# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 9c8e0a08-450f-5b1f-9bb0-bc6a4fa8576f
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2011-11-16
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 16.11.2011 D-3423/2009
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_D-3423-2009_2011-11-16.pdf

## Full Text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t

T r i buna l   adm in i s t r a t i f   f édé ra l

T r i buna l e   ammin i s t r a t i vo   f ede ra l e

T r i buna l   adm in i s t r a t i v   f ede ra l

   

Abteilung IV
D­3423/2009/sps

U r t e i l   v om   1 6 .   No v embe r   2 0 1 1  

Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz),
Richter Walter Lang, Richter Gérard Scherrer,   
Gerichtsschreiber Christoph Basler.

Parteien A._______, geboren am (…),
Afghanistan,  
vertreten durch Annelise Gerber, 
(…),
Beschwerdeführer, 

gegen

Bundesamt für Migration (BFM),
Quellenweg 6, 3003 Bern,   
Vorinstanz. 

Gegenstand Vollzug der Wegweisung; 
Verfügung des BFM vom 24. April 2009 / N (…).

D­3423/2009

Seite 2

Sachverhalt:

A. 
A.a.  Der  Beschwerdeführer,  ein  ethnischer  Tadschike  schiitischen 
Glaubens  mit  letztem  Wohnsitz  in  Herat,  verliess  Afghanistan  eigenen 
Angaben gemäss im August 2008 und gelangte am 20. Oktober 2008 in 
die Schweiz, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte.

A.b. Bei der Erstbefragung im Transitzentrum Altstätten vom 31. Oktober 
2008  sagte  er  aus,  er  habe  seit  seinem  sechsten  Lebensjahr  bis  am 
4. August 2008 zusammen mit seinen Eltern im Iran gelebt. Damals sei er 
nach Afghanistan zurückgeschafft worden, wo er bei seiner Schwester im 
Quartier  B._______  gelebt  habe.  Nachdem  er  sich  zwei  Wochen  dort 
aufgehalten  habe,  sei  er  entführt  worden.  Anschliessend  habe  er  sich 
wieder  in  den  Iran  begeben,  wo  er  zwei  Wochen  bei  seinen  Eltern 
geblieben sei. Als er bei seiner Schwester gelebt habe, habe sich eines 
Tages  ein Mann  bei  ihm gemeldet,  der  ihm persönliche Fragen  gestellt 
habe.  Dieser  habe  sich  als  Angehöriger  seiner  Sippe  ausgegeben  und 
ihm  gesagt,  er  wolle  ihn  weiteren  Verwandten  vorstellen.  Sie  seien  ein 
paar Schritte zusammen gegangen und er sei in einen Wagen gestossen 
worden.  Man  habe  ihn  zu  einer  Plantage  gefahren,  wo  er  eingesperrt 
worden  sei.  Nachdem  seine  Familie  70'000  Dollar  bezahlt  habe,  sei  er 
freigelassen  worden.  Seine  Verwandten  hätten  die  Entführung  bei  der 
Polizei  angezeigt.  Diese  habe  gesagt,  sie  sollten  ihn  befreien  und  zur 
Polizei bringen, damit man ihn befragen könne. 

A.c. Der Beschwerdeführer wurde vom BFM am 27. März 2009 zu seinen 
Asylgründen befragt. Er machte im Wesentlichen geltend, seine Entführer 
hätten  ihn  gezwungen,  am  Telefon mit  seinem  Bruder  zu  sprechen.  Er 
habe  seinen  Bruder  gebeten,  ihn  zu  befreien.  Sein  Bruder  habe  sich 
damals  bereits  in  Afghanistan  befunden,  da  er  von  seinem  Schwager 
über die Entführung in Kenntnis gesetzt worden sei. Sein Bruder habe die 
Polizei von der Entführung  in Kenntnis gesetzt und gesagt, diese stecke 
mit  den Entführern unter einer Decke. Nach seiner Freilassung habe er 
sich  im  Iran  in  einem  Spital  behandeln  lassen  müssen.  Er  leide  unter 
Asthma und  sei während  seiner Gefangenschaft  beinahe erstickt,  da  er 
keinen Asthmaspray dabei gehabt habe. 

B. 
Mit  Verfügung  vom  24.  April  2009  stellte  das  BFM  fest,  der 
Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das 

D­3423/2009

Seite 3

Asylgesuch  ab.  Zugleich  verfügte  es  die Wegweisung  aus  der  Schweiz 
und ordnete deren Vollzug an.

C. 
Der Beschwerdeführer liess durch seine Rechtsvertreterin mit Eingabe an 
das Bundesverwaltungsgericht vom 25. Mai 2009 um die Aufhebung der 
angefochtenen Verfügung ersuchen. Es sei seine Flüchtlingseigenschaft 
festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. Eventuell sei die Unzulässigkeit 
bzw. die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen. Es sei 
die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren. 

D. 
Mit Schreiben vom 27. Mai 2009 übermittelte der Beschwerdeführer eine 
vom gleichen Tag datierende Bestätigung seiner Fürsorgeabhängigkeit.

E. 
Der  Instruktionsrichter  hiess  das  Gesuch  um  Gewährung  der 
unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes 
vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 
172.021) gut, soweit die Anordnung der vorläufigen Aufnahme beantragt 
wurde,  im  Übrigen  wies  er  es  ab.  Der  Beschwerdeführer  wurde 
aufgefordert,  einen Kostenvorschuss  von Fr.  600.–  zu  leisten,  unter  der 
Androhung, bei Nichtleistung desselben werde auf die Beschwerde nicht 
eingetreten,  soweit  die Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  die 
Asylgewährung  beantragt  wurden.  Dem  Beschwerdeführer  wurde  die 
Möglichkeit  gewährt,  die  Beschwerde  teilweise  zurückzuziehen,  soweit 
diese  die  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  die 
Asylgewährung betreffe.

F. 
Mit Eingabe vom 5. Juni 2009  teilte der Beschwerdeführer mit, er ziehe 
die  Beschwerde  zurück,  insoweit  die  Anerkennung  der 
Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung beantragt wurden.

G. 
Mit Zwischenverfügung vom 10. Juni 2009 schrieb der Instruktionsrichter 
die  Beschwerde  als  gegenstandslos  ab,  soweit  die  Anerkennung  der 
Flüchtlingseigenschaft  und  die  Asylgewährung  beantragt  wurden.  Er 
stellte  fest,  das  Beschwerdeverfahren  werde  auf  den  Vollzugspunkt 
beschränkt weitergeführt. Dem BFM wurde Gelegenheit  zur Einreichung 
einer Vernehmlassung gegeben.

D­3423/2009

Seite 4

H. 
Das BFM  beantragte  in  seiner  Vernehmlassung  vom  26.  Juni  2009  die 
Abweisung der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht brachte dem 
Beschwerdeführer die Vernehmlassung am 1. Juli 2009 zur Kenntnis.

I. 
Am  17.  Dezember  2009  liess  der  Beschwerdeführer  dem 
Bundesverwaltungsgericht  einen  ärztlichen  Kurzbericht  von  Dr.  med. 
C._______ vom 23. November 2009 zukommen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:

1. 
1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden 
gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den 
Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des 
Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme 
im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht 
ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und 
entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen 
eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die 
beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes 
vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des 
Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).

1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der 
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist 
durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein 
schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise 
Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert 
(Art. 105  und  Art. 108  Abs. 2  AsylG,  Art.  37  VGG  i.V.m.  Art. 48  Abs. 1 
sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten, soweit sie nicht 
als gegenstandslos abgeschrieben wurde.

2. 
Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige 
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und 
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

D­3423/2009

Seite 5

3. 
Die Ziffern 1, 2 und 3 des Dispositivs der vorinstanzlichen Verfügung sind 
in Rechtskraft  erwachsen,  nachdem die Beschwerde  vom 25. Mai  2009 
am 5.  Juni  2009  hinsichtlich  der  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft 
und  der  Asylgewährung  zurückgezogen  wurde  und  die  Anordnung  der 
Wegweisung  Regelfolge  der  Abweisung  des  Asylgesuchs  ist.  Es  ist 
deshalb vorliegend einzig noch zu prüfen, ob die Vorinstanz den Vollzug 
der Wegweisung zu Recht angeordnet hat.

4. 
4.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder 
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach 
den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von 
Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes 
vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG, 
SR 142.20]).

Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt 
gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner 
Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der 
Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte 
Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. 
WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.], 
Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148).

4.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen 
der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in 
den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83 
Abs. 3 AuG).

So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land 
gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus 
einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie 
Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden 
(Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom 
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).

Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen 
Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des 
Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere 
grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe 

D­3423/2009

Seite 6

(FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom 
4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten 
(EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder 
erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.

5. 
5.1. Das  BFM  begründete  seine  Verfügung  hinsichtlich  der  Anordnung 
des  Wegweisungsvollzugs  damit,  dass  nicht  von  einer  konkreten 
Gefährdung  der  gesamten  Bevölkerung  Afghanistans  ausgegangen 
werden  könne.  Die  Situation  in  der  Provinz  Herat,  aus  der  der 
Beschwerdeführer  stamme,  werde  vom  BFM  als  grundsätzlich  sicher 
eingestuft. Er verfüge dort über ein soziales Beziehungsnetz. Zudem sei 
sein im Iran lebender Bruder wohlhabend, weshalb er bei einer Rückkehr 
nicht in eine existenzielle Notlage geraten werde.

5.2. In der Beschwerde wird im Wesentlichen geltend gemacht, der Mann 
der  Schwester  des  Beschwerdeführers  sei  nicht  wohlhabend  und  er 
könne  nicht  auf  längere  Zeit  dort  bleiben.  Seinem  im  Iran  lebenden 
Bruder  sei  es  nicht  zuzumuten,  ihn  zu  unterhalten,  nachdem  er  schon 
70'000  Dollar  Lösegeld  bezahlt  habe.  Er  hätte  bei  einer  Rückkehr 
wiederum  zu  gewärtigen,  entführt  zu  werden.  Sein  Bruder  könne  aber 
kein weiteres Lösegeld bezahlen. Aufgrund des relativen Wohlstandes in 
Herat,  sei  dort  die  Kriminalität  gross.  Korruption  und  Erpressung  seien 
verbreitet,  diesbezüglich  sei  die  Situation  unsicher  und  gefährlich. 
Abgesehen  davon würden  zurückkehrende Flüchtlinge  bei  ihrer Ankunft 
in Afghanistan bereits am Flughafen festgenommen und erpresst. 

6. 
6.1.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend 
darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement 
nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem 
Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche 
Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5 
AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden 
Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des 
Beschwerdeführers nach Afghanistan ist demnach unter dem Aspekt von 
Art. 5 AsylG rechtmässig.

Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers 
noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer 
Ausschaffung nach Afghanistan dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit 

D­3423/2009

Seite 7

einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder 
Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen 
Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­
Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr 
("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft machen,  dass  ihm  im Fall  einer 
Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde 
(vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom 
28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren 
Hinweisen).  Der  Beschwerdeführer  brachte  vor,  er  befürchte,  erneut 
Opfer  einer  Entführung  zu  werden.  Unbesehen  der  Frage  der 
Glaubhaftigkeit  der  entsprechenden  Vorbringen  ist  festzuhalten,  dass 
keine  konkreten  Anhaltspunkte  dafür  vorliegen,  ausgerechnet  der 
Beschwerdeführer  könne wiederum Opfer  einer Entführung werden. Die 
allgemeine  Menschenrechtssituation  in  Afghanistan  lässt  den 
Wegweisungsvollzug  auch  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig 
erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl 
im Sinne der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.

6.2.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen 
und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder 
Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg, 
allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind. 
Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von 
Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren.

6.2.1. In Bezug auf die allgemeine Lage in Afghanistan kann auf die vom 
Bundesverwaltungsgericht  vorgenommene  Einschätzung  der  Lage  in 
einem  vor  kurzem  ergangenen,  zur  Publikation  vorgesehenen 
Grundsatzurteil  verwiesen  werden  (vgl.  Urteil  des 
Bundesverwaltungsgerichts            E­7625/2008 vom 16. Juni 2011). Das 
Gericht  stellt  dort  zusammenfassend  fest,  dass  in  weiten  Teilen  von 
Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in Grossstädten  –  eine  derart  schlechte 
Sicherheitslage  und  derart  schwierige  humanitäre  Bedingungen 
bestünden, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 
Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei. Von dieser allgemeinen Feststellung sei 
die Situation  in  der Hauptstadt Kabul  zu  unterscheiden. Angesichts  des 
Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlaufe  des 
vergangenen Jahres nicht weiter verschlechtert habe und die humanitäre 
Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  etwas  weniger 
dramatisch  sei,  könne  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Kabul  unter 
Umständen als  zumutbar  qualifiziert werden. Solche Umstände  könnten 

D­3423/2009

Seite 8

namentlich dann gegeben sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen 
jungen,  gesunden  Mann  handle.  Angesichts  der  bisher  aufgezeigten 
konstanten  Verschlechterung  der  Lage  über  die  vergangenen  Jahre 
hinweg und der auch in Kabul schwierigen Situation verstehe es sich aber 
von  selbst,  dass  die  bereits  in  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der 
Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2003  Nr.  10 
formulierten  strengen Bedingungen  in  jedem Einzelfall  sorgfältig  geprüft 
und erfüllt  sein müssten, um einen Wegweisungsvollzug nach Kabul als 
zumutbar  zu  qualifizieren.  Unabdingbar  sei  in  erster  Linie  ein  soziales 
Netz,  dass  sich  im Hinblick  auf  die Aufnahme und Wiedereingliederung 
des Rückkehres als tragfähig erweise. Ohne Unterstützung durch Familie 
oder Bekannte würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul 
unweigerlich  in  eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende 
Situation führen. Für einen Rückkehrer aus Europa bestehe aufgrund der 
Vermutung, dass er Devisen auf sich trage, gleich nach seiner Ankunft in 
Kabul ein erhöhtes Risiko, entführt oder überfallen zu werden. Verfüge er 
auf der anderen Seite über keine genügenden finanziellen Mittel, hätte er 
ohne soziale Vernetzung kaum Aussicht auf eine zumutbare Unterkunft. 
Auch bei der Arbeitssuche sei die Einstellung, selbst von unqualifizierten 
Arbeitskräften,  regelmässig  von  persönlichen  Beziehungen  abhängig. 
Eine  die  Gesundheit  nur  einigermassen  garantierende  Ernährung  wäre 
ohne die Hilfe von nahestehenden Personen ebenfalls kaum möglich, und 
der  Zugang  zu  sauberem  Trinkwasser  schwierig; 
Unterstützungsmassnahmen  der  Regierung  oder  internationaler 
Organisationen könnten  laut zuverlässigen Quellen daran nichts ändern. 
Kämen  in  einer  solchen  Situation  noch  gesundheitliche 
Umstellungsschwierigkeiten  hinzu,  geriete  auch  ein  junger  gesunder 
Mann  ohne  soziale  Vernetzung  unweigerlich  innert  absehbarer  Zeit  in 
eine existenzbedrohende Situation (vgl. a.a.O. E. 9.9.1 f.).

6.2.2. Im Rahmen einer Prüfung der Situation in der Stadt Herat gelangte 
das Bundesverwaltungsgericht im ebenfalls zur Publikation vorgesehenen 
Urteil  D­2312/2009  vom  28.  Oktober  2011  zum  Schluss,  die  Lage  in 
derselben  sei  mit  derjenigen  in  Kabul  vergleichbar,  weshalb  es  nicht 
gerechtfertigt  sei,  von  einer  Situation  allgemeiner  Gewalt  auszugehen. 
Die  individuellen  Prüfungskriterien  zur  Feststellung,  ob  der  Vollzug  der 
Wegweisung  dorthin  zumutbar  ist,  bleiben  die  gleichen,  wie  bei  der 
Prüfung der Zumutbarkeit eines Wegweisungsvollzugs nach Kabul.

Vorliegend  ergeben  sich  aus  den  Akten  keine  überwiegenden 
individuellen Umstände, welche es rechtfertigen würden, den Vollzug der 

D­3423/2009

Seite 9

Wegweisung des Beschwerdeführers als unzumutbar zu qualifizieren. Er 
ist noch jung und verfügt über eine gewisse Berufserfahrung, die er sich 
im Geschäft  seines  in Teheran  lebenden Bruders aneignen konnte  (act. 
A9/15 S. 6). Gemäss dem eingereichten Arztzeugnis vom 17. Dezember 
2009  leidet der Beschwerdeführer unter Asthma bronchiale und benötigt 
eine  regelmässige  Inhalationstherapie.  Den  Akten  kann  entnommen 
werden,  dass  er  bereits  seit  Jahren  an Asthma  leidet  und  in  der Regel 
einen  Asthmaspray  auf  sich  trug  (act.  A9/15  S.  10).  Die 
Asthmaerkrankung steht seiner Rückkehr nach Herat nicht entgegen, da 
er  einen  ausreichenden  Medikamentenvorrat  mit  sich  nehmen  kann. 
Sollten gewisse Medikamente  in Herat nicht zur Verfügung stehen, wird 
er  sich  diese  von  seinen  in  Teheran  lebenden  Verwandten  zustellen 
lassen  können.  Der  Beschwerdeführer  wird  in  Herat  auf  ein 
verwandtschaftliches  Beziehungsnetz  stossen,  das  ihm  bei  den  zu 
erwartenden Problemen bei  der Reintegration  in Herat  zur Seite  stehen 
kann. Seine Schwester lebt dort im Elternhaus (act. A9/15 S. 5), weshalb 
auch die Wohnsituation des Beschwerdeführers als geregelt zu erachten 
ist. Im gleichen Quartier wie seine Schwester leben auch eine Tante und 
ein  Onkel,  woraus  geschlossen  werden  kann,  dass  er  auf  die 
Unterstützung  seiner  Familie  sowohl  hinsichtlich  der  Existenzsicherung 
als  auch  der  Wohnsituation  zählen  können  wird.  Der 
Wegweisungsvollzug  nach  Herat  ist  im  Lichte  der  aktuellen 
Rechtsprechung  zu  Afghanistan  sowohl  in  genereller  als  auch  in 
individueller Hinsicht als zumutbar zu erachten.

6.3.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der 
zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr 
notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG 
und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug 
der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2 
AuG).

6.4. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu 
Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten 
fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83 
Abs. 1 – 4 AuG).

7. 
Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung 
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und 

D­3423/2009

Seite 10

vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die 
Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen.

8. 
Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  dem 
Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG).  Da  ihm 
hinsichtlich der Frage des Wegweisungsvollzugs mit Zwischenverfügung 
vom  3. Juni  2009  die  unentgeltliche  Rechtspflege  gewährt  wurde,  sind 
keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.

(Dispositiv nächste Seite)

D­3423/2009

Seite 11

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht:

1. 
Die Beschwerde wird abgewiesen.

2. 
Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 

3. 
Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die 
zuständige kantonale Behörde.

Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber:

Hans Schürch Christoph Basler

Versand: