# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 72e5dce4-56b8-5a62-b985-eed175e52ecc
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2024-09-30
**Language:** de
**Title:** Psychiatrisches Gutachten des Krankentaggeldversicherers ist für das IV-Verfahren insb. mangels retrospektiver Beurteilung der Arbeitsfähigkeit und fehlender Indikatorenprüfung nicht beweiskräftig; auf die Einschätzung der behandelnden Arztpersonen kann ebenso wenig abgestellt werden; Rückweisung zu weiteren Abklärungen.
**Docket/Reference:** IV.2023.00523
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2023.00523.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2023.00523
I. Kammer
Sozialversicherungsrichterin Fehr, Vorsitzende
Sozialversicherungsrichter Bachofner
Sozialversicherungsrichterin Maurer Reiter
Gerichtsschreiber Würsch
Urteil
vom
30. September 2024
in Sachen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch Rechtsanwalt Mauro Müller
Werder
Viganò
AG
Bahnhofstrasse 64, 8001 Zürich
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
X.___
, geboren 1968,
besuchte das
Gymnasium
in Deutschland
und studierte anschliessend ebenda an einer
Hochschule
und
danach in den U.S.A.
, jedoch ohne einen beruflichen Abschluss zu
erlangen
(Urk. 7/39/2
und 7/33/330
)
.
Er
war vom 21. Oktober 2019 bis 30. Oktober 2021 bei der
Y.___ GmbH
,
Z.___
, als
Managing
Director
/
Sales
Representative
angestellt (Urk. 7/3, 7/4/2 und 7/19).
Nachdem er ab 10.
April 2021 krank
geschrieben worden war, wurde ihm die Stelle per Ende Oktober 2021 gekündigt (Urk. 7/3/6).
Am
13. Dezember 2021 (Eingangsdatum) meldete
er
sich unter Hinweis auf
eine Erschöpfungsdepression bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 7/3).
Nach Beizug der Akten des Krankentaggeldver
sicherers
(Helsana Versicherungen AG
[nachfolgend: Helsana]
; Urk. 7/4, 7/16 und 7/33) teilte die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
dem Versicherten mit Schreiben vom 2. Juni 2022 mit,
es seien keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen möglich und der Rentenanspruch
werde
geprüft (Urk.
7/22).
Am 22. September 2022 beauftragte die Helsana Dr. med.
A.___
, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, und
dipl.
psych.
B.___
, Fachpsychologin für Neuropsychologie, mit der Begutachtung des Ver
sicherten, wobei sich die IV-Stelle mit Zusatzfragen daran beteiligte (Urk. 7/33/704, 7/34-36).
Nachdem das psychiatrisch-neuropsychologische Gut
ach
ten am 12. bzw. 16. Dezember 2022 erstattet worden war (Urk. 7/39,
7/41), nahm die IV-Stelle mit Vorbescheid vom 21. April 2023
die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht (Urk. 7/62). Unter Beilage ärztlicher Zeugnisse erhob der Versicherte dagegen am 30. Juni 2023 Einwand (Urk. 7/68 f.), worauf die IV-Stelle am 3. September 2023 im angekündigten Sinne verfügte (Urk. 2 = Urk. 7/72).
2.
Dagegen erhob
X.___
am 6. Oktober 2023
unter Beilage diverser medizinischer Unterlagen (Urk. 3/3-9)
«Klage» (richtig: Beschwerde) mit dem Rechtsbegehren, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Beschwer
degegnerin sei zu verpflichten, ihm eine Invalidenrente zuzusprechen. Even
tualiter sei die Sache zur Durchführung eines strukturierten Beweisverfahrens an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen (Urk. 1 S. 2).
Mit Beschwerdeantwort vom 13. November 2023 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6), worüber der Beschwerdeführer mit Verfügung vom 14.
Novem
ber 2023 in Kenntnis gesetzt wurde (Urk. 8).
Mit Eingaben vom 21.
November 2023
(Urk. 9) und 10. Januar 2024 (Urk. 17) reichte dieser jeweils weitere Unterlagen zu den Akten (Urk. 10-12, Urk. 18/1-2). Zudem hielt er mit
Replik vom 18. Dezember 2023 (Urk. 14) unter Beilage eines Arztzeugnisses (Urk. 15) implizit an seinen Rechtsbegehren fest. Die Beschwerdegegnerin teilte mit Eingabe vom 5. Februar 2024 mit, auf das Einreichen einer Duplik
zu
verzichte
n
(Urk. 20).
Mit Eingaben vom 7.
und 28. Februar 2024 (Urk. 21, Urk. 24) legte der Beschwerdeführer jeweils weitere medizinische Akten vor (Urk. 22, Urk. 25)
, worauf die Beschwerdegegnerin mit Stellungnahme vom 9. April 2024
an ihrem Antrag auf Abweisung der Beschwerde festhielt (Urk. 27
). Dies wurde dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 19. April 2024 zur Kenntnis gebracht (Urk. 31), welcher in der Folge mit Eingabe vom 2. Mai 2024 seinem Antrag auf Rückweisung der Sache an die Beschwerdegegnerin Nachdruck verlieh (Urk. 32).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten. Die angefochtene Verfügung erging nach dem 1. Januar 2022. Entsprechend den allgemeinen intertemporalrechtlichen Grundsätzen (vgl. BGE 144 V 210 E. 4.3.1) ist nach der bis zum 31. Dezember 2021 geltenden Rechtslage zu beurteilen, ob bis zu diesem Zeitpunkt ein Renten
anspruch entstanden ist. Steht ein erst nach dem 1. Januar 2022 entstandener Rentenanspruch zur Diskussion, findet darauf das seit diesem Zeitpunkt geltende Recht Anwendung (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_452/2023 vom 24. Januar 2024 E. 3.2.1 mit Hinweisen).
Auf Grund der im
Dezember
2021
anhängig gemachten Anmeldung bei der Invalidenversicherung
(Urk. 7/3)
könnten allfällige Leistungen frühestens ab
Juni 2022
ausgerichtet werden (vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG).
In dieser übergangs
recht
lichen Konstellation ist die seit 1. Januar 2022 geltende Rechtslage massgebend, die im Folgenden
soweit nichts anderes vermerkt ist
jeweils in dieser Version wiedergegeben, zitiert und angewendet
wird.
1
.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht
kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beur
teilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähig
keit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG
).
1
.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Eine Rente nach Abs. 1 wird nicht zugesprochen, solange die Möglichkeiten zur Eingliederung im Sinne von Art. 8 Abs. 1
bis
und 1
ter
nicht ausgeschöpft sind (Art. 28 Abs. 1
bis
IVG). Gemäss Art. 28b Abs. 1 IVG wird die Höhe des Renten
anspruchs in prozentualen Anteilen an einer ganzen Rente festgelegt.
1
.4
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.5
Den Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärztinnen und Ärzte kommt
nach der Rechtsprechung Beweiswert zu, sofern sie als schlüssig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen (BGE 134 V 231 E. 5.1 mit Hinweis auf BGE 125 V 351 E. 3b/
ee
). Trotz dieser grundsätzlichen Beweiseignung kommt den Berichten versicherungsinterner medizinischer Fachpersonen praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft zu wie einem gerichtlichen oder im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger veranlassten Gutachten unabhängiger Sachver
ständiger. Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gutachtens
entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen
zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssig
keit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 142 V 58 E. 5.1; 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
2.
2.1
In der angefochtenen Verfügung vom 3. September 2023
erwog die Beschwer
degegnerin zusammengefasst,
laut den medizinischen Abklärungen sei beim Beschwerdeführer eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert worden. Zusätzlich bestünden diverse psychosoziale Belastungsfaktoren wie bspw. die Trennung von seiner Lebenspartnerin und eine enorme Überforderung am Arbeitsplatz. Eine regelmässige psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung nehme er nicht in Anspruch, weshalb von einem mangelnden Leidensdruck auszugehen sei.
Die medizinische Untersuchung habe ergeben, dass spätestens ab dem 18. Februar 2023 sowohl in der bisherigen als auch in einer angepassten Tätigkeit eine 100%ige Arbeitsfähigkeit bestanden habe. Aus Sicht der Invali
denversicherung begründe die genannte Diagnose keine langandauernde gesundheitliche Einschränkung. Das Leistungsbegehren werde abgewiesen; für die Stellensuche sei das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zuständig. Im
Vorbescheidverfahren
seien
keine neuen,
bisher
unberücksichtigten Tatsachen vorgebracht worden, weshalb am Entscheid festgehalten werde (Urk. 2 S. 2).
2.2
In seiner Beschwerdeschrift vom 6. Oktober 2023
brachte der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor
,
seit über vier Jahren von Dr. med.
C.___
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, therapiert
zu werden
. Sie untersuche ihn min
destens ein
m
al im Monat, kenne seine Krankheitsgeschichte
und habe ihm eine Arbeitsunfähigkeit von 80-100 % attestiert. Ihren gründlichen und regel
mässigen Abklärungen stehe die knapp vierstündige, medizinisch wenig aussagekräftige Untersuchung von Dr.
A.___
und
dipl.
psych.
B.___
gegenüber. Deren Bericht stelle eine blosse Momentaufnahme dar; im Bedarfsfall sei eine Begutachtung anzuordnen
, um den Gesundheitszustand abzuklären.
Die Beschwer
degegnerin verkenne mit ihrer Argumentation, dass er seit der Erkrankung dauernd und ununterbrochen fachmedizinische externe Hilfe in Anspruch genommen habe
und sehr unter der derzeitigen Situation leide. Überdies sei das Ende der Beziehung zu seiner Lebenspartnerin eine Folge und nicht eine Ursache der Erkrankung. Die Beschwerdegegnerin erwecke ferner zu Unrecht den Eindruck, er sei seinen Arbeitspflichten nicht gewachsen gewesen.
Vielmehr habe ihn die frühere Arbeitgeberin mit Arbeit überlastet, indem sie Personal abgebaut und die
verbleibende Arbeit auf ihn übertragen habe. Er habe ununterbrochen, sieben Tage pro Woche gearbeitet, was de
n
Auslöser der Erkrankung
bilde. Insgesamt liege eine langandauernde gesundheitliche Einschränkung vor, weshalb Anspruch auf eine Invalidenrente bestehe
(Urk. 1 S.
6 f.).
Im Übrigen habe es die Beschwerdegegnerin pflichtwidrig unterlassen,
ein strukturiertes Beweisverfahren durchzuführen, was sie
falls
dem Haupt
antrag
wider Erwarten nicht entsprochen werden sollte
nachzuholen
habe (Urk. 1 S. 8).
2.3
Mit Beschwerdeantwort vom 13. November 2023
betonte die Beschwerde
gegnerin, dass auf das versicherungsexterne Gutachten der Helsana abgestellt werden könne
,
und verwies insbesondere auf im Rahmen der Begutachtung festgestellte Inkonsistenzen. Es treffe ausserdem nicht zu, dass kein strukturiertes Beweisverfahren durchgeführt worden sei
;
i
n diesem Zusammenhang werde auf die erfolgte Ressourcenprüfung hingewiesen (Urk. 6).
2.4
In seiner Replik vom 18. Dezember 2023
bestritt der Beschwerdeführer unver
ändert die Verwertbarkeit des
von der Helsana eingeholten
psychiatrisch-neuro
psychologischen Gutachtens
, wobei er ergänzend
auf eine derzeitige
Hospita
lisation
in der
K
linik
D.___
hinwies.
Die
von der Beschwerdegegnerin
vorgenommene Ressourcenprüfung sei in Verletzung des rechtlichen Gehörs erfolgt, da er
sich
dazu nicht habe
äussern
können. Überdies handle es sich um eine oberflächliche Übernahme der im Gutachten enthaltenen falschen und unvollständigen Feststellungen (Urk. 14).
Mit weiteren Eingaben vom 10. Januar sowie 7. und 28. Februar 2024 bekräftigte der Beschwerdeführer unter Beilage medizinischer Unterlagen
namentlich
d
es Austrittsberichts der
K
linik
D.___
vom 9. Februar 2024
seine Auffassung, dass seit März 2021 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit vorliege (Urk. 17, 18/1-2, 21 f. und 24 f.).
2.5
Mit Stellungnahme vom 9. April 2024 hielt die Beschwerdegegnerin an ihrem Antrag auf Abweisung der Beschwerde fest
und
merkte an
, dass der stationäre Aufenthalt in der
Klinik D.___
nach Verfügungserlass erfolgt sei. Der Aus
trittsbericht werde im Rahmen des Neuanmeldeverfahrens zu würdigen sein, da sich der Beschwerdeführer
bereits
am 5. Februar 2024
unter Hinweis
auf einen verschlechterten Gesundheitszustand neu angemeldet habe (Urk. 27).
3.
3.1
Die behandelnde Ärztin
Dr.
C.___
bescheinigte dem
Beschwerdeführer ab dem 10. April 2021 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (
vgl. unter anderem
Urk. 7/16/6, 7/16/9-10, 7/16/29
und 7/16/82).
Im zu
Handen
der Helsana verfassten Kurz
bericht vom 14. Juli 2021 diagnostizierte sie eine mittelgradige depressive Episode
(ICD-10 F32.1)
und wies auf einen geplanten
Klinika
ufenthalt
des Beschwerdeführers
hin (Urk. 7/4/26).
3.2
Vom 1. September bis 13. Oktober 2021 befand sich der Beschwerdeführer in stationärer psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung
in der
E.___
. Dem Austrittsbericht vom 28. Oktober 2021
ist als Haupt
diagnose eine mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1) zu entnehmen. Zudem wurden folgende psychiatrische und somatische Nebendiagnosen gestellt (Urk. 7/33/274):
-
Burnout-Syndrom (ICD-10 Z73)
-
Zervikobrachial
-Syndrom (ICD-10 M53.1)
-
sonstige näher bezeichnete Kopfschmerzsyndrome (ICD
-
10 G44.8)
-
obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (ICD-10 G47.31).
Die mittelgradige Depression sei nach hoher Arbeitsüberlastung, sozialer Über
lastung und Erfolgsdruck
aufgetreten, bei einer starken Tendenz zu körperlicher und mentaler Selbstausbeutung vor dem Hintergrund eines hohen Ich-Ideals (Urk.
7/33/274).
Bei
Klinike
intritt habe der Beschwerdeführer hauptsächlich über eine sehr schnelle Erschöpfbarkeit geklagt, die mit Schwitzen, Kurzatmigkeit und stark erhöhtem Puls einhergegangen sei.
Er schlafe so viel wie noch nie im Leben, nachts zwar wenig, tagsüber aber mehrere Stunden. Zudem leide er unter Essstörungen
und
esse zwischendurch mehrere Tage nichts. Nachts erwache er mit Hunger aus dem Schlaf und müsse essen. Er sei zudem dünnhäutig und nicht mehr belastbar (Urk. 7/33/275).
Der Austritt sei in
psychophysisch
deutlich gebessertem, aber noch immer erschöpftem Zustand erfolgt (Urk. 7/33/278). Subjektiv hätten noch leichte Gedächtnisstörungen und eine schwankende Konzentrationsfähigkeit bestanden. Bewusstseins-, Orientierungs-,
inhaltliche Denk-,
Auffassungs-
und Ich-S
törungen hätten ebenso wenig vorgelegen wie Zwänge oder Suizidgedanken bzw. -intentionen.
Die Stimmung habe sich wechselnd präsentiert, insgesamt aber ruhiger und gelassener bei guter affektiver Schwingungsfähigkeit. Der Antrieb sei gut gewesen, aber noch etwas fragil (Urk.
7/33/279
; vgl. auch Urk. 7/16/172
).
Seitens der Ärzte der
E.___
wurde vom 1. September bis 31. Oktober 2021 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für die bisherige Erwerbstätigkeit attestiert (Urk. 7/16/104, 7/16/107, 7/16/115, 7/16/118 und 7/16/173).
3.3
Dr.
C.___
bescheinigte im weiteren Verlauf unverändert und bis auf Weiteres eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (Urk. 7/16/128, 7/16/154, 7/16/182 und 7/16/193), wobei sie mit Bericht vom 11. Dezember 2021 auf massive Konzen
trationsstörungen, einen wieder etwas vermehrten sozialen Rückzug, Grübeln sowie
auf
Zukunftsängste
aufgrund verzögerter Anschlusslösungen
nach
erfolg
te
r
stationäre
r
Behandlung
hinwies (Urk. 7/33/282).
3.4
Nach Zuweisung durch die behandelnde Ärztin wurde der Beschwerdeführer am 3. Januar 2022 in der
F.___ AG
untersucht, wobei im Bericht vom 6.
Januar 2022 folgende Diagnosen gestellt wurden (Urk. 7/16/199):
-
schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F32.2)
-
Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung (ICD-10 Z73).
Der Beschwerdeführer
sei vor fünf Tagen von seiner Familie (aktuelle Partnerin und deren Sohn) weggezogen und wohne jetzt alleine. Er isoliere sich sozial und vegetiere neben den
Umzugs
kisten dahin. Es fehle ihm an Antrieb und er leide an Ein- und Durchschlafstörungen,
subjektiv leichte
n
K
urzzeitgedächtnis- sowie mittelschweren Konzentrationsstörungen.
Im formalen Denken komme es zu Grübeln und einer Einengung auf das belastende Lebensereignis.
Die Stimmung sei subjektiv verzweifelt und objektiv schwer gedrückt. Die schwere Antriebs
armut gehe mit dem Verlust
der
Alltagskompetenzen und Interesse
n
einher.
Der Beschwerdeführer distanziere sich gegenwärtig glaubhaft von Suizidalität, habe aber schon erste mögliche Suizidszenarien gedanklich durchgespielt. Eine ambu
lante psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung sei indiziert. Parallel dazu wäre eine achtwöchige Behandlung in der Tagesklinik angedacht (Urk. 7/16/199-200).
3.5
Dr. med.
G.___
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
untersuchte den Beschwerdeführer am 21. Januar 2022 im Auftrag der Helsana
, wobei die Exploration
auf Wunsch des Beschwerdeführers nach knapp zwei Stunden
unterbrochen w
orden sei. Eine Fortsetzung sei an einem anderen Termin nicht möglich gewesen, da nach zwischenzeitlicher Einflussnahme durch den Rechtsvertreter die Erhebung authentischer Angaben
und
Befunde behindert worden sei
(Urk. 7/
33/229-231; vgl.
diesbezüglich
auch Urk. 7/16/210-211
und 7/16/216).
Am 16. Februar 2022 erstattete Dr.
G.___
der Helsana
s
ein psychiatrisches Gutachten
, wobei eine abschliessende Beurteilung der Arbeits
fähigkeit aufgrund ungenügender Kooperation und mangels authentischer Angaben
nicht möglich gewesen sei
(Urk. 7/33/266-267).
Dr.
G.___
erachtete insbesondere ausgehend von einer Opiatabhängigkeit und eine
m
erheblichen
Schmerzmittelmissbrauch eine stationäre Behandlung für indiziert (Urk.
7/33/263, 7/33/266).
3.6
Mit Bericht vom 5. Juli 2022
attestierte Dr.
C.___
weiterhin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer Depression und damit einhergehenden Konzen
trationsschwierigkeiten. Seit Juni [2022] erfolge eine ambulante psycho
- und physiotherapeutische Behandlung (Urk. 7/33/492).
3.7
Die Psychotherapeutin
H.___
ging in ihrem Bericht vom 12. September 2022 diagnostisch von einer mittelgradigen depressiven Störung (ICD-10 F32.1) aus
. Einschränkungen für die bisherige Tätigkeit bestünden in Form von Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten, Ein- und Durch
schlaf
problemen sowie einer niedergestimmten Affektivität. Die aktuell bestehende 100%ige Arbeitsunfähigkeit in angestammter Tätigkeit werde von der Hausärztin attestiert. Aus psychotherapeutischer
Sicht wäre es hilfreich, wenn der Beschwerdeführer in den nächsten Monaten eine Möglichkeit für einen Arbeitsversuch erhalten würde. Er benötige Unterstützung bei der Neuorien
tierung im Arbeitsmarkt (Urk. 7/33/518-519).
3.8
3.8.1
Dem
interdisziplinären Konsens des
von
dipl.
psych.
B.___
und Dr.
A.___
im Auftrag der Helsana erstellten psychiatrisch-neuropsychologischen Gutachten
s
vom
12.
bzw. 16. Dezember 2022 ist folgende Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zu entnehmen (Urk. 7/41/67):
-
gegenwärtig formal mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.1), differentialdiagnostisch im Rahmen einer rezidivierenden depressiven Störung (ICD-10 F33.1); klinisch-phänomenologisch leichte depressive Episode (ICD-10 F32.0 bzw. F33.0), möglicherweise assoziiert mit der Einnahme von
Zolpidem
bzw. Tramadol.
Ein Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit wurde demgegenüber in Bezug auf folgende Diagnosen verneint (Urk. 7/41/67):
-
aktenanamnestisch Verdacht auf zumindest schädlichen Gebrauch, differentialdiagnostisch Abhängigkeitssyndrom von Sedativa (
Zolpidem
) und Opioiden (Tramadol; ICD-10 F11.1 bzw. F11.2, F13.1, F13.2), aktuell bei fehlender Kooperation des Beschwerdeführers nicht einschätzbar
-
(akten-)anamnestisch schädlicher Gebrauch von Schmerzmitteln (ICD-10 F55.2).
3.8.2
Gemäss
dipl.
psych.
B.___
habe sich im Rahmen der neuropsychologischen Untersuchung ein heterogenes Leistungsbild gezeigt. Teilweise habe der Beschwer
deführer erwartungsgerechte Ergebnisse im Normbereich der Alters- und Bildungsgruppe erbracht. Über weite Teile
der durchgeführten Testverfahren hätten jedoch unterdurchschnittliche Ergebnisse resultiert. Die Parameter der
formalisierten
Beschwerdenvalidierung
seien inkonsistent
gewesen; zum Teil hätten sie im unauffälligen, teilweise im hoch auffälligen Bereich gelegen. In einem Parameter sei ein auf Zufallsniveau liegendes Ergebnis erreicht worden.
Es sei davon auszugehen, dass die in der Untersuchung erbrachten Leistungen in weiten Teilen nicht dem tatsächlichen Leistungspotential des Beschwerdeführers entsprächen.
So bestehe eine deutliche Diskrepanz zum Leistungsniveau im Alltag. Würde das in der Testung gezeigte Leistungsvermögen dem tatsächlichen Leistungsvermögen entsprechen, wären eine eigenständige Lebensführung und das Fahren eine
s
PKW nicht möglich.
Zudem seien die in den Akten beschriebenen Diagnosen mit den aktuell erhobenen, teilweise schweren Minder
leistungen nicht zu vereinbaren. Die schwachen Testergebnisse seien nicht im Rahmen einer depressiven Erkrankung
,
einer erhöhten Ermüdung oder Schmerzen erklärbar. Aufgrund der verminderten Leistungsbereitschaft in der Testung könne kein gültiges Testprofil erstellt werden. Positive Aussagen zu kognitiven Defiziten könnten ebenso wenig getroffen werden (Urk. 7/39/6-7).
3.8.3
Zum Psychostatus führt
e
Dr.
A.___
i
m psychiatrischen Teilgutachten
insbe
sondere aus, der Beschwerdeführer sei wach, bewusstseinsklar und allseits orientiert gewesen.
Im formalen Gedankengang habe er sich zunächst knapp und «einsilbig», gelegentlich ausweichend und monologisierend präsentiert, was sich im Verlauf jedoch gelegt habe. Schliesslich sei er in seinen Ausführungen
strukturierbar
und hierbei auch überwiegend kooperativ gewesen. Es hätten weder eine Verlangsamung noch eine Beschleunigung bestanden (Urk. 7/41/41). Das Verhalten habe teilweise demonstrativ-theatralisch gewirkt. Es habe nicht in Erfahrung gebracht werden können, welche Medikamente der Beschwerdeführer aktuell einnehme; er habe zwar zugesagt, eine Medikamentenliste zuzustellen, was aber nicht geschehen sei. Im Rahmen der vierstündigen Exploration hätten keine Auffassungs-, Aufmerksamkeits-, Konzentrations- oder Gedächtnisstö
rungen festgestellt werden können, wenngleich Konzentrationsstörungen und eine Vergesslichkeit beklagt worden seien.
Wahninhalte, Sinnestäuschungen oder Ich-Störungen hätten ebenso wenig exploriert werden können wie psycho
motorische Auffälligkeiten.
Im Affekt sei der Beschwerdeführer zunächst klagsam und weinerlich gewesen; im Zusammenhang mit der Exploration in Bezug auf Suizidalität habe er sich jedoch ruhig, sachlich und situativ angemessen präsentiert. Anschliessend habe er sich deutlich schwingungsfähiger und «lockerer» gezeigt, bei der Schilderung der belastenden Erlebnisse («Arbeitsplatz
problematik») ernst, aber nicht auffällig niedergestimmt. Bei Themenwechseln sei er aufhellbar gewesen. Eine Para- oder Hyperthymie hätten nicht vorgelegen (Urk.
7/41/42).
3.8.4
In der
bidisziplinären
Konsensbeurteilung hielten die medizinischen Sachver
ständigen fest, aufgrund der hinsichtlich Validität unzureichenden Befunde
habe
keine neuropsychologische Diagnose gestellt werden können. Insgesamt lägen beim Beschwerdeführer gegenwärtig aus versicherungspsychiatrischer Sicht keine bis gelegentlich leichte Beeinträchtigungen in den Fähigkeiten vor, die für die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit relevant seien (Urk. 7/41/67
; vgl. auch Urk. 7/41/
56-60
). Aktuell
am
18. November 2022
sei eine Arbeitsunfähigkeit von 20 bis 30 % anzunehmen. Die Prognose einer depressiven Episode sei günstig. Eine weitere Stabilisierung sei
bei Annahme eines natürlichen Ver
laufs
innerhalb von zwei Monaten anzunehmen (Urk. 7/41/68).
4.
4.1
Strittig und zu prüfen ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Invalidenrente. In medizinischer Hinsicht basiert die Beurteilung der Beschwerde
gegnerin
hauptsächlich
auf dem vom Krankentaggeldversicherer in Auftrag gegebenen psychiatrisch-neuropsychologischen Gutachten
von
dipl.
psych.
B.___
und Dr.
A.___
(Urk. 7/39, 7/41). Rechtsprechungsgemäss kommt diesem
n
icht im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten Gutachten
der Beweiswert versicherungsinterner ärztlicher Feststellungen zu, weshalb sich die Frage des Beweiswerts danach beurteilt, ob wenigstens geringe Zweifel an der Zuver
lässig
keit und Schlüssigkeit der Beurteilungen bestehen (Urteil des Bundesgerichts
8C_54/2022 vom 23. Mai 2022 E. 3.2 mit Hinweis; vgl. auch vorstehende E. 1.5).
4.2
Dipl. psych.
B.___
legte im neuropsychologischen Teilgutachten
unter Berück
sichtigung der vom Beschwerdeführer erzielten Testergebnisse
einlässlich dar,
weshalb
ihr
die Quantifizierung
allenfalls vorhandener Leistungseinbussen nicht möglich
war
. Sie verwies in diesem Zusammenhang insbesondere auf die festgestellten
Inkonsistenzen im Rahmen der
Beschwerdenvalidierung
. Über weite Teile der durchgeführten Testverfahren seien
die
erzielten Ergebnisse unterdurch
schnittlich
mitunter auf Zufallsniveau
ausgefallen, wobei die Minderleis
tungen weder mit den in den Akten beschriebenen Diagnosen noch mit dem Leistungsniveau im Alltag mit eigenständiger Lebensführung zu vereinbaren seien.
Kognitive Defizite im Rahmen der depressiven Erkrankung seien jedoch möglich und könnten durch die aktuellen Testergebnisse nicht ausgeschlossen werden (Urk.
7/39/6-7).
Ebenso
nachvollziehbar hat Dr.
A.___
seine Einschätzung aus psychiatrischer Sicht begründet.
Namentlich
leitete
er auf der Grundlage der von ihm im Rahmen der Exploration erhobenen Befunde
(Urk. 7/41/41-42)
die von ihm gestellten Diagnosen
her
(Urk. 7/41/45-48) und zeigte auf, dass neben den test- und
neuropsychologisch nachgewiesenen Inkonsistenzen weitere Umstände wie die geringe Inanspruchnahme therapeutischer Massnahmen an einem nennenswerten Leidensdruck zweifeln liessen (Urk. 7/41/46, 7/41/55). Überdies setzte er sich ausführlich mit den medizinischen
Vorakten
auseinander (Urk. 7/41/50-53) und
plausibilisierte
seine Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
von 70-80 % im Begutachtungszeitpunkt
u.a.
mittels einer Prüfung
der konkreten Auswirkungen
der
depressiven Störung
auf das funktionelle Leistungsvermögen des Beschwer
deführers
anhand der
Mini-ICF-APP (Urk.
7/41/56-60).
4.
3
Soweit der Beschwerdeführer
die Dauer der rund vierstündigen psychiatrischen
Exploration
(Urk. 7/41/4)
als zu kurz bemängelt, ist ihm entgegenzuhalten, dass
es für den Aussagegehalt eines medizinischen Berichts
nicht
in erster Linie auf die Dauer der Untersuchung ankommt. Massgeblich ist vielmehr, ob der Bericht inhaltlich vollständig und im Ergebnis schlüssig ist (Urteil des Bundesgerichts 8C_130/2023 vom 8. August 2023 E. 4.4.4 mit Hinweisen).
Diesen Anforderungen wird das Gutachten
wie zuvor dargelegt
grundsätzlich
für den Untersuchungs
zeitpunkt
gerecht
.
Daran vermag e
ntgegen der Auffassung des Beschwerdeführers
insbesondere
die von seiner Hausärztin Dr.
C.___
ab dem 10. April 2021 durchgehend bescheinigte
80-100%ige
Arbeitsunfähigkeit (vgl. Urk. 3/3)
nichts zu ändern, da diese weder über eine fachärztliche Qualifikation im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie verfügt, noch
ihre Einschätzung näher begrün
dete.
Überdies ist
der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen, dass behandelnde Arztpersonen beziehungsweise Therapiekräfte
mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patientinnen und Patienten aussagen (BGE 135 V 465 E. 4.5, 125 V 351 E. 3b/cc).
Dies hat denn auch in Bezug auf die weiteren vom Beschwerdeführer im laufenden Beschwerdeverfahren eingereichten medizinischen Unterlagen zu gelten,
insbesondere
soweit darin Aussagen zur Arbeitsfähigkeit getroffen werden (Urk. 10 f., 15, 18/1-2, 22,
und
25
).
Nach ständiger Rechtsprechung beurteilt das Sozialversicherungsgericht die Gesetzmässigkeit der Verwaltungsverfügungen
zudem
in der Regel nach dem Sachverhalt, der zur Zeit des Abschlusses des Verwaltungsverfahrens gegeben war. Tatsachen, die jenen Sachverhalt seither verändert haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer neuen Verwaltungs
verfügung sein (BGE 130 V 138 E. 2.1 mit Hinweis).
Ob die nach Verfügungs
erlass
verfassten
ärztlichen Zeugnisse und Berichte
dennoch
ausnahmsweise
in die Beurteilung einzubeziehen sind (vgl.
BGE 121 V 362 E. 1b, 99 V 98 E. 4; Urteil des Bundesgerichts 8C_95/2017 vom 15. Mai 2017 E. 5.1
mit Hinweisen
.
), kann mit Blick auf die nachfolgenden Ausführungen
allerdings
dahingestellt bleiben.
4.
4
Nach dem Gesagten bildet das psychiatrisch-neuropsychologische Gutachten
grundsätzlich
eine
taugliche und
beweiskräftige
Grundlage
für die Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit
im Begutachtungszeitpunkt
.
Festzuhalten ist allerdings, dass invalidenversicherungsrechtlich
im Gegensatz zu Verfahren betreffend
den
Anspruch auf Krankentaggeld
leistungen
nach
de
m
Bundesgesetz über den Versicherungsvertrag (VVG)
die Frage zu beantworten ist, ob voraussichtlich eine bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbs
unfähigkeit vorliegt (vgl. Art. 8 Abs. 1 ATSG und Art. 28 Abs. 1
lit
. b und c IVG).
Massgebend ist
in diesem Zusammenhang der Zeitraum ab dem frühestmöglichen Rentenbeginn, vorliegend dem 1. Juni 2022 (vgl. vorstehende E. 1.1).
Im Gutachten fehlt es an einer retrospektiven Beurteilung der Arbeitsfähigkeit ab diesem Zeitpunkt (vgl. Urk. 7/41/60-61, 7/41/68).
Verlässliche
fachärztliche Feststellungen
hierzu sind aus obgenannten Gründen
(vgl. vorstehende E. 4.3)
auch den übrigen medizinischen Akten nicht zu entnehmen.
Hinzu kommt, dass
sich
Dr.
A.___
im Rahmen seiner Beurteilung der
Leistungsfähigkeit
nicht an
den in BGE 141 V 281 definierten Standardindikatoren
orientiert hat
, die grundsätzlich für sämtliche psychische Leiden und gegebenenfalls auch für Suchtverhalten Anwendung finden (vgl. BGE
145 V 215, 143 V 409 E. 4.5.3 und 143 V 418 E. 7.1).
Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Helsana als Auftraggeberin des Gutachtens
die Sachverständigen
mit E-Mail vom 6. Oktober 2022
explizit
dazu angehalten
hat,
den zuvor
auf
Ersuchen
der sich an der Begutachtung beteiligenden Beschwerdegegnerin
erfolgten Hinweis auf die Anwendbarkeit des strukturierten Beweisverfahrens zu ignorieren
,
und die Gutachter sich an diese Anweisung gehalten haben
(vgl. Urk. 7/3
4-36
).
Dies hätte die Beschwerdegegnerin zu ergänzenden Fragestellungen
drängen müssen.
4.
5
Vor diesem Hintergrund erweisen sich weitere medizinische Abklärungen in Nachachtung des geltenden Untersuchungsgrundsatzes (Art. 43 Abs. 1 und Art. 61
lit
. c ATSG) als unumgänglich, da aktuell über die für die Beurteilung des streitigen Leistungsanspruchs erforderlichen Tatsachen keine hinreichende Klar
heit besteht und entgegen der Auffassung de
s
Beschwerdeführer
s
eine direkte
Leistungszusprache
im Streitfall einzig gestützt auf die Angaben der behan
delnden Fachpersonen kaum je in Frage kommt (vgl. BGE 135 V 465 E. 4.5).
Es ist in erster Linie Aufgabe des Versicherungsträgers, von Amtes
wegen die notwendigen Abklärungen
vorzunehmen, um den rechtserheblichen Sachverhalt vollständig festzustellen (vgl. BGE 149 V 218 E. 5.7; Urteil des Bundesgerichts 9C_8/2022 vom 6. März 2023 E. 5.3, je mit Hinweisen).
Das von der Beschwerde
gegnerin einzuholende psychiatrische Gutachten wird sich zur Arbeitsfähigkeit während des gesamten potentiell anspruchsrelevanten Zeitraums zu äussern und insbesondere den in BGE 141 V 281 definierten Standardindikatoren
Rechnung zu tragen haben.
In diesem Zusammenhang
drängt es sich auf,
die Entwicklung des Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers nach Verfügungserlass
eben
falls
in die Abklärungen miteinzubeziehen.
Nach
Vorliegen der Abklärungs
ergebnisse
wird die Beschwerdegegnerin sowohl über den Anspruch auf beruf
liche Eingliederungsmassnahmen (vgl. Urk. 24, Urk.
30) als auch über denjenigen auf eine Invalidenrente zu befinden haben.
5.
Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung vom 3.
September
202
3
(Urk. 2) aufzuheben und die Sache ist an die Beschwerdegegnerin zurück
zu
weisen, damit diese nach ergänzenden Abklärungen im Sinne der obigen Erwägungen eine neue Beurteilung vornehme und sodann über den Leistungs
anspruch de
s
Beschwerdeführer
s
neu verfüge.
6.
6.1
Das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten über IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Im vorliegenden Verfahren sind sie ermessensweise auf Fr. 800.-- anzusetzen.
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen
, unabhängig davon, ob sie beantragt oder ob das Begehren im Haupt- oder Eventualantrag gestellt wird
(BGE
141 V 281 E. 11.1,
137 V 210 E. 7.1, 137 V 57 E. 2.2)
. Folglich sind
die Gerichtskosten der unterliegenden Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen.
6.2
Nach Art. 61
lit
. g ATSG hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. Als weitere Bemessungskriterien nennen die kantonalen Vorschriften das Mass des Obsiegens, den Zeitaufwand und die Barauslagen (§ 34
des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht
[
GSVGer
] sowie § 7 der Verordnung über die Gebühren, Kosten und Entschä
digungen vor dem Sozialversicherungsgericht [
GebV
SVGer
]).
Mangels Vorliegens einer Honorarnote ist die Parteientschädigung ermessens
weise festzusetzen. Unter Berücksichtigung der massgebenden Kriterien hat die Beschwerdegegnerin de
m
anwaltlich vertretenen Beschwerdeführer eine Partei
entschädigung von Fr.
2
’
7
00.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.
Das Gericht erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird
in dem Sinne gutgeheissen, dass die angefochtene Verfügung der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, vom
3. September 2023 aufgehoben und die Sache an diese zurückgewiesen wird, damit sie nach ergänzenden Abklärungen im Sinne der Erwägungen über den Leistungsanspruch des Beschwerde
führers neu verfüge.
2.
Die Gerichtskosten von Fr.
800
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird
verpflichtet,
dem Beschwerdeführer
eine Parteientschädigung von Fr.
2'
7
00
.-- (inkl. Barauslagen und MWST) zu bezahlen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Mauro Müller
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, unter Beilage einer Kopie von Urk. 32
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebenten Tag vor Ostern bis und mit dem siebenten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit dem 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art.
46
BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift
der
beschwerdeführenden
Partei oder ihrer Rechtsvertretung
zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Die VorsitzendeDer Gerichtsschreiber
FehrWürsch