# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 6ad29cdb-5b1f-5363-8a73-1c15df692251
**Source:** Glarus (GL)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-07-14
**Language:** de
**Title:** Glarus Obergericht 14.07.2023 OG.2023.00040 (OGS.2023.152)
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/GL_Omni/GL_OG_001_OG-2023-00040_2023-07-14.html

## Full Text

Kanton Glarus

  
	
   

  
	
  Obergericht

  
	
   

  
	
   

  
	
  Es wirken mit: Obergerichtsvizepräsidentin lic. iur. Marianne Dürst
  Benedetti, Oberrichterin Monika Trümpi  und
  Oberrichterin Ruth Hefti  sowie Gerichtsschreiber lic. iur. Sebastian
  Micheroli. 

  
	
   

  
	
  Beschluss
  vom 14. Juli 2023

  
	
   

  
	
   

  
	
  Verfahren
  OG.2023.00040

  
	
   

  
	
   

  
	
  A.______

  
	
  Beschwerdeführer

  
	
  und Beschuldigter

  
	
   

  
	
  verteidigt
  durch lic. iur. Gregor
  Münch, Münch Singh Rechtsanwälte

  
	
  Dufourstrasse 32, Postfach 2024, 8024 Zürich 

  
	
   

  
	
   

  
	
  gegen

  
	
   

  
	
   

  
	
  Staats-
  und Jugendanwaltschaft des Kantons Glarus

  
	
  Postgasse 29, 8750 Glarus
  

  
	
  Beschwerdegegnerin

  
	
   

  
	
  vertreten
  durch den Staatsanwalt

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  betreffend
  

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  Haftverlängerung

  
	
   

  
	
  Rechtsbegehren
  des Beschwerdeführers und Beschuldigten (gemäss Eingabe vom 26.
  Juni 2023, act. 13):

  
	
   

  
	
  	
     

    	
    Es sei die Verfügung des
    Kantonsgerichts Glarus vom 15. Juni 2023 aufzuheben und es sei der
    Beschwerdeführer – eventuell unter gleichzeitiger Anordnung von
    Ersatzmassnahmen – umgehend aus der Haft zu entlassen.

    
	
     

    	
     

    
	
     

    	
    Subeventuell sei die Verfügung
    des Kantonsgerichts Glarus vom 15. Juni 2023 aufzuheben, es sei die Haft
    stattdessen bis Ende Juli 2023 zu befristen und es sei die
    Staatsanwaltschaft im Sinne von Art. 226 Abs. 4 Bst. b StPO anzuweisen,
    umgehend die behauptete Gefährlichkeit des Beschwerdeführers gutachterlich
    abklären zu lassen. 

    
	
     

    	
     

    
	
     

    	
    Unter Kosten- und
    Entschädigungsfolgen zulasten der Staatskasse.

    

  

  
	
   

  
	
  ____________________

  
	
   

  
	
   

  
	
  Das
  Gericht zieht in Betracht: 

  
	
   

  
	
  I. 

  
	
  Mit Entscheid vom 15. Juni 2023
  im Verfahren SG.2023.00048 hiess das Zwangsmassnahmengericht das Gesuch der
  Staatsanwaltschaft vom 8. Juni 2023 um Verlängerung der
  Untersuchungshaft von A.______ um drei Monate, bis am 12. September 2023
  (act. 1), gut (act. 8 S. 8 Dispositiv-Ziff. 1). 

  
	
  Dagegen erhob die Verteidigung
  mit Eingabe vom 26. Juni 2023 beim Obergericht Beschwerde mit den oben
  genannten Anträgen (vgl. act. 13). 

  
	
  Die Staatsanwaltschaft nahm mit
  Schreiben vom 3. Juli 2023 Stellung (vgl. act. 16). 

  
	
  Die Verteidigung reichte dem
  Obergericht am 4. Juli 2023 unaufgefordert eine Eingabe ein (act. 18 f.). 

  
	
   

  
	
  II. 

  
	
  1. 

  
	
  Der angefochtene Haftentscheid
  ist der Beschwerde zugänglich und der Beschuldigte A.______ ist als
  verhaftete Person beschwerdelegitimiert (vgl. Art. 222 StPO). Die
  Beschwerdefrist ist eingehalten (vgl. Art. 396 Abs. 1 StPO). 

  
	
  Die übrigen
  Rechtsmittelvoraussetzungen geben zu keinen Bemerkungen Anlass. 

  
	
  Das Obergericht ist für die
  Behandlung der Beschwerde zuständig (vgl. Art. 17 Abs. 2 Bst. a GOG, GS
  III A/2). 

  
	
  Auf die Beschwerde ist
  einzutreten.

  
	
   

  
	
  2.

  
	
  2.1 Mit Beschwerde können
  in Bezug auf den angefochtenen Entscheid Rechtsverletzungen und eine
  unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts sowie
  Unangemessenheit gerügt werden (Art. 393 Abs. 2 StPO).

  
	
   

  
	
  2.2 Die Verteidigung macht
  betreffend die vorinstanzliche Bejahung (der Verhältnismässigkeit) von (Haft
  wegen) Wiederholungsgefahr (und Fluchtgefahr) unrichtige
  Sachverhaltsfeststellung und unrichtige Rechtsanwendung geltend
  (vgl. act. 13 Ziff. 6 ff.). 

  
	
   

  
	
  3.

  
	
  Die Akten der Verfahren
  SG.2023.00020 und SG.2023.00048 wurden beigezogen.

  
	
   

  
	
  III. 

  
	
  1. 

  
	
  Untersuchungshaft ist nach Art.
  221 Abs. 1 StPO zulässig, wenn die beschuldigte Person eines Verbrechens oder
  Vergehens dringend verdächtig ist und ernsthaft zu befürchten ist, dass
  Fluchtgefahr (Bst. a), Kollusionsgefahr (Bst. b) oder Wiederholungsgefahr
  (Bst. c) besteht.

  
	
   

  
	
  1.1 

  
	
  1.1.1 Nach der
  Rechtsprechung des Bundesgerichts liegt ein dringender Tatverdacht i.S.v.
  Art. 221 Abs. 1 StPO vor, wenn das untersuchte Verhalten mit erheblicher
  Wahrscheinlichkeit die Tatbestandsmerkmale eines Verbrechens oder Vergehens
  erfüllen könnte, was mit konkreten Verdachtsmomenten nachzuweisen ist
  (vgl. z.B. BGE 143 IV 330 E. 2.1).

  
	
   

  
	
  1.1.2 Die
  Staatsanwaltschaft verdächtigt den Beschuldigten, am 12. März 2023 um ca.
  11.00 Uhr beim Bahnhof [...] B.______ (nachfolgend als Opfer bezeichnet)
  verbal und nonverbal provoziert und ihn schliesslich mehrfach gezielt mit
  einer beschädigten Glasflasche ins Gesicht gestochen und dadurch schwer
  verletzt zu haben (act. 1 S. 2).  

   

  
	
  1.1.3 Die Verletzungen im
  Gesicht und am Kopf des Opfers sind dokumentiert (vgl. act. 2/11 und im
  Verfahren SG.2023.00020 act. 2/4).

  
	
  Der Beschuldigte gab am 13. März
  2023 resp. am 14. März 2023 gegenüber der Polizei resp. der
  Staatsanwaltschaft zu, dass er zweimal mit einer (zerbrochenen) Glasflasche
  auf den Kopf des ihm unbekannten Opfers geschlagen resp. gestochen habe.
  Dabei machte der Beschuldigte sinngemäss geltend, dass er in Notwehr
  gehandelt habe, da das Opfer ihn mit Fäusten geschlagen habe und ihn vor den einfahrenden
  Zug auf das Gleis habe werfen wollen (vgl. jeweils im Verfahren SG.2023.00020
  act. 2/1 Ziff. 31 ff., 159 ff. und 209 ff.; sowie act. 2/3 Ziff. 3,
  11, 14 ff., 24 f., 27 f., 30, 32 ff., 36 ff. und 67 ff.). 

  
	
  Dem gegenüber stehen namentlich
  die jeweils kurze Zeit nach dem Vorfall bei der Polizei gemachten Aussagen
  des Opfers; von C.______, der beim Vorfall ebenfalls anwesend war und ein
  Kollege des Beschuldigten ist (vgl. im Verfahren SG.2023.00020 act. 2/3
  Ziff. 5 f.); sowie von zwei unbeteiligten Personen, die den betreffenden
  Vorfall von einem stehenden Zug aus (teilweise) beobachteten. Nach diesen
  Aussagen hat der Beschuldigte das Opfer – nach einer vorangegangenen, durch
  den Beschuldigten provozierten, tätlichen Auseinandersetzung zwischen ihnen –
  mit einer (zerbrochenen) Flasche angegriffen und dabei gezielt im Gesicht und
  am Kopf verletzt (vgl. jeweils im Verfahren SG.2023.00020 act. 2/5 Ziff. 5
  ff., 12 f., 17 und 25 ff.; act. 2/6 Ziff. 1 ff., 5 ff., 10 ff., 18 und
  21; act. 2/7 Ziff. 7, 16, 18, 21 ff., 37, 39, 43, 46 und 48; sowie act.
  2/8 Ziff. 7, 16 f., 21 ff., 33, 36 und 49). 

  
	
  Folglich liegen konkrete
  Verdachtsmomente dafür vor, dass der Beschuldigte das Opfer mit erheblicher
  Wahrscheinlichkeit vorsätzlich und rechtswidrig schwer verletzt hat. 

  
	
  Entsprechend besteht ein
  dringender Tatverdacht, dass der Beschuldigte sich der schweren
  Körperverletzung i.S.v. Art. 122 StGB strafbar gemacht hat, was die
  Verteidigung ausdrücklich nicht bestreitet (vgl. act. 13 Ziff. 5).

  
	
   

  
	
  1.2 

  
	
  1.2.1 Nach Art. 221 Abs. 1
  Bst. c StPO ist Untersuchungshaft zulässig, wenn die beschuldigte Person
  eines Verbrechens oder Vergehens dringend verdächtig ist und ernsthaft zu
  befürchten ist, dass sie durch schwere Verbrechen oder Vergehen die
  Sicherheit anderer erheblich gefährdet, nachdem sie bereits früher
  gleichartige Straftaten verübt hat.

  
	
  Bei diesen früheren gleichartigen
  Straftaten muss es sich um Verbrechen oder schwere Vergehen gegen gleiche
  oder gleichartige Rechtsgüter gehandelt haben, wie sie im hängigen Strafverfahren
  massgeblich sind. Die Voraussetzung, dass die tatverdächtige Person früher
  gleichartige Straftaten verübt hat, ist nach der bundesgerichtlichen
  Rechtsprechung erfüllt, wenn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
  feststeht, dass die tatverdächtige Person solche Straftaten begangen hat. Den
  betreffenden Nachweis erachtet das Bundesgericht nicht nur bei
  rechtskräftigen Verurteilungen als erbracht, sondern auch bei einem
  glaubhaften Geständnis oder einer erdrückenden Beweislage bezogen auf Straftaten,
  die Gegenstand eines noch hängigen Strafverfahrens sind (zum Ganzen
  BGE 143 IV 9 E. 2.3.1 m.H.).

  
	
  Über den Wortlaut von Art. 221
  Abs. 1 Bst. c StPO hinaus kann nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts
  strafprozessuale Haft wegen Wiederholungsgefahr auch zulässig sein, wenn die
  tatverdächtige Person früher nur eine einzige gleichartige Straftat verübt
  hat (vgl. Urteil BGer 1B_50/2013 vom 25. Februar 2013 E. 4.2).

  
	
  Das Bundesgericht lässt
  strafprozessuale Haft wegen Wiederholungsgefahr gestützt auf Art. 221 Abs. 1
  Bst. c StPO ausnahmsweise sogar zu, wenn die tatverdächtige Person keine
  frühere (gleichartige) Straftat (mit an Sicherheit grenzender
  Wahrscheinlichkeit) verübt hat. Bei dieser qualifizierten Wiederholungsgefahr
  setzt das Bundesgericht voraus, dass sich die Risiken als untragbar hoch erweisen
  (vgl. BGE 137 IV 13 E. 3 und 4; BGE 143 IV 9 E. 2.3.1).

  
	
  Für strafprozessuale Haft wegen
  Wiederholungsgefahr ist eine ungünstige Rückfallprognose erforderlich, aber
  insofern auch ausreichend. Hierbei stellen sich ähnliche Fragen wie im
  Zusammenhang mit der Gewährung des bedingten Strafvollzugs nach Art. 42 Abs.
  1 StGB. Massgebliche Kriterien bei der Beurteilung der Rückfallgefahr sind
  insbesondere die Häufigkeit und Intensität der untersuchten Delikte sowie die
  einschlägigen Vorstrafen. Bei dieser Bewertung sind allfällige
  Aggravationstendenzen, wie eine zunehmende Eskalation respektive
  Gewaltintensität oder eine raschere Kadenz der Taten, zu berücksichtigen. Zu
  würdigen sind des Weiteren die persönlichen Verhältnisse der beschuldigten
  Person, d.h. insbesondere ihre psychische Verfassung, ihre familiäre
  Verankerung, die Möglichkeiten einer Berufstätigkeit und ihre finanzielle
  Situation. Die Einholung eines psychiatrischen Gutachtens ist zur Beurteilung
  der Rückfallgefahr nicht in jedem Fall notwendig. Erscheint ein solches im
  konkreten Fall erforderlich oder wurde es bereits in Auftrag gegeben,
  rechtfertigt sich die Aufrechterhaltung der Haft bei gemäss Aktenlage
  ungünstiger Prognose jedenfalls so lange, bis die Wiederholungsgefahr
  gutachterlich abgeklärt ist (zum Ganzen BGE 143 IV 9 E. 2.8 und 2.10). 

  
	
  Die nach Art. 221 Abs. 1 Bst. c
  StPO vorausgesetzte erhebliche Gefährdung der Sicherheit anderer durch
  drohende Verbrechen oder schwere Vergehen kann sich grundsätzlich auf
  Rechtsgüter jeder Art beziehen; im Vordergrund stehen Delikte gegen die
  körperliche und sexuelle Integrität. Voraussetzung für die Einstufung als
  schweres Vergehen ist, dass (abstrakt) eine Freiheitsstrafe (bis zu drei
  Jahren) droht (vgl. zum Ganzen BGE 143 IV 9 E. 2.3.1, 2.6 und 2.7).

  
	
  In der Regel gilt, je schwerer
  die drohende Tat ist, desto höher ist auch die Gefährdung der Sicherheit
  anderer. Betreffend die Anforderungen an die Rückfallgefahr gilt hingegen
  eine umgekehrte Proportionalität. Dies bedeutet, je schwerer die drohenden
  Taten sind und je höher die Gefährdung der Sicherheit anderer ist, desto
  geringere Anforderungen sind an die Rückfallgefahr zu stellen. Liegen die
  Tatschwere und die Sicherheitsrelevanz am oberen Ende der Skala, so ist die
  Messlatte zur Annahme einer rechtserheblichen Rückfallgefahr tiefer
  anzusetzen (zum Ganzen BGE 143 IV 9 E. 2.9). 

  
	
   

  
	
  1.2.2 Die
  Bundesversammlung hat am 17. Juni 2022 beschlossen, den Haftgrund der
  qualifizierten Wiederholungsgefahr ausdrücklich zu regeln durch Schaffung eines
  neuen Absatzes 1bis bei Art. 221 StPO. Diese Bestimmung lautet wie
  folgt (BBl 2022 1560, 7): 

  
	
  «Untersuchungs- und
  Sicherheitshaft sind ausnahmsweise zulässig, wenn:

  
	
  a. die beschuldigte Person
  dringend verdächtig ist, durch ein Verbrechen oder ein schweres Vergehen die
  physische, psychische oder sexuelle Integrität einer Person schwer
  beeinträchtigt zu haben; und

  
	
  b. die ernsthafte und
  unmittelbare Gefahr besteht, die beschuldigte Person werde ein gleichartiges,
  schweres Verbrechen verüben.»

  
	
  Nachdem
  die Referendumsfrist am 6. Oktober 2022 unbenutzt abgelaufen ist, sind die
  Änderungen der Strafprozessordnung vom 17. Juni 2022 bisher noch nicht
  in Kraft gesetzt worden (vgl. unter
  https://www.bj.admin.ch/bj/de/home/sicherheit/gesetzgebung/aenderungstpo.html,
  besucht am 3. Juli 2023). 

  
	
  Das Bundesgericht hat mit Urteil
  vom 10. Januar 2023 in anderem Sachzusammenhang dennoch entschieden, aufgrund
  der Revision der Strafprozessordnung vom 17. Juni 2022 seine Rechtsprechung
  ab sofort dahingehend zu ändern, dass der Staatsanwaltschaft in Haftsachen
  kein (StPO-)Beschwerderecht mehr zukommt. Dieser Entscheid beruht auf der
  folgenden Begründung: Im geltenden Recht bestehe keine ausdrückliche
  gesetzliche Grundlage für das Haftbeschwerderecht der Staatsanwaltschaft. Das
  Bundesgericht habe diese Beschwerdemöglichkeit der Staatsanwaltschaft in
  Ergänzung zum gesetzlichen Wortlaut von Art. 222 StPO durch Richterrecht
  geschaffen. Der Gesetzgeber habe sich in Kenntnis der bundesgerichtlichen Praxis
  klar gegen ein solches Beschwerderecht der Staatsanwaltschaft ausgesprochen
  und damit die bundesgerichtliche Rechtsprechung nicht übernommen (vgl. zum
  Ganzen Urteil BGer 1B_614/2022, 1B_628/2022 vom 10. Januar 2023 E. 2.4). 

  
	
  Vor diesem Hintergrund stellt
  sich die Frage, ob ebenso die im künftigen Art. 221 Abs. 1bis StPO
  festgelegten Voraussetzungen bereits jetzt massgebend sind beim Haftgrund der
  qualifizierten Wiederholungsgefahr, welcher in Ergänzung zum gesetzlichen
  Wortlaut von Art. 221 Abs. 1 Bst. c StPO ebenfalls durch Richterrecht
  geschaffen wurde (vgl. BGE 137 IV 13 E. 3 und 4; BGE 143 IV 9 E. 2.3.1).
  Dabei fragt sich namentlich, ob der Umstand, dass die qualifizierte
  Wiederholungsgefahr nach dem Wortlaut des künftigen Art. 221 Abs. 1bis
  Bst. b StPO nicht nur eine «ernsthafte», sondern zudem eine «unmittelbare»
  sein muss, eine Einschränkung des bisherigen Anwendungsbereichs dieses
  Haftgrundes zur Folge hat. Dies ist aus den nachfolgenden Gründen zu
  verneinen. 

  
	
  Strafprozessuale Haft wegen
  Wiederholungsgefahr ist eine vorsorgliche strafprozessuale Massnahme zur
  Gewährleistung des strafrechtlichen Rechtsgüterschutzes. Sie dient dazu, eine
  dringend tatverdächtige Person davon abzuhalten, Straftaten zu verüben, bis
  eine konkret in Aussicht stehende strafrechtliche Sanktion gegebenenfalls
  diese spezialpräventive Funktion übernimmt. Entsprechend diesem Zweck sowie
  im Einklang mit der Rechtsprechung des Bundesgerichts und des EGMR kann
  strafprozessuale Haft wegen Wiederholungsgefahr verhältnismässig sein, wenn –
  gestützt auf eine Rückfallprognose – eine plausible, sanktionenrechtliche
  Gefahr künftiger Straftaten der tatverdächtigen Person besteht. Die
  Verhältnismässigkeit von strafprozessualer Haft wegen Wiederholungsgefahr
  setzt daher nicht voraus, dass eine konkrete und spezifische Straftat der
  dringend tatverdächtigen Person in naher Zukunft droht. Entsprechend ist der
  Begriff der Unmittelbarkeit im künftigen Art. 221 Abs. 1bis StPO
  (sowie im künftigen Art. 221 Abs. 1 Bst. c StPO in der Fassung der
  Änderung vom 17. Juni 2022; BBl 2022 1560, 7) weit auszulegen, zur
  Gewährleistung des strafrechtlichen Rechtsgüterschutzes. Folglich sind
  plausible, sanktionenrechtliche Gefahren, die von dringend tatverdächtigen
  Personen ausgehen, (als Dauergefahren, die jederzeit akut werden können) auch
  vom künftigen Art. 221 Abs. 1bis (und Abs. 1 Bst. c) StPO
  erfasst (zum Ganzen Micheroli/Tag,
  Anmerkungen zu aktuellen Entwicklungen im Haftrecht, in: Jusletter 16. Mai
  2022, Ziff. 64 ff. m.H. und Ziff. 93 ff.).  

  
	
  Nach dem Ausgeführten erfordert
  der strafprozessuale Haftgrund der (qualifizierten) Wiederholungsgefahr –
  auch künftig – keine konkrete und spezifische Gefahr, wie sie beispielsweise
  beim Straftatbestand der Gefährdung des Lebens nach Art. 129 StGB im Hinblick
  auf eine «unmittelbare Lebensgefahr» vorausgesetzt ist. 

  
	
  Das Bundesgericht hat denn nach
  Ablauf der Referendumsfrist für die Änderung der Strafprozessordnung vom 17.
  Juni 2022 daran festgehalten, dass beim Haftgrund (auch) der qualifizierten
  Wiederholungsgefahr eine ungünstige Rückfallprognose notwendig, aber insoweit
  auch ausreichend ist (vgl. Urteile BGer 1B_195/2023 vom 27. April 2023
  E. 2.1 f. und 1B_293/2023 vom 19. Juni 2023 E. 3.1). Zudem führte
  es aus, dass in der erfolgten Revision von Art. 221 Abs. 1 Bst. c StPO
  am Erfordernis einer «erheblichen unmittelbaren Sicherheitsgefährdung»
  festgehalten wurde (vgl. Urteil BGer 1B_22/2023 vom 13. Februar
  2023 E. 2.3). Der Umstand, dass die (qualifizierte) Wiederholungsgefahr
  gemäss dem künftigen Art. 221 Abs. 1 Bst. c und Abs. 1bis
  StPO (BBl 2022 1560, 7) ausdrücklich «unmittelbar» sein muss,
  ändert somit auch nach Ansicht des Bundesgerichts nichts daran, dass
  weiterhin – dann auch nach Inkrafttreten der betreffenden Bestimmungen – eine
  ungünstige Rückfallprognose genügt. 

  
	
   

  
	
  1.2.3 Der Beschuldigte
  wurde zwischen Oktober 2012 und Oktober 2017 wegen zahlreicher zwischen
  Februar 2012 und April 2017 begangener Straftaten, u.a. wegen Nötigung,
  Drohung, Tätlichkeiten, Diebstahl, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch,
  Gewaltdarstellungen (i.S.v. Art. 135 Abs. 1 StGB), Vergehens gegen das
  Betäubungsmittelgesetz (i.S.v. Art. 19 Abs. 1 BetmG), (mehrerer) Vergehen
  gegen das Waffengesetz (i.S.v. Art. 33 Abs. 1 WG) und (mehrerer)
  Übertretungen des Betäubungsmittelgesetzes verurteilt (vgl. act. 17). 

  
	
  Zudem liegen viele Strafanzeigen
  gegen den Beschuldigten betreffend Vorfälle zwischen November 2017 und
  September 2022 vor (vgl. im Verfahren SG.2023.00020 act. 2/9 ff.). 

  
	
  Dabei machen zwei Personen
  unabhängig voneinander geltend, dass sie am 19. November 2017 nachts, zu
  jeweils unterschiedlichen Zeiten, von dem ihnen damals unbekannten
  Beschuldigten ohne Grund mit der Faust ins Gesicht geschlagen wurden. In
  einem dieser Fälle habe der Beschuldigte noch CHF 200.— gefordert. In den
  betreffenden Strafanzeigen ist festgehalten, in der Nacht vom 19. November
  2017 habe der Chef eines Sicherheitsdienstes der Polizei gemeldet, dass der
  Beschuldigte Personen angepöbelt und Geld von ihnen gewollt habe. Zudem ist
  vermerkt, dass die Polizei in der vergangenen Zeit wegen des Beschuldigten
  vermehrt ausrücken musste, wobei in den meisten Fällen auf eine
  Anzeigeerstattung verzichtet wurde (vgl. zum Ganzen im Verfahren
  SG.2023.00020 act. 2/9 f.).

  
	
  Eine andere Person wirft dem
  Beschuldigten vor, sie am 1. Januar 2018 mit einer Glasscherbe in der Hand
  mehrmals gegen den Kopf geschlagen zu haben. In dieser Strafanzeige sind
  Aussagen von Auskunftspersonen wiedergegeben, wonach der Beschuldigte diverse
  Personen angepöbelt, angerempelt und provoziert habe, aggressiv gewesen sei
  und jemandem mit einer Glasscherbe auf den Kopf geschlagen habe (vgl. zum
  Ganzen im Verfahren SG.2023.00020 act. 2/11). 

  
	
  Wieder eine andere Person macht
  geltend, vom Beschuldigten am 5. März 2019 bedroht und mit einem gefährlichen
  Gegenstand angegriffen worden zu sein (vgl. im Verfahren SG.2023.00020 act.
  2/12).

  
	
  Die Ehefrau des Beschuldigten
  wirft ihm vor, ihr gegenüber im Zeitraum von Dezember 2018 bis Juli 2021
  mehrere Straftaten begangen zu haben, namentlich Vergewaltigung, Nötigung, Drohung
  und Körperverletzung (vgl. im Verfahren SG.2023.00020 act. 2/13 ff.).

  
	
  Weiter werden dem Beschuldigten
  in mehreren Fällen von verschiedenen Personen im Zeitraum zwischen März 2019
  und September 2021 Diebstahl und Hausfriedensbruch vorgeworfen (vgl. im
  Verfahren SG.2023.00020 act. 2/20 ff.); in einer Strafanzeige ist
  festgehalten, dass der Beschuldigte geständig sei, am 25. September 2021 aus
  einem Wohnhaus in [...] eine Schusswaffe gestohlen und dann mit dieser in
  [...] im Dorf herumgefuchtelt zu haben (vgl. im Verfahren SG.2023.00020 act.
  2/23 S. 2). 

  
	
  Gegen den Beschuldigten liegen
  auch Anzeigen wegen Wiederhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz im April
  2022 und Juni 2022 vor (vgl. im Verfahren SG.2023.00020 act. 2/27 f.).

  
	
  Mehrere Personen werfen dem
  Beschuldigten vor, dass er sie im Zeitraum zwischen März 2019 und September
  2022 (teilweise mit dem Tod) bedroht habe (vgl. im Verfahren SG.2023.00020
  act. 2/20, 2/25 und 2/29 f.). Dabei wirft eine Person dem Beschuldigten vor,
  dass er sie am 11. April 2022 und am 12. September 2022 bedroht habe; bei der
  Drohung am 11. April 2022 habe der Beschuldigte ihr ein Messer gegen die
  Brust gehalten (vgl. im Verfahren SG.2023.00020 act. 2/29); gemäss den
  Angaben in der Strafanzeige bestätigte ein Kollege der betroffenen Person
  aufgrund eigener Wahrnehmung des Vorfalls, dass diese am 12. September 2022
  vom Beschuldigten mit dem Tod bedroht wurde (vgl. im Verfahren
  SG.2023.00020 act. 2/30). 

  
	
  C.______, der beim Vorfall am 12.
  März 2023 anwesende Kollege des Beschuldigten (siehe oben E. III Ziff. 1.1.3),
  äusserte sich bei der Polizei folgendermassen: Es sei ja klar gewesen, dass
  ein Abend mit dem Beschuldigten bei der Polizei endet. Er sollte in Sibirien
  Steine klopfen. Er sollte ausgeschafft werden. Zudem sagte C.______ aus, der
  Beschuldigte habe angeboten, ihm für Geld Kokain zu besorgen (vgl. zum Ganzen
  im Verfahren SG.2023.00020 act. 2/6 Ziff. 3, 16 und 21). 

  
	
  Bei der polizeilichen Einvernahme
  am 13. März 2023 gab der Beschuldigte an, dass er viel Alkohol trinke und
  etwa einmal pro Woche Cannabis konsumiere (vgl. im Verfahren SG.2023.00020
  act. 2/3 Ziff. 59 ff.).

  
	
  Gegenüber der Staatsanwaltschaft
  machte der Beschuldigte am 14. März 2023 folgende Angaben: In der letzten
  Zeit habe er ein Alkoholproblem. Seit der Trennung von seiner Frau trinke er
  sehr viel. Er habe ein Drogenproblem, er nehme Kokain. Seine Mutter habe er
  seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Er dürfe eigentlich gar nicht wissen, wo
  seine Ex-Frau wohne. Er wisse die Geburtsjahrgänge seiner Kinder nicht genau.
  Er habe gesundheitliche Probleme wegen Drogen- und Alkoholentzugs; er kriege
  Paranoia in den Gefängnisräumen; er sehe Sachen in seinem Kopf und höre
  Stimmen; eine solche Krankheit sei bei ihm bereits diagnostiziert worden. Er
  sei arbeitslos und habe kein Geld. Sein Vater zahle alles. Im Moment habe er
  gerade mit seinem Vater ein Problem, weil sie gestritten haben. Er möchte
  weiterhin mit seinem Vater zusammenarbeiten, aber dies gehe im Moment nicht.
  Mit den Kindern habe es auch nicht funktioniert, da sei es nicht besser
  geworden. Die KESB habe ihn und seinen Vater angelogen (vgl. zum Ganzen
  im Verfahren SG.2023.00020 act. 2/1 Ziff. 49 ff., 109 ff., 189 ff. und 253
  ff.).  

  
	
  Gemäss
  pharmakologisch-toxikologischem Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin der
  Universität Zürich vom 20. April 2023 konnte beim Beschuldigten der Konsum
  von Kokain und Cannabis nachgewiesen werden (vgl. act. 2/7).  

  
	
  In einer Strafanzeige gegen den
  Beschuldigten vom 6. Juli 2021 ist vermerkt, dass der Beschuldigte seit längerer
  Zeit an Depressionen und Schizophrenie leide (vgl. im Verfahren
  SG.2023.00020 act. 2/18 S. 9). 

  
	
   

  
	
  1.2.4 Der Beschuldigte
  wird dringend verdächtigt, am 12. März 2023 beim Bahnhof [...] eine schwere
  Körperverletzung und damit ein schweres Verbrechen (vgl. Art. 122 StGB i.V.m.
  Art. 10 Abs. 2 StGB; vgl. auch Art. 64 Abs. 1 StGB) gegen das Rechtsgut der
  körperlichen Unversehrtheit begangen zu haben (siehe oben E. III Ziff.
  1.1.3).

  
	
  Er weist auch eine Verurteilung
  wegen einer Straftat gegen das Rechtsgut der körperlichen Integrität auf,
  wobei es sich allerdings (nur) um eine Tätlichkeit und damit um eine
  Übertretung (vgl. Art. 126 StGB i.V.m. Art. 103 StGB) handelte. Der
  Beschuldigte wurde aber auch verurteilt, weil er Straftatbestände erfüllte,
  die mittelbar dem Schutz des Rechtsguts der körperlichen Unversehrtheit
  dienen. Angesprochen sind die Verurteilungen wegen Gewaltdarstellungen
  (i.S.v. Art. 135 Abs. 1 StGB), Vergehens gegen das Betäubungsmittelgesetz
  (i.S.v. Art. 19 Abs. 1 BetmG) und (mehrerer) Vergehen gegen das Waffengesetz
  (i.S.v. Art. 33 Abs. 1 WG) (siehe oben E. III Ziff. 1.2.3). Bei all diesen
  Straftaten ist resp. war Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren angedroht (für
  Gewaltdarstellungen i.S.v. Art. 135 Abs. 1 StGB droht seit dem 1. Juli 2023
  sogar Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren), womit es sich um schwere Vergehen
  handelt(e) (siehe oben E. III Ziff. 1.2.1). 

  
	
  Viele verschiedene Personen
  werfen dem Beschuldigten in vielen verschiedenen Fällen zwischen November
  2017 und September 2022 gleichartige Straftaten vor. Zum Teil liegen gemäss
  den betreffenden Strafanzeigen, wie im vorliegenden Fall vom 12. März 2023
  (siehe oben E. III Ziff. 1.1.3), auch Aussagen von Drittpersonen vor, welche
  die Vorwürfe gegen den Beschuldigten stützen, sowie ein Geständnis des
  Beschuldigten (siehe oben E. III Ziff. 1.2.3). 

  
	
  Ferner sagte C.______ (als
  Kollege des Beschuldigten) sinngemäss aus, dass der Beschuldigte immer wieder
  bereit war und ist, Straftaten zu begehen (siehe oben E. III Ziff.
  1.2.3).

  
	
  Unter Berücksichtigung der
  genannten Umstände besteht der dringende Verdacht, dass der Beschuldigte
  nicht nur eine schwere Körperverletzung am 12. März 2023 sondern auch die ihm
  in den erwähnten Strafanzeigen vorgeworfenen Straftaten (siehe oben E. III
  Ziff. 1.2.3) begangen hat. 

  
	
  Folglich besteht eine hohe
  Wahrscheinlichkeit, dass der Beschuldigte sich ab November 2017 viele Male
  ohne Grund auch gegenüber ihm unbekannten Personen aggressiv verhalten hat,
  sie provoziert und teilweise mit gefährlichen Gegenständen angegriffen und
  insbesondere im Bereich des Gesichts und Kopfs verletzt hat. Zudem ist sehr
  wahrscheinlich, dass der Beschuldigte im September 2021 eine Schusswaffe
  gestohlen und diese dann öffentlich getragen resp. zur Schau gestellt hat.
  Ausserdem ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der
  Beschuldigte im Zeitraum zwischen März 2019 und September 2022 mehrere
  Personen (teilweise mit dem Tod) bedroht hat.

  
	
  Es ergibt sich das Bild einer
  zunehmenden Eskalation und Intensität der Unberechenbarkeit, Aggressivität
  und Gewaltbereitschaft des Beschuldigten sowie der von ihm (sehr
  wahrscheinlich) tatsächlich ausgeübten Gewalt gegen Personen.

  
	
  Hinzu kommen beim Beschuldigten,
  wie er selber sagte, ein Alkohol- und Drogenproblem, eine (mögliche)
  psychische Erkrankung, Arbeitslosigkeit und Geldprobleme sowie allgemein
  ungeordnete persönliche Verhältnisse, namentlich Probleme mit (der Trennung
  von) seiner Frau, (dem Kontakt zu) seinen Kindern und seinem Vater (siehe
  oben E. III Ziff. 1.2.3).

  
	
  Nach dem Ausgeführten ist im
  Lichte der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (siehe oben E. III Ziff. 1.2.1)
  darauf zu schliessen, dass vom Beschuldigten eine untragbar hohe
  (Dauer-)Gefahr ausgeht, dass er (wieder) ein schweres Verbrechen gegen die
  körperliche Unversehrtheit (irgend-)einer Personen verüben wird.

  
	
  Somit ist – wie bereits das
  Zwangsmassnahmengericht (sinngemäss) feststellte (vgl. act. 8 S. 3 ff.
  Ziff. 4); entgegen der Ansicht der Verteidigung (vgl. act. 13
  Ziff. 6 ff.) – der Haftgrund der qualifizierten Wiederholungsgefahr
  (auch i.S. des künftigen Art. 221 Abs. 1bis StPO) gegeben
  (siehe oben E. III Ziff. 1.2.1 f.).

  
	
  Ob der Beschuldigte vorliegend
  zudem entsprechende Vortaten verübt hat, wie es ansonsten für den Haftgrund
  der Wiederholungsgefahr vorausgesetzt ist (siehe oben E. III Ziff. 1.2.1),
  kann offengelassen werden.

  
	
   

  
	
  1.3

  
	
  1.3.1 Die Annahme von
  Fluchtgefahr setzt ernsthafte Anhaltspunkte dafür voraus, dass die
  beschuldigte Person sich durch Flucht dem Strafverfahren oder der zu
  erwartenden Sanktion entziehen könnte (Art. 221 Abs. 1 Bst. a StPO). Im
  Vordergrund steht dabei eine mögliche Flucht ins Ausland, denkbar ist jedoch
  auch ein Untertauchen im Inland. Bei der Beurteilung der Fluchtgefahr sind
  die gesamten konkreten Verhältnisse zu berücksichtigen. Es müssen Gründe
  bestehen, die eine Flucht nicht nur als möglich, sondern als wahrscheinlich
  erscheinen lassen. Die Schwere der drohenden Strafe ist zwar ein Indiz für
  Fluchtgefahr, genügt jedoch für sich allein nicht, um den Haftgrund zu
  bejahen. Miteinzubeziehen sind die familiären und sozialen Bindungen, die
  berufliche und finanzielle Situation und die Kontakte zum Ausland (zum Ganzen
  BGE 143 IV 160 E. 4.3 m.H.).

  
	
   

  
	
  1.3.2 Der Beschuldigte ist
  Staatsangehöriger des Kosovos. Er gab bei der Hafteinvernahme am 14. März
  2023 an, er sei kurz nach der Geburt in der Schweiz gewesen und hier
  aufgewachsen. «In der zweiten Klasse» sei er zwei Jahre weg gewesen. Dann sei
  er bis zur siebten Klasse wieder in der Schweiz gewesen. Nach der
  siebten Klasse, als er etwa dreizehn Jahre alt gewesen sei, habe er für
  zehn Monate im Kosovo gelebt. Er sei jetzt drei bis vier Jahre nicht mehr im
  Kosovo gewesen und habe niemanden dort. Gleichzeitig erwähnte der
  Beschuldigte aber auch, dass er auf Seiten seiner Mutter Familienangehörige
  im Kosovo habe, die er seit 21 Jahren nicht mehr gesehen habe. Zudem sagte
  der Beschuldigte, es sei geplant gewesen, dass er im Dezember 2023 nach Mekka
  gehe und dort länger bleibe, nachdem er bereits in letzter Zeit einmal in
  Mekka gewesen sei, um mit Gott in Kontakt zu treten resp. zu beten (vgl. zum
  Ganzen im Verfahren SG.2023.00020 act. 2/1 S. 1 und S. 3 f.
  Ziff. 69 ff.).

  
	
  Schwere Körperverletzung wurde
  nach Art. 122 StGB in der Fassung vor dem 1. Juli 2023 mit Freiheitsstrafe
  von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft (seit dem 1. Juli 2023
  droht Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren). Hinzu kommen die
  Strafdrohungen für die Straftaten, welche dem Beschuldigten in den anderen
  hängigen Straffällen vorgeworfen werden. Mithin steht eine mehrjährige
  Freiheitsstrafe konkret in Aussicht und droht zudem eine Landesverweisung
  (vgl. Art. 66a Abs. 1 Bst. b StGB), wie das Zwangsmassnahmengericht
  ausführte (vgl. act. 8 S. 6 Ziff. 5).

  
	
  Es erscheint sehr zweifelhaft, ob
  persönliche Beziehungen des Beschuldigten in der Schweiz ihn von einer Flucht
  abhalten würden, zumal eben insbesondere Probleme beim Kontakt mit seinen
  Kindern bestehen (siehe oben E. III Ziff. 1.2.3 f.; vgl. auch die
  betreffenden Ausführungen des Zwangsmassnahmengerichts, act. 8 S. 6 Ziff. 5).
  So fragte sich am 12. März 2023 bei der polizeilichen Einvernahme auch
  C.______ (als Kollege des Beschuldigten), was den Beschuldigten in der
  Schweiz halte (vgl. im Verfahren SG.2023.00020 act. 2/6 Ziff. 21).

  
	
  Die Verteidigung bringt vor, dass
  der Beschuldigte nicht flüchten und damit seine Niederlassungsbewilligung
  riskieren werde; der Beschuldigte habe sich den Behörden in der Vergangenheit
  immer zur Verfügung gehalten und unmittelbar nach dem Vorfall am 12. März
  2023 versucht, beim Polizeiposten in [...] vorstellig zu werden (vgl. act. 13
  Ziff. 16 sowie act. 18 f.). 

  
	
  Diese Vorbringen der Verteidigung
  ändern nichts daran, dass eine mehrjährige Freiheitsstrafe konkret in
  Aussicht steht und zudem eine Landesverweisung droht. Folglich droht auch das
  Erlöschen oder der Widerruf der Niederlassungsbewilligung (vgl. Art. 61 Abs.
  1 Bst. e AIG und Art. 63 Abs. 1 Bst. a AIG). Weiter ist davon auszugehen,
  dass der Beschuldigte sich – namentlich aufgrund der Aktenlage und auch der
  bisherigen Untersuchungshaft – dem Ernst der Lage bewusst ist. Seiner
  Sachverhaltsdarstellung, wonach er in Notwehr gehandelt habe, steht eben der
  dringende Tatverdacht entgegen, dass er sich der schweren Körperverletzung
  i.S.v. Art. 122 StGB strafbar gemacht hat (siehe oben E. III Ziff. 1.1.3).
  Es erscheint durchaus möglich, dass der Beschuldigte gleich nach dem Vorfall
  am 12. März 2023 von etwas anderem ausging. Im Übrigen ist darauf
  hinzuweisen, dass der Beschuldigte nach dem betreffenden Vorfall sowieso
  damit rechnen musste, bald von der Polizei aufgesucht zu werden, war doch
  sein Kollege C.______ anwesend, der ihn identifizieren konnte. Der
  Beschuldigte selber sagte aus, er sei zu einer Kollegin gegangen und habe auf
  die Polizei gewartet, nachdem er beim Polizeiposten niemanden angetroffen
  habe (vgl. im Verfahren SG.2023.00020 act. 2/3 Ziff. 3, 5 und 54). 

  
	
  Nach dem Ausgeführten liegen
  ernsthafte Anhaltspunkte dafür vor, dass der Beschuldigte sich durch Flucht
  dem Strafverfahren resp. der zu erwartenden Sanktion entziehen könnte. 

  
	
  Folglich ist Fluchtgefahr i.S.v.
  Art. 221 Abs. 1 Bst. a StPO – entgegen der Ansicht der Verteidigung (vgl.
  act. 13 Ziff. 14 ff.) – zu bejahen.

  
	
   

  
	
  2.

  
	
  2.1 Untersuchungshaft ist
  eine Zwangsmassnahme und darf nur angeordnet werden, wenn sie
  verhältnismässig ist, namentlich wenn das damit angestrebte Ziel nicht durch
  ein milderes Mittel erreicht werden kann und wenn die Bedeutung der Straftat
  die Haft rechtfertigt (vgl. Art. 197 Abs. 1 Bst. c und d StPO).

  
	
   

  
	
  2.2 Vorliegend können die
  mit der Untersuchungshaft angestrebten Ziele – Verhinderung von (weiteren)
  schweren Straftaten des Beschuldigten; sowie Sicherung dessen Anwesenheit im
  Strafverfahren und der zu erwartenden Sanktion – nicht mit milderen Mitteln
  erreicht werden.

  
	
  Eine Abstinenzkontrolle, wie von
  der Verteidigung vorgeschlagen (vgl. act. 13 Ziff. 12 f.), kann die
  bestehende Wiederholungsgefahr nicht genügend sicher abwenden, zumal gar
  nicht klar ist, ob und gegebenenfalls inwieweit diese Gefahr mit dem Konsum
  von Alkohol und Drogen in Zusammenhang steht.   

  
	
  Zudem besteht Fluchtgefahr.
  Ersatzmassnahmen, namentlich die Sperre resp. der Rückbehalt von Schriften
  und Ausweisen, bieten keine zureichende Sicherheit für die weitere
  Anwesenheit des Beschuldigten.

  
	
   

  
	
  2.3 Der Beschuldigte
  befindet sich seit dem 12. März 2023 in Haft (vgl. im Verfahren SG.2023.00020
  act. 2/2). Ausgehend vom vorliegenden dringenden Tatverdacht, der sich (u.a.)
  auf ein schweres Verbrechen bezieht, steht eine längere Freiheitsstrafe
  konkret in Aussicht (siehe oben E. III Ziff. 1.2.4 und 1.3.2). Folglich droht
  keine Überhaft, wenn die Untersuchungshaft bis am 12. September 2023
  verlängert wird. 

  
	
  Die Strafverfolgungsbehörden
  waren nach der Verhaftung des Beschuldigten am 12. März 2023 nicht untätig.
  Vielmehr erfolgten verschieden Einvernahmen und Abklärungen (vgl. act. 2/1
  bis 2/11 und 2/17 sowie im Verfahren SG.2023.00020 act. 2/1 und 2/3 bis
  2/8). 

  
	
  Die Staatsanwaltschaft teilte im
  Haftverlängerungsgesuch vom 8. Juni 2023 mit, dass für den Abschluss der
  Untersuchung noch Zeit benötigt werde. Der Polizeirapport zum Vorfall vom 12.
  März 2023 werde in den kommenden Tagen bei der Staatsanwaltschaft eingehen.
  Anschliessend sei die Durchführung verschiedener parteiöffentlicher
  Einvernahmen geplant. Zudem werde die Staatsanwaltschaft die Wiederholungsgefahr
  resp. die Gefährlichkeit des Beschuldigten gutachterlich abklären lassen
  (vgl. zum Ganzen act. 1 S. 3).

  
	
  Unter diesen Umständen ist es –
  entgegen dem Antrag der Verteidigung – nicht angezeigt, die
  Staatsanwaltschaft noch anzuweisen, ein entsprechendes Gutachten einzuholen;
  und/oder die Haftverlängerung zu verkürzen. 

  
	
  Es sind keine Anhaltspunkte dafür
  ersichtlich, dass dem Beschuldigten die momentanen Haftbedingungen im
  Gefängnis Glarus (vgl. act. 2/16) nicht zugemutet werden können, zumal
  auch die Verteidigung nichts Gegenteiliges vorbringt.

  
	
  Nach dem Ausgeführten
  rechtfertigt die Bedeutung der Straftat(en), welcher der Beschuldigte
  verdächtigt wird, die Verlängerung der Untersuchungshaft bis am
  12. September 2023. 

  
	
   

  
	
  3. 

  
	
  Im Ergebnis sind vorliegend beim
  Beschuldigten die Voraussetzungen für Untersuchungshaft bis am 12. September
  2023 erfüllt. 

  
	
  Die Beschwerde des Beschuldigten
  ist vollumfänglich abzuweisen.

  
	
  Der Beschuldigte kann bei der
  Staatsanwaltschaft jederzeit ein Gesuch um Haftentlassung stellen (vgl. Art.
  228 Abs. 1 StPO).

  
	
   

  
	
  IV. 

  
	
  Die Regelung der Kosten- und
  Entschädigungsfolgen hat im Endentscheid zu er-folgen (vgl. Art. 421 Abs. 1
  StPO). Die Gerichtsgebühren sind zuhanden der das Strafverfahren
  abschliessenden Strafbehörde in Beachtung der Bemessungskriterien von Art. 6
  der Zivil- und Strafprozesskostenverordnung des Kantons Glarus (GS III
  A/5) festzusetzen und zu den Untersuchungskosten im Sinne von Art. 326 Abs. 1
  Bst. d StPO zu schlagen. Die Gerichtsgebühr für das Beschwerdeverfahren ist
  gestützt auf Art. 8 Abs. 2 Bst. b der Zivil- und Strafprozesskostenverordnung
  des Kantons Glarus auf CHF 800.— festzusetzen. Es bleibt bei der von der
  Vorinstanz getroffenen Kostenregelung (vgl. Art. 428 Abs. 3 StPO e
  contrario).

  
	
   

  
	
  ____________________

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  Das
  Gericht beschliesst:

  
	
   

  
	
  	
    1.

    	
    Die Beschwerde gegen die
    Verfügung des Zwangsmassnahmengerichts des Kantons Glarus vom 15. Juni 2023
    im Verfahren SG.2023.00048 wird vollumfänglich abgewiesen.

    
	
     

    	
     

    
	
    2.

    	
    Die Gerichtsgebühr für das
    Beschwerdeverfahren wird zuhanden der das Strafverfahren abschliessenden
    Behörde auf CHF 800.— festgesetzt.

    
	
     

    	
     

    
	
    3.

    	
    Die Regelung der Kostenauflage
    und allfälliger Entschädigung wird dem Endentscheid vorbehalten. 

    
	
     

    	
     

    
	
    4.

    	
    Schriftliche Mitteilung an:

    
	
     

    	
    [...]