# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 9f812c2d-1cd9-5221-9990-68d554789329
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2022-12-15
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 15.12.2022 E-5657/2022
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_E-5657-2022_2022-12-15.pdf

## Full Text

B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i f  f éd é r a l  

T r i b u n a l e  am m in i s t r a t i vo  f e d e r a l e  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i v  fe d e r a l  

 
 
    
 

 

 

  

 

 Abteilung V 

E-5657/2022 

 

 
 

  U r t e i l  v o m  1 5 .  D e z e m b e r  2 0 2 2  

Besetzung 
 Einzelrichterin Roswitha Petry, 

mit Zustimmung von Richter William Waeber,  

Gerichtsschreiberin Mara Urbani. 

   

Parteien 

 
A._______, geboren am (…), 

Türkei,   

vertreten durch MLaw Saban Murat Özten,  

(…),  

Beschwerdeführerin,  

 

  
gegen 

  
Staatssekretariat für Migration (SEM), 

Quellenweg 6, 3003 Bern, 

Vorinstanz. 

   

Gegenstand 

 
Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung  

(Dublin-Verfahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG);  

Verfügung des SEM vom 1. Dezember 2022 / N (…). 

 

 

 

E-5657/2022 

Seite 2 

Sachverhalt: 

A.  

Mit Schreiben vom 10. Dezember 2021 stellte B._______ (N […]), welchem 

in der Schweiz am 10. November 2021 Asyl gewährt wurde, ein Gesuch 

um Familiennachzug seiner Verlobten (der Beschwerdeführerin). Dem Ge-

such legte er Fotos von seiner Aufenthaltsbewilligung sowie von Identitäts-

nachweisen der Beschwerdeführerin, gemeinsame Fotos und Chat-Ver-

läufe bei. Mit Schreiben vom 14. Januar 2022 forderte die Vorinstanz 

B._______ dazu auf, einige Fragen zu beantworten und weitere Unterla-

gen einzureichen. Am 26. Januar 2022 beantwortete er schriftlich die vom 

SEM gestellten Fragen zu seiner Beziehung mit der Beschwerdeführerin. 

Mit Verfügung vom 7. Februar 2022 lehnte die Vorinstanz das Gesuch um 

Familiennachzug ab mit der Begründung, es handle sich bei ihrer Bezie-

hung nicht um eine bereits vor der Flucht aus dem Verfolgerstaat gefestigte 

Familiengemeinschaft respektive nicht um eine seit längerer Zeit eheähn-

lich gelebte partnerschaftliche Beziehung. Sie hätten ab Herbst 2019 be-

wusst und ohne äusseren Zwang auf eine Fortsetzung des Zusammenle-

bens in einer gemeinsamen Wohnung verzichtet. Nachdem die Verfügung 

zweimal nicht zugestellt werden konnte, erwuchs sie unangefochten in 

Rechtskraft.  

B.  

Gemäss eigenen Angaben verliess die Beschwerdeführerin ihren Heimat-

staat am (…) September 2022, reiste am (…) September 2022 über Italien 

in die Schweiz ein und suchte am 26. Oktober 2022 im Bundesasylzentrum 

C._______ um Asyl nach (vgl. SEM act. […]-2/2; […]-4/2). Die Abklärungen 

des SEM ergaben, dass Italien ihr ein vom (…) 2022 bis zum (…) Septem-

ber 2022 gültiges Schengen-Visum ausgestellt hatte.  

Anlässlich der Befragung vom 16. November 2022 wurde der Beschwerde-

führerin das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid 

und der Möglichkeit einer Überstellung nach Italien gewährt, welches ge-

mäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und 

des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren 

zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem 

Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten 

Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-

VO), grundsätzlich für die Behandlung ihres Asylgesuchs zuständig sei. 

Dabei machte sie geltend, nicht nach Italien zurückkehren zu wollen, da ihr 

E-5657/2022 

Seite 3 

Verlobter B._______ sich in der Schweiz befinde und sie mit ihm zusam-

menleben wolle. 

C.  

Mit Eingabe vom 15. November 2022 bekundete B._______ schriftlich sei-

nen Wunsch, dass das Asylgesuch der Beschwerdeführerin, welche seine 

langjährige Partnerin und Verlobte sei, in der Schweiz geprüft werde. Sie 

wollten in der Schweiz ihr gemeinsames Leben fortführen. 

D.  

Am 16. November 2022 ersuchte das SEM die italienischen Behörden um 

Übernahme der Beschwerdeführerin gemäss Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO. 

Dieses Gesuch wurde am 21. November 2022 mit der Begründung abge-

lehnt, dass ihre Fingerabdrücke nicht im Gesuch enthalten seien. Ausser-

dem erkundigten sich die italienischen Behörden nach ihrem Zivilstand. 

Dem am 22. November 2022 vom SEM erneut gestellten Gesuch um Über-

nahme der Beschwerdeführerin wurde am 30. November 2022 entspro-

chen.  

E.  

Mit Verfügung vom 1. Dezember 2022 (eröffnet am 2. Dezember 2022) trat 

das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf 

das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, verfügte die Überstel-

lung nach Italien und beauftragte den Kanton D._______ mit dem Vollzug 

der Wegweisung. Gleichzeitig verfügte es die Aushändigung der editions-

pflichtigen Akten und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen 

den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme. 

F.  

Mit Beschwerde vom 7. Dezember 2022 an das Bundesverwaltungsgericht 

beantragte die Beschwerdeführerin, die Verfügung vom 1. Dezember 2022 

sei aufzuheben und auf ihr Asylgesuch sei einzutreten. In prozessualer 

Hinsicht beantragte sie die Gewährung der aufschiebenden Wirkung sowie 

der unentgeltlichen Prozessführung und die Beiordnung des rubrizierten 

Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand. 

 

 

 

 

 

E-5657/2022 

Seite 4 

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 

1.  

1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, 

soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 

1.2 Gemäss Art. 105 AsylG in Verbindung mit Art. 31 VGG ist das Bundes-

verwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des 

Asyls zuständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorlie-

gend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Die Beschwerdeführerin 

ist zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- 

und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 

AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 

2.  

2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich 

Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder 

unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt 

werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 

2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb 

sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines 

zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e 

AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-

scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG). 

3.  

3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-

chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des 

Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a 

Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen 

Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO. 

Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die 

Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-

fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt 

hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 

3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem 

einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als 

zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-

ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat 

erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall 

E-5657/2022 

Seite 5 

eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind die in 

Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufge-

führten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. 

Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im 

Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mitglied-

staat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).  

3.3 Gemäss Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO ist grundsätzlich jener Staat für die 

Prüfung des Antrages auf internationalen Schutz zuständig, der ein Visum 

ausgestellt hat, das im Zeitpunkt der ersten Antragsstellung im Hoheitsge-

biet der Mitgliedstaaten noch gültig ist (vgl. CHRISTIAN FILZWIESER/ANDREA 

SPRUNG, Dublin III-Verordnung, 2014, K8 zu Art. 12). Art. 12 Abs. 4 Dublin-

III-VO hält seinerseits fest, dass im Normalfall derjenige Mitgliedstaat für 

die Prüfung des Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist, welcher 

der antragstellenden Person ein Visum erteilt hat, das seit weniger als 

sechs Monaten abgelaufen ist. 

4.  

4.1 Gemäss einem Abgleich mit dem CS-VIS wurde der Beschwerdeführe-

rin in E._______ am 27. Juli 2022 von den italienischen Behörden ein 

Schengen-Visum mit Gültigkeit vom (…) 2022 bis (…) September 2022 

ausgestellt (vgl. SEM act. […]-8/1). Die italienischen Behörden hiessen ein 

Aufnahmegesuch am 30. November 2022 gestützt auf Art. 12 Abs. 2 Dub-

lin-III-VO gut (vgl. SEM act. […]-20/1). Die grundsätzliche Zuständigkeit 

Italiens ist somit gegeben. 

4.2 Die Beschwerdeführerin beruft sich – gestützt auf ihre Verlobung mit 

B._______, welchem in der Schweiz Asyl gewährt worden ist – dagegen 

auf eine Zuständigkeit der Schweiz gestützt auf Art. 9 Dublin-III-VO. Ange-

sichts ihrer als familienähnlich zu bezeichnenden Beziehung sei sie als Fa-

milienangehörige ihres Verlobten im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO 

zu qualifizieren. Das Paar lebe in einer gemeinsamen Wohnung und 

schliesse bald die Ehe ab. 

4.3 Gemäss Art. 9 Dublin-III-VO ist bei einem Antragsteller, der einen Fa-

milienangehörigen – ungeachtet der Frage, ob die Familie bereits im Her-

kunftsland bestand – hat, der in seiner Eigenschaft als Begünstigter inter-

nationalen Schutzes in einem Mitgliedstaat aufenthaltsberechtigt ist, dieser 

Mitgliedstaat für die Prüfung des Antrags auf internationalen Schutz zu-

ständig, sofern die betreffenden Personen diesen Wunsch schriftlich kund-

tun (vgl. zum Ganzen BVGE 2015/18 E. 3; Urteil des BVGer F-465/2022 

E-5657/2022 

Seite 6 

vom 4. Februar 2022 E. 6.2). Als Familienangehörige gilt unter anderem 

der Ehegatte der Antragstellerin oder ihr nicht verheirateter Partner, der mit 

ihr eine dauerhafte Beziehung führt, soweit nach dem Recht oder nach den 

Gepflogenheiten des betreffenden Mitgliedstaats nicht verheiratete Paare 

ausländerrechtlich vergleichbar behandelt werden wie verheiratete Paare 

(Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO; vgl. dazu BVGE 2015/41 E. 8.1 m.w.H.). Mit 

anderen Worten stellt Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO für (formelle) Ehegatten 

keine weiteren Voraussetzungen auf, wohingegen für nicht verheiratete 

Partner eine dauerhafte Beziehung verlangt wird (vgl. BVGE 2017 VI/1 E. 

4.2; BVGE 2015/41 E. 8.1 m.w.H). 

4.4  Gemäss ihren Angaben lernte die Beschwerdeführerin ihren Verlobten 

im Jahre 2014 an der Universität kennen und sei seit dem Jahr 2016 mit 

ihm liiert. Von 2017 bis 2019 hätten sie gemeinsam in einer Wohnung in 

E._______ gelebt. Als er im Jahr 2019 zum Studieren nach F._______ ge-

gangen sei, habe er fortan in G._______ gewohnt, und sie mit ihren Eltern 

in E._______. Wenn er jeweils nach E._______ gekommen sei, seien sie 

zusammen gewesen. Nach seiner Ausreise aus der Türkei seien sie täglich 

per Telefon beziehungsweise Whatsapp miteinander in Kontakt gewesen. 

Wie die Vorinstanz zutreffend festgestellt hat, haben sich die Beschwerde-

führerin und ihr Verlobter somit freiwillig – ohne äusseren Zwang – dafür 

entschieden, das gemeinsame Zusammenleben aufzugeben. Bei dieser 

Ausgangslage kann nicht von einer bestehenden dauerhaften Beziehung 

zwischen der Beschwerdeführerin und ihrem Verlobten ausgegangen wer-

den. Hieran vermögen die Privatunterbringung bei ihrem Verlobten in der 

Schweiz und das eingeleitete Ehevorbereitungsverfahren nichts zu ändern. 

Es kann der Beschwerdeführerin zugemutet werden, den Ausgang des 

Ehevorbereitungsverfahrens in Italien abzuwarten, zumal weder der per-

sönliche noch der telefonische Kontakt zu ihrem Partner durch die Über-

stellung in diesen Nachbarstaat der Schweiz verunmöglicht wird. 

4.5 Die Beschwerdeführerin vermag folglich aus Art. 9 Dublin-III-VO in Ver-

bindung mit Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO nichts zu ihren Gunsten abzuleiten. 

Anzumerken bleibt, dass auch die italienischen Behörden Art. 9 Dublin-III-

VO für nicht anwendbar hielten, zumal sie ihre Zustimmung zur Übernahme 

der Beschwerdeführerin vom 30. November 2022 in Kenntnis deren Verlo-

bung mit einem in der Schweiz aufenthaltsberechtigten Flüchtling erteilten. 

5.  

5.1 Nachfolgend ist demnach im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu 

prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren 

E-5657/2022 

Seite 7 

und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Italien würden syste-

mische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen 

oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-

rechtecharta mit sich bringen würden und ob nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-

VO das Selbsteintrittsrecht auszuüben ist. 

5.2 Gemäss konstanter Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts 

weist das Asylverfahren in Italien – trotz punktueller Schwachstellen – 

keine systemischen Mängel im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO auf 

(vgl. anstelle vieler: Urteile des BVGer D-5292/2022 vom 8. Dezember 

2022 E. 6.2.2; E-5508/2022 vom 6. Dezember 2022 E. 5 m.w.H.). Folglich 

ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt. 

6.  

6.1 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO 

beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-

tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn 

er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-

fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts-

recht). Dieses Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a 

Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) 

konkretisiert. Erweist sich die Überstellung einer asylsuchenden Person in 

einen Dublin-Mitgliedstaat als unzulässig im Sinne der EMRK oder einer 

anderen die Schweiz bindenden, völkerrechtlichen Bestimmung, muss die 

Vorinstanz die Souveränitätsklausel anwenden und das Asylgesuch in der 

Schweiz behandeln (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1; 2010/45 E. 7.2). 

6.2 Das SEM führt aus, dass eine Anwendung von Art. 17 Abs. 1 Dublin-

III-VO vorliegend nicht in Frage komme. Sodann gibt es die Gründe wieder, 

welche bereits zur Ablehnung des Familiennachzugsgesuchs geführt hat-

ten (vgl. oben Bst. A). Ergänzend hält es fest, dass es nicht Sinn und Zweck 

des Asylverfahrens sei, ausländerrechtliche Bestimmungen zum Familien-

nachzug zu umgehen. Der Beschwerdeführerin und ihrem Verlobten könne 

zugemutet werden, das Eheverfahren rechtmässig durchzuführen und er-

neut um Familiennachzug zu ersuchen. Erstens sei die räumliche Tren-

nung nicht sonderlich gross und nur vorübergehender Natur und zweitens 

sei B._______ reiseberechtigt, weshalb der Eingriff verhältnismässig sei. 

Die von der Beschwerdeführerin allenfalls benötigte medizinische Behand-

lung sei auch in Italien gewährleistet. 

6.3  

E-5657/2022 

Seite 8 

6.3.1 Der Schutz des Familienlebens ist gemäss Art. 8 EMRK im Dublin-

Verfahren zu berücksichtigen, soweit eine tatsächlich gelebte Beziehung 

besteht. Gemäss Lehre und Praxis kann sich jemand aber nur dann auf 

den Schutz des Familienlebens nach Art. 8 EMRK berufen, wenn eine 

nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre Beziehung vorliegt, wobei als 

wesentliche Faktoren das gemeinsame Wohnen respektive der gemein-

same Haushalt, die finanzielle Verflochtenheit, die Länge und Stabilität der 

Beziehung sowie das Interesse und die Bindung der Partner aneinander 

zu berücksichtigen sind (statt vieler das Urteil des BVGer E-1070/2022 vom 

10. März 2022 E. 5.8.1 m.w.H.; vgl. auch GRABENWARTER / PABEL, Europä-

ische Menschenrechtskonvention, 6. Aufl., München/Basel/Wien 2016, 

S. 204 und ). Der Anspruch auf ein Zusammenleben gilt allerdings auch bei 

einer nahen, echten und tatsächlich gelebten familiären Beziehung im 

Sinne von Art. 8 EMRK nicht absolut, sondern es hat vielmehr eine Abwä-

gung zwischen dem Interesse an der Erteilung beziehungsweise am Erhalt 

des Anwesenheitsrechts und dem öffentlichen Interesse an dessen Verwei-

gerung stattzufinden (vgl. BGE 139 I 330 E. 2.2 f. m.w.H.). 

6.3.2 Wie von der Vorinstanz bereits mit Verfügung vom 7. Februar 2022 

rechtskräftig festgehalten wurde, bilden die Beschwerdeführerin und 

B._______ keine eheähnliche Gemeinschaft, weshalb sie aus dem Grund-

satz der Einheit der Familie gemäss Art. 8 EMRK nichts zu ihren Gunsten 

ableiten können (vgl. auch oben E. 4.4). Wie das SEM zu Recht festgehal-

ten hat, ist es der Beschwerdeführerin zuzumuten, das Ehevorbereitungs-

verfahren von Italien aus fortzuführen und sich in der Folge erneut um eine 

Familienzusammenführung mit B._______ zu bemühen. 

6.4 Die Beschwerdeführerin hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-

getan, die italienischen Behörden würden sich weigern, sie aufzunehmen 

und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln 

der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine Gründe 

für die Annahme zu entnehmen, Italien werde in ihrem Fall den Grundsatz 

des Non-Refoulement missachten und sie zur Ausreise in ein Land zwin-

gen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach 

Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr laufen würde, zur 

Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Hinweise darauf, dass 

die sie bei einer Rückführung zu erwartenden Bedingungen in Italien derart 

schlecht seien, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grund-

rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten, liegen nicht vor. 

E-5657/2022 

Seite 9 

6.5 Die Beschwerdeführerin machte im Dublin-Gespräch geltend, ihr gehe 

es aufgrund der Trennung von ihrem Verlobten psychisch nicht gut und sie 

benötige eine Behandlung sowie Medikamente. Bis zum heutigen Zeit-

punkt wurden jedoch keinerlei medizinische Akten eingereicht, weshalb da-

von auszugehen ist, dass ihr Gesundheitszustand nicht derart gravierend 

ist, als dass eine Überstellung nach Italien eine tatsächliche Gefahr (real 

risk) einer Verletzung von Art. 3 EMRK mit sich bringen würde (vgl. BVGE 

2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung des EGMR sowie Urteil 

des EGMR P. gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, 41738/10). Die vor-

gebrachten gesundheitlichen Probleme sind auch nicht von einer derarti-

gen Schwere, dass aus humanitären Gründen von einer Überstellung ab-

gesehen werden müsste. Im Übrigen ist allgemein bekannt, dass Italien 

über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt und es liegen 

keine Hinweise vor, dass Italien der Beschwerdeführerin eine adäquate 

medizinische Behandlung verweigern würde.   

6.6 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei 

der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspiel-

raum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter die-

sem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine 

Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Un-

terschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich des-

halb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen. 

6.7 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-

messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Italien der für die 

Behandlung des Asylgesuchs der Beschwerdeführerin zuständige Mit-

gliedstaat gemäss Dublin-III-VO. 

7.  

Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b 

AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten. Da 

die Beschwerdeführerin nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder 

Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Italien in An-

wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a 

AsylV 1). 

8.  

Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des 

Nichteintretensentscheids gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind all-

fällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) 

E-5657/2022 

Seite 10 

unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 

m.w.H.). 

9.  

Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung 

des SEM zu bestätigen.  

Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes-

halb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als ge-

genstandslos erweist. 

10.  

Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwerde-

führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– 

festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die 

Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, 

SR 173.320.2]). Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-

führung sowie um amtliche Rechtsverbeiständung sind unbesehen der fi-

nanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers abzuweisen, da die Be-

schwerde gemäss den vorstehenden Erwägungen als aussichtslos zu be-

zeichnen ist und es daher an einer gesetzlichen Grundlage zu deren Ge-

währung fehlt (vgl. Art. 65 Abs. 1 VwVG). 

 

(Dispositiv nächste Seite) 

  

E-5657/2022 

Seite 11 

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 

1.  

Die Beschwerde wird abgewiesen. 

2.  

Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wird abge-

wiesen. 

3.  

Das Gesuch um amtliche Rechtsverbeiständung wird abgewiesen. 

4.  

Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden der Beschwerdeführerin aufer-

legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten 

der Gerichtskasse zu überweisen.  

5.  

Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale 

Migrationsbehörde. 

 

Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: 

  

Roswitha Petry Mara Urbani 

 

 

Versand: