# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** c7161a10-1950-598c-9174-3992e17c41a3
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2015-08-24
**Language:** de
**Title:** Abstellen auf die 'Aussagen der ersten Stunde'; der Unfallbegriff bei zu festem Ziehen beim Tanzen ist nicht erfüllt.
**Docket/Reference:** UV.2015.00051
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/UV.2015.00051.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
UV.2015.00051
I. Kammer
Sozialversicherungsrichterin Grünig, Vorsitzende
Sozialversicherungsrichter Spitz
Sozialversicherungsrichterin Maurer Reiter
Gerichtsschreiberin Gohl Zschokke
Urteil
vom
24. August 2015
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Orion Rechtsschutz-Versicherung AG
Rechtsanwältin Tanja Hill
Centralbahnstrasse
4, 4002 Basel
gegen
Helsana Unfall AG
Zürichstrasse
130, 8600 Dübendorf
Beschwerdegegnerin
vertreten durch Helsana Versicherungen AG
Versicherungsrecht
Postfach, 8081 Zürich Helsana
Sachverhalt:
1.
X.___
, geboren 1986, ist als Angestellte der
Y.___
bei der Helsana
Unfall
AG obligatorisch gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsu
nfä
ll
en
versi
chert. Mit Bagatellu
nfall
-M
eldung vom 8.
Oktober 2013 (
Urk.
8/K24) teilte
sie
der Helsana
Unfall
AG mit, dass einer ihrer Tanzpartner am 1
4.
September 2013 beim Paartanz zu fest an ihren Armen gezogen habe
. Seither leide sie an einem
thoracovertebragenen
Schmerz
syn
drom
. Nach Abklärung der Verhältnisse (vgl.
Urk.
8/K20,
8/M1 und 8/M2
) lehnte die Helsana Unfall AG mit Verfügung vom
1
8.
November 2014 (Urk. 8/K1
0
=
8/K14
)
ihre Leistungspflicht mit der Begründung ab,
dass es sich beim
Geschehen vom 1
4.
September 2013
nicht um
einen Unfall im Sinne von
Art.
4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungs
rechts
(ATSG)
handle
und keine unfallähnliche Körperschädigung im Sinne von
Art.
9 der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV) vorliege
. Die am
3
1.
Dezember 2014
dagegen
erhobene Einsprache
(
Urk.
8/K5)
wies
die Helsana Unfall AG
mit Entscheid vom
1
0.
Februar 2015
ab
(
Urk.
2 =
8/K2)
.
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
liess die Versicherte mit Eingabe vom
1
2.
März 2015
Beschwerde erheben und beantragen
, es sei festzustellen, dass
ein
Unfall im Sinne von
Art.
4 ATSG
vorliege
und
ein
Anspruch auf Leistungen der Unfallversicherung bestehe; unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Beschwerdegegnerin (
Urk.
1 S. 2)
. In der Beschwerdeantwort vom
3
0.
April 2015
stellte die Beschwerdegegnerin den Antrag auf Abweisung der Beschwerde
(
Urk.
7)
.
Davon hat die Gegenpartei mit Schreiben vom
4.
Mai 2015 Kenntnis erhalten (
Urk.
9).
Auf die Ausführungen der Parteien
und die im Beschwerdeverfahren neu einge
reichte Unterlage (Urk. 3/7)
wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen einge
gangen.
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss
Art.
6
Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) werden – soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt – die Versicherungs
leistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt.
1.2
Ein Unfall ist gemäss
Art.
4 ATSG die plötzliche, nicht beabsichtigte schädi
gende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschli
chen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychi
schen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat (BGE 129 V 402 E. 2.1).
1.3
Nach der Rechtsprechung bezieht sich das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlich
keit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selber. Ohne Belang für die Prüfung der Ungewöhnlichkeit ist somit, dass der äussere Faktor allenfalls schwer wiegende, unerwartete Folgen nach sich zog. Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er den Rahmen des im jeweiligen Lebensbereich Alltäg
lichen oder Üblichen überschreitet. Ausschlaggebend ist also, dass sich der äussere Faktor vom Normalmass an Umwelteinwirkungen auf den menschlichen Körper abhebt. Ungewöhnliche Auswirkungen allein begrün
den keine Ungewöhnlichkeit (BGE 134 V 72 E. 4.3.1 mit Hinweis).
Nach Lehre und Rechtsprechung kann das Merkmal des ungewöhnlichen äusse
ren Faktors in einer unkoordinierten Bewegung (RKUV 2000 Nr. U 368 S.
100
E.
2d mit Hinweisen; Maurer, Schweizerisches Unfallversicherungsrecht, S. 176
f.) bestehen. Bei Körperbewegungen gilt dabei der Grundsatz, dass das Erfordernis der äusseren Einwirkung lediglich dann erfüllt ist, wenn ein in der Aussenwelt begründeter Umstand den natürlichen Ablauf einer Körperbewegung gleichsam „programmwidrig" beeinflusst hat. Bei einer solchen unkoordinierten Bewegung ist der ungewöhnliche äussere Faktor zu bejahen; denn der äussere Faktor
Veränderung zwischen Körper und Aussenwelt
-
ist wegen der erwähnten
Pro
grammwidrigkeit
zugleich ein ungewöhn
licher Faktor (BGE 130 V 117 E.
2.1; RKUV 2004 Nr. U 502 S. 183 E. 4.1, Nr. U 510 S. 275, Nr. U 523 S. 541 E. 3.1).
Ohne besonderes Vorkommnis ist bei einer Sportverletzung das Merkmal der Ungewöhnlichkeit und damit das Vorliegen
eines Unfalls zu verneinen (BGE
130 V 117 E. 2.2; RKUV 2004 Nr. U 523 S. 541 E. 3.2).
2.
Strittig und zu prüfen ist,
ob das Ereignis vom 1
4.
September 2013 als Unfall im Sinne von
Art.
4 ATSG zu qualifizieren ist und ob die Beschwerdeführerin gegenüber der Beschwerdegegnerin einen Anspruch auf Leistungen der Unfall
versicherung hat (vgl.
Urk.
1 und 2).
3.
3.1
Die Beschwerdeführerin gab in der Bagatell
u
nfall
-M
eldung vom
8.
Oktober 2013
zur Unfallbeschreibung
an, dass einer ihrer Tanzpartner beim Paartanz zu fest an ihren Armen gezogen habe (
Urk.
8/K24).
3.2
Ergänzend dazu führte
sie am 2
8.
Juli 2014
i
m Fragebogen zum Hergang des Erei
gnisses
vom 1
4.
September 2013
aus
, ihr Tanzpartner
, dessen Namen sie nicht kenne,
habe
eine ihr unbekannte Tanzfigur ruckartig ausgeführt, da
sie
einem anderen Tanzpaar h
ätten
ausweichen müssen. Gleich danach hätten ihre Rippen geschmerzt
(Urk.
8/K20).
3.3
Dr.
med. Z.___
diagnostizierte gemäss seinem Arztzeugn
is vom
1.
August 2014 ein
thorak
o
-
costo
-vertebrales Schmerzsyndrom nach heftiger Schleuderbewegung im 2013 (
Urk.
8/M2).
3.4
Im Zwischenbericht vom
7.
August 2014 hielt
Dr.
med.
A.___
eben
falls ein
thorak
o-costo-verterales
Schmerzsyndrom als Diagnose fest. Nach der physiotherapeutischen Behandlung im Herbst 2013 sei es zu einer Besserung
der Beschwerden
gekommen. Im Frühling habe die Beschwerdeführerin wieder ver
mehrt über Schmerzen geklagt, worauf sie am 2
8.
April 2014 zur Konsultation erschienen sei. Er habe
ihr darauf
neun Sitzungen Physiotherapie verordnet
; die geplante Nachkontrolle habe nicht stattgefunden (
Urk.
8/M1).
4.
4.1
Beim
von der Beschwerdeführerin beschriebene
n
zu feste
n
Ziehen an ihren Armen durch den
ihr unbekannten
Tanzpartner
handelt es
sich zweifellos
um
einen äusseren Faktor. Dieser ist jedoch
– ungeachtet allfälliger schwerwiegen
der Folgen –
nicht als
ungewöhnlich zu qualifizieren. Vielmehr liegt ein
ent
sprechendes
(ungeschicktes)
Verhalten
während
d
es Tanzen
s
noch im Bereich des Üblichen.
4.2
Es trifft zwar zu, dass gemäss der herrschenden Lehre und Rechtsprechung das Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors auch in einer unkoordinierten Körperbewegung bestehen kann, wenn der natürliche Ablauf der
Körperbewe
gung
durch einen in der Aussenwelt begründeten Umstand gleichsam „
pro
grammwidrig
“ beeinflusst wurde (vgl. E. 1.3 hiervor mit den erwähnten Hin
weisen).
Eine
eigene
unkoordinierte
Körperbewegung als Ursache
ihrer Beschwerden hat die Beschwerdeführerin indessen nie
– insbesondere auch nicht im Rahmen ihrer sogenannten „Aussagen der ersten Stunde“ –
behauptet.
Sowohl in der Beschwerdeschrift vom 1
2.
März 2015 als auch bereits in
der
Einsprache
vom 3
1.
Dezember 2014
liess sie ausdrücklich festhalten
, das
s das
Ziehen am Arm die Schmerzen im Brust- beziehungsweise Rippenbereich aus
gelöst
habe (
Urk.
1 S.
3
und S. 5
sowie
8/K5 S. 2)
.
Aus
den
bloss
theoretischen Ausführungen
zu unkoordinierten Körperbewegungen
allein
(vgl.
Urk.
1 S. 4 f. und
8/K5 S. 1 f.)
vermag die Beschwerdeführerin nichts zu ihren Gunsten abzuleiten.
4.3
Erst
mit
ihrer Einsprache vom 3
1.
Dezember 2014 hat die Beschwerdeführerin
geltend gemacht
, eine sportliche Übung beziehungsweise eine Tanzfigur sei anders verlaufen als geplant
(
Urk.
8/K5 S. 2)
.
Daran
hält
sie
auch
in ihrer Beschwerdeschrift vom 1
2.
März 2015 fest (
Urk.
1 S. 5).
Davor hatte
sie
im Fragebogen
zum Hergang des Ereignisses vom 1
3.
September 2013
lediglich
erklärt
,
ihr Tanzpartner habe eine ihr unbekannte Tanzfigur ruckartig ausge
führt (Urk. 8/K20). Hierzu ist zu bemerken, dass praxisgemäss im Bereich des Sozial
versicherungsrechts in der Regel auf die „Aussagen der ersten Stunde“ abzustellen ist, denen in beweismässiger Hinsicht grösseres Gewicht zukommt als späteren Darstellungen, die bewusst oder unbewusst von nachträglichen Überlegungen versicherungsrechtlicher oder anderer Art beeinflusst sein können (BGE 121 V 45 E. 2a, 115 V 133 E. 8c mit Hinweis).
Die
erwähnten
nachträgli
chen Vorbringen
im Rahmen des
Einsprache
-
und
Beschwerdeverfahrens
sind folglich nicht geeignet, den von der Beschwerdeführerin vertretenen Standpunkt zu untermauern, dass s
ie am 14.
September 2013 einen Unfall erlitten habe. Vielmehr haben sie unberücksichtigt zu bleiben.
Unter diesen Umständen kann hier auch offen bleiben, ob die Teilnahme a
n der von der Beschwerdeführerin besuchten Tanzveranstaltung überhaupt als sportliche Tätigkeit zu qualif
i
zieren ist.
4.4
Schliesslich
bleibt
festzuhalten
, dass aufgrund der erwähnten Praxis auch
nicht auf die
weiteren
von den „Aussagen der ersten Stunde“ abweichenden
neuen
Sachverhaltsdarstellungen in der Beschwerdeschrift
vom 1
2.
März 2015 abge
stellt werden kann.
Dementsprechend
ist ausser Acht zu lassen, dass sich die Beschwerdeführerin nunmehr in horizontaler Position in Bodennähe befunden haben will, während ihr Tanzpartner sie am linken Arm gehalten
habe,
worauf er sie unerwartet und sehr heftig am Arm gezogen habe, um sie wieder in eine vertikale Position zu bringen und einem anderen Tanzpaar auszuweich
e
n
, wobei ihr gesamtes Gewicht auf ihrem linken Arm gelastet habe (
Urk.
1 S. 3
,
5
und 6
)
.
Ebenso
sind die
neuen Ausführungen darüber, dass
die Beschwerdeführerin damals
mit einem erfahrenen Tänzer
Zouk
getanzt habe
,
einen Tanz,
bei wel
chem keine anerkannten Figuren einstudiert würden und welcher körperlich sehr anspruchsvoll sei und hohe Anforderungen an die Teilnehmer stelle
(
Urk.
1 S. 6)
,
unbehelflich
.
4.5
Nach dem Gesagten war es korrekt, dass die Beschwerdegegnerin das Vorliegen eines Unfalles verneint hat. Damit erweist sich der angefochtene
Einsprache
entscheid
, mit welchem der Anspruch auf Versicherungsleistungen abgelehnt worden ist, als rechtens. Die Beschwerde ist somit abzuweisen.
Das Gericht erkennt:
1.
Die Beschwerde wird abgewiesen.
2.
Das Verfahren ist kostenlos.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Orion Rechtsschutz-Versicherung AG
-
Helsana Versicherungen AG
-
Bundesamt für Gesundheit
4.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismit
tel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Die VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
GrünigGohl Zschokke