# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** be31ba51-1d8f-5731-8b08-e3e5af2ae99c
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2011-10-04
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 04.10.2011 D-8056/2010
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-8056-2010_2011-10-04.pdf

## Full Text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t

T r i buna l   adm in i s t r a t i f   f édé ra l

T r i buna l e   ammin i s t r a t i vo   f ede ra l e

T r i buna l   adm in i s t r a t i v   f ede ra l

   

Abteilung IV
D­8056/2010/wif

U r t e i l   v om   4 .   O k t ob e r   2 0 1 1

Besetzung Richter Robert Galliker (Vorsitz),
Richter Kurt Gysi, Richter Pietro Angeli­Busi;
Gerichtsschreiber Matthias Jaggi.

Parteien A._______, geboren (…), 
alias B._______, geboren (…),
Niger,
vertreten durch Dr. iur. Oliver Brunetti, 
BAS Beratungsstelle für Asylsuchende der Region Basel,
(…),
Beschwerdeführer, 

gegen

Bundesamt für Migration (BFM), 
Quellenweg 6, 3003 Bern,
Vorinstanz. 

Gegenstand Asyl und Wegweisung; 
Verfügung des BFM vom 13. Oktober 2010 / N (…).

D­8056/2010

Seite 2

Sachverhalt:

A. 
Eigenen  Angaben  zufolge  gelangte  der  Beschwerdeführer  am  13.  Juni 
2006  in  die  Schweiz,  wo  er  am  gleichen  Tag  im  Empfangs­  und 
Verfahrenszentrum  (EVZ) C._______  um Asyl  nachsuchte. Dazu wurde 
der Beschwerdeführer am 19. Juni 2006 im EVZ C._______ befragt und 
am  6.  Juli  2006  vom  Migrationsamt  des  Kantons  D._______  angehört 
(Anhörung).

B. 
Zur  Begründung  seines  Asylgesuchs  machte  der  Beschwerdeführer  im 
Wesentlichen geltend, er sei Staatsangehöriger von Niger und habe vor 
seiner  Ausreise  aus  seinem Heimatland  in  E._______  gelebt.  Im  Jahre 
1996  sei  er Mitglied  von Timidria  geworden,  einer Organisation, welche 
öffentlich gegen die Sklaverei kämpfe. Als "sensibilisateur" habe er unter 
anderem  die  ländliche  Bevölkerung  auf  die  Probleme  der  Sklaverei 
aufmerksam gemacht.  Im Jahre 2005 sei F._______, der Präsident  von 
Timidria,  von  der  Gendarmerie  festgenommen  und  während  zweier 
Monate  festgehalten worden,  bevor  er,  insbesondere mit  internationaler 
Unterstützung, wieder freigekommen sei. Da er – der Beschwerdeführer – 
sich weiter gegen die Sklaverei eingesetzt habe, sei er am 18. Dezember 
2005 in E._______ von der Gendarmerie festgenommen und festgehalten 
worden.  Während  der  Haft  sei  er  auf  verschiedene  Arten  misshandelt 
worden. Nach einer Woche sei er unter der Bedingung, dass er sich nicht 
weiter  für  die  Rechte  der  Sklaven  engagiere,  freigelassen  worden.  Am 
Tage  seiner  Freilassung,  dem  25.  Dezember  2005,  habe  er  sich  in 
Begleitung  von  G._______,  einem  Mitarbeiter  von  Timidria,  zu  einem 
Radiosender  begeben,  wo  er  ein  zirka  dreissigminütiges  Interview  über 
seine Haft gegeben habe. Nach diesem Radiointerview sei er nicht mehr 
nach Hause zurückgekehrt, sondern habe sich in einem anderen Quartier 
von  E._______  versteckt.  Während  dieser  Zeit  habe  die  Gendarmerie 
drei  ihn betreffende Vorladungen an seinen früheren Wohnort zugestellt, 
die  ihm von seinem Nachbarn überbracht worden seien. Als er  sich am 
25.  Januar 2006  in einer Apotheke etwas habe besorgen wollen,  sei  er 
von  der  Gendarmerie  festgenommen  und  ins  Zivilgefängnis  von 
E._______  gebracht  worden.  Am  20.  April  2006  habe  ihm  ein Wächter 
dieses  Gefängnisses,  der  von  G._______  kontaktiert  worden  sei,  eine 
Militäruniform  besorgt,  mit  der  es  ihm  gelungen  sei,  zu  fliehen. 
Anschliessend  sei  er  von  G._______  in  einem  Haus  in  einem Quartier 
von  E._______  untergebracht  worden.  Ab  dem  27.  April  2006  sei  per 

D­8056/2010

Seite 3

"avis de  recherche" nach  ihm gesucht worden, weswegen er am 4. Mai 
2006 zusammen mit einem Weissen nach Ouagadougou gereist sei, von 
wo  er mit  einem  gefälschten  französischen Reisepass  via  Tripolis  nach 
Genf  geflogen  sei.  Bezüglich  der  weiteren  Aussagen  des 
Beschwerdeführers wird auf die Akten verwiesen. 

Im  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  reichte  der  Beschwerdeführer  unter 
anderem die folgenden Beweismittel zu den Akten: Die Kopie einer "avis 
de  recherche"  vom  27.  April  2006,  drei  Vorladungen  vom  Jahre  2006, 
zwei Mitgliederausweise  der  Organisation  Timidria  von  2005  respektive 
2006, ein Mitgliederausweis der  "Parti Nigerien pour  la Democratie et  le 
Socialisme", mehrere Zeitungsartikel, eine DVD, mehrere Internetbeiträge 
sowie ein Briefumschlag.

C. 
Das BFM ersuchte am 16. Februar 2009 die schweizerische Botschaft in 
Abidjan  um Abklärungen  gemäss Art.  41 Abs.  1  des Asylgesetzes  vom 
26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31).  Die  Botschaftsantwort  vom  20.  Mai 
2010 wurde dem Beschwerdeführer  am 7.  Juli  2010 zur Stellungnahme 
unterbreitet.  Der  Beschwerdeführer  nahm mit  Schreiben  vom  2.  August 
2010  dazu  Stellung.  Der  Stellungnahme  lagen  eine  Schriftprobe  des 
Beschwerdeführers,  ein  Bestätigungsschreiben  von  Timidiria  vom  3. 
Februar  2006,  zwei  Internetberichte  bezüglich  der  Situation  in  Niger 
sowie  ein  Bestätigungsschreiben  von  Radio  Ténéré  vom  21.  Juli  2010 
bei.

D. 
Mit Verfügung vom 13. Oktober 2010 – eröffnet am 18. Oktober 2010 – 
stellte  das  BFM  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  die 
Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfülle.  Es  lehnte  sein  Asylgesuch  ab  und 
ordnete  seine  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den 
Wegweisungsvollzug an. Gleichzeitig wies es auch die Beweisanträge – 
Anhörung von Zeugen auf der Schweizer Botschaft – ab. 

Zur  Begründung  führte  das  BFM  im  Wesentlichen  aus,  der 
Beschwerdeführer  habe  im  Verlaufe  des  Verfahrens  zu  verschiedenen 
Punkten unterschiedliche Angaben gemacht, weswegen erste Zweifel an 
der  Glaubhaftigkeit  seiner  Vorbringen  aufkämen.  Zudem  würden  die 
Asylvorbringen  in  wesentlichen  Punkten  den  gesicherten  Erkenntnissen 
des  BFM  widersprechen.  Diese  Tatsachenwidrigkeiten  verstärkten  die 
Zweifel  an  der  Glaubhaftigkeit  seiner  Kernvorbringen.  Soweit  der 

D­8056/2010

Seite 4

Beschwerdeführer  vorbringe,  F._______  und  H._______  hätten  ihm 
mündlich  zugesichert,  allenfalls  bei  der  Schweizerischen  Vertretung 
Aussagen  über  seine Verfolgungssituation  zu machen,  sei  festzuhalten, 
dass  der  Sachverhalt  zum  einen  aufgrund  der  bisher  getätigten 
Instruktionsmassnahmen  feststehe und eine abschliessende Beurteilung 
des Falles zulasse. Zum anderen wäre eine solche Zeugenaussage per 
se als Gefälligkeitsaussage zu werten. Die eingereichte Bestätigung von 
Radio  Ténéré  weise  verschiedene  Ungereimtheiten  auf,  weswegen  sie 
als  ein  im  Nachhinein  von  der  Schweiz  aus  in  Auftrag  gegebenes 
Gefälligkeitsschreiben  ohne  Beweiswert  zu  qualifizieren  sei. 
Insbesondere deshalb sei der Zeuge I._______ als voreingenommen und 
daher unzulässig zu betrachten. Die Asylvorbringen seien auch deshalb 
unglaubhaft, weil sie in wesentlichen Punkten der allgemeinen Erfahrung 
oder der Logik des Handelns widersprächen. Den vom Beschwerdeführer 
zur Untermauerung seiner Asylvorbringen eingereichten drei Vorladungen 
sowie der Kopie einer "avis de recherche" komme für die Beurteilung des 
Asylgesuchs  kein  Beweiswert  zu,  zumal  sie  zahlreiche  bedeutende 
Fälschungsmerkmale  enthielten,  nicht  bloss  Mutmassungen,  sondern 
mehrheitlich  Fakten  darstellten  und  als  "Blankoformulare"  einer  freien 
Beweiswürdigung unterliegen würden. Diese freie Beweiswürdigung führe 
im  vorliegenden  Fall  unter  Berücksichtigung  der  Vorbringen  des 
Beschwerdeführers  sowie  des  länderspezifischen  Kontextes  zu  einem 
negativen  Ergebnis.  Die  desbezüglichen  Vorbringen  des 
Beschwerdeführers  hielten  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit 
gemäss Art. 7 AsylG nicht stand, so dass ihre Asylrelevanz nicht geprüft 
werden müsse. 

Der  Beschwerdeführer  habe  zwei  Mitgliederausweise  über  seine 
Mitgliedschaft  bei  der  Organisation  Timidria  sowie  einen 
Mitgliederausweis der "Parti Nigerien pour la Democratie et le Socialisme" 
zu  den  Akten  gereicht.  Seine  blosse  Mitgliedschaft  in  dieser  Partei 
beziehungsweise  Organisation  stelle  jedoch  kein  Verfolgungsmotiv  in 
Niger  dar,  da  es  sich  dabei  um  eine  öffentlich  anerkannte  und  nicht 
verbotene Organisation respektive Partei handle. Zudem hielten sich die 
Führungsmitglieder  der  Timidria  nach  wie  vor  in  Niger  auf.  Die 
diesbezüglichen  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  hielten  den 
Anforderungen  an  die Flüchtlingseigenschaft  gemäss Art.  3 AsylG  nicht 
stand.  Den  Vollzug  der  Wegweisung  erachtete  die  Vorinstanz  als 
zulässig,  zumutbar  und  möglich.  Für  den  weiteren  Inhalt  wird  auf  die 
vorinstanzliche Verfügung verwiesen. 

D­8056/2010

Seite 5

E. 
Mit  Beschwerde  vom  17.  November  2010  (Poststempel)  an  das 
Bundesverwaltungsgericht  liess  der  Beschwerdeführer  durch  seinen 
Rechtsvertreter  beantragen,  die  angefochtene Verfügung des BFM vom 
13.  Oktober  2010  sei  aufzuheben,  es  sei  seine  Flüchtlingseigenschaft 
festzustellen  und  ihm  Asyl  zu  gewähren.  Eventualiter  sei  die 
angefochtene  Verfügung  aufzuheben  und  die  Sache  zur  vollständigen 
Abklärung  des  Sachverhalts  und  insbesondere  zur  Durchführung  der 
angebotenen Befragungen an das BFM zurückzuweisen. Subeventualiter 
sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung für ihn unzulässig sei, 
weswegen  das  BFM  anzuweisen  sei,  seinen weiteren  Aufenthalt  in  der 
Schweiz  nach  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu 
regeln.  In  verfahrensrechtlicher Hinsicht  ersuchte  der Beschwerdeführer 
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege sowie um Verzicht auf 
die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Auf  die  Begründung  der 
Beschwerde  wird,  soweit  für  den  Entscheid  wesentlich,  in  den 
Erwägungen eingegangen. 

Mit  der  Rechtsmittelschrift  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Vielzahl 
von Berichten über die Menschenrechtslage  respektive die Sklaverei  im 
Niger sowie einen DHL­Umschlag zu den Akten. 

F. 
Mit  Zwischenverfügung  des  Instruktionsrichters  des 
Bundesverwaltungsgerichts  vom  25.  November  2010  wurde  dem 
Beschwerdeführer mitgeteilt, dass er den Ausgang des Verfahrens in der 
Schweiz  abwarten  könne.  Gleichzeitig  verfügte  der  Instruktionsrichter, 
dass auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet und über das 
Gesuch  um Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von 
Art.  65 Abs.  1  des Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das 
Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  im  Endentscheid  befunden 
werde. 

G. 
In ihrer Vernehmlassung vom 30. November 2010 hielt die Vorinstanz an 
ihren Erwägungen  fest  und  beantragte  die Abweisung  der Beschwerde. 
Diese  Vernehmlassung  wurde  dem  Beschwerdeführer  zur 
Kenntnisnahme zugestellt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:

D­8056/2010

Seite 6

1. 
1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden 
gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den 
Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des 
Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme 
im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht 
ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und 
entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen 
eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die 
beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d 
Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG, 
SR 173.110]).

1.2.   Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem 
BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 
AsylG).

1.3.  Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 
1  AsylG,  Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art.  52  VwVG).  Der 
Beschwerdeführer  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders 
berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung 
beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde 
legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). 
Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.

2. 
Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige 
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und 
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

3. 
3.1.  Der  Beschwerdeführer  stellt  in  seiner  Rechtsmitteleingabe  das 
Eventualbegehren, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die 
Sache  sei  zur  vollständigen  Abklärung  des  Sachverhalts  und 
insbesondere  zur  Durchführung  der  angebotenen  Befragungen  an  das 
BFM zurückzuweisen. Zur Begründung bringt er vor, die Vorinstanz habe 
seinen  Anspruch  auf  rechtliches  Gehörs  verletzt,  indem  sie  es  im 
Rahmen der Anhörung unterlassen habe, die von ihm auf Nachfrage hin 
ausdrücklich erwähnten, von seiner Misshandlung während seiner ersten 
Haft  herrührenden  Narben  auf  seinem  Rücken  zu  prüfen  oder  ärztlich 

D­8056/2010

Seite 7

prüfen  zu  lassen.  Überdies,  da  die  Vorinstanz  es  –  wie  in  der 
Stellungnahme  zur  Botschaftsabklärung  angeboten  –  abgelehnt  habe, 
den  Gründer  und  Vorsitzenden  von  Timidria,  F._______,  und  den 
Vorsitzenden der Sektion E._______ von Timidria, H._______, zu den ihn 
betreffenden Ereignissen Ende  2005  und Anfang  2006  sowie  allgemein 
zu  allfälligen  Anfechtungen  gegenüber  Timidria  im  Rahmen  ihrer 
damaligen  und  heutigen  Tätigkeit  zu  befragen.  Im  Weiteren  habe  das 
BFM das rechtliche Gehör verletzt, da sie es – wie in der Stellungnahme 
zur  Botschaftsabklärung  angeboten  –  zurückgewiesen  habe,  den 
vormaligen Mitarbeiter  von Radio  Ténéré,  I._______,  zu  dem mit  ihm – 
dem  Beschwerdeführer  –  am  25.  Dezember  2005  für  Radio  Ténéré 
geführten  Interview  über  seine  Verhaftung  und Misshandlung  durch  die 
Gendarmerie  zu  befragen.  Ausserdem,  da  die  Vorinstanz  –  wie  in  der 
Stellungnahme zur Botschaftsabklärung angeboten – es abgelehnt habe, 
bei  Radio  Ténéré  über  das  am  25.  Dezember  2005  ausgestrahlte 
Interview mit  I._______  und  die  Beschlagnahmung  der  Aufzeichnungen 
direkt  Auskunft  einzuholen.  Zudem,  da  das  BFM  es  –  wie  in  der 
Stellungnahme  zur  Botschaftsabklärung  angeboten  –  abgelehnt  habe, 
einen  Handschriftenvergleich  zwischen  der  von  ihm  eingereichten 
Handschriftenprobe  und  der  Handschrift  auf  den  drei  Vorladungen  und 
dem "avis de recherche" vorzunehmen. Schliesslich  liege ein Verletzung 
des  rechtlichen  Gehörs  vor,  da  die  Vorinstanz  in  ungenügender Weise 
auf  die  Ausführungen  in  der  Stellungnahme  zur  Botschaftsantwort 
eingegangen sei und zur allgemeinen Situation in Niger und zur heutigen 
Tätigkeit von Timidria und den damit nach wie vor verbundenen Gefahren 
ungenügende Abklärungen vorgenommen habe. 

3.2.  Die  Rügen  der  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  respektive  der 
fehlerhaften Feststellung des  rechtserheblichen Sachverhalts  sind vorab 
zu  prüfen,  da  sie  allenfalls  geeignet  wären,  eine  Kassation  der 
vorinstanzlichen  Verfügung  zu  bewirken  (vgl.  Entscheidungen  und 
Mitteilungen  der  [vormaligen]  Schweizerischen  Asylrekurskommission 
[EMARK]  2004  Nr. 38  und  EMARK  1994  Nr.  1;  FRITZ  GYGI, 
Bundesverwaltungsrechtspflege, 2. Aufl., Bern 1983, S. 233 mit weiteren 
Hinweisen,  S.  287  und  297  f.;  ALFRED  KÖLZ/ISABELLE  HÄNER, 
Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 2. Aufl., 
Zürich 1998, S. 225 mit weiteren Hinweisen).

3.3.  Aus  dem  Anspruch  auf  rechtliches  Gehör  (Art.  29  Abs.  2  der 
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 
1999  [BV,  SR  101];  Art.  29  ff.  VwVG  i.V.m.  Art.  6  und  Art.  29  AsylG) 

D­8056/2010

Seite 8

ergibt  sich,  dass  Asylsuchende  zu  ihren  Asylgründen  anzuhören  und 
ihnen  das  Recht  zur  Äusserung  zu  gewähren  ist.  Zudem  sichert  ihnen 
das Recht auf vorgängige Äusserung und Anhörung  (vgl. Art. 30 Abs. 1 
VwVG) die Möglichkeit, Einfluss auf die Ermittlung des rechtserheblichen 
Sachverhaltes zu nehmen.

3.4. Hinsichtlich der Rüge des Beschwerdeführers in der Beschwerde, die 
Vorinstanz habe seinen Anspruch auf rechtliches Gehörs verletzt,  indem 
sie die  von  ihm angebotenen Beweismittel  nicht  abgenommen habe,  ist 
festzuhalten,  dass  die  Behörde  nur  dann  verpflichtet  ist,  die  ihr 
angebotenen  Beweise  abzunehmen,  wenn  diese  zur  Abklärung  des 
rechtserheblichen  Sachverhalts  tauglich  erscheinen  (Art.  33  Abs.  1 
VwVG). Von der Abnahme beantragter Beweismittel  kann  insbesondere 
abgesehen  werden,  wenn  sie  eine  nicht  erhebliche  Tatsache  betreffen 
oder offensichtlich untauglich sind, etwa weil ihnen die Beweiseignung an 
sich abgeht oder – gerade umgekehrt – die betreffende Tatsache aus den 
Akten bereits genügend ersichtlich ist (antizipierte Beweiswürdigung: vgl. 
BVGE  2008/24  E.  7.2  S.  357,  ANDRÉ MOSER/MICHAEL  BEUSCH/LORENZ 
KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht,  Basel 
2008,  S.  165  Rz. 3.144).  Bezüglich  der  beantragten  Einvernahme  von 
F._______,  H._______  sowie  I._______  als  Zeugen  respektive  des 
Einholens  einer  Auskunft  bei  Radio  Ténéré  ist  festzuhalten,  dass  diese 
Beweismittel  nicht  geeignet  wären,  die  Verfolgungsvorbringen  des 
Beschwerdeführers  als  glaubhaft  beziehungsweise  asylrelevant 
erscheinen  zu  lassen,  da  es  keine  Gewähr  für  die  Richtigkeit  der 
Ausführungen  in der Auskunft  respektive der Aussagen der beantragten 
Zeugen  gäbe.  Aufgrund  der  Bekanntschaft  zwischen  dem 
Beschwerdeführer  und  F._______,  H._______  sowie  I._______  wären 
allfällige  Absprachen  beziehungsweise  Gefälligkeitsaussagen  nicht  von 
der  Hand  zu  weisen.  Ebenso  wenig  wären  allfällige  Narben  auf  dem 
Körper  des  Beschwerdeführers  geeignet,  seine  Verfolgungsvorbringen 
glaubhaft zu machen, zumal nicht belegt wäre, dass diese Verletzungen 
im  Zusammenhang  mit  den  geltend  gemachten  Asylvorbringen  stehen. 
Auch  die  beantragte  Handschriftenprobe  wäre  nicht  tauglich,  die 
Verfolgungsvorbringen  des  Beschwerdeführers  glaubhaft  zu  machen. 
Aufgrund  des  Gesagten  durfte  die  Vorinstanz  in  antizipierter 
Beweiswürdigung  auf  die  Abnahme  der  vom  Beschwerdeführer 
beantragten  Beweismittel  verzichten,  weshalb  –  entgegen  der 
Behauptung  in  der  Rechtsmittelschrift  –  auch  keine  Verletzung  des 
rechtlichen Gehörs vorliegt.

D­8056/2010

Seite 9

3.5. 
3.5.1.  Bezüglich  der  Rüge  des  Beschwerdeführers  in  der 
Rechtsmittelschrift,  wonach  die  Vorinstanz  in  der  angefochtenen 
Verfügung  in  ungenügender  Weise  auf  seine  Ausführungen  in  der 
Stellungnahme  zur Botschaftsantwort  eingegangen  sei,  ist  festzustellen, 
dass der Grundsatz des rechtlichen Gehörs verlangt, dass die verfügende 
Behörde  die  Vorbringen  des Betroffenen  tatsächlich  hört,  sorgfältig  und 
ernsthaft  prüft  und  in  der  Entscheidfindung  berücksichtigt,  was  sich 
entsprechend  in  der  Entscheidbegründung  niederschlagen  muss  (vgl. 
Art. 35 Abs. 1 VwVG; EMARK 2004 Nr. 38 E. 6.3 S. 264). Ferner soll die 
Abfassung der Begründung dem Betroffenen ermöglichen, den Entscheid 
gegebenenfalls sachgerecht anzufechten, was nur der Fall ist, wenn sich 
sowohl  der  Betroffene  als  auch  die  Rechtsmittelinstanz  über  die 
Tragweite  des  Entscheides  ein  Bild  machen  können,  wobei  sich  die 
verfügende  Behörde  allerdings  nicht  ausdrücklich  mit  jeder 
tatbeständlichen  Behauptung  und  jedem  rechtlichen  Einwand 
auseinandersetzen  muss,  sondern  sich  auf  die  wesentlichen 
Gesichtspunkte  beschränken  kann.  Die  Begründungsdichte  richtet  sich 
dabei nach dem Verfügungsgegenstand, den Verfahrensumständen und 
den Interessen des Betroffenen, wobei bei schwerwiegenden Eingriffen in 
die  rechtlich  geschützten  Interessen  des  Betroffenen  –  und  um  solche 
geht  es  bei  der  Frage  der  Gewährung  des  Asyls  –  eine  sorgfältige 
Begründung  verlangt wird  (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.2 S. 674  f., EMARK 
2006 Nr. 24 E. 5.1 S. 256).

3.5.2.  Im  vorliegenden  Fall  führt  die  Vorinstanz  in  der  angefochtenen 
Verfügung  im  Rahmen  der  Sachverhaltszusammenfassung  die 
wesentlichen Vorbringen  des Beschwerdeführers  auf.  Diese Aufzählung 
ist als vollständig zu bezeichnen, weshalb diesbezüglich keine Hinweise 
auf  ein  allfälliges  Übersehen  von  Sachverhaltselementen  oder  auf  eine 
selektive  Prüfung  derselben  durch  das  BFM  bestehen.  In  seinen 
Erwägungen  setzt  sich  das  Bundesamt  sodann  ausführlich  mit  den 
Vorbringen  des  Beschwerdeführers  auseinander  und  kommt  zum 
Schluss, dass diese weder den Anforderungen an die Glaubhaftmachung 
von  Art.  7  AsylG  noch  denjenigen  an  die  Asylrelevanz  gemäss  Art.  3 
AsylG zu genügen vermöchten.  Insgesamt  ist die Begründung des BFM 
als  ausreichend  dicht  zu  bezeichnen. Sie  erlaubt  es,  die Beweggründe, 
welche zur Abweisung des Asylgesuches geführt haben,  in einer Weise 
nachzuvollziehen,  die  eine  sachgerechte  Anfechtung  der  Verfügung 
möglich  macht.  Vor  diesem  Hintergrund  ist  eine  Verletzung  des 

D­8056/2010

Seite 10

rechtlichen Gehörs – in seinen Teilaspekten der sorgfältigen Prüfung der 
Vorbringen sowie der Begründung der Verfügung – nicht festzustellen.

3.6. Hinsichtlich  der Rüge, wonach  sich  die Vorinstanz  zur  allgemeinen 
Situation  in Niger und zur heutigen Tätigkeit von Timidria und den damit 
nach  wie  vor  verbundenen  Gefahren  ungenügende  Abklärungen 
vorgenommen beziehungsweise sich im Wesentlichen auf eine Übersicht 
im  Internetlexikon  Wikipedia  gestützt  habe,  ist  zu  bemerken,  dass  die 
diesbezüglichen Erwägungen der Vorinstanz zwar knapp, aber dennoch 
ausreichend  ausgefallen  sind;  sie  erlauben  eine  sachgerechte 
Anfechtung. 

3.7.  Bei  dieser  Sachlage  besteht  somit  keine  Veranlassung,  die 
angefochtene  Verfügung  aus  formellen  Gründen  aufzuheben,  weshalb 
das Begehren des Beschwerdeführers, die angefochtene Verfügung des 
BFM sei aufzuheben und die Sache sei zur vollständigen Abklärung des 
Sachverhalts  und  insbesondere  zur  Durchführung  der  angebotenen 
Befragungen an die Vorinstanz zurückzuweisen, abzuweisen ist.

4. 
4.1. Im Folgenden ist zu prüfen, ob das BFM in casu das Asylgesuch des 
Beschwerdeführers zu Recht abgewiesen hat. 

4.2.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen 
grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person 
anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie 
zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit 
zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen 
Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete 
Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte 
Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder 
Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck 
bewirken (Art. 3 AsylG).

Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen 
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die 
Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für 
gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen,  die  in 
wesentlichen  Punkten  zu  wenig  begründet  oder  in  sich  widersprüchlich 
sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte 
oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).

D­8056/2010

Seite 11

4.3.  Das  BFM  begründete  seinen  ablehnenden  Entscheid  im 
Wesentlichen  einerseits  mit  der  fehlenden  Glaubhaftigkeit  der 
Verfolgungsvorbringen  des  Beschwerdeführers  (Art.  7  AsylG)  und 
verzichtete  auf  eine  Prüfung  der  Asylrelevanz  derselben;  andererseits 
verneinte  es  die Asylrelevanz  der  geltend  gemachten Mitgliedschaft  bei 
Timidria  respektive  bei  der  "Parti  Nigerien  pour  la  Democratie  et  le 
Socialisme".

4.4. Da das Bundesverwaltungsgericht an die rechtliche Begründung der 
vorinstanzlichen Verfügung nicht gebunden ist (vgl. Art. 62 Abs. 4 VwVG), 
kann  es  eine  angefochtene  Verfügung  im  Ergebnis  gleich  belassen, 
dieser aber eine andere Begründung zu Grunde legen (Motivsubstitution). 
Diese  Möglichkeit  der  Motivsubstitution  ist  im  Grundsatz  der 
Rechtsanwendung  von  Amtes  wegen  begründet  (vgl.  ANDRÉ 
MOSER/MICHAEL  BEUSCH/LORENZ  KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem 
Bundesverwaltungsgericht,  Basel  2008,  S.  181  Rz.  3.197).  Im 
vorliegenden  Fall  nimmt  das  Bundesverwaltungsgericht  eine 
Motivsubstitution  im  erwähnten  Sinne  vor  und  würdigt  nachstehend  die 
Verfolgungsvorbringen  des  Beschwerdeführers  nicht  unter  dem 
Gesichtspunkt  der  Glaubhaftigkeit,  sondern  unter  demjenigen  der 
Asylrelevanz.

4.5.  Vorab  ist  festzuhalten,  dass  zur  Bestimmung  der 
Flüchtlingseigenschaft  –  als  Grundvoraussetzung  der  Asylgewährung – 
grundsätzlich  diejenige  Situation  relevant  ist,  wie  sie  sich  im  Zeitpunkt 
des  Entscheides  darstellt.  Veränderungen  der  objektiven  Situation  im 
Heimatstaat  zwischen  Ausreise  und  Asylentscheid  sind  zugunsten  und 
zulasten  der  ein  Asylgesuch  stellenden Person  zu  berücksichtigen  (vgl. 
BVGE 2007/31 E. 5.3, BVGE 2008/4 E. 5.4, EMARK 2000 Nr. 2 E. 8b S. 
20).

4.6.  Am  18.  Februar  2010  putschten  Militäroffiziere  gegen  den 
zunehmend  autoritär  regierenden  Präsidenten  Mamadou  Tandja,  der 
verhaftet  wurde.  In  der  Folge  setzten  die  Putschisten  den  "Conseil 
Suprême  pour  la  Restauration  de  la  Démocratie"  (CSRD)  unter  der 
Leitung  des Militäroffiziers  Salou  Djibo  ein.  Im  April  2010  setzte  dieser 
den  "Conseil  Consultatif  National",  eine  beratende  Kommission, 
bestehend  unter  anderem  aus  Mitgliedern  der  Zivilgesellschaft,  unter 
Leitung  von  Marou  Amadou  ein.  Marou  Amadou  ist  ein 
Menschenrechtsaktivist  und  war  noch  2009  unter  Präsident  Tandja 
mehrfach  inhaftiert  worden.  Die  dem  Putsch  folgende  Transitionsphase 

D­8056/2010

Seite 12

und die  folgenden Wahlen haben zu einer Verbesserung der politischen 
Lage  im  Niger,  inklusive  der  Lage  der  Zivilgesellschaft  (NGOs  etc.) 
geführt:  Im Oktober 2010 wurde ein Verfassungsreferendum abgehalten 
und  im  November  2010  die  neue  Verfassung  ausgearbeitet.  Im  Januar 
2011  wurden  Lokal­  und  Regionalwahlen  sowie  Legislativ­  und 
Präsidentschaftswahlen  durchgeführt.  Die  zweite  Runde  der 
Präsidentschaftswahlen  fand  im  März  2011  statt,  wobei  Mahamadou 
Issoufou  zum  neuen  Staatspräsidenten  gewählt  wurde.  Alle  diese 
Massnahmen, welche gewaltlos und unter Einbezug der Zivilgesellschaft 
geschahen, wurden von einer Kommission der EU als eine Rückkehr zur 
Demokratie gewürdigt. Neben der Lage der  lokalen NGOs hat sich auch 
die  Lage  der  Medienschaffenden  verbessert.  Das  US  Department  of 
State erwähnt im aktuellen Menschenrechtsbericht betreffend Niger keine 
Übergriffe  auf  Anti­Sklaverei­Aktivisten  oder  Mitglieder  anderer  lokaler 
NGOs.  Nationale  und  internationale  Menschenrechtsorganisationen 
können  in  Niger  ohne  Restriktionen  arbeiten  (vgl. 
http://www.state.gov/g/drl/rls/hrrpt/2010/af/154362.htm  [zuletzt  besucht 
am  19.  Juli  2011]).  Verhaftungen  von  Menschenrechtsaktivisten  und 
anderen  Mitgliedern  der  Zivilgesellschaft  geschahen  unter  der 
Präsidentschaft  von  Mamadou  Tandja,  etwa  die  Verhaftung  eines 
Korruptionsbekämpfers 2009. Gemäss Amnesty International wurden vor 
dem  Militärputsch  im  Februar  2010  zwei  Menschenrechtsaktivisten 
verhaftet, welche sich kritisch gegen die damalige Regierung äusserten. 
Seit dem Militärputsch hat Amnesty International keine Verhaftungen von 
Regierungskritikern  und  Menschenrechtsaktivisten  registriert  (vgl. 
http://www.amnesty.org/en/region/niger/report­2011  [zuletzt  besucht  am 
19. Juli 2011]). Auch in anderen Quellen existieren keine Hinweise, dass 
seit der politischen Wende  in Niger  im Februar 2010 Angehörige  lokaler 
NGOs  verhaftet wurden. Der Präsident  von  Timidria,  F._______, wurde 
2005  verhaftet  und  der  Verbreitung  von  falschen  Informationen  über 
Sklaverei beschuldigt, wurde aber nicht verurteilt und wieder freigelassen. 

2010  war  Timidria  als  lokale  NGO  mit  Projekten  auch  im  Bereich  der 
Nahrungsmittelsicherheit  tätig  und  arbeitete  unter  anderem  mit  der 
grossen  britischen  Hilfsorganisation  Oxfam  zusammen.  Im  Juni  2010 
empfing der Präsident des "Conseil Consultatif National", Marou Amadou, 
Mitglieder  der  Organisation  Timidria,  darunter  deren  Präsidenten 
F._______.

4.7. Aufgrund des soeben Ausgeführten ist – entgegen der Behauptung in 
der  Rechtsmittelschrift  –  nicht  davon  auszugehen,  dass  in  Niger 
Mitglieder von Timidria, die sich öffentlich gegen die Sklaverei einsetzen, 

http://www.state.gov/g/drl/rls/hrrpt/2010/af/154362.htm
http://www.amnesty.org/en/region/niger/report-2011

D­8056/2010

Seite 13

zum  heutigen  Zeitpunkt  von  den  Behörden  in  Niger  noch  asylrelevante 
Nachteile zu befürchten haben. Daher  ist auch nicht anzunehmen, dass 
der  Beschwerdeführer  wegen  seiner  Mitgliedschaft  bei  Timidria 
beziehungsweise  wegen  seiner  angeblichen  früheren  Tätigkeiten  für 
diese  Organisation  respektive  dem  geltend  gemachten  Radiointerview 
vom  25. Dezember  2005  zum  heutigen  Zeitpunkt  bei  einer  Rückkehr  in 
sein  Heimatland  von  deren  Behörden  asylrelevante  Nachteile  zu 
befürchten hat. Dasselbe gilt für die von ihm vorgebrachte Mitgliedschaft 
in  der  "Parti  Nigerien  pour  la  Democratie  et  le  Socialisme".  Mangels 
Asylrelevanz  kann  daher  verzichtet  werden,  die  vom  Beschwerdeführer 
vorgebrachten  Asylvorbringen  unter  dem  Gesichtspunkt  der 
Glaubhaftigkeit zu prüfen. 

4.8.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer 
keine  Gründe  nach  Art.  3  AsylG  glaubhaft  machen  oder  nachweisen 
konnte.  Er  vermag  mit  seinen  Beschwerdevorbringen  und  den 
eingereichten  Beweismitteln  zu  keiner  anderen  Betrachtungsweise  zu 
führen,  weshalb  es  sich  erübrigt,  weiter  darauf  einzugehen.  Die 
Vorinstanz hat demnach im Ergebnis zu Recht die Flüchtlingseigenschaft 
des Beschwerdeführers verneint und das Asylgesuch abgelehnt.

5. 
5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht 
ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und 
ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit 
der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).

5.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche 
Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer 
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 
Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/51 E. 5.1).

6. 
6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder 
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach 
den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von 
Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes 
vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG, 
SR 142.20]).

D­8056/2010

Seite 14

Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt 
gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner 
Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der 
Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte 
Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. 
WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser, 
Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148).

6.2. 
6.2.1.    Der  Vollzug  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche 
Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des 
Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  in  einen  Drittstaat 
entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG).

So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land 
gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus 
einem  Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie 
Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 
5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).

Gemäss  Art.  25  Abs.  3  BV,  Art.  3  des  Übereinkommens  vom  10. 
Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder 
erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu 
Art.  3  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum  Schutze  der 
Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  darf  niemand 
der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder 
Behandlung unterworfen werden.

6.2.2. Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich 
erhebliche  Gefährdung  nachzuweisen  oder  glaubhaft  zu  machen,  kann 
das  in  Art.  5  AsylG  verankerte  Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen  Non­
Refoulements  im vorliegenden Verfahren keine Anwendung  finden. Eine 
Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  den  Niger  ist  demnach  unter  dem 
Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.

Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers 
noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer 
Ausschaffung in den Niger dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer 
nach Art.  3 EMRK oder Art.  1 FoK  verbotenen Strafe  oder Behandlung 
ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für 

D­8056/2010

Seite 15

Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses 
müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk") 
nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer 
Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde 
(vgl.  EGMR,  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. 
Februar  2008,  Beschwerde  Nr.  37201/06,  §§  124­127,  mit  weiteren 
Hinweisen).  Dies  ist  ihm  nach  den  vorstehenden  Erwägungen  nicht 
gelungen.  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  in  Niger  lässt 
den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig 
erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl 
im Sinne der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.

6.3. 
6.3.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen 
und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder 
Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg, 
allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind. 
Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 
83 Abs.  7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft 
zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 
2002, BBl 2002 3818).

6.3.2. In Bezug auf die allgemeine Sicherheits­ und Menschenrechtslage 
in Niger  kommt  das Bundesverwaltungsgericht  insgesamt  zum Schluss, 
dass  in  Niger  keine  Kriegs­  oder  Bürgerkriegssituation  und  auch  keine 
Situation  allgemeiner Gewalt  herrscht  und  ein  Vollzug  der Wegweisung 
grundsätzlich nicht unzumutbar erscheint. 

6.3.3.  Vorliegend  sind  den  Akten  auch  keine  Anhaltspunkte  für 
individuelle  Unzumutbarkeitsindizien  zu  entnehmen.  Der  –  soweit  den 
Akten zu entnehmen  ist – gesunde,  ledige Beschwerdeführer hat bis zu 
seiner Ausreise im Mai 2006 immer in Niger gewohnt. Er hat zudem eine 
sehr gute Ausbildung (insbesondere Besuch der Universität) und spricht 
neben  Französisch  und  Djerma  auch  etwas  Hausa  und  Englisch. 
Überdies  verfügt  der  Beschwerdeführer  über  Berufserfahrung  als  (…) 
sowie als (…), weshalb anzunehmen  ist, er könne sich  in seiner Heimat 
wieder wirtschaftlich integrieren. Ausserdem ist davon auszugehen, dass 
seine  Mutter  sowie  Freunde  von  früher  nach  wie  vor  in  Niger  leben, 
weswegen der Beschwerdeführer in seinem Heimatland über ein soziales 
Beziehungsnetz  verfügt,  welches  ihm  eine  Reintegration  erleichtern 
dürfte.  Die  Rückkehrhilfe  der  Schweiz  wird  ihm  den  Wiedereinstieg  in 

D­8056/2010

Seite 16

Niger  ebenfalls  erleichtern  (vgl.  Art.  62  ff.  der  Asylverordnung  2  über 
Finanzierungsfragen  vom  11.  August  1999  [AsylV  2,  SR  142.312). 
Schliesslich  ist  darauf  hinzuweisen,  dass  blosse  soziale  und 
wirtschaftliche Schwierigkeiten, von denen die ansässige Bevölkerung im 
Allgemeinen betroffen  ist, nicht genügen, um eine Gefährdung  im Sinne 
von Art. 83 Abs. 4 AuG darzustellen (vgl. BVGE 2008/34 E. 11.2.2). Nach 
dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung somit auch als zumutbar 
zu bezeichnen. 

6.4.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der 
zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr 
notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (Art.  8  Abs.  4  AsylG), 
weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist 
(Art. 83 Abs. 2 AuG).

7. 
Insgesamt ist der durch die Vorinstanz verfügte Vollzug der Wegweisung 
zu  bestätigen.  Die  Vorinstanz  hat  den  Vollzug  zu  Recht  als  zulässig, 
zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung 
der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1­4 AuG).

8. 
Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung 
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und 
vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  106  AsylG).  Die 
Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen.

9. 
9.1.  Der  Beschwerdeführer  beantragt  die  unentgeltliche  Rechtspflege 
nach  Art.  65  Abs.  1  VwVG.  Gemäss  dieser  Bestimmung  befreit  die 
Beschwerdeinstanz  nach  Einreichung  der  Beschwerde  eine  Partei,  die 
nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, auf Antrag von der Bezahlung 
der Verfahrenskosten, sofern ihr Begehren nicht aussichtslos erscheint. 

9.2. Aus  der  Datenbank  des  "Zentralen  Migrationsinformationssystems" 
des  BFM  (ZEMIS,  vgl.  ZEMIS­Verordnung  vom  12.  April  2006 
[SR 142.513])  ist  ersichtlich,  dass  der Beschwerdeführer  seit November 
2010  erwerbstätig  ist,  weshalb  er  nicht  als  bedürftig  zu  erachten  ist. 
Mangels  Erfüllen  der  kumulativen  Voraussetzungen  von  Art.  65  Abs.  1 
VwVG  (bedürftig/nicht  aussichtslos)  ist  das Gesuch  um Gewährung  der 
unentgeltlichen Rechtspflege abzuweisen.

D­8056/2010

Seite 17

9.3.    Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  dem 
Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  und  5  VwVG)  und  auf 
insgesamt  Fr.  600.–  festzusetzen  (Art.  1­3  des  Reglements  vom  21. 
Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem 
Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).

(Dispositiv nächste Seite)

D­8056/2010

Seite 18

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1. 
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2. 
Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  wird 
abgewiesen.

3. 
Die  Verfahrenskosten  von  Fr.  600.­­  werden  dem  Beschwerdeführer 
auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu 
Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 

4. 
Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die 
zuständige kantonale Behörde.

Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber:

Robert Galliker Matthias Jaggi

Versand: