# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 57a34ba6-3bf3-5b17-a871-f9edc64da9c2
**Source:** Bundesgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 1998-07-31
**Language:** de
**Title:** Verwaltungspraxis der Bundesbehörden (1987-2017) Schweizerische Asylrekurskommission (ARK) 31.07.1998 JAAC 63.13
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_VB/CH_VB_031_JAAC-63-13--_1998-07-31.pdf

## Full Text

JAAC 63.13

Auszug aus einem Urteil der Schweizerischen
Asylrekurskommission vom 31. Juli 1998, auch

erschienen in Entscheidungen und Mitteilungen der
Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1998
Nr. 13

Art. 3 et 22 de la Conv. du 20 novembre 1989 relative aux droits de
l’enfant (Conv. droits de l’enfant)[20]. Protection adéquate et aide
humanitaire propres à assurer la sauvegarde des droits de l’enfant
dans la procédure d’asile et de renvoi. Personnes protégées par
l’art. 22 Conv. droits de l’enfant. Pas d’obligation de renseigner tirée
de cette disposition. Importance du bien de l’enfant dans l’examen de
l’exigibilité de l’exécution du renvoi.[21]

1. Lorsque le mineur non accompagné n’a pas été pourvu d’un tuteur
ou d’un curateur et que l’on ne peut attendre des autorités cantonales
qu’elles prennent les mesures tutélaires adéquates dans un délai
raisonnable, il s’impose de prévoir en faveur de ce mineur une
assistance juridique avant la première audition sur les motifs d’asile
(cosid. 4b; changement de jurisprudence).

2. L’art. 22 Conv. droits de l’enfant ne concerne que les requérants
d’asile et les réfugiés mineurs, à l’exclusion des enfants étrangers
dont la demande d’asile a été rejetée. L’al. 2 de cette disposition
pré-voit la collaboration des Etats contractants aux fins d’obtenir les
renseignements propres à favoriser la réunification des familles. De
cette dernière disposition on ne peut déduire une obligation pour les
Etats d’entreprendre des recherches sur le lieu de résidence des parents
lors de l’examen de la question du renvoi d’un enfant à qui l’asile a été
refusé (consid. 5d aa).

3. Le bien de l’enfant constitue un élément de poids dans l’examen de
l’exigibilité du renvoi (consid. 5e).

1

Art. 3 und 22 Konv. über die Rechte der Kinder vom 20. November
1989 (Kinderrechtskonvention, KRK)[18]. Angemessener Schutz und
humanitäre Hilfe bei der Wahrnehmung der Rechte im Asyl- und
Wegweisungsverfahren. Durch Art. 22 KRK geschützter Personenkreis.
Keine Abklärungspflicht aus Art. 22 KRK. Bedeutung des Kindeswohls
für die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs.[19]

1. Ist dem unbegleiteten Minderjährigen kein Vormund oder Beistand
ernannt worden und sind entsprechende vormundschaftliche
Massnahmen seitens der kantonalen Behörden auch nicht innert
vernünftiger Frist zu erwarten, so ist dem urteilsfähigen, unbegleiteten
und nicht vertretenen Minderjährigen für die Dauer des Asylverfahrens
eine rechtskundige Person zuzuordnen, bevor die erste Anhörung zu
den Asylgründen durchgeführt wird (E. 4b; Praxisänderung).

2. Art. 22 KRK beschlägt nur minderjährige Asylbewerber und
Flüchtlinge, nicht aber ausländische Kinder, deren Asylgesuch
abgewiesen worden ist. Abs. 2 der Bestimmung zielt darauf ab, durch
Mitwirkung der Vertragsstaaten bei der Informationsbeschaffung die
Familienzusammenführung zu fördern. Eine Verpflichtung der Staaten,
im Vorfeld der Wegweisung eines im Asylverfahren abgewiesenen
Kindes Abklärungen über den Aufenthaltsort seiner Angehörigen
vorzunehmen, lässt sich daraus nicht ableiten (E. 5d.aa).

3. Das Kindeswohl muss im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung als
gewichtiger Aspekt mitberücksichtigt werden (E. 5e).

Art. 3 e 22 della Conv. del 20 novembre 1989 sui diritti del fanciullo
(Conv. diritti del fanciullo)[22]. Protezione e aiuto umanitario adeguati
per la tutela dei diritti del fanciullo nell’ambito della procedura d’asilo
e d’allontanamento. Persone protette dall’art. 22 Conv. diritti del
fanciullo. Alcun obbligo d’accertamento derivante dall’art. 22 Conv.
diritti del fanciullo. Rilevanza del benessere del fanciullo per l’esame
dell’esigibilità dell’esecuzione dell’allontanamento.[23]

1. Ad un minorenne non accompagnato capace di discernimento, cui
non è stato designato un tutore o un curatore e nella misura in cui non
vi è da aspettarsi da parte delle autorità cantonali la pronunzia di
provvedimenti tutelari entro un termine ragionevole, va garantita, già
prima dell’audizione sui motivi d’asilo, una consulenza giuridica per la
durata della procedura (consid. 4b; modifica della giurisprudenza).

2. L’art. 22 Conv. diritti del fanciullo non concerne che i richiedenti
l’asilo ed i rifugiati minorenni, ad esclusione dei fanciulli la cui
domanda d’asilo è stata respinta. Il secondo capoverso della
menzionata disposizione prevede lo scambio d’informazioni tra gli
Stati contraenti per la promozione del ricongiungimento familiare. Da
siffatta disposizione non può essere dedotto un obbligo d’accertamento

2

per gli Stati summenzionati circa il luogo di soggiorno dei familiari in
caso d’allontanamento di un fanciullo la cui domanda d’asilo è stata
respinta (consid. 5d.aa).

3. Il benessere del fanciullo è un elemento di rilievo per l’esame
dell’esigibilità dell’esecuzione dell’allontanamento (consid. 5e).

Zusammenfassung des Sachverhalts:

Der Beschwerdeführer verliess den Heimatstaat nach eigenen Angaben
am 18. Mai 1996 und gelangte von Italien her kommend am 5. Juni
1996 in die Schweiz, wo er am gleichen Tag um Asyl ersuchte. In der
Empfangsstellen-Befragung und in der kantonalen Anhörung machte der
Beschwerdeführer im wesentlichen geltend, er sei am 5. Januar 1981 geboren
und habe bis zirka anfangs 1991 im Elternhaus in Pungudutiva gelebt. Sein
Vater sei bereits im Jahre 1990 bei einem Angriff der srilankischen Armee
durch einen Bombensplitter getötet worden. Als sich die Armee angeschickt
habe, die Gegend um Pungudutiva zu erobern, sei die Familie nach Jaffna
geflohen. Dort hätten sie bis 1995 gelebt. Als die srilankische Armee gegen
Jaffna vorrückte, sei die Familie von der LTTE («Liberation Tigers of Tamil
Eelam») aufgefordert worden, Jaffna zu verlassen. Sie seien daraufhin nach
Kilinochchi geflohen. Dort sei der Beschwerdeführer von Mitgliedern der LTTE
angesprochen und aufgefordert worden, der Organisation beizutreten. Im
Januar 1996 habe die Familie erstmals über seine Ausreise gesprochen. Im
Februar 1996 sei er auf der Strasse nochmals von Angehörigen der LTTE
angesprochen worden. Schliesslich sei er am 15. Mai 1996 in Begleitung
seines Onkels nach Colombo und von dort unbegleitet auf dem Luftweg über
Thailand nach Italien gereist, von wo er schliesslich in die Schweiz gelangt sei.
Das Bundesamt für Flüchtlinge (BFF) verzichtete auf weitere Abklärungen.

Das BFF stellte mit Verfügung vom 26. August 1996 fest, der Beschwerdeführer
erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab.
Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der
Schweiz und erklärte deren Vollzug als zulässig, zumutbar und möglich.

Mit Eingabe vom 25. September 1996 beantragt der Beschwerdeführer, der
Wegweisungsentscheid des BFF sei aufzuheben. Es sei die Unzumutbarkeit
der Wegweisung festzustellen und eventualiter die vorläufige Aufnahme
anzuordnen. Eventualiter sei der Entscheid des BFF aufzuheben und zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Zur Begründung wird
im wesentlichen geltend gemacht, die Erwägungen in der angefochtenen
Verfügung liessen darauf schliessen, dass das BFF keinerlei weitere
Untersuchungen zur Zumutbarkeit der Wegweisung vorgenommen
habe. Der Entscheid berücksichtige nicht, dass in Sri Lanka seit etwa
13 Jahren Bürgerkrieg herrsche. Es sei auch nicht ersichtlich, dass das
BFF angesichts der Minderjährigkeit des Beschwerdeführers Abklärungen
zu dessen Urteilsfähigkeit gemacht habe. Die Vorinstanz habe damit
den Untersuchungsgrundsatz und die Begründungspflicht verletzt. Der
Entscheid gehe ausserdem von einer unrichtigen und unvollständigen
Sachverhaltsfeststellung aus.

3

Das BFF beantragt in der Vernehmlassung vom 12. Dezember 1996 die
Abweisung der Beschwerde.

Die Schweizerische Asylrekurskommission (ARK) heisst die Beschwerde
teilweise gut und weist das BFF an, den Beschwerdeführer vorläufig
aufzunehmen.

Aus den Erwägungen:

4. (...)

b. Der Beschwerdeführer macht zur Begründung seines Eventualantrages
auf Rückweisung an die Vorinstanz geltend, das BFF habe entgegen seinem
Kreisschreiben vom 15. Februar 1995 dem Kanton keine Meldung gemacht.
Es sei ihm deshalb kein Vormund ernannt worden und er sei im ganzen
Verfahren ohne Beistand auf sich allein gestellt gewesen. Es sei fraglich, ob
unter diesen Umständen das Protokoll der Befragung überhaupt verwendbar
sei. Der Beschwerdeführer stellt sich damit sinngemäss auf den Standpunkt,
das Asylverfahren respektive die Anhörung gemäss Art. 15 des Asylgesetzes
vom 5. Oktober 1979 (AsylG, SR 142.31) könne erst durchgeführt werden,
wenn die zuständige kantonale Behörde dem urteilsfähigen Minderjährigen
einen gesetzlichen Vertreter ernannt habe oder dieser zumindest über einen
Beistand verfüge.

aa. Im Bereich des Minderjährigenschutzes gilt gemäss Art. 85 des
Bundesgesetzes vom 18. Dezember 1987 über das Internationale Privatrecht
(IPRG, SR 291) in bezug auf die Zuständigkeit der schweizerischen Gerichte
und Behörden das anwendbare Recht und die Anerkennung ausländischer
Entscheidungen das Haager Übereinkommen vom 5. Oktober 1961 über die
Zuständigkeit der Behörden und das anzuwendende Recht auf dem Gebiet
des Schutzes von Minderjährigen (MSA, SR 0.211.231.01). Gemäss Art. 1
MSA sind die Gerichte und Verwaltungsbehörden des Staates, in dem ein
Minderjähriger seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat, unter Vorbehalt der
Bestimmungen der Art. 3, 4 und 5 Abs. 3, zuständig, Massnahmen zum Schutze
der Person oder des Vermögens des Minderjährigen zu treffen. Sie wenden
dabei die in ihrem innerstaatlichen Recht vorgesehenen Massnahmen an
(Art. 2 Abs. 1 MSA). Zu den «Massnahmen» im Sinne von Art. 2 Abs. 1 MSA
gehören unter anderem auch die Vormundschaft, unter welche gemäss
Art. 368 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches vom 10. Dezember 1907
(ZGB, SR 210) jede unmündige Person, die sich nicht unter elterlicher Gewalt
befindet, gehört, und die Vertretungsbeistandschaft gemäss Art. 392 Ziff. 3
ZGB, welche von der Vormundschaftsbehörde zu errichten ist, wenn eine
unmündige Person zwar einen gesetzlichen Vertreter hat, dieser aber
an der Ausübung seiner Funktion verhindert ist (vgl. Kommentar zum
Schweizerischen Privatrecht, Hrsg.: H. Honsell u.a., Basel und Frankfurt
a.M. 1996, Art. 85 N. 24). Die Schweiz ist demnach grundsätzlich zuständig
und verpflichtet, ausländischen Minderjährigen einen Vormund oder
Vertretungsbeistand zu ernennen, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen
vorliegen. Bei minderjährigen Asylbewerbern ist innerstaatlich der Kanton
(und dort die nach kantonalem Recht bezeichnete Vormundschaftsbehörde),
dem der Betroffene zugewiesen ist (vgl. Art. 14a Abs. 3 AsylG), für die
Prüfung der entsprechenden Massnahmen zuständig. Die Zuständigkeit

4

und die Verpflichtung der schweizerischen Behörden zur Anordnung
vormundschaftlicher Massnahmen wird auch durch die am 26. März 1997 in
Kraft getretene Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte der Kinder
vom 20. November 1989 (Kinderrechtskonvention [KRK], SR 0.107) bekräftigt.
Diese bestimmt in Art. 20 Abs. 1 KRK, dass ein Kind, das vorübergehend oder
dauernd aus seiner familiären Umgebung herausgelöst wird oder dem der
Verbleib in dieser Umgebung im eigenen Interesse nicht gestattet werden
kann, Anspruch auf den besonderen Schutz des Staates hat, und hält in Art. 20
Abs. 2 KRK fest, dass die Vertragsstaaten diesen Schutz nach Massgabe ihres
innerstaatlichen Rechts sicherzustellen haben (vgl. Botschaft, BBl 1994 V 46).

Das BFF hat im vorliegenden Fall den Kanton entsprechend seinem
Kreisschreiben vom 15. Februar 1995 auf den Umstand hingewiesen, dass
der Beschwerdeführer minderjährig ist. Es wäre mithin Sache der kantonalen
Behörden gewesen, für die Anordnung der notwendigen vormundschaftlichen
Massnahmen besorgt zu sein. Die ARK kann daher lediglich feststellen, dass
dem Beschwerdeführer (bisher) kein Vormund oder Vertretungsbeistand
ernannt worden ist. Mangels Zuständigkeit kann sie aber - ebensowenig wie
das BFF - selbst keine vormundschaftlichen Massnahmen anordnen und sie
ist auch nicht befugt, den kantonalen Vormundschaftsbehörden diesbezüglich
Anweisungen zu erteilten. Immerhin ist aber der Vormundschaftsbehörde im
Sinne von Art. 368 Abs. 2 ZGB Anzeige zu machen.

bb. Das BFF geht in der Praxis davon aus, dass das Asylverfahren auch
dann durchgeführt bzw. mit der Anhörung gemäss Art. 15 AsylG fortgesetzt
werden kann, wenn dem urteilsfähigen minderjährigen Asylbewerber
(noch) kein gesetzlicher Vertreter ernannt worden ist (vgl. Kreisschreiben
vom 15. Februar 1995[24] S. 3, wo ausdrücklich festgehalten wird, dass
die Behörden für die Weiterführung des Verfahrens nicht gehalten sind,
einen diesbezüglichen Entscheid der Vormundschaftsbehörde abzuwarten).
Auch die ARK ging bisher davon aus, dass ein Asylverfahren durchgeführt
werden kann, auch wenn dem unbegleiteten Minderjährigen (noch) kein
Vormund oder Vertretungsbeistand bestellt worden ist (vgl. zuletzt die
unveröffentlichten Urteile vom 16. Oktober 1997 i.S. S.B., Sri Lanka [N 290
274] und vom 31. Oktober 1997 i.S. J.K., Äthiopien [N 289 705]).

Diese Praxis wird kritisiert, wobei im wesentlichen geltend gemacht
wird, sie stehe einseitig im Dienste der Verfahrensbeschleunigung und
vernachlässige den Aspekt der Schutzbedürftigkeit des Minderjährigen
bzw. sie vereitle den gesetzlich vorgesehenen Schutz Minderjähriger
(vgl. Jürg Schertenleib, Der Vollzug der Wegweisung von unbegleiteten
minderjährigen Asylsuchenden, in ASYL 1996/1 S. 16; Andreas Bucher,
Schweizerische Zeitschrift für internationales und europäisches Recht
[SZIER], 2/96, S. 199 f.; Anita Biedermann Kaess u.a., Doppelt schutzlos
[Unbegleitete minderjährige Asylsuchende in der Schweiz], Hrsg.: HEKS
1996, S. 16 f.; vgl. auch Interpellation Bäumlin, 2. Kreisschreiben des BFF
zur Behandlung von Asylgesuchen unbegleiteter Minderjähriger, AB 1995 N
1672 f.; Motion Bäumlin, Schutz für unbegleitete minderjährige Asylsuchende,
AB 1996 N 339 ff.) und es wird - jedenfalls de lege ferenda - vorgeschlagen, das
Asylverfahren mit den vormundschaftlichen Massnahmen zu koordinieren,
dem unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden einen Vormund oder
Vertretungsbeistand zu ernennen, ihm zudem von Amtes wegen eine
Rechtsvertretung beizugeben und eine Befragung zu den Asylgründen erst

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nach Ernennung des Vormunds bzw. Vertretungsbeistands und der Beigebung
eines amtlichen Rechtsvertreters durchzuführen (vgl. Schertenleib, a.a.O.,
S. 16; Biedermann Kaess, a.a.O., S. 15 f. und 52 f.).

cc. Die Praxis der Vormundschaftsbehörden einiger Kantone, für unbegleitete
minderjährige Asylbewerber keine vormundschaftlichen Massnahmen
anzuordnen (vgl. dazu Biedermann Kaess, a.a.O., S. 29 ff. am Beispiel der
Kantone Basel-Stadt, Bern, St. Gallen, Waadt und Zürich), ist zweifellos
gesetzwidrig und ist auch unter dem Aspekt des in Art. 2 KRK enthaltenen
Diskriminierungsverbotes bedenklich. Das Asylgesetz selbst kennt bislang
keine speziellen Vorschriften, die auf die besonderen Schwierigkeiten und
Schutzbedürfnisse unbegleiteter minderjähriger Asylbewerber Rücksicht
nehmen. Es sieht dementsprechend auch nicht vor, dass ein unbegleiteter
urteilsfähiger Minderjähriger erst zu den Asylgründen angehört werden
kann, wenn ihm die zuständige Vormundschaftsbehörde einen gesetzlichen
Vertreter ernannt hat. Ebensowenig ist vorgesehen, einen unbegleiteten
Minderjährigen amtlich zu verbeiständen. Es ist fraglich, ob die geltende
gesetzliche Regelung den Anforderungen des Art. 22 Abs. 1 KRK entspricht,
gemäss welchem die Vertragsstaaten geeignete Massnahmen zu treffen haben,
um sicherzustellen, «dass ein Kind, das die Rechtsstellung eines Flüchtlings
begehrt oder nach Massgabe der anzuwendenden Regeln und Verfahren
des Völkerrechts oder des innerstaatlichen Rechts als Flüchtling angesehen
wird, angemessenen Schutz und humanitäre Hilfe bei der Wahrnehmung der
Rechte erhält, die in diesem Übereinkommen oder in anderen internationalen
Übereinkünften über Menschenrechte oder über humanitäre Fragen,
denen die genannten Staaten als Vertragsparteien angehören, festgelegt
sind, und zwar unabhängig davon, ob es sich in Begleitung seiner Eltern
oder einer anderen Person befindet oder nicht». Die Schweiz hat mit der
Ratifikation der Kinderrechtskonvention bekräftigt, dass sie das Kind als
Individuum betrachtet, das besonders zu schützen ist (vgl. Stephan Wolf,
Die UNO-Konvention über die Rechte des Kindes und ihre Umsetzung in
das schweizerische Kindesrecht, Zeitschrift des Bernischen Juristenvereins
[ZBJV] 1998, S. 125 f.). Diesem Umstand ist bei der Auslegung des geltenden
innerstaatlichen Rechts Rechnung zu tragen. Es erscheint deshalb angezeigt,
die gegenwärtige Praxis zu überprüfen.

dd. Die ARK hat in Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen
Asylrekurskommission (EMARK) 1997 Nr. 23, S. 186 f. E. 5 unter Hinweis auf
das Urteil des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vom 25. Juni
1996 i.S. Amuur gegen Frankreich (17/1995/523/609, Ziff. 45; publiziert in
Europäische Grundrechte Zeitschrift [EuGRZ] 1996, S. 577 ff.) festgehalten, dass
das BFF bei Asylgesuchen am Flughafen gemäss Art. 13d AsylG verpflichtet
ist, abzuklären und zu prüfen, ob ein Minderjähriger einen Rechtsbeistand
benötigt, um die Formalien eines Asylgesuches erfüllen zu können. Es fragt
sich angesichts dessen, ob ein Minderjähriger nicht auch im erstinstanzlichen
ordentlichen Asylverfahren Anspruch auf Verbeiständung hat. Da weder
das Asylgesetz noch das auf das Asylverfahren ergänzend zur Anwendung
gelangende Verwaltungsverfahrensgesetz vom 20. Dezember 1968 (VwVG,
SR 172.021) bzw. das Bundesrechtspflegegesetz vom 16. Dezember 1943 (OG,
SR 173.110; vgl. Art. 12 AsylG) entsprechende Vorschriften kennt, käme die

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Anerkennung eines Anspruchs auf Verbeiständung nur gestützt auf Art. 4 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 29. Mai 1874
(BV, SR 101) in Frage.

Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung hat die bedürftige Partei gestützt
auf Art. 4 BV einen allgemeinen grundrechtlichen Anspruch auf unentgeltliche
Rechtsverbeiständung, wenn ihre Interessen in schwerwiegender Weise
betroffen sind und der Fall in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht
Schwierigkeiten bietet, die den Beizug eines Rechtsvertreters erforderlich
machen (BGE 122 I 51 E. 2c.bb, 120 Ia 45 E. 2a mit Hinweisen). Dieser
Anspruch gilt nach neuerer Rechtsprechung als verfassungsmässige
Minimalgarantie auch in nichtstreitigen Verwaltungsverfahren (BGE
122 I 271 E. 2a, BGE 119 Ia 265 E. 3a). Ein Anspruch auf unentgeltliche
Verbeiständung kann sich demnach auch im erstinstanzlichen Asyl- und
Wegweisungsverfahren ergeben. Ein verfassungsmässiger Anspruch
auf Verbeiständung besteht indessen nicht voraussetzungslos. Er setzt
vielmehr kumulativ die Bedürftigkeit des Gesuchstellers, die Notwendigkeit
der Verbeiständung sowie die Nichtaussichtslosigkeit der verfolgten
Rechtsansprüche voraus (vgl. BGE 123 I 147 E. 2 b.bb;Marc Forster,
Der Anspruch auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung in der neueren
bundesgerichtlichen Rechtsprechung, Schweizerisches Zentralblatt für
Staats- und Verwaltungsrecht [ZBl] 93 [1992], S. 459 ff.). Darüber hinaus
besteht gestützt auf Art. 4 BV ein verfassungsmässiger Anspruch auf amtliche
Verbeiständung, falls das in Frage stehende Verfahren besonders stark in die
Rechtspositionen des Betroffenen eingreift. Falls kein besonders schwerer
Eingriff in die Rechte des Betroffenen droht, besteht der Anspruch immerhin
noch dann, wenn zur relativen Schwere des drohenden Eingriffs besondere
tatsächliche oder rechtliche Schwierigkeiten hinzukommen, denen der
Gesuchsteller auf sich alleine gestellt nicht gewachsen wäre (BGE 120 Ia 45
E. 2a, BGE 119 Ia 265 f. E. 3 b).

Das Bundesgericht berücksichtigt bei der Prüfung der sachlichen
Notwendigkeit die konkreten Umstände des Einzelfalles und die Eigenheiten
der anwendbaren Verfahrensvorschriften (BGE 119 Ia 265 E. 3 b). Als sachlich
notwendig bezeichnet es die Verbeiständung, wenn die Interessen der Partei
in schwerwiegender Weise betroffen sind und der Fall in tatsächlicher
und rechtlicher Hinsicht Schwierigkeiten bietet, die den Beizug eines
Rechtsvertreters erforderlich machen. Als besondere Schwierigkeiten
fallen dabei nicht nur Umstände wie Kompliziertheit der Rechtsfragen,
Unübersichtlichkeit des Sachverhaltes und dergleichen, sondern auch
persönliche Umstände der Partei, wie das Alter, die soziale Situation, die
Sprachkenntnisse oder die gesundheitliche und geistig-psychische Verfassung
in Betracht (vgl. BGE 123 I 147 E. 2 b.cc).

ee. Nach Einreichung des Asylgesuches werden in der Empfangsstelle die
Personalien des Gesuchstellers erhoben, er wird erkennungsdienstlich
behandelt und es werden die Reisepapiere und die Identitätsausweise zu
den Akten genommen; ausserdem wird er summarisch zum Reiseweg und zu
den Gründen gefragt, warum er sein Land verlassen hat (Art. 14 Abs. 2 AsylG).
Das BFF ist dabei berechtigt, alle Informationen zu erheben, die für einen
Entscheid über den Aufenthalt in der Schweiz während des Asylverfahrens
wesentlich sind (Art. 14 Abs. 3 AsylG). Der Gesuchsteller wird zudem auf
seine Rechte und Pflichten aufmerksam gemacht (Art. 14 Abs. 4 AsylG).

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http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_122_I_51&resolve=1
http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_122_I_271&resolve=1
http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_122_I_271&resolve=1
http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_119_Ia_265&resolve=1
http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_123_I_147&resolve=1
http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_120_Ia_45&resolve=1
http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_119_Ia_265&resolve=1
http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_119_Ia_265&resolve=1
http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_123_I_147&resolve=1

Anschliessend wird der Gesuchsteller einem Kanton zugewiesen (Art. 14a
Abs. 3 AsylG). Dort wird er von der zuständigen kantonalen Behörde zu
den Asylgründen angehört (Art. 15 Abs. 1 AsylG), sofern nicht das BFF eine
Direktbefragung durchführt (Art. 15 Abs. 3 AsylG). Über die Anhörung wird ein
Protokoll geführt, das vom Gesuchsteller und gegebenenfalls vom Dolmetscher
unterzeichnet wird. Der Anhörung wohnt ein Hilfswerksvertreter bei, sofern
der Gesuchsteller dies nicht ablehnt (Art. 15a Abs. 1 AsylG). Dieser beobachtet
die Befragung und er kann Fragen zur Erhellung des Sachverhaltes stellen
lassen (Art. 15a Abs. 3 AsylG). Er bestätigt im Protokoll seine Mitwirkung und
er kann dabei Einwendungen anmelden und weitere Abklärungen anregen
(Art. 15a Abs. 5 AsylG). Er hat aber keine Parteirechte (Art. 15a Abs. 3 AsylG).
Der Gesuchsteller kann sich bei der Anhörung durch einen Vertreter und
einen Dolmetscher seiner Wahl, die selber nicht Gesuchsteller sind, begleiten
lassen (Art. 15 Abs. 1 Satz 2 AsylG). Nach der Anhörung werden die Akten
dem BFF zum Entscheid über das Asylgesuch zugestellt. Das BFF tritt auf
das Asylgesuch nicht ein, sofern ein Nichteintretensgrund gemäss Art. 16
Abs. 1 und 2 AsylG vorliegt. Wird aufgrund der Anhörung zu den Asylgründen
offensichtlich, das der Gesuchsteller weder beweisen noch glaubhaft
machen kann, dass er Flüchtling ist, und seiner Wegweisung keine Gründe
entgegenstehen, wird das Gesuch ohne weitere Abklärungen abgelehnt.
Umgekehrt kann das BFF ohne weitere Abklärungen Asyl gewähren oder aber,
wenn dem Gesuchsteller zwar kein Asyl gewährt werden kann, der Vollzug
der Wegweisung aber nicht möglich, nicht zulässig oder nicht zumutbar ist,
ohne weitere Abklärungen einen Asyl- und Wegweisungsentscheid treffen und
anstelle der Ansetzung einer Ausreisefrist die vorläufige Aufnahme anordnen
(Art. 16b Abs. 1 und 2 AsylG). In den übrigen Fällen trifft das BFF zunächst
die notwendigen zusätzlichen Abklärungen (Art. 16c AsylG). Der Entscheid
des BFF wird dem Gesuchsteller mittels anfechtbarer Verfügung eröffnet. Zu
beachten ist ferner, dass der Gesuchsteller nicht nachweisen, sondern lediglich
glaubhaft machen muss, dass er Flüchtling ist (vgl. Art. 12a Abs. 1 AsylG).
Im Asylverfahren gilt schliesslich der Untersuchungsgrundsatz, allerdings
ergänzt durch die verschiedenen Mitwirkungspflichten des Gesuchstellers (vgl.
Art. 12b AsylG).

Wird einem unbegleiteten Minderjährigen von der zuständigen
Vormundschaftsbehörde kein gesetzlicher Vertreter ernannt und wird er
auch sonst nicht vertreten oder beraten, sieht er sich bei der Anhörung
zu den Asylgründen unvorbereitet drei ihm unbekannten erwachsenen
Personen (Befrager, Dolmetscher, Hilfswerksvertreter) gegenüber, von
denen keine - auch nicht der Vertreter des Hilfswerks - explizit verpflichtet
ist, seine Interessen zu wahren. Er bleibt damit in der für den weiteren
Verfahrensverlauf zentralen Phase der Anhörung zu den Asylgründen
sich selbst überlassen. Soweit urteilsfähig, ist er zwar in der Lage, seine
Gründe darzulegen, die ihn zur Flucht veranlasst haben. Ob er in bezug auf
das Asylverfahren überhaupt urteilsfähig ist, lässt sich indessen meist erst
im Verlauf der Anhörung zu den Asylgründen beurteilen. Schon in bezug
auf die Frage der Urteilsfähigkeit und damit verbunden der Möglichkeit,
selbständig ein Asylgesuch einreichen zu können, kann eine Verbeiständung
Minderjähriger unter Umständen erforderlich sein. Gerade bei unbegleiteten
Minderjährigen ergeben sich im erstinstanzlichen Verfahren zudem oft
auch heikle Abklärungsfragen oder Verfahrenssituationen, die sie aufgrund
ihrer altersbedingten Unerfahrenheit überfordern und denen sie um so

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weniger gewachsen sind, je mehr sich der Kultur- und Rechtskreis, aus dem
sie stammen, vom schweizerischen unterscheidet, und je weniger sie die
Sprache verstehen, in welcher das Verfahren geführt wird. Zu beachten ist
sodann auch, dass sich unbegleitete Minderjährige während des Verfahrens in
einer für die eigene Entwicklung wichtigen Lebensphase ohne soziales Netz in
einer fremden Kultur aufhalten und sich dadurch, ungeachtet der Erlebnisse
und Umstände, die sie zum Verlassen von Familie und Heimat veranlasst
haben, und ungeachtet der damit einhergehenden Eindrücke, im Vergleich
zu erwachsenen Personen ohnehin in einer besonders schwierigen Situation
befinden. Aus den genannten Gründen verfügen unbegleitete Minderjährige
daher regelmässig nicht über die notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse,
um während der Anhörung bzw. im weiteren Verfahrensverlauf selbst für
die Wahrung ihrer Rechte zu sorgen oder spezifischen Mitwirkungspflichten
nachzukommen, wenn dies von ihnen verlangt werden sollte. Es rechtfertigt
sich daher die Annahme, dass sie zur Wahrnehmung ihrer Rechte im Asyl-
und Wegweisungsverfahren generell auf juristischen Rat und Beistand
angewiesen sind. Anvisiert ist selbstverständlich nicht eine Einschränkung
der aus Art. 12 KRK fliessenden Rechte (Recht des Kindes, sich in allen es
berührenden Angelegenheiten frei zu äussern, und Pflicht der Behörden,
das Kind unmittelbar oder durch einen Vertreter bzw. eine geeignete Stelle
anzuhören und seine Meinung angemessen und entsprechend seinem Alter
und seiner Reife zu berücksichtigen), sondern vielmehr die Unterstützung des
Kindes durch einen dafür geeigneten Erwachsenen bei der Wahrnehmung
gerade dieser Rechte. Angesichts der im Asyl- und Wegweisungsverfahren
potentiell betroffenen Rechtsgüter erscheint es unter diesen Umständen mit
Art. 4 BV unvereinbar, dass ein unbegleiteter urteilsfähiger Minderjähriger
im Asylverfahren zwar selbständig um Schutz der höchsten Rechtsgüter
des Menschen überhaupt (Leib, Leben, Freiheit; vgl. Art. 3 Abs. 2 AsylG)
ersuchen kann, faktisch aber unter Umständen seine Rechte im Verfahren
nicht wahrnehmen bzw. seinen Pflichten nicht nachkommen kann, weil er
völlig auf sich gestellt ist. Ungeachtet der Frage der Mittellosigkeit und der
Verfahrensaussichten - letztere lassen sich ohnehin erst nach der Anhörung zu
den Asylgründen beurteilen - erscheint eine Verbeiständung von unbegleiteten
Minderjährigen daher geboten und darüber hinaus auch im Interesse einer
effizienten Verfahrensabwicklung von Nutzen. Es ist daher davon auszugehen,
dass ein unbegleiteter Minderjähriger jedenfalls dann einen direkt aus Art. 4
BV fliessenden Anspruch auf Beiordnung einer rechtskundigen Person hat,
wenn ihm die Vormundschaftsbehörde (noch) keinen gesetzlichen Vertreter
bestellt hat, der für eine rechtskundige Vertretung sorgen oder zumindest
besorgt sein könnte beziehungsweise wenn feststeht, dass ihm niemand
zur Seite steht, der ihn juristisch beraten und unterstützen könnte. Diese
Auslegung von Art. 4 BV kommt auch dem Anliegen von Art. 22 Abs. 1 KRK,
einem Kind, das die Rechtsstellung eines Flüchtlings begehrt, angemessen
Schutz und humanitäre Hilfe bei der Wahrnehmung seiner Rechte zukommen
zu lassen, entgegen.

ff. Zeichnet sich ab, dass die zuständige Behörde vormundschaftliche
Massnahmen gar nicht oder nicht innerhalb vernünftiger Zeit anordnen wird,
und hat der unbegleitete Minderjährige selbst keine rechtskundige Person zur
Wahrung seiner Interessen beigezogen, die aufgrund ihrer Vertrautheit mit
der Materie des Asylverfahrens dazu in der Lage ist, ist die mit der Anhörung
gemäss Art. 15 AsylG befasste Behörde deshalb verpflichtet, gegebenenfalls

9

über das BFF sicherzustellen, dass einem unbegleiteten Minderjährigen
von Amtes wegen eine rechtskundige Person beigeordnet wird, bevor die
Anhörung zu den Asylgründen durchgeführt wird.

c. (...)

5. (...)

d. Der Beschwerdeführer wendet in seiner ergänzenden Eingabe vom
14. Oktober 1996 unter Berufung auf Art. 22 KRK schliesslich ein, die
Vorinstanz sei verpflichtet, die näheren Umstände im Heimatland abzuklären.
Aufgrund der Kinderrechtskonvention sei dies unabdingbare Voraussetzung
für eine Rückschaffung. Es erscheine deshalb fraglich, ob das Kindeswohl
gemäss Art. 3 KRK gewahrt sei. Es wirft sich damit die Frage auf, ob und
inwiefern die KRK in bezug auf die Frage der Durchführbarkeit des Vollzuges
der Wegweisung von Belang ist.

aa. Art. 22 KRK hält in Abs. 2 die Vertragsstaaten an, in der ihr angemessen
erscheinenden Weise bei allen Bemühungen mitzuwirken, welche
die Vereinten Nationen und andere zuständige zwischenstaatliche
oder nichtstaatliche Organisationen, die mit den Vereinten Nationen
zusammenarbeiten, unternehmen, um ein solches Kind (d.h. ein Kind,
das die Rechtsstellung eines Flüchtlings begehrt oder nach Massgabe
der anzuwendenden Regeln und Verfahren des Völkerrechts oder des
innerstaatlichen Rechts als Flüchtling angesehen wird; vgl. Art. 22 Abs. 1
KRK) zu schützen, um ihm zu helfen und um die Eltern oder andere
Familienangehörige eines Flüchtlingskindes ausfindig zu machenmit dem
Ziel, die für eine Familienzusammenführung notwendigen Informationen
zu erlangen. Können die Eltern oder andere Familienangehörige nicht
ausfindig gemacht werden, ist dem Kind im Einklang mit den in der
Kinderrechtskonvention enthaltenen Grundsätzen derselbe Schutz zu
gewähren wie jedem anderen Kind, das aus irgendeinem Grund dauernd
oder vorübergehend aus seiner familiären Umgebung herausgelöst ist.

Aus Art. 22 Abs. 2 KRK kann entgegen einer in der Literatur vertretenen
Meinung (vgl. Schertenleib, a.a.O., S. 14 f.) nicht abgeleitet werden, dass
die Vertragsstaaten völkerrechtlich verpflichtet sind, selbst Abklärungen
über den Aufenthaltsort der Eltern oder anderer Familienangehöriger eines
unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbers durchzuführen. Sie haben
vielmehr lediglich - und bloss in der ihnen angemessen erscheinenden
Weise - bei solchen Nachforschungen der Vereinten Nationen und anderen
Organisationen, die mit ihnen zusammenarbeiten, mitzuwirken (vgl. auch zur
Entstehungsgeschichte von Art. 22 KRK: Gabriele Dorsch, Die Konvention der
Vereinten Nationen über die Rechte des Kindes, Schriften zum Völkerrecht
Bd. 115, Berlin 1994, S. 203 ff.). Diese Bestimmung bezieht sich zudem lediglich
auf die Art und Weise, wie die Vertragsstaaten bei Bemühungen mitwirken
sollen, um die notwendigen Informationen zu erlangen, damit Kinder, die
Flüchtlinge sind oder als solche anerkannt werden wollen,mit ihrer Familie
(wo auch immer) wieder zusammengeführt werden können. Art. 22 Abs. 2
KRK zielt mithin darauf ab, durch Mitwirkung der Vertragsstaaten bei der
Informationsbeschaffung die Familienzusammenführung zu fördern. Daraus
lässt sich aber keine Verpflichtung der Staaten ableiten, im Vorfeld der
Wegweisung eines im Asylverfahren abgewiesenen Kindes Abklärungen
über den Aufenthaltsort seiner Angehörigen vorzunehmen. Anzufügen

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bleibt, dass der Beschwerdeführer, nachdem er lediglich die vom BFF
verfügte Wegweisung und deren Vollzug, nicht aber die Verneinung der
Flüchtlingseigenschaft und die Ablehnung des Asylgesuches anficht, ohnehin
nicht zum adressierten Personenkreis dieser Bestimmung (Asylbewerber und
anerkannte Flüchtlinge) gehört.

bb. Nach Art. 3 Abs. 1 KRK ist bei allen Massnahmen, die Kinder betreffen,
ob sie nun von öffentlichen oder privaten Einrichtungen der sozialen
Fürsorge, von Gerichten, Verwaltungsbehörden oder Gesetzgebungsorganen
getroffen werden, dasWohl des Kindes «ein Gesichtspunkt, der vorrangig
zu berücksichtigen ist». Das Wohl des Kindes ist als Rechtsbegriff auch dem
schweizerischen Recht bekannt. Als dem Kindesrecht zugrunde liegende
bundesrechtliche Maxime ist das Kindeswohl bei der Rechtsanwendung
im Bereiche des Familienrechts von Amtes wegen zu berücksichtigen.
Das Kindeswohl gemäss Art. 3 Abs. 1 KRK ist jedoch umfassender als der
entsprechende Begriff des schweizerischen Rechts; es ist nämlich generell
bei allen Massnahmen, die Kinder betreffen, zu beachten - ob sie nun von
öffentlichen oder privaten Organen getroffen werden (vgl. Botschaft, BBl 1994
V 26 f.; Wolf, a.a.O., S. 132).

Direkt anwendbar («self-executing») sind staatsvertragliche Bestimmungen,
wenn sie Bürger und Staatsorgane im Rechtsverkehr unmittelbar berechtigen
und verpflichten. Sie sind es in der Terminologie des Bundesgerichtes
dann, wenn sie inhaltlich hinreichend bestimmt und klar sind, um im
Einzelfall Grundlage eines Entscheides bilden zu können. Die erforderliche
Bestimmtheit geht vor allem blossen Programmartikeln ab. Sie fehlt auch
Bestimmungen, die eine Materie nur in Umrissen regeln, dem Vertragsstaat
einen beträchtlichen Ermessens- oder Entscheidungsspielraum lassen oder
blosse Leitgedanken enthalten, sich also nicht an die Verwaltungs- oder
Justizbehörden, sondern an den Gesetzgeber richten (vgl. BGE 120 Ia 11 E. 5b;
Walter Kälin, Das Verfahren der staatsrechtlichen Beschwerde, 2. Aufl., Bern
1994, S. 90; Yvo Hangartner, Die Bindung von Verwaltung und Justizbehörden
an die EMRK, Aktuelle Juristische Praxis [AJP] 2/95, S. 142 f.).

In der Praxis der Vertragsstaaten ist die Frage der direkten Anwendbarkeit der
KRK kontrovers (vgl. Wolf, a.a.O., S. 149 mit Hinweisen in Anm. 143; Ingeborg
Schwenzer, Die UN-Kinderkonvention und das schweizerische Kindesrecht,
in AJP 1994, S. 819 mit Hinweisen in Anm. 21 und 22; Botschaft, BBl 1994 V 21
Anm. 62 und 39 Anm. 143). In der Schweiz sind Lehre und Praxis hingegen
der Auffassung, dass sich einzelne Bestimmungen der KRK durchaus zur
direkten Anwendung eignen können (Botschaft, BBl 1994 V 20; Wolf, a.a.O.,
S. 130 f.; Schwenzer, a.a.O., S. 819 und 824; vgl. BGE 124 III 90, in dem die
direkte Anwendbarkeit von Art. 12 KRK bejaht wird [vgl. die Berichterstattung
von St. Mazan in: ZBJV 1998 S. 234 f.]).

Die Frage nach der direkten Anwendbarkeit des in Art. 3 Abs. 1 KRK
verankerten Grundsatzes der vorrangigen Berücksichtigung des Kindeswohls
ist in der Literatur bezüglich der Schweiz bis anhin nicht eingehend
erörtert worden. Immerhin scheinen einzelne Autoren von der direkten
Anwendbarkeit von Art. 3 Abs. 1 KRK auszugehen (so wohl Schertenleib,
a.a.O., S. 17) oder zumindest nicht auszuschliessen (vgl. Wolf, a.a.O., S. 142 f.).
In BGE 123 III 449 wurde die direkte Anwendbarkeit von Art. 3 KRK im
Zusammenhang mit der Frage, ob die gemeinsame elterliche Gewalt über

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http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_120_Ia_11&resolve=1
http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_124_III_90&resolve=1
http://jumpcgi.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE_123_III_449&resolve=1

das Kind den Ehegatten auch nach der Scheidung belassen werden könne,
ebenfalls offen gelassen (vgl. dazu kritisch Wolf, a.a.O., S. 141 f., insb. Anm.
110a).

Ob das in Art. 3 Abs. 1 KRK verankerte Prinzip der vorrangigen
Berücksichtigung im Asyl- und Wegweisungsverfahren direkt anwendbar
ist und damit verbunden die Frage, welche Konsequenzen sich in diesem
Fall in bezug auf den Vollzug der Wegweisung allenfalls ergeben könnten,
kann allerdings hier auch von der ARK offen gelassen werden, da sich der
Vollzug der Wegweisung im vorliegenden Fall - wie nachstehend aufgezeigt
wird - bei einer am Kindeswohl orientierten Auslegung von Art. 14a Abs. 4 des
Bundesgesetzes vom 26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlassung der
Ausländer (ANAG, SR 142.20) jedenfalls als unzumutbar erweist (vgl. E. 5f).

e. Gemäss bisheriger Praxis ist der spezifischen Situation unbegleiteter
minderjähriger Asylbewerber unter dem Gesichtspunkt der Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs gemäss Art. 14a Abs. 4 ANAG Rechnung zu tragen,
mithin im Rahmen der Frage, ob die Rückkehr eine konkrete Gefährdung
darstellen würde (vgl. EMARK 1997 Nr. 23, S. 186 ff. E. 5; 1997 Nr. 24,
S. 193 E. 7a; Urteil der ARK vom 30. Dezember 1996, teilweise publiziert
in ASYL 1997/1 S. 21 f.). Für das BFF ergibt sich dabei insbesondere die
Pflicht, bei der Prüfung der Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des
Wegweisungsvollzugs die spezifisch mit der Minderjährigkeit verbundenen
Aspekte genügend abzuklären, wobei es sich bei der Prüfung der Probleme,
die hinsichtlich der Übernahme der Verantwortung für den Minderjährigen
und dessen Betreuung im Herkunftsland entstehen können, an Art. 22 KRK
orientieren sollte (EMARK 1997 Nr. 23, S. 186 ff. E. 5).

aa. Gemäss Art. 14a Abs. 4 ANAG kann der Vollzug insbesondere nicht
zumutbar sein, wenn er für den Ausländer eine konkrete Gefährdung
darstellt. Aus der Formulierung «insbesondere» geht hervor, dass nicht nur
eine konkrete Gefährdung, sondern auch andere Umstände dazu führen
können, dass der Vollzug der Wegweisung als nicht zumutbar erscheint.
Art. 14a Abs. 4 ANAG lässt mithin Raum, bei der Beurteilung der Zumutbarkeit
der Wegweisung auch Überlegungen einfliessen zu lassen, die sich unter
dem Aspekt des nach Art. 3 Abs. 1 KRK zu berücksichtigenden Kindeswohls
ergeben können. Bei einer am Prinzip der vorrangigen Berücksichtigung
des Kindeswohls orientierten völkerrechtskonformen Auslegung von
Art. 14a Abs. 4 ANAG ist daher bei der Prüfung der Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzuges nicht bloss die Situation, die sich im Falle der Rückkehr
ins Heimatland ergeben würde, zu berücksichtigen. Vielmehr sind unter
dem Aspekt des Kindeswohls sämtliche Umstände einzubeziehen und zu
würdigen, die im Hinblick auf eine Wegweisung wesentlich erscheinen.
Mithin ist der Persönlichkeit des Kindes und seinen Lebensumständen
umfassend Rechnung zu tragen. Dabei können namentlich folgende
Kriterien in dieser gesamtheitlichen Beurteilung von Bedeutung sein:
Alter, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe, Intensität, Tragfähigkeit) seiner
Beziehungen, Eigenschaften seiner Bezugspersonen (insbesondere
Unterstützungsbereitschaft und -fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich
Entwicklung/Ausbildung, Grad der erfolgten Integration bei einem längeren
Aufenthalt in der Schweiz usw. Gerade letzterer Aspekt, die Dauer des
Aufenthaltes in der Schweiz, ist im Hinblick auf die Prüfung der Chancen
und Hindernisse einer Reintegration im Heimatland bei einem Kind als

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gewichtiger Faktor zu werten, da Kinder nicht ohne guten Grund aus einem
einmal vertrauten Umfeld wieder herausgerissen werden sollten. Wie in allen
Zumutbarkeitsprüfungen sind zudem in einer Analyse der Situation, die sich
für die betroffene Person nach Vollzug der Wegweisung im Heimatland ergäbe,
die damit verbundenen humanitären Aspekte dem öffentlichen Interesse
der Schweiz amWegweisungsvollzug gegenüberzustellen (vgl. EMARK 1994
Nr. 18).

bb. Für die Asylbehörden ergibt sich daraus die Verpflichtung, von
Amtes wegen abzuklären, welche Situation sich für den unbegleiteten
Minderjährigen im Falle der Rückkehr realistischerweise ergeben könnte. In
der Praxis ist deshalb nicht nur abzuklären, ob das Kind im Falle der Rückkehr
in den Heimat- oder Herkunftsstaat im Sinne von Art. 14a Abs. 4 ANAG konkret
gefährdet wäre, sondern auch, ob das Kind zu seinen Eltern oder anderen
Angehörigen zurückgeführt werden kann und ob diese in der Lage sind,
seine (dem Alter, der physischen und psychischen Verfassung, der Herkunft
etc. entsprechenden) Bedürfnisse abzudek-ken. Können die Angehörigen
nicht ausfindig gemacht werden oder ergibt sich, dass die Rückkehr zu diesen
dem Kindeswohl nicht entspricht, ist weiter abzuklären, ob das Kind in der
Heimat allenfalls in einer geeigneten Anstalt oder bei einer Drittperson
untergebracht werden kann. Dabei genügt es selbstverständlich nicht,
bloss festzustellen, dass im Heimat- oder Herkunftsland Eltern oder andere
Angehörige leben beziehungsweise es im betreffenden Land Einrichtungen
gebe, die sich um alleinstehende Kinder oder Jugendliche kümmern würden.
Es ist vielmehr konkret abzuklären, ob das betreffende Kind tatsächlich in sein
familiäres Umfeld zurückgeführt werden kann beziehungsweise ob es - wo
das nicht möglich ist oder nicht demWohl des Kindes entspricht - anderweitig
untergebracht werden kann.

Das BFF (und nicht die kantonale Vollzugsbehörde) hat daher im Hinblick
auf die Anordnung des Vollzuges der Wegweisung vorgängig auch geeignete
Massnahmen zu treffen, damit der Minderjährige bei seiner Rückkehr von
seinen Eltern, Angehörigen oder von einer Behörde oder Institution, die in der
Lage ist, dem Kind bei seiner Ankunft weiterzuhelfen, in Empfang genommen
wird (in diesem Sinne äussert sich auch das Amt des Hochkommissars der
Vereinten Nationen für Flüchtlinge «United Nations High Comissioner for
Refugees» [UNHCR]; vgl. Guidelines on Policies and Procedures in Dealing with
Unaccompanied Children Seeking Asylum, Genf, Februar 1997, S. 11, N. 9.4),
wo dies in Anbetracht des Alters des Betroffenen und damit im Interesse des
Kindes erforderlich erscheint. Hingegen können die Rückreisemodalitäten
wie insbesondere die Begleitung des Minderjährigen sowie Zeitpunkt und
Ort der Übergabe (inklusive Absprache mit der in Empfang nehmenden
Person) durchaus erst im unmittelbaren Vorfeld der Rückkehr geregelt
werden. Da es sich dabei um blosse Vollzugsmodalitäten handelt, bleibt es
dem BFF überlassen, inwieweit es die diesbezüglich notwendigen Schritte
selbst vornimmt oder diese dem für den Vollzug zuständigen Kanton überlässt.

[18] SR 0.107.
[19] Vgl. oben Fussnote 2, S. 37.
[20] RS 0.107.
[21] Cf. ci-dessus note 1, p. 37.
[22] RS 0.107.
[23] Cfr. sopra nota 3, pag. 38.

13

[24] Zu beziehen beim BFF.

14

Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften

Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées

Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali

JAAC 63.13 - Auszug aus einem Urteil der Schweizerischen Asylrekurskommission vom 31.

Juli 1998, auch erschienen in Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen

Asylrekurskommission [EMARK] 1998 Nr. 13

In Verwaltungspraxis der Bundesbehörden
Dans Jurisprudence des autorités administratives de la Confédération
In Giurisprudenza delle autorità amministrative della Confederazione

Jahr 1999
Année

Anno

Band 63
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Le document a été digitalisé par les Archives Fédérales Suisses et la Chancellerie fédérale.

Il documento è stato convertito dall'Archivio federale svizzero e della Cancelleria federale.

	Auszug aus einem Urteil der Schweizerischen Asylrekurskommission vom 31. Juli 1998, auch erschienen in Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1998 Nr. 13
	Zusammenfassung des Sachverhalts:
	Aus den Erwägungen: