# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** f739ff73-8aa4-5cd6-b08c-d6245e9bf025
**Source:** St. Gallen (SG)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-11-07
**Language:** de
**Title:** St.Gallen Versicherungsgericht 07.11.2023 IV 2023/82
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SG_Gerichte/SG_VSG_001_IV-2023-82_2023-11-07.pdf

## Full Text

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 1/15

Publikationsplattform

St.Galler Gerichte

Fall-Nr.: IV 2023/82

Stelle: Versicherungsgericht

Rubrik: IV - Invalidenversicherung

Publikationsdatum: 11.09.2024

Entscheiddatum: 07.11.2023

Entscheid Versicherungsgericht, 07.11.2023
Art. 28 IVG. Art. 26 IVV. Frühinvalidität. Invalidenrente (Entscheid des 
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 7. November 2023, IV 
2023/82). Aufgehoben durch Urteil des Bundesgerichts 8C_771/2023, 
8C_826/2023.

Entscheid vom 7. November 2023

Besetzung

Präsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Karin Huber-Studerus und Tanja 

Petrik-Haltiner; Gerichtsschreiber Tobias Bolt

Geschäftsnr.

IV 2023/82

Parteien

A.___,

Beschwerdeführerin,

vertreten durch Fürsprecher lic. iur. Daniel Küng, Anwaltskanzlei Daniel Küng, 

Rorschacherstrasse 150, 9000 St. Gallen,

gegen

IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 2/15

Publikationsplattform

St.Galler Gerichte

Beschwerdegegnerin,

Gegenstand

Rente

Sachverhalt

A.  

A.___ meldete sich im Februar 2020 zum Bezug von Leistungen der 

Invalidenversicherung an (IV-act. 11). Sie gab an, sie habe keine berufliche Ausbildung 

absolviert. Sie sei zu 70 Prozent als technische Produktionsmitarbeiterin angestellt. Der 

Jahreslohn betrage 49’132 Franken. Die Psychiaterin Dr. med. B.___ berichtete im April 

2020 (IV-act. 27), die Versicherte leide an einer generalisierten Angststörung, an einer 

spezifischen Phobie, an einer hypochondrischen Störung sowie an einem 

Erschöpfungssyndrom. Im September 2020 teilte der Psychiater med. pract. C.___ der 

IV-Stelle mit (IV-act. 50), die Versicherte leide an einem Aufmerksamkeitsdefizit- und 

Hyperaktivitätssyndrom sowie an einer mittelgradigen depressiven Episode. Sie sei 

vollständig arbeitsunfähig. Mit einer Mitteilung vom 17. März 2021 wies die IV-Stelle 

das Begehren um berufliche Eingliederungsmassnahmen mit der Begründung ab, 

„zurzeit“ seien aufgrund des Gesundheitszustandes keine Eingliederungsmassnahmen 

möglich (IV-act. 63).

A.a. 

Im Auftrag der IV-Stelle erstattete der Psychiater Prof. Dr. med. D.___ am 4. 

Februar 2022 ein fachärztliches Gutachten (IV-act. 94). Er hielt fest, die Versicherte sei 

in der Kontaktaufnahme und im Kontaktverhalten sehr auffällig gewesen. Sie sei 

ausgesprochen vorschnell gewesen. Er habe kaum einen Satz zu Ende sprechen 

können. Ihr Vortragsstil sei stark aufmerksamkeitssuchend und ausgestaltend 

gewesen. Sie sei im Untersuch sehr klagsam, negativistisch und fordernd gewesen. 

Nach dem eigentlichen Untersuch habe sie noch etwa zehn Minuten lang bei 

ausgeschaltetem Tonband über diverse Selbstverletzungen berichtet, die sie nicht in 

den Akten erwähnt haben wollte. Gesamthaft habe nur mühsam ein tragfähiger 

Rapport hergestellt werden können. Die Versicherte habe während der Untersuchung 

A.b. 

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 3/15

Publikationsplattform

St.Galler Gerichte

gut Blickkontakt zum Sachverständigen halten können. Der Beschwerdevortrag habe 

einem fordernden Klagemonolog bei einer extrem hohen Mitteilungsbedürftigkeit 

entsprochen. Die Versicherte habe in ihrem Redefluss kaum gestoppt werden können. 

Sie habe den Sachverständigen kaum ausreden lassen und die Frageversuche 

vorschnell beantwortet. Die Versicherte sei vollständig orientiert gewesen. 

Gedächtnisstörungen hätten nicht festgestellt werden können. Die Konzentration und 

die Aufmerksamkeit seien vermindert gewesen. Zudem habe eine erhöhte 

Ablenkbarkeit bestanden. Der formale Gedankengang sei leicht sprunghaft gewesen. 

Im Tempo sei das Denken leicht beschleunigt gewesen. Das Arousal sei erhöht 

gewesen. Die Versicherte sei gut spürbar gewesen. Während des 

Untersuchungsverlaufs sei die Stimmung wechselhaft, die Emotionalität instabil 

gewesen. Zudem hätten eine Angespanntheit und eine Unruhe bestanden. Die 

Schwingungsfähigkeit sei affektiert gewesen. Die Psychomotorik sei gesteigert 

gewesen. Bezüglich der Persönlichkeit hätten emotional-instabile und histrionische 

Anteile festgestellt werden können. Es habe eine Ich-Schwäche mit einem instabilen 

Selbstbildnis und Ängsten vor Zurückweisung und Nichtgeliebtwerdens bestanden. Die 

Versicherte habe eine theatralische Selbstinszenierung mit klagend-fordernden 

Verhaltensweisen, einer Störung der Interaktionalität und einer gestörten 

Affektsteuerung präsentiert. Diagnostisch leide die Versicherte an einer kombinierten 

Persönlichkeitsstörung mit histrionischen Zügen und emotional-instabilen Anteilen vom 

Borderline-Typus, an einer gegenwärtig weitgehend remittierten rezidivierenden 

depressiven Störung mit im Verlauf mittelgradigen Episoden, an einem psycho-

physischen Erschöpfungssyndrom und an einem Status nach persönlichen 

ängstigenden Erlebnissen in der Kindheit. Zudem bestehe der hochgradige Verdacht 

auf ein ADHS. Der psychiatrische Gesundheitsschaden sei gesamthaft als leicht- bis 

mässiggradig zu qualifizieren. Eine anhaltende vollständige Arbeitsunfähigkeit sei nicht 

nachvollziehbar. Unter einer leitliniengerechten Behandlung werde sich die 

Arbeitsfähigkeit innerhalb von sechs Monaten auf 50 Prozent und anschliessend weiter 

bis auf 70 Prozent steigern lassen. Am 28. Februar 2022 notierte med. pract. E.___ vom 

IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD), auf das Gutachten von Prof. Dr. D.___ 

könne aus formalen Gründen nicht abgestellt werden, weil gemäss den Ausführungen 

des Sachverständigen möglicherweise auch ein somatischer Gesundheitsschaden 

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 4/15

Publikationsplattform

St.Galler Gerichte

vorliege; die Versicherte müsse folglich polydisziplinär begutachtet werden (IV-act. 

104).

Am 18. November 2022 berichtete die Neuropsychologin F.___ über eine knapp 

vierstündige neuropsychologische Testung, die sie im Auftrag des behandelnden 

Psychiaters C.___ durchgeführt hatte (IV-act. 119). Sie führte aus, die Versicherte habe 

eine gute Anstrengungsbereitschaft gezeigt. Weder aus der klinischen 

Verhaltensbeobachtung noch aus den Testergebnissen (einschliesslich der 

Beschwerdevalidierungsverfahren) hätten sich Hinweise auf Inkonsistenzen, eine 

verminderte Anstrengungsbereitschaft oder Aggravationstendenzen ergeben. Die 

Testergebnisse seien folglich als valide zu qualifizieren. Sie zeigten eine minimale 

kognitive Funktionsstörung. Im Vordergrund stünden deutliche Auffälligkeiten der 

Affekt-, Antriebs- und Verhaltensregulation sowie eine instabile psycho-physische 

Belastbarkeit. Ätiologisch seien die kognitiven Defizite gut im Rahmen der bereits 

diagnostizierten emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung und des ADHS erklärbar. 

Aus neuropsychologischer Sicht seien – auch für leidensadaptierte Tätigkeiten – vor 

allem aufgrund der Aufmerksamkeitsproblematik ein leicht erhöhtes Pausenbedürfnis 

und damit eine über die Woche leicht reduzierte Gesamtarbeitsfähigkeit zu attestieren.

A.c. 

Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die Ärztliches Begutachtungsinstitut (ABI) GmbH 

am 9. Januar 2023 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 130). Der fallführende 

internistische Sachverständige hielt fest, aus internistischer Sicht könne weder aktuell 

noch für die Vergangenheit eine Gesundheitsbeeinträchtigung mit Auswirkung auf die 

Arbeitsfähigkeit diagnostiziert werden. Der psychiatrische Sachverständige führte aus, 

die Versicherte sei wach, bewusstseinsklar und zu allen Qualitäten voll orientiert 

gewesen. Sie habe dem Gespräch über die ganze Zeit gut folgen können. Ihre Angabe, 

ihre Konzentration sei eingeschränkt, sei durch die neuropsychologischen 

Testergebnisse bestätigt worden. Die Versicherte habe angegeben, dass sie ab und zu 

den Faden verliere. Insgesamt sei der formale Gedankengang aber ungestört gewesen. 

Die Stimmungslage sei ausgeglichen gewesen. Die Kriterien für die Diagnose einer 

depressiven Störung seien nicht erfüllt. Die Stimmungsschwankungen seien als ein 

Symptom der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung zu qualifizieren. Die 

neuropsychologische Testung habe das Bestehen eines ADHS bestätigt. Diagnostisch 

leide die Versicherte an einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom 

A.d. 

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 5/15

Publikationsplattform

St.Galler Gerichte

Borderline-Typus, an einem ADHS im Erwachsenenalter sowie an einer anhaltenden 

somatoformen Schmerzstörung. Die Kriterien für die Diagnose einer weiteren 

psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung, insbesondere einer depressiven Störung 

oder einer posttraumatischen Belastungsstörung, die in einem Bericht des 

behandelnden Psychiaters C.___ erwähnt worden sei, seien nicht erfüllt. Die jahrelange 

Misshandlung durch den Vater in der Kindheit habe aber wohl massgeblich zur 

Entwicklung der Persönlichkeitsstörung beigetragen. Für eine leidensadaptierte 

Tätigkeit sei ein Arbeitsfähigkeitsgrad von 70 Prozent zu attestieren. Der 

rheumatologische Sachverständige hielt fest, die Versicherte leide an einem cervicalen 

Schmerzsyndrom, an einem chronischen panvertebralen Schmerzsyndrom sowie an 

einem chronischen multiloculären, somatisch nicht abstützbaren Schmerzsyndrom. 

Keine dieser Diagnosen wirke sich auf die Arbeitsfähigkeit aus. Der (im Gutachten 

detailliert beschriebene) objektive klinische Befund sei unauffällig gewesen. Bildgebend 

habe ebenfalls kein Befund erhoben werden können, der die von der Versicherten 

angegebenen Schmerzen auch nur ansatzweise erklären könnte. Die dermatologische 

Sachverständige führte aus, die Versicherte leide an einer androgenetischen Alopezie 

vom femininen Typ, an einem Status nach Akne vulgaris sowie an einer 

Rhinoconiunctivitis allergica. Keine dieser Diagnosen wirke sich auf die Arbeitsfähigkeit 

aus. Nach der Konsensbesprechung hielten die Sachverständigen fest, die Versicherte 

leide an einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ, an 

einem ADHS im Erwachsenenalter, an einer anhaltenden somatoformen 

Schmerzstörung sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an einem 

cervicalen Schmerzsyndrom, an einem chronischen panvertebralen Schmerzsyndrom, 

an einer androgenetischen Alopezie vom femininen Typ, an einem Status nach Akne 

vulgaris und an einer Rhinoconiunctivitis allergica. Eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit 

sei ihr zu 70 Prozent zumutbar. Als ideal leidensadaptiert sei eine Tätigkeit zu 

qualifizieren, bei der es der Versicherten möglich sei, zusätzliche Pausen einzulegen. 

Das Arbeitsumfeld sollte von einer wohlwollenden Atmosphäre geprägt sein. Die 

Versicherte müsse die Möglichkeit haben, ihre Arbeitszeit flexibel zu gestalten. 

Retrospektiv sei aufgrund der Akten davon auszugehen, dass dieser 

Arbeitsfähigkeitsgrad seit der Aufnahme einer psychiatrischen Behandlung im 

September 2019 bestehe. Die RAD-Ärztin Dr. med. G.___ qualifizierte das Gutachten 

als in somatischer Hinsicht überzeugend (IV-act. 132–1 f.). Der RAD-Arzt E.___ 

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 6/15

Publikationsplattform

St.Galler Gerichte

B.  

qualifizierte den neuropsychologischen Bericht sowie das psychiatrische Teilgutachten 

als ebenfalls überzeugend (IV-act. 132–2 ff.).

Mit einem Vorbescheid vom 31. Januar 2023 teilte die IV-Stelle der Versicherten 

mit, dass sie die Abweisung des Rentenbegehrens mangels eines rentenbegründenden 

Invaliditätsgrades vorsehe (IV-act. 135). Dagegen wandte die Versicherte am 22. 

Februar 2023 ein (IV-act. 148–1 f.), sie leide täglich unter starken Schmerzen sowie 

unter einer ausgeprägten Erschöpfung. Sie wende alle Therapieformen an, die sie über 

die Jahre erlernt habe. Der behandelnde Psychiater C.___ hatte am 15. Februar 2023 

festgehalten (IV-act. 148–4 ff.), die Versicherte habe in den vergangenen Jahren immer 

wieder an depressiven Symptomen gelitten, deren Schweregrad geschwankt habe. 

Aktuell leide sie an einer mittelgradigen Episode. Zudem seien die Kriterien für die 

Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung erfüllt. Aktuell sei sie weiterhin 

vollständig arbeitsunfähig. Der RAD-Arzt E.___ notierte am 17. April 2023 (IV-act. 150), 

die Stellungnahme des behandelnden Psychiaters C.___ beruhe hauptsächlich auf den 

Angaben der Versicherten. Der behandelnde Psychiater habe keine Aspekte angeführt, 

die bislang unberücksichtigt geblieben wären. Seine Stellungnahme wecke deshalb 

keinen Zweifel an der Überzeugungskraft des Gutachtens der ABI GmbH. Mit einer 

Verfügung vom 18. April 2023 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der Versicherten 

ab (IV-act. 151).

A.e. 

Am 9. Mai 2023 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine 

Beschwerde gegen die Verfügung vom 18. April 2023 erheben (act. G 1). Sie liess die 

Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Zusprache einer ganzen Rente „ab wann 

rechtens“, spätestens ab August 2020, sowie eventualiter die Rückweisung der Sache 

an die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zur Durchführung von weiteren 

Abklärungen beantragen. Zur Begründung liess sie ausführen, die Folge der von den 

Sachverständigen der ABI GmbH beschriebenen Störungen sei, dass sie keine 

ausreichenden persönlichen Ressourcen habe, um Stressoren angemessen zu 

begegnen. Beim Auftreten von Stressoren und Druck verstärkten sich die körperlichen 

Beschwerden und die wechselnden Stimmungslagen gegenseitig, was eine 

gleichbleibende Arbeitsleistung über einen längeren Zeitraum hinweg verunmögliche. 

B.a. 

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 7/15

Publikationsplattform

St.Galler Gerichte

Erwägungen

1.

Der Zweck dieses Beschwerdeverfahrens besteht in der Überprüfung der 

angefochtenen Verfügung auf deren Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem 

des vorangegangenen Verwaltungsverfahrens entsprechen muss. Dieses hat sich nach 

der Abweisung des Begehrens um berufliche Massnahmen am 17. März 2021 auf die 

Prüfung eines im Februar 2020 gestellten Rentenbegehrens und damit auf die Frage 

beschränkt, ob die Beschwerdeführerin ab dem 1. August 2020 (vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG) 

einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung gehabt hat. Auch in diesem 

Aufgrund des ADHS sei es der Beschwerdeführerin nicht möglich, komplexere 

Tätigkeiten auszuüben. Zu beachten sei, dass sie schon seit der Kindheit und Jugend 

an einer erheblichen Gesundheitsbeeinträchtigung leide. Darin sei der eigentliche 

Grund für den Abbruch einer einst begonnenen Berufslehre zu erblicken. Ohne die 

Gesundheitsbeeinträchtigung hätte die Beschwerdeführerin eine andere Validenkarriere 

einschlagen können. Die Beschreibung einer ideal leidensadaptierten Tätigkeit im 

Gutachten der ABI GmbH entspreche ziemlich genau der Definition eines 

Arbeitsplatzes in einem geschützten Rahmen. Weshalb die Beschwerdegegnerin 

keinen „Leidensabzug“ vorgenommen habe, sei nicht nachvollziehbar. Gerechtfertigt 

sei ein Abzug von mindestens 20 Prozent.

Die Beschwerdegegnerin beantragte am 28. Juni 2023 die Abweisung der 

Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie an, aufgrund der Akten könne nicht 

mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit davon 

ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin krankheitsbedingt daran gehindert 

gewesen sei, eine Berufsausbildung zu absolvieren. Die Beschwerdegegnerin habe 

deshalb zu Recht auf den zuletzt erzielten Lohn als Valideneinkommen abgestellt. Ein 

Abzug vom Tabellenlohn sei nicht gerechtfertigt, weil den geltend gemachten 

Einschränkungen bereits mit dem Arbeitsunfähigkeitsattest Rechnung getragen worden 

sei.

B.b. 

Die Beschwerdeführerin liess am 31. Juli 2023 an ihren Anträgen festhalten (act. G 

8). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 10).

B.c. 

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 8/15

Publikationsplattform

St.Galler Gerichte

Beschwerdeverfahren ist deshalb ausschliesslich zu prüfen, ob ab dem 1. August 2020 

ein Rentenanspruch bestanden hat.

2.

Eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare 

Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, die 

während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich 

mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem Ablauf dieses 

Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, hat gemäss dem Art. 28 IVG einen 

Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung. Für die Bemessung der Invalidität 

wird das Erwerbseinkommen, das sie nach dem Eintritt der 

Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen 

Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare 

Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu 

jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben 

wäre.

3.  

Die Beschwerdeführerin ist zuletzt offenbar lediglich in einem Pensum von 70 

Prozent erwerbstätig gewesen, was die Frage nach der Anwendung der sogenannten 

gemischten Methode aufwirft. Wie die Beschwerdegegnerin zu Recht festgehalten hat 

(vgl. IV-act. 134–3), ist die Beschwerdeführerin in Würdigung sämtlicher Umstände 

nicht als teil-, sondern als vollerwerbstätig zu qualifizieren, weil sie infolge ihrer 

Sozialhilfeabhängigkeit und der hohen Schulden im hypothetischen „Gesundheitsfall“ 

finanziell gezwungen wäre, einer vollzeitigen Erwerbstätigkeit nachzugehen, und weil 

sie keine familiären Betreuungspflichten hat, die einer Vollzeiterwerbstätigkeit entgegen 

stehen würden. Überwiegend wahrscheinlich dürfte die Ausübung einer 

Erwerbstätigkeit in einem Teilpensum zudem durch die Gesundheitsbeeinträchtigung 

und die daraus resultierende Reduktion der Arbeitsfähigkeit beeinflusst gewesen sein.

3.1. 

Die Beschwerdeführerin leidet gemäss dem Gutachten der ABI GmbH unter 

anderem an einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ 

sowie an einem ADHS im Erwachsenenalter. Die Persönlichkeitsstörung hat sich 

gemäss den überzeugenden Ausführungen des psychiatrischen Sachverständigen der 

ABI GmbH bereits in der Kindheit und Jugend entwickelt, was definitionsgemäss 

typisch für Persönlichkeitsstörungen ist. Auch das ADHS hat sich überwiegend 

wahrscheinlich nicht erst im Erwachsenenalter entwickelt, da es sich dabei um ein 

3.2. 

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 9/15

Publikationsplattform

St.Galler Gerichte

Syndrom handelt, das in aller Regel schon im Kindes- und Jugendalter besteht, und da 

in den Akten nichts darauf hindeutet, dass das ADHS hier erst im Erwachsenenalter 

aufgetreten wäre. Die beiden Gesundheitsbeeinträchtigungen haben folglich bereits 

bestanden, als die Beschwerdeführerin versucht hat, eine berufliche Ausbildung zu 

absolvieren. Überwiegend wahrscheinlich haben sie die Fähigkeit der 

Beschwerdeführerin, die begonnene Ausbildung oder eine andere Ausbildung 

abzuschliessen, negativ beeinflusst. Die Frage, ob sich diese 

Gesundheitsbeeinträchtigungen auch bereits auf die Wahl der Berufskarriere 

ausgewirkt hatten, lässt sich nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der 

überwiegenden Wahrscheinlichkeit beantworten. Folglich fehlt ein Nachweis für die 

Behauptung, die Beschwerdeführerin hätte auch im sogenannten hypothetischen 

„Gesundheitsfall“ eine Ausbildung zur Bäckerin-Konditorin begonnen, weshalb völlig 

offen ist, welchen Berufsweg die Beschwerdeführerin im hypothetischen 

„Gesundheitsfall“ eingeschlagen hätte. Bezüglich der Validenkarriere und damit auch 

des Valideneinkommens liegt damit eine objektive Beweislosigkeit vor. Wenn es keine 

spezifischere gesetzliche Grundlage gäbe, müsste sich diese Beweislosigkeit in einer 

lückenfüllenden analogen Anwendung des Art. 8 ZGB zulasten der Beschwerdeführerin 

auswirken, was bedeuten würde, dass sie nie einen Rentenanspruch haben könnte, 

weil sich ihr Invaliditätsgrad nicht bestimmen liesse. Da ein solches Ergebnis im 

höchsten Mass stossend wäre, hat der Verordnungsgeber im Art. 26 Abs. 1 IVV (in der 

nach den gemäss der bundesgerichtlichen Auffassung geltenden 

intertemporalrechtlichen Grundsätzen hier massgebenden Fassung vor dem 1. Januar 

2022, weil ein Rentenanspruch ab dem Jahr 2020 zur Diskussion steht) für Fälle wie 

diesen die Fiktion aufgestellt, das Valideneinkommen einer sogenannt frühinvaliden 

Person entspreche einem nach dem Alter abgestuften Prozentsatz des jährlich 

aktualisierten Medianwertes gemäss der Schweizer Lohnstrukturerhebung. Diese 

Verordnungsbestimmung kann sich zwar nicht auf eine hinreichende gesetzliche 

Grundlage stützen. Sie löst aber ein offenkundiges Beweisproblem, für das weder das 

ATSG noch das IVG eine akzeptable Lösung bieten, das heisst sie füllt eine (echte) 

Gesetzeslücke. Die Verordnungslösung gewährleistet eine rechtsgleiche und 

verhältnismässige Lösung des auf der Gesetzesstufe ungelösten Beweisproblems und 

ist deshalb vom Vollzugsauftrag des Art. 86 Abs. 2 IVG gedeckt. Das 

Valideneinkommen der Beschwerdeführerin ist folglich fiktiv festzusetzen (vgl. zum 

Ganzen auch den Entscheid IV 2013/629 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 

27. Februar 2018, E. 2.2). Es beträgt 83’500 Franken (vgl. die IV-Rundschreiben Nr. 393 

und 403).

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 10/15

Publikationsplattform

St.Galler Gerichte

Für die Bestimmung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens ist 

massgebend, welche Tätigkeiten der Beschwerdeführerin aus medizinischer Sicht in 

welchem Umfang zumutbar sind. Zur Beantwortung dieser Frage hat die 

Beschwerdegegnerin zunächst ein psychiatrisches Gutachten bei Prof. Dr. D.___ 

eingeholt. Der RAD hat in der Folge aber mit einer überzeugenden Begründung 

aufgezeigt, dass angesichts der Ausführungen von Prof. Dr. D.___ eine 

neuropsychologische Testung sowie eine somatische Begutachtung durchgeführt 

werden musste. Nach der Praxis des Bundesgerichtes muss ein neuropsychologischer 

Testbericht zwingend psychiatrisch gewürdigt werden, weshalb es verhältnismässig 

gewesen ist, eine neuropsychologische Testung sowie eine polydisziplinäre 

Begutachtung in Auftrag zu geben. Die Beschwerdegegnerin hat folglich zu Recht ein 

polydisziplinäres Gutachten der ABI GmbH eingeholt, wobei sie die Sachverständigen 

aufgefordert hat, ein zuvor eingeholtes neuropsychologisches Gutachten zu würdigen. 

Die Sachverständigen haben die Beschwerdeführerin internistisch, psychiatrisch, 

rheumatologisch und dermatologisch untersucht. Sie haben die medizinischen 

Vorakten eingehend gewürdigt. Sie sind also mit dem für ihre medizinische Beurteilung 

massgebenden Sachverhalt bestens vertraut gewesen. Nichts deutet darauf hin, dass 

sie eine wesentliche Tatsache übersehen oder ignoriert hätten. Sie haben die für die 

Beurteilung der Arbeitsfähigkeit massgebenden objektiven klinischen Befunde 

umfassend erhoben und detailliert geschildert. In internistischer und dermatologischer 

Hinsicht ist kein Befund erhoben worden, der sich auf die Arbeitsfähigkeit der 

Beschwerdeführerin ausgewirkt hätte. Obwohl die Beschwerdeführerin über diverse 

Beschwerden und Schmerzen am Bewegungsapparat geklagt hat, hat der 

rheumatologische Sachverständige weder klinisch noch bildgebend einen objektiven 

Befund erheben können, der die Schmerzen – „auch nur ansatzweise“ – hätte erklären 

können. Sein Attest einer aus rheumatologischer Sicht uneingeschränkten 

Arbeitsfähigkeit überzeugt deshalb. Die neuropsychologische Testung hat eine 

minimale kognitive Funktionsstörung mit im Vordergrund stehenden deutlichen 

Auffälligkeiten der Affekt-, Antriebs- und Verhaltensregulation sowie einer instabilen 

psycho-physischen Belastbarkeit objektiviert. Die neuropsychologische 

Sachverständige hat eine „leicht reduzierte“ Gesamtarbeitsfähigkeit attestiert, die sie 

hauptsächlich mit einer Aufmerksamkeitsproblematik und einem damit einhergehenden 

erhöhten Pausenbedarf begründet hat. Der psychiatrische Sachverständige hat diese 

Ausführungen als überzeugend qualifiziert und festgehalten, mit den 

neuropsychologischen Testergebnissen sei eine Konzentrations- und 

Aufmerksamkeitsbeeinträchtigung objektiviert worden. Er hat die von der 

neuropsychologischen Sachverständigen vage als „leichte Reduktion“ bezeichnete 

Arbeitsunfähigkeit auf 30 Prozent beziffert, was – notwendigerweise aus der Sicht eines 

3.3. 

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 11/15

Publikationsplattform

St.Galler Gerichte

medizinischen Laien – überzeugt, wenn auch die Einschränkung von fast einem Drittel 

anhand der minimalen objektiven Auffälligkeiten aus neuropsychologischer und 

psychiatrischer Sicht als eher hoch erscheint. In diagnostischer Hinsicht hat der 

psychiatrische Sachverständige anschaulich aufgezeigt, dass die in den Akten 

beschriebenen Stimmungsschwankungen nicht das Symptom einer eigenständigen 

depressiven Störung, sondern vielmehr eine Auswirkung der Persönlichkeitsstörung 

gewesen sind. Er hat keine depressiven Symptome feststellen können. Ebenso 

überzeugend hat er aufgezeigt, dass die Kriterien für die Diagnose einer 

posttraumatischen Belastungsstörung nicht erfüllt gewesen sind. Was der behandelnde 

Psychiater C.___ dagegen vorgebracht hat, überzeugt nicht, zumal er gerichtsnotorisch 

dazu neigt, bei seinen Patienten sowohl bezüglich der Diagnosestellung als auch 

bezüglich der Arbeitsfähigkeitsschätzung allzu pessimistische Beurteilungen 

abzugeben, was den aufgrund des therapeutischen Behandlungsauftrages 

bestehenden objektiven Anschein der Befangenheit bestärkt. In seinen Ausführungen 

findet sich nichts, was sein Attest einer vollständig aufgehobenen Arbeitsfähigkeit der 

Beschwerdeführerin nachvollziehbar begründen würde. Zusammenfassend steht 

gestützt auf das in jeder Hinsicht überzeugende Gutachten der ABI GmbH mit dem 

erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass die 

Beschwerdeführerin ab September 2019 zu 30 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist.

Entgegen der Behauptung des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin sind die 

Anforderungen an eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit nicht so hoch, dass eine solche 

Tätigkeit nur in einem geschützten Rahmen gefunden werden könnte. Die 

Beschwerdeführerin benötigt lediglich ein wohlwollendes Umfeld sowie die 

Möglichkeit, zusätzliche Pausen einzulegen und ihre Arbeitszeit einigermassen flexibel 

zu gestalten. Solche Tätigkeiten sind auf dem allgemeinen und ausgeglichenen 

Arbeitsmarkt durchaus auch ausserhalb eines geschützten Rahmens zu finden. Der 

Ausgangswert des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens entspricht dem 

statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne. Allerdings muss (entgegen der 

Ansicht der Beschwerdegegnerin, der „Leidensabzug“ diene nur dazu, eine allzu 

strenge medizinische Arbeitsfähigkeitsschätzung abzumildern), davon ausgegangen 

werden, dass die Beschwerdeführerin ihre Arbeitsfähigkeit nicht mit demselben 

ökonomischen Erfolg verwerten kann wie eine gesunde, im selben Pensum tätige 

Person. Ein strikt ökonomisch-betriebswirtschaftlich denkender, also keinen Soziallohn 

ausrichtender Arbeitgeber wird ihr nämlich keinen durchschnittlichen, sondern nur 

einen unterdurchschnittlichen Lohn ausbezahlen, um seinen aus der Anstellung der 

Beschwerdeführerin resultierenden „Arbeitsmehrwert“ – die Differenz zwischen dem 

ökonomischen Wert der Arbeitsleistung und den direkten und indirekten Lohn- und 

3.4. 

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 12/15

Publikationsplattform

St.Galler Gerichte

Lohnnebenkosten – auf einen durchschnittlichen Betrag zu erhöhen. Die 

Beschwerdeführerin kann nur einen unterdurchschnittlichen ökonomischen Mehrwert 

generieren, da die indirekten Lohnkosten und die Lohnnebenkosten 

überdurchschnittlich hoch sind, sodass für den Arbeitgeber nur ein 

unterdurchschnittlicher „Arbeitsmehrwert“ resultiert. Ein strikt betriebswirtschaftlich 

operierender, also ganz bewusst keinen Soziallohn ausrichtender Arbeitgeber wird das 

nicht hinnehmen, sondern diese „Einbusse“ auf die Beschwerdeführerin überwälzen, 

indem er ihr nur einen unterdurchschnittlichen Lohn bezahlt, sodass für ihn im Ergebnis 

ein durchschnittlicher „Arbeitsmehrwert“ resultiert. Ein potentieller Arbeitgeber müsste 

bei einer Beschäftigung der Beschwerdeführerin unter anderem in Kauf nehmen, dass 

die Beschwerdeführerin nicht so flexibel wie eine gesunde, in einem Pensum von 

mindestens 70 Prozent tätige Arbeitnehmerin eingesetzt werden könnte, weil sie nur 

ideal leidensadaptierte Tätigkeiten ausführen und weil sie keine Mehr- oder 

Überstunden leisten könnte, weil das zumutbare Pensum von (mindestens) 70 Prozent 

das Maximum dessen darstellen würde, was sie zu leisten in der Lage ist, und weil die 

Beschwerdeführerin ihren Arbeitsplatz den ganzen Tag besetzen, aber nur zu 

mindestens 70 Prozent mit der Erzielung eines ökonomischen Mehrwertes „auslasten“ 

würde. Zudem würde sie eine besonders hohe Rücksichtnahme ihr gegenüber 

respektive ein besonders wohlwollendes Arbeitsumfeld benötigen. Entgegen der 

ständigen Praxis der Abteilung II des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen, 

nach der bei einer psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung, insbesondere bei einer 

depressiven Erkrankung, in der Regel ein Abzug von 15 Prozent vorgenommen wird, 

rechtfertigt sich hier nur ein Abzug von zehn Prozent. Es liegt nämlich keine psychische 

Gesundheitsbeeinträchtigung vor, die eine Beschäftigung der Beschwerdeführerin in 

einem besonderen Ausmass erschweren würde. Namentlich ist – anders als bei einer 

depressiven Person – nicht mit vermehrten krankheitsbedingten Absenzen und einer 

überdurchschnittlich stark schwankenden Arbeitsleistung zu rechnen. Die 

Beschwerdeführerin benötigt lediglich zusätzliche Pausen und ein wohlwollendes 

Arbeitsumfeld. Das zumutbarerweise erzielbare Invalideneinkommen im Zeitpunkt des 

frühestmöglichen Rentenbeginns am 1. September 2020 (Beginn des Wartejahres im 

September 2019; Anmeldung im Februar 2020) beträgt folglich 35’105 Franken (= 

55’722 Franken × 90% × 70%; vgl. den Anhang 2 der von der Informationsstelle AHV/

IV herausgegebene Textausgabe des IVG, 11. Aufl. 2022). Im Zeitpunkt des 

Abschlusses des Verwaltungsverfahrens hat es sich auf 35’613 Franken belaufen (= 

55’722 Franken × 90% × 70% ÷ 103.6 [Indexstand Nominallöhne Frauen im Jahr 2020; 

Basis 2015 = 100 Punkte] × 105.1 [Indexstand Nominallöhne Frauen im Jahr 2022]).

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 13/15

Publikationsplattform

St.Galler Gerichte

Bei einem Valideneinkommen von 83’500 Franken und einem zumutbarerweise 

erzielbaren Invalideneinkommen von 35’105 Franken respektive von 35’613 Franken 

resultiert ein Invaliditätsgrad von 57,96 respektive 57,35 Prozent. Das Wartejahr hat im 

September 2019 zu laufen begonnen und folglich am 31. August 2020 geendet. Da sich 

die Beschwerdeführerin im Februar 2020 zum Bezug einer Rente angemeldet hat, hat 

die Sechsmonatsfrist des Art. 29 Abs. 1 IVG bereits am 31. Juli 2020 geendet, was 

bedeutet, dass der Rentenanspruch am 1. September 2020 entstanden ist. Bei einem 

Invaliditätsgrad von 57 respektive 58 Prozent besteht ein Anspruch auf eine halbe 

Rente.

3.5. 

Der psychiatrische Sachverständige der ABI GmbH hat festgehalten, dass bei einer 

Optimierung der medizinischen Behandlung mit einer wesentlichen Verbesserung der 

Arbeitsfähigkeit innerhalb von sechs Monaten und sogar mit einer vollständigen 

Arbeitsfähigkeit nach zwei Jahren gerechnet werden könne. Das bedeutet, dass die 

medizinische Eingliederung im Zeitpunkt der Eröffnung der angefochtenen Verfügung 

noch gar nicht abgeschlossen gewesen ist. Das Versicherungsgericht des Kantons St. 

Gallen hat Fälle mit einer lange dauernden, noch nicht abgeschlossenen medizinischen 

Eingliederung in der Vergangenheit nicht einheitlich beurteilt. Es hat in einigen Fällen 

einen Rentenanspruch für die Dauer einer eingliederungsrelevanten medizinischen 

Behandlung mit dem Verweis auf den klaren und eindeutigen Wortlaut der Art. 8 Abs. 1 

(i.V.m. 7 Abs. 1) ATSG, 16 ATSG und 28 Abs. 1 lit. a IVG mangels einer 

anspruchsbegründenden Invalidität verneint, während es in anderen Fällen unter 

Verweis auf die sogenannte „Wartejahrregelung“ des Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG die 

Auffassung vertreten hat, mit dem Ablauf des Wartejahrs müsse in jedem Fall sofort ein 

Rentenanspruch entstehen, auch wenn die Invaliditätsdefinition des Art. 8 Abs. 1 (i.V.m. 

Art. 7 Abs. 1) ATSG noch nicht erfüllt sei. Im kantonalen Beschwerdeverfahren IV 

2016/328 ist den drei Abteilungen des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen 

in Anwendung des vom Art. 54 GerG (sGS 941.1) vorgesehenen Verfahrens die 

folgende Frage gestellt worden: „Haben Versicherte, die während eines Jahres ohne 

wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens zu 40 Prozent arbeitsunfähig 

gewesen sind und die nach Ablauf dieses Jahres weiterhin zu mindestens 40 Prozent 

arbeitsunfähig sind, grundsätzlich Anspruch auf eine Rente, obwohl zumutbare 

Eingliederungsmassnahmen, welche ihre Arbeitsfähigkeit […] wieder herstellen, 

erhalten oder verbessern können, nicht abgeschlossen sind?“ Diese Frage ist 

mehrheitlich bejaht worden, weshalb sich die Rechtsprechung des 

Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen seither nach der entsprechenden 

Formulierung richtet, die – entweder als Ergebnis einer Interpretation des Art. 28 Abs. 1 

IVG oder als gerichtliche Ausfüllung einer Lücke im Art. 28 IVG – dem ihrerseits klaren 

3.6. 

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 14/15

Publikationsplattform

St.Galler Gerichte

4.  

Die angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes praxisgemäss auf 600 

Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin 

aufzuerlegen. Der Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss von 

600 Franken zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin 

eine Parteientschädigung auszurichten, die angesichts des für einen IV-Rentenfall 

und eindeutigen Wortlaut entsprechend Anwendung finden muss. Ein entsprechender 

Rentenanspruch beruht dabei nicht auf einer Invalidität im Sinne des Art. 8 Abs. 1 

(i.V.m. Art. 7 Abs. 1) ATSG, sondern – wie bei einem UV- oder MV-Taggeld – auf einer 

Arbeitsunfähigkeit im Sinne des Art. 6 Satz 2 ATSG (vgl. etwa den Entscheid IV 

2021/136 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 28. April 2022, E. 5.2). In seinem 

Urteil BGE 148 V 397 hat das Bundesgericht einen Entscheid des St. Galler 

Versicherungsgerichtes, mit dem gestützt auf diesen „gemeinsamen Entscheid“ nach 

Art. 54 GerG eine Rente zugesprochen worden war, als rechtswidrig aufgehoben. Es 

hat festgehalten (E. 6.2), der Gesetzgeber sei sich mit der Formulierung des Art. 28 

Abs. 1 lit. c IVG bewusst gewesen, dass der Anspruch auf eine Invalidenrente nur 

entstehen könne, wenn nach dem Ablauf des Wartejahres eine entsprechende 

rentenbegründende Erwerbsunfähigkeit respektive Invalidität eintrete, wobei 

insbesondere zu erwähnen sei, dass auch die medizinischen Massnahmen zu den 

Eingliederungsmassnahmen gehörten (vgl. Art. 8 Abs. 3 lit. a IVG). Dem 

Versicherungsgericht sei vor allem in Erinnerung zu rufen, dass der Grundsatz 

„Eingliederung vor Rente“ greife, wenn die Erwerbsfähigkeit der versicherten Person 

durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder hergestellt, erhalten oder 

verbessert werden könne. Nur wenn keine entsprechenden Massnahmen (mehr) in 

Frage kämen, könne ein Rentenanspruch bejaht werden; andernfalls seien vorab 

geeignete Eingliederungsmassnahmen anzuordnen. Nach der gesetzlichen Konzeption 

könne eine Rente vor der Durchführung von Eingliederungsmassnahmen nur 

zugesprochen werden, wenn die versicherte Person wegen ihres 

Gesundheitszustandes nicht oder noch nicht eingliederungsfähig gewesen sei. Dass 

der Rentenanspruch grundsätzlich erst nach der Beendigung der 

Eingliederungsmassnahmen entstehen könne, gelte dabei selbst im Fall, dass diese nur 

einen Teilerfolg gebracht hätten oder gescheitert seien. Das Versicherungsgericht des 

Kantons St. Gallen hat seinen „gemeinsamen Entscheid“ nach Art. 54 GerG aber nicht 

widerrufen, weshalb hier ungeachtet des BGE 148 V 397 trotz des medizinischen 

Eingliederungspotentials der Beschwerdeführerin mit Wirkung ab dem 1. September 

2020 eine halbe Rente zuzusprechen ist. Die Sache ist zur Festsetzung der 

Rentenbeträge an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.

© Kanton St.Gallen 2025 Seite 15/15

Publikationsplattform

St.Galler Gerichte

durchschnittlichen Vertretungsaufwandes praxisgemäss auf 4’000 Franken 

(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen ist.

Entscheid

1.

Es wird festgestellt, dass die Beschwerdeführerin mit Wirkung ab dem 1. September 

2020 einen Anspruch auf eine halbe Rente der Invalidenversicherung hat; die Sache 

wird zur Festsetzung der Rentenbeträge an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen.

2.

Die Beschwerdegegnerin hat die Gerichtskosten von 600 Franken zu bezahlen; der 

Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss von 600 Franken 

zurückerstattet.

3.

Die Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin mit 4’000 Franken zu 

entschädigen.

	Publikationsplattform
	St.Galler Gerichte
	Entscheid Versicherungsgericht, 07.11.2023
	Art. 28 IVG. Art. 26 IVV. Frühinvalidität. Invalidenrente (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 7. November 2023, IV 2023/82). Aufgehoben durch Urteil des Bundesgerichts 8C_771/2023, 8C_826/2023.

	Publikationsplattform
	St.Galler Gerichte

	Publikationsplattform
	St.Galler Gerichte

	Publikationsplattform
	St.Galler Gerichte

	Publikationsplattform
	St.Galler Gerichte

	Publikationsplattform
	St.Galler Gerichte

	Publikationsplattform
	St.Galler Gerichte

	Publikationsplattform
	St.Galler Gerichte

	Publikationsplattform
	St.Galler Gerichte

	Publikationsplattform
	St.Galler Gerichte

	Publikationsplattform
	St.Galler Gerichte

	Publikationsplattform
	St.Galler Gerichte

	Publikationsplattform
	St.Galler Gerichte

	Publikationsplattform
	St.Galler Gerichte

	Publikationsplattform
	St.Galler Gerichte

		2025-07-19T00:41:35+0200
	"9001 St.Gallen"
	Publikationsplattform Kanton St.Gallen