# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 890a4fd6-dc12-563b-be12-688e6dca8e47
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2010-06-10
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 10.06.2010 E-3915/2010
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_E-3915-2010_2010-06-10.pdf

## Full Text

Abtei lung V
E-3915/2010
{T 0/2}

U r t e i l  v o m  1 0 .  J u n i  2 0 1 0

Einzelrichterin Gabriela Freihofer, 
mit Zustimmung von Richter Fulvio Haefeli;
Gerichtsschreiber Jan Feichtinger.

A._______, geboren (...),
China,
Beschwerdeführer,

gegen

Bundesamt für Migration (BFM),
Quellenweg 6, 3003 Bern,
Vorinstanz.

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Be-
schwerde gegen Wiedererwägungsentscheid); Verfügung 
des BFM vom 29. Dezember 2009 / N (...).

B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i c h t

T r i b u n a l  a d m i n i s t r a t i f  f é d é r a l

T r i b u n a l e  a m m i n i s t r a t i v o  f e d e r a l e

T r i b u n a l  a d m i n i s t r a t i v  f e d e r a l

Besetzung

Parteien

Gegenstand

E-3915/2010

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,

dass das BFM mit  Verfügung vom 12. März 2009 in Anwendung von 
Art. 34 Abs. 2 Bst. a  des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 
142.31) auf  das  (erste)  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  vom 
25. September 2008  nicht  eintrat  und  die  Wegweisung  aus  der 
Schweiz sowie den Vollzug anordnete,

dass  das  Bundesverwaltungsgericht  die  gegen  diese  Verfügung  er-
hobene Beschwerde mit Urteil vom 22. Juni 2009 abwies,

dass die Wegweisung in der Folge nicht vollzogen werden konnte, da 
der  Beschwerdeführer  gemäss  Mitteilung  (...)  seit  dem 10. Juli 2009 
als verschwunden galt,

dass der Beschwerdeführer 17. August 2009 ein weiteres Asylgesuch 
stellte, auf welches das BFM mit Verfügung vom 29. Dezember 2009 in 
Anwendung  von  Art.  34 Abs.  2  Bst.  d  AsylG  nicht  eintrat  und  die 
Wegweisung  aus  der  Schweiz  nach  Belgien  sowie  den  Vollzug  an-
ordnete,

dass diese Verfügung von der Schweizerischen Post mit dem Vermerk 
"Empfänger konnte unter angegebener Adresse nicht ermittelt werden" 
ans BFM retourniert wurde, und einer Mitteilung (...) zu entnehmen ist, 
der  Beschwerdeführer  gelte  seit  dem  20. November 2009  als  ver-
schwunden, 

dass  die  an  die  letzte  den  Behörden  bekannte  Adresse  des  Be-
schwerdeführers  versendete  Verfügung  gestützt  auf  Art.  12  Abs.  1 
AsylG  nach  Ablauf  der  ordentlichen  siebentätigen  Abholfrist  rechts-
gültig  wurde und mit  ungenutztem Ablauf  der Rechtsmittelfrist  unan-
gefochten in Rechtskraft erwuchs,

dass  der  Beschwerdeführer  mit  nicht  aktenkundiger  Eingabe  vom 
8. März 2010 an das BFM gelangte und offenbar um Wiedererwägung 
des  ablehnenden  Asylentscheids  vom  29. Dezember 2009  ersuchte, 
wobei  er  gemäss  BFM  zur  Begründung  geltend  machte,  die  Asyl-
gründe,  welche  er  in  den  beiden  rechtskräftig  entschiedenen  Ge-
suchen geltend gemacht habe, entsprächen nicht der Wahrheit, 

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dass  das  BFM  dieses  Wiedererwägungsgesuch  mit  Verfügung  vom 
14. Mai 2010  (eröffnet  am  18. Mai 2010)  abwies  und  feststellte,  die 
Verfügung vom 29. Dezember 2009 sei rechtskräftig und vollstreckbar, 
einer allfälligen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu,

dass es zur Begründung im Wesentlichen ausführte, Asylgründe, die 
bereits zum Zeitpunkt des ordentlichen Asylverfahrens oder einer ver-
passten Anfechtungsmöglichkeit im ordentlichen Beschwerdeverfahren 
bestanden hätten, gäben – sofern wie vorliegend keine entschuldbaren 
Gründe für ein verspätetes Vorbringen derselben bestünden – keinen 
Anblass  zur  wiedererwägungsweisen  Überprüfung  einer  bereits 
rechtskräftigen Verfügung,

dass der Beschwerdeführer mit Schreiben vom 25. Mai 2010 (gemäss 
elektronischer Sendungsverfolgung der Schweizerischen Post [Track & 
Trace] am 28. Mai 2010 aufgegeben) an das BFM gelangte, welches 
die  Eingabe –  zur  Behandlung als  sinngemässe Beschwerde gegen 
den  Wiedererwägungsentscheid  des  BFM  vom  14. Mai 2010  –  zu-
ständigkeitshalber an das Bundesverwaltungsgericht überwies,

dass  die  zuständige  Instruktionsrichterin  mit  prozessleitender  Ver-
fügung vom 2. Juni 2010 gestützt auf Art. 56 des Bundesgesetzes vom 
20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 
172.021) den Vollzug der Wegweisung provisorisch aussetzte,

und zieht in Erwägung,

dass das Bundesverwaltungsgericht endgültig über Beschwerden ge-
gen Verfügungen (Art. 5  VwVG) des BFM entscheidet (Art. 105 AsylG 
i.V.m. Art. 31-33 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 
[VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes 
vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), 

dass  darunter  auch  Verfügungen  fallen,  mit  denen  das  BFM  (vgl. 
Art. 33  Bst.  d  VGG)  ein  Gesuch  um Wiedererwägung  eines  rechts-
kräftigen Entscheides abgewiesen hat, 

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dass dagegen erhobene Beschwerden vom Bundesverwaltungsgericht 
endgültig beurteilt werden (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG), 

dass die Beschwerde frist- und formgerecht eingereicht wurde und der 
Beschwerdeführer  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  be-
rührt  ist,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  be-
ziehungsweise  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Be-
schwerde legitimiert ist (Art. 108 AsylG sowie Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 
37 VGG und Art. 48 Abs. 1 und 52 VwVG), 

dass auf die Beschwerde somit einzutreten ist, 

dass die vorliegende Beschwerde – wie nachfolgend aufgezeigt – im 
Urteilszeitpunkt als offensichtlich begründet zu erkennen ist, weshalb 
der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art.  111a 
Abs. 2 AsylG), 

dass zudem aufgrund der vorliegenden Aktenlage sowie aus prozess-
ökonomischen  Gründen  auf  einen  Schriftenwechsel  verzichtet  wird 
(Art. 111a Abs. 1 AsylG), 

dass  die  Wiedererwägung  im  Verwaltungsverfahren  einen  gesetzlich 
nicht geregelten Rechtsbehelf darstellt, 

dass gemäss herrschender Lehre und ständiger Praxis des Bundes-
gerichts  jedoch  aus  Art. 29  der  Bundesverfassung  der  Schweizeri-
schen Eidgenossenschaft vom 18. April  1999 (BV, SR 101) unter be-
stimmten  Voraussetzungen  ein  verfassungsmässiger  Anspruch  auf 
Wiedererwägung abgeleitet wird (vgl. BGE 127 I 133 E. 6 mit weiteren 
Hinweisen),

dass  gemäss  diesem  Anspruch  die  zuständige  Behörde  zunächst 
dann eine selbst getroffene Verfügung in Wiedererwägung zu ziehen 
hat,  wenn  sich  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  seit  Eintritt  der 
Rechtskraft - am Tag nach Ablauf der nicht genutzten Rechtsmittelfrist 
oder  durch  bestätigendes  Urteil  der  mit  Beschwerde  angerufenen 
Rechtsmittelinstanz - in wesentlicher Weise verändert  hat und mithin 
eine Anpassung der (fehlerfreien) Verfügung erforderlich ist, ohne dass 
deren Gegenstand neu beurteilt wird,

dass  sodann  auch  Revisionsgründe  einen  Anspruch  auf  Wieder-
erwägung begründen können, sofern  sie sich auf  eine rechtskräftige 

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Verfügung  beziehen,  die  entweder  unangefochten  geblieben  oder 
deswegen niemals  einer  materiellen  Prüfung  unterzogen  worden ist, 
weil  das  angehobene  Beschwerdeverfahren  mit  einem  formellen 
Prozessurteil geendet hat, wobei ein derartiges, als qualifiziertes Wie-
dererwägungsgesuch  zu  bezeichnendes  Rechtsmittel  grundsätzlich 
nach den Regeln des Revisionsverfahrens zu behandeln ist,

dass  auf  ein  Wiedererwägungsgesuch  gar  nicht  erst  einzutreten  ist,  
wenn zu dessen Begründung lediglich unsubstanziierte Behauptungen 
aufgestellt  werden  und  aus  der  Rechtsschrift  die  tatsächlichen  An-
haltspunkte,  die  auf  das  Vorliegen  eines  Wiedererwägungsgrundes 
hindeuten  sollen,  nicht  ersichtlich  sind  (zum  Ganzen  vgl.  Ent-
scheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurs-
kommission  [EMARK]  2005  Nr. 25  E.  4.2.  S.  227  f.,  EMARK  2003 
Nr. 17  E. 2a  S. 103  f.  mit  weiteren  Hinweisen,  EMARK  2001  Nr. 20 
E. 3c.dd S. 156),

dass  vorab nicht  abschliessend beurteilt  werden kann,  ob der  –  als 
Wiedererwägungsgesuch  behandelten  –  Eingabe  des  Beschwerde-
führers  vom  8. März 2010  Anhaltspunkte  für  das  Vorliegen  eines 
Wiedererwägungsgrundes  im  Sinne  der  vorstehenden  Ausführungen 
zu entnehmen sind, da diese sich nicht in den Akten befindet,

dass jedoch angesichts der in  der  angefochtenen Verfügung wieder-
gegebenen  Gesuchsbegründung,  wonach  der  Beschwerdeführer  in 
den vorangehenden ordentlichen Asylverfahren  wahrheitswidrige  An-
gaben gemacht habe und diese nun korrigieren wolle,  zumindest  zu 
bezweifeln ist, dass der Beschwerdeführer in seiner Eingabe Wieder-
erwägungsgründe zum Ausdruck brachte,

dass  sich  deshalb  die  Frage  stellt,  ob  das  BFM  die  Eingabe  vom 
8. März 2010 zu Recht als Wiedererwägungsgesuch qualifiziert und ob 
es diesfalls zu Recht darauf eingetreten ist,

dass im Rahmen einer weiteren Vorbemerkung festzuhalten ist, dass 
die angefochtene Verfügung in formaler Hinsicht durch grobe Unsorg-
falt gekennzeichnet ist,

dass darin etwa ausgeführt wird, mit Entscheiden vom 12. März 2009 
und vom 29. Dezember 2009 seien die beiden Asylgesuche des Be-
schwerdeführers  abgelehnt  worden,  es  sich  bei  den  genannten Ver-
fügungen jedoch um Nichteintretensentscheide des BFM handelt, 

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dass die – auf dieser Grundlage logische – Feststellung des BFM, mit 
seiner Eingabe vom 8. März 2010 ersuche der Beschwerdeführer nun 
um  Wiedererwägung  des  ablehnenden  Asylentscheides  vom 
29. Dezember 2009,  zur  Folge  hat,  dass  die  Begründung  der  an-
gefochtenen  Verfügung  völlig  am  vorliegenden  Prozessgegenstand 
vorbei geht,

dass  Prozessgegenstand  bei  einem  Wiedererwägungsgesuch  hin-
sichtlich eines gestützt auf Art. 34 Abs.2 Bst. d AsylG gefällten Nicht-
eintretensentscheides  (Dublin-Verfahren)  lediglich  die  Frage  bilden 
kann, ob sich seit  Abschluss des ordentlichen Verfahrens eine nach-
träglich veränderte Sachlage respektive Gründe nach Art. 66 Abs. 2 
VwVG im Hinblick  auf  die  staatsvertragliche  Zuständigkeit  des  frag-
lichen  Mitgliedstaates  (vorliegend  Belgien)  oder  hinsichtlich  der 
Völkerrechtskonformität einer Wegweisung dorthin ergeben haben, 

dass in den sachfremden Ausführungen des BFM eine Verletzung der 
Begründungspflicht zu erblicken ist, 

dass  zwar  eine  Missachtung  von  Verfahrensvorschriften  durch  das 
BFM  aufgrund  der  umfassenden  Kognition  des  Bundesverwaltungs-
gerichts  (Art.  106  AsylG)  in  bestimmten  Schranken  geheilt  werden 
kann,

dass  jedoch  vorliegend  der  Anspruch  des  Beschwerdeführers  auf 
rechtliches Gehör in schwerwiegender Weise verletzt wurde, zumal  er 
bei dieser Sachlage nicht imstande gewesen sein kann, die Verfügung 
sachgerecht anzufechten, 

dass  deshalb  eine  Heilung  nicht  in  Betracht  kommt  und  die  an-
gefochtene Verfügung zu kassieren ist,

dass  die  Beschwerde  demnach  im  Sinne  der  Erwägungen  gutzu- 
heissen,  die  angefochtene  Verfügung  vom 14. Mai 2010  aufzuheben 
und die Sache zum neuen Entscheid an das BFM zurückzuweisen ist,

dass die zuständige kantonale Behörde im Sinne einer vorsorglichen 
Massnahme anzuweisen ist, von Vollzugshandlungen weiterhin abzu-
sehen,  bis  das  für  die  Fortsetzung  des  Verfahrens  zuständige  BFM 
allenfalls eine gegenteilige Anordnung trifft,

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dass bei diesem Ausgang des Verfahrens keine Verfahrenskosten auf-
zuerlegen sind (Art. 63 Abs. 3 VwVG),

dass aufgrund der Akten nicht davon auszugehen ist, dem nicht ver-
tretenen  Beschwerdeführer  seien verhältnismässig  hohe  Kosten ent-
standen, weshalb keine Parteientschädigung zuzusprechen ist (Art. 7 
Abs. 4  des  Reglements  vom 21. Februar  2008  über  die  Kosten  und 
Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE, 
SR 173.320.2]).

(Dispositiv auf der nächsten Seite)

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Demnach erkennt und verfügt das Bundesverwaltungsgericht:

1.
Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen.

2.
Die Verfügung vom 14. Mai 2010 wird aufgehoben und die Sache zur 
Neubeurteilung  im  Sinne  der  Erwägungen  an  das  BFM  zurück-
gewiesen. 

3.
Der  Wegweisungsvollzug  bleibt  im  Sinne  einer  vorsorglichen  Mass-
nahme bis zum allfälligen Erlass einer gegenteiligen Anordnung durch 
das BFM weiterhin ausgesetzt.

4.
Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.

5.
Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen.

6.
Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und (...). 

Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber:

Gabriela Freihofer Jan Feichtinger

Versand: 

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