# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** aa3da39a-45da-5644-8f5a-0c6994d106f7
**Source:** Graubünden (GR)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 
**Language:** de
**Title:** Graubünden Kantonsgericht Sonstige Kammern 00.00.0000 SR1 2024 5
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/GR_Gerichte/GR_KG_999_SR1-2024-5_0000-00-00.pdf

## Full Text

Kantonsgericht von Graubünden
Dretgira chantunala dal Grischun
Tribunale cantonale dei Grigioni

Verfügung vom 31. Januar 2024

Referenz SK1 24 5

Instanz I. Strafkammer 

Besetzung Moses, Vorsitzender
Coray-Mosele, Aktuarin

Parteien A._____

gegen

B._____
Beschuldigter
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Reto Nigg
Reichsgasse 65, 7000 Chur 

Gegenstand versuchte vorsätzliche Tötung etc.

Mitteilung 31. Januar 2024

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Sachverhalt

A. Die Staatsanwaltschaft erhob am 18. September 2023 Anklage gegen 
B._____ wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zum Nachteil von C._____. Zu-
dem soll sich B._____ der Beschimpfung zum Nachteil von G._____ sowie weite-
rer Übertretungen schuldig gemacht haben.

B. Das Regionalgericht Plessur erklärte B._____ am 26. Januar 2024 der ver-
suchten schweren Körperverletzung begangen in entschuldbarer Notwehr, der 
mehrfachen Übertretung gegen das Personenbeförderungsgesetz und der mehr-
fachen Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes schuldig. Vom Vorwurf der Be-
schimpfung sprach es ihn frei. Es bestrafte B._____ mit einer bedingten Freiheits-
strafe von 18 Monaten und einer Busse von CHF 500.00. Gleichzeitig ordnete das 
Regionalgericht die unverzügliche Entlassung von B._____ aus der Haft an.

C. Die Staatsanwaltschaft stellte am 26. Januar 2024 anlässlich der mündli-
chen Urteilseröffnung vor dem Regionalgericht zuhanden der Verfahrensleitung 
des Berufungsgerichts einen Antrag auf Fortsetzung der Sicherheitshaft gemäss 
Art. 231 Abs. 2 lit. b StPO. Der amtliche Verteidiger von B._____ nahm hierzu am 
29. Januar 2024 Stellung. Die Staatsanwaltschaft replizierte am 30. Januar 2024.

D. Am 30. Januar 2024 stellte die Staatsanwaltschaft einen zusätzlichen An-
trag auf Anordnung von Sicherheitshaft. Diese sei in Anwendung von Art. 232 
Abs. 1 StPO zu verfügen.

Erwägungen

1. Wird die inhaftierte beschuldigte Person freigesprochen und verfügt das 
erstinstanzliche Gericht deren Freilassung, so kann die Staatsanwaltschaft beim 
erstinstanzlichen Gericht zu Handen der Verfahrensleitung des Berufungsgerichts 
die Fortsetzung der Sicherheitshaft beantragen, wenn die ernsthafte und unmittel-
bare Gefahr besteht, dass sie durch Verbrechen oder schwere Vergehen die Si-
cherheit anderer unmittelbar erheblich gefährdet (Art. 231 Abs. 2 lit. b StPO). 

Die Staatsanwaltschaft führt in ihrem Antrag vom 26. Januar 2024 aus, dass 
B._____ C._____ aus nichtigen Gründen niedergestochen habe. Bei einer Freilas-
sung von B._____ bestehe die unmittelbare Gefahr, dass dieser sich zu C._____ 
begeben werde, um sich für die damalige Auseinandersetzung zu rächen (act. I.2). 
Die Staatsanwaltschaft verweist zur Ausführungsgefahr bzw. für die Gewaltbereit-
schaft von B._____ auf einen Antrag vom 23. Januar 2023 der JVA H._____ auf 
Versetzung in eine andere Vollzugseinrichtung (act. I.2.1). Diesem Antrag ist zu 

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entnehmen, dass der Beschuldigte gegenüber dem Vollzugspersonal erklärt habe, 
dass sich in der JVA H._____ eine eingewiesene Person befinde, welche ihn in 
einem Strafverfahren zu Unrecht beschuldigt habe. Dieses erfahrene Unrecht 
werde er nicht auf sich beruhen lassen und bei einem persönlichen Kontakt werde 
mit Bestimmtheit etwas geschehen. Diese Drohung habe der Beschuldigte wie-
derholt und auch gegenüber seiner eigenen Rechtsvertretung geäussert. Auf mög-
liche Konsequenzen angesprochen, sei B._____ kaum zugänglich gewesen.

Die Verteidigung äussert sich hierzu zusammengefasst wie folgt: zwischen dem 
Beschuldigten und C._____ bestehe keine "offene Rechnung". Auch sei der 
Schluss auf eine erhöhte Gewaltbereitschaft unzulässig. Es seien keine entspre-
chenden Vorstrafen aktenkundig und der Beschuldigte sei weder in der JVA 
H._____ noch in der JVA I._____ negativ aufgefallen. Hinsichtlich des Schreibens 
der JVA H._____ vom 23. Januar 2023 macht die Verteidigung zunächst geltend, 
dass dieses über ein Jahr zurückliege und sich die Gemüter seither stark beruhigt 
hätten. Abgesehen davon, sei der im Schreiben der JVA H._____ nicht namentlich 
erwähnte Mitinsasse nicht C._____, sondern G._____. Letzterer habe ihn zu Un-
recht der Beschimpfung beschuldigt. Der Verteidiger führt weiter aus, der Be-
schuldigte habe ihn am 9. Januar 2023 angerufen und ihm mitgeteilt, dass sich 
G._____ im selben Gefängnis befinde wie er und er nicht wisse, was im Falle ei-
ner Begegnung geschehen würde. Gleichentags habe der Verteidiger die Staats-
anwaltschaft über einen möglichen Konflikt zwischen dem Beschuldigten und 
G._____ informiert und eine Verlegung in ein anderes Gefängnis angeregt. Dies 
sei dann auch geschehen (act. I.5).

Replizierend hält die Staatsanwaltschaft fest, der Beschuldigte und C._____ wür-
den sich offensichtlich nicht verstehen. Es bestehe das hohe Risiko, dass der Be-
schuldigte bei einer Freilassung in den Stadtpark zurückkehre, dort auf C._____ 
treffe und es zu einer erneuten Auseinandersetzung komme. Dass beim Beschul-
digten eine erhöhte Gewaltbereitschaft vorliege, ergäbe sich klar aus dem Schrei-
ben der JVA H._____ vom 23. Januar 2023. Diese sei mithin auch der Grund für 
die Verlegung von der JVA H._____ in die JVA I._____ gewesen (act. I.9).

2. Die Staatsanwaltschaft stützt ihren Antrag auf Fortsetzung der Sicherheits-
haft auf das Schreiben der JVA H._____ vom 23. Januar 2023. Dieses bezeichnet 
aber den Mitinsassen, in Bezug auf welchen der Beschuldigte "Drohungen" aus-
gesprochen haben soll, nicht namentlich. Die Darstellung der Verteidigung, wo-
nach es sich um G._____ und nicht um C._____ gehandelt haben soll – was im 
Übrigen auch B._____ auf Ergänzungsfrage der Staatsanwaltschaft vor Schran-
ken bestätigte (RG act. 32 Frage 108 ff.) –, blieb in der Replik der Staatsanwalt-

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schaft unwidersprochen. Ebenso unwidersprochen blieb, dass der Beschuldigte im 
letzten Jahr in den JVA I._____ nicht negativ aufgefallen sei. Dazu, dass es zwi-
schen dem Beschuldigten und C._____ aktuell keine "offenen Rechnungen" mehr 
gebe, erwiderte die Staatsanwaltschaft einzig, dass sich die Beteiligten "offensicht-
lich" nicht verstehen würden, ohne darzulegen, inwiefern dies heute noch der Fall 
sein soll, und ohne auf den Hinweis der Verteidigung einzugehen, dass sich 
B._____ anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung bei C._____ und des-
sen Familie entschuldigt hat (RG act. 32 Frage 112). Eine konkrete und aktuelle 
Gefahr, dass sich der Beschuldigte im Falle einer Freilassung in den Stadtpark 
begibt, um sich dort an C._____ für die damalige Auseinandersetzung zu rächen, 
kann damit aus dem Schreiben der JVA H._____ vom 23. Januar 2023 nicht abge-
leitet werden und ist im Übrigen auch nicht ersichtlich. Eine Gefahr für G._____ 
macht die Staatsanwaltschaft nicht geltend. Nach dem erstinstanzlichen Frei-
spruch vom Vorwurf der Beschimpfung ist eine solche auch nicht anzunehmen. 
Der Antrag der Staatsanwaltschaft vom 26. Januar 2024 ist damit abzuweisen.

3. Art. 232 StPO regelt die erstmalige Anordnung von Sicherheitshaft nach 
Rechtshängigkeit des Berufungsverfahrens (Marc Forster, in: Niggli/Heer/
Wiprächtiger [Hrsg.], Basler Kommentar Strafprozessordnung, Basel 2023, N 1 zu 
Art. 232 StPO). Diese tritt erst mit der Übermittlung der Akten nach Ausfertigung 
des begründeten Urteils ein (Art. 299 Abs. 2 StPO). Solange – wie vorliegende – 
das begründete erstinstanzliche Urteil noch nicht vorliegt, besteht für die Anwen-
dung von Art. 232 StPO kein Raum. In der Zeit zwischen der mündlichen Eröff-
nung des Urteils und der Rechtshängigkeit beim Berufungsgericht kommt für die 
Anordnung von Sicherheitshaft – im Falle eines Freispruchs – einzig Art. 231 
Abs. 2 lit. b StPO zur Anwendung, welcher die Haftgründe in diesem Zeitraum ab-
schliessend regelt. In dieser Hinsicht würde eine parallele Anwendung von 
Art. 232 StPO nicht nur die Zuständigkeit der Verfahrensleitung des Berufungsge-
richts sprengen, sondern auch eine unzulässige Umgehung der erst am 1. Januar 
2024 in Kraft getretenen Bestimmung von Art. 231 Abs. 2 lit. b StPO darstellen. 
Auf den Antrag auf Anordnung von Sicherheitshaft vom 30. Januar 2024 ist dem-
nach nicht einzutreten.

4. Über die Kosten und Entschädigungen ist im Endentscheid zu befinden 
(Art. 421 Abs. 1 StPO).

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Demnach wird verfügt:

1. Der Antrag auf Fortsetzung der Sicherheitshaft vom 26. Januar 2024 wird 
abgewiesen.

2. Auf den Antrag auf Anordnung von Sicherheitshaft vom 30. Januar 2024 
wird nicht eingetreten.

3. B._____ ist unverzüglich aus der Haft zu entlassen.

4. Mitteilung an (vorab per Incamail):