# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 79692ba7-c1e0-5667-9f01-cd4cd4416f0d
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2020-04-22
**Language:** de
**Title:** Abweichung vom Gutachten gestützt auf das strukturierte Beweisverfahren, Abweisung.
**Docket/Reference:** IV.2019.00009
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2019.00009.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2019.00009
IV. Kammer
Sozialversicherungsrichter Hurst, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Arnold Gramigna
Sozialversicherungsrichterin Fankhauser
Gerichtsschreiberin Wantz
Urteil
vom
2
2.
April 2020
in Sachen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch Departement Soziales der Stadt
Y.___
Z.___
, Soziale Dienste, Sozialversicherungsfachstelle
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
Der 1963 geboren
e
X.___
arbeitete zuletzt vom
1.
August 2011 bis am 3
0.
April 2016 als Kanalreiniger bei der
A.___
AG
(
Urk.
7/11 und
Urk.
7/17)
. Der Versicherte meldete sich bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, am 21. April 2016 zur Früherfassung und am 2
5.
Mai 2016
(Eingangsdatum) unter Hinweis auf eine Depression
zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/5 und
Urk.
7/11).
Zur Abklärung der medizinischen und erwerblichen Verhältnisse zog die IV-Stelle zunächst einen Auszug aus dem
i
ndividuellen Konto bei (
Urk.
7/15), holte einen Arbeitgeberbericht
(
Urk.
7/17)
, die Akten des Krankentaggeldversicherers
Sympany
(
Urk.
7/18
und
Urk.
7/46
) sowie Bericht
e
der behandelnden Ärzte ein (
Urk.
7/21
,
Urk.
7/35,
Urk.
7/37-38 und
Urk.
7/50
). Mit Schreiben vom 1
0.
Oktober 2016 informierte die IV-Stelle den Versicherten, dass keine Eingliederungsmassnahmen möglich seien, da er sich subjektiv nicht in der Lage dazu fühle (
Urk.
7/31).
In der Folge liess die IV-Stelle den Versicherten durch Dipl. Arzt
B.___
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, begutachten (Expertise vom 20. Juni 2018, Urk. 7/61)
. Mit Schreiben vom
7.
Sep
tember 2018 forderte die IV-Stelle den Versicherten auf,
sich im Rahmen seiner Mitwirkungspflicht zur Verbesserung des Gesundheitszustandes
für allfällig
e
zu
künftige Leistungsansprüche
einer adäquaten psychiatrischen und psychophar
makologischen Therapie zu unterziehen
sowie d
ie Alkoholabstinenz fortzusetz
en (
Urk.
7/63). Gleichzeitig stellte sie dem Versicherten
mit
Vorbescheid
die Abwei
sung des Leistungsbegehrens in Aussicht
(
Urk.
7/64).
Nach ergangenem Einwand vom 29.
Oktober 2018 (Urk. 7/67)
wies die IV-Stelle mit Verfügung vom 15.
No
vember 2018 das Leistungsbegehren ab (Urk. 7/69).
2.
Dagegen erhob der Versicherte am 3
1.
Dezember 2018 Beschwerde und bean
tragte, die Verfügung vom
1
5.
November 2018
sei aufzuheben und
ihm sei eine Rente der
Invalidenversicherung
zuzusprechen
. In prozessualer Hinsicht ersuchte
der Beschwerdeführer
um
unentgeltliche Prozessführung (
Urk.
1). Mit Beschwer
deantwort vom
1
1.
Februar 2019
beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Be
schwerde (
Urk.
6
), was
dem Beschwerdeführer
am
1
2.
Februar 2019
zu
r
Kenntnis gebracht wurde (Urk.
8
).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Sie kann Folge von Geburts
gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgegliche
nen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, er
halten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.3
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken. Rechtsprechungsgemäss ist bei psychi
schen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein psychischer Gesundheitsschaden mit Krankheitswert besteht, welcher die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen zu erzielen (vgl.
BGE 139 V 547
E. 5,
131 V 49
E. 1.2,
130 V 352
E. 2.2.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_125/2015 vom 18. November 2015 E. 5.4).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf
die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose vo
raus (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Ein
zelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zu
mutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c, je mit Hinweisen; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.4
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können
, ist die Verwaltung (und im Be
schwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angew
iesen, die ärztliche und gegebe
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu
stellen haben. Aufgabe des Arz
tes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglic
h welcher Tätigkeiten die versi
cherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärzt
lichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
1.5
Versicherungsträger und das Sozialversicherungsgericht haben den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Sie haben alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverläs
sige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere dürfen sie bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht er
ledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzuge
ben, warum sie auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellen (BGE 125 V 351 E. 3a).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist also entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Her
kunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag
gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a).
2.
2.1
Im angefochtenen Entscheid wurde erwogen, dass die
Leiden
des Beschwerdefüh
rers aufgrund der medizinischen Abklärungen auf psychosoziale Faktoren zu
rückzuführen seien. Es seien keine Diagnosen mit längerdauernder Einschrän
kung ausgewiesen.
Sodann
befinde sich der Beschwerdeführer nicht in einer psy
chiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung, weshalb davon ausgegangen wer
den könne, dass kein erheblicher Leidensdruck vorliege
.
Er verfüge somit weiter
hin über
Ressourcen, die
er
noch verwende
n
könne (Urk. 1).
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt, der Gut
achter habe sich sowohl mit den Sta
ndar
d
indikatoren
als auch mit
seiner
Arbeits
biographie
befasst
und
sei
zum Schluss
gekommen
, dass bei momentan remittier
ter mittelgradiger Depression insbesondere aufgrund
seiner
Persönlichkeitsstruk
tur
trotz vorhandenen Ressourcen lediglich von einer
Arbeitsfähigkeit
von 50
%
auszugehen
sei. Die
abweichende Beurteilung durch die IV
-Stelle lasse sich nicht
rechtfertigen
.
Er spüre
während der Remission kein Bedürfnis
nach therapeuti
scher Behandlung. Sodann sei unklar
,
inwieweit er kognitiv
in
d
er Lage
sei
, davon
zu profitieren.
Sein
Potenzial
sei
trotz
vielseitiger
Empfehlung nicht abgeklärt worden.
Darüber hinaus sei
dem Gutachter zufolge
mit überwiegender Wahr
scheinlichkeit davon auszugehen, dass die Arbeit im zweiten Arbeitsmarkt einen wesentlichen Teil zur Remission der Depression beigetragen habe, mehr als die jahrelange psychotherapeutische Behandlung in der IPW.
Hinzu komme, dass d
ie Existenz durch die
Sozialen Dienste gesichert
sei
und e
r zurzeit nachweislich kein Problem mit
dem Alkoholkonsum
habe
.
Auch im Gutachten seien
keine
genannt
worden. Die Rente sei aufgrund
einer Arbeitsfähigkeit von 50
%
und
unter
Be
rücksichtigung eines leidensbe
d
i
ngten Abzuges
wegen des deutlich unterdurch
schnittlichen Einkommens des Beschwerdeführers zu berechnen (
Urk.
2).
3.
3.1
Die Beschwerdegegnerin stellte in der angefochtenen Verfügung vom
15. Novem
ber
2018
unter and
e
rem
auf das
psychiatrische
Gutachten vom
20. Juni 2018
ab (
Urk.
7
/
61
). Darin werden die bis zur Begutachtung des Beschwerdeführers ak
tenkundigen medizinischen Berichte zusammengefasst (
Urk.
7/
61
/
4-7
), weshalb sie an dieser Stelle nicht noch einmal wiedergegeben werden. Soweit erforderlich, wird in den nachfolgenden Erwägungen aber darauf Bezug genommen.
3.2
Dipl. Arzt
B.___
hielt in
seinem Gutachten
vom 2
0.
Juni 2018 folgende Diag
nosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit fest (
Urk.
7/61/14):
-
Status nach länger anhaltender depressiver Episode, zeitweise mittelgra
digen Ausprägungsgrades (ICD-10: F33.1), aktuell remittiert (ICD-10: F33.4)
-
Anamnestisch psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol, Alko
holabusus beziehungsweise –
abhängigkeitssyndrom
(ICD-10: F10.1/2), aktuell keine Hinweise für übermässigen andauernden Alkoholkonsum
-
Akzentuierte Persönlichkeitsstruktur mit selbstunsicher-abhängigen und emotional instabilen Zügen (ICD10: Z73.1) im Grenzbereich zur Persön
lichkeitsstörung (ICD10: F6)
Schliesslich erklärte er,
es werde für die Vorgeschichte die reaktive Entwicklung einer zeitweise mindestens mittelgradig ausgeprägten länger andauernden de
pressiven Episode nachvollzogen. In diesem Zusammenhang sei es auch zeitweise zu parasuizidalen Krisen mit wiederholter Einnahme einer Medikamentenüberdo
sierung und notfallmässiger Behandlung im
C.___
gekommen. Nach zuvor berich
teter und aktuell sistierter leitliniengerecht durchgeführter psychiatrisch-psycho
therapeutischer und psychopharmakologischer Behandlung zeige sich das depres
sive Zustandsbild aufgrund des erhobenen Befundes und der berichteten Be
s
chwerden weitgehend remittiert. Z
um jetzigen Zeitpunkt finde keine psychiatri
sche oder psychopharmakologische Behandlung statt. Sekundär könne im Kon
text der Beschwerdeentwicklung eine zeitweise ausgeprägte Alkoholproblematik im Sinne eines Alkoholabhängigkeitssyndroms mit regelmässigem Abusus im Rahmen einer anzunehmenden Selbstmedikation nachvollzogen werden. Aktuell werde ein moderat
er Gelegenheitskonsum angegeben. D
ie bestimmten alkohol
spezifischen Laborparamater korrelier
t
en laborch
em
isch mit
den
Trinkangaben des
Beschwerdeführers
. Die Situation könne diesbezüglich als kompensiert ange
nommen werden.
Schliesslich werde auch im Rahmen der Abklärung eine zu be
rücksichtigende persönlichkeitsstrukturelle Pathologie
mit erfasst
. Es fänden sich s
elbstunsicher-abhängige Züge mit herabgesetzter Belastbarkeit
sowie
Stressre
sistenz
,
eingeschränkter Anpassungs- und Interaktionsfähigkeit
sowie
einge
schränkter
Flexibilität
,
ins
besondere in Arbe
i
t
sprozessen oder sozia
len/beruflichen Interaktionen
. Dieser Aspekt habe sich
auch im Rahmen
d
er
Ab
klärung in der Interaktion mit dem Gutachter sowie in den Fremdangaben vom Arbeitsplatz im Gartenbau
gezeigt. Somit müsse er
in der Beurteilung der aktuel
len Belastbarkeit im Kontext des Längsverlaufs und der vorberichteten Komorbi
ditäten unter Belastung mitberücksichtigt werden. Unter Berücksichtigung aller vorliegenden Befunde und Informationen bewege sich die Symptomatik im Grenzbereich des Schweregrades einer Persönlichkeitsstörung mit zunehmender funktioneller Limitierung des Beschwerdeführers
(
Urk.
7/61/14-15). D
ie persön
lichkeitsstrukturellen
Pathologien
/Defizite im Rahmen
d
er ausgeprägten Selb
stunsicherheit und der
damit
verbunden
abhän
g
ig-
unsicheren Muster in privaten und Arbeits
beziehungen
seien
thera
peutisch schwerer beeinflussbar. D
ies auch aufgrund einer
deutlich
eingeschränkten Introspektions- und Reflexionsfähi
g
keit des
Beschwerdeführers
. Positiv zu bewerten sei
en
die Beruhigung und Stab
ilisie
rung im geschützten Arbeit
srahmen im
Sinne
der aktuell erbrachten 60%-Prä
senzleistung im
Gartenbau
. Es seien aber auch dort erhebliche Limitierungen fest
gestellt worden
. Zusammenfassend zeigten sich noch knapp ausreichende Res
sourcen und Hinweise für eine noch mit gewisser Wahrscheinlichkeit anzuneh
mende
,
erfolgreich mögliche Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess
. Dies sei
auch unter Bedingungen der freien Wirtschaft unter entsprechenden vorbereiten
den Schritten und stabilisierenden Rahmenbedingungen
möglich
(
Urk.
7/61/18).
Zur Arbeitsfähigkeit hielt er fest,
es könne
weiterhin ein
labilisiertes
psychisches Gleichgewicht mit verminderter Belastbarkeit, Stressres
istenz und Durchhaltefä
higkeit sowie eingeschränkter A
npassungs-
sowie
situativer
und beruflicher In
ter
a
k
tionsfähi
g
keit und
Flexibilität
angenommen werden, was zu einer
funktio
nell
noch anzunehmenden
mindestens
mittelgradigen
L
eistu
n
gsbeei
n
t
rächtigung
führe
. Es
resultiere
eine theoretische
Leistungsreserve
für eine fortgesetzt abzu
leitende
rehabilitative
zurzeit erreichbare maximal 50%
-
ige
Arbeitsfähigkeit
be
zogen auf das angestammte Tätigkeitsprofil
oder denkbaren Verweistätigkei
ten auf Hilfsarbeiterniveau
. Nachvollziehbar dokumentiert sei eine psychisch
reaktive
Krankheitsentwicklung ab Oktober 201
5.
Ab diesem
Zeitpunkt
sei von einer min
destens mittelgradigen
psychisch
bedingte
n Leistungsminderung,
ab
August
2016
von einer
aufbaubaren
maximal
50%-
igen
Arbeitsfähigkeit
auszugehen. Im Ver
lauf seien gewisse
Schwankungen
ausgewiesen. Vorübergehend
könnten ab Ok
tober 2015 im
Rahmen
der
krisenhaften Zustandsverschle
chterungen mit insbe
sondere zweimaliger parasuizidaler
Handlung
und
Hospitalisation
im
C.___
2016 100%-
ige
Arbeitsunfähigkeiten
nachvollzogen werden
(
Urk.
6/61/20-22
).
4.
4.1
Das psychiatrische
Gutachten vom
2
0.
Juni 2018
erfüllt sämtliche rechtspre
chungsgemäss erforderlichen Kriterien für beweiskräftige ärztliche Entschei
dungsgrundlagen (vgl. E.
1.5
). Es beruht auf fachärztlicher
Untersuchung
durch
den Gutachter
(
Urk.
7/
47/5
-
10
) und wurde in Kenntnis der relevanten
Vorakten
abgegeben
(
Urk.
7/
47
/
3-4 und
Urk.
7/47/13-14
)
. Es würdigt die vorhandenen Arztberichte sorgfältig (
Urk.
7/
47/11-12 und
Urk.
7/47/15-16
). Es berücksichtigt
die vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden und setzt sich mit diesen hin
reichend auseinander. Die Darlegung der medizinischen Zusammenhänge ist grundsätzlich einleuchtend und das Gutachten ist dem Grundsatz nach schlüssig
.
So wird auch nichts Gegenteiliges vom Beschwerdeführer geltend gemacht.
4.2
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Inva
liditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizi
nisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwie
gender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Ja
nuar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
4.3
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regel
fall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V
281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/
2017 vom 15. März 2018 E. 7.4).
4.4
Es ist daher nachfolgend zu prüfen, ob und in welchem Umfang die gutachterli
chen Feststellungen anhand der Standardindikatoren nach BGE 141 V 281 auf eine rechtlich relevante Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen, wobei darauf hin
zuweisen ist, dass die medizinischen Fachpersonen und die Organe der Rechtsan
wendung die Arbeitsfähigkeit – mit Blick auf die normativ vorgegebenen Krite
rien – je aus ihrer Sicht zu beurteilen haben.
Zum Komplex «Gesundheitsschädigung» in der Kategorie «funktioneller Schwe
regrad» ist festzuhalten, dass die diagnoserelevanten Befunde und Symptome nicht ausgeprägt
erscheinen
. So hielt der begutachtende Psychiater insbesondere fest, dass sich das depressive Zustandsbild aufgrund des erhobenen Befundes und der berichteten Beschwerden weitgehend remittiert zeige.
Di
e bestimmten alko
holspezifischen Laborparameter korrelierten laborchemisch
mit
dem vom Be
schwerdeführer angegebenen moderaten Gelegenheitskonsum
. D
ie Situation könne diesbezüglich als aktuell kompensiert angenommen werden
(
Urk.
7/61/14)
.
Zu berücksichtigen ist ferner, dass der Beschwerdeführer weder in fachpsychiat
rischer Behandlung steht, noch sich mittels psychopharm
a
kologischer Medikation therapieren lässt
(
Urk.
7/61/21
)
.
Unter Komorbiditäten ist
aber
die akzentuierte Persönlichkeitsstruktur mit selbstunsicher-abhängigen und emotional instabilen Zügen (
ICD-10:
Z73.1
)
zu berücksichtigen.
Gemäss dem Gutachten führe sie
zu einer herabgesetzten Belastbarkeit
sowie
Stressresistenz
, einer eingeschränkten
Anpassungs- und Interaktionsfähigkeit
sowie
Flexibilität
insbesond
e
re
in Ar
beitsprozessen und sozialen/beruflichen Interaktionen (Urk.
7/61/15)
. Schliesslich
fänden sich noch
knapp ausreichende Ressourcen und Hinweise für eine noch mit gewisser Wahrscheinlichkeit anzu
nehmende, erfolgreich mögliche
Wiedereinglie
derung in den Arbeitsprozess. Dies sei auch unter Bedingungen der freien Wirt
schaft unter entsprechenden vorbereitenden Schritten und stabilisierenden Rah
menbedingungen möglich
(
Urk.
7/61/8).
Was den Komplex «Persönlichkeit» anbelangt, gilt es zu beachten, dass
wenn auch grenzwertig
keine Persönlichkeitsstörung vorlie
gt
.
Sodann
führt das Gutachten aus, dass die akzentuierte Persönlichkeitsstruktur therapeutisch schwerer beein
flussbar sei. Dies auch aufgrund einer deutlich eingeschränkten Introspektions- und Reflexionsfähigkeit des Beschwerdeführers. Positiv zu bewerten
sei
die Be
ruhigung und Stabilisierung im geschützten Arbeitsrahmen im Sinne der aktuell
erbachten 60%-Präsenzleistung im Gartenbau
. Es seien jedoch auch dort
erheb
liche Limitierungen
festgestellt worden (Urk. 7/61/18
). Zudem sei als Leistungs
reserve und aktivierbare Ressource die über Jahrzehnte erbrachte Arbeitsleistung auf Hilfsarbeiterniveau im Lager und zuletzt auch in der Kanalreinigung zu ge
wichten. Eine Re
ssource stelle auch die
vermittelte Motivation dar.
Funktional sei die Fähigkeit zur Stress- beziehungsweise Emotionsregulierung eingeschränkt, was persönlichkeitsbedingt immer wieder zu Überlastungssituationen,
depressi
ver, aber auch impulsiv
-aggressiver Reaktionsbildung führen könne. Dies im Sinne eines fortbestehenden funktionellen Gefahrenmoments hinsichtlich Über
forderung bis zur Dekompensation bei weiterhin anzunehmender erhöhter Vul
nerabilität und Stressintoleranz.
A
ls positiver Faktor sei die Begleitung durch die Stadt
Y.___
zu gewichten (
Urk.
7/61/19-20).
Hinsichtlich Komplex «Sozialer Kontext» ist zu berücksichtigen,
dass der Be
schwerdeführer alleine in einer vom Sozialamt finanzierten
1-Zimmerwohung
lebt, über eine geregelte Tagesstruktur verfügt und soziale Kontakte pflegt
(Urk.
7/61/11
).
Über einen sozialen Rückzug berichtete der Beschwerdeführer nicht. Hinzu kommt, dass
der
Beschwerdeführer wieder in einer neuen Beziehung ist, in welcher er Unterstützung erfährt
(
Urk.
7/61/9).
Zum - beweisrechtlich entsche
idenden - Aspekt der Konsistenz, ist darauf hinzu
weisen, dass
der Beschwerdeführer neben seiner 60%-
igen
Tätigkeit auf dem zweiten Arbeitsmarkt im Stande ist, an freien Tagen die Wohnung zu putzen
,
lange Spaziergänge zu unternehmen, ein soziales Umfeld zu pflegen, Fussball zu spielen und an
Grümpelturnieren
teilzunehmen (
Urk.
7/61/11). Auch der Gutach
ter hielt fest, dass der Beschwerdeführer betreffend alle Lebensbereiche hinsicht
lich der Defizite in Interaktionen und Beziehungsgestaltungen aktuell
sowohl
pri
vat
,
mit vermehrt berichteten Hobbys
,
als auch beruflich im Rahmen der
stabili
sierten
Situation
im geschützten Arbeitsrahmen eine tendenzielle Verbesserung des Funktionsniveaus mit
Aktivitätszunahme
zu verzeichnen
habe
(
Urk.
7/61/18).
Kontrastierend hierzu sieht
sich der Beschwerdeführer
nicht in der Lage,
mehr als 3 Tage zu a
rb
eiten
(
Urk.
7/61/11
). Was sodann den behandlungs- und eingliede
rungsanamnestisch ausgewiesenen Leidensdruck anbelangt ist augenscheinlich, dass es an einem erheblichen Leidensdruck fehlt, mangelt es doch gänzlich an einer Therapie aus psychiatrischer Sicht (
Urk.
7/61/21
).
Angesichts des nicht erheblichen funktionellen Schweregrads der diagnostizier
ten Gesundheitsstörung bei erhaltenen Ressourcen
und einem intakten sozialen Umfeld
sowie mit Blick auf den fehlenden Leidensdruck ist eine wie im Gutachten attestierte Leistungseinschränkung von 50
%
nicht aufrechtzuerhalten. Vielmehr
ist davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer
in einem rentena
usschliessen
den Pensum tätig sein kann.
Durch
die Wiederaufnahme der The
rapie
kann auch einer zukünftig möglichen Dekompensation entgegengewirkt werden
.
5.
Die angefochtene Verfügung erweist sich damit als rechtens. Dementsprechend ist die Beschwerde abzuweisen
.
6.
6.1
Nach Gesetz und Praxis sind in der Regel die Voraussetzungen für die Bewilli
gung der unentgeltlichen Prozessführung erfüllt, wenn der Prozess nicht aus
sichtslos und die Partei bedürftig ist (BGE 103 V 46, 100 V 61, 98 V 115).
6.2
Diese Voraussetzungen sind vorliegend erfüllt (
Urk.
1
S.
2 und
Urk.
3
). Antrags
gemäss (
Urk.
1
S. 2
) ist dem Beschwerdeführer deshalb die unentgeltliche Pro
zessführung zu bewilligen.
6.3
Gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung vor dem kantonalen Versicherungsgericht in Abweichung von
Art.
61
lit
. a ATSG kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhän
gig vom Streitwert im Rahmen von
Fr.
200.-- bis
Fr.
1'000.-- festgelegt.
Vorliegend erweist sich eine Kostenpauschale von
Fr.
6
00.-- als angemessen. Ausgangsgemäss ist diese dem Beschwerdeführer aufzuerlegen, zufolge Bewilli
gung der unentgeltlichen Prozessführung jedoch einstweilen auf die Gerichts
kasse zu nehmen.
Das Gericht erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
600
.-- werden
dem Beschwerdeführer
auferlegt
, zufolge Ge
währung der unentgeltlichen Prozessführung jedoch einstweilen auf die Gerichtskasse genommen.
Der Beschwerdeführer wird
auf die Nachzahlungspflicht gemäss § 16 Abs. 4
GSVGer
hingewiesen.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Departement Soziales der Stadt
Y.___
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse
4.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundesge
setzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismit
tel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizu
legen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
HurstWantz