# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 91a7f9ed-bafe-5401-9d7c-a5f7915a0ac9
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2021-06-01
**Language:** de
**Title:** Rentenanspruch bei Sehbehinderung und neurokognitiven Störungen; Sachverhalt ungenügend abgeklärt; Rückweisung.
**Docket/Reference:** IV.2020.00547
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2020.00547.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2020.00547
II. Kammer
Sozialversicherungsrichter Mosimann, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Käch
Sozialversicherungsrichterin Sager
Gerichtsschreiberin Neuenschwander-Erni
Urteil
vom
1. Juni 2021
in Sachen
X.___
Beschwerdeführerin
vertreten durch Stadt Zürich Soziale Dienste
lic.
iur
.
Y.___
, Sozialversicherungsrecht, Team Recht
Hönggerstrasse
24, 8037 Zürich
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
1.1
X.___
, geboren am 15. April 2001,
meldete sich am
1
5
. Juli 2011
unter Hinweis auf
eine Sehbehinderung
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk.
13/1
). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische
Situation ab und erteil
te der Versicher
ten
Kostengutsprache für medizinische Massnahmen (Urk. 13/8) und für Kontakt
linsen (Urk. 13/13). Am 21. September 2015 stellte die Versicherte ein Zusatzgesuch betreffend Massnahmen für die berufliche Eingliederung (Urk. 13/22)
, welches am 20. Juni 2016 als «zurzeit noch v
erfrüht» abgewiesen wurde (Urk.
13/35)
.
Nach erneuter Anmeldung (Urk. 13/57
) erteilte die IV-Stelle am 28.
Juni 2018
unter anderem
eine Kostengutsprache für die erstmalige berufliche Ausbil
dung zur Praktikerin
Pr
A
Hauswirtschaft (Urk. 13/77).
Nach einer schriftlichen Verwarnung durch den Ausbildungsbetrieb und einer Aufforderung der IV-Stelle zur Wahrnehmung der Mitwirkungspflicht (Urk.
13/92) wurde die erstmalige berufliche Ausbildung per 14. Juni 2019 eingestellt (vgl. Verfügung vom 16. Juli 2019, Urk. 13/108).
1.2
In der Folge klärte d
ie IV-Stelle
die medizinische und erwerbliche Situation ab und holte bei
Dipl. psych.
Z.___
, Fachpsychologin für Neuropsychologie und für Psychotherapie FSP, ein neuropsychologisches Gutac
hten ein, das am 6.
Februar 2020
erstattet wurde
(Urk. 13/132)
.
Nach ergangenem Vorbescheid
(Urk.
13/140
) sprach die IV-Stelle der Versicherten mit Verfügung vom
24
. Juni 2020 bei einem I
nvaliditätsgrad von
5
0 % eine
halbe Invalidenrente ab dem 1.
Jun
i 2019 zu (Urk. 13/147
und Urk.
13/157
= Urk. 2).
Mit Verfügungen vom 1.
Juli 2020 (Urk. 13/162) sowie 8. Juli 2020 (Urk. 13/163-164) gewährte ihr die IV-Stelle zudem eine Entschädigung wegen leichter Hilflosigkeit.
2.
Gegen die Verfügung vom
24
. Juni 2020
(Urk. 2) erhob die
Versicherte
am
25.
August 2020 Beschwerde (Urk. 1
) und beantragte, diese sei aufzuheben und
es
sei
en
ein bi- oder polydisziplinäres Gutachten in Auftrag zu geben, der Leistungs
anspruch abzuklären
, eventuell Umschulungsmassnahmen zu prüfen und die gesetzmässigen Leistungen zuzusprechen
(S. 2 Ziff. 1). In
prozessualer Hinsicht stellte sie
ein Gesuch um unentgeltliche Prozessführung (S. 2 Ziff.
3
). Die Beschwerdegegnerin
schloss mit Vernehmlassung vom
4.
Dezem
ber 20
20
auf Abweisung der Beschwerde (Urk.
12
). Dies wurde de
r
Beschwerdeführer
in
am
9.
Dezember 2020
zur Kenntnis gebracht (Urk. 1
4).
Mit Beschluss vom 26. März 2021 (Urk. 15) wurde der Beschwerdeführerin Frist angesetzt, um zu der vom Gericht nicht auszuschliessenden Rückweisung der Sache an die Beschwerde
gegnerin zur ergänzenden Abklärung und der damit
verbundenen möglichen Abänderung der angefochtenen Verfügung zu ihrem Nachteil (
reformatio
in peius) Stellung zu nehmen oder die Beschwerde zurückzuziehen.
Gleichzeitig wurde ihr die unentgeltliche Prozessführung gewährt.
Die Beschwerdeführerin teilte am 22. April 2021 (Urk. 17) mit, dass sie an der Beschwerde festhalte.
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beur
teilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsun
fähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.3
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409
E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V
396 E. 5.3 und E. 6).
Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen einem strukturierten Beweisverfahren nach B
GE 141 V 281 zu unterziehen (E.
7.2; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.1). Diese Abklärungen enden laut Bundesgericht stets mit der Rechtsfrage, ob und in welchem Umfang die ärztlichen Fest
stellungen anhand der nach BGE 141 V 281 rechtserheblichen Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit schliessen las
sen (BGE 143 V 418 E. 7.1; vgl.
BGE 144 V 50 E. 4.3).
1.4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Strittig und zu prüfen ist der Anspruch der Beschwerdef
ührerin auf eine Invali
denrente
.
2.2
Die Beschwerdegegnerin führte in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) aus, dass aufgrund der gesundheitlichen Situation der Beschwerdeführerin eine 50%ige Leistungsfähigkeit für Arbeiten im ersten Arbeitsmarkt bestehe
. Es bestehe eine Erwerbseinbusse von 50 %, welche auch dem Invaliditätsgrad entspreche
(Verfü
gungsteil 2 S. 1 Mitte).
2.3
Die Beschwerdeführerin machte in ihrer Beschwerde (Urk. 1) geltend,
gemäss Gut
achten sei von einer Arbeitsunfähigkeit von 50-70 % auszugehen.
Dass
die Gutachterin gleichzeitig von einem aus neuropsychologischer Sicht möglichen vollen Arbeitspensum ausgehe, sei widersprüchlich und nicht nachvollziehbar. Inwiefern ein ADHS oder eine darüberhinausgehende Beeinträchtigung vorliege, sei trotz Hinweisen im neuropsychologischen Gutachten nicht weiter abgeklärt worden Dazu sei ein psychiatrisches Gutachten einzuholen (S. 6 Mitte). Grund
sätzlich habe eine Arztperson den Gesundheitszustand zu beurteilen. Deshalb sei eine (neuro-)psychiatrische Untersuchung notwendig, die vorliegend
e
neuro
psychologische
Abklärung genüge nicht. Diese sei allfällig als Zusatzbefund in die ärztliche Gesamtbeurteilung einzubeziehen (S. 7 f.). Da verschiedene Störun
gen (
Visus
und kognitive Einschränkungen) und Hinweise auf weitere ungeklärte Störungen im Rahmen eines ADHS oder darüberhinausgehend
vorlägen
, welche sich gegenseitig beeinflussten, werde beantragt, ein bi- oder polydisziplinäres Gutachten mit den Fachrichtungen Neuropsychiatrie und/oder Psychiatrie und Ophthalmologie einzuholen (S. 8 oben). Aus den Akten ergebe sich, dass ein gesundheitsbedingter Abbruch der Ausbildung stattgefunden habe.
Es werde beantragt, Umschulungsmassnahmen beim Abbruch einer erstmaligen Ausbil
dung zu prüfen und ebenfalls eine fachärztliche Stellungnahme zur Arbeits
fähigkeit und den möglichen Tätigkeiten einzuholen, damit eine allfällige Restarbeitsfähigkeit bestmöglich ausgeschöpft werden könne (S. 9 Mitte).
3.
3.1
Im
Abschlussbericht
der
A.___
vom
2. Juli 2019
(Urk. 13/105) wurde festgehalten, dass
es der Beschwerdeführerin von Beginn an nur schwer gelungen sei, in die Praktische Ausbildung Hauswirtschaft einzusteigen.
Es sei ihr nicht gelungen, sich an die Rahmenbedingungen zu halten
. Zudem habe sie Auf
fälligkeiten im Sozialverhalten gezeigt. Es sei zu regelmässigen Verspätungen, störendem Verhalten im Unterricht sowie provozierendem und abwertendem Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Mitlernenden gekommen (S. 4 Ziff. 9).
D
ie Beschwerdeführerin
sei
aktuell noch nicht in der Lage, sich einem Ausbildungs
modell mit den Anforderungen des 1. Arbeitsmarktes zu stellen. Vielmehr wäre es für sie zunächst zentral, die hierfür notwendigen sozialen Handlungs
kompetenzen zu erwerben und nachhaltig zu trainieren. Dieser Kompetenzerwerb stelle die Basis für jeden weiteren Schritt im Berufsleben dar.
Für eine exakte Abklärung des persönlichen Entwicklungsstandes der Beschwerdeführerin sei ihres Erachtens eine neuropsychiatrische/psychologische Abklärung sowie eine genauere intrafamiliäre Abklärung zu empfehlen. Mögliche Differenzial
diagnosen, zusätzlich zur Sehbehinderung, sollten dringend abgeklärt werden, um die künftige Arbeitsmarktfähigkeit objektiv und nachhaltig beurteilen zu können (S. 4 Ziff. 10).
3.2
Im
Verlaufsprotokoll Berufsberatung vom 16.
Juli 2019 (Urk. 13/109) wurde fest
gehalten, dass d
ie Beschwerdeführer
in neben der Sehbehinderung nur ein gerin
ges kognitives Leistungsvermögen auf
weise
. Bei dieser Kombination gebe es im heutigen Arbeitsmarkt keinen Beruf, bei dem davon ausgegangen werden könne, dass die
Beschwerdeführerin
eine wirtschaftlich verwertbare Arbeitsleistung erreichen könne
. Für Sehbehinderte angepasste Berufe seien allesamt kognitiv
anspruchsvoll. Im Rahmen der Berufswahl hätten sie sich daher darauf fokussiert, dass die Beschwerdeführerin einen Beruf erlerne, bei dem sie gesamthaft etwas fürs Leben lerne
(S. 1 unten).
Nach einer erfolgreichen Schnupperlehre als Praktikerin
PrA
Hauswirtschaft bei der
A.___
habe die Beschwerdeführerin ein Lehrstellenangebot erhalten. Nachdem sie sich wiederholt nicht an die Regeln des Ausbi
ldungsbetriebs gehalten habe, s
e
i
sie verwarnt worden. Es sei zu weiteren Verstössen gekomme
n, worauf die Ausbildung per 7.
Juni 2019 abgebrochen worden sei (S. 2 oben).
Es bestehe keine Eingliederungs
möglichkeit im ersten Arbeitsmarkt. Eventuell könne ein Einkommen aus einer Tätigkeit im geschützten Rahmen erzielt werden.
Aus Sicht der IV-Berufsberatung werde die Rentenprüfung empfohlen, obwohl die
Beschwerdeführerin
ihre Mitwirkungspflicht
verletzt habe
(S. 2 Mitte)
.
3.
3
Dr. med.
B.___
, Facharzt für
Ophthalmologie
,
führte in seinem Bericht
(
undatiert; bei der Beschwerdegegnerin
eingegangen am 25. September 2019
, Urk.
13/113
) aus,
dass er bisher keine Arbeitsunfähigkeit attestiert habe; die Beschwerdeführerin sei Schülerin gewesen. Die Arbeitsunfähigkeit läge aber bei 90-100 % (Ziff. 1.3). Als aktuelle medizinische Symptomatik nannte er einen schlechten
Visus
und ein eingeschränktes Gesichtsfeld (Ziff. 2.2). Auf die Frage nach den Anforderungen der aktuellen Tätigkeit an die Beschwerdeführerin gab Dr.
B.___
an, dass er dies nicht beantworten könne. Gleichzeitig führte er aus, dass e
ine
visusgerechte
Arbeit gehe (Ziff. 3.3).
Eine dem Leiden angepasste Tätig
keit sei für 8.5 Stunden pro Tag zumutbar (Ziff. 4.2).
Die Beschwerdeführerin sei faktisch erblindet (Ziff. 5).
3.
4
Dipl. psych.
Z.___
, Fachpsychologin für Neuropsychologie und für Psycho
therapie FSP,
nannte im n
europsychologische
n
Gutachten vom 6. Februar 2020 (Urk.
13/132) folgende Diagnose (S. 18 Mitte):
-
gesamthaft als mittelgradig zu wertende neurokognitive Störungen
im Rahmen einer Lernbehinderung
Sie führte zur testpsychologischen Untersuchung aus, dass
die
Kooperation / Motivation / Anstrengungsbereitschaft gut gewesen sei. Viele computergestützte Tests hätten nicht sinnvoll durchgeführt werden können (S. 15 oben).
Viele Verhaltensweisen und Einschränkungen wären mit einer ADHS vereinbar, wiesen in der Breite der kognitiven Störungen jedoch deutlich über sie hinaus (S. 18 f.).
Vermutlich handle es sich um eine angeborene entwicklungsneuropsychologische Störung, deren Ätiologie unklar bleibe. Es könne von psychosozialen Belastungen ausgegangen werden, die von der Beschwerdeführerin jedoch n
ur angedeutet worden seien (beispielsweise
rigide normative Erwartungen in einem streng reli
giös geprägten Elternhaus, Ablösungsschwierigkeiten; S. 19 Mitte).
Der Gesamt-
IQ von
nur
67 Punkten
, der im Bereich der Minderbegabung liege, stelle mit grosser
Wahrscheinlichkeit eine Unterschätzung der Beschwerdeführerin dar, denn er gewichte sprachliche und bildungsabhängige Leistungen recht stark. Hier habe sie
bei eigentlich guter Auffassungsgabe
noch erhebliches Entwicklungs
potential
, werde jedoch häufig ausgebremst durch ihre Schwierigkeiten in den Bereichen Selbststeuerung und Selbstverantwortlichkeit
(S.
19
unten
)
.
Die Beschwerdeführerin könne bei vorhandener Motivation und innerhalb eines passenden sozialen Rahmens auf ihre Stärken zugreifen und habe einen guten alltagspraktischen Verstand (S. 20 Mitte).
Zur Arbeitsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt gab
Dipl.
psych.
Z.___
an, g
emäss Richtlinien könne bei einer dem aktuellen Ausbildungsstand entsprechenden Tätigkeit von einer etwa 50- bis 70%igen Arbeitsunfähigkeit ausgegangen werden.
Aus neuro
psycho
logischer Sicht sei ein volles Arbeitspensum realistisch.
Die Leistungsfähigkeit sei wegen der neuropsychologischen Störungen deutlich reduziert.
Schwierigkeiten seien beim Arbeitstempo, bei der Konzentrations
fähigkeit und vor allem bei allen planerischen Leistungen zu erwarten. Vor dem Hintergrund der eingeschränkten Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung könnten komplexe mündliche und schriftliche Anweisungen häufig nur lücken
haft aufgenommen, gelernt und dementsprechend auch nur eingeschränkt umge
setzt werden. Der Wissenserwerb sei eingeschränkt. Dazu stellten die Schwierig
keiten bei Emotionsregulation und Impulskontrolle im Arbeitsalltag eine deut
liche Einschränkung dar und die willentliche Steuerungsfähigkeit erscheine eingeschränkt (S. 20 unten).
In einer angepassten Tätigkeit könne weiterhin von einer eingeschränkten Leistungsfähigkeit ausgegangen werden.
Die neuro
psychologischen Defizite alleine stellten in ihrer Summe eine sehr deutliche Begrenzung der Leistungsfähigkeit dar. Sie liessen für Ausbildung und Berufs
ausübung eigentlich nur einen beschützten Rahmen als denkbar erscheinen. Neben einem hohen Zeitaufwand bei vielen Tätigkeiten müsse auch von qualita
tiven Einbussen ausgegangen werden, zudem von Unregelmässigkeiten und impulsiven Handlungen. Hinzu kämen die visuellen Beeinträchtigungen, die die Auswahl an geeigneten Ausbildungen und Tätigkeiten noch einmal sehr deutlich limitierten (S. 21 oben). An Tätigkeiten käme der gewählte hauswirtschaftliche Sektor durchaus in Frage, event
uell auch
die Bereiche
Bäckerei
/
Konditorei
/
Catering
/
kalte Küche. Unter Umständen wäre die Beschwerdeführerin auch für einfache handwerkliche Tätigkeiten in einer Werkstatt zu motivieren
. Da es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um angeborene und breit gestreute neuro
psychologische Einschränkungen handle, sei davon auszugehen, dass sich die Leistungsfähigkeit nicht mehr grundlegend verändern werde. Aufholmöglich
keiten bestünden am ehesten in den Bereichen Wissen und Sprache
(S. 21 Mitte).
3.
5
Dr. med.
C.___
, Facharzt für Psychiatrie und Psycho
therapie, hielt in der Stellungnahme vom 17. Februar 2020 (Urk. 13/136/5-6) fest, auf das neuropsychologische Gutachten könne abgestellt werden.
Aufgrund der Angaben zum IQ im Gutachten werde davon ausgegangen,
dass der eigentliche IQ-Wert etwas über 69 sei und keine Intelligenzminderung im Sinne der ICD-10 bestehe. Aus somatischer Sicht sei gestützt auf den Arztbericht von Dr.
B.___
vom 25. September 2019 eine dem Leiden angepasste Tätigkeit zu 100 % zumut
bar.
Aus neuropsychologischer Sicht werde
im Gutachten
ein
e
50-70%ige Arbeitsunfähigkeit
beurteilt.
Es werde auf eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit abge
stellt, da noch Verbesserungspotential in den Bereichen Wissen und Sprache bestehe, was aber auf psychosoziale Faktoren zurückzuführen sei: rigide normative Erwartungen in einem streng religiös geprägten Elternhaus, Ablösungs
schwierigkeiten und Mehrsprachigkeit in einem bildungsfernen Milieu. Insgesamt bestehe auf Dauer eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit. Die restliche 20%ig
e Arbeits
unfähigkeit (das heisse
insgesamt
70%ige Arbeitsunfähigkeit) sei
auf psycho
soziale Faktoren zurückzuführen und auf Dauer nicht relevant.
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin stützte sich in der angefochtenen Verfügung auf die Beurteilung ihre
s
RAD-
Arztes
und hielt fest, dass
für Arbeiten im ersten Arbeits
markt eine 50%ige Arbeitsfähigkeit bestehe
.
4.2
Unbestritten ist, dass
bei der Beschwerdeführerin einerseits eine Sehbehinderung und andererseits kognitive Einschränkungen vorliegen.
Im Bericht
der
A.___
wurden zudem Auffälligkeiten im Sozialverhalten
erwähnt.
Aus medizinischer Sicht liegen Berichte des behandelnden Augenarztes Dr.
B.___
, ein Gutachten der Psychologin
Z.___
sowie eine Stellungnahme des RAD-Arztes Dr.
C.___
vor.
4.3
Ob a
us ophthalmologischer Sicht auf den Bericht von
Dr.
B.___
vom September 2019
,
wonach
der Beschwerdeführerin eine dem Leiden angepasste Tätigkeit für 8.5 Stunden pro Tag zumutbar sei
(vgl. vorstehend E. 3.3)
,
abzustellen ist,
kann
ausgangsgemäss
offen gelassen
werden
(vgl. unten)
.
4.
4
In Bezug auf das neuropsychologische
Gutachten
(vgl. vorstehend E. 3.4) ist fest
zuhalten, dass die Schlussfolgerungen
widersprüchlich
erscheinen
. So gab
die Gutachterin
einerseits an
, dass betreffend Arbeitsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt von einer 50-70%igen Arbeitsunfähigkeit ausgegangen werden könne. Gleich
zeitig führte sie aus, die neuropsychologischen Defizite alleine liessen für Ausbil
dung und
Berufsausübung eigentlich nur einen beschützten Rahmen als denkbar erscheinen.
Zudem erscheint die
Angabe einer A
rbeitsunfähigkeit
von 50-70%
als
zu wenig präzis
. Entsprechend den Ausführungen in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2 Verfügungsteil 2 S. 1 Mitte) ergäbe sich
bei
einer
5
0%igen Arbeitsfähigkeit ein
Anspruch auf eine halbe, bei einer 30%igen Arbeitsfähigkeit ein solcher auf eine ganze Invalidenrente (vgl. auch vorstehend E. 1.2)
.
Schliesslich sind für
die verlässliche Beurteilung des psychischen Gesundheits
zustandes und seiner Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit in der Regel psychiatrische Fachärzte beizuziehen (Urteil des Bundesgerichts 8C_989/2010 vom 16. Februar 2011
E. 4.4.2 mit weiteren Hinweisen
).
Vorliegend wurde das neuropsychologische Gutachten von einer Psychologin
/
Psychotherapeutin erstellt, e
in
Facharzt respektive eine Fachärztin für Psychiatrie
hat nicht mitge
wirkt.
4.5
RAD-Arzt Dr.
C.___
nahm keine eigene Untersuchung, sondern lediglich eine Aktenbeurteilung vor, was den Beweisanforderungen (vgl. vorstehend E. 1.
4
) vorliegend
nicht
zu genügen vermag. Praxisgemäss kommt einer reinen Akten
beurteilung des RAD im Vergleich zu einer auf allseitigen Untersuchungen beruhenden Expertise, welche auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und die Schlussfolgerungen widerspruchsfrei begründet, nicht der gleiche Beweiswert zu (Urteil des Bund
esgerichts 8C_971/2012 vom 11.
Juni 2013 E. 3.4).
Inhaltlich ging RAD-Arzt Dr.
C.___
in seiner Stellungnahme (vgl. vorste
hend E. 3.5)
angesichts
de
r Angaben zur Arbeitsfähigkeit
im neuropsychologi
schen Gutachten nicht
vom Mittelwert – mithin einer Arbeits
un
fähigkeit von
6
0
% –
, sondern von einer 50%igen Arbeitsunfähigkeit
aus. Seine Argumenta
tion, wonach die restliche 20%ige Arbeitsunfähigkeit auf psychosoziale Faktoren zurückzuführen und damit nicht relevant sei, vermag nicht zu überzeugen.
4.6
Insgesamt lassen die vorhandenen Berichte keine fundierte und objektive Beur
teilung
des psychischen Gesundheitszustandes
sowie der somatischen Beschwer
den (Sehbehinderung) beziehungsweise allfälliger sich daraus ergebender Wechselwirkungen
und
damit auch
der
gesamthaften
Arbeitsfähigkeit der Beschwer
deführerin zu.
4.
7
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der
Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwierige Ermessensentscheide zu
treffen sind, oder wenn der
ent
scheid
relevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
4.
8
Vorliegend ergibt sich, dass ein abschliessender materieller Entscheid gestützt auf die vorhandenen medizinischen Akten nicht möglich ist, da der
entscheid
relevante
Sachverhalt nicht hinreichend abgeklärt wurde. Die vorhandenen medizinischen Unterlagen erlauben keine zuverlässige Beurteilung
des psychi
schen Gesundheitszustandes und
der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin, weshalb die Beschwerdegegnerin weitere Abklärungen vorzunehmen hat.
Im Rahmen
ein
er
fachärztliche
n
psychiatrische
n
Begutachtung, welche auch die neuropsychologischen
Einschränkungen berücksichtigt,
ist auch
zu klären, ob ein ADHS und eine Intelligenzminderung mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit vorliegen.
Schliesslich
ist
eine
Gesamtb
eurteilung
der Arbeitsfähigkeit - unter Einbezug der Sehbehinderung
–
erforderlich
, weshalb eine polydisziplinäre Begutachtung nötig ist
.
Allenfalls sind nach diesen Abklärungen berufliche Mass
nahmen zu prüfen.
Die angefochtene Verfügung (Urk. 2) ist folglich aufzuheben und die Sache zur rechtsgenügenden Abklärung des medizinischen Sachverhalts
- unter Berück
sichtigung des strukturierten Beweisverfahrens nach BGE 141 V 281
(vorstehend E. 1.3)
-
und zum erneuten Entscheid über den Rentenanspruch an die Beschwer
degegnerin zurückzuweisen. In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
5.
Die Verfahrenskosten gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr.
600
.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzu
erlegen.
Das Gericht erkennt:
1.
Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass
die angefochtene Verfügung vom 24. Juni 2020 aufgehoben und die Sache an die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zurückgewiesen wird, damit diese, nach erfolgten Abklärungen im Sinne der Erwägungen, neu verfüge.
2.
Die Gerichtskosten von Fr.
600
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Stadt Zürich Soziale Dienste
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
, unter Beilage einer Kopie von Urk. 17
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
4.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
MosimannNeuenschwander-Erni