# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 937af48e-9888-580d-842d-bd36a11fcf35
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2024-03-18
**Language:** de
**Title:** Kein invalidisierender Gesundheitsschaden ausgewiesen. Abweisung.
**Docket/Reference:** IV.2023.00340
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2023.00340.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2023.00340
II. Kammer
Sozialversicherungsrichterin Grieder-Martens, Vorsitzende
Sozialversicherungsrichterin Romero-Käser
Ersatzrichterin Lienhard
Gerichtsschreiberin Schucan
Urteil
vom
18. März 2024
in Sachen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch Gemeinde
Y.___
Sozialdienst
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
X.___
, geboren 1965
,
gelernter Coiffeur (Urk. 9/8 Ziff. 5.3), war zuletzt bis
ins Jahr
2008 selbständig als Coiffeur tätig (Urk. 9/8 Ziff. 5.
5
)
und ging danach keiner Erwerbstätigkeit mehr nach (vgl. Auszug aus dem individuellen Konto; IK-Auszug, Urk. 9/
17
), wobei er Musik produzierte
und im Jahr 2016 auch ein Album und
Singles
veröffentlichte (
www.
«X.___»
.net
, besucht am 7. März 2024
).
Am
24. März 2022
meldete er sich
unter Hinweis auf eine psychische Beeinträchti
gung, welche im Jahr 2007 begonnen und dann durchgehend immer wieder Beschwerden
im Sinne von wiederkehrenden Depressionen
verursacht
h
abe
,
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an
(Urk. 9/8
Ziff. 6.1-2
).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medi
zinische und erwerbliche Situation ab
und verneinte nach
ergangenem
Vorbescheid (Urk. 9/19
) mit Verfügung vom 31. Mai 2023 einen Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung (Urk. 9/20 = Urk. 2).
2.
Der Versicherte erhob am 27. Juni 2023 Beschwerde gegen die Verfügung vom 31. Mai 2023 (Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und die Einschätzung des seit September 2022 behandelnden Psychiaters Dr. med.
Z.___
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und des behandelnden
Psycho
therapeuten
A.___
, sei im Verfahren angemessen zu berück
-
sichtigen (Urk. 1 S.
1
).
Mit Beschwerdeantwort vom 13. September 2023 beantragte die
IV-Stelle, die Beschwerde sei abzuweisen (Urk. 8). Am 10. Oktober 2023 reichte der Beschwer
deführer seine Replik (Urk. 12) ein, und die Beschwerdegegnerin verzichtete am 9. November 2023 auf das Einreichen einer Duplik (Urk. 14), was dem Beschwer
deführer am 10. November 2023 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 15).
Mit Gerichtsverfügung vom 6. Dezember 2023 wurde de
r
Beschwerdeführer
aufgefordert
, innert angesetzter Frist einen Bericht der behandelnden Fachpersonen Dr.
Z.___
und des Psy
chotherapeuten
A.___
einzureichen (Urk. 16).
Mit Schreiben vom 9. Februar 2024 (Urk. 19) reichten Psycho
therapeut
A.___
und Dr.
Z.___
eine
n
Bericht (Urk. 20) ein.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 22. Februar 2024 auf eine Stellungnahme (Urk. 22), was dem Beschwerdeführer am 23. Februar 2024 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 23).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
;
ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesund
heit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine
psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus
(vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein.
Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen
(BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgerich
t wie folgt systematisiert (BGE
141 V 281 E.
4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad»
(E.
4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung»
(E.
4.3.1)
-
Ausprägung der
diagnoserelevanten Befunde (E.
4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliede
rungserfolg oder -resistenz (E.
4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E.
4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnost
ik, persönliche Ressourcen, E.
4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext»
(E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Ge
sichtspunkte des Verhaltens, E.
4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen verg
leich
baren Lebensbereichen (E.
4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch
ausgewiesener Leidens
druck (E.
4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezo
gene Aspekt der Konsistenz (BGE
141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bun
desgerichts 8C_604/2017 vom 15. März 2018 E.
7.4).
1.4
Aus Gründen der Verhältnismässigkeit kann dort von einem struktur
ierten Beweisverfahren nach BGE
141 V 281 abgesehen werden, wo es nicht nötig oder auch gar nicht geeignet ist. Ein Beweisverfahren bleibt daher entbehrlich, wenn im Rahmen beweiswertiger fa
chärztlicher Berichte (vgl. BGE
125 V 351) eine Arbeitsunfähigkeit in nachvollziehbar begründeter Weise verneint wird und allfälligen gegenteiligen Einschätzungen mangels fachärztlicher Qualifikation oder aus anderen Gründen kein Beweiswert beigemesse
n werden kann (BGE 143 V 409 E. 4.5.3; vgl. BGE 143 V 418 E.
7.1). Insbesondere in Fällen, in welchen nach der Aktenlage überwiegend wahrscheinlich von einer bloss leichtgradigen depressiven Störung auszugehen ist, die nicht schon als chronifiziert gelten kann und auch nicht mit Komorbiditäten einhergeht, bedarf es in aller Regel keines strukturierten Bew
eisverfahrens (BGE 143 V 409 E.
4.5.3; vgl. Urteil des Bundes
gerichts 9C_580/20
17 vom 16. Januar 2018 E. 3.1).
1.
5
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig
ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4 mit Hinweisen; vgl. auch BGE 140 V 193 E. 3.2 mit Hinweisen).
1.
6
Im Sozialversicherungsverfahren gilt der Untersuchungsgrundsatz. Danach haben der Versicherungsträger oder das Durchführungsorgan und im Beschwerdefall das kantonale Versicherungsgericht von sich aus für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen (Art. 43 Abs. 1 und Abs. 1
bis
sowie Art. 61 lit. c
i.V.m
.
Art. 2 ATSG). Der Untersuchungsgrundsatz
wird durch die Mitwirkungspflicht der Versicherten respektive der Parteien beschränkt (Art. 28 und Art. 43 Abs. 2 ATSG), vor allem in Bezug auf Tatsachen, die sie besser kennen als die (Verwaltungs- oder Gerichts-) Behörde und welche diese sonst gar nicht oder nicht mit vernünftigem Aufwand erheben könnte
(BGE 122 V 157 E. 1a; Urteil des Bundesgerichts 9C_341/2020 vom 4. September 2020 E. 2.2 mit Hinweis auf BGE 138 V 86 E. 5.2.3 und 125 V 193 E. 2; vgl. BGE 130 I 180 E. 3.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
hielt in
ihre
r
Verfügung (Urk. 2)
fest
, dass die Anmel
dung des Beschwerdeführers am 28. März 2022 eingegangen sei. Die Abklärun
gen hätten ergeben, dass
er
in seiner bisherigen Tätigkeit als Coiffeur ohne Einschränkung zu 100 % arbeitsfähig sei. In den vorhandenen Unterlagen seien keine gesundheitlichen Einschränkungen beschrieben, welche eine längerfristige Arbeitsunfähigkeit begründen würden. Für die bestehenden Diagnosen gebe es Behandlungsoptionen, welche nicht vollends ausgeschöpft würden. Aufgrund der tiefen Behandlungsfrequenz (alle drei bis vier Wochen) und der fehlenden pharmakologischen Behandlung werde der Leidensdruck des Beschwerdeführers als gering eingeschätzt. Demzufolge entstehe kein Leistungsanspruch
,
und für die Unterstützung bei der Stellensuche sei das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zuständig (S. 1 f.).
2.2
Dagegen machte der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde (Urk. 1) geltend, dass er zum Zeitpunkt der Anmeldung zum Leistungsbezug am 24. März 2022 in mehrjähriger Behandlung bei
pract. med.
B.___
, Facharzt für Psychiatrie und für Psychotherapie,
gewesen sei, welcher ihm seit 1. Oktober 2020 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert habe. Nach dem Versterben von
pract. med.
B.___
am 24. Juli 2022 sei die Behandlung am 5. September
2022
beim Psychiater Dr.
Z.___
und beim
Psychotherapeuten
A.___
fortgesetzt worden.
Die Behandlung finde regelmässig statt
.
Dies sei im
Entscheid nicht berücksichtigt worden.
Dass die
Behandlungsoptionen nicht vollends ausgenützt würden
sei unzutreffend
,
und die Behandlungsfrequenz liege mit wöchentlichen Sitzungen deutlich höher, als von der Beschwerdegegnerin angenommen
. Es sei ein Bericht der behandelnden Fachpersonen einzuholen
(S. 2).
2.3
In ihrer Beschwerdeantwort (Urk. 8) führte die Beschwerdegegnerin aus, dass
auch
die Prüfung der Standardindikatoren
ergebe, dass eine Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers nicht nachvollziehbar sei. Vielmehr sei aufgrund des geringen funktionellen Schweregrades des Gesundheitsschadens,
einem aufgrund der eingeschränkten Wahrnehmung von Therapiesitzungen und de
m aus der
a
blehnenden Haltung gegenüber Antidepressiva anzunehmenden geringen Leidensdruck,
der Diskrepanzen zwischen den geltend gemachten beruflichen Einschränkungen und dem Aktivitätsniveau im Freizeitbereich sowie den Hinweisen auf fehlende Motivation und psychosoziale Belastungsfaktoren ein invalidisierender Gesundheitsschaden zu verneinen. Aus rechtlicher Sicht sei von einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit auszu
gehen
(S. 1 f
f
.
Rz.
3-7)
. Sie habe erstmals am 7. Juni 2023 und damit nach Verfügungserlass von den neuen medizinischen Behandlern erfahren. Die der Beschwerde beigelegten Arbeitsunfähigkeitszeugnisse böten jedoch keinerlei Hinweis
auf einen schlechteren Gesundheitszustand oder stärkere
Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers, welche es zu berücksichtigen gäbe (S. 3 Rz. 8).
2.4
In seiner Replik (Urk. 12) führte der Beschwerdeführer aus, dass die Beschwerde
gegnerin von Amtes wegen
alle für den Entscheid erforderlichen Tatsachen festzustellen habe.
Obwohl im Feststellungsblatt ausgeführt worden sei, dass
pract. med.
B.___
widersprüchliche Aussagen betreffend des Gesundheits
-
schadens getätigt habe, seien keine Rückfragen an
diesen
gestellt worden, um Klarheit zu schaffen. Es habe auch keine ärztliche Untersuchung stattgefunden (S. 1 unten). Damit hätte die Beschwerdegegnerin logischerweise eine Arztbericht von Dr.
Z.___
sowie vom
Psychotherapeuten
A.___
einholen müssen, vor allem, da er
- der Beschwerdeführer -
sich seit Herbst 2022 dort in regelmässiger Behand
lung befinde. Dieser Bericht sollte im Entscheidungsprozess berücksichtigt werden (S. 2).
2.5
Strittig und zu prüfen ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf Leistungen der Invalidenversicherung.
3.
3.
1
In seinem Schreiben vom 8. Januar 2021
(Urk. 9/16/7-8)
zuhanden der
G
emeinde
Y.___
führte
pract
. med.
B.___
aus, dass sich der Beschwerdeführer wegen einer chronischen depressiven Störung seit dem
7. März 2017
in seiner konti
nuierlichen Behandlung befinde. Im
Laufe
seines Lebens seien verschiedene depressive Krisen aufgetreten, welche dazu
geführt hätten,
dass er seinen Beruf als selbständige
r
Coiffeur
nicht mehr
ha
be
ausüben können
und sich zusehends verschuldet habe. Trotz gelegentlicher Arbeiten habe er nie mehr zu einer dauer
haften psychischen Stabilität zurückgefunden. Was den Beschwerdeführer interessiere
,
und was er auch seit vielen
Jahren
mit Passion betreibe
,
sei die Musik. Nach seinem beruflichen Scheitern als Coiffeur habe er einen Job in einer Konzertagentur gehabt, wo er auf per
fide Weise rausgemobbt worden sei. Er sei wieder arbeitslos gewesen und erneut in eine Depression
mit Alkoholabhängigkeit
ge
fallen. E
r
habe kaum mehr zu einer psychischen Stabilität zurückgefunden, um einer regelmässigen Tätigkeit nachgehen zu können.
Tätigkeiten und Jobs, in denen er keinen Sinn sehe, führten automatisch zu psychischer Verstimmung und Arbeitsunfähigkeit beziehungsweise zu depressiven Krisen
. Während der Arbeits
losigkeit habe sich der Beschwerdeführer
aber immer selber beschäftigen und sich eine Tagesstruktur geben können. Er habe nun Zeit gehabt, selber Melodien und Texte für Songs zu komponieren und auf Tonträger einzuspielen, was er bis dato zu Hause mit grossem Engagement mache.
Leider könne er nicht von seiner Musik leben. Es wäre eventuell hilfreich
, den Beschwerdeführer
im Vorhaben, eine Tätigkeit in der Musikbranche zu finden, zu unterstützen. Durch seine Eigen
initiative und sein Engagement in der Musik habe
er sich
in psychischer Hinsicht bisher einigermassen stabil halten können. Sollte er aber erneut eine
seiner Ansicht nach
«stumpfsinnig
e
und repetitive Tätigkeit» ausüben müssen, werde er mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder in eine depressive Krise fallen, was für alle beteiligten Helfenden kontraproduktiv wäre (S. 1).
3.
2
Pract. med.
B.___
stellte in seinem Bericht vom 16. Juni 2022 (Urk. 9/16/
1-6) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Ziff. 2.5):
-
chronische rezidivierende depressive Störung leichten Grades (ICD-10 F33.0)
-
Differenzialdiagnose (DD): zwischendurch
Dysthymia
(ICD-10 F34.1)
-
nicht näher bezeichnete Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.9)
Pract. med
.
B.___
führte aus, dass der Beschwerdeführer seit dem 7. März 2017 bei ihm in Behandlung und die letzte Kontrolle am 1. Juni 2022 erfolgt sei (Ziff. 1.1).
Es finde etwa alle drei bis vier Wochen eine Sitzung statt (Ziff. 1.2).
Eine Medikation finde nicht statt
, da es auch
unter
Antidepressiva zu keiner Besserung der Beschwerden gekommen sei, und der Patient selbst eine ablehnende Haltung gegenüber den Antidepressiva entwickelt habe. Gelegentlich helfe Ritalin
beim Komponieren
der Musik (Ziff. 2.3).
Für die Tätigkeit als selbständiger Coiffeur sei seit dem 7. Juni 2022 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert worden (Ziff. 1.3).
In welchem Umfang die bisherige Tätigkeit zumutbar sei, müsse mit dem Patienten besprochen werden (Ziff. 4.1).
Zur Vorgeschichte ver
wies med. pract.
B.___
auf das Schreiben vom 8. Januar 2021 an die Gemeinde
Y.___
(Ziff. 2.1, vorstehend E.
3
.1). Gemäss Fremdanamnese des Patienten leide er an einer chronischen
Motivationsarmut im Alltag,
an einer raschen Ermüdung und habe Mühe, sich auf Aufgaben zu konzentrieren, sei vergesslich und gestresst. Er habe Mühe, sich den Tagesablauf zu strukturieren. Einzig das Komponieren von Musikstücken motiviere ihn (Ziff. 2.2).
Pract. med.
B.___
hielt fest, dass die
Prognose zur Arbeitsfähigkeit
schlecht sei
(Ziff. 2.7).
Gegenwärtig komponiere der Beschwerdeführer Musik und helfe im Haushalt (Ziff. 3.1). Er leide an Konzentrationsstörungen und an Stimmungstiefs (Ziff. 3.4). Zu den Faktoren, welche einer Eingliederung im Wege stünden, hielt
pract. med.
B.___
fest, dass der Patient, sobald eine Tätigkeit für ihn unsinnig erscheine, die Motivation verliere (Ziff. 4.4). Im Haushalt sei der Beschwerdeführer nicht eingeschränkt (Ziff. 4.5).
3.
3
Dr. med.
C.___
, Fachärztin für Neurologie, regionaler ärztlicher Dienst (RAD)
,
führte in ihrer Stellungnahme vom 3. Februar 2023
(Urk. 9/18/3)
aus, dass der Beurteilung
durch
Psychiater
pract. med.
B.___
nicht gefolgt werden könne. Die Aussage, dass die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit zunächst mit dem Beschwerdeführer besprochen werden müsse, lasse eine Befangenheit vermuten. Die Beurteilung zum Tätigkeitsbereich (nur Musikbranche) sei wenig objektiv. Der Schweregrad werde mit leicht angegeben (ICD-10 F33.0). Eine vollumfängliche Arbeitsunfähigkeit sei anhand des Schweregrades nicht nachvollziehbar. Der Leidensdruck werde aufgrund der seltenen Behandlungsfrequenz (alle drei bis vier Wochen)
und der fehlenden pharmakologischen Behandlung als gering eingeord
net
. Dr.
C.___
hielt abschliessend dafür, dass ein längerdauernder Gesundheits
schaden nicht ausreichend plausibil
isiert sei. Es bestünden Behandlungsoptionen.
3.
4
Psychotherapeut
A.___
und Dr.
Z.___
stellten in ihrem Bericht vom
16. Januar respektive 9. Februar 2024
(Urk. 20) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
(S. 2 Ziff. 6):
-
Depression mit phobischen Elementen, Panikneigung als Folge von wiederholten Traumatisierungen und daraus resultierend allgemeine Ratlosigkeit. Chronifiziert (ICD-10 F43.1) und emotional instabil (ICD-F60.3); phobische Reaktion auf Abhängigkeitsverhältnisse unter Dominanz Anderer
-
posttraumatische Belastungsstörung nach diversen Traumatisierungen und zuletzt Tod von Bezugsperson mit Verstärkung der Panikneigung. Allgemeine Ratlosigkeit (ICD-10 F43.21;
Differenzialdiagnose [
DD
] ICD-10 F
32.1)
-
Status nach schwierigen Familienverhältnissen und Diskriminierung als Ausländer im Kindergarten und in der Schule (aufgrund der Migration des Vaters)
-
Konzentrationsschwierigkeiten (ICD-10 F98.8
;
Medikation)
Die Fachpersonen führten aus
, dass der Beschwerdeführer am 5. September 2022 aufgrund des Todes seines vorherigen Psychiaters pract. med.
B.___
die Therapie bei ihnen begonnen habe. Seither finde die Therapie wöchentlich mit einer Sitzung statt. Die letzte Konsultation sei am 15. Januar 2024 erfolgt (S. 1 Ziff. 1).
Zur Medikation führten die Fachpersonen aus, dass der Patient «nach Bedarf», das heisse ein- bis zweimal wöchentlich
,
Ritalin einnehme, um sich besser konzentrieren zu können (S. 2 Ziff. 4).
D
ie Arbeit im angestammten Beruf (Coiffeur) sei dem Patienten nicht möglich. Ein Versuch der Wiedereingliederung würde den Druck der Depression massiv verstärken und würde zu einem raschen Abbruch und zur Entmutigung führen
(S. 2 Ziff. 7)
.
Die intensive Tätigkeit des Patienten mit seiner Musik könne ihm nicht als Indiz seiner Arbeitsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt entgegengehalten werden. Sie diene ihm der Bewältigung seines psychischen Zustandes und helfe ihm gegen die bedrohlichen Gefühle der Sinnlosigkeit. Die musikalische Tätigkeit sei ihm möglich, weil er sie selbstbestimmt und ohne Zwang ausüben könne, und gerade nicht an d
ie
Struktur des Arbeitsmarktes gebunden sei (S. 2 Ziff. 7). Die Tätigkeit als Musiker sei im genannten Sinne als angepasste Tätigkeit zu betrachten, mit welcher der Beschwerdeführer auch ein kleines Einkommen erzeugen könne (S. 3 Ziff. 8). Die Ressourcen des Patienten für die Bewältigung seines Lebens seien in der musikalischen Tätigkeit gebunden und müssten seiner
labilen
Stabilität dienen (S.
3 Ziff. 9).
Die Fachpersonen führten zur Vorgeschichte und Entwicklung aus, dass das Leben und die Kindheit des Beschwerdeführers von einschneidenden traumati
sierenden Ereignissen geprägt gewesen sei
en
. So sei er wiederholt und über längere Zeit entwertenden und diskriminierenden Behandlungen ausgesetzt gewesen, so im Kindergarten, in der Schule und auch in einem Erholungsaufent
halt. Weder der Vater, der fixiert auf den Erfolg des Beschwerdeführers als Coiffeur gewesen sei, noch die Mutter hätten ihm die Unterstützung, Wertschät
zung und Anerkennung bieten können, um jenen deprimierenden Erfahrungen etwas entgegenzusetzen.
Ein Versuch der Familie, in
D.___
, der Vaterstadt des Vaters, Fuss zu fassen, sei nach wenigen Monaten gescheitert und habe den damals achtjäh
ri
gen Patienten enttäuscht und verständnislos bleiben lassen.
Nach einem schlechten Abschluss in der Schulzeit
und
nach einem Lehrabbruch als Schriftsetzer habe der Beschwerdeführer auf Drängen des Vaters eine Lehre als Coiffeur begonnen und abgeschlossen. Die folgenden Anstellungen, unter anderem bei seinem Vater, habe der Beschwerdeführer jeweils nach kürzerer oder längerer Zeit abgebrochen, oder es sei ihm gekündigt worden. Die Fachpersonen hielten fest, die genauere Betrachtung zeige, dass dem Beschwerdeführer jeweils ein Ausbruch der Depression gedroht habe, die er mit einer Art adoleszenter Nonch
a
lance («Davonlaufen»)
abgewehrt habe, nur um in der Arbeitslosigkeit von der nächsten depressiven Krise bedroht gewesen zu sein.
Diese
r
Kreislauf habe mit der Eröffnung eines eigenen Geschäfts geendet. Nach einigen Jahre habe sich auch hier gezeigt,
dass dem Beschwerdeführer der
Coiffeurberuf
, den er nicht ungern ausgeübt habe, eigentlich fremd geblieben sei,
weil dieser das dringende innere Bedürfnis des Patienten nach einem eigenen, kreativen Ausdruck nicht habe befriedigen können. Dieses Bedürfnis habe zudem jeder seriösen Geschäfts
führung hinderlich im Wege gestanden
(S. 1 f.)
.
Verschiedene Todesfälle hätten zudem das Leben des Beschwerdeführers geprägt. Der idealisierte Onkel habe Suizid begangen, und der
frühere
Psychiater sei unter unklaren Umständen tödlich verunfallt. Das Mittel, mit dem sich der Patient den immer wieder dominierenden Wertlosigkeitsgefühlen, der stets drohenden Depression kreativ habe entgegenstellen können, sei die Musik, die er sich ausdenke
, gestalte, produziere und auch öffentlich aufführe
.
Vor dem Hinter
grund
vielfältige
r
oft lange andauernden Traumatisierungen
seit Kindheit durch Schule, Lehre und Arbeit, sowie mangelnder Unterstützung durch die Eltern beziehungsweise Beeinträchtigungen durch Bedrängen und Entwerten, habe der Patient in der Musik seinen Halt und seine Leidenschaft gefunden. Eine Tätigkeit, der die deprimierende Einsicht beigemischt sei, dass er damit seinen Lebens
unterhalt nicht bestreiten könne (S. 2 oben).
Die Fachpersonen führte
n
aus, dass sich
beim Beschwerdeführer
gegenwärtig sofort Ängste und Unsicherheiten zeigten, wenn seine labile Lebenssituation irgendwie bedroht erscheine. Der Beschwerdeführer erlebe gelegentlich wieder phobische Reaktionen oder kleiner
e
Panikattacken. Dies unter der stetigen Angst vor dem Ausbruch depressive
r
Krisen und vor dem Hintergrund einer larvierten Depressivität. Eine unter äusserem Druck aufgenommene Tätigkeit müsste der Patient als völlig sinnlos erleben, eine sogar repetitive
Tätigkeit
werde von ihm als stumpfsinnig erlebt
und
würde eine weitere, mit zunehmendem Alter tiefere Krise auslösen können (S. 2 Ziff. 3).
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin ging gestützt auf die
Stellungnahme der RAD-Ärztin
Dr.
C.___
vom 3. Februar 2023 (vorstehend E. 3.3)
zu
den zu diesem
Zeitpunkt einzig vorliegenden Berichte
n
des damals behandelnden Psychiaters
pract. med.
B.___
vom
8. Januar 2021
und vom
16. Juni 2022
(vorstehend E. 3.1-2) davon aus, dass beim Beschwerdeführer kein Gesundheitsschaden ausgewiesen sei
, welcher eine längerfristige Arbeitsunfähigkeit begründen würde
(vorstehend E. 2.1 und E. 2.3).
4.
2
Zum Zeitpunkt des Verfügungserlasses am 31. Mai 2023 (Urk. 2) lagen der Beschwerdegegnerin
lediglich
die Berichte des behandelnden
Psychiaters
pract. med.
B.___
(vorstehend E. 3.1-2)
vor.
Dies gründet darin, dass der Beschwerdeführer im Rahmen
seiner Anmeldung zum Leistungsbezug einzig
pract. med.
B.___
als behandelnden Arzt
nannte
(Urk. 9/
8
Ziff.
6.3
)
und der Beschwer
degegnerin erst nach Verfügungserlass vom 31. Mai 2023 (Urk. 2) am
7. Juni 2023 mittei
len liess
, dass
er
nun bei einem neuen Psychiater in Behandlung sei (Urk. 9/23)
.
Dass die Beschwerde
gegnerin
vor Verfügungserlass keinen Bericht der seit September 2022 behandelnden Fachpersonen
A.___
und
Dr.
Z.___
(vorstehend E. 3.4)
eingeholt hat, ist ihr demnach nicht vorzuwerfen. So findet die der Beschwerdegegnerin obliegende Untersuchungs
-
maxime an der Mitwirkungspflicht des Beschwerdeführers ihre Grenzen, welche vorliegend verletzt wurde
(vgl. vorstehend E. 1.
6
)
.
Die nachfolgende Würdigung des Sachverhalts erfolgt unter Einbezug des
nach
träglich eingeholten
Berichtes der genannten Fachpersonen, so dass im Ergebnis für den Beschwerdeführer kein Nachteil daraus resultiert, dass der Bericht zum Zeitpunkt des Verfügungserlasses noch nicht vorgelegen hat.
4.
3
Der
Einschätzung von
RAD-Ärztin Dr.
C.___
in ihrer Stellungnahme vom
3. Februar 2023
(vorstehend E. 3.3)
ist beizupflichten, dass sich den Berichten des seit März 2017 behandelnden
pract. med.
B.___
(vorstehend E. 3.1 und
E. 3.2)
kein invalidisierender Gesundheitsschaden entnehmen lässt.
So gab pract. med.
B.___
in seinem Schreiben an die Gemeinde
Y.___
vom 8. Januar 2021 (vorstehend E. 3.1) nichthinterfragend
lediglich
die subjektive Ansicht des Beschwerdeführers wieder, wonach
dieser
nur noch in der Musik
branche arbeiten könne und sämtliche Tätigkeiten, in denen er keinen Sinn sehe, zu depressiven Verstimmungen und zur Arbeitsunfähigkeit führen würden. Im Weiter
en
hielt pract. med.
B.___
das während der Arbeitslosigkeit bestehende grosse Engagement des Beschwerdeführers beim
K
omponieren von Musik fest
sowie die nach wie vor vorhandene Tagesstruktur.
Diesem Bericht lässt sich keine objektive Befunderhebung oder eine leitliniengerechte Diagnostik entnehmen.
Was de
n
Bericht von pract. med.
B.___
vom 16. Ju
n
i 2022 (vorstehend
E. 3.2) anbelangt,
nannte
er die Diagnose
n
einer chronischen rezidivierenden depressiven Störung leichten Grades (ICD-10 F33.0),
differentialdiagnostisch
zwischendurch Dysthymia
,
sowie eine nicht näher bezeichneten
Persönlichkeits
störung (IC
D
-
F60
.9). Woher letztere Diagnose rührt, lässt sich dem Bericht nicht entnehmen.
Der Schweregrad einer leichten depressiven Störung (ICD-10 F33.0)
oder
Dys
thymia
(ICD-10 F33.0) lässt sich in keiner Weise mit der von pract. med.
B.___
zu
Handen
des Sozialamtes
ab 1. Oktober 2020
attestierten vollstän
digen Arbeitsunfähigkeit
(Urk. 9/6)
vereinen
.
Dies
umso weniger, als dass
weder
regelmässige Therapiesitzungen
stattfanden
noch eine entsprechende
Medikation
verordnet wurde. Die beschriebene ein- bis zweimal wöchentliche Einnahme von Ritalin beim Komponieren von Musik steht
in keinem Zusammenhang mit den Diagnosen
und es kann dabei nicht von einer leitliniengerechten Behandlung gesprochen werden, zumal trotz der Diagnose einer Depression keine Antidepres
siva verordnet wurden
.
Der von pract. med.
B.___
in seinem Schreiben vom 8. Januar 2021 (vorstehend E. 3.1) genannte Alkoholkonsum wurde sodann weder in seinem Folgebericht vom 16. Juli 2022 (vorstehend E. 3.2) noch von den
n
achbehandeln
den Fachpersonen
A.___
und Dr.
Z.___
(vorstehend E. 3.4)
erwähnt.
Soweit pract. med.
B.___
betreffend eine Arbeitsunfähigkeit erneut die subjektive Einschätzung des Beschwerdeführers wiedergibt, dass Letzterer, sobald er eine Tätigkeit für stumpfsinnig empfinde, die Motivation verliere, und weiter festhielt, dass er mit dem Beschwerdeführer noch besprechen müsse, in welchem Umfang die bisherige Tätigkeit zumutbar sei, stützt dies
exemplarisch
die Erfahrungstat
sache, wonach behandelnde Ärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrecht
liche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patientinnen und Patienten aussagen (BGE 135 V 465 E. 4.5, 125 V 351 E. 3b/cc)
.
Letzteres hat auch in Bezug auf d
ie
seit September 2022
behandelnden
Fachper
sonen,
Psychotherapeut
A.___
und Dr.
Z.___
(vorstehend E. 3.4)
,
zu gelten. Auch sie gaben nicht weiter hinterfragend die bereits im Bericht von pract. med.
B.___
ausgeführte subjektive Einstellung des Beschwerdeführers wieder, wonach er nur in der Musikbranche arbeiten könne und er eine auf äusseren Druck aufgenommene Tätigkeit als sinnlos und stumpfsinnig erlebe.
Unverändert
findet
keine Medikation mit
Antidepressiva
statt, stattdessen wurde weiter d
ie
ohne ersichtliche
medizinische Indikation
vom Beschwerdeführer
getätigte
Ritalineinnahme
beschrieben
.
4.4
Zu berücksichtigen gilt, dass die
Annahme eines psychischen Gesundheits
schadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifika
tionssystems abgestützte Diagnose voraus
setzt
(
vorstehend E. 1.2
).
Betreffend die
vom Psychotherapeuten
A.___
und Dr.
Z.___
diagnostizierte posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43. 1)
ist festzu
ha
lten
,
dass die
klassifikatorischen Vorgaben (gemäss ICD-10 oder einem anderen anerkannten Klassifikationssystem)
nicht eingehalten worden sind
.
So entsteht eine
posttrau
matische Belastungsstörung
(ICD-10 F43.1) als eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation aussergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmasses (kurz oder lang anhaltend), die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde
. Hierzu gehören eine durch Naturereignisse oder von Menschen verursachte Katastrophe, eine Kampf
handlung, ein schwerer Unfall oder Zeuge des gewaltsamen Todes anderer oder selbst Opfer von Folterung, Terrorismus, Vergewaltigung oder anderer Verbrechen zu sein. Typische Merkmale sind das wiederholte Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (Nachhallerinnerungen,
flashbacks
), oder in Träumen, vor dem Hintergrund eines andauernden Gefühls von
Betäub
t
sein
und emotionaler Stumpfheit. Gewöhnlich treten ein Zustand vegetativer Über
-
erregbarkeit
mit Vigilanzsteigerung, einer übermässigen Schreckhaftigkeit und Schlaf
losigkeit auf
(
DILLING/MOMBOUR/SCHMIDT [Hrsg.],
Internationale
Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10, Kapitel V (F), Klinisch-diagnostische Leitlinien, 10. Aufl. 2015, S. 207 f.).
Berücksichtigt man die beispielhaft
in der ICD-10
aufgeführten Gegebenheiten zum Schweregrad des Ereignisses, welche eine posttraumatische Belastungs
störung (ICD-10 F43.1) überhaupt rechtfertigen würden, muss eine solche vorliegend klar verneint werden. Weder das
entwertende Verhalten von Mitschülern im Kindergarten und in der Schule
,
weil
der Vater des Beschwerde
-
füh
rers
aus
I.___ (Land)
stammte
, der kurzzeitige Aufenthalt als Kind mit der Familie in
D.___
im Rahmen eines gescheiterten Auswanderungsversuches,
noch
das Drängen des Vaters
des Beschwerdeführers
, dass
er
Coiffeur werde
und in diesem Beruf arbeite,
erfüllen die Anforderungen an den Schweregrad
eines
belastende
n
Ereignis
ses
oder eine
r
Situation
im Sinne von ICD-10 F43.1
, ebenso wenig der Tod eines Onkels und der nach erfolgter Anmeldung zum Leistungsbezug eingetretene Tod des behandelnden Psychiaters pract. med.
B.___
.
Zudem wurde mit Urteil des Bundesgerichts 9C_571/2023
vom 11. Januar 2024
in E.
6.2
festgehalten, dass die
Manifestation
einer posttraumatischen Belastungs
störung
innerhalb von maximal sechs Monaten nach dem Ereignis, nur in seltenen Fällen auch später, erwartet
wird. Ein solcher Ausnahmefall muss begründet sein. Der Beschwerdeführer war trotz der unschönen Kindergarten- und Schulerfahrungen
und dem Druck des Vaters, Coiffeur zu werden und zu bleiben,
bis ins Jahr 2008 erwerbstätig
.
E
in solcher Ausnahmefall, wonach sich eine
posttraumatische Belastungsstörung
erst derart spät manifestier
t
hätte
, wurde von den Fachpersonen
A.___
und Dr.
Z.___
in keiner Weise
darge
legt.
Letztlich lassen sich ihrem Bericht
auch keine für eine
posttraumatische Belastungsstörung
typischen Merkmale im Verhalten des Beschwerdeführers
entnehmen.
Vor dem Hintergrund der Erwerbsbiographie des Beschwerdeführers erweist es sich auch nicht als nachvollziehbar, dass sich erst im fortgeschrittenen Alter eine Persönlichkeitsstörung vom emotional-instabilen Typ
, wie sie von den behandelnden Fachpersonen codiert wurde
(ICD-10 F
60.3
; vgl. vorstehend E. 3.4
)
,
manifestiert hätte
(
DILLING/MOMBOUR/SCHMIDT,
a.a.O.
S. 2
76
)
.
Sodann steht das vom Beschwerdeführer im Rahmen des Komponierens von Musik gezeigte
hohe
Funktionsnivea
u
einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit
in jeglicher anderer Tätigkeit
oder einem depressiven Geschehen von einem relevanten Schweregrad entgegen. Namentlich beschreibt sich der Beschwerde
führer auf seiner Homepage selbst als Musiker, der für seinen unbändigen Elan und seine Bühnenpräsenz bekannt sei (
www
.«…»
.net
, besucht am
7
. März 2024).
In Anbetracht der Umstände ergeben
sich
damit
weder
aus den
Berichte
n
von pract. med.
B.___
(vorstehend E. 3.1-2)
noch
aus dem Bericht
vom Psycho
therapeuten
A.___
und von Dr.
Z.___
(vorstehend E. 3.4) zureichende
Anhaltspunkte dafür, dass es dem Beschwerdeführer nicht zumutbar wäre, seine angestammte Tätigkeit als Coiffeur oder eine seinem Ausbildungsniveau entsprechende andere Tätigkeit auszuüben
(vorstehend E. 1.2)
.
Den genannten Berichten kommt kein genügender Beweiswert zu, weshalb die Beurteilungen der behandelnden Ärzte
keinen invalidisierenden Gesundheitsschaden zu begründen
vermögen
.
Insbesondere
sind m
edizinisch-psychiatrisch nicht begründbare Selbsteinschätzungen und -limitierungen, wie sie, gerichtsnotorisch,
von thera
peutischer Seite
sehr oft unterstützt werden, nicht als invalidisierende Gesund
heitsbeeinträchtigung anzuerkennen (vgl. BGE 141 V 281 E. 3.7.1).
Auf die Durchführung
einer Standardindikatorenprüfung
kann vorliegend
aus Verhält
nismässigkeitsgründen verzichtet werden (vorstehend E. 1.
4
).
4.
5
Zusammenfassend
ist aufgrund der vorliegenden Arztberichte ein längerdauern
der aus invalidenversicherungsrechtlicher Sicht relevanter Gesundheitsschaden nicht ausgewiesen
,
und es ist
aus invalidenversicherungsrechtlicher Sicht
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
davon auszugehen, dass
dem Beschwerde
führer
seine angestammte und jede seinem Bildungsstand angepasste Tätigkeit uneingeschränkt zumutbar ist.
Der angefochtene Entscheid (Urk. 2) erweist sich als rechtens, was zur Abweisung der Beschwerde führt.
5.
5.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind unabhängig vom Streit
wert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr.
7
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie dem unterliegenden Beschwerdeführer aufzuerlegen
.
5.2
Die vom Psychotherapeuten
A.___
geltend gemachten
Kosten
in der Höhe von Fr. 620.-- (Urk. 19)
für das Erstellen des Berichtes vom
16. Januar respektive 9. Februar 2024 (Urk. 2
0
) sind auf die Gerichtskasse zu nehmen
.
Das Gericht erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Die Gerichtskosten von Fr.
700
.-- werden
dem Beschwerdeführer
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
dem
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.
3.
A.___
und Dr. med.
Z.___
, Facharzt für Psychiatrie und Psycho
therapie
,
werden
für das Erstellen des Berichts vom
16. Januar respektive 9. Februar 2024
(Urk. 20)
au
s
d
er
Gerichtskasse
entschädigt
.
4
.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Gemeinde
Y.___
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
5
.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebenten Tag vor Ostern bis und mit dem siebenten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit dem 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzustellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift
der
beschwerdeführenden
Partei oder ihrer Rechtsvertretung
zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Die VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
Grieder-MartensSchucan