# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 0f6a2ba7-47e6-5ca9-979b-9dd36a6fadbb
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-05-10
**Language:** de
**Title:** Ungenügende medizinische Abklärungen, namentlich in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit; Rückweisung zur polydisziplinären Begutachtung und anschliessend neuem Entscheid über Eingliederungsmassnahmen und gegebenenfalls Rente.
**Docket/Reference:** IV.2022.00235
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2022.00235.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2022.00235
I. Kammer
Sozialversicherungsrichterin Fehr, Vorsitzende
Sozialversicherungsrichter Bachofner
Sozialversicherungsrichterin Maurer Reiter
Gerichtsschreiber Würsch
Urteil
vom
10. Mai 2023
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Rechtsanwältin Lotti Sigg
Sigg Schwarz Advokatur
Theaterstrasse 3, Postfach 2336, 8401 Winterthur
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
1.1
X.___
, geboren 1975,
hat keine berufliche Ausbildung absolviert und war
ab August 2001
bei der
Y.___
AG,
in Z.___
, als Spezialreinigerin
und ab Januar 2016 als Vorarbeiterin angestellt (
Urk.
7/8, 7/24 und 7/29). Unter Hinweis auf Beschwerden an der rechten Hand meldete sie sich erstmals am 2
2.
Juli 2008 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/3).
Die Sozialversi
cherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
verneinte den Rentenanspruch
nach erwerblichen und medizinischen Abklärungen mit Verfügung vom 3
0.
März 2009 (
Urk.
7/21), welche unangefochten in Rechtskraft erwuchs.
1.2
Nachdem die Versicherte am
8.
September 2018
gestürzt war (
Urk.
7/28/70 f.)
, be
gab
sie sich insbesondere aufgrund
von Schmerzen an der rechten Hand und Schulter in ärztliche Behandlung (vgl.
Urk.
7/28/8, 7/28/12-17
). Als zuständiger Unfallversicherer erbrachte die Suva bis 3
1.
Mai 2019 die gesetzlichen Leistungen (
Urk.
7/28/64, 7/31).
Die
Y.___
AG löste das Arbeitsverhältnis am
7.
März 2019 per 3
0.
Juni 2019 auf (
Urk.
7/32/51)
. Zuvor hatte sich die Versicherte am
5.
März 2019 erneut bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug angemeldet (Urk. 7/24). Die IV-Stelle holte nebst den Akten der Suva (
Urk.
7/28, 7/32) insbe
sondere
jene des Krankentaggeldversicherers (
Urk.
7/53) ein
.
Mit Schreiben vom 2
1.
August 2019 wies sie die Versicherte darauf hin, dass sie von einer Arbeits
fähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten ausgehe (
Urk.
7/49)
,
worauf die Ver
sicherte am 29.
August und
1
9.
Dezember 2019
schriftlich
um Unterstützung bei der beruflichen Eingliederung ersuchte (
Urk.
7/51, 7/54).
In der Folge holte die IV-Stelle
weitere
Akten des Krankentaggeldversicherers ein, welche namentlich ein orthopädisch-neurologisches Gutachten der
A.___
AG vom
8.
Januar 2020 beinhalteten (
Urk.
7/58/11-74).
Mit Vorbescheid vom 4. Mai 2020
stellte sie der Versicherten
die
Verneinung eines Rentenanspruchs
in Aussicht
und hielt fest, dass für die Unterstützung bei der Stellensuche das regionale Arbeitsamt zustän
dig sei
(
Urk.
7/62)
.
Dagegen
erhob
die
Versicherte
am
2.
Juni 2020 Einwand und
ersuchte
um Zusprechung beruflicher Eingliederungsmassnahmen (Umschulung, Arbeitsvermittlung
;
Urk.
7/67).
Daraufhin erteilte die IV-Stelle zunächst am 2
6.
Oktober 2020 Kostengutsprache für einen Deutschkurs im Hinblick auf eine Umschulung (
Urk.
7/73) und danach für ein Belastbarkeits- und Aufbautraining (
Urk.
7/74, 7/89 und 7/97).
Mit Mitteilung vom 2
9.
September 2021 brach
sie die beruflichen Massnahmen per 3
0.
September 2021 ab, da sich die Versicherte am
6.
Oktober 2021 einer Operation an der Halswirbelsäule unterzog (
Urk.
7/105, 7/112/2-5).
Nach Eingang zusätzlicher Akten des Krankentaggeldversicherers
(
Urk.
7/114) sowie
von
Berichten der behandelnden Ärzte (
Urk.
7/117 f., 7/122 und 7/124)
gelangte die IV-Stelle an den Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD; Stellungnahmen vom 2
5.
Februar und 1
1.
März 2022,
Urk.
7/140/9 f.). Am 1
6.
März 2022 verfügte sie schliesslich
,
dass kein Anspruch auf eine Invaliden
rente
, auf Arbeitsvermittlung und eine Umschulung bestehe
(
Urk.
2 =
Urk.
7/141
).
2.
Dagegen erhob
X.___
am 2
9.
April 2022 Beschwerde mit dem Rechts
begehren, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und ihr seien berufliche Massnahmen zuzusprechen. Eventualiter sei ihr nach Abschluss der beruflichen Massnahmen eine Rente zuzusprechen (
Urk.
1 S. 2).
Mit Beschwerdeantwort vom
3.
Juni 2022 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6), worauf die Beschwerdeführerin mit Replik vom 1
2.
September 2022
unter Beilage
von Arztberichten und
Sprachk
ursbestätigungen
(
Urk.
12/1-4) an ihren Rechtsbegehren festhielt (Urk.
11). Mit Duplik vom 15.
Dezember 2022
beantragte die Beschwerdegegnerin unverändert die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
17), wobei sie ergänzend eine RAD-Stellungnahme vom 2
3.
November 2022 zu den Akten reichte (
Urk.
18). Darüber wurde die Beschwerdeführerin mit Ver
fügung vom 1
6.
Dezember 2022 in Kenntnis gesetzt (
Urk.
19).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da der Zeit
punkt des Invaliditätseintritts (Art. 28 Abs. 1 und 1
bis
IVG) und jener des Renten
anspruchs nicht unbedingt identisch sind, fällt eine Invalidenrente unter das neue Recht, wenn der Anspruchsbeginn ab dem 1. Januar 2022 liegt, auch wenn die Invalidität vor diesem Zeitpunkt eingetreten ist. Neurechtliche Invalidenrenten sind somit Renten, auf die gemäss Art. 29 Abs. 1 und 2 IVG der Anspruch ab dem
1. Januar 2022 entsteht (
vgl. Rz. 1008 des Kreisschreibens zu den Übergangs
bestimmungen zur Einführung des linearen Rentensystems, KS ÜB WE IV, gültig ab 1. Januar 2022).
Die angefochtene Verfügung erging nach dem 1. Januar 2022
, wobei die Beschwerdegegnerin darin sowohl über den Anspruch auf berufliche Eingliede
rungsmassnahmen als auch über denjenigen auf eine Invalidenrente
entschieden
hat (
Urk.
2).
Angesichts der bereits am
5.
März 2019 erfolgten Anmeldung zum Leistungsbezug
(
Urk.
7/24) fällt
die Entstehung eines Rentenanspruchs vorliegend bereits vor dem 1. Januar 2022 in Betracht
.
In Bezug auf die beruflichen Mass
nahmen
ist zu berücksichtigen,
dass zur Diskussion steht, ob diese nach dem Abbruch am 2
9.
September 2021 (
Urk.
7/105) zu Recht nicht weitergeführt wur
den.
Vor diesem Hintergrund
sind die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG) bedrohte Versicherte haben gemäss Art. 8 Abs. 1 IVG Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit:
a.
diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
wieder
herzustellen
, zu erhalten oder zu verbessern; und
b.
die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind.
Der Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen besteht unabhängig von der Aus
übung einer Erwerbstätigkeit vor Eintritt der Invalidität. Bei der Festlegung der Massnahmen ist die gesamte noch zu erwartende Dauer des Erwerbslebens zu berücksichtigen (Abs. 1
bis
). Nach Massgabe der Art. 13 und 21 IVG besteht der Anspruch auf Leistungen unabhängig von der Möglichkeit einer Eingliederung
ins Erwerbsleben oder in den Aufgabenbereich (Abs. 2). Nach Massgabe von Art. 16 Abs. 2
lit
. c IVG besteht der Anspruch auf Leistungen unabhängig davon, ob die Eingliederungsmassnahmen notwendig sind oder nicht, um die Erwerbs
fähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, zu erhalten oder zu verbessern (Abs. 2
bis
).
Die Eingliederungsmassnahmen bestehen gemäss Abs. 3 in medizinischen Mass
nahmen (
lit
. a), Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Ein
gliederung (
lit
.
a
bis
), Massnahmen beruflicher Art (Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Kapitalhilfe;
lit
. b) und in der Abgabe von Hilfsmitteln (
lit
. d).
1.4
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
1.
5
Den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärztinnen und Ärzte kommt nach der Rechtsprechung Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei
sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 134 V 231 E. 5.1 mit Hinweis auf BGE 125 V 351 E. 3b/
ee
). Trotz dieser grundsätzlichen Beweiseignung kommt den Berichten versicherungsinterner medizinischer Fachpersonen praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft zu wie einem gerichtlichen oder im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger veranlassten Gutachten unabhängiger Sachver
ständiger. Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung
strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssig
keit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 142 V 58 E. 5.1; 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
1.
6
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26
Abs. 1
des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht
,
GSVGer
).
Bei ungenügenden Abklärungen durch den Versicherungsträger holt die
Beschwerdeinstanz im Regelfall ein Gerichtsgutachten ein, wenn sie einen (i
m
Verwaltungsverfahren anderweitig erhobenen) medizinischen Sachverhalt über
haupt für gutachterlich abklärungsbedürftig hält oder wenn eine Administrativ
expertise in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig ist. Die betref
fende Beweiserhebung erfolgt alsdann vor der – anschliessend reformatorisch entscheidenden – Beschwerdeinstanz selber statt über eine Rückweisung an die Verwaltung. Eine Rückweisung an den Versicherungsträger bleibt hingegen mög
lich, wenn sie allein in der notwendigen Erhebung einer bisher vollständig unge
klärten Frage begründet ist. Ausserdem bleibt es dem kantonalen Gericht (unter dem Aspekt der Verfahrensgarantien) unbenommen, eine Sache zurückzuweisen, wenn lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder
Ergänzung von gutachterli
chen Ausführungen erforderlich
ist (B
GE 139 V 99 E. 1.1, 137 V 210
E. 4.4.1.4
m.w.H
.; Urteil des Bundesgerichts 9C_354/2020 vom 8. September 2020 E. 2.1)
.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog in der angefochtenen Verfügung vom 1
6.
März 2022 zusammengefasst, es sei davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin in ihrer bisherigen Tätigkeit als Reinigungskraft seit
8.
September 2018 einge
schränkt sei.
Demgegenüber sei ihr eine leidensadaptierte, insbesondere körper
lich leichte und wechselbelastende Tätigkeit zu 100
%
zumutbar. Bei einem Invaliditätsgrad von 24
%
bestehe kein Rentenanspruch. Für die Stellensuche sei das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zuständig (
Urk.
2 S. 1 f.).
Bezugnehmend auf den Einwand zum Vorbescheid
hielt die Beschwerdegegnerin ergänzend fest,
sie habe die Beschwerdeführerin ab Oktober 2020 mit beruflichen Massnahmen unterstützt.
Diese seien per 3
0.
September 2021 abgebrochen wor
den, nachdem sich die Beschwerdeführerin dazu entschlossen habe, eine Opera
tion im Bereich der Halswirbelsäule durchführen zu lassen.
Diese habe am
6.
Oktober 2021 stattgefunden, worauf weitere Abklärungen getätigt worden seien und die medizinische Aktenlage erneut durch den RAD geprüft worden sei.
Durch den operativen Eingriff
und die anschliessende Genesungszeit sei keine länger andauernde Erwerbsunfähigkeit verursacht worden. Auch mit Blick auf die psychischen Beschwerden sei nicht von länger andauernden Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit auszugehen.
Vor diesem Hintergrund sei nach wie vor von einer vollen Arbeitsfähigkeit für eine leidensangepasste Tätigkeit auszugehen, weshalb ein Rentenanspruch entfalle. Ausserdem
bestehe einerseits kein
Anspruch auf eine Umschulung
, da einer solchen
die mangelnden schulischen Voraussetzungen und die schlechten Deutschkenntnisse entgegen
stünden.
Ande
rerseits fehle es an einer zusätzlichen gesundheitsbedingten Einschränkung bei der Stellensuche
wie beispielsweise Stummheit oder mangelnde Mobilität, welche jedoch Anspruchsvoraussetzung für eine Arbeitsvermittlung bilde. Für die Unter
stützung bei der Stellensuche sei daher das RAV zuständig
(
Urk.
2 S. 2 f.).
2.2
In ihrer Beschwerdeschrift vom
2
9.
April 2022 machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend,
der Anspruch auf berufliche Massnahmen sei zu Unrecht verneint worden. Die Ausübung der angestammten Tätigkeit sei ihr unbestritte
nermassen nicht mehr möglich. Auch in einer angepassten Tätigkeit sei sie nicht zu 100
%
arbeitsfähig. Ohne zusätzliche berufliche Ausbildung erleide sie eine Erwerbseinbusse von über 20
%
; zudem erweise sich eine Umschulung als ver
hältnismässig. Überdies gelte es zu berücksichtigen, dass bereits mit beruflichen Massnahmen begonnen worden sei, wobei sie sehr engagiert mitgewirkt habe (
Urk.
1 S. 4 f.). Im Übrigen sei auch der Anspruch auf Arbeitsvermittlung zu bejahen (
Urk.
1 S. 6 f.).
Die Beschwerdegegnerin habe
sodann
verfrüht über den Rentenanspruch entschieden, da die Rehabilitation nach der Operation noch nicht abgeschlossen sei und noch kein stabiler Gesundheitszustand vorliege. Sie sei somit dem Untersuchungsgrundsatz nicht nachgekommen (
Urk.
1 S. 7).
2.3
Nachdem die Beschwerdegegnerin
mit Beschwerdeantwort vom
3.
Juni 2022 an ihrer Beurteilung festgehalten hatte (
Urk.
6), wies die Beschwerdeführerin mit Replik vom 1
2.
September 2022
unter Beilage
von Kursbestätigungen
(
Urk.
12/3 f.)
darauf hin, über genügend Sprachkenntnisse für berufliche Massnahmen zu verfügen. Zudem betonte sie
erneut
, dass die Ablehnung des Rentenanspruchs verfrüht erfolgt sei
, wobei sie aktuelle Arztberichte (
Urk.
12/1 f.) zu den Akten reichte
(Urk. 11 S. 2).
2.4
Mit Duplik vom 1
5.
Dezember 2022
hielt die Beschwerdegegnerin
unverändert
an ihrem Antrag auf Abweisung der Beschwerde fest
. S
ie
wies
auf eine RAD-Stellungnahme vom 2
3.
November 2022 (
Urk.
18)
hin
, wonach sich aus den von der Beschwerdeführerin eingereichten medizinischen Berichten keine Änderung
an
der bisherigen versicherungsmedizinischen Beurteilung ergebe (Urk. 17).
3.
3.1
War eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert worden und ist die Verwaltung auf eine Neuanmeldung eingetreten (Art. 87 Abs. 3 IVV), so ist im Beschwerdeverfahren zu prüfen, ob im Sinne von Art. 17 ATSG eine für den Rentenanspruch relevante Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten ist (BGE 117 V 198 E. 3a mit Hinweis; Urteil des Bundesgerichts I 659/04 vom 9. Februar 2005 E. 1.1).
Bei einer Neuanmeldung der versicherten Person bei der IV-Stelle sind die Revisionsregeln demnach analog anwendbar (BGE 141 V 585 E. 5.3 in
fine
, 133 V 108 E. 5.2, je mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 8C_317/2022 vom 7. September 2022 E. 2.2 mit Hinweisen).
Vorliegend
war
mit Verfügung vom 3
0.
März 2009 ein
Renten
anspruch der Beschwerdeführerin
verneint
worden
(
Urk.
7/21).
Auch wenn die Beschwerd
e
gegnerin in der angefochtenen Verfügung
vom 1
6.
März 2022
erneut über einen Rentenanspruch entschieden hat, war d
ie
Wiederanmeldung
der
Beschwerde
füh
rerin
bei der IV-Stelle
im Hinblick auf berufliche
Eingliederungsmassnahmen
erfolgt
und
beschlug
damit ein anderes Leistungsgesuch
(
Urk.
7/29,
Urk.
7/67,
Urk.
1)
. Damit finden
die Revisionsbestimmungen keine Anwendung
(SVR 1999 IV Nr. 21).
3.2
3.2.1
Nach Eingang
des neuen Leistungsgesuchs
vom
5.
März 2019 (
Urk.
7/24) holte die Beschwerdegegnerin zunächst die Suva-Akten ein. Daraus geht insbesondere hervor, dass die Beschwerdeführerin am
8.
September 2018 beim Rennen auf nas
sem Boden ausgerutscht und auf einen Stein gefallen war
, wobei Arm,
H
and und
die
Schulter rechts betroffen
wurden
(
Urk.
7/28/68, 7/28/71).
Eine MR-
Arthrographie
der rechten Schulter
vom 2
4.
September 2018 habe gemäss
Dr.
B.___
, Fachärztin für Radiologie und Neuroradiologie, weder Frakturen noch ein Knochenmarksödem ergeben. Nebst einem
chondrolabralen
Schaden glen
o
idal
posterosuperior
/
posterior
habe sich jedoch unter anderem eine flache
bursaseitige
Partialruptur der Supraspinatussehne gezeigt (
Urk.
7/28/51).
3.2.2
Dr.
med.
C.___
, Praktischer Arzt, attestierte ab dem Unfalldatum eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (vgl. unter anderem
Urk.
7/28/
22).
In seinem Bericht vom 2
8.
Februar 2019 begründete er dies im Wesentlichen mit einer reduzierten Funktion der rechten Schulter, welche mit einer Ausfallserscheinung der rechten Hand vergesellschaftet sei. Ohne jegliche Therapie werde die Beschwerdeführerin nie wieder in ihre ursprüngliche Tätigkeit zurückkehren können (
Urk.
7/28/1
5
).
Am
6.
Juni 2019 berichtete
Dr.
C.___
von einer vollständigen Paralyse des
Ner
vus
medianus der rechten Hand und daher einer Unmöglichkeit, diese zu gebrau
chen. Zudem zeige sich an der rechten Schulter eine signifikante Schmerzsymp
tomatik in allen Bewegungsebenen, was in einer vollständigen Unbenutzbarkeit der rechten oberen Extremität resultiere.
Aufgrund einer deutlichen Bewegungs
einschränkung der Lendenwirbelsäule bestünden ferner Schmerzen beim Stehen und Gehen, was eine Einschränkung der Gehfähigkeit zur Folge habe (
Urk.
7/37/3).
In jeglicher alltäglichen Tätigkeit, bei der ein beidhändiges Vorge
hen nötig sei, bestehe eine vollständige Beeinträchtigung (
Urk.
7/37/5).
3.2.3
Dem zuhanden des Krankentaggeldversicherers am
8.
Januar 2020 erstellten orthopädisch-neurologischen Gutachten der
A.___
AG sind folgende Diag
nosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit zu entnehmen (
Urk.
7/58/
17
):
-
Schädigung des Mittelarm-Nerv
s
(
Nervus
medianus) rechts nach einem zweimaligen Eingriff am Karpaltunnel (2002 und 2008) mit Verschlechte
rung nach Prellung im September 2018 (ICD-10 G56.1)
-
aktuell (November 2019): teils schmerzhafte Gefühlsstörung, einge
schränkte Belastbarkeit, keine Lähmung
-
abnützungsbedingte Schädigung der Binnenstruktur (TFCC-Komplex) am Handgelenk rechts (ICD-10 M25.93)
-
aktuell: schmerzhaft eingeschränkte Beweglichkeit, verminderte Belastbarkeit
-
Schulterengpasssyndrom rechts (
Impingementsyndrom
) mit einer leichten unfallbedingten Instabilität und einer abnützungsbedingten geringen Schädigung der
Rotatorenmanschette
(Supraspinatussehne; ICD-10 M75.4, M75.1 und M24.41)
-
aktuell:
endlagig
schmerzhaft eingeschränkte Beweglichkeit, kompen
sierte leichte Instabilität
-
beginnende degenerative Veränderungen der Halswirbelsäule in mehreren Etagen mit einer Fehlhaltung und einem belastungsabhängigen, sensiblen Reizsyndrom der Nervenwurzel C6 rechts (ICD-10 M47.82)
-
aktuell: Schmerzauslösung in der endlagigen Funktionsprüfung; keine Beschwerden in Ruhe oder bei moderater Beanspruchung.
Keine Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit zeitig
t
e demgegenüber eine Becken- und Kreuzbeinprellung (ICD-10 S30.0), wobei
damals
klinisch und bildgebend keine Verletzungsfolgen oder nachvollziehbare funktionelle Einschränkungen beziehungsweise Beschwerden am Becken, an den Hüftgelenken und im Kreuz
beinbereich festgestellt werden
konnten
(
Urk.
7/58/18).
Gemäss interdisziplinärer Konsensbeurteilung
seien infolge der Einschränkungen an der rechten Hand und Schulter
vermehrte manuelle Tätigkeiten nicht mehr möglich. Auch die degenerativ bedingten Beschwerden der Halswirbelsäule hät
ten eine eingeschränkte Belastbarkeit zur Folge. In Ruhe beziehungsweise bei moderater Belastung hätten aber keine Schmerzen respektive funktionellen Ein
schränkungen festgestellt werden können. Im Rahmen der Untersuchung hätten sich klare Anzeichen einer Symptomverdeutlichung und -ausweitung ergeben. Die Beurteilung der Leistungsfähigkeit basiere ausschliesslich auf den objektivier
baren Befunden
unter Berücksichtigung des zusätzlich vorhandenen Observati
onsmaterials (vgl. diesbezüglich
Urk.
7/53/11-16, 7/53/22-52).
Der Beschwerdeführerin sei die bisherige Mitarbeit bei einer Reinigungsfirma für Spezialreinigungen seit September 2018 nicht mehr möglich. Leidensadaptierte Tätigkeiten mit leichten, wechselbelastenden Arbeiten und insbesondere ohne Heben
/Tragen von Gewichten über zehn Kilogramm
seien
ihr
demgegenüber zu 100 % zumutbar
(
Urk.
7/58/18 f.).
Dr.
med.
D.___
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Trau
matologie des Bewegungsapparates, vom RAD empfahl am
6.
April 2020
,
auf die
ses Gutachten abzustellen (
Urk.
7/61/7).
3.2.4
Aufgrund
chronischer Nackenverspannungen mit Ausstrahlung in den rechten Arm bei
breitbasiger
rechtsbetonter Diskushernie auf der Ebene HWK 5/6 führte
Dr.
med.
E.___
, Facharzt für Gehirn- und Nervenchirurgie (Neuro
chirurgie), bei der Beschwerdeführerin
am
6.
Oktober 2021
eine
z
ervikale Fusion HWK 5/6 durch
(
Urk.
7/112/
2 f.).
Gemäss Austrittsbericht vom
9.
Oktober 2021 habe sich der postoperative Verlauf komplikationslos gestaltet (
Urk.
7/112/4 f.).
3.2.5
Die Hausärztin der Beschwerdeführerin,
Dr.
med.
F.___
, Fachärztin für Physikalische Medizin und Rehabilitation,
attestierte der Beschwerdeführerin in ihrem Bericht vom
5.
November 2021
eine seit 2
3.
Juli 2021 bis auf Weiteres bestehende 100%ige Arbeitsunfähigkeit für Reinigungstätigkeiten (
Urk.
7/117/2). Aufgrund der Rückenbeschwerden bestehe eine stark limitierte Belastbarkeit.
Eine leidensangepasste Tätigkeit sei in einem 50%-Pensum zumutbar (
Urk.
7/117/4 f.).
3.2.6
Mit Bericht vom 1
3.
November 2021 äusserte sich
Dr.
E.___
dahingehend, der Beschwerdeführerin
vom
1.
November bis 3
1.
Dezember 2021 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für Tätigkeiten bescheinigt zu haben, die mit schweren kör
perlichen Anstrengungen einhergehen (
Urk.
7/118/2). Einer Eingliederung stün
den chronische Schmerzen mit psychischen Beschwerden entgegen, wobei er die Zumutbarkeit einer leidensangepassten Tätigkeit derzeit nicht beurteilen könne (
Urk.
7/118/5).
Im weiteren Verlauf
attestierte
Dr.
E.___
sodann auch für d
ie
Monat
e
Januar
und März
2022 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (Urk.
7/124/7
, 7/135/2
).
3.2.7
Dr.
med.
G.___
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, teilte
in seinem Bericht vom 2
9.
Dezember 2021 mit, dass sich die Beschwerdeführerin seit dem
2.
März 2020 bei ihm in Behandlung befinde (vgl. auch
Urk.
7/70/1 f.).
Gesprächstermine fänden aktuell alle zehn Tage statt.
Die Beschwerdeführerin leide unter einer mittelgradigen depressiven Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10 F32.11)
, wobei es nach der Halswirbeloperation im Oktober 2021 zu einer Verstärkung der psychischen Beschwerden gekommen sei (
Urk.
7/122/3). Die Beschwerdeführerin sei infolge mangelnder Konzentration, reduzierten Durch
haltevermögens, mangelnder Belastbarkeit sowie verlangsamten Tempos einge
schränkt (
Urk.
7/122/5).
Seit dem 2
3.
Juni 2020 bestehe für sämtliche Tätigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (Urk.
7/122/2; vgl. auch
Urk.
7/124/6)
; auf
längere Sicht wäre der Beschwerdeführerin eine 30
-
40%ige Erwerbstätigkeit zumutbar
(
Urk.
7/122/5).
3.2.
8
Am 2
5.
Februar 2022 bezog
der RAD-Arzt
Dr.
D.___
zur Sache Stellung. Er hielt fest, dass neurochirurgisch mit dem Status nach zervikaler Fusion HWK 5/6 am
6.
Oktober 2021 zwar ein morphologisch veränderter Gesundheitszustand vorliege.
Gemäss den erfolgten Abklärungen sei jedoch ein regelrechter postope
rativer Verlauf ausgewiesen, sodass medizinisch-theoretisch hieraus keine für die Arbeitsfähigkeit relevante Verschlechterung zu postulieren sei.
Der Neurochirurg habe auch keine weiteren Behandlungserforderlichkeiten mehr erkannt. Alle wei
teren geltend gemachten körperlichen Diagnosen seien entweder bereits akten
be
kannt versicherungsmedizinisch gewürdigt worden oder gälten als invaliden
ver
sicherungsrechtlich irrelevant (
Urk.
7/140/9 f.).
3.2.
9
In ihrer RAD-Stellungnahme vom 1
1.
März 2022
gelangte
Dr.
med.
H.___
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, zum Schluss, aus psychiatrischer Sicht
sei
kein langdauernder Gesundheitsschaden mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit ausgewiesen. Gegen ein relevantes psychisches Leiden sprächen insbesondere
die
im
A.___
-Gutachten beschriebenen verschiedenen Aktivi
täten
der Beschwerdeführerin sowie die Auffälligkeiten mit Symptomausweitung, Verdeutlichung und Inkonsistenzen. Darüber hinaus lasse der von Dr.
G.___
erhobene psychopathologische Befund keine Depression im Sinne der ICD-10 erkennen. Wenn überhaupt, könne am ehesten von einer Anpassungsstörung (ICD-10 F43.2) ausgegangen werden. Eine anhaltende 100%ige Arbeitsunfähigkeit
sei
nicht plausibel nachvollz
iehbar
(Urk. 7/140/10).
4.
4.1
Bevor die
jeweiligen
Anspruchsvoraussetzungen beruflicher Eingliederungsmass
nahmen und
allenfalls
einer Invalidenrente geprüft werden können, muss der medizinische Sachverhalt rechtsgenüglich erstellt sein
.
Die angefochtene Verfü
gung basiert in
dieser
Hinsicht hauptsächlich auf den RAD-Stellungnahmen vom 2
5.
Februar und 1
1.
März 2022
(
Urk.
7/140/9 f.)
sowie dem von der
A.___
AG im Auftrag des Krankentaggeldversicherers der Beschwerdeführerin erstellten
bidisziplinären
Gutachten vom
8.
Januar 2020 (
Urk.
7/58/11-74).
Letzteres wurde nicht im Verfahren nach
Art.
44 ATSG eingeholt
(vgl.
Urk.
7/53/
82, 7/53/84)
, weshalb ihm rechtsprechungsgemäss
wie auch den RAD-Stellungnahmen
der Beweiswert versicherungsinterner ärztlicher Feststellungen zukommt.
Somit beurteilt sich die Frage des Beweiswerts danach, ob geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der fachärztlichen Beurteilungen bestehen (vgl.
vorstehende E. 1.5 sowie Urteile des Bundesgerichts 8C_54/2022 vom 2
3.
Mai 2022 E. 3.2 und 8C_35/2021 vom 8.
März 2021 E. 6, je mit Hinweis).
In Bezug auf die RAD-Aktenbeurteilungen gilt es zudem zu berücksichtigen, dass nicht auf eigenen Untersuchungen beruhende ärztliche Stellungnahmen nur beweiskräftig sein können, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die Beurteilung eines an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte fachärztliche Befassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_812/2021 vom 1
7.
Februar 2022 E. 5.2 mit Hinweisen).
4.2
Sowohl unter den Parteien als auch den involvierten
Medizinern
herrscht Einig
keit
darüber
, dass der Beschwerdeführerin die angestammte Tätigkeit als Spezial
reinigerin beziehungsweise Vorarbeiterin in Anbetracht der
somatischen Ein
schränkungen an der rechten oberen Extremität und der Halswirbelsäule seit dem Sturz vom
8.
September 2018 nicht mehr zumutbar ist (vgl.
Urk.
1 S. 4 f.,
Urk.
2 S. 2,
Urk.
7/37/5,
7/58/18 f., 7/
61/6 und 7/117/2).
Dies ist angesichts des Umstands, dass
die Tätigkeit mit schwerer körperlicher Arbeit und häufigem Ein
satz beider Hände verbunden war (vgl.
Urk.
7/29/2)
,
ohne Weiteres nachvollziehbar.
4.
3
4.3.1
Im Gegensatz dazu ist strittig, wie es sich mit der Arbeitsfähigkeit in einer lei
densangepassten Tätigkeit verhält.
Während die Beschwerdeführerin auch in dieser Hinsicht eine
quantitativ
nicht näher
konkretisierte
Einschränkung gel
tend macht (vgl.
Urk.
1 S. 4), geht die Beschwerdegegnerin von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit aus (
Urk.
2 S. 2 f.).
4.3.2
Ausgangspunkt bildet
das orthopädisch-neurologische
A.___
-Gutachten vom
8.
Januar 2020, womit der Beschwerdeführerin für leidensadaptierte (insbe
sondere leichte und wechselbelastende) Tätigkeiten eine 100%ige Arbeitsfähigkeit attestiert wurde (
Urk.
7/58/19). Rechtsprechungsgemäss
gibt es keinen absolut geltenden Grenzwert als formelles Kriterium für die Frage, ab wann ein Gutachten zu lange zurück liegt, um eine zuverlässige Beurteilungsgrundlage darzustellen. Dies ist vielmehr jeweils unter Einbezug der konkreten Umstände zu beurteilen. Massgebend ist dabei, ob Gewähr dafür besteht, dass sich die Ausgangslage seit der Erstellung des Gutachtens nicht gewandelt hat (Urteil des Bundesgerichts 8C_359/2022 vom
7.
Dezember 2022 E. 5.3 mit Hinweisen).
Vorliegend
bestehen
nicht von der Hand zu weisende
Anhaltspunkte, dass sich der medizinische Sachverhalt bis zum für das Sozialversicherungsgericht grund
sätzlich massgebenden Überprüfungszeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung
am 1
6.
März 2022 (vgl. BGE 130 V 138 E. 2.1 mit Hinweis)
massge
blich verändert hat.
So befindet sich die Beschwerdeführerin
auf Anraten ihres Hausarztes wegen Schlafstörungen, innerer Unruhe
u
nd
K
onzentrationsstörungen
bereits seit dem
2.
März 2020 in regelmässiger psychotherapeutischer
und in psychopharmakologischer
Behandlung bei
Dr.
G.___
. Dieser stellte die Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10 F32.11) unter Hinweis auf eine
festgestellte
reduzierte Konzentrations
fähigkeit
und
Aufmerksamkeit,
auf
starkes Grübeln und Misstrauen,
Niederge
schlagenheit, Gereiztheit, Ängstlichkeit, auf eine innere Unruhe und einen depri
mierten Eindruck
. Der behandelnde Psychiater erachtete wegen der schweren ehemaligen Arbeit
mit Teamarbeit und Kundenkontakt
diese für
nicht mehr möglich
, wohingegen er eine dem Leiden angepasste Tätigkeit mit Hinweis auf das absol
vierte Arbeitstraining
im Umfang von ca. 30 bis 40
%
längerfristig für
zumutbar
erachtete
(
Urk.
7/122/2).
In psychiatrischer Hinsicht war die Beschwerdeführerin seitens der
A.___
-Gutachter nicht untersucht worden
, weshalb
deren Exper
tise nur schon aus diesem Grund
bloss eine unvollständige
Grundlage für eine Beurteilung des Leistungsanspruchs bilde
t
.
Am 1
1.
März 2022 nahm zwar
die RAD-Ärztin
Dr.
H.___
aus fachärztlicher Sicht
zum psychischen Gesundheitszustand
Stellung
(
Urk.
7/140/10)
.
Dem Beweiswert ihrer
Aktenb
eurteilung ist jedoch abträglich,
dass sie ihrer Argumentation die im
A.___
-Gutachten
bereits über zwei Jahre zuvor
aufgeführten Aktivitäten der Beschwerdeführerin
sowie die damals festgestellten Auffälligkeiten zugrunde legte
(vgl.
Urk.
7/58/18, 7/58/25 f.)
.
Es mag zwar grundsätzlich zutreffen, dass
im Rahmen der Festlegung der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht der Kon
sistenzprüfung und in diesem Zusammenhang der Frage nach der gleichmässigen Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen eine beweisrechtlich entscheidende Rolle zukommt (vgl. BGE 141 V 281 E. 4.4).
Dabei kann allerdings nicht auf Angaben
der versicherten Person
zurückgegriffen werden, die bereits Jahre zurückliegen
beziehungsweise in einem Zeitpunkt ge
tä
tigt
wurden, als sie sich noch gar nicht in psychiatrischer Behandlung befand.
Vielmehr wäre eine persönliche Untersuchung angezeigt gewesen, um den Sach
verhalt zu aktualisieren
, zumal ohnehin fraglich erscheint, ob in psychiatrischer Hinsicht allein gestützt auf die Ausführungen des behandelnden Psychiaters von einem
für eine reine Aktenbeurteilung praxisgemäss notwendigen
lückenlosen Befund ausgegangen werden durfte
.
Selbst wenn
eine kritische Sichtweise auf die
Einschätzung
von
Dr.
G.___
angesichts dessen auftragsrechtlicher Vertrau
ensstellung zur Beschwerdeführerin
grundsätzlich
gerechtfertigt erscheint (vgl.
BGE 135 V 465 E. 4.5, 125 V 351 E. 3b/cc)
, verbleiben somit im Ergebnis doch
zumindest geringe Zweifel an der RAD-Stellungnahme von
Dr.
H.___
.
Vor diesem Hintergrund sind in psychiatrischer Hinsicht weitere Abklärungen angezeigt.
4.3
.3
Dies
e Schlussfolgerung muss
auch mit Blick auf den somatischen Gesundheits
zustand
gezogen werden
.
Zwar legten die
A.___
-Gutachter aus orthopädi
scher und neurologischer Sicht nachvollziehbar dar,
weshalb sie
von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit für Tätigkeiten ausgingen, die dem von ihnen
im Ein
zelnen
definierten Belastungsprofil entsprechen (
Urk.
7/58/19, 7/58/34 f. und 7/58/46 f.).
Seit der Begutachtung hat sich der medizinische Sachverhalt jedoch insoweit verändert, als
sich die Beschwerdeführerin am
6.
Oktober 2021 einem operativen Eingriff an der
Halsw
irbelsäule unterzog (
Urk.
7/112/2 f. [=
Urk. 3]).
Zusätzlich
finden sich
in den aktenkundigen Arztberichten
Hinweise auf
weitere gesundheitliche Probleme
wie
unter anderem Atembeschwerden, welche eine
otorhinolaryngologische
Abklärung und Behandlung bed
urften
(vgl.
Urk.
7/128/3
), sowie
Beschwerden am linken
unteren Sprunggelenk
und
diversen weiteren Gelenken
mit mechanisch-degenerativen Veränderungen
(
Urk.
7/124/2,
Urk.
12/1 f.).
Diesbezüglich äusserte sich
Dr.
D.___
vom RAD
zwar sowohl im Verwaltungs- als auch im Beschwerdeverfahren mit Stellungnahmen vom 25.
Februar und 1
5.
Dezember 2022 (
Urk.
7/140/9 f.,
Urk.
18)
, wobei er nament
lich auf die Behandelbarkeit der Gesundheitsstörungen hinwies und diese als invalidenversicherungsrechtlich nicht relevant einstufte.
Seine Ausführungen greifen insofern zu kurz, als
die Behandelbarkeit eines gesundheitlichen Leidens
für sich allein
invalidenversicherungsrechtliche Ansprüche
nicht per se
aus
schliesst.
In Anbetracht der multiplen somatischen Beeinträchtigungen
erscheint
die vom RAD vorgenommene
Beurteilung
ausserdem insoweit
zweifelhaft
, als keine Gesamtwürdigung unter Berücksichtigung
allfälliger Wechselwirkungen
zwischen den einzelnen Diagnosen
erfolgt ist
.
5.
5.1
Nach dem Gesagten erweist sich der medizinische Sachverhalt als nicht rechts
genüglich abgeklärt,
da
auf das
A.___
-Gutachten und die RAD-Stellungnahmen aufgrund mindestens geringer Zweifel an der
en
Zuverlässigkeit nicht abgestellt werden kann.
Weitere medizinische Abklärungen sind daher in Nachachtung des geltenden Untersuchungsgrundsatzes (Art. 43 Abs. 1 ATSG) unumgänglich, bevor über den Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin ent
schieden werden kann.
Es ist in erster Linie Aufgabe der Beschwerdegegnerin, von Amtes wegen die notwendigen Abklärungen vorzunehmen, um den rechts
erheblichen Sachverhalt vollständig festzustellen (Urteil des Bundesgerichts 9C_8/2022 vom
6.
März 2023 E. 5.3).
Sie wird im Verfahren nach
Art.
44 ATSG ein polydisziplinäres Gutachten einzuholen haben, welches sich insbesondere
über die Arbeitsfähigkeit in einer leidensadaptierten Tätigkeit auszusprechen haben wird. In psychiatrischer Hinsicht wird es sich
namentlich an den in BGE 141 V 281 definierten Standardindikatoren zu orientieren haben, welche grundsätzlich für sämtliche psychische Leiden Anwendung finden (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.3 und 143 V 418 E. 7.1).
Die angefochtene Verfügung vom 16. März 2022 (Urk. 2) ist folglich aufzuheben und
die Sache ist an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese nach
ergänzender Abklärung im Sinne der obigen Erwägungen eine neue Beurteilung vornehme und sodann über den
Anspruch
der Beschwerdeführerin
auf berufliche Eingliederungsmassnahmen und
gegebenenfalls auf
eine
Invalidenrente
neu verfüge.
5.2
Zum geltend gemachten Anspruch auf eine
Umschulung
ist
vorliegend noch
anzumerken, dass dieser sich
nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung
grundsätzlich danach richtet, ob sich
die versicherte Person wegen der Art und Schwere des Gesundheitsschadens in der bisher ausgeübten Tätigkeit und in den für sie ohne zusätzliche berufliche Ausbildung offen stehenden zumutbaren Erwerbstätigkeiten eine bleibende oder länger dauernde Erwerbseinbusse von etwa 20 Prozent erleidet (BGE 124 V 108 E. 2b; Urteil
des Bundesgerichts
9C_122/2012 vom
5.
Juni 2013 E. 4.2); dabei handelt es sich um einen Richtwert (BGE 130 V 488 E. 4.2 in
fine
). Dieses umschulungsspezifische Erfordernis ist nicht gegeben, wenn es - bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage - ein genügend breites Spektrum an Tätigkeiten gibt, die dem medizinischen Anforderungs- und Belastungsprofil der versicherten Person entsprechen, von der Ausbildung und beruflichen Erfahrung her zumutbar sind und im Durchschnitt nicht schlechter entlöhnt werden als die zuletzt ausgeübte
(Urteil
e
des Bundesgerichts 9C_511/2015 vom 1
5.
Oktober 2015 E. 3
;
9C_363/2018 vom 1
0.
Oktober 2018 E.
5
).
Dies
abzuklären und darzutun wird die Aufgabe der Berufsberatungsstelle der Beschwerdegegnerin nach durchgeführter Begutachtung sein.
6.
6.1
Das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über IV-Leistungen vor dem kanto
nalen Versicherungsgericht ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Ver
fahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Im vorliegenden Verfahren sind sie ermessensweise auf Fr. 800.-- anzusetzen.
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 210 E. 7.1, 137 V 57 E. 2.2), weshalb die Gerichtskosten der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen sind.
6.2
Nach
Art.
61
lit
. g ATSG hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. Als weitere Bemessungskriterien nen
nen die kantonalen Vorschriften das Mass des Obsiegens, den Zeitaufwand und die Barauslagen (§ 34 GSVGer sowie
§
7 der Verordnung
über die Gebühren, Kos
ten und Entschädigungen vor dem Sozialversicherungsgericht
[
GebV
SVGer
]).
Mangels Vorliegens einer Honorarnote ist die Prozessentschädigung ermessens
weise festzusetzen. Unter Berücksichtigung der
massgebenden Kriterien
sowie namentlich des Umstands, dass die Beschwerdeschrift teilweise wörtlich dem Ein
wand vom
2.
Juni 2020 (
Urk.
7/67)
entspricht
,
weshalb sich der Aufwand für das vorliegende Verfahren erheblich verringert hat,
hat die Beschwerdegegnerin der
anwaltlich vertretenen
Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung von Fr.
1
’
5
00.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.
Das Gericht erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird
in dem Sinne gutgeheissen, dass die angefochtene Verfügung
der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
vom
1
6.
März 2022 aufge
hoben und die Sache an diese zurückgewiesen wird, damit sie nach ergänzenden Abklärungen im Sinne der Erwägungen über
den
Anspruch der Beschwerdeführerin auf berufliche Massnahmen, gegebenenfalls auf eine Invalidenrente
,
neu verfüge. Im Übri
gen wird die Beschwerde abgewiesen.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
800
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird
verpflichtet,
der Beschwerdeführerin
eine Prozessent
schädigung von
Fr.
1’500
.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) zu bezahlen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwältin Lotti Sigg
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundesge
setzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzustellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind bei
zulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Die VorsitzendeDer Gerichtsschreiber
FehrWürsch