# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 899bb9a1-3270-59c8-a231-7040d1953ad9
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2020-10-23
**Language:** de
**Title:** Erstanmeldung; medizinischer Sachverhalt ungenügend abgeklärt; Rückweisung zu weiteren Abklärung und Prüfung von Eingliederungsmassnahmen.
**Docket/Reference:** IV.2020.00434
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2020.00434.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2020.00434
II. Kammer
Sozialversicherungsrichter Mosimann, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Sager
Ersatzrichterin Lienhard
Gerichtsschreiber Brühwiler
Urteil
vom
2
3.
Oktober 2020
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Stadt Zürich Soziale Dienste
Y.___
, Sozialversicherungsrecht, Team Recht
Hönggerstrasse
24, 8037 Zürich
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
X.___
, geboren 1980, Mutter einer 2011 geborenen Tochter, meldete sich unter Hinweis auf psychische Beschwerden, Epilepsie,
eine
Aufmerksamkeitsde
fizit-Hyper
aktivitätsstörung
(ADHS) sowie
ein
Suchtleiden am 11. Juni 2018 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 7/12).
Die Sozialversi
cherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
klärte die medizinische
und erwerbliche Situation
(unter anderem mit einer Po
tentialerhebung, vgl. Urk. 7/24
, einem
Belastbarkeitstraining, vgl. Urk. 7/33
, sowie einer Haushaltsabklärung, Urk. 7/71
) ab und holte bei der
Z.___
ein polydisziplinäres Gutachten ein, welches am 8. Oktober 2019 erstattet wurde (Urk. 7/52 = Urk. 7/80 = Urk. 3/5).
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk.
7/73; Urk. 7/81) verneinte die IV-Stelle
mit Verfügung vom 29. Mai 2020 einen Rentenanspruch (Urk. 7/85 = Urk. 2).
2.
Die Versicherte erhob am 29. Juni 2020 Beschwerde gegen die Verfügung vom 29. Mai 2020 (Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei ihr eine ganze Invalidenre
nte zuzusprechen, eventuell seien weitere medizinische Abklä
rungen vorzunehmen und hernach erneut über den Leistungsanspruch zu ent
scheiden.
In prozessualer Hinsicht beantragte sie die Gewährung der unentgeltli
chen
Prozessführung (Urk. 1 S.
2 oben).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
30. Juli 2020
unter Verweis auf ihre Akten die
Abweisung der Beschwerde (Urk. 6
). Dies wur
de der Beschwer
deführerin am 10. August 2020 zur Kenntnis gebracht (Urk.
8).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts
,
ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens
einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines aner
kannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143
V
409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die
es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141
V
281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines renten
-
begründenden Inva
liditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizi
nisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrund
-
lage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwie
gender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
1.3
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
benenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, wel
che Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
2.
2.1
D
ie Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung
(Urk. 2)
davon aus, gestützt auf die medizinische Einschätzung
lasse der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin Eingliederungsmassnahmen zu, mit dem Ziel, eine volle Arbeitsfähigkeit zu erreichen. Die Beschwerdeführerin fühle sich indes – entgegen der
medizinischen Aktenlage - nicht in der Lage, an beruflichen Massnahmen teilzunehmen. Gemäss dem Grundsatz «Eingliederung vor Rente» bestehe ein Ren
tenanspruch so lange nicht, als von Eingliederungsmassnahmen eine rentenbe
einflussende Änderung erwartet werden könne (S. 1 f.).
2.2
Demgegenüber stellte sich die Beschwerdefü
hrerin auf den Standpunkt (Urk.
1), die
Z.___
-Gutachter
seien von falschen Sachverhaltsannahmen ausgegangen
und das Gutachten
sei
voller Widersprüche
. Die Beschwerdegegnerin habe es
zudem
unterlassen, die
Behandler zu k
ontaktieren (S. 8
Ziff.
5 ff.).
Das Gutachten sei deshalb untauglich für einen Entscheid. Sowohl sämtliche Behandler als auch die Ergebnisse der Eingliederungsberatung ergäben zweifelsfrei, dass sie nicht arbeitsfähig sei. Schliesslich
sei
ihre
Qualifikation
in einem späteren Verfahren
abzuklären
sowie allenfalls ein Einkommensvergleich vorzunehmen (S. 11 Ziff. 14
).
2.3
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin den Sachverhalt in medi
zinisch
er
und erwerblicher Hinsicht genügend abgeklärt und - falls dies zu beja
hen wäre - einen Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin gestützt auf die getätigten Abklärungen zu Recht verneint hat.
3.
3.1
Der die Beschwerdeführerin seit Oktober 2014 behandelnde
Dr. med.
A.___
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
, nannte in seinem Bericht vom 21. August 2018 (Urk. 7/20) die folgenden Diagnosen:
-
Grand Mal Epilepsie mit generalisierten Krampfa
nfällen und Myoklonien, unter 2
g
Keppra
stabil, aber erhebliche
myopathische
,
neuralgiforme
Schmerzen im Schulter-Oberarm-Bereich, weitgehend therapierefraktär
-
rezidivierende depressive Störung (ICD-10 F33.4); Differentialdiagnose bipolare affektive Störung (ICD-10 F31)
-
Anpassungsstörung Angst und Depression gemischt (ICD-10 F43.22)
-
ADHS (ICD-10 F9.0)
-
nicht näher bezeichnete organische Persönlichkeits- und Verhaltensstö
rung (als mögliche Folge zahlreicher Grand Mal Anfälle und Intoxikatio
nen; ICD-10 F07.9)
-
Politoxikomanie
phasisch
(C2, Kokain
, MDMA u.a. Partydrogen; ICD-10 F19)
-
Abhängig
k
eitssyndrom; zurzeit total abstinent, regelmässige Teilnahme
Narcotic
anon
y
mous
(ICD-10 F10.2)
-
emotional instabile Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.3)
Bei der Beschwerdeführerin spielten so viele Faktoren ineinander, dass es auch für einen erfahrenen Fachmann (er verfüge sowohl über eine fundierte neurolo
gische als auch psychiatrische Ausbildung) sehr schwierig sei, eine hierarchische Gewichtung der verschiedenen Faktoren vorzunehmen (generalisierte Epilepsie, schwere, häufige, invalidisierende Migräne
a
nfälle mit Prodromen, extreme mus
kuläre Verspannungen im Schulter-Arm-Bereich, zyklische affektive depressive Störung, schwere Anpassungsstörung seit der Adoleszenz, möglicherweise durch emotionale Deprivation durch langen Auslandaufenthalt der Eltern ausgelöst, ein seit Kindheit bestehendes, behandlungsbedürftiges ADHS, eine über Jahre exzes
siv wenn auch
phasisch
gelebte
Politoxikomanie
, seit dem 1. Dezember 2016 totalabstinent, emotionale Labilität und schnelle Alltagsüberforderung, Impuls
kontrollstöru
ng).
D
ie Kombination von Grand Mal Epilepsie, ADHS, depressive
r
Affektpsychose, häufige
n
Migräneattacken, nebenwirkungsreiche
r
Medikation sowie die organischen Langzeitfolgen von Grand Mal-Anfällen
und die
Suchtana
mnese
seien fraglos
eine grosse Belastung
für die Beschwerdeführerin (Urk. 7/20/7). Es bestehe weiterhin eine vollständige Arbeitsunfähigkeit
(Urk. 7/20 Ziff. 1.3). Bei gelungener beruflicher Integration sei eine gute Prognose zur Arbeitsfähigkeit zu stellen (Urk. 7/20 Ziff. 2.7).
3.2
Med.
pract
. B.___
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin,
nannte
in seinem Bericht vom
15. September 2018 (Urk. 7/23) folgende Diagnosen mit Aus
wirkungen auf die Arbeitsfähigkeit (Ziff. 2.5):
-
ADHS seit Kindheit/Jugend, aktuell unter medikamentöser Therapie
-
Epilepsie, wahrscheinlich generalisiert mit Myoklonien und nächtlichen tonisch-klonischen Anfällen; Differentialdiagnose: fokale, frontale Epi
lepsie mit Myoklonien und sekundär generalisierten Anfällen, Erstdiag
nose 1993
-
Angst und rezidivierende depressive Störung seit 2015
-
k
omplexe Schmerzsymptomatik, wahrscheinlich im Rahmen der beiden vorgenannten Diagnosen, aktuell weniger im Vordergrund
-
Status nach
Polytoxikomanie
, Suchtverhalten seit Jugend, seit 1. Dezem
ber 2016 vollständig drogenfrei
Als Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit nannte er einen Eisenmangel, Haarausfall sowie einen Status nach
Carpaltunnelsyndrom (
CTS
)
-Operation beidseits und einen Status nach Verdacht auf ein
zervikoradikuläres
Schmerzsyndrom C6/7 rechts 2016 (Ziff. 2.6).
Er
führte aus, d
ie
Epilepsie und das ADHS seien aktuell medikamentös recht gut eingestellt. Erfreulicherweise sei die Beschwerdeführerin
mit
ambulanter thera
peutischer Unterstützung und durch ihre hohe Motivation seit Dezember 2016 vollständig drogenfrei (Ziff. 2.2).
Es bestehe eine verminderte Belastbarkeit bei langjähriger Krankheitsentwicklung eines komplexen neurologi
sch-psychiat
risch-psychosozialen
Krankheitsbildes mit zum Teil gegenseitiger Wechselwir
kung und Verstärkung der Symptomatik.
Es bestehe eine Verunsicherung in Bezug auf das Selbstverständnis von «Gesundsein» und das Vertrauen in den eigenen Körper. Die alten «Coping»-Strategien mit den Suchtmitteln müssten durch andere ersetzt werden. Die hohen Selbstansprüche verbunden mit ihrer Gewissenhaftigkeit und der kurzfristig hohen Leistungsfähigkeit führten immer wieder zu Überforderungssituationen mit emotionalen Krisen bei diesbezüglich noch unzureichender Stabilisation (Ziff. 3.4). Es bestehe eine vollständige Arbeitsunfähigkeit im angestammten Beruf (Ziff. 1.3; Ziff. 3.1)
,
und in einer angepassten Tätigkeit seien aktuell 2-3 Stunden zumutbar (Ziff. 4.2)
, wobei ent
scheidend eine vorsichtige, schrittweise Reintegration mit Schutz vor Überforde
rung durch die eigenen hohen Ansprüche sei.
Diesfalls
erachte er in geeigneter Tätigkeit die Prognose als gut (Ziff. 2.7).
3.3
Am 6. Januar 2019 berichtete Dr.
A.___
der IV-Steller erneut über den Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin (Urk. 7/34). Er verwies hinsichtlich Diagnose auf seinen Bericht vom 21. August 2018 (vgl. vorstehend E. 3.1), ergänzt um Migräne (Ziff. 1.2)
,
u
nd führte aus, dass er schon in
seinem Bericht vom 21. August klar dargelegt habe, dass es sich beim Belastungstest zur beruf
lichen Reintegration um ein Experiment mit ungewissem Ausgang handle.
Auf
grund der erheblichen Komorbidität bei langjährigen neurologischen (instabile Grand Mal Epilepsie und häufige, klassische Migräneattacken) und psychiatri
schen Erkrankungen (ADHS, Panikerkrankung, zyklische Depressionen) sei die Berechtigung zu einer ganzen Invalidenrente ab März 2017 vollumfänglich gegeben. Die Belastungstests seien mehr auf Drängen der Beschwerdeführerin erfolgt, um auch ihr die Möglichkeit zu geben, in geschütztem Rahmen die Gren
zen ihrer Belastbarkeit auszuloten. Dabei habe sich klar gezeigt, dass schon bei minimaler Arbeitsbelastung von drei Stunden pro Tag erheblich
e
neurologische und psychiatrische Symptome im Sinne einer deutlichen Verschlechterung gegenüber dem Vorzustand ohne Berufstätigkeit aufgetreten seien, weshalb das Belastbarkeitstraining am 6. Dezember 2018 habe abgebrochen werden müssen, um die Gesundheit der Beschwerdeführerin nicht noch mehr zu gefährden (Urk. 7/34/4 oben).
Anamnestisch zeige sich, dass die Beschwerdeführerin zwei Hochschulstudien aus Krankheitsgründen habe abbrechen müssen, zu keinem Zeitpunkt eine vollzeitige Berufstätigkeit ausgeübt habe und unzählige mehrwöchige Krankschreibungen während dieser Zeit notwendig gewesen seien
. Die Beschwerdeführerin sei seit mehr als zwei Jahren völlig
d
rogen- und
a
lkoholabstinent
(Urk. 7/34/4 unten).
Aufgrund von schweren langjährigen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen mit erheblicher Komorbidität sei der Beschwerdeführerin eine ganze Invalidenrente zuzusprechen (Urk. 7/34/5).
3.4
Mit Verlaufsbericht vom 14. Januar 2019 (Urk. 7/35) nannte med.
pract
.
B.___
die gleichen Diagnosen wie in seinem früheren Bericht (vgl. vorstehend E. 3.2) und hielt fest, das Belastbarkeitstrain
i
ng
in einem Blumenladen
habe trotz hoher Motivation der Beschwerdeführerin am 6. Dezember 2018 wegen Überlastung und damit wieder zunehmenden neuropsychiatrischen Symptomen (Verstärkung der Myoklonien, Migräne, depressive Erschöpfungszustände mit Schlafstörungen, Ängsten, somatoforme Schmerzzustände) abgebrochen werden müssen (Ziff. 1.3). Es habe sich gezeigt, dass aktuell auch eine Belastung mit 2-3 Stunden pro Tag zu einer Destabilisierung der Gesamtsituation führe (Ziff. 3.3). Weiterhin sei die Beschwerdeführerin vollständig arbeitsunfähig (Ziff. 2.1).
3.5
Die Gutachter der
Z.___
erstatteten am 8. Oktober 2019 (Urk. 7/54
S. 1-35
) im Auftrag der Beschwerdegegnerin ein polydisziplinäres Gutachten, welches unterzeichnet wurde von
pract
. med.
C.___
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Allge
meine Innere Medizin, Dr. phil.
D.___
,
PhD
,
Fachärztin für Neuropsychologie
,
und Dr. med.
E.___
,
MSc
, Facharzt für Neurologie (S. 2).
Die
Gutachter
stützten sich auf d
ie ihnen überlassenen Akten (S. 11 ff.
) und ihre am
4., 8. und 20. Juli 2019
erhobenen
neurologischen (S. 16 ff.), internistischen und psychiatrischen (S. 36 ff.) sowie neuropsychologischen (Urk. 7/54/61-73)
Befunde.
In
ihrer interdisziplinären Gesamtbeurteilung
nannten sie
folgende Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit (S. 7 Ziff. 4.2):
-
l
eichte neurokognitive Erkrankung mit/bei
-
mitbedingt durch antiepileptische Medikation (
Levetiracetam
) bzw. Epilepsie-Syndrom
-
bei Zustand nach multiplem Substan
z
- und Alkoholmissbrauch (absti
nent in ambulanter Umgebung)
-
Epilepsie unklarer Ätiologie
-
Semiologie: Myoklonien und Grand Mal-Anfälle
-
a
m ehesten generalisierte Epilepsie mit Myoklonien und nächtlichen tonisch-klonischen Anfällen; Differentialdiagnose: fokale frontale Epi
lepsie mit Myoklonien und sekundär generalisierten Anfällen
-
Medikation mit
Levetiracetam
-
Magnetresonanztomographie (MRI) Schädel vom 13. Juli 2000: regel
rechte Darstellung der Hirnstrukturen
-
Migräne mit und ohne Aura
Als Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit nannten die Gutach
ter einen Zustand nach CTS-Operation beidseits, ein unklares Schmerzsyndrom der linken Körperseite, psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtiger Substanzgebrauch (IC-10 F10.24) ohne pathologische Wertigkeit sowie psychische und Verhaltensstörungen durch mul
tiplen Subst
anzgebrauch und Konsum sonstiger psychotropen
Substanzen (ICD-10 F19.20), gegenwärtig abstinent seit 2016 (S. 7 Ziff. 4.2).
In der Konsensbeurteilung führten die Gutachter au
s, bekannt und medizinisch belegt sei eine während 20 Jahren bestehende Alkohol- und Drogenabhängigkeit (unter anderem Cannabis, Amphetamine, Kokain, Pilze, LSD), von denen eine Abstinenz seit Dezember 2016 angegeben werde.
In der aktuellen Begutachtung sei der neurologische Untersuchungsbefund soma
tisch unauffällig. Zwischenzeitlich träten besonders am Nachmittag und Abend Myoklonien auf, welche Auswirkungen auf berufliche
Einsatzmöglichkeiten besonders mit feinmotorischem
Fokus, aber auch betreffend die
Einsatzzeiten hät
ten (S. 5 oben).
In der psychiatrischen Abklärung habe auch bei sorgfältiger Eruierung nur ein früheres Suchtverhalten und
ein weiterhin regelmässiger
Alkoholkonsum abge
leitet werden können. Die angegebene Einnahme von Medikamenten finde nicht konstant statt. Das klinische Zustandsbild könne in gutachterlicher Situation zu keiner Störung auf dem psychiatrischen Fachgebiet eingeordnet werden
. Aus heutiger Sicht werde ein ADHS ausgeschlossen. Die Beschwerdeführerin habe in der Kindheit keine Auffälligkeiten gezeigt, welche zu dieser Diagnose passten. Die schulischen Anforderungen seien ihr
leicht gefallen
und die Absolvierung der Maturität gelungen. Ein Bericht der
F.___
, in welcher
die Diagnose angeblich abgeklärt und bestätigt worden sei, liege nicht vor. Die jetz
t
von der Beschwerdeführerin genannten Defizite in kog
nitiven Anforderungen im Alltag
möchten
bei früher dokumentierte
r
Diagnose naheliegend wirken. Es könne aber auch eine Sucht-Folgeerscheinung sein, was dem Gesamtbild
näher komme
(S. 5 Mitte).
Merkmale für eine Posttraumatische
Belastungsstörung (PTBS) fehlten. Die in den Unterlagen erwähnte rezidivierende depressive Störung (Differentialdiagnose: bipolare affektive Störung, Anpas
sungsstörung Angst und Depression gemischt) kö
nne
aufgrund der heutigen Beurteilung nicht unterstützt werden. Es seien keine Anhaltspunkte aufgezeigt worden auf eine affektive Störung, insbesondere nicht auf Ängste. Ausserdem sei
Methylphenidat
bei Angstzuständen sowie bipolarer Störung kontraindiziert. Mögliche in der Vergangenheit erlebte Depressionen seien vor allem auf den regelmässigen Konsum von Alkohol und anderen psychotropen Substanzen zurückzuführen (S. 5 unten).
Wesensveränderungen, die aufgrund der langjähri
gen Behandlung mit
Antieleptika
entstanden seien, seien nicht feststellbar (S. 6 oben).
In der neuropsychologischen Begutachtung sei die Beschwerdeführerin zu guten Leistungen fähig gewesen, sicherlich auch dank einer sehr guten Grundintelli
genz. Dass die neurokognitiven Leistungen möglicherweise im Niveau etwas abgenommen hätten und auch von der Beschwerdeführerin im Alltag bemerkt worden se
ien
, sei nicht auszuschliessen. Dies könne viele Gründe haben, auch einen Einfluss von Medikation, Leistungsabfall durch früheren
Konsum verschie
dener Substanzen und die
Tagesform. Die Ergebnisse deuteten auf eine leichte neuropsychologische Funktionseinschränkung hin und liessen nach sorgfältigem und intensivem Konsensgespräch eine funktionelle Beeinträchtigung medizinisch begründen (S. 6 oben).
Hinsichtlich Arbeitsfähigkeit bestehe
seit dem 27. August 2018
eine
50%ige Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit und eine solche von 60 % in einer angepassten Tätigkeit, welche
steigerbar
seien (S. 8 Ziff. 4.7 f.; Ziff. 4.10). Auf
grund der neurologisch-neuropsychologischen Befunde werde eine schrittweise geführte berufliche Integration empfohlen (S. 8 Ziff. 4.9).
Funktionelle Auswirkungen stellten die Myoklonien dar, welche vor allem im späteren Tagesverlauf aufträten, weshalb späte Arbeitszeiten vermieden werden sollten. Ebenso seien Tätigkeiten mit besonderen manuellen feinmotorischen Auf
gaben oder solche, bei welche
n
es zur Beschädigung von Gegenständen kommen könnte (Myoklonien), ungünstig. Auch sei aufgrund des früheren Drogenkonsums der Kontakt
mit Suchtkranken nicht geeignet (S. 7 Ziff. 4.3). Hinsichtlich rele
vanter Persönlichkeitsaspekte würden die Laborbefunde die von der Beschwerde
führerin gemachten Schilderungen relativieren (S. 7 Ziff. 4.4). Zwar verfüge die Beschwerdeführerin über ausgeprägte Ressourcen im Bereich Sozialkompetenz, was berufliche Möglichkeiten eröffne, andererseits sei der weitergeführte
,
regel
mä
ssige
Alkoholkonsum
ein Belastungsfaktor (S. 7 Ziff. 4.5). Nicht alle Aussagen der Beschwerdeführerin seien schlüssig und nachvollziehbar. Als Inkonsistenzen seien die gemachten Angaben in Sachen Einnahme von Medikamenten und Abs
tinenz von Alkohol zu benennen. Das Medikament
Concerta
, über de
ss
en Wir
kung die Beschwerdeführerin grundsätzlich glaubwürdig erzählt habe, werde ver
mutlich nicht konstant eingenommen.
Ein regelmässiger Alkoholkonsum werde labortechnisch ebenfalls bestätigt (nicht im pathologischen Bereich), dies entge
gen der Aussage der Beschwerdeführerin (S. 8 Ziff. 4.6).
3.6
Mi
t Stellungnahme vom 1. November
(Urk. 7/72
S.
4
f.
) und Ergänzung vom 2. Dezember 2019 (Urk. 7/72
S.
5
f.
) erachtete Dr. med.
G.___
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), das
Z.___
-Gutachten als beweistauglich
, so dass
darauf ab
zu
stell
en sei
.
Nach sechsmonatiger Durchführung der medizinischen Eingliederungsmass
nahmen sollte medizin-theoretisch eine 100%ige Arbeitsfähigkeit in einer ange
passten Tätigkeit erreicht werden können. Die angestammte Tätigkeit wäre auf
grund der Betreuung von Personen mit Substanzkonsum im Bereich der sozialen Arbeit nicht empfehlenswert. Verschiedene Bürotätigkeiten und Einsatzmöglich
keiten im Bereich der sozialen Arbeit seien aber weiterhin vorstellbar.
3.7
Dr.
A.___
(vorstehend E. 3.1) nannte mit Bericht vo
m 16. April 2020
(Urk. 7/78)
die folgenden Diagnosen, welche
aus seiner Sicht eine ganze Rente vollumfänglich rechtfertigten (S. 1 oben):
-
Grand Mal Epilepsie
-
Migräne
-
rezidivierende depressive Störung (ICD-10 F33.4); Differentialdiagnose: bipolare affektive Störung (ICD-10 F31)
-
ADHS abgeklärt und gesichert durch Prof. Dr. med.
H.___
,
F.___
-
ni
cht näher bezeichnete organische Persönlichkeits
- und Verhaltensstö
rung (als mögliche Folge zahlreicher Grand Mal Anfälle und Intoxikatio
nen; ICD-10 F07.9)
-
anamnestisch:
Polytoxikomanie
phasisch
, Partyexzesse (ICD-10 F19)
-
Abhängigkeitssyndrom, sei
t
3.5 Jahren völlig abstinent (ICD-10 F10.2)
-
emotional instabile Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.3)
Es bestehe eine schwere Polymorbidität. Die additive Wirkung und fatale Inter
aktion derselben sei so gravierend und verheerend für das Alltagsleben der
Beschwerde
führerin, dass die bemessene IV-
Rentenhöhe und die Vorschläge auf Steigerung der Arbeitsfähigkeit eine groteske Fehleinschätzung der Gutachter darstellten. Geradezu skandalös sei die Tatsache, dass die Gutachter
es nicht für nötig befunden hätt
en, mit den langjährig behandelnden Ärzten zumindest Kon
takt aufzunehmen und seine Darlegungen durch die Begutachtung
zu evaluieren oder zu kommentieren.
Die Begutachtung habe aus Zeitgründen abgebrochen werden müssen, ohne dass die relevanten Fragen zur Verifizierung der vielen bestehenden Diagnosen von de
r
explorierenden Psychiaterin je gestellt worden seien (S. 1 f.). Ausserdem sei beim Gutachten zu sehr auf die Drogenanamnese fixiert und somit nicht mehr unvoreingenommen die Arbeitsfähigkeit beurteilt worden (S. 2 Mitte).
Eine seriöse Beurteilung re
levanter Krankheitsaspekte sei
aufgrund dieser Vorurteile und aus Zeitmangel unter den Tisch gewischt worden. Ebenso werde ein ADHS verneint, obwohl diese Diagnose durch die
F.___
vollum
fänglich bestätigt worden sei (S. 2 Mitte).
Der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin habe sich gesamthaft ver
schlechtert, die Medikation habe daher deutlich erhöht werden müssen (S. 3 oben).
3.8
Mit Stellungnahme vom 19. Mai 2020 (Urk. 7
/79) führte Dr. phil. I.___
aus, die Beschwerdeführerin
sei auf Zuweisung von Dr.
A.___
seit dem 4. Juli 2018
bei ihr in wöchentlicher psychotherapeutischer Behandlung. Im Zentrum stehe die Rückfallprophylaxe und Stabilisierung nach langjähriger schwerer Sucht, die Regulationsverbesserung im Umgang mit emotionaler Insta
bilität, zyklischer Depressivität, Impulsivität, Überforderung, Hyperaktivität
und Aufmerksamkeitsspanne sowie
Fokussie
r
ungs- und Strukturierungsfähigkeit für alltägliche Aufgaben in Haushalt und bei der Betreuung ihrer zu Beginn 7-jähri
gen Tochter als alleinerziehende Mutter. Zudem bestehe weiterhin hoher Bedarf in der Förderung von
Copingstrategien
angesichts einer chronischen Migräne und Schmerzsymptomatik im Zusammenhang mit einer Epilepsieerkrankung (S. 1 oben).
Die Anforderungen in der Alltagssituation mit Lebensbewältigung, Kin
derbetreuung und Haushalt erschienen als Pensum für die Beschwerdeführerin mit dem eingerichteten multidisziplinären Helfersyndrom sowie einer gut beglei
teten Medikation als zumutbar. Zusätzliche Anforderungen sprengten den Rah
men der rasch instabil werdenden Beschwerdeführerin. Eine vollständige Beren
tung erscheine vor diesem Hintergrund als dringend notwendig (S. 2).
3.9
RAD-Arzt Dr.
G.___
erachtete in seiner Stellungnahme vom 25. Mai 2020 (Urk. 7/84/3-4) mangels Vorliegens neuer unberücksichtigter medizinischer Fak
ten/Tatsachen weitere Abklärungen als nicht angezeigt und das
Z.___
-Gut
achten weiterhin
als
beweistauglich.
Er hielt fest, die Abhängigkeitserkrankungen seien aus Sicht der psychiatrischen Gutachterin als Diagnose ohne Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit
beurteilt worden, sodass die geltend gemachte 3
½
-jährige Abstinenz der Beschwerdeführerin kein
e
Inkonsistenz zur gutachterlichen Beur
teilung darstelle. Aus der anlässlich der Haushaltsabklärung ermittelten Ein
schränkung im Haushalt
von 14.75
%
resultiere der Schluss, dass die Beschwer
deführerin sich
kranker
einschätze als objektiv nachgewiesen werden könne. Die Schreiben von Dr.
A.___
und der Psychotherapeutin
I.___
führten lediglich die bekannte Symptomatik auf, welche von den Gutachtern bereits gewürdigt worden sei. Ausserdem seien die Diagnosen von Dr.
A.___
nicht nachvollziehbar. So diagnostiziere dieser gleichzeitig eine rezidivierende depres
sive Störung (ICD-10 F33) und eine Anpassungsstörung Angst und Depression gemischt (ICD-10 F43.22). Diese Diagnosen dürften jedoch nicht gleichzeitig
gestellt
werden, wenn die Kriterien einer Störung des ICD-10 Kapitels F3, F4 oder F91 nicht erfüllt seien. Ausserdem diagnostiziere Dr.
A.___
gleichzeitig eine nicht näher bezeichnete organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörung (ICD-10 F60.3). Dies sei jedoch widersprüchlich, zumal laut G3-Kriterium der F07-Diagnose kein ausreichender oder überzeugender Beleg für eine andere Verursa
chung der Persönlichkeits- und Verhaltensstörung, die die Einordnung im Kapitel F6 rechtfertigen würde, vorliegen dürfe
(Urk. 7/84/3)
. Die Diagnose könne auch nicht nachvollzogen werden, zumal weder in den vorliegenden Arztberichten noch im Gutachten eine emotionale Labilität, eine Euphorie und flache, inadä
quate Schmerzhaftigkeit (den Umständen nicht angemessen), Wutausbrüche, kognitive Störungen, ausgeprägtes Misstrauen/paranoide Ideen, unsoziale
Hand
lungen oder verändertes Sexualverhalten
hätten
gefunden werden können. Die ICD-10 Kriterien seien nicht erfüllt (Urk. 7/84/4).
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin stützte sich für ihren ablehnenden Entscheid auf die Beurteilungen ihres
RAD
.
RAD-Arzt Dr.
G.___
führte
in seinen Stellungnahmen vom 1. November und 2. Dezember 2019 sowie 25. Mai 2020
(vgl. vorstehend E. 3.6 und E. 3.9
)
aus, aus
versicherungsmedizinischer Sicht werde empfohlen, auf die Beurteilungen im Gutachten abzustellen. Nach
sechsmonatiger
Durchführung der medizinischen
Eingliederungsm
assnahmen könne
eine 100%ige Arbeits
fähigke
it erwartet wer
den (Urk. 7/72/6)
.
4.2
Die Gutachter der
Z.___
erachteten
die Beschwerdeführerin aufgrund einer leichten kognitiven Erkrankung, Epilepsie und Migräne in ihrer Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit in einem Umfang von 50 % und in einer dem leiden angepassten
Tätigkeit zu 4
0 %
eingeschränkt, wobei diese
nach einer schrittweise geführten beruflichen
Integration
steigerbar
sei (vgl. vorstehend E. 3.5).
4.3
Hinsichtlich des Beweiswertes
des
Z.___
-Gutachtens ist
entscheidend, ob e
s
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anam
nese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammen
hänge und Situation einleuchtet u
nd ob die Schlussfolgerungen der
Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a).
4.4
Bei der Würdigung des Gutachtens fällt ins Gewicht, dass es
zwar
sämtliche wesentlichen
Akten
berücksichtigt und auf
ausführliche
n
int
erdisziplinären Untersuchungen
bzw. den gestützt darauf erhobenen Befunden
fusst
.
Hingegen basieren die Schlussfolgerungen auf diversen Widersprüchen.
Insbesondere erweist sich das psychiatrische Teilgutachten
als
nicht schlüssig
und überzeu
gend.
Nebst dem Umstand, dass
es
den Anforderungen der massgebenden Recht
sprechung (vgl. vorstehend E. 1.
2
) nicht zu genügen vermag, hat die Gutachterin
die in den Akten
verifizierte ADHS-Diagnose
nicht berücksichtigt beziehungs
weise
aufgrund fehlender Akten
verneint
.
Eine Rücksprache mit den Behandler
n
hat
– rechtsprechungsgemäss zwar nicht zwingend notwendig
(Urteile des Bun
desgerichts
8C_660/2013 vom 15. Mai 2014 E. 4.2.3, 8C_602/2013 vom 9. April 2014 E.
3.2)
- n
icht stattgefunden und damit auch keine Auseinandersetzung mit den
von Dr.
A.___
gestellten
psychiatrischen Diagnosen
und deren Auswir
kungen
, welcher überdies auf erhebliche Komorbiditäten
hinwies
(
vgl. vorstehend E. 3.1; E. 3.3)
,
sowie mit den
Hinweisen
von Dr.
B.___
auf
ein komplexe
s
neuro
logisch-psychiatrisch-psychosoziale
s
Krankheitsbild mit zum Teil gegenseitiger Wechselwirkung und Verstärkung der Symptomatik (vgl. vorstehend E. 3.2).
Darüber hinaus gibt es r
echtsprechungsgemäss
zwar
keine verbindliche Mindest
dauer für eine psychiatrische Exploration, sondern es wird lediglich verlangt, dass die
Expertise inhaltlich vollständig und im Ergebnis schlüssig ist, wobei der für eine psychiatrische Untersuchung zu betreibende zeitliche Aufwand der Frage
stellung und der zu beurteilenden Psychopathologie angemessen sein muss (Urteile des Bundesgerichts 8C_660/2013 vom 1
5.
Mai 2014 E. 4.2.3, 8C_602/2013 vom
9.
April 2014 E. 3.2)
. Indem sowohl die Beschwerdeführerin im Gespräch mit der Beschwerdegegnerin ausführte, die Gutachterin habe sich nur eine Stunde Zeit genommen (vgl. Gesprächsnotiz vom 22. November 2019
, Urk. 7/61) als
auch der behandelnde Dr.
A.___
gar auf einen Abbruch der Exploration wegen Zeitmangels hinwies (Urk. 7/78 S. 3), erscheint
die von der Gutachterin zudem
kombiniert durchgeführte Exploration (Innere Medizin und Psychiatrie)
im Lichte der obigen Ausführungen hinsichtlich Fragestellung und der zu beurteilenden Psychopathologie als fraglich
.
Dies auch vor dem Hinter
grund, dass die
Ergebnisse der Laborunters
uchung
gemäss Ausführungen der Beschwerdeführerin
fehlerhaft und da
mit das Resultat
und deren Schlussfolge
rung
hinsichtlich Alkoholkonsum und Medikamenteneinnahme
durch die Gut
achterin
zweifelhaft
sei
en
, was von der Beschwerdegegnerin indes
weder
berück
sichtigt
noch kommentiert
wurde.
4.5
Darüber hinaus erscheint auch die
RAD-
Festlegung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin – zumindest bei Annahme einer vollständigen Arbeitsfähig
keit gemäss RAD (vgl. vorstehend
E.
3.6
)
-
vor dem Hintergrund der diametral entgegengesetzten Ansicht der behandelnden Mediziner
mehr als zweifelhaft.
Zwar obliegt die abschliessende Beurteilung der sich aus einem Gesundheitsscha
den ergebenden funktionellen Leistungsfähigkeit in der Hauptsache dem Arzt oder der Ärztin, nicht den Fachleuten der Berufsberatung
oder der
beruflichen Eingliederung. Mit Blick auf die rechtsprechungsgemäss enge, sich gegenseitig ergänzende Zusammenarbeit zwischen der Ärzteschaft und der Berufsberatung ist jedoch einer konkret leistungsorientierten beruflichen Abklärung nicht jegli
che Aussagekraft für die Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit abzusprechen. Steht eine medizinische Einschätzung der Leistungsfähigkeit in offensichtlicher und erheblicher Diskrepanz zu einer Leistung, wie sie während einer ausführlichen beruflichen Abklärung bei einwandfreiem Arbeitsverhalten/-einsatz der versi
cherten Person effektiv realisiert wurde und gemäss Einschätzung der Berufsfach
leute objektiv realisierbar ist, vermag dies ernsthafte Zweifel an den ärztlichen Annahmen zu begründen und ist das Einholen einer klärenden medizinischen Stellungnahme grundsätzlich unabdingbar (
Urteil des Bundesgerichts 8C_563/2018 vom 14. November 2018 E. 6.1.1).
Das
Z.___
-Gutachten enth
ä
lt keine eingehende Auseinandersetzung mit den Ergebnisse
n der Eingliederungsbemühungen, obwohl den Unterl
agen zu entneh
men ist, dass
bei der
J.___
vom 27. August bis 21. September 2018 eine Poten
tialerhebung durch
geführt
wurde
und
festgestellt
worden sei, dass
bei einem täg
lichen Pensum von drei Stunden
die Beschwerdeführerin
ihre Belastbarkeits
grenze
erreiche
(Urk. 7/24)
,
sowie
dass eine vom 22. Oktober bis 5. Dezember 2018 durchgeführte Integrationsmassnahme bei der
K.___
mit der Fest
stellung
habe
abgebrochen werden
müssen, die Beschwerdeführerin habe die
Belastungen im Berufsleben nicht bewältigen können (Urk. 7/36).
Dies haben sowohl die Gutachter des
Z.___
als auch
die Beschwerdegegnerin nicht gewürdigt, obwohl die Arbeitsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt - trotz vorhandene
r Arbeitsmotivation – damit
in Frage gestellt
wurde
.
4.6
Die Beschwerdeführerin hat im Verwaltungsverfahren Punkt für Punkt aufge
führt, welche
Widersprüche, Verknappungen und Nichtwiedergabe von gemach
ten Aussagen beziehungsweise Aufführung von Tatsachen, welche im Rahmen der Begutachtung nie erfragt oder bestätigt worden seien
,
das
Gutachten ihres Erachtens enthalte
(Urk. 7/80)
. Da
zu
haben
weder die Beschwerdegegnerin noch die Gutachterstelle Stellung genommen
.
4.7
Nach dem Gesagten kann anhand des Gutachtens die Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin nicht recht
s
genügend festgestellt werden. Da auch die übri
gen aktenkundigen ärztlichen Berichte
mit Vorbehalt zu würdigen sind - beson
ders die Beurteilungen des behandelnden Dr.
A.___
(vgl. vorstehend E. 3.1; E. 3.3 und E. 3.7) aufgrund der Behandlungsnähe zur Patientin (BGE 135 V 465 E. 4.5)
– lässt
sich die Lei
s
tungsfähigkeit der Beschwerdeführerin nicht schlüssig beurteilen
. Der
rechtserhebliche Sachverhalt
erweist sich
als ungenügend abge
klärt, weshalb weitere Abklärungen vorzunehmen sind.
Des Weiteren stellt sich die Frage, ob die Beschwerdeführerin (weiterhin) als zu 60
% erwerbstätig und zu 40 % im Haushalt tätig zu qualifizieren ist. Anlässlich der Haushaltsabklärung vom 6. März 2020
(Urk. 7/71)
führte die Beschwerdefüh
rerin unter anderem aus, wegen der Epilepsie habe sie nie im Ausmass von 100 % gearbeitet, womit sie gesundheitliche Gründe für das Arbeitspensum geltend machte
(S. 2 Ziff. 2.3).
Ausserdem hatte sie bereits
nach der Geburt ihrer Tochter (Juni 2011) im Ausmass von 60 % eine Erwerbstätigkeit ausgeübt.
Mittlerweile ist die Tochter 9-jährig und
hält
sich
gemäss Abklärungsperson
an zwei Tagen pro Woche beim Vater
auf und
wird
an vier Tagen die Woche in einem Kinderhort betreut, womit die Beschwerdeführerin überdies in der Lage wäre, im Gesund
heitsfall ein höheres Arbeitspensum zu bewältigen (S. 3 Ziff. 2.5
und 2.6
).
4.8
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
entscheidrelevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
4.9
Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass sich die Aktenlage für eine abschliessende Beurteilung des Gesundheitszustandes
der Beschwerdeführerin
und dessen Auswir
kungen auf die Arbeitsfähigkeit
als unzureichend erweist. Um über den Leistungsanspruch befinden zu können, sind weitere Abklärungen not
wendig.
Schliesslich sollen gemäss dem Grundsatz «Eingliederung vor Rente» Rentenleis
tungen erst dann allenfalls zur Ausrichtung gelangen, wenn keine zumutbaren Eingliederungsmassnahmen (mehr) in Betracht fallen. Der Anspruch auf eine Rente ist daher nicht zu prüfen und eine Rente kann nicht zugesprochen werden, solange Eingliederungsmassnahmen in Betracht fallen können (Urteil des Bu
n
desgerichts 9C_108/2012 vom 5. Juni 2012 E.
2.2.1 mit weiteren Hinweisen). Eine Invalidenrente soll also erst und nur dann zugesprochen werden, wenn die Mög
lichkeiten ausgeschöpft sind, welche Eingliederungsmassnahmen zur Verbesse
rung der gesundheitsbedingt beeinträchtigten Erwerbsfähigkeit bieten (Urteil des Bun
desgerichts 8C_187/2015 vom 2
0.
Mai 2015 E. 3.2.1, vgl. auch Meyer/
Reich
muth
, Bundesgesetz über die Invalide
nversicherung, 3. Auflage 2014,
Rz
1 zu Art. 1a und
Rz
7 zu Art.
28). Je nach Ergebnis
der
Gesundheitsabklärung
ist daher nicht auszuschliessen, dass
die
Beschwerdeführer
in (
erneut
)
Anspruch auf Ein
gliederungsmassnahmen hat, zumal auch
die Ärzte des
Z.___
-Gutachtens
darauf hinwies
en
, dass
eine
steigerbare
Arbeitsfähigkeit bei schrittweise geführte
r
berufliche
r
Integration bestehe (vgl. vorstehend E. 3.
5
).
Der von der Beschwerde
gegnerin eingeschlagene Weg, im medizinischen Sachverhalt einen Rentenan
spruch zu prüfen
und diesen dann mit dem besagten Grundsatz «Eingliederung vor Rente» zu verneinen, erscheint im Lichte dieser Ausführungen als das falsche Vorgehen. In
concreto
hat nicht vor Abschluss
von
beruflichen Massnahmen, welche
der Beschwerdeführerin
bei Weigerung
im Rahmen
der
Schadenminde
rungspflicht
mittels Mahn- und
Bedenkzeitverfahren
s
aufzuerlegen sind
(Art. 21 Abs. 4 in Verbindung mit Art. 43 Abs. 3 ATSG)
, über den Rentenanspruch verfügt werden dürfen.
D
ie angefochtene Verfügung (Urk.
2) ist deshalb aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit
diese weitere Abklärungen
in medizinischer Hinsicht
tätige und anschliessend
– nach Durchführung von
all
fälligen
Eingliederungsmassnahmen -
über das Leistungsbegehren der
Beschwer
deführerin
neu entscheide.
Die Beschwerde ist in diesem Sinne gutzuheissen.
5
.
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 13
7 V 57). Die Kosten gemäss Art. 69 Abs.
1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr.
700.-- festzusetzen und entsprechend dem Ausgang des Verfahrens der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Damit
erweist sich
das
Gesuch
der Beschwerdeführerin
um unentgeltliche
Pro
zessführung (Urk. 1 S. 2)
als
gegenstandslos.
Das Gericht erkennt:
1.
Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass
die angefochtene Verfügung vom 29. Mai 2020 aufgehoben und die Sache an die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zurückgewiesen wird, damit diese, nach erfolgten Abklärungen im Sinne der Erwägungen, neu verfüge.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
700
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Stadt Zürich Soziale Dienste
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
4.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundesge
setzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismit
tel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizu
legen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDer Gerichtsschreiber
MosimannBrühwiler