# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 1a6b8037-8363-55c9-aa58-b722e43abd9c
**Source:** Graubünden (GR)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 
**Language:** de
**Title:** Graubünden Kantonsgericht Praxis des Kantonsgerichts 00.00.0000 PKG 2017 19
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/GR_Gerichte/GR_KG_001_PKG-2017-19_0000-00-00.pdf

## Full Text

PKG 2017 19 

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d) Strafrechtliche Berufungen
19 – Jagdrecht. Unweidmännisches Verhalten durch Abgabe 

eines Schusses über eine Distanz von mehr als zweihun- 
dert Metern; Verstoss gegen Art. 15 Abs. 1 und 2 KJG in 
Verbindung mit Art. 20a Abs. 1 lit. a RJV. Näheres zum
sogenannten Fangschuss (Erw. 4 d, 5, 6 a).

Aus dem Sachverhalt:
B. Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Graubünden (nachfol- 

gend Staatsanwaltschaft) vom 10. April 2015, mitgeteilt am 17. April 2015, 
wurde X._ schuldig erklärt der Widerhandlung gegen das kantonale Jagd- 
gesetz gemäss Art. 15 Abs. 1 und 2 KJG (BR 740) und Art. 20a Abs. 1 
lit. a der Regierungsrätlichen Jagdverordnung (RJV; BR 740.020) in Ver- 
bindung mit Art. 47 Abs. 1 KJG. Dafür wurde er bestraft mit einer Bus- 
se von CHF 600.00, bei schuldhafter Nichtbezahlung ersatzweise zu einer 
Freiheitsstrafe von 6 Tagen, sowie Entzug des Jagdpatents für die Dauer 
von einem Jahr, aufgeschoben bei einer Probezeit von zwei Jahren, alles 
unter Kostenfolge zu Lasten von X._. Die Staatsanwaltschaft legte ihrem 
Strafbefehl den folgenden Sachverhalt zu Grunde (Akten der StA act. 16):

«Am 18. September 2014, um ca. 18: 48 Uhr, beschoss X._ im _tal 
bei der Örtlichkeit _boden in Richtung O.2_ auf Gebiet der Gemeinde O.1_ 
einen Hirschstier unweidmännisch aus einer Distanz von rund 217 Metern. 
Das Tier lag nicht im Feuer. Nach einer kurzen Flucht blieb der Hirsch wie- 
der stehen, worauf der Beschuldigte einen zweiten Schuss abgab, wobei die 
Schussdistanz ca. 219 Meter betrug. Beide Schüsse trafen das Tier weidwund. 
Der Hirschstier legte sich daraufhin im Bereich einer Arve nieder, worauf 
X._ einen weiteren Schuss abgab, das Ziel jedoch verfehlte. Der Hirsch setz- 
te daraufhin seine Flucht fort und wurde dabei durch einen weiteren Jäger 
beschossen. Schliesslich konnte der Hirschstier durch D._, welcher mit zwei 
Jagdkameraden eine Treibjagd durchführte und als Treiber fungierte, erlöst 
werden. X._ hat mithin vorschriftswidrig die unter optimalen Bedingungen 
maximal zulässige Schussdistanz von 200 Metern überschritten.»

Aus den Erwägungen:
4.d) Damit erübrigen sich weitere Erörterungen zum Sachverhalt. 

Auszugehen ist im Folgenden von der im Strafbefehl erwähnten Schussdi- 
stanz von rund 219 Meter. Schüsse über 200 Meter können nach der Legal- 
definition von Art. 20a Abs. 1 lit. a RJV auch unter optimalen Bedingun- 
gen nicht mehr als weidmännisch qualifiziert werden (vgl. auch Urteil des 
Kantonsgerichts von Graubünden SB 08 2 vom 23. April 2008 E. 2.b). Der 
objektive Tatbestand von Art. 15 Abs. 1 und 2 KJG ist damit erfüllt. Die

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Schussabgabe erfolgte willentlich und im klaren Wissen um die zu weite 
Schussdistanz von rund 219 Meter; der Beschuldigte handelte damit vor- 
sätzlich im Sinne von Art. 12 Abs. 2 StGB. Dabei dürfte – im Gegensatz zur 
Annahme der Vorinstanz – hinsichtlich der an sich verbotenen Schussabga- 
be direkter Vorsatz und nicht Eventualvorsatz vorliegen. Diesem Umstand 
könnte im Rahmen der Strafzumessung eine gewisse, wenn auch unterge- 
ordnete, Bedeutung zukommen. Das Berufungsgericht stellt aber zu Guns- 
ten des Angeschuldigten auf die Einschätzung der Vorinstanz ab.

5.a) Der Berufungskläger macht indessen geltend, dass es sich bei 
dem dritten Schuss um einen sogenannten Fangschuss gehandelt habe. Es 
stelle sich die Rechtsfrage, ob bei einem Fangschuss die Schussdistanz von 
200 Meter zwingend einzuhalten sei. Der von ihm abgegebene Fangschuss 
sei in der vorliegenden Situation das einzig Richtige gewesen und der Ar- 
gumentation der Vorinstanz, dass eine solche Sichtweise Tür und Tor für 
unkontrollierte und gefährliche Schussabgaben öffnen würde, könne nicht 
gefolgt werden. Unter Hinweis auf das Urteil des Kantonsgerichts Graubün- 
den vom 9. Januar 1991 (PKG 1991 Nr. 40) kommt der Berufungskläger zum 
Schluss, dass sein dritter Schuss nicht nur weidgerecht gewesen sei, es sogar 
die Pflicht eines jeden Jägers sei, ein solch krankgeschossenes Tier von sei- 
nen Qualen zu erlösen, selbst wenn dabei die maximal zulässige Distanz 
von 200 Meter überschritten werde.

Dass ihm ein Treffer nicht gelungen sei, bedeute im Weiteren nicht, 
dass dafür nicht eine grosse Chance bestanden habe. Das Kantonsgericht 
Appenzell Innerhoden führe in seinem Urteil vom 8. April 1997 (K 1/97) 
denn auch aus, dass für den Jäger – welcher einen Fangschuss auf 296.6 Me- 
ter abgegeben habe – «doch noch eine gewisse Möglichkeit bestand, durch 
seinen Schuss den verletzten Hirsch kränker zu machen und dementspre- 
chend ist dieser Schuss im Grenzbereich noch vertretbar». Für den vorlie- 
genden Fall bedeute dies, dass die Voraussetzungen für einen erfolgreichen 
Fangschuss noch besser gewesen seien und dass mehr als nur eine gewisse 
Möglichkeit für einen Treffer bestanden habe (act. A.3 S. 13 f.).

b) Gegenstand des Berufungsverfahrens ist damit nicht primär 
die Feststellung des Sachverhalts oder die subjektive und objektive Tatbe- 
standsmässigkeit der Schussabgabe im Sinne von Art. 20a Abs. 1 lit. a RJV 
in Verbindung mit Art. 15 Abs. 1 und 2 KJG, sondern die Frage, ob für 
den dritten Schuss, der eingestandenermassen über die widerrechtliche Di- 
stanz abgegeben worden war, ein Rechtfertigungsgrund bestand. Der Beru- 
fungskläger ist der Auffassung, dass bei einem «Fangschuss» die im Kanton 
Graubünden gesetzlich definierte maximale Schussdistanz, nota bene bei 
optimalen Bedingungen, nicht gelte. Eine gesetzliche Regelung des «Fang- 
schusses» fehlt. Der Beschuldigte beruft sich darauf, dass er das verwunde- 
te Tier von seinen Leiden habe erlösen wollen (act. A.3 S. 8).

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c) Positivrechtlich kann als möglicher Rechtfertigungsgrund der 
allgemeine Grundsatz von Art. 4 Abs. 2 des Eidgenössischen Tierschutzge- 
setzes (TSchG; SR 455) herangezogen werden, wo festgehalten wird, dass 
niemand ungerechtfertigt einem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zu- 
fügen, es in Angst versetzen oder in anderer Weise seine Würde missachten 
darf; das Misshandeln, Vernachlässigen oder unnötige Überanstrengen von 
Tieren ist verboten. Die Tötung des angeschossenen Wildes ist e contrario 
immer dann zulässig und allenfalls geboten, wenn dadurch das Leiden des 
Tieres mit Sicherheit oder doch zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit 
beendet wird und durch das gewählte Vorgehen die Schmerzen oder auch 
der Stress des Tieres nicht oder doch nur in unbedeutendem Ausmass er- 
höht werden. Zu beachten ist ferner die in Art. 15 Abs. 2 KJG vorgesehene 
Regelung, dass bei einem Tier, das nicht unmittelbar nach dem Anschuss 
liegenbleibt, eine Suche einzuleiten ist. Falls das Tier unmittelbar nach dem 
Anschuss liegenbleibt, hat sich der Jäger diesem so weit zu nähern, dass 
er einen sicheren Fangschuss abgeben kann. Wichtig ist in diesem Zusam- 
menhang, dass die Gefahr für neues Leiden oder Angstzustände des Tieres 
nicht erhöht wird. Der Fangschuss darf deshalb nicht bloss auf eine weitere 
Verletzung ausgerichtet sein, sondern es muss eine hohe Wahrscheinlichkeit 
bestehen, dass lebenswichtige Organe unmittelbar verletzt werden. So sollte 
ein Schuss in den Kopf das Gehirn und nicht den Kiefer treffen, und bei 
einem Schuss in den Hals sollte ebenfalls wenn immer möglich das zentra- 
le Nervensystem tödlich getroffen werden. Diese Voraussetzungen sind in 
aller Regel nur bei einem Schuss aus der Nähe gegeben, dessen Auswirkun- 
gen auf das Tier auch unmittelbar überprüft werden können.

6.a) Für das Kantonsgericht von Graubünden steht vorliegend 
ausser Frage, dass auf eine Distanz von über 200 Meter kein Fangschuss 
im dargelegten Sinne abgegeben werden kann. Die gesetzlich festgelegten 
Schussdistanzen betragen bei optimalen Verhältnissen maximal 200 Meter 
für Kugelschüsse (vgl. Art. 20a Abs. 1 lit. a RJV). Unter weniger günstigen 
Bedingungen (schlechte Sicht, Regen, Wind, Tier in Bewegung usw.) gelten 
aus weidmännischer Sicht deutlich kürzere Schussdistanzen. Ist bereits der 
Schuss auf das vollständig erkennbare Wildtier aus einer Distanz von mehr 
als 200 Meter nicht mehr weidmässig (vgl. Urteil des Kantonsgerichts von 
Graubünden SB 08 2 vom 23. April 2008 E. 2.b), so gilt dies umso mehr 
für den Fall, in welchem wie vorliegend nur noch Kopf und Hals des Tie- 
res sichtbar waren und der Schuss abends um 18:48 Uhr abgegeben wurde. 
Unter solchen Bedingungen und auf eine Distanz von 219 Metern besteht 
nur eine sehr geringe Möglichkeit für einen unmittelbar tödlich wirkenden 
Treffer. Bezeichnenderweise hat der Berufungskläger das relativ kleine Ziel 
denn auch nicht getroffen. Weidgerechtes Verhalten hätte bedeutet, dass 
sich der Berufungskläger dem verletzten Tier soweit genähert hätte, dass

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er einen sicheren Fangschuss hätte abgeben können, oder dass er im Sinne 
von Art. 15 Abs. 2 KJG eine Suche nach dem Tier eingeleitet hätte. Die 
Schussabgabe aus rund 219 Meter war unter diesen Umständen im Hinblick 
auf die Verkürzung des Tierleidens wenig erfolgversprechend, erhöhte aber 
andererseits die Wahrscheinlichkeit weiterer nicht letaler Leiden durch Ver- 
letzungen und Stress.
SK1 16 10 Urteil vom 18. November 2016

(Mit Urteil 6B_1419/2016 vom 5. Mai 2017 hat das Bundesgericht die ge- 
gen dieses Urteil erhobene Beschwerde abgewiesen.)