# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 649203d1-75c1-598f-8b58-f14db132855f
**Source:** Bern Gerichte (BE)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2017-04-27
**Language:** de
**Title:** Bern Obergericht Strafkammern 27.04.2017 SK 2016 256
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/BE_ZivilStraf/BE_OG_005_SK-2016-256_2017-04-27.pdf

## Full Text

Obergericht
des Kantons Bern

2. Strafkammer

Cour suprême
du canton de Berne

2e Chambre pénale

Urteil
SK 16 256

Hochschulstrasse 17
3001 Bern
Telefon +41 31 635 48 08
Fax +41 31 635 48 15
obergericht-straf.bern@justice.be.ch
www.justice.be.ch/obergericht Bern, 27. April 2017 

Besetzung Oberrichter Aebi (Präsident i.V.), Obergerichtssuppleantin 
Schwendener, Oberrichter Kiener
Gerichtsschreiberin Bank

Verfahrensbeteiligte A.________, 
amtlich verteidigt durch Rechtsanwalt B.________

Beschuldigte

gegen

Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Bern, Maulbeerstras-
se 10, Postfach 6250, 3001 Bern

Berufungsführerin

Gegenstand Versuchte vorsätzliche Tötung, evtl. versuchter Totschlag
Neubeurteilung des Urteils der 2. Strafkammer des Obergerichts 
des Kantons Bern vom 22. September 2015 (SK 15 137)

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Erwägungen:

I. Formelles

1. Prozessgeschichte

Mit Urteil vom 4.3.2015 sprach das Regionalgericht Bern-Mittelland A.________ 
(nachfolgend die Beschuldigte) vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung, 
evtl. des versuchten Totschlags, angeblich begangen am 26.10.2010 in Bern zum 
Nachteil von D.________ frei. Dem damaligen amtlichen Verteidiger der Beschul-
digten, Rechtsanwalt C.________, wurde eine Entschädigung in der Höhe von total 
CHF 11‘948.25 (inkl. Auslagen und MwSt.) zugesprochen, wobei nach Abzug eines 
bereits ausgerichteten Kostenvorschusses von CHF 4'219.00 noch CHF 7‘729.25 
zur Auszahlung verblieben. Die Verfahrenskosten von insgesamt CHF 23‘249.40 
(inkl. Kosten für die schriftliche Begründung, ohne Kosten für die amtliche Verteidi-
gung) wurden dem Kanton Bern auferlegt. Des Weiteren traf das Regionalgericht 
Bern-Mittelland die notwendigen Verfügungen (pag. 476 ff.).

Am 10.3.2015 meldete die Generalstaatsanwaltschaft die Berufung gegen das Ur-
teil an (pag. 524). In ihrer Berufungserklärung vom 22.5.2015 beantragte die Gene-
ralstaatsanwaltschaft, die Beschuldigte sei wegen versuchten Totschlags schuldig 
zu sprechen und zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten zu verurteilen, wobei 6 
Monate zu vollziehen seien und der Vollzug für die Reststrafe von 24 Monaten, un-
ter Ansetzung einer Probezeit von 2 Jahren, aufzuschieben sei (pag. 538 f.).

Die 2. Strafkammer des Obergerichts des Kantons Bern sprach die Beschuldigte 
mit Urteil vom 22.9.2015 (SK 15 137) der versuchten vorsätzlichen Tötung zum 
Nachteil von D.________ schuldig. Sie verurteilte die Beschuldigte zu einer Frei-
heitstrafe von 4 Jahren sowie zu den erst- und oberinstanzlichen Verfahrenskosten 
(erstinstanzlich CHF 23‘249.40, oberinstanzlich CHF 5‘000.00). Ferner sprach die 
Kammer Fürsprecher C.________ für das erstinstanzliche Verfahren eine amtliche 
Entschädigung von CHF 11‘944.84 (abzüglich der bereits vorgeschossenen 
CHF 4‘219.00, verbleibend CHF 7‘725.85), unter gesetzlicher Rückzahlungspflicht 
der Beschuldigten nach Art. 135 Abs. 4 der Schweizerischen Strafprozessordnung 
(StPO; SR 312.0), zu. Die Kammer traf die notwendigen Verfügungen (pag. 579 ff.).

Mit Beschwerde in Strafsachen vom 16.3.2016 beantragte die Beschuldigte, neu 
vertreten durch Rechtsanwalt B.________, sie sei in Abänderung des Urteils des 
Obergerichts des Kantons Bern vom 22.9.2015 vom Vorwurf der versuchten vor-
sätzlichen Tötung freizusprechen und die Kosten des erst- und zweitinstanzlichen 
Verfahrens inkl. der Kosten für die amtliche Verteidigung seien auf die Staatskasse 
zu nehmen. Eventualiter sei das Urteil des Obergerichts des Kantons Bern vom 
22.9.2015 vollumfänglich aufzuheben und zur neuen Durchführung des vorinstanz-
lichen Verfahrens und neuen Beurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorin-
stanz zurückzuweisen – alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen gemäss 
dem Ausgang des bundesgerichtlichen Verfahrens (pag. 653 ff.).

Im Urteil 6B_307/2016 vom 17.6.2016 hiess das Bundesgericht die Beschwerde 
teilweise gut, soweit es darauf eintrat. Es hob das Urteil des Obergerichts des Kan-

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tons Bern vom 22.9.2015 auf und wies die Sache zur neuen Entscheidung an die 
Vorinstanz zurück.

2. Das Verfahren zur Neubeurteilung (inkl. neuer amtlicher Verteidigung)

Mit Verfügung vom 7.7.2016 nahm die Verfahrensleitung vom Eingang des Bun-
desgerichtsurteils Kenntnis und teilte den Parteien die Eröffnung des vorliegenden 
Neubeurteilungsverfahrens unter der Verfahrensnummer SK 16 256 mit (pag. 724 
f.).

Rechtsanwalt B.________ stellte mit Gesuch vom 19.7.2016 den Antrag, er sei für 
das obergerichtliche Verfahren als amtlicher Verteidiger der Beschuldigten einzu-
setzen. Ferner bat er um Mitteilung, ob die Zusammensetzung des Gericht bereits 
feststehe und gegebenenfalls um Bekanntgabe derselben. Er ersuchte darum, die 
Kammer im Vergleich zum ersten oberinstanzlichen Verfahren vollständig neu zu 
besetzen. Seiner Ansicht nach liesse es sich mit den Grundsätzen über den 
Ausstand nicht vereinbaren, wenn dieselben Gerichtsmitglieder den Fall nach der 
Rückweisung erneut beurteilen würden (pag. 731 f.).

Die Generalstaatsanwaltschaft nahm am 29.7.2016 zu den Anträgen der Verteidi-
gung Stellung. Sie widersetzte sich der Beiordnung von Rechtsanwalt B.________ 
als amtlicher Verteidiger der Beschuldigten nicht. Hingegen führte sie aus, eine 
Vorbefassung liege nicht vor und es seien keine Gründe vorhanden, die eine Neu-
besetzung der Kammer notwendig machen würden (pag. 737 f.).

Das Gesuch um Einsetzung von Rechtsanwalt B.________ als amtlicher Verteidi-
ger für das Neubeurteilungsverfahren wurde mit Verfügung der Verfahrensleitung 
vom 26.9.2016 gutgeheissen. Rechtsanwalt B.________ wurde der Beschuldigten 
mit Wirkung ab 19.7.2016 als amtlicher Verteidiger beigeordnet. Mit gleicher Verfü-
gung wurde den Parteien die neue Zusammensetzung der Kammer (Oberrichterin 
Bratschi für Obergerichtssuppleantin Saurer, Oberrichter Kiener für a.o. Oberrichter 
J. Bähler sowie Einsetzung einer neuen Gerichtsschreiberin/eines neuen Gerichts-
schreibers) bekannt gegeben. Die Verfahrensleitung forderte Rechtsanwalt 
B.________ auf, zu verdeutlichen, ob er unter diesen Umständen und in Kenntnis 
der Stellungnahme der Generalstaatsanwaltschaft den Antrag vom 19.7.2016 als 
förmliches Ausstandsgesuch behandelt haben wolle (pag. 748 f.). 

Rechtsanwalt B.________ teilte am 17.10.2016 mit, er sei mit der neuen Zusam-
mensetzung des Gerichts einverstanden und stelle kein Ausstandsgesuch 
(pag. 754).

Mit Verfügung vom 1.2.2017 wurde den Parteien bekannt gegeben, dass zufolge 
einer Terminkollision Oberrichterin Bratschi durch Obergerichtssuppleantin 
Schwendener ersetzt werde (pag. 782 f.). 

3. Oberinstanzliche Beweisanträge und -ergänzungen

Mit der vorerwähnten Verfügung vom 7.7.2016 setzte die Verfahrensleitung den 
Parteien im Weiteren eine Frist von 20 Tagen zur Nennung und Einreichung von 
Beweismitteln (pag. 724 f.).

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Nach mehrmaliger Fristerstreckung stellte Rechtsanwalt B.________ den begrün-
deten Antrag, die Beschuldigte, D.________, E.________ sowie F.________ seien 
zu befragen (pag. 744 ff.).

Die Generalstaatsanwaltschaft schloss am 30.9.2016 auf Gutheissung der Anträge 
betreffend Befragung der Beschuldigten sowie von D.________. Hingegen bean-
tragte sie, diejenigen auf Befragung von E.________ und von F.________ abzu-
weisen (pag. 752 f.).

Mit Beschluss vom 22.11.2016 und unter Verweis auf die Begründung des bundes-
gerichtlichen Rückweisungsentscheids hiess die Kammer die Anträge auf oberin-
stanzliche Befragung der Beschuldigten sowie ihrer Lebenspartnerin D.________ 
gut. Soweit weitergehend wurden die Anträge der Verteidigung begründet abge-
wiesen. Weiter beschloss die Kammer, von Amtes wegen G.________ als Zeugin 
sowie Dr. med. H.________, IRM, als Sachverständigen zur oberinstanzlichen 
Verhandlung vorzuladen (pag. 756 ff.).

Rechtsanwalt B.________ bat mit Eingabe vom 20.4.2017 um Kenntnisnahme, er 
werde seine Anträge und Plädoyernotizen vor Beginn seines Plädoyers zu den Ak-
ten geben. Aufgrund der Komplexität des Falles und dem Umfang seines Plädoyers 
(rund 80 Seiten) sei dies zwingend angezeigt (pag. 786 ff.). 

Mit Schreiben vom 21.4.2017 teilte die Verfahrensleitung mit, gestützt auf den Be-
schluss der Strafabteilungskonferenz des Obergerichts des Kantons Bern vom 
27.3.2017 sei die Entgegennahme von schriftlichen Plädoyernotizen im mündlichen 
Berufungsverfahren nicht vorgesehen. Es handle sich vorliegend um keinen Aus-
nahmefall, zumal sich weder komplexe technische Fragen stellen würden noch die 
Länge des Plädoyers einen Ausnahmefall begründe (pag. 791 ff.). 

Im Hinblick auf die oberinstanzliche Verhandlung vom 25.4.2017 bis 27.4.2017 
wurden von Amtes wegen der Leumundsbericht vom 4.4.2017 (pag. 796 ff.) sowie 
der Strafregisterauszug vom 7.4.2017 (pag. 803) eingeholt. 

Anlässlich des ersten oberinstanzlichen Hauptverhandlungstags vom 25.4.2017 
stellte und begründete Rechtsanwalt B.________ die Anträge, seine Plädoyernoti-
zen seien zu den Akten zu erkennen und E.________ sei als Zeugin einzuverneh-
men. Die Generalstaatsanwaltschaft beantragte, die Anträge auf Entgegennahme 
der Plädoyernotizen sowie auf Einvernahme von E.________ seien abzuweisen 
(pag. 813 f.). 

Daraufhin wies die Kammer mit mündlich begründetem Beschluss die Anträge auf 
Einreichung der Plädoyernotizen und Einvernahme von E.________ ab (pag. 814).

Im Rahmen der oberinstanzlichen Hauptverhandlung fanden die Einvernahmen der 
Beschuldigten (pag. 815 ff.; pag. 852 ff.), der Zeugin G.________ (pag. 824 ff.), 
des Sachverständigen Dr. med. H.________ (pag. 832 ff.) sowie der Zeugin 
D.________ (pag. 840 ff.) statt. Den Parteien wurden die Kopien der Einvernahme-
protokolle im Anschluss an den ersten Verhandlungstag ausgehändigt (pag. 859).

Rechtsanwalt B.________ liess der Kammer mit Fax vom 26.4.2017 seine Hono-
rarnote (pag. 876 ff.) sowie die Plädoyernotizen zukommen. Der Vorsitzende gab 
Rechtsanwalt B.________ zum Schluss der Hauptverhandlung am 27.4.2017 mit 

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Verweis auf den ergangenen Beschluss der Kammer bekannt, die Plädoyernotizen 
würden nicht zu den Akten erkannt. Rechtsanwalt B.________ verlangte daraufhin 
die Plädoyernotizen zurück (pag. 869). Mit E-Mail vom 28.4.2017 wurde Rechtsan-
walt B.________ das durch den Fax automatisch generierte PDF-Dokument re-
tourniert (pag. 880).

4. Anträge der Parteien

Der stv. Generalstaatsanwalt I.________ stellte am 26.4.2017 folgende Anträge 
(pag. 859):

I. 
A.________ sei schuldig zu sprechen

der versuchten vorsätzlichen Tötung, begangen am 26. Oktober 2010 in Bern zum Nachteil von 
D.________,

und in Anwendung der einschlägigen Bestimmungen

zu verurteilen:

1. zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren;

2. zur Bezahlung der erst- und oberinstanzlichen Verfahrenskosten (inkl. eine angemessene Gebühr 
gemäss Art. 21 VKD).

II.
Im Weiteren sei zu verfügen:

1. Das beschlagnahmte Messer (Tatwaffe) sei einzuziehen und zu vernichten (Art. 69 StGB).

2. Folgende beschlagnahmten Gegenstände seien A.________ und D.________ nach Eintritt der 
Rechtskraft des Urteils zurückzugeben:

- zwei Fingerringe silber

- zwei Fingernägel künstlich

- ein Türstopper Metall.

3. Das Honorar des amtlichen Verteidigers seien [recte: sei] gerichtlich zu bestimmen (Art. 135 
StPO).

4. Die Zustimmung zur Löschung des erstellten DNA-Profils (PCN-Nr. ________) sei nach Ablauf der 
Frist durch das zuständige Bundesamt einzuholen (Art. 16 Abs. 4 DNA-ProfilG).

5. Die Zustimmung zur Löschung der erfassten biometrischen erkennungsdienstlichen Daten sei 
nach Ablauf der Frist durch das zuständige Bundesamt einzuholen (Art. 17 Abs. 4 i.V.m. Art. 19 
abs. 1 AFIS-VO).

Rechtsanwalt B.________ stellte seinerseits die folgenden Anträge (pag. 862):

1. Die Beschuldigte sei freizusprechen.

2. Die Kosten des Verfahrens seien auf die Staatskasse zu nehmen.

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5. Gegenstand der Neubeurteilung und Kognition der Kammer

Ausgangspunkt ist das Urteil des Bundesgerichts 6B_307/2016 vom 17.6.2016 
(pag. 713 ff.). Das Bundesgericht hielt in seinen Erwägungen unter anderem fest, 
für die Vorinstanz habe es sich unter den vorliegenden Umständen sachlich aufge-
drängt, gemäss Art. 343 Abs. 3 sowie eventualiter Abs. 1 und 2 StPO die beiden 
involvierten Frauen (die Beschuldigte sowie D.________) erneut zu befragen. Zwar 
sei keine klassische «Aussage gegen Aussage-Situation» vorgelegen. Eine ins 
Einzelne führende Befragung und Konfrontation wäre indessen umso mehr ange-
zeigt gewesen, als die beiden einzigen Tatzeuginnen, die Beschuldigte und ihre 
Partnerin D.________, bis anhin offenkundig wenig Interesse an einer effektiven 
Aufklärung und Ausleuchtung des Geschehens bekundet hätten. Ferner wäre es 
nahe gelegen, die Zeugin G.________, welche unmittelbare Wahrnehmungen mit-
teilen konnte und als erste am Ort des Geschehens eingetroffen war, zu befragen. 
Selbst bei einer Zeugnisverweigerung hätten diese und allfällige weitere Personen 
wie etwa die forensischen Experten in Anwesenheit der Beschwerdeführerin und 
von D.________ zur Aufklärung der Sache beitragen können. Insbesondere hätte 
sich die Vorinstanz damit ein persönliches Bild von Aussageverhalten und Stand-
punkt der beiden Protagonistinnen machen können (vgl. insbesondere E. 2.6 des 
bundesgerichtlichen Urteils, pag. 720 f.). 

Weil sich die Vorinstanz – indem sie sich trotz des nicht nachvollziehbaren Verfah-
rensverlaufs, welcher vor der Erstinstanz in eine eigentliche Pattsituation geführt 
hatte, darauf beschränkt habe, eine schlichte Berufungsverhandlung ohne weitere 
Beweismassnahmen durchzuführen und ohne die bekannte Rechtslage (E. 2.5) 
sowie die auf der Hand liegende und vom früheren Verteidiger (E. 2.3.3, 2.4.2) 
wiederholt monierte Verwertungsproblematik der wesentlichen Beweismittel über-
haupt zu thematisieren – Verfahrensrecht verletzt habe, hiess das Bundesgericht 
die Beschwerde der Verteidigung teilweise, soweit darauf einzutreten war, gut. Es 
hob das obergerichtliche Urteil von Gesetzes wegen auf und wies die Sache zu 
neuer Entscheidung an die Kammer zurück (E. 2.7 ff., pag. 721 f.).

Das bedeutet, dass die Kammer das angefochtene Urteil in allen Punkten ein zwei-
tes Mal zu überprüfen hat. Die Kammer hat bei der Überprüfung volle Kognition 
(Art. 398 Abs. 2 StPO), ist allerdings an die Weisungen des Bundesgerichts ge-
bunden (vgl. BGE 135 III 334 E. 2 und E. 2.1). Weil einzig die Staatsanwaltschaft 
Berufung erhoben hat, ist die Kammer im Neubeurteilungsverfahren nicht an die 
erstinstanzlich festgelegte Strafe gebunden und kann das Urteil auch zu Ungunsten 
der Beschuldigten abändern (vgl. Art. 391 Abs. 2 StPO e contrario).

II. Formelle Einwände

6. Zum Anklagegrundsatz

6.1 Vorbringen der Verteidigung

Rechtsanwalt B.________ machte geltend, die Anklageschrift genüge dem Ankla-
gegrundsatz nicht. Sie beinhalte weder Angaben dazu, wann und wo das Tatmes-
ser geholt worden sei noch woher das Messer stamme. Damit sei der Sachverhalt 

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ungenügend umschrieben und das Anklageprinzip verletzt (pag. 863). In der An-
klageschrift sei ferner nicht angegeben, wie D.________ mit dem Türstopper gegen 
das Gesicht geschlagen worden sei (pag. 865).

6.2 Ausführungen der Kammer

Nach dem aus Art. 29 Abs. 2 und Art. 32 Abs. 2 der Bundesverfassung (BV; 
SR 101) sowie aus Art. 6 Ziff. 1 und Ziff. 3 Bst. a und b der Konvention zum Schut-
ze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK; SR 0.101) abgeleiteten An-
klagegrundsatz bestimmt die Anklageschrift den Gegenstand des Gerichtsverfah-
rens. Gegenstand des gerichtlichen Verfahrens können nur Sachverhalte sein, die 
dem Angeklagten in der Anklageschrift vorgeworfen werden (sogenannte «Um-
grenzungsfunktion» und «Immutabilitätsprinzip»). Letztere muss die Person des 
Angeklagten sowie die ihm zur Last gelegten Delikte in ihrem Sachverhalt so präzi-
se umschreiben, dass die Vorwürfe im objektiven und subjektiven Bereich genü-
gend konkretisiert sind. Das Anklageprinzip bezweckt damit zugleich den Schutz 
der Verteidigungsrechte des Angeklagten und dient dem Anspruch auf rechtliches 
Gehör (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_225/2008 vom 7.10.2008 E. 1.1; 
BGE 126 I 19 E. 2a; BGE 120 IV 348 E. 2c). Der Beschuldigte muss unter dem 
Gesichtspunkt der Informationsfunktion aus der Anklage ersehen können, wessen 
er angeklagt ist. Das bedingt eine zureichende Umschreibung der Tat. Entschei-
dend ist, dass der Betroffene genau weiss, welcher konkreten Handlung er be-
schuldigt und wie sein Verhalten rechtlich qualifiziert wird, damit er sich in seiner 
Verteidigung richtig vorbereiten kann. Er darf nicht Gefahr laufen, erst an der Ge-
richtsverhandlung mit neuen Anschuldigungen konfrontiert zu werden (Urteile des 
Bundesgerichts 6B_344/2011 vom 16.9.2011 E. 3 und 6B_315/2015 vom 7.9.2015 
E. 1.2). Ungenauigkeiten sind solange nicht von entscheidender Bedeutung, als für 
die beschuldigte Person keine Zweifel darüber bestehen können, welches Verhal-
ten ihr vorgeworfen wird (Urteil des Bundesgerichts 6B_373/2015 vom 3.12.2015 
E. 2.2).

Um dem Anklagegrundsatz vorliegend zu genügen, müssen die für die versuchte 
vorsätzliche Tötung (evtl. versuchter Totschlag) notwendigen Sachverhaltselemen-
te bzw. Tatbestandselemente umschrieben sein, welche zu einem Schuldspruch 
führen könnten. Die Anklageschrift muss folglich sowohl den Täter, das Opfer so-
wie die konkrete Tathandlung (inkl. Verletzungen), die zum Tod hätte führen kön-
nen umschreiben. Für den Totschlag wäre zudem die Umschreibung der ent-
schuldbaren heftigen Gemütsbewegung oder der grossen seelischen Belastung 
notwendig. In der Anklageschrift besteht hingegen kein Raum für Spekulationen. 
Was nicht ermittelt werden konnte, hat in die Anklageschrift nicht einzufliessen. 
Weder die genaue Herkunft oder das Ergreifen der Tatwaffe, der detaillierte Ablauf 
der Tathandlung (wer stand zu welchem Zeitpunkt wo, wo wurde welcher Stich wie 
ausgeführt etc.) noch sämtliche (auch ungefährlichen) Verletzungen des Opfers 
müssen in der Anklageschrift umschrieben sein. Eine gegenteilige Ansicht würde 
einen Schuldspruch bei unbekannter Herkunft oder nicht gefundener Tatwaffe nie 
ermöglichen. Ferner liegt es in der Natur eines unbeobachteten dynamischen Ge-
schehens, dass nicht sämtliche Details der konkreten Bewegungsabläufe bekannt 
sind. Der Anklageschrift ist in casu in aller Deutlichkeit zu entnehmen, was der Be-

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schuldigten zur Last gelegt wird. Die Beschuldigten soll mehrfach mit einem Mes-
ser mit Wellenschliff und einer Klingenlänge von ca. 13 cm auf D.________ einge-
stochen und damit deren Tod in Kauf genommen haben. Die lebensbedrohlichen 
Verletzungen von D.________ sind umschrieben. Dabei schadet es nicht, dass die 
ungefährliche Kopfverletzung von D.________ (Hämatom von 4x4cm) und deren 
Herbeiführung in der Anklageschrift nicht erwähnt wurde. Die Anklageschrift ist 
folglich nicht zu beanstanden.

Ob die Anklageschrift dem Anklagegrundsatz auch betreffend der Eventualklage 
des versuchten Totschlags genügen würde, kann – angesichts des Ausgangs des 
Verfahrens (vgl. Ziff. 12 ff. hiernach – Schuldspruch betreffend versuchte vorsätzli-
che Tötung) – offen bleiben. 

7. Zur Frage der Verwertbarkeit

7.1 Vorbringen der Parteien (und Erwägung des Bundesgerichts)

Rechtsanwalt B.________ brachte in seinem oberinstanzlichen Plädoyer vor, man 
habe die Beschuldigte über ihre Rolle im Strafverfahren getäuscht. Bei den ersten 
beiden polizeilichen Befragungen sei sie als Geschädigte einvernommen worden, 
obwohl die Strafverfolgungsbehörden bereits davon ausgegangen seien, sie sei die 
Beschuldigte. Damit sei sie weder über den konkreten Vorwurf noch über ihre Rolle 
im Strafverfahren informiert worden (pag. 864 f.). Rechtsanwalt B.________ rügte 
die Verwertbarkeit der fraglichen Einvernahmen der Beschuldigten als geschädigte 
bzw. Auskunftsperson bereits vor Bundesgericht. Dieses äusserte sich nicht zur 
Problematik der Verwertbarkeit bzw. erkannte nur, dass eine solche Problematik 
auf der Hand liege, ohne festzuhalten, ob die Aussagen verwertbar sind (vgl. 
pag. 717 ff.).

Rechtsanwalt B.________ argumentierte ferner, auch D.________ sei bei ihrer 
Einvernahme vom 29.10.2010 gezielt getäuscht worden. Ihr sei eine Aussage vor-
gehalten worden, wonach die Beschuldigte behauptet habe, der Vorfall sei nur un-
ter ihnen beiden geschehen. Im Protokoll sei ein solcher Vorhalt aber nicht aufge-
führt und die Beschuldigte habe das nie gesagt. Der Vorhalt lasse sich nur aus der 
Antwort von D.________ ableiten (pag. 864; pag. 867). 

D.________ sei zudem bei ihrer ersten Einvernahme nicht korrekt belehrt worden. 
Der pauschale Hinweis auf Art. 208 Abs. 2 des Gesetzes über das Strafverfahren 
(aStrV; BSG 321.1) reiche nicht aus. Es fehle an einer wörtlichen Ausführung, 
worüber D.________ effektiv belehrt worden sei (pag. 865). 

Letztlich sei auch das Recht der Beschuldigten auf Konfrontation mit Belastungs-
zeugen verletzt worden. Die Beschuldigte habe an den staatsanwaltschaftlichen 
Einvernahmen der Sanitäter, der Polizei und G.________ nicht teilgenommen. Es 
fehle an einer förmlichen und unzweideutigen Verzichtserklärung, weshalb die 
Aussagen unverwertbar seien. Ferner habe G.________ bis zu ihrer oberinstanzli-
chen Hauptverhandlung den Satz «si isch düredräit» nicht in eigenen Worten 
bestätigt, weshalb ihre staatsanwaltschaftliche Einvernahme unverwertbar sei 
(pag. 865).

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Die Generalstaatsanwaltschaft führte aus, die ersten Einvernahmen der Beschul-
digten seien noch nach altem (kantonalen) Verfahrensrecht erfolgt. Die Ermitt-
lungsbehörden seien von einer Dritttäterschaft ausgegangen und hätten erst durch 
die Befragung der Beschuldigten Zweifel an dieser Version gehabt. Der Beschul-
digten sei bei den Einvernahmen als Auskunftsperson ein Aussageverweigerungs-
recht zugestanden, worüber sie aufgeklärt worden sei. Die Einvernahmen seien 
damit rechtmässig erfolgt und würden gestützt auf Art. 448 Abs. 2 StPO ihre Gül-
tigkeit auch nach neuem Recht behalten (pag. 860). 

Die Einvernahme von D.________ müsse man chronologisch betrachten. Auf 
pag. 188, Z. 26 ff. könne man den konkreten Vorhalt lesen. Im Zusammenhang mit 
diesem Vorhalt sei die Aussage von D.________ auf pag. 189, Z. 21 ff. erfolgt und 
mache durchaus Sinn. D.________ sei nicht getäuscht worden (pag. 867 f.).

7.2 Zu den Einvernahmen der Beschuldigten als Auskunftsperson

Das vorliegende Strafverfahren wurde ab dem 26.10.2010 gegen unbekannte 
Täterschaft und ab dem 10.5.2011 gegen A.________ als Beschuldigte geführt 
(vgl. pag. 1; pag. 4 f.). Bei den ersten zwei (polizeilichen) Einvernahmen der Be-
schuldigten vom 28.10.2010 und 4.11.2010 wurde sie als Auskunftsperson und 
nicht als beschuldigte Person befragt (pag. 206 ff.; pag. 215 ff.). Die beiden Einver-
nahmen sind unter dem alten bernischen Gesetz über das Strafverfahren (aStrV) 
erfolgt.

Nach Art. 448 Abs. 1 StPO werden Verfahren, die bei Inkrafttreten dieses Gesetzes 
hängig sind, nach neuem Recht fortgeführt, soweit die nachfolgenden Bestimmun-
gen nichts anderes vorsehen. Nach Art. 448 Abs. 2 StPO behalten Verfahrens-
handlungen, die vor Inkrafttreten dieses Gesetzes angeordnet oder durchgeführt 
worden sind, ihre Gültigkeit. Abs. 2 gilt allerdings nur für jene Verfahrenshandlun-
gen, welche nach dem alten Recht konform angeordnet worden sind. Bedeutsam 
ist dies namentlich für Beweise, die verwertbar bleiben, auch wenn sie der StPO 
widersprechen oder nach ihr sogar ungültig wären. Voraussetzung dafür ist jedoch, 
dass sie im Einklang mit der BV und der EMRK standen. Massgeblich ist das frühe-
re Verfahrensrecht und nicht das der StPO (USTER, in: Basler Kommentar zur 
StPO, 2. Aufl. 2014, N. 3 zu Art. 448). Gemäss bundesgerichtlicher Rechtspre-
chung gilt Art. 448 Abs. 2 StPO auch für die Frage der Verwertbarkeit von Beweis-
mitteln (Urteil des Bundesgerichts 6B_684/2012 vom 15.5.2013 E. 2.3). Die fragli-
chen Einvernahmen sind folglich unter dem Lichte des aStrV zu überprüfen.

Angeschuldigte Person war unter dem Gesetz über das Strafverfahren, wer einer 
strafbaren Handlung verdächtigt war und gegen welche eine Strafverfolgung eröff-
net wurde (Art. 44 Abs. 1 i.V.m. Art. 230 aStrV; AESCHLIMANN, Einführung in das 
Strafprozessrecht, Spiez 1996, N. 506). Die Strafverfolgung zu eröffnen, war aus-
schliesslich Sache der Untersuchungsbehörden (AESCHLIMANN, Einführung in das 
Strafprozessrecht, Spiez 1996, N. 1310). Art. 46 Abs. 1 Ziff. 1 aStrV hielt fest, als 
Auskunftsperson gelte, wer als Täterin oder Täter bzw. als Teilnehmerin oder Teil-
nehmer einer strafbaren Handlung in Frage kam und nicht angeschuldigt war – 
mithin eine der Tat verdächtige Person. Eine Auskunftsperson war man so lange, 
als ein Verdacht der Täterschaft oder Teilnahme bestand, sich dieser aber noch 

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nicht soweit verdichtet hatte, dass die Eröffnung der Strafverfolgung sich rechtfer-
tigte. 

Gemäss Literatur zum damaligen Recht gab es die Figur der Auskunftsperson, um 
in einem solchen Fall bei Notwendigkeit einer Befragung nicht nur die Wahl zwi-
schen – vielleicht voreiliger – Eröffnung der Strafverfolgung oder einer Einvernah-
me der betreffenden Person als Zeuge zu haben. Letzteres würde die Person, soll-
te sie wirklich Täter sein, in ein arges Dilemma treiben, nämlich wahrheitsgetreu 
auszusagen und sich damit selber zu belasten oder wissentlich falsches Zeugnis 
abzulegen. Um diese Schwierigkeit zu lösen, drängte sich die Schaffung einer Fi-
gur gewissermassen «zwischen den Fronten» auf, was mit der Auskunftsperson 
geschah. Diese wurde, musste sie befragt werden, zwar zur Wahrheit ermahnt, war 
aber nicht verpflichtet auszusagen, was ihr mitzuteilen war (Art. 125 aStrV; AE-
SCHLIMANN, Einführung in das Strafprozessrecht, Spiez 1996, N. 621 f.). War sie 
zur Aussage bereit, waren die Bestimmungen über Zeugen – mit Ausnahme des 
unbegründeten Aussageverweigerungsrechts – sinngemäss anwendbar (Art. 122 
aStrV, Art. 125 Abs. 2 aStrV; AESCHLIMANN, Einführung in das Strafprozessrecht, 
Spiez 1996, N. 909; vgl. zum Ganzen MAURER, Das bernische Strafverfahren, 2. 
Aufl. 2003, S. 227 f.). Die damalige bernische Praxis war sich des Konflikts, dem 
eine Auskunftsperson als verdächtige Person ausgesetzt ist, durchaus bewusst. 
Dennoch war gerade für die verdächtige Person die Figur der Auskunftsperson 
vorgesehen.

Im vorliegenden Fall wurde am 26.10.2010 ein Strafverfahren gegen unbekannte 
Täterschaft eröffnet (vgl. pag. 1). Es lag noch keine Strafuntersuchung gegen die 
Beschuldigte vor. Dementsprechend konnte die Beschuldigte nach damaligem 
Recht noch nicht als angeschuldigte Person einvernommen werden. Dass zum 
damaligen Zeitpunkt noch keine Strafuntersuchung gegen die Beschuldigte eröffnet 
worden war, erstaunt nicht, zumal sowohl die Beschuldigte als auch D.________ in 
ihren Einvernahmen an der Dritttäterschaft festhielten und ausführten, eine harmo-
nische Beziehung und unmittelbar vor der Tat ein gutes Gespräch geführt zu ha-
ben. Zwar hatten die befragenden Polizisten offensichtlich Zweifel an der Version 
des Dritttäters (vgl. pag. 212, Z. 29 ff.; pag. 213, Z. 18 ff.; pag. 214, Z. 9; pag. 219, 
Z. 1 ff.; pag. 219, Z. 19 ff.; pag. 219, Z. 32 ff.). Allerdings blieb D.________ bei ih-
ren Einvernahmen dabei, die Beschuldigte sei nicht die Täterin. Die Beschuldigte 
selbst sprach von einer dritten männlichen Person, welche D.________ angegriffen 
habe. Sie gab sogar ein detailliertes Signalement vom angeblichen Täter ab 
(pag. 212, Z. 37 ff.). Erst zum Schluss ihrer polizeilichen Einvernahme vom 
28.10.2010, sagte sie unter Tränen aus, sie glaube es [die Täterin zu sein] zwar 
nicht, aber sie wolle mit ihrem Psychiater noch über Borderline sprechen – viel-
leicht bilde sie sich den unbekannten Täter ja nur ein (pag. 214, Z. 18 ff.). Bei der 
nächsten Einvernahme sprach sie wieder von einem unbekannten Täter – an Bor-
derline leide sie nicht (pag. 216, Z. 20 ff.; pag. 216, Z. 30 ff. – sie sei sich ganz si-
cher, dass der unbekannte Täter existiere). Insgesamt waren die Aussagen der 
Beschuldigten und von D.________ damit auf eine Dritttäterschaft gerichtet. Die 
Fragen der Polizisten zielten denn auch in weiten Teilen auf den unbekannten Dritt-
täter. Hinzu kam, dass die Beschuldigte die Leistungen der Opferhilfe in Anspruch 
nahm und nach wie vor in einer Beziehung mit D.________ lebte. Objektive Be-

11

weismittel, welche die Zweifel der ermittelnden Polizisten untermauert hätten, lagen 
zum Zeitpunkt der polizeilichen Einvernahmen der Beschuldigten noch nicht vor. 
Denn die die Beschuldigte belastenden Beweismittel, wonach keine Spuren eines 
Dritten in den Räumlichkeiten gefunden werden konnten, wurden erst am 
11.1.2011, 16.2.2011 bzw.10.6.2014 erstellt bzw. bekannt (KTD-Rapport mit Blut-
spurenauswertung am Boden und DNA der Beschuldigten am Messergriff, pag. 47 
ff. sowie Auswertung Blutspur bei Sofa, pag. 105 ff.; pag. 110 ff.). Das IRM-
Gutachten betreffend die Beschuldigte wurde ebenfalls erst nach den beiden poli-
zeilichen Einvernahmen, am 15.12.2010 (Eingang beim Untersuchungsrichter 
16.12.2010), erstellt (pag. 131 ff.). Folglich ist unter damaligem Recht nicht zu be-
anstanden, dass gegen die Beschuldigte noch kein Verfahren als beschuldigte 
Person eröffnet bzw. dass sie anfänglich zwei Mal als Auskunftsperson einver-
nommen wurde. Aus der Befragung als Auskunftsperson ist ihr aufgrund des un-
eingeschränkten Aussageverweigerungsrechts denn auch kein Rechtsnachteil er-
wachsen. Bestandteil der Rechtbelehrung nach Art. 208 Abs. 2 aStrV war der Ver-
weis auf Art. 125 Abs. 1 aStrV, wonach eine Auskunftsperson nicht zur Aussage 
verpflichtet war. Eine entsprechend Belehrung ist bei beiden fraglichen Einvernah-
men erfolgt. Die Beschuldigte wurde mit Verweis auf Art. 208 Abs. 2 aStrV darauf 
hingewiesen, nicht zur Aussage verpflichtet zu sein. 

Für die Kammer ist letztlich weder eine Verletzung der BV noch der EMRK ersicht-
lich, weshalb die Einvernahmen der Beschuldigten als Auskunftsperson nicht zu 
beanstanden sind.

7.3 Zur Belehrung von D.________ nach Art. 208 Abs. 2 aStrV

Die Polizei hatte nach aStrV den zu befragenden Auskunftspersonen ausdrücklich 
zu sagen, sie hätten das Recht, die Aussage zu verweigern (Art. 208 Abs. 2 aStrV; 
AESCHLIMANN, Einführung in das Strafprozessrecht, Spiez 1996, N. 510 und 
N. 1240). Die von der Polizei bei Einvernahmen zu beachtende Belehrung nach 
Art. 208 Abs. 2 aStrV lautete wie folgt: «Artikel 56 ist auch bei polizeilichen Befra-
gungen zu beachten, ebenso das Schweigerecht von Auskunftspersonen (Art. 125) 
und von Personen, die ein Zeugnis- oder Auskunftsverweigerungsrecht geltend 
machen. Personen, die einer strafbaren Handlung verdächtigt werden, sind auf ihr 
Aussageverweigerungsrecht aufmerksam zu machen. Überdies können die zu be-
fragenden Personen erklären, dass sie nur bereit sind, vor der Untersuchungs-
behörde auszusagen. Die betreffenden Personen sind vor ihrer Befragung über 
diese Befugnisse zu belehren.»

Im Einvernahmeprotokoll vom 29.10.2010 (sowie in den weiteren polizeilichen Ein-
vernahmeprotokollen) wurde die entsprechende Belehrung wie folgt erwähnt: «Ich 
bin über meine Rechte gemäss Art. 208 Abs. 2 StrV belehrt worden und erkläre 
mich bereit, vor der Polizei auszusagen» (pag. 182, Z. 8 f.). Es sind keine Hinweise 
vorhanden, wonach D.________ nicht entsprechend belehrt und auf ihr Aussage-
verweigerungsrecht hingewiesen worden wäre. Die Belehrung nach Art. 208 Abs. 2 
aStrV wurde standardmässig zu Beginn der Einvernahme gemacht und praxis-
gemäss in der fraglichen Formulierung protokolliert. D.________ las das Protokoll 
selbständig durch und bestätigte sämtliche Aussagen mit ihrer Unterschrift 
(pag. 192, Z. 12 f.). Folglich bestätigte sie eigenhändig, nach Art. 208 Abs. 2 aStrV 

12

belehrt worden und bereit gewesen zu sein, vor der Polizei Aussagen zu machen. 
Die Belehrung ist nicht zu beanstanden. Dies gilt umso mehr, als erstmals vor Bun-
desgericht geltend gemacht wurde, D.________ sei nicht korrekt belehrt worden 
(pag. 680, N. 94). Entsprechendes wurde weder von der Verteidigung der Beschul-
digten (wobei vom Bundesgericht festgehalten wurde, es habe sich nicht um eine 
ungenügende Verteidigung gehandelt, pag. 715 ff.; vgl. Urteil des Bundesgerichts 
6B_307/2016 vom 17.6.2016 E. 2 ff.) noch von der damaligen Vertretung von 
D.________, Fürsprecher J.________, geltend gemacht. 

7.4 Zur Täuschung von D.________

D.________ wurde in der Einvernahme vom 29.10.2010 folgender Vorhalt ge-
macht: «Frau A.________ behauptet, sie hätten Ihnen im Massageraum ein Mes-
ser aus der Hand weggenommen, dann hätten Sie es ihr wieder abgenommen. Es 
habe zwischen ihnen ein heftiges Gerangel um dieses Messer stattgefunden. Sie, 
Frau A.________, habe Angst gekriegt und sei in Panik geraten. Ihretwegen hätten 
Sie sich wahrscheinlich noch zusätzliche Schnittverletzungen zugezogen» 
(pag. 188, Z. 11 ff.). Daraufhin wurde ihr die Frage gestellt, ob sie sich an eine sol-
che Situation erinnern könne. D.________ antwortete, dies sei möglich (pag. 188, 
Z. 17 ff.). Wenige Fragen später wurde sie erneut gefragt, ob es sich um einen Fall 
von häuslicher Gewalt handle (pag. 188, Z. 42 f.) bzw. ob das Gespräch einen 
Streit entfacht habe (pag. 189, Z. 17). Danach folgte die Frage: «Falls Sie Ihre 
Partnerin in Schutz nehmen wollen, sollten sie bedenken, dass Sie sich einer wei-
teren Gefahr aussetzen, wenn Sie jetzt versuchen, zum Alltag überzugehen. Eines 
Tages könnte noch Schlimmeres passieren. Es müssten Gegenmassnahmen ge-
troffen werden. Möchten Sie dazu etwas sagen?» (pag. 189, Z. 21 ff.) – woraufhin 
D.________ antwortete: «Wenn A.________ das so beschreibt, muss es wohl so 
gewesen sein, dass dieser Vorfall nur unter uns zweien geschah» (pag. 189, Z. 26 
f.). 

Die Beschuldigte gab in ihrer Einvernahme vom 28.10.2010 effektiv die 
D.________ vorgehaltene Aussage zu Protokoll (pag. 209, Z. 5 ff.; pag. 210, Z. 10 
ff.; pag. 212, Z. 5 ff.; pag. 213, Z. 38 ff.). Die letzte – von der Verteidigung als auf 
täuschendes Verhalten zurückzuführende – Aussage von D.________ ist auch 
nicht aus dem Kontext gerissen. Ihre Aussage bezieht sich eindeutig auf den nur 
wenige Fragen zuvor erfolgten Vorhalt. Es kann nicht von einem täuschenden Ver-
halten oder fehlender Protokollierung gesprochen werden. Denn bei Durchsicht der 
polizeilichen Protokolle entsteht generell der Eindruck, dass äusserst gründlich und 
ausführlich protokolliert wurde. So wurden durch die befragenden Polizisten auch 
heiklere Fragen offen protokolliert (vgl. pag. 187, Z. 18 – bzw. bei der Beschuldig-
ten pag. 213, Z. 18 ff.; pag. 214, Z. 9; pag. 219, Z. 4 ff.; pag. 219, Z. 19 ff.; 
pag. 219, Z. 32 ff.). 

7.5 Zum Recht auf Konfrontation der Beschuldigten mit den Belastungszeugen

Die parteiöffentlichen, staatsanwaltschaftlichen Einvernahmen von K.________ 
(Rettungssanitäter, pag. 238 ff.), L.________ (Rettungssanitäterin, pag. 244 ff.), 
M.________ (Polizist, pag. 272 ff.) und G.________ (Praxisassistentin, pag. 259 ff.) 
sind sowohl in Anwesenheit der Verteidigung der Beschuldigten (Fürsprecher 

13

C.________) als auch in Anwesenheit des damaligen Vertreters von D.________ 
(Fürsprecher J.________) erfolgt. Die Beschuldigte nahm an den Einvernahmen 
nicht persönlich teil. Einzig bei der oberinstanzlichen Einvernahme von 
G.________ (pag. 824 ff.) war die Beschuldigte persönlich anwesend. 

Rechtsanwalt B.________ verwies auf das Urteil des Bundesgerichts 6B_98/2014 
vom 30.9.2014, wonach eine förmliche und unzweideutige Verzichtserklärung der 
Beschuldigten auf ihre Teilnahme vorliegen müsse, damit die Einvernahme trotz 
Abwesenheit der Beschuldigten verwertbar sei. In diesem Zusammenhang ist das 
neuere Urteil des Bundesgerichts 6B_16/2015 vom 12.3.2015 zu beachten, worin 
ausdrücklich festgehalten wurde, dass es neben der schriftlichen Mitteilung an den 
Verteidiger keiner separaten, persönlichen «Vorladung» der Beschuldigten bedürfe. 
Die persönliche Teilnahme der beschuldigten Person an Beweiserhebungen und 
Einvernahmen sei fakultativ (E. 1.4.2).

Die Kammer sieht keinen Grund von der Rechtsprechung des Bundesgerichts im 
Urteil 6B_16/2015 abzuweichen. Insbesondere besteht zwischen den beiden er-
wähnten Bundesgerichtsurteilen kein unlösbarer Widerspruch, im Urteil vom 
30.9.2014 wurde die hier interessierende Frage nämlich letztlich offen gelassen. 

Vorliegend wurde der damalige Verteidiger der Beschuldigten im Vorfeld über die 
Einvernahmen der Zeugen informiert. Es lag mithin in seiner anwaltlichen Pflicht, 
die Beschuldigte darüber in Kenntnis zu setzen und sie bezüglich ihrer Möglichkeit 
zur Teilnahme zu informieren. Etwas anderes ergibt sich auch nicht aus Art. 87 
StPO. Dort wird festgehalten, dass Mitteilungen an Parteien, die einen Rechtsbei-
stand bestellt haben, rechtsgültig an diesen zugestellt werden (Abs. 3). Nur wenn 
eine Partei persönlich zu erscheinen oder Verfahrenshandlungen selbst vorzuneh-
men hat, wird ihr die Mitteilung direkt zugestellt (Abs. 4). Eine persönliche Teilnah-
me der Beschuldigten an den Einvernahmen der Zeugen war gestützt auf die bun-
desgerichtliche Rechtsprechung aber eben nicht notwendig, sodass eine Mitteilung 
an den Verteidiger ausreichend war. Die Beschuldigte kann diesbezüglich nichts zu 
ihren Gunsten ableiten.

Der in Art. 6 Ziff. 3 Bst. d EMRK garantierte Anspruch der beschuldigten Person, 
den Belastungszeugen Fragen zu stellen, ist ein besonderer Aspekt des Rechts auf 
ein faires Verfahren. Eine belastende Zeugenaussage ist grundsätzlich nur ver-
wertbar, wenn die beschuldigte Person wenigstens einmal während des Verfahrens 
angemessene und hinreichende Gelegenheit hatte, das Zeugnis in Zweifel zu zie-
hen und Fragen an die Belastungszeugen zu stellen. Der konventionsrechtliche 
Konfrontationsanspruch verlangt, dass die beschuldigte Person in die Lage versetzt 
wurde, ihr Fragerecht tatsächlich auszuüben und damit die Glaubhaftigkeit einer 
Aussage in Frage stellen zu können. Dies setzt in aller Regel voraus, dass sich die 
Einvernommene in Anwesenheit der beschuldigten Person (nochmals) zur Sache 
äussert (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_839/2013 vom 28.10.2010 E. 1.4.1 f.). 
Der bei den Einvernahmen anwesenden Verteidiger konnte den Zeugen 
K.________, L.________ und M.________ Ergänzungsfragen stellen. Bei 
L.________ (pag. 248, Z. 133 ff.) und M.________ (pag. 276, Z. 150 ff.) wurde von 
diesem Recht Gebrauch gemacht. Eine persönliche Teilnahme der Beschuldigten 

14

wurde nicht beantragt bzw. die Beschuldigte nahm trotz Möglichkeit nicht teil, wes-
halb die Einvernahmen nicht zu beanstanden sind.

Die Zeugin G.________ wurde oberinstanzlich in Anwesenheit der Verteidigung 
und der Beschuldigten einvernommen (pag. 824 ff.). Dabei beschränkte sich die 
Einvernahme nicht nur auf eine formale Bestätigung der früheren Aussagen. 
G.________ wurde vielmehr erneut ausführlich zu den wesentlichen Punkten ihrer 
Wahrnehmungen befragt und sie konnte entsprechend in eigenen Worten das Er-
lebte erneut wiedergeben. Insbesondere die Aussage «si isch düredräit» gab 
G.________ zwar erst auf Nachfrage, allerdings überlegt und in eigenen Worten 
wieder (pag. 826, Z. 20 ff.). Die Verteidigung – und nicht die Beschuldigte selbst – 
stellte G.________ schliesslich noch einige Ergänzungsfragen (pag. 829, Z. 36 ff; 
pag. 830, Z. 1 ff.). Auch im Falle von G.________ wurde der Konfrontationsan-
spruch der Beschuldigten gewahrt und die Beschuldigte hatte genügend Möglich-
keiten die Glaubhaftigkeit derer Aussagen zu überprüfen und den Beweiswert in 
kontradiktorischer Weise auf die Probe und infrage zu stellen (vgl. BGE 133 I 33 
E. 2.2).

III. Sachverhalt und Beweiswürdigung

8. Zur Anklageschrift

Das Bundesgericht hat das Urteil der 2. Strafkammer des Obergerichts des Kan-
tons Bern vom 22.9.2015 vollumfänglich aufgehoben. Dem Neubeurteilungsverfah-
ren liegt die gleiche Anklageschrift wie dem ersten oberinstanzlichen Verfahren zu 
Grunde. Der Beschuldigten wird die versuchte vorsätzliche Tötung evtl. der ver-
suchte Totschlag zum Nachteil von D.________ vorgeworfen. Die Anklageschrift 
umschreibt den Sachverhalt vom 26.10.2010 wie folgt (pag. 939 f.):

Anlässlich eines verbalen und tätlichen Streits mit ihrer Lebenspartnerin D.________ in den Räum-
lichkeiten der Massageschule „N.________“ an der O.________(Strasse), ________ Bern, behändig-
te die Beschuldigte ein spitziges Messer mit Wellenschliff und einer Klingenlänge von ca. 13 cm und 
stach mehrfach auf D.________ ein, wodurch letztere mehrere Schnitt- und Stichverletzungen im 
Brust- und Bauchbereich (Perforation des Magens, knöcherne Rippenverletzung sowie Blut und Luft 
im Brustkorb rechts (Hämatopneumothorax) sowie diverse Schnittverletzungen auf der Innenseite der 
linken Hand, an der rechten Hand und auf dem Nasenrücken (mit Beteiligung des Knorpels) erlitt. 
Gemäss Gutachten des IRM vom 15.12.2010, ist die Perforation des Magens für sich alleine bereits 
als lebensbedrohende Verletzung zu qualifizieren. Die Beschuldigte sah auf Grund ihres Tatvorge-
hens den Tod von D.________ als möglich voraus und nahm diesen zumindest in Kauf.

Eventualiter versuchter Totschlag, indem sie den oben genannten Sachverhalt unter dem Eindruck 
einer heftigen entschuldbaren Gemütsbewegung (Affekt) und/oder unter grosser seelischer Belastung 
auf Grund des Streites bzw. dessen Ursprungs verwirklichte.

9. Unbestrittener Sachverhalt

Mit Blick auf den angeklagten Sachverhalt können lediglich die von D.________ er-
littenen Verletzungen, das Rahmengeschehen unmittelbar vor der Tat sowie die 

15

Abläufe im Zusammenhang mit den Interventionen von Sanität und Polizei als un-
bestritten gelten: 

Die Beschuldigte und D.________ waren seit 1997 liiert und lebten seit Februar 
2009 in einer eingetragenen Partnerschaft. Die Beschuldigte betrieb die Massage-
schule N.________ und stand in Zusatzsaubildung zur Osteopathin. D.________ 
liess sich zur Paartherapeutin ausbilden. Nachdem die Beschuldigte in der Massa-
gepraxis übernachtete, hatte sie am Morgen des 26.10.2010 einen Patienten, ver-
liess danach die Praxis und kehrte für eine weitere Patientin zurück in die Massa-
geschule. Gegen 13.00 Uhr begab sich die Beschuldigte kurz in ihren gemieteten 
Praxisraum nebenan. Sie verliess den Raum sogleich wieder, zumal die Untermie-
terin P.________ diesen noch bis ca. 13.10 Uhr beanspruchte. Die Beschuldigte 
kehrte in die Praxisräumlichkeiten des N.________ zurück, wo sich D.________ 
befand. 

G.________ nahm in der Folge Lärm bzw. Schreie wahr, begab sich vor die Mas-
sageschule N.________ und traf dort auf eine abgeschlossene Eingangstüre. Die 
stark blutende D.________ öffnete G.________ die Türe, woraufhin G.________ 
zurück in der Arztpraxis Dr. Q.________ die Sanitätspolizei Bern alarmierte. Auf 
dem Weg zurück zur Massageschule N.________ fand G.________ das Tatmes-
ser am Boden (wobei unklar ist, ob sie es direkt vor der Massageschule oder der 
Arztpraxis fand), welches sie aufhob und in der Arztpraxis deponierte. 

Kurz später kamen zwei Ambulanzteams mit je zwei Mitarbeitenden, um die Be-
schuldigte und D.________ getrennt ins Inselspital zu führen. Am Tatort befanden 
sich ferner vier Mitarbeiter der Polizei. 

Im Inselspital wurden anlässlich der körperlichen Untersuchung bei D.________ 
mehrere Schnitt- und Stichverletzungen im Brust- und Bauchbereich sowie diverse 
Schnittverletzungen auf der Innenseite der linken Hand, an der rechten Hand, am 
rechten Ohr, an der Stirn und auf dem Nasenrücken festgestellt. D.________ 
musste operativ versorgt werden und wurde danach auf der Intensivstation behal-
ten.

Bei der Beschuldigten wurden an beiden Wangen und in der äusseren Jochbein-
gegend flächenhafte Antragungen von Blut festgestellt sowie insbesondere an der 
linken Hand diverse Hautdurchtrennungen bzw. –ablösungen. Am rechten Ober-
schenkel befand sich innenseitig eine scharfe L-förmige Hautdurchtrennung (vgl. zu 
den detaillierten Verletzungsbildern der beiden Frauen Ziff. 12.2.2 f. hiernach; zum 
Ganzen vgl. pag. 485 f., S. 5 der erstinstanzlichen Entscheidbegründung).

10. Bestrittener Sachverhalt und Beweisfragen

Bestritten sind demgegenüber die Ereignisse vom 26.10.2010 ab ca. 14.00 Uhr bis 
zur Intervention der auf demselben Stock in der Arztpraxis Dr. Q.________ als me-
dizinische Praxisassistentin arbeitenden G.________ bzw. bis zu deren Meldung 
an die Sanitätspolizei um 14.12 Uhr. 

Vor dem Hintergrund der Angaben der beiden beteiligten Frauen, wonach sie von 
einer unbekannten männlichen Person überfallen und von dieser verletzt worden 

16

seien, stellen sich der Kammer die folgenden Beweisfragen (vgl. auch pag. 487, 
S. 7 der erstinstanzlichen Entscheidbegründung):

- Kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Dritttäterschaft 
ausgeschlossen werden?

- Wenn ja: Kann der Beschuldigten rechtsgenüglich nachgewiesen werden, das 
sie D.________ mit dem sichergestellten Messer attackiert und ihr die lebens-
gefährlichen Verletzungen im Brust- und Bauchbereich zugefügt hat?

- Sind Fakten erstellt, die Rückschlüsse auf die subjektive Seite, auf das Wissen 
und Wollen der Beschuldigten, allenfalls auch auf die Beweggründe zulassen?

Nach Ansicht der Kammer ist vorab zu klären, ob eine Dritttäterschaft ausge-
schlossen werden kann. Dabei sind die Beweise bzw. Indizien in ihrer Gesamtheit 
zu würdigen. Liegen keine direkten Beweise vor, ist nach der Rechtsprechung auch 
ein indirekter Beweis zulässig. Beim Indizienbeweis wird aus bestimmten Tatsa-
chen, die nicht unmittelbar rechtserheblich, aber bewiesen sind (Indizien), auf die 
zu beweisende, unmittelbar rechtserhebliche Tatsache geschlossen. Eine Mehrzahl 
von Indizien, welche für sich alleine nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf 
die Täterschaft oder die Tat hinweisen und einzeln betrachtet die Möglichkeit des 
Andersseins offen lassen, können einen Anfangsverdacht verstärken und in ihrer 
Gesamtheit ein Bild erzeugen, das bei objektiver Betrachtung keine Zweifel beste-
hen lässt, dass sich der Sachverhalt so verwirklicht hat (Urteile des Bundesgerichts 
6B_948/2016 vom 22.2.2017 E. 2.2 und 6B_217/2012 vom 20.7.2012 E. 2.2.2). 
Der Indizienbeweis ist dem direkten Beweis gleichgestellt und vollgültiger Beweis. 
Indizien sind sogar unentbehrlich zur Aufdeckung innerer Tatsachen wie des 
Vorsatzes. Es ist zulässig, aus der Gesamtheit der verschiedenen Indizien, welche 
je für sich allein betrachtet nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf eine 
bestimmte Tatsache oder Täterschaft hindeuten und insofern Zweifel offen lassen, 
auf den vollen rechtsgenügenden Beweis von Tat oder Täter zu schliessen. Der 
Indizienprozess als solcher verletzt weder die Unschuldsvermutung noch die aus 
ihr abgeleiteten Teilrechte. Der Grundsatz «in dubio pro reo» findet auf das 
einzelne Indiz keine Anwendung (Urteil des Bundesgerichts 6B_605/2016 vom 
15.9.2016 E. 2.8). 

Hat sich die Auseinandersetzung einzig zwischen der Beschuldigten und 
D.________ abgespielt, muss deren Ablauf folglich nicht in allen Details bekannt 
sein, sondern nach Ansicht der Kammer einzig geklärt werden, ob die Beschuldigte 
als (Haupt-)Aggressorin zu bezeichnen ist. 

11. Vorinstanzliche Sachverhaltsfeststellung

Die Vorinstanz schloss die Version des Dritttäters aus. Allerdings kam sie zum 
Schluss, aufgrund der vorhandenen Beweismittel, namentlich der objektiven Be-
funde des Kriminaltechnischen Dienstes (KTD) und des Instituts für Rechtsmedizin 
(IRM), lasse sich ein ausschliesslich durch die Beschuldigte provozierter und aus-
geführter Angriff mit Tötungsvorsatz nicht mit der nötigen Klarheit nachweisen. Die 
Vorinstanz hielt eine wechselseitige Provokation für mindestens ebenso wahr-
scheinlich, was nicht zuletzt die beidseitig erlittenen schweren Verletzungen, das 

17

Hantieren beider Frauen mit dem Tatmesser und auch das beidseitig auffällige 
Nachtatverhalten nahelege. Der mutmassliche Ablauf und insbesondere ein 
Tötungsvorsatz der Beschuldigten sei unter diesen Umständen nicht rechtsgenü-
gend nachzuweisen. Verschiedene Alternativgeschehen, in welchen D.________ 
nicht nur die Rolle eines Opfers innegehabt habe, seien mehr als nur theoretisch 
denkbar (vgl. pag. 485, S. 5 und pag. 519 f., S. 39 f. der erstinstanzlichen Ent-
scheidbegründung).

12. Würdigung durch die Kammer

12.1 Vorbemerkungen zu den Ermittlungshandlungen

Die Verteidigung rügte die Vorgehensweise der ermittelnden Behörden in der vor-
liegenden Strafuntersuchung. Man habe das Tatmesser und den Tatort nicht 
gründlich untersucht. So habe man beim Tatmesser einzig Blutspuren und keine 
DNA-Abriebe entnommen. Aus diesem Grund könne man nichts zur Täterschaft 
ableiten bzw. die Dritttäterschaft nicht beweisen. Man sei auch dem Hinweis von 
Sanitäterin L.________ [recte: K.________] nicht nachgegangen, wonach sie [rec-
te: er] am Boden Barfussspuren gesehen habe (pag. 863 f.). 

Die Verteidigung verkennt bei ihrer Argumentation die Methodik der kriminaltechni-
schen Untersuchung des KTD. Es ist gerichtsnotorisch, dass der KTD bei den kri-
minaltechnischen Untersuchungen die Tatorte und Tatwaffen auf alle möglichen 
Spuren überprüft. Festgehalten werden einzig die positiven Befunde. Steht im KTD-
Bericht, es seien Blutspuren untersucht worden, so wurde sowohl nach Fingerab-
drücken, Haaren, DNA-Abrieben etc. gesucht, solche allerdings nicht gefunden. Ein 
Bericht über die erfolglose Suche weiterer Spuren erfolgt praxisgemäss nicht.

Die Verteidigung geht folglich fehl in der Annahme, der KTD habe am Tatmesser 
nur nach Blutspuren gesucht. Aus dem Umstand, dass keine männliche DNA-
Komponente auf dem Tatmesser festgestellt werden konnte, kann nicht auf eine 
mangelhafte Ermittlungsarbeit geschlossen werden. Hätte eine männliche Person 
ohne Handschuhe zu tragen und ohne anschliessende Reinigung der Tatwaffe, 
diese am Griff grossflächig berührt, hätte sich die männliche DNA (durch Schweiss, 
DNA-Abriebe o.a.) mit dem asservierten Blut vermischt. Zumindest eine männliche 
DNA-Nebenkomponente oder ein Mischprofil hätte vom KTD gefunden werden 
müssen. Zwar wurde die DNA von G.________ effektiv nicht am Tatmesser gefun-
den. Allerdings berührte sie nach eigenen Angaben das Messer ganz hinten mit nur 
zwei Fingern (pag. 250, Z. 27). Deshalb erstaunt nicht, dass ihre DNA nicht am 
Griff nachgewiesen wurde, zumal sie den Griff – nicht wie ein Täter, der mehrmals 
zusticht – grossflächig berührte. 

Auch aus der Tatortuntersuchung lässt sich keine mangelhafte Vorgehensweise 
des KTD ableiten. Der Tatort zeigte grossflächige Blutanhaftungen im Massage-
zimmer, dem Korridor und dem Vorraum der Massageschule N.________. Der 
KTD selbst führte aus, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass allfällige wei-
tere Spuren durch die grossflächigen Blutanhaftungen überdeckt worden seien und 
weitere Schuhspuren auf dem Plattenboden nicht festgestellt werden konnten (vgl. 
pag. 111). Das Argument der Verteidigung – aufgrund der Aussage von 
K.________ seien Barfussspuren am Tatort zu sehen gewesen, die der KTD nicht 

18

gefunden bzw. untersucht habe – ist nicht stichhaltig. «Barfuss» bedeutet «mit 
blossen Füssen» und wird im Kanton Bern umgangssprachlich auch als «ohne 
Schuhe» verstanden. K.________ gab an, beide Frauen hätten Schuhe getragen 
(was falsch ist – zumal lediglich die Beschuldigte durchgehend Schuhe trug, vgl. 
pag. 51) und er habe Barfussspuren gesehen, die von der Türe her in den Raum 
hinein gegangen seien (pag. 242, Z. 141 f.; pag. 241, Z. 128). Sowohl auf dem Si-
tuationsplan (pag. 43/44) als auch auf der Fotodokumentation des KTD (pag. 72 f.) 
sind die Sockenspuren von D.________ ersichtlich – diese gingen effektiv von der 
Eingangstüre Richtung Massagezimmer. Auf der Fotodokumentation vom Tatort 
können keine Spuren von nackten Füssen festgestellt werden. K.________ muss 
mit «barfuss» folglich «ohne Schuhe» gemeint haben, zumal ausgeschlossen wer-
den kann, dass er Spuren gesehen hat, die weder dem KTD aufgefallen noch auf 
der Fotodokumentation ersichtlich sind.

Letztlich sind DNA-Spuren entgegen den Aussagen der Verteidigung nicht nur kur-
ze Zeit nachweisbar. Bei guter Witterung – namentlich bei trockenen Verhältnissen 
und nicht übermässig hohen Temperaturen (z.B. bei Raumtemperaturen) – kann 
die DNA jahrelang nachgewiesen werden.

Die Fachleute des KTD haben die Spuren korrekt und sachgerecht erhoben. Auf 
die in den KTD-Berichten gemachten objektiven Feststellungen kann die Kammer 
abstellen. 

12.2 Zu den objektiven Beweismittel

12.2.1 Zu den sichergestellten Materialien und Spuren

Die Dokumentation des KTD besteht aus diversen Unterlagen (pag. 42 ff.; Situati-
onsplan, pag. 43 f.; Bericht/Rapport des KTD, pag. 48 ff.; Material- und Spurenver-
zeichnis, pag. 52 ff.; Fotos vom Tatort, pag. 68 ff.; Fotoaufnahmen der verletzten 
Beschuldigten, pag. 83 ff.; Fotoaufnahmen der verletzten D.________, pag. 90 ff.; 
Atelieraufnahmen, pag. 102 ff.). Was die ausführliche Wiedergabe der relevanten 
objektiven Beweismittel anbelangt, kann vollumfänglich auf die Erwägungen der 
Vorinstanz verwiesen werden (pag. 490 ff., S. 10 ff. der erstinstanzlichen Ent-
scheidbegründung). 

Für die Kammer sind vorliegend insbesondere die folgenden objektiven Beweismit-
tel von Bedeutung (die objektiven Beweismittel im Zusammenhang mit den Verlet-
zungsbildern der Beschuldigen und D.________ werden unter Ziff. 12.2.2 f. hier-
nach erwähnt und gewürdigt):

- Am Tatort wurde eine veränderte Situation vorgefunden. Die Eingangstüre war 
geöffnet. Im Eingangsbereich/Empfangsbereich, im Korridor bis zum Massage-
raum sowie in diesem Raum selbst befanden sich am Boden wie an den Wän-
den zahlreiche Blutanhaftungen (pag. 45; pag. 48);

- Im Massagezimmer sind sowohl im unmittelbaren Eingangsbereich (pag. 74), 
auf der linken Seite des Massagetischs (pag. 75), auf und neben dem Sofa so-
wie an der Wand links neben dem Sofa (pag. 77 ff.) Blutspritzer zu sehen;

19

- Sowohl im Massagezimmer als auch im Korridor und Eingangsbereich liessen 
sich im Blut lediglich die Schuh- bzw. Sockenspuren (Eindruckspuren im Blut) 
der beiden beteiligten Frauen finden (pag. 51; pag. 111);

- Zwei Schuhsohlenabdrücke von nassen Schuhen, konnten der tatortberechtig-
ten R.________, Sanitätspolizei, zugeordnet werden (pag. 51; pag. 111);

- Der KTD konnte aufgrund der erwähnten Schuhspuren die mögliche Anwesen-
heit einer weiteren Person nicht ausschliessen (allfällige weitere Spuren könn-
ten durch die grossflächigen Blutanhaftungen am Boden überdeckt worden 
sein; pag. 111);

- Die festgestellten Blutspritzer im Massagezimmer, an der Wand links neben 
dem Sofa stammen ausschliesslich von D.________ (pag. 106) und deuten 
aufgrund der Lage und der Form des Blutspurenbildes auf ein linkshändig ge-
führtes Tatmesser hin. Die Spritzrichtung des Blutes dürfte beim Aufziehen mit 
dem Messer nach einem Stich entstanden sein (pag. 51);

- An der Klinge des Tatmessers – einem Brotmesser mit einer Grifflänge von 120 
mm und einer Klingenlänge von 134 mm – konnte vorne, mittig und hinten die 
DNA von D.________ festgestellt werden (pag. 49 f.). Am Messergriff vorne 
und hinten wurde ein DNA-Mischprofil festgestellt, bei welchem die DNA von 
D.________ und der Beschuldigten jeweils komplett vorhanden war. Zusätzli-
che DNA-Merkmale waren nicht vorhanden (pag. 50);

- Am Türstopper (1.3 kg), welcher im Massageraum auf dem Fussboden neben 
dem Massagetisch fensterseitig gefunden wurde (pag. 53), konnte ein DNA-
Mischprofil festgestellt werden. Die Hauptkomponente des erhaltenen DNA-
Mischprofils stammt von zwei Personen. Die Merkmale von D.________ und 
der Beschuldigten waren komplett vorhanden. Als Nebenkomponente war in 
sehr geringer Menge die DNA von einer männlichen Person vorhanden 
(pag. 50);

- Zwei künstliche Fingernägel wurden im Massagezimmer am Boden fenstersei-
tig neben dem Massagetisch und neben dem Türstopper gefunden (pag. 53; 
pag. 76);

- Ein silberner Fingerring wurde im Massagezimmer am Boden vor dem Sofa ge-
funden (pag. 53; pag. 78).

Der KTD zog aus den sichergestellten Materialien und Spuren folgende Schlüsse 
(pag. 51; pag. 111):

- Über den genauen Tatablauf könnten aus spurentechnischer Sicht keine Anga-
ben gemacht werden;

- Gestützt auf das Blutspurenbild dürfte sich der Tatvorgang hauptsächlich im 
Massagezimmer abgespielt haben;

- Aufgrund der Schuh- bzw. Sockenspuren sowie der Blutspuren dürften die Be-
teiligten im blutenden Zustand mehrfach zwischen Massagezimmer und Ein-
gangsbereich hin und her gegangen sein;

20

- Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass allfällige weitere Spuren durch 
die grossflächigen Blutanhaftungen am Boden überdeckt worden seien – in Be-
zug auf die Schuhspuren könne eine mögliche Anwesenheit einer weiteren 
Person nicht ausgeschlossen werden;

- Es würden Hinweise für eine allfällig vorhandene Fremdeinwirkung fehlen und 
die angetroffene Situation erlaube Zweifel am geschilderten Tatablauf.

Weder aus den Fussspuren am Boden noch aus der Untersuchung des Türstop-
pers lassen sich Hinweise für oder gegen eine männliche Dritttäterschaft finden. 
Ohnehin wäre der angebliche Dritttäter nach Angaben der Beschuldigten aus der 
Massageschule geflohen, bevor die beiden Frauen zur Eingangstür gelangten. Sei-
ne Spuren – hätte er denn welche hinterlassen – wären folglich durch die gross-
flächigen Blutanhaftungen am Boden überdeckt worden. Wie bereits erwähnt kann 
zudem ausgeschlossen werden, dass es am Tatort Spuren von nackten Füssen 
hatte. Es bleibt fraglich, was die Verteidigung daraus hätte ableiten wollen, zumal 
der angebliche Dritttäter die nackten Fussspuren nicht in das Blut hätte eindrücken 
können (wenn überhaupt, verliess er die Massageschule vorher und kam nicht 
zurück). 

Die geringe männliche DNA-Nebenkomponente am Türstopper liefert ebenfalls 
keine Hinweise auf eine allfällige Dritttäterschaft, zumal daraus einzig abgeleitet 
werden kann, dass eine männliche Person vor der Tat – möglicherweise bereits 
Monate zuvor – mit dem Türstopper in Berührung kam. 

Die Blutspuren am Tatmesser beweisen ferner nur, dass sowohl die Beschuldigte 
als auch D.________ damit in Kontakt kamen. Hinweise auf eine mögliche Täter-
schaft ergeben sich daraus nicht. An der Klinge des Messers wurden einzig die 
DNA-Spuren von D.________ gefunden – dies lässt sich mit dem grösseren Aus-
mass ihrer Verletzungen (vgl. nachfolgende Ausführungen unter Ziff. 12.2.3 hier-
nach) erklären und lässt ebenfalls keinen eindeutigen Schluss auf die Täterschaft 
zu.

Aus dem Spurenbild im Massagezimmer ergibt sich allerdings ein deutlicheres Bild. 
Gemäss KTD (und den Aussagen der beteiligten Frauen) handelt es sich um den 
Hauptort des Geschehens. Es handelt sich zwar um einen relativ kleinen Raum, al-
lerdings ist dieser spärlich eingerichtet und es kann nicht von besonders engen 
Verhältnissen die Rede sein. Auf der Massageliege und auf deren rechten Seite 
(fensterseitig) sind keine Blutspritzer oder –tropfen zu finden. Zudem befinden sich 
unmittelbar vor, neben und auf dem Sofa grössere Blutanhaftungen. Gemäss KTD 
sind die Blutspritzer an der Wand links neben dem Sofa auf ein linkshändig geführ-
tes Messer durch dessen Aufziehen nach einem Stich zurückzuführen. Entspre-
chend muss zumindest ein wesentlicher Teil des Tatgeschehens beim Sofa stattge-
funden haben. D.________ wurde dort mit mindestens einem Messerstich verletzt. 
Anders lassen sich die Blutspuren beim Sofa – insbesondere der Blutspritzer an 
der Wand – nicht erklären. Aufgrund der Dichte der Blutspuren im Zimmer kann die 
Massageliege als Haupttatort ausgeschlossen werden. 

21

Auffällig sind ferner die künstlichen Fingernägel der Beschuldigten, welche sich 
unmittelbar neben dem Türstopper auf der rechten Seite der Massageliege (fens-
terseitig) befanden.

12.2.2 Zu den Verletzungen der Beschuldigten

Die Sachverständigen haben sich eingehend und sorgfältig mit den sich stellenden 
relevanten Fragen auseinandergesetzt. Die Arztberichte, das Gutachten und die 
Aussagen von Dr. med. H.________ sind schlüssig und nachvollziehbar. Die 
Kammer sieht keinen Anlass, nicht darauf abzustellen. Für die Kammer sind fol-
gende Erkenntnisse von besonderer Bedeutung:

Die Beschuldigte wurde am 26.10.2010, um 16.00 Uhr und damit kurz nach dem 
fraglichen Vorfall im Notfall des Inselspitals (u.a. von Dr. S.________) untersucht. 
Im Protokoll der ersten Untersuchung wurde festgehalten, die Beschuldigte habe 
keine Amnesie gehabt, die zeitliche und örtliche Orientierung sei erhalten gewesen, 
das Bewusstsein klar, ihr Verhalten und ihre allgemeinen Symptome seien un-
auffällig gewesen. Die Stimmung wurde als aufgelöst umschrieben. Ein Beeinträch-
tigungsgrad habe nicht vorgelegen (pag. 137).

Bei der Beschuldigten wurde anlässlich der Untersuchung durch das IRM neben 
flächenhaften Antragungen von vertrocknetem Blut an beiden Wangen und der 
äusseren Jochbeingegend an der linken Hand eine quer über die Schwimmfalte 
verlaufende, ca. 1 cm messende Hautdurchtrennung mit scharfen Wundrändern 
und angedeutet spitzen Wundwinkeln gefunden. Am innenseitigen Grundgelenk 
des linken Zeigefingers befand sich eine etwa 0.5 cm lange tangentiale Oberhauta-
blösung mit angedeutet scharfen Wundrändern. Im Bereich der Fingerkuppen bzw. 
der Fingernägel beider Hände befand sich vertrocknetes Blut und die aufgeklebten 
Fingernägel des linken Zeigefingers sowie des rechten Daumens, des Mittelfingers 
und des kleinen Fingers fehlten. Am rechten Oberschenkel innenseitig, etwa auf 
halber Höhe zwischen Hüftgelenk und Kniegelenk, war eine schräg von oben in 
Richtung Oberschenkel-Vorderseite unten ziehende scharfe L-förmige Hautdurch-
trennung mit teilweise zackigen Wundrändern zu finden. Ansonsten konnten keine 
Verletzungen festgestellt werden (pag. 132). 

Die Verletzungen an der linken Hand sowie am rechten Oberschenkel der Be-
schuldigten wurden als durch Einwirken von scharfer Gewalt verursacht beurteilt. 
Aufgrund der Lokalisation der Verletzungen sei eine Selbstbeibringung durchaus 
möglich. Bei der an der linken Hand gefundenen Verletzung sei denkbar, dass die-
se durch ein Abrutschen über Schneide- bzw. Klingenrücken, beim Halten bzw. Zu-
stechen mit einem Messer, entstanden sei. Bei der am rechten Oberschenkel ge-
fundenen Verletzung handle es sich aufgrund der Wundverhältnisse am ehesten 
um eine Stich-Schnitt-Verletzung. Diese könne im Zuge einer körperlichen Ausein-
andersetzung, z.B. als Selbstverletzung beim schwungvollen Zustechen von Oben 
nach Unten auf eine Drittperson, entstanden sein. Derartige Verletzungsbilder 
könnten als Selbstverletzungen bei Metzgern beim Ausweiden von Innereien beob-
achtet werden. Die Verletzungen würden in der Regel folgenlos abheilen 
(pag. 133).

22

Dr. med. H.________ bestätigte bei seiner oberinstanzlichen Einvernahme die Be-
funde (pag. 832, Z. 18). Die Beschuldigte sei bei der Untersuchung vom 
26.10.2010 orientiert und in gutem Zustand gewesen. Ihre Formulierungen seien 
klar gewesen und sie habe gut mitgemacht (pag. 832, Z. 36 ff.). Zu den Verletzun-
gen der Beschuldigten präzisierte er, aufgrund der Kombination der beiden Verlet-
zungen an der linken Hand und dem rechten Oberschenkel, sei man zur Interpreta-
tion von Selbstverletzungen gekommen. Für sich alleine gesehen könne man die 
Verletzungen auch anders interpretieren (pag. 835, Z. 6 ff.; pag. 838, Z. 27 ff.). In 
Kombination würden die beiden Verletzungen zu einem aktiven Zustechen, mit un-
glücklicher Messerführung passen (pag. 835, Z. 32 ff.) bzw. seien die Verletzungen 
richtungsweisend für eine Selbstverletzung (pag. 838, Z. 23 ff.). Es seien keine ty-
pischen Borderline Verletzungen (pag. 835, Z. 5) und Abwehrverletzungen sehe 
man nicht immer (pag. 835, Z. 32). Auf Vorhalt der Aussage der Beschuldigten, der 
Täter (ca. 180 cm) habe sie (ca. 165 cm), als sie ihn von hinten festgehalten habe, 
ins Bein gestochen, führte Dr. med. H.________ aus, das sei nicht auszuschlies-
sen. Man habe nur die Information, dass es sich um scharfe Gewalt handle. Die 
Muskulatur am Oberschenkel sei mobil, daher sei es schwierig eine konkrete Rich-
tung anzugeben (pag. 835, Z. 20 ff.).

Aus den Verletzungen der Beschuldigten lässt sich kein definitives Bild über den 
Tatablauf oder die Täterrolle ableiten. Auffällig bleibt, dass die Kombination der von 
der Beschuldigten erlittenen Verletzung an der linken Hand und am rechten Ober-
schenkel als Selbstverletzung nach schwungvollem Zustechen beurteilt wurde. Im 
Vergleich zu D.________ (vgl. nachfolgende Ausführungen unter Ziff. 12.2.3 hier-
nach) hatte die Beschuldigte ferner deutlich leichtere Verletzungen. Abwehrverlet-
zungen waren bei ihr keine auffindbar. Im Arztbericht (die erste Untersuchung er-
folgte nur rund 2 Stunden nach der Tat) und im IRM-Gutachten lassen sich ferner 
keine Hinweise dafür finden, dass die Beschuldigte an einer Einschränkung der 
Wahrnehmungsfähigkeit oder Ähnlichem gelitten hätte oder dass sie unter einem 
Schock gestanden wäre. 

12.2.3 Zu den Verletzungen von D.________

D.________ wurde am 26.10.2010 (Eintritt 14.40 Uhr, pag. 160) erstmals in der 
Notfallstation des Inselspitals untersucht (u.a. durch Dr. T.________). Auch bei ihr 
konnte keine Amnesie festgestellt werden. Ihre zeitliche und örtliche Orientierung 
sei erhalten gewesen sowie ihr Bewusstsein klar. Ihr Verhalten wurde als ängstlich 
und ihre Stimmung als unauffällig umschrieben (pag. 130). Ihr Kreislauf war durch-
gehend stabil (pag. 161).

Dr. med. H.________ gab in seiner oberinstanzlichen Einvernahme an, 
D.________ habe auf der Notfallstation der Insel einen GTS von 15 gehabt. Das 
sei das Maximum der Skala zur Bewertung des Bewusstseins (pag. 836, Z. 38 ff.; 
vgl. auch Bericht des Inselspitals vom 26.10.2010 der Untersuchung um 14.40 Uhr, 
pag. 160). Ferner sei sie durch den Schlag an ihre rechte Wange eher nicht be-
wusstlos geworden (pag. 834, Z. 38). Man müsse aber nicht unbedingt etwas se-
hen, wenn man bewusstlos geworden sei (pag. 838, Z. 5 ff.).

23

Gemäss IRM-Bericht vom 15.12.2010 seien der Fotodokumentation des chirurgi-
schen Notfalls des Inselspitals Bern vom 26.10.2010 (pag. 162) im Brust- und 
Bauchbereich insgesamt 4 abgrenzbare Hautwunden, deren Wundränder scharf 
erscheinen, zu entnehmen. Zudem seien auf dem Foto der linken Hand, mehrere 
scharfe Hautdurchtrennungen ersichtlich (von der rechten Hand sei kein Foto vor-
handen). D.________ habe an einer Verletzung des Magens, welche operativ 
übernäht worden sei, einer knöchernen Rippenverletzung (Durchstossung) sowie 
an Blut und Luft im Brustkorb (Hämatopneumothorax rechts) gelitten. Es sei das 
grosse Netz (Omentumpatch) befestigt worden und die an den Händen gelegenen 
Schnittwunden seien durch die Handchirurgie und plastische Chirurgie versorgt 
worden (pag. 124).

Bei der postoperativen Untersuchung durch das IRM vom 27.10.2010 (vgl. Aussa-
ge von Dr. med. H.________, pag. 832, Z. 18 ff. und vgl. KTD-Bericht, pag. 49) 
konnten bei D.________ die folgenden Verletzungen festgestellt werden: An der 
rechtsseitigen Wange, etwas unterhalb des Jochbeinbogens habe sich eine diffuse, 
blau gefärbte Hautunterblutung von etwa 4x4 cm Grösse mit gelblichem Randbe-
reich befunden. An der Stirnmitte und rechts daneben sowie am Nasenrücken sei-
en Hautabhebungen vorhanden gewesen. Am rechten Ohr oberhalb des Ohrläpp-
chens habe sich eine scharfe Hautdurchtrennung befunden. An der rechten Han-
dinnenseite sei eine mit Nahtmaterial versorgte scharfe Hautdurchtrennung (Y-
förmig, ca. 6 cm lang) und an den Beugeseiten der Finger 2 bis 5 jeweils eine etwa 
1.5 cm messende, scharfe Hautdurchtrennung, welche mit Nahtmaterial versorgt 
worden sei, zu sehen gewesen. An der Zeigefingerkuppe wies D.________ eine 
vertrocknete oberflächliche Hautdurchtrennung auf. Von der rechten Brustkorbsei-
te, beginnend unterhalb der rechten Brust, quer zur Körperlängsachse bis zur 
Brustkorbmitte habe eine mit Klammern versorgte, ca. 9 cm lange, scharfe Haut-
durchtrennung vorgelegen. Diese habe in einer in Körperlängsachse verlaufenden, 
ca. 25 cm messenden, mit Klammern versorgten scharfen Hautdurchtrennung, 
welche links um den Bauchnabel verlaufen sei, geendet. Vom oberen Teil dieser 
Hautdurchtrennung sei ein ca. 10 cm messender, kratzerartiger Hautdefekt, wel-
cher nach links unten in Richtung Rippenbogen gehe, verlaufen. Unterhalb der lin-
ken Brust habe sich zudem eine ca. 1 cm messende scharfe Hautdurchtrennung 
befunden. Etwas oberhalb des Bauchnabels, linksseitig, befand sich eine weitere 
ca. 3 cm lange, scharfe, mit Klammern versorgte Hautdurchtrennung (pag. 125). 

Die Verletzungen von D.________ wurden als durch das Einwirken von scharfer 
Gewalt bedingt beurteilt. Aufgrund der Lokalisation und der Lage der einzelnen 
Schnitte an den Handinnenflächen handle es sich am ehesten um sogenannte Ab-
wehrverletzungen. Eine Selbstbeibringung dieser Verletzungen sei möglich. Auf-
grund des Ausmasses der an der Brust und im Bauchbereich gefundenen Verlet-
zungen seien diese am ehesten Folge einer Fremdhandlung. Gestützt auf die 
Wundmorphologie handle es sich um Stich-, Schnittverletzungen. Die erlittene Per-
foration des Magens hätte ohne sofortige, medizinische Massnahme eine in der 
Regel tödliche Entzündung im Bauchraum nach sich ziehen können. Eine solche 
sei als lebensbedrohliche Verletzung zu werten. Zu etwaigen bleibenden Schäden 
aufgrund der Handverletzungen könne aus rechtsmedizinischer Sicht noch nicht 
Stellung genommen werden (pag. 126).

24

Gemäss den Aussagen von Dr. H.________ seien die Verletzungen von 
D.________ nicht typisch für Selbstverletzungen (pag. 833, Z. 27 f.; pag. 833, 
Z. 35). Die Verletzungen an den Handinnenflächen seien am ehesten Abwehrver-
letzungen (pag. 833, Z. 35 f.). Abgesehen von der Verletzung am Jochbein der 
rechten Wange, seien alle Verletzungen auf scharfe Gewalteinwirkung zurückzu-
führen (pag. 834, Z. 20 ff.). Auffällig sei, dass die Verletzungen eher an der rechten 
Seite von D.________ gewesen seien. Daher sei die Annahme möglich, der Ge-
genüberstehende sei Linkshänder gewesen – beweisen könne man das aber nicht 
(pag. 834, Z. 8 ff.). Eine wie von den Frauen geschilderte wechselseitige Ausein-
andersetzung mit dem Messer könne die Verletzungen an der Hand von 
D.________ gegebenenfalls erklären, wenn D.________ in das Messer reingegrif-
fen hätte, um es wegzunehmen (pag. 836, Z. 10 f.). Dr. med. H.________ erklärte 
ferner, wenn man einen Stich ausführe und das Messer wieder rausziehe, sei eine 
Blutansammlung zu erwarten, sofern man die Wunde nicht zuhalte (pag. 837, Z. 35 
ff.).

D.________ führte aus, die Motorik und Sensorik ihrer linken Hand sei nach wie 
vor gestört. Sie könne feine Sachen nicht mehr spüren. Sie arbeite vorwiegend am 
Computer und weil sie die Finger nicht mehr richtig strecken könne, seien die We-
ge zu den Tasten etwas länger. Sie habe sich aber daran gewöhnt (pag. 847, Z. 26 
ff.). Es muss heute davon ausgegangen werden, dass sich der Zustand von 
D.________ betreffend die Sensorik und Motorik ihrer Hand nicht mehr verbessern 
wird. Ferner seien Narben zurückgeblieben (pag. 452, Z. 21 f.).

Auch mit den Verletzungen von D.________ haben sich die Sachverständigen ein-
gehend und sorgfältig auseinandergesetzt. Aus den Befunden bei D.________ 
kann nichts Eindeutiges zur Täterschaft geschlossen werden. Augenfällig bleibt 
aber die Beurteilung des IRM, wonach die (Bauch)Verletzungen von D.________ 
am ehesten Fremdhandlungen seien und jene an den Händen am ehesten Ab-
wehrverletzungen darstellen würden. Die massiven Verletzungen von D.________ 
haben ferner zu einem Blutverlust geführt und lassen gemäss 
Dr. med. H.________ Blutspuren erwarten. In den Arztberichten (erste Untersu-
chung nur gerade rund 40 Minuten nach der Tat) und dem IRM-Gutachten sind 
keine Hinweise vorhanden, wonach D.________ zu irgendeinem Zeitpunkt an einer 
Einschränkung der Wahrnehmungsfähigkeit, einem Schock, einer akuten Belas-
tungsreaktion oder an Bewusstlosigkeit gelitten hätte. Dr. med. H.________ führte 
denn auch aus, der Schlag an die rechte Gesichtshälfte von D.________ habe eher 
nicht zu einer Bewusstlosigkeit geführt. Ein Schock im medizinischen Sinne ist da-
her unwahrscheinlich (vgl. nachfolgende Ausführungen unter Ziff. 12.3.3 hiernach).

12.3 Zu den subjektiven Beweismittel 

12.3.1 Zu den Aussagen von G.________

Von zentraler Bedeutung sind vorab die Aussagen von G.________, Medizinische 
Praxisassistentin in der Praxis Dr. med. Q.________, deren Büroräumlichkeiten 
sich auf demselben Stock wie die Massageschule N.________ befanden. Sie war 
die erste Person, welche die beiden Frauen nach dem Vorfall sah und mit ihnen 
sprach. Zuvor war sie auch Ohrenzeugin. Sie wurde zum einen am Tattag um 

25

16.00 Uhr polizeilich (pag. 249 ff.) und dann noch einmal, gut ein Jahr später, durch 
die Staatsanwaltschaft (pag. 259 ff.) befragt. Zuletzt erfolgte am 25.4.2017 eine 
oberinstanzliche Einvernahme (pag. 824 ff.). Die Aussagen von G.________ in ih-
rer polizeilichen Einvernahme vom 26.10.2010 und der staatsanwaltschaftlichen 
Einvernahme vom 4.11.2011 wurden von der Vorinstanz korrekt wiedergegeben, 
worauf verwiesen werden kann (vgl. pag. 495 ff., S. 15 ff. der erstinstanzlichen Ent-
scheidbegründung). Auf eine nochmalige Wiedergabe dieser Aussagen wird ver-
zichtet. 

Gemäss polizeilichen Nachtrag vom 27.10.2010 fand zwischen der Polizei und 
G.________ ferner am 27.10.2010 um 08.40 Uhr ein telefonischer Kontakt statt. 
Gegenüber dem befragenden Polizisten erklärte G.________ am Telefon, als sie 
das erste Mal die Praxis verlassen und an die Türe der Massagefachschule ge-
klopft habe, sei das Messer noch nicht dort (auf der Fussmatte der Praxis 
Dr. Q.________) gewesen. Es sei unmöglich, dass sie das Messer hätte überse-
hen können. Es habe erst in der Fussmatte gesteckt, nachdem sie nach dem ab-
gebrochenen Telefonat mit der Polizei wieder in den Flur zurückgekehrt sei, weil 
die Frauen nach ihrer Hilfe gerufen hätten (pag. 253).

In der oberinstanzlichen Einvernahme vom 25.4.2017 (pag. 824 ff.) bestätigte 
G.________ ihre Aussagen (pag. 824, Z. 42). Sie führte erneut aus, sie habe einen 
Schrei gehört und zuerst gemeint, er käme von draussen. Sie könne nicht sagen, 
von wem der Schrei gekommen sei. Sie wisse nicht mehr genau, warum sie bei der 
Massageschule N.________ schauen gegangen und wie viel Zeit verstrichen sei, 
bis sie dort geklopft habe (pag. 825, Z. 1 ff.). Die Türe der Massageschule sei ab-
geschlossen gewesen. Glaublich D.________ habe ihr die Türe geöffnet – sie kön-
ne sich nur noch daran erinnern, dass sie als erstes Blut gesehen habe. Von da an 
sei sie wohl etwas unter Schock gestanden. Auf Frage, ob D.________ etwas zu 
ihr gesagt habe, gab G.________ an, sie wisse es nicht mehr. Auf Vorhalt, 
D.________ habe etwas gesagt, führte G.________ nach längerem Überlegen aus, 
D.________ habe gesagt «si isch düredräit» (pag. 826, Z. 1 ff.). Später habe noch 
jemand gesagt, sie seien von einem Mann angegriffen worden. Sie wisse aber 
nicht mehr genau, wer das gesagt habe. Eine dritte Person habe sie nicht gesehen. 
D.________ habe ihr glaublich gesagt, sie solle das Messer wegnehmen. Wo sie 
es genommen habe, wisse sie nicht mehr genau. Es sei sicherlich im Korridor auf 
dem Boden gelegen (pag. 827, Z. 7 ff.). Die beiden Frauen seien sicher unter 
Schock gestanden (pag. 827, Z. 42). Sie habe sich bis zum Eintreffen der Sanität 
alleine um die beiden Frauen gekümmert. Die Frage der Verteidigung: «Sind Sie 
sich heute und jetzt noch ganz sicher, dass das [«si isch düredräit» von 
D.________] gesagt wurde?» beantwortete G.________ mit «ja» (pag. 830, Z. 5 
ff.).

Würdigung der Aussagen:

G.________ schilderte den Ablauf der Ereignisse nachvollziehbar, gleichbleibend 
und detailliert (pag. 249, Z. 13 ff.; pag. 250, Z. 1 ff.; pag. 261 ff.). Sie differenzierte 
jeweils klar, an was sie sich noch erinnern konnte und an was nicht. In der staats-
anwaltschaftlichen und oberinstanzlichen Einvernahme gab sie denn auch klar zu 
erkennen, sich an gewisse Umstände nicht mehr zu erinnern. Sie versuchte nicht, 

26

die Beschuldigte übermässig zu belasten, mied Übertreibungen, schweifte nicht ab 
und schilderte ohne Mutmassungen, was sie am Tatort wahrgenommen und gehört 
habe. Es sind auch keine Gründe ersichtlich, weshalb G.________ die Beschuldig-
te zu Unrecht hätte belasten sollen. Auf ihre gleichbleibenden und stringenten Aus-
sagen kann abgestellt werden. 

Bereits bei ihrer Meldung an die Sanitätspolizei vom 26.10.2010 um 14.12 Uhr gab 
G.________ differenziert und objektiv an, es seien zwei Frauen «schiins» überfal-
len worden. Auf Frage was passiert sei, gab sie an, sie wisse es nicht – sie habe 
Schreie gehört und jemanden, der um Hilfe geschrien habe. Auf Frage ob es ein 
Überfall gewesen sei, führte G.________ aus: «Ja, si säges» (Ermittlungsbericht 
vom 6.5.2011 pag. 6 ff., Beilage 1). 

Wiederholt sprach G.________ davon, nachdem sie die Schreie einer weiblichen 
Person gehört habe, sei sie zur Massageschule N.________ gegangen und dort 
sei die Türe verschlossen gewesen (pag. 249, Z. 13 ff.; pag. 250, Z. 1; pag. 825, 
Z. 3 ff.; pag. 826, Z. 2). Bei ihrer polizeilichen Einvernahme nur wenige Stunden 
nach dem Vorfall, führte G.________ aus, D.________ habe die Türe geöffnet 
(pag. 250, Z. 1 ff.) und auf Frage, was passiert sei, geantwortet: «si isch düredräit» 
(pag. 250, Z. 3 f.). G.________ bestätigte diese Worte sowohl bei der Staatsan-
waltschaft als auch bei der oberinstanzlichen Einvernahme (pag. 264, Z. 190; 
pag. 826, Z. 24 ff.; pag. 830, Z. 17). Zwar konnte sie sich bei der staatsanwalt-
schaftlichen Einvernahme effektiv nicht von alleine an diesen Satz erinnern und 
bestätigte ihn erst auf Vorhalt. Bei ihrer oberinstanzlichen Einvernahme gab sie 
demgegenüber von sich aus, nach längerem Überlegen an, D.________ habe ihr 
gesagt: «si isch düredräit». Diese Äusserung bestätigte schliesslich auch 
M.________, welcher angab, G.________ habe ihm gegenüber erklärt, 
D.________ habe zu ihr gesagt: «Itz isch sie völlig usgraschtet» oder «itz isch sie 
völlig düredräit». Der genaue Wortlaut sei ihm nicht mehr präsent, aber das «sie» 
habe G.________ betont (pag. 276, Z. 132 ff.). M.________ hielt die entsprechen-
de Äusserung bereits im Journaleintrag vom 26.10.2010 fest (pag. 2). 

G.________ konnte sich zwar nicht mehr daran erinnern, ob das Messer nun in der 
Fussmatte vor der Massageschule N.________ (pag. 265, Z. 218 f.; pag. 266, 
Z. 269 f.) oder in derjenigen vor der Praxis Dr. Q.________ (pag. 250, Z. 22 f.) ge-
legen sei (pag. 267, Z. 277 f.; pag. 827, Z. 28). Zweifellos fand sie es jedoch im 
Korridor zwischen den beiden Räumen – dies bestätigte auch M.________ 
(pag. 274, Z. 93 f.; pag. 275, Z. 100 f.). 

Zum Zustand der beiden Frauen gab G.________ an, die Beschuldigte habe ver-
ängstigt gewirkt (pag. 250, Z. 37 f.), sei kreidebleich gewesen, habe schwere Lip-
pen gehabt und sei irgendwie unter Schock gestanden (pag. 251, Z. 17 f.; 
pag. 827, Z. 42). D.________ habe kein Wort gesprochen (pag. 250, Z. 42 f.; 
pag. 251, Z. 19 f.). Sie habe einen nervösen Eindruck gemacht und habe verstört 
gewirkt (pag. 251, Z. 18 f.). D.________ sei wohl unter Schock gestanden 
(pag. 251, Z. 20; pag. 827, Z. 42). Sie sei aber besser ansprechbar gewesen als 
die Beschuldigte und habe auf Fragen zu ihren Verletzungen klar Auskunft geben 
können (pag. 251, Z. 22 f.; pag. 267, Z. 285). Die Frauen hätten sich nicht feindlich 
zueinander verhalten. Sie seien eher apathisch gewesen, hätten sich aber nicht 

27

zusammen aufgehalten und hätten auch nicht versucht, einander zu trösten oder 
zu helfen, was sie bei einem Überfall als normal erachtet hätte (pag. 251, Z. 11 ff.).

Eine dritte Person sah G.________, obwohl sie kurz nach den hörbaren Schreien 
zur Massageschule N.________ ging, hingegen zu keinem Zeitpunkt. Ebenso we-
nig sah sie Anzeichen oder Spuren, die auf die Anwesenheit einer Drittperson hin-
gedeutet hätten.

12.3.2 Zu den Wahrnehmungsberichten der Sanitätspolizei und den Aussagen von 
K.________, L.________ und M.________

Gewisse Aufschlüsse zur angetroffenen Situation vor Ort geben auch die diversen 
Wahrnehmungsberichte der ausgerückten Rettungssanitäter/innen der Sanitätspo-
lizei, wobei K.________ und L.________ am 7.11.2011 durch die Staatsanwalt-
schaft parteiöffentlich als Zeugen befragt wurden. Die Sanitätspolizei rückte mit 
zwei Patrouillen aus: 1) K.________ (Fahrer), L.________ (Lead), R.________ 
(3. Person im Fahrzeug) – Eintreffen um ca. 14.20 Uhr; 2) U.________ (Fahrer), 
V.________. Betreffend die Wahrnehmungsbericht von K.________ (pag. 232), 
L.________ (pag. 233), R.________ (pag. 234; pag. 236) und U.________ 
(pag. 235) sowie die staatsanwaltschaftliche Einvernahme von K.________ vom 
7.11.2011 (pag. 238 ff.) und L.________ (pag. 244 ff.) kann auf die amtlichen Akten 
und die Zusammenfassung der Vorinstanz verwiesen werden (pag. 497 f., S. 17 f. 
der erstinstanzlichen Entscheidbegründung).

M.________ (Kantonspolizei Bern), verfasste den Journaleintrag vom 26.10.2010 
(eröffnet um 14:18:36 Uhr; pag. 2) und bildete mit seiner Kollegin W.________ die 
Patrouille Berna ________, welche um 14:22 Uhr – kurz nach der ersten und vor 
der zweiten Patrouille der Sanitätspolizei – vor Ort eintraf und von G.________ 
beim Gebäudeeingang im EG in Empfang genommen wurde. Betreffend seiner 
parteiöffentlichen Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft vom 7.7.2011 kann voll-
umfänglich auf die amtlichen Akten und die Zusammenfassung der Vorinstanz ver-
wiesen werden (pag. 271 ff.; pag. 498 f., S. 18 f. der erstinstanzlichen Entscheid-
begründung).

Im Weiteren wurde P.________ am 27.10.2010 polizeilich befragt (pag. 268 ff.). Sie 
war jeweils dienstags in einem gemieteten, separaten Nebenraum der 
Massageschule tätig, so auch am Tattag bis ca. 13:10 Uhr. Sie konnte einzig 
bestätigen, dass die Eingangstüre zum Massagezentrum häufig abgeschlossen sei, 
wenn Kurse laufen würden oder wenn massiert werde.

Würdigung der Aussagen und Wahrnehmungsberichte:

Den Wahrnehmungsberichten der Mitarbeiter der Sanitätspolizei und den 
Aussagen von K.________, L.________ und M.________ sind stringente sowie 
glaubhafte Angaben zu entnehmen. Die Intervention und die Situation in der 
Massageschule unmittelbar nach dem Vorfall wurden von ihnen übereinstimmend 
geschildert. 

Sie gaben an, die Beschuldigte und D.________ getrennt voneinander 
aufgefunden zu haben (K.________, pag. 232, pag. 240, Z. 77 ff.; L.________, 
pag. 233, pag. 246, Z. 62 f.; U.________, pag. 235). Zwar hätten die beiden Frauen 

28

teilweise nacheinander gefragt (K.________, pag. 242, Z. 132 f. – die Beschuldigte 
habe gefragt, wie es D.________ gehe und wo sie hinkomme; L.________, 
pag. 233; pag. 247, Z. 121 f. – die Beschuldigte sei in der Ambulanz um 
D.________ besorgt gewesen; U.________, pag. 235 – D.________ habe gesagt, 
die Beschuldigte solle an den gleichen Ort gebracht werden). Sie hätten aber nicht 
miteinander gesprochen (K.________, pag. 232; L.________, pag. 233, pag. 246, 
Z. 67). L.________ erklärte anschaulich: «Aber aufgefallen ist vor allem die Stille. 
Die beiden Frauen haben sich nicht umeinander gekümmert. Sie sind auch nicht 
nebeneinander gesessen. Und sie waren ja beide Opfer. Das war für mich sehr 
komisch» (pag. 247, Z. 108 ff.). Ein derartiges Verhalten der beiden Frauen 
unmittelbar nach einem Überfall durch eine fremde Person, ist nach Ansicht der 
Kammer effektiv erstaunlich.

Die Einsatzkräfte schilderten übereinstimmend ein auffallend ruhiges Verhalten der 
Beschuldigten und von D.________. K.________ nannte das Verhalten «ruhig» 
(pag. 232) bzw. er führte aus: «Sie waren absolut ruhig, es hat niemand geweint, 
niemand war nervös. Sie waren ruhig und orientiert. Es lag keine Bewusstlosigkeit 
vor. Es ist einfach aufgefallen, dass beide sehr ruhig waren. Sie waren relativ ge-
fasst und nicht unter Schock» (pag. 241 Z. 98 ff.). L.________ gab an, die Atmos-
phäre bzw. die beiden Frauen seien sehr ruhig gewesen (pag. 233; pag. 246, 
Z. 67). Zwar erklärte L.________, D.________ sei wohl unter Schock gestanden 
(pag. 246, Z. 80 f.). Sie sagte allerdings auch, D.________ sei ansprechbar, ge-
fasst und ruhig gewesen. Sie habe fassungslos gewirkt (pag. 246, Z. 71 ff.). 
M.________ sprach ebenfalls nicht von einer Bewusstlosigkeit oder einem Schock 
(pag. 274, Z. 58; pag. 275, Z. 104).

Die Einsatzkräfte erhielten wie G.________ einen unmittelbaren Eindruck der bei-
den involvierten Frauen nur wenige Minuten nach der Tat. In Übereinstimmung mit 
den objektiven Beweismitteln kann den Aussagen der Einsatzkräfte kein Hinweis 
auf eine allfällige Bewusstlosigkeit, Einschränkung der Wahrnehmungsfähigkeit 
oder auf eine akute Belastungsreaktion entnommen werden. Zwar war teils die Re-
de von einem apathischen, schockierten Zustand. Beide Frauen wurden jedoch als 
orientiert beschrieben, was nicht für einen Schock im medizinischen Sinne spricht. 

Als zumindest sehr ungewöhnlich erscheint ferner der Umstand, dass weder die 
Beschuldigte noch D.________ den Täter gegenüber den Einsatzkräften erwähnte 
(K.________, pag. 232; pag. 241, Z. 107 ff.; L.________, pag. 233). R.________ 
gab an, die Patientin (wobei unklar bleibt welche) habe gesagt, der Täter sei kein 
Patient gewesen. Ansonsten hätten sie aber nicht nachgefragt (pag. 234). 
L.________ gab an, die Beschuldigte habe nur erwähnt, sie seien mit einem 
Messer überfallen worden (pag. 247, Z. 97 ff.). Selbst gegenüber der Polizei gaben 
die beiden involvierten Frauen keine Täterbeschreibung ab. Dies obwohl die 
Beschuldigte kurze Zeit zuvor im Stande war, gegenüber G.________ von einem 
Überfall zu sprechen und einen angeblichen Drögeler als Täter bezeichnete. Dass 
während der ganzen Anwesenheit der Hilfskräfte (gemäss M.________ dauerte es 
bis zum Abtransport gefühlt eine Viertelstunde, pag. 274, Z. 69 ff.), der angebliche 
Täter kein Thema mehr war, ist mehr als erstaunlich, zumal Polizist M.________ 
explizit nach einem Signalement des Täters zwecks Fahndung gefragt hatte. 

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M.________ hielt in seinem Journaleintrag vom 26.10.2010 fest: «Beide Frauen 
konnten mir jedoch keine Angaben dazu machen, was genau passiert ist und wer 
ihnen die Verletzungen zugefügt hatte. Folglich konnten keine Angaben betreffend 
einer evt. [recte: evtl.] unbekannten Täterschaft erhoben werden» (pag. 2). Auch in 
seiner Befragung bestätigte er, die Frauen hätten ihm gegenüber einfach ge-
schwiegen (pag. 273, Z. 50 ff.; pag. 274, Z. 58). Sie hätten auf ihn einen apathi-
schen Eindruck gemacht (pag. 274, Z. 59 f.; pag. 275, Z. 104 f.). Er sei jedoch da-
von ausgegangen, dass sie die Fragen verstanden, jedoch einfach geschwiegen 
hätten. Eine Gemütsregung sei absolut nicht vorhanden gewesen (pag. 275, Z. 104 
ff.).

12.3.3 Zu den Aussagen von D.________

Vorab ist darauf hinzuweisen, dass D.________ am 27.10.2010 aufgrund ihres ge-
sundheitlichen Zustands nicht formell befragt werden konnte (vgl. pag. 179). Ent-
sprechend besteht bezüglich dieser Befragung einzig der Bericht der Kantonspoli-
zei (pag. 179 ff.). Als solcher stellt er ein zulässiges, zu würdigendes Beweismittel 
dar (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_1057/2013 vom 19.5.2014 E. 2.3). Die Vor-
instanz hat die Aussagen von D.________ in der polizeilichen Befragung vom 
27.10.2010 (Wahrnehmungsbericht pag. 179 ff.) und vom 29.10.2010 (pag. 182 ff.), 
der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 23.6.2011 (pag. 196 ff.) sowie der 
erstinstanzlichen Befragung vom 2.3.2015 (pag. 451 ff.) korrekt zusammengefasst 
wiedergegeben. Darauf kann verwiesen werden (pag. 499 ff., S. 19 ff. der erstin-
stanzlichen Entscheidbegründung). Ergänzend kommt für die Kammer die oberin-
stanzliche Einvernahme vom 25.4.2017 hinzu (pag. 840 ff.):

D.________ gab zum Tatablauf an, unmittelbar vor dem Vorfall mit der Beschuldig-
ten über den Traum einer Freundin, in welchem sich die Beschuldigte in deren The-
rapeuten verliebt hatte, gesprochen zu haben. Zuvor hätten sie noch über ihre Ar-
beit als Paarberaterin gesprochen (pag. 840, Z. 35 ff.). Unmittelbar bevor sie atta-
ckiert worden sei, habe sich die Beschuldigte hinter ihr befunden. Sie selbst sei in 
Rückenlage auf dem Massagetisch gelegen (pag. 841, Z. 6 ff.). Sie habe dann 
während der Massage zwei Geräusche wahrgenommen, dann wisse sie nicht mehr 
genau, sie habe gedöst und sei in einem Dämmerzustand gewesen. Sie sei auf 
dem Tisch gelegen, als sie die Schläge erhalten habe. Sie habe einfach plötzlich 
einen Schatten gesehen, der neben ihr gewesen sei (pag. 841, Z. 20 ff.). Dann 
wisse sie nicht mehr was geschehen sei (pag. 842, Z. 17 f.). Sie wisse aber nicht, 
ob sie bewusstlos geworden sei (pag. 848, Z. 16 f.). Das Ereignis habe sie aber 
völlig aus dem Konzept gebracht (pag. 849, Z. 40 ff.). Es sei vielleicht ein Schock-
zustand gewesen (pag. 850, Z. 3). In der Massageschule hätten sie grundsätzlich 
immer abgeschlossen, wenn die Beschuldigte sie massiert oder man nicht gewollt 
habe, das jemand reinkomme (pag. 842, Z. 6 f.). Von der Statur und seiner Gangart 
her habe sie angenommen, der Täter sei ein Mann und sie habe ihn aus dem Mas-
sagezimmer rauslaufen sehen. Er sei zügig gelaufen (pag. 842, Z. 22 ff.). Über die 
Entstehung ihrer Verletzungen könne sie nichts mehr sagen. Sie habe erst im Vor-
raum realisiert, dass sie verletzt sei. Als sie den Massageraum verlassen habe, ha-
be sie sich noch gedacht, sie gehe weiter oben im Gebäude in die gynäkologische 
Praxis nähen (pag. 843, Z. 6 ff.). Sie habe geschrien – irgendetwas «gmöget», 

30

dann sei G.________ gekommen (pag. 843, Z. 38 ff.). Sie habe G.________ ge-
sagt, sie solle die Wunde der Beschuldigten abdecken, weil sie sich Sorgen ge-
macht habe (pag. 844, Z. 3 ff.). Ihre eigenen Verletzungen könne sie sich nur so 
erklären, dass der Täter sie ihr zugefügt habe – die Stiche habe sie aber nicht 
wahrgenommen. Sie könne sich erinnern, dass sie in das Messer gefasst habe. Sie 
könne nicht sagen, wer das Messer gehalten habe. Sie habe einen Schatten gese-
hen und könne sich nur an das Messer erinnern (pag. 844, Z. 23 ff.). An ein Geran-
gel um das Messer mit der Beschuldigten – oder dass sie zuvor erklärt habe, war-
um sie ihr das Messer habe wegnehmen wollen – könne sie sich nicht erinnern 
(pag. 845, Z. 1 ff.). Später gab D.________ allerdings auf Vorhalt ihrer Aussage – 
sie hätten um das Messer gestritten und die Beschuldigte habe Angst gehabt, sie 
verletze sie mit diesem – an, sie seien völlig in Panik und aufgelöst gewesen. Sie 
habe vorher noch nie ein Messer in den Bauch und in die Brust erhalten. Daher sei 
es logisch, dass sie Panik bekommen habe, als sie das Messer gesehen habe. 
Warum sie um das Messer gekämpft hätten, könne sie aber nicht erklären 
(pag. 848, Z. 29 ff.). Auch den Satz «si sich düredräit» könne sie sich nicht er-
klären, sie könne sich auch nicht daran erinnern (pag. 845, Z. 9). An ihre Aussage, 
sie habe sich aufgeregt, weil die Einsatzkräfte von einem Massagesalon gespro-
chen hätten, konnte sich D.________ jedoch erinnern und erklärte, es sei ihr para-
dox vorgekommen. Sie seien ja nicht im Rotlichtmilieu (pag. 846, Z. 8 ff.). Nachdem 
D.________ auf Frage, ob sie sich ein Motiv für einen Täter erklären könne, aus-
führlich allgemein verdächtige Situationen erwähnte (pag. 849, Z. 6 ff.), beschrieb 
sie auf Frage der Verteidigung erneut die harmonische Beziehung zur Beschuldig-
ten, die sich seit dem Vorfall intensiviert habe (pag. 850, Z. 8 ff.). 

Würdigung der Aussagen:

Für die Kammer sind die ersten Aussagen von D.________ sowie deren Entste-
hungsgeschichte von grosser Bedeutung. Die Beschuldigte begab sich am 
27.10.2010 gegen 08.00 Uhr – und damit vor den ersten Einvernahmen beider 
Frauen – entgegen den Anordnungen der Polizei (vgl. pag. 12) auf die Intensivsta-
tion zu D.________. Die beiden hätten dort ca. 10 Minuten zusammen gesprochen 
(pag. 181).

Gemäss Wahrnehmungsbericht gab D.________ bereits zu Beginn an, mit der Be-
schuldigten unmittelbar vor dem Vorfall ein gutes Gespräch geführt zu haben. Sie 
hätten lauthals zusammen gelacht und über ihre Ausbildung als Paartherapeutin 
gesprochen (pag. 181). Bei der ersten formellen Einvernahme bestätigte sie dieses 
Gespräch, fügte jedoch an, sie hätten auch über den Traum von E.________ – ei-
ner Freundin – gesprochen, welche geträumt habe, die Beschuldigte habe sich in 
ihren Therapeuten verliebt (pag. 188, Z. 46 ff.; pag. 189, Z. 1 ff.). Den Inhalt dieses 
Gespräches bestätigte D.________ auch bei ihrer Einvernahme vom 25.4.2017 
(pag. 840, Z. 35 ff.; pag. 841, S. 1 f.).

Den Ort des Geschehens bzw. wann und wie konkret sich der Vorfall abgespielt 
habe, schilderte D.________ jedoch widersprüchlich: Zu Beginn gab sie an, sie sei 
auf der Liege gelegen, dann sei sie aufgesessen und habe mit der Beschuldigten 
gesprochen. Erst dann habe sie etwas gehört (pag. 180). Bei ihrer polizeilichen 
Einvernahme vom 29.10.2010 schilderte sie den Ablauf wie folgt: «Frau 

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A.________ stand hinter mir und ich lag, und sie massierte mir den Nacken…, 
dann habe ich etwas gehört, […]. Dann tönte es nochmals komisch – wie jemand 
an die Wand polen würde […]. Dann bin ich aufgestanden – seitlich der Türe zu-
gewendet, zuerst aufgehockt, dann aufgestanden zur Zimmertüre gegangen, wollte 
dann hinaus – dann bekam ich einen Schlag auf den Kopf, oder mehrere, ich kann 
es nicht mehr sagen und dann war ich weg» (pag. 185, Z. 21 ff.). Bei der staatsan-
waltschaftlichen Einvernahme führte D.________ aus: «Ich bin auf dem Schragen 
gelegen. Sie [die Beschuldigte] hat mir eine Nackenmassage gemacht. Ich bin auf 
dem Rücken gelegen. Ich war in einem Dämmerzustand. Ich war kurz vor dem Ein-
schlafen. Dann habe ich irgendwann Schläge auf den Kopf bekommen. Daran kann 
ich mich noch erinnern. […] Ich kann auch nicht sagen, wo es genau passiert ist» 
(pag. 197 f., Z. 53 ff.). Dennoch erklärte D.________ kurz darauf, es sei für sie klar, 
dass sie auf dem Massagetisch gelegen sei, als es geschehen sei (pag. 201, 
Z. 174 f.). Zum Tatablauf verweigerte D.________ anlässlich der erstinstanzlichen 
Hauptverhandlung ihre Aussagen (pag. 457, Z. 2 f.). Bei ihrer Einvernahme vom 
25.4.2017 konnte sich D.________ dann erinnern, dass sie auf dem Massagetisch 
in Rückenlage gelegen und die Beschuldigte hinter ihr gestanden sei. Dann habe 
sie zwei Geräusche gehört und habe Schläge erhalten, während sie auf dem Tisch 
gelegen sei (pag. 841, Z. 6 ff.). 

D.________ schilderte den Ort des Geschehens bzw. den eigentlichen Tatablauf 
damit abweichend. Auch konnte sie sich letztlich (6 ½ Jahre später!) besser an das 
Geschehene erinnern, als noch zu Beginn des Strafverfahrens. Ein Erinnerungs-
vermögen, das mit den Jahren immer besser und präziser wird, ist allerdings wenig 
überzeugend. 

Ein Gerangel um das Messer, wurde gemäss Wahrnehmungsbericht bei der Befra-
gung am 27.10.2010 von D.________ nicht thematisiert bzw. erwähnt (vgl. 
pag. 180 f.). Bei ihrer Einvernahme vom 29.10.2010 schilderte D.________ eine 
solche Phase erstmals: «Plötzlich gab es ein Handgemenge und ich reckte in ein 
Messer, oder lief in ein Messer herein...vermutlich bin ich aufgestanden…Ich weiss, 
dass ich in ein Messer gereckt habe…Plötzlich sagte A.________ ‚Jesses, was 
isch mit dim Buch?‘ A.________ lag am Boden, ihre Hand und ihr Bein blutete und 
dann schaute ich meinen Bauch an und sah dass ich das T-Shirt verschrissen oder 
aufgeschlitzt war und es war alles verblutet…» (pag. 185, Z. 44 ff.). Die Beschuldig-
te habe ihr dann etwas auf den Bauch gedrückt und irgendwann seien die zwei 
Equipen der Sanitätspolizei gekommen (pag. 186, Z. 3 ff.). Auf Vorhalt der Aussage 
der Beschuldigten gab D.________ später allerdings lediglich an, es könne sein, 
dass es ein Gerangel um das Messer gegeben habe (pag. 188, Z. 19). Bei der 
nächsten Einvernahme führte D.________ aus, sie wisse, sie sei irgendeinmal auf-
gestanden. Dann hätten sie um das Messer gekämpft. Offenbar habe sie plötzlich 
das Messer in der Hand gehabt und sie hätten darum gestritten. Sie habe das 
Messer gewollt, weil sie gewusst habe, dass sie damit verletzt worden sei. Die Be-
schuldigte habe Angst gehabt, dass sie sie mit dem Messer verletzen würde, weil 
sie, D.________, in einem Schockzustand gewesen sei (pag. 199, Z. 100 ff.). Kurz 
darauf gab D.________ an, sie glaube schon, die Beschuldigte habe ihr gesagt, sie 
solle ihr das Messer geben und dann habe sie, D.________, es wieder genommen. 
Aber sie könne sich nicht mehr genau daran erinnern (pag. 201, Z. 179 f.). Anläss-

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lich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung vom 2.3.2015 gab D.________ kon-
kreter an: «Ich kann mich aber noch erinnern, dass ich mit Frau A.________ um 
dieses Messer gekämpft habe, zu einem Zeitpunkt, als der Täter schon weg war» 
(pag. 461, Z. 22 ff.). Am 25.4.2017 erklärte D.________ allerdings, sie könne sich 
nur daran erinnern, in das Messer gefasst zu haben (pag. 844, Z. 29 f.). Sie wisse 
aber nicht, wer das Messer gehalten habe. Sie habe nur einen Schatten gesehen 
(pag. 844, Z. 36 ff.). Dennoch erklärte sie, es sei logisch, das die Beschuldigte 
Angst davor gehabt habe, dass sie sie mit dem Messer verletzen würde. Sie hätten 
Panik gehabt. Eine Erklärung für das Gerangel habe sie aber nicht (pag. 848, Z. 21 
ff.). 

D.________ konnte folglich auch das angebliche Gerangel um das Messer nicht 
stringent und konstant umschreiben. Während sie zuerst keine Erinnerung daran 
hatte, führte sie nach einer detaillierten Schilderung der Geschehnisse wieder aus, 
«kann sein». Bei einer weiteren Einvernahme führte sie aus, «offenbar» habe man 
um das Messer gestritten bzw. sie könne sich daran erinnern. Zum Schluss konnte 
sie sich allerdings nicht mehr an diese Situation erinnern. Ein solches Hin und Her 
in den Aussagen ist nicht überzeugend.

Gemäss Wahrnehmungsbericht vom 27.10.2010 konnte sich D.________ zu Be-
ginn nicht an die Zufügung ihrer Verletzungen erinnern, ausser dass sie Schläge 
und ein Messer gespürt habe. Das Messer sei gross gewesen und habe einen 
schwarzen Griff gehabt. Sie habe es sicher an der Klinge berührt, weil sie eine Ab-
wehrbewegung gemacht habe (pag. 180). Anfänglich gab D.________ an, nach 
dem Gerangel um das Messer ihre Verletzungen an der Hand und am Bauch 
wahrgenommen zu haben (pag. 185, Z. 44 ff.). Bei der staatsanwaltschaftlichen 
Einvernahme vom 23.6.2011 führte sie dann aus, sie könne sich nur an die Schlä-
ge erinnern. Die Stiche in den Bauch habe sie nicht gespürt. Sie wisse nur noch, 
dass das mit der Hand geschehen sei (pag. 198, Z. 56 ff.) bzw. sie habe nur be-
merkt, dass sie ihren Finger nicht mehr richtig bewegen könne (pag. 199, Z. 118 f.). 
Sie habe nur die Verletzungen der Beschuldigten wahrgenommen und den Sa-
nitätern noch gesagt, sie sollten sich um die Wunde der Beschuldigten kümmern 
(pag. 199, Z. 120 ff.). Letztere Aussage steht allerdings im klaren Widerspruch zu 
den Angaben der fünf vor Ort anwesenden Sanitäter, die allesamt nicht davon 
sprachen, D.________ habe dies gesagt (vgl. Ausführungen unter Ziff. 12.3.2 hier-
vor). Nur wenig später in der Einvernahme vom 23.6.2011 führte D.________ je-
doch aus, sie habe nur bemerkt, dass sie nicht gut habe atmen können und als sie 
gesessen sei, habe sie auch Schmerzen gespürt (pag. 200, Z. 144 f.). Am 2.3.2015 
erklärte D.________ wiederum, sie habe ihre Verletzungen nicht wahrgenommen, 
nur dass sie die Finger nicht habe bewegen können. Sie habe nur die Verletzungen 
bei der Beschuldigten gesehen und G.________ auf diese hingewiesen (pag. 460, 
Z. 7 ff.). Anlässlich der oberinstanzlichen Hauptverhandlung vom 25.4.2017 führte 
D.________ erneut aus, sie ha