# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 6b77aa63-786a-5125-bc7f-28429b43be70
**Source:** Zürich (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 
**Language:** de
**Title:** SB240309-O1
**Docket/Reference:** SB240309-O1
**URL:** https://www.gerichte-zh.ch/fileadmin/user_upload/entscheide/oeffentlich/SB240309-O1.pdf

## Full Text

Obergericht des Kantons Zürich
I. Strafkammer

Geschäfts-Nr.: SB240309-O/U/bs

Mitwirkend: Oberrichter lic. iur. S. Volken, Präsident, Oberrichter lic. iur. Lang-

meier und Ersatzoberrichter Dr. iur. F. Manfrin sowie der Gerichts-

schreiber MLaw J. Stegmann

Urteil vom 16. April 2025

in Sachen

A._____, 

Beschuldigter und Berufungskläger

amtlich verteidigt durch Rechtsanwalt lic. iur. X1._____,

vertreten durch Beistand B._____

gegen

Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich,

Anklägerin und Berufungsbeklagte sowie Anschlussberufungsklägerin (Rückzug)

betreffend versuchte schwere Körperverletzung etc.

Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 7. Abteilung,

vom 25. April 2024 (DG240009)

-   2   -

Antrag auf Anordnung einer Massnahme für eine schuldunfähige Person:
(Urk. 1/71)

Der Antrag auf Anordnung einer Massnahme für eine schuldunfähige Person der 

Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 31. Januar 2024 (Urk. 1/71) ist die-

sem Urteil beigeheftet.

Urteil der Vorinstanz:
(Urk. 117 S. 27 ff.; inkl. Nachtragsurteil vom 13. August 2024 betr. Entschädigung 
des amtlichen Verteidigers Rechtsanwalt X1._____ [Urk. 132; hier in kursiver 
Schrift ergänzt/nachgetragen])

"Es wird erkannt:

1.

Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte die Tatbestände





der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von

Art. 122 aStGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB sowie

der Beschimpfung im Sinne von Art. 177 Abs. 1 StGB

im Zustand der nicht selbstverschuldeten Schuldunfähigkeit im Sinne von Art. 19 Abs. 1 StGB 

erfüllt hat.

2.

Es wird eine stationäre therapeutische Massnahme im Sinne von Art. 59 Abs. 1 StGB (Be-

handlung psychischer Störungen) angeordnet.

Es wird vorgemerkt, dass sich der Beschuldigte seit dem 29. Juni 2022 in Haft befindet.

3.

Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 2. Februar 2023 be-

schlagnahmten Küchenmesser (A016'301'943 und A016'301'954) werden eingezogen und 

der Lagerbehörde zur gutscheinenden Verwendung überlassen.

4.

5.

Die Zivilforderungen des Privatklägers werden abgewiesen.

Über die Honorarforderungen der beiden amtlichen Verteidiger wird mit separatem Nach-

tragsurteil entschieden.

6.

Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz. Die Kosten betragen:

Fr.

Fr.

Fr.

3'500.–

  Gebühr Strafuntersuchung

22'203.–

  Gutachten

47.–

  Zeugenentschädigung

-   3   -

Fr. 

Fr.

Fr.

295.55   Auslagen Untersuchung

(noch offen)  ehemalige amtliche Verteidigung (RA X2._____)

17'922.30   amtliche Verteidigung (RA X1._____; inkl. 7,7 % bzw. 8,1 % MwSt. 

und Barauslagen)

Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.

7.

Die Kosten, inklusive derjenigen der amtlichen Verteidigungen, werden auf die 

Gerichtskasse genommen.

8.

9.

Der Antrag des Privatklägers auf Prozessentschädigung wird abgewiesen.

[Mitteilungen]

10.

[Rechtsmittel]"

Berufungsanträge:

a)

Der Verteidigung des Beschuldigten:

(Urk. 159 und Prot. II S. 10 f.; vgl. auch Urk. 118)

1.

Es sei in Feststellung, dass der Beschuldigte den objektiven Tat-
bestand  der  Gewalt  und  Drohung  gegen  Behörden  und  Beamte 
sowie der Beschimpfung in vollkommener Schuldunfähigkeit erfüllt 
hat,  eine  ambulante  Massnahme  gemäss  Art. 63  StGB  anzu-
ordnen,  eventualiter  sei  die  ambulante  Massnahme  unter  statio-
närer Einleitung anzuordnen.

2.

Die Kosten des Berufungsverfahrens einschliesslich der amtlichen 
Verteidigung seien auf die Staatskasse zu nehmen.

b)

Der Staatsanwaltschaft:

(Urk. 151; vgl. auch Urk. 123)

Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.

c)

Des Privatklägers:

(Urk. 124)

Verzicht auf Anträge.

  
-   4   -

Erwägungen:

I.  Verfahrensgang und Prozessuales

1.

Verfahrensgang

1.1. Mit Eingabe vom 31. Januar 2024 stellte die Staatsanwaltschaft I des Kan-

tons Zürich für A._____ beim Bezirksgericht Zürich den Antrag auf Anordnung einer 

Massnahme für eine schuldunfähige Person (Urk. 1/71). Der Verfahrensgang bis 

zum  vorinstanzlichen  Urteil  ergibt  sich  aus  dem  Entscheid  vom  25. April  2024 

(Urk. 117 E. 1/1 S. 5).

1.2. Das  vorstehend  wiedergegebene  Urteil  vom  25. April  2024  wurde  den 

(anwesenden) Parteien gleichentags mündlich eröffnet (Urk. 108; Prot. I S. 45 ff.). 

Der Beschuldigte liess mit Eingabe vom 6. Mai 2024 innert Frist Berufung anmelden 

(Urk. 113).

1.3. Nach Zustellung des begründeten Urteils (Urk. 114 = Urk. 132; Urk. 116/2) 

liess  der  Beschuldigte  am  21. Juni  2024  fristgerecht  die  Berufungserklärung  ein-

reichen (Urk. 118).

1.4. Mit  Präsidialverfügung  vom  15. Juli  2024  wurde  dem  Privatkläger  und  der 

Staatsanwaltschaft  ein  Doppel  der  Berufungserklärung  des  Beschuldigten  zuge-

stellt und Frist angesetzt, um gegebenenfalls Anschlussberufung zu erheben oder 

ein Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen. Mit Eingabe vom 29. Juli 2024 

erklärte  die  Staatsanwaltschaft  Anschlussberufung  (Urk. 123);  der  Privatkläger 

verzichtete darauf (vgl. Urk. 124).

1.5. Mit Präsidialverfügung vom 7. August 2024 wurde dem Beschuldigten und 

der Staatsanwaltschaft Frist zur Stellungnahme zur Verlängerung der Sicherheits-

haft  des  Beschuldigten  angesetzt  (Urk. 126).  Mit  Eingabe  vom  13. August  2024 

stellte der amtliche Verteidiger den Antrag, dass dem Beschuldigten der vorzeitige 

Massnahmeantritt  zu  bewilligen  sei  (Urk. 128).  Mit  Präsidialverfügung  vom 

21. August  2024  wurde  dem  Beschuldigten  sodann  der  vorzeitige  Massnahme-

antritt  bewilligt  und  die  Sicherheitshaft  bis  zum  tatsächlichen  Massnahmeantritt 

-   5   -

bzw. längstens bis zum Endentscheid der Berufungsinstanz verlängert (Urk. 130). 

Nachdem die Vollzugsbehörden dem hiesigen Gericht mitgeteilt hatten, dass der 

Beschuldigte nicht hafterstehungsfähig sei und zur psychiatrischen Behandlung in 

die  Klinik  für  Forensische  Psychiatrie,  Station  C._____,  in  Bern  versetzt  werden 

müsse, wurde dieser mit Präsidialverfügung vom 24. Oktober 2024 dorthin versetzt 

(Urk. 133-138).  Mit  Verfügung  des  Justizvollzugs  des  Kantons  Zürichs  vom 

21. November  2024  wurde  der  bewilligte  vorzeitige  Massnahmeantritt  in  Vollzug 

gesetzt und der Beschuldigte per 26. November 2024 in die Psychiatrische Klinik 

Münsterlingen  eingewiesen  (Urk. 138).  Das  Gesuch  des  Beschuldigten  um  (Ab-

bruch des vorzeitigen Massnahmeantritts und) Rückversetzung in die Sicherheits-

haft  vom  30. Januar  2025  wurde  mit  Präsidialverfügung  vom  27. Februar  2025 

abgewiesen (Urk. 140-142 und 145-146).

Der Beschuldigte reichte am 27. Februar 2025 eine handschriftliche Eingabe ein, 

worin er sich mit dem vorinstanzlichen Urteil auseinandersetzt (Urk. 148; vgl. auch 

Urk. 149).

1.6. Am  14. Februar  2025  wurde  zur  Berufungsverhandlung  auf  den  16. April 

2025  vorgeladen.  Mit  Eingabe  vom  2. April  2025  erklärte  die  Staatsanwaltschaft 

den  Rückzug  ihrer  Anschlussberufung  und  ersuchte  um  Dispensation  von  der 

Teilnahme  an  der  Berufungsverhandlung  (Urk. 151),  welchem  Ersuchen  in  der 

Folge stattgegeben wurde (Urk. 152). Der mit Schreiben vom 1. April 2025 bei der 

Psychiatrischen Klinik Münsterlingen angeforderte Therapieverlaufsbericht wurde 

mit Eingabe vom 10. April 2025 dem hiesigen Gericht eingereicht und den Parteien 

daraufhin  zur  Kenntnis  gebracht  (Urk. 150  und  155).  Heute  nun  erschienen  zur 

Berufungsverhandlung  der  Beschuldigte  in  Begleitung  seines  amtlichen  Ver-

teidigers.  Vorfragen  waren  keine  zu  entscheiden  und  abgesehen  von  der 

Einvernahme des Beschuldigten waren auch keine Beweise abzunehmen (Prot. II 

S. 9 ff.; Urk. 158; vgl. dazu auch nachfolgend E. I/5).

Das Verfahren ist spruchreif.

-   6   -

2.

Umfang der Berufung

2.1. Gemäss  Art. 402  StPO  hat  die  Berufung  im  Umfang  der  Anfechtung 

aufschiebende Wirkung. Die Rechtskraft des angefochtenen Urteils wird somit im 

Umfang  der  Berufungsanträge  gehemmt,  während  die  von  der  Berufung  nicht 

erfassten  Punkte  in  Rechtskraft  erwachsen  (vgl.  BSK  StPO-EUGSTER,  Art. 402 

N 1 f.).

2.2. Der  Beschuldigte  liess  die  Berufung  in  seiner  Berufungserklärung  auf  die 

Feststellung,  die  Tatbestände  (versuchte  schwere  Körperverletzung  und  Be-

schimpfung) im Zustand der nicht selbstverschuldeten Schuldunfähigkeit erfüllt zu 

haben, die Anordnung einer stationären therapeutischen Massnahme im Sinne von 

Art. 59  Abs. 1  StGB,  die  Einziehung  der  beschlagnahmten  Küchenmesser  sowie 

die Abweisung des Antrags des Privatklägers auf Prozessentschädigung beschrän-

ken (Urk. 118 S. 2). Anlässlich der Berufungsverhandlung präzisierte die Verteidi-

gung, dass Letzteres (Dispositivziffer 8) nicht angefochten werde (Prot. II S. 10).

2.3. Somit  sind  im  Berufungsverfahren  Dispositivziffern 1  bis  3  angefochten, 

während sämtliche anderen Dispositivziffern des vorinstanzlichen Urteils unange-

fochten blieben. Der Eintritt der Rechtskraft dieser Anordnungen ist vorab festzu-

stellen  (Art. 399  Abs. 3  StPO  in  Verbindung  mit  Art. 402  und  437  StPO  sowie 

Art. 404 StPO).

In den übrigen Punkten steht der angefochtene Entscheid unter Vorbehalt des Ver-

schlechterungsverbotes  (Art. 391  Abs. 2  StPO)  grundsätzlich  zur  Disposition.  In 

den  angefochtenen  Punkten  überprüft  das  Berufungsgericht  das  erstinstanzliche 

Urteil umfassend (Art. 398 Abs. 2 und 3 StPO).

3.

Strafantrag

Die  Beschimpfung  im  Sinne  von  Art. 177  Abs. 1  StGB  ist  ein  Antragsdelikt.  Der 

Privatkläger  beantragte  form-  und  fristgerecht  die  Bestrafung  des  Beschuldigten 

(Urk. 6 und 15/6; vgl. auch Art. 30 f. StGB). Dass in Bezug auf die vorliegend zu 

beurteilende Beschimpfung ein Rückzug des Strafantrags seitens des Privatklägers 

vorliegen würde, wie von der Verteidigung vorgebracht (vgl. Prot. I S. 8 mit Verweis 

-   7   -

auf Urk. 102), ist – mit der Staatsanwaltschaft (Prot. I S. 11) – nicht zu sehen, da 

der  Privatkläger  seinen  Strafantrag  explizit  hinsichtlich  der  geltend  gemachten 

Beschimpfung  vom  20. Juni  2022  –  welche  vorliegend  nicht  zu  beurteilen  ist – 

zurückzog (vgl. Urk. 102).

4.

Formelles

4.1. Soweit für die tatsächliche und die rechtliche Würdigung des eingeklagten 

Sachverhaltes auf die Erwägungen der Vorinstanz verwiesen wird, erfolgt dies in 

Anwendung von Art. 82 Abs. 4 StPO, ohne dass dies explizit Erwähnung findet.

4.2. Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 3 Abs. 2 

lit. c  StPO)  folgt  die  Pflicht  des  Gerichts,  seinen  Entscheid  zu  begründen.  Die 

Begründung  muss  kurz  die  wesentlichen  Überlegungen  nennen,  von  denen  sich 

das Gericht hat leiten lassen und auf die es seinen Entscheid stützt. Es darf sich 

aber auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken und muss sich nicht aus-

drücklich mit jeder tatsächlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand aus-

einandersetzen und diese widerlegen. Es kann sich mithin auf die für den Entscheid 

wesentlichen Punkte beschränken. Ebenso wenig lässt sich Art. 6 Ziff. 1 EMRK in 

der Weise auslegen, dass eine detaillierte Antwort auf jedes Argument gefordert 

würde (BGE 146 IV 297 E. 2.2.7; 143 III 65 E. 5.2; 141 IV 249 E. 1.3.1; Urteil des 

Bundesgerichts 6B_689/2019 vom 25. Oktober 2019 E. 1.5.2, mit Hinweisen).

5.

Beweisantrag

5.1. Anlässlich  der  Berufungsverhandlung  liess  der  Beschuldigte  –  wie  bereits 

vor Vorinstanz – erneut den Beweisantrag stellen, es sei ein Augenschein allenfalls 

unter gleichzeitiger Tatrekonstruktion vorzunehmen. Insbesondere sei dabei zu er-

mitteln, in welchem Umfang der Zeuge D._____ angesichts der sein Blickfeld ver-

sperrenden  gelben  Baumulde  sowie  des  Baggers  überhaupt  den  Ereignisablauf 

habe sehen können (Urk. 159 S. 1 f.; vgl. auch Prot. II S. 10).

5.2. Die  Durchführung  eines  Augenscheins  (unter  allenfalls  gleichzeitiger 

Tatrekonstruktion) ist vorliegend nicht angezeigt. Der Zeuge D._____ – welcher in 

-   8   -

der Nachbarschaft des Beschuldigten lebte, Beobachtungen von seiner Terrasse 

(3. Stockwerk) aus machen konnte und weder mit dem Beschuldigten noch mit dem 

Privatkläger vor dem Vorfall in Kontakt stand oder eine Beziehung pflegte (Urk. 9/1 

F/A 4, 5 7, 17 und 29 [vgl. auch die beiden Beilagen zu Urk. 9/1]; Urk. 9/4 F/A 6-7, 

22, 24 [vgl. auch Beilage 2 zu Urk. 9/4]) – gab in seinen Einvernahmen klar zu er-

kennen,  was  er  von  seiner  Position  aus  sehen  konnte  und  was  er  aufgrund  der 

partiell sichtverdeckenden (Bau-)Mulde sowie des Baggers nicht erkennen konnte 

(Urk. 9/1 F/A 7; Urk. 9/4 F/A 8, 31, 34-36, 43, 46, 53-55, 76-79, 81-87, 92, 95). Wie 

nachfolgend im Detail zu zeigen sein wird, weisen die Aussagen des Privatklägers 

und  des  Zeugen  D._____  zum  Kerngeschehen  wesentliche  Übereinstimmungen 

auf, ohne dass irgendwelche Anzeichen auf eine Absprache zwischen dem Zeugen 

D._____ und dem Privatkläger vorliegen würden. Seine Aussagen werden dadurch 

validiert. Insgesamt erweisen sich die Aussagen des Zeugen D._____ – wie nach-

folgend weiter aufzuzeigen sein wird – als überzeugend und glaubhaft; sie weisen 

keine Lügensignale auf (vgl. zum Ganzen auch nachfolgend E. II/3.6). Vor diesem 

Hintergrund und unter Berücksichtigung, dass es sich beim Privatkläger und nicht 

beim  Zeugen  D._____  um  den  Hauptbelastungszeugen  handelt,  ist  der  Be-

weisantrag entsprechend abzuweisen.

II.  Sachverhalt und rechtliche Würdigung

1.

Ausgangslage

1.1. Verfahrensgegenstand  des  vorliegenden  Berufungsverfahrens  bildet  der 

nachstehend umrissene Tatvorwurf (Urk. 1/71): Der Beschuldigte habe den Privat-

kläger (E._____), welcher ihm ein amtliches Dokument habe zustellen wollen, am 

28. Juni 2022 aus seiner Wohnung heraus als "Schafseckel" und "Hurensohn" be-

titelt. Der Privatkläger habe sich durch diese Äusserungen in seiner Ehre angegrif-

fen gefühlt, was der Beschuldigte bei seinem Tun gewollt, zumindest jedoch in Kauf 

genommen habe. Nachdem der Privatkläger den Beschuldigten darüber informiert 

habe, dass er ihm ein amtliches Dokument zustellen wolle, habe der Beschuldigte 

ein Messer (Gesamtlänge: 44 Zentimeter; Klingenlänge: 31 Zentimeter) behändigt 

und vom Fenster seiner Wohnung aus zum Privatkläger gesagt: "Ich komme gleich 

-   9   -

runter und stech dich ab". Der Beschuldigte habe sich daraufhin vor das Haus be-

geben und sei mit dem vorgenannten Messer auf den Privatkläger zugerannt und 

habe  mindestens  zwei  Stichbewegungen  gegen  den  oberen  Rückenbereich  des 

Privatklägers  ausgeführt,  welcher  sich  vom  Beschuldigten  wegbewegt  habe  und 

auf sein Fahrrad aufgestiegen sei. Der Privatkläger habe den beiden Stichen aus-

weichen können und sei deshalb nicht getroffen und verletzt worden, weshalb es 

beim Versuch – den Privatkläger zu töten – geblieben sei. Der Beschuldigte habe 

dabei gewusst, dass der Privatkläger mit seinem Verhalten hätte getötet bzw. le-

bensgefährlich verletzt werden können, was der Beschuldigte auch gewollt, zumin-

dest jedoch in Kauf genommen habe.

1.2. Gemäss dem Antrag der Staatsanwaltschaft hat der Beschuldigte die Tatbe-

stände  der  versuchten  Tötung  im  Sinne  von  Art. 111  in  Verbindung  mit  Art. 22 

Abs. 1 StGB sowie der Beschimpfung im Sinne von Art. 177 Abs. 1 StGB im Zu-

stand der nicht selbstverschuldeten Schuldunfähigkeit im Sinne von Art. 19 Abs. 1 

StGB erfüllt (Urk. 1/71).

1.3. Der Beschuldigte stellte sich in der Untersuchung und auch heute auf den 

Standpunkt,  dass  der  Privatkläger  frech  geworden  sei,  sturmgeläutet  habe  und 

trotzdem nie auf die Gegensprechanlage reagiert habe. Der Privatkläger habe auch 

nicht geantwortet, nachdem er das Fenster geöffnet habe. Er sehe von da aus nicht 

ganz  zum  Hauseingang,  er  sehe  aber  zum  Eingangsbereich.  Er  habe  ihm  dort 

schon gesagt – einmal anständig, einmal in zynischem Ton und einmal unanstän-

dig –,  dass  er  (der  Privatkläger)  das  Grundstück  verlassen  soll.  Der  Privatkläger 

habe zum wiederholten Mal gegen die Wegweisung verstossen. Nach dem dritten 

Mal Sturmläuten sei er (der Beschuldigte) dann den Briefkasten leeren gegangen; 

der Privatkläger habe da aber immer noch nicht eingesehen, dass er (der Beschul-

digte) nur den Briefkasten leere und er (der Privatkläger) deplatziert gewesen sei 

und das Grundstück hätte verlassen sollen. Erst als er fertig mit dem Briefkasten-

leeren gewesen sei und angefangen habe zu Gestikulieren, habe der Privatkläger 

langsam eingesehen, dass er gehen sollte. Erst nachdem der Privatkläger realisiert 

habe, dass er (der Beschuldigte) langsam handgreiflich werden und er keine Ge-

duld und Nerven mehr haben könnte, sei diesem ziemlich schnell eingefallen, dass 

-   10   -

er gehen sollte (Urk. 7/3 F/A 15). Auf die Frage, ob er den Privatkläger als "Schaf-

seckel" oder "Hurensohn" bezeichnet habe, erklärte der Beschuldigte, dass er dies 

nicht direkt so gesagt habe. Er könne sich nicht mehr genau erinnern, er habe ihm 

schlussendlich unanständig gesagt (Urk. 7/3 F/A 20 f.). Als er seinen Briefkasten 

leeren gegangen sei, habe er schon "einen Gegenstand" zum Selbstschutz dabei 

gehabt, weil er davon ausgegangen sei, dass der Privatkläger auch mit einer heim-

tückischen Waffe bewaffnet gewesen sei. Eines der beiden sichergestellten Messer 

(vgl. Urk. 4 und 13/3-4) habe er beim Briefkastenleeren in der Hand gehalten, er 

habe  dieses  aber  versteckt  hinter  seinem  Bein  gehalten,  weshalb  man  es  nicht 

habe sehen können; die andere Hand habe er hochgehalten, um dem Privatkläger 

zu  signalisieren,  dass  er  langsam  gehen  und  in  welche  Richtung  er  gehen  soll 

(Urk. 7/3  F/A 25-37).  Er  habe  das  Messer  nie  in  einer  bedrohlichen  Stellung  ge-

halten  –  erst  ganz  am  Schluss,  weil  er  dazu  genötigt  worden  sei,  da  sich  der 

Privatkläger unfreundlich und renitent benommen habe und nicht einsichtig gewe-

sen sei. Er habe das Messer immer in der rechten Hand auf Beckenhöhe gehabt. 

Die Klinge  habe  er nach  hinten  und die  Spitze  nach oben gehalten. Erst als  der 

Privatkläger  sich  nicht  einsichtig  gezeigt  habe  und  die  zweimalige  Aufforderung, 

das Grundstück zu verlassen, missachtet habe, sei er dazu genötigt gewesen, das 

Messer zu erhöhen und in Zuschlagstellung zu bringen. Allerdings sei er mehrere 

Meter weit weg gewesen (Urk. 16/12 S. 4 und 5). Er habe den Privatkläger nicht 

mit dem Messer in der Hand verfolgt. Der Privatkläger sei schätzungsweise zwei-

einhalb bis drei Meter von ihm entfernt gewesen. Er habe den Privatkläger nicht 

verletzen  wollen  (Urk. 7/3  F/A 34,  36  und  46  f.;  vgl.  zum  Ganzen  auch  Urk. 158 

S. 20 ff., Urk. 7/1-2 und Urk. 7/4). Anlässlich der heutigen Berufungsverhandlung 

brachte der Beschuldigte erstmals vor, er habe den Privatkläger nicht als "Schaf-

seckel"  oder  "Hurensohn",  sondern  als  "Arschloch"  betitelt.  Auch  wollte  sich  der 

Beschuldigte nicht mehr dazu äussern, was für einen Gegenstand er anlässlich des 

Briefkastenleerens in der Hand gehalten habe, dieser sei rein zur Selbstverteidi-

gung gewesen. Die Frage, wie nah er dem Privatkläger gekommen sei, beantwor-

tete  er  mit  "rund  eineinhalb  Meter",  wobei  er  sich  nicht  auf  den  Privatkläger  zu-

bewegt habe (Urk. 158 S. 20 ff.).

-   11   -

Die Verteidigung beantragte vor diesem Hintergrund vor Vorinstanz die Feststel-

lung, dass der Beschuldigte den objektiven Tatbestand der Gewalt und Drohung 

gegen Behörden und Beamte im Sinne von Art. 285 StGB in Putativnotwehr – even-

tualiter in vollkommener Schuldunfähigkeit – erfüllt habe. Die Verteidigung brachte 

vor, dass sich in objektiver Hinsicht lediglich erstellen lasse, dass der Beschuldigte 

den  Privatkläger  beschimpft  habe,  dass  der  Beschuldigte  mit  einem  Messer  er-

schienen sei, allenfalls mit dem Messer gefuchtelt habe und allenfalls dem Privat-

kläger mit dem Messer habe Angst machen wollen, um diesen zu vertreiben. Es 

lasse sich schlichtweg nicht erstellen, dass der Beschuldigte in der Absicht gehan-

delt  habe,  den  Privatkläger  zu  verletzen  oder  zu  töten.  Es  lasse  sich  aus  den 

Aussagen des Beschuldigten lediglich erstellen, dass er den Privatkläger habe ver-

treiben  wollen  und  er  der  festen  Überzeugung  gewesen  sei,  dass  er  dies  –  das 

Messer  als  Drohung  einsetzen  und  fuchteln  –  tun  dürfe  (Prot. I  S. 12  ff.).  Heute 

beantragte die Verteidigung, dass festgestellt werden solle, dass der Beschuldigte 

die Tatbestände der Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte sowie der 

Beschimpfung im Zustand der nicht selbstverschuldeten Schuldunfähigkeit erfüllt 

habe (Urk. 159 S. 2 ff.).

2. Grundsätze der Sachverhaltserstellung und Beweiswürdigung, Beweismittel

2.1. Die Vorinstanz legte die massgebenden Grundsätze der Sachverhaltserstel-

lung  sowie  die  Beweiswürdigungsregeln  (Urk. 117  E. II/1.1-1.3  S. 6-8)  zutreffend 

dar, worauf verwiesen werden kann.

Ergänzt werden kann mit Blick auf die Eingabe des Beschuldigten vom 27. Februar 

2025  (Urk. 148)  zum  Indizienbeweis  noch  das  Folgende:  Der  Indizienbeweis  ist 

dem direkten Beweis gleichgestellt, wobei die Gesamtheit der einzelnen Indizien, 

deren "Mosaik", zu würdigen ist. Da ein Indiz immer nur mit einer gewissen Wahr-

scheinlichkeit auf die Täterschaft oder die Tat hinweist, lässt es, einzeln betrachtet, 

die Möglichkeit des Andersseins offen, enthält es daher auch den Zweifel. Es ist 

jedoch zulässig, aus der Gesamtheit der verschiedenen Indizien, welche je für sich 

allein betrachtet nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf eine bestimmte Tat-

sache oder Täterschaft hindeuten und insofern Zweifel offen lassen, auf den vollen 

rechtsgenügenden  Beweis  von  Tat  und/oder  Täter  zu  schliessen.  Der  Indizien-

-   12   -

prozess als solcher verletzt weder die Unschuldsvermutung noch die aus ihr abge-

leiteten Teilrechte. Der Grundsatz "in dubio pro reo" findet auf das einzelne Indiz 

keine  Anwendung  (BGE 144  IV 345  E. 2.2.3.4;  BGer 6B_360/2016  vom  1. Juni 

2017 E. 2.4, nicht publ. in BGE 143 IV 361; BGer 6B_605/2016 vom 15. September 

2016 E. 2.8 und 6B_1021/2016 vom 20. September 2017 E. 4.1; je mit Hinweisen). 

Er entfaltet seine Wirkung bei der Beweiswürdigung als Ganzes. Massgebend ist 

nicht eine isolierte Betrachtung der einzelnen Beweise, sondern deren gesamthafte 

Würdigung  (BGE 144  IV 345  E. 2.2.3.4;  BGer 6B_90/2019  vom  7. August 2019 

E. 4.3;  6B_699/2018  vom  7. Februar 2019  E. 2.3.2;  ZK  StPO-WOHLERS,  Art. 10 

N 27; zum Ganzen vgl. auch KRUMMENACHER, Der Entscheid(find)ungsprozess des 

Strafrichters, in: "Justice - Justiz - Giustizia" 2023/4).

2.2. Die Vorinstanz hat die massgeblichen Beweismittel, namentlich







die Aussagen des Beschuldigten (Urk. 7/1-4),

die  Aussagen  des  Privatklägers  (Urk. 8/1  und  8/7  [inkl.  einer  Aktennotiz 
betr. Identifizierung des Tatmessers durch den Privatkläger; Urk. 8/8]),

die Aussagen des Zeugen D._____ (Urk. 9/1 und 9/4),

genannt, deren Ergebnisse und den Inhalt umfassend und zutreffend wiedergege-

ben,  worauf  zur  Vermeidung  von  Wiederholungen  ebenfalls  verwiesen  werden 

kann  (Urk. 117  E. II/3.1.1-3.1.3  S. 8-12  und  E. II/3.2.1-3.2.2  S. 114).  Ergänzt 

werden kann, dass der Beschuldigte auch anlässlich der Anhörung vor dem Haft-

richter  am  30. Juni  2022  Aussagen  zur  Sache  deponierte  (Urk. 16/12;  vgl.  dazu 

auch  vorstehend  E. II/1.3).  Die  vorhandenen  Beweismittel  sind  grundsätzlich  un-

eingeschränkt verwertbar. Daran vermag auch nichts zu ändern, dass der Beschul-

digte jeweils seine Unterschrift auf den ihn betreffenden Einvernahmeprotokollen 

verweigerte,  da  diesen  gleichwohl  Urkundencharakter  zukommt  und  diese  als 

Beweismittel verwertbar sind (vgl. dazu BSK StPO-NÄPFLI, Art. 78 N 26, vgl. auch 

N 25). Auch die Einvernahmen des Zeugen D._____ (Urk. 9/1 und 9/4) sind – ent-

gegen den Ausführungen des Beschuldigten (Urk. 148) – uneingeschränkt verwert-

bar,  da  der  Beschuldigte  bzw.  sein  Verteidiger  ordnungsgemäss  über  die  anste-

hende staatsanwaltschaftliche Einvernahme des Zeugen D._____ informiert wur-

den  (vgl.  Urk. 19/2),  der  Beschuldigte  kurz  vor  der  Einvernahme  des  Zeugen 

D._____ hospitalisiert werden musste (vgl. Urk. 16/13-14; vgl. auch Urk. 14/21 und 

-   13   -

Urk. 9/4) und der an der Einvernahme anwesende (damalige) Verteidiger nicht ge-

gen die Durchführung der Einvernahme in Abwesenheit des Beschuldigten oppo-

nierte,  was  als  (stillschweigender)  Verzicht  auf  Teilnahme  des  Beschuldigten  an 

dieser  Beweiserhebung  gewertet  werden  muss 

(vgl.  dazu  BSK  StPO-

SCHLEIMINGER/  SCHAFFNER,  Art. 147  N 19,  vgl.  auch  N 17;  vgl.  auch  BGE 143  IV 

397  E. 3.4).  Ob  die  Einvernahme  des  Zeugen  F._____  (Urk. 9/5)  –  wie  von  der 

Verteidigung und dem Beschuldigten in Frage gestellt (Prot. I S. 30 ff.; Urk. 148) – 

zum  Nachteil  des  Beschuldigten  verwertbar  ist,  kann  vorliegend  offengelassen 

werden,  da  sich  – mit  der  Vorinstanz  (Urk. 117  E. II/3.1.4  S. 12)  –  aus  dieser 

Einvernahme sowieso nichts hinreichend Klares für die Erstellung des Sachverhalts 

entnehmen lässt.

3. Würdigung der Beweismittel

3.1. Die  Vorinstanz  erachtete  den  Anklagesachverhalt  gestützt  auf  die 

massgeblichen  Beweismittel  im  Wesentlichen  –  mit  Einschränkungen  vorallem 

hinsichtlich  des  subjektiven  Sachverhaltes  in  Bezug  auf  die  vorgeworfene 

versuchte Tötung – als erstellt (Urk. 107 E. II/3.1.5 und 3.2.3 S. 12-14). Es kann 

vorweggenommen werden, dass den von der Vorinstanz aus dem Beweismaterial 

gezogenen Schlüssen zur Sachverhaltserstellung weitestgehend zu folgen ist. Die 

nachstehenden Erwägungen sollen die vorinstanzliche Beweiswürdigung ergänzen 

und teilweise anpasssen, weshalb zur Verdeutlichung nochmals auf die wichtigsten 

Punkte eingegangen wird:

3.2. Die Vorinstanz hat die Aussagen des Privatklägers, des Beschuldigten und 

des Zeugen D._____ umfassend und zutreffend wiedergegeben, worauf zur Ver-

meidung unnötiger Wiederholungen verwiesen werden kann (Urk. 117 E. II/3.1.1-

3.1.3 S. 8-12). Zutreffend erwog die Vorinstanz auch, dass die Aussagen des Be-

schuldigten vor dem Hintergrund seiner schweren psychischen Erkrankung (chro-

nifizierte paranoide Schizophrenie [ICD-10: F20.00; Urk. 10/36 S. 48 und 58]) zu 

würdigen seien (vgl. Urk. 117 E. II/1.3 S. 8).

3.3. Die Aussagen des Privatklägers sind konsistent und weisen keine verdäch-

tigen Widersprüche auf. Der Privatkläger beschrieb in seinen beiden Einvernahmen 

-   14   -

realitätsnah, dass es am Vormittag des 28. Juni 2022 zuerst zu Beschimpfungen 

seitens des Beschuldigten ihm gegenüber und anschliessend zum in der Anklage-

schrift umschriebenen Vorfall mit dem Messer gekommen sei. Sodann schilderte 

er den gesamten Ablauf des Vorfalles von sich aus – mit nur wenigen Nachfragen 

der  Befragungsperson  –  zweimal  grösstenteils  gleichlautend  (Urk. 8/1  und  8/7). 

Kleine Abweichungen in den Aussagen des Privatklägers vermögen an diesem Bild 

nichts zu ändern, sondern sind im Gegenteil völlig normal und Zeichen glaubhafter 

Aussagen.

3.4. Die Schilderungen des Privatklägers vermitteln einen erlebnisbasierten Ein-

druck – nie wirkten sie platt oder inhaltsleer, nie einstudiert oder auswendig gelernt. 

Die Aussagen kamen spontan und vertiefend, teilweise auf entsprechende Nach-

frage  hin.  Es  ist  eine  grosse  Authentizität  von  Situationen,  Gefühlen  und 

Erlebnissen erkennbar (vgl. u. a. Urk. 8/1 F/A 26, 28, 37 sowie Urk. 8/7 F/A 24, 44). 

Der Privatkläger war zudem spürbar darauf bedacht, den Beschuldigten nicht über-

mässig  zu  belasten,  und  erklärte  mehrmals,  wenn  er  etwas  nicht  (mehr)  wusste 

oder  er  sich  nicht  mehr  ganz  sicher  war  (vgl.  u.  a.  Urk. 8/1  F/A 24,  27  f.,  33,  35 

sowie Urk. 8/7 F/A 30 f., 37, 44 f., 56, 59, 62 ff.). Seine Aussagen enthalten keine 

Lügensignale, sondern zahlreiche Merkmale reeller, tatsächlich erlebter Ereignisse, 

unter eindrücklicher Beschreibung der Umstände und Gefühle des Erlebens, ohne 

dass die Aussagen dabei übertrieben wirken. Eindrücklich beschrieb der Privatklä-

ger, dass der Beschuldigte mit dem Messer auf ihn zeigend ihm nachgerannt sei 

und  zweimal  gegen  ihn  gestochen  habe,  wobei  der  Beschuldigte  ihm  sehr  nahe 

gekommen sei. Weiter führte der Privatkläger aus, dass, wenn er gestolpert wäre, 

dies sehr ungünstig gewesen wäre. Er habe Angst gehabt, dass der Beschuldigte 

ihn tatsächlich absteche. Er habe Todesangst gehabt (Urk. 8/1 F/A 3, 20-28). Der 

Beschuldigte habe das Messer gegen ihn gerichtet gehalten, wie bei einer Attacke. 

Die Spitze des Messers sei nach vorne, auf ihn gerichtet gewesen. Dann habe er 

gesehen, dass er flüchten und Abstand gewinnen müsse. Dann sei der Beschul-

digte ihm doch nahegekommen, wobei er zweimal den Attacken habe ausweichen 

können, bevor er genug Abstand zwischen ihn und den Beschuldigten habe bringen 

können. Der Beschuldigte habe zwei Stichbewegungen gegen den oberen Rücken-

bereich  gemacht;  er  (der  Privatkläger)  habe  mit  seinem  Oberkörper  irgendwie 

-   15   -

seitlich  ausweichen  können.  Der  Beschuldigte  habe  von  seinem  Oberkörper  aus 

zweimal nach vorne zugestochen. Der Beschuldigte sei in Bewegung gewesen und 

auf ihn zugerannt. Es erinnere ihn – so der Privatkläger weiter – im Nachhinein so, 

als würde ein Fechter auf ihn zustechen und dann nochmals nachstechen (Urk. 8/7 

F/A 9, 47-48, 51-57, 96, 106-108).

3.5. Hinzu  kommt,  dass  die  Aussagen  des  Privatklägers  durch  die  ebenfalls 

glaubhaften Aussagen des Zeugen D._____ untermauert werden (vgl. dazu auch 

nachfolgend E. II/3.6). Auch konnten seine Aussagen mit dem in der Wohnung des 

Beschuldigten  sichergestellten  Küchenmessers  plausibilisiert  werden  (vgl.  Urk. 4 

[Foto 4-7], Urk. 8/8, Urk. 13/3-5; vgl. auch die Skizze des Messers, welche der Pri-

vatkläger kurz nach dem Vorfall anfertigte [Urk. 8/2]), wobei wesentliche Elemente 

der Aussagen des Privatklägers auch in den Ausführungen des Beschuldigten ent-

halten  sind  (vgl.  dazu  auch  nachfolgend  E. II/3.7).  Insgesamt  sind  die  Aussagen 

des Privatklägers als äusserst glaubhaft zu qualifizieren, wobei seinen Aussagen 

auch keine Aggravationstendenzen zu entnehmen sind.

3.6. Auch  die  Aussagen  des  Zeugen  D._____  –  welcher  in  der  Nachbarschaft 

des Beschuldigten lebte, Beobachtungen von seiner Terrasse (3. Stockwerk) aus 

machen konnte und weder mit dem Beschuldigten noch mit dem Privatkläger vor 

dem Vorfall in Kontakt stand oder eine Beziehung pflegte (Urk. 9/1 F/A 4, 5 7, 17 

und 29 [vgl. auch die beiden Beilagen zu Urk. 9/1]; Urk. 9/4 F/A 6-7, 22, 24 [vgl. 

auch  Beilage 2  zu  Urk. 9/4])  –  sind  überzeugend,  glaubhaft  und  weisen  keine 

Lügensignale  auf.  Die  Aussagen  des  Zeugen  D._____  bestätigen  die 

Ausführungen des Privatklägers in wesentlichen Teilen, ohne dass die Aussagen 

der beiden dabei abgesprochen wirken würden. Der Zeuge D._____ gab auch klar 

zu erkennen, was er von seiner Position aus sehen konnte und was er aufgrund 

der partiell sichtverdeckenden (Bau-)Mulde nicht erkennen konnte (Urk. 9/1 F/A 7; 

Urk. 9/4  F/A 8,  31,  34-36,  43,  46,  53-55,  76-79,  81-87,  92,  95).  Dass  der  Zeuge 

D._____ bzw. seine Aussagen auffällig wären oder er den Vorfall dramatisierend 

dargestellt hätte – wie von der Verteidigung vorgebracht (Prot. I S. 19 f. und 23 ff.) 

–, ist nicht zu erkennen. Dies ergibt sich einerseits bereits aus der in wesentlichen 

Teilen  vorliegenden  Übereinstimmung  seiner  Aussagen  mit  denjenigen  des 

-   16   -

Privatklägers  und  andererseits  daraus,  dass  auch  der  Zeuge  D._____  darauf 

bedacht  war,  den  Beschuldigten  nicht  übermässig  zu  belasten,  indem  er 

beispielsweise angab, den Ausgangspunkt der Auseinandersetzung nicht gesehen 

bzw. die Beschimpfungen oder die Aussage "Ich komme gleich runter und stech 

dich  ab"  seitens  des  Beschuldigten  nicht  gehört,  sondern  lediglich  ein  Geschrei 

wahrgenommen  zu  haben  (Urk. 9/1  F/A 7,  10;  Urk. 9/4  F/A 8,  13  ff.).  Auch  den 

Ausführungen des Zeugen D._____ ist zu entnehmen, dass der Beschuldigte das 

Messer  in  der  Hand  haltend  auf  den  Privatkläger  zugeeilt  sei  und  zweimal  in 

Richtung  des  Oberkörpers  zugestochen  habe,  wobei  sich  der  Beschuldigte  ca. 

einen  bis  eineinhalb  Meter  vom  Privatkläger  entfernt  befunden  habe.  Der 

Beschuldigte sei gezielt auf den Privatkläger los. Er sei in Bewegung gewesen. Aus 

der  Bewegung  heraus  sei  die  Stichbewegung  erfolgt.  Als  der  Privatkläger  das 

Messer gesehen habe, sei er ein paar Schritte zurückgetreten (Urk. 9/1 F/A 7, 12-

16, 25; Urk. 9/4 F/A 8, 27-35, 45-56, 91-92, 95).

3.7. Die Aussagen des Beschuldigten vermögen die überzeugenden Aussagen 

des Privatklägers und des Zeugen D._____ nicht in Zweifel zu ziehen. Bereits aus 

seinen Aussagen geht hervor, dass der dem Privatkläger etwas "unanständig ge-

sagt" habe (Urk. 7/3 F/A 20). Heute nun erklärte der Beschuldigte erstmals, dass 

er den Privatkläger als "Arschloch" bezeichnet habe (Urk. 158 S. 22). Weiter gibt er 

zu, dass er bei diesem Vorfall gestikulierte und dem Privatkläger zu verstehen gab, 

dass er handgreiflich werden könnte und dabei ein Messer – ganz am Schluss gar 

in "Zuschlagstellung" – in der Hand hielt (Urk. 7/3 F/A 15, 25-37; Urk. 16/12 S. 4 f.). 

Insofern validiert der Beschuldigte die Aussagen des Privatklägers und des Zeugen 

D._____. Vor dem Hintergrund der teilweise widersprüchlichen Aussagen des Be-

schuldigten – vgl. beispielsweise die Unterschiede in den Aussagen bezüglich der 

Sichtbarkeit und wie er das Messer hielt (Urk. 7/3 F/A 29-42 bzw. Urk. 16/12 S. 4 f.; 

Urk. 158 S. 17 ff.) – und im Lichte der weiteren Beweismittel (Aussagen des Privat-

klägers,  Aussagen  des  Zeugen  D._____),  vermögen  die  Beteuerungen  des  Be-

schuldigten – dass er den Privatkläger nicht mit dem Messer in der Hand verfolgt 

habe,  er  keine  Stichbewegungen  mit  dem  Messer  ausgeführt  habe  und  er  den 

Privatkläger nicht mit dem Messer habe verletzen wollen – nicht zu überzeugen.

-   17   -

3.8. Dass der Privatkläger nur deshalb nicht von den beiden Messerstichen des 

Beschuldigten getroffen worden ist, weil er diesen ausweichen konnte, kann mit der 

Vorinstanz  nicht  erstellt  werden  (vgl.  dazu  auch  Urk. 117  E. II/3.1.5.2  S. 12  f.). 

Nachvollziehbar erklärte der Privatkläger, dass er die diesbezügliche Frage nicht 

mit hundertprozentiger Sicherheit beantworten könne, da er sich in einer Flucht-/ 

Ausweichbewegung  befunden  habe  (vgl.  Urk. 8/7  F/A 59). Klar  ist aber  aufgrund 

dieser  Ausführungen  des  Privatklägers,  dass  der  Beschuldigte  dem  Privatkläger 

mit den beiden ausgeführten Stichbewegungen bzw. mit der Messerspitze gefähr-

lich nahe kam (beim vorherigen Nachrennen beschrieb der Privatkläger die Distanz 

zwischen ihm und den Beschuldigten mit einer guten Armlänge oder auch etwas 

mehr  [Urk. 8/7  F/A 52];  Hinweise  auf  eine  kurze  Distanz  zwischen  den  beiden 

finden sich auch in den Aussagen des Zeugen D._____ [Urk. 9/1 F/A 14 f.; Urk. 9/4 

F/A 34, 45 f., 95]). Es ist der Vorinstanz damit zuzustimmen, dass die genaue Di-

stanz zwischen dem Beschuldigten und dem Privatkläger nicht bestimmt werden 

kann, zumal das Schätzen von Distanzen – insbesondere in einem (kurz andauern-

den)  dynamischen  Geschehen  –  äusserst  anspruchsvoll  und  mit  Unsicherheiten 

behaftet ist (vgl. Urk. 117 E. II/3.1.5.3 S. 12 f.). Im Sinne der diesbezüglich überein-

stimmenden  Aussagen  des  Privatklägers  und  des  Zeugen  D._____  steht  aber 

immerhin fest, dass sich der Beschuldigte bei seinen zwei Stichbewegungen dem 

Privatkläger bis auf ca. 1 Meter (die Messerspitze sei "eine gute Armlänge" bzw. 

"ca.  1  Meter"  vom  Privatkläger  entfernt  gewesen  bzw.  es  hätten  "1,5  Meter  zwi-

schen Person und Person" gelegen [Urk. 8/7 S. 9 f.; Urk. 9/1 S. 2, 3; Urk. 9/4 S. 9]) 

genähert hat. Das widerspricht im Übrigen sogar der eigenen Darstellung des Be-

schuldigten nicht (in sehr massgeblichem Masse), nachdem dieser zuerst noch von 

einem Abstand von zweieinhalb bis drei Meter und heute von rund eineinhalb Meter 

spricht (vgl. Urk. 7/3 F/A 46; Urk.  158 S. 28).

3.9. Überzeugend erklärte der Privatkläger auch, dass der Beschuldigte ihn als 

"Schafseckel"  und  "Hurensohn"  bezeichnet  habe  (Urk. 8/1  F/A 3;  Urk. 8/7  F/A 9, 

98 f.). Daran vermögen auch die erstmals vom Beschuldigten anlässlich der Beru-

fungsverhandlung  deponierten  Aussagen  –,  dass  er  den  Beschuldigten  nicht  als 

"Schafseckel"  oder  "Hurensohn",  sondern  als  "Arschloch"  bezeichnet  habe  (158 

S. 22) – nichts zu ändern.

-   18   -

3.10. Der  Beschuldigte  wollte  den  Privatkläger  vom  Grundstück  vertreiben  (vgl. 

dazu die Aussagen des Beschuldigten [u. a. Urk. 7/3 F/A 15] und des Privatklägers 

[u. a. Urk. 8/1 F/A 3]). Als der Privatkläger sich dann nicht entfernt hat, geriet der 

Beschuldigte in Rage, rief dem Privatkläger zu, dass er gleich herunterkomme und 

ihn abstechen werde. In Anbetracht dessen und des Umstands, dass der Beschul-

digte  mit  einem  Messer  (31 Zentimeter  Klingenlänge)  bewaffnet  auf  den  Privat-

kläger zurannte und sodann zwei Stichbewegungen gegen dessen oberen Rücken-

bereich ausführte, wird – mit der Vorinstanz (vgl. Urk. 117 E. II/3.1.5.3) – deutlich, 

dass der Beschuldigte den Privatkläger nicht nur mit Worten vertreiben wollte. Der 

Beschuldigte nahm bei seinem Vorgehen – Messerspitze eines grossen Messers 

gegen  den  Privatkläger  gerichtet,  auf  diesen  zu-  bzw.  diesem  nachrennend  und 

Stichbewegungen gegen diesen ausführend – zumindest in Kauf, dem Privatkläger 

lebensgefährliche Verletzungen zuzufügen. In der Dynamik des Geschehens hätte 

der Beschuldigte jedenfalls nicht darauf vertrauen können, den Privatkläger nicht 

zu  treffen;  insbesondere  konnte  er  dessen  Verhalten  nicht  voraussehen.  Ange-

sichts des gegebenen Handlungsablaufs ist dem Privatkläger deshalb vorbehaltlos 

zuzustimmen, wenn er in der polizeilichen Einvernahme sagte, "ich glaube, wenn 

ich gestolpert wäre, wäre das sehr ungünstig gewesen" (Urk. 8/1 S. 4). Dass der 

Beschuldigten mit seinem Vorgehen jedoch den Tod des Privatklägers gewollt oder 

in Kauf genommen hätte, kann – mit der Vorinstanz (Urk. 117 E. II/3.1.5.4 S. 13) – 

bei der vorliegenden Ausgangslage nicht erstellt werden. Wie vorstehend dargelegt 

und  erstellt  (vgl.  E. II/3.8),  kam  der  Beschuldigte  dem  Privatkläger  mit  seinen 

Messerstichen zwar gefährlich nahe; ein (auch leichter) Treffer erfolgte indessen 

nicht, und es hätte der Privatkläger auch nicht etwa einen Stichversuch abwehren 

müssen. Wie sich sowohl aus seinen eigenen als auch den Ausführungen der Ver-

teidigung ergibt, stand für den Beschuldigten – wie bereits erwähnt – klar im Vor-

dergrund,  den  Privatkläger  zu  vertreiben  und  nicht  etwa,  ihn  zu  töten.  Aufgrund 

dessen kann nicht erstellt werden, dass der Beschuldigte mit seinem Vorgehen den 

Tod des Privatklägers gewollt oder in Kauf genommen hätte. Dem Beschuldigten 

kann mithin nicht nachgewiesen werden, dass sich ihm bei seinem Vorgehen der 

Eintritt des Todes des Privatklägers als so wahrscheinlich aufgedrängt hätte, als 

dass  die  Bereitschaft,  ihn  als  Folge  hinzunehmen,  ihm  vernünftigerweise  nur  als 

-   19   -

Inkaufnahme des Erfolgs ausgelegt werden könnte (vgl. zum Ganzen auch nach-

folgend E. II/4.2.4 ff.).

3.11. Letztlich bestehen keine relevanten Zweifel daran, dass sich der in der An-

klage umschriebene Sachverhalt so wie dort beschrieben – mit den vorstehend dar-

gelegten  Einschränkungen  hinsichtlich  des  Vorwurfs,  dass  der  Privatkläger  nur 

nicht von den Messerstichen des Beschuldigten getroffen worden sei, weil er diesen 

ausgewichen sei, sowie in Bezug auf den subjektiven Sachverhalt (vgl. vorstehend 

E. II/3.8 und 3.10) – zugetragen hat. Er ist damit in diesem Umfang erstellt.

4.

Rechtliche Würdigung

4.1. Die rechtliche Würdigung der Vorinstanz (Urk. 117 E. III/1-3 S. 15-18) ist in 

allen Teilen zutreffend, sodass vorab darauf verwiesen werden kann. Ergänzend 

bzw. teilweise rekapitulierend ist jedoch das Folgende zu erwähnen.

4.2. Versuchte schwere Körperverletzung

4.2.1. Nachdem  der  subjektive  Sachverhalt  hinsichtlich  einer  versuchten  Tötung 

nicht erstellt werden konnte und unter Nachachtung des Verschlechterungsverbots, 

nachdem die Staatsanwaltschaft ihre Anschlussberufung zurückgezogen hat (vgl. 

Urk. 151),  ist  nachfolgend  lediglich  der  Tatbestand  der  versuchten  schweren 

Körperverletzung zu prüfen.

4.2.2. Gemäss aArt. 122 StGB macht sich der schweren Körperverletzung schuldig, 

wer einen Menschen lebensgefährlich verletzt; wer den Körper, ein wichtiges Organ 

oder Glied eines Menschen verstümmelt oder ein wichtiges Organ oder Glied un-

brauchbar macht, einen Menschen bleibend arbeitsunfähig, gebrechlich oder geis-

teskrank macht, das Gesicht eines Menschen arg und bleibend entstellt; oder wer 

eine andere schwere Schädigung des Körpers oder der körperlichen oder geistigen 

Gesundheit eines Menschen verursacht. Ein Versuch im Sinne von Art. 22 Abs. 1 

StGB liegt vor, wenn der Täter sämtliche subjektiven Tatbestandsmerkmale erfüllt 

und seine Tatentschlossenheit manifestiert hat, ohne dass alle objektiven Tatbe-

standsmerkmale verwirklicht sind. Vorsätzlich begeht ein Verbrechen oder Verge-

hen, wer die Tat mit Wissen und Willen ausführt oder wer die Verwirklichung der 

-   20   -

Tat für möglich hält und in Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 2 StGB). Eventualvorsatz ist 

gegeben, wenn der Täter die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber den-

noch handelt, weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt, sich mit 

ihm abfindet, mag er ihm auch unerwünscht sein. Ob der Täter die Tatbestands-

verwirklichung in diesem Sinne in Kauf genommen hat, muss das Gericht bei Feh-

len eines Geständnisses des Beschuldigten aufgrund der Umstände entscheiden. 

Dazu gehören die Grösse des dem Täter bekannten Risikos der Tatbestandsver-

wirklichung, die Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung, die Beweggründe des Tä-

ters  und  die  Art  der  Tathandlung.  Je  grösser  die  Wahrscheinlichkeit  der  Tatbe-

standsverwirklichung ist und je schwerer die Sorgfaltspflichtverletzung wiegt, desto 

eher darf gefolgert werden, der Täter habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf 

genommen. Das Gericht darf vom Wissen des Täters auf den Willen schliessen, 

wenn sich dem Täter der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufdrängte, dass 

die  Bereitschaft,  ihn  als  Folge  hinzunehmen,  vernünftigerweise  nur  als  Inkauf-

nahme des Erfolgs ausgelegt werden kann. Eventualvorsatz kann indessen auch 

vorliegen, wenn der Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs nicht in diesem Sinne 

sehr  wahrscheinlich,  sondern  bloss  möglich  war.  Doch  darf  nicht  allein  aus  dem 

Wissen des Täters um die Möglichkeit des Erfolgseintritts auf dessen Inkaufnahme 

geschlossen werden. Vielmehr müssen weitere Umstände hinzukommen. Solche 

Umstände  liegen  namentlich  vor,  wenn  der  Täter  das  ihm  bekannte  Risiko  nicht 

kalkulieren und dosieren kann und das Opfer keine Abwehrchancen hat (vgl. zum 

Ganzen  Urteil  des  Bundesgericht  6B_759/2021  vom  16. Dezember  2021  E. 1.2 

m.H.).

4.2.3. Der Privatkläger wurde beim hier zu beurteilenden Vorfall glücklicherweise 

nicht  verletzt.  Nachfolgend  ist  deshalb  zu  prüfen,  ob  eine  versuchte  schwere 

Körperverletzung  gemäss  aArt. 122  StGB  in  Verbindung  mit  Art. 22  Abs. 1  StGB 

vorliegt bzw. der Beschuldigte sämtliche subjektiven Tatbestandsmerkmale erfüllt 

und  seine  Tatentschlossenheit  manifestiert  hat,  ohne  dass  alle  objektiven  Tat-

bestandsmerkmale verwirklicht sind.

4.2.4. Vorliegend  hat  der  Beschuldigte  den  entscheidenden  Schritt  zu  einer 

möglichen  schweren Körperverletzung  vollzogen  und auch  alles  dafür  getan,  die 

-   21   -

verpönten  Erfolge  eintreten  zu  lassen.  Es  bedarf  nicht  vieler  Worte  und  ist 

mittlerweile  landläufig  bekannt,  dass  Stiche  (oder  aber  auch  Schnitte)  mit  dem 

Messer in Richtung des Rückens – insbesondere in einem dynamischen Gesche-

hen – massive Schädigungen hervorrufen können (vgl. u. a. Urteile des Bundes-

gerichts 6B_774/2020 vom 28. Juli 2021 E. 2.5; 6B_759/2021 vom 16. Dezember 

2021  E. 1.3.2).  Mit  seinen  beiden  ausgeführten  Stichbewegungen  mit  seinem 

Messer, welches eine Klingenlänge von 31 Zentimeter aufweist (Urk. 4 Foto 5-7), 

gegen  den  sich  wegbewegenden  Privatkläger  hat  der  Beschuldigte  den 

entscheidenden Schritt zu einer möglichen schweren Körperverletzung gemacht. 

Das  Vorgehen  des  Beschuldigten  war  in  jedem  Fall  geeignet,  eine  schwere 

Körperverletzung,  nämlich  durch  Verletzung  von  lebenswichtigen  Strukturen, 

insbesondere  in  den  Bereichen  Rückenmark,  Lunge  und  Herz,  herbeizuführen. 

Entscheidend  ist  aber,  ob  der  Beschuldigte  mit  (Eventual-)Vorsatz  in  Bezug  auf 

diese möglichen Verletzungen gehandelt hat.

4.2.5. Der dem Privatkläger nachrennende Beschuldigte stach mit seinem Messer 

in  Richtung  des  oberen  Rückenbereichs  des  Privatklägers.  Der  Privatkläger  sah 

zwar in einer ersten Sequenz den Messerangriff kommen, war aber aufgrund der 

kurzen zeitlichen Abläufe letztlich unvorbereitet darauf und hatte aufgrund dessen, 

dass  er  dem  Beschuldigten  mit  dem  Rücken  zugewandt  war,  keine  Möglichkeit 

– soweit dies bei einem Messerangriff überhaupt möglich ist – diesen abzuwenden. 

Es  ist  lediglich  dem  glücklichen  Zufall  zu  verdanken,  dass  es  zu  keinem  Treffer 

gekommen ist. Wie erwähnt, entspricht es der allgemeinen Lebenserfahrung, dass 

Messerstiche in den Rücken zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen der körper-

lichen Integrität führen können. Dieses Allgemeinwissen ist auch dem Beschuldig-

ten anzurechnen. Wer solche Gewalt mit einem Messer in Richtung des Rückens 

ausübt, dem drängen sich die schweren Folgen geradezu auf.

4.2.6. Es war damit angesichts des Vorgehens des Beschuldigten kein steuerbarer 

Umstand bzw. von ihm nicht zu beeinflussen, dass der Privatkläger keine schwer-

wiegenden und/oder bleibende Einschränkungen, wie beispielsweise Verletzungen 

des  Rückenmarks,  der  Lunge,  des  Herzens  oder  anderer  überlebenswichtiger 

Organe,  erlitten  hat.  Zwei  in  einem  solchen  Kontext  geführte  Messerstiche  sind 

-   22   -

weder kontrollierbar noch bezüglich Wucht und Richtung steuerbar. Der Beschul-

digte hatte sodann auch keinen Einfluss auf die Bewegungen des Privatklägers; so 

hätte insbesondere – wie bereits erwähnt – ein abruptes Abbremsen, Stolpern oder 

Ausweichen des Privatklägers oder ein Stolpern des Beschuldigten fatale Folgen 

haben können.

4.2.7. Aufgrund der dargelegten Umstände konnte der Beschuldigte nicht ernsthaft 

darauf vertraut haben, keine oder nur eine einfache Körperverletzung beim Privat-

kläger zu bewirken. Die Wahrscheinlichkeit von schweren Verletzungen war bei sei-

nem Vorgehen sehr gross und das Ausmass der Pflichtverletzung angesichts des 

mutwilligen Verhaltens derart eklatant, dass die Verhaltensweise des Beschuldig-

ten vernünftigerweise nicht anders interpretiert werden kann, als dass er zumindest 

in  Kauf  genommen  hat,  dem  Privatkläger  lebensgefährliche  oder  anderweitig 

schwere Verletzungen im Sinne von aArt. 122 StGB zuzufügen. Der Beschuldigte 

handelte nach dem Gesagten mithin eventualvorsätzlich.

4.2.8. Insoweit  die  Verteidigung  das  Vorliegen  einer  Putativnotwehrsituation  des 

Beschuldigten vorbrachte (implizit auch heute mit dem Verweis auf die Ausführun-

gen vor Vorinstanz [Urk. 159 S. 2 i.V.m. Prot. I S. 12 ff.]), ist darauf hinzuweisen, 

dass  die  bundesgerichtliche  Rechtsprechung  rein  subjektive  Vorstellungen  von 

Angriffen  nicht  ohne  Weiteres  für  das  Vorliegen  einer  Putativnotwehrsituation 

genügen  lässt:  Der  vermeintlich  Angegriffene  oder  Bedrohte  muss  vielmehr  Um-

stände nachweisen, die bei ihm den Glauben erwecken konnten, er befinde sich in 

einer tatsächlichen Notwehrlage. Die blosse Vorstellung von der Möglichkeit eines 

Angriffs  oder  einer  unmittelbaren  Bedrohung  genügt  nach  der  Rechtsprechung 

nicht  zur  Annahme,  dass  er  in  Putativnotwehr  gehandelt  habe  (BGE 147  IV  193 

E. 1.4.5).  Eine  konkrete  Angriffshandlung  und  somit  ein  "unmittelbar  drohender 

Angriff" seitens des Privatklägers brachte der Beschuldigte im ganzen Verfahren 

nie  vor  (so  auch  heute  nicht;  vgl.  Urk. 158  S. 20  ff.),  sondern  schilderte  lediglich 

mögliche – aber nicht verwirklichte – ihm vermeintlich drohende Gefahren. Vorlie-

gend wäre es aber ohnehin so, würde man effektiv von einer vom Beschuldigten 

so interpretierten "Angriffshandlung" seitens des Privatklägers ausgehen, dass ge-

mäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zwischen krankheitsbedingten und 

-   23   -

gewöhnlichen Irrtümern zu unterscheiden ist: Der (psychisch) gesunde Irrende hat 

eine Fehlvorstellung über die Wirklichkeit.  Gemeint ist  damit die insoweit "objek-

tive", von allen gesunden Personen übereinstimmend wahrnehmbare Wirklichkeit. 

Für eine – wie hier – an Schizophrenie leidende Person ist bereits diese "objektive" 

Wirklichkeit so nicht wahrnehmbar. Krankheitsbedingt hat sie eine eigene, subjek-

tive Wirklichkeit (Eigenwirklichkeit), die nicht mehr kritisch hinterfragt werden kann. 

Aus psychiatrischer Sicht ist hier der Begriff vom Irrtum deshalb bereits phänome-

nologisch verfehlt. Das kann nun aber auch strafrechtlich nicht anders sein: Es ent-

spricht dem Konzept der Strafrechtsordnung, als Normalfall von einem Individuum 

auszugehen, das in der Lage ist, die Gebote und Verbote des Strafrechts zu erken-

nen und sein Verhalten danach auszurichten. Wer folglich aufgrund einer psychi-

schen  Krankheit  "irrt",  irrt  nicht  im  Sinne  des  Art. 13  Abs. 1  StGB.  Die  irrige  An-

nahme eines schuldunfähigen Beschuldigten, die bei einem geistig gesunden Täter 

einen Sachverhaltsirrtum darstellen würde, ist mithin unbeachtlich, wenn sie auf die 

zur  Schuldunfähigkeit 

führende  Erkrankung  des  Beschuldigten  zurückgeht 

(BGE 147  IV  193  E. 1.4.6;  vgl.  auch  zutreffend  die  Vorinstanz  in:  Urk. 117 

E. III/3.1.1 f. S. 16), wovon im vorliegenden Fall klarerweise ausgegangen werden 

müsste.

4.2.9. Der Beschuldigte hat somit – mit der Vorinstanz – den Tatbestand der ver-

suchten  schweren  Körperverletzung  im  Sinne  von  aArt. 122  StGB  in  Verbindung 

mit Art. 22 Abs. 1 StGB erfüllt.

4.3. Beschimpfung

4.3.1. Nach Art. 177 Abs. 1 StGB macht sich der Beschimpfung schuldig, wer je-

manden in anderer Weise – als durch üble Nachrede oder Verleumdung – durch 

Wort,  Schrift,  Bild,  Gebärde  oder  Tätlichkeit  in  seiner  Ehre  angreift.  Gegenstand 

der Beschimpfung ist entweder eine üble Nachrede oder Verleumdung gegenüber 

dem  Verletzten  selbst  oder  eine  sogenannte  Formalinjurie  (Werturteil).  Ob  Wert-

urteile  dem  Verletzten  oder  Dritten  gegenüber  abgegeben  werden,  ist  nicht  von 

Belang (BSK StGB-RIKLIN, Art. 177 StGB N 1).

4.3.2. Die  Ehrverletzungstatbestände  gemäss  Art. 173  ff.  StGB  schützen  nach 

ständiger Rechtsprechung den Ruf, ein ehrbarer Mensch zu sein, das heisst sich 

-   24   -

so zu benehmen, wie nach allgemeiner Anschauung ein charakterlich anständiger 

Mensch sich zu verhalten pflegt (BGE 148 IV 409 E. 2.3 S. 414; Urteil des Bundes-

gerichts 6B_1028/2023 vom 21. Oktober 2024 E. 3.3.3; je mit Hinweisen).

4.3.3. Der  Beschuldigte  bezeichnete  den  Privatkläger  als  "Schafseckel"  und 

"Hurensohn". Mit diesen herabsetzenden Beleidigungen drückte der Beschuldigte 

dem Privatkläger seine Missachtung aus, versagte ihm die ihm geschuldete Ach-

tung und griff ihn in seiner Ehre an.

4.3.4. Der Beschuldigte hat somit den Tatbestand der Beschimpfung im Sinne von 

Art. 177 Abs. 1 StGB erfüllt.

III.  Schuldfähigkeit

1.1. Die  Vorinstanz  ging  mit  der  Staatsanwaltschaft  von  Tatbegehungen  im 

Zustand  der  nicht  selbstverschuldeten  Schuldunfähigkeit  aus.  Dies  wird  von  der 

Verteidigung nicht in Abrede gestellt (Urk. 159 S. 2 und Prot. II S. 12 f.; vgl. auch 

Prot. I S. 12 ff., insb. S. 13 und 35). Der Beschuldigte kritisierte das Gutachten von 

Prof. Dr. med.  G._____  in  seiner  Gesamtheit  und  erklärte,  dass  die  Frage  der 

Schuldfähigkeit noch nicht restlos geklärt sei bzw. diese Tatsache nicht bewiesen 

sei,  da  das  Aktengutachten  ohne  Gewähr  und  nicht  verbindlich  sei  (Urk. 148; 

Urk. 158 S. 9 und 19).

1.2. War der Täter zur Zeit der Tat nicht fähig, das Unrecht seiner Tat einzusehen 

oder  gemäss  dieser  Einsicht  zu  handeln,  so  ist  er  nicht  strafbar  (Art. 19  Abs. 1 

StGB).  Einsichtsfähigkeit  ist  die  Fähigkeit,  das  Unrecht  seiner  Tat  einzusehen. 

Unter Steuerungsfähigkeit versteht man die Fähigkeit, gemäss der Einsicht in das 

Unrecht  zu  handeln  (Urteil  des  Bundesgerichts  6B_257/2020  vom  24. Juni  2021 

E. 4.2.1 mit Hinweis).

1.3. Gemäss Art. 20 StGB ordnet die Untersuchungsbehörde oder das Gericht 

die Begutachtung des Täters durch einen Sachverständigen an, wenn ernsthafter 

Anlass besteht, an dessen Schuldfähigkeit zu zweifeln.

-   25   -

1.4. Das Gutachten von Prof. Dr. med. G._____ vom 3. Mai 2023 diagnostiziert 

beim Beschuldigten eine chronifizierte paranoide Schizophrenie (ICD-10: F20.00; 

Urk. 10/36 S. 48 und 58; vgl. auch Urk. 155 S. 2). Zur Frage der Schuldfähigkeit 

hält  der  Gutachter  zusammengefasst  fest,  dass  auf  Basis  der  Aktenlage  davon 

auszugehen sei, dass am 28. Juni 2022 beim Beschuldigten eine Aufhebung der 

Schuldfähigkeit  bestanden  habe.  Es  ergebe  sich  durch  die  Begutachtung  nach 

Aktenlage  lediglich  dahingehend  eine  gewisse  Unschärfe,  als  dass  offenbleiben 

müsse,  ob  die  Schuldunfähigkeit  aufgrund  einer  aufgehobenen  Einsichts-  oder 

Steuerungsfähigkeit vorgelegen habe. Demgegenüber sei es angesichts der über 

Jahre hinweg gut dokumentierten und durchgängig zu erheblichen psychosozialen 

Leistungseinbussen  führenden  schwerwiegenden  Erkrankungen  des  Beschul-

digten unwahrscheinlich, dass dessen Schuldfähigkeit in der affektiv stark aufge-

ladenen Tatsituation vollumfänglich gegeben bzw. lediglich beeinträchtigt gewesen 

sein könnte. Aktengutachten (der Beschuldigte hatte eine Mitwirkung verweigert) 

können – so der Gutachter weiter – je nach Umfang und Qualität des verfügbaren 

Aktenmaterials  mit  einer  gewissen  Beurteilungsunschärfe  einhergehen;  im  vor-

liegenden  Fall  könne  (u.  a.)  die  Schuld(un)fähigkeit  jedoch  mit  ausreichender 

Sicherheit beantwortet werden (Urk. 10/36 S. 55, 58 f. und 61).

1.5.

Triftige Gründe, die ein Abweichen von der Expertise nahelegen würden 

(vgl. dazu BGE 150 IV 1 E. 2.3.3 S. 5 mit Hinweisen), sind keine ersichtlich und 

wurden auch von keiner Seite überzeugend dargetan (auch das Gutachten [mit 

Ergänzung]  von  Dr. med.  H._____  vom  18. August  2022  [Urk. 10/6-7]  vermag 

daran nichts zu ändern, da dieses basierend auf unvollständigen Akten erstellt 

worden  war,  weshalb  in  der  Folge  ein  neues  Gutachten  bei  Prof. Dr. med. 

G._____ eingeholt wurde [Urk. 10/36; vgl. auch Urk. 10/8-35]). Aufgrund der tat-

sächlichen Feststellungen des Gutachters ist von einer vollständigen Schuldunfä-

higkeit hinsichtlich der hier zu beurteilenden Taten auszugehen.

Der Beschuldigte hat die Tatbestände der versuchten schweren Körperverletzung 

im Sinne von aArt.122 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB sowie der Be-

schimpfung im Sinne von Art. 177 Abs. 1 StGB in nicht selbstverschuldeter Schuld-

unfähigkeit erfüllt. Eine Strafe entfällt (Art. 19 Abs. 1 StGB).

-   26   -

IV. Massnahme

1.1. Die  Vorinstanz  ordnete  eine  stationäre  Massnahme  im  Sinne  von  Art. 59 

Abs. 1 StGB (Behandlung psychischer Störungen) an unter Vormerknahme, dass 

sich der Beschuldigte seit dem 29. Juni 2022 in Haft befindet.

1.2. Die  Staatsanwaltschaft  beantragt  implizit,  die  vorinstanzliche  Anordnung 

einer stationären Massnahme zu bestätigen (Urk. 123 und 151).

1.3. Die  Verteidigung  stellte  sich  vor  Vorinstanz  zusammengefasst  auf  den 

Standpunkt, dass der Beschuldigte behandlungsbedürftig, aber mit der Diagnose 

nicht einverstanden sei (Prot. I S. 16 und 36; vgl. auch Urk. 128). Überdies bemän-

gelte die Verteidigung, dass es sich lediglich um ein Aktengutachten handle. Das 

Gutachten sei selbsterklärend, er habe sich mit dem Beschuldigten darauf geeinigt, 

dass er dieses nicht kommentiere (Prot. I S. 35 f.). Vor dem Berufungsgericht ver-

wies die Verteidigung auf ihre Ausführungen vor Vorinstanz und erklärte, dass eine 

ambulante Massnahme mit einer allfälligen stationären Einleitung genügen würde, 

um  einem  gewissen  Gefährdungspotenzial  des  Beschuldigten  vorzubeugen 

(Prot. II S. 13).

Der Beschuldigte brachte in seiner Eingabe vom 27. Februar 2025 vor, dass ein 

Aktengutachten  für  die  Anordnung  einer  stationären  Massnahme  im  Sinne  von 

Art. 59 StGB nicht genüge. Das Aktengutachten sei "ohne Gewähr und unverbind-

lich". Das Gutachten könne die Frage seiner Therapierbarkeit nicht restlos klären. 

Auch  gehe  die  Diagnose  nicht  klar  hervor,  sondern  lasse  einen  Spielraum  offen 

(Urk. 148; so auch heute: Urk. 158 S. 1 ff.).

1.4. Nach  Art. 56  Abs. 1  StGB  ist  eine  Massnahme  anzuordnen,  wenn  eine 

Strafe allein nicht geeignet ist, der Gefahr weiterer Straftaten des Täters zu begeg-

nen  (lit. a),  ein  Behandlungsbedürfnis  des  Täters  besteht  oder  die  öffentliche 

Sicherheit dies erfordert (lit. b) und die Voraussetzungen der Artikel 59-61, 63 oder 

64 erfüllt sind (lit. c).

Ist  der  Täter  psychisch  schwer  gestört,  kann  das  Gericht  gemäss  Art. 59  Abs. 1 

StGB eine stationäre Behandlung anordnen, wenn der Täter ein Verbrechen oder 

-   27   -

Vergehen begangen hat, das mit seiner psychischen Störung in Zusammenhang 

steht (lit. a) und zu erwarten ist, dadurch lasse sich der Gefahr weiterer mit seiner 

Störung in Zusammenhang stehender Taten begegnen (lit. b).

Das Gericht stützt sich bei seinem Entscheid über die Anordnung einer Massnahme 

auf  eine  sachverständige  Begutachtung  (Art. 56  Abs. 3  StGB),  die  sich  über  die 

Notwendigkeit und die Erfolgsaussichten einer Behandlung des Täters (lit. a), die 

Art und die Wahrscheinlichkeit weiterer möglicher Straftaten (lit. b) und die Mög-

lichkeiten des Vollzugs der Massnahme äussert (lit. c).

Die stationäre Massnahme muss verhältnismässig sein (Art. 36 Abs. 2 und 3 BV; 

Art. 56  Abs. 2  StGB).  Das  Verhältnismässigkeitsprinzip  verlangt,  dass  die  Mass-

nahme  geeignet  ist,  beim  Betroffenen  die  Legalprognose  zu  verbessern.  Weiter 

muss die Massnahme notwendig sein. Sie hat zu unterbleiben, wenn eine gleich 

geeignete,  aber  mildere  Massnahme  für  den  angestrebten  Erfolg  ausreichen 

würde. Dieses Kriterium trägt dem Aspekt des Verhältnisses zwischen Strafe und 

Massnahme bzw. der Subsidiarität von Massnahmen Rechnung. Schliesslich muss 

zwischen  dem  Eingriff  und  dem  angestrebten  Zweck  eine  vernünftige  Relation 

bestehen (Verhältnismässigkeit i.e.S.). Dies bedeutet, dass die betroffenen Interes-

sen  gegeneinander  abgewogen  werden  müssen.  Bei  einer  Prüfung  des  Zweck-

Mittel-Verhältnisses fallen im Rahmen der Gesamtwürdigung auf der einen Seite 

insbesondere die Schwere des Eingriffs in die Freiheitsrechte des Betroffenen in 

Betracht. Auf der anderen Seite sind das Behandlungsbedürfnis sowie die Schwere 

und die Wahrscheinlichkeit künftiger Straftaten relevant (vgl. BGE 142 IV 105 E. 5.4 

S. 111 f.; Urteil des Bundesgerichts 6B_576/2024 vom 11. Dezember 2024 E. 5.2; 

je mit Hinweisen).

Nach  der  bundesgerichtlichen  Rechtsprechung  verspricht  eine  therapeutische 

Massnahme Erfolg, wenn mit hinreichender Wahrscheinlichkeit über die Dauer von 

fünf  Jahren  eine  deutliche  Verringerung  der  Gefahr  weiterer  Straftaten  erzielt 

werden kann. Die bloss vage Möglichkeit einer Verringerung der Gefahr und die 

Erwartung einer lediglich minimalen Verringerung reichen nicht aus (BGE 140 IV 1 

E. 3.2.4 S. 9; 134 IV 315 E. 3.4.1 S. 321 f.).

-   28   -

1.5.

Im Gutachten von Prof. Dr. med. G._____ vom 3. Mai 2023 wird beim Be-

schuldigten  wie  ausgeführt  eine  chronifizierte  paranoide  Schizophrenie  (ICD-10: 

F20.00)  diagnostiziert  (Urk. 10/36  S. 48).  Die  Verteidigung  stellt  dies  nicht  in 

Abrede (Prot. I S. 12 ff.; so auch heute in Urk. 159 i.V.m. Prot. II S. 12 f.).

Der Gutachter befindet, dass der Beschuldigte psychiatrisch behandlungsbedürftig 

sei. Zur Indikation einer Massnahme geht aus dem Gutachten hervor, dass zum 

Tat-  und  Untersuchungszeitraum  eine  psychische  Störung  bestanden  hat.  Der 

Gutachter  hält  fest,  zwischen  der  psychischen  Störung  und  dem  Tatvorwurf 

bestehe  ein  Zusammenhang.  Die  Behandlung  werde  nach  den  Erfahrungen  der 

letzten  zehn  Jahre  jedoch  nicht  auf  freiwilliger  Basis  und  auch  nicht  ambulant 

durchführbar sein. Derzeit sei lediglich eine stationäre Behandlung geeignet, der 

Gefahr weiterer Straftaten langfristig zu begegnen, wobei die Behandlung in einer 

forensisch-psychiatrischen Fachklinik durchgeführt werden sollte. Den komplexen 

Behandlungserfordernissen  des  Beschuldigten  könne  vollzugsbegleitend  nicht 

Rechnung getragen werden. Aufgrund der Weigerung des Beschuldigten, geeig-

nete  Behandlungsmassnahmen  langfristig  durchzuführen,  bestehe  die  delikt-

relevante  schizophrene  Erkrankung  des  Beschuldigten  unverändert  fort.  Für  die 

unmittelbar  deliktrelevante  schizophrene  Erkrankung  des  Beschuldigten  würden 

geeignete  medikamentöse  Behandlungsmassnahmen  existieren.  In  der  Ver-

gangenheit habe sich in den kurzen Zeiträumen, in denen der Beschuldigte bereit 

gewesen  sei,  eine  geeignete  Medikation  einzunehmen,  einen  Rückgang  seiner 

dysphor  gereizten  Verfassung  gezeigt.  Demnach  sei  trotz  der  chronifizierten 

Symptomatik  von  einer  therapeutischen  Ansprechbarkeit  auszugehen.  Beim 

Beschuldigten  ergebe  sich  eine  hohe  Gefahr  erneuter  einschlägiger  Straftaten. 

Aufgrund  der  Krankheitssymptomatik  sei  davon  auszugehen,  dass  der  Beschul-

digte  im  Kontakt  mit  Behördenmitgliedern  weiterhin  aggressiv  und  bedrohlich  in 

Erscheinung  treten  werde.  Darüber  hinaus  habe  sich  spätestens  im  Jahr 2022 

durch den Einsatz einer Waffe auch ein Eskalationspotenzial in Richtung schwerer 

Gewaltdelikte gezeigt (Urk. 10/36 S. 44 ff. und S. 58 ff.).

1.6. Unter  Wiedergabe  der  gutachterlichen  Ausführungen  von  Prof.  Dr. med. 

G._____  bejaht  die  Vorinstanz  eine  schwere  psychische  Störung  beim 

-   29   -

Beschuldigten,  den  Zusammenhang  zwischen  der  psychischen  Störung  und  der 

Anlasstat, eine hohe Rückfallgefahr für  einschlägige Straftaten, die Massnahme-

bedürftigkeit,  -fähigkeit  und  -willigkeit  des  Beschuldigten  sowie  die  Verhältnis-

mässigkeit der Anordnung einer stationären Massnahme (Urk. 117 E. IV/2-7 S. 19-

22). Auf diese Ausführungen kann verwiesen werden. Die folgenden Erwägungen 

sind lediglich wiederholender und teilweise ergänzender Natur.

1.7. Das  Gutachten  von  Prof.  Dr. med.  G._____  vom  3. Mai  2023  bildet  eine 

rechtsgenügende Entscheidgrundlage im Sinne von Art. 56 Abs. 3 StGB. Eine in-

haltliche Mangelhaftigkeit des Gutachtens ist nicht erkennbar. Dieses legt offen, auf 

welche Grundlagen es sich stützt, setzt sich mit einer Vielzahl von bereits vorlie-

genden Begutachtungen und Berichten auseinander, beschreibt Art und Weise der 

erfolgten  psychiatrischen  Untersuchungen  und  enthält  gestützt  auf  zahlreiche 

Fremdberichte  eine  detaillierte  Anamnese.  Der  Gutachter  hält  fest,  dass  der 

Beschuldigte  nicht  an  der  psychiatrischen  Begutachtung  habe  mitwirken  wollen, 

weshalb das Sachverständigengutachten auf der Aktenbasis habe erstellt werden 

müssen. Dies sei im vorliegenden Fall möglich gewesen, weil eine umfangreiche 

Aktenlage  mit  diversen  ärztlichen  Befundberichten  vorgelegen  habe  (Urk. 10/36 

S. 49  und  S. 61).  Dies  ist  denn  –  entgegen  den  Ausführungen  des  Beschuldigte 

und  der  Verteidigung  (Prot. I  S. 35  f.  und  Urk. 148)  –  auch  nicht  zu  kritisieren. 

Prof. Dr. med. G._____ hat hinreichend dargetan, weshalb sich ein Aktengutachten 

im vorliegenden Fall verantworten lässt (Urk. 10/36 S. 49 und S. 61) und offenge-

legt, wenn eine Frage deshalb lediglich mit einer gewissen Unschärfe beantwortet 

werden kann (vgl. Urk. 10/36 S. 54 f. und S. 58 f.). Das Aktengutachten kann somit 

als massgebliche Grundlage für den Entscheid über die hier beantragte stationäre 

Massnahme verwendet werden (vgl. zum Ganzen auch BGE 146 IV 1 E. 3.2). Auch 

sind keine Hinweise darauf zu entnehmen, dass der Gutachter in irgendeiner Art 

und Weise befangen wäre, wie vom Beschuldigten vorgebracht (Urk. 148; vgl. auch 

die  Stellungnahme  des  Sachverständigen  zur  vorgebrachten  Kritik  im  Gutachten 

[Urk. 36/10  S. 2  f.;  vgl.  zum  Ganzen  auch  Urk. 10/28-30]).  Die  Expertise  enthält 

eine Befunderhebung, eine Beurteilung der Diagnose, der Schuldfähigkeit, der Le-

galprognose und der möglichen Massnahme sowie die Beantwortung der Beweis-

fragen. Die Expertise spricht sich zum psychischen Gesundheitszustand des Be-

-   30   -

schuldigten, zur Deliktskausalität der psychischen Störungen, zur Rückfallgefahr, 

zur Therapierbarkeit und zu den Erfolgsaussichten einer stationären und ambulan-

ten Behandlung aus (Urk. 10/36). Die Schlussfolgerungen sind kriterienorientiert, 

sachlich  und  nachvollziehbar.  Auch  laut  dem  Austrittsbericht  der  Klinik  für 

Forensische Psychiatrie, Station C._____, vom 16. Dezember 2024 und dem The-

rapieverlaufsbericht  der  Psychiatrischen  Klinik  Münsterlingen  vom  10. April  2025 

ergeben  sich  keine  Anhaltspunkte,  die  Diagnosen  des  Gutachtens  von  Prof. 

Dr. med.  G._____  in  Frage  zu  stellen  (Urk. 139  und  Urk. 155  S. 2;  vgl.  auch 

Urk. 134/1).

1.8. Als Anlasstat wird nach dem Wortlaut von Art. 59 StGB ein Verbrechen oder 

Vergehen vorausgesetzt. Eine Anlasstat liegt hier vor, nachdem der Beschuldigte 

den Tatbestand der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von aArt. 122 

StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB sowie der Beschimpfung im Sinne von 

Art. 177 Abs. 1 StGB erfüllt hat.

1.9. Richtig  ist,  soweit  die  Vorinstanz  betreffend  die  schwere  psychische 

Störung, den Zusammenhang zwischen dieser Störung und der Anlasstat sowie die 

Legalprognose die Einschätzung von Prof. Dr. med. G._____ übernimmt (Urk. 117 

E. IV/2-3  S. 19  f.).  Hinsichtlich  der  Rückfallgefahr  des  Beschuldigten  hält  das 

Gutachten fest, dass beim Beschuldigten eine hohe Gefahr erneuter einschlägiger 

Straftaten  bestehe.  Aus  der  Vorgeschichte  des  Beschuldigten  mit  wiederholten 

entweder  psychotisch  motivierten  oder  zumindest  durch  Krankheitssymptome 

begünstigten Drohungen und Tätlichkeiten, der fehlenden Krankheitseinsicht und 

Behandlungswilligkeit bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit für weitere Drohungen 

und Gewalthandlungen. Dazu komme, dass der Beschuldigte sein Verhalten nach 

wie  vor  als  gerechtfertigt  erlebe  bzw.  kein  Problembewusstsein  erkennen  lasse. 

Weitere  Konflikte  mit  Behörden  seien  zu  erwarten,  da  die  finanziellen  bzw. 

psychosozialen  Schwierigkeiten  zugenommen  hätten  und  der  Beschuldigte  nun 

sogar  keine  Wohnperspektive  mehr  zu  haben  scheine,  womit 

ihm  auch 

Rückzugsmöglichkeiten  verloren  gegangen  seien.  Bei  gleichzeitig  niedriger 

Stresstoleranz bestehe im Zusammenspiel mit der paranoiden Vorstellung, Opfer 

eines Komplotts zu sein, eine aggressive Wehrhaftigkeit und daher auch ein hohes 

-   31   -

Risiko für erneute Drohungen aber auch Gewalthandlungen. Betreffs schwerwie-

gender Gewaltdelikte führe die Drohung mit einem Baseballschläger beim Polizei-

einsatz  im  Jahr 2016,  die  Verfolgung  des  E._____s  mit  einem  Messer  beim 

Anlassdelikt  bzw.  gar  das  Ausführungen  von  Stichbewegungen  zu  Bedenken 

(Urk. 10/36  S. 56  f.  und  S. 59).  Gründe,  auf  diese  schlüssige  Expertise  nicht 

abzustellen, sind – mit der Vorinstanz (vgl. Urk. 117 E. IV/3.3.1 f. S. 20; vgl. auch 

Urk. 120) – weder aufgezeigt noch erkennbar.

1.10. Der Beschuldigte ist unzweifelhaft massnahmebedürftig, was auch die Ver-

teidigung (wonach der Beschuldigte krank und behandlungsbedürftig sei) nicht in 

Frage  stellt  (Prot. I  S. 16  f.).  Dies  ergibt  sich  sodann  auch  aus  dem  Therapie-

verlaufsbericht  der  Psychiatrischen  Klinik  Münsterlingen  vom  10. April  2025 

(Urk. 155).

1.11. Zur Massnahmefähigkeit äussert sich der Gutachter dahingehend, dass für 

die  unmittelbar  deliktrelevante  schizophrene  Erkrankung  des  Beschuldigten  ge-

eignete medikamentöse Behandlungsmassnahmen existieren würden. In der Ver-

gangenheit habe sich in den kurzen Zeiträumen, in denen der Beschuldigte bereit 

gewesen  sei,  eine  geeignete  Medikation  einzunehmen,  ein  Rückgang  seiner 

dysphor  gereizten  Verfassung  gezeigt.  Demnach  sei  trotz  der  chronifizierten 

Symptomatik  von  einer  therapeutischen  Ansprechbarkeit  auszugehen.  Aus  gut-

achterlicher  Sicht  sei  –  mit  Blick  auf  die  Erfahrungen  der  letzten  zehn  Jahre – 

lediglich  eine  stationäre  Behandlung  geeignet,  der  Gefahr  weiterer  Straftaten 

langfristig  zu  begegnen.  (Urk. 10/36  S. 57  und  S. 60).  Die  Massnahmenfähigkeit 

des  Beschuldigten ist  entsprechend als  gegeben anzusehen  und eine stationäre 

Massnahme  im  Sinne  von  Art. 59  Abs. 1  StGB  geeignet  sowie  erforderlich,  der 

Gefahr weiterer mit der psychischen Erkrankung des Beschuldigten in Zusammen-

hang  stehender  Taten  zu  begegnen  (auch  im  Therapieverlaufsbericht  der 

Psychiatrischen  Klinik  Münsterlingen  vom  10. April  2025  wurde  die  Mass-

nahmefähigkeit des Beschuldigten bejaht [Urk. 155]).

1.12. Zur Massnahmewilligkeit des Beschuldigten ist mit der Vorinstanz zu kon-

statieren, dass der Beschuldigte nicht mit der Anordnung einer stationären Mass-

nahme  einverstanden  ist  (Urk. 117  E. IV/5.1  S. 21  mit  Verweis  auf  Prot. I  S. 13). 

-   32   -

Aus der Expertise geht hervor, dass der Beschuldigte krankheitsuneinsichtig sei; 

aufgrund  der  Behandlungsunterlagen  sowie  der  Angaben  des  Beschuldigten  im 

vorliegenden Verfahren sei nicht zu erwarten, dass der Beschuldigte bereit sei, sich 

der erforderlichen Behandlung zu unterziehen (Urk. 10/36 S. 57 und 60). Gleiches 

ergibt  sich  sodann  auch  aus  dem  Gesuch  des  Beschuldigten  um  (Abbruch  des 

vorzeitigen  Massnahmeantritts  und)  Rückversetzung  in  die  Sicherheitshaft  vom 

30. Januar  2025  (vgl.  Urk. 140-141)  sowie  aus  dem  Therapieverlaufsbericht  der 

Psychiatrischen Klinik Münsterlingen vom 10. April 2025 (Urk. 155). Ähnlich äus-

serte sich der Beschuldigte auch anlässlich der Berufungsverhandlung (Urk. 158 

S. 1  ff.).  Gleichwohl  hält  der  Gutachter  fest,  dass  (initiale)  Behandlungsmass-

nahmen auch gegen den Willen des Beschuldigten durchgeführt werden können 

(Urk. 10/36  S. 60).  An  die  Therapiewilligkeit  im  Zeitpunkt  des  richterlichen  Ent-

scheids dürfen bei der stationären Behandlung von psychischen Störungen nach 

Art. 59  StGB  keine  allzu  hohen  Anforderungen  gestellt  werden.  Dies  trägt  dem 

Umstand Rechnung, dass es durchaus aufgrund der psychischen Erkrankung des 

Betroffenen an der Fähigkeit fehlen kann, die Notwendigkeit und das Wesen einer 

Behandlung  abzuschätzen.  Mangelnde  Einsicht  gehört  bei  schweren,  langan-

dauernden Störungen häufig zum typischen Krankheitsbild. Ein erstes Therapieziel 

besteht daher oft darin, Einsicht und Therapiewilligkeit zu schaffen, was gerade im 

Rahmen stationärer Behandlungen auch Aussichten auf Erfolg hat. Entscheidend 

ist, ob beim Betroffenen eine minimale Motivierbarkeit für eine therapeutische Be-

handlung erkennbar ist (Urteil des Bundesgerichts 6B_576/2024 vom 11. Dezem-

ber 2024 E. 5.3 mit Hinweisen). Eine solche Motivierbarkeit ist hier zu bejahen und 

genügt (vgl. dazu auch Urk. 155, insb. S. 7). Von der Anordnung der Massnahme 

ist nicht bereits deshalb abzusehen, nur weil der Beschuldigte sie im Berufungsver-

fahren  ablehnt  (Urteil  des  Bundesgerichts  6B_1287/2017  vom  18. Januar  2018 

E. 1.4.3 mit Hinweisen).

1.13. Aus  der  Expertise  ergibt  sich  weiter,  dass  einzig  eine  (längere)  stationäre 

Behandlung geeignet ist, um der Gefahr weiterer Straftaten langfristig erfolgreich 

entgegenzutreten (Urk. 10/36 S. 57 und 60 f.). Aus der Aktenlage gehe klar hervor, 

dass  der  Beschuldigte  eine  letztlich  auch  deliktpräventive  Behandlung  in  den 

letzten  zehn  Jahren  wiederholt  abgelehnt  habe.  Eine  geordnete  Behandlung  der 

-   33   -

Grunderkrankung  sei  daher  nicht  möglich  gewesen.  Die  Ablehnung  geeigneter 

Behandlungsmassnahmen bis hin zum Kontaktabbruch zu potenziellen Behandlern 

sei  auch  postdeliktisch  gut  dokumentiert,  da  der  Beschuldigte  die  psychiatrische 

Behandlung zuletzt im Dezember 2022 abgebrochen habe. Somit sei nicht damit 

zu  rechnen,  dass  der  weiterhin  schwerkranke  Beschuldigte  auf  eigene  Initiative 

eine Behandlung aufsuche bzw. bereit sei, die erforderlichen Medikamente lang-

fristig  einzunehmen.  Einen  günstigen  Einfluss  auf  die  Erkrankung  des  Beschul-

digten könne deshalb nur unter stationären Bedingungen und auch nur im Rahmen 

einer  längeren  stationären  Behandlung  genommen  werden.  Aus  gutachterlicher 

Sicht gebe es keine erfolgsversprechende Alternative zu einer stationären Mass-

nahme  im  Sinne  von  Art. 59  StGB  (Urk. 10/36  S. 57).  Die  gutachterliche  Ein-

schätzung  fällt  mithin  eindeutig  aus.  Gründe  vom  Gutachten  von  Prof.  Dr. med. 

G._____ vom 3. Mai 2023 abzuweichen, liegen auch hier keine vor.

1.14. Der Beschuldigte beging eine versuchte schwere Körperverletzung und eine 

Beschimpfung. Die Anordnung einer stationären Massnahme im Sinne von Art. 59 

StGB  respektive  der  damit  verbundene  Eingriff  in  die  Persönlichkeitsrechte  des 

Beschuldigten ist angesichts des hohen Rückfallrisikos bezüglich weiterer Gewalt-

handlungen  und  Drohungen  gerechtfertigt.  Die  Verhältnismässigkeit  der  Anord-

nung  einer  stationären  Massnahme  ist  demnach  zu  bejahen.  Insbesondere  fällt 

eine ambulante Massnahme (als ggf. milderes Mittel) nicht in Betracht (auch nicht 

mit  einer  vorhergehenden  stationären  Einleitung,  wie  von  der  Verteidigung  be-

antragt [Urk. 159]), da diese – wie vom Gutachter ausgeführt – keine erfolgsver-

sprechende  Alternative  zur  stationären  Massnahme  im  Sinne  von  Art. 59  StGB 

darstellt.

Aufgrund der vorstehenden Erwägungen sind die Voraussetzungen für die Anord-

nung einer stationären Massnahme gemäss Art. 59 StGB gegeben. Der Beschul-

digte befindet sich seit dem 29. Juni 2022 in Haft bzw. seit dem 26. November 2024 

in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, Zentrum für Forensische Psychiatrie, 

im  vorzeitigen  Massnahmenvollzug,  wovon  Vormerk  zu  nehmen  ist  (vgl.  zum 

Ganzen auch BGE 141 IV 236 E. 3 und 3.8; BGE 145 IV 65 E. 2.2-2.7).

-   34   -

V.  Einziehung

1.

Die Zwangsmassnahme der Beschlagnahme ist in Art. 263 ff. StPO geregelt. 

Gemäss  Art. 263  Abs. 1  StPO  können  Gegenstände  und  Vermögenswerte  einer 

beschuldigten Person oder einer Drittperson unter anderem beschlagnahmt wer-

den, wenn die Gegenstände und Vermögenswerte voraussichtlich als Beweismittel 

gebraucht  werden  (lit. a),  wenn  sie  zur  Sicherstellung  von  Verfahrenskosten, 

Geldstrafen,  Bussen  und  Entschädigungen  gebraucht  werden  (lit. b;  vgl.  auch 

Art. 268 StPO), wenn sie voraussichtlich einzuziehen sind (lit. d) oder zur Deckung 

von Ersatzforderungen des Staates gemäss Art. 71 StGB gebraucht werden (lit. e). 

Ist  die  Beschlagnahme  eines  Gegenstands  oder  Vermögenswertes  nicht  vorher 

aufgehoben worden, so ist über seine Rückgabe an die berechtigte Person, seine 

Verwendung zur Kostendeckung oder über seine Einziehung im Endentscheid zu 

befinden  (Art. 267  Abs. 3  StPO).  Die  Einziehung  deliktischer  Gegenstände  und 

Vermögenswerte ist in Art. 69 ff. StGB geregelt. Gemäss Art. 69 Abs. 1 StGB ver-

fügt das Gericht ohne Rücksicht auf die Strafbarkeit einer bestimmten Person die 

Einziehung von Gegenständen, die zur Begehung einer Straftat gedient haben oder 

bestimmt  waren  oder  die  durch  eine  Straftat  hervorgebracht  worden  sind,  wenn 

diese Gegenstände die Sicherheit von Menschen, die Sittlichkeit oder die öffent-

liche Ordnung gefährden.

2.

Das Küchenmesser mit schwarzem Griff (Asservat-Nr. A016'301'943) wurde 

gemäss erstelltem Sachverhalt zur Begehung der versuchten schweren Körperver-

letzung  verwendet.  Dieses  ist  somit  deliktisch  im  Sinne  von  Art. 69  Abs. 1  StGB 

und  dementsprechend  einzuziehen  und  der  zuständigen  Lagerbehörde  zur  gut-

scheinenden Verwendung zu überlassen.

Beim  Küchenmesser  mit  braunem  Griff  (Asservat-Nr. A016'301'954)  fehlt  ein 

Deliktskonnex. Die bloss allgemeine Eignung  zur Deliktsbegehung ohne solchen 

Deliktskonnex genügt – vorbehältlich verbotenen Besitzes (was vorliegend weder 

vorgebracht wurde noch zu sehen ist) – nicht zur Einziehung. Auch ergibt sich nicht, 

dass  dieses  Messer  zu  einer  strafbaren  Handlung  bestimmt  gewesen  wäre  (vgl. 

zum  Ganzen  auch  BSK  StGB-BAUMANN,  Art. 69  N 9  f.  mit  Verweis  auch  auf 

-   35   -

BGE 129  IV  81  E. 4.2).  Entsprechend  ist  dem  Beschuldigten  dieses  Messer 

herauszugeben.

VI.  Kosten- und Entschädigungsfolgen

Die vorinstanzliche Kosten- und Entschädigungsregelung (Dispositivziffern 5 bis 8) 

wurde – wie vorstehend dargelegt (vgl. E. I/2) – nicht angefochten und ist somit in 

Rechtskraft erwachsen. Es ist demnach nur über die Festsetzung und die Auflage 

der Kosten des Berufungsverfahrens zu befinden.

Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe ihres 

Obsiegens und Unterliegens. Bei schuldunfähigen Personen kann eine Kostenauf-

lage  nur  in  den  Schranken  von  Art. 419  StPO  erfolgen  (BSK  StPO-DOMEISEN, 

Art. 375 N 22 und Art. 426 N 46). Gemäss dieser Bestimmung können der schuld-

unfähigen  Person  Kosten  auferlegt  werden,  wenn  dies  nach  den  gesamten  Um-

ständen  billig  erscheint.  Aus  Billigkeitsgründen  ist  eine  Kostenauflage  gerecht-

fertigt, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse der beschuldigten schuldunfähigen 

Person so gut sind, dass eine Kostenübernahme durch den Staat als stossend er-

scheint  (BSK  StPO-DOMEISEN,  Art. 419  N 7).  Unterliegt  die  Staatsanwaltschaft, 

trägt  der  verfahrensführende  Kanton  die  Kosten  (PK StPO-JOSITSCH/SCHMID, 

Art. 428  N 3).  Angesichts  der  finanziellen  Verhältnisse  des  Beschuldigten  (vgl. 

Urk. 105; vgl. auch Urk. 158 und 159) und mit Blick auf die Gesamtumstände fällt 

die Gerichtsgebühr für das zweitinstanzliche Gerichtsverfahren ausser Ansatz und 

die Kosten des Berufungsverfahrens, einschliesslich derjenigen der amtlichen Ver-

teidigung, sind auf die Gerichtskasse zu nehmen.

Der  amtliche  Verteidiger  des  Beschuldigten  machte  für  das  Berufungsverfahren 

einen Aufwand von Fr. 5'814.60 geltend (Urk. 157), welcher Aufwand ausgewiesen 

ist und angemessen erscheint. Unter Berücksichtigung der tatsächlichen Dauer der 

Berufungsverhandlung  von  knapp  zwei  Stunden  (Prot. II  S. 8  und  1;  zzgl.  Weg-

pauschale  und  Nachbesprechung  des  Urteils)  ist  der  Verteidiger  für  seine  Be-

mühungen und Auslagen mit pauschal Fr. 6'800.– (inkl. MwSt.) zu entschädigen.

-   36   -

Es wird beschlossen:

1.

Vom Rückzug der Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft wird Vormerk 

genommen.

2.

Es wird festgestellt, dass das Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 25. April 

2024 (inkl. Nachtragsurteil vom 13. August 2024 betr. Entschädigung des 

amtlichen Verteidigers Rechtsanwalt X1._____) wie folgt in Rechtskraft er-

wachsen ist:

1.-3.

[…]

"Es wird erkannt:

4.

5.

Die Zivilforderungen des Privatklägers werden abgewiesen.

Über die Honorarforderungen der beiden amtlichen Verteidiger wird mit separatem 

Nachtragsurteil entschieden.

6.

Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz. Die Kosten betragen:

Fr.

Fr.

Fr.

Fr.

Fr.

Fr.

3'500.–  Gebühr Strafuntersuchung

22'203.–  Gutachten

47.–  Zeugenentschädigung

295.55  Auslagen Untersuchung

(noch offen)  ehemalige amtliche Verteidigung (RA X2._____)

17'922.30  amtliche Verteidigung (RA X1._____; inkl. 7,7 % bzw. 8,1 % MwSt. und 

Barauslagen)

Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.

7.

Die  Kosten,  inklusive  derjenigen  der  amtlichen  Verteidigungen,  werden  auf  die 

Gerichtskasse genommen.

8.

9.

Der Antrag des Privatklägers auf Prozessentschädigung wird abgewiesen.

[Mitteilungen]

10.

[Rechtsmittelbelehrung]"

-   37   -

3.

Schriftliche Mitteilung mit nachfolgendem Urteil.

Es wird erkannt:

1.

Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte A._____ die Tatbestände





der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von

aArt. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB sowie

der Beschimpfung im Sinne von Art. 177 Abs. 1 StGB

im  Zustand  der  nicht  selbstverschuldeten  Schuldunfähigkeit  im  Sinne  von 

Art. 19 Abs. 1 StGB erfüllt hat.

2.

a)

Es wird eine stationäre therapeutische Massnahme im Sinne von 

Art. 59 StGB (Behandlung psychischer Störungen) angeordnet.

b)

Es wird davon Vormerk genommen, dass sich der Beschuldigte seit 

dem 29. Juni 2022 in Haft bzw. seit dem 26. November 2024 in der Psychia-

trischen Klinik Münsterlingen, Zentrum für Forensische Psychiatrie, im vor-

zeitigen Vollzug der Massnahme befindet.

3.

Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 

2. Februar 2023 beschlagnahmte und bei der Kantonspolizei Zürich 

lagernde Küchenmesser (A016'301'943) wird eingezogen und der Lager-

behörde nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils zur gutscheinenden 

Verwendung überlassen.

4.

Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 

2. Februar 2023 beschlagnahmte und bei der Kantonspolizei Zürich 

lagernde Küchenmesser (A016'301'954) wird dem Beschuldigten nach 

Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils auf erstes Verlangen herausgegeben 

und andernfalls nach unbenutztem Ablauf einer Frist von 30 Tagen der 

Lagerbehörde zur gutscheinenden Verwendung überlassen.

-   38   -

5.

Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr fällt ausser Ansatz. Die weiteren 

Kosten betragen:

Fr.

Fr.

6'800.00   amtliche Verteidigung (inkl. MwSt.)

42.15   Transportkosten (Amt für Justizvollzug des Kt. Bern).

6.

Die Kosten des Berufungsverfahrens, einschliesslich der Kosten der amtli-

chen Verteidigung, werden auf die Gerichtskasse genommen.

7.

Schriftliche Mitteilung im Dispositiv an









die amtliche Verteidigung im Doppel für sich und zuhanden des 
Beschuldigten (versandt)

die Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich (versandt)

den Rechtsvertreter des Privatklägers im Doppel für sich und zuhanden 
des Privatklägers (versandt)

den Justizvollzug des Kantons Zürich, Abteilung Bewährungs- und 
Vollzugsdienste (versandt)

sowie in vollständiger Ausfertigung an







die amtliche Verteidigung im Doppel für sich und zuhanden des 
Beschuldigten

die Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich

den Rechtsvertreter des Privatklägers im Doppel für sich und zuhanden 
des Privatklägers

und nach unbenütztem Ablauf der Rechtsmittelfrist bzw. Erledigung allfälli-

ger Rechtsmittel an













die Vorinstanz

den Justizvollzug des Kantons Zürich, Abteilung Bewährungs- und 
Vollzugsdienste

die Koordinationsstelle VOSTRA/DNA mit Formular A

die Koordinationsstelle VOSTRA/DNA mit Formular "Löschung des 
DNA-Profils und Vernichtung des ED-Materials" zwecks Bestimmung 
der Vernichtungs- und Löschungsdaten

die Kantonspolizei Zürich, Asservate-Triage, Postfach, 8021 Zürich 
(Polis Geschäfts-Nr. 83058893), hinsichtlich Dispositivziffern 3 und 4

die amtliche Verteidigung, unter Hinweis auf Dispositivziffer 4 bezüglich 
Herausgabefrist.

-   39   -

8. Gegen diesen Entscheid kann bundesrechtliche Beschwerde in Straf-

sachen erhoben werden.

Die Beschwerde ist innert 30 Tagen, von der Zustellung der vollständigen, 

begründeten Ausfertigung an gerechnet, bei der gemäss Art. 35 und 35a 

BGerR zuständigen strafrechtlichen Abteilung des Bundesgerichts (1000 

Lausanne 14) in der in Art. 42 des Bundesgerichtsgesetzes vorgeschriebe-

nen Weise schriftlich einzureichen.

Die Beschwerdelegitimation und die weiteren Beschwerdevoraussetzungen 

richten sich nach den massgeblichen Bestimmungen des Bundesgerichts-

gesetzes.

Obergericht des Kantons Zürich
I. Strafkammer

Zürich, 16. April 2025

Der Präsident:

Der Gerichtsschreiber:

lic. iur. S. Volken

MLaw J. Stegmann