# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** c01839a7-9ae8-55d1-8d81-0205314a0a71
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2012-02-07
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 07.02.2012 D-1900/2010
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-1900-2010_2012-02-07.pdf

## Full Text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t

T r i buna l   adm in i s t r a t i f   f édé ra l

T r i buna l e   ammin i s t r a t i vo   f ede ra l e

T r i buna l   adm in i s t r a t i v   f ede ra l

   

Abteilung IV
D­1900/2010

U r t e i l   v om   7 .   F e b r u a r   2 0 1 2

Besetzung Richter Robert Galliker (Vorsitz),
Richter Hans Schürch, Richter Gérald Bovier,   
Gerichtsschreiberin Daniela Brüschweiler.

Parteien A._______,
geboren (…),
Somalia,  
vertreten durch lic. iur. Claudia Tamuk,
(…),
Beschwerdeführerin, 

gegen

Bundesamt für Migration (BFM),
Quellenweg 6, 3003 Bern,   
Vorinstanz. 

Gegenstand Asyl und Wegweisung; 
Verfügung des BFM vom 25. Februar 2010 / N (…).

D­1900/2010

Seite 2

Sachverhalt:

A. 
Die  Beschwerdeführerin  verliess  ihren  Heimatstaat  eigenen  Angaben 
zufolge am 2. Dezember 2008 und gelangte am 8. Dezember 2008 in die 
Schweiz,  wo  sie  gleichentags  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum 
(EVZ) B._______ um Asyl nachsuchte. Am 15. Dezember 2008 wurde sie 
im EVZ  zu  ihren Personalien  und  –  summarisch  –  zu  den Asylgründen 
befragt. Mit Verfügung vom 17. Dezember 2008 wies das Bundesamt die 
Beschwerdeführerin dem Kanton C._______ zu. Ihre Anhörung durch das 
BFM fand am 6. Oktober 2009 statt.

Anlässlich  ihrer Befragung  sowie  im Rahmen der Anhörung brachte  die 
Beschwerdeführerin  vor,  sie  habe  bis  zu  ihrer  Ausreise  in  D._______ 
gelebt und gehöre dem Clan der Asharaf an. Sie habe mit  ihren beiden 
Kleinkindern,  ihrem  Ehemann,  ihrer  Mutter  sowie  dem  Stiefvater 
zusammengewohnt.  Ein Grund  für  ihre  Ausreise  sei  die  Armut  und  der 
Hunger  in  ihrem Heimatland.  Als  Angehörige  eines  kleines Clans  seien 
sie  besonders  vom  Bürgerkrieg  betroffen.  Zudem  seien  am  1. Januar 
2008 zwei Männer  in  ihr Haus gekommen, wo sie  sich alleine mit  ihren 
beiden  Kindern  aufgehalten  habe,  und  hätten  sie  vergewaltigt.  Danach 
habe  sie  nicht mehr  in  ihrem Heimatland  leben wollen  und  sei  deshalb 
ausgereist.

B. 
Mit  Verfügung  vom  25. Februar  2010  –  eröffnet  am  26. Februar  2010 – 
stellte  das  BFM  fest,  die  Beschwerdeführerin  erfülle  die 
Flüchtlingseigenschaft nicht,  lehnte das Asylgesuch ab und wies sie aus 
der  Schweiz  weg.  Der  Wegweisungsvollzug  wurde  indessen  zufolge 
Unzumutbarkeit aufgeschoben und die vorläufige Aufnahme angeordnet.

Zur  Begründung  seines  Entscheides  führte  das  Bundesamt 
zusammengefasst  aus,  die  Beschwerdeführerin  habe  zu  wesentlichen 
Punkten widersprüchliche Angaben gemacht, weshalb ihre Aussagen den 
Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  im  Sinne  von  Art. 7  des 
Asylgesetzes  vom 26. Juni  1998  (AsylG, SR 142.31)  nicht  standhielten. 
Der  eingereichte  ärztliche  Bericht  vermöge  die  Darstellung  der 
Beschwerdeführerin nicht zu stützen. Die weiteren Vorbringen zu Hunger, 
Armut  und  der  ständigen  Unsicherheit  würden  die  somalische 
Bevölkerung  in  gleichem  Mass  treffen  und  hielten  deshalb  den 
Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art. 3  AsylG  nicht 
stand.

D­1900/2010

Seite 3

C. 
Gegen  diese  Verfügung  liess  die  Beschwerdeführerin mit  Eingabe  vom 
23. März 2010 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und 
in  materieller  Hinsicht  beantragen,  die  Dispositiv­Ziffern  1  und  2  der 
angefochtenen  Verfügung  seien  aufzuheben,  es  sei  die 
Flüchtlingseigenschaft  der  Beschwerdeführerin  festzustellen  und  es  sei 
ihr Asyl  zu  gewähren.  In  verfahrensrechtlicher Hinsicht  ersuchte  sie  um 
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege.

Als  Beweismittel  lagen  der  Beschwerdeschrift  zwei  Fotos  (je  in  Kopie) 
sowie  eine  Bestätigung  über  den  Bezug  von  wirtschaftlicher  Sozialhilfe 
durch die Beschwerdeführerin bei.

Für  die  Begründung  der  Beschwerdeanträge  sowie  die  eingereichten 
Beweismittel  wird,  soweit  für  den  Entscheid  wesentlich,  auf  die 
nachfolgenden Erwägungen verwiesen.

D. 
Mit Verfügung vom 30. März 2010 hielt der zuständige Instruktionsrichter 
fest, über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege 
werde zu einem späteren Zeitpunkt befunden und auf die Erhebung eines 
Kostenvorschusses  werde  verzichtet.  Gleichzeitig  wurde  die  Vorinstanz 
zur Einreichung einer Stellungnahme eingeladen.

E. 
Das  Bundesamt  beantragte  mit  seiner  Vernehmlassung  vom  29. April 
2010  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Mit  Verfügung  vom  4. Mai  2010 
wurde  der  Beschwerdeführerin  Gelegenheit  zur  Replik  eingeräumt.  Mit 
Eingabe  vom  12. Mai  2010  machte  die  Beschwerdeführerin  von  ihrem 
Äusserungsrecht Gebrauch.

F. 
Die  Rechtsvertretung  der  Beschwerdeführerin  teilte  dem 
Bundesverwaltungsgericht  mit  Schreiben  vom  10. September  2010  mit, 
die Beschwerdeführerin habe erfahren, dass  ihre Kinder und  ihre Mutter 
im  Heimatland  entführt  worden  seien  und  von  ihr  (der 
Beschwerdeführerin)  nun  ein  Lösegeld  gefordert  werde.  Es  gehe  der 
Beschwerdeführerin  psychisch  sehr  schlecht  und  sie  bitte  dringend  um 
einen Entscheid über ihre Beschwerde.

G. 
Mit Schreiben vom 30. Dezember 2010 informierte die Rechtsvertretung, 

D­1900/2010

Seite 4

dass  die  Kinder  der  Beschwerdeführerin  nach  Übergabe  einer 
Lösegeldsumme  freigelassen  worden  seien.  Sie  seien  jedoch – 
zusammen  mit  der  Mutter  der  Beschwerdeführerin  –  nach  wie  vor  in 
Gefahr. Sie ersuche deshalb um einen raschen Entscheid.

H. 
Mit Eingaben  vom 20. Februar  2011 und  vom 10. Oktober  2011 an das 
Bundesverwaltungsgericht  sowie  vom  7. März  2011  an  das  Bundesamt 
machte die Beschwerdeführerin erneut auf die schwierige Situation  ihrer 
Kinder  und  ihrer  Mutter  in  Somalia  aufmerksam.  Das 
Bundesverwaltungsgericht  teilte  der  Beschwerdeführerin  mit  Schreiben 
vom 17. Oktober 2011 mit,  ein  verbindlicher Zeitpunkt  für das Vorliegen 
eines Entscheides könne nicht genannt werden.

I. 
Am  6. Oktober  2011  heiratete  die  Beschwerdeführerin  in  der  Schweiz 
einen somalischen Staatsangehörigen. Die Angaben  im Rubrum wurden 
entsprechend  angepasst.  Als  Folge  der  Heirat  wurde  die 
Beschwerdeführerin  neu dem Aufenthaltskanton  ihres Ehemannes,  dem 
Kanton E._______, zugeteilt.

J. 
Mit  Eingabe  vom  12. Januar  2012  liess  die  Beschwerdeführerin  durch 
ihre  Rechtsvertreterin  mitteilen,  ihr  Ehemann  gehöre  dem  Clan  der 
Hawiye  an,  Subclan  Abgal.  Aufgrund  dieser  unterschiedlichen  Clan­
Zugehörigkeit  sei  die  Beschwerdeführerin  bei  einer  allfälligen  Rückkehr 
nach Somalia an Leib und Leben bedroht. 

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:

1. 
1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden 
gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 
1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM 
gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz 
des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende 
Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das 
Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der 
vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls 

D­1900/2010

Seite 5

endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des 
Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht 
(Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom 
17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme liegt nicht vor.

1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem 
BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 
AsylG).

1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die 
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, 
ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein 
schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise 
Änderung.  Sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert 
(Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). 
Auf die Beschwerde ist einzutreten.

2. 
Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige 
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und 
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

3.  
3.1. Unter  dem  Titel  "Rechtliches  Gehör"  lässt  die  Beschwerdeführerin 
einwenden,  die  Vorinstanz  habe  bezüglich  ihrer  Clanzugehörigkeit  den 
Sachverhalt  nicht  richtig  festgestellt.  Aufgrund  des  Familiennamens  der 
Beschwerdeführerin,  kombiniert  mit  leicht  zugänglichen 
Hintergrundinformationen,  hätte  die  Clanzugehörigkeit  zweifelsfrei 
festgestellt werden müssen.

Des Weiteren  sei  im angefochtenen Entscheid der ärztliche Bericht  des 
Ambulatoriums für Folter­ und Kriegsopfer vom 19. Januar 2010, welcher 
dem Bundesamt am 24. Februar 2010 via Postfach zugestellt worden sei, 
offensichtlich nicht berücksichtigt worden. Der Bericht erhärte den schon 
im ärztlichen Bericht vom 17. Dezember 2009 geäusserten Verdacht auf 
eine posttraumatische Belastungsstörung. Er hätte von der Vorinstanz im 
Zuge  der  Sachverhaltsfeststellung  zum  zentralen  Punkt  der 
Vergewaltigung gewürdigt werden müssen.

3.2.  Der  Grundsatz  des  rechtlichen  Gehörs  (Art.  29  Abs.  2  der 
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 
1999 [BV, SR 101], Art. 29 VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG) verlangt, dass 

D­1900/2010

Seite 6

die verfügende Behörde die Vorbringen des Betroffenen tatsächlich hört, 
sorgfältig und ernsthaft prüft und  in der Entscheidfindung berücksichtigt, 
was  sich  entsprechend  in  der  Begründung  des  Entscheids 
niederschlagen  muss  (vgl.  Art.  35  Abs.  1  VwVG).  Die  Abfassung  der 
Begründung  soll  es  dem  Betroffenen  möglich  machen,  den  Entscheid 
gegebenenfalls sachgerecht anzufechten, was nur möglich ist, wenn sich 
sowohl  der  Betroffene  als  auch  die  Rechtsmittelinstanz  über  die 
Tragweite des Entscheides ein Bild machen können  (BGE 129  I 232 E. 
3.2  S.  236  f.).  Dabei  muss  sich  die  verfügende  Behörde  nicht 
ausdrücklich  mit  jeder  tatbeständlichen  Behauptung  und  jedem 
rechtlichen  Einwand  auseinander  setzen,  sondern  darf  sich  auf  die 
wesentlichen  Gesichtspunkte  beschränken  (BGE  126  I  97  E.  2b).  Die 
Begründungsdichte  richtet  sich  nach  dem  Verfügungsgegenstand,  den 
Verfahrensumständen  und  den  Interessen  des  Betroffenen,  wobei  die 
bundesgerichtliche  Rechtsprechung  bei  schwerwiegenden  Eingriffen  in 
die  rechtlich  geschützten  Interessen  des  Betroffenen  eine  sorgfältige 
Begründung verlangt (BGE 112 Ia 110; vgl. auch BVGE 2008/47 E. 3.2 S. 
674  f.,  mit  weiteren  Hinweisen).  Demgegenüber  ist  die 
Beschwerdeführerin  gesetzlich  verpflichtet,  an  der  Feststellung  des 
Sachverhalts  mitzuwirken  und  anzugeben,  weshalb  sie  um  Asyl 
nachsucht (Art. 8 Abs. 1 Bst. c AsylG).

3.3.  Inwiefern  der  Vorinstanz  im  Zusammenhang  mit  der  geltend 
gemachten  Clanzugehörigkeit  eine  Verletzung  des  Anspruches  auf 
rechtliches Gehör vorzuwerfen wäre, ist nicht ersichtlich. Das Bundesamt 
führte zwar  in der angefochtenen Verfügung an, die Beschwerdeführerin 
habe sich uneinheitlich zu ihrer Clanzugehörigkeit geäussert, daraus lässt 
sich jedoch nicht ableiten, es sei von einer anderen Clanzugehörigkeit der 
Beschwerdeführerin auszugehen. Soweit in der Beschwerdeschrift auf die 
Namensgebung  bei  der  Gruppe  der  Asharaf  beziehungsweise  auf  den 
Namen  der  Beschwerdeführerin  Bezug  genommen  wird,  ist  immerhin 
darauf  hinzuweisen,  dass  die  Beschwerdeführerin  weder  im 
vorinstanzlichen Verfahren noch auf Beschwerdeebene rechtsgenügliche 
Identitätspapiere  einreichte  (vgl.  BVGE  2007/7).  Aus  den  unbelegt 
gebliebenen Namensangaben liesse sich deshalb von vorneherein nichts 
in  Bezug  auf  die  Clanzugehörigkeit  der  Beschwerdeführerin  ableiten, 
weshalb sich das Bundesamt dazu auch nicht explizit äussern musste.

Hinsichtlich  des  eingereichten  Berichtes  des  Ambulatoriums  für  Folter­ 
und Kriegsopfer ist der Beschwerdeführerin darin zuzustimmen, dass sich 
das  Bundesamt  dazu  in  der  angefochtenen  Verfügung  nicht  äusserte. 

D­1900/2010

Seite 7

Aus  den  vorinstanzlichen  Akten  ergibt  sich,  dass  dieser  Bericht  samt 
Begleitschreiben  am  24. Februar  2010  beim  BFM  einging  (vgl. 
Eingangsstempel). Dies wird vom Bundesamt  in seiner Vernehmlassung 
denn  auch  bestätigt.  Dort  wird  weiter  ausgeführt,  das  Schreiben  habe 
sich  aufgrund  des  Systems  des  internen  Kurierdienstes  und  der 
Postverteilung im BFM mit dem angefochtenen Entscheid, datierend vom 
25. Februar  2010,  gekreuzt.  Diese  Erklärung  ist  zwar  nachvollziehbar, 
ändert  aber  nichts  daran,  dass  der  fragliche  Bericht  vor  Erlass  der 
angefochtenen  Verfügung  bei  der  Vorinstanz  einging,  in  die 
Entscheidfindung  hätte  einfliessen  müssen  und  im  Entscheid  selber  zu 
behandeln  gewesen wäre. Dass  die Behörden  umgehend Kenntnis  von 
allfälligen  Parteieingaben  erhalten  und  diese  entsprechend 
berücksichtigen  können,  liegt  ausschliesslich  im  Verantwortungsbereich 
der Behörde selber. Indem das BFM die Eingabe der Beschwerdeführerin 
unberücksichtigt liess, verletzte es den Anspruch der Beschwerdeführerin 
auf rechtliches Gehör.

3.4.  Eine  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  führt  grundsätzlich  –  das 
heisst  ungeachtet  der  materiellen  Auswirkungen  –  zur  Aufhebung  des 
daraufhin  ergangenen Entscheides. Die Heilung einer Gehörsverletzung 
aus  prozessökonomischen  Gründen  auf  Beschwerdeebene  ist  jedoch 
möglich, sofern das Versäumte nachgeholt wird, die beschwerdeführende 
Partei  dazu  Stellung  nehmen  kann  und  der  Beschwerdeinstanz  im 
streitigen  Fall  die  freie  Überprüfungsbefugnis  in  Bezug  auf  Tatbestand 
und Rechtsanwendung zukommt, sowie die festgestellte Verletzung nicht 
schwerwiegender  Natur  ist  und  die  fehlende  Entscheidreife  durch  die 
Beschwerdeinstanz  mit  vertretbarem  Aufwand  hergestellt  werden  kann 
(vgl. BVGE 2008/47 E. 3.3.4 S. 676 f., mit weiteren Hinweisen).

Im  Rahmen  der  auf  Beschwerdeebene  eingeleiteten  Vernehmlassung 
holte die Vorinstanz  ihr Versäumnis – wie die Ausführungen  in E. 6.3.2. 
nachfolgend  zeigen  werden  –  nach.  Die  Beschwerdeführerin  ihrerseits 
legte  bereits  in  ihrer Rechtsmitteleingabe  entsprechende Argumente  ins 
Recht. Überdies wurde ihr mit Verfügung vom 4. Mai 2010 die Möglichkeit 
eingeräumt, zu den Ausführungen der Vorinstanz in der Vernehmlassung 
Stellung  zu  nehmen.  Infolgedessen  ist  ihr  aus  der  unterbliebenen 
Berücksichtigung  des  eingereichten  Beweismittels  sowie  der  daraus 
folgenden  unzureichenden  Begründung  der  vorinstanzlichen  Verfügung 
kein Rechtsnachteil erwachsen. Eine Rückweisung des Verfahrens an die 
Vorinstanz käme einem prozessrechtlichen Leerlauf gleich, insbesondere 
auch  deshalb,  weil  die  Beschwerdeinstanz  über  eine  umfassende 

http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/47
http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/47
http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/47

D­1900/2010

Seite 8

Kognition  verfügt;  daraus  erhellt,  dass  die  vorgängig  festgestellte 
Verletzung des rechtlichen Gehörs auf Beschwerdeebene geheilt worden 
ist.  Der  Verfahrensmangel  wird  indessen  im  Entschädigungspunkt  zu 
berücksichtigen  sein  (Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  vormaligen 
Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2003  Nr.  5,  vgl. 
nachstehend E. 10).

4. 
4.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen 
grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat 
oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion, 
Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder 
wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt 
sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu 
werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des 
Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen 
unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen 
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG).

4.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft 
nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen  (Art.  7  Abs.  1  AsylG). 
Vorbringen sind dann glaubhaft, wenn sie genügend substantiiert, in sich 
schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen 
erschöpfen  oder  den  Tatsachen  oder  der  allgemeinen  Erfahrung 
widersprechen und sie dürfen nicht widersprüchlich sein oder der inneren 
Logik  entbehren.  Darüber  hinaus  muss  die  asylsuchende  Person 
persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall 
ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel 
abstützt  (Art. 7  Abs. 3  AsylG),  wichtige  Tatsachen  unterdrückt  oder 
bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen 
auswechselt  oder  unbegründet  nachschiebt,  mangelndes  Interesse  am 
Verfahren zeigt oder die nötige Mitwirkung verweigert. Glaubhaftmachung 
bedeutet  –  im  Gegensatz  zum  strikten  Beweis  –  ein  reduziertes 
Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel 
an den Vorbringen des Beschwerdeführers. Eine Behauptung gilt bereits 
als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von  ihrer Wahrheit nicht völlig 
überzeugt  ist,  sie  aber  überwiegend  für  wahr  hält,  obwohl  nicht  alle 
Zweifel  beseitigt  sind.  Für  die  Glaubhaftmachung  reicht  es 
demgegenüber  nicht  aus, wenn  der  Inhalt  der Vorbringen  zwar möglich 
ist,  aber  in  Würdigung  der  gesamten  Aspekte  wesentliche  und 
überwiegende  Umstände  gegen  die  vorgebrachte 

D­1900/2010

Seite 9

Sachverhaltsdarstellung  sprechen.  Entscheidend  ist  im  Sinne  einer 
Gesamtwürdigung,  ob  die  Gründe,  die  für  die  Richtigkeit  der 
Sachverhaltsdarstellung  sprechen,  überwiegen  oder  nicht;  dabei  ist  auf 
eine  objektivierte  Sichtweise  abzustellen  (vgl.  die  von  der  vormaligen 
Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK)  begründete 
Rechtsprechung  in  EMARK  2005  Nr.  21  E.  6.1  S.  190  f.,  mit  weiteren 
Hinweisen, welche vom Bundesverwaltungsgericht weitergeführt wird).

4.3. Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft  ist die 
Frage nach der  im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder 
begründeten  Furcht  vor  einer  solchen.  Die  Situation  im  Zeitpunkt  des 
Asylentscheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der 
Verfolgungsfurcht  ebenfalls  wesentlich.  Veränderungen  der  objektiven 
Situation  im  Heimatstaat  zwischen  Ausreise  und  Asylentscheid  sind 
deshalb  zugunsten und  zulasten der  das Asylgesuch  stellenden Person 
zu  berücksichtigen  (vgl.  BVGE  2008/4  E. 5.4  S. 38  f., WALTER STÖCKLI, 
Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 
2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.17 und 11.18).

5. 
5.1. Die Vorinstanz führte in der angefochtenen Verfügung zunächst aus, 
die  Beschwerdeführerin  habe  widersprüchliche  Aussagen  gemacht.  So 
habe  sie  anlässlich  der  Bundesbefragung  angegeben,  sie  sei  fast  nie 
einkaufen gegangen, meistens sei  ihr Mann einkaufen gegangen, da die 
Frauen nie einkaufen würden, sondern die Männer. Demgegenüber habe 
sie  bei  der  Summarbefragung  auf  entsprechende  Frage  nicht  erwähnt, 
dass sie fast nie einkaufen gegangen sei, sondern angegeben, sie habe 
meistens  auf  dem  Markt  F._______  eingekauft.  Zudem  habe  sie 
substanziierte Angaben zu Lebensmittelpreisen auf dem Markt gemacht. 
Widersprüchlich habe sie auch zu ihrer Clanzugehörigkeit, unter welcher 
sie zu  leiden gehabt habe, ausgesagt. Anlässlich der Summarbefragung 
habe  sie  ausgeführt,  sie  gehöre  dem Clan  Asharaf  an,  ihr  Subclan  sei 
Hassan.  Es  gebe  nur  zwei  Subclans  der  Asharaf,  nämlich  Hassan  und 
Hussein. Bei der Bundesbefragung habe sie jedoch geltend gemacht, sie 
gehöre dem Clan Asharaf und dem Subclan Hussein an. Überdies habe 
sie  sich  auch  bezüglich  der  Vergewaltigung  uneinheitlich  geäussert, 
indem sie einmal angegeben habe, irgendein Mann habe sie vergewaltigt, 
dieser sei ihr völlig fremd gewesen; sie habe ihn noch nie gesehen. In der 
zweiten  Befragung  habe  sie  hingegen  von  zwei  Männern  gesprochen, 
welche ihr dies angetan hätten.

D­1900/2010

Seite 10

Weiter hielt das Bundesamt fest, der ärztliche Bericht vom 17. Dezember 
(gemeint:  2009)  vermöge  die  geltend  gemachten  Vorbringen  nicht  zu 
stützen;  da  die  dort  festgestellten  körperlichen  Beschwerden  auf 
verschiedene  Ursachen  zurückzuführen  seien.  Der  eingereichte 
Arztbericht  vermöge  deshalb  die  von  der  Beschwerdeführerin  geltend 
gemachten Nachteile nicht zu belegen. Aufgrund des Gesagten müsse an 
der  Glaubhaftigkeit  der  Vorbringen  gezweifelt  werden.  Sie  hielten  den 
Anforderungen  an  die  Glaubwürdigkeit  (recte:  Glaubhaftigkeit)  gemäss 
Art. 7 AsylG nicht stand.

Schliesslich  führte  das  BFM  aus,  die  Beschwerdeführerin  mache 
zusätzlich geltend,  sie habe  ihr Land verlassen, da sie den Hunger, die 
Armut und die ständige Unsicherheit nicht mehr ertragen habe, denn sie 
wolle einfach ein ganz normales Leben führen. Gemäss ständiger Praxis 
und Rechtsprechung werde alleine aufgrund einer bürgerkriegsbedingten 
Situation  den  Betroffenen  nicht  Asyl  gewährt.  Gegenwärtig  seien  Teile 
Somalias  von  Kampfhandlungen  zwischen  Kräften  der 
Übergangsregierung und verschiedenen Milizen betroffen. Die allgemeine 
Unsicherheit, die als unausweichliche Folge dieses Konflikts in gewissen 
Teilen  des  Landes  herrsche,  betreffe  die  gesamte  somalische 
Bevölkerung  in  gleichem  Masse.  Diese  Vorbringen  hielten  den 
Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art. 3  AsylG  nicht 
stand.

5.2. Die Beschwerdeführerin  lässt dagegen im Wesentlichen einwenden, 
der Umstand, dass sie fast nie selbst einkaufen gegangen sei, stehe nicht 
im  Widerspruch  dazu,  dass  sie  zu  Lebensmittelpreisen  substanziierte 
Angaben habe machen können. Nahrungspreise würden im Kontext einer 
schwierigen  ökonomischen  Lebenssituation  eine  zentrale  Stelle 
einnehmen und seien deshalb allen erwachsenen Familienmitgliedern, ob 
sie nun selbst einkauften oder nicht, wohl bekannt. Nicht vorwerfen könne 
man  der  Beschwerdeführerin,  dass  sie  in  der  Summarbefragung  nicht 
erwähnt habe, in ihrer Kultur seien die Männer für den Einkauf zuständig, 
da  sie  auf  die  konkrete  Frage  Antwort  gegeben  habe,  wo  sie  ihre 
Lebensmittel denn einkaufe. Selbst wenn die Aussagen in diesem Punkt 
aber  als  widersprüchlich  zu  qualifizieren  wären,  wäre  dies  für  den 
Entscheid  unerheblich.  Widersprüche  zwischen  der  Summarbefragung 
und  der  Bundesbefragung  dürften  nur  dann  für  die  Beurteilung  der 
Glaubwürdigkeit  herangezogen werden, wenn  klare Aussagen diametral 
voneinander  abweichen  würden  oder  bestimmte  Ereignisse  oder 
Befürchtungen, die später als zentrale Asylgründe genannt würden, in der 

D­1900/2010

Seite 11

Empfangsstelle  nicht  zumindest  ansatzweise  erwähnt  würden,  was 
vorliegend nicht der Fall sei.

In  Bezug  auf  die  Clanzugehörigkeit  macht  die  Beschwerdeführerin 
geltend,  sie  führe  ihre Clan­  und  Subclanbezeichnung  –  beim Clan  der 
"Asharaf"  also  "Hussein"  oder  "Hassan"  –  offensichtlich  im 
Familiennamen,  was  allein  als  Beweis  genüge.  Zusätzlich  habe  sie 
sowohl  in  der  BzP  (recte:  EVZ)  als  auch  an  der  Bundesbefragung 
übereinstimmend  ihren  Subclan  mit  "Omar"/"Sharif  Umar"  angegeben, 
wobei die verschiedene phonetische Transkription keine Rolle spiele.

Weiter  bringt  die  Beschwerdeführerin  vor,  im  Hinblick  auf  die  von  ihr 
geschilderte  Vergewaltigung  sei  zu  beachten,  dass  sich  der  vom  BFM 
monierte Widerspruch  auf  eine  grammatikalische  Auslegung  stütze,  die 
näherer  Betrachtung  bei  Berücksichtigung  des  Kontextes  nicht 
standhalte.  Zudem gelte  es,  die  derzeitige medizinische Behandlung  zu 
berücksichtigen.  Forschungen  zu  Erinnerungen  an  traumatische  Inhalte 
zeigten,  dass  Widersprüche  bei  traumatischen  Erlebnissen  sehr 
wahrscheinlich  seien.  In  Anbetracht  der  medizinischen  Sachlage 
erscheine die monierte Ungenauigkeit als vernachlässigbar. Im Gegenteil 
habe  die  Beschwerdeführerin  anlässlich  der  Bundesbefragung  sehr 
genaue  Angaben  zu  Zeit,  Ort  und  in  den  Vorfall  involvierte  Personen 
machen können. Fakt sei, dass die Vergewaltigung glaubhaft dargebracht 
worden sei. Ob nun Mann im Singular oder Plural stehe, sei selbst ohne 
endgültig  diagnostizierte  posttraumatische  Belastungsstörung  kein 
verfängliches  Argument,  das  den  Vorwurf  von  widersprüchlichen 
Angaben  zu  einem  wesentlichen  Punkt  rechtfertigen  würde.  Die 
Schilderung  erscheine  im  Kontext  der  Diskriminierung  des  Clans  der 
Beschwerdeführerin  sowie  der  Situation  der  einer  "Minderheit 
angehörigen Frauen"  als  schlüssig  und  plausibel.  Im Übrigen  erscheine 
die Beschwerdeführerin durch detaillierte und logische Aussagen auch in 
Punkten,  die  nicht  das  Kernargument  der  Verfolgung  betreffen  würden, 
als persönlich glaubwürdig.

Soweit die Vorinstanz sodann den ärztlichen Bericht vom 17. Dezember 
2009  als  untaugliches Beweismittel würdige,  sei  festzuhalten,  dass  sich 
dieses Zeugnis nicht zu den möglichen Ursachen äussere. Das bedeute, 
dass  die  Ursächlichkeit  der  Verletzung  (chronische  […])  aus  einer 
Vergewaltigung weder bejaht noch verneint werde. Keinesfalls  führe das 
ärztliche  Zeugnis  die  (…)  auf  verschiedene  Ursachen  zurück,  wie  dies 
vom BFM dargestellt werde.

D­1900/2010

Seite 12

Schliesslich  lässt die Beschwerdeführerin darlegen, auch in Kriegs­ oder 
Bürgerkriegssituationen  könne  sich eine gezielte,  asylrechtlich  relevante 
und  den Kriterien  von Art. 3 AsylG entsprechende Verfolgung  ereignen. 
Die  Beschwerdeführerin  gehöre  einem  Minderheitenclan  an  und  im 
Kontext  des  somalischen  Bürgerkrieges  seien  Muster  von 
Vergewaltigungen  dokumentiert,  die  sich  vorwiegend  gegen  Frauen 
richteten,  welche  solchen  Minderheitenclans  angehörten.  Die 
Beschwerdeführerin  sei  demnach  nicht  im  gleichen  Masse  wie  die 
gesamte  Bevölkerung  von  der  allgemeinen  Unsicherheit  als  Folge  des 
Bürgerkrieges  betroffen,  sondern  durch  ihre  Kondition  als  Frau  und 
Asharaf  ungleich  verletzlicher.  Ihre  Vergewaltigung  sei  als  gezielte 
Verfolgung in einer Bürgerkriegssituation einzustufen, motiviert durch ihre 
Zugehörigkeit  zu  einer  nachweislich  von  der  Mehrheitsbevölkerung 
diskriminierten sozialen Gruppe.

6.  
6.1.  Im  Sinne  einer  Vorbemerkung  ist  auf  ein  offensichtliches 
Missverständnis  hinzuweisen.  Dies  betrifft  den  ärztlichen  Bericht  vom 
17. Dezember  2009,  worin  bei  der  Beschwerdeführerin  eine  (…) 
diagnostiziert  wird.  Wenn  die  Vorinstanz  dazu  in  der  angefochtenen 
Verfügung  (Ziff.  I.2.  S. 3)  festhielt,  die  dort  festgestellten  körperlichen 
Beschwerden  der  Beschwerdeführerin  ([…])  seien  auf  verschiedene 
Ursachen  zurückzuführen, meinte  sie  damit  zweifellos  – wovon  auch  in 
der  Beschwerde  ausgegangen wird  –,  dass  verschiedene Ursachen  für 
die diagnostizierte (…) denkbar seien. Hingegen brachte das BFM damit 
nicht  zum  Ausdruck,  das  ärztliche  Zeugnis  führe  die  (…)  auf 
verschiedene  Ursachen  zurück.  Die  vom  Bundesamt  gezogene 
Schlussfolgerung,  der  ärztliche  Bericht  vermöge  die  geltend  gemachten 
Vorbringen  –  mithin  die  erlittene  Vergewaltigung  –  nicht  zu  stützen,  ist 
deshalb nicht zu beanstanden.

6.2. Entgegen der Darstellung in der Beschwerdeschrift (Ziff. 2.2.3 S. 8 f.) 
vertrat die Vorinstanz  im Weiteren auch nicht die Auffassung,  in Kriegs­ 
oder  Bürgerkriegssituationen  könne  sich  keine  gezielte,  asylrechtlich 
relevante,  den  Kriterien  von  Art. 3  AsylG  entsprechende  Verfolgung 
ereignen. Vielmehr erwog das Bundesamt – zutreffend –, die Vorbringen 
der  Beschwerdeführerin,  sie  habe  ihr  Land  auch  deshalb  verlassen,  da 
sie  den  Hunger,  die  Armut  und  die  ständige  Unsicherheit  nicht  mehr 
ertragen habe, denn sie wolle einfach ein ganz normales Leben haben, 
stellten  Nachteile  dar,  welche  unausweichliche  Folgen  des 
Bürgerkriegskonfliktes  seien  und  die  gesamte  somalische  Bevölkerung 

D­1900/2010

Seite 13

betreffen würden. Alleine aufgrund dieser bürgerkriegsbedingten Situation 
werde gemäss ständiger Praxis und Rechtsprechung kein Asyl gewährt. 
Es ist nicht ersichtlich, inwiefern diese Einschätzung unzutreffend wäre.

6.3.  Angesichts  des  vorstehend  Gesagten  sowie  der  Vorbringen  auf 
Beschwerdeebene bleibt einerseits zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin 
aufgrund  ihrer  (behaupteten)  Clanzugehörigkeit  sowie  der  allgemeinen 
Situation in Somalia die Flüchtlingseigenschaft erfüllt. Wird dies verneint, 
stellt  sich  die  Frage  nach  der  Glaubhaftigkeit  der  erlittenen,  konkreten 
Verfolgungsvorbringen, mithin der erlittenen Vergewaltigung. 

6.3.1.  Die  Anforderungen  an  die  Feststellung  einer  Kollektivverfolgung 
sind, gemäss einer auch für das Bundesverwaltungsgericht nach wie vor 
geltenden Rechtsprechung der ARK, sehr hoch. Alleine die Zugehörigkeit 
zu  einem  Kollektiv,  welches  in  seinen  spezifischen  Eigenschaften  Ziel 
einer  Verfolgungsmotivation  ist,  reicht  in  der  Regel  nicht,  um  eine 
Kollektivverfolgung  zu  begründen.  Vielmehr  kommen  auch  bei  geltend 
gemachter  Verfolgung  aufgrund  der  blossen  Zugehörigkeit  zu  einem 
bestimmten  Kollektiv  die  Kriterien  der  ernsthaften  Nachteile  oder  der 
begründeten  Furcht  gemäss  Art. 3  AsylG  zur  Anwendung.  Solange  die 
Übergriffe gegen das Kollektiv nicht derart intensiv und häufig sind, dass 
jedes  Gruppenmitglied  befürchten  muss,  getroffen  zu  werden,  müssen 
besondere  Umstände  vorliegen,  damit  bereits  aufgrund  der  blossen 
Zugehörigkeit  zu  einem  bestimmten  Kollektiv  die  Ernsthaftigkeit  der 
Nachteile  oder  Begründetheit  der  Furcht  als  erfüllt  betrachtet  werden 
können  (vgl.  BVGE  2009/29  E. 4.4  und  BVGE  2008/34  E. 7.2,  je  mit 
Hinweis auf EMARK 2006 Nr. 1 E. 4.3 S. 3 f.).

Aus der vorinstanzlichen Verfügung ergibt sich – wie bereits vorstehend 
erwähnt  –  nicht  eindeutig,  ob die Zugehörigkeit  der Beschwerdeführerin 
zur ethnischen Gruppe der Ashraf (auch als Asharaf, Asharaaf, Ashraaf, 
Asheraf und Sharifians bezeichnet) als glaubhaft erachtet wird. Einzig aus 
dem  Hinweis,  sie  habe  sich  einmal  als  dem  Subclan  der  Hassan  und 
einmal als demjenigen der Hussein zugehörig bezeichnet, lässt sich keine 
eindeutige  Schlussfolgerung  ziehen.  Letztlich  braucht  die  Frage  jedoch 
auch  nicht  abschliessend beantwortet  zu werden,  da  eine  asylrelevante 
Kollektivverfolgung alleine aufgrund der genannten Clanzugehörigkeit zu 
verneinen  ist.  Gestützt  auf  die  Analyse  des  österreichischen 
Bundesasylamtes (Somalia: Die Ashraf 2011 – Herkunft, Status, aktuelle 
Lage.  Update  zur  Analyse  Ashraf  vom  Dezember  2009,  Wien,  am 
5. September  2011  [zit.  im  Folgenden:  Somalia:  Die  Ashraf  2011])  ist 

D­1900/2010

Seite 14

davon  auszugehen,  dass  es  sich  um  eine  schwierig  einzuordnende 
Personengruppe  handelt,  welche  je  nach  Autor  als  Clan,  Sub­Clan, 
adoptierte  Gruppe  oder  Minderheit  beschrieben  wird.  In  Bezug  auf  die 
Herkunft wird  in  der Beschwerdeschrift  zutreffend  ausgeführt,  dass  sich 
die  Ashraf  als  direkte  Abkommen  des  Propheten  Mohammed  sehen, 
dessen  Tochter  zwei  Söhne  hatte,  Hassan  und  Hussein.  Jeder  Ashraf, 
der älter als zwei Jahre  ist,  rechnet sich einem dieser beiden Enkel des 
Propheten zu (vgl. Somalia: Die Ashraf 2011, S. 4). Das Hauptgebiet der 
Ashraf  bildet  die  Küstenregion  Südsomalias,  und  hier  vor  allem  das 
urbane Umfeld von Brava (Braawe), Merka, Kismayo und die Region der 
Hauptstadt Mogadischu  (Benadir).  Innerhalb Mogadischus konzentrieren 
sich  die  Ashraf  hauptsächlich  in  den  Bezirken  Shangaani  und  Xamar 
Weyne.  Die  Verbreitung  der  Untergruppen  ist  sehr  heterogen.  Die 
Hussein sollen überwiegend in den Küstenstädten leben und werden den 
Benadiri  zugerechnet.  Hingegen  finden  sich  die  Hassan  vorwiegend  im 
Hinterland (vgl. a.a.O. S. 5 f.). Hinsichtlich des Status kommt die Analyse 
zum Schluss, dass die Ashraf generell als eigene Gruppe, welche von der 
rechtlichen  somalischen  Bevölkerung  unterschieden  werden  könne, 
existieren.  Dabei  müsse  aber  auch  eine  pragmatische  Einteilung  nach 
ihrer tatsächlichen Lebenssituation erfolgen: a) Ashraf, die aufgrund ihrer 
geografischen Lokalisierung als den Benadiri zugehörig gewertet werden 
(also  im  Sinne  des  Wortes  Küstenbewohner  sind)  sowie  andere 
geographische  Zuordnungen;  b)  Ashraf,  welche  unter  den  Rehanweyn 
leben; und c) ein Menge anderer Ashraf, die bei oder mit anderen Clans 
und Gruppen  leben.  Zur  aktuellen  Lage  hält  die  Analyse  fest,  während 
des Bürgerkrieges seien die Ashraf gezielt angegriffen worden, vor allem 
in Mogadischu seien Angehörige dieser Gruppe getötet, vergewaltigt und 
ihr  Eigentum  geplündert  worden.  Die  Gründe  für  die  Übergriffe  seien 
vielfältig.  Einerseits  würden  Ashraf  aufgrund  ihres  eigenen 
Selbstverständnisses  (arabische  Herkunft)  und/oder  ihrer  äusserlichen 
Merkmale  von  den  Somali­Clans  als  Fremde,  als  "Araber"  angesehen. 
Andererseits seien sowohl ihre Religiosität als auch ihre Nichtbewaffnung 
als  Schwäche  ausgenutzt  worden.  Das  Fehlen  eines  natürlichen 
Rückzugsgebietes, eines eigenen "Heimatterritoriums", habe für manche 
ebenfalls ein Problem dargestellt.  Insgesamt schienen die Ashraf  jedoch 
nicht als Gruppe oder aufgrund ihres Status angegriffen worden zu sein, 
sondern  vielmehr  als  einzelne,  schutzlose  Individuen.  Mittlerweile  habe 
sich die Situation für die Benadiri insgesamt etwas gebessert, doch seien 
sie  im  Vergleich  zu  grossen  Clans  nach  wie  vor  leichter  angreifbar. 
Zusammenfassend  wird  festgehalten,  es  gebe  keine  gesamtgültige 
Zuordnung  der  Ashraf,  lediglich  die  Tatsache,  dass  sie  sich  sowohl 

D­1900/2010

Seite 15

selbst,  als  auch  die  Mehrheits­Clans  sie  als  andersartig  werten,  könne 
festgehalten werden. Es könne keiner der unterschiedlichen Bewertungen 
durch diverse Autoren widersprochen werden: Die Ashraf seien teils Clan, 
teils  Sub­Clan,  teils  adoptiert  und  teils Minderheit.  Keinesfalls  seien  sie 
jedoch  ausschliesslich  eines  davon.  Dementsprechend  sei  es  durchaus 
sinnvoll,  einen Angehörigen der Ashraf  nicht  durch die blosse Zuteilung 
zu  dieser  Gruppe,  sondern  mittels  Hinterfragung  des  persönlichen, 
geographischen  und  sozialen  Hintergrunds  sowie  der  Eruierung  der 
Verortung  des  Individuums  innerhalb  der  somalischen  Clanstruktur  zu 
definieren.  Die  blosse  Behauptung  der  Zugehörigkeit  zu  den  Ashraf 
unterminiere  die  Glaubwürdigkeit  einer  Person.  Der  den  Ashraf 
zukommende  Schutz  hänge  stark  von  geographischer  Position  und 
Integration  ab.  Habe  sich  eine  Gruppe  von  Ashraf  erfolgreich  einem 
grossen Clan anschliessen können, sei ihm also durch eine Art Adoption 
beigetreten, dann könne dieser auch Schutz bieten. Für die Gruppe der 
Ashraf,  die  Teil  der  Benadiri  in  städtischen  Regionen  seien,  sei  die 
Bedrohungslage als erhöht einzustufen, für jene Ashraf, die sich auf dem 
Territorium  der  al  Shabaab  befänden,  könne  dies  noch  zusätzliche 
Probleme mit sich bringen. Zusammenfassend könne also gerade bei den 
Ashraf festgehalten werden, dass sie niemals als Gesamtgruppe beurteilt 
werden  könnten,  sondern  die  genaue  soziale  und  geographische 
Herkunft  massgeblich  für  das  exakte  Bedrohungsszenario 
ausschlaggebend seien.

Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  allein  aufgrund  der 
Zugehörigkeit  zur  ethnischen  Gruppe  der  Ashraf  die  hohen 
Anforderungen  an  die  Annahme  einer  Kollektivverfolgung  nicht  erfüllt 
sind. Dabei ist insbesondere der zwischenzeitlich erfolgte Rückzug der Al 
Shabaab­Miliz  aus  Mogadischu  zu  berücksichtigen.  Zum  andern  dürfte 
sich auch die Heirat der Beschwerdeführerin mit einem Angehörigen der 
Hawiye  grundsätzlich  positiv  auf  ihre  Gefährdungssituation  ausgewirkt 
haben (vgl. nachstehend E. 6.4).

6.3.2. Im Hinblick auf die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten 
Vergewaltigungen  ist der Vorinstanz zunächst darin beizupflichten, dass 
sich  diese  durch  das  eingereichte  Arztzeugnis,  welches  eine  (…) 
bezeugt,  nicht  belegen  lässt.  Zur  Ursache  dieser  gesundheitlichen 
Beeinträchtigung äussert sich das Arztzeugnis vom 17. Dezember 2009, 
wie  vorstehend  bereits  erwähnt,  nicht,  allerdings  wird  angeführt,  die 
Beschwerden  seien  seit  Jahren  vorhanden.  Bereits  aus  diesem  Grund 

D­1900/2010

Seite 16

scheinen die Vergewaltigungen vom Januar 2008 als Ursache für die (…) 
wenig wahrscheinlich.

Die  Beschwerdeführerin  vermag  im  Weiteren  die  von  der  Vorinstanz 
aufgeführten  Zweifel  an  der  Glaubhaftigkeit  ihrer  Angaben  nicht  zu 
entkräften.  Zwar  mag  es  zutreffen,  dass  auch  eine  Person,  die  nicht 
selbst  einkauft,  die  gängigen  Marktpreise  kennt.  Zu  beachten  ist  aber, 
dass  die  Beschwerdeführerin  anlässlich  ihrer  Befragung  im 
Empfangszentrum  auf  die  Frage,  wo  sie  ihre  Lebensmittel  eingekauft 
habe,  antwortete:  "Auf  dem  Markt  F._______.  Dort  ging  ich  meistens 
einkaufen. F._______ ist in Howl Wadag". Diese klare Antwort muss sich 
die  Beschwerdeführerin  entgegenhalten  lassen,  mithin  hat  das 
Bundesamt zu Recht auf den Widerspruch zur Aussagen anlässlich der 
direkten  Anhörung,  wonach  die  Beschwerdeführerin  fast  nie  selbst 
einkaufen  gegangen  sei,  hingewiesen.  Allerdings  ist  der 
Beschwerdeführerin  insoweit  zuzustimmen,  als  diesem  Widerspruch 
keine zentrale Bedeutung zukommen kann. 

Als  massgebend  erweisen  sich  vielmehr  die  Angaben  der 
Beschwerdeführerin  zu  der  von  ihr  geltend  gemachten  konkreten 
Verfolgungshandlung.  Dazu  weist  das  Bundesamt  zunächst  zutreffend 
auf  den  Widerspruch  in  den  Aussagen  der  Beschwerdeführerin  hin, 
wonach sie in der summarischen Befragung von einem Vergewaltiger, in 
der Bundesanhörung hingegen von zwei Männern gesprochen habe. Die 
Ausführungen  auf  Beschwerdeebene,  der  Widerspruch  sei  durch  eine 
posttraumatische  Belastungsstörung  zu  erklären,  überzeugt  nicht.  Zwar 
fand  gemäss  Schreiben  des  Ambulatoriums  für  Folter­  und  Kriegsopfer 
des Universitätsspitals  Zürich  am 19. Januar  2010  ein Erstgespräch mit 
der Beschwerdeführerin statt, doch liegen dem Gericht keine Unterlagen 
darüber  vor,  dass  die  Beschwerdeführerin  in  der  Folge  tatsächlich  eine 
Behandlung  in  Anspruch  genommen  hätte.  Zudem  wird  im  erwähnten 
Schreiben  ausdrücklich  ausgeführt,  es  liessen  sich  zum  damaligen 
Zeitpunkt  keine  direkten  Schlüsse  auf  eine  posttraumatische 
Belastungsstörung hin  ziehen. Vielmehr  bestätigt  sich der Eindruck,  der 
sich  auch  aus  den  Befragungen  der  Beschwerdeführerin  und  ihren 
weiteren Eingaben ergibt, dass sie nämlich – aus gut nachvollziehbaren 
Gründen – sehr unter der Trennung von ihren Kindern sowie ihrer Mutter 
und  der  Unsicherheit  über  deren  Befinden  leidet.  Es  erscheint  nur 
natürlich,  dass  die  Beschwerdeführerin  in  ihrer  Situation  bedrückt  und 
sehr  niedergeschlagen  wirkt.  Entgegen  der  in  der  Beschwerdeschrift 
vertretenen  Auffassung  vermag  denn  auch  die  Schilderung  der 

D­1900/2010

Seite 17

Beschwerdeführerin  ihrer  Vergewaltigung  nicht  zu  überzeugen.  Nebst 
dem  bereits  vorstehend  erwähnten  Widerspruch  fällt  auf,  dass  die 
Angaben  der  Beschwerdeführerin  wenig  konkret  ausgefallen  sind  und 
zumindest  teilweise  aus  der  Luft  gegriffen  scheinen.  So  gab  sie  an,  es 
seien  Diebe  gewesen,  die  schon  mehrere  Frauen  vergewaltigt  hätten, 
obschon  sie  die  Männer  nicht  kannte  (vgl.  BFM  Akten  A  17/13  S. 7). 
Entsprechend wenig nachvollziehbar antwortete sie auf die Frage, woher 
sie gewusst habe, dass die Männer Diebe gewesen seien  (vgl. A 17/13 
S. 8).  Zudem  konnte  die  Beschwerdeführerin  die  Männer  auch  nicht 
ansatzweise beschreiben (vgl. A 17/13 S. 8 F 66). Schliesslich lässt auch 
die  Darstellung  der  Beschwerdeführerin  der  Situation  nach  der 
Vergewaltigung  nicht  den  Eindruck  entstehen,  sie  schildere  hier 
tatsächlich selbst Erlebtes (vgl. A 17/13 S. 9). Des Weiteren blieb wenig 
nachvollziehbar,  weshalb  die  Beschwerdeführerin  erst  Ende  November 
und  damit  fast  ein  Jahr  nach  der  Vergewaltigung  ausreiste,  zumal  sie 
angab,  es  sei  für  sie  klar  gewesen,  dass  sie  nicht  länger  dort  bleiben 
würde  (vgl.  A  17/13  S. 9  f.).  Selbstverständlich  ist,  dass  gewisse 
Vorbereitungshandlungen  nötig  gewesen  sein  dürften.  Allerdings 
schilderte  die  Beschwerdeführerin  keine  Vorkehrungen,  die  mehrere 
Monate in Anspruch genommen hätten (vgl. A 17/13 S. 11).

Insgesamt  kommt  auch  das  Bundesverwaltungsgericht  zum  Schluss, 
dass  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  zu  der  erlittenen 
Vergewaltigung den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit  im Sinne von 
Art. 7 AsylG nicht standhalten. 

6.3.3.  Hinsichtlich  der  allgemein  schwierigen  Situation  in  Somalia, 
insbesondere  in  Zentral­  und  Südsomalia  kann  auf  die  zutreffende 
Einschätzung  in  der  vorinstanzlichen  Verfügung  (Ziff.  I.3)  verwiesen 
werden. Weitere Ausführungen dazu erübrigen sich.

6.4.  Soweit  die  Beschwerdeführerin  schliesslich  neu  eine  Gefährdung 
durch ihre Heirat geltend macht, erscheint auch dieses Vorbringen wenig 
glaubhaft.  Zwar  kann  nicht  ausgeschlossen  werden,  dass  sich  bei 
Heiraten  unter  verschiedenen  Clans  Schwierigkeiten  ergeben  können, 
generelle  Aussagen  dazu  sind  jedoch  nicht  möglich  (vgl.  ACCORD 
Anfragebeantwortung vom 29. April 2010: Somalia: 1) Lage der Asharaf; 
Gehören die Asharaf dem Sub­Clan der Hassan und dem Hauptclan der 
Arab  an?  2)  Heirat  zwischen  Angehörigen  von  Minderheiten  und 
Mehrheitsclanangehörigen;  3)  Situation  von  Frauen  [Gefahren  für 
alleinstehende Frauen], publiziert auf <http://www.ecoi.net> > file_upload 

D­1900/2010

Seite 18

>  response,  besucht  am  10.  Januar  2012).  Immerhin  erscheinen 
Heiratsbeziehungen  unter  verschiedenen  Clans  dennoch  keine 
Seltenheit,  gibt  es  doch  dafür  mit  "Mukulal  Madow"  eine  spezielle 
Bezeichnung  für  die  Knüpfung  von  Heiratsbeziehungen  zwischen  Rer 
Hamar­Haushalten  (und anderen Benadiri­Gruppen)  und den mächtigen 
"noblen"  Clans  (insbesondere  den  Hawiye­Gruppen  Abgal  und  Habr 
Gedir)  (vgl.  ACCORD,  Clans  in  Somalia,  Bericht  zum  Vortrag  von  Dr. 
Joakim  Gundel  beim  COI­Workshop  in  Wien  am  15. Mai  2009 
[überarbeitete  Neuausgabe],  Veröffentlicht  im  Dezember  2009,  S. 19). 
Der  heutige  Ehemann  der  Beschwerdeführerin  gab  an,  er  gehöre  der 
Clanfamilie der Hawiye an, Subclan Abgal (vgl. BFM­Akten N 515 951 A 
10/13  S. 4).  Bereits  aus  diesem  Grund  ist  das  neue  Vorbringen  der 
Beschwerdeführerin  –  bei  welchem  es  sich  um  eine  reine  Behauptung 
handelt  –  nicht  geeignet,  die  Flüchtlingseigenschaft  aufgrund  eines 
subjektiven Nachfluchtgrundes (vgl. Art. 54 AsylG) zu begründen.

7. 
Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so 
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den 
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie 
(Art. 44 Abs. 1 AsylG).

7.1. Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche 
Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer 
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 
Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E. 9).

7.2. Das  BFM  ordnete mit  seiner  Verfügung  vom  25. Februar  2010  die 
vorläufige  Aufnahme  der  Beschwerdeführerin  an.  Diese  Anordnung 
besteht nach wie vor. Ausführungen zum Wegweisungsvollzug erübrigen 
sich damit.

8. 
Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung 
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und 
vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die 
Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen.

9. 
Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  an  sich  der 
Beschwerdeführerin  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG).  Sie  ersuchte 

D­1900/2010

Seite 19

jedoch  im  Rahmen  der  Beschwerdebegehren  um  Gewährung  der 
unentgeltlichen  Rechtspflege.  Gemäss  Art. 65  Abs. 1  VwVG  befreit  die 
Beschwerdeinstanz  nach  Einreichung  der  Beschwerde  eine  Partei,  die 
nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, auf Antrag von der Bezahlung 
der  Verfahrenskosten,  sofern  ihr  Begehren  nicht  aussichtslos  erscheint. 
Gesamthaft  betrachtet  kann  der  Beschwerdeführerin  nicht  vorgehalten 
werden,  ihrer  Beschwerde  habe  es  im  Zeitpunkt  der  Beantragung  der 
unentgeltlichen Rechtspflege mit Blick auf die Erfolgssaussichten an der 
nötigen  Ernsthaftigkeit  gefehlt  (vgl.  BGE  125  II  265  E. 4b  S. 275). 
Angesichts  der  eingereichten  Bestätigung  über  den  Bezug  von 
Sozialleistungen  der  Gemeinde  G._______  vom  10. März  2010  ist 
sodann  von  der  prozessualen  Bedürftigkeit  der  Beschwerdeführerin 
auszugehen. Damit sind beide kumulativ erforderlichen Voraussetzungen 
von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  erfüllt.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der 
unentgeltlichen  Rechtspflege  ist  deshalb  gutzuheissen,  und  die 
Beschwerdeführerin ist von der Pflicht zur Kostentragung zu befreien. 

10. 
Der  Beschwerdeführerin  ist  trotz  des  Umstandes,  dass  sie  im 
vorliegenden  Beschwerdeverfahren  letztlich  mit  ihren  Rechtsbegehren 
nicht  durchgedrungen  ist,  eine  Parteientschädigung  für  die  ihr  aus  der 
Beschwerdeführung  erwachsenen  notwendigen  Kosten  zuzusprechen. 
Eine Parteientschädigung ist jedoch nur für diejenigen Aufwendungen zu 
gewähren,  die  auf  die  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  durch  die 
Vorinstanz  zurückzuführen  sind.  Dementsprechend  und  in 
Berücksichtigung der in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 
8  f.  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und 
Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 
173.320.2])  ist  die  Parteientschädigung  auf  insgesamt  Fr.  300.­­  (inkl. 
Auslagen  und  Mehrwertsteuer)  festzusetzen.  Dieser  Betrag  ist  der 
Beschwerdeführerin durch das BFM zu entrichten.

(Dispositiv nächste Seite)

D­1900/2010

Seite 20

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1. 
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2. 
Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne 
von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird gutgeheissen.

3. 
Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt.

4. 
Das  BFM  wird  angewiesen,  der  Beschwerdeführerin  eine 
Parteientschädigung von Fr. 300.­­ auszurichten.

5. 
Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die 
zuständige kantonale Behörde.

Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin:

Robert Galliker Daniela Brüschweiler

Versand: