# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 369337cc-8d9e-577c-ac55-d97b4df11c42
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2011-10-28
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 28.10.2011 D-2312/2009
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-2312-2009_2011-10-28.pdf

## Full Text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t

T r i buna l   adm in i s t r a t i f   f édé ra l

T r i buna l e   ammin i s t r a t i vo   f ede ra l e

T r i buna l   adm in i s t r a t i v   f ede ra l

Abteilung IV
D­2312/2009

U r t e i l   v om   2 8 .   O k t ob e r   2 0 1 1

Besetzung Richter Martin Zoller (Vorsitz), Richter Walter Lang,
Richter Thomas Wespi, Richterin Claudia Cotting­Schalch 
(Abteilungspräsidentin), Richter Hans Schürch;
Gerichtsschreiber Daniel Widmer.

Parteien A.______,
und dessen Ehefrau 
B.______,
Afghanistan,
beide vertreten durch lic. iur. Rebecca Moses Möhrle,
Thurgauer Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende,
(…), 
Beschwerdeführende,

gegen

Bundesamt für Migration (BFM),
Quellenweg 6, 3003 Bern,
Vorinstanz. 

Gegenstand Vollzug der Wegweisung;
Verfügung des BFM vom 11. März 2009 / (…).

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Sachverhalt:

A. 
A.a.  Die  Beschwerdeführenden  verliessen  eigenen  Angaben  zufolge 
Afghanistan  zirka  im  (…)  2008  auf  dem  Landweg  in  Richtung  Iran  und 
reisten  über  die  Türkei  nach  Griechenland  weiter.  Von  dort  flogen  sie 
nach Italien und gelangten am 17. November 2008 auf dem Landweg  in 
die  Schweiz.  Noch  am  selben  Tag  suchten  sie  im  Empfangs­  und 
Verfahrenszentrum  (EVZ)  Basel  um Asyl  nach.  Am  (…)  2008  fand  dort 
eine  erste  Befragung  statt.  Am  (…)  2009  wurden  sie  in  Bern­Wabern 
durch das Bundesamt in Anwendung von Art. 29 Abs. 1 des Asylgesetzes 
vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) angehört.

A.b. Der Beschwerdeführer machte  im Wesentlichen geltend,  er  sei  als 
Angehöriger  der  tadschikischen Volksgruppe  in Herat  geboren.  Im Alter 
von (…) sei er zusammen mit seinen Eltern nach C._______ in den Iran 
gezogen, von wo sie  im Jahr 1995 nach Herat zurückgekehrt seien. Als 
im  August  beziehungsweise  September  2007  vor  der  dortigen 
Kommandatur ein Selbstmordanschlag verübt worden sei, habe er sich in 
der  Nähe  des  Tatorts  aufgehalten.  Da  nach  dem  Anschlag  Chaos 
geherrscht  habe,  habe  er  zu  seinem  Laden  zurückkehren  wollen,  sei 
dabei  aber auf  dem Weg dorthin  festgenommen und zum Polizeiposten 
im Quartier D.______ gebracht worden. Dort  habe man  ihn geschlagen 
und  ihm  vorgeworfen,  mit  dem  Selbstmordanschlag  in  Verbindung  zu 
stehen. Mit Hilfe seines Vaters, welcher den einflussreichen ehemaligen 
Widerstandskämpfer  E.______.  gekannt  habe,  sei  er  aus  der  Haft 
entlassen worden. In der Folge sei er jedoch weiterhin schikaniert und in 
Abständen von zwei bis drei Monaten wiederum festgenommen worden. 
Bei der letzten Festnahme habe ihm die Polizei mit einer Gefängnisstrafe 
gedroht.  Nach  der  Freilassung  habe  ihm  E.______,  welcher  bei 
sämtlichen Festnahmen für ihn gebürgt habe, zum Verlassen des Landes 
geraten, da er nicht mehr weiter für ihn bürgen könne. Da es für ihn keine 
Sicherheit mehr gegeben habe, sei er zusammen mit seiner Ehefrau aus 
dem Heimatstaat ausgereist.

A.c.  Die  Beschwerdeführerin  machte  im  Wesentlichen  geltend,  sie  sei 
eine  als  Angehörige  der  tadschikischen  Volksgruppe  im  Iran  geborene 
afghanische  Staatsangehörige.  Im  Alter  von  (…)  sei  sie  zusammen mit 
ihren  Eltern  nach  Herat  zurückgekehrt.  Nach  dem  Selbstmordanschlag 
vom  August  beziehungsweise  September  2007  sei  der  Druck  der 

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Behörden  gross  gewesen,  da  ihr  Ehemann  verdächtigt  worden  sei,  am 
Anschlag beteiligt gewesen zu sein.

A.d. Für  die weiteren Aussagen  der Beschwerdeführenden wird,  soweit 
für den Entscheid wesentlich, auf die Protokolle bei den Akten verwiesen.

B. 
Mit  Verfügung  vom  11. März  2009  stellte  das  BFM  fest,  die 
Beschwerdeführenden  erfüllten  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und 
lehnte die Asylgesuche ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung der 
Beschwerdeführenden aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. Zur 
Begründung  führte  es  im  Wesentlichen  aus,  die  geltend  gemachten 
Verfolgungsvorbringen  genügten  den  Anforderungen  an  die 
Glaubhaftigkeit  nicht.  So  seien  die  Aussagen  des  Beschwerdeführers 
sowohl betreffend die Umstände der Festnahme  im Zusammenhang mit 
dem Selbstmordanschlag als auch betreffend die Anzahl und Dauer der 
Festnahmen  widersprüchlich  ausgefallen.  Zudem  seien  die  Aussagen 
bezüglich  der Gründe  der  Festnahmen  und  Freilassung  nicht  plausibel. 
Der  Vollzug  der  Wegweisung  sei  zulässig,  zumutbar  und  möglich. 
Insbesondere  verfügten  die  Beschwerdeführenden  in  Herat  über  ein 
Beziehungsnetz,  zumal  der  Beschwerdeführer  erklärt  habe,  dass  seine 
Eltern  und  Geschwister  sowie  Onkel  und  Tanten  dort  wohnhaft  seien, 
während  gemäss  den  Angaben  der  Beschwerdeführerin  sich  deren 
Eltern,  Geschwister  und  Tanten  ebenfalls  in  Herat  befänden;  mithin 
könne  bei  einer  Rückkehr  dank  Beziehungen  in  der  afghanischen 
Gesellschaft von guten Integrationschancen ausgegangen werden.

C.  
Mit  Eingabe  vom  9. April  2009  (…))  an  das  Bundesverwaltungsgericht 
beantragten die Beschwerdeführenden durch ihre Rechtsvertreterin unter 
Kosten­  und  Entschädigungsfolge,  es  seien  die  Ziffern  3  bis  5  (Vollzug 
der  Wegweisung)  des  Dispositivs  der  angefochtenen  Verfügung 
aufzuheben,  die  Unzulässigkeit  beziehungsweise  Unzumutbarkeit  des 
Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme 
anzuordnen.  In  prozessualer  Hinsicht  wurden  der  Verzicht  auf  die 
Erhebung  eines  Kostenvorschusses  und  die  Gewährung  der 
unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des 
Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das 
Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) beantragt. Gleichzeitig wurde 
der  Bericht  "Asylsuchende  aus  Afghanistan"  der  Schweizerischen 
Flüchtlingshilfe  (SFH)  vom  26. Februar  2009  zu  den  Akten  gereicht. 

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Darauf  sowie  auf  die  Begründung  wird,  soweit  für  den  Entscheid 
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

D. 
Mit  Zwischenverfügung  vom  28. April  2009  teilte  das 
Bundesverwaltungsgericht  den  Beschwerdeführenden mit,  dass  sie  den 
Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  könnten,  sich  die 
Beschwerde  ausschliesslich  gegen  den  Vollzug  der  von  der  Vorinstanz 
verfügten Wegweisung  richte, der Entscheid des BFM, soweit die Frage 
der  Flüchtlingseigenschaft  und  der  Asylgewährung  betreffend,  in 
Rechtskraft  erwachsen  und  auch  die  Anordnung  der Wegweisung  nicht 
mehr zu überprüfen sei und somit Prozessgegenstand lediglich die Frage 
bilde,  ob  die Wegweisung  zu  vollziehen  oder  ob  anstelle  des  Vollzugs 
eine  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen  sei.  Gleichzeitig  wurden  die 
Gesuche um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie 
um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  mangels  Nachweises 
der  behaupteten  Bedürftigkeit  abgewiesen  und  ein  Kostenvorschuss 
erhoben.

E. 
Nachdem  die  Beschwerdeführenden  mit  Schreiben  vom  29. April  2009 
eine  Fürsorgebestätigung  eingereicht  hatten,  verzichtete  der  zuständige 
Instruktionsrichter  mit  Zwischenverfügung  vom  30. April  2009 
wiedererwägungsweise  auf  die  Erhebung  des  Kostenvorschusses  und 
verschob  den  Entscheid  über  das  Gesuch  um  Erlass  allfälliger 
Verfahrenskosten auf einen späteren Zeitpunkt.

F. 
Mit Begleitnotiz vom 29. Juni 2009 retournierte das BFM die zuvor beim 
Bundesverwaltungsgericht  angeforderten  vorinstanzlichen  Akten  und 
teilte mit, dass die Staatsangehörigkeit der Beschwerdeführerin von  Iran 
auf Afghanistan gewechselt worden sei.

G. 
Mit  Schreiben  vom  21. Juli  2010  erkundigten  sich  die 
Beschwerdeführenden  nach  dem  Verfahrensstand  und  reichten 
gleichzeitig  in  Kopie  eine  von  (…)  unterzeichnete  Bestätigung  ein, 
wonach die Beschwerdeführenden afghanische Staatsangehörige seien.

H. 

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H.a. Mit Vernehmlassung vom 15. Dezember 2010 beantragte das BFM 
die  Abweisung  der  Beschwerde.  Zur  Begründung  führte  es  aus,  die 
Beschwerdeschrift  enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder 
Beweismittel, welche eine Änderung des Standpunkts  rechtfertigten. Sie 
enthalte  die  Beschreibung  der  allgemeinen  Lage  in  Afghanistan  und 
nehme  keinen  persönlichen  Bezug  auf  die  Vorbringen  der 
Beschwerdeführenden.  Im  Übrigen  wurde  auf  die  Erwägungen  in  der 
angefochtenen  Verfügung  verwiesen  und  daran  vollumfänglich 
festgehalten.

H.b.  Die  Vernehmlassung  wurde  den  Beschwerdeführenden  am 
17. Dezember 2010 zur Kenntnis gebracht.

I. 
Mit Schreiben  vom 5. Juli  2011  reichten  die Beschwerdeführenden  eine 
angeblich  afghanische  Polizeivorladung  vom  (…)  im  Original  samt 
deutscher Übersetzung zu den Akten und führten dazu aus, die F.______ 
hätten  das  Dokument  etwa  sechs  Monate  nach  der  Ausreise  (…) 
erhalten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:

1. 
1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden 
gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den 
Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des 
Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme 
im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht 
ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und 
entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen 
eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die 
beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d 
Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG, 
SR 173.110]).

1.2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige 
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und 
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

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2. 
Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die 
Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz 
teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt 
und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung 
beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der 
Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 
sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.

3. 
Die  Verneinung  der  Flüchtlingseigenschaft,  die  Ablehnung  der 
Asylgesuche  sowie  die  Wegweisung  an  sich  blieben  vorliegend 
unangefochten  und  sind  mit  Ablauf  der  Beschwerdefrist  in  Rechtskraft 
erwachsen. Gegenstand  des  vorliegenden  Beschwerdeverfahrens  bildet 
somit  einzig  (wie  in  der Beschwerde  beantragt)  die  Frage  des Vollzugs 
der Wegweisung (Art. 44 AsylG).

4. 
4.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder 
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach 
den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von 
Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes 
vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG, 
SR 142.20]).

4.2. Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche 
Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des 
Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  in  einen  Drittstaat 
entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG).

4.2.1. Keine  Person  darf  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land 
gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus 
einem Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  sind  oder  in  dem  sie 
Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden 
(Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom 
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).

Dieses flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot schützt nur Personen, 
welche  die  Flüchtlingseigenschaft  im  Sinne  von  Art. 3  AsylG  respektive 
Art. 1 A  FK  erfüllen.  Nachdem  das  BFM  in  seiner  Verfügung  vom 
11. März  2009  rechtskräftig  festgestellt  hat,  dass  die 

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Beschwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, kann das 
Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Rückschiebungsverbots vorliegend nicht 
zur  Anwendung  gelangen.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  der 
Beschwerdeführenden  ist  daher  unter  dem  Aspekt  von  Art. 5  AsylG 
rechtmässig.

4.2.2. Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen 
Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des 
Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere 
grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe 
(FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. 
November  1950  zum Schutze  der Menschenrechte  und Grundfreiheiten 
(EMRK, SR 0.101) darf niemand  in einen Staat ausgeschafft werden,  in 
dem ihm Folter oder eine andere Art unmenschlicher oder erniedrigender 
Strafe oder Behandlung droht.

Weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden noch aus den Akten 
ergeben  sich  Anhaltspunkte  dafür,  dass  sie  für  den  Fall  einer 
Ausschaffung  in  ihren  Heimatstaat  respektive  in  die  hier  in  Betracht 
fallende  Provinzhauptstadt  Herat  (vgl.  auch  E. 4.3.  unten)  dort  mit 
beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK 
verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wären.  Gemäss  Praxis 
des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie 
jener des UN­Anti­Folterausschusses müssten die Beschwerdeführenden 
eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen, 
dass  ihnen  im  Fall  der  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche 
Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer]  Saadi  gegen 
Italien, Urteil vom 28. Februar 2008 Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 bis 
127, mit weiteren Hinweisen). Dies ist ihnen in casu nicht gelungen. 

4.2.3.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  ist  somit  sowohl  im  Sinne  der 
asylgesetzlichen als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.

4.3. Gemäss Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  der Wegweisung  für 
Ausländerinnen  oder  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­ 
oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg, 
allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind. 
Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von 
Art. 83  Abs. 7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl. 
Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer 
vom 8. März 2002, BBl 2002 3818).

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4.3.1. Die vormalige Schweizerische Asylrekurskommission (ARK) setzte 
sich  in  ihrer  Rechtsprechung  mehrmals  eingehend  mit  der  Lage  in 
Afghanistan auseinander, äusserte sich zu verschiedenen Provinzen des 
Landes und stellte namentlich die Unterschiede zwischen der Hauptstadt 
Kabul und anderen Regionen Afghanistans dar. Dabei erkannte die ARK 
im  Jahre  2003  den  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  –  infolge  der 
vergleichsweise  günstigeren  Situation  –  unter  bestimmten  strengen 
Voraussetzungen,  insbesondere  eines  tragfähigen  Beziehungsnetzes, 
der  Möglichkeit  der  Sicherung  des  Existenzminimums  und  einer 
gesicherten  Wohnsituation,  als  zumutbar  (vgl.  Entscheidungen  und 
Mitteilungen der ARK  [EMARK] 2003 Nr. 10 und Nr. 30).  Im Jahre 2006 
bestätigte die ARK ihre Rechtsprechung (vgl. EMARK 2006 Nr. 9), wobei 
– zusätzlich  zu  Kabul  –  der  Wegweisungsvollzug  in  weitere, 
abschliessend  aufgeführte  Provinzen  (Parwan,  Baghlan,  Takhar, 
Badakhshan,  Kunduz,  Balkh,  Sari  Pul,  Herat  und  die  Gegend  von 
Samangan, die nicht zum Hazarajat zu zählen  ist) unter den  in EMARK 
2003  Nr. 10  erwogenen  strengen  Bedingungen  als  zumutbar  erklärt 
wurde.  Betreffend  die  übrigen  östlichen,  südlichen  und  südöstlichen 
Provinzen  stellte  die  ARK  demgegenüber  fest,  dass  dort  weiterhin  eine 
allgemeine  Gewaltsituation  herrsche,  weshalb  der  Wegweisungsvollzug 
dorthin nach wie vor als unzumutbar zu betrachten sei (vgl. EMARK 2006 
Nr. 9  E. 7.5.3  und  7.8).  Diese  Rechtsprechung  der  ARK  wurde  vom 
Bundesverwaltungsgericht bis anhin im Wesentlichen weitergeführt. 

4.3.2. Aufgrund einer zunehmenden Verschlechterung der Verhältnisse in 
Afghanistan unterzog das Bundesverwaltungsgericht die bisherige Praxis 
einer  eingehenden  Prüfung.  Dabei  gelangte  das 
Bundesverwaltungsgericht  im Rahmen einer erneuten Lageanalyse zum 
Schluss, dass im Verlauf der letzten Jahre die allgemeine Sicherheitslage 
in  Afghanistan  über  alle  Regionen  hinweg  –  inklusive  der  urbanen 
Zentren und der Hauptstadt Kabul – deutlich schlechter geworden ist (vgl. 
dazu  zur  Publikation  vorgesehenes  Urteil  BVGE  E­7625/2008  vom  16. 
Juni 2011 E. 9.1 – 9.7). Parallel zur allgemeinen Sicherheitslage hat sich 
namentlich  auch die  humanitäre Situation  in Afghanistan  verschlechtert, 
wobei aber erhebliche Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen 
Gebieten  festzustellen  sind.  Erweisen  sich  zum  heutigen  Zeitpunkt  die 
Verhältnisse in ländlichen Gebieten grossmehrheitlich als absolut prekär, 
so  ist  zumindest  in  Kabul  eine  deutlich  bessere  Situation  anzutreffen, 
zumal sich dort nach den letzten Jahren auch die Sicherheitslage wieder 
stabilisiert  hat  (vgl.  a.a.O.,  E. 9.8 –9.9).  Unter  Berücksichtigung  der 
gesamten  Umstände  erachtet  das  Bundesverwaltungsgericht  den 

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Wegweisungsvollzug nach Afghanistan nunmehr nur dann als zumutbar, 
wenn  sich  im  Einzelfall  erweist,  dass  die  betroffene  Person  in  Kabul 
sozial  vernetzt  ist,  sie  also  dort  über  ein  tragfähiges  soziales  Netz  im 
Sinne der bisherigen strengen Anforderungen nach EMARK 2003 Nr. 10 
verfügt.  Offengelassen  wurde  vom  Bundesverwaltungsgericht,  ob 
betreffend  die  Städte  Herat  und  Mazar­i­Sharif  in  gleicher  Weise  zu 
entscheiden  wäre,  womit  aber  gleichzeitig  festgestellt  wurde,  dass – 
ausser  in  Kabul  und  allenfalls  auch  in  diesen  beiden  Städten  –  in  den 
meisten Gebieten von einer existenzbedrohenden Situation im Sinne von 
Art. 83 Abs. 4 AuG auszugehen ist.

4.3.3. 
4.3.3.1 Die Beschwerdeführenden stammen aus der Stadt Herat, weshalb 
zu prüfen ist, ob ihnen die Rückkehr dorthin zuzumuten ist. Eine Situation 
allgemeiner Gewalt  führt  in einem Land nicht automatisch zur Annahme 
einer  konkreten  Gefährdung,  vielmehr  muss  die  betroffene  Person 
darlegen,  dass  die  Situation  für  sie  eine  konkrete Gefährdung  darstellt. 
Mithin  ist  in  der Regel  eine  Einzelfallbeurteilung  unter  Berücksichtigung 
der  individuellen Lebensumstände der betroffenen Person vorzunehmen 
(vgl. RUEDI ILLES, zu Art. 83 AuG, in: MARTINA CARONI / THOMAS GÄCHTER / 
DANIELA THURNHERR  [Hrsg.]: Bundesgesetz über die Ausländerinnen und 
Ausländer  [AuG],  Bern  2010,  S. 799,  Rz.  33.).  Zwar  ist  von  einer 
Verschlechterung  der  Sicherheitslage  im  Westen  Afghanistans  in  den 
letzten Jahren auszugehen und gerade auch in der Provinz Herat  ist die 
Zahl  sicherheitsrelevanter  Ereignisse  angestiegen  (vgl.  SFH­
Länderanalyse: Afghanistan: Sicherheitslage in Herat, Bern, 05.05.2010). 
Die Situation in der Stadt Herat wird aber in neuesten Berichten, auch im 
Vergleich mit anderen afghanischen Städten,  als  verhältnismässig  ruhig 
beschrieben  (vgl.  Afghanistan  NGO  Safety  Office  [ANSO],  ANSO 
Reports,  June  2011  [16 – 30]  S. 13  und  July  2011  [16 – 31]  S. 15; 
Congressional Research Service, Afghanistan: Post­Taliban Governance, 
Security,  and  U.S.  Policy,  June  3,  2011,  S. 37).  Zwar  haben  die 
Aktivitäten  der  Aufständischen  seit  dem  Jahr  2009  in  mindestens  zehn 
Bezirken der Provinz Herat zugenommen (vgl.  Institute for War & Peace 
Reporting [IWPR], Alarm at Wave of Attacks in Herat, 09.11.2010), doch 
ist  die Zahl  der Angriffe  in der Stadt  selbst  eher gering geblieben  (New 
York  Times,  "Taliban  Attack  in  Herat,  Far  From  their  Usual  Areas", 
30.05.2011).  So  kamen  am  27. September  2009  beim  ersten  von 
insgesamt  fünf  bis  Ende  Mai  2011  registrierten  Vorfällen  –  einem 
Selbstmordattentat  auf  Ismail  Khan,  den  afghanischen  Energieminister 
und  früheren  Gouverneur  der  Provinz  Herat  –  vier  seiner  Leibwächter 

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ums Leben, als  sich dieser auf dem Weg von der Stadt  zum Flughafen 
befand  (vgl.  http://en.wikipedia.org/wiki/Ismail_Khan,  aufgesucht: 
07.09.2011). Bei einem Anschlag durch vier Selbstmordattentäter auf die 
Anlage der Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan 
(UNAMA) in der Stadt am 23. Oktober 2010 wurde niemand getötet (vgl. 
IWPR,  a.a.O.,  09.11.2010).  Am  3. Januar  2011  wurden  bei  einer 
Explosion  in  der  Stadt  ein  Zivilist  getötet  und  fünf  weitere  Personen, 
darunter  ein  Polizist,  verletzt  (vgl.  http://reliefweb.int/node/379570, 
aufgesucht:  07.09.2011).  Mindestens  vier  Todesopfer  und  mehrere 
Verletzte, darunter fünf  italienische Armeeangehörige, waren schliesslich 
am  30. Mai  2011  bei  den  letzten  beiden  registrierten  Anschlägen  zu 
verzeichnen,  wovon  der  eine  den  Stützpunkt  eines  regionalen 
Wiederaufbauteams  unter  italienischer  Führung  in  der  Agglomeration 
zum  Ziel  hatte  (vgl. 
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765623,00.html,  aufgesucht: 
07.09.2011).  Seit  Juni  2011  sind  in  der  Stadt  selbst  keine  Aktivitäten 
durch bewaffnete Gruppen von Oppositionellen mehr zu verzeichnen. Am 
21. Juli 2011 wurde die gesamte Verantwortung  für die Sicherheit  in der 
Stadt  wie  geplant  von  der  Internationalen 
Sicherheitsunterstützungstruppe  (ISAF)  auf  die  afghanischen 
Sicherheitskräfte  übertragen.  Der  Abschluss  des  Prozesses  der 
Übergabe  der  Sicherheitsverantwortung  im  ganzen  Land  ist  bis  Ende 
2014  vorgesehen.  Nach  dem  Gesagten  richteten  sich  die  registrierten 
Anschläge  und  Überfälle  meist  gegen  afghanische  und  internationale 
Sicherheitskräfte,  während  Zivilisten  selten  und  nur  zufällig  in 
Mitleidenschaft  gezogen  wurden.  In  Anbetracht  dieser  Umstände 
erscheint  die  Lage  in  der  Stadt  Herat  mit  derjenigen  in  Kabul 
vergleichbar,  weshalb  es  nicht  gerechtfertigt  ist,  von  einer  Situation 
allgemeiner  Gewalt  auszugehen.  Zudem  verfügt  die  Grossstadt  Herat 
auch  über  einen  Flughafen,  der  von  Kabul  und  weiteren  afghanischen 
Städten  aus  angeflogen  wird;  darüber  hinaus  stehen  offenbar 
internationale  Flugverbindungen  in  unmittelbarer  Planung  (vgl. 
http://en.wikipedia.org/wiki/
Herat_Airfield; aufgesucht: 08.09.2011).

4.3.3.2 Vorliegend ergeben sich aus den Akten zudem keine individuellen 
Umstände, welche es rechtfertigen würden, den Vollzug der Wegweisung 
der  Beschwerdeführenden  als  unzumutbar  zu  qualifizieren.  Sowohl  der 
Beschwerdeführer  als  auch  die  Beschwerdeführerin  sind  noch  relativ 
jung; beide verfügen über eine gewisse Schulbildung und leiden – soweit 
aktenkundig  –  an  keinen  schwerwiegenden  gesundheitlichen 

http://en.wikipedia.org/wiki/Ismail_Khan
http://reliefweb.int/node/379570
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765623,00.html
http://en.wikipedia.org/wiki/Herat_Airfield
http://en.wikipedia.org/wiki/Herat_Airfield

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Beeinträchtigungen.  Der  Beschwerdeführer  war  als  Inhaber  eines 
eigenen  Geschäfts  erwerbstätig.  Beide  besitzen  in  Herat  ein 
umfangreiches  und  tragfähiges  familiäres  Beziehungsnetz  (vgl. 
vorstehend Sachverhalt Bst. B), woraus geschlossen werden kann, dass 
sie  auf  die  Unterstützung  ihrer  Familien  sowohl  hinsichtlich  der 
Existenzsicherung  als  auch  der  Wohnsituation  zählen  können.  Sodann 
lässt sich aus der eingereichten polizeilichen Vorladung vom (…), wonach 
der Beschwerdeführer auf dem Sicherheitsamt der Polizei zu erscheinen 
habe  und  gegen  ihn  gesetzliche  Massnahmen  ergriffen  würden,  keine 
konkrete  Gefährdung  seiner  Person  ableiten,  nachdem  in  der 
vorinstanzlichen  Verfügung  vom  11. März  2009  festgestellt  worden  ist, 
dass  die  von  ihm  geltend  gemachten  Verfolgungsvorbringen  den 
Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  nicht  genügen.  Mithin  ist  in  casu 
der  Wegweisungsvollzug  nach  Herat  auch  im  Lichte  der  aktuellen 
Rechtsprechung  zu  Afghanistan  sowohl  in  genereller  als  auch  in 
individueller Hinsicht als zumutbar zu erachten.

4.4.  Schliesslich  obliegt  es  den  Beschwerdeführenden,  sich  bei  der 
zuständigen  Vertretung  ihres  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr 
notwendigen Reisepapiere zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. auch 
BVGE 2008/34  E. 12  S. 513 ff.),  weshalb  der  Vollzug  der  Wegweisung 
auch als möglich zu bezeichnen ist.

4.5.  Insgesamt  ist  der  durch  die  Vorinstanz  verfügte  Vollzug  der 
Wegweisung zu bestätigen. Das BFM hat diesen zu Recht als zulässig, 
zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung 
der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1 – 4 AuG).

5. 
Zusammenfassend  ergibt  sich  somit,  dass  die  angefochtene  Verfügung 
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und 
vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  49  VwVG).  Die 
Beschwerde ist daher abzuweisen.

6. 
Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  dessen  Kosten  den 
Beschwerdeführenden  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  und  5  VwVG). 
Nachdem  sich  die  Beschwerde  jedoch  zum  Zeitpunkt  ihrer 
Anhängigmachung nicht als aussichtslos erwiesen hat und aufgrund der 
Aktenlage  nach  wie  vor  von  der  prozessualen  Bedürftigkeit  der 
Beschwerdeführenden  auszugehen  ist,  ist  das  in  der  Beschwerde  vom 

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9. April  2009  gestellte  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen 
Rechtspflege  (Art. 65  Abs. 1  VwVG)  gutzuheissen  und  auf  die 
Auferlegung von Verfahrenskosten zu verzichten.

(Dispositiv nächste Seite)

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Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1. 
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2. 
In  Gutheissung  des  Gesuchs  um  Gewährung  der  unentgeltlichen 
Rechtspflege  werden  den  Beschwerdeführenden  die  Verfahrenskosten 
erlassen.

3. 
Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die 
zuständige kantonale Behörde.

Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber:

Martin Zoller Daniel Widmer

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