# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 1f244477-f6e5-5177-b742-359604bed7d1
**Source:** Basel-Stadt (BS)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2022-01-26
**Language:** de
**Title:** Basel-Stadt Appellationsgericht 26.01.2022 SB.2021.47 (AG.2022.379)
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/BS_Omni/BS_APG_001_SB-2021-47_2022-01-26.html

## Full Text

Appellationsgericht

  
  des Kantons Basel-Stadt

  

  Kammer

  

 

SB.2021.47

 

URTEIL

 

vom 26.
Januar 2022

 

 

Mitwirkende

 

lic. iur. Eva Christ (Vorsitz), lic.
iur. Christian Hoenen,

Dr. Christoph A. Spenlé, Dr. phil.
und MLaw Jacqueline Frossard,

Dr. Cordula Lötscher und Gerichtsschreiber Dr. Beat Jucker

 

 

 

Beteiligte

 

A____, geb. [...]                                                                
Berufungskläger

c/o Justizvollzugsanstalt
Bostadel,               Anschlussberufungsbeklagter

Bostadel 1, 6313 Menzingen                                                
Beschuldigter

vertreten durch B____, Advokat, 

[...]

 

gegen

 

Staatsanwaltschaft Basel-Stadt
                 Anschlussberufungsklägerin

Binningerstrasse 21, 4001
Basel                                   Berufungsbeklagte

 

 

Privatkläger

 

C____

 

 

Gegenstand

 

Berufung gegen ein Urteil des
Strafdreiergerichts 

vom 15. Oktober 2020
(SG.2020.133)

 

betreffend versuchte vorsätzliche
Tötung und versuchte schwere Körperverletzung

 

Sachverhalt

 

Mit Urteil des
Strafdreiergerichts vom 15. Oktober 2020 wurde A____ (Berufungskläger) der
versuchten vorsätzlichen Tötung sowie der versuchten schweren Körperverletzung
schuldig erklärt und zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und acht Monaten
verurteilt (unter Einrechnung der Untersuchungshaft und des vorzeitigen
Strafvollzugs seit dem 15. Januar 2020). Zudem wurde er für zehn Jahre des
Landes verwiesen (mit Eintrag im Schengener Informationssystem [SIS]). Darüber
hinaus wurde über die beschlagnahmten Gegenstände verfügt und sind dem Berufungskläger
Verfahrenskosten in Höhe von CHF 16‘890.10 sowie eine Urteilsgebühr von CHF 6’400.–
auferlegt worden. Im Übrigen ist sein amtlicher Verteidiger unter
Rückforderungsvorbehalt aus der Strafgerichtskasse entschädigt worden. 

 

A____, amtlich
verteidigt durch B____, hat am 20. Oktober 2020 Berufung angemeldet, mit
Schreiben vom 7. Mai 2021 Berufung erklärt und dieselbe mit Eingabe vom 12.
August 2021 begründet. Es wird beantragt, den Berufungskläger in Abänderung des
Urteils des Strafgerichts von Schuld und Strafe freizusprechen (Ziff. 1).
Eventualiter sei er wegen mehrfacher einfacher Körperverletzung schuldig zu
sprechen und zu einer bedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten (Probezeit
zwei Jahre) zu verurteilen (Ziff. 2). Zudem sei auf eine Landesverweisung zu
verzichten (Ziff. 3). Darüber hinaus sei die erstinstanzliche Kostenverlegung
aufzuheben. Es seien die Kosten des Vorverfahrens bzw. des erstinstanzlichen
Verfahrens entsprechend dem Ausgang des Verfahrens neu festzusetzen und der Berufungskläger
von der Rückzahlungsverpflichtung gemäss Art. 135 Abs. 4 der
Strafprozessordnung (StPO, SR 312.0) zu befreien (Ziff. 4). Alles unter
o/e-Kostenfolge (Ziff. 5). Die Staatsanwaltschaft beantragt, die Berufung
kostenpflichtig abzuweisen. 

 

Die
Staatsanwaltschaft hat mit Schreiben vom 20. Mai 2021 Anschlussberufung erklärt
und dieselbe am 18. Juni 2021 begründet. Es wird beantragt, den Berufungskläger
in kostenfälliger Abänderung des vorinstanzlichen Urteils der versuchten
vorsätzlichen Tötung sowie der versuchten schweren Körperverletzung schuldig zu
sprechen und zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren zu verurteilen. Der Berufungskläger
beantragt, die Anschlussberufung unter o/e-Kostenfolge abzuweisen.

 

In der
zweitinstanzlichen Hauptverhandlung vom 26. Januar 2022 wurde der Berufungskläger
befragt (der fakultativ geladene Privatkläger C____ hat auf eine Teilnahme an
der Verhandlung verzichtet). Danach gelangten sein Verteidiger und die
Staatsanwaltschaft zum Vortrag. Für sämtliche Ausführungen wird auf das
Verhandlungsprotokoll verwiesen. Die Einzelheiten der Parteistandpunkte ergeben
sich ‒ soweit für den Entscheid von Relevanz ‒ aus dem
erstinstanzlichen Urteil und aus den nachfolgenden Erwägungen.

 

 

Erwägungen

 

1.

1.1      Nach
Art. 398 Abs. 1 StPO ist die Berufung gegen Urteile erstinstanzlicher Gerichte
zulässig, mit denen das Verfahren ganz oder teilweise abgeschlossen wird, was
vorliegend der Fall ist. Zuständiges Berufungsgericht ist nach § 88 Abs. 1 und
92 Abs. 1 Ziff. 1 des Gerichtsorganisationsgesetzes (GOG, SG 154.100) grundsätzlich
ein Dreiergericht des Appellationsgerichts. Da das Berufungsgericht indes nicht
an den Antrag der Staatsanwaltschaft im Rahmen ihrer Anschlussberufung
(Freiheitsstrafe von fünf Jahren) gebunden ist (Art. 391 Abs. 1 lit. b StPO)
bzw. durch die Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft das Verbot der
reformatio in peius (Art. 391 Abs. 2 StPO) unbeachtlich wurde, hat die
Verfahrensleiterin in analoger Anwendung von § 79 Abs. 2 und 3 GOG eine Kammer bestellt
(mit der Folge, dass A____ ohne Einschränkungen bezüglich der Strafhöhe
sanktioniert werden kann; vgl. zum Ganzen: BGE 147 IV 167 E. 1.5.3; BGer
6B_606/2018 vom 12. Juli 2019 E. 2.2). Der Berufungskläger ist vom
angefochtenen Urteil berührt und hat ein rechtlich geschütztes Interesse an
dessen Abänderung, sodass er gemäss Art. 382 Abs. 1 StPO zur Erklärung der
Berufung legitimiert ist. Die Staatsanwaltschaft ist gemäss Art. 381 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 400 Abs. 3 lit. b StPO zur Erhebung von Rechtsmitteln
berechtigt, sodass die Legitimation betreffend Anschlussberufung auch für sie
gegeben ist. Auf die form- und fristgerecht eingereichten Rechtsmittel ist
daher einzutreten.

 

1.2      Gemäss
Art. 398 Abs. 3 StPO können mit der Berufung Rechtsverletzungen,
einschliesslich Überschreitung und Missbrauch des Ermessens, Rechtsverweigerung
und Rechtsverzögerung, die unvollständige oder unrichtige Feststellung des
Sachverhalts sowie Unangemessenheit gerügt werden.

 

1.3

1.3.1   Im
Rechtsmittelverfahren gilt die Dispositionsmaxime. Die Berufung kann demgemäss
auf die Anfechtung von Teilen des Urteils beschränkt werden (Art. 399 Abs. 3
lit. a und Abs. 4 StPO). Erfolgt eine Teilanfechtung, erwachsen die nicht
angefochtenen Punkte in Teilrechtskraft. 

 

1.3.2   Die
Verfügungen über die beschlagnahmten Gegenstände sowie die Entschädigung der
amtlichen Verteidigung für das erstinstanzliche Verfahren wurden nicht
angefochten und sind somit in Rechtskraft erwachsen. Darüber ist im
Berufungsverfahren nicht mehr zu befinden.

 

2.

2.1      Das
Strafgericht ging von folgendem Sachverhalt aus: Der damals gerade 18-jährige Berufungskläger
(aus [...] stammend) hielt sich in der Nacht vom 11. auf den 12. Januar
2020 mit seiner damaligen Freundin D____ und seinem Mitbewohner E____ (aus [...]
stammend) aus dem Wohnheim für unbegleitete minderjährige Asylsuchende (WUMA)
auf dem Theaterplatz in Basel auf. Später kamen F____ (aus [...] stammend), G____
(aus [...] stammend), H____ (aus [...] stammend) und das spätere Opfer C____ (aus
[...] stammend) dazu. Sie hörten in der Theaterpassage Musik und tranken
Alkohol. Im Verlauf des Abends kam es zu einer Auseinandersetzung bzw. zu einer
Schubserei, in deren Verlauf der Berufungskläger in dubio in eine gewisse
Bedrängnis kam. C____ hatte sein Hemd ausgezogen und drückte G____ mit der Hand
gegen die Wand. Er wurde von mehreren aus der Gruppe aufgefordert, G____
loszulassen. Weil er das nicht tat, nahm der Berufungskläger sein Messer ‒
welches er angeblich immer auf sich trug ‒ mit einer Klingenlänge von 8.7
Zentimeter (gesamte Länge 19.2 Zentimeter) hervor und stach dem Privatkläger
damit zuerst in die Hand (versuchte schwere Körperverletzung) und dann zweimal
in den Rücken, wobei er ihm einen Schnitt und eine acht Zentimeter lange Stichwunde,
von etwa Mitte der linken Rückenhälfte ansteigend nach vorne rechts Richtung
Körpermitte (versuchte vorsätzliche Tötung) zufügte. Nach der Tat blieb der Berufungskläger
zusammen mit seiner Freundin und mit seinem Mitbewohner E____ am Tatort, wo
auch das Opfer lag, und versteckte die Tatwaffe unter einem
Elektroverteilerkasten (Akten S. 210 f.). Er verbot seiner Freundin, die
Polizei zu verständigen, was sie aber dennoch tat. Das Opfer wurde mit der
Ambulanz in die Notfallstation des Unispitals gebracht (vorinstanzliches Urteil
S. 3 ff., 12 ff.). Die Vorinstanz erkannte damit die Hauptanklage der
Staatsanwaltschaft (Anklageschrift [AKS] Ziff. 2.2) als erstellt an.

 

2.2

2.2.1   Gemäss
der in Art. 10 StPO, Art. 32 Abs. 1 der Bundesverfassung (BV, SR 101) und
Art. 6 Ziff. 2 der europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK, SR 0.101)
verankerten Unschuldsvermutung ist bis zum gesetzlichen Nachweis der Schuld zu
vermuten, dass der wegen einer strafbaren Handlung Angeklagte unschuldig ist.
Daraus wird der Grundsatz «in dubio pro reo» abgeleitet (BGE 127 I 38 E. 2 mit
weiteren Hinweisen). Im Sinne einer Beweislastregel besagt dieser Grundsatz,
dass dem Angeklagten ein Sachverhalt nur dann angelastet werden darf, wenn er
mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erstellt ist. Dabei darf sich
das Gericht im Rahmen der Beweiswürdigung nicht von einem für den Angeklagten
ungünstigen Sachverhalt überzeugt erklären, wenn bei objektiver Betrachtung
ernsthafte Zweifel bestehen, ob sich der Sachverhalt so verwirklicht hat. In
Art. 10 Abs. 3 StPO ist die Rede von «unüberwindlichen» Zweifeln. Bloss
abstrakte und theoretische Zweifel sind freilich nicht massgebend, weil solche
immer möglich sind und absolute Gewissheit nicht verlangt werden kann. Vielmehr
muss genügen, wenn das Beweisergebnis aus Sicht eines besonnenen und
lebenserfahrenen Beobachters über jeden vernünftigen Zweifel erhaben ist. Dabei
ist der Indizienbeweis dem direkten Beweis gleichgestellt. Es reicht, wenn die
verschiedenen Indizien in ihrer Gesamtheit beweisbildend sind (zum Ganzen: BGE
144 IV 345 E. 2.2.3, 138 V 74 E. 7, 124 IV 86 E. 2a; Tophinke, in Basler Kommentar, 2. Auflage 2014, Art. 10 StPO
N 82 ff.). 

 

2.2.2   Die
Strafprozessordnung kennt keinen «numerus clausus» der Beweismittel. Vielmehr
kann das Gericht für seine Entscheidfindung grundsätzlich ‒ im Rahmen der
zulässigen Beweiserhebung (StPO 140 ff.) ‒ sämtliche Beweismittel
beiziehen, die es für beweistauglich hält. Es ist dabei auch nicht an feste
Beweisregeln gebunden (Grundsatz der freien und umfassenden Beweiswürdigung [Art.
10 Abs. 2 StPO]). Wie das Bundesgericht in jüngerer Zeit betont hat, findet der
in dubio-Grundsatz «keine Anwendung auf die Frage, welche Beweismittel zu
berücksichtigen und wie sie gegebenenfalls zu würdigen sind. […] Der in
dubio-Grundsatz wird erst anwendbar, nachdem alle aus Sicht des urteilenden
Gerichts notwendigen Beweise erhoben und ausgewertet worden sind. Insoweit
stellt er keine Beweiswürdigungsregel dar» (BGE 144 IV 345 E. 2.2.3.1 und
2.2.3.2; BGer 6B_1232/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 3.1, 6B_699/2018 vom 7. Februar
2019 E. 2.3.2, 6B_651/2018 vom 17. Oktober 2018 E. 1.3.3, 6B_824/2016 vom 10.
April 2017 E. 13.1). Das Gericht hat nach seiner aus dem gesamten Verfahren
gewonnenen Überzeugung aufgrund gewissenhafter Prüfung der vorliegenden Beweise
darüber zu entscheiden, ob es eine Tatsache für bewiesen hält (BGE 127 IV 172
E. 3a; BGer 6B_811/2018 vom 25. Februar 2019 E. 2.2; vgl. auch Wohlers, in
Donatsch/Lieber/Summers/Wohlers [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen
Strafprozessordnung, 3. Auflage, Zürich 2020, Art. 10 StPO N 31).
Solange das Sachgericht den Standards der Beweiswürdigung folgt, hat es dabei
einen weiten Ermessensspielraum (BGer 6B_824/2016 vom 10. April 2017
E. 13.1, 6B_547/2014 vom 21. Juli 2014 E. 1.1 und 1.4).

 

2.3

2.3.1   In
objektiver Hinsicht steht Folgendes fest: Der Berufungskläger wurde am 15. Januar
2020 um 12.50 Uhr im WUMA festgenommen, nachdem er am Tatmorgen noch nicht als
Tatverdächtiger galt (Akten S. 51 f.). Er, D____ und E____ hatten beim
Eintreffen der Polizei am Tatort zunächst noch erfolgreich falsche Versionen hinsichtlich
der Ereignisse zum Besten gegeben (Akten S. 185 ff.). Die Atem-Alkoholprobe
ergab bei A____ gut eine Stunde nach der Tat einen Wert von 0.38 mg/l, mithin
0.76 Promille, bei seiner Freundin 0.92 Promille und bei E____ 0.00 Promille.
Bei den weiteren Beteiligten wurde der Wert etwas früher, bereits um zirka 04.00
Uhr, erfasst und betrug bei H____ 0.9 Promille, bei G____ 0.38 Promille
und bei F____ erhebliche 1.74 Promille (Akten S. 183 ff.). 

 

2.3.2   Bezüglich
der zugefügten Läsionen liegen sodann verschiedene medizinische Unterlagen vor.
In Abweichung vom Operationsbericht des Universitätsspitals Basel vom 12.
Januar 2020, in welchem von insgesamt vier Stichverletzungen gesprochen wird (Akten
S. 302), ist gestützt auf das Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin
der Universität Basel (IRM) vom 9. März 2020 mit dem Strafgericht zu Gunsten
des Berufungsklägers davon auszugehen, dass C____ eine Stichwunde an der rechten
Hand mit einer Durchtrennung des Daumen-Streckmuskels und zwei Blessuren am
Rücken erlitten hat, wobei lediglich in Bezug auf eine der beiden die Tiefe und
die Stichrichtung festgehalten ist (acht Zentimeter tiefe und lange Hautdurchtrennungen
auf der linken Rückenseite mit Luft- respektive Gaseinschüssen und Einblutungen;
die Verletzung sei von hinten links etwa Mitte der linken Rückenhälfte leicht
kopfwärts ansteigend nach vorne rechts Richtung Körpermitte verlaufen) und zur
anderen keine näheren Angaben vorhanden sind, weshalb hinsichtlich Letzterer in
dubio auf die Aussagen von A____ abgestellt (vgl. dazu E. 2.11) und «nur» von
einer Schnittverletzung ausgegangen wird. Der Privatkläger wurde infolge seiner
Verletzungen zweimal (nach der «eigentlichen» Operation musste zusätzlich eine
Wundreinigung durchgeführt werden) operiert und befand sich vom 12. bis zum 17. Januar
2020 stationär im Universitätsspital Basel. Mindestens bis am 25. Februar
2020 war er zu 100 Prozent krankgeschrieben. Er schwebte zwar nicht in
unmittelbarer Lebensgefahr, doch sei gemäss Gutachten bei einem solchen Angriff
immer von einem Risiko lebensgefährlicher Verletzungen auszugehen. Informationen
bezüglich des postoperativen Verlaufs hinsichtlich der Durchtrennung des
rechten langen Daumen-Streckmuskels lägen keine vor, weshalb diesbezüglich auch
keine Aussage getätigt werden könne (Akten S. 615 ff., 622 f., 626 f.;
vorinstanzliches Urteil S. 8 f.).

 

2.3.3   Dass
der Privatkläger vom Berufungskläger mit einem Messer verletzt worden ist,
steht – ohne die Aussagen der Beteiligten zu würdigen – nur schon aufgrund der
objektiven Beweise fest. So konnten am Griff des Klappmessers, welches in
unmittelbarer Nähe zum Tatort unter einem Elektroverteilerkasten gefunden
wurde, DNA-Spuren von A____ sichergestellt werden (Akten S. 435, 438 ff.).
Zudem wurde eine zum Tatwerkzeug gehörende LED-Lampe bei der Hausdurchsuchung
im Zimmer des Berufungsklägers beschlagnahmt (Akten S. 149, 164, 336 f.). Im
Übrigen wird das Geschehen durch zahlreiche Fotos vom Tatort, der Tatwaffe, den
Beteiligten und den in der Tatnacht getragenen Kleidern dokumentiert (Akten
S. 194 ff., 336 f., 370, 447 ff., 470 ff., 498 ff., 530 ff., 564 ff.).

 

2.4

2.4.1   Neben
den objektiven Beweismitteln stehen die Aussagen der unmittelbar Beteiligten
oder ins Geschehen miteinbezogenen Personen im Vordergrund. Die Beurteilung von
deren Glaubhaftigkeit, insbesondere der Aussagen der direkt Beteiligten, ist damit
entscheidend, was einer einlässlichen Würdigung durch das Gericht bedarf (BGE
137 IV 122 E. 3.3).

 

2.4.2   Die
Glaubwürdigkeit einer Person lässt sich an ihrer Persönlichkeit, ihren
(möglichen) Motiven und der Aussagesituation abschätzen; die Glaubhaftigkeit
einer Aussage bestimmt sich nach ihrem Inhalt; je detaillierter, individueller
und in sich verflochtener eine Aussage ist, desto glaubhafter ist sie (Zweidler, Die Würdigung von Aussagen, in
ZBJV 132/1996, S. 115 ff.). Dabei ist sämtlichen Umständen, welche objektiv für
die Erforschung von Tatsachen von Bedeutung sein können, Rechnung zu tragen. In
Lehre und Rechtsprechung ist anerkannt, dass sich die Glaubhaftigkeit einer
Aussage im Wesentlichen nach ihrem Inhalt bestimmt. Danach unterscheiden sich
Aussagen über selbst erlebte Ereignisse in ihrer Qualität von Aussagen, welche
nicht auf selbst erlebten Vorgängen beruhen (vgl. dazu Ludewig/Baumer/Tavor, Einführung in die Aussagepsychologie,
Wie können aussagepsychologische Erkenntnisse Richtern und Staatsanwälten
helfen?, in: Ludewig/Baumer/Tavor [Hrsg.], Aussagepsychologie für die
Rechtspraxis, Zürich 2017, S. 17 ff., 43 ff.; Undeutsch,
Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen, in: Undeutsch [Hrsg.],
Handbuch der Psychologie, Band 11: Forensische Psychologie, Göttingen 1967, S.
26 ff.). Überprüft wird dabei in erster Linie die Hypothese, ob die aussagende
Person mit den gegebenen individuellen Voraussetzungen, unter den gegebenen
Befragungsumständen und Entstehungsbedingungen der Aussage sowie unter
Berücksichtigung der im konkreten Fall möglichen Einflüssen von Dritten diese
spezifische Aussage machen könnte, wenn diese nicht auf einem realen
Erlebnishintergrund basierte (Volbert,
Glaubwürdigkeitsbegutachtung bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch, Zeitschrift
für Kinder- und Jugendpsychiatrie 1995, S. 20 ff.; vgl. BGer 6B_760/2010
vom 13. Dezember 2010 E. 2.3). 

 

2.4.3   Damit
eine Aussage als zuverlässig erachtet werden kann, ist sie besonders auf das
Vorhandensein von Realitätskriterien und umgekehrt auf das Fehlen von
Phantasiesignalen zu überprüfen; dabei hat auch eine Einordnung sogenannter
Warnmerkmale zu erfolgen (vgl. Ludewig/Baumer/Tavor,
a.a.O., S. 46 ff.; Hussels, von
Wahrheiten und Lügen, Eine Darstellung der Glaubhaftigkeitskriterien anhand der
Rechtsprechung, forumpoenale 6/2012, S. 368 ff.; Wiprächtiger, Aussage-psychologische Begutachtung im
Strafrecht, forumpoenale 1/2010, S. 40 f.; Ferrari,
Erkenntnisse aus der Aussagepsychologie, plädoyer 4/09, S. 34 ff.; Dittmann, Zur Glaubhaftigkeit von
Zeugenaussagen, in: plädoyer 2/1997, S. 33 ff.). Bei der
Glaubhaftigkeitsbeurteilung ist immer auch davon auszugehen, dass die Aussage
nicht realitätsbegründet sein kann. Erst wenn sich diese Annahme
(Nullhypothese) aufgrund der festgestellten Realitätskriterien nicht mehr
halten lässt, wird geschlossen, dass die Aussage einem wirklichen Erleben
entspricht und wahr ist (BGE 133 I 33 E. 4.3, 129 I 49 E. 5, 128 I 81 E. 2;
BGer 6B_542/2019 vom 28. August 2019 E. 2.3.1). Gegenüber den
Realitätskriterien sind also in jedem Fall auch mögliche Anhaltspunkte für eine
Falschbezichtigung abzuwägen (vgl. dazu Dittmann,
a.a.O., S. 34 f.). 

 

2.4.4   Folgende
Realitätskriterien oder Realkennzeichen haben sich in der Praxis etabliert:
Logische Konsistenz, aber auch ungeordnet sprunghafte Darstellung, quantitativer
Detailreichtum, Schilderung ausgefallener Einzelheiten, Schilderung
nebensächlicher Einzelheiten, Nachschieben von Details, räumlich-zeitliche
Verknüpfung, phänomengemässe Schilderung unverstandener Handlungselemente,
Schilderung von Komplikationen im Handlungsablauf, Beschreibung von
Interaktionen, Wiedergabe von Gesprächen, auch in direkter Rede, Schilderung
innerpsychologischer Vorgänge (bei sich selbst und beim Täter), Einräumen von
Erinnerungslücken, spontane Verbesserung der eigenen Aussage, Einwände gegen
die Richtigkeit der eigenen Aussage, Selbstbelastung, keine übermässige
Belastung des Täters bzw. sogar Entlastung desselben sowie Konstanz und
Homogenität der Aussagen (auch über mehrere Befragungen hinweg). In die
Würdigung der Aussagequalität ist neben diesen inhaltlichen Gesichtspunkten
stets auch die Entstehungsgeschichte (Aussagegenese) und damit die Motivlage
der aussagenden Person miteinzubeziehen.

 

2.5

2.5.1   D____
(zur Tatzeit 17 ½ jährig; der Berufungskläger und sie waren seit sechs Wochen
ein Paar bzw. seit vier Monaten «Bekannte» [Akten S. 306]) hatte am Tatmorgen
um 03.28 Uhr die Polizei requiriert und gemäss Rapport gemeldet, dass eine
Person mit einer Stichwaffe verletzt worden sei (Akten S. 182). Gegenüber der
Polizei hat sie zuerst eine falsche Geschichte erzählt: das Opfer sei nach
einem Toilettengang voller Blut und mit nacktem Oberkörper zu ihnen
zurückgekommen (Akten S. 185). Bei dieser Version blieb sie auch anlässlich ihrer
ersten Einvernahme vom Tattag (Akten S. 219 ff.). Sie beschreibt die Stimmung,
die in der Gruppe herrschte, als «richtig gut», es habe keinen Grund für
Probleme gegeben (Akten S. 220). Als sie konkret nach Streitigkeiten oder
Differenzen gefragt wird, meint sie, solche habe es nur «Spässli-mässig» gegeben,
nie etwas Ernsthaftes. Einmal sei es um Lautsprecher-Böxli gegangen, die der Berufungskläger
spasseshalber unter den Arm genommen und die der Kollege des Opfers
zurückgewollt habe. Da habe es «eine kleine Schubserei» gegeben, «aber wie
gesagt nichts Ernsthaftes. Das spätere Opfer hatte nie mit jemandem Streit»
(Akten S. 221). Sie erzählt dann noch, dass man getanzt habe. Dann meint sie
auf Frage, die beiden [...], die später hinzugekommen seien, hätten sich
entfernt, bevor das Opfer zum Toilettengang verschwand, während sie selbst samt
dem Berufungskläger und E____ stets vor Ort geblieben und sich um das verletzt
zurückkehrende Opfer gekümmert hätten. Das Opfer habe ihr nicht erzählt, was
passiert sei, es sei nicht wirklich ansprechbar gewesen (Akten S. 222 f.). 

 

2.5.2

2.5.2.1 Anlässlich
der Einvernahme auf der Jugendanwaltschaft vom 15. Januar 2020 weiss D____
bereits, dass E____ seinen Freund A____ inzwischen beschuldigt hat. E____ habe
auch ihr gegenüber bestätigt, dass er wirklich gesehen habe, dass der Berufungskläger
das Opfer mit dem Messer verletzt habe (Akten S. 307). Sie glaube das aber
nicht. Sie könne sich nicht vorstellen, dass ihr Freund so etwas mache. Sie
könne sich auch überhaupt nicht erklären, wie er zu einem Messer kommen sollte
(Akten S. 305 f.). Er sei damals schon seit Freitagabend bei ihr gewesen und
sie habe nie ein Messer bei ihm gesehen. Auch zuvor nie (Akten S. 306). Ihr
gegenüber habe A____ versichert, dass er es nicht gewesen sei. Sie könne nicht
zu 100 Prozent sicher sagen, wo er und E____ sich im Moment der Tat befanden
(sie selbst sei bei der Treppe gewesen [Akten S. 307 f.]). Auf die
Snapchat-Nachricht des Berufungsklägers angesprochen («es het kei Schlägerei
geh»; «mir kenne H____ nid») meint sie, sie habe ihren Freund danach gefragt,
weil irgendjemand gesagt habe, dass es eine Schlägerei gegeben habe. Sie selbst
habe davon indes nichts gewusst (Akten S. 308 f.). Auf Nachfrage gab sie zu
Protokoll, sie könne nichts dazu sagen, sie habe weder jemanden rennen,
schlägern oder sonst etwas gesehen. Sie habe keine Ahnung (Akten S. 309).
Auf die konkrete Frage, ob der Berufungskläger und das Opfer an jenem Abend
Streit gehabt hätten, meint sie: «Mit C____ nie, aber mit seinem Kollegen. Es
ging dort um diese Boxen». Einen Streit wegen eines Mobiltelefons habe sie
nicht mitbekommen. Sie habe E____ gefragt, ob es einen Streit gegeben habe, und
er habe gesagt, es sei etwas wegen einem Handy gewesen (ohne zu sagen, wer mit
wem). «Ich habe das aber nicht mitbekommen. Ich habe diesen ganzen Abend bis
zum Zeitpunkt wo C____ blutig zurückgekommen ist als völlig friedlich
empfunden» (Akten S. 310). 

 

2.5.2.2 Als
sie darauf angesprochen wird, dass es den Eindruck erwecke, als wollte sie
ihren Freund schützen, meint sie: «Es stimmt, ich versuche schon zu dämpfen so,
dass er nicht zu schlecht aussieht. Aber ich habe nie gelogen. Es ist wirklich
zu 100 % sicher, dass ich nicht gesehen habe wie C____ verletzt wurde und
ich habe weder ein Messer noch eine Schlägerei noch sonst irgendeinen Streit
mitbekommen» (Akten S. 311). Als sie gefragt wird, ob sie es sagen würde, wenn
sie den Berufungskläger bei der Tat gesehen hätte, meint sie: «Ja ich würde das
hier sagen (fängt an zu weinen). Wissen Sie Schlägereien kann es geben,
das ist normal. Aber das ist eine Stufe höher, der wäre deswegen fast
gestorben. Ich weiss nicht wie ich damit umgehen soll, aber jemand der so etwas
gemacht hat verdient es, dass er bestraft wird. So jemanden kann man nicht
einfach frei herumlaufen lassen» (Akten S. 311). Und damit konfrontiert,
dass E____ klar zu Protokoll gegeben habe, dass A____ das Opfer nach einem
Streit um ein Mobiltelefon mit dem Messer verletzt habe, meint sie, sie habe
nichts gesehen und könne es «auch nicht zu 100 % glauben. Was soll ich auch
machen (fängt wieder an zu weinen). Ich weiss einfach, dass E____ nie
etwas Falsches gegen A____ sagen würde. Wenn ich jemandem glaube, dann E____»
(Akten S. 311).

 

2.6

2.6.1   E____
lenkte gegenüber der Polizei den Verdacht zunächst auf H____. Zwei Tage später,
am 14. Januar 2020, offenbarte er sich dann einem Teamleiter, I____, im
WUMA und erklärte, dass der Berufungskläger der wahre Täter sei. Der Teamleiter
informierte in der Folge umgehend die Polizei (Akten S. 271 f.). 

 

2.6.2

2.6.2.1 Am
nächsten Tag, dem 15. Januar 2020, wurde E____ als Auskunftsperson bei der
Staatsanwaltschaft befragt (Akten S. 273 ff.). Er schildert einen Streit
zwischen dem Berufungskläger und dem Opfer um ein Handy. Das Opfer (ein [...])
habe ein Handy an den Berufungskläger verkaufen, dieser ihm dafür aber kein
Geld geben wollen. «Er wollte es einfach nehmen. Ich sagte ihm, er könne es ihm
nicht wegnehmen, es gehört ihm. Dieser A____ hat gesagt, gib mir Geld und ich
gebe dir dein Handy zurück. Dieser Junge hat gesagt, dass er ihm 40 Franken
gibt. Der andere wollte aber 100 Franken. Auf einmal dieser Junge aus [...], er
wurde nervös und zog seine Jacke und sein T-Shirt aus. Dieser von [...] hatte
ein Messer in der Tasche. Er hatte das Messer schon in der Tasche vorbereitet»
(Akten S. 274). Das Opfer habe angefangen zu boxen. Der Berufungskläger habe
das Messer hervorgenommen und zwei, drei Mal gestochen (Akten S. 275). Etwas
später antwortete er auf die Frage, wer die Auseinandersetzung angefangen habe,
das sei der Berufungskläger (welcher sein besserer Kollege als H____ sei)
gewesen (Akten S. 276). Er [E____] habe das Opfer und den Berufungskläger trennen
wollen, er habe nicht gewollt, dass sie sich wegen eines Handys schlagen
würden. Er habe zu A____ gesagt: «lass ihn und gib ihm sein Handy zurück». Der
Berufungskläger habe es aber nicht geben wollen (Akten S. 276). 

 

2.6.2.2 Den
genauen Tatablauf beschreibt E____ wie folgt: «Er [der Berufungskläger] hatte
Messer in der Tasche (zeigt die rechte Tasche). Dieser [...] hat ihn
gepackt (hält seine Hand an den Kragen). Er wollte sich lösen. Dieser
Junge hat dann das Messer herausgenommen und so gemacht (zeigt schwungvolle
Stichbewegungen). Ich weiss nicht wie viel er gestochen hat. Ich weiss
einmal in den Rücken und einmal, glaube ich in die rechte Hand» (Akten S. 277).
Es sei voller Blut gewesen. A____ habe mit der rechten Hand zugestochen (zeigt
Schwungbewegungen), es habe – glaube er – ein Loch gegeben. Der Berufungskläger
habe «nicht so viel» zugestochen, «er hat schnell gemacht. Der, welcher
gestochen wurde, rannte davon. Er hat danach das Mädchen gefragt» (Akten S. 277).
Auf die Frage, warum der Berufungskläger zugestochen habe, meint E____: «Wegen
dem Handy» (Akten S. 277). Der Berufungskläger und das Opfer seien «Face
to Face» gestanden (Akten S. 278). Auf Frage hin meint E____, das Opfer habe in
keiner Weise provoziert: «Nein, der Junge, welcher gestochen wurde, war nett
und freundlich» (Akten S. 280). Er sei auch nicht so stark gewesen, der
Berufungskläger sei stärker gewesen (Akten S. 281). Zum Zeitpunkt, als der
Berufungskläger zugestochen habe, seien nur er [E____] selbst, A____ und das
Opfer anwesend gewesen. D____ sei neben der Treppe gesessen, sie sei betrunken
gewesen und habe «nichts gesehen» (Akten S. 278). Sie habe nicht gewusst, dass
der Berufungskläger der Täter gewesen sei (Akten S. 283).

 

2.6.2.3 A____
habe besagtes Messer immer dabei, seit er es besitze. An jenem Abend habe er
ihm erzählt, dass er zuvor in Deutschland gewesen sei und das Messer dabei
hatte. Er habe es eigentlich wegen der Grenze wegwerfen wollen, aber weil keine
Polizei da war, habe er es behalten. Er [E____] habe daher gewusst, dass der
Berufungskläger das Messer auf sich getragen habe (Akten S. 282 f.). Auch D____
wisse, dass der Berufungskläger jeweils ein Messer bei sich habe (Akten S. 282).
E____ äussert sich dann noch zur Kleidung des Berufungsklägers in der Tatnacht:
«Er hatte diese Jacke an (zeigt auf seine getragene Jacke). Einen
weissen Champion Pullover. Die Hosen, sehen aus wie Trainerhosen. Auch
Champion, die Hosen sind weiss-schwarz» (Akten S. 277). Der Berufungskläger
habe danach die Jacke in [...] (bei seiner Freundin) gewaschen, weil es
Blut darauf gehabt habe, und sie ihm am 14. Januar 2020 zurückgegeben bzw. im
WUMA deponiert (Akten S. 286 f.). Zu seinen Motiven für die Aussage
befragt, meint E____, er hätte schon Angst, falls der Berufungskläger mit dem
Messer zu ihm komme. Dieser habe ihm vertraut, dass er nichts sagen werde. Er
habe sich dann aber doch zur Aussage entschieden, «weil diese zwei Jungen,
welche im Gefängnis sind, nichts gemacht haben. Weil A____ das gemacht hat.
Auch weil dieser Junge, welcher gestochen wurde, nett ist und nichts Schlechtes
zu A____ gesagt hat» (Akten S. 285). 

 

2.6.3   Bei
einer weiteren Einvernahme zur Sache möchte E____ nichts mehr sagen. Er
verweist darauf, dass er schon alles erzählt habe, was er wisse, und ringt sich
nur noch zu einer kurzen Zusammenfassung durch: «A____ hat jemanden mit dem
Messer angegriffen» (Akten S. 382). Ansonsten wiederholt er, dass er bereits
über die Sache berichtet habe, und möchte keine weiteren Angaben dazu machen
(Akten S. 380 ff.).

 

2.6.4

2.6.4.1 Anlässlich
der erstinstanzlichen Hauptverhandlung beschreibt E____ im Wesentlichen gleich
wie bisher ein provozierendes Verhalten des Berufungsklägers. Dieser und das
Opfer hätten sich gestritten, es sei um ein Handy gegangen (ein iPhone). Der
Berufungskläger habe es kaufen, das Opfer es aber zurückhaben wollen. A____
habe dann gesagt, er gebe es dem Opfer morgen zurück. Dieses habe gesagt,
«nein, ich warte nicht bis morgen, gib mir mein Handy zurück» (Akten S. 739).
Er [E____] habe dann den Berufungskläger gebeten, dem Opfer das Handy zurück zu
geben. Dieser habe aber nicht gewollt. Das Opfer sei wütend geworden und direkt
zum Berufungskläger gerannt. «Aber ich bin nicht sicher. Er hatte ein Messer in
der Hand. Ich kenne dieses Messer. Nach zwei Minuten, in denen sie gestritten
haben, habe ich gesehen, dass der andere Mann blutet. Wir haben versucht, ihm
zu helfen. […] Das Messer hatte er in der Jacke. Er hat es nach vorne genommen
und gestochen» (Akten S. 740). Der Berufungskläger habe ungefähr drei Mal
zugestochen, das habe er [E____] gesehen. Einmal in den Arm sowie in den Rücken
(Akten S. 740).

 

2.6.4.2 Als
nachgehakt wird, ob und wieweit sich der Berufungskläger in Bedrängnis befand,
wägt E____ seine Antworten sorgfältig ab: «Ja, sie haben sich gegenseitig
festgehalten. Der Mann aus [...] hat ihn festgehalten», das sei am Kragen
gewesen (fasst mit der Hand dorthin). Er wisse nicht, wie sich der
Berufungskläger gefühlt habe, dieser sei «besoffen» gewesen. Auf die Frage, ob A____
versucht habe, sich zu lösen, gab E____ Folgendes zu Protokoll: «Er hat
versucht, aber sofort das Messer hervorgenommen», er wisse nicht warum (Akten
S. 740). Auf die Frage, ob das Packen gefährlich gewesen sei, antwortete
er: «Der Mann aus [...] wollte nur sein Telefon zurückhaben. Er wollte nicht
Probleme machen» (Akten S. 741). Er wisse nicht, ob es gefährlich war. Er wisse
auch nicht, ob der Berufungskläger zu wenig Luft bekommen habe, die beiden
seien ein bisschen weg von der restlichen Gruppe gewesen. «Was ich gesehen
habe, der Mann aus [...] hat ihn hier (zeigt am Kragen) gepackt, der
Mann hat versucht ihn wegzunehmen mit dem Messer. Dann habe ich gesehen, dass
der Mann aus [...] geblutet und geschrien hat» (Akten S. 741). Dass der
Berufungskläger versucht habe, sich mit dem Messer zu befreien, kann E____
nicht bejahen: «Ich denke so: Vielleicht hat er keine Luft bekommen und deshalb
das Messer genommen». Er habe aber nicht gesehen, dass der Berufungskläger
keine Luft bekommen hätte (Akten S. 741). E____ fasst nochmals zusammen:
«Die Situation ging ganz schnell. Der andere wollte nur sein Telefon haben und
weggehen. Sie haben gestritten. Wir haben Blut gesehen» (Akten S. 741). 

 

2.6.4.3 E____
erwähnt auch wieder, dass der Berufungskläger eine Jacke trug, die er [E____]
diesem damals ausgeliehen hatte, und meint schliesslich auf die zum
wiederholten Mal gestellte Frage, ob er das Gefühl gehabt habe, der
Berufungskläger habe keine Luft bekommen: «Ja, kann schon sein. Er hatte Jacke
an. Diese Jacke gehört mir. Ich weiss, wenn man fest zupackt, kann man nicht
atmen» (Akten S. 741). Er habe gesehen, dass der Berufungskläger gehalten
worden sei. Ob er Luft bekommen habe oder nicht, wisse er [E____] aber nicht
(Akten S. 742).

 

2.7      F____
(ein Freund des Opfers) sprach gegenüber der Polizei zunächst von zwei
flüchtigen [...] (Akten S. 186). An der ersten Einvernahme (Akten S. 214 ff.)
gab er dann an, diesen nachgerannt zu sein, weil sie zuvor das Opfer mit den
Fäusten geschlagen hätten. Während der Zeit, da er ihnen gefolgt sei, sei das
Opfer gestochen worden. Es habe noch weitere [...] beim Opfer gehabt, welche er
zuvor noch nie gesehen habe. Die hätten wohl mit der Verletzung zu tun. Einen
mit oranger Jacke (das traf auf E____ zu) und einen, der mit seiner Freundin
dort gewesen sei. Als er selbst zurückgekommen sei, habe das Opfer ‒ sein
Freund ‒ zu ihm einfach gesagt, er sei gestochen worden. Und dann sei
schon die Polizei gekommen. Ein Messer habe er selbst nicht gesehen und sein
Freund habe ihm auch nicht gesagt, wer ihn gestochen habe (Akten S. 217 f.).

 

2.8      G____
(einer der [...]) wurde zusammen mit H____ kurz nach der Tat aufgegriffen
(Akten S. 212, 194 ff.). Er wurde aufgrund der gegen ihn erhobenen
Beschuldigungen in Haft gesetzt, bestritt die Tat aber stets (Akten S. 250 ff.,
267). Nach der Einvernahme des Opfers, das seine ursprüngliche Anschuldigung zurücknahm,
wurde er auf freien Fuss gesetzt (Akten S. 266 ff., 348 ff.).

 

2.9      H____
wurde mit Blut an den Händen, Kleidern und Schuhen kurz nach der Tat
aufgegriffen (Akten S. 212, 194 ff.). Er will gemäss seinen Angaben gegenüber
der Polizei nur gesehen haben, wie das Messer im Rücken des Opfers steckte und
dieses am Boden lag. Mit der Schlägerei hätten sie nichts zu tun gehabt. Sie
hätten dem Opfer helfen wollen und dann habe er plötzlich Probleme mit anderen
Typen bekommen, deswegen sei er geflüchtet (Akten S. 186). An der Einvernahme vor
dem Zwangsmassnahmengericht vom 15. Januar 2020 berichtet er davon, dass er das
Opfer von der früheren Arbeit her kenne. Er habe nichts mitbekommen. Er habe
versucht, dem blutenden Jungen zu helfen. Er habe diesen erst gesehen, als er
schon verletzt gewesen sei (Akten S. 293 f.). «Die anderen» hätten gestritten,
zu zweit. Er habe versucht, sie aufzuhalten und sei dazwischen gegangen. Einer
habe ihm dann einen Faustschlag verpasst, da habe er selbst aufgehört. Er und G____
seien dann weggegangen. Er habe keine Notrufnummer gehabt (Akten S. 294).

 

2.10

2.10.1 Die
Aussagen des Opfers C____ anlässlich seinen Einvernahmen vom 12. Januar 2020
und vom 23. Januar 2020 (Akten S. 230 ff., 348 ff.) hat die Vorinstanz mangels
Konfrontation als nicht verwertbar erachtet (vorinstanzliches Urteil S. 7 f.). Hierzu
ist festzuhalten, dass am 23. Januar 2020 eine Konfrontationseinvernahme mit C____
stattfand, anlässlich welcher mitunter auch der Verteidiger des
Berufungsklägers teilnahm. Letzerem wurde die Gelegenheit gegeben, Fragen zu
stellen, worauf er aber verzichtet hat (Akten S. 348 ff.). Der Verteidiger hat
es im Vorfeld dieser Konfrontationseinvernahme unterlassen, die Teilnahme
seines Mandanten zu beantragen, sodass die zur Diskussion stehende Einvernahme
an sich verwertbar wäre (BGer 6B_422/2017 vom 12. Dezember 2017 E. 1.4.2). Allerdings
besteht das belastende Moment dieser Einvernahme «bloss» darin, dass C____
mehrmals mit einem Messer gestochen worden und der Berufungskläger der Täter sei,
was heute nicht mehr strittig ist. Die Schilderung des Tatablaufs durch den
Privatkläger ist indes derart wirr, dass darauf ohnehin nicht abgestellt werden
kann, sodass sich weitere Ausführungen zur Frage der Verwertbarkeit erübrigen. 

 

2.10.2 Der
Privatkläger verschwand recht bald nach der letzten Einvernahme und ist seit dem
24. Februar 2020 unbekannten Aufenthalts (Akten S. 174). Er wurde am 5. Mai
2020 zur Aufenthaltsforschung und am 28. Mai 2020 wegen des Verdachts auf
falsche Anschuldigung national zur Verhaftung ausgeschrieben (Akten S. 175
ff.). Er blieb auch im zweitinstanzlichen Verfahren unauffindbar (Akten S. 847,
866 f., 945), weshalb eine weitere Befragung zum Sachverhalt mit ihm nicht
durchgeführt werden konnte.

 

2.11

2.11.1  Der
Berufungskläger hat eine Beteiligung seinerseits am zur Diskussion stehenden Ereignis
zunächst kategorisch in Abrede gestellt. Er sei damals mit seiner Freundin
unterwegs gewesen und verstehe nicht, weshalb sein Schulkollege und Zimmernachbar
im WUMA, E____, ihn belaste (Akten S. 78). Er will auch keinen Streit, keine
Schlägerei ‒ nichts dergleichen ‒ mitbekommen haben, auch nicht
zwischen dem Opfer und einem Dritten (Akten S. 227 f., 318 ff.). Den Vorhalt,
das Opfer habe ihn im Streit am Kragen gepackt und hierauf habe er sein Messer
gezogen und mehrmals auf das Opfer eingestochen, beantwortet er mit «Nein»
(Akten S. 326). Zudem besitze er gar kein Messer (Akten S. 328).

 

2.11.2 

2.11.2.1 Am
29. Januar 2020, nach einigen Tagen Haft, gibt A____ dann bekannt, dass er nun «die
Wahrheit» sagen wolle. Er gibt zu, dass er das Opfer niedergestochen habe,
macht aber geltend, das sei gewesen, um sich zu schützen: «Ich habe mich
geschützt, ich konnte nicht mehr atmen. Er hat keine Kleidung gehabt. Ich war
am Trinken in der Ecke und er hatte eine Schlägerei mit anderen. Sein Handy ist
auf den Boden gefallen und zu mir gerutscht. Ich habe es vom Boden aufgenommen,
um es ihm zu geben. Er hat mich gepackt (zeigt an sich selber am Kragen).
Ich konnte nicht mehr atmen. Er hat mich gehalten am Kragen und ich habe mit
meinen Händen versucht seine wegzunehmen. Dieses Messer benötige ich zur
Arbeit. An diesem Tag habe ich es in der Tasche vergessen. Ich habe ihn irgendwo
hier (zeigt sein linkes Handgelenk) geschnitten. Der E____ ist gekommen
und hat den anderen weggenommen. Ich habe das Handy dem E____ gegeben. Wir
waren alle zusammen. Die andere Person ist gekommen und hat den, der mich am
Kragen gepackt hat, geschlagen. Er ist wieder vom Boden aufgestanden und hat
mich in den Schwitzkasten genommen. Dann habe ich ihn zum zweiten Mal hier
geschnitten (zeigt auf seinem Rücken die linke Seite). Danach ist die
Polizei gekommen» (Akten S. 366). 

 

2.11.2.2 Der
Privatkläger habe – so A____ – zunächst mit G____ eine Schlägerei gehabt (Akten
S. 371). C____ habe Letzteren dabei am Kragen gepackt, woraufhin dieser den
Privatkläger geschlagen habe. Da sei das Handy von C____ zu ihm gerutscht und
er habe es genommen. Dann sei er vom Privatkläger erstmals am Kragen gepackt
worden (Akten S. 373 f.). Es sei also C____ gewesen, welcher die
Auseinandersetzung mit ihm angefangen habe (Akten S. 374). C____ habe ihn also gepackt,
da habe er diesen zuerst am linken Handgelenk geschnitten (das Messer habe er
in der rechten Hand gehalten). Beim zweiten Mal habe ihn der Privatkläger
ebenfalls gepackt (zeigt Schwitzkasten), woraufhin er Letzteren auf der
linken Rückenseite geschnitten habe (Akten S. 367). Er [A____] habe nicht
zugestochen, sondern «nur» geschnitten. Er habe sich schützen wollen, weil er
nicht atmen konnte, ein, zwei Mal (Akten S. 367). Auf entsprechende Frage
gab er zu Protokoll, er habe schon zuerst versucht, sich mit den Händen zu wehren.
«Als ich ihn geschnitten habe, war seine andere Hand an meinem Kragen. Nachdem
er mich losgelassen hat, hat er mich auch gegen den Kopf geschlagen. E____
stand zwischen uns» (Akten S. 376). 

 

2.11.2.3 Der
Privatkläger habe ihn also mit der rechten Hand am Kragen gepackt, woraufhin er
Letzterem in die rechte Hand geschnitten habe (der Privatkläger habe ihn im Übrigen
auch mit der rechten Hand gehalten). Auf Rückfrage korrigiert er seine
vorherige Angabe (er habe den Privatkläger in die linke Hand geschnitten; vgl. dazu
E. 2.11.2.2) und bleibt dabei, dass er C____ in die rechte Hand geschnitten
habe, was auch dem medizinischen Befund entspricht (Akten S. 376). Das Messer
habe er zu dem Zeitpunkt aus der Jackentasche hervorgenommen, als ihn das Opfer
am Kragen gepackt habe. «Ich dachte, wenn er mich noch länger am Kragen packt,
bin ich auch auf dem Boden. Man kann auch sterben». Auf die hierauf gestellte
Frage, wie er in dieser Situation – er sei ja eigenen Angaben zufolge für 30 Sekunden
ohne Luft gewesen – noch das Messer aus der Jackentasche holen und öffnen
konnte, gab er Folgendes zu Protokoll: «Als ich mich bewegte, merkte ich das
Messer in der Jacke und habe es hervorgenommen». In dieser Zeit will er es –
auf konkrete Frage hin – auch geöffnet haben (Akten S. 377 f.).

 

2.11.2.4 Er
habe – so der Berufungskläger – nicht öfters ein Messer dabei, nur an jenem Tag
(Akten S. 368). Er benutze es für die Arbeit. «Am Mittwoch vor diesem Tag
habe ich das Messer aus der Hosentasche in die Jackentasche genommen. Danach
habe ich es vergessen (Akten S. 367). Er habe für die Arbeit zwar eine Schere bekommen,
die sei aber zu gross und zu schwer, daher habe er das Messer (Akten S. 359
f.). Auf die Aussage von E____, wonach er das Messer immer auf sich trage, angesprochen,
meint er: «Ich nehme es zur Arbeit mit, Montag bis Mittwoch, sonst nicht». Er besitze
das Messer noch nicht lange, nicht bereits – wie von E____ behauptet – seit dem
Jahr 2018. Er habe es am Kiosk am Bahnhof in Basel gekauft (Akten S. 368 f.). 

 

2.11.3

2.11.3.1 Auch
an der Einvernahme vom 29. April 2020 blieb der Berufungskläger dabei, dass er
sich habe schützen müssen. Es sei um das Handy gegangen. Das Opfer habe eine
Schlägerei mit anderen Leuten gehabt und dann sei das Handy auf dem Boden
gerutscht. Er habe das Handy dem Privatkläger geben wollen. «Dann hat er mich
einmal geschlagen und gepackt (packt sich selbst am Kragen). Ich konnte
nicht mehr atmen. Jemand ist gekommen, wir haben dann aufgehört. Beim zweiten
Mal ist er gekommen, hat mich mit der Faust geschlagen (zeigt an seinen
Hinterkopf). Dann hat er so gemacht (macht einen Schwitzkasten mit dem
rechten Arm), dann ist es passiert. Er ist grösser als ich, er hat mich
gepackt, ich konnte nicht mehr atmen» (Akten S. 409). 

 

2.11.3.2 Auf
die Frage, wie es dann weitergegangen sei, antwortete er: «Ich konnte nicht
mehr atmen, auf der Stirn traten die Venen hervor, die anderen Leute dort
schauten einfach. Er wollte nicht loslassen. Ich habe gemerkt, dass ich das
Messer in der Tasche habe, das Messer der Arbeit, ich habe das Messer
rausgenommen. Ich wollte ihn nicht umbringen. Dann habe ich ihn hier (zeigt
hintere Rückenhälfte, links) ein bisschen geschnitten» (Akten S. 409). Beim
ersten Mal sei er von C____ auf das linke Auge geschlagen worden. Das zweite
Mal sei dessen Hand am Bluten gewesen, dennoch habe ihn der Privatkläger auf
den Kopf geschlagen. Auf die Frage, wie es zu diesem Blut an der Hand gekommen
sei, gibt er zu Protokoll: «Ich weiss nicht, mit Messer, als ich mich bewegte
oder so. Ich war besoffen, ich wollte mich schützen, ich konnte nicht mehr
atmen» (Akten S. 409). Auf Nachfrage hin präzisiert A____, dass er bereits beim
ersten Mal, als er am Kragen gepackt worden sei, nicht mehr habe atmen können.
Da habe er sich gelöst, indem er das Opfer geschnitten habe, aber nur ein
bisschen. Das Opfer habe selbst da nicht loslassen wollen. E____ habe sie dann
getrennt und dann sei das zweite Mal gekommen. Das Opfer habe ihn dabei gepackt
und am Kopf geschlagen (Akten S. 410). 

 

2.11.3.3 Der
Berufungskläger wird dann zum Skizzieren von Details aufgefordert. Nun soll ihn
der Privatkläger aufs Auge geschlagen haben, als er das Handy vom Boden
genommen hatte und sich aufrichten wollte (Akten S. 410). Er sei an der Wand
gestanden, habe sich nicht bewegen können, als das Opfer ihn am Kragen packte
(er glaube mit der rechten Hand). Das Opfer sei direkt vor ihm gestanden (Akten
S. 410). Sodann beschreibt er, dass er einen weissen Kapuzenpulli getragen habe
(Akten S. 501 f.), an welchem ihn das Opfer vorne gepackt habe (Akten 410) und
präzisiert später: «Meine Kapuze war hochgezogen. Er hat dann den Kragen, beim
Hals gepackt und zugezogen. Am Schluss hat er mich so gehalten, er ist grösser»
(Akten S. 414). «Die Mütze war oben, er hat mich so (packt mit der Faust den
Pullover vor der Gurgel zusammen) gepackt» (Akten S. 417). Ob das Opfer mit
einer oder mit beiden Händen zugepackt habe, weiss der Berufungskläger nicht
mehr (Akten S. 414). Als ihm schliesslich der Vorhalt gemacht wird, dass
beim Opfer Stichverletzungen diagnostiziert wurden und dass das mit den
Schnittbewegungen nicht stimmen könne, beharrt er darauf, dass er nicht
gestochen habe. «Ich habe nicht gestochen. Ich wollte nur, dass er mich
loslässt. Ich wollte ihn nicht umbringen» (Akten S. 416).

 

2.11.4

2.11.4.1 An
der erstinstanzlichen Hauptverhandlung wiederholt der Berufungskläger im
Wesentlichen seine bisherige Version des Geschehens, wobei es einige
Ungereimtheiten gibt. Das Handy des Opfers sei zu ihm gerutscht, weil das Opfer
mit einem anderen gestritten habe. Er habe es vom Boden aufgehoben und dem
Opfer zurückgeben wollen. «Er ist zu mir gekommen und hat mich einfach gepackt.
Ich konnte nicht mehr atmen. Ich habe Angst gekriegt». Auf die Frage, weshalb
er nicht mehr atmen konnte, gab er zu Protokoll, er habe einen Pullover mit
Kapuze getragen. C____ habe «ihn [den Pullover] zusammengemacht. Ich konnte
nicht mehr atmen. Ich habe Angst gekriegt. Ich habe bemerkt, dass ich ein
Messer bei mir hatte. Dann habe ich ihn in die Hand gestochen» (Akten S. 732).
Das Opfer habe ihn – so seine Erinnerung – mit der rechten Hand gepackt. Das
Opfer habe trotzdem nicht von ihm gelassen, trotz des Stichs. E____ habe das
Opfer dann «weggenommen», aber dieses sei wiedergekommen und habe ihn – den
Berufungskläger – an den Kopf geschlagen. Das zweite Mal habe das Opfer ihn
unter den Arm genommen und am Hals gepackt (er wisse nicht mehr, mit welchem
Arm). Da habe er das Opfer in den Rücken geschnitten (Akten S. 733). 

 

2.11.4.2 Als
der Berufungskläger genauer zu Einzelheiten befragt wird, meint er, er sei vom
Opfer nur einmal geschlagen worden. Den Widerspruch zu den früheren Aussagen –
damals gab er zu Protokoll, er sei zwei Mal geschlagen worden – kann er nicht
erklären (Akten S. 735). Ebenso wenig kann er erklären, weshalb er die Version
mit dem Schwitzkasten nicht schon von Anfang an erzählt habe (Akten S. 735).
Schliesslich legt er dar – und bleibt trotz mehrmaligen Nachfragens dabei –
dass er das Messer nach dem ersten Schnitt in die Hand des Opfers nochmals
zugemacht und dann erneut geöffnet habe. Er habe es einhändig geöffnet (Akten
S. 735 ff.). Sodann beschreibt er nochmals detailliert, wie das Opfer ihn am
Pullover gepackt habe: Das sei vorne am Hals gewesen, wobei das Opfer den
Pullover und die Kapuze zusammengenommen habe. Der Arm des Opfers sei länger
gewesen (Akten S. 737 f.).

 

2.11.5

2.11.5.1 Auch
in der Berufungsverhandlung wurde der A____ eingehend zum zur Diskussion
stehenden Vorfall befragt, wobei er sich häufig auf fehlendes
Erinnerungsvermögen berief und für genauere Details jeweils nachgefragt werden
musste. Zusammenfassend gab er zunächst zu Protokoll, C____ habe mit zwei
anderen Leuten Streit gehabt (worum es dabei gegangen sei, wisse er nicht
genau, vermute aber, dass es um eine Musikbox gegangen sei). Dessen Handy sei aus
der Tasche zu ihm [dem Berufungskläger] gerutscht, woraufhin er dieses in der
Absicht es anschliessend dem Privatkläger auszuhändigen vom Boden aufgehoben und
diesem gezeigt habe. Daraufhin habe C____ ihn trotzdem fest am Hals gepackt,
wobei er Angst gehabt habe und nicht gut atmen konnte. Er habe versucht, sich zu
befreien. Er habe sich dann spontan an das Messer in seiner Jackentasche
erinnert, dieses hervorgeholt und den Privatkläger an der Hand verletzt,
woraufhin dieser ihn «gelassen» bzw. aufgehört und er das Messer wieder in der Jackenaussentasche
versorgt habe (das Handy habe er E____ ausgehändigt). Dennoch sei C____ –
nachdem er die Treppe hochgegangen und die «anderen» gesucht habe – noch ein zweites
Mal auf ihn zugekommen und habe ihn gepackt bzw. in den Schwitzkasten genommen.
Obwohl zwei weitere Personen versuchten, ihn und den Privatkläger
auseinanderzuhalten und obwohl er [der Berufungskläger] den Privatkläger mit
dem Messer am Rücken verletzte, habe C____ ihn nicht losgelassen und er sei noch
eine Zeit lang weiter mitgezogen worden (im Schwitzkasten). Erst auf konkrete Nachfrage
hin gab er an, auch einmal auf den Kopf geschlagen worden zu sein, wohingegen
er in einer früheren Einvernahme von zwei Schlägen (einer auf den Kopf, einer
auf das Auge) gesprochen hatte (vgl. dazu E. 2.11.3.2). Auf diese
Ungereimtheit angesprochen, macht er wiederum Erinnerungsverlust geltend. Auch
die Frage, wie er das Messer aufgemacht habe (mit einer oder beiden Händen),
konnte oder wollte er nicht beantworten (Akten S. 966 ff.). 

 

2.11.5.2 Das
Messer, welches er im «Jumbo» gekauft habe, habe er während der Arbeit zum Vorbereiten
bzw. Schneiden seines Mittagessens verwendet. Die daraufhin getätigte Feststellung,
er habe in früheren Einvernahmen ausgesagt, er bräuchte das Messer bei der
Arbeit als Werkzeug, weil die ihm zur Verfügung gestellte Schere zu schwer sei
(vgl. dazu E. 2.11.2.4), stellte er in Abrede. Ebenfalls aktenwidrig stritt er
ab, dass er zunächst andere Personen fälschlich belastete (vgl. dazu E. 2.3.1).
In der Folge wurde er gefragt, weshalb er das Messer denn am Tatabend
dabeigehabt habe, zumal er ja kein Mittagessen habe vorbereiten müssen.
Diesbezüglich gab er zu Protokoll, er habe es in der Jacke vergessen. Normalerweise
habe er es in der Hosentasche. Damit das Messer aber nicht rausrutscht, habe er
es dieses Mal im Bus von der Arbeit nach Hause (einem Mittwoch) in die
Jackentasche gelegt (Akten S. 966 ff.). 

 

2.12

2.12.1

2.12.1.1 Die
Aussagen von E____ erweisen sich mit dem Strafgericht (vorinstanzliches Urteil
S. 12) als ausgesprochen glaubhaft. So ergibt die Aussagegenese keinerlei
Anhaltspunkte für eine Falschbezichtigung. Vielmehr geriet E____ wegen seiner
Loyalitätsgefühle gegenüber seinem Freund und Zimmergenossen in einen inneren
Konflikt, den er zuerst zugunsten des Freundes entschied. Erst als ihm bewusst
wurde, dass dadurch Unschuldige in Haft gerieten und das – seiner Auffassung
nach ebenfalls unschuldige – Opfer keine Gerechtigkeit erfahren würde, siegte
das schlechte Gewissen und öffnete er sich einer Vertrauensperson im WUMA.
Dies, obwohl er sich wegen des Vertrauensbruchs gegenüber dem Berufungskläger
schlecht fühlte und sogar eine gewisse Angst vor dessen Reaktion («wenn er mit dem
Messer kommt» [Akten S. 285]) hatte. Er bestätigte seine Depositionen denn auch
anlässlich der zweiten Einvernahme (vgl. dazu schon E. 2.6.3) nur sehr
widerwillig und war erst vor Gericht wieder zu einer umfassenden Aussage
bereit.

 

2.12.1.2 Auch
sonst sind bei E____ keinerlei Motive für eine falsche oder übertriebene
Belastung des Berufungsklägers zu verorten. Er wurde – anders als bei vielen
anderen Fällen von Auseinandersetzungen in Gruppen – zu keinem Zeitpunkt
verdächtigt, selbst an den Verletzungshandlungen beteiligt gewesen zu sein und
hatte damit auch keinen Grund, seine eigene Rolle zu beschönigen bzw. andere zu
belasten. Vielmehr wäre es für ihn einfacher gewesen, seinen Freund gar nicht
erst als Täter ins Spiel zu bringen, um damit auch selbst keinesfalls in den
Dunstkreis der Verdächtigen zu geraten, nachdem der Verdacht bereits auf den beiden
Inhaftierten (G____ und H____) lag. E____ ist somit ohne Not ein nicht geringes
Risiko eingegangen, indem er seine belastenden Aussagen deponiert hat. Das
spricht von der Entstehungsgeschichte her sehr für deren Wahrheit. Kommt dazu,
dass ausgerechnet die damalige Freundin des Berufungsklägers zu Protokoll
gegeben hat, dass wenn sie jemandem glaube, dann E____ (Akten S. 311).

 

2.12.1.3 Eine
inhaltliche Analyse ergibt darüber hinaus, dass die Aussagen von E____ eine
Fülle von Realkriterien enthalten. Sie zeichnen sich aus durch eine hohe
Konstanz und sind in allen wesentlichen Teilen frei von Widersprüchen, ohne
dabei aber einstudiert oder stereotyp zu wirken. E____ schildert das Geschehen
vielmehr lebendig und mit einem angemessenen Detailreichtum, wobei er auch
zahlreiche nebensächliche Einzelheiten erwähnt (beispielsweise beschreibt er
auf entsprechende Frage, dass er eine gelb/orange Jacke und Jeans getragen
habe, ergänzt aber noch, dass er auch Kopfhörer dabeigehabt habe [Akten S.
276]; die Frage nach dem Aussehen des Messer beantwortet er wie folgt: «Es ist
kein Messer zum Essen. Man kann es aufklappen» und ergänzt: «es hat auch eine
kleine Taschenlampe, diese Taschenlampe ist bei uns zu Hause» [Akten S. 280]).
Sein Bericht ist schlüssig und nachvollziehbar; er ist eingebettet in die
räumlichen Gegebenheiten (der Tatort befinde sich unter dem Theater. Man könne
dort hinunter gehen zum Barfüsserplatz [Akten S. 276]) und in einen logischen
zeitlichen Ablauf. Er enthält diverse Passagen in direkter und indirekter Rede.
E____ schildert zum Teil innerpsychologische Vorgänge, die er bei Täter und
Opfer vermutet («der Mann aus [...] wollte nur sein Telefon zurückhaben. Er
wollte nicht Probleme machen [Akten S. 741]; auf die Frage, weshalb der
Berufungskläger das Messer eingesetzt habe, gab er zu Protokoll: «Ich weiss
nicht genau, der Mann aus [...] war noch mit einem Freund da; vielleicht hat er
auch Angst bekommen, er war allein, sie waren zu zweit [Akten S. 741]). Er
erwähnt auch Komplikationen im Handlungsablauf (etwa, er habe mit dem Handy den
Notruf gewählt, gesprochen habe aber danach D____, weil sie besser Deutsch
konnte [Akten S. 283]; zwei weitere Beteiligte seien weggegangen, sie hätten
schon viel Stress mit der Polizei gehabt [Akten S. 284]). Wie die
Vorinstanz zutreffend hervorhebt (vorinstanzliches Urteil S. 12), spricht zudem
für den Wahrheitsgehalt der Aussagen, dass E____ keineswegs dramatisiert oder
den Berufungskläger im Übermass belastet. Vielmehr fällt es ihm augenscheinlich
schwer, seine belastenden Aussagen aufrecht zu erhalten, als er an der
erstinstanzlichen Hauptverhandlung immer und immer wieder zur behaupteten
Notwehrsituation befragt wird und will er entlastende Sachverhaltsversionen
nicht ganz ausschliessen. Tatsächlich bleibt er aber trotz dem fast schon
penetranten Nachbohren bei seiner Aussage, dass er lediglich das Packen am
Kragen gesehen habe, dass das Opfer nicht auf Angriff aus war, sondern nur sein
Handy wieder zurückhaben und dann gehen wollte und dass der Berufungskläger
sogleich mit dem Messer zugestochen habe. 

 

2.12.1.4 Insgesamt
sind die Aussagen von E____ somit auch von ihrer Qualität her sehr glaubhaft,
sodass auf sie abzustellen ist.

 

2.12.2

2.12.2.1 Im
Gegensatz dazu, sind die Depositionen des Berufungsklägers mit dem Strafgericht
(vorinstanzliches Urteil S. 9 ff.) als unglaubhaft zu beurteilen. Dass er
bestrebt ist, seine eigenen Anteile möglichst zu beschönigen und diejenigen des
Opfers zu dramatisieren, ist legitim, aber auch offenkundig. Schon mit Blick
auf diese augenfällige Motivlage kann seinen Aussagen damit keine allzu grosse
Glaubhaftigkeit bescheinigt werden.

 

2.12.2.2 Der
Berufungskläger hat unter dem Druck der belastenden Aussagen von E____ zwar ein
halbherziges Geständnis abgelegt, aber dabei immer nur das zugegeben, was nicht
mehr zu leugnen war. Teils stehen seine Depositionen auch in klarem Widerspruch
zu den objektiven Beweisergebnissen oder zu früher getätigten Aussagen, wobei
er auf diese Aussagen angesprochen, häufig deren Existenz abstritt (vgl. dazu
bereits E. 2.11.5). Hinsichtlich der Widersprüche betreffend die objektiven
Beweismittel hat er etwa das Messer nicht wiedererkennen wollen, bis ihm klargemacht
wurde, dass es aufgrund der darauf haftenden DNA (von ihm und vom Privatkläger)
als Tatwaffe identifiziert werden konnte (Akten S. 377). Sodann hat er auf
seiner Behauptung, das Opfer nur geschnitten, nicht gestochen zu haben, selbst
dann beharrt, als er mit den Verletzungsbefunden gemäss dem Gutachten des IRM
konfrontiert worden war (Akten S. 377 f.). Schliesslich setzt er sich mit seinen
Ausführungen auch dort in Widerspruch zu den Aussagen des E____, wo dieser
bemüht ist, seine Version zu schützen oder zumindest nicht zu entkräften. So
hat E____ nach längerem Nachfragen angegeben, er halte es für möglich, dass der
Berufungskläger keine Luft bekam, weil das passieren könne, wenn man die von
ihm selbst geliehene Jacke fest zuhalte (vgl. dazu E. 2.6.4.3). Das steht
aber im Widerspruch zur Beschreibung des Berufungsklägers, welcher zwar
ebenfalls erwähnt, dass er eine Jacke trug (aus welcher er das Messer
behändigte), aber dann detailliert beschreibt, wie ihn das Opfer nicht an der
Jacke, sondern vorne am weissen Kapuzenpulli (den er offenbar unter der Jacke
trug) gepackt und gewissermassen stranguliert habe (wobei die Beschreibungen
des Berufungsklägers auch hier etwas auseinandergehen: Einmal will er die
Kapuze hochgezogen gehabt haben, während das Opfer den Kragen packte [Akten S.
414, 417]; ein anderes Mal soll das Opfer Kragen und Kapuze zusammengepackt und
zugezogen haben [Akten S. 736 ff.]; dass der Privatkläger die Schnur des
Kapuzenpullis zugezogen haben soll, wird einzig von der Verteidigung geltend
gemacht [Akten S. 417, 955, 977]).

 

2.12.2.3 Kommt
hinzu, dass die vom Berufungskläger behauptete Version des Geschehens
offensichtlich lebensfremd ist: Nach dieser Version soll das Opfer, mit dem er
zuvor keinerlei Differenzen hatte, ohne vorherige verbale Forderung bzw.
Warnung plötzlich zugeschlagen – nach etwas abweichender Schilderung zugepackt
– haben, nachdem er [der Berufungskläger] das Handy des Opfers aufgehoben hatte
und im Begriff war, es dem Opfer auszuhändigen. Das ist angesichts des klaren
Motivs des Privatklägers (das Handy zurückzuerhalten) doch höchst
unwahrscheinlich, ganz im Gegensatz zur äusserst plausiblen Darstellung von E____.
Ebenso unlogisch und mit der Darstellung von E____, der von einer zeitlichen
Zäsur nicht einmal ansatzweise berichtet, schlechterdings nicht in Einklang zu
bringen ist auch die Schilderung, dass das Opfer nach der ersten Verletzung – trotz
bereits erlittener erheblicher Schnittverletzung an der rechten Hand und dem
Wissen um die offensichtlich scharfe Klinge – unbewaffnet nochmals auf den
Berufungskläger losgegangen sei (gemäss den Aussagen in der
Berufungsverhandlung will er in der Zwischenzeit sogar einmal eine Treppe hoch-
und wieder heruntergegangen sein). Viel naheliegender und der Lebenserfahrung
entsprechend, hätte A____ – unter der fingierten Prämisse, dass es tatsächlich
eine zeitliche Zäsur gab – dem Privatkläger nach dem ersten Stich trotz
allenfalls vorhandenem Adrenalin (Akten S. 955, 977) bei einem erneuten Angriff
verbal mit weiteren Hieben gedroht. Neben der Tatsache, dass die anlässlich der
Einvernahme vom 29. April 2020 nachgestellte Schwitzkasten-Szene mit dem
Strafgericht (vorinstanzliches Urteil S. 11) schon rein anatomisch/physiologisch
schwer aufgehen kann (Akten S. 419 ff.), ist ebenso undenkbar, dass der
Berufungskläger zwischenzeitlich das Tatmesser zugeklappt und wieder in der
Tasche versorgt haben soll (wobei er sich auch hinsichtlich des Zuklappens
widerspricht, ist er sich doch diesbezüglich in der Einvernahme vom 29. April
2020 plötzlich nicht mehr sicher [Akten S. 415; vgl. auch Akten S. 378, 735
f., 971 f.]). Angesichts von Grösse und Form des Messers und besonders von
dessen Klinge, ist es freilich – weil viel zu gefährlich auch für den Träger
selbst – überhaupt undenkbar, dieses im Verlauf einer Auseinandersetzung
geöffnet in der eigenen Jackentasche zu versorgen. Gleichzeitig kann angesichts
des erheblichen Gewichts entgegen der in der Ansicht des Berufungsklägers auch ausgeschlossen
werden, dass es unbemerkt in der Jackentasche vergessen wird. Ferner sei angemerkt,
dass sich das Messer weder einhändig öffnen noch einhändig schliessen lässt.
Einmal geöffnet, rastet es ein und man muss mit der zweiten Hand einen kleinen
Hebel bedienen (und dabei aufpassen, dass man sich nicht schneidet), um es
schliessen zu können (vgl. dazu Akten S. 831). Auch das lässt die
Darstellung des Berufungsklägers mehr als fraglich erscheinen. 

 

2.12.2.4 Im
Übrigen fallen auch weitere Aussagen inkonstant aus. So führte der
Berufungskläger anlässlich seiner Einvernahme vom 29. Januar 2020 aus, der
Privatkläger habe ihn einmal auf den Kopf geschlagen (indes erst, nachdem C____
ihn losgelassen hatte [Akten S. 376]). An der Einvernahme vom 29. April 2020
berichtete der Berufungskläger davon, dass er beim ersten Mal von C____ auf das
linke Auge geschlagen worden sei. Das zweite Mal sei dessen Hand am Bluten
gewesen, dennoch habe ihn der Privatkläger auf den Kopf geschlagen (Akten S. 409).
An der erstinstanzlichen Hauptverhandlung gab A____ zu Protokoll, das Opfer
habe trotz des ersten Schnitts in die Hand nicht von ihm gelassen. E____ habe
das Opfer dann «weggenommen», aber dieses sei wiedergekommen und habe ihn – den
Berufungskläger – an den Kopf geschlagen (Akten S. 733). Im Rahmen der
Berufungsverhandlung gab er erst auf konkrete Nachfrage hin an, auch einmal auf
den Kopf geschlagen worden zu sein (Akten S. 973). Hinsichtlich des Ortes, an
welchem er das verwendete Messer gekauft hat, gab er zudem zunächst an, es beim
Kiosk am Bahnhof SBB in Basel erworben zu haben (Akten S. 368 f.). In der
Berufungsverhandlung gab er dem widersprechend an, das Messer im «Jumbo»
gekauft zu haben (Akten S. 973). Darüber hinaus sind auch die (absurden) Erklärungen,
wofür der Berufungskläger das Messer ursprünglich überhaupt gekauft hatte, unterschiedlich
ausgefallen. So gab er zunächst zu Protokoll, er habe für die Arbeit zwar eine
Schere bekommen, die sei aber zu gross und zu schwer gewesen, daher habe er das
Messer gekauft (Akten S. 359 f.). Dies kann aber schon deshalb ausgeschlossen
werden, da die [...] ihre Mitarbeitenden mit Sicherheit mit geeignetem Werkzeug
ausrüstet und den Einsatz des Messers aufgrund der bereits beschriebenen
Beschaffenheit bzw. des damit verbundenen Verletzungsrisikos offensichtlich nicht
akzeptiert hätte. In der Berufungsverhandlung gab er in diesem Zusammenhang
dann an, er habe es zwecks «Schneidens und Vorbereitens» seines Mittagessens
erworben (Akten S. 967), was angesichts der Beschaffenheit des Messers (vgl. dazu
E. 2.12.2.3) auszuschliessen ist. Zudem hat E____ zu Protokoll gegeben, dass es
«kein Messer zum Essen» sei (Akten S. 280). Viel naheliegender ist in
Übereinstimmung mit den Aussagen von E____ (Akten S. 282 f.), dass der
Berufungskläger das Messer immer und grundsätzlich auf sich trug, um es
notfalls einzusetzen. Schlicht faktenwidrig ist schliesslich die seitens des
Berufungsklägers mehrfach geäusserte Behauptung, C____ sei grösser und stärker
gewesen als er (Akten S. 409, 414, 416). Der Berufungskläger ist nach seinen
Angaben 1.70 Meter gross und damals 56 Kilogramm schwer gewesen und das Opfer
gemäss Gutachten des IRM «nur» 1.67 Meter gross und gleich leicht (Akten S. 416).
Kommt dazu, dass E____ ausgesagt hat, der Berufungskläger sei stärker gewesen
(Akten S. 281).

 

2.12.3 Schliesslich
ist mit dem Strafgericht (vorinstanzliches Urteil S. 11) festzuhalten, dass die
Aussagen der weiteren Beteiligten (D____, H____, G____, F____ und C____) kaum etwas
Wesentliches zur Klärung des Sachverhalts beitragen (soweit sie überhaupt
verwertbar sind).

 

2.13

2.13.1 Der
Sachverhalt ist gestützt auf die zahlreichen objektiven Beweise sowie auf die
glaubhaften Aussagen von E____ damit im Sinne der Hautpanklage gemäss Ziff. 2.2
grundsätzlich erstellt. Im Einzelnen ist der Darstellung von E____ auch in
Bezug auf den Anlass (Streit um ein Handy) bzw. den Zeitpunkt des Zustechens (nachdem
der Berufungskläger dem Privatkläger das Handy nicht zurückgeben wollte und A____
am Kragen gepackt wurde) zu folgen. Dies entspricht einer Art Mischung aus AKS Ziff.
2.2 und einer relativierten AKS Ziff. 2.3. Von diesem Sachverhalt kann – wie
sogleich zu zeigen sein wird – ohne Verletzung des Akkusationsprinzips ausgegangen
werden.

 

2.13.2  Das
Akkusationsprinzip verfolgt keinen Selbstzweck, sondern soll die Funktionen der
Umgrenzung und der Information gewährleisten. Entscheidend ist, dass der
Betroffene genau weiss, welcher Lebensvorgang Gegenstand der Anklage war bzw.
welcher Handlungen er beschuldigt und wie sein Verhalten rechtlich qualifiziert
wird, damit er sich in seiner Verteidigung richtig vorbereiten kann (BGE 143
IV 63 E. 2.2, 141 IV 132 E. 3.4.1, 140 IV 188 E. 1.3; BGer 6B_656/2020 vom 23.
Juni 2021 E. 1.4, 6B_584/2016 vom 6. Februar 2017 E. 2.1 und 2.3.1). Selbst
eine Verurteilung trotz eines formellen oder materiellen Mangels der
Anklageschrift verletzt daher den Anklagegrundsatz nicht in jedem Fall, sondern
nur dann, wenn sich dieser Mangel auch tatsächlich auf die Verteidigung
ausgewirkt hat (BGer 6B_941/2018 vom 6. März 2019 E. 1.3.4, 6B_1079/2015 vom
29. Februar 2016 E. 1.1). Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung lässt es der
Anklagegrundsatz denn auch ausdrücklich zu, dass der im gerichtlichen Verfahren
ermittelte Sachverhalt von der Darstellung in der Anklageschrift abweicht. Die
Fixierung des Anklagesachverhalts geht nicht weiter als es für eine
verlässliche Eingrenzung des Verhandlungsgegenstands und eine wirksame
Verteidigung erforderlich ist (vgl. dazu BGE 141 IV 132 E. 3.4.1; BGer
6B_958/2019 vom 5. Februar 2021 E. 2.2). Ergibt das gerichtliche
Beweisverfahren, dass sich das Tatgeschehen in einzelnen Punkten anders
abgespielt hat, als im Anklagesachverhalt dargestellt, so hindert der
Anklagegrundsatz das Gericht nicht, die beschuldigte Person aufgrund des
abgeänderten Sachverhaltes zu verurteilen, sofern die Änderungen für die
rechtliche Qualifikation des Sachverhalts nicht ausschlaggebende Punkte
betreffen und die beschuldigte Person Gelegenheit hatte, dazu Stellung zu
nehmen (BGer 6B_638/2019 vom 17. Oktober 2019 E. 1.4.2, 6B_50/2018 vom 7.
Dezember 2018 E. 2.2 mit weiteren Hinweisen).

 

2.13.3  In
casu dient die der Schilderung der vorgeworfenen Handlungen vorangestellte
Skizzierung von Streitigkeiten zur Veranschaulichung der gesamten Situation,
ohne Anspruch darauf, abschliessend oder präzise zu sein. Das wird schon aus
der Formulierung deutlich («vermutlich ging es dabei um ein Mobiltelefon»).
Wenn die Version, dass der Berufungskläger sein Messer hervornahm, weil das
Opfer der Aufforderung, einen anderen loszulassen, nicht nachkam (AKS Ziff. 2.2)
vorliegend verworfen wird, so erfolgt das zugunsten des Berufungsklägers. Wenn
sodann in Annäherung an AKS Ziff. 2.3 davon ausgegangen wird, dass der
Berufungskläger zustach, weil das Opfer im Verlaufe eines Streits gegen ihn
handgreiflich wurde, so entspricht das grundsätzlich seiner eigenen
Verteidigungslinie. Dass das Gericht dieser nicht bis zuletzt folgt und von
weniger weitgehenden Handgreiflichkeiten ausgeht, als der Berufungskläger behauptet
(vgl. dazu E. 2.13.1), hat auf dessen Verteidigungsstrategie keinerlei
Einfluss. Dasselbe gilt für die Annahme, es sei zwar – wie er selbst angibt –
um ein Handy gegangen, aber er habe dieses nicht zurückgeben, sondern vielmehr
behalten wollen. Anzufügen bleibt, dass die Vorinstanz im Wesentlichen bereits
von einer Vorgeschichte gemäss der Darstellung von E____ ausgegangen, jene aber
im Einzelnen offengelassen hat, wogegen der Berufungskläger im
zweitinstanzlichen Verfahren keine Einwände erhoben hat. 

 

3.

3.1      Dass
die Handlungen des Berufungsklägers objektiv ins Versuchsstadium einer
vorsätzlichen Tötung bzw. schweren Körperverletzung gelangt sind, wird nicht bestritten
und steht aufgrund des Verletzungsbefunds (vgl. dazu E. 2.3.2) ausser Zweifel.
Der Berufungskläger bestreitet den Tötungs- bzw. (schweren) Verletzungsvorsatz
und beantragt deswegen eventualiter einen Schuldspruch «nur» wegen mehrfacher
einfacher Körperverletzung (Akten S. 899 f., 959 f.). 

 

3.2

3.2.1   Vorsätzlich
begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Tat mit Wissen und Willen ausführt.
Vorsätzlich handelt bereits, wer die Verwirklichung der Tat für möglich hält
und in Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 2 des Strafgesetzbuches [StGB, SR 311.0]).
Eventualvorsatz, welcher zur Erfüllung des subjektiven Tatbestands von Art. 111
StGB genügt, ist nach ständiger Rechtsprechung dann gegeben, wenn der Täter die
Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber dennoch handelt, weil er den
Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt, sich mit ihm abfindet, mag
er ihm auch unerwünscht sein (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3; BGer 6B_213/2019 vom 26.
August 2019 E. 4.3.2). 

 

3.2.2   Ob
der Täter die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen hat, muss das Gericht
bei Fehlen eines Geständnisses aufgrund der Umstände entscheiden. Dazu gehören
die Grösse des dem Täter bekannten Risikos der Tatbestandsverwirklichung, die
Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung, die Beweggründe des Täters und die Art
der Tathandlung. Je grösser die Wahrscheinlichkeit der
Tatbestandsverwirklichung ist und je schwerer die Sorgfaltspflichtverletzung
wiegt, desto eher darf gefolgert werden, der Täter habe die
Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen (BGE 135 IV 12 E. 2.3.2, 134 IV
26 E. 3.2.2, 133 IV 9 E. 4.1). Das Gericht darf vom Wissen auf den Willen
schliessen, wenn sich dem Täter die Verwirklichung der Gefahr als so
wahrscheinlich aufdrängte, dass die Bereitschaft, sie als Folge hinzunehmen,
vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolgs ausgelegt werden kann (BGE
137 IV 1 E. 4.2.3). Eventualvorsatz kann indessen auch dann vorliegen, wenn der
Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs nicht in diesem Sinne sehr wahrscheinlich,
sondern bloss möglich war. Doch darf nicht allein aus dem Wissen des Täters um
die Möglichkeit des Erfolgseintritts auf dessen Inkaufnahme geschlossen werden.
Vielmehr müssen weitere Umstände hinzukommen (BGE 133 IV 9 E. 4.1, 133 IV 1 E. 4.5).
Solche Umstände liegen namentlich vor, wenn der Täter das ihm bekannte Risiko
nicht kalkulieren bzw. dosieren kann und das Opfer keine Abwehrchancen hat (BGE 133
IV 1 E. 4.5, 131 IV 1 E. 2.2). Insbesondere hängt es bei einem Messerstich in
den Oberkörper von der Klingenlänge, der Lokalisation des Stichs, der Wucht,
mit der dieser ausgeführt wurde, und der Art und Weise der Tatausführung
(Dynamik des Geschehens und Stellung der Kontrahenten) ab, ob ein
Eventualvorsatz auf Tötung vorliegt (AGE SB.2015.71 vom 26. Oktober 2016 E.
3.2.4). Überlässt der Täter es dem Zufall, ob sich die von ihm geschaffene
Lebensgefahr verwirklicht oder nicht, liegt bereits eine (versuchte)
eventualvorsätzliche Tötung vor (zum Ganzen auch: BGer 6B_213/2019 vom 26. August
2019 E. 4.3.4, 6B_675/2018 vom 26. Oktober 2018 E. 2.3.2). Allgemein bekannte
Tatsachen können einem Täter angerechnet werden (BGer 6B_213/2019 vom 26.
August 2019 E. 4.4, 6B_675/2018 vom 26. Oktober 2018 E. 2.4.2, 6B_260/2012 vom
19. November 2012 E. 2.4).

 

3.2.3   «Was
der Täter weiss, will und in Kauf nimmt, betrifft eine innere Tatsache und ist
Tatfrage. […]. Rechtsfrage ist hingegen, ob im Lichte der festgestellten
Tatsachen der Schluss auf Eventualvorsatz begründet ist» (BGE 141 IV 369 E. 6.3,
137 IV 1 E. 4.2.3, 135 IV 152 E. 2.3.2). «Da sich Tat- und Rechtsfragen
insoweit teilweise überschneiden, hat das Sachgericht die in diesem
Zusammenhang relevanten Tatsachen möglichst erschöpfend darzustellen, damit
erkennbar wird, aus welchen Umständen es auf Eventualvorsatz geschlossen hat»
(BGer 6B_213/2019 vom 26. August 2019 E. 4.3.3, 6B_908/2017 vom 15. März 2018
E. 1.3.4).

 

3.3

3.3.1   Es
entspricht dem – nach der zuvor erörterten Rechtsprechung in die Bewertung
miteinzubeziehenden Allgemeinwissen – dass Messerstiche in den Rumpf bzw.
Rücken eines Opfers, wenn sie mit Wucht ausgeführt werden, innere Organe
verletzen und zu inneren Blutungen führen können, welche den Tod des Verletzten
zur Folge haben. Es sind nicht nur Stiche in den Hals-, Brust- und/oder
Bauchbereich vital bedrohlich, sondern grundsätzlich auch solche in den Rücken,
wo sich oberflächennahe vulnerable Organe und Gefässe wie Nieren, Milz oder
Venen und Arterien befinden, die schnell durch Stichwaffen in
lebensbedrohlichem Ausmass verletzt werden können. Der Ort des Eindringens ist –
insbesondere in dynamischen Situationen – regelmässig zufällig (BGer 6B_748/2013
vom 19. Juni 2014 E. 1.4, 6B_377/2012 vom 11. Oktober 2012 E. 3.3, 6B_775/2011
vom 4. Juni 2012 E. 2.4.2, 6B_635/2009 vom 19. November 2009 E. 3.3, 6B_788/2008
vom 26. Dezember 2008 E. 1.1, 1.3; AGE SB.2015.86 vom 4. November
2016 E. 3).

 

3.3.2   Gemäss
dem dargelegten Beweisergebnis hat der Berufungskläger seinem Gegenüber mit dem
Klappmesser nicht nur einen Schnitt zugefügt, sondern darüber hinaus die gesamte
Klinge (8.7 Zentimeter) bis zum Anschlag mit Kraft in den Rücken gerammt,
sodass eine acht Zentimeter tiefe Stichwunde entstanden ist. Er hat das
Tatinstrument im Rahmen einer dynamischen Auseinandersetzung zweimal
nacheinander gegen den Oberkörper seines Kontrahenten eingesetzt, weshalb es
ihm unmöglich war, den Ort, die Tiefe und den Winkel des Einstichs bzw. der
Einstiche zu steuern. Gemäss den Feststellungen im rechtsmedizinischen
Gutachten ist eine Stichverletzung an derartiger Lokalisation prinzipiell
geeignet, Schädigungen innerer Körperstrukturen und Organe herbeizuführen.
Vorliegend habe die Gefahr der Eröffnung der linken Brust- und Bauchhöhle sowie
der Verletzung angrenzender Organe bestanden. Die im Schichtbildröntgen
festgestellte Hautdurchtrennung habe zirka 2.5 Zentimeter von der linken
Brusthöhle und der linken Lunge sowie zirka 2.3 Zentimeter von der
Bauchhöhle und der Milz entfernt gelegen (Akten S. 623). Unter den
gegebenen Voraussetzungen war der Berufungskläger nicht in der Lage, eine
tödliche Verletzung gezielt zu vermeiden. Er hat sich eines Tatwerkzeugs mit
breiter und scharfer Klinge bedient, welches in allgemein bekannter Weise zur
Tötung eines Menschen genutzt werden kann. Dass der Privatkläger «nur gerade»
die tatsächlich erlittenen Blessuren davongetragen hat, ist nicht auf «starke
Skelettmuskulatur» zurückzuführen (Akten S. 899, 960), sondern ist reiner
Zufall. Trotz der im Kanton Basel-Stadt zweifellos guten medizinischen
Versorgung konnte der Berufungskläger entgegen seiner Ansicht (Akten S. 899,
959 f.) nicht voraussehen, wie lange es dauern würde, bis medizinische Hilfe
eintreffen würde (er war jedenfalls selbst darum nicht bemüht, die
Rettungsdienste herbeizurufen). Auch konnte er in keiner Weise abschätzen, ob
die Zeit tatsächlich reichen würde, um das Opfer zu retten. Er konnte mithin
das Tötungsrisiko nicht kalkulieren und überliess es dem Zufall, ob C____
infolge der Stichverletzungen tatsächlich sterben würde oder nicht. 

 

3.3.3   Angesichts
des hohen offenkundigen Risikos des Todeseintritts bei einem nicht
kontrollierbaren heftigen Stich mit einem Messer in den Rücken eines Menschen
muss mit dem Strafgericht (vorinstanzliches Urteil S. 15 f.) davon ausgegangen
werden, dass A____ mit Eventualvorsatz zur Tötung gehandelt hat.

 

3.4      Hinsichtlich
der versuchten schweren Körperverletzung (Stich in die rechte Hand) ist es nur dem
Mangel an weiterführenden Informationen über den Heilungsverlauf geschuldet,
dass in dubio nicht von einer vollendeten schweren Körperverletzung auszugehen
ist. Der Eventualdolus hinsichtlich einer schweren Körperverletzung ist bei
einem Zustechen mit dem Tatmesser in einer dynamischen Situation gegen die Hand
aber klar zu bejahen. So hat bereits das Strafgericht überzeugend erwogen, dass
der Berufungskläger aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung wissen musste,
dass ein Stich gegen die Hand schnell folgenreich sein kann, handelt es sich
hierbei doch um ein wichtiges Körperglied im Sinne von Art. 122 Ziff. 2 StGB,
in dem viele Sehnen, Muskeln und Nervenbahnen auf kleiner Fläche verlaufen
(vgl. dazu BGE 129 IV 1 E. 3.2, 124 IV 258 E. 2). Ausserdem erfolgte der
Einsatz des Messers für C____, der dem Berufungskläger unbewaffnet und mit
nacktem Oberkörper gegenüberstand, überraschend, so dass er kaum mehr eine
Möglichkeit hatte, abzuwehren oder auch nur reflexartig zurückzuweichen
(vorinstanzliches Urteil S. 13 f.). 

 

3.5

3.5.1

3.5.1.1 Der
Berufungskläger macht geltend, er habe in Notwehr bzw. im Notwehrexzess
gehandelt (Akten S. 896 ff., 956 ff.). Wird jemand ohne Recht angegriffen oder
unmittelbar mit einem Angriff bedroht, so ist der Angegriffene und jeder andere
berechtigt, den Angriff in einer den Umständen angemessenen Weise abzuwehren (Art.
15 StGB). Überschreitet der Abwehrende die Grenzen der Notwehr, so mildert das
Gericht die Strafe (Art. 16 Abs. 1 StGB). Nach der Rechtsprechung muss die
Abwehr in einer Notwehrsituation nach der Gesamtheit der Umstände als
verhältnismässig erscheinen (BGE 136 IV 49 E. 3.2). Notwehr ist nur so
lange zulässig, wie der Angriff andauert. Der begonnene Angriff bleibt so lange
gegenwärtig, als die Zufügung einer neuen oder die Vergrösserung der bereits
eingetretenen Verletzung durch das Verhalten des Angreifers unmittelbar
bevorsteht (BGE 102 IV 1 E. 2b; BGer 6B_281/2014 vom 11. November 2014 E.
2.3.1 mit weiteren Hinweisen). Ein Fall von Putativnotwehr ist gegeben, wenn
der Täter einem Sachverhaltsirrtum unterliegt, indem er irrtümlich annimmt, es
sei ein rechtswidriger Angriff im Sinne von Art. 15 StGB gegenwärtig oder
unmittelbar bevorstehend (BGE 129 IV 6 E. 3.2 mit weiteren Hinweisen). Handelt
der Täter in einer irrigen Vorstellung über den Sachverhalt, so beurteilt das
Gericht die Tat zugunsten des Täters nach dem Sachverhalt, den sich der Täter
vorgestellt hat (Art. 13 Abs. 1 StGB; BGer 6B_873/2018 vom 15. Februar
2019 E. 1.1.3, 6B_281/2014 vom 11. November 2014 E. 2.3.2).

 

3.5.1.2 Die
Abwehr in einer Notwehrsituation muss nach der Gesamtheit der Umstände als
verhältnismässig erscheinen. Eine Rolle spielen vor allem die Schwere des
Angriffs, die durch den Angriff und die Abwehr bedrohten Rechtsgüter, die Art
des Abwehrmittels und dessen tatsächliche Verwendung (BGE 136 IV 49 E. 3.2, 102
IV 65 E. 2a; BGer 6B_853/2016 vom 18. Oktober 2017 E. 2.2.2, 6B_632/2012 vom
30. Mai 2013 E. 3.5). Die Angemessenheit der Abwehr ist aufgrund jener
Situation zu beurteilen, in der sich der rechtswidrig Angegriffene zum
Zeitpunkt seiner Tat befand. Es dürfen nicht nachträglich allzu subtile
Überlegungen darüber angestellt werden, ob der Angegriffene sich nicht allenfalls
auch mit anderen, weniger einschneidenden Massnahmen hätte begnügen können und
sollen (BGE 136 IV 49 E. 3.1 f., 107 IV 12 E. 3a; BGer 6B_873/2018 vom 15.
Februar 2019 E. 1.1.3, 6B_135/2017 vom 20. November 2017 E. 2.3.1; Niggli/Göhlich, in: Basler Kommentar, 4.
Auflage 2019, Art. 15 StGB N 28 f.). Besondere Zurückhaltung ist bei der
Verwendung gefährlicher Werkzeuge zur Abwehr (Messer, Schusswaffen etc.)
geboten, da deren Einsatz stets die Gefahr schwerer oder gar tödlicher
Verletzungen mit sich bringt. Angemessen ist die Abwehr, wenn der Angriff nicht
mit weniger gefährlichen und zumutbaren Mitteln hätte abgewendet werden können,
der Täter womöglich gewarnt worden ist und der Abwehrende vor der Benutzung des
gefährlichen Werkzeugs das Nötige zur Vermeidung einer übermässigen Schädigung
vorgekehrt hat. Auch ist eine Abwägung der auf dem Spiel stehenden Rechtsgüter
unerlässlich. Doch muss deren Ergebnis für den Angegriffenen, der
erfahrungsgemäss rasch handeln muss, mühelos erkennbar sein (BGE 136 IV 49 E. 3.3;
BGer 6B_873/2018 vom 15. Februar 2019 E. 1.1.3, 6B_1211/2015 vom 10. November
2016 E. 1.4.1).

 

3.5.1.3 Art.
16 StGB regelt unter dem Titel «entschuldbare Notwehr» Fälle, in welchen die
Grenzen der Notwehr überschritten werden. Die Tathandlung bleibt damit zwar
rechtswidrig, jedoch ist die Strafe in Anwendung von Art. 48a StGB
obligatorisch zu mildern (Art. 16 Abs. 1 StGB) bzw. es ist, wenn entschuldbare
Aufregung oder Bestürzung über den Angriff zur übermässigen Notwehr geführt
hat, auf fehlende Schuld und damit auf Freispruch zu erkennen (Art. 16 Abs. 2
StGB; vgl. dazu Trechsel/Geth, in:
Trechsel/Pieth [Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, 4.
Auflage, Zürich 2021, Art. 16 StGB N 2). Das Gesetz regelt nur den
quantitativen, intensiven Notwehrexzess, bei dem der Täter auf einen
unmittelbar drohenden Angriff übermässig reagiert. Es regelt hingegen nicht
auch den qualitativen, extensiven Exzess, bei welchem der Täter in einem
Zeitpunkt handelt, in dem ein Angriff noch nicht oder nicht mehr unmittelbar
droht (BGer 6B_853/2016 vom 18. Oktober 2017 E. 2.2.1, 6B_724/2017 vom 21.
Juli 2017 E. 2.1). 

 

3.5.2

3.5.2.1 Der
Berufungskläger geht zur Begründung von Notwehr von einem anderen Sachverhalt
aus (Akten S. 896 ff., 956 ff.), als er hier festgestellt wurde. Nach dem Beweisergebnis
(vgl. dazu E. 2.13.1) gab es einen durch A____ initiierten Streit um ein
Handy, welches der Berufungskläger C____ nicht mehr zurückgeben wollte. Im Zuge
dessen hat der Privatkläger seine Jacke und sein T-Shirt ausgezogen und zu
boxen angefangen bzw. den Berufungskläger am Kragen gepackt. Hierauf hat der Berufungskläger
ein Messer aus der Jacke hervorgenommen und mit seiner rechten Hand in
schneller Abfolge drei Mal zugestochen (zuerst einmal in die rechte Hand und sodann
zweimal in den Rücken, wobei in dubio «bloss» von einer Stich- und einer Schnittverletzung
ausgegangen wird).

 

3.5.2.2 Es
kann offenbleiben, ob das von E____ geschilderte «Boxen» und «am Kragen packen»
überhaupt eine Notwehrlage im Sinne von Art. 15 StGB begründet, zumal C____ seinerseits
das Handy nicht zurückerhalten hatte bzw. der Berufungskläger dieses
widerrechtlich nicht herausgeben wollte und daher fraglich erscheint, ob von
einem rechtswidrigen Angriff auszugehen ist (vgl. dazu Mausbach/Straub, in: Straub [Hrsg.], Annotierter Kommentar
StGB, Bern 2020, Art. 15 N 4; Niggli/Göhlich,
a.a.O., Art. 15 StGB N 21 ff.). Nach konstanter Rechtsprechung des
Bundesgerichts entfällt das Notwehrrecht jedenfalls dann, wenn der Angriff
vorsätzlich provoziert wurde (BGE 142 IV 14 E. 5.3, 136 IV 49 E. 4.1; Niggli/Göhlich, a.a.O., Art. 15
StGB N 45 ff.; Trechsel/Geth,
a.a.O., Art. 15 N 11; Mausbach/Straub,
a.a.O., Art. 15 N 12). Davon kann in casu zwar (noch) nicht ausgegangen werden.
Wenn die Notwehrlage indes rechtswidrig, aber – wie hier – in dubio unabsichtlich
verursacht worden ist, wird eine Beschränkung des Notwehrrechts von Trutz- auf
Schutzwehr postuliert, was bedeutet, dass der Provokateur ausweichen muss (Trechsel/Geth, a.a.O., Art. 15 N 11;
BGer 6B_663/2016, 6B_910/2016). In casu hat der Berufungskläger diesen Rahmen
mit dem Einsatz des Klappmessers gegenüber dem offensichtlich unbewaffneten
Opfer (mit nacktem Oberkörper) bei weitem überschritten, sodass von einer
angemessenen Notwehrhandlung nicht die Rede sein kann. Hat der Angegriffene
selbst schuldhaft und nicht rechtmässig den Angriff mitverursacht, ist seine
Abwehrhandlung nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung (BGE 109 IV 5 E. 3; vgl.
dazu auch Mausbach/Straub, a.a.O.,
Art. 16 N 5) im Sinne von Art. 16 Abs. 2 StGB nicht entschuldbar und es kann
auch nicht von einer Form des Notwehrexzesses ausgegangen werden, wobei darauf
hinzuweisen ist, dass das Bundesgericht für die Entschuldbarkeit eines Notwehrexzesses
– insbesondere dann, wenn der Täter eine Waffe mit sich führt – ohnehin einen
strengen Massstab anlegt (BGer 6B_853/2016 vom 18. Oktober 2017 E. 1.1, 6B_480/2011
vom 17. August 2011 E. 2.1). 

 

3.5.2.3 Für
eine allfällige Putativnotwehrsituation, in welcher sich der Berufungskläger
mit einem Messer hätte wehren dürfen, gibt es aus dem Beweisergebnis und selbst
aus den eigenen (unglaubhaften) Schilderungen des Berufungsklägers keinerlei
Anhaltspunkte. Wenn der Berufungskläger effektiv der Meinung gewesen wäre, er
sei in akuter Bedrängnis gewesen bzw. er habe in Notwehr gehandelt, hätte er
dies problemlos bereits der Polizei erzählen oder dies zumindest nach
Bedenkzeit anlässlich der ersten Einvernahme zu Protokoll geben können. Dass er
Angst gehabt habe (Akten S. 969), verfängt schon deshalb nicht, weil er
aufgrund der Aussagen von E____ anlässlich seiner ersten Einvernahme bereits
der Hauptverdächtige bzw. schon inhaftiert gewesen ist (vgl. dazu schon
E. 2.3.1, 2.11.2) und insofern rein gar nichts zu verlieren hatte. Kommt
dazu, dass sein Aussageverhalten (ständig wechselnde Versionen des Geschehens [vgl. dazu
E. 2.11, 2.12.3]) nicht zu einer Putativnotwehrsituation passt, wäre diesfalls
doch zu erwarten, dass die Geschehnisse konstant geschildert werden. Im Übrigen
spricht auch sein Nachtatverhalten (vgl. dazu E. 4.3.3) nicht dafür, dass er
selbst von einer gerechtfertigten Handlung ausgegangen ist. So versteckte er
das Tatwerkzeug unter einem Elektroverteilerkasten (Akten S. 210 f.), versuchte
den Tatverdacht zunächst auf G____ und H____ zu lenken (Akten S. 186) und sprach
sich mit D____ per Snapchat-Nachricht ab (Akten S. 317).

 

3.6      Zusammenfassend
ergehen auch im Berufungsverfahren Schuldsprüche wegen versuchter vorsätzlicher
Tötung und versuchter schwerer Körperverletzung. Aufgrund der gemäss
Beweisergebnis schnellen Abfolge der Stiche stellt sich noch die Frage, ob dem
Tatbestand der versuchten schweren Körperverletzung eigenständige Bedeutung
zukommt. Dieser wäre durch den Tatbestand der versuchten vorsätzlichen Tötung insbesondere
dann konsumiert, wenn der als Erstes erfolgte Stich in die Hand eine Durchgangsstation
zur Tötung darstellen würde und insofern vom Tötungsvorsatz mitumfasst wäre
(vgl. dazu Geth, in:
Trechsel/Pieth [Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, 4.
Auflage, Zürich 2021, Art. 122 N 12). Da mit einem Stich in die Hand offensichtlich
keine Tötung begangen werden kann und für den Stich in den Rücken ein neuer –
wenn auch augenblicklich gefasster – abgrenzbarer Tatentschluss notwendig ist,
kann nicht von einer Durchgangsstation ausgegangen werden und bleiben die
beiden Tatbestände nebeneinander anwendbar.

 

4.

4.1      An
die Strafzumessung werden drei grundsätzliche Anforderungen gestellt: Sie muss
einerseits zu einer verhältnismässigen Strafe führen (Billigkeit), zudem ein
Höchstmass an Gleichheit gewähren (Rechtssicherheit) und andererseits
transparent sowie überzeugend begründet und dadurch überprüfbar sein
(Legitimation durch Verfahren; vgl. Trechsel/Seelmann,
in: Trechsel/Pieth [Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch,
Praxiskommentar, 4. Auflage, Zürich 2021, Art. 47 N 6). Massgeblich für
die Strafzumessung ist gemäss Art. 47 Abs. 1 des Strafgesetzbuches (StGB, SR
311.0) das Verschulden des Täters. Dabei zu berücksichtigen sind das Vorleben,
die persönlichen Verhältnisse und seine Strafempfindlichkeit. Die Bewertung des
Verschuldens wird in Art. 42 Abs. 2 StGB dahingehend präzisiert, dass
dieses nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des betroffenen
Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggründen und Zielen
des Täters sowie danach bestimmt wird, wie weit der Täter nach den inneren und
äusseren Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu
vermeiden. Dem Gericht kommt ein Ermessen zu, in welchem Umfang es die
einzelnen Kriterien berücksichtigt (BGE 134 IV 17 E. 2.1).

 

4.2      Auszugehen
ist vom Strafrahmen für das schwerste Delikt, hier der versuchten vorsätzlichen
Tötung, worauf Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren steht, wobei der Versuch
strafmildernd berücksichtigt werden kann (Art. 111 in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB). Sofern für den ebenfalls verwirklichten Tatbestand der versuchten
schweren Körperverletzung (Art. 122 Ziff. 2 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB) nach erfolgter Verschuldensbewertung eine Gesamtstrafe in Frage kommt,
ist die Strafe in Anwendung des Asperationsprinzips im Sinne von Art. 49 StGB
angemessen zu erhöhen (vgl. dazu nachfolgend E. 4.4).

 

4.3

4.3.1   Ausgangspunkt
der Strafzumessung bezüglich der versuchten vorsätzlichen Tötung als am
schwersten wiegendes Delikt bildet das Tatverschulden. Dieses orientiert sich
an der Bandbreite möglicher Begehungsweisen innerhalb des fraglichen
Tatbestands und ist somit relativ. Auch das Tatverschulden eines Mörders kann
innerhalb des Tatbestands, dessen Strafrahmen mindestens zehn Jahre
Freiheitsstrafe vorsieht, vergleichsweise leichter wiegen, was nicht mit einem
leichten strafrechtlichen Vorwurf gleichzusetzen ist (AGE SB.2018.118 vom 9.
Oktober 2020 E. 4.4.1, SB.2018.27 vom 27. August 2019 E. 4.3.1).

 

4.3.2    Am
Ursprung des zur Diskussion stehenden Vorfalls stand die Weigerung des
Berufungsklägers, dem Privatkläger sein Eigentum (Handy) zurückzugeben. Er hat so
aus völlig nichtigem Grund den nachfolgenden Streit vom Zaun gebrochen. Während
C____ unbewaffnet und mit nacktem Oberkörper auf ihn zuging, zückte A____ ohne
Vorwarnung ein Messer und setzte es gegen seinen Kontrahenten ein. Der
Berufungskläger stach C____ unvermittelt in die rechte Hand, was eine
Durchtrennung des Daumen-Streckmuskels zur Folge hatte, und zweimal in den
Rücken, wobei er den einen Stich mit grossem Kraftaufwand ausführte, so dass
die Messerklinge bis zum Anschlag in den Rumpf des Opfers eindrang und eine
Verletzung mit einer Stichkanallänge von acht Zentimeter verursachte (der
zweite Stich wird in dubio «bloss» als Schnittverletzung betrachtet [vgl. dazu
E. 2.3.2]). Obschon die Verletzungen tatsächlich nicht ausserordentlich
gravierend waren und gemäss dem Gutachten des IRM keine konkrete Lebensgefahr
bestand, ist es letztlich nur einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass objektiv
«nur» eine einfache und nicht eine schwere Körperverletzung respektive sogar
der Tod des Opfers resultierte. Auch wenn das Vorgehen des Berufungsklägers
nicht als besonders grausam, brutal oder planmässig bezeichnet werden muss
(Akten S. 977), zeugt es doch von einer Empathielosigkeit bzw. Geringschätzung
fremden Lebens. Das objektive Verschulden ist nach dem Gesagten sicher nicht
mehr im untersten Bereich aller denkbaren Tatbestandsvarianten anzusiedeln, zumal
sich die Tat auch nicht am Rand zu einem Notwehrexzess bewegte (vgl. dazu
eingehend E. 3.5.2.2). Es ist daher von einem nicht mehr leichten objektiven
Verschulden auszugehen.

 

4.3.3   Beim
subjektiven Tatverschulden muss dem Berufungskläger zugutegehalten werden, dass
er nicht mit dolus directus, sondern «bloss» mit Eventualvorsatz gehandelt hat
(vgl. dazu E. 3.3). Des Weiteren wird das subjektive Tatverschulden dadurch
reduziert, dass sich A____ durch das «Boxen» und «an den Kragen Fassen» des
Privatklägers doch in einer gewissen Bedrängnis befunden hat, bevor er das
Messer gezückt hat. Dass er leicht alkoholisiert war (vgl. dazu E. 2.3.1),
wirkt sich demgegenüber nicht strafmindernd aus, war doch seine Fähigkeit zu
zielorientiertem Handeln keineswegs eingeschränkt, wie sich insbesondere in
seinem Nachtatverhalten zeigte (vgl. zur systematischen Einordnung Mathys, Leitfaden Strafzumessung, 2.
Auflage, Bern 2019, Rz. 148). Wie bereits das Strafgericht zutreffend erwogen
hat (vorinstanzliches Urteil S. 19), wirft dieses ein ungünstiges Licht
auf den Berufungskläger. Dass A____, nachdem er die Tatwaffe unter einem
Elektroverteilerkasten versteckt hatte, nicht davor zurückgeschreckt ist, den
Tatverdacht zunächst auf G____ und H____ zu lenken (Akten S. 186), sich mit
seiner Freundin per Snapchat absprach und danach in der Lage war, von einer
Beteiligung seinerseits bis zur Aussage von E____ abzulenken, muss – angesichts
der Qualifikation der Handlungen als Kapitaldelikte – als abgebrüht und
kaltblütig bezeichnet werden. Die soeben thematisierten Aspekte halten sich in
etwa die Waage, sodass insgesamt von einem nicht mehr leichten Verschulden
auszugehen ist.

 

4.3.4   Die
verschuldensangemessene hypothetische Einsatzstrafe für die vorsätzliche Tötung
– wäre sie vollendet worden – würde daher bei sechs Jahren liegen. Indes ist der
vollendete Versuch gemäss Art. 22 Abs. 1 StGB strafmildernd zu berücksichtigen.
Das Ausmass der Reduktion hängt unter anderem von der Nähe des
tatbestandsmässigen Erfolgs und von den Konsequenzen der Tat ab (BGE 121
IV 49 E. 1b; Trechsel/Seelmann,
a.a.O., Art. 47 N 20). Vorliegend erlitt C____ eine Durchtrennung des
Daumen-Streckmuskels an der rechten Hand sowie einen Schnitt und einen acht
Zentimeter tiefen Stich in die linke Rückenhälfte. Die Verletzungen mussten
operativ versorgt werden. Da es in der Folge zu Komplikationen in Form einer
zunehmenden Einblutung am Rücken kam, musste sich der Privatkläger einer
zweiten Operation zur Wundreinigung unterziehen. Er war sechs Tage
hospitalisiert und anschliessend acht Tage zu 100 Prozent arbeitsunfähig (Akten
S. 624 f.; vgl. dazu schon E. 2.3.2). Dass nicht bekannt ist, ob die Läsionen
folgenlos abgeheilt sind, darf dem Berufungskläger nicht zum Nachteil
gereichen. Der Versuch führt daher zu einer Reduktion um sechs Monate, sodass daraus
eine Einsatzstrafe von 5 ½ Jahren Freiheitsstrafe resultiert. 

 

4.4      Hinsichtlich
des Schuldspruchs wegen versuchter schwerer Körperverletzung kann grundsätzlich
auf Vorstehendes verwiesen werden. Aufgrund der unklaren Langzeitfolgen ist das
Verschulden allerdings im untersten Bereich anzusiedeln. Gleichzeitig ist auch
hier der Versuch strafmildernd zu berücksichtigen. Vor dem Hintergrund des im
Vergleich zur versuchten vorsätzlich Tötung geringeren Strafrahmens (Freiheitsstrafe
von sechs Monaten bis zu zehn Jahren) und eines leichten Verschuldens erscheint
isoliert betrachtet eine Freiheitsstrafe von zwölf Monaten angemessen. Für den
Versuch und für das Asperationsprinzips (Art. 49 Abs. 1 StGB) werden jeweils
drei Monate in Abzug gebracht. Die Einsatzstrafe ist daher um sechs Monate, auf
sechs Jahre Freiheitsstrafe, zu erhöhen.

 

4.5

4.5.1   Mit
Blick auf die Täterkomponente ist festzuhalten, dass der ledige und kinderlose Berufungskläger
im Jahr 2001 in [...] geboren wurde. Er wuchs zusammen mit seiner Schwester bei
den Grosseltern auf, wobei fünf weitere Geschwister bei den Eltern gross wurden.
In seinem Heimatland besuchte er während sieben Jahren die Schule, erlernte
aber keinen Beruf. Eigenen Angaben zufolge verlebte er eine gute Kindheit und
Jugend. Im September 2016 – im Alter von 15 Jahren – reiste er als
unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender (UMA) in die Schweiz ein. In Basel
besuchte er während 1 ½ Jahren die Sekundarschule im [...] und danach die
Schule [...]. Seit dem Jahr 2017 machte er ein Praktikum bei der [...], bei
welcher er anschliessend eine zweijährige Lehre hätte absolvieren können, wenn
er in vorliegender Sache nicht festgenommen worden wäre. Der Berufungskläger
lebte von seinem Praktikumslohn sowie der Unterstützung durch die Sozialhilfe
und wohnte im Wohnheim für unbegleitete minderjährige Asylsuchende (WUMA) [...]
in Basel (Akten S. 4 ff., 730 f., 964 f.; Migrationsakten S. 9 ff.). Die nicht
einfachen Lebensverhältnisse – der Berufungskläger musste sich als UMA ohne
Sprachkenntnis alleine in einem fremden Land zurechtfinden – und das
jugendliche Alter sind im Umfang von neun Monaten strafmildernd zu
berücksichtigen.

 

4.5.2   Der
Berufungskläger wurde am 2. September 2021 von der JVA Lenzburg ins
Zentralgefängnis Lenzburg und von dort am 9. November 2021 in die JVA Bostadel
versetzt. Den Vollzugsberichten des Zentralgefängnisses Lenzburg vom 2.
Dezember 2021 (Akten S. 920 ff.) und der JVA Bostadel vom 18. Januar 2022
(Akten S. 927 f.) ist zwar zu entnehmen, dass sich der bisherige Vollzug bis
auf Probleme beim Transport von der Strafanstalt in das Zentralgefängnis
Lenzburg (Weigerung des Besteigens des Transporters und «beissen» eines
Vollzugsangestellten, wofür er mit fünf Tagen Arrest diszipliniert wurde) unkompliziert
gestaltet hat, wobei der Berufungskläger gegenüber den Mitgefangenen und dem
Vollzugspersonal durch anständiges und freundliches Verhalten positiv auffalle.
Indes ist das Wohlverhalten des Täters – soweit ein solches aufgrund des zuvor
beschriebenen Vorfalls überhaupt vorliegt – im Strafvollzug für die Strafzumessung
grundsätzlich nicht von Bedeutung, zumal solches vorausgesetzt werden kann
(BGer 6B_738/2014 vom 25. Februar 2015 E. 3.4, 6B_55/2013 vom 11. April
2013 E. 2.4; AGE SB.2016.114 vom 15. September 2017 E. 3.8.3; Mathys, a.a.O., Rz. 392). Ebenfalls
neutral wirkt sich die Vorstrafenlosigkeit des Berufungsklägers aus (BGE 136 IV
1 E. 2.6).

 

4.5.3   Im
Vollzugsbericht des Zentralgefängnisses Lenzburg vom 2. Dezember 2021 wird
ausgeführt, A____ bagatellisiere seine Tat und könne nicht nachvollziehen,
weshalb sein einmaliger Kontakt mit dem Gesetz derartige Folgen für ihn habe
(Akten S. 921). Vor diesem Hintergrund kann dem Berufungskläger – auch wenn er heute
in seinem «letzten Wort» ausgesprochen hat, es tue ihm leid für den
Privatkläger (Akten S. 977) – keine besondere Einsicht oder Reue zugutegehalten
werden. 

 

4.5.4   Die
tatangemessene hypothetische Gesamtfreiheitsstrafe wird unter besonderer
Gewichtung der schwierigen Lebensverhältnisse und des jugendlichen Alters des
Berufungsklägers um neun Monate, auf 5 ¼ Jahre herabgesetzt. Einer Anrechnung
der bisher ausgestandenen Untersuchungshaft und des vorzeitigen Strafvollzuges
steht nichts entgegen (Art. 51 StGB). Bei dieser Strafhöhe ist ein
(teil-)bedingter Strafvollzug zum vornherein ausgeschlossen (Art. 42 Abs. 1 und
43 Abs. 1 StGB).

 

5.

5.1      A____
ist [...] Staatsangehöriger und hat die zur Diskussion stehenden Delikte im Januar
2020, mithin nach Inkrafttreten der in Art. 66a ff. StGB geregelten
Landesverweisung, verübt. Er wird auch zweitinstanzlich wegen versuchten
vorsätzlicher Tötung sowie versuchter schwerer Körperverletzung, Katalogtaten
gemäss Art. 66a Abs. 1 lit. a und b StGB, verurteilt. Da die Landesverweisung
nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung unabhängig davon anzuordnen ist, ob das
entsprechende Delikt vollendet wurde oder ob es beim Versuch geblieben ist (BGE
144 IV 168 E. 1.4.1), sind die Voraussetzungen einer obligatorischen
Landesverweisung erfüllt.

 

5.2      Von
der (obligatorischen) Landesverweisung kann nur dann ausnahmsweise abgesehen
werden, wenn sie kumulativ einen schweren persönlichen Härtefall bewirken würde
und die öffentlichen Interessen an der Landesverweisung gegenüber den privaten
Interessen des Ausländers am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen (Art. 66a
Abs. 2 StGB). Die Härtefallklausel dient der Umsetzung des Verhältnismässigkeitsprinzips
(Art. 5 Abs. 2 BV) Sie ist restriktiv anzuwenden (BGE 146 IV 105 E. 3.4.2, 145
IV 364 E. 3.2). Die strafrechtliche Landesverweisung führt nach dem Willen des
Gesetzgebers zu einer klaren Verschärfung der bisherigen ausländerrechtlichen
Ausweisungspraxis (BGE 145 IV 55 E. 3.4 und E. 4.3). Zur kriteriengeleiteten
Prüfung des Härtefalls im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB lässt sich der
Kriterienkatalog der Bestimmung über den «schwerwiegenden persönlichen
Härtefall» in Art. 31 Abs. 1 der Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und
Erwerbstätigkeit (VZAE, SR 142.201) heranziehen (BGE 146 IV 105 E. 3.4.2,
144 IV 332 E. 3.3.2; vgl. auch BGer 6B_689/2019 vom 25. Oktober 2019
E. 1.7). 

 

5.3

5.3.1   Neben
dem bereits zu den persönlichen Verhältnissen im Rahmen der Strafzumessung
Erwogenen (vgl. dazu E. 4.5.1), lässt sich den durch die Verfahrensleiterin
beigezogenen Migrationsakten entnehmen, dass das Asylgesuch des Berufungsklägers
mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 22. März 2018 r