# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** d4dccc75-585c-5f8b-aec3-07ade8f872f9
**Source:** Bundesgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 1986-09-12
**Language:** de
**Title:** Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen, UBI 12.09.1986 JAAC 51.29
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_VB/CH_VB_010_JAAC-51-29--_1986-09-12.pdf

## Full Text

JAAC 51.29

Auszug aus einem Entscheid der Unabhängigen
Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen vom 12.
September 1986

Télécommunications. Plainte contre une chanson diffusée à la radio
alémanique et dans laquelle une association de sexe et de violence
suggère un viol ou un meurtre. Cas limite dans le cadre de l’autonomie
des programmes reconnue par la concession SSR. Violation de la
concession niée au regard de la retenue observée dans la diffusion de
la chanson litigieuse et d’une émission critique qui lui a été consacrée.

Fernmeldeverkehr. Beanstandung eines am Deutschschweizer
Radio gesendeten Liedes, in welchem durch Assoziation von Sex
und Gewalt eine Vergewaltigung oder Tötung suggeriert wird.
Grenzfall im Rahmen der durch die SRG-Konzession anerkannten
Programmautonomie. Verneinung einer Konzessionsverletzung
angesichts der zurückhaltenden Ausstrahlung des beanstandeten Lieds
und einer ihm gewidmeten kritischen Sendung.

Telecomunicazioni. Ricorso contro una canzone diffusa dalla radio
della Svizzera tedesca e nella quale un’associazione di sesso e
violenza suggerisce uno stupro o un omicidio. Caso limite nel quadro
dell’autonomia dei programmi riconosciuta dalla concessione SSR.
Violazione della concessione negata in considerazione del riserbo
osservato nella diffusione della canzone contestata e di un’emissione
critica che le è consacrata.

1

I

A. Vor einiger Zeit war auf dem Deutschschweizer Radio DRS, hauptsächlich in
der Hitparade von DRS 3, das Lied «Jeanny» des Sängers Falco zu hören. Der
Text lautet:

«( Jeanny, komm, come on / Steh auf bitte / Du wirst ganz nass / Schon spät,
komm / Wir müssen weg hier / Raus aus demWald / Verstehst du nicht?

Wo ist dein Schuh? / Du hast ihn verloren / Als ich dir den Weg zeigen musste /
Wer hat verloren? / Du dich? / Ich mich? / Oder / Oder wir uns?

Jeanny, quit livin on dreams / Jeanny, life is not what it seems / Such a lonely little
girl in a cold, cold world / There’s someone who needs you / Jeanny, quit livin on
dreams / Jeanny, life is not what it seems / You’re lost in the night / Don’t wanna
struggle und fight / There’s someone who needs you.

Es ist kalt, wir müssen weg hier, komm / Dein Lippenstift ist verwischt / Du
hast ihn gekauft und / Und ich hab es gesehen / Zuviel Rot auf deinen Lippen /
Und du hast gesagt «mach mich nicht an» / Aber du warst durchschaut / Augen
sagen mehr als Worte / Du brauchst mich doch, hmmh? / Alle wissen, dass wir
zusammen sind ab heute / Jetzt hör ich sie / Sie kommen / Sie kommen dich zu
holen / Sie werden dich nicht finden / Niemand wird dich finden / Du bist bei mir!

Jeanny, quit livin on dreams (…)

Newsflash: In den letzten Monaten ist die Zahl der vermissten Personen
dramatisch angestiegen. Die jüngste Veröffentlichung der lokalen Polizeibehörde
berichtet von einem weiteren tragischen Fall. Es handelt sich um ein
neunzehnjähriges Mädchen, das zuletzt vor vierzehn Tagen gesehen wurde. Die
Polizei schliesst die Möglichkeit nicht aus, dass es sich hier um ein Verbrechen
handelt.

Jeanny, quit livin on dreams (…)»

B. Gegen dieses Lied haben sich am 10. April 1986 eine Frau und eine
Frauenorganisation in einer gemeinsamen Eingabe beschwert. Sie werden von
21 Mitunterzeichnern unterstützt.

...Die Beschwerdeführerinnen fordern, dass das Lied nicht mehr gespielt
werde.

C. Gemäss Art. 19 des BB vom 7. Oktober 1983 über die Unabhängige
Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (SR 784.45; im folgenden BB
genannt), ist die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) zur
Vernehmlassung eingeladen worden... .

Die SRG bestreitet nicht, dass der Text des fraglichen Liedes von zweifelhaftem
Geschmack zeuge, fügt aber bei, es sei ein weiter Weg bis zur Behauptung,
dass der Song einen ausschliesslich destruktiven Charakter aufweise oder
gegen die Menschenwürde verstosse. Der Liedtext als solcher sage wenig
Konkretes, jedenfalls nichts eigentlich Anstössiges aus. Seine Unklarheit bzw.
Missverständlichkeit werde immer wieder betont, und erst in der Phantasie
des Zuhörers könne das Lied unter Umständen einen anstössigen Charakter

2

annehmen. Die Vergewaltigung und der anschliessende Mord sei eine der
möglichen Auslegungen, keinesfalls aber die einzige und schon gar nicht die
wahrscheinlichste... .

II

…

6. (Tragweite von Art. 13 Abs. 1 Satz 1 der SRG-Konzession [BBl 1981 I 288];
vgl. VPB 50.53, VPB 49.32, VPB 48.75)

7. Die Beschwerdeinstanz hat sich das beanstandete Lied angehört und
es zum Anlass genommen, den Fall nicht nur mit Blick auf die fragliche
Programmbestimmung zu betrachten, sondern sich mit der ganzen
Problematik der Darstellung von Gewalt auseinanderzusetzen, mit ihrer
Verherrlichung und mit der (vielleicht noch gefährlicheren) Banalisierung
der Gewalt. Die Instanz ist dabei zum Schluss gelangt, dass, ähnlich wie im
sexuellen Bereich, auch hier die Reizschwelle immer höher gesetzt wird.
Sexuelle Darstellungen, Gewalt oder die Kombination von Sex und Gewalt
werden immer expliziter, immer roher. Dies gilt insbesondere für gewisse
Horrorprodukte aus der Filmindustrie, aber manchmal auch für Sendungen
am Radio oder Fernsehen.

In den letzten Jahren haben sich die Massstäbe gelockert. Die technische
Entwicklung fördert die unkontrollierte Verbreitung fragwürdiger Produkte
(z. B. mittels Videokassetten) und bringt die rechtliche Erfassung in Rückstand;
die bestehenden gesetzlichen Grundlagen vermögen die zunehmenden
Brutalisierungstendenzen nicht aufzuhalten. Die hasserfüllten, sadistischen
und manchmal sogar rassistischen Konsumerzeugnisse, mit denen man nun
schon beinahe täglich konfrontiert wird, bergen die Gefahr in sich, dass sie
zum Zerfall der sittlichen Werte gerade der Jugend beitragen.

8. In bezug auf Radio und Fernsehen muss festgestellt werden, dass die Inhalte
gewisser zumeist englischsprachiger und damit für viele Hörer und Zuschauer
etwas verfremdeter Songs zum Teil ebenfalls von wenig Achtung vor dem
Menschen zeugen.

Der Song «Jeanny» ist in dieser Beziehung ein Grenzfall: Wie die Lektüre
des Textes und das Anhören des Liedes ergeben, bleiben die Aussagen zwar
vordergründig diffus; die Aufmachung und die konstruierte Spannung
suggerieren aber nach Meinung der Beschwerdeinstanz die Antworten. Es
ist für das Publikum naheliegend, auf den Gedanken einer Vergewaltigung
oder Tötung zu kommen. Weder die Vorbringen der SRG noch die Argumente
in den ihrer Stellungnahme beigegebenen Gutachten vermögen diesen
Eindruck genügend zu zerstreuen. Obwohl der eingeblendete Nachrichtentext
(newsflash) sich nicht explizit auf die von Falco angeredete Jeanny
bezieht, ist die bezweckte Assoziation offensichtlich. In seiner ganzen
Zweideutigkeit erscheint der Beschwerdeinstanz der Text eindeutig. Ebenso
wird der Eindruck erweckt, das Mädchen habe die Gewalt, die ihm angetan
wird, im Grunde gesucht, ja sogar provoziert. Dieser Aspekt spielt oft in
Notzuchtsprozessen eine Rolle, wenn den Gerichten vorgehalten wird, zuviel
Sympathie für den (männlichen) Täter und zuviel Strenge für das (weibliche)
Opfer zu zeigen, dem oft mehr oder weniger deutlich unterstellt wird, eine

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Vergewaltigung durch Haltung oder Aufmachung provoziert zu haben. «Zuviel
Rot auf Deinen Lippen,...aber Du warst durchschaut.» An Stellen dieser Art
wird deutlich, dass dem Lied mit guten Gründen gewisse frauenverachtende
oder gewaltverherrlichende Tendenzen zugeordnet werden können.

9. Zur Frage einer Konzessionsverletzung hält die Beschwerdeinstanz
folgendes fest:

Nach anfänglich sporadischen Ausstrahlungen - laut SRG nur aufgrund
von Hörerwünschen - im normalen Programm von Radio DRS, wurde
der Song, nachdem andere Rundfunkanstalten vorangegangen waren,
ausschliesslich noch im Rahmen der Hitparade gesendet. Einerseits wollte
man weiterhin der Chronistenpflicht nachkommen und andererseits mit
diesem Vorgehen vermeiden, dass mit etwaigen Schlagzeilen über getroffene
«Zensurmassnahmen» der kommerzielle Erfolg der Platte noch gesteigert
würde. Ausserdem widmete sich eine «Input»-Sendung dem Fall «Jeanny» und
den damit verknüpften Grundsatzfragen (Titel: «Gewalt in den Hits - Gewalt
gegen Frauen», 6. April 1986).

Die Beschwerdeinstanz hat Verständnis für das Vorgehen des Radios und
begrüsst insbesondere die dabei genutzte Möglichkeit, das Problem für
die Hörerschaft vertieft zu behandeln. Angesichts der Zurückhaltung, mit
welcher das Lied ausgestrahlt wurde - wiewohl auch ein völliges Verbot
zu rechtfertigen gewesen wäre -, sowie der ihm gewidmeten kritischen
Sendung, kann man nicht von einem Programm sprechen, das in dieser
Beziehung geradezu im Gegensatz zu den Bestimmungen und zum Auftrag
der Konzession gestanden hätte. Mithin hat sich das Radio im Rahmen der
ihm zustehenden Autonomie in der Gestaltung seiner Sendungen bewegt,
die ebenso einen anderen Programmentscheid zugelassen hätte. Damit ist
auch gesagt, dass die Konzession SRG keine genügende Rechtsgrundlage bildet,
um mittels Radio und Fernsehen eine gesellschaftliche Trendwende auf dem
Gebiet von Brutalität und Gewaltverherrlichung einzuleiten.

10. Die Beschwerdeinstanz kommt somit zum Ergebnis, dass keine
Konzessionsverletzung vorliegt. Sie legt der SRG jedoch nahe, gegenüber
Tendenzen, wie sie mit «Jeanny» sichtbar werden, im Sinne ihres
Programmauftrages weiterhin eine kritische Haltung einzunehmen, deren
Problematik aufzuzeigen und Ausstrahlungen im Rahmen der ihr von der
Verfassung garantierten Autonomie vorzunehmen oder zu unterlassen.

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Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften

Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées

Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali

JAAC 51.29 - Auszug aus einem Entscheid der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für

Radio und Fernsehen vom 12. September 1986

In Verwaltungspraxis der Bundesbehörden
Dans Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération
In Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione

Jahr 1987
Année

Anno

Band 51
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Ref. No 150 000 410

Das Dokument wurde durch das Schweizerische Bundesarchiv und die Bundeskanzlei konvertiert.

Le document a été digitalisé par les Archives Fédérales Suisses et la Chancellerie fédérale.

Il documento è stato convertito dall'Archivio federale svizzero e della Cancelleria federale.

	Auszug aus einem Entscheid der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen vom 12. September 1986
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