# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** b59d88c5-0499-58f7-a451-8e397e22cf87
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2011-11-30
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 30.11.2011 E-636/2009
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_E-636-2009_2011-11-30.pdf

## Full Text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t

T r i buna l   adm in i s t r a t i f   f édé ra l

T r i buna l e   ammin i s t r a t i vo   f ede ra l e

T r i buna l   adm in i s t r a t i v   f ede ra l

   

Abteilung V
E­636/2009

U r t e i l   v om   3 0 .   No v embe r   2 0 1 1

Besetzung Richter Bruno Huber (Vorsitz), 
Richter Hans Schürch,
Richter Jean­Pierre Monnet,   
Gerichtsschreiber Jonas Tschan.

Parteien A._______, geboren (…),
und dessen Ehefrau 
B._______, geboren (…),
Afghanistan,  
beide vertreten durch Samuel Häberli,

Beschwerdeführende, 

gegen

Bundesamt für Migration (BFM), 
Quellenweg 6, 3003 Bern,   
Vorinstanz. 

Gegenstand Wiedererwägung;
Verfügung des BFM vom 30. Dezember 2008 / N (…),

E­636/2009

Seite 2

Sachverhalt:

A. 
Die Beschwerdeführenden verliessen ihren Heimatstaat gemäss eigenen 
Angaben  im  März  2007  und  gingen  in  den  Iran,  wo  sie  ein  Jahr  und 
sieben Monate blieben. Anschliessend gelangten sie über die Türkei und    
ihnen  unbekannte  Länder  am 17. Oktober  2008  in  die Schweiz, wo  sie 
gleichentags im Empfangs­ und Verfahrenszentrum (EVZ) C._______ um 
Asyl  nachsuchten.  Sie  wurden  am  3.  November  2008  im  EVZ 
summarisch  befragt;  die  direkte  Bundesanhörung  fand  ebenda  am  5. 
November 2008 statt. 

Zur Begründung  ihres Asylgesuches machten die Beschwerdeführenden 
geltend,  der  Beschwerdeführer  habe  in  der  Heimat  die  Absicht  gehabt, 
zum  Christentum  zu  konvertieren.  Es  habe  eine  heftige 
Auseinandersetzung mit seinem Vater gegeben, der vor Wut ausser sich 
gewesen sei,  als  er  vom Ansinnen  seines Sohnes gehört  habe. Er  (der 
Beschwerdeführer) könne sich in Afghanistan nie mehr blicken lassen, da 
er  fürchten  müsse,  wegen  seines  Konversionswunsches  getötet  zu 
werden. Für die weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen.

B.
Mit Verfügung vom 11. November 2008 trat das BFM auf das Asylgesuch 
der  Beschwerdeführenden  nicht  ein  und  ordnete  die  Wegweisung  und 
den Vollzug an.

C.
Mit  Eingabe  vom  16.  Dezember  2008  ersuchten  die 
Beschwerdeführenden  das  Bundesamt  um  Aufhebung  der  Verfügung 
vom  11.  November  2008,  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  und 
Gewährung  von  Asyl,  eventualiter  um  Anordnung  der  vorläufigen 
Aufnahme  wegen  Unzulässigkeit  beziehungsweise  Unzumutbarkeit  des 
Wegweisungsvollzugs.

D.
Mit  Verfügung  vom  30.  Dezember  2008  wies  die  Vorinstanz  das 
Wiedererwägungsgesuch  ab,  stellte  fest,  dass  die  Verfügung  vom  11. 
November 2008 rechtskräftig sowie vollstreckbar sei und einer allfälligen 
Beschwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme.

E.
Mit Eingabe vom 30. Januar 2009 erhoben die Beschwerdeführenden ge­

E­636/2009

Seite 3

gen  diese  Verfügung  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und 
beantragten in materieller Hinsicht, die Ziffern 1 bis 4 der vorinstanzlichen 
Verfügung  vom  11.  November  2008  seien  aufzuheben,  es  sei  ihnen 
gestützt  auf  Art.  3  des  Asylgesetzes  vom  26.  Juni  1998  (AsylG,  SR 
142.31) die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen und Asyl zu gewähren; 
eventualiter  sei  ihnen  infolge  subjektiver  Nachfluchtgründe  gestützt  auf 
Art. 54 AsylG i.V.m. Art. 3 AsylG die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen 
und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen;  subeventualiter  sei  infolge 
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und gestützt auf Art. 83 Abs. 
4 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen 
und Ausländer  (AuG, SR 142.20)  die  vorläufige Aufnahme anzuordnen; 
subsubeventualiter  sei  das  Verfahren  zwecks  Neubeurteilung  (inkl. 
Durchführung  einer  weiteren  Anhörung)  an  die  Vorinstanz 
zurückzuweisen. 

In prozessualer Hinsicht ersuchten die Beschwerdeführenden um Erlass 
der  Verfahrenskosten  und  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines 
Kostenvorschusses;  weiter  sei  der  Beschwerde  die  aufschiebende 
Wirkung zu gewähren und das Migrationsamt des Kantons D._______ im 
Sinne einer vorsorglichen Massnahme anzuweisen, den Vollzug während 
der Behandlung der vorliegenden Beschwerde auszusetzen.

F. 
Mit Zwischenverfügung vom 6. Februar 2009 hiess der Instruktionsrichter 
das  Gesuch  um  Gewährung  der  aufschiebenden  Wirkung  der 
Beschwerde gut und stellte  fest, die Beschwerdeführenden könnten den 
Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten.  Das  Gesuch  um 
Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  wurde  unter  der 
Voraussetzung des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung  innert  Frist 
gutgeheissen.

G.
Mit Schreiben vom 12. Februar 2009 reichten die Beschwerdeführenden 
eine Fürsorgebestätigung der (…) vom 11. Februar 2009 zu den Akten.

H.
Das BFM hielt  in seiner Vernehmlassung vom 25. Februar 2009 vollum­
fänglich  an  seiner  Verfügung  fest  und  beantragte  die  Abweisung  der 
Beschwerde.

E­636/2009

Seite 4

I.
In  ihrer Replik  vom  26. März  2009  erklärten  die Beschwerdeführenden, 
die  in  der  Beschwerde  vom  30.  Januar  2009  gestellten  Anträge  auf 
Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  (Anträge  2  und  3)  und  die 
Anträge  5  (Rückweisung  an  die  Vorinstanz)  und  6  (Anordnung 
vorsorglicher  Massnahmen)  würden  zurückgezogen.  In  materieller 
Hinsicht  solle  das  Verfahren  daher  nur  noch  die  Frage  nach  der 
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (Antrag 4 der Beschwerde) zum 
Gegenstand haben. Die Beschwerdeführenden würden darum bitten,  ihr 
Vorgehen  zu  entschuldigen,  "Ihre  Not  der  Situation  überwog  das 
Bemühen um Wahrheit." (vgl. Beschwerde b).

J.
Mit  Schreiben  vom  21.  Juli  2011  teilten  die  Beschwerdeführenden  dem 
Gericht  mit,  die  Beschwerdeführerin  sei  schwanger  und  der 
Geburtstermin sei auf den (…) errechnet worden.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:

1. 

1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden 
gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 
1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM 
gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz 
des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende 
Ausnahme  im  Sinne  von  Art.  32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das 
Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der 
vorliegenden  Beschwerde;  es  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls 
endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des 
Staates,  bei  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht 
(Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom 
17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).

1.2 Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht. Die Beschwer­
deführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind 
durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  haben  ein 
schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise 
Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert 

E­636/2009

Seite 5

(Art. 108 Abs. 1 AsylG sowie Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 
48 Abs. 1, Art. 52 VwVG); auf die Beschwerde ist einzutreten. 

1.3 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige 
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und 
die Unangemessenheit  gerügt  werden  (Art.  106  Abs.  1  AsylG). Gegen­
stand  des  vorliegenden  Verfahrens  bildet  einzig  die  Zumutbarkeit  des 
Wegweisungsvollzugs nach Afghanistan.

1.4 Die Wiedererwägung im Verwaltungsverfahren ist ein gesetzlich nicht 
geregelter  Rechtsbehelf,  auf  dessen  Behandlung  durch  die  verfügende 
Behörde  grundsätzlich  kein  Anspruch  besteht.  Gemäss  herrschender 
Lehre  und  ständiger Praxis  des Bundesgerichts wird  jedoch aus Art. 29 
der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom 
18. April  1999  (BV,  SR 101)  unter  bestimmten  Voraussetzungen  ein 
verfassungsmässiger  Anspruch  auf  Wiedererwägung  abgeleitet  (vgl. 
BGE 127 I 133 E. 6 S. 137 f., mit weiteren Hinweisen). Danach ist auf ein 
Wiedererwägungsgesuch  einzutreten,  wenn  sich  der  rechtserhebliche 
Sachverhalt  seit  dem  ursprünglichen  Entscheid  beziehungsweise  seit 
dem  Urteil  der  mit  Beschwerde  angerufenen  Rechtsmittelinstanz  in 
wesentlicher  Weise  verändert  hat  und  mithin  die  ursprüngliche 
(fehlerfreie)  Verfügung  an  nachträglich  eingetretene Veränderungen  der 
Sachlage  anzupassen  ist.  Sodann  können  auch Revisionsgründe  einen 
Anspruch  auf  Wiedererwägung  begründen,  sofern  sie  sich  auf  eine  in 
materielle  Rechtskraft  erwachsene  Verfügung  beziehen,  die  entweder 
unangefochten  geblieben  oder  deren  Beschwerdeverfahren  mit  einem 
formellen Prozessurteil abgeschlossen worden ist. Ein solchermassen als 
qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch zu bezeichnendes Rechtsmittel ist 
grundsätzlich  nach  den  Regeln  des  Revisionsverfahrens  zu  behandeln 
(vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen 
Asylrekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 17 E. 2.a S. 103 f., mit weiteren 
Hinweisen).

2.

2.1 In ihrer Replik vom 26. März 2009 machen die Beschwerdeführenden 
geltend,  die  Schweizerische  Flüchtlingshilfe  (SFH)  komme  in  ihrer 
Position  vom  26.  Februar  2009  zu  folgendem  Schluss:  Die 
Sicherheitslage und die humanitäre Situation in Afghanistan hätten sich in 
den  letzten  zwei  Jahren  in  weiten  Teilen  des  Landes  drastisch 
verschlechtert.  Seit  dem  Fall  der  Taliban  im  Jahre  2001  hätten 

E­636/2009

Seite 6

systematische  Akte  der  Einschüchterung  einschliesslich  extralegaler 
Tötungen  drastisch  zugenommen.  Auch  der  United  Nations  High 
Commissioner  for  Refugees  (UNHCR)  stufe  die  meisten  Provinzen  in 
Afghanistan  als  unsicher  ein.  Angesichts  der  angespannten  Situation 
erscheine  der  Wegweisungsvollzug  von  abgewiesenen  Asylsuchenden 
nach  Afghanistan  zum  heutigen  Zeitpunkt  als  generell  unzumutbar.  Die 
Einschätzung  der  SFH  könne  vor  dem  Hintergrund  jüngster 
Medienberichte  nur  bekräftigt  werden:  Die  Angriffe  der  Taliban  auf 
Regierungsgebäude  in  Kabul,  ihre  ablehnende  Haltung  gegenüber 
Friedensgesprächen,  die  Verstrickung  staatlicher  Akteure  in 
Entführungen  und  die  jüngste  Wende  der  USA  in  deren  Afghanistan­
Politik  würden  das  kontinuierliche  Erstarken  der  Taliban  und  die 
Destabilisierung  staatlicher  Strukturen  bestätigen;  die 
sicherheitspolitische  Lage  und  die  humanitäre  Situation  würden  immer 
prekärer. 

2.2  Vor  dem  Hintergrund  dieser  Ausführungen  werde  deshalb  eine 
Abkehr  von  der  heute  geltenden  Rechtspraxis  des 
Bundesverwaltungsgerichts  als  dringend  notwendig  erachtet.  Die 
Beurteilung  einer  generellen  Unzumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs 
in  alle  Provinzen  Afghanistans  im  Sinne  der  Ausführungen  der  SFH 
werde den neuen sicherheitspolitischen und humanitären Entwicklungen 
in  Afghanistan  als  angemessener  erachtet.  Es  werde  insofern  darum 
ersucht,  den  Beschwerdeführenden  –  obschon  diese  in  den  nach 
gängiger  Rechtspraxis  als  sicher  eingestuften  Provinzen  Baghlan  und 
Kabul  Verwandte  hätten  –  infolge  Unzumutbarkeit  des 
Wegweisungsvollzugs eine vorläufige Aufnahme zu erteilen.

3.

3.1  In  ihrer  Eingabe  vom  16.  Dezember  2008  ersuchten  die 
Beschwerdeführenden  das Bundesamt  unter  anderem um Zuerkennung 
der  Flüchtlingseigenschaft  und  um  Gewährung  von  Asyl,  weil  sie 
angeblich zum Christentum konvertiert seien. In der Replik vom 26. März 
2009  räumten  Sie  ein,  die  im  erstinstanzlichen  Verfahren  geltend 
gemachten  Asylgründe  seien  als  unwahr  zu  beurteilen,  und  sie  führten 
weiter  aus,  das  vorliegende  Verfahren  betreffe  aufgrund  der  generellen 
Lage  in  Afghanistan  nur  noch  die  Frage  der  Zumutbarkeit  des 
Wegweisungsvollzugs.  Mit  diesem  Verhalten  haben  die 
Beschwerdeführenden  die  in  Art.  8  AsylG  formulierte  Mitwirkungspflicht 

E­636/2009

Seite 7

verletzt.  Asylsuchende  sind  nämlich  gemäss  dieser  Bestimmung 
verpflichtet, an der Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken. 

Gegenstand  des  Beschwerdeverfahrens  kann  sodann  nur  sein,  was 
Gegenstand  des  erstinstanzlichen  Verfahrens  war  oder  nach  richtiger 
Gesetzesauslegung  hätte  sein  sollen.  Dieser  Streitgegenstand  darf  im 
Laufe  des  Beschwerdeverfahrens  weder  erweitert  noch  qualitativ 
verändert werden; er kann sich höchstens verengen und um nicht mehr 
streitige  Punkte  reduzieren,  nicht  aber  ausweiten  (vgl.  André 
Moser/Michael  Beusch/Lorenz  Kneubühler,  Prozessieren  vor  dem 
Bundesverwaltungsgericht,  Handbücher  für  die  Anwaltspraxis,  Band  X, 
Basel 2008, Rz. 2.8, S. 26). Zwischen den ursprünglichen Vorbringen und 
den  im  laufenden  Beschwerdeverfahren  modifizierten  Rechtsanträgen 
respektive  zu  den  geänderten  Rügepunkten  besteht  jedoch  eine  enge 
Konnexität.  Demzufolge  und  auch  aufgrund  prozessökonomischer 
Überlegungen  beurteilt  das  Bundesverwaltungsgericht  die  obgenannte 
Frage  nach  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  nach 
Afghanistan  im  vorliegenden  Beschwerdeverfahren  (vgl.  EMARK  1998 
Nr. 27 E. 9c aa).

3.2  Ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  nicht  zumutbar,  so  regelt  das 
Bundesamt  das  Anwesenheitsverhältnis  nach  den  gesetzlichen 
Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44 
Abs. 2 AsylG;     Art. 83 Abs. 1 AuG).

3.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und 
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf 
Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und 
medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Neben  den  im  Gesetz 
beispielhaft aufgezählten Faktoren können namentlich auch die fehlenden 
oder  mangelhaften  medizinischen  Behandlungsmöglichkeiten,  die 
Beeinträchtigung  des  Kindeswohls  bei  minderjährigen  Gesuchstellern 
oder  eine  Kombination  von  Faktoren  wie  Alter,  Beeinträchtigung  der 
Gesundheit, fehlendes Beziehungsnetz und schlechte Aussichten für das 
wirtschaftliche  Fortkommen  von  Bedeutung  sein,  immer  vorausgesetzt, 
dass  sie  zu  einer  konkreten  Gefährdung  führen.  Wird  eine  solche 
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige 
Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die 
Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818).

E­636/2009

Seite 8

3.4 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt in seinem Urteil E­7625/2008 
vom 16. Juni 2011 die aktuelle Situation in Afghanistan neu. Es stellt fest, 
dass sich zusammenfassend ein sehr düsteres Bild in Afghanistan ergibt, 
und  zwar  über  alle  Regionen  hinweg:  Es  herrscht,  hierin  sind  sich  die 
allermeisten  Experten  einig,  Krieg.  In  weiten  Teilen  von  Afghanistan 
bestehen  eine  derart  schlechte  Sicherheitslage  und  derart  schwierige 
humanitäre  Bedingungen,  dass  die  Situation  als  existenzbedrohend  im 
Sinne von  Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren ist. Von dieser allgemeinen 
Feststellung  ist  insbesondere  die  Situation  in  der  Hauptstadt  Kabul  zu 
unterscheiden.  Angesichts  des  Umstandes,  dass  sich  dort  die 
Sicherheitslage  im  Verlauf  des  vergangenen  Jahres  nicht  weiter 
verschlechtert  hat  und  die  humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den 
übrigen  Gebieten  etwas  weniger  dramatisch  ist,  kann  der  Vollzug  der 
Wegweisung  in  die  Hauptstadt  Afghanistans  unter  Umständen  als 
zumutbar qualifiziert werden. 

Solche Umstände könnten grundsätzlich namentlich dann gegeben sein, 
wenn  es  sich  beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden  Mann 
handelt. Angesichts der konstanten Verschlechterung der Lage über die 
vergangenen Jahre hinweg und der auch  in Kabul schwierigen Situation 
versteht es sich aber von selbst, dass die bereits in EMARK 2003 Nr. 10 
formulierten  strengen Bedingungen  in  jedem Einzelfall  sorgfältig  geprüft 
und  erfüllt  sein müssen,  um einen Wegweisungsvollzug  nach Kabul  als 
zumutbar  zu  qualifizieren.  Unabdingbar  ist  in  erster  Linie  ein  soziales 
Netz,  das  sich  im  Hinblick  auf  die  Aufnahme  und  Wiedereingliederung 
des Rückkehrers als tragfähig erweist.

3.5 Wie aus den Akten ersichtlich ist, stammen die Beschwerdeführenden 
aus der Stadt E._______ in der sich im Norden Afghanistan befindlichen 
Provinz  Baghlan.  Während  der  Vollzug  dorthin  in  EMARK  2006  Nr.  9 
noch als  unter  gewissen Voraussetzungen  zumutbar  angesehen wurde, 
ist  gemäss  der  neusten  obgenannten  Lageanalyse  des 
Bundesverwaltungsgerichts  von  der  generellen  Unzumutbarkeit  des 
Wegweisungsvollzugs nach Baghlan auszugehen. 

Da die Eltern und eine Tante der Beschwerdeführerin in der Stadt Kabul 
leben,  ist  zu prüfen, ob es den Beschwerdeführenden zuzumuten wäre, 
sich  in  die  Hauptstadt  zu  begeben.  Wie  vorstehend  (E.  3.3)  bereits 
ausgeführt, hat sich dort die Sicherheitslage im Verlauf des vergangenen 
Jahres  nicht  weiter  verschlechtert,  und  die  humanitäre  Situation  ist  im 
Vergleich  zu  den  anderen  Gebieten  etwas  weniger  dramatisch.  Die 

E­636/2009

Seite 9

Beschwerdeführenden müssten  jedoch  in  Kabul  über  ein  soziales  Netz 
verfügen, welches  sich  als  tragfähig  erweist. Ohne Unterstützung  durch 
die  Familie  oder  Bekannte  würden  die  schwierigen  Lebensverhältnisse 
aber  auch  in  Kabul  unweigerlich  in  eine  existenzielle  beziehungsweise 
lebensbedrohende  Situation  führen.  Für  einen  Rückkehrer  aus  Europa 
besteht  aufgrund  der Vermutung,  dass  er Devisen  auf  sich  trägt,  gleich 
nach seiner Ankunft in Kabul ein erhöhtes Risiko, entführt oder überfallen 
zu werden. Verfügt er  jedoch über keine genügenden  finanziellen Mittel, 
hat er ohne soziale Vernetzung kaum Aussicht auf eine zumutbare – das 
heisst winterfeste und mit minimaler sanitärer Einrichtung ausgestattete – 
Unterkunft.  Auch  bei  der  Arbeitssuche  ist  die  Einstellung,  selbst  von 
unqualifizierten  Arbeitskräften,  regelmässig  von  persönlichen 
Beziehungen  abhängig.  Eine  die  Gesundheit  auch  nur  einigermassen 
garantierende Ernährung ist ohne die Hilfe von nahestehenden Personen 
ebenfalls  kaum möglich,  und  der  Zugang  zu  sauberem  Trinkwasser  ist 
schwierig;  Unterstützungsmassnahmen  der  Regierung  oder 
internationaler Organisationen  können  laut  zuverlässigen Quellen  daran 
nichts ändern. Kommen  in einer  solchen Situation noch gesundheitliche 
Umstellungsschwierigkeiten hinzu, gerät (beispielsweise) auch ein junger, 
gesunder Mann ohne soziale Vernetzung unweigerlich innert absehbarer 
Zeit in eine existenzbedrohende Situation.

Wie  vorstehend  ausgeführt,  leben  zwar  die  Eltern  und  eine  Tante  der 
Beschwerdeführerin  in  Kabul.  Das  Gericht  erachtet  den 
Wegweisungsvollzug  dorthin  aufgrund  der  restriktiven  Voraussetzungen 
aber  vorliegend  trotzdem  als  unzumutbar.  Einerseits  stammen  die 
Beschwerdeführenden ursprünglich aus der Provinz Baghlan, anderseits 
ist  zweifelhaft,  ob  sie  von  den Eltern  und  der  Tante  in  einem Ausmass 
unterstützt  würden,  dass  sie  sich  eine  gesicherte  Existenz  aufbauen 
könnten. Zu berücksichtigen  ist  in diesem Zusammenhang zudem, dass 
die  Beschwerdeführerin  schwanger  ist  und  somit  ab  (…)  zusätzlich  ein 
Kleinkind zu versorgen ist.

4.
Die  Beschwerde  ist  nach  dem  Gesagten,  soweit  die  Anordnung  des 
Wegweisungsvollzugs betreffend gutzuheissen. Das BFM ist anzuweisen, 
den  Aufenthalt  der  Beschwerdeführenden  nach  den  gesetzlichen 
Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln  (Art.  83  Abs.  4 
AuG).

E­636/2009

Seite 10

5.

5.1 Bei diesem Verfahrensausgang wäre die Hälfte der Verfahrenskosten 
in  der  Höhe  von  Fr.  300.­  den  Beschwerdeführenden  aufzuerlegen      
(Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Da jedoch das Gesuch um Gewährung der 
unentgeltlichen Rechtspflege gutgeheissen wurde,  ist praxisgemäss von 
einer  Kostenauflage  abzusehen.  Vorliegend  ist  zwar  festzustellen,  dass 
die  Beschwerdeführenden  die  Verfahrenspflichten  verletzt  haben,  aber 
dem  Bundesverwaltungsgericht  entstand  dadurch  kein  Mehraufwand    
(Art. 63. Abs. 3 VwVG).

5.2 Obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Parteientschädigung 
für  die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen 
Kosten (Art. 7 Abs. 1 und 4 des Reglements vom 21. Februar 2008 über 
die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht 
[VGKE,  SR  173.320.2]).  Im  vorliegenden  Fall  sind  die 
Beschwerdeführenden  mit  ihren  Begehren  im  Sinne  eines  hälftigen 
Obsiegens  durchgedrungen.  Aufgrund  der  erwähnten  Verletzung  der 
Verfahrenspflichten  durch  die  Beschwerdeführenden  wird  ihnen  jedoch 
keine Parteientschädigung ausgerichtet.

(Dispositiv nächste Seite)

 

E­636/2009

Seite 11

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1. 
Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen,  indem  festgestellt  wird,  dass  der 
Wegweisungsvollzug unzumutbar ist.

2. 
Das  BFM  wird  angewiesen,  die  Beschwerdeführenden  vorläufig 
aufzunehmen.

3. 
Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt.

4. 
Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet.

5. 
Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, an das BFM und an das 
Amt für Migration des Kantons F._______. 

Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber:

Bruno Huber Jonas Tschan

Versand: