# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** cf5d7fbd-28e2-5f6a-83f0-4f55bd3939dc
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2023-08-03
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 03.08.2023 E-4410/2022
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_E-4410-2022_2023-08-03.pdf

## Full Text

B u n d e s v e r w a l t u ng s g e r i ch t  

T r i b un a l  ad m i n i s t r a t i f  f éd é r a l  

T r i b un a l e  am m in i s t r a t i vo  f e d e r a l e  

T r i b un a l  ad m i n i s t r a t i v  fe d e r a l  

 
 
    
 

 

 

  

 

 Abteilung V 

E-4410/2022 

 

 
 

  U r t e i l  v o m  3 .  A u g u s t  2 0 2 3  

Besetzung 
 Richterin Esther Marti (Vorsitz), 

Richterin Susanne Bolz-Reimann, Richterin Roswitha Petry, 

Gerichtsschreiberin Carolina Bottini. 

   

Parteien 

 
A._______, geboren am (…), 

Somalia, 

vertreten durch MLaw Chantay Schelivan, 

HEKS Rechtsschutz Bundesasylzentren (…), 

(…), 

Beschwerdeführer,  

  
gegen 

  
Staatssekretariat für Migration (SEM), 

Quellenweg 6, 3003 Bern, 

Vorinstanz. 

   

Gegenstand 

 
Asyl (ohne Wegweisungsvollzug) 

(beschleunigtes Verfahren); 

Verfügung des SEM vom 31. August 2022 / N (…). 

 

 

 

E-4410/2022 

Seite 2 

Sachverhalt: 

A.  

Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat gemäss eigenen Anga-

ben im (…) 2019 und hielt sich anschliessend in der Türkei auf, bevor er 

über verschiedene Länder am 19. Juni 2022 in die Schweiz gelangte, wo 

er tags darauf um Asyl ersuchte. 

B.  

In Anwesenheit seiner zugewiesenen Rechtsvertretung, welche bei unbe-

gleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMA) gleichzeitig als Vertrauens-

person gilt, fand am 15. Juli 2022 die Erstbefragung statt (Erstbefragung 

UMA; Protokoll in den SEM-Akten {…} [A] 12). Am 17. August 2022 wurde 

der Beschwerdeführer zu seinen Asylgründen angehört (Anhörung; Proto-

koll in den SEM-Akten {…} [A] 15). Im Wesentlichen machte er folgendes 

geltend: 

Er sei somalischer Staatsangehöriger muslimischen Glaubens, zugehörig 

zum Clan der B._______, Subclan C._______, Subsubclan D._______. 

Gelebt habe er im Bezirk E._______ in F._______, zusammen mit seinem 

Vater, der als Soldat und Mitglied (…) gearbeitet habe, seiner Mutter und 

fünf Geschwistern. 

Der Beschwerdeführer gab an, er habe die fünfte Klasse besucht, als sich 

die Gründe, die zu seiner Ausreise geführt hätten, ereignet hätten. Als er 

sich eines Tages – im September 2019 – mit zwei Freunden auf dem Nach-

hauseweg befunden habe, habe ein Onkel einer dieser Freunde sie aufge-

fordert, in sein Fahrzeug einzusteigen. Sie seien zu einer Baracke aus-

serhalb der Stadt gebracht worden. Dort seien bewaffnete Männer gewe-

sen, die ihnen die Augen verbunden und sie in ein Zimmer eingeschlossen 

hätten. Am darauffolgenden Tag hätten sich die Männer als Mitglieder der 

Al-Shabab zu erkennen gegeben und sie aufgefordert, mit ihnen zusam-

menzuarbeiten, ansonsten sie getötet würden. Zunächst habe er sich ge-

weigert, sich später allerdings zur Mitarbeit bereit erklärt, um zu seiner Fa-

milie zurückkehren zu können. Als erstes hätten sie von ihm verlangt, zu 

beweisen, dass er loyal sei, indem er seinen Vater töte. Deshalb sei er am 

vierten Tag nach der Festhaltung in Begleitung eines Mannes zu seinem 

Elternhaus gegangen. Dort habe er nebst seinem Vater einen Nachbarn 

und seinen Onkel väterlicherseits angetroffen. Nachdem er seinem Vater 

alles erzählt habe, hätten sie den draussen wartenden Mann mit Hilfe von 

Nachbarn festgenommen. Der Beschwerdeführer sei dann zu seinem On-

kel gebracht worden. Zwei oder drei Tage später hätten Mitglieder der Al-

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Shabab ihn im Elternhaus gesucht. Sie hätten auch mehrmals bei seinem 

Onkel angerufen, um mit dem Beschwerdeführer zu sprechen. Eines Tages 

im September beziehungsweise Oktober 2019, als auf ihr Klopfen hin die 

Tür im Haus seines Onkels nicht geöffnet worden sei, hätten sie eine 

Bombe in das Haus geworfen. Sein Cousin sei verletzt worden, auch er 

habe eine Kopfverletzung erlitten und ein Dienstmädchen sei getötet wor-

den. Sein Onkel habe dann die Ausreise des Beschwerdeführers beschlos-

sen, da sie ihn nicht beschützen könnten. Mit seinem Vater sei er daher im 

(…) 2019 auf dem Luftweg in die Türkei gereist, wo er medizinisch behan-

delt worden sei. Sein Vater sei ungefähr drei Monate später alleine nach 

Somalia zurückgekehrt. Dort sei er ständig mit dem Tode bedroht worden, 

da er seinen Sohn ausser Landes gebracht habe. Schliesslich sei sein Va-

ter im (…)  2020 getötet worden. Auch sein Onkel sei inzwischen verstor-

ben, allerdings aufgrund einer Krankheit. 

C.  

Der zugewiesenen Rechtsvertretung wurde am 29. August 2022 ein Ent-

wurf des Asylentscheids zur Stellungnahme unterbreitet und gleichentags 

wurde der Beschwerdeführer für die Dauer des Verfahrens dem Kanton 

G._______ zugewiesen (A16 f.). 

D.  

Am 30. August 2022 nahm die Rechtsvertretung zum Entscheidentwurf 

Stellung und reichte gleichzeitig als Schulzeugnisse sowie Geburtsurkunde 

bezeichnete Beweismittel ins Recht (A21). 

E.  

Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 31. August 2022 stellte das 

SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht 

(Dispositivziffer 1), lehnte sein Asylgesuch ab (Dispositivziffer 2) und ord-

nete die Wegweisung aus der Schweiz an (Dispositivziffer 3). Den Vollzug 

der Wegweisung schob es zugunsten einer vorläufigen Aufnahme auf (Dis-

positivziffern 4-6). 

F.  

Dagegen erhob der Beschwerdeführer am 30. September 2022 Be-

schwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er beantragt, die Verfügung 

des SEM vom 31. August 2022 sei in den Dispositivziffern 1-3 aufzuheben 

und das SEM sei anzuweisen, seine Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen 

sowie ihm Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Sache zur rechtsgenügli-

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chen Begründung sowie zur vollständigen und richtigen Sachverhaltser-

stellung an das SEM zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei 

ihm die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung 

eines Kostenvorschusses zu verzichten. 

Als Beschwerdebeilage reichte er insbesondere eine Unterstützungsbestä-

tigung der H._______ vom (…) ein. 

G.  

Mit Instruktionsverfügung vom 21. Oktober 2022 verzichtete das Bundes-

verwaltungsgericht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und lud 

das SEM zur Vernehmlassung ein. 

H.  

Am 8. November 2022 liess sich das SEM vernehmen. Es hielt an der an-

gefochtenen Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Be-

schwerde. 

I.  

Mit Eingabe vom 15. November 2022 replizierte der Beschwerdeführer. 

 

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 

1.  

1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung 

von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und 

entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – 

endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). 

1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-

schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist 

durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-

würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist 

daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 

Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 der Verordnung über Massnahmen im Asylbe-

reich im Zusammenhang mit dem Coronavirus [Covid-19-VO Asyl, 

SR 142.318]; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). 

Auf die Beschwerde ist einzutreten. 

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Seite 5 

2.  

Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, so-

weit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 

3.  

Der Prozessgegenstand beschränkt sich vorliegend auf die Dispositivzif-

fern 1 bis 3 der angefochtenen Verfügung (Flüchtlingseigenschaft, Asyl und 

Wegweisung). 

 

4.  

Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen 

richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. Entsprechend kön-

nen mit der Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich 

Missbrauch und Überschreitung des Ermessens gerügt werden sowie die 

unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-

halts. 

5.  

5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-

sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im 

Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-

tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer 

politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-

gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 

Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung 

des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen 

unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 

5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen 

oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die 

Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-

geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen 

Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-

chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte 

Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 

 

6.  

6.1 Das SEM begründet seine ablehnende Verfügung mit der fehlenden 

Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers. So sei es nicht 

nachvollziehbar, dass er sein Geburtsdatum erst in der Türkei erfahren 

habe, wenn er legal eingereist sei, zumal für die Einreise auf dem Flugweg 

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Seite 6 

ein Reisepass unabdingbar sei. Ebenso wenig nachvollziehbar sei ange-

sichts seines Alters und Bildungsstandes, dass er nicht gewusst habe, wel-

che Dokumente sein Vater für die Reise verwendet habe. Gleiches gelte 

hinsichtlich der Ausführungen zu den Gründen für seine unterschiedlichen 

Altersangaben in Griechenland und Österreich. Obwohl er in der Türkei 

zwei Monate in Behandlung gewesen und in F._______ sechs Jahre zur 

Schule gegangen sei, besitze er weder medizinische Unterlagen noch 

Schulzeugnisse. Seltsamerweise habe er zudem anlässlich der Befragun-

gen unterschiedliche Angaben zum Namen der besuchten Schule ge-

macht. 

 

Zu den Aussagen des Beschwerdeführers zu seinen Asylgründen hielt das 

SEM fest, es sei widersprüchlich und nicht nachvollziehbar, dass er zu-

nächst angegeben habe, aufgefordert worden zu sein, seinen Vater zu tö-

ten, um danach zu erklären, er habe lediglich nachschauen und dem war-

tenden Angehörigen der Al-Shabab mitteilen sollen, ob sein Vater zu Hause 

sei. Wie diese Information der Al-Shabab von Nutzen hätte sein sollen, 

wenn sie seinen Vater selber hätten verfolgen und töten können – wie es 

sich später auch zugetragen habe – sei nicht ersichtlich. Darüber hinaus 

habe der Beschwerdeführer an der Erstbefragung angegeben, beim Bom-

benanschlag sei sein Cousin umgekommen, hingegen an der Anhörung 

erklärt, dieser habe sich leichtere Verletzungen als er selbst zugezogen. 

Schliesslich habe er auch widersprüchliche Angaben hinsichtlich des Zeit-

punkts des Anschlags gemacht. Ebenso widersprüchlich sei, dass der Be-

schwerdeführer einerseits angegeben habe, vier Tage festgehalten worden 

zu sein, und andererseits, sein Vater habe bei seiner Rückkehr gefragt, wo 

er sich zwei Nächte lang aufgehalten habe. Zudem sei nicht nachvollzieh-

bar, dass ein besorgter Vater, der Soldat gewesen sei, seinen (…)jährigen 

Sohn nur zwei Nächte suche, wenn dieser vier Nächte verschwunden sei. 

Letztlich sei auch nicht nachvollziehbar, dass der Onkel seines Freundes 

sie zur Al-Shabab gebracht habe, die seinen Neffen zum Töten dessen 

Bruders auffordern würden. 

Zur Stellungnahme zum Entscheidentwurf führte das SEM aus, die darin 

vorgebrachten Erklärungen zu den widersprüchlichen Aussagen stellten 

eine dritte Version der Geschehnisse dar und eigneten sich nicht, die 

Glaubhaftigkeit zu belegen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit erfolge 

eine Gesamtbeurteilung aller Elemente, weshalb auch die unterschiedli-

chen Angaben des Beschwerdeführers zu seinem Alter in Österreich und 

Griechenland zu berücksichtigen seien, selbst wenn sie für die Frage der 

Flüchtlingseigenschaft irrelevant seien. 

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Für die detaillierte Begründung kann auf die angefochtene Verfügung ver-

wiesen werden. 

6.2 Der Beschwerdeführer hält dem entgegen, das SEM beschränke sich 

lediglich auf Widersprüche, die es ihm anlasten könne, verlange ein weit 

höheres Beweismass als die Glaubhaftigkeit und berücksichtige seine in-

dividuelle Aussagefähigkeit nicht. So hätten sich die geschilderten Ge-

schehnisse vor rund drei Jahren zugetragen, als der Beschwerdeführer 

erst (…) Jahre alt gewesen sei, auch habe er an der Anhörung durchge-

hend geweint und diese habe über vier Stunden gedauert, was ermüdend 

gewesen sei, zumal er angegeben habe, Kopfschmerzen und Atemprob-

leme zu haben. Seine Vorbringen seien vom SEM nicht kindgerecht gewür-

digt worden. Überdies habe es den Sachverhalt unrichtig festgestellt, in-

dem es eigene Vermutungen als Tatsachen und Aussagen des Beschwer-

deführers dargestellt sowie daraus Widersprüche konstruiert habe. Infolge 

fehlender Berücksichtigung von auch für die Glaubhaftigkeit sprechender 

Elemente seien schliesslich sowohl das rechtliche Gehör als auch die Be-

gründungspflicht verletzt. 

 

Zur Prüfung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers 

habe sich das SEM unter anderem auf das von ihm angegebene Alter ge-

stützt. Dies obwohl es sein Geburtsdatum akzeptiert habe und seine Mutter 

eine Kopie seiner Geburtsurkunde habe organisieren können, die seine 

Angaben bestätigte. Auch habe sie zwei Schuldokumente beschaffen kön-

nen, weitere jedoch nicht, da dies wegen der vielen Spitzel der Al-Shabab 

sehr gefährlich sei. 

Al-Shabab rekrutiere Kinder, da sie leichter beeinflussbar seien und erteile 

ihnen unterschiedliche Aufgaben. Seine Beurteilung der Glaubhaftigkeit 

stütze das SEM zudem nicht auf Länderberichte ab. Weiter sei der Be-

schwerdeführer überzeugt gewesen, sein Tatbeitrag würde zum Tod seines 

Vaters führen, sodass seine Aussage, sie hätten ihn damit beauftragt, in 

diesem Sinne zu verstehen sei. Daher habe er ausgesagt, er müsse ihn 

töten. Er sei (…)jährig, habe lediglich fünf Jahre die Schule besucht und 

während der Anhörung durchgehend geweint, weshalb ihm seine unge-

naue Ausdrucksweise nicht zur Last gelegt werden könne. Auch bestehe 

in seinen Aussagen kein Widerspruch, vielmehr habe er seine Aufgabe prä-

zisiert. Im Zusammenhang mit dem Bombenanschlag sei er zunächst in-

folge der schlimmen Verletzungen vom Tod seines Cousins ausgegangen, 

habe im Krankenhaus allerdings von dessen Überleben erfahren. Sicher-

lich habe er nicht gesagt, sein Cousin sei getötet worden. Ferner habe das 

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SEM die Anzahl Tage beziehungsweise Nächte falsch verstanden; der Be-

schwerdeführer habe erklärt, vier Tage bei der Al-Shabab und damit drei, 

nicht, wie das SEM festhalte, vier Nächte dort verbracht zu haben. Sein 

Vater habe ihn zwei Tage und Nächte gesucht, wobei etwa nicht bekannt 

sei, ob er nachts arbeite oder ob es beispielsweise üblich gewesen sei, 

dass der Beschwerdeführer bei Bekannten übernachtet habe, womit die 

Behauptung des SEM auf einer unvollständigen Sachverhaltsfeststellung 

basiere. Es ergebe durchaus Sinn, dass sein Vater seine Abwesenheit erst 

am zweiten Tag beziehungsweise am Morgen nach der Entführung be-

merkt habe, ihn danach zwei Tage und zwei Nächte gesucht habe und der 

Beschwerdeführer am vierten Tag morgens wieder nach Hause gekommen 

sei. Ein Widerspruch liege somit nicht vor, zumal er genau gewusst habe, 

wie lange er bei der Al-Shabab geblieben sei und was ihm sein Vater da-

mals gesagt habe. 

Es seien viele Realkennzeichen vorhanden, obwohl kaum nonverbale Ges-

ten aufgenommen worden seien. Der Beschwerdeführer habe viel, wenn 

nicht ununterbrochen geweint und Atemprobleme gehabt. Er habe Neben-

sächlichkeiten erwähnt, wie dass sein Bruder beim Fussballspielen das 

Bein gebrochen habe und deswegen eine Weile nicht zur Schule gegangen 

sei, sowie dass er schulisch langsamer als dieser gewesen sei und eine 

Klasse habe wiederholen müssen. Seine Aussagen enthielten Schilderun-

gen sowohl in direkter als auch in indirekter Rede und eigener sowie frem-

der Gefühle und Gedanken. Auch Nichtwissen könne ein Realkennzeichen 

sein und der Beschwerdeführer habe nach bestem Wissen und Gewissen 

die Frage nach der Finanzierung seiner Reise zu beantworten versucht so-

wie ebenso seine Annahmen hinsichtlich der Ausreisepapiere korrigiert. 

Dass diese Realkennzeichen für die Glaubhaftmachung genügten und 

noch weitere bestünden, ergebe sich aus dem internen Antrag des SEM 

auf einen positiven Entscheid und eine vorläufige Aufnahme. Ebenso habe 

die Fachspezialistin festgestellt, dass der Beschwerdeführer bereits an-

lässlich der Erstbefragung seine Fluchtgründe detailliert geschildert habe. 

Der Beschwerdeführer sei aufgrund seines Alters und Geschlechts von der 

Al-Shabab ausgesucht worden und es habe ihm im Zeitpunkt seiner Aus-

reise eine Zwangsrekrutierung gedroht. Überdies habe die Al-Shabab 

seine Weigerung und die Verhaftung eines Mitgliedes als politisch motiviert 

betrachtet. Die Gefahr einer Zwangsrekrutierung bestehe nach wie vor, 

was sich aus dem Tod seines Vaters ergebe und sie habe sich wegen des 

nun fehlenden Schutzes verstärkt. 

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Für die detaillierte Begründung kann auf die Beschwerdeschrift verwiesen 

werden. 

6.3 In seiner Vernehmlassung ergänzt das SEM, der Beschwerdeführer 

habe anlässlich der Anhörung angegeben, seine Konzentration sei gut. 

Weiter habe er einzig Kopien von Schulzeugnissen und -bestätigungen ein-

gereicht, die keinen Beweiswert hätten und dies auch nur wenige Tage, 

nachdem er zuvor bestritten habe, Schuldokumente zu besitzen. Aufgrund 

der Schilderung seiner Reise müsse ferner davon ausgegangen werden, 

dass er mit einem Reisepass ausgereist sei. Diesen habe er weder einge-

reicht noch hierzu glaubhafte Erklärungen angebracht. 

6.4 Replizierend beanstandet der Beschwerdeführer im Wesentlichen, die 

Vernehmlassung des SEM enthalte anstelle einer Begründung Behauptun-

gen und subjektive Einschätzungen. 

7.  

7.1 Der Beschwerdeführer beantragt im Eventualbegehren die Rückwei-

sung der Sache an die Vorinstanz und erhebt verschiedene formelle Rü-

gen, die vorab zu prüfen sind, zumal sie allenfalls geeignet sind, eine Kas-

sation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-

SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes; 

3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff. m.w.H.; BGE 144 IV 302 E. 3.1 m.w.H.). So habe 

das SEM den Sachverhalt unrichtig festgestellt, indem es eigene Vermu-

tungen als Tatsachen sowie Aussagen des Beschwerdeführers dargestellt 

und daraus Widersprüche konstruiert habe. Begründet wird dies damit, 

dass das SEM die Anzahl Tage beziehungsweise Nächte falsch verstanden 

habe, die der Beschwerdeführer bei der Al-Shabab verbracht habe. Er 

habe nämlich erklärt, vier Tage und damit drei, nicht wie das SEM festhalte, 

vier Nächte dort verbracht zu haben. Sein Vater habe ihn überdies zwei 

Tage und Nächte gesucht. Weiter habe das SEM seine Begründungspflicht 

verletzt, zumal es auch für die Glaubhaftigkeit sprechende Elemente nicht 

berücksichtigt und damit keine Gesamtwürdigung vorgenommen habe. Es 

habe seine individuelle Aussagefähigkeit, mitunter dass es dem Beschwer-

deführer während der Anhörung nicht gut gegangen sei, nicht berücksich-

tigt. 

7.1.1 Der mit Grundrechtsqualität ausgestattete Grundsatz des rechtlichen 

Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV) umfasst eine Anzahl verschiedener verfas-

sungsrechtlicher Verfahrensgarantien. Der in Art. 32 VwVG konkretisierte 

Teilgehalt verpflichtet die Behörde nicht nur, den Parteien zu ermöglichen, 

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Seite 10 

sich zu äussern und ihre Vorbringen tatsächlich zu hören (Art. 30 f. VwVG), 

sondern sie auch sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der Entscheid-

findung zu berücksichtigen. 

7.1.2 Ist eine asylsuchende Person – wie der Beschwerdeführer – minder-

jährig und unbegleitet, so haben die Behörden spezifische verfahrensrecht-

liche Garantien zu beachten. Dies, um der besonderen Schutzbedürftigkeit 

der UMA Rechnung zu tragen und insbesondere sicherzustellen, dass sie 

hinreichend gehört werden. Was die Anhörung betrifft, so hat diese in der 

Regel in Anwesenheit des gesetzlichen Vertreters oder der Vertrauensper-

son zu erfolgen. Die anhörende Person hat zudem dafür zu sorgen, dass 

den besonderen Aspekten der Minderjährigkeit Rechnung getragen wird 

(Art. 7 Abs. 5 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 

142.311]). Dabei sind insbesondere das Alter und der Reifegrad und gege-

benenfalls spezifische Verletzlichkeiten der UMA zu berücksichtigen. Sollte 

dies für das Wohlbefinden der UMA während der Anhörung angezeigt sein, 

sind geeignete Massnahmen zu treffen. Das SEM hat unter anderem in 

Bezug auf die Art und Weise der Befragung gewisse Regeln zu beachten. 

Ein grosses Augenmerk ist im Rahmen der Anhörung auf eine den UMA 

gerecht werdende Atmosphäre ab Beginn und eine empathische Haltung 

der befragenden Person – sowie insgesamt auf ein vertrauensvolles Klima 

– zu richten, das es den UMA ermöglichen soll, vom Erlebten zu berichten. 

Zu diesem Zweck soll die Vorinstanz den UMA bereits zu Beginn der An-

hörung in einer altersgerechten Sprache das Ziel der Befragung sowie die 

darauf anwendbaren Regeln erläutern. Ferner soll es alle Personen, die an 

der Anhörung mitwirken, vorstellen und deren Rolle erklären. Die UMA sol-

len zu den sie im Verfahren unterstützenden Personen Vertrauen aufbauen 

können. Dazu ist es notwendig, dass die befragende Person das Verhalten 

der UMA während der Anhörung beobachtet und jede Form der nonverba-

len Kommunikation vermerkt. Auch hat sie sich um eine wohlwollende und 

neutrale Haltung zu bemühen. Insbesondere in einer ersten Phase sollten 

die Fragen sodann offen formuliert werden, um einen freien Bericht zu för-

dern (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1144/2018 vom 29. Juni 

2020 E. 5.2.2; zum Ganzen BVGE 2014/30 E. 2.3 m.w.H.). 

7.1.3 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes 

wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufge-

listeten Beweismittel. Die Behörde hat von Amtes wegen für die richtige 

und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sor-

gen, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die 

rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber 

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Seite 11 

Beweis zu führen. Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der 

Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG, Art. 13 VwVG). Die 

Sachverhaltsfeststellung ist unrichtig, wenn der Verfügung ein falscher und 

aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird; unvollständig ist sie, wenn 

nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksich-

tigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwal-

tungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043). 

7.2  

7.2.1 Die soeben dargelegten Anforderungen an ein Verfahren eines UMA 

wurden vorliegend nicht hinreichend beachtet: 

 

7.2.1.1 Der Beschwerdeführer hatte einen Monat vor der Erstbefragung 

sein (…) Lebensjahr vollendet. Zum Zeitpunkt seiner Anhörung war er (…) 

Jahre und zweieinhalb Monate alt. Den Protokollen lässt sich an mehreren 

Stellen entnehmen, dass er Mühe hatte, die ihm gestellten Fragen zu ver-

stehen. Dies scheint nicht sprachlich beziehungsweise durch die Überset-

zung bedingt zu sein, sondern ist unter anderem auf ihre Formulierung zu-

rückzuführen. Zum einen fällt auf, dass gewisse Fragen Fachbegriffe und 

Würdigungen enthalten, die dem Alter und Bildungsstand des Beschwer-

deführers nicht angemessen sind, umso mehr fällt dies ins Gewicht, als die 

dazugehörigen Antworten die wesentliche Entscheidgrundlage bildeten 

(A12 Ziff. 4.04: F: Gibt es irgendwelche Dokumente, die dein Alter belegen? 

A: Dass ich so viel alt bin?; Ziff. 5.01: F: Bist du legal oder illegal aus dei-

nem Heimatstaat ausgereist? A: Ich reiste aus Somalia wegen medizini-

schen Zwecken in die Türkei). Zum anderen enthalten sie gewisse Formu-

lierungen in einer nicht einfach verständlichen Sprache oder sie sind gene-

rell unklar (A 15 F49: F: Wie kommunizieren Sie mit Ihrer Familie? A: Ich 

habe nicht verstanden; F181: War Ihr Vater ein gewöhnlicher Soldat? A: Ich 

verstehe die Frage nicht. Was meinen Sie mit «gewöhnlicher Soldat»?; 

F140: Ich meine: Jemanden aufzufordern, den eigenen Vater zu töten, ist 

eine grausame Sache. Da würde jeder die höchste Loyalität verspielen A: 

Ich habe die Frage nicht verstanden). Schliesslich werden dem Beschwer-

deführer wertende Fragen gestellt, deren Antwort er nicht kennen kann 

(ebd. F137 […] Warum sollte ihr Vater sterben?, F138: […] Warum sollten 

die Al-Shabab einen (…)Jährigen damit beauftragen, den eigenen Vater zu 

töten, wenn sie es offenbar selbst machen können? F139: Und wie erklären 

Sie, dass die Al-Shabab von einem (…) Jährigen, der nicht einmal dazuge-

hört, Loyalität verlangt?). 

 

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Seite 12 

7.2.1.2 Offensichtlich zu erkennen ist, dass die Befragungen für den Be-

schwerdeführer belastend waren. An der Erstbefragung weinte er mehr-

mals (A 12 Ziff. 1.17.05, 2.01, 7.01, 8.02), hatte Mühe zu sprechen (ebd. 

Ziff. 5.02) und hielt sich während seinen Ausführungen zu den Gesuchs-

gründen die Hände vor das Gesicht (ebd. Ziff. 7.01). Er gab an, dass es 

ihm seelisch schlecht gehe und er sich wegen seines Vaters Tod schuldig 

fühle (ebd. 8.02). Seine Rechtsvertretung beantragte sodann eine psycho-

logische Abklärung. Anlässlich der Anhörung zeigte sich ein ähnliches Bild 

hinsichtlich seiner psychischen Verfassung. Er weinte oft (A15 F23f.,100, 

115, 128), war sichtbar traurig (ebd. F34), hielt sich die Augen zu (ebd. 

F100) und sprach mit zittriger Stimme (ebd. F115). Die befragende Person 

erkannte dies und setzte zweimal eine Pause an, nach welchen der Be-

schwerdeführer auf Nachfrage angab, es gehe ihm besser (A15 F103, 

F129). Nichtsdestotrotz gab er am Ende der Befragung zu Protokoll, Kopf-

schmerzen und Schmerzen im Brustkorb gehabt zu haben (ebd. F171 f.). 

Dem vulnerablen Zustand des Beschwerdeführers hätte im Rahmen der 

Befragungen stärker Rechnung getragen werden müssen. So wäre zumin-

dest angezeigt gewesen, ihn auf die Möglichkeit, dass die Befragung un-

terbrochen und vertagt werden könne, hinzuweisen. 

 

7.2.1.3 Für die Erstbefragung gibt es keine Anzeichen, dass diese nicht in 

einer vertrauenswürdigen Atmosphäre stattgefunden hätte oder die befra-

gende Person dem Beschwerdeführer nicht mit Empathie begegnet wäre. 

Auch wenn nicht ganz nachvollziehbar ist, dass sie den Beschwerdeführer 

fragte, was ihn rühre, nachdem dieser das Todesdatum seines Vaters ge-

nannt hatte (ebd. Ziff. 1.17.05), so sprach sie ihr Verständnis aus, gab dem 

Beschwerdeführer Gelegenheit, eine Pause zu machen und wechselte das 

Thema (vgl. BVGE 2014/30, a.a.O., E. 2.3.3.2). Ob Unterbrüche oder Pau-

sen generell stattgefunden haben oder erst nachdem der Beschwerdefüh-

rer jeweils in Tränen ausgebrochen ist, lässt sich dem Protokoll nicht ent-

nehmen. Was die Anhörung betrifft, ist zunächst festzuhalten, dass diese 

zur Qualitätskontrolle in Anwesenheit eines zusätzlichen Sachbearbeiters 

stattgefunden hat. Soweit ersichtlich wurde Sinn und Zweck dieser Quali-

tätskontrolle aber dem Beschwerdeführer gegenüber nicht erläutert, etwa 

indem erklärt worden wäre, dass die zweite Person nicht etwa zum Zweck 

einer Kontrolle der Aussagen des Beschwerdeführers, sondern vielmehr 

jenem der Kontrolle, ob die zum Schutz von UMA geltenden Bestimmungen 

eingehalten werden, anwesend sei. Eine solche Erklärung wäre ange-

bracht gewesen, um einer (zusätzlichen) Verunsicherung vorzubeugen und 

damit den besonderen Bedürfnissen des UMA Rechnung zu tragen. Fest-

zustellen ist weiter, dass die Einleitungsphase mit rund zehn Fragen, bevor 

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nach dem Aufenthalt des Beschwerdeführers in der Türkei gefragt wurde, 

eher kurz ausgefallen ist, um eine Vertrauensbasis aufbauen zu können, 

und sie wohl insbesondere der Erstellung des medizinischen Sachverhalts 

diente (vgl. A15 F1 ff.). Bis zur Frage 100, kurz vor dem ersten Unterbruch 

nach 55 Minuten, reagierte die befragende Person auf das Weinen des Be-

schwerdeführers im Laufe der Befragung mit einer Beileidsbekundung 

(ebd. F24) und dem Anbieten einer Pause (ebd. F34), stellte aber weiterhin 

Fragen. Angemessen wäre es gewesen, die Befragung effektiv zu unter-

brechen, zumal eine Pause unter normalen Umständen nach höchstens 

30 Minuten vorzunehmen ist (vgl. BVGE 2014/30 E. 3.3.4). Im Verlauf der 

weiteren Anhörung entschuldigte sich die befragende Person für die Frage, 

ging aber auf die Regungen des Beschwerdeführers nicht weiter und zu-

letzt gar nicht mehr ein. Nachdem der Beschwerdeführer gegen Frage 170 

ein weiteres Mal in Tränen ausbrach und Kopfschmerzen sowie Schmer-

zen im Brustkorb beklagte, fand nach einer 20-minütigen Pause die Rück-

übersetzung statt, welche weitere eineinviertel Stunden dauerte. Der An-

gabe des Beschwerdeführers, seine Konzentration sei gut gewesen (A15 

F174), kommt vor dem geschilderten Hintergrund nicht wesentliches Ge-

wicht zu. Überdies dauerte die Anhörung des Beschwerdeführers insge-

samt – ohne Pausen – 224 Minuten und umfasste 191 Fragen, was etwas 

mehr als eine Minute pro Frage bedeutet; ein solches Tempo erweist sich 

als zu schnell (vgl. BVGE 2014/30 E. 3.3.4). Ausschlaggebend ist jedoch 

vorliegend, wie die befragende Person offenkundig die Antworten des Be-

schwerdeführers in Zweifel zog (vgl. A15 F114: Wie gesagt: Es muss ein 

Reisepass gewesen sein, denn ansonsten hätten sie überhaupt nicht ins 

Flugzeug einsteigen können. Und einen Reisepass wirft man nicht einfach 

so weg – das heisst, Ihr Vater muss ihn nach Hause genommen haben, 

F137: Wie gesagt: Es tut mir leid wegen all diesen Fragen, aber das, was 

Sie sagen, macht keinen Sinn […] sowie die unter E. 7.2.1.1 in fine aufge-

führten Fragen). Ein solches Verhalten ist der erforderlichen Neutralität ab-

träglich und wirkt alles andere als vertrauensbildend. Auch versuchte sie 

den Beschwerdeführer hinsichtlich allfälliger Dokumente bei seiner Aus-

reise wiederholt zu einem Perspektivenwechsel zu bewegen (ebd. F44, 

F45, F55, F57, F58, F59, F112, F114, F165). In einem solchen Ausmass 

wirkt diese Befragungstaktik nicht nur verunsichernd, sondern führt dazu, 

dass sich die zu befragende Person nicht ernstgenommen fühlt. Im Übrigen 

erachtet es das Gericht nicht als unwahrscheinlich, dass ein Kind, dessen 

Vater als (…) arbeitet, in der Lage ist, die Ein- und Ausreisevorschriften zu 

umgehen und somit ohne Reisepapiere ausreisen konnte. Auch kann dem 

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Seite 14 

damals noch sehr jungen und gemäss seinen Angaben verletzten Be-

schwerdeführer nicht ohne Weiteres die Unkenntnis der Reisedokumente 

vorgehalten werden. 

 

7.2.2 Nach dem zuvor Gesagten ist festzustellen, dass die Anhörung des 

Beschwerdeführers den in der Rechtsprechung formulierten Grundsätzen 

nicht entspricht. Hinzu kommt, dass dem Beschwerdeführer beizupflichten 

ist, wenn er geltend macht, das SEM habe seinem Zustand während der 

Anhörung, seinem Alter, als sich die asylrelevanten Ereignisse zugetragen 

hätten, sowie der seither verstrichenen Zeit bei der Aussagewürdigung 

nicht hinreichend Rechnung getragen. Selbst wenn gewisse Widersprüche 

in den Aussagen des Beschwerdeführers nicht in Abrede gestellt werden 

(vgl. A12 Ziff. 7.01; A 15 F115 hinsichtlich der Verletzungen seines Cous-

ins), enthalten die Schilderungen durchaus auch Realkennzeichen und 

Elemente, die für die Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen sprechen könnten, 

die jedoch in der Gesamtwürdigung der Vorinstanz keinen Eingang gefun-

den haben. Nebst den bereits aufgezeigten Emotionen, die im Zusammen-

hang mit der Schilderung seiner Asylgründe stehen, macht der Beschwer-

deführer hinsichtlich des Kerngeschehens im Wesentlichen übereinstim-

mende Angaben. Auch fallen in der Schilderung der Asylgründe immer wie-

der Nebensächlichkeiten und spontane Einschübe auf. Etwa in der freien 

Rede, wonach zuerst der Neffe seinen Onkel gebeten habe, ihn an einen 

bestimmten Ort hinzufahren, derjenige Freund, der sich zum Anschluss ge-

weigert habe, älter gewesen sei, oder dass sie den Beschwerdeführer als 

erstes geweckt hätten. Ebenso etwa, wie er nach der Aussage, sein Vater, 

ein Nachbar und sein Onkel väterlicherseits seien zu Hause gewesen 

spontan anfügt, sie seien von der Arbeit gekommen (A 15 F115; vgl. auch 

F117). Jedenfalls erweisen sich die Angaben des Beschwerdeführers we-

der als unplausibel (vgl. E. 7.3.4) noch als haltlos. 

 

7.3  

7.3.1 Es stellt sich unter diesen Umständen die Frage, ob der Sachverhalt 

trotz der mangelhaften Anhörung als hinreichend erstellt betrachtet werden 

kann. 

7.3.2 Der Beschwerdeführer hat im Laufe des Verfahrens keine Beweismit-

tel zu den geltend gemachten Asylgründen eingereicht, sodass seinen Aus-

sagen anlässlich der Befragungen eine umso grössere Bedeutung zu-

kommt. Diese waren von Gefühlsausbrüchen geprägt und er hatte Mühe, 

zu sprechen, was sich an seiner zittrigen Stimme erkennen lässt (A15 

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Seite 15 

F115). Auch gab er die gesamte Anhörung hinweg kurze und knappe Ant-

worten, sodass sich die befragende Person veranlasst sah, erneut nach-

zufragen. Wie bereits erwähnt, enthalten die Aussagen des Beschwerde-

führers aber auch immer wieder überraschende Details (vgl. E. 7.2.2), wes-

halb davon ausgegangen werden darf, dass in der entsprechenden Atmo-

sphäre und durch gezieltes Nachfragen weitere entscheidrelevante Fakten 

erhoben werden könnten. Zudem hätte es dem SEM gestützt auf den Un-

tersuchungsgrundsatz oblegen, wozu es bei einem UMA umso mehr ver-

pflichtet gewesen wäre, insbesondere konkrete Angaben zum Aufenthalt 

des Beschwerdeführers in der Baracke von Al-Shabab, den genauen Um-

ständen des Todes seines Vaters, gegebenenfalls aber auch zu einer all-

fälligen Beziehung seines Vaters zum Onkel, der sie zur Al-Shabab ge-

bracht habe und weitere gegebenenfalls entscheidwesentliche Umstände 

zu erfragen. Der Sachverhalt erweist sich damit als unvollständig und un-

genügend erstellt. Zum jetzigen Zeitpunkt können daher keine substanzi-

ellen materiellen Aussagen zur Glaubhaftigkeit der geltend gemachten 

Asylgründen gemacht werden, zumal die Glaubhaftigkeitsprüfung in der 

angefochtenen Verfügung auf einer unzureichenden Grundlage basiert. Er-

gänzend ist festzuhalten, dass die Vorinstanz die vom Beschwerdeführer 

mit der Stellungnahme zum Entscheidentwurf eingereichten Schulzeug-

nisse nicht berücksichtigt hat, deren Fehlen sie zur Beurteilung der Glaub-

würdigkeit des Beschwerdeführers heranzieht (angefochtene Verfügung I., 

S. 3, letzter Abschnitt). Entgegen den Ausführungen des SEM in der Ver-

nehmlassung ist es der Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers nicht ab-

träglich, wenn er, wie an der Anhörung aufgefordert, seine Mutter damit 

beauftragt hat, bei der Schule Bestätigungen und Zeugnisse einzuholen 

(A15 F79, F80) und diese anschliessend eingereicht hat. Die im August 

2022 ausgestellten Unterlagen stehen seinen Aussagen nicht entgegen. 

Auch scheint das SEM die im gleichen Zug eingereichte Geburtsurkunde 

des Beschwerdeführers übersehen zu haben. 

7.3.3 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungs-

gericht in der Sache selbst oder weist diese mit verbindlichen Weisungen 

an die Vorinstanz zurück. Eine reformatorische Entscheidung setzt voraus, 

dass die Sache entscheidreif ist; dazu muss insbesondere der rechtser-

hebliche Sachverhalt richtig und vollständig festgestellt worden sein. Dies 

ist vorliegend nicht der Fall. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungs-

reife kann grundsätzlich zwar auch durch das Bundesverwaltungsgericht 

selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomi-

schen Gründen angebracht erscheint (vgl. BVGE 2012/21 E. 5). Das Ge-

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Seite 16 

richt kann und soll aber die Grundlagen des rechtserheblichen Sachver-

halts nicht gleichsam an Stelle der verfügenden Verwaltungsbehörde erhe-

ben, zumal die Partei bei einem solchen Vorgehen eine Instanz verlieren 

würde. Vorliegend fällt offensichtlich weder eine Herstellung der Entscheid-

reife durch das Gericht noch eine Heilung der Verfahrensmängel in Be-

tracht. Die angefochtene Verfügung leidet an schwerwiegenden Mängeln 

und ist aufzuheben. Die Sache ist zur Abklärung und Feststellung des rich-

tigen und vollständigen Sachverhalts und zu neuer Entscheidung in Wah-

rung des rechtlichen Gehörs an die Vorinstanz zurückzuweisen. 

7.3.4  Das SEM wird angewiesen, den minderjährigen Beschwerdeführer 

in einem geeigneten Rahmen unter Berücksichtigung der zu beachtenden 

Grundsätze bei Anhörungen von UMA (vgl. BVGE 2012/21) ergänzend an-

zuhören und die geltend gemachten Asylgründe umfassend abzuklären. 

Alle unter dem Blickwinkel von Art. 3 AsylG rechtserheblichen Sachverhalt-

selemente sind sodann einer sorgfältigen Glaubhaftigkeitsprüfung zu un-

terziehen, dies in Berücksichtigung des jungen Alters des Beschwerdefüh-

rers, seiner Vulnerabilität und der seit den geltend gemachten Ereignissen 

verstrichenen Zeit. In Feststellung des richtigen und vollständigen Sach-

verhaltes hat das SEM sodann erneut zu prüfen, ob der Beschwerdeführer 

die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt, insbesondere 

auch in Berücksichtigung von Quellen, wonach Al-Shabab Kinder zum 

Zwecke ihrer Rekrutierung entführe, diese dabei durchschnittlich drei-

zehneinhalb Jahre alt seien, bei Weigerung ihre Angehörigen Repressalien 

zu gewärtigen hätten und Angehörige der Sicherheitskräfte in Mogadischu 

Angriffsziele der Al-Shabab seien (vgl. UNHCR, International Protection 

Considerations with Regard to People Fleeing Somalia, September 2022, 

«https://www.refworld.org/docid/6308b1844.html», abgerufen am 3. Au-

gust 2023, S.58, 82f.). Die neue Verfügung ist schliesslich hinreichend zu 

begründen. 

8.  

Angesichts dieses Verfahrensausgangs erübrigt sich eine Auseinanderset-

zung mit den weiteren Vorbringen in der Beschwerde; diese bilden integra-

len Bestandteil des wiederaufzunehmenden erstinstanzlichen Verfahrens 

und werden vom SEM mitzuberücksichtigen sein. 

9.  

Nach dem Gesagten verletzt die angefochtene Verfügung Bundesrecht 

(Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist insofern gutzuheissen, als die 

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Seite 17 

angefochtene Verfügung vom 31. August 2022 aufzuheben und die Sache 

im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen ist.  

10.  

Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 

Abs. 1 und 2 VwVG). Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-

zessführung erweist sich als gegenstandslos.  

11.    

Dem vertretenen Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung auszu-

richten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche Rechts-

vertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen vom 

Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch 

Art. 111ater AsylG). 

(Dispositiv nächste Seite)  

  

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Seite 18 

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 

1.  

Die Beschwerde wird gutgeheissen. 

2.  

Die Verfügung vom 31. August 2022 wird aufgehoben und die Sache wird 

im Sinne der Erwägungen zu neuem Entscheid an das SEM zurückgewie-

sen. 

3.  

Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 

4.  

Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 

5.  

Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale 

Migrationsbehörde. 

 

Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: 

  

Esther Marti Carolina Bottini 

 

 

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