# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** e74a81f0-4444-5bc8-b7d9-1a50c8154a01
**Source:** Zürich (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2003-01-23
**Language:** de
**Title:** Zürich Verwaltungsgericht 23.01.2003  VB.2002.00299
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/ZH_Verwaltungsgericht/ZH_VG_001_-VB-2002-00299_2003-01-23.html

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				Geschäftsnummer: 	VB.2002.00299	 
	Entscheidart und -datum: 	Endentscheid vom 23.01.2003
	Spruchkörper: 	1. Abteilung/1. Kammer
	Weiterzug: 	Dieser Entscheid ist rechtskräftig.
	Rechtsgebiet: 	Raumplanungs-, Bau- und Umweltrecht
	Betreff: 

	Unterschutzstellung

	
Aufhebung der Unterschutzstellung einer Villa im historisierenden Renaissancestil wegen mangelnder wichtiger Zeugenschaft.
Abweisung.

			 	
				Stichworte:
	
						AUGENSCHEIN
GUTACHTEN
ÜBRIGES PLANUNGS- UND BAURECHT
UNTERSCHUTZSTELLUNG
VERHÄLTNISMÄSSIGKEIT
ZEUGENSCHAFT

					
	
	Rechtsnormen:
	
						§ 203 Abs. I lit. c PBG

					
	
	Publikationen:
	
						- keine -
					
	Gewichtung:

					(1 von hoher / 5 von geringer Bedeutung)
	
						Gewichtung: 3
					

			 

	 	
			

			

 

I. Mit Beschluss vom 12. Dezember 2001
stellte der Gemeinderat X die "Villa Q" (Vers.Nr. 01) auf dem
Grundstück Kat.Nr. 02 an der K-stras­se gestützt auf § 203 Abs. 1
lit. c Planungs- und Baugesetz vom 7. September 1975 (PBG) im näher
umschriebenen Um­fang unter Schutz. Nach Auffassung des Gemeinderates, der sich
auf ein Gutachten der Denkmalpflege-Kommission des Kantons Zürich vom 18. Juli
2001 stützte, handelt es sich bei dem zwischen 1900 und 1902 erbauten und 3
Jahre später um einen Büroanbau ergänz­ten Haus "Q" um ein in X
selten anzutreffen­des Beispiel eines Mehr­familienhauses mit fast
villenartigem Repräsentationsanspruch. Das Äus­sere des Gebäudes sei in
historischem, die toskanische Renaissance zitie­renden Stil mit grossem Aufwand
durchgestaltet und befinde sich in weit­gehend originalem, wenn auch baulich
etwas vernachlässigtem Zustand. In beiden Wohnungen weise auch das Innere des
Gebäudes noch Teile des ur­sprünglichen Ausbaues auf. Obwohl
entstehungsgeschicht­lich ohne Zu­sammenhang, bilde das Haus "Q" mit
dem benachbarten, ungefähr zeitgleich entstandenen Fabrikgebäude K-strasse eine
visuelle Ein­heit. 

 

II. B, Eigentümer der "Villa Q"
liess gegen diesen Unterschutz­stel­lungsbeschluss Re­kurs erheben, der von der
Baurekurs­kommission III nach Durchführung eines Delegations­augenscheins mit
Entscheid vom 3. Juli 2002 gutgeheissen wurde. Dies im Wesentlichen mit
folgender Begründung: 

 

Entgegen der Auffassung der kantonalen
Denkmalpflegekommission – deren Gut­achten von der Rekurskommission in tatsächlicher
und recht­licher Hinsicht frei gewürdigt werde – erfülle die "Villa
Q", deren architektonische Gestaltung im Detail geschildert wird, die
Anforderungen von § 203 Abs. 1 lit. c PBG, nämlich der wichtigen
Zeugenschaft einer Epoche, nicht. Der Amtsbericht der kantonalen
Denkmalpflegekommission erschöpfe sich im We­sentlichen in der chronologischen
Baugeschichte und in der detaillierten Beschrei­bung der äusseren Erschei­nung
des Gebäudes. Eine einlässliche denkmal­pfleger­ische Wer­tung fehle jedoch.
Insbesondere bleibe die Frage unbeantwortet, inwiefern das Ge­bäu­de einen
hervorragen­den Vertreter des im 19. Jahrhundert dominieren­den Historismus
darstel­len sollte, in welchem die Stilformen historischer Epochen, namentlich
der Romantik, Gotik, Renaissance und des Barock wieder auflebten. Es werde
lediglich auf die aussergewöhn­liche Stilwahl des Bauwerkes und das Zu­rückgreifen
auf italienische Vorbilder hinge­wie­sen, wobei eine Zuordnung zu einer
Stilrichtung unterbleibe. Das Bauwerk sei denn auch für keine der historischen
Stilrichtungen repräsentativ. Mit seiner ungewöhnlichen Stil­­wahl falle das an
einen italienischen Palast zu erinnernde Streitobjekt als fremdes Unikat auf,
das zur Architektur der Re­gion keinen Bezug habe. Offenbar habe sich hier, wie
die Denkmalpflege­kommission selber ein­räume, ein Liebhaber der
Renaissancearchitektur sich einen Traum erfüllen wollen. Der Umstand, dass es
sich vorliegend um ein stilistisch ausser­gewöhnliches Bauwerk handelt, erhebe
das Gebäude noch lange nicht zum wichtigen Zeugen. Vielmehr spreche die
eigenwillige Stilwahl gerade ge­gen eine besondere Zeugenschaft für eine
bestimmte Epoche. Auch den inneren Bauteilen der – näher beschriebenen – zwei
Etagenwohnungen ohne herrschaftlichen An­spruch könne keine qualifi­zierte
Zeugenschaft attestiert werden. Mit dem Reprä­sen­ta­tionsanspruch des Äusseren
korrespondierten einzig die in je zwei Zimmern vorhandenen Deckenstuckaturen,
die jedoch keinen besonde­ren Zeugenwert aufweisen würden, weil sich vergleichbare
Decken noch in zahlreichen andern Ge­bäuden befänden. 

 

Das Gebäude lege
auch keine Zeugenschaft für eine wirtschaftliche oder soziale Epoche ab. Zwar
hätten sich im Zeitalter der Industrialisierung wohlhabende Bürger archi­tek­to­nische
Extravaganzen geleistet, was sich in prachtvollen Villen mit Repräsentations­räumen
oder Etagenwohnhäusern mit grosszügigen, repräsentativen Wohnungen geäus­sert
habe. Im Gegen­satz dazu würden sich hinter der villenartigen Kulisse des
Streitobjekts klein­räumige, einfache Wohnungen ohne herrschaftlichen Anspruch
ver­bergen. Auch in die­ser Hinsicht handle es sich bei diesem Wohnhaus für die
damalige Zeit um einen Exoten, weshalb darin keine wichtige Beispiel­haftigkeit
eines historischen Wohnbaus erblickt werden könne. 

 

Schliesslich habe anlässlich des Augenscheins
auch die behauptete Ensemblewirkung der "Villa Q" und des
benachbarten, um die Jahr­hundertwende erbauten Fabrikgebäu­des nicht
festgestellt werden können. Zwischen den beiden Gebäuden sei weder ein baulicher
noch ein funktio­naler Zusammenhang auszumachen – gegen Ende des 19. Jahrhunderts
seien die Villen von Fabrikunternehmern häufig nicht mehr in unmittel­barer
Nähe zum Arbeitsort gebaut worden –, und es sei reiner Zufall, dass die beiden
Gebäude ungefähr zeitgleich und in unmittelbarer Nachbarschaft erbaut wurden. 

 

Eine Unterschutzstellung der "Villa
Q" rechtfertige sich angesichts des damit verbundenen Eingriffs in die
Eigentumsrechte des Grundeigen­tümers nicht. 

 

III. Mit
Beschwerde vom 18. September 2002 beantragte der Zürcher Heimat­schutz, den
Entscheid der Baurekurskommission III vom 3. Juli 2002 aufzuheben und die
"Villa Q" gemäss Beschluss des Gemeinderats X definitiv unter Schutz
zu belassen. 

 

Der Gemeinderat X erklärte am 4. Oktober 2002
Verzicht auf Stel­lungnah­me. Mit Beschwerdeantwort vom 24. Oktober 2002 liess
B beantragen, die Beschwerde vollumfäng­lich abzuweisen. Die
Baurekurskommission III beantragte am 17. Ok­tober 2002 Abweisung. 

 

Die Ausführungen zu den Parteistandpunkten
werden, soweit nötig, in den nachstehenden Erwägungen wiedergegeben. 

 

 

Die Kammer zieht in Erwägung:

 

 

1. a) Die Zürcherische Vereinigung für
Heimatschutz (ZVH) ist nach § 338a PBG zur Beschwerde legitimiert. 

 

b) Da der massgebliche Sachverhalt aus den
Akten, insbesondere den Fotografien, hinreichend hervorgeht, erübrigt sich ein
Augenschein des Verwaltungsgerichtes (RB 1995 Nr. 12 E. 1 mit
weiteren Hinweisen). Zudem geht es bei der hier streitigen Frage der Schutz­würdigkeit
der "Villa Q" nicht um die Feststellung und Würdigung ihrer archi­tek­to­nischen
Gestaltung und baulichen Ausfüh­rung, sondern darum, ob diesem Gebäude der Stel­lenwert
eines wichtigen Zeugen einer Epoche im Sinn von § 203 Abs. 1
lit. c PBG zukommt, was keiner Besichtigung vor Ort bedarf. Ein
Augenschein durch das Verwal­tungs­gericht erübrigt sich daher (Alfred
Kölz/Jürg Bosshart/Martin Röhl, Kommentar zum Verwaltungsrechtspflegegesetz des
Kantons Zürich, 2.A., Zürich 1999, § 60 N. 11; RB 1966 Nr. 1; BGE 106
Ia 162; René A. Rhinow/Beat Krähenmann, Schweizerische Ver­wal­tungs­rechtsprechung,
Er­gänzungsband, Basel/Frankfurt a.M. 1990 Nr. 82 B IV b). 

 

2. Das Gutachten der kantonalen
Denkmalpflegekommission, dessen Beizug beantragt wird, befindet sich bereits
bei den vorinstanzlichen Akten. Sollte der Beschwerdeführer mit seinem Antrag
"Es sei das Gutachten der kant. Denkmalpflegekommission evtl. der
kantonalen Denkmalpflege (8090 Zürich) einzuholen" die Einholung eines
ergänzenden Amts­­berichts der kan­tonalen Denkmalpflegekommission oder eines
zusätzlichen Gutachtens der kantonalen Denkmalpflege meinen, so ist auch dieser
Antrag abzulehnen. 

 

Vom Beschwerdeführer wird mit Recht nicht
behauptet, dass das Gutachten der Denk­malpflegekommission vom 18. Juli 2001,
welches dem Gemeinderat als Grundlage für den Unterschutzstellungsentscheid
diente, unsachgemäss, widersprüchlich oder unvollständig wäre. Die Beschwerde
beanstandet einzig, dass die Baurekurskommission aus dem in diesem Gutachten
enthaltenen Beschrieb der architektonischen, stilistischen und baulichen
Gestaltung des Objektes und dessen historischem Bezug eine andere Schlussfolgerung
zog. Wie den nachstehenden Erwägungen zu entnehmen ist, hat die Baurekurskommis­sion
als Fachgericht jedoch ohne Verletzung ihrer Überprüfungsbefugnis als Rechtsmit­telinstanz
aus diesem – von ihr frei zu würdigenden – Gutachten und aufgrund eigener Anschauung
den Schluss ziehen dürfen, dass es der "Villa Q" an der wichtigen
Zeugen­schaft fehlt. Für das Verwaltungsgericht besteht deshalb kein Anlass für
ein ergänzendes oder allenfalls neues Gutachten über den denkmalpflegerischen
Stellenwert des Objekts, weshalb der Antrag abzuleh­nen ist. 

 

3. a) Nach § 203 Abs. 1 lit. c PBG sind
Schutzobjekte Gebäude, die als wichtige Zeu­­gen einer politischen,
wirtschaftlichen, sozialen oder baukünstlerischen Epo­che erhaltenswürdig sind.
Mit dem Erfordernis der Wichtigkeit der Zeu­gen­schaft setzt das PBG einen
Massstab, der nicht erlaubt, jedes beliebige Ob­jekt unter Schutz zu stellen.
Zudem ver­l­angt das verfassungsmässige Prinzip der Verhältnismässigkeit, dass
an die qualifizierte Ei­gen­­schaft als wichtiger Zeuge einer Epoche umso
höhere Anforderungen zu stellen sind, je schwerer der mit einer
Unterschutzstellung verbundene Eingriff in die Eigentums­rechte des Grundeigentümers
ist. 

 

b) Mit einlässlichen Ausführungen, auf die
verwiesen werden kann (§ 28 Abs. 1 in Verbindung mit § 70 des
Verwaltungsrechtspflegegesetzes vom 24. Mai 1959 [VRG]) hat die
Baurekurskommission erwogen, dass die "Villa Q" kein wichtiger Zeuge
der sozi­alen oder wirtschaftlichen Epoche um die Wende des 19. zum 20.
Jahrhundert ist. Dieser Wür­di­gung ist beizupflichten. 

 

Der von der Vorinstanz im Detail beschriebene
eigenwillige Baustil des Bauwerkes, das von italienischen Vorbildern geprägt
ist und verschiedene Stilformen von Romantik, Gotik, Renaissance und Barock
aufweist, macht aus diesem ohne Beziehung zur Architektur der Region da
stehenden Objekt noch keinen wichtigen Zeugen seiner Zeit. Das Bauwerk ist
gerade kein typisches Beispiel der damaligen baukünstlerischen Epoche, und
unter wirt­schaftlichen und sozialen Gesichtspunkten fehlt es auch am
historischen Be­zug. Das Mehr­familienhaus mit zwei bescheidenen
Etagenwohnungen, die sich hinter dem äusseren Er­scheinungsbild einer
herrschaftlichen und reprä­sentativen Villa verbergen, ist auch nicht typisch
für die damaligen sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten um die Wende vom
19. zum 20. Jahr­hundert. Selbst die kantonale Denkmalpflegekommission, deren
Gutachten sich im Wesentlichen in einer chronologischen Darstellung der Bauge­schichte
erschöpft, ver­­mag die Baute nicht einer bestimmten Epoche zuord­nen. Das
liegt jedoch nicht an der Qualität dieses Gutachtens, sondern eben am Objekt
selbst (RB 1995 Nr. 75, 1989 Nr. 67).

 

Wenn in diesem Gutachten festgehalten wird,
dass sich der damalige Bau­herr mit dieser Villa einen Traum habe erfüllen
wollen, so wird damit gerade treffend zum Ausdruck gebracht, dass diese Baute
das individuelle Produkt eines Bauherrn ist und gerade nicht der in dieser
Architektur sich nieder­schlagende Ausdruck der sozialen und wirtschaft­lichen
Verhältnisse der da­maligen Zeit. Noch weniger lässt sich von dieser wohl aus­ser­ge­wöhnlichen,
aber eben der Epoche ihrer Entstehung gerade nicht als typisch zuzuordnen­den
Baute sagen, dass ihr eine qualifizierte Zeugenschaft zukomme. Bei der
"Villa Q" handelt es sich vielmehr um ein fremdes Unikat ohne Bezug
zur Architektur der Region, und sie ist auch kein repräsentativer bzw. wich­tiger
Zeuge einer sozialen oder wirtschaftlichen Zeitströmung. 

 

Dass die "Villa Q" stilistisch in
keinem Zusammenhang mit dem benach­bar­ten Fabrikgebäude steht, wird schon
durch die in den Akten vor­handenen Fotografien bestätigt und von der
Baurekurskommission denn auch mit überzeu­genden Erwägungen, auf die wiederum
verwiesen werden kann, dargetan. Der in der Beschwerde erhobene Vorwurf akten-
und tatsachenwidriger Fest­stellung ist nicht beizupflichten. 

 

4. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die
architektonische und historische Wür­­digung der "Villa Q" durch die
Baurekurskommission, die sich in den tatsächlichen Feststellungen im
Wesentlichen mit denjenigen des Gutachtens der Denk­mal­pflege­kom­mis­sion
deckt und nur mit Bezug auf die Wertung unter dem Gesichtspunkt der wichtigen
Zeugenschaft zu einem andern Ergebnis ge­langt, über­zeugend. Was die
Beschwerdeführerin dagegen vorbringt, bleibt weitgehend unsubstanziiert und ist
nicht stichhaltig. Zu Recht hat die Baurekurskommission entschieden, dass dem
Bauwerk die Qualität eines wich­tigen Zeugen einer bestimmten
baukünstlerischen, sozialen oder wirtschaftlichen Epoche nicht zugesprochen
werden kann und auch eine Ensemblewirkung mit dem be­nach­bar­ten Fab­rik­gebäude
nicht gegeben ist. Indem der Gemeinderat X trotz Feh­lens der Voraussetzungen
von § 203 Abs. 1 lit. c die Villa "Q" unter Schutz gestellt hat – ein
Eingriff in die Eigentums­rechte, der trotz Ausklam­merung der Hofseite und der
bestehenden Nebengebäude von dieser Mass­nahme klar unverhältnismässig ist –,
hat er sein Ermessen über­schritten. Die Aufhe­bung dieses Entscheids durch die
Rekursinstanz erfolgte daher zu Recht. Die Be­schwerde ist daher abzuweisen. 

 

5. ... 

 

 

Demgemäss entscheidet die Kammer:

 

 

1.    Die Beschwerde wird abgewiesen. 

 

2.    ...