# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 5162eca7-2a3a-5c2c-8c1b-9a63ca954f1e
**Source:** Solothurn (SO)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2021-08-17
**Language:** de
**Title:** Solothurn Obergericht Strafkammer 17.08.2021 STBER.2020.61
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SO_Omni/SO_OG_006_STBER-2020-61_2021-08-17.html

## Full Text

Obergericht

Strafkammer

 

 

 

 

 

 

Urteil vom 17. August 2021

Es wirken mit:

Präsident von Felten

Oberrichter Marti

Ersatzrichterin Lupi

Gerichtsschreiberin Ramseier

In Sachen

1.    Staatsanwaltschaft,
Franziskanerhof, Barfüssergasse 28, Postfach 157, 4502 Solothurn, 

Anklägerin

2.    A.___,
vertreten durch Rechtsanwältin Eveline Roos

Privatanschlussberufungsklägerin

 

gegen

 

B.___, amtlich verteidigt durch
Stefan Semela

Beschuldigter
und Berufungskläger 

 

betreffend     sexuelle
Handlungen mit Anstaltspfleglingen, evtl. Ausnützung der Notlage

Es erscheinen zur
Verhandlung vor Obergericht:

-       für die
Staatsanwaltschaft als Anklägerin Staatsanwalt C.___;

-       B.___, Beschuldigter
und Berufungskläger;

-       Rechtsanwalt Stefan
Semela, amtlicher Verteidiger des Beschuldigten;

-       Rechtsanwältin Eveline
Roos, unentgeltliche Rechtsbeiständin der Privatklägerin;

-       MLaw Lea Leiser,
Substitution von Rechtsanwältin Roos;

-       A.___, Privatklägerin,
in Begleitung einer Mitarbeiterin des [...]-Wohnheimes;

-       zwei Pressevertreter.

 

 

Der Präsident eröffnet die Verhandlung,
gibt die Zusammensetzung des Gerichts bekannt, stellt die Anwesenden fest und
legt kurz den Prozessgegenstand (vgl. nachfolgend II., Ziff. 1) sowie den
geplanten Ablauf der Verhandlung dar. Er lädt die Parteivertreter ein, ihre
Kostennote zu den Akten zu geben bzw. vorab dem Staatsanwalt zur allfälligen
Stellungnahme vorzulegen. Es werden weder Vorfragen gestellt noch gibt es
Vorbemerkungen. 

 

Anschliessend erfolgt die Befragung des
Beschuldigten. Sie wird mit technischen Mitteln aufgezeichnet (Datenträger in
den Akten). 

 

Es stellen und begründen folgende Anträge:

 

Staatsanwalt C.___:

 

1.   
B.___
sei gemäss Anklageschrift vom 5. Juni 2019 wegen mehrfachen sexuellen
Handlungen mit Anstaltspfleglingen und wegen mehrfacher Ausnützung der Notlage
schuldig zu sprechen.

2.   
Er
sei zu einer Freiheitsstrafe von 24 Monaten zu verurteilen, unter Gewährung des
bedingten Vollzugs bei einer Probezeit von 2 Jahren.

3.   
B.___
sei ein Tätigkeitsverbot von 10 Jahren aufzuerlegen für jede berufliche und
jede organisierte ausserberufliche Tätigkeit, die einen regelmässigen Kontakt
zu volljährigen, besonders schutzbedürftigen Personen umfasst.

4.   
Es
sei für die Dauer des Tätigkeitsverbots Bewährungshilfe anzuordnen.

5.   
Über
die geltend gemachten Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen
Rechtsbeiständin sowie die gestellten Zivilansprüche sei von Amtes wegen zu
entscheiden.

6.   
Die
Kosten des Verfahrens seien dem Beschuldigten nach richterlichem Ermessen
aufzuerlegen.

 

MLaw Lea Leiser:

 

1.   
B.___
sei im Sinne der Anklage schuldig zu sprechen und angemessen zu bestrafen.

2.   
B.___
sei zu verurteilen, A.___ eine Genugtuung in Höhe von mindestens CHF 12'000.00
zzgl. Zins von 5% seit dem 28. März 2016 zu bezahlen.

3.   
B.___
sei für den Schaden, welchen A.___ aus den Vorfällen gemäss Anklage erlitten
hat, dem Grundsatz nach zu 100 % als haftbar zu erklären.

4.   
Es
sei die Entschädigung der unentgeltlichen Rechtsbeiständin der Privatklägerin
gemäss Kostennote festzusetzen und zufolge unentgeltlicher Rechtspflege vom
Staat Solothurn zu zahlen, zahlbar durch die Zentrale Gerichtskasse Solothurn.
Vorzubehalten seien der Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren
sowie ein allfälliger Nachzahlungsanspruch der unentgeltlichen
Rechtsbeiständin, sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse des Beschuldigten
erlauben.

5.   
Es
seien die Kosten des Berufungsverfahrens dem Beschuldigten aufzuerlegen.

 

Rechtsanwalt Stefan Semela:

 

An den Berufungsanträgen der
Berufungserklärung vom 21. Juli 2020 halte der Beschuldigte unter Ergänzung des
Antrags auf Abweisung der Anschlussberufung der Privatklägerin fest. In der
Berufungserklärung vom 21. Juli 2020 wurden folgende Anträge gestellt:

 

1.   
Es
seien die Ziffern 1 bis 6 und 10 vollumfänglich und die Ziffer 7 des Urteils
vom 19. Dezember 2019 in Bezug auf den Rückforderungsanspruch des Staates
gegenüber dem Beschuldigten aufzuheben und es sei neu wie folgt zu urteilen:

-       es sei, soweit auf die
Anklage einzutreten ist, der Beschuldigte in allen Anklagepunkten
vollumfänglich von Schuld und Strafe freizusprechen;

-       es seien die
Zivilansprüche abzuweisen, eventualiter auf den Zivilweg zu verweisen;

-       es seien sämtliche
Verfahrenskosten auf die Staatskasse zu nehmen.

2.   
Es
sei die amtliche Verteidigung gemäss einzureichender Kostennote im
Berufungsverfahren zu entschädigen und die weiteren Kosten des Berufungsverfahrens
seien auf die Staatskasse zu nehmen.

 

Der Staatsanwalt und die Vertreterin der
Privatklägerin verzichten auf eine Replik. 

 

Angesprochen auf die Gelegenheit zu
einem letzten Wort erwähnt der Beschuldigte, er wolle nichts mehr sagen. 

 

Hierauf wird der öffentliche Teil der
Verhandlung geschlossen. Es erfolgt die geheime Beratung des Gerichts. Das
Urteil wird den Parteivertretern, A.___ und ihrer Begleiterin, den
Pressevertretern und einem Zuhörer durch den Präsidenten am folgenden Tag um 14.00
Uhr eröffnet und in den wesentlichen Punkten kurz begründet. Der Beschuldigte
hatte sich zuvor aus gesundheitlichen Gründen telefonisch dispensieren lassen. 

 

 

 

Die Strafkammer des Obergerichts zieht
in Erwägung:

 

I. Prozessgeschichte

 

1. Am 8. Juli 2016 meldete
Rechtsanwältin Roos per E-Mail der Polizei folgenden Sachverhalt (Akten Seite
[AS] 11): 

 

«D.___ von der Beratungsstelle
Opferhilfe war gestern mit einer jungen Frau (Jg. …) zwecks Beratung bei mir in
der Kanzlei. Die Klientin lebt im Wohnheim [...] in […]. In der Zeit von Ende
2013 / Anfangs 2014 bis Ende Dezember 2015 legte sich ihr damaliger Betreuer
während seiner Pikett-Nachtschichten im Wohnheim in [...] – unter Ausnutzung
seiner Vertrauensstellung – regelmässig (ca. 1 wöchentlich) zu meiner Klientin
ins Bett und nahm sexuelle Handlungen inkl. schmerzhaftem Geschlechtsverkehr an
ihr vor. Nach Angaben meiner Klientin habe sie dies nicht gewollt, hätte sich
nicht wehren können bzw. nicht getraut zu wehren. Per Ende Dezember 2015 wurde
der Betreuer vorzeitig pensioniert. Er kontaktierte meine Klientin jedoch
weiterhin, lud sie zu sich nach Hause (Kt. …) ein, wo es ebenfalls zu sexuellen
Übergriffen kam. Der letzte Kontakt war im März 2016. Meine Klientin verfügt
über kognitive Defizite, sodass sie allenfalls selber nur schwer einordnen
kann, was mit ihr geschah. Sie beansprucht therapeutische Hilfe. Ihren
psychischen Zustand schätze ich als labil ein, allerdings geht die Therapeutin
davon aus, dass sie einer Befragung zur Sache und einem Strafverfahren
gewachsen sei und ihre Angaben einen realen Erlebnishintergrund hätten. Ihre
kognitiven Defizite würden es nicht zulassen, solche Vorfälle zu erfinden,
weshalb ihren Schilderungen zu glauben sei. Nach reiflicher Überlegung und
rechtlicher Beratung hat sie sich nun entschieden, ihren ehemaligen Betreuer
anzeigen zu wollen. Zur Diskussion stehen Delikte wie Vergewaltigung, sexuelle
Nötigung.»

 

2. Am 19. Juli 2016 wurde die im E-Mail
von Rechtsanwältin Roos erwähnte junge Frau, namens A.___ (nachfolgend
Privatklägerin), in Anwesenheit von Rechtsanwältin Roos und D.___ von der
Beratungsstelle Opferhilfe erstmals polizeilich befragt (AS 17 ff.). Im
Anschluss an die Einvernahme händigte die Privatklägerin der Polizei ihr
Mobiltelefon aus, welches in der Folge forensisch untersucht wurde (AS 7 ff.
und 80 ff.).

 

3. Am 24. November 2016 wurde der von
der Privatklägerin angeschuldigte Betreuer, namens B.___ (nachfolgend
Beschuldigter), polizeilich befragt (AS 49 ff.).

 

4. Am 1. Dezember 2016 erstattete die
Polizei Kanton Solothurn die Strafanzeige gegen den Beschuldigten (AS 4 ff).

 

5. Am 6. Dezember 2016 konstituierte
sich die Privatklägerin im Straf- und Zivilpunkt (AS 284). 

 

6. Am 18. Januar 2017 eröffnete die
Staatsanwaltschaft eine Strafuntersuchung gegen den Beschuldigten wegen
sexueller Handlungen mit Anstaltspfleglingen (Art. 192 Abs. 1 StGB) sowie
Ausnützung einer Notlage (Art. 193 Abs. 1 StGB) (AS 243 f.)

 

7. Am 27. Januar 2017 gewährte die
Staatsanwaltschaft der Privatklägerin die unentgeltliche Rechtspflege und
setzte Rechtsanwältin Roos als ihre unentgeltliche Rechtsbeiständin ein (AS
311).

 

8. Am 23. Februar 2017 setzte die
Staatsanwaltschaft Rechtsanwalt Semela als amtlichen Verteidiger des
Beschuldigten ein (AS 269).

 

9. Am 2. Mai 2017 wurde die
Privatklägerin unter Wahrung der Parteirechte des Beschuldigten ein zweites Mal
polizeilich einvernommen. Die Einvernahme wurde zusätzlich zum schriftlichen
Protokoll auf Video aufgenommen (AS 33 ff.).

 

10. Am 19. Juli 2017 zog die
Staatsanwaltschaft bei der Therapeutin der Privatklägerin, E.___, einen
Therapiebericht sowie bei der [...] resp. dem Leiter des Wohnheims […], F.___,
die Notizen betreffend die von Mitarbeitern der [...] mit der Privatklägerin
geführten Gespräche bei (AS 95 ff., 230 ff., 246 f.)

 

11. Am 21. August 2017 fand die
Befragung des Beschuldigten durch den Staatsanwalt statt (AS 53 ff.).

 

12. Am 18. Juni 2018 beauftragte der
Staatsanwalt Frau G.___ mit der Erarbeitung eines Glaubhaftigkeitsgutachtens
(AS 330 f.). Dieses wurde am 15. Oktober 2018 erstellt (AS 336 ff.). Am 19.
März 2019 verfasste die Sachverständige eine Stellungnahme zu Beanstandungen
der Verteidigung vom 31. Januar 2019 (AS 400 ff.) am Gutachten (AS 409 ff.).

 

13. Am 5. Juni 2019 erhob die
Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Beschuldigten wegen mehrfacher sexueller
Handlungen mit Anstaltspfleglingen (Art. 192 Abs. 1 StGB) und mehrfacher
Ausnützung einer Notlage (Art. 193 Abs. 1 StGB) und überwies die Akten an das
zuständige Richteramt Solothurn-Lebern (AS 1 ff.).

 

14. Am 19. Dezember 2019 erliess das
Amtsgericht Solothurn-Lebern das nachfolgende Urteil (AS 124 ff.):

 

1.   
B.___
hat sich schuldig gemacht:

-       der mehrfachen
sexuellen Handlungen mit Anstaltspfleglingen, begangen in der Zeit von ca.
Oktober/November 2013 bis 13. Februar 2015;

-       der mehrfachen
Ausnützung der Notlage, begangen in der Zeit vom 28. Oktober 2015 bis 27. März
2016.

2.   
B.___
wird verurteilt zu einer Freiheitsstrafe von 24 Monaten, unter Gewährung des
bedingten Vollzugs bei einer Probezeit von 2 Jahren.

3.   
B.___
wird jede berufliche und jede organisierte ausserberufliche Tätigkeit, die
einen regelmässigen Kontakt zu volljährigen, besonders schutzbedürftigen
Personen umfasst, für die Dauer von 10 Jahren nach Rechtskraft des Urteils
verboten.

4.   
Für
die Dauer des Tätigkeitsverbots wird eine Bewährungshilfe angeordnet.

5.   
B.___
wird gegenüber der Privatklägerin A.___ für die verurteilten Straftaten dem
Grundsatz nach zu 100 % haftpflichtig erklärt. Zur Ausmittlung der Schadenshöhe
wird die Klägerin, vertreten durch Rechtsanwältin Eveline Roos, auf den
Zivilweg verwiesen.

6.   
B.___
wird verurteilt, der Privatklägerin A.___, vertreten durch Rechtsanwältin
Eveline Roos, CHF 5'000.00 als Genugtuung zu bezahlen, zuzüglich 5 % Zins ab
dem 26. März 2016. Das weitergehende Begehren ist abgewiesen.

7.   
Die
Entschädigung der unentgeltlichen Rechtsbeiständin der Privatklägerin A.___,
Rechtsanwältin Eveline Roos, wird auf CHF 10'137.35 (Honorar inkl. 5 Stunden
Hauptverhandlung CHF 9'068.40, Auslagen CHF 330.30, 8 % Mehrwert-steuer auf CHF
4'977.90 entsprechend CHF 398.25, 7.7 % Mehrwertsteuer auf CHF 4'420.80 entsprechend
CHF 340.40) festgesetzt und ist zufolge ungünstiger wirtschaftlicher
Verhältnisse des Beschuldigten vom Staat zu bezahlen. Vorbehalten bleibt der
Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren, sobald es die
wirtschaftlichen Verhältnisse von B.___ erlauben.

8.   
Die
Entschädigung des amtlichen Verteidigers von B.___, Rechtsanwalt Stefan Semela,
wird auf CHF 17'985.85 (gekürztes Honorar CHF 15'906.00, Auslagen CHF 770.60,
8 % Mehrwertsteuer auf CHF 8'380.10 entsprechend CHF 670.40, 7.7 %
Mehrwertsteuer auf CHF 8'296.50 entsprechend CHF 638.85) festgesetzt und ist
zufolge amtlicher Verteidigung vom Staat zu zahlen. Vorbehalten bleibt der
Rückforderungsanspruch des Staates während 10 Jahren, sobald es die
wirtschaftlichen Verhältnisse von B.___ erlauben.

9.   
Das
Amtsgericht verzichtet auf die schriftliche Begründung des Urteils, wenn keine
Partei ein Rechtsmittel ergreift oder innert 10 Tagen seit Zustellung des
Urteilsdispositivs niemand ausdrücklich eine schriftliche Begründung verlangt.

10. 
B.___
hat die Kosten des Verfahrens mit einer Staatsgebühr von CHF 6’000.00, total
CHF 24'750.00, zu bezahlen. Wird kein Rechtsmittel ergriffen und verlangt keine
Partei ausdrücklich eine schriftliche Begründung des Urteils, so reduziert sich
die Staatsgebühr um CHF 500.00, womit die gesamten Kosten CHF 24’250.00
betragen.

 

15. Am 23. Dezember 2019 meldete der
Beschuldigte die Berufung an (AS 120).

 

16. Am 6. Juli 2020 wurde dem Beschuldigten
das begründete Urteil zugestellt (AS 201).

 

17. Am 21. Juli 2020 erfolgte die
Berufungserklärung (AS 1 ff.).

 

18. Am 30. Juli 2020 teilte die
Staatsanwaltschaft mit, sie verzichte auf eine Anschlussberufung (AS 8).

 

19. Am 4. August 2020 erhob die
Privatklägerin Anschlussberufung (AS 13).

 

20. Am 23. März 2021 wurden die Parteien
zur Berufungsverhandlung auf den 17. August 2021 vorgeladen, der Privatklägerin
wurde das Erscheinen freigestellt (AS 15 ff.).

 

21. Am 9. August 2021 ging der
Therapiebericht der ambulanten Psychotherapie durch M. Sc. E.___ betreffend die
Privatklägerin ein (AS 38 ff.).

 

 

II. Umfang des Berufungsverfahrens und
Vorhalt

 

1. Die Berufungserklärung des
Beschuldigten richtet sich gegen folgende Ziffern des vorinstanzlichen Urteils:

 

-       Ziff. 1: Schuldsprüche

-       Ziff. 2: Strafzumessung

-       Ziff. 3:
Tätigkeitsverbot

-       Ziff. 4:
Bewährungshilfe

-       Ziff. 5: Schadenersatz

-       Ziff. 6: Genugtuung

-       Ziff. 7: nur bezüglich
den Rückforderungsanspruch des Honorars der unentgeltlichen Opfervertreterin

-       Ziff. 10: Kosten.

 

Der Beschuldigte beantragt einen
Freispruch, die Abweisung der Zivilansprüche, ev. deren Verweisung auf den
Zivilweg sowie Kostenauferlegung auf die Staatskasse.

 

Die Anschlussberufung der Privatklägerin
richtet sich gegen die Höhe der Genugtuung (Ziff. 6).

 

In Rechtskraft erwachsen sind daher die
Entschädigungsansprüche des amtlichen Verteidigers sowie der Opfervertreterin,
jeweils der Höhe nach.

 

2. Die im Berufungsverfahren zu
beurteilenden Vorhalte gegen den Beschuldigten lauten zusammengefasst wie
folgt:

 

Mehrfache sexuelle Handlungen mit
Anstaltspfleglingen (Art. 192 Abs. 1 StGB)

 

Der Beschuldigte soll von ca.
Oktober/November 2013 bis 13. Februar 2015 im Wohnheim [...] in [...] im Zimmer
des Opfers und einmal auch im Pikettzimmer mehrere sexuelle Handlungen
vorgenommen haben: so soll er sich wöchentlich zu ihr auf das Bett gelegt, sie
am Rücken gestreichelt, umarmt, ihre Brüste über den Kleidern sowie auf der
nackten Haut angefasst und abgeküsst, sie an der Scheide berührt, als sie nackt
war, und dort seine Finger eingeführt, sich ebenfalls nackt ausgezogen und sich
vom Opfer mit der Hand den Penis bis zum Samenerguss massieren lassen haben.
Dabei soll er das (aufgrund des Umstandes, dass der Beschuldigte die Hauptbezugsperson
des Opfers im Heim war und diese ihm blind vertraute) bestehende
Abhängigkeitsverhältnis des Opfers zu ihm ausgenützt haben (ohne allerdings
Zwang auf dieses auszuüben), welches sich nicht getraute «Nein» zu sagen.

 

Zudem soll der Beschuldigte ab ca.
März/April 2014 bis Februar 2015 an seinem Wohndomizil in [...] unter
Ausnützung des bestehenden Abhängigkeitsverhältnisses, jedoch ohne Zwang
auszuüben, im Wohnzimmer und in den Schlafzimmern ein bis dreimal pro Woche,
nachdem er mit dem Opfer in der Badewanne gebadet hatte, dieses an den Brüsten
und an der Scheide gestreichelt, die Finger in die Scheide eingeführt und sich
vom Opfer mit der Hand den Penis bis zum Samenerguss reiben lassen haben.
Darüber hinaus soll es zwischen 2 und 5 Mal dazu gekommen sein, dass das Opfer
den Penis des Beschuldigten in den Mund nahm und er gleichzeitig ihren Kopf auf
und ab bewegte. Schliesslich habe der Beschuldigte 3 Mal versucht, den
Geschlechtsverkehr mit dem Opfer zu vollziehen, indem dieses sich zweimal vor
das Bett stellen musste und er dabei von hinten in die Scheide einzudringen
versuchte, was ihr jedoch weh getan und deshalb nicht geklappt haben soll.

 

Mehrfache Ausnützung der Notlage (Art.
193 Abs. 1 StGB)

 

Der Beschuldigte soll vom 28. Oktober
2015 bis zum 27. März 2016, vermutlich an seinem Domizil in [...], das
emotional von ihm abhängige Opfer mehrfach mit WhatsApp-Nachrichten dazu
aufgefordert haben, ihm Fotos und Videos zu schicken, auf denen es bei sich
selber an den Brüsten und/oder an der Scheide manipulierte. Dadurch soll er das
Opfer veranlasst haben, sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen, was dieses
denn auch mehrfach tat (40 Fotos von Brüsten und vom Genitalbereich, teilweise
das gleiche mehrfach verschickt; 5 Videos des Genitalbereichs, teilweise das
gleiche mehrfach verschickt). Das Opfer soll sich nicht getraut haben, «Nein»
zu sagen. 

 

Der Beschuldigte soll im
November/Dezember 2015 in [...] auf der Empore einer Kirche das emotional von
ihm abhängige Opfer unter zwei Malen dazu gebracht haben, sein «bestes Stück zu
bearbeiten», indem es mit den Händen den Penis des Beschuldigten rieb, weil es
sich nicht getraute, «Nein» zu sagen.

 

Schliesslich soll der Beschuldigte ab
Februar 2015 bis März 2016 an seinem Wohndomizil in [...] mehrfach mit dem
emotional von ihm abhängigen Opfer in der Badewanne gebadet, dieses danach in
einem der Zimmer an den Brüsten und an der Scheide gestreichelt, die Finger in
die Scheide eingeführt und sich vom Opfer mit der Hand den Penis bis zum
Samenerguss reiben lassen haben. Darüber hinaus soll es zwischen 2 und 5 Mal
dazu gekommen sein, dass das Opfer seinen Penis in den Mund nahm und der
Beschuldigte gleichzeitig ihren Kopf auf und ab bewegte. Schliesslich soll der
Beschuldigte 3 Mal versucht haben, mit dem Opfer den Geschlechtsverkehr zu
vollziehen, indem dieses sich zweimal vor das Bett stellen musste und er von
hinten in ihre Scheide eindringen wollte, was ihr jedoch weh tat, weshalb es
nicht klappte. Beim letzten Besuch im März 2016 soll sich der Beschuldigte auf
den Rücken gelegt und das Opfer aufgefordert haben, sich auf ihn drauf zu
setzen, was jedoch ebenfalls nicht zur beabsichtigten Penetration geführt habe.
Bei all diesen sexuellen Handlungen soll sich das Opfer nicht getraut haben,
«Nein» zu sagen.

 

3. An dieser Stelle ist darauf
hinzuweisen, dass die Vorinstanz den Beschuldigten lediglich der mehrfachen
Ausnützung der Notlage, begangen in der Zeit vom 28. Oktober 2015 bis 27. März
2016 schuldig gesprochen hat. Daraus resultiert ein impliziter Freispruch
hinsichtlich der unter Art. 193 StGB angeklagten Handlungen betreffend den
Zeitraum Februar 2015 bis 27. Oktober 2015. Dies betrifft den dritten
Spiegelstrich von Ziffer 2 der Anklageschrift. Die darunter aufgeführten
Vorhalte lauten genau gleich wie die Vorhalte unter Ziff. 1, zweiter
Spiegelstrich, auch was die Anzahl der Einzelhandlungen anbelangt (2 bis
5-maliger Oralverkehr und 3-malig versuchter Vaginalverkehr). Daraus folgt,
dass allfällige unter Art. 193 StGB zu subsumierende sexuelle Handlungen (welche
sich nach dem Ausscheiden des Beschuldigten aus dem Wohnheim [...] ereignet
haben sollen), was den Zeitraum Februar 2015 bis Ende Oktober 2015 betrifft,
nicht mehr Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilden können.

 

III. Beweiswürdigung und massgebender
Sachverhalt

 

1. Objektive Beweismittel

 

Vorliegend liegen folgende objektiven
Beweismittel in den Akten:

 

-       Gemäss der Auswertung
des Handys der Privatklägerin rief der Beschuldigte diese 64 Mal an und
versuchte dies weitere 59 Mal. Zudem sind 137 ausgehende Anrufe an den
Beschuldigten seitens der Privatklägerin registriert. Zudem liessen sich Chats,
WhatsApp, MMS und SMS-Mitteilungen zwischen dem Beschuldigten und der
Privatklägerin eruieren. Der Beschuldigte sendete der Privatklägerin am 31.
Januar 2016 fünf Fotos von Manipulationen an seinem Penis sowie zwischen dem
23. November 2015 und dem 27. März 2016 fünf Videos mit Manipulationen an
seinem Penis. Demgegenüber sandte die Privatklägerin dem Beschuldigten zwischen
dem 28. Oktober 2015 und dem 27. März 2016 insgesamt 40 Fotos von ihren Brüsten
und ihrem Genitalbereich sowie zwischen dem 24. Januar 2016 und dem 2. Februar
2016 fünf Videos von ihrem Genitalbereich. Auf dem sichergestellten Handy der
Privatklägerin sind jedoch auch Mitteilungen an Drittpersonen ersichtlich, u.a.
eine vom 3. Mai 2015 an einen H.___, wonach sie wolle, dass der Beschuldigte
wieder komme, sie könnten ihn einmal besuchen gehen sowie eine Mitteilung vom
1. April 2016 an eine I.___, worin sie dieser über einen 3-jährigen sexuellen
Missbrauch von ihrem Betreuer, der letzte Woche pensioniert worden sei,
berichtet (sie habe endlich den Mut gehabt, dies ihrer Bezugsperson zu sagen),
sie fühle sich auch schuldig, weil sie mitgemacht habe, ohne dass sie wollen
habe, dies sei schlimm, wenn sie mit ihrem Freund, den sie seit zwei Monaten
habe, zusammen sei. Schliesslich ist auf dem Handy der Privatklägerin
ersichtlich, dass diese ab Mai 2014 auf diversen Sexportalen surfte resp. nach
sexuellen Inhalten googelte und ab Mai 2015 auf Dating-Plattformen
kommunizierte (AS 80 ff.);

-       In den Akten befinden sich
zahlreiche Gesprächsnotizen, Aktennotizen und Informationsschreiben der [...].
Aus diesen wird u.a. ersichtlich, dass die Privatklägerin J.___ am 29. März
2016 erstmals berichtete, der Beschuldigte mache mit ihr etwas, was sie nicht
wirklich wolle, sie habe dem Beschuldigten aber nichts gesagt, weil sie die
Freundschaft mit diesem nicht habe gefährden wollen (AS 95 ff., 142). Dem
Schreiben der [...] an die Staatsanwaltschaft vom 17. April 2018 (AS 233 f.)
lässt sich entnehmen, dass der Beschuldigte per 13. Februar 2015 freigestellt
wurde und ein Hausverbot erhielt. Am 21. März 2015 habe sich der Beschuldigte
jedoch am Arbeitsplatz befunden, weshalb mit eingeschriebenem Brief vom 23.
März 2015 Freistellung und Hausverbot präzisiert worden seien. Per 30. September
2015 erfolgte die formelle Beendigung des Arbeitsverhältnisses;

-       Weiter befinden sich in
den Akten diverse Schreiben und Karten des Beschuldigten an die Privatklägerin
(AS 320 ff);

-       Schliesslich befindet
sich in den Akten der Therapiebericht von E.___ an die Staatsanwaltschaft vom
9. August 2017 betreffend ambulante Psychotherapie der Privatklägerin ab
Februar 2015. Daraus wird u.a. ersichtlich, dass die Privatklägerin ihrer
Therapeutin erstmals am 1. April 2016 von den Vorfällen mit dem Beschuldigten
berichtete. Die Privatklägerin leide an einer leichten Intelligenzminderung
(ICD-10, F70.0) und […]. Sie habe eine 100% IV-Rente. Vor ihrem Eintritt in das
[...]-Wohnheim habe sie sich im Rahmen einer stationären Behandlung in der
Klinik […] befunden, wo sie im Jahr 2014 eingetreten sei. Der Beschuldigte sei
für die Privatklägerin eine wichtige Bezugsperson gewesen. Diese scheine von
ihm sehr emotional abhängig gewesen zu sein. So habe sie seine Aufmerksamkeit
genossen. Für sie seien die sexuellen Kontakte schwierig und abstossend
gewesen, sie habe aber gedacht, dass dies dazu gehöre. Sie habe dem
Beschuldigten gesagt, dass sie die sexuellen Kontakte ekelhaft fände und diese
nicht wolle. Der Beschuldigte habe ihr aber immer wieder eingeredet, dass dies dazu
gehöre, wenn man jemanden liebe.

Nach
der Offenlegung der Vorfälle habe die Privatklägerin über Ängste berichtet und
habe auch das Zimmer im Wohnheim wechseln müssen. Die Privatklägerin habe
gerade aufgrund ihrer kognitiven Einschränkung viel Unterstützung benötigt.
Unter anderem sei daran gearbeitet worden, wie sie sich bei einer allfälligen
Kontaktaufnahme durch den Beschuldigten verhalten solle. Sie habe selber sagen
können, dass sie Mühe habe, sich zu wehren oder einschätzen zu können, ab wann
ein Kontakt nicht mehr normal sei. Dass die Beziehung zum Beschuldigten nicht
normal sei, habe sie anfänglich nicht gemerkt. Aufgrund der emotionalen
Abhängigkeit der Privatklägerin sei es dem Beschuldigten schnell gelungen,
diese zu manipulieren. In der Therapie falle auf, dass die Privatklägerin Mühe
habe, Grenzen zu setzen und ihre Bedürfnisse zu erkennen. Sie sei sehr
autoritätsgläubig und mache, was man ihr auferlege. Deshalb habe sie auch lange
nichts von den Vorfällen berichtet, da der Beschuldigte ihr immer wieder gesagt
habe, sie dürfe dies nicht. Weil es der Privatklägerin schwerfalle, ihre
Interessen und Bedürfnisse zu erkennen und adäquat umzusetzen und sich zu
schützen, sei sie auf die Hilfe eines Betreuten Wohnens angewiesen. Am 4. April
2016 habe ein gemeinsames Gespräch mit K.___ (der neuen Bezugsperson der
Privatklägerin im Wohnheim) und der Privatklägerin stattgefunden. Dabei sei
entschieden worden, die Opferhilfe einzubeziehen. Im Gespräch mit der
Opferhilfe vom 30. Mai 2016 sei die Privatklägerin über ihre Möglichkeiten
informiert worden und habe sich für eine Anzeige entschieden (AS 230 ff.). 

Die
Berichte von E.___ vom 23. Oktober 2019 und 22. Juli 2021 an Rechtsanwältin Roos
(AS 24 ff.) resp. an MLaw Leiser (AS 38 ff.) lauten inhaltlich praktisch gleich.
Im Bericht vom 22. Juli 2021 wird zusätzlich ausgeführt, jeweils kurz vor den
Gerichtsverhandlungen würden die Vorfälle bei der Privatklägerin wieder sehr
präsent. Sie berichte dann von Schlafstörungen und Träumen von den Vorfällen.
Sie habe dann grössere Angst, in die Stadt zu gehen und dem Beschuldigten zu
begegnen. Sie habe aufgrund der Vorfälle verschiedenste Ängste entwickelt,
Ängste fremden Männern gegenüber oder sich allein in der Öffentlichkeit zu
bewegen. Zudem habe sie grosse Mühe, sich gegen ungewollte Berührungen oder
Annäherungen zu wehren. Auch die Selbstfürsorge und die […]problematik seien
durch die Vorfälle verschlimmert worden. Zudem berichte die Privatklägerin in
den letzten Jahren immer wieder über somatische Beschwerden. Trotz diverser
somatischer Abklärungen habe kein physisches Korrelat gefunden werden können.
Die somatischen Beschwerden könnten als Ausdruck von psychischem Leiden
gedeutet werden. Hinzu komme, dass die Privatklägerin wegen diesen Vorfällen das
betreute Wohnen gewechselt habe. Weil gerade in ihrem Zimmer in [...] so viele
Vorfälle mit dem Beschuldigten stattgefunden hätten, habe sie den Wunsch
gehabt, das betreute Wohnen zu wechseln, um nicht ständig an den Beschuldigten
erinnert zu werden. So habe sie dann ins betreute Wohnen in Grenchen wechseln
können. 

-       Anlässlich der
erstinstanzlichen Hauptverhandlung reichte der Beschuldigte ärztliche
Unterlagen ein, die belegen, dass er sich vom […] Juli 2015 bis zum […] August
2015 im Spital befand und hernach bis zum 17. September 2015 zu 100 %
arbeitsunfähig war. Bereits zuvor, ab 8. Dezember 2014, war der Beschuldigte
gemäss Krankenkarte der […] Versicherung weitgehend krankgeschrieben (AS 99
ff.). 

 

2. Aussagen der Verfahrensbeteiligten

 

2.1 Aussagen der Privatklägerin

 

2.1.1 Anlässlich der ersten
polizeilichen Einvernahme vom 19. Juli 2016 machte die Privatklägerin
zusammengefasst folgende Aussagen zum Kernsachverhalt (AS 17 ff.):

 

Es habe mit Umarmungen angefangen.
Einmal beim Schrank aufräumen habe der Beschuldigte ihr geholfen und dabei
Andeutungen zu ihrer Unterwäsche gemacht. Da habe sie sich noch nichts dabei
gedacht. Dann habe es plötzlich angefangen, dass er in ihr Bett gelegen sei am
Abend. Es sei dabei zu körperlichem Kontakt gekommen mit Küsschen und so. Er
habe sie dann auch angefasst im Intimbereich. Sie habe ihn halt dann nachher
auch angefasst, sie habe das aber nicht gewollt. Sie sei auch einmal bei ihm zu
Hause gewesen und habe da übernachtet. Dabei sei es auch zu sexuellen
Übergriffen gekommen. Es sei immer schlimmer geworden. Sie habe auch mit ihm in
der Badewanne baden müssen. Sie habe ihn dann auch so befriedigen müssen (dabei
macht die Privatklägerin mit der Hand eine «Auf und ab-Bewegung» unter dem
Tisch). Zwei bis drei Mal habe er richtig mit ihr schlafen wollen. Sie habe da
aber gesagt, es tue ihr weh, worauf er entgegnet habe, sie solle sich nicht so
anstellen, das würde nicht weh tun, sie sei ja alt genug. Sie habe auch immer
Föteli senden müssen. Von ihr, als sie ausgezogen gewesen sei. Sie habe von ihm
auch Videos erhalten. Sie habe auch schon seinen Genitalbereich in den Mund
nehmen müssen. Im März sei dann eben das letzte Mal gewesen, als sie bei ihm
zuhause gewesen sei. Auf der Gruppe habe sie ihn auch befriedigen müssen im
Bett (Antwort 5).

 

Nach seiner Operation sei er so 4 – 5
Monate nicht auf der Gruppe gewesen. Dann sei ihm gekündigt worden. Dann sei
sie manchmal zu ihm nach Hause. In der Kirche habe sie auch schon sein bestes
Stück bearbeiten müssen (A 6).

 

Sie habe es eigentlich gut gehabt mit
dem Beschuldigten, er sei ja wirklich auch nett gewesen (A 7).

 

Es habe damit angefangen, dass er seinen
Arm um sie gelegt habe. Manchmal habe er auch ihren ganzen Arm genommen, dann
habe sie ihn auch umarmt (A 28). Das sei etwa sechs Wochen nach ihrem Eintritt
gewesen. Sie sei am 2. August 2013 auf die Gruppe gekommen (A 12 f., 29). 

 

Während den zweiwöchigen Betriebsferien
sei er dann vielleicht zwei bis dreimal an einem Dienstagnachmittag zu ihr ins
Bett liegen gekommen. Das sei aber noch harmlos gewesen und sie habe sich da
noch nichts gross dabei gedacht. Es habe sie aber schon ein wenig gestört, weil
er ja gewusst habe, was ihr bei ihrer früheren Arbeitsstelle passiert sei (A
34). Zuerst habe er sie einfach umarmt, dann über den Rücken gestreichelt. Dann
sei es immer anders geworden, er habe zu ihr gesagt, sie gefalle ihm und sie sehe
gut aus. Es sei dann immer mehr geworden. Zuerst habe er sie nur oben
angefasst, bei den Brüsten, es sei ihr so vorgekommen, als sei er auch ein
bisschen erregt. Dann sei es zu noch mehr körperlichem Kontakt gekommen, dass
er sie im Intimbereich angefasst habe (A 35). Das müsse schon auch noch im Jahr
2013 gewesen sein, das mit dem ins Bett legen während den Betriebsferien (A
36). Er habe ihre Brüste gestreichelt und abgeküsst (A 37). Zuerst sei es über
den Kleidern gewesen, dann direkt auf der Haut (A 38). Bei den Berührungen im
Intimbereich habe sie die Kleider am Anfang noch angehabt, dann seien es noch Streicheleinheiten
gewesen. Dann habe sie sich ausziehen müssen. Es sei ihr ein bisschen peinlich.
Als sie keine Kleider mehr angehabt habe, sei er auch mit seinen Fingern in
ihre Scheide gegangen. Sie habe dann bei ihm auch, weil sie gedacht habe, er
finde das schön, resp. er habe das gesagt (A 39). Sie habe sein bestes Stück
bearbeitet, bis er einen Orgasmus gehabt habe. Sie habe einfach gewollt, dass
es ihm auch gut gehe, und er sich wohl fühle (A 40 ff.). Seine Berührungen
ihrer Brüste und ihres Intimbereichs seien ihr unangenehm gewesen. Sie habe mit
ihm einfach über alles reden können. Er sei für sie wie ein zweiter Vater
gewesen und sie habe ihn mega gern gehabt. Als es dann zu den sexuellen
Übergriffen gekommen sei, sei es ihr nicht mehr wohl gewesen (A 43). 

 

Das mit dem versuchten
Geschlechtsverkehr sei bei ihm zu Hause gewesen, nicht auf der Gruppe. Da sei
er schon pensioniert gewesen. Es habe bei ihm im Wohnzimmer ein Gästebett
gehabt. Auch in seinem Zimmer sei es vorgekommen. Einmal auch im Schlafzimmer
seiner Frau. Zuerst sei es so gewesen, dass sie sich ans Bett habe stellen
müssen. Dann habe er es versucht. Zwei bis dreimal hätte sie sich auf ihn
draufsetzen sollen. Es habe einfach geheissen, sie solle sich nicht so
anstellen, es tue ja nicht weh. Er sei da ins Bett gekommen, da sei es auch zu
Berührungen gekommen, er habe sich ausgezogen, sie auch. Sie seien auch
zusammen baden gegangen. Er habe gesagt, dann rieche man sehr fein. Sie habe
ein paar Mal gesagt, sie habe schon gebadet, dann sei er manchmal alleine baden
gegangen (A 44 ff).

 

Den letzten Kontakt habe sie mit dem
Beschuldigten im März 2016 gehabt. Das sei bei ihm zu Hause gewesen. Sie hätte
mit ihm schlafen sollen. Zuerst habe sie mit ihm gebadet. Sie habe sich dann
anziehen wollen. Er habe gesagt, sie müsse sich nicht anziehen fürs Bett, es
sei nicht kalt. Dann seien Streicheleinheiten gekommen. Er habe sie auch am
Intimbereich angefasst und sie bei ihm auch. Dann habe er versucht, mit ihr zu
schlafen. Sie hätte sich auf seinen Penis setzen sollen. Sie habe gesagt, nein,
das gehe nicht. Er habe mit seinem Penis bei ihr eindringen wollen. Nach diesem
Vorfall hätten sie nur noch telefonischen Kontakt gehabt (A 51 ff.).

 

Ob sie sagen könne, wann was passiert
sei: Das sei noch schwierig. Sie wisse es gar nicht mehr. Auf Vorhalt: ca.
September 2013 bis März 2016 könne sein. Die ersten Berührungen im Intimbereich
mit Einführen des Fingers müssten sich zwischen Oktober und November 2013
ereignet haben. Zum versuchten Eindringen mit dem Penis in die Scheide müsse es
im Januar 2014 gekommen sein. Ob es je zu vollzogenem Geschlechtsverkehr
gekommen sei: Nein. Ob es zu vollzogenem Analverkehr gekommen sei: Ja, sie
wisse, was das bedeute, ja zu dem sei es gekommen. Sie habe einfach seinen
Penis in den Mund nehmen müssen. Sie habe ihm eins blasen müssen. Auf Vorhalt:
Ja, sie meine Oralverkehr. Sie sei da bei ihm zu Hause im Wohnzimmerbett
gewesen. Er habe einfach gesagt, sie solle doch seinen Penis in den Mund
nehmen. Es sei ihr ein bisschen unangenehm und grusig gewesen. Sie habe es
nicht machen wollen. Er habe sie dann fast gedrängt, sie habe seinen Penis dann
vielleicht ein bis zweimal in den Mund genommen. Dabei habe er sie an ihren
Haaren festgehalten und immer so vor und zurück bewegt (zeigt vor). Er habe
gesagt, er finde das schön. Es sei insgesamt vier bis fünf Mal zu Oralverkehr
gekommen. Er habe immer betont, dass er ja gewaschen sei, er schaue immer, dass
er sauber gewaschen sei. Der Oralverkehr und der versuchte Geschlechtsverkehr
seien bei ihm zu Hause gewesen. Die Berührungen und so schon auch auf der
Gruppe (A 63 ff.). Das erste Mal bei ihm zuhause müsse 2014 gewesen sein,
ungefähr so im März, April (A 77). Eindringversuche mit dem Penis habe es ein paar
gegeben. Sie könne nicht genau sagen wie oft (A 78). Zu Berührungen an ihrer
Scheide sei es eigentlich immer gekommen, also immer, wenn es Berührungen
gegeben habe, das sei so wöchentlich gewesen. Die Berührungen hätten an den
Brüsten oder am ganzen Körper stattgefunden. Auf der Wohngruppe und bei ihm zu
Hause (A 79 ff.). 

 

Ob sie sagen könne, bis wohin sie mit
diesem sexuellen Kontakt einverstanden gewesen sei: Sie habe eigentlich nie
etwas gesagt. Er habe sie schon gefragt, ob das auch okay für sie sei. Sie habe
immer ja gesagt, weil sie sich nicht getraut habe, nein zu sagen. Es habe aber
nie Situationen gegeben, wo sie einverstanden gewesen sei. Wie sie das gezeigt
habe, dass sie nicht einverstanden gewesen sei: Eigentlich gar nicht, sie habe
es gar nicht gezeigt. Sie habe sich nicht getraut. Ja, sie habe zum Teil selber
mitgemacht. Sie wisse nicht, was passiert wäre, wenn sie nein gesagt hätte,
vielleicht wäre er dann «verruckt» geworden oder so. Woran er habe merken
können, dass sie nicht wolle: Sie glaube gar nicht, weil sie ja nie irgendeine
komische Bemerkung oder so gemacht habe. Ob sie denke, dass er gemeint habe,
sie sei einverstanden? Ja. Ob sie verletzt worden sei oder Schmerzen gehabt
habe: Verletzt nein, Schmerzen schon. Es habe weh getan, wenn sie aufs WC habe
gehen müssen. Ob er je Gewalt angewendet habe: nein. Ob er sie je bedroht habe:
nein. Er habe sie einfach ausgenützt. Wie der Beschuldigte reagiert habe, wenn
sie gesagt habe, sie möchte keinen Geschlechtsverkehr? Ja, er habe gesagt, er
fände es schade, mehr habe er nicht gesagt (A 84 ff.). 

 

Ob sie abhängig vom Beschuldigten gewesen
sei? Nein, eigentlich nicht (A 112). Ob der Beschuldigte ihr gesagt habe, sie
dürfe mit niemandem darüber sprechen? Nein, er habe einfach gesagt, es sei ihr
Geheimnis (A 132).

 

Das in der Kirche sei im November oder
Dezember 2015 gewesen (A 134). 

 

Ob der Beschuldigte jeweils zum
Samenerguss gekommen sei: Ja (A 137).

 

Sie habe gesagt, es sei zu Küssen
gekommen, ob sie dies beschreiben könne: Einfach auf die Backen und auf den
Mund. Auf Vorhalt: Zu Zungenküssen sei es nicht gekommen. Wo genau sie ihn angefasst
habe: am Penis, an seinem Kopf, an seinem Bauch, seinem Rücken und den Armen.
Wenn sie ihn am Penis angefasst habe, habe sie einfach so «Auf und
ab-Bewegungen» gemacht. Und dann? Sonst nichts. Ob er dabei zum Samenerguss
gekommen sei: Ja, eigentlich immer. Wohin dieser gegangen sei: auf seinen Bauch
und ihre Hände (A 145 ff.).

 

Wo sich die Vorfälle im Wohnheim
ereignet hätten: Bei ihr im Zimmer und im Pikettzimmer (A 168). Ob sie sich je
körperlich gewehrt habe: Nein (A 169). Warum nicht: Sie habe sich nicht so
getraut (A 170). Warum nicht: Sie wisse nicht (A 171). 

 

2.1.2 Anlässlich der auch auf Video
dokumentierten zweiten polizeilichen Befragung vom 2. Mai 2017 machte die
Privatklägerin zusammengefasst folgende Aussagen zum Kernsachverhalt (AS 35
ff.):

 

Der Beschuldigte habe ihr am Anfang
schöne Komplimente gemacht, dann sei es weitergegangen mit dem Arm um sie
legen, das sei auf dem Weissenstein gewesen. Dann habe es angefangen mit dem zu
ihr ins Bett legen. Dann sei es weitergegangen und sie sei manchmal auch zu ihm
gegangen, weil sie gedacht habe, dass sie den Tag zusammen verbringen könnten.
Dann habe er ein Badewasser rausgelassen und meistens seien sie zusammen zuerst
baden gegangen. Es sei dann in seinem Zimmer weitergegangen oder in der Stube,
da habe es ein Bett gehabt, da sei er ihr ziemlich nahe gekommen. Da habe sie
auch sein bestes Stück bearbeiten müssen, bis er fertig gewesen sei. Das habe
sich auch in der Kirche in [...] ereignet. Auch in ihrem Zimmer sei das
passiert (A 9). 

 

Zu was für körperlichen Kontakten es
gekommen sei: Sie habe sich immer ausziehen müssen, dann habe er sich
ausgezogen. Dann sei es zu Streicheleinheiten gekommen. Er habe dann seinen
Finger in ihre Scheide gesteckt und sie habe wie gesagt immer seinen Penis bearbeiten
müssen, so dass er zum Samenerguss gekommen sei. Zwei oder drei Mal habe er
probieren wollen, seinen Penis in ihre Scheide reinzutun. Dann habe sie aber
gesagt, dass es weh mache. Er habe entgegnet, sie solle sich nicht so anstellen,
in ihrem Alter hätten alle schon Sex (A 11).

 

Einmal seien sie in der Kirche gewesen.
Da seien unten ein paar Personen gewesen. Sie seien raufgegangen, dort wo die
Orgel sei, da habe es so Bänke zum Sitzen gehabt. Er habe dann gemeint, sie
könne ja seinen Penis ein bisschen bearbeiten. Sie habe gesagt, es habe Leute,
die sie sehen könnten. Er habe dann gemeint, nein, die könnten das nicht sehen,
weil sie ja so weit oben gewesen seien. Dann habe sie es gemacht, aber es sei
ihr peinlich gewesen, weil sie gedacht habe, wenn Jemand komme, oder der
Pfarrer komme. Aber es sei niemand gekommen (A 12).

 

Ob sie sagen könne, wie alles angefangen
habe: Sie habe zuerst eine andere Bezugsperson gehabt im Wohnheim, weil der
Beschuldigte in den Ferien gewesen sei. Nach den Ferien habe er sich dann
vorgestellt. Am Anfang sei alles gut gewesen. Er sei für sie wie ein Papi
gewesen. Von ihrem Papi höre sie ja nicht viel. Er habe das dann mega
ausgenützt, weil er gedacht habe, dass sie vielleicht auch mehr könne. Zuerst
habe er schöne Komplimente gemacht. Einmal habe sie mit ihm den Schrank
aufgeräumt. Einmal, als er Nachtwache gehabt habe, sei er zu ihr ins Bett
liegen gekommen. Dann sei es losgegangen, zuerst in ihrem Zimmer mit
körperlichen und sexuellen Übergriffen und dann sei sie auch zu ihm nach Hause.
Da sei es dann wirklich einfach schlimmer geworden. Er habe sie am Abend
angerufen oder sie ihn. Er habe dann gesagt, sie könne doch vorbeikommen. Sie
habe gesagt, sie müsse arbeiten, worauf er gemeint habe, sie könne doch etwas
erfinden. Das habe sie dann auch gemacht. Mit der Zeit sei das dann blöd
geworden, weil sie sich immer etwas habe ausdenken müssen und mega habe
aufpassen müssen, dass sie niemand von der Arbeit sähe. Es sei dann mehr
geworden. Er habe gesagt, sie solle ein bisschen kommen, er habe auch seine
Bedürfnisse als Mann und das müsse man ja auch verstehen. L.___ mache das
nicht, sie sei nur eine Kollegin (A 13).

 

Zuerst sei er zu ihr gekommen und sie
hätten dann Bezugspersonengespräche gehabt. Dann sei er zu ihr ins Bett gekommen
und habe sie geküsst. Dann sei es so weit gekommen, dass er während des
Nachtpiketts ziemlich spät gekommen sei, als alle im Bett gewesen seien. Er
habe dann angefangen, sie zu streicheln. Er habe sie auch überall angefasst und
sie habe sich ausgezogen. Dann sei er mit seinen Fingern resp. habe mit seinen
Fingern an ihrer Scheide rumgemacht und sie habe ihn am Penis befriedigen
müssen (A 14). Er habe sie überall angefasst, an den Brüsten, an der Scheide,
mit den Händen. Sonst noch etwas? Nein. Es sei auch zu Küssen gekommen. In
ihrem Zimmer oder manchmal auch in der Öffentlichkeit, wenn sie mit der Gruppe
Aktivitäten gehabt hätten, aber nur, wenn niemand von den Bewohnern oder
Betreuern da gewesen sei. Er habe sie auf den Mund, die Backe und manchmal auch
auf die Brüste geküsst. Mit den Fingern habe er an ihrer Klitoris rumgespielt
und dann sei er mit seinen Fingern in die Scheide rein. Das habe ihr weh
gemacht, weil er manchmal auch längere Nägel gehabt habe. Sie habe am meisten
seinen Penis berührt. Mit der Hand so «Auf und ab-Bewegungen» bis zum
Samenerguss. Zwei oder drei Mal habe sie es auch mit dem Mund gemacht. Sonst
habe sie eigentlich nichts gemacht. Am Anfang habe sie ihn auch umarmt, als sie
noch nicht gedacht habe, dass es so weit komme. In der Kirche habe sie seinen
Penis mit der Hand bearbeitet. Auch bei ihr im Zimmer. Bei ihm zu Hause habe
sie auch seinen Penis mit dem Mund bearbeiten müssen. Die Berührungen an ihrem
Körper hätten sich in ihrem Zimmer ereignet. Auch bei ihm zu Hause. In der
Kirche nicht. Das Ganze habe etwa vier Monate nach ihrem Eintritt ins Wohnheim
angefangen. Aufgehört habe es, als sie nicht mehr zu ihm gegangen sei, als sie
sich dann J.___ anvertraut habe (A 15 ff.).

 

Der letzte Kontakt sei im letzten Jahr
gewesen. Vor der ersten Einvernahme. Seit dem letzten Kontakt habe er ab und zu
noch angerufen und sie gefragt, ob sie vorbeikomme, er habe seine Bedürfnisse.
Sie hätten dann abgemacht, aber sie sei nicht hin. Der letzte Anruf von ihm sei
etwa zwei Wochen, nachdem sie sich auf der Gruppe anvertraut gehabt habe,
gewesen. Dann habe sie ihr Handy gesperrt (A 29 ff.).  

 

Der Beschuldigte sei für sie eine
Bezugsperson gewesen. Wie ein Ersatzpapi. Sie habe normale Gefühle gehabt. Sie
habe mit ihm reden können, wenn etwas nicht gut gewesen sei. Mehr sei nicht
gewesen. Sie sei nicht in ihn verliebt gewesen. Sie glaube, er habe sie sehr
gern gehabt und dass sie für ihn wie eine Freundin gewesen sei, für seine
Bedürfnisse. Es sei für sie so rübergekommen, dass sie seine Affäre gewesen sei
(A 33 ff.).

 

Ob sie den sexuellen Kontakt mit dem
Beschuldigten gewünscht habe? Nein. Warum nicht? Weil er gewusst habe, dass sie
schon einmal sexuell missbraucht worden sei und er ihr Vertrauen ausgenutzt
habe. Sie habe ihm dies etwa nach zwei Monaten anvertraut. Sie habe ihm nie
gesagt, dass sie den sexuellen Kontakt nicht wünsche. Sie habe sich einfach
nicht dafür gehabt, Nein zu sagen. Sie habe gedacht, sie mache mit, dann höre
es vielleicht auf, aber es habe dann nicht aufgehört, sondern sei
weitergegangen. Woran der Beschuldigte hätte merken können, dass sie nicht
wolle? In dem Sinne, dass sie manchmal gesagt habe, sie komme, dann aber nicht
gekommen sei. Sie habe auch manchmal gesagt, sie wolle nicht in das Bad, sie
habe schon geduscht, obwohl dies nicht gestimmt habe. Sie habe gehofft, dass es
dann vielleicht aufhöre (A 42 ff.).

 

Insgesamt sei es ungefähr zu mehr als
dreissig Vorfällen gekommen. Es sei ja über drei Jahre gegangen. Es könne sein,
dass es auch noch mehr gewesen seien. Als der Beschuldigte noch im Wohnheim
gewesen sei, sei es von Dienstag auf Mittwoch oder an Wochenenden passiert.
Danach, er habe ja eine Operation gehabt, sei es mehrheitlich bei ihm gewesen,
so 1 bis 3 Mal die Woche. Beim Schrankaufräumen habe er gesagt, dass die
T-Shirts sexy aussähen, oder die Unterhösli, die solle sie doch anziehen, wenn
er zu ihr ins Bett komme. Er habe auch gesagt, dass sie mega heiss aussehe (A
49 ff.).

 

Das Bad habe er rausgelassen, weil er
gesagt habe, dann würden beide fein duften. Sie hätten dann jeweils gemeinsam
gebadet (A 57 f.).

 

Zum Eindringen mit dem Penis in die
Scheide: Die ersten beiden Male sei es so gewesen, dass sie sich ans Bett habe
stellen müssen, er habe es dann von hinten probiert, aber es sei nicht
gegangen. Beim dritten Mal habe er sich aufs Bett gelegt und sie habe sich auf
ihn setzen müssen. Dann habe er seinen Penis ein bisschen eingeführt, das habe
aber weh getan und sie habe das dann gesagt, darauf habe er entgegnet, sie
solle sich nicht so anstellen. Diese drei Male seien nicht am gleichen Tag
gewesen. Sie sei noch Jungfrau gewesen (A 59 ff.).

 

Zum Oralverkehr: Zuerst habe sie seinen
Penis von Hand bearbeitet, dann habe er gesagt, dass es schön wäre, wenn sie
ihn in den Mund nehmen würde. Sie habe gesagt, sie wolle das nicht, sie fände
das «grusig». Er habe entgegnet, er habe immer einen sauberen Penis, er würde
ihn immer waschen, er sei ja auch baden gegangen, dann habe sie das gemacht.
Dazu sei es nur zwei Mal gekommen (A 62 ff.).

 

Sie habe im Wohnheim ein Einzelzimmer
gehabt (A 64).

 

Wieso sie nicht früher mit jemandem
gesprochen habe: Weil er gesagt habe, es sei ein ganz grosses Geheimnis
zwischen ihnen. Das dürfe niemand erfahren. Auf Vorhalt: Er habe nicht gesagt,
dass sonst etwas geschehen würde (A 65 ff.).

 

Das mit dem Geschlechtsverkehr sei zwei
bis drei Mal vorgekommen (A 81). Was sie unter Geschlechtsverkehr verstehe:
Eben, dass er sie berühre und sie ihn berühre (A 82). Was genau wann geschehen
sei: Vor einem Jahr, das Datum könne sie nicht mehr genau sagen. Ob sie sagen
könne, wann welche Handlungen stattgefunden hätten: Sie wisse nicht in welchem
Monat. Es sei auch schon eine Zeitlang her. Wann ungefähr, vom Jahr her, von
der Jahreszeit her: So Winter, und Frühling, Sommer, dort. Ob sie sagen könne
welcher Vorfall wann: Nein. Wann sie zum ersten Mal beim Beschuldigten zu Hause
gewesen sei: Ungefähr im Oktober im selben Jahr, als sie ins Heim gekommen sei.
Gekommen sei sie im September. Welches Jahr? Ungefähr 2014. Ob der Beschuldigte
schon nicht mehr in der [...] tätig gewesen sei, als sie zum ersten Mal zu ihm
nach Hause gegangen sei: Doch. Wann die Berührungen in den Sommerferien 2013
gewesen seien: Das müssten die zwei letzten Juliwochen gewesen sein. Wann sie
wem erstmals gesagt habe, dass sie zum Beschuldigten nach [...] gegangen sei:
so zwischen 2013 und 2014. Ob Fotos/Videos ausgetauscht worden seien, als der
Beschuldigte noch in [...] tätig gewesen sei: Ja. Ob jemand vom Wohnheim
gewusst habe, dass sie den Beschuldigten besuche: Ja, aber sie habe es nicht so
viel gesagt, eigentlich nicht so oft. Es habe aber Personen gegeben, die das
gewusst hätten. Seit wann der Beschuldigte nicht mehr in der [...] gewesen sei:
Letztes Jahr im März (A 83 ff.). 

 

2.2 Aussagen des Beschuldigten 

 

2.2.1 Der Beschuldigte machte anlässlich
seiner ersten polizeilichen Einvernahme vom 24. November 2016 (AS 49 ff.) von
seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch, bestritt aber jegliche sexuellen
Kontakte mit der Privatklägerin. Weiter bezog er sich auf ein seitens der [...]
verhängtes Redeverbot. Er werde allgemein nichts über Personen sagen, die
dazumal von ihm betreut worden seien.

 

2.2.2 Anlässlich der staatsanwaltlichen
Einvernahme vom 21. August 2017 machte der Beschuldigte dann zum
Kernsachverhalt folgende Aussagen (AS 53 ff.):

 

Sexuelle Kontakte mit der Privatklägerin
hätten sich nie ereignet, weder bei ihm zu Hause noch im Wohnheim. Er sei im
Wohnheim so der Hauspapi gewesen. Da sei es auch vorgekommen, dass er von den
Bewohnern umarmt worden sei, wenn er zur Arbeit gekommen sei. Das habe jedoch
keinen sexuellen Hintergrund gehabt (Zeile 136 ff.). Die Privatklägerin habe er
übernehmen müssen, als er aus seinen Ferien zurückgekehrt sei, weil er der
einzige mit einer Familientherapie-Ausbildung und der nötigen Erfahrung gewesen
sei. Die Privatklägerin habe eine […]problematik gehabt und eine andere
Diagnose, zu der er aber nichts sage, weil er Schweigepflicht habe. Es habe
aber ein enges gegenseitiges emotionales Verhältnis zur Privatklägerin
bestanden. Er habe alles über sie gewusst, sie zu Ärzten, zum Psychiater und
zur Beiständin begleitet. Die Privatklägerin sei ihm nachgelaufen und habe ihn
in den Himmel hochgehoben. Er habe mit ihr viel erlebt vom Kasten einräumen bis
zum vermeintlichen Baden bei ihm zu Hause. Letzteres habe stattgefunden mit
ihr, aber nicht mit ihm. Er könne nur vermuten, weshalb die Privatklägerin ihn
beschuldige, wohl habe die grosse Zuneigung umgeschlagen. Da müsse man wohl
einen Psychiater fragen und ihre psychische Komponente anschauen. Er habe sie
auch mal auf seine Kosten zu seiner Psychiaterin mitgenommen. Er kenne die
Privatklägerin und ihr Schicksal sehr gut. Ob irgendwo erwähnt sei, dass sie
mal 20 Abführtabletten geschluckt habe und lebensgefährlich im Zimmer gelegen
sei, wo er dann zu ihr schauen und sie ins Spital habe bringen müssen? Wenn er
nicht dort gewesen sei, hätten sie ihn angerufen und ihn gefragt, was zu tun
sei (Z 142 ff.).

 

Die Privatklägerin habe von einer
anderen Wohnsituation zu ihnen gewechselt. Er habe dann gesagt, die Frau gehöre
in eine psychotherapeutische Wohngemeinschaft und nicht in das Wohnheim [...].
Dort hätten sie kognitiv und körperlich beeinträchtigte Bewohner. Die
Privatklägerin habe aber eine andere Diagnose. Sie hätten rundum ein
entsprechendes Setting aufgebaut mit den zuständigen Ärzten und der Beiständin.
Die Privatklägerin habe eine psychische Störung gehabt, das könne man irgendwo
nachlesen. Er sage es nicht (Z 194 ff.).  

 

Er wisse noch ganz genau, wann er den
letzten Kontakt mit der Privatklägerin gehabt habe. Das sei am […] März 2016
gewesen, in [...] am Fest zu seiner Pensionierung. Da seien rund 70 Personen
von [...] gekommen, auch die Privatklägerin. Dann sei es mit Telefonaten
weitergegangen. Sie habe ihm von ihrem ersten Freund erzählt. Sie habe ja
dauernd angerufen und er sie auch, wenn sie ihn darum gebeten habe (Z. 208
ff.).

 

Nein, er habe sich nie zu ihr ins Bett
gelegt, aber sie hätten einmal bis am Morgen um halb drei einen Kasten von ihr
ausgeräumt und sich dabei halb zu Tode gelacht. Dann hätten sie ihn wieder
eingeräumt. Er habe sie auch nie unsittlich berührt und sei auch nie nackt in
ihrem Zimmer gewesen. Er könne die diesbezügliche Aussage der Privatklägerin
sogar verstehen. Es sei nur eine Vermutung. Wenn die himmelhochjauchzende
Liebe, die sie offenbar zu ihm gehabt habe, von einem auf den anderen Tag nicht
mehr da sei, entstehe ein Vakuum. Gerade wenn man so ein Vertrauen zu einem
Menschen aufgebaut habe. Das sei ja unheimlich schwierig mit ihr. Sie rede
sogar von seiner Frau als Freundin, weil sie ab und zu etwas unternommen
hätten. Wenn so eine grosse und intensive Liebe vorhanden sei und man sich an
diese Person klammere und die Liebe dann wegbreche…Er wisse, dass die
Privatklägerin im Heim rebelliert habe auf sein Ausscheiden hin (Z 230 ff.). 

 

Auf Vorhalt: Die Privatklägerin habe ihn
nie am Körper berührt. Sie habe das ein paar Mal in der Öffentlichkeit
versucht. Sie habe ihm unter dem Tisch die Hand aufs Knie gelegt. Oder von
hinten anstubsen. Mehr sei da nicht gewesen. Ob sie sein bestes Stück
bearbeitet habe: Der Beschuldigte schüttelt den Kopf. Das sei die Aussage der
Privatklägerin, er sage nein. Sie sei zwar mehrmals in seiner Wohnung gewesen.
Das habe sie auch gedurft, wenn es ihr nicht gut gegangen sei oder sie mit ihm
habe reden wollen. Er habe ja den Kontakt nicht herstellen dürfen. Das sei in
der Zeit von Oktober 2015 bis April 2016 gewesen. Da seien auch die Scheiss
Bilder und Fotos entstanden. Zum Vorhalt des gemeinsamen Badens: Nein, er sei
117 kg. Sie hätten gar nicht gemeinsam Platz in der Wanne gehabt. Wann sie das
letzte Mal bei ihm zu Hause gewesen sei: Er wisse es nicht, ob sie im Jahre
2016 überhaupt noch bei ihm gewesen sei. Da müsse man sie fragen. Auf Vorhalt,
dass die Privatklägerin angegeben habe, im März 2016 letztmals bei ihm zu Hause
gewesen zu sein: Dies sei möglich. Er wisse es nicht mehr. Sie habe ja im Juni
2016 noch mit seiner Frau ins […] gewollt. Dann sei ein Telefon gekommen von
ihr, sie habe einen neuen Freund, der sexuell abartige Sachen von ihr wolle,
dass sie die Scheide rasiere und sie habe ihm erzählt, dass er nun in sie
eindringen wolle. Er habe ihr dann gesagt, das sei ihm zu viel, sie solle sich
Hilfe suchen. Dann habe er von einem Tag auf den anderen nichts mehr von ihr
gehört. Das sei im April/Mai 2016 gewesen. Er habe sie dann vergeblich über
ihren Vater und am Arbeitsplatz zu erreichen versucht. Seine Frau habe ja nicht
gewusst, ob sie nun ins […] komme. Es sei keine Absage gekommen (Z 254 ff.).

 

Zum Vorhalt in der Kirche: Das habe er
genau intus. Das mache ihn böse. Er sei natürlich mehrmals mit ihr in der
Kirche in [...] gewesen, Kerzen anzünden und nicht auf die Empore irgendwelche
Sachen machen. Er habe ihr aber erzählt, dass er mit 16 oder 17 Jahren mit
seiner damaligen Freundin auf der Empore geschmust habe (Z 293 ff.).

 

Zu den verschickten Fotos und Videos: Er
wisse nicht, wer damit angefangen habe. Er selbst komme beim Natel nicht
«drus». Sie habe ihm geholfen, Apps einzurichten. Das hin und her mit
Kindersprache und so sei passiert, als er vom Spital nach Hause gekommen sei.
Das sei ein «Seich» gewesen. Ob er Fotos und Videos von ihr erhalten habe, auf
denen sie sich an ihren nackten Brüsten und der nackten Scheide berührt habe:
Sie habe Fotos geschickt. Nicht Filme. Nur einmal. Auf Vorhalt, dass gemäss
Handyauswertung er am 31. Januar 2016 fünf Fotos geschickt habe, auf denen sein
Penis zu sehen gewesen sei: Ja. Das werde so sein. Auf Vorhalt, dass zwischen
dem 23. November 2015 bis zum 27. März 2016 ab seinem Handy fünf Videos
verschickt worden seien, auf denen er seinen Penis reibe: Das sei möglich,
sogar wahrscheinlich. Nein, sicher. Er habe die Privatklägerin jedoch nie
aufgefordert, ihm Fotos und Videos zu schicken. Dies sei anders gelaufen. Es
sei hin und her gegangen. Er wisse nicht, wer angefangen habe. Das sei alles
erst nach Oktober 2015 passiert und daher privat gewesen. Auf Vorhalt einer
Mitteilung, worin der Beschuldigte die Privatklägerin aufforderte, ein
verruchtes Filmchen zu machen: Das habe er sicher selbst geschrieben, ob mit
fünf Bier im Kopf oder ohne. Sie habe ihm auch solche Sachen geschrieben.

 

Auf Vorhalt von Mitteilungen zwischen
dem […] August 2015 und dem 24. März 2016, in welchen er sich mehrfach
«Grabschmonster-Unhold» oder «Grabschmonster[…]» genannt habe: Am […] August
sei er noch im Spital gewesen, nicht ansprechbar. Das sei […] Tage nach der
Operation gewesen. Räuber Grabsch sei ein Kinderbuch, welches er ihr geschenkt
habe. Das sei eines der schönsten Kinderbücher. Auf Vorhalt, wonach die
Kommunikation wie zwischen einem Liebespaar erscheine: Sie seien kein
Liebespaar gewesen. Er habe sie einfach gerngehabt, das sei auch heute noch so.
Was «hdsl drvsvötzchen» bedeute: Ha di sehr lieb. Den Rest wisse er nicht. Auf
Vorhalt, wonach der Ausdruck «vötzchen» doch eindeutig sei: Der Ausdruck sei
sogar grusig. Es sei halt so gewesen, dass er es geschrieben habe. Es habe
keine tiefere Bedeutung gehabt. Was er in der Privatklägerin gesehen habe: Sie
sei etwas Spezielles gewesen. Sie habe auch eine spezielle Betreuung gebraucht.
Sie sei eine der ganz wenigen gewesen, die auch zu ihm nach Hause hätten kommen
dürfen. Nur einmal noch ein Mann für einen Fussballmatch. Sonst niemand. Auf
Vorhalt einer Mitteilung vom […] 2016, sie solle kommen, er habe «freie Hütte»:
Das heisse, dass sie vorbeikommen könne, wenn sie möge. Das heisse nicht, dass
seine Frau nicht da sei. Seine Frau habe immer über alles Bescheid gewusst. Er
habe die Privatklägerin einfach sehen wollen. Auf Vorhalt von Mitteilungen, in
denen er Vorwürfe an die Privatklägerin richtete, dass sie nicht für ihn da
sei: «Ja. Wenn sie sich nicht mehr meldet und man nicht weiss, was ist. Und
dass sie immer «schlüft» weiss man ja und dass sie gern und immer das Opfer
ist, weiss man auch. Und damit kommt sie auch überall durch». Was die
Privatklägerin in ihm gesehen habe: Vater, Vertrauter, einer, dem man alles
sagen könne und wahrscheinlich auch Möchtegernliebhaber, aber das wisse er
nicht. Er wisse nicht, ob sie überhaupt fähig sei zu einer Beziehung mit
irgendjemandem, ob sie überhaupt schon mit jemandem geschlafen habe. Ausser dem
Typ, von dem sie ihm erzählt habe, der sie «verruechet» habe. Er habe ihr
gesagt, sie solle sich bei der Frauenärztin untersuchen lassen. Es sei ja nicht
normal, dass eine Frau mit 28 noch mit keinem Mann geschlafen habe, wenn sie
nicht lesbisch sei. Er habe M.___, eine wunderschöne Frau und seine
Stellvertreterin, auf die Privatklägerin angesetzt (Z 315 ff.).

 

Auf Vorhalt von sexuellen Handlungen: Das
stimme nicht. Er habe sie nicht angefasst. Er wisse aber, dass sie 100'000 Mal
ins Internet gegangen sei, um sich solche Sachen anzuschauen. Sie habe ihm von
einem früheren Missbrauch erzählt. Aber es wisse niemand, ob das stimme. Wie er
sich die Kommunikation mit der Privatklägerin erkläre: Zwischen Oktober 2015
und April 2016 habe er unter den Folgen der schweren Operation gelitten und
viele schwere Medikamente nehmen müssen. Er wisse heute nicht mehr, weshalb sie
sich über dieses Medium so nahe gekommen seien mit diesen Nachrichten.
Wahrscheinlich habe er sie auch vermisst und sie ihn. So habe er mit ihr
weiterkommunizieren können, obwohl er nicht mehr im Heim gewesen sei. Auf
Vorhalt, die Privatklägerin sei von ihm abhängig gewesen: «Die war von mir nicht
abhängig. Sie unterschätzen diese Frau. Sie ist auf ihre Art ziemlich
selbständig. Und sie kann sich recht gut durchsetzen, v.a. wenn es um die
Opferrolle geht. Und sie ist nicht dumm. Sie ist eine clevere Frau.
Wahrscheinlich wurde es ihr zu heiss mit dem Freund und sie hat umgekehrt. Ich
kann und will es nicht wissen» (Z 457 ff.).

 

Auf Frage der Vertreterin der
Privatklägerin, ob er sich von der Privatklägerin sexuell angezogen gefühlt
habe: «Nein. Ich kann Ihnen das erklären. Sie ist ein liebenswürdiger und
herzensguter Mensch. Sie […] aber […]». Wie er sich dann die Videos und Fotos
erkläre? Das sei ein Seich gewesen. Sie sei aber eine erwachsene Person und
habe keinen Vormund (Z 578 ff.).

 

2.2.3 Anlässlich der vorinstanzlichen
Hauptverhandlung blieb der Beschuldigte im Wesentlichen bei seinen bisherigen
Aussagen (AS 31 ff.):

 

Er möchte sich nicht wiederholen, aber
er müsse. Er habe viel mit der Privatklägerin gearbeitet und sie hätten ein
sehr gutes Verhältnis gehabt und viel miteinander geredet. Es habe aber keine
sexuellen Handlungen gegeben. Er sei im Heim ein Stück weit der Papi gewesen
und habe viel Erfahrung und Ansehen bei den Bewohnern gehabt (Z 89 ff.).

 

Es habe sich niemand darum gerissen, die
Privatklägerin zu übernehmen. Weil er der einzige mit einer
familientherapeutischen Ausbildung und Heilpädagoge gewesen sei, habe er dann
gesagt, er probiere das. Er habe gerne mit der Privatklägerin
zusammengearbeitet. Die Vorwürfe der Privatklägerin träfen nicht zu. Ob er die
Privatklägerin auch nicht umarmt habe? «Also wenn ich an meine Bewohner denke,
die ich jahrelang kannte, wenn ich zur Arbeit kam und sie mich küssten oder
Männer, die mich umarmten, weil sie mich einfach gerne hatten, dann sagte ich
bei meiner alten Schule von Erziehung eigentlich nicht, dass das nicht geht.
Ich umarmte sicher auch A.___ hie und da mal, wenn sie mich begrüsste oder
hielt sie. Aber es kam nicht zu irgendwelchen Handlungen». Ob es demnach keine
unzüchtigen Handlungen gegeben habe? «Jösses Gott, nein». Ob die Privatklägerin
selber Annäherungsversuche unternommen habe? Es falle ihm schwer, das einfach
so zu beantworten und dann sitze hier noch das Fernsehen und so weiter. Er habe
kantonal einen Ruf zu verlieren. Wie nochmal die Frage gelautet habe? Es sei
vorgekommen, dass sie unter dem Tisch versucht habe, sein Knie zu fassen, um
einfach mal die Reaktion zu sehen. Er habe das nicht an die grosse Glocke
hängen wollen und es okay gefunden, dass sie versucht habe, sich anzunähern.
Sie hätten auch ein gutes Verhältnis gehabt. Sie hätten so viel zusammen
erlebt, das habe einfach zu einer Beziehung geführt, aber nicht zu einer
Abhängigkeit. Sein Grundsatz sei immer gewesen, die Leute zu verselbständigen.
Dass sie ihre Hand auf sein Bein gelegt habe, sei harmlos. Er habe ihr einfach
gesagt, sie solle die Hand wegnehmen, weil das peinlich sei, bei der ganzen
Gruppe. Das seien so Spielchen, die er schon durchschaut habe. Er sei einfach
schon zu lange dabei, um zu wissen, was da passieren könne (Z. 128 ff.).

 

Auf Vorhalt, er habe seinen Finger in
die Scheide eingeführt und sie habe seinen Penis massiert: Nein, er könne aber
auch noch erklären, wieso so eine Aussage zustande komme. Aber er möchte noch
etwas warten. Auf Vorhalt von sexuellen Handlungen an seinem Wohndomizil inkl.
dreimaligem Versuch, den Geschlechtsverkehr zu vollziehen: «Wo soll das gewesen
sein? (Auf Hinweis bei ihm zuhause) In welchem Jahr? (Auf Hinweis, gemäss
Anklageschrift ab ca. März/April 2014 bis schlussendlich Februar 2015, d.h. bis
zu seiner Freistellung) Das ist gar nicht möglich. Das ist auch nicht wahr. (AF
warum es nicht möglich sei) Weil es einfach nicht stimmt. Weil es nicht wahr
ist». Auf Vorhalt der sexuellen Handlungen ab Februar 2015 bis März 2016: Er
sei im Juli 2015 […] Stunden lang operiert worden. Er sei zu gar keinen
sexuellen Handlungen im Stand gewesen. Seiner Meinung nach sei er seit 2015 als
Privatperson anzuschauen. Was bei ihm zu Hause passiere, gehe niemanden etwas
an. Er sei von vielen Leuten aus [...] besucht wurden. Das sei einfach ein
abrupter Abbruch gewesen, als er freigestellt worden sei. Das habe auch der
Privatklägerin sehr wehgetan. Aber sexuelle Handlungen habe er nicht gemacht.
Die Privatklägerin sei x-mal bei ihm zu Hause gewesen. Zum Teil mit seiner
Frau. Sie hätten zusammen Ausflüge gemacht, weil die Privatklägerin alleine
gewesen sei und niemanden gehabt habe. Sie habe ihn etwa 6 oder 7 Mal besucht,
nach seiner Freistellung. Vorher nicht. Wie es zu den Besuchen gekommen sei, ob
er die Privatklägerin eingeladen habe: «Nein. (AF ob sie aus Eigeninitiative
vorbeigekommen sei) Aber sicher. (AF ob sie sich angemeldet habe) Ja, es geht
nur angemeldet. Bei mir ist die Glocke abgestellt. Bei mir hat es ein Postfach.
Ich muss meine Frau, die auch im Sozialbereich arbeitet, und mich schützen». Er
habe in seiner Wohnung mit der Privatklägerin geredet, sie «ahglost». Immer und
immer wieder. Da sei Not vorhanden gewesen, seiner Meinung nach viel (Z 215
ff.).

 

Zum Vorhalt auf der Empore in der
Kirche: «Kann ich etwas dazu sagen? Dann kann ich vielleicht auch mal erklären,
wie so etwas zustande kommt. Aus meiner Sicht natürlich. Wir waren 2 oder 3 Mal
in einer Kirche, zündeten Kerzen an und besannen uns, das ist so. A.___ und ich
sprachen viel über die Situation, wie es bei mir war, als ich ein Bub mit 16/17
Jahren war. Ich erzählte ihr auch einmal, wie es in den 68er/69er/70er-Jahren
war, als ich 17/18/19 alt war und meine erste Freundin hatte. In dieser Zeit
trieb ich Sport und habe nicht Haschisch geraucht. Spitzensport. Da war es so,
dass ich ihr mehrmals, aber nicht in der Kirche, erzählte, wie das früher
zuging. Wir hatten keinen Platz bei den Eltern, die akzeptierten nicht, dass
man während dem Lehrerseminar eine Freundin hatte. Im Seminar hatten wir im
Internat einen strengen Leiter, da hatte man auch keinen Platz mit
irgendjemandem. Ich sagte A.___, dass ich mich mehrmals in […] in der
Stadtkirche mit meiner Freundin versteckte, nicht für sexuelle Handlungen,
sondern dass man warm hatte und sich «verknutschen» konnte. Ich sage mal, das
ist dann der Anlass, dass dann so etwas entsteht. So etwas ist für mich mit der
ganzen ethischen und moralischen Vorstellung nicht vereinbar» (Z 300 ff.)

 

Zu den Fotos und Videos: Das sei
richtig. Er sei operiert worden, er sei voller Medikamente gewesen, er sage das
jetzt nicht als Entschuldigung. Er sei verwirrt gewesen und habe keinen Zugang
mehr zu irgendjemandem an seinem Arbeitsort gehabt. Er sei abgeschnitten
gewesen, ausser seiner Frau alleine, deshalb habe er diesen Seich gemacht, den
er zutiefst bereue. Wer zuerst damit angefangen habe, sei für ihn nicht
relevant. Es sei passiert und das sei so. Aus seiner Sicht sei das
unentschuldbar, von seiner Berufsethik her sowieso. Aber er sei Privatperson
gewesen. Ob er die Privatklägerin zu Fotos und Videos aufgefordert habe? Nein,
sie habe das von sich aus getan, wie er ja auch. Auf Vorhalt entsprechender
Mitteilungen, ob man dies nicht als Aufforderung ansehen müsse: Nein. Er sei
anderer Meinung. Er habe diese Frau nie zu etwas genötigt. Es sei gegenseitig
und nicht in einer Abhängigkeit passiert. Wer federführend gewesen sei, wisse
er nicht. Auf Vorhalt, die Privatklägerin sage, sie habe nie von sich aus Fotos
oder Videos geschickt: Das stimme nicht. Zu 90 % habe er Anrufe von ihr
erhalten und nicht umgekehrt. Die Privatklägerin habe sein Handy gekannt und
weil sie ihres ein paar Mal verloren habe, habe sie auch seines gehabt. Früher
habe sie auch den Code gehabt, der sei übrigens immer noch derselbe. Er sei
damit viel zu locker umgegangen. Das werfe er sich vor (Z 332 ff.).

 

Die Privatklägerin sei ein recht
autarkes selbständiges Wesen. Er habe immer gesagt, dass sie vollkommen
unterschätzt werde. Sie habe ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten, um im ersten
Arbeitsmarkt arbeiten zu können. Er kenne ihre Diagnose und Anamnese sehr genau
(Z 406 ff.).

 

Auf Vorhalt einer Mitteilung vom […]
2016, sie könne am Dienstag kommen, er habe freie Hütte bis Mittwoch. Sie könne
auch am Montagmorgen kommen. Er könne fast nicht mehr warten: «Der […] ist mein
Geburtstag. Ich mag diese Frau. Ich habe auch heute nichts gegen sie. Wenn man
so eng zusammengearbeitet hat und so viel voneinander weiss, vor allem ich über
sie. Ich weiss eben nicht genau, was ich hier sagen darf betreffend Anamnese
und den zwei Diagnosen. Das darf ich nicht sagen. (AF ob es kein sexuelles
Interesse gewesen sei) Nein, das war kein sexuelles Interesse, das war
menschlich» (Z 434 ff.).

 

Wie er dann seine Beziehung zur
Privatklägerin beschreibe: «Ich arbeitete immer so, dass man Menschen, nicht
nur A.___, verselbständigt und versucht sie dort abzuholen und zu stärken, wo
sie es brauchen. Dass A.___ mir nahestand und es mir schwerfällt, hier etwas
gegen sie zu sagen, dazu stehe ich vollkommen. Wir machten so viel zusammen,
mit dem Arbeitsversuch im [...], mit der Beiständin, mit den Fachpersonen und
weiteren, ich begleitete sie auf ihren Wunsch immer, an die für sie zum Teil
schweren Gängen. Auch als sie in eine Klinik musste bzw. wollte, war ich da und
besuchte sie mehrmals, nahm die Wege auf mich, manchmal auch ausserhalb der
Arbeitszeit, weil es sonst gar nicht machbar gewesen wäre. Ich hatte einen
Schnitt von 60/70/80 Arbeitsstunden in den Jahren 2013 und 2014» (Z 447 ff.). 

 

Auf Vorhalt seiner Aussage beim
Staatsanwalt, sie habe in ihm einen Möchtegernliebhaber gesehen: Nein, er habe
nicht gewusst, dass er Möchtegernliebhaber gesagt habe. Sie habe ihn sehr
gemocht. Er kenne auch ihre ganze Geschichte bis zurück in die Kindheit. Das
gehöre zu seinem Job, dass er zuhöre und beistehe. Er wisse, wie die ganze
Geschichte entstanden sei mit ihrer schwierigen, kranken Situation. Ob er
bestätigen könne, dass die Privatklägerin in ihm eine Vaterrolle gesehen habe?
Das sei richtig, wie noch eine Frau und sechs junge Männer zwischen 19 und 56
Jahren auch. Er wisse auch, was mit dem Vater der Privatklägerin passiert sei
(Z 458 ff.).

 

Auf Vorhalt, man habe Kleider von ihm
bei der Privatklägerin gefunden, darunter insbesondere auch Socken: Er habe
dort die Kleider gewaschen. Sie habe ihn mehrmals gefragt, ob sie etwas von ihm
haben dürfe, wie einen Schal. Socken verschenke er sicher nicht, ob sie stinken
würden oder nicht. Die müsse man von ihm genommen haben. Die verschenke er
nicht. Er sei bei der Einvernahme sehr schockiert gewesen, dass ein Sack
abgegeben worden sei, den er nach Hause nehmen solle. Er habe überhaupt nicht
verstanden, was das solle (Z 503 ff.).

 

Wie er darauf gekommen sei, mit ihr
solche Bilder und Videos auszutauschen, wieso die Privatklägerin, an der er
angeblich kein sexuelles Interesse gehabt habe, damals an oberster Stelle
gestanden habe, um so etwas zu machen: Das gehe ihm selber nicht richtig auf.
An erster Stelle komme seine Frau und dann lange niemand mehr. Er könne nicht
mehr dazu sagen, als er schon gesagt habe. Das sei passiert. Wer angefangen
habe, wisse er nicht. Es gebe für ihn keine Erklärung dafür, was da passiert
sei, warum er in dieser Zeit, als er Privatperson gewesen sei, mit diesen
Bildern, SMS und WhatsApp und alles was war, eine Grenze überschritten habe.
Das habe gedauert, bis er das für sich etwas habe einordnen und verarbeiten
können (Z 555 ff.).

 

Auf Vorhalt seiner Mitteilung vom 23.
November 2015 («Machst Du mir heute Dienstag ein schönes Filmcrew als Vorfreude
auf Mittwoch»). Was er gemeint habe mit Vorfreude für Mittwoch? «Also erstens,
weiss ich das nicht, weil ich es verdränge und zweitens, wahrscheinlich hätte
ich mich gefreut, dass sie mich besuchen kommt». Ob er sich von der
Privatklägerin sexuell angezogen gefühlt habe? Nein. Das könnte er jetzt
ausführen, mache das aber nicht. Ob er sein Verhältnis zur Privatklägerin als
immer professionell bezeichnen würde? Von ihm aus sei das immer professionell
gewesen, wie zu allen Bewohnern. Deshalb hätten ihn auch alle gemocht. Das sei
eine Art von Betreuung, die es heute nicht mehr gebe. Man gehe nicht mehr auf
Menschen zu. Dafür fehle die Zeit, man hocke nur noch im Büro und schreibe
Gutachten. Sie hätten ein sehr gutes, ein enges Verhältnis gehabt. Ob er sich
nie überlegt habe, ihr einen anderen Betreuer zu geben? Es frage sich, welchen
Betreuer sie akzeptiert hätte. Er habe bereits vor seinem Weggang beantragt,
dass eine Frau diese Frau führen müsse. Aber niemand habe es machen wollen.
Alle hätten Angst vor der Verantwortung gehabt. Warum er eine Mitarbeiterin auf
die Privatklägerin angesetzt habe, um herauszufinden, ob sie lesbisch sei.
Warum ihn das interessiert habe? Das habe ihn doch gar nicht interessiert. Er
wisse gar nicht, was das jetzt für eine Frage sei. Wie er das verstehen solle.
Das sei doch Blödsinn, die Privatklägerin sei männerorientiert gewesen, aber ob
das so sei, wisse er doch nicht. Er habe jemanden darauf angesetzt, welcher mit
solchen Problematiken und Themen hätte umgehen können. Das sei auch eine enge
Bezugsperson von der Privatklägerin gewesen. Sie hätten diese Frau eingestellt.
Er habe dabei geholfen. Es sei eine ganz tolle junge Frau gewesen. Er habe
niemanden im Team gehabt, der im Stande gewesen wäre, jemanden mit dieser Diagnose
und diesen Beeinträchtigungen zu betreuen. Diese junge Frau habe das versucht
und es seiner Meinung nach sehr gut gemacht (Z 599 ff.). 

 

Er habe keine Entscheidkompetenz gehabt
in Bezug auf die Bewohner, das sei Sache der IV gewesen, der Beiständin, zu der
er ein sehr gutes Verhältnis gehabt habe. Teamintern hätten sie ausser über die
Betreuung gar nichts entscheiden können (Z 757 ff.).

 

2.2.4 Vor Obergericht bestätigte der
Beschuldigte diese Ausführungen erneut. Die Vorhalte seien absurd. Was er bedauere,
seien die Bilder, das Geschriebene. Zwischen 2013 bis 2015 sei nichts gewesen,
ausser dass sie ein tolles Verhältnis gehabt hätten. Es sei nie zu sexuellen
Handlungen gekommen von seiner Seite an ihr. Es sei aber vorgekommen, dass wenn
sie angerufen habe ins Büro oder er geklopft habe, sie herein gerufen habe und
«füdliblutt» dort gestanden sei. Sie sei mit allen Wassern gewaschen. Im Jahr
2015 hätten sie einander geschrieben, «blutte Föteli» geschickt, das könne er
nicht damit entschuldigen, dass er operiert gewesen sei und alles Mögliche an
Medikamenten in sich gehabt habe. Aber es sei passiert, dazu stehe er und das
sei sein Fehler gewesen. (AF) Was zwischen ihr und ihm im Jahr 2015, nach der
Operation, stattgefunden habe, sei gewesen, dass sie sich getroffen hätten.
Aber sonst nichts, nein. (AF) Die Freistellung sei eine komische Sache gewesen,
er sei als nicht führungsfähig angesehen worden. Die Kündigung sei dann
aufgehoben worden und er sei bis Ende 2016 bezahlt worden. (AF) Die Kündigung
habe nichts mit den Vorhalten zu tun gehabt. Sie hätten einfach CHF 25'000.00
sparen wollen, die er an Überstunden zugute gehabt habe.

 

In der Zeit 2015 bis 2016 habe das mit
den Bildern stattgefunden. Sie sei nie von ihm abhängig gewesen. Sie sei
ziemlich selbstständig. Er habe lange Zeit mit ihr gearbeitet und nicht nur mit
ihr. Er habe viel gearbeitet. Die Leute dort hätten ihn gerne gehabt. Er habe
auch heute noch viele Kontakte zu den ehemaligen «Insassen», welche Rat
suchten. Es seien Freundschaften entstanden, nicht zu ihr und nicht körperlich.

 

Auf Vorhalt: Sie hätten nie zusammen
gebadet. Da hätten sie wohl keinen Platz gehabt. (AF) Vielleicht habe sie mal
bei ihnen gebadet, sie habe ein bis zwei Mal bei ihnen übernachtet, aber sicher
nicht mit ihm. Auf Vorhalt bezüglich der Phase nach seiner Freistellung, wo die
Vorwürfe hinsichtlich der sexuellen Handlungen genau gleich lauteten wie in der
Phase vor seiner Freistellung. So solle er beim letzten Besuch der
Privatklägerin bei ihm zu Hause im März 2016 versucht haben, mit ihr den
Geschlechtsverkehr zu vollziehen: Auch das bestreite er. Im März 2016 habe es
ein grosses Fest für ihn gegeben zum Abschied. Von etwas anderem wisse er
nicht. Es sei nicht möglich und nicht wahr. Weshalb nicht möglich? Sie habe im März
gar keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Sie sei nur schnell ans Fest gekommen
und dann nach 10 Minuten wieder gegangen. Er glaube, er habe sie da zum letzten
Mal gesehen, nicht bei ihm zu Hause. Telefonischen Kontakt und Bilder habe es
schon noch gegeben, aber im März 2016 sei sie nicht bei ihm zu Hause gewesen. 

 

Zum Vorhalt in der Kirche, wo es im
November/Dezember 2016 auf der Empore zwei Mal dazu gekommen sein solle, dass
die Privatklägerin auf sein Geheiss seinen Penis gerieben habe: Er gehe sicher
nicht auf die Empore, um sich von A.___ befriedigen zu lassen. So einen
«Seich». Er wisse, wie so etwas zustande komme, wenn jemand unglaublich
verliebt sei und das umschlage in Hass. Er habe das nicht gemacht. (AF) Er sei
mehrmals mit ihr in Kirchen gewesen, aber unten. (AF) Es stimme, dass er ihr
von sich erzählt habe, als er mit 17 Jahren in der Kirche gewesen sei. Auf
Frage, ob er das Gefühl habe, sie erzähle das, weil sie das, was er von seiner
Freundin erzählt habe, auf sich projiziere, meinte er, ja, das Gefühl habe er. Er
wisse aber nicht, was er wegen der Schweigepflicht sagen dürfe. 

 

Auf Vorhalt, dass er die Privatklägerin
vom 28. Oktober 2015 bis zum 27. März 2016 dazu gebracht haben solle, ihm
insgesamt 40 Fotos und 5 Videos zu schicken, auf denen zu sehen ist, wie sie
sich an den Brüsten und/oder an der Scheide manipulierte: Das stimme zu 100 %.
Das hätten sie beide gemacht. Ohne Abhängigkeit. Das bereue er sehr. Auf Frage,
wer die Idee für so etwas gehabt habe: Er habe sie nicht gesucht. Aber sie habe
ihn gesucht. Und sie sei nicht die Einzige gewesen. (AF) Er glaube, sie habe
ihm zuerst etwas geschickt, aber er wisse es nicht sicher. Welche Motivation er
gehabt habe, auf das einzusteigen? Er habe nicht mehr arbeiten können, sei
allein zu Hause gewesen, voller Medikamente, schwere Medikamente, nicht klar bei
Sinnen, orientierungslos eine Zeitlang.

 

(AF) Sie sei nie von ihm abhängig
gewesen. In keiner Art und Weise, weder finanziell noch sexuell, nie. Er habe den
Kontakt nicht gesucht. Aber er sei nicht unschuldig. Als erfahrener Lehrer
hätte er es wissen müssen. Auf Frage, anlässlich der vorinstanzlichen Befragung
habe er auf Zeile 219 f. auf den konkreten Vorhalt hinsichtlich der
gegenseitigen Manipulationen an den Geschlechtsteilen im Wohnheim ausgesagt, er
hätte eine Erklärung für die Aussagen von A.___, er möchte aber noch damit
warten, ob er das erläutern könne: Er gebe ein Beispiel: Zum ersten Vorhalt: Sie
hätten den Schrank ausgeräumt und hätten es lustig gehabt. Es habe aber keinen
körperlichen Kontakt gegeben. Dann komme diese Geschichte mit ins Bett legen,
das sei einfach nicht so. Auf Vorhalt des Vorsitzenden, er sehe den
Zusammenhang nicht, weshalb die Geschichte mit dem Schrankausräumen die
Privatklägerin hätte veranlassen sollen, solche Sachen zu erzählen: Das müsse
sie wissen, weshalb sie das mache. Wenn bedingungslose Liebe in Hass umschlage,
sei alles möglich. Auf den Einwand, er solle beim Schrankausräumen anzügliche
Bemerkungen gemacht haben: (lacht) Das gehe schon etwas weit. Wenn sie ins Büro
anrufe und er komme und sie stehe im Slip im Türrahmen, dann sehe das etwas
anders aus. (AF) Das habe es mehrmals gegeben. Auch andere hätten verlangt,
dass man ihnen den Rücken massiere, dass man noch etwas mehr mache. Das hätten
sie alles nicht gemacht. Wie er gegenüber A.___ reagiert habe: Er habe ihr
gesagt, dass dies nicht gehe und er das nicht mache. Wie er ihr Verhältnis denn
bezeichnen würde vor und nach der Freistellung: Er habe sie ziemlich gut
gekannt und sie habe ihn ganz wahnsinnig fest gern gehabt. Er habe sie auch
gemocht, sehr, mit all ihren Handicaps, sie sei eine ganz feine Frau, die man
kaputt machen könne, aber sicher nicht er. Wie er auf Avancen reagiert habe: 45
Jahre recht gut. Mit Distanz. Das sei nicht einfach in einem Heim, man berühre
sich 100 x am Tag. (AF) Es habe sie niemand anders betreuen können, mit diesen
Schwierigkeiten, zusammen mit einer anderen Frau. Er habe sich nicht darum
gerissen. Auf Frage, ob er ihre Diagnose gekannt habe: Er habe alles gewusst.
Sie habe fast in den ersten Arbeitsmarkt gekonnt. Sie habe Potenzial. Er habe
nie gewollt, dass sie in [...] «versuure», dies gelte im Übrigen auch für andere.
Einige hätten es geschafft in der Zwischenzeit. Das wäre das Ziel und nicht
einfach das Geld «abrupfen» jeden Monat und nichts verändern. 

 

Auf Frage, er habe noch Kenntnis von
einer anderen Diagnose, neben der Intelligenzminderung und der […]störung: Ja.
Das sei aber eher eine Vermutung von ihm und seiner Psychiaterin. Aber auf das
wolle er nicht eingehen, einfach nicht. 

 

Auf nochmalige Frage hinsichtlich einer
Abhängigkeit (er habe gesagt, sie habe ihn vergöttert, er sei eine Vaterfigur
gewesen, er sei der Einzige gewesen, der in der Lage gewesen sei, mit ihren
Problemen umzugehen): Das sei keine Abhängigkeit. Jemand habe sie ja begleiten
müssen. Deshalb habe es so engen Kontakt und Nähe gegeben, aber keine
körperliche Nähe. Ob er die Gefahr einer Abhängigkeit nicht gesehen habe, ob er
sich keine Gedanken dazu gemacht habe? Doch, doch, er habe sein Tun immer
hinterfragt. Wie er der Gefahr einer Abhängigkeit entgegengewirkt habe, wenn es
keine gegeben habe: Sie habe keine Abhängigkeit von ihm gehabt. Wenn sie ihn so
liebe, sei das ihre Sache, da sei er doch nicht schuld. Dann würde er eine
Abhängigkeit also trotzdem klar verneinen: Ja, die würde er heute klar
verneinen, v.a. wie das am Schluss gelaufen sei. 

 

Auf Frage, anlässlich der
staatsanwaltlichen Befragung vom 21. August 2017 habe er auch erwähnt, die
Privatklägerin hätte eigentlich in eine psychotherapeutische Wohngemeinschaft
und nicht in das Wohnheim [...] gehört, ob er das etwas genauer ausführen
könne: Das finde er immer noch. Die Betreuung sei nicht engmaschig genug in [...]
und man werde ihr nicht gerecht dort. (AF) Sie sei auf eine engmaschige
Betreuung angewiesen. Er habe das x Mal gesagt. Es brauche eine andere Form der
Betreuung. Ob er diese Betreuung nicht habe gewährleisten können: Er habe es
versucht und andere auch. Mit dem ehemaligen Chef sei es besser gegangen. Seiner
Meinung nach müsste sie in eine kleine therapeutisch betreute Wohngruppe. Er
habe sie nicht aufgenommen. Das Geld nehme man schon. 

 

(AF) Er habe sich von ihr nicht sexuell
angezogen gefühlt. Aber diese Mitteilungen (z.B. «Grabschmonster»,
«drvsvötzchen», verruchtes Filmchen), ob er nicht verstehe, dass diese nach
einem sexuellen Verhältnis tönten: Das verstehe er schon. Dies sei nach der
Operation gewesen, vorher nicht. Er habe kein sexuelles Interesse an ihr
gehabt, das sei einfach Blödsinn gewesen. Was dann der Hintergrund gewesen sei?
Er glaube Langeweile, sich austauschen können, dass man wenigstens so noch
Kontakt haben könne. Aber der Ausdruck mit der «freien Hütte», wie er das erkläre:
Das müsse er doch nicht erklären, wenn er freie Hütte habe und sie zum
Übernachten kommen wolle. Ob denn seine Hütte nicht immer frei gewesen sei?
Nein, seine Frau habe auch bisweilen Gäste. Aber der Ausdruck mit der Filmcrew
und der «Vorfreude»: Er habe solches geschrieben, sie auch. Er bedaure das.

 

Auf Frage, die Operation sei im Juli
2015 gewesen, es habe aber vorher schon eine Kommunikation zwischen ihnen
stattgefunden mit Liebeserklärungen etc.: Das habe er nicht gewusst. Ob er eine
Erklärung dafür habe? Nein…sie sei eine liebenswürdige Frau, aber nicht mehr. 

 

 

3. Gutachten

 

3.1 Dem aussagepsychologischen Gutachten
vom 15. Oktober 2018 ist folgendes zu entnehmen (AS 336 ff.):

 

Der Gutachterin habe sich eine
umfassende Aktenlage präsentiert. Durch die [...] sei ein Intelligenztest bei
der Privatklägerin vorgenommen worden. Eine erneute Befragung zur Sache sei
nicht indiziert. Eigens erhobene Aussagen seien nur dann notwendig, wenn kein
Material zur Verfügung stehe, das analysiert werden könne. Je mehr Befragungen
zum selben Sachverhalt gemacht würden, desto breiter werde die Variabilität der
Aussagen und desto unschärfer die Erinnerung. Wiederholte Befragungen könnten
erheblichen Einfluss auf den Inhalt der Aussage haben. Die vorliegende
Aktenlage erlaube einen umfassenden Einblick in die komplexe
Entwicklungsgeschichte der Aussagen sowie in die Entwicklung der Aussagen
selbst (S. 11). Zusammengefasst könne aus aussagepsychologischer Sicht aufgrund
der vorhandenen Angaben und Untersuchungen von einer leichten
Intelligenzminderung bei der Privatklägerin ausgegangen werden. Vor diesem
Hintergrund könne festgehalten werden, dass die Konsistenz, das Detailniveau
und die Komplexität der Aussagen hinsichtlich des Kerngeschehens als hoch
beurteilt werden könne (S. 15). Die Zeugentauglichkeit sei zu bejahen, die
Aussagekompetenz sei gegeben, wenn die Privatklägerin fachgerecht gemäss ihren
Fähigkeiten beziehungsweise ihrer kognitiven und rezeptiven Sprachdefizite
befragt werde (S. 18). 

 

Unter Berücksichtigung der
Aussageentstehung und -entwicklung sowie der Motivanalyse könne zusammenfassend
festgehalten werden, dass mögliche herangezogene aussageverfälschende
Motivtendenzen mit hoher Wahrscheinlichkeit verworfen werden könnten. In der
Aussagegenese könnten Auffälligkeiten festgestellt werden, die einen Einfluss
auf die Motivlage zum Rachemotiv der Zeugin gehabt haben könnten. Würden diese
Auffälligkeiten vor dem Hintergrund ihrer ambivalenten emotionalen Lage
betrachtet, seien sie nachvollziehbar und könnten durch ihre Plausibilität
entkräftet werden. Weiter seien in ihrem Aussageverhalten sowie dem
Aussageinhalt keine aussageverfälschenden motivationalen Aspekte ersichtlich,
da beispielsweise keine naheliegenden Aggravationstendenzen in der Aussage
festzustellen seien sowie sie sich nicht maniriert verhalte. In keinen
Vorbefunden sowie anderen Dokumenten aus den Akten sei feststellbar, dass die
Zeugin über Tendenzen verfüge, die Realität für eigene positive Outcomes
umzuwandeln oder andere für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Es gäbe
darüber hinaus keine weiteren Hinweise über zusätzliche aussageverfälschende
Einflüsse (S. 29).

 

Hinsichtlich möglicher
Befragungseinflüsse sei die erste Einvernahme vom 19. Juli 2016 mangels eines
exakten Wortprotokolles oder einer Videoaufnahme nur vermindert verwertbar. Die
zweite Einvernahme vom 2. Mai 2017 könne als eher lang und im Hinblick auf den
Psychostatus der Zeugin möglicherweise überfordernd bezeichnet werden. Es sei
jedoch der Befragerin gelungen, adäquat mit der Zeugin Kontakt aufzunehmen und
eine sachliche, neutrale Befragungssituation mit professioneller Distanz zu
schaffen. Die Rechtsbelehrungen seien inhaltlich zu wenig den kognitiven Fähigkeiten
der Zeugin angepasst worden, diese habe den Belehrungen scheinbar nur mässig
folgen und deren Inhalt nicht vollständig begreifen können. Auch könnten die
Belehrungen als tendenziell suggestiv interpretiert werden und eine
«Ja-Sage-Tendenz» der Zeugin hervorrufen. Im Laufe der Befragung hätten sich
mehrere Hinweise gezeigt, dass die Zeugin Mühe gehabt habe, komplexe Fragen
adäquat zu beantworten.

 

Darüber hinaus hätten im Rahmen der
vorliegenden Begutachtung aus aussagepsychologischer Sicht folgende Aspekte
eruiert werden können, die sich als Befragungseinflüsse präsentieren würden:
Die Befragerin habe die Antworten direkt ins Protokoll aufgenommen. Das laute
Tippen in Kombination mit der äusserst leisen Aussprache der Zeugin hätten das
Verstehen erschwert. Zwischen den Fragen seien lange Pausen entstanden, was den
Dialog erschwert habe. Durch Aufforderungen der Befragerin (zu warten oder
lauter zu sprechen) sei es zu Unterbrüchen gekommen, was den Rede- und
Erzählfluss der Zeugin unterbrochen habe. Zudem hätten die Unterbrechungen die
Zeugin in ihrer Aussage scheinbar verunsichert und aus ihren Gedankengängen
gerissen. Das habe sich dadurch gezeigt, dass sie nach einer Unterbrechung
selten an ihre Erzählung habe anknüpfen können und auf die nächste Frage der
Befragerin gewartet habe. Sie habe zudem abzuschweifen gedroht und eine freie
und spontane Schilderung der Vorfälle und Details sei somit deutlich erschwert
worden. Dadurch wirke die Einvernahme sprunghaft und zusammenhangslos. Darin
liege aus aussagepsychologischer Sicht die Gefahr von Missverständnissen,
Konfusionen und fehlenden Details. Diese abschnittweise Protokollierungsweise
führe – nach Greuel – zu Aufmerksamkeits- und Informationsverlusten und der
Zeuge werde in seinen Erinnerungsprozessen nachhaltig gestört. Auf inhaltlicher
Ebene könne indes einzig moniert werden, dass die Befragerin zwei aus
aussagepsychologischer Sicht relevante Aspekte nicht explizit überprüft habe:
die Frage nach einer alternativen Täterschaft sowie die Frage nach möglicher
Beeinflussung durch Drittpersonen. Insgesamt könne konstatiert werden, dass die
beiden Befragungen vom 19. Juli 2016 und 2. Mai 2017 zwar den Standards der
Strafprozessordnung entsprochen hätten, jedoch gewisse Befragungseinflüsse auf
das Aussageverhalten der Zeugin nicht ausgeschlossen werden könnten. Der Aspekt
der Befragungsstruktur habe indes hauptsächlich einen Einfluss auf die
tendenziell wenig detaillierte und komplexe Schilderung des vermeintlichen
Sachverhaltes und nicht auf eine Aussageverfälschung (S. 30 f.).

 

Hinsichtlich Konstanzanalyse könne
zusammenfassend nach Erwägen aller zur Verfügung stehenden Akten festgestellt
werden, dass in den Opfereinvernahmen vom 19. Juli 2016 und 2. Mai 2017
Widersprüche zum Kerngeschehen festzustellen seien, sich diese jedoch
mehrheitlich durch die vorliegenden Informationen und Gegebenheiten erklären
liessen. Somit könnten aus aussagepsychologischer Sicht die ersichtlichen
Widersprüche erklärt beziehungsweise entkräftet werden. Die Konstanz in den
Kernaussagen könne dementsprechend als gegeben beurteilt werden (S. 32 f.). 

 

Im Rahmen der kriterienorientierten
Aussagenanalyse könne zusammenfassend gesagt werden, dass nach der Analyse der
Aussagen gemäss den Realkennzeichen insgesamt eine hohe Qualität der Aussagen
betreffend das Kerngeschehen resultiere. Grundsätzlich könne aus
gutachterlicher Sicht festgehalten werden, dass sich eine hohe Qualität der
Aussagen insbesondere aufgrund der logisch und konsistent berichteten
Handlungsabfolge ableiten liesse. Die Zeugin schildere das Geschehen mit einem
quantitativen Detailreichtum und einer gegebenen räumlich-zeitlichen
Verknüpfung. lnteraktionsschilderungen und die Wiedergabe von Gesprächen seien
ebenfalls vorhanden und die Zeugin berichte auch über Komplikationen im
Handlungsablauf. Des Weiteren gestehe die Zeugin Erinnerungslücken ein,
schildere ausgefallene wie auch nebensächliche Details sowie eigene psychische
Vorgänge genauso wie psychische Vorgänge des vermeintlichen Täters. Sie
berichte von deliktspezifischen Aussageelementen und verzichte auf Belastungsaggravationen,
obschon sie im Befragungsverlauf mehrmals in logischer Weise und vor dem
Hintergrund der Befragungseinflüsse Möglichkeiten dazu gehabt habe. Nach
kriterienorientierter Analyse der Aussagen müssten einige Realkennzeichen als
nicht gegeben gewertet werden, beispielsweise die unstrukturierte Darstellung
oder Einwände gegen die Richtigkeit der eigenen Aussage (S. 34 ff.)

 

In der Folge äusserte sich die
Gutachterin detailliert zu folgenden Untersuchungshypothesen nach Greuel,
welche sie allesamt mit hoher Wahrscheinlichkeit verwarf (S. 38 ff.): 1) Die
Aussage ist das Produkt reiner Phantasietätigkeit. Die Privatklägerin hat die
Ereignisse, die sie berichtet, frei erfunden, sie entspringen ihrer
Phantasietätigkeit; 2) Der Aussage liegt zwar ein realer Wahrnehmungs-, aber
kein ich-naher Erlebnisbezug zugrunde. Die Privatklägerin berichtet von
tatsächlichen Geschehnissen, diese sind ihr aber in Wirklichkeit nicht
zugestossen, sie wurde unter Umständen Zeugin solcher Geschehnisse; 3) Der
geschilderte Sachverhalt ist zwar erlebnisfundiert, bezieht sich aber auf eine
andere Person als die des Beschuldigten. Die Ereignisse sind tatsächlich so
geschehen, wie die Privatklägerin berichtet, die Täterschaft ist aber eine
andere, als sie angibt; 4) Die Aussage ist das Produkt einer bewussten
Induktion durch Dritte. Die Privatklägerin wurde durch Drittpersonen bewusst
veranlasst, diese Aussagen zu machen, es besteht kein realer
Erlebnishintergrund; 5) Die Aussage ist das (Teil-)Produkt suggestiver
Befragungseinflüsse. Die Aussage der Privatklägerin oder Teile davon sind das
Produkt suggestiver Befragungseinflüsse; 6) Die Aussage ist das (Teil-)Produkt
von unbewussten suggestiven Einflüssen. Die Aussage der Privatklägerin oder
Teile davon sind das (Teil-)Produkt autosuggestiver Vorgänge oder
Pseudoerinnerungen.

 

Schliesslich beantwortete die
Gutachterin die gestellten Fragen aufgrund der vorgenommenen
aussagepsychologischen Analyse der Aussagetüchtigkeit der Zeugin,
(«Kompetenzanalyse»), der Prüfung der Aussageentstehung und -entwicklung sowie
motivationaler Aspekte («Fehlerquellenanalyse») und der kriterienorientierten
(lnhalts-)Analyse der Aussage selbst («Realkennzeichenanalyse» oder
«Glaubhaftigkeitsprüfung») wie folgt (S. 44 ff.):

 

«1. Wie ist die Persönlichkeit von A.___
im Hinblick auf ihre Aussagetüchtigkeit und Aussagekompetenz zu beurteilen?

 

Die Zeugin, Frau A.___, ist
aussagetüchtig, es konnten keine Persönlichkeitsmerkmale festgestellt werden,
welche die Aussagekompetenz und die Aussagetüchtigkeit in Frage stellen oder
schmälern. Die Zeugin, Frau A.___, ist aus fachpsychologischer Sicht trotz
ihrer leichtgradigen lntelligenzminderung als durchaus zeugentauglich zu
beurteilen.

 

2. Wie ist die Aussage aus
aussagepsychologischer Sicht in Bezug auf ihre Qualität (Realkennzeichen), ihre
Konstanz, ihre Entstehungsgeschichte und den möglichen Motivhintergrund zu
beurteilen?

 

Die Aussagen der Zeugin, Frau A.___,
konnten in Bezug auf ihre Qualität und Konstanz sowie hinsichtlich Motivlage
analysiert werden. Aus diesen Analyseprozessen geht eine hohe Qualität und
Konstanz der Aussagen hervor. Motivational lassen sich keine
aussageverfälschenden Motivtendenzen halten. Die ambivalente Haltung der Zeugin
gegenüber dem Zeugen (recte: Beschuldigter) ist dabei hervorzuheben. Es kann
somit nicht komplett ausgeschlossen werden, dass sich die vermeintlichen
Handlungen zu Beginn einvernehmlich gestalteten. Die Analysen mit den im
vorliegenden Gutachten dokumentierten Prozeduren zeigen, dass die Aussagen
tendenziell erlebnisfundiert sind, zumindest in weiten Teilen beziehungsweise
in den Grundstrukturen. Die Entstehungsgeschichte ist logisch und
nachvollziehbar.

 

3. Wie wird insgesamt der
RealitätsgehaIt der sachrelevanten Bekundungen unter Berücksichtigung der in
Frage kommenden Alternativhypothesen (Suggestionshypothese, Lügenhypothese) zur
Glaubhaftigkeit der Aussage aussagepsychologisch beurteilt?

 

Die vorliegenden Aussagen haben aus
aussagepsychologischer Sicht mit hoher Wahrscheinlichkeit einen
erlebnisfundierten Hintergrund. Alle Untersuchungshypothesen wurden
systematisch überprüft und konnten mit hoher Wahrscheinlichkeit verworfen
werden.

 

4. Wie ist die Glaubhaftigkeit der in
Frage stehenden Aussagen von A.___ in Bezug auf die behaupteten mehrfachen
sexuellen Handlungen zu beurteilen?

 

Die Glaubhaftigkeit der Aussagen ist als
gegeben zu beurteilen. Zwar ergeben sich im Rahmen der Motivanalyse (siehe
Kapitel 5.5 Motivanalyse) mögliche aussageverfälschende Aspekte im Sinne von
Rache-, Schädigungs- und Aufmerksamkeitsmotiven, welche sich jedoch nach
umfassender Analyse nicht halten lassen. Weiter sprechen die hohe
Aussagequalität (siehe Kapitel 5.8 Kriterienorientierte Aussagenanalyse) und
die kaum vorhandenen Widersprüche (siehe Kapitel 5.7 Konstanzanalyse in den
Aussagen) in den Aussagen der Zeugin, Frau A.___, für eine erlebnisfundierte
Aussage. Nach Überprüfung der Untersuchungshypothesen 1 bis 6 und deren Verwerfung
mit mindestens hoher Wahrscheinlichkeit sprechen keine Aspekte für die
Nullhypothese (HO) – Frau A.___s Aussagen sind so, wie sie berichtet wurden,
unwahr –‚sodass diese mit hoher Wahrscheinlichkeit verworfen werden kann. Es
ist somit zu folgern, dass die Alternativhypothese (H1) – Frau A.___s Aussagen
sind so, wie sie berichtet wurden, mit hoher Wahrscheinlichkeit erlebnisfundiert
und somit glaubhaft – gilt (siehe dazu Kapitel 6 Überprüfung der diagnostischen
Hypothesen).

 

5. Könnte A.___ mit den gegebenen
individuellen Voraussetzungen unter den gegebenen Befragungsumständen und unter
Berücksichtigung der im konkreten Fall möglichen Einflüssen von Dritten diese
spezifischen Aussagen machen, ohne dass sie auf einem realen
Erlebnishintergrund basieren würden?

 

Nein. Nach Überprüfung der Hypothesen
kann eine bewusste Induktion durch Dritte (Untersuchungshypothese 4) mit hoher
Wahrscheinlichkeit verworfen werden. Die Komplexität der vorliegenden
Schilderungen wäre zudem hinsichtlich des kognitiven Leistungsprofils für eine
reine Phantasietätigkeit tendenziell zu überfordernd. Darüber hinaus können
weitere Befragungseinflüsse auf die Aussagen der Zeugin, Frau A.___,
ausgeschlossen werden. Somit bestehen auf Basis der vorliegenden Begutachtung
keine Anhaltspunkte für allfällige fremdsuggestive Prozesse.

 

6. Können die Aussagen von A.___ als
wesentliche Grundlage eines Strafverfahrens wegen sexuellen Handlungen mit
Anstaltspfleglingen eventuell Ausnützung der Notlage aus aussagepsychologischer
Sicht empfohlen werden?

 

Ja. Siehe Antworten zu Frage 1 bis 4.

 

7. Bestehen nach Ihrer Einschätzung im
Rahmen der aktenmässig dokumentierten Gesamtsituation Hinweise auf mögliche
Suggestionseffekte?

 

Nein. Siehe Antwort zu Frage 5.

 

8. Geben die Akten, beziehungsweise gibt
der Ihnen erteilte Auftrag zu weiteren sachdienlichen Bemerkungen Anlass?

 

Nein.»

 

3.2 Die Verteidigung ortete im
Vorverfahren zusammengefasst folgende Mängel am Gutachten (AS 400 ff.):

 

Das Gutachten sei von vier Personen
unterzeichnet und sei daher von nicht beauftragten und nicht auf die
Geheimhaltungspflicht hingewiesenen Personen erstellt worden.

 

Es sei keine Exploration der
Privatklägerin vorgenommen worden.

 

Das Gutachten sei über weite Strecken
unklar und nicht nachvollziehbar. Die Begründungspflicht werde verletzt,
insbesondere betreffend die Stellungnahme zu den Realkennzeichen. Widersprüche
in den Aussagen der Privatklägerin würden lediglich mit deren
Intelligenzminderung begründet und trotz dieser Widersprüche werde die
Schilderung des Kerngeschehens als hochqualitativ beurteilt. Dies sei
wissenschaftlich unzulässig. Mit dieser Begründung würden dann die
Untersuchungshypothesen 1 bis 6 verneint.

 

3.3 Am 19. März 2019 nahm die
Gutachterin zu den Rügen der Verteidigung wie folgt Stellung (AS 408 ff.):

 

Die beauftragte Gutachterin sei gemäss
Gesetz (Art. 187 Abs. 1 StPO) und Rechtsprechung berechtigt, für untergeordnete
Arbeiten Hilfspersonen beizuziehen. Sämtliche Hilfspersonen seien auf die
Geheimhaltungspflicht und Art. 307 Abs. 1 StGB hingewiesen worden. 

 

Aufgrund des Opferschutzes (Schutz vor
einer Sekundärtraumatisierung) und der im Gutachten bereits dargelegten Gründe
sei auf eine eigene Exploration verzichtet worden. Dies entspreche auch dem
wissenschaftlichen Standard der Glaubhaftigkeitsbegutachtung.

 

Die Konstanzanalyse umfasse mehr als
eine Gewichtung und Analyse der Widersprüche. Die Widersprüche in den Aussagen
der Privatklägerin seien im Gutachten ausführlich analysiert und deren
Bedeutung festgestellt worden (S. 32 ff.). Es sei keineswegs so, dass die
Widersprüche einzig durch die Intelligenzminderung erklärt bzw. entkräftet
worden seien. Es seien vielmehr auch weitere Faktoren erwähnt worden, die das
Auftreten von Widersprüchen bewirken könnten, beispielsweise die beschränkte
sexuelle Aufklärung (oder das Unvermögen, die passenden Begriffe zu finden)
oder eine Schwäche im Erinnern an Daten und deren chronologische Zuordnung an
Geschehnisse (siehe aussagepsychologisches Gutachten vom 15. Oktober2018,
Kapitel 5.7). 

 

Auch die festgestellte Komplexität der
Aussagen der Privatklägerin sei im Gutachten ausführlich erläutert worden (S.
32 f.). Beispielhaft werde auf folgende Textpassage im Gutachten verwiesen:

 

«Die Aussagen der Zeugin, Frau A.___,
zeichnen sich in vielen Stellen durch genaue Übereinstimmungen aus, wie
beispielsweise wie der Beschuldigte während der Nachtschicht auf ihr Zimmer
gekommen sei, sich neben die Zeugin ins Bett gelegt habe und es dann zu
sexuellen Kontakten gekommen sei. Es präsentieren sich kaum Ergänzungen oder
Auslassungen in der Schilderung des zentralen Kerngeschehens über die verschiedenen
Einvernahmen hinweg. Unter Berücksichtigung der leichten lntelligenzminderung
F70.0 nach ICD-10 der Zeugin, Frau A.___, kann festgehalten werden, dass das
Detailniveau und die Komplexität der Aussagen hinsichtlich des Kerngeschehens
als hoch beurteilt werden kann. Durch diese hohe Komplexität in der
Handlungsabfolge steigt die generelle Auftretenswahrscheinlichkeit von
widersprüchlichen Aussagen.»

 

Folglich stütze sich die Komplexität der
Handlungsabfolge nicht nur auf das Auftreten von Widersprüchen oder deren
Abwesenheit, sondern auch auf das Detailniveau der Aussagen. Wichtig scheine,
erneut auf