# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 01853302-5ec9-5ab2-8f5d-1e43d23ce10f
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2010-08-23
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 23.08.2010 D-5789/2010
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-5789-2010_2010-08-23.pdf

## Full Text

Abtei lung IV
D-5789/2010
law/mah/cvv
{T 0/2}

U r t e i l  v o m  2 3 .  A u g u s t  2 0 1 0

Einzelrichter Walter Lang, 
mit Zustimmung von Richter Kurt Gysi;
Gerichtsschreiberin Claudia Jorns Morgenegg.

A.__________, geboren (...),
Bosnien und Herzegowina,
vertreten durch Othman Bouslimi, 
(...)
Beschwerdeführer,

gegen

Bundesamt für Migration (BFM),
Quellenweg 6, 3003 Bern,
Vorinstanz.

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin); 
Verfügung des BFM vom 6. August 2010 / N (...).

B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i c h t

T r i b u n a l  a d m i n i s t r a t i f  f é d é r a l

T r i b u n a l e  a m m i n i s t r a t i v o  f e d e r a l e

T r i b u n a l  a d m i n i s t r a t i v  f e d e r a l

Besetzung

Parteien

Gegenstand

D-5789/2010

Das Bundesverwaltungsgericht stellt,

dass  das  BFM  mit  Verfügung  vom  6. August  2010  –  eröffnet  am 
10. August 2010 – in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d des Asyl-
gesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf  das Asylgesuch 
des Beschwerdeführers vom 18. Juni 2010 nicht eintrat, die Wegwei-
sung nach Deutschland verfügte, den Beschwerdeführer – unter An-
drohung  von  Zwangsmitteln  im  Unterlassungsfall  –  aufforderte,  die 
Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu ver-
lassen,  den Kanton B._________ verpflichtete,  die Wegweisungsver-
fügung zu vollziehen, feststellte, eine allfällige Beschwerde gegen die 
vorliegende Verfügung habe keine aufschiebende Wirkung,  und dem 
Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeich-
nis aushändigte,

dass  der  Beschwerdeführer  gegen  diese  Verfügung  mit  Eingabe 
seines  Rechtsvertreters  vom  16. August  2010  beim  Bundesver-
waltungsgericht  Beschwerde  erheben  und  beantragen  liess,  die  Be-
schwerde sei formgetreu anzunehmen und der Entscheid des BFM sei 
aufzuheben,  eventualiter  sei  die  Unzumutbarkeit  des  Vollzuges  der 
Wegweisung festzustellen

dass er in verfahrensrechtlicher Hinsicht zudem beantragen liess, es 
sei – so sinngemäss – der Vollzug der Wegweisung auszusetzen, der 
Beschwerde  die  aufschiebende  Wirkung  zu  gewähren,  die  unent-
geltliche  Prozessführung  zu  gewähren  und  eine  angemessene  Frist 
anzusetzen,  um  die  notwendigen  Dokumente  einzuholen  und  einen 
Arztbericht einzureichen,

dass das Bundesverwaltungsgericht den Vollzug der Wegweisung ge-
stützt auf Art. 56  des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über 
das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021)  mit  Verfügung  vom 
17. August 2010 vorsorglich aussetzte,

und zieht in Erwägung,

dass das Bundesverwaltungsgericht  auf  dem Gebiet  des  Asyls  end-
gültig über Beschwerden gegen Verfügungen (Art. 5  VwVG) des BFM 
entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31-33 des Verwaltungsgerichts-

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gesetzes  vom 17. Juni  2005  [VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1 
des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]),

dass  der  Beschwerdeführer  durch  die  angefochtene  Verfügung  be-
sonders berührt ist, ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung 
beziehungsweise  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Be-
schwerde legitimiert ist (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 
Abs. 1 VwVG), 

dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ein-
zutreten  ist  (Art. 108  Abs. 2  AsylG  i.V.m. Art.  37  VGG  und  Art. 52 
VwVG), 

dass  im  vorliegenden  Beschwerdeverfahren  einzig  zu  prüfen  ist,  ob 
das BFM gestützt auf Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG auf das Asylgesuch 
des  Beschwerdeführers  zu  Recht  nicht  eingetreten  ist  und  infolge-
dessen die Wegweisung aus der Schweiz zu Recht verfügt hat,

dass  über  offensichtlich  unbegründete  Beschwerden in  einzelrichter-
licher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters respektive 
einer zweiten Richterin  entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und 
es sich, wie nachfolgend aufgezeigt, um eine solche handelt, weshalb 
der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art.  111a 
Abs. 2 AsylG), 

dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel 
verzichtet wurde,

dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asyl -
suchende in einen Drittstaat ausreisen können, welcher für die Durch-
führung  des  Asyl-  und  Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich  zu-
ständig ist (Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG),

dass  der  Beschwerdeführer  gemäss  eigenen  Angaben  auf  der 
deutschen Botschaft in Sarajevo ein deutsches Schengenvisum, gültig 
von zirka 5. Februar bis zirka 5. März 2010, erhalten hat,

dass  das BFM bei  dieser  Sachlage aufgrund der  gestützt  auf  Art. 9 
Dublin-II-VO erfolgten Anfrage an Deutschland vom 9. Juni 2010 und 
der am 16. Juli 2010 von Deutschland erfolgten Zustimmung zu Recht  
von  der  Zuständigkeit  Deutschlands  für  die  Durchführung  des  Asyl-
verfahrens ausging,

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dass in der Beschwerde ausgeführt wird, der Beschwerdeführer habe 
nie die Absicht gehabt, nach Deutschland zu reisen, um dort ein Asyl-
gesuch zu stellen, vielmehr habe er das Schengenvisum für Deutsch-
land beantragt, weil er beabsichtigt habe, von Deutschland aus in die 
Schweiz zu seiner Halbschwester zu reisen, 

dass ferner geltend gemacht wird, der Beschwerdeführer habe in der 
Schweiz  bereits  eine  ärztliche  Behandlung  begonnen,  um  seine 
Kriegstraumata zu überwinden, 

dass  diese Einwände –  und im Übrigen  auch die  eingereichten Be-
weismittel  (Polizeibericht  aus Tuzla,  Arztzeugnis aus Tuzla)  – an der 
Zuständigkeit  Deutschlands für  die Durchführung des Asylverfahrens 
nicht ändern und auch keinen Anlass zur Ausübung des Selbsteintritts-
rechts  der  Schweiz  (Art. 3  Abs. 2  Dublin-II-VO,  Art.  29a  Abs.  3  der 
Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen 
[AsylV 1, SR 142.311]) begründen,

dass das BFM bezüglich des bereits im Rahmen des ihm gewährten 
rechtlichen  Gehörs  erfolgten  Einwandes  des  Beschwerdeführers,  er 
wolle  in  der  Schweiz  bleiben,  weil  in  Deutschland niemanden habe, 
während  er  hier  Verwandte  habe  und  er  jemanden  an  seiner  Seite 
brauche, da er vom Krieg traumatisiert sei, zu Recht ausführte, seine 
in  der  Schweiz  ansässigen  Verwandten,  eine  Halbschwester  mütter-
licherseits und ein Onkel, gehörten nicht zu dem in Art. 2 Bst.  i Dublin-
II-VO als "Familienangehörige"  bezeichneten Personenkreis, weshalb 
sich  eine  Zuständigkeit  der  Schweiz  zur  Durchführung  des  Asylver-
fahrens nicht aus Art. 7 der Dublin-II-VO ableiten lässt,

dass zwar  im Gegensatz zu Art. 2 Bst. i  der Dublin-II-VO der Begriff 
der Familienangehörigen gemäss Art. 8 der Konvention vom 4. Novem-
ber  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten 
(EMRK, SR 0.101) weitere Angehörige umfassen kann (wie beispiels-
weise die Beziehung zwischen Geschwistern), sofern eine nahe, echte 
und tatsächlich gelebte Beziehung besteht, 

dass  allerdings  im  Verhältnis  zwischen  Verwandten  ausserhalb  der 
Kernfamilie  die  Berufung auf  den Grundsatz  der  Familieneinheit  ge-
mäss  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgericht  –  nebst  einer 
nahen, echten und tatsächlich gelebten Beziehung – grundsätzlich ein 
besonderes Abhängigkeitsverhältnis voraussetzt  (vgl. Entscheide des 
Schweizerischen Bundesverwaltungsgerichts [BVGE] 2008/47 E. 4.1.1 
S. 677 f., CARONI MARTINA, Schriften zum Europäischen Recht, Band 58, 

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Privat-  und  Familienleben  zwischen  Menschenrecht  und  Migration, 
S. 25 und S. 35 mit Hinweisen auf Urteile des Europäischen Gerichts-
hofs für Menschenrechte, Strassburg), 

dass aufgrund der Angaben des Beschwerdeführers nicht geschlossen 
werden kann, zwischen ihm und seinen seit über zehn Jahren in der 
Schweiz ansässigen Verwandten bestehe nebst  einer  nahen,  echten 
und  tatsächlich  gelebten  Beziehung  ein  besonderes  Abhängigkeits-
verhältnis, welchem allenfalls unter Berücksichtigung von Art. 8 EMRK 
im Rahmen des Selbsteintrittsrechts gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin-II-VO 
Rechnung zu tragen wäre,

dass im Übrigen – wie das BFM zutreffend ausführte – adäquate Mög-
lichkeiten für die Behandlung der vom Beschwerdeführer geltend ge-
machten,  während  des  Krieges  erfolgten  Traumatisierung,  auch  in 
Deutschland zur Verfügung stehen,

dass  im  Sinne  einer  antizipierten  Beweiswürdigung  (vgl.  BVGE 
2008/24 E. 7.2 S. 356,  ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, 
Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, Handbücher für die 
Anwaltspraxis, Band X, Basel 2008, Rz. 3.144 S. 165)  davon ausge-
gangen werden kann,  der  in  Aussicht  gestellte  medizinische Bericht 
von  Frau  Dr.  med.  C.________  werde  keine  Erkenntnisse  zu  Tage 
fördern,  welche  diesbezüglich  zu  einer  anderen  Beurteilung  führen 
könnten, 

dass  deshalb  der  Antrag  auf  Ansetzung  einer  Frist  zur  Einreichung 
eines Arztberichts sowie weiterer – ohnehin nicht näher bezeichneter – 
Dokumente abzuweisen ist,

dass auch sonst keine Gründe zur Ausübung des Selbsteintrittsrechts 
der  Schweiz  (Art. 3  Abs. 2  Dublin-II-VO)  ersichtlich  sind,  zumal 
Deutschland Signatarstaat des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die 
Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30), der EMRK und des 
Übereinkommens vom 10. Dezember  1984 gegen Folter  und andere 
grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe 
(FoK, SR 0.105) ist, und sich aus den Akten keine konkreten Hinweise 
ergeben, wonach Deutschland seine sich daraus ergebenden völker-
rechtlichen Verpflichtungen generell oder in Bezug auf die Person des 
Beschwerdeführers nicht einhält,

dass das BFM demzufolge zu Recht in Anwendung von Art.  34 Abs. 2 
Bst. d AsylG auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist,

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dass das Nichteintreten auf ein Asylgesuch in der Regel die Wegwei-
sung aus der Schweiz zur Folge hat (Art. 44 Abs. 1 AsylG), vorliegend 
der Kanton keine Aufenthaltsbewilligung erteilt hat und zudem kein An-
spruch auf Erteilung einer solchen besteht (vgl. Entscheidungen und 
Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK] 
2001  Nr. 21),  weshalb die verfügte Wegweisung im Einklang mit den 
gesetzlichen  Bestimmungen steht  und  demnach  vom Bundesamt  zu 
Recht angeordnet wurde,

dass im Rahmen des Dublin-Verfahrens, bei dem es sich um ein Über-
stellungsverfahren  in  den für  die  Prüfung des  Asylgesuches  zustän-
digen Staat handelt, systembedingt kein Raum bleibt für Ersatzmass-
nahmen im Sinne von Art. 44 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 1 des 
Bundesgesetzes  vom  16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen 
und Ausländer (AuG, SR 142.20),

dass eine entsprechende Prüfung soweit  notwendig vielmehr  bereits 
im Rahmen des Nichteintretensentscheides stattfinden muss,

dass  in  diesem  Sinne  die  Vorinstanz  den  Vollzug  der  Wegweisung 
nach Deutschland zu Recht  als  zulässig,  zumutbar  und möglich be-
zeichnet hat,

dass es dem Beschwerdeführer demnach nicht gelungen ist darzutun, 
inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt,  den 
rechtserheblichen  Sachverhalt  unrichtig  oder  unvollständig  feststellt 
oder unangemessen ist (Art. 106 AsylG), weshalb die Beschwerde ab-
zuweisen ist, 

dass das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung 
gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG abzuweisen ist, da die Begehren – wie 
sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu 
bezeichnen  sind,  weshalb  die  kumulativen  Voraussetzungen  für  die 
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege nicht erfüllt sind,

dass  bei  diesem Ausgang  des  Verfahrens  die  Kosten  von  Fr. 600.-- 
(Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und 
Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE, 
SR 173.320.2])  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  sind  (Art. 63 
Abs. 1 und 5 VwVG).

(Dispositiv nächste Seite)

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Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird 
abgewiesen.

3.
Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.--  werden  dem  Beschwerdeführer 
auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zu 
Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen.

4.
Dieses Urteil geht an: 

- den  Rechtsvertreter  des  Beschwerdeführers  (Einschreiben,  Beila-
gen: Einzahlungsschein, angefochtene Verfügung im Original)

- das BFM, Abteilung Aufenthalt,  mit  den Akten Ref.-Nr. N (...)  (per 
Kurier; in Kopie)

- (zuständige kantonale Behörde) (in Kopie)

Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin:

Walter Lang Claudia Jorns Morgenegg

Versand: 

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