# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** b3162100-eeb1-516c-bb0a-1a2d0ffa4178
**Source:** Solothurn (SO)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2020-05-13
**Language:** de
**Title:** Solothurn Obergericht Strafkammer 13.05.2020 STBER.2019.43
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SO_Omni/SO_OG_006_STBER-2019-43_2020-05-13.html

## Full Text

Obergericht

Strafkammer

 

 

 

 

 

 

Urteil vom 13. Mai 2020

Es wirken mit:

Präsident Marti

Oberrichterin Hunkeler

Oberrichter Kiefer

Gerichtsschreiberin Fröhlicher

In Sachen

1.    Staatsanwaltschaft, Franziskanerhof,
Barfüssergasse 28, Postfach 157, 4502 Solothurn, 

Berufungsklägerin

 

2.    B.___, vertreten durch Rechtsanwältin Eveline Roos,

 

3.    C.___
vertreten durch Rechtsanwältin Claudia Trösch-Ziegler,

Privatanschlussberufungsklägerinnen

  

gegen

 

A.___amtlich verteidigt durch Rechtsanwalt Oliver Wächter,

Beschuldigte
und Berufungsklägerin 

 

betreffend     mehrfacher
Menschenhandel, mehrfache Förderung der Prostitution, mehrfache Geldwäscherei,
etc.

Es erscheinen zur
Verhandlung vom 12. Mai 2020 vor Obergericht:

um 8:30 Uhr:

-       
Staatsanwalt
V.___, i.A. der Anklägerin und Berufungsklägerin

-       
A.___,
Beschuldigte und Berufungsklägerin

-       
Rechtsanwalt
Oliver Wächter, amtlicher Verteidiger

-       
U.___,
Dolmetscherin

-       
W.___,
Medienvertreter (SZ)

-       
X.___,
KAPO Solothurn, Zuschauer

-       
Rechtspraktikantin
des Obergerichts, Zuschauerin

 

um 8:45 Uhr:

-       
R.___,
Zeuge

 

um 09:00 Uhr:

-       
F.___,
Auskunftsperson

-       
Rechtsanwalt
Christian Möcklin, Zuschauer (verteidigt F.___ in einem separaten Strafverfahren)

 

Der Vorsitzende eröffnet um 8:30 Uhr die
Verhandlung, gibt die Zusammensetzung des Gerichts bekannt, stellt die weiteren
Anwesenden fest und gibt kurz den Prozessgegenstand, die in Rechtskraft
erwachsenen Ziffern des angefochtenen Urteils sowie den geplanten
Verhandlungsablauf bekannt. 

 

Die Dolmetscherin wird auf ihre
Pflichten und die strafrechtlichen Folgen einer wissentlich falschen
Übersetzung (Art. 307 StGB) hingewiesen.

 

Der Staatsanwalt hat weder Vorfragen
noch Beweisanträge.

 

Rechtsanwalt Wächter gibt seine
Kostennote zu den Akten, welche vorab dem Staatsanwalt zur allfälligen
Stellungnahme unterbreitet wird. 

 

Rechtsanwalt Wächter stellt namens der
Beschuldigten folgende

Beweisanträge:

 

1.    Die vorgelegten
Unterlagen (Rahmenvereinbarung für Arbeit auf Abruf vom 17.4.2020 und Bericht
über «S.___» von Q.___ vom 18.10.2003) seien zu den Akten zu nehmen.

2.    Das
Berufungsgericht habe die folgenden Personen zu befragen:

a)    D.___, 

b)    E.___,

c)    T.___,

d)    G.___,
Deutschland,

e)    H.___, Deutschland,

f)     I.___,
Australien,

g)    J.___, Thailand,

h)    K.___, Thailand,

i)     
L.___, 

j)     
M.___,

k)    N.___,

l)     
O.___,

m)   P.___.

 

Zur Begründung wird
ausgeführt, der vorgelegte Bericht vom 18. Oktober 2003 gebe Aufschluss über
das Wesen von Thai-Personen. Der Antrag auf Befragung der genannten weiteren
Personen sei bekanntlich schon im Vorfeld der heutigen Verhandlung gestellt
worden. Es sei unabdingbar, die betreffenden Personen zu befragen. Die
Befragungen seien im Interesse der Beschuldigten und deshalb könne nicht mit
Verweis auf das Beschleunigungsgebot auf die beantragten Einvernahmen
verzichtet werden. Aufgrund der beantragten Befragungen könne gezeigt werden,
dass der Vorhalt, den Sexarbeiterinnen seinen Drogen abgegeben worden, damit
diese besser arbeiten würden, völlig absurd sei.

 

Der Vorsitzende eröffnet,
dass über die Beweisanträge im Anschluss an die Einvernahmen des Zeugen, der Auskunftsperson
und der Beschuldigten entschieden wird. Zu diesem Zeitpunkt wird auch der
Staatsanwalt zu den Anträgen Stellung nehmen können.  

 

Es folgen die Einvernahmen
des Zeugen R.___, der Auskunftsperson F.___,
die von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch macht, und der Beschuldigten A.___;
dies in der genannten Reihenfolge und je nach Hinweis auf die Rechte und
Pflichten der Befragten. Die Befragungen werden mit technischen Hilfsmitteln
aufgezeichnet. Der Tonträger befindet sich in den Akten.

 

F.___ verlässt nach ihrer Befragung
umgehend den Saal wieder, so auch Rechtsanwalt Christian Möcklin.

 

Der Staatsanwalt erhält
Gelegenheit, sich zu den Beweisanträgen der Beschuldigten zu äussern. Er
beantragt die Abweisung des Beweisantrages auf Befragung der genannten
Personen. Zur Begründung verweist er auf die früheren diesbezüglichen
Ausführungen der Vorinstanz und der Staatsanwaltschaft. Gegen die
Zur-Akten-Nahme der vorgelegten Unterlagen hat er keine Einwände.

 

Die Verhandlung wird von 10:00 bis 10:20
Uhr zur Beratung der gestellten Beweisanträge sowie für eine kurze Pause
unterbrochen.

 

Die Strafkammer des Obergerichts fasst
nach geheimer Beratung folgenden 

Beschluss:

1. Die vorgelegten Unterlagen werden zu
den Akten genommen.

2. Der Beweisantrag auf Befragung
weiterer Personen wird abgewiesen.

Begründung zu Ziffer 2:

Die relevanten Sachverhalte sind
weitgehend unbestritten. Abgesehen davon, dass eine Vorladung der Personen
grösstenteils äusserst schwierig bis unmöglich sein dürfte, sind von den
Befragungen der beantragten Personen keine wesentlichen, neuen Erkenntnisse zu
erwarten. Die teilweise unterschiedlichen Konditionen und Behandlungen der
Sexarbeiterinnen, die mit ihren Befragungen aufgezeigt werden sollen, sind
aufgrund der bereits vorliegenden Aussagen der Sexarbeiterinnen
nachvollziehbar: wer keine Schulden mehr abzuzahlen hatte, genoss grössere
Freiheit bei der Arbeit. 

 

Es folgt das vorgezogene letzte Wort
der Beschuldigten. Sie habe sehr gelitten. Aktuell arbeite sie und habe neue
Kolleginnen. Mit ihrem Verdienst könne sie ihrem Ehemann bei der Bestreitung des
Familienunterhalts helfen. Das Strafverfahren belaste sie sehr. Sie habe Angst
vor einer erneuten Inhaftierung. Es tue ihr leid, was sie getan habe; sie bitte
um Verzeihung.

 

Um 10:30 Uhr wird die Dolmetscherin mit
dem Einverständnis der Beschuldigten und ihres Verteidigers entlassen.

 

Es stellen und begründen folgende Anträge:

Staatsanwalt V.___                            (gibt
vorab seine Plädoyernotizen und Anträge

                                                            zu
den Akten)

 

1.    Es sei
festzustellen, dass die Freisprüche gemäss Ziffer 1 sowie der Schuldspruch
wegen mehrfacher Geldwäscherei gemäss Ziffer 2 des Urteils des Amtsgerichts von
Solothurn-Lebern vom 12. März 2019 in Rechtskraft erwachsen seien.

2.    Die Schuldsprüche
gemäss Ziffer 2 des Urteils des Amtsgerichts von Solothurn-Lebern vom 12. März
2019 seien zu bestätigen und die Beschuldigte entsprechend schuldig zu sprechen.

3.    Die Beschuldigte
sei zu verurteilen zu:

a)    einer Freiheitsstrafe
von 5,5 Jahren, unter Anrechnung der ausgestandenen Untersuchungshaft;

b)    einer Geldstrafe
von 75 Tagessätzen zu je CHF 30.00.

4.    Es sei über die
geltend gemachten Zivilforderungen zu entscheiden.

5.    Es sei
festzustellen, dass die Verfügungen betreffend sichergestellte Gegenstände und
Vermögenswerte gemäss Ziffern 1 1 - 15 des Urteils des Amtsgerichts von
Solothurn-Lebern vom 12. März 2019 in Rechtskraft erwachsen seien.

6.    Die
Verfahrenskosten seien der Beschuldigten aufzuerlegen.

 

 

 

 

 

Rechtsanwalt Wächter                      (gibt die
Anträge auch in Schriftform

                                                            zu
den Akten)

 

1.    Die Beschuldigte
sei freizusprechen von den Vorhalten:

a)    des Menschenhandels
(Anklageziffer 1 .1),

b)    der mehrfachen
Förderung der Prostitution (Anklageziffer 2.1. und 2.2),

c)    der mehrfachen Förderung
des rechtswidrigen Aufenthalts in Bereicherungsabsicht (Anklageziffer 4).

2.    Die Beschuldigte
sei schuldig zu sprechen:

a)    der mehrfachen Förderung
des rechtswidrigen Aufenthalts ohne Bereicherungsabsicht bezüglich C.___, B.___
und N.___ usw. nach Art. 116 Abs. 1 AuG (teilweise Anklageziffer 4),

b)    der Vergehen gegen
das Betäubungsmittelgesetz (Anklageziffer 6).

3.    Die Beschuldigte
sei zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 14 Monaten und einer bedingten
Geldstrafe von 150 Tagessätzen à CHF 30.00 bei einer Probezeit von 2 Jahren zu
verurteilen.

4.    Die ausgestandene
Untersuchungshaft sei im Erstehungsfalle an die Strafen anzurechnen.

5.    Sämtliche Zivilforderungen
seien abzuweisen resp. auf den Zivilweg zu verweisen.

6.    Die beschlagnahmten
Gegenstände und Vermögenswerte seien mit Ausnahme der Betäubungsmittel und dem
Betäubungsmittelzubehör der Beschuldigten nach Rechtskraft des Urteils
herauszugeben.

7.    Die Verfahrenskosten
beider Instanzen seien mehrheitlich dem Staat und teilweise der Beschuldigten
aufzuerlegen.

8.    Die Honorarnote des
amtlichen Verteidigers sei zu genehmigen und zu entschädigen. Es sei ebenfalls
der Nachzahlungsanspruch in der Höhe der Differenz zum ordentlichen
Honoraransatz festzusetzen.

 

Es folgt eine Replik des Staatsanwalts.
Rechtsanwalt Wächter verzichtet auf eine Duplik.

 

Die Verhandlung wird um 13:00 Uhr
geschlossen.

 

Die Strafkammer zieht sich zur geheimen
Urteilsberatung zurück.

 

Das Urteil wird am 13. Mai 2020, um
15:30 Uhr, in
Anwesenheit der Beschuldigten und ihres Verteidigers, des Staatsanwalts, der
Dolmetscherin, des Sachbearbeiters der KAPO, des Medienvertreters W.___ und von
drei Zuschauern mündlich eröffnet, summarisch begründet und im
Wesentlichen übersetzt. Im Anschluss an die Eröffnung wird den Parteien das
schriftliche Urteilsdispositiv ausgehändigt.

 

Die Urteilseröffnung ist um 16:00 Uhr beendet.

 

 

 

Die Strafkammer des Obergerichts zieht
in Erwägung:

I. Prozessgeschichte

 

1.

A.___ (schweizerische Staatsangehörige, im
Folgenden: Beschuldigte) betrieb mindestens seit 2010 bis zur polizeilichen
Intervention am 1. September 2015 an der [Adresse] in [Ort] im ersten Stock die
Salons YY.___ und (zeitweise) ZZ.___, in welchen thailändische Sexarbeiterinnen
und Sexarbeiter ihre Dienste anboten. Der Ehemann der Beschuldigten, R.___,
hatte ab 1. März 2010 in der genannten Liegenschaft auf den Stockwerken 1 und 2
insgesamt vier Studiowohnungen gemietet und untervermietet (eines davon, den
Salon YY.___, zu den Selbstkosten an seine Ehefrau, die Beschuldigte). In allen
vier Wohnungen wurden Bordelle mit thailändischen Sexarbeitern/innen betrieben.
Bei Abwesenheit der Beschuldigten wurde sie als Geschäftsführerin des YY.___
von ihrer Nichte F.___ […] vertreten.

 

Die Strafverfolgungsbehörden der Kantone
Bern und Luzern führten seit längerer Zeit mehrere Verfahren wegen
Menschenhandels gegen Beschuldigte thailändischer Herkunft aus dem
Rotlichtmilieu. Dabei wurden Erkenntnisse gewonnen über die Strukturen und
Abläufe bei der Anwerbung von thailändischen Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern
(Transsexuelle, sog. Ladyboys) in ihrem Heimatland, ihre Verbringung in
Bordelle in der Schweiz und die dort herrschenden Arbeitsbedingungen. Nach
diesen Erkenntnissen organisierten und finanzierten die Drahtzieher (sog.
«Agenturen») potentiellen Opfern (zukünftige Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter)
auf kriminelle Art und Weise die erforderlichen Papiere, ein kurzzeitig
gültiges Schengenvisum, sowie den Flug (vgl. dazu die Ausführungen in der
Strafanzeige Nr. 705657 vom 6. April 2016; Register 2.1.1./Akten Seiten 006
ff., im Folgenden: 2.1.1./006 ff.). Das laufe dann wie folgt ab: Die jeweiligen
thailändischen Sexarbeitenden würden, nach Erhalt des Visums, in verschiedene
europäische Länder verschoben und sodann in Bordellen ausgebeutet. Ihnen würden
horrende Visum-Schulden (bis CHF 30'000.00) verrechnet, die sie mittels ihren
Einkünften aus der Prostitution abarbeiten müssten. Diese Umstände hätten
unweigerlich zu einer Abhängigkeit zwischen dem Opfer und der jeweiligen
Agentur geführt. Die Prostituierten müssten in der Regel dem Bordell an sieben
Tagen während 24 Stunden für die Freier zur Verfügung stehen, freie Tage gebe
es kaum. Die Bordellbetreiber beanspruchten von den Einnahmen in der Regel 50
%, zudem seien Abgaben zu leisten für Verpflegung und Internetwerbung. Neben
diesen Abgaben an die Bordellbetreiber müssten bei der Schlepper-Organisation
noch die erwähnten Schulden zurückbezahlt werden. So dauere es in der Regel
rund ein Jahr, bis eine Prostituierte auch nur einen Franken für sich oder ihre
Familie in Thailand verwenden könne. Dieses Geld sei für die Familien in
Thailand von grosser Wichtigkeit, was den Druck, möglichst viel Geld zu
verdienen, zusätzlich verstärke. Dieser Druck und die geforderte
24-Stunden-Präsenz führten bei vielen Opfern zum Konsum der Droge Crystal Meth
(sog. «Ice»), das in diesem Milieu nebst Thai-Pillen sehr verbreitet sei. Das «Ice»
werde ihnen nicht selten von «ihren» Bordellbetreiberinnen verkauft, womit
diese ihre Opfer zusätzlich an sich ketteten. Genau so habe es die Beschuldigte
gehandhabt, die nebst ihren Bordellen zusätzlich einen florierenden
Drogenhandel betrieben habe. 

 

Im Zuge der genannten Ermittlungen erfolgte
am 8. Oktober 2014 eine in Rechtshilfe angeordnete Hausdurchsuchung in sechs Sex-Studios
an der [Adresse] in [Ort]. Die Beschuldigte war damals nicht vor Ort, sondern
ihre Stellvertreterin und Nichte F.___. Nach weiteren Ermittlungen gegen
Thai-Studios in [Ort 1] und [Ort 2] ergaben sich Verdachtsmomente gegen diverse
Bordell-Betreiberinnen im Kanton Solothurn, so auch gegen die […] Beschuldigte A.___.
Daraufhin wurden unter dem Aktionsnamen «SMILE» weiterführende Ermittlungen
aufgenommen, welche schliesslich in einer koordinierten Aktion vom 1. September
2015 gipfelten, in deren Rahmen auch Hausuntersuchungen im Bordell der
Beschuldigten und an ihrem Wohnort durchgeführt wurden. Die Beschuldigte wurde
dabei angehalten und in Untersuchungshaft versetzt.

 

Die Ergebnisse der Ermittlungen wurden
in zwei Polizeianzeigen rapportiert: 

-      
Rapport
Nr. 705657 vom 6. April 2016 (2.1.1./001 ff.): Widerhandlungen gegen das
Strafgesetzbuch (Menschenhandel, Förderung der Prostitution) und gegen das
Ausländergesetz (Beschäftigen von Ausländerinnen und Ausländern ohne
Bewilligung und Förderung des rechtswidrigen Aufenthalts);

-      
Rapport
Nr. 722497 vom 6. April 2016 (2.1.2./001 ff.): Kauf, Besitz, Konsum und Handel
mit Methamphetamin («Crystal Meth»), Kokain und MDMA («Exstasy» /
«Thai-Pillen»).

 

2.

Mit Anklageschrift vom 14. Juni 2018
überwies die Staatsanwaltschaft die Akten dem Amtsgericht Solothurn-Lebern zur
Beurteilung der Beschuldigten wegen der genannten Vorhalte (1.4./007 ff.).

 

3.

Am 12. März 2019 fällte das Amtsgericht
von Solothurn-Lebern folgendes Strafurteil: 

«

1.    A.___ wird von
folgenden Vorwürfen freigesprochen: 

-      
des Menschenhandels,
angeblich begangen zwischen ca. Mitte November 2013 und April 2014
(Anklageziffer 1.2);  

-      
der
mehrfachen Förderung der Prostitution, angeblich begangen zwischen 2012 und 1.
September 2015 (Anklageziffern 2.3 und 2.4). 

 

2.    A.___ hat sich
schuldig gemacht: 

-      
des
Menschenhandels, begangen zwischen 24. April 2013 und ca. Ende Januar 2014
(Anklageziffer 1.1); 

-      
der
Förderung der Prostitution, begangen zwischen ca. Mitte November 2013 und April
2014 (Anklageziffer 2.2); 

-      
der
mehrfachen Geldwäscherei, begangen zwischen 2012 und 1. September 2015
(Anklageziffer 3);

-      
der
mehrfachen Förderung des rechtswidrigen Aufenthalts in Bereicherungsabsicht,
begangen zwischen 2012 und 1. September 2015 (Anklageziffer 4); 

-      
der
mehrfachen Beschäftigung von Ausländerinnen und Ausländern ohne Bewilligung,
begangen zwischen 2012 und 1. September 2015 (Anklageziffer 5); 

-      
des
Verbrechens nach Art. 19 Abs. 2 des Betäubungsmittelgesetzes, begangen zwischen
mindestens 2012 und 1. September 2015 (Anklageziffer 6).

 

	A.___ wird verurteilt zu:

-      
einer
Freiheitsstrafe von 4.5 Jahren; 

-      
einer
Geldstrafe von 60 Tagessätzen à CHF 30.00. 

 

	A.___ werden 224 Tage
     Untersuchungshaft an die Freiheitsstrafe angerechnet. 

 

	A.___ wird verurteilt, C.___,
     vertreten durch Rechtsanwältin Claudia Trösch-Ziegler, CHF 6'000.00 als
     Genugtuung zu bezahlen, zuzüglich 5% Zins seit 1. September 2013. 

 

	A.___ wird gegenüber C.___ für die
     verurteilten Straftaten zu 100% haftpflichtig erklärt.

 

	A.___ wird verurteilt, B.___,
     vertreten durch Rechtsanwältin Eveline Roos, CHF 5'000.00 als Genugtuung
     zu bezahlen, zuzüglich 5% Zins seit 1. Mai 2014. 

 

	A.___ wird gegenüber B.___ für die
     verurteilten Straftaten zu 100% haftpflichtig erklärt.

 

	N.___, vertreten durch
     Rechtsanwältin Melania Lupi Thomann, wird zur Geltendmachung ihrer
     Zivilforderung auf den Zivilweg verwiesen. 

 

	O.___, vertreten durch
     Rechtsanwältin Melania Lupi Thomann, wird zur Geltendmachung der
     Zivilforderung auf den Zivilweg verwiesen. 

 

	Folgende bei A.___ sichergestellten
     Gegenstände werden eingezogen und sind nach Rechtskraft des Urteils durch
     die Polizei zu vernichten:

	
  Objekt            

  	
   

  	
   

  	
  Befindet sich bei

  
	
  5,84g Methamphetamin
  (HD-Nr. 4/23)

  	
  FCT Kapo SG

  
	
  0,43g unbekannte
  Substanz (HD-Nr. 4/24)

  	
  FCT Kapo SG

  
	
  0,23g unbekannte
  Substanz (HD-Nr. 5/1)

  	
  FCT Kapo SG

  
	
  3,42g unbekannte
  Substanz (HD-Nr. 5/2)

  	
  FCT Kapo SG

  
	
  3,17g Amphetamin (HD-Nr.
  4/16)

  	
  FCT Kapo SG 

  
	
  7,04g Amphetamin (HD-Nr.
  4/16)

  	
  FCT Kapo SG

  
	
  0,14g unbekannte
  Substanz (HD-Nr. 6/7)

  	
  FCT Kapo SG

  
	
  0,02g unbekannte
  Substanz (HD-Nr. 6/7)

  	
  FCT Kapo SG

  
	
  0,14g unbekannte
  Substanz (HD-Nr. 1/1)

  	
  FCT Kapo SG

  
	
  0,12g unbekannte
  Substanz (HD-Nr. 1/1)

  	
  FCT Kapo SG

  
	
  0,05g unbekannte
  Substanz (HD-Nr. 1/1)

  	
  FCT Kapo SG

  
	
  21 Tabletten weiss
  "Unipas 200" (HD-Nr. 4/16)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  7 Tabletten
  weiss/blau/grün (HD-Nr. 4/16)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  2 Tabletten weiss
  (HD-Nr. 4/16)

  	
  Polizei Kanton Solothurn 

  
	
  Blechdose grün (mit 19
  Minigrips Crystal) (HD-Nr. 4/23)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Blechdose rot (mit 2 Minigrips
  Crystal) (HD-Nr.4/24)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Kapsel (mit unbekanntem
  Pulver) (HD-Nr. 5/1)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Minigrip (mit
  unbekanntem Pulver) (HD-Nr. 5/2)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  2 Minigrips (mit
  Crystal) (HD-Nr. 4/16)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  2 Minigrips (mit
  Crystal) (HD-Nr. 6/7)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Blechdose (mit 3
  Minigrips Crystal) (HD-Nr. 1/1)

  	
  Polizei Kanton Solothurn 

  
	
  div. BM-Utensilien
  (HD-Nr. 4/21)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Verpackung mit div.
  BM-Utensilien (HD-Nr. 1/2)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Digitalwaage Proscale
  Sim-300 / div. Minigrips (HD-Nr. 4/25)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Plastikbox mit div.
  BM-Utensilien (HD-Nr. 6/1)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  div. BM-Utensilien
  (HD-Nr. 6/8)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Kosmetikkoffer mit
  BM-Utensilien (HD-Nr. 4/26

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Trinkglas mit div.
  Minigrips (HD-Nr. 2/3)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  49,8g Methamphetamin
  (HD-Nr. 3/5)

  	
  FCT Kapo SG

  
	
  2,4g Methamphetamin
  (HD-Nr. 3/2)

  	
  FCT Kapo SG

  
	
  105g unbekanntes Pulver
  (HD-Nr. 4/24)

  	
  FCT Kapo SG

  
	
  20 unbekannte blaue
  Pillen HD-Nr. 3/2)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Herzbox mit
  BM-Utensilien (HD-Nr. 3/2 / Tresor)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Dose "Saure
  Kutteln" mit BM-Utensilien (HD-Nr. 3/5)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Metallbox (mit Minigrips
  mit unbek. Substanz) (HD-Nr. 3/2 / Tresor)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Minigrip (mit unbek.
  Pulver) (HD-Nr. 4/24)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  div. Behältnisse mit
  BM-Utensilien (HD-Nrn. 4/26, 4/4, 4/2, 4/7, 4/12, 4/31, 4/8, 4/6, 4/13, 4/15,
  4/23, 4/5, 4/3, 4/1, 4/9, 4/25)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  

 

	Folgende bei A.___ sichergestellten
     Gegenstände sind der Beschuldigten auf entsprechendes Verlangen hin
     zurückzugeben: 

Objekt                                                                                   Befindet
sich bei

	
  1
  iPhone 6 Plus 

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Mobiltelefon
  Nokia (HD-Nr. 4/31)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Apple
  Macbook Air (HD-Nr. 4/19)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Tablet
  Samsung (HD-Nr. 4/13)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Mobiltelefon
  Nokia (HD-Nr. 4/5)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Mobiltelefon
  Nokia (HD-Nr. 6/4)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Mobiltelefon
  Nokia (HD-Nr. 6/3)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Mobiltelefon
  Samsung GT-S5600 (HD-Nr. 6/5)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Mobiltelefon
  Samsung GT-E2100 (HD-Nr. 4/6)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Mobiltelefon
  Nokia 1320 (HD-Nr. 2/4)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Mobiltelefon
  iPhone 6+ (HD-Nr. 3/3)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Handtasche
  Louis Vuitton mit div. Notizen (HD-Nr. 3/1)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Einkaufstasche
  mit div. Notizen (HD-Nr. 4/34)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Damentasche
  Maddison mit div. Notizen (HD-Nr. 4/29)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Einkaufstasche
  Zebra mit div. Notizen (HD-Nr. 4/35)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Necessaire
  mit div. Notizen (HD-Nr. 4/28)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Einkaufstasche Tally Weijl
  mit div. Notizen/Couverts (HD-Nr. 4/30)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Handtasche
  mit div. Notizen (HD-Nr. 4/27)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Portemonnaie
  mit Visitenkarten/SIM-Karte (HD-Nr. 5/2)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  div.
  SIM-Karten/Trägerkarten (HD-Nrn. 5/12, 5/13, 4/22, 4/21,  4/19, 4/20)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  

 

Ohne ein solches Begehren
werden die Gegenstände drei Monate nach Eintritt der Rechtskraft des Urteils
durch die Polizei vernichtet, eventuell verwertet, wobei ein allfälliger
Netto-Verwertungserlös (nach Abzug der Aufbewahrungs- und Verwertungskosten) in
die Staatskasse fällt. 

 

	Folgende bei A.___ sichergestellten
     Gegenstände werden eingezogen und verbleiben als Beweismittel bei den
     Akten: 

Objekt                                                                                   Befindet
sich bei

	
  div.
  Belege/Notizen/Couverts (HD-Nrn. 4/10, 4/9, 4/28, 4/14, 4/15, 4/20, 4/30,
  4/18, 4/2, 4/4, 4/12, 4/17, 4/7, 4/29, 3/1, 6/2, 6/6, 4/8)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  div. Couverts,
  Quittungen, Notizen, Kundenbücher, 1 Paysafe-Card (HD-Nr. 2/2, 2/7, 2/6, 2/1,
  2/5, 4/1)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Agenda/Adressbuch
  (HD-Nr. 4/18)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Bundesordner
  "Solothurn" (HD-Nr. 5/14)

  	
  Akten

  
	
  Bundesordner
  "Steuerunterlagen 2012" (HD-Nr. 5/15)

  	
  Akten

  
	
  div. Notizblocks,
  Notizbücher und Notizen(HD-Nrn. 5/6, 5/10, 5/4, 5/5, 5/8, 5/9, 5/11, 4/17)

  	
  Polizei Kanton Solothurn

  
	
  Mietvertrag [Adresse]
  (HD-Nr. 1/1)

  	
  Akten

  
	
  Bundesordner
  "Steuern" (HD-Nr. 4/14)

  	
  Akten

  

 

	Folgende bei A.___ sichergestellten
     Bargeldbeträge werden in Anwendung von Art. 267 Abs. 3 StPO zur Deckung
     der Verfahrenskosten verwendet (vgl. Ziff. 21):

	
  Objekt            

  	
   

  	
   

  	
  Befindet sich bei

  
	
  Bargeld CHF 5'949.60

  	
  Zentrale Gerichtskasse

  
	
  Bargeld Euro 11.00 

  	
  Zentrale Gerichtskasse

  
	
  Bargeld CHF 1'500.00 

  	
  Zentrale Gerichtskasse

  
	
  Bargeld Euro 200.00

  	
  Zentrale Gerichtskasse

  
	
  Bargeld CHF 13'710

  	
  Zentrale Gerichtskasse

  
	
  Bargeld THB 30'700.00

  	
  Zentrale Gerichtskasse

  
	
  Bargeld CHF 2'529.30
  (Saldierung Konto Baloise Bank SoBa)

  	
  Zentrale Gerichtskasse

  

 

	Die bei A.___ sichergestellte Rolex
     Oyster Perpetual (Aufbewahrungsort: Polizei Kanton Solothurn) ist durch
     die Polizei zu verwerten. Ein allfälliger Netto-Verwertungserlös (nach
     Abzug der Aufbewahrungs- und Verwertungskosten) wird in Anwendung von Art.
     267 Abs. 3 StPO zur Deckung der Verfahrenskosten verwendet (vgl. Ziff.
     21). 

 

	Die Entschädigung der
     unentgeltlichen Rechtsbeiständin der Privatklägerin C.___, Rechtsanwältin
     Claudia Trösch-Ziegler, wird auf CHF 9'386.00 

     (Honorar 46.85 Stunden à CHF 180.00, ausmachend CHF 8'433.00, Auslagen 

     CHF 271.30, 8% MWST auf CHF 3'823.40, ausmachend CHF 305.85, und 7.7% MWST
     auf CHF 4'880.90, ausmachend CHF 375.85) festgesetzt und ist zufolge
     ungünstiger wirtschaftlicher Verhältnisse der Beschuldigten vom Staat zu
     bezahlen. Vorbehalten bleiben der Rückforderungsanspruch des Staates
     während 10 Jahren sowie der Nachzahlungsanspruch der unentgeltlichen
     Rechtsbeiständin im Umfang von CHF 4'041.50 (Differenz zu vollem Honorar
     von CHF 260.00 pro Stunde inkl. MWST), sobald es die wirtschaftlichen
     Verhältnisse der Beschuldigten erlauben.

 

	Die Entschädigung der
     unentgeltlichen Rechtsbeiständin der Privatklägerin B.___, Rechtsanwältin
     Eveline Roos, wird auf CHF 6'569.95 (Honorar 33.67 Stunden à CHF 180.00,
     ausmachend CHF 6'060.60, Auslagen CHF 34.90, 8% MWST auf CHF 1'685.70,
     ausmachend CHF 134.90, und 7.7% MWST auf CHF 4'409.80, ausmachend CHF
     339.55) festgesetzt und ist zufolge ungünstiger wirtschaftlicher
     Verhältnisse der Beschuldigten vom Staat zu bezahlen. Vorbehalten bleibt
     der Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren, sobald es die
     wirtschaftlichen Verhältnisse der Beschuldigten erlauben.

 

	Die Entschädigung der unentgeltlichen
     Rechtsbeiständin der Privatklägerin O.___, Rechtsanwältin Melania Lupi
     Thomann, wird auf CHF 1'561.65 (Honorar 7.86 Stunden à CHF 180.00,
     ausmachend CHF 1'414.80, Auslagen CHF 35.10, 8% MWST auf CHF 39.90,
     ausmachend CHF 3.20, und 7.7% MWST auf CHF 1'410.00, ausmachend CHF
     108.55) festgesetzt und ist zufolge unentgeltlicher Rechtspflege vom Staat
     zu bezahlen. Auf eine Rückforderung wird verzichtet. 

 

	Die Entschädigung der
     unentgeltlichen Rechtsbeiständin der Privatklägerin N.___, Rechtsanwältin Melania
     Lupi Thomann, wird auf CHF  5'120.85 (Honorar 25.33 Stunden à CHF 180.00,
     ausmachend CHF 4'559.40, Auslagen CHF 188.70, 8% MWST auf CHF 2'394.60,
     ausmachend CHF 191.55, und 7.7% MWST auf CHF 2'353.50, ausmachend CHF
     181.20) festgesetzt und ist zufolge unentgeltlicher Rechtspflege vom Staat
     zu bezahlen. Auf eine Rückforderung wird verzichtet.

 

	Die Entschädigung des amtlichen
     Verteidigers von A.___, Rechtsanwalt Oliver Wächter, wird auf CHF
     62'630.05 (Honorar 294.25 Stunden à CHF 180.00, ausmachend CHF 52'965.00,
     Auslagen CHF 5'129.50, 8% MWST auf CHF 20'769.00, ausmachend CHF 1'661.50,
     und 7.7% MWST auf 37'325.50, ausmachend CHF 2'874.05) festgesetzt und ist
     zufolge amtlicher Verteidigung vom Staat zu zahlen. Vorbehalten bleiben
     der Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren sowie der
     Nachzahlungsanspruch des amtlichen Verteidigers im Umfang von CHF
     15'860.35 (Differenz zu vollem Honorar von CHF 230.00 pro Stunde inkl.
     MWST), sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse der Beschuldigten erlauben
     (Art. 135 Abs. 4 StPO). 

 

	A.___ hat die Kosten des Verfahrens
     (inkl. die vom Staat bezahlte Entschädigung des amtlichen Verteidigers von
     CHF 62'630.05) mit einer Staatsgebühr von CHF 20'000.00, total CHF
     104’000.00, zu bezahlen. Diese Summe wird mit den sichergestellten
     Bargeldbeträgen und dem Netto-Verwertungserlös der Rolex Oyster Perpetual
     verrechnet (vgl. Ziff. 14 und 15).»

 

 

4.

Gegen das Urteil liess die Beschuldigte
die Berufung anmelden. Mit Berufungserklärung vom 12. Juli 2019 wurde das
Rechtsmittel wie folgt beschränkt: angefochten würden die Ziffer 2 lemma 1, 2, 4,
5 und 6, sowie die Ziffern 3, 5 bis 8 und 21 des Urteils. Verlangt würden
Freisprüche von den Vorhalten des Menschenhandels, der Förderung der
Prostitution, der mehrfachen Förderung des rechtswidrigen Aufenthalts
hinsichtlich der Bereicherungsabsicht, insbesondere hinsichtlich der
angeklagten nicht identifizierten Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern, was auch
den Schuldspruch wegen des mehrfachen Beschäftigens von Ausländerinnen und
Ausländern ohne Bewilligung betreffe. In Bezug auf Ziffer 2 lemma 6 seien die
angenommene Drogenmenge, der Reinheitsgrad und die Qualifikation bestritten. Es
sei insgesamt eine Strafe von maximal 14 Monaten Freiheitsstrafe sowie eine bedingte
Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu CHF 30.00 bei einer Probezeit von zwei Jahren
auszusprechen. Dementsprechend seien keine Genugtuungen zuzusprechen und keine
Schadenersatzpflichten festzustellen. Die Verfahrenskosten seien mehrheitlich
dem Staat und teilweise der Beschuldigten aufzuerlegen.

 

Mit Eingabe vom 28. Juni 2019 erklärte
die Staatsanwaltschaft die Berufung, beschränkt auf die Strafzumessung: es
werde beantragt, eine höhere Freiheitsstrafe auszufällen.

 

Mit Eingaben vom 23. und 26. Juli 2019
erklärten die Privatklägerinnen die Anschlussberufung: B.___ verlangt die
Zusprechung einer Genugtuung von CHF 9'000.00 nebst Zins zu 5% seit dem 1. Mai
2014; C.___ verlangt eine Genugtuung von CHF 12'000.00 nebst Zins zu 5% seit
dem 1. September 2013. Sie reichten ihre Anträge mit Eingaben vom 5. und 6. Mai
2020 schriftlich begründet ein und verzichteten auf eine Teilnahme bzw.
Vertretung an der Hauptverhandlung vor dem Berufungsgericht vom 12. Mai 2020.

 

5.

Damit ist das erstinstanzliche Urteil
wie folgt teilweise in Rechtskraft erwachsen:

-      
Ziffer
1: Freisprüche;

-      
Ziffer
2 (teilweise): Schuldspruch wegen mehrfacher Geldwäscherei;

-      
Ziffern
9 und 10: Verweisung von Zivilforderungen auf den Zivilweg;

-      
Ziffern
11 bis 15 (Entscheide über Sicherstellungen);

Die Ziffern 16 bis 20 (Entschädigungen
an unentgeltliche Rechtsbeistände und den amtlichen Verteidiger) sind einzig
bezüglich der Höhe der Entschädigungen in Rechtskraft getreten (Art. 428 Abs. 3
StPO).

 

Ebenfalls rechtskräftig sind die
Freisprüche der Vorinstanz (allerdings im Urteilsdispositiv nicht erwähnt) wegen
mehrfacher Beschäftigung von Ausländerinnen und Ausländern, soweit die nur mit
Spitznamen genannten Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter nicht identifiziert
werden konnten (US 64, Ziff. 3.9.3.), sodass die entsprechenden, verbliebenen
Schuldsprüche der Vorinstanz gemäss der Berufungserklärung ebenfalls
rechtskräftig sind. In Bezug auf den Vorhalt der mehrfachen Förderung des
rechtswidrigen Aufenthalts in Bereicherungsabsicht sind die Freisprüche der
Vorinstanz (US 63, Ziff. 3.8.3., im Urteilsdispositiv ebenfalls nicht erwähnt) bezüglich
der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, welche nur mit dem Spitznamen genannt
sind und nicht identifiziert werden konnten, ebenfalls rechtskräftig. Da bei
den entsprechenden, verbliebenen Schuldsprüchen einzig noch die Absicht der
ungerechtfertigten Bereicherung bestritten wird, sind die Schuldsprüche der
Vorinstanz nur in dieser Hinsicht noch zu prüfen. 

 

 

 

II. Rechtskräftige Schuldsprüche

 

Die Beschuldigte wurde wie folgt
rechtskräftig schuldig gesprochen:

-      
mehrfache
Geldwäscherei (AKS Ziff. 4.): Die Beschuldigte hat zwischen 2012 und dem 1.
September 2015 wiederholt aus dem Menschenhandel und der Förderung der
Prostitution sowie aus dem Betäubungsmittelhandel stammendes Bargeld teils
wieder in den Erwerb von Betäubungsmittel investiert, teils nach Thailand
überwiesen. In der Anklageschrift werden weder konkrete Transaktionen noch
Betragshöhen genannt. Da kaum die gesamten Mittel zum Ankauf von Drogen und der
Überweisungen nach Thailand aus einer der genannten Vortaten stammen dürften,
ist die Vorinstanz hier von einem unbekannten Betrag ausgegangen.

-      
mehrfache
Beschäftigung von Ausländerinnen und Ausländern ohne Bewilligung (AKS 5): Es
betrifft dies folgende neun Sexarbeiter/innen: H.___ vom 1. Juli bis 1.
September 2015; C.___ vom 24. April 2013 bis ca. Ende Januar 2014; B.___
zwischen ca. Mitte November 2013 und April 2014; N.___ zwischen ca. April 2014
und 8. Oktober 2014; O.___ zwischen ca. Ende 2014 und 1. September 2015; Y.___
zwischen ca. April 2012 und 1. September 2015 mit einem ca. einjährigen
Unterbruch; J.___ zwischen ca. Mitte Februar 2013 und 8. Oktober 2014; M.___
zwischen ca. Juni/Juli 2014 und 8. Oktober 2014; P.___ zwischen ca. Mitte
Januar 2014 und Ende September 2014.

 

 

 

 

 

III. Förderung der Prostitution

 

 1. Vorhalt

	
   

  1.1 Generell

   

  Die nachfolgenden Sexarbeiterinnen
  hätten zwar (zumindest konkludent) zugestimmt, bei der Beschuldigten zu den
  von ihr diktierten Prostitutionsmodalitäten anzuschaffen. Allerdings habe es
  sich dabei um eine der Situation geschuldete, rein faktische Zustimmung
  gehandelt, welche unerheblich sei, zumal es die betreffenden Sexarbeiterinnen
  im Sex-Studio der Beschuldigten nicht in der Hand gehabt hätten, frei und
  eigenverantwortlich über ihre Prostitutionstätigkeit zu bestimmen. 

   

  Die seit vielen Jahren in der Schweiz
  fest ansässige, mit einem Schweizer Pass ausgestattete und in der hiesigen
  Thai-Rotlichtszene als Studio-Betreiberin und Arbeitgeberin bestens
  etablierte bzw. vernetzte Beschuldigte habe sich in einer sozialen und
  wirtschaftlichen Machtposition gegenüber den von ihr beschäftigten
  Sexarbeiterinnen befunden, welche ihr ohne finanzielle Eigenmittel und
  legalen Aufenthaltstitel sowie in Ermangelung von Kenntnissen hinsichtlich
  der hiesigen sprachlichen, kulturellen und rechtlichen Gegebenheiten unterlegen
  bzw. ausgeliefert gewesen seien. Die betreffenden Sexarbeiterinnen hätten –
  einmal in der Schweiz – keine andere Möglichkeit gehabt, als sich der
  (illegalen) Prostitution hinzugeben, um ihre Schulden zu bezahlen, ihren
  Lebensunterhalt zu bestreiten und ihre Familien zu unterstützen. Erschwerend
  komme hinzu, dass die fraglichen Sexarbeiterinnen der Beschuldigten aufgrund
  ihres Alters und ihrer sozialen Stellung kulturell bedingt Respekt, Gehorsam,
  Dankbarkeit und Loyalität geschuldet hätten, was ein Aufbegehren gegen die
  Prostitutionsmodalitäten zusätzlich erschwert habe.

   

  Aus diesen Gründen hätten die
  betroffenen Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter bei der Ausübung der Sexarbeit
  keine andere Wahl gehabt, als die freiheitsbeschränkenden Weisungen der
  Beschuldigten zu befolgen. Andernfalls hätten sie ihre Entlassung riskiert,
  wodurch sich ihre persönliche Zwangslage noch verschärft hätte. Bestenfalls
  wären sie in einem anderen Sex-Salon untergekommen, wo allerdings aufgrund
  kartellähnlicher Absprachen der Studiobetreiberinnen in der Thai-Szene
  (weitgehend) identische Arbeitsbedingungen geherrscht hätten. Infolgedessen seien
  die betreffenden Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in ihrer Entscheidung, ob
  und wie sie bei der Beschuldigten die Prostitution ausüben möchten, nicht
  mehr vollständig frei und somit in ihrem sexuellen Selbstbestimmungsrecht
  verletzt gewesen. Die Beschuldigte habe folglich wissentlich und willentlich
  den Ort, die Zeit sowie diverse weitere Umstände der Prostitution bestimmt
  und somit die Handlungsfreiheit der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter
  beeinträchtigt resp. dies zumindest billigend in Kauf genommen.

   

   

   

  
	
  1.2 Zum Nachteil von C.___

   

  begangen zwischen 24. April 2013 und
  ca. Ende Januar 2014 in [Ort], [Adresse], Bordelle «YY.___» und «ZZ.___», indem
  die Beschuldigte als Geschäftsführerin der Sex-Studios das sexuelle Selbstbestimmungsrecht
  von C.___, welche weder über eine Aufenthalts- noch eine Arbeitsbewilligung
  verfügt habe, insofern verletzt habe, als sie sie verbindlichen Regeln
  bezüglich der in ihrem Studio geltenden Prostitutionsmodalitäten unterworfen
  habe (Art. 195 lit. c StGB). So sei C.___ insbesondere dazu verpflichtet
  gewesen,

  -       50% der Einnahmen
  aus Ihrer Sexarbeit vorab an die Beschuldigte abzugeben,

  -       vom ihr
  verbleibenden Anteil zusätzlich CHF 200.00 pro Monat für die Internetwerbung
  an die Beschuldigte zu bezahlen,

  -       vom ihr
  verbleibenden Anteil zusätzlich zwischen CHF 200.00 und 400.00 pro Monat für
  die Verpflegung an die Beschuldigte zu bezahlen, 

  -       jeden Tag
  anzuschaffen und sich grundsätzlich rund um die Uhr für allfällige Freier zur
  Verfügung zu halten (24/7-Standby-Regelung),

  -       das Studio nur
  wenn es keine Kundschaft hatte, nur für kurze Zeit und nur nach Rücksprache
  mit der Beschuldigten zu verlassen sowie sich auf Anruf der Beschuldigten hin
  zurück ins Studio zu begeben,

  -       auf den Bezug von
  freien Tagen zu verzichten,

  -       Pausen nur zu
  beziehen, wenn keine Freier zugegen sind,

  -       eine bestimmte
  Reihenfolge in der Bedienung der Freier einzuhalten,

  -       sich bei den
  sexuellen Dienstleistungen an die von der Beschuldigten festgelegten Preise
  zu halten,

  -       die Verhandlungen
  mit den Freiern zumindest teilweise von der Beschuldigten oder deren
  Stellvertreterin führen zu lassen,

  -       das Geld der
  Freier zumindest teilweise von der Beschuldigten oder deren Stellvertreterin
  einkassieren zu lassen,

  -       die Dauer der
  erbrachten Dienstleistung von der Beschuldigten oder deren Stellvertreterin
  überwachen zu lassen,

  -       ungeschützten
  Oralverkehr anzubieten,

  -       keine Freier
  abzulehnen,

  -       ohne Bezahlung
  Reinigungsarbeiten für die Beschuldigte zu machen,

  -       sich für den Fall
  einer Polizeikontrolle an genaue Verhaltensanweisungen zu halten. 

   

  
	
  1.3 Zum Nachteil von B.___

   

  begangen zwischen ca. Mitte November
  2013 und April 2014 in [Ort], [Adresse], Bordelle «YY.___» und «ZZ.___»,
  indem die Beschuldigte als Geschäftsführerin der Sex-Studios das sexuelle
  Selbstbestimmungsrecht von B.___, welche weder über eine Aufenthalts- noch eine
  Arbeitsbewilligung verfügt habe, insofern verletzt habe, als sie sie
  verbindlichen Regeln bezüglich der in ihrem Studio geltenden Prostitutionsmodalitäten
  unterworfen habe (Art. 195 lit. c StGB). So sei B.___ insbesondere dazu
  verpflichtet gewesen,

  -       50% der Einnahmen
  aus Ihrer Sexarbeit vorab an die Beschuldigte abzugeben,

  -       vom ihr
  verbleibenden Anteil zusätzlich CHF 200.00 pro Monat für die Internetwerbung
  an die Beschuldigte zu bezahlen,

  -       vom ihr
  verbleibenden Anteil zusätzlich zwischen CHF 200.00 und 400.00 pro Monat für
  die Verpflegung an die Beschuldigte zu bezahlen, 

  -       jeden Tag
  anzuschaffen und sich grundsätzlich rund um die Uhr für allfällige Freier zur
  Verfügung zu halten (24/7-Standby-Regelung),

  -       das Studio nur
  wenn es keine Kundschaft hatte, nur für kurze Zeit und nur nach Rücksprache
  mit der Beschuldigten zu verlassen sowie sich auf Anruf der Beschuldigten hin
  zurück ins Studio zu begeben,

  -       auf den Bezug von
  freien Tagen zu verzichten,

  -       Pausen nur zu
  beziehen, wenn keine Freier zugegen sind,

  -       eine bestimmte
  Reihenfolge in der Bedienung der Freier einzuhalten,

  -       sich bei den
  sexuellen Dienstleistungen an die von der Beschuldigten festgelegten Preise
  zu halten,

  -       die Verhandlungen
  mit den Freiern zumindest teilweise von der Beschuldigten oder deren
  Stellvertreterin führen zu lassen,

  -       das Geld der
  Freier zumindest teilweise von der Beschuldigten oder deren Stellvertreterin
  einkassieren zu lassen,

  -       die Dauer der
  erbrachten Dienstleistung von der Beschuldigten oder deren Stellvertreterin
  überwachen zu lassen,

  -       sich an die
  vorgegebenen Sexualpraktiken («Standard-Service») zu halten,

  -       ungeschützten
  Oralverkehr anzubieten,

  -       keine Freier
  abzulehnen,

  -       ohne Bezahlung
  Reinigungsarbeiten für die Beschuldigte zu machen,

  -       sich für den Fall
  einer Polizeikontrolle an genaue Verhaltensanweisungen zu halten. 

   

   

  2. Allgemeines zur Beweiswürdigung

   

  Gemäss der in Art. 32 Abs. 1 BV und
  Art. 6 Ziff. 2 EMRK sowie Art. 10 Abs. 3 StPO verankerten Maxime «in dubio
  pro reo» ist bis zum Nachweis der Schuld zu vermuten, dass die einer Straftat
  angeklagte Person unschuldig ist: es gilt demnach die Unschuldsvermutung.
  Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (BGE 120 Ia 36 ff, 127 I 40 f)
  betrifft der Grundsatz der Unschuldsvermutung sowohl die Verteilung der
  Beweislast als auch die Würdigung der Beweise. Als Beweislastregel bedeutet
  die Maxime, dass es Sache des Staates ist, die Schuld des Angeklagten zu
  beweisen und nicht dieser seine Unschuld nachweisen muss. Als Beweiswürdigungsregel
  ist der Grundsatz «in dubio pro reo» verletzt, wenn sich der Strafrichter von
  der Existenz eines für den Beschuldigten ungünstigen Sachverhaltes überzeugt
  erklärt, obschon bei objektiver Betrachtung Zweifel bestehen, dass sich der
  Sachverhalt so verwirklicht hat. Dabei sind bloss abstrakte und theoretische
  Zweifel nicht massgebend, da solche immer möglich sind. Obwohl für die
  Urteilsfindung die materielle Wahrheit wegleitend ist, kann absolute
  Gewissheit bzw. Wahrheit nicht verlangt werden, da diese der menschlichen
  Erkenntnis bei ihrer Unvollkommenheit überhaupt verschlossen ist. Mit
  Zweifeln ist deshalb nicht die entfernteste Möglichkeit des Andersseins
  gemeint. Erforderlich sind vielmehr erhebliche und schlechthin nicht zu
  unterdrückende Zweifel, die sich nach der objektiven Sachlage aufdrängen. Bei
  mehreren möglichen Sachverhaltsversionen hat der Richter auf die für den
  Beschuldigten günstigste abzustellen.

  Eine Verurteilung darf somit nur
  erfolgen, wenn die Schuld des Verdächtigten mit hinreichender Sicherheit
  erwiesen ist, d.h. wenn Beweise dafür vorliegen, dass der Täter mit seinem
  Verhalten objektiv und subjektiv den ihm vorgeworfenen Sachverhalt
  verwirklicht hat. Voraussetzung dafür ist, dass der Richter einerseits
  persönlich von der Tatschuld überzeugt ist und andererseits die Beweise die
  Schuld des Verdächtigen in einer vernünftige Zweifel ausschliessenden Weise
  stützen. Der Richter hat demzufolge nach seiner persönlichen Überzeugung
  aufgrund gewissenhafter Prüfung der vorliegenden Beweise darüber zu
  entscheiden, ob er eine Tatsache für bewiesen hält oder nicht (BGE 115 IV
  286).

   

  Das Gericht folgt bei seiner
  Beweisführung dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 10 Abs. 2 StPO):
  es würdigt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten Verfahren gewonnenen
  Überzeugung und ist damit bei der Wahrheitsfindung nicht an die Standpunkte
  und Beweisführungen der Prozessparteien gebunden. Unterschieden wird je nach
  Art des Beweismittels in persönliche (Personen, welche die von ihnen
  wahrgenommenen Tatsachen bekannt geben: Aussagen von Zeugen,
  Auskunftspersonen und Beschuldigten) und sachliche Beweismittel (Augenschein
  und Beweisobjekte wie Urkunden oder Tatspuren). Dabei kommt es nicht auf die
  Zahl oder Art der Beweismittel an, sondern auf deren Überzeugungskraft oder
  Beweiskraft. Das Gericht entscheidet nach der persönlichen Überzeugung, ob
  eine Tatsache bewiesen ist oder nicht.

   

   

  3. Der Straftatbestand

   

  Nach Art. 195 lit. c StGB (früher Art.
  195 Abs. 3 StGB) wird mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder mit
  Geldstrafe bestraft, wer die Handlungsfreiheit einer Person, die sich
  prostituiert, dadurch beeinträchtigt, dass er sie bei ihrer Tätigkeit
  überwacht oder Ort, Zeit, Ausmass oder andere Umstände der Prostitution
  bestimmt. 

   

  Geschütztes Rechtsgut ist die sexuelle
  Entscheidungsfreiheit der Prostituierten, die nicht verletzt werden darf. Die Bestimmung schützt sowohl Personen davor, gegen ihren
  Willen dazu gebracht zu werden, sich zu prostituieren, als auch die
  Entscheidungsfreiheit von Personen, die bereits als Prostituierte arbeiten.
  Der Gesetzgeber wollte die Strafbarkeit der ethisch missbilligenswerten
  Kuppelei und Zuhälterei auf Fälle einschränken, in denen der Täter die
  aufgrund einer Unterlegenheit bzw. Abhängigkeit verminderte Handlungsfreiheit
  des Opfers ausnützt (BGE 129 IV 79). Von der Bestimmung wird somit erfasst,
  wer sich der Prostituierten gegenüber in einer Machtposition befindet, die es
  ihm erlaubt, deren Handlungsfreiheit einzuschränken und festzulegen, wie sie
  ihrer Tätigkeit im Einzelnen nachzugehen hat, oder in Einzelfällen bestimmte
  Verhaltensweisen zu erzwingen. Die Strafbarkeit setzt voraus, dass auf die
  betroffene Person ein gewisser Druck ausgeübt wird, dem sie sich nicht ohne
  weiteres entziehen kann, so dass sie in ihrer Entscheidung, ob und wie sie
  dem Gewerbe nachgehen will, nicht mehr vollständig frei ist, und dass die
  Überwachung oder die bestimmende Einflussnahme ihrem Willen oder ihren
  Bedürfnissen zuwiderläuft (BGE 126 IV 76 E. 2 S. 80 f. mit Hinweisen).

   

  Der Tatbestand der Überwachung der
  Prostituierten bei ihrer Tätigkeit erfasst Fälle, in welchen Prostituierte
  aufgrund dieser Überwachung in ihrer Handlungsfreiheit beschränkt werden und
  ihre Tätigkeit nicht mehr ihrem eigenen Willen entsprechend ausüben können. Überwachung
  bedeutet auch die Kontrolle, ob, wie und in welchem Mass die Prostituierte
  dem Gewerbe nachgeht, oder die Auflage, regelmässig Rechenschaft über die Tätigkeit
  abzulegen (BGE 125 IV 269 E. 1). Es genügt nicht, wenn jemand eine
  Prostituierte nur beschützt, ohne sie in ihrer Tätigkeit in irgendwelcher
  Form zu beherrschen. Wegen Bestimmung von Ort, Zeit, Ausmass oder anderer
  Umstände der Prostitution macht sich nur strafbar, wer sich der
  Prostituierten gegenüber in einer Machtposition befindet, die es ihm erlaubt,
  ihre oder seine Handlungsfreiheit einzuschränken und in Einzelfällen
  bestimmte Verhaltensweisen zu erzwingen; «andere Umstände» sind etwa der vom
  Freier zu bezahlende Preis oder der an den Täter abzuliefernde Anteil oder
  die (Nicht-) Verwendung eines Kondoms. Auch bei dieser Variante ist
  vorausgesetzt, dass Druck ausgeübt wird, dem sich das Opfer nicht ohne
  weiteres entziehen kann, so dass seine Entscheidung über die Modalitäten der
  Prostitution nicht mehr frei ist (BGE 125 IV 269 E. 1, 126 IV 76 E. 2). Dabei
  entspricht die Druckausübung der Machtposition, die der Täter gegenüber der
  Sexarbeiterin ausübt. Eine Druckausübung liegt insbesondere vor, wenn eine
  externe Bestimmung von Einzelfragen, die mit der Sexarbeit in Zusammenhang
  stehen, erfolgt. Insbesondere das Festlegen oder das Einhalten genauer
  Zeitpläne, das Anbieten des Körpers der Sexarbeiterin samt Bestimmung der
  durchzuführenden sexuellen Praktiken oder Alkoholkonsumvorgaben führen zum
  Bejahen einer tatbestandsmässigen Zuhälterstellung. Vorausgesetzt ist, dass
  sich die Sexarbeiterin diesem Druck nicht einfach entziehen kann und dadurch
  ein vom Täter angestrebtes Verhalten erreicht wird (Jositsch/Drzalic:
  «Strafrechtliche Beurteilung erotischer Etablissements», in: AJP/PJA 2/2015
  S. 316 ff. 3.2.2. und 4.). Die Tatsache, dass sich die Sexarbeiterinnen auch
  freiwillig bei den jeweiligen Arbeitsorten melden können, wird nicht zu ihren
  Ungunsten ausgelegt, weil die Überwachungsmassnahmen oder die Kontroll- bzw.
  Druckausübung trotzdem bestehen können und die Sexarbeiterinnen diese
  beispielsweise aufgrund ihres illegalen Aufenthaltes in Kauf nehmen müssen
  (Urteil des Bundesgerichts 1P.247/2005 vom 9.6.2005 E. 3.4). In jenen Fällen,
  in denen die Tatbestandsmässigkeit verneint wurde, waren hingegen die
  Freiheit in der Kundenwahl, hinsichtlich der sexuellen Praktiken und die
  Möglichkeit, am jeweiligen Arbeitsort präsent zu sein, ohne der Sexarbeit
  nachzugehen, d.h. ohne dem Kunden zur Verfügung stehen zu müssen,
  ausschlaggebend (Urteil des Bundesgerichts 6S.765/1999, in: SJZ 96/2000 S.
  277).

   

  Ob unzulässiger Druck im Sinne der
  Bestimmung ausgeübt wird, entscheidet sich somit nach den Umständen des
  jeweiligen Falles. Das Bundesgericht hielt die Strafbarkeit für gegeben im
  Falle von Animierdamen, deren Anwesenheit und Tätigkeit streng kontrolliert
  wurden und die aufgrund der Rahmenbedingungen (obligatorische Zimmermiete,
  Forfaits) ihren Lebensunterhalt nur durch Prostitution verdienen konnten.
  Daran änderte nichts, dass die Frauen den durch Prostitution erwirtschafteten
  Verdienst behalten konnten (Urteile 6S.446/2000 vom 29.3.2001 E. 3 und
  6S.570/1997 vom 9.10.1997 E. 2, besprochen von Hans Wiprächtiger: Aktuelle
  Praxis des Bundesgerichts zum Sexualstrafrecht, in: ZStrR 117/1999 S. 146
  f.). Für die Erfüllung des Tatbestandes von Art. 195 lit. c StGB spielt es
  keine Rolle, ob die Prostitution freiwillig oder unfreiwillig ausgeübt wird.
  So nahm das Bundesgericht etwa ein tatbestandsmässiges Handeln an bei
  Animierdamen, die zur Bestreitung ihres Lebensunterhaltes gezwungen waren,
  sich zu prostituieren, die dabei einen genauen Zeitplan zu befolgen hatten
  und denen der Ort ihrer Tätigkeit und die Kundschaft vorgeschrieben waren
  (Urteil des Bundesgerichts 6B_476/2015 vom 26.11.2015 E. 3.3 mit Hinweis auf
  das unveröffentlichte Urteil des Kassationshofs 6S.570/1997 vom 9.10.1997 E.
  2). Das Bundesgericht bestätigte ferner die Verurteilung des Betreibers eines
  «Begleitservices», der die angestellten Prostituierten zu praktisch
  permanenter Einsatzbereitschaft verpflichtete und sie ständig durch
  Chauffeure überwachen liess, die auch das Geld einzogen (BGE 125 IV 269 E. 2
  S. 271 f.). Schliesslich bejahte das Bundesgericht die Förderung der
  Prostitution bei einem Täter, der ausländische Prostituierte illegal in die
  Schweiz brachte, diese und bereits illegal in der Schweiz sich aufhaltende
  Prostituierte beherbergte, ihnen Arbeit im Gewerbe in Saunas und Nachtclubs
  vermittelte, sie jeweils dorthin begleitete und überwachte, den Erlös ihrer
  Arbeit entgegennahm und ihnen einen Teil davon wieder auszahlte, sowie ihnen
  Darlehen gab, die sie abarbeiten mussten (Urteil 6P.162/2001 vom 22.3.2002 E.
  6).

   

  Nicht gegen aArt. 195 Abs. 3 StGB
  verstiess hingegen der Geschäftsführer eines Saunaclubs, der sich damit
  begnügte, von den Prostituierten Eintritt und einen
  Gewinnanteil von 40 % zu verlangen. Zwar war eine verbindliche Preisliste
  erlassen worden, und die Prostituierten mussten ihre Einnahmen zunächst der
  Geschäftsführung aushändigen, doch war ihre (Bewegungs-)Freiheit ansonsten nicht
  weiter eingeschränkt. Sie erhielten ihren Verdienst nach Abzug der
  Gewinnbeteiligung am Ende jedes Arbeitstages ausbezahlt (BGE 126 IV 76 E. 3
  S. 81 f.). Das Führen eines Bordells alleine erfüllt somit den Tatbestand
  nicht.

   

  Zur Erfüllung des subjektiven
  Tatbestandes muss zumindest Eventualvorsatz hinsichtlich aller objektiver
  Tatbestandsvoraussetzungen vorliegen, d.h. der Täter muss zumindest in Kauf
  nehmen, dass er die sexuelle Handlungsfreiheit der betroffenen Person
  beeinträchtigt. Die Handlungsmotive sind im Rahmen von Art. 195 lit. c StGB
  nicht relevant.

   

  In Bezug auf die rechtliche Würdigung von
  Umständen der Prostitution in einem Thai-Salon kann auch auf das Urteil des
  Berufungsgerichts vom 16. Mai 2018 im Verfahren STBER.2017.74 verwiesen
  werden.

   

   

   

   

  4. Sachverhaltsfeststellung C.___

   

  4.1 Die Aussagen der Beschuldigten

   

  Die Beschuldigte beschrieb das
  Verhältnis in ihren Betrieben als «wie in einer Familie», man habe sich
  gegenseitig geholfen und die Aufgaben wie z.B. Putzen gemeinsam besprochen. Sie
  seien sich ebenbürtig gewesen. Sie sei wie die Mutter gewesen und die Frauen
  alle wie ihre Kinder (10.1/063). Die Werbung «ich bin 7/24 verfügbar», welche
  bei allen Inseraten ihres Betriebs verwendet worden sei, sage nichts aus, das
  sei einfach eine Werbung. Wenn sie geschlafen hätten, hätten sie geschlafen
  und nicht geöffnet. Die Frauen hätten jederzeit frei nehmen können und hätten
  ihre Arbeitszeit frei einteilen können (10.1/067 f.). Die Einnahmen der
  Frauen seien zu 40% an sie gegangen, davon habe sie alles bezahlt wie Miete,
  WC-Papier, Strom, Wasser und Kondome. 60% hätten die Frauen behalten können.
  (auf Nachfrage): Ja, es habe auch solche gegeben, die ihr 50% gegeben hätten.
  Man mache das vorher ab und manche hätten gesagt: ich helfe Dir, ich gebe Dir
  50%. Die meisten seien aber 60/40% gewesen. (auf weitere Nachfrage) Bei den
  Frauen, die Steuern bezahlt hätten, habe sie 60/40% gemacht, bei den anderen
  50/50%. Weiter gebe sie dazu keine Antwort (10.1./068 f.). Die Frauen hätten
  gesagt, sie hätten ein Visum, dann sei das für sie in Ordnung gewesen. Vor
  der Polizei habe sie sich nicht gefürchtet, man habe auch keine
  Verhaltensanweisung für den Fall einer Polizeikontrolle gehabt. Die Frauen
  hätten sich nicht verstecken müssen (10.1./074). Wie das mit der Einreise der
  Frauen ablaufe, wisse sie nicht, sie wisse auch nichts von Schulden der
  Frauen gegenüber einer Organisation (10.1/076).

   

  Die Beschuldigte räumte aber die von C.___
  geschilderten Umstände in der Folge weitgehend ein und die Abläufe in den von
  der Beschuldigten betriebenen Salons waren zuletzt in weiten Teilen
  unbestritten. Am 2. Dezember 2015 sagte sie zu C.___ zusammengefasst aus
  (10.1/217 ff.):

  -       C.___ sei zu ihr
  zum Arbeiten gekommen. Diese habe ein Kind gehabt und sie habe Mitleid mit C.___
  gehabt. Sie habe zu ihr gesagt, wenn sie schon da sei, könne sie ja arbeiten
  und das Geld dem Kind schicken. Sie habe ihr Mut zugesprochen.

  -      
  C.___
  sei aus dem Nordosten Thailands, dort gebe es nicht nur sehr arme Leute. Wer
  Geld gewollt habe, sei halt den Weg in die Schweiz gegangen.

  -      
  Bei
  C.___ habe die 50:50%-Regel gegolten. Sie habe das vorgeschlagen und C.___
  sei einverstanden gewesen. Ja, es sei richtig, dass dies ihre Vorgabe gewesen
  sei. Das sei üblich.

  -      
  Die
  Internetkosten von CHF 400.00 pro Monat hätten sie geteilt und für das Essen
  habe C.___ CHF 25.00 oder CHF 50.00 pro Woche bezahlt, je nach den konkreten
  Kosten.

  -      
  Diese
  sei illegal in der Schweiz gewesen.

  -      
  Es
  sei richtig, dass F.___ der Privatklägerin erklärt habe, wie es im Studio
  laufe. F.___ habe das gemacht, wenn sie selbst nicht dort gewesen sei.

  -      
  Sie
  wisse nicht genau, wie C.___ in dies Schweiz gekommen sei. Das sei über eine
  Freundin einer Freundin gelaufen und dann über F.___, da sie selbst nicht da
  gewesen sei. Sie wisse nicht, wer die Reise organisiert habe. Eine Kollegin
  habe dann F.___ kontaktiert, man solle C.___ am Bahnhof abholen. Wer diese
  Kollegin gewesen sei, wisse sie nicht mehr. Es sei aber eine Kollegin von ihr
  selbst gewesen. Die Kollegin heisse I.___ und sei nicht mehr in der Schweiz.

  -      
  Sie
  kenne keine Z.___, von einer [«Alias Z»] habe sie aber schon gehört.
  Möglicherweise auch im Zusammenhang mit C.___. Ja, sie habe von I.___ gehört,
  dass [«Alias Z»] die Privatklägerin in die Schweiz gebracht habe. Sie kenne
  aber [«Alias Z»] nicht. Ja, sie habe diese einmal in Thailand getroffen. I.___
  habe ihr [«Alias Z»] damals vorgestellt. Danach habe sie einmal mit [«Alias
  Z»] telefoniert. Da hätten sie über die Natur gesprochen, sonst nichts. Gut,
  es sei richtig, dass sie dabei über C.___ gesprochen hätten. Sie habe [«Alias
  Z»] in Thailand erst kennen gelernt, als C.___ schon da gewesen sei. 

  -      
  Sie
  habe schon gewusst, dass C.___ kommen werde, das habe ihr I.___ gesagt. Die
  Privatklägerin habe gewusst, weshalb sie hierher komme.

  -      
  C.___
  habe ihr einmal von den Schulden bei [«Alias Z»] erzählt. Wofür diese gewesen
  seien, wisse sie nicht; ebensowenig, wie hoch die Schulden gewesen seien.

  -      
  Ja,
  sie habe im Auftrag von C.___ Geld an [«Alias Z»] geschickt. C.___ habe ihr
  deren Kontonummer gegeben. Sie habe das Geld ihrer eigenen, älteren Schwester,
  die Polizistin sei, geschickt und diese habe es an [«Alias Z»] weitergeleitet.
  Sie wisse aber nicht, wofür das Geld für [«Alias Z»] gewesen sei. Auch nicht,
  wie viel es insgesamt gewesen sei.

  -      
  Sie
  wisse nicht, wie viele Schulden C.___ bei [«Alias Z»] gehabt habe. Sie habe
  aber schon gedacht, dass diese Schulden für die Einreise von C.___ in die
  Schweiz gewesen sein könnten. Das habe sie auch nicht interessiert, die Frauen
  hätten ja in die Schweiz kommen wollen, um Geld zu verdienen.

  -      
  Die
  Frauen hätten Kunden ablehnen können, es habe keinen Zwang gegeben. Diese
  hätten auch selbst mit den Kunden verhandelt, wenn es sprachlich gegangen
  sei.

  -      
  Ja,
  ein Kunde habe für einen Tag ausserhalb des Studios CHF 1'000.00 zahlen
  müssen. Der Kunde habe ihr das Geld gegeben und sie habe dann C.___ davon 50%
  gegeben.

  -      
  Es
  habe schon ein 24-Stunden Betrieb geherrscht, aber gewisse hätten geschlafen,
  andere hätten gearbeitet und Geld verdient.

  -      
  C.___
  habe das Studio jederzeit verlassen können und sei auch oft hinausgegangen
  und habe ihren Freund zum Essen getroffen.

  -      
  Sie
  habe die Frauen bei der Arbeit nicht kontrolliert.

  -      
  Sie
  habe jede Woche abgerechnet und C.___ dabei 50% des Geldes gegeben. Wenn sie
  nicht da gewesen sei, habe das F.___ gemacht. Ja, F.___ sei ihre
  Stellvertreterin gewesen.

  -      
  Ja,
  sie habe C.___ Crystal Ice verkauft, sie habe diese aber nicht zum Konsum
  gezwungen.

  -       Sie habe nicht
  gewusst, bei wem C.___ Schulden gehabt habe. Diese hätte jederzeit gehen
  können.

   

  Anlässlich der Schlusseinvernahme vom
  6. März 2018 gab die Beschuldigte an (10.1/321 ff.), sie habe die Agentur,
  also Z.___ oder [«Alias Z»], nie persönlich gekannt. Sie kenne nur I.___, die
  früher einmal bei ihr gearbeitet habe. Diese habe sie dann gefragt, ob C.___
  zu ihr kommen könne. Später sei sie in Thailand gewesen und habe mit I.___ [«Alias
  Z»] getroffen. Sie habe in der zweiten Woche, als C.___ bei ihr gewesen sei,
  von deren Schulden in Thailand erfahren, nicht aber, was diese mit denen in
  Thailand abgemacht gehabt habe. Geputzt hätten sie wie eine Familie, sie habe
  nie etwas befohlen oder zu etwas gezwungen, sondern habe Mitleid gehabt mit ihr.
  C.___ hätte jederzeit heimgehen können. 

   

  An der Hauptverhandlung vor Amtsgericht
  gab die Beschuldigte zusammengefasst an (SL AS 111 ff.), sie kenne Z.___ oder
  [«Alias Z»] nicht. (auf Vorhalt ihrer früheren Aussagen) I.___ habe sie bzw. F.___
  telefonisch gefragt, ob C.___ bei ihr arbeiten könne. Sie habe das bejaht. [«Alias
  Z»] sei eine Kollegin von I.___, die sie nicht kenne. Sie habe einmal eine
  Kollegin von I.___ in Bangkok getroffen, das sei wohl [«Alias Z»] gewesen. Da
  habe [«Alias Z»] über C.___ gesprochen: C.___ sei die Freundin des Bruders
  von [«Alias Z»] gewesen. Ob C.___ Schulden gehabt habe bei [«Alias Z»], wisse
  sie nicht. C.___ habe einfach von Schulden erzählt. (auf Frage) Ja, C.___
  habe gesagt, die Schulden seien bei [«Alias Z»], aber das sei ja die
  Schwester des Freundes von C.___. Sie habe dann für C.___ Geld an [«Alias Z»]
  geschickt, was sie aus Mitleid getan habe. Den Grund der Schulden von C.___ bei
  [«Alias Z»] kenne sie nicht.

   

  Vor Obergericht machte die
  Beschuldigte zur Sache keine näheren Ausführungen.

   

  4.2 Aussagen von C.___

   

  Am 8. Januar 2015 wurde die spätere
  Privatklägerin C.___ als Zeugin erstmals zu ihrer Einreise in die Schweiz und
  ihrer Arbeit in den Bordellen der Beschuldigten befragt. Sie sei wegen der
  Armut und der hohen Schulden ihrer Familie zunächst nach Bangkok und dann in
  die Schweiz gekommen, der Vater sei einen Tag nach der Geburt ihres zweiten
  Kindes an Krebs gestorben. Die Frau, welche ihr das Visum beschafft habe und
  bei der sie dafür die Schulden habe, und die Beschuldigte würden sich gut
  kennen. Daher habe sie Angst, den Namen dieser Frau anzugeben, auch wegen
  ihrer Familie in Thailand. Insgesamt habe sie für die Visumsbeschaffung und
  die Reise bisher ca. 300'000.00 Baht bezahlt, CHF 1'100.00 sei sie derzeit
  noch schuldig. Zu den Arbeitsbedingungen im Studio der Beschuldigten gab sie
  vornehmlich in freier Rede Folgendes an (10.3.2/001 ff):

  -       Sie sei am 24.
  Mai 2013 von Bangkok nach Mailand geflogen und von dort mit dem Zug via Basel
  nach [Ort] gefahren. Dort sei sie am Bahnhof abgeholt worden von der anderen
  Frau, die im Salon gearbeitet habe. Das sei in Thailand so abgemacht worden.
  Die Agentin habe dort geschaut, welches Studio jemanden brauchen könne.

  -      
  Die
  Preise im Studio seien vorgegeben gewesen, je nach Dauer der Dienstleistung
  und bei speziellen Wünschen auch höher.

  -      
  Man
  habe Kunden oder bestimmte Dienstleistungen ablehnen können, dann habe dies
  eine andere Frau übernommen. Sie habe beispielsweise ablehnen können, wenn
  ein Kunde es ohne Kondom habe machen wollen.

  -      
  Die
  Verhandlungen mit den Freiern seien meist durch die Beschuldigte oder deren
  Nichte F.___ geführt worden.

  -      
  die
  Betreiberin sei meist Freitag bis Sonntag im Betrieb gewesen.

  -      
  Das
  Geld sei in ein Couvert gelegt worden, dazu sei der Betrag in ein Heft
  notiert worden. Jeweils Ende Woche sei abgerechnet worden. 

  -      
  Sie
  habe sieben Tage die Woche rund um die Uhr Standby gearbeitet, das Studio sei
  immer geöffnet gewesen. Egal, wann ein Kunde gekommen sei, man habe ihn
  bedienen müssen, auch mitten in der Nacht. Von Freitag auf Samstag habe es
  immer viele Freier gehabt, da hätten sie manchmal fast rund um die Uhr
  gearbeitet. Dann habe es auch Tage gegeben, da sei gar kein Freier gekommen. Dies
  sei auch während des Umbaus des Studios während zwei Monaten so gewesen.

  -      
  Sie
  habe das Studio verlassen dürfen, aber nicht länger als ca. eine Stunde, weil
  A.___ nicht gewollt habe, dass sie ausserhalb Kunden hätten. Wenn man habe
  nachweisen können, dass man einen Freund habe, habe man pro Woche einen Tag
  frei gehabt. Wenn ein Kunde gewollt habe, dass man einen ganzen Tag mit ihm
  rausgehe, habe dieser CHF 1'000.00 bezahlen müssen. 

  -      
  Den
  Reisepass habe sie immer bei sich gehabt.

  -      
  Sie
  habe sich vorher noch nie prostituiert und habe keine Arbeitsbewilligung
  gehabt. Ihr sei vorher gesagt worden, sie könne im Monat CHF 10'000.00
  verdienen. Sie habe aber auch gewusst, dass man 50% den jeweiligen Betreibern
  abgeben müsse. Ihr sei gesagt worden, sie habe viel Arbeit, von daher sei für
  sie die Abmachung von 50:50% kein Problem gewesen. Sie habe aber nicht
  gewusst, dass sie sieben Tage pro Woche 24 Stunden bereit sein müsse. 

  -      
  Mit
  Ausnahme der Umbauzeit habe sie jeden Monat CHF 1'000.00 an ihre Familie
  schicken können.

  -      
  Sie
  habe gewusst, dass sie sich illegal in der Schweiz aufhalten und illegal der
  Prostitution nachgehen werde.

  -       Sie habe das
  Studio in [Ort] Ende Januar 2014 verlassen, weil neue Frauen gekommen seien
  und es ein wenig Konkurrenzkampf um die Freier gegeben habe.

   

  Bei der Befragung als Zeugin am 20.
  Januar 2015 nannte die Privatklägerin Z.___ als ihre Agentin, die ihr die
  Reise mit dem Visum organisiert habe. Sie beschrieb detailliert den Verlauf
  ihrer Reise, sie sei von Z.___ telefonisch geleitet worden (10.3.2/019 ff.).

   

  Am 11. März 2015 ergänzte die
  Privatklägerin auf konkrete Fragen des Staatsanwalts als Zeugin (10.3.2/027
  ff.):

  -       Z.___ habe F.___
  über ihre Ankunft orientiert. Diese habe sie dann im Studio in Empfang
  genommen und ihr das Ganze erklärt. Viel habe sie schon von Z.___ gewusst. A.___
  habe von Z.___ von ihrer Ankunft gewusst, sei damals aber gerade in Thailand
  in den Ferien gewesen. F.___ habe die Beschuldigte vertreten und sei deren
  Nichte.

  -      
  Die
  Dauer der Tätigkeit sei nicht vereinbart gewesen. Solange sie bei Z.___
  Schulden gehabt habe, sei für sie klar gewesen, dass sie weiterarbeiten
  müsse. 

  -      
  Wöchentlich
  sei abgerechnet worden. Von ihren 50% habe sie noch für Essen und Internet an
  die Beschuldigte bezahlt. Den Rest habe sie für die Schulden und ihre Familie
  auf die Seite gelegt und dann einmal pro Monat nach Thailand überwiesen. 

  -      
  Sie
  hätte das Studio theoretisch verlassen können, aber sie habe ja noch ihre
  Schulden zurückzahlen müssen und sie habe sich in [Ort] Stammkunden aufgebaut
  gehabt. Zudem hätte Z.___ ihr Einverständnis geben müssen, wenn sie das
  Studio hätte wechseln wollen, da sie bei dieser ja noch Schulden gehabt habe.

  -      
  Von
  ihren 50% habe sie wöchentlich mindestens CHF 50.00 für das Essen und CHF
  200.00 für die Internetwerbung bezahlen müssen. 

  -      
  Die
  richtigen Namen von A.___ und F.___ kenne sie nicht.

  -      
  Mit
  der 24-Stunden-Standby-Regelung sei sie gar nicht einverstanden gewesen, habe
  das aber machen müssen, weil sie ja Geld habe verdienen müssen. Deswegen habe
  sie sich auch nicht dagegen wehren können. Das habe sie im Vorfeld nicht
  gewusst. Wer das entschieden habe, wisse sie nicht, sie habe es einfach von
  den anderen übernommen. Manchmal seien Kunden um 05.00 Uhr vor der Arbeit
  gekommen und hätten bedient werden müssen. Sie habe nie dagegen opponiert;
  das sei bei den Thais so, dass man nie gegenüber jemandem, der älter und in
  der Hierarchie höher gestellt sei, opponiere.

  -      
  Sie
  habe Dienstleistungen ablehnen können und sei nie dazu gezwungen worden.
  Ebenso hätte sie Freier ablehnen können, was sie aber nicht gemacht habe,
  weil sie ja Geld habe verdienen wollen. Wenn es ganz schlimm gewesen sei,
  habe man die Kunden zum Duschen schicken können.

  -      
  Tiefere
  Preise als vorgegeben habe sie nur mit Einverständnis von A.___ abmachen
  können.

  -      
  A.___
  habe bestimmt, wann man das Studio verlassen könne, sie habe nicht nach
  eigenem Gutdünken Freitage beziehen können. Das Studio habe man dann für zwei
  bis drei Stunden verlassen können.

  -      
  Wenn
  sie krank gewesen sei, habe sie es sagen können und nicht arbeiten müssen.

  -      
  Sie
  habe ihre Arbeitszeiten nicht frei bestimmen können, da es ja ein
  24-Stunden-Betrieb gewesen sei während sieben Tagen. Sie habe keine Freizeit
  gehabt und rund um die Uhr für allfällige Kundschaft bereit sein müssen. Sie
  habe nicht nach eigenem Gutdünken frei nehmen können. Wenn man das Studio
  habe verlassen wollen, habe man sich bei A.___ oder F.___ abmelden müssen,
  das hätten diese von ihr verlangen können, weil sie ja dort gelebt und gearbeitet
  habe. Diese hätten auch mit ihnen schimpfen dürfen und mit der Wegweisung aus
  dem Studio drohen, wenn sie sich nicht an die Regeln gehalten hätten. 

  -      
  Wenn
  man sich nicht an die Regeln gehalten hätte, hätten sie noch weitere, einschneidendere
  Regeln aufgestellt, z.B., dass man nur noch in Begleitung habe rausgehen
  dürfen. 

  -      
  Sie
  habe nicht selber bestimmen können, wann sie eine Pause habe einlegen können.

  -      
  Sie
  habe Freier ablehnen können, dies habe sie gegenüber A.___ aber begründen
  müssen. Zu Analverkehr sei sie nicht gezwungen worden, wenn sie das nicht
  gewollt habe. Die Preise und Dauer der Dienstleistungen seien vorgegeben
  gewesen. 

  -      
  Die
  Abgabe von 50% finde sie nicht fair und zu hoch. Sie habe ja auch oft selber putzen
  und kochen müssen, habe aber nicht einmal ein eigenes Bett gehabt. 

  -       Sie habe sich in
  diesen Zwängen bewegt, weil sie sich nicht zu wehren gewagt habe und darauf
  angewiesen gewesen sei, möglichst viel Geld zu verdienen, um die Schulden
  abzubezahlen und die Familie zu unterstützen. Sie habe sich bei der Ausübung
  der Prostitution nicht frei gefühlt.

   

  Am 26. März 2015 ergänzte die
  Privatklägerin als Zeugin (10.3.2/046 ff.), die 50:50%-Regelung sei in allen
  Studios gleich. Die Werbung sei auf and6.ch aufgeschaltet worden. Es seien
  bereits in Thailand mit ihr Fotos gemacht worden dafür. Das Geld an Z.___,
  die sich auch [«Alias Z»] genannt habe, habe meist A.___ für sie überwiesen
  oder diese habe eine ältere Thailänderin damit beauftragt. Sie habe Z.___
  300’00.00 Baht geschuldet, dazu habe ihre Familie weitere 900'000.00 Baht
  Schulden gehabt. Auch das Geld an ihre Familie habe A.___ überwiesen. A.___
  habe ihnen gesagt, wie sie sich bei einer Polizeikontrolle zu verhalten
  hätten: An der Hinterwand der Liegenschaft gebe es ein Seil, an dem sie sich
  hätten abseilen sollen. Sie habe sich drei Mal bei Polizeikontrollen
  versteckt. Sie habe ein eigenes Telefon gehabt und damit Kontakt mit
  verschiedenen Leuten. Manchmal sei sie mit Freiern etwas trinken gegangen vor
  der Bedienung im Studio, sonst habe sie draussen keine Kontakte gehabt.
  Manchmal sei A.___ mit ihnen etwas trinken gegangen. Alleine sei sie nie rausgegangen,
  das habe A.___ nicht gewollt, weil diese Angst gehabt habe, man arbeite
  draussen. Sie sei von A.___ nie gewalttätig angegangen worden.

   

  Am 24. Februar 2016 bestätigte die
  Privatklägerin als Auskunftsperson im Beisein der Beschuldigten und deren
  Rechtsvertreter ihre bisherigen Aussagen (10.3.2/0093 ff.). Die Beschuldigte [«Alias
  A»] sei ihre Chefin in den beiden Studios gewesen und habe ihre Agentin Z.___
  bzw. [«Alias Z»] gut gekannt, diese arbeiteten zusammen, wenn es um Frauen
  gehe, die in die Schweiz kommen sollten um zu arbeiten. Sie habe sich mit CHF
  40'000.00 verschulden müssen. Wenn sie das sofort hätte bezahlen können, wäre
  es weniger gewesen. Es sei wöchentlich abgerechnet worden, ihren Anteil habe
  sie Z.___ nach Thailand schicken müssen, CHF 1'000.00 monatlich habe sie
  ihrer Familie schicken können, den Rest an Z.___. Das sei fix gewesen. Die Beschuldigte
  habe von ihren Schulden gewusst, diese arbeite ja mit Z.___ zusammen. Diese
  habe ja auch ihr Geld zu Z.___ geschickt. Sie habe am Schluss noch CHF
  1'100.00 Schulden gehabt bei Z.___. (auf Frage, ob sie somit CHF 38'900.00
  abbezahlt habe) Nein, nicht so viel, da sie wegen der Renovation kein Geld
  habe verdienen können, sei Z.___ mit der Schuld runter gegangen. Wie viel sie
  insgesamt an Z.___ bezahlt habe, könne sie nicht sagen. Die Beschuldigte und
  ihre jüngere Schwester [Name 1] hätten bei Z.___ Frauen bestellen können und
  nichts dafür bezahlen müssen; Z.___ habe einfach gesagt, man müsse schauen, wie
  viel die Frauen verdienten, damit sie die Schulden an Z.___ zurückzahlen
  könnten. Neben Z.___ habe es noch andere Vermittlerinnen gegeben, z.B. [Name
  2]. Diesen Namen habe sie von B.___. A.___ kenne diese wohl eher nicht. A.___
  habe von Z.___ gewusst, wann genau sie in [Ort] ankomme. Mit der 50%-Regel
  sei sie vorgängig einverstanden gewesen, weil man ihr gesagt habe, sie könne
  viel mehr einnehmen. Wenn sie etwas nicht habe machen wollen, habe man das nicht
  ins Internet geschrieben. A.___ und F.___ hätten allerdings auch zusätzliche
  Sachen ins Internet geschrieben, ohne sie vorher zu fragen. Das sei aber nur
  gewesen, um Kunden anzulocken. Anfänglich habe sie keinen Analverkehr gemacht,
  später aber schon, weil sie Geld gebraucht habe. Die Dauer der sexuellen
  Dienstleistungen sei von A.___ oder F.___ überwacht worden. Sie habe immer
  bereit sein müssen, wenn Kunden gekommen seien und sie an der Reihe gewesen
  sei. Wenn kein Kunde gekommen sei und geputzt gewesen sei, habe man sich
  ausruhen können. Wenn sie habe rausgehen wollen, habe sie das sagen müssen.
  Dies sei aber nicht erlaubt worden, wenn viele Kunden gekommen seien. Und
  eine Frau habe immer Standby im Studio bleiben müssen. Für das Putzen habe
  sie nichts erhalten. Sie hätte die Arbeit im Studio jederzeit beenden können.
  Die Bedingungen seien nicht fair gewesen, sie habe zu viel arbeiten müssen
  für das, was sie bekommen habe. Als sie A.___ geholfen habe, das Studio neu
  zu machen, habe sie nie Geld dafür erhalten. Sie habe das alles gratis
  gemacht. Sie habe 24 Stunden dort sein müssen und der Beschuldigten auch noch
  die Drogen abkaufen müssen. Sie habe A.___ erzählt, dass die Familie in
  Thailand Schulden habe. Diese habe auch gewusst, dass sie in Thailand zwei
  Kinder habe und ihre Familie in Thailand Schulden habe. Der Sohn sei 14 und
  die Tochter 4 Jahre alt. Ja, sie sei freiwillig in die Schweiz gekommen, aber
  nur, weil man ihr gesagt habe, sie könne im Monat sicher CHF 10'000.00
  verdienen. So habe sie gedacht, sei könne die Schulden in drei Monaten
  abverdienen. So sei es aber nicht gewesen. (In der Folge entschuldigte sich
  die Beschuldigte bei der Privatklägerin, sollte sie sie je verletzt oder
  unglücklich gemacht haben.)

   

  4.3  Beweiswürdigung

   

  Vom vorgehaltenen Sachverhalt sind
  folgende Elemente unbestritten:

  -       Die
  Privatklägerin C.___ hat vom 24. April 2013 bis ca. Ende Januar 2014 in den
  von der Beschuldigten betriebenen Bordellen ohne Aufenthalts- und
  Arbeitsbewilligung als Sexarbeiterin gearbeitet. Dies ist mit dem
  Schuldspruch wegen AuG-Widerhandlung auch bereits rechtskräftig festgestellt.

  -      
  Die
  Beschuldigte war über die Anreise der Privatklägerin informiert und wusste
  von deren Schulden bei der Agentin Z.___.

  -      
  Über
  die von der Privatklägerin erzielten Einnahmen wurde wöchentlich abgerechnet
  und die Beschuldigte behielt davon einen Anteil von 50% ein, dies
  insbesondere für die Miete. Vom hälftigen Anteil der Privatklägerin zog die
  Beschuldigte weiter CHF 50.00 pro Woche für das Essen und CHF 200.00 für
  Internetwerbung (die Hälfte der monatlich anfallenden Kosten von CHF 400.00)
  ab.

  -       Der Salon hatte
  grundsätzlich während 24 Stunden an sieben Tagen die Woche offen, sodass rund
  um die Uhr Freier kommen konnten.

   

  Die weiteren vorgehaltenen Umstände
  der Beschäftigung der Privatklägerin bei der Beschuldigten stützen sich auf
  die Aussagen der Privatklägerin ab. Deren Aussagen erscheinen aus folgenden Erwägungen als
  sehr glaubhaft: 

  -       Sie hat
  sehr detaillierte und differenzierte Aussagen gemacht zu den
  Arbeitsbedingungen in den beiden Etablissements, in denen sie vornehmlich gearbeitet
  hatte ([Ort] und [Ort 1], wo sie sich viel freier gefühlt habe). Es wäre im
  Fall einer Falschaussage um einiges leichter und auch naheliegender gewesen,
  zu allen Betreiberinnen die gleichen Ausführungen zu machen und auch allen
  die gleiche Schuld zuzuweisen, anstatt differenziert zu erzählen, was bei
  welcher Betreiberin unterschiedlich erlebt wurde. Die Aussagen erscheinen
  keineswegs als vorgefertigt oder zielgerichtet (wegen eines Schutzprogrammes)
  und steigerten sich nicht im Verfahrensverlauf. Ihre Aussagen zu den
  Geldüberweisungen deckten sich mit den objektiven Beweismitteln (Kontoauszüge,
  Hefte mit Einnahmenaufstellungen, Werbung).

  -      
  Die
  Privatklägerin wusste nicht, inwiefern ihre Angaben strafrechtlich relevant
  waren, und war bemüht, die Situation so genau wie möglich zu schildern. Es
  finden sich in ihren Aussagen Nebensächlichkeiten (Gratisputzen und
  renovieren) und ungewöhnliche Details (Seil an der Hinterwand zum Entweichen
  bei Polizeikontrollen, Freitage nur, wenn man zum Freund ging).

  -      
  Die
  Privatklägerin hat keineswegs jede Gelegenheit ergriffen, die Beschuldigte zu
  belasten (kein Belastungseifer erkennbar): so gab sie an, sie habe Freier
  oder bestimmte Dienstleistungen ablehnen können, sie habe den Pass behalten
  können, sie habe trotz Schulden auch Geld an die Familie schicken können und A.___ habe das für sie gemacht. Die
  Beschuldigte habe sie nie tätlich angegriffen. Sie habe ihr eigenes Telefon und
  auch immer ihren Reisepass gehabt. Sie gab auch an, die Konditionen in weiten
  Teilen schon in Thailand gekannt zu haben. Sie räumte auch immer wieder ihr
  eigenes Interesse am Geldverdienen ein.

  -      
  Die
  Aussagen der Privatklägerin sind insgesamt in sich stimmig, enthalten
  Schilderungen von Gefühlen und Selbstbelastungen wie hinsichtlich der
  vorsätzlichen illegalen Erwerbstätigkeit oder auch Selbstkorrekturen. Sie
  sind – bis auf wenige Ausnahmen wie z.B die Höhe der Schulden bei Z.___ – in den Kernpunkten widerspruchsfrei,
  insbesondere hinsichtlich der Prostitutionsmodalitäten.

  -      
  Es
  ist kein Grund ersichtlich, weshalb sich die Privatklägerin mit falschen Angaben
  zu den Umständen – die sie von Beginn an vorbrachte, lange bevor sie Zivilforderungen
  stellte – strafbar machen sollte: es war kein Nutzen – auch nicht hinsichtlich
  eines Schutzprogrammes – erkennbar bei einer Falschbeschuldigung der
  Beschuldigten. Es sind auch keine Streitereien oder Rachegefühle bei der
  Privatklägerin erkennbar. Zusätzlich kann an dieser Stelle auf die Aussagen
  des Zeugen [Name 3] – damaliger Schweizerischer Polizeiattachée bei der
  Schweizer Botschaft in Thailand - vom 21. April 2016 hingewiesen werden (10.3.6./001
  ff): Erwähnenswert sei die thailändische Unterwürfigkeit junger Menschen
  gegenüber älteren Menschen, aber auch von schlechter gestellten, ländlichen
  Personen gegenüber gebildeten, städtischen Personen. Dies sei tief in der
  thailändischen Kultur verankert (10.3.1./017). Auch aus diesem Grund liegt
  eine Falschbezichtigung nicht nahe.

  -      
  Die
  Aussagen der Privatklägerin wurden im Laufe des Verfahrens von der
  Beschuldigten in weiten Teilen zugestanden und von weiteren Frauen, die bei
  der Beschuldigten gearbeitet haben und befragt werden konnten, gestützt; dies
  insbesondere von der ebenfalls eingehend befragten B.___, ohne dass Hinweise
  auf eine Absprache zu erkennen wären. Die Arbeitsmodalitäten wurden in vielen
  Teilen übereinstimmend geschildert, obwohl die Frauen zu unterschiedlichen
  Zeiten bei der Beschuldigten beschäftigt gewesen waren und auch zu
  verschiedenen Zeitpunkten befragt wurden. Es ist so, dass einzelne Frauen im
  Betrieb der Beschuldigten mehr Freiheiten genossen, so insbesondere Y.___ (210.2.6); letztere betonte aber
  auch, dass dies damit zusammenhing, dass sie in der Zeit bei der
  Beschuldigten keine Schulden mehr abzubezahlen hatte. Für sie hätten andere
  Regeln gegolten als für die anderen „Sexarbeiter/innen. Sie sei sehr eng
  befreundet gewesen mit F.___, welche das Studio eigentlich
  für die Beschuldigte betrieben habe. A.___ habe wie eine ältere
  Schwester zu ihr geschaut (10.2.6/015 f.). Ähnlich positiv lautende Berichte
  von ehemaligen Sexarbeiterinnen wurden von der Beschuldigten auch vor
  Amtsgericht eingereicht. Auch diese hatten während der Beschäftigung bei der
  Beschuldigten keine Schulden mehr bei ihren Vermittlern (SL AS 147 ff.).

   

  Demgegenüber sind die Aussagen
  der Beschuldigten teilweise widersprüchlich, ausweichend und erscheinen aus
  verständlichen Gründen bagatellisierend bzw. beschönigend, indem sie sich als
  treusorgende Mutter der Sexarbeiter/innen beschreibt. Von Verhaltensanweisungen
  für den Fall einer Polizeikontrolle wollte sie beispielsweise lange Zeit gar nichts
  wissen (zum Vorhalt, sie habe den Frauen gesagt, bei Polizeikontrollen
  dürften sie keinesfalls über sie, die Beschuldigte, reden: «Ich habe ja kein Recht, etwas zu
  verbieten», 10.1/116), schon gar nicht
  von einem für diesen Fall an der Rückseite des Hauses hängenden Seil für das
  Entweichen, das von den Sexarbeitern/innen wiederholt beschrieben worden war
  („Die Polizei, hat sie das Seil gesehen?», 10.1/116). Überweisungen
  nach Thailand, die sie für die Sexarbeiter/innen gemacht hatte, konnte sie
  trotz klarer Beweislage einfach nicht oder nur in ganz geringem Ausmass
  eingestehen (10.1/1309 ff.). Ebenso widersprüchlich und ganz offensichtlich
  falsch waren beispielsweise ihre Aussagen zu Zahlenaufstellungen, welche F.___ betrafen (10.1/196 ff.). Sehr oft verweigerte
  sie auf konkrete Fragen auch die Aussage oder wollte sich ganz einfach nicht
  mehr erinnern. Eine illustrative Antwort war beispielsweise: «Ich kann mich nicht mehr an so viele
  Sachen erinnern. Ich will mich nur noch an gute Sachen erinnern.» (10.1./086). Die bestreitenden
  Aussagen der Beschuldigten können somit die glaubhaften Aussagen der
  Privatklägerin nicht in Zweifel ziehen. 

   

  Aus diesen Erwägungen kann
  bezüglich der weiteren bezüglich der Privatklägerin vorgehaltenen
  Arbeitsmodalitäten folgendes Beweisergebnis festgehalten werden:

  -       Die
  Privatklägerin konnte das Studio nur nach Rücksprache mit der Beschuldigten
  für kurze Zeit verlassen (da die Beschuldigte befürchtete, man arbeite sonst
  draussen). Freitage hatte sie keine, ausser man hatte einen Freund. Die
  Beschuldigte hat vor Amtsgericht selbst vorgebracht, sie habe gewollt, dass
  die Frauen sagten, wohin sie gingen, weil sie es gut mit ihnen meine und
  wissen wolle, dass sie in Sicherheit seien.

  -       Pausen
  durften gemacht werden, wenn kein Freier anwesend war, was aber logisch ist.

  -       Die
  Privatklägerin musste Kunden grundsätzlich rund um die Uhr, auch mitten in
  der Nacht, bedienen. Am Wochenende habe sie das nur mit dem Konsum von
  Crystal Ice geschafft. Die Werbung des Studios war diesbezüglich denn auch
  ganz klar und schuf gegenüber den Sexarbeitern/innen eine klare
  Erwartungshaltung, dass nachts eintreffende Freier auch bedient wurden.

  -       Grundsätzlich
  gab es eine Reihenfolge bei der Bedienung der Freier, diese war aber im
  Interesse aller Sexarbeiterinnen, damit diese gleiche Chancen hatten.

  -       Halten an
  festgelegte Preise: das ist aufgrund der übereinstimmenden Aussagen der
  Frauen erwiesen und auch von der Beschuldigten im Grundsatz unbestritten,
  dass es grundsätzliche Regeln gab bei den Preisen (insbesondere je nach Dauer
  der Dienstleistung). Die Beschuldigte gab selbst an, in den vier Studios seien
  die gleichen Preise verlangt worden, damit es keine Probleme gegeben habe.
  Dies lag auch im Interesse der Sexarbeiter/innen, die dadurch vor
  Dumpingpreisen geschützt werden konnten (aber auch die Betreiberin verdiente
  so mehr). 

  -       Führen
  der Verhandlungen mit den Freiern durch die Beschuldigte oder ihre
  Stellvertreterin: dies liegt schon bereits aus sprachlichen Gründen auf der
  Hand und ist grundsätzlich auch unbestritten. Ebenso gab die Privatklägerin
  an, teilweise selbst mit den Kunden – teilweise via Chat – in Englisch
  verhandelt zu haben.

  -       Überwachung
  der Dienstleistungen: Dies ist teilweise unbestritten, die Beschuldigte hat
  nach ihren Angaben aus Gründen des Schutzes der Sexarbeiter/innen nach Ablauf
  der vereinbarten Zeit nachgefragt, ob alles ok sei (womit sie auch von der
  Vereinbarung Kenntnis haben musste). Nach der Dienstleistung musste die
  Privatklägerin aber das erhaltene Geld in ein Couvert legen und den Betrag in
  einem Heft eintragen, womit die Beschuldigte die volle Kontrolle hatte über
  die Einnahmen der Frauen. Die Beschuldigte führte nachgerade akribisch Buch
  über die Einnahmen der Sexarbeiter/innen.

  -       Ungeschützten
  Verkehr anbieten/keinen Freier ablehnen: Dieser Vorhalt findet in den
  Aussagen der Privatklägerin keine Stütze. Im Gegenteil gab diese an, sie habe
  Freier ablehnen können, ebenso Dienstleistungen, die sie nicht habe machen
  wollen.

  -       Ohne
  Bezahlung Putzarbeiten zu leisten: Das ist erstellt und grundsätzlich auch
  nicht bestritten (man habe dies wie eine Familie gemacht).

  -       Für den
  Fall einer Polizeikontrolle genaue Verhaltensanweisungen abgegeben: das ist
  erstellt.

   

  Nachgewiesen und von der
  Beschuldigten eingeräumt ist auch, dass die Privatklägerin aus misslichen
  sozialen Verhältnissen kam und ihre Arbeit deswegen verrichtete. Die Beschuldigte
  wusste von den Schulden der Privatklägerin und von ihren Kindern in Thailand.
  Ebenso erstellt ist, dass entsprechend der thailändischen Kultur die
  Privatklägerin der älteren und hierarchisch höher gestellten Beschuldigten
  Respekt und Gehorsam schuldete.

   

   

  5. Sachverhaltsfeststellung B.___ 

   

  Hier kann vorweg auf die Darlegungen
  unter Ziffer 4 hiervor verwiesen werden, insbesondere hinsichtlich der
  Angaben der Beschuldigten zu den Bedingungen in ihren Studios. In Bezug auf
  den Schuldenhintergrund unterschieden sich die Angaben der beiden
  Privatklägerinnen. Bei den Aussagen der beiden Protagonistinnen kann kurz
  zusammengefasst noch Folgendes hervorgehoben werden:

   

  5.1 Die Beschuldigte wurde am 20.
  Oktober 2015 (10.1/102 ff.) konkret zu B.___ befragt, die sie zunächst nicht
  kennen wollte. Diese habe ein/zwei Monate bei ihr gearbeitet. Diese habe
  gesagt, sie habe ein Visum, das habe sie nie selbst angeschaut. Auch mit ihr
  habe sie sich die Internetwerbungskosten von CHF 400.00 pro Monat geteilt. Es
  sei eine «Nette» gewesen, sie seien gut zusammen ausgekommen. Was diese
  vorher gemacht habe, wisse sie nicht. Diese habe keine Drogen konsumiert und
  daher auch nichts bei ihr gekauft. Diese sei nur einmal bei ihr gewesen und
  sicher nicht sechs Monate. Sie habe auch 50% abgeben müssen für die Kosten
  und CHF 50.00 pro Woche für das Essen. Ob über deren Einnahmen Buch geführt
  worden sei, wisse sie nicht. Sie habe niemanden zum Arbeiten rund um die Uhr
  gezwungen. Ob B.___ bei ihr Schulden gemacht habe, wisse sie nicht. Wenn sie
  jemandem Geld leihe, rechne sie nicht damit, dass sie es zurückerhalte. Sie
  als Buddhistin sehe das als gute Gabe. Wenn B.___ sage, sie schulde ihr – der
  Beschuldigten – noch CHF 10'000.00, könne das nicht sein. Eben so wenig, dass
  diese schon CHF 5'000.00 zurückbezahlt habe. Ja, sie müsse einräumen, dass B.___
  ihr gesagt habe, sie habe Schulden bei [Name 3]. Sie habe B.___ dann Geld
  geliehen, um diese Schulden zu bezahlen. Dieses Geld habe sie sich bei einer
  Kollegin ausgeliehen; deren Namen wolle sie nicht nennen. B.___ sei ihr jetzt
  noch CHF 2'500.00 schuldig. Ob B.___ sich für die Visumsbeschaffung habe
  verschulden müssen, wisse sie nicht. Sie wisse nicht, wie jemand in die
  Schweiz komme. Bei wem B.___ die Schulden gehabt habe, wisse sie nicht. Sie
  habe B.___ CHF 5'000.00 ausgeliehen und diese habe ihr dann gesagt, wohin sie
  das Geld überweisen müsse. Die entsprechende Person kenne sie nicht. Sie habe
  CHF 2'500.00 für B.___ überwiesen. Die Aussage von B.___, sie schulde ihr,
  der Beschuldigten, noch CHF 10'000.00, sei falsch. Ebenso die Angabe, sie
  habe wegen dieser Schulden nicht das Studio wechseln können. [Name 5] kenne
  sie nicht, eben so wenig Y.___. Auch nicht auf den Fotos. Ja, sie habe die
  ganzen ausgeliehenen CHF 5'000.00 für B.___ an die von B.___ genannte Person
  überwiesen. Später habe sie ihr noch einmal mit CHF 2'500.00 geholfen und das
  überwiesen. Dies alles aus Mitleid. Ihr Mann habe das in ihrem Auftrag
  überwiesen. Wenn das Geld an Y.___ überwiesen worden sei, kenne sie diese
  trotzdem nicht. Sie habe nie Druck gemacht bei B.___ wegen deren Schulden
  oder wegen deren illegalem Status. Sie habe nie von B.___ verlangt, dass
  diese ungeschützten Verkehr anbiete. Sie habe auch nicht immer mit den
  Freiern verhandelt, sie sei ja gar nicht immer da gewesen. Was im Inserat
  angeboten worden sei, habe sie mit den Frauen vorher abgemacht. Es habe keine
  Anweisungen für das Verhalten bei Polizeikontrollen gegeben. Sie könne
  niemandem verbieten, bei der Polizei über sie zu sprechen. Es gebe auch kein
  Seil hinter dem Haus. Wenn das andere Frauen auch so ausgesagt hätten, wisse
  sie nicht, was sie antworten solle. Ja, sie habe Geld für B.___ an unbekannte
  Leute überwiesen. Dies aus Mitleid, weil diese über ihre Familie und ihr Kind
  gesprochen habe. Sie habe auch mal für die Familie von B.___ überwiesen. Ja,
  ihre ganze Familie arbeite in Thailand bei der Polizei. Von den ihr
  vorgehaltenen Aussagen von B.___ bestreite sie, jemals mit den Organisatoren
  in Thailand Kontakt gehabt zu haben. B.___ sei freiwillig zu ihr gekommen.
  Bezüglich der Rückzahlung ihrer Kredite an B.___ habe es keine konkrete
  Vereinbarung gegeben. Dass sie wöchentlich für CHF 2'000.00 Crystal verkauft
  haben solle, sei unmöglich.

  Diese Angaben bestätigte die
  Beschuldigte in der Folge.

   

  5.2 Die Aussagen von B.___ werden von
  der Vorinstanz auf US 34 ff. und 50 ff. ausführlich wiedergegeben. Darauf
  kann verwiesen werden, sodass hier nur die wesentlichsten Angaben dargelegt
  werden:

  Am 9. Oktober 2015 gab sie als
  Beschuldigte – nach Hinweis auf die Strafbarkeit einer falschen Anschuldigung
  und einer Irreführung der Rechtspflege – an (10.2.5/001 ff.), sie sei am 15.
  November 2013 von Bangkok nach Zürich geflogen, wo sie von einer Freundin der
  Beschuldigten abgeholt worden sei. Sie sei dann sechs Monate in deren Studio
  geblieben. Danach habe sie in weiteren Studios in Luzern und [Ort 2]
  gearbeitet. Das Ganze sei von [Name 5], deren Tante Y.___ und einer «[Name 9]
  » organisiert worden. A.___ sei die Besitzerin der beiden Studios gewesen, F.___
  die Geschäftsführerin. Sie habe dort die Hälfte der Einnahmen abgeben müssen,
  dazu CHF 50.00/Woche für das Essen und CHF 200.00/Monat für Internetwerbung. Die
  Werbung habe A.___ verlangt. Zudem habe sie rund um die Uhr arbeiten müssen
  und die Preise seien vorgegeben gewesen. Grundsätzlich habe man dort
  ungeschützten Oralsex anbieten müssen, das habe sie aber nicht gemacht,
  obwohl das bei ihrer Werbung aufgeführt gewesen sei (das hätten die Kunden
  gesagt). Wenn A.___ das erfahren habe, habe sie gesagt, der Kunde habe
  gestunken, was diese akzeptiert habe. Sonst hätte diese wohl den «Kopf
  gemacht» und nicht mehr mit ihr geredet. Sie sei mit CHF 25'000.00 Schulden zu
  A.___ gekommen. Diese habe aber gemeint, das könne sie praktisch nicht
  abzahlen und habe mit Y.___ Kontakt aufgenommen und sie von dieser für CHF
  10'000.00 freigekauft. Dieses Geld habe A.___ dann an Y.___ überwiesen und
  von ihr die Zahlung von CHF 15'000.00 verlangt. Das sei für sie natürlich
  besser gewesen, CHF 10'000.00 weniger. A.___ habe das nach ihren Worten aus
  Mitleid gemacht. [Name 5] habe sie zu der Beschuldigten vermittelt. Diese
  habe ihr vorgängig auch die Bedingungen geschildert, bis zum
  24-Stunden-Betrieb. Sie habe das allerdings falsch verstanden: sie habe
  gedacht, das Studio sei zwar rund um die Uhr geöffnet, nicht aber, dass sie
  rund um die Uhr arbeiten müssten. Wenn sie geschlafen hätten und ein Kunde
  gekommen sei, hätten sie diesen bedienen müssen, sonst sei A.___ wütend
  geworden. Als sie dann bei der Beschuldigten gesehen habe, dass alle Crystal
  konsumiert hätten, habe sie sofort zurückgewollt und Y.___ angerufen. Diese
  habe aber gesagt, sie könne nur gegen sofortige Zahlung von CHF 20'000.00
  zurück. A.___ habe das Crystal verkauft, alle im Gebäude hätten bei dieser
  gekauft und sich oft bei ihr verschuldet. Sie selbst und eine weitere Frau
  hätten als einzige nicht konsumiert. Sie sei zwischen November 2013 und Mitte
  Mai 2014 bei A.___ gewesen. Das Geld für ihre Familie habe auch A.___ über
  ihren Mann überweisen lassen. Dieser habe das Geld an eine Schwester von A.___,
  die in Thailand Polizistin sei, überwiesen, diese habe es dann
  weitergeleitet. Sie habe trotz den Schulden auch Geld an die Familie
  überweisen können, das habe sie mit Y.___ vorher so abgemacht gehabt. Dies
  seien so CHF 1'300.00 monatlich gewesen. Sie habe jeden Tag im Studio sein
  müssen, für einen Einkauf habe sie sich abmelden müssen, A.___ habe das
  ungern gehabt. Wenn sie länger habe rausgehen wollen (zwei/drei Tage), habe
  man das A.___ eine Woche im Voraus sagen müssen und diese habe ihr
  Einverständnis geben müssen. Wenn nur F.___ da gewesen sei, sei alles viel
  lockerer gewesen. Diese habe dann Drogen konsumiert und alles sei ihr egal
  gewesen. Als sie einmal Fieber gehabt habe, habe sie nicht arbeiten müssen,
  ebenso, wenn sie ihre Tage gehabt habe.

  Diese Aussagen bestätigte die
  Privatklägerin – weiterhin als Beschuldigte – am 13. Oktober 2015 (10.2.5/030
  ff.). A.___ habe ihr gesagt, sie müsse hart arbeiten, da sie ja noch Schulden
  bei ihr (der Beschuldigten) habe. Und sie dürfe sich keinesfalls von der
  Polizei erwischen lassen. Grundsätzlich habe F.___ die Frauen in einer
  festgelegten Reihenfolge angeboten, der Kunde habe aber auch eine andere
  auswählen können. A.___ und F.___ hätten Preis und Service mit dem Kunden
  ausgehandelt, bei F.___ habe man dabei mitreden können, bei A.___ nicht. A.___
  sei meist von Freitag bis Sonntag da gewesen. Der Standardservice sei immer
  mit ungeschütztem Oralverkehr – den sie eben nicht gemacht habe – und
  geschütztem Sex gewesen. Diesen Service habe sie grundsätzlich nicht ablehnen
  können. Ungeschützten Geschlechtsverkehr und Analverkehr hätten sie ablehnen
  dürfen. Kunden, die den Standardservice gewollt hätten, habe sie aber nicht
  ablehnen können, auch wenn diese gestunken hätten. Die Preise seien wie
  überall vorgegeben gewesen: CHF 300.00/60 Min., 200.00/40 Min., 150.00/30
  Min., 100.00/20 Min. Sie hätten täglich das Treppenhaus und das ganze Studio
  putzen und auch selbst kochen müssen. Die angestellten Sexarbeiterinnen
  hätten alle im gleichen Zimmer geschlafen. Ja, man habe bei A.___ wenig
  eigenen Handlungsspielraum gehabt, diese habe ja möglichst viel Geld mit ihr
  verdienen wollen. Zudem habe sie ja keine Arbeitsbewilligung gehabt. Da sie
  also jederzeit hätte geschnappt werden können, habe sie umso schneller Geld
  verdienen müssen. Es sei beengend für sie gewesen und sie habe auf den Moment
  gewartet, an dem sie ihre Schulden abgearbeitet gehabt hätte. Die
  wöchentlichen Abrechnungen seien in der Regel von F.___ gemacht worden. Diese
  habe den Frauen das Geld in einem Couvert gegeben, also ihr nicht, weil sie
  ja noch Schulden gehabt habe, aber den anderen. A.___ und F.___ hätten über
  die Einnahmen in einem Heft Buch geführt. Diese hätten korrekt Buch geführt
  und alles aufgeschrieben. Sowohl F.___ als auch A.___ hätten ihre Tätigkeit
  auch kontrolliert, indem sie nach Ablauf der vereinbarten Zeit an die Türe
  geklopft hätten. Die Bedingungen habe sie einfach akzeptieren müssen, obwohl
  sie eigentlich nicht einverstanden gewesen sei. Wo hätte sie denn hingehen
  sollen? Dennoch sei sie dann vor dem Abzahlen der Schulden von A.___
  weggegangen, sie habe es nicht mehr ausgehalten und habe nicht mehr richtig
  schlafen können. Für den Fall einer Polizeikontrolle habe ihr A.___
  ausdrücklich verboten, über sie zu reden, sie müsse sagen, sie wisse nichts.
  Sie selbst würde ohnehin alles abstreiten. A.___ habe ihr aber auch gesagt,
  ihr (der Beschuldigten) könne wegen ihres Schweizer Passes nichts passieren,
  sie (die Privatklägerin) würde hingegen heim geschickt. Hinter dem Haus habe
  es ein Seil gegeben, mit dem man sich in einem solchen Fall habe abseilen
  können. Es habe auch eine Leiter gehabt, sie hätten das mit A.___ mal geübt.
  Mit dem Telefon habe sie Kontakt nach aussen haben dürfen; ausser mit
  Freiern, das habe A.___ untersagt. Nach ihrer Wahrnehmung hätten in beiden
  Studios der Beschuldigten für alle Frauen die gleichen Bedingungen gegolten.
  Sie habe ihre Ausweispapiere immer bei sich gehabt.

   

  Die Privatklägerin bestätigte am 24.
  Februar 2016 als Auskunftsperson in Anwesenheit der Beschuldigten und deren
  Verteidigerin ihre bisherigen Aussagen (10.2.5/105 ff.). Es sei richtig, dass
  A.___ ihre Schulden bei Y.___ und [Name 9]  in Thailand abgelöst habe. Diese
  habe einmal CHF 5'000.00 und einmal CHF 2'500.00 geschickt. Zuletzt habe sie
  bei A.___ noch CHF 2'500.00 an Schulden gehabt. A.___ habe dazu mit Y.___
  telefoniert, kenne diese aber nicht persönlich. Die Verhandlungen hätten
  immer A.___ oder F.___ geführt, sie habe als Illegale die Türe ja nicht
  öffnen dürfen. Ja, sie habe Kunden ablehnen können, wenn diese z.B. dreckig
  gewesen seien. A.___ habe es nicht gepasst, dass sie keine Drogen konsumiert
  und sich so abgesondert habe. Ja, sie habe auf Anweisung von A.___ auch
  Kleider anziehen müssen, die sie nicht hätte anziehen wollen. Ja, sie sei A.___
  dankbar, dass diese für sie die Schulden habe reduzieren können. Im nächsten
  Studio habe sie sich freier gefühlt. A.___ habe sie dann ein paar Mal
  angerufen und die ausstehenden CHF 2'500.00 verlangt und dabei einmal auch
  gedroht, sie stelle ihren Sohn auf Facebook aus.

   

  5.3 Bei der Beweiswürdigung kann
  weitgehend auf die Ausführungen unter Ziffer 4.3 hiervor verwiesen werden.
  Auch die Aussagen der Privatklägerin B.___ erscheinen als glaubhaft: sie
  machte differenzierte Angaben zu den verschiedenen Studios, in denen sie
  gearbeitet hatte; ihre Angaben decken sich mit objektiven Beweismitteln; sie
  hat keineswegs jede Gelegenheit ergriffen, die Beschuldigte zu belasten; die
  Aussagen sind in sich stimmig, in den Kernpunkten widerspruchsfrei,
  steigerten sich nicht im Verlauf des Verfahrens und enthalten auch Schilderungen
  von Gefühlen; es ist kein Grund für eine strafbare Falschbelastung
  ersichtlich; die Aussagen wurden im Laufe des Verfahrens von der
  Beschuldigten zu einem grossen Teil eingestanden und auch von anderen Frauen
  bestätigt. Zur Würdigung der Aussagen der Beschuldigten kann auf obige
  Erwägungen verwiesen werden.

   

  Damit ist von den Vorhalten in der
  Anklage Folgendes erstellt:

  -      
  Die
  Privatklägerin B.___ hat zwischen Mitte November 2013 und April 2014 in den
  von der Beschuldigten betriebenen Bordellen ohne Aufenthalts- und
  Arbeitsbewilligung als Sexarbeiterin gearbeitet. Dies ist mit dem
  Schuldspruch wegen AuG-Widerhandlung auch bereits rechtskräftig festgestellt.

  -      
  Die
  Beschuldigte war über die Anreise der Privatklägerin informiert und wusste
  von deren Schulden bei ihren Agentinnen Y.___ und «…». Sie hat mit Zahlungen
  aus eigenen Mitteln die Schulden der Privatklägerin bei den Agentinnen
  abgelöst, sodass die Privatklägerin in der Folge bei ihr Schulden hatte, aber
  deutlich weniger hohe Schulden.

  -      
  Über
  die von der Privatklägerin erzielten Einnahmen wurde wöchentlich abgerechnet
  und die Beschuldigte behielt davon einen Anteil von 50% ein, dies
  insbesondere für die Miete. Vom hälftigen Anteil der Privatklägerin zog die
  Beschuldigte weiter CHF 50.00 pro Woche für das Essen und CHF 200.00 für
  Internetwerbung (die Hälfte der monatlich anfallenden Kosten von CHF 400.00)
  ab.

  -       Die
  Privatklägerin musste Kunden grundsätzlich rund um die Uhr, auch mitten in
  der Nacht, bedienen. Am Wochenende habe sie das nur mit dem Konsum von
  Crystal Ice geschafft. Die Werbung des Studios war diesbezüglich denn auch
  ganz klar und schuf gegenüber den Sexarbeitern/innen eine klare
  Erwartungshaltung, dass nachts eintreffende Freier auch bedient wurden.

  -       Die
  Privatklägerin konnte das Studio nur nach Rücksprache mit der Beschuldigten
  verlassen, bei längeren Abwesenheiten musste dies eine Woche vorher
  angemeldet werden. Die Beschuldigte hat vor Amtsgericht selbst vorgebracht,
  sie habe gewollt, dass die Frauen sagten, wohin sie gingen, weil sie es gut
  mit ihnen meine und wissen wolle, dass sie in Sicherheit seien.

  -       Pausen
  durften gemacht werden, wenn kein Freier anwesend war, was aber logisch ist.

  -       Die
  Privatklägerin musste Kunden grundsätzlich rund um die Uhr, auch mitten in
  der Nacht, bedienen. Die Werbung des Studios war diesbezüglich denn auch ganz
  klar.

  -       Grundsätzlich
  gab es eine Reihenfolge bei der Bedienung der Freier, diese war aber im
  Interesse aller Sexarbeiterinnen