# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 15a90aec-2754-5af2-9653-0dfcfbfa432c
**Source:** Basel-Stadt (BS)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2017-12-01
**Language:** de
**Title:** Basel-Stadt Appellationsgericht 01.12.2017 DGS.2019.21 (AG.2019.535)
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/BS_Omni/BS_APG_001_DGS-2019-21_2017-12-01.html

## Full Text

Appellationsgericht

  
  des Kantons Basel-Stadt

  

  Dreiergericht

   

  

 

DGS.2019.21

 

URTEIL

 

vom 13. Mai 2019

 

 

Mitwirkende

 

lic. iur. Christian Hoenen, Dr. phil
und MLaw Jacqueline Frossard, 

Dr. Annatina Wirz und Gerichtsschreiberin lic. iur. Barbara Grange 

 

 

 

Beteiligte

A____

[…]

 

Staatsanwaltschaft Basel-Stadt

Binningerstrasse 21, 4001 Basel

 

 

Privatklägerschaft

 

Einwohnergemeinde Basel-Stadt

vertreten durch Immobilien
Basel-Stadt, 

Fischmarkt 10, 4001 Basel

 

 

Gegenstand

 

Ausdehnung des Urteils des
Appellationsgerichts

vom 1. Dezember 2017

(Berufungsentscheid betreffend
ein Urteil des Einzelgerichts in 

Strafsachen vom 1. Juli 2015)

 

betreffend Hausfriedensbruch

Sachverhalt

 

Mit Strafbefehl
vom 3. Dezember 2014 wurde A____ des Hausfriedensbruchs und der mehrfachen
Widerhandlung gegen das Übertretungsstrafgesetz des Kantons Basel-Stadt
schuldig erklärt und zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu CHF 30.– und zu
einer Busse von CHF 700.– sowie zur Tragung der Verfahrenskosten von insgesamt
CHF 455.30 verurteilt. Ausserdem wurde die mit Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft vom 5. März 2014 bedingt ausgesprochene
Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu CHF 30.– widerrufen und für vollziehbar
erklärt. Dieser Strafbefehl ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen.

 

Diverse andere
Personen wurden gestützt auf denselben Sachverhalt ebenfalls des
Hausfriedensbruchs schuldig gesprochen. Fünf der Beschuldigten erhoben gegen
die sie betreffenden Strafbefehle Einsprache. Diese vor Strafgericht zu einem
Strafverfahren vereinten Rechtsmittelverfahren endeten mit zwischenzeitlich in
Rechtskraft erwachsenen Freisprüchen vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs (Urteil
des Appellationsgerichts vom 1. Dezember 2017 SB.2015.96). 

 

Das
Appellationsgericht hat das Ausdehnungsverfahren von Amtes wegen eingeleitet
und A____, der Staatsanwaltschaft sowie der Privatklägerschaft die Gelegenheit
eingeräumt, sich dazu zu äussern. Das Urteil ist unter Beizug der Vorakten auf
dem Zirkulationsweg ergangen.

 

 

Erwägungen

 

1.

1.1      Haben
nur einzelne der im gleichen Verfahren beschuldigten oder verurteilten Personen
ein Rechtsmittel ergriffen und wird dieses gutgeheissen, so wird gemäss
Art. 392 Abs. 1 lit. a und b StPO der angefochtene Entscheid auch
zugunsten jener aufgehoben oder abgeändert, die das Rechtsmittel nicht
ergriffen haben, wenn die Rechtsmittelinstanz den Sachverhalt anders beurteilt
und ihre Erwägungen auch für die anderen Beteiligten zutreffen. Dies ist in der
Sache eine Revision sui generis, mit der ein rechtskräftiger Entscheid zur
Vermeidung einer Ungleichbehandlung von Amtes wegen abgeändert wird (Ziegler/Keller, in:
Niggli/Heer/Wiprächtiger, Basler Kommentar StPO, 2. Auflage 2014, Art. 392 N
1). 

 

1.2      Zuständig
für das Revisionsverfahren ist die Rechtsmittelinstanz. Sie hat vor Fällung des
Revisionsentscheids soweit notwendig die beschuldigte oder verurteilte Person,
welche kein Rechtsmittel ergriffen hat, die Staatsanwaltschaft und die
Privatklägerschaft anzuhören (Art. 392 Abs. 2 StPO). Der Staatsanwaltschaft
sowie der Privatklägerschaft wurde das Recht eingeräumt, sich zu Sache zu
äussern. Die Staatsanwaltschaft plädiert für einen teilweisen Freispruch
zugunsten des A____, wobei die mit Strafbefehl vom 3. Dezember 2014 ausgesprochene
Geldstrafe sowie der Widerruf der Vorstrafe aufzuheben seien. A____ und die
Privatklägerschaft haben, indem sie die ihnen je gesetzte Vernehmlassungsfrist
ungenutzt haben verstreichen lassen, darauf verzichtet, sich zur Sache zu
äussern.

 

2.

2.1      Hintergrund
der Verurteilung von A____ wegen Hausfriedensbruchs war die am 3. Juni 2014
durchgeführte polizeiliche Räumung des der Privatklägerschaft im Baurecht
gehörenden Grundstücks Basel Sektion 7, Parzelle 2453, an der Uferstrasse in
Basel, bekannt als „Ex-Migrol-Areal“. Nachdem die Eigentümerin über einen
gewissen Zeitraum auf diesem Grundstück die Errichtung eines sogenannten
„Wagenplatzes“ geduldet hatte, wollte sie nach der Eingehung von
Mietverbindlichkeiten mit dem Verein [...] das Grundstück teilweise geräumt
wissen, wobei die Besetzer des Grundstücks ersucht wurden, sich auf eine
definierte Fläche von ca. 2‘500m2 der gesamthaft 15‘163m2
betragenden Grundstücksfläche zurückzuziehen. Ein Rückzug innert der von der
Privatklägerschaft gesetzten Frist bis zum 27. Mai 2014 wie auch der
verlängerten Frist bis zum 1. Juni 2014 fand allerdings nicht statt. Nach
Gesprächen der die Eigentümerin vertretenden Immobilien Basel-Stadt mit den
Besetzern am 3. Juni 2014 und in Absprache mit der Mieterin wurde
gemeinsam mit den Bewohnern des Wagenplatzes die Fläche, auf welche sich die
Bewohner zurückziehen sollten, mit einem Zaun versehen, um eine klare
Abgrenzung zwischen geduldeter Besetzung und legaler Zwischennutzung zu
ermöglichen. Die Bewohner wurden sodann von der Polizei und von Bauarbeitern
aktiv beim Transport ihrer Materialien und Gegenstände in den geduldeten
Bereich unterstützt. Der danach begonnene Rückbau der von den Besetzern
behelfsmässig errichteten Bauten auf der zu räumenden Arealfläche wurde jedoch
ab der Mittagszeit des 3. Juni 2014 durch Personen gestört, welche, trotz
wiederholten polizeilichen Aufforderungen diesen Arealteil zu verlassen, dort
verblieben. Dies führte schliesslich zur polizeilichen Räumung des betreffenden
Arealteils. 

 

2.2      Die
im Nachgang an das Ereignis gegen diverse Personen verfügten Strafbefehle wegen
Hausfriedensbruchs (und teilweise wegen weiterer im Rahmen des beschriebenen
Vorgangs begangener Delikte) umschrieben allesamt mit den nämlichen Worten
denselben Sachverhalt (soweit sie den Hausfriedensbruch betrafen). Im
vorliegend im Rahmen der Revision zu beurteilenden Strafbefehl vom 3.
Dezember 2014 wurde entsprechend allen anderen Fällen dazu zusammengefasst
festgehalten, dass der Beschuldigte im Wissen um den ausserhalb der markierten
Fläche von 2‘500m2 nicht mehr geduldeten Aufenthalt am 3. Juni 2014,
ca. um 12:30 Uhr, gegen den Willen der Berechtigten und absichtlich die
Parzelle 2453 ausserhalb des geduldeten Bereichs betrat und auf diesem
Werkplatz verweilte, obwohl er um ca. 14:00 Uhr durch die von den
Berechtigten mit der Räumung des Areals beauftragte Polizei aufgefordert worden
sei, das Gelände zu verlassen, andernfalls ihm rechtliche Konsequenzen drohen
würden. Schliesslich sei er von der Polizei zwischen 14:45 Uhr und 15:25 Uhr vom
Grundstück entfernt worden.

 

Der Strafbefehl
vom 3. Dezember 2014 hält dann allerdings abweichend zu den Strafbefehlen,
welche ausschliesslich aufgrund des Vorwurfs des Hausfriedensbruchs ergingen,
fest, dass A____ am 15. März 2013, um 00:35 Uhr, an der Steinentorstrasse/Birsig-Parkplatz
in Basel an einem nicht dafür bestimmten Platz seine Notdurft verrichtete. Dies
tat er auch am 6. September 2013, 22:25 Uhr, beim Bahnhof SBB, Centralbahnplatz
Basel, in alkoholisiertem Zustand (Atemalkoholtest 1,37 Promille). Zudem
erschwerte er den aufgrund seines Verhaltens eine Personenkontrolle
durchführenden Polizeibeamten den Dienst, indem er angab, er heisse „Josef
Hitler“ und sich auf Nachfrage weigerte, seinen richtigen Namen bekannt zu
geben. Als er aufgefordert wurde, zur Überprüfung seiner Personalien auf die
Polizeiwache mitzukommen, begann er herumzuschreien, beleidigte die Beamten
(„Ihr Bullenschweine, ihr werdet schon sehen“, „Ihr seid so lächerlich“),
fuchtelte mit den Armen und versuchte auf der Fahrt im Polizeiwagen die Türe
des Fahrzeugs zu öffnen. Des Weiteren ging A____ am 31. Januar 2014, um 00:46
Uhr, an der Centralbahnstrasse in Basel ohne behördliche Bewilligung oder
Zustimmung der Anwohner einer lärmenden Tätigkeit nach. Diese geschilderten
Verhaltensweisen führten zum Schuldspruch wegen mehrfacher Widerhandlung gegen
das ÜStG (§§ 16 Abs. 1 und 2 [Diensterschwerung], 26 [Verrichten der Notdurft],
33 [Lärmende Tätigkeit in der Nacht] ÜStG)

 

2.3      Fünf
andere, aufgrund des gleichen Sachverhalts wegen Hausfriedensbruchs verurteilte
Personen, legten gegen die sie betreffenden Strafbefehle Einsprache beim
Strafgericht ein. Die Verfahren wurden zusammengelegt und es erging mit Urteil
des Strafgerichts vom 1. Juli 2015 ein Freispruch vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs
für alle fünf dieses Delikts beschuldigten Personen. Gegen die Freisprüche
wegen Hausfriedensbruchs erhob die Staatsanwaltschaft Berufung. Allerdings
wurden die Freisprüche mit Urteil des Appellationsgerichts vom 1. Dezember
2017 (SB.2015.96) ausnahmslos bestätigt. Das Appellationsgericht hat dazu
zusammengefasst erwogen, dass es mit dem bereits am 28. Mai 2014, also knapp
einer Woche vor der Räumung, von der Grundstückeigentümerin wegen
Hausfriedensbruchs gestellten Strafantrag an einem rechtsgültig gestellten
Strafantrag mangle, da sich dieser Strafantrag nicht gegen ein Dauerdelikt habe
richten können. Aus dem zum Strafantrag erstellten Polizeirapport ergehe
nämlich eindeutig, dass sich der Strafantrag gegen den Zustand des Areals vor
Beginn der Rückbauarbeiten gerichtet habe. Dieser Zustand sei aber bereits am
Morgen des 3. Juni 2014 friedlich beendet worden. Dass sich im Nachgang zur
friedlichen Räumung und nach Beginn der Rückbauarbeiten Personen auf dem
geräumten Arealteil einfanden, welche den Fortgang der Rückbauarbeiten störten,
finde keinen Eingang in die Schilderung des Sachverhalts durch die
Strafantragsstellerin. Dies sei auch gar nicht möglich gewesen, da sich diese
Ereignisse zum Zeitpunkt der Strafantragsstellung noch gar nicht ereignet
hätten und zukünftige Entwicklungen eines Sachverhalts aufgrund der
Bedingungsfeindlichkeit des Strafantrags auch nicht Gegenstand eines solchen
sein könnten. Die teilgeräumte Arealbrache habe im Übrigen – wenn überhaupt –
erst ab dem Moment zu einem unter dem Schutzbereich des Hausfriedens im Sinne
von Art. 186 StGB stehenden Werkareal mutieren können, als die Rückbauarbeiten
bereits begonnen hatten.

 

2.4      Da
A____ gestützt auf den – abgesehen von den Ausführungen zur mehrfachen
Widerhandlung gegen das ÜStG – identischen Sachverhalt wie die fünf vom Vorwurf
des Hausfriedensbruchs freigesprochenen Personen verurteilt wurde, ist er in
Anwendung von Art. 392 Abs. 1 lit. a und b StPO und in teilweiser Aufhebung des
Strafbefehls vom 3. Dezember 2014 vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs
freizusprechen. Diese Bestimmung hat nämlich nicht nur zur Anwendung zu kommen,
wenn die tatsächliche Sachverhaltswürdigung durch die Rechtsmittelinstanz zu
einem anderen Resultat führt, sondern auch dann, wenn es zu einer rechtlich
abweichenden Sachverhaltssubsumtion kommt. Ebenfalls nicht gegen eine Anwendung
dieser Bestimmung spricht, dass A____ ein nur ihn betreffender Strafbefehl
zugestellt wurde. Der Begriff „im gleichen Verfahren“ verlangt vielmehr, dass
die Beteiligten derselben Straftat, welche im gleichen Zeitraum beim selben
Gericht zur Anklage gebracht wurde, bezichtigt worden sind. Dies ist vorliegend
der Fall (Ziegler/Keller, a.a.O.,
Art. 392 StPO N 2 f., mit Verweis auf abweichende Meinungen betreffend die
Relevanz der rechtlichen Würdigung des Sachverhalts). 

 

2.5      Soweit
der Strafbefehl vom 3. Dezember 2014 den Vorwurf und Schuldspruch wegen
mehrfacher Widerhandlung gegen das ÜStG betrifft, bleibt er bestehen. Die von
der Staatsanwaltschaft beantragte Aufhebung der Geldstrafe sowie die Aufhebung
des Widerrufs der Vorstrafe ist richtig, schliesslich wurden diese Sanktionen einzig
aufgrund des Schuldspruchs wegen Hausfriedensbruchs verhängt, da Übertretungen
nur mit Bussen geahndet werden können (Art. 103 StGB). Damit bleibt es für die
mehrfache Widerhandlung gegen das ÜStG bei der verfügten Busse von CHF 700.–.

 

3.

A____ sind im
Ausdehnungsverfahren keine Kosten entstanden, weshalb ihm keine
Parteientschädigung auszurichten ist. Die Kosten des Strafbefehlverfahrens wurden
ihm gestützt auf den Schuldspruch wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das ÜStG
zu Recht auferlegt.

 

 

Demgemäss
erkennt das Appellationsgericht (Dreiergericht):

 

://:        A____ wird in Ausdehnung des Urteils des
Appellationsgerichts vom 1. Dezember 2017 und in teilweiser Aufhebung des
Strafbefehls vom 3. Dezember 2014 von der Anklage des Hausfriedensbruchs
kostenlos freigesprochen und die mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft
Basel-Landschaft vom 5. März 2014 bedingt ausgesprochene Geldstrafe von 20 Tagessätzen
zu CHF 30.– wird nicht widerrufen und nicht für vollziehbar erklärt

            in Anwendung von Art. 392 Abs. 1 lit. a
und b StPO.

 

            Der Schuldspruch wegen mehrfacher
Widerhandlung gegen das ÜStG sowie die deswegen verfügte Busse von CHF 700.–
sind in Rechtskraft erwachsen und werden durch dieses Urteil nicht tangiert.

 

            Die Geldstrafen von CHF 1‘500.–
(Strafbefehl vom 3. Dezember 2014 der Staatsanwaltschaft BS) und von
CHF 600.– (Strafbefehl vom 5. März 2014 der Staatsanwaltschaft BL)
sind A____, soweit sie geleistet wurden, zurückzuerstatten.

 

            Mitteilung an:

-      
A____

-      
Staatsanwaltschaft Basel-Stadt

-      
Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft

-      
Privatklägerschaft

-      
Strafgericht

-      
Justiz- und Sicherheitsdepartement Finanzen und Controlling

 

APPELLATIONSGERICHT BASEL-STADT

 

Der Präsident                                                          Die
Gerichtsschreiberin

 

 

lic. iur. Christian Hoenen                                       lic.
iur. Barbara Grange

 

 

 

 

Rechtsmittelbelehrung

 

Gegen diesen
Entscheid kann unter den Voraussetzungen von Art. 78 ff. des Bundesgerichtsgesetzes
(BGG) innert 30 Tagen seit schriftlicher Eröffnung Beschwerde in Strafsachen
erhoben werden. Die Beschwerdeschrift muss spätestens am letzten Tag der Frist
beim Bundesgericht (1000 Lausanne 14) eingereicht oder zu dessen Handen der
Schweizerischen Post oder einer diplomatischen oder konsularischen Vertretung
der Schweiz im Ausland übergeben werden (Art. 48 Abs. 1 BGG). Für die
Anforderungen an den Inhalt der Beschwerdeschrift wird auf Art. 42 BGG
verwiesen. Über die Zulässigkeit des Rechtsmittels entscheidet das
Bundesgericht.