dass AX.______ nicht das Kind ihres Ehemannes sei".
  Hierauf habe die Berufungsklägerin geantwortet, dass sie vom Beschuldigten
  vergewaltigt worden sei (act. 2/9.1.02, S. 1). H.______ hörte in
  diesem Augenblick zum ersten Mal von den Vergewaltigungen, was die
  Berufungsklägerin mit Schamgefühlen begründete (act. 2/9.1.02,
  S. 2). Im Anschluss wurde der Beschuldigte "nach längerem Hin und
  Her zwischen der Staatsanwaltschaft Glarus, der Abteilung Migration und der
  Kantonspolizei Glarus" (act. 2/8.1.01a, S. 5) – welche zu
  diesem Zeitpunkt ebenfalls erstmals etwas von der Vergewaltigung erfuhr – in
  Ausschaffungshaft gesetzt (act. 2/9.1.02, S. 5).

  
	
   

  
	
  2.2.2.3.  
  Am 8. Januar 2020
  erstattete die Berufungsklägerin im Beisein von H.______ eine Strafanzeige
  wegen Vergewaltigung (act. 2/3.1.03). Am 10. Januar 2020 eröffnete
  die Staatsanwaltschaft eine Strafuntersuchung gegen den Beschuldigten (act. 2/9.1.01).

  
	
   

  
	
  3. Zu den angeklagten Vorwürfen

  
	
  3.1. Zum Vorwurf der Vergewaltigung

  
	
  3.1.1. Vorbemerkung

  
	
  Anlässlich ihrer ersten
  Einvernahme am Vormittag des 7. Januars 2020 sagte die Berufungsklägerin
  – trotz der ansonsten sehr ausführlichen Schilderung – nichts über eine Vergewaltigung.
  Allem Anschein nach erwähnte die sie begleitende Vertrauensperson, F.______,
  dass der Beschuldigte sie einmal "festgehalten" habe, doch ist
  unklar (und fraglich), ob damit die Vergewaltigung gemeint gewesen sein
  konnte (act. 2/9.1.10, S. 2). In jedwedem Fall verneinte die
  Berufungsklägerin die Frage, ob sie der Einvernahme etwas hinzufügen wolle
  (act. 2/8.1.01, F. 48, 53). Erstmals äusserte die Berufungsklägerin
  den Vorwurf der Vergewaltigung in der Abteilung Migration des Kantons Glarus
  gegenüber dem Abteilungsleiter am Nachmittag des 7. Januar 2020 (siehe
  vorne Ziff. IV./2.2.2.2.). Hierbei sagte sie, dass sie drei Mal vom
  Beschuldigten vergewaltigt worden sei, einmal in ihrer Wohnung in [...] und
  zweimal in [...] in den Ferien am Meer (act. 2/9.1.02, S. 1).

  
	
   

  
	
  3.1.2. Aussagen der Berufungsklägerin

  
	
  3.1.2.1.  
  Zur Strafanzeige

  
	
  Anlässlich
  ihrer ersten polizeilichen Einvernahme vom 7. Januar 2020 äusserte die
  Berufungsklägerin den Wunsch, dass sich der Beschuldigte nicht mehr in der Schweiz
  aufhalte, denn sie habe Angst, egal, wohin sie gehe. Sie möchte mit ihrer
  Familie zusammenbleiben und in Ruhe leben, ihr Ehemann auch
  (act. 2/8.1.01, F. 44).

  
	
   

  
	
  Anlässlich ihrer zweiten
  polizeilichen Einvernahme vom 8. Januar 2020 gab die Berufungsklägerin
  an, sie hätte sich erst jetzt zur Anzeigeerstattung entschieden, weil sie
  immer wieder eine gute Beziehung gehabt hätten (act. 2/8.1.03,
  F. 49). Von der Vergewaltigung habe sie H.______ und tags zuvor der
  Kantonspolizei nichts gesagt, weil sie sich geschämt habe und ihren Sohn
  nicht in die Sache habe miteinbeziehen wollen (act. 2/8.1.03,
  F. 50). Sie habe in der Abteilung Migration des Kantons Glarus von den
  Vergewaltigungen gesprochen, weil sie der Abteilungsleiter "einfach sehr
  direkt" gefragt habe (act. 2/8.1.03, F. 49), er habe sie
  "einfach direkt darauf an[gesprochen]" (act. 2/8.1.03,
  F. 50). Sie sage aber die Wahrheit, sie habe nicht gelogen, sie würde
  sich besser fühlen, wenn der Beschuldigte nicht mehr in die Schweiz kommen
  dürfe, dann wäre sie ruhiger, denn sie habe Angst, dass er sie wieder
  aufsuche, sie fühle sich aber erleichtert (act. 2/8.1.03, F. 51).

  
	
   

  
	
  Anlässlich der
  staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 13. Februar 2020 erklärte die
  Berufungsklägerin den Umstand, dass sie erstmals mehr als vier Jahre nach der
  behaupteten Vergewaltigung Anzeige erstattet habe, damit, dass sie zunächst
  alles in sich behalten habe. Irgendwann habe sie gedacht, sie könne nicht
  mehr (act. 2/10.2.01, Rz. 243–244). Unmittelbarer Anlass für die Anzeigeerstattung
  im Januar 2020 sei gewesen, dass sie, nachdem der Beschuldigte sie mit dem
  Messer bedroht habe, gewusst habe, dass das so nicht weitergehe. Sie habe
  damals dem Beschuldigten gesagt, dass sie das ein weiteres Mal nicht mehr
  gelten lasse und warnte ihn, dass sie zur Polizei gehen würde (act.
  2/10.2.01, Rz. 247–249). Es stimme nicht, dass sie an ihrer ersten
  Einvernahme nichts zur Vergewaltigung gesagt habe: Sie habe ganz bestimmt
  schon am 7. Januar 2020 etwas zur Vergewaltigung gesagt, sie habe eine
  Kollegin bei sich gehabt (act. 2/10.2.01, Rz. 258). Sie habe
  gegenüber der damals rapportierenden Polizeifunktionärin [...] (nachfolgend:
  Polizeifunktionärin), die Vergewaltigung erwähnt, aber diese habe keine
  Fragen dazu gestellt, erst der Abteilungsleiter habe sie direkt nach der
  Vergewaltigung gefragt, die Polizeifunktionärin nicht (act. 2/10.2.01,
  Rz. 253–255; zur Stellungnahme der Polizeifunktionärin hierzu vgl.
  act. 2/9.1.10). Die Berufungsklägerin ist somit der Ansicht, dass sie
  anlässlich der ersten Anzeige wegen Drohung auch die zweite Anzeige wegen
  Vergewaltigung gemacht habe. Natürlich habe sie Angst gehabt, dass der
  Beschuldigte wieder herauskomme, er habe sie ja immer wieder bedroht. Angst
  habe daher sicher einer Rolle gespielt, dass sie dem Abteilungsleiter über
  die Vergewaltigung erzählt habe. Doch er habe sie direkt gefragt, er sei
  offener gewesen als die Polizeifunktionärin (act. 2/10.2.01,
  Rz. 324–331). Auf die Frage, ob sie mit der Anzeige wegen Vergewaltigung
  einfach verhindern wolle, dass der Beschuldigte auf freien Fuss komme, meint
  die Berufungsklägerin, sie habe gesagt, was passiert sei, es interessiere sie
  nicht, was mit dem Beschuldigten passiere, ob er freikomme oder nicht
  (act. 2/10.2.01, Rz. 334–336). Auf die Frage, ob sie mit dem Gespräch
  bei der Migrationsbehörde habe bezwecken wollen, dass der Beschuldigte die
  Schweiz verlassen müsse, sagte die Berufungsklägerin, sie habe einfach ihre
  Ruhe haben wollen, er habe sie immer bedroht, er habe gewollt, dass sie sich
  von ihrem Mann trenne und mit ihm gehe, sie aber wolle ihre Ruhe in der
  Schweiz, sie wolle ruhig leben, sie sei nirgends sicher vor ihm gewesen
  (act. 2/10.2.01, Rz. 345–348). Gleichzeitig gesteht sie die
  Möglichkeit ein, dass sie ihm am 18. November 2019, 21.42 Uhr die
  Nachricht geschrieben habe: "Freue dich, falls du wieder in die Schweiz
  einreisen darfst" (act. 2/10.2.01, Rz. 352–353)

  
	
   

  
	
  3.1.2.2.  
  Zur Vergewaltigung

  
	
  Traumatische
  Erlebnisse werden gemäss wissenschaftlichen Erkenntnissen anders verarbeitet
  als alltägliche Vorkommnisse. Einerseits können Erinnerungsverzerrungen und
  Gedächtnisausfälle auftreten, namentlich hervorgerufen durch
  Verdrängungsbestrebungen, andererseits bleibt bei gewissen Opfern eine grosse
  Anzahl von Einzelheiten des traumatischen Erlebnisses im Gedächtnis haften
  resp. wird dieses praktisch vollständig erinnert. Detailreichtum,
  insbesondere wenn er Nebenschauplätze betrifft, stellt denn auch ein
  gängiges, bei der Aussageanalyse zu beachtendes Realitätskennzeichen dar
  (vgl. zum Ganzen BGE 147 IV 409 E. 5.4.2 S. 421–422 m.w.H.).

  
	
   

  
	
  Die
  Berufungsklägerin konnte die Vergewaltigung lediglich auf den Juni 2015
  eingrenzen, nicht jedoch eine genaue Tagesangabe machen (act. 2/8.1.03,
  F. 10; act. 2/10.2.01, Rz. 849: "Ende Mai, anfangs
  Juni"; act. 97, F. 16). Es sei Vormittag gewesen, etwas nach
  09.00 Uhr, nachdem sie ihre Kinder zur Schule begleitet hatte und zurück
  in ihrer Wohnung gewesen sei (act. 2/10.2.01, Rz. 138–142;
  act. 38, F. 12; act. 97, F. 16). Da es ein heisser Tag
  gewesen sei, habe sie ein Kleid getragen (act. 2/8.1.03, F. 17;
  act. 2/10.2.01, Rz. 144; act. 38, F. 12), wobei der Rock
  bis unter die Knie gegangen und auf den Seiten offen gewesen sei
  (act. 97, F. 16). Die Eingangstüre des Blocks, in dem sich ihre
  Wohnung befunden habe, sei wie immer offengelassen worden, damit die Kinder
  am Mittag wieder hereinkommen können, ebenso sei die Wohnungstüre nicht
  verschlossen gewesen (act. 38, F. 12; act. 97, F. 16).
  Durch diese offenen Türen sei der Beschuldigte ungehindert in ihre Wohnung
  eingetreten, wobei sie – wie immer – nicht gewusst habe, dass er kommen würde
  (act. 2/8.1.03, F. 17; act. 2/10.2.01, Rz. 138–142;
  act. 38, F. 12). Hier besteht immerhin ein kleiner Widerspruch mit
  der ebenfalls gemachten Aussage, dass der Beschuldigte sonst jeweils geläutet
  oder sich sonstwie bemerkbar gemacht habe (vgl. act. 38, F. 15:
  "Er ist immer an die Türe
  gekommen, hat geläutet, hat auf das Fixnetztelefon angerufen, hat mich
  angerufen, hat mir auf Viber geschrieben, auf das normale Telefon").

  
	
   

  
	
  Das nachfolgenden Aussagen wurden in unterschiedlicher
  Genauigkeit, gesamthaft betrachtet aber übereinstimmend geschildert: An der
  Einvernahme vom 8. Januar 2020 sagte die Berufungsklägerin kurz und
  knapp aus, der Beschuldigte habe mit
  ihr Geschlechtsverkehr haben wollen, sie aber nicht (act. 2/8.1.03,
  F. 17). Etwas genauer sagte die Berufungsklägerin am 13. Februar
  2020 aus, sie hätten zunächst zu reden begonnen und er habe dann von ihr
  Geschlechtsverkehr gewollt, was sie aber abgelehnt habe (act. 2/10.2.01,
  Rz. 141–142). Auf diese Ablehnung hin habe er geschrien, worauf sie ihm
  gesagt habe, er solle gehen (act. 2/10.2.01, Rz. 188) und er ihr
  wiederum geantwortet habe, er wolle das tun und er werde das tun
  (act. 2/10.2.01, Rz. 192). Die Bemerkung, dass der Beschuldigte geschrien
  habe, welche als ein Realitätskennzeichen zu würdigen ist, wird in der Folge
  nicht mehr erwähnt. Anlässlich der Hauptverhandlung vom 15. Dezember
  2021 beschrieb sie, wie er in den Gang ihrer Wohnung getreten sei, während
  sie in der Küche Kaffee getrunken habe. Sie habe ihn gefragt: "Wieso
  bist du hineingekommen, ohne dich anzumelden?" Worauf er geantwortet
  habe: "Ich habe dich beobachtet", und sie gepackt habe. Sie seien
  von der Küche in den Korridor gegangen und sie habe ihm gesagt: "Gehe raus!"
  Da habe er sie gepackt und auf das nahestehende, von der Tür des Korridors
  nicht einmal einen Meter entfernte Sofa geworfen (act. 38,
  F. 12–13). Als die Berufungsklägerin noch einmal auf den Inhalt des
  Gesprächs befragt wurde, sagte sie, sie habe nur gefragt: "Wieso bist du gekommen?" Sonst hätten
  sie nichts diskutiert, sie habe ihm einfach gesagt, er solle gehen, sie wolle
  keinen Kontakt mit ihm (act. 38, F. 14). Auf die Frage, wie der
  Beschuldigte denn seinen Wunsch nach Geschlechtsverkehr mit ihr geäussert habe,
  antwortete sie, er habe sie bedroht im Sinne von: "Wenn du mich nicht
  diese Sache mit dir machen lässt, werde ich es deinem Mann sagen!" Das
  sage er immer und das habe er auch an diesem Vormittag gesagt (act. 38,
  F. 15). Anlässlich der Berufungsverhandlung vom 23. Juni 2023
  beschrieb sie, dass sie in der Küche gewesen sei und, als sie jemanden
  eintreten gehört habe, in den Korridor getreten sei. Dann aber gibt sie die
  Diskussion und die darauffolgende Gewalt anders wieder. Sie habe ihn gefragt:
  "Warum bist du gekommen?", worauf er sie gepackt habe. Dann habe
  sie ihm gesagt: "Geh, ich möchte mit dir nichts haben!" und er habe
  erwidert, er werde mit ihr machen, was er möchte. Dann habe er sie auf das
  Sofa in der Ecke geworfen (act. 97, F. 16).

  
	
   

  
	
  Auch
  die nachfolgende Vergewaltigung wurde in unterschiedlicher Genauigkeit und mit kleineren Abweichungen, gesamthaft betrachtet aber ebenfalls übereinstimmend geschildert: An
  der Einvernahme vom 8. Januar 2020 sagte die Berufungsklägerin aus, der
  Beschuldigte habe ihr Kleid hochgezogen
  und sie aufs Sofa geworfen, dann habe er angefangen, wobei er ihre Hände und
  ihre Arme festgehalten habe, damit sie sich nicht habe wehren können. Er sei
  auf ihr gelegen, das Ganze habe so lange gedauert, bis er fertig gewesen sei
  und seine Lust befriedigt habe (act. 2/8.1.03, F. 17). Sie habe ihm
  mit Worten zu verstehen gegeben, dass sie keinen Geschlechtsverkehr möchte
  (act. 2/8.1.03, F. 18), er aber habe zu ihr gesagt, ob sie wolle
  oder nicht, das interessiere ihn nicht (act. 2/8.1.03, F. 19). Sie
  habe sich gewehrt, aber er habe sie fest an den Armen gehalten
  (act. 2/8.1.03, F. 18). In dieser Einvernahme erscheint die Ursache
  dafür, dass sie keinen Widerstand leisten konnte, die äussere Krafteinwirkung
  des Beschuldigten gewesen zu sein. Bei der Einvernahme vom 13. Februar
  2020 kam indes ein weiteres Argument hinzu. Zunächst sagte sie auch hier aus,
  dass der Beschuldigte ihre Hände gehalten und sie auf das Sofa geworfen habe,
  wobei er ihr Kleid hoch- (act. 2/10.2.01, Rz. 146–147) und ihren
  Slip auf die Seite geschoben habe (act. 2/10.2.01, Rz. 154, 156).
  Sie habe versucht, sich zu wehren, aber es sei ihr nicht gelungen, weil er
  ihre Hände seitlich von ihrem Körper und Kopf festgehalten habe und auf ihr
  gelegen sei (act. 2/10.2.01, Rz. 146–147, 149–150, 152). Dann aber
  erklärte sie ergänzend zu dieser äusseren Krafteinwirkung, dass sie nicht um
  Hilfe gerufen habe, da sie wie blockiert gewesen sei, wie wenn ihr jemand die
  Kehle zugedrückt und sie nicht habe schreien lassen (act. 2/10.2.01, Rz. 182–183).
  Sie habe probiert, sich zu bewegen, sei aber blockiert gewesen
  (act. 2/10.2.01, Rz. 200, 203). Diese äussere und innere Ursache
  ihrer Wehrlosigkeit wiederholte sie an der Hauptverhandlung vom
  15. Dezember 2021, indem sie beschrieb, wie der Beschuldigte auf dem
  Sofa ihre Hände gepackt und nicht mehr losgelassen habe (act. 38,
  F. 12), ohne welchen Griff sie sich hätte bewegen können (act. 38,
  F. 13). Unabhängig von diesem Griff aber sei sie blockiert gewesen und
  hätte nicht reagieren können (act. 38, F. 12, 15). Sie habe versucht, ihre Hände zu bewegen,
  habe aber nicht gekonnt, sie sei blockiert gewesen und ihr sei schlecht
  geworden (act. 38, F. 17). Auf den Widerspruch zwischen der
  zunächst rein äusserlichen und erst später auch inneren Ursache ihres
  vereitelten Widerstandes angesprochen, erklärte sie, es gäbe keinen
  Widerspruch zwischen ihren Aussagen, sie sei blockiert gewesen, da könne man
  nicht reagieren, es tue einem Leid, man könne aber auch nicht um Hilfe rufen.
  Es stimme aber auch, dass er sie gehalten habe und auf ihr gewesen sei, er
  habe beide Hände gehalten und sie nicht losgelassen (act. 38, F. 18). Sie habe ihm auf dem Sofa zudem auch mit Worten
  gesagt, dass sie keinen Geschlechtsverkehr wolle, sie habe ihm gesagt:
  "Fass mich nicht an, ich möchte nicht!" Er aber habe gesagt, er
  mache, was er wolle (act. 38, F. 16). Der Beschuldigte habe daher
  gewusst, dass der Geschlechtsverkehr nicht einvernehmlich gewesen sei
  (act. 38, F. 18). 

  
	
   

  
	
  Mehrheitlich übereinstimmend sind
  sodann die Aussagen der Berufungsklägerin zum Geschlechtsverkehr: Dieser habe
  vaginal stattgefunden (act. 2/8.1.03, F. 21), wobei der
  Beschuldigte kein Kondom verwendet habe (act. 2/8.1.03, F. 24;
  act. 38, F. 72) und in ihr zum Samenerguss gekommen sei (act. 2/8.1.03,
  F. 23; act. 2/10.2.01, Rz. 171, 173, 175). Die Dauer des
  Geschlechtsverkehrs könne sie nicht genau bestimmen (act. 2/8.1.03,
  F. 26). Andere sexuelle Handlungen habe sie nicht vornehmen müssen
  (act. 2/8.1.03, F. 25). Während sie aber in der Einvernahme vom
  8. Januar 2020 angab, durch Geschlechtsverkehr nicht verletzt worden zu
  sein, der Beschuldigte habe sie einfach festgehalten und man habe nichts
  gesehen (act. 2/8.1.03, F. 20) und namentlich erwähnte, sie habe
  keine Gefühle gehabt, als er seinen Penis in ihre Scheide eingeführt habe,
  sie sei nicht verletzt worden, obwohl dies ohne ihren Willen geschehen sei
  (act. 2/8.1.03, F. 22), sagte sie in späteren Einvernahmen, sie
  habe Schmerzen verspürt, als er in sie eingedrungen sei (act. 2/10.2.01,
  Rz. 158, 160, 163, 205; act. 38, F. 72). Es kann hierin ein
  Widerspruch gesehen werden. Möglich ist indes, das die Berufungsklägerin das
  Wort "Gefühl" nicht im Sinne einer (durch Nerven vermittelte)
  Empfindung, sondern im Sinne einer psychischen Regung gebrauchte (vgl. hierzu
  die verschiedenen Definitionen von Gefühl, Quelle: https://www.duden.de/rechtschreibung/Gefuehl,
  zuletzt besucht am 28. Juli 2023); in diesem Falle hätte sie damit zum
  Ausdruck bringen wollen, dass sie keine Gefühle der Zuneigung oder der Lust
  gefühlt habe, wohl aber Schmerzen verspürt habe. Die abschliessende Bedeutung
  bleibt unklar. Auf jeden Fall habe nach dem sexuellen Übergriff der
  Beschuldigte nur gelacht und nichts mehr dazu gesagt (act. 2/8.1.03,
  F. 30; act. 38, F. 20). Nach ihrer Aussage vom 8. Januar
  2020 habe sie ihn noch gefragt, weshalb er dies ohne ihren Willen mache
  (act. 2/8.1.03, F. 31), nach ihrer Aussage der Hauptverhandlung vom
  15. Dezember 2021 habe sie ihm
  lediglich gesagt, er solle gehen und nie wiederkommen (act. 38,
  F 20). Dann sei sie duschen gegangen (act. 2/8.1.03, F. 31; act. 38, F 20), wobei sein Ejakulat aus ihrem Leib getropft
  habe (act. 38, F. 74). Ausser
  mit dem Beschuldigten habe sie mit niemandem darüber gesprochen
  (act. 2/8.1.03, F. 32; act. 2/10.2.01, Rz. 231).

  
	
   

  
	
  3.1.3. Aussagen des Beschuldigten

  
	
  3.1.3.1.  
  Zur Strafanzeige

  
	
  An seiner ersten polizeilichen
  Einvernahme vom 7. Januar 2020 konnte der Beschuldigte nicht fassen, was
  gerade geschehe (act. 2/8.1.02, F. 28), er verstehe die Situation
  nicht (act. 2/8.1.02, F. 32). Er habe mit der Berufungsklägerin im
  Dezember 2019 abgemacht gehabt, dass sie die Sache mit ihrem gemeinsamen Sohn
  im neuen Jahr, also im Januar
  2020, "amtlich" machen würden, darum habe er die Berufungsklägerin
  an ihrer alten Wohnadresse aufgesucht (act. 2/8.1.02, F. 32). Eine
  Erklärung für diese Anzeige sah er in ihrer (gemeinsamen) Kultur, welche
  "sehr schwierig" sei und viel mit Stolz zu tun habe
  (act. 2/8.1.02, F. 36). Der Beschuldigte äusserte die Überzeugung,
  dass die Berufungsklägerin Angst vor ihrem Ehemann und ihrer Familie habe,
  weshalb sie jetzt sämtliche Probleme auf ihn lenke. Ihr Ziel sei wohl, dass
  er eine Einreisesperre erhalte, denn das habe sie ihm schon einige Male
  angedroht (act. 2/8.1.02, F. 32). Er könne garantieren, dass er
  sich in Zukunft von der Berufungsklägerin fernhalten werde, doch habe er ein
  menschliches und amtliches Recht, Kontakt zu seinem Sohn zu haben
  (act. 2/8.1.02, F. 34). Er habe Angst, dass es seinem Sohn nicht
  gut gehe (act. 2/8.1.02, F. 36).

  
	
   

  
	
  Übereinstimmend äusserte sich der
  Beschuldigte auch anlässlich seiner zweiten Einvernahme vom 8. Januar
  2020: Er glaube, dass die Berufungsklägerin nun, da er sich um seinen Sohn
  kümmern wolle, Angst habe, dass ihr Ehemann alles erfahre. Bisher wisse er es
  wohl nicht und es wäre auch nicht gut, wenn er es erfahren würde, da er dies
  aus kulturellen Gründen sicherlich nicht akzeptieren würde
  (act. 2/8.1.04, F. 37). In ihrer (gemeinsamen) Kultur könnte diese
  aussereheliche Beziehung und die Vaterschaft ihres gemeinsamen Sohnes
  Auswirkungen für alle Beteiligten und deren Familien haben
  (act. 2/8.1.04, F. 39). Ihm sei jetzt klar, dass die
  Berufungsklägerin aus Angst, dass ihr Ehemann alles erfahre, versuche, sich
  und ihre Familie zu schützen, indem sie ihn so und auf diese falsche Art und
  Weise loswerde (act. 2/8.1.04, F. 47). Er sei völlig erschüttert,
  dass die Berufungsklägerin solche Lügen erfinde, nur um ihn loszuwerden. Sie
  beiden hätten gewusst, dass ihre aussereheliche Beziehung zu Problemen führen
  würde, falls sie bekannt würde. Sie versuche sich nun auf diese Art und Weise
  zu retten und beschuldige ihn hier mit Anschuldigungen, die nie stattgefunden
  hätten. Der Beschuldigte fragt, wieso sie ihn denn nicht schon gestern bei
  der Polizei wegen Vergewaltigung angezeigt habe? Seiner Ansicht nach habe der
  Sinneswandel bei der Berufungsklägerin eingesetzt, als er ihr nach dem
  DNA-Test erklärt habe, dass er sich um den gemeinsamen Sohn kümmern wolle
  (act. 2/8.1.04, F. 48).

  
	
   

  
	
  In seiner
  staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 17. Februar 2020 äusserte der
  Beschuldigte die Auffassung, dass die Familie der Berufungsklägerin sowie das
  Sozialamt sie gegen ihn angestiftet hätten (act. 2/10.1.02,
  Rz. 240–241). Die Berufungsklägerin habe ihm nun eine Falle gestellt und
  ihm ein Messer in den Rücken gesteckt (act. 2/10.1.02, Rz. 253–257).

  
	
   

  
	
  Er blieb bei dieser
  Unschuldsbekundung anlässlich der Hauptverhandlung vom 15. Dezember 2021
  (act. 41, F. 11). Er habe zehn Jahre auf die Berufungsklägerin
  gewartet und im Jahre 2019 höre er plötzlich, dass er sie vergewaltigt hätte
  (act. 41, F. 27). Die Berufungsklägerin habe nach seinem
  Dafürhalten schlicht Angst gehabt, ihren Ehemann zu verlassen, und Angst auch
  vor ihrer Familie (act. 41, F. 30). Bei ihnen gebe es eben
  Traditionen und die Berufungsklägerin habe sich aufgrund ihrer Familie
  irgendwie beschützen wollen, sie habe es ihrer Familie nicht antun wollen,
  dass sie ihren Ehemann verlasse und mit ihm zusammenkomme. Ihre Familie in [...]
  sei immer dagegen gewesen und deshalb habe sie das getan (act. 41,
  F. 46).

  
	
   

  
	
  3.1.3.2.  
  Zur Vergewaltigung

  
	
  Der Beschuldigte sagte aus, er
  könne sich die Vorwürfe der Vergewaltigung nicht erklären, seien sie doch
  immerhin zehn Jahre zusammen gewesen (act. 2/8.1.04, F. 6) und habe
  er während dieser Zeit weder Gewalt gegen sie ausgeübt noch sie jemals vergewaltigt
  (act. 2/10.1.01, Rz. 93–94; act. 2/2.1.02-1, S. 1 resp.
  act. 2/8.1.14, S. 1). Während dieser Zeit hätten sie per Internet
  vereinbart, wann und wo sie sich treffen würden, wobei er sich aufgrund ihres
  Ehemannes nach ihr gerichtet habe und somit sie eigentlich immer bestimmt
  habe, wann sie ihn habe treffen wollen (act. 2/8.1.04, F. 8, 10,
  14, 19; act. 2/2.1.02-1, S. 2 resp. act. 2/8.1.14, S. 2),
  er habe auch nie einen Schlüssel gehabt (act. 41, F. 42). Es habe
  daher nie eine Situation gegeben, in der sie Sex gehabt hätten, ohne dass sie
  es gewollt habe (act. 2/8.1.04, F. 19). Er wisse nicht mehr, wo er
  im Juni 2015 gewesen sei, es sei durchaus möglich, dass er die
  Berufungsklägerin in [...] getroffen und sie miteinander geschlafen hätten,
  er habe sie aber gewiss nicht vergewaltigt (act. 2/8.1.04,
  F. 16–18). An seiner Einvernahme vom 17. Februar 2020 gab er an, er
  sei die ersten zehn Tage im Juni 2015 in [...] gewesen, wobei er jeweils im
  Estrich geschlafen habe, bis sie ihn in die Wohnung gelassen habe
  (act. 2/10.1.02, Rz. 83–98). Anlässlich der Hauptverhandlung vom
  15. Dezember 2021 gab er an, er sei im Juni 2015 etwa zehn Tage in [...]
  bei der Berufungsklägerin gewesen, etwa vom 6. bis zum 16. oder
  17. Juni (act. 41, F. 48). Man könne sagen, dass sie in dieser
  Zeit täglich Sex gehabt hätten (act. 41, F. 49), in der Wohnung, im
  Schlafzimmer, aber auch im Estrich oder wo sie halt gewollt habe, wo es am
  besten gepasst habe, meistens aber im Schlafzimmer (act. 41,
  F. 50). Es stimme nicht, dass er sie vergewaltigt habe
  (act. 2/8.1.04, F. 20; act. 2/10.1.02, Rz. 182–187). Sie
  habe das alles erfunden, es stimme nicht, er verstehe nicht, warum sie jetzt
  mit solchen Vorwürfen komme, sie wolle ihn jetzt einfach nur noch
  schlechtmachen (act. 2/8.1.04, F. 18). Der Beschuldigte fragt,
  warum sie ihn denn nach dem Juni 2015 wieder getroffen und wieder mit ihm
  geschlafen habe? Denn wenn diese Anschuldigung stimmen würde, dann hätte sie
  ihn nicht mehr treffen und gewiss nicht mehr mit ihm schlafen wollen
  (act. 2/8.1.04, F. 19, 29). Sie hätten immer wieder Sex gehabt,
  aber nie, ohne dass sie es gewollt habe (act. 2/8.1.04, F. 29–30).

  
	
   

  
	
  3.1.4. Indizien

  
	
  3.1.4.1.  
  Im Recht liegen verschiedene
  Chatnachrichten, welche sich die Berufungsklägerin und der Beschuldigte am
  7. November 2019 schickten. Darin schreibt ihr der Beschuldigte unter
  anderem die folgenden Nachrichten:

  
	
  "Ich
  habe Dich vergewaltigt? und bedroht" (zit. in act. 2/10.2.01,
  Rz. 688) "Du hast ihr gesagt, du hast mir eine Falle gestellt"
  (zit. in act. 2/10.2.01, Rz. 737)

  
	
  "OK
  sage ihnen, ich habe dich vergewaltigt / und habe dich bedroht, dich beim
  Sozialamt anzumelden" (zit. in act. 2/10.2.01,
  Rz. 744–745)

  
	
  "Ja
  ich habe es ihr erzählt, weil ich deine Intrigen entdeckt habe"
  (zit. in act. 2/10.2.01, Rz. 767)

  
	
  Diese Chatnachrichten stehe in Zusammenhang
  mit der Überzeugung des Beschuldigten, die Berufungsklägerin habe mit ihrer
  Freundin zusammen einen "Vergewaltigungsplan" ausgeheckt
  (act. 41, F. 36); mit der Freundin ist wohl F.______ gemeint,
  welche als einzige Auskunftsperson zur Vergewaltigung aussagt (siehe sogleich
  Ziff. IV./3.1.4.2). Im Chat habe die Berufungsklägerin auch schon
  geschrieben, er habe sie vergewaltigt, doch warum sei denn mit ihm zehn Jahre
  zusammen gewesen, wenn er sie vergewaltigt hätte (act. 41, F. 44)?

  
	
   

  
	
  3.1.4.2.   Gemäss der Aussage von F.______, einer
  Freundin der Berufungsklägerin, habe sie ihr die ganze Geschichte erzählt und
  gesagt, dass sie vom Beschuldigten in den Ferien vergewaltigt worden sei. Sie
  habe ihr auch erzählt, dass sie vom Beschuldigten ein Kind habe
  (act. 2/10.2.04, F. 13). Obwohl die Berufungsklägerin den
  Beschuldigten immer nur als Freund aber nicht als mehr betrachtet habe, habe
  er mehr von ihr wollen, daher auch angefangen, sie zu verfolgen. Am Meer in [...]
  sei sie daher vom Beschuldigten vergewaltigt worden (act. 2/10.2.04,
  F. 36, 39). Von der Vergewaltigung habe ihr die Berufungsklägerin
  erzählt, nachdem sie den Beschuldigten angezeigt hatte (act. 2/10.2.04,
  F. 58). Nach dem Dafürhalten von F.______ habe die Berufungsklägerin
  schon anlässlich ihrer ersten Einvernahme vom 7. Januar 2020 (bei
  welcher F.______ übersetzt hatte) die Vergewaltigungsvorwürfe geschildert
  (act. 2/10.2.04, F. 49). Sie könne sich nicht erklären, warum dies
  nicht im Protokoll vermerkt worden sei (act. 2/10.2.04, F. 50), sie
  habe das Protokoll jedoch nicht gelesen, ehe sie es unterschrieben habe
  (act. 2/10.2.04, F. 51).

  
	
   

  
	
  3.1.4.3.  
  Gemäss der Aussage von E.______,
  einer (ehemaligen) Freundin der Berufungsklägerin, habe die Berufungsklägerin
  ihr gegenüber nie geltend gemacht, dass sie vergewaltigt worden sei
  (act. 2/10.2.06, Rz. 109, 149).

  
	
   

  
	
  3.1.4.4.  
  Wie die Vorinstanz
  zutreffend festhielt, geben die Ein- und Ausreisestempel im Reisepass des
  Beschuldigten keine grossen Hinweise. Sie belegen lediglich, dass er am
  24. März 2014 per Flugzeug in Zürich einreiste und am 17. Juni 2015
  ebenfalls per Flugzeug von Zürich nach [...] reiste (act. 2/8.1.07;
  act. 73, E. IV./3.8., S. 28).

  
	
   

  
	
  3.1.5. Würdigung

  
	
  3.1.5.1.  
  Zunächst ist auf die
  zeitlich gestaffelte Anzeigeerstattung einzugehen (siehe vorne Ziff. IV./2.2.). Es mag auf
  den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, dass die Berufungsklägerin zunächst
  von sich aus eine Drohung angezeigt und erst auf Rückfrage durch die
  Abteilung Migration des Kantons Glarus die Vergewaltigung erwähnte.
  Tatsächlich kann jedoch als gerichtsnotorisch und von der bundesgerichtlichen
  Rechtsprechung anerkannt gelten, dass Opfer von Sexualdelikten aus
  verschiedenen Gründen, namentlich aus Angst und Scham, oftmals auf eine
  Anzeigeerstattung verzichten. Oftmals befinden sich Betroffene nach einem
  traumatischen Erlebnis wie etwa einer Vergewaltigung nicht selten in einem
  Zustand des Schocks und der Erstarrung. In diesem Zustand kommt es zu
  Verdrängungs- resp. Verleugnungsbestrebungen, welche dazu führen, dass sich
  das Opfer (in einer ersten Phase) niemandem anvertraut und sich – wenn
  überhaupt – erst nach Tagen, Monaten oder gar Jahren mitteilt (vgl.
  BGE 147 IV 409 E. 5.4.1. S. 419–420 m.w.H.). Allein aus dem
  Umstand der zeitlich gestaffelten Anzeige lässt sich grundsätzlich nichts
  ableiten, was gegen die Aussagen der Berufungsklägerin sprechen würde. Anders
  freilich verhält es sich mit ihren Aussagen, die eingestehen, dass sie mit
  der Anzeige eine migrationsrechtliche Wegweisung des Beschuldigten bezweckte.
  Zusammen mit der Chronologie der Anzeigeerstattung stellt dies ein starkes
  Indiz dar, dass die Berufungsklägerin weniger auf eine Frage des
  Abteilungsleiters antwortete (der sie nicht auf eine Vergewaltigung, sondern
  auf ihre Gewissheit in Bezug auf die Vaterschaft ihres Sohnes ansprach) als
  vielmehr auf die Aussicht reagierte, dass der Beschuldigte noch selbigentags
  freigelassen werden könnte. Und diese Angst wiederum fügt sich in das oben
  bereits beschriebene Bild der verfahrenen Situation, in welcher sich die
  Berufungsklägerin anfangs Januar 2020 befand. Sodann kann nicht verkannt
  werden, dass die Behauptung einer Vergewaltigung gewissermassen das einzige
  Argument darstellt, welches die aussereheliche Vaterschaft ihres Sohnes in
  ihrem eigenen Kulturkreis rechtfertigen würde. Aus ihren eigenen Aussagen
  ergibt sich, dass die Berufungsklägerin sich dieses Argumentes zumindest
  gegenüber F.______ bewusst bedient hat:

  
	
  "Von Vergewaltigung habe ich ihr erzählt, sie fragte
  ob es wahr sei, dass wir Sex hatten miteinander und ob [der] Besch[uldigte]
  [der] Vater von AX.______ sei. Dann habe ich es ihr erzählt"
  (act. 38, F. 87).

  
	
  Ebenfalls
  zu berücksichtigen ist, dass die Berufungsklägerin und F.______ die
  aktenwidrigen und offensichtlich unwahren Behauptungen machten, wonach sie
  schon anlässlich der ersten Einvernahme die Vergewaltigung erwähnt haben
  sollen.

  
	
   

  
	
  3.1.5.2.  
  Weiter sind die Aussagen der
  Berufungsklägerin zur Vergewaltigung selber zu würdigen. In einer
  Gesamtbetrachtung escheinen diese im Wesentlichen übereinstimmend, wobei sich
  kleinere Widersprüche ausmachen lassen. Dies kann dort, wo es um Finessen des
  gesprochenen Wortes und der damals geführten Diskussion geht – nach so vielen
  Jahren und über die immer auch verändernde Wiedergabe einer übersetzten
  Aussage – nicht massgeblich ins Gewicht fallen. Anders verhält es sich indes
  mit Aussagen, welche zentrale und besonders einprägsame Aspekte der damals
  (physisch) empfundenen Situation betreffen. So etwa die unterschiedlichen
  Aussagen in Bezug auf das Festhalten durch den Beschuldigen oder ihre innere
  Blockierung. Das Obergericht zweifelt nicht daran, dass Opfer von
  sexualisierter Gewalt zuweilen ihre Ablehnung nicht zum Ausdruck bringen
  können, wenn sie sich in einer Art Schockzustand (sog. "freezing")
  befinden (vgl. BGE 147 IV 409 E. 5.1. S. 414; vgl. sodann das
  [aufgrund der Referendumsfrist bis am 5. Oktober 2023 noch nicht in
  Kraft stehende] Bundesgesetz über eine Revision des Sexualstrafrechts vom
  16. Juni 2023 [BBl 2023 1521 ff.], worin das "freezing"
  vom Gesetzgeber anerkannt und das Ausnützen des "Schockzustands einer
  Person" als Novelle in die Art. 189 und 190 StGB aufgenommen wird).
  Jedoch wirft die diesbezügliche Änderung der Aussage von einer rein
  äusserlichen zu einer innerlichen (und äusserlichen) Blockierung Fragen auf.
  Sodann äusserte die Berufungsklägerin (möglicherweise) widersprüchliche
  Aussagen zum Schmerzempfinden bei der Penetration durch den Beschuldigten.
  Die restlichen Aussagen erscheinen zwar, wie gesagt, grossmehrheitlich
  übereinstimmend, doch enthalten sie – wie dies die Verteidigung anschaulich
  aufgezeigt hat (vgl. act. 102, S. 1) – nur sehr wenige
  Realitätskennzeichen. Wo solche vorkommen, wie etwa bei der Aussage, dass der
  Beschuldigte zu Beginn geschrien habe, werden sie in späteren Einvernahmen
  nicht mehr erwähnt. Letztlich beziehen sich diejenigen Stellen, die besonders
  anschaulich beschrieben werden, bspw. auf den Grundriss der damaligen
  Wohnung, die Form und Entfernung des Sofas etc. (vgl. bspw. act. 100/1)
  – Punkte also, die auch aus dem Alltag her und ohne Bezug auf die behauptete
  Vergewaltigung genau erinnert werden könnten.

  
	
   

  
	
  3.1.5.3.  
  Im Gegenzug bestreitet der
  Beschuldigte nicht, im Juni 2015 in [...] in der Wohnung der
  Berufungsklägerin gewesen zu sein. Doch stellt er dies in den Kontext der
  bereits dargestellten ausserehelichen Beziehung und den damit einhergehenden,
  regelmässigen einvernehmlichen Geschlechtsverkehr. Ebenso stellt er aber die
  Anzeigeerstattung in den Kontext des Endes ihrer ausserehelichen Beziehung im
  November und Dezember 2019 und der entsprechenden auch kulturell bedingten
  Angst der Berufungsklägerin, Repressalien durch ihren Ehemann zu erfahren.
  Seine Aussagen enthalten keine Widersprüche, fügen sich in die von ihm in
  ihrer gesamten Dauer einheitlich beschriebenen ausserehelichen Beziehung.
  Sodann indizieren die Chatnachrichten vom November 2019, dass er ungläubig
  auf den offenbar bereits geäusserten Vorwurf der Vergewaltigung reagierte und
  diesen der Berufungsklägerin gegenüber als "Intrige" bezeichnete.

  
	
   

  
	
  3.1.5.4.  
  Im Ergebnis besteht für das
  Obergericht kein Zweifel, dass die Berufungsklägerin und der Beschuldigte in
  einer mehrjährigen, ausserehelichen Beziehung standen, welche von Beginn zu
  grossen Schwierigkeiten führte und in den letzten Monaten des Jahres 2019 zu
  einem schwierigen und äusserst konfliktgeladenen Verhältnis führte. Mit Bezug
  auf die für den Juni 2015 behauptete Vergewaltigung stehen vorliegend zwei
  Sachverhaltsversionen von Personen im Raum, die beide ein manifestes
  Interesse am Ausgang des Strafverfahrens haben. Allein direkte Drittbeweise,
  die überzeugend für die eine oder andere Version sprechen würden, gibt es
  keine. Zur Wahrheitsfindung stehen dem Obergericht letztlich nur die Aussagen
  der Berufungsklägerin und des Beschuldigten zur Verfügung, da die anderen
  Auskunftspersonen entweder nichts von der behaupteten Vergewaltigung wissen
  [...] oder aber sich nur auf die vorliegend nicht in Betracht fallende,
  behauptete Vergewaltigung in [...] beziehen [...]. Aber auch nach Würdigung
  und Gegenüberstellung der relevanten Aussagen bleibt letztlich unklar, was
  sich an einem nicht genauer bestimmten Junitag des Jahres 2015, etwa nach
  09:00 Uhr in [...] ereignete. Die Aussagen der Berufungsklägerin werden
  nicht nur von den Indizien, sondern auch aufgrund ihrer in Bezug auf die
  aussereheliche Beziehung stark angepassten Aussagen sowie ihr damals
  augenscheinliches Interesse an einer migrationsrechtlichen Wegweisung des
  Beschuldigten infrage gestellt, wenngleich auch nicht widerlegt. Es könnte
  sich – allen Unstimmigkeiten und Widersprüchen zum Trotz – tatsächlich so
  abgespielt haben, wie die Berufungsklägerin dies dem Beschuldigten zum
  Vorwurf macht. Doch eine blosse Möglichkeit vermag nicht die hohen
  Anforderungen an den strafrechtlichen Beweis für die angezeigte Vergewaltigung
  und damit einen Schuldspruch zu begründen. Da letztlich und nach dem Gesagten
  nicht ohne unüberwindliche Zweifel feststeht, was zwischen der
  Berufungsklägerin und dem Beschuldigten vorgefallen ist, kommt der den
  Beschuldigten begünstigende Grundsatz in dubio pro reo zur Anwendung.
  Es ist daher zu seinen Gunsten von der für ihn günstigeren Sachlage
  auszugehen (Art. 10 Abs. 3 StPO). Der für die angeklagte
  Vergewaltigung erforderliche Sachverhalt kann demnach nicht erstellt werden.
  Der Beschuldigte ist entsprechend vom Vorwurf der Vergewaltigung
  freizusprechen, da ihm die vorgeworfene Tat in strafprozessualer Hinsicht
  nicht rechtsgenüglich bewiesen werden kann.

  
	
   

  
	
  3.2. Zum Vorwurf der
  Nötigung

  
	
  3.2.1. Aussagen der
  Berufungsklägerin

  
	
  In Bezug
  auf den Vorwurf der Nötigung häufen sich seitens der Berufungsklägerin
  verschiedene Sachverhaltselemente zu einem Gesamtkomplex. Im Kern gehe es
  darum, dass der Beschuldigte gewollt habe, dass sie sich von ihrem Ehemann
  trenne und mit ihr als Familie lebe, weshalb er sie die ganze Zeit bedroht
  habe (act. 2/8.1.01, F. 13; act. 2/10.2.01, Rz. 550–552).
  Die Drohungen hätten jeweils persönlich oder per Telefon stattgefunden, es
  habe auch schriftliche Nachrichten gegeben (act. 2/8.1.01, F. 37).
  Der Beschuldigte habe von ihr verlangt, dass sie mit ihm zusammen in die neue
  Wohnung ziehe und habe dabei jeweils gesagt, dass wenn sie dies nicht tue, er
  sie oder ihre Familie umbringen würde (act. 2/8.1.01, F. 31;
  act. 2/10.2.01, Rz. 571–572). Hier aber verstrickt sich d