# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** f0efae9f-730a-57c0-83ed-432e2c7e8ca9
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2019-06-21
**Language:** de
**Title:** Ein in einer Linsenpackung enthaltenes Steinchen qualifiziert bei entsprechendem Verpackungshinweis nicht als ungewöhnlicher äusserer Faktor
**Docket/Reference:** UV.2018.00303
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/UV.2018.00303.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
UV.2018.00303
IV. Kammer
Sozialversicherungsrichter Hurst, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Philipp
Sozialversicherungsrichter Vogel
Gerichtsschreiberin Hediger
Urteil
vom
21. Juni 2019
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
gegen
Mutuel
Assurances
SA
Rechtsdienst
Rue des
Cèdres
5, Postfach, 1919 Martigny
Groupe
Mutuel
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
Die 196
2 geborene
X.___
arbeitete
seit 2005
als
Res
s
ortleiterin
bei der
Y.___
, Zürich, und war dadurch bei der
Mutuel
Assurances
SA
(nachfolgend:
Mutuel
) obligatorisch
gegen die Folgen von Unfällen versichert
.
Am 27. Februar 2018 zog sich die Versicherte beim
Essen eines
Linsensalat
s
einen Zahnschaden
zu
(
vgl. Bagatellunfall
meldung vom 2
8
.
Februar 2018,
Urk. 8/1). Den
Sachverhalt schilderte sie wie folgt:
«
Ich habe ordnungsgemäss Linsen zube
reitet
– gewa
s
chen und gekocht -
und beim Essen auf einen Stein gebissen
»
. Den Fremdkörper habe sie «offensichtlich geschluckt»
(
vgl. Fragebogen vom 6.
März 2018,
Urk.
8/3
).
Der selben Tags
erst
behandelnde Zahnarzt Dr. med.
dent
.
Z.__
diagnostizierte
auf
Zahn 15 eine Kronenfraktur mit Pulpabeteiligung sowie Wurzelfraktur
(
vgl.
Bericht vom 8. März 2018, Urk. 8/4
).
Mit Verfügung vom 22.
Mai 2018 lehnte die
Mutuel
eine Leistungspflicht ab und begründete dies damit, die blosse Vermutung, ein Fremdkörper habe einen Zahnschaden ver
ursacht, genüge nicht zur Annahme eines ungewöhnlichen
äusseren
Faktors (Urk.
8/5). Der am 22. Juni 2018 dagegen erhobene Einwand (Urk. 8/7) wies die
Mutuel
mit
Einspracheentscheid
vom 19. November 2018 ab (Urk. 2).
2.
Dagegen erhob
X.___
am
20. Dezember 2018
Beschwerde und beantragte, es sei
das Ereignis
vom
27
. Februar 2018
als versicherter
Unfall
anzuerkennen und
es seien ihr
Leistungen der Unfallversicherung
zuzusprechen (Urk. 1).
Die Beschwerdegegnerin schloss mit Beschwerdeantwort vom
13. März 2019
auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 7)
, was der Beschwerdeführerin am 22. März 2019 zur Kenntnis gebracht wurde
(Urk. 9)
.
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2017 sind die am 25. September 2015 beziehungsweise am
9. No
vember 2016 verabschiedeten geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes
über die Unfallversicherung (UVG) und der Verordnung über die Unfallversiche
rung (UVV) in Kraft getreten.
Der
hier zu be
urteilende
Sachverhalt
hat sich am 27. Februar 2018 ereignet, wes
halb die ab dem
1. Januar 2017
gültig gewesenen Normen auf den vorliegenden Fall Anwendung finden und in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Gemäss Art. 6
des
UVG werden – soweit das Gesetz nichts
anderes
bestimmt – die Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufs
krankheiten gewährt (Abs. 1). Die Versicherung erbringt ihre Leistungen auch
bei folgenden
Körperschädigungen, sofern sie nicht vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen sind (Abs. 2): Knochenbrüche (
lit
. a), Verrenkungen von Gelenken (
lit
. b), Meniskusrisse (
lit
. c), Muskelrisse (
lit
. d), Muskelzerrungen (
lit
. e), Sehnenrisse (
lit
. f), Bandläsionen (
lit
. g) und Trommelfellverletzungen (
lit
. h). Ausserdem erbringt die Versicherung ihre Leistungen für Schädigungen, die der verunfallten Person bei der Heilbehandlung zugefügt werden (Abs. 3).
1.3
Nach Art. 10 Abs. 1
UVG
hat die versichert
e Person Anspruch auf die
zweck
mässige
Behandlung ihrer Unfallfolgen. Den gesetzlich umschriebenen Anspruch auf Heilbehandlung hat die versicherte Person so lange, als von der Fort
setzung der ärztlichen Behandlung eine namhafte Verbesserung ihres Gesund
heits
zu
standes erwartet werden kan
n und allfällige
Eingliederungs
massnahmen
der Invalidenversicherung (IV) noch nicht abgeschlossen sind (Art. 19 Abs. 1 UVG e
contrario
). Ist sie infolge des Unfa
lls voll oder teilweise arbeits
unfähig, so steht ihr
gemäss
Art. 16 Abs. 1 UVG ein Taggeld zu.
1.4
Ein Unfall ist gemäss Art. 4
des Allgemeinen Teils des Sozialversicherungsrechts (
ATSG
)
die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines unge
wöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beein
träch
tigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat.
1
.5
Nach der Rechtsprechung bezieht sich
das
Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selber. Ohne Belang für die Prüfung der Ungewöhnlichkeit ist somit, dass der äussere Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich zog. Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er – nach einem objektiven Massstab – den Rahmen des im jeweiligen Lebensbereich Alltäglichen oder Üblichen überschreitet. Ausschlag
gebend ist also, dass sich der äussere Faktor vom Normalmass an Umwelteinwir
kungen auf den menschlichen Körper abhebt. Ungewöhnliche Auswirkungen allein begründen keine Ungewöhnlichkeit (BGE 134 V 72 E. 4.1 und E. 4.3.1 mit Hinweis).
2.
2.1
I
m angefochtenen
E
insprachee
ntscheid
erwog die
Beschwerdegegnerin
,
es handle sich bei der Sachverhaltsschilderung der Beschwerdeführerin,
wonach
sie beim Verspeisen des
von ihr
selbst zubereiteten Linsensalates auf ein
Steinchen gebissen
und sich dadurch einen Zahnschaden zugezogen habe
, lediglich
um
eine Vermutung
. Sodann
würden Bestandteile, mit denen in einem Nahrungsmittel gerechnet werden müssten,
rechtsprechungsgemäss
keinen ungewöhnlichen Faktor
darstellen.
Selbst wenn
die
Beschwerdeführerin auf ein Steinchen gebissen habe, so liege
dies im Rahmen
des Alltäglichen und Üblichen
(Urk. 2).
2.2
Die Beschwerdeführerin
stellte sich auf den Standpunkt
,
es sei überwiegend wahr
scheinlich, dass sie beim Linsen
E
ssen auf ein
Stein
chen gebissen habe.
Insbeson
dere sei bekannt, dass trockene Linsen manchmal, wenn auch selten
,
kleine Stein
chen
enthielten
.
Da
in
Linsen enthaltene Steinchen
eine Seltenheit seien, liege
damit
ein
ungewöhnlich
er äusserer Faktor vor und sei der Unfallbegriff
erfüllt
(Urk. 1).
2.3
St
rittig und zu prüfen ist, ob die
Beschwerdeführer
in
nach den Umständen des Geschehens vom
27. Februar 2018
einen leistungsbegründenden Unfall im Sinne von Art. 4 ATSG erlitten hat.
3.
3.1
Im
Urteil 9C_19/2008 vom 3. Juni
2008
ging es um eine
versicherte Person
,
die
beim Essen von Butterzopf mit Aprikosenkonfitüre auf einen harten Gegenstand
biss
und sich dadur
ch einen Zahnschaden zuzog
; den Fremdkörper,
der den Zahn
schaden
verursacht haben soll,
hatte sie ver
schluckt.
Das Bundesgericht kam zum Schluss
,
bei dieser Sachlage
könne
nicht
rechtsgenüglich
festgestellt werden, ob der Zahnschaden durch einen ungewöhnlichen äusseren Fakto
r verursacht wor
den sei. Letzteres sei
für die Bejahung ein
es Unfalls im Rechtssinne
indes
voraus
zusetzen. Zufolge
Beweislo
sigkeit habe die versicherte Person
die Folgen aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt - Zahnschädigung durch einen Fremd
körper - selber zu tragen. Im
Urteil 8C_215/2013 vom 4. Juni
2013
hatte das Bundesge
richt sodann einen Sachverhalt zu beurteilen, wonach der versicherten Person beim
Nussbrot-Sandwich
Essen
zufolge eines
Fremdkörper
s
(Nussschale)
ein
Zahn
abgebrochen war. Erneut hielt es fest, die
blosse Vermutung, der Zahnschaden sei durch einen Fremdkörper verursacht worden,
genüge
nicht für die Annahme eines
ungewöhnlichen äusseren Faktors.
Eine blosse Vermutung, dass der Schaden durch
einen ungewöhnlichen äusser
en Faktor eingetreten sei, liege
nach der Rechtsprechung insbesondere auch dann vor, wenn der fraglic
he Gegenstand zwar benannt
, der entsprechende Nachweis aber nicht erbracht werden konnte
(E.
3 mit weiteren Hinweisen). Dem
Urteil 8C_250/2016 vom 20. Juni
2018
l
ag schliesslich
der folgende
Sachverhalt zugrunde: Die versicherte Person
biss
beim Ess
en
von Kartoffelgratin auf einen harten Gegenstand
und
verschluckte diesen hernach
. Dazu erwog da
s Bundesgericht
abermals
,
nach
st
ä
ndiger Rechtspre
chung
genüge
die blosse Vermutung
, der Zahnschaden sei durch einen Fremd
körper verursacht worden,
für die Annahme eines ungewöhnlichen äusseren Fak
tors nicht
.
Da die versicherte Pers
on den fraglichen Gegenstand verschluckt habe
und deshalb lediglich die Vermutung
habe anstellen können
, es habe sich um ein kleines Steinchen gehandelt,
sei
nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz eine Zahnschädigung durch ein Steinchen als nicht überwie
gend wahrscheinlich erachtet habe
(
E. 4.1
mit weiteren Hinweisen).
3.2
Dem
Urteil 8C_191/2018 vom 21. Dezember
2018
lag folgender Sachverhalt zugrunde: Eine
versicherte Person
kaufte sich
einen abgepack
t
en, essfertigen Salat mit Oliven.
Die Verpackung enthielt
kein
en
Hinweis
darauf, ob
die ent
hal
tenen Oliven entstein
t oder nicht entsteint
waren
. Die versicherte
Person biss
in der Folge
auf ei
nen Olivenstein
und
erlitt dadurch
einen
Zahn
schaden
. Das Bun
desgericht
verneinte den Unfallbegriff infolge fehlender Ung
e
wöhnlich
keit; die v
ersicherte
Person habe
infolge fehlendem Verpackungshinweis mit
Steinen in den Oliven rechnen
müssen (E. 5.2).
A
nders
verhält es sich, wenn die versicherte Person
einen Beutel mit ausdrü
cklich entsteinten Oliven kauft.
So bejahte das Bundesgericht die Ungewöhnlichkeit des äusseren Faktors im
Urteil 8C_985/210 vom 20. April 2011
bei folgendem
Sachverhalt
: Eine versicherte Person
kaufte
einen
Beutel mit entkernten Oliven, welche sie zum Backen eines Olivenbrots verwendete.
Beim
Verzehr
des
selbstgebackenen Brots
biss sie
auf einen Oliven
stein
, wodurch sie sich einen Zahn brach. Dazu hielt das Bundesgericht fest, e
nt
kernte Oliven
sollten keine Steine enthalten. Entsprechend bejahte es den Unfall
begriff
(E.
6).
4.
Es ist unbestritten, d
ass die Beschwerdeführerin das
f
ragliche
Stein
chen im Linsensalat
verschluckte
.
Unter Hinweis auf die ständige Rechtsprechung des Bundesgerichts
(E. 3.1
)
kann der
geltend gemachte
Unfallhergang
damit
nicht
rechtsgenüglich
nachgewiesen werden
und
ist
die Leistungspflicht der Beschwer
degegnerin bereits vor diesem Hintergrund zu verneinen.
Was die Beschwerde
führerin
beschwerdeweise
dagegen vorbrachte (vgl. Urk. 1 Ziff. 19 ff.)
,
erweist sich als
unbehelflich
.
Weiterungen
diesbezüglich
erübrigen sich
.
Selbst wenn – der Darstellung der Beschwerdeführerin folgend –
davon ausge
gangen würde,
die
verspiesenen
Linsen
sei
en
mit einem Steinchen verunreinigt gewesen
, s
o
liesse sich daraus
nichts zum
Vorteil
der Beschwerdeführerin
ablei
ten; d
em
Verpackungshinweis auf der Rückseite der
einschlägigen M-Classic Linsen
(Art.-Nr.1050.061)
ist folgende Information zu entnehmen:
«
Trotz sorgfäl
tiger Verarbeitung können gelegentlich Steinchen und andere Fremdkörper vor
kommen». Soweit das Bundesgericht im Urteil 8C_985/210 vom 20. April 2011
das Vorhandensein
eine
r
nicht entsteinten Olive in
einer ausdrücklich
als
ent
steint
bezeichneten
Olivenpackung
als ungewöhnlich im Sinne des Unfallbegriffs taxierte
, so muss
d
ies im Umkehrschluss
bedeuten
,
dass bei einem in der ein
schlägigen M-Classic Linsenpackung
enthaltenen Stei
nchen -
dem ausdrückli
chen
Verpackungsh
inweis
auf allfällige Verun
reinigungen mit Steinchen oder anderen Fremdkörpern
entsprechend - nicht von einem ungewöhnlichen äusseren Faktor die Rede sein kann
.
Ganz abgesehen davon,
hat
die Beschwerdeführerin selbst
darauf hingewiesen
, es sei bekannt, dass trockene Linsen manchmal Stein
chen enthalte
n
(damit konkordant das Schreiben
der
A.___
-Kundenberat
er
in
vom 8. März 2018, Urk.
8/7/5
)
.
Dass es sich bei einem als bekannt
vorauszu
setzenden
Sachverhalt nicht gleichzeitig um einen
ausserge
wöhnlichen
äu
sseren
Faktor
handeln kann
,
versteht sich von selbst
.
Mangels
ausserge
wöhnlichen
äu
sseren
Faktor
s
ist
der streitgegen
ständliche Sach
verhalt nicht als Unf
all
im
Sinne
von Art. 4 ATSG
zu qualifizieren
.
Der Voll
stän
digkeit halber bleibt darauf hinzuweise
n
, dass das
Ereignis vom 27
.
Februar 2018
k
eine unfallähnliche Körperschädigung im Sinne von Art.
6
Abs. 2
UVG
(vgl. E. 1.2)
zur Folge hatte, was
die Beschwerdeführerin denn auch zu Recht nicht behauptet.
5.
Nach dem Gesagten
erweist sich
der leistungsabweisende
Ein
spracheentscheid
vom 19. November 2018
als rechtens
und
ist
die Beschwerde
abzuweisen.
Das Gericht erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Das Verfahren ist kostenlos.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
X.___
-
Mutuel
Assurances
SA
-
Bundesamt für Gesundheit
4.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundesge
setzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mit
tel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizu
legen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
HurstHediger