# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 551cfa96-53c6-58a9-aad9-8138835a10be
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2022-11-02
**Language:** de
**Title:** Beweiskräftiges psychiatrisches Gutachten und Verlaufsgutachten; Abweichen von Einschätzung der Arbeitsfähigkeit; Indikatorenprüfung. (hängig)
**Docket/Reference:** IV.2022.00093
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2022.00093.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2022.00093
V. Kammer
Sozialversicherungsrichter Vogel, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichter Kübler
Sozialversicherungsrichterin Philipp
Gerichtsschreiberin Schilling
Urteil
vom
2. November 2022
in Sac
hen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch Rechtsanwältin Nicole
Breitenmoser
Peyer Partner Rechtsanwälte
Löwenstrasse 17, Postfach, 8021 Zürich 1
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
Der 1977
geborene
X.___
me
ldete sich am 15
.
Oktober 2015
(Eingangs
datum) unter Hinweis auf
verschiedene
gesundheitliche
Beschwerden
bei der Sozialversicherungsan
stalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungs
bezug an (
Urk.
9/5
). Nach Abklärun
gen in beruflich-erwerblicher sowie medizinischer Hinsicht
stellte die IV-Stelle mit Vorbescheid vom 9. Juni 2016 die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht (
Urk.
9/16).
Nach Eingang des E
inwandes vom 8. Juli 2016
(
Urk.
9/19
)
tätigte die IV-Stelle weitere Abklärungen und gab insbesondere eine psychiatrische Begutachtung in
Auf
tra
g (Gutachten von Dr. med. Y.___
, Facharzt
FMH
für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 10.
März
2020 [
Urk.
9/86
])
.
Gestützt auf die Einschätzung des Gutachters, wonach durch therapeutische und berufliche Massnahmen eine volle Arbeitsfähigkeit zu erreichen sei (Urk. 9/86/23), leitete die IV-Stelle Eingliederungsmassnahmen ein (Urk. 9/106/10), zu deren Umsetzung sich der Versicherte indessen nicht in der Lage sah (
Urk.
9/92/7). Mit Mitteilung vom 2
8.
Oktober 2020 zeigte die IV-Stelle infolgedessen den Abschluss der Eingliederungsbemühungen an (
Urk.
9/91).
Am 7. Juni
2021 verfasste Dr.
Y.___
im Auftrag der IV-Stelle ein psychiatrisches Verlaufsgutachten (
Urk.
9/103).
Nach durchgeführtem
Vorbescheid
verfahren
(Vorbescheid vom
2. November 2021
[
Urk.
9/108
]; Ein
wand vom
3. Dezember 2021
[
Urk.
9/114
])
verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom
11. Januar 2022
einen Anspruch auf IV-Leistungen
(
Urk.
2 =
Urk.
9/118
)
.
2.
Dagegen erhob der Versicherte mit Eingabe vom 11. Februar 2022 Beschwerde beim Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich mit den Anträgen (
Urk.
1 S. 2
):
1.
Dem Beschwerdeführer seien die gesetzlichen Leistungen zu erbringen und es sei ihm insbesondere für die Zeitspanne vom 25. Oktober 2015 bis 10. Mai 2021 eine unbefristete, ganze Invalidenrente zuzusprechen.
2.
Eventualiter seien Eingliederungsmassnahmen respektive berufliche Mass
nahmen anzuordnen.
3.
Subeventualiter
sei ein Gerichtsgutachten im Fachbereich Psychiatrie einzu
holen.
4.
Subsubeventualiter
sei die Sache zur weiteren Sachverhaltsabklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen und dem Gutachter nachfolgende Zusatzfragen zur Beantwortung zu unterbreiten:
-
Wie beurteilen Sie die Arbeitsfähigkeit in a)
angestammter und b) in optimal angepasster Tätigkeit in der Zeitspanne vom 25. Oktober 2015 bis zum 25. Februar 2020 (erste Begutachtung)?
-
Wie beurteilen Sie die Arbeitsfähigkeit in a) angestammter und b) in optimal angepasster Tätigkeit in der Zeitspanne vom 25. Februar 2020 (erste Begutachtung) bis zum 10. Mai 2021 (zweite Begutachtung)?
-
Wie beurteilen Sie die Arbeitsfähigkeit in a) angestammter und b) in optimal angepasster Tätigkeit sollten Eingliederungsmassnahmen respektive berufliche Massnahmen nicht zustande kommen oder scheitern?
5.
Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl. 7.7 % MWST) zulasten der Beschwerdegegnerin.
Darüber hinaus stellte er einen prozessualen Antrag auf unentgeltliche Rechts
pflege
(Urk. 1 S. 3)
. Mit Beschwer
deantwort vom
6. Mai 2022
schloss
die Beschwerdegegnerin
auf
Abweisung der Be
schwerde (
Urk.
8
), was dem Beschwer
de
führer mit Verfügung vom
10. Mai 2022
angezeigt wurde (
Urk.
10
).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da der Zeitpunkt des Invaliditätseintritts (Art. 28 Abs. 1 und 1
bis
IVG) und jener des Rentenanspruchs nicht unbedingt identisch sind, fällt eine Invalidenrente unter das neue Recht, wenn der Anspruchsbeginn ab dem 1. Januar 2022 liegt, auch wenn die Invalidität vor diesem Zeitpunkt eingetreten ist. Neurechtliche Invali
denrenten sind somit Renten, auf die gemäss Art. 29 Abs. 1 und 2 IVG der
Anspruch ab dem 1. Januar 2022 entsteht (vgl.
Rz
. 1008 des Kreisschreibens zu den Übergangsbestimmungen zur Einführung des linearen Rentensystems, KS ÜB WE IV, gültig ab 1. Januar 2022).
Die angefochtene Verfügung erging nach dem 1. Januar 202
2.
Da die Entstehung eines Rentenanspruchs vorliegend bereits vor dem 1. Januar 2022 in Betracht fällt, sind die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurtei
lung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Fol
gen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder her
stellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.4
1.4.1
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
IVG
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit
ist jedoch nicht ohne W
eiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer
Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.4.2
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
1.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Gutachtens ist entscheidend, ob es für die Beantwortung der gestellten Fragen umfassend ist, auf den erforderlichen all
seitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt und sich mit diesen sowie dem Verhalten der untersuchten Person auseinander setzt, in Kenntnis der und gegebenenfalls in Auseinandersetzung mit den Vor
ak
ten abgegeben worden ist, ob es in der Darlegung der medizinischen Zustände und Zusam
menhänge einleuchtet, ob die Schlussfolgerungen der medizinischen Ex
perten in einer Weise begründet sind, dass die rechts
anwendende Person sie prü
fend nach
vollziehen kann, ob der Experte oder die Expertin nicht auszu
räu
mende Unsi
cherheiten und Unklarheiten, welche die Beantwortung der Fragen
er
schweren oder verunmöglichen, gegebenenfalls deutlich macht (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a; 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin verneinte einen Leistungsanspruch mit der Begründung, dass der Beschwerdeführer gestützt auf die medizinischen Abklärungen auf dem
ersten Arbeitsmarkt medizinisch-
theoretisch voll arbeitsfähig sei. Zudem seien zum aktuellen Zeitpunkt auch keine Eingliederungsmassnahmen angezeigt (
Urk.
2).
2.2
Der Beschwerdeführer brachte demgegenüber im Wesentlichen vor, dass
die Beschwerdegegnerin sowohl den Untersuchungsgrundsatz als auch das rechtliche Gehör verletzt habe. Der G
utachter
habe die gestellten Fragen nicht vollständig beantwortet und der Beschwerdeführer habe keine Möglichke
it gehabt, selbst (Ergänzungs-)
Fragen zu stellen. Zudem sei das Gutachten
unklar und damit
lediglich beschränkt beweiskräftig. Und schliesslich seien Eingliederungsmass
nahmen und berufliche Massnahmen anzuordnen respektive durchzuführen
(Urk.1)
.
3.
3.1
Dr.
Y.___
nannte in seinem von der Beschwerdegegnerin in Auftrag gegebenen psychiatrischen Gutachten vom 10. März 2020 (
Urk.
9/86) fol
gende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (
Urk.
9/86/20):
-
Narzisstische Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.8)
-
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert (ICD-10 F33.4)
Als Diagnose ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit führte er eine Nikotin
abhängigkeit (ICD-10 F17.25)
an (
Urk.
9/86/20)
.
Dr.
Y.___
legte dar,
dass der Beschwerdeführer anlässlich der Untersuchung in psychopathologischer Hinsicht, abgesehen von einer leichten Affektlabilität, keine weiteren psychopathologischen Merkmale aufgewiesen habe. Ergänzend zu den anamnestischen Angaben über eine – trotz geklagten Ein- und Durchschlaf
störungen sowie sozialen Rückzugstendenzen – doch erhaltene Tagesstruktur sowie fehlende
n
objektive
n
Hinweise
n
auf körperliche oder geistige Erschöpfung könne gegenwärtig von keiner Störung aus dem affektiven Formenkreis ausge
gangen werden. Es ergäben sich auch keine Hinweise auf eine genetische Vorbe
lastung für die Entwicklung psychiatrischer Erkrankungen. Die frühe Kindheit sei
zwar ohne gravierende traumatische Ereignisse verlaufen, sei jedoch geprägt
gewesen
durch emotionale Kälte, Strenge und Bestrafungen, was unter der zusätzlich ständigen Wahrnehmung von Feindseligkeiten sowie Bedrohungen durch die Umgebung beim Beschwerdeführer zur Bildung einer Persönlichkeit mit vordergründig narzisstischen Zügen geführt habe. Dem Beschwerdeführer sei es offenbar nie gelungen, ein realistisches Selbstbild zu finden, wobei sein Verhal
tensmuster seit der Kindheit und prolongiert im Erwachsenenalter durch die Umwandlung/Kompensation von anhaltenden B
edrohungsgefühlen in ein
grandioses Helfersyndrom geprägt gewesen sei.
Für die narzisstische Persönlich
keitsstörung spreche auch eine ersichtliche Diskrepanz zwischen der klinischen Unauffälligkeit (weitgehend unauffälliger Psychostatus vom 25. Februar 2020) und seiner fehlenden effektiven Arbeitsfähigkeit auf dem freien Wirtschaftsmarkt mit häufigen Störungen der Affektkontrolle und anschliessend offenbar längeren sozialen Rückzugstendenzen.
Unter der etablierten und sehr intensiven Gesprächspsychotherapie sei der Beschwerdeführer offenbar in Bezug auf seine Störungshintergründe reflektiert worden, wobei es ihm immer noch nicht gelun
gen sei, sein realistisches Selbstbild zu finden und seine intellektuellen und sozialen Ressourcen in einer nachhaltigen beruflichen Tätigkeit zu verwirklichen.
Beim Beschwerdeführer könne auch anlässlich der Exploration vom 25. Februar 2020 von einem verzehrten Selbstbild und von projizierten Bedrohungsgefühlen (sozialer Institutionen) ausgegangen werden, dazu auch von einer ausgeprägten Verletzlichkeit und Kränkbarkeit mit anhaltenden Störungen der Affekt- und Impulskontrolle in belastenden Situationen, weshalb ihm keine verwertbare Arbeitsfähigkeit auf dem freien Wirtschaf
tsmarkt attestiert werden könne
. Beim Beschwerdeführer
seien nie berufliche Massnahmen seit dem Erwachsenenalter durchgeführt worden, die aus Sicht des Referenten jedoch dringend notwendig seien. Der Beschwerdeführer verfüge offenbar über überdurchschnittliche intellektuelle Ressourcen, ausgezeichnete sprachliche Kenntnisse und ein intaktes Familiennetz. Deswegen sehe es der R
eferent
optimistisch, dass es unter Kombi
nation der bereits etablierten therapeutischen Massnahmen und der beruflichen Massnahmen in geschütztem Rahmen zur Herstellung einer
verwertbaren Arbeits
fähigkeit für adaptierte Tätigkeiten auf dem freien Wirtschaftsmarkt kommen könne. Im Rahmen der beruflichen Eingliederung im geschützten Rahmen könnten sowohl die Leistungskonstanz des Beschwerdeführers als auch sein Selbstbild namhaft gebessert werden.
Die Hilfsbereitschaft des Beschwerdeführers beziehungsweise sein Sozialverhalten mit glaubwürdigen zahlreichen ehrenamt
lichen Tätigkeiten seien auf anhaltende unbewusste Bedrohungsgefühle von der Aussenwelt zurückzuführen (gebraucht statt missbraucht/bedroht
werden
), was
im Rahmen der beruflichen Eingliederung im geschützten Rahmen geachtet und korrigiert werden soll
t
e (
Urk.
9/86/21).
3.2
In seinem psychiatrischen Verlaufsgutachten vom 7. Juni 2021 (
Urk.
9/103)
stellte
D
r.
Y.___
die gleichen Diagnosen wie im Gutachten vom 10. März 2020 (
Urk.
9/86) und führte dazu aus
,
dass der Beschwerdeführer anlässlich der Unter
suchung nach wie vor keine objektiven depressiven Symptome aufgewiesen habe, weshalb weiterhin von einer remittierten rezidivierenden depressiven Störung auszugehen sei. Es könne aber weiterhin vordergründig von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung mit eingeschränkten Selbstreflexions- und Kritikfähig
keiten, im Hintergrund jedoch mit Selbstzweifel
n
, Selbstunsicherheit und Neigung zu den narzisstischen Kränkungen ausgegangen werden. Dazu seien weiterhin die sozialen Rückzugstendenzen, allerdings aber auch viele
intellek
tuelle
und soziale Ressourcen festzustellen.
Der Beschwerdeführer
nehme insbesondere sei
ne Vater- und Ehemannrolle wahr;
auch gegenüber seinen Eltern und Geschwistern stehe er emotional nah und sein Sprachvokabular befinde sich tatsächlich auf einem akademischen Niveau. Deswegen gehe der Referent von insgesamt genügend Ressourcen des Beschwerdeführers für die bereits vorge
schlagene berufliche Integration in geschützten Rahmen aus
. Für die
gescheiter
ten beruflichen Massnahmen im Herbst 2020 müssten auch die jahrelange Arbeitslosigkeit des Beschwerdeführers beziehungsweise jahrelange fehlende
n
beruflichen Anforderungen und Herausforderungen mitberücksichtigt werden, die seine Selbstzweifel zusätzlich negativ beeinflussen würden. Der Beschwerde
führer verfüge aber über genügend Ressourcen, um eine berufliche Integration im geschützten Rahmen zu absolvieren und eine volle Arbeitsfähigkeit für die einfacheren Bürotätigkeiten zu erreichen. Es seien objektiv keine krankheits
bedingten Eingliederungshindernisse festzustellen, weshalb dem Beschwerdefüh
rer im Längsschnitt zukünftig keine Einschränkung der Arbeitsfäh
igkeit attestiert werden könne
(
Urk.
9/103/10 f.)
.
In leidensadaptierten
Tätigkeiten (sämtliche Büro-Tätigkeiten mit Ausnahme von Arbeiten in grossen Teams) sei der Beschwerdeführer in der Längsschnittbeurtei
lung seit der IV-Anmeldung vom 25. Oktober 2015 auf dem freien Wirtschafts
markt
bisher
nicht arbeitsfähig
gewesen
, zukünftig
sei er aber
–
mit oder ohne abgeschlossene berufliche Massnahmen im geschützten Rahmen
–
zu 100 % arbeitsfähig (
Urk.
9/103/11).
4.
4.1
Zu prüfen ist vorab die Rüge des Beschwerdeführers,
wonach er nicht über den Eingang des Gutachtens informiert worden sei, ihm die Zusatzfragen für das Verlaufsgutachten nicht vorab zugestellt worden seien und ihm keine Gelegenheit für eigene Zusatzfragen gegeben worden sei,
weshalb sein Anspruch auf recht
liches Gehör
verletzt worden sei (
Urk.
1 S. 7 ff.
). Der Versicherungsträger hat, gedenkt er der Gutachtensperson Erläuterungs- oder Ergänzungsfragen zu stellen, die versicherte Person darüber zu informieren, womit auch sie die Gelegenheit erhält, ihrerseits solche Fragen zu stellen (BGE 136 V 113).
Diesen Vorgaben ist die Beschwerdegegnerin
im
Hinblick
auf
die
Verlaufs
begut
achtung
mit ihrem Schreiben vom 23. März 2021 (
Urk.
9/98) nachgekommen,
indem
s
ie dem Beschwerdeführer Frist bis 6. April 2021 ansetzte, um Zusatz
fragen einzureichen. Bis zum Ablauf der Frist
waren
dem Beschwerdeführer die gesamten Akten einschliesslich des ersten Gutachtens von Dr.
Y.___
vom 10. März 2020 sodann zweimal zugestellt
worden
(
Urk.
9/87, 9/100).
Insofern ist die Beschwerdegegnerin hier korrekt vorgegangen.
Soweit der Beschwerdeführer kritisiert
e
, dass ihm mit dem Schreiben vom 23. März 2021 lediglich die Standard-Fragen bei einem Gutachten nach KSVI, Anhang IV, jedoch nicht die spezifischen Zusatzfragen des RAD an den Gutachter gemäss Urk. 9/96
/3
zugestellt worden seien (Urk. 1 S.
8
), erübrigen sich hierzu
nur schon deshalb
weitere Ausführungen,
weil
die Frage nach der medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit gemäss Urk. 9/96
/3
vo
m Standard-Fragebogen
selbstverständ
lich
eingeschlossen
ist
.
Was die am 18. Juni 2021 gestellten Rückfragen an den Gutachter
(Urk. 9/104)
betrifft, so hat es die Beschwerdegegnerin unterlassen, den Beschwerdeführer hierüber in Kenntnis zu setzen und ihm die Möglichkeit für Ergänzungsfragen zu
gewähren
. Dies war vorliegend aber auch nicht erforderlich, handelte es sich bei den
getätigten
Rückfragen doch um
obsolete
(
Verständnis
-)F
rage
n
,
deren Antworten
sich
bereits
aus dem T
ext des
Verlaufsg
utachten
s
selbst ergeben
hätten
: So hatte D
r.
Y.___
eine 100%ige Arbeitsfähigkeit in angepassten Tätig
keiten statuiert, mit oder ohne abgeschlossene berufliche Massnahmen im geschützten Rahmen (
Urk.
9/103/11). Der
Begriff «
geschützte
r
Rahmen
»
bezog sich dabei
selbstredend
auf die beruflichen Massnahmen und nicht auf die angepasste Tätigkeit, was aus dem Kontext (vgl. beispielsweise Ziff.
8
, 1
0.2
und 10.3
,
Urk.
9/103/10 ff.
) klar ersichtlich
gewesen wäre
.
Eine entsprechende Rück
frage hätte sich damit erübrigt und die Stellungnahme des Gutachters (
Urk.
9/105) brachte diesbezüglich auch keine
neuen Erkenntnisse
. Auch die weitere
Frage nach der medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit im zeitlichen
Verlauf
war sodann
unnötig
, liess sich diese
mit
den beiden Gutachten (100%ige A
rbeitsunfähig
keit
bis zum
Verlaufsg
utachten vom 7.
Juni 2021, anschliessend 100
%
ige A
rbeitsfähig
keit
, vgl.
Urk.
9/86/22, 9/103/11)
doch
ebenfalls bereits
beantworte
n und machte der Gutachter hierzu keine weiteren Ausführungen
(Urk. 9/105)
.
Zum Verlaufsgutachten sowie der Ergänzung vom 2. Juli 2021 konnte der Beschwerdeführer sodann im Rahmen des
Vorbescheidverfahrens
, welches der Gewährung des rechtlichen Gehörs vor Erlass der endgültigen Verfügung dient (vgl.
BGE 134 V 97
E. 2.
6
f
.; Urteile des Bundesgerichts 8C_607/2011 vom 16. März 2012 E. 4.1; 2C_733/2010 vom 16. Februar 2011 E.
2.2)
,
Stellung nehmen, was er mit Einwand vom 3. Dezember 2021 (
Urk.
9/114)
– nach
erfolgter Aktene
insicht (vgl.
Urk.
9/113)
–
auch tat. Die von ihm dort gestellten Ergänzungsfragen nach dem zeitlichen Verlauf
waren
wie erwähnt nicht notwendig
, weshalb die IV-Stelle auf deren Vorlage verzichten konnte
.
Damit geht der im vorliegenden Beschwerdeverfahren erhobene Vorwurf einer Gehörsverletzung fehl.
4.2
Entgegen der Ansic
ht des Beschwerdeführers erfüllen die
Gutachten
von Dr.
Y.___
die vom Bundesgericht postulierten, allgemeinen beweis
rechtlichen Anforderungen (E.
1.5
):
Sie beruhen
auf den relevanten
Vorakten
(
Urk.
9/86/4 ff.
; 9/103/4 f.
) sowie auf den erforderlichen und umfassenden Untersuchungen (
Urk.
9/86/18 ff.
; 9/103/7 ff.) und setzen
sich mit den vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden (
Urk.
9/86/14 f.
; 9/103/5 ff.
) sowie den bedeutsamen Berichten auseinander (
Urk.
9/86/20 ff. und 24
; 9/103/10 f. und 13
). Die medizi
nischen Überlegungen sowie die daraus gezo
genen Schlussfolgerungen sind detailliert begründet.
Dr.
Y.___
legte im Rahmen der psychiatrischen Exploration
nachvoll
ziehbar dar, dass der Beschwerdeführer an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet, die Voraussetzungen für eine rezidivierende depressive Störung
sowie eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung
hingegen nicht erfüllt sind
(Urk. 9/86/20 ff., 9/103/10 f.)
.
Der
Ausschluss dieser Diagnose
n erscheint vor dem Hintergrund
der nahezu
blanden
Befundlage
nachvollziehbar. Daran vermögen auch die Berichte von
Dr.
med. Z.___
, Facharzt FMH für Psychi
atrie und Psychotherap
ie, und
lic
. phil
.
A.___
, E
idgenössisch anerkannter Psychologischer Psychotherapeut, insbesondere
derjenige
vom 5. Januar 2020 (
Urk.
9/95)
,
nichts zu ändern.
Aus d
en Berichten ergibt sich nichts, was dem Gut
achter anlässlich seiner Untersuchungen verborgen geblieben wäre. Die den behandelnden Ärzten geklagten Beschwerden hatte der Beschwerdeführer auch dem Gutachter vor
getragen (vgl.
Urk.
9/86/14 f.; 9/103/5 ff.), was wie dargelegt ins Gutachten Eingang fand. Wichtige Aspekte, welche bei der Begutachtung unerkannt
geblieben wären, sind mithin nicht
auszumachen, was ebenso für den
vertrauensärztlichen Abklärungsbericht von
Dr.
med. B.___
, Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 2. April 2020 (
Urk.
9/88)
gilt
, welcher sich zudem
ausdrücklich
nicht
abschliessend
zur diagnostischen Einordnung
und Arbeitsfähigkeit
äusserte
(
vgl.
zum Ganzen
:
Urteil des Bundes
gerichts 8C_677/2014 vom 29. Oktober 2014 E. 7.2 mit Hinwei
sen, u.a. auf SVR 2008 IV Nr. 15 S. 43 E. 2.2.1 [I 514/06]).
4.
3
Mithin wird der Beweiswert der Gutachten
weder durch Widersprüche geschmä
lert, noch werden Tatsachen dargetan, die unerkannt geblieben wären. Damit drängen sich - entgegen dem Dafürhalten des Beschwerdeführers - weitere Abklärungen nicht auf.
4.4
4.4.1
Geht es um psychische Erkrankungen
,
sind für die Beurteilung der Arbeitsfähig
keit systematisierte Indikatoren beachtlich, die - unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und Kompensations
potentialen (Ressourcen) andererseits - erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 28
1
E. 1.2.2).
Die Anerkennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funk
tionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchs
grundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und wider
spruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachge
wiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Mithin ist nachfolgend zu prüfen, ob und inwieweit de
r
ärztliche Experte
seine
Arbeitsunfähigkeitsschätzung unter Beachtung der massgebenden Indikatoren hinreichend u
nd nachvollziehbar begründet ha
t
.
4.4.2
Mit Blick auf
die
Kategorie «funktio
neller Schweregrad»
fällt auf
, dass der psychische Befund
wei
tgehend unauffällig
war
.
Der Beschwerdeführer wirkte anlässlich der Untersuchung ordentlich gepflegt, bewusstseinsklar und allseits orientiert. Er gab klare und ganz präzise Antworten auf die gestellten Fragen in Bezug auf seine Lebensgeschichte
,
lückenfrei und ohne Konfabulationstendenzen, was auf unauffällige mnestische Funktionen hindeutet. Er wirkte aufmerksam, sehr konzentriert und wach und schilderte fliessend und ausführlich seine Beschwerden und Fähigkeiten, was auf eine ganz unauffällige Konzentrations
fähigkeit und Aufmerksamkeit sowie
ein
unauffälliges Auffassungsvermögen
schliessen lässt
. Im formalen Denken war er geordnet, ohne Hinweise auf
Gedankeneinengung, Gedankengrübeln, Phobien oder Ängste, inhaltlich ergaben sich keine Hinweise auf Wahnideen, Halluzinationen oder Ich-Störungen. Im Affekt wirkte der Beschwerdeführer
weder deprimiert noch depressiv. Er
wies einmal während der Exploration eine Affektlabilität auf und brach in Tränen aus. Ansonsten war er während der gesamten Untersuchung affektadäquat und konnte spontan lachen, die affektive Schwingungsfähigkeit und der Elan
vitae
waren erhalten, affektiv war er weitgehend modulierbar, ein affektiver Rapport war gut herstellbar. In Antrieb und Motorik war er unauffällig. Es ergaben sich keine Hinweise auf Selbst- oder Fremdgefährdung. Der Beschwerdeführer berichtete allerdings über Selbstmordgedanken, jedoch ohne konkrete Selbstmordpläne, Ein- und Durchschlafstörungen und sozialen Rückzug (
Urk.
9/86/18
, 9/103/7 f.
).
Dr.
Y.___
diagnostizierte eine narzisstische Persönlichkeitsstörung und stellte keine weiteren
,
die Arbeitsfähigkeit tangierenden
Komorbiditäten fest (
Urk.
9/86/20
, 9/103/10
). Er beurteilte viele Fähigkeiten
gemäss Mini-ICF-APP als mittelgradig eingeschränkt, einige
nur
als leicht oder gar nicht beeinträchtigt (
Urk.
9/86/19 f.
, 9/103/8 f.
).
Er attestierte dem Beschwerdeführer jedoch mit seiner überdurchschnittlichen Intelligenz und den sehr guten sprachlichen Kennt
nissen, den sehr guten Ausdrucksmöglichkeiten,
der freundlichen und zuvorkom
menden Art
sowie dem gepflegten Äusseren
,
der erhaltenen Tagesstruktur im Rahmen seiner Möglichkeiten
, den
stützenden Beziehungen innerhalb der Familie
, der
sehr guten Therapie
- und Arbeits
motivation
sowie der unein
geschränkten Verkehrsfähigkeit
viele Ressourcen (
Urk.
9/86/23
, 9/103/13
).
Augen
fällig ist sodann die Vielzahl der psychosozialen Faktoren
(
fehlende Berufsaus
bildung und -erfahrung des Beschwerdeführers
und damit fehlende berufliche Perspektiven
, fehlende Erwerbstätigkeit seiner Ehefrau, finanzielle Probleme
, sozialer Abstieg, vgl. Urk. 9/86/23
)
, welche sozialversicherungs
rechtlich auszu
klammern sind (Urteil des Bundesgerichts
9C_740/2018 vom 7. Mai 2019 E.
5.2.1).
Die diagnostizierte narzisstische Persönlichkeitsstörung wurde in der Vergangenheit fachgerecht therapiert, während in den letzten Jahren keine konsequente Behandlung der von den Behandlern festgestellten rezidivierenden depressiven Störung stattgefunden hat (
Urk.
9/86/22
, 9/103/11
). Ein
Eingliede
rungserfolg
konnte bisher nicht erzielt werden. Allerdings erklärte der Gutachter im ersten Gutachten, dass
beim
Beschwerdeführer
unter
Kombination der thera
peutischen und vorgeschlagenen beruflichen Massnahmen
von der Wiederher
stellung einer verwertbaren vollen Arbeitsfähigkeit auf dem freien Wirtschafts
markt
ausgegangen werden könne
(
Urk.
9/86/
23)
, während er im Verlaufsgutach
ten auch ohne Durchführung von
beruflichen M
assnahmen
eine vollständige Arbeitsfähigkeit attestierte (
Urk.
9/103/11).
Grund zur
Annahme eines absolut therapieresistenten oder
chronifizierten
Krankheits
verlaufs bestand für den Gutachter jedenfalls nicht (Urk. 9/86/23, 9/103/12).
Z
udem legte Dr.
Y.___
dar, dass betreffend die gescheiterten beruflichen Massnahmen im Herbst 2020 auch die jahrelange Arbeitslosigkeit beziehungsweise die jahrelangen fehlenden beruflichen Anforderungen und Herausforderungen mitberücksichtigt werden müssten, die seine Selbstzweifel zusätzlich negativ beeinflusst hätten (Urk. 9/103/11)
.
Der Misserfolg der beruflichen Wieder
eingliederungsbemühun
gen geht da
mit
auch
massgeblich auf invaliditätsfremde Aspekte zurück.
4.4.3
Aufschlussreich ist schliesslich
auch
die Kategorie «Konsistenz».
Der G
utachter hi
e
l
t
im Verlaufsgutachten
diesbezüglich fest, dass die erhobenen Untersuchungs
befunde mit den anamnestischen Angaben bezüglich des A
ktivi
tätsniveaus nicht übereinstimmen
würden
. So habe der
Beschwerdeführer über eine starke Abhän
gigkeit im Alltagsleben von seiner Ehefrau sowie eine starke Passivität berichtet, habe aber weder
körperlich noch geistig erschöpft gewirkt
,
sei pünktlich zum abgemachten Termin ohne Begleitung gekommen und sei auch intellektuell sicherlich im Überdurchschnittsbereich. Das Ausmass der geschilderten und aktenmässig postulierten depressiven Symptome stimme sodann mit der Inanspruchnahme der therapeutischen Massnahmen nicht überein. Eine regel
mässige
antidepressive psychopharmakologische Behandlung sei weder aktenmässig noch
an
a
mn
e
stisch durch
geführt worden. Zudem bestehe eine Diskrepanz zwischen den geschilderten psychischen Beschwerden am 10. Mai 2021 zu den geschilderten Beschwerden am 25. Februar 2020, was mindestens eine Verdeutlichungstendenz bedeuten könne (
Urk.
9/103/9). Im Hauptgutachten führte der Gutachter diese Inkonsistenzen zwar nicht als solche auf (vgl.
Urk.
9/86/20)
;
aufgrund der vergleichbaren gesundheitlichen Situation sowie Beschwerdeschilderung können diese aber bereits für den Zeitpunkt des ersten Gutachtens festgestellt werden.
Darüber hinaus
besteht ein deutlicher Wider
spruch zwischen
der geltend gemachten vollständigen Arbeitsunfähigkeit und dem im Verwaltungsverfahren seitens des Beschwerdeführers gezeigten
proakti
ven, eigenständigen und s
elbstverantwortlichen Auftreten
gegenüber
der
Beschwerdegegnerin (
vgl. beispielsweise
Urk.
9/17, 9/19
, 9/29, 9/30, 9/36, 9/39, 9/43, 9/48, 9/60, 9/61, 9/62, 9/65, 9/72, 9/74, 9/79)
.
Ebenso sind Widersprüche hinsichtlich Eingliederungswunsch des Beschwerdeführers aktenkundig: Während sein Psychotherapeut noch am 17. August 2020 darlegte, der Beschwer
deführer finde eine allfällige Rentenleistung kein gutes Szenario, denn er wünsche sich zu arbeiten (Urk. 9/92/5), zeigte dieser sich bloss kurze Zeit später nicht (mehr) in der Lage, an einem Programm teilzunehmen (
Urk.
9/92/7, Eintrag
vom 3
0.
September 2020) und berichtete sein Therapeut - bereits vor dem Start allfälliger Eingliederungsmassnahmen -, dessen Zustand habe sich rapide verschlechtert, weshalb er (der Psychotherapeut) ein Eingliederungsprogramm für nicht machbar erachte (
Urk.
9/92/7, Eintrag vom 1. Oktober 2020; vgl. aber auch Eintrag vom 2
5.
Mai 2020, wonach sich der Beschwerdeführer den Aussagen des Sozialamtes zufolge nicht in der Lage sehe zu arbeiten:
Urk.
9/92/3). Medizinische Gründe für diesen Wandel sind nicht aktenkundig. Es fällt denn auch auf, dass der Gutachter im Rahmen des psychischen Befundes festhielt, stimmungsmässig habe sich der Explorand ausgeglichen gezeigt. Erst bei der Konfrontation mit den von ihm berichteten Fähigkeiten und jahrelanger Arbeitslosigkeit sei er misstrau
isch,
dysphorisch
gereizt und lauter geworden (
Urk.
9/103/8).
4.4.4
Wie dargelegt, kann der Beweis für eine lang andauernde und erhebliche gesund
heitsbedingte Arbeitsunfähigkeit nur dann als geleistet betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen Lebens
bereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt. Hingegen ist von der medizinisch-psychiatrischen Annahme einer Arbeitsunfähigkeit abzu
weichen, wenn diese, im Ergebnis, unter dem entscheidenden Gesichtswinkel von Konsistenz und materieller Beweislast der versicherten, rentenansprechenden Person zu wenig gesichert ist und insofern nicht überzeugt (BGE 145 V 361 E. 4.3 mit weiteren Hinweisen).
Dies ist vorliegend gegeben: der Sachverständige hat
es versäumt, substantiiert darzutun, weshalb und inwieweit wegen der von
ihm
erhobenen Befunde
und Funktionseinschränkungen
die Ar
beitsfähigkeit im Ausmass von 100
%
bis zum Zeitpunkt des
Verlaufsg
utachtens
im Juni 2021
einge
schränkt sein soll. In Anbetracht der
nahezu
blanden
Befunde
, der Vielzahl an psychosozialen Faktoren sowie der vorhandenen
Ressourcen ist
seine
Arbeits
unfähigkeitsschätzung
– auch die rückwirkende –
nicht hinreichend nachvoll
ziehbar.
Insbesondere hat er
den entscheidenden Aspekt der Konsistenz zu wenig berücksichtigt.
Mithin
vermögen
seine
Einschätzung
en
insofern nicht zu überzeugen und fehlt es folglich an einem stimmigen Gesamtbild für die Annahme einer rechtlich relevanten psychischen Funktionseinbusse.
Damit verbietet sich der Schluss auf eine Arbeitsunfähi
gkeit aus psychiatrischer Sicht.
4.5
Folglich ist
eine
Einschränkung der Leis
tungsfähigkeit aus psychischen Gründen nicht erstellt. Die Folgen der Beweis
losigkeit hat dabei der Beschwerde
führer zu tragen (vgl. BGE 141 V 281 E. 6).
5.
Nach dem Gesagten ist die IV-Stelle zu Recht von der gutachterlich attestierten Einschätzung der Arbeitsfähigkeit
in der ersten Expertise
abgewichen und hat
einen
Leistungsanspruch des Beschwerdeführers
zu Recht
für den gesamten Zeit
raum
verneint. Die Beschwerde erweist sich folglich als unbegründet, weshalb sie abzuweisen ist.
6
.
6
.1
Der Beschwerdeführer beantragte die Gewährung der unentgeltlichen Rechts
pflege unter Bestellung von Rechtsanwältin Nicole
Breitenmoser
als unentgelt
liche
Rechtsbeiständin
(
Urk.
1 S. 3).
Nach Gesetz und Praxis sind in der Regel die Voraussetzungen für die Bewilli
gung der unentgeltlichen Prozessführung und
Verbeiständung
erfüllt, wenn der Prozess nicht aussichtslos, die Partei bedürftig und die anwaltliche
Ver
beistän
dung
not
wendig oder doch geboten ist (BGE 103 V 46, 100 V 61, 98 V 115).
Die Bedürftigkeit des Beschwerdeführers ist ausgewiesen (
Urk.
6
); da auch die weiteren Voraussetzungen erfüllt sind, ist dem Beschwerdeführer die unent
gelt
liche Prozessführung zu bewilligen und die unentgeltliche Rechtsvertretung in der Person von Rechtsanwältin Nicole
Breitenmoser
zu gewähren.
6
.2
Die Verfahrenskosten sind auf Fr. 800.-- festzusetzen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und ausgangsgemäss dem Beschwerdeführer aufzuerlegen, zufolge Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung jedoch einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
6
.3
Die unentgeltliche Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers, Rechtsanwältin Nicole
Breitenmoser
,
hat davon abgesehen, eine Kostennote einzureichen
(
§
7 und 8 der Verordnung über die Gebühren, Koste
n
und Entschädigungen vor dem Sozialversicherungsgericht)
, weshalb ihre Entschädigung vom Gericht
festzu
legen und u
nter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses (
§
34
Abs.
3
des Gesetzes über das Soz
ialversiche
rungsgericht [
GSVGer
]
)
auf Fr. 1‘
9
00.-- (
inklusive Barauslagen und Mehrwert
steuer
) festzusetzen ist
.
6
.4
Der Beschwerdeführer wird auf § 16 Abs. 4
GSVGer
hingewiesen, wonach er zur Nachzahlung der ihm erlassenen Gerichtskosten und der Kosten seiner Rechts
ver
tretung verpflichtet ist, sobald er dazu in der Lage ist.
Das Gericht beschliesst:
In Bewilligung des Gesuches vom 11. Februar 2022 wird dem Beschwerdeführer die un
ent
geltliche Prozessführung bewilligt und ihm in der Person von Rechtsanwältin
Nicole
Breitenmoser
eine unentgeltliche
Rechtsvertreterin bestellt,
und erkennt sodann:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
800
.-- werden
dem Beschwerdeführer
auferlegt
, zufolge Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung jedoch einstweilen auf die Gerichts
kasse genommen.
Der Beschwerdeführer wird
auf die Nachzahlungspflicht gemäss § 16 Abs. 4
GSVGer
hingewiesen.
3.
Die unentgeltliche Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers, Rechtsanwältin Nicole Breitenmoser,
wird mit
Fr.
1’
9
00
.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) aus der Gerichtskasse entschädigt.
Der Beschwerdeführer wird
auf die Nachzahlungspflicht gemäss § 16 Abs. 4
GSVGer
hingewiesen.
4
.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwältin Nicole
Breitenmoser
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse
5
.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzustellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
VogelSchilling