# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 59c27980-0a5e-5dbb-905f-071173bae5fe
**Source:** Zürich (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2011-10-27
**Language:** de
**Title:** Zürich Obergericht Weitere Kammern 27.10.2011 DG110011
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/ZH_Obergericht/ZH_OG_999_DG110011_2011-10-27.pdf

## Full Text

Bezirksgericht Horgen 
III. Abteilung    
 
 

Geschäfts-Nr.: DG110011-F/UB 

 

Mitwirkend: Vizepräsident lic. iur. B. Derungs als Vorsitzender, Bezirksrichterin 

lic. iur. M. Bättig, Ersatzrichterin lic. iur. B. van de Graaf, Gerichts-

schreiber Dr. iur. D. Gfeller  

Urteil vom 27. Oktober 2011 

 
in Sachen 

 
Staatsanwaltschaft See/Oberland,  
Anklägerin 
 

sowie 
 

A._____, 
Privatklägerin 
 

vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. X._____, 

 

gegen 
 

B._____,  
Beschuldigte 
 

amtlich verteidigt durch Rechtsanwältin Dr. iur. Y._____,  

 

betreffend vorsätzliche Tötung 
 

- 2 - 

 

Anklageschrift: 

Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft See/Oberland (act. 35) ist diesem Urteil 

beigeheftet. 

An der Hauptverhandlung anwesende Parteien: 
(Prot. S. 2) 

Staatsanwalt lic. iur. Manuel Kehrli, die Beschuldigte in Begleitung ihrer amtlichen 

Verteidigerin Rechtsanwältin Dr. iur. Y._____ sowie die Privatklägerin A._____. 

Anträge: 

1. Der Staatsanwaltschaft See/Oberland: (act. 48 S. 1 f.) 

1. Schuldigsprechung im Sinne der Anklage 
2. Bestrafung mit 7 Jahren Freiheitsstrafe, unter Anrechung der erstande-

nen Haft 
3. Anordnung einer ambulanten Behandlung im Sinne von Art. 63 Abs. 1 

StGB (ohne Strafvollzugsaufschub) 
4. Einziehung der mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons 

Zürich vom 9. Dezember 2009 (HD act. 16/7) beschlagnahmten Tatwaf-
fe, Projektilen, Projektilteilen, Patronen und Hülsen und Überlassung 
dieser Gegenstände der Kapo KTA-FND-SP zur gutscheinenden Ver-
wendung 

5. Einziehung des mit Verfügung vom 9. Dezember 2009 (HD act. 16/6) 
beschlagnahmten Bargeldes und Verwendung zur Kostendeckung 

6. Einziehung und Vernichtung folgender mit Verfügung vom 9. Dezember 
2009 (HD act. 16/7) beschlagnahmter Gegenstände: 

 - 1 Waffenerwerbsschein (A 002'128'145) 
 - 1 Quittung Firma "C._____", C._____ AG über den Revolverkauf (A 

002'128'123) 
 - 1 Putzzeug und 1 Universalöl für Waffe (A 002'128'098) 
 - 5 Pufferpatronen (A 002'127'971) 
 Rückgabe der weiteren in dieser Verfügung (HD act. 16/7) aufgeführten 

Gegenstände und Unterlangen an die Beschuldigte 

- 3 - 

7. Kostenauflage an die Beschuldigte, wobei die Kosten der amtlichen Ver-
teidigung auf die Staatskasse zu nehmen sind. 

 

2. Der Verteidigerin: (act. 49 S. 1) 

1. Die Beschuldigte sei freizusprechen. 
2. Für die zu Unrecht erlittene Untersuchungshaft von 7 Monaten und 

18 Tagen sei der Beschuldigten eine angemessene Entschädigung  
zuzusprechen. 

3. Die Beschuldigte sei für ihre wirtschaftlichen Einbussen aufgrund der 
Beteiligung am Strafverfahren mit Fr. 7'585.– aus der Staatskasse zu 
entschädigen. 

4. [entfällt] 
5. Die Kosten des Verfahrens seien der Staatskasse aufzuerlegen, soweit 

sie durch die Privatklägerschaft verursacht wurden, seien sie dieser zu 
überbinden. 

 

3. Der Beschuldigten: (sinngemäss)  

- Entscheid gemäss den Anträgen der Verteidigerin 

 

4. Der Privatklägerschaft: (Prot. S. 4, sinngemäss)  

- Verzicht auf Schadenersatz und Genugtuung 

- Verzicht auf strafrechtliche Verfolgung der Beschuldigten 

- 4 - 

Erwägungen: 

I. Prozessgeschichte 

1. Am späten Abend des 1. Oktober 2009, circa 22:00 Uhr, schoss die Be-

schuldigte unbestrittenermassen in ihrem Zimmer der Familienwohnung an 

der D._____-Strasse ... in … E._____ mehrere Male auf ihren Vater 

+F._____. Der Schussabgabe vorausgegangen war eine verbale und teils 

tätliche Auseinandersetzung zwischen der Beschuldigten und ihrem Vater. 

Nach der Schussabgabe floh die Beschuldigte aus der Wohnung und begab 

sich zu Bekannten nach Thalwil. Die Bekannten benachrichtigten daraufhin 

die Polizei. Um circa 23:15 Uhr konnte die Beschuldigte von Funktionären 

der Kantonspolizei Zürich festgenommen werden.  

2. Die Beschuldigte wurde noch am frühen Morgen des 2. Oktober 2009 um 

02:00 Uhr vom untersuchungsführenden Staatsanwalt einvernommen 

(Hafteinvernahme, HD 6/1) und anschliessend in Haft genommen. Am 18. 

Mai 2010, 10:30 Uhr, wurde sie aus der Untersuchungshaft entlassen 

(HD 24/23). Mit Verfügung vom 4. Juni 2010 wurde ihr der vorzeitige Mass-

nahmeantritt bewilligt (HD 24/24). Die Schlusseinvernahme fand am 26. Au-

gust 2010 statt (HD 6/22). 

3. Die Staatsanwaltschaft erhob am 25. Mai 2011 gegen die Beschuldigte An-

klage wegen vorsätzlicher Tötung im Sinne von Art. 111 StGB (act. 35). Mit 

Verfügung gleichen Datums stellte sie das gegen die Beschuldigte eröffnete 

Verfahren wegen strafbarer Vorbereitungshandlung zu Tötung zum Nachteil 

von G._____ ein (HD 33).  

4. Mit Eingaben vom 13. resp. 17. Juni 2011 widerrief A._____ verschiedene in 

der Untersuchung zum Tatablauf gemachte Aussagen und beantragte ein 

DNA-Gutachten der Tatwaffe (act. 39-41). Mit Verfügung vom 24. August 

2011 wurden die Parteien unter Bekanntgabe der Gerichtsbesetzung zur 

Hauptverhandlung vorgeladen und ihnen mitgeteilt, dass an der Hauptver-

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handlung nebst der Befragung der Beschuldigten keine eigenen Beweisab-

nahmen durch das Gericht erfolgen würden (act. 43). Am 25. Oktober 2011 

fand die Hauptverhandlung statt, an welcher die eingangs erwähnten Perso-

nen anwesend waren (Prot. S. 2 ff.). Das Urteil wurde am 27. Oktober 2011 

mündlich eröffnet und begründet (Prot. S. 8). Mit Eingaben vom 31. Oktober 

2011 resp. 7. November 2011 meldeten die Staatsanwaltschaft und die Pri-

vatklägerin Berufung an (act. 54, act. 55). 

II.Sachverhalt 

1 Vorbemerkungen 

1.1 Anklagevorwurf 

1.1.1 Die Staatsanwaltschaft wirft der Beschuldigten vor, im Zimmer der ein-

gangs beschriebenen Wohnung bewusst und gewollt aus einem Revolver "insge-

samt fünf Schüsse in schneller Folge gezielt gegen ihren auf sie zukommenden 

Vater +F._____" (act. 35 S. 2) abgegeben zu haben. +F._____ habe dadurch 

einen Körperdurchschuss vom Kiefer links zum Hals seitlich rechts, eine 

Streifschusswunde am linken Ohr, eine Brustdurchschusswunde von der Brust 

vorne rechts zum Brustkorb hinten rechts, welche zu einer Lungengewebeverlet-

zung im rechten Lungenflügel mit letalem Blutverlust geführt habe, sowie eine 

Steckschusswunde von der Bauchdecke links zum Gesäss links hinten erlitten. 

Aufgrund des durch den Lungendurchschuss erlittenen massiven Blutverlustes sei 

+F._____ circa 22:40 Uhr noch in der Wohnung verstorben (act. 35).  

1.1.2 Für dieses Verhalten fordert die Staatsanwaltschaft eine Verurteilung der 

Beschuldigten wegen vorsätzlicher Tötung zu sieben Jahren Freiheitsstrafe (act. 

35, act. 48 S. 1). Die Verteidigung beantragt demgegenüber, die Beschuldigte sei 

(infolge Notwehr) freizusprechen, eventualiter sei sie des Totschlags schuldig zu 

sprechen (act. 49 S. 1, S. 47). 

1.2 Anträge der Privatklägerin 

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Die Privatklägerin hat in ihrem Antrag betreffend Zivilansprüche, das sie zuhan-

den der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich einreichte, festgehalten, dass 

ihr kein Schaden entstanden sei und sie auf Schadenersatz bzw. Genugtuung 

verzichte (act. 20/12). Im Formular "Geltendmachung von Zivilansprüchen und 

Konstituierung als Privatklägerschaft" hat sich die Privatklägerin als solche konsti-

tuiert, wobei sie offen liess, ob sie die Verfolgung und Bestrafung der Beschuldig-

ten verlange. Ebenso liess sie Schadenersatz und Genugtuungsbegehren offen 

(act. 20/5). Schliesslich hat die Privatklägerin anlässlich der Hauptverhandlung 

explizit auf Schadenersatz (und zumindest sinngemäss auf Genugtuung) verzich-

tet. Der Verzicht auf Genugtuung erfolgte zwar nicht explizit, doch ist aus ihren 

bisherigen Anträgen, in denen sie darauf verzichtete (act. 20/12), bzw. Genugtu-

ung nicht ausdrücklich verlangte (act. 20/5), insbesondere in Verbindung mit ihrer 

Aussage, dass es "absurd" wäre, Schadenersatz zu verlangen (Prot. S. 4), abzu-

leiten, dass sie auch auf Genugtuung verzichtet. Zudem führte die Privatklägerin 

aus, dass sie glaube, dass die Beschuldigte +F._____ "nicht umbringen wollte", 

und sie es falsch fände, "wenn [die Beschuldigte] jetzt ins Gefängnis müsste." 

(Prot. S. 4). Damit ergibt sich, dass die Privatklägerin auf Zivilansprüche verzich-

tet und keine strafrechtliche Verfolgung der Beschuldigten verlangt.  

1.3 Stellungnahme der Beschuldigten 

Die Beschuldigte anerkannte während des gesamten Verfahrens den Anklagesa-

chverhalt insofern, als sie eingestand, auf +F._____ geschossen zu haben und ihr 

im Tatzeitpunkt bewusst gewesen sei, was sie mit der Waffe mache. Sie machte 

indessen geltend, in Notwehr gehandelt zu haben, ansonsten sie nicht mehr am 

Leben wäre. Weiter konnte sie sich nicht mehr an die Anzahl der von ihr abgege-

benen Schüsse erinnern und glaubte, es wären nur drei gewesen (HD 6/22 S. 2 

f.). An der Hauptverhandlung anerkannte die Beschuldigte erneut, dass sie ihren 

Vater erschossen habe (act. 47 S. 6).  

1.4 Unbestrittener Sachverhalt 

1.4.1 Am Abend des 1. Oktober 2009 kurz vor 22:00 Uhr kam es in der Küche 

der Familienwohnung an der D._____-Strasse ... in E._____ zwischen der Be-

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schuldigten und ihrem Vater +F._____ zu einer zunächst verbalen Auseinander-

setzung. +F._____ war zu diesem Zeitpunkt alkoholisiert. Die Blutalkoholkonzent-

ration betrug bei seinem Ableben 1.29 Gewichtspromille (HD8/5 S. 2). Auslöser 

des Streits war, dass sich die Beschuldigte Kartoffeln gekocht hatte, obwohl im 

Kühlschrank bereits gekochte Kartoffeln vorhanden waren. +F._____ nahm dies 

zum Anlass, der Beschuldigten vorzuwerfen, seinen Strom zu verbrauchen, gratis 

in der Wohnung zu leben und von ihrem Lohn nichts zu Hause abzugeben. Die 

Beschuldigte sagte ihrem Vater, dass sie die Kartoffeln aus ihrem eigenem Geld 

bezahlt hätte. Sie wollte sich, im Wissen darum, dass +F._____, wenn alkoholi-

siert, Streit suchte und reizbar war, nicht auf Diskussionen einlassen. Sie zog 

sich, um diesem Streit zu entgehen, mit den Kartoffeln in ihr Zimmer zurück, um 

diese zu essen. 

1.4.2 F._____ folgte der Beschuldigten in ihr Zimmer und setzte seine Vorwürfe 

fort. Der Streit begann zu eskalieren. Es kam zu einer nachfolgend als erste Pha-

se bezeichneten Auseinandersetzung, in welcher sich +F._____ und die Beschul-

digte zwischen der Türe des Zimmers und dem Bett der Beschuldigten stehend 

heftig anschrien. +F._____, 180 cm gross und 150 kg schwer (HD 8/6 S. 2, 

HD 8/7 S. 1), stand so, dass er der Beschuldigten den Weg zur Türe versperrte. 

Im Laufe der Auseinandersetzung wurde +F._____ der Beschuldigten gegenüber 

tätlich. Er packte sie am linken Oberarm und am Kragen. A._____, die auf den 

Streit aufmerksam geworden und ins Zimmer gekommen war, versuchte die bei-

den Streitenden zu trennen. +F._____ warf die Beschuldigte aufs Bett. Zum 

Schutz vor weiteren Übergriffen warf sich A._____ dazwischen und legte sich auf 

die Beschuldigte. A._____ gelang es daraufhin, +F._____ ein wenig zu beruhigen 

und beide Frauen konnten sich wieder aufrichten. A._____ verliess das Zimmer 

der Beschuldigten. Ob sich auch +F._____ aus dem Zimmer entfernte, wie lange 

und ob er vor oder nach A._____ das Zimmer verliess, ist unklar. Darauf ist nach-

folgend zurückzukommen.  

1.4.3 Nach dieser Zwischenphase stürmte +F._____ auf die Beschuldigte zu, 

womit der als zweite Phase bezeichnete Teil der Auseinandersetzung begann. 

Beim Fenster stehend schoss die Beschuldigte mehrere Male auf den auf sie 

zukommenden +F._____. Nach der Schussabgabe liess die Beschuldigte die 

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Waffe fallen, floh aus der Wohnung und begab sich nach Thalwil zur Schwester 

ihres Arbeitgebers und deren Tochter, H._____ und I._____, denen sie mitteilte, 

auf ihren Vater geschossen zu haben. I._____ informierte daraufhin die Polizei.  

1.4.4 +F._____ erlitt die in der Anklageschrift beschriebenen Schussverletzun-

gen und verstarb noch in der Wohnung an dem durch den Lungendurchschuss 

verursachten Blutverlust (HD 8/6 S. 3). Aus der Tatwaffe wurden am Abend des 1. 

Oktober 2009 fünf Schüsse abgegeben. Ein Schuss blieb ohne Verletzungsfolge 

in der Wand auf der gegenüberliegenden Seite des Fensters oberhalb des Betts 

stecken.  

1.4.5 Die Tatwaffe erwarb die Beschuldigte bereits am 5. Mai 2009 bei der 

C._____ AG, ... [Adresse] (HD 10/6). Die Waffe lag seit ihrem Kauf geladen hinter 

dem Fernseher. Bei der Tatwaffe handelt es sich um einen Revolver Smith & 

Wesson, Mod. 36, Nr. ..., Kal. .38 Spezial, Double-Action. Double-Action bedeu-

tet, dass bei Betätigung des Abzugs durch den Schützen die Trommel weiterge-

dreht wird, so dass die nächste Trommelbohrung mit einer neuen Patrone hinter 

den Lauf und vor den Schlagbolzen zu liegen kommt und gleichzeitig die Feder 

und der Hahn gespannt wird. Beim weiteren Durchziehen des Abzugs schnellt der 

Hahn nach vorn und löst den Schuss aus. Das Abzugsgewicht beim Double-

Action Modus beträgt 5,22-5,24 Kilogramm, der Auslöseweg 11,88-11,99 Millime-

ter. Beim Revolver findet, im Gegensatz zu modernen Pistolen, kein automati-

sches Nachladen und Vorspannen des Hahnes nach der Schussabgabe statt. 

Beim gegebenen Modell kann ein Schuss aber auch im Single-Action Modus ab-

gegeben werden, d.h. mittels Vorspannen des Hahnes und anschliessendem 

Ziehen des Abzuges. Das Abzugsgewicht ist in diesem Modus mit 1,52-1,54 Kilo-

gramm geringer und der Auslöseweg mit 0,36-0,39 Millimeter kürzer (HD 10/9 S. 

2). Entgegen der staatsanwaltschaftlichen Behauptung (act. 48 S. 4) liegen keine 

Hinweise vor, dass die Beschuldigte Schüsse im Single-Action Modus abgegeben 

hat. Ein Vorspannen des Hahnes wurde weder von der Beschuldigten noch von 

deren Mutter jemals auch nur erwähnt. Dafür hätte auch schlichtweg die Zeit ge-

fehlt.  

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1.4.6 Bei der Beschuldigten konnten rund fünf Tage nach dem Ereignis, am 6. 

Oktober 2009, "mehrere älter imponierende Hautunterblutungen an der Beugesei-

te des linken Oberarms, an der Streckseite des rechten Ober- und Unterarms, am 

Rumpf rechts sowie an der Streckseite des linken Unterschenkels abgegrenzt 

werden. Zudem zeigten sich mehrere punktförmige […] Hautabschürfungen an 

beiden Oberarmen, an der Brust sowie an beiden Ober- und Unterschenkeln." 

(act. HD 9/6 S. 3). Gemäss dem Gutachten zur körperlichen Untersuchung der 

Beschuldigten vom 12. Oktober 2009 seien diese Hautveränderungen "Ausdruck 

stattgehabter, stumpfer Gewalteinwirkung und könn[t]en […] im Rahmen des gel-

tend gemachten Ereignisses entstanden sein" (act. HD 9/6 S. 3).  

1.5 Zu erstellende Sachverhaltselemente 

Obwohl die Beschuldigte den ihr von der Staatsanwaltschaft vorgeworfenen 

Sachverhalt anerkennt (act. 49 S. 3 ff.), sind der für die rechtliche Würdigung der 

von ihr geltend gemachten Notwehr relevante Tatablauf, vor allem die zweite 

Phase der Eskalation, und der innere Sachverhalt zu erstellen. Für die Beurtei-

lung des Verhaltens der Beschuldigten sind sodann nicht nur die Geschehnisse 

des Tatabends zu beleuchten, sondern es ist auch auf die Person von +F._____ 

und die Familiensituation der A._____-B._____-F._____ einzugehen. Sowohl in 

der Person von +F._____ wie auch in der Familiensituation können Gründe vor-

liegen, die das Verhalten der Beschuldigten nicht nur verständlich, sondern allen-

falls strafrechtlich rechtfertigen oder entschuldbar machen könnten. 

1.6 Beweiswürdigung im Allgemeinen 

1.6.1 Das Gericht würdigt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten Ver-

fahren gewonnenen Überzeugung (Art. 10 Abs. 2 StPO). Eine strafrechtliche Ver-

urteilung kann nur erfolgen, wenn die Schuld des Beschuldigten mit hinreichender 

Sicherheit erwiesen ist. Bestehen unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der 

tatsächlichen Voraussetzungen der angeklagten Tat oder allgemein bleiben bei 

objektiver Betrachtung erhebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel, ob sich 

ein für den Beschuldigten ungünstiger Sachverhalt so verwirklicht hat, so geht das 

Gericht in Anwendung des verfassungsmässig garantierten Grundsatzes "in dubio 

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pro reo" (im Zweifel für den Angeklagten) von der für den Beschuldigten günstige-

ren Sachlage aus (Art. 32 Abs. 1 BV, Art. 6 Ziff. 2 EMRK, Art. 10 Abs. 3 StPO). 

Nur erhebliche und unüberwindliche Zweifel sind zugunsten des Beschuldigten zu 

berücksichtigen. Erheblich sind Zweifel, die sich nach objektiver Sachlage auf-

drängen und sich jedem kritischen und vernünftigen Menschen stellen. 

1.6.2 Aussagen von Beteiligten sind ebenfalls frei zu würdigen. Weder die pro-

zessuale Stellung noch die allgemeine Glaubwürdigkeit einer Person, sondern die 

Glaubhaftigkeit ihrer konkreten Aussagen steht im Vordergrund (ZWEIDLER, Die 

Würdigung von Aussagen, ZBJV 132 [1996] 105 ff.; ZR 87 [1987] Nr. 123). Bei 

einer Aussage kommt es vorwiegend auf ihren inneren Gehalt an, verbunden mit 

der Art und Weise, wie die fragliche Person ihre Angaben vorträgt. Dabei darf 

nicht einfach auf die Persönlichkeit des Aussagenden, ihre allgemeine Glaubwür-

digkeit, abgestellt werden. Für die Beurteilung einer konkreten Aussage, auf die 

es im Prozess ankommt, ist vielmehr die Aussageanalyse, d.h. die kritische Wür-

digung des Aussagetextes, von vorrangiger Bedeutung. Um eine Aussage zuver-

lässig beurteilen zu können, ist sie insbesondere auf das Vorhandensein von 

Realitätskriterien und das Fehlen von Lügensignalen zu überprüfen (BENDER, Die 

häufigsten Fehler bei der Beurteilung von Zeugenaussagen, SJZ 81 [1985] 53 ff; 

DITTMANN, Zur Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen, Plädoyer 2/97 S. 28 ff.).  

1.7 Beweismittel  

1.7.1 Zum Tatablauf können nur die Beschuldigte und A._____ Aussagen ma-

chen. Weitere direkte Zeugen gibt es nicht. Die Aussagen der Beschuldigten und 

von A._____ sind bezüglich des Endes der ersten Phase, der Zwischenphase und 

vor allem der ganzen zweiten Phase widersprüchlich. Neben den Aussagen der 

Beschuldigten und von A._____ liegt ein Gutachten zu den Distanzen vor, aus 

denen die Schüsse vermutlich abgegeben wurden (HD 12/6). Weiteres objektives 

Beweismittel sind die bei der Beschuldigten festgestellten Verletzungen, die bei 

den tätlichen Übergriffen von +F._____ entstanden sind (HD 9/6). Zu würdigen 

sind sodann die Aussagen der beiden Personen (H._____ und I._____), zu denen 

sich die Beschuldigte nach der Tat begab, und denen gegenüber die Beschuldigte 

die ersten Angaben über das Vorgefallene gemacht hatte (HD 7/2, HD 7/3). So-

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dann sind auch die Aussagen von J._____ zu würdigen, dem die Beschuldigte 

kurz nach dem Vorfall telefoniert hatte (HD 7/14, HD 7/15, HD 7/21/, HD 7/22). In 

die Würdigung der Familiensituation der A._____-B._____-F._____ sind nebst 

den Aussagen der Familienmitglieder sowie Bekannter und Nachbarn der 

A._____-B._____-F._____ die beigezogenen Vormundschaftsakten der Jahre 

1993 bis 1996 (HD 14/4) und ein Journaleintrag der Kantonspolizei Zürich vom 

28. Juli 2008 (HD 13) miteinzubeziehen.  

1.7.2 H._____ und I._____ sowie die weiteren Zeugen und Auskunftspersonen 

mit Ausnahme von A._____, K._____ und J._____ wurden lediglich polizeilich 

einvernommen (HD 7/2, HD 7/3, HD 7/5, HD 7/6, HD 7/7, HD 7/8, HD 7/9, 

HD 7/10, HD 7/18-20). Da diese Einvernahmen ohne Teilnahmerecht der Be-

schuldigten und ihrer Verteidigerin stattfanden, sind diese Aussagen nicht zulas-

ten der Beschuldigten verwertbar (Art. 147 Abs. 4 StPO). 

2 Glaubwürdigkeit der Beschuldigten 

2.1 Als in das Strafverfahren Involvierte hat die Beschuldigte ein - legitimes - 

Interesse, sich zu entlasten. Für ihre Glaubwürdigkeit spricht indessen, dass sie 

unmittelbar nach der Tat die Polizei benachrichtigen liess und nie bestritt, auf 

ihren Vater geschossen zu haben. Getrübt wird ihre Glaubwürdigkeit allerdings 

durch ihr Verhalten gegenüber ihrem (Ex-)Freund J._____ und dessen damaliger 

Freundin, G._____, in der ersten Hälfte des Jahres 2009.  

2.2 Der in L._____ [Ort] (D) wohnhafte J._____ und die Beschuldigte lernten 

sich circa im April 2004 kennen. Ihre Beziehung dauerte bis Ende 2008, als 

J._____ sich in eine andere Frau verliebt hatte. Aus Eifersucht schrieb die Be-

schuldigte J._____ wiederholt Briefe, in denen sie G._____ beschimpfte und be-

drohte. Unter anderem hatte sie ihm in einem Mail sinngemäss auch geschrieben, 

nach der Schule auf G._____ gewartet und mit dem Revolver auf sie gezielt zu 

haben, aber nicht habe schiessen können, weil zu viele Personen im Schussfeld 

gewesen wären (ND 1/2/5 S. 2).  

Im März 2009 druckte die Beschuldigte sogar Pläne aus, die Aufschluss darüber 

gaben, wo G._____ wohnte, sowie Zugsverbindungen vom Wohnort von J._____ 

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zum Wohnort von G._____ (HD 7/21 S. 7). Nachdem sich J._____ mit der Bitte an 

+F._____ gewandt hatte, sich um die Beschuldigte zu kümmern, sandte sie ihm 

per E-Mail ein Bild, auf welchem sie einen eingeplatzten, blutverschmierten Fin-

gernagel und eine aufgekratzte, blutverschmierte Nase hatte, mit dem Kommen-

tar, dass ihr Vater sie dank seinem Anruf nun geschlagen habe (HD 7/21 S. 3). 

Das per E-Mail gesandte Bild war eine Fotomontage der Beschuldigten. Sie wur-

de zu diesem Zeitpunkt auch nicht von ihrem Vater geschlagen. Höhepunkt dieser 

Eifersuchtsgeschichte war, dass sie am 20. Juni 2009 J._____ in mehreren SMS 

ankündigte, auf dem Weg nach Deutschland zu sein, um sich an G._____ zu rä-

chen bzw. einen Amoklauf zu beabsichtigen (HD 1/2/12). Diese Inszenierung 

eines angedrohten Kapitalverbrechens hatte eine Intervention des Polizeipräsidi-

ums Rheinland-Pfalz zur Folge. Dieses stellte mit einer Handypeilung fest, dass 

das Natel der Beschuldigten, von welchem sie die Ankündigung des Amoklaufs 

versandt hatte, noch um 21:00 Uhr in der Schweiz geortet werden konnte. Tat-

sächlich hatte die Beschuldigte den ganzen Tag in E._____ verbracht (ND 1/11). 

Mit ihrem Verhalten J._____ und dessen Freundin gegenüber konfrontiert, erklär-

te die Beschuldigte, sie habe sehr "auf Drama gemacht", um die Aufmerksamkeit 

von J._____ zu erhalten (HD 6/8 S. 12 ff.).  

2.3 Wenngleich diese Episode kein positives Licht auf die Beschuldigte wirft, 

darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass diese Geschichte ihren Ursprung 

einzig in der gescheiterten Paarbeziehung mit J._____ hatte. Zudem liegt ein 

psychologisches Gutachten vor, das der Beschuldigten eine histrionische Persön-

lichkeitsstörung, mit akzentuierten Persönlichkeitszügen vom Borderline-Typus 

sowie akzentuierte vermeidend-selbstunsichere Persönlichkeitszüge attestiert 

(act. 25/11 S. 93 ff.). Die vorgenannte Episode ist sowohl Ausdruck der, als auch 

Hinweis auf die histrionische Persönlichkeitsstörung. Ein direkter Zusammenhang 

zur vorliegend zu beurteilenden Tat kann, obwohl die tatsächliche Tatfolge bzw. 

angedrohte Tat je den Tod einer Person beinhalteten, nicht gezogen werden. 

Zudem ist nochmals darauf hinzuweisen, dass die Glaubhaftigkeit der Aussagen 

wesentlich bedeutsamer sind, als die allgemeine Glaubwürdigkeit des Aussagen-

den. Aus diesem Grund darf der Zwischenfall mit J._____ bzw. dessen Freundin 

für die vorliegende Tat nicht überbewertet werden.  

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3 Glaubwürdigkeit der Privatklägerin A._____ 

A._____ ist die Mutter der Beschuldigten und die Ehefrau von +F._____. Sie wur-

de von +F._____ fast seit Anbeginn der Ehe zumeist verbal, aber auch tätlich 

misshandelt. Sie hatte nie die Kraft gefunden, sich von +F._____ zu trennen und 

fühlte sich nach eigenen Angaben durch dessen Tod befreit. Entsprechend solida-

risierte sie sich anfänglich mit der Beschuldigten. So sagte sie in der Einvernahme 

vom 14. Oktober 2009 aus, sich den Tod von +F._____ gewünscht zu haben 

(HD 7/11 S. 21). Mit zeitlicher Distanz zum Tatgeschehen scheint bei A._____ 

indessen ein Loyalitätskonflikt aufgebrochen zu sein. Verschiedene von ihr zulas-

ten von +F._____ gemachte Aussagen widerrief sie (act. 41). Auch an der Haupt-

verhandlung trat der Loyalitätskonflikt, in welchem sich A._____ befindet, deutlich 

zu Tage (Prot. S. 4 und S. 5). Zu erwähnen ist sodann, dass A._____ in diesem 

Prozess, zumindest formaliter, als Privatklägerin auftrat, was dazu führt, dass sie 

ein zumindest abstraktes Interesse am Verfahrensausgang hat. Zusammenfas-

send kann ihr weder eine besonders hohe noch eine herabgestufte Glaubwürdig-

keit attestiert werden.  

4 Die allgemeine Familiensituation und das Opfer +F._____ 

4.1 Der am tt. Juni 1957 geborene +F._____ und A._____ heirateten am tt. 

Februar 1986. Am tt. April 1986 kam der Sohn K._____, am tt. September 1987 

die Beschuldigte zur Welt. +F._____ arbeitete damals im Fernmeldebereich der 

PTT (HD 14/4/4), später für die Swisscom. Wegen Umstrukturierungen entliess 

ihn die Swisscom im Jahr 2003 bzw. weil er sich wegen seiner körperlichen Ver-

fassung (erhebliches Übergewicht, Diabetes, starkes Schwitzen) mit keiner neuen 

Aufgabe anfreunden konnte (HD 7/11, HD 1/3 S. 9). Nach einer Zeit der Arbeits-

losigkeit übernahm er Hauswartsarbeiten im Umfang von 30%. Seit dem 1. Janu-

ar 2009 betrieb er zudem zusammen mit A._____ das M._____ in N._____ [Ort], 

das er per erwähnten Datums übernommen und mit seinem Pensionskassengut-

haben finanziert  hatte (HD 1/3, HD 7/11 S. 3).  

4.2 +F._____ war 1,80 Meter gross und wog 150 Kilogramm (HD 8/6 S. 2, 

HD 8/7 S. 1). In seiner Freizeit betrieb er neben Boxen wettkampfmässig Powerlif-

- 14 - 

ting (Gewichtheben). In seiner Alters- und Gewichtsklasse belegte er in den ver-

gangenen Jahren an Schweizer- und Europameisterschaften jeweils den ersten 

oder zweiten Rang. Zudem war er Weltrekordhalter WDFPF (World Drug Free 

Powerlifting Federation) im Bankdrücken mit 177,5 Kilogramm "unequipped" und 

mit 195 Kilogramm "equipped" (http://bankdruecken.ch/galerie/zumb-F._____ / 

gal-zumb-mark.html [zuletzt besucht am 3. Januar 2012]).  

4.3 A._____-B._____-F._____ wohnte seit der Heirat an der D._____-Strasse 

...in E._____. Die Dreizimmerwohnung verfügte über ein Wohnzimmer, zwei 

Schlafzimmer und eine Küche. Obwohl ein Wohnzimmer vorhanden war, gab es 

nie einen Esstisch, an dem die Familie gemeinsam hätte ein Essen einnehmen 

können. Die Zimmerbelegung war ebenfalls ungewöhnlich. Nachdem anfänglich 

die Kinder für kurze Zeit ein Zimmer geteilt hatten, teilten sich danach die Mutter 

und die Tochter einerseits sowie der Vater und der Sohn anderseits ein Zimmer. 

Erst nachdem K._____ im Jahr 2007 ausgezogen war, erhielt die Beschuldigte als 

Zwanzigjährige erstmals ein eigenes Zimmer. A._____ teilte sich seither wieder 

ein Zimmer mit +F._____, wobei ihre Betten getrennt an den gegenüberliegenden 

Seiten des Zimmers standen.  

4.4 Bereits kurz nach der Hochzeit traten eheliche Schwierigkeiten auf. An-

fangs September 1992 meldete A._____ zunächst B._____ und im Januar 1993 

auch K._____ wegen Verhaltensauffälligkeiten beim Kinder- und Jugendpsychiat-

rischen Dienst des Kantons Zürich zur Abklärung an. Im April 1993 ersuchte sie 

die Vormundschaftsbehörde E._____ um Errichtung einer Beistandschaft für die 

Kinder.  

4.5 Im Bericht des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes der Vormund-

schaftsbehörde E._____ wird zur damaligen Familiensituation der A._____-

B._____-F._____ ausgeführt, der Vater sei dominant, orientiere sich nach aussen 

und gehe nicht auf die Bedürfnisse der Familie ein. Sein exzessives Trinken ma-

che ihn unberechenbar, er werde dann aggressiv und streitsüchtig, so dass die 

Mutter und die Kinder vor ihm Angst hätten und seinen Drohungen ausweichen 

müssten. Der Vater wolle nicht im KJPD erscheinen, da er nichts von Psychiatern 

und Psychologen halte und keine Probleme zu Hause vorhanden seien 

- 15 - 

(HD 14/4/3). Ungefähr zu dieser Zeit begab sich A._____ für eine Woche ins 

Frauenhaus. Danach sei sie zu +F._____ zurückgekehrt, weil er sie mit den Kin-

dern erpresst habe. Er habe gedroht, die Kinder umzubringen (HD 7/11 S. 16). 

Am 17. Mai 1993 erklärten sich +F._____  und A._____ anfänglich mit der Errich-

tung einer Beistandschaft für die Kinder einverstanden (HD 16/4/6). Bereits weni-

ge Tage später wollte +F._____ jedoch von den Massnahmen nichts mehr wis-

sen, hielt sie für überflüssig und zeigte keine Bereitschaft zur Zusammenarbeit. 

Die Vormundschaftsbehörde E._____ beschloss am 21. Juni 1993 dennoch die 

Errichtung einer Beistandschaft für die Kinder (HD 14/4/11). Gegen diesen Be-

schluss erhoben +F._____  und A._____ mit Schreiben vom 9. Juni [recte: Juli] 

1993 Einspruch (HD 14/4/13). Nachdem der Bezirksrat Horgen den als Be-

schwerde entgegen genommenen Einspruch abgewiesen hatte (HD 14/4/ 14), 

gelangte A._____ mit Schreiben vom 13. Oktober 1993 ans Obergericht des Kan-

tons Zürich und wies von sich, unter Druck des Ehemannes zu stehen 

(HD 14/4/15). Das Verfahren vor Obergericht wurde zufolge Rückzug des Begeh-

rens um gerichtliche Beurteilung als erledigt abgeschrieben (HD 14/4/24). Die 

Beistandschaft wurde schliesslich – nach Intervention eines Rechtsanwaltes – 

vom Obergericht des Kantons Zürich mit Urteil vom 17. September 1996 aufge-

hoben (HD 14/4/39).  

4.6 Die Beschuldige wurde in mehreren Einvernahmen zu ihrem Vater, der 

Familiensituation und ihrem Verhältnis zum Vater befragt. In der Einvernahme 

vom 2. Oktober 2009 führte sie aus, er habe abends permanent Bier getrunken. 

Auf die Frage, ob sie von ihrem Vater auch schon geschlagen worden sei, antwor-

tete die Beschuldigte, dass dies als sie klein war vorgekommen sei und präzisier-

te, im Alter zwischen fünf und dreizehn Jahren. Als Verletzungen hätten blaue 

Flecken resultiert, an Schürfwunden konnte sie sich nicht erinnern. +F._____ 

habe die ganze Familie durchwegs terrorisiert. Die Frage, ob sie sonstwie in der 

Vergangenheit von ihrem Vater angegangen worden sei, verneinte die Beschul-

digte bzw. merkte an, er habe einfach gekeift und beleidigt. Wenn man widerspro-

chen habe, habe er gleich gedroht, er würde zuschlagen (HD 6/1 S. 10 f.).  

4.7 In der Einvernahme vom 8. Oktober 2009 schilderte die Beschuldigte wei-

tere Begebenheiten, die sich mit dem Opfer zugetragen hatten. Wenn ihre Mutter 

- 16 - 

und sie gelacht hätten, habe er geschrien, sie sollen ruhig sein. Weil ihre Mutter 

geraucht habe, habe er ihr sechs bis sieben Jahre früher wiederholt eine Sendung 

über das Rauchen vorgespielt. Ihre Mutter habe nur noch auf dem Sofa gesessen 

und geweint. Der Vater sei wie ein Wahnsinniger dort gestanden und habe immer 

weiter gemacht. Die Mutter habe nicht hinaus gehen dürfen. Er habe sie verfolgt 

und kontrolliert. Lange habe sie (die Beschuldigte) kein Schloss an ihrer Zimmer-

türe gehabt. Seit nunmehr zwei Jahren habe sie ein Schloss, damit sie sich ein-

schliessen könne. Wenn es Streit gab, habe er dann jeweils gesagt, er werde die 

Türe einschlagen und sie könne was erleben. Ihre Katzen habe sie auch nicht 

rauslassen dürfen. Als sie gesagt habe, sie würde sie rauslassen, habe ihr der 

Vater gedroht, er würde sie schlagen. Als … (eine Katze) einmal verschwand, 

habe der Vater sie (die Beschuldigte und A._____) hinaus geschickt, die Katze zu 

suchen. Es sei 23:00 Uhr nachts und kalt gewesen. Er habe gesagt, sie dürften 

nicht ohne die Katze zurück kommen. Sie seien dann zu O._____ und ihrer Patin 

gegangen, um zu übernachten. Sie hätten damals keine Schuhe, sondern ledig-

lich Socken getragen. Die Eltern hätten sich dauernd gestritten. Auf die Frage, 

wann ihr Vater erstmals so aggressiv reagiert habe, antwortete die Beschuldigte, 

die Mutter habe schon blaue Flecken gehabt, als sie ein kleines Kind gewesen 

sei. Der Vater sei nicht dauernd gewalttätig gewesen. Er habe sie aber dauernd 

psychisch unterdrückt, auch mit Drohungen. Der Vater habe ihnen immer wieder 

zu verstehen gegeben, sie hätten nichts zu sagen, sie seien nichts wert, sie könn-

ten nichts. Körperlich sei sie nicht misshandelt worden. Am Abend trinke der Vater 

mindestens vier Büchsen Bier. Jeden Tag habe er ein 6er- oder 8er-Pack mit 

grossen Büchsen getrunken. Sie habe jeweils Angst gehabt, er würde in ihr Zim-

mer kommen und "Stress machen". Zwischen ihrem elften und siebzehnten Al-

tersjahr sei es auch vorgekommen, dass der Vater die Sicherung herausgenom-

men habe, damit sie kein Licht mehr gehabt habe. Dies habe er als Bestrafung 

gemacht. Es habe ein Gezänke wegen des Stromabstellens gegeben. Grund für 

die Streitereien seien immer banale Sachen gewesen, wie wegen der vier Kartof-

feln. Ihr grösstes Problem sei ihr Vater gewesen, weil er sie und ihre Mutter fertig 

gemacht habe. Ihre Mutter habe sich nie gewehrt. Das habe sie nicht ertragen 

können. Vor drei bis vier Jahren habe sie angefangen, dazwischen zu gehen 

(HD 6/2 S. 2 ff.). 

- 17 - 

4.8 In der Einvernahme vom 18. Dezember 2009 wiederholte die Beschuldig-

te, in den vergangenen Jahren physischen und psychischen Übergriffen ihres 

Vaters ausgesetzt gewesen zu sein (HD 6/17).  

4.9 A._____ führte zur Familiensituation und der Beziehung der Beschuldigten 

zu +F._____ in der ersten Einvernahme vom 2. Oktober 2009 aus, die Beschul-

digte und +F._____ hätten an diesem Abend wegen des üblichen Themas Streit 

gehabt. Es sei immer darum gegangen, dass die Beschuldigte gratis zu Hause 

wohne, ihr eigenes Zimmer habe, dafür nichts zahlen müsse und trotzdem frech 

sei. Irgendetwas gebe jeweils den Ausschlag, dann fange es mit den Vorwürfen 

gegen die Beschuldigte an. Sie gebe entsprechend freche Antworten. +F._____ 

habe täglich sicher drei Halbliterbüchsen Bier getrunken. Zu einem richtigen Streit 

zwischen der Beschuldigten und +F._____ sei es vielleicht jedes halbe Jahr ein-

mal gekommen. Geschlagen habe er sie nicht, aber er habe sie ab und zu mal am 

Kragen gepackt (HD 7/1). 

4.10 In der Befragung vom 14. Oktober 2009 gab A._____ zu Protokoll, das 

Verhältnis Vater-Tochter sei gespannt gewesen. Die Beschuldigte sei meistens in 

ihrem Zimmer gewesen. Wenn sie hinaus gekommen sei, um etwas zu erzählen, 

habe +F._____ ihr gesagt, sie solle ruhig sein. Wenn die Spannungen besonders 

gross waren, sei er ausgeflippt. Richtig ausgerastet sei er vielleicht ein bis zwei 

Mal pro Jahr. Er habe dann plötzlich wegen einer Nichtigkeit angefangen auszuru-

fen. Er sei dann meistens auf die Beschuldigte losgegangen, weil sie ihm gesagt 

habe, er solle nicht blöde tun. Die Beschuldigte habe sich daraufhin verbal zur 

Wehr gesetzt. Sie (A._____) habe dann dazwischen gehen müssen. Vor dem 1. 

Oktober 2009 sei dies letztmals im vorhergehenden Jahr gewesen. Damals sei 

die Polizei gekommen. Der Polizei habe sie gesagt, sie hätte das Essen nicht 

richtig serviert gehabt, irgendwie zu viel Sauce, oder sie hätte das Fleisch auf die 

Sauce tun sollen. Dann sei wahrscheinlich die Beschuldigte gekommen und hätte 

gesagt, er solle nicht so blöde tun. Daraufhin sei er auf die Beschuldigte losge-

gangen. Wegen so einer Bagatelle habe er total ausrasten können. Vor acht bis 

zehn Jahren sei er auch einmal auf sie (A._____) losgegangen, bis sie sich ge-

wehrt hätte. Dann habe er sie in Ruhe gelassen. Normalerweise habe er sie am 

Kragen gepackt und gegen die Wand gedrückt. Dabei habe er gedroht. Als er ihr 

- 18 - 

eine Ohrfeige gegeben habe, habe sie sich gewehrt. Es könne sein, dass sie ihm 

in die "Eier" getreten habe. Wenn er sie jeweils am Arm gepackt hatte, habe sie 

blaue Flecken bekommen, auch an den Armen. Wenn er auf die Beschuldigte 

losgegangen sei, habe er sie jeweils am Arm gepackt und geschüttelt. Er habe 

gesagt, sie könne ausziehen, gebe ja kein Geld ab. Dies sei immer das Thema 

gewesen: Gratis-Internet, Gratis-Wohnen, Gratis-Telefon. Am Anfang sei er im-

mer auf sie (A._____) losgegangen. Er habe sie geschüttelt und festgehalten. Er 

habe herum gebrüllt und sie beleidigt. Um die Kinder habe er sich nicht geküm-

mert. Sie sei bei ihrem Mann geblieben, weil er sie mit den Kindern erpresst und 

ihr gedroht habe, er würde die Kinder umbringen. Damals seien die Kinder noch 

klein gewesen. Sie habe nicht gewusst, wo sie hingehen solle. Sie sei eine Wo-

che im Frauenhaus gewesen. Eine Anzeige bei der Polizei habe sie nie gemacht, 

das hätte nichts gebracht. Sie habe immer gehofft, er würde vorher an einem 

Unfall oder an Diabetes sterben. Sie habe bereits angefangen gehabt sich nach 

einem Gift, das man nicht nachweisen könne, umzuschauen. Von den Kindern 

habe er einfach seine Ruhe haben wollen. Zärtlich und lieb sei er nicht zu ihnen 

gewesen (HD 7/11). 

4.11 A._____ wiederholte in der Einvernahme der Staatsanwaltschaft vom 27. 

Oktober 2009, +F._____ habe wegen Nichtigkeiten ausrufen können. Am 

1. Oktober 2009 sei es um die Kartoffeln gegangen. Ein anderes Mal habe er eine 

"Dumme" gehabt, weil die Beschuldigte für die Katzen auf dem Balkon eine 

Schachtel mit Zeitungspapier ausgelegt hatte. Er habe auch ausrufen können, 

wenn die Beschuldigte nach 22:00 Uhr noch geduscht habe. Das letzte Mal, als 

die Beschuldigte die Polizei gerufen habe, sei er ausgeflippt, weil sie (A._____) zu 

viel Sauce zum Fleisch gegeben habe. Sie habe ihm nie etwas recht machen 

können, auch die Beschuldigte nicht. Wenn er Streit gesucht habe, habe ihm eine 

Kleinigkeit gereicht. Zur Beistandschaft sei es gekommen, weil sie alleine mit den 

Kindern zum Jugendpsychologischen Dienst in Horgen gegangen sei. +F._____ 

sei damals jeden Tag besoffen gewesen und sie habe Angst um die Kinder be-

kommen. Gegen die Errichtung der Beistandschaft habe man rekurriert, weil dies 

für +F._____ nicht in Frage gekommen sei. Er habe gesagt, fremde Leute würden 

- 19 - 

ihm nicht in die Wohnung kommen. Er habe auch mehrmals gedroht, die Kinder 

umzubringen (HD 7/13 S. 2 ff.).  

4.12 Zu seiner Beziehung zu seinem Vater befragt, führte K._____ in der poli-

zeilichen Einvernahme vom 2. Oktober 2009 aus, als er noch zu Hause gewohnt 

habe, sei es, ausser in der Pubertät, in Ordnung gewesen. Wenn +F._____ Alko-

hol getrunken habe, sei er laut geworden. Zu den Problemen zwischen seiner 

Schwester und dem Vater und zum Verhältnis zwischen den beiden gab K._____ 

zu Protokoll, diese hätten, mit Kleinigkeiten, schon vor der Pubertät angefangen. 

Dann sei es immer heftiger geworden. Der Vater trinke ab und zu Alkohol, dies 

schon seit Beginn seiner Lehre. Es habe Zeiten gegeben, da sei +F._____ etwa 

jeden zweiten Tag betrunken gewesen. Wenn er nicht gewollt habe, dass man die 

Wohnung verlasse, habe er sich einem in den Weg gestellt (HD 7/4 S. 2 und S. 4 

f.). 

4.13 Anlässlich der Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft am 27. Oktober 

2009 sagte K._____ aus, seit er am 1. September 2007 ausgezogen sei, habe 

sich viel verändert. So habe +F._____ offenbar wieder zu trinken begonnen. Der 

Grund für seinen Auszug sei die zu kleine Wohnung gewesen, aber auch der 

Vater, der ihn gestresst habe, sowie die Konflikte, die es gegeben habe. Er und 

der Vater hätten zusammen ein Zimmer geteilt. Der Vater habe jeweils früher zu 

Bett gehen wollen, während er aufbleiben wollte. Dies sei eine Art Kontrollmecha-

nismus bei ihm gewesen. Auch habe +F._____ z.B. moniert, er (K._____) würde 

den PC zu lange laufen lassen und damit Strom verbrauchen. Lauten Streit habe 

es jeweils gegeben, aber er habe nicht viel Streit mit dem Vater gehabt. Er sei 

eher sein Liebling gewesen. In solchen Situation sei er ihm aus dem Weg gegan-

gen, sofern dies möglich war. Hinzu kam, dass der Vater den Streit gesucht habe, 

wenn er besoffen war. Er habe auch Streitereien zwischen den Eltern mitbekom-

men. Am schlimmsten seien diejenigen gewesen, bei welchen er immer weiter 

herum gehackt und seine Mutter fertig gemacht habe. Er sei immer auf die psy-

chologische Ebene gegangen. Vielleicht habe er auch mal einen Gegenstand 

runtergeworfen oder die Türe heftig geöffnet, um sich Respekt zu verschaffen 

oder viel mehr den Respekt zu untermauern, denn Respekt habe man ohnehin 

vor ihm gehabt. Er könne sich erinnern, dass es beispielsweise einen Streit gege-

- 20 - 

ben habe, weil ihm die Sauce, welche die Mutter gekocht hatte, nicht geschmeckt 

habe. Wegen solchen Kleinigkeiten habe es jeweils Streit gegeben. Streitigkeiten 

zwischen dem Vater und seiner Schwester habe er auch erlebt. Meistens sei es 

so gewesen, dass die Schwester dazwischen gegangen sei, wenn der Vater mit 

der Mutter gestritten habe. So sei sie automatisch in den Streit verwickelt worden. 

Er (K._____) habe jeweils kaum unterscheiden können, zwischen wem der Streit 

losgegangen war. Die Mutter habe eher versucht zu schlichten, die Schwester 

eher abzuwehren. Er wisse, dass der Vater die Mutter einmal geschlagen haben 

müsse. Gesehen habe er dies aber nicht selbst, sondern es sei ihm erzählt wor-

den. Gegenüber ihm sei der Vater nie tätlich geworden, gegenüber der Schwester 

wisse er es nicht mit Bestimmtheit. Er könne sich nicht daran erinnern, gesehen 

zu haben, dass der Vater seine Schwester gepackt hätte. Beim Streit seien sie 

sich aber jeweils schon nahe gekommen. Auf Nachfrage der Verteidigerin ergänz-

te K._____, er sei vom Vater nicht oft bestraft worden, aber beispielsweise habe 

dieser den Strom abgestellt und ihn dann nicht zum Sicherungskasten gelassen. 

Wenn der Vater betrunken gewesen sei, habe er Angst vor dem Vater gehabt. 

Dann sei er aus seiner Sicht unberechenbar gewesen. Er sei ihm dann jeweils 

aus dem Weg gegangen und habe gar nicht versucht zu diskutieren (HD 7/12 S. 2 

ff). 

4.14 Nach aussen wurde +F._____ – zumindest oberflächlich - als freundlich 

und hilfsbereit wahrgenommen. P._____ , eine direkte Nachbarin der A._____-

B._____-F._____ wusste in der polizeilichen Einvernahme vom 6. Oktober 2009 

allerdings von einem Vorfall vor circa 25 Jahren zu berichten. A._____ habe mor-

gens um 3:00 Uhr bei ihr geläutet, weil sie vor +F._____ Angst gehabt habe. 

A._____ habe ihr mitgeteilt, dass +F._____ sie bedroht habe. Er habe sie be-

schimpft und ihr gedroht, sie zu schlagen. Die Angelegenheit habe sich aber wie-

der beruhigt, und A._____ sei zurück in ihre Wohnung gegangen (HD 7/6 S. 5 f.). 

Vor circa zwölf Jahren hatte P._____  zudem persönlich eine Konfrontation mit 

+F._____. Die Beschuldigte habe die Velovignette von ihrem Fahrrad (von 

P._____ ) genommen und an ihr Velo geklebt. Sie habe bei der A._____-B._____-

F._____ geläutet. Die Beschuldigte habe verneint, so etwas gemacht zu haben. 

+F._____ sei auch anwesend gewesen und hätte zu diesem Zeitpunkt etwas ge-

- 21 - 

trunken gehabt. Er sei wütend geworden und habe ihr gesagt, seine Tochter wür-

de so etwas nicht machen. Fall sie seiner Tochter etwas antäte, würde er sie um-

bringen (HD 7/6 S. 6). Bekannte der A._____-B._____-F._____, Q._____  (Patin 

der Beschuldigten) und O._____ , erinnerten sich weiter an einen Vorfall circa aus 

dem Jahre 2007. A._____ und die Beschuldigte seien in der Nacht barfuss und 

leicht bekleidet zu ihnen gekommen. Beide seien völlig aufgelöst gewesen und 

hätten gezittert. Sie hätten gesagt, +F._____ sei am Durchdrehen (HD 7/8 S. 3, 

HD 7/9 S. 2).  

4.15 Schliesslich erwähnte auch R._____ , der Vater des Opfers, einen rund 

zwei Jahre zuvor erfolgten Ausraster von +F._____, der ihn sehr überrascht hatte. 

Anlass war, dass R._____  seinen Sohn wegen dessen Gewichts aufgezogen 

hatte. R._____  führte dazu aus, +F._____ sei dann fast explodiert. Er sei aufge-

standen und habe den Computer gepackt. Er (R._____ ) sei sehr erschrocken, 

denn so habe er ihn gar nicht gekannt. In diesem Moment habe er befürchtet, 

dass er auf ihn los komme. An seinem Ausdruck und Blick habe er gewusst, dass 

es auf der Kippe gestanden sei, ob er auf ihn losgehe oder nicht (HD 7/20 S 3). 

4.16 Die Aussagen der Familienangehörigen zeichnen übereinstimmend und 

glaubhaft das Bild eines dominanten, herrschsüchtigen und jähzornigen pater 

familias, der sich kaum um seine Familie gekümmert hat. Er trank seit Jahren 

erhebliche Mengen Alkohol, in den Monaten vor dem zu beurteilenden Vorfall in 

der Regel mindestens drei Halbliterbüchsen Bier pro Tag. In betrunkenem Zu-

stand wurde +F._____ aggressiv und streitsüchtig. In den meisten Fällen wurde 

er gegenüber seinen Familienmitgliedern, vor allem aber gegenüber A._____ und 

der Beschuldigten, verbal ausfällig. Ein bis zwei Mal pro Jahr kam es zur Eskala-

tion. Das konnte so weit gehen, dass +F._____ handgreiflich wurde und er dabei 

A._____, in den vergangenen Jahren vermehrt auch die Beschuldigte, am Arm, 

am Kragen oder an der Brust packte, sie schüttelte und Drohungen ausstiess. 

Darunter auch Drohungen, er könne sie mit einem Schlag töten (HD 6/17 S. 8, 

HD 7/13 S. 10).  

4.17 Die Auseinandersetzungen in der A._____-B._____-F._____ hatten oft 

einen nichtigen Anlass. Zu Eskalationen führte in den vergangenen Jahren unter 

- 22 - 

anderem, dass sich die Beschuldigte mit zunehmendem Alter in die Konflikte der 

Eltern einmischte, Partei für A._____ bezog, sich +F._____ verbal widersetzte 

und ihm gegenüber frech war. Ihr dem Vater gegenüber freches Auftreten trug in 

diesen Situationen wohl nicht selten zur Eskalation bei. So auch am Tatabend, 

indem sie +F._____ sagte, er habe sowieso keine Kinder haben wollen und er sei 

besoffen (HD 6/1 S. 3). Wenn anfänglich die Motivation der Beschuldigten war, 

sich für die Mutter zu wehren, so war es in den vergangenen Jahren vermehrt die 

Mutter, die zwischen der Beschuldigten und +F._____ schlichten musste. Das 

Verhältnis der Beschuldigten zu +F._____ war entsprechend gespannt.  

4.18 +F._____ konnte mit seiner schieren Masse (180 cm gross, 150 kg 

schwer), seiner Kraft und seinen unberechenbaren Ausfällen Angst einflössen 

und flösste auch Angst ein. Dies bestätigen unter anderen auch die Aussagen von 

K._____, er habe Angst gehabt, wenn sein Vater betrunken gewesen sei 

(HD 7/12 S. 5), oder von R._____ , der von einem Ausraster von +F._____ be-

richtete (HD 7/20 S. 3). Auffällig daran ist, dass die Schilderung von R._____ , 

beinahe identisch ist mit jener der Beschuldigten. Wenn +F._____ dergestalt die 

Kontrolle verlor, hatte er einen Ausdruck in den Augen, der dem Gegenüber rich-

tig Angst machte. Die Beschuldigte wog zum Tatzeitpunkt ca. 60 kg und hatte 

dem wettkampfmässig Gewichtheben betreibenden +F._____ kraftmässig nicht 

viel entgegenzusetzen. Die ganze Familie hatte Angst vor +F._____. Diese Angst 

führte auch dazu, dass die Beschuldigte bei einer früheren Eskalation am 28. Juli 

2008 die Polizei gerufen hatte. +F._____ hatte sich mit A._____ in der Küche 

eingeschlossen, und die Beschuldigte benachrichtigte vom Balkon aus die Polizei. 

Die Polizei kam zwar vorbei, entfernte sich nach einem Gespräch mit +F._____, 

in welchem dieser das Geschehene herunterspielte und die Polizeibeamten be-

schwichtigte - jedoch wieder (HD 13/1; HD 6/1 S. 4; HD 6/2 S. 35 Ziff. 161 f.). 

4.19 Die häuslichen Umstände der A._____-B._____-F._____ waren beengt 

und verwahrlost. Dies belegen eindrücklich die Fotos der Wohnung am Tatabend, 

auf denen ersichtlich ist, dass die Zimmer der Wohnung äusserst unordentlich 

und schmuddelig waren. In der Küche stapelte sich das schmutzige Geschirr 

(HD 3). Bei A._____-B._____-F._____ gab es von Beginn weg - auf Anordnung 

von +F._____ - keinen gemeinsamen Esstisch. Die Familie hatte nie gemeinsam 

- 23 - 

ein Essen eingenommen, die Kinder mussten zumeist in ihren Zimmern essen. 

Ein Familienleben im eigentlichen Sinne existierte nicht. Bereits als die Kinder 

klein waren, sanktionierte +F._____ deren Gefühlsregungen zumindest mit verba-

ler Gewalt und forderte sie auf, sich in ihre Zimmer zurückzuziehen, damit er sei-

ne Ruhe hatte. Die Beschuldigte wuchs in einem nicht nur materiell, sondern auch 

emotionell verwahrlosten Umfeld auf (vgl. auch HD 25/11 S. 90).  

5 Äusserer Sachverhalt 

Im Folgenden werden die Darstellungen zum Tatablauf wiedergegeben, um an-

schliessend den Sachverhalt zu erstellen. 

5.1 Darstellung der Beschuldigten 

5.1.1 Einvernahme vom 2. Oktober 2009 

5.1.1.1 In der ersten Einvernahme führte die Beschuldigte aus, dass sie sich, um 

der Diskussion mit dem betrunkenen und aggressiven Vater auszuweichen, in ihr 

Schlafzimmer zurückzog. Dort angekommen habe sie zu essen begonnen, doch 

sei ihr der Vater gefolgt und habe sich bedrohlich vor sie hingestellt. Sie habe ihn 

daraufhin gefragt, was er in ihrem Zimmer suche, woraufhin er geantwortet habe, 

dass dies seine Wohnung sei und er deshalb dort sein dürfe. Er habe geschrien, 

während sie weiterhin um einen ruhigen Ton bemüht gewesen sei. Sie habe dann 

nach ihrer Mutter gerufen. Sie habe ihr gerufen, sie solle den Vater wegholen, er 

sei wieder besoffen. Es sei für sie klar gewesen, dass es nichts bringe. Die Mutter 

sei gekommen und habe ihm gesagt, er solle sie lassen, sie wolle ja nur essen 

(HD 6/1 S. 2 f.).  

5.1.1.2 Der Vater sei dann komplett ausgeflippt, habe alles Mögliche gesagt. Er 

habe auch der Mutter gesagt, sie solle sich verpissen. Irgendwann habe er sie 

(die Beschuldigte) gepackt und sie angeschrien, sie solle ihm wegen der Kartof-

feln nicht frech kommen. Er habe sie "mega fest am Arm" gehalten, als ob er ihr 

den Arm brechen würde (HD 6/1 S. 3 f.). Daraufhin sei ihre Mutter dazwischen 

gegangen. Er habe aber nicht losgelassen, sie aufs Bett geworfen und gesagt, er 

könne sie mit einem Schlag töten (HD 6/1 S. 4). Ihre Mutter habe sich schützend 

- 24 - 

auf sie gelegt, und sie (die Beschuldigte) habe versucht, den Vater mit den Füs-

sen weg zu halten.  

5.1.1.3 Er habe weiter geschrien, versucht, die Mutter wegzuscheuchen, und 

wiederholt, er könne sie mit einem Schlag töten, sie hätte keine Chance gegen 

ihn, er könne ihr "die Fresse zuschlagen" (HD 6/1 S. 4). Es sei ihr gelungen, wie-

der aufzustehen, aber er habe sie erneut gepackt, geschüttelt, am Kragen ge-

packt und gewürgt. Sie habe gefragt, weshalb er so gemein zu ihnen sei, und er 

habe geantwortet, er könne so gemein sein wie er wolle, es sei ja seine Woh-

nung. Die Polizei käme sowieso nicht helfen.  

5.1.1.4 Die Beschuldigte erklärt, dass sie das Zimmer habe verlassen wollen, 

woran sie von +F._____ gehindert wurde. Der Vater habe sie nicht zum Telefon 

hingehen lassen und sie in die Ecke am Fenster gedrängt (HD 6/1 S. 4 und 6). 

Auch die Mutter sei zunächst irgendwo im Raum gewesen, habe dann aber den 

Raum verlassen. Daraufhin sei +F._____ auf sie zugestürmt. Sie habe gemerkt, 

dass er sie umbringen oder verletzen wolle. Er hätte sie etwa aus dem Fenster 

drücken oder werfen können (HD 6/1 S. 4). Ihr sei klar gewesen, dass sie etwas 

tun müsse, "sonst ist fertig" (HD 6/1 S. 6). Fliehen habe sie nicht können, da der 

Vater sie schon zuvor daran gehindert habe (HD 6/1 S. 7). Sie habe die Waffe 

gesehen, diese ergriffen und einfach irgendwie ein paar Mal in seine Richtung 

geschossen. Nach den Schüssen habe es in ihren Ohren gepfiffen (HD 6/1 S. 4). 

Vermutlich habe sie auch nicht mehr richtig gesehen, und sie sei einfach hinaus 

gerannt. Die Schussabgabe sei nicht gezielt gewesen. Dies sei auch gar nicht 

nötig gewesen. Infolge der Nähe und der Grösse von +F._____ hätte sie regel-

recht zielen müssen, um ihn nicht zu treffen (HD 6/1 S. 5). Wo sie ihn getroffen 

hat, wusste die Beschuldigte nicht. Nach den Schüssen sei er noch auf ihr drauf 

gewesen, habe sie am Arm festgehalten. Sie habe sich geduckt und sei raus ge-

rannt. Er habe sie noch am Handgelenk gehalten. Im Moment der Schussabgabe 

habe er sie noch nicht gehalten, sondern sei auf sie zugestürzt und habe sie am 

Arm festgehalten. Sie habe sich losgerissen, die Waffe irgendwie weg geworfen 

und sei in Panik raus gerannt (HD 6/1 S. 5). 

5.1.2 Einvernahme vom 8. Oktober 2009 

- 25 - 

5.1.2.1 In der Einvernahme vom 8. Oktober 2009 schilderte die Beschuldigte die 

Auseinandersetzung mit +F._____ im Wesentlichen übereinstimmend mit ihrer 

ersten Aussage. Ergänzend führte sie aus, der Vater sei immer "mit seinem Blick, 

seiner Körperhaltung und seiner Stimme" gekommen. Auch der Blick, kurz bevor 

sie geschossen habe, sei voller Wahnsinn gewesen, anders als sonst. Er sei wie 

ein Bär mit erhobenen Armen auf sie zugekommen (HD 6/2 S. 5). Sie schildert, 

dass es zwar immer wieder Vorfälle gegeben habe. Diesmal sei es aber "meg-

akrass gewesen" (HD 6/2 S. 5). Als sie zur Waffe gegriffen habe, sei ihr Vater 

unmittelbar vor ihr gestanden. Noch einen Meter mehr, und sie wäre erwürgt wor-

den. Er sei "in einem Ding ins Zimmer" gestürmt (HD 6/2 S. 28).  

5.1.2.2 Der Vater hatte vorher verhindert, dass sie die Polizei rufen konnte, indem 

er sie nicht zum Telefon gelassen habe. Er habe gesagt, die Polizei könne so-

wieso nichts machen. Sie habe ihm gesagt, er solle ihr das Telefon geben, sie 

würde anrufen. Er habe ihr das Telefon nicht gegeben (HD 6/2 S. 29 und 35).  

5.1.2.3 Die Beschuldigte schildert, dass sie in Panik geraten sei, als er zurück ins 

Zimmer kam. Von da an sei ihr bewusst gewesen, "dass der Terror wieder" los-

gehe. Richtiggehende "Lebenspanik" habe sie erst gehabt, als er bei ihr beim 

Fernseher gewesen sei (HD 6/2 S. 29). Die Waffe sei schussbereit (geladen und 

ungesichert) hinter dem Fernseher und dem Vorhang gelegen (HD 6/2 S. 31). Ihr 

Vater sei in einem Ding ins Zimmer gestürzt bzw. auf sie losgegangen. Sein Blick 

sei nicht mehr normal gewesen. Er habe etwas geschrien. Zuerst habe sie ans 

Telefon gedacht und habe sich dann an die Waffe erinnert. Sie habe mit dem 

rechten Hand hinter den Fernseher gegriffen und kurz den Kopf in diese Richtung 

gedreht. Sie habe die Waffe zur Hand bekommen und gezielt. Es sei eine Reakti-

on, ein Reflex gewesen (HD 6/2 S. 33). Dass sie die Waffe zur Hand bekommen 

habe, sei "ein glücklicher Zufall gewesen" (HD 6/2 S. 31). Es sei innerhalb von 

Sekunden passiert. Als er kurz vor ihr gestanden sei, habe sie gedacht: "Entwe-

der ich oder er" (HD 6/2 S. 29). Wäre die Waffe gesichert gewesen, hätte sie nicht 

abdrücken können, da sie sich nicht mehr an die Sicherung erinnert hätte. Es sei 

um ihr Überleben gegangen. Zu dem Zeitpunkt habe sie nicht mehr überlegen 

können (HD 6/2 S. 31). Sie habe abgedrückt, es habe gepiepst und sie habe ei-

nen Röhrenblick bekommen. In dem Moment habe er sie gepackt. Sie habe sich 

- 26 - 

entwunden und sei raus gerannt. Als sie vom Vater gehalten worden sei, habe sie 

nicht mehr geschossen. Beim ersten Schuss sei der Vater circa einen bis einein-

halb Meter von ihr weg gewesen. Er sei dann immer noch näher gekommen 

(HD 6/2 S. 29). 

5.1.3 Übrige Einvernahmen 

In den weiteren Einvernahmen, insbesondere auch in der Tatrekonstruktion vom 

16. Februar 2010 (HD 4/2) wie auch an der Hauptverhandlung (act. 47) hielt die 

Beschuldigte an dieser Sachdarstellung fest. Zum Ende der sogenannten ersten 

Phase und zur Zwischenphase führte die Beschuldigte an der Hauptverhandlung 

zudem aus, ihre Mutter habe sich auf sie aufs Bett geschmissen und sei dann mit 

dem Rücken auf ihr gelegen. Der Vater sei dagestanden und habe weiter ver-

sucht, an sie zu gelangen. Sie habe ihn abgehalten und versucht, ihn weg zu 

stossen. Irgendwann seien sie wieder gestanden und das Theater mit den Angrif-

fen ihres Vaters sei weiter gegangen. Dann wisse sie nur noch, dass er ihre Mut-

ter aus dem Zimmer geschoben und ihr etwas hinterher gerufen habe. Sie hätten 

das Zimmer nicht richtig verlassen. Ihr Vater habe die Mutter aus dem Zimmer 

geschoben und sei dann im Gang gestanden. Er sei sehr breit gewesen und es 

wäre auch unter normalen Umständen schwer gewesen, an ihm vorbei zu laufen. 

Wenn sie versucht hätte abzuhauen, hätte er sie festgehalten. Der Vater sei nicht 

wirklich hinaus gegangen, sondern habe nur die Mutter rausbugsieren wollen. Sie 

habe an das Telefon gedacht und sei zur Ladestation gegangen. Das Telefon sei 

aber nicht dort gewesen. Sie habe die Polizei rufen wollen, auch wenn dies das 

letzte Mal nichts gebracht gehabt habe. Normalerweise sei das Telefon neben 

dem Fernseher gestanden, an diesem Abend sei es nicht dort gewesen (act. 47 

S. 7 f.). 

5.2 Darstellung der Privatklägerin  

5.2.1 Die erste Phase der Auseinandersetzung beschrieb A._____ in der Ein-

vernahme vom 2. Oktober 2009 nur knapp und im Wesentlichen übereinstimmend 

zur Darstellung der Beschuldigten (HD 7/1 S. 1). Zur sogenannten Zwischenpha-

se und zur zweiten Phase der Auseinandersetzung führte A._____ aus, die Be-

schuldigte sei zum Fernseher beim Fenster gegangen und habe dort irgendetwas 

- 27 - 

gemacht. Sie habe gedacht, die Beschuldigte wolle den Fernseher ausstecken. 

Jedenfalls habe sie dort herumhantiert. Sie selbst sei bei der Türe gestanden, die 

Beschuldigte beim Fernseher und ihr Mann zwischen ihnen. Plötzlich habe es 

mehrere Knalle gegeben und sie habe ein paar Blitze gesehen. In diesem Mo-

ment habe sie gedacht, der Fernseher explodiere. Es habe nochmals mehrere 

Blitze gegeben, und es habe auch mehrmals geknallt. Eine Neonröhre des Solari-

ums im Zimmer der Beschuldigten sei kaputt gegangen. Die Beschuldigte sei an 

ihr vorbei nach draussen gerannt (HD 7/1 S. 2.).  

5.2.2 Am 14. Oktober 2011 gab A._____ zur Zwischenphase und zur zweiten 

Phase der Auseinandersetzung zwischen +F._____ und der Beschuldigten zu 

Protokoll, die Situation habe sich beruhigt gehabt. Sie sei zur Beschuldigten ge-

gangen und habe gesagt, sie solle ihm nicht so zurück geben. Sie wisse nicht, 

was dann passiert sei. +F._____ sei bei der Beschuldigten gestanden und habe 

sie gegen den Schrank gedrückt. Mit einer Hand habe er die Beschuldigte am 

Kragen gehalten und mit der andern ausgeholt (HD 7/11 S. 7). Sie sei in jenem 

Moment bei der Türe gewesen. Dann seien die Schüsse gefallen. Sie sei baff 

gewesen. Er sei ja schon draussen und dann auf einmal sei er wieder im Zimmer 

bei der Beschuldigten gewesen. Sie wisse nicht, was passiert sei. Plötzlich seien 

sie dort vorne gestanden und hätten gestritten. Sie sei überzeugt, dass er ausho-

len und auf sie habe einschlagen wollen. Er hätte sie garantiert zu Tode geschla-

gen (HD 7/11 S. 7). Zur Rangelei auf dem Bett befragt, führte A._____ aus, sie 

seien alle wieder aufgestanden und hinaus gegangen. Die Beschuldigte sei in 

ihrem Zimmer geblieben. Sie (A._____) sei zurück ins Zimmer zur Beschuldigten 

gegangen, um mit ihr zu reden, während er ins Wohnzimmer gegangen sei 

(HD 7/11 S. 9). Plötzlich seien sie wieder im Zimmer beim Fenster gestanden und 

er habe die Beschuldigte gepackt. Sie selbst sei immer noch beim Eingang ge-

standen (HD 7/11 S. 9). Sie habe nicht realisiert, dass er an ihr vorbei gegangen 

sei, es sei alles so schnell gegangen. Er habe die Beschuldigte gepackt und an-

gebrüllt (HD 7/11 S. 10). Es sei circa zwei bis drei Minuten oder kürzer, vielleicht 

eine Minute, gegangen, bis es das erste Mal geknallt habe. +F._____ sei halb 

schräg dagestanden und habe nach hinten ausgeholt, wobei er an den Fernseher 

gekommen sei, der sich dabei etwas gedreht habe (HD 7/11 S. 13). Der Fernse-

- 28 - 

her habe mit der Rückseite gegen den Raum geschaut, denn als sie hinein ge-

kommen sei, habe die Beschuldigte an den Stecker gegriffen. Vielleicht habe die 

Beschuldigte den Fernseher ausstecken wollen. Die Beschuldigte habe aufgehört, 

als sie (A._____) mit ihr zu reden angefangen habe (HD 7/11 S. 10). Sie habe 

nicht festgestellt, dass die Beschuldigte etwas von irgendwo genommen habe 

oder in der Hand gehabt hätte, +F._____ sei ja vor ihr gestanden. Als es knallte, 

sei er eine Armlänge von der Beschuldigten entfernt gestanden. Er habe ihr den 

Weg versperrt (HD 7/11 S. 11). Sie sei froh, dass die Beschuldigte eine Schuss-

waffe gehabt habe, sonst wäre sie (die Beschuldigte) dran gekommen (HD 7/11 

S. 13). Am 1. Oktober 2009 sei +F._____ aggressiver als sonst gewesen. Er sei 

den ganzen Tag bereits aussergewöhnlich gewesen (HD 7/11 S. 14). 

5.2.3 In der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 27. Oktober 2009 hielt 

A._____ an ihrer Darstellung der Auseinandersetzung fest. +F._____ und die 

Beschuldigte seien beim Fernseher am anderen Ende des Zimmers gestanden. In 

nächsten Moment seien beide beim Schrank gewesen, er habe die Beschuldigte 

an der Gurgel oder am Hemd gepackt und gegen den Schrank gedrückt (HD 7 

S. 5). Er habe sie angebrüllt, sie wisse nicht mehr genau was. +F._____ habe (mit 

dem rechten Arm) eine Bewegung nach hinten gemacht. Der Fernseher habe sich 

bewegt und dann seien die Schüsse gefallen (HD 7/13 S.5). Vielleicht habe er der 

Beschuldigten etwas angedroht, als sie beim Fenster gewesen seien. (HD 7/13 S. 

7). Als sie (A._____) zum zweiten Mal ins Zimmer gegangen sei, um der Beschul-

digten zu sagen, sie solle nicht immer so zurück geben, habe sie gesehen, dass 

die Beschuldigte hinten am Fernseher etwas gemacht habe. Sie habe gedacht, 

die Beschuldigte wolle den Stecker rausziehen, sie habe auf der Rückseite des 

Fernsehers am Stecker gezogen. Im nächsten Moment seien beide am Fenster 

gewesen (HD 7/13 S. 7). +F._____ und sie seien keine 30 Sekunden, vielleicht 20 

Sekunden, aus dem Zimmer gewesen. Sie seien aber schon draussen gewesen 

und in Richtung Wohnzimmer gegangen, aber im Gang noch sei sie umgekehrt. 

Sie glaube, die Türe geöffnet und mit der Klinke in der Hand durch den Türspalt 

mit der Beschuldigten gesprochen zu haben (HD 7/13 S. 8). Ob +F._____ der 

Beschuldigten gedroht habe, sie zu töten, könne sie sich nicht erinnern. In seinem 

Zustand könne es aber gut sein, er habe ja ausgeholt. Sie sei todsicher, er habe 

- 29 - 

zuschlagen wollen (HD 7/13 S. 8). An diesem Abend sei +F._____ anders gewe-

sen, als wenn er sonst ausgeflippt sei. Sonst habe sie immer das Gefühl gehabt, 

er habe sich mehr oder weniger unter Kontrolle. Diesmal sei er aber völlig wie ein 

Tier gewesen, er sei völlig ausgeschaltet, nur noch Instinkt, gewesen (HD 7/13 S. 

9). Er sei gut möglich, dass +F._____ der Beschuldigten manchmal gedroht habe, 

er könne sie mit einem Schlag totschlagen. Er habe mit allem Möglichen gedroht 

(HD 7/13 S. 10). 

5.2.4 In der Tatrekonstruktion vom 16. Februar 2010 stellte A._____ die zweite 

Phase der Auseinandersetzung so dar, wie sie sie in der Einvernahme vom 14. 

Oktober 2009 und 27. Oktober 2009 beschrieben hatte, d.h. dass +F._____ die 

Beschuldigte bei dem rechts vom Fenster stehenden Schrank am Kragen festge-

halten hatte und dann die Schüsse fielen (HD 4/2 S. 19). A._____ bestätigte in 

der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 15. April 2010, die Auseinander-

setzung in den vorangehenden Einvernahmen und in der Tatrekonstruktion so 

dargestellt zu haben, wie sie sie in Erinnerung gehabt habe (HD 7/24 S. 2). 

5.2.5 In ihrem Schreiben vom 17. Juni 2011 widerrief A._____ ihre Aussage, 

+F._____ hätte ausgeholt und habe zuschlagen wollen. Sie sei sich (nun) sicher, 

dass +F._____ versucht habe, der Beschuldigten die Waffe wegzunehmen, mit 

der Hand abgeglitten sei und sich dadurch dieses schwungvolle Ausholen des 

Armes nach hinten ergeben habe. Die Beschuldigte habe die Waffe bereits in der 

Hand gehalten (act. 41 S. 2). 

5.3 Aussagen Dritter 

5.3.1 H._____ , die Schwester des Arbeitgebers der Beschuldigten, zu welcher 

sich die Beschuldigte unmittelbar nach der Tat begab, gab in der polizeilichen 

Einvernahme vom 2. Oktober 2009 zu Protokoll, die Beschuldigte habe total ver-

stört gewirkt und zu ihr gesagt, sie hätte einen "Scheiss" gemacht. Sie habe auf 

ihren Vater geschossen. Der Vater sei ausgerastet. Er habe sie festgehalten und 

gesagt, er könne ihr den Arm brechen. Er habe ihr ebenfalls gesagt, er könne sie 

umbringen. Sie (H._____ ) habe der Beschuldigten angesehen, dass ihr Gewalt 

angetan worden sei. Sie habe Spuren von Gewalteinwirkung an den Armen ge-

- 30 - 

habt (HD 7/2 S. 1). Die Beschuldigte habe nicht richtig sprechen können, da sie 

noch unter Schock gestanden sei und immer habe weinen müssen (HD 7/2 S. 2). 

5.3.2 I._____, die im gleichen Wohnblock lebende Tochter von H._____ , führte 

in der polizeilichen Einvernahme vom 2. Oktober 2009 aus, die Beschuldigte habe 

geweint und gesagt, sie habe einen "Seich" gemacht. Ihr Vater sei völlig ausge-

rastet und sie habe auf ihn geschossen. Weiter habe die Beschuldigte erzählt, sie 

habe sich vier Kartoffeln gekocht. Als der alkoholisierte Vater dies gesehen habe, 

sei er ausgerastet. Er habe gefragt, ob sie die Kartoffeln bezahlt hätte und auch, 

ob sie ihr Zimmer bezahle. Dann habe er sie gepackt und an den Kasten, ans Bett 

und den Fernseher gedrückt. Er habe zu ihr auch gesagt, dass er ihr alle Knochen 

brechen und sie umbringen würde. Weiter habe er ihr gesagt, dass ein Schlag 

reichen würde, um sie und ihre Mutter umzubringen. Dann habe sie unter dem 

Fernseher die Waffe genommen (HD 7/3 S. 2). Die Beschuldigte habe gesagt, ihr 

Vater sei gross und breit. Da er auf sie zugestürmt sei, habe sie in seine Richtung 

geschossen (HD 7/3 S. 4). 

5.3.3 Kurz nach dem Vorfall rief die Beschuldigte zudem J._____ an. Ihm ge-

genüber äusserte sich die Beschuldigte in ähnlicher Weise, wie er telefonisch und 

per E-Mail gegenüber der Polizei am 24. Oktober 2009 zu Protokoll gab und in 

der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 1. Dezember 2009 bestätigte. Die 

Beschuldigte habe ihn von der Schwester ihres Chefs aus angerufen und sei völ-

lig aufgelöst gewesen. Sie habe erzählt, es sei wegen ein paar Kartoffeln zum 

Streit mit ihrem Vater gekommen, und sie habe auf ihn geschossen (HD 7/14 S. 

3). Er habe sie wegen drei Kartoffeln angebrüllt und angefangen, sie zu schlagen. 

Er habe sie gewürgt, aufs Bett gedrückt, durchs Zimmer geprügelt und ihr ge-

droht, er könne sie umbringen. Sie habe sich nicht anders zu helfen gewusst und 

geschossen, wisse aber nicht, ob sie ihn getroffen und wie oft sie geschossen 

habe (HD 7/14 S. 7). Sie habe gesagt, sie hätte Angst gehabt, dass er sie um-

bringe. Er habe ausgeholt. Sie habe ihn so noch nie erlebt (HD 7/21 S. 5). 

5.4 Erstellung des objektiven Sachverhalts 

- 31 - 

5.4.1 Für die Erstellung des Sachverhalts ist vor allem auf die tatnahen Aussa-

gen der Beschuldigten und A._____ abzustellen. Die Aussagen der Beschuldigten 

mit Bezug auf die Geschehnisse am Abend des 1. Oktober 2009 und den Tatab-

lauf sind denn auch im Wesentlichen glaubhaft. Die Aussagen weisen einen ho-

hen Grad an Realitätskriterien auf, während umgekehrt keine Lügensignale be-

achtet werden konnten. So schildert die Beschuldigte etwa ihre Angst, dass 

+F._____ sie aus dem Fenster werfen könnte. Eine solche Schilderung erscheint 

äusserst glaubhaft, da sie sich einerseits mit einer realen Gegebenheit verknüp-

fen lässt und zudem psychologisch stimmig ist. Auch die Schilderung des Ablaufs 

ist frei von Strukturbrüchen. Sie erzählt relativ chronologisch, jedoch bisweilen 

auch zeitlich hin und her springend, wie sich das Ganze abspielte. Auch dies ist 

ein Anzeichen einer glaubhaften Aussage. Umgekehrt fiel sie nicht in stereotypes 

Leugnen oder eine Verweigerungshaltung, wenn der Befragende ihr durch die 

Fragestellung auf den Zahn fühlte.  

5.4.2 Auch wenn die Beschuldigte, wie unter Ziff. II.2.2 ausgeführt, durchaus in 

der Lage ist, ein Lügengebäude zu konstruieren, ist bei diesen Aussagen zu be-

rücksichtigen, dass die Beschuldigte sich an jenem Abend in einem Schockzu-

stand befand und nicht die Geistesgegenwart besessen haben kann, in der kur-

zen ihr zur Verfügung stehenden Zeit ein ausgeklügeltes Rechtfertigungsszenario 

zu fabrizieren. Besonderes Gewicht haben dabei die gegenüber H._____ und 

I._____ sowie J._____ geäusserten Darstellungen der Geschehnisse und deren 

glaubhaften Aussagen, dass sich die Beschuldigten tatsächlich in einem Schock-

zustand befunden hatte. Von der Glaubhaftigkeit der Aussagen der Beschuldigten 

kurz nach dem Tathergang und gegenüber H._____ und I._____ sowie J._____ 

geht denn auch die Staatsanwaltschaft aus (act. 48 S. 12 f.). 

5.4.3 Die erste Phase der Auseinandersetzung wurde im Wesentlichen bereits 

unter Ziff. II.1.4.1 wiedergegeben. Zu ergänzen und als erstellt zu betrachten ist 

zusätzlich, dass in dieser Phase der Auseinandersetzung die tätlichen Übergriffe 

von +F._____ mit einer erheblichen Gewalteinwirkung verbunden waren. Die Be-

schuldigte erlitt in dieser Phase der Auseinandersetzung an den Oberarmen, an 

der Brust und an beiden Ober- und Unterschenkeln mehrere Verletzungen in der 

Form von Hautunterblutungen und Hautabschürfungen (HD 9/6 S. 3). Wie die 

- 32 - 

Beschuldigte wiederholt ausgesagt und auch kurz nach der Tat gegenüber 

H._____ und I._____ sowie J._____ erzählt hatte, muss +F._____ bereits in die-

ser Phase die Beschuldigte auch erheblich bedroht und ihr unter anderem gesagt 

haben, er könne sie mit einem Schlag töten und er könne ihr alle Knochen bre-

chen. Dies wird im Übrigen auch von A._____ bestätigt, die jedoch keine Anga-

ben machen konnte, ob Todesdrohungen ausgesprochen worden waren.  

5.4.4 Erstellt ist sodann auch, dass +F._____ an jenem Abend auf eine Art aus-

gerastet ist, die einerseits das übliche Mass überstieg und andererseits in dieser 

Situation vollkommen die Beherrschung verlor und nur noch instinktgeleitet han-

delte. Die Beschuldigte erklärte etwa, dass sein Blick nicht mehr normal gewesen 

sei. Der Blick sei voller Wahnsinn gewesen. Ähnlich beschreibt es auch A._____, 

die erklärte, dass er wie ein Tier gewesen sei. Völlig ausgeschaltet und nur noch 

instinktgeleitet (HD 7/13 S. 9). Ihr Mann sei an diesem Tag aggressiver gewesen 

als sonst. Er habe den ganzen Tag zuhause verbracht und  

- ungewöhnlicherweise - während des ganzen Tages die Videoaufnahmen des 

Fitness-Studios kontrolliert. Er habe gesagt, er müsse kontrollieren, dass niemand 

ohne Abo ins Studio gehe. Dessen Verhalten an diesem Tag sei sehr ausserge-

wöhnlich gewesen (HD 7/11 S. 14 Ziff. 72 und 75). Bereits in der ersten Einver-

nahme gab A._____ zu Protokoll, dass sie an jenem Morgen bemerkt habe, dass 

ihr Mann "einen aggressiven Grundton drauf" gehabt habe. Es sei an diesem Tag 

"so ein emotionales Hoch und Tief" gewesen (HD 7/1 S. 3 Ziff. 8). Selbst nach-

dem A._____ - die nicht erkannt hatte, dass die "Blitze" in Wirklichkeit Schüsse 

waren, und ihrer Tochter zunächst aus der Wohnung hinaus nachgeeilt war - nach 

der Rückkehr in die Wohnung ihren Mann verletzt aufgefunden hatte, zog sie es 

vor, ausserhalb des Hauses auf den Notarzt zu warten, weil sie Angst hatte, ihr 

Mann könnte nicht nur gegen sie, sondern auch gegenüber dem Nachbarn, Herrn 

S._____ , aggressiv werden (HD 7/1 S. 3 Ziff. 6). 

5.4.5 Zur sogenannten Zwischenphase bestehen widersprüchliche Angaben 

zwischen der Beschuldigten und der Privatklägerin A._____. Aber auch die Aus-

sagen von A._____ sind in sich widersprüchlich. Ihren Aussagen zufolge will sie 

zusammen mit +F._____ das Zimmer der Beschuldigten verlassen haben 

(HD 7/11 S. 9; HD 4/2 S. 19; HD 7/13 S. 5 und 8). Währenddem sich +F._____ 

- 33 - 

ins Wohnzimmer begeben haben soll, will sie umgekehrt sein und durch den Tür-

spalt der Türe zum Zimmer der Beschuldigten, die Klinke der Türe haltend, mit 

der Beschuldigten gesprochen haben (HD 7/11 S. 9 f.; HD 7/13 S. 8). Plötzlich 

habe sich dann +F._____ bei der Beschuldigten beim Fenster vorne befunden. 

Dieser Darstellung widerspricht einerseits bereits die Beschuldigte, die diesbezüg-

lich keinen Anlass zu einer sie begünstigenden Aussage hat. In der ersten Ein-

vernahme sagte die Beschuldigte denn auch aus, die Mutter habe den Raum 

verlassen, nicht aber, dass der Vater den Raum verlassen hätte (HD 6/1 S. 4), an 

anderer Stelle, die Mutter sei vom Vater aus dem Zimmer gescheucht worden 

(HD 6/1 S. 11). In der Hauptverhandlung führte die Beschuldigte schliesslich aus, 

Vater und Mutter hätten den Raum nicht richtig verlassen, der Vater habe die 

Mutter aus dem Zimmer geschoben und ihr etwas nachgerufen (Prot. S. 7). Wie 

+F._____ dorthin gekommen sein soll, ohne dass die Privatklägerin dies bemerkt 

hätte, konnte A._____ nicht erklären. Insbesondere ist es angesichts der Körper-

massen sowohl der Privatklägerin (vgl. act. 4/2 Foto 46) als auch von +F._____, 

der mit seiner Körperfülle bereits allein den Türrahmen voll ausschöpfte, unmög-

lich, dass er sich unbemerkt durch den Türspalt an A._____ vorbei ins Zimmer 

hätte hineindrängen können (vgl. HD 4/2 Foto 15 resp. 4/3). Dies impliziert, dass 

+F._____ sich hinter A._____ befunden haben muss. Dass +F._____ unbemerkt 

von A._____ erneut auf die Beschuldigte losgehen konnte, bedeutet, dass er sich 

in dieser sogenannten Zwischenphase immer zwischen der Beschuldigten und 

A._____ befunden haben muss und nicht - wie von A._____ (allerdings nur) in der 

zweiten Einvernahme geltend gemacht (HD 7/11 S. 9 Ziff. 41) - ins Wohnzimmer 

gegangen sein kann. Am Ende der Zwischenphase bzw. zu Beginn der zweiten 

Phase der Auseinandersetzung muss +F._____ somit zwischen der Beschuldig-

ten und A._____ positioniert gewesen sein, sich aber höchstens wenig ausserhalb 

des Zimmers, also direkt vor die Zimmertür der Beschuldigten, eventuell auch nur 

bis zur Zimmertür, begeben haben, ansonsten er nicht von der Türe her auf die 

Beschuldigte hätte zustürmen können. Es ist somit mit Bezug auf die sogenannte 

Zwischenphase festzuhalten, dass A._____ und die Beschuldigte wieder vom Bett 

aufgestanden waren, und sich A._____  und +F._____ in Richtung Türe des 

Zimmers der Beschuldigten begeben hatten. Dabei befand sich +F._____ stets 

hinter A._____ und begab sich bis zur oder höchstens wenig vor die Zimmertüre. 

- 34 - 

5.4.6 Währenddem sich A._____  und +F._____ in Richtung Zimmertüre bega-

ben, versuchte die Beschuldigte in der Ecke beim Fernseher das Telefon zu fin-

den. Diese Aussage der Beschuldigten ist glaubhaft, bereits in ihrer ersten Ein-

vernahme war die Suche nach dem Telefon und der Umstand, dass sie zu diesem 

Zeitpunkt die Waffe hinter dem Fernseher gesehen hätte, ein Thema (HD 6/1 S. 

4). Auch in den folgenden Einvernahmen, bei welchen der Tatablauf stets Gegen-

stand der Befragung war, erklärte die Beschuldigte immer wieder, dass sie eigent-

lich das Telefon gesucht habe (HD 6/2 S. 29 und 35 f.; HD 6/17 S. 6; act. 47 

S. 11).  

- 35 - 

5.4.7 Die von der Spurensicherung festgestellten Schussdefekte am Kopfende 

des Bettes und in der dem Fenster gegenüberliegenden Wand ergeben, dass die 

Schüsse von dieser Position beim Fernseher bzw. Fenster abgegeben worden 

sein müssen. Das Gutachten des Forensischen Institutes Zürich zu den Schuss-

distanzen stützt die Darstellung der Beschuldigten zum Tatablauf und kommt mit 

überzeugenden Argumenten zum Schluss, dass die Darstellung von A._____, 

+F._____ habe die Beschuldigte am Kragen oder Gurgel haltend an den Schrank 

gedrückt, nicht zutreffen kann. Für den Brustein- und Rückenausschuss (Lungen-

durchschuss) muss aufgrund der Höhe des Brusteinschusses von 145 cm und 

des Rückenausschusses von 140 cm sowie des einzig in Frage kommenden 

Schussdefekts Pos. 12 die Schussdistanz zwischen 40 bis 60 cm betragen ha-

ben. Für den Kinnein- und Halsausschuss kommt einzig der Schussdefekt Post. 

18 in Frage. Der Kinneinschuss befand sich auf einer Höhe von 166 bis 168 cm, 

der Halsausschuss auf eine solchen von 161 cm ab Boden, der Schussdefekt in 

der Wand lag in einer Höhe von 60 cm. +F._____ muss sich deshalb bei der 

Schussabgabe in leicht gebückter Stellung circa 65 bis 85 cm vor dem Laufende 

des Revolvers befunden haben. Der Bauchsteckschuss zum Gesäss hinten links 

befand sich auf einer Höhe von 114 cm. Die Schussdistanz für diesen Schuss 

muss zwischen 80 und 120 cm gelegen haben. Der Ohrmuschelstreifschuss kor-

respondiert mit dem Schussdefekt an der Wand Pos. 11. +F._____ muss sich 

wiederum in leicht gebückter Haltung circa 55 bis 75 cm vom Laufende des Re-

volvers entfernt befunden haben. Die Projektilabprallstelle des "fünften" (die Rei-

henfolge der abgegebenen Schüsse kann spurenkundlich nicht belegt werden) 

befindet sich in Pos. 13. Bei dieser Schussabgabe kann mangels Referenzpunk-

ten +F._____ nicht positioniert werden. Das Gutachten schliesst jedoch aus, dass 

+F._____ in aufrechter Haltung näher gekommen war, ansonsten er getroffen 

worden wäre. Nicht ausgeschlossen wird eine gebückte Haltung von +F._____ in 

einer näheren Position zur Beschuldigten (HD 12 S. 21 ff. und Bildbeilagen S. 1 

ff.). Die Darstellung von A._____ lässt sich mit den rekonstruierten Schussdistan-

zen nicht in Einklang bringen, sei es, dass +F._____ die Beschuldigte an der 

Gurgel haltend habe schlagen wollen, sei es, dass er ihr die angeblich bereits auf 

ihn gerichtete Waffe habe entwenden wollen. Vielmehr ist bei der rechtlichen Be-

- 36 - 

urteilung auf den Anklagesachverhalt und die Darstellung der Beschuldigten ab-

zustellen, wonach sie mit ausgestrecktem Arm auf den sich auf sie zu bewegen-

den +F._____ mehrere Male geschossen hatte. 

5.4.8 Die Distanz von der Zimmertür zum Fenster, wo sich die Beschuldigte 

aufgehalten hatte, als +F._____ auf sie los ging, beträgt fünf Meter. +F._____ 

muss sich bei einem der Schüsse mindestens 120 cm von der Beschuldigten 

entfernt befunden haben (80 cm ab Laufende des Revolvers, 40 cm des ausge-

streckten Armes der Beschuldigten). Bei diesem Schuss wäre +F._____ circa 3,8 

m auf die Beschuldigte zugestürmt. Das Durchrennen dieser Distanz erfordert 

auch für einen Mann mit den Massen von +F._____, wenn er sich schnell bewegt, 

höchstens ein bis zwei Sekunden. Diese Zeit reicht kaum aus, um, wie von der 

Beschuldigten und ihrer Verteidigung geltend gemacht, zu realisieren, dass sie in 

lebensbedrohlicher Art und Weise angegriffen wird, an die Waffe hinter dem 

Fernseher zu denken, diese zu ergreifen und mehrere Schüsse auf +F._____ 

abzugeben, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass die Tatwaffe im Double-

Action Modus verwendet wurde und ein Abzugsgewicht von 5,22-5,24 Kilogramm 

aufwies, also ein nicht unerheblicher Kraftaufwand erforderlich war, um das Ab-

zugsgewicht zu überwinden. Der distanzmässige und zeitliche Ablauf der Ereig-

nisse bedingt, wie dies die Staatsanwaltschaft geltend macht (act. 48 S. 9), dass 

die Beschuldigte die Tatwaffe bereits in der Hand gehalten haben muss, als 

+F._____ in der Folge von der Türe her auf sie zugestürmt kam. Dies lässt sich 

zudem mit dem "herumnesteln" am Fernseher in Verbindung bringen, das 

A._____ wiederholt schilderte.  

5.4.9 Mit der Verteidigung ist indessen davon auszugehen, dass die sogenannte 

Zwischenphase nur sehr kurz gedauert haben kann, dass das Verlassen des 

Zimmers von +F._____ und die Suche nach dem Telefon der Beschuldigten quasi 

parallel abgelaufen sein muss, alles sehr schnell ging und keine eigentliche Beru-

higung der Situation stattgefunden hatte. Die Beschuldigte muss, als sie sich nach 

dem Telefon umschaute, die Waffe gesehen und ergriffen haben, während 

+F._____ noch bei oder wenig ausserhalb der Türe ihres Zimmers stand. 

+F._____ ist jedoch, kurz nachdem die Beschuldigte die Waffe ergriffen hatte, auf 

die Beschuldigte zugestürmt. Glaubhaft ist auch, dass +F._____ mit erhobenen 

- 37 - 

Händen auf die Beschuldigte zugegangen ist. Die erhobenen Hände beschrieb 

nicht nur die Beschuldigte, sondern diese hatte auch A._____ in Erinnerung, wel-

che sie allerdings anfänglich als Schlagen und Packen der Beschuldigten am 

Kragen und schliesslich als Versuch ihres Mannes, der Beschuldigten die Waffe 

wegzunehmen, interpretierte.  

5.5 Anzahl der von der Beschuldigten abgegebenen Schüsse 

5.5.1 Aus der Tatwaffe wurden am 1. Oktober 2009 fünf Schüsse abgefeuert. 

Die Verteidigung der Beschuldigten legte einlässlich dar, dass sämtliche fünf 

Schüsse von der Beschuldigten abgefeuert worden sein müssen (act. 49 S. 3 ff.). 

A._____ zweifelt indessen daran, dass alle fünf Schüsse von der Beschuldigten 

abgegeben worden sein sollen. Sie glaubt vielmehr, dass nur drei Schüsse von 

der Beschuldigten und die restlichen Schüsse von +F._____ selbst abgefeuert 

worden waren (HD 7/24 S. 8) bzw. mindestens ein Schuss von ihm abgefeuert 

worden war und ein Schuss sich im Nachhinein nicht mehr erklären lasse. Sie 

forderte deshalb einen DNA-Test der Tatwaffe (act. 40, act. 41). Hätte die Be-

schuldigte tatsächlich nur drei Schüsse abgegeben, bestünde theoretisch die 

Möglichkeit, dass der schliesslich zum Tod von +F._____ führende Lungenschuss 

nicht von ihr abgegeben worden wäre. Auch wenn dies - wie das Ergebnis zeigt - 

für den Ausgang des Verfahrens nicht relevant sein wird, ist zuhanden der Privat-

klägerin kurz auf die Zahl der von der Beschuldigten abgegebenen Schüsse ein-

zugehen und zu klären, wie viele Schüsse von der Beschuldigten abgefeuert wor-

den waren bzw. ob sie zumindest die Schüsse abgefeuert hatte, die bei +F._____ 

zu den in der Anklageschrift erwähnten Schussverletzungen geführt hatten. 

5.5.2 Die Beschuldigte konnte sich in den ersten beiden Einvernahmen kurz 

nach der Tat lediglich noch an den ersten Schuss erinnern, welcher in ihren Oh-

ren ein "bii" ausgelöst hatte, und daran, dass sie mehrmals abgedrückt hatte 

(HD 6/1 S. 6, HD 6/2 S. 30). In den Einvernahmen vom 18. Dezember 2009 und 

26. August 2010 erinnerte sie sich weiterhin nicht an die Anzahl der abgegebenen 

Schüsse, meinte aber, sich an drei Schüsse erinnern zu können (HD 6/17 S. 2, 

HD 6/22 S. 2). Drei Knaller oder Schläge werden auch von Nachbarn bestätigt 

(HD 7/6 S. 2, HD 7/10 S. 3). Drei Schüsse können somit definitiv der Beschuldig-

- 38 - 

ten zugeordnet werden. Für die verbleibenden zwei Schüsse wären verschiedene 

Szenarien denkbar, auch dass +F._____ in seinem verletzten Zustand die Waffe 

aufgehoben und in Richtung Wand geschossen hätte. Für einen der verbleiben-

den Schüsse fällt dieses Szenario aber bereits deshalb ausser Betracht, weil 

+F._____ vier Schussverletzungen unterschiedlicher Projektile erlitten hatte. Es 

erscheint unwahrscheinlich und aufgrund des Gutachtens des Forensischen Insti-

tuts Zürich zu den Schussdistanzen (HD 12/6) geradezu ausgeschlossen, dass 

sich +F._____ eine dieser Verletzungen selber zufügte. Aus dem Spurensiche-

rungsbericht der Kantonspolizei Zürich und dem Gutachten des Forensischen 

Instituts Zürich zu den Schussdistanzen ergibt sich sodann, dass auch der 

Schuss ohne Verletzungsfolge von der Beschuldigten abgefeuert worden sein 

muss. Weder an den Händen von +F._____ noch an denjenigen von A._____ 

konnten Hinweise auf Schmauch festgestellt werden (HD 11). Theoretisch könn-

ten +F._____ selbst in verletztem Zustand oder A._____ vor Eintreffen der Polizei 

sich noch die Hände gewaschen und die Schmauchspuren beseitigt haben. Das 

ballistische Gutachten zeigt aber auf, dass alle fünf Schüsse in einem einzigen 

Bewegungsablauf abgegeben worden waren (HD 12 S. 21 ff.). Ein separat abge-

gebener Schuss wäre, wie dies die Verteidigung zu Recht ausführt (act. 48 S. 5), 

in Winkel und Distanz abweichend gewesen und hätte dieser Bewegungsabfolge 

nicht sinnvoll zugeordnet werden können. Selbst wenn jedoch +F._____ aus der 

Tatwaffe noch einen Schuss abgegeben hätte, nachdem die Beschuldigte die 

Waffe fallen gelassen und das Zimmer und die Wohnung verlassen hatte, wäre 

dies für die rechtliche Beurteilung des Anklagevorwurfs nicht von entscheidender 

Relevanz. Entscheidend ist vielmehr, dass die Schüsse mit den tödlichen Verlet-

zungsfolgen von der Beschuldigten abgegeben worden waren. Auf die Einholung 

eines DNA-Gutach-tens konnte deshalb verzichtet werden, und es ist erstellt, 

dass die Beschuldigte in jedem Fall die zu den Schussverletzungen von +F._____ 

führenden Schüsse abgegeben hat. 

6 Innerer Sachverhalt 

6.1 Motivation Waffenkauf 

- 39 - 

Die Beschuldigte kaufte die Waffe am 5. Mai 2009. Zur Begründung des Waffen-

kaufs führte die Beschuldigte an, sie sei vor zwei Jahren von einem Mann ange-

griffen worden, sie habe grundsätzlich Angst, in der Nacht draussen zu sein, sie 

habe auch in der Wohnung vor Einbrechern Angst gehabt (HD 6/1 S. 6, HD 6/2 

S. 25 f., HD 6/16 S. 5, HD 6/17 S. 2 f.; Prot. S. 15). Die zeitlichen Angaben der 

Beschuldigten zum Waffenkauf und dessen Motivation sind widersprüchlich. Im 

Zeitpunkt des Waffenkaufs hatte die Beschuldigte im höchsten Masse Liebes-

kummer. Auswertungen des Computers, Zeichnungen, E-Mails etc. verdeutlichen, 

dass sich die Beschuldigte in dieser Zeit in einen eigentlichen Eifersuchtswahn 

hinein gesteigert hatte. Als Höhepunkt inszenierte sie einen angedrohten Amok-

lauf gegen die neue Freundin von J._____ und setzte dazu auch die kurz zuvor 

gekaufte Waffe als Drohinstrument ein (vgl. Ziff. II.2.2). Die Beschuldigte hatte 

allerdings nie die Absicht, das Ganze in die Tat umzusetzen. Insbesondere lässt 

sich daraus aber auch nicht ableiten, die Beschuldigte hätte die Waffe im Hinblick 

auf eine geplante Tötung ihres Vaters gekauft.  

6.2 Subjektive Elemente hinsichtlich Schussabgabe 

Die Beschuldigte wusste, dass sie mit einem geladenen Revolver auf +F._____ 

schoss; sie hatte den Revolver nach dessen Kauf selbst geladen (HD 6/1 S. 6, 

HD 6/2 S. 30). Sie wusste auch um die tödliche Wirkung von Schüssen (HD 6/22 

S. 2). Es sind jedoch keine objektiven Anhaltspunkte ersichtlich, die darauf 

schliessen liessen, dass die Beschuldigte die Tat geplant hätte. Dies wird zurecht 

auch von der Staatsanwaltschaft nicht vorgetragen. Vielmehr ist aufgrund der 

Gesamtumstände glaubhaft, dass die Beschuldigte unter dem Eindruck der ersten 

Phase der Auseinandersetzung, angesichts der physischen Übermacht des Va-

ters, in die Ecke des Zimmers gedrängt, ohne Möglichkeit, dem Vater auszuwei-

chen, in Panik geraten ist, sie Todesangst hatte und den Vater mit der Waffe und 

den Schüssen vor weiteren Übergriffen abhalten wollte.  

- 40 - 

III.Rechtliche Würdigung 

1 Vorsätzliche Tötung (Art. 111 StGB) 

1.1 Objektiver Tatbestand 

1.1.1 Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, erfüllt den Grundtatbestand von 

Art. 111 StGB. Qualifiziert wegen Mordes bestraft wird der Täter, wenn er beson-

ders skrupellos handelt (Art. 113 StGB). Nach der privilegierten Strafbestimmung 

des Totschlags wird der Täter beurteilt, der in einer nach den Umständen ent-

schuldbaren heftigen Gemütsbewegung oder unter grosser seelischer Belastung 

gehandelt hat (Art. 113 StGB).  

1.1.2 Die Beschuldigte feuerte fünf Schüsse auf +F._____ ab und fügte ihm 

vier Schussverletzungen zu. Der Lungendurchschuss führte zu dessen Tod. Die 

Beschuldigte erfüllt objektiv den Tatbestand der vorsätzlichen Tötung. 

1.2 Subjektiver Tatbestand 

1.2.1 Vorsätzlich handelt, wer die Tat mit Wissen und Willen ausführt. Eventu-

alvorsätzlich handelt bereits, wer die Verwirklichung der Tat für möglich hält und 

(billigend) in Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 2 StGB). Nach der Rechtsprechung des 

Bundesgerichts ist Eventualvorsatz gegeben, wenn der Täter den Eintritt des Er-

folgs bzw. die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber dennoch handelt, 

weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt, sich mit ihm abfindet, 

mag er ihm auch unerwünscht sein. Für den Nachweis des Vorsatzes kann sich 

das Gericht - soweit der Täter nicht geständig ist - regelmässig nur auf äusserlich 

feststellbare Indizien und auf Erfahrungsregeln stützen, die ihm Rückschlüsse von 

den äusseren Umständen auf die innere Einstellung des Täters erlauben. Zu den 

äusseren Umständen, aus denen der Schluss gezogen werden kann, der Täter 

habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen, zählt namentlich die 

Grösse des dem Täter bekannten Risikos der Tatbestandsverwirklichung und die 

Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung. Je grösser dieses Risiko ist, und je 

schwerer die Sorgfaltspflichtverletzung wiegt, desto eher darf gefolgert werden, 

- 41 - 

der Täter habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen (BGE 134 IV 

26, 131 IV 1, Bger 6B_239/2009 vom 13. Juli 2009). 

1.2.2 Die Beschuldigte hatte die Tat nicht geplant. Zweck ihres Handelns war 

auch nicht, den Vater zu töten, sondern ihn von sich fernzuhalten (HD 6/1 S. 4 

und S. 7, HD 6/2 S. 36, HD 6/17 S. 11, HD 6/22 S. 2). Sie schoss unkontrolliert 

und ungezielt in Richtung +F._____. Die Beschuldigte wusste aber, dass sie mit 

einem geladenen Revolver auf +F._____ zielte und war sich der Möglichkeit eines 

lebensgefährlichen oder tödlichen Treffers bewusst. Mit der Schussabgabe nahm 

die Beschuldigte deshalb die Tötung von +F._____ in Kauf und handelte vorsätz-

lich im Sinne des Eventualvorsatzes. Dies wird seitens der Verteidigung denn 

auch ausdrücklich anerkannt (act. 49 S. 7). 

1.3 Qualifikation / Privilegierung 

Die Qualifikation der Tötungshandlung als Mord fällt vorliegend ausser Betracht. 

Zu prüfen wäre allenfalls, ob die Voraussetzungen des privilegierten Tatbestands 

des Totschlags nach Art. 113 StGB erfüllt wären. Die Beschuldigte berief sich 

indessen bereits in der Untersuchung darauf, in Notwehr gehandelt zu haben (vgl. 

u.a. HD 6/1 S. 5 f., HD 6/22 S. 2 f.). Entsprechend machte die Verteidigung in der 

Hauptverhandlung geltend, die Beschuldigte habe in rechtfertigender Notwehr 

oder in einem entschuldbaren Notwehrexzess gehandelt (act. 49 S. 7 ff.). Wer in 

rechtfertigender Notwehr im Sinne von Art. 15 StGB handelt, verhält sich recht-

mässig, auch wenn die Tat mit Strafe bedroht ist (Art. 14 StGB). Überschreitet der 

Täter die Grenzen des Notwehrrechts in entschuldbarer Aufregung oder Bestür-

zung über den Angriff, so handelt er nicht schuldhaft (Art. 16 Abs. 2 StGB). So-

wohl die rechtfertigende Notwehr wie auch der entschuldbare Notwehrexzess 

führen zu einem Freispruch. Die zu einer obligatorischen Strafmilderung führende 

Privilegierung nach Art. 113 StGB ist deshalb nur dann zu prüfen, wenn eine 

rechtfertigende Notwehr resp. entschuldbarer Notwehrexzess verneint werden. 

- 42 - 

2 Notwehr 

2.1 Vorbemerkungen 

2.1.1 Wie bereits erwähnt, macht die Verteidigung in erster Linie geltend, die 

Beschuldigte habe in rechtfertigender Notwehr gehandelt (act. 49 S. 7 ff., S. 42). 

Für den Fall der Annahme eines Notwehrexzesses betrachtet sie diesen als ent-

schuldbar im Sinne von Art. 16 Abs. 2 StGB (act. 49 S. 43 f.). Die Staatsanwalt-

schaft geht mit der Verteidigung von einer Notwehrlage der Beschuldigten aus; 

sie sieht im Verhalten der Beschuldigten jedoch weder eine rechtfertigende Not-

wehr noch einen zur Schuldlosigkeit führenden entschuldbaren Notwehrexzess im 

Sinne von Art. 16 Abs. 2 StGB, sondern anerkennt lediglich einen zu einer Straf-

milderung führenden Notwehrexzess im Sinne von Art. 16 Abs. 1 StGB (act. 48 S. 

13 f.) 

2.1.2 Wird jemand ohne Recht angegriffen oder unmittelbar mit einem Angriff 

bedroht, so ist der Angegriffene und jeder andere berechtigt, den Angriff in einer 

den Unständen angemessenen Weise abzuwehren (Art. 15 StGB). Seine Hand-

lung ist diesfalls rechtmässig. Überschreitet der Abwehrende die Grenzen der 

Notwehr, so mildert das Gericht die Strafe (Art. 16 Abs. 1 StGB). Überschreitet er 

die Grenzen in entschuldbarer Aufregung oder Bestürzung über den Angriff, so 

handelt er zwar rechtswidrig, aber nicht schuldhaft (Art. 16 Abs. 2 StGB).  

2.1.3 Die Anwendung der Bestimmungen von Art. 15 und Art. 16 StGB setzt 

eine Notwehrlage voraus, d.h. einen Angriff auf rechtlich geschützte Interessen. 

Der Angriff muss bereits im Gange sein oder unmittelbar drohen, im letzteren Fall 

muss die Bedrohung aktuell und konkret sein. Ohne Recht ist jeder Angriff, der 

objektiv die Rechtsordnung verletzt (BSK StGB I-SEELMANN, Art. 15 N 7). Liegt 

keine Notwehrlage vor, so handelt der Täter rechtswidrig. Handelt der Täter je-

doch in der irrigen Annahme einer Notwehrlage (sog. Putativnotwehr), so beurteilt 

sich sein Verhalten nach der Bestimmung über den Sachverhaltsirrtum (Art. 13 

StGB). Bei unvermeidbarem Irrtum behält der vermeintlich in Notwehr Handelnde 

sein Notwehrrecht. Wäre der Irrtum vermeidbar gewesen, ist er allenfalls wegen 

fahrlässiger Tatbegehung zu bestrafen (BSK StGB I-SEELMANN, Art. 15 N 6 ff.). 

- 43 - 

2.1.4 Die Abwehr in einer Notwehrsituation muss nach der Gesamtheit der 

Umstände als verhältnismässig erscheinen. Zum einen muss das mildeste Ab-

wehrmittel, das den Angriff mit Sicherheit beenden kann, angewandt werden 

(Subsidiarität). Zum anderen dürfen das angegriffene und das durch die Abwehr 

beeinträchtigte Rechtsgut objektiv nicht in einem krassen Missverhältnis stehen 

(Verhältnismässigkeit i.e.S.). Bei der Beurteilung der Angemessenheit spielen 

somit insbesondere die Schwere des Angriffs, die durch den Angriff und die Ab-

wehr bedrohten Rechtsgüter, die Art des Abwehrmittels und dessen tatsächliche 

Verwendung eine Rolle. Die Angemessenheit der Abwehr ist aufgrund jener Si-

tuation zu beurteilen, in der sich der rechtswidrig Angegriffene im Zeitpunkt seiner 

Tat befand. Besondere Zurückhaltung ist unter anderem bei der Verwendung von 

Waffen zur Abwehr geboten, da deren Einsatz stets die Gefahr schwerer oder 

tödlicher Verletzungen mit sich bringt. Angemessen ist die Abwehr in diesen Fäl-

len, wenn der Angriff nicht mit weniger gefährlichen und zumutbaren Mitteln hätte 

abgewendet werden können, der Angreifer womöglich gewarnt worden ist und der 

Abwehrende vor der Benutzung der Waffe das Nötige zur Vermeidung einer 

übermässigen Schädigung vorgekehrt hat. Dabei ist eine Abwägung der auf dem 

Spiel stehenden Rechtsgüter unerlässlich. Doch muss deren Ergebnis für den 

Angegriffenen, der erfahrungsgemäss rasch handeln muss, mühelos erkennbar 

sein. Subjektiv setzt Notwehr voraus, dass der Täter die Abwehrhandlung be-

wusst und gewollt zum Zwecke der Abwehr eines Angriffs vornimmt, also mit Ver-

teidigungs- bzw. Notwehrwillen handelt (BSK StGB I-SEELMANN, Art. 15 N 12 f.; 

BGE 136 IV 49, BGer 6B_66/2011 vom 16. Juni 2011). Letztere Voraussetzung 

liegt unbestrittenermassen vor. 

2.2 Notwehrlage 

2.2.1 Die Aggression ging stets von +F._____ aus. Zuerst in der Küche, verbal. 

Er hatte den Streit mit der Tochter gesucht und sich in seiner gewohnten rechtha-

berischen Art aufgeführt. Auch wenn die Beschuldigte freche Antworten gegeben 

haben sollte, war es nicht die Beschuldigte, die den Streit provozierte. Vielmehr 

versuchte sie sich dem Streit zu entziehen. Sie zog sich in ihr Zimmer zurück, um 

die Kartoffeln zu essen. Der Vater liess jedoch nicht locker, folgte der Beschuldig-

ten in ihr Zimmer und ging erneut zunächst verbal, danach tätlich auf die Be-

- 44 - 

schuldigte los. Die von der Beschuldigten erlittenen Verletzungen zeugen von der 

Gewalt, die von +F._____ ausging. Die Beschuldigte befand sich bereits aufgrund 

dieser tätlichen Übergriffe in einer Notwehrsituation.  

2.2.2 +F._____ liess dann aber zunächst von der Beschuldigten ab und ver-

liess ihr Zimmer. Es liesse sich argumentieren, dass damit dieser Angriff abge-

schlossen war. Die Situation hatte sich aber kaum beruhigt. +F._____ stand im-

mer noch irgendwo zwischen Mutter und Tochter und verhöhnte die Beschuldigte, 

die in der Ecke beim Fernseher das Telefon suchte. Die Beschuldigte musste 

befürchten, dass +F._____ in ihr Zimmer zurückkehren und erneut auf sie losge-

hen könnte. Die Gefahr eines weiteren Angriffs war weiterhin aktuell und konkret. 

+F._____ stand noch in unmittelbarer Nähe der Beschuldigten und schrie dabei 

noch immer rum. Damit steht aus rechtlicher Hinsicht fest, dass ein Angriff auf 

ihre Rechtsgüter zumindest drohte. Diese Gefahr realisierte sich schliesslich, 

denn +F._____ kehrte innert kürzester Zeit in das Zimmer der Beschuldigten zu-

rück und stürmte auf sie zu, mit erhobenen Händen und einem Blick, der sie um 

ihr Leben fürchten liess. Die Schilderung dieses Blicks ist im Übrigen äusserst 

bemerkenswert und lässt die von ihr immer wieder beschriebene Todesangst als 

glaubhaft erscheinen. 

Die Beschuldigte beschreibt in der Einvernahme vom 8. Oktober 2009, dass der 

Blick des Opfers "nicht mehr normal" und "voller Wahnsinn" gewesen sei, kurz 

bevor sie geschossen habe (HD. 6/2 Ziff. 13 und 124). In der Einvernahme vom 

18. Dezember 2009 gab sie zu Protokoll, dass der Blick "wie von einem Tier" war 

(HD 6/17 S. 9). Auch A._____ erklärte, er sei "wie ein Tier [gewesen] …völlig 

ausgeschaltet, nur noch Instinkt " (HD 7/13 S. 9). Bereits an jenem Morgen habe 

er "einen aggressiven Grundton drauf" gehabt und sei an diesem Tag aggressiver 

gewesen als sonst (HD 7/1 S. 3 Ziff. 8; HD 7/11 S. 14 Ziff. 72 und 75). A._____ 

selber hatte nach der Tat - deren Schwere sie in diesem Moment gar noch nicht 

erkannt hatte - Angst, ihr Mann könnte nicht nur gegen sie, sondern auch gegen-

über dem Nachbarn aggressiv werden (HD 7/1 S. 3 Ziff. 6). Auch der Vater des 

Opfers, R._____ , beschreibt, dass er damals am Blick erkannt habe, dass "es 

nicht mehr gut ist" und er befürchtet habe, dass er auf ihn losgehe. Er habe einen 

- 45 - 

Hammer zur Hand genommen, für den Fall, dass +F._____ auf ihn losgehe (HD 

7/20 S. 3).  

2.2.3 Unabhängig davon, ob man nun die gesamte Auseinandersetzung als 

andauernden Angriff von +F._____ auf die Beschuldigte qualifizieren will, oder die 

Zwischenphase in Verbindung mit der zweiten Phase der Auseinandersetzung 

isoliert als Angriff betrachtet, verletzte +F._____ mit seinem Verhalten die physi-

sche Integrität der Beschuldigten und drohte diese erneut zu verletzen. Ein Recht-

fertigungsgrund für sein Verhalten liegt nicht vor, insbesondere kann er sich als 

Aggressor nicht seinerseits auf eine Notwehrlage berufen. +F._____ verhielt sich 

unrechtmässig. Die Beschuldigten befand sich deshalb im Zeitpunkt der Schuss-

abgabe in einer Notwehrlage, was auch von der Staatsanwaltschaft anerkannt 

wird (act. 48 S. 13 ff.).  

2.3 Verhältnismässigkeit 

Wie erwähnt, verlangt Art. 15 StGB, dass die Notwehr den Umständen ange-

bracht, also verhältnismässig eingesetzt wird, wobei die Verhältnismässigkeit 

zweigegliedert ist in die Subsidiarität des Mittels und die Verhältnismässigkeit im 

engeren Sinn.  

2.3.1 Subsidiarität des Abwehrmittels 

2.3.1.1 Vorab ist festzuhalten, dass nicht das Recht auf Abwehr subsidiär ist, 

sondern sich die Subsidiarität auf das Abwehrmittel bezieht. Das heisst, es muss 

im Rahmen der Abwehr auf das mildeste Abwehrmittel zurückgegriffen werden. 

Recht braucht der Macht nicht zu weichen. Der Angegriffene braucht weder zu 

flüchten noch die Polizei zu rufen. Wie es das Bundesgericht zutreffend ausführt, 

wehrt derjenige, der flüchtet oder die Polizei ruft, nicht ab, sondern verzichtet auf 

Abwehr (BGE 79 IV 148, 152). Auf sein Recht zur Abwehr braucht der Angegriffe-

ne nicht zu verzichten. Aus diesem Grund geht das rechtliche Argument der 

Staatsanwaltschaft fehl, die Beschuldigte hätte sich passiver verhalten müssen 

(act. 48 S. 13). Es ist nochmals festzuhalten: Die Aggression ging von Beginn 

weg und einzig vom alkoholisierten +F._____ aus. Sollte die verbale Abwehr der 

Beschuldigten zur weiteren Eskalation der Auseinandersetzung beigetragen ha-

- 46 - 

ben, hat sich +F._____ dies selbst zuzuschreiben (vgl. auch BGE 79 IV 148). 

Auch er musste aus vergangenen Auseinandersetzungen mit der Beschuldigten 

gewusst haben, dass sie, von ihm provoziert, entsprechend reagieren würde. Die 

soziale Nahbeziehung zwischen +F._____ und der Beschuldigten bedeutet nicht, 

dass sie verbale und/oder physische Übergriffe ihres Vaters über sich zu ergehen 

lassen und auf Abwehr zu verzichten hätte.  

2.3.1.2 Nur am