# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** f0a0cd9e-caad-5e7e-bb64-34a1edea5215
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2011-12-07
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 07.12.2011 E-5265/2011
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_E-5265-2011_2011-12-07.pdf

## Full Text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t

T r i buna l   adm in i s t r a t i f   f édé ra l

T r i buna l e   ammin i s t r a t i vo   f ede ra l e

T r i buna l   adm in i s t r a t i v   f ede ra l

   

Abteilung V
E­5265/2011

U r t e i l   v om   7 .   D e z embe r   2 0 1 1

Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz),
Richter Bendicht Tellenbach, Richter Walter Stöckli,   
Gerichtsschreiber Jan Feichtinger.

Parteien A._______, geboren am (…),
China (Volksrepublik),  
vertreten durch Dr. iur. Hans­Martin Allemann, Rechtsanwalt, 
(…),
Beschwerdeführer, 

gegen

Bundesamt für Migration (BFM), 
Quellenweg 6, 3003 Bern,   
Vorinstanz. 

Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin­
Verfahren);
Verfügung des BFM vom 9. September 2011 / N (…).

E­5265/2011

Seite 2

Sachverhalt:

A. 
A.a  Eigenen  Angaben  zufolge  verliess  der  Beschwerdeführer,  ein 
Staatsangehöriger  der  Volksrepublik  China  tibetischer  Ethnie,  seinen 
Heimatstaat  Ende  Februar  2010  per  Auto,  LKW  und  zu  Fuss  nach 
B._______, reiste per Flugzeug weiter nach Rumänien und von dort (mit 
unbekannten  Transportmitteln)  nach  Ungarn,  wo  er  festgenommen  und 
wiederum  nach  Rumänien  verbracht  wurde.  Nach  einem  weiteren 
Aufenthalt  von  etwa  einem  Jahr  gelangte  er  in  einem  Personenwagen 
und  im  Zug  durch  ihm  unbekannte  Länder  am  27.  Juli  2011  in  die 
Schweiz,  wo  er  gleichentags  um Asyl  nachsuchte.  Am  16. August 2011 
wurde  er  (…)  summarisch  zum  Reiseweg  und  zu  den  Asylgründen 
befragt.

Dabei  machte  er  im  Wesentlichen  geltend,  er  habe  ab  seinem  14. 
Lebensjahr bis zum Alter von etwa (…) Jahren, mithin bis etwa 2008 als 
Mönch  im  C._______­Kloster  gelebt.  Mitte  März 2008  habe  er  in 
C._______  demonstrieren  wollen,  sei  aber  nicht  dazu  gekommen. 
Dennoch sei er von "den Chinesen" festgenommen und während zweier 
Tage im örtlichen Gefängnis gefangen gehalten worden. Am 8. respektive 
9. Februar 2010  habe  er  Flugblätter  verfasst  und  diese  dann  in 
C._______ verstreut. Am selben Abend hätten "die Chinesen" sein Haus 
durchsucht und dabei die  restlichen Flugblätter sowie  tibetische Fahnen 
und  eine  Abbildung  des  Dalai  Lama  gefunden.  Sein  Bruder  habe  ihm 
zudem  erzählt,  dass  viele  Personen  festgenommen  worden  seien. 
Deshalb  sei  er  nach D._______  gereist,  von wo  er  das  Land  über  den 
Grenzübergang in E._______ nach B._______ verlassen habe.

A.b  Gemäss  EURODAC­Datenbank  suchte  der  Beschwerdeführer  am 
(…). April 2010 und am (…) Juni 2010 in Rumänien um Asyl nach, wobei 
er  jeweils erkennungsdienstlich erfasst wurde. Anlässlich der Befragung 
vom  (…) August 2011 wurde  ihm daher  zu einer  allfälligen Überstellung 
nach  Rumänien  das  rechtliche  Gehör  gewährt.  Hierzu  erklärte  er,  eine 
solche  würde  einer  Wegweisung  nach  China  gleichkommen.  Der 
Dolmetscher  im  rumänischen  Asylverfahren  sei  Chinese  gewesen  und 
habe seine Vorbringen an China weitergeleitet. Hierauf sei die Polizei an 
seiner  Wohnadresse  in  F._______  aufgetaucht,  habe  seinem  Bruder 
G._______  über  den  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  in  Rumänien 
befragt und ihn statt seiner festgenommen.  

E­5265/2011

Seite 3

A.c Am  30. August 2011  teilte  das  BFM  den  zuständigen  rumänischen 
Behörden  mit,  dass  der  Beschwerdeführer  gemäss  EURODAC­
Datenbank am (…) April 2010 in Rumänien ein Asylgesuch gestellt habe 
und  ersuchte  gestützt  auf  Art.  16  Abs.  1  Bst.  e  der  Verordnung  (EG) 
Nr. 343/2003  des  Rates  vom  18.  Februar  2003   zur  Festlegung  der 
Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des Mitgliedstaats,  der  für  die 
Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat 
gestellten  Asylantrags  zuständig  ist  (Dublin­II­Verordnung;  nachfolgend 
Dublin­II­VO) um dessen Rückübernahme. 

A.d  Mit  Mitteilung  vom  7. September 2011  stimmte  Rumänien  einer 
Rückübernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 16 Abs. 1 Bst. 
e Dublin­II­VO zu.

B. 
Mit Verfügung vom 9. September 2011 – eröffnet am 20. September 2011 
–  trat das BFM in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d des Asylgesetzes 
vom  26.  Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  auf  das  Asylgesuch  des 
Beschwerdeführers  vom  27.  Juli  2011  nicht  ein  und  ordnete  die 
Wegweisung nach Rumänien sowie deren Vollzug an. Gleichzeitig wurde 
festgestellt,  einer  allfälligen  Beschwerde  komme  keine  aufschiebende 
Wirkung zu.

Zur  Begründung  dieses  Entscheides  führte  das  BFM  aus,  der 
Beschwerdeführer habe  in Rumänien am  (…). April 2010 Asyl beantragt 
und  sei  dabei  erkennungsdienstlich  erfasst  worden.  Aus  diesem Grund 
sei  gestützt  auf  das  Abkommen  vom  26.  Oktober  2004  zwischen  der 
Schweizerischen  Eidgenossenschaft  und  der  Europäischen 
Gemeinschaft  über  die  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des 
zuständigen Staates für die Prüfung eines in einem Mitgliedstaat oder  in 
der  Schweiz  gestellten  Asylantrags  (SR  0.142.392.68)  und  dem 
Übereinkommen vom 17. Dezember 2004 zwischen der Schweizerischen 
Eidgenossenschaft,  der  Republik  Island  und  dem Königreich Norwegen 
über  die  Umsetzung,  Anwendung  und  Entwicklung  des  Schengen­
Besitzstands und über die Kriterien und Verfahren  zur Bestimmung des 
zuständigen Staates für die Prüfung eines in der Schweiz, in Island oder 
in  Norwegen  gestellten  Asylantrags  (SR  0.362.32)  Rumänien  für  die 
Durchführung  des  Asylverfahrens  zuständig.  Die  zuständigen 
rumänischen  Behörden  hätten  zudem  am  7. Septem­ber 2011  der 
Übernahme  (recte:  Rückübernahme)  des  Beschwerdeführers 
zugestimmt.  Die  Rückführung  habe  –  vorbehältlich  einer  allfälligen 

E­5265/2011

Seite 4

Unterbrechung  gemäss  Art.  19  Abs.  3  Dublin  VO  oder  Verlängerung 
gemäss Art. 19 Abs. 4 Dublin­II­VO – bis spätestens am 7. März 2012 zu 
erfolgen. Die Vorinstanz führte weiter aus, dem Beschwerdeführer sei im 
Hinblick auf ein Dublin­Verfahren das  rechtliche Gehör gewährt worden. 
Dabei habe er keine Einwände vorgebracht, die gegen eine Zuständigkeit 
Rumäniens sprächen.

C. 
Mit  gegen  diese Verfügung  gerichteter  Eingabe  seines Rechtsvertreters 
vom 22. September 2011 (Poststempel) liess der Beschwerdeführer beim 
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und dabei  in materieller 
Hinsicht beantragen, die Verfügung des BFM vom 9. September 2011 sei 
aufzuheben,  es  sei  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers 
einzutreten  und  ihm  Asyl  zu  gewähren,   eventuell  sei  er  infolge 
festzustellenden  Vorliegens  von  subjektiven  Nachfluchtgründen  als 
Flüchtling in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher 
Hinsicht  wurde  beantragt,  dem Beschwerdeführer  sei  die  unentgeltliche 
Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  und  2  des  Bundesgesetzes  vom 
20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) 
zu gewähren, der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen 
und  dem  Beschwerdeführer  sei  umfassende  Akteneinsicht  und 
anschliessend  die  Gelegenheit  zu  einer  zusätzlichen 
Beschwerdebegründung  zu  gewähren.  Im  Sinne  von  Beweisanträgen 
wurde  schliesslich  beantragt,  es  seien  alle  Akten  des  rumänischen 
Asylverfahrens  zu  edieren  sowie  eine  Stellungnahme  des  UNHCR  zur 
Behandlung tibetischer Flüchtlinge in Rumänien einzuholen. 

Zur Untermauerung  der Beschwerdevorbringen wurde  ein mit  dem Titel 
"(…)"  versehenes  und  als  "Verfügung  des  rumänischen 
Innenministeriums  vom  (…) Juni 2011"  bezeichnetes  Dokument  in 
rumänischer Sprache zu den Akten gereicht.

D. 
D.a Mit  prozessleitender Verfügung  vom 23. September 2011  setzte  die 
stellvertretende  Instruktionsrichterin  im  Rahmen  einer  vorsorglichen 
Massnahme den Vollzug der Wegweisung bis zum definitiven Entscheid 
über die Gewährung der aufschiebenden Wirkung aus. 

D.b Mit prozessleitender Verfügung vom 27. September 2011 verzichtete 
die  zuständige  Instruktionsrichterin  auf  die  Erhebung  eines 
Kostenvorschusses, verwies den Entscheid über die weiteren Anträge auf 

E­5265/2011

Seite 5

einen späteren Zeitpunkt und setzte dem Beschwerdeführer eine Frist zur 
Übersetzung des vorgenannten fremdsprachigen Beweismittels. 

E. 
Mit  Eingabe  seines  Rechtsvertreters  vom  11. Oktober 2011  liess  der 
Beschwerdeführer  eine  Übersetzung  der  Verfügung  des  rumänischen 
Innenministeriums  vom  (…) Juni 2011  sowie  eine  Vielzahl  weiterer 
Beweismittel (elektronischer Schriftverkehr des Rechtsvertreters mit dem 
H._______  mit  Übersetzungen,  verschiedene  Internetausdrucke, 
Pressemitteilung  des  EuGH  vom  22. Septem­ber 2011,  Beschluss  des 
Bayrischen Verwaltungsgerichts Regensburg vom 7. September 2011) zu 
den Akten reichen.

F. 
In  seiner  Vernehmlassung  vom  20. Oktober 2011  beantragte  das  BFM 
die Abweisung der Beschwerde.

In  Ergänzung  seiner  bisherigen  Erwägungen  führte  es  dabei  an, 
angesichts des EURODAC­Treffers der Kategorie 1 sowie der auf Art. 16 
Abs. 1  Bst.  e  Dublin­II­VO  gestützten  Zustimmung  der  rumänischen 
Behörden  stehe  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  –  entgegen  seiner 
Beteuerungen  in  der  Rechtsmitteleingabe  –  in  Rumänien  um  Asyl 
nachgesucht  habe.  Der  geltend  gemachten  Gefahr  einer 
Kettenabschiebung  sei  entgegenzuhalten,  dass Rumänien Signatarstaat 
der  massgeblichen  völkerrechtlichen  Übereinkommen  sei  und  keine 
Anhaltspunkte zur Annahme vorlägen, es halte sich nicht an die daraus 
resultierenden  Verpflichtungen.  Schliesslich  lasse  sich  aus  der 
Aufforderung  des  Innenministeriums,  der  Beschwerdeführer  solle 
Rumänien  verlassen,  nicht  schliessen,  dass  man  ihn  nach  China 
zurückschaffen werde.

G. 
G.a  Mit  Eingabe  vom  26. Oktober 2011  liess  der  Beschwerdeführer 
bereits  aktenkundige,  neu  übersetzte  Beweismittel  (Schriftverkehr  mit 
dem H._______) zu den Akten reichen.

G.b  Am  1. November 2011  wurde  ein  Schreiben  des  seitens  des 
Rechtsvertreters kontaktierten rumänischen Rechtsanwalts nachgereicht.

E­5265/2011

Seite 6

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:

1. 
1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden 
gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den 
Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des 
Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme 
im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht 
ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und 
entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen 
eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die 
beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d 
Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG, 
SR 173.110]).

1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem 
BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 
AsylG).

1.3. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 2 
AsylG,  Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art.  52  VwVG).  Der 
Beschwerdeführer  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders 
berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung 
beziehungsweise Änderung, weshalb er zur Einreichung der Beschwerde 
legitimiert  ist  (Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art.  48  Abs.  1 
VwVG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.

2. 
Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige 
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und 
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

3. 
Bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das 
BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen 
(Art. 32  ­ 35 und Art. 35a Abs. 2 AsylG),  ist die Beurteilungskompetenz 

E­5265/2011

Seite 7

der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt,  ob  die 
Vorinstanz  zu  Recht  auf  das  Asylgesuch  nicht  eingetreten  ist  (vgl.  die 
vom  Bundesverwaltungsgericht  fortgeführte  Rechtsprechung  der 
vormaligen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [ARK]  in 
Entscheidungen und Mitteilungen der ARK  [EMARK] 2004 Nr. 34 E. 2.1 
S. 240  f.  sowie Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D­1244/2010 vom 
13.  Januar  2011  E. 3.1).  Die  Beschwerdeinstanz  enthält  sich  einer 
selbständigen materiellen Prüfung und weist die Sache – sofern sie den 
Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig  erachtet  –  zu  neuer 
Entscheidung an die Vorinstanz zurück. Da die Vorinstanz die Frage der 
Wegweisung  und  des  Vollzugs  materiell  prüft,  kommt  dem 
Bundesverwaltungsgericht diesbezüglich grundsätzlich volle Kognition zu, 
wobei  sich  diese  Fragen  –  namentlich  diejenigen  hinsichtlich  des 
Bestehens  von Vollzugshindernissen  (Durchführbarkeit  der Überstellung 
an den  zuständigen Staat)  –  in  den Dublin­Verfahren bereits  vor Erlass 
des Nichteintretensentscheides stellen  (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.2.3 und 
10.2).

Demzufolge  ist  auf  die  Beschwerde  nicht  einzutreten,  soweit  darin  die 
Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  die  Gewährung  von  Asyl 
beantragt wird (Rechtsbegehren 3 a und b).

4. 
4.1.  Vorab  ist  festzustellen,  dass  der  Antrag  auf  Gewährung  der 
"umfassenden  Akteneinsicht"  sowie  einer  Nachfrist  zur  ergänzenden 
Beschwerdebegründung  (Rechtsbegehren  6  b)  ins  Leere  geht,  da  dem 
Beschwerdeführer  die  editionspflichtigen  Akten  (Originalverfügung, 
Befragungsprotokoll,  Eurodac­Treffer)  gemäss  Aktenverzeichnis 
ausgehändigt  wurden  (vgl.  Dispositivziffer  5  der  angefochtenen 
Verfügung).  Demzufolge  ist  auch  auf  diesen  Antrag  mangels 
Rechtsschutzinteresses nicht einzutreten.

4.2. Der Antrag auf Edition "aller Akten der rumänischen Behörden über 
den  Beschwerdeführer"  ist  abzuweisen,  zumal  aus  den  vorliegenden 
Akten  ersichtlich  ist,  dass  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  von 
den  rumänischen Behörden abgewiesen wurde  (Akten BFM A 12 S. 2). 
Abgesehen davon geht es im vorliegenden Verfahren lediglich darum, die 
Voraussetzungen  einer  Überstellung  nach  Rumänien  im  Rahmen  der 
Dublin­II­VO zu prüfen. 

E­5265/2011

Seite 8

4.3. Unter Hinweis  auf  Ziffer  6  ist  schliesslich  der Antrag um Einholung 
einer Stellungnahme des UNHCR zur Behandlung tibetischer Flüchtlinge 
in  Tibet  abzuweisen,  da  angesichts  des  Verfahrensausgangs 
ausgeschlossen werden kann, dass ein solcher Bericht Erkenntnisse zu 
Tage  fördern  würde,  welche  in  Bezug  auf  die  vorliegend  relevanten 
Fragestellungen zu einer anderen Beurteilung führen könnten (antizipierte 
Beweiswürdigung:  vgl.  BVGE  2008/24  E.  7.2  S.  357,  ANDRÉ 
MOSER/MICHAEL  BEUSCH/LORENZ  KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem 
Bundesverwaltungsgericht, Basel 2008, S. 165 Rz. 3.144).

5. 
Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsuchende 
in  einen Drittstaat  ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des 
Asyl­ und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 34 
Abs. 2 Bst. d AsylG).

Aus  den  Akten  –  insbesondere  der  EURODAC­Meldung  –  ergibt  sich, 
dass der Beschwerdeführer  in Rumänien am (…) April 2010 – und nach 
seiner  Rückkehr  aus  Ungarn  –  am  (…) Juni 2010  um  Asyl  nachsuchte 
und  dabei  daktyloskopisch  registriert  wurde,  bevor  er  das  ihm 
zugewiesene rumänische Aufnahmezentrum im Juli 2011 wieder verliess 
(A12 S. 4). Aufgrund der EURODAC­Meldung und der Gutheissung des 
vom BFM  gestellten Wiederaufnahmeersuchens  durch  die  rumänischen 
Behörden  ist  die  Behauptung  des  Beschwerdeführers,  wonach  er  in 
Rumänien keinen Asylantrag gestellt habe (A1 S. 7), unglaubhaft. Da das 
BFM  die  rumänischen  Behörden  am  30. August  2011  um 
Wiederaufnahme  des Beschwerdeführers  gemäss Art.  16 Abs.  1 Bst.  e 
Dublin­II­VO  ersuchte,  und  diese  am  7.  September  2011  einer 
Rückübernahme  des  Beschwerdeführers  zustimmten,  ist  das  BFM  zu 
Recht  von  der  staatsvertraglichen  Zuständigkeit  des  Dublin­Staates 
Rumänien  ausgegangen.  Dies  wird  vom  Beschwerdeführer  denn  auch 
nicht  bestritten,  weshalb  die  gesetzliche  Grundlage  von  Art.  34  Abs.  2 
Bst. d AsylG erfüllt ist.

6. 
6.1.  Im  Falle  des  Beschwerdeführers  ist  –  wie  vorstehend  aufgezeigt – 
grundsätzlich Rumänien  für die Prüfung des Asylantrages zuständig  (im 
Sinne  von Art. 3  Abs. 1 Dublin­II­VO).  Nach  der  Bestimmung  von Art. 3 
Abs. 2  Dublin­II­VO  –  auf  welche  sich  der  Beschwerdeführer  beruft – 
kann  die  Schweiz  jedoch  ein  Asylgesuch  materiell  prüfen,  auch  wenn 
nach  den  einschlägigen  Kriterien  der  Dublin­II­VO  ein  anderer  Staat 

E­5265/2011

Seite 9

zuständig  wäre  (Selbsteintrittsrecht).  Diese  Bestimmung  ist  nicht  direkt 
anwendbar, sondern kann nur in Verbindung mit einer anderen Norm des 
nationalen  oder  internationalen  Rechts  angerufen  werden  (BVGE 
2010/45  E. 5).  Droht  indes  ein  Verstoss  gegen  übergeordnetes  Recht, 
namentlich  ein Verstoss gegen eine  zwingende Norm des Völkerrechts, 
so  besteht  ein  einklagbarer  Anspruch  auf  Ausübung  des 
Selbsteintrittsrechts  (BVGE  2010/45  E. 7.2.;  CHRISTIAN 
FILZWIESER/ANDREA  SPRUNG,  Dublin  II­Verordnung,  3.  Aufl.,  Wien/Graz 
2010, K8 zu Art. 3). Erweist  sich demnach  im Einzelfall,  dass durch die 
Überstellung nach den Bestimmungen zur Dublin­II­VO das Refoulement­
Verbot  nach  Art. 33  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die 
Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR  0.142.30)  oder  die  Garantien 
nach  der  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der 
Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101),  des 
Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte (UNO­Pakt 
II,  SR 0.103.2),  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen 
Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende 
Behandlung  oder  Strafe  (Folterkonvention;  FoK,  SR 0.105)  verletzt 
würden, so muss vom Selbsteintrittsrecht Gebrauch gemacht werden.

6.2. Der Beschwerdeführer  rügt  in seiner Rechtsmitteleingabe, bei einer 
Rückschiebung nach China drohe ihm eine asylrelevante Gefährdung. Da 
er bei einer Rücküberstellung nach Rumänien Gefahr  laufe, Opfer eines 
indirekten  Refoulements  (sog.  Kettenabschiebung)  zu  werden,  sei  auf 
sein Asylgesuch einzutreten (recte: die Vorinstanz anzuweisen, ihr Recht 
auf  Selbsteintritt  auszuüben  und  sich  für  vorliegendes  Asylgesuch  für 
zuständig zu erklären).

6.2.1. Die Gefahr eines indirekten Refoulements kann sich zunächst aus 
strukturellen Mängeln  im Asylverfahren  des  zuständigen Mitgliedstaates 
ergeben.  So  hat  der  Europäische  Gerichtshof  für  Menschenrechte 
(EGMR)  in  seinem Urteil M.M.S.  gegen Belgien  und Griechenland  vom 
21. Januar 2011  festgestellt,  dass  die  Abschiebung  eines  afghanischen 
Asylbewerbers aus Belgien nach Griechenland der EMRK unter anderem 
deshalb zuwiderlaufe, weil das griechische Verfahren keinen Schutz vor 
willkürlicher Abschiebung gewährleiste. Ein Selbsteintritt seitens Belgiens 
hätte  sich  demnach  auch  aus  der  Vermutung  ergeben,  dass  die 
Asylgründe  des  Beschwerdeführers  durch  Griechenland  nicht  in 
rechtsgenüglicher  Weise  geprüft  werden  würden.  Mit  Blick  auf  das 
vorgenannte Urteil des EGMR ist nachstehend zu untersuchen, ob das in 

E­5265/2011

Seite 10

Rumänien  durchgeführte  Asylverfahren  völkerrechtlichen 
Mindeststandards zu genügen vermag. 

6.2.2.  Hierzu  ist  vorab  festzustellen,  dass  Rumänien  unter  anderem 
Signatarstaat der FK, der EMRK und der FoK ist.

Sodann  wird  im  –  mit  Eingabe  vom  1. November 2011  eingereichten – 
Schreiben  des  rumänischen  Rechtsanwalts  I._______  vom 
26. Oktober 2011  die  landesrechtliche  Umsetzung  des  völkerrechtlichen 
Non­Refoulement­Gebotes (Art. 3 EMRK) durch Rumänien umrissen und 
aufgezeigt,  inwieweit  die  entsprechenden  Normen  im  Falle  von 
chinesischen  Asylsuchenden  tibetischer  Volkszugehörigkeit  zur 
Anwendung gelangen. Gemäss der genannten Parteieingabe ist in Art. 92 
Abs. 1 Bst. f der Dringlichkeitsanordnung Nr. 194/2002 abstrakt geregelt, 
"dass  die  Beseitigung  der  Staatsbürger  aus  dem  Gebiet  Rumäniens 
verboten  ist,  wenn  es  gute  Gründe  dafür  gibt,  anzunehmen  dass  ihr 
Leben in dem Staat  in den sie zurückgeschickt werden sollen,  in Gefahr 
ist  oder  sie  Qualen  ausgesetzt  werden  oder  anderen  unmenschlichen 
Behandlungen." Indessen würde die genannte Schutzklausel im Falle von 
Tibetern nicht angewandt, da China nach rumänischer Praxis als sicheres 
Land gelte, wobei  keine Unterscheidung zwischen ethnischen Chinesen 
und Tibetern vorgenommen werde. 

Diese  Einschätzung  deckt  sich  mit  jener  der  H._______­Mitarbeiterin 
K._______,  deren  elektronische  Zuschriften  mit  Eingaben  vom  11.  und 
vom  26. Oktober 2011  zu  den  Akten  gereicht  wurden.  Namentlich 
bestätigt  der  H._______,  dass  Rumänien  "Flüchtlinge"  nach  China 
zurückschicke,  sofern  sie  China  als  Herkunftsland  angegeben  hätten 
(Mailzuschriften von 29. und 30. September 2011).

Aus  dieser  Darstellung  ergibt  sich,  dass  die  rumänische Gesetzgebung 
den  Grundsatz  des  Non­Refoulement  nach  Art.  33  Abs.  1  FK  in  eine 
landesrechtliche  Bestimmung  überführt  hat  (Art.  92  Abs.  1  Bst.  f  der 
Dringlichkeitsanordnung Nr. 194/2002). Auch bestehen keine ernsthaften 
Hinweise  dafür,  Rumänien  würde  sich  grundsätzlich  nicht  an  die 
massgebenden  völkerrechtlichen  Bestimmungen,  insbesondere  an  das 
Rückschiebungsverbot oder die einschlägigen Normen der EMRK, halten. 
In der Beschwerde und in den eingereichten Dokumenten wird denn auch 
nicht nachgewiesen, dass Rumänien  in systematischer Weise seine  ihm 
obliegenden  völkerrechtlichen Mindestverpflichtungen  verletze.  Mit  Blick 
auf  den  vorliegenden  Fall  ist  zudem  davon  auszugehen,  dass  der 

E­5265/2011

Seite 11

Beschwerdeführer  in  Rumänien  ein  rechtsstaatlichen  Ansprüchen 
genügliches  Asylverfahren  durchlaufen  hat.  Die  Problematik  des 
vorliegenden  Verfahrens  ergibt  sich  vielmehr  einzig  aus  der  Tatsache, 
dass  die  landesrechtliche  Prüfung  der  Zulässigkeit  des 
Wegweisungsvollzuges  in Rumänien zu einem von der schweizerischen 
Praxis abweichenden Ergebnis führte, worin per se keine Verletzung von 
völkerrechtlichen Mindestverpflichtungen zu erblicken ist.

Wenngleich  sich  die  Konstellation  des  vorgenannten Urteils  des  EGMR 
(Urteil  M.M.S.  gegen  Belgien  und  Griechenland)  von  der  vorliegenden 
insoweit  unterscheidet,  als  dort  eine  Verletzung  völkerrechtlicher 
Verpflichtungen  durch  Griechenland  festgestellt  wurde,  so  ist  doch 
bemerkenswert, dass hierin auch Belgien als überstellender Mitgliedstaat 
wegen einer Verletzung von Art. 3 EMRK verurteilt wurde.

6.3.  Für  das  vorliegende  Verfahren  bleibt  zu  prüfen,  wie  weit  die 
schweizerischen Asylbehörden im Rahmen des Selbsteintritts auch die – 
im  folgenden  aufzuzeigende  –  eigene  Praxis  zu  tibetischen 
Asylsuchenden einzubeziehen haben.

6.3.1.  In  BVGE  2009/29  hat  das  Bundesverwaltungsgericht  festgestellt, 
dass  die  illegale  Ausreise  von  Tibetern  aus  China  respektive  deren 
längerer Aufenthalt im Ausland die Gefahr einer künftigen asylrelevanten 
Verfolgung  zu  begründen  vermag.  Folgerichtig  werden  aus  China 
ausgereiste Tibeter – unabhängig von der Rechtmässigkeit ihrer Ausreise 
– in  der  Schweiz  gemäss  ständiger  Rechtsprechung  des 
Bundesverwaltungsgerichts  in aller Regel als Flüchtlinge anerkannt. Aus 
schweizerischer  Optik  ist  demzufolge  eine  Gefährdung  des 
Beschwerdeführers nicht auszuschliessen.

6.3.2. Nebst der zuvor (Ziff. 6.2.1) aufgezeigten Fallkonstellation schliesst 
der Grundsatz des Non­Refoulements nach Art.  33 Abs.  1 FK auch die 
Nicht­Zurückweisung in Staaten ein, die ihrerseits den Flüchtling an einen 
Ort,  an  dem  ihm  diese  Gefahr  droht,  weiterschicken,  das  sogenannte 
indirekte Refoulement  (auch  „Kettenabschiebung“).  In  diesem  Fall  sind 
beide Staaten für die Einhaltung des Refoulement­Verbots verantwortlich. 
Der  Abschiebung  in  ein  als  sicher  geltendes  Land  muss  in  jedem  Fall 
eine sorgfältige Abschätzung des Risikos  für ein  indirektes Refoulement 
vorausgehen  (UNHCR  Büro  für  die  Schweiz  und  Liechtenstein; 
Stellungnahme  zu  den  Änderungen  des  Asylgesetzes  und  des 
Bundesgesetzes  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  in  Bezug  auf 

E­5265/2011

Seite 12

den  Ersatz  von  Nichteintretensentscheiden,  März  2010).  Mit  anderen 
Worten  muss  auch  im  Falle  eines  "sicheren  Drittstaates"  –  respektive 
eines  Staates,  welcher  die  nationale  Rechtsprechung  in 
völkerrechtskonformer  Weise  anwendet  –  gewährleistet  sein,  dass  bei 
einer  Rückkehr  einer  asylsuchenden  Person  konkrete 
Schutzmassnahmen vorhanden sind. 

Aus der Optik der hiesigen Rechtsprechung kann vom Bestehen solcher 
Schutzmassnahmen  in  Rumänien  nicht  ausgegangen werden.  Vielmehr 
ist festzustellen, dass eine Rücküberstellung nach Rumänien im Ergebnis 
einem – nach  schweizerischer Rechtsprechung unzulässigen und damit 
das  Refoulement­Verbot  nach  Art. 33  FK  verletzenden – 
Wegweisungsvollzug nach China gleichkäme.

6.3.3. Die im vorliegenden Einzelfall festzustellende Tatsache, dass einer 
Überstellung  nach Rumänien  aus  schweizerischer Optik  letztendlich  ein 
"real  risk"  einer  EMRK­Verletzung  innewohnen  würde,  kann  bei  der 
Entscheidung  über  die  Ausübung  des  Selbsteintrittsrechts 
vernünftigerweise nicht ausgeblendet werden. 

Dies  ergibt  sich  bereits  aus  der Konzeption  von Art.  3 Abs.  2 Dublin­II­
VO. Da die Norm "keine  inhaltlichen Vorgaben bietet,  liegt es primär an 
den  innerstaatlichen Rechtsvorschriften und  im Ermessen des einzelnen 
Mitgliedstaates,  unter  welchen  Voraussetzungen  ein  Selbsteintritt  in  die 
Prüfung des Asylantrages erfolgt. […] Es liegt auf der Hand, dass es sich 
hier  um  exzeptionelle  Fälle  handeln  muss,  da  ja  nach  der  Absicht  des 
Verordnungsgebers  bereits  die  Zuständigkeitskriterien  der  Verordnung 
ein EMRK­konformes Ergebnis liefern sollen. Nichtsdestotrotz bietet eben  
Art.  3  Abs.  2 Dublin­II­VO  die  notwendige  Flexibilität,  um  diese  EMRK­
Konformität  auch  in  den  von  der  VO  nicht  ex  ante  vorhersehbaren 
besonderen Fällen  zu garantieren. Diesfalls wird das Selbsteintrittsrecht 
zwingend auszuüben sein" (FILZWIESER/ SPRUNG, a.a.O., K 8 zu Art. 3).

Angesichts  der  besonderen  Konstellation  des  vorliegenden  Falles 
(landesrechtliche Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft von tibetischen 
Asylsuchenden,  erfolgte  Kontaktaufnahme  mit  den  chinesischen 
Behörden,  hohe Wahrscheinlichkeit  einer Ausweisung  durch Rumänien) 
ist  festzustellen,  dass  eine  EMRK­konforme  Behandlung  des 
Beschwerdeführers  nur  durch  Ausübung  des  Selbsteintrittsrechts 
garantiert werden kann.

E­5265/2011

Seite 13

Mithin  steht  fest,  dass  sich  die  Schweiz  seiner  Verantwortung  nicht mit 
der  pauschalen  Begründung  entziehen  kann,  dass  der  zuständige 
Mitgliedstaat (Rumänien) sich an seine völkerrechtlichen Verpflichtungen 
halte.  Dass  eine  solche  Haltung  zudem  mit  dem  Wesen  des 
schweizerischen  Asylrechts  nicht  vereinbar  wäre,  hat  der  Bundesrat 
bereits  an  anderer  Stelle,  in  seiner  Botschaft  zur  Teilrevision  des 
Asylgesetzes  vom  4. September  2002  verdeutlicht,  indem  er 
programmatisch zum Nichteintretenstatbestand des sicheren Drittstaates 
(Art.  34  Abs.  2  Bst.  a  AsylG)  festhielt:  "Eine  strenge  Auslegung  der 
Drittstaatenregelung  würde  es  zulassen,  auch  Personen  in  einen 
Drittstaat  wegzuweisen,  die  offensichtlich  die  Flüchtlingseigenschaft 
erfüllen. Dies würde jedoch der humanitären Tradition widersprechen, an 
welcher der Bundesrat festhalten will" (BBl 2002 6885).

6.3.4. Schliesslich ist zu berücksichtigen, dass sich die – bereits aufgrund 
der  Ausreise  aus  China  bestehende  –  Gefährdung  des 
Beschwerdeführers  nach  Abschluss  des  rumänischen  Asylverfahrens 
deutlich  akzentuiert  hat.  

6.3.4.1  Die  chinesischen  Behörden  unterstellen  illegal  ausgereisten 
tibetischen  Asylsuchenden wegen  ihres  Auslandaufenthaltes,  sie  hätten 
mit  als  Dissidenten  behandelten  exiltibetischen  Kreisen  Kontakte 
gepflegt,  und  erblicken  hierin  eine  oppositionelle  Haltung  sowie  eine 
Zugehörigkeit  zu  als  separatistisch  betrachteten  Kreisen.  Es  ist  davon 
auszugehen, dass Exiltibeter unabhängig von der zeitlichen Dauer  ihres 
Auslandaufenthaltes  bei  einer  Rückkehr  nach  China  oppositioneller 
politisch­religiöser  Anschauungen  verdächtigt  würden  und  aus  diesem 
Grund  mit  Verfolgung  in  einem  flüchtlingsrechtlich  relevanten  Sinn  zu 
rechnen hätten. In BVGE 2009/29 (E. 6.6) wurde in Bezug auf tibetische 
Asylsuchende, die China auf legalem Weg verlassen haben, präzisierend 
festgehalten, dass diese sich – und zwar mit längerem Auslandaufenthalt 
in zunehmendem Ausmass – dem Verdacht der chinesischen Behörden 
ausgesetzt  sehen,  sie  hätten  sich  im  Ausland  in  exiltibetischen,  Dalai­
Lama­freundlichen Kreisen bewegt. Die betreffenden Personen müssten 
gegenüber den chinesischen Behörden entsprechende Verdächtigungen 
glaubhaft widerlegen können. Dies betreffe namentlich Länder, welche für 
die  tibetische  Exilgemeinde  bedeutsam  sind.  In  Bezug  auf  die  Schweiz 
wurde hervorgehoben, dass hier die grösste exiltibetische Gemeinschaft 
Europas lebe, die vom Dalai Lama wiederholt besucht worden sei und mit 
dem Kloster in Rikon ein wichtiges spirituelles Zentrum besitze.

E­5265/2011

Seite 14

Der  Abklärung  des  H._______  ist  zu  entnehmen,  dass  das  Amt  für 
Einwanderung  die  chinesische  Botschaft  kontaktiert  habe,  um  die 
Rückführung  des  Beschwerdeführers  nach  China  zu  organisieren 
(Mailzuschrift vom 28. September 2011). Es kann somit kein vernünftiger 
Zweifel  an  der  Annahme  bestehen,  dass  die  chinesischen  Behörden 
Kenntnis vom Aufenthalt des Beschwerdeführers in der Schweiz haben. 

6.3.4.2 Angesichts der eingereichten Beweismittel ist davon auszugehen, 
dass  die  rumänischen  Behörden  im  Falle  einer  Rücküberstellung  des 
Beschwerdeführers diesem neuen Sachverhalt nicht Rechnung trügen.

Gemäss dem Schreiben des rumänischen Rechtsanwalts I._______ vom 
26. Oktober 2011  würde  der  Beschwerdeführer  vielmehr  sofort  nach 
dessen  Ergreifung  ohne  gültigen  Aufenthaltstitel  nach  China 
zurückgeschickt.  Diese  Ansicht  teilt  auch  die  H._______­Mitarbeiterin 
K._______,  indem  sie  ausführt:  "Falls  die  Flüchtlinge  [gemeint:  der 
Beschwerdeführer  und  ein  weiterer  Tibeter]  jedoch  nach  dem  Dublin­
Verfahren nach Rumänien zurückgeschafft werden, ist zu beachten, dass 
ihr  Asylverfahren in Rumänien beendet ist und sie direkt vom Flughafen 
in  eine  geschlossene  Haftanstalt  verbracht  werden"  (Mailzuschrift  vom 
30. September 2011).

Die Auffassung des BFM, wonach sich aus der Wegweisungsverfügung 
der  rumänischen Migrationsbehörden  noch  nicht  schliessen  lasse,  dass 
diese  den  Beschwerdeführer  nach  China  zurückschaffen  würden 
(Vernehmlassung  vom  20. Oktober 2011),  kann  vor  diesem Hintergrund 
nicht geteilt werden.

6.4. Angesichts der vorliegenden Konstellation ergibt sich, dass das BFM 
im  Falle  des  Beschwerdeführers  gehalten  war,  vom  Selbsteintrittsrecht 
nach Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO Gebrauch zu machen. Der in Anwendung 
von  Art.  34  Abs. 2  Bst. d  AsylG  erfolgte  Nichteintretensentscheid  des 
BFM vom 9. September 2011 ist daher aufzuheben. 

7. 
7.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  dem  Beschwerdeführer 
keine  Kosten  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG).  Damit  wird  das  im 
Rahmen  der  Beschwerde  gestellte  (und  in  der  prozessleitenden 
Verfügung  vom  27. September 2011  auf  einen  späteren  Zeitpunkt 

E­5265/2011

Seite 15

verwiesene) Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im 
Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG gegenstandslos.

7.2.  Dem  Beschwerdeführer  ist  angesichts  des  Obsiegens  im 
Beschwerdeverfahren  in  Anwendung  von  Art.  64  Abs.  1  VwVG  eine 
Parteientschädigung  für  ihm  erwachsene  notwendige  Vertretungskosten 
zuzusprechen (vgl. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die 
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, 
SR 173.320.2]). Der notwendige Vertretungsaufwand lässt sich aufgrund 
der  Akten,  gemäss  welchen  keine  Kostennote  vorliegt,  zuverlässig 
abschätzen,  weshalb  auf  die  Einforderung  einer  Kostennote  verzichtet 
werden  kann.  In  Anbetracht  der  umfangreichen  Abklärungen  des 
Rechtsvertreters  sowie  der  hohen  Qualität  seiner  Eingaben  ist  –  unter 
Berücksichtigung  der  massgebenden  Berechnungsfaktoren  (Art.  9  ff. 
VGKE) – die von der Vorinstanz zu entrichtende Parteientschädigung auf 
Fr. 2000.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.

(Dispositiv nächste Seite)

E­5265/2011

Seite 16

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1. 
Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit darauf eingetreten wird. 

2. 
Die  Verfügung  des  BFM  vom  9. September 2011  wird  aufgehoben  und 
die Sache im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewiesen.

3. 
Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.

4. 
Das  BFM  hat  dem  Beschwerdeführer  für  das  Verfahren  vor  dem 
Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von Fr. 2000.– (inkl. 
Auslagen und Mehrwertsteuer) zu entrichten. 

5. 
Dieses  Urteil  geht  an  den  Rechtsvertreter  des  Beschwerdeführers,  das 
BFM und die zuständige kantonale Behörde.

Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber:

Gabriela Freihofer Jan Feichtinger

Versand: