# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 33785b87-7720-51ff-b9c3-8d69f6e8a2d9
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2019-04-26
**Language:** de
**Title:** Schlüssiges psychiatrisches Gutachten belegt primäres Suchtgeschehen, kein Anspruch; Abweisung.
**Docket/Reference:** IV.2018.00958
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2018.00958.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2018.00958
II. Kammer
Sozialversicherungsrichter Mosimann, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichter Bachofner
Ersatzrichterin Romero-Käser
Gerichtsschreiberin Tiefenbacher
Urteil
vom
26. April 2019
in Sachen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch Rechtsanwalt Viktor
Györffy
Peyrot
, Schlegel und
Györffy
Rechtsanwälte
Beethovenstrasse 47, 8002 Zürich
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
1.1
X.___
, geboren 1977, meldete sich am 13. November 2015 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 10/6). Die Sozialversi
che
rungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, verneinte mit Verfügung vom 14. Dezem
ber 2016 (Urk. 10/31) einen Leistungsanspruch. Die dagegen erhobene Beschwerde hiess das hiesige Gericht mit Urteil vom 23. Juni 2017 im Verfahren Nr. IV.2017.00067 gut und wies die Sache zu ergänzenden Abklärungen an die IV-Stelle zurück (Urk. 10/36).
1.2
Die IV-Stelle holte sodann Arztberichte (Urk. 10/41-43) ein und veranlasste ein psychiatrisches Gutachten, das am 7. April 2018 erstattet wurde (Urk. 10/69). Nach am 15. August 2018 ergangenem Vorbescheid (Urk. 10/52) verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 26. September 2018 einen Leistungsanspruch (Urk. 10/52 = Urk. 2).
2.
Der Versicherte erhob am 1. November 2018 (Urk. 1), mit Ergänzungen vom 3. Dezember 2018 (Urk. 7), Beschwerde gegen die Verfügung vom 26. September 2018 (Urk. 2) und beantragte (Urk. 1 S. 2 oben), diese sei aufzuheben (Ziff. 1) und es seien ihm Leistungen, namentlich eine ganze Rente, zuzusprechen (Ziff. 2); eventuell sei die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen (Ziff. 3).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 9. Januar 2019 (Urk. 9) die Abweisung der Beschwerde, was dem Beschwerdeführer am 11. Januar 2019 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 11).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts
,
ATSG)
.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
men
den ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt
zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Alkoholismus und Medikamentenmissbrauch (wie auch Drogensucht) begründen nach ständiger Rechtsprechung keine Invalidität im Sinne des Gesetzes. Vielmehr wird eine solche Sucht invalidenversicherungsrechtlich erst bedeutsam, wenn sie ihrerseits eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt hat, in deren Folge ein körperlicher oder geistiger die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender Gesundheits
schaden eingetreten ist, oder aber wenn sie selber Folge eines körperlichen oder geistigen Gesundheitsschadens ist, welchem Krankheitswert zukommt (vgl.
BGE 124 V 265
E. 3c; AHI 2002 S. 30, I 454/99 E. 2a). Dabei ist das
ganze
für die Alkoholsucht massgebende Ursachen- und Folgespektrum in eine Gesamtwür
di
gung einzubeziehen, was impliziert, dass einer allfälligen Wechselwirkung zwi
schen Suchtmittelabhängigkeit und psychischer Begleiterkrankung Rechnung zu tragen ist. Was die krankheitsbedingten Ursachen der Alkoholsucht betrifft, ist für die invalidenversicherungsrechtliche Relevanz der Abhängigkeit erforderlich, dass dem Alkoholismus eine ausreichend schwere und ihrer Natur nach für die Entwicklung einer Suchtkrankheit geeignete Gesundheitsstörung zugrunde liegt, welche zumindest eine erhebliche Teilursache der Alkoholsucht darstellt. Mit dem Erfordernis des Krankheitswerts einer allfälligen verursachenden psychischen Krank
heit wird verlangt, dass diese die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit ein
schränkt. Wenn der erforderliche Kausalzusammenhang zwischen Alkoholsucht und krankheitswertigem psychischem Gesundheitsschaden besteht, sind für die
Frage der noch zumutbaren Erwerbstätigkeit die psychischen und die sucht
bedingten Beeinträchtigungen gesamthaft zu berücksichtigen (vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_906/2013 vom 23. Mai 2014 E. 2.2 und 9C_701/2012 vom 10. April 2013 E. 2 mit Hinweisen sowie 9C_706/2012 vom 1. Juli 2013 E. 3.2 mit Hinweis auf I 169/06 vom 8. August 2006 E. 2.2).
1.3
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) davon aus, gemäss dem eingeholten psychiatrischen Gutachten liege keine psychische Krankheit vor, welche die Arbeitsfähigkeit einschränke, sondern ein jahrelanges reines Suchtgeschehen (S. 1 unten).
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 7), die Einordnung der Problematik als reines Suchtgeschehen sei falsch, effektiv liege eine medizinische Problematik mit Krankheitswert vor, welche die Arbeits
fähig
keit derart einschränke, dass Anspruch auf eine ganze Rente bestehe (S. 2 Ziff. 2.). Soweit das psychiatrische Gutachten zu einem anderen Schluss gelange, erfasse es den massgebenden medizinischen Sachverhalt unrichtig und zu dessen Klä
rung bedürfe es weiterer Abklärungen (S. 3 Ziff. 3).
2.3
Strittig und zu prüfen ist mithin, ob ein anspruchsrelevanter Gesundheitsschaden vorliegt.
3.
3.1
Der Beschwerdeführer weilte vom 16. Juni bis 18. September 2015 in
der Klinik im
Y.___
, worüber
am 1. Oktober 2015 berichtet
wurde
(Urk.
10/
17
/4-6 = Urk. 10/49/59-61). Dabei wurden die folgenden Diag
nosen genannt (S. 2 Ziff. 3):
-
Polytoxikomanie
(ICD-10 F19.2)
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte bis mittelgradige Episode (ICD-10 F33.0; ICD-10 F33.1)
-
Verdacht auf kombinierte Persönlichkeitsstörung mit ängstlich-vermei
den
den und abhängigen Anteilen (ICD-10 F61.0), Differentialdiagnose (DD): Soziale Phobie (ICD-10 F40.1)
-
Nikotinabhängigkeit (ICD-10 F17.2)
Der Beschwerdeführer habe eine sehr lange und sehr komplexe Vorgeschichte. Seit dem 11. Lebensjahr sei er depressiv und seit dem 14. Lebensjahr sei er bei verschiedenen Psychologen und Psychiatern in Behandlung gewesen. Seit sechs bis sieben Jahren sei er regelmässig in eine ambulante Behandlung gegangen. 1998 sei er im Sanatorium
Z.___
wegen Depressionen nach Konsum behan
delt worden. 1999/2000 habe eine Behandlung in der
A.___
klinik
(
A.___
) wegen Depressionen nach Ecstasy Konsum stattgefunden. Im Jahr 2011 habe eine 10-tätige Entzugsbehandlung in der Klinik
B.___
stattgefunden, welche der Beschwerdeführer abgebrochen habe, da er es mit den Personen nicht mehr ausgehalten habe. Im Mai 2015 habe für 2.5 Wochen eine Entzugsbehandlung im Sanatorium
Z.___
stattge
funden. Diese sei aufgrund intransparenter Rückfälle nach 2.5 Wochen anstatt nach
sechs geplanten Wochen abgebrochen worden. Der Beschwerdeführer habe bis zum Übertritt in die Klinik im
Y.___
bei einem Freund verbleiben können (S. 1 Ziff. 1).
Der Beschwerdeführer habe aufgrund der sozialen Ängste und der depressiven Stimmung beide Lehren nicht abschliessen können. Eine
Polytoxikomanie
liege seit zirka zehn Jahren vor (S. 1 Ziff. 1).
Die Therapie in der Klinik im
Y.___
sei seitens der Klinik am 18. September 2015
aufgrund wiederholter intransparenter Rückfälle abgebrochen worden (S. 3 Mitte
). Während der
Hospitalisation
sei der Beschwerdeführer zu 100 % arbeitsunfähig gewesen. Die Prognose sei aufgrund der verschiedenen Rückfälle und Therapie
abbrüche eher schlecht. Vermutlich benötige er zurzeit ein
niederschwelligeres
Therapieangebot (S. 3 Ziff. 5). Eine längerdauernde Abstinenz wäre eine Grund
voraussetzung für einen Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess (S. 3 Ziff. 6).
3.2
Die Ärzte des Sanatoriums
Z.___
führten mit Austrittsbericht vom 29. Dezem
ber 2015 (Urk. 10/
28/1-4
= Urk. 10/49/62-65) aus, der Beschwerdeführer habe sich vom 24. November bis 15. Dezember 2015
zum
vierten
Mal in
ihrer statio
när-psychiatrischen
Behandlung
befunden und nannten folgende
Hauptd
iagnose
:
-
p
sychische und Verhaltensstörungen durch multiplen Substanzgebrauch und Konsum anderer psychotroper Substanzen: Schä
dlicher Gebrauch (ICD-10 F19.1)
Zudem führten sie die folgenden
Nebendiagnosen
auf:
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Opioide (
ICD-10 F11.2): Abhängigkeitssyndrom
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Kokain (ICD-10
F
14.2)
:
Abhängigkeitssyndrom
-
psychische und Verhaltensstörungen durch
Alkohol
(
ICD-10 F10.2): Abhängigkeitssyndrom
-
kombinierte und andere Persönlichkeitsstörungen (ICD-10 F61)
Nach einer Entwöhnungstherapie in der Klinik
Y.___
habe der Beschwerdeführer allmählich wieder vermehrt Alkohol konsumiert, sodass er zuletzt auf eine täg
liche Menge von sechs bis sieben Bier und eine halbe Flasche Whisky ge
kommen sei. Zuletzt habe er am Tag vor Eintritt Alkohol konsumiert. Des Wei
teren habe er fast täglich 2-3 Gramm Kokain konsumiert, ebenfalls zirka zeitgleich mit dem Austritt aus der Klinik
Y.___
. Zudem habe er, neben den verordneten Gaben
Sevre
Long 920 mg täglich, des Öfteren
Targin
und MST in unbekannten Mengen, alle drei Tage Heroin nasal und durch Rauchen und schliesslich täglich 3 x 2 mg
Xanax
und zirka 150 mg Valium, ebenfalls täglich, konsumiert. Er habe ge
wünscht, im Anschluss an eine stationäre Stabilisierungsphase in die
C.___
überzutreten (S. 1).
Der Eintritt in die Klinik sei erfolgt, um einen geplanten Alkoholentzug durch
zuführen. Der Beschwerdeführer habe sich bei Eintritt in einem deutlich sedier
ten Zustand präsentiert. Sie hätten mit einem durch Valium gestützten Alkoholentzug begonnen. Der Alkoholentzug sei, unter engmaschiger somatischer Abklärung, kom
plikationslos verlaufen. Da der Beschwerdeführer erfreulicherweise, abge
sehen von den verordneten Medikamenten, frei von jeglichem weiteren Sub
stanz
konsum geblieben sei, habe der geplante Übertritt in die
C.___
ins Auge gefasst werden können (S. 3 unten). Er habe im Zuge des stationären Auf
enthaltes eine massive
Koprostase
mit Druckschmerzhaftigkeit sowie Abwehr
spannung über dem gesamten Abdomen, die auch kurzfristig eine Überweisung ins Seespital
D.___
zur Folge gehabt habe, entwickelt (S. 4 oben). Er habe in klinisch ge
besser
tem Zustand sowie bei fehlender Fremd- und Selbstgefährdung ihre Klinik verlassen können (S. 4).
3.3
Dipl. med.
E.___
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und für Neurologie, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), führte mit Stellung
nahme vom 7. Juni 2016 (Urk. 10/29/3-4) aus, es liege eine Suchterkrankung vor. Der Beschwerdeführer befinde sich in einer Substitutionsbehandlung, es fände jedoch regelmässig
Beikonsum
statt. Grundsätzlich würde es notwendig sein, auf den
Beikonsum
zu verzichten, da dieser die Arbeitsfähigkeit ein
schränke und lang
fristig zu Sekundärschäden führen würde. Ohne den Verzicht des
Beikonsums
und eine stationäre Entwöhnungsbehandlung sei eine Unter
stützung durch die Beschwerdegegnerin beim Arbeitsplatzerhalt nicht möglich.
3.4
Gemäss Bericht vom 17. November 2017 (Urk. 10/41) weilte der Beschwerde
führer vom 23. Oktober bis 7. November 2017 im
Spital F.___
(Ziff. 1.2), dies aufgrund einer Sepsis bei ausgeprägtem Erysipel des Ober- und Unter
schen
kels rechts (Ziff. 1.4).
3.5
Dr. med.
G.___
, Praktischer Arzt und Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, führte in seinem Bericht vom 4. Dezember 2017 (Urk. 10/42/6-12
) aus, er behandle den Beschwerdeführer seit dem 16. November 2016 (Ziff. 1.2), und nannte folgende Diagnosen (Ziff. 1.1):
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige bis
schwer
gradige
Episode (ICD-10 F33.1)
-
soziale Phobie (ICD-10 F40.1), Differentialdiagnose (DD) ängstlich-ver
mei
dende Persönlichkeitsstörung
-
Abhängigkeitssyndrom von Opioiden und Hypnotika, gegenwärtig Teil
nahme an einem ärztlich überwachten Ersatzdrogenprogramm (kontrol
lierte Abhängigkeit; ICD-10 F11.2 und F13.2)
Aktuell erfolgten zirka dreiwöchentliche Konsultationen (Ziff. 1.5; vgl. Urk. 10/49 S. 15 oben: «alle 2-3 Wochen»). Der Patient sei seit Behandlungs
be
ginn zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd arbeitsfähig gewesen (Ziff. 1.6).
3.6
Dr. med.
H.___
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, führte in ihrem Bericht vom 7. Dezember 2017 (Urk. 10/43) aus, sie behandle den Be
schwerdeführer seit Februar 2015 (Ziff. 1.2). Sie nannte - lediglich unter Angabe der ICD-Codierung - folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Ziff. 1.1.):
-
kombinierte und andere Persönlichkeitsstörungen (ICD-10 F61, Erst
diagnose Kindheit), Depression
-
psychische und Verhaltensstörungen durch multiplen Substanzgebrauch und Konsum anderer psychotroper Substanzen, schädlicher Gebrauch (ICD-10 F19.1)
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Opioide, Abhängig
keits
syn
drom (ICD-10 F11.2)
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Kokain, Abhängigkeitssyn
drom (F14.2)
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol, Abhängigkeitssyn
drom (F10.2)
Sie führte aus, zurzeit sei der Patient zu 100 % arbeitsunfähig (Ziff. 1.7), über eine Wiederaufnahme der Arbeit sei noch keine Aussage möglich (Ziff. 1.9).
3.7
Dr. med.
I.___
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, erstattete am 7. April 2018 ein Gutachten im Auftrag der Beschwerdegegnerin (Urk. 10/49/1-36). Sie stützte sich auf die ihr überlassenen und von ihr zusätzlich eingeholten (Urk. 10/49/37-58) Akten, die Angaben des Beschwerdeführers und die von ihr am 5. April 2018 (S. 2 Ziff. 1.1) erhobenen Befunde (S. 19 ff.).
Die Gutachterin nannte folgende Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähig
keit (S. 28 Ziff. 6.1):
-
Polytoxikomanie
mit Alkohol-, Opiat-, Kokain-, Benzodiazepin-, Cannabis
- und Stimulanzien-Abhängigkeit, gegenwärtig schwerpunktmässig aktive Opiat- und
Benzodiazepinabhängigkeit
(ständiger Konsum und Sub
sti
tution; ICD-10 F19.2)
Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte sie (S. 28 Ziff. 6.2):
-
Dysthymia
(ICD-10 F34.1)
-
klaustrophobische Züge bei Fahren in überfülltem Bus oder Zug (ICD-10 F40.2)
-
akzentuierte Persönlichkeitszüge (ICD-10 Z73.1)
Die Gutachterin berichtete, gemäss eigenen Angaben sei der Versicherte ein Jahr später als üblich in den Kindergarten eingetreten und habe auch – schul
psy
chologisch begleitet - drei Schuljahre in einer Kleinklasse absolviert (S. 23 Mitte). Seine erste Lehre als Innendekorateur habe er wegen Überforderung mit den hand
werklichen praktischen Anforderungen sowie mit den intellektuellen Anfor
derungen in der Berufsschule im zweiten Jahr abgebrochen. 1996 (mit 19 Jahren) habe er zu einer
Bodenlegerfirma
gewechselt, wo er angelernt worden und bis 2015/2016 knapp 20 Jahre lang geblieben sei (S. 23 unten).
Aus subjektiver Sicht benütze der Versicherte die Formulierung, seit Kindergarten an «Depressionen» zu leiden, vermöge aber auf eingehende Befragung hin nur diffus und ausweichend, generalisierend zu berichten beziehungsweise es sei «alles nur schlimm» gewesen (S. 24 oben). Ob in der Vergangenheit je klinische Phasen mit relevanter Depressivität aufgetreten seien, erscheine fraglich. Der Ver
sicherte sei zwar mehrmals psychiatrisch zum Entzug hospitalisiert gewesen, da
bei seien dann auch jeweils Verstimmungen und Suizidandrohungen aufgetreten, diese schienen aber angesichts der komplexen Entzüge, denen sich der bald polytoxikomane Versicherte wiederholt zu unterziehen gehabt habe, sucht- und entzugsbedingt, und nicht als eigentliche primäre (depressive) Affektstörung. Nur einmal, 1997, sei der Versicherte für zwei Monate auf einer Spezialabteilung für Depressionskrankheiten hospitalisiert gewesen, alle anderen Klinikaufenthalte hätten auf Akutstationen oder in Suchtinstitutionen stattgefunden. Während er 1997 noch im zweiwöchigen Aufenthalt auf einer Akutstation unmittelbar zuvor als «mittelgradig depressiv» eingestuft worden sei, seien die Depressions
spe
zia
listen bei ihrer zweimonatigen Observation zur Schlussfolgerung gelangt, der Versicherte leide an einer
Dysthymia
beziehungsweise neurotischer Depression,
die bekanntlich keine eigentliche arbeitsmedizinische Relevanz habe (S. 24 unten
).
Es sei auf die selektiven Angaben des Versicherten zur Substanzanamnese hin
zuweisen. Aus den Akten gehe hervor, dass er seit 16-jährig Alkohol und Cannabis, seit zumindest 19-jährig Benzodiazepine, zudem ab etwa 30-jährig auch in grossen Mengen Kokain und Opiate, teilweise intravenös, konsumiert habe, dabei auch medizinische Substrate wie beispielsweise
Fentanylpflaster
gekaut habe, und dass die von ihm erst als Folge der Opiat-Analgesie für die Rippenfraktur 2015 geltend
gemachte Opiatabhängigkeit mindestens schon
6-7 Jahre zuvor bestanden habe (S. 25 Mitte).
Es könne auf keinerlei Weise argumentiert werden, dass die Abhängigkeit von diesen verschiedenen Substanzen etwa Folge einer relevanten psychischen Stö
rung gewesen wäre. Die Dysthymie an sich, sowie die Klaustrophobie, und die beschriebene neurotische Akzentuierung (histrionisch, haltlos, in Opferrolle) erfüllten den Tatbestand einer ins Gewicht fallenden, primären, relevanten, insbe
sondere arbeitsmedizinisch relevanten psychischen Störung nicht. Auch als Bode
n
leger sei der Versicherte weder von seiner Mühe, sich in überfülltem Bus oder Zug zu bewegen, noch durch die neurotisch-
dysthymen
Verstimmungen je massgeb
lich in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt gewesen (S. 25 unten).
Eine Antriebsstörung könne nicht objektiviert werden. Der Versicherte schildere spontan Lust und Freude, auch Stolz (selber seine Wohnung sehr schön renoviert zu haben), Plausch am Gärtnern und Plaudern mit seinem besten Freund, Abend
essen mit seinem Bruder,
Solariumbesuch
, Schwimmen mit seiner Schwester, Besuch von Schwester und Kindern, Geniessen von Ferien in Italien «an der Sonne», zuletzt noch wenige Tage vor der Begutachtung etc. Dann werde hand
kehrum und in Kontrast mit der spontan dargestellten Tagesstrukturierung und Aktivitäten eine Störung der Vitalität und schwere Depressivität beklagt (S. 27 oben).
Aus diagnostischer Sicht sei abschliessend ein primäres Suchtgeschehen zu diag
nostizieren, dies auch auf dem Hintergrund offensichtlicher familiär-hereditärer Belastung mit Suchtkrankheiten. Die ständige Intoxikation mit vor allem sedie
renden Substanzen und die dadurch schwankende Vigilanz lasse das Arbeiten als Bodenleger, auf Baustellen, mit Manipulation von möglicherweise gefährlichen
Maschinen
/Geräten (Schleifmaschinen, Messer etc.) als risikobehaftet erscheinen
; aus dieser Perspektive sei Arbeitsunfähigkeit zu attestieren (S. 27 Mitte).
Die
Dysthymia
(ICD-10 F34.1) und die akzentuierten Persönlichkeitszüge hätten, als neurotische Stimmungs- beziehungsweise Persönlichkeitsvarianten, keine
arbeitsmedizinische oder IV-Relevanz beziehungsweise die Arbeitsfähigkeit werde
von ihnen nicht tangiert. Auch die klaustrophobischen Gefühle beim Fahren in einem überfüllten Bus oder Zug könnten keine Arbeitsunfähigkeit als Bodenleger begründen. Der Versicherte habe seine beruflichen Fähigkeiten im Übrigen auch durchaus durch seine langjährige Anstellung als Bodenleger bewiesen (S. 27 unten).
Im Sinne einer Konsistenz- und Plausibilitätsprüfung führte die Gutachterin unter anderem aus, die psychiatrische Aktenlage (IV-Akten, Akten des Taggeldver
sicherers) sei, auch mit der zusätzlichen Dokumentation der von ihr eingeholten psychiatrischen Austrittsberichte aus dem Zeitraum von 1997-2015, hinreichend dokumentiert. Im aktuellen Alltag liessen sich keine relevanten Einschränkungen
der Arbeitsfähigkeit und auch keine Einschränkungen beim Pflegen von Frei
zeit
aktivitäten oder sozialen Aktivitäten objektivieren. Die spontanen Alltags-Be
schreibungen des Versicherten anlässlich der Begutachtung - mit Spazier
gän
gen, Velofahren nach Rüschlikon, Zürich-Wollishofen und
Horgen
, Schwimme
n und
Solariumbesuch
, Plausch im Garten des Freundes und beim Plaudern mit bestem Freund, reger Aktivität in der Familie (Besuchen von Bruder, Schwester und Kindern, Mutter und Stiefvater), regelmässige Ferien in Italien, sowie mit spontan geäusserter Sehnsucht nach Sexualität und Frauen, was aber «durch die Opiate und den Libidoverlust nicht möglich» sei - liessen auf keinerlei depressive oder sozial gehemmte Antriebsstörung schliessen. Auch Lust und Freude würden spon
tan geschildert. Dies sei kaum mit einer erheblichen psychischen Störung verein
bar (S. 30 Ziff. 7.3).
Der geschilderte heutige Alltag sowie der psychopathologische Befund entsprä
chen einer Dysthymie. Es lägen dabei genügend Hinweise auf sofort mobilisier
bare Ressourcen vor, die auch mit einer 100%igen Arbeitstätigkeit in der freien Wirtschaft zu vereinbaren seien, mit Einschränkungen für Arbeiten mit Ma
schinen oder auf grossen Höhen wegen der substanzbedingt verminderten Vigi
lanz (S. 30 f.).
In Würdigung der vorhandenen Akten/Arztberichte führte die Gutachterin unter anderem aus, während des zweimonatigen Klinikaufenthalts im Jahr 1997 seien die Depressionsspezialisten zur Schlussfolgerung gelangt, der Versicherte leide an einer
Dysthymia
(F34.1) beziehungsweise neurotischer Depression. Auch eine etwaige Persönlichkeitsstörung sei hier nicht observiert worden. Etwaige kli
nisch
/
ar
beitsmedizinisch relevante depressive Erkrankungsphasen könnten konkret auch
nach 1997 nicht abgegrenzt werden. Wenn Depressionen aufgetreten be
zieh
ungsweise diagnostiziert worden seien, seien sie wohl in Wirklichkeit Begleit
phänomen der chronischen Sucht/
Polytoxikomanie
(und Entzugsphänomen) ge
wesen. Entsprechend finde sich dann und wann, aber auch dies nicht durch
geh
end, die Diagnose einer «rezidivierenden depressiven Störung» in den Austritts
berichten. Diese affektive Störungskomponente sei aber aus gutachterlicher Sicht nicht separat festzuhalten, da sie in der Diagnose einer schweren
Polytoxi
komanie
impliziert sei (S. 31).
2015 tauche dann der «Verdacht» einer Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F61.0) in einem Versicherungsbericht der Klinik im
Y.___
(vgl. vorstehend E. 3.1) auf, und werde dann im recht summarischen Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik Sanatorium
Z.___
vom Dezember 2015
übernommen (vgl. vorstehend E. 3.2), nun quasi als «Faktum». Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung werde dann auch kommentarlos vom aktuell behandelnden Psychiater 2017 übernommen, allerdings nun als Differentialdiagnose zu einer allfälligen Soziophobie (vgl. vorstehend E. 3.5),
die aber
- siehe auch Psychostatus und Befunde/Beobach
tungen der Gutachterin anlässlich der Begutachtung - ebenso wenig objektiviert werden könne (S. 32 oben).
Keine der Instanzen, welche die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung in ihren Berichten aufnehme, prüfe die Annahme aber an den diagnostischen ICD-10-Kriterien. Die Differentialdiagnose einer Persönlichkeitsstörung mit Krankheits
wert könne anlässlich der Begutachtung nicht bestätigt werden. Nach ICD-10 Kriterien F60 handle es sich dabei um Menschen, deren «charakteristische und dauerhafte innere Erfahrungs- und Verhaltensmuster insgesamt deutlich von kulturell erwarteten und akzeptierten Vorgaben, in mehr als einem der Bereichen Kognition, Affektivität, Impulskontrolle/Bedürfnisbefriedigung und die Art des Umgangs mit anderen Menschen, abweichen». Der Versicherte beschreibe immer
hin ein erfülltes Beziehungs- und Sexualleben (das ihm erst durch den Libido
verlust seit einer Medikamenten-Einstellung abhandengekommen sei), einen zwanzigjährigen beruflichen Werdegang mit pausenloser Anstellung, seine Inte
ressen an Sport, Reisen, Schwimmen, Velofahren, Solarium und Plausch am Garten etc. beziehungsweise auch - trotz gleichzeitig langjähriger polytoxiko
maner Entwicklung - hinreichend differenzierte Persönlichkeitsentwicklung und Befriedigung von sozialen, lebensinhaltlichen Berufs- und Freizeit-Bedürfnissen (S. 32).
3.8
Dipl. med.
E.___
, RAD (vorstehend E. 3.3), führte am 18. April 2018 aus, aus näher dargelegten Gründen sei auf das Gutachten von Dr.
I.___
abzustellen (Urk. 10/50 S. 3 f.).
4.
4.1
Das Gutachten von Dr.
I.___
erfüllt die praxisgemässen Kriterien (vorstehend E. 1.3) vollumfänglich, insbesondere weil die Gutachterin auch bis 1997 zurück
reichende Akten berücksichtigt hat und entsprechend fundiert zu einem all
fälligen Langzeitverlauf Stellung nehmen konnte. Dafür, dass - wie beschwerde
weise angeführt - der medizinische Sachverhalt «unrichtig» erfasst worden sein sollte, gibt es weder Anhaltspunkte noch wurde dazu in der Beschwerde Näheres ausgeführt.
Mithin ist auf das Gutachten abzustellen.
4.2
Gemäss den schlüssigen Darlegungen der Gutachterin lässt sich keine Persönlich
keitsstörung diagnostizieren, und die entsprechende, erstmals 2015 erwähnte und sodann weiter übernommene Diagnose wurde nie nachvollziehbar begründet. Da
mit scheidet eine Persönlichkeitsstörung als Auslöser des im Alter von 16 Jahren einsetzenden Suchtgeschehens aus.
Auch die vom Beschwerdeführer umgangssprachlich als Depressionen bezeich
neten Befindlichkeiten im Vorschul- und Schulalter lassen sich nicht zu einer Diagnose verdichten, welche der Suchtproblematik unterlegt werden könnte. Gleiches gilt für die vom Beschwerdeführer berichteten anfänglichen Schul
schwie
rigkeiten.
Die Gutachterin hat die
Polytoxikomanie
des Beschwerdeführers unmissver
ständlich als primäres Suchtgeschehen eingeordnet. Es gibt keine sachliche Ver
anlassung, davon abzuweichen. Vielmehr ist ihrer sorgfältigen und überzeugend begründeten Beurteilung zu folgen und vom so erstellten Sachverhalt auszu
gehen.
4.3
Nachdem ein primäres Suchtgeschehen praxisgemäss nicht anspruchsbegründend ist (vorstehend E. 1.2), erweist sich die angefochtene Verfügung als rechtens, was zur Abweisung der dagegen erhobenen Beschwerde führt.
5.
Die Verfahrenskosten gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sind ermessensweise auf Fr. 700.-- festzusetzen und ausgangsgemäss dem Beschwerdeführer aufzuerlegen.
Das Gericht erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
700
.-- werden
dem Beschwerdeführer
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
dem
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Viktor
Györffy
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
4.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
MosimannTiefenbacher