# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** cc35f42a-c349-5b25-90c3-03a34d57920d
**Source:** Zug (ZG)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-08-29
**Language:** de
**Title:** Zug Obergericht Beschwerdeabteilung 29.08.2023 BS 2023 23
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/ZG_Obergericht/ZG_OG_003_BS-2023-23_2023-08-29.pdf

## Full Text

20230728_170435_ANOM.docx

I. Beschwerdeabteilung BS 2023 23

Oberrichter St. Scherer, Abteilungspräsident
Oberrichter P. Huber
Oberrichter M. Siegwart
Gerichtsschreiber C. Schwegler

Beschluss vom 29. August 2023 [rechtskräftig]

in Sachen

A.________,
Beschwerdeführerin,

gegen

Staatsanwaltschaft des Kantons Zug, I. Abteilung, An der Aa 4, Postfach, 6301 Zug,
vertreten durch Staatsanwalt C.________,
Beschwerdegegnerin,

betreffend

Einstellung

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Sachverhalt

1. Am 8. Oktober 2021, ab ca. 9.15 Uhr, kam es vor der Liegenschaft B.________ in 
E.________ zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen A.________ und D.________. 
Gleichentags erstattete A.________ Strafanzeige gegen D.________ wegen Tätlichkeiten. 
Ebenso erstattete D.________ Strafanzeige gegen A.________ wegen Tätlichkeiten und ein-
facher Körperverletzung (Vi act. 1/1 und 15/1). 

2. Mit Strafbefehl vom 23. Februar 2023 sprach die Staatsanwaltschaft A.________ der einfa-
chen Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 1 StGB schuldig und bestrafte sie mit einer 
Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu CHF 90.00 und mit einer Busse von CHF 1'350.00. Der 
Vollzug der Geldstrafe wurde unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren aufgescho-
ben (Verfahren 1A 2022 152; Vi act. 6/12).

3. Die Strafuntersuchung gegen D.________ (nachfolgend: Beschuldigter) wegen Tätlichkeiten 
stellte die Staatsanwaltschaft mit Verfügung vom 23. Februar 2023 ein. Die Verfahrenskosten 
wurden auf die Staatskasse genommen und es wurden keine Entschädigung und keine Ge-
nugtuung ausgerichtet (Verfahren 1A 2022 153; Vi act. 6/1). 

4. Mit Eingabe an die Staatsanwaltschaft vom 26. Februar 2023 erklärte A.________ (nachfol-
gend: Beschwerdeführerin), sie sei mit den gegen sie erhobenen Anschuldigungen nicht ein-
verstanden. Sie sei das Opfer gewesen und nicht die Agressorin; daher sei sie auch nicht be-
reit zu bezahlen. Auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft vom 28. Februar 2023 teilte die Be-
schwerdeführerin dieser am 3. März 2023 sinngemäss mit, dass sie mit ihrer Eingabe sowohl 
Einsprache gegen den Strafbefehl als auch Beschwerde gegen die Einstellung der Strafun-
tersuchung gegen D.________ erhebe (Vi act. 6/17).

5. Am 9. März 2023 leitete die Staatsanwaltschaft die Eingabe vom 26. Februar 2023 als Be-
schwerde an das Obergericht weiter und beantragte deren kostenpflichtige Abweisung.

Erwägungen

1. Die Staatsanwaltschaft verfügt die vollständige oder teilweise Einstellung des Verfahrens, 
wenn kein Straftatbestand erfüllt oder kein Tatverdacht erhärtet ist, der eine Anklage recht-
fertigt (Art. 319 Abs. 1 lit. a und b StPO). Der Entscheid über die Einstellung eines Verfah-
rens hat sich nach dem Grundsatz "in dubio pro duriore" zu richten. Die Untersuchungs-
behörden dürfen nicht leichthin eine Verfahrenseinstellung vornehmen; im Zweifel, d.h. wenn 
eine Verurteilung wahrscheinlicher erscheint als ein Freispruch, ist grundsätzlich Anklage zu 
erheben. Der Staatsanwaltschaft steht in diesem Zusammenhang ein erheblicher Ermes-
sensspielraum zu. Halten sich die Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung durch den Strafrich-
ter und diejenige eines Freispruchs etwa die Waage, muss umso eher angeklagt werden, je 
schwerer das Delikt wiegt (BGE 143 IV 241 E. 2.2.1; BGE 138 IV 186 E. 4.1; Urteil des Bun-
desgerichts 1B_122/2012 vom 12. April 2012 E. 5 m.H.).

2. Die Beschwerdeführerin führte zum Vorfall vom 8. Oktober 2021 an der polizeilichen Einver-
nahme im Wesentlichen aus, sie sei zum fraglichen Zeitpunkt im Büro im oberen Stock ihres 

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Hauses gewesen und habe draussen den Beschuldigten beim Tor stehen gesehen. Sie sei 
dann hinausgegangen und habe eine fressende Kuh sowie zwei Männer auf ihrem Vorplatz 
gesehen. Als einer der Männer zu ihr gekommen sei, habe sie ihm gesagt, er solle die Kuh 
ihres Ex-Mannes F.________ von ihrem Grundstück nehmen. Da der Beschuldigte nichts 
gemacht habe, habe sie ihn angeschrien und mit dem Finger den Weg von ihrem Grundstück 
gedeutet. Nachdem sie sich gegenseitig angeschrien hätten und sie dem Beschuldigten ge-
sagt habe, er solle doch das Veterinäramt anrufen, habe ihr der Beschuldigte aus dem Nichts 
eine Ohrfeige auf ihre linke Gesichtshälfte gegeben. Nachdem sie sich zur Wehr gesetzt und 
dem Beschuldigten ebenfalls eine Ohrfeige gegeben habe, sei es zu einem Handgemenge 
gekommen. Der Beschuldigte habe sie dann am Kragen gepackt und sie mehrfach geschla-
gen. Zudem habe er versucht, sie auf den Boden zu werfen, was er jedoch nicht geschafft 
habe. Da sie sich habe wehren müssen, habe sie den Beschuldigten vermutlich in den Finger 
gebissen. Danach seien sie auf die Strasse gegangen, wo ihr der Beschuldigte erneut eine 
Ohrfeige gegeben und sie in die Hecke gedrückt habe. Da er ihr mehrfach mit der Faust ge-
gen den Bauch geschlagen habe, habe sie den Beschuldigten ins Ohr gebissen und ihm ih-
ren Finger ins Auge gedrückt. Nachdem sie ihn habe wegstossen können, sei der Beschul-
digte in Richtung G.________ gegangen und ihr Ex-Mann F.________ sei zu den beiden 
Männern gegangen und habe mit ihnen gesprochen. Danach sei er zu ihr gekommen und 
habe sie gefragt, ob er das Auto ihrer Tochter ausleihen könne, um den Mann ins Spital zu 
fahren. Dies habe sie verneint und F.________ mitgeteilt, er solle selber schauen und die 
Polizei oder den Rettungsdienst rufen. Der Grund für die Auseinandersetzung sei gewesen, 
dass sich der Beschuldigte geweigert habe, die Kuh von F.________ von ihrem Grundstück 
wegzubringen. Sie selbst sei bei dem Vorfall zwar nicht verletzt worden, jedoch sei ihr Ge-
sicht von den Ohrfeigen gerötet und schmerze ein wenig.

3. Der Beschuldigte gab an der Einvernahme zusammengefasst zu Protokoll, er habe sich zur 
fraglichen Zeit auf dem Vorplatz oberhalb des Betriebsgebäudes des G.________ befunden, 
als er gesehen habe, dass ein Kalb einer in der Nähe der Liegenschaft B.________ weiden-
den Kuhherde aus dem umzäunten Bereich ausgebrochen sei. Das Kalb habe sich dann zur 
Liegenschaft B.________ begeben. Während er und ein anderer Mann versucht hätten, das 
Kalb zurück zu seiner Kuhherde zu führen, habe sich die Beschwerdeführerin, welche in der 
Liegenschaft B.________ wohne, zu ihnen begeben, habe sie angeschrien und ihn unvermit-
telt mit den Fäusten gegen den Kopf und den Oberkörper geschlagen. Da er sich zu verteidi-
gen versucht habe, indem er seine Arme schützend vor seinen Kopf gehalten habe, habe ihn 
die Beschwerdeführerin ins rechte Ohr sowie den linken Mittelfinger gebissen. Nachdem es 
ihm gelungen sei, sich zwischenzeitlich von der Beschwerdeführerin loszureissen, sei diese 
erneut auf ihn losgegangen. Schliesslich habe er es geschafft, sich zu befreien, aufzustehen 
und davonzulaufen. Er selber habe die Beschwerdeführerin nicht geschlagen. Durch die 
Schläge und Bisse der Beschwerdeführerin habe er Fleischwunden am rechten Ohr und am 
linken Mittelfinger, eine Wunde an der rechten Stirnseite sowie Schürfungen und Rötungen 
um sein rechtes Auge erlitten. 

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4. Die Staatsanwaltschaft hielt zur Begründung der Einstellungsverfügung fest, auch wenn die 
Aussagen der Beschwerdeführerin einerseits und des Beschuldigten sowie zwei Auskunfts-
personen anderseits in wesentlichen Punkten auseinandergingen, hätten alle übereinstim-
mend ausgesagt, dass die Beschwerdeführerin den Beschuldigten zuerst angeschrien habe. 
Darüber hinaus hätten der Beschuldigte und der andere Mann – die Auskunftsperson 
H.________ – im Wesentlichen übereinstimmend ausgesagt, dass die Beschwerdeführerin 
den Beschuldigten danach völlig unvermittelt mit den Fäusten gegen das Gesicht und den 
Oberkörper geschlagen sowie in sein Ohr und seinen Finger gebissen habe und sich der Be-
schuldigte in der Folge nur verteidigt habe. In Übereinstimmung mit diesen Aussagen und 
dem Verletzungsbild der an der tätlichen Auseinandersetzung Beteiligten habe sodann auch 
die Auskunftsperson I.________, welche den Beginn der tätlichen Auseinandersetzung nicht 
gesehen habe, ausgesagt, dass die Beschwerdeführerin "völlig ausgetickt" und der Beschul-
digte "komplett unter die Räder" gekommen sei. Es sei demnach – so die Staatsanwaltschaft 
weiter – davon auszugehen, dass der Beschuldigte einem Angriff rechtswidrig ausgesetzt 
gewesen sei und seine Abwehrhandlungen, welche gegebenenfalls zur Rötung im Gesicht 
der Beschwerdeführerin geführt hätten, und ein allfälliger Stoss gegen die Beschwerdeführe-
rin ein den Umständen entsprechend angemessene Notwehrhandlung dargestellt habe. Für 
den Beschuldigten habe es keine mildere Abwehr gegeben, um sich den Schlägen und Bis-
sen der Beschwerdeführerin zu entziehen. Weiter sei die Verhältnismässigkeit des angegrif-
fenen und des verletzten Rechtsguts gewahrt worden.

5. Gemäss Art. 126 Abs. 1 StGB wird auf Antrag bestraft, wer gegen jemanden Tätlichkeiten 
verübt, die keine Schädigung des Körpers oder der Gesundheit zur Folge haben.

Wird jemand ohne Recht angegriffen oder unmittelbar mit einem Angriff bedroht, so ist der 
Angegriffene und jeder andere berechtigt, den Angriff in einer den Umständen angemesse-
nen Weise abzuwehren (Art. 15 StGB). Nach der Rechtsprechung muss die Abwehr in einer 
Notwehrsituation nach der Gesamtheit der Umstände als verhältnismässig erscheinen. Eine 
Rolle spielen vor allem die Schwere des Angriffs, die durch den Angriff und die Abwehr be-
drohten Rechtsgüter, die Art des Abwehrmittels und dessen tatsächliche Verwendung. Die 
Angemessenheit der Abwehr ist aufgrund jener Situation zu beurteilen, in der sich der 
rechtswidrig Angegriffene im Zeitpunkt seiner Tat befand (BGE 136 IV 49 E. 3.2 m.H.).

6. Die vorerwähnten Aussagen der Beschwerdeführerin und des Beschuldigten divergieren in 
wesentlichen Punkten. Indes räumte die Beschwerdeführerin selber ein, den Beschuldigten 
angeschrien zu haben, als dieser das Grundstück nicht habe verlassen wollen. Sodann wi-
dersprechen die beiden Auskunftspersonen der Version der Beschwerdeführerin, wonach der 
Beschuldigte ihr aus dem Nichts eine Ohrfeige auf ihre linke Gesichtshälfte gegeben habe. 
H.________ gab an, die Beschwerdeführerin habe ihn und den Beschuldigten, als sie ver-
sucht hätten, das Kalb aus dem Garten zu drängen, mit Körpereinsatz aus dem Vorgarten 
wegjagen wollen. Ausserdem sei sie sehr aggressiv aufgetreten. Nachdem der Beschwerde-
führerin vergeblich erklärt worden sei, dass sie nur helfen wollten, habe diese komplett die 
Beherrschung verloren und den Beschuldigten mit Boxhieben gegen das Gesicht und den 
Oberkörper attackiert. Nachdem sich der Beschuldigte angemessen zu verteidigen versucht 
habe, sei er von der Beschwerdeführer heftig in den Finger gebissen worden. In der Folge 
habe die Beschwerdeführerin den Beschuldigten noch intensiver mit ihren Fäusten attackiert, 
woraufhin dieser sich vehement verteidigt und die Beschwerdeführerin in ein angrenzendes 

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Gebüsch gedrängt habe. I.________ erklärte an der Einvernahme, die Beschwerdeführerin 
sei wie eine Furie aus dem Bauernhaus gekommen und habe laut geschrien bzw. sei "völlig 
ausgetickt". Sie habe den Beginn der Auseinandersetzung nicht mitbekommen, da ein Ge-
büsch im Weg gewesen sei, habe dann aber gesehen, dass sich die Beschwerdeführerin und 
der Beschuldigte in die Haare gekriegt und der Beschuldigte "komplett unter die Räder" ge-
kommen sei. Als sich der Beschuldigte habe befreien können, sei es auf der Strasse weiter-
gegangen und die beiden seien im Gebüsch gelandet. Nachdem sie sich getrennt hätten, 
habe sie gesehen, dass der Beschuldigte einen total zerkratzten Kopf gehabt und sein Ohr 
geblutet habe. Zudem sei ein Finger seiner linken Hand bis auf den Knochen durchgebissen 
gewesen. 

Aufgrund der Aussagen dieser beiden Auskunftspersonen und dem Verletzungsbild des Be-
schuldigten und der Beschwerdeführerin ist ohne Weiteres davon auszugehen, dass die Ab-
wehr des Beschuldigten nach der Gesamtheit der Umstände verhältnismässig war; dies ins-
besondere vor dem Hintergrund, dass die Reaktion der Beschwerdeführerin gegenüber dem 
Beschuldigten völlig unerwartet und in einer solchen Heftigkeit erfolgte, dass sie tiefe Biss-
wunden am Ohr und einem Finger des Beschuldigten verursachte. Dass der Beschuldigte 
sich gegen diesen Angriff zu verteidigen versuchte und durch seine Abwehrhandlungen 
gemäss Fotodokumentation eine Rötung im Gesicht der Beschwerdeführerin verursachte, ist 
unter Berücksichtigung der Situation, in welchem sich der Beschuldigte befand, in Überein-
stimmung mit der Auffassung der Staatsanwaltschaft als verhältnismässig anzusehen. Es ist 
nicht ersichtlich, auf welche Weise sich der Beschuldigte sonst dem Angriff der Beschwerde-
führerin auf seine körperliche Integrität hätte widersetzen können. Die Beschwerdeführerin 
machte zu diesem Punkt in der Beschwerdeschrift denn auch keine Ausführungen, setzte 
sich mit der Argumentation der Staatsanwaltschaft – wenn überhaupt – nur sehr summarisch 
auseinander und wiederholte insgesamt ihre Version des Vorfalls, wie sie ihn bereits an der 
Einvernahme zu Protokoll gegeben hatte. Die Staatsanwaltschaft hat demzufolge zu Recht 
das Verhalten des Beschuldigten als rechtfertigende Notwehr gemäss Art. 15 StGB qualifi-
ziert und gestützt darauf die Strafuntersuchung gegen den Beschuldigten wegen Tätlichkei-
ten eingestellt. Die Beschwerde erweist sich als unbegründet und ist abzuweisen.

7. Bei diesem Ausgang sind die Kosten des Beschwerdeverfahrens der Beschwerdeführerin 
aufzuerlegen (Art. 428 Abs. 1 StPO).

Beschluss

1. Die Beschwerde wird abgewiesen.

2. Die Kosten dieses Verfahrens betragen

CHF 500.00 Gebühren
CHF 25.00 Auslagen
CHF 525.00 Total

und werden der Beschwerdeführerin auferlegt.

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3. Gegen diesen Entscheid ist die Beschwerde in Strafsachen gemäss Art. 78 ff. des Bundes-
gerichtsgesetzes (BGG) zulässig; die Beschwerdegründe richten sich nach Art. 95 ff. BGG. 
Die Beschwerde ist innert 30 Tagen seit Zustellung des Entscheids schriftlich, begründet und 
mit bestimmten Anträgen sowie unter Beilage des Entscheides und der Beweismittel 
(vgl. Art. 42 BGG) beim Schweizerischen Bundesgericht, 1000 Lausanne 14, einzureichen.

4. Mitteilung an:
- Parteien
- D.________
- Gerichtskasse (im Dispositiv)

Obergericht des Kantons Zug 
I. Beschwerdeabteilung

St. Scherer C. Schwegler
Abteilungspräsident Gerichtsschreiber

versandt am: