# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 491786c0-508e-562a-95ee-9d1c5630baa0
**Source:** Zürich (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2006-10-06
**Language:** de
**Title:** Zürich Kassationsgericht 06.10.2006 AA060081
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/ZH_Obergericht/ZH_KSG_001_AA060081_2006-10-06.pdf

## Full Text

Kassationsgericht des Kantons Zürich

Kass.-Nr. AA060081/U/br

Mitwirkende: die Kassationsrichter Moritz Kuhn, Präsident, Hans Michael Riemer,

Dieter Zobl, Karl Spühler und Rudolf Ottomann sowie der Sekretär

Christof Tschurr

Zirkulationsbeschluss vom 6. Oktober 2006

in Sachen

X.,

Klägerin, Rekurrentin und Beschwerdeführerin
vertreten durch Rechtsanwalt

gegen

Z.,

Beklagte, Rekursgegnerin und Beschwerdegegnerin
vertreten durch Rechtsanwalt

betreffend Kosten- und Entschädigungsfolgen

Nichtigkeitsbeschwerde gegen einen Beschluss der I. Zivilkammer des
Obergerichts des Kantons Zürich vom 3. Mai 2006 (LN050069/U)

Das Gericht hat in Erwägung gezogen:

-   2   -

I.

Die Beschwerdeführerin machte mit Eingabe vom 26. August 2002 beim Be-

zirksgericht Zürich einen Forderungsprozess (Haftpflichtansprüche) anhängig. In

der Sache schlossen die Parteien in der Folge einen Vergleich. Sie vereinbarten,

dass das Gericht über die Kosten- und Entschädigungsfolgen unter Berücksichti-

gung der der Klägerin gewährten unentgeltlichen Prozessführung entscheiden

solle. Die Erstinstanz auferlegte die Verfahrenskosten in der Folge mit Beschluss

vom 14. September 2005 zu 4/5 der Beschwerdeführerin und zu 1/5 dem Be-

schwerdegegner. Diese Regelung entsprach ziemlich genau dem Obsiegen und

Unterliegen.

Die Beschwerdeführerin gelangte hiegegen mit Rekurs an die I. Zivilkammer

des Obergerichtes. Diese beschloss am 3. Mai 2006 die Abweisung des Rekurses

und die Bestätigung des Entscheides des Bezirksgerichts Zürich vom 14. Sep-

tember 2005.

II.

Hiegegen erhob X. Nichtigkeitsbeschwerde beim Kassationsgericht. Sie

stellte folgende Rechtsbegehren:

„1. Es seien der Beschluss des Obergerichts des Kantons Zürich
vom 3.5.2006 sowie Ziff. 4 des Beschlusses des Bezirksgerichts
Zürich, 5. Abteilung, vom 14.9.2005 (CG020188) aufzuheben,
und es seien die Kosten des erst- und zweitinstanzlichen Verfah-
rens der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen, unter Verrechnung
mit den von der Beschwerdegegnerin geleisteten Barvorschüs-
sen; eventualiter zu (1) seien die Kosten des Verfahrens über-
wiegend der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen, wobei der auf
die Beschwerdeführerin entfallende Kostenanteil zufolge ihr ge-
währter unentgeltlicher Prozessführung einstweilen auf die Ge-
richtskasse zu nehmen sei, unter Vorbehalt einer Nachforderung
im Sinne von § 92 ZPO; subeventualiter zu (1) seien die Kosten
des Verfahrens beiden Parteien zu gleichen Teilen aufzuerlegen,
wobei der auf die Beschwerdeführerin entfallende Kostenanteil
zufolge ihr gewährter unentgeltlicher Prozessführung einstweilen
auf die Gerichtskasse zu nehmen sei, unter Vorbehalt einer
Nachforderung im Sinne von § 92 ZPO.

-   3   -

2. Es seien der Beschluss des Obergerichts des Kantons Zürich
vom 3.5.2006 sowie Ziff. 5 des Beschlusses des Bezirksgerichts
Zürich, 5. Abteilung, vom 14.9.2005 (CG020188) aufzuheben,
und es sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, der Be-
schwerdeführerin für das erstinstanzliche Verfahren eine Prozes-
sentschädigung von CHF 29'333.00 (zuzüglich 7.6% Mehrwert-
steuer) sowie für das zweitinstanzliche Verfahren eine Prozes-
sentschädigung von CHF 1500.00 zuzüglich Mehrwertsteuer zu
bezahlen; eventualiter zu (2) sei die Beschwerdegegnerin zu ver-
pflichten, der Beschwerdeführerin eine reduzierte Prozessent-
schädigung zu bezahlen; subeventualiter zu (2) seien die Partei-
kosten wettzuschlagen.

Eventualiter zu (1) und (2):

Es seien der Beschluss des Obergerichts des Kantons Zürich
vom 3.5.2006 sowie Ziff. 4 und 5 des Beschlusses des Bezirks-
gerichts Zürich, 5. Abteilung, vom 14.9.2005 (CG020188) aufzu-
heben, und es sei die Sache an das Bezirksgericht Zürich zu-
rückzuweisen zu neuem Entscheid über die Kosten- und Ent-
schädigungsfolgen.

3. Der Beschwerdeführerin sei für das Beschwerdeverfahren die un-
entgeltliche Prozessführung zu bewilligen, und es sei der unter-
zeichnende Rechtsanwalt als unentgeltlicher Rechtsvertreter zu
bestellen.

4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Be-
schwerdegegnerin."

III.

Das Obergericht ist davon ausgegangen, dass die Beschwerdeführerin in der

ersten Instanz von der Beschwerdegegnerin einen Betrag von CHF 1'537'453.--

gefordert hat. Im Rahmen eines Vergleiches erhielt sie CHF 250'000.--, mithin nur

ca. ein Sechstel der ursprünglichen Forderung. Das Obergericht kam zum Schluss,

dass es als gerechtfertigt erscheine, dass die Kosten- und Entschädigungsfolgen

nach Obsiegen und Unterliegen verteilt worden waren. Gerade im vorliegenden

Fall, in welchem der hohe Streitwert hauptsächlich durch die Klägerin selbst be-

stimmt worden ist, erscheine die getroffene Kostenverteilung als gerechtfertigt.

Die Beschwerdeführerin habe keine Gründe vorgebracht, welche ein Abweichen

von einer Auferlegung der Kosten- und Entschädigungsfolgen nach Obsiegen und

-   4   -

Unterliegen rechtfertigen würden. Rekurs und Eventualbegehren würden deshalb

vom Obergericht abgewiesen.

Die Beschwerdeführerin macht eine Verletzung von § 281 Ziff. 3 ZPO in

Verbindung mit den Paragraphen 64 ff. ZPO geltend. Die Beschwerdegegnerin

hat auf eine Beschwerdeantwort verzichtet (KG act. 10).

IV.

1. Die Kosten- und Entschädigungsregelung der Zivilprozessordnung (§§ 64

ff. ZPO) stellen materielles Recht dar (Frank/Sträuli/Messmer, Kommentar zur

zürcherischen ZPO, 3. Auflage, Zürich 1997, N 16 zu § 64 und N 47a zu § 281).

Bei der Beurteilung von Entscheidungen über die Kosten- und Entschädigungs-

folgen steht der Kassationsinstanz daher nach § 281 Ziff. 3 ZPO lediglich eine be-

schränkte Überprüfungsbefugnis zu (von Rechenberg, Nichtigkeitsbeschwerde in

Zivil- und Strafsachen nach zürcherischem Recht, 2. Auflage, Zürich 1986, S. 28).

Dies muss auch dann gelten, wenn die Bemessung der Prozessentschädigung

unter anderem im Zusammenhang mit der Berechnung der streitigen vermögens-

rechtlichen Ansprüche angefochten wird. Mithin kommt in Zusammenhang der

Regelung der Nebenfolgen der Kassationsinstanz auch hinsichtlich der Berech-

nung des Streitwertes nur eine auf die Verletzung klaren materiellen Rechts be-

schränkte Kognition zu (RB 1988 Nr. 32).

2. Wenn die Beschwerdeführerin rügt, das Obergericht habe verkannt, dass

dem Haftpflichtprozess stets eine Diskrepanz zwischen Klageantrag und Prozes-

sergebnis immanent sei, so ist dies nicht nachvollziehbar. Entgegen der Ansicht

der Beschwerdeführerin ist eine Geschädigte keineswegs gezwungen, ein Maxi-

mum einzuklagen. Jedenfalls stellt die anderweitige Annahme des Obergerichtes

keine Verletzung klaren materiellen Rechtes dar.

3. Die Beschwerdeführerin rügt sodann eine Verletzung von § 64 Abs.3

ZPO. Darnach kann von der Regel, wonach Kosten gemäss Obsiegen und Unter-

liegen zu verteilen sind, abgewichen werden, wenn die unterliegende Partei sich

in guten Treuen zur Prozessführung veranlasst sah oder wenn dem Kläger die

-   5   -

genaue Bezifferung seines Anspruches nicht zumutbar war und seine Klage

grundsätzlich gutgeheissen wurde. Soweit die Beschwerdeführerin vorbringt, die

Prozessführung sei eben notwendig gewesen, kann ihr nicht gefolgt werden. So-

fern vorprozessual kein Vergleich erzielt werden kann, ist eben regelmässig eine

Prozessführung notwendig. Dies kann aber keinen Einfluss auf die Verteilung der

Kosten haben. Daran ändert auch nichts, dass eine vorsorgliche Beweisabnahme

in zwei Instanzen abgelehnt worden war. Dies zeigt gerade, dass diese Instanzen

der Meinung waren, es könne vernünftigerweise ein Klagebegehren formuliert

werden, ohne über die Schadenhöhe vorsorgliche Beweisabnahmen durchzufüh-

ren. Die Beschwerdeführerin bringt in diesem Zusammenhang vor, sie sei wegen

Fehlens bzw. Ablehnung der vorsorglichen Beweisabnahme gezwungen gewe-

sen, einen ordentlichen Zivilprozess einzuleiten. Selbst wenn dem so wäre, ver-

möchte dies nicht einen Fall von § 64 Abs. 3 ZPO darzustellen. Denn selbst wenn

es zutreffen sollte, dass die Beschwerdeführerin gezwungen war, den ordent-

lichen Prozessweg zu beschreiten, so kann sie daraus nicht ableiten, dazu be-

rechtigt gewesen zu sein, sich zu überklagen und entsprechend eine ihr günstige

Regelung der Kosten- und Entschädigungsfolgen zu erhalten. Sie kann sich heute

auch nicht darüber beklagen, die Beschwerdegegnerin habe die vorprozessualen

Akten nicht offenbart. Sie hat ihre Unkenntnis selbst zu verantworten, hätte sie

doch vorprozessual ein Herausgabebegehren stellen können (vgl. dazu Karl

Spühler / Dominik Vock, Urkundenedition nach den Prozessordnungen der Kan-

tone Zürich und Bern, SJZ 95/1995 S. 41 ff.).

4. Weshalb die Beschwerdeführerin etwas daraus ableitet, dass sie nach

drei Prozessjahren des Streites müde geworden sei und daher einen Vergleich

abgeschlossen habe, weshalb bei der Kostenauflage von der Regel abgewichen

soll, ist unerfindlich. Es war an ihr, den Vergleich abzuschliessen oder den Pro-

zess weiterzuführen. Indem sie übrigens in diesem Vergleich die Regelung der

Nebenfolgen dem Gericht überlassen hat, nahm sie in Kauf und stimmte grund-

sätzlich zu, dass das Gericht die Kostenfolge eben nach Obsiegen und Unterlie-

gen regelte (vgl. ZR 80 [1981] Nr. 11; ZR 85 [1986] Nr. 130). Sie kann sich des-

halb nicht auf die Verletzung klaren materiellen Rechtes berufen, wenn sie eine

derartige Regelung mit dem Vergleichsabschluss selbst in Kauf genommen hat.

-   6   -

5. Wenn die Beschwerdeführerin in Ziff. 17 in ihrer einstweiligen Zusammen-

fassung geltend macht, sie habe den Prozess sowohl in guten Treuen eingeleitet

als auch in guten Treuen vorerst ein unbeziffertes Rechtsbegehren gestellt und

den Schaden rahmenmässig umschrieben, so kann ihr nicht gefolgt werden. Hätte

sie vorerst bei der Beschwerdegegnerin ein Herausgabebegehren gestellt, hätte

sie aufgrund der Akten sowohl die grundsätzliche Klageerhebung als auch die

Bezifferung des Schadens und damit das Rechtsbegehren näher abklären kön-

nen. Dass dies nicht erfolgte, hat die Beschwerdeführerin selbst zu vertreten,

weshalb eine Berufung auf Treu und Glauben geradezu widersinnig ist.

6. Wenn die Beschwerdeführerin in Ziff. 19 erneut geltend macht, die Streit-

wertbestimmung sei in guten Treuen erfolgt, so trifft dies aus den dargelegten

Gründen (Herausgabebegehren unterlassen) gerade nicht zu. Schliesslich ist

darauf hinzuweisen, dass bei einem Streitwert von ca. CHF 1,5 Mio. der Streitwert

der Widerklage von CHF 56'000.-- vernachlässigt werden darf.

V.

1. Aus diesen Gründen folgt, dass offensichtlich keine Verletzung klaren

materiellen Rechtes vorliegt. Selbst bei freier Prüfung müsste die Beschwerde

abgewiesen werden.

2. Da die Kassationsbeschwerde nicht gerade aussichtslos ist und die von

der Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin ausgerichtete Entschädigung

von der Fürsorge beansprucht wird (vgl. Beschwerde KG act. 1 S. 9), kann dem

Begehren auf Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Verbeistän-

dung der Beschwerdeführerin in dem Sinne entsprochen werden, als die von der

Erstinstanz gewährte unentgeltliche Rechtspflege nicht für das Kassationsverfah-

ren widerrufen wird und damit auch in diesem weiter gilt (§ 90 Abs. 2 ZPO e con-

trario).

-   7   -

Das Gericht beschliesst:

1. Die Nichtigkeitsbeschwerde der Beschwerdeführerin wird abgewiesen.

2. Die Gerichtsgebühr für das Kassationsverfahren wird festgesetzt auf:

Fr. 1'000.-- ; die weiteren Kosten betragen:

Fr. 175.--   Schreibgebühren,

Fr. 133.--   Zustellgebühren und Porti.

3. Die Kosten des Kassationsverfahrens werden der Beschwerdeführerin auf-

erlegt, jedoch aufgrund der Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung

vorerst auf die Gerichtskasse genommen. Die Nachzahlungspflicht gemäss

§ 92 ZPO bleibt vorbehalten.

4. Der Beschwerdegegnerin wird mangels Aufwandes im Verfahren vor Kassa-

tionsgericht keine Prozessentschädigung zugesprochen.

5. Schriftliche Mitteilung an die Parteien, die I. Zivilkammer des Obergerichts des

Kantons Zürich sowie an das Bezirksgericht Zürich, 5. Abteilung (CG020188),

je gegen Empfangsschein.

______________________________________

KASSATIONSGERICHT DES KANTONS ZÜRICH
Der juristische Sekretär: