# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** aed9d42c-0ae0-5d66-aa0c-b0d043647dad
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-06-15
**Language:** de
**Title:** Neuanmeldung. Zur weiteren Abklärung des Gesundheitszustandes, insbesondere der Einholung eines interdisziplinären Gutachtens, an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen. Gesundheitliche Veränderung nach zwei Unfällen bei i.B. psychischem Vorzustand zu klären. RAD-Stellungnahme nicht beweiskräftig.
**Docket/Reference:** IV.2022.00254
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2022.00254.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2022.00254
I. Kammer
Sozialversicherungsrichterin Fehr, Vorsitzende
Sozialversicherungsrichter Bachofner
Sozialversicherungsrichterin Maurer Reiter
Gerichtsschreiberin Hartmann
Urteil
vom
15. Juni 2023
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Rechtsanwalt Mark A.
Glavas
Advokatur
Glavas
AG
Markusstrasse 10, 8006 Zürich
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
1.1
X.___
, geboren 1994,
absolvierte nach der Sekundarschule
von August 2010 bis Juli 2011
eine
n
Ausbildungs-Vorkurs bei der
Y.___
AG
und begann
dort
ab 1. August 2011 die Lehre zur
Coiffeuse
EFZ, welche sie
im Oktober 2011
früh
zeitig abbrach
(Urk. 7/1/1, Urk. 7/1/3, Urk. 7/2/5
, Urk. 7/22/8
, Urk. 7/30/2
)
.
Im Zeitraum
von
Januar 2011
bis Oktober 2013
hatte
sie
jeweils
während
wenige
r
Monate an verschiedenen Stellen
Tätigkeiten als ungelernte Hilfskraft inne
(Urk. 7/5/2
,
Urk.
7/22/7
,
Urk.
7/22/5
, Urk.
7/17/1
,
Urk. 7/17/2,
Urk.
7/7/
1
,
Urk.
7/30/3)
.
Sie leidet
nebst
psychischen Beschwerden an Hand-, Vorderarm-
und
Rückenbeschwerden (
Urk. 7/1/1,
Urk.
7/35
-37
).
1.2
Im August 2013
meldete
sich die Versicherte
bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung zum Leistungsbezug
an
(
Urk. 7/2,
Urk.
7/25
). Die Sozialversiche
rungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
klärte die erwerblichen und gesund
heitlichen Verhältnisse ab.
Sie
übernahm zudem die Kosten für ein Belastbarkeits- und für ein Aufbautraining
, letztmals für die Zeit vom
9.
November bis
8.
Dezember 2015
(Urk. 7/40
, Urk. 7/48, Urk. 7/60, Urk. 7/69
).
Mit Verfügung vom 2
9.
August 2016
verneinte die IV-Stelle einen Anspruch auf
eine Rente
der Invalidenversicherung mit der Begründung, dass keine durch einen nachweisba
ren Gesundheitsschaden verursachte langan
dauernde Arbeits
un
fähigkeit bestehe (
Urk.
7/101).
1.3
Vom 1
4.
Juli 2017 bis 2
5.
Mai 2019 arbeitete die Versicherte
mit
Rahmenvertrag der Personalberatung
Z.___
AG
als Make-up Artist, Beauty-
Advisor
und Pro
motorin
(Urk. 7/118/5). Ab Juni 2019 war sie für
die
A.___
AG sowie als Freelancer tätig (Urk. 7/113/5, Urk. 7/114/2, Urk. 7/118/1, Urk. 7/119-120).
Am 8.
Mai 2020 erlitt die Versicherte einen Autounfall, bei dem sie sich eine
Distorsion der Halswirbelsäule (HWS
) zuzog (Urk. 7/109/369
,
Urk. 7/109/355-356,
Urk. 7/
109/263,
Urk.
7/109/142
).
Am
7. März 2021
erlitt sie einen weiteren Unfall, bei dem sie
tätlich angegriffen
wurde
(Urk. 7/109/107, Urk. 7/109/103
, Urk. 7/109/49
)
.
Sie litt in der Folge an persistierenden Nacken- und Kopfbeschwerden mit Myogelosen (
Urk.
7/109/
33-
34)
und akzentuierten psychischen Beschwerden (Urk. 7/109/103).
Der zuständige Unfallversicherer, die Suva, erbrachte die gesetzlichen Leistungen
(
Urk. 7/109/328
)
, welche mit Verfü
gung vom 2
2.
Juni 2021
mangels eines adäquaten Kausalzusammenhangs der noch geklagten Beschwerden mit dem Unfallereignis
per 6.
Juli 2021
ein
ge
stellt
wurden
(
Urk.
7/109/24)
.
1.4
Mit Eingang bei der IV-Stelle am 23. Juni 2021 meldete sich die Versicherte erneut
bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung
zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/105).
Die IV-Stelle holte daraufhin das Aktendossier des Unfallversiche
rers (Urk. 7/109/1-369) und
Berichte der behandelnden
Ärztin
med.
pract
.
B.___
,
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 12.
August
2021 und 2
9.
Oktober 2021
(
Urk.
7/112, Urk.
7/124
) ein.
Gestützt auf die Stellungnahme von
Dipl.-med.
C.___
, Fachärztin für Innere Medizin, Prävention und Gesundheitswesen, des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) vom 3. Dezember
2021 (
Urk.
7/125/7-9) kündigte die IV-Stelle mit Vorbescheid vom 1
3.
Dezember 2021 die Abweisung des Leistungsbegehrens an (
Urk.
7/126). Dagegen erhob die Versicherte schriftlich und telefonisch Einwände (Urk. 7/127-128, Urk. 7/130, Urk. 7/132-134).
Mit Verfügung vom 2
8. März 2022
wies die IV-
Stelle
das Leistungsbegehren wie angekündigt ab (Urk. 7/137).
2.
Hiergegen erhob die Versicherte mit Eingab vom
1
1.
Mai 2022
Beschwerde und beantragte,
die Verfügung
vom 28. März 2022 sei aufzuheben und die vorlie
gende Streitsache sei zu weiteren Ab
klärungen, insbesondere einer Begutachtung, an die
Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen (Urk. 1 S. 2).
M
it der Beschwerde reichte die Beschwerdeführerin die ärztliche Beurteilung der Kreisärztin med.
pract
.
D.___
, Fachärztin für Chirurgie,
vom 10.
Dezember 2021 ein (Urk. 3/4).
Die
Beschwerdegegnerin
schloss in der Beschwerdeantwort vom 22.
Juni 2022 auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6), was der
Beschwerde
führerin
am
2
3.
Juni 2022 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk.
8).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung
haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da der Zeit
punkt des Invaliditätseintritts (Art. 28 Abs. 1 und 1
bis
IVG) und jener des Renten
anspruchs nicht unbedingt identisch sind, fällt eine Invalidenrente unter das neue Recht, wenn der Anspruchsbeginn ab dem 1. Januar 2022 liegt, auch wenn die Invalidität vor diesem Zeitpunkt eingetreten ist. Neurechtliche Invalidenrenten sind somit Renten, auf die gemäss Art. 29 Abs. 1 und 2 IVG der Anspruch ab dem 1. Januar 2022 entsteht (vgl.
Rz
1008 des Kreisschreibens zu den Übergangsbe
stimmungen zur Einführung des linearen Rentensystems, KS ÜB WE IV, gültig ab 1. Januar 2022).
Die angefochtene Verfügung
vom 2
8.
März 2022 (
Urk.
2)
erging nach dem 1. Januar 202
2.
Da
in Anbetracht der Neuanmeldung am
2
3.
Juni 2021
(
Art.
29
Abs.
1 und
Abs.
3 IVG)
die Entstehung eines Rentenanspruchs vorliegend bereits vor dem 1. Januar 2022 in Betracht fällt, sind die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fas
sung zitiert werden.
2.
2.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7
Abs. 2 ATSG).
2.
2
2.2.1
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die
nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.
2.2
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Inva
liditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizi
nisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwie
gender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
2.
3
2.
3
.1
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28
Abs. 2 IVG).
Der Rentenanspruch entsteht frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Art. 29 Absatz 1 ATSG, jedoch
frühestens im Monat, der auf die Vollendung des 18. Altersjahres folgt (Art. 29 Abs. 1 IVG). Die Rente wird vom Beginn des Monats an ausbezahlt, in dem der Rentenanspruch entsteht (Art. 29 Abs. 3 IVG).
2.
3.2
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
). Der Einkommens
vergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypotheti
schen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invali
ditätsgrad bestimmen lässt (sog. allgemeine Methode des Einkommensvergleichs; BGE 130 V 343 E. 3.4.2, 128 V 29 E. 1).
2.
4
2.
4
.1
War eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert worden und ist die Verwaltung auf eine Neuanmeldung eingetreten (Art. 87 Abs. 3 IVV), so ist im Beschwerdeverfahren zu prüfen, ob im Sinne von Art. 17 ATSG eine für den Rentenanspruch relevante Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten ist (BGE 117 V 198 E. 3a mit Hinweis; Urteil des Bundesgerichts I
659/04 vom 9. Februar 2005 E. 1.1).
Bei einer Neuanmeldung der versicherten Person bei der IV-Stelle sind die Revisionsregeln demnach analog anwendbar (BGE 141 V 585 E. 5.3 in
fine
, 133 V 108 E. 5.2, je mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 8C_317/2022 vom 7. September 2022 E. 2.2 mit Hinweisen).
2.
4
.2
Gemäss
Art.
17
Abs.
1 ATSG wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben, wenn sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezügers erheb
lich ändert. Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit Zusprechung der Rente, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des Gesundheitszustandes revidierbar. Weiter sind, auch bei an sich gleich gebliebenem Gesundheitszustand, veränderte Auswirkungen auf den Erwerbs- oder Aufgabenbereich von Bedeutung (BGE 141 V 9 E. 2.3, 134 V 131 E. 3). Hingegen ist die lediglich unterschiedliche
Beurteilung eines im Wesentlichen gleich gebliebenen Sachverhalts im revisions
rechtlichen Kontext unbeachtlich (BGE 144 I 103 E. 2.1, 141 V 9 E. 2.3, je mit Hinweisen). Weder eine im Vergleich zu früheren ärztlichen Einschätzungen ungleich attestierte Arbeitsunfähigkeit noch eine unterschiedliche diagnostische Einordnung des geltend gemachten Leidens genügt somit per se, um auf einen verbesserten oder verschlechterten Gesundheitszustand zu schliessen; notwendig ist in diesem Zusammenhang vielmehr eine veränderte Befundlage (Urteil des Bundesgerichts 9C_477/2022 vom 18. Januar 2023 E. 2.1 mit Hinweisen).
Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, ist der Rentenanspruch in rechtli
cher und tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig») zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht (BGE 144 I 103 E. 2.1, 141 V 9 E. 2.3; Urteil des Bundesgerichts 9C_477/2022 vom 18. Januar 2023 E. 2.1, je mit Hin
weisen
).
3.
3.1
Die Beschwerdegegnerin führte zur Begründung der angefochtenen Verfügung aus,
die
Beschwerdeführerin
sei in
s
gesamt in einem
40%igen Pensum erwerbs
tä
tig. Seit einem Unfall am 8.
Mai 2020
habe
sich ihr Gesundheitszustand ver
schlechtert. Die zuständige Unfallversicherung
habe ihre Leistungen per
6.
Juli 202
1
eingestellt. Die eröffneten beruflichen Massnahmen hätten am 11.
Oktober 2021 vorzeitig abgeschlossen werden müssen, da sich die
Beschwerdeführerin
damals nicht in der Lage gefühlt habe, an diesen mitzuwirken. Die medizinischen
Abklärungen würden darauf hinweisen, dass familiäre und finanzielle Umstände vorlägen, die die Arbeitsfähigkeit
beeinflussen würden.
Die Arbeitsunfähigkeit sei aus medizinischer Sicht zwar nachvollziehbar, allerdings begründe diese aus rechtlicher Sicht keinen Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung.
Es
lägen
keine gesundheitlichen Beschwerden
und keine nachvollziehbaren Diagno
sen vor
, die die Arbeitsfähigkeit dauerhaft beeinträchtigen
und
einen Leistungs
anspruch begründen würden.
Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen könnten mit medizinischen Massnahmen behandelt werden. Mit den bisher von der
Beschwerdeführerin
wahrgenommenen Massnahmen seien die möglichen medi
zinischen Massnahmen noch nicht ausgeschöpft. Die gesundheitliche Verfassung könne positiv beeinflusst werden, indem die Medikation verändert werde und die
Beschwerdeführerin
die verordneten Medikamente regelmässig einnehme sowie die fachärztliche Behandl
ung
häufiger wahrnehme
. Die Beschwerden könnten insbesondere durch eine fachpsychiatrische regelmässige Therapie verbessert
werden. Es sei davon auszugehen, dass es der
Beschwerdeführerin
unter adäqua
ter Therapie möglich sei, eine Erwerbstätigkeit zu 100 % auszuüben und damit ein rentenausschliessendes Einkommen zu erzielen. Es bestehe daher weder Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, noch auf Rentenleistungen. Mangels neuer Tatsachen und neuer medizinischer Befunde werde am Entscheid festge
halten
(Urk. 2 S. 1 f.).
3.2
Die
Beschwerdeführer
in
bringt dagegen vor,
es lieg
e
ein somatischer und insbe
sondere psychischer Gesundheitsschaden vor, welcher von der
Beschwerde
geg
nerin
mittels eines
bidisziplinären
Gutachtens weiter abzuklären sei. Diese
habe den Untersuchungsgrundsatz
gemäss
Art.
43 ATSG
verletzt
, indem sie sich
bei ihrem rentenabweisenden Entscheid
auf eine nicht schlüssige
, nicht fachspezifi
sche und vor allem auch nicht sämtliche Fakten berücksichtigende Beurteilung des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) abgestützt
habe
.
Auf die Beurteilung
des RAD-Arztes
dürfe schon deshalb nicht abgestellt werden, da diese
m
nicht die gesamte Dokumentation vorgelegen habe.
Denn die Beschwerdegegnerin habe die Akten zum Unfall vom 7. März 2021 beim zuständigen Unfallversicherer, der Suva, nicht eingefordert; dies, obschon es der
Beschwerdegegnerin
bekannt gewesen sei, dass sie, die
Beschwerdeführerin
, diesen zweiten Unfall erlitten habe.
Weiter habe die
Beschwerdegegnerin
lediglich
einen somatisch kundigen RAD-Arzt
mit der Beurteilung
betraut
, obschon es aktenkundig sei, dass sie, die
Beschwerdeführerin
, vor allem an psychischen Beschwerden leide.
Dieser habe sich daher auch nicht einlässlich mit den psychiatrischen Diagnosen auseinandersetzen können
und a
uch ein eigentliches strukturiertes Beweis
verfahren schei
tere daran.
Die fachfremde RAD-Beurteilung basiere zudem nicht auf einer voll
ständigen Anamnese und sei weder fachspezifisch, noch stichhaltig angefertigt worden. Darin werde
eine Verbesserungsmöglichkeit behauptet, ohne eine Aus
einandersetzung mit
den psychiatrischen Diagnosen und der von der behandeln
den Ärztin
med.
pract
.
B.___
(Urk. 7/124/4)
angegebenen schlechten Prog
nose
vorzunehmen
.
Die Psychiaterin
habe
die Diagnosen einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode, einer kombinierten Per
sönlichkeitsstörung mit emotional-instabilen und histrionischen Anteilen, eine
s
ADHS und eines
Fibromyalgiesyndroms
gestellt sowie eine 60%ige Arbeitsunfä
higkeit attestiert. Ausserdem habe sie
erklärt, dass der Autounfall vom
8.
Mai 2020 zu einer erneuten depressiven Phase geführt
und
der Unfall vom
7.
März 2021 eine zusätzliche Verschlechterung bewirkt habe
.
Die Suva habe ihre Leis
tungen ferner eingestellt, da durch den Unfall vom
8.
Mai
2020 keine strukturelle Schädigung entstanden sei, sondern ein mannigfaltiges, vor allem psychisches Beschwerdebild
; und
an
ihrer
Leistungseinstellung
habe diese mittels Adäquanz
prüfung
festgehalten.
Die
Beschwerdegegnerin
wäre daher verpflichtet gewesen, die vorliegenden psychiatrischen Berichte von einem RAD-Arzt mit Fachrichtung Psychiatrie prüfen zu lassen. Ausserdem hätte d
ie
Beschwerdegegnerin
nicht bloss eine Aktenbeurteilung in Auftrag geben dürfen, sondern hätte eine psychi
atrische/rheumatologische Begutachtung durchführen
lassen
müssen
(Urk.
1 S. 2 ff.).
3.3
Die Beschwerdegegnerin ist auf die Neuanmeldung
der
Beschwerdeführer
in
vom
21. Juli 2021
(
Urk.
7/105
) eingetreten. Das Gericht hat daher in materiell-rechtli
cher Hinsicht zu
prüfen, ob und gegebenenfalls inwiefern sich die anspruchsrele
vanten tatsächlichen Verhältnisse seit der mit Verfügung vom
29. August 2016
erfolgten Abweisung des Leistungsbegehrens (Urk.
7/101
)
bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung vom
28. März 2022
(Urk. 2) in anspruchsbegründen
dem Ausmass verändert haben.
Dieser Zeitpunkt (28. März 2022
)
bildet recht
sprechungsgemäss die zeitliche Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis (BGE 143 V 409 E. 2.1; 129 V 167 E. 1; je mit Hinweis; Urteil des Bundesgerichts 8C_454/2018 vom
16. November 2018 E. 5).
4.
4.1
Die Abweisung des Leistungsbegehrens mit
Verfügung vom
29. August 2016
war mit der Begründung erfolgt, dass
aus versicherungsmedizinischer Sicht keine durch einen nachweisbaren Gesundheitsschaden verursachte langdauernde
Arbeitsun
fä
higkeit
bestehe.
Die ärztlichen Unterlagen
hätten Normalbefunde ergebe
n
oder auf selbstlimitierende Beschwerden hingewiesen, welche keine Behandlung erfordert hätten. Die angestammte Tätigkeit und jegliche angepasste Tätigkeit seien
der Beschwerdeführerin
vollumfänglich zumutbar (Urk. 7/101/1).
Gemäss dem
Feststellungsblatt der Beschwerdegegnerin vom
2
3.
Mai 2016
stützte sich die
Beschwerdegegnerin
bei ihrem damaligen Entscheid auf die Stellung
nahme
der RAD-Ärztin
Dipl.-med.
C.___
vom 2
7.
April 201
6.
Diese führte nach Einsicht in die damals vorliegenden medizinischen Bericht
e
die folgenden Diagnosen auf, welche sie als solche ohne Auswirkung auf die Arbeitsunfähigkeit bezeichnete:
Hallux
valgus
, Status nach Distorsion des oberen Sprunggelenkes (OSG),
Akne
vulgaris
, Status nach Tonsillektomie,
Status nach Tendinitis
Hand links, rezidivierende Schmerzen beider Vorderarme,
Verdacht auf
Aufmerksam
keitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
(ADHS), differentialdiag
nostisch chronische depressive Störung,
Verdacht auf Endometriose
und
Verdacht auf Fibromyalgie.
Die Aktenlage lasse nicht erkennen, dass bei der
Beschwerdeführerin
ein invali
disierender Gesundheitsschaden vorliege.
Sämtliche Untersuchungen hätten Nor
malbefunde ergeben oder auf selbstlimitierende Beschwerde
n
hingewiesen, die keine Behandlung erfordert hätten. Die durch die Hausärztin angegebenen Diag
nosen seien zum grossen Teil nicht belegt, es handle sich um Verdachtsdiagnosen, welche für die Beurteilung nicht relevant seien. Eine fachspezifische Behandlung sei nicht erfolgt. Die Hausärztin habe ferner
angenommen
, dass die
Beschwerde
führerin
eine Berufstätigkeit aufnehmen könne, sobald eine geeignete Stelle gefunden werde. In der bisherigen Tätigkeit als
Hilfscoiffeuse
und in einer lei
densangepassten Tätigkeit bestehe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Zum Belastungsprofil erklärte die RAD-Ärztin, es seien der
Beschwerdeführerin
alle leichten bis mittelschweren körperlichen Tätigkeiten in Wechselbelastung unter Vermeidung einer ausschliesslichen Belastung der Hände/Unterarme zumutbar (Urk. 7/93/5-
6).
Von diesem Sachverhalt ist im Hinblick auf die Frage der anspruchsrelevanten Veränderung des Gesundheitszustandes
der
Beschwerdeführerin
als Vergleichs
basis auszugehen.
4.2
4.2.1
Den medizinischen Akten nach der Neuanmeldung vom
23. Januar 2020 (
Urk. 15/45) ist das Folgende zu entnehmen.
Gemäss dem
Bericht der Hausärztin Dr.
med.
E.___
zur Erstkonsul
tation vom 1
2.
Mai 2020 nach dem Autounfall vom
8.
Mai 2020 hatte sich die Beschwerdeführerin dabei ein
kranio-zervikales Beschleunigungstrauma
vom Grad II
mit
einem Glasgow-
Coma
-
Scale
-(GCS-)Score von 15 (volles Bewusstsein),
Nackenbeschwerden und muskuloskelet
t
alen Befunden
(Druckschmerz, schmerz
haft eingeschränkte Beweglichkeit der Halswirbelsäule [HWS])
zugezogen
. Sie sei
mit systemischen
n
ichtsteroidale
n
Antirheumatika (NSAR), neurologischer Behandlung, Physiotherapie und Psychotherapie behandelt w
o
rde
n
.
Die Beschwerdeführerin habe nach dem Unfall sofortige Kopf- und Nackenschmer
zen, Schwindel sowie Übelkeit verspürt und von Schlafstörungen, Herzrasen sowie starker Nervosität am Tag berichtet.
Es habe e
ine behandlungsbedürftige leichte depressive Episode
v
or dem Unfall
bestanden; im Jahr 2018 seien zudem vorbestehende Nackenbeschwerden mittels Physiotherapie behandelt worden.
Eine Arbeitsunfähigkeit habe sie der derzeit arbeitslosen Beschwerdeführerin nicht attestiert (Urk. 7/109/
354-356
).
Im
Bericht vom 1
3.
November 2020
führte
die behandelnde Psychiaterin
med.
pract
.
B.___
aus
, die Beschwerdeführerin sei bis 2016 in psychothera
peutischer Behandlung gewesen. Im Mai 2020
sei sie
von Dr.
E.___
bei depressiver Episode und deutlichen Stresssymptomen infolge des Unfallereignis
ses vom
8.
Mai 2020 erneut zugewiesen worden. Die erste psychiatrische Konsultation habe am 29. Mai 2020 stattgefunden.
Die Beschwerdeführerin zeige aus
geprägte Symptome einer Belastungsreaktion mit Schlafstörungen und Albträu
men über den Unfall,
Hypervigilanz
,
Hyperarousal
, erhöhter körperlicher Anspan
nung mit schmerzhaftem Muskelhartspann, innerer Unruhe, emotionaler Instabi
lität und Ängsten. Es sei eine psychiatrische-psychotherapeutische Behandlung inklusive Psychopharmakotherapie (Quetiapin 25mg) erfolgt und eine Arbeitsun
fähigkeit von 100
%
vom 3
1.
Mai bis 3
1.
August 2020 attestiert worden.
Ab September sei ein schrittweiser beruflicher Wiedereinstieg erfolgt.
Aktuell sei die Beschwerdeführerin wieder zu 50
%
a
rbeitsfähig und sie könne ihr Pensum stetig steigern. Es bestünden weiterhin Stimmungsschwankungen, ein oberflächlicher Schlaf mit häufigem Erwachen, Wiedererinnern des Unfalls durch verschiedene Trigger, mit starker emotionaler Stressreaktion, ein vermindertes Konzentrations
vermögen, eine verminderte Stresstoleranz und eine rasche Erschöpfung. Die Beschwerdeführerin nehme regelmässig Therapietermine wahr. Voraussichtlich werde sie innerhalb von weiteren drei Monaten ihr angestammtes Arbeitspensum von 100
% erreichen können (
Urk.
7/109/324).
Im
Bericht der Klinik Orthopädie des Spitals
F.___
vom 2
1.
Dezember 2020 zur Sprechstunde vom 17.
Dezember 2020 wurden die
folgenden
Diagnosen
festge
halten
:
Pes
planovalgus
links mit konsekutiver Mehrbelastung MTP-I
-
Gelenk, unklare temporale Schmerzen
sowie Schultergürtelschmerzen, differentialdiag
nostisch
Polymyalgia
rheumatica
, Arthritis
temporalis
, entzündliche Veränderun
gen
Metatarsophalangeal
-(MTP-)I-Gelenk Fuss links, differentialdiagnostisch Weichteilrheuma,
Hallux
interphalangeus
links und
Status nach HWS-Distorsionstrauma im Mai 2020 mit aktueller
Schmerzausstrahlung
Richtung Schulter und temporal
, differentialdiagnostisch
Polymyalgia
rheumatica
. Seit dem Sommer 2020 bestünden Schmerzen über dem medialen Fussgewölbe, welche teilweise über den
Vorfuss
und die Wade ausstrahlen würden. Eine Mag
netresonanztomographie des Fusses habe die oben genannte Diagnose gezeigt. Im Verlauf hätten auch zunehmende Schmerzen der HWS mit Ausstrahlung nach temporal recht
s
sowie in den rechten Schulterbereich bestanden. Das MRT der HWS vom
3.
Dezember 2020 (Urk.
7/109/279)
habe keinen Nachweis einer Dis
kushernie, keine posttraumatische Irritation der Nervenwurzeln, keine
ossären
Traumafolgen
und kein
Myelopathiesignal
, aber
kleine
T
ar
lovzysten
i
n den
Seg
ment
en
C5/6, C6/7 beidseits
und
C7/Th1 rechts ohne pathologische Relevanz gezeigt.
Die von der Beschwerdeführerin geschilderte Schmerzausstrahlung könne differenzialdiagnostisch ebenfalls im Rahmen einer
Polymyalgi
a
rheuma
tica
oder gegebenenfalls einer Arthritis temporalis vorkommen. Bezüglich des Fusses zeige sich neben einer mechanischen Überlastung des
Caputs
des Os
metatarsale
I bei
Pes
planovalgus
ein deutlicher Gelenkserguss, was ebenfalls auf eine entzündlich rheumatologische Erkrankung
hinweisen könnte. Bezüglich des
Pes
planovalgus
sei eine entsprechende Einlage zur Entlastung des medialen Fussgewölbes sowie retrokapitalen Abstützung beidseits erfolgt. Hier bleibe der Spontanverlauf abzuwarten.
Bezüglich der Schmerzen des Schultergürtels und temporal rechts werde die Beschwerdeführerin zu einer weiteren Abklärung im Kantonsspital
G.___
hinsichtlich einer Polymyalgie rheumatica oder einer Arthritis temporalis verwiesen
(
Urk.
7/109/252-253).
Laut
dem ärztlichen Zwischenb
ericht
von
med.
pract
.
B.___
zuhanden der Suva
vom 2
2.
Januar 2021 stellte
die Ärztin
die Diagnose
n einer
Anpassungsstö
rung mit Angst und depressiver Reaktion nach Autounfall vom
8.
Mai 2020 (ICD-
10 F43.2)
und eine
s
ADHS (ICD-10 F90.0).
Die nach dem Autounfall vom
8.
Mai 2020 aufgetretenen ausgeprägten Symptome einer Belastungsreaktion hätten sich im Verlauf bisher verringert, sie bestünden jedoch zu einem grossen Teil weiter
hin, vor allem wenn zusätzliche Stressoren auftreten würden. Aktuell
bestünden
eine verminderte Konzentrationsfähigkeit, eine geringe Stresstoleranz, eine Hypersensibilität und Überreagibilität bei vielen Reizen, zu
m Beispiel in Men
schenmengen, eine starke körperliche Stressreaktion
schon bei leichten Auslösern mit Anspannung, Schwitzen, innerer Unruhe, Palpationen, Schlafstörungen, Gedankenkreisen und Überforderungsgefühl. Erinnerungen an den Unfall könn
ten durch verschiedene Trigger ausgelöst werden und würden zu Ängsten und panikartigen Zuständen führen. Ab September 2020 habe eine schrittweise berufliche Wiedereingliederung begonnen, welche bis auf 70
%
Arbeitsfähigkeit im Januar 2021 habe gesteigert werden können. Im Verlauf habe sich jedoch eine zunehmende Verschlechterung eingestellt, so dass am 22. Januar
2021 erneut eine Arbeitsunfähigkeit von 100
%
habe attestiert werden müssen, um eine noch weiter zunehmende Erschöpfung und psycho-
physische Dekompensation zu ver
meiden (Urk. 7/109/272).
Im Bericht vom 2
9.
April 2021 erklärte
med.
pract
.
B.___
sodann, nachdem die Arbeitsfähigkeit im Dezember 2020 und Januar 2021 auf 70
%
habe gesteigert werde
n können, habe sich herausgestellt, dass dies die Beschwerdeführerin über
fordert habe. Ihre Anspannung und Schmerzen hätten sich erhöht und es sei
erneut zur Verminderung der Konzentrationsfähigkeit,
zu
Schlafstörungen, Dünnhäutigkeit und Stimmungsschwankungen gekommen. Im Februar 2021 habe daher erneut eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert werden müssen. Seit März 2021 bestehe wieder eine Arbeitsfähigkeit von 40
%
. Am
7.
März 2021 habe die Beschwerdeführerin einen körperlichen Angriff durch einen jungen Mann erlitten. Sie könne sich an den Schlag gegen den Kopf erinnern und sei wahr
scheinlich für kurze Zeit bewusstlos gewesen. Danach habe sie starke Kopf- und Nackenschmerzen gehabt und habe sich im Spital
F.___
sowie im Verlauf bei ihrer Hausärztin vorgestellt. Dieses Ereignis habe zu einer zusätzlichen psychischen Belastung, Anspannung, Erhöhung der Vigilanz, Ängsten und Schreckhaf
tigkeit geführt. Bestimmte Trigger würden Panik und Angst auslösen.
Sie
fühle sich zeitweise ver
folgt und beobachtet. Bei der Arbeit könne sie nicht immer ihre Professionalität aufrechterhalten und sei bereits von Kolleginnen darauf ange
sprochen worden. Im Kundenkontakt sei sie rasch überfordert und reagiere teil
weise gereizt. Dies verstärke ihre Selbstzweifel und Zukunftsängste, vermindere ihr Selbstvertrauen und bereite ihr anhaltende existenzielle Sorgen, die den Hei
lungsverlauf ungünstig beeinflussen würden. Das Ereignis vom 7.
März 2021 habe die Beschwerdeführerin destabilisiert.
Daher habe die Arbeitsfähigkeit seit
her noch nicht über 40
%
gesteigert werden können. Eine Steigerung sollte gemäss den Erfahrungen der vergangenen Monate nun sehr sanft erfolgen, damit langfristig die Arbeitsfähigkeit erhalten bleibe. Die Beschwerdeführerin nehme weiterhin regelmässige Termine zur psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung wahr (Urk. 7/109/103)
.
Gemäss dem Bericht von
Dr.
med.
H.___
, Facharzt für Neurologie, vom 9. Juni 2021
berichtete die Beschwerdeführerin anlässlich der Untersuchung vom 1
8.
Mai 2021, sie habe seit ihrer Kindheit immer wieder Beschwerden am Bewegungsapparat gehabt. Seit dem Unfall im Mai 2020 habe sie
häufige Nackenver
spannungen- und Schmerzen, in den Kopf ausstrahlend
, vor allem bis ins Gesicht brennende Schmerzen. Sie habe ausserdem Schlafstörungen und Kopfschmerzat
tacken mit starken Schmerzen, Licht- und Lärmempfindlichkeit, Übelkeit, Paräs
thesien der Finger am Tag und in der Nacht sowie Wetterfühligkeit. Im März 2021 hätten sich ihre Beschwerden zusätzlich verschlechtert, nachdem ihr Gewalt angetan und sie an den Haaren gerissen worden sei.
Dr.
H.___
stellte die Diagnosen eines
zervikovertebralen
Schmerzsyndroms mit
zervikogenen
Kopf
schmerzen mit/bei
migränösen
Exazerbationen
und (anamnestisch) eines ADHS. Die Beschwerdeführerin habe sicher eine zur Anspannung neigende Grundkon
stitution
. Nach einem Autounfall
im Mai 2020 bestünden persistierende Nacken
beschwerden mit Myogelosen und Ausstrahlung vor allem in den Kopf
rechtssei
tig sowie
migräniforme
Exazerbationen der
zervikogenen
Kopfschmerzen. Ein MRT der HWS habe stattgefunden, therapierelevante Befunde hätten sich aus neurologischer Sicht nicht gezeigt. Nervenstrukturen seien beim Unfall nicht zu Schaden gekommen
(
Urk.
7/109/33-
34).
Die Kreisärztin med.
pract
.
D.___
stellte in ihrer Aktenbeurteilung
vom 1
8.
Juni 2021
fest, es würden weder klinisch noch bildgebend unfallbedingte strukturelle Läsionen vorliegen.
Bildgebend fänden sich Normalbefunde. Diese würden Art und Umfang der geltend gemachten Beschwerden
und insbesondere eine weitere Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
nicht erklä
ren. Es seien aus objektiver Sicht keine Befunde nachweisbar, die eine verlängerte Krankheitsdauer anhand des orthopädisch-neurologischen Befundes begründen könnten; auch der neurologische Untersuchungsbefund von Juni 2021 sei vollumfänglich unauffällig.
Es liege ein mannigfaltiges vor allem psychisches Beschwerdebild vor, das zudem schon lange Jahre bestehe
,
und schon
diverse Therapien
seien
versucht worden. Es sei bei fehlenden Hinweisen auf unfallbedingte strukturelle Läsionen
davon auszu
gehen, dass der somatische Anteil der beklagten Beschwerden überaus gering sei und daher auch die Behandlung über den somatischen Ansatz problematisch und frustran sei. Gesamthaft sei davon auszugehen, dass die zuletzt dokumentierten Beschwerden nicht mehr überwiegend wahrscheinlich kausal auf den Unfall zurückgeführt werden könnten. Das von der Beschwerdeführerin vorgetragene Beschwerdebild lasse sich mit objektiven organischen Veränderungen nicht mehr hinreichend plausibe
l
nachvollziehen.
Eine unfallbedingte Arbeitsunfähigkeit sei nicht mehr ausgewiesen (Urk. 7/109/32).
Die behandelnde Psychiaterin med.
pract
.
B.___
führte
in ihrem Bericht zuhanden der IV-Stelle vom 12.
August 2021
aus
,
die Beschwerdeführerin werde ein- bis zweimal monatlich psychiatrisch-psychotherapeutisch, zusätzlich somatisch an verschiedenen Orten behandelt. Es seien Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mit
telgradige Episode (Erstdiagnose [ED] im Jahr 2020; ICD-10 F33.1), einer kombi
nierten Persönlichkeitsstörung mit emotional-instabilen und histrionischen Anteilen (ED im Jahr 2014; ICD-10 F60.0), eines ADHS (ED in der frühen Kind
heit; ICD-10 F90.0) und des Verdachts auf
Fibromyalgiesyndrom
(ICD-
10
M79.70), differentialdiagnostisch einer anhaltenden somatoformen Schmerz
stö
rung (ICD-10 F45.40)
,
gestellt worden. Bei der Beschwerdeführerin sei
in der frühen Kindheit ein ADHS diagnostiziert worden. Als Jugendliche habe sie zusätzlich unter
depressiven Phasen gelitten. Nach Abbruch der
Coiffeurlehre
aufgrund mangelnder Leistungs- und Lernfähigkeit sowie zunehmender somati
scher Beschwerden habe sie immer nur vorübergehend in verschiedenen Bereichen gearbeitet. Mit der Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit als Makeup Artist habe sich die Situation zunächst stabilisiert und sie habe sehr motiviert gearbeitet. Zufolge des fehlenden Einkommens und
der
finanziellen Unterstüt
zung während der Corona-Pandemie sowie des Autounfalls im Mai 2020 sei eine erneute depressive Episode aufgetreten.
Ausserdem sei es zu zunehmenden körperlichen Beschwerden in Form von Schmerzen an verschiedenen Lokalisationen (Kopf, Nacken, Rücken, Füsse, Gelenke) und Ödemen in beiden Beinen nach Arbeitstagen mit vorwiegendem Stehen gekommen.
In der angestammten selb
ständigen Tätigkeit
als Make-up Artistin und im Verkauf von Beauty-Produk
ten/Promoterin
sei eine Arbeitsunfähigkeit von 100
% vom 31.
Mai bis 3
1.
August 2020,
von
80 % vom
1.
bis 3
0.
September 2020, von 60
% vom
1.
bis 31. Oktober 2020, von 50
%
vom
1.
bis 3
0.
November 2020, von 30
% vom
1.
Dezember 2020 bis 21. Januar 2021, von 100
%
vom 2
2.
Januar bis 28.
Februar 2021 und von 60
%
ab dem
1.
März 2021 attestiert worden.
Aktuell sei in der bisherigen
Tätigkeit
gesamthaft maximal ein 40%iges Pensum zumutbar. Dies beinhalte, dass teilweise ganze Tage möglich seien, auf die jedoch freie Tage folgen müssten.
Aufgrund der Erkrankungen und Anamnese sei davon aus
zu
gehen, dass weder in der aktuellen, noch
in
einer leidensangepassten Tätigkeit längerfristig eine volle Arbeitsfähigkeit erreicht werden könne. Unter stabilen Bedingungen könnte allenfalls in einer angepassten Tätigkeit eine Teilarbeits
fä
higkeit aufrechterhalten werden.
Dies müsse je nach Tätigkeit erarbeitet werden. Theoretisch wäre ein Einstieg in eine leidensangepasste Tätigkeit mit zirka
drei
Stunden täglich, möglicherweise mit Steigerung im Verlauf
(
Urk.
7/112/2-6)
.
Im Verlaufsbericht vom 2
9.
Oktober 2021
erklärte
med.
pract
.
B.___
zudem
, der Gesundheitszustand und die Leistungsfähigkeit hätten sich verschlechtert. Es bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 60 %. Eine leidensangepasste Tätigkeit könne momentan ebenfalls maximal in einem Umfang von 40
%
ausgeübt wer
den.
Die bisherige selbständige Tätigkeit sei langfristig nicht mehr zumutbar.
Es bestünden körperliche und psychische Erschöpfungssymptome
(Urk. 7/124/2-
4
).
Die Kreisärztin med.
pract
.
D.___
hielt in ihrer ärztlichen Beurteilung vom 10. Dezember 2021 an ihre
n
Einschätzung
en
zum
fehlenden
natürlichen Kausal
zusam
menhang zwischen den Restbeschwerden und den Unfallereignissen vom 5. Mai 2020 und vom
7.
März 2021 fest
. Sie
schloss
sinngemäss
weiterhin darauf, dass mangels
unfallbedingter struktureller Läsionen und
bei
geringem somati
schem Anteil der Beschwerden,
früh aufgetretenen psychischen Problemen
sowie
multifaktoriellem einschlägigem Vorzustand
die zuletzt dokumentierten Beschwerden nicht mehr überwiegend wahrscheinlich unfallkausal seien und keine unfallbedingte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit mehr ausgewiesen sei
(
Urk.
3/4 S. 13 ff.).
4.2.2
Die
internistische
RAD-Ärztin
Dipl.-med.
C.___
hatte in ihrer vorläufigen Stel
lungnahme vom 14.
Juli 2021
au
s
geführt
,
anhand der vorliegenden Unterlagen habe kein Gesundheitsschaden, der sich längerfristig auf die Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit auswirke, festgestellt werden können. Laut Dossier beklage die Beschwerdeführerin die gleichen Beschwerden wie bereits 201
6.
Es seien unveränderte Diagnosen gestellt worden.
Durch die behandelnde Hausärztin werde zusätzlich eine leichte depressive Episode
ohne die entsprechenden Krank
heitssymptome
festgehalten
(Urk. 7/125/3)
.
I
n ihrer
abschliessenden
Stellungnahme vom 3.
Dezember 2021
beurteilte
die RAD-Ärztin
sämtliche psychiatrischen und somatischen Diagnosen als solche ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit.
Sodann
führte sie die von der behan
delnden Psychiaterin attestierte
Arbeitsunfähigkeit
ab dem 3
1.
Mai 2020 in der bisherigen Tätigkeit zwischen 100
% und 30
%
, ab dem 1. März 2021 weiterhin von 60
%
, auf.
Bezüglich
einer leidensangepassten, körperlich leichte
n
und m
ittelschweren, nicht selbständigen Tätigkeit in Wechselbelastung unter Vermei
dung einer ausschliesslichen Belastung der Hände/Unterarme, vorzugsweise in ruhiger Arbeitsumgebung ohne Zeitdruck und mit geregeltem Einkommen
schloss die RAD-Ärztin auf eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit.
Schliesslich erklärte sie, ein Gesundheitsschaden, welcher sich längerfristig auf die Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit habe auswirken können, sei bisher nicht festgestellt worden.
Es seien bisher nicht alle Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft worden. Es könne daher nicht von einer Therapieresistenz ausge
gangen werden.
Die Beschwerdeführerin habe sich bisher nicht in (teil-)statio
närer psychiatrischer Behandlung befunden und habe die Psychiaterin nur ein- bis zweimal pro Monat aufgesucht, was ebenfalls auf einen nur geringen Leidensdruck hinweise. Durch eine Veränderung der Medikation, regelmässige und zuverlässige Einnahme der verordneten Medikamente und häufigere Konsultationstermine liesse sich der Gesundheitszustand aus versicherungs
medizinischer Sicht positiv beeinflussen. Die Auffassung der behandelnden Fachärztin für Psychiatrie, dass zeitlebens eine Einschränkung der Arbeitsfähig
keit bestehen werde, könne nicht uneinge
schränkt geteilt werden. Es würde
vo
n psychosoziale
n
Belastungsfaktoren durch die
Coronapandemie
(ausblei
b
ende Aufträge 2020, finanzielle Notsituation)
berichtet
. Ausserdem würden durch die Psychiaterin fachfremd diverse somati
sche Beschwerden erwähnt (Kopf-, Nacken- und Rückenbeschwerden, Ödeme in
den Beinen nach langen Arbeitstagen im Stehen - ein Phänomen, dem alle überwiegend
in stehenden
Berufen arbeitenden Personen unterliegen würden, dies ohne Krankheitswert). Die durch die Psychiaterin beschriebenen Symptome im Zusammenhang mit der
Coronapandemie
dürften einen Grossteil der Bevölkerung betreffen. Die Ängste seien nachvollziehbar, aber ebenfalls nicht von Krankheits
wert
. Weitere Abklärungen seien vorerst nicht angezeigt
(Urk.
7/125/8-9
).
4.3
4.3.1
Mit und nach den
zwei Unfallereignisse
n
vom
8.
Mai 2020 und vom
7.
März 2021 sind
-
im Vergleich mit dem
e
ntscheidwesentlichen
Sachverhalt zur Verfügung vom 29. August 2016 (Urk. 7/101)
-
neue gesundheitliche Beeinträchtigungen eingetreten, welche
die Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin beeinträchtigt haben.
So
trat
infolge
des Autounfalls vom
8. Mai 2020 ein HWS-
Schleuder
trauma
(Grad II)
mit den dafür typischen Symptomen
(vgl. BGE 117 V 359 E. 4b)
auf
, und zwar
myofasziale zervikale Beschwerden im Bereich der HWS und im Schultergürtel
bereich mit Einschränkung der HWS-Beweglichkeit ohne Anhaltspunkte für eine neurologische Ausfallsymptomatik, mit phasenweise starken temporalen Kopf
schmerzen, Übelkeit
und Schwindel
,
Hypervigilanz
,
Hyperarousal
,
Konzentrati
ons
- und Schlaf
störungen
, rasche Erschöpfung,
Angstreaktion und Gedächtnis
lücke bezüglich
des
Unfallereignis
ses
,
Depression
(
Urk. 7/109/354-356, Urk. 7/109/272
,
Urk.
7/109/33-34
)
.
Insbesondere auch in
psychischer Hinsicht traten nach dem Unfall zusätzliche respektive verstärkte Beschwerden auf, welche die behandelnde Psychiaterin zunächst als
Anpassungsstörung mit Angst und depressiver Reaktion nach Autounfall vom 8.
Mai 2020
(ICD-10 F43.2) einordnete (
Urk. 7/109/324
).
D
er tätliche Angriff
vom 7.
März 2021
führte
bei der psychisch vorbelasteten
Beschwerdeführerin
nach
insofern nachvollziehbarer
Einschätzung der behandelnden Psychiaterin zu einer psychischen Destabilisierung. Die Kopf- und Nackenbeschwerden sowie die psychischen Beschwerden traten verstärkt auf, was den Heilungsverlauf ungünstig beeinflusste, so dass die bis
dahin
erreichte
teilweise Wiederherstellung der
Leistungsfähigkeit zunächst nicht weiter gestei
gert werden konnte (Urk. 7/109/103).
Zusätzlich
ist ein
somatische
s
Beschwerdebild
dokumentiert, welche
s
in dieser Weise bei Erlass der Verfügung vom 2
9.
August 2016 noch nicht aufgeführt worden war
.
Und zwar wurden im Bericht
der Klinik Orthopädie des Spitals
F.___
vom 2
1.
Dezember 2020
sei
t dem Sommer 2020 bestehende linksseitige Schmer
zen über dem medialen
Fussgewölbe erwähnt, welche teilweise über den
Vorfuss
und die Wade ausstrahlen würden und bildgebend mittels MRT des Fusses zur von den orthopädischen Ärzten gestellten Diagnose eines
Pes
planovalgus
links mit konsekutiver Mehrbelastung MTP-I Gelenk
geführt hätten, wobei neben einer mechanischen Überlastung des
Caputs
des Os
metatarsale
I bei
Pes
planovalgus
auch ein deutlicher Gelenkserguss gegeben sei
(Urk. 7/109/252-253)
.
Ob sich nach der Versorgung mit Einlagen das Beschwerdebild verbesserte und wie sich dieses auf die Arbeitsfähigkeit in der stehenden Tätigkeit der Beschwerdeführerin auswirkte, ist den Akten nicht zu entnehmen, obschon die Ärzte eine Verlaufsbe
obachtung nahelegten.
4.3.2
Bei dieser Sachlage
und angesichts der von der behandelnden Psychiaterin attestierten Arbeitsunfähigkeit ab dem 3
1.
Mai 2020 in der bisherigen Tätigkeit zwi
schen 100 % und 30
%
sowie ab dem 1. März 2021 auch in einer leidensangepassten Tätigkeit von 60
%
(
Urk.
7/112/2)
kann
nicht
ohne Weiteres
ausgeschlos
sen werden, dass
eine wesentliche, anspruchsbegründende Gesundheitsverände
rung eingetreten ist.
Entgegen der Ansicht der
Beschwerdegegnerin
kann insbesondere auch nicht abschliessend auf die Stellungnahmen der RAD-Ärztin
Dipl.-med.
C.___
abge
stellt werden, wie sich aus dem Folgenden ergibt.
4.4
4.4.1
Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärzte kommt nach der Rechtspre
chung Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE
125 V
351
E.
3b/
ee
mit Hinweis). Trotz dieser grundsätzlichen Beweiseignung kommt den Berichten versicherungsinterner medizinischer Fachpersonen praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft zu wie einem gerichtlichen oder im Verfahren nach
Art.
44 ATSG
vom Versicherungs
träger veranlassten Gutachten unabhängiger Sachverständiger (Urteile
des Bun
desgericht
8C_427/2022 vom 2
8.
Februar 2023 E. 3.3
und
8C_596/2022 vom 1
1.
Januar 2023 E. 2.3). Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens erledigt werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforde
rungen zu
stellen. Bestehen
auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit
der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, sind ergän
zende Abklärungen vorzunehmen (BGE 145 V 97
E.
8.5
,
142 V 58
E.
5.1
,
139 V 225
E.
5.2
,
135 V 465
E.
4.4
; zum Ganzen: Urteil des Bundesgericht
s
8C_630/2022 vom
3.
Mai 2023 E. 3.2.1
).
4.4.2
Bei den Ausführungen der RAD-Ärztin
Dipl.-med.
C.___
vom 14. Juli 2021 und
vom 3. Dezember 2021
(Urk. 7/125/3, Urk. 7/125/8-9) handelt es sich man
gels
von ihr
selber durchgeführter Untersuchungen nicht um Stellungnahmen gemäss
Art.
49
Abs.
2 IVV
, wonach d
ie regionalen ärztlichen Dienste bei Bedarf selber ärztliche Untersuchungen von Versicherten durchführen
können
und
die Untersuchungsergebnisse schriftlich fest
halten
.
Es sind damit keine medizini
schen Befunde erhoben worden, sondern die
aktenkundigen
Befunde wurden
allein aus
somatischer Sicht fachärztlich
-internistisch
gewürdigt. Es liegt folglich eine Empfehlung zur weiteren Bearbeitung des Leistungsbegehrens aus medizini
scher Sicht im Sinne von
Art.
59
Abs.
2
bis
IVG und
Art.
49
Abs.
1 IVV vor (
vgl.
BGE 142 V 58 E. 5.1 mit Hinweis).
Die
vorliegenden
RAD-Berichte vermögen daher lediglich dazu Stellung zu nehmen, ob
b
ei widersprüchlichen medizini
schen Akten
der einen oder anderen Ansicht zu folgen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzunehmen sei (
vgl.
Urteil
e
des Bundesgerichts
8C_756/2008 vom 4.
Juni 2009 E.
4.4, in: SVR 2009 IV Nr. 50 S. 153
,
und
9C_524/2017 vom 2
1.
März 2018
E. 5.1
).
Die Empfehlung von
Dipl.-med.
C.___
(
Urk.
7/125/9)
lautete darauf, dass keine zusätzliche Untersuchung nötig sei
und kein Gesund
heitsschaden mit längerfristiger Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit vorliege
.
Dabei folgte
sie
indes nicht einer
von zwei sich widersprechenden ärztlichen Ein
schätzungen.
Die
Beschwerdeführerin
rügt
zudem
zu Recht, dass
die RAD-Beurteilung
allein aus somatisch-internistischer Sicht vorgenommen wurde, obschon vor allem psychische Beschwer
d
en
aktenkundig
sind.
Denn eine fehlende fachspezifische Qua
lifikation stellt ein Indiz gegen die Zuverlässigkeit und damit den Beweiswert eines ärztlichen Berichts
, hier der RAD-Berichte,
dar (Urteil des Bundesgerichts 9C_360/2016 vom 21.
April 2017 E. 3.2
mit Hinweis
).
Richtig ist auch das Vorbringen der
Beschwerdeführerin
, dass
sich die internistische RAD-Ärztin
aus fachlicher Sicht
nicht einlässlich mit den psychiatrischen Diagnosen auseinan
der
setzen konnte und auch ein eigentliches strukturiertes Beweisverfahren
, wel
ches angesichts der dokumentierten psychischen Beschwerden vorzunehmen wäre
(
BGE 143 V 418 E. 6 f., 143 V 409, 141 V 281
)
,
daran scheitert.
Insbesondere, ob und inwiefern die psychischen Beschwerden und die Leistungsfähigkeit durch weitere, zusätzlich und/oder veränderte psychiatrisch-psychothe
rapeutische Behandlungen verbessert werden könnten, ist aus fachärztlich-psychiatrischer Sicht zu beurteilen und ist im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens lediglich einer von vielen zu berücksichtigenden Indikatoren. Auch kann nach derzeitiger Aktenlage nicht bereits gesagt werden, dass die psychischen Beschwerden sich in psychosozialen und soziokulturellen
Belas
tungsfaktoren erschöpfen würden und keine eigenständige, davon unabhängige
n
, anspruchsrelevante
n
Gesundheitsbeeinträchtigungen bestünden.
4.4.3
Schliesslich ist mit der
Beschwerdeführerin
zu bemängeln, dass der
RAD-Ärztin bei ihre
r
abschliessenden Stellungnahme nicht alle relevanten ärztlichen Berichte vorlagen, da die
Beschwerdegegnerin
die Suva-Akten zum Unfall vom
7.
März
2021
(Schaden-Nr.
...
)
nicht eingeholt hat
te
. Dadurch
waren und sind
die nach diesem Unfallereignis
erstellten ärztlichen Berichte und
die
erfassten
gesundheitlichen Beeinträchtigungen nicht umfassend
bekannt und belegt
. Wie der von der
Beschwerdeführerin
nachgereichten ärztlichen Beurteilung der Kreis
ärztin med.-
pract
.
D.___
vom 10.
Dezember 2021
zu entnehmen ist, befinden sich in diesem Dossier der Suva mit der Überschrift «
...
Tätlicher Angriff» unter anderem
namentlich
der Notfallbericht des Kantonsspitals
F.___
vom
7.
März 2021,
ein
Auszug zur Krankengeschichte und
die
Verlaufskontrolle Rheu
matologie vom 22.
April 2021
,
der Bericht von med.
pract
.
B.___
vom 2
1.
Oktober 2021 (vgl. Urk. 3/4 S.
9 ff.
)
sowie
der
Bericht der Klinik für Medi
zin/Rheumatologie des Kantonsspitals
G.___
vom 26. Februar 2021 (vgl. Urk. 3/4 S. 5)
. Diese Berichte lagen der RAD-Ärztin bei ihren Stellungnahmen und auch der
Beschwerdegegneri
n bei ihrem Entscheid somit nicht vor.
Die Berichte der behandelnden Rheumatologen sind vor allem auch daher von besonderem Interesse, da im
Bericht der Klinik Orthopädie des Spitals
F.___
vom 21.
Dezember 2020
erklärt
worden war
, dass
der Spontanverlauf zur Behandlung des
Pes
planovalgus
abzuwarten sei und b
ezüglich der Schmerzen des Schulter
gürtels und temporal rechts
weitere Abklärung
en
hinsichtlich einer Polymyalgie rheumatica oder einer Arthritis temporalis vorgesehen seien (Urk. 7/109/253).
4.4.4
Bei
derzeit vorliegender
Aktenlage ist im Übrigen auch eine reine RAD-Aktenbeurteilung unzureichend. Denn eine solche kann grundsätzlich nur beweiskräftig sein,
sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztliche Befassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt
(
Urteil des Bundesgerichts 9C_524/2017 vom 2
1.
März 2018
E. 5.1 mit Hinweisen), was hier nach dem Gesagten nicht der Fall ist.
4.4.5
Insgesamt bestehen an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungs
internen ärztlichen Feststellungen der RAD-Ärztin erhebliche Zweifel, weshalb auf deren Stellungnahmen nicht abschliessend abgestellt werden kann.
4.5
4.5.1
Auch aufgrund der übrigen medizinischen Aktenlage
kann eine wesentliche, anspruchsbegründende Gesundheitsveränderung
im Vergleich zum medizi
ni
schen Sachverhalt im
August 2016
(Urk. 7/101)
angesichts der komplexen, von psychischen Beeinträchtigungen überlagerten und in somatischer, vor allem rheumatologischer Hinsicht, (gemäss der derzeitigen Aktenlage) nicht geklärten respektive umfassend dokumentierten Beschwerdesituation nicht abschliessend verneint oder bejaht werden.
Dies gilt namentlich auch unter Berücksichtigung der Kreisarztberichte von med.
pract
.
D.___
vom
1
8.
Juni 2021
und vom
10. Dezember 2021
(Urk. 7/109/32, Urk.
3/4 S. 13 ff.)
, worin die Chirurgin
allein
aus somatischer Sicht
hauptsächlich
zum natürlichen Kausalzusammenhang
zwischen den Restbeschwerden
der somatischen Unfallfolgen Stellung nahm
.
Der Umstand, dass der Unfallversicherer die Leistungen per
6.
Juli 2021 nach Prüfung des adäquaten Kausalzusam
menhanges, mithin der Prüfung einer Rechtsfrage
(BGE
112 V 3
0
E.
1b)
,
einstellte (Verfügung vom 2
2.
Juni 2021;
Urk.
7/109/24-25), vermag ebenfalls nichts dar
über auszusagen, ob eine erhebliche Veränderung des Gesundheitszustandes mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit seit 2016 eingetreten ist. Hierzu bedarf es einer beweiskräftigen medizinischen, aus fachärztlicher Sicht erstellte
n
umfas
senden Entscheidungsgrundlage unter Berücksichtigung sämtlicher Beschwerden.
Denn die
Invalidenversicherung
hat
- im Unterschied zur Unfallversicherung - nicht nur für unfallkausale Gesundheitssch
ä
den aufzukommen hat. Allein der Umstand, dass die beklagten Beschwerden nicht auf ein organisch hinreichend nachweisbares Unfalltrauma im Bereich der Hals- und Brustwirbelsäule zurück
zuführen sind, genügt nicht für den Schluss, dieses sei nicht körperlich verur
sacht. Ohne eine entsprechende fachärztliche Einschätzung kann
ein somatisches Leidens
nicht einfach von der Hand gewiesen werden (Urteil des Bundesgerichts
9C_8/2022
vom
6.
März 2023 E. 5.2). Nicht abgeklärt ist zudem, ob - bei allfälli
ger Verneinung eines organischen Beschwerdebildes - eine psychische Erkran
kung eine Erklärung für die Nacken-, Schulter- und Kopfschmerzen bietet.
Die vorliegende Aktenlage erweis
t
sich damit als unvollständig
und der Sachverhalt ist zu ergänzen
.
4.5.2
Die Beschwerdegegnerin hat daher zunächst weitere medizinische Abklärungen zum Gesundheitszustand und zur Arbeitsfähigkeit
der
Beschwerdeführer
in
in der angestammten und in einer leidensangepassten Tätigkeit
vorzunehmen
.
Z
unächst
sind
vor allem
die ärztlichen Berichte aus dem
Dossier der Suva zum Unfall vom
7.
März 2021, Schaden-Nr.
...
,
einzuholen.
Hernach ist
unter Vorlage dieser Bericht
e
und der übrigen Akten
ein interdiszip
linäres Gutachten in den relevanten Fachrichtungen
einzuholen, welches zur Frage der Gesundheitsveränderung im Vergleich zum Gesundheitszustand im Jahr 2016 und
ausserdem
zum chronologischen Verlauf der
Arbeitsfähigkeit in der angestammten und einer leidensangepassten Tätigkeit
im massgebenden Zeitraum
Auskunft gibt
.
Dabei sind hinsichtlich der psychischen Beschwerden die Standardindikatoren im Sinne der bundegerichtlichen Rechtsprechung zum strukturierten Beweisverfahren
(BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281)
zu berücksichtigen.
4.6
Die angefochtene Verfügung vom
2
8.
März
2022
(Urk. 2) ist somit aufzuheben und die Sache ist an die Beschwerdegegnerin zur ergänzenden Abklärung im Sinne der Erwägungen und zu neuem Entscheid über den
Anspruch auf eine Invalidenrente
der
Beschwerdeführer
in
zurückzuweisen.
Die Beschwerde ist
folglich gutzuheissen
.
5.
Der Streitgegenstand des Verfahrens betrifft die Bewilligung oder Verweigerung
von Versicherungsleistungen. Das Verfahren ist daher kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert
festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und ermessensweise auf Fr.
8
00.-- anzu
setzen.
Ausgangsgemäss
sind die Gerichtskosten
der Beschwerdegegnerin aufzu
erlegen.
Der
Beschwerdeführer
in
steht eine Entschädigung zu, welche nach Art. 61
lit
. g ATSG in Verbindung mit § 34 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, nach der Schwierigkeit des Prozesses, dem Zeitaufwand und den Barauslagen auf
Fr.
2’400
.-- festzusetzen ist.
Das Gericht erkennt:
1.
In Gutheissung der Beschwerde wird
die angefochtene Verfügung vom
28. März 2022
aufgehoben und die Sache an die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zurückgewiesen,
damit diese, nach erfolgter Abklärung im Sinne der Erwä
gungen, über den Rentenanspruch
der
Beschwerdeführer
in
neu verfüge.
2.
Die Gerichtskosten von Fr.
8
00.-- werden der Beschwerdegegnerin auferlegt. Rechnung und Einzahlungsschein werden der Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird
verpflichtet,
de
r
Beschwerdeführer
in
eine Prozessent
schädigung von
Fr.
2’400
.-
- (inkl. Barauslagen und MWSt) zu bezahlen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Mark A.
Glavas
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzustellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mit
tel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizu
legen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Die VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
FehrHartmann