# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 48b5256a-3533-5e5d-9158-1da4804ed9ae
**Source:** Graubünden (GR)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-12-19
**Language:** de
**Title:** Graubünden Kantonsgericht I. Strafkammer 19.12.2023 SK1 2023 62
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/GR_Gerichte/GR_KG_004_SK1-2023-62_2023-12-19.pdf

## Full Text

Kantonsgericht von Graubünden
Dretgira chantunala dal Grischun
Tribunale cantonale dei Grigioni

Urteil vom 19. Dezember 2023

Referenz SK1 23 62

Instanz I. Strafkammer 

Besetzung Moses, Vorsitzender
Cavegn und Michael Dürst
Primorac, Aktuarin ad hoc

Parteien A._____
Beschuldigte

gegen

Staatsanwaltschaft Graubünden
Rohanstrasse 5, 7001 Chur

Gegenstand Verletzung von Verkehrsregeln

Anfechtungsobj. Urteil Regionalgericht Viamala vom 20.06.2023, mitgeteilt am 
20.06.2023 (Proz. Nr. 515-2023-7)

Mitteilung 20. Dezember 2023

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Sachverhalt

A. Das Regionalgericht Viamala erklärte A._____ am 20. Juni 2023 der Verlet-
zung der Verkehrsregeln gemäss Art. 27 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 90 
Abs. 1 SVG schuldig. Es bestrafte sie mit einer Busse von CHF 60.00. Gegen die-
ses Urteil erhob A._____ Berufung.

B. Am 4. August 2023 ordnete der Vorsitzende gestützt auf Art. 406 Abs. 1 lit. 
c StPO die Durchführung des schriftlichen Verfahrens an und setzte A._____ 
(nachfolgend: Beschuldigte) Frist bis zum 28. August 2023 zur Einreichung der 
schriftlichen Berufungsbegründung. Die Beschuldigte reichte ihre schriftliche Beru-
fungsbegründung am 25. August 2023 ein. Sie verlangt darin "eine Stornierung 
des kompletten Verfahrens" (act. A.6).

Erwägungen

1. Gegen das angefochtene erstinstanzliche Urteil des Regionalgerichts Via-
mala ist die Berufung zulässig (Art. 398 Abs. 1 StPO). Die Eintretensvorausset-
zungen geben zu keinen Bemerkungen Anlass. Auf die Berufung ist daher einzu-
treten.

2. Bilden ausschliesslich Übertretungen Gegenstand des erstinstanzlichen 
Hauptverfahrens, so kann mit der Berufung nur geltend gemacht werden, das Ur-
teil sei rechtsfehlerhaft oder die Feststellung des Sachverhalts sei offensichtlich 
unrichtig oder beruhe auf einer Rechtsverletzung (Art. 398 Abs. 4 StPO). Das Be-
rufungsgericht hat das erstinstanzliche Urteil mithin auch bei Übertretungen im 
Rahmen der angefochtenen Punkte auf Rechtsverletzungen zu überprüfen 
(Art. 404 Abs. 1 StPO).

3. Einleitend ist festzuhalten, dass in der vorinstanzlichen Sachverhaltsfest-
stellung keine Willkür zu erkennen ist. Diese ist damit für das Berufungsgericht 
verbindlich und liegt den nachstehenden Ausführungen zugrunde.

4. Der Inhalt des Strafbefehls wird durch seine Doppelfunktion als Anklageer-
satz im Falle einer Einsprache (Art. 356 Abs. 1 Satz 2 StPO) und als rechtskräfti-
ges Urteil beim Verzicht auf eine Einsprache (Art. 354 Abs. 3 StPO) bestimmt. Aus 
dieser Doppelfunktion des Strafbefehls ergibt sich, dass die Sachverhaltsum-
schreibung im Strafbefehl den an eine Anklageschrift gestellten Ansprüchen voll-
umfänglich genügen muss (BGE 140 IV 188 E. 1.4 f.).

4.1. Nach dem Anklagegrundsatz (Art. 9 Abs. 1 StPO) hat die Anklage die der 
beschuldigten Person zur Last gelegten Delikte in ihrem Sachverhalt so präzise zu 

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umschreiben, dass die Vorwürfe in objektiver und subjektiver Hinsicht genügend 
konkretisiert sind. Dies bedingt eine zureichende, d.h. möglichst kurze, aber ge-
naue (Art. 325 Abs. 1 lit. f StPO) Umschreibung der Sachverhaltselemente, die für 
eine Subsumption unter die anwendbaren Straftatbestände erforderlich sind. Ent-
scheidend ist, dass die betroffene Person genau weiss, welcher konkreten Hand-
lung sie beschuldigt und wie ihr Verhalten rechtlich qualifiziert wird, damit sie sich 
in ihrer Verteidigung richtig vorbereiten kann (vgl. zum Ganzen BGE 143 IV 63 
E. 2.2; BGer 6B_1298/2021 v. 14.1.2022 E. 1.2). Dies gilt unabhängig davon, wie 
komplex sich der Sachverhalt erweist oder welche Art von Delikten zur Diskussion 
steht. Auch bei einfach gelagerten Übertretungsstraftatbeständen muss aus dem 
Strafbefehl ersichtlich sein, welcher konkrete Lebenssachverhalt zur Anklage ge-
bracht wird (BGE 140 IV 188 E. 1.5). Das Anklageprinzip ist verletzt, wenn die an-
geklagte Person für Taten verurteilt wird, bezüglich welcher die Anklageschrift den 
inhaltlichen Anforderungen nicht genügt, oder wenn das Gericht mit seinem 
Schuldspruch über den angeklagten Sachverhalt hinausgeht (BGer 6B_1404/2020 
v. 17.1.2022 E. 1.3).

4.2. Der Strafbefehl vom 14. Oktober 2022 enthält folgende Sachverhaltsum-
schreibung (StA act. 7):

"Am 26. Mai 2022, um 15:27 Uhr, wurde mit dem auf A._____ zugelassenen Per-
sonenwagen B._____, Kontrollschild C._____ auf der richtungsgetrennten Auto-
strasse D._____ in Richtung E._____, Höhe Anschluss F._____ in F._____, die 
signalisierte Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h nach Abzug der Toleranz von 5 
km/h um 8 km/h überschritten. 

Als Halterin dieses Fahrzeuges haftet die Beschuldigte für diese Ordnungsbusse 
inkl. Verfahrenskosten (vgl. Art. 7 OBG)."

4.3. In dieser Umschreibung wird lediglich festgehalten, dass mit dem auf die 
Beschuldigte zugelassenen Personenwagen die Höchstgeschwindigkeit über-
schritten wurde. Es heisst darin jedoch nicht, wer den Personenwagen gelenkt 
haben soll. Insbesondere wird nicht der Vorwurf erhoben, dass die Beschuldigte 
den Personenwagen anlässlich der Geschwindigkeitsüberschreitung selbst ge-
lenkt haben soll. Solches stellt aber die Vorinstanz in ihrem Urteil fest. So lässt 
sich dem vorinstanzlichen Urteil eine ausführliche Begründung entnehmen, wes-
halb die Vorinstanz die Täterschaft der Beschuldigten als erstellt erachtete 
(act. E.1 E. 2). Indem die Vorinstanz die Täterschaft der Beschuldigten erstellt, 
erstellt sie einen Sachverhalt, der in der Anklage nicht umschrieben ist. Damit geht 

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sie über den angeklagten Sachverhalt hinaus und verletzt das Anklageprinzip. Für 
eine Verurteilung der Beschuldigten als Lenkerin genügt die Anklageschrift nicht.

4.4. Im Sinne einer Alternativbegründung hielt die Vorinstanz fest, dass die Be-
schuldigte als Halterin des Fahrzeuges gestützt auf Art. 7 OBG auch dann für die 
Geschwindigkeitsüberschreitung verantwortlich wäre, wenn nicht erstellt wäre, 
dass sie das Fahrzeug gelenkt hat (act. E.1 E. 4). Richtig ist, dass Art. 7 OBG vor-
sieht, dass die Busse dem Halter des Fahrzeuges auferlegt wird, wenn der Führer 
des Fahrzeuges nicht bekannt ist bzw. dieser nicht mit verhältnismässigem Auf-
wand festgestellt werden kann. Die strafrechtliche Verantwortlichkeit des Halters 
greift mithin subsidiär, wenn der Lenker nicht bekannt ist. Ist der Lenker aber be-
kannt – wie vorliegend, da die Beschuldigte nach der für das Berufungsgericht 
verbindlichen Sachverhaltsfeststellung (vgl. bereits oben E. 3) im Tatzeitpunkt am 
Steuer sass –, scheidet die Halterhaftung aus. Eine Verurteilung der Beschuldig-
ten als Halterin des Fahrzeuges ist damit ebenfalls ausgeschlossen. 

4.5. Somit darf die Beschuldigte weder als Lenkerin noch als Fahrzeughalterin 
der Verletzung der Verkehrsregeln nach Art. 27 Abs. 1 SVG in Verbindung mit 
Art. 90 Abs. 1 SVG schuldig gesprochen werden. Demnach ist die Berufung gut-
zuheissen und die Beschuldigte in Anwendung von Art. 408 StPO von Schuld und 
Strafe freizusprechen.

5. Fällt die Rechtsmittelinstanz einen neuen Entscheid, so befindet sie darin 
gemäss Art. 428 Abs. 3 StPO auch über die von der Vorinstanz getroffene Kosten-
regelung.

5.1. Mit dem vorliegenden Urteil wird die Beschuldigte freigesprochen. Dement-
sprechend sind die Untersuchungskosten in Höhe von CHF 720.00 und die erstin-
stanzlichen Verfahrenskosten in Höhe von CHF 3'000.00 dem Kanton Graubün-
den aufzuerlegen. Infolge Obsiegens der Beschuldigten sind auch die Kosten des 
Berufungsverfahrens dem Kanton Graubünden aufzuerlegen (Art. 428 Abs. 1 Satz 
1 StPO). Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist unter Berücksichti-
gung der Bedeutung und Schwierigkeit des Falles sowie des Zeitaufwands der 
erkennenden Kammer auf CHF 2'500.00 festzusetzen (Art. 424 Abs. 1 StPO i.V.m. 
Art. 7 VGS [BR 350.210]). 

5.2. Die beschuldigte Person hat bei einem Freispruch einen von Amtes wegen 
zu prüfenden Anspruch auf Entschädigung ihrer Aufwendungen für die angemes-
sene Ausübung ihrer Verteidigungsrechte (Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO i.V.m. 
Art. 429 Abs. 2 StPO i.V.m. Art. 436 Abs. 1 StPO). Da die Beschuldigte nicht an-

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waltlich vertreten ist, sind ihr keine entsprechenden Aufwendungen entstanden. 
Damit steht ihr unter diesem Titel kein Entschädigungsanspruch zu.

5.3. Sodann hat eine beschuldigte Person, welche freigesprochen wird, An-
spruch auf eine Genugtuung für besonders schwere Verletzungen ihrer persönli-
chen Verhältnisse (Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO). Die Beschuldigte fordert eine ent-
sprechende Genugtuung in ihrem Schreiben vom 12. Juli 2023. Sie führt aus, dass 
sie zu Unrecht bestraft worden sei, was in ihrer Familie grosse Probleme verur-
sacht habe. Sie sei "in der Nähe von ärztlicher Hilfe" gewesen, weil man ihr mit 
Strafe oder Gefängnis gedroht habe. Sie erwarte deshalb eine geldliche Wieder-
gutmachung in einem mittleren vierstelligen Bereich (vgl. act. D.2.1). Hierzu ist 
festzuhalten, dass der gegen die Beschuldigte erhobene Vorwurf lediglich eine 
Übertretung darstellt, ihr mithin stets nur eine Busse drohte (Art. 27 Abs. 1 SVG 
und 90 Abs. 1 SVG i.V.m. Art. 103 StGB). Auch wenn nachvollziehbar ist, dass die 
Beschuldigte das Strafverfahren als belastend empfunden hat, vermag dies noch 
keine Persönlichkeitsverletzung zu begründen, welche die Zusprechung einer Ge-
nugtuung rechtfertigen könnte. Die mit jedem Strafverfahren grundsätzlich einher-
gehende psychische Belastung rechtfertigt keine Zusprechung einer Genugtuung 
(vgl. BGE 143 IV 339 E. 3.1). Das Genugtuungsbegehren ist entsprechend abzu-
weisen.

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Demnach wird erkannt:

1. A._____ wird vom Vorwurf der Verletzung der Verkehrsregeln gemäss 
Art. 27 Abs. 1 SVG i.V.m. Art. 90 Abs. 1 SVG freigesprochen.

2. Die Untersuchungskosten von CHF 720.00 gehen zulasten des Kantons 
Graubünden (Staatsanwaltschaft).

3. Die Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens von CHF 3'000.00 gehen zu-
lasten des Kantons Graubünden (Regionalgericht Viamala).

4. Die Kosten des Berufungsverfahrens von CHF 2'500.00 (Gerichtsgebühr) 
gehen zulasten des Kantons Graubünden (Kantonsgericht). 

5. Es werden keine Parteientschädigungen zugesprochen. Das Genugtuungs-
begehren von A._____ wird abgewiesen.

6. Gegen diese Entscheidung kann gemäss Art. 78 ff. BGG Beschwerde in 
Strafsachen an das Bundesgericht geführt werden. Die Beschwerde ist dem 
Schweizerischen Bundesgericht, 1000 Lausanne 14, schriftlich innert 30 
Tagen seit Eröffnung der vollständigen Ausfertigung der Entscheidung in 
der gemäss Art. 42 f. BGG vorgeschriebenen Weise einzureichen. Für die 
Zulässigkeit, die Beschwerdelegitimation, die weiteren Voraussetzungen 
und das Verfahren der Beschwerde gelten die Art. 29 ff., 78 ff. und 90 ff. 
BGG.

7. Mitteilung an: