# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 64c16ffa-7c8e-59e4-97b6-230a5a7a3417
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2022-12-19
**Language:** de
**Title:** RAD-Stellungnahme genügt nicht. Rückweisung zur psychiatrischen Abklärung.
**Docket/Reference:** IV.2022.00548
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2022.00548.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2022.00548
III. Kammer
Sozialversicherungsrichter Gräub, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Senn
Ersatzrichterin Tanner Imfeld
Gerichtsschreiber Nef
Urteil
vom
19. Dezember 2022
in Sachen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch Gemeinde
Y.___
Sozialdienst,
Herr Z.___
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
X.___
, geboren 1992, schloss im August 2012 eine Berufslehre als Motor
r
admechaniker mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis ab und arbeitete
anschliessend
bis Ende Februar 2013 im Lehrbetrieb weiter (Urk. 5/2/4
-5
).
In der Folge war er
kurze Zeit
als Aushilf
e
auf Abruf in einer Druckerei angestellt
und
war danach
in
vom Sozialamt vermittelten
Einsätzen beim
S
chweizerischen Arbeiterhilfswerk und dem Zweckverband
A.___ (
Mai 2016 bis November 2018
)
beschäftigt
(Urk. 5/2/
2-3
, Urk. 5/7 [IK-Auszug]
,
Urk. 5/10
und Urk. 5/16
).
Am 17. September 2019 meldete er sich ü
ber den Sozial
dienst der Gemeinde
Y.___
u
nter Angabe
von
seit
kurz nach
Lehrbeginn bestehende
n
Depressionen
zum Bezug von Leistungen der In
validenversicherung an (Urk. 5/4 und Urk. 5/3
Ziff. 6.1). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinischen und beruflichen Verhältnisse ab
. Am 16. September 2020
teilte sie
X.___
mit, dass keine Eingliederungsmass
nahmen möglich seien
(Urk. 5/15
).
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 5/43
)
verneinte sie
mit Verfügung vom 9
.
September 2022
(Urk. 2) einen Rentenanspruch
des Versicherten
.
2.
Dagegen erhob der Versicherte am 7. Oktober 202
2
(Urk. 1) Beschwerde mit dem Antrag, die gesundheitliche Situation sei umfassender
durch einen Arzt des
r
egionalen
ä
rztlichen Dienstes (RAD)
abzuklären und es seien
allfällige
Eingliederungsmassnahmen erneut zu prüfen. Die IV-Stelle schloss mit Beschwer
deantwort vom 17. November 2022 (Urk. 4) auf Abweisung der Beschwerde, was dem Beschwerdeführer am 18. November 2022 zur Kenntnis gebracht wurde
(Urk. 6).
Am 24. November 2022 reichte der Beschwerdeführer eine weitere Stellung
nahme (Urk. 7) und diverse Arbeitsunfähigkeitszeugnisse (Urk. 8/
1-30
) ein.
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da der Zeit
punkt des Invaliditätseintritts (Art. 28 Abs. 1 und 1
bis
IVG) und jener des Renten
anspruchs nicht unbedingt identisch sind, fällt eine Invalidenrente unter das neue Recht, wenn der Anspruchsbeginn ab dem 1. Januar 2022 liegt, auch wenn die Invalidität vor diesem Zeitpunkt eingetreten ist. Neurechtliche Invalidenrenten sind somit Renten, auf die gemäss Art. 29 Abs. 1 und 2 IVG der Anspruch ab dem 1. Januar 2022 entsteht (
vgl.
Rz
. 1008 des Kreisschreibens zu den Übergangs
bestimmungen zur Einführung des linearen Rentensystems, KS ÜB WE IV, gültig ab 1. Januar 2022).
Die angefochtene Verfügung erging nach dem 1. Januar 2022.
Da
indes
die Entstehung eines Rentenanspruchs vorliegend bereits vor
diesem Datum
in Betracht fällt, sind die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschrif
ten anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.
2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurtei
lung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.
3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder her
stellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und
bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.
4
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 mit Hinweisen; vgl. auch BGE 140 V 193 E. 3.2 mit Hinweisen).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis
; Urteil des Bundesgerichts 9C_529/2021 vom 26. Juli 2022 E. 3.2.1
).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die Verneinung eines Anspruchs auf
eine Invalidenrente
(Urk. 2) damit, dass
medizinische Unterlagen bei den Behandlern eingeholt und dem regionalen ärztlichen Dienst (RAD) vorgelegt worden seien. Gemäss dem RAD
sei
keine anhaltende 100%ige Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen. Ausserdem gelte der Grundsatz Eingliederung vor Rent
e
, wonach
ein Renten
anspruch
so
lange nicht
bestehe
, als von Eingliederungsmassnahmen eine rentenbeeinflussende Änderung erwartet werden könne. Aus Sicht des RAD und der behandelnden Ärztin seien Eingliederungsmassnahmen zumutbar und würden empfohlen. Ein Anspruch auf eine Invalidenrente liege somit nicht vor.
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich auf den Standpunkt
(Urk. 1)
, zu Beginn der Abklärungsphase seien Eingliederungsmassnahmen durch die Beschwerde
gegne
rin
aus gesundheitlichen Gründen abgelehnt worden. Zudem
habe
er seinen Mitwirkungspflichten nur bedingt nach
kommen können
, da seine psychische
Verfassung stark unter den damaligen Umständen
(
Corona-Krise, Lockdown usw.
)
ge
litt
en habe
.
Seine gesundheitliche Situation habe sich gemäss seiner behandelnden Psycho
login seit der Anmeldung für IV-Leistungen zunehmend verschlechtert. Diese Aussage stehe im Gegensatz zu
m
Abklärungsergebnis der IV-Stelle,
wonach
anhand der eingeholten
medizinische
n
Unterlagen keine anhaltende 100%ige Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen
sei
. Es
lägen
auch mehrere Zeugnisse über eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % in den vergangenen drei Jahre
n
vor, weshalb die Abklärungen von Seiten der IV-Stelle nicht
als
vollständig zu betrachten seien
(vgl. auch Urk. 7)
.
3.
3.1
Die Fachärztin
für
Psychiatrie und Psychotherapie
B.___
führte im Bericht vom 16. Dez
ember 2018 (U
rk. 5/1/2) aus,
der Beschw
erdeführer sei zwischen dem 2
2
.
März und 19. April 2018 im Rahmen einer delegierten Psychotherapie zu vier Gesprächen gekommen. Zu drei weiteren Terminen sei er nicht mehr erschienen.
Anhand von E-Mails und einem telefonischen Kontakt sei zu schliessen, dass es
ihm
schlechter gehe.
Die
Gründe der reduzierten Arbeitsfähigkeit seien eine reduzierte Belastbarkeit, somatische und psychosomatische Beschwerden,
ein
Rückzug, Ängste,
eine
depressive Stimmung
und
grosse Mühe mit dem Umgang eines belastenden Ereignisses
sowie ein
Verdacht auf eine längere depressive Reaktion. Aufgrund therapeutischer Überschneidungen habe sie die Fortsetzung der
psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung
an einen Kollegen
über
geben, welcher ab 19. Dezember 2018 wöchentlich
e
Gespräche, wahrscheinlich in Begleitung einer medikamentösen Therapie
,
durchführen werde.
3.2
Im Bericht des Sanatorium
s
C.___
vom 27. Mai 2020 (Urk. 5/13)
hielten Ober
arzt Dr. med.
D.___
und Assistenzärztin
E.___
eine mittelgradige depressive Episode
(
ICD-10 F32.1
)
als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
fest
(Ziff. 2.5).
Sie führten aus
, d
er Beschwerdeführer stehe seit 18. November 2019 in ihrer Behandlung, gegenwärtig mit einer Sitzung alle zwei bis drei Wochen
, zuletzt am 15. Mai 2020. Es erfolge keine medikamentöse Therapie
(Ziff. 1.1,
1.2
und
2
.3
).
Er
sei
seit Janua
r 2019 nicht mehr berufstätig,
habe
ursprünglich
eine vierjährige Lehre zum
Mo
torradmechaniker absolviert und danach noch ein halbes Jahr im Betrieb gearbeitet.
Seither
habe er nur noch ph
asenweise tempo
räre Stellen gehabt und
bis
Januar 2019 habe er für eineinhalb Jahre an einem
Projekt zur Wiederein
gliederung in einer Umzugsfirma teilgenommen (Ziff. 3.2).
Der Beschwerdeführer habe b
ei Eintritt in
die
ambulante Behandlung eine mittel
gradige Antriebsminderung, eine depressive Stimmungslage und einen mittelgra
digen Verlust von Interesse und Freude beklagt.
Er gebe an
,
s
ein
e
Angst
habe
zugenommen und
er
fürchte
am
meisten das Alleinsein und die
Einsamkeit. Die Symptomatik habe im Januar 2019
derart
zugeno
mmen,
dass
er
die
eineinhalb
jährige
berufliche Massnahme
zur Wiedereingliederung abgebrochen habe.
Im Vorfeld der aktuellen depressiven Episode habe er unter
dem Verlust des besten Freundes
,
den er
seit Kindheit
gehabt habe, gelitten. Dieser sei
vor
zwei Jahre
n
völlig unerwartet verstorben
und für ihn wie ein Bruder ge
wesen
. Dieses Erlebnis habe
zur Entwicklung starker Verlustängs
te geführt (Ziff. 2.1).
Der Beschwerde
führer zeige sich i
m psychopathologischen Befund wach, in allen vier Qualitäten voll orientiert sowie angemessen im Kontaktverhalten. Die
Mnestik
sei unbeein
trächtigt, die Sprache klar verständlich und moduliert. Die Aufmerksamkeit sowie
die
Konzentrationsfähigkeit seien reduziert. Das Denken sei formalgedanklich geordnet, leicht verlangsamt, teils blockiert. Es seien Zukunftsängste vorhanden, jedoch keine Zwänge, keine inhaltlichen Denkstörungen,
keine
Störungen des Ich-Erlebens oder der Wahrnehmung. Die Stimmungslage sei reduziert bei erhaltener Schwingungsfähigkeit. Der Schlaf sei
teilweise leicht gestört
,
der
Appetit ungestört und d
er Antrieb reduziert.
Es bestünden keine
Su
izidgedanken oder Suizidpläne und k
ein Anhalt für akut fremdgefährdendes Verhalten
(Ziff. 2.4)
.
Anhand des Mini-ICF zeigten sich folgende Einschränkungen
(Ziff. 3.4)
:
-
Planung und Strukturierung von Aufgaben: Leicht bis mittelgradig einge
schränkt, bei durchgehend reduziertem Funktionsniveau
während depressiver Episode.
-
F
lexibilität und Umstellungsfähigkeit: Mi
ttelgradige bis star
ke Beeinträchti
gung, bei sehr schlechtem Befinden. Deutlich
e
Einschränkung der Anpassung an
die
Umgebung
.
-
Durchhaltefähigkei
t: Mittelgradige Beeinträchtigung, durchg
ehend reduziertes Funktionsni
veau während depressiver Episode.
-
Selbstbehauptungsfähig
keit: Mittelgradig eingeschränkt, bei depressiver Symptomatik wie
Verlust von Selbstwert und Vermeidung
sverhalten bei Angstsymptomatik.
-
Fähigkeit zu ausserberuflichen Aktivitäten: Mittelgradig eingeschränkt, bei Tendenz zu sozialem
Rü
ckzug und aufgeben von Hobbies.
Zu
den
Ressourcen
,
die für eine Eing
liederung hilfreich sein können
,
führten die Ärzte aus, b
ei besserem Befinden ver
suche der Beschwerdeführer
seine sozialen Kontakte zu Familie und Freunden zu
pflegen
(Ziff. 3.5). Nach dem langen Erwerbsausfall und bei noch vorhandener depressiver Restsymptomatik sei ein Wiedereinstieg zu einem Teilprozent, beispielsweise von 20 %
,
zu empfehlen und die Arbeitsfähigkeit bei gutem Verlauf schrittweise zu erhöhen (Ziff. 4.1). Zumut
bar sei eine dem Leiden angepasste Tätigkeit von zwei Stunden pro Tag (Ziff. 4.2). Die Prognose bei erfolgreicher Behandlung der
depressiven Symptomatik sei gut und der Beschwerdeführer sei motiviert für eine Eingliederung (Ziff. 4.3). Es wurde eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % für die Zeit vom 18. November 2019 bis 31. M
ai 2020 attestiert (Ziff. 1.3).
3.3
Im Bericht
des Ambulatoriums
F.___
, Zentrum für Psychiatrie und Psycho
therapie,
vom 3. Juni 2021 (Urk. 5/30)
führt
en
dipl.
Ärztin
E.___
und Dr. med.
G.___
, Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
aus,
die ambulante Behandlung finde seit 18. Januar
2021
mit letzte
r
Konsultation vom 18. Mai 2021
und
mit Sitzungen im Abstand von 14 Tagen statt. Früher sei
der Beschwerdeführer
bei
dipl.
Ärztin
E.___
während ca. fünf Monaten anfangs 2020 im
Sanatorium
C.___
in Behandlung
gewesen (Ziff. 1.1 und 1.2). Eine Medikation erfolge keine (Ziff. 2.3).
Als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
bestehe
eine e
motional-instabile
Störung vom
Borderline
Typ
(
ICD-10 F60.31
, Erstdiag
nose April 2021;
Ziff. 2.5).
Aktuell leide
d
er
Beschwerdeführer
unter einer Antriebslosigkeit und teils leicht depressiver Verstimmung. In der Wahrnehmung und im Denken zeige er eine Tendenz
,
das Schlimmste zu befürchten und zuerst das Negative zu betrachten. Dies um gewisse Emotionen und emotionale
Zustände, welche schwer aushaltbar seien, zu vermeiden. Emotionale Vernach
lässigung und verschiedene Verlusterlebnisse hätten die Tendenz zur Emotions
vermeidung verstärkt, sodass der therapeutische Schwerpunkt in der Aufarbei
tung traumatischer Erlebnisse und Förderung der gesunden Emotionsregulation und Selbstfürsorge bestehe (Ziff. 2.2).
Zum
psychopathologischen
Befund
hielt
en
die
Ärzte
fest
(Ziff.
2.4
), der Beschwer
deführer
zeige sich in altersgemässem
Kleidungsstil und sei
im Kontak
t freund
lich, mitteilungsbereit und
zugewandt. D
ie Stimme
sei
in unauffälliger Lautstärke und dabei wirke die Sprachmodulation unauffällig. Er sei wach, bewusstseinsklar und zu allen Qualitäten voll orientiert. Das Lang- und Kurzzeitgedächtnis sei
intakt, aber
die Konzentrati
on subjektiv und objektiv leicht bis
mittelgradig reduziert.
Die Auffassung sei ungestört und das formale
Denken kohärent, geo
rd
net und
von unauffälliger Geschwindigkeit.
Es bestünden keine
Anhaltspunkte für Sinnestäuschungen, inhaltliche D
enkstörungen und Ich-Störungen. Es seien Ängste (Existenz, Zukunft)
mittelgradig vorhanden und es
seien
Zwänge
auffällig (Ordnung
,
Reinigung
u.a.).
Die
Stimmung
sei
subjektiv
und objektiv leicht reduziert
,
die affektive Schwingungsfähigkeit
sei
vorhanden.
Der
Antrieb
sei mittelgradig reduziert und
Interesse und F
reudempfinden
seien
leicht reduziert.
Psychomotorisch
sei
er
unauffällig und es bestünden k
eine Suizidgedanken und
-i
ntentionen.
Die
Krankheitse
insicht
und Behandlungsbereitschaft
sei gegeben.
Nach einer ausführlichen diagnostischen Abkläru
ng inklusive SKID 2
-
Testung und anschliessendem Interview habe
die Diagnose einer e
motional-instab
ilen Störung vom Typ
Borderline
im
April 2021 gestellt werden können. Dabei handle es sich nicht um eine schwere
strukturelle Störung, da der
Beschwerdeführer gelernt habe
,
mit suizid
alen Krisen umzugehen
,
keine
akuten Eigen- oder
Fremd
gefährdungsaspekte bestünden
und es ihm auch möglich
gewesen sei
,
gesunde freundschaftliche
Beziehungen aufz
ubauen und ü
ber Jah
re aufrecht zu erhalten. Trotz j
ahrelangem Stress und starken Kommunikationsschwierigke
iten im Kontakt zu seinem Vater zeigten
sich auch in dieser Beziehung positive Verän
derungen. Mittlerweile
sei es ihm
immer häufiger möglich, offen zu kommuni
zieren. Die Einschränkungen auf zwischenmenschlicher Ebene zeigten sich eher im Zusammenhang mit partnerschaftlichen Beziehungen. Weiter bestünden Schwierigkeiten im Verhalten im Zusammenhang mit Emotionsregulation und einem negativ gefärbten Denkmuster und einer Tendenz
,
in unsicheren Situationen stets d
as Schlimmste zu befürchten
. Dabei handle es sich um starke und schwer aushaltbare Gefühlszustände und es bestehe die Tendenz
,
die Unsicherheit, welche Emotionen auslösten, über Zwänge zu kompensieren.
Hinsichtlich der Prognose zur Eingliederung führten die Ärzte aus, b
ei einer emotional-instabilen Störung vom
Borderline
Typ gebe es unterschiedliche Schwereg
rade. Der Beschwerdeführer weise
in diesem Sinne keine schwere strukturelle Störung auf und habe keine Tendenzen
,
sich selbst zu verletzen und keine komorbide Abhängigkeits
erkrankung. Die Einschränkungen
zeig
t
en sich auf der zwischenmenschlichen Ebene, in der Wahrnehmung und im Denken,
selten im Verhalten. Therapeutisch
sei
er in diesen P
unkten zugänglich und er
habe
Besprochenes um
gesetzt
und ein sehr gesundes Mass an Selbstreflexion
gezeigt
.
Prognostisch handle es sich
u
m ein behandelbares Störungsbild
,
sodass er
im Rahmen einer
Integrationsmassnahme und unter therapeutischer
Begleitung
in
einem
angemessenen Zeitrahmen auf dem ersten Arb
eitsmarkt integriert werden könne (Ziff. 4.3).
Von einer Integrationsmassnahme in angepasster Tätig
keit könnte
d
er
Beschwerdeführer
profitieren. Dabei sei die schrittweise Steige
rung der Arbeitsfähigkeit unter Begleitung eines Job
C
oaches denkbar. Da er seit mehreren Jahren krankheitsbed
ingt nicht mehr arbeitstätig gewesen sei
und zur
Überforderung tendiere
,
sei
ein Einstieg mit 20 bis maximal 40 % realistisch (Ziff. 4.2).
Es wurde für die Zeit ab 18. Januar 2021
(Behandlungsbeginn)
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert (Ziff. 1.3).
3.4
Dr. med.
H.___
, Fachärztin für
Psychiat
rie und Psychotherapie
FMH
, vom RAD der Beschwerdegegnerin führte in der Aktenbeurteilung vom 7. Oktober 2021 (Urk. 5/41/5 f.) aus, der im
B
ericht des
Sanatoriums
C.___
vom 27. Mai
2020
aufgeführte psychopathologische Befund mit reduzierte
r
Konzentrationsfähig
keit, reduzierter Stimmungslage, reduziertem Antrieb und leicht gestörtem Schlaf lasse keine mittelgradige depressive Symptomatik gemäss den entsprechenden ICD-10
-
Kriterien erkennen.
Sodann könne die
im
B
eri
cht
des Ambulatoriums
F.___
vom 3. Juni 2021
aufgeführte Diagnose
einer e
motional instabilen Persönlichkeitsstörung v
om Typ
Borderline
(
ICD-10 F60.31
)
nicht alleine aufgrund einer SKID 2-Testung gestellt werden. D
a über keine Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter berichtet
worden sei
,
sei
höchstens von möglichen akzentuierten Persönlichkeitszügen (
ICD-10
Z73.1) auszugehen.
Da die
Behand
lerin
selber darauf hingewiesen habe, dass es sich nicht um eine schw
ere strukturelle Störung handle
,
und aufgrund des psychopathologischen Befundes könne eine anhaltende volle Arbeitsunfähigkeit aufgrund der eher leichten Einschränkungen nicht plausibel nachvollzogen werden. Am eheste
n
könnte noch von einer leichten Depression (
ICD-10
F32.0) ausgegangen werden.
Die RAD-Ärztin schlussfolgerte, a
ktuell könne kein Gesundheitsschaden erkannt werden, der eine anhaltende 100%ige Arbeitsunfähigkeit begründen könnte.
Es
stelle sich allerdings die Frage, warum der Beschwerdeführer
in der IV-Anmeldung
selber angebe, dass er seit dem 1. Januar 2017 zu 100 % arbeits
unfähig sei. Dazu
sollten
wenn möglich weitere Unterlagen
eingeholt werden,
eventuell auch
beim
letzten Arbeitgeber und vom Beschäftigungsprogramm
,
bei dem der Beschwerdeführer vom 1. Mai 2016 bis 30. November 2018 gearbeitet habe.
4.
4.1
Die
Akten ergeben, dass der Beschwerdeführer
nach
seinem Lehrabschluss als Motor
r
admechaniker im August 2012 und dem Weiterverbleib im
Lehrb
etrieb bis Ende Februar 2013
auf dem
Arbeitsmarkt nicht Fuss fassen konnte. So war er lediglich noch kurze Zeit als Aushilf
e
in einer Druckerei und danach
nur noch
in vom Sozialamt vermittelten
Projekten zur Wiedereingliederung tätig (Sachverhalt
Ziff. 1
). Den medizinischen B
erichten ist zu entnehmen, dass er
unter psychi
schen
Beeinträchtigungen
leidet, wobei er
jedenfalls
vom 2
2
. März bis 1
9
. April 2018, vom 18. November 2019 bis 15. Mai 2020 und
ab
18. Januar 2021 in ambulanter
Behandlung
stand. Im Zusammenhang mit
der
psychischen Symptomatik
sind
sodann
100%ige Arbeitsunfähigkeiten vom 18.
November 2019 bis
31. Juli
2020
, vom 1. September bis 15. Oktober 2020
und
vom
18. Januar 2021
bis
31. Oktober 2022
aktenkundig
(E. 3.2 und E. 3.3
, Urk. 8
).
Mit der mittelgradigen depressiven Episode (ICD-10 F32.1) und der emotional-instabilen
Störung vom
Borderline
Typ
(ICD-10 F60.31)
liegen
psychiatrische Diagnosen
vor
, welc
he
anlässlich von ambulanten
Behandlungen und
gestützt auf die
hierbei
erhobenen Befunde
von fachärztlicher Seite gestellt
und
als
die
Arbeitsfähigkeit
einschränkend eingestuft
wurden
.
4.2
Die Beschwerdegegnerin stützte ihre Einschätzung
des medizinischen Sachver
halts
insbesondere auf die Beurteilung von Dr.
H.___
vom RAD
vom 7. Oktober 2021 (E. 3.4)
.
Den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärztinnen und Ärzte kommt nach der Rechtsprechung Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 134 V 231 E. 5.1 mit Hinweis auf BGE 125 V 351 E. 3b/
ee
). Trotz dieser grundsätzlichen Beweis
eignung kommt den Berichten versicherungsinterner medizinischer Fachpersonen
praxisgemäss
nicht dieselbe Beweiskraft zu wie einem gerichtlichen oder im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger veranlassten Gutachten unabhängiger Sachverständiger. Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Fest
stellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 142 V 58 E. 5.1; 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
4.3
Die Auffassung der
RAD-Ärztin Dr.
H.___
,
wonach
die aufgeführten
psychopa
thologische
n
Befund
e
keine mittelgradige depressive Symptomatik
erkennen
liessen
und
im Zusammenhang mit der
diagnostizierte
n
emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Typ
Borderline
über keine Auffälligkeiten im K
indes- und Jugendalter berichtet
werde
, weshalb höchstens
auf
akzentuierte
Persönlich
keitszüge
zu
schliessen
und angesichts der beschriebenen eher leichten Einschränkungen eine anhaltende volle Arbeitsunfähigkeit nicht nachvollziehbar
sei
(E. 3.4)
,
erscheint zwar nicht abwegig.
Die
RAD-Ärztin
hat
aber
den Beschwer
deführer
nicht
selber untersucht
, sondern lediglich eine Aktenbeurteilung vorgenommen
, welche überdies knapp ausgefallen ist
. Die abweichende Einschät
zung
gegenüber den Behandlern
vermag bereits aus diesem Grund keine tragfähige medizinische Grundlage für eine abschliessende Beurteilung
des Gesund
heitszustandes und der
A
rbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers
zu
bilden. Aus
der
Aussage
de
r
RAD
-Ärztin
«A
ktuell
kann
kein Gesundheitsschaden erkannt werden, der eine anhal
tende 100%ige AU
F
begründen könnte
»
folgt denn auch nicht
ohne Weiteres
,
wovon
die Beschwerdegegnerin
ausgeht
, dass
mithin
gar keine Arbeits
unfähigkeit
vorliegt
. D
iese Meinung vertrat
offensichtlich auch die RAD-Ä
rztin nicht
, erachtete sie doch
weitere Unterlagen
,
namentlich
des letzten A
rbeitgebers
und
betreffend das
Beschäftigungsprogramm
,
in
dem sich der Beschwerdeführer
von Mai 2016 bis November 2018
befunden hat,
für die genauere Einschätzung
als
erforderlich. Entsprechende Unterlagen wurden indes nicht eingeholt
und der Fall
wurde
auch nicht mehr dem RAD vorgelegt (vgl.
Urk. 5/41/6
f.
)
, sodass die Erkenntnisse aus dem immerhin zweieinhalb Jahre dauernden Beschäftigungs
programm unberücksichtigt blieben
.
Insofern ist nicht von einem feststehenden medizinischen Sachverhalt auszugehen, den es allein im Hinblick auf die verbleibende Arbeitsfähigkeit zu würdigen gälte. Die Erstellung des medizi
nischen Sachverhalts allein aufgrund einer Aktenbeurteilung ist deshalb unzulässig.
Es kann indes auch nicht auf die
Einschätzung
der behandelnden
(Fach-)
Ärzte abgestellt werden, da anhand der geschilderten
Psychopathologie
eine
anhaltende
100%ige Arbeitsunfähigkeit
in
jeglicher beruflichen Tätigkeit
nic
ht nachvollzieh
bar ist.
Überdies ist auf die
Erfahrungstatsache
hinzuweisen
, dass behandelnde Ärzte im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen mitunter eher zugunsten ihrer Patienten aussagen. Dies gilt grundsätzlich nicht nur für Hausä
rzte (vgl. BGE 135 V 465 E. 4.5, 125 V 351 E.
3a/cc), sondern auch für spezialärztlich behandelnde
Medizinalpersonen
(
Urteil des Bundesgerichts 8C_226/2022 vom 27. Oktober 2022 E. 4.2.2
).
4.
4
Nachdem Hinweise vorliegen, dass den Einschränkungen eine psychis
che Symp
tomatik zu Grunde liegt
,
die eine Arbeitsunfähigkeit begründen
könnte
,
und die Beschwerdegegnerin diesbezüglich keine
hinreichenden
Abklärungen tätigte, verbleiben zumindest geringe Zweifel (E.
4.2
hiervor) an der Zuverlässig
keit und Schlüssigkeit der versicherungsinter
nen ärztlichen Feststellungen.
Die Sache ist daher zu ergänzenden Abklärungen
hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit
in der angestammten Tätigkeit als Motorradmechaniker und gegebenenfalls in einer angepassten Tätigkeit an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen
. Inwieweit der Beschwerdeführer
Unterstützung
bei der beruflichen Eingliederung benötigt, kann erst nach einer abschliessenden Einschätzung der gesundheitlichen Situa
tion beurteilt werden.
5
.
5.1
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2).
5.2
Die Kosten des Verfahrens gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind vorliegend auf Fr.
800.-- festzusetzen
und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin
aufzuerle
gen
.
Das Gericht erkennt:
1.
In Gutheissung der
Beschwerde wird die angefocht
ene Verfügung vom 9
.
September 2022
aufgehoben und die Sache an die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich
, IV-Stelle, zurückgewiesen
, damit diese, nach erfolgter Abklärung im Sinne der Erwägungen
, über den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers
neu verfüge.
2.
Die Gerichtskosten von Fr.
800
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Gemeinde
Y.___
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
, unter Beilage einer Kopie von Urk. 7-8
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
4.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzustellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDer Gerichtsschreiber
GräubNef