# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 7a89db78-f76e-52c8-8bc8-ab5addd8205a
**Source:** Aargau Gerichte (AG)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2022-10-25
**Language:** de
**Title:** Aargau Obergericht Versicherungsgericht 25.10.2022 VBE.2022.238
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/AG_Gerichte/AG_OG_007_VBE-2022-238_2022-10-25.pdf

## Full Text

Versicherungsgericht 

1. Kammer 

 

 

VBE.2022.238 / pm / fi  
Art. 113 

 

 

Urteil vom 25. Oktober 2022 
 

 

Besetzung  Oberrichter Kathriner, Präsident  

Oberrichterin Schircks  

Oberrichterin Fischer  

Gerichtsschreiber Meier  

 

 
   

Beschwerde- 

führerin  

 A._____  

 

 
   

Beschwerde- 

gegnerin  

 SVA Aargau, IV-Stelle, Bahnhofplatz 3C, Postfach, 5001 Aarau  

 

 
   

Beigeladene   B._____ 

 

 
 

Gegenstand  Beschwerdeverfahren betreffend IVG Renten 

(Verfügung vom 19. Mai 2022) 
 

 

  

 - 2 - 

 

 

 

   

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten: 

 

1. 

Die 1968 geborene Beschwerdeführerin ist Mutter zweier erwachsener Kin-

der und als Psychotherapeutin tätig. Sie meldete sich am 24. Mai 2021 un-

ter Hinweis auf eine bipolare Störung bei der Beschwerdegegnerin zum 

Bezug von Leistungen (berufliche Integration, Rente) der Eidgenössischen 

Invalidenversicherung (IV) an. Im Rahmen ihrer daraufhin durchgeführten 

Abklärungen zog die Beschwerdegegnerin unter anderem die Akten der 

Krankentaggeldversicherung bei. Nach durchgeführtem Vorbescheidver-

fahren verneinte sie mit Verfügung vom 19. Mai 2022 einen Rentenan-

spruch der Beschwerdeführerin. 

 

2. 

2.1. 

Dagegen erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 16. Juni 2022 

fristgerecht Beschwerde und beantragte sinngemäss die Zusprache einer 

Viertelsrente sowie – eventualiter – die Rückweisung der Sache an die Be-

schwerdegegnerin zwecks weiterer Abklärungen. 

 

2.2. 

Mit Vernehmlassung vom 7. Juli 2022 beantragte die Beschwerdegegnerin 

die Abweisung der Beschwerde. 

 

2.3. 

Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 12. Juli 2022 wurde die aus den 

Akten erkennbare berufliche Vorsorgeeinrichtung der Beschwerdeführerin 

beigeladen und ihr Gelegenheit zur Stellungnahme eingeräumt. Die Beige-

ladene liess sich in der Folge nicht vernehmen. 

 

 
   

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung: 

 

1. 

1.1. 

Die Beschwerdegegnerin ging in ihrer Verfügung vom 19. Mai 2022 (Ver-

nehmlassungsbeilage [VB] 22) im Wesentlichen davon aus, die Beschwer-

deführerin arbeite seit Ablauf des Wartejahres wieder in einem 60%-Pen-

sum in der bisherigen Tätigkeit als Psychologin. Unter Annahme einer 

70%igen Erwerbstätigkeit der Beschwerdeführerin im Gesundheitsfall und 

einer Einschränkung im Erwerbsbereich von 40 % errechnete sie – einen – 

rentenausschliessenden – Invaliditätsgrad von 28 %. Die Beschwerdefüh-

rerin bringt dagegen vor, bei "vollständiger Gesundheit" hätte sie spätes-

tens nach dem Auszug ihrer beiden Söhne das Pensum ihrer ausserhäus-

lichen Tätigkeit wieder auf 100 % erhöht. Es sei ihr daher eine Viertelsrente 

zuzusprechen.  

 - 3 - 

 

 

 

1.2. 

Streitig und zu prüfen ist demnach, ob die Beschwerdegegnerin einen Ren-

tenanspruch der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 19. Mai 2022 

(VB 22) zu Recht verneint hat. 

 

2. 

2.1. 

Im sozialversicherungsrechtlichen Verwaltungs- und Verwaltungsgerichts-

beschwerdeverfahren gilt der Untersuchungsgrundsatz. Danach haben 

Versicherungsträger und Sozialversicherungsgericht von sich aus und 

ohne Bindung an die Parteibegehren für die richtige und vollständige Fest-

stellung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (Art. 43 Abs. 1 und 

Art. 61 lit. c ATSG; BGE 133 V 196 E. 1.4 S. 200; Urteil des Bundesge-

richts 8C_174/2022 vom 8. Juli 2022 E. 4.2). 

 

2.2. 

2.2.1. 

Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätigen Versicherten ist 

Art. 16 ATSG anwendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG; vgl. auch Art. 25 und 

26 IVV). Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das Erwerbsein-

kommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach 

Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliede-

rungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener 

Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbsein-

kommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre 

(Art. 16 ATSG; sogenannte allgemeine Methode des Einkommensver-

gleichs). 

 

2.2.2. 

Gemäss Art. 28a Abs. 3 IVG wird bei Versicherten, die nur zum Teil er-

werbstätig sind oder die unentgeltlich im Betrieb des Ehegatten oder der 

Ehegattin mitarbeiten, für diesen Teil die Invalidität nach Artikel 16 ATSG 

festgelegt. Waren sie daneben auch im Aufgabenbereich tätig, so wird die 

Invalidität für diese Tätigkeit nach Art. 28a Abs. 2 IVG festgelegt. In diesem 

Fall sind der Anteil der Erwerbstätigkeit oder der unentgeltlichen Mitarbeit 

im Betrieb des Ehegatten oder der Ehegattin und der Anteil der Tätigkeit im 

Aufgabenbereich festzulegen und der Invaliditätsgrad in beiden Bereichen 

zu bemessen (sogenannte gemischte Methode). Bei teilerwerbstätigen 

Versicherten ohne Aufgabenbereich ist die anhand der Einkommensver-

gleichsmethode zu ermittelnde Einschränkung im allein versicherten er-

werblichen Bereich rechtsprechungsgemäss proportional – im Umfang der 

hypothetischen Teilerwerbstätigkeit – zu berücksichtigen. Der Invaliditäts-

grad entspricht der proportionalen Einschränkung im erwerblichen Bereich 

(BGE 142 V 290; Urteil des Bundesgerichts 8C_133/2022 vom 7. Septem-

ber 2022 E. 2.2). 

 

 - 4 - 

 

 

 

2.2.3. 

Ob eine versicherte Person als ganztägig oder zeitweilig erwerbstätig oder 

als nichterwerbstätig einzustufen ist, ergibt sich aus der Prüfung, was die 

Person bei im Übrigen unveränderten Umständen täte, wenn keine gesund-

heitliche Beeinträchtigung bestünde (BGE 125 V 146 E. 2c S. 150 mit Hin-

weis unter anderem auf BGE 117 V 194 E. 3b S. 194 f.; vgl. auch BGE 133 

V 477 E. 6.3 S. 486 f. und 133 V 504 E. 3.3 S. 507 f.). Bei im Haushalt 

tätigen Versicherten sind die gesamten persönlichen, familiären, sozialen 

und erwerblichen Verhältnisse ebenso wie allfällige Erziehungs- und Be-

treuungsaufgaben gegenüber Kindern, das Alter, die beruflichen Fähigkei-

ten und die Ausbildung sowie die persönlichen Neigungen und Begabun-

gen zu berücksichtigen. Massgebend sind die Verhältnisse, wie sie sich bis 

zum Erlass der Verwaltungsverfügung entwickelt haben (Urteil des Bun-

desgerichts 8C_669/2021 vom 15. März 2022 E. 5.3.2 mit Hinweis unter 

anderem auf BGE 141 V 15 E. 3.1).  

 

3. 

3.1. 

Im von der Beschwerdeführerin eingereichten Bericht von Dr. med. C., 

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 8. Juni 2022 führte 

diese zusammengefasst aus, die Beschwerdeführerin stehe wegen einer 

bipolaren affektiven Störung seit 2001 bei ihr in ambulanter Therapie. Eine 

erste Episode sei 1990 ambulant behandelt worden. Nach einer im Jahr 

2012 aufgetretenen manischen bzw. anschliessenden depressiven Episo-

de und einer darauf folgenden stabilen Phase sei die Beschwerdeführerin 

"[a]b dem 5.12.20" erneut an einer manischen Episode erkrankt, welche zu 

Beginn ambulant behandelt worden sei. Bei ungenügendem Ansprechen 

auf die Medikation mit Abilify und Clopixol sei sie vom 2. Januar bis 

12. Februar 2021 in der Klinik D. behandelt worden. Nach dem Austritt sei 

eine langdauernde depressive Episode aufgetreten, welche bis Oktober 

2021 gedauert habe. Im Verlauf sei es der Beschwerdeführerin gelungen, 

die Arbeitsfähigkeit ab März 2021 bis Dezember 2021 schrittweise auf 

maximal 60 % zu steigern. Nachdem ihre beiden Söhne ausgezogen seien, 

würde sie in einem 100%-Pensum arbeiten, wenn sie vollständig gesund 

wäre. Der Grund für die reduzierte Arbeitsfähigkeit liege darin, dass die 

Beschwerdeführerin mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung ihrer 

Tätigkeit als Psychotherapeutin benötige, rascher ermüde und eine längere 

Erholungszeit benötige (Beschwerdebeilage 7). 

 

3.2. 

Aus den aktenkundigen medizinischen Berichten geht hervor, dass die Be-

schwerdeführerin an einer bipolaren Störung leidet und deswegen in ihrer 

Arbeitsfähigkeit eingeschränkt ist. Die Beschwerdegegnerin ging – ohne 

jegliche entsprechende Abklärungen getätigt zu haben – gestützt auf die 

Löhne, auf denen gemäss Auszug aus dem individuellen Konto in der Ver-

gangenheit Beiträge abgerechnet worden waren (VB 7; vgl. VB 21), davon 

 - 5 - 

 

 

 

aus, dass die Beschwerdeführerin, wäre sie gesund, zu 70 % erwerbstätig 

wäre und über keinen Aufgabenbereich verfügte (VB 22 S. 2). Die Be-

schwerdeführerin hatte der Beschwerdegegnerin indes am 28. Oktober 

2021 mitgeteilt, dass "der Grund des Pensums" ihre schon "seit langer Zeit" 

bestehende Erkrankung sei. "Um es stabil halten zu können", sei ein 100%-

Pensum nicht möglich gewesen, weshalb sie sich für ein 70%-Pensum ent-

schieden habe (VB 14). Dies findet eine Stütze in der Einschätzung der seit 

Jahren behandelnden Psychiaterin Dr. med. C. vom 8. Juni 2022, wonach 

die Beschwerdeführerin bei guter Gesundheit vollzeitlich erwerbstätig 

wäre. Dass die Beschwerdeführerin noch nie vollzeitlich erwerbstätig ge-

wesen sei, wie dies die Beschwerdegegnerin annahm (VB 22 S. 2), wird 

von ersterer in Abrede gestellt (vgl. Beschwerde S. 1). Belegt ist diesbe-

züglich zumindest, dass die Beschwerdeführerin betreffend die Zeit vom 

22. August bis 21. November 2016 über Arbeitsverträge für zwei Anstellun-

gen je im 50%-Pensum verfügte (Beschwerdebeilagen 4 f.). 

 

3.3. 

Gestützt auf die vorliegenden Akten kann die Frage, ob die Beschwerde-

führerin ohne Gesundheitsschaden ganztägig oder nur zeitweilig erwerbs-

tätig (allenfalls mit Aufgabenbereich) wäre und somit welche Methode der 

Bemessung des Invaliditätsgrades anzuwenden ist (vgl. E. 2.2.3), aufgrund 

des Gesagten nicht zuverlässig beantwortet werden. Was den anspruchs-

relevanten medizinischen Sachverhalt anbelangt, hat die Beschwerdegeg-

nerin auf die Berichte der behandelnden Ärzte abgestellt, ohne eine versi-

cherungsmedizinische Stellungnahme dazu eingeholt zu haben. Es besteht 

demnach auch in Bezug auf die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Be-

schwerdeführerin Abklärungsbedarf.  

 

4. 

4.1. 

Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde in dem Sinne teilweise gutzu-

heissen, dass die angefochtene Verfügung vom 19. Mai 2022 aufzuheben 

und die Sache zur weiteren Abklärung hinsichtlich einerseits der Arbeitsfä-

higkeit der Beschwerdeführerin und andererseits des hypothetischen Aus-

masses deren Erwerbstätigkeit im Gesundheitsfall bzw. einer allfälligen Tä-

tigkeit im Aufgabenbereich und zur anschliessenden Neuverfügung über 

den Rentenanspruch an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist.  

 

4.2. 

Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten 

werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im 

Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende 

Verfahren betragen diese Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrensaus-

gang der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.  

 

 - 6 - 

 

 

 

4.3. 

Die in eigener Sache prozessierende Partei hat nur in Ausnahmefällen An-

spruch auf eine Parteientschädigung. Die Voraussetzungen, die kumulativ 

gegeben sein müssen, damit eine solche Ausnahmesituation anzunehmen 

ist (komplexe Sache mit hohem Streitwert, hoher Arbeitsaufwand, vernünf-

tiges Verhältnis zwischen dem betriebenen Aufwand und dem Ergebnis der 

Interessenwahrung), sind bei der – obsiegenden – Beschwerdeführerin je-

doch nicht erfüllt, weshalb ihr keine Parteientschädigung zuzusprechen ist 

(vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_138/2017, 8C_143/2017 vom 23. Mai 

2017 E. 7 mit Hinweisen). 

 

 
   

Das Versicherungsgericht erkennt: 

 

1. 

In teilweiser Gutheissung der Beschwerde wird die Verfügung vom 19. Mai 

2022 aufgehoben und die Sache zur weiteren Abklärung im Sinne der Er-

wägungen und zur Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückge-

wiesen.  

 

2. 

Die Verfahrenskosten von Fr. 800.00 werden der Beschwerdegegnerin auf-

erlegt.  

 

3. 

Es werden keine Parteientschädigungen zugesprochen. 

 

 
 

   

Zustellung an: 

die Beschwerdeführerin 

die Beschwerdegegnerin 

die Beigeladene 

das Bundesamt für Sozialversicherungen 

 

  

 - 7 - 

 

 

 

 
   

Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 

 

Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen seit der Zustellung beim 

Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung 

mit Art. 90 ff. BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom sieb-

ten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli 

bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar 

(Art. 46 BGG).  

 

Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 

6004 Luzern, zuzustellen. 

 

Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe 

der Beweismittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines 

Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweis-

mittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Hän-

den hat (Art. 42 BGG). 

 

 
   

Aarau, 25. Oktober 2022 

 

Versicherungsgericht des Kantons Aargau 

1. Kammer 

Der Präsident: Der Gerichtsschreiber: 

 

 

 

Kathriner Meier