# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 616a0cc4-8f5d-52dc-9b92-c5ff1f0c9d74
**Source:** Solothurn (SO)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2024-04-09
**Language:** de
**Title:** Solothurn Versicherungsgericht 09.04.2024 VSBES.2022.256
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SO_Omni/SO_VSG_001_VSBES-2022-256_2024-04-09.html

## Full Text

Urteil vom 9. April 2024

Es wirken mit:

Präsidentin Weber-Probst 

Oberrichter Flückiger

Oberrichterin Marti

Gerichtsschreiberin Küng

In Sachen

A.___ vertreten durch Rechtsanwalt Roger Zenari

Beschwerdeführerin 

 

gegen

AXA Versicherungen AG, General Guisan-Strasse 40,
Postfach 357, 8401 Winterthur, 

Beschwerdegegnerin 

 

betreffend     Unfallversicherung
(Einspracheentscheid vom 4. November 2022)

 

 

zieht das
Versicherungsgericht in Erwägung:

I.      
 

 

1.      Die 1973 geborene A.___
(nachfolgend: Beschwerdeführerin) war seit dem 1. März 2016 bei der Firma B.___
als Teamleiterin Support angestellt und aufgrund dieses Arbeitsverhältnisses
bei der AXA Versicherungen AG (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) obligatorisch
gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert. 

 

1.1    Gemäss «Schadenmeldung UVG
Zahnschaden» vom 19. November 2021 (Allgemeine Akten der AXA [A1]) schlug
die Beschwerdeführerin ihre Vorderzähne am 15. November 2021 um 8.30 Uhr
heftig an. Das heftige Anschlagen der Zähne beim Trinken bestätigte Dr. med.
dent. C.___, D.___, auf dem Formular «Zahnschäden gemäss KVG» vom
17. November 2021 (Medizinische Akten der AXA [M3]). Er hielt weiter fest,
die Zähne 21 und 12 seien unfallbedingt subluxiert (gelockert) und
kontusioniert (angeschlagen), das Zahnfleisch sei entzündet und es gebe leichte
Blutungen in der Region 11 und 12. Am 23. November 2021 (A2) anerkannte die
Beschwerdegegnerin vorläufig ihre Leistungspflicht und erbrachte die
gesetzlichen Leistungen. Dies, ohne die Versicherungsdeckung und die übrigen
Leistungsvoraussetzungen zu prüfen. Sie behielt sich jedoch vor, den Anspruch
auf Versicherungsleistungen später zu prüfen, was indes keinen Einfluss auf die
bis zu diesem Zeitpunkt bereits ausgerichteten oder zugesicherten Leistungen
habe. Auf dem Formular «Zahnschäden gemäss KVG» vom 21. Dezember 2021 (M5)
gab Dr. med. dent. C.___ an, es erfolge die Extraktion der Zähne 21 und 11
mittels Valplast-Provisorium.

 

1.2    Mit Verfügung vom 30. März
2022 (A11) wurde der Beschwerdeführerin mitgeteilt, es liege kein
Unfallereignis im Sinne des Gesetzes vor, weshalb kein Anspruch auf Leistungen
aus der obligatorischen Unfallversicherung bestehe. Die dagegen durch die
Beschwerdeführerin am 4. Mai 2022 bzw. 8. Juli 2022 erhobene Einsprache
(A13, A20) wies die Beschwerdegegnerin gestützt auf die «Aktenbeurteilung UVG» von
Dr. med. Dr. med. dent. E.___, Fachzahnarzt für Rekonstruktive Zahnmedizin, vom
18. Oktober 2022 (M12, M13), mit Einspracheentscheid vom 4. November
2022 ab (A.S. [Akten-Seite] 1 ff.). 

 

2.      Dagegen lässt die
Beschwerdeführerin am 5. Dezember 2022 beim Versicherungsgericht des Kantons
Solothurn (nachfolgende: Versicherungsgericht) fristgerecht Beschwerde erheben
und die folgenden Verfahrensanträge und Rechtsbegehren stellen (A.S. 11
ff.):

 

         Verfahrensanträge:

1.     Es sei eine öffentliche Verhandlung
gemäss Art. 6 Ziff. 1 EMRK durchzuführen. 

2.     Es sei die Beschwerdeführerin zum
Unfallhergang zu befragen.

         Rechtsbegehren:

1.     Der Einspracheentscheid der
Beschwerdegegnerin vom 4. November 2022 sowie die diesem zugrundeliegende
Verfügung vom 30. März 2022 seien aufzuheben. 

2.     Die Beschwerdegegnerin sei zu
verpflichten, der Beschwerdeführerin sämtliche Leistungen aus UVG im
Zusammenhang mit dem Unfallereignis vom 15. November 2021 zu gewähren. 

3.     Eventualiter sei die Beschwerdegegnerin
zu verpflichten, eine externe zahnärztliche Beurteilung der Beschwerdeführerin
vorzunehmen. 

4.     Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
zu Lasten der Beschwerdegegnerin.

 

3.      Mit Beschwerdeantwort vom
6. Februar 2023 (A.S. 33 ff.) schliesst die Beschwerdegegnerin auf Abweisung
der Beschwerde.

 

4.      Mit Replik vom 24. Februar
2023 (A.S. 41 ff.) und Duplik vom 14. März 2023 (A.S. 56 f.)
halten die Parteien an ihren jeweiligen Standpunkten vollumfänglich fest.

 

5.      Die mit Eingabe vom
14. April 2023 durch den Vertreter der Beschwerdeführerin eingereichte
Kostennote (A.S. 64 ff.) geht mit Verfügung vom 17. April 2023 zur
Kenntnisnahme an die Beschwerdegegnerin (A.S. 69).

 

6.      Am 11. Januar 2024 findet vor
der Präsidentin des Versicherungsgerichts eine Instruktionsverhandlung mit
Parteibefragung der Beschwerdeführerin und Zeugenbefragung von Frau F.___, Mitarbeiterin
der Beschwerdeführerin, statt (vgl. Protokoll der Partei- und Zeugenbefragung,
A.S. 80 ff.).

 

7.      Je ein Doppel der abschliessenden
Stellungnahmen sowohl der Beschwerdeführerin vom 19. Januar 2024 (A.S. 88
f.) als auch der Beschwerdegegnerin vom 23. Januar 2024 (A.S. 91 f.)
gehen mit Verfügung vom 25. Januar 2024 zur Kenntnisnahme an die jeweilige
Gegenpartei (A.S. 93 f.).

 

8.      Eine Kopie der Eingabe des
Vertreters der Beschwerdeführerin vom 30. Januar 2024 inkl. überarbeiteter
Kostennote (A.S. 94 ff.) geht mit Verfügung vom 1. Februar 2024 zur
Kenntnisnahme an die Beschwerdegegnerin (A.S. 99). 

 

9.      Auf die Ausführungen der
Parteien in ihren Rechtsschriften wird im Folgenden, soweit erforderlich,
eingegangen.

 

II.     
 

 

1.      Die Sachurteilsvoraussetzungen
(zulässiges Anfechtungsobjekt, Einhaltung von Frist und Form, örtliche,
sachliche und funktionelle Zuständigkeit des angerufenen Gerichts,
Legitimation) sind erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten. 

 

2.

2.1    Soweit das UVG nichts anderes
bestimmt, werden die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen,
Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt (Art. 6 Abs. 1 Bundesgesetz
über die Unfallversicherung [UVG, SR 832.20]). 

 

2.2    Unfall ist die plötzliche, nicht
beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf
den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen
oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat (Art. 4
Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG, SR 830.1]).

 

3.      Die Leistungspflicht des
Unfallversicherers gemäss UVG setzt voraus, dass zwischen dem Unfallereignis
und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher
Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen
Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhandensein der
eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise
bzw. nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend
dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs
nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache
gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädigende Ereignis
zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geistige Integrität des
Versicherten beeinträchtigt hat, der Unfall mit anderen Worten nicht weggedacht
werden kann, ohne dass auch die eingetretene gesundheitliche Störung entfiele
(BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181).

 

3.1    Ob zwischen einem schädigenden
Ereignis oder einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang
besteht, ist eine Tatfrage, worüber der Versicherer bzw. im Beschwerdefall das
Gericht im Rahmen der ihm obliegenden Beweiswürdigung nach dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
(s. dazu BGE 126 V 360 E. 5b S. 360) zu befinden hat. Die blosse
Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines
Leistungsanspruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181). Der Beweis
des natürlichen Kausalzusammenhangs (resp. seines Wegfallens) wird in erster
Linie mittels Angaben der medizinischen Fachpersonen geführt (Alexandra
Rumo-Jungo / André Pierre Holzer: Rechtsprechung des Bundesgerichts
zum UVG, 4. Aufl., Zürich 2012, S. 55).

 

3.2    Die Leistungspflicht des
Unfallversicherers setzt weiter voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und
dem eingetretenen Schaden ein adäquater Kausalzusammenhang besteht. Nach der
Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als adäquate Ursache eines Erfolges zu
gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen
Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des
eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolges also durch das
Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 129 V 177 E. 3.2 S. 181).

 

3.3    Die Adäquanz spielt im
Sozialversicherungsrecht als rechtliche Eingrenzung der sich aus dem
natürlichen Kausalzusammenhang ergebenden Haftung des Unfallversicherers im
Bereich organisch objektiv ausgewiesener Unfallfolgen praktisch keine Rolle, da
sich hier die adäquate weitgehend mit der natürlichen Kausalität deckt (BGE 138
V 248 E. 4 S. 250 f. mit Hinweisen).

 

4.      

4.1    Das Verwaltungsverfahren und das Verwaltungsgerichtsverfahren
in Sozialversicherungssachen sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Danach
hat die Verwaltung bzw. das Gericht von Amtes wegen für die richtige und
vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Dieser
Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet sein Korrelat in den
Mitwirkungspflichten der Parteien (BGE 138 V 218 E. 6 S. 221, 117 V
261 E. 3b S. 263 und 282 E. 4a, 116 V 23 E. 3c S. 26
f. mit Hinweisen).

 

4.2    Der im Sozialversicherungsrecht
massgebende Beweisgrad ist derjenige der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE
126 V 353 E. 5b S. 360 mit Hinweisen, 130 III 321 E. 3.2 und 3.3
S. 324 f.). Im Beschwerdeverfahren ist grundsätzlich der Sachverhalt zu
beurteilen, wie er sich bis zum Zeitpunkt des Einspracheentscheids (hier: 4. November
2022) entwickelt hat (BGE 143 V 409 E. 2.1 S. 411, 129 V 167 E. 1
S. 169). 

 

5.      Streitig und zu prüfen ist, ob
die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht betreffend das Ereignis vom 15. November
2021 mit Einspracheentscheid vom 4. November 2022 (A.S. 1 ff.) zu
Recht verneint hat.

 

6.      Es sind vorliegend im
Wesentlichen die folgenden Akten relevant: 

 

6.1    Im Rahmen des Formulars
«Zahnschäden gemäss KVG» vom 17. November 2021 (M3) hielt der die
Beschwerdeführerin behandelnde Zahnarzt Dr. med. dent. C.___, D.___, betreffend
den Unfallhergang Folgendes fest: «Hat beim Trinken die Zähne heftig
angeschlagen.». Als «unfallbedingte Befunde» wurde die Subluxation und
Kontusion der Zähne 21 / 12 aufgeführt. Das Zahnfleisch sei entzündet
und es gebe leichte Blutungen in der Region 11 und 12. Es bestünden gemäss der
Befundaufnahme u.a. keine paradontal geschädigten Zähne. Als Sofortmassnahmen seien
eine Röntgen- und Fotoaufnahme erfolgt. Therapeutische Mass-nahmen: Medikamentöse
Behandlung; Antibiotika; Prophylaktische, antiseptische Mundspülung. Vorläufig
seien keine Versorgungen erforderlich, zu einem späteren Zeitpunkt sei jedoch eine
Extraktion der Zähne 11 und 21 gut möglich.

 

6.2    In der «Schadenmeldung UVG
Zahnschaden» vom 19. November 2021 (A1) wurde der folgende, sich am 15. November
2021 zugetragene, Sachverhalt beschrieben: «Ich habe die Vorderzähne heftig
angeschlagen. Später kam zu den Schmerzen starkes Zahnfleischbluten dazu. Am
17. November 2021 ging ich dann zum Zahnarzt.». Als Verletzung wurde eine
Entzündung der Zähne beidseits festgehalten. Der erstbehandelnde Zahnarzt sei
Dr. med. dent. C.___ gewesen. 

 

6.3    Dr. med. dent. C.___ bestätigte
auf dem Formular «Zahnschäden gemäss KVG» vom 21. Dezember 2021 (M5) die bereits
auf dem Formular vom 17. November 2021 ausgewiesenen unfallbedingten
Befunde (vgl. E. II. 6.1 hiervor). Weiter hielt er fest, dass die Zähne 21 und
11 extrahiert würden und ein Valplast-Provisorium erfolge. 

 

6.4    Dr. med. Dr. med. dent. E.___,
Facharzt für Rekonstruktive Zahnmedizin, hielt in seiner Aktenbeurteilung vom
18. Oktober 2022 (M13) folgende (detaillierte) Beschreibung des
Ereignisses vom 15. November 2021 fest: «Status nach Kontusion der
Oberkieferfront beim Trinken durch eine Flasche.». Dadurch erfolgten eine
Kontusion und eine Subluxation der Zähne 12 bis 22. Die Zähne 12 bis 22 wiesen
geringe Schmelzschäden auf (auf UVG-Formular nicht ausgewiesen). Die Zähne 11
und 21 seien nicht erhaltungswürdig, es sei eine Extraktion geplant. Im Verlauf
Implantatkronen Region 11 und 21. Der Lockerungsgrad und die Vitalität seien
auf dem UVG-Formular nicht erfasst worden. 

Der Zahnschaden stehe gemäss Stellungnahme
von Dr. med. Dr. med. dent. E.___ nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
(< 50 %) in natürlichem Kausalzusammenhang zum gemeldeten Ereignis
(M12). So sei aufgrund der vorliegenden Unterlagen überwiegend wahrscheinlich,
dass die eingeleitete Behandlung, welche die Extraktion der Zähne 11 und 21
vorsehe, nicht im Zusammenhang mit dem angegebenen Trauma stehe. Die Zähne 21
und 22 hätten bereits auf dem Röntgenbild vom 17. November 2021 eine
erhebliche parodontale Vorschädigung aufgewiesen, welche jedoch auf dem
UVG-Formular nicht ausgewiesen worden sei. Bei einem Subluxationstrauma ohne
Verlagerung, so wie auf dem UVG-Formular unter Punkt 3.3 angeben, hätte der
primäre Erhalt der Zähne durch Verblockung und / oder
Wurzelbehandlung angestrebt werden müssen. Das Trauma habe somit die jetzt
geplante Behandlung zeitlich vorgezogen, aber nicht ausgelöst.

 

6.5    Dr. med. Dr. med.
dent. E.___ hielt in seiner «Aktenbeurteilung Unfallversicherung» vom 6. Februar
2023 (M14) Folgendes fest: Am 15. November 2021 habe die
Beschwerdeführerin ein Frontzahntrauma durch einen Schlag mit der Kaffeetasse
gegen die Frontzähne erlitten. Die Befundaufnahme durch den Hauszahnarzt sei
zwei Tage später erfolgt. Auf dem UVG-Formular seien folgende Befunde vermerkt:
Kontusion und Subluxation der Zähne 12, 11, 21, 22, Zahnfleisch entzündet und
Blutung (Ziff. 3.8 und eingereichtes Frontzahnfoto). Bei der Befundaufnahme
lägen keine defekten und kariösen Zähne vor und auch keine parodontalen
Vorschädigungen. Aufgrund der aufgeführten klinischen Angaben würden sie als
Ersttherapie den Erhalt der Zähne 11 und 21 erwarten, es sei denn, die Zähne seien
aufgrund einer ausgeprägten parodontalen Vorerkrankung oder Wurzelfrakturen
nicht erhaltungswürdig. Beides werde aber im UVG-Formular verneint, obwohl eine
parodontale Vorschädigung an den Zähnen 21 und 22 radiologisch vorliege. Auch bei
einem starken Luxationstrauma und / oder Verlust (Avulsion) des
gesamten Zahnes würde bei ausreichendem Restknochenangebot und fehlender Wurzelfraktur
ein Erhalt der Zähne angestrebt. Die aufgeführten und unsorgfältig erhobenen
klinischen Daten liessen den Schluss einer sofortigen Extraktion der Zähne 11 und
21 nicht zu. Bei Zahn 22 werde der Erhalt angestrebt. Somit bestehe mit hoher
Wahrscheinlichkeit kein Zusammenhang zwischen dem Trauma und der eingeleiteten
Therapie. Die Extraktion der Zähne 11 und 21 sei zwar wirksam, jedoch aufgrund
der klinischen Daten nicht zweckmässig. Die gewählte Therapie (Implantatkronen
Regio 11 und 21) stelle somit auch keine wirtschaftliche Lösung dar und sei bei
einer jungen Patientin mit parodontaler Vorerkrankung mit erheblichen Risiken
verbunden (z.B. ästhetisches Ergebnis, Ankyloseproblematik und
Periimplantitis).

 

6.6    Im Rahmen des Einspracheverfahrens
– am 4. Mai 2022 (A13) – liess die Beschwerdeführerin betreffend das
Ereignis vom 15. November 2021 Folgendes mitteilen: Sie habe sich mit
einer Tasse Kaffee in der Hand auf ihren Bürostuhl setzen wollen, wobei sie
bereits den Bildschirm im Blick gehabt habe, mithin sich nicht hinreichend auf
den Stuhl konzentriert habe. Der Stuhl habe sich weiter hinten als erwartet
befunden. Sie habe deshalb beim Sich-Setzen die Sitzfläche nur ganz am vorderen
Rand erwischt, was dazu geführt habe, dass der Bürostuhl noch weiter nach
hinten gerutscht sei. Dadurch sei sie aus dem Tritt geraten. Mit der freien
Hand habe sie sich noch am Pult halten können, andernfalls wäre sie zu Boden gestürzt.
Diese unkontrollierte Bewegung habe dazu geführt, dass ihr Kopf nach vorne
geschnellt sei. Dabei habe sie sich die Vorderzähne heftig an der Kaffeetasse angeschlagen.
Dies habe nicht nur einen heftigen Schmerz an den Zähnen ausgelöst, sondern
auch eine Blutung im Mundbereich. In der Folge sei es zur Zahnbehandlung
gekommen, die bis heute andauere. 

 

6.7    Aufgrund der
vorstehend aufgeführten, voneinander abweichenden Darstellungen des Ereignishergangs
15. November 2021 wurde zur diesbezüglichen Klärung am 11. Januar
2024 vor der Präsidentin des Versicherungsgerichts eine Instruktionsverhandlung
mit der Befragung von Frau F.___, Mitarbeiterin der Beschwerdeführerin, als
Zeugin sowie der Befragung der Beschwerdeführerin durchgeführt (vgl. Protokoll
der Partei- und Zeugenbefragung, A.S. 80 ff.). Im Rahmen dieser
Instruktionsverhandlung demonstrierte die Beschwerdeführerin den sich am 15. November
2021 zugetragenen Sachverhalt mithilfe eines Bürostuhls mit Rollen und
bestätigte damit den Ablauf gemäss ihren Beschreibungen im Einspracheverfahren
bzw. in der Beschwerdeschrift vom 5. Dezember 2022 (vgl. E. II. 6.6
hiervor). Die als Zeugin vor Gericht befragte Arbeitskollegin der
Beschwerdeführerin, Frau F.___, gab im Rahmen der Instruktionsverhandlung u.a.
an, nachdem die Beschwerdeführerin am 15. November 2021 ziemlich lange auf
der Toilette gewesen sei, habe sie diese nach ihrem Befinden gefragt. Die
Beschwerdeführerin habe ihr sodann mitgeteilt, dass sie habe absitzen wollen
und der Stuhl nach hinten gerutscht sei. Sie habe deshalb das Gleichgewicht
verloren und die Zähne an der Tasse angeschlagen. Es habe derart geblutet, dass
sie sich nun auf der Toilette den Mund habe ausspülen müssen (A.S. 84).

 

Befragt zur «Schadenmeldung
UVG Zahnschaden» vom 19. November 2021 (vgl. E. II. 6.2 hiervor)
gab die Beschwerdeführerin im Rahmen der Instruktionsverhandlung vom
11. Januar 2024 an, dieses Formular nie gesehen zu haben. Sie hätten beim
Arbeitgeber ein internes Verfahren. So habe sie lediglich ein Intranet-Formular
mit relativ beschränktem Platz ausfüllen müssen. Das anschliessend direkt an
die Unfallversicherung gelangte Unfallformular habe nicht sie selbst, sondern
die HR ausgefüllt (vgl. Protokoll der Partei- und Zeugenbefragung,
A.S. 81).

 

7.      Gestützt auf die vorangehenden
Ausführungen ist bezüglich dem Ereignis vom 15. November 2021 mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit von folgendem Sachverhalt auszugehen: Die Beschwerdeführerin
wollte sich mit einer Kaffeetasse in der Hand auf ihren Bürostuhl setzen. Dabei
war sie bereits auf ihren Bildschirm fokussiert und im Begriff, die Kaffeetasse
in Richtung des Mundes zu führen. Sie achtete sich daher nicht auf den konkreten
Abstand zum Bürostuhl. Da sich dieser weiter hinten als angenommen befand, geriet
die Beschwerdeführerin ins Wanken und konnte sich mit einer Hand gerade noch am
Schreibtisch festhalten. Ansonsten wäre sie zu Boden gestürzt. Aufgrund dieser
abrupten Bewegungsabfolge schlug sie sich die Kaffeetasse direkt an den Mund
bzw. an die Vorderzähne.

 

8.      Es stellt sich somit die Frage,
ob es sich beim Ereignis vom 15. November 2021 um einen Unfall im Sinne
von Art. 4 ATSG (vgl. E. II. 2.2 hiervor) handelt.

 

8.1    Die Annahme eines Unfalls setzt
insbesondere eine plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines
ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper voraus. Nach Lehre und Rechtsprechung kann das
für den Unfallbegriff wesentliche Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors
in einer unkoordinierten Bewegung bestehen. Bei Körperbewegungen gilt dabei der
Grundsatz, dass das Erfordernis der äusseren Einwirkung lediglich dann erfüllt
ist, wenn ein in der Aussenwelt begründeter Umstand den natürlichen Ablauf
einer Körperbewegung gleichsam «programmwidrig» beeinflusst hat (BGE 130 V 117
E. 2.1). Dies trifft beispielsweise dann zu, wenn die versicherte Person
stolpert, ausgleitet oder an einem Gegenstand anstösst, oder wenn sie, um ein
Ausgleiten zu verhindern, eine reflexartige Abwehrhaltung ausführt oder
auszuführen versucht (RKUV 2004 Nr. U 502 S. 183, U 322/02
E. 4.1). Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er – nach einem
objektiven Massstab – nicht mehr im Rahmen dessen liegt, was für den jeweiligen
Lebensbereich alltäglich und üblich ist (BGE 134 V 72 E. 4.1, 129 V 402
E. 2.1; Urteil des Bundesgerichts 8C_783/2013 vom 10. April 2014
E. 4.2). Das Kriterium
der Ungewöhnlichkeit dient dazu, eine Abgrenzung des Unfalls von Ereignissen zu
ermöglichen, die im Rahmen des Alltäglichen eintreten. Bei der Prüfung im
Einzelfall ist regelmässig davon auszugehen, dass kleine Vorfälle, die sich
täglich zutragen können (wie kleinere Schürfungen etc.) grundsätzlich nicht als
Unfallereignisse im Sinne von Art. 4 ATSG betrachtet werden können. 

 

8.2    Gemäss der Rechtsprechung stellt das
– auch mit einer gewissen Heftigkeit erfolgte – Anschlagen eines Trinkglases an
einen Schneidezahn als solches einen alltäglichen Vorgang dar, weshalb die
Ungewöhnlichkeit des äusseren Faktors bei Fehlen einer Programmwidrigkeit (z.B.
im Sinne eines Stolperns, Anstossens oder Ausrutschens) praxisgemäss zu
verneinen ist (RKUV 1996 Nr. U 243 S. 137, U 157/95; Urteil des
Bundesgerichts 8C_500/2008 vom 11. Februar 2009 E. 5.1), erfüllt
jedenfalls das Ereignis (Heftiges Anschlagen der Zähne an Trinkbehälter) die
Voraussetzung der «Ungewöhnlichkeit» nicht. 

 

8.3    Beim vorliegenden Geschehensablauf
mit nach hinten Rutschen des Stuhls, reflexartigem Festhalten am Pult und nach vorne
schnellen des Kopfes (vgl. E. II. 7 hiervor) ist nicht von einem alltäglichen
Ablauf bzw. Vorgang auszugehen. Es handelt sich hierbei vielmehr um einen nicht kontrollierten und
physiologisch nicht beherrschten Bewegungsablauf, bei dem ein sinnfälliger, zur
Unkontrollierbarkeit der Verrichtung führender Faktor hinzugetreten ist (vgl.
BGE 129 V 466 E. 4.3 S. 471). So ist die Beschwerdeführerin
durch das Wegrutschen des Bürostuhls aus dem Gleichgewicht geraten und konnte
durch das reflexartige Festhalten am Pult gerade noch einen Sturz verhindern. Dieser
Bewegungsablauf hatte jedoch zur Folge, dass der Kopf der Beschwerdeführerin nach
vorne schnellte und sie die Vorderzähne an der Kaffeetasse anschlug. Dieser
gesamte Ereignishergang ist als derart ungewöhnlich anzusehen, dass dies nach
einem objektiven Massstab nicht mehr im Rahmen dessen liegt, was für den
jeweiligen Lebensbereich alltäglich und üblich ist. Das Ereignis vom 15. November 2021 beinhaltet somit
einen ungewöhnlichen äusseren Faktor und stellt somit einen Unfall im Sinn von
Art. 4 ATSG dar. 

 

9.      Es stellt sich im Weiteren die
Frage, ob zwischen den Zahnschäden der Beschwerdeführerin und dem Unfallereignis
vom 15. November 2021 ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht (vgl. E.
II. 3 hiervor). 

 

9.1    Zur Frage des Kausalzusammenhangs
äusserte sich gemäss den vorliegenden Akten einzig Dr. med. Dr. med. dent.
E.___ am 18. Oktober 2022 und 6. Februar 2023 (vgl. E. II. 6.4 f.
hiervor). Es ist davon auszugehen, dass er sich bei seiner Beurteilung auf die
beiden durch den behandelnden Zahnarzt Dr. med. C.___ ausgefüllten Formulare
«Zahnschäden gemäss KVG» vom 17. November 2021 und 21. Dezember 2021
(vgl. E. II. 6.1 und 6.3 hiervor), inkl. Foto und Röntgenaufnahmen, stützte. So
erwähnte Dr. med. Dr. med. dent. E.___ in seinen Aktenbeurteilungen vom
17. Oktober 2022 und 6. Februar 2023 (M12, M14) jeweils das «UVG-Formular»,
sowie das Frontzahnfoto und das Röntgenbild vom 17. November 2021. Im
Rahmen seiner Beurteilung kam er sodann zum Schluss, es sei aufgrund der
dokumentierten Unterlagen überwiegend wahrscheinlich, dass die durch den
behandelnden Zahnarzt eingeleitete Behandlung (Extraktion der Zähne 11 und 21,
welche bei der Kontusion vom 15. November 2021 kontusiert und subluxiert
worden seien), nicht im Zusammenhang mit dem angegebenen Trauma stehe. Dies
begründete er im Wesentlichen mit der bereits auf dem Röntgenbild vom 17. November
2021 ersichtlichen, erheblichen parodontalen Vorschädigung an den Zähnen
21 und 22. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass diese Vorschädigung vom behandelnden
Zahnarzt Dr. med. dent. C.___ nicht ausgewiesen worden sei (M12). Dieser
Einschätzung kann beigepflichtet werden. So wurde in den durch den behandelnden
Zahnarzt ausgefüllten UVG-Formularen vom 17. November 2021 und 21. Dezember
2021 (M3, M5) in Ziff. 4.4 angegeben bzw. angekreuzt, es lägen keine
parodontal geschädigten Zähne vor. Im Gegensatz dazu hielt Dr. med. Dr. med.
dent. E.___ sodann in seiner Aktenbeurteilung vom 6. Februar 2023 (M14)
weiter fest, die parodontale Vorschädigung an den Zähnen 21 und 22 liege
radiologisch vor. 

 

9.2    Somit liegen in Bezug auf die parodontale
Vorschädigung an den Zähnen 21 und 22 der Beschwerdeführerin widersprüchliche Einschätzungen
der beiden auf das medizinische Fachgebiet der Zahnmedizin spezialisierten
Fachärzte vor. Unter diesen Umständen wäre die Beschwerdegegnerin gehalten
gewesen, weitere medizinische Abklärungen vorzunehmen. Somit lässt sich die
Frage nach dem natürlichen Kausalzusammenhang zwischen dem Ereignis vom
15. November 2021 und den beklagten Zahnschäden im jetzigen Zeitpunkt nicht
abschliessend beantworten.

 

10.    Die vorliegende Sache ist demnach
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie nach Einholen von
ergänzenden Auskünften bei Dr. med. dent. C.___ einen auf das medizinische Fachgebiet
der Zahnmedizin spezialisierten Facharzt sowohl zur Frage der parodontalen
Vorschädigung der Zähne als auch zum natürlichen Kausalzusammenhang zwischen
dem unter E. II. 7 hiervor festgestellten Unfallhergang vom 15. November
2021 und den beklagten Zahnschäden der Beschwerdeführerin Stellung nehmen
lässt. Anschliessend hat die Beschwerdegegnerin erneut darüber zu entscheiden. Da
es sich mangels entsprechender Abklärungen seitens der Beschwerdegegnerin
faktisch um eine gänzlich ungeklärte medizinische Frage handelt (vgl. BGE 137 V
210 E. 4.4.1.4), hat das Versicherungsgericht diese Abklärungen nicht
selbst zu veranlassen. Die Beschwerde ist in diesem Sinn gutzuheissen. 

 

11.    Bei diesem Verfahrensausgang (formelles
Obsiegen) hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine Parteientschädigung, die
von der Beschwerdegegnerin zu bezahlen ist. Diese Entschädigung bemisst sich
ohne Rücksicht auf den Streitwert nach dem zu beurteilenden Sachverhalt sowie
der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 61 lit. g ATSG). 

 

11.1  Rechtsanwalt Zenari macht in
seiner Kostennote vom 30. Januar 2024 (A.S. 96 f.) einen
Zeitaufwand von total 16.78 Stunden geltend. Davon sind unter dem Titel
«Kanzleiaufwand», der im Stundenansatz eines Anwalts inbegriffen ist,
diejenigen Positionen in Abzug zu bringen, bei welchen davon auszugehen ist, es
handle sich um die blosse Zustellung von Orientierungskopien eingegangener
Schriftstücke an die Klientschaft; dies trifft hier auf folgende Positionen zu:
«Brief an Klientin» à je 0.17 Stunden vom 22. November, 8. Dezember
2022, 12. Januar, 8. Februar, 1. März, 20. März, 4. April,
19. April, 9. November (2 x), 13. Dezember 2023. Ebenfalls
als Kanzleiaufwand gilt praxisgemäss die Fristerstreckung vom 30. März
2023 à 0.25 Stunden. Gesamthaft resultiert damit eine Kürzung des
Kanzleiaufwands von 2.12 Stunden auf insgesamt 14.66 Stunden (davon
CHF 4.33 Stunden im Jahr 2024 und 10.33 Stunden in den Jahren 2022 und
2023.) Mit dem geltend gemachten Stundenansatz von CHF 260.00, den
Auslagen von CHF 134.10 (2024: CHF 28.90 und 2022 / 2023:
CHF 105.20) sowie der Mehrwertsteuer von 7,7 % bis 31. Dezember
2023 von CHF 214.90 (7,7 % auf CHF 2'791.00 [= 10.33 Stunden
x CHF 260.00 + CHF 105.20]) und 8,1 % ab 1. Januar
2024 von CHF 93.53 (8,1 % auf CHF 1'154.70 [= 4.33 Stunden x CHF 260.00
+ CHF 28.90]) ergibt dies eine Parteientschädigung von total CHF 4'254.15.

 

11.2  Das Verfahren ist kostenlos
(Art. 61 lit. fbis ATSG; das UVG sieht keine Kostenpflicht
vor).

 

11.3  Nachdem die Beschwerdeführerin
obsiegt, erübrigt sich die Durchführung einer Hauptverhandlung. Der
diesbezügliche Antrag (vgl. E. I. 2 Ziff. 1 der Verfahrens-anträge
hiervor) ist obsolet.

Demnach wird erkannt:

1.     Die Beschwerde wird in dem Sinne
gutgeheissen, als der Einspracheentscheid der Beschwerdegegnerin vom
4. November 2021 aufgehoben und die Sache an die Beschwerdegegnerin
zurückgewiesen wird, damit diese im Sinne der Erwägungen verfahre und hierauf erneut
entscheide.

2.     Die Beschwerdegegnerin hat der
Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung von CHF 4'254.15. (inkl.
Auslagen und MwSt) zu bezahlen.

3.     Es werden keine Verfahrenskosten
erhoben.

 

Rechtsmittel

Gegen diesen
Entscheid kann innert 30 Tagen seit der Mitteilung beim Bundesgericht Beschwerde
in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten eingereicht werden (Adresse:
Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern). Die Frist beginnt am Tag nach
dem Empfang des Urteils zu laufen und wird durch rechtzeitige Aufgabe bei der
Post gewahrt. Die Frist ist nicht erstreckbar (vgl. Art. 39 ff., 82 ff. und 90
ff. des Bundesgerichtsgesetzes, BGG). Bei Vor- und Zwischenentscheiden (dazu
gehört auch die Rückweisung zu weiteren Abklärungen) sind die zusätzlichen
Voraussetzungen nach Art. 92 oder 93 BGG zu beachten.

 

Versicherungsgericht des Kantons Solothurn

Die Präsidentin                         Die
Gerichtsschreiberin

Weber-Probst                           Küng