# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 665b46b1-1741-54c0-9ac2-2cd455bb3804
**Source:** Solothurn (SO)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2000-03-08
**Language:** de
**Title:** Solothurn Obergericht Jugendgerichtskammer 08.03.2000 ZZ.2000.29
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SO_Omni/SO_OG_003_ZZ-2000-29_2000-03-08.html

## Full Text

SOG 2000 Nr. 29

 

 

Art. 3 Abs. 1 GlG,
Art. 4 Abs. 2 aBV. Lohngleichheit.
Um einen Beruf im gleichstellungsrechtlichen Sinne als geschlechtstypisch
einzustufen, muss der Anteil eines Geschlechts deutlich über der arbeitswissenschaftlich
fixierten und von der Rechtsprechung weitgehend übernommenen Grenze von 70 %
liegen. Die Tätigkeit der Sozialbetreuung gilt nicht als spezifisch weiblich
identifizierte Arbeit, weshalb das Gleichstellungsgesetz nicht zur Anwendung
gelangt.

 

 

Eine im Pflegebereich
tätige Sozialarbeiterin verlangte vom Regierungsrat, er habe gestützt auf das
Gleichstellungsgesetz verfügungsweise festzustellen, dass ihre bei der
Besoldungsrevision vorgenommene Einreihung in Lohnklasse 14
geschlechterdiskriminierend sei. Gegen die Verfügung des Regierungsrates, die
Einreihung sei nicht diskriminierend, liess die Mitarbeiterin beim
Verwaltungsgericht Beschwerde einreichen. Das Verwaltungsgericht weist die
Beschwerde aus folgenden Erwägungen ab:

 

1. Das
Verwaltungsgericht beurteilt Beschwerden gegen Verfügungen und Entscheide des
Regierungsrates in Personalangegenheiten soweit Ansprüche aus dem Bundesgesetz
über die Gleichstellung von Frau und Mann (GlG, SR 151.1) abgeleitet werden (§
7 Verordnung zur Einführung des Gleichstellungsgesetzes, BGS 821.500; § 50 Abs.
2 lit. f GO, BGS 125.12). D. W. C. liess frist- und formgerecht Beschwerde
erheben. Als Sozialarbeiterin im psychiatrischen Dienst des Kantons steht sie
in einem öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnis. Sie verlangt die Leistung
einer Besoldungsdifferenz und begründet ihr Begehren damit, die ihr
ausgerichtete Besoldung verstosse gegen das Gleichstellungsgesetz. 

 

Eine Ungleichbehandlung
von Gruppen - auch wenn sie an sich unzulässig wäre - stellt nicht per se eine
Geschlechterdiskriminierung dar. Dazu ist erforderlich, dass durch die
beanstandete Regelung im Ergebnis wesentlich mehr Angehörige des einen
Geschlechts gegenüber denjenigen des andern benachteiligt werden (BGE 124 II
533). Lehre und Rechtsprechung betrachten als besoldungsmässige Geschlechterdiskriminierung
nur den eine geschlechtsspezifisch identifizierbare Arbeit benachteiligenden
und daher sachlich unbegründeten Lohnunterschied (BGE 124 II 409 E. 8a S. 425,
436 E. 6a S. 439; Andreas C. Albrecht: Der Begriff der gleichwertigen Arbeit im Sinne des Lohngleichheitssatzes
„Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit“ (Art.
4 Abs. 2 BV), Basel 1998, S. 159
ff.; Margrit Bigler/Claudia Kaufmann (Hrsg.): Kommentar zum Gleichstellungsgesetz, Basel 1997, Rz. 115 ff. zu Art. 3 GlG). Lohnunterschiede
zwischen zwei typisch weiblichen resp. zwei typisch männlichen oder zwischen
zwei geschlechtsneutralen Berufen oder Tätigkeiten können keine
geschlechtsbezogene Diskriminierung darstellen (BGE 124 II 409 E. 8a 436 E. 6a;
124 II 529 E. 5d S. 534; 113 Ia 107 E. 4a S. 116; Bigler et al., a.a.O., Rz.
103 zu Art. 3 GlG). In solchen Verhältnissen finden nur die Schranken von Art.
4 Abs. 1 aBV Anwendung. 

 

Die
geschlechtsspezifische Identifizierung der benachteiligten Funktion ist Tatbestandsvoraussetzung,
damit eine Geschlechterdiskriminierung in Frage kommt; sie grenzt den
Anwendungsbereich von Art. 4 Abs. 2 BV bzw. Art. 3 GlG von demjenigen des
allgemeinen Rechtsgleichheitsgebots von Art. 4 Abs. 1 BV ab (BGE 124 II 529 E.
5d S. 534). 

 

6. Zunächst ist deshalb
zu prüfen, ob die vorliegend als benachteiligt gerügte Tätigkeit der
Sozialbetreuung als eine spezifisch weiblich identifizierte Arbeit zu gelten
hat. Die Beantwortung dieser Frage ist nicht immer einfach und hängt teilweise
auch von Wertungen ab (vgl. die in BGE 124 II 529, 534 angeführte Literatur). 

 

a) Für die Prüfung der
Frage, ob Sozialarbeit bzw. die Funktion Sozialbetreuer/Sozialbetreuerin eine
typisch weibliche Tätigkeit darstelle, ist in erster Linie auf die vom Bundesgericht
im Entscheid 124 II 529, 534 ff. dargestellten Grundsätze abzustellen. 

 

Danach ist in erster
Linie das statistische Element bedeutsam; der Anteil des einen Geschlechts in
der Gruppe der Benachteiligten muss erheblich höher sein, als der Anteil des
andern Geschlechts (Botschaft zum Gleichstellungsgesetz, BBl 1993 I 1296;
Kathrin Arioli: Die Rechtsfigur der indirekten Diskriminierung, in AJP 1993, S.
1330). Es ist dabei zulässig, die geschichtliche Dimension mit zu
berücksichtigen; dies war beispielsweise der Fall bei den Lohnklagen der
Kindergärtnerinnen, indem die historische Entwicklung des zum Vergleich
herangezogenen und als geschlechtsneutral identifizierten Berufs des
Primarlehrers berücksichtigt wurde (vgl. etwa BGE 124 II 436; Bigler et al.,
a.a.O., Rz 115 FN 141 zu Art. 3 GlG). 

 

Darüber, von welchem
statistischen Verhältnis an eine Tätigkeit als typisch weiblich betrachtet
werden kann, herrschen in der Literatur unterschiedliche Meinungen. Das
Bundesgericht verwirft die vereinzelt vertretene Auffassung, ein Beruf, in dem
60 % der Beschäftigten weiblich sind, sei bereits ein typischer Frauenberuf.
Das Erreichen eines solchen Anteils wäre zu sehr von lokal und zeitlich
variablen Unterschieden abhängig; das Verbot der Geschlechterdiskriminierung
zielt auf "typisch geschlechtsmässig segmentierte Berufe" (BGE 124 II
535). 

 

b) Nach der Praxis des
Gerichtshofs der Europäischen Gemeinschaft liegt eine indirekte Diskriminierung
nur vor, wenn "erheblich","wesentlich" oder
"prozentual sehr viel mehr" Frauen als Männer benachteiligt werden;
in den publizierten Fällen lag der Frauenanteil durchwegs über 90 % (vgl. die
zusammenfassende Darstellung der Praxis in BGE 124 II 535 f.). 

 

7. a) Eine seinerzeit
bei der Jugendanwaltschaft tätige Sozialarbeiterin hatte in ihrem Verfahren vor
Bundesgericht im Wesentlichen folgende Argumente dafür vorgebracht, ihre
Tätigkeit als spezifisch weiblich zu qualifizieren:

 

1995
seien 77% der an Höheren Fachschulen für Sozialarbeit Zugelassenen Frauen
gewesen,

im
gleichen Jahr seien 70% der Absolventinnen Frauen gewesen

1980
habe der Frauenanteil unter den Sozialarbeitern zwei Drittel betragen,

die
Tätigkeit der früher als Fürsorgerin bezeichneten Sozialarbeiterin sei aufgrund
der Entstehungsgeschichte als typisch weiblich zu betrachten,

die
Arbeit im zwischenmenschlichen Bereich sei traditionell eine typisch weibliche
Tätigkeit.

 

Diese Fakten und
Behauptungen genügten dem Bundesgericht nicht, um darüber zu befinden, ob die
Lohnklasseneinreihung der Sozialbetreuer eine geschlechtsbezogene
Diskriminierung darstelle. Anzufügen ist, dass es das letzterwähnte Argument
unter Hinweis auf die Berufe des Pfarrers, des Arztes, des Lehrers und des
Polizisten verwarf. 

 

b) Der Regierungsrat hat
in der Frage, ob die Tätigkeit der Sozialbetreuerin spezifisch weiblich ist, im
angefochtenen Beschluss nichts erwogen. Auch in der Vernehmlassung zur
Beschwerde vom 22. September 1997 hat das Finanz-Departement zu diesem Punkt
keine weiteren Erörterungen angestellt. Das Verwaltungsgericht hat den
Gutachtern dazu einleitend die zwei Fragen gestellt, ob der Beruf der
Sozialarbeiterin heute als typischer Frauenberuf zu bezeichnen sei und ob die
soziale Arbeit traditionell den weiblichen Tätigkeiten zuzuordnen sei. In ihrem
Gutachten vom Februar 1999 kommen die Experten zum Schluss, dass Sozialarbeit
historisch betrachtet als Frauenberuf entstanden und bis heute ein Frauenberuf
geblieben sei. Sowohl in der Ausbildung mit 70 % als auch im Erwerbsleben seien
Frauen deutlich übervertreten; ihr Anteil an den Erwerbstätigen liege um mehr
als 20 % höher als dies aufgrund der Erwerbsquote der Frauen zu erwarten wäre.
Soziale Arbeit sei deshalb eine traditionell weibliche Tätigkeit, weil der
Aspekt des "Helfens" und der direkte Kontakt mit der Klientschaft für
die meisten Tätigkeitsfelder der Sozialarbeit charakteristisch sei und die
Erfüllung der Aufgaben Qualifikationen erfordere, die auch in der
Familienarbeit notwendig seien 

 

8. Das
Verwaltungsgericht hatte bisher Lohnklagen von Frauen aus vier als frauenspezifisch
geltenden Berufen zu beurteilen. Bei den Kindergärtnerinnen, den
Werklehrerinnen und den Hauswirtschaftslehrerinnen handelte es sich klarerweise
um typisch weibliche Tätigkeiten. Bei den Physiotherapeutinnen übernahm das
Verwaltungsgericht (Urteil vom 28.10.1998) den im dort eingeholten
arbeitswissenschaftlichen Gutachten festgelegten Massstab eines Mindestanteils
von 70 % eines Geschlechts bei den den Beruf Ausübenden, was in der
Physiotherapie der Fall ist. In der Ausbildung war von einem Frauenanteil von
75,6 % auszugehen, weshalb die Physiotherapie als frauenspezifische Tätigkeit betrachtet
wurde. Einer historischen Betrachtung dieses Berufs liessen sich keine Schlüsse
entnehmen. 

 

9. Hinsichtlich der
Tätigkeit der Sozialbetreuung ergibt sich anhand der vorstehenden Kriterien
Folgendes: 

 

a) Die historische
Betrachtungsweise führt zu keinen klaren Schlüssen: Einerseits war die
professionelle Armenfürsorge eine klare Männerdomäne, die unentgeltliche, in
den Bereichen Wohltätigkeit und Gemeinnützigkeit geleistete Arbeit anderseits
mehrheitlich weiblich besetzt; dabei stand - wie auch in den Anfängen der
Ausbildung - für die hier wirkenden Frauen die "Helferrolle"
("Zuwendung", "Familiennähe", "familienergänzende
Funktion" usw.) im Zentrum; das heutige Berufsbild und insbesondere die
heutigen Aufgaben der Sozialbetreuung bei der öffentlichen Verwaltung
entsprechen überhaupt nicht mehr diesen Vorstellungen. 

 

b) Hinsichtlich des
Kriteriums Ausbildung ergeben sich, wie bei den andern Kriterien auch, bei der
Interpretation des zur Verfügung stehenden statistischen Zahlenmaterials
gewisse Schwierigkeiten. Zunächst kann allerdings der vom Beklagten ins Feld
geführte Gesichtspunkt der Geschlechtsverteilung im Lehrkörper (45 - 48 %
Dozentinnen) vernachlässigt werden; zwar kann ein hoher Dozentinnenanteil ein
Indiz dafür sein, dass der Beruf der von ihnen ausgebildeten Personen typisch
weiblich ist. Der Umkehrschluss erscheint indes als unzulässig, und zwar auch
deshalb, weil die Änderung der Geschlechtsanteile im Lehrkörper erfahrungsgemäss
auch erst mit einer zeitlichen Verzögerung eintreten kann. Das hängt mit dem
weiteren Vorbehalt zusammen, wonach der überproportionale Männeranteil bei den
Unterrichtenden vermutlich auch Ausdruck der allgemein noch vorhandenen
geschlechtshierarchischen Teilung des Arbeitsmarktes ist. 

 

Der Beklagte weist zu
recht darauf hin, dass nach der Statistik der Schweizerischen
Arbeitsgemeinschaft der Höheren Fachschulen im Jahr 1997 nur 63,2 % der
Studierenden Frauen waren. Zu den Zahlen aus den Jahren 1992 - 1996 besteht
damit ein scheinbarer Widerspruch, der dadurch erklärbar ist, dass seit 1997
die Studienrichtungen "Sozialarbeit", "Sozialpädagogik" und
"soziokulturelle Animation" sowie eine kombinierte Ausbildung
gesamthaft statistisch erfasst werden. Das Ergänzungsgutachten verweist darauf,
dass es sich um unterscheidbare Studienrichtungen handle und der Frauenanteil
bei der Richtung "Sozialarbeit" auch 1997 mit 73,9 % sehr hoch sei.
Es erscheint fraglich, ob tatsächlich noch derart differenziert werden darf;
schliesslich wird auch eine kombinierte Ausbildung angeboten. Bei dieser
kombinierten Ausbildung betrug der Frauenanteil 1997 bloss 62,6 %. Hinzu kommt,
dass auf dem Stellenmarkt oft nicht in dieser Weise unterschieden wird. Gerade
der Beklagte führt in seinen Einreihungsplänen bloss die Funktion "Sozialbetreuer/Sozialbetreu­erin"
an und subsumiert hierunter auch die in Sozialpädagogik Ausgebildeten. Bei den
von der Beschwerdeführerin angerufenen Vergleichspositionen befinden sich
teilweise ebenfalls Sozialpädagogen. 

 

Berücksichtigt man von
den Zahlen aus dem Jahre 1997 die Anteile an den Richtungen Sozialarbeit und
kombinierte Ausbildung, gelangt man zum Ergebnis, dass 69,2 % der Studierenden
Frauen sind (1061 von 1534). Geht man von dem bisher als Mindestanteil
geltenden, möglicherweise aber nicht länger aufrecht zu erhaltenden Prozentsatz
von 70 aus, dann ist dieser Anteil nur gerade im Fach Sozialarbeit erreicht. 

 

c) Zieht man für das
Kriterium des Ausbildungsabschlusses die Zahlen der Universität Fribourg
(Departement Sozialarbeit und Sozialpolitik) heran, dann gelangt man für die
Jahre 1990-1998 bei den Lizentiatsabschlüssen in Sozialarbeit auf einen
Frauenanteil von 71,5 %. Gliedert man die Statistik in zwei Zeitabschnitte,
ergibt sich Folgendes:

 

1990-1994              Frauenanteil
61,6 %

1995-1998              Frauenanteil
78,4 %

 

Die Bewertung der beim
Staat Mitarbeitenden erfolgte im Rahmen der Besoldungsrevision in den Jahren
1989-1994, demnach in einem Zeitpunkt, in dem der Frauenanteil bei den
erfolgreichen Studienabgängern noch markant geringer war. Dieser zeitliche
Aspekt ist nicht ganz unbeachtlich: Bigler et al., a.a.O., Rz 118 zu Art. 3,
beispielsweise wollen immer auf die Sachlage im Zeitpunkt der
Bewertungsvorgänge bei Arbeitgebenden abstellen, die der angefochtenen
Lohnfestsetzung zugrunde liegen. 

 

d) Erhebliches Gewicht
kommt dem statistischen Verhältnis im Bereich der Berufsausübung zu. Nach dem
Gutachten belief sich der Frauenanteil 1990 auf 65 %. Arbeitswissenschaftlich
wird die Meinung vertreten, hier könne nicht auf den prozentualen Anteil aller
in der Sozialbetreuung tätigen Personen abgestellt werden. Der Frauenanteil sei
in Relation zur gesamten Erwerbsquote zu setzen. Von einem typischen
Frauenberuf sei zu sprechen, wenn der Anteil in einem Beruf um mindestens 20 %
höher ist als die allgemeine weibliche Erwerbsquote. 1990 waren 39 % aller
Erwerbstätigen Frauen; indem 65 % der in der Sozialbetreuung Tätigen Frauen
waren, übersteigt diese Quote die gesamthafte Erwerbsquote um 26 %. Damit liege
der Frauenanteil in der Sozialbetreuung deutlich höher als aufgrund der
allgemeinen Frauenerwerbsquote zu erwarten wäre, was die Sozialbetreuung als
typischen Frauenberuf erscheinen lasse.1991 betrug die Frauenerwerbsquote im
Übrigen bereits 43,2 %, 1997 43,9%. 

 

Das würde - zieht man
die Zahlen von 1990 heran - bedeuten, dass eine Frauenerwerbsquote von 59 % in
einem Tätigkeitsfeld bereits zur Annahme eines typischen weiblichen Berufs
führen müsste. Dem Verwaltungsgericht sind keine Urteile bekannt, bei denen bei
der Beurteilung von behaupteten geschlechtsdiskriminierenden Besoldungen zur
Qualifizierung als geschlechtsspezifisch weiblich definierte Tätigkeit diese Betrachtungsweise
übernommen worden ist. Das Verwaltungsgericht geht daher - auch in Ermangelung
umfassenden neueren, branchenspezifischen statistischen Zahlenmaterials - bei
den Erwerbstätigen von einem Frauenanteil von 65 % aus. Unter diesen Umständen
ist der Beruf - selbst wenn immer noch von einer Schwelle von 70 % auszugehen
sein sollte - nicht als spezifisch weiblich einzustufen. 

Das Verwaltungsgericht
hält in Abweichung von seiner bisherigen Praxis, bei der die
arbeitswissenschaftlich fixierte Grenze von 70 % ohne nähere Prüfung übernommen
wurde, dafür, dass ein bedeutend höherer Anteil eines Geschlechts zu fordern
ist, um einen Beruf als im gleichstellungsrechtlichen Sinne geschlechtstypisch
zu bezeichnen. Dies ergibt sich insbesondere aus folgenden Überlegungen:

 

Von den drei Berufen,
die in absoluten Zahlen betrachtet am häufigsten von Frauen ausgeübt werden,
beträgt der Frauenanteil nach der Volkszählung von 1990 bei den
Büroberufen/kaufmännischen Angestellten 82,1 %, beim Verkaufspersonal 74,8 %
und beim Pflegepersonal 90,2 %. 

 

Für die im vorliegenden
Verfahren von den Gutachtern zum Vergleich herangezogenen, als typisch männlich
identifizierten Berufen bzw. Funktionen in der öffentlichen Verwaltung, fehlt
veröffentlichtes statistisches Material weitgehend; es ist aber immerhin
gerichtsnotorisch, dass bei allen drei männlichen Vergleichsfunktionen der
Männeranteil deutlich über 90 % beträgt. Bei den rund 600 Verkehrsexperten, die
in den Strassenverkehrsämtern der Kantone tätig sind, dominieren die Männer mit
über 99 %. Bei den Zivilschutzinstruktoren weist das zuständige Bundesamt einen
Männeranteil von 98,1 % aus (6 Frauen unter 322 hauptamtlichen Instruktoren).
Der Bauingenieurinnen-Anteil belief sich bei der Volkszählung 1980 auf 0,5 %
(14 Frauen, 2934 Männer).  

 

Bei den Lohnklagen der
Kindergärtnerinnen war die Geschlechtstypizität dieses Berufs unbestritten: Der
Frauenanteil betrug nach der Lehrkräftestatistik des BFS 1996/97 99,4 %. Die
Einstufung der Kindergärtnerinnen wurde dabei mit der Besoldung der Lehrkräfte
auf Primarstufe verglichen, weil dieser Beruf als geschlechtsmässig neutral
identifiziert wurde, und dies, obwohl der Männeranteil nur 29,6% betrug (21'890
Frauen und 9'167 Männer). Diese Einstufung beruhte darauf, dass der Primarlehrerberuf
ungeachtet des heute höheren Frauenanteils von der Geschichte her zu den
männlichen Berufsbildern zählt (BGE vom 7. Juli 1998 S. 11 f.; vgl. auch BGE
124 II 425 f.). 

 

Gerade der Vergleich mit
den Primarlehrkräften illustriert, wie problematisch eine Praxis ist, bei der
die Schwelle von 70 % zur Annahme eines geschlechtstypischen Berufs genügen
soll. Es muss zu unhaltbaren Widersprüchen führen, wenn die Sozialbetreuung mit
einem Frauenanteil von 65 % bei der Berufsausübung unter Hinweis auf die
allgemeine Erwerbsquote und die Prozentzahlen bei den andern Kriterien
(Ausbildung, Abschlüsse) als typisch weiblich besetzt gelten soll, die
Unterrichtstätigkeit an der Primarschule bei einem Frauenanteil von über 70 %
demgegenüber unter Berücksichtigung der historischen Komponente immer noch als
geschlechtsneutral zu gelten hat. 

 

In der deutschen
Rechtsprechung zur Frage der "Entgeltdiskriminierung" finden sich,
soweit dem Verwaltungsgericht zugänglich, keine Entscheide, in denen die
Sozialbetreuung als typisch weiblicher Beruf bezeichnet worden wäre; die Frage
ist in der Judikatur nicht einmal thematisiert worden. In dem im Internet
erhobenen einschlägigen Material zur Geschlechtstypizität von Berufen in
Deutschland, in Grossbritannien und in den USA wird der Beruf nirgends als
frauendominiert bezeichnet. 

 

Der Beschwerdegegner
beschäftigt (den Spitalbereich inbegriffen) 17 Frauen und 6 Männer, die in der
Sozialbetreuung tätig sind. Im Rahmen der Besoldungsrevision wurden in diesem
Bereich 3 Männer als Schlüsselstelleninhaber ausgewählt; diese beiden Fakten
lassen auch eher den Schluss zu, die Sozialbetreuung sei vom Beklagten bzw. von
den von ihm beauftragten Gremien gar nicht als typischer Frauenberuf erkannt
worden. 

 

10. Besteht aber im
Bereich der Sozialbetreuung keine relevante Frauendominanz, dann lässt sich die
Vermutung nicht begründen, die Sozialbetreuerinnen würden aufgrund ihres
Geschlechts nicht nach dem objektiven Wert ihrer Arbeit entlöhnt und damit
diskriminiert. Demnach wird der streitige Anspruch auf lohnmässige
Gleichbehandlung der Sozialbetreuerinnen ausschliesslich nach Art. 4 Abs. 1 aBV
bzw. Art. 8 Abs. 1 nBV zu beurteilen sein. Das heisst, dass kein Anlass
besteht, eine versteckte Diskriminierung des Berufszweiges unabhängig von der
Geschlechtszugehörigkeit der ihm angehörenden Personen zu vermuten. Allein
unter Anrufung der verfassungsmässigen Rechtsgleichheit kann kein umfassender
Anspruch auf Durchführung einer Arbeitsplatzbewertung bezogen auf praktisch
alle Funktionen der Verwaltung bestehen. Art. 8 Abs. 1 nBV verlangt wie die
erwähnte alte Norm in erster Linie die Verfassungsmässigkeit eines Lohnsystems
in seiner Gesamtheit, weniger aber jene eines Einzellohnes innerhalb des
Besoldungsgefüges. Jede andere Lösung würde die Grenzen der Justiziabilität
sprengen. Die Beurteilung der Beschwerde würde sich demzufolge auf eine blosse
Willkürprüfung beschränken. 

 

11. Das
Verwaltungsgericht fällt aus diesen Gründen vorerst nur ein Teilurteil. Ein
solcher Teilentscheid ist im Verwaltungsrecht im Allgemeinen zulässig, bleibt
doch der Rechtsschutz Betroffener gewahrt, weil ein Teilurteil mit demselben
Rechtsmittel angefochten werden kann (Rhinow/Koller/Kiss: Öffentliches
Prozessrecht und Justizverfassungsrecht des Bundes, Basel 1996 Rz 1235; vgl.
ferner BGE 107 Ib 343, 113 II 247, 121 II 118 f.). 

 

In diesem Sinne ist die
Beschwerde abzuweisen. Es wird festgestellt, dass der Beruf der Sozialbetreuung
keine spezifisch weibliche Tätigkeit darstellt. Das Gleichstellungsgesetz
gelangt nicht zur Anwendung. 

 

Verwaltungsgericht, Urteil
vom 8. März 2000