# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** c5a33ebf-f637-5234-bfde-a08b84fa1dc1
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2021-05-17
**Language:** de
**Title:** Mögliches Schreckereignis; Prüfung der Adäquanz nach der allgemeinen Formel.
**Docket/Reference:** UV.2020.00215
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/UV.2020.00215.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
UV.2020.00215
III. Kammer
Sozialversicherungsrichter Gräub, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Grieder-Martens
Ersatzrichterin Tanner Imfeld
Gerichtsschreiberin Locher
Urteil
vom
1
7.
Mai 2021
in Sachen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch Rechtsanwalt Ivo Baumann
Grieder
Baumann Lerch
Epprecht
, Rechtsanwälte
Badenerstrasse
21, Postfach, 8021 Zürich 1
gegen
Suva
Rechtsabteilung
Postfach 4358, 6002 Luzern
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
Dem 1975 geborenen
X.___
wurde von der
Y.___
AG seit
1.
Juli 2016 eine Stelle als Mitarbeiter Wareneingang vermittelt
(
Urk.
7/1)
. In dieser Eigenschaft war er bei der Suva obligatorisch gegen die Folgen von Un
fällen versichert. Am
5.
September 2016
fuhr er von der Ikea Dübendorf kom
mend auf der Überlandstrasse Richtung
Aubrugg
. Nachdem die erste sich auf der Strecke befindliche Verkehrsampel von Rot auf Grün gewechselt hatte, fuhr das Auto
vor ihm
nicht sofort los. Bei den darauffolgenden zwei Verkehrsampeln
wiederholte sich der Vorgang. Auch bei der vierten folgenden Verkehrsampel
blie
b das
Auto
vor ihm
bei der Schaltung auf Grün stehen. Die
darin sitzenden
drei
Männer
stiegen
sodann
aus und begaben sich zum Auto des Versicherten. Da jener die Zentralverriegelung betätigt hatte, misslang das Öffnen der Fahrertüre und die drei Unbekannten setzten die Fahrt fort. Auch bei der nächstfolgenden Verkehrsampel warteten
sie wiederum bei der Schaltung auf Grün
mit dem Los
fahren.
Anschliessend – bei der
6.
Verkehrsampel auf der Fahrstrecke
–
bog der Versicherte
nach rechts ab,
hielt auf einem Parkplatz an
und stieg aus dem Auto aus
, um mit einem Kollegen zu telefonieren. In diesem Moment stoppte das Auto der drei
u
nbekannten
Männer
vor ihm. Die
se
stiegen
ebenfalls
aus
und zwei
kamen auf ihn zu. Einer schlug den Versicherten mit der Faust auf den Hinterk
opf und drehte ihm danach den
Arm auf den Rücken. Der andere ging zu seine
m Fahrzeug und entwendete den Fahrzeugausweis, die
Aufenthaltsbewilligung und den Autoschlüssel.
Danach kam er auf den Versicherten
zu, zeigte die Ausweise und sagte «
You
will die, I
know
where
you
live», «
Fucking
pussy
» und weitere
gleichartige
Worte. Darauf stiegen die drei unbekannten Männer wieder in ihr Auto und fuhren davon (
Urk.
7/21 S. 12 f.). In der Folge erbrachte die Suva die gesetzlichen Leistungen. Mit Verfügung vom
1
0.
Februar 2020 stellte sie diese – unter Hinweis darauf, dass die organischen Unfallfolgen zwischenzeitlich abge
heilt seien und die psychiatrischen Befunde nicht mehr in ursächlichem Zusam
menhang mit dem versicherten Ereignis stünden – per 2
8.
Februar 2020 ein (
Urk.
7/258).
Die dagegen erhobene Einsprache vom 1
0.
März respektive 1
5.
Juni 2020 (
Urk.
7/269 und
Urk.
7/283) wies sie mit Entscheid vom 1
8.
August 2020 ab (
Urk.
2).
2.
Mit Eingabe vom 1
8.
September 2020 erhob der Versicherte Beschwerde und beantragte, der
Einspracheentscheid
vom 1
8.
August und die Verfügung vom
10. Februar 2020 seien aufzuheben und es seien die gesetzlichen Leistungen aus
zurichten (
Urk.
1 S. 2). Mit Beschwerdeantwort vom 2
8.
Oktober 2020 schloss die Suva auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6), was dem Besc
hwerdeführer mit Gerichtsverfügu
ng vom 3
0.
Oktober 2020 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
8).
3.
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
Am 1. Januar 2017 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) und der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV) in Kraft getreten.
Gemäss den allgemeinen übergangsrechtlichen Regeln sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen, die in Geltung standen, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende und somit rechtserhebliche Sachverhalt ver
wirklicht hat (vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b). Dementsprechend sehen die Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. September 2015 des UVG vor, dass Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeitpunkt ausge
brochen sind, nach bisherigem Recht gewährt werden (Absatz 1 der genannten Übergangsbestimmungen).
Der hier zu be
urteilende Unfall hat sich am
5.
September 2016
ereignet, weshalb die bis 31. Dezember 2016 gültig gewesenen Normen auf den vorliegenden Fall Anwendung finden und in dieser Fassung zitiert werden.
2.
2.1
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Inva
lidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhanden
sein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise beziehungsweise nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausal
zusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder un
mittelbare
Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädi
gende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geis
tige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weg
gedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene ge
sundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1, 402 E. 4.3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die Verwaltung beziehungsweise im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines Leistungs
an
spruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
2.2
Die Leistungspflicht des Unfallversicherers setzt im Weiteren voraus, dass zwi
schen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden ein adäquater Kausal
zu
sammenhang besteht. Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als adäquate Ursache eines Erfolges zu gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolges also durch das Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 129 V 177 E. 3.2, 402 E. 2.2, 125 V 456 E. 5a).
3.
3.1
Die Beschwerdegegnerin verneinte ihre weitere Leistungspflicht im Wesentlichen damit, die Prüfung der Adäquanzkriterien nach der Psycho-Praxis ergebe, dass keines
als erfüllt betrachtet werden könne. Das Unfallereignis könne sodann auch nicht als Schreckereignis anerkannt werden, da diesem die erforderliche Ein
drücklichkeit fehle. Würde indes von einem «gemischten» Vorfall im Sinne der Rechtsprechung ausgegangen, wäre der adäquate Kausalzusammenhang auch nach der allgemeinen Adäquanzformel zu verneinen (
Urk.
2 S. 6 ff. und
Urk.
6 S.
4 ff.).
3.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt,
er sei an
lässlich des Überfalls mit dem Tode bedroht und körperlich verletzt worden. Er leide nach wie vor unter den traumatisierenden psychischen
Einwirkungen. Es handle sich um ein klassisches gemischtes Schreckereignis. Ihm seien zu einem späteren Zeitpunkt die gestohlenen Ausweise (mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit vom Täter) in den Briefkasten geworfen worden, was zu einer zusätzlichen
erheblichen Traumatisierung geführt habe. Aufgrund der allgeme
i
nen Adäquanzformel sei die Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin nach wie
vor gegeben
.
Auch die Re-Traumatisierung durch das Auffinden der Ausweise im Briefkasten, was dem Täter zugeordnet und somit dem Unfallgeschehen zugerech
net werden müsse, habe zu einer weiteren Verstärkung der Symptomatik beige
tragen (
Urk.
1 S. 3 ff.).
4.
4.1
Die erstbehandelnde
Dr.
med.
Z.___
, Fachärztin FMH für Chirurgie und Allge
meine Innere Medizin,
stellte am Unfalltag insbesondere eine Kontusionsmarke an der rechten Wange, einen geschwollenen, stark
druckdolenten
rechten Ellen
bogen und ein
druckdolentes
Handgelenk rechts fest. Frakturen lagen keine vor (
Urk.
7/9).
4.2
Dr.
med
.
A.___
,
Zentrum
B.___
,
berichtete am 2
7.
Mai 2019, der Beschwerdeführer stehe seit 13. Dezember 2018 bei ihr in psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung. Dazumal habe der Beschwerdeführer unter einer generalisierten Angststörung nach einem körper
lichen Angriff im September 2016 gelitten.
Zurzeit befinde er sich in einer Stabili
sierungsphase. Die im Mai
2019
angefangene medikamentöse Therapie mit
Esci
talopram
10 mg täglich zeige eine s
timmungsstabilisierende Wirkung, was zu einer
zunehmenden Motivation
geführt habe
, eine Arbeitsstelle zu suchen. Aktu
ell leide der Versicherte unter einer
mittelgradige
n
depressive
n
Episode (ICD-10 F32.1). Auslöser für die depressive Symptomatik sei ein Konflikt in der Nachbar
schaft gewesen.
Die Arbeitsfähigkeit betrage 60
%
. Aus psychiatrischer Sicht sei mit einer Steigerung auf 100
%
in einem Zeitraum von circa sechs Wochen zu rechnen (
Urk.
7/195).
4.3
Die nämliche Ärztin
diagnostizierte am 1
5.
November 2019 eine mittelgradige de
pressive Episode (ICD-10 F32.1) im Rahmen einer posttraumatischen Belas
tungs
störung bei Erstdiagnose 201
6.
Sie gab an, sie habe den Versicherten seit Mai 2019 wegen zunehmender unterschiedlicher somatischer Beschwerden in un
regelmässigen Abständen gesehen. Psychotherapeutisch hätte sich im Sommer/
Herbst 2019 eine repetitive neurotische Konflikt-Thematik gezeigt, die anlässlich der Sitzungen verarbeitet worden sei. Subjektiv berichte er über Müdigkeit auf
grund mehrerer somatischer Untersuchungen und Nachbehandlungen, über Wut und Enttäuschung
und über gefühlt wenig Unterstützung bei der Arbeitssuche. Gleichzeitig bewerte er sich angesichts der somatischen Einschränkungen und des
reduzierten Konzentrationsvermögens als nicht leistungsfähig. Aus psychia
tri
scher Sicht sehe
sie die Arbeitsfähigkeit bei 60
%
bis 70
%
; der somatische Zu
stand (noch existierende Schmerzsymptomatik) sei ein möglicher psychisch de
stabi
lisierender Faktor. Die Prognose für die weitere Entwicklung schätze sie als positiv ein (Urk. 7/242).
4.4
Der im Auftrag der Beschwerdegegnerin
durch med.
pract
.
C.___
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie,
erstellten psychiatrischen Beurteilung vom
7.
Januar 2020 kann entnommen werden, dass sich aus den Berichten der behandelnden
Dr.
A.___
vom Mai und November 2019 ein Zustandsbild des Be
schwerdeführers ergibt,
das durch Verunsicherung und Stimmungsschwan
kun
gen geprägt ist, für welches das Unfallereignis als solches unterdessen eine nur noch untergeordnete Rolle spielen dürfte. Dies lasse sich auch gut damit belegen, dass durch
Dr.
A.___
keine spezifischen
psychotraumatologischen
Symptome
mehr festgestellt wü
rden und eine für psychische Traumata typische, aber an sich unspezifische Irritabilität der Affekte im Laufe des vergangenen Jahres eher abgenommen zu haben scheine.
Diagnostisch könne er die Einschätzung der be
handelnden Psychiaterin nachvollziehen. Au
fgrund des Berichtes dürfe
von einer aktuell weitgehend stabilisierten depressiven Schwankung ausgegangen werden. Der unfallkausale psychische Gesundheitszustand sei mit überwiegender Wahr
scheinlichkeit als stabil zu erachten; mit einer gewissen leichten Einschränkung der Arbeitsfähigkeit werde wahrscheinlich auf Dauer zu rechnen sein. Aktuell bestehe zwischen dem jetzigen psychischen Zustand und dem Unfallereignis nur noch ein indirekter natürlich-teilkausaler Zusammenhang, in dem der Beschwer
deführer wegen einer wahrscheinlich andauernden erhöhten psychischen Vulner
abilität relativ niederschwellig auf vermehrte Belastungen im Umfeld oder in Bezug auf körperliche Beschwerden mit Stimmungsschwankungen und/oder ver
mehrten A
ngstsymptomen reagieren dürfte.
Zur Frage der Arbeitsfähigkeit in den früher ausgeübten Tätigkeiten als Mit
arbeiter Wareneingang und Zusteller führte med.
pract
.
C.___
aus, i
m Rahmen der somatisch formulierten unfallbedingten Zumutbarkeit gebe es aus psychia
tri
scher Sicht keine weiteren Einschränkungen, ausser der schon früher genannten Einschränkung, dass aufgrund des traumatisierenden Ereignisses vom September 2019 wahrscheinlich eine Tätigkeit als Chauffeur nicht ratsam sei. Ebenso werde mit einer dauerhaften leichten Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von etwa 20
%
zu rechnen sein.
Auch in einer angepassten Tätigkeit sowie
im Rahmen des somatisch zumutbaren Stellenprofils erachte er den Versicherten als leicht ein
geschränkt arbeitsfähig (20
%
arbeitsunfähig;
Urk.
7/253 S. 4 ff.).
5
.
5
.1
D
ass die Beschwerdegegnerin den Fallabschluss per 2
8.
Februar 2020 vorge
nommen hat, ist nicht zu beanstanden und wird vom Beschwerdeführer auch nicht bestritten
.
Die von der
Suva
vorgenommene Adäquanzprüfung ist damit nicht verfrüht erfolgt.
Zwi
schen den Parteien ist sodann
zu Recht
unbestritten,
dass
der Beschwerde
führer unter keinen organisch objektiv ausgewiesenen Unfa
ll
folgen mehr leidet
; insbesondere wurde gegen die im Zusammenhang mit den rechtsseitigen Handbe
schwerden mit Schreiben vom 15.
November 2019 erfolgte formlose Einstellung de
r Versicherungsleistungen (Urk.
7/241)
kein Rechtsmittel ergriffen
(vgl.
zur rechtlichen Wirksamkeit eines zu Unrecht nicht in Verfü
gungs
form, sondern mittels formloser Mitteilung bekannt gegebenen Entscheids betref
fend die Verweigerung von Versicherungsleistungen ohne fristgerecht – das heisst grundsätzlich innerhalb eines Jahres –
e
rfolgte
Intervention
Urteil
e
des Bundesgerichts 8C_465/2011 vom
7.
September
2011 E. 3.1 mit Hinweis auf BGE
134 V 145 und 132 V 412 sowie 8C_506/2008 vom
5.
März 2009).
Vom Be
schwer
deführer wird sodann
ebenfalls zu Recht
die von der Beschwerdegegnerin nach Anwendung der Psycho-Praxis erfolgte Verneinung der Adäquanz zwischen dem Unfallereignis und den nach dem Fallabschluss weiter vorhandenen psychischen Störungen
nicht in Zweifel gezogen.
5
.2
Strittig
und zu prüfen ist damit
noch
,
ob es sich beim Vorfall
vom 5. September 2016 um ein Schreckereignis handelt
und bejahendenfalls
ob nach der allge
meinen Adäquanzformel zwischen diesem und den
weiterhin
beklagten psychi
schen Beeinträchtigungen ein adäquater Kausalzusammenhang zu bejahen ist.
6
.
6
.1
Praxisgemäss werden schreckbedingte plötzliche Einflüsse auf die Psyche (sog
e
nannte
Schreckereignisse
)
als Einwirkungen auf den menschlichen Körper im Sinne des Unfallbegriffs
(
Art.
4
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts [ATSG])
anerkannt.
Das
Begriffsmerkmal der Unge
wöhnlichkeit vermögen nur aussergewöhnliche Schreckereignisse, die mit einem ausserordentlichen psychischen Schock verbunden sind, zu erf
üllen
. Die seelische Einwirkung muss durch einen gewaltsamen, in der unmittelbaren Gegenwart des Versicherten sich abspielenden Vorfall ausgelöst werden und in ihrer über
rasch
enden Heftigkeit geeignet sein, auch bei einem gesunden Menschen durch
Stö
-
rung
des seelischen Gleichgewichts typische Angst- und Schreckwirkungen (wie Lähmungen, Herzschlag etc.) hervorzurufen. In Fra
ge kommen Ereignisse – w
ie
etwa Brand- oder Erdbebenkatastrophen, Eisenbahn- oder Flugzeugunglücke,
schw
ere Autokollisionen, Brückeneinstürze, Bombenabwürfe, verbrecherische Überfälle oder sonstige plötzliche Todesgefahren sowie Seebeben
–
, bei denen, anders als im Rahmen der üblichen Unfälle, die psychische Stresssituation im Vordergrund steht, wogegen dem somatischen Geschehen keine (entscheidende) Bedeutung beigemessen werden kann. An den Beweis der Tatsachen, die das Schreckereignis ausgelöst haben, an die Aussergewöhnlichkeit dieses Ereignisses sowie den entsprechenden psychischen Schock sind strenge Anforderungen zu stellen (Urteil
des Bundesgerichts 8C_412/2015 vom
5.
November 2015 E. 2.1 mit weiteren Hinweisen).
6
.2
Die Adäquanz zwischen einem Schreckereignis ohne körperliche Verletzungen und den nachfolgend aufgetretenen psychischen Störungen ist nach der allge
meinen Formel (gewöhnlicher Lauf der Dinge und allgemeine Lebenserfahrung) zu beurteilen. Nicht anders verhält es sich, wenn die versicherte Person zwar körperlich verletzt wird, die somatischen Beeinträchtigungen indessen lediglich von untergeordneter Bedeutung sind und im Vergleich zum erlittenen psychi
schen Stress in den Hintergrund treten (Urteil des Bundesgerichts 8C_298/2016 vom 30. November 2016 E. 4.3 mit Hinweisen). Dabei ist gemäss Rechtsprechung nicht allein auf den psychisch gesunden Versicherten, sondern auf eine weite Bandbreite der Versicherten abzustellen und dabei im Allgemeinen kein allzu strenger Massstab anzulegen. So bilden in diesem Rahmen auch solche Ver
sicherte Bezugspersonen für die Adäquanzbeurteilung, welche im Hinblick auf die Verarbeitung eines Unfalls zu einer Gruppe mit erhöhtem Risiko gehören, weil sie aus versicherungsmässiger Sicht auf einen Unfall nicht «optimal» reagieren. An den
aufgrund der allgemeinen Adäquanzformel zu prüfenden
–
Kausal
zu
sammenhang zwischen psychischen Beschwerden und den sogenannten Schreck
ereignissen im Speziellen werden jedoch hohe Anforderungen gestellt. Dabei stehen insbesondere der Beweis der Tatsachen, die das Schreckereignis ausgelöst haben, und die Aussergewöhnlichkeit des fraglichen Ereignisses sowie der ent
sprechende psychische Schock im Vordergrund (Urteil des Bundesgerichts 8C_571/2020 vom 22. Dezember 2020 E. 2.3 mit Hinweisen auf BGE 129 V 177 E. 3.3 und E. 4.2 sowie Urteil 8C_847/2017 vom 27. September 2018 E. 2.2 f.).
Bei
«
gemischten» Vorfällen, in welchen die Elemente eines Schreckereignisses (Überfall, Bedrohung) und einer ihrerseits den Unfallbegriff erfüllenden physi
schen Einwirkung (Schläge, Zufügen von Verletzungen) kombiniert vorkommen, ist die Adäquanzprüfung unter beiden Gesichtspunkten
«Schreckereignis» und gemäss den in BGE 115 V 133 entwickelten Adäquanzkriterien (sog. Psycho
praxis)
vorzunehmen, wenn keiner der Faktoren deutlich im Vordergrund steht
(Urteil des Bundesgerichts 8C_298/2016 vom 30. November 2016 E. 4.3 mit Hin
weisen).
6
.
3
6.3.1
O
b
es sich beim Vorfall
vom
5.
September 2016 um ein
aussergewöhnliches Schreckereignis
handelt, kann
offen bleiben
, falls die in Anwendung der all
gemeinen Formel zu prüfende Adäquanz zwischen jenem und den noch vorhan
denen psychischen Leiden ohnehin
zu verneinen ist.
Hiezu
ergibt sich Folgendes:
Das Bundesgericht hat sich eingehend in
BGE 129 V 177
zum Schreckereignis im Zusammenhang mit deliktischen Handlungen wie Raub, Drohung oder Erpres
sung geäussert. Zu beurteilen war ein Raubüberfall auf die Betriebsleiterin eines
Spielsalons mit einer Faustfeuerwaffe, aber ohne Handgreiflichkeiten oder Schuss
abgabe. Das Bundesgericht hat erkannt, dass ein solches Ereignis nicht geeignet sei, einen dauernden, erheblichen psychischen Schaden mit anhaltender Erwerbs
unfähigkeit zu verursachen. Die übliche und einigermassen typische Reaktion auf einen solchen Überfall dürfte erfahrungsgemäss darin bestehen, dass zwar eine Traumatisierung stattfinde, diese aber vom Opfer in aller Regel innert
einiger Wochen
oder Monate überwunden werde. Eine psychische Störung und lang andauernde Erwerbsunfähigkeit könnten nicht mehr in einem weiten Sinne als angemessene und einigermassen typische Reaktion auf das Schreckereignis be
zeichnet werden.
Gleiches galt im Fall der Versicherten, die als Aufsicht in einem Spielsalon bei Arbeitsschluss von drei maskierten Männern überfallen wurde, wobei einer von ihnen mit den Fäusten auf sie einschlug und ein andere
r eine Pistole auf sie richtete
, beim Barkeeper, der bei Aufräumarbeiten nach Betriebs
schluss von zwei maskierten Männern mit Schusswaffen bedroht sowie mit Faustschlägen ins Gesicht und Fusstritten in den Bauch traktiert wurde, während sich ein dritter um den ebenfalls anwesenden Geschäftsführer kümmerte, und danach im Büro des Betriebs eingeschlossen wurde, bei der Kioskverkäuferin, die hinter dem Verkaufstresen von zwei maskierten Männern bedroht wurde, wobei einer der Täter sie an der Schulter festhielt und eine Pistole mit einem Abstand von etwa sieben bis zehn Zentim
etern gegen ihre Stirn richtete
, und beim Tank
stellenwart, der mit einer Pistole bedroht wurde und mit der Faust bezie
hungs
weise mit der Pistole Schläge gegen den Kopf erhielt (Urteil
des Bundesgerichts 8C_2/2016 vom 2
9.
Februar 2016 E. 4.1 mit weiteren Hinweisen).
6.3.2
Mit Blick auf die geschilderten Fälle sind beim Ablauf des hier zu beurteilenden
Vorfalls
keine besonderen Umstände auszumachen, die eine andere Beurteilung der adäquaten Kausalität rechtfertigen würden.
Dem
tätlichen Angriff
– dem Beschwerdeführer
wurde mit der Faust auf den Hinterkopf geschlagen und der
Arm auf den Rücken gedreht
(
Urk.
7/21 S. 13)
– ist
zwar eine gewisse Ein
drücklichkeit nicht abzusprechen und es ist nachvollziehbar, dass der Versicherte jenen – insbesondere auch aufgrund der nach Behändigung der Ausweispapiere
auf Englisch
ausgesprochenen Todesdrohung («
you
will die, I
know
where
you
live»)
–
subjektiv als bedrohlich empfand
. Dennoch ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer keinen erheblichen Körperschaden erlitt und nicht mit einer Schusswaffe bedroht wurde
.
Das Ganze spielte sich innerhalb einer kurzen Zeit
spanne ab, wobei der Beschwerdeführer keinen
längeren körperlichen und/oder psychischen Strapazen ausgesetzt war (wie Fesselung, Einsperren, Misshand
lungen, starke Bedrohung, etc.).
Nach der Tat verfolgte der Beschwerdeführer die Täter mit seinem Auto und konnte dabei ein Foto ihres Kontrollschildes machen (
Urk.
7/21 S. 13), was gegen eine besondere Heftigkeit der seelischen Einwirkung spricht.
In
Anbetracht diese
r Gegebenheiten – und
im Lichte
der
dargelegten Kasuistik – würde
der fragliche Vorfall
kein derart aussergewöhnliches
Schreck
ereignis
dar
stellen
, dass daraus, selbst unter Einbezug einer „weiten Bandbre
ite“ von Versicherten (vgl. E. 6
.2), nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung eine länger als
3.5 Jahr
e
andauernde psychische Gesundheitsschädigung
resultierte, zumal das Bundesgericht
bei
weit
grösserer Gewaltanwendu
ng die Adäquanz verneint hat. Dies gilt umso mehr, als der
Beschwerdeführer
– soweit aktenkundig – vor dem Ereignis
unter keinen psychi
schen Problemen gelitten hatte
.
Zu keinem anderen Ergebnis führt der Umstand, dass dem Beschwerdeführer ein entwendeter Ausweis mutmasslich von einem der Täter am 2
5.
Dezember 2017 in den Briefkasten gelegt wurde (
Urk.
7/81 S. 1), auch wenn verständlich ist, dass jener Vorfall sein Sicherheitsgefühl erneut gestört hat.
Im Einklang
mit dem Gesagten
steht,
dass
die behandelnde
Dr.
A.___
mitteilte, der Beschwerdeführer habe das Trauma dank regelmässiger Gespräch
e verarbeitet (Telefonat vom 4.
November 201
9 [Urk.
7/
226]) und
m
ed.
pract
.
C.___
unter Hinweis auf
Erstere
berichtete,
jene
habe
keine spezifischen
psychotraumatologischen
Symptome mehr fest
gestellt
(
Urk.
7/253 S. 4).
Hinzu kommt, dass
die
aktuell
diagnostizierte mittelgradige depressive Episode durch einen unfallfremden nachbarschaftlichen Konflikt ausgelöst wurde (
Urk.
7/195 S. 2)
und sich der Beschwerdeführer
einzig
aufgrund seiner somatischen Einschränkungen und eines reduzierten Konzentra
tionsvermögens als nicht leistungsfähig beurteilt (
Urk.
7/242 S. 1).
Indem die Beschwerdegegnerin während
3.5 Jahren Versicherungsleistungen
ausgerichtet hatte, hat
sie
folglich
de
r gesundheitlichen Situation des
Beschwerdeführers
nach dem
Vorfall vom September 2016 in ausreichendem Masse
Rechnung getragen.
6.4
Da es
zusammenfassend
an der Adäquanz
zwischen dem Vorfall vom 5. Septem
ber 2016 und den psychischen Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers im Zeitpunkt der Leistungseinstellung
fehlt, kann auf
Weiterungen zur
Frage der
natürlichen Kausalität
verzichtet werden
(
BGE 135 V 465 E. 5.1
).
Damit erübrigen sich – wie vom Beschwerdeführer gefordert (
Urk.
1 S. 3) – allfällige weitere medizinische Abklärungen, da diese der Beurteilung des natürlichen Kausalzu
sammenhangs dienen würden, nicht jedoch der Beantwortung der Rechtsfrage der Adäquanz (Urteil des Bundesgerichts 8C_318/2013 vom 18. September 2013 E. 5.1 mit weiterem Hinweis).
Vor diesem Hintergrund
kann auch auf Ausfüh
rungen zur Höhe der psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeit ab März 2020 verzichtet werden; zu ergänzen bleibt einzig, dass die behandelnde Psychiaterin den Beschwerdeführer am 3
1.
Oktober 2019 zu 100
%
arbeitsfähig beurteilte (
Urk.
7/223) und
bei
ihre
r
am 1
5.
November 2019 attestierte
n
Arbeitsfähigkeit von 60
%
bis 70
%
auf den somatischen Zustand – und damit auf einen unfall
fremden Faktor –
als möglichen psychisch destabilisierenden Faktor
verwies, wobei sie ohnehin
keine
Gründe
für die im Vergleich zur zwei Wochen
zuvor
abgegebenen, davon abweichenden Beurteilung
nannte
(
Urk.
7/242 S.
2).
6.5
Nach dem Gesagten ist nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin ihre Leistungen per 2
8.
Februar 2020 einstellte. Dies führt zur Abweisung der Be
schwerde.
Das Gericht erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Das Verfahren ist kostenlos.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Ivo Baumann
-
Suva
-
Bundesamt für Gesundheit
4.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
GräubLocher