# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** f16ca7e4-5846-5b09-8c4c-266ca2619945
**Source:** Solothurn (SO)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 1999-01-27
**Language:** de
**Title:** Solothurn Obergericht Jugendgerichtskammer 27.01.1999 ZZ.1999.24
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SO_Omni/SO_OG_003_ZZ-1999-24_1999-01-27.html

## Full Text

SOG 1999 Nr. 24

 

 

Art. 4 BV, § 37 StPO. Es ist unzulässig, einem freigesprochenen
Beschuldigten nur deshalb keine Parteientschädigung zuzusprechen, weil er über
eine Rechtsschutzversicherung verfügt. Handelt es sich indessen um eine
Bagatelle, die es nicht als geboten erscheinen lässt, einen Anwalt beizuziehen,
ist keine Entschädigung auszurichten.

 

 

            1. Nach der
Rechtsprechung des Bundesgerichtes besteht im zivilprozessualen Verfahren ein
Anspruch auf Prozessentschädigung auch dann, wenn die obsiegende Partei
rechtsschutzversichert ist. Dieser Umstand befreit die unterliegende Partei
nicht von der Leistung einer Entschädigung. Die Verweigerung einer
Prozessentschädigung allein deswegen, weil eine Partei rechtsschutzversichert
ist, wäre willkürlich (BGE 117 Ia 296). Die unterliegende Partei hat die
Gegenpartei grundsätzlich nach Massgabe ihres Unterliegens zu entschädigen, und
zwar unabhängig davon, ob dieser dank Vereinbarungen mit Dritten keine Kosten
entstanden wären. Von Unentgeltlichkeit kann keine Rede sein, soweit eine
Rechtsschutzgarantie durch Prämien erworben wurde (BGE 122 V 279 f.; vgl. auch
BGE 108 V 270 ff.). Einzig bei der Bemessung der Höhe der Parteientschädigung
ist generell zu berücksichtigen, ob der Parteivertreter freiberuflich tätig
oder bei einer Rechtsschutzversicherung angestellt ist (BGE 120 Ia 171).

            Das
Willkürverbot als Teilgehalt von Art. 4 BV und verfassungsmässiges Recht des
Bürgers kommt nicht nur im Zivilrecht zur Anwendung, sondern beansprucht als
übergeordnete Verfassungsnorm auch auf dem Gebiet des Strafrechts Geltung (vgl.
Georg Müller: Kommentar zur Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft, Basel 1995, N 58 zu Art. 4). Folglich ist davon auszugehen,
dass es ebenfalls willkürlich wäre, einer Partei im Strafprozess die
Parteientschädigung allein deswegen zu verweigern, weil sie für Rechtsschutz
versichert ist, die übrigen Voraussetzungen jedoch gegeben sind. 

            2. Gemäss §
37 StPO ist dem Beschuldigten auf sein Begehren unter den Voraussetzungen von §
36 StPO eine durch den Staat auszurichtende Parteientschädigung zuzusprechen.
Der Beschuldigte hat grundsätzlich Anspruch auf eine Parteientschädigung, wenn
er freigesprochen oder das gegen ihn geführte Verfahren eingestellt wird.
Veranlasste oder erschwerte er die Untersuchung durch verwerfliches oder
leichtfertiges Verhalten schuldhaft (sog. prozessuales Verschulden, vgl. Robert
Hauser/Erhard Schweri: Schweizerisches Strafprozessrecht, Basel 1999, § 109 Rz
10), kann die Entschädigung verweigert oder herabgesetzt werden. Da die
solothurnische Strafprozessordnung zwischen der Entschädigung für Nachteile
gemäss § 36 (Schadenersatz und Genugtuung) einerseits und der
Parteientschädigung gemäss § 37 andererseits unterscheidet, kann unter
letzterer nur der vom Beschuldigten für seine Verteidigung getriebene Aufwand
(Reisespesen, Anwaltskosten, etc.) verstanden werden.

            Im Strafverfahren eine Parteientschädigung
zuzusprechen, ist eine Konsequenz der Unschuldsvermutung (Art. 6 Abs. 2 EMRK),
die auf dem Grundsatz beruht, dass Freigesprochene und ihnen gleichzustellende
nicht verurteilte Angeschuldigte nicht nur keine Verfahrenskosten tragen,
sondern auch Ersatz der notwendigen Auslagen erhalten sollen. Das Zusprechen
einer Parteientschädigung hängt jedoch davon ab, ob die Verteidigung geboten
war. Die Auslagen sind zu vergüten, wenn fachkundiger Beistand nach den
Umständen des Falles (sachliche oder rechtliche Kompliziertheit, Folgen einer
Verurteilung) und nach den persönlichen Bedürfnissen des Klienten angezeigt war
(BGE 115 IV 158 ff., 160; Hauser/Schweri, a.a.O., § 109 Rz 5; Peter Staub:
Kommentar zum Strafverfahren des Kantons Bern, Bern 1992, S. 499). In Bagatellsachen
darf ein frei gewählter Verteidiger zwar nicht ausgeschlossen werden, doch
ergibt sich in einem solchen Fall kein Anspruch auf Kostenersatz im Falle des
Obsiegens (BGE 110 Ia 159 E. 1b). In solchen Fällen, bei denen nur eine Busse
oder eine geringfügige Freiheitsstrafe in Frage kommt, verneint die
Bundesgerichtspraxis denn auch jeglichen verfassungsmässigen Anspruch auf
unentgeltliche Verbeiständung (BGE 120 Ia 45 mit Hinweisen). Die Frage, ob der
Beizug eines Verteidigers geboten war, hängt auch bei Übertretungen von den
Umständen des konkreten Falles ab. Massgebend für die Beurteilung darf nicht
die Aktenlage sein, wie sie sich nach Abschluss des Verfahrens präsentiert,
sondern es ist auf die Sachlage im Zeitpunkt des Beizuges des Verteidigers
abzustellen (110 Ia 158 ff.).

 

Obergericht Strafkammer, Urteil 27. Januar 1999

 

Die dagegen erhobene staatsrechtliche Beschwerde hat das
Bundesgericht am 25. Mai 1999 abgewiesen.