# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 3499f9a9-87c9-5ad8-b79e-a19794d4601a
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2024-03-27
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 27.03.2024 BVGE 2024 VII/1
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_BVGE-2024-VII-1_2024-03-27.pdf

## Full Text

Nationales Visum aus humanitären Gründen 2024 VII/1 

 

 

BVGE / ATAF / DTAF VII 1 

 

2024 VII/1 

Auszug aus dem Urteil der Abteilung VI 
i.S. A., B., C und D. gegen Staatssekretariat für Migration  

F-1451/2022 vom 27. März 2024 

Nationales humanitäres Visumverfahren. Keine Übertragbarkeit der 

Asylpraxis des SEM betreffend weibliche Personen aus Afghanistan.  

Art. 3 AsylG. Art. 4 Abs. 2 VEV.  

1. Für die Erteilung eines humanitären Visums genügt das Vorliegen 
einer abstrakten Gefährdung nicht (E. 7.3–7.6 und 8.4). 

2. Die Praxis des SEM für asylsuchende Frauen und Mädchen aus 
Afghanistan gelangt im humanitären Visumverfahren nicht zur 

Anwendung (E. 7.1 f.). 

3. Das blosse Merkmal des weiblichen Geschlechts reicht auch unter 
Berücksichtigung der aktuellen Machtverhältnisse in Afghanistan 

nicht aus, um im konkreten Einzelfall offensichtlich eine unmittel-

bare, ernsthafte und konkrete Gefährdung im Sinne von Art. 4 

Abs. 2 VEV zu begründen (E. 8.4). 

Procédure d'octroi du visa humanitaire national. Pas d'application de 

la pratique du SEM en matière d'asile pour les personnes de sexe fé-

minin venant d'Afghanistan. 

Art. 3 LAsi. Art. 4 al. 2 OEV. 

1. La présence d'une menace abstraite ne suffit pas pour l'octroi d'un 
visa humanitaire (consid. 7.3–7.6 et 8.4). 

2. La pratique du SEM à l'endroit des jeunes filles et des femmes af-
ghanes ayant requérant l'asile ne trouve pas application dans le 

contexte de la procédure de visa humanitaire (consid. 7.1 s.). 

3. Dans le cas particulier, même en tenant compte des rapports de 
force actuels en Afghanistan, la seule appartenance au sexe 

féminin ne permet pas de retenir l'existence manifeste d'une 

menace directe, sérieuse et concrète au sens de l'art. 4 al. 2 OEV 

(consid. 8.4). 

2024 VII/1 Nationales Visum aus humanitären Gründen 

 

 

2 VII BVGE / ATAF / DTAF  

 

Procedura di rilascio di un visto umanitario nazionale. La prassi della 

SEM in materia d'asilo inerente alle persone di sesso femminile pro-

venienti dall’Afghanistan non si applica.  

Art. 3 LAsi. Art. 4 cpv. 2 OEV. 

1. L'esistenza di una minaccia astratta non è sufficiente per il rilascio 
di un visto umanitario (consid. 7.3–7.6 e 8.4). 

2. La prassi della SEM inerente alle richiedenti d'asilo non si applica 
alle procedure di visto umanitario (consid. 7.1 segg.). 

3. Nella fattispecie, pur tenendo conto degli attuali rapporti di forza 
in Afghanistan, la sola appartenenza al sesso femminile non per-

mette di ritenere manifestamente l'esistenza di una minaccia di-

retta, seria e concreta ai sensi dell'art. 4 cpv. 2 OEV (consid. 8.4). 

 

Am 25. November 2021 ersuchten die Beschwerdeführenden (allesamt 

afghanische Staatsangehörige) bei der Schweizer Botschaft in Pakistan um 

die Erteilung humanitärer Visa. 

Mit Verfügung vom 29. November 2021 verweigerte die Schweizer Bot-

schaft die Ausstellung der Visa. 

Die dagegen erhobene Einsprache der Beschwerdeführenden wies das 

Staatssekretariat für Migration (SEM) am 24. Februar 2022 ab. 

Gegen diese Verfügung erhoben die Beschwerdeführenden am 28. März 

2022 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. 

Das Bundesverwaltungsgericht weist die Beschwerde ab. 

Aus den Erwägungen: 

7.  
7.1 Die Situation von Frauen und Mädchen in Afghanistan hat sich 
seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 in vielen Lebensbe-

reichen kontinuierlich verschlechtert (s. Menschenrechtsrat der Vereinten 

Nationen, Situation des femmes et des filles en Afghanistan - Rapport du 

Rapporteur spécial sur la situation des droits de l'homme en Afghanistan 

et du Groupe de travail sur la discrimination à l'égard des femmes et des 

filles vom 15. Juni 2023, A/HRC/53/21). Vor diesem Hintergrund hat die 

Vorinstanz im Asylbereich für asylsuchende afghanische Frauen und Mäd-

chen eine neue Praxis entwickelt, die per 17. Juli 2023 in Kraft getreten 

Nationales Visum aus humanitären Gründen 2024 VII/1 

 

 

BVGE / ATAF / DTAF VII 3 

 

ist: « Neu können weibliche Asylsuchende aus Afghanistan sowohl als 

Opfer diskriminierender Gesetzgebung als auch einer religiös motivier- 

ten Verfolgung betrachtet werden – wenn nicht ohnehin andere flücht-

lingsrechtlich relevante Verfolgungsmotive zum Tragen kommen. Ihnen 

ist die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen. » Dies geschieht nicht auto-

matisch, sondern wird bei jedem Gesuch einzeln geprüft und entschieden 

(SEM, Faktenblatt « Praxisänderung weibliche afghanische Asylsuchen-

de » vom 26. September 2023, < www.sem.admin.ch/dam/sem/de/data/ 

asyl/afghanistan/230926-fakten-afg-praxisaenderung.pdf.download.pdf/2 

30926-fakten-afg-praxisaenderung-d.pdf >, abgerufen am 27.03.2024). 

7.2 Die Praxis der Vorinstanz im Bereich des Asyls lässt sich aller-
dings nicht auf das humanitäre Visumverfahren übertragen. Mit der dring-

lichen Änderung des Asylgesetzes vom 28. September 2012 (AS 2012 

5359) per 29. September 2012 wurde die Möglichkeit aufgehoben, bei ei-

ner Schweizer Auslandsvertretung ein Asylgesuch einzureichen. Der Bun-

desrat hielt in diesem Zusammenhang in seiner Botschaft vom 26. Mai 

2010 zur Änderung des Asylgesetzes (BBl 2010 4455, 4490) unter Hin-

weis auf die Wahrung der humanitären Tradition der Schweiz ausdrücklich 

fest, dass auch in Zukunft unmittelbar, ernsthaft und konkret gefährdete 

Personen den Schutz der Schweiz durch die Erteilung eines humanitären 

Visums erhalten sollen. Im Rahmen des Verfahrens zur Erteilung huma-

nitärer Visa wurden die Einreisevoraussetzungen indes noch restriktiver 

ausgestaltet, als dies beim früheren sogenannten « Botschaftsasyl » der 

Fall war (BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.3; 2015/5 E. 4.1.2 f.; BBl 2010 4455, 

4490).  

7.3 Das humanitäre Visum ist ein auf besonders gefährdete Einzel-
fälle ausgerichtetes Rechtsinstitut. Die entsprechenden Gesuche sind nach 

Massgabe der spezifischen Gegebenheiten unter Berücksichtigung der 

aktuellen Gefährdungssituation einzelfallweise zu beurteilen (vgl. Urteile 

des BVGer F-4361/2022 vom 16. Oktober 2023 E. 5.5; F-4138/2022 vom 

10. August 2023 E. 3.3.5; F-3986/2019 vom 22. Oktober 2020 E. 6). Im 

Gegensatz zu den ehemals bis 2012 zulässigen Asylgesuchen aus dem 

Ausland richten sie sich an eine enger definierte Personengruppe. Ein hu-

manitäres Visumgesuch wird im Rahmen eines Individualverfahrens beur-

teilt, welches nicht auf die Prüfung einer grossen Anzahl von Gesuchen in 

regionalen Krisensituationen ausgerichtet ist (SEM, Faktenblatt « Huma-

nitäre Visa » vom 28. Januar 2022, S. 2, <www.sem.admin.ch/sem/de/ 

home/suche.html#faktenblatt%20humanit%C3%A4re%20visa>, abgeru-

fen am 27.03.2024). 

2024 VII/1 Nationales Visum aus humanitären Gründen 

 

 

4 VII BVGE / ATAF / DTAF  

 

7.4 Die Erteilung eines Visums aus humanitären Gründen setzt unter 
anderem voraus, dass eine Person im Heimat- oder Herkunftsstaat unmit-

telbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet ist ([…]). Mit 

anderen Worten muss die Gefährdung gegenwärtig und von hinreichender 

Intensität sein. So bejahte die Rechtsprechung ein effektiv erhöhtes Risi-

koprofil im Fall exponierter Persönlichkeiten wie beispielsweise einem 

ehemaligen in Afghanistan tätigen Staatsanwalt, der im Bereich terroristi-

scher Straftaten der Taliban ermittelt hatte (Urteil des BVGer F-3406/2022 

vom 24. August 2023 E. 5.1 f.), einer afghanischen Frauenrechtsaktivistin, 

deren vier ehemalige Mitstreiterinnen allesamt von den Taliban gezielt ge-

tötet wurden (Urteil F-4361/2022 E. 5.1 ff.), oder einer Fernsehmoderato-

rin, die bis zur Machtübernahme im Land durch die Taliban unter anderem 

während neun Jahren bei einem afghanischen Fernsehsender öffentlich-

keitswirksam in Erscheinung getreten war (Urteil des BVGer F-3559/2022 

vom 20. April 2023 E. 3.5.1). Hingegen genügt eine rein hypothetische 

Gefahr aufgrund eines lediglich abstrakten Risikoprofils nicht, um ein hu-

manitäres Visum zu erhalten (vgl. Urteile des BVGer F-4179/2022 vom 

2. Oktober 2023 E. 6.3 f.; F-4139/2022 vom 19. Juni 2023 E. 5.1 f.). Die 

betroffene Person muss der Gefährdung stärker als jede andere Person, 

mithin mehr als der Rest der Bevölkerung im Heimat- oder Herkunftsstaat, 

ausgesetzt sein (vgl. Urteile des BVGer F-4615/2022 vom 4. Oktober 

2023 E. 4.1; F-5646/2018 vom 1. November 2018 E. 5.3.2 [nicht publ. in: 

BVGE 2018 VII/5]; FÉLIX/SIEBER/CHATTON, Le « nouveau » visa huma-

nitaire national: précision de cette notion à la lumière de la jurisprudence 

du Tribunal administratif fédéral, ASYL 3/2019 S. 12).  

7.5 Einzig das Vorliegen eines möglichen asylrelevanten Flucht-
grundes reicht für die Erteilung eines humanitären Visums nicht aus (vgl. 

BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.3). Die Frage, ob die betroffene Person die 

Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt, ist erst im Rah-

men eines asylrechtlichen Verfahrens nach Einreichung eines Asylgesuchs 

in der Schweiz zu entscheiden. Dabei kann allein aus dem Umstand der 

Erteilung eines humanitären Visums im Sinne von Art. 4 Abs. 2 der 

Verordnung vom 15. August 2018 über die Einreise und die Visumer-

teilung (VEV, SR 142.204) nicht bereits auf eine flüchtlingsrechtlich re-

levante Verfolgung gemäss Art. 3 AsylG geschlossen werden (s. Urteile 

des BVGer D-295/2021 vom 16. März 2022 E. 6.1 m.w.H.; ferner 

E-5472/2020 vom 7. September 2021 E. 5.3; E-550/2021 vom 18. März 

2021 E. 5.2.3). 

Nationales Visum aus humanitären Gründen 2024 VII/1 

 

 

BVGE / ATAF / DTAF VII 5 

 

7.6 Hinzu kommt, dass für die Erteilung eines humanitären Visums 
im Gegensatz zum Asylrecht ein erhöhtes Beweismass gilt. Praxisgemäss 

muss die Gefährdung im Sinne von Art. 4 Abs. 2 VEV offensichtlich sein; 

eine blosse Glaubhaftmachung genügt nicht (BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.3; 

2015/5 E. 4.1.3; ferner Urteile des BVGer F-1077/2022 vom 21. Februar 

2024 E. 5.4.1 [zur Publikation vorgesehen]; F-4626/2021 vom 13. April 

2023 E. 3.3; F-4827/2021 vom 13. März 2023 E. 3.4). Im humanitären Vi-

sumverfahren sind die Verfahrensabläufe einfacher als im Asylverfahren. 

Eine asylrechtliche Befragung hat im ausländerrechtlichen Visumver-

fahren nicht zu erfolgen (vgl. BVGE 2015/5 E. 4.1.2; Urteil des BVGer 

D-68/2015 vom 24. März 2015 E. 5.1; BBl 2010 4455, 4490). Die Voraus-

setzungen der Anwendbarkeit von Art. 4 Abs. 2 VEV sind somit anders 

gelagert als diejenigen von Art. 3 AsylG (vgl. Urteile D-295/2021 E. 6.1; 

E-5472/2020 E. 5.3; E-550/2021 E. 5.2.3). Dies entspricht nicht zuletzt 

dem klaren Willen des Gesetzgebers, als er die Möglichkeit der Stellung 

eines Asylgesuchs im Ausland per 2012 aufhob (s. E. 7.2 hiervor). 

8.  
8.1–8.3 (…) 

8.4 Das Bundesverwaltungsgericht verkennt nicht, dass sich die Si-
tuation für Frauen und Mädchen in Afghanistan nach der Machtübernahme 

der Taliban im August 2021 kontinuierlich verschlechtert hat. Davon sind 

jedoch alle Frauen und Mädchen in Afghanistan – und nicht einzig die Be-

schwerdeführenden individuell – in ähnlicher Weise betroffen. Das blosse 

Merkmal des weiblichen Geschlechts reicht auch unter Berücksichtigung 

der aktuellen Machtverhältnisse in Afghanistan nicht aus, um im konkre-

ten Einzelfall offensichtlich eine unmittelbare, ernsthafte und konkrete 

Gefährdung im Sinne von Art. 4 Abs. 2 VEV zu begründen. Eine beson-

ders gelagerte Gefährdungssituation im Vergleich zu anderen in Afghanis-

tan lebenden Personen, namentlich auch anderen Frauen und Mädchen, 

vermochten die Beschwerdeführenden nicht aufzuzeigen. Dass sie infolge 

Nichtbefolgens der frauenfeindlichen Regeln Drohbriefe erhalten haben 

oder verbalen Drohungen ausgesetzt waren, mithin von den Taliban gezielt 

verfolgt wurden, ist nicht rechtsgenüglich dargetan ([…]). Auch die in der 

Beschwerde zitierten Berichte zur allgemeinen Situation von Frauen und 

Mädchen in Afghanistan lassen keine Rückschlüsse auf eine personenspe-

zifische Gefährdung der Beschwerdeführenden an Leib und Leben zu. 

Folglich sind die Beschwerdeführenden nicht einer akuten Gefährdung 

ausgesetzt, die sie mehr als andere Frauen und Mädchen in Afghanistan 

2024 VII/1 Nationales Visum aus humanitären Gründen 

 

 

6 VII BVGE / ATAF / DTAF  

 

betrifft. Sie sind mit den gleichen Schwierigkeiten wie zahlreiche verwit-

wete Frauen und deren Kinder in Afghanistan konfrontiert. Sie weisen kein 

nennenswertes Risikoprofil auf (s. E. 7.4 f. hiervor).