# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** e9bf5492-7d18-5aa4-bf74-ee8e5c6b858d
**Source:** Glarus (GL)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2021-01-28
**Language:** de
**Title:** Glarus Obergericht 28.01.2021 OG.2018.00072 (OGS.2021.128)
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/GL_Omni/GL_OG_001_OG-2018-00072_2021-01-28.html

## Full Text

Kanton Glarus

  
	
   

  
	
  Obergericht

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  Urteil
  vom 28. Januar 2021

  
	
   

  
	
  Verfahren
  OG.2018.00072

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  A.______

  
	
  Angeklagter und

  
	
  Berufungskläger

  
	
   

  
	
  verteidigt durch
  Rechtsanwältin B.______

  
	
   

  
	
   

  
	
  gegen

  
	
   

  
	
   

  
	
  Staats- und
  Jugendanwaltschaft des Kantons Glarus

  
	
  Anklägerin und

  
	
  Berufungsbeklagte

  
	
   

  
	
  vertreten durch die
  Staatsanwältin

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  betreffend

  
	
   

  
	
  Mehrfache
  Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz etc.

  
	
   

  
	
   

  
	
  Anträge des Angeklagten und Berufungsklägers (gemäss Berufungserklärung vom 19. Oktober 2018
  [act. 75 S. 2] und gestellt anlässlich der Berufungsverhandlung vom
  14. August 2020
  [act. 87 S. 3 und act. 89 S. 2 lit. e Ziff. 1-7],
  sinngemäss):

  
	
  	
    1.

    	
    Es seien die Dispositivziffern 1, 17, 18 und
    19 des Urteils des Kantonsgerichts Glarus vom 26. September 2018
    im Verfahren SG.2017.00139 aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen.
    

    
	
    2.

    	
    Es sei die Anklageschrift an die
    Staatsanwaltschaft zur Verbesserung zurückzuweisen.

    
	
    3.

    	
    Es sei der Berufung die aufschiebende Wirkung zu
    erteilen.

    
	
    4.

    	
    Es sei der Berufungskläger vom Vorwurf

    
	
     

    	
    -   der Fälschung von
    Ausweisen im Sinne von Art. 252 StGB (Sachverhalt 10), der
    mehrfachen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von
    Art. 19 Abs. 1 lit. b und lit. d BetmG
    (Sachverhalte 14 und 16),

    
	
     

    	
    -   des mehrfachen Fahrens
    ohne Berechtigung im Sinne von Art. 95 Abs. 1 lit. b SVG
    (Sachverhalte 10, 18-20 und 25),

    
	
     

    	
    -   des Überlassens eines
    Motorfahrzeuges an einen nicht fahrberechtigten Führer im Sinne von
    Art. 95 Abs. 1 lit. e SVG (Sachverhalt 24),

    
	
     

    	
    -   der Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte
    im Sinne von Art. 285 Ziff. 1 StGB (Sachverhalt 21)

    
	
     

    	
    freizusprechen.

    
	
    5.

    	
    Es sei durch die Rechtsmittelinstanz abzuklären,
    ob die formellen Prozessvoraussetzungen durch die Vorinstanz geprüft und eingehalten
    wurden.

    
	
    6.

    	
    Es sei dem Berufungskläger Schadenersatz
    zuzusprechen.

    
	
    7.

    	
    Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu
    Lasten des Staates.

    

  Anträge der Anklägerin und Berufungsbeklagten (gestellt anlässlich der Berufungsverhandlung vom 14. August 2020
  [act. 87 S. 3 und act. 91 S. 1], sinngemäss):

  
	
  	
    1.

    	
    Die Berufung des Berufungsklägers sei
    vollumfänglich abzuweisen und das Urteil des Kantonsgerichts Glarus vom
    26. September 2018 im Verfahren SG.2017.00139 sei zu bestätigen.

    
	
    2.

    	
    Alles
    unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des Berufungsklägers.

    

  ____________________

  
	
   

  
	
  Das Gericht zieht in Betracht:

  
	
   

  
	
  I.  

  
	
  1. Die
  Staats- und Jugendanwaltschaft des Kantons Glarus (nachfolgend
  «Staatsanwaltschaft») führt seit längerem eine umfangreiche Strafuntersuchung
  gegen A.______ (nachfolgend «Beschuldigter») unter anderem wegen
  Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrs-, das Betäubungsmittel- und das
  Heilmittelgesetz sowie wegen Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte
  (vgl. die umfangreichen Untersuchungsakten [act. 2-6]).

  
	
   

  
	
  2. Die Staatsanwaltschaft
  erhob am 12. Dezember 2017 bei der Strafgerichtskommission des Kantonsgerichts
  Glarus Anklage gegen den Beschuldigten (act. 1). Sie beantragte eine unbedingte
  Freiheitsstrafe von 15 Monaten, unter Anrechnung der erstandenen
  Polizei- und Untersuchungshaft, sowie eine unbedingte Geldstrafe von
  20 Tagessätzen zu je CHF 50.— und zudem eine Busse von
  CHF 1'000.— (act. 1 S. 18 Ziff. 2 i.V.m. act. 54
  S. 3 f. Ziff. 3-4 und S. 13 f.). 

  
	
   

  
	
  3. Der Beschuldigte wurde aufgrund unbekannten
  Aufenthalts (vgl. die Adressangabe in act. 1 S. 1; vgl. dazu auch
  hinten E. II.5.2) für
  die Hauptverhandlung vor Vorinstanz vom 2. Mai 2018 per Amtsblatt
  datierend vom […] vorgeladen (act. 10 und 18). Er erschien jedoch nicht
  zur Verhandlung (act. 30 S. 1) und kündigte sein Fernbleiben mit
  Schreiben vom 30. April 2018 an. Dieses Schreiben (mit Absendeort
  […]) ging dem Kantonsgericht am 2. Mai 2018 und somit am
  Verhandlungstag zu. Einen erheblichen Entschuldigungsgrund enthielt das
  Schreiben nicht (act. 29). Auch der neu angesetzten Hauptverhandlung vom
  7. August 2018 (act. 33 und act. 50) blieb der
  Beschuldigte fern (act. 53 S. 1). Dies, obwohl ihm die entsprechende
  Vorladung zum einen am 31. Mai 2018 durch die Kantonspolizei Glarus
  persönlich zugestellt worden war (act. 39-40 und act. 44) und zum
  anderen am 29. Mai 2018 (vgl. Versandstemple gem. act. 33) und
  am 19. Juli 2018 (Vorladung auf den 7. August 2018,
  ergänzt durch Unfallversicherung […] als Privatklägerin; vgl. Versandstempel
  gem. act. 50 S. 2) an die von ihm mit Schreiben vom 30. April
  2018 (act. 29 letzter Absatz) genannte Zustelladresse […] per
  Einschreiben zugesandt wurde. Diese Schreiben holte der Beschuldigte jedoch
  nicht ab (act. 44 und act. 52), weshalb die Vorladung am
  2. August 2018 an den Beschuldigten an die von ihm angegebene
  Adresse erneut per A-Post Plus versandt wurde (act. 52). Der
  Beschuldigte leistete auch der zweiten Vorladung – nach erfolgloser,
  mehrfacher postalischer Zustellung und trotz erfolgter persönlicher
  Zustellung durch die Kantonspolizei Glarus – keine Folge, weshalb die
  Strafgerichtskommission ein Abwesenheitsverfahren (i.S.v. Art. 366 Abs. 2
  StPO) durchführte (act. 53). 

  
	
   

  
	
  4.  

  
	
  4.1.  Die Strafgerichtskommission
  des Kantonsgerichts Glarus sprach den Beschuldigten mit hier angefochtenem
  Urteil vom 26. September 2018 folgender Delikte schuldig
  (act. 61 S. 39 Disp. Ziff. 1):

  
	
  	
    -

    	
    Fälschung
    von Ausweisen (i.S.v. Art. 252 StGB, Sachverhalt 10 der Anklage);

    
	
    -

    	
    mehrfache
    Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz (i.S.v. Art. 19
    Abs. 1 lit. b und d BetmG, Sachverhalte 14 und 16 Teil 2
    der Anklage);

    
	
    -

    	
    mehrfaches
    Fahren ohne Berechtigung (i.S.v. Art. 95 Abs. 1 lit. b SVG,
    Sachverhalte 10, 18-20 und 25 der Anklage);

    
	
    -

    	
    Überlassen
    eines Motorfahrzeuges an einen nicht fahrberechtigten Führer (i.S.v.
    Art. 95 Abs. 1 lit. e SVG, Sachverhalt 24 der Anklage);

    
	
    -

    	
    Gewalt
    und Drohung gegen Behörden und Beamte (i.S.v. Art. 285 Ziff. 1
    StGB, Sachverhalt 21 der Anklage). 

     

    

  

  
	
  4.2. In
  Dispositivziffer 2 (act. 61 S. 39 f.) sprach die
  Vorinstanz den Beschuldigten von folgenden Vorwürfen frei:

  
	
  	
    -

    	
    Widerhandlungen
    gegen das Heilmittelgesetz (i.S.v. Art. 86 Abs. 1 lit. a, b,
    c oder e HMG, Sachverhalt 15 der Anklage);

    
	
    -

    	
    Widerhandlung
    gegen das Betäubungsmittelgesetz (i.S.v. Art. 19 Abs. 1
    lit. d BetmG, Sachverhalt 17 der Anklage);

    
	
    -

    	
    Missbrauch
    von Ausweisen und Schildern (i.S.v. Art. 97 Abs. 1 lit. a
    und c SVG, Sachverhalte 10 und 22 der Anklage). 

     

    

  

  
	
  4.3.  Bezüglich der nachfolgenden
  Tatvorwürfe stellte die Strafgerichtskommission das Strafverfahren gegen den
  Beschuldigten infolge eingetretener Verjährung ein (act. 61
  S. 40 f. Disp. Ziff. 3):

  
	
  	
    -

    	
    Widerhandlung
    gegen das Tierschutzgesetz (i.S.v. Art. 26 Ziff. 1 lit. a
    TSchG i.V.m. Art. 3 Abs. 1-3 TSchV sowie Art. 71 Abs. 1
    und 2 TSchV, Sachverhalt 3 der Anklage);

    
	
    -

    	
    Fahren
    in angetrunkenem Zustand (i.S.v. Art. 91 Abs. 1 SVG i.V.m.
    Art. 31 Abs. 2 SVG sowie Art. 2 Abs. 1 VRV,
    Sachverhalt 2 der Anklage);

    
	
    -

    	
    Hinderung
    einer Amtshandlung (i.S.v. Art. 286 StGB, Sachverhalt 2 der
    Anklage);

    
	
    -

    	
    Lenken
    eines Motorfahrzeuges ohne die vorgeschriebene Haftpflichtversicherung
    (i.S.v. Art. 96 Abs. 2 SVG i.V.m. Art. 63 Abs. 1 SVG,
    Sachverhalt 1 der Anklage);

    
	
    -

    	
    Widerhandlungen
    gegen das Heilmittelgesetz (i.S.v. Art. 86 Abs. 1 lit. a, b,
    c und e HMG, Sachverhalte 2 und 15 Teil 1 der Anklage);

    
	
    -

    	
    mehrfaches
    Fahren ohne Berechtigung (i.S.v. Art. 95 Abs. 1 lit. b SVG
    i.V.m. Art. 10 Abs. 2 SVG, Sachverhalte 1, 2 und 4-9 der
    Anklage);

    
	
    -

    	
    missbräuchliches
    Verwenden von Ausweisen und Kontrollschildern (i.S.v. Art. 97
    Abs. 1 lit. a SVG i.V.m. Art. 10 Abs. 1 SVG,
    Sachverhalt 1 der Anklage);

    
	
    -

    	
    mehrfache
    Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz (i.S.v. Art. 19
    Abs. 1 lit. b und d BetmG, Sachverhalte 11, 12, 13, 16
    Teil 1 und 17 Teil 2 der Anklage);

    
	
    -

    	
    Fahren
    ohne Fahrzeugausweis, Bewilligung oder Haftpflichtversicherung (i.S.v.
    Art. 96 Abs. 3 SVG i.V.m. Art. 96 Abs. 1 lit. a
    SVG und Art. 96 VTS, Sachverhalt 23 der Anklage).

     

    

  

  
	
  4.4. Unter
  Anrechnung der erstandenen Polizei- und Untersuchungshaft von 187 Tagen
  verurteilte das Kantonsgericht den Beschuldigten zu einer unbedingten
  Freiheitsstrafe von zwölf Monaten und einer Ordnungsbusse von CHF 100.—
  (act. 61 S. 41 Disp. Ziff. 5-6). Die beim Beschuldigten
  beschlagnahmte Barschaft wurde mit den Verfahrenskosten verrechnet
  (act. 61 S. 41 Disp. Ziff. 7). In den
  Dispositivziffern 8-14 befand die Strafgerichtskommission über die
  Herausgabe bzw. die Vernichtung der beim Beschuldigten (bzw. …) beschlagnahmten
  Gegenstände (act. 61 S. 41-45). Die Zivilforderung verwies die
  Strafgerichtskommission auf den Zivilweg (act. 61 S. 45 Disp.
  Ziff. 15). Die Gerichtsgebühr wurde auf CHF 6'000.— festgesetzt und
  zusammen mit den weiteren Verfahrenskosten von rund CHF 20'000.—
  vollumfänglich dem Beschuldigten auferlegt (act. 61 S. 45 f.
  Disp. Ziff. 17-19). 

  
	
   

  
	
  5. Mit
  Eingabe vom 19. Oktober 2016 (recte: 2018) stellte der Beschuldigte
  beim Kantonsgericht Glarus sinngemäss ein Gesuch um Neubeurteilung (i.S.v.
  Art. 368 StPO) des Strafurteils vom 26. September 2018
  (act. 75 sowie SG.2018.00089 act. 1). Als Adresse gibt der
  Beschuldigte wiederum […] an, wobei bei der Absendeadresse die Angabe […]
  aufgeführt ist. Die Strafgerichtskommission des Kantonsgerichts wies den
  Antrag des Beschuldigten um Neubeurteilung mit Beschluss vom
  31. Oktober 2018 ab und leitete die Eingabe des Beschuldigten zur
  Behandlung als Berufung an das Obergericht des Kantons Glarus weiter (vgl.
  act. 76; SG.2018.00089 act. 8 S. 4 E. I.4). Dieser
  Entscheid des Kantonsgerichts konnte dem Beschuldigten abermals nicht an der
  vom ihm angegebenen Adresse zugestellt werden, da dieser das Einschreiben
  erneut nicht – auch nicht innert der durch ihn bei der Post bis am
  4. Dezember 2018 verlängerten Abholfrist (SG.2018.00089 act. 11,
  12 und 13) – abholte. Der Beschluss der Strafgerichtskommission vom
  12. Dezember 2018 wurde dem Beschuldigten sodann nochmals per
  A-Post an die Adresse […] zugestellt (SG.2018.00089 act. 14).

  
	
   

  
	
  6. Mit Schreiben
  vom 8. Januar 2019 setzte das Obergericht der Staatsanwaltschaft
  Frist, um einen begründeten Nichteintretensantrag zu stellen oder Anschlussberufung
  zu erheben (act. 76). Die Staatsanwaltschaft verzichtete im
  Berufungsverfahren auf Anträge im Sinne von Art. 400 Abs. 3 StPO
  und erhob weder eine Berufung noch eine Anschlussberufung (vgl. act. 76,
  act. 77 und act. 79 S. 1 erster Absatz). Dieses Schreiben
  wurden dem Beschuldigten per Einschreiben an die Adresse […] gesendet, jedoch
  von ihm nicht abgeholt (act. 76 und 78). Die Sendungsverfolgung der Post
  vermerkt hierzu «Einschreiben (R) wurde gemäss Vorverfügung des Absenders
  zurückgesandt: Nicht abgeholt». 

  
	
   

  
	
  7. Mit Schreiben vom 14. Oktober 2019
  forderte das Obergericht den Beschuldigten auf, bis 15. November 2019
  eine Wahlverteidigung zu benennen; ansonsten würde er weiterhin durch
  Rechtsanwältin B.______ verteidigt (nachfolgend «amtliche Verteidigerin»),
  welche ihn bereits vor Vorinstanz vertreten hatte (act. 79). Dieses
  Schreiben konnte dem Beschuldigten – wie bereits das vorhergehende Schreiben
  des Obergerichts (vgl. act. 76 und 78) – nicht zugestellt werden. Dieses
  Mal scheiterte die Zustellung gemäss Post daran, dass der Empfänger an der
  […], d.h. unter der vom Beschuldigten in seiner Berufung angegebenen Adresse
  (vgl. die Adressangabe in act. 75 S. 1), nicht ermittelt werden
  konnte (act. 80). Auch die Vorladung für die Berufungsverhandlung vom
  14. August 2020 (act. 81) konnte dem Beschuldigten mit dem
  Hinweis «Empfänger konnte unter der angegebenen Adresse nicht ermittelt
  werden» (act. 84) nicht zugestellt werden. Eine neue Adresse oder
  Zustelladresse teilte der Beschuldigte dem Obergericht bis zum
  Urteilszeitpunkt nicht mit. Mangels Zustelladresse und bekannten
  Aufenthaltsortes wurde die Vorladung an den Beschuldigten am […] im Amtsblatt
  des Kantons Glarus publiziert; mit dem zusätzlichen Hinweis, dass das an ihn
  gerichtete Schreiben des Obergerichts vom 14. Oktober 2019 für ihn
  zur Abholung bei der Kanzlei des Obergerichts hinterlegt sei (act. 85, act.
  86). Dennoch blieb der Beschuldigte der mündlichen Berufungsverhandlung vom
  14. August 2020 unentschuldigt fern (act. 87 S. 1 ff.).
  Anlässlich der Berufungsverhandlung reichten sowohl die Staatsanwaltschaft
  als auch die amtliche Verteidigerin Plädoyernotizen ein (act. 89,
  act. 90/1-3 und act. 91).

  
	
   

  
	
  8. In der
  Folge stellte das Obergericht nochmals weitere Nachforschungen betreffend den
  Aufenthaltsort des Beschuldigten an (act. 93 und act. 94). Die
  Staatsanwaltschaft und die amtliche Verteidigerin wurden aufgefordert, dem
  Obergericht bei entsprechender Kenntnis Informationen betreffend den
  aktuellen Aufenthaltsort 

  oder die aktuelle Adresse des Beschuldigten mitzuteilen (act. 96-99).
  Weder die Staatsanwaltschaft noch die amtliche Verteidigerin konnten
  entsprechende Auskünfte erteilen (act. 100 und act. 101). 

  
	
   

  
	
  II.  

  
	
  1. Angesichts
  der oben erwähnten Unerreichbarkeit des Beschuldigten, namentlich die
  gescheiterte Zustellung der Vorladung, sowie seines Nichterscheinens an der
  Berufungsverhandlung prüft das Obergericht von Amtes wegen die Frage, ob die
  Berufung materiell zu behandeln ist oder ob sie als konkludent zurückgezogen
  gilt. Eine Berufung gilt gemäss Art. 407 Abs. 1 StPO als
  zurückgezogen, wenn der Beschuldigte der mündlichen Berufungsverhandlung
  unentschuldigt fernbleibt und sich auch nicht vertreten lässt (lit. a),
  im Falle eines schriftlichen Verfahrens keine schriftliche Berufungsbegründung
  einreicht (lit. b) oder der Beschuldigte im mündlichen Verfahren nicht
  vorgeladen werden kann (lit. c).

  
	
   

  
	
  2. Es ist
  vorweg festzuhalten, dass die Durchführung eines schriftlichen Verfahrens mit
  Blick auf Art. 406 StPO ausgeschlossen ist. Da dem Beschuldigten die
  Vorladung für die Berufungsverhandlung nicht zugestellt werden konnte und da
  er nach Publikation der Vorladung im Amtsblatt unentschuldigt der
  Berufungsverhandlung fernblieb, ist daher zu prüfen, ob eine Rückzugsfiktion
  im Sinne von Art. 407 Abs. 1 lit. a oder lit. c StPO
  vorliegt. 

  
	
   

  
	
  3.  

  
	
  3.1. Der
  Teilsatz «nicht vorgeladen werden kann» (i.S.v. Art. 407 Abs. 1
  lit. c StPO) stellt eine Spezialbestimmung des Berufungsverfahrens dar
  und ist auszulegen. Das Bundesgericht hat sich bis anhin, soweit ersichtlich,
  noch nicht mit dieser Bestimmung befasst und sich einzig zu lit. a dieser
  Norm geäussert (vgl. BGE 133 I 12 [mit Verweis auf Art. 414
  Abs. 1 lit. a E-StPO, welcher identisch mit dem heutigen
  Art. 407 Abs. 1 lit. a StPO ist], BGer 6B_876/2013 Urteil vom
  6. März 2014 und BGer 6B_652/2013 Urteil vom 26. November 2013).
  Vertiefte Auseinandersetzungen in der Lehre, die über eine wörtliche
  Wiedergabe von Art. 407 Abs. 1 lit. c StPO hinausgehen, sind
  ebenfalls nicht zu finden. 

  
	
   

  
	
  3.2. Der
  Teilsatz «nicht vorgeladen werden kann» ist nicht eng auf die Frage zu begrenzen,
  ob eine Person rechtlich vorgeladen werden kann, da derlei jedenfalls durch
  eine Publikation im Amtsblatt (Art. 88 Abs. 1 StPO) immer möglich
  ist. Die Zustellfiktion mittels Veröffentlichung im Amtsblatt greift im
  Berufungsverfahren richtigerweise nicht, da hier der Gesetzgeber spezielle
  Säumnisfolgen vorgesehen hat (so Art. 407 Abs. 1 lit. c StPO).
  Würde man eine Publikation der Vorladung im Amtsblatt genügen lassen, träte
  die Unmöglichkeit, den Berufungskläger vorladen zu können, nie ein (KG St. Gallen
  ST.2016.7/8 Urteil vom 2. Juli 2019, E. 2.b, in SJZ 116/2020
  Nr. 14, S. 507 ff.; KG Wallis TCV P1 17 49 Urteil vom
  8. Januar 2019, E. 2.1.2; OG Bern SK 17 138-141 Urteil vom
  23. Februar 2018, E. 6.2 f., in: CAN 2018/2 Nr. 39,
  S. 120 ff.; OG Bern SK 17 192 Urteil vom 5. Februar 2018,
  E. 5.3; OG Aargau SST.2015.147 Urteil vom 20. August 2015,
  E. 1.3, in: CAN 2016/2 Nr. 46, S. 123 ff.; OG Obwalden
  AS 14/002, AS 14/006 Urteil vom 9. Januar 2015, in: CAN
  2015/2 Nr. 44, S. 123 ff. mit Kommentierung von Stefan
  Keller). Davon ausgehend, dass jede Norm eine eigenständige Bedeutung hat,
  andernfalls sie der Gesetzgeber nicht erlassen hätte, ist Art. 407
  Abs. 1 lit. c StPO daher bei einer systematischen Auslegung der
  Strafprozessordnung so zu verstehen, dass das Tatbestandselement «nicht
  vorgeladen werden kann» erfüllt ist, wenn dem Beschuldigten die Vorladung
  nicht zugestellt werden kann. 

  
	
   

  
	
  3.3. Wendet
  man die teleologische Auslegungsmethode an und prüft, welchen Zweck der
  Gesetzgeber mit Art. 407 Abs. 1 lit. c StPO verfolgt, ist
  dieser darin zu sehen, dass der Beschuldigte in Anwendung einer gesetzlichen
  Fiktion nicht zur Berufung zuzulassen ist, wenn er erkennbar kein Interesse
  an einer Partizipation am Berufungsverfahren (mehr) hat. Es bedarf keiner
  weiteren Ausführungen, dass ein solches Interesse für ein von privater Seite
  angestossenes staatliches Handeln vorausgesetzt wird. Manifestiert wird das
  Desinteresse an einer Berufung gemäss dem Wortlaut von Art. 407
  Abs. 1 lit. c StPO dadurch, dass – wegen Abwesenheit bzw. fehlenden
  Zustellungsdomizils – ein Berufungsführer nicht vorgeladen werden kann. 

  
	
   

  
	
  3.4. Es reicht daher z.B. nicht aus, wenn der
  Beschuldigte seinem amtlichen Verteidiger nach Kenntnisnahme des
  erstinstanzlichen Urteils mitteilt, dass er mit dem Entscheid nicht
  einverstanden sei und gegen diesen vorgehen wolle. Vielmehr muss der Wille,
  eine Berufung zu führen, also das Urteil von der nächsthöheren Instanz
  überprüfen zu lassen, während des Rechtsmittelverfahrens fortlaufend gegeben
  sein. Das Rechtsmittelverfahren unterscheidet sich mithin wesentlich vom
  erstinstanzlichen Prozess, weil Letzterer die Zielsetzung hat, ein
  materielles Urteil auszufällen (KG St. Gallen ST.2016.7/8 Urteil vom
  2. Juli 2019, E. 2.b, in SJZ 116/2020 Nr. 14,
  S. 507 ff.; KG Wallis TCV P1 17 49 Urteil vom 8. Januar 2019,
  E. 2.1.2; OG Bern SK 17 138-141 Urteil vom
  23. Februar 2018, E. 6.2, in: CAN 2018/2 Nr. 39,
  S. 120 ff.; OG Bern SK 17 192 Urteil vom
  5. Februar 2018, E. 5.2; OG Obwalden AS 14/002,
  AS 14/006 Urteil vom 9. Januar 2015, E. 1.4, in: CAN
  2015/2 Nr. 44, S. 123 ff.). Auf ein Rechtsmittel kann
  verzichtet werden oder dieses kann (bis kurz vor dem zweitinstanzlichen
  Urteil) zurückgezogen werden (vgl. Art. 386 Abs. 2 StPO; sog.
  Parteidisposition). Dementsprechend bloss konsequent ist Art. 407
  Abs. 1 lit. c StPO, indem die Norm bestimmt, dass wenn sich ein
  (konkludentes) Desinteresse an einer Berufung manifestiert, das Rechtsmittel
  als zurückgezogen gilt (OG Bern SK 17 138-141 Urteil vom 23. Februar 2018,
  E. 6.2, in: CAN 2018/2 Nr. 39, S. 120 ff.). Entsprechend
  reicht es für den Nachweis des Interesses am Berufungsverfahrens für dessen
  ganze Dauer auch nicht, dass der Beschuldigte im vorliegenden Verfahren
  eigenständig eine begründete Berufung einreichte.

  
	
   

  
	
  3.5. Diese
  Strenge rechtfertigt sich, weil diejenige Partei, welche mit dem
  angefochtenen Urteil nicht einverstanden ist und ein Rechtsmittel ergreift,
  ihren Standpunkt im Berufungsverfahren darzulegen hat und vom Gericht dazu
  befragt werden können soll. Es stellt ein widersprüchliches Verhalten dar,
  wenn eine Partei zunächst ein Rechtsmittel einlegt, dann jedoch nicht an den
  dadurch ausgelösten Verfahrensschritten teilnimmt. Derlei verdient keinen
  Rechtsschutz; eine solche Verhaltensweise wird weder durch Art. 32
  Abs. 3 BV noch Art. 6 Ziff. 3 lit. c EMRK geschützt (KG
  St. Gallen ST.2016.7/8 Urteil vom 2. Juli 2019, E. 2.b, in SJZ
  116/2020 Nr. 14, S. 507 ff.; KG Wallis TCV P1 17 49 Urteil vom
  8. Januar 2019, E. 2.1.2; OG Bern SK 17 138-141 Urteil
  vom 23. Februar 2018, E. 6.2, in: CAN 2018/2 Nr. 39,
  S. 120 ff.; OG Bern SK 17 192 Urteil vom 5. Februar 2018,
  E. 5.2; OG Obwalden AS 14/002, AS 14/006 Urteil vom
  9. Januar 2015, E. 1.4, in: CAN 2015/2 Nr. 44,
  S. 123 ff.).

  
	
   

  
	
  3.6. Ein
  Rechtsmittel gilt, zusammengefasst, gemäss Art. 407 Abs. 1 lit. c
  StPO als zurückgezogen, wenn sich ein (konkludentes) Desinteresse an einer
  Berufung manifestiert (KG St. Gallen ST.2016.7/8 Urteil vom
  2. Juli 2019, E. 2.b, in SJZ 116/2020 Nr. 14, S. 507 ff.;
  KG Wallis TCV P1 17 49 Urteil vom 8. Januar 2019, E. 2.1.2; OG
  Bern SK 17 138-141 Urteil vom 23. Februar 2018, E. 6.2,
  in: CAN 2018/2 Nr. 39, S. 120 ff.). Ein konkludenter Rückzug
  des Rechtsmittels muss gemäss Bundesgericht angenommen werden, wenn sich aus
  dem gesamten Verhalten des Betroffenen der Schluss aufdrängt, er verzichte
  mit seinem Desinteresse am weiteren Gang des Verfahrens bewusst auf den ihm
  zustehenden Rechtsschutz (in Bezug auf eine Einsprache: BGer 6B_1201/2018
  Urteil vom 15. Oktober 2019, E. 4.3.1, BGer 6B_1143/2017
  Urteil vom 1. Juni 2018, E. 1.2, BGE 142 IV 158,
  E. 3.1 ff. = Pra 2016 Nr. 94 und BGE 140 IV 86, E. 2.6).

  
	
   

  
	
  4.  

  
	
  4.1. Ein
  manifestiertes Desinteresse am Verfahren, welches zur Anwendung von
  Art. 407 Abs. 1 lit. c StPO führt, besteht somit dann, wenn
  vom Beschuldigten wie vorliegend weder eine (aktuelle) Adressangabe noch ein
  (aktuelles) Zustellungsdomizil (z.B. beim entsprechenden Verteidiger) gemäss
  Art. 87 StPO vorliegt, d.h. er unbekannten Aufenthaltes ist (vgl. dazu
  auch OG Obwalden AS 14/002, AS 14/006 Urteil vom
  9. Januar 2015, E. 1.4 f., in: CAN 2015/2 Nr. 44,
  S. 123 ff.; OG Aargau SST.2015.147 Urteil vom
  20. August 2015, E. 1.3, in: CAN 2016/2 Nr. 46, S. 127
  ff.). In diesem Fall kann der Beschuldigte nicht persönlich (i.S.v.
  Art. 87 Abs. 4 StPO) vorgeladen werden. Kann jene Partei, welche
  die Berufung erklärt hat, nicht vorgeladen werden, weil ihr Aufenthaltsort
  unbekannt ist und trotz zumutbarer Nachforschungen nicht ermittelt werden
  kann, so tritt die Rückzugsfiktion nach dem klaren Wortlaut gemäss
  Art. 407 Abs. 1 lit. c StPO sofort ein (so auch OG Aargau
  SST.2015.147 Urteil vom 20. August 2015, E. 1.3, in CAN 2016/2
  Nr. 46, S. 127 ff.). Dass vorliegend die Vorladung dennoch im
  Amtsblatt publiziert wurde ändert nichts an der Anwendbarkeit von
  Art. 407 Abs. 1 lit. c StPO. Ganz im Gegenteil, wurde doch
  alles unternommen, um den Beschuldigten zu einer Teilnahme am Verfahren zu
  bewegen. 

  
	
   

  
	
  4.2. Der
  Beschuldigte schien bereits während des vorinstanzlichen Verfahrens
  untergetaucht zu sein. Zum Zeitpunkt der Anklageerhebung war der Beschuldigte
  unbekannten Aufenthalts (act. 1). Vor Vorinstanz gab die
  Staatsanwaltschaft an, der Beschuldigte sei verschwunden und habe ausgeschrieben
  werden müssen (act. 54 S. 12 unten). Trotz mehrfacher, öffentlicher
  und teils erfolgreicher persönlicher Vorladung erschien der Beschuldigte
  unentschuldigt auch nicht zu den vorinstanzlichen Gerichtsverhandlungen vom
  2. Mai 2018 und 7. August 2018. Aufgrund des
  Nichterscheinens des Beschuldigten an der ersten vorinstanzlichen
  Hauptverhandlung musste diese verschoben werden, was zur Verjährung weiterer
  Vorhalte führte (act. 54 S. 4 unten). An der zweiten
  vorinstanzlichen Hauptverhandlung wurde der Beschuldigte schliesslich im
  Abwesenheitsverfahren verurteilt (zum Ganzen: E. I.3 f.
  vorstehend). 

  
	
   

  
	
  4.3. Wie
  vorstehend ausgeführt (vgl. E. I.7), konnte
  auch das Obergericht dem Beschuldigten im Berufungsverfahren aufgrund dessen
  unbekannten Aufenthalts keine einzige Postsendung zustellen. Die vom
  Obergericht getätigten Nachforschungen betreffend den Aufenthaltsort des
  Beschuldigten waren erfolglos. Der Beschuldigte verzog am 25. April 2017
  von […] nach unbekannt (act. 94). An der von ihm sowohl vor Vorinstanz
  als auch vor Obergericht mehrfach genannten Adresse an der […] (vgl.
  act. 29, act. 75 S. 1, SG.2018.00089 act. 5 und
  act. 6 je S. 1 oben) war der Beschuldigte gemäss Auskunft des
  zuständigen Einwohneramtes nie angemeldet (act. 93). An dieser Adresse
  konnten auch keine Zustellungen vorgenommen werden (beispielhaft act. 44,
  80, 84, 90/2). Ebenso wenig ist an dieser Adresse (oder einer anderen) eine
  X.______ Ltd. im Zefix eingetragen (act. 95; vgl. die Adressangabe des
  Beschuldigten in act. 29 letzter Absatz). Ausserdem ist der Beschuldigte
  an der vom Einwohneramt […] mitgeteilten möglichen Adresse in […] nicht
  bekannt (act. 93). Zudem ist es nicht auszuschliessen, dass sich der
  Beschuldigte im Ausland, genauer gesagt in […], aufhält. Diese
  Schlussfolgerung drängt sich auf, da er als Beilage zu seiner Berufung bzw.
  seinem Gesuch um Neubeurteilung (act. 75) zwei Strafanzeigen als
  Beilagen einreichte, auf welchen er als Adresse […] angab (als
  Korrespondenzadresse gab er die […] an, vgl. SG.2018.00089 act. 5
  und act. 6 je S. 1 oben). Er scheint sich damit zumindest in der
  Vergangenheit in […], woher auch seine Ehefrau stammt […], aufgehalten zu
  haben (die beiden erwähnten Strafanzeigen weisen kein Ausstellungsdatum auf,
  vgl. SG.2018.00089 act. 5 und act. 6).

  
	
   

  
	
  4.4. Ebenso wenig ist die amtliche Verteidigerin über den
  Aufenthaltsort des Beschuldigten informiert (act. 101). Anlässlich der
  Berufungsverhandlung vom 14. August 2020 gab sie an, der «Aufenthalts-
  und/oder Wohnort des Beschuldigten [könne] nicht wirklich fixiert werden»
  (act. 89 S. 1 lit. a). Auch die amtliche Verteidigerin hatte Probleme,
  den Beschuldigten zu erreichen. So versucht sie, dem Beschuldigten das
  vorinstanzliche Urteil auf verschiedenen Kanälen zuzustellen (act. 89
  S. 1 lit. a). Die postalische Zustellung scheiterte jedoch, da der
  Beschuldigte die eingeschriebenen Sendungen abermals nicht abholte
  (act. 90/2). Daher versuchte es die amtliche Verteidigerin in der Folge per
  A-Post und per E-Mail (act. 90/1 und act. 90/3). Es ist davon
  auszugehen, dass der Beschuldigte auf die eine oder andere Weise Kenntnis des
  vorinstanzlichen Urteils erlangte, da er selbständig Berufung gegen dagegen
  erhob; dies bestätigte vor Obergericht auch die amtliche Verteidigerin («Die
  Berufung legte der Beschuldigte jedoch in eigenem Namen ein»,
  act. 89 S. 1 lit. a). Der Beschuldigte meldete sich daraufhin
  jedoch nicht bei seiner Verteidigerin. Diese gab anlässlich der
  Berufungsverhandlung an, der Beschuldigte habe die Berufung «in eigenem
  Namen», d.h. ohne vorherige Rücksprache mit ihr, eingelegt (act. 89
  S. 1 lit. a). Die amtliche Verteidigung konnte nach eigenen Angaben
  somit nur versuchen, die Berufung des Beschuldigten «nach bestem Wissen
  und Gewissen […] in eine rechtlich korrekte Form zu bringen»
  (act. 89 S. 1 lit. a). Eine Instruktion durch den
  Beschuldigten war gemäss Angaben der amtlichen Verteidigerin nicht möglich
  (act. 89 S. 1 lit. a); dies ergibt sich zudem auch aus der von
  der amtlichen Verteidigerin eingereichten Honorarnote (act. 92), gemäss
  welcher im Berufungsverfahren keine einzige Besprechung mit dem Beschuldigten
  stattfand oder sich der Beschuldigte sonst wie bei ihr meldete. Auch die Staatsanwaltschaft gab an, über keine
  weiteren Informationen betreffend den Aufenthaltsort des Beschuldigten zu
  verfügen und ihn gar zur Verhaftung ausgeschrieben zu haben (act. 100).

  
	
   

  
	
  4.5. Aufgrund
  der oben geschilderten Umstände ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte
  im In- oder Ausland untergetaucht ist. Bei dieser Ausgangslage, d.h.
  keinerlei Anhaltspunkte darüber, wo sich der Beschuldigte aufhält, wäre eine
  erneute Vorladung des Beschuldigten für eine zweite Berufungsverhandlung kaum
  erfolgversprechend, weshalb sich eine solche vorliegend erübrigt.

  
	
   

  
	
  5.  

  
	
  5.1. Mit
  der Rechtshängigkeit entsteht ein Prozessrechtsverhältnis, das die Parteien
  verpflichtet, sich nach Treu und Glauben zu verhalten. Diese haben unter
  anderem dafür zu sorgen, dass ihnen Sendungen, die das Verfahren betreffen,
  zugestellt werden können (BGE 138 III 225, E. 3.1). Aufgrund der
  selbständigen Einleitung des Berufungsverfahrens wusste der Beschuldigte,
  dass er Partei des vorliegenden Verfahrens ist und musste erwarten, eine
  Gerichtsurkunde zu erhalten bzw. für die Berufungsverhandlung vorgeladen zu
  werden. Indem er keine nützliche Vorkehr traf, um seine Post zu erhalten, hat
  er klar sein Desinteresse am Verfahren offenbart. 

  
	
   

  
	
  5.2. Der Beschuldigte hat es jedoch nicht einfach
  unterlassen, seiner sich aus Treu und Glauben ergebenden Pflicht
  nachzukommen, dem Obergericht eine aktuelle Zustelladresse mitzuteilen.
  Vielmehr kann die Verhaltensweise des Beschuldigten nicht anders verstanden werden,
  als dass er bewusst seinen wahren Aufenthaltsort verschleiert, um auf diese
  Weise Zustellungen an ihn zu erschweren, wenn nicht sogar zu verunmöglichen.
  Ein solches Verhalten ist rechtsmissbräuchlich und verdient keinen Schutz.
  Diese Verhaltensweise legte der Beschuldigte jedoch nicht nur im vorliegenden
  Verfahren an den Tag, sondern auch in anderen Behördenverfahren, in welchen
  er beteiligt war. Aus den Akten ergibt sich folgendes Bild:

  
	
   

  
	
  5.2.1. Bei
  der Einvernahme durch die Stadtpolizei Zürich am 14. Dezember 2010
  gab der Beschuldigte an, nicht angemeldet in der «Fabrikantenwohnung» an der
  […] zu wohnen und sich in […] nicht abgemeldet zu haben (act. 2/I/1/7
  S. 1 Frage 2). Dies bestätigte der Beschuldigte anlässlich der
  Einvernahme durch die Stadtpolizei Zürich vom 8. April 2011
  nochmals (act. 2/I/4/3 S. 8 Frage 61). Auf ein entsprechendes
  Auskunftsersuchen der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 13. Juli 2011
  an die Einwohnerkontrolle […], bestätigte die kantonale Steuerverwaltung
  Glarus, dass der Beschuldigte unbekannt und in der Gemeinde [...] nicht
  gemeldet sei (act. 2/I/1/9c). Als der Beschuldigte anlässlich der
  polizeilichen Einvernahme als beschuldigte Person durch die Kantonspolizei
  Glarus am 14. Juli 2011 nochmals befragt wurde, verweigerte er die Aussagen
  zur Frage, wo er wohne, weshalb er noch bei der Gemeinde […] gemeldet sei und
  seine Schriften deponiert seien und weshalb er sich nicht bei der
  Einwohnerkontrolle [...] gemeldet habe, bestehe doch die Vermutung, dass der
  Beschuldigte bei seinem Vater [...] wohnhaft sei (act. 2/I/6/6
  S. 4 f. Fragen 15-17).

  
	
   

  
	
  5.2.2. Der
  Beschuldigte war auch früher bereits im Ripol aktiv zur
  Aufenthaltsausforschung wegen Zustellung einer Verfügung des
  Strassenverkehrsamtes Zürich, Amt für Administrativmassnahmen, ausgeschrieben
  gewesen. Die entsprechende Verfügung konnte dem Beschuldigten dann im Zuge
  der protokollarischen Befragung durch die Glarner Kantonspolizei vom
  14. Juli 2011 übergeben werden (act. 2/I/6/9 S. 1). 

  
	
   

  
	
  5.2.3. Im
  Rapport der Stadtpolizei Zürich vom 3. Juli 2011 wurde zu «Wohnort/Wohnsitzsituation»
  des Beschuldigten Folgendes festgehalten (act. 2/I710/2 S. 6
  Mitte): «In der Gemeinde […], Wohnort von A.______ gemäss StVA Zürich, ist
  A.______ am 31. Mai 2011 abgemeldet worden. Gemäss Auskunft hält er
  sich nun an der Adresse [...] auf. Gemäss SGV-Set gab A.______ die Adresse
  […] an. Bei dieser Wohnung handelt es sich um eine Wohnung eines Ehepaares
  mit Kindern (4-Zimmerwohnung). Diese haben soweit eruierbar mit der Familie
  A.______ nichts zu tun. Die Adresse […] ist A.______ bekannt. Vor längerer
  Zeit hatte A.______ einen Mietvertrag für diese Liegenschaft. Er zog dort
  jedoch nie ein und der Mietvertrag wurde aufgelöst. Den Behörden in […] ist
  bekannt, dass A.______ diese Adresse bei Kontrollen gegenüber der Polizei
  angibt.»

  
	
   

  
	
  5.2.4. In
  den Akten findet sich für den gleichen Zeitraum auch als Meldeadresse […],
  wobei teils als Aufenthaltsort c/o Firma X.______ Ltd., [...] angegeben wird
  (z.B. im Ersuchen auf Verfahrensübernahme der Staatsanwaltschaft
  Zürich-Limmat an die Staatsanwaltschaft Glarus vom 9. April 2011
  [act. 3/II/4/2/VII]; im Antrag auf Entsiegelung und Durchsuchung der Staatsanwaltschaft
  Glarus vom 28. April 2011 [act. 3/II/4/1]). Hingegen erging
  der Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Glarus vom 18. Januar 2011
  an die Adresse […] (act. 3/II/4/2/IX).

  
	
   

  
	
  5.2.5. Im
  Antrag der Kantonspolizei an die Staatsanwaltschaft betreffend Beantragung
  von Untersuchungshaft vom 2. Oktober 2011 (act. 4/III/11/5)
  wird bei der Adresse des Beschuldigten «Unbekannt, ohne festen Wohnsitz»
  angegeben. Im dazugehörigen Rapport über die vorläufige Festnahme ist zwar
  noch die [...] als Adresse angegeben (act. 4/III/11/5 S. 3), jedoch
  sagte der Beschuldigte anlässlich der polizeilichen Einvernahme am
  1. Oktober 2011 unter Hinweis auf den auf ihn ausgestellten
  bulgarischen Führerausweis aus, dass er seit ca. 2004 in Bulgarien lebe;
  zwischenzeitlich habe er aber auch in der Slowakei gelebt resp. seine
  Schriften dort gehabt. Er werden demnächst in der Slowakei eine neue Firma
  gründen und dann seinen Wohnsitz wieder in die Slowakei verlegen. Zusätzlich
  werde er ab dann einen zweiten Wohnsitz im Fürstentum Liechtenstein bekommen.
  Damals sagte er auch aus, dass er sich nie länger als ein Jahr in der Schweiz
  aufhalte, weshalb er keinen Schweizer Führerausweis brauche
  (act. 4/III/11/5 S. 9 Fragen 1-2). Entsprechend wurde in der
  Empfangsbescheinigung betreffend Sicherstellung vom 1. Oktober 2011
  bei Adresse «unbekannt» und bei PLZ/Wohnort «Bulgarien Ort unbekannt» eingetragen
  (act. 4/III/11/5 S. 7). Bei der Befragung anlässlich der Eröffnung
  der Festnahme am 2. Oktober 2011 gab der Beschuldige wiederum an,
  er wohne in der Schweiz bei den Eltern [...] (act. 4/III/11/6 S. 3
  oben).

  
	
   

  
	
  5.2.6. Die
  Zustellungen an den Beschuldigten scheiterten sodann auch in weiteren
  Verfahren. So versuchte der Vollzugs- und Bewährungsdienst des Kantons Luzern
  dem Beschuldigten mit Schreiben vom 4. Mai 2011 das rechtliche
  Gehör zu gewähren, nachdem der Bewährungsdienst des Kantons Zürich, welchem
  die Bewährungshilfe übertragen war, feststellte, dass lediglich drei
  Gespräche mit dem Beschuldigten stattgefunden hätten; den Einladungen per
  E-Mail und per Post sei der Beschuldigte nicht nachgekommen. Der
  Bewährungsdienst des Kantons Zürich habe festgehalten, dass gemäss
  Informationen der Einwohnerkontrolle […] vom 8. April 2011 der
  Beschuldigte noch mit einer Amtsadresse dort gemeldet sei, jedoch habe er
  keinen Wohnsitz in […] mehr. Sein Aufenthaltsort sei unbekannt. Das Schreiben
  des Vollzugs- und Bewährungsdienstes des Kantons Luzern gelangte infolge
  Unzustellbarkeit wieder an diese Behörde zurück. Auf die anschliessende
  Publikation im Luzerner Amtsblatt reagierte der Beschuldigte ebenfalls nicht,
  weshalb sodann aufgrund der Akten entschieden wurde. Im Mitteilungssatz des
  entsprechenden Entscheids war festgehalten, dass falls nicht zustellbar wegen
  unbekannten Aufenthaltes die Publikation des Entscheides im Luzerner
  Kantonsblatt erfolge (act. 4/III/11/8 S. 24-26).

  
	
   

  
	
  5.2.7. Gemäss
  Auszug des Einwohneramts [...] vom 20. Januar 2012 war der Beschuldigte
  am 1. April 2010 nach [...] zugezogen und am 31. Mai 2011
  von [...] weggezogen. Sowohl beim Zuzugsort wie auch beim Wegzugsort findet
  sich die Angabe «unbekannt» (act. 6/IV/9/3).

  
	
   

  
	
  5.2.8. Anlässlich
  der polizeilichen Einvernahme durch die Kantonspolizei Glarus vom 23. Oktober 2011
  wurde der Beschuldigte nochmals zu seinem von ihm in einer früheren Befragung
  geltend gemachten Wohnsitz in Bulgarien befragt (Wohnadresse, Meldeadresse,
  Datum der Anmeldung, aktuelle Anmeldung in Bulgarien). Diesbezüglich verweigerte
  der Beschuldigte die Aussage, bestätigte jedoch, dass sein Lebensmittelpunkt
  in [...] sei. In der selben Einvernahme führte der Beschuldigte aus, dass er
  in Bulgarien angemeldet sei und dort einen Wohnsitz habe, jedoch heisse das
  nicht, dass er dort lebe (act. 4/III/11/12/3 S. 4 f. und
  S. 9 f.).

  
	
   

  
	
  5.2.9. Der
  Beschuldigte verfügte auch über einen bulgarischen Führerschein und eine
  bulgarische Aufenthaltsbewilligung (ID-Karte), welche jedoch gemäss dem
  kriminaltechnischen Dienst des Kantons Glarus Inhaltsfälschungen sind
  (act. 6/IV/8/1-10).

  
	
   

  
	
  5.2.10. Anlässlich
  der polizeilichen Einvernahme durch die Kantonspolizei Glarus vom 8. Dezember 2012
  führte der Beschuldigte aus, dass er nicht immer in der Schweiz lebe, sondern
  «minimum 2-3 Monate nicht in der Schweiz» sei (act. 6/IV/13/7
  S. 4 Frage 17). Anlässlich der gleichen Einvernahme führte der
  Beschuldigte aus, dass er einen Zweitwohnsitz habe, jedoch nicht sagen müsse,
  wo dieser sei (act. 6/IV/13/7 S. 5 Frage 22). Die
  Wohnsitzabklärung bei den bulgarischen Behörden ergab, dass der Beschuldigte
  bei diesen unbekannt ist (act. 6/IV/13/10).

  
	
   

  
	
  5.2.11. Das
  Zwangsmassnahmengericht genehmigte sodann mit Entscheid vom
  7. November 2011 die Untersuchungshaft, unter anderem weil es als
  glaubhaft erachtet wurde, dass sich der Beschuldigte hauptsächlich im Ausland
  aufhalte (act. 4/III/11/15 S. 4 E. 3.2).

  
	
   

  
	
  5.2.12. Zu
  einem späteren Zeitpunkt findet sich […] als Adresse des Beschuldigten in den
  Akten (z.B. SVG-Strafanzeige vom 10. September 2014;
  act. 6/IV/14/1 S. 1). An diese Adresse sendete die Staatsanwaltschaft
  sodann am 9. September 2015 eingeschrieben eine Vorladung für eine
  Einvernahme, welche jedoch nicht zugestellt werden konnte (act. 6/IV/22/34).

  
	
   

  
	
  5.2.13. In
  Bezug auf das Führen eines Fahrzeugs mit dem Kontrollschild FL […] erging von
  der Stadtpolizei Winterthur ein Rechtshilfeersuchen an die Landespolizei des
  Fürstentum Liechtenstein betreffend Lenkerermittlung. Im entsprechenden
  Bericht ist festgehalten, dass es sich beim Geschäftsführer bzw.
  Fahrzeugverantwortlichen der Firma «Y.______» um A.______ handle, welcher
  nicht im Fürstentum Liechtenstein wohnhaft sei. Am Geschäftssitz dieser Firma
  in […] (FL) könne nie jemand angetroffen werden. Der Landespolizei sei es
  aber bekannt, dass diese Firma einen weiteren Geschäftssitz in […] habe
  (act. 6/IV/21/6 S. 1 f.).

  
	
   

  
	
  5.2.14. Zudem
  folgte der Beschuldigte den an ihn ergangenen Vorladungen auch in früheren
  Verfahren nicht. So wurde er für eine Einvernahme durch die Kantonspolizei am
  7. Juni 2011 unterschriftlich als beschuldigte Person vorgeladen.
  Diesem Vorladungstermin leistete er ohne Reaktion keine Folge. In der Folge
  konnte der Beschuldigte schliesslich telefonisch erreicht werden und wurde
  mündlich auf den 14. Juli 2011 vorgeladen. Dieser mündlichen
  Vorladung leistet der Beschuldigte damals Folge und er konnte
  unterschriftlich zum Sachverhalt befragt werden (act. 2/I/7/2 S. 2
  oben).

  
	
   

  
	
  5.3. Insgesamt
  ergibt sich daraus ein Bild, wonach es der Beschuldigte generell darauf
  anlegt, seinen Aufenthaltsort zu verschleiern, um auf diese Weise für
  Behörden nicht erreichbar zu sein, und wonach der Beschuldigte in jenen
  Fällen, in denen die Zustellung einer Vorladung dann doch erfolgen konnte,
  dieser nur teilweise nachkommt. Eine solche Verhaltensweise ist
  rechtsmissbräuchlich.

  
	
   

  
	
  6.  

  
	
  6.1. Der
  Umstand, dass der Beschuldigte vorliegend eine amtliche Verteidigung hat und
  dieser die Vorladung zugestellt werden konnte, ändert an der Anwendbarkeit
  von Art. 407 Abs. 1 lit. c StPO nichts. Eine systematische und
  teleologische Auslegung dieser Norm (vgl. dazu E. II.3 vorstehend)
  führt auch im Zusammenhang mit einer notwendigen Verteidigung zum Schluss,
  dass ein konkludenter Rückzug des Rechtsmittels angenommen werden muss, wenn
  sich aus dem gesamten Verhalten des Betroffenen der Schluss aufdrängt, er
  verzichte mit seinem Desinteresse am weiteren Gang des Verfahrens bewusst auf
  den ihm zustehenden Rechtsschutz. Unabhängig von der mit der notwendigen
  Verteidigung einhergehenden rechtsstaatlichen Funktion, verfolgt diese keinen
  Selbstzweck (vgl. dazu E. II.8.2.2
  nachstehend), sie ist letztlich einzig dem Schutzinteresse des Beschuldigten
  verpflichtet (KG St. Gallen ST.2016.7/8 Urteil vom 2. Juli 2019,
  E. 3.e).

  
	
   

  
	
  6.2. Das
  fehlende Interesse des Beschuldigten am Berufungsverfahren manifestiert sich
  ausser durch den Umstand, dass ihm keine Vorladung zugestellt werden konnte,
  auch gerade darin, dass der Beschuldigte während des ganzen
  Berufungsverfahrens, also seit fast zwei Jahren, weder das Gericht noch seine
  Anwältin kontaktierte und auch auf die öffentliche Vorladung nicht reagierte.
  Namentlich erschien der Beschuldigte nicht zur Berufungsverhandlung. Ebenso
  vermochte es die amtliche Verteidigerin nicht, ihn zu kontaktieren, um das
  weitere Vorgehen zu besprechen und weitere Instruktionen einzuholen. 

  
	
   

  
	
  6.3. Eine
  Kontaktaufnahme sowohl zum Gericht als auch zur amtlichen Verteidigerin wäre
  einfach gewesen, weil auf jeder gerichtlichen bzw. anwaltlichen
  Korrespondenz, Adresse, Telefonnummer und mit Bezug auf die amtliche
  Verteidigerin E-Mail-Adresse genannt sind (vgl. z.B. act. 79 oder
  act. 48). Ebenfalls wären die betreffenden Kontaktdaten per Internetsuche
  leicht auffindbar gewesen. Ein Minimum an gutem Willen vorausgesetzt, hätte
  sich der Beschuldigte beim Gericht bzw. seiner Anwältin melden können. 

  
	
   

  
	
  6.4. Das
  oben aufgezeigte Verhalten des Beschuldigten ist widersprüchlich und verdient
  keinen Rechtsschutz. Es geht nicht an, eigenständig Berufung einzulegen und
  dann aufgrund unbekannten Aufenthaltes weder für das Gericht noch für die
  amtliche Verteidigung erreichbar zu sein. Da der Beschuldigte selbständig
  Berufung erhoben hat, muss er seinen Standpunkt im Berufungsverfahren –
  zumindest durch Instruktion seiner amtlichen Verteidigerin – darlegen und vom
  Gericht befragt werden können (vgl. dazu oben E. II.3.4 f.).
  Dadurch, dass all dies nicht möglich war, bekundet der Beschuldigte sein
  Desinteresse am vorliegenden Berufungsverfahren.

  
	
   

  
	
  6.5. Da
  die amtliche Verteidigerin vorliegend weder Kontakt mit ihrem Klienten hatte
  und auch keine aktuelle Adressangabe besitzt, kann sie auch nicht als
  Zustellungsdomizil dienen. Der Beschuldigte kann im vorliegenden
  Berufungsverfahren also aufgrund unbekannten Aufenthalts nicht persönlich
  (i.S.v. Art. 87 Abs. 4 StPO) vorgeladen werden bzw. es kann ihm
  keine Vorladung zugestellt werden. 

  
	
   

  
	
  7. Es kann
  somit festgehalten werden, dass es dem Obergericht nicht möglich war, trotz
  eigener Nachforschungen dem Beschuldigten die Vorladung für die
  Berufungsverhandlung zuzustellen. Bereits daraus ergibt sich das Desinteresse
  des Beschuldigten am vorliegenden Berufungsverfahren. Der Beschuldigte hat
  jedoch nicht nur gegen Treu und Glauben verstossen, indem er es unterliess,
  dem Obergericht eine aktuelle Zustelladresse zu nennen. Vielmehr hat er
  seinen eigentlichen Aufenthaltsort geradezu verschleiert und sich damit
  rechtsmissbräuchlich verhalten. Schliesslich hat der Beschuldigte auch durch
  sein weiteres Verhalten, namentlich durch den nichtexistenten Kontakt zur
  amtlichen Verteidigerin, sein Desinteresse am Berufungsverfahren zum Ausdruck
  gebracht. Entsprechend ist das Berufungsverfahren gestützt auf Art. 407
  Abs. 1 lit. c StGB als durch Rückzug erledigt abzuschreiben. 

  
	
   

  
	
  8.  

  
	
  8.1. Selbst
  wenn man entgegen den obigen Ausführungen davon ausgehen würde, dass der
  Beschuldigte aufgrund der Publikation der Vorladung im Amtsblatt ordentlich
  vorgeladen wurde und damit die Rückzugsfiktion von Art. 407 Abs. 1
  lit. c StPO nicht zur Anwendung käme, ist vorliegend aufgrund der
  nachfolgenden Gründe dennoch von einem (fingierten) Rückzug der Berufung
  auszugehen.

  
	
   

  
	
  8.2.  

  
	
  8.2.1. Gemäss
  Art. 407 Abs. 1 lit. a StPO gilt eine Berufung als
  zurückgezogen, wenn diejenige Partei, welche sie erklärt hat, der
  Berufungsverhandlung unentschuldigt fernbleibt und sich auch nicht vertreten
  lässt. Eine im Sinne von Art. 407 Abs. 1 lit. a StPO zu
  berücksichtigende Vertretung durch die amtliche Verteidigung setzt voraus,
  dass überhaupt noch eine wirksame Vertretung vorliegt (OG Aargau SST.2015.147
  Urteil vom 20. August 2015, E. 1.2, in: CAN 2016/2
  Nr. 46, S. 127 ff.). Eine Vertretung durch die amtliche
  Verteidigung ist jedoch – auch wenn sie, wie vorliegend, vor Gericht
  erscheint – nicht möglich, wenn der Berufungskläger weder eine korrekte
  Adresse noch ein Zustelldomizil bezeichnet und in keinem Zeitpunkt seit dem
  angefochtenen Urteil schriftlich oder mündlich Kontakt mit seiner Anwältin
  hatte (vgl. OG Obwalden AS 14/002, AS 14/006 Urteil vom 9. Januar 2015,
  in: CAN 2015/2 Nr. 44, S. 123 ff. mit Kommentierung von Stefan
  Keller). 

  
	
   

  
	
  8.2.2. Die amtliche Verteidigung hat nicht bloss als
  unkritisches «Sprachrohr» ihrer Klientschaft zu agieren. Mithin gehört es
  nicht zu den Sorgfaltspflichten eines amtlichen Verteidigers, in Ermangelung
  eines aktuellen Kontakts und somit insbesondere ohne Besprechung des
  vorinstanzlichen Urteils an einer Berufung festzuhalten bzw. diese allein und
  ohne aktuelle Besprechung und Instruktion aufgrund eines bloss hypothetischen
  Willens mündlich oder schriftlich zu begründen (KG St. Gallen
  ST.2016.7/8 Urteil vom 2. Juli 2019, E. 2.a, in SJZ 116/2020
  Nr. 14, S. 507 ff.; KG Wallis TCV P1 17 49 Urteil vom
  8. Januar 2019, E. 2.1.1; OG Aargau SST.2015.147 Urteil vom
  20. August 2015, E. 1.2, in: CAN 2016/2 Nr. 46,
  S. 127 ff.). Die Instruktion des amtlichen Verteidigers durch den
  Berufungskläger bildet mithin eine Prozessvoraussetzung im Sinne von
  Art. 403 Abs. 1 lit. c StPO (KG St. Gallen ST.2016.7/8
  Urteil vom 2. Juli 2019, E. 2.a, in SJZ 116/2020 Nr. 14,
  S. 507 ff.; KG Wallis TCV P1 17 49 Urteil vom
  8. Januar 2019, E. 2.1.1; Appellationsgericht Basel-Stadt
  SB.2012.73 Urteil vom 13. November 2014, Abs. 9 der
  Erwägungen).

  
	
   

  
	
  8.3. Wie
  oben ausgeführt (vgl. E. II.4.4),
  konnte die amtliche Verteidigerin während des gesamten Berufungsverfahrens
  keinen Kontakt zum Beschuldigten herstellen und erhielt von demselben auch
  keine Instruktionen. Die Berufung erhob der Beschuldigte ohne zuvor
  Rücksprache mit seiner Verteidigung genommen zu haben, indem er mehrheitlich
  das Plädoyer, welches seine amtliche Verteidigerin vor Vorinstanz vortrug,
  wörtlich in seiner Berufung wiederholte (vgl. act. 58 und act. 75;
  vgl. auch act. 89 S. 6 Rz. 8). Eine Auseinandersetzung mit den
  vorinstanzlichen Erwägungen fehlt in der Berufung, was auch die amtliche
  Verteidigerin anlässlich der Berufungsverhandlung festhielt (act. 89
  S. 6 Rz. 8). Entsprechend konnte die amtliche Verteidigerin
  anlässlich der Berufungsverhandlung vorliegend nur dem hypothetischen Willen
  des Beschuldigten entsprechend eine Begründung der Berufung vornehmen (vgl.
  act. 89 S. 1 lit. a, «nach bestem Wissen und Gewissen»),
  dies gehört nicht zu ihren Sorgfaltspflichten (vgl. E. II.8.2.2 vorstehend).
  Hinzu kommt, dass die amtliche Verteidigerin aufgrund fehlender Instruktion
  seitens des Beschuldigten bspw. mit Bezug auf den vom Beschuldigten
  geforderten Schadenersatz anlässlich der Berufungsverhandlung nicht viel
  sagen konnte und selber darauf hinwies, dem Beschuldigten würde der Nachweis
  eines Schadens und dessen Höhe obliegen (vgl. act. 89 S. 7
  Rz. 10). 

  
	
   

  
	
  8.4. Unter
  diesen Umständen liegt keine im Sinne von Art. 407 Abs. 1
  lit. a StPO zu berücksichtigende Vertretung vor, da aufgrund fehlender Instruktion
  keine wirksame Vertretung mehr gegeben ist (vgl. E. II.8.2
  vorstehend). Demnach wäre auch aufgrund Art. 407 Abs. 1 lit. a
  StPO von einem (fingierten) Rückzug der Berufung auszugehen.

  
	
   

  
	
  9. Das
  Berufungsverfahren wird zufolge (fingierten) Rückzugs als erledigt
  abgeschrieben (Art. 407 Abs. 1 StPO). Das Urteil der
  Strafgerichtskommission des Kantonsgerichts Glarus vom
  26. September 2018 im Verfahren SG.2017.00139 erwächst damit in
  Rechtskraft (Art. 437 Abs. 1 lit. b StPO).

  
	
   

  
	
  III.  

  
	
  1. Die
  Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist auf CHF 1’000.—
  festzusetzen (Art. 6 Abs. 1 und Art. 8 Abs. 1 lit. a
  der Zivil- und Strafprozesskostenverordnung [GS III A/5]) und
  ausgangsgemäss dem Beschuldigten aufzuerlegen und von ihm zu beziehen
  (Art. 428 Abs. 1 StPO).

  
	
   

  
	
  2.  

  
	
  2.1. Zu
  den Kosten des Berufungsverfahrens zählen auch die Kosten für die amtliche
  Verteidigung (Art. 422 Abs. 2 lit. a StPO). Die amtliche
  Verteidigerin des Beschuldigten macht für das Berufungsverfahren Aufwendungen
  in der Höhe von CHF 3'812.70 (inkl. Auslagen und 7.7 % MwSt.)
  geltend (act. 92). Darin enthalten sind auch die Kosten der Vertretung
  des Beschuldigten an der Berufungsverhandlung vom 14. August 2020.
  Da diese jedoch entgegen der in der Honorarnote angegeben 2.75 Stunden
  nur 0.5 Stunden gedauert hat (vgl. act. 87, act.  88), ist die
  Honorarnote entsprechend um CHF 405.— zu kürzen (CHF 495.—
  [CHF 180.— x 2.75 h; gem. Honorarnote] minus CHF 90.— [CHF 180.—
  x 0.5 h]). Entsprechend beläuft sich das gekürzte Honorar der amtlichen
  Verteidigerin auf CHF 3'000.60 (CHF 3'405.60 [Honorar gem.
  act. 92 S. 2, exkl. Auslagen und MwSt.] minus CHF 405.—).
  Hinzukommen Auslagen in der Höhe von CHF 134.50 (act. 92 S. 2)
  und CHF 241.40 Mehrwertsteuer (7.7 % MwSt. von CHF 3’135.10
  [CHF 3'000.60 + CHF 134.50]). Somit ist die amtliche Verteidigerin
  für das Berufungsverfahren mit total CHF 3'376.50 (CHF 3'000.60
  [Honorar] + CHF 134.50 [Auslagen] + CHF 241.40 [7.7 % MwSt.])
  zu entschädigen, was als angemessen erscheint (Art. 3 Abs. 1 i.V.m.
  Art. 6 Abs. 1 des Tarifs für die Entschädigung der öffentlichen
  Verteidigung und der unentgeltlichen Rechtsvertretung [GS III I/5]). 

  
	
   

  
	
  2.2. Die Entschädigung der amtlichen Verteidigung erfolgt
  vorab durch die Gerichtskasse (Art. 426 Abs. 1 StPO). Die
  Kosten der amtlichen Verteidigung sind aber vom Beschwerdeführer in vollem
  Umfang zu beziehen, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben
  (Art. 426 Abs. 1 i.V.m. Art. 135 Abs. 4 StPO). 

  
	
  ____________________

  
	
   

  
	
   

  
	
  Das Gericht erkennt:

  
	
   

  
	
  	
    1.

    	
    Das
    Berufungsverfahren wird zufolge Rückzugs der Berufung als erledigt
    abgeschrieben.

    
	
     

    	
    Das
    Urteil der Strafgerichtskommission des Kantonsgerichts Glarus vom
    26. September 2018 im Verfahren SG.2017.00139 erwächst in
    Rechtskraft.

    
	
     

    	
     

    
	
    2.

    	
    Die
    Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren wird festgesetzt auf
    CHF 1'000.— und wird A.______ auferlegt und von ihm bezogen. 

    
	
     

    	
     

    
	
    3.

    	
    Rechtsanwältin
    B.______ wird als amtliche Verteidigerin von A.______ vorab aus der
    Gerichtskasse mit insgesamt CHF 3'376.50
    (inkl. Auslagen und 7.7 % MwSt.)
    entschädigt. Die Nachzahlungspflicht von A.______ gemäss Art. 135
    Abs. 4 StPO bleibt vorbehalten. 

    
	
     

    	
     

    
	
    4.

    	
    Schriftliche
    Mitteilung an:

    
	
     

    	
    […]