# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 008ca327-eba2-5589-9959-327898d82e99
**Source:** Solothurn (SO)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 1975-02-04
**Language:** de
**Title:** Solothurn Obergericht Jugendgerichtskammer 04.02.1975 ZZ.1975.7 (Erw. 2)
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SO_Omni/SO_OG_003_ZZ-1975-7_1975-02-04.html

## Full Text

SOG 1975 Nr. 7   

 

 

Art. 12 Abs. 1 Bundesgesetz über die Erhaltung des
bäuerlichen Grundbesitzes. Zur Auslegung dieser Bestimmung in der Neufassung
vom 9. Oktober 1972: 

-    Anforderungen
an den Beweis, dass der Wille zur Selbstbewirtschaftung vorhanden ist (Erw. 2);

-    Die
Selbstbewirtschaftung muss nicht unbedingt sofort beginnen, darf indessen nicht
auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben werden (Erw. 2); 

-    Welche
Bedeutung hat die Aufnahme des Begriffes der Eignung in den Gesetzestext? (Erw.
3); 

-     Keine
Voraussetzungen für die Bejahung der Eignung sind: Ablegung der landwirtschaftlichen
Fähigkeitsprüfung oder Verheiratung? (Erw. 3a und b).  

 

 

XY verkaufte seinen Hof einer Aktiengesellschaft. Der eine
seiner Söhne, ein gelernter Mechaniker und Automechaniker, machte das Vorkaufsrecht
zum Ertragswert nach Art. 12 des Bundesgesetzes über die Erhaltung des
bäuerlichen Grundbesitzes (EGG) geltend. Der Vater bestritt das Vorkaufsrecht.
Der Sohn reichte fristgemäss Klage ein. Das Obergericht als Appellationsinstanz
äusserte sich zu den Hauptfragen des Prozesses, nämlich ob der Kläger den Hof
zur Selbstbewirtschaftung beanspruche und ob er hiefür geeignet sei, wie folgt: 

 

1. Er ist unbestritten, dass dem Kläger am Hof S. das
Vorkaufsrecht nach Art. 6 ff. EGG zusteht und dass er dieses in bezug auf den Kaufvertrag
vom 22.6.1975 zwischen dem Beklagten und der Aktiengesellschaft geltend machen
kann. Der Beklagte bestreitet indessen, dass der Kläger das Vorkaufsrecht im
Sinne von Art. 12 EGG zum Ertragswert ausüben kann. nach seiner Auffassung sind
die Voraussetzungen nach Art. 12 EGG nicht gegeben. 

 

Nach Art. 12 EGG können Blutsverwandte in gerader Linie das
Vorkaufsrecht zum Ertragswert ausüben, wenn sie die Liegenschaft zur Selbstbewirtschaftung
beanspruchen und hiefür geeignet erscheinen. Seit der Neufassung des Art. 12
durch das Bundesgesetz über Änderungen des bäuerlichen Zivilrechtes vom
6.10.1972 ist klar, dass der Vorkaufsberechtigte, der zum privilegierten Übernahmepreis
erwerben will, sowohl den Willen zur Selbstbewirtschaftung wie auch die Eignung
zur Selbstbewirtschaftung beweisen muss.  

 

2. Was den Willen zur Selbstbewirtschaftung anbelangt: Da es
sich um einen innerpsychischen Vorgang handelt, können an den Beweis keine
strengen Anforderungen gestellt werden. Wenn der Wille erklärt worden ist und
die zweite Voraussetzung des Art. 12 - die Eignung zur Selbstbewirtschaftung,
welche den Willen zur Selbstbewirtschaftung glaubhaft macht - ihrerseits
nachgewiesen ist, muss der Wille zur Selbstbewirtschaftung als gegeben
angenommen werden, es sei denn, die Gegenpartei vermöge Umstände zu beweisen,
welche die Ernsthaftigkeit des Willens in Frage stellen (vgl. BGE 88 II 189;
der Entscheid bezieht sich allerdings noch auf die alte Fassung von Art. 12
EGG, wo die Eignung noch nicht ausdrücklich als Voraussetzung genannt war). 

 

Der Kläger hat den Willen zur Selbstbewirtschaftung klar
kundgetan. In der Befragung vor Obergericht hat er auch klargemacht, dass er
den Hof S. hauptberuflich führen wolle und nur für den Winter an eine Nebenbeschäftigung
denke. Der Beklagte macht geltend, der Kläger wolle den Hof nicht jetzt
übernehmen, sondern erst nach Absolvierung eines Kurses und eines Praktikums.
Ein solches Hinausschieben der Selbstbewirtschaftung sei aber vor Art. 12 EGG
nicht erlaubt. Es handelt sich indessen nicht um ein Hinausschieben auf
unbestimmte Zeit. Der Kläger hat vielmehr erklärt -- es wird noch in anderem
Zusammenhang darauf einzugehen sein --, er wolle ab Herbst 1975 einen
Winterkurs in der landwirtschaftlichen Schule Wallierhof besuchen und
anschliessend über den Sommer ein Praktikum absolvieren, so dass er im Herbst
1976 mit der Bewirtschaftung des Hofes beginnen könnte. Dies sei aber nur
möglich, wenn rechtzeitig entschieden werde, dass er den Hof zum privilegierten
Preis übernehmen könne; ohne rechtskräftiges Urteil wolle er den Berufswechsel
nicht vollziehen. Der Kläger hat also einen klaren Zeitplan vorgelegt, der von
der Sache her gesehen auch vernünftig erscheint (dazu auch hinten unter Ziff.
3).In jedem Fall wird die Übernahme eines Hofes, wenn ihr ein derartiger Rechtsstreit
vorangeht, eine gewisse Zeit beanspruchen. Es kann keine Rede sein davon, dass
der Zeitplan des Klägers mit dem Wortlaut oder dem Sinne des Art. 12 EGG in
Widerspruch stände. 

 

(Es folgt eine Auseinandersetzung mit weitern Einwänden des
Beklagten, welche die Ernsthaftigkeit des Willens zur Selbstbewirtschaftung in
Frage stellen wollen. Die Einwände werden abgewiesen.)  

 

3. Die zweite Voraussetzung für die Übernahme zum Ertragswert
ist die Eignung zur Selbstbewirtschaftung. Sie ist durch die Neufassung des
Art. 12 EGG zur selbständigen Voraussetzung geworden. Schon vorher aber hatte
das Bundesgericht bereits Eignung zur Selbstbewirtschaftung verlangt mit der
Begründung, Selbstbewirtschaftung ohne gewisse persönliche Fähigkeiten sei
undenkbar und die Preisvergünstigung sei nicht gerechtfertigt, wenn der Wille
zur Selbstbewirtschaftung auf einer Illusion beruhe (BGE 81 II 574/575; 88 II
190).Es fragt sich, ob die ausdrückliche Erwähnung der Eignung im Gesetzestext
etwas Neues gebracht hat -- vor allem einen strengeren Massstab -- oder ob sie
einfach die bisherige bundesgerichtliche Praxis bestätigen will. In der Doktrin
und der publizierten Judikatur findet sich darüber noch nichts. Auch die Materialien
geben keine ausdrückliche Auskunft. Die Wendung "und hiefür geeignet
erscheint" ist erst im Nationalrat in den Text aufgenommen worden. Dabei
ging es offenbar um ein Gleichziehen mit Art. 621 Abs. 2 ZGB, für welche
Bestimmung bereits eine Ergänzung gleichen Sinnes vorgeschlagen war (vgl.
Ergänzungsbotschaft des Bundesrates vom 8.3.1971, BBl. 1971, S. 748, und den
zugehörigen revidierten Entwurf).Weder zur betreffenden Ergänzung des Art. 12
Abs. 1 EGG noch zu derjenigen des Art. 621 Abs. 2 ZGB finden sich Ausführungen
über die Frage, ob man mit der Abänderung über die bisherige Praxis des
Bundesgerichtes hinausgehen wollte oder nicht (insbesondere enthält, was Art.
621 Abs. 2 ZGB anbelangt, auch die Ergänzungsbotschaft des Bundesrates nichts
darüber). Das Stillschweigen, die Selbstverständlichkeit der Ergänzungen,
deutet eher darauf hin, dass es sich um eine Fixierung der bisherigen Praxis handeln
sollte. Nun ist allerdings die publizierte Bundesgerichtspraxis zum Begriff der
Eignung nach Art. 12 EGG (alte Fassung) etwas mager und sagt zum anzulegenden
Massstab wenig aus (vgl. BGE 81 II 574/575; 88 II 190).Es erscheint deshalb
richtig, die Praxis zu Art. 620 Abs. 1 ZGB beizuziehen, bei der es ja --
allerdings im Zusammenhang der Erbteilung -- ebenfalls darum geht, dass der Hof
zum Schatzungswert übernommen werden kann (vgl. die Zusammenstellung der Praxis
bei Tuor/Picenoni, N. 16 ff. zu Art. 620).Eine Änderung hat allerdings die Aufnahme
des Begriffes der Eignung in den Gesetzestext sicher gebracht: nämlich, dass
grundsätzlich der Kläger seine Eignung und nicht der Beklagte den Mangel an
Eignung beweisen muss. 

 

Der Kläger vermag seine Eignung zur Selbstbewirtschaftung
durch die beim Obergericht durchgeführte Expertise zu beweisen. Er ist vom Experten
und zweien von diesem beigezogenen Meisterbauern auf dem Hofe der
landwirtschaftlichen Schule Wallierhof einer praktischen Prüfung unterzogen
worden. Diese Prüfung entsprach faktisch der sogenannten Praxisprüfung, wie sie
zur Zeit -- als Übergangslösung -- an Stelle der Lehrlingsprüfung abgelegt
werden kann als Voraussetzung für die Zulassung zur Fähigkeitsprüfung. Der
Kläger hat diese Prüfung nach der Auffassung des Experten und seiner
Gewährsleute bestanden und hat die praktische Eignung zur Übernahme des
väterlichen Hofes gezeigt. Was ihm noch fehlt, ist vermehrte praktische
Erfahrung und vermehrte theoretische Kenntnisse. Bei der praktischen Erfahrung
geht es insbesondere um das Einüben des Melkens; der Kläger versteht zwar grundsätzlich
zu melken, hat aber mangels Übung zu wenig Kraft, um korrekt ausmelken zu
können. Die fehlenden theoretischen Kenntnisse kann der Kläger mit dem Besuch
eines Winterkurses der landwirtschaftlichen Schule (Kurs 2) erwerben. Der
Experte sieht voraus, dass der Kläger bei seiner Begabung und seinen heutigen
Kenntnissen die Fähigkeitsprüfung aller Wahrscheinlichkeit nach bestehen wird.
Wenn er im Anschluss an den Kurs noch den Sommer über ein Praktikum absolviert,
ist er nach Überzeugung des Experten "ein rechter Bauer".Der Kläger
hat erklärt, dass er den Winterkurs auf dem Wallierhof besuchen und
anschliessend das Praktikum auf einem Gutsbetrieb absolvieren werde. Die
Befragung vor Obergericht hat im weitern ergeben, dass des Klägers Bewirtschaftungspläne
für den Hof S. realisierbar sind und der Auffassung des Experten, der
kantonaler Betriebsberater für Bergbetriebe ist, entsprechen. 

 

Die Ergebnisse der Expertise und der Befragung vor
Obergericht haben eine ganze Reihe von Einwänden, die der Beklagte im Verlaufe
des Verfahrens in bezug auf die Eignung des Klägers erhoben hat, erledigt. Nachdem
die praktische Prüfung so positiv verlaufen ist und der Experte beim Kläger
offensichtlich Vertrautheit mit einem landwirtschaftlichen Betrieb festgestellt
hat, kann insbesondere die Frage, in welchem Ausmass der Kläger in früheren
Jahren im väterlichen Betrieb mitgeholfen hat, dahingestellt bleiben. Auf zwei
Einwände des Beklagten ist noch besonders einzugehen. 

 

a) Einmal die Auffassung des Beklagten, Eignung im Sinne von
Art. 12 EGG könne nur dann angenommen werden, wenn die Fähigkeitsprüfung abgelegt
worden sei oder wenn wenigstens Kenntnisse dargetan seien, die der
Fähigkeitsprüfung entsprechen. Der Beklagte beruft sich auf die moderne
Konzeption der landwirtschaftlichen Ausbildung und macht geltend, dass heute
ein Bauer ohne genügende Ausbildung wirtschaftlich nicht bestehen könne. Der
Kläger hat die Fähigkeitsprüfung nicht abgelegt und hat, wie vorn dargelegt,
ohne Besuch des Winterkurses auch noch nicht alle theoretischen Kenntnisse zur
Ablegung der Fähigkeitsprüfung. Aber es ist nun sehr fraglich, ob Art. 12 Abs.
1 EGG dahin auszulegen ist, dass nur derjenige das Preisprivileg dieser Bestimmung
geltend machen dürfe, der einen bestimmten beruflichen Ausweis, insbesondere
den Fähigkeitsausweis, vorlegt. Eine solche Auslegung steht nicht im Einklang
mit der bisherigen bundesgerichtlichen Praxis, wie sie im besondern zum Begriff
der Eignung in Art. 620 ZGB entwickelt worden ist. Das Bundesgericht hat den
Begriff nie derart streng und formalistisch ausgelegt. Es wird auch in Zukunft
kaum zu einer solchen Praxis gelangen. Die Sachlage mag sich dann ändern, wenn
es einmal landesüblich werden sollte, dass der Leiter eines
landwirtschaftlichen Betriebes die Fähigkeitsprüfung abgelegt hat. Heute ist
das, wie der Experte dargelegt hat, bei weitem nicht so, und deshalb kann die
Fähigkeitsprüfung auch nicht Voraussetzung für die Übernahme nach Art. 12 EGG
sein. Im übrigen hat nun aber der Experte beim Kläger soviel Eignung und Kenntnisse
festgestellt, dass er ihm nach Absolvierung des Winterkurses die Ablegung der
Fähigkeitsprüfung ohne weiteres zutraut. Die Absolvierung des Kurses ist
durchaus möglich, und damit ist auch der Erwerb des Fähigkeitsausweises in
nützlicher Frist nicht ein illusionärer Wunsch, sondern durchaus möglich und
sogar sehr wahrscheinlich. 

 

b) Der weitere Einwand, auf den noch einzugehen ist,
betrifft folgendes: Der Beklagte macht geltend, der Kläger sei nicht
verheiratet und könne den Hof ohne Frau nicht führen; das sei ein ganz
schwerwiegendes praktisches Hindernis für die Selbstbewirtschaftung und
widerspreche zudem dem Sinn des Gesetzes, wie er sich aus Art. 11 Abs. 2 Satz 2
EGG ergebe, wo ohne weiteres Verheiratung des Übernehmers vorausgesetzt sei. Vorab
ist festzuhalten: Art. 11 Abs. 2 Satz 2 EGG lässt keineswegs den Schluss zu,
dass nur verheiratete Verwandte das Vorkaufsrecht ausüben dürften. Dieser
Bestimmung kommt weder grammatikalisch noch aus dem Zusammenhang ein solcher
Sinn zu. Das Gesetz verbietet nirgends, dass ein Unverheirateter das
Vorkaufsrecht -- überhaupt oder insbesondere zum privilegierten Preis --
ausübt. -- Was die faktische Lage betrifft: Der Kläger beruft sich darauf, dass
er seine Mutter zu sich nehmen werde. Seine Mutter ist indessen 69 Jahre alt
und gehbehindert. Das Gericht hat deshalb dem Experten die Frage gestellt, ob
der Hof auch als Einmannbetrieb geführt werden könnte. Der Experte hat dies
bejaht und hat darauf hingewiesen, dass es zahlreiche solche Einmannbetriebe
gebe. Bei der ganzen Würdigung der beruflichen Eignung des Klägers ist schliesslich
auch noch zu berücksichtigen, was der Kläger aus seiner Ausbildung und
Erfahrung als Mechaniker und Automechaniker mitbringt: neben den mechanischen
Fähigkeiten und Kenntnissen auch die allgemeinen Kenntnisse und Erfahrungen
eines qualifizierten Berufsmannes überhaupt; u. a. hatte er in seinem
Meisterkurs auch Unterricht in doppelter Buchführung. Bei dieser ganzen
Sachlage kann dem Kläger die berufliche Eignung nicht abgesprochen werden. 

 

Obergericht Zivilkammer, Urteil vom 4. Februar 1975