# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 7e8050e7-d316-52e4-af14-63f9fff60d0f
**Source:** Solothurn (SO)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-10-11
**Language:** de
**Title:** Solothurn Versicherungsgericht 11.10.2023 VSBES.2022.161
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SO_Omni/SO_VSG_001_VSBES-2022-161_2023-10-11.html

## Full Text

Urteil vom 11. Oktober 2023

Es wirken mit:

Vizepräsident Flückiger 

Oberrichter Marti

Oberrichterin Kofmel 

Gerichtsschreiber Isch

In Sachen

1.    A.___
vertreten durch Rechtsanwalt Christian Haag

2.    Visana
AG, Weltpoststrasse 19, Hauptsitz, 3000 Bern 16

Beschwerdeführer 

 

gegen

Allianz Suisse Schadenservice Center, Postfach, 8010 Zürich, 

Beschwerdegegnerin 

 

betreffend     Rente
und Integritätsentschädigung (Einspracheentscheid vom 19. August 2022)

 

 

zieht das
Versicherungsgericht in Erwägung:

I.      
 

 

1.      

1.1    Gemäss
Unfallmeldung UVG vom 24. November 2011 (AA [Akten der Allianz] 5) wurde der
bei der Allianz Suisse (nachfolgend Beschwerdegegnerin) unfallversicherte A.___
(nachfolgend Beschwerdeführer), geb. 1972, am 17. November 2011 von
einem Gabelstapler angefahren, wobei er sich verschiedene Verletzungen zuzog.
In der Folge holte die Beschwerdegegnerin medizinische Unterlagen ein und
richtete dem Beschwerdeführer die gesetzlichen Leistungen (Taggelder,
Heilbehandlungen) aus.

 

1.2    Sodann veranlasste die IV-Stelle
des Kantons Solothurn im parallel laufenden IV-Verfahren eine polydisziplinäre
Begutachtung beim C.___. Im diesbezüglichen Bericht vom 26. August 2015
(IV-Nr. [Akten der IV-Stelle] 90.1) kamen die Gutachter zum Schluss, dem
Beschwerdeführer sei die bisherige Tätigkeit als Getränkelieferant nicht mehr
zumutbar. In einer angepassten Tätigkeit habe ab dem Unfalldatum (17. November
2011) bis Februar 2014 sowie von Juli bis Oktober 2014 eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit bestanden. Dagegen sei der Beschwerdeführer vom März bis
Juli 2014 sowie ab November 2014 in einer angepassten Tätigkeit wiederum zu 60 %
arbeitsfähig.

 

Des Weiteren veranlasste der
Beschwerdeführer das polydisziplinäre Privatgutachten der D.___ vom 17. Februar
2016 (IV-Nr. 106, S. 3). Darin hielten die Gutachter fest, aus psychiatrischer
und orthopädischer Sicht bestehe in der bisherigen Tätigkeit keine
Arbeitsfähigkeit. In einer angepassten Tätigkeit könne aus psychiatrischer
Sicht von einer Arbeitsunfähigkeit von 50 % ausgegangen werden. Aus
neurologischer und orthopädischer Sicht könne durch medizinische Massnahmen
eine namhafte Besserung erwartet werden, weshalb noch kein Zumutbarkeitsprofil
festgelegt werden könne. 

 

Sodann hielt die IV-Stelle mit Verfügung
vom 25. November 2016 (IV-Nr. 123) fest, dem Beschwerdeführer werde vom 1. März
2013 bis 31. Mai 2014 eine ganze Rente, vom 1. Juni 2014 bis 30. September
2014 eine Viertelsrente, vom 1. Oktober 2014 bis 31. Januar 2015 eine
ganze Rente sowie ab 1. Februar 2015 eine Viertelsrente ausgerichtet. Die
dagegen vom Beschwerdeführer erhobene Beschwerde wies das Versicherungsgericht
des Kantons Solothurn (nachfolgend Versicherungsgericht) mit Urteil
VSBES.2017.15 vom 31. Oktober 2017 ab.

 

1.3    Im weiteren Verlauf veranlasste
die Beschwerdegegnerin beim E.___ ebenfalls ein polydisziplinäres Gutachten in
den Fachrichtungen Innere Medizin, Orthopädie, Neurologie und Psychiatrie. Im
diesbezüglichen Gutachtensbericht vom 25. Oktober 2018 (AA 243) kamen die
Gutachter zum Schluss, die geltend gemachte Gesundheitsschädigung betreffend
die Diagnosen der Unterschenkelfraktur links, den Frakturen der Metatarsalia
ll-IV sowie der mehrfragmentären Fraktur im Bereich der Grosszehe links sowie
der Metacarpale V-Basis-Fraktur rechts sei unfallkausal. Von psychiatrischer Seite
handle es sich bei den Beschwerden um ein unfallfremdes Geschehen. Die
bisherige Tätigkeit im Getränkehandel in der Auslieferung mit einem kleinen
Lieferwagen sei dem Versicherten aufgrund der Unfallfolgen nicht mehr zumutbar.
In einer dem Leiden angepassten Tätigkeit, mehrheitlich sitzend mit sehr kurzen
Gehstrecken und nur kurzem Stehen, ohne schwere und mit nur zeitweise
mittelschweren manuellen Tätigkeiten, welche mit der rechten dominanten Hand
ausgeführt werden müssten, sei der Versicherte ganztags arbeitsfähig ab Oktober
2014 nach der Revision des rechten Handgelenkes und entsprechender
Rehabilitation. Des Weiteren resultiere ein unfallbedingter Integritätsschaden
von 35 %.

 

Gestützt
auf das E.___-Gutachten sprach die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer mit
Verfügung vom 28. März 2019 (AA 254) eine Integritätsentschädigung von 35 %
zu, lehnte jedoch den Anspruch des Beschwerdeführers auf
Versicherungsleistungen für die geltend gemachten psychischen Beschwerden sowie
auf eine Invalidenrente ab und stellte die Versicherungsleistungen rückwirkend
per 31. Dezember 2015 ein. Gegen diese Verfügung erhoben die
Krankenversicherung Visana (nachfolgende Beschwerdeführerin) am 5. April 2019
(AA 261) sowie der Beschwerdeführer am 13. Mai 2019 (AA 265) Einsprachen.
Diese wies die Beschwerdegegnerin mit Entscheid vom 19. August 2022
(Akten-Seite [A.S.] 1 ff.) ab.

 

2.      Gegen diesen Entscheid lässt der
Beschwerdeführer am 1. September 2022 (A.S. 22 ff.) fristgerecht
Beschwerde beim Versicherungsgericht des Kantons Solothurn erheben. Er stellt
folgende Rechtsbegehren:

 

1.     Der Einspracheentscheid vom 19. August
2022 sei aufzuheben.

2.     Die Beschwerdegegnerin habe dem
Beschwerdeführer eine ganze Rente und eine Integritätsentschädigung von total
85 % auszurichten, wovon 50 % für psychische und 35 % für somatische
Beschwerden.

3.     Es sei gestützt auf Art. 29 Abs. 2 BV
sowie Art. 6 Ziffer 1 EMRK eine öffentliche Gerichtsverhandlung durchzuführen.

4.     Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
(inkl. MwSt) zulasten der Beschwerdegegnerin.

 

Zudem stellt der Beschwerdeführer den
Verfahrensantrag, es seien die Akten der Invalidenversicherung beizuziehen. 

 

3.      Mit Eingabe vom 7. September
2022 (A.S. 60 ff.) modifiziert der Beschwerdeführer Ziffer 2 seiner
Rechtsbegehren wie folgt:

 

Die Beschwerdegegnerin habe dem
Beschwerdeführer eine ganze Rente und eine Integritätsentschädigung von total
89 % auszurichten, wovon 50 % für psychische und 39 % für somatische
Beschwerden.

 

4.      Am 15. September 2022 erhebt die
Beschwerdeführerin gegen den Einspracheentscheid vom 19. August 2022 ebenfalls
fristgerecht Beschwerde beim Versicherungsgericht des Kantons Solothurn und
stellt folgende Rechtsbegehren:

 

1.     Der Einspracheentscheid der
Beschwerdegegnerin vom 19. August 2022 sei aufzuheben und es seien dem
Versicherten Leistungen für seine psychischen Beschwerden zu erbringen.

Eventualiter:
Es sei ein Obergutachten zulasten der Unfallversicherung zu veranlassen und es
sei anschliessend über die Leistungspflicht für die psychischen Unfallfolgen
neu zu entscheiden.

Subeventualiter:
Die Streitsache sei zur Abklärung des Sachverhalts und zur Festsetzung der
Leistungspflicht für die psychischen Unfallfolgen an die Vorinstanz
zurückzuweisen.

2.     Das vorliegende Beschwerdeverfahren sei
mit dem Beschwerdeverfahren des Versicherten gegen die Beschwerdegegnerin zu
vereinigen.

3.     Es seien die vollständigen
Verfahrensakten bei der Beschwerdegegnerin zu edieren.

 

– unter Kosten-
und Entschädigungsfolge –

 

5.      Mit Beschwerdeantworten vom 18.
Oktober 2022 schliesst die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerden.

 

6.      Mit Verfügung vom 20. Oktober
2022 (A.S. 80) werden die beiden Verfahren VSBES.2022.161 und VSBES.2022.192
vereinigt und unter VSBES.2022.161 weitergeführt.

 

7.      Mit Replik vom 27. Oktober 2022
(A.S. 83) hält der Beschwerdeführer an seinen bisher gestellten Rechtsbegehren
fest, zieht jedoch den Antrag auf eine öffentliche Gerichtsverhandlung zurück. 

 

8.      Mit Replik vom 9. Dezember 2022
(A.S. 108 ff.) hält die Beschwerdeführerin ebenfalls an ihren bisherigen
Rechtsbegehren fest. 

 

9.      Mit unaufgefordert eingereichter
Eingabe vom 13. Dezember 2022 (A.S. 119) reicht der Beschwerdeführer eine
weitere Stellungnahme ein. 

 

10.    Mit Duplik vom 11. Januar 2023
(A.S. 123 ff.) lässt sich die Beschwerdegegnerin abschliessend vernehmen.

 

11.    Mit Triplik vom 20. Januar 2023 (A.S.
139 f.) lässt sich der Beschwerdeführer ebenfalls abschliessend vernehmen.

 

12.    Mit Verfügung vom 24. August 2023
werden die Akten der Invalidenversicherung betreffend den Beschwerdeführer
eingeholt.

 

13.    Auf die Ausführungen der Parteien
in ihren Rechtsschriften wird nachfolgend, soweit notwendig, eingegangen.

 

II.     
 

 

1.      Die Sachurteilsvoraussetzungen
(Einhaltung von Frist und Form, örtliche und sachliche Zuständigkeit des angerufenen
Gerichts) sind erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.

 

2.      Anspruch auf eine Invalidenrente
(Art. 18 Abs. 1 UVG) hat die versicherte Person, wenn sie infolge des
Unfalles zu mindestens 10 % invalid ist. Zudem besteht gemäss Art. 24
Abs. 1 UVG Anspruch auf eine angemessene Integritätsentschädigung, wenn
durch den Unfall eine dauernde erhebliche Schädigung der körperlichen,
geistigen oder psychischen Integrität bewirkt worden ist.

 

3.

3.1    Die Leistungspflicht des Unfallversicherers
gemäss UVG setzt voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen
Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang
besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle
Umstände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als
eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit
eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die
Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs nicht erforderlich, dass ein
Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist;
es genügt, dass das schädigende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die
körperliche oder geistige Integrität des Versicherten beeinträchtigt hat, der
Unfall mit anderen Worten nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die
eingetretene gesundheitliche Störung entfiele (BGE 140 V 356 E. 3.1
S. 358, 129 V 177 E. 3.1 S. 181, 119 V 335 E. 1
S. 338, 118 V 286 E. 1b S. 289 je mit Hinweisen; Urteile des
Bundesgerichts 8C_271/2013 vom 30. Juli 2013 E. 2.1, 8C_729/2013 vom
27. Mai 2014 E. 2).

 

Ob zwischen einem schädigenden Ereignis
oder einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht,
ist eine Tatfrage, worüber der Versicherer bzw. im Beschwerdefall das Gericht
im Rahmen der ihm obliegenden Beweiswürdigung nach dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit (s. dazu BGE 126 V 360 E. 5b S. 360) zu befinden
hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines
Leistungsanspruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181). Weiter ist
für den Nachweis einer unfallkausalen gesundheitlichen Schädigung der Grundsatz
«post hoc, ergo propter hoc», wonach eine gesundheitliche Schädigung schon dann
als durch einen Unfall verursacht gilt, wenn sie nach diesem aufgetreten, nicht
massgebend (BGE 119 V 335 E. 2b/bb S. 341). Der Beweis des
natürlichen Kausalzusammenhangs (resp. seines Wegfallens) wird in erster Linie
mittels Angaben der medizinischen Fachpersonen geführt (Alexandra Rumo-Jungo /
André Pierre Holzer, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 4. Auflage 2012,
S. 55). 

 

3.2    Die Leistungspflicht des
Unfallversicherers setzt weiter voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und
dem eingetretenen Schaden ein adäquater Kausalzusammenhang besteht. Nach der
Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als adäquate Ursache eines Erfolges zu
gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen
Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des
eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolges also durch das
Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 129 V 177 E. 3.2
S. 181).

 

4.

4.1    Das Verwaltungsverfahren und das
Verwaltungsgerichtsverfahren in Sozialversicherungssachen sind vom
Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Danach hat die Verwaltung bzw. der Richter
von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen
Sachverhaltes zu sorgen. Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt;
er findet sein Korrelat in den Mitwirkungspflichten der Parteien (BGE 138 V 218
E. 6 S. 221, 117 V 261 E. 3b S. 263 und 282 E. 4a, 116
V 23 E. 3c S. 26 f. mit Hinweisen).

 

4.2    Den Berichten und Gutachten
versicherungsinterner Ärzte oder ständiger Vertrauensärzte eines
Versicherungsträgers kommt Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen,
nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine
Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 125 V 351 E. 3b/ee
S. 353 f.). Soll ein Versicherungsfall jedoch ohne Einholung eines
externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge
Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der
Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen
Feststellungen, sind rechtsprechungsgemäss ergänzende Abklärungen vorzunehmen
(BGE 139 V 225 E. 5.2 S. 229, 135 V 465 E. 4.4 S. 470).
Insbesondere genügt in Fällen, in welchen die Schlüssigkeit der Feststellungen
der versicherungsinternen Fachpersonen durch einen nachvollziehbaren Bericht
eines behandelnden Arztes in Zweifel gezogen wird, der pauschale Hinweis auf
dessen auftragsrechtliche Stellung nicht, um die geltend gemachten Zweifel
auszuräumen (Urteil des Bundesgerichts 8C_193/2014 vom 19. Juni 2014
E. 4.1).

 

5.      Streitig und zu prüfen ist
vorliegend, ob die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer mit
Einspracheentscheid vom 19. August 2022 zu Recht eine Integritätsentschädigung
von 35 % zugesprochen und ihre weitergehende Leistungspflicht zu Recht verneint
und ihre Leistungen rückwirkend per 31. Dezember 2015 eingestellt hat. Die
Beschwerdegegnerin stützt sich bei ihrem Entscheid im Wesentlichen auf das
polydisziplinäre Gutachten des E.___ vom 25. Oktober 2018 (Fachrichtungen:
Innere Medizin, Orthopädie, Neurologie und Psychiatrie; AA 243), weshalb
nachfolgend dessen Beweiswert zu prüfen ist.

 

5.1    Im E.___-Gutachten vom 25.
Oktober 2018 wurden folgende Diagnose gestellt:

 

Unfallkausal:

-       
Überrolltrauma
Unterschenkel/Fuss links 17. November 2011

·       
drittgradig offene
Tibia-Trümmerfraktur mit beginnendem Kompartmentsyndrom

o   bei Verdacht auf Kompromittierung der
Hebermuskulatur und Läsion des n. peronaeus profundus in der Tibialisloge

o   mit Druckläsionen des n. peronaeus
superficialis sowie sensibler Nerven (betont nn. suralis und saphenus) am
linken Unterschenkel

o   Fixateur externe, Spaltung
Peronaeus-Loge 17. November 2011

o   MB. Plattenosteosynthese 23. November
2011

o   Débridement und sekundärer
Wundverschluss 25. November 2011

o   Innenrotations-/Varusfehlstellung des
Unterschenkels mit vermehrtem slope der Tibia im Kniegelenk

·       
Malleolarfraktur Typ
C / Maisonneuve-Fraktur

o    Schraubenosteosynthese 23. November 2011

·       
Fraktur Metatarsalia
IMV proximal

o    konservative Behandlung

·       
mehrfragmentäre
Fraktur Grund- und Endglied Grosszehe

o    MCP-I-Arthrose,

·       
Mehrfragmentbasisfraktur
Os metacarpale V Hand rechts

o    Malunion mit posttraumatischer Arthrose
corpo-metacarpal V

o    Resektionsinterpositionsarthroplastik
mit FCR-Sehneninterponat 18. Juli 2014

o    schmerzhafte Funktionseinschränkung

 

Nicht unfallkausal:

-       
Stichverletzung Vola manus
rechts 17. Februar 2017

·       
FDP-III-Sehnenläsion
Dig III

o    konservative Behandlung

o    Beugeausfall Endglied

-       
Klagen über lumbale Rückenschmerzen

·       
ohne radikuläre
Reiz- und Ausfallssymptome an den unteren Extremitäten

·       
bei mehrsegmentalen
degenerativen Veränderungen betont der distalen Lendenwirbelsäule geringer
Ausprägung

·       
Diabetes mellitus
Typ 2

·       
Kopfschmerzen vom
Spannungstyp

·       
arterielle
Hypertonie

·       
Hyperlipidämie

·       
hyperaktive Blase
mit Urge-lnkontinenz

·       
Status nach
Nephrolithiasis 2008/2017

·       
Nikotinabhängigkeit,
gegenwärtiger Substanzgebrauch

·       
Rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode (ICD-10 F 33.0)

·       
Akzentuierte
Persönlichkeitszüge vom narzisstischen Typ (ICD-10 F 61.1)

 

5.1.1 Im neurologischen Teilgutachten
des E.___ (AA-Nr. 243, S. 65 ff.) führte der Gutachter aus, bezüglich des
Unfallereignisses vom 17. November 2011 stünden aus neurologischer Sicht die
sensomotorischen Ausfälle am linken Bein im Vordergrund, welche neben der
erheblichen Innenrotations- und Varusfehlstellung für die aktuelle funktionelle
Beeinträchtigung des Versicherten mitverantwortlich seien. Klinisch bestätigten
sich sensomotorische Paresen im distalen Innervationsgebiet des n. peronaeus
profundus, geringer im Innervationsgebiet des n. peronaeus superficialis sowie
Sensibilitätsstörungen, welche verschiedenen sensiblen Nerven, betont den nn.
saphenus und suralis zuzuordnen seien. Anlässlich der Erstversorgung sei ein
«beginnendes Kompartmentsyndrom» diagnostiziert worden, welches eine Logenspaltung
bedingt habe. Bei aktuell recht guter Restfunktion der Hebermuskulatur zeige
sich eine deutliche Diskrepanz der elektromyographischen Befunde in den
proximalen und distalen Anteilen des m. tibialis anterior links, indem bei
aktuell geringen neurogenen Veränderungen proximal die Befunde in den distalen
Abschnitten deutlicher ausgeprägt und formal für eine zusätzliche Schädigung
mit Fibrosierung von Muskelgewebe suggestiv seien. Diskrepant zur recht guten
Restfunktion des Tibialis anterior sowie der langen Zehenheber sei auch die
hochgradige Denervation des distalen Extensor digitorum brevis, wo
elektromyographisch Willküraktivität vorgängig nicht habe nachgewiesen werden
können, sodass zusammen mit der Sensibilitätsstörung interdigital 1/11 eine
starke Schädigung des n. peroneus profundus in seinem distalen Verlauf
postuliert werden müsse, womit sich aufgrund der Befunde ein Verdacht auf einen
Residualzustand nach Kompartmentsyndrom ergebe. Zumindest aufgrund des
Verteilungsmusters der sensomotorischen Ausfälle müsse eine Läsion des n.
peronaeus communis in seinem proximalen Verlauf kritisch hinterfragt werden.
Wahrscheinlicher seien sowohl aufgrund des Unfallgeschehens als auch der
Sensibilitätsstörungen an Fuss und Unterschenkel links, welche die lnnervationsgebiete
verschiedener sensibler Nerven beträfen, multifokale Nervenläsionen am linken
Unterschenkel durch Druckeinwirkung. Mit einer funktionellen Verbesserung im
weiteren Verlauf könne zum heutigen Zeitpunkt aus neurologischer Sicht nicht
gerechnet werden, wobei eine solche auch durch medizinische Massnahmen nicht
erzielt werden könne. Bei durchaus recht guter motorischer Restfunktion
beschreibe der Versicherte erhebliche Beschwerden im Sinne von
belastungsabhängigen Schmerzen betont am Unterschenkel praetibial sowie
schmerzhaften Missempfindungen / Dysästhesie am linken Fuss, wodurch er
insbesondere auch am Schlafen gehindert sei. Diese Beschwerden seien aufgrund
ihrer Schilderung suggestiv für ein neuropathisches Schmerzsyndrom, wie es im
Rahmen der vorliegenden neurologischen Symptomatik durchaus zu erwarten wäre,
während dafür typische Symptome (brennende Dysästhesie, Allodynie etc.)
anlässlich der heutigen klinischen Untersuchung nicht verlässlich nachweisbar
und auch in den neurologischen Vorgutachten nicht beschrieben worden seien.
Aufgrund der recht guten Restfunktion der Peronaei sei die Fehlstellung mit
Inversion des linken Fusses überwiegend wahrscheinlich nicht mit dem Überwiegen
des m. tibialis posterior erklärbar, sondern orthopädisch bedingt. Die
Beschwerden an der rechten Hand seien durch die neurologischen Befunde nicht
adäquat erklärbar. Mit Ausnahme des Ausfalls des Flexor digiti profundus III
nach Schnittverletzung der Sehne im Bereiche der Vola manus vom 17. Februar
2017 fänden sich durchwegs intakte motorische Funktionen. Bei Angabe einer
Sensibilitätsverminderung, welche dem Ulnaris-lnnervationsgebiet zuzuordnen
sei, werde die Ulnaris-innervierte Handmuskulatur kräftig innerviert und sei
trophisch unauffällig. 

Diese Beurteilung erscheint
nachvollziehbar und wird von den Parteien denn auch nicht bestritten. Zudem
steht diese in Übereinstimmung mit den Vorakten. Zwar äusserte sich der neurologische
Gutachter in seinem Teilgutachten nicht zum Einfluss der unfallkausalen
Diagnosen auf die Arbeitsfähigkeit, dies wird aber im Rahmen der gutachterlichen
Gesamtbeurteilung berücksichtigt, weshalb in diesem Rahmen darauf einzugehen
sein wird. Auf das beweiswertige neurologische Teilgutachten ist somit
abzustellen.

 

5.1.2 Im orthopädischen Teilgutachten
des E.___ (AA-Nr. 243, S. 55 ff.) führte der Gutachter zur Beurteilung aus, der
Beschwerdeführer habe am 17. November 2011 ein Überrolltrauma von Fuss und
Unterschenkel links erlitten, wobei er sich eine drittgradige offene
Trümmerfraktur, eine Malleolarfraktur Typ C / Maisonneuve-Fraktur links
sowie eine mehrfragmentäre Fraktur der Basis des Os metacarpale V rechts
zugezogen habe. Nach Anlage eines Fixateur externe sei die Versorgung der
Tibiafraktur mittels Plattenosteosynthese erfolgt. Aufgrund der
Malleolarfraktur sei eine Schraubenosteosynthese vorgenommen worden, woraus
eine Innenrotations-Varusfehlstellung resultiert habe. Es bestehe eine
unfallkausale erhebliche Minderbelastbarkeit des linken Beines, bedingt durch
die Varus- / lnnenrotationsfehlstellung, welche den Versicherten
zwinge, nur den lateralen Fussrand zu belasten mit dadurch bedingten Schmerzen
unter Belastung und somit eingeschränkter Gehstrecke. Durch diese erhebliche
Fehlstellung komme es zu einer Mehrbelastung des medialen Kniekompartimentes
sowie des OSG. Des Weiteren bestehe eine leichte Minderbelastbarkeit der
rechten dominanten Hand für schwere bis repetitive mittelschwere manuelle
Tätigkeiten, bedingt durch die Folgen der in Fehlstellung abgeheilten
Metacarpale-V-Fraktur mit konsekutiver Carpo-metacarpal-Arthrose V. Somit sei
der Versicherte in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Fahrer einer
Getränkehandlung mit Auslieferung von Waren nicht mehr arbeitsfähig. In einer
mehrheitlich sitzenden Verweistätigkeit mit sehr kurzen Gehstrecken und nur
kurzem Stehen ohne schwere bis repetitiv mittelschwere manuelle Tätigkeiten,
welche mit der rechten dominanten Hand ausgeführt werden müssten, wäre der
Versicherte ganztags arbeitsfähig. 

Diese Beurteilung ist gestützt auf die
gestellten Diagnosen nachvollziehbar und wird von den Parteien im Wesentlichen
auch nicht bestritten. Die Beschwerdegegnerin bringt in ihrer Beschwerdeantwort
gegen die im orthopädischen Teilgutachten hinsichtlich der Innenrotationsfehlstellung
bejahten Unfallkausalität einzig vor, dem neurologischen Teilgutachten der D.___
vom 17. Februar 2016 (IV-Nr. 106) sei zu entnehmen, dass keine schwere
Schädigung des Nervus peroneus habe postuliert werden können. Die Fehlstellung
des Fusses beruhe nicht auf einer Parese der peronealen Muskulatur, sondern auf
einer Dystonie, also einer unwillkürlichen Verkrampfung einzelner
Muskelgruppen, hier von Flexoren am Unterschenkel. Diese Muskeln und deren
versorgender Nerv seien nicht einer traumatischen Schädigung ausgesetzt
gewesen. Damit sei gestützt auf das neurologische Teilgutachten der D.___ kein
überwiegend wahrscheinlicher Zusammenhang zwischen der Nervenschädigung bzw.
der Fehlstellung und dem Unfallereignis gegeben. Dem ist jedoch
entgegenzuhalten, dass sowohl im polydisziplinären Gutachten der D.___ vom 17.
Februar 2016 und dem polydisziplinären Gutachten der C.___ vom 21. August 2015
(IV-Nr. 90.1) als auch in der Gesamtbeurteilung des E.___-Gutachtens die
Unfallkausalität der Innenrotationsfehlstellung bejaht wurde. Zwar vertritt
auch der neurologische Teilgutachter des E.___ die Ansicht, aufgrund der recht
guten Restfunktion der Peronaei sei die Fehlstellung mit Inversion des linken
Fusses überwiegend wahrscheinlich nicht mit dem Überwiegen des m. tibialis
posterior erklärbar, sondern orthopädisch bedingt (s. E. II. 5.1.1 hiervor).
Im orthopädischen Teilgutachten des E.___ wurde, wie vorstehend dargelegt, die
diesbezügliche Unfallkausalität aus orthopädischer Sicht dann mit
nachvollziehbarer Begründung bejaht. Zudem steht diese Beurteilung in
Übereinstimmung mit den Vorakten. Auf das beweiswertige orthopädische
Teilgutachten ist somit abzustellen.

 

5.1.3 Die im internistischen
Teilgutachten (AA-Nr. 243, S. 47 ff.) gestellten Diagnosen (Diabetes mellitus
2, Arterielle Hypertonie, Chronische Bronchitis bei Nikotinabusus,
Hyperlipidämie gemischt, Adipositas, St. n. rezidivierender Nephrolithiasis
links) sind unbestrittenermassen nicht unfallkausal, weshalb darauf vorliegend
nicht weiter einzugehen ist.

 

5.1.4 Im psychiatrischen Teilgutachten
des E.___ (AA-Nr. 243, S. 74 ff.) diagnostizierte die Gutachterin eine
«Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode (ICD-10 F
33.0)» und «akzentuierte Persönlichkeitszüge vom narzisstischen Typ (ICD-10F
61.1)». Zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit führte sie aus, in einer leichten,
sitzenden und intellektuell nicht anspruchsvollen repetitiven Tätigkeit wäre
der Versicherte aus psychiatrischer Sicht zu 60 % arbeitsfähig. In der
Gesamtbeurteilung des E.___-Gutachtens wurden die psychiatrischen Beschwerden
des Beschwerdeführers aber als nicht natürlich kausal zum Unfallereignis vom
17. November 2011 erachtet (vgl. AA-Nr. 243, S. 16). Gegen diese Beurteilung
und den Beweiswert des psychiatrischen Teilgutachtens bringen die
Beschwerdeführer verschiedene Rügen vor und verlangen ein psychiatrisches
Obergutachten. Gemäss BGE 148 V 138 kann die natürliche Kausalität aber auch bei
vorliegenden psychischen Beschwerden offengelassen werden, wenn die Adäquanz zu
verneinen ist. Somit ist vorweg in E. II. 6 hiernach die Adäquanz zu prüfen. 

 

6.      Nachfolgend ist auf den
psychischen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers einzugehen. Dabei stellt
sich die Frage, ob die psychischen Beschwerden des Beschwerdeführers in einem
adäquaten Kausalzusammenhang mit dem Unfallereignis vom 17. November 2011 stehen.

 

6.1    Die Beurteilung des adäquaten
Kausalzusammenhangs hat nach der Praxis zu den psychischen Unfallfolgen, mithin
unter Ausklammerung psychischer Beschwerdekomponenten, zu erfolgen (Urteile
8C_957/2008 vom 1. Mai 2009 E. 4.2 mit Hinweis und [des Eidg. Versicherungsgerichts]
U 277/04 vom 30. September 2005 E. 4.2.2 in fine, in: SVR 2007 UV Nr. 8 S. 27).

 

6.2    Bei der Adäquanzprüfung im Sinne
der Psycho-Praxis ist zunächst vom Unfallereignis auszugehen. Dieses ist einer
der drei folgenden Gruppen zuzuordnen: Banale bzw. leichte Unfälle einerseits,
schwere Unfälle anderseits und schliesslich der dazwischenliegende mittlere
Bereich (BGE 115 V 133 E. 6 S. 138 f.). Bei leichten Unfällen ist die
Adäquanz in der Regel ohne weiteres zu verneinen, bei schweren wird sie bejaht.
Handelt es sich um einen Unfall im mittleren Bereich, lässt sich die Frage, ob
zwischen Unfall und psychisch bedingter Erwerbsunfähigkeit ein adäquater
Kausalzusammenhang besteht, nicht aufgrund des Unfallereignisses allein
schlüssig beantworten, sondern es sind weitere, objektiv erfassbare Umstände,
welche unmittelbar mit dem Unfall im Zusammenhang stehen oder als direkte bzw.
indirekte Folgen davon erscheinen, in eine Gesamtwürdigung einzubeziehen. Diese
Kriterien sind (BGE 115 V 133 E. 6c/aa S. 140):

 

−      
besonders dramatische
Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalls;

−      
die Schwere oder besondere
Art der erlittenen Verletzungen, insbesondere ihre erfahrungsgemässe Eignung,
psychische Fehlentwicklungen auszulösen;

−      
ungewöhnlich lange Dauer
der ärztlichen Behandlung;

−      
körperliche Dauerschmerzen;

−      
ärztliche Fehlbehandlung,
welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert;

−      
schwieriger Heilungsverlauf
und erhebliche Komplikationen;

−      
Grad und Dauer der physisch
bedingten Arbeitsunfähigkeit.

 

Bei einem im engeren Sinn mittelschweren
Unfall ist die Adäquanz zu bejahen, wenn drei dieser Kriterien erfüllt sind
(Urteil des Bundesgerichts 8C_398/2012 vom 6. November 2012 E. 6,
SVR 2013 UV Nr. 3 S. 7 E. 5.2). Handelt es sich um einen
Unfall, der als mittelschwer im Grenzbereich zu den leichten Unfällen einzustufen
ist, müssen vier Kriterien erfüllt sein (Urteil des Bundesgerichts 8C_295/2013
vom 25. September 2013 E. 3.3 mit Hinweis). Im gesamten mittleren
Bereich kann jedoch ein einziges Kriterium genügen, wenn es in besonders
ausgeprägter Weise erfüllt ist (BGE 115 V 133 E. 6c/bb S. 140 f.). 

 

6.3    Den Ausgangspunkt der
Adäquanzbeurteilung bildet das (objektiv erfassbare) Unfallereignis. Im Rahmen
einer objektivierten Betrachtungsweise ist zu untersuchen, ob der Unfall nach
dem augenfälligen Geschehensablauf und den sich dabei entwickelnden Kräften
eher als leicht, als mittelschwer oder als schwer erscheint. Nicht massgebend
sind Unfallfolgen oder Begleitumstände, die nicht direkt dem Unfallgeschehen
zuzuordnen sind (André Nabold in: Marc Hürzeler / Ueli Kieser
[Hrsg.], Kommentar zum Schweizerischen Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz
über die Unfallversicherung, Bern 2018, Art. 6 UVG N 67; Kaspar
Gehring in: Ueli Kieser / Kaspar Gehring / Susanne Bollinger
[Hrsg.], Kommentar zu den Bundesgesetzen über die Krankenversicherung, die
Unfallversicherung und den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
Zürich 2018, Art. 4 ATSG N 47). Bezüglich des vorliegenden
Unfallereignisses ist von folgendem Geschehensablauf auszugehen: Der
Beschwerdeführer hat den Gabelstapler nicht kommen sehen. Dieser hat ihn
erfasst, ihn umgeworfen und das Bein bis zum Knie überfahren. Die anderen
Mitarbeiter haben gebrüllt, der Fahrer hat das gemerkt und den Gabelstapler gestoppt.
Danach hat der Fahrer Panik bekommen, ist zurückgefahren und hat den
Beschwerdeführer zurückgeschleift. Der Beschwerdeführer selbst gab gegenüber
den Gutachtern der D.___ an, er sei wie benebelt gewesen. Er habe etwas knacken
gehört. In der Ambulanz sei er wahrscheinlich bewusstlos oder betäubt gewesen.

 

Ausgehend vom augenfälligen
Geschehensablauf mit den sich dabei entwickelnden Kräften (zur diesbezüglich
ausschliesslichen Relevanz bei der Prüfung der Unfallschwere: BGE 134 V 109 E.
10.1 S. 126; Urteile U 2/07 vom 19. November 2007 E. 5.3.1, in: SVR 2008
UV Nr. 8 S. 26, und [des Eidg. Versicherungsgerichts] U 503/05 vom 17. August
2006 E. 2.2, 3.1 und 3.2, in: SZS 2008 S. 183) ist das Unfallereignis vom 17.
November 2011 innerhalb der gemäss BGE 115 V 133 (E. 6 S. 138 ff.)
vorzunehmenden Kategorisierung in Anbetracht der in vergleichbaren Fällen
ergangenen Rechtsprechung weder als schweres noch als mittelschweres Ereignis
im Grenzbereich zu den schweren Unfällen zu qualifizieren. Wie der
Beschwerdeführer mit Verweis auf ähnliche Fälle zu Recht festgehalten hat, ist
dem vorliegende Fall die Qualität eines mittelschweren Ereignisses im mittleren
Bereich zuzugestehen. So wurden die Unfallereignisse in den folgenden
vergleichbaren Fällen als mittelschwer im mittleren Bereich taxiert: Die
versicherte Person geriet mit dem rechten Fuss unter einen rückwärtsfahrenden
Hubstapler und zog sich hierbei eine mediale Malleolarfraktur rechts zu (Urteil
des Bundesgerichtes 8C_561/2012 vom 12. Dezember 2012). Sodann wurde die
versicherte Person in dem, dem Bundesgerichtsurteil 8C_806/2009 vom 15. Januar
2010 zugrundeliegenden Fall zwischen einem beladenen gekippten Gabelstapler und
einem Stahlträger eingeklemmt und hat deshalb den rechten Arm nicht bewegen
können. Sie zog sich dabei mehrere Beckenfrakturen zu. 

 

Bei dem vorliegenden als mittelschwer im
mittleren Bereich zu taxierenden Unfallereignis müssen folglich – sofern kein
einzelnes davon besonders ausgeprägt ist – mindestens drei der sieben
einschlägigen Adäquanzkriterien erfüllt sein.

 

6.3.1 Der Berücksichtigung des
Kriteriums der besonders dramatischen Begleitumstände oder besonderen
Eindrücklichkeit des Unfalls liegt der Gedanke zugrunde, dass solche Umstände
geeignet sind, bei der betroffenen Person während des Unfallgeschehens oder
nachher psychische Abläufe in Bewegung zu setzen, die an den nachfolgenden
psychischen Fehlentwicklungen mitbeteiligt sein können. Dabei sind objektive
Massstäbe anzuwenden. Nicht was im einzelnen Betroffenen beim Unfall psychisch
vorgeht, soll entscheidend sein, sondern die objektive Eignung solcher
Begleitumstände, bei Betroffenen psychische Vorgänge der genannten Art
auszulösen. Angesichts des geschilderten Geschehensablaufs ist das Kriterium
der besonders dramatischen Begleitumstände/besonderen Eindrücklichkeit im
vorliegenden Fall zu verneinen. So wurde denn auch in den beiden vorgennannten
vergleichbaren Fällen des Bundesgerichts (8C_561/2012 vom 12. Dezember 2012 und
8C_806/2009 vom 15. Januar 2010) jeweils das Kriterium der besonders
dramatischen Begleitumstände oder besonderen Eindrücklichkeit des Unfalles
verneint, zumal in diesem Zusammenhang zu beachten ist, dass jedem mindestens
mittelschweren Unfall eine gewisse Eindrücklichkeit eigen ist (Urteil des
Bundesgerichts 8C_584/2010 vom 11. März 2011 E. 4.3.2 mit weiteren
Hinweisen). In gleicher Weise hat zudem auch das Sozialversicherungsgerichts
des Kantons Zürich im Urteil UV.2003.00153 vom 31. August 2004 in einem
ähnlich gelagerten Fall entschieden, in welchem die versicherte Person von
einem rückwärtsfahrenden zwei Tonnen schweren Gabelstapler umgeworfen und ihr
auf dem Boden liegender Fuss anschliessend vom einzigen Hinterrad des Gabelstaplers
überfahren wurde. Der Gabelstapler stand danach einen Moment auf dem Fuss,
bevor der Unfall bemerkt wurde. Zwar trug die versicherte Person einen
Stahlkappenschuh, erlitt aber dennoch geschlossene Quetschfrakturen der Basen
Metatarsalia IV und V. 

 

6.3.2 Gemäss der vorliegenden Aktenlage
sind die beim Unfall erlittenen Verletzungen – drittgradig offene
Tibia-Trümmerfraktur, Malleolarfraktur Typ C / Maisonneuve-Fraktur, Fraktur
Metatarsalia IMV proximal, mehrfragmentäre Fraktur Grund-und Endglied
Grosszehe, Mehrfragmentbasisfraktur Os metacarpale V Hand rechts – zwar
erheblich, aber nicht von einer Art oder ausgesprochenen Schwere, dass
erfahrungsgemäss eine psychische Problematik daraus entsteht (anders als bspw.
eine instabile Fraktur eines Lendenwirbelkörpers, vgl. Alexandra
Rumo-Jungo / André P. Holzer in: Erwin Murer / Hans-Ulrich
Stauffer [Hrsg.], Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Unfallversicherung,
4. Aufl., 2012, Art. 6 UVG S. 71). Zum Vergleich ist hier
zudem auf das Urteil des Bundesgerichts U 224/00 vom 25. Oktober 2000 zu
verweisen, wo sich die versicherte Person eine drittgradig offene Ulna- und
Olekranonfraktur sowie eine Kopfverletzung zuzog und das Bundesgericht das
vorgenannte Kriterium ebenfalls verneinte. 

 

6.3.3 Das Kriterium der ungewöhnlich
langen Dauer der ärztlichen Behandlung ist nicht allein nach einem zeitlichen
Massstab zu beurteilen. Von Bedeutung sind auch Art und Intensität der
Behandlung sowie der Umstand, inwieweit noch eine Besserung des Gesundheitszustandes
zu erwarten ist. Es muss, gesamthaft betrachtet, eine kontinuierliche, mit
einer gewissen Planmässigkeit auf die Verbesserung des Gesundheitszustandes
gerichtete ärztliche Behandlung von ungewöhnlich langer Dauer vorliegen.
Manualtherapeutische Massnahmen zur Erhaltung des Zustandes und medikamentöse
Schmerzbekämpfung allein genügen diesen Anforderungen nicht. Auch kommt einzig
der Abklärung des Beschwerdebildes dienenden Vorkehren nicht die Qualität einer
Heilmethodik in diesem Sinne zu (Urteil 8C_738/2011 vom 3. Februar 2012 E.
7.3.3). Im Lichte der vorgenannten Rechtsprechung ist bezüglich der vorliegenden
somatischen Verletzungen nicht von einer ungewöhnlich langen Dauer der
ärztlichen Behandlung auszugehen. Wie die Beschwerdegegnerin diesbezüglich
korrekt ausführt, wurde das Bein des Versicherten am 17. November 2011, am 23.
November 2011 und am 25. November 2011 operiert. Zudem erfolgte am 18. Juli
2014 eine Operation an der Hand. Selbst wenn man bezüglich der übrigen
Behandlungen auf die Darstellungen des Beschwerdeführers abstellt, handelt es
sich hierbei nicht um Therapien von solcher Intensität, so dass hierbei von
einer ungewöhnlich lang dauernden kontinuierlichen Therapie gesprochen werden
könnte. Die vom Beschwerdeführer genannten Umstände, dass der Verband erst
Anfang März 2012 habe entfernt werden können, sich erst im Mai 2012 eine
gewisse Konsolidierung der Unterschenkelfraktur gezeigt habe und im F.___ noch
am 26. September 2013 festgehalten worden sei, es bestehe eine
Innenrotationsfehlstellung und eine konventionell radiologisch noch nicht zu
100 % abgeschlossene Konsolidation, sind nicht gleichbedeutend mit einer
kontinuierlichen intensiven Behandlung. Zudem sind die vom Beschwerdeführer
erwähnten zusätzlichen Behandlungen – Physiotherapie, psychosomatische
Behandlungen – beim Kriterium der ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen
Behandlung nicht zu berücksichtigen. 

 

6.3.4 Das Kriterium der körperlichen
Dauerschmerzen bedingt organische Beschwerden, welche über den gesamten
Zeitraum bis zum Fallabschluss andauern (Urteil des Bundesgerichts 8C_488/2017
vom 27. November 2017 E. 6.8). Hierbei kann auf die überzeugenden
Ausführungen der Beschwerdegegnerin verwiesen werden, wonach die Beschwerden
des Versicherten – gestützt auf seine Angaben als auch gemäss Aktenlage –
belastungsabhängig seien. Den Akten sei weiter zu entnehmen, dass die
postoperativen Schmerzen analgetisch gut einstellbar gewesen seien und der
Versicherte im März und Mai 2012 über keine bis wenig Schmerzen berichtet
gehabt habe. Im November 2012 habe er angegeben, bei Ruhe keine Schmerzen zu
verspüren. Was die Handverletzung angehe, so seien diesbezüglich nicht von
Anfang an Schmerzen dokumentiert worden, weshalb auch in diesem Zusammenhang
nicht von körperlichen Dauerschmerzen ausgegangen werden könne. Zwei Monate
postoperativ sei in den Akten zudem auch bezüglich der Handschmerzen ein
Rückgang vermerkt worden, ab Februar 2016 habe der Versicherte bei Ruhe nicht
mehr an Schmerzen gelitten. Gestützt auf diese Ausführungen ist das Kriterium
der körperlichen Dauerschmerzen zu verneinen. 

 

6.3.5 Von einer ärztlichen
Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hat, ist
vorliegend ebenfalls nicht auszugehen. Zwar verlangt die Gerichtspraxis beim
Adäquanzkriterium der ärztlichen Fehlbehandlung keinen Behandlungsfehler im
Sinne einer Verletzung der Lex artis (Urteil des Bundesgerichts 8C_902/2009 vom
1. April 2010 E. 4.5). Aber eine Fehlbehandlung ist im vorliegenden Fall
entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin nicht bereits darin zu erblicken,
dass die Handverletzung von den Ärzten erst später erkannt wurde. So bewirkte
dies keine erhebliche Verschlimmerung der Unfallfolgen, woran der Umstand, dass
dem Beschwerdeführer dadurch gemäss eigener Darstellung eine mindestens drei
Monate dauernde Genesung erspart geblieben wäre, nichts ändert. Ebenso ergeben
sich aus den Akten keine Hinweise, dass die Wundheilungsstörung auf eine
ärztliche Fehlbehandlung zurückzuführen wäre. Somit ist der diesbezügliche
Antrag des Beschwerdeführers, es seien bezüglich einer allfälligen ärztlichen
Fehlbehandlung weitere Abklärungen in Form eines Gutachtens zu veranlassen, in
antizipierter Beweiswürdigung ohne weiteres abzuweisen.

 

6.3.6 Sodann bedarf es zur Bejahung des
Kriteriums des schwierigen Heilungsverlaufs mit erheblichen Komplikationen
besonderer Gründe, die die Heilung beeinträchtigt haben (Urteil des
Bundesgerichts 8C_825/2008 vom 9. April 2009 E. 4.8 mit Hinweis). Die
beiden Teilaspekte des Kriteriums des schwierigen Heilungsverlaufs und der
erheblichen Komplikationen müssen nicht kumulativ erfüllt sein. Aus der blossen
Dauer der ärztlichen Behandlung und den anhaltenden erheblichen Beschwerden
kann für sich allein aber noch nicht auf dieses Kriterium geschlossen werden.
Auch der Umstand, dass trotz verschiedener Therapien keine Beschwerdefreiheit
erreicht werden konnte, genügt hierfür noch nicht. Dafür bedürfte es vielmehr
besonderer Gründe, welche die Heilung bis zum Fallabschluss beeinträchtigt oder
verzögert haben (Urteil des Bundesgerichts 8C_473/2019 vom 11. November
2019 E. 5.6). Solche Gründe können in der im vorliegenden Fall
durchgeführten Heilbehandlung ebenso wenig gesehen werden wie in der Entwicklung
des Gesundheitszustands. Daran vermögen die Ausführungen der Beschwerdeführer
nichts zu ändern, zumal keine Komplikationen eingetreten sind. Im Übrigen kann
diesbezüglich auf die überzeugenden Ausführungen der Beschwerdegegnerin
verwiesen werden, wonach eine verzögerte Konsolidierung einer Fraktur nicht per
se als schwieriger Heilungsverlauf oder erhebliche Komplikation zu werten sei,
ebenso wenig wie eine Wundheilungsstörung. Die Rechtsprechung zeige, dass
Wechselwirkungen unter diesem Kriterium insbesondere dann berücksichtigt worden
seien, wenn sich dauerhaft überlappende Beschwerden bzw. schwer auseinanderzuhaltende
Beschwerden vorgelegen seien, womit der therapeutische Zugriff erschwert
gewesen sei (Urteil des Bundesgerichts U 386/04 vom 28. April 2005). Oder es
wirkten sich weitere Unfälle auf bestehende Unfallfolgen aus (Urteil des
Bundesgerichts U 596/06 vom 21. Dezember 2007). Beides sei hier nicht der Fall.
Zusammenfassend ist demnach das Kriterium des schwierigen Heilungsverlaufs mit
erheblichen Komplikationen nicht erfüllt.

 

6.3.7 Bei der Dauer der
Arbeitsunfähigkeit sind nur jene Zeiten zu berücksichtigen, in denen der
Beschwerdeführer auf Grund einer rein physischen Betrachtungsweise
arbeitsunfähig war (Urteil des Bundesgerichts 8C_362/2014 vom 25. Juni
2014 E. 4.2.7). Hierzu ist der Gesamtbeurteilung aus dem E.___-Gutachten
zu entnehmen, dass dem Beschwerdeführer seine bisherige Tätigkeit im
Getränkehandel in der Auslieferung mit einem kleinen Lieferwagen seit dem
Unfall nicht mehr zumutbar ist. Dagegen ist er in einer dem Leiden angepassten
Tätigkeit, mehrheitlich sitzend mit sehr kurzen Gehstrecken und nur kurzem
Stehen, ohne schwere und mit nur zeitweise mittelschweren manuellen
Tätigkeiten, welche mit der rechten dominanten Hand ausgeführt werden müssten,
ab Oktober 2014 wieder ganztags arbeitsfähig, dies nach der Revision des
rechten Handgelenkes und entsprechender Rehabilitation (AA-Nr. 243, S. 21 f.).
Auf diese Verlaufsbeurteilung kann abgestellt werden, zumal diese in
somatischer Hinsicht unter den Parteien nicht umstritten ist. Gestützt auf das
Urteil des Bundesgerichts 8C_803/2017 vom 14. Juni 2018 E. 3.7,
wonach drei Jahre genügen, um das Kriterium zu erfüllen, ist somit das
Vorliegen des Kriteriums der Dauer der Arbeitsunfähigkeit zu bejahen, jedoch
nicht in ausgeprägter Weise.

 

6.4    Nach dem Gesagten zeigt sich,
dass lediglich eines der für die Adäquanzbeurteilung massgebenden Kriterien
erfüllt ist und dieses nicht in ausgeprägter Weise vorliegt. Damit ist die
Unfalladäquanz der geltend gemachten psychischen Beschwerden zu verneinen. Demnach
kann gestützt auf BGE 148 V 138 die natürliche Kausalität offengelassen werden
(s. E. II. 5.1.4 hiervor) und es braucht nicht weiter auf die gegen die von den
Beschwerdeführern gegen das psychiatrische Teilgutachten vorgebrachten Rügen
eingegangen zu werden. Somit erübrigt sich auch das von den Beschwerdeführern
beantragte psychiatrische Obergutachten, womit der diesbezügliche Antrag
abzuweisen ist.

 

7.      Zusammenfassend kann somit auf
die beweiswertigen somatischen Teilgutachten der E.___ in den Fachrichtungen Neurologie,
Orthopädie und Innere Medizin abgestellt werden. Gestützt darauf vermag auch
die Gesamtbeurteilung der Arbeitsfähigkeit der E.___-Gutachter zu überzeugen,
die unter den Parteien in somatischer Hinsicht nicht umstritten ist. Demnach
ist der Beschwerdeführer in der letzten ausgeführten Tätigkeit als Chauffeur
und Auslieferer von Getränken seit dem Unfall vom 17. November 2011 zu 100 %
arbeitsunfähig. In einer mehrheitlich sitzenden Verweistätigkeit mit sehr
kurzen Gehstrecken und nur kurzem Stehen ohne schwere bis repetitiv
mittelschwere manuelle Tätigkeiten, welche mit der rechten dominanten Hand
ausgeführt werden müssen, ist der Versicherte ganztags arbeitsfähig.

 

8.      Strittig ist sodann, ob die
Beschwerdegegnerin den Invaliditätsgrad des Beschwerdeführers korrekt errechnet
hat.

 

8.1    Für die Ermittlung des
Einkommens, welches die versicherte Person ohne Invalidität erzielen könnte
(Valideneinkommen), ist entscheidend, was sie im Zeitpunkt des frühestmöglichen
Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde
tatsächlich verdient hätte. Dabei wird in der Regel am zuletzt erzielten,
nötigenfalls der Teuerung und der realen Einkommensentwicklung angepassten
Verdienst angeknüpft, weil es der Erfahrung entspricht, dass die bisherige
Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden wäre. Ausnahmen müssen mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt sein (BGE 134 V 322, E. 4.1, S.
325 f. und BGE 129 V 222, E. 4.3.1, S. 224, je mit Hinweisen).

 

8.1.1 Der Beschwerdeführer macht unter
anderem geltend, es müsse eine Parallelisierung der Vergleichseinkommen
vorgenommen werden. So sei er Ausländer, ungelernt, habe keine ordentliche
Schulausbildung und spreche schlecht Deutsch. Es habe – als
unterhaltspflichtiger Vater von vier Kindern – keinen Grund für ihn gegeben,
sich freiwillig mit einem unterdurchschnittlichen Einkommen zu begnügen.

 

8.1.1.1   Hat eine versicherte Person
aus invaliditätsfremden Gründen wie geringe Schulbildung, fehlende berufliche
Ausbildung, mangelnde Deutschkenntnisse oder beschränkte
Anstellungsmöglichkeiten zufolge Saisonnierstatus ein deutlich
unterdurchschnittliches Einkommen bezogen, ist diesem Umstand bei der
Invaliditätsbemessung nach Art. 16 ATSG Rechnung zu tragen, sofern keine
Anhaltspunkte dafür bestehen, dass sie sich aus freien Stücken mit einem
bescheideneren Einkommen begnügen wollte. Nur dadurch ist der Grundsatz
gewahrt, dass auf invaliditätsfremde Gesichtspunkte zurückzuführende
Lohneinbussen entweder überhaupt nicht oder aber bei beiden Vergleichseinkommen
gleichmässig zu berücksichtigen sind. Praxisgemäss wird diese so genannte
Parallelisierung der Vergleichseinkommen entweder beim Valideneinkommen durch
eine entsprechende Heraufsetzung des effektiv erzielten Lohnes oder durch
Abstellen auf statistische Werte oder aber beim Invalideneinkommen durch eine
entsprechende Herabsetzung des statistischen Wertes vorgenommen. Zugrunde liegt
dabei die Überlegung, dass bei einer versicherten Person, welche in derjenigen
Tätigkeit, die sie als Gesunde ausgeübt hat, einen deutlich
unterdurchschnittlichen Lohn erzielte, weil persönliche Eigenschaften
(namentlich fehlende Ausbildung oder Sprachkenntnisse, ausländerrechtlicher
Status) die Erzielung eines Durchschnittslohnes verunmöglichten, nicht
anzunehmen ist, dass sie mit gesundheitlicher Beeinträchtigung einen
durchschnittlichen Lohn erreichen könnte (BGE 135 V 297 E. 5.1 S. 300
f. mit Hinweisen; vgl. dazu Meyer / Reichmuth, a.a.O., S. 354
ff.; Ueli Kieser: Die Parallelisierung der Vergleichseinkommen bei der
Bestimmung des Invaliditätsgrades, in: Ueli Kieser [Hrsg.], Validen- und
Invalideneinkommen, 2013, S. 49 ff., 85; Urteil des Bundesgerichts
9C_192/2014 vom 23. September 2014 E. 3.3). Dabei gilt der vor
Eintritt des Gesundheitsschadens tatsächlich erzielte Verdienst erst dann im
Sinne der Rechtsprechung als deutlich unterdurchschnittlich, wenn er mindestens
5 % vom branchenüblichen Tabellenlohn abweicht. Eine Parallelisierung der
Vergleichseinkommen hat jedoch bei Erfüllung der übrigen Voraussetzungen nur in
dem Umfang zu erfolgen, in welchem die prozentuale Abweichung den
Erheblichkeitsgrenzwert von 5 % übersteigt (Urteil des Bundesgerichts
8C_4/2014 vom 11. März 2014 E. 3.2 m.H.a. BGE 135 V 297 E. 6.1
S. 302 ff. sowie Urteil des Bundesgerichts 8C_902/2009 vom
1. April 2010 E. 5.1.1).

 

8.1.1.2 Als Beispiele für klassische
Faktoren eines unfreiwilligen Minderverdienstes werden im Urteil des
Bundesgerichts 8C_841/2017 vom 14. Mai 2018 E. 5.1.3. Folgende genannt: Die
versicherte Person kam erst im Alter von 49 Jahren in die Schweiz, womit die
Suche nach einer – besser bezahlten – Stelle ab einem Alter von 50 Jahren
erschwert war; in ihrer Heimat, Bosnien, besuchte die versicherte Person
während bloss 4 Jahren die Grundschule und arbeitete in der Folge auf dem
elterlichen Bauernhof; einen Beruf erlernte sie nicht, ebenso wenig die
deutsche Sprache.

 

Der Vergleich dieser beispielhaften
Aufzählung mit den biographischen Angaben des Beschwerdeführers zeigt, dass in seinem
Fall – falls beim Beschwerdeführer tatsächlich von einem Minderverdienst
auszugehen ist, was in E. 8.1.1.3 hiernach zu prüfen ist – von einem
unfreiwilligen Minderverdienst auszugehen wäre. So sprach der Beschwerdeführer
anlässlich der Begutachtung des E.___ im Jahr 2018 zwar verständliches Deutsch
(s. AA-Nr. 243, S. 52) und reiste bereits im Alter von 28 Jahren (im Jahr 2000)
in die Schweiz ein. Jedoch hat er gemäss seinen Angaben in der Türkei lediglich
fünf Jahre die Grundschule besucht, danach fünf bis sechs Jahr auf dem
Bauernhof geholfen und ist danach ohne Berufsausbildung als Lastwagenfahrer
tätig gewesen; die ersten vier Jahre sei er im Angestelltenverhältnis Lastwagen
gefahren, danach zwei Jahre mit einem eigenen Lastwagen unterwegs gewesen.
Danach sei er in die Schweiz eingereist (AA-Nr. 243, S. 49). Entgegen der
Ansicht der Beschwerdegegnerin kann aus dem Umstand, dass der Beschwerdeführer
von der G.___ zur H.___ habe wechseln wollen, wo der Lohn tiefer als bei der G.___
gewesen wäre, auch nicht abgeleitet werden, dass sich der Beschwerdeführer mit
einem unterdurchschnittlichen Lohn begnügt hat. Vielmehr kann dies gerade als
ein Hinweis dafür gesehen werden, dass der Beschwerdeführer aus den vorgehend
erwähnten invaliditätsfremden Gründen nur Arbeitsstellen bekommen konnte, in
welchen er nur ein unterdurchschnittliches Gehalt erzielen konnte.

 

8.1.1.3 Der Beschwerdeführer arbeitete
zuletzt bei der G.___. Da er diese Stelle unbestrittenermassen aus
gesundheitlichen Gründen verlor, ist bezüglich des Valideneinkommens
grundsätzlich auf das dort zuletzt erzielte Einkommen – unter allfälliger
Aufrechnung auf den Zeitpunkt des Einkommensvergleichs – abzustellen. Da die
Beschwerdegegnerin ihre Taggelder und Heilungskosten per 31. Dezember 2015
eingestellt hat, ist der frühestmögliche Rentenbeginn der 1. Januar 2016, womit
die Berechnung des Invaliditätsgrades auf diesen Zeitpunkt vorzunehmen ist. Im
IV-Fragebogen für Arbeitgeber (IV-Nr. 29) gab die G.___ an, der Lohn des vom
Beschwerdeführer geleisteten 35%-Pensums habe im Jahr 2011 CHF 19'200.00 pro Jahr
betragen. Aufgerechnet auf ein Vollpensum ergibt dies im Jahr 2011 einen Betrag
von CHF 54'857.00. Sodann ist die Teuerung von 2011 - 2016 aufzurechnen, woraus
sich im Jahr 2016 ein mögliches Einkommen von CHF 56'541.00 ergibt (CHF
54'857.00 : 101.0 x 104.1; Aufrechnung Nominallohnindex Männer Total 2011 -
2016).

Zum Vergleich sind die Werte der
Schweizerischen Lohnstrukturerhebung heranzuziehen, welche das Bundesamt für
Statistik alle zwei Jahre herausgibt, vorliegend die LSE 2016. Da die bisherige
Tätigkeit des Beschwerdeführers bei der G.___ sowohl Elemente des Gross- als
auch des Detailhandels beinhaltet, rechtfertigt es sich vorliegend zum
Vergleich die LSE-Tabelle TA1_tirage_skill Level, Ziffer 45 - 47 «Handel»,
Männer im Total Niveau 1, heranzuziehen. Der dortige Wert von CHF 5'016.00 ist
entsprechend aufzurechnen (x 12; Aufrechnung der in diesem Sektor im Jahr 2016
gearbeiteten Wochenstunden : 40 x 41.9), woraus sich CHF 63'051.10
ergeben. Im Vergleich zum effektiven Einkommen in der Höhe von CHF 56'541.00
ist somit von einer prozentualen Abweichung von rund 10.33 Prozent auszugehen.
Die Erheblichkeitsgrenze für eine Parallelisierung ist damit erreicht. Anhaltspunkte
dafür, dass sich der Beschwerdeführer bewusst für eine unterdurchschnittlich
entlöhnte Tätigkeit entschieden hatte, gibt es nicht. Dieses Einkommen ist nur
in dem Umfang zu parallelisieren, in welchem die prozentuale Abweichung den
Erheblichkeitsgrenzwert von 5 % übersteigt (BGE 135 V 297 E. 6.1.3). Somit
ist das Einkommen von CHF 56’541.00 um 5.33 % zu erhöhen, was ein
Valideneinkommen von CHF 59'554.65 ergibt.

 

8.2    

8.2.1 Da es dem Beschwerdeführer gemäss dem
E.___-Gutachten vom 25. Oktober 2018 – unter Berücksichtigung der
unfallkausalen somatischen Beschwerden – möglich ist, eine angepasste Tätigkeit
in einem Vollpensum auszuüben, er aber bislang keine Tätigkeit im zumutbaren
Ausmass ausübt, muss das Invalideneinkommen aufgrund der Tabellenlöhne gemäss
der vom Bundesamt für Statistik periodisch herausgegebenen
Lohnstrukturerhebungen (LSE) festgesetzt werden. 

 

In diesem Zusammenhang ist vorweg auf
das Vorbringen des Beschwerdeführers einzugehen, dass bei korrekter Anwendung
statistischer Tabellenlöhne nicht unbesehen auf die LSE 2016 abgestellt werden
dürfe. Er beruft sich diesbezüglich auf den Umstand, dass sich in den LSE 2020
TA1 im Kompetenzniveau 1 im Vergleich zu den Vorjahren deutlich tiefere statistische
Tabellenlöhne ergeben hätten und dies das Bundesamt für Statistik (nachfolgend BSF)
auf Nachfrage so erklärt habe, dass die Erhebungsmethoden immer besser würden
und deshalb zu anderen Resultaten führen könnten, zumal es diverse Gründe gäbe,
weshalb Arbeitgeber die Berufe und Einkommen nicht immer korrekt angeben
würden. Daraus schliesst der Beschwerdeführer, demnach könnten die früheren
Tabellenlöhne – insbesondere die LSE 2018 und die vorliegend grundsätzlich
anwendbaren LSE 2016 – nicht korrekt sein, weshalb nicht ohne Weiteres darauf
abgestellt werden könne. Im Weiteren verweist der Beschwerdeführer darauf, dass
die LSE 2018 bei den Männern im Total, Sektor 2 und Sektor 3 – und dort
insbesondere die Spalten 58-63, 64-66 und 69-75 im Kompetenzniveau 1 gegenüber
dem höherqualifizierten (und damit vermutungsweise besser bezahlten)
Kompetenzniveau 2 deutlich höhere Zahlen aufwiesen, was keinen Sinn mache. Dem
Beschwerdeführer ist insofern recht zu geben, dass die Einkommenszahlen aus den
LSE 2018 und LSE 2016 in einzelnen Untersektoren tatsächlich Fragen aufwerfen,
weil gewisse Totalwerte im tieferen Kompetenzniveau 1 höher ausfallen, als im
höheren Kompetenzniveau 2 – so beispielsweise auch im TA1_skill_level 2016,
Ziffern 58-63 «Information und Kommunikation», Total Männer. Es fällt aber auch
auf, dass das BSF im Bereich «Information und Kommunikation» sämtliche
Zahlenwerte für Männer im Kompetenzniveau 1 als «statistisch unsicher»
bezeichnet hat, was darauf schliessen lässt, dass die Zahlenbasis gering war –
und somit gesamthaft wenig ins Gewicht fällt – sowie dass, die von den
Arbeitgebern in diesen Bereichen gelieferten Informationen tendenziell
lückenhaft oder ungenügend waren. Solche statistischen Ungereimtheiten sind in
der Tabelle 2016 aber nur vereinzelt zu finden (klammert man die «statistisch
unsicheren» Werte aus, verbleibt bei Männern nur im Wirtschaftszweig 96,
sonstige persönliche Dienstleistungen, eine derartige Abweichung von mehr als 1
%). Sie können im Resultat nicht dazu führen, den LSE-Tabellen dieser Jahre
generell die Anwendung zu versagen, zumal auch die LSE 2020 nicht völlig frei
von solchen «verkehrten» Abweichungen ist (vgl. Ziff. 13 - 15, Männer). Im
vorliegenden Fall kommt hinzu, dass ohnehin nicht auf einen spezifischen
Berufszweig, sondern auf den Totalwert abzustützen sein wird (s. Abschnitt
hiernach), welcher sich gestützt auf eine sehr grosse Anzahl an statistischen
Informationen errechnet, womit sich mögliche fehlerhafte Angaben der
Arbeitgeber ohnehin in einem vernachlässigbaren Mass auf den Gesamtwert
auswirken. Im Übrigen gelten die LSE trotz möglicher statistischer Fehler
gemäss Rechtsprechung immer noch als die verlässlichste Basis, um den
Invaliditätsgrad aufgrund möglichst breit abgestützter statistischer Zahlen zu
berechnen und damit die Gleichbehandlung aller Versicherten zu gewährleisten. Anzumerken
ist überdies, dass für die Parallelisierung des Valideneinkommens ebenfalls auf
die LSE 2016 abgestellt wurde, was zusätzlich dafür spricht, diese auch dem
Invalideneinkommen zugrunde zu legen (Parallelität der Vergleichseinkommen).

Zusammenfassend ist somit vorliegend die
LSE 2016, TA1_tirage_skill
Level, Medianlohn für Männer im Total Niveau 1, anwendbar und demnach von einem
ordentlichen standardisierten Bruttolohn von CHF 5'340.00 auszugehen. Dieser
Betrag ist entsprechend aufzurechnen (x 12; Aufrechnung Wochenstunden : 40 x
41.7). Damit ergibt sich vorbehältlich eines allfälligen Abzugs vom
Tabellenlohn (s. E. 8.2.2 hiernach) ein Invalideneinkommen von CHF 66'803.40. Der Antrag des Beschwerdeführers, das
Versicherungsgericht habe die Fragen bzw. LSE selbst beim Bundesamt für
Statistik abzuklären, ist demnach abzuweisen.

 

8.2.2 Wird das Invalideneinkommen – wie
hier der Fall – auf der Grundlage von statistischen Durchschnittswerten
ermittelt, ist der entsprechende Ausgangswert (Tabellenlohn) allenfalls zu
kürzen. Damit soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass persönliche und
berufliche Merkmale, wie Art und Ausmass der Behinderung, Lebensalter,
Dienstjahre, Nationalität oder Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad
Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben können (BGE 124 V 321 E. 3b/aa
S. 323; Urteil des Bundesgerichts 8C_185/2013 vom 4. Juli 2013
E. 3) und je nach Ausprägung die versicherte Person deswegen die
verbliebene Arbeitsfähigkeit auch auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nur mit
unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten kann (BGE 126 V 75
E. 5b/aa in fine, S. 80). Der Abzug ist unter Würdigung der Umstände
im Einzelfall nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen. Er darf
25 % nicht übersteigen (BGE 126 V 75 E. 5b/bb - cc
S. 80; Urteil des Bundesgerichts 9C_368/2009 vom 17. Juli 2009
E. 2.1). Nach der Rechtsprechung ist insbesondere dann ein Abzug zu
gewähren, wenn eine versicherte Person selbst im Rahmen körperlich leichter
Hilfsarbeitertätigkeit in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist (BGE 126 V
75 E. 5a/bb S. 78).

 

Im vorliegenden Fall gebietet das Alter
des Beschwerdeführers von 44 Jahren zur Zeit des Einkommensvergleichs und
von 50 Jahren bei Erlass des angefochtenen Einspracheentscheids keinen Abzug,
da es die Möglichkeit, das Lohnniveau gesunder Hilfskräfte in diesem
Arbeitssegment zu erreichen, erfahrungsgemäss nicht zusätzlich schmälert (vgl.
LSE 2004 TA9 S. 65). Jedoch ergibt sich aus der Tabelle T12_b der LSE 2016, dass in diesem Jahr
Männer der Kategorie «ohne Kaderfunktion» und mit Aufenthaltsbewilligung C
(Median) – wozu der Beschwerdeführer gemäss Aktenlage zählt (vgl. IV-Nr. 10) –
im Vergleich zum Total von Schweizern und Ausländern der gleichen Kategorie
einen geringeren Lohn erzielten. Dieser Umstand ist im Rahmen des Abzugs zu
berücksichtigen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_332/2022 vom 19. Oktober
2022 E. 5.2.2.2 und 9C_360/2022 vom 4. November 2022 E. 4.3.2). Schliesslich ist auf die Frage
einzugehen, ob aufgrund der beim Beschwerdeführer bestehenden Einschränkungen
ein zusätzlicher leidensbedingter Abzug vorzunehmen ist. Im E.___-Gutachten
wurde folgendes Zumutbarkeitsprofil statuiert: Zumutbar seien mehrheitlich
sitzende Verweistätigkeiten mit sehr kurzen Gehstrecken und nur kurzem Stehen
ohne schwere bis repetitiv mittelschwere manuelle Tätigkeiten, welche mit der
rechten dominanten Hand ausgeführt werden müssten. Zwar umfasst der
Tabellenlohn im vorliegend für das Invalideneinkommen anwendbare
Kompetenzniveau 1 bereits eine Vielzahl von leichten und mittelschweren
Tätigkeiten, weshalb alleine deswegen kein Abzug vom Tabellenlohn
gerechtfertigt ist (Urteil des Bundesgerichts vom 24. August 2012,
8C_870/2011 E 4.1 mit Hinweisen). Vorliegend ist das Zumutbarkeitsprofil des
Beschwerdeführers aufgrund der Handproblematik aber zusätzlich eingeschränkt,
weshalb sich diesbezüglich ein Abzug rechtfertigt. Somit ist der Abzug unter
Einbezug des vorgenannten Abzugsgrunds – Aufenthaltskategorie – gesamthaft auf
15 % zu beziffern.

 

Dies ergibt demnach einen
Invaliditätsgrad von gerundet 5 % (Invalideneinkommen CHF 56'782.90
[CHF 66'803.40 abzüglich 15 %], Valideneinkommen CHF 59'554.65),
womit der Beschwerdeführer in Übereinstimmung mit dem angefochtenen
Einspracheentscheid vom 19. August 2022 keinen Anspruch auf eine Invalidenrente
hat.

 

9.      Schliesslich ist auf die
umstrittene Einschätzung der Integritätsentschädigung aus dem E.___-Gutachten
einzugehen. Vorweg ist festzuhalten, dass mangels adäquater Kausalität die
psychischen Beschwerden bei der Beurteilung des Integritätsschadens – entgegen
dem Antrag des Beschwerdeführers – nicht zu berücksichtigen sind.

 

9.1    Gemäss Art. 24 Abs. 1 UVG hat die
versicherte Person Anspruch auf eine angemessene Integritätsentschädigung, wenn
sie durch das Unfallereignis oder einer Berufskrankheit (vgl. Art. 9 Abs. 3
i.V.m. Art. 24 Abs. 1 UVG) eine dauernde und erhebliche Schädigung ihrer
körperlichen oder geistigen Integrität erleidet. Nach Art. 36 Abs. 1 UVV
gilt ein Integritätsschaden dann als dauernd, wenn er voraussichtlich während
des ganzen Lebens mindestens im gleichen Umfang besteht. Er ist erheblich, wenn
die körperliche oder geistige Integrität, unabhängig von der Erwerbsfähigkeit,
augenfällig oder stark beeinträchtigt wird. Gemäss Art. 36 Abs. 2 UVV gelten
für die Bemessung der Integritätsentschädigung die Richtlinien des Anhanges 3.
Der Bundesrat hat in diesem Anhang Bemessungsregeln aufgestellt und in einer
nicht abschliessenden (Gilg/Zollinger, Die Integritätsentschädigung nach dem
Bundesgesetz über die Unfallversicherung, S. 47) Skala wichtige und
typische Schäden prozentual gewichtet. Für spezielle oder nicht aufgeführte
Integritätsschäden wird die Entschädigung nach dem Grad der Schwere vom
Skalenwert abgeleitet (Ziff. 1 Abs. 2 der Richtlinien im Anhang 3, ferner Art.
25 Abs. 1 UVG). Die Liste der Integritätsschäden sieht von allen individuellen
Besonderheiten der Auswirkung ab und gibt eine abstrakte Schätzung für einen
Durchschnittsmenschen. Es wird somit nur jene «Schwere» berücksichtigt, die
einem Integritätsschaden solcher Art bei einem Durchschnittsmenschen
beigemessen werden kann (Gilg/Zollinger, a.a.O., S. 36 ff. und 45
ff.). Die Schätzung der Beeinträchtigung der Integrität obliegt in erster Linie
den Ärzten (Gilg/Zollinger, a.a.O., S. 100 f.), welche auf Grund ihrer
Kenntnisse und Erfahrungen fähig sind, einerseits die konkreten Befunde der
Unfallfolgen festzuhalten und anderseits die sachgemässe Einstufung im Rahmen
der erwähnten Liste vorzunehmen (vgl. dazu die Mitteilungen der
Medizinischen Abteilung der Suva, Heft 57, November 1984, S. 18 bis 31).

 

Die Medizinische Abteilung der Suva hat
in Weiterentwicklung der bundesrätlichen Skala weitere Bemessungsgrundlagen in
tabellarischer Form (sog. Feinraster) erarbeitet (Mitteilungen der
Medizinischen Abteilung der Suva Nr. 57 bis 59, Tabellen 1 - 22).
Diese von der Verwaltung herausgegebenen Tabellen stellen zwar keine
Rechtssätze dar und sind für die Parteien nicht verbindlich, umso mehr als
Ziffer 1 vom Anhang 3 zur UVV bestimmt, dass der in der Skala angegebene
Prozentsatz des Integritätsschadens für den Regelfall gilt, welcher im
Einzelfall Abweichungen nach unten wie nach oben ermöglicht. Soweit sie jedoch
lediglich Richtwerte enthalten, mit denen die Gleichbehandlung aller
Versicherten gewährleistet werden soll, sind sie mit dem Anhang 3 zur UVV vereinbar
(BGE 124 V 32 E. 1c mit Hinweis).

 

Ist eine Integritätsentschädigung weder
in der Skala in Anhang 3 UVV noch in den Tabellen der Suva enthalten, ist
gemäss Ziff. 1 Abs. 2 Anhang 3 UVV eine Schätzung im Vergleich mit anderen
Schäden vorzunehmen.

 

9.2    Im E.___-Gutachten vom 25.
Oktober 2018 wurde zur Beurteilung des Integritätsschadens unter anderem ausgeführt
(AA-Nr. 243, S. 25), funktionell bestehe aufgrund der Kombination der
orthopädischen und neurologischen Befunde eine unvollständige
Gebrauchsunfähigkeit des linken Beines unterhalb des Kniegelenks. Diese
entspreche aber nicht ganz dem Verlust im Sinne einer Amputation des
Unterschenkels und Fusses, da das linke Bein noch als Standbein und sehr eingeschränkt
zum Laufen verwendet werden könne. Man gehe deshalb von einem Integritätsschaden
von 30 % aus in Anlehnung an die Suva-Tabelle 4. Miteinbezogen sei hier
auch das Schmerzsyndrom. Diese Beurteilung vermag zu überzeugen. So ergibt sich
gemäss Suva-Tabelle 4 «Integritätsschaden bei einfachen oder kombinierten
Zehen-, Fuss- und Beinverlusten», Abb. 13, bei einem Verlust eines Beins
unterhalb des Kniegelenks ein Integritätsschaden von 35 %. Da der
Beschwerdeführer das linke Bein aber noch sehr eingeschränkt gebrauchen kann,
ist der vom Gutachter diesbezüglich veranschlagte Integritätsschaden von 30 %
angemessen. Sodann hielt der Gutachter weiter fest, bezüglich der
Einschränkungen von Seiten der rechten Hand beziffere er den Integritätsschaden
auf 5 % in Anlehnung an die Suva-Tabelle 5. Auch diese Einschätzung ist im
Resultat nicht zu beanstanden. Zwar ist eine Arthrose am Mittelhandknochen in
der Tabelle 5 nicht explizit aufgeführt. Aber man kann die Verkürzung des
Mittelhandknochens V (vgl. Operationsbericht vom 18. Juli 2014; AA-Nr. 171)
auch mit einem Teilverlust des Kleinfingers vergleichen (Suva-Tabelle 3), womit
ein Integritätsschaden von 5 % gerechtfertigt erscheint. Somit ist auch der
gesamthaft errechnete Integritätsschaden von 35 % nicht zu beanstanden. 

 

An diesem Resultat vermag die
Beurteilung des Vertrauensarztes der Beschwerdeführerin, Dr. med. I.___, vom 4.
Juni 2019 (Beschwerdebeilage 3) nichts zu ändern. Dr. med. I.___ verfasste
unter dem Titel «Invaliditätsschätzung gemäss Kapitel 12.2 der AVB der
Unfall-Kapitalversicherung TUP» eine eigene Beurteilung des Integritätsschadens
für einen ähnlich ausgestalteten privat versicherungsrechtlichen Anspruch,
wobei er bei seiner Beurteilung nicht die Suva-Tabellen anwandte, sondern sich
auf andere Bemessungsgrundlagen stützte, welche nicht in allen Punkten nachvollzogen
werden können. Zudem legte Dr. med. I.___ nur rudimentär dar, wie er zu seinen
Einschätzungen gelangte. Insofern er sodann separat einen Integritätsschaden
für eine Arthrose im Metatarsophalangealgelenk I errechnete, ist darauf
hinzuweisen, dass in der Beurteilung des Integritätsschadens im E.___-Gutachten
die Gebrauchsunfähigkeit des linken Beines unterhalb des Kniegelenks mit
Verweis auf die Suva-Tabelle 4 berücksichtigt wurde, womit auch eine
Einschränkung des Mittelfussknochens abgedeckt ist. Zudem ergibt sich gemäss
Tabelle 5 bei einer Arthrose am Mittelfussknochen kein Integritätsschaden. Des
Weiteren verwies Dr. med. I.___ betreffend die metacarpophalangeale Arthrose
rechts mit Verkürzung des Os metacarpale V als Vergleich auf den «Verlust oder
vollständige Gebrauchsfähigkeit eines Daumens (Mittelhandglied erhalten)». Dem
ist einerseits entgegenzuhalten, dass es sich beim Os metacarpale V um den
Mittelhandknochen unterhalb des Kleinfingers handelt. Andererseits ist auch
hier seine Einschätzung, die Beeinträchtigung betrage 25 - 30 % von 22 % nicht
nachvollziehbar.

 

Zusammenfassend ist somit die von der
Beschwerdegegnerin zugesprochene Integritätsentschädigung von 35 % nicht zu
beanstanden.

 

10.    Demnach sind die Beschwerden
abzuweisen.

 

10.1  Bei diesem Verfahrensausgang besteht
kein Anspruch auf eine Parteientschädigung.

 

10.2  Grundsätzlich ist das Verfahren
kostenlos. Von diesem Grundsatz abzuweichen, besteht im vorliegenden Fall kein
Anlass.

 

Demnach wird erkannt:

1.     Die Beschwerden werden abgewiesen.

2.     Es wird keine Parteientschädigung
zugesprochen.

3.     Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.

 

Rechtsmittel

Gegen diesen Entscheid kann innert 30
Tagen seit der Mitteilung beim Bundesgericht Beschwerde in
öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten eingereicht werden (Adresse:
Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern). Die Frist beginnt am Tag nach
dem Empfang des Urteils zu laufen und wird durch rechtzeitige Aufgabe bei der
Post gewahrt. Die Frist ist nicht erstreckbar (vgl. Art. 39 ff., 82 ff. und 90
ff. des Bundesgerichtsgesetzes, BGG). Bei
Vor- und Zwischenentscheiden (dazu gehört auch die Rückweisung zu weiteren
Abklärungen) sind die zusätzlichen Voraussetzungen nach Art. 92 oder 93 BGG zu
beachten.

 

Versicherungsgericht des Kantons
Solothurn

Der Vizepräsident                     Der Gerichtsschreiber

Flückiger                                   Isch

 

 

Der vorliegende Entscheid wurde vom
Bundesgericht mit Urteil 8C_752/2023 vom 6. September 2024 bestätigt.