# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 73e77a08-3110-5c3a-befd-3674f499f7ca
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2020-08-20
**Language:** de
**Title:** Abweichend von psychiatrischem Gutachten funktionelle Auswirkungen des psychischen Gesundheitszustandes nicht überwiegend wahrscheinlich. Abweisung.
**Docket/Reference:** IV.2020.00078
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2020.00078.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2020.00078
IV. Kammer
Sozialversicherungsrichter Hurst, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Arnold Gramigna
Sozialversicherungsrichterin Fankhauser
Gerichtsschreiberin Casanova
Urteil
vom
20. August 2020
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Stadt Zürich Soziale Dienste
Y.___
, Sozialversicherungsrecht, Team Recht
Hönggerstrasse
24, 8037 Zürich
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
X.___
, geboren 1959, meldete sich am
9.
März 2018
(Eingangs
datum)
bei der Sozialversicherungsanstalt
des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungsbezug an (
Urk.
9/18).
Die IV-Stelle tätigte erwerbliche und medizinische Abklärungen und holte
insbesondere das psychiatrisch-psychotherapeutische
Gutachten von
Dr.
med.
Z.___
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vom
2
1.
August 2019 ein (
Urk.
9/47). Die IV-Stelle auferlegte der Versicherten mit Schreiben vom
8.
November 2019 eine
”
Mitwirkungspflicht
”
dahingehend, dass die ambulante Therapie weiter
zu
führen und - sofern zeitnah keine Verbesserung eintrete - eine Intensivierung der Therapie (teilstationär oder stationär) in Betracht zu ziehen sei, ansonsten allenfalls nicht eingetreten werde auf ein neues Leistungsbegehren (
Urk.
9/49). Nach durchgeführtem Vorbescheid
verfahren (Vorbescheid vom
8.
November 2019,
Urk.
9/51) verfügte die IV-Stelle am
7.
Januar 2020, dass das Leistungsbegehren abgewiesen werde (
Urk.
9/54).
2.
Hiergegen erhob die Versicherte am 3
1.
Januar 2020 Beschwerde und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei ihr mindestens eine Drei
viertelsrente zuzusprechen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (
Urk.
1). Mit Beschwerdeantwort vom 2
6.
Februar 2020 (
Urk.
8 unter Beilage ihrer Akten,
Urk.
9/1-61) schloss die
Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde, worüber die Be
schwer
de
führerin am 2
7.
Februar 2020 in Kenntnis gesetzt wurde (
Urk.
10).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
Die Beschwerdeführerin führte in ihrer Beschwerde vom 3
1.
Januar 2020 aus, dass
vor der Inanspruchnahme bzw. Erwägung einer teilstationären/stationären Behandlung abzuwarten sei, ob die ambulante Behandlung zu einer Verbesserung führe. Entsprechend könne die
Nichtanspruchnahme
dessen keinen Nachteil dar
stellen - erst recht nicht ohne Mahn- und
Bedenkzeitverfahren
. Im Gutachten von
Dr.
Z.___
werde eine 60%ige Arbeitsunfähigkeit für
die aktuelle, angepasste Tätigkeit und eine 40%ige Arbeitsunfähigkeit für eine optimal angepasste Tätig
keit attestiert. Die Ressourcenprüfung der Beschwerdegegnerin sei nicht nachvoll
ziehbar, es sei auf die Einschätzung von
Dr.
Z.___
abzustellen. Allerdings sei fraglich, ob eine optimal angepasste Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden sei, so dass von einer 60%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen sei. Anhand eines Prozentvergleiches basierend auf einer Hilfsarbeitertätigkeit
nach der
vom Bundesamt für Statistik herausgegebenen Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE)
resultiere darau
s ein Invaliditätsgrad von 60
%
, womit Anspruch auf eine Dreiviertelsrente bestehe (
Urk.
1).
Die Beschwerdegegnerin brachte demgegenüber im Wesentlichen vor (
Urk.
2 und
Urk.
8), dass die gutachterlich erhobenen Befunde weitgehend unauffällig gewe
sen seien. Die bildhaften Erinnerungen an negative Erlebnisse in der Kindheit seien schon immer da gewesen, sie habe allerdings trotzdem über Jahre voll gearbeitet. Das gutachterlich festgestellte reduzierte Konzentrationsvermögen spreche für sich allein nicht für eine schwere Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde, auch lasse die Verbesserung durch medizinische Massnahmen auf keine schwere Ausprägung schliessen. Insgesamt sei der funktionelle Schweregrad als gering zu bezeichnen und auch die Kategorie Konsistenz spreche gegen ein invalidisierendes Leiden, befinde sie sich doch nur in ambulanter Therapie, übe eine Teilzeittätigkeit aus und führe den Haushalt selbständig. Zudem bestünden nicht unerhebliche psychosoziale Belastungsfaktoren.
2.
2.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines aner
kannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine
fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in
ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objek
tivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.3
2.3.1
Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen, nach BGE 143 V 409 namentlich auch leichte bis mittelschwere Depressionen, für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem strukturierten Beweisverfahren nach Massgabe von BGE 141 V 281 zu unterziehen (Änderung der Rechtsprechung). Speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere depressive Störungen hielt das Bundesgericht in BGE 143 V 409 – ebenfalls im Sinne einer Praxisänderung – fest, dass eine invalidenversicherungsrechtlich relevante psychische Gesundheits
schä
di
gung nicht mehr allein mit dem Argument der fehlenden Therapieresistenz auszuschliessen sei (E. 5.1; zur bisherigen Gerichtspraxis vgl. statt vieler: BGE
140 V 193 E.
3.3; Urteil des Bundesgerichts 9C_13/2016 vom 1
4.
April 2016 E. 4.2). Für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sind somit auch bei den leichten bis mittelgradigen depressiven Störungen systematisierte Indikatoren beachtlich, die es – unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits – erlau
ben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V
281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1). Die Therapierbarkeit ist dabei als Indiz in die ge
samt
haft vorzunehmende allseitige Beweiswürdigung miteinzubeziehen (BGE 143
V
409 E. 4.2.2; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_449/2017 vom
7.
März
2018 E.
4.2.
1).
Die Anerkennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesund
heit
lichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig
und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrschein
lich
keit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweis
belastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V
281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Januar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
2.3.2
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V
281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
2.4
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
2.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und
in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
3.
3.1
Die Beschwerdegegnerin stellte in der angefochtenen Verfügung vom
7.
Januar 2020
(
Urk.
2) im Wesentlichen auf das psychiatrische Gutachten
von
Dr.
Z.___
vom 2
1.
August 2019
ab. Darin werden die bis zur Begutachtung der Beschwerdeführerin aktenkundigen medizinischen Berichte zusammengefasst (Urk.
9/47/2
), weshalb sie an dieser Stelle nicht noch einmal wiedergegeben werden. Soweit erforderlich, wird in den nachfolgenden Erwägungen aber darauf Bezug genommen.
3.2
Dr.
Z.___
hielt als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung, formal zu codieren unter ICD-10 F43.1 mit/bei (1) körperlicher und psychischer Gewalt durch die Mutter vom
6.-1
5.
Lebensjahr, (2) sexuellem Missbrauch vom 10.-1
4.
Lebensjahr und (3) Re
trau
matisierung am Arbeitsplatz Juni 2016
fest
. Diagnosen ohne Auswir
kungen auf die Arbeitsfähigkeit lägen keine vor (
Urk.
9/47/13).
Bei der Beschwerdeführerin bestehe eine massive Traumatisierung durch die Mutter ca. vom
6.
bis zum 1
5.
Lebensjahr. Zudem habe sich der Vater, eine wichtige positive Bezugsperson,
suizidiert
, als sie 6 Jahre alt gewesen sei.
V
om 1
0.
bis zum 1
4.
Lebensjahr habe sexueller Missbrauch durch einen damaligen Partner der Mutter stattgefunden. Die gesamte Kindheit und ein Grossteil der Jugend sei von Traumatisierungen geprägt, weshalb es ihr nicht möglich gewesen sei, eine stabile Persönlichkeitsstruktur auszubilden. Sie berichte, bereits als Kind wenig belastbar gewesen zu sein. Sie habe zunächst keine Integration in den Arbeitsmarkt geschafft, die Ausbildung habe sie abgebrochen. Dann habe sie in der Prostitution gearbeitet und über Jahre hinweg bis 1999 als Bardame in Cabarets. Zu dieser Zeit habe sie regelmässig Alkohol im Rahmen der Arbeit konsumiert.
Die Beschwerdeführerin zeige wenig Gespür für die eigenen Grenzen und eine, insbesondere auf die Wahl der Ehepartner, auffällige Beziehungsgestaltung, wobei sie immer wieder ausgenutzt worden sei. Sie sei viermal verheiratet ge
wesen, wobei die Ehemänner sie jeweils hintergangen und ausgenutzt hätten. Es bestehe eine reduzierte Beziehungsfähigkeit. Sie habe Schwierigkeiten
,
sich von ihren Emotionen zu distanzieren und diese zu regulieren. Sie leide unter einem ausgeprägten Schamgefühl, geringem Selbstwertgefühl und Schuldgefühlen. Sie
stehe unter ständiger Anspannung und Nervosität. Seit der Kindheit leide sie unter wiederkehrenden Bildern von den erlittenen Traumatisierungen, die bis heute zu negativen Träumen führten. Insgesamt seien somit die diagnostischen Kriterien für eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung in ausreichen
dem Masse erfüllt.
Die Beschwerdeführerin habe dennoch über viele Jahre voll gearbeitet. Es sei davon auszugehen, dass
es
durch die Erlebnisse am letzten Arbeitsplatz, denen sie über vier Jahre ausgesetzt gewesen sei, zu einer erneuten Traumatisierung mit Verstärkung der vorbestehenden Symptomatik gekommen sei. Als sich das unbe
rechenbare Verhalten des alkoholabhängigen Chefs in den letzten Monaten vor allem auf sie konzentriert habe, sei es zu einer Exazerbation der Symptomatik gekommen.
Der behandelnde Psychiater stelle die Diagnose einer Anpassungsstörung, was
gutachterlicherseits
nicht geteilt
werde. Bei der Beschwerdeführe
r
i
n sei die beste
hende Symptomatik im Zusammenhang mit den vorbestehenden langjährigen Traumatisierungen zu interpretieren. Ausmass und Verlauf könnten durch eine Anpassun
gsstörung nicht erklärt werden (
Urk.
9/47/14 ff.).
Die angestammte Tätigkeit im Service sei für die Beschwerdeführerin aufgrund der hohen Arbeitsbelastung, der hektischen und meist lauten Arb
eitsumgebung, dem Kundenkontakt und
den hohen Anforderungen an die Konzentration und Kommunikation mit unterschiedlichsten Personen als nicht mehr geeignet anzu
sehen.
Seit 2017 arbeite sie bereits in einem
angepassteren
Aufgabengebiet. Sie habe eine Stelle in der Kommissionierung bei einem Elektro-Versand, bei dem sie die Versandpakete gemäss Bestellungen und Prioritäten zusammenstelle. Aufgrund der Anforderungen an die Konzentration und des Zeitdrucks bestehe in diesem Aufgabengebiet eine Arbeitsfähigkeit von 40
%
ohne Minderung der Leistungs
fähigkeit.
In einem optimal angepassten Arbeitsbereich bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 60
%
ohne Minderung der Leistungsfähigkeit. Eine solche Arbeit müsste geringe Anforderungen an die Konzentration haben. Zudem sollte er ohne Zeit- und Leis
tungs
druck sein. Die Arbeit sollte eher in Einzelarbeit erfolgen und gleichmässige Arbeitsabläufe haben. Im Haushalt bestünden keine Einschränkungen.
Die Arbeitsfähigkeit könne mit medizinischen Massnahmen verbessert werden. Bisher sei die Beschwerdeführerin nur in ambulanter psychiatrisch-therapeu
tischer Behandlung. Eine teilstationäre oder stationäre Behandlung sei nicht erfolgt. Sollte im ambulanten Setting zeitnah keine weitere Verbesserung der
Symptomatik erzielt werden können, sollte eine Intensivierung der Therapie in Betracht gezogen werden. Auch sollte die medikamentöse Therapie optimiert
werden. Ein Erfolg der Behandlung sollte in sechs bis 12 Monaten überprüft we
rden.
Auch wenn die Beschwerdeführerin Schulden habe, bestünden keine invalidi
tätsfremden Faktoren, die als ursächlich für die bestehende Symptomatik ange
sehen werden könnten oder die relevant zur Aufrechterhaltung beitrügen (
Urk.
9/47/17 f.).
4.
4.1
Das
psychiatrisch-psychotherapeutische
Gutachten vom
2
1.
August 2019
erfüllt sämtliche rechtsprechungsgemäss erforderlichen Kriterien für beweiskräftige ärztliche Entscheidungsgrundlagen (vgl. E.
2.5). Es beruht auf fachärztlichen Untersuchungen durch
Dr.
Z.___
und wurde in Kenntnis der relevanten Vorakten abgegeben. Es würdigt die vorhandenen Arztberichte
(vgl. hierzu
Urk.
9/47/16)
sorgfältig, berücksichtigt die von der Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden und setzt sich mit diesen hinreichend auseinander. Die Darlegung der medizinischen Zusammenhänge ist grundsätzlich einleuchtend und das Gut
achten ist dem Grundsatz nach schlüssig.
4.2
Zu prüfen bleibt, ob die attestierte psychiatrische Arbeitsunfähigkeit mit über
wiegender Wahrscheinlichkeit schlüssig anhand der Standardindikatoren erstellt ist.
4.2.1
Zur Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde im Komplex der Gesundheits
schädigung ist festzuhalten, dass der psychiatrische Befund als mässig ausgeprägt zu beurteilen ist (
Urk.
9/47/
10):
Dr.
Z.___
konstatierte, die Beschwerde
füh
rerin sei wach und zu allen Qualitäten orientiert. Der affektive Rapport sei her
stellbar und die affektive Schwingungsfähigkeit erhalten. Die Stimmung sei wäh
rend der Untersuchung nicht zum negativen Pol verschoben. Es finde sich eine deutliche Nervosität und erhöhte innere Anspannung. Sie sei rasch reizbar und nur reduziert fähig, sich von Gefühlen zu distanzieren und diese zu regulieren. Der Gedankengang sei formal und inhaltlich korrekt. Hinweise auf Wahnideen, Halluzinationen, Ich-Störungen oder Zwänge gebe es keine. Bildhafte Erinne
rungen an negative Erlebnisse in der Kindheit sowie Ängste vor Menschen
mengen seien vorhanden. Ihr Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen seien redu
ziert, ebenso das Konzentrationsvermögen (Konzentrationsabfall nach ca. 1 Stunde)
.
Auffassungs-, Merkfähigkeits- oder Gedächtnisstörungen lägen nicht vor. Sie habe teilweise Angst, am Abend ins Bett zu gehen aufgrund von
schlechten Träumen. Sie sei reduziert belastbar und flexibel und rascher ermüd
bar. Scham- und Schuldgefühl seien vorhanden. Es bestehe weder ein Interessen
verlust,
noch
eine Gleichgültigkeit gegenüber der Umgebung, Selbstverletzungen, dissoziatives Erleben, Suizidgedanken oder Anhaltspunkte für akute Selbst- oder Fremdgefährdung.
4.3.2
Zum Indikator „Behandlungserfolg und -resistenz“ ist festzuhalten, dass
die Be
schwerdeführerin - soweit dies aus den Akten ersichtlich
ist
- seit Juli 2016 in psychologisch-psychiatrischer Behandlung steht, wobei der Behandlungs
rhyth
mus 14-täglich ist (
Urk.
9/28/2;
Urk.
9/
47/8). Im Begutachtungszeitpunkt gab sie an,
Cipralex
, Trittico, Prednison und
Stilnox
einzunehmen (
Urk.
9/47/8 f.), wobei
Escitalopram
(
Cipralex
) im Referenzbereich nachweisbar war,
Trazodon
(Trittico) allerdings
ausserhalb
des wirksamen Bereichs war (
Urk.
9/47/12).
Dr.
Z.___
empfahl die Optimierung der medikamentösen Therapie und
–
so
fern zeitnah keine Verbesserung eintrete
- eine Prüfung der Intensivierung der Behandlung. Damit lässt sich der
Behandlungserfolg bzw. die allfällige Behand
lungsresistenz nich
t
abschliessend
beurteilen
.
4.3.3
Als rechtlich bedeutsame „Komorbiditäten“ fallen - nebst Begleiterkrankungen mit eigenständiger invalidisierender Bedeutung (vgl. BGE 141 V 281 E. 4.3.1.3) - Beschwerden in Betracht, welchen im konkreten Fall ressourcenhemmende Wir
kung beizumessen ist (vgl. BGE 143 V 418 E. 8.1).
Somatische Erkrankungen oder
weitere psychiatrische Diagnosen, welche einen negativen Einfluss auf die Arbeits
fähigkeit oder ressourcenhemmende Wirkung zugeschrieben werden kö
nnten, liegen - soweit dies aus den Akten ersichtlich ist - keine vor
(vgl.
Urk.
9/47/7).
4.3.4
Hinsichtlich des Komplexes „Persönlichkeit“ ist festzuhalten, dass sich
aus dem Gutachten keine Hinweise
auf eine Persönlichkeitsakzentuierung
oder Persön
lich
keitsstörung
ergeben
(Urk.
9/47
).
4.3.5
Zum Komplex sozialer Kontext ist zu notieren, dass die Beschwerdeführerin
mit ihrem Ex-Freund zusammenwohne, der ihr sehr helfen würde. Sie habe einen kleinen, aber sehr guten Freundeskreis (
Urk.
9/47/8). Eine Freundin begleitete sie bei der Anreise mit dem Zug und wartete während des Untersuchungstermins
(
Urk.
9/47/9), die Beschwerdeführerin gab diesbezüglich an, dass sie Schwierig
keiten mit Menschenmengen habe, darum würde meist eine Freundin mitkom
men
,
wenn sie an Orte gehe, die sie nicht kenne (
Urk.
9/47/4). Ca. einmal im Monat gehe sie mit Freunden Kaffee trinken (
Urk.
9/47/8). Auch zu ihrem Bruder, der Alkoholiker sei, habe sie sehr guten Kontakt (
Urk.
9/47/5).
4.3.6
Zu prüfen ist weiter die Konsistenz. Hinsichtlich des Gesichtspunkts der
gleich
mässigen
Einschränkungen des Aktivitätenniveaus in allen vergleichbaren Lebens
bereichen ist folgendes festzuhalten:
An einem gewöhnlichen Tag stehe sie um 8.30 Uhr auf und gehe mit ihren beiden Hunden für zwei Stunden spazieren. Nach dem Frühstück gehe sie einkaufen und erledige Aufgaben im Haushalt. Sie schlafe dann zwei Stunden und gehe noch
mals mit den Hunden spazieren. Danach fahre sie zur Arbeit. Wenn sie abends heimkomme, koche sie für sich. Gegen 00.30
-
01.00 Uhr gehe sie ins Bett. Die Hausarbeit erledige sie selbständig ohne Hilfe. Hobbies habe sie nicht. Ca. einmal monatlich gehe sie Kaffee trinken mit Freunden. Dies sei seit sechs Monaten wieder möglich. Sie versuche immer, Aktivitäten wieder durchzuführen (
Urk.
9/47/8).
4.3.7
In Bezug auf den behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesenen Leidensdruck ist schliesslich festzuhalten,
dass keine teilstationäre oder st
ationäre Behandlung stattfand, sondern die Beschwerdeführerin - soweit aus den Akten ersichtlich - lediglich Termine alle zwei Wochen in ambulantem Setting wahr
nimmt.
Escitalopram
(
Cipralex
)
war
im
Referenzbereich nachweisbar
,
der Spiegel von
Trazodon
(Trittico)
befand sich allerdings
ausse
rhalb
des wirksamen Bereichs
(
Urk.
9/47/12).
Die Beschwerdeführerin gab an, dass keine stationären, teilstatio
nären oder Gruppentherapien erfolgt seien, da
sie
sich dies aufgrund ihrer Hunde nicht vorstellen könne - eine Trennung von den Hunden sei sehr schlimm für sie (
Urk.
9/47/8).
Die alle zwei Wochen stattfindenden Termine sowie die Angabe, dass keine teil
stationäre oder stationäre Therapie stattgefunden habe aufgrund der für sie schlimmen Trennung von den Hunden
lassen auf einen behandlungs
anam
nes
tisch niedrigen Leidensdruck
schliessen
.
4.4
Unter Berücksichtigung der nur
mässig
ausgeprägten diagnoserelevanten Befun
de, der
unbeeinträchtigten
Persönlichkeit,
der fehlenden ressourcenhemmenden Komorbiditäten,
des
kleinen aber stabilen sozialen Umfeldes
,
des höchstens leicht eingeschränkten Aktivitätsniveaus und
des behandlungsanamnestisch als
niedrig
zu beurteilenden Leidensdruckes sind funktionelle Auswirkungen des psychi
schen
Gesundheitszustandes nicht überwiegend wahrscheinlich.
4.5
Damit erweist sich die angefochtene Verfügung im Resultat als rechtens und die Beschwerde ist vollumfänglich abzuweisen.
5.
5.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr.
8
00.-- anzusetzen. Ausgangsgemäss sind sie der Be
schwerdeführerin aufzuerlegen.
5.2
Der vorliegende Prozess kann nicht als von vornherein aussichtslos bezeichnet werden. Des Weiteren ist die Beschwerdeführ
erin bedürftig (
Urk.
3
). Antrags
ge
mäss (Urk. 1) ist ihr deshalb die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen. Die der Beschwerdeführerin auferlegten Gerichtskosten sind demnach einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
Kommt die Beschwerdeführerin künftig in günstige wirtschaftliche Verhältnisse, so kann sie das Gericht zur Nachzahlung der Auslagen für die unentgeltliche Rechts
pflege verpflichten (§ 16 Abs. 4 des Gesetzes über das Sozialversiche
rungs
gericht, GSVGer).
Das Gericht beschliesst,
In Bewilligung des Gesuchs vom
3
1.
Januar 2020 wird der Beschwerdeführerin
die unent
g
eltliche Prozessführung gewährt,
und
erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
800
.-- werden
der Beschwerdeführerin
auferlegt
, zufolge Ge
währung der unentgeltlichen Prozessführung jedoch einstweilen auf die Gerichts
kasse genommen.
Die Beschwerdeführerin wird
auf die Nachzahlungspflicht gemäss § 16 Abs. 4 GSVGer hingewiesen.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Stadt Zürich Soziale Dienste
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
4.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
HurstCasanova