# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 0778e21c-892f-5396-9e98-5a18b19bed00
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2022-10-24
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 24.10.2022 D-4435/2022
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-4435-2022_2022-10-24.pdf

## Full Text

B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i f  f éd é r a l  

T r i b u n a l e  am m in i s t r a t i vo  f e d e r a l e  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i v  fe d e r a l  

 
 
    
 

 

 

  

 

 Abteilung IV 

D-4435/2022 

 

 
 

  U r t e i l  v o m  2 4 .  O k t o b e r  2 0 2 2  

Besetzung 
 Richter Simon Thurnheer (Vorsitz), 

Richter William Waeber,  

Richter Thomas Segessenmann,    

Gerichtsschreiberin Bettina Hofmann. 

   

Parteien 

 
A._______, geboren am (…), 

und deren Schwester 

B._______, geboren am (…), 

Türkei,   

beide vertreten durch Melek Kusoglu,  

HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren Nordwestschweiz, 

(…),  

Beschwerdeführerinnen,  

 

  
gegen 

  
Staatssekretariat für Migration (SEM), 

Quellenweg 6, 3003 Bern, 

Vorinstanz. 

   

Gegenstand 

 
Asyl und Wegweisung;  

Verfügung des SEM vom 1. September 2022 / N (…). 

 

 

 

D-4435/2022 

Seite 2 

Sachverhalt: 

I. 

A.  

C._______ (der Bruder der Beschwerdeführerinnen [N {…}]) suchte am 

26. Juni 2019 in der Schweiz um Asyl nach. Mit Verfügung vom 25. Sep-

tember 2019 stellte das SEM seine Flüchtlingseigenschaft im Sinne von 

Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG (SR 142.31) – zufolge illegitimer Strafverfolgung 

durch die türkischen Behörden – fest und gewährte ihm Asyl.  

II. 

B.  

A._______ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin 1) und B._______ 

(nachfolgend: die Beschwerdeführerin 2) suchten am 20. Juni 2022 in der 

Schweiz um Asyl nach und wurden in der Folge dem Bundesasylzentrum 

(BAZ) der Region (…) zugewiesen, wo sie am 12. Juli 2022 die ihnen zu-

gewiesene Rechtsvertretung bevollmächtigten.  

C.  

C.a Am 19. Juli 2022 fanden die Erstbefragungen für unbegleitete minder-

jährige Asylsuchende (EB UMA) statt und am 23. August 2022 wurden die 

Beschwerdeführerinnen vertieft zu ihren Asylgründen angehört.  

C.b In Bezug auf ihren persönlichen Hintergrund machten die Beschwer-

deführerinnen geltend, sie seien türkische Staatsangehörige kurdischer 

Ethnie ohne Konfession und stammten aus D._______ (in der gleichnami-

gen Provinz), wo sie bei ihren Eltern und mit (...) Geschwistern aufgewach-

sen seien. Mittlerweile lebe noch ihre ältere Schwester in D._______, wäh-

rend die restlichen Mitglieder ihrer Kernfamilie – mit Ausnahme ihres im 

Jahr (...) tödlich verunfallten Vaters – aus der Türkei ausgereist seien.  

C.c Zu ihren Gesuchsgründen brachte die Beschwerdeführerin 1 im We-

sentlichen vor, ihrem Bruder C._______ sei im Jahr 2014 zu Unrecht die 

Begehung mehrerer Straftaten – insbesondere mehrfacher Mord – vorge-

worfen worden. Nach dem Abwesenheitsurteil im Jahr 2017 habe die Poli-

zei regelmässig, das heisst zwischen einmal pro Woche und einmal pro 

Monat, Hausdurchsuchungen durchgeführt und sich nach dem Verbleib ih-

res Bruders erkundigt. Bei einer dieser Hausdurchsuchungen sei sie von 

einem Polizeibeamten von der Treppe weggestossen worden. Wegen der 

strafrechtlichen Verleumdung ihres Bruders, ihrer kurdischen Ethnie und 

D-4435/2022 

Seite 3 

ihrer Konfessionslosigkeit sei sie in der Schule mehrfach von Lehrperso-

nen und Mitschülern diskriminiert und ausgegrenzt worden. Weiter sei sie 

im Jahr 2018 von einem Anhänger der (…) tätlich angegriffen worden, als 

sie ihrer Mutter bei (…) geholfen habe. Schliesslich sei im Jahr 2020 einer 

der Opferfamilien eine Genugtuung zulasten ihres Bruders in der Höhe von 

(…) türkische Lira zugesprochen worden, welche jene von ihrer Familie 

verlangt habe. Auch die anderen Opferfamilien hätten dies vernommen und 

– teils gewaltsam – Geld von der Familie gefordert. 

Vor diesem Hintergrund habe sie die Türkei am 17. Mai 2022 – zusammen 

mit ihrer Mutter und der Beschwerdeführerin 2 – legal auf dem Luftweg 

verlassen. Auf dem Reiseweg hätten sie ihre Mutter aus den Augen verlo-

ren und bis anhin den Kontakt nicht wiederaufnehmen können.  

C.d Die Beschwerdeführerin 2 bestätigte im Wesentlichen die Vorbringen 

ihrer Schwester und brachte in eigener Sache vor, im Zusammenhang mit 

den Nachstellungen seitens der Opferfamilien einmal tätlich angegriffen 

und am Kopf verletzt worden zu sein. Sodann sei sie einmal von verhüllten 

Frauen auf der Strasse verfolgt worden.  

C.e Im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens reichten sie folgende Unter-

lagen ins Recht:  

- Identitätskarten (im Original); 

- Unterlagen im Zusammenhang mit der Genugtuungsforderung gegen 

ihren Bruder C._______ aus dem Jahr 2020 (in deutscher Überset-

zung);  

- zwei Fotografien und drei Videoaufnahmen (gemäss eigenen Angaben: 

betreffend Behördenvorsprache Anfang 2022). 

D.  

D.a Die im Rahmen des beschleunigten Verfahrens zugewiesene Rechts-

vertretung nahm zum Entwurf des ablehnenden Asylentscheids des SEM 

vom 30. August 2022 mit Schreiben vom 31. August 2022 Stellung.  

D.b Darin beantragte sie zunächst die Zuteilung ins erweiterte Verfahren, 

da aufgrund des umfangreichen Entscheidentwurfes und des komplexen 

Sachverhaltes innerhalb der kurzen Frist nicht abschliessend Stellung ge-

nommen werden könne.  

D-4435/2022 

Seite 4 

Sodann führte sie im Wesentlichen aus, die Beschwerdeführerinnen seien 

im Alltag ständiger Angst und Bedrohungen ausgesetzt gewesen, wobei 

keine Aussicht auf eine Verbesserung bestanden habe. Vielmehr hätten sie 

befürchten müssen, dass sich die Situation im Heimatland weiter zuspitzen 

werde.  

E.  

Mit Verfügung vom 1. September 2022 (gleichentags eröffnet) stellte das 

SEM fest, die Beschwerdeführerinnen erfüllten die Flüchtlingseigenschaft 

nicht (Dispositivziffer 1), lehnte ihre Asylgesuche ab (Dispositivziffer 2), ver-

fügte die Wegweisung aus der Schweiz (Dispositivziffer 3) und ordnete den 

Vollzug an (Dispositivziffern 4 und 5). 

F.  

Gegen diesen Entscheid erhoben die Beschwerdeführerinnen mit Eingabe 

ihrer zugewiesenen Rechtsvertretung vom 3. Oktober 2022 (Datum des 

Poststempels) beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantrag-

ten, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und ihnen unter Zuerken-

nung der Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Un-

zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige 

Aufnahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Sache zur vollständigen 

Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrens-

rechtlicher Hinsicht ersuchten sie um die Gewährung der unentgeltlichen 

Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-

schusses.  

Der Beschwerde lagen – nebst Kopien der angefochtenen Verfügung und 

bereits aktenkundigen Dokumenten – folgende Unterlagen bei: 

- Artikel in türkischer Online-Zeitschrift vom 28. Mai 2021 (gemäss eige-

nen Angaben: betreffend das Strafverfahren ihres Bruders C._______);  

- Unterlagen im Zusammenhang mit der Genugtuungsforderung gegen 

ihren Bruder C._______ aus dem Jahr 2020 (in Kopie); 

- zwei Fotografien und drei Videoaufnahmen (gemäss eigenen Angaben: 

betreffend Behördenvorsprache); 

- in türkischer Sprache verfasstes Schreiben ihrer älteren Schwester; 

- in türkischer und deutscher Sprache verfasste Schreiben ihres Bruders 

C._______.  

D-4435/2022 

Seite 5 

G.  

Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 

4. Oktober 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG). 

Gleichentags bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang der 

Beschwerde.  

 

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 

1.  

Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung 

von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und 

entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vor- 

liegend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Be-

schwerdeführerinnen sind als Verfügungsadressaten zur Beschwerdefüh-

rung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte 

Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 Covid-19-

Verordnung Asyl vom 20. April 2020 [SR 142.318] und Art. 52 Abs. 1 

VwVG).  

 

2.  

Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen 

richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-

länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 

3.  

Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf einen Schriften-

wechsel verzichtet. 

4.  

4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-

sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im 

Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-

tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer 

politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-

gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 

Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung 

des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen 

unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen 

Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 

D-4435/2022 

Seite 6 

Ein unerträglicher psychischer Druck im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG ist 

zu bejahen, wenn einzelne Personen oder Teile einer Bevölkerung syste-

matisch schweren oder wiederholten Eingriffen in ihre Menschenrechte 

durch den Staat ausgesetzt sind (oder dieser keinen adäquaten Schutz vor 

Übergriffen Dritter zu gewähren imstande ist) und diese Eingriffe eine der-

artige Intensität erreichen, dass ein menschenwürdiges Leben nicht mehr 

möglich erscheint (vgl. BVGE 2014/32 E. 7.2, 2013/21 E. 9.1, 2013/12 

E. 6, 2013/11 E. 5.4.2, 2011/16 E. 5, jeweils m.w.H.). Ausgangspunkt ist 

dabei immer ein konkreter Eingriff, der stattgefunden hat oder mit solcher 

Wahrscheinlichkeit droht, dass die Furcht vor ihm als begründet erscheint, 

wobei dieser aus einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Motive erfol-

gen muss. 

4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen 

oder zumindest glaubhaft machen. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-

hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-

ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen 

Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-

chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte 

Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-

richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in ver-

schiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf 

kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, BVGE 2012/5 

E. 2.2). 

5.  

5.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, 

die Vorbringen der Beschwerdeführerinnen hielten den Anforderungen an 

die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand.  

Zur Begründung führt sie zunächst aus, die im Zusammenhang mit der kur-

dischen Ethnie geltend gemachten Probleme gingen in ihrer Intensität nicht 

über die Nachteile hinaus, welche weite Teile der kurdischen Bevölkerung 

in der Türkei ihn ähnlicher Weise träfen und gemäss gefestigter Praxis für 

sich allein nicht zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft führten. Auch 

die vorgebrachten Schikanen, Belästigungen, Einschränkungen und Dis-

kriminierungen – insbesondere im Zusammenhang mit den Verfahren ihres 

Bruders C._______ – würden nicht genügen, die notwendige Intensität ei-

ner flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung zu erreichen. Darüber hinaus 

wiesen einige ihrer Vorbringen weder einen zeitlichen noch einen kausalen 

D-4435/2022 

Seite 7 

Zusammenhang zu ihrer Ausreise auf. So sei der Armbruch der Beschwer-

deführerin 1 von einem unbekannten Mann vier Jahre vor ihrer Ausreise 

erfolgt, weswegen bereits der zeitliche Zusammenhang zu ihrer Ausreise 

fehle. Zudem sei es ihr nicht gelungen, überzeugend dazulegen, weshalb 

davon ausgegangen werden müsse, dass der Angriff dieses (…)- 

Anhängers einen Zusammenhang mit den Problemen ihres Bruders haben 

sollte. Auch die vorgebrachte Verfolgung der Beschwerdeführerin 2 durch 

die verhüllten Frauen habe sich vor mehreren Jahren ereignet und lasse 

ebenfalls keine Rückschlüsse auf einen Zusammenhang zu den Proble-

men ihres Bruders zu.  

Unter Berücksichtigung sämtlicher Umstände sei auch das Vorliegen eines 

unerträglichen psychischen Drucks – selbst unter Berücksichtigung der 

Minderjährigkeit – zu verneinen. Namentlich seien sie zwar ab und zu von 

ihrer Mutter nicht zur Schule geschickt worden. Grundsätzlich sei es ihnen 

aber – trotz der aufgeführten Einschränkungen – möglich gewesen, ihre 

Ausbildung wahrzunehmen. Sodann habe die Beschwerdeführerin 1, als 

sie nach dem ausschlaggebenden Ereignis für ihre Ausreise im Mai 2022 

gefragt worden sei, das Vorliegen eines solchen verneint und vielmehr vor-

gebracht, dass sie bereits Jahre zuvor ihrem Bruder hätten nachreisen wol-

len und zunächst einen Antrag beim Schweizerischen Konsulat eingereicht 

hätten, bevor sie schliesslich unter Zuhilfenahme eines Schleppers ausge-

reist seien. Nach dem Gesagten seien vorliegend systematisch schwere 

oder wiederholte Eingriffe in ihre Menschenrechte, welche eine derartige 

Intensität erreichten, dass ein menschenwürdiges Leben nicht mehr mög-

lich sei, abzulehnen.  

Hinsichtlich allenfalls drohender Reflexverfolgung hält die Vorinstanz fest, 

es lägen keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass die Beschwerde-

führerinnen wegen ihres Bruders mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und 

in absehbarer Zukunft in asylrelevanter Weise verfolgt würden. Die Behör-

denkontakte der strafrechtlich unbescholtenen Beschwerdeführerinnen 

hätten sich im Wesentlichen auf Hausdurchsuchungen beschränkt und die 

Genugtuungsforderung betreffe gemäss den eingereichten Unterlagen ih-

ren Bruder. Darüber hinaus hätten sie sich nie politisch engagiert und ihr 

Heimatland auf legalem Weg verlassen. Ihre ältere Schwester lebe weiter-

hin in der Provinz D._______ und den Akten seien keine Hinweise zu ent-

nehmen, dass sich seit der Ausreise im Mai 2022 asylrelevante Ereignisse 

zugetragen hätten. Schliesslich könne der Tod ihres Vaters ebenfalls nicht 

als zusätzlicher Risikofaktor miteinbezogen werden, zumal es laut der Be-

schwerdeführerin 1 keine konkreten Hinweise für einen Zusammenhang 

D-4435/2022 

Seite 8 

zwischen dem Unfalltod ihres Vaters und den Problemen ihres Bruders 

gebe.  

Zur Stellungnahme zum Verfügungsentwurf hält sie schliesslich fest, dass 

damit keine neuen Tatsachen oder Beweismittel vorgelegt worden seien, 

welche eine Änderung des dargelegten Standpunktes rechtfertigen könn-

ten, weshalb auf die bisherigen Erwägungen verwiesen werde. Sodann sei 

der Antrag auf Zuteilung ins erweiterte Verfahren abzulehnen, da es sich 

vorliegend nicht um komplexe Rechts- beziehungsweise Sachfragen 

handle. Ungeachtet dessen bestehe aufgrund der COVID-19-Verordnung 

Asyl auch im beschleunigten Verfahren eine Beschwerdefrist von 30 Ta-

gen.  

5.2 Dem halten die Beschwerdeführerinnen – nebst der Wiederholung des 

aktenkundigen Sachverhalts – entgegen, dass, auch wenn einzelne Über-

griffe und Konfliktsituationen Jahre zurücklägen, sie in ihrem Heimatland 

infolge der Verwandtschaft zu ihrem Bruder C._______ seitens der türki-

schen Behörden kontinuierlich behelligt worden seien. Erschwerend seien 

die Belästigungen, Bedrohungen und Angriffe der Opferfamilien hinzuge-

kommen, hinsichtlich derer nicht von der Schutzwilligkeit des türkischen 

Staates auszugehen sei, zumal die Polizei die Familie ebenfalls zur Leis-

tung der Genugtuungsforderung aufgefordert habe. Schliesslich seien sie 

als Schwestern eines verurteilten Straftäters auch in der Schule von der 

Lehrer- und Schülerschaft ausgegrenzt worden, wobei ihre Ethnie und ihre 

Konfessionslosigkeit auch Teil des Grundes der Ausgrenzungen gewesen 

seien. Vor diesem Hintergrund hätten sie sich der Nachstellungen bezie-

hungsweise des unerträglichen psychischen Drucks nur durch Flucht ins 

Ausland entziehen können. Die in der Türkei lebende Schwester und alle 

weiteren Verwandten stünden ebenfalls unter Druck, wenn auch nicht in 

derselben Intensität, zumal sie gemäss der traditionellen Denkweise nicht 

(mehr) der Kernfamilie des Bruders angehörten. 

Unter Bezugnahme auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-1400/ 

2021 vom 16. August 2021 (E. 5.5) sowie verschiedene Menschenrechts-

berichte führen die Beschwerdeführerinnen sodann aus, dass sie bei einer 

allfälligen Rückkehr in die Türkei, die zweifellos mit einem behördlichen 

Kontakt verbunden wäre, infolge der Verwandtschaft zu ihrem Bruder 

C._______ und insbesondere der vermuteten Kontaktpflege zu demselben 

in der Schweiz mit ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG zu 

rechnen hätten. Dies gelte umso mehr, als sie selber politisch aktiv seien, 

ein (…) aufgrund politischer Aktivitäten inhaftiert gewesen sei, ihre (…) aus 

D-4435/2022 

Seite 9 

Solidarität zu demselben an Hungerstreiks teilgenommen habe und ihr (…) 

stets das Parteilokal der PKK (Partiya Karkerên Kurdistanê) besucht habe. 

Sodann bestätige ihre in der Türkei lebende Schwester im beigebrachten 

Schreiben, dass sich die heimatlichen Behörden in der Zwischenzeit mehr-

mals nach ihrem Verbleib erkundigt hätten.  

Sollte das Gericht zu einem anderen Entscheid gelangen, sei die Sache 

zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die 

Vorinstanz zurückzuweisen.  

6.  

6.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum 

Schluss, dass die Vorinstanz in ihren Erwägungen zutreffend festgehalten 

hat, die Vorbringen der Beschwerdeführerinnen genügten den Anforderun-

gen an die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG nicht. Auf die 

betreffenden Ausführungen in der angefochtenen Verfügung (vgl. die Zu-

sammenfassung der entsprechenden Erwägungen in E. 5.1 des vorliegen-

den Urteils) kann mit den nachfolgenden Ergänzungen weitgehend verwie-

sen werden. Die Ausführungen auf Beschwerdeebene und die eingereich-

ten Beweismittel halten dem nichts Stichhaltiges entgegen.  

 

6.2 Vorab ist festzuhalten, dass die Rüge der Verletzung der Pflicht zur 

vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts 

im Asylpunkt unbegründet ist. Die Beschwerdeführerinnen vermengen da-

bei die sich aus dem Untersuchungsgrundsatz ergebende Pflicht zur Fest-

stellung des rechtserheblichen Sachverhalts mit der rechtlichen Würdigung 

der Sache, welche die materielle Entscheidung über die vorgebrachten 

Asylgründe betrifft, weshalb diesbezüglich auf die nachfolgenden Erwä-

gungen zu verweisen ist. Alleine der Umstand, dass die Beschwerdeführe-

rinnen die Auffassung und Schlussfolgerungen der Vorinstanz nicht teilen, 

stellt mithin keine unrichtige beziehungsweise unvollständige Sachver-

haltsfeststellung dar. 

6.3 Sodann geht das Bundesverwaltungsgericht in konstanter Praxis da-

von aus, dass in der Türkei staatliche Repressalien gegen Familienange-

hörige von politischen Aktivisten angewandt werden, die als sogenannte 

Reflexverfolgung flüchtlingsrechtlich erheblich im Sinne von Art. 3 AsylG 

sein können. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Reflexverfolgung zu wer-

den, ist nach der Praxis des Gerichts vor allem dann gegeben, wenn nach 

einem flüchtigen Familienmitglied gefahndet wird und die Behörde Anlass 

D-4435/2022 

Seite 10 

zur Vermutung hat, dass jemand mit der gesuchten Person in engem Kon-

takt steht. Diese Wahrscheinlichkeit erhöht sich, wenn ein nicht unbedeu-

tendes politisches Engagement der reflexverfolgten Person für illegale po-

litische Organisationen hinzukommt beziehungsweise ihr seitens der Be-

hörden unterstellt wird. Die Wahrscheinlichkeit einer Reflexverfolgung und 

deren Intensität hängt stark von den konkreten Umständen des Einzelfalls 

ab (vgl. statt vieler Urteile des BVGer D-2959/2021 vom 13. Juni 2022 

E. 5.1.2, D-3351/2021 vom 21. März 2022 E. 5.1 ff. und E-6244/2016 vom 

9. Mai 2018 E. 5.5 m.H.). 

6.3.1 Den Akten zufolge wurde der Bruder der Beschwerdeführerinnen am 

(...) vom Gericht für (...) in E._______ unter anderem wegen Propaganda 

für eine Terrororganisation zu einer mehrjährigen Haftstrafe erstinstanzlich 

verurteilt und ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Eine Berufung gegen die-

ses Urteil wurde von der (...) des regionalen Berufungsgerichts in 

E._______ am (...) abgelehnt, während eine gegen diesen Entscheid ge-

richtete Beschwerde an den Kassationshof im Zeitpunkt seiner illegalen 

Ausreise aus der Türkei im Mai 2019 noch hängig war. Mit Verfügung vom 

25. September 2019 wurde er als Flüchtling anerkannt und ihm in der 

Schweiz Asyl gewährt (vgl. dazu die beigezogenen Akten N [...]). Nach dem 

Gesagten sind die türkischen Behörden zweifellos an einer Ergreifung des 

Bruders der Beschwerdeführerinnen interessiert. Auf den in diesem Zu-

sammenhang eingereichten Zeitungsbericht betreffend das obgenannte 

Strafverfahren (vgl. Prozessgeschichte, Bst. F.) ist somit nicht weiter ein-

zugehen, zumal dessen Inhalt einen unbestrittenen Sachverhalt betrifft. 

6.3.2 Hinsichtlich der geltend gemachten Nachteile seitens der türkischen 

Behörden vor ihrer Ausreise (anhaltende Hausdurchsuchungen respektive 

Befragungen durch die Polizei, letztmals im April 2022 [vgl. SEM-Akten A35 

F11 f., F24-27, F43, F45-47, F59-60; A36 F6]), ist in Übereinstimmung mit 

der Vorinstanz festzustellen, dass ihnen die Angehörigen der türkischen 

Behörden keine konkreten Nachteile androhten, weshalb diese Massnah-

men die Intensität ernsthafter Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG 

nicht erreichen.  

Sodann hat die Vorinstanz eingehend und zutreffend dargelegt, dass die 

Bewegungsfreiheit der Beschwerdeführerinnen gemäss deren Aussagen 

nicht sehr eingeschränkt war. Somit sind die Schikanen, auch wenn die 

Situation ihrer Familie für sie als Jugendliche respektive junge Frauen 

zweifellos belastend war, nicht als unerträglicher psychischer Druck im 

Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu qualifizieren.  

D-4435/2022 

Seite 11 

Etwas anderes ergibt sich im Übrigen auch nicht aus den eingereichten 

Foto- und Videoaufnahmen einer Behördenvorsprache (vgl. Prozessge-

schichte, Bst. C.e und F.). Diesbezüglich ist vorab anzumerken, dass sich 

die im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten Foto- und Videoaufnah-

men nicht bei den Akten befinden. Aufgrund dessen, dass die Beschwer-

deführerinnen auf Beschwerdeebene ihren Angaben entsprechende Foto- 

und Videoaufnahmen eingereicht haben, kann davon ausgegangen wer-

den, dass es sich um dieselben handelt, und auf sie abgestellt werden. Es 

kann deshalb offengelassen werden, aus welchem Grund die im vo-

rinstanzlichen Verfahren eingereichten Foto- und Videoaufnahmen nicht 

vorzufinden sind. Sodann ist festzuhalten, dass darauf Polizisten vor einem 

Hauseingang stehen und Fragen stellen. Eine asylrechtlich relevante Be-

helligung im Sinne des Asylgesetzes ist darauf jedenfalls nicht zu erken-

nen.  

 

6.3.3 Sodann bestehen keine Hinweise darauf, dass die Beschwerdefüh-

rerinnen nach ihrer Ausreise behördlich vorgeladen oder per Haftbefehl ge-

sucht worden wären. Offenbar stellten die heimatlichen Behörden lediglich 

ihrer älteren Schwester einige Fragen nach dem Verbleib der Familie (vgl. 

Beschwerde, S. 6). Soweit die Beschwerdeführerinnen auf Beschwerde-

ebene erstmals geltend machen, über ein politisches Profil zu verfügen 

(vgl. daselbst S. 9), ist festzuhalten, dass dies nicht weiter ausgeführt, be-

gründet oder belegt wird. Dieses Vorbringen ist mithin als nachgeschoben 

und unglaubhaft zu qualifizieren und somit unbeachtlich. Alleine aus der 

Kontaktpflege zwischen ihnen und ihrem Bruder in der Schweiz lässt sich 

– entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerinnen – jedenfalls nicht auf 

ein ernsthaftes Gefährdungsprofil im Sinne der behaupteten Reflexverfol-

gungssituation schliessen. Nach dem Gesagten ist zwar nicht auszu-

schliessen, dass die Beschwerdeführerinnen bei einem Verbleib im Hei-

matland weiteren Befragungen zum Verbleib ihres Bruders beziehungs-

weise ihren Kontakten zum Bruder ausgesetzt gewesen wären respektive 

bei einer Rückkehr in die Türkei mit solchen rechnen müssen; über derar-

tige Massnahmen hinausgehende Verfolgungsmassnahmen im Sinne von 

ernsthaften Nachteilen (Art. 3 Abs. 2 AsylG) erscheinen jedoch im vorlie-

genden Einzelfall als unwahrscheinlich. Die Beschwerdeführerinnen haben 

im vorinstanzlichen Verfahren sodann nicht geltend gemacht, sie seien im 

Zusammenhang mit ihren (…) oder ihrem (…) behelligt worden. Darüber 

hinaus ist festzustellen, dass laut ihren eigenen Angaben in den Protokol-

len den türkischen Behörden die politischen Aktivitäten ihres (…) und ihrer 

(…) bereits vor ihrer Ausreise bekannt gewesen seien (vgl. SEM-Akten A35 

F12) und ihr (...) nicht das Parteilokal der PKK, sondern der HDP (Halkların 

D-4435/2022 

Seite 12 

Demokratik Partisi) besucht habe (vgl. SEM-Akten A35 F30), wobei es sich 

bei Letzterer um eine legale Partei handelt. Eine entsprechende Reflexver-

folgungsgefahr ist daher ebenfalls als unwahrscheinlich zu erachten. An 

dieser Schlussfolgerung vermögen die eingereichten Schreiben ihrer Ge-

schwister (vgl. Prozessgeschichte, Bst. F), wonach sie bei einer Rückkehr 

ins Heimatland gefährdet seien, nichts zu ändern, zumal es sich dabei er-

fahrungsgemäss um Gefälligkeitsschreiben handelt, denen kein hoher Be-

weiswert zukommt. 

6.4 Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die 

Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft voraus, dass die betroffene Per-

son in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat keinen ausreichenden Schutz vor 

nichtstaatlicher Verfolgung finden kann. Der Schutz gilt als ausreichend, 

wenn eine funktionierende Schutzinfrastruktur zur Verfügung steht und 

diese dem Betroffenen zugänglich ist, wobei von einem Staat nicht erwartet 

werden kann, dass er jederzeit präventiv in alle Lebensbereiche seiner Bür-

ger eingreifen kann (vgl. zu dieser sogenannten Schutztheorie BVGE 

2011/51 E. 7.1-7.4, 2008/12 E. 7.2.6.2, 2008/4 E. 5.2).  

Das Bundesverwaltungsgericht geht von der grundsätzlichen Schutzfähig-

keit und Schutzwilligkeit der türkischen Strafverfolgungs- und Justizbehör-

den aus (vgl. statt vieler Urteile des BVGer E-970/2022 vom 8. März 2022 

E. 7; E-4805/2021 vom 12. November 2021 E. 8.2.3 und E-3000/2021 vom 

15. September 2021 E. 5.2) und es ist – entgegen der Ansicht der Be-

schwerdeführerinnen (vgl. SEM-Akten A35 F63, F66; A36 F6) – nicht er-

sichtlich, dass und weshalb den Beschwerdeführerinnen hinsichtlich der 

vorgebrachten Übergriffe und Behelligungen seitens Dritter die bestehende 

Schutzinfrastruktur nicht zugänglich oder ihnen deren Inanspruchnahme 

aus individuellen Gründen nicht zuzumuten gewesen wäre, zumal auch 

keine Hinweise vorliegen, dass ihnen die Hilfe aus einem der in Art. 3 

Abs. 1 AsylG genannten Gründe verweigert würde. Insbesondere lautet die 

Genugtuungsforderung gemäss den eingereichten Unterlagen (vgl. Pro-

zessgeschichte, Bstn. C.e und F.) – wie von der Vorinstanz richtig festge-

stellt – auf ihren Bruder. Dass die heimatlichen Behörden im obgenannten 

Zusammenhang untätig geblieben wären, ist daher nur eine Vermutung. 

Nach dem zuvor Dargelegten sind die Beschwerdeführerinnen gehalten, 

sich bei Übergriffen oder Behelligungen Dritter an die türkischen Behörden 

zu wenden. 

D-4435/2022 

Seite 13 

6.5 Was die Situation der kurdischen Bevölkerung in der Türkei betrifft, ist 

schliesslich festzuhalten, dass nicht von einer gegen diese Ethnie beste-

henden Kollektivverfolgung auszugehen ist; die langjährige Rechtspre-

chung in Bezug auf diese Bevölkerungsgruppe hat weiterhin Gültigkeit und 

Bestand (vgl. etwa die Urteile des BVGer D-2644/2021 vom 28. Januar 

2022 E. 7.3.2, E-3917/2021 vom 11. Januar 2022 E. 6.3 oder D-2759/2020 

vom 30. September 2021 E. 7.2).  

6.6 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerinnen 

nichts vorgebracht haben, was geeignet wäre, ihre Flüchtlingseigenschaft 

nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat 

ihre Asylgesuche daher zu Recht abgelehnt.  

7.  

Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus 

der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt. Die 

Beschwerdeführerinnen verfügen weder über eine ausländerrechtliche 

Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-

chen (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; BVGE 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die Weg-

weisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet. 

 

8.  

8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder 

nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den 

gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; 

Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). 

Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss 

Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei 

der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, 

wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft 

zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 

8.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-

rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin 

oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-

gegenstehen. 

8.2.1 Da die Beschwerdeführerinnen die Flüchtlingseigenschaft nicht erfül-

len, ist – wie von der Vorinstanz zutreffend festgehalten – das flüchtlings-

rechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 

D-4435/2022 

Seite 14 

28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) 

und Art. 5 AsylG nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Vollzugs der Weg-

weisung beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und 

völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Überein-

kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, 

unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, 

SR 0.105]; Art. 3 EMRK). 

8.2.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerde-

führerinnen noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall 

einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrschein-

lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be-

handlung ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichts-

hofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folteraus-

schusses müssten die Beschwerdeführerinnen eine konkrete Gefahr ("real 

risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rück-

schiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Ur-

teil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 

37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssitu-

ation im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeit-

punkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug 

der Wegweisung sowohl im Sinne der landes- als auch der völkerrechtli-

chen Bestimmungen zulässig. 

8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und 

Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-

grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-

dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung 

festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige 

Aufnahme zu gewähren.  

8.3.1 Nach konstanter Praxis und selbst unter Berücksichtigung der Ent-

wicklungen im Nachgang des Putschversuchs vom Juli 2016 ist nicht da-

von auszugehen, dass in der Türkei eine landesweite Situation allgemeiner 

Gewalt herrscht. Auch in den vorwiegend von Kurden besiedelten Provin-

zen im Osten und Südosten des Landes ist nicht von einer flächendecken-

den Situation allgemeiner Gewalt oder bürgerkriegsähnlichen Verhältnis-

sen auszugehen (vgl. Referenzurteil E-1948/2018 vom 12. Juni 2018 

E. 7.3 sowie statt vieler Urteil des BVGer D-2184/2021 vom 5. September 

2022 E. 7.4.1). Ausgenommen sind die Provinzen Hakkari und Sirnak; den 

D-4435/2022 

Seite 15 

Wegweisungsvollzug dorthin erachtet das Bundesverwaltungsgericht auf-

grund einer anhaltenden Situation allgemeiner Gewalt als unzumutbar (vgl. 

BVGE 2013/2 E. 9.6). Demnach ist der Vollzug der Wegweisung der Be-

schwerdeführerinnen in die Provinz D._______ als generell zumutbar zu 

erachten. 

8.3.2 In individueller Hinsicht wird eine Verletzung des Untersuchungs-

grundsatzes gerügt.  

Bei den Beschwerdeführerinnen handelt es sich unbestrittenermassen um 

unbegleitete Minderjährige. Gemäss einschlägiger Rechtsprechung im Zu-

sammenhang mit der Anordnung des Wegweisungsvollzugs von unbeglei-

teten Minderjährigen ist die Vorinstanz von Amtes wegen verpflichtet, bei 

einer allfälligen Rückkehr ins Heimatland spezifische Abklärungen der per-

sönlichen Situation unter dem Blickwinkel des Kindeswohls vorzunehmen 

(vgl. EMARK 2006 Nr. 24 E. 6.2.4 und 1998 Nr. 13 E. 5.e). Die zuständige 

Behörde hat gemäss Art. 69 Abs. 4 AIG vor einer Ausschaffung von unbe-

gleiteten minderjährigen Personen sicherzustellen, dass diese im Rück-

kehrstaat einem Familienmitglied, einem Vormund oder einer Aufnahme-

einrichtung übergeben werden können, welche den Schutz des Kindes ge-

währleisten. Diese konkreten Abklärungen inklusive der allfälligen Über-

nahmezusicherungen einer geeigneten Institution sind vor Erlass einer 

wegweisenden Verfügung vom SEM vorzunehmen respektive einzuholen, 

damit sie einer gerichtlichen Überprüfung offenstehen können. Solche 

Sachverhaltselemente sind Voraussetzung und Teil der anfechtbaren Ver-

fügung, und stellen nicht etwa von der Rechtsmittelinstanz nicht mehr über-

prüfbare Vollzugsmodalitäten dar (vgl. BVGE 2021 VI/3 E. 11.5.2; BVGE 

2015/30 E. 7.3, je m.w.H.).  

8.3.3 Die Vorinstanz hielt in der angefochtenen Verfügung in Bezug auf die 

Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs unter anderem fest, die Be-

schwerdeführerinnen hätten die frühe und mittlere Adoleszenz erreicht, 

wiesen bereits eine gewisse Selbstständigkeit auf und verfügten im Hei-

matland über ein tragfähiges soziales Beziehungsnetz. Obschon ihr Vater 

verstorben und ihre Mutter unbekannten Aufenthaltes sei, verfügten sie in 

ihrem Heimatstaat nach wie vor über Mitglieder der Kernfamilie. So lebe 

ihre ältere Schwester weiterhin in der Provinz D._______ in geordneten 

finanziellen Verhältnissen und verfüge über eine geregelte Wohnsituation. 

Daneben stünden sie auch weiterhin in Kontakt mit ihrer (…) und seien in 

der Vergangenheit von (…) finanziell unterstützt worden. Nach dem zuvor 

Dargelegten könnten die Beschwerdeführerinnen bei einer Rückkehr in die 

D-4435/2022 

Seite 16 

Türkei mit der Unterstützung ihrer Verwandten, insbesondere ihrer älteren 

Schwester, rechnen. Das übergeordnete Kindeswohl stehe dem Wegwei-

sungsvollzug somit nicht entgegen. 

8.3.4 Wie in der Beschwerde zu Recht gerügt, hat die Vorinstanz nicht ab-

geklärt, wie sich die Situation der Beschwerdeführerinnen bei einer Rück-

kehr konkret gestalten würde und ob eine geeignete Unterkunft vorhanden 

ist. Sie beschränkte sich bei ihren Ausführungen vielmehr auf die Mutmas-

sung, dass die Familie der Beschwerdeführerinnen sie bei einer Rückkehr 

in Empfang nehmen würde. Konkrete Ausführungen, auch in Bezug auf die 

Modalitäten der Rückkehr, blieben aus. Folglich hat die Vorinstanz ange-

sichts der Minderjährigkeit der Beschwerdeführerinnen den Sachverhalt 

unvollständig erstellt. Abklärungsbedürftig ist unter dem Aspekt des Kin-

deswohls (Art. 3 Abs. 1 KRK) die Situation betreffend konkreter und alters-

gerechter Unterbringungsmöglichkeiten vor Ort. 

9.  

9.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-

richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen 

Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an 

die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-

stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-

ren ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätz-

lich auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn 

dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht er-

scheint; sie muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5 m.w.H.).  

9.2 Vorliegend ist aufgrund des Gesagten keinesfalls von einer bestehen-

den oder leicht herstellbaren Entscheidungsreife auszugehen. Ausserdem 

soll das Gericht grundsätzlich nicht anstelle der verfügenden Verwaltungs-

behörde die Grundlagen des rechtserheblichen Sachverhalts erstellen, zu-

mal die beschwerdeführende Partei bei diesem Vorgehen eine Instanz ver-

lieren würde. Vor diesem Hintergrund ist eine Rückweisung angezeigt. 

Der Vollständigkeit halber ist den Beschwerdeführerinnen insoweit zuzu-

stimmen, dass sich unter diesen Umständen die Behandlung ihrer Asylge-

suche im erweiterten Verfahren aufgedrängt hätte.  

10.  

Die Beschwerde ist somit gutzuheissen, soweit damit die Aufhebung der 

Dispositivziffern 4 und 5 beantragt wird. Die Sache ist zur Behebung der 

D-4435/2022 

Seite 17 

festgestellten Mängel sowie zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück-

zuweisen. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen.  

11.  

11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens – der als hälftiges Obsiegen und 

hälftiges Unterliegen einzustufen ist – wären den Beschwerdeführerinnen 

reduzierte Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 VwVG). Sie beantrag-

ten indes die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 

Abs. 1 VwVG). Dieses Gesuch ist gutzuheissen, da die Beschwerde nicht 

von vornherein aussichtslos war und aufgrund der Aktenlage von der pro-

zessualen Bedürftigkeit der Beschwerdeführerinnen auszugehen ist. Es 

sind daher keine Verfahrenskosten zu erheben. Das Gesuch um Erlass des 

Kostenvorschusses ist mit dem vorliegenden Direktentscheid gegen-

standslos geworden.  

11.2 Soweit die Beschwerdeführerinnen obsiegen, hätten sie Anspruch auf 

eine reduzierte Parteientschädigung für die ihnen erwachsenen notwendi-

gen Kosten (Art. 64 VwVG). Da sie im Beschwerdeverfahren durch die 

ihnen zugewiesene Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102f Abs. 1 i.V.m. 

Art. 102h Abs. 3 AsylG vertreten sind, deren Leistungen vom Bund nach 

Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden, ist keine reduzierte 

Parteientschädigung auszurichten. 

(Dispositiv nächste Seite) 

  

D-4435/2022 

Seite 18 

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 

1.  

Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit die Aufhebung der Dispositiv-

ziffern 4 und 5 der angefochtenen Verfügung beantragt wird. Im Übrigen 

wird sie abgewiesen. 

2.  

Die Dispositivziffern 4 und 5 der angefochtenen Verfügung werden aufge-

hoben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur Neubeurteilung an die 

Vorinstanz zurückgewiesen. 

3.  

Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird gut-

geheissen.  

4.  

Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.  

5.  

Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 

6.  

Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnen, das SEM und die kanto-

nale Migrationsbehörde. 

 

Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: 

  

Simon Thurnheer Bettina Hofmann