# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** e7f82bd6-a0be-5d01-847c-750e036224c2
**Source:** Aargau Gerichte (AG)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2022-11-10
**Language:** de
**Title:** Aargau Obergericht Strafgericht 10.11.2022 SST.2021.216
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/AG_Gerichte/AG_OG_008_SST-2021-216_2022-11-10.pdf

## Full Text

Obergericht 

Strafgericht, 1. Kammer 

 

 

SST.2021.216 

(ST.2020.155; StA.2019.2176) 

 

 

Urteil vom 10. November 2022 
 

 

Besetzung  Oberrichter Six, Präsident  

Oberrichter Fedier 

Oberrichterin Vasvary 

Gerichtsschreiber Fehlmann 

 

 
   

Anklägerin   Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm, 

Untere Grabenstrasse 32, Postfach, 4800 Zofingen  

 

Privatklägerin   A._____, 

[…] 

vertreten durch Rechtsanwalt Christophe Herzig,  

[…] 

substituiert sowie teilweise unentgeltlich vertreten durch  

Rechtsanwältin Laura Jost,  

[…] 

 

 
    

Beschuldigter   B._____,  

geboren am tt.mm.1966, von Deutschland, 

[…] 

amtlich verteidigt durch Rechtsanwalt Fabian Blum,  

[…] 

 

 
 

Gegenstand  Sexuelle Handlungen mit einem Kind 
 

 

  

 - 2 - 

 

 

 

   

Das Obergericht entnimmt den Akten: 

 

1. 

Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm erhob am 2. November 2020 

Anklage gegen den Beschuldigten wegen sexueller Handlungen mit einem 

Kind gemäss Art. 187 Ziff. 1 StGB. 

 

2. 

Das Bezirksgericht Zofingen sprach den Beschuldigten mit Urteil vom 

6. Mai 2021 von Schuld und Strafe frei. Die Zivilklage der Privatklägerin A. 

wies es ab. 

 

3. 

3.1. 

Mit Berufungserklärung vom 9. September 2021 beantragte die 

Staatsanwaltschaft, der Beschuldigte sei der sexuellen Handlungen mit 

einem Kind schuldig zu sprechen und dafür zu einer teilbedingten 

Freiheitsstrafe von 35 Monaten bei einem bedingt vollziehbaren Anteil von 

23 Monaten zu verurteilen. Zudem sei er für 10 Jahre des Landes zu 

verweisen. 

 

3.2. 

Mit Berufungserklärung vom 29. September 2021 beantragte die 

Privatklägerin A., der Beschuldigte sei der sexuellen Handlungen mit einem 

Kind sowie der Schändung, eventualiter der sexuellen Nötigung, schuldig 

zu sprechen und dafür angemessen zu bestrafen. Der Beschuldigte sei zu 

verpflichten, ihr eine Genugtuung von mindestens Fr. 7'000.00 nebst Zins 

zu 5 % seit dem 1. Januar 2019 sowie ihre Parteikosten zu bezahlen. 

Eventualiter sei die Zivilforderung dem Grundsatz nach gutzuheissen und 

im Übrigen auf den Zivilweg zu verweisen. 

 

Zudem stellte sie den Antrag, dass hinsichtlich ihrer Aussagen eine 

aktenbasierte Glaubhaftigkeitsbegutachtung durch eine qualifizierte Fach-

person durchzuführen sei. 

 

3.3. 

Die Staatsanwaltschaft reichte am 7. Oktober 2021 vorgängig zur 

Berufungsverhandlung eine schriftliche Berufungsbegründung ein. 

 

3.4. 

Mit vorgängiger Berufungsantwort vom 12. November 2021 beantragte die 

Staatsanwaltschaft, die Berufung der Privatklägerin sei hinsichtlich des 

beantragten Schuldspruchs wegen sexueller Handlungen mit einem Kind 

gutzuheissen, nicht jedoch hinsichtlich des beantragten Schuldspruchs 

wegen Schändung, eventualiter sexueller Nötigung. 

 

 - 3 - 

 

 

 

3.5. 

Der Beschuldigte beantragte mit vorgängiger Berufungsantwort vom 

9. Dezember 2021 die vollumfängliche Abweisung der Berufungen der 

Staatsanwaltschaft und der Privatklägerin. 

 

3.6. 

Die mit Vorladung auf den 30. März 2022 anberaumte Berufungs-

verhandlung wurde auf Beschwerde der Privatklägerin A. hin im Rahmen 

einer vorsorglichen Massnahme des Präsidenten der I. öffentlich-

rechtlichen Abteilung des Bundesgerichts vom 28. März 2022 abgesetzt. 

 

3.7. 

Mit Urteil vom 27. September 2022 schrieb das Bundesgericht das 

Verfahren 1B_157/2022 zufolge Gegenstandslosigkeit ab. 

 

3.8. 

Die Berufungsverhandlung fand am 10. November 2022 statt. Die 

Privatklägerin beantragte neu neben der Genugtuung die Haftbarerklärung 

des Beschuldigten dem Grundsatz nach für die künftigen, noch nicht 

bezifferbaren Heilungskosten im Zusammenhang mit der Straftat und die 

Verweisung auf den Zivilweg für die Bezifferung. 

 

 
   

Das Obergericht zieht in Erwägung: 

 

1. 

Die Staatsanwaltschaft und die Privatklägerin haben den vorinstanzlichen 

Freispruch des Beschuldigten angefochten. Das Urteil ist mithin – mit 

Ausnahme der Höhe der Entschädigung des amtlichen Verteidigers für das 

erstinstanzliche Verfahren – vollständig zu überprüfen (Art. 404 Abs. 1 

StPO). 

 

2. 

2.1. 

Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, am 1. Januar 2019 nach Mitternacht 

mit der damals 14-jährigen A. in seiner Wohnung in Q. sexuelle 

Handlungen vorgenommen zu haben. Zu Beginn soll er A. auf dem Sofa im 

Wohnzimmer über und dann unter den Kleidern u.a. an den Brüsten berührt 

haben. In der Folge soll er ihre Hose und Unterhose ausgezogen, ihre 

Vagina massiert, mit seinen Fingern ihre Scheide penetriert und ihre Brüste 

abgeleckt haben. Anschliessend soll er sich mit A. in das Schlafzimmer 

begeben haben, wo es zu gegenseitigem Oralverkehr gekommen sei. 

  

 - 4 - 

 

 

 

2.2. 

Die Vorinstanz hat den Freispruch im Wesentlichen damit begründet, dass 

sich A. neben den an sich detaillierten sowie konsistenten Schilderungen 

zum Kerngeschehen an vieles (wie u.a. Kleider des Beschuldigten, Tragen 

eines BH, Küssen sowie Festhalten durch den Beschuldigten, auf dem Sofa 

geschaute Fernsehsendung) nicht mehr habe zu erinnern vermögen, 

hinsichtlich des Orts der Tat und damit der Wohnung ein Widerspruch zum 

Gedächtnisprotokoll des Lehrers D. bestehe und es bei den Schilderungen 

im Schlafzimmer zu einem Bruch im Detaillierungsgrad gekommen sei. Es 

lägen nicht zu unterdrückende Zweifel vor. 

 

2.3. 

2.3.1. 

Die Staatsanwaltschaft begründet den beantragten Schuldspruch im 

Wesentlichen damit, dass sich entgegen der spärlichen Beweiswürdigung 

der Vorinstanz die Nichtwahrnehmung von Begleitumständen sich mit dem 

sogenannten «Waffenfokus» erklären liessen und sich der Gegensatz zum 

Gedächtnisprotokoll des Lehrers D., das von A. denn auch nicht 

gegengelesen oder unterschrieben worden sei, neben anderem durch eine 

falsche Wiedergabe erklären liesse. 

 

Die Privatklägerin A. begründet die von ihr beantragten Schuldsprüche im 

Wesentlichen damit, dass eine Würdigung ihrer konkreten Aussagen zu 

erfolgen hätten, dass sich Erinnerungslücken durch eine Verteilung der 

Aufmerksamkeit in Extremsituationen auf ein gewisses Geschehen 

erklären liessen («Tunnelgedächtnis») und dass kein Motiv für eine falsche 

Aussage oder ein Rachemotiv vorliegen würden. 

 

Der Beschuldigte begründet die beantragte Abweisung der Berufungen im 

Wesentlichen damit, dass die Kernschilderungen von A. weder detailreich 

noch konsistent seien, Diskrepanzen zum Gedächtnisprotokoll des Lehrers 

D. bestünden und auch Aussagen zu Nebenpunkten widersprüchlich seien. 

 

2.3.2. 

Gemäss Art. 187 Ziff. 1 StGB wird, wer mit einem Kind unter 16 Jahren 

sexuelle Handlungen vornimmt, mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren 

oder Geldstrafe bestraft. Wegen Schändung gemäss Art. 191 StGB wird 

mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder Geldstrafe bestraft, wer eine 

urteilsunfähige oder eine zum Widerstand unfähige Person in Kenntnis 

ihres Zustandes zum Beischlaf, zu einer beischlafsähnlichen oder einer 

anderen sexuellen Handlung missbraucht. Der sexuellen Nötigung gemäss 

Art. 189 Abs. 1 StGB macht sich demgegenüber schuldig, wer eine Person 

zur Duldung einer beischlafsähnlichen oder einer anderen sexuellen 

Handlung nötigt, namentlich indem er sie bedroht, Gewalt anwendet, sie 

unter psychischen Druck setzt oder zum Widerstand unfähig macht. 

 

 - 5 - 

 

 

 

Sexuelle Übergriffe auf Kinder unter 16 Jahren fallen sowohl unter den 

Schutzbereich von Art. 187 StGB (Gefährdung der Entwicklung von Min-

derjährigen: Sexuelle Handlungen mit Kindern) als auch unter den Schutz-

bereich von Art. 189 ff. StGB (Angriffe auf die sexuelle Freiheit und Ehre). 

Art. 187 StGB und Art. 189 ff. StGB schützen unterschiedliche Rechts-

güter. Art. 187 StGB schützt als abstraktes Gefährdungsdelikt die seelische 

Entwicklung von Kindern. Kinder besitzen sodann gleich wie Erwachsene 

eine strafrechtlich geschützte sexuelle Freiheit. Das Strafrecht schützt 

Minderjährige mit anderen Worten durch Art. 189 ff. StGB wie Erwachsene 

in ihrer sexuellen Integrität und Freiheit, und sieht mit Art. 187 StGB einen 

zusätzlichen Schutz ihrer Persönlichkeitsentwicklung vor. Zwischen den 

Tatbeständen besteht gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung 

folglich echte Konkurrenz (BGE 146 IV 153 E. 3 mit Hinweisen). 

 

Wer eine sexuelle Handlung mit einem Kind unter 16 Jahren vornimmt, 

erfüllt unabhängig davon, ob das Kind in die Handlungen eingewilligt hat, 

den Tatbestand von Art. 187 StGB. Die Anwendung der Nötigungstat-

bestände (Art. 189, Art. 190 StGB) erfordert, dass sich das Opfer bereits 

einen Willen betreffend seine sexuelle Freiheit bilden kann. Wird bei einem 

Kind von Urteilsfähigkeit betreffend die Willensbildung ausgegangen, so ist 

der entwicklungsbedingten Unterlegenheit, der Beeinflussbarkeit der 

Willensbildung und der längst nicht abgeschlossenen Persönlichkeits-

entwicklung solcher Kinder bei der Auslegung der Voraussetzungen von 

sexuellen Nötigungshandlungen Rechnung zu tragen. Insbesondere kann 

ein Täter aus dem sozialen Nahraum ein Kind bei gegebener 

Urteilsfähigkeit auch ohne aktive Ausübung von Zwang oder Androhung 

von Nachteilen unter Druck setzen und damit die sexuellen Nötigungs-

tatbestände erfüllen. Entscheidend ist, ob vom Kind angesichts seines 

Alters, seiner familiären und sozialen Situation, der Nähe des Täters, 

dessen Funktion in seinem Leben, seines Vertrauens in den Täter und der 

Art und Weise der Vornahme der sexuellen Handlungen erwartet werden 

kann, dass es sich dem Missbrauch eigenständig entgegensetzt (BGE 

146 IV 153 E. 3.5.5 mit Hinweisen). 

 

Konnte das Kind sich mangels Einsichtsfähigkeit indessen noch gar keinen 

eigenen Willen betreffend seine sexuelle Freiheit bilden, oder wurde eine 

durch andere Umstände bedingte Widerstandunfähigkeit des bereits 

einsichtsfähigen Kindes ausgenutzt, kommt statt der Nötigungstatbestände 

der Tatbestand der Schändung (Art. 191 StGB) zur Anwendung. Eine rein 

altersbedingte Urteilsunfähigkeit darf dabei nur zurückhaltend angenom-

men werden. Es ist keine fixe Altersgrenze zu ziehen. Vielmehr sind die 

Umstände des Einzelfalls entscheidend. Der Tatbestand der Schändung ist 

jedenfalls dann einschlägig, wenn ein «Nein» des Kindes zu den sexuellen 

Handlungen nicht zu erwarten ist, weil dieses die vorgenommenen 

Handlungen noch gar nicht einordnen kann (BGE 146 IV 153 E. 3.5.3 mit 

Hinweisen). 

 - 6 - 

 

 

 

 

2.4. 

2.4.1. 

Der Beschuldigte bestreitet die ihm vorgeworfenen sexuellen Handlungen. 

Der Anklagevorwurf beruht auf den Aussagen von A.. Es liegt somit eine 

klassische «Aussage gegen Aussage»-Situation vor, weswegen die 

Aussagen von A. sowie des Beschuldigten auf deren Glaubhaftigkeit zu 

überprüfen sind. 

 

2.4.2. 

Das Gericht würdigt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten 

Verfahren gewonnenen Überzeugung (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen 

unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraussetzun-

gen der angeklagten Tat, so geht das Gericht von der für den Beschuldigten 

günstigeren Sachlage aus (Art. 10 Abs. 3 StPO; «in dubio pro reo»). Bloss 

abstrakte und theoretische Zweifel sind nicht massgebend, weil solche 

immer möglich sind und absolute Gewissheit nicht verlangt werden kann. 

Nicht verlangt wird indes, dass bei sich widersprechenden Beweismitteln 

unbesehen auf den für den Angeklagten günstigeren Beweis abzustellen 

ist. Nur das Übergehen offensichtlich erheblicher Zweifel kann eine Ver-

letzung des Grundsatzes «in dubio pro reo» begründen (BGE 144 IV 345). 

 

2.4.3. 

A. beantragt, dass hinsichtlich ihrer Aussagen ein Glaub-

haftigkeitsgutachten einzuholen sei. 

 

Nach der Praxis des Bundesgerichtes ist die Prüfung der Glaubhaftigkeit 

von Beweisaussagen primär Sache der Gerichte (BGE 129 I 49 E. 4). Bei 

Auffälligkeiten in der Person kann ein Glaubhaftigkeitsgutachten als sach-

lich geboten erscheinen. Dies ist etwa der Fall, wenn bruchstückhafte oder 

schwer interpretierbare Äusserungen eines Kleinkinds zu beurteilen sind, 

bei ernsthaften Anzeichen geistiger Störungen, welche die Aussage-

ehrlichkeit des Zeugen beeinträchtigen könnten, oder wenn konkrete 

Anhaltspunkte für eine Beeinflussung durch Drittpersonen bestehen. Dem 

Gericht steht bei der Beantwortung der Frage, ob aufgrund der konkreten 

Umstände des Einzelfalles der Beizug eines Sachverständigen zur 

Glaubwürdigkeitsbegutachtung notwendig ist oder nicht, ein Ermessens-

spielraum zu. In der Regel sind Aussagen von kindlichen Zeugen durch das 

Gericht selbst zu würdigen, sofern sie klar und verständlich sind und auch 

ohne besondere kinderpsychologische Fachkenntnisse interpretiert 

werden können (BGE 129 IV 179 E. 2.4; Urteile des Bundesgerichts 

6B_84/2011 vom 28. Juni 2011 E. 2.3.1 f.; 6B_1211/2018 vom 3. Juli 2019 

E. 1.2; jeweils mit Hinweisen). 

  

 - 7 - 

 

 

 

Vorliegend sind keine Eigenschaften oder Auffälligkeiten ersichtlich, 

welche bei der Beurteilung der Aussagen von A. die richterliche Fachkunde 

sprengen würden. A. war zum Zeitpunkt der Tat bzw. ihrer Aussagen 

bereits 14 bzw. 15 Jahre alt. Sie hat ausführliche und verständliche 

Aussagen zum Tathergang gemacht, welche einer richterlichen Würdigung 

ohne Weiteres zugänglich sind. Dass A. zum Zeitpunkt der Tat unter dem 

Einfluss von Alkohol und Betäubungsmitteln, u.a. MDMA, stand, ändert 

daran nichts, zumal ihre Aussagetüchtigkeit im Nachgang zur Tat dadurch 

nicht behindert wurde. Das Gericht sieht sich regelmässig mit Aussagen 

von Personen konfrontiert, welche im Zeitpunkt der Tat unter dem Einfluss 

von stimulierenden Substanzen wie Alkohol oder Drogen gestanden 

haben, wobei es die getätigten Aussagen jeweils unter Berücksichtigung 

dieses Aspekts zu würdigen hat. Gleiches hat hinsichtlich der Aussagen 

von A. zu geschehen. Dass gestützt auf diesen Umstand ein 

Glaubhaftigkeitsgutachten einzuholen wäre, erachtet das Obergericht nicht 

als erforderlich. Der Antrag von A. auf Einholung eines Glaubhaftigkeits-

gutachtens ist entsprechend abzuweisen. 

 

2.4.4. 

A. hat mehrfach darum ersucht, nicht erneut einvernommen zu werden. 

 

Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts hat das Berufungsgericht 

auch im Vorverfahren ordnungsgemäss erhobene Beweise noch einmal zu 

erheben, sofern die unmittelbare Kenntnis des Beweismittels für die 

Urteilsfällung notwendig erscheint. Eine unmittelbare Abnahme eines 

Beweismittels ist namentlich notwendig, wenn es den Ausgang des 

Verfahrens beeinflussen kann. Dies ist etwa der Fall, wenn es in 

besonderem Masse auf den unmittelbaren Eindruck einer Aussage 

ankommt, so wenn diese das einzige direkte Beweismittel (Aussage gegen 

Aussage-Konstellation) darstellt. Auf Video aufgezeichnete Einvernahmen 

genügen nur dann, um sich ein hinreichendes Bild von der Glaubwürdigkeit 

der Auskunftsperson resp. von der Glaubhaftigkeit deren Aussagen zu 

verschaffen, wenn weitere Sachbeweise oder Indizien vorliegen und die 

einvernommene Person konstant und in sich logisch konsistent aussagt 

(z.B. Urteil des Bundesgerichts 6B_1265/2019 vom 9. April 2020 E. 1.2 mit 

Hinweisen, nicht publ. in: BGE 146 IV 153). 

 

Entgegen den Vorbringen der Rechtsvertreter von A. ist ihre gerichtliche 

Einvernahme vorliegend für die Urteilsfällung notwendig. So ist der 

Sachverhalt nach wie vor umstritten und stellen die Aussagen von A. 

hinsichtlich des Vorwurfs der sexuellen Handlungen das einzige direkte 

Beweismittel dar. Folglich hängt das Urteil in entscheidender Weise von 

ihren Aussagen ab, weshalb ihre erneute Befragung anlässlich der 

Berufungsverhandlung für die Wahrheitsfindung unumgänglich ist. Würde 

auf eine Einvernahme verzichtet, würde es an einer gerichtlichen 

Einvernahme fehlen und die Aussagewürdigung würde nach der 

 - 8 - 

 

 

 

Rechtsprechung des Bundesgerichts auf einer unvollständigen Grundlage 

beruhen. Der von A. ins Feld geführte Opferschutz vermag keinen Verzicht 

auf ihre gerichtliche Einvernahme zu begründen. Ihren Belangen als Opfer 

im Sinne von Art. 116 Abs. 1 StPO ist im Rahmen der gesetzlich zur 

Verfügung stehenden Möglichkeiten Rechnung zu tragen. Allfällige 

Opferschutzmassnahmen finden jedoch ihre Grenzen im Wahrheits- und 

Untersuchungsgrundsatz, der auch im Rechtsmittelverfahren gilt. Die 

prozessuale Stellung als Opfer nimmt die vom Gericht zu treffende 

materielle Entscheidung, welcher Sachverhalt sich tatsächlich abgespielt 

hat, nicht vorweg und kann sich nicht zu Ungunsten des Beschuldigten 

auswirken. Auch kann die wiederholte Einvernahme eines Opfers im 

Vorverfahren nicht dazu führen, dass auf eine gerichtliche Einvernahme 

verzichtet werden muss, denn andernfalls könnten die Strafverfolgungs-

behörden darüber entscheiden, welche Auskunftspersonen dem Gericht 

als Beweismittel zugänglich sind (so ausdrücklich Urteil des Bundes-

gerichts 6B_70/2015 vom 20. April 2016 E. 1.4.3). 

 

Vorliegend hat die Vorinstanz auf die Durchführung einer Einvernahme 

verzichtet. Da eine klassische «Aussage gegen Aussage»-Situation 

vorliegt, die Bedeutung der Aussagen für den Verfahrensausgang somit 

sehr gross ist und überdies der Tatvorwurf schwer wiegt, erscheint für die 

Urteilsfällung mindestens eine unmittelbare Beweisabnahme durch ein 

Gericht im Sinne von Art. 343 Abs. 3 StPO als notwendig. Insbesondere 

liegen hier keinerlei Sachbeweise vor und ist die Aussage von A. das 

einzige Beweismittel im Zusammenhang mit ihrem Vorwurf gegen den 

Beschuldigten. Unter diesen gesamten Umständen darf nicht leichthin 

darauf verzichtet werden, dass sich wenigstens ein urteilendes Gericht 

einen unmittelbaren Eindruck von ihrem Aussageverhalten verschafft. Dem 

Opferschutz muss in anderer Weise Rechnung getragen werden (Urteil des 

Bundesgerichts 6B_318/2015 vom 28. Oktober 2015 E. 1.5; vgl. auch BGE 

140 IV 196 E. 4.4.3). 

 

Würde vorliegend zum vornherein auf eine gerichtliche Einvernahme von 

A. im Berufungsverfahren verzichtet, würde dies – insoweit ihre Aussagen 

hinsichtlich der sexuellen Handlungen vom Beschuldigten bestritten 

werden – dazu führen, dass auf ihre für die Beweiswürdigung bedeutsamen 

Aussagen anlässlich der Videoeinvernahmen vom 13. Mai 2019 sowie 

23. Juli 2019 nicht abgestellt werden könnte und sich ein Schuldspruch 

zum vornherein nicht begründen liesse. Daraus erhellt, dass eine erneute 

Einvernahme im Berufungsverfahren regelmässig im wohlverstandenen 

Interesse des Opfers liegt, auch wenn sich dabei eine Konfrontation mit den 

traumatischen Erlebnissen nicht vermeiden lässt. 

  

http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F140-IV-196%3Ade&number_of_ranks=0#page196
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F140-IV-196%3Ade&number_of_ranks=0#page196

 - 9 - 

 

 

 

Nach dem Gesagten war A. im Berufungsverfahren, da eine unmittelbare 

Beweisabnahme im erstinstanzlichen Verfahren unterblieben war, 

einzuvernehmen, wie dies anlässlich der Berufungsverhandlung vom 

10. November 2022 geschehen ist und dem Obergericht erlaubt hat, einen 

persönlichen Eindruck ihres Aussageverhaltens zu gewinnen und Unklar-

heiten zu klären (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_639/2021 vom 

27. September 2022 E. 2.2.2 mit Verweis auf BGE 140 IV 196 E. 4.4.1). 

 

2.4.5. 

2.4.5.1. 

Am Nachmittag des 3. Mai 2019 begab sich C., Schulleiterin der Oberstufe 

der H., zusammen mit A., ohne diese vorher darüber zu informieren, zum 

Stützpunkt der Kantonspolizei in Zofingen, um gegen den Beschuldigten 

Anzeige zu erstatten. Grund für die Anzeige im Beisein der Schulleiterin 

war ein zwischen C., dem Klassenlehrer D., A. und deren Mutter E. 

geführtes Schulgespräch, bei welchem es ursprünglich um einen Diebstahl 

von Geldern aus der Klassenkasse durch A. gegangen war und im Zuge 

dessen A. die Vorkommnisse mit dem Beschuldigten anlässlich der 

Silvesternacht 2018/2019 erwähnte (Untersuchungsakten [UA] act. 371 f.). 

Der Beschuldigte war zur Tatzeit in einer Beziehung mit der damals 

(angeblich infolge eines Burnouts) angeschlagenen E., der Mutter von A. 

(E.: Untersuchungsakten [UA] act. 459; Beschuldigter: UA act. 422, 439; 

A.: UA act. 385). 

 

A. wurde darauf am 13. Mai 2019 ein erstes Mal von der Polizei befragt. 

Dabei gab sie den Sachverhalt detailliert im Rahmen eines freien Berichts 

wieder. Zunächst habe der Beschuldigte erwähnt, dass er sie einmal 

draussen nur im T-Shirt bekleidet und ohne Unterwäsche habe schlafen 

sehen. Darauf habe er angefangen, sie zunächst über und dann unter den 

Kleidern zu streicheln. Darauf habe er ihre Hose und Unterhose 

ausgezogen und sie auch im Bereich des Gesässes und der Vagina 

berührt. Es sei dann dazu gekommen, dass sie auf dem Bett gewesen 

seien. Dort sei der Beschuldigte mit der Zunge an ihre Vagina gegangen. 

Es sei dann auch dazu gekommen, dass sie seinen Penis im Mund gehabt 

habe. Auf offen gestellte Nachfrage führte sie zudem aus, dass der 

Beschuldigte mit seiner Zunge auch ihre Brüste berührt habe, ohne näher 

zu spezifizieren, wann genau dies geschah (UA act. 385 ff.). 

 

Anlässlich der staatsanwaltlichen Einvernahme vom 23. Juli 2019 

schilderte sie den Sachverhalt im freien Bericht im Wesentlichen gleich (UA 

act. 402 f. Frage 29). Präzisierungen nahm sie dahingehend vor, dass sie 

ausgeführt hat, dass der Beschuldigte noch auf dem Sofa mit seiner Zunge 

ihre Brüste abgeleckt habe. Zudem gab sie auf Nachfrage an, dass der 

Beschuldigte, währendem er ihre Vagina massiert habe, auch mit den 

Fingern eingedrungen sei. Sie gab darüber hinaus neu zu Protokoll, dass 

sie sich nach dem Vorfall zunächst noch mit ein paar Kissen in die 

 - 10 - 

 

 

 

Badewanne des Beschuldigten gelegt habe und dann erst später zurück in 

ihre Wohnung gegangen sei. Auf Nachfrage gab sie sodann zu, neben 

MDMA am besagten Abend auch noch Marihuana konsumiert zu haben 

(UA act. 402 ff. Fragen 29, 51 ff., 105 f.). 

 

A. wurde anlässlich der Berufungsverhandlung erneut einlässlich befragt, 

so dass das Obergericht einen persönlichen Eindruck ihres Aussage-

verhaltens gewinnen konnte (Protokoll der Berufungsverhandlung 

[Protokoll], S. 5 ff.). An der Berufungsverhandlung bestätigte A. im 

Wesentlichen ihre bisher in den Einvernahmen gemachten Aussagen, nicht 

aber ein Lecken der Brüste. Die anlässlich der Berufungsverhandlung von 

A. zum Teil eingestandenen Erinnerungslücken und Unsicherheiten sowie 

das nicht mehr erwähnte Lecken der Brüste sind aufgrund des Zeitablaufs 

erklärbar, zumal dieser Handlung im Vergleich zu den anderen von ihr 

geschilderten Handlungen (insbesondere Massieren der Vagina, 

Eindringen mit dem Penis in den Mund) keine entscheidende oder 

eigenständige Bedeutung hat zukommen können. Die Erinnerungslücken 

sowie Unsicherheiten können zudem damit begründet werden, dass A. 

zumindest einmal bei einem Psychologen gewesen sei, was ihr aber nicht 

geholfen habe, und sie in der Folge versucht habe, das Erlebte zu 

verdrängen (Protokoll, S. 3). 

 

Zwar haben seit 23. Juli 2019 keine Befragungen mehr durch die Polizei, 

die Staatsanwaltschaft oder das vorinstanzliche Gericht stattgefunden. Es 

besteht aber die Möglichkeit von autosuggestiven Prozessen, die teilweise 

auch von aussen angestossen werden und ihren Ausgangspunkt häufig in 

einem schlechten psychischen Befinden haben (vgl. RENATE VOLBERT, in: 

Handbuch der Rechtspsychologie, 2008, Suggestion, S. 333). Hierzu ist 

wiederum zu berücksichtigen, dass Schilderungen, die auf voll ausgebil-

deten Pseudoerinnerungen beruhen, eine ähnlich hohe Qualität erreichen 

können wie erlebnisbasierte Schilderungen. Abzustellen ist nach dem 

Gesagten in erster Linie auf ihre tatnahen Aussagen anlässlich der 

Videoeinvernahme vom 13. Mai 2019 bei der Polizei, während eine 

eigentliche Inhaltsanalyse ihrer Aussagen anlässlich der Berufungsver-

handlung nicht als valides Mittel zur Verifizierung ihrer Aussagen von vor 

mehr als 3 Jahren erscheint (vgl. SCHLILLING/HAUCH, Wahrheit oder Lüge – 

Unterscheidbar?, in: Wahrheit. Täuschung und Lüge, Schweizerische 

Arbeitsgruppe für Kriminologie (SAK), 2016, Band 33, S. 33). 

 

Die tatnahen Aussagen von A. sind für das Obergericht nachvollziehbar 

und konsistent. Ihre Aussagen zur Tat sind spontan erfolgt, wirken als 

Ganzes in sich stimmig und weisen darüber hinaus keine relevanten 

Widersprüche auf. A. schilderte die Geschehnisse in einer authentischen 

Sprache und hatte offensichtlich grosse Mühe, über das Erlebte und ihr 

besonders unangenehme Handlungen – insbesondere den Oralverkehr mit 

dem Penis des Beschuldigten – zu sprechen. Sie war in der Lage, auf 

 - 11 - 

 

 

 

Nachfrage, aber teilweise auch spontan diverse Präzisierungen 

vorzunehmen. So konnte sie bspw. umschreiben, dass die Heizung in der 

Wohnung an und es warm gewesen sei, wie die Möbel im Schlafzimmer 

des Beschuldigten angeordnet gewesen seien, und dass dieses nicht 

aufgeräumt gewesen sei (UA act. 404 f. Fragen 35, 61). 

 

A. machte differenzierte Aussagen betreffend ihre Gefühle und Gedanken. 

Sie führte mehrfach aus, dass sie die Handlungen mit dem Beschuldigten 

eigentlich nicht gewollt, diese aber auch irgendwie genossen habe, was sie 

auf ihren Drogenkonsum zurückführte. Ihr hätten die Streicheleinheiten des 

Beschuldigten irgendwie gefallen, obwohl sie dies vom Kopf her eigentlich 

nicht gewollt habe. Sie habe es schon komisch gefunden, dass ein beinahe 

60-jähriger Mann sie anfasse. Aber irgendwie habe es ihr auch gefallen. 

Sie sei dem Beschuldigten wie verfallen gewesen und habe nicht mehr 

realisiert, wer er sei. Sie habe wie eine «Wolke im Kopf» gehabt und es 

irgendwie auch genossen. Auf der anderen Seite habe sie aber auch Angst 

gehabt, dass der Beschuldigte jetzt «ficken» könnte (UA act. 385 ff.; act. 

402 Frage 29). 

 

A. schilderte auch diverse Unterbrüche im Handlungsablauf. So gab sie an, 

dem Beschuldigten zu Beginn, als er mit der Hand unter ihr T-Shirt 

gegangen sei, gesagt zu haben, dass sie dies nicht wolle, worauf er von ihr 

abgelassen und sie für eine Weile wieder nur noch über den Kleidern den 

Rücken sowie die Haare gestreichelt habe. Als der Beschuldigte an ihre 

Hose gegangen sei, habe sie ebenfalls zunächst «Nein» gesagt, es dann 

aber doch zugelassen. Zudem gab sie zu Protokoll, dass der Beschuldigte 

von sich aus zweimal die Handlungen unterbrochen und Besorgnis darüber 

geäussert habe, dass ihre Mutter hochkommen und sie zusammen 

erwischen könne. Zudem habe der Beschuldigte ihr gesagt, dass es nicht 

gut bzw. sogar strafbar sei, was sie hier machen würden. Da ihr die 

Handlungen aber gefallen hätten, habe sie den Beschuldigten sogar zum 

Weitermachen animiert (UA act. 385 ff.; act. 402 Frage 29). A. belastet den 

Beschuldigten mithin nicht unnötig. Ihr Aussagen halten einem 

Strukturvergleich zudem stand. 

 

Allerdings besteht hinsichtlich des Leckens der Brüste eine Ungereimtheit. 

A. führte aus, dass sie ein T-Shirt getragen habe. Während der 

Beschuldigte ihr die Hose sowie Unterhose abgezogen habe, hat sie 

bezüglich ihres T-Shirts nichts dergleichen ausgesagt. Erklärbar wäre es 

dadurch, dass der Beschuldigte das T-Shirt einfach hochgeschoben hätte. 

Allerdings führte sie weiter aus, dass sie glaube, auch einen BH getragen 

zu haben. 

  

 - 12 - 

 

 

 

In einer Gesamtbeurteilung können damit eine Vielzahl von Real-

kennzeichen in den Aussagen von A. erkannt werden, welche ihre 

Aussagen als glaubhaft erscheinen lassen. Auf der anderen Seite sind die 

Aussagen von A. hinsichtlich einer Vielzahl von teilweise auch gewichtigen 

Details lückenhaft. So konnte sie sich bspw. nicht mehr genau daran 

erinnern, ob sie einen BH trug oder was der Beschuldigte getragen hat. Sie 

konnte nicht mehr sagen, ob sie und der Beschuldigte sich küssten. Ebenso 

wenig konnte sie sich daran erinnern, wie es dazu kam, dass sie und der 

Beschuldigte sich vom Sofa auf das Bett begaben. Ihre Ausführungen zu 

den Handlungen im Schlafzimmer sind darüber hinaus relativ detailarm 

ausgefallen. Sie konnte nicht bzw. nur sehr vage umschreiben, wie sie am 

Beschuldigten den Oralverkehr vornahm. Ebenso wenig konnte sie die 

Frage, ob der Beschuldigte einen Samenerguss gehabt habe, beantworten. 

Auch besteht eine Ungereimtheit im Ablauf hinsichtlich des Leckens der 

Brüste. Die dargelegten Lücken lassen sich zu einem gewissen Grad 

indessen dadurch begründen, dass sich A. im Tatzeitpunkt unter dem 

Einfluss von Alkohol und verschiedenen Betäubungsmitteln (MDMA und 

Marihuana) befunden hat, was sich auf ihr Erinnerungsvermögen 

ausgewirkt haben dürfte. Die einseitige Aufmerksamkeitsverteilung kann 

zudem im sogenannten «Waffenfokus» oder «Tunnelgedächtnis» gründen. 

Diese Begriffe beschreiben das Phänomen, dass die Aufmerksamkeit des 

Opfers einseitig auf ein gewisses Objekt oder Kerngeschehen, von 

welchem die Hauptbedrohung ausgeht, gelenkt wird, und die weiteren 

Begleitumstände bzw. Kontextereignisse schlechter erinnert werden 

(LUDEWIG/BAUMER/TAVOR, Wie können aussagepsychologische 

Erkenntnisse Richtern und Staatsanwälten helfen?, AJP 11/2011 S 1418 

f.). Dieser Punkt führt somit nicht dazu, dass die Aussagen von A. 

grundsätzlich als nicht glaubhaft zu beurteilen wären, zumal sie die 

genannten Erinnerungslücken von Anfang an offen zugegeben hat, was 

wiederum ein Realkennzeichen darstellt. 

 

2.4.5.2. 

Um eine umfassende Beurteilung hinsichtlich der Glaubhaftigkeit der 

Aussagen von A. vornehmen zu können, sind die Umstände der 

Anzeigeerstattung näher zu untersuchen. 

 

A. sei durch Klassenkollegen im Verdacht gestanden, aus der 

Klassenkasse Geld entwendet zu haben. Am 5. April 2019 habe sie die 

Entnahme des Geldes ihrem Klassenlehrer D. gestanden. Es sei weiter um 

[…] Kollegen und «etwas» mit einem anderen Mann, dem Beschuldigten, 

gegangen und er sei sich nicht sicher gewesen, ob er (der Klassenlehrer) 

noch nachfragen dürfe (vgl. Schulleiterin C.: Protokoll, S. 11 f.). Anlässlich 

des gestützt darauf nach Vorsprache bei der Schulleiterin erfolgten 

Gesprächs vom 8. April 2019 hat A. als Grund angegeben, dass sie von 

ehemaligen Kollegen aus der Drogenszene damit erpresst werde, dass 

diese ihrer Mutter sowie Bekannten von ihrem Drogenmissbrauch sowie 

 - 13 - 

 

 

 

einem Verhältnis zwischen ihr und mit dem «Ex-Stiefvater» [gemeint der 

Beschuldigte] erzählen würden. Um die Verbreitung zu verhindern, habe 

sie selber diese Kollegen «auszahlen» wollen. Weiter sei der Beschuldigte 

an Silvester nach einem Familienessen sowie einem MDMA-Konsum von 

ihr, als sie wieder zu Hause gewesen seien, zu ihr runter (da er den oberen 

Stock und sie im unteren Stock wohne) gekommen, habe Andeutungen, 

dass er sie schon leicht bekleidet auf dem Balkon habe schlafen sehen, 

gemacht und angefangen, ihre Haare zu streicheln, was ihr wegen den 

Drogen gefallen habe. A. habe das Gespräch wegen Unwohlseins 

abgebrochen. Es sei aber zu keinem sexuellen Austausch gekommen. Eine 

Nachfrage, bis wohin für A. sexueller Austausch gehe, sei nicht erfolgt (vgl. 

Gedächtnisprotokoll des Lehrers D. vom 8. April 2019, UA act. 382 f.). 

 

Anlässlich des nachfolgenden Elterngesprächs unter Beteiligung der 

Schulleiterin C., dem Klassenlehrer D. und der Mutter E. hat A. im 

Wesentlichen ihre Aussagen bis zu den Berührungen übereinstimmend 

wiederholt. Insbesondere habe sie kurz innegehalten, bevor sie ihrer Mutter 

vom dieser bisher nicht bekannten Konsum von MDMA berichtet habe. Die 

Mutter habe erzählt, dass der Beschuldigte gemäss eigenen Angaben ohne 

ihr Wissen Bussen von A. beglichen habe, wofür A. ihm sexuelle Dienste 

angeboten habe, worauf Letztere in Tränen ausgebrochen sei. Weiter sei 

gemäss der Mutter der Beschuldigte ohne ihr Einverständnis, als es ihr 

schlecht gegangen sei, wie eine Art Stiefvater aufgetreten und sie stehe 

kurz davor, A. ins Kloster zu verfrachten, damit sie keinen Stress mehr 

habe. Die Mutter sei für eine Begleitung zu einem Polizeiposten für eine 

Anzeige nicht bereit gewesen, da A. schliesslich auch den Zug nach Basel 

nehmen könne (Gedächtnisprotokoll des Lehrers D. [vom 3. Mai 2019], 

erstellt am 7. Mai 2019, UA act. 381 f.). Die Schulleiterin ist in der Folge mit 

A., die zunächst keine Anzeige erstatten wollte, dann aber aufgrund des 

Einwands, dass bei derartigen Vorwürfen eine Anzeige erfolgen müsse, 

gleichentags noch zur Anzeigeerstattung auf einen Polizeiposten 

gegangen (Protokoll, S. 4, S. 11 f.). 

 

Der damalige Klassenlehrer D. konnte sich an den genauen Ablauf der 

Gespräche nicht mehr erinnern. Es seien neben dem Drogenkonsum 

«gewisse» sexuelle Handlungen mit dem Beschuldigten heraus-

gekommen. Es sei um Berührungen – wobei es «durchgedrungen» sei, 

dass es auch zwischen den Beinen gewesen sei – und Streicheln respek-

tive ein Heranmachen gegangen. Konkrete Wörter seien keine gefallen. 

Hinsichtlich des von ihm im Gedächtnisprotokoll erwähnten sexuellen Aus-

tauschs hat er präzisierend ausgeführt, dass Berührungen stattgefunden 

hätten, er aber nicht wisse, wie weit diese gegangen seien, mithin ob es zu 

sexuellem Austausch bzw. einer Penetration gekommen sei, da er nicht 

nachgefragt habe. Er interpretiere aber, dass keine Penetration 

stattgefunden habe. Insbesondere habe er durch die Emotionen sowie die 

Tränen von A., die er eher als nicht gut in der Klasse integriert sowie 

 - 14 - 

 

 

 

«reserviert» bezeichnen würde, das erste Mal das Gefühl gehabt, dass sie 

«ihr wahres Gesicht» gezeigt habe (Protokoll, S. 15 ff.). 

 

Die Schulleiterin C. hat ausgeführt, dass sie genaue Worte nicht mehr 

wisse, es aber so konkret gewesen sei, dass es um sexuelle Handlungen 

gegangen sei. Thema sei Anfassen gewesen. Ins Detail sei es aber nicht 

gegangen. Sie habe den Eindruck gehabt, dass A. verzweifelt gewesen sei, 

warum ihr niemand glaube (Protokoll, S. 10 ff.). 

 

In der Entstehungsgeschichte lässt sich feststellen, dass keine Nachfragen 

und damit auch keine Aussagen zu konkreten sexuellen Handlungen – über 

Berührungen hinaus – erfolgt sind. Mithin erweist sich die polizeiliche 

Einvernahme vom 13. Mai 2019 in dieser Hinsicht als grundsätzlich 

unbeeinflusst. Es zeigt sich weiter, dass es A. schwer gefallen ist, darüber 

zu sprechen, was sich auch schon im Gespräch mit ihrem Klassenlehrer 

D., aber auch in demjenigen vor ihrer Mutter gezeigt hat. Gestützt auf die 

gemachten Ausführungen war es aber sowohl für den Klassenlehrer D. als 

auch für die Schulleiterin C. klar, dass es wohl um sexuelle Handlungen 

gegangen ist. Da aber nicht nachgefragt wurde bzw. A. nicht habe 

weitererzählen wollen, liegen für den damaligen Zeitpunkt keine Aussagen 

von A. darüber, was noch alles vorgefallen ist, vor. Mithin betrifft die 

Ausführung im Gedächtnisprotokoll des Lehrers D. eine eigene 

Interpretation und keine Aussage von A.. Des Weiteren deutet der vom 

Klassenlehrer D. beschriebene Bruch in den Emotionen auf ein 

einschneidendes bzw. bedrückendes Erlebnis hin, zumal erst rund vier 

Monate seit Silvester vergangen waren. Da A., die – wie auch in 

Eigenumschreibung – eher ein «Problemkind» gewesen sei und auch 

schon davor «Scheiss» gemacht habe, drängt sich nicht der Schluss auf, 

dass ihr emotionaler Ausbruch etwas mit dem Diebstahl aus der Kasse 

bzw. dem «Erwischtwerden» zu tun gehabt haben könnte. Es ist unter den 

vorliegenden Umständen nicht entscheidend, ob die «Geschichte» mit den 

Oltener Kollegen stimmt oder – was auch die Schulleiterin C. anzweifelt – 

nicht. Gerade auch das nicht unbelastete Verhältnis zu ihrer Mutter samt 

deren Androhung einer Unterbringung in einem Kloster deutet stark darauf 

hin, dass die damals noch 14-jährige A. nicht leichtfertig Anschuldigungen 

erhoben hat. 

 

Hingegen besteht ein nicht unerheblicher Widerspruch hinsichtlich des Orts 

des Geschehens bzw. der Wohnung (diejenige der Mutter oder des 

Beschuldigten ein Stockwerk höher) vor. Da es sich um ein blosses 

Gedächtnisprotokoll des Klassenlehrers D. gehandelt hat, kann nicht 

ausgeschlossen werden, dass dieser bei der späteren Niederschrift, bei der 

die Frage der Wohnung nicht im Vordergrund stand, etwas falsch in 

Erinnerung hatte. Der Klassenlehrer hat vor Obergericht denn auch 

ausgesagt, der Ort bzw. die Wohnung sei für ihn ein zu starkes Detail 

gewesen, worüber er bisher nicht nachgedacht habe und vielleicht auch 

 - 15 - 

 

 

 

etwas interpretiert habe (Protokoll, S. 19). In Anbetracht dessen, dass auch 

der Beschuldigte von einem Vorfall spricht (siehe dazu sogleich), kommt 

der Angabe der Wohnung im Gedächtnisprotokoll des Klassenlehrers aber 

ohnehin keine entscheidende Bedeutung zu. 

 

2.4.6. 

Den Aussagen von A. sind die Aussagen des Beschuldigten gegenüber-

zustellen. 

 

Der Beschuldigte bestreitet die Tat. Gemäss seiner Darstellung sei A. in 

der besagten Nacht plötzlich neben seinem Bett gestanden und habe ihn 

gefragt, ob er ihr Drogen besorgen könne. Dabei habe sie ihm gesagt, dass 

sie alles dafür tun würde, und ihr T-Shirt hochgeschoben. Er habe ihr dann 

eine Ohrfeige gegeben und sie aus der Wohnung herausgeschmissen. 

Später habe er sie gemeinsam mit E., der Mutter von A., schlafend in seiner 

Badewanne vorgefunden (UA act. 426 Frage 34; act. 435; act. 445 Fragen 

62 und 66; act. 447 Frage 78). Die Aussagen des Beschuldigten stimmen 

somit einzig hinsichtlich des Umstandes, dass A. offenbar einen Teil der 

Nacht schlafend in der Badewanne des Beschuldigten verbracht hat, mit 

den Aussagen von A. überein. 

 

Die Aussagen des Beschuldigten sind grundsätzlich konstant und wider-

spruchsfrei ausgefallen. Es erscheint jedoch durchaus fragwürdig, dass ein 

14-jähriges Mädchen den über 50-jährigen Partner ihrer Mutter nach 

Drogen fragen und ihm im Gegentausch sexuelle Dienste anbieten würde. 

Es ist indessen erstellt, dass A. in der besagten Nacht unter dem Einfluss 

verschiedener Stimulanzien stand, was bei ihr zu einer gewissen 

Enthemmung geführt haben wird. Dass sie in der betreffenden Nacht ein 

eher unübliches Verhalten zeigte, ist auch daran ersichtlich, dass sie sich 

gemäss übereinstimmenden Aussagen nach den Vorkommnissen mit dem 

Beschuldigten in dessen Badewanne schlafen gelegt habe. Darüber hinaus 

hat A. den Beschuldigten auch zu anderen Zeitpunkten darum gebeten, ihr 

Hustensaft sowie starke Schmerzmittel – mutmasslich zum Zwecke der 

Berauschung – zu organisieren (UA act. 413 ff.; act. 443 Fragen 46 ff.). Die 

Aussagen des Beschuldigten können damit nicht von vornherein als 

vollkommen abwegig oder unglaubhaft bezeichnet werden. 

 

Auch wenn seine Aussagen zum Kerngeschehen grundsätzlich konstant 

ausgefallen sind, lassen sich in seinen übrigen Aussagen diverse 

Auffälligkeiten erkennen. Fragwürdig erscheint zum einen die vom 

Beschuldigten an mehreren Stellen vorgebrachte gezielte Diskreditierung 

von A., vor allem auch in sexuellen Belangen. So führte der Beschuldigte 

anlässlich der Einvernahme vom 27. Mai 2019 aus, dass die Mutter von A. 

bei dieser die Antibabypille gefunden und A. auch schon einmal mit Dreien 

gleichzeitig etwas gehabt habe. Zudem bezeichnete er A. als «psychisch 

labil» (UA act. 425 Frage 29; act. 429 Frage 51). Anlässlich der 

 - 16 - 

 

 

 

Einvernahme vom 13. Juli 2020 prangerte der Beschuldigte zudem an, 

dass A. anlässlich ihrer Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft «Rotz und 

Wasser» geheult und gesagt habe, sie gehe zur Opferhilfe, sie allerdings 

dann nie zur Opferhilfe gegangen sei und eine Stunde nach der 

Einvernahme eine Netzstrumpfhose und einen Minirock angezogen und ein 

Selfie gemacht habe (UA act. 446 Frage 76). Zudem gab er zu Protokoll, 

dass A. bereits mit 10 Jahren mit den Drogen begonnen habe. Er würde 

wissen, was diese mache, um an Drogen zu kommen. Es sei nicht schön. 

Ein 14-jähriges Mädchen habe kein Geld für Drogen und würde diese auf 

anderem Weg besorgen (UA act. 447 Frage 77). Allerdings steht dieses 

Anbieten von Sex in Widerspruch zur Aussage der Mutter von A. anlässlich 

des Elterngesprächs, wonach ihr der Beschuldigte gesagt habe, dass A. 

ihm auch noch für von ihm übernommene Bussen sexuelle 

Dienstleistungen angeboten haben soll. 

 

Es stellt sich die Frage, wieso der Beschuldigte sich so darum bemüht, die 

im Tatzeitpunkt 14-jährige A. als hinterhältig und sexuell erfahren 

darzustellen. Auffallend ist zudem, dass der Beschuldigte weitschweifige 

Aussagen zu den möglichen Gründen der Anzeige des Opfers gemacht 

hat. Zwar hat er regelmässig ausgesagt, dass es sich seiner Meinung nach 

um eine Racheaktion handle, bezüglich der dahinterliegenden Gründe 

fielen seine Aussagen indessen nicht konstant aus. Zum einen nannte er 

mehrfach als Grund, dass er A. nicht mehr alles habe durchgehen lassen 

bzw. er ihr den Geldhahn zugedreht habe. Als weitere Gründe gab er dann 

seine im März erfolgte Meldung bei der KESB oder Eifersucht aufgrund der 

engeren Beziehung zum Bruder von A. an. Mehrfach erwähnte er auch, 

dass A. ihm in der Silvesternacht gedroht habe, dass er bereuen würde, 

dass er ihr eine Ohrfeige gegeben habe (vgl. UA act. 423 Frage 17 ff.; 

act. 428 Frage 38; act. 442 Frage 41; act. 442 Frage 41; act. 446 Frage 75; 

act. 429 Frage 51; act. 429 Frage 47; act. 447 Frage 79). Zwar scheint es 

verständlich, wenn eine zu Unrecht beschuldigte Person über die Gründe 

für die Anschuldigungen mutmasst. Die zahlreichen Erklärungsversuche 

des Beschuldigten wirken bei einer Gesamtbetrachtung aber dennoch 

bemüht. 

 

2.4.7. 

2.4.7.1. 

Die Aussagen der Parteien sind – soweit möglich – aufgrund weiterer 

Beweise oder Indizien einer externen Validierung zu unterziehen. 

 

2.4.7.2. 

Im vorliegenden Verfahren wurde auch ein Freund des Beschuldigten, G., 

als Zeuge befragt. Anlässlich der Einvernahme vom 27. Mai 2019 hatte der 

Beschuldigte geltend gemacht, diesem am nachfolgenden Tag vom Vorfall 

mit A. erzählt zu haben. G. bewohnte während dieser Zeit eine Wohnung 

im gleichen Haus wie der Beschuldigte und die Familie von A.. Er wurde 

 - 17 - 

 

 

 

am 22. Oktober 2019 als Zeuge befragt. Dabei bestätigte er, dass der 

Beschuldigte ihm am 1. Januar 2019 von den Geschehnissen der 

vergangenen Nacht erzählt habe. Der Beschuldigte habe ihm geschrieben, 

ob er schon wach sei, worauf er ihm geantwortet habe, dass er noch kurz 

duschen und etwas essen würde. Danach habe der Beschuldigte ihm 

erzählt, dass A. neben seinem Bett gestanden und nach Drogen verlangt 

habe. Sie habe gesagt, dass sie alles dafür tun würde. Der Beschuldigte 

habe sie dann weggestossen und zur Türe gebracht. Am nächsten Morgen 

habe dieser A. dann in seiner Badewanne schlafend vorgefunden. Der 

Beschuldigte sei geschockt gewesen und habe nicht gewusst, ob er es der 

Mutter von A. erzählen solle oder nicht (UA act. 473 ff. Fragen 12; 

act. 475 f. Fragen 30, 32; act. 478 f. Fragen 55, 59). G. hat die Version des 

Beschuldigten damit im Wesentlichen bestätigt. Er konnte zum Vorfall 

indessen keinerlei direkte Beobachtungen machen, sondern lediglich die 

Erzählungen seines Freundes wiedergeben. Seinen Aussagen kommt 

insofern nur bedingt ein Beweiswert zu. 

 

2.4.7.3. 

Die Aussagen von E. sind wenig ergiebig und teilweise zumindest unklar. 

Sie könne sich kaum mehr an den Abend erinnern. Mit A. habe sie nicht 

über die Silvesternacht sprechen wollen, da es sie nur mehr belasten 

würde. Auch den Beschuldigten habe sie nicht direkt darauf angesprochen 

(«durch die Blume»). Nach der erfolgten Anzeige habe sie dem 

Beschuldigten gesagt, dass sie nichts mit dieser Sache zu tun haben wolle 

(UA act. 458 ff.). Entgegen dem Beschuldigten lässt sich aus dieser 

Einvernahme auch nicht entnehmen, dass A. zugestimmt hätte, dass das 

Bett des Beschuldigten, das nach einem Umzug übernommen worden ist, 

in ihr neues Zimmer kommen würde. Vielmehr hat E. ausgeführt, dass ein 

Wechsel erfolgt sei, da das Bett im Zimmer des Bruders von A. zu gross 

gewesen sei. 

 

2.4.7.4. 

Die Staatsanwaltschaft hat im Weiteren eine Auswertung des Mobiltelefons 

des Beschuldigten vorgenommen und u.a. die von ihm und A. 

ausgetauschten WhatsApp-Nachrichten gesichert. 

 

A. hat im Zuge ihrer Befragung ausgeführt, seit dem Vorfall gegenüber dem 

Beschuldigten auf Abstand gegangen zu sein. Sie habe sich nur noch bei 

diesem gemeldet, wenn sie von ihm etwas gebraucht habe. Dies werde aus 

ihren WhatsApp-Nachrichten ersichtlich (UA act. 409 Frage 103). Aus einer 

Sichtung der ausgetauschten Nachrichten ergibt sich, dass A. dem 

Beschuldigten im Jahr 2018 noch freudig von Vorstellunggesprächen und 

Schulnoten berichtete und ihre Nachrichten oft mit vielen Emojis versah. 

Ab Januar 2019 war dies dann aber deutlich weniger der Fall. Ihre 

Antworten fielen oft kurz angebunden aus und Emojis fehlen fast gänzlich. 

Dies steht in einem offenkundigen Missverhältnis zu den zahlreichen 

 - 18 - 

 

 

 

Kontaktversuchen des Beschuldigten. Ab anfangs Januar 2019 ist 

ersichtlich, wie sich dieser oft bei A. erkundet, was sie gerade mache bzw. 

wo sie sei oder ob sie noch wach sei. Seine Nachrichten versah er 

auffallend oft mit einem Kuss-Emoji. Am 5. Januar 2019 sandte er ihr 

darüber hinaus um 22:42 Uhr sowie um 00:40 Uhr einzig jeweils ein Kuss-

Emoji, ohne von A. in der Zwischenzeit eine Reaktion darauf erhalten zu 

haben. Am 6. Januar 2019 schrieb er ihr um 00:57 Uhr, dass sie sich in 

letzter Zeit nicht so oft gesehen hätten. Am 7. Januar 2019 schrieb er ihr 

sodann: «HDL wirklich und dein Abstand zur Zeit tut schon sehr weh», 

worauf A. mit «Ja ich dich doch auch» antwortete (UA act. 327 ff.; 

insbesondere UA act. 347, 349, 352). Für das Obergericht ist damit ab 

Januar 2019 ein klarer Bruch in der Art und Weise, wie A. und der 

Beschuldigten miteinander kommunizierten, ersichtlich. Die zahlreichen 

Kontaktversuche und das damit einhergehende grosse Interesse des 

Beschuldigten an A. lassen sich mit seiner Tatversion sodann nur schwer 

in Einklang bringen, wäre in diesem Fall doch davon auszugehen gewesen, 

dass er sich von A. distanziert hätte, um neuerliche sexuelle Avancen 

ihrerseits zu unterbinden. 

 

2.5. 

In einer Gesamtbetrachtung erachtet sich das Obergericht vom 

angeklagten Sachverhalt überzeugt. Die Aussagen von A. sind – trotz 

gewisser untergeordneter Lücken und Ungereimtheiten, die sich jedoch mit 

dem Drogenmischkonsum erklären lassen – differenziert und 

widerspruchsfrei und für das Obergericht insbesondere im Kerngehalt der 

sexuellen Handlungen glaubhaft ausgefallen. Das Verhalten und die 

Aussagen von A. stehen sodann im Einklang mit dem vom Klassenlehrer 

D. beschriebenen Bruch in den Emotionen und den ausgewerteten 

WhatsApp-Nachrichten. Sodann spricht auch die Entstehungsgeschichte 

für die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen, hat sie sich doch trotz Androhung 

ihrer Mutter, dass sie in einem Kloster untergebracht würde, zur Anzeige 

bei der Polizei entschieden. Auch wenn die Aussagen des Beschuldigten 

nicht von vornherein als abwegig bezeichnet werden können, können darin 

Auffälligkeiten erkannt werden, welche sie nur bedingt als glaubhaft 

erscheinen lassen. Sie sind deshalb nicht geeignet, am angeklagten 

Sachverhalt mehr als nur theoretische Zweifel, wie sie immer möglich sind, 

zu begründen. Nach dem Gesagten bestehen mithin keine nicht 

überwindbaren Zweifel, dass sich der Sachverhalt so, wie er von A. 

geschildert worden ist, zugetragen hat. Die dem Beschuldigten 

vorgeworfenen sexuellen Handlungen mit A. sind somit als erstellt zu 

erachten. 

  

 - 19 - 

 

 

 

3. 

3.1. 

Gemäss dem erstellen Sachverhalt hat der Beschuldigte im Wissen um das 

Alter von A. mit ihr sexuelle Handlungen vorgenommen und damit den 

Tatbestand der sexuellen Handlungen mit einem Kind gemäss Art. 187 

Ziff. 1 StGB in objektiver wie auch subjektiver Hinsicht erfüllt. 

 

3.2. 

3.2.1. 

Dem Antrag der Privatklägerin A., wonach der Beschuldigte zusätzlich der 

Schändung gemäss Art 191 StGB, eventualiter der sexuellen Nötigung 

gemäss Art. 189 StGB schuldig zu sprechen sei, kann nicht gefolgt werden. 

Zum einen fehlt es bereits in der Anklage an Ausführungen hinsichtlich der 

erforderlichen Tatbestandselemente, welche eine Subsumierung unter die 

genannten Tatbestände zulassen würde. Die Voraussetzungen für eine 

zusätzliche Verurteilung sind mit Blick auf den erstellen Sachverhalt aber 

ohnehin nicht gegeben, weshalb eine Anklageänderung bzw. -ergänzung 

ausser Betracht fällt: 

 

3.2.2. 

Hinsichtlich der Schändung ist entgegen der Auffassung von A. nicht von 

einer Widerstandsunfähigkeit, welche für die Tatbestandsmässigkeit 

vorausgesetzt wird, auszugehen. Widerstandsunfähig ist, wer nicht in der 

Lage ist, sich gegen ungewollte sexuelle Kontakte zu wehren. Die 

Widerstandsunfähigkeit braucht zwar nur vorübergehend zu sein. Erforder-

lich ist aber, dass die Widerstandsfähigkeit gänzlich aufgehoben und nicht 

nur zu irgendeinem Grad beeinträchtigt oder eingeschränkt ist. Ist bloss die 

Hemmschwelle – z.B. alkoholbedingt – herabgesetzt, liegt keine Wider-

standsunfähigkeit vor (BGE 133 IV 49 E. 7.2; BGE 119 IV 230 E. 3a). 

 

Von einer rein altersbedingten – gemäss der Rechtsprechung nur unter 

Zurückhaltung anzunehmenden – Widerstandsunfähigkeit ist vorliegend 

nicht auszugehen. Es ist jedoch unbestritten, dass A. im Tatzeitpunkt unter 

dem Einfluss von Alkohol, Marihuana und MDMA stand und insbesondere 

der Konsum von Alkohol und MDMA bei ihr zu einer erheblichen 

Herabsetzung der Hemmschwelle geführt haben dürfte. Zwar machte A. 

Aussagen, welche zu einem gewissen Grad für eine Aufhebung der 

Widerstandsunfähigkeit sprechen, indem sie u.a. geltend machte, dass sie 

wie in einer Wolke gewesen sei und sie die Worte nicht gefunden habe (UA 

act. 403 Frage 29). Auf der anderen Seite machte sie aber auch Aussagen, 

welche klar für eine erhaltene Widerstandsfähigkeit sprechen. So sagte sie 

aus, dass man unter dem Einfluss von MDMA auf jeden Fall noch wisse, 

was man tue (UA act. 388). Ihren Aussagen ist denn auch zu entnehmen, 

dass sie die vorgenommenen Handlungen durchaus noch reflektieren 

konnte. So sagte sie aus, sie habe zwar eigentlich keine sexuellen 

Handlungen mit dem Beschuldigten vornehmen wollen, dessen 

 - 20 - 

 

 

 

Berührungen auf der anderen Seite genossen. Sie habe ihn deshalb in der 

Folge gewähren lassen bzw. ihn später sogar zum Weitermachen animiert 

(UA act. 402 f. Frage 29). Es ist denn auch nicht so, dass A. sich vollständig 

passiv verhalten bzw. den Beschuldigten einfach hat gewähren lassen. 

Vielmehr hat sie selber auch aktiv am Beschuldigten sexuelle Handlungen 

(Oralverkehr) vorgenommen, ohne dass dieser in Form von Drohungen 

oder Gewalt auf sie eingewirkt hat. Unter Berücksichtigung dieser 

Umstände kann im Lichte der oben dargelegten Rechtsprechung nicht von 

einer vollständig aufgehobenen Widerstandsunfähigkeit ausgegangen 

werden, womit der Tatbestand der Schändung nicht erfüllt ist. 

 

3.2.3. 

Sodann kann vorliegend auch nicht auf eine sexuelle Nötigung gemäss 

Art. 189 Abs. 1 StGB erkannt werden. Die sexuelle Nötigung setzt voraus, 

dass die beschuldigte Person das Opfer zu sexuellen Handlungen nötigt, 

indem sie entweder dem Opfer droht, Gewalt anwendet oder das Opfer 

unter psychischen Druck setzt oder zum Widerstand unfähig macht. A. wirft 

dem Beschuldigten nicht vor, sie in irgendeiner Art und Weise bedroht oder 

ihr gegenüber Gewalt angewendet zu haben. Entsprechend fiele einzig die 

Tatbestandsvariante des «Unter-Psychischen-Druck-Setzens» in Betracht. 

Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung kann dabei 

insbesondere bei jungen Kindern die erforderliche sogenannte «situative 

Zwangssituation» auch dadurch geschaffen werden, dass der Täter den 

Willen des Kindes steuert und manipuliert und bei diesem so eine 

vermeintliche Freiwilligkeit hinsichtlich der sexuellen Handlungen schafft 

(BGE 146 IV 153 E. 3.5.5 f.). 

 

Dies ist vorliegend indessen nicht der Fall. Zum einen ist aufgrund des 

Alters von A. im Tatzeitpunkt sowie ihrer Aussagen davon auszugehen, 

dass sie die Handlungen mit dem Beschuldigten korrekt einzuordnen 

wusste. Es kann denn auch nicht erkannt werden, dass der Beschuldigte 

die Willensbildung von A. bei der Tatausübung bewusst beeinflusst oder 

manipuliert hätte. Er hat im Gegenteil die Handlungen von sich aus 

mehrfach abgebrochen und sich dahingehend geäussert, dass es nicht gut 

sei, was sie machen würden, und er dafür ins Gefängnis kommen könne. 

Zuletzt ist auch nicht ersichtlich, dass der Beschuldigte auf andere Art und 

Weise Druck auf A. aufgebaut hat. Als sie zunächst nicht wollte, dass er mit 

der Hand unter ihr T-Shirt ging, hat er dies akzeptiert und sie für eine 

gewisse Zeit nur noch am Rücken über den Kleidern gestreichelt. Eine 

sexuelle Nötigungshandlung kann damit nicht erkannt werden, weshalb 

auch der Tatbestand der sexuellen Nötigung nicht erfüllt ist. 

  

 - 21 - 

 

 

 

3.2.4. 

Der Beschuldigte ist demnach einzig wegen sexueller Handlungen mit 

einem Kind gemäss Art. 187 Ziff. 1 StGB zu verurteilen. Insoweit die 

Privatklägerin darüber hinaus eine Verurteilung wegen Schändung bzw. 

sexueller Nötigung beantragt hat, erweist sich ihre Berufung als 

unbegründet und ist in diesem Punkt abzuweisen. 

 

4. 

4.1. 

Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff. 

StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313; BGE 

144 IV 217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4. ff.; je mit 

Hinweisen). Darauf kann verwiesen werden. 

 

4.2. 

Der Beschuldigte ist wegen sexueller Handlungen mit einem Kind gemäss 

Art. 187 Ziff. 1 StGB zu verurteilen. Dieser Tatbestand sieht als Sanktion 

Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren vorsieht. Gemäss 

dem seit 1. Januar 2018 geltenden neuen Sanktionenrecht kann eine 

Geldstrafe nur noch bis 180 Tagessätzen ausgesprochen werden. 

Vorliegend ist aufgrund der Schwere des Verschuldens des Beschuldigten 

(siehe unten) eine Strafe über 180 Einheiten festzusetzen, weshalb einzig 

die Aussprechung einer Freiheitsstrafe in Betracht fällt. 

 

4.3. 

Der Beschuldigte wurde mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zofingen-

Kulm vom 6. Mai 2019 wegen betrügerischen Konkurses und Pfändungs-

betrugs gemäss Art. 163 Abs. 1 StGB und Ungehorsams gegen amtliche 

Verfügungen gemäss Art. 292 StGB – als Zusatzstrafe zum Strafbefehl der 

Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm vom 17. Dezember 2018 – zu einer 

bedingten Geldstrafe von 40 Tagessätzen à Fr. 150.00 und einer Busse 

von Fr. 1'200.00 verurteilt. Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft 

Winterthur/Unterland vom 16. März 2021 wurde er wegen Fahrens ohne 

Berechtigung und Widerhandlung gegen das Waffengesetz zu einer 

unbedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen à Fr. 150.00 verurteilt. Die 

vorliegend zu beurteilende Tat hat er vor diesen Verurteilungen begangen. 

Da indessen keine gleichartigen Strafen vorliegen, ist keine Zusatzstrafe 

auszusprechen (BGE 142 IV 265 E. 2.3.1). 

 

4.4. 

4.4.1. 

Ausgangspunkt für die Strafzumessung bildet die Verletzung oder 

Gefährdung des betroffenen Rechtsguts (Art. 47 Abs. 2 StGB). Der 

Tatbestand von Art. 187 Ziff. 1 StGB will die Gefährdung der sexuellen 

Entwicklung von Unmündigen verhindern, das heisst die ungestörte 

Entwicklung des Kindes schützen, bis es die notwendige Reife erreicht hat, 

 - 22 - 

 

 

 

die es zur verantwortlichen Einwilligung in sexuelle Handlungen befähigt, 

wobei diese Reife nach dem Gesetz vor dem 16. Altersjahr immer zu 

verneinen ist (Urteil des Bundesgerichts 6B_518/2020 vom 15. September 

2021 E. 1.3).  

 

In der Silvesternacht 2018/2019 ist es zwischen dem Beschuldigten und A. 

zu sexuellen Handlungen gekommen, wobei der Beschuldigte A. u.a. die 

Vagina massiert und dabei mit dem Finger eingedrungen ist. Zudem haben 

sich der Beschuldigte und A. gegenseitig oral befriedigt. Es handelt sich 

dabei insbesondere beim Oralverkehr um schwere, wenn auch nicht die 

schwersten Formen von sexuellen Handlungen (wie z.B. vaginale oder 

anale Penetrationen). A. war im Tatzeitpunkt bereits 14 Jahre alt und in 

körperlicher wie auch geistiger Hinsicht altersadäquat entwickelt. Sie hatte 

bis zur vorliegend zu beurteilenden Tat indessen noch keine sexuellen 

Erfahrungen gemacht. Ungeachtet ihres bereits fortgeschrittenen Alters 

waren die Handlungen damit ohne Weiteres geeignet, ihre ungestörte 

sexuelle Entwicklung nachhaltig zu gefährden. Grundsätzlich hat A. in die 

sexuellen Handlungen eingewilligt, es kann allerdings nicht ausser Acht 

gelassen werden, dass sie im Tatzeitpunkt unter dem Einfluss von Alkohol 

und Betäubungsmittel stand, was bei ihr sicherlich zu einer gewissen 

Enthemmung geführt hat. Dies war dem Beschuldigten denn auch bekannt. 

Mit Blick auf die Gefährdung des geschützten Rechtsguts der ungestörten 

sexuellen Entwicklung und der Art und Weise des Vorgehens bzw. der 

Verwerflichkeit des Handelns des Beschuldigten ist – in Relation zum 

Strafrahmen und dem davon erfassten breiten Spektrum sexueller 

Handlungen mit einem Kind – von einem nicht mehr leichten bis 

mittelschweren Verschulden auszugehen. 

 

Sexuellen Handlungen mit einem Kind ist eine sexuelle sowie egoistische 

Motivation immanent, was für sich allein nicht verschuldenserhöhend zu 

berücksichtigen ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6P.194/2001 vom 

3. Dezember 2002 E. 7.4.2). Verschuldenserhöhend ist hingegen zu 

berücksichtigen, dass der Beschuldigte über ein sehr grosses Mass an 

Entscheidungsfreiheit verfügte. Es ist kein Grund ersichtlich, weshalb er die 

ungestörte sexuelle Entwicklung von A. nicht hätte respektieren können. Es 

wäre in seiner Verantwortung als Erwachsener gelegen und von ihm zu 

erwarten gewesen, seine sexuellen Bedürfnisse anderweitig zu 

befriedigen. Dies gilt umso mehr, als er sich im Tatzeitpunkt in einer 

romantischen Beziehung mit der Mutter von A. befand. Je leichter es für ihn 

gewesen wäre, die ungestörte sexuelle Entwicklung von A. zu respektieren, 

desto schwerer wiegt die Entscheidung dagegen (vgl. BGE 117 IV 112 

E. 1). 

  

 - 23 - 

 

 

 

Unter Berücksichtigung des weiten ordentlichen Strafrahmens bis zu 

5 Jahren Freiheitsstrafe und den davon erfassten sexuellen Handlungen, 

Tatvorgehen und Tatumständen, ist insgesamt von einem mittelschweren 

Verschulden auszugehen. 

 

4.4.2. 

In Bezug auf die Täterkomponente ergibt sich Folgendes: Der Beschuldigte 

wies im Tatzeitpunkt eine Vorstrafe auf. Er wurde mit Strafbefehl der 

Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm vom 17. Dezember 2018 wegen 

diverser Strassenverkehrsdelikte zu einer bedingten Geldstrafe von 

60 Tagessätzen und einer Busse von Fr. 2'500.00 verurteilt. Diese 

Vorstrafe ist, auch wenn sie nicht einschlägig ist, leicht straferhöhend zu 

berücksichtigen, da er daraus nicht die notwendigen Lehren gezogen hat 

(BGE 136 IV 1 E. 2.6.2). Es ist jedoch zu beachten, dass aus dem 

täterbezogenen Strafzumessungskriterium der Vorstrafe nicht indirekt ein 

tatbezogenes Kriterium gemacht wird. Mithin darf diese Vorstrafe nicht wie 

ein eigenständiges Delikt gewürdigt werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts 

6B_18/2022 vom 23. Juni 2022 E. 2.6.1 mit Hinweisen). 

 

Der Beschuldigte hat die ihm vorgeworfenen sexuellen Handlungen zum 

Nachteil von A. auch im Berufungsverfahren bestritten bzw. sowohl vor 

Vorinstanz als auch im Berufungsverfahren bis auf wenige Ausnahmen von 

seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht, was sein Recht 

ist (vgl. Art. 113 Abs. 1 StPO). Unter diesen Umständen ist aber auch eine 

Strafminderung, wie sie bei einem geständigen, einsichtigen und reuigen 

Täter möglich ist, ausgeschlossen. 

 

Weitere relevante, sich auf die Strafhöhe auswirkende Täterkomponenten 

sind nicht ersichtlich. Insbesondere ist nicht von einer erhöhten Straf-

empfindlichkeit auszugehen. Der Freiheitsentzug bewirkt für jede beruflich 

sowie sozial integrierte Person eine Härte und führt insoweit zu keiner 

Strafminderung; eine erhöhte Strafempfindlichkeit lässt sich nur bei 

aussergewöhnlichen Umständen bejahen (statt vieler: Urteil des 

Bundesgerichts 6B_1053/2018 vom 26. Februar 2019 E. 3.4 mit 

Hinweisen). Solche liegen hier nicht vor. 

 

Insgesamt wirkt sich die Täterkomponente leicht straferhöhend aus. 

 

4.4.3. 

Dem Obergericht erscheint eine Freiheitsstrafe von 2 ½ Jahren dem 

mittelschweren Verschulden und den persönlichen Verhältnissen des 

Beschuldigten angemessen. 

  

 - 24 - 

 

 

 

4.5. 

Eine Freiheitsstrafe von 2 ½ Jahren kann nicht bedingt ausgesprochen 

werden (Art. 42 Abs. 1 StGB). Das Gericht kann den Vollzug einer 

Freiheitsstrafe von mehr als zwei Jahren und höchstens drei Jahren jedoch 

teilweise aufschieben (vgl. Art. 43 Abs. 1 StGB). Der unbedingt vollziehbare 

Teil darf die Hälfte der Strafe nicht übersteigen (Art. 43 Abs. 2 StGB); 

sowohl der aufgeschobene wie auch der zu vollziehende Teil der 

Freiheitsstrafe muss mindestens sechs Monate betragen (Art. 43 Abs. 3 

StGB). Bei der Bemessung der aufgeschobenen bzw. zu vollziehenden 

Strafteils ist das Verschulden zu beachten, dem in genügender Weise 

Rechnung zu tragen ist. Das Verhältnis der Strafteile ist so festzusetzen, 

dass darin die Wahrscheinlichkeit der Legalbewährung des Täters 

einerseits und dessen Einzeltatschuld anderseits hinreichend zum 

Ausdruck kommen. Je günstiger die Prognose und je kleiner die 

Vorwerfbarkeit der Tat, desto grösser muss der auf Bewährung 

ausgesetzte Strafteil sein. Der unbedingte Strafteil darf dabei das unter 

Verschuldensgesichtspunkten (Art. 47 StGB) gebotene Mass nicht 

unterschreiten (vgl. zum Ganzen: BGE 134 IV 60 E. 7.4 f. mit Hinweisen). 

Bei einer Schlechtprognose ist auch ein bloss teilweiser Aufschub der 

Strafe ausgeschlossen (BGE 134 IV 1 E. 5.3.1). 

 

Der Beschuldigte lebt grundsätzlich in stabilen Verhältnissen. Er verfügt 

über eine nicht einschlägige Vorstrafe wegen diverser Strassenverkehrs-

delikte. Aufgrund des Umstands, dass er im vorliegenden Strafverfahren 

nicht geständig war und sich somit auch nicht einsichtig und reuig zeigen 

konnte, sowie des Umstands, dass er über ein sehr grosses Mass an 

Entscheidungsfreiheit verfügt hat, bestehen nicht unerhebliche Bedenken 

an seiner Legalbewährung. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass er noch 

während des laufenden Strafverfahrens erneut, wenn auch nicht 

einschlägig, delinquiert hat und deshalb mit Strafbefehl der Staatsanwalt-

schaft Zofingen-Kulm vom 6. Mai 2019 wegen betrügerischen Konkurses 

und Pfändungsbetrugs sowie Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen 

und mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 

16. März 2021 wegen Fahrens ohne Berechtigung und Widerhandlung 

gegen das Waffengesetz zu Geldstrafen verurteilt worden ist. Dennoch ist 

insgesamt knapp nicht von einer eigentlichen Schlechtprognose 

auszugehen. Ihm ist deshalb der teilbedingte Strafvollzug zu gewähren. Mit 

Blick auf das mittelschwere Verschulden des Beschuldigten erweist es sich 

als sachgerecht, den unbedingten Teil der Strafe auf 1 Jahr festzusetzen 

und die übrigen 1 ½ Jahre bedingt bei einer Probezeit von 3 Jahren 

auszusprechen. Hinzu kommt, dass der Beschuldigte beim vorliegend 

auszusprechenden Strafmass den unbedingt zu vollziehenden Anteil der 

Freiheitsstrafe in Halbgefangenschaft verbüssen kann, sofern die 

Voraussetzungen nach Art. 77b StGB dafür erfüllt sind (Urteil des 

Bundesgerichts 6B_51/2016 vom 3. Juni 2016 E. 5.4). Dies würde ihm die 

Fortführung einer Berufstätigkeit ermöglichen. 

 - 25 - 

 

 

 

 

4.6. 

Zusammenfassend ist der Beschuldigte somit zu einer teilbedingten 

Freiheitsstrafe von 2 ½ Jahren mit einem zu vollziehenden Anteil von 1 Jahr 

und einem bedingten Anteil von 1 ½ Jahren, Probezeit 3 Jahre, zu 

verurteilen. 

 

5. 

5.1. 

Die Staatsanwaltschaft beantragt, der Beschuldigten sei für 10 Jahre des 

Landes zu verweisen. 

 

5.2. 

Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Landesverweisung gemäss 

Art. 66a StGB unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des EGMR zu 

Art. 8 EMRK wiederholt dargelegt (BGE 146 IV 311; BGE 146 IV 172; BGE 

146 IV 105; BGE 146 II 1; BGE 145 IV 455; BGE 145 IV 364; BGE 

145 IV 161; BGE 144 IV 332; statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 

6B_513/2021 vom 31. März 2022). Darauf kann verwiesen werden. 

 

5.3. 

Der Beschuldigte ist Deutscher. Er hat mit den sexuellen Handlungen mit 

einem Kind eine Katalogtat für eine obligatorische Landesverweisung 

gemäss Art. 66a Abs. 1 StGB begangen. Er ist somit grundsätzlich für fünf 

bis 15 Jahre aus der Schweiz zu verweisen. 

 

Von der Anordnung der Landesverweisung kann ausnahmsweise unter 

den kumulativen Voraussetzungen abgesehen werden, dass sie (1) einen 

schweren persönlichen Härtefäll bewirken würde und (2) die öffentlichen 

Interessen an der Landesverweisung gegenüber den privaten Interessen 

des Ausländers am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen (Art. 66a 

Abs. 2 erster Satz StGB). Art. 66a StGB ist EMRK-konform auszulegen. 

Die Interessenabwägung im Rahmen der Härtefallklausel von Art. 66a 

Abs. 2 StGB hat sich daher an der Verhältnismässigkeitsprüfung nach 

Art. 8 Ziff. 2 EMRK zu orientieren. 

 

5.4. 

Der 56-jährige Beschuldigte ist deutscher Staatsangehöriger. Er ist vor 

knapp 8 ½ Jahren mit 48 Jahren in der Schweiz eingereist und verfügt über 

eine C-Bewilligung. Zuvor arbeitete er in Dänemark als Chauffeur. Wegen 

des tiefen Lohnniveaus entschied er sich aber dafür, in die Schweiz zu 

ziehen (UA act. 423 Frage 16). Er wohnt zurzeit alleine, arbeitet in einer 

Spedition und unterliegt bis längstens 31. Mai 2023 einer Lohnpfändung. 

Schulden habe er dann keine mehr, sondern nur noch die kommenden 

Steuern. Er hat eine Tochter, welche in Deutschland lebt. Zu dieser sowie 

zur Ex-Frau habe er keinen Kontakt mehr. Mit der Mutter von A. ist er nicht 

 - 26 - 

 

 

 

mehr zusammen. In Deutschland hält er sich nach eigenen Angaben 

unregelmässig, vielleicht ein bis zwei Mal im Jahr auf (UA act. 423 Frage 

15). 

 

Der Beschuldigte erscheint in der Schweiz nach dem Gesagten 

durchschnittlich integriert. Da er indessen erst im Erwachsenenalter in die 

Schweiz migriert ist und hier weder über eine Kernfamilie noch über 

anderweitige Verwandte verfügt, kann sein persönliches Interesse am 

Verbleib in der Schweiz nicht als besonders hoch eingestuft werden. Bei 

einer Aufenthaltsdauer von unter 10 Jahren ist nach der Rechtsprechung 

regelmässig davon auszugehen sei, dass die sozialen Beziehungen in der 

Schweiz noch nicht so eng geworden sind, dass es für eine 

Aufenthaltsbeendigung besonderer Gründe bedürfte, zumal er den 

überwiegenden Teil und die besonders prägenden Jahre seines Lebens 

nicht in der Schweiz verbracht hat. Die Aufenthaltsdauer allein kann 

vorliegend noch nicht zur Annahme führen, der Beschuldigte sei hier 

verwurzelt. Von einer wesentlichen gesundheitlichen Beeinträchtigung 

oder notwendigen Behandlungsmöglichkeiten des Beschuldigten ist nichts 

bekannt (vgl. BGE 145 IV 455). 

 

Der Beschuldigte hat eine schwere Sexualstraftat begangen und wird dafür 

zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Er hat sich auch weitere 

Straftaten zu Schulde kommen lassen, wobei dafür vergleichsweise gering-

fügige Geldstrafen ausgesprochen worden sind. Seine Verurteilungen 

zeigen deutlich, dass der Beschuldigte offensichtlich nicht gewillt ist, sich 

an die geltende Rechtsordnung zu halten. Für ein künftiges Wohlverhalten 

des Beschuldigten liegen nicht unerhebliche Zweifel vor, konnte doch nur 

knapp nicht von einer eigentlichen Schlechtprognose ausgegangen 

werden. Von einer gelungenen Integration in die Schweizer Werte- und 

Rechtsordnung kann nicht gesprochen werden. 

 

Der Beschuldigte nimmt am Wirtschaftsleben in der Schweiz teil. Aufgrund 

seiner früheren Tätigkeit als Lastwagenchauffeur oder nun allgemein im 

Bereich Spedition ist aber ohne Weiteres davon auszugehen, dass er auch 

in Deutschland oder einem anderen Land eine Anstellung finden würde. 

Insofern ist von intakten Möglichkeiten im Heimatland auszugehen. In einer 

Gesamtbetrachtung ist das Vorliegen eines Härtefalls zu verneinen. 

 

Die Landesverweisung wäre aber auch anzuordnen, wenn auf einen 

Härtefall erkannt würde. Die persönlichen Interessen des Beschuldigten 

können mit Blick auf die obigen Ausführungen nicht als sehr hoch beurteilt 

werden. Der Beschuldigte hat indessen sexuelle Handlungen mit einem 

Kind begangen und wird dafür zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 

2 ½ Jahren, wovon 1 Jahr zu vollziehen ist, verurteilt. Es handelt sich dabei 

um eine vergleichsweise schwere Tat. Es besteht ein entsprechend hohes 

öffentliches Interesse daran, Minderjährige vor Angriffen auf ihre 

 - 27 - 

 

 

 

ungestörte sexuelle Entwicklung zu schützen. Insofern vermöchten die 

persönlichen Interessen des Beschuldigten die öffentlichen Interessen an 

seiner Wegweisung nicht zu überwiegen. Dies gilt umso mehr, als es bei 

einer Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von mehr als zwei Jahren 

ausserordentlicher Umstände bedarf – die in casu offensichtlich nicht 

vorliegen –, damit das private Interesse des Betroffenen an einem Verbleib 

in der Schweiz das öffentliche Interesse an einer Ausweisung überwiegt. 

Dies würde grundsätzlich selbst bei bestehender Ehe mit einer Schweizerin 

und gemeinsamen Kindern gelten («Reneja-Praxis», statt vieler: BGE 

135 II 377 E. 4.4; Urteil des Bundesgerichts 6B_1299/2019 vom 28. Januar 

2020 E. 3.4.7). Mit der am 1. Oktober 2016 in Kraft gesetzten Gesetz-

gebung zur strafrechtlichen Landesverweisung wurde diese bisherige 

ausländerrechtliche Ausschaffungspraxis verschärft. 

 

5.5. 

Der Beschuldigte ist deutscher Staatsangehöriger. Es stellt sich mithin die 

Frage nach der Vereinbarkeit der Landesverweisung mit dem Freizügig-

keitsabkommen (FZA). 

 

Das Freizügigkeitsabkommen steht der Landesverweisung vorliegend nicht 

entgegen. Der Beschuldigte hat sexuelle Handlungen mit einem minder-

jährigem Mädchen begangen und eine verhältnismässig schwere 

Verletzung des geschützten Rechtsguts der ungestörten sexuellen 

Entwicklung von Minderjährigen begangen. Die Legalprognose des nicht 

geständigen und somit weder einsichtigen noch reuigen Beschuldigten ist 

ungewiss. Insofern muss bei ihm von einem tatsächlich vorhandenen 

Rückfallrisiko ausgegangen werden und ist eine von ihm ausgehende 

Gefahr für die öffentliche Sicherheit zu bejahen. Die Landesverweisung 

steht entsprechend im Einklang mit Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA. 

 

5.6. 

Nach dem Gesagten ist eine Landesverweisung auszusprechen. Unter 

Berücksichtigung der Natur der Straftat, des mittelschweren Verschuldens 

des Beschuldigten, seiner nicht sehr hohen Interessen am Verbleib in der 

Schweiz und des hohen öffentlichen Interesses, sexuelle Übergriffe an 

Minderjährigen zu verhindern, erweist sich eine Landesverweisung von 

10 Jahren als angemessen. 

 

6. 

6.1. 

Die Privatklägerin A. beantragt die Zusprechung einer Genugtuung in Höhe 

von Fr. 7'000.00 zzgl. Zins zu 5 % seit 1. Januar 2019. 

  

 - 28 - 

 

 

 

6.2. 

Gemäss Art. 49 Abs. 1 OR hat Anspruch auf Leistung einer Geldsumme 

als Genugtuung, wer in seiner Persönlichkeit widerrechtlich verletzt wird, 

sofern die Schwere der Verletzung es rechtfertigt und diese nicht anders 

wiedergutgemacht worden ist. Die Genugtuung bezweckt den Ausgleich für 

erlittene Unbill, indem das Wohlbefinden anderweitig gesteigert oder die 

Beeinträchtigung erträglicher gemacht wird. 

 

Der Umfang der Genugtuung hängt vor allem von der Schwere der 

körperlichen oder psychischen Leiden ab (zur Genugtuung für Opfer von 

Sexualdelikten samt deren Höhe, insbesondere bei Kindern als Opfern: 

BGE 125 III 269 = Pra 88 (1999) Nr. 175; allgemein zur Bemessung von 

Genugtuungen: BGE 132 II 117 E. 2.2.2 f. sowie Urteil des Bundesgerichts 

6B_544/2010 vom 25. Oktober 2010 E. 3.1). Die Festsetzung ist eine 

Entscheidung nach Billigkeit. Das Bundesgericht hat es daher abgelehnt, 

dass die Bemessung der Genugtuung nach schematischen Massstäben 

oder festen Tarifen erfolgt (BGE 132 II 117 E. 2.2.3 mit Hinweisen). 

 

6.3. 

Der Beschuldigte hat mit A. sexuelle Handlungen vorgenommen, als diese 

noch minderjährig war. Dabei kam es zu vergleichsweise schweren 

sexuellen Handlungen wie gegenseitigem Oralverkehr. Auch wenn A. sich 

den Handlungen nicht widersetzte, erachtet das Obergericht die 

Voraussetzungen für die Zusprechung einer Genugtuung (knapp) als 

erfüllt. Denn Sinn und Zweck von Art. 187 StGB ist es, die ungestörte 

Entwicklung des Kindes zu schützen, bis es die notwendige Reife erreicht 

hat, die es zur verantwortlichen Einwilligung in sexuelle Handlungen 

befähigt. Ist das Kind unter 16 Jahre alt, wird ihm die notwendige Reife von 

Gesetzes wegen abgesprochen. Insofern ist es auch nur von 

untergeordneter Natur, ob dieses in die Handlungen eingewilligt hat oder 

nicht. Vorliegend fällt erschwerend ins Gewicht, dass es sich beim 

Beschuldigten um eine Vertrauensperson von A. gehandelt hat. Dieser hat 

mit ihr denn auch vergleichsweise schwere sexuelle Handlungen 

vorgenommen, welche ohne weiteres geeignet waren, in schwerer Art und 

Weise ihre ungestörte sexuelle Entwicklung zu beeinflussen. Dies gilt umso 

mehr, als A. vorgängig zur Tat über keine sexuelle Erfahrung verfügte und 

der Beschuldigte deutlich älter als A. war. A. erlitt im Nachgang zur Tat 

gemäss eigenen Angaben sogenannte Flashbacks und Ekelgefühle 

gegenüber ihrem eigenen Körper. Sofern sie ihren Drogenkonsum und die 

von ihr begangenen Diebstähle ebenfalls auf die Tat zurückführt, kann ihr 

indessen nicht gefolgt werden, zumal sie ausweislich der Akten bereits 

vorher Drogen konsumiert und auch bereits einen Diebstahl begangen 

hatte (UA act. 357; act. 388). A. hat sich nach der Tat sodann – mit 

Ausnahme eines einmaligen Besuchs – auch nicht in psychologische 

Behandlung begeben oder anderweitige Hilfsangebote in Anspruch 

genommen, sondern sie versucht den Vorfall zu verdrängen, weswegen 

 - 29 - 

 

 

 

nicht von einer schwerwiegenden Traumatisierung ausgegangen werden 

kann. Auch wohnt sie nach eigenen Angaben unter der Woche mit ihrem 

Freund zusammen (Protokoll, S. 3), was zumindest darauf schliessen lässt, 

dass die sexuellen Handlungen mit dem Beschuldigten nicht zu einer 

nachhaltigen Beziehungsunfähigkeit geführt haben. 

 

In einer Gesamtbetrachtung erweist sich nach Ansicht des Obergerichts 

eine Genugtuung von Fr. 3'000.00 als angemessen. 

 

6.4. 

Soweit die Privatklägerin anlässlich der Berufungsverhandlung neben einer 

Genugtuung neu beantragt, dass der Beschuldigte für die künftigen, noch 

nicht bezifferbaren Heilungskosten im Zusammenhang mit der Straftat dem 

Grundsatz nach haftbar zu erklären und für die Bezifferung die 

Privatklägerin auf den Zivilweg zu verweisen sei, ist darauf nicht 

einzutreten. Die Privatklägerin hatte vor Bezirksgericht im Hauptstandpunkt 

die Zusprechung einer Genugtuung beantragt, und eventualiter sei die 

Zivilforderung dem Grundsatz nach gutzuheissen und im Übrigen auf den 

Zivilweg zu verweisen. Hinsichtlich der Zivilforderungen gilt im Strafprozess 

ebenfalls die Dispositionsmaxime und die Voraussetzungen für eine 

Klageänderung – die denn auch nicht behauptet werden – sind vorliegend 

nicht erfüllt. Nachdem mit vorliegendem Urteil der Beschuldigte zur 

Bezahlung einer Genugtuung verpflichtet wird, besteht für den vor 

Vorinstanz gestellten Eventualantrag kein Raum. 

 

7. 

7.1. 

Die Parteien tragen die Kosten des Berufungsverfahrens nach Massgabe 

ihres Obsiegens bzw. Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Ob eine Partei 

im Berufungsverfahren als obsiegend oder unterliegend gilt, hängt davon 

ab, in welchem Ausmass ihre vor Obergericht gestellten Anträge 

gutgeheissen wurden (Urteil des Bundesgerichts 6B_330/2016 vom 

10. November 2017 E. 4.3). 

 

Die Berufung der Staatsanwaltschaft ist ganz überwiegend gutzuheissen. 

Sie obsiegt im Schuldpunkt sowie hinsichtlich der von ihr beantragten 

Landesverweisung. Einzig im beantragten Strafmass bleibt das Ober-

gericht unter dem von der Staatsanwaltschaft gestellten Antrag. Die 

Berufung der Privatklägerin A. ist in Bezug auf die Verurteilung des 

Beschuldigten wegen sexueller Handlungen mit einem Kind gutzuheissen, 

sie unterliegt indessen mit ihrem Antrag betreffend den zusätzlichen 

Schuldspruch wegen Schändung, eventualiter sexueller Nötigung. Ihr wird 

darüber hinaus nur eine Genugtuung in deutlich geringerem als von ihr 

beantragtem Umfang zugesprochen, während auf die vor Obergericht neu 

geltend gemachten Heilungskosten nicht einzutreten ist. 

 

 - 30 - 

 

 

 

Unter Berücksichtigung der gestellten Anträge und deren Gewichtung 

erweist es sich als angemessen, dem überwiegend unterliegenden 

Beschuldigten ¾ und der Privatklägerin ¼ der gemäss § 18 Abs. 1 VKD auf 

Fr. 6'000.00 festzusetzenden obergerichtlichen Verfahrenskosten 

aufzuerlegen. 

 

Aufgrund der der Privatklägerin zu gewährenden unentgeltlichen 

Rechtspflege (siehe dazu unten) ist der auf sie entfallende Anteil von 

Fr. 1'500.00 einstweilen vorzumerken (Art. 136 Abs. 2 lit. b StPO). 

 

7.2. 

Der amtliche Verteidiger ist für das Berufungsverfahren gestützt auf die von 

ihm eingereichte Kostennote aus der Staatskasse mit gerundet 

Fr. 5'900.00 zu entschädigen (Art. 135 Abs. 1 StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und 

Abs. 3bis AnwT). 

 

Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten zu ¾ mit Fr. 4'425.00 

zurückzufordern, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben 

(Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO). 

 

Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts besteht – trotz teilweise 

Unterliegens im Berufungsverfahren – keine gesetzliche Grundlage, diese 

Entschädigung im Umfang ihres Unterliegens der Privatklägerin 

aufzuerlegen (BGE 145 IV 90 E. 5). 

 

7.3. 

7.3.1. 

Mit Gesuch vom 25. März 2022 hat Rechtsanwältin Laura Jost, welche 

Rechtsanwalt Christophe Herzig auch schon substituiert hatte, für die 

Privatklägerin A. um unentgeltliche Rechtspflege unter Beiordnung eines 

unentgeltlichen Rechtsbeistands ersucht. 

 

Dieses Gesuch ist ab Gesuchstellung unter Beiordnung von Rechts-

anwältin Laura Jost als unentgeltliche Rechtsbeiständin grundsätzlich zu 

bewilligen, da die Mittellosigkeit der sich damals kurz vor Abschluss der 

Ausbildung befindlichen A. unter Berücksichtigung der familiären 

Verhältnisse inklusive Leistungsfähigkeit der Mutter ausgewiesen, die 

Zivilklage nicht aussichtslos und eine Vertretung zur Wahrung der Rechte 

notwendig erschienen ist (Art. 136 Abs. 1 StPO). Allerdings ist A. seit 

22. August 2022 als medizinische Praxisassistentin bei einem Monatslohn 

von Fr. 4'600.00 brutto bzw. Fr. 4'235.15 netto, plus 13. Monatslohn, 

arbeitstätig. Unter Berücksichtigung des geltend gemachten 

Existenzminimums von Fr. 1'261.35 plus die gemäss eigenen Angaben 

bestehenden Wohnkosten von Fr. 500.00 ergäbe dies einen Überschuss 

von fast Fr. 2'500.00 pro Monat. Damit wäre sie ohne weiteres in der Lage, 

die anfallenden, angemessenen sowie notwendigen Aufwendungen für ihre 

 - 31 - 

 

 

 

Vertretung innerhalb eines Jahres zu bezahlen. Dies gälte auch dann, 

wenn die gesamten der Mutter angeblich abzugebenden Fr. 1'000.00 für 

Versicherungen sowie Steuern in vollem Umfang im Existenzminimum zu 

berücksichtigen wären. Mithin kann der Privatklägerin A. die unentgeltliche 

Rechtspflege nur bis zum 21. August 2022 gewährt werden. Gemäss 

eingereichter Kostennote beträgt die für die Zeit von 25. März 2022 bis 21. 

August 2022 geltend gemachte Entschädigung gerundet Fr. 490.00. 

 

Die Entschädigung der unentgeltlichen Rechtsbeiständin der Privatklägerin 

A. hat der Beschuldigte, der sich nicht in günstigen wirtschaftlichen 

Verhältnissen befindet, nicht zu tragen (Art. 426 Abs. 4 StPO). 

 

7.3.2. 

Die Privatklägerin A. war während des Berufungsverfahrens bis zu ihrer 

Volljährigkeit am 3. März 2022 durch den von der Kindes- und 

Erwachsenenschutzbehörde (KESB) Oberaargau als Prozessbeistand mit 

Prozessvollmacht eingesetzten Rechtsanwalt Christophe Herzig vertreten. 

Bis zu diesem Zeitpunkt sind ihr im Berufungsverfahren keine notwendigen 

Aufwendungen im Sinne von Art. 433 Abs. 1 StPO entstanden, hat sie doch 

keine Anwaltskosten zu bezahlen. Ihr ist kein Schaden entstanden, den sie 

auf Grundlage von Art. 433 StPO geltend machen könnte und es geht nicht 

an, sie für Kosten zu entschädigen, die sie nicht getragen hat (vgl. Urteil 

des Bundesgerichts 6B_234/2013 vom 8. Juli 2013 E. 5.2 für den Fall der 

unentgeltlichen Rechtspflege). Schon gar nicht kann sie bei der KESB 

angefallene Kosten adhäsionsweise als eigene Zivilforderung gemäss 

Art. 122 StPO geltend machen, zumal es ihr an der Legitimation fehlt, im 

vorliegenden Strafverfahren in eigenem Namen einen allfälligen Regress- 

oder Entschädigungsanspruch des Kantons Bern gegenüber dem 

Beschuldigten geltend zu machen. 

 

7.3.3. 

Für die Zeit ab 4. März 2022 – ohne die unter die unentgeltliche 

Rechtspflege fallende Zeit – hat die Privatklägerin A. im Umfang der 

Differenz ihres Obsiegens und Unterliegens einen Anspruch vom 

Beschuldigten auf eine Entschädigung für ihre notwendigen Aufwendungen 

(Art. 436 Abs. 1 i.V.m. Art. 433 Abs. 1 StPO). 

 

Der Beschuldigte ist gestützt auf die eingereichte Kostennote unter Abzug 

des auf die unentgeltliche Rechtspflege entfallenden Anteils verpflichtet, 

der Privatklägerin A. für das Berufungsverfahren dem Ausgang des 

Verfahrens entsprechend im Umfang von ½ eine Parteientschädigung von 

Fr. 2'407.85 zu bezahlen. 

 

 - 32 - 

 

 

 

8. 

8.1. 

Fällt die Rechtsmittelinstanz selber einen neuen Entscheid, so befindet sie 

darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428 

Abs. 3 StPO). Die beschuldigte Person trägt die Verfahrenskosten, wenn 

sie verurteilt wird (Art. 426 Abs. 1 StPO). 

 

Der Beschuldigte wird im Sinne der Anklage schuldig gesprochen und hat 

damit die Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens zu tragen. 

 

8.2. 

Die dem amtlichen Verteidiger des Beschuldigten für das erstinstanzliche 

Verfahren zugesprochene Entschädigung von Fr. 13'485.30 ist im 

Berufungsverfahren unangefochten geblieben und somit keiner 

Überprüfung zugänglich (Urteil des Bundesgerichts 6B_1299/2018 vom 

28. Januar 2019 E. 2). 

 

Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten zurückzufordern, sobald es 

seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO). 

 

8.3. 

Die Privatklägerin A. hat im erstinstanzlichen Verfahren im Umfang ihres 

Obsiegens gegenüber dem Beschuldigten Anspruch auf eine 

angemessene Entschädigung ihrer notwendigen Aufwendungen, wenn sie 

diese rechtzeitig beantragt, beziffert und belegt hat (Art. 433 Abs. 1 StPO). 

 

Nachdem die Vertretung von A. bis zum Abschluss des erstinstanzlichen 

Verfahrens durch den von der KESB Oberaargau ernannten Rechtsanwalt 

Christophe Herzig sichergestellt wurde, durch welche Letzterer auch 

entschädigt wird, sind der Privatklägerin A. im erstinstanzlichen Verfahren 

keine notwendigen Aufwendungen im Sinne von Art. 433 Abs. 1 StPO 

entstanden (siehe dazu oben). 

 

9. 

Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es 

ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO, 

Art. 81 StPO). 

 

  

 - 33 - 

 

 

 

   

Das Obergericht erkennt: 

 

1. 

Der Beschuldigte ist der sexuellen Handlungen mit einem Kind gemäss 

Art. 187 Ziff. 1 StGB schuldig. 

 

2. 

Der Beschuldigte wird gemäss Art. 187 Ziff. 1 StGB sowie in Anwendung 

von Art. 47 StGB, Art. 40 StGB, Art. 43 StGB und Art. 44 Abs. 1 StGB zu 

einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 2 ½ Jahren mit einem vollziehbaren 

Anteil von 1 Jahr und einem bedingt zu vollziehenden Anteil von 

1 ½ Jahren, Probezeit 3 Jahre, verurteilt. 

 

3. 

Der Beschuldigte wird gestützt auf Art. 66a Abs. 1 lit. h StGB für 10 Jahre 

des Landes verwiesen. 

 

4. 

Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägern A. eine Genugtuung 

von Fr. 3'000.00 zuzüglich Zins zu 5 % seit 1. Januar 2019 zu bezahlen. 

 

5. 

5.1. 

Der Privatklägerin A. wird im Berufungsverfahren für die Zeit vom 25. März 

2022 bis 21. August 2022 die unentgeltliche Rechtspflege bewilligt und 

Rechtsanwältin Laura Jost als unentgeltliche Rechtsbeiständin eingesetzt. 

 

5.2. 

Die Kosten des Berufungsverfahrens von Fr. 6'000.00 werden dem 

Beschuldigten zu ¾ mit Fr. 4'500.00 und der Privatklägerin A. zu ¼ mit 

Fr. 1'500.00 auferlegt. 

 

Der auf die Privatklägerin entfallenden Anteil wird ihr zufolge der ihr 

gewährten unentgeltlichen Rechtspflege einstweilen vorgemerkt. 

 

5.3. 

Die Obergerichtskasse wird angewiesen, dem amtlichen Verteidiger des 

Beschuldigten für das Berufungsverfahren eine Entschädigung von 

Fr. 5'900.00 auszurichten. 

 

Diese Entschädigung wird vom Beschuldigten zu ¾ mit Fr. 4'425.00 

zurückgefordert, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben. 

 

5.4. 

Die Obergerichtskasse wird angewiesen, der unentgeltlichen Rechts-

beiständin der Privatklägerin A., Rechtsanwältin Laura Jost, für das 

 - 34 - 

 

 

 

obergerichtliche Verfahren für die Zeit vom 25. März 2022 bis 21. August 

2022 eine Entschädigung von Fr. 490.00 auszurichten. 

 

5.5. 

Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin A. für das übrige 

Berufungsverfahren eine Entschädigung von Fr. 2'407.85 zu bezahlen. 

 

6. 

6.1. 

Die erstinstanzlichen Verfahrenskosten von Fr. 4'802.00 (inkl. 

Anklagegebühr von Fr. 2'200.00) werden dem Beschuldigten auferlegt. 

 

6.2. 

Die vorinstanzliche Gerichtskasse wird – soweit noch keine Auszahlung 

erfolgt ist – angewiesen, dem amtlichen Verteidiger des Beschuldigten für 

das erstinstanzliche Verfahren eine Entschädigung von Fr. 13'485.30 

auszurichten. 

 

Diese Entschädigung wird vom Beschuldigten zurückgefordert, sobald es 

seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben. 

 

 

 

Zustellung an:  

[…] 

 

 

  

 - 35 - 

 

 

 

   

Hinweis zur Bedeutung der teilbedingt ausgesprochenen Strafe 

(Art. 44 Abs. 3 StGB) 

 

Bei einer ausgefällten bedingten oder teilbedingten Freiheitsstrafe wird der Vollzug ganz 

bzw. teilweise aufgeschoben. Gleichzeitig wird dem Verurteilten eine Probezeit von zwei bis 

fünf Jahren angesetzt. Hat sich der Verurteilte bis zum Ablauf der Probezeit bewährt, so 

wird die aufgeschobene Strafe nicht mehr vollzogen (Art. 45 StGB). Das bedeutet, dass der 

bedingte Teil der Freiheitsstrafe dann nicht vollzogen wird. Begeht der Verurteilte während 

der Probezeit aber ein Verbrechen oder Vergehen und ist deshalb zu erwarten, dass er 

weitere Straftaten verüben wird, so widerruft das Gericht grundsätzlich die bedingte Strafe 

(Art. 46 Abs. 1 StGB). 

 

 
   

Rechtsmittelbelehrung für die Beschwerde in Strafsachen (Art. 78 ff., Art. 90 ff. BGG) 

 

Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen, von der schriftlichen Eröffnung der 

vollständigen Ausfertigung des Entscheides an gerechnet, die Beschwerde an das 

Schweizerische Bundesgericht erhoben werden (Art. 44 Abs. 1, Art. 78, Art. 90, Art. 100 

Abs. 1 und Art. 112 Abs. 1 BGG). 

 

Die Beschwerde ist schriftlich oder in elektronischer Form beim Schweizerischen 

Bundesgericht einzureichen (Art. 42, Art. 100 Abs. 1 BGG). 

 

Die Beschwerdeschrift ist in einer Amtssprache abzufassen und hat die Begehren, deren 

Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschriften bzw. eine anerkannte 

elektronische Signatur zu enthalten. In der Begründung ist in gedrängter Form darzulegen, 

inwiefern der angefochtene Entscheid Recht (Art. 95 ff. BGG) verletzt. Die Urkunden, auf 

die sich eine Partei als Beweismittel beruft, sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen 

hat; ebenso ist der angefochtene Entscheid beizulegen (Art. 42 BGG). Für die 

Beschwerdelegitimation ist Art. 81 BGG massgebend. 

 

 
   

Aarau, 10. November 2022 

 

Obergericht des Kantons Aargau 

Strafgericht, 1. Kammer 

Der Präsident: Der Gerichtsschreiber: 

 

 

 

Six Fehlmann