# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** cc521fcc-7744-50e0-a1cd-2c7c45d6783c
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2011-10-27
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 27.10.2011 D-6187/2009
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-6187-2009_2011-10-27.pdf

## Full Text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t

T r i buna l   adm in i s t r a t i f   f édé ra l

T r i buna l e   ammin i s t r a t i vo   f ede ra l e

T r i buna l   adm in i s t r a t i v   f ede ra l

   

Abteilung IV
D­6187/2009

U r t e i l   v om   2 7 .   O k t ob e r   2 0 1 1

Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz),
Richterin Contessina Theis,
Richter Martin Zoller;
Gerichtsschreiberin Corinne Krüger.

Parteien A._______, geboren (…),
Irak, 
Beschwerdeführer, 

gegen

Bundesamt für Migration (BFM), 
Quellenweg 6, 3003 Bern,   
Vorinstanz. 

Gegenstand Asyl und Wegweisung; 
Verfügung des BFM vom 24. August 2009 / N (…).

D­6187/2009

Seite 2

Sachverhalt:

A. 
Der  Beschwerdeführer,  ein  ethnischer  Kurde  aus  B._______  /  Provinz 
C._______  (Nordirak),  verliess  eigenen  Angaben  zufolge  seinen 
Heimatstaat  am  15. November  2008  und  gelangte  über  die  Türkei  und 
weitere  ihm unbekannte Länder  in die Schweiz. Am 28. November 2008 
suchte er in D._______ um Asyl nach. Am 16. Dezember 2008 wurde der 
Beschwerdeführer  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ) 
D._______  zu  seinen  Personalien,  dem  Reiseweg  und  summarisch  zu 
seinen  Asylgründen  befragt.  Am  28. Juli  2009  wurde  er  vom  BFM 
einlässlich zu seinen Asylgründen angehört.

B. 
Der  Beschwerdeführer  machte  zur  Begründung  seines  Asylgesuchs  im 
Wesentlichen geltend, er stamme aus dem Dorf B._______ in der Provinz 
C._______  (Nordirak), wo er  als  Landwirt  gearbeitet  habe. Er  habe  seit 
über acht Jahren einen sehr guten Freund (E._______) gehabt. Zwischen 
ihren  beiden  Familien  habe  es  jedoch  seit  kurzer  Zeit  Probleme  und 
Streitigkeiten wegen Ländereien gegeben. Deshalb sei ihre Freundschaft 
von beiden Seiten aus nicht mehr gern gesehen worden. Am 6. Juli 2008 
habe  ihm  sein  Freund  geholfen,  mit  dem  Traktor  in  F._______  Holz 
abzuholen. Dabei sei es zu einem Unfall gekommen. In einer Kurve habe 
die Bremse nicht mehr  funktioniert,  der Traktor  sei umgestürzt und sein 
Freund  sei  unter  den  Traktor  gekommen.  Er  habe  den  Unfall  nicht 
überlebt.  Der  Unfall  sei  von  einigen  Leuten  aus  dem  Dorf  gesehen 
worden.  Die  Polizei  habe  ihn  bezüglich  des  Unfallhergangs  noch  am 
selben  Tag  befragt.  Die  Familie  von  E._______  habe  seine  Aussagen 
nicht  geglaubt  und  ihm  vorgeworfen,  E._______  vorsätzlich  getötet  zu 
haben.  Deshalb wollten  sie  jetzt  Blutrache  nehmen  und  ihn  umbringen. 
Der  Dorfvorsteher  habe  sich  für  eine  friedliche  Lösung  eingesetzt.  Er 
habe  mehrmals  mit  den  Angehörigen  von  E._______  gesprochen  und 
ihnen  gesagt,  dass  es  ein  Unfall  gewesen  sei  und  sie  ihm  (dem 
Beschwerdeführer)  verzeihen  sollten.  Die  Angehörigen  von  E._______ 
hätten davon aber nichts wissen wollen, sondern gesagt, dass sie sich an 
ihm  rächen wollten. Deshalb habe er keinen anderen Ausweg gesehen, 
als  ins  Ausland  zu  flüchten.  Nachdem  er  aus  Angst  vor  E._______ 
Angehörigen das Haus monatelang nicht  verlassen habe,  sei er am 15. 
November 2008  in einem Auto  von C._______ nach G._______ gereist 
und von dort  aus zu Fuss über die Grenze  in die Türkei  gegangen. Mit 
Auto  und  LKW  sei  er  schliesslich  ohne  Identitätsdokumente  am 

D­6187/2009

Seite 3

28. November 2008 in die Schweiz eingereist, wo er am gleichen Tag um 
Asyl ersucht habe.

Für die weiteren Aussagen wird, soweit für den Entscheid wesentlich, auf 
die Protokolle bei den Akten verwiesen.

Anlässlich der Anhörung vom 28. Juli 2009 reichte der Beschwerdeführer 
beim  BFM  diverse  fremdsprachige  Beweismittel  zu  den  Akten,  die  ihm 
per  E­Mail  zugestellt  worden  sind  (Bestätigung  des  Traktorunfalls, 
ausgestellt vom Mukthar; Fotokopie der ID­Karte Nr. (…), ausgestellt am 
27.08.2007  in  B._______;  Fotokopie  des  Todesscheins  von  E._______ 
Nr.  (…),  ausgestellt  am  04.08.2008  in  C._______;  Bestätigung  des 
Traktorunfalls durch die Polizei, ausgestellt am 06.07.2008)

C. 
Mit  Verfügung  vom  24.  August  2009  –  eröffnet  am  26.  August  2009 – 
stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die 
Flüchtlingseigenschaft  nicht und  lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig 
ordnete es seine Wegweisung aus der Schweiz an und beauftragte den 
Kanton H._______ mit dem Vollzug der Wegweisung.

D. 
Mit  Eingabe  vom  18.  September  2009  reichte  der  Beschwerdeführer 
gegen diesen Entscheid beim BFM eine Beschwerde ein und beantragte 
sinngemäss, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei ihm 
die  Flüchtlingseigenschaft  zuzuerkennen  sowie  Asyl  zu  gewähren, 
eventualiter  sei er  infolge Unzulässigkeit  respektive Unzumutbarkeit des 
Wegweisungsvollzugs  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen. 
Gleichzeitig  reichte  der  Beschwerdeführer  seine  Identitätskarte  und  die 
oben  erwähnten  Beweismittel  im  Original  zu  den  Akten.  Das  BFM 
überwies  die  Beschwerdeeingabe  am  29.  September  2009  an  das 
Bundesverwaltungsgericht.

Auf  die  im  Verlauf  des  Beschwerdeverfahrens  eingereichten  Eingaben 
und  Beweismittel  wird,  soweit  für  den  Entscheid  wesentlich,  in  den 
Erwägungen eingegangen.

E. 
Mit  Zwischenverfügung  vom  2.  Oktober  2009  teilte  das 
Bundesverwaltungsgericht  dem  Beschwerdeführer  mit,  dass  er  den 
Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  könne.  Gleichzeitig 
wurde er aufgefordert, die oben erwähnten fremdsprachigen Beweismittel 

D­6187/2009

Seite 4

bis zum 17. Oktober 2009 in eine Amtssprache übersetzen zu lassen und 
einen Kostenvorschuss von Fr. 600.­­ einzuzahlen.

F. 
Am  14.  Oktober  2009  überwies  der  Beschwerdeführer  den 
Kostenvorschuss  in  Höhe  von  Fr.  600.­­  an  das 
Bundesverwaltungsgericht und reichte eine deutsche Übersetzung seiner 
Beweismittel zu den Akten.

G. 
In  seiner  Vernehmlassung  vom  2.  November  2009  beantragte  das 
Bundesamt  die  Abweisung  der  Beschwerde  und  verwies  vollumfänglich 
auf  seine  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung.  Die 
Vernehmlassung  des  BFM  wurde  dem  Beschwerdeführer  am  5. 
November 2009 zur Kenntnisnahme zugestellt. 

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:

1. 
1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden 
gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 
1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM 
gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz 
des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende 
Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das 
Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der 
vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls 
endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des 
Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht 
(Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 
Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG, 
SR 173.110]).

1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem 
BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 
AsylG).

1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der 
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist 

D­6187/2009

Seite 5

durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein 
schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise 
Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert 
(Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). 
Auf die Beschwerde ist einzutreten.

2. 
Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige 
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und 
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

3. 
3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen 
grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat 
oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion, 
Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder 
wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt 
sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu 
werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des 
Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen 
unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen 
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG).

3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft 
nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft 
gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender 
Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere 
Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich 
widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich 
auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7 
AsylG).

4. 
4.1. Der Beschwerdeführer gab  im Wesentlichen an, er habe am 6. Juli 
2008  mit  seinem  Traktor  einen  Unfall  verursacht,  wobei  sein  Freund 
E._______  ums  Leben  gekommen  sei.  Dessen  Angehörige  seien  seit 
kurzer Zeit mit seiner eigenen Familie wegen eines Streits betreffend den 
Besitz  von  Ländereien  verfeindet  und  hielten  ihm  vor,  E._______ 
vorsätzlich getötet zu haben. Deshalb hätten sie gedroht,  ihn aus Rache 
zu  töten.  Trotz  vielen  Gesprächen  hätten  weder  die  Polizei  noch  der 
Dorfvorsteher  erreicht,  die  Familie  von  E._______  zu  besänftigen.  Der 

D­6187/2009

Seite 6

Beschwerdeführer  befürchtet  nun,  bei  einer  Rückkehr  in  seinen 
Heimatstaat als Folge des von  ihm verursachten  tödlichen Unfalls Opfer 
einer Blutrache seitens der Verwandten von E._______ zu werden.

4.2.  Das  BFM  lehnte  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  mit  der 
Begründung  ab,  seine  Vorbringen  seien  nicht  asylerheblich.  Übergriffe 
durch  Dritte  oder  Befürchtungen,  künftig  solchen  ausgesetzt  zu  sein, 
seien  nur  dann  asylrelevant,  wenn  der  Staat  seiner  Schutzpflicht  nicht 
nachkomme  oder  nicht  in  der  Lage  sei,  Schutz  zu  gewähren.  Der 
Beschwerdeführer mache geltend, aus dem  Irak geflüchtet  zu sein, weil 
er Angst gehabt habe, von der Familie von E._______ getötet zu werden. 
Er habe erklärt, nur einmal, am Tag des Unfalls,  für eine Stunde bei der 
Polizei gewesen zu sein, um den Polizisten die Umstände des Unfalls zu 
erklären.  Nachdem  er  von  der  Familie  von  E._______  bedroht  worden 
sei, habe er  jedoch bei den Behörden keinen Schutz mehr gesucht. Die 
nordirakischen  Behörden  seien  generell  schutzbereit  und  schutzfähig. 
Aus  den  vorliegenden  Akten  sei  nicht  ersichtlich,  weshalb  der 
Beschwerdeführer  den  Schutz  der  Behörden  nicht  hätte  in  Anspruch 
nehmen  können.  Seine  Vorbringen  seien  somit  nicht  asylerheblich  und 
hielten  demnach  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft 
gemäss  Art.  3  AsylG  nicht  stand.  Es  erübrige  sich  somit,  auf 
Ungereimtheiten  in  seinen  Vorbringen  einzugehen.  Die  eingereichten 
Beweismittel vermöchten auch nichts an dieser Einschätzung zu ändern.

4.3. Auf Beschwerdeebene hielt der Beschwerdeführer den Erwägungen 
der  Vorinstanz  nichts  Konkretes  entgegen,  hielt  aber  grundsätzlich  an 
seinen Vorbringen fest.

4.4.  Der  Beschwerdeführer  macht  als  Asylgrund  eine  nichtstaatliche 
Verfolgung  geltend, wobei  es  sich  um Drohungen  und  somit  um Furcht 
vor  Übergriffen  seitens  privater  Dritter  handelt.  In  Bezug  auf  die 
staatlichen  Untersuchungsmassnahmen  im  Rahmen  des  Unfalls  ist  zu 
bemerken,  dass  diese  keine Verfolgungshandlungen  darstellen  sondern 
der  Aufklärung  des  Unfallhergangs  und  somit  rechtsstaatlich  legitimen 
Zwecken dienen.

4.5.  Eine  Verfolgung  durch  Dritte  ist  nach  der  Schutztheorie  nur  dann 
flüchtlingsrechtlich  relevant,  wenn  dem  Asylsuchenden  im  Heimatland 
kein  adäquater  Schutz  zur  Verfügung  steht.  Schutz  vor  nichtstaatlicher 
Verfolgung  im Heimatstaat  ist als ausreichend zu qualifizieren, wenn die 
betroffene  Person  effektiv  Zugang  zu  einer  funktionierenden  und 

D­6187/2009

Seite 7

effizienten  Schutzinfrastruktur  hat  und  ihr  die  Inanspruchnahme  eines 
solchen  innerstaatlichen  Schutzsystems  individuell  zumutbar  ist.  Eine 
Garantie  für  langfristigen  individuellen Schutz kann  jedoch nicht verlangt 
werden.  Keinem  Staat  gelingt  es,  die  absolute  Sicherheit  aller  seiner 
Bürger  jederzeit  und  überall  zu  garantieren  (vgl.  Entscheidungen  und 
Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2006 
Nr.  18  E.  10.3.2.  S.  204;  EMARK  1996  Nr.  28  S.  271  f.).  Nach  den 
Erkenntnissen  des  Bundesverwaltungsgerichtes  verfügen  die  drei 
kurdischen Nordprovinzen über eine funktionierende Schutz­Infrastruktur. 
Die Sicherheits­ und Polizeikräfte sind gut dotiert und gelten als gut und 
straff organisiert. Parallel dazu werden Streitfälle oft auch auf traditionelle 
Art  und  Weise,  d.h.  durch  die  Stammesjustiz  /  Stammesversöhnung 
geregelt (vgl. BVGE 2008/4 E. 6.4 f.). Für den Beschwerdeführer ist nach 
diesen  Massstäben  grundsätzlich  hinreichender  Schutz  durch  die 
heimatlichen Behörden gewährleistet. 

4.6. Zudem ergeben sich aus den Akten auch keine Hinweise, dass die 
staatliche  Schutzinfrastruktur  dem  Beschwerdeführer  im  konkreten  Fall 
nicht  zugänglich wäre  und die  heimatlichen Behörden nicht willens  sein 
könnten, ihm Schutz vor Übergriffen seitens der Familienangehörigen des 
Opfers  zu  gewähren.  Es  ist  anzumerken,  dass  der  Beschwerdeführer 
auch gar nicht geltend machte, dass ihm die heimatlichen Behörden den 
erforderlichen  Schutz  verweigert  hätten.  Gemäss  seinen  eigenen 
Aussagen ging die Polizei nach seiner Einvernahme zu den Angehörigen 
von  E._______  und  erklärte  diesen  den  Sachverhalt.  Auch  der 
Dorfvorsteher kümmerte sich um den Vorfall (Stammesjustiz) und sprach 
mehrfach  mit  den  Angehörigen  des  Opfers,  um  diese  zu  einer 
Versöhnung zu bringen.

4.7.  Im Weiteren  ist  festzuhalten, dass der Beschwerdeführer nach dem 
Unfall  noch  mehr  als  vier  Monate  an  seiner  bisherigen  Adresse  lebte. 
Während  dieser  Zeit  verübte  die  Familie  des  bei  dem  Unfall  getöteten 
Freundes keinen Übergriff auf den Beschwerdeführer. Es  ist aber davon 
auszugehen,  dass  allfällige  Racheaktionen  bzw.  Versuche  solcher  mit 
Sicherheit  in  dieser  Zeit  stattgefunden  hätten.  Dieser  Umstand  spricht 
gegen  die  Annahme  einer  real  drohenden  Blutrache.  Da  ihm  die 
Behörden  den  Schutz  nicht  verweigert  hatten,  hätte  der 
Beschwerdeführer  zuerst  diese  (erneut)  aufsuchen  und  um  Schutz 
ersuchen  können,  bevor  er  sein  Heimatland  verliess.  Der 
Beschwerdeführer  hat  also  –  noch  bevor  es  überhaupt  zu  befürchteten 
Übergriffen durch Dritte kam ­ sein Heimatland verlassen und dadurch auf 

D­6187/2009

Seite 8

den  Schutz  durch  die  heimatlichen  Behörden  verzichtet.  Schliesslich 
bleibt  anzufügen,  dass  es  dem  Beschwerdeführer  aufgrund  der  bloss 
lokalen Verfolgung zumutbar gewesen wäre und es immer noch ist, sich 
den  Drohungen  der  Angehörigen  von  E._______  durch  die 
Inanspruchnahme  einer  innerstaatlichen  Aufenthaltsalternative  zu 
entziehen.

4.8.  Die  Vorinstanz  hat  somit  zu  Recht  festgestellt,  dass  die 
nordirakischen Behörden  grundsätzlich willens  und  fähig  sind,  Verfolgte 
vor  Übergriffen  Dritter  zu  schützen.  Aus  den  Akten  ist  nicht  ersichtlich, 
weshalb  der  Beschwerdeführer  den Schutz  der  Behörden  nicht  hätte  in 
Anspruch nehmen können.

4.9.  An  dieser  Einschätzung  vermögen  auch  die  eingereichten 
Dokumente  nichts  zu  ändern,  da  sie  lediglich  belegen,  dass  am  6.  Juli 
2008  ein  Verkehrsunfall  stattgefunden  hat,  der  Beschwerdeführer  das 
verunglückte  Fahrzeug  (Traktor)  gefahren  hat  und  dabei  ein  Mann 
namens  E._______  ums  Leben  gekommen  ist.  Dieser  Verkehrsunfall 
respektive  der  dadurch  verursachte  Todesfall  sind  aus  den 
vorangehenden  Erwägungen  nicht  asylrelevant.  Die  Vorinstanz  hat  das 
Asylgesuch des Beschwerdeführers zu Recht abgelehnt.

5. 
5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht 
ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und 
ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit 
der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).

5.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche 
Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer 
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 
Abs. 1 AsylG; vgl. EMARK 2001 Nr. 21).

6. 
6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder 
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach 
den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von 
Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes 
vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG, 
SR 142.20]).

D­6187/2009

Seite 9

Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt 
gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner 
Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der 
Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte 
Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. 
WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.], 
Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148).

6.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen 
der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in 
den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83 
Abs. 3 AuG).

So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land 
gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus 
einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie 
Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden 
(Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom 
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).

Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen 
Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des 
Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere 
grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe 
(FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom 
4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten 
(EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder 
erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.

6.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend 
darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement 
nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem 
Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche 
Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5 
AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden 
Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des 
Beschwerdeführers in den Irak ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 
AsylG rechtmässig.

Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers 
noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer 

D­6187/2009

Seite 10

Ausschaffung  in  den  Irak  dort mit  beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer 
nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung 
ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für 
Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses 
müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk") 
nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer 
Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde 
(vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom 
28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren 
Hinweisen).  Auch  die  allgemeine Menschenrechtssituation  im  Irak  lässt 
den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  klarerweise  nicht  als 
unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der 
Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen 
Bestimmungen zulässig.

6.4.   Gemäss Art.  83 Abs.  4 AuG  kann  der Vollzug  für Ausländerinnen 
und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder 
Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg, 
allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind. 
Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von 
Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren.

Das  Bundesverwaltungsgericht  geht  gemäss  konstanter  Praxis  davon 
aus, dass in den drei kurdischen Provinzen Dohuk, Erbil und Suleimaniya 
keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrscht  und  die  dortige  politische 
Lage nicht dermassen angespannt ist, als dass eine Rückführung dorthin 
als  generell  unzumutbar  betrachtet werden müsste. Die Anordnung  des 
Wegweisungsvollzugs  ist  in  der  Regel  für  alleinstehende,  gesunde  und 
junge Männer, die ursprünglich aus einer der drei  kurdischen Provinzen 
stammen oder eine längere Zeit dort gelebt haben und dort nach wie vor 
über  ein  soziales  Netz  (Familie,  Verwandtschaft  oder  Bekanntenkreis) 
oder  über  Parteibeziehungen  verfügen,  zumutbar,  während  für 
alleinstehende Frauen und für Familien mit Kindern, sowie für Kranke und 
Betagte bei der Feststellung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs 
grosse Zurückhaltung angebracht ist (BVGE 2008/5 E.7.5.8 S. 72).

Die  Sicherheitslage  in  den  drei  kurdischen  Provinzen  hat  sich  seit  der 
Publikation des erwähnten Urteils (BVGE 2008/5) nicht verschlechtert. In 
der  überwiegenden  Mehrheit  der  Berichte  von  Regierungs­  und 
Nichtregierungsorganisationen  sowie  des  UN­Sicherheitsrats  wird  eine 
insgesamt stabile Situation beschreiben. In seinem Bericht von Juli 2010 

D­6187/2009

Seite 11

bestätigt  das  Amt  des  Hohen  Flüchtlingskommissars  der  Vereinten 
Nationen  (UNHCR)  die  relativ  stabile  Sicherheitslage  in  den  drei 
kurdischen Provinzen  (vgl. UNHCR, Note on  the Continued Applicability 
of  the  April  2009  UNHCR  Eligibility  Guidelines  for  Assessing  the 
International Protection Needs of  Iraqi Asylum­Seekers, Juli 2010, S. 2). 
Die allgemeine Sicherheitslage im Nordirak spricht somit nicht gegen die 
Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung.

Der  heute  fast  (…),  alleinstehende  Beschwerdeführer  stammt  aus 
B._______  in  der  Provinz  C._______,  wo  gemäss  eigenen  Angaben 
seine Eltern, zwei Brüder und zwei Schwestern noch immer leben. Somit 
ist davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr  in den Nordirak nicht 
auf  sich  allein  gestellt  wäre,  dort  mithin  auch  heute  ein  familiäres 
Beziehungsnetz  vorfindet,  welches  ihn  bei  der  Wiedereingliederung 
unterstützen  könnte.  Die  Familie  des  Beschwerdeführers  lebt  von  der 
Landwirtschaft. Auch er hat bis zu seiner Ausreise als Landwirt gearbeitet 
und  kann  bei  einer  Rückkehr  in  sein  Heimatland  seiner  Familie  wieder 
eine  grosse  Hilfe  sein.  Zudem  sind  den  Akten  auch  keine 
gesundheitlichen  Beeinträchtigungen  zu  entnehmen,  welche  gegen  die 
Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  sprechen  könnten. 
Zusammenfassend  ist  festzuhalten, dass keine Anhaltspunkte vorliegen, 
die  auf  eine  konkrete  Gefährdung  des  Beschwerdeführers  im  Irak 
schliessen lassen. Damit ist der Vollzug der Wegweisung als zumutbar zu 
erachten.

6.5.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der 
zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr 
notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG 
und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug 
der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2 
AuG).

6.6. Insgesamt hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als 
zulässig,  zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine 
Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1 – 4 
AuG).

7. 
Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung 
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und 

D­6187/2009

Seite 12

vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die 
Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen.

8. 
Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  in  der  Höhe  von 
insgesamt Fr. 600.­ dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 
und  5 VwVG; Art.  1­3  des Reglements  vom 21.  Februar  2008  über  die 
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, 
SR  173.320.2])  und  mit  dem  am  14.  Oktober  2009  in  gleicher  Höhe 
geleisteten Kostenvorschuss zu verrechnen. 

D­6187/2009

Seite 13

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1. 
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2. 
Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­­  werden  dem  Beschwerdeführer 
auferlegt  und  mit  dem  in  gleicher  Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss 
verrechnet. 

3. 
Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die 
zuständige kantonale Behörde.

Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin:

Hans Schürch Corinne Krüger

Versand: