# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** d6b8c352-e9c4-5557-acec-eefb04812ed0
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2011-10-24
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 24.10.2011 D-3283/2011
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-3283-2011_2011-10-24.pdf

## Full Text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t

T r i buna l   adm in i s t r a t i f   f édé ra l

T r i buna l e   ammin i s t r a t i vo   f ede ra l e

T r i buna l   adm in i s t r a t i v   f ede ra l

   

Abteilung IV
D­3283/2011/sed

U r t e i l   v om   2 4 .   O k t ob e r   2 0 1 1

Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz),
Richter Jean­Pierre Monnet, 
Richterin Nina Spälti Giannakitsas,   
Gerichtsschreiber Christoph Basler.

Parteien A._______, geboren am (…),
Türkei,  
vertreten durch lic. iur. Nicole Hohl, Advokatin,
(…),
Beschwerdeführer, 

gegen

Bundesamt für Migration (BFM), 
Quellenweg 6, 3003 Bern,   
Vorinstanz. 

Gegenstand Asyl und Wegweisung;
Verfügung des BFM vom 6. Mai 2011 / N (…).

D­3283/2011

Seite 2

Sachverhalt:

A. 
A.a. Der Beschwerdeführer, ein ethnischer Kurde mit letztem Wohnsitz in 
B._______  (Provinz  C._______),  verliess  die  Türkei  eigenen  Angaben 
gemäss am 14. November 1997 und reiste mit seinem mit einem Visum 
versehenen Reisepass in die Schweiz ein. Er kam im Jahr 1997 zwecks 
Heirat  in  die  Schweiz.  Nachdem diese Ehe  geschieden wurde,  lebte  er 
von  2001  bis  am  1. Mai  2006  illegal  in  Deutschland;  am  1. Mai  2006 
reiste er wiederum in die Schweiz ein, wo er erneut heiratete. Er war  im 
Besitz einer bis zum 15. Mai 2010 gültigen Aufenthaltsbewilligung Typ B, 
die nicht mehr verlängert wurde; ein entsprechendes Gesuch wurde von 
der  kantonalen  Behörde  am  20.  September  2010  abgewiesen.  Zum 
Verlassen  der  Schweiz  wurde  ihm  Frist  bis  zum  22.  November  2010 
gesetzt. Am 1. Dezember 2010 verheiratete er sich mit einer  türkischen 
Staatsangehörigen, die  im Besitz einer Aufenthaltsbewilligung Typ B  ist. 
Am 1. März 2011 wurde er von der Polizei zwecks Ausschaffung aus der 
Schweiz  festgenommen,  da  die  kantonale  Behörde  ein  Gesuch  um 
Erteilung  einer  Kurzaufenthaltsbewilligung  bis  zum  Vorliegen  eines 
Entscheids betreffend das Familiennachzuggesuch gleichentags abwies. 
Am  4.  März  2011  suchte  er  in  der  Schweiz  um  Asyl  nach,  worauf  die 
kantonale  Behörde  das Gesuch  um Familiennachzug  am  7. März  2011 
als gegenstandslos abschrieb.

A.b. Am 10. März 2011 liess der Beschwerdeführer mehrere Fotografien 
von seiner Hochzeit und Unterschriftenbögen einreichen.

A.c. Bei  der  Kurzbefragung,  die  am  21.  März  2011  im  Empfangs­  und 
Verfahrenszentrum  Kreuzlingen  durchgeführt  wurde,  sagte  er  aus,  seit 
dem 1. Dezember 2010 sei er wieder verheiratet. Die Polizei wolle, dass 
er  ausreise,  aber  er  könne  zurzeit  nicht  in  die  Türkei  zurückkehren.  Er 
habe  Probleme  mit  dem  Militärdienst  und  führe  in  der  Schweiz  im 
D._______  Tätigkeiten  aus.  In  der  Türkei  müsse  er  deswegen  mit 
Freiheitsentzug  von  sechs Monaten  bis  zu  einem  Jahr  rechnen.  Als  er 
noch  in  der  Türkei  gelebt  habe,  seien  manchmal  Mitglieder  einer 
Sondereinheit gekommen, die gefragt hätten, ob sie Terroristen gesehen 
hätten. Wenn  sie  dies  abgestritten  hätten,  seien  sie  ein  wenig  gefoltert 
worden. In ihrem Dorf habe es einmal eine Schiesserei zwischen Militärs 
und  Guerillas  gegeben,  weshalb  alle  Dorfbewohner  mitgenommen  und 
inhaftiert worden seien. Er sei deshalb eine Woche in Untersuchungshaft 
genommen worden.

D­3283/2011

Seite 3

A.d.  Der  Beschwerdeführer  liess  dem  BFM  am  21.  März  2011  eine 
Bestätigung des D._______ in E._______ vom 7. März 2011 übermitteln. 
In  dieser  wurde  ausgeführt,  er  habe  während  seines  Aufenthalts  in 
E._______  an  diversen  Komitees  teilgenommen.  Da  der  Verein  in  der 
Schweiz  legal  sei,  würden  die  Personalien  der  Mitglieder  veröffentlicht. 
Dies  sei  auch  den  türkischen  Sicherheitskräften  bekannt.  Der 
Beschwerdeführer  werde  in  der  Türkei  gesucht,  weil  er  seinen 
Militärdienst bisher nicht geleistet habe.

A.e.  Dem  Beschwerdeführer  wurde  vom  BFM  am  24.  März  2011  das 
rechtliche  Gehör  gewährt.  Er  wurde  aufgefordert,  innerhalb  von  fünf 
Tagen  seinen Reisepass,  seine  Identitätskarte  und  eine Heiratsurkunde 
abzugeben.  Zudem  wurde  er  zu  seinem  mehrjährigen  Aufenthalt  in 
Deutschland befragt.

A.f. Am 12. April 2011 hörte das BFM den Beschwerdeführer zu seinen 
Asylgründen an. Er machte im Wesentlichen geltend, die von ihm bei der 
Kurzbefragung erwähnte Untersuchungshaft habe wahrscheinlich  im Mai 
1993 stattgefunden. Als er im Jahr 2006 in die Türkei zurückgekehrt sei, 
seien  sie  zu  ihm  gekommen  und  hätten  ihn  zwecks  Musterung 
mitgenommen. Er  sei  jedoch wieder weggeschickt worden,  damit  er  bei 
den Militärbehörden den Dienst verschieben lassen könne. Die türkische 
Regierung  wisse,  dass  er  für  den  D._______  Tätigkeiten  ausgeführt 
habe. Schon wegen der Mitgliedschaft in diesem Verein hätte er mit einer 
Mindeststrafe von sechs Monaten Freiheitsentzug zu rechnen, da dieser 
Verein  der  PKK  zugerechnet  werde.  Nach  türkischem  Gesetz  werde 
jeder, der für diesen Verein tätig sei, bestraft. Er sei in der Jugendfraktion 
des  Vereins  tätig.  Sie  unterrichteten  Folklore  und  versuchten,  den 
Kindern ihre Kultur näher zu bringen. Sie hätten der PKK aber kein Geld 
zukommen lassen. Für die Türkei wolle er keinen Militärdienst leisten. 

B. 
Mit Verfügung vom 6. Mai 2011 – eröffnet am 10. Mai 2011 – stellte das 
BFM  fest,  der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft  nicht, 
und  lehnte das Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es seine Wegweisung 
aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.

C. 
Der Beschwerdeführer liess durch seine Rechtsvertreterin mit Eingabe an 
das  Bundesverwaltungsgericht  vom  9.  Juni  2011  die  Aufhebung  der 
angefochtenen  Verfügung  und  die  Gutheissung  seines  Asylgesuchs 

D­3283/2011

Seite 4

beantragen. Eventualiter sei der Entscheid aufzuheben und die Sache zur 
Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen.  Subeventualiter  sei 
die Wegweisungsverfügung aufzuheben und er  in der Schweiz vorläufig 
aufzunehmen. Für  den Fall  des Unterliegens wurde um Bewilligung der 
unentgeltlichen  Prozessführung  und Rechtsverbeiständung  ersucht.  Der 
Eingabe  lag  ein  Bericht  des  Österreichischen  Roten  Kreuzes  zur 
"Wehdienstverweigerung in der Türkei" vom März 2009 bei.

D. 
Der  Instruktionsrichter  hielt  mit  Zwischenverfügung  vom  15.  Juni  2011 
fest, über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege 
gemäss  Art.  65  Abs  1  und  2  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember 
1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  werde  zu 
einem  späteren  Zeitpunkt  befunden.  Der  Beschwerdeführer  habe 
umgehend  Unterlagen  zur  geltend  gemachten  Bedürftigkeit 
nachzureichen, widrigenfalls nicht von seiner Bedürftigkeit ausgegangen 
werde. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wurde verzichtet. Die 
Akten wurden zur Vernehmlassung an das BFM überwiesen.

E. 
Das BFM  beantragte  in  seiner  Vernehmlassung  vom  17.  Juni  2011  die 
Abweisung der Beschwerde.

F. 
Der  Beschwerdeführer  liess  am  7.  Juli  2011  Unterlagen  zu  seiner 
finanziellen  Situation  einreichen.  Am  20.  Juli  2011  liess  er  einen 
Haftbefehl vom 5. April 2010 und eine Anklageschrift vom 24. März 2010 
aus der Türkei übermitteln.

G. 
Der Instruktionsrichter überwies die vom Beschwerdeführer eingereichten 
Beweismittel  mit  den  Akten  am  22.  Juli  2011  zur  erneuten 
Vernehmlassung an das BFM.

H. 
Das  BFM  führte  in  seiner  Vernehmlassung  vom  2.  August  2011  aus, 
gemäss einer  internen Dokumentenprüfung vom 27. Juli 2011 handle es 
sich  bei  beiden  Dokumenten  um  Totalfälschungen.  Es  beantragte 
weiterhin die Abweisung der Beschwerde.

I. 
Der  Instruktionsrichter  setzte  den  Beschwerdeführer  mit 

D­3283/2011

Seite 5

Zwischenverfügung  vom  8.  August  2011  von  der  zweiten 
Vernehmlassung  in Kenntnis  und  teilte  ihm den wesentlichen  Inhalt  der 
Dokumentenanalyse mit. Dem Beschwerdeführer wurde Gelegenheit zur 
Einreichung  einer  Stellungnahme  und  Bezeichnung  von 
Gegenbeweismitteln gegeben.

J. 
Der Beschwerdeführer liess am 5. September 2011 mitteilten, er halte an 
der Echtheit der eingereichten Dokumente fest. Weitere Beweismittel aus 
der Türkei würden zirka in zehn Tagen eintreffen. Am 6. September 2011 
liess er eine Verfügung des Musterungsgremiums F._______ vom 1. April 
2010 einreichen. Am 10. Oktober 2011  liess er mitteilen, er habe bisher 
keine  weiteren  Unterlagen  aus  der  Türkei  erhältlich  machen  können. 
Sollten  solche  zu  einem  späteren  Zeitpunkt  eintreffen,  werde  er  sie 
nachreichen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:

1. 
1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden 
gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den 
Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des 
Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme 
im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht 
ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und 
entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen 
eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die 
beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes 
vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des 
Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).

1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der 
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist 
durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein 
schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise 
Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert 
(Art. 105  und  Art. 108  Abs. 1  AsylG,  Art.  37  VGG  i.V.m.  Art. 48  Abs. 1 
sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.

D­3283/2011

Seite 6

2. 
Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige 
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und 
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

3. 
3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen 
grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat 
oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion, 
Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder 
wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt 
sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu 
werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des 
Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen 
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).

3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft 
nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft 
gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender 
Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere 
Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich 
widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich 
auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7 
AsylG).

4. 
4.1.  Das  BFM  begründete  seinen  Entscheid  damit,  es  könne  nicht 
ausgeschlossen werden, dass die türkischen Behörden Kenntnis von der 
Mitgliedschaft des Beschwerdeführers bei den (…) in der Schweiz habe. 
Eine  allfällige  Befragung  des  Beschwerdeführers  durch  die  türkischen 
Behörden ergäbe, dass seine Aktivitäten in der Schweiz harmloser Natur 
gewesen  seien  und  gemäss  türkischer  Gesetzgebung  keine 
schwerwiegenden  Straftatbestände  darstellten.  Eine  überwiegende 
Wahrscheinlichkeit,  dass  er  eine  monatelange  Inhaftierung  aus  den 
genannten Gründen zu gewärtigen habe, bestehe nicht. Zudem wäre es 
ihm  zuzumuten,  vor  einer  Rückkehr  in  die  Türkei  aus  den  (…) 
auszutreten,  um  sich  allfällige  Unannehmlichkeiten  zu  ersparen,  zumal 
gemäss  seinen  Angaben  andere  Kurden  dies  erfolgreich  getan  hätten. 
Hinsichtlich  des  Vorbringens,  der  Beschwerdeführer  habe  in  der  Türkei 
seinen Militärdienst noch nicht geleistet, lägen keine Anhaltspunkte dafür 
vor,  dass  der  türkische  Staat  betreffs  der  Einberufung  in  einer 

D­3283/2011

Seite 7

asylrelevanten  Verfolgungsabsicht  handeln  würde.  Auch  eine  allfällige 
Bestrafung wegen Refraktion würde nicht aus den in Art. 3 Abs. 1 AsylG 
angeführten  Gründen  erfolgen.  Somit  seien  die  Vorbringen  des 
Beschwerdeführers asylrechtlich irrelevant.

Hinsichtlich des Umstandes, dass der Beschwerdeführer  in der Schweiz 
am 1. Dezember 2010 in der Schweiz eine im Besitz einer B­Bewilligung 
befindliche  Landsfrau  geheiratet  habe,  sei  Folgendes  anzumerken: 
Gemäss  Art.  14  Abs.  1  AsylG  verankere  das  Asylgesetz  im  Verhältnis 
zum  Ausländerrecht  das  Prinzip  der  Ausschliesslichkeit  des 
Asylverfahrens Gemäss Art. 14 Abs. 1 AsylG könnten Asylsuchende nach 
Einreichung  des  Gesuchs  grundsätzlich  kein  Verfahren  um  Erteilung 
einer Aufenthaltsbewilligung einleiten. Bestehe aber ein Rechtsanspruch 
– vorliegend  gemäss  Art.  44  des  Bundesgesetzes  vom  16. Dezember 
2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR  142.20)  –  so 
gelte  dieses  Prinzip  nicht.  Es  bleibe  dem Beschwerdeführer  und  seiner 
Ehefrau  unbenommen,  erneut  ein  Verfahren  um  Erteilung  einer 
ausländerrechtlichen  Bewilligung  im  Wohnsitzkanton  der  Ehefrau 
einzuleiten.

4.2.  In  der  Beschwerde  wird  geltend  gemacht,  der  Beschwerdeführer 
könne  sich  aus  ideologischen  Gründen  nicht  vorstellen,  in  der  Türkei 
Militärdienst  zu  leisten.  Hinzu  komme  eine  berechtigte  Furcht,  dass  er 
wegen  des  Militärdienstes  aufgrund  seiner  Ethnie  und  seines 
Engagements  für  die  Kurden  mit  Übergriffen,  Folter  und  noch 
Schlimmerem zu  rechnen habe.  In der Türkei seien  in den Jahren 2000 
bis  2009  88  Menschen  im  Militärdienst  auf  mysteriöse  Weise 
umgekommen.  Auch  seien  viele  Fälle  von  Misshandlungen  und  Folter 
bekannt.  Seine  Befürchtungen  müssten  in  diesem  Fall  als  begründet 
angesehen werden. Er müsse damit rechnen, im Fall einer Einreise in die 
Türkei  am  Flughafen  inhaftiert  zu  werden.  Wegen  seiner 
Dienstverweigerung  müsse  er  neben  Misshandlungen  mit  mehrfacher 
Verurteilung rechnen. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe habe  in einem 
Gutachten  vom  Oktober  2007  von  Dienstverweigerern  berichtet,  die 
wiederholt  wegen  Befehlsverweigerung  verurteilt  worden  seien.  Der 
Kassationsgerichtshof  der  Türkei  habe  diese  Praxis  bestätigt.  Der 
Europäische  Gerichtshof  für  Menschenrechte  habe  im  Fall  "Ülke" 
festgehalten,  dass  die  ständige  Bedrohung  mit  weiterer  Haft  und  der 
Zwang,  versteckt  zu  leben,  als erniedrigende Behandlung  im Sinne  von 
Art.  3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der 
Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) zu bewerten sei. 

D­3283/2011

Seite 8

Der Beschwerdeführer  sei erhöht gefährdet, weil  er  sich  in der Schweiz 
politisch  erheblich  exponiert  habe.  Nach  seinen  Angaben,  sei  der 
D._______,  dessen  Mitglied  er  sei,  mit  der  PKK  verknüpft,  was  es  als 
wahrscheinlich  erscheinen  lasse,  dass  dieser  vom  türkischen 
Geheimdienst  beobachtet  werde.  Menschen,  die  sich  in  beachtlichem 
Mass  exilpolitisch  betätigt  hätten,  seien  in  der  Türkei  durch  staatliche 
Verfolgung  bedroht.  Es  sei  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  davon 
auszugehen,  dass  er  in  der  Türkei  auch  deshalb  von  staatlicher 
Verfolgung  bedroht  wäre.  Er  sei  demnach  auch  aus  diesem Grund  als 
Flüchtling anzuerkennen und es  sei  ihm Asyl  zu gewähren,  eventualiter 
sei er zumindest als Flüchtling vorläufig aufzunehmen.

5. 
5.1.  Die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG  erfüllt  eine 
asylsuchende  Person  nach  Lehre  und  Rechtsprechung  dann,  wenn  sie 
Nachteile  von  bestimmter  Intensität  erlitten  hat  beziehungsweise  mit 
beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zukunft 
begründeterweise  befürchten  muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund 
bestimmter  Verfolgungsmotive  durch  Organe  des  Heimatstaates  oder 
durch  nichtstaatliche  Akteure  zugefügt  worden  sind  beziehungsweise 
zugefügt  zu werden  drohen  (vgl.  BVGE 2008/4 E.  5.2 S.  37).  Aufgrund 
der  Subsidiarität  des  flüchtlingsrechtlichen  Schutzes  setzt  die 
Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  ausserdem  voraus,  dass  die 
betroffene  Person  in  ihrem  Heimatland  keinen  ausreichenden  Schutz 
finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2 S. 174 f., BVGE 2008/4 E. 5.2 
S. 37 f.). Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist 
die  Frage  nach  der  im  Zeitpunkt  der  Ausreise  vorhandenen  Verfolgung 
oder  begründeten  Furcht  vor  einer  solchen.  Die  Situation  im  Zeitpunkt 
des  Asylentscheides  ist  jedoch  im  Rahmen  der  Prüfung  nach  der 
Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der 
objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid 
sind  deshalb  zugunsten  und  zulasten  der  das  Asylgesuch  stellenden 
Person  zu  berücksichtigen  (vgl.  BVGE  2008/4  E.  5.4  S.  38  f.;  WALTER 
STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.], 
Ausländerrecht, Basel/Bern/Lausanne 2009, Rz. 11.17 und 11.18).

5.2.  Insofern  der Beschwerdeführer  befürchtet, wegen Nichtleistens  des 
Militärdienstes  Nachteile  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  zu  erleiden,  ist 
festzuhalten,  dass  gemäss  konstanter  Rechtsprechung  des 
Bundesverwaltungsgerichts  sowie  der  vormaligen  Schweizerischen 
Asylrekurskommission  (ARK)  strafrechtliche  Konsequenzen  wegen 

D­3283/2011

Seite 9

Refraktion, Dienstverweigerung oder Desertion bei einer Rückkehr in den 
Heimatstaat  grundsätzlich  keine  Verfolgung  im  Sinne  des  Asylgesetzes 
darstellen.  Es  ist  das  legitime  Recht  jedes  Staates,  seine  Bürger  zum 
Militärdienst  einzuberufen,  weshalb  strafrechtliche  oder  disziplinarische 
Massnahmen  bei  Pflichtverletzungen  grundsätzlich  nicht  als  politisch 
motivierte  oder  menschenrechtswidrige  Verfolgungsmassnahmen  zu 
betrachten  sind,  wobei  Ausnahmen  vorbehalten  bleiben,  beispielsweise 
wenn  der Wehrpflichtige  aus  einem Grund  nach  Art.  3  AsylG mit  einer 
schweren Strafe zu rechnen hat oder wenn das Strafmass  für  ihn höher 
ausfällt,  als  für  Deserteure  und  Refraktäre  ohne  diesen  spezifischen 
Hintergrund,  oder  wenn  der  Wehrpflichtige  aus  denselben  Gründen 
während  des  Dienstes  schwersten  Übergriffen  und  Misshandlungen 
durch Kameraden und Vorgesetzte ausgesetzt wäre (vgl. ausführlich das 
Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­4952/2006  vom  23. September 
2010).

Vorliegend steht nicht fest, ob der Beschwerdeführer in der Türkei wegen 
Nichtleistens  des  Militärdienstes  von  den  heimatlichen  Militärbehörden 
offiziell gesucht wird. Hinsichtlich der dazu eingereichten Beweismittel ist 
auf  die  nachfolgenden  Erwägungen  unter  5.5.  zu  verweisen.  Im 
Schreiben  des  Kurdischen  Kultur  Vereins  vom  7. März  2011  wird  zwar 
sinngemäss ausgeführt,  er werde  von den  türkischen Sicherheitskräften 
gesucht, weil er den Militärdienst aus politischen Gründen nicht geleistet 
habe, es wird aber in keiner Weise dargelegt, inwiefern dem Verein dafür 
konkrete  Anhaltspunkte  vorliegen.  Da  in  der  Türkei  die  militärische 
Inpflichtnahme  einzig  aufgrund  der  Staatsangehörigkeit  und  des 
Jahrganges  der  Betroffenen  erfolgt,  könnte  er  allein  aus  einer 
behördlichen  Suche  ohnehin  nichts  zu  seinen  Gunsten  ableiten.  Eine 
allfällige  Bestrafung  wegen  Wehrdienstverweigerung  wäre  als  legitime 
staatliche Massnahme zur Durchsetzung einer staatsbürgerlichen Pflicht 
und  damit  als  asylrechtlich  ebenfalls  nicht  relevant  zu  bewerten.  In  der 
Rechtsmitteleingabe verweist der Beschwerdeführer auf seinen Unwillen, 
für  die  Türkei  Militärdienst  zu  leisten  und  auf  seine  Tätigkeiten  für  den 
Kurdischen  Kultur  Verein.  Dazu  ist  festzuhalten,  dass  bislang  nicht 
bekannt  wurde,  dass  kurdische  Refraktäre  im  Sinne  eines  "Malus" 
generell  strengere  Strafen  zu  gewärtigen  hätten  als  solche  türkischer 
Ethnie.  Schliesslich  ist  entgegen  den  in  der  Anhörung  geäusserten 
Befürchtungen des Beschwerdeführers die Wahrscheinlichkeit, dass er – 
vorausgesetzt  er müsste noch Militärdienst  leisten – als Kurde während 
des  obligatorischen  Dienstes  gegen  Angehörige  seiner  eigenen  Ethnie 
eingesetzt  würde  (act.  A31/8  S. 3),  nach  Kenntnissen  des  Gerichts  als 

D­3283/2011

Seite 10

unwahrscheinlich  einzustufen.  Demnach  ist  eine  allenfalls  vom 
Beschwerdeführer  zu  erwartende  strafrechtliche  Sanktion  für  das 
Nichtbefolgen  eines  militärischen  Aufgebots  nicht  asylbeachtlich.  Der 
eingereichte Bericht des Österreichischen Roten Kreuzes vom März 2009 
vermag  die  vom  Bundesverwaltungsgericht  bestätigte  und  fortgesetzte 
Praxis  der  ARK  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der 
Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2006 Nr.  3  und Urteil 
E­6209/2006  vom 29. Dezember  2009), wonach  allfällige  strafrechtliche 
Konsequenzen wegen Refraktion, Dienstverweigerung oder Desertion bei 
einer  Rückkehr  in  den  Heimatstaat  grundsätzlich  keine  Verfolgung  im 
Sinn des Asylgesetzes darstellen, nicht in Frage zu stellen.

5.3.  Der  Beschwerdeführer  macht  weiter  geltend,  aufgrund  seiner 
politischen  Aktivitäten  in  der  Schweiz  befürchte  er  bei  einer  Rückkehr 
Verfolgungsmassnahmen  im  Sinne  des  Asylgesetzes.  Wer  sich  darauf 
beruft,  dass  durch  sein  Verhalten  nach  der  Ausreise  aus  dem  Heimat­ 
oder Herkunftsland eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, 
macht  subjektive  Nachfluchtgründe  geltend  (vgl.  Art.  54  AsylG).  Solche 
begründen  zwar  die  Flüchtlingseigenschaft  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG, 
führen jedoch nach Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig 
davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden.

5.4.  Der  Beschwerdeführer  sagte  aus,  er  sei  im  D._______  für  die 
Jugendsektion  tätig.  Sie  versuchten,  die  Jugendlichen  von 
Betäubungsmitteln fernzuhalten, unterrichteten Folklore und brächten den 
Kindern  ihre Kultur  bei.  Allein  aufgrund  dieser Aktivitäten muss  er  nicht 
ins  Visier  der  türkischen  Behörden  geraten  sein.  Es  kann  nicht  davon 
ausgegangen  werden,  dass  die  türkischen  Behörden  gegen 
zehntausende  türkische  Staatsangehörige,  die  sich  im  Ausland  in  (…) 
engagieren,  Strafverfahren  einleiten  können  und  wollen.  Den  Angaben 
des Beschwerdeführers und der Bestätigung des D._______ vom 7. März 
2011  ist  nicht  zu  entnehmen,  dass  er  sich  anlässlich  seiner  Tätigkeiten 
über  das  Mass  der  gewöhnlichen  Vereinsmitglieder  hinaus  exponiert 
hätte. Insoweit weist er kein besonders beachtenswertes politisches Profil 
auf.  Sein  kulturelles  Engagement  in  der  Schweiz  lässt  ihn  nicht  als 
engagierten  und/oder  exponierten  oder  gar  staatsgefährdenden 
exilpolitischen Aktivisten erscheinen.  Insoweit  liegen dem Verhalten des 
Beschwerdeführers  keine  für  das  Asylverfahren  relevanten  subjektiven 
Nachfluchtgründe zugrunde.

D­3283/2011

Seite 11

5.5. Der Beschwerdeführer  gab  im Rahmen  des Beschwerdeverfahrens 
eine  Anklageschrift  an  die  Strafkammer  des  Friedensgerichts  Pazarcik 
vom  24.  März  2010  und  einen  durch  diese  Kammer  ausgestellten 
Haftbefehl  vom  5.  April  2010  zu  den  Akten.  In  der  Anklageschrift  wird 
ausgeführt,  auf  Anzeige  vom  10.  Februar  2010  hin  hätten  die 
Sicherheitsbehörden  am  Wohnort  des  Beschwerdeführers 
gesetzeswidrige Dokumente gefunden. Zudem habe er der Einladung der 
Militärzweigstelle zur Aushebung keine Folge geleistet und sei desertiert.

Das BFM gelangte aufgrund einer amtsinternen Dokumentenanalyse zum 
Schluss,  bei  beiden  Dokumenten  handle  es  sich  um  Totalfälschungen. 
Bei  der  eingereichten  Original­Anklageschrift  der  Staatsanwaltschaft 
F._______  vom  24. März  2010  seien  eine  Verletzung  der  Art.  168  und 
169  des  "T.M.K."­Gesetzes  und  des Militärgesetzes  Anklagetatbestand. 
Dem Beschwerdeführer solle somit Besitz von PKK­Propagandamaterial 
sowie  Refraktion  bzw.  Desertion  angelastet  werden.  Die  erwähnten 
Tatbestände  bezögen  sich  auf  im  alten  türkischen  Strafgesetzbuch 
enthaltene  Gesetzesartikel,  der  Tatzeitpunkt  werde  indessen  mit  10. 
Februar  2010  angegeben,  weshalb  eine  Anwendung  des  alten 
Strafgesetzbuches  auszuschliessen  sei.  Das  Friedensstrafgericht  (Sulh 
Mahmemesi)  F._______  sei  für  beide  Straftatbestände  sachlich 
unzuständig.  Die  Ausstellung  eines  gerichtlichen  Haftbefehls  würde  in 
Form eines  separaten Antrags an das Gericht  bzw.  den Haftrichter  und 
nicht  in der Anklageschrift beantragt. Das BFM habe keine Kenntnis von 
einem  in  der  Türkei  tätigen  Staatsanwalt  namens  G._______  mit  der 
Amtsnummer (…). Es stelle sich die Frage, wie der Beschwerdeführer in 
den Besitz eines Originaldurchschlags des Haftbefehls gelangt sei, da ein 
Abwesenheitshaftbefehl  nicht  erhältlich  sei.  Dem  Dokument  fehle  der 
zwingende  Vermerk,  dass  es  sich  um  einen  Abwesenheitshaftbefehl 
handle. Das BFM habe  keine Kenntnis  von  einem  in  der  Türkei  tätigen 
Staatsanwalt namens H._______ mit der Amtsnummer (…), zumal diese 
Amtsnummer einem Richter namens I._______ zugeteilt sei. Schliesslich 
figuriere auf dem Dokument ein falscher Stempel.

5.5.1. Das Bundesverwaltungsgericht  erachtet  die Schlussfolgerung des 
BFM,  bei  beiden  Dokumenten  handle  es  sich  um  Fälschungen, 
angesichts  der  von  ihm genannten,  zahlreichen Ungereimtheiten  in  den 
Dokumenten  als  stringent.  Der  Beschwerdeführer  hält  den  einzelnen 
Kritikpunkten  in  seiner  Stellungnahme  vom  5.  September  2011  nichts 
Substanziiertes und Konkretes entgegen und bekräftigt nur pauschal die 
Echtheit  der  Dokumente.  Er  reichte  am  6.  September  2011  eine 

D­3283/2011

Seite 12

Verfügung des Musterungsministeriums F._______ vom 1. April 2010 ein, 
in  welcher  er  aufgefordert  wird,  allfällige  Unterlagen  einzureichen,  die 
belegen  würden,  dass  er  entweder  Schüler  oder  inhaftiert  oder 
hospitalisiert  sei.  Allenfalls  habe  er  zu  belegen,  dass  er  im Ausland  als 
Arbeitnehmer oder selbständig arbeite. Andernfalls habe er sich so bald 
wie  möglich  an  die  Musterungsstelle  seines  Wohnorts  zu  wenden,  um 
seine  Rekrutierung  zu  beantragen.  Unbesehen  der  Frage  der  Echtheit 
dieses Dokuments,  die  aufgrund  der  vorstehenden Erwägungen  zu  den 
bereits  vorher  eingereichten  Dokumenten  erheblich  zu  bezweifeln  ist, 
steht  dieses  im  Widerspruch  zu  den  Angaben  in  den  gefälschten 
Dokumenten.  Dem  Beschwerdeführer  wäre  von  der  Militärbehörde  mit 
der  Verfügung  vom  1. April  2010  Zeit  eingeräumt  worden,  Gründe  zu 
belegen, die ihn allenfalls von der Dienstpflicht (vorübergehend) befreien 
könnten. Dies  kann  nichts  anderes  bedeuten,  als  das  gegen  ihn  bis  zu 
diesem Zeitpunkt noch keine Anklage erhoben, sondern ihm Gelegenheit 
gegeben worden wäre, die Angelegenheit  zu  regeln.  Inwiefern die dafür 
ohnehin  nicht  zuständige  Staatsanwaltschaft  F._______  angesichts 
dieser  Sachlage  bereits  am  24. März  2010  bei  einem  unzuständigen 
Gericht  wegen  Desertion  hätte  Anklage  erheben  sollen,  ist  nicht 
nachvollziehbar.

5.5.2. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer zum Beleg der von ihm 
geäusserten Befürchtungen,  ihm drohe  in der Türkei aufgrund des noch 
nicht geleisteten Militärdienstes und seines Engagements  im D._______ 
Verfolgung, gefälschte Dokumente einreichte, relativiert auch die von ihm 
geltend  gemachte  subjektive  Furcht.  Wäre  gegen  ihn  in  der  Türkei 
tatsächlich  ein  Strafverfahren  eingeleitet  worden,  würde  er  alles  daran 
setzen,  dafür  durchaus  legal  erhältliche  authentische  Dokumente 
einzureichen.

5.5.3. Gemäss Art.  10 Abs.  4 AsylG  können  verfälschte  und  gefälschte 
Dokumente  sowie  echte  Dokumente,  die  missbräuchlich  verwendet 
wurden,  vom  Bundesamt  oder  von  der  Beschwerdeinstanz  eingezogen 
werden.  Die  als  gefälscht  erkannten  Dokumente  (Anklageschrift  vom 
24. März 2010 und Haftbefehl vom 5. April 2010) sind daher einzuziehen.

5.6.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer 
keine  Gründe  nach  Art.  3  AsylG  glaubhaft  machen  oder  nachweisen 
konnte.  Bei  dieser  Sachlage  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren 
Ausführungen  in  der  Beschwerde  und  die  eingereichten  Beweismittel 
einzugehen, da sie an den vorstehenden Feststellungen nichts zu ändern 

D­3283/2011

Seite 13

vermögen.  Die  Vorinstanz  hat  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers 
demnach zu Recht abgelehnt.

6. 
6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht 
ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und 
ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit 
der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).

6.2. Der  Beschwerdeführer  verfügte  weder  zum  Zeitpunkt  des  Erlasses 
der angefochtenen Verfügung noch heute über eine ausländerrechtliche 
Aufenthaltsbewilligung.  Nachdem  die  kantonale  Behörde  die  (weitere) 
Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  verweigert  hat,  besteht  demnach 
heute  für  die  Asylbehörden  keine  Veranlassung,  die  asylrechtlich 
angeordnete Wegweisung  (Art.  44  Abs.  1  AsylG)  zugunsten  kantonaler 
Kompetenzen  aufzuheben  (vgl.  zu  den  Kompetenzabgrenzungen 
diesbezüglich  ausführlich  EMARK  2001  Nr.  21;  zur  vorliegend 
interessierenden  Konstellation  insbesondere  E.  11.b).  Die  in  der 
angefochtenen Verfügung angeordnete Wegweisung aus der Schweiz ist 
demnach zu bestätigen. 

7. 
7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder 
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach 
den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von 
Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG).

Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt 
gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner 
Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der 
Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte 
Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. 
WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.], 
Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148).

7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen 
der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in 
den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83 
Abs. 3 AuG).

D­3283/2011

Seite 14

So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land 
gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus 
einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie 
Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden 
(Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom 
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).

Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen 
Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des 
Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere 
grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe 
(FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter 
oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung 
unterworfen werden.

7.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend 
darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement 
nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem 
Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche 
Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5 
AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden 
Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des 
Beschwerdeführers in die Türkei ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 
AsylG rechtmässig.

Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers 
noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer 
Ausschaffung in die Türkei dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer 
nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung 
ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für 
Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses 
müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk") 
nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer 
Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde 
(vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom 
28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren 
Hinweisen).  Dass  dem  Beschwerdeführer  wegen  seines  bisher  nicht 
geleisteten  Militärdienstes  –  oder  im  Militärdienst  selber – 
beziehungsweise  seiner  Aktivitäten  im  D._______  eine 
menschenrechtswidrige Behandlung drohen würde, muss nach dem oben 
Gesagten nicht mit erheblicher Wahrscheinlichkeit befürchtet werden. Der 

D­3283/2011

Seite 15

Umstand,  dass er  im  Jahr  1993 eine Woche  lang  in Untersuchungshaft 
genommen  und  dabei  misshandelt  worden  sei,  ändert  an  dieser 
Einschätzung nichts. Er machte geltend, damals seien in der Folge einer 
bewaffneten  Auseinandersetzung  zwischen  Militärs  und  Guerillas  alle 
Dorfbewohner  mitgenommen  worden.  Da  der  Beschwerdeführer  nach 
einer Woche Untersuchungshaft  auf  freien  Fuss  gesetzt  und  gegen  ihn 
kein  Strafverfahren  eingeleitet  wurde,  hat  er  in  diesem Zusammenhang 
nichts zu befürchten. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in der 
Türkei  lässt  den Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als 
unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der 
Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen 
Bestimmungen zulässig.

7.4.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen 
und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder 
Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg, 
allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind. 
Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von 
Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren.

7.4.1. In der Türkei herrscht derzeit keine Situation von Bürgerkrieg oder 
allgemeiner  Gewalt,  und  der Wegweisungsvollzug  in  dieses  Land  kann 
grundsätzlich  als  zumutbar  gelten.  Den  Akten  sind  sodann  auch  keine 
konkreten  Anhaltspunkte  dafür  zu  entnehmen,  dass  der 
Beschwerdeführer  unter  schwerwiegenden  gesundheitlichen  Problemen 
leiden  würde  oder  bei  einer  Rückkehr  in  die  Türkei  –  wo  weiterhin 
mehrere  Familienangehörige  von  ihm  leben  und  er  demnach  auf  ein 
soziales  Netz  zurückgreifen  kann  –  aus  individuellen  Gründen 
wirtschaftlicher  und  sozialer Natur  in  eine  existenzbedrohende Situation 
geraten  könnte.  Dem  langen  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  in  der 
Schweiz und entsprechenden  Integrationsaspekten kann demgegenüber 
im  Rahmen  der  Prüfung  von  Wegweisungsvollzugshindernissen  im 
Asylverfahren  nicht  weiter  Rechnung  getragen  werden;  eine 
entsprechende  Prüfung  würde  gemäss  Art.  14  Abs.  2  AsylG,  unter 
Zustimmung des Bundesamtes, der kantonalen Behörde zustehen.

7.4.2.  Nach  dem  Gesagten  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung 
auch als zumutbar.

7.5. Schliesslich  obliegt  es  dem Beschwerdeführer,  sich  allfällig  bei  der 
zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr 

D­3283/2011

Seite 16

notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG 
und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug 
der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2 
AuG).

7.6. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu 
Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten 
fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83 
Abs. 1 – 4 AuG).

8. 
Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung 
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und 
vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die 
Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen.

9. 
Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  dem 
Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG).  Aufgrund  der 
eingereichten  Unterlagen  zur  finanziellen  Situation  des 
Beschwerdeführers  kann  von  einer  prozessrechtlichen  Bedürftigkeit 
ausgegangen  werden.  Die  Beschwerde  stellte  sich  zudem  nicht  als 
aussichtslos  dar;  daran  vermag  im  vorliegenden  Fall  auch  die 
nachträgliche  Einreichung  gefälschter  Dokumente  nichts  zu  ändern,  da 
die grundsätzlich bestehende Militärdienstpflicht und das Engagement für 
den  D._______  nicht  bestritten  sind.  In  Gutheissung  des  Gesuchs  um 
Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1 
VwVG sind demnach keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.

Gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG wird einer mittellosen Partei, soweit es zur 
Wahrung  ihrer  Rechte  notwendig  ist,  in  einem  nicht  aussichtslosen 
Verfahren  ein  Anwalt  bestellt.  Ausschlaggebend  für  die Gewährung  der 
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG 
ist das Kriterium, ob die Beschwerde  führende Partei zur Wahrung  ihrer 
Rechte  notwendigerweise  der  professionellen  juristischen  Hilfe  eines 
Anwaltes bedarf (vgl. dazu BGE 128 I 225 E. 2.5.2 S. 232 f., BGE 122 I 
49 E. 2c S. 51 ff., BGE 120 Ia 43 E. 2a S. 44 ff.). In Verfahren, welche – 
wie  das  vorliegende  –  vom  Untersuchungsgrundsatz  beherrscht  sind, 
sind  strenge  Massstäbe  an  die  Gewährung  der  unentgeltlichen 
Verbeiständung anzusetzen (vgl. EMARK 2000 Nr. 6 sowie BGE 122 I 8 

D­3283/2011

Seite 17

E.  2c  S. 10).  Im  asylrechtlichen  Beschwerdeverfahren  geht  es  im 
Wesentlichen  um  die  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts. 
Besondere  Rechtskenntnisse  sind  daher  zur  wirksamen 
Beschwerdeführung im Regelfall nicht unbedingt erforderlich. Aus diesen 
Gründen  wird  die  unentgeltliche  Verbeiständung  im  Sinne  von  Art.  65 
Abs.  2  VwVG  praxisgemäss  nur  in  den  besonderen  Fällen  gewährt,  in 
welchen in rechtlicher oder tatsächlicher Hinsicht erhöhte Schwierigkeiten 
bestehen.  Das  vorliegende  Verfahren  erscheint  weder  in  tatsächlicher 
noch in rechtlicher Hinsicht besonders komplex, weshalb das Gesuch um 
unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG 
abzuweisen ist.

D­3283/2011

Seite 18

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1. 
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2. 
Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne 
von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  wird  gutgeheissen.  Es  werden  keine 
Verfahrenskosten auferlegt.

3. 
Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne 
von  Art. 65  Abs. 2  VwVG  wird  abgewiesen.  Es  wird  keine 
Parteientschädigung ausgerichtet. 

4. 
Die  als  gefälscht  erkannten  Dokumente  (Anklageschrift  und  Haftbefehl) 
werden eingezogen.

5. 
Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die 
zuständige kantonale Behörde.

Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber:

Hans Schürch Christoph Basler

Versand: