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**Case Identifier:** 3c416606-3b4b-5876-8331-ea93db771468
**Source:** St. Gallen (SG)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2014-11-04
**Language:** de
**Title:** St.Gallen Kantonsgericht Strafkammer und Anklagekammer 04.11.2014 ST.2012.155
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SG_Gerichte/SG_KG_001_ST-2012-155_2014-11-04.pdf

## Full Text

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St.Galler Gerichte

Fall-Nr.: ST.2012.155

Stelle: Kantonsgericht

Rubrik: Strafkammer und Anklagekammer

Publikationsdatum: 04.11.2014

Entscheiddatum: 04.11.2014

Entscheid Kantonsgericht, 04.11.2014
Art. 117 StGB (SR 311). Fahrlässige Tötung. Ärztliche Sorgfaltspflichten einer 
Oberärztin. Es kann nicht verlangt werden, dass die Diagnose einer 
hierarchisch vorgesetzten Chefärztin in einer kurzen Zeitspanne in Frage 
gestellt wird. Fehlende Kausalität, da der Tod der Patientin durch eine 
Abkehr von der Diagnose der Atonie und einen sofortigen 
Verlegungsentscheid nicht mehr hätte abgewendet werden können 
(Kantonsgericht, Strafkammer, 4. November 2014, ST.2012.155).

Aus den Erwägungen:

I. 

1. Die 34 Jahre alte A._____ war mit ihrem achten Kind schwanger. Am 11. Oktober 

2007 trat sie in die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Spital Wil ein, nachdem 

sie am Vortag einen vorübergehenden stechenden Schmerz im Unterbauch und in der 

Folge keine Kindsbewegungen mehr gespürt hatte. Die ärztliche Untersuchung ergab, 

dass das Kind im Mutterleib gestorben war. Gegen 19.00 Uhr wurde die Geburt 

eingeleitet. Am folgenden Tag, dem 12. Oktober 2007, um ca. 06.20 Uhr gebar A._____ 

das tote Kind. In den Stunden danach verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand 

zunehmend. Zwischen 09.15 und 09.30 Uhr wurde sie auf die Überwachungsstation 

verlegt, wo man sie intubierte. Da sich keine Verbesserung ihres Gesundheitszustandes 

einstellte, wurde sie gegen 11.30 Uhr mit der Ambulanz in die Frauenklinik des 

Kantonsspitals St. Gallen überführt und dort operiert. A. erlitt noch während dieser 

Operation gegen 13.30 Uhr einen Kreislaufstillstand und verstarb an dessen Folgen.

Ursächlich für die eingetretenen Komplikationen war, dass sich während des 

Geburtsvorganges ein zuvor entstandener Riss der Gebärmutter ausgedehnt hatte. Der 

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damit verbundene Blutverlust führte zu einem schweren Kreislaufschock. Die 

Uterusruptur war von der mit der Patientin befassten Chefärztin Y._____ nicht erkannt 

worden. Sie hatte eine Atonie diagnostiziert und die medizinischen Massnahmen darauf 

ausgerichtet.

Die Beschuldigte war damals als Oberärztin Gynäkologie für die Spitalregion 

Fürstenland/Toggenburg tätig. Die Anklage wirft ihr – knapp zusammengefasst – vor, 

sich durch ihr passives Verhalten am Tod von A._____ mitverantwortlich gemacht zu 

haben. Nach Auffassung der Anklage hätte die Beschuldigte die ihr von der Chefärztin 

faktisch delegierte Verantwortung für die Patientin entweder ablehnen und die 

Chefärztin auf ihre Direktverantwortung hinweisen oder sich die für die Behandlung der 

Patientin nötigen Entscheidkompetenzen einholen, die Situation reevaluieren und die 

geeigneten Massnahmen ergreifen müssen. Hätte die Beschuldigte die Diagnose einer 

Atonie frühzeitig hinterfragt und geeignete Untersuchungen, wie namentlich eine 

Spekulumuntersuchung, durchgeführt, wäre die Gebärmutterruptur mit hoher 

Wahrscheinlichkeit entdeckt worden. Sie hätte dann rechtzeitig entweder die 

Gebärmutter operativ entfernen oder den Entscheid zur Verlegung der Patientin ins 

Kantonsspital St. Gallen treffen können. Gemäss Anklage hätte so das Leben von 

A._____ gerettet werden können (vi act. 1).

[…]

 

II.

1. a) Wer fahrlässig den Tod eines Menschen verursacht, wird nach Art. 117 StGB mit 

Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.

b) Fahrlässig begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Folge seines Verhaltens 

aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf nicht Rücksicht nimmt. 

Pflichtwidrig ist die Unvorsichtigkeit, wenn der Täter die Vorsicht nicht beachtet, zu der 

er nach den Umständen und nach seinen persönlichen Verhältnissen verpflichtet ist 

(Art. 12 Abs. 3 StGB).

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c) Ein Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung setzt somit voraus, dass der Täter den 

Erfolg durch Verletzung einer Sorgfaltspflicht verursacht hat. Sorgfaltswidrig ist ein 

Verhalten, wenn der Täter zum Zeitpunkt der Tat aufgrund der Umstände sowie seiner 

Kenntnisse und Fähigkeiten die damit bewirkte Gefährdung der Rechtsgüter des 

Opfers hätte erkennen können und müssen und wenn er zugleich die Grenzen des 

erlaubten Risikos überschritten hat. Wo besondere Normen ein bestimmtes Verhalten 

gebieten, bestimmt sich das Mass der zu beachtenden Sorgfalt in erster Linie nach 

diesen Vorschriften. Dies schliesst nicht aus, dass der Vorwurf der Fahrlässigkeit auch 

auf allgemeine Rechtsgrundsätze wie etwa den allgemeinen Gefahrensatz gestützt 

werden kann. Denn einerseits begründet nicht jeder Verstoss gegen eine gesetzliche 

oder für bestimmte Tätigkeiten allgemein anerkannte Verhaltensnorm den Vorwurf der 

Fahrlässigkeit, und andererseits kann ein Verhalten sorgfaltswidrig sein, auch wenn 

nicht gegen eine bestimmte Verhaltensnorm verstossen wurde. Die Vorsicht, zu der ein 

Täter verpflichtet ist, wird letztlich durch die konkreten Umstände und seine 

persönlichen Verhältnisse bestimmt, weil naturgemäss nicht alle tatsächlichen 

Gegebenheiten in Vorschriften gefasst werden können (BGE 135 IV 56 E. 2.1, 133 IV 

158 E. 5.1; 130 IV 7 E. 3.2; 127 IV 62 E. 2d).

Im medizinischen Bereich bildet die allgemeine Pflicht des Arztes, die Heilkunst nach 

anerkannten Grundsätzen der ärztlichen Wissenschaft und Humanität auszuüben, alles 

zu unternehmen, um den Patienten zu heilen, und alles zu vermeiden, was ihm schaden 

könnte, den Ausgangspunkt für das Mass der anzuwendenden Sorgfalt. Nach der 

Rechtsprechung liegt die Besonderheit der ärztlichen Kunst darin, dass der Arzt mit 

seinem Wissen und Können auf einen erwünschten Erfolg hinzuwirken hat, diesen aber 

nicht herbeiführen oder gar garantieren muss. Die Anforderungen an die dem Arzt 

zuzumutende Sorgfaltspflicht richten sich nach den Umständen des Einzelfalles, 

namentlich nach der Art des Eingriffs oder der Behandlung, den damit verbundenen 

Risiken, dem Beurteilungs- und Bewertungsspielraum, der dem Arzt zusteht, sowie den 

Mitteln und der Dringlichkeit der medizinischen Massnahme. Der Begriff der 

Pflichtverletzung darf jedoch nicht so verstanden werden, dass darunter jede 

Massnahme oder Unterlassung fällt, welche aus nachträglicher Betrachtungsweise den 

Schaden bewirkt oder vermieden hätte. Der Arzt hat im Allgemeinen nicht für jene 

Gefahren und Risiken einzustehen, die immanent mit jeder ärztlichen Handlung und 

auch mit der Krankheit an sich verbunden sind. Zudem steht dem Arzt sowohl in der 

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Diagnose als auch in der Bestimmung therapeutischer oder anderer Massnahmen nach 

dem objektiven Wissensstand oftmals ein Entscheidungsspielraum zu, welcher eine 

Auswahl unter verschiedenen in Betracht fallenden Möglichkeiten zulässt. Der Arzt 

verletzt seine Pflichten nur dort, wo er eine Diagnose stellt bzw. eine Therapie oder ein 

sonstiges Vorgehen wählt, das nach dem allgemeinen fachlichen Wissensstand nicht 

mehr als vertretbar erscheint und daher den objektivierten Anforderungen der 

ärztlichen Kunst nicht genügt. Bei der Diagnose einer Gesundheitsbeeinträchtigung 

muss der Arzt mithin nicht die Erhebung eines zutreffenden Befundes garantieren. Er 

muss jedoch bei der Feststellung und Beurteilung der gesundheitlichen Störung in 

jedem Fall fachgerecht vorgehen und die erforderlichen Mittel und Erkenntnisquellen 

nutzen. Mehrdeutige Krankheitsbilder muss er durch die ihm zur Verfügung stehenden 

Mittel aufklären. Der Arzt handelt unsorgfältig, wenn sich sein Vorgehen nicht nach den 

durch die medizinische Wissenschaft aufgestellten und generell anerkannten Regeln 

richtet und dem jeweiligen Stand der Wissenschaft nicht entspricht (BGE 130 IV 7 E.3.3 

mit Hinweisen).

d) Grundvoraussetzung für das Bestehen einer Sorgfaltspflichtverletzung und mithin für 

die Fahrlässigkeitshaftung ist die Vorhersehbarkeit des Erfolgs. Die zum Erfolg 

führenden Geschehensabläufe müssen für den Täter mindestens in ihren wesentlichen 

Zügen voraussehbar sein. Zunächst ist daher zu fragen, ob der Täter eine Gefährdung 

der Rechtsgüter des Opfers hätte voraussehen beziehungsweise erkennen können und 

müssen. Für die Beantwortung dieser Frage gilt der Massstab der Adäquanz. Danach 

muss das Verhalten geeignet sein, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und den 

Erfahrungen des Lebens einen Erfolg wie den eingetretenen herbeizuführen oder 

mindestens zu begünstigen. Die Adäquanz ist nur zu verneinen, wenn ganz 

aussergewöhnliche Umstände, wie das Mitverschulden des Opfers beziehungsweise 

eines Dritten oder Material- oder Konstruktionsfehler, als Mitursache hinzutreten, mit 

denen schlechthin nicht gerechnet werden musste und die derart schwer wiegen, dass 

sie als wahrscheinlichste und unmittelbarste Ursache des Erfolgs erscheinen und so 

alle anderen mitverursachenden Faktoren, insbesondere das Verhalten des Täters, in 

den Hintergrund drängen (BGE 135 IV 56 E. 2.1, 131 IV 145 E. 5.1 und E. 5.2; 130 IV 7 

E. 3.2; 128 IV 49 E. 2b; 127 IV 62 E. 2d).

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e) Damit der Eintritt des Erfolgs auf das pflichtwidrige Verhalten des Täters 

zurückzuführen ist, genügt allerdings seine Voraussehbarkeit nicht. Weitere 

Voraussetzung ist vielmehr, dass der Erfolg auch vermeidbar war. Dabei wird ein 

hypothetischer Kausalverlauf untersucht und geprüft, ob der Erfolg bei 

pflichtgemässem Verhalten des Täters ausgeblieben wäre. Für die Zurechnung des 

Erfolgs genügt es, wenn das Verhalten des Täters mindestens mit einem hohen Grad 

an Wahrscheinlichkeit die Ursache des Erfolgs bildete (BGE 135 IV 56 E. 2.1; 130 IV 7 

E. 3.2; 127 IV 34 E. 2a; je mit Hinweisen).

f) Ein fahrlässiges Erfolgsdelikt kann auch durch Unterlassen verübt werden (Art. 11 

Abs. 1 StGB). Voraussetzung dafür ist eine Rechtspflicht zur Vornahme der 

unterlassenen Handlung (Art. 11 Abs. 2 StGB, sog. Garantenstellung) und die 

Möglichkeit, diese Handlung vorzunehmen. Der (hypothetische) Kausalzusammenhang 

zwischen Unterlassung und Erfolg ist dann anzunehmen, wenn bei Vornahme der 

gebotenen Handlung der Erfolg mit einem hohen Grad an Wahrscheinlichkeit nicht 

eingetreten wäre (Bger. 6S.311/2005 E. 3.1.2; BGE 117 IV 130 E. 2a; 116 IV 182 E. 4).

2. Im vorliegenden Fall steht fest, dass der tatbestandsmässige Erfolg eingetreten ist. 

Umstritten ist jedoch, ob die Beschuldigte für den Tod von A._____ verantwortlich 

gemacht werden kann. Die Anklage wirft ihr vor, dass sie den Tatbestand von Art. 117 

StGB durch Unterlassung verwirklicht habe, indem sie bei der Behandlung der 

Patientin A._____ pflichtwidrig untätig geblieben sei.

3. a) Zunächst ist zu untersuchen, inwieweit die Beschuldigte in Bezug auf die Patientin 

A._____ überhaupt eine Garantenstellung innehatte. Diese ist wie erwähnt 

Voraussetzung dafür, dass ihr eine pflichtwidrige Unterlassung vorgeworfen werden 

kann.

b) Die allgemeine Hilfeleistungspflicht des Art. 128 StGB begründet noch keine 

strafrechtliche Garantenstellung, ebenso wenig die Berufstätigkeit als Arzt im 

Allgemeinen (Eichenberger, in: Kuhn/Poledna, Arztrecht in der Praxis, Zürich 2007, S. 

719; BSK Strafrecht II-Maeder, Art. 128 N 15). Entsprechend kann, wie bereits die 

Vorinstanz zutreffend erkannt hat (Entscheid, S. 14), aus der in Art. 50 des kantonalen 

Gesundheitsgesetzes (sGS 311.1) enthaltenen allgemeinen Pflicht von 

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Medizinalpersonen, in dringenden Fällen Beistand zu leisten, nichts für den 

vorliegenden Fall abgeleitet werden. Entsprechendes gilt für die Beistandspflicht 

gemäss Art. 40 lit. g des Bundesgesetztes über die universitären Medizinalberufe (SR 

811.11). Die Garantenpflicht des Arztes für Leben und Gesundheit des Patienten wird in 

der Regel durch den Behandlungsvertrag, welcher dem Arzt-Patienten-Verhältnis 

zugrunde liegt, begründet (Eichenberger, a.a.O., S. 719 f.). In arbeitsteiligen 

Organisationen wie Spitälern stellt man indessen statt auf den Behandlungsvertrag, der 

auf der Rechtsbeziehung zwischen dem Spital bzw. dessen Träger und dem Patienten 

besteht, besser auf das Behandlungsverhältnis zwischen dem Arzt und dem Patienten 

ab. Garant ist, wer die Behandlung faktisch übernommen oder diese zugesichert hat 

(Eichenberger, a.a.O., S. 721).

c) Die Beschuldigte war im Oktober 2007 als Oberärztin Gynäkologie für die 

Spitalregion Fürstenland-Toggenburg tätig. Nach eigener Aussage arbeitete sie damals 

zu 70 Prozent im Spital Wattwil, zu 10 Prozent im Spital Wil und zu 20 Prozent im 

sogenannten Hintergrunddienst, d.h. für Nacht- und Wochenenddienste (act. E/6, 

Frage 6). Am Morgen des 12. Oktober 2007 habe sie keinen Dienst gehabt. Sie sei im 

Spital Wil nur anwesend gewesen, weil sie mit einer ihrer Patientinnen aus der 

Sprechstunde in Wattwil einen Termin für eine Kaiserschnittoperation vereinbart habe. 

Nach dieser Operation hätte sie wieder nach Wattwil zurückkehren sollen. Da die 

Kaiserschnittoperation auf den frühen Morgen angesetzt gewesen sei, habe sie sich, 

um eine verkehrsbedingte Verspätung zu vermeiden, bereits früher nach Wil begeben. 

Nur aus diesem Grund sei sie am Morgenrapport um 7.20 Uhr überhaupt anwesend 

gewesen (act. E/6, Fragen 19 und 60; vi act. 17, S. 6). An diesem Rapport sei auch 

über die Totgeburt von A. und deren Blutungen gesprochen worden (act. E/6, Frage 14; 

vi act. 17, S. 2). Die Beschuldigte will A._____ im Anschluss an den Morgenrapport um 

ca. 7.45 Uhr bei der Visite im Gebärsaal zum ersten Mal gesehen haben; sie sei in 

jenem Zeitpunkt von einem kritischen, aber nicht lebensbedrohlichen Zustand der 

Patientin ausgegangen (act. E/6, Frage 12). Bei dieser Visite seien ausser ihr die 

Chefärztin, die Assistenzärztin und der Anästhesist anwesend gewesen (act. E/6, 

Fragen 12 und 13). Sie hätten dabei erneut den Zustand der Patientin und die 

möglichen Ursachen diskutiert. Die Chefärztin habe entschieden, dass A._____ nicht 

operiert werden solle, da sie von einer Atonie ausgegangen sei (act. E/6, Fragen 14 - 

16). Die Chefärztin Y._____ sagte aus, dass sie dann kurz nach 8.00 Uhr in den 

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Operationssaal gegangen sei (act. D/9, S. 5), wahrscheinlich für einen Wahleingriff (act. 

D/12, Frage 23). Die Beschuldigte erklärte, dass sie von der Chefärztin noch den 

Auftrag erhalten habe, sich auch um eine ambulante Notfallpatientin zu kümmern (act. 

E/6, Frage 22; vi act. 17, S. 3), was von der Chefärztin bestätigt wird (act. D/12, Frage 

12). Die Beschuldigte will mit dieser Notfallpatientin während 30 Minuten bis zu einer 

Stunde beschäftigt gewesen sein (act. E/6, Frage 26; vi act. 17, S. 3). Nach diesem 

Untersuch sei sie zu A._____ zurückgekehrt, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf 

der Überwachungsstation befunden habe (vi act. 17, S. 3). Dort habe sie festgestellt, 

dass sich der Zustand von A._____ nicht verbessert habe. Sie habe deshalb die 

Chefärztin im Operationssaal aufgesucht und ihr vom kritischen Zustand der Patientin 

berichtet. Dies müsse nach 9.25 Uhr gewesen sein (act. E/4, Frage 34; act. E/6, Frage 

35; vi act. 17, S. 3 f.).

Wie die Vorinstanz zu Recht ausführt (Entscheid, S. 11), besteht kein Grund, an der 

Darstellung der Beschuldigten zu zweifeln (Art. 82 Abs. 4 StPO). In der Folge traf die 

Chefärztin dann den Entscheid, A._____ ins Kantonsspital St. Gallen zu verlegen. Es 

erübrigt sich jedoch, auf die späteren Ereignisse einzugehen, da ärztliche Handlungen 

oder Unterlassungen in diesem Zeitraum – wie unten (E. II.4.c und 5.b.cc) aufgezeigt 

wird – für die strafrechtliche Beurteilung nicht mehr von Bedeutung sind.

d) Die Anklage geht davon aus, dass die Chefärztin Y._____ die Verantwortung für die 

Patientin A._____ an die Beschuldigte delegiert hatte, als sie den Gebärsaal kurz nach 

8.00 Uhr verliess (vi act. 1, S. 2). Mit der Vorinstanz (Entscheid, S. 12 f.) ist indessen 

davon auszugehen, dass eine eigentliche Übertragung der Verantwortung nicht 

stattgefunden hat. Selbst die Anklageschrift äussert sich in dieser Hinsicht vage, wenn 

darin von einem "stillschweigend erteilten Auftrag" (vi act. 1, S. 3 und 4) die Rede ist. 

Von einem ausdrücklich erteilten Auftrag an die Beschuldigte, sich um die Patientin zu 

kümmern, geht somit auch die Anklage nicht aus. Unbestrittenermassen war Y._____ 

behandelnde Ärztin von A._____. Sie hatte am Vortag den Tod des ungeborenen 

Kindes festgestellt und dann die Geburt in die Wege geleitet. Auch am Morgen des 12. 

Oktober 2007 war sie es, die sich in erster Linie um die Patientin kümmerte und die 

Entscheidungen traf (act. D/9, S. 3 f.). Dass die Beschuldigte überhaupt mit A._____ in 

Kontakt kam, erscheint eher zufällig. Wie dargelegt (oben E. II.3.c) war sie für die 

Behandlung einer eigenen Patientin nach Wil gefahren. Am Morgenrapport war sie nur 

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anwesend, weil sie, um keine verkehrsbedingte Verspätung zu riskieren, vorzeitig in die 

Klinik gefahren war. Dort wurde sie erstmals mit dem Fall von A._____ konfrontiert. Sie 

war zwar anschliessend auch zusammen mit der Chefärztin, der Assistenzärztin und 

dem Anästhesisten zur Visite im Gebärsaal. Dass sie von der Chefärztin aufgefordert 

worden wäre, daran teilzunehmen, ist indessen nicht erstellt. Dagegen spricht die 

Aussage der Assistenzärztin, wonach die Beschuldigte erst 5 Minuten später in den 

Gebärsaal gekommen sei. Die Chefärztin habe dort die Anweisung gegeben habe, dass 

immer jemand den Uterus der Patientin massieren müsse, um die Atonie zu beheben 

und die Blutungen zu stoppen. Alle drei Ärztinnen hätten sich in der Massage 

abgewechselt (act. D/7, S. 5 f.). Die Vorinstanz schliesst daraus mit Recht, dass die 

Beschuldigte im Gebärsaal lediglich die Anweisungen der Chefärztin ausführte. Weiter 

ist zu berücksichtigen, dass die Chefärztin die Beschuldigte beauftragte, sich noch um 

eine ambulante Notfallpatientin zu kümmern. Dass es sich um einen Notfall handelte, 

hat nicht nur die Chefärztin (act. D/12, Frage 12), sondern entgegen den Vorbringen der 

Staatsanwaltschaft (act. B/1, S. 3 Ziff. 6) auch die Beschuldigte selbst ausgesagt 

(vi act. 17, S. 3). Auch die Chefärztin musste somit davon ausgehen, dass die 

Beschuldigte den Gebärsaal wieder verlassen würde. Der Chefärztin musste 

ausserdem bekannt gewesen sein, dass die Beschuldigte gar nicht für einen Dienst in 

der Klinik eingeteilt war. Die Beschuldigte war nur deshalb in die Klinik gekommen, weil 

sie dort mit einer Patientin aus Wattwil eine Kaiserschnittoperation vereinbart hatte. Es 

gibt keine Hinweise, dass die Beschuldigte im Zeitpunkt der Morgenvisite ihr eigenes 

Operationsprogramm bereits definitiv abgesagt hatte (vgl. act. B/32, Fragen 18 ff.). 

Sodann gab die anwesende Assistenzärztin zu Protokoll, dass die Chefärztin die 

Anweisungen gegeben habe. Sie sei die verantwortliche Ärztin gewesen (act. D/7, S. 5 

und S. 7). Die Hebamme G._____ wiederum vermochte sich anlässlich ihrer Befragung 

vom 23. Oktober 2007 nicht einmal mehr an die Anwesenheit der Beschuldigten zu 

erinnern (act. D/1, Frage 5). All dies spricht dagegen, dass die Chefärztin der 

Beschuldigten die Verantwortung für die Patientin A._____ übertragen wollte. Da die 

Chefärztin kurz nach 8.00 Uhr den Gebärsaal für eine eigene Operation verliess, nach 

eigener Aussage mit grosser Wahrscheinlichkeit sogar für einen blossen Wahleingriff 

(act. D/12, Frage 23), lässt darauf schliessen, dass sie hinsichtlich der Patientin A._____ 

schlicht den Ernst der Lage verkannte und es gar nicht für nötig erachtete, dass 

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dauernd eine Kaderärztin sich um diese kümmerte, sondern die Präsenz der 

Assistenzärztin für ausreichend hielt.

e) Auch wenn nach dem Gesagten eine eigentliche Übertragung der Verantwortung für 

die Patientin A._____ nicht angenommen werden kann, heisst dies nicht, dass die 

Beschuldigte jeglicher Verantwortung entbunden gewesen wäre. Soweit sie sich 

tatsächlich um die Patientin kümmerte, hat sie sich ein allfälliges Fehlverhalten 

strafrechtlich anrechnen zu lassen. Im Folgenden ist deshalb zu untersuchen, ob die 

Beschuldigte in der Zeit, in der sie persönlich mit der Patientin A._____ befasst war, 

ihre ärztliche Sorgfaltspflicht verletzt hat.

4. a) Bei den Akten liegen insgesamt vier medizinische Gutachten. Drei davon waren 

von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegeben worden, nämlich die Gutachten von 

Dr. B._____, Leitender Arzt der Abteilung Forensische Medizin am Institut für 

Rechtsmedizin in St. Gallen, vom 17. Dezember 2007 (act. G/1), von Prof. Dr. C._____, 

ehemaliger Direktor der Universitäts-Frauenklinik am Inselspital Bern, vom 28. Mai 

2009 (act. G/2) und von Prof. Dr. D._____, Leitender Arzt des Departements Anästhesie 

am Universitätsspital Basel, vom 8. Februar 2011 (act. G/3). Ausserdem hat die 

Privatklägerschaft ein in ihrem Auftrag erstelltes Gutachten von Prof. Dr. E._____ und 

Dr. F._____, beides Fachärzte für Rechtsmedizin, vom 21. Oktober 2009 eingereicht 

(act. F/34). Der Inhalt dieser Gutachten ist im vorinstanzlichen Urteil zutreffend 

wiedergegeben worden, so dass teilweise darauf verwiesen werden kann (Art. 82 Abs. 

4 StPO).

b) Zusammenfassend (vgl. vi Entscheid, S. 7 ff. mit Belegstellen zu den Gutachten) 

kann festgestellt werden, dass die Geburt des toten Kindes um 6.20 Uhr grundsätzlich 

problemlos verlaufen war. Gegen 6.35 Uhr stellte sich bei der Patientin der Zustand 

eines sogenannten Präschocks ein, d.h. der Blutdruck fiel ab, während der Puls 

anstieg. Der Blutdruck blieb mit wenigen, wahrscheinlich medikamentös verursachten 

Ausnahmen in der Folge dauerhaft auf einem gefährlichen Tiefstand, der einen 

Kreislaufschock indizierte. Dieser anhaltende Kreislaufschock führte bereits Stunden 

vor dem Tod von A._____ zu einer sauerstoffmangelbedingten 

Herzmuskelfaserschädigung, die schliesslich für das akute Herzversagen und damit 

den Tod der Patientin ursächlich war. Die Autopsie der Leiche von A._____ ergab, dass 

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die Ursache des Schocks bei einem 9 cm langen Riss an der linken Seite der 

Gebärmutter gelegen haben muss, der zu einem erhöhten Blutverlust der Patientin 

führte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte die Gebärmutterwand bereits in der Nacht 

vom 10. auf den 11. Oktober 2007 zu reissen begonnen, als die Patientin den 

stechenden Schmerz im linken Unterbauch verspürte. Das Weiterreissen bis zum 

Gebärmutterhals fand wahrscheinlich erst in der Austreibungsphase des Kindes statt.

Nach dem Gutachten Prof. Dr. C._____ waren die Symptome, beginnend beim 

Schmerz in der vorangegangenen Nacht bis kurz nach der Geburt des toten Kindes, 

nicht typisch für eine Gebärmutterruptur. Abgesehen von der Anzahl der 

vorausgegangenen Geburten bestanden keine Risikofaktoren für eine derartige 

Komplikation. Ein spontan vor Eintritt der Wehentätigkeit eintretender Gebärmutterriss 

ist überdies ein sehr seltenes Ereignis. Nach Auffassung des Gutachters konnte eine 

Gebärmutterruptur deshalb zumindest anfänglich ausgeschlossen werden. Auch die im 

Anschluss an die Geburt aufgetretenen Symptome waren zunächst durchaus mit der 

Diagnose einer Atonie vereinbar. Nachdem die gegen die Atonie ergriffenen 

Massnahmen (Massage der Gebärmutter, Verabreichung gebärmutterkontrahierender 

Medikamente) aber nur vorübergehend eine tastbare Veränderung der Gebärmutter 

bewirkten und die verstärkte Blutung danach jeweils wieder einsetzte, hätten nach 

Auffassung des Gutachters Prof. Dr. C._____ alternative Ursachen für die Blutung in 

Betracht gezogen werden müssen. Nach seinem Dafürhalten hätte beim 

Morgenrapport um gegen 7.30 Uhr eine sogenannte Spekulumuntersuchung, mittels 

welcher das Innere der Scheide einschliesslich des Muttermundes eingesehen werden 

kann, verordnet und umgehend durchgeführt werden müssen. Da sich der Riss in der 

Gebärmutter der Patientin bis in den Bereich des Gebärmundes fortsetzte, hätte er bei 

dieser Untersuchung mit hoher Wahrscheinlichkeit als Quelle der Blutung festgestellt 

werden können. Damit wäre die Notwendigkeit einer operativen Entfernung der 

Gebärmutter deutlich geworden. Alle vier Gutachten stimmen darin überein, dass der 

Tod von A. nur dann hätte abgewendet werden könne, wenn die Ursache des 

Blutverlustes behoben worden wäre, was eine Gebärmutterentfernung erfordert hätte.

c) Nach Auffassung des Gutachters Prof. Dr. C._____ ist es fraglich, ob die operative 

Entfernung der Gebärmutter im Spital Wil hätte durchgeführt werden können. Ein derart 

komplexer Eingriff und die rasche Bereitstellung der dafür erforderlichen Mengen Blut 

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und FFP (fresh frozen plasma) hätten dort möglicherweise zu Problemen geführt (act. 

G/2, Frage 22; siehe auch Frage 26: eine Operation in Wil wäre nur bei frühzeitiger 

Erkennung des Gebärmutterrisses möglich gewesen). Der Entscheid für eine möglichst 

rasche Verlegung ins Kantonsspital St. Gallen hätte nach Meinung des Gutachters 

nach dem Rapport, d.h. spätestens zwischen 8.00 und 8.30 Uhr getroffen werden 

müssen (act. G/2, Frage 24). Die Frage, bis zu welchem Zeitpunkt ein 

Verlegungsentscheid das Leben der Patientin noch gerettet hätte, konnte der 

Gutachter Prof. Dr. C._____ nicht mit Gewissheit beantworten. Es könne "lediglich 

vermutet werden, dass bei einem Entscheid für die Verlegung vor 9.00 Uhr das Leben 

von A._____ gerettet worden wäre" (act. G/2, Frage 25). Angesichts dieser 

unbestimmten Formulierung des Gutachters kann nicht davon ausgegangen werden, 

dass bei einer Verlegung vor 9.00 Uhr der Tod der Patientin mit hoher 

Wahrscheinlichkeit hätte abgewendet werden können. Nach der Unschuldsvermutung 

(Art. 10 Abs. 3 StGB) muss der massgebliche Zeitpunkt, den die Vorinstanz als "point 

of no return" bezeichnet hat (Urteil, S. 10), deshalb sogar noch früher angesetzt 

werden.

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt aus anästhesiologischer Sicht das Gutachten 

Prof. Dr. D._____. Danach befanden sich die Kreislaufverhältnisse der Patientin ab 6.30 

Uhr dauerhaft in einem gefährlichen Tiefstand. Während eines kürzeren Zeitraums 

könne dies bei einer jungen, gesunden Patientin wie A._____ noch durch körpereigene 

Gegenregulationsvorgänge einigermassen kompensiert werden, ohne dass schwere 

Funktionsstörungen eintreten würden. Der Gutachter schätzt diesen Zeitraum auf eine 

bis zwei Stunden, von 6.30 Uhr an gerechnet. Danach würden sich erste 

Funktionsstörungen einstellen. Würden dann nicht ganz entschiedene und aggressive 

Rettungsversuche unternommen (sofortige Operation, allerdings unter höherem Risiko 

als eine bis zwei Stunden zuvor), so gingen die schockbedingten Schädigungen in ein 

irreversibles Stadium in Form von Zelluntergängen lebenswichtiger Organe über, wie 

sie auch im Autopsiebericht nachgewiesen worden seien. Der Gutachter bezeichnet es 

als schwierig, eine Aussage darüber zu machen, wann dieser Zustand eingetreten ist. 

Nach seiner Auffassung des Gutachters könnte dies "so gegen die Aufnahmezeit auf 

der IMC" der Fall gewesen sein. Die Verlegung auf die Überwachungsstation fand 

zwischen 9.15 und 9.30 Uhr statt (vgl. act. G/3, S. 4). Der Gutachter hält fest, dass der 

Herzmuskelschaden zum Zeitpunkt des Transports ins Kantonsspital St. Gallen oder 

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sogar schon zuvor entstanden sei. Insofern hätte es jederzeit auch schon früher und 

nicht erst bei der Operation in St. Gallen zu einem Herzstillstand kommen können (act. 

G/3, S. 18 f.). Der Gutachter Prof. Dr. D._____ geht somit davon aus, dass eine 

operative Intervention spätestens gegen 9.15 bis 9.30 Uhr hätte begonnen werden 

müssen. Der Entscheid für die Verlegung ins Kantonsspital hätte folglich bereits einige 

Zeit vor diesem Zeitpunkt getroffen werden müssen, wenn man von der Einschätzung 

des Gutachters Prof Dr. C._____ ausgeht, dass eine Operation in Wil nur bei frühzeitiger 

Erkennung der Gebärmutterruptur möglich gewesen wäre. Da die Verlegung nach St. 

Gallen und die dortigen Operationsvorbereitungen ebenfalls Zeit beanspruchten (die 

Zeitangaben zur später erfolgten Verlegung sind in den Gutachten widersprüchlich; vgl. 

act. G/1, S. 2 und S. 6, act. G/2, S. 3, act. G/3, S. 5; allein die 

Operationsvorbereitungen nach dem Eintreffen in St. Gallen dauerten rund 40 Minuten; 

vgl. act. G/3, S. 5 und Frage 16), ist nach dem Gutachten Prof. Dr. D._____ davon 

auszugehen, dass der Verlegungsentscheid schon vor 8.30 Uhr hätte getroffen werden 

müssen, unter Umständen sogar deutlich vor 8.30 Uhr.

5. a) Die Staatsanwaltschaft wirft der Beschuldigten vor, es sei im Falle der Patientin 

A._____ auf den ersten Blick erkennbar gewesen, dass es sich um einen Notfall der 

höchsten Gefährdungsklasse handelte. Nach dem Abgang der Chefärztin, die sich um 

eine andere Patientin kümmerte, habe es die Beschuldigte versäumt, deren Diagnose 

kritisch zu hinterfragen. Obwohl die zur Behandlung der Atonie ergriffenen 

Massnahmen anhaltend erfolglos gewesen seien, habe sie weiterhin auf diese 

Diagnose vertraut. Die Diagnose hätte nach Auffassung der Staatsanwaltschaft mit 

einer einfachen Spekulumuntersuchung widerlegt werden können. Indem die 

Beschuldigte eine solche unterliess, habe sie ihre Sorgfaltspflicht verletzt. Die 

Staatsanwaltschaft hält ihr ausserdem vor, dass sie trotz offensichtlich kritischer 

Situation die Patientin A._____ verlassen habe, um eine ambulante Patientin zu 

untersuchen (act. B/1).

b) Der Argumentation der Staatsanwaltschaft kann nicht gefolgt werden. Sie verkennt, 

dass die Handlungsmöglichkeiten der Beschuldigten, vor allem in zeitlicher Hinsicht, 

sehr begrenzt waren. Selbst wenn der Beschuldigten in der ärztlichen Beurteilung 

Fehler unterlaufen sein sollten, wären diese strafrechtlich nur von Bedeutung, soweit 

sie für den tatbestandsmässigen Erfolg, d.h. für den Tod von A._____, kausal waren. Da 

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der Beschuldigten Unterlassungen vorgeworfen werden, ist dieser (hypothetische) 

Kausalzusammenhang wie erwähnt nur gegeben, wenn bei Vornahme der gebotenen 

Handlungen der Erfolg mit einem hohen Grad an Wahrscheinlichkeit nicht eingetreten 

wäre (oben E. II.1.f).

aa) Fest steht, dass die Beschuldigte zunächst ab 7.20 Uhr am Morgenrapport 

teilgenommen hatte. An diesem wurde auch über die Totgeburt und die Blutungen von 

A._____ gesprochen. Die Anwesenheit der Beschuldigten an diesem Rapport war 

allerdings eher zufällig. Sie war wie erwähnt für den Klinikdienst gar nicht eingeteilt 

gewesen und um 7.20 Uhr nur deshalb schon im Spital, weil sie eine verkehrsbedingte 

Verspätung vermeiden wollte. Da sie A._____ zu diesem Zeitpunkt noch gar nie 

gesehen hatte, kann sie bis zu diesem Zeitpunkt auch nicht für eine Fehldiagnose oder 

Unterlassungen bei der Behandlung der Patientin verantwortlich gemacht werden. 

Davon geht offenbar auch die Anklage aus.

bb) Anlässlich der Visite im Gebärsaal ab ca. 7.45 Uhr hat die Beschuldigte die 

Patientin A._____ dann erstmals gesehen. An dieser Visite waren neben ihr auch die 

Chefärztin, die Assistenzärztin und der Anästhesist anwesend. Die Chefärztin hat dann 

nach eigener Aussage kurz nach 8.00 Uhr den Gebärsaal verlassen und sich für eine 

Operation in den Operationssaal begeben. Wann genau dies erfolgte, kann heute nicht 

mehr festgestellt werden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass dies erst 5 oder 10 

Minuten nach 8.00 Uhr der Fall war. Unklar ist im Weiteren, wie lange die Beschuldigte 

dann noch alleine mit dem Anästhesisten bei der Patientin A._____ blieb. Die Vorinstanz 

(Entscheid, S. 11 ff.) nimmt an, dass sie selbst den Gebärsaal frühestens um 8.15 Uhr 

verlassen hat, um sich, wie von der Chefärztin aufgetragen, um die ambulante 

Notfallpatientin zu kümmern. Sie schliesst dies aus dem Umstand, dass die 

Beschäftigung mit dieser Patientin bis zu einer Stunde gedauert haben könnte und die 

Beschuldigte frühestens um 9.15 Uhr wieder zu A._____ zurückkehrte. Diese 

Annahmen der Vorinstanz, die unter Beachtung der Unschuldsvermutung (Art. 10 Abs. 

3 StPO) getroffen wurden, erscheinen plausibel. Stellt man auf diese zeitlichen 

Eckwerte ab, war die Beschuldigte somit während einer halben Stunde bei der 

Patientin A._____, davon höchstens die Hälfte, möglicherweise auch weniger, in 

Abwesenheit der Chefärztin.

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Es liegt auf der Hand, dass im Zeitraum, als die Chefärztin noch im Gebärsaal 

anwesend war, die Entscheide von ihr getroffen wurden und auch zu treffen waren. Bei 

einer sogenannten vertikalen Arbeitsteilung ergibt sich dies bereits aufgrund des 

hierarchischen Verhältnisses. Der nachgeordnete Arzt ist grundsätzlich an die 

Anweisungen des ihm vorgesetzten Arztes gebunden (Mannsdorfer, Haftung für 

perinatale Schädigung im medizinischen Bereich, HAVE 2003, S. 101, 115; Ballhausen, 

Das arztrechtliche System als Grenze der arbeitsteiligen Medizin, Göttingen 2013, S. 

19). Hinzu kommt, dass die Chefärztin schon zuvor die Patientin A._____ behandelt 

hatte und mit ihrem Fall bestens vertraut war, während die Beschuldigte davon nur 

durch ihre eher zufällige Anwesenheit am Morgenrapport erfahren hatte und nun 

erstmals vor der Patientin stand. Die möglichen Ursachen der Blutungen wurden im 

Gebärsaal ebenfalls diskutiert, doch ging die Chefärztin weiterhin von einer Atonie aus 

(act. E/1 Fragen 22 - 24; act. E/6 Fragen 14 - 16). Es wäre realitätsfremd, von der 

Beschuldigten zu verlangen, dass sie bereits zu diesem Zeitpunkt, also bei 

Anwesenheit der Chefärztin, in deren Kompetenzen hätte eingreifen und eine Änderung 

der Behandlung veranlassen sollen. Es ist auch nicht ersichtlich, auf welche Weise sie 

dies hätte erzwingen können. Ein pflichtwidriges Verhalten der Beschuldigten ist 

deshalb in dieser Phase nicht auszumachen.

Die Chefärztin verliess dann nach 8.00 Uhr den Gebärsaal. Die Beschuldigte war somit 

zusammen mit der Assistenzärztin und dem Anästhesisten alleine bei der Patientin. 

Auch wenn wie dargelegt (oben E. II.3.e) eine eigentliche Übertragung der 

Verantwortung für die Patientin nicht angenommen werden kann, kümmerte sich die 

Beschuldigte doch um diese und übernahm damit als nun hierarchisch höchste 

anwesende Gynäkologin situationsbedingt die Verantwortung. Die Staatsanwaltschaft 

wirft der Beschuldigten vor, dass sie angesichts der anhaltend erfolglosen 

Bemühungen hätte erkennen müssen, dass die Symptome nicht mehr mit einer Atonie 

vereinbar waren. Sie hätte deshalb nicht weiter auf die Diagnose der Chefärztin 

vertrauen dürfen, sondern das Heft selbst in die Hand nehmen und eine Spekulum-

Untersuchung durchführen müssen, um die Diagnose verifizieren oder falsifizieren zu 

können. Indem sie dies unterliess, habe sie ihre Sorgfaltspflicht verletzt (act. B/1, Ziff. 9 

und 12). Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft mag grundsätzlich richtig sein. Allerdings 

ist zu berücksichtigen, dass die Beschuldigte nach dem Weggang der Chefärztin unter 

Umständen nur noch 5 oder 10 Minuten bei der Patientin A._____ war, bevor sie sich 

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dann, wie erwähnt auf Anweisung der Chefärztin, um die ambulante Notfallpatientin 

kümmerte. Es erscheint ebenfalls realitätsfremd, dass sie in dieser kurzen Zeit, 

unmittelbar nach dem Weggang der Chefärztin und praktisch von einer Minute auf die 

andere, deren Diagnose bereits hätte in Frage stellen sollen. Die Zeitspanne, innert der 

die Beschuldigte die Hauptverantwortung für die Patientin trug, war zu kurz, als dass 

von ihr eine derart weitreichende Entscheidung, die in klarem Gegensatz zur 

Beurteilung und zu den Anweisungen der hierarchisch Vorgesetzten stand, hätte 

verlangt werden können. Ein pflichtwidriges Verhalten der Beschuldigten ist deshalb 

auch in dieser Phase nicht auszumachen.

cc) Frühestens um 8.15 Uhr – der genaue Zeitpunkt lässt sich nicht feststellen – 

verliess die Beschuldigte dann A._____, um sich um die ambulante Notfallpatientin zu 

kümmern. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, dass sie sich in dieser kritischen 

Situation von der in Lebensgefahr schwebenden Patientin verabschiedet habe, um sich 

einer anderen Patientin zu widmen. Es ist in der Tat schwer verständlich, dass die 

Beschuldigte in dieser Situation, die auch ihr als kritisch beurteilt wurde (act. E/6, Frage 

12), andere Aufgaben nicht zurückstellte. Der Vorwurf trifft allerdings vermehrt noch die 

Chefärztin, welche die Patientin schon zuvor, wahrscheinlich für einen blossen 

Wahleingriff, verlassen hatte. Mit ihrer Anweisung an die Beschuldigte, sich noch um 

eine andere Patientin zu kümmern, hatte sie es überdies in Kauf genommen, dass 

A._____ zumindest vorübergehend nicht mehr von einer ausgebildeten 

gynäkologischen Fachärztin, sondern nur noch von einer Assistenzärztin betreut wurde. 

Es ist nicht bekannt, wie ernstlich die Situation der erwähnten Notfallpatientin war, 

insbesondere ob sie dringend der Behandlung bedurfte. Nur dies hätte einen Abzug 

der Beschuldigten von der Patientin A._____ allenfalls gerechtfertigt.

Die Frage kann indessen letztlich offen bleiben. Wie vorne (E. II.4.c) ausgeführt wurde, 

hätte der Entscheid, die Patientin A._____ ins Kantonsspital St. Gallen zu verlegen, 

möglicherweise bereits deutlich vor 8.30 Uhr getroffen werden müssen, um ihr Leben 

noch retten zu können. Dass die Beschuldigte die Patientin um (frühestens) 8.15 Uhr 

verliess und damit keine Änderung in der Behandlung mehr veranlassen konnte, war 

deshalb unter Umständen gar nicht mehr von Bedeutung. Ja es fragt sich sogar, ob die 

Beschuldigte sogar in der eher kurzen Zeitspanne, als sie sich nach dem Weggang der 

Chefärztin hauptverantwortlich um A._____ kümmerte, deren Tod durch eine Abkehr 

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von der Diagnose der Atonie und einen sofortigen Verlegungsentscheid überhaupt 

noch hätte abwenden können. Aufgrund der doch eher unbestimmten bzw. unscharfen 

zeitlichen Festlegungen in den Gutachten Prof. Dr. C._____ und Prof. Dr. D._____ 

bestehen unüberwindliche Zweifel (Art. 10 Abs. 3 StPO), dass der Tod von A._____ 

durch entsprechende frühere Anordnungen der Beschuldigten mit hoher 

Wahrscheinlichkeit noch hätte verhindert werden können. Selbst wenn die 

Beschuldigten sich in dieser Phase gewisse Versäumnisse vorwerfen lassen müsste, 

wären sie somit für den tatbestandsmässigen Erfolg nicht (mehr) kausal gewesen.

6. Die Beschuldigte hat sich deshalb nicht der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht. 

Der vorinstanzliche Freispruch (Ziff. 1 des Dispositivs) ist zu bestätigen.

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	Entscheid Kantonsgericht, 04.11.2014
	Art. 117 StGB (SR 311). Fahrlässige Tötung. Ärztliche Sorgfaltspflichten einer Oberärztin. Es kann nicht verlangt werden, dass die Diagnose einer hierarchisch vorgesetzten Chefärztin in einer kurzen Zeitspanne in Frage gestellt wird. Fehlende Kausalität, da der Tod der Patientin durch eine Abkehr von der Diagnose der Atonie und einen sofortigen Verlegungsentscheid nicht mehr hätte abgewendet werden können (Kantonsgericht, Strafkammer, 4. November 2014, ST.2012.155).

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		2025-07-19T09:32:09+0200
	"9001 St.Gallen"
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