# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 1221e751-0e49-55c4-a44a-62e76b848a6d
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2023-11-02
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 02.11.2023 D-1117/2022
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-1117-2022_2023-11-02.pdf

## Full Text

B u n d e s v e r w a l t u ng s g e r i ch t  

T r i b un a l  ad m i n i s t r a t i f  f éd é r a l  

T r i b un a l e  am m in i s t r a t i vo  f e d e r a l e  

T r i b un a l  ad m i n i s t r a t i v  fe d e r a l  

 

 

  

 

 Abteilung IV 

D-1117/2022 

law/bah 

 

 
 

  U r t e i l  v o m  2 .  N o v e m b e r  2 0 2 3  

Besetzung 
 Richter Walter Lang (Vorsitz), 

Richter Lorenz Noli, Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger, 

Gerichtsschreiber Christoph Basler. 

   

Parteien 

 
A._______, geboren am (…), 

Afghanistan, 

vertreten durch MLaw Lara Märki, Rechtsanwältin, 

(…), 

Beschwerdeführer,  

  
 
gegen 

  
 

Staatssekretariat für Migration (SEM), 

Quellenweg 6, 3003 Bern, 

Vorinstanz. 

   

Gegenstand 

 
Asyl (ohne Wegweisungsvollzug);  

Verfügung des SEM vom 4. Februar 2022 / N (…). 

 

 

 

D-1117/2022 

Seite 2 

Sachverhalt: 

A.  

A.a Am 2. Juni 2021 ersuchte Griechenland die Schweiz im Rahmen eines 

Dublin-Verfahrens um die Übernahme des Beschwerdeführers zur Durch-

führung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens. Die Schweiz stimmte die-

sem Ersuchen am 3. Juni 2021 zu. Am 12. Oktober 2021 reiste er in die 

Schweiz ein und stellte am selben Tag ein Asylgesuch. Er wurde dem Bun-

desasylzentrum (BAZ) der Region B._______ zugewiesen. Das SEM 

nahm am 19. Oktober 2021 die Personalien des Beschwerdeführers auf 

(ZEMIS-Direkterfassung). 

A.b Am 22. Dezember 2021 hörte das SEM den Beschwerdeführer zu sei-

nen Asylgründen an. Er machte im Wesentlichen geltend, er habe sein gan-

zes Leben in Afghanistan in C._______ verbracht und den Beruf des (…) 

erlernt. Sein Heimatland habe er am 10. Juni 2019 zusammen mit seiner 

Mutter, seiner Schwester und seinem Bruder verlassen. Sein Schwager 

habe Afghanistan schon früher verlassen. Über D._______ seien sie nach 

Griechenland gelangt, wo sie zuerst in einem Zelt gelebt hätten. 

Seine Schwester habe in Afghanistan einen Mann kennengelernt, der (…) 

betrieben habe. Nachdem dieser einen Heiratsantrag gestellt habe, habe 

sein Vater sich über ihn erkundigt. Danach habe die Familie seine Schwes-

ter mit dem Mann verlobt. Dieser sei aufgrund von Problemen D._______ 

gegangen und habe seine Schwester dorthin eingeladen. Nach einer Weile 

hätten die beiden D._______ geheiratet. Seine Schwester sei zurück nach 

Afghanistan gekommen, um ihr Studium fortzusetzen. Sie habe zusammen 

mit der Mutter in der Nachbarschaft an einer Hochzeitsfeier teilgenommen. 

Ein Kommandant namens E._______ sei auch eingeladen gewesen; er 

habe Gefallen an seiner Schwester gefunden. Nach einer Weile seien 

Frauen zu seiner Mutter gekommen und hätten um die Hand seiner 

Schwester angehalten. Seine Mutter habe ihnen gesagt, dass ihre Tochter 

bereits verheiratet sei. Da keine Hochzeitsfeier bekannt gewesen sei, hät-

ten die Frauen seiner Mutter nicht geglaubt und seien ein zweites Mal ge-

kommen. Seine Schwester habe ihnen gesagt, sie sei bereits verheiratet, 

und habe ihre Hochzeitsfotos gezeigt. Die Frauen hätten behauptet, sie 

lüge. Danach sei Kommandant E._______ zusammen mit anderen Kom-

mandanten und Weissbärtigen zu ihnen nach Hause gekommen. Er (der 

Beschwerdeführer) habe ihnen geöffnet und sie zu seinem Vater gebracht, 

der ihnen erklärt habe, dass er keine ledige Tochter habe. E._______ habe 

seinem Vater alles Mögliche angeboten, was seinen Vater erzürnt habe. Er 

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habe die Männer gebeten, sein Haus zu verlassen. Am 8. April 2019 sei 

sein Vater an eine Hochzeitsfeier im Bezirk F._______ gegangen. Sie hät-

ten ihn telefonisch nicht mehr erreichen können und sich Sorgen gemacht. 

Gegen Abend sei er (der Beschwerdeführer) aus dem Spital angerufen 

worden. Man habe ihm gesagt, sein Vater habe einen Unfall gehabt und er 

solle sofort ins Spital kommen. Er habe seinen Onkel angerufen und ihm 

gesagt, er müsse ihn ins Spital begleiten. Als er im Spital angekommen sei, 

habe man ihn zu einem Bett gebracht, auf dem sein Vater, der mit einem 

weissen Tuch bedeckt gewesen sei, gelegen habe. Man habe ihm gesagt, 

er müsse seinen Vater identifizieren, und habe das Tuch weggezogen. Auf 

dem Körper seines Vaters seien viele Schusswunden zu sehen gewesen. 

Sein Onkel habe telefonisch seine (des Beschwerdeführers) Mutter infor-

miert, danach seien sie nach Hause gegangen. Am folgenden Tag sei sein 

Vater in einer «Leichentruhe» gebracht worden. Seine Mutter habe das 

Tuch weggezogen und auf das Gesicht seines Vaters geschaut. Sie hätten 

ihn beerdigt und vermutet, dass sein Vater von den Taliban getötet worden 

sei. Nach einer Weile hätten sie das Alltagsleben wiederaufgenommen; er 

habe es als Last empfunden, zum Familienoberhaupt geworden zu sein. 

Eines Tages sei seine Schwester entführt worden, als sie auf dem Weg zur 

Universität gewesen sei. Sie hätten sich bei der Polizei und bei Ämtern 

erkundigt und er habe seine Schwester in der Stadt gesucht. Sie sei jedoch 

eine Woche lang verschwunden geblieben. Als einmal an das Haustor ge-

klopft worden sei, habe sein Bruder dieses geöffnet und geschrien. Seine 

Mutter sei herbeigeeilt und habe gesehen, dass E._______ ihn zu Boden 

gestossen habe. E._______ habe seine Mutter geohrfeigt und sich nach 

seiner Frau erkundigt. Sie hätten nicht verstanden, weil sie nicht gewusst 

hätten, dass er seine Schwester entführt und sie mit Hilfe eines Mullahs 

geheiratet habe. E._______ habe sie vergewaltigt und wegen Blutungen 

ins Spital gebracht. Seine Schwester sei von dort geflohen und zu ihrem 

Onkel gegangen. Als E._______ gesagt habe, er habe seine Schwester 

geheiratet, sei er (der Beschwerdeführer) wütend geworden und habe ihn 

geschlagen. Die Soldaten E._______ hätten ihn festgehalten und ihn ge-

schlagen. E._______ habe seine Mutter und seinen Bruder geschlagen. 

Aus seinem Mund sei Blut geflossen und seine Mutter habe ihn schützen 

wollen. E._______ habe mit seinen Leuten das Haus durchsucht; danach 

sei er gegangen, habe aber zwei Soldaten bei ihnen gelassen. Einer sei 

drinnen geblieben, der andere sei vor dem Haustor gestanden. Später 

habe sein Onkel angerufen und gesagt, dass G._______ (die Schwester 

des Beschwerdeführers) bei ihm sei. Er habe den Soldaten gesagt, sie soll-

ten weggehen, aber sie hätten ihre Pistolen auf ihn gerichtet. E._______ 

sei gleichentags nochmals gekommen und habe nach seiner Frau gefragt. 

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Er habe seine und seines Bruders Hand genommen und gedroht, er werde 

sie zu «Bacha Bazi» (Tanzjungen) machen. Er habe sie nochmals geschla-

gen und geschrien, sie sollten seine Frau finden. Das Quartieroberhaupt 

sei zu ihnen gekommen und habe gefragt, ob sie ein Problem hätten. Nach-

dem seine Mutter sich erklärt habe, habe das Quartieroberhaupt den Leiter 

des Polizeibüros angerufen. Seine Mutter habe mit E._______ Männern 

gesprochen. Am folgenden Tag seien die Soldaten weggewesen. Sein On-

kel habe sie angerufen und ihnen geraten, Afghanistan zu verlassen. Er 

habe für die ganze Familie (…) Visa gekauft. Sie hätten seine Schwester 

beim Onkel abgeholt und seien zum Flughafen gefahren. Über Kabul seien 

sie nach H._______ geflogen, wo sie von seinem Schwager empfangen 

worden seien. 

A.c Das SEM teilte dem Beschwerdeführer am 23. Dezember 2021 mit, 

sein Asylgesuch bedürfe weiterer Abklärungen und werde fortan im erwei-

terten Verfahren behandelt. Mit Verfügung vom 29. Dezember 2021 wies 

das SEM ihn für den Aufenthalt während des weiteren Verfahrens dem 

Kanton I._______ zu. 

A.d Das SEM führte am 1. Februar 2022 mit dem Beschwerdeführer eine 

ergänzende Anhörung durch. Dabei gab er zu Protokoll, die Probleme mit 

Kommandant E._______ hätten im Jahr 2019 begonnen und sich über drei 

bis vier Monate erstreckt. Dieser sei insgesamt dreimal bei ihnen gewesen. 

Als er zu ihnen nach Hause gekommen sei, um seine geflohene Ehefrau – 

die Schwester des Beschwerdeführers – zu suchen, habe er zu seiner Mut-

ter gesagt, er werde sie wie ihren Mann töten und ihre Kinder vernichten. 

Damals habe sein Bruder die Türe geöffnet und sei von E._______ gestos-

sen worden. Als seine Mutter hinzugekommen sei, sei auch sie mit 

E._______ in (…) geraten. Er (der Beschwerdeführer) sei herbeigeeilt und 

sei mit E._______ ebenfalls in Konflikt geraten. Dieser habe seine Ehefrau 

gesucht, was sie nicht verstanden hätten, da sie von der Trauung seiner 

Schwester mit E._______ nichts gewusst hätten. E._______ habe sie alle 

geschlagen, wobei seine Mutter an der Schulter verletzt worden sei. Er (der 

Beschwerdeführer) sei sehr wütend gewesen, habe aber gegen die Solda-

ten, die ihn mit Gewehrkolben geschlagen hätten, keine Chance gehabt. 

Seine Angehörigen und er seien hin- und hergezogen, verprügelt und be-

droht worden. Als E._______ nochmals gekommen sei, habe er alle ge-

schlagen und verlangt, dass man ihm seine Frau übergebe. Beim zweiten 

«Besuch» von ihm habe er nochmals gedroht, er werde seinen Bruder und 

ihn zu Tanzjungen machen, worauf sein Bruder ohnmächtig geworden sei. 

Man habe ihm Wasser ins Gesicht spritzen müssen, damit er wieder zu 

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sich gekommen sei. Durch den Schock habe sein Bruder eine Sehschwä-

che erlitten. Auf Nachfrage sagte der Beschwerdeführer, der Tod seines 

Vaters sei von den Behörden untersucht worden, diese hätte aber keine 

Spuren finden können. Er sei zusammen mit seinem Onkel zur Polizei ge-

gangen, die sie befragt habe. Man habe ihnen gesagt, man werde sie in-

formieren, falls man etwas herausfinde. 

B.  

Mit Verfügung vom 4. Februar 2022 – eröffnet am 7. Februar 2022 – stellte 

das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft 

nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es seine Wegwei-

sung aus der Schweiz. Da das SEM den Vollzug der Wegweisung als der-

zeit unzumutbar einstufte, ordnete es die vorläufige Aufnahme des Be-

schwerdeführers an. Es stellte fest, dass die vorläufige Aufnahme ab Da-

tum dieser Verfügung beginne, und beauftragte den zuständigen Kanton 

mit deren Umsetzung. 

C.  

Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 9. März 2022 erhob der Be-

schwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht 

Beschwerde. In dieser wurde beantragt, die Verfügung des SEM vom 

4. Februar 2022 sei in den Dispositivziffern 1-3 aufzuheben und das SEM 

anzuweisen, die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers festzustel-

len und ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Verfügung in den Dis-

positivziffern 1-3 aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an das 

SEM zurückzuweisen. Es sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu ge-

währen und die unentgeltliche Verbeiständung mit der Unterzeichnenden 

zu bewilligen sowie auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzich-

ten. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde beantragt, das vorliegende 

Verfahren sei mit demjenigen der Schwester und deren Ehemanns (N […]) 

sowie mit denjenigen seiner Mutter und seines Bruders (N […]) zu vereini-

gen. 

D.  

Am 11. März 2022 reichte die Rechtsvertreterin eine den Beschwerdefüh-

rer betreffende Fürsorgebestätigung vom 10. März 2022 ein. 

E.  

Der Instruktionsrichter hiess die Gesuche um Gewährung der unentgeltli-

chen Rechtspflege und amtliche Verbeiständung mit Verfügung vom 

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30. August 2023 gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-

schusses. Er ordnete dem Beschwerdeführer MLaw Lara Märki als amtli-

che Rechtsbeiständin bei. Zudem teilte er dem Beschwerdeführer mit, das 

Bundesverwaltungsgericht werde das vorliegende Beschwerdeverfahren 

mit denjenigen seiner Mutter (D-2742/2021), seiner Schwester  

(D-197/2020) und seines Bruders (D-1150/2022) koordinieren. Die Akten 

überwies er zur Vernehmlassung an das SEM. 

F.  

Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers stellte dem Gericht am 

5. September 2023 eine Honorarnote zu. 

G.  

Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 22. September 2023 an sei-

nem Standpunkt fest. Das Bundesverwaltungsgericht brachte dem Be-

schwerdeführer die Vernehmlassung am 5. Oktober 2023 zur Kenntnis. 

H.  

H.a In den Verfahren der Schwester (D-197/2020) beziehungsweise der 

Mutter des Beschwerdeführers (D-2742/2021) stellte das SEM im Rahmen 

eines Schriftenwechsels mit Verfügungen vom 11. respektive 22. Septem-

ber 2023 fest, die Schwester beziehungsweise die Mutter würden die 

Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG erfüllen und ge-

währte ihnen Asyl. 

H.b Mit Abschreibungsentscheiden D-197/2020 vom 21. September bezie-

hungsweise D-2742/2021 vom 5. Oktober 2023 schrieb das Bundesver-

waltungsgericht die beiden Beschwerdeverfahren daraufhin als gegen-

standslos geworden ab. 

 

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 

1.  

1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-

schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den 

Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-

waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne 

von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher 

zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-

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det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-

ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-

son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 

Eine solche Ausnahme liegt nicht vor. 

1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-

men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein 

schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-

rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 

AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-

gerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 105 AsylG 

i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten. 

2.  

Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen 

richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 

E. 5). 

3.  

3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-

sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im 

Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-

tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer 

politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-

gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 

Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung 

des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen 

unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).  

3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen 

oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die 

Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-

geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen 

Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-

chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte 

Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 

4.  

4.1 Das SEM führt zur Begründung seines Entscheides aus, Vorbringen 

seien zu wenig begründet, wenn die Aussagen zu einem Erlebnis nicht die 

Qualität erreichten, die zu erwarten wäre, hätte die aussagende Person 

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das Geschilderte tatsächlich erlebt. Zur Unterscheidung von erlebnisba-

sierten und erfundenen Schilderungen werde in der Aussagepsychologie 

ein hypothesengeleitetes Vorgehen gewählt. Demgemäss gelte eine Aus-

sage erst dann als glaubhaft gemacht, wenn sich die Hypothese, sie hätte 

von der Person unter den konkreten Befragungsbedingungen auch ohne 

Erlebnisbezug erfunden werden können, nicht mehr aufrecht halten lasse. 

Erlebnisbasierte Aussagen liessen sich von erfundenen anhand von Real-

kennzeichen unterscheiden. Im Gegensatz zu erfundenen Schilderungen 

wiesen sie eine signifikante Dichte an Realkennzeichen auf. Um die Aus-

sagequalität der Vorbringen des Beschwerdeführers beurteilen zu können, 

müssten seine individuellen Fähigkeiten skizziert werden. Er sei gut aus-

gebildet und habe schon in jungen Jahren eine gute Arbeitsstelle erlangt, 

weshalb bei ihm höhere individuelle Fähigkeiten wie zusammenhängen-

des, logisches und strukturiertes Denken sowie verbales Ausdrucksvermö-

gen zu erwarten seien. Diese Fähigkeiten würden dadurch sichtbar, dass 

er einen umfangreichen Sachverhalt wiedergegeben habe. Seine individu-

ellen Voraussetzungen und Fähigkeiten liessen hohe Erwartungen an die 

Aussagequalität seiner Schilderungen zu. 

Dem Beschwerdeführer sei Gelegenheit gegeben worden, seine Vorbrin-

gen frei zu schildern. Bei der Anhörung sei sein Bericht umfangreich gewe-

sen und es sei ihm gelungen, seine Vorbringen zusammenhängend darzu-

legen. Den Schilderungen seien Realkennzeichen zu entnehmen. So habe 

er mehrfach Gespräche wiedergegeben und detaillierte Beschreibungen 

gemacht. Er habe sämtliche Interaktionen zwischen Kommandant 

E._______ und seiner Familie ausgeführt, unabhängig von seiner eigenen 

Rolle. Ferner habe er gewisse Vorfälle in einen räumlich-zeitlichen Kontext 

eingeordnet. Bei der Prüfung seines freien Berichts ergebe sich, dass seine 

Schilderung durch eine nahtlose, strukturierte und meist chronologische 

Erzählweise gekennzeichnet sei, was gegen einen persönlichen Erlebnis-

bezug spreche. Seine Ausführungen zu zentralen, selbst erlebten Ge-

schehnissen seien inhaltlich ohne persönliche Tiefe ausgefallen. Hinsicht-

lich des ersten Besuchs von E._______, der die Schwester des Beschwer-

deführers gesucht habe, fehlten jegliche Anzeichen persönlichen Bezugs, 

obwohl alle anwesenden Familienmitglieder geschlagen worden seien. Bei 

seiner Redegewandtheit und seinem Ausdrucksvermögen hätten reflektier-

tere Aussagen erwartet werden können. Den zweiten Besuch von 

E._______ habe er kompakt und wortkarg beschrieben. Im Vergleich zum 

Detaillierungsgrad der nicht selbst erlebten Ereignisse falle das ihn persön-

lich betreffende traumatische Ereignis qualitativ stark ab. Auch in der er-

gänzenden Anhörung habe er die Gelegenheit erhalten, seine Erlebnisse 

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mit E._______ zu schildern. Zu dessen erstem Besuch habe er sich um-

fangreich in einer Art und Weise geäussert, die auf den ersten Blick für die 

Glaubhaftigkeit dieses Vorbringens spreche. Die Realkennzeichen in der 

Schilderung beträfen fast ausschliesslich Kriterien bezüglich autobiografi-

scher Erinnerungen, die ebenso in erfundenen Redebeiträgen vorkommen 

könnten. Fehlen würden Kriterien bezüglich strategischer Selbstpräsenta-

tion oder Schemaabweichungen, die bei erlebnisbasierten Ereignissen zu 

erwarten wären. Seine Aussagen enthielten unerwartet wenig persönliche 

Betroffenheit. Somit habe er die Erwartungen an die Aussagequalität be-

züglich der persönlichen Betroffenheit eindeutig nicht erfüllt. 

Der Beschwerdeführer sei gefragt worden, was sich zwischen den beiden 

Besuchen von E._______ abgespielt habe, als dieser seine Schwester ge-

sucht habe. In Anbetracht der Bedrohungslage an diesem Tag erstaunten 

seine Angaben zur Zeitspanne zwischen den beiden Besuchen. Er habe 

gesagt, es sei nichts passiert und er habe nichts getan. Diese vage Dar-

stellung sei mit der komplexeren Wirklichkeit kaum zu vereinbaren. Er sei 

zudem nicht in der Lage gewesen, substantiierte Angaben zum letzten Be-

such von E._______ zu machen; seine Aussagen seien einsilbig und in-

haltsarm geblieben. Gefragt, wie sich die beiden Besuche unterschieden 

hätten, hätten seine Ausführungen nicht zu überzeugen vermocht. 

Der Beschwerdeführer und seine Angehörigen hätten dieselben Flucht-

gründe geltend gemacht, weshalb deren Schilderungen überwiegend über-

einstimmen müssten und keine wesentlichen Widersprüche enthalten dürf-

ten. Es bestünden aber Ungereimtheiten zwischen den Aussagen der Fa-

milienmitglieder. Seine Schwester habe ausgesagt, der Tod ihres Vaters 

sei behördlich untersucht worden, wobei sich ergeben habe, dass 

E._______ ihren Vater umgebracht habe. Seine Mutter habe gesagt, er 

(der Beschwerdeführer) sei nach dem Tod seines Vaters zur Polizeistation 

gegangen, um dessen Tod zu melden. Trotz ausführlichen Berichts in der 

Anhörung, habe er selbst weder eine offizielle Untersuchung erwähnt noch, 

dass er den Tod seines Vaters den Behörden gemeldet habe, was nicht 

nachvollziehbar sei. Er sei gefragt worden, wie er vom Tod des Vaters er-

fahren habe, worauf er geantwortet habe, er habe es von E._______ er-

fahren, als dieser bei ihm zu Hause nach seiner Schwester gesucht habe. 

Er habe auch gesagt, die Polizei habe den Tod seines Vaters von Amtes 

wegen untersucht. Seine Darstellung weise mehrere gravierende Wider-

sprüche zu denjenigen seiner Schwester und seiner Mutter auf. Seine Er-

klärungen dafür seien wenig überzeugend gewesen. Seine Schwester 

habe gesagt, nach dem Tod des Vaters habe seine Mutter ihren Bruder 

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angerufen. Mutter, Onkel und er seien zusammen ins Spital gegangen. Die 

Schwester habe ebenso gesagt, ihr Vater sei im geschlossenen Sarg ge-

bracht worden und niemand habe ihn sehen können. Er habe ausgesagt, 

er habe seinen Onkel angerufen und sei mit ihm zum Krankenhaus gegan-

gen, von wo aus dieser seine Mutter angerufen habe. Als sein Vater für die 

Beerdigung nach Hause gebracht worden sei, habe seine Mutter das Lei-

chentuch hochgehoben, um den Vater ein letztes Mal zu sehen. Diese An-

gaben wichen deutlich voneinander ab. Während der Beschwerdeführer 

gesagt habe, E._______ sei am Tag, als er nach seiner Ehefrau gesucht 

habe, zweimal bei ihnen vorbeigekommen, habe seine Mutter gesagt, 

E._______ sei am folgenden Tag nochmals gekommen. Seine Mutter und 

sein Bruder hätten angegeben, E._______ habe einen Soldaten zurückge-

lassen, nachdem er das erste Mal nach dem Verbleib seiner Ehefrau ge-

fragt habe. Der Beschwerdeführer habe bei seinen Anhörungen von zwei 

Soldaten gesprochen, die zurückgelassen worden seien. Seine Behaup-

tung, seine Mutter und sein Bruder hätten wohl nur einen Soldaten gese-

hen, habe er nicht erklären können. Der Frage, wann der Soldat im Innen-

hof – der gemäss ihm auch vom Bruder und seiner Mutter gesehen worden 

sei – den Hof verlassen habe, sei er mehrmals ausgewichen. Auf Nach-

frage habe er gesagt, der Soldat im Innenhof habe am selben Tag den Hof 

verlassen, an dem E._______ zweimal vorbeigekommen sei. Seine Mutter 

habe angegeben, der Soldat sei am zweiten Tag abgezogen worden.  

Es sei dem Beschwerdeführer nicht gelungen, einen widerspruchsfreien 

Ablauf des Kerngeschehens zu geben, das zur Flucht aus Afghanistan ge-

führt habe. Unter Berücksichtigung der erwähnten Zweifel aufgrund der 

nicht ausreichenden Qualität der Aussagen sei festzustellen, dass sich die 

Ereignisse nicht wie von ihm vorgetragen ereignet haben könnten. 

Auch in Anbetracht der seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanis-

tan herrschenden unsicheren Lageentwicklung bestehe kein begründeter 

Anlass zur Annahme, dass der Beschwerdeführer zum Entscheidzeitpunkt 

bei einer Rückkehr nach Afghanistan mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit 

und in absehbarer Zukunft flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungs-

massnahmen ausgesetzt sein werde. 

4.2 In der Beschwerde wird einleitend der Sachverhalt geschildert und gel-

tend gemacht, der Beschwerdeführer habe den ersten Besuch des Kom-

mandanten, der seine Schwester gesucht habe, bei beiden Anhörungen 

ausführlich geschildert. Dem Vorwurf, seinen Aussagen fehle jegliches An-

zeichen persönlichen Bezugs, sei entschieden zu widersprechen, zumal 

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diese zahlreiche Realkennzeichen enthielten. Seine Aussagen im freien 

Bericht zum zweiten Besuch des Kommandanten seien deutlich kürzer 

ausgefallen. Beim ersten Besuch sei er (der Beschwerdeführer) erstmals 

mit der angeblichen Verheiratung seiner Schwester konfrontiert worden, 

was grosse Wut in ihm ausgelöst habe. Es leuchte ein, dass es sich um 

eine prägende Begegnung gehandelt habe, an die er sich gut erinnern 

könne. Er sei durch Schläge verletzt worden, so dass aus seinem Mund 

Blut gelaufen sei und er kaum mehr habe aufstehen können. Der zweite 

Besuch habe sich am selben Tag ereignet. In Anbetracht seines ge-

schwächten Zustands leuchte ebenso ein, dass der weniger intensive 

zweite Besuch nicht gleichermassen in seinem Gedächtnis geblieben sei. 

Das SEM habe es unterlassen, die jeweiligen Ausführungen hinsichtlich 

Intensität und Dauer der Ereignisse in ein angemessenes Verhältnis zu 

setzen. Da es sich beim zweiten Besuch des Kommandanten nicht um das 

Schlüsselerlebnis gehandelt habe und er (der Beschwerdeführer) bereits 

ausführlich und detailliert über die Vorfälle berichtet habe, seien seine Aus-

führungen im freien Bericht nachvollziehbar kürzer als zuvor ausgefallen. 

Im Rahmen der zweiten Anhörung habe er diesen Umstand durch ergän-

zende Ausführungen zu diesem Besuch korrigiert. 

Der Auffassung des SEM, die in den Schilderungen des ersten Besuchs 

des Kommandanten vorhandenen Realkennzeichen beträfen fast aus-

schliesslich Kriterien bezüglich autobiografischer Erinnerungen, sei ent-

schieden zu widersprechen. Die Aussagen enthielten zahlreiche Realkenn-

zeichen, bei denen es sich nicht um autobiografische Erinnerungen handle, 

die nicht einfach ohne kognitiven Aufwand in erfundenen Redebeiträgen 

produziert werden könnten. Zu beachten sei die ausführliche und detail-

lierte Schilderung des ersten Besuchs des Kommandanten während der 

ersten Anhörung, zumal auch diese zahlreiche Realkennzeichen enthalte. 

Im Zusammenhang mit einem Trauma seien explizites und implizites Ge-

dächtnis zu unterscheiden. Das explizite Gedächtnis sei das Gedächtnis 

des Denkens, in dem Namen, Daten, Fakten und die Reihenfolge der Er-

eignisse gemerkt würden. Das implizite Gedächtnis sei das Gedächtnis des 

Erlebens, der Sinne und des Körpers. Liege ein Trauma vor, werde dieses 

übermässig gut in das implizite Gedächtnis und gleichzeitig defizitär in das 

explizite eingespeichert. Die Unterscheidung in einen expliziten und impli-

ziten Funktionsmodus gelte nicht nur für das Gedächtnis, sondern auch für 

Wahrnehmungen, Emotionen, Emotionsregulation und das Lernen. All 

diese Funktionen könnten explizit ablaufen. Die Prozesse hätten dann eine 

andere Qualität und Auswirkung, als wenn sie im impliziten Funktionsmo-

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Seite 12 

dus abliefen. Implizite Prozesse könnten gar nicht oder nur schlecht wil-

lentlich kontrolliert werden und seien nur schwer veränderbar. Auch Funk-

tionen des expliziten Gedächtnisses könnten durch ein Trauma beeinträch-

tigt werden. Aufgrund der Unterschiede, die mit persönlichen Erlebniswei-

sen zusammenhingen, dürfe der vom SEM festgestellten fehlenden per-

sönlichen Betroffenheit in den Vorbringen des Beschwerdeführers betref-

fend den ersten Besuch des Kommandanten kein zu grosses Gewicht bei 

der Gesamtbeurteilung aller Elemente der Glaubhaftigkeit beigemessen 

werden. Das Gesamtbild sei entscheidend, Einzelheiten dürften nicht über-

bewertet werden. Es genüge, wenn das Vorgefallene als «wahrscheinlich» 

beurteilt werden könne. 

Der Beschwerdeführer sei während der Besuche des Kommandanten 

emotional und körperlich stark belastet worden, indem er geschlagen und 

mit der Verheiratung seiner Schwester konfrontiert worden sei. Er habe 

ausgeführt, sie seien völlig zerschlagen und traurig gewesen. Betreffend 

die Zeitspanne zwischen den beiden Besuchen habe er über seine Gefühle 

und Gedankengänge bezüglich des erlebten Vorfalls sowie die Soldaten 

auf dem Grundstück berichtet. Das Gefühl der Ohnmacht, das er implizit 

angegeben habe, könne nachvollzogen werden. Es sei denkbar, dass die 

Familie aus Angst und Lähmung nicht mehr im Stande gewesen sei, zu 

reagieren. In solchen Fällen sei auch im Nachhinein nicht zu erklären, wie 

sich der Gefühlszustand gestaltet habe und welche Gedankengänge ab-

gelaufen seien, da diese auch im Zeitpunkt des Geschehenen bei den 

meisten Betroffenen diffus und nicht bestimmbar seien. Es sei nahelie-

gend, dass die beiden Besuche nicht identisch abgelaufen seien, und er-

scheine logisch nachvollziehbar, dass es bei zwei zeitlich nah beieinander-

liegenden und ähnlichen Vorfällen einfacher sei, Gemeinsamkeiten anstatt 

Unterschiede zu erkennen. Der Umstand, dass er nicht auf Anhieb die bei-

den Vorfälle habe schematisch vergleichen können, um daraus Unter-

schiede abzuleiten, könne ihm nicht negativ angerechnet werden. 

Hinsichtlich der vom SEM angeführten Ungereimtheiten zwischen den Aus-

sagen des Beschwerdeführers und denjenigen seiner Angehörigen sei zu 

berücksichtigen, dass sich die fluchtauslösenden Ereignisse im Frühjahr 

2019 ereignet hätten. Er habe Afghanistan im Juni 2019 verlassen und da-

nach längere Zeit in Griechenland gelebt, wo er mit unzähligen neuen Ein-

drücken konfrontiert worden sei. Die erste Befragung zu den Ereignissen 

habe am 22. Dezember 2021 stattgefunden. Zudem beträfen die unter-

schiedlichen Angaben untergeordnete Punkte des Gesamtbildes. Unter 

D-1117/2022 

Seite 13 

Berücksichtigung der vergangenen Zeit und der Einspeicherung ins Ge-

dächtnis bei dessen durch die traumatisierende Situation veränderter 

Funktionsweise verwunderten die festgestellten Abweichungen nicht. Ein 

von der Glaubwürdigkeitsforschung herausgearbeitetes Realkennzeichen 

bestehe darin, dass es in einer Aussage Erinnerungslücken und Verfäl-

schungen gebe, die bei auswendig gelernten Geschichten nicht vorkämen. 

Während der ergänzenden Anhörung habe der Beschwerdeführer ausge-

führt, die Polizei sei nach dem Anschlag auf seinen Vater von sich aus vor 

Ort gegangen, da dies bei einem Vorfall mit Schüssen üblich sei. Da die 

Ermittlungen nichts ergeben hätten, erstaune kaum, dass er diesen Um-

stand als unwesentlich erachtet habe. Die Aussagen seiner Mutter und sei-

ner Schwester zum Todesfall des Vaters seien miteinander vereinbar, 

Beide gingen davon aus, dass afghanische Behörden «in den Tod des Va-

ters einbezogen» worden seien. Der Umstand, dass bei der Kommunika-

tion unwesentliche Dinge falsch aufgefasst worden seien, könne ihm nicht 

angelastet werden. Mutter und Schwester hätten in diesem Fall über Vor-

kommnisse berichtet, die sie lediglich vom «Hörensagen» zur Kenntnis ge-

nommen hätten. Es dürfe nicht ausser Acht gelassen werden, dass bereits 

die Frage nach einer «offiziellen» Untersuchung viel Spielraum für Inter-

pretationen gebe. Dem SEM müsste bewusst sein, dass bei mehreren An-

hörungen mit jeweils verschiedenen Dolmetschern bei Fragen rund um 

eine Wortbedeutung deutliche Unterschiede zu Stande kommen könnten. 

Hinsichtlich der Frage, wer nach dem Tod des Vaters des Beschwerdefüh-

rers ins Spital gegangen sei, analysiere das SEM den Sachverhalt ausser-

gewöhnlich oberflächlich. Aus dem Anhörungsprotokoll der Mutter gehe 

hervor, dass ein Anruf aus dem Krankenhaus gekommen sei, welchen er 

entgegengenommen habe. Daraufhin habe er allein ins Krankenhaus ge-

hen und dort seinen Onkel treffen wollen. Nachdem er angekommen sei, 

habe die Familie ihn zu erreichen versucht. Er habe das Telefon seinem 

Onkel gegeben, der mit der Mutter gesprochen habe. Seine Schwester sei 

hinzugekommen und habe nicht feststellen können, wer wen angerufen 

habe. Die Familie habe den Sachverhalt übereinstimmend wiedergegeben. 

Nur die Schwester habe ausgesagt, dass die Mutter ins Spital gegangen 

sei. Aufgrund des Schocks sei verständlich, dass sie nicht mehr genau 

wisse, ob die Mutter an diesem Abend das Haus verlassen habe. Ein sorg-

fältiger Vergleich ergebe, dass eine stimmige Darstellung über die Um-

stände des Todes des Familienvaters aus mehreren Erzählsichten gelun-

gen sei. Betreffend die Frage, wer den toten Vater gesehen habe, sei fest-

zuhalten, dass es verschiedene Gegenüberstellungen gegeben habe. Wer 

D-1117/2022 

Seite 14 

die Leiche zu Gesicht bekommen habe, könne im Nachhinein kaum genau 

bestimmt werden. 

Der Beschwerdeführer und sein jüngerer Bruder hätten angegeben, der 

Kommandant sei am selben Tag zweimal zu ihnen gekommen. Die Unge-

reimtheit betreffend die Aussage der Mutter, der Kommandant sei am fol-

genden Tag das zweite Mal erschienen, sei unwesentlich. Die Mutter habe 

während der Befragung gesagt, sie habe in den zwei Monaten nach dem 

Tod ihres Mannes nicht gewusst, ob es Tag oder Nacht sei. Zudem habe 

die Anhörung rund eineinhalb Jahre nach dem Vorfall stattgefunden. Die 

unterschiedlichen Angaben zur Anzahl der vom Kommandanten postierten 

Soldaten beträfen untergeordnete Punkte des Gesamtbildes. Es sei erneut 

auf die seither vergangene Zeit hinzuweisen. Die Familie sei damals unter 

Schock gestand und habe grössere Sorgen gehabt, als sich über die An-

zahl der Soldaten auszutauschen. Es könne dem Beschwerdeführer nicht 

vorgeworfen werden, dass er den Grund für diese Ungereimtheit nicht zu-

friedenstellend habe auflösen können. 

Die Sache sei eventuell an das SEM zurückzuweisen, weil es unterlassen 

habe, die Asylgründe des Beschwerdeführers rechtsgenüglich zu prüfen, 

womit der Untersuchungsgrundsatz verletzt worden sei. 

5.  

5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-

haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-

scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. 

BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar 

2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.). 

5.2  

5.2.1 Der Beschwerdeführer, sein Bruder und seine Mutter machten zur 

Begründung ihrer Asylgesuche geltend, Kommandant E._______ habe 

ihre Schwester beziehungsweise Tochter G._______ heiraten wollen. Da 

ihm dies verwehrt worden sei, habe er ihren Vater beziehungsweise Ehe-

mann getötet, später G._______ entführt und sie eine Woche lang festge-

halten. Da der Beschwerdeführer vorbringt, er sei von E._______ und sei-

nen Soldaten misshandelt und bedroht worden, nachdem G._______ die 

Flucht gelungen sei, drängt es sich auf, deren Vorbringen auf ihre Glaub-

haftigkeit hin zu prüfen (das SEM verneinte diese in seiner Verfügung vom 

6. Dezember 2019). 

D-1117/2022 

Seite 15 

5.2.2 Das SEM anerkannte die Schwester und die Mutter des Beschwer-

deführers aufgrund einer Praxisänderung als Flüchtlinge und gewährte 

ihnen während der laufenden Beschwerdeverfahren wiedererwägungs-

weise Asyl (vgl. Bst. H.). Gemäss seinem Faktenblatt «Praxisänderung 

weibliche afghanische Asylsuchende» vom 26. September 2023 entwi-

ckelte das SEM für Frauen und Mädchen aus Afghanistan eine neue Pra-

xis, die per 17. Juli 2023 in Kraft trat. Weibliche Asylsuchende aus Afgha-

nistan könnten sowohl als Opfer diskriminierender Gesetzgebung als auch 

einer religiös motivierten Verfolgung betrachtet werden – wenn nicht ohne-

hin andere flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgungsmotive zum Tragen 

kämen. Ihnen sei die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen. Dies geschehe 

nicht automatisch, sondern werde bei jedem Gesuch einzeln geprüft und 

entschieden. Das SEM hat demnach mit der Asylgewährung an die Mutter 

und die Schwester des Beschwerdeführers keine andere Einschätzung der 

Glaubhaftigkeit der von ihnen im Rahmen der Anhörungen geltend ge-

machten individuellen Asylgründe vorgenommen. 

5.2.3 Der Beschwerdeführer machte bei der ergänzenden Anhörung gel-

tend, er sei auf E._______ wütend gewesen, als dieser gesagt habe, er 

habe seinen Vater getötet und seine Schwester geheiratet. Am liebsten 

hätte er ihn geschlagen, aber er habe keine Chance gehabt und hätte sich 

nicht wehren können (vgl. SEM-act. […]-38/14 F19). Bei der Anhörung 

sagte er, er sei sehr wütend gewesen, als E._______ ihm gesagt habe, 

seine Schwester sei nun seine Frau. Er habe E._______ mit der Faust ge-

schlagen und mit seinem Kopf auf dessen Mund gestossen (vgl. SEM-act. 

[…]-20/16 F47). Diese Angaben sind widersprüchlich. Bei der ergänzenden 

Anhörung gab er einerseits an, seine Mutter habe ihn daran gehindert, mit 

den von E._______ zurückgelassenen Soldaten zu sprechen (vgl. SEM-

act. […]-38/14 F40, F50, F51), anderseits gab er zu Protokoll, er habe bei 

diesen reklamiert, wonach sie sich ausserhalb des Hofes positioniert hät-

ten (vgl. SEM-act. […]-38/14 F43). Diese Aussagen lassen sich schwer mit-

einander in Einklang bringen. Bei der ergänzenden Anhörung sagte er vor-

erst, E._______ habe – als er zum ersten Mal bei ihnen nach G._______ 

gesucht habe – seine Soldaten dabeigehabt, die mit ihnen gekämpft und 

sie mit den Gewehrkolben geschlagen hätten. Sie seien geschlagen, hin- 

und hergezogen, verprügelt und bedroht worden. Dann sei E._______ mit 

seinen Soldaten weggegangen (vgl. SEM-act. […]-38/14 F19). Kurz da-

nach führte er indessen aus, bei seinem ersten Besuch habe E._______ 

seine Soldaten als Wache bei ihnen zurückgelassen (vgl. SEM-act. […]-

38/14 F24 und F36). Auch diese Aussagen weichen voneinander ab. 

D-1117/2022 

Seite 16 

5.3 Wie bereits in der angefochtenen Verfügung festgehalten wurde, haben 

der Beschwerdeführer, sein Bruder und seine Mutter unterschiedliche An-

gaben zu den Besuchen von E._______ gemacht. Der Beschwerdeführer 

gab bei der Anhörung an, dieser sei nach der Flucht seiner Schwester aus 

dem Spital an einem Tag zweimal zu ihnen nach Hause gekommen (vgl. 

SEM-act. […]-20/16 F47). Seine Mutter sagte hingegen aus, E._______ 

sei an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu ihnen gekommen, als er auf 

der Suche nach G._______ gewesen sei (vgl. SEM-act. […]-37/17 F55 

S. 12 und S. 14). Hinsichtlich des von E._______ nach seinem auf die 

Flucht von G._______ folgenden ersten Besuchs bei der Familie, gab der 

Beschwerdeführer an, dieser habe zwei Soldaten zurückgelassen, einer 

sei draussen vor dem Haustor gewesen, der andere drinnen beim Tor. Da 

die Soldaten ihn genervt hätten, habe er ihnen gesagt, sie sollten abhauen. 

Sie hätten die Pistolen auf ihn gerichtet, worauf seine Mutter sich geängs-

tigt und ihm gesagt habe, er solle sie lassen. In der Nähe ihres Hauses 

gebe es eine Moschee, in der die Leute beteten. Das Quartieroberhaupt 

habe die Soldaten gesehen und sei zu ihnen gekommen. Er habe an das 

Tor geklopft und gefragt, ob sie ein Problem hätten. Seine Mutter habe ihm 

erklärt, was geschehen sei (vgl. SEM-act. […]-20/16 F47). Die Mutter des 

Beschwerdeführers sagte bei ihrer Anhörung, E._______ habe bei seinem 

ersten Besuch eine Wache in ihrem Hof zurückgelassen. Ihr Sohn habe 

diese aufgefordert, aus dem Haus zu gehen; der Mann habe geantwortet, 

er habe einen Befehl und werde nicht gehen (vgl. SEM-act. […]-37/17 F55 

S. 12). Die Wache sei nicht weggegangen, bis sie die Polizei und den Ver-

antwortlichen in ihrer Strasse kontaktiert hätten (vgl. SEM-act. […]-37/17 

F55 S. 14). Bei der Rückübersetzung des Anhörungsprotokolls erklärte die 

Mutter des Beschwerdeführers, sie sei in die Moschee gegangen, um die 

Verantwortlichen für die Strasse zu kontaktieren. Als sie ihnen erzählt habe, 

weshalb die Wache bei ihnen stehe, habe einer Kontakt zur nächsten Po-

lizeistation aufgenommen. Gemeinsam hätten sie die Wache wegschicken 

können (vgl. SEM-act. […]-37/17 S. 17). Die Angaben des Beschwerdefüh-

rers und seiner Mutter zur Anzahl der postierten Wachen weichen ebenso 

voneinander ab, wie diejenigen zur Kontaktaufnahme mit dem Quar-

tieroberhaupt. Gemäss den Aussagen des Beschwerdeführers sei das 

Quartieroberhaupt zu ihnen gekommen, weil er die postierten Soldaten ge-

sehen habe, gemäss den Angaben der Mutter bei der Rückübersetzung sei 

sie in die Moschee gegangen, um die Verantwortlichen für die Strasse zu 

kontaktieren. Dieser Schilderung folgend müsste die Mutter auch gewusst 

haben, dass zwei Soldaten zurückgelassen worden seien, weil sie diese 

beim Verlassen ihres Grundstücks hätte sehen müssen. Die Ungereimthei-

D-1117/2022 

Seite 17 

ten in den Aussagen des Beschwerdeführers und die voneinander abwei-

chenden Aussagen der einzelnen Familienmitglieder führen zum Schluss, 

dass die Feststellungen des SEM in der angefochtenen Verfügung zu be-

stätigen sind. 

5.4 Zusammenfassend ergibt sich, dass die vom Beschwerdeführer gel-

tend gemachte Bedrohungssituation durch einen lokalen Kommandanten 

den Anforderungen an die Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 AsylG 

nicht zu genügen vermag. Es sind in Bezug auf seine Person auch kein 

Risikoprofil oder Gründe für eine Reflexverfolgung ersichtlich, die zur An-

nahme einer begründeten Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG 

führen. Es erübrigt sich, auf die weiteren Ausführungen in der Beschwerde 

im Einzelnen einzugehen, weil sie an der Würdigung des Sachverhalts 

nichts zu ändern vermögen. Das SEM hat folglich zu Recht die Flüchtlings-

eigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abge-

lehnt. 

6.  

Schliesslich ist festzuhalten, dass das SEM den Sachverhalt rechtsgenüg-

lich ermittelte, die erheblichen Vorbringen prüfte und die angefochtene Ver-

fügung ausführlich begründete. Demzufolge ist der eventualiter gestellte 

Antrag, es die Verfügung in den Dispositivziffern 1-3 aufzuheben und die 

Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen, abzuweisen. 

7.  

7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab, so verfügt es in der Regel die Weg-

weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 

7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche 

Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-

chen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht verfügt (vgl. 

BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 

8.  

Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung 

Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig 

sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-

zuweisen. 

9.  

Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-

führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm mit Verfügung vom 

D-1117/2022 

Seite 18 

30. August 2023 die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde und sich 

an den Voraussetzungen dazu nichts geändert hat, sind keine Verfahrens-

kosten aufzuerlegen. 

10.  

10.1 Nachdem dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtsverbei-

ständung gewährt und Rechtsanwältin Lara Märki als amtliche Rechtsbei-

ständin eingesetzt wurde, ist jener ein amtliches Honorar auszurichten. 

10.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht bei amtlicher Vertretung im Asyl-

bereich in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– 

für Anwältinnen und Anwälte und Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltli-

che Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m Art. 10 Abs. 2 des 

Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesver-

waltungsgericht [VGKE; SR 173.320.2]). Es wird nur der notwendige Auf-

wand entschädigt. 

10.3 In der von der Rechtsvertretung am 5. September 2023 eingereichten 

Honorarnote werden ein Zeitaufwand von 11 Stunden und 30 Minuten bei 

einem Stundenansatz von Fr. 300.– und Auslagen (Fotokopien, Telefonge-

bühren und Porti) in der Höhe von Fr. 44.60 ausgewiesen. Der geltend ge-

machte Aufwand für das Verfassen der 18-seitigen Beschwerde von 

11 Stunden und der Betrag für die Auslagen erscheinen angemessen, der 

Stundenansatz ist unter Hinweis auf die vorstehende Erwägung 10.2 auf 

Fr. 220.– festzulegen (vgl. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Gemäss Angaben in der 

Honorarnote besteht keine Mehrwertsteuerpflicht. Gestützt auf die in Be-

tracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist der amtli-

chen Rechtsbeiständin zulasten des Bundesverwaltungsgerichts ein amtli-

ches Honorar von Fr. 2’575.– (inkl. Auslagen) zuzusprechen.  

(Dispositiv nächste Seite) 

  

D-1117/2022 

Seite 19 

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 

1.  

Die Beschwerde wird abgewiesen. 

2.  

Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 

3.  

Der amtlich eingesetzten Rechtsvertreterin wird durch das Bundesverwal-

tungsgericht ein amtliches Honorar von Fr. 2’575.– ausgerichtet. 

4.  

Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige 

kantonale Behörde. 

 

Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: 

  

Walter Lang Christoph Basler 

 

 

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