# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** b57e457e-9ed8-55c1-af2a-425c07203ae4
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2008-12-17
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 17.12.2008 D-5726/2006
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-5726-2006_2008-12-17.pdf

## Full Text

Abtei lung IV
D-5726/2006
{T 0/2}

U r t e i l  v o m  1 7 .  D e z e m b e r  2 0 0 8

Richter Thomas Wespi (Vorsitz), 
Richter Pietro Angeli-Busi, Richter Hans Schürch, 
Gerichtsschreiberin Regula Frey.

A._______, alias B._______, geboren C._______, 
unbekannter Staatsangehörigkeit alias Irak,
vertreten durch lic. iur. Kathrin Stutz, D._______,
Beschwerdeführerin,

gegen

Bundesamt für Migration (BFM),
Quellenweg 6, 3003 Bern,
Vorinstanz.

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfü-
gung des BFM vom 11. Januar 2006 / N _______.

B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i c h t

T r i b u n a l  a d m i n i s t r a t i f  f é d é r a l

T r i b u n a l e  a m m i n i s t r a t i v o  f e d e r a l e

T r i b u n a l  a d m i n i s t r a t i v  f e d e r a l

Besetzung

Parteien

Gegenstand

D-5726/2006

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest und erwägt:

dass die Beschwerdeführerin eigenen Angaben zufolge ihr Heimatland 
am 2. November 2005 verliess und am 27. November 2005 illegal in 
die Schweiz einreiste, wo sie am folgenden Tag um Asyl ersuchte,

dass sie am 2. Dezember 2005 im E._______ zu ihren Asylgründen 
befragt wurde,

dass sie im Wesentlichen geltend machte, sie sei Kurdin aus dem Irak, 
sei in F._______ geboren und habe dort und danach in G._______ mit 
ihrer Familie, die H._______ seien, gewohnt,

dass  sie  nach  ihrem  15.  Altersjahr  die  Familie  verlassen  und  als 
I._______ mit der J._______ in den Bergen gelebt habe, 

dass das BFM am 9. Dezember 2005 durch die Fachstelle Lingua eine 
Herkunftsanalyse  erstellen  liess  und  der  Experte  in  seiner  Analyse 
vom 3. Januar 2006 zur Auffassung gelangte, die Beschwerdeführerin 
sei nicht im K._______ Milieu des L._______, sondern im K._______ 
Milieu der M._______, wahrscheinlich im N._______, sozialisiert,

dass das BFM der Beschwerdeführerin am 6. Januar 2006 zu diesen 
Abklärungen und zum beabsichtigten Erlass eines Nichteintretensent-
scheides das rechtliche Gehör gewährte,

dass  das  BFM  mit  Verfügung  vom  11.  Januar  2006  -  eröffnet  am 
12. Januar 2006 - gestützt auf Art. 32 Abs. 2 Bst. b  des Asylgesetzes 
vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31)  auf das Asylgesuch nicht ein-
trat und die Wegweisung der Beschwerdeführerin aus der Schweiz und 
den Vollzug anordnete,

dass das BFM seinen Nichteintretensentscheid damit begründete, die 
Beschwerdeführerin  habe im Rahmen des Asylverfahrens die Behör-
den über ihre Identität getäuscht, 

dass die Antworten der Beschwerdeführerin im Rahmen der  Lingua-
Analyse erhebliche Wissenslücken und Tatsachenwidrigkeiten  betref-
fend den angeblichen Herkunftsort und die Glaubensgemeinschaft der 
O._______ aufweisen würden,

Seite 2

D-5726/2006

dass die Sprechweise und der Wortschatz der Beschwerdeführerin auf 
eine  Sozialisierung  in  einem  K._______  Milieu  der  M._______ 
hinweisen würden,

dass sie nicht P._______ spreche, obwohl sie 15 Jahre im L._______ 
gelebt haben wolle und dort P._______ Umgangssprache sei, 

dass ihre Erläuterungen nicht zu überzeugen vermöchten, 

dass die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 19. Januar 2006 (Post-
stempel) gegen diese Verfügung bei der damals zuständigen  Schwei-
zerischen Asylrekurskommission (ARK) Beschwerde einreichte und die 
Rückweisung des Verfahrens an die Vorinstanz zwecks Eintretens auf 
das Asylgesuch, eventuell  den Verzicht auf  den Wegweisungsvollzug 
und die vorläufige Aufnahme sowie die Gewährung der unentgeltlichen 
Rechtspflege und die Anordnung vorsorglicher Massnahmen beantrag-
te,

dass auf die Begründung - soweit  für das vorliegende Verfahren von 
Belang - in der Folge näher eingegangen wird, 

dass mit  Zwischenverfügung der ARK vom 24. Januar 2006 der  Be-
schwerdeführerin  mitgeteilt  wurde,  sie  könne  den  Entscheid  in  der 
Schweiz abwarten,  über  die  Gewährung der  unentgeltlichen Rechts-
pflege werde zu einem späteren Zeitpunkt befunden, auf die Erhebung 
eines Kostenvorschusses werde verzichtet und die Akten würden der 
Vorinstanz zur Vernehmlassung zugestellt,

dass das BFM mit Vernehmlassung vom 8. März 2006 an seinem Ent-
scheid vom 11. Januar 2006 festhielt, die Abweisung der Beschwerde 
beantragte und ergänzend insbesondere geltend machte, die von der 
Beschwerdeführerin  geltend  gemachte  Herkunft  aus  dem L._______ 
werde  durch  das  Lingua-Gutachten  widerlegt,  da  sie  eine 
Sozialisierung in ihrem Heimatstaat geltend mache,

dass der Herkunfts- beziehungsweise Geburtsort Bestandteil der Iden-
tität  sei  und die Beschwerdeführerin diesbezüglich nicht realitätskon-
forme Aussagen gemacht habe, 

dass  die  Rechtsvertreterin  der  Beschwerdeführerin  mit  Fax-Eingabe 
vom 30. Juni 2008 die Niederlegung des Mandats mitteilte,

Seite 3

D-5726/2006

dass die neu mandatierte Rechtsvertreterin mit Eingabe vom 30. Juni 
2006  (Poststempel)  eine  Identitätskarte  der  Beschwerdeführerin  zu 
den Akten reichte,

dass mit  Eingabe vom 11. Juli  2008 (Poststempel)  ein ärztlicher Be-
richt (datiert vom 1. Juli 2008) eingereicht wurde,

dass das Bundesverwaltungsgericht endgültig über Beschwerden ge-
gen Verfügungen (Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 
über  das  Verwaltungsverfahren  [VwVG,  SR 172.021])  des  BFM  ent-
scheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31-34 des Verwaltungsgerichtsge-
setzes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 173.32];  Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des 
Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]),

dass  die  Beschwerdeführerin  durch  die  angefochtene  Verfügung  be-
rührt  ist,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  bezie-
hungsweise Änderung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde 
legitimiert ist (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 VwVG),

dass somit auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ein-
zutreten ist (aArt. 108a AsylG sowie Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 52 VwVG),

dass die vorinstanzliche Vernehmlassung mit vorliegendem Urteil  zu-
zustellen ist,  da -  wie im Folgenden zu zeigen ist  -  die Beschwerde 
gutzuheissen ist  und deshalb  aus  verfahrensökonomischen Gründen 
auf eine Zustellung verzichtet wurde,

dass mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht die Verletzung 
von Bundesrecht,  die unrichtige oder unvollständige Feststellung des 
rechtserheblichen  Sachverhalts  und  die  Unangemessenheit  gerügt 
werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),

dass bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es 
das  BFM  ablehnt,  das  Asylgesuch  auf  seine  Begründetheit  hin  zu 
überprüfen  (Art.  32-35  AsylG),  die  Beurteilungskompetenz  der  Be-
schwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt  ist,  ob  die 
Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist,

dass die Beurteilungszuständigkeit der Beschwerdeinstanz somit dar-
auf beschränkt ist, bei Begründetheit des Rechtsmittels die angefoch-
tene Verfügung aufzuheben und die Sache zu neuer Entscheidung an 

Seite 4

D-5726/2006

die Vorinstanz zurückgehen zu lassen (vgl. Entscheidungen und Mittei-
lungen der ARK [EMARK] 2004 Nr. 34 E. 2.1),

dass die Vorinstanz demgegenüber die Frage der Wegweisung sowie 
deren  Vollzuges  materiell  geprüft  hat,  weshalb  dem  Bundesverwal-
tungsgericht diesbezüglich volle Kognition zukommt,

dass nach Art. 32 Abs. 2 Bst. b AsylG auf Asylgesuche nicht eingetre-
ten  wird,  wenn  Asylsuchende  die  Behörden  über  ihre  Identität  täu-
schen und diese Täuschung aufgrund der Ergebnisse der erkennungs-
dienstlichen Behandlung oder anderer Beweismittel feststeht,

dass gemäss Art. 1 Bst. a der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 
über  Verfahrensfragen  (AsylV 1,  SR  142.311)  unter  den  Begriff  der 
Identität  Namen,  Vornamen,  Staatsangehörigkeiten,  Ethnie,  Geburts-
datum, Geburtsort und Geschlecht fallen,

dass als andere Beweismittel  insbesondere die im Auftrag der Fach-
stelle  Lingua  erstellten  wissenschaftlichen  Herkunftsanalysen  zu  er-
achten sind (vgl. EMARK 1999 Nr. 19 E. 3d S. 125 f. für die inhaltlich 
gleichlautende Bestimmung von Art. 16 Abs. 1 Bst. b aAsylG),

dass im konkreten Fall der Gutachter in seiner Herkunftsanalyse zum 
Schluss kam, die Beschwerdeführerin  sei  nicht  im K._______ Milieu 
des  L._______  sondern  im  K._______  Milieu  der  M._______, 
wahrscheinlich im N._______ sozialisiert,

dass damit nur der Ort der Sozialisierung angesprochen wird, 

dass der Ort der Sozialisierung nicht mit demjenigen der Staatsange-
hörigkeit zu verwechseln ist (vgl. EMARK 2001 Nr. 27 E. 5b S. 208),

dass einem Gesuchsteller keine Täuschung über die Identität angelas-
tet werden kann, wenn auf Grund einer Lingua-Analyse nicht eindeutig 
ausgeschlossen  werden,  dass  der  Gesuchsteller  aus  dem  Land 
stammt, dessen Nationalität er angibt (EMARK 2004 Nr. 4),

dass die Beschwerdeführerin erklärte, sie habe bis zum Alter von 15 
Jahren  im  Elternhaus  gewohnt  und  sei  danach  zehn  Jahre  bei  den 
Q._______ der J._______ gewesen,

Seite 5

D-5726/2006

dass  das  Lingua-Gutachten  eine  Sozialisierung  im  N._______  für 
wahrscheinlich hält,

dass  eine  weitgehende  Sozialisierung  im  N._______  mit  den 
Vorbringen der Beschwerdeführerin übereinstimmt,

dass aufgrund des etwa zehnjährigen Aufenthalts  bei der J._______ 
sich  die  Frage  stellt,  inwieweit  bei  der  Beschwerdeführerin  die 
Sozialisierung, die in den ersten 15 Lebensjahren in ihrem Elternhaus 
erfolgte, noch zum Ausdruck kommt, 

dass  aufgrund  der  langen  Tätigkeit  bei  der  J._______  davon 
auszugehen  ist,  die  dabei  erfahrene  Sozialisierung  stehe 
möglicherweise im Vordergrund, 

dass  die  Frage  nach  den  Einflüssen  der  verschiedenen  Sozialisie-
rungsbereiche auf die Beschwerdeführerin jedoch offen gelassen wer-
den kann,

dass unter den geschilderten Umständen aufgrund der Lingua-Analyse 
jedenfalls nicht eindeutig ausgeschlossen werden kann, dass die Be-
schwerdeführerin ursprünglich aus dem von ihr genannten Land, dem 
L._______, stammt,

dass auch aufgrund der unsubstanziierten Aussagen der Beschwerde-
führerin  über  ihren Geburtsort,  den sie vor langem verlassen haben 
soll,  nicht  mit  Sicherheit  auf  eine  Täuschung  geschlossen  werden 
kann,

dass der Umstand, dass die Beschwerdeführerin im Verlaufe des Be-
schwerdeverfahrens eine Identitätskarte einreichte, bei dieser Beurtei-
lung keine Rolle spielt, da die Echtheit dieses Dokumentes nicht verifi-
ziert wurde,

dass dem BFM somit der Täuschungsnachweis im Sinne von Art. 32 
Abs. 2 Bst. b AsylG nicht gelungen ist,

dass das BFM nach dem Gesagten zu Unrecht einen Nichteintretens-
entscheid gestützt auf Art. 32 Abs. 2 Bst. b AsylG gefällt hat, weshalb 
die Beschwerde gutzuheissen und die  Sache zur Neubeurteilung an 
die Vorinstanz zurückzuweisen ist,

Seite 6

D-5726/2006

dass bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens keine Kosten zu 
erheben sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG), weshalb das Gesuch um unent-
geltliche Rechtspflege gegenstandslos wird,

dass obsiegende Parteien Anspruch auf eine Parteientschädigung für 
die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  Kosten  haben  (Art.  64  Abs.  1 
VwVG; Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 11. Dezember 2006 über die 
Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht 
[VGKE, SR 173.320.2]),

dass,  nachdem keine  Kostennote  zu  den  Akten  gereicht  worden  ist 
und sich der notwendige Vertretungsaufwand aufgrund der Aktenlage 
hinreichend zuverlässig abschätzen lässt, die von der Vorinstanz aus-
zurichtende Parteientschädigung unter Berücksichtigung der massge-
benden  Bemessungsfaktoren  von  Amtes  wegen  auf  Fr. 500.--  (inkl. 
Auslagen und MWSt) festzusetzen ist (Art. 8 ff. VGKE).

(Dispositiv nächste Seite)

Seite 7

D-5726/2006

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1.
Die Beschwerde wird gutgeheissen und die Verfügung des BFM vom 
11. Januar 2006 wird aufgehoben.

2.
Die Sache wird im Sinne der Erwägungen zur Neubeurteilung an das 
BFM zurückgewiesen.

3.
Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.

4.
Das  BFM wird  angewiesen,  der  Beschwerdeführerin  eine  Parteient-
schädigung von Fr. 500.-- zu entrichten.

5.
Dieses Urteil geht an:

- die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin (Einschreiben; Beila-
ge: Kopie der Vernehmlassung der Vorinstanz vom 8. März 2006)

- das  BFM,  Abteilung  Asylverfahren,  mit  den  Akten  (Ref.-Nr. 
N _______; zur Weiterführung des Verfahrens)

- das _______ (in Kopie)

Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin:

Thomas Wespi Regula Frey

Versand:

Seite 8