# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 0158192b-59b9-5b24-9c79-142e63c2224d
**Source:** Solothurn (SO)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2022-11-03
**Language:** de
**Title:** Solothurn Obergericht Strafkammer 03.11.2022 STBER.2021.72
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SO_Omni/SO_OG_006_STBER-2021-72_2022-11-03.html

## Full Text

Obergericht

Strafkammer 

 

 

 

 

 

 

Urteil vom 3. November 2022      

Es wirken mit:

Präsident von Felten

Oberrichter Werner

Oberrichter Marti

Gerichtsschreiberin Schmid 

In Sachen

Staatsanwaltschaft, Franziskanerhof,
Barfüssergasse 28, Postfach 157, 4502
Solothurn, 

Anklägerin

 

gegen

 

A.___,
amtlich verteidigt durch Rechtsanwalt
Friedrich Müller,

Beschuldigter
und Berufungskläger 

 

betreffend     Mord,
evtl. vorsätzliche Tötung, mehrfache versuchte vorsätzliche Tötung,
Veruntreuung, unrechtmässige Aneignung, mehrfaches Vergehen gegen das
Waffengesetz

Es erscheinen zur
Verhandlung vor Obergericht:

1.      Staatsanwalt B.___, für die
Staatsanwaltschaft als Ankläger; in Begleitung von Stagier […];

2.      A.___, Beschuldigter und Berufungskläger,
zugeführt von zwei Polizisten der Kantonspolizei Solothurn;

3.      Rechtsanwalt Friedrich Müller, amtlicher
Verteidiger des Beschuldigten;

4.      [Dolmetscher], (italienisch);

5.      Dr. X.___, Sachverständiger (bis 12:00
Uhr).

 

Zudem erscheinen:

 

1.      Zwei weitere Polizisten der
Kantonspolizei Solothurn; 

2.      vier Medienvertreter (ab 13:30 Uhr drei
Vertreter);

3.      diverse Zuschauer (bis 15:42 Uhr).

 

Die Verhandlung beginnt um 08:34 Uhr.

 

Der Vorsitzende eröffnet die
Verhandlung, stellt die Anwesenden fest und gibt die Besetzung des
Berufungsgerichts bekannt. Er fasst das erstinstanzliche Urteil des
Amtsgerichts von Olten-Gösgen vom 27. Oktober 2020 zusammen, gegen welches der
Beschuldigte die Berufung anmelden liess. Er erörtert im Weiteren, in welchem
Umfang der Beschuldigte mit Berufungserklärung vom 27. Juli 2021 und deren
Ergänzung vom 8. September 2021 das Rechtsmittel beschränken liess bzw. mit
Verfügung vom 22. November 2021 festgestellt wurde, auf welche Urteilsziffern
sich die Berufung beschränkt und gibt die beantragten Änderungen bekannt (vgl.
hierzu im Detail die nachfolgenden Ziff. I.17. und II.). Er skizziert den
weiteren Verhandlungsablauf wie folgt:

 

-       
Vorfragen und
Vorbemerkungen der Parteivertreter, wobei der amtliche Verteidiger gebeten
werde, zu Beginn auch gleich seine Honorarnote dem Staatsanwalt zur Einsicht
vorzulegen;

-       
Befragung des Beschuldigten
zur Sache und zur Person;

-       
Befragung des
Sachverständigen Dr. X.___;

-       
Allfällige weitere Beweisabnahmen
und Abschluss des Beweisverfahrens;

-       
Parteivorträge;

-       
Letztes Wort des
Beschuldigten;

-       
Geheime Urteilsberatung;

-       
Urteilseröffnung, derzeit
vorgesehen am 3. November 2022, 16:00 Uhr im Obergerichtssaal.

 

Sodann wird die übersetzende Person auf
die Pflicht zur wahrheitsgemässen Übersetzung, auf die Straffolgen bei falscher
Übersetzung gemäss Art. 307 StGB und auf die Straffolgen bei Verletzung der
Geheimhaltungspflicht gemäss Art. 73 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 320 StGB hingewiesen.

 

Der Dolmetscher übersetzt anschliessend
in Kürze die Ausführungen des Vorsitzenden (Zusammensetzung des Gerichts,
Prozessgegenstand). 

 

Der Beschuldigte gibt auf Frage des Vorsitzenden
an, er verstehe den Dolmetscher. Er verstehe, dass er als Beschuldigter hier
sei wegen der Anschuldigungen und dass er Berufung erhoben habe. 

 

Der Staatsanwalt wirft keine Vorfragen
oder Vorbemerkungen auf. 

 

Der amtliche Verteidiger erkundigt sich,
ob dem Beschuldigten die Fesseln abgenommen werden könnten. Der Vorsitzende
erklärt, die Handfesseln könnten entfernt werden, worauf diese ihm von einem
der Polizisten abgenommen werden. 

 

Der amtliche Verteidiger stellt Vorfragen.
Er reicht eine Kopie seiner Ausführungen schriftlich ein (Aktenseite
Berufungsverfahren [ASB] 297 ff.). Er beantragt folgendes:

 

Das Gutachten vom 17. März
2017, das Ergänzungsgutachten vom 15. Juni 2022 sowie das Kurzgutachten vom 7.
Juli 2016 über den Beschuldigten seien als nicht verwertbar zu erklären.

 

Der Staatsanwalt nimmt wie folgt zu den
Vorfragen der Verteidigung Stellung: Er könne beim besten Willen nicht
erkennen, weshalb diese Gutachten nicht verwertbar sein sollten. Die
Verteidigung habe ergänzende Fragen gestellt und mache nun eine
Unverwertbarkeit geltend. Dies widerspreche Treu und Glauben. Die Rügen hätten
früher vorgebracht werden müssen. Die Gutachten seien voll verwertbar. 

 

Unterbruch der Verhandlung zur Beratung um
08:53 Uhr. Weiterführung um 09:13 Uhr.

 

Der Vorsitzende eröffnet den Parteien
folgenden Entscheid: Beide Gutachten, das Gutachten vom 17. März 2017 und das
Ergänzungsgutachten vom 15. Juni 2022, sind verwertbar. Betreffend das
Kurzgutachten vom 7. Juli 2016 stellt sich die Frage gar nicht.

 

Zur Begründung: Der Gutachter Dr. X.___
habe den Beschuldigten nachgewiesenermassen sowohl im Gutachten als auch im
Ergänzungsgutachten auf sein Schweigerecht und die Offenbarungspflicht
hingewiesen. Bei diesen Gutachten sei nicht erfindlich, welche anderen
Mitwirkungspflichten der Beschuldigte hätte, als sich zu äussern. Die Belehrung
über das Schweigerecht reiche daher aus. Die [Dolmetscherin] sei eine
langjährige bekannte Gerichtsdolmetscherin, weshalb davon ausgegangen werden
könne, dass ihr ihre Pflichten bekannt waren. Selbst eine fehlende Belehrung
durch den Sachverständigen führe zu keiner Unverwertbarkeit. Beide Gutachten
seien damit verwertbar. Das Kurzgutachten [einer Oberärztin] behandle einzig
die Hafterstehungsfähigkeit des Beschuldigten. Diese Frage sei geklärt und
stelle sich heute nicht nochmals. Über die Verwertbarkeit dieses Kurzgutachtens
sei daher nicht zu befinden. Im Übrigen erscheine der Antrag auf
Unverwertbarkeit heute erstaunlich, da die Verteidigung diesen erst jetzt
vorbringe und die Verteidigung beim Gutachten mitwirkte und Ergänzungsfragen
stellte. Es sei bis anhin nie geltend gemacht worden, dieses sei wegen
formeller Gründe nicht gültig. Man könne sich fragen, ob der Antrag nicht viel
zu spät gekommen sei. 

 

Es folgt nach vorgängiger Belehrung die
Befragung des Beschuldigten zur Sache und zur Person (vgl. separates
Einvernahmeprotokoll: ASB 422 ff.). Die Einvernahme wird mit technischen
Hilfsmitteln aufgezeichnet (Audio-Dokument in den Akten: ASB 435). 

 

Nach der Befragung des Beschuldigten
wird die Verhandlung für eine Pause um 11:08 Uhr unterbrochen. Die Verhandlung
wird um 11:30 Uhr weitergeführt. 

 

Es folgt die Befragung des
Sachverständigen Dr. X.___ (vgl. separates Einvernahmeprotokoll: ASB 436 ff.). Die
Einvernahme wird ebenfalls mit technischen Hilfsmitteln aufgezeichnet
(Audio-Dokument in den Akten: ASB 444).

 

Der Sachverständige wird nach seiner
Befragung um 11:57 Uhr entlassen. 

 

Der Vorsitzende erkundigt sich, ob der
Beschuldigte nun weitere Aussagen zur Sache machen wolle. Dieser verneint. Der
Vorsitzende erklärt den Parteien, dass damit auch die Ergänzungsfragen
dahinfallen. Damit sei man am Ende der Befragungen und des Beweisverfahrens. 

 

Es stellen folgende Beweisanträge:

 

Der Verteidiger gibt diverse Unterlagen
zu den Akten und erklärt, Ausführungen dazu kämen im Plädoyer. Der Staatsanwalt
bemerkt, dass die Unterlagen etwas kurzfristig kämen, erhebt aber keine
Einwände. 

 

Die Unterlagen werden zu den Akten
genommen. 

 

Nachdem von den Parteien keine weiteren
Beweisanträge gestellt worden sind, wird das Beweisverfahren vom Vorsitzenden
geschlossen. 

 

Die Verhandlung wird um 12:00 Uhr für
die Mittagspause unterbrochen. Um 13:30 Uhr wird die Verhandlung weitergeführt.

Es stellen und begründen folgende Anträge:

Staatsanwalt B.___ für die Anklägerin (die Plädoyernotizen inkl. der Anträge
werden vorab zu den Akten gegeben [ASB 289 ff.]):

 

1.      Das Urteil des Richteramts Olten-Gösgen
vom 27. Oktober 2020 (Ziff. 2, zweites Lemma: Schuldspruch wegen Mord; Ziff. 2,
drittes Lemma: Schuldspruch wegen mehrfachem versuchtem Mord; Ziff. 3:
Strafzumessung; Ziff. 4: Anordnung der Verwahrung) sei zu bestätigen.

2.      Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu
Lasten des Beschuldigten.

 

Rechtsanwalt Friedrich Müller für den
Beschuldigten und Berufungskläger
(die Plädoyernotizen inkl. der Anträge werden vorab zu den Akten gegeben [ASB 302
ff.]):

 

1.      Das Urteil des erstinstanzlichen
Gerichts sei in den Ziffern 3. und 4. aufzuheben.

2.      Der Beschuldigte sei vom Vorwurf des
Mordes und des mehrfachen versuchten Mordes freizusprechen.

3.      Der Beschuldigte sei stattdessen wegen
vorsätzlicher Tötung schuldig zu befinden.

4.      Der Beschuldigte sei zu einer Freiheitsstrafe
von 15 Jahren zu verurteilen, unter Anrechnung der bisher ausgestandenen Untersuchungshaft
und des vorzeitigen Strafvollzugs.

5.      Dem Beschuldigten gegenüber sei von
einer Verwahrung nach Art. 64 Abs. 1 StGB abzusehen. 

6.      Die Verfahrenskosten des obergerichtlichen
Verfahrens seien zufolge Uneinbringlichkeit dem Staat aufzuerlegen. 

7.      Dem amtlichen Verteidiger der
beschuldigten Person seien die entstandenen finanziellen Aufwendungen gemäss
einzureichender Honorarnote zu entschädigen. 

Alles unter Kosten- und
Entschädigungsfolge. 

 

Der Parteivortrag des Verteidigers wird
um 15:42 Uhr bis 15:52 Uhr für eine kurze Pause unterbrochen. 

 

Der Staatsanwalt hält anschliessend eine
kurze Replik: Man könnte viel zu diesem Parteivortrag sagen. Er könne nicht nachvollziehen,
wie man falsche Übersetzungen geltend machen könne, da dem Beschuldigten mit
Rechtsanwältin Palermo im Untersuchungsverfahren eine Italienisch sprechende
Anwältin zur Seite gestellt worden sei, die bei Übersetzungsfehlern
interveniert hätte. Darin liege auch die Begründung des Vorwurfs, nämlich im
Beschuldigten selbst, der seine Aussagen immer den neuen Gegebenheiten angepasst
und sich so auch ständig widersprochen habe. Man habe es auch heute wieder
gehört, eine dritte Version nun. Sein Aussageverhalten könne auf die vom
Gutachter attestierte Störung zurückgeführt werden. Es gäbe noch mehr zu sagen,
doch er glaube, es sei nun gut, die Akten lägen schliesslich vor. 

 

Rechtsanwalt Müller verzichtet auf eine Duplik.

 

Der Beschuldigte macht von seinem Recht
auf das letzte Wort sinngemäss wie folgt Gebrauch:

 

«Es tut mir sehr leid, was ich getan
habe. Ich will nicht wieder etwas berichtigen. Mein Anwalt hat den Standpunkt
dargelegt. Es war falsch und tut mir sehr leid für die Person, die gestorben
ist. Ich bereue es sehr. Es tut mir sehr leid, was passiert ist. Ich wäre froh,
wenn man mir eine zweite Chance gibt, dass ich irgendwie wieder eine Zukunft
aufbauen kann. Ich bin nicht aggressiv, ich bin mit allem, was ich gesprochen
habe, ruhig geblieben. Ich bin ein ruhiger Mensch. Bezüglich des Vorfalls mit
der Lampe muss ich nicht zur Rechenschaft gezogen werden, das habe ich nicht
gemacht. Sehr geehrte Richter, es tut mir sehr leid. Ich bin keine gefährliche
Person. Ich hätte das nicht tun sollen, ich hätte es absolut nicht machen
dürfen. Ich verspreche, dass ich mich anständig verhalten werde.»

 

Ende der Verhandlung um 17:30 Uhr. 

 

Es erscheinen zur mündlichen Urteilseröffnung
am 3. November 2022 um 16:12 Uhr:

 

1.     
Staatsanwalt B.___, für die
Staatsanwaltschaft als Ankläger;

2.     
A.___, Beschuldigter und
Berufungskläger, zugeführt von zwei Polizisten der Kantonspolizei Solothurn;

3.     
Rechtsanwalt Friedrich
Müller, amtlicher Verteidiger des Beschuldigten;

4.     
[Dolmetscher], (italienisch).

 

Zudem erscheinen:

 

1.      zwei weitere Polizisten der
Kantonspolizei Solothurn;

2.      vier Medienvertreter.

 

Der Vorsitzende stellt die Anwesenden
fest und erklärt den Ablauf der Urteilseröffnung. Er werde zuerst die
wichtigsten Eckpunkte des Berufungsurteils bekannt geben und das Urteil
anschliessend summarisch begründen. Wie immer sei die schriftliche Urteilsbegründung
massgebend. 

 

Nachdem der Vorsitzende die Eckpunkte
des Urteils verkündet hat, geht er einleitend auf den Sachverhalt, die
Beweiswürdigung und die rechtliche Würdigung ein. Darauf erörtert der
Vorsitzende die für die Strafzumessungen relevanten Faktoren und erklärt, wie
diese im Einzelnen zu gewichten sind, bevor er das konkret ausgefällte
Strafmass sowie die anzurechnende Haft nennt. Anschliessend geht der
Vorsitzende auf die Verwahrung ein. Sodann verweist er hinsichtlich der Kosten-
und Entschädigungsfolgen im Wesentlichen auf die schriftliche
Urteilsbegründung. Zum Schluss erklärt der Vorsitzende, dass mit separatem
Entscheid Sicherheitshaft angeordnet werde, sich am Haftregime dadurch jedoch
nichts ändere. Der Vorsitzende stellt den Parteien die Zustellung des
Beschlusses betreffend die Anordnung der Sicherheitshaft und der Urteilsanzeige
in den nächsten Tagen in Aussicht. Er weist abschliessend darauf hin, dass die
Rechtsmittelfrist in Bezug auf das Berufungsurteil erst am Tag nach der Zustellung
der schriftlichen Begründung zu laufen beginne.

 

Damit endet die mündliche
Urteilseröffnung um 16:56 Uhr. 

 

Die Strafkammer des Obergerichts zieht
in Erwägung:

I.             
Prozessgeschichte

 

1. Am 16. Juni 2016 erstattete C.___ als
Vertreter [einer Immobilienfirma] Strafanzeige wegen Diebstahl und Veruntreuung
gegen A.___ (nachfolgend Beschuldigter). Nach erfolgter Mietausweisung soll der
Beschuldigte die Waschmaschine und den Wäschetrockner aus der Mietwohnung
entfernt sowie zwei Wohnungsschlüssel nicht abgegeben haben (Akten Seiten [AS]
1 ff.).

 

2. Am 4. Juli 2016, 15.29 Uhr, meldete D.___
telefonisch eine Schiesserei in [Ort 1] bei der Alarmzentrale der Polizei
Kanton Solothurn, worauf die Polizei ausrückte. Nach anfänglicher Ungewissheit
konnte die Liegenschaft [an der Adresse] in [Ort 1] als Tatort eruiert werden.
Im Badezimmer der Liegenschaft konnte die Leiche von †E.___ festgestellt
werden. Es wurde die Obduktion des Leichnams angeordnet. Anlässlich der Nahfahndung
konnte der Beschuldigte auf [auf einer Brücke] in [Ort 1] angehalten werden. Der
Beschuldigte warf von dort eine schwarze Tasche in die Aare. Bei seiner Festnahme
konnten in seiner Hosentasche ein mit acht Schuss voll abgefülltes
Pistolenmagazin, 20 lose Patronen sowie eine abgefeuerte Hülse sichergestellt
werden. In der vom Beschuldigten in die Aare geworfenen Tasche, welche die
Polizei aus der Aare bergen konnte, befand sich u.a. eine Pistole SIG P210,
welche mit sieben Patronen durchgeladen war (sechs Patronen im Magazin, eine
Patrone im Patronenlager). Der Schlaghammer war gespannt. Weiter konnten aus
besagter Tasche eine leere Munitionsschachtel und acht Patronen sichergestellt
werden (AS 29 ff., 484 ff., 654 ff.).

 

3. Gleichentags eröffnete die
Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn (nachfolgend Staatsanwaltschaft) gegen
den Beschuldigten eine Untersuchung wegen vorsätzlicher Tötung (Art. 111 StGB)
und Rechtsanwalt Markus Jordi wurde als amtlicher Verteidiger eingesetzt (AS
915, 963).

 

4. Im Rahmen der ebenfalls am 4. Juli
2016 am Domizil des Beschuldigten [in Ort 2] durchgeführten Hausdurchsuchung
wurde u.a. ein braunes Pistolenholster sichergestellt (AS 607 ff.).

 

5. Am 6. Juli 2016 stellte die Staatsanwaltschaft
Antrag auf Anordnung von Untersuchungshaft gegen den Beschuldigten für die
Dauer von drei Monaten. Der Antrag wurde mit Verfügung des Haftgerichts vom 7.
Juli 2016 gutgeheissen und es wurde Untersuchungshaft bis 6. Oktober 2016
angeordnet (AS 1525 ff.).

 

6. Am 16. September 2016 eröffnete die
Staatsanwaltschaft gegen den Beschuldigten eine Strafuntersuchung wegen
Diebstahls (AS 938).

 

7. Mit Gesuch um Bewilligung der
Haftverlängerung vom 29. September 2016 beantragte die Staatsanwaltschaft die
Verlängerung der Untersuchungshaft um weitere drei Monate. Mit Verfügung des Haftgerichts
vom 03. Oktober 2016 wurde der Antrag gutgeheissen und Untersuchungshaft bis
06. Januar 2017 angeordnet (AS 1546 ff.).

 

8. Mit Gesuch um Bewilligung der
Haftverlängerung vom 2. Januar 2017 beantragte die Staatsanwaltschaft die
Verlängerung der Untersuchungshaft um weitere drei Monate. Im Rahmen der
Stellungnahme vom 6. Januar 2017 beantragte der amtliche Verteidiger des
Beschuldigten den vorzeitigen Strafantritt, welcher mit Verfügung der
Staatsanwaltschaft vom 10. Januar 2017 bewilligt wurde. Infolgedessen schrieb
das Haftgericht mit Verfügung vom 11. Januar 2017 das Verfahren zufolge
Gegenstandlosigkeit ab (AS 1569 ff.).

 

9. Am 10. Februar 2017 ging bei der
Staatsanwaltschaft die umfangreiche Strafanzeige der Polizei vom 8. Februar
2017 ein (AS 29 ff.).

 

10. Am 17. März 2017 legte Dr. med. X.___
im Auftrag der Staatsanwaltschaft ein forensisch-psychiatrisches Gutachten über
den Beschuldigten vor (AS 1771 ff.).

 

11. Mit konkretisierter und bereinigter
Eröffnungsverfügung vom 2. April 2019 eröffnete die Staatsanwaltschaft gegen
den Beschuldigten eine Untersuchung wegen Veruntreuung (Art. 138 Ziff. 1 StGB),
Sachentziehung (Art. 141 StGB), Mord (Art. 112 StGB), evtl. vorsätzlicher
Tötung (Art. 111 StGB), mehrfacher versuchter vorsätzlicher Tötung (Art. 111
i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB), mehrfachen Vergehens gegen das Waffengesetz (Art.
33 Abs. 1 lit. a WG) und Übertretung des Waffengesetzes (Art. 34 Abs. 1
lit. b WG) (AS 958 ff.). 

 

12. Mit Anklageschrift vom 18. November 2019
erhob die Staatsanwaltschaft Anklage beim Amtsgericht Olten-Gösgen wegen Mordes
(Art. 112 StGB), evtl. vorsätzlicher Tötung (Art. 111 StGB), mehrfacher
versuchter vorsätzlicher Tötung (Art. 111 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB),
Veruntreuung (Art. 138 Ziff. 1 Abs. 1 StGB), unrechtmässiger Aneignung (Art.
137 Ziff. 2 Abs. 2 StGB) und mehrfacher Vergehen gegen das Waffengesetz (Art.
33 Abs. 1 lit. a WG). 

 

13. Mit Verfügung der
Amtsgerichtspräsidentin des Richteramtes Olten-Gösgen vom 23. Januar 2020 wurde
die Hauptverhandlung auf den 21. Oktober 2020 bis 22. Oktober 2020 angesetzt
(AS Olten-Gösgen [OG] 56).

 

14. Anlässlich der Hauptverhandlung vom
21. bis 22. Oktober 2020 ergänzte die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift um
mehrfachen versuchten Mord bezüglich AnklS. Ziff. 4 (ASOG 180 f.).

 

15. Am 27. Oktober 2020 fällte das
Amtsgericht Olten-Gösgen folgendes Urteil:

 

1.    Das
Verfahren gegen den Beschuldigten A.___ wegen unrechtmässiger Aneignung,
angeblich begangen am 17.06.2016, wird eingestellt (AnklS. Ziff. 2).

 

2.    Der
Beschuldigte A.___ hat sich schuldig gemacht:

-        
der
Veruntreuung, begangen in der Zeit zwischen ca. 20.05.2016 und 16.06.2016
(AnklS. Ziff. 1);

-        
des
Mordes, begangen am 04.07.2016 (AnklS. Ziff. 3);

-        
des
mehrfachen versuchten Mordes, begangen am 04.07.2016 (AnklS. Ziff. 4);

-        
des
mehrfachen Vergehens gegen das Waffengesetz, begangen in der Zeit von Mitte Mai
2016 bis 04.07.2016 (AnklS. Ziff. 5).

 

3.    Der
Beschuldigte A.___ wird zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt.

 

Die
Untersuchungshaft vom 04.07.2016 bis 09.01.2017 sowie der vorzeitige
Strafvollzug seit 10.01.2017 sind dem Beschuldigten an die Freiheitsstrafe anzurechnen.

 

4.    Für
den Beschuldigten A.___ wird die Verwahrung angeordnet. 

 

5.    Folgende
sichergestellten Gegenstände (unbekannten Aufenthalts) werden beschlagnahmt:

-        
1
Pistolenmagazin (zweites Magazin, gehörend zur Selbstladepistole, SIG 210, Waffennr.
[...])

-        
1
Tasche, schwarz (in welcher sich die Pistole befand)

-        
Restliche
Patronen, 9 mm

 

6.    Folgende
beschlagnahmte Gegenstände werden eingezogen und sind nach Eintritt der
Rechtskraft dieses Urteils zu vernichten:

-        
1
Selbstladepistole, SIG 210, Waffennr. [...]

-        
1
Pistolenmagazin (gehörend zur Selbstladepistole, SIG 210, Waffennr. [...])

-        
10
Patronen, 9 mm Luger, Fiocchi

-        
1
Pistolenmagazin (zweites Magazin, gehörend zur Selbstladepistole, SIG 210,
Waffennr. [...])

-        
Restliche
Patronen, 9 mm

 

7.    Folgende
beschlagnahmte Gegenstände sind nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils zu
Gunsten des Staates Solothurn zu verwerten bzw. zu vernichten:

-        
1
Tasche, schwarz (in welcher sich die Pistole befand)

-        
1
Pistolenholster, braun, Leder

-        
1
Couvert mit diversen Notizen

-        
4
Schriftstücke mit diversen Notizen

-        
1
Blister Temesta 2.5 mg, angebraucht (5.5 Tabletten)

-        
1
Schmuckanhänger, Münze/Medaille ("Schweizerisches Schützenfest in Biel
1893)

-        
1
Paar Turnschuhe, blau/gelb, Marke Nike (Grösse 42)

-        
1
Trainerhose, dunkelblau, Marke Adidas (Grösse M)

-        
1
T-Shirt, dunkelblau, Marke Adidas (Grösse M)

-        
1
Paar Schuhe, braun/grau

-        
1
Strick, weiss

-        
1
Paar Handschellen

-        
1
Herren Mütze

-        
1
Herrenhose (ab †E.___)

-        
1
Unterhose (ab †E.___)

-        
1
Verpackung Blueberry-Saft, Marke jaffa

-        
1
Dose Erdnüsse, Marke Alesto

-        
2
PET-Flaschen, Marke Fonte Tavina, 0.5l

-        
1
PET-Flasche, Marke Arkina, 1.5l

-        
1
Feuerzeug, blau, Marke BIC   

-        
1
Streichholzbriefchen, schwarz, ohne Aufschrift

-        
2
Kopfhörer

-        
3
Trinkgläser/Wassergläser

-        
2
Steckleisten (Zubehör für Natel-Ladegeräte)

-        
1
Trinkglas/Wasserglas, violett

-        
1
Tasche schwarz, mit Inhalt

-        
1
Funkgerät, schwarz, Marke TAIT, TP8100

-        
1
Pullover, dunkelblau, Marke S. Oliver (Grösse L)

-        
1
Bluejeans, Marke Blackout, G3000 Collection (Gr. 33)

-        
1
Paar Unterhosen, Marke Angelo Litrico

-        
1
Papiertragetasche, hellgelb, Marke Vögele Shoes, mit Inhalt

-        
1
Nassrasierer, benutzt, dunkelblau

-        
1
Sonnenbrille, schwarz, Marke P

-        
1
Paar Freizeitschuhe, beige, Marke bugatti (Grösse 42)

-        
1
Nagelknipser, silber

-        
1
Kassenbeleg Radikal

-        
1
Paar Unterhosen Angelo Litrico (Grösse L)

-        
1
T-Shirt, schwarz, Marke C&A, The Basics (Grösse S)

-        
1
T-Shirt, schwarz, Marke C&A, The Basics (Grösse M)

-        
1
Poloshirt, dunkelblau, Marke Surf & Fun, (Grösse L/52)

-        
1
Handtuch, braun

-        
1
Herrenhose, blau, Marke il cammino (Grösse 33)

-        
1
Pullover, blau/beige, Marke Blackout

-        
1
Jacke (unisex), schwarz, Nr. 20

-        
1
Jacke (unisex), schwarz, Nr. 21

-        
1
Schriftstück Papier, Nr. 22

-        
2
Ladegeräte

-        
2
Verpackungen Biscuits, Marke carre

-        
1
Paar Freizeitschuhe, Marke Nike (Grösse 43)

 

8.    Folgende
beschlagnahmten Gegenstände sind nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils
an I.___ herauszugeben:

-        
1 […]
Reisepass, lautend auf †E.___

-        
1
Portemonnaie (von †E.___)

-        
1
Identitätskarte, lautend auf †E.___

-        
1
Führerausweis BRD, lautend auf †E.___

-        
1
Taxkarte/SIM-Karte, Marke Lebara (von †E.___)

-        
1
Taxkarte/SIM-Karte, Marke Telekom Srbija (von †E.___)

-        
1
Adapter Mobiltelefon, Marke Samsung (von †E.___)

-        
1
Mobiltelefon, Marke Apple, iPhone (von †E.___)

-        
1
Mobiltelefon, Marke Samsung, GT-E1200 (von †E.___)

 

9.    Folgender
beschlagnahmter Gegenstand ist nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils an F.___
herauszugeben:

-        
Bargeld
CHF 430.00 (aus Robidog-Säckli, im Garten von […] aufgefunden)

 

10.   Der
Beschuldigte A.___ hat dem Privatkläger G.___, unentgeltlich vertreten durch
Rechtsanwalt Burim Imeri, eine Genugtuung im Betrag von CHF 15'000.00, zuzgl. 5
% Zins seit 04.07.2016, zu bezahlen.

 

11.   Der
Beschuldigte A.___ hat dem Privatkläger I.___, unentgeltlich vertreten durch
Rechtsanwalt Burim Imeri, eine Genugtuung im Betrag von CHF 30'000.00, zuzgl. 5
% Zins seit 04.07.2016, zu bezahlen.

 

12.   Auf
die Zivilforderungen der Privatklägerinnen H.___ und J.___, unentgeltlich
vertreten durch Rechtsanwalt Burim Imeri, wird nicht eingetreten.

 

13.   Die
Entschädigung des unentgeltlichen Rechtsbeistandes der Privatklägerschaft,
Rechtsanwalt Burim Imeri, wird auf CHF 14'503.90 festgesetzt und ist zufolge
ungünstiger wirtschaftlicher Verhältnisse des Beschuldigten vom Staat zu tragen
(unter Vorbehalt von Ziff. 14). 

 

14.   Der
Beschuldigte A.___ hat den Privatklägern G.___ und I.___, vertreten durch
Rechtsanwalt Burim Imeri, eine Entschädigung von CHF 8'989.90 (inkl. MwSt. und
Auslagen) zu bezahlen. Zufolge unentgeltlicher Rechtspflege fällt diese
Entschädigung im Umfang von CHF 7'251.95 an den Staat Solothurn.

 

15.   Die
Entschädigung für den vorvormaligen amtlichen Verteidiger des Beschuldigten A.___,
Rechtsanwalt Markus Jordi, wird auf CHF 34'793.30 (inkl. MwSt. und Auslagen)
festgesetzt und ist zufolge amtlicher Verteidigung vom Staat zu zahlen. Es wird
festgestellt, dass das Honorar durch die Zentrale Gerichtskasse bereits
ausbezahlt wurde.

Vorbehalten bleibt der
Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren im Umfang von CHF
29'393.30 (exkl. Übersetzungskosten) sowie der Nachzahlungsanspruch des
amtlichen Verteidigers im Umfang von CHF 7'776.00 (Differenz zum vollen
Honorar, inkl. MwSt. und Auslagen), sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse
des Beschuldigten erlauben. Die restlichen Kosten gehen definitiv zu Lasten des
Staates Solothurn.

 

16.   Die
Entschädigung für die vormalige amtliche Verteidigerin des Beschuldigten A.___,
Rechtsanwältin Sabrina Palermo-Walker, wird auf CHF 9'413.70 (inkl. MwSt. und
Auslagen) festgesetzt und ist zufolge amtlicher Verteidigung vom Staat zu
zahlen. Es wird festgestellt, dass das Honorar durch die Zentrale Gerichtskasse
bereits ausbezahlt wurde.

Vorbehalten bleibt der
Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren im Umfang von CHF 7'231.20
(exkl. Übersetzungskosten) sowie der Nachzahlungsanspruch der amtlichen
Verteidigerin im Umfang von CHF 1'859.85 (Differenz zum vollen Honorar, inkl.
MwSt. und Auslagen), sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse des Beschuldigten
erlauben. Die restlichen Kosten gehen definitiv zu Lasten des Staates
Solothurn.

 

17.   Die
Entschädigung für die amtliche Verteidigerin des Beschuldigten A.___,
Rechtsanwältin Sabrina Weisskopf, wird auf CHF 24'840.75 (inkl. MwSt. und
Auslagen) festgesetzt und ist zufolge amtlicher Verteidigung vom Staat zu
zahlen.

Vorbehalten bleibt der
Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren im Umfang von CHF
22'927.85 (exkl. Übersetzungskosten) sowie der Nachzahlungsanspruch der
amtlichen Verteidigerin im Umfang von CHF 6'241.75 (Differenz zu vollem
Honorar, inkl. MwSt. und Auslagen), sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse
des Beschuldigten erlauben. Die restlichen Kosten gehen definitiv zu Lasten des
Staates Solothurn.

 

18.   Die
Verfahrenskosten, mit einer Gerichtsgebühr von CHF 35'000.00 belaufen sich auf
total CHF 118'548.10. Davon hat der Beschuldigte CHF 105'990.05 zu bezahlen,
die restlichen Kosten gehen zu Lasten des Staates Solothurn.

 

16. Am 3. November 2020 meldete der
Beschuldigte die Berufung an (ASOG 352 ff.).

 

17. Nach Zustellung des schriftlich begründeten
Urteils erhob der Beschuldigte am 27. Juli 2021 die Berufungserklärung (ASB
1), welche er am 8. September 2021 aufforderungsgemäss präzisierte (ASB 9 f.).
Die Berufungserklärung richtet sich gegen die Schuldsprüche wegen Mordes und
mehrfach versuchten Mordes, die Strafzumessung und die Anordnung der
Verwahrung. Zudem beantragte der Beschuldigte die Anordnung eines erneuten
psychiatrischen Gutachtens.

 

18. Am 13. September 2021 teilte die
Staatsanwaltschaft mit, auf eine Anschlussberufung werde verzichtet (ASB 16).

 

19. Am 1. Oktober teilte Rechtsanwalt
Imeri mit, die Privatklägerschaft verzichte auf eine Anschlussberufung (ASB 27).

 

20. Am 26. Oktober 2021 wies der
Instruktionsrichter den Antrag des Beschuldigten betreffend Einholung eines
zweiten Gutachtens ab und verfügte die Teilnahme des Sachverständigen
anlässlich der Berufungsverhandlung (ASB 29 f.).

 

21. Am 15. März 2022 verfügte der Instruktionsrichter
die Einholung eines schriftlichen Ergänzungsgutachtens bei Dr. X.___ (ASB 103
f.).

 

22. Am 23. März 2022 wurden die Parteien
sowie Dr. X.___ zur Berufungsverhandlung auf den 2. November 2022 vorgeladen
(ASB 105 f.).

 

23. Am 15. Juni 2022 erstellte Dr. X.___
sein schriftliches Ergänzungsgutachten (ASB 144 ff.).

 

 

II.           
Gegenstand
des Berufungsverfahrens

 

Da lediglich die Schuldsprüche wegen
Mordes (AnklS. Ziff. 3, Urteilsdispo Ziff. 2, 2. Lemma) und mehrfachen
versuchten Mordes (AnklS. Ziff. 4, Urteilsdispo Ziff. 2, 3. Lemma), die
Strafzumessung (Urteilsdispo Ziff. 3), die Anordnung der Verwahrung
(Urteilsdispo Ziff. 4) und die Kostenverlegung (13, 14, 15 Abs. 2, 16 Abs. 2,
17 Abs. 2, 18) angefochten sind, sind sämtliche weiteren Ziffern des
vorinstanzlichen Urteilsdispositivs in Rechtskraft erwachsen (1, 2, Lemmata 1
und 4, 5 – 12, 15 Abs. 1, 16 Abs. 1, 17 Abs. 1).

 

Die im Berufungsverfahren noch
umstrittenen Vorhalte lauten wie folgt:

 

AnklS Ziff. 3: Mord (Art. 112 StGB),
evtl. vorsätzliche Tötung (Art. 111 StGB) 

begangen am 4. Juli 2016, zwischen ca.
15:20 Uhr und 15:25 Uhr, in [Ort 1], [Adresse], Mehrfamilienhaus, Wohnung
Untergeschoss, indem der Beschuldigte vorsätzlich und (bedingt dadurch, dass
mit Blick auf den Beweggrund, den Zweck der Tat und die Art der Ausführung eine
aussergewöhnlich krasse Missachtung fremden Lebens bei der Durchsetzung eigener
Ansprüche zum Ausdruck kommt) in besonders skrupelloser Weise †E.___ tötete.

 

Am 11. Dezember 2015 verliess K.___ den
Beschuldigten nach ca. dreimonatiger Beziehung. Der Beschuldigte verkraftete
die Trennung (und den Umstand, dass er nicht wusste, wo K.___ sich aufhielt und
diese keinen Kontakt zu ihm wollte) nicht und sprach in der Folge via Facebook
massive Drohungen gegen K.___ und deren Familie aus. Unter anderem schickte er ihr
via Facebook ein Foto, auf welchem eine Pistole sowie einer ihrer Socken ersichtlich
waren, und schrieb ihr und ihrer Mutter, dass er sie (insbesondere K.___)
umbringen werde. Weiter versuchte er verzweifelt, den Aufenthaltsort von K.___
ausfindig zu machen und wurde zunehmend wütend über den Umstand, dass auch
seine sowie K.___s Bekannte und Freunde ihn bei seiner Suche nach dieser nicht
unterstützen. In der Zeit zwischen ca. Mitte Mai 2016 und Anfang Juni 2016,
kaufte der Beschuldigte [in einer Bar] in [Ort 4] sodann die Pistole SIG 210
(vgl. diesbezüglich Ziff. 5 lit. a). 

 

Am Tattag wurde der Beschuldigte morgens
um ca. 07:00 Uhr durch L.___ (Geschäftsführer der [Baufirma] in [Ort 3]) beim
Restaurant […] in [Ort 3] abgeholt, damit sie gemeinsam auf eine Baustelle in [Ort
2] fahren konnten. Da sie bei der entsprechenden Baustelle erst am nächsten Tag
erwartet wurden, gingen sie sodann mit zwei weiteren Gipsern in ein Restaurant nach
[Ort 5], bevor sie um ca. 11:00 Uhr wieder beim Materiallager in [Ort 1]
eintrafen, wo sie sich für den nächsten Tag verabredeten. Während des ganzen
Morgens trug der Beschuldigte seine Umhängetasche, in welcher sich die Tatwaffe
befand, bei sich. Vom Materiallager aus ging der Beschuldigte ins [Restaurant],
wo er mindestens zwei grosse Bier a 0.5 Liter konsumierte. Während des
Restaurantaufenthaltes redete der Beschuldigte mit mehreren Gästen, u.a. mit M.___,
welcher dem Beschuldigten vor Verlassen des Restaurants mitteilte, dass er nun
nach Hause (Tatort) gehe, um zu duschen, bevor er an die Geburtstagsparty von N.___
(beste Freundin von K.___) gehe. Da sich der Beschuldigte von M.___ verraten und
hintergangen fühlte, da dieser ihn nicht bei der Suche nach seiner Ex-Freundin unterstützte
und an die Geburtstagsparty von deren besten Freundin ging, verliess er das
Restaurant um ca. 15:00 Uhr, einige Minuten nach M.___ (welcher in Begleitung
seiner Freundin O.___ war) und folgte diesem zum Tatort, wo er in den Garten
trat und dort seine Jacke, Kappe und Umhängetasche (mit Ersatzmagazin,
Ersatzmunition und Handschellen) deponierte. 

 

Um ca. 15:20 Uhr lud der Beschuldigte
die mitgeführte Pistole SIG 210 mit einem vollen Magazin (8 Schuss des
Kalibers 9x19), schritt durch die Eingangstüre der Tatwohnung (auf der Südseite
der Liegenschaft […]), lief durch die Küche und feuerte (in der Meinung, dass M.___
sich in der Dusche im Bad befindet) aus rund 1.5 bis 2 Meter Entfernung einen
Schuss auf die geschlossene Badzimmertüre ab, welcher †E.___, der sich zu jenem
Zeitpunkt im Bad aufhielt, von vorne in den linken Oberschenkel traf. In der
Folge öffnete der Beschuldigte die Badzimmertüre und schoss im Bereich des
Ganges bzw. des Badezimmertürrahmens sofort (und nach wie vor in der Meinung,
dass sich M.___ im Bad befindet) zuerst zweimal in Richtung Dusche auf †E.___,
wobei er jedoch nicht traf und †E.___ versuchte, sich gegen die Wand bei der
Toilettenschüssel abzudrehen, um dort Schutz zu suchen, wonach der Beschuldigte
seinen Winkel bei der Badezimmertüre änderte, die Pistole innerhalb des
Badezimmers weiter nach links auf †E.___ richtete, drei weitere Male aus einer
begrenzten Distanz (20 bis 70 cm) auf diesen schoss und diesen dabei dreimal
von hinten im Rumpfbereich traf (zwei frei Durchschüsse sowie ein Durchschuss
mit Steckschuss im Arm des Opfers) und dadurch tötete.

 

†E.___ verblutete gemäss
rechtsmedizinischem Gutachten des IRM Bern vom 20. Juli 2016 nach innen und
aussen (Todesursache). Er erlitt drei Durchschüsse im Rumpfbereich (lochartiger
Hautdefekt an der Schulterrückseite rechts, an der linke Brustkorbrückseite und
an der linken Flanke rückseitig, welche alle lebensgefährliche Verletzungen
verursachten) sowie einen Durchschuss des linken Oberschenkels (lochartiger,
ovalärer Hautdefekt an der linken Oberschenkelvorderseite) und einen
Steckschuss im rechten Unterarm (rissartiger, adaptierbarer, längsgestellter,
klaffender Hautdefekt daumenseitig am rechten Unterarm mit umgebender,
flächenhafter Hautunterblutung).

 

Die schwerwiegendste Verletzung wurde
durch den Rumpfdurchschuss mit Zerreissung der Bauchhauptschlagader verursacht,
mit ca. 800 ml Blut in der Bauchhöhle, Einblutungen in das Darmgekröse und
grosse Netz sowie einer ausgedehnten Blutung in die Weichteile hinter dem
Bauchfell. Als weitere Folge der Schussverletzungen fanden sich unter anderem
Blutansammlungen in beiden Brusthöhlen, Pneumothorax beidseits, Blut in der
Luftröhre bis in die Peripherie (Aspiration), Blutkoagel (Blutgerinnsel) im
Magen und in der Speiseröhre (Magendurchschuss) sowie eine Überwässerung des
Gehirns (Hirnödem). 

 

Unmittelbar nach den oberwähnten
Schüssen bemerkte der Beschuldigte, dass es sich beim Opfer nicht um M.___
(sein eigentliches Ziel) handelt, vernahm – im Bereich der Küche bzw. des
Ganges – sodann Geräusche aus dem sich links neben dem Beschuldigten
befindenden Zimmer von M.___ und O.___, bemerkte wie jemand die Türfalle dieser
Zimmertüre nach unten drückte, drehte sich in der Folge (ca. 10 Sekunden nach
den letzten Schüssen) nach links ab, schoss zweimal auf die entsprechende
Zimmertüre, ohne genau zu wissen, wer sich hinter dieser befindet (vgl. Ziff. 4
nachstehend). Nachdem er bemerkte, dass keine Patronen mehr in der Waffe waren,
verliess er anschliessend den Tatort (wobei er im Garten noch seine
Umhängetasche, in welcher sich das Ersatzmagazin und Ersatzmunition befand,
behändigte).

 

Das besonders skrupellose Verhalten des
Beschuldigten ergibt sich daraus, dass 

 

-       
er aus besonders
verwerflichen und blanken egoistischen Gründen und mit besonders verwerflichem
Zweck handelte, weil er aus nichtigem Anlass (Rache an bzw. regelrechte
Elimination von M.___, einzig, weil dieser ihm nicht bei der Suche nach seiner
Ex-Freundin half, wodurch sich der Beschuldigte von diesem verraten bzw.
gekränkt und in seinem Stolz verletzt fühlte) einen Menschen kaltblütig und
gefühlskalt mit mehreren Schüssen tötete und damit eine ausserordentliche
Geringschätzung fremden Lebens an den Tag legte;

 

-       
die Ausführung der Tat
darüber hinaus als ausserordentlich verwerflich zu qualifizieren ist, weil der
Beschuldigte das völlig arg- bzw. ahnungs- und schutzlose bzw. unbewaffnete
Opfer (welches sich zum Zeitpunkt des ersten Schusses nur mit einer Jeanshose
bekleidet im Badezimmer befand und vom bevorstehenden Angriff nichts ahnen
konnte) in heimtückischer Art mit seinem Angriff im Bad überraschte, so dass
der unter den gegebenen Umständen völlig wehrlose †E.___ schlicht chancenlos
war. Der Beschuldigte schoss insgesamt sechs Mal auf †E.___, wobei er zunächst
einmal durch die geschlossene Badezimmertüre schoss, sodann die Türe öffnete
und sofort zwei weitere Male schoss und, selbst nachdem er beim zweiten und
dritten Schuss sein Opfer verfehlte, weitere drei Male aus einer begrenzten
Distanz (20 bis 70 cm) auf den mittlerweile schutzsuchenden und sich gegen die
Wand bei der Toilettenschüssel abdrehenden †E.___ schoss, diesen dabei dreimal
von hinten im Rumpfbereich traf und dadurch tötete.  

 

Sollte das urteilende Gericht zu der
Auffassung gelangen, dass der Beschuldigte den Geschädigten nicht auf
skrupellose Weise tötete, ist er eventualiter – gestützt auf den vorerwähnten
Sachverhalt sowie in Anbetracht der Tathandlung – wegen vorsätzlicher Tötung zu
verurteilen.

 

AnklS Ziff. 4 (gemäss Anklageänderung
vom 21. Oktober 2020): Mehrfacher versuchter Mord (Art. 112 StGB i.V.m. Art. 22
Abs. 1 StGB)

begangen am 4. Juli 2016, zwischen ca.
15:20 und 15:25 Uhr, in [Ort 1], […], Mehrfamilienhaus, Wohnung Untergeschoss,
zum Nachteil von M.___ und O.___, indem der Beschuldigte vorsätzlich, d.h. wissentlich
und willentlich, versuchte, die Geschädigten mittels zweier Schussabgaben zu
töten. Da der Erfolg - der Tod der Geschädigten - nicht eingetreten ist, ist es
beim Versuch geblieben.

 

Konkret bemerkte der Beschuldigte
unmittelbar nach dem Geschehen zum Nachteil von †E.___ gemäss Ziff. 3, dass es
sich beim Opfer nicht um M.___ (sein eigentliches Ziel) handelt, vernahm sodann
– im Bereich der Küche bzw. des Ganges – Geräusche aus dem sich links neben dem
Beschuldigten befindenden Zimmer von M.___ und O.___, bemerkte wie jemand die
Türfalle dieser Zimmertüre nach unten drückte, drehte sich in der Folge (ca. 10
Sekunden nach den letzten Schüssen) nach links ab, schoss zweimal auf die
entsprechende Zimmertüre, ohne genau zu wissen, wer sich hinter dieser befindet
und verliess, nachdem er bemerkte, dass keine Patronen mehr in der Waffe waren,
den Tatort (wobei er im Garten noch seine Umhängetasche, in welcher sich das
Ersatzmagazin und Ersatzmunition befand, behändigte).

 

Dem Beschuldigten war bewusst, dass er
durch die Schüsse auf die Zimmertüre die sich dahinter befindenden Personen
lebensbedrohlich verletzen könnte (insbesondere da Schüsse auf Personen nach
der allgemeinen Lebenserfahrung regelmässig tödliche Verletzungen verursachen
und der Beschuldigte wenige Sekunden zuvor bereits einen Menschen mit Schüssen –
wobei einer dieser Schüsse ebenfalls auf eine Zimmertüre, hinter welcher sich
eine Person befand, gerichtet war – tötete).

 

Indem der Beschuldigte dennoch zweimal
auf die Zimmertüre schoss, nahm er die Tötung der Geschädigten zumindest in
Kauf, zumal es nur vom Zufall abhing, dass der Beschuldigte die sich im Zimmer
befindenden Geschädigten mit den auf die Zimmertüre gerichteten Schüssen nicht
traf.

 

Das besonders skrupellose Verhalten des
Beschuldigten ergibt sich daraus, dass

 

-       
er aus besonders
verwerflichen und blanken egoistischen Gründen und mit besonders verwerflichen
Zweck handelte, weil er aus nichtigem Anlass (Rache an bzw. regelrechte
Elimination von M.___, einzig, weil dieser ihm nicht bei der Suche nach seiner
Ex-Freundin half, wodurch sich der Beschuldigte von diesem verraten bzw.
gekränkt und in seinem Stolz verletzt fühlte) versuchte zwei Menschen, O.___
und M.___, kaltblütig und gefühlskalt mit mehreren Schüssen zu töten und damit
eine ausserordentliche Geringschätzung fremden Lebens an den Tag legte;

 

-       
die Ausführung der Tat
darüber hinaus als ausserordentlich verwerflich zu qualifizieren ist, weil der
Beschuldigte die völlig arg- bzw. ahnungs- und schutzlosen bzw. unbewaffneten
Opfer in heimtückischer Art mit seinem Angriff im Zimmer überraschte, indem er
zweimal auf die Zimmertür schoss, hinter welcher sich die vorgenannten Personen
befunden haben.

 

 

III.          
Sachverhalt
und Beweiswürdigung

 

1.         Objektive Beweismittel

 

1.1 Strafanzeige vom 8. Februar 2017

 

Der Strafanzeige kann u.a. entnommen
werden, dass der Beschuldigte den Polizeibeamten unmittelbar vor seiner
Festnahme auf Italienisch mitgeteilt habe, dass es einen Toten gegeben habe und
er einen Anwalt wünsche (AS 55).

 

1.2 Spurenbericht vom 11. Januar 2017

 

Dem Spurenbericht vom 11. Januar 2017
(AS 484 ff.) ist u.a. zu entnehmen, dass am Tatort am Boden vor dem Badezimmer
ein Zigarettenstummel mit der DNA des Beschuldigten gefunden wurde (AS 487). Im
Garten östlich der Liegenschaft wurden zwei Jacken, eine davon mit der ID des
Beschuldigten gefunden (AS 488). In der Nähe des Tatortes wurde ein Paar
Handschellen gefunden (AS 489) und am Domizil des Beschuldigten in [Ort 3] ein
zur Tatwaffe passendes Pistolenholster (AS 488). Weiter ist dem Bericht zu
entnehmen, dass die Tatwaffe, nachdem sie von der Polizei aus der Aare geborgen
worden war (wo sie der Beschuldigte unmittelbar vorher in einer schwarzen
Tasche hineingeworfen hatte) mit sieben Patronen durchgeladen und der
Schlaghammer gespannt war. Sechs Patronen befanden sich im Magazin und eine im
Patronenlager. Aus der besagten schwarzen Tasche konnte zudem eine leere
Munitionsschachtel der Marke Fiocchi Luger USA 9mm und acht Patronen des
gleichen Fabrikates sichergestellt werden. In seiner Hosentasche trug der
Beschuldigte ein Magazin mit acht Patronen gefüllt, 20 lose Patronen und eine leere
Hülse Fabrikat Fiocchi, 9mm Luger, Vollmantel AS 488 f.).

 

1.3 Rechtsmedizinische Gutachten

 

1.3.1 Gutachten des IRM Bern vom 20.
Juli 2016

 

Das rechtsmedizinische Gutachten des IRM
Bern über den Todesfall von †E.___ vom 20. Juli 2016 kommt zu folgenden
Schlüssen (AS 786 ff.):

 

Der Leichnam weise drei Durchschüsse im
Bereich des Rumpfes auf. Eine Durchschussverletzung mit Einschuss an der
Schulterrückseite rechts (Einschuss Nr. 6) und Ausschuss mittig der rechten
Brustwarze (Ausschuss Nr. 1). Eine weitere Durchschussverletzung mit Einschuss an
der linken Brustkorbrückseite (Einschuss Nr. 7) und Ausschuss im Bereich des
Mittelbauches rechtsseitig (Ausschuss Nr. 2). Schliesslich eine
Durchschussverletzung mit Einschuss an der linken Flanke, rückseitig (Einschuss
Nr. 8) und Ausschuss im Bereich des rechten Unterbauches (Ausschuss Nr. 3).
Hinzu komme eine Durchschussverletzung mit Einschuss an der linken
Oberschenkelvorderseite (mutmasslicher Einschuss Nr. 4) und Ausschuss an der
linken Oberschenkelrückseite (mutmasslicher Ausschuss Nr. 9). Im rechten
Unterarm daumenseitig sei ein Steckschuss festgestellt worden (Steckschuss Nr. 5).
Dabei handle es sich um einen sekundären Einschuss, welcher zwanglos auf die
Ausschussverletzung Nr. 2 zurückzuführen sei. Folgen der Schussverletzungen
seien u.a. eine Überwässerung des Gehirns (Hirnödem), ein Hämatothorax
beidseits (rechte Brusthöhle ca. 200ml Blut, linke Brusthöhle ca. 450 ml Blut),
ca. 800 ml Blut in der Bauchhöhle sowie eine massive Einblutung in die
Fetteinhüllung der linken Nebenniere. In der Beurteilung sei ein
schussbedingtes Brustkorb- und Bauchtrauma bei drei Durchschüssen im
Rumpfbereich sowie Extremitätenverletzungen bei Durchschuss des linken
Oberschenkels und Steckschuss im rechten Unterarm zu konstatieren. Bei den Schussverletzungen
6-8 handle es sich um relative Nahschüsse. Tendenziell dürfte die
Schussentfernung der drei Rumpfdurchschüsse von oben (Nr. 6) nach fusswärts
(Nr. 7 und 8) zugenommen haben. Alle drei Rumpfdurchschüsse hätten
lebensgefährliche Verletzungen verursacht, wobei die schwerwiegendste
Verletzung (7/2) eine Zerreissung der Bauchhauptschlagader mit ca. 800 ml Blut
in der Bauchhöhle, Einblutungen in das Darmgekröse und grosses Netz sowie ein
ausgedehntes Retroperitonealhämatom (Blutung in die Weichteile hinter dem
Bauchfell) nach sich gezogen habe. Zum Zeitpunkt der Entstehung sämtlicher
Verletzungen habe das Opfer noch gelebt. Die Schussrichtung des Durchschusses
am linken Oberschenkel lasse sich rechtsmedizinisch nicht abschliessend
beurteilen. Die Gesamtheit der Befunde wäre mit einer Schussrichtung von vorne
nach hinten vereinbar. Der Schusskanal verlaufe durch das Weichteilgewebe ohne
unmittelbar lebensgefährliche Verletzungen von Knochen, grösseren Gefässen oder
Nerven. Todesursache sei ein Verbluten nach Innen und Aussen. In den Akten
befindet sich auch eine Bildmappe, welche die Verletzungen dokumentiert (AS 806
ff.). 

 

1.3.2 Rechtsmedizinisches Gutachten über
den Beschuldigten

 

Gemäss rechtsmedizinischem Gutachten zur
körperlichen Untersuchung des Beschuldigten vom 4. Juli 2016 durch das IRM Bern,
datierend vom 12. Juli 2016 (AS 777 ff.), wurden bei diesem mehrere Bagatellverletzungen
festgestellt: Eine oberflächliche Hautvertrocknung an der Gesichtshaut bzw. den
Ohrläppchen als Folge stumpfer Gewalteinwirkung, welche älter erscheine und
nicht mit dem Tatzeitpunkt vom 4. Juli 2016 vereinbar sei. Desweitern
fleckförmige Hauteinblutungen an der linken Oberarmaussenseite, eine
oberflächliche Hautabtragung am linken Ellenbogen sowie eine wegdrückbare
Hautrötung an der linken Flanke, ebenfalls Folge stumpfer Gewalteinwirkung.
Diese Verletzungen erschienen vom Aspekt her frisch und wären mit dem
Tatzeitpunkt vereinbar. Verletzungen, welche einen konkreten Hinweis auf eine
körperliche Auseinandersetzung gäben, zeigten sich nicht.

 

1.3.3 Forensisch-toxikologischer
Abschlussbericht 

 

Gemäss dem forensisch-toxikologischen
Abschlussbericht des IRM Bern vom 8. September 2016 (816 ff.) konnte beim Beschuldigten
Kokain, jedoch kein Ethanol nachgewiesen werden. Da zwischen der Tat und der
Blutentnahme sechs Stunden vergangen seien, sei allfällig im Tatzeitpunkt im
Blut vorhanden gewesener Ethanol während dieser Zeit vollständig durch den
Stoffwechsel des Körpers abgebaut worden. Im Blut seien kein Kokain und keine
Kokain-Stoffwechselprodukte nachgewiesen worden. Der letzte Konsum müsse somit
ca. zwei Tage oder mehr vor der Blutentnahme erfolgt sein. Zum Zeitpunkt der
Tat sei der Beschuldigte somit nicht unter dem Einfluss von Kokain gestanden.
Die Haaranalysenresultate würden bestätigen, dass es sich beim Beschuldigten um
einen Kokain-Konsumenten handle. Das negative Analysenresultat an der Blutprobe
für Benzoylecgonin spreche gegen einen regelmässigen Konsum in den letzten
Tagen vor dem Ereignis.

 

1.4 Forensisch-molekularbiologisches
Gutachten

 

Gemäss forensisch-molekularbiologischem
Gutachten des IRM Bern vom 31. Oktober 2016 (AS 825 ff.) befand sich an dem auf
dem Spülkasten gefundenen Projektil DNA von †E.___. Auf einem am Boden vor dem
Badezimmer sichergestellten Zigarettenstummel der Marke Marlboro wurde die DNA
des Beschuldigten nachgewiesen (vgl. AS 487, 495).

 

1.5 Forensisches Gutachten betreffend
Schusswaffen/Schmauchspuren

 

Gemäss dem Gutachten der Kantonspolizei
St. Gallen vom 26. Juli 2016 (AS 832 ff.) betrage das Abzugsgewicht der vom
Beschuldigten verwendeten Tatwaffe vor der Reinigung 29 Newton (ca. 2.8. kg)
und nach der Reinigung 27 Newton (ca. 2.6 kg). Am Tatort seien zwei
Munitionsarten gefunden worden (Geco und Fiocchi), es könne aber nicht gesagt
werden, welche Einschusswunde durch welche Munitionsart verursacht worden sei. Fest
stehe jedoch, dass sämtliche neun untersuchten (davon acht am Tatort
sichergestellt und eine im Hosensack des Beschuldigten) Hülsen von Patronen
stammen würden, die mit der untersuchten Pistole P210 verfeuert worden seien.
An den Händen des Beschuldigten seien Schmauchspuren festgestellt werden, was
für mindestens eine von vier Möglichkeiten spreche: 

 

a)    Die Person hat mit einer Schusswaffe
geschossen;

b)    Die Person hat einen mit Schmauch
behafteten Gegenstand berührt;

c)    Die Person befand sich in der Nähe einer
Waffe, während diese abgefeuert worden ist;

d)    Die Person hat einen Raum betreten kurz
nachdem darin geschossen worden ist.

 

1.6 Gutachten zur Schussbahnrekonstruktion

 

Das Gutachten zur
Schussbahnrekonstruktion des IRM Bern vom 18. Juli 2017 (AS 844 ff.) hält im
Wesentlichen folgendes fest (ergänzend ist auf die Fotodokumentation der
Polizei und des IRM sowie auf den sich in den Akten befindenden Grundriss der
Kelleretage der Liegenschaft [Tatortadresse] verweisen (AS 284, 312, 670 ff.,
AS 806 ff.):

 

Die äussere Türseite des WC-Raumes zeige
ein Einschussloch, auf der Höhe von ca. 77 cm ab Boden. Die Beschaffenheit des
Einschussloches deute auf einen Schuss von aussen nach innen hin. Das Opfer sei
auf der WC-Schüssel gefunden worden. An der Wand hinter der Toilette seien auf
gleicher Höhe (etwa 1 m ab Boden) zwei Einschussdefekte festgestellt worden.
Darunter, auf dem Spülkasten liegend, sei ein Geschoss gefunden worden. Am
Boden, neben der WC-Schüssel, sei ein Geschossmantel gefunden worden. Im
Duschvorhang befänden sich zwei Einschusslöcher auf der Höhe von 64 cm resp.
112 cm. In der Wand der Dusche hinter dem Vorhang seien zwei tiefe elliptische
Defekte zu sehen, welche sich auf einer Höhe von 50 cm und 110 cm befänden. Im
oberen Einschussloch sei der Teil eines Geschossmantels gefunden worden. Neben
der Dusche seien verschiedene Teile eines Geschosses sowie ein deformiertes
Geschoss gefunden worden. In der Ecke gegenüber der Tür befinde sich ein
Einschussdefekt in der Wand, unmittelbar über Boden. An der Tür des sich links
des Bades befindenden Zimmers Nr. 2 (bewohnt von M.___ und O.___) seien zwei
Einschusslöcher auf der Höhe von 86 cm und 92 cm sichtbar. Die
Eigenschaften dieser Löcher wiesen auf zwei Schüsse vom Gang her in Richtung
des sich im Zimmer befindenden Schrankes hin. Die Flugbahn beider Schüsse seien
von oben nach unten und von links nach rechts. Im Zimmer, zwischen Türe und
Schrank seien eine Abprallspur auf dem Fussboden sowie verschiedene
Aufprallstellen in der Wand unmittelbar über Boden sowie im Sockel des
Schrankes resp. am Boden im Innern des Schrankes vorhanden. Weiter seien in
diesem Zimmer vier Geschosse resp. Geschossteile gefunden worden. 

 

Beim Opfer seien vier verschiedene
Wundkanäle sowie ein Steckschuss identifiziert worden: Nr. 6: Einschuss
Schulterrückseite rechts (Durchschuss), entsprechend Ausschussverletzung Nr. 1
im Bereich der rechten Brust (Wundkanal B); Nr. 7: Einschuss linke
Brustkorbrückseite (Durchschuss), entsprechend Ausschussverletzung Nr. 2
Mittelbauch rechtsseitig und sekundärer Einschuss Nr. 5 rechter Unterarm
(Steckschuss) = Wundkanal C; Nr. 8: Einschuss linke Flanke rückseitig
(Durchschuss), entsprechend Ausschussverletzung Nr. 3 Unterbauch rechtsseitig
(Wundkanal D); Nr. 4: mutmasslicher Einschuss Oberschenkelvorderseite links
(Durchschuss), entsprechend mutmasslicher Ausschuss Nr. 9 Oberschenkelrückseite
links (Wundkanal A). Die Eigenschaften dieser Verletzungen seien alle mit einer
Schussverletzung durch ein 9 mm Luger Vollmantelgeschoss vereinbar. Unter
normalen Bedingungen sollte die Eindringtiefe in weiches Gewebe eines solches
Geschosses 40 cm übersteigen. Ebenso könne unter normalen Bedingungen ein
solches Geschoss einen menschlichen Knochen durchschlagen. Die Geschosse nach
den Verletzungen A, B und D sollten noch genug Restgeschwindigkeit und -energie
gehabt haben, um die jeweiligen Flugbahnen weiterzufliegen, was nicht bedeute,
dass das Geschoss noch mit der Spitze voran fliege. Auch bei Wundkanal C sei es
zu einem Durchschuss des Rumpfes gekommen, der jedoch in den rechten Unterarm
eingedrungen und dort stecken geblieben sei.

 

Die beiden Defekte an der Wand oberhalb
des WC’s seien mit den beiden Defekten in der Dusche verglichen worden. Dies
führe zur Hypothese, dass die Defekte über dem Spülkasten von Geschossen, die
einen Teil ihrer Energie vor dem Aufprall (z.B. durch Durchschuss eines anderen
Objektes) verloren hatten, verursacht worden seien. Tatsächlich seien diese
Defekte weniger tief und weniger markiert als die Defekte in der Dusche. Diese
Hypothese werde auch von der geringen Deformation des auf dem WC-Spülkasten
gefundenen Geschosses Nr. 9 (16.01060) unterstützt, insbesondere wenn man die
starke Deformation des Geschosses Nr. 15 (16.03959), das in der Wand der Dusche
gefunden worden sei, betrachte. Das Geschoss Nr. 13 (16.00216) sei auf dem
Boden vor der Dusche gefunden worden. Es handle sich um ein ganzes Geschoss mit
einer flachen Deformation an der Spitze. Diese Deformation sei, im Vergleich
mit den anderen Geschossen, nicht so prominent. Diese leichte Deformation an
der Spitze lasse sich mit der Annahme, dass das Geschoss ein Zwischenziel vor
dem Aufprall an der Ecke gegenüber der Tür durchgeschossen habe, erklären. Die
stark deformierten Geschossfragmente 11, 12, 14 und 15 (16.03959, 16.00217,
16.00215 und 16.00214) seien in der Dusche oder in der Nähe der Dusche gefunden
worden. Die fragmentierten Geschosse, die auf eine hohe Aufprallenergie hinwiesen,
seien mit den tieferen Defekten in der Dusche vereinbar. 

 

Im Zimmer Nr. 2 sei ein Defekt mit
Messingspuren auf dem Fussboden festgestellt worden. Unter Berücksichtigung der
zwei in Frage kommenden Patronentypen dürfte es sich um eine Abprallspur eines
Fiocchi USA Geschosses handeln. Die Geschossteile 17 und 23 (16.00290 und
16.00292) stammten ebenfalls aus einer Fiocchi USA Patrone. Das bedeute, dass
eine der beiden gefundenen Fiocchi-Hülsen (Nr. 1 = 16.01052 oder Nr. 4 =
16.01055) zu dieser Abprallspur passe. Aufgrund der Anzahl der Geschosse und
Geschossteile sei die Schätzung der Zahl der abgefeuerten Patronen schwierig.
Wenn man aber berücksichtige, dass die Geschossteile 16.00214/00215,
16.00217/03959, 16.00290/00291/00292/00279 (mindestens aus zwei Patronen) von
der gleichen Munition stammen könnten und dass ein Geschoss während der
Obduktion gefunden worden sei (16.04405), seien mindestens acht Schüsse
abgefeuert worden. Diese Zahl passe auch zur Anzahl der am Tatort aufgefundenen
Hülsen und zur maximalen Kapazität eines SIG P210 Magazins.   

 

Zu den möglichen Flugbahnen:

 

Um die Messunsicherheit des ab dem
Schussloch gemessenen Winkels zu berücksichtigen, seien die Flugbahnen nicht
mittels einer Linie sondern mittels eines Kegels dargestellt worden (Abbildung
9). Die grünen Kegel stellten die Flugbahn und die jeweilige Unsicherheit in
Richtung der Waffe dar, während die blauen die Flugbahn in der Gegenrichtung
nach den Türdurchschüssen illustrieren würden.

 

Mit dieser Darstellung könne man
erkennen, dass die Flugbahn durch die WC-Tür mit dem Defekt in der Ecke
vereinbar sei (roter Punkt im WC-Raum). Das Geschoss N°16.00216 (Position 13)
sei nicht weit von diesem Defekt gefunden worden. Eine ähnliche Überlegung könne
für die Flugbahn durch das linke Schussloch in der Zimmertür (Zimmer Nr. 2),
die Abprallspur im Zimmer (roter Punkt im Zimmer) und die Geschossfragmente
N°16.00290 und 16.00291 (Position 17 und 18) gemacht werden. Schlussendlich könne
die Flugbahn durch das rechte Schussloch in der Zimmertür mit dem Defekt auf
der Kante und dem Geschoss N°16.00279 (Position 19) in Zusammenhang gebracht werden.
Das Mantelfragment N°16.00292 (Position 23) könne wegen der Anwesenheit von
Messing mit der Abprallspur auf dem Boden und mit dem Geschoss N°16.00290
(Position 17) verbunden werden. Hingegen sei es nicht möglich das Bleifragment
N°16.00254 dem einen oder anderen Schuss zuzuordnen.

 

Aufgrund der Auswurfrichtung der
Tatwaffe SIG Sauer P210 nach hinten rechts und der Lage der am Tatort
gefundenen Hülsen könnten Informationen über den Standort des Schützen
abgeleitet werden. Aufgrund der Schmauchpartikel und punktförmigen Einblutungen
resp. Oberhautdefekte beim Opfer seien für die Verletzungen B, C und D die
jeweiligen Schussentfernungen bestimmt worden. Aufgrund der Dichte und
Verteilung der Pulverteilchen werde die Schussentfernung für die Verletzungen
B, C und D jeweils auf 20 – 25 cm, 30 – 40 cm und 50 – 70 cm geschätzt. Mittels
der Winkelmessungen der Flugbahnen durch die zwei Türen (WC-Raum und Zimmer Nr.
2) und unter Berücksichtigung der Masse des Tatverdächtigen seien die Standorte
des mutmasslichen Schützen bei den drei Schüssen bestimmt und auf Abbildung 12
dargestellt worden.

 

Standort des Opfers und Hypothesen
bezüglich des Tatherganges:

 

Gemäss den Informationen in den
vorherigen Abschnitten sollten zwei Schüsse in Richtung Zimmer und einer in
Richtung des WC-Raumes mit geschlossenen (oder annähernd geschlossenen) Türen
abgefeuert worden sein. Vier zusätzliche Schussdefekte seien im WC-Raum
festgestellt worden: zwei über dem Spülkasten und zwei in der Dusche. Vier
Wundkanäle und ein Steckschuss seien im Körper des Opfers beobachtet worden:
drei freie Durchschüsse und ein Rumpfdurchschuss mit Steckschuss. Insgesamt
seien acht Hülsen am Tatort gefunden worden: zwei vom Hersteller Fiocchi USA und
sechs von Geco. Um Hypothesen betreffend den Tathergang zu evaluieren, sollten
diese Elemente als Ganzes betrachtet und in Zusammenhang gebracht werden. Die
Spuren zeigten, dass die meisten Aktivitäten im Eingang sowie im WC-Raum
stattgefunden hätten. Die Schüsse in diesem Bereich seien deswegen detailliert
analysiert worden.

 

Das Einschussloch durch die Türe des
WC-Raumes befinde sich in einer Höhe von etwa 77 cm. Wie bereits erwähnt,
könnte das Geschoss Nr. 13 (16.00216) mit dem Defekt an der Kante im unteren
Bereich der Badezimmerwand in Zusammenhang stehen (Abbildung 3). Die
Deformation des Geschosses sei zu gering, um mit einem Direktschuss vereinbar
zu sein. Um diese geringe Deformation zu erklären, müsse das Geschoss einen
Teil seiner Energie vorher verloren haben. Ein Schuss durch die Tür und das
Bein des Opfers würde einem derartigen Energieverlust entsprechen (Verletzung
A). Unter Berücksichtigung der Messunsicherheit und einer gewissen Ablenkung
des Geschosses – die im Körper stattfinden könne – sei der Winkel der
Schussverletzung A mit einer stehenden Stellung des Täters vor der Tür und des
Opfers unmittelbar hinter der Tür zu vereinbaren. Diese Situation werde in der
Abbildung 14 dargestellt.

 

Es seien insgesamt fünf Hülsen im Gang
vor dem WC-Raum gefunden worden. Es werde angenommen, dass drei zu den Schüssen
durch die beiden Türen passten (1 X WC und 2 X Zimmer). Dies lasse zwei Hülsen
übrig, die ausserhalb des WC-Raumes gefunden worden seien. Das bedeute, dass
zwei Schüsse mit grosser Wahrscheinlichkeit vom Gang in den WC-Raum geschossen
worden seien. Gemäss den Beobachtungen am Tatort und unter der Annahme, dass
der Duschvorhang nicht bewegt worden sei, könne es sich dabei um die Schüsse durch
den Vorhang handeln. Diese Flugbahnen (blaue Linien) würden auf Abbildung 16
dargestellt. Gemäss Hypothese würde es sich um zwei Direktschüsse handeln.

 

Drei Hülsen von Geco Patronen (Position
6, 7 und 8) seien im WC-Raum gefunden worden. Angesichts der Auswurfrichtung
der Tatwaffe (nach hinten und rechts) stammten diese Hülsen vermutlich von Schüssen,
die im WC-Raum abgefeuert worden seien. Wenn die Auffindlage des Opfers
betrachtet werde (Abbildung 17), könnten diese drei Schüsse mit den drei
restlichen Wundkanälen verbunden werden: zwei Durchschüsse und ein Rumpfdurchschuss
mit Steckschuss. Aufgrund der Verletzungsbefunde könnten die zwei Durchschüsse
die zwei Defekte oberhalb der WC-Schüssel verursacht haben. Auch der Fundort
des Geschosses N°16.01060 (Position 9 – Spülkasten) sei vereinbar mit dieser
Hypothese. Trotz dieser Informationen sei es schwierig, die Reihenfolge dieser
drei Schüsse sowie die Position und die Haltung des Opfers zu schätzen, auch
wenn die Bestimmung der Schussentfernung in Betracht gezogen werde. Der
Entfernungsunterschied zwischen den drei Schüssen könne sich z.B. durch die
Annäherung des Täters oder die Abkehr des Opfers erklären lassen. 

 

Zusammenfassend könne der Tathergang wie folgt
geschildert werden (es handle sich um Hypothesen, die den wahrscheinlichsten
Schussablauf darstellten, wobei andere Alternativen nicht gänzlich
ausgeschlossen werden könnten):

 

-       
Zwölf
Geschosse/Geschossteile sowie acht Hülsen wurden am Tatort gefunden. Ein
zusätzliches Geschoss wurde während der Obduktion aus dem rechten Arm des
Opfers geborgen. Gemäss diesen Zahlen sollten acht Patronen in der Wohnung
abgefeuert worden sein.

 

-       
Zwei Schüsse wurden durch
die Zimmertür und ein Schuss durch die WC-Tür (alle drei vom Küchenbereich aus)
abgefeuert. Eine Schätzung des Standortes des Schützen während dieser Schüsse
wurde durchgeführt und in der Abbildung 12 dargestellt.

 

-       
Unter Annahme einer
Stellung des Opfers hinter der WC-Tür, können die Verletzung A (am linken
Bein), der Schuss durch die Tür und der Aufprall an der Kante der Wand in einer
Flugbahn vereinbart werden.

 

-       
Zwei weitere Schüsse wurden
durch den Eingang des WCs, mit offener oder halboffener Tür), abgefeuert. Unter
der Hypothese, dass der Duschvorhang nach dem Sachverhalt nicht stark bewegt wurde,
sind diese Schüsse mit den Flugbahnen in der Dusche vereinbar (Abbildung 16).

 

-       
Drei zusätzliche Schüsse
wurden mit hoher Wahrscheinlichkeit innerhalb des WC-Raums abgefeuert, bei
denen das Opfer getroffen wurde. Diese Hypothese wird von der Lage der Hülsen
(im WC-Raum), von den Verletzungen und der Auffindlage des Opfers sowie von den
Aufprallorten der Schüsse unterstützt. Gemäss dieser Hypothese und auf Grund
der Bestimmung der Schussentfernung sollten diese Schüsse aus einem Abstand von
jeweils etwa 20-25 cm (Verletzung B), 30-40 cm (Verletzung C) und 50-70 cm
(Verletzung D) abgefeuert worden sein. Es handle sich um zwei freie
Durchschüsse (Verletzungen B und D - Defekte über dem Spülkasten) und einen
Rumpfdurchschuss mit Steckschuss (Verletzung C - Arm des Opfers - Asservat
N°16.04405). Es gehe deshalb um drei Schüsse innerhalb des WC-Raums, die das
Opfer am Rücken aus einer begrenzten Distanz (etwa zwischen 20 und 70 cm)
getroffen hätten. Die Reihenfolge dieser Schüsse sowie die Position und die Haltung
des Opfers lassen sich nicht sicher einschätzen.

 

 

2.         Aussagen des Beschuldigten

 

2.1 Einvernahme vom 4. Juli 2016

 

Anlässlich der ersten polizeilichen
Einvernahme vom 4. Juli 2016, 19:00 Uhr, machte der Beschuldigte zum
Kernsachverhalt folgende Aussagen (AS 142 ff.):

 

Er sei es gewesen. Es sei aber die
falsche Person gestorben. Er habe eigentlich jemand anderes umbringen wollen. Den,
der gestorben sei, kenne er nicht einmal. Als er ihn gesehen habe, habe er
bemerkt, dass es gar nicht die richtige Person sei. 

 

Nach dieser Aussage ist im Protokoll
folgendes vermerkt:

 

«Beim Durchlesen macht der Beschuldigte
die Aussage, dass er hier durch die Dolmetscherin missverstanden wurde. Er habe
nicht gesagt und auch nicht gemeint, dass jemand anderes sterben sollte,
sondern eben wie zuvor erwähnt niemand. Durch den Schreibenden wurde der
Wortlaut der Dolmetscherin niedergeschrieben) Die Einvernahme wird für ein
Anwaltsgespräch und die anschliessende Spurensicherung unterbrochen (04.07.2016,
20:20 Uhr) und um 22:05 Uhr wiederaufgenommen.»

 

Er habe eigentlich niemanden umbringen
wollen. Er habe nur Angst machen wollen. Er habe erreichen wollen, dass er
etwas erfahre. Er habe das erste Mal in seinem Leben eine Pistole in der Hand
gehabt. Er habe jemanden bedrohen wollen, erreichen, dass dieser etwas sage.
Als er dann vor Ort gewesen sei, habe er extreme Angst bekommen und dann
geschossen. Der erste Gedanke sei gewesen, in die Luft zu schiessen. Er habe
dann in die Tür geschossen. Dann habe er eigentlich gehen wollen. Diese Person
habe aber die Türe aufgemacht, worauf er noch mehr Angst bekommen habe. Er habe
dann den Ausdruck in seinem Gesicht gesehen, es habe so geschienen, als würde
dieser sagen «mach das nicht». Diese Person sei anscheinend unter Schock
gestanden. Dieser habe einen Schritt auf ihn zu gemacht, als ob er sich habe
wehren wollen. Er habe darauf Angst bekommen und gefürchtet, dass jemand aus
einer anderen Türe komme. Da habe er Panik bekommen und abgedrückt. Er habe ihn
nicht umbringen wollen. Er habe nur gewollt, dass dieser ihm sage, was er habe
wissen wollen. Er habe wissen wollen, wo seine Freundin sei, die ihn verlassen
habe. Er habe noch mal mit dieser reden wollen. Er habe sich von allen allein
gelassen, verraten, hintergangen gefühlt. Es sei über ihn gelogen worden. Die
anderen hätten seine Ex-Freundin versteckt. Die Wut sei in ihm aufgestiegen,
weil er immer wieder Sachen gehört habe. 

 

Vor der Tat sei er im [Restaurant]
gewesen. Dort habe er einen Kollegen getroffen. Dieser habe ihm gesagt, dass er
nun duschen gehe, weil er sich danach mit der Kollegin seiner Ex-Freundin, N.___,
treffen wolle. Diese habe Geburtstag. In diesem Moment habe sein Kopf «tilt»
gemacht. Ihm sein klargeworden, dass selbst dieser sehr gute Kollege von ihm
über die Sache Bescheid wisse und wisse, was genau passiere. Selbst dieser habe
ihn verarscht. Das sei zu viel für ihn gewesen. Er habe es nicht mehr
«verleiden» gemocht. Die Waffe habe er aus [einer Bar], von einem, den er […]
genannt habe. Diesen kenne er nicht. Er habe die Waffe besorgt, um dem Chef im [Restaurant]
Angst zu machen. Auf Nachfrage: Er habe [in einer Bar] eine Waffe kaufen wollen
und habe dort danach gefragt. Er habe eine Waffe gewollt, um den Chef unter
Druck zu setzen, damit dieser ihm sage, wo seine Freundin sei. Damit er mit ihr
hätte reden können. Er habe sich alleine gefühlt. Er hätte nie gedacht,
jemanden umzubringen. Die Waffe habe er vor ca. eineinhalb bis zwei Monaten
gekauft. Er verstehe nichts von Waffen. Es seien 50 Patronen dabei gewesen und
zwei Magazine. Auf der Schachtel mit den Patronen sei «Fiocchi, 9mm» draufgestanden.
Die Schachtel sei voll gewesen, zwei Patronen hätten gefehlt. Ein Teil der
Patronen habe leicht anders ausgesehen. 

 

Wie oft er heute geschossen habe und
worauf er gezielt habe? Er habe etwas nach oben (diagonal) gezielt und in die
Tür geschossen. Er habe ja niemanden treffen wollen. Er kenne die
Räumlichkeiten, weil er schon dort gewesen sei. Er habe Wasser laufen hören.
Jemand sei am Duschen gewesen. Deswegen habe er so wie geschildert gezielt im
Wissen, dass niemand getroffen werde. Da er sich nicht mit Waffen auskenne,
seien die Schüsse tiefer ausgefallen, als er gewollt habe. Er sei bei vollem
Bewusstsein gewesen. Er habe schon gewusst, dass das blöd sei, was er tue. Er
habe einfach Informationen gewollt, um mit ihr zu reden. Er habe nie auf
jemanden gezielt. Er habe drei Schüsse abgefeuert. Er sei sich sicher gewesen,
dass sein Kollege, den er zuvor im Restaurant getroffen habe, am Duschen sei.
Nach dem Abfeuern der drei Schüsse habe jemand die Türe vom Bad geöffnet. Er
habe gesehen, dass es nicht die Person gewesen sei, die er erwartet habe. Er
habe diese Person nur vom Sehen gekannt. In dem Moment, wo diese Person die
Türe geöffnet habe, habe er begriffen, dass sein Kollege in einem anderen
Zimmer sei. Da habe er Panik bekommen. Dieser arme, der in der Dusche gewesen
sei, habe sich wohl wehren wollen. Bei einem anderen Zimmer habe er die Türe
schlagen gehört. Irgendwie habe er dann aus Angst ihn umgebracht. Er habe auf
ihn geschossen. Er könne sich nicht erinnern wie oft. Als er hinausgegangen
sei, habe er gesehen, dass er acht Schuss abgefeuert habe. Der Schlitten sei
hinten gewesen, so habe er gewusst, dass das Magazin leer war. Als er rausgelaufen
sei, habe er bemerkt, dass ihn eine Person gesehen und gleich mit dem Handy
einen Anruf getätigt habe. Es habe sich um einen Kunden der Bar gehandelt. Er
sei nicht weggerannt. Er hätte die Zeit gehabt, zu flüchten. Er habe sich sogar
selbst einen Schuss durch den Mund geben wollen. Er habe das leere Magazin
wieder vollgemacht und in die Waffe eingesetzt. Er habe sich ja selbst
umbringen und niemandem etwas antun wollen. Das zweite Magazin habe er voll
abgespitzt in seiner Trainerhose gehabt. In seiner Trainerhose habe er auch
noch einzelne Patronen gehabt. Ob er versucht habe, dem Mann, auf den er
geschossen habe, zu helfen, oder zu schauen, wie es ihm gehe? Er sei
geflüchtet. Als er rausgegangen sei, habe ein Mann ihn mit der Waffe gesehen.
Dieser habe nicht erkennen können, dass der Schlitten hinten gewesen sei und
habe sich auf den Boden gelegt. Danach habe er die Waffe wieder geladen. Er
habe keinen Körperkontakt gehabt zu dem Mann, den er erschossen habe. 

 

Er schäme sich, fühle sich wie ein Stück
Scheisse. Er könne selbst noch nicht glauben, dass er jemanden umgebracht habe.
Er habe etwas ganz Dummes gemacht. Es tue ihm furchtbar leid. Er würde sich
gerne entschuldigen. Er wisse aber nicht einmal wie dieser Mann heisse.

 

2.2 Einvernahme nach vorläufiger
Festnahme vom 5. Juli 2016

 

Anlässlich der Einvernahme nach
vorläufiger Festnahme am 5. Juli 2016, 14:10 Uhr, äusserte sich der
Beschuldigte wie folgt (AS 1511 ff.):

 

Er habe das nicht machen wollen. Man
habe ihm aber gesagt, dass diese Person tot sei und er wisse, dass er es
gewesen sei. Er habe ihm nur Angst machen wollen. Er sei überzeugt gewesen,
dass eine andere Person im Bad sei, in der Dusche. Er habe M.___ erwartet. Dies
sei ein «Freund» von ihm. Er habe auf die Türe geschossen, wissend, dass links
davon die Dusche sei (er habe die Dusche gehört). Er sei sich sicher gewesen,
dass er ihn nicht treffe. Er habe zwei oder drei Schüsse abgefeuert. Dann sei
die Türe aufgegangen und M.___ sei nicht da gewesen. Er habe ihn nur
erschrecken wollen. Als er gesehen habe, dass es nicht M.___ sei, sei ihm klar
gewesen, dass M.___ in seinem Zimmer sein müsse, bei der anderen Türe, links
vom Bad. Als diese Person die Tür vom Bad geöffnet habe, habe er den Eindruck
gehabt, dass er sich auf ihn stürzen wolle, ihn angreife. Er habe Angst gehabt
und geschossen. Der andere habe einen Schritt zurück gemacht. Die Waffe habe
einen sehr leichten Abzug, sehr sensibel. Wenn man etwas zittrig sei, löse sich
ein Schuss. Danach habe er auf die linke Türe neben der Dusche gefeuert, weil
er festgestellt habe, dass sich diese geöffnet und sogleich wieder geschlossen
habe. Er habe gedacht, dass M.___ in diesem Zimmer sei. Danach sei er drei,
vier Schritte nach draussen gegangen. Ihm sei eine Person entgegengekommen, die
ein Telefon in der Hand gehabt habe. Dann sei er losgelaufen. Er habe noch eine
Zigarette rauchen und sich dann erschiessen wollen. Dann sei er aber
festgenommen worden. Er habe es nicht geschafft, sich umzubringen. Er habe sich
mit der Pistole an der Tasche verheddert und sie ins Wasser geworfen. Er sei
schuldig. Er habe ihm das Leben genommen. Er habe es nicht gewollt, aber er
habe es getan. Ob er den Namen des Mannes erfahren dürfe, den er umgebracht
habe, oder ein Bild sehen? Vielleicht habe er ihn ja gekannt, er wisse es
nicht. Ob es sicher sei, dass er tot sei? Es tue ihm sehr leid. Auf Frage der
Verteidigung: Die Dusche sei aus seiner Blickrichtung links im Bad. Die Türe
gehe nach aussen auf, links sei die Dusche, geradeaus das Lavabo. 

 

2.3 Aussage anlässlich der Haftverhandlung
vom 7. Juli 2016

 

Anlässlich der Verhandlung vor
Haftgericht, am 7. Juli 2016, 08:00 Uhr, machte der Beschuldigte folgende
Aussagen (AS 1530 ff.):

 

Er habe in dieser Liegenschaft M.___
treffen wollen. Er habe gemerkt, dass dieser ihn über längere Zeit verarscht
habe. Er habe ihm versprochen, dass er den Kontakt mit seiner Ex vermitteln
würde. Er habe vorgehabt, in die Luft zu schiessen. Er habe nicht genau
gewusst, wieso, er habe einfach gemerkt, dass seine (M.___s) Landsleute ihn
verarscht hätten. Seine Freundin sei weggebracht, versteckt, worden. Warum er
eine Waffe mitgenommen habe? Weil er gemerkt habe, dass Worte alleine nichts
nützten und er sonst nichts erfahren hätte. Warum er nicht gerufen habe, damit M.___
vors Haus komme? Er sei überzeugt gewesen, dass M.___ unter der Dusche sei. Bis
heute wisse er nicht, wer dort gewesen sei. Er habe die Dusche gehört und
deshalb durch die Türe geschossen. Er habe gedacht, M.___ sei am Duschen. Er
habe auf die Badezimmertüre geschossen. Ob dann ein Mann herausgekommen sei? Er
sei nicht wirklich herausgekommen, er habe gegen die Türe geschlagen. Durch den
Schuss sei die Türe des Badezimmers aufgegangen. Wie oft er geschossen habe? Er
wisse es nicht. Er habe Angst gehabt, weil der andere auf ihn zugekommen sei.  

 

2.4 Einvernahme vom 12. Juli 2016

 

Anlässlich der polizeilichen Einvernahme
vom 12. Juli 2016 machte der Beschuldigte folgende Aussagen (AS 256 ff.):

 

Er habe bezüglich Erwerb der Pistole
bisher nicht die Wahrheit gesagt. Er habe diese nicht gekauft, sondern
gestohlen. Er wisse nicht, wem sie gehöre. Er habe das zwei Mal gemacht. Einmal
habe er sie wieder zurückgelegt. Für ihn sei dieses Lager einfach zugänglich.
Er habe sich auch überlegt, sie zu verkaufen, um an Geld zu kommen. Am Tattag
habe er die Waffe um 11:45 Uhr genommen. Das Lager, wo er die Pistole genommen
habe, befinde sich beim [Restaurant], in einem Anbau im gleichen Gebäude. Er
sei an diesem Tag zusammen mit L.___ nach [Ort 5] gefahren. Er habe einen
Probearbeitstag gehabt. Es sei dann aber ausgekommen, dass der Einsatz in [Ort
5] erst am Folgetag sei. Deshalb seien sie zurückgefahren. Sie seien um ca.
11:00 Uhr im Lager angekommen. Zuerst hätten sie noch einen Kaffee getrunken.
Sie hätten sich von ca. 11:00 Uhr bis 11:50 Uhr auf dem Areal aufgehalten. Sie
hätten im Lager das Material für den nächsten Arbeitstag vorbereitet. Die Türe
vom Lager sei in dieser Zeit immer offen gestanden. Dann habe er das Ding im
Lager genommen. Es sei nicht das erste Mal gewesen, dass er sie genommen habe.
Sie sei schon geladen gewesen. Das Magazin sei eingesetzt gewesen, aber kein
Schuss im Lauf. Er korrigiere: das Magazin sei nicht eingesetzt gewesen, das
habe er später eingesetzt. Er habe die Waffe um ca. 11:35 Uhr an sich genommen.
L.___ sei im Lieferwagen gewesen und er habe gesehen, dass dieser ihn nicht
sehe. Dann habe er die Waffe in seine schwarze Tasche gelegt. Mit welcher
Absicht er an den [Tatort] gegangen sei? Er sei nach 12:00 Uhr hingegangen. Die
Absicht sei gewesen, mit M.___ zu streiten. Er sei aber nie davon ausgegangen,
dass er die Pistole brauchen werde. Er habe gedacht, M.___ sei ein Kollege von
ihm. Er habe mit M.___ zusammen Kokain konsumiert und er habe ihn auch gebeten,
ihm zu helfen, seine Ex-Freundin zu finden, damit er noch einmal mit ihr reden
könne. Er habe ihm sogar gesagt, dass er ihm Geld geben würde, damit er Blumen
kaufen und bringen könne. M.___ habe ihm versprochen, dass er ihm helfe, K.___
zu finden. Er habe genau gewusst, wo sie sich aufhalte, weil seine Freundin
auch dort gewesen sei. M.___ habe ihm noch CHF 600.00 und 4 Gramm Kokain
geschuldet. 

 

Am Tattag sei er im [Restaurant]
gewesen, betrunken. Er habe 2.5 Liter Bier getrunken. Dann habe M.___ gesagt,
er gehe nach Hause um zu duschen, weil er nachher an den Geburtstag von N.___
gehe. N.___ sei die beste Kollegin von K.___, seiner Ex. Er habe dann gedacht,
dass M.___ ihn schon seit sechs Monaten verarsche. Sein Kopf habe ihm gesagt,
dass wenn er an den Geburtstag der anderen gehe, er dort auch K.___ sehen
werde. Somit sei er davon ausgegangen, dass M.___ mit K.___ Kontakt habe und
einfach von seinem schlechten Zustand profitiert habe. M.___ habe ihn um
verschiedene Gefallen gebeten. Er habe ihn ausgenutzt. Dummerweise habe er an
diesem Tag einfach diese Pistole dabeigehabt. Er sei dann dort hin und habe M.___
sagen wollen «He Du schuldest mir noch etwas». Bevor er hineingegangen sei,
habe er die Waffe geladen. Dort habe ihn dann sozusagen die Angst gepackt, weil
er sich gedacht habe, dass sie ihn zusammenschlagen, wenn sie ihn mit diesem
Ding in der Hand sähen. Dann habe er gegen die Türe geschossen. Also er sei ins
Haus hinein und habe die Dusche laufen hören. Er sei davon ausgegangen, dass
sich die Dusche hinter der Wand neben der Türe befinde, also dort, wo auf dem
Plan der Polizei das WC eingezeichnet sei. Er sei einmal in diesem Badezimmer
gewesen und habe die Hände gewaschen. Er zeichne auf dem Plan ein, wohin er
geschossen habe. Nr. 1: er vermute, dass er zwei Schüsse auf die Türe des
Badezimmers abgegeben habe. Nachdem er geschossen habe, habe sich die Türe des
Zimmers 2 leicht bewegt, die Türfalle habe sich leicht bewegt. Er habe dann auf
die Türe des Zimmers 2 gezielt, aber nicht geschossen. Dann sei die Türe zum
Badezimmer aufgegangen. Dort sei der junge Mann gestanden. Es sei nicht M.___
gewesen. Er sei davon ausgegangen, dass M.___ in der Wohnung sein müsse. Er
habe sich gedacht, dass alle anderen bei der Arbeit seien. Der Arme habe ihm in
dem Sinne gezeigt, dass er nicht schiessen soll. Die Türe zum Zimmer 2 habe
sich dann wieder bewegt. Er habe Panik bekommen und deshalb gegen die Türe vom
Zimmer 2 geschossen (der Beschuldigte zeichnet auf dem Plan mit Nr. 2 die
Schüsse auf das Zimmer 2 ein). Der Mann habe die Situation wohl ausnützen
wollen und eine Bewegung gemacht. Er sei aber schneller gewesen und habe zu
schiessen begonnen. Der andere habe keinen Schritt auf ihn zu machen können. Er
wisse nicht, wohin er geschossen habe, er habe einfach geschossen. Er wisse
nicht, ob der andere einen Schritt gemacht habe. Der Beschuldigte zeichnete
seinen Standort, als er auf die Türe zum Badezimmer und die Türe zu Zimmer 2
geschossen hat, mit einem X auf dem Plan ein (Markierung 3). Von dort habe
er auf beide Türen geschossen. Wo er gestanden sei, als er auf den Mann im
Badezimmer geschossen habe, nachdem dieser die Tür geöffnet habe? Er glaube,
dass er am gleichen Ort stehen geblieben sei. Er habe sich nur abgedreht. 

 

Wie der Mann im Badezimmer auf die
Schüsse reagiert habe? Er habe auf ihn geschossen, dann habe sich die Türe von
Zimmer 2 wieder bewegt und er habe auf diese Türe geschossen. Er wisse nicht,
wie der andere reagiert habe, weil er dann weggerannt sei. Es sei keine grosse
Distanz gewesen, vielleicht vier bis fünf Meter. Er habe sich umgedreht um
wegzurennen, dann sei er gestolpert und gefallen. Er sei sofort wieder
aufgestanden und habe sich umgedreht, um zu schauen, ob ihm jemand nachrenne.
Es sei dann wieder jemand dort gestanden, worauf er die Waffe aufgezogen habe,
um zu zeigen, dass er nochmals lade (der Beschuldigte zeigt eine
Ladebewegung vor). Dann sei er davongerannt und habe geschrien: «Alle weg!»
Dieser sei aber nicht weggegangen, er sei auf ihn zugekommen und wieder
zurückgegangen. Er habe ihn sozusagen festhalten wollen. Es sei eine sehr
mutige Person gewesen, Gott sei Dank habe er nicht mehr geschossen. Der
Beschuldigte zeichnet auf dem Plan mit Nr. 4 den Ort ein, wo er hingefallen
ist. Mit Nr. 5 zeichnet er den Ort ein, wo die Person stand, die er beim
Zurückschauen festgestellt hatte. Er habe gewusst, dass die Pistole leer
gewesen sei, weil der Lauf hinten geblieben sei. Er habe die Schüsse nicht
gezählt. Er habe die Person mit der Waffe begleitet, bis sie sich hingelegt
habe. Dann sei er wieder bis zur Hausecke, wo sich seine Tasche befunden habe (zeichnet
diesen Ort mit Nr. 6 ein). Er sei zu seiner Tasche und habe seine Pistole
nochmals geladen. Er habe einfach weggehen wollen, habe aber gesehen, dass der
Mann noch dort gewesen sei und ihn angestarrt habe. Er habe «unten» zu ihm
gesagt, worauf dieser sich hingelegt habe. Dann sei er ums Haus bis zur
nächsten Hausecke gegangen. Dort habe er zurückgeschaut und gesehen, dass die
andere Person hinter der anderen Hausecke stand (der Beschuldigte zeichnet
dies mit Nr. 7 ein). In diesem Moment habe er realisiert, dass wohl jemand
gestorben sei. Es seien mehrere Schüsse gefallen und er habe sich deswegen die
Pistole in den Mund stecken und sich erschiessen wollen. Er sei dann runter zum
Fluss. Er habe eine Zigarette rauchen und sich danach umbringen wollen. Er habe
niemanden umbringen wollen. Wenn das Lager verschlossen gewesen und die Pistole
nicht dort gewesen wäre, dann hätte er sich mit M.___ geschlagen, es wären die
Fäuste geflogen. 

 

Wo der Mann, auf den er geschossen habe,
gestanden sei? Der Beschuldigte zeichnet dessen Standort mit Nr. 8 ein. Er
glaube, dass der Mann da gestanden sei, als dieser die Türe geöffnet habe. Der
andere habe zu ihm geschaut, dann habe sich die Türe zum Zimmer 2 bewegt und in
diesem Moment habe sich der andere zum Türrahmen in seine Richtung begeben. Es
hätten innerhalb von drei Sekunden rund 25 Bewegungen stattgefunden. So habe er
dies empfunden, es sei sehr schnell gegangen. Er habe ihn nicht umbringen wollen.
Der Beschuldigte zeichnet beim WC zwei Kreuze ein, wo er dachte, dass sich
die Dusche befinde (Bezeichnung Nr. 9).

 

Er habe dem anderen Mann immer ins
Gesicht geschaut. Ob der andere Mann verletzt gewesen sei, als dieser die Türe
geöffnet habe? Das wisse er nicht. Er habe sich nichts überlegt. Er sei unter
Schock gestanden. Er habe die Dusche gehört. Die Türe zum Badezimmer sei
geschlossen gewesen. Er sei sich sicher gewesen, dass er niemanden treffe, weil
er die Dusche hinter der Wand vermutet habe. Er sei davon ausgegangen, dass M.___
in der Dusche sei. Als er das erste Mal geschossen habe, sei er in Panik
ausgebrochen. Es sei sehr laut gewesen, der Raum sei klein und es habe stark
zurückgehallt. Was er mit den Schüssen habe bezwecken wollen? Er habe gar nicht
schiessen wollen. Er habe mit der Pistole nur ein Zeichen setzen wollen,
einfach mit ihm reden oder streiten wollen. Wenn er die Pistole nicht dabeigehabt
hätte, wäre nichts passiert. Ob er etwas habe wahrnehmen können, nachdem er den
ersten Schuss abgefeuert habe? Nein, er habe gar nichts gehört. Er habe nicht
einmal einen Schrei hören können. Sogar O.___ sei dort gewesen, sie habe sicher
geschrien. Er könne sich aber an kein Geräusch erinnern. Vielleicht habe der
junge Mann sogar mit ihm geredet, er (der Beschuldigte) sei unter Schock
gestanden. Er könne sich erinnern, dass der Mann draussen vor dem Haus die
Lippen bewegt habe, er könne sich aber nicht erinnern, was dieser gesagt habe.
Vielleicht habe er wegen dem Lärm der Schüsse nichts gehört. Ob er neben dem
Mann im Badezimmer noch andere Personen in der Wohnung habe feststellen können?
Nein, in der Wohnung nicht. Wieso er dann gesagt habe, dass O.___ dort gewesen
sei? Weil O.___ 15 Minuten bevor er dort gewesen sei in die Wohnung gegangen
sei. Er sei davon ausgegangen, dass M.___ und O.___ in der Wohnung sein würden.
Wie er darauf komme? Weil die beiden nachher zusammen an den Geburtstag von N.___
gegangen wären und sie sich sicher dort habe umziehen wollen. O.___ sei auch im
[Restaurant] gewesen, weil sie dort gearbeitet habe. Ca. fünf Minuten, nachdem
sich M.___ von ihm verabschiedet habe, habe sich auch O.___ verabschiedet
gehabt. Er sei davon ausgegangen, dass sie in die Wohnung gehe. Als sich die
Türe vom Zimmer 2 bewegt habe, sei er davon ausgegangen, dass M.___ die Tür
bewegt habe und nicht O.___ zur Tür geschickt habe. Weshalb er nicht zuerst im
Zimmer von M.___ nachgeschaut habe, als er in die Wohnung gekommen sei? Weil M.___
ihm gesagt habe, dass er Duschen gehen wolle und er das Wasser gehört habe. Er
sei aufgebracht gewesen und habe plötzlich diese Waffe in seiner Hand
vorgefunden.

 

Welche Gedanken er sich in dem Moment
gemacht habe, als er realisiert habe, dass die «falsche» Person vor ihm stand?
Er habe sich gedacht: «Scheisse, wer ist das?». Dann habe er bereits Panik
bekommen. Weshalb er auf die Türe von M.___ und O.___ geschossen habe? Er habe
gedacht, dass M.___ im Zimmer 2 sei und habe ihn einschüchtern wollen, damit er
nicht rauskomme. Wo genau er die Pistole geladen habe? Bevor er hineingegangen
sei. Auf dem Plan auf Höhe der Markierung Nummer 5. Er sei Rechtshänder und
habe die Pistole in der rechten Hand gehalten. Wie genau er die Pistole gehalten
habe, als er abgedrückt habe? Er wisse es nicht. Er glaube in der rechten Hand.
Auf Frage: Als er angekommen sei, habe er bei der Hausecke seine Jacke
weggeworfen. Warum er seine Ausweise und Kleider weggeworfen habe? Er habe
diskutieren wollen und habe es in den Händen gehabt, das habe ihn gestört. Ob
er noch etwas ergänzen wolle? Er habe niemanden umbringen wollen.

 

2.5 Einvernahme vom 26. Juli 2016

 

Anlässlich der polizeilichen Einvernahme
vom 26. Juli 2016 machte der Beschuldigte folgende Aussagen (AS 289 ff.):

 

Er kenne sich nicht aus mit Waffen.
Selbstverständlich habe er die Waffe kurz angeschaut. Das erste Mal habe er die
Waffe aus Neugierde aus dem Lager entfernt. Er habe sie gesehen und gedacht
«hoppla». Er habe noch nie zuvor eine Waffe in den Händen gehalten. Das sei
zwei Wochen bis einen Monat vor der Tat gewesen. Dabei sei auch ein Holster aus
Leder gewesen. Dieses habe er vergessen zurückzulegen. Er habe gehofft, dass
sie es nicht merken, damit er dann die Gelegenheit habe, dieses wieder
zurückzulegen. Er habe die Pistole oftmals angefasst (um zu prüfen, ob sie an
der Hüfte auch wirklich festsass), ohne sie anzuschauen. Das habe er aus
Paranoia gemacht. Vielleicht 7 – 10 Mal. Am Tattag habe er sie einmal oder
zweimal angefasst. Die Paranoia habe er deswegen gehabt, weil er Angst gehabt
habe, die Waffe zu verlieren. Er habe einfach jeweils schauen wollen, ob die
Waffe noch da sei. Er habe die Waffe immer in seinem schwarzen Sack gehabt.
Diesen habe er immer bei sich gehabt. Er kenne sich im Magazin gut aus. Er sei
fast jeden Tag dort hin. Er habe auf die Gelegenheit gewartet, die Waffe wieder
zurückzulegen. Er habe für einen kurzen Moment auch überlegt, die Waffe zu
verkaufen. Am Tattag habe er die Waffe wieder in die Tasche reingetan. Es habe
dort zwei Magazine resp. Lagerräume. Eines gehöre zum Restaurant und eines zur [Baufirma].
Er sei ins Magazin der [Baufirma]. Die Türe sei offen gewesen. Er habe sich
gedacht, er gehe rein und nehme die Waffe. Er werde sie diesmal wahrscheinlich
verkaufen. Das sei am 4. Juli 2016 um 11:15 Uhr gewesen. Er habe die
Busschlüssel genommen. Als er die Waffe genommen habe, sei er alleine im
Magazin gewesen. Er habe die Waffe genommen, als L.___ nicht hingeschaut habe
resp. abgelenkt gewesen sei. L.___ habe das Lager vorher aufgeschlossen. Er,
der Beschuldigte, habe die Busschlüssel genommen. Ob die Türe also normalerweise
abgeschlossen gewesen sei? Er sei mit L.___ dort angekommen. L.___ habe ihm
gesagt, er solle die Schlüssel des anderen Busses holen, weil sie noch anderes
Material bräuchten. Während er dies getan habe, habe L.___ den Lagerraum
geöffnet. Er, der Beschuldigte, habe keinen Schlüssel zum Lagerraum gehabt. Zum
Lagerraum hätten nur L.___ und sein Bruder Zutritt gehabt. Er habe diese Waffe
beim ersten Mal dort zufällig gesehen. Sie sei in einem Plastikkessel gelegen.
Dieser sei beim Eingang links gewesen. Also ein bisschen weiter hinten, genau
hinter dem Klebstoff. In diesem Kessel sei ein Schwamm, eine Kelle und ein
kleiner Spachtel gewesen. Als er diese Sachen auf die Seite getan habe, habe er
die Waffe gesehen. In welchem Zustand diese gewesen sei? Beide Magazine seien
immer voll mit Patronen gewesen, keines eingesetzt. Beim ersten Mal habe er die
Waffe dann so zurückgelegt, wie er sie vorgefunden habe. Die Pistole sei im
Holster gewesen. Die zwei Magazine im Kessel. Die Munition sei ebenfalls im
Kessel gewesen. Nebst der in den beiden Magazinen abgefüllten Munition habe
sich noch eine Schachtel mit Munition befunden. Die beiden Magazine seien voll
gewesen, je mit acht Patronen. Am Tattag sei er mit der Pistole in der Tasche
ins Restaurant und habe überlegt, wem er diese verkaufen könne. Es seien nur so
vage, leere Gedanken gewesen. Er habe die Tasche immer bei sich gehabt. Als er
im gelben Haus angekommen sei, habe er die Waffe hervorgenommen und geladen,
das sei nicht so vorgesehen gewesen. Er sei angekommen, habe die Tasche auf den
Rasen gelegt, die Pistole genommen, das Magazin eingesetzt, eine Ladebewegung
gemacht und ins Haus gegangen. Er habe sich überlegt, in die Luft zu schiessen,
um M.___ einzuschüchtern. Doch die Sache sei dann anders herausgekommen. Das
zweite Magazin sei in der Tasche geblieben. Das habe er nicht mit ins Haus
genommen. Ob er zusätzliche Munition mit ins Haus genommen habe? Nein, die sei
in der Tasche geblieben. Als er unmittelbar nach der Tat diese Person gesehen
habe, habe er so getan, wie er nachladen würde, der andere sei darauf
reingefallen. Er habe gewollt, dass M.___ ihm das Geld und die Drogen zurückgibt
und ihm sagen, dass er ein Arschloch sei. Er habe ihn aber nicht umbringen
wollen. M.___ habe ihm CHF 600.00 geschuldet, die er ihm ausgeliehen habe. Und
vier Gramm Kokain. Er habe ihm immer wieder Geld gegeben, im Glauben er würde
ihm helfen, seine Ex-Freundin zu finden. Er habe ihn aber verarscht. Auf
Vorhalt: Er habe keinen Militärdienst geleistet. Im Umgang mit Waffen habe er
keine Erfahrung. Er habe sonst nur Waffen im Fernsehen angeschaut. Er habe
irgendwie eine Leidenschaft dafür gehabt. Ob er vor dem 4. Juli schon einmal
geschossen habe? Vor langer Zeit als kleines Kind auf einem Berg. Ein Freund
von ihm habe eine ganz kleine Waffe gehabt, welche unecht ausgesehen habe. Er
habe keinerlei Erfahrung gehabt. Wieso er dann gewusst habe, dass die Waffe
leer war, als der Schlitten hinten geblieben sei? Er habe das nicht gewusst,
nur gedacht.

 

2.6 Einvernahme vom 9. August 2016

 

Anlässlich der polizeilichen Einvernahme
vom 9. August 2016 machte der Beschuldigte folgende Aussagen (AS 315 ff.):

 

Unmittelbar vor der Tat sei er in der
Gartenwirtschaft im [Restaurant] gesessen. Drei Mädchen vom Service seien am
gleichen Tisch wie er am Mittagessen gewesen. O.___, N.___ und […]. Als die
drei dann fertig gegessen gehabt hätten, sei er alleine am Tisch gesessen, bis M.___
gekommen sei. Er, der Beschuldigte, habe viel Bier recht schnell getrunken,
sicher vier bis fünf Bier. Wie das Verhältnis von K.___ zu M.___ gewesen sei?
Sie seien Freunde gewesen. M.___ habe früher noch eine Bar in [in einer anderen
Ortschaft] geführt. K.___ sei eine grosse Nutte gewesen. M.___ habe ihr Arbeit
versprochen. Das Verhältnis zwischen ihnen sei lediglich durch die versprochene
Arbeit entstanden. Die Arbeit habe er ihr im Dezember 2015 versprochen. M.___
habe O.___ in [das Restaurant] gebracht. Dadurch habe K.___ keine Arbeit mehr
gehabt dort und ihr sei gekündigt worden. M.___ habe dann K.___ eine andere
Stelle organisieren wollen. Auf Vorhalt, wonach O.___ ausgesagt habe, K.___ nur
flüchtig zu kennen: Das stimme nicht. Er wisse, dass das alles Freundinnen
seien. Sie seien organisiert. Sie würden sich die Arbeit teilen. K.___, O.___, Q.___
und N.___ hätten im [Restaurant] gearbeitet. Im Service. Am Abend würden die
Mädchen arbeiten, die die Männer gerne anlachen, damit diese wiederkommen. Ob
diese Mädchen der Prostitution nachgingen? Das könne er nicht beweisen. Soviel
er wisse habe R.___ mit allen drei Mädchen etwas gehabt. K.___ habe mit R.___
Sex haben müssen. Ob er noch etwas ergänzen wolle? Er sei nun ein bisschen
klarer über das, was passiert sei. Er schäme sich. Er hätte akzeptieren müssen,
dass sie ihn verarschen oder extra etwas gegen ihn hätten machen wollen. Er
habe das nicht machen wollen. Er habe nur Informationen holen wollen, welche
ihm niemand habe geben wollen. Es sei eine grosse Dummheit gewesen. Er fühle
sich elend. Er werde jetzt bedroht. Er sei im Gefängnis von einem Mitinsassen
geschlagen worden. Sie wollten machen, dass er gelähmt bleibe. Gestern habe er gehört,
wie einer zu einem gesagt habe, jemand solle den Italiener schlagen, denn es
sei jemand da, der dafür zahlen werde. Jetzt wisse er, der Beschuldigte, sogar,
dass er dreimal geschossen habe. Die im Gefängnis hätten das gesagt. So habe er
das jetzt erfahren. 

 

2.7 Aussage vom 22. August 2016

 

Anlässlich der polizeilichen Einvernahme
vom 22. August 2016 machte der Beschuldigte folgende Aussagen (AS 334 ff.):

 

Was er nach der Tat gemacht habe? Als er
rausgegangen sei, sei er verängstigt gewesen und habe sich gedacht, was er
angestellt habe. Er habe nicht weg können, er habe anhalten müssen. Er habe
rausgehen und weglaufen wollen, es sei aber jemand rausgekommen. Was nachher an
der Strasse oberhalb der Liegenschaft passiert sei? Er sei vom Haus
weggelaufen. Er habe beim Punkt X1 (wird auf einer beiliegenden Karte
eingezeichnet) angehalten. Dort sei ein junger Mann gewesen (X2). Er, der
Beschuldigte, sei stehen geblieben und habe den jungen Mann angeschaut. Er habe
sich gedacht, dieser junge Mann habe auch eine Waffe in der Hand. Es könne aber
sein, dass er sich getäuscht habe. Er sei dann rückwärts gelaufen und habe in
diesem Moment das leere Magazin rausgenommen, weil er gedacht habe, die Polizei
komme. Er habe sich erschiessen wollen. Dann habe er das volle Magazin
eingesetzt. Er habe schon einmal versucht, das leere Magazin herauszunehmen,
weil er damit habe Angst machen wollen. Er habe eine Finte gemacht. Aber zu
diesem Zeitpunkt habe er es gewechselt, weil er sich habe umbringen wollen, für
den Fall, dass die Polizei gekommen wäre. Was er mit rückwärts laufen meine? Er
sei in diesem Moment rückwärts gelaufen, etwa drei bis vier Sekunden lang mit
Blickrichtung auf den jungen Mann (X2). Auf Vorhalt, ob er somit die Person,
welche er als X2 eingezeichnet habe, erst gesehen habe, als er schon an diesem
vorbeigelaufen und beim eingezeichneten Punkt X1 angekommen sei? Als er aus dem
Haus gekommen sei, sei der andere rausgekommen. Er habe ihn mit der Waffe
bedroht. In dem Moment habe er die Finte gemacht. Der Mann sei auf dem Rasen
gelegen. Er, der Beschuldigte, sei gegangen. Der andere sei ihm hinterhergelaufen.
Nicht auf dem genau gleichen Weg. Als er, der Beschuldigte, beim Punkt X1
gewesen sei, habe er das volle Magazin eingesetzt. Der andere sei ihm die ganze
Zeit hinterhergelaufen, aber auf einem anderen Weg. Was er mit Finte meine? Er
sei ausgeschossen gewesen, der Schlitten hinten. Er habe das leere Magazin
entnommen und gleich wieder eingesetzt und eine Ladebewegung gemacht. Der
andere habe sich dann aus Angst auf den Boden gelegt. Was der Zustand der Waffe
beim Verlassen des Punktes X1 gewesen sei? Er habe den jungen Mann angesehen
und gesehen, dass dieser sich nicht bewegt habe. Er habe sich umgedreht und die
Waffe geladen. Für sich. Dann habe er nicht mehr zum jungen Mann geschaut. Er
habe noch eine Tasche dabei gehabt. Darin habe er noch ein volles Magazin
gefunden. Als er die Waffe geladen habe, habe er sich bereits vom jungen Mann
weggedreht und sei seines Weges gegangen, ohne sich nochmal nach dem Mann
umzudrehen. Welche Manipulationen er am Punkt X1 an der Waffe gemacht habe? Er
habe sich zu X2 umgedreht, sei stehen geblieben, habe das leere Magazin
herausgenommen und das volle Magazin eingesetzt. Eine Ladebewegung habe er
nicht gemacht. Er sei dann wieder vorwärts gegangen. Er habe noch einzelne
Schüsse in der Tasche gehabt. Er habe diese in die Hand genommen und sie in die
Hosentasche gelegt. Wieso wisse er nicht. Er habe das leere Magazin genommen
und die Schüsse in dieses aufgefüllt. Er wisse nicht, wieso er das gemacht
habe, eigentlich hätte ein Schuss für seinen Kopf gereicht. Bei Punkt X3 habe
er das Magazin gefüllt resp. sei mit dem Auffüllen fertig gewesen. Er habe
dieses im Gehen aufgefüllt. Bei Punkt X5 habe er D.___ gesehen. Bei Punkt X4
sei eine Person gestanden, die er nicht kenne. Es sei einfach ein Kunde vom [Restaurant].
Er habe dann die Strasse überquert und habe junge Leute nach einer Zigarette
gefragt. Das sei bei Punkt X6 gewesen. Er habe vorgehabt, eine Zigarette zu
rauchen und sich umzubringen. Er habe gehofft, dass niemand gestorben sei. Als
er an der Brücke angelangt sei, habe er die Waffe nehmen wollen, um sich
umzubringen. Dann sei die Polizei gekommen. Irgendwas habe geklemmt und er habe
die Pistole nicht aus der Tasche nehmen können. Er sei nervös geworden und habe
schliesslich die Tasche in den Fluss geworfen. Ab welchem Zeitpunkt er die
Pistole wieder in der Tasche verstaut habe? Ab Punkt 7. Als er zum Haus hinaus
gegangen sei, habe er sie ja schon in die Tasche getan. Am Punkt X1, nachdem er
Sichtkontakt mit dem Mann an Punkt X2 gehabt habe, sich bereits wieder
umgedreht habe und wieder vorwärts gelaufen sei, habe er das Magazin
eingesetzt. Dafür habe er die Waffe nicht einmal aus der Tasche herausnehmen
müssen. Er habe das in der Tasche machen können. Die Pistole noch zu laden habe
er aber nicht geschafft. Hernach korrigiert sich der Beschuldigte: Er
glaube jetzt, dass er die Waffe nach dem Magazinwechsel geladen habe. Beim
Punkt X8 habe er sie geladen. Er habe die Ladebewegung in der Tasche gemacht.
Ob er somit in der Zeit zwischen dem Verlassen der Liegenschaft […] und seiner
Anhaltung durch die Polizei die Waffe nie aus der Tasche genommen habe? Nein.
Er glaube nicht. Er sei überzeugt, dass alles in der Tasche passiert sei. Auf
Vorhalt, bei seiner Verhaftung sei eine ausgeworfene Hülse in seiner
Hosentasche gefunden worden. Was es damit auf sich habe? Er könne diese Frage
nicht beantworten. Er hätte die Hülse ja in die Hosentasche stecken müssen,
anders wäre das gar nicht möglich. Er habe das gar nicht gesehen. Das sei ihm
gar nicht bewusst.

 

2.8 Aussage vom 14. September 2016

 

Anlässlich der polizeilichen Einvernahme
vom 14. September 2016 machte der Beschuldigte folgende Aussagen (AS 342 ff.):

 

Was mit den bei ihm sichergestellten
Handschellen sei? Diese habe er in einem Sexshop gekauft. Er habe sie immer
dabei gehabt, um sich umzubringen. Dies schon seit drei bis vier Monaten. Er
habe nach einer Lösung gesucht, dass er sich nicht befreien könne. Wieso die
Handschellen oberhalb des Hauses [an der Tatortadresse] auf der Strasse
gefunden worden seien? Er habe das Magazin in der Tasche gesucht. Die
Handschellen seien ihm dabei im Weg gewesen, deshalb habe er sie in die Wiese
geworfen. Als er ins Haus sei, habe er die Handschellen in der Tasche gelassen,
welche er vor dem Haus abgelegt habe. Von dem Tag, als K.___ ihn verlassen
habe, habe er die Absicht gehabt, sich umzubringen, nicht erst nach der Tat. Es
habe keinen Tag gegeben, an dem er nicht daran gedacht habe. Es habe sehr wenig
gefehlt, dass er sich umgebracht hätte. Er sei sehr nah dran gewesen. Zu Hause
habe er sich nicht erhängen können, weil es zu wenig hoch gewesen sei. Er habe
es probiert. Er habe sicher zehn Mal versucht, sich umzubringen. Auf Vorhalt,
wonach er in der Einvernahme vom 4. Juli 2016, Frage 5, ausgesagt habe, er habe
mit der Waffe dem Chef vom [Restaurant] Angst machen wollen. Er habe ihn mit
der Waffe unter Druck setzen wollen, dass dieser ihm sage, wo K.___ sei. Am
Tattag habe er in seinen Effekten eine Notiz mit sich geführt, auf welcher er R.___,
also den Chef des [Restaurants], verfluche. Was er dazu sage? Diese Aussage vom
4. Juli 2016 stimme nicht. Er habe das so nicht gesagt. Er habe gesagt, dass er
die Waffe mit in [das Restaurant] genommen habe und dann zu M.___ gegangen sei.
Das sei ein Missverständnis gewesen. Er habe M.___ bedrohen wollen, nicht R.___.
Der Text, welchen er über R.___ verfasst habe, habe keinen Zusammenhang zur
Tat. Wieso er denn im [Restaurant] die Pistole dabei gehabt habe? Weil er sich
habe erschiessen wollen. R.___ sei sowieso zu der Zeit [in seiner Heimat] gewesen.

 

2.9 Einvernahme vom 13. Oktober 2016

 

Anlässlich der polizeilichen Einvernahme
vom 13. Oktober 2016 wurden dem Beschuldigten diverse Facebook-Nachrichten
vorgelegt. Dabei machte er im Wesentlichen folgende Aussagen (AS 360 ff.):

 

Er habe diese Nachrichten nicht so gemeint.
Er habe damit erreichen wollen, dass ihm jemand schreibe oder ihn anrufe. An
den Fantasienamen [«Y.___»] erinnere er sich nicht mehr. Er glaube aber schon,
dass er den entsprechenden Text geschrieben habe. Als K.___ ihn verlassen habe,
habe er drei M