# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 1d4ae6b4-e455-5ab9-9fb4-9e8713818b5a
**Source:** Basel-Stadt (BS)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2021-01-06
**Language:** de
**Title:** Basel-Stadt Appellationsgericht 06.01.2021 SB.2020.44 (AG.2021.169)
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/BS_Omni/BS_APG_001_SB-2020-44_2021-01-06.html

## Full Text

Appellationsgericht

  
  des Kantons Basel-Stadt

  

  Dreiergericht

   

  

 

SB.2020.44

 

URTEIL

 

vom 6.
Januar 2021

 

 

Mitwirkende

 

lic. iur. Eva Christ (Vorsitz), Dr.
Christoph A. Spenlé,

lic. iur. Lucienne Renaud und
Gerichtsschreiber Dr. Beat Jucker

 

 

 

Beteiligte

 

A____, geb. [...]                                                                  Berufungskläger

c/o Justizvollzugsanstalt
Lenzburg,                                        Beschuldigter

Wilstrasse 51, Postfach 75, 5600 Lenzburg

vertreten durch [...], Advokat, 

[...]

 

gegen

 

Staatsanwaltschaft Basel-Stadt                             
    Berufungsbeklagte

Binningerstrasse 21, 4001 Basel

 

 

Privatkläger

 

B____

vertreten durch [...],

Kinder- und Jugenddienst (KJD), 

Steinengraben 40, Postfach
1616, 4001 Basel 

 

 

Gegenstand

 

Berufung gegen ein Urteil des
Strafdreiergerichts 

vom 17. Oktober 2019
(SG.2019.170)

 

betreffend sexuelle Handlungen
mit einem Kind sowie sexuelle Nötigung

 

Sachverhalt

 

Mit Urteil des
Strafdreiergerichts vom 17. Oktober 2019 wurde A____ (Berufungskläger) der sexuellen
Handlungen mit einem Kind sowie der sexuellen Nötigung schuldig erklärt. Die
gegen den Berufungskläger am 20. Februar 2018 vom Bezirksgericht Brugg wegen
mehrfacher sexueller Handlungen mit einem Kind bedingt ausgesprochene
Freiheitsstrafe von zwölf Monaten, Probezeit drei Jahre, wurde vollziehbar
erklärt und A____ zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von 34 Monaten verurteilt (unter
Einrechnung der Untersuchungs- und Sicherheitshaft seit dem 12. Juni 2019).
Darüber hinaus wurde er für acht Jahre des Landes verwiesen (mit Eintrag im
Schengener Informationssystem [SIS]). Überdies wurde der Berufungskläger zur
Zahlung einer Genugtuung in Höhe von CHF 6‘000.– an seinen Sohn B____ (Privatkläger)
verurteilt. Die Mehrforderung im Betrag von CHF 2‘000.– wurde hingegen abgewiesen.
Die Schadenersatzforderung des Privatklägers für noch anfallende Kosten im
Zusammenhang mit insbesondere therapeutischen Hilfeleistungen wurde unter
Festlegung einer Haftungsquote von 100 Prozent dem Grundsatz nach gutgeheissen,
B____ bezüglich der Höhe seines Anspruchs indes auf den Zivilweg verwiesen. Im
Übrigen ist über die beschlagnahmten Gegenstände verfügt worden und wurden A____
Verfahrenskosten von CHF 4‘844.10 sowie eine Urteilsgebühr in Höhe von CHF 5’000.–
auferlegt (sein Kostendepot von CHF 2’460.– wurde damit verrechnet). Ferner ist
der amtliche Verteidiger unter Rückforderungsvorbehalt aus der Strafgerichtskasse
entschädigt worden. 

 

Der
Berufungskläger, amtlich verteidigt durch [...], hat am 18. Oktober 2019 rechtzeitig
Berufung angemeldet und nach Erhalt der schriftlichen Urteilsbegründung mit
Eingaben vom 20. Mai 2020 bzw. 26. Mai 2020 Berufung erklärt. Es wird
beantragt, es sei das Urteil des Strafdreiergerichts unter Kosten- und
Entschädigungsfolge aufzuheben, A____ von sämtlichen Vorwürfen freizusprechen
und Letzterem eine Genugtuung von CHF 200.– pro Tag ungerechtfertigten
Freiheitsentzugs zuzusprechen. Zudem seien auch die Zivilforderungen abzuweisen.
Darüber hinaus sei in jedem Fall von einer Landesverweisung abzusehen,
eventualiter sei diese aufzuschieben. Der Privatkläger, vertreten durch [...], beantragt
mit Stellungnahme vom 20. Juli 2020, es sei an seinen Anträgen «weiterhin
festzuhalten und die Entschädigungssumme zu bestätigen». Die Staatsanwaltschaft
ersucht um Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils.

 

In der
Berufungserklärung sind zudem mehrere Beweisanträge gestellt worden. So wurde beantragt,
C____, Heimleiter des Wohnheims [...] (Ziff. 1), sowie B____s Mutter, D____
(Ziff. 2), als Zeugen zur Hauptverhandlung vorzuladen und (erneut) zu befragen.
Darüber hinaus sei bezüglich der Aussagen des Privatklägers ein
Glaubhaftigkeitsgutachten zu erstellen (Ziff. 3), eventualiter sei B____
anlässlich der mündlichen Berufungsverhandlung erneut zum Tathergang zu befragen
(Ziff. 4). Nach Vernehmlassung bei den Parteien sind die Beweisanträge mit begründeter
Verfügung der instruierenden Appellationsgerichtspräsidentin vom 22. September
2020 vorbehältlich eines anderslautenden Entscheids des erkennenden Gerichts
auf erneuten Antrag abgelehnt worden. 

 

In der
zweitinstanzlichen Hauptverhandlung vom 6. Januar 2021 wurde der
Berufungskläger befragt. Anschliessend gelangten der amtliche Verteidiger und
die Staatsanwaltschaft zum Vortrag. Für sämtliche Ausführungen wird auf das
Verhandlungsprotokoll verwiesen. Die Einzelheiten der Parteistandpunkte ergeben
sich ‒ soweit für den Entscheid von Relevanz ‒ aus dem
erstinstanzlichen Urteil und aus den nachfolgenden Erwägungen.

 

 

Erwägungen

 

1.

1.1     Nach
Art. 398 Abs. 1 der Strafprozessordnung (StPO, SR 312.0) ist die Berufung gegen
Urteile erstinstanzlicher Gerichte zulässig, mit denen das Verfahren ganz oder
teilweise abgeschlossen wird, was vorliegend der Fall ist. Zuständiges
Berufungsgericht ist nach § 88 Abs. 1 und 92 Abs. 1 Ziff. 1 des
Gerichtsorganisationsgesetzes (GOG, SG 154.100) ein Dreiergericht des
Appellationsgerichts. Der Berufungskläger ist vom angefochtenen Urteil berührt
und hat ein rechtlich geschütztes Interesse an dessen Aufhebung, sodass er
gemäss Art. 382 Abs. 1 StPO zur Erklärung der Berufung legitimiert ist. Auf das
form- und fristgerecht eingereichte Rechtsmittel ist daher einzutreten. 

 

1.2     Gemäss
Art. 398 Abs. 3 StPO können mit der Berufung (respektive Anschlussberufung)
Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung und Missbrauch des
Ermessens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung, die unvollständige oder unrichtige
Feststellung des Sachverhalts sowie Unangemessenheit gerügt werden.

 

1.3

1.3.1   Im
Rechtsmittelverfahren gilt die Dispositionsmaxime. Die Berufung kann daher auf
die Anfechtung von Teilen des Urteils beschränkt werden (Art. 399 Abs. 3 lit. a
und Abs. 4 StPO). Erfolgt eine Teilanfechtung, erwachsen die nicht
angefochtenen Punkte in Teilrechtskraft.

 

1.3.2   Der
Privatkläger hat mit seiner Stellungnahme vom 20. Juli 2020 beantragt, es sei
an seinen Anträgen «weiterhin festzuhalten und die Entschädigungssumme zu
bestätigen». Daraus wird nicht restlos klar, was er genau verlangt, zumal er in
seinem Schreiben an das Strafgericht vom 7. Oktober 2019 (Akten S. 455 f.)
unter anderem eine Genugtuungssumme in Höhe von CHF 8'000.‒ beantragt
hatte, allerdings «nur» CHF 6'000.‒ zugesprochen erhielt. Da er
indes weder selbständig Berufung noch Anschlussberufung erklärt hat, kann im
Berufungsverfahren aufgrund des Verbots der «reformatio in peius» nicht mehr
als CHF 6'000.‒ Genugtuung zugesprochen werden (Art. 391 Abs. 2
StPO). Insofern ist die Abweisung der Genugtuungsmehrforderung in Höhe von CHF
2'000.‒ genauso wie die Verfügungen über die beschlagnahmten Gegenstände
sowie die Entschädigung der amtlichen Verteidigung (mit
Rückforderungsvorbehalt) in Rechtskraft erwachsen. Darüber ist im
Berufungsverfahren nicht mehr zu befinden.

 

2.

Anlässlich der
heutigen Berufungsverhandlung hat der Berufungskläger an den in der Berufungserklärung
vom 20. Mai 2020 bzw. 26. Mai 2020 gestellten und seitens der
Verfahrensleitung mit begründeter Verfügung vom 22. September 2020 abgelehnten
Beweisanträgen (Befragung des Ehepaars C____, erneute Befragung von D____, Erstellung
eines Glaubhaftigkeitsgutachtens bezüglich der Aussagen von B____, eventualiter
die erneute Befragung des Privatklägers) festgehalten (Akten S. 706 ff.). Da
für die Begründung des Entscheids über die Beweisanträge eine Einbettung derselben
in das Gesamtgefüge der erhobenen Beweise erforderlich ist, erfolgen
entsprechende Ausführungen nach der in Erwägung 3 vorzunehmenden
Sachverhaltsfeststellung (vgl. dazu im Detail E. 4).

 

3.

3.1     Dem
Berufungskläger wird vorgeworfen, seinem zur mutmasslichen Tatzeit noch nicht
ganz siebenjährigen Sohn B____ (geboren [...] 2012) im Rahmen eines Besuchs bei
der Kindsmutter im März oder April 2019 seinen erigierten Penis in den Mund
gesteckt zu haben, nachdem der Junge dies abgelehnt hatte. Dann soll der
Berufungskläger mindestens teilweise in den Mund seines Sohnes ejakuliert
haben. 

 

3.2

3.2.1   Neben
den Aussagen vorab von B____ (die drei mit ihm getätigten Einvernahmen bei der
Jugendanwaltschaft wurden lege artis per Videostream aufgezeichnet und sind in
schriftlichen Protokollen zusammengefasst [Akten S. 208 ff.]) und denjenigen
seiner Mutter und des Berufungsklägers selbst sowie den Berichten von Personen,
denen sich B____ anvertraut hat, existieren nur wenige (indizielle)
Beweismittel. Damit ist die Beurteilung der Glaubhaftigkeit dieser Aussagen
entscheidend. Sie müssen vom urteilenden Gericht einlässlich gewürdigt werden
(BGE 137 IV 122 E. 3.3 S. 127). 

 

3.2.2   Die
Glaubwürdigkeit einer Person lässt sich an ihrer Persönlichkeit, ihren
(möglichen) Motiven und der Aussagesituation abschätzen. Die Glaubhaftigkeit
einer Aussage bestimmt sich nach ihrem Inhalt; je detaillierter, individueller
und in sich verflochtener eine Aussage ist, desto glaubhafter ist sie (Zweidler, Die Würdigung von Aussagen, in
ZBJV 132/1996, S. 115 ff.). Dabei ist sämtlichen Umständen, welche objektiv für
die Erforschung von Tatsachen von Bedeutung sein können, Rechnung zu tragen. In
Lehre und Rechtsprechung ist anerkannt, dass sich die Glaubhaftigkeit einer
Aussage im Wesentlichen nach ihrem Inhalt bestimmt. Danach unterscheiden sich
Aussagen über selbst erlebte Ereignisse in ihrer Qualität von Aussagen, welche
nicht auf selbst erlebten Vorgängen beruhen (vgl. dazu Ludewig/Baumer/Tavor, Einführung in die Aussagepsychologie,
Wie können aussagepsychologische Erkenntnisse Richtern und Staatsanwälten
helfen?, in: Ludewig/Baumer/Tavor [Hrsg.], Aussagepsychologie für die
Rechtspraxis, Zürich 2017, S. 17 ff., 43 ff.; Undeutsch,
Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen, in: Undeutsch [Hrsg.], Handbuch
der Psychologie, Band 11: Forensische Psychologie, Göttingen 1967, S. 26 ff.).
Überprüft wird dabei in erster Linie die Hypothese, ob die aussagende Person
mit den gegebenen individuellen Voraussetzungen, unter den gegebenen
Befragungsumständen und Entstehungsbedingungen der Aussage sowie unter
Berücksichtigung der im konkreten Fall möglichen Einflüssen von Dritten diese
spezifische Aussage machen könnte, wenn diese nicht auf einem realen
Erlebnishintergrund basierte (Volbert,
Glaubwürdigkeitsbegutachtung bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch, Zeitschrift
für Kinder- und Jugendpsychiatrie 1995, S. 20 ff.; vgl. BGer 6B_760/2010
vom 13. Dezember 2010 E. 2.3). 

 

3.2.3   Damit
eine Aussage als zuverlässig erachtet werden kann, ist sie besonders auf das
Vorhandensein von Realitätskriterien und umgekehrt auf das Fehlen von
Phantasiesignalen zu überprüfen; dabei hat auch eine Einordnung sogenannter
Warnmerkmale zu erfolgen (vgl. Ludewig/Baumer/Tavor,
a.a.O., S. 46 ff.; Hussels, von
Wahrheiten und Lügen, Eine Darstellung der Glaubhaftigkeitskriterien anhand der
Rechtsprechung, forumpoenale 6/2012, S. 368 ff.; Wiprächtiger, Aussage-psychologische Begutachtung im
Strafrecht, forumpoenale 1/2010, S. 40 f.; Ferrari,
Erkenntnisse aus der Aussagepsychologie, plädoyer 4/09, S. 34 ff.; Dittmann, Zur Glaubhaftigkeit von
Zeugenaussagen, in: plädoyer 2/1997, S. 33 ff.). Bei der
Glaubhaftigkeitsbeurteilung ist immer auch davon auszugehen, dass die Aussage
nicht realitätsbegründet sein kann. Erst wenn sich diese Annahme
(Nullhypothese) aufgrund der festgestellten Realitätskriterien nicht mehr
halten lässt, wird geschlossen, dass die Aussage einem wirklichen Erleben
entspricht und wahr ist (BGE 133 I 33 E. 4.3 S. 45 f., 129 I 49 E. 5 S. 58
f.; BGer 6B_542/2019 vom 28. August 2019 E. 2.3.1; AGE SB.2017.112
vom 9. Juli 2018 E. 4.1.2). Gegenüber den Realitätskriterien sind also in jedem
Fall auch mögliche Anhaltspunkte für eine Falschbezichtigung abzuwägen (vgl. dazu
Dittmann, a.a.O., S. 34 f.). 

 

3.3

3.3.1   Das
Strafgericht hat B____s Aussagen einer umfassenden und sorgfältigen Würdigung
nach den vorstehend zitierten Standards (insbesondere den Realitätskriterien)
unterzogen und die Wahrheits- und Unwahrheitskennzeichen eingehend geprüft
(vorinstanzliches Urteil S. 17 ff.). Es hat – wie sich aus der Visualisierung
der Einvernahmen ohne weiteres ergibt – zutreffend festgestellt
(vorinstanzliches Urteil S. 45), dass sich B____ als wacher Zuhörer erweist,
der auf die ihm gestellten Fragen überlegt, konkret und ohne Umschweife
eingeht, der nachfragt, wenn er etwas nicht versteht (zum Beispiel Video 3,
11:30), Erinnerungslücken eingesteht (beispielsweise Video 1, 13:40) oder
unkorrekt gestellte Fragen richtigstellt (zum Beispiel Video 1, 32:30 oder Video
2, 17:28). Zu keinem Zeitpunkt wirken seine Depositionen auch nur ansatzweise
zurechtgelegt, konstruiert oder einstudiert. In der Gesamtheit seines
körperlichen und sprachlichen Ausdrucks hinterlässt B____ das Bild eines
durchgehend ernsthaften, unverstellten und offenen sowie altersgemäss
vernünftigen und verständigen Jungen, der gut zuhört, sich gedanklich konkret
in die erlebte Situation zurückversetzt und differenziert antwortet, wie sich
etwa am Beispiel der ihm zweimal gestellten Frage zeigt, wie es ihm damals, zur
Tatzeit, ergangen sei. Es sei ihm – so B____ – «eigentlich gut» gegangen, er
habe sich «gut gefühlt». Nicht gut angefühlt habe sich nur, was sein Papi mit
ihm gemacht habe; was dieser gemacht habe, sei nicht gut gewesen für ihn (Video
1, 25:30, 50:10 und 50:32).

 

Aus den
Videostreams jeder der drei Einvernahmen ist aber auch deutlich erkennbar, wie schwer
sich B____ damit tut, an belastende und peinlich berührende Einzelheiten des
angeklagten Vorfalls erinnert zu werden. Es ist ihm offensichtlich unangenehm,
über das angeklagte Geschehen sprechen zu müssen, was sich mitunter darin
manifestiert, dass er bei der Schilderung intimer Details öfters seine Stimme
senkt und den Blick abwendet. So muss ihn der Befrager mehrmals an den
Handlungskern zurückführen, während B____ die Erinnerungen an die demütigende
Erfahrung jeweils rasch hinter sich bringen zu wollen scheint und die Gedanken
immer wieder dahin lenkt, wo er sich beschützt und verstanden weiss («und denn
simmer zu de [...] gange»). 

 

3.3.2   Hinsichtlich
des relevanten Kerngeschehens erweisen sich die Aussagen von B____ – wie das
Strafgericht ebenfalls zu Recht festgestellt hat (vgl. dazu vorinstanzliches
Urteil S. 45 f.) – als konstant. Er gibt die wesentlichen Elemente des
Handlungsverlaufs inhaltlich stets gleichbleibend wieder, ohne deswegen in ein
starres oder stereotypes Antwortschema zu verfallen: Schauplatz ist das
Wohnzimmer seiner Mutter, er und der Berufungskläger sitzen gemeinsam auf dem
Sofa, während die Mutter in der Küche mit Kochen beschäftigt ist. Der
Berufungskläger fragt seinen Sohn, ob dieser seinen Penis in den Mund nehmen
möchte, dieser verneint, der Vater zieht den Kopf des Jungen zu sich heran,
führt sein erigiertes Glied in dessen Mund und ejakuliert. Der Vater lässt ab,
zieht die Hose wieder hoch, setzt sich wieder aufs Sofa, derweil B____ im
Badezimmer den Mund mit Wasser ausspülen und das Vorgefallene seiner Mutter
berichten geht. Diese wirft den Berufungskläger in der Folge aus der Wohnung
und schliesst die Wohnungstür ab. Danach nehmen B____ und seine Mutter das
Abendessen ein und gehen zu Bett. In der Folge verspürt B____ zunächst
Hemmungen, das Erlebte zu erzählen, vertraut sich dann aber doch eines Tages
einer Praktikantin im Kinderheim (E____) an, welche dieses über eine weitere
Mitarbeiterin ([...]) an die Gruppenleiterin der «[...]» (F____) weiterleitet.

 

3.3.3   Das
im vorliegenden Fall vielleicht bedeutsamste Realkennzeichen taucht mit dem
Strafgericht (vorinstanzliches Urteil S. 48 f.) relativ spät in der ersten
Videobefragung auf, als B____ auf das Stichwort «Pfiffli und Pipimachen» fast
beiläufig erwähnt, dass er «das» im Brünneli mit Wasser ausgespült habe, ehe er
seiner Mutter in der Küche den Vorfall berichten gegangen sei (Video 1, 38:50,
39:17, 39:52). Auf die Frage, wie das im Brünneli Ausgespülte denn in seinen
Mund gekommen sei, meint B____: «Der hat doch Pipi gemacht», worauf er das dann
mit Wasser ausspülen gegangen und ihm dann wohler gewesen sei. Vom «Pipi», welches
«wie Wasser», «bitz gelb», ausgesehen habe, sei ein wenig aufs Sofa gelangt und
ein wenig in seinen Mund (Video 1, 39:58, 40:42, 47:15). Auch äusserte B____
sein Unverständnis darüber, warum der Berufungskläger ausgerechnet in seinem
Mund habe Pipi machen müssen, nachdem es ihm zuvor offenbar kein Bedürfnis
gewesen sei («denn er hat vorher nicht Pipi machen müssen» [Video 1, 41:30]). Ganz
offensichtlich vermochte B____ – völlig altersgemäss – das Ejakulat, worum es
sich beim beschriebenen «Pipi» zweifellos gehandelt haben muss, nicht
einzuordnen, was dem Realkennzeichen der «phänomengemässen Schilderung
unverstandener Handlungselemente» entspricht. 

 

Kaum anders als
mit eigenem Erleben lässt sich sodann erklären, wie B____ die Reaktion seiner
Mutter wiedergibt: «Dann hat sie gesagt Jetzt gehst du heim» (Video 1,
10:20); «Du musst jetzt heimgehen. Dann musst du daheim überlegen, wie du
umgehst und dann darfst nie mehr kommen. Nie mehr» (Video 1, 26:25); «Und dann
hat Mami ihn rausgeschickt und dann hat sie gesagt: wenn du jetzt nicht
rausgehst, rufe ich halt die Polizei. Dann hat sie ihn rausgemacht und die Tür
abgeschlossen» (Video 2, 25:20). Dass D____ hinter dem der Wohnung verwiesenen
Berufungskläger die Tür verriegelte, erscheint mit dem Strafgericht
(vorinstanzliches Urteil S. 49 f.) ebenso lebensnah wie situationsadäquat und
hat B____ in den Videobefragungen mehrmals erwähnt (Video 1, 49:50; Video 2
21:25 und 25:20). Überhaupt sind seine Einlassungen bezüglich der Reaktion
seiner Mutter bemerkenswert konstant. Und die sinngemässe Wiedergabe der
Aufforderung an A____, sich daheim einmal zu überlegen, wie man sich aufführe,
kann nicht der Phantasie eines knapp Siebenjährigen entsprungen sein. Neben
dieses Realkennzeichen der Wiedergabe des gesprochenen Worts tritt zudem ein
unscheinbares, aber bedeutsames weiteres: In Video 1, 26:25, zitiert B____
seine Mutter mit den Worten «Du musst jetzt heimgehen», um diesem Satz die
beiläufige Bemerkung folgen zu lassen: «Lauter hat sie es gesagt». Auch solch
spontane Verbesserungen der eigenen Aussage und Zeichen gedanklichen
Wiedererlebens lassen B____s Aussagen authentisch und glaubhaft erscheinen.

 

Darüber hinaus
war B____ bestrebt, den Berufungskläger nicht über Gebühr zu belasten (so
beispielsweise in Video 1, 11:07, 28:40 und 29:55; Video 3, 13:20), schilderte schwer
erfindbare Details (der Berufungskläger habe so getan, als ob er das «Nein» zur
Frage, ob B____ sein Pfiffli in den Mund nehmen wolle, nicht verstanden habe
[Video 1, 20:43]) und gab auch innerpsychologischer Vorgänge bei sich selbst
und beim Täter wieder (B____s Beschreibung zufolge soll sich der Berufungskläger
nach vollzogener Tat wieder aufs Sofa gesetzt und «nochmals den Film
angeschaut» haben, «damit Mami das nicht glaubt», um also den Anschein zu
erwecken, dass nichts vorgefallen sei [Video 1, 10:05]; in Video 3, 35:30, hat B____
darüber hinaus ausgeführt, er fände es gut, dass sein Papi «Schimpfis» bekommen
habe). Auch wurden nebensächliche Einzelheiten geschildert (nach dem Vorfall
habe er Fleisch gegessen, das sei lecker gewesen [Video 1, 28:10] oder sein
Papi habe einmal die Türe nicht verschlossen, als er auf der Toilette gewesen
sei [Video 1, 33:30]). Unter den Aspekt «Schilderung ausgefallener Einzelheiten»
bzw. «unverstandene Handlungselemente» fällt schliesslich die Aussage des
Privatklägers, er habe bei seinem Vater einen «roten Dingpunkt» bzw. «so eine
rote Backe» [Video 1, 44:13]) festgestellt, wobei hier von einer Hautrötung,
einem «Sex Flush», auszugehen ist, wie dies während des Orgasmus auftreten kann
(vgl. bereits vorinstanzliches Urteil S. 47). 

 

3.3.4   Die
Ungereimtheiten, welche das Strafgericht (vorinstanzliches Urteil S. 50
ff.) in den Aussagen von B____, insbesondere hinsichtlich der logischen
Konsistenz, ausmacht (dass der Berufungskläger seine Hände während des ganzen
Vorfalls hinter seinem Rücken gehalten haben soll; die divergierenden Angaben B____s
dazu, ob und wie er sich gewehrt habe; sowie das erst spät berichtete Verlangen,
B____ müsse seine Augen verschliessen), hat es gleich selbst mit überzeugender
Begründung entkräftet. So ist es effektiv gut denkbar, dass sich der
Berufungskläger unmittelbar vor der Tatausübung mit in den Rücken gestemmten
Händen vor B____ aufgebaut hatte, mit der Folge dass dem Jungen dieses Bild
eingeprägt blieb (vorinstanzliches Urteil S. 47 f.). Dies ist nicht zuletzt
deshalb gut denkbar, da die in den Videostreams feststellbare Körpersprache B____s
ein anderes Vorgehen des Berufungsklägers als dasjenige, von welchem B____
berichtete, nahelegt: So legte B____ seine Hände während seines Berichts an den
Hinterkopf, zog den Kopf mit den Händen nach vorne und hielt diesen dann einen
Moment zwischen den Händen fest, was zu Fixierungszwecken aus Sicht des Täters
durchaus Sinn ergeben hätte (Video 1, 07:57, 43:43; Video 2, 07:57 und 18:08).
Eine mit der angeklagten Handlung so stimmig korrespondierende Aussage («den
Kopf so genommen») und begleitende Gestik (Hand an Hinterkopf und leichtes
Vorbeugen) dürfte die Erfindungskompetenz eines knapp Siebenjährigen
übersteigen, zumal B____ gemäss den Aussagen von E____ zwar offenbar auch schon
über «klassischen» Geschlechtsverkehr, indes nie über Oralverkehr berichtet
hatte (vgl. dazu nachfolgend E. 3.5.1). 

 

Eine auch (entwicklungs)psychologisch
nachvollziehbare Erklärung für den scheinbar beliebigen Versionenwechsel
bezüglich seiner Abwehrreaktion gegen den Berufungskläger (von «Stopp» gesagt,
über in «Pfiffli» bzw. Hand gebissen bis zu mit einem Fusstritt gewehrt) dürfte
mit dem Strafgericht (vorinstanzliches Urteil S. 50 ff.) darin zu finden sein,
dass eine solche möglicherweise gar nicht stattfand, B____ sich damals gegen
den übermächtigen Vater also gar nicht zur Wehr setzte, sich deshalb für das
gemäss Anklage ihm Widerfahrene (mit) in der Schuld sieht und damit hadert,
sich nicht bzw. nicht früher oder energischer zur Wehr gesetzt zu haben.
Ungeschickte, an B____s Mitverantwortung appellierende Fragen etwa von E____,
ob er sich denn nicht gewehrt habe und wie er das nur habe zulassen können
(vgl. dazu nachfolgend E. 3.5.1), dürften solche Schuldgefühle und deren
verfälschende Auswirkungen auf die Wiedergabe des Erlebten demnach zusätzlich
verstärkt haben, zumal B____ aus dem Kreis der Eingeweihten mit gutgemeinten
Ratschlägen zum künftigen Umgang mit sexuellen Übergriffen versorgt worden sein
dürfte. 

 

Auf einen
ähnlichen Entstehungshintergrund wie die von B____ behaupteten Abwehrszenarien dürfte
schliesslich auch die erst spät, in der zweiten Videobefragung vorgebrachte
Zusatzinformation zurückgehen, wonach er während der angeklagten Handlung auf
Geheiss des Berufungsklägers die Augen habe schliessen müssen (Video 2, 15:30, 18:08).
Auch hier könnte dem späten Vorbringen einer ihn entlastenden neuen Version B____s
Scham, Opfer einer so demütigenden Misshandlung geworden zu sein bzw. die
daraus resultierende Erinnerungsverfälschung zugrunde gelegen haben. So wie ein
heftiger Fusstritt oder kräftiger Biss eine beherztere Abwehrhandlung darstellt
als – wenn überhaupt – nur die Bitte aufzuhören («Stopp»), muss es für B____
Entlastung vom (Selbst-)Vorwurf der Mitverantwortung bedeutet haben, wenn er
sich bezüglich des schmachvollen Tatgeschehens als ahnungslos darstellen kann. 

 

3.3.5   Nach
dem Gesagten erweisen sich die Aussagen des Privatklägers zum Kerngeschehen –
dass der Berufungskläger dem Opfer gegen dessen Willen sein erigiertes Glied in
den Mund steckte und dabei zu einem Samenerguss kam – als authentisch und
glaubhaft.

 

3.4

3.4.1   Darüber
hinaus gibt es auch keinerlei Hinweise darauf, dass B____ von irgendjemandem zu
einer Falschbezichtigung veranlasst worden sein könnte oder dass ihm das
geschilderte Geschehen von irgendwoher suggeriert worden wäre (etwa im Rahmen
einer sogenannten «therapierten Erinnerung» oder ähnlichem, wie es bei Opfern
von Sexualdelikten im Kindesalter zumindest diskutiert wird). Seine Mutter hat
sich – wie noch zu zeigen sein wird (vgl. dazu E. 3.6) – stets strikt auf
die Seite des Berufungsklägers gestellt und den Vorfall rundweg abgestritten. Es
lag ihr ganz offensichtlich fern, B____ zu derartigen Aussagen zu beeinflussen.

 

3.4.2   B____
wuchs ab Geburt im [...] auf und ist seit jeher verbeiständet. Zur psychisch
kranken und ihrerseits ebenfalls verbeiständeten Mutter bestand regelmässiger
Kontakt, zum Vater hingegen nur selten (Akten S. 204, 713; Video 1, 23:15,
29:40). Die Betreuerinnen im [...] hatten zwar erhebliche Vorbehalte gegenüber dem
Berufungskläger (daher auch das Verbot, B____ in der Wohnung der Mutter zu
sehen [Akten S. 208 f., 300; vgl. dazu nachfolgend im Detail E. 3.4.3,
3.6.1, 3.7.3, 3.7.3, 3.7.4]). Dies hing aber offenbar mit seinem Verhalten
gegenüber B____s Mutter, mit der problematischen Paarbeziehung der Eltern sowie
mit der ungenügenden Vater-Sohn-Beziehung zusammen (Akten S. 204, 208 ff.).
Dass B____s Mutter nach Auffassung der Betreuerinnen ihrerseits nicht in der
Lage war, das Kindeswohl umfassend zu wahren und ihren Sohn notfalls vor
negativen Erfahrungen aus einem problematischen Umfeld zu schützen, zeigt sich
auch darin, dass B____ weitere Besuche im Wohnheim [...], in welchem die Mutter
vor ihrem per 1. Januar 2019 erfolgten Umzug in eine eigene Wohnung
untergebracht war, aufgrund des dortigen «problematischen Umfelds» (es ist die
Rede von Schimpfen und Auskitzeln, entgegen der Ansicht der Verteidigung [Akten
S. 703] mitnichten aber von sexuellem Missbrauch) ab Juli 2018 verweigert
wurden (Akten S. 262 f.). Von der einschlägigen Vorstrafe des Vaters
(vgl. dazu im Detail nachfolgend E. 3.8) hatten die Betreuerinnen dagegen
nach eigenen Angaben keine Kenntnis, wobei solches auch nie thematisiert und ihnen
das entsprechende Urteil auch nicht eröffnet worden war (Akten S. 23, 352).
Demgemäss erklärte D____ auf die Frage, weshalb der Berufungskläger den
gemeinsamen Sohn nur in Begleitung des Beistands habe sehen dürfen, man habe
gesagt, das der Berufungskläger «nicht sauber ist» und «dass er halt von seinem
Körperbau her nicht so adrett aussieht» (Akten S. 250 f.). Es erscheint
damit ausgeschlossen, dass die Betreuerinnen B____ eine entsprechende Geschichte
in irgendeiner Form – wenn auch unbewusst – eingeredet hätten, zumal der
Berufungskläger aufgrund seiner seltenen Besuche auch nicht speziell «lästig»
war. Vielmehr müsste B____ sie frei erfunden haben, was – wie nachfolgend zu
zeigen sein wird – auszuschliessen ist. 

 

3.4.3   Auch
B____ selbst hatte keinerlei Motiv, ohne realen Hintergrund einen derart
schwerwiegenden Vorwurf gegen seinen eigenen Vater zu erfinden. Wie das
Strafgericht zutreffend erwogen hat (vorinstanzliches Urteil S. 41), bietet jedenfalls
das in B____s Aussagen anklingende Bedauern über die spärliche Präsenz seines Vaters
oder der Umstand, dass der Berufungskläger mit seinem Sohn offenbar keinen sehr
freundlichen Umgang pflegte und es an väterlicher Zuwendung und Wärme fehlen liess
(Akten S. 270, 482), keine ausreichende Erklärung dafür. Dass ein Kind im Alter
von dazumals noch nicht einmal sieben Jahren ausgerechnet eine derart
schambehaftete, erniedrigende und verletzende Geschichte erfindet und diese
darüber hinaus noch über eine längere Zeit inklusive dreier anstrengender
Einvernahmen bei der Jugendanwaltschaft aufrechterhält, um sich am Vater für
dessen mangelnde Zuwendung zu rächen, ist nicht nur angesichts der Erfahrung,
dass Kinder dieses Alters möglichst wenig «anecken» wollen, abwegig. Wäre es B____
effektiv darum gegangen, seinen Vater zu bestrafen oder ihn aus seinem Leben
mit der Mutter zu verdrängen, so hätte er dazu alle möglichen anderen Vorwürfe
erfinden können, was ihm angesichts der Situation (die Mutter hatte davon
gesprochen, die Polizei zu requirieren, weil der Vater «blöd tat»; die
Heimleiterin hatte mit der Mutter geschimpft, weil sie entgegen der
entsprechenden Auflage Vater und Sohn zusammen empfangen hatte [Akten S. 203
f., 319 f.]), auch zweifellos bewusst war (von der einschlägigen Vorstrafe des
Vaters konnte B____ offensichtlich nichts gewusst haben, zumal nicht einmal
seine Mutter darüber im Bilde war).

 

Darüber hinaus
erhoffte sich B____s Mutter stets ein möglichst normales Familienleben unter
Einbezug des Vaters und bedauerte es, dass dieser sich nicht mehr um seinen
Sohn bemühte, wobei sie ihn zugleich auch in Schutz nahm und ihm attestierte,
dass er ein lieber Vater sei (vgl. dazu im Detail nachfolgend E. 3.6). B____
wusste, dass sich seine Mutter nicht an die vom [...] gesetzten Regeln hielt,
wenn sie ihn zu Hause mit dem Vater zusammenbrachte. Er wollte seine Mutter
diesbezüglich denn auch schützen. So nahm er sie in seiner ersten Befragung
spontan in Schutz: «Meine Mami ist nett und hat im Fall gar nichts gemacht» (Video
1, 52:25; Akten S. 221). Das deckt sich mit den Angaben der Betreuerin im [...],
F____, wonach B____ Angst gehabt habe, sie werde mit seiner Mutter schimpfen
(Akten S. 320). Indem B____ vom inkriminierten Vorfall berichtet hat, hat
er diesen eigenen Interessen zuwidergehandelt, was ihm gemäss Aussagen von F____
denn auch bewusst war (Akten S. 319 f.). 

 

3.4.4   Die
Aussagegenese und B____s Motivlage sprechen zusammengefasst stark dafür, dass
seine Schilderung realitätsbasiert ist, wobei das Strafgericht mit eingehender
Begründung, auf welche ergänzend verwiesen werden kann (vgl. vorinstanzliches Urteil
S. 41 ff.), zum selben Schluss gekommen ist.

 

3.5 

3.5.1   Die
Depositionen des Privatklägers werden darüber hinaus durch die Aussagen von E____,
welche seit August 2018 als Praktikantin im [...] tätig war, gestützt. In ihrer
Einvernahme vom 18. Juni 2019 (Akten S. 266 ff.) gab sie zunächst zu Protokoll,
dass das Setzen von Grenzen B____ gegenüber am Anfang nicht einfach gewesen sei.
Allein mit ihm und vielleicht einem anderen Kind höre er aber gut auf sie. Er
sei meistens auch recht offen ihr gegenüber und erzähle viel. Wenn sie mit
weiteren Kindern auf der Gruppe sei und mit ihm nicht mehr klarkomme, dann gebe
sie ihn ab. B____ sei nicht immer einfach und alle hätten ein bisschen
Schwierigkeiten mit ihm. Es gebe aber auch Betreuende, die ihn gut unter
Kontrolle hätten (Akten S. 268 f.). Auf die Frage, ob sie durch B____ auch
schon angelogen worden sei, meinte sie, dass dieser immer wieder Spässchen
mache, man aber eigentlich immer merke, ob es stimme oder nicht (Akten S. 269).

 

Den Vater von B____
kenne sie nicht, sie habe ihn in ihrer Zeit im [...] auch nie gesehen (Akten S. 270).
Soweit sie sich erinnere, sollte der Vater nicht zu Hause sein, wenn B____ da
sei. Dies habe B____ ihr bei früheren Gelegenheiten nicht erzählt. Sie habe das
eher so mitbekommen, wenn er es anderen erzählt habe. Die Besuche von B____ im [...]
habe sie «jetzt nicht so mitbekommen» (Akten S. 271). Es sei immer ausgemacht
gewesen, dass die Mutter etwas mit B____ mache, vom Vater sei nie die Rede
gewesen. B____ erzähle ohnehin, dass er nicht wolle, dass sein Vater zu Hause
sei und dass er Angst habe. Auf die Frage weshalb dies so sei, mutmasst E____
«weil er vielleicht merkt, dass er nicht richtig mit der Mutter umgeht. Er
erzählte mir auch, dass seine Mutter erzählt habe, dass sie die Polizei rufen
musste, weil der Vater blöd machen würde» (Akten S. 270). Einmal habe der Vater,
als die Mutter nicht zu Hause war, das WC-Papier weggenommen und B____ habe
gesagt, dass er dann «einfach so lange auf dem WC blieb, bis seine Mutter nach
Hause kam. Das kam mir so rüber, als wenn er Angst hatte, da seine Mutter nicht
zu Hause war und er auf dem WC wartete». B____ habe zudem erzählt, dass der
Vater «blöd gemacht habe und D____ die Polizei rief, diese kam und verwarnte
den Vater, wenn es nochmals passiert. Der Vater machte dann nochmals blöd. Die
Mutter war aber zu lieb, um die Polizei zu rufen» (Akten S. 275). Allgemein sei
der Vater gemäss Erzählungen von B____ nicht so nett, trinke Bier und sage
seiner Mutter, was sie zu tun habe (Akten S. 270). Letztere sei hingegen ganz
liebevoll und lasse B____ entscheiden, was er machen wolle. Wenn er nicht
«folge» oder nicht mache, was sie wolle, habe sie schon auch Schwierigkeiten
mit ihm. Auf seine Mutter habe sich B____ aber immer gefreut. Er habe auch
gefragt, wann sie wiederkomme (Akten S. 270 f.).

 

Zum Bericht über
den sexuellen Übergriff führte E____ Folgendes aus: «Also ich hatte
Nachtdienst. Er schaute noch einen Film. Im Film küssten sich am Schluss zwei
und er hat sich darüber lustig gemacht». Beim Zubettbringen und Liedersingen
sei er dann «wie aufgedreht» gewesen und habe plötzlich erzählt, «dass jemand
der Vater oder die Mutter [...] in einem Zeitungsartikel in einem Heim Sex
hatten. Das fand er zuerst noch ein bisschen lustig. Dann sagte er plötzlich,
dass er seine Eltern auch schon beim Sex gesehen habe. Als er reinkam, sagte
seine Mutter, dass er rausgehen soll. Er blieb dann und die Eltern machten
einfach weiter. Das hat er noch wie ein bisschen lustig gefunden. Plötzlich ist
er von dem Lustig in das Ernste reingekommen und sein Vater gesagt habe, dass
er seinen Penis in den Mund nehmen könne. Dann nahm er seinen Kopf und machte seinen
Penis in den Mund. Er sagte, dass er sogar reingepinkelt hat. Also so hat er es
mir beschrieben. Ich war dann mega schockiert und fragte ihn ob er sich nicht
gewehrt hat und wieso er das zugelassen hat. Er sagte, dass er sich erst danach
wehren konnte. Ich fragte was mit der Mutter, wieso sie nichts gemacht oder
gesagt habe. Er sagte, dass der Vater stärker sei und die Mutter ihn
zurückhalten wollte» (Akten S. 272). So wie sie B____s Schilderung verstanden
habe, habe der Vater den Kopf von B____ genommen und den Penis in B____s Mund
gemacht. «Als B____ mir das erzählte war er mega ernst und wollte, dass ich es
niemandem erzähle, weil er Angst hatte, dass dann wieder F____ mit seiner
Mutter streiten würde. Ich fragte auch, ob er das schon jemandem erzählt habe.
Er sagte nein» (Akten S. 272). B____ habe dies ihr gegenüber am Sonntag, 28. April
2019, berichtet. Wann sich der Übergriff ereignet habe, könne sie nicht
einschätzen. Sie denke aber, es sei schon ein bisschen her. Sie wisse nicht, ob
sie nicht gefragt habe, wann es war oder ob er ihr selbst nicht sagen konnte,
wann es passiert sei (Akten S. 272 f.). 

 

B____ habe ihr
nur von diesem einen Vorfall erzählt. Er sei zuvor bei seinen Erzählungen noch
lustig gewesen, auch als er vom Sex zwischen seinen Eltern berichtet habe. Als
er das mit dem Vater erzählt habe, sei er ernst gewesen und «traute sich mir
wie nicht mehr in die Augen zu sehen». Er habe nicht geweint. Man habe einfach
gemerkt, dass es ihn recht betreffe. «Ich habe das bei ihm noch nie so gesehen,
so ernst oder betroffen» (Akten S. 273 f.). B____ habe es ihr als Erste
erzählt, er wisse aber, dass sie es F____ und einer weiteren Betreuerin erzählt
habe. Sie wisse, dass er auch mit G____ darüber geredet habe. B____ habe wohl
damals wegen der Umstände (Nachtdienst, alle anderen Kinder ausser ihm hätten
geschlafen) eine Art Sicherheit gehabt, dass sie nur für ihn da sei und er ihr
etwas anvertrauen könne (Akten S. 274). Zum Schluss schildert E____ ihr
Dilemma, weil sie B____ zuerst gesagt hat, sie müsse das Erzählte nicht
weitersagen. Sie habe ihm dann mit ihrer Betreuungsperson zusammen erklärt,
dass es wichtig sei, solche Sachen zu sagen und dass man sie nicht für sich
behalten dürfe. «Dann ist er wieder ganz in sich rein. Er sagte, dass ihm eh
niemand glauben werde. Seine Mami werde ihm eh nicht glauben. Er hatte auch das
Gefühl, dass wir ihm auch nicht glauben. Wir machten ihm klar, dass wir ihm
helfen wollen und das nicht mehr passiert. […] B____ sagte, dass seine Mutter
eh lügen würde und man ihm nicht glauben wird» (Akten S. 276).

 

Auf entsprechende
Fragen des Verteidigers hin meinte E____, B____ habe ihr keine Details vom
angeblichen Sex der Eltern erzählt. Er habe nur gesagt, dass sie Sex gehabt
hätten. Er wisse aber ganz genau, was Geschlechtsverkehr sei, er habe ihr auch
schon gesagt, was Sex sei und wie es funktioniere. Sie denke, dass die Mutter
mit ihm darüber rede, das sei aber nur ihre eigene Theorie. Sie selbst habe in
dem Alter das alles jedenfalls nicht gewusst. Auf die Frage, ob B____ auch zu
erkennen gegeben habe, dass er wisse, was Oralverkehr sei, meinte sie: «Nein,
er hat immer nur das Normale beschrieben. Also nie sonst so Andeutungen auf
Oralverkehr» (Akten S. 277 f.). Als der Verteidiger noch nachfragte, was gemäss
B____ weiter passiert sei, antwortete sie: «Er sagte nichts, ich habe ihn
einfach darauf angesprochen, ob er sich nicht gewehrt hat. Er sagte, dass er
sich am Schluss gewehrt hat, wie weiss ich nicht» (Akten S. 278). Auf die Frage
des Verteidigers, wann sich die Situation, als sich die Mutter zwischen B____
und den Vater gestellt hat, Letzterer aber stärker war, ereignete, gab sie zu
Protokoll: «Also wie er es erzählt hat und ich es mir vorgestellt habe, dort wo
der Vater B____ zu sich genommen, seinen Kopf genommen hat. Er hat es nicht
genau gesagt. Er sagte nichts von der Mutter. Erst als ich ihn auf die Mutter
angesprochen habe, sagte B____, dass seine Mami dazwischen ging und ihn
zurückgehalten hat» (Akten S. 279).

 

3.5.2   E____
erscheint als neutrale Zeugin. Sie hat zweifellos eine von Zuneigung geprägte
Beziehung zum Privatkläger, bewahrt aber auch eine gewisse Distanz, indem sie
die problematischen Anteile an seinem Verhalten klar benennt. Den
Berufungskläger kennt sie gar nicht. Die Mutter von B____ beschreibt sie als
liebevoll und hebt hervor, dass sie eine wichtige Person im Leben des
Privatklägers sei und er eine positive Beziehung zu ihr habe. Es gibt keinerlei
Hinweis darauf, dass E____ beabsichtigt hätte, das Verhältnis des Privatklägers
zu seinen Eltern zu torpedieren. So hatte sie offenkundig schon früher
mitbekommen, dass der Vater teilweise abredewidrig zugegen war, wenn B____
seine Mutter besuchte und hatte auch erfahren, dass sich der Vater gegenüber der
Mutter nicht korrekt verhielt. Das hat die Praktikantin aber offenbar nicht zum
Anlass genommen, etwa bei der Heimleitung zu intervenieren (wohl, weil sie den
Ereignissen keinen allzu grossen Stellenwert beigemessen hat). Auch allfällige
Vorkommnisse im [...] hat die Praktikantin «nicht so mitbekommen», die
diesbezüglichen Massnahmen fielen in den Bereich der [...]-Leitung. 

 

Erst B____s
Eröffnung, dass es zu einem sexuellen Übergriff gekommen sei, hat die
Praktikantin dann ‒ verständlicherweise ‒ «mega schockiert» und zum
Aktivwerden veranlasst. E____ ist damit gewiss kein Übereifer anzulasten, der
sie zu voreiligen Verdächtigungen oder Beschuldigungen hätte treiben können.
Auch ihre Schilderung von B____s Bericht wirkt keineswegs aufgebauscht oder
dramatisierend. Sie gibt das Erzählte schlüssig wieder, eingebettet in einen räumlich-zeitlichen
Kontext und unter Schilderung auch von Details (wollte gerade Gutenachtlieder
singen, alle anderen Kinder schliefen). Sie beschreibt das Verhalten B____s
während seiner Erzählung ‒ wie er zuerst aufgedreht war, von lustig zu
ernst wechselte, wie er ihr nicht mehr in die Augen sah ‒ wobei sie auch
hier auf eine dramatisierende Darstellung verzichtet und etwa erklärt, B____
habe nicht geweint. Sie stellt auch Überlegungen dazu an, wie sich B____
gefühlt haben könnte und beschreibt ihre eigenen innerpsychologischen Vorgänge,
nämlich wie sie schockiert gewesen sei, wie sie danach in ein Dilemma geriet,
weil sie sich verpflichtet sah, das ihr Anvertraute weiterzusagen. Wenn sie
etwas nicht mehr weiss oder gar nicht erfragt hat, tut sie dies kund. Darüber
hinaus benennt sie auch klar, wenn etwas ihrer eigenen Vorstellung oder
Überlegung entspringt. 

 

Insgesamt kommt
den Aussagen von E____ hohe Glaubhaftigkeit zu und es ist davon auszugehen,
dass sie B____s Angaben korrekt wiedergibt. Das ist ein gewichtiges Indiz
dafür, dass B____ den geschilderten sexuellen Übergriff tatsächlich erlebt hat.
Es wäre kaum zu erklären, weshalb er sonst dergleichen seiner engen
Bezugsperson im vertrauten Zusammensein hätte erzählen sollen, nachdem er ‒
wie zuvor erwogen (vgl. dazu E. 3.4) ‒ keinerlei Anlass für eine
Falschbezichtigung hatte.

 

3.6

3.6.1   D____
hat anlässlich ihrer Einvernahme vom 13. Juni 2019 (Akten S. 247 ff.)
ausgesagt, sie habe «das Kind» (sie bezeichnet B____ immer so; auf die Frage,
weshalb sie das tue, meint sie, er sei eben noch ein Kind [Akten S. 248
f.]) anfangs praktisch jeden Tag besucht. Seit er «gross» sei (seit dem vierten
Lebensjahr), sehe sie ihn drei Mal pro Woche. Der Vater habe das Kind in den
ersten drei Jahren nicht besuchen dürfen. Danach seien die Besuche probeweise
im Büro der Beiständin erlaubt worden. Der Grund dafür sei, dass man «sagte,
dass A____ nicht sauber ist», «halt von seinem Körperbau her nicht so adrett
aussieht» (Akten S. 251). Man habe verboten, dass der Berufungskläger bei
ihr und B____ sei, wobei A____ von dieser Auflage gewusst habe. Seit sie im Januar
2019 eine eigene Wohnung bezogen habe, sei es dort zu zwei gemeinsamen Treffen zu
dritt gekommen. Das erste Mal ungefähr im Februar 2019, das letzte Mal ungefähr
in der dritten Märzwoche (Akten S. 251 f.).

 

Dass es zu
sexuellen Handlungen gekommen sein soll, bezeichnet D____ als «nicht wahr». Sie
kenne den Berufungskläger seit acht Jahren. Die vorgeworfene Tat hält sie für
«unmöglich. «Mein Mann ist 37 Jahre, er weiss, was Recht und Unrecht ist. Er
liebt sein Kind» (Akten S. 255). Auf die Frage, warum B____ denn so etwas erzählen
sollte, meint sie: «Ich kenne das Kind, das sind seine Gedanken. Er ist ein
spezielles Kind. Das Kind kann sagen, was es will, das was er sagte, stimmt
nicht» (Akten S. 254). Hingegen bestätigt sie, dass B____ und sein Vater im
März 2019 auf dem Sofa im Wohnzimmer gesessen sind: «Also das mit dem Sofa war
im März, das war beim 2. Besuch». B____ habe mit seinem Vater Spiele gemacht, Memory,
glaube sie (Akten S. 253 f.). Danach sei der Vater nach Hause gegangen und sie
mit B____ in die Stadt, um Trommeln zu hören [anlässlich eines
«Bummelsonntags»]. Auf die Frage, ob es einen Moment gegeben habe, als Vater
und Sohn alleine zusammen auf dem Sofa gesessen seien, meinte sie: «Ich denke
schon. Ich sagte, ich gehe in den Keller, um Wäsche zu holen». Die beiden seien
in normaler Distanz von etwa 30 Zentimetern gesessen. Sie seien aber lediglich
ganz kurz alleine gewesen (Akten S. 254). Auf dem Sofa sei nichts
passiert, «B____ lief und fiel hin. Es ist nichts passiert. Normal, dass ein
Kind halt hinfällt» (Akten S. 254). 

 

Sie sei von B____
bisher nicht auf den zur Diskussion stehenden Vorfall angesprochen worden. Sie
liebe ihr Kind, aber sie denke, das stimme nicht (Akten S. 256). Den
Berufungskläger habe sie seit dem Vorfall noch zwei weitere Male gesehen, ohne B____.
Sie und der Berufungskläger hätten «nur gute Gefühle füreinander» (Akten S.
258). B____ habe sie seit etwa der dritten Aprilwoche nicht mehr getroffen. Er
habe anlässlich dieses letzten Besuchs keine Andeutungen wegen eines solchen
Vorfalls gemacht (Akten S. 260 f.). Auf die Frage, seit wann sie einen Fernseher
in der Wohnung habe, gab D____ zunächst trotz zweifacher Nachfrage zu
Protokoll, dass sie keinen TV habe (Akten S. 255). Erst auf die Frage des
Verteidigers zum Schluss der Einvernahme meinte sie dann, dass sie jetzt einen
TV-Bildschirm habe. Ihr Sohn [...] habe ihr vor etwa einem Monat einen solchen gebracht.
Es brauche aber noch ein Gerät. Man könne noch nicht TV schauen (Akten S. 260).

 

3.6.2   An
der erstinstanzlichen Hauptverhandlung hat D____ ihren «Mann» weiterhin in
Schutz genommen und bestritten, etwas von einem Übergriff auf B____ mitbekommen
zu haben. Auf die Frage, warum sie den Berufungskläger im Gefängnis nicht
besucht oder ihm geschrieben habe, meint sie, sie habe die Polizei kontaktiert
und dort die Auskunft bekommen, man könne ihr nicht sagen, wo er sei (Akten S. 482).
Sie liebe den Berufungskläger, aber sie wisse nicht, ob er sie auch liebe (Akten
S. 486). Sie «hätte es gerne, wenn der Vater mit dem Sohn so gut auskäme wie
ich, wie in einer [...] Familie». Der Vater habe «den Sohn auch sehr lieb. Aber
der Sohn lebt zurzeit nicht mit den Eltern, sondern im Kinderheim. Und im
Kinderheim hat der Vater wenig Kontakt, weil sie ihm verboten haben, den Sohn
zu sehen. Ich sähe es gerne, wenn der Vater B____ häufig im Kinderheim besuchen
käme. Dadurch, dass der Vater zu seinem Sohn keinen Kontakt hat, entstehen auch
Probleme fürs Familienleben. Dann wollte man dem Vater etwas anlasten, was
passiert sein soll, aber das ist nicht wahr. Der Beschuldigte hat mit seinem
Sohn vielleicht manchmal nicht sehr nett gesprochen, aber das, was man ihm
anlastet, den Penis dem Sohn in den Mund gegeben zu haben, das stimmt gar
nicht» (Akten S. 482). Auf die Frage, ob sie im Verlauf des Verfahrens erfahren
habe, dass der Berufungskläger (einschlägig) vorbestraft sei, meint sie, sie
habe bis heute nichts davon gewusst. Die Frage, ob es sie interessiere
weswegen, bejaht sie. Es wird ihr dann mitgeteilt, dies sei, weil er ein elf- und
ein 13-jähriges Mädchen unsittlich berührt habe. Hierauf meinte sie: «Mir hat
er nur erzählt, dass er mit der Polizei ein Problem gehabt habe. Von Kindern
hat er nichts erzählt», um kurz darauf völlig aus dem Zusammenhang gerissen
darauf zurückzukommen: «Und was die Mädchen von 11 und 13 Jahren angeht, so ist
es so, dass die beiden Mädchen zu ihm, zum Beschuldigten, gegangen sind. Auf
seinem Handy habe ich ein Foto dieser Mädchen gesehen. Diese Mädchen sind zu
ihm hingegangen, es ging darum, bei etwas zu helfen» (Akten S. 483). 

 

Die angeblich
zwei Gelegenheiten, bei welchen der Berufungskläger zusammen mit B____ in der neu
bezogenen Wohnung gewesen ist, schildert D____ nun anders als noch zuvor (Akten
S. 483 f.). Im Gegensatz zu ihrer ersten Einvernahme gibt sie nun unter anderem
zu Protokoll, Vater und Sohn seien im Wohnzimmer gewesen, während sie in der
Küche (von wo aus selbst bei offener Türe kein direkter Sichtkontakt in das
Wohnzimmer besteht [Akten S. 291, 299]) Nudelsuppe vorbereitet habe. Später
soll man einen Ausflug mit dem Auto nach Dornach unternommen haben. B____s
angebliche Falschbezichtigung erklärt sie mitunter damit, dass dieser ihre
Beziehung zum Vater nicht habe akzeptieren können. Zugleich versucht sie auch
die Aussage, sie hätte vor dem Jungen mit dem Berufungskläger Geschlechtsverkehr
gehabt, zu entkräften: «Beim ersten Mal ging ich den Sohn holen, da war der Beschuldigte
immer noch im Bett. Und dann hat B____ dem A____, der noch im Bett lag, ein «Mützi»
gegeben. […] B____ hat bei der Polizei gesagt, dass er gesehen habe, wie Vater
und Mutter miteinander Sex gehabt hätten. Aber das stimmt nicht. Ich habe nur
Hallo gesagt und A____ ist aufgestanden, hat sich angekleidet und dann hat man
Nudelsuppe gegessen, das ist alles […] B____ kann es nicht akzeptieren, wenn ich
dem Vater ein Mützi gebe, also zur Begrüssung. Weil wir zu lange auseinander
waren. Und dann habe ich A____ mit einem kleinen Mützi begrüsst und mich ein
bisschen neben ihn gelegt. Nur so ein wenig, um Familie zu zeigen. Aber B____
kann das nicht akzeptieren. Und er erzählte den Begleiterinnen im Heim, dass
Vater und Mutter miteinander Sex gehabt hätten. Und der Vater habe ihm das
Geschlecht gezeigt und ihm in den Mund gesteckt» (Akten S. 484). Ausserdem sei B____
enttäuscht, weil sein Vater nicht so nett zu ihm sei. Auch das soll «das Kind» nicht
akzeptieren können (Akten S. 485). 

 

Auf die Frage,
ob B____ ihr von sexuellen Handlungen des Vaters berichtet habe, meint sie: «Er
hat nicht erzählt, dass sein Vater mit ihm Sex gemacht hätte oder so. Aber ich
denke, B____ war von seinem Vater so enttäuscht, dass dieser ihm nicht Liebe
und Wärme gab und sich so gegen B____ verhielt, obwohl man sich so selten sah»
(Akten S. 485). Ihr Sohn habe wohl «diese Geschichte aufgebaut […] mit dem Geschlecht
des Vaters. Aber meine Meinung ist, dass er so enttäuscht ist in seiner
Erwartung, dass ihm der Vater mit Liebe und Wärme begegnet. Er ist enttäuscht
und hat das Gefühl, dass er die väterliche Liebe und Wärme nicht bekommen hat».
Der Vater habe «auch manchmal komische Gedanken, aber das ist nicht passiert» (Akten
S. 485). Dann kommt sie von sich aus auch noch auf die Episode mit dem
WC-Papier zu sprechen, das der Berufungskläger seinem Sohn weggenommen haben soll
(vgl. dazu E. 3.5.1). Nachdem sie einen solchen Vorfall anlässlich ihrer ersten
Einvernahme noch abgestritten hatte, meinte sie nun, B____ habe ihr erzählt,
dass der Vater ihm das WC-Papier weggenommen habe und fügt an: «Der Vater hat
sein Leben so gelebt und überträgt seine Probleme auf den Sohn» (Akten S. 485).
Zum Fernseher meint sie nun auf die Frage, ob sie beim ersten oder zweiten Besuch
einen Fernseher in der Wohnung gehabt habe: «Wir haben einen Fernseher, können
aber nicht schauen», auch keine Videos. Ihr Sohn [...] habe diesen Fernseher
gebracht, aber sie habe noch keine Box, damit es funktioniere. Auf den Hinweis,
DVD’s könne man auch ohne Box schauen, meint sie nur: «Nein» und auf die Frage,
ob der Fernseher also seit Monaten dort stehe und dunkel sei, antwortete sie
mit «Ja», wobei das auch heute noch so sei. Sie könne weder Fernsehen noch
Videos schauen, gar nichts (Akten S. 484). Ihr älterer Sohn [...] habe den
Fernseher vor etwa fünf Monaten (vom Zeitpunkt der erstinstanzlichen
Hauptverhandlung an gerechnet) vorbeigebracht. Auf die Frage, ob der Fernseher
beim zweiten Besuch im März schon in der Wohnung gewesen sei oder nicht,
antwortete sie «Noch nicht» (Akten S. 486 f.).

 

3.6.3   Die
Aussagen von D____ weisen zahlreiche Widersprüche, mitunter auch in zentralen
Punkten (Ablauf des angeblichen Tattags, Fernseher im Wohnzimmer), auf und
wirken insgesamt nicht ansatzweise schlüssig. Sie sind vom offensichtlichen
Bestreben geprägt, den Berufungskläger zu schützen und auch selbst in einem
besseren Licht als Mutter dazustehen. Dies ist besonders dann augenfällig, wenn
sie von der Geschichte mit dem WC-Papier zunächst nichts wissen will, um danach
plötzlich von sich aus darauf zurückzukommen und eine Erklärung dafür zu suchen
oder, nachdem sie mit der einschlägigen Vorgeschichte des Berufungsklägers
konfrontiert worden ist, plötzlich eine absurde Erklärung dazu einwirft (auf
dem Handy des Berufungsklägers habe sie ein Foto dieser Mädchen gesehen; sie
seien «zu ihm hingegangen, es ging darum, bei etwas zu helfen»). Dasselbe gilt sodann
für die Aussage ihres Sohnes, er habe seine Eltern beim Sex gesehen, welche sie
ebenfalls zu entkräften sucht (sie habe den Berufungskläger «mit einem kleinen
Mutzi begrüsst» und sich «ein bisschen neben ihn gelegt. Nur so ein wenig, um
Familie zu zeigen. Aber B____ kann das nicht akzeptieren»). 

 

D____ hat auch ein
Motiv dafür, den Berufungskläger zu schützen. Erstens befand bzw. befindet sie
sich offenbar noch immer in einer emotionalen Abhängigkeit von A____, sprach
sie doch an der erstinstanzlichen Hauptverhandlung noch davon, dass sie – trotz
aller Bedenken, die sie angesichts ihrer eigenen Erfahrungen und der
Ermahnungen der Heimleiterin haben musste – ihn liebe, zumal sie den
Berufungskläger gemäss dem Vollzugsbericht der JVA Lenzburg vom 15. Dezember
2020 seit seinem Eintritt in die JVA sieben Mal besucht hat (Akten S. 667).
Auch der behandelnde Psychiater von D____, [...], bestätigt in seinem Schreiben
an das Strafgericht vom 25. September 2019, dass seine Patientin «emotional
nicht frei von der Person des Beklagten» sei und plädiert dafür, eine Begegnung
zwischen den beiden «tunlichst zu vermeiden» (Akten S. 452). Darüber hinaus versuchte
D____ – nachdem sie eben erst aus ihrer eigenen Einvernahme kam, welche
aufgrund des Fehlens einer Übersetzerin abgebrochen werden musste – den
Berufungskläger kurz nach Beginn von dessen Befragung auf dem Mobiltelefon zu
erreichen (Akten S. 238). Zweitens hatte sie den Traum von einer
gemeinsamen Familie mit dem Berufungskläger und B____ offenbar noch nicht
aufgegeben, wie aus ihren Aussagen ebenfalls deutlich wird. Und drittens musste
ihr spätestens nach den Ereignissen im [...] auch klar sein, dass der Kontakt
zu ihrem Sohn weiteren Einschränkungen unterworfen würde, wenn sie nicht in der
Lage wäre, ihn in seiner körperlichen und psychischen Integrität zu schützen. 

 

Die einzige
Erklärung, welche D____ für die angebliche «Geschichte» vorbringt, die ihr Sohn
«aufgebaut» haben soll, ist seine Enttäuschung über die mangelnde väterliche
Liebe und Wärme. Dass ein Kind im Alter von dazumals noch nicht einmal sieben Jahren
ausgerechnet eine derart schambehaftete, erniedrigende und verletzende
Geschichte erfindet, um sich am Vater für dessen mangelnde Zuwendung zu rächen,
ist – wie bereits bezüglich der Aussagegenese erwogen (vgl. E. 3.4) – abwegig.
Den Aussagen von D____ kommt nach dem Gesagten keinerlei Glaubhaftigkeit zu.
Vielmehr machen sie deutlich, dass die Befürchtung von B____, wonach seine
Mutter ihn der Lüge bezichtigen werde (Akten S. 276), zutrifft. 

 

3.7

3.7.1   An
der Einvernahme zur Hafteröffnung vom 12. Juni 2019 (Akten S. 88 ff.) äussert
sich der Berufungskläger kaum zum Sachverhalt. Er erwähnt, dass D____ ihn
während der Befragung angerufen habe (das Telefon hatte geklingelt) und meint
auf die Frage nach der Fortsetzungsgefahr, er habe solche Handlungen mit
Kindern noch nie gemacht und würde es auch nie machen (Akten S. 89). An
der Verhandlung vor dem Zwangsmassnahmengericht vom 14. Juni 2019 (Akten S. 99 ff.)
meint er dann, er wisse nicht, weshalb sein Sohn so etwas sagen sollte, wenn es
nicht stimmte. Ausserdem erklärt er, er sei bezüglich der Vorstrafe «wirklich
unschuldig», er habe mit der Familie zusammengelebt und «man hat das alles
konstruiert» (Akten S. 100). 

 

3.7.2   An
seiner Einvernahme vom 12. Juni 2019 (Akten S. 228 ff.) meint der
Berufungskläger zunächst, er habe seinen Sohn, sobald ihm monatliche Besuche
erlaubt worden seien, «jeden Monat besucht. Manchmal hatte ich halt zu tun und
bin alle 2 oder 3 Monate ihn besuchen gegangen» (Akten S. 230). Er habe
«seit 7 Jahren nicht verstanden», weshalb B____ weder beim Vater noch bei der
Mutter leben dürfe (Akten S. 230). Von der Auflage, nicht in der Wohnung
der Kindsmutter zu sein, wenn B____ dort sei, wusste er angeblich nichts (Akten
S. 231). Auf die Frage, wann genau er mit B____ zusammen gewesen sei und
sie gemeinsam TV geschaut hätten, meint er: «Also sie haben keinen TV. Es ist
nur ein Sofa und wir haben nur zusammen gegessen». Auf die Nachfrage, weshalb B____
gesagt habe, der Vater habe TV geschaut, während er daneben sass, meint er
nochmals: «Sie haben keinen TV. Zu dieser Zeit war sie neu in der Wohnung. Sie
hatte da keinen TV. Vielleicht hat sie jetzt einen TV, ich weiss es nicht»
(Akten S. 232). Auf Frage seines Verteidigers zum Schluss der Einvernahme meint
er nochmals, er sei zu 100 Prozent sicher, dass es bei seinem letzten Besuch in
der Wohnung, als B____ zugegen war, dort keinen Fernseher gehabt habe. Ein
anderer Sohn von D____ habe ihr ein TV-Gerät von sich angeboten. «D____ sagte,
dass wir bei ihm einen TV abholen können. Ich sagte zwar ja, ich hatte an
diesem Tag aber keine Zeit und bin nicht gegangen. Auch zu einem späteren
Zeitpunkt konnte ich den TV nicht abholen. Ich war zuletzt vor zwei Wochen bei
ihr, da habe ich einen TV gesehen bei ihr, der war aber nicht angeschlossen.
Kein Kabel nichts» (Akten S. 236). 

 

Er habe B____
zweimal in der Wohnung von D____ besucht. Einmal hätte ihn die Mutter alleine
abgeholt und sie seien nachher zusammen mit dem Auto umhergefahren. Das andere
Mal hätten sie B____ gemeinsam im Kinderheim abgeholt (Akten S. 230). Auf die
Frage, was genau geschehen sei, als er und B____ auf dem Sofa im Wohnzimmer gesessen
seien, gibt er Folgendes zu Protokoll: «Wir sind zusammen einfach dagesessen.
Ich oder die Mutter hatten gekocht, das weiss ich nicht mehr. Was soll das?
Danach sind wir rausgegangen. Ich habe ein Auto. Seine Mutter ist einen
Autositz holen gegangen. Dann sind wir mit dem Auto in die Stadt und sind
einfach herumgefahren» (Akten S. 232). Auf die Frage seines Verteidigers
wenige Augenblicke später, wo man mit B____ anlässlich des letzten Besuchs (fünf
Wochen vor dem 2. Mai 2019) hingegangen sei, schildert er hingegen, dass man B____
zu zweit im Kinderheim abgeholt habe und dann zu D____ nach Hause gegangen sei,
wo bereits gekocht gewesen sei. Nach circa einer Stunde, habe die Mutter mit B____
an ein «Fest» in der Stadt gehen wollen. Er sei aber nicht mitgegangen und mit
seinem Auto nach Hause gefahren» (Akten S. 236). 

 

3.7.3   Anlässlich
seiner Einvernahme vom 5. Juli 2019 (Akten S. 328 ff.) äussert sich der Berufungskläger
zur Auflage, seinen Sohn nicht bei D____ sehen zu dürfen, anders. Nun räumt er –
was auch D____ unmissverständlich bestätigt hat (vgl. dazu schon E. 3.6.1) – ein,
dass bereits kurz nach B____s Geburt darauf hingewiesen worden sei, dass er
seinen Sohn nur im [...] besuchen dürfe (Akten S. 329). Dass er sich nicht
daran gehalten habe, liege daran, dass die Kindsmutter anlässlich des zweiten
Besuchs im Heim angerufen habe, weil B____ seinen Vater vermisst habe. Hierauf
habe F____ die Erlaubnis gegeben, «wir könnten das Kind abholen, er könne eine
Stunde bei uns bleiben, dann sollten wir ihn zurückbringen». Sie seien zu dritt
an einem Fest gewesen. Danach habe er sich verabschiedet (Akten S. 329 f.,
333). Beim ersten Mal sei er bei der Mutter gewesen. «Sie sagte, sie habe einen
Termin mit dem Kind und wir könnten ihn abholen. Wir holten ihn ab mit dem
Auto. Seine Mutter bekam vom Kinderheim einen Kindersitz. Wir sind ein bisschen
rumgefahren. Und dann waren wir vor der Wohnung der Mutter und dann habe ich
mich verabschiedet und bin nach Hause gefahren» (Akten S. 330). Auf
Nachfrage, wie es denn mit dem Autofahren genau gewesen sei, antwortete er: «Das
Kind hat mich vermisst und hat gesagt, wir müssen ihn abholen. Das haben wir
nach Rücksprache mit F____ getan. Die Mutter hat das Kind abgeholt und nach
Hause gebracht beim ersten Mal. Wir waren zu dritt 20 Minuten zu Hause. Dann
hat die Mutter gesagt, wir könnten ein wenig rumfahren mit dem Auto. Ich sagte,
sie solle den Kindersitz im Kinderheim holen. Das hat sie getan und wir sind
dann etwas rumgefahren im Baselland in den Bergen, zu einer alten Kirche ganz
oben. Dann habe ich sie nach Hause gefahren, mich verabschiedet und bin
gegangen» (Akten S. 330). Die Übergriffe auf seinen Sohn bestreitet der
Berufungskläger weiterhin mit Vehemenz. Er schwöre bei seiner Ehre, dass das
alles erfunden sei. Er sei doch nicht verrückt. Das sei alles Lüge. «Vielleicht
sollte man das Kind fragen. Vielleicht hat ihm jemand gesagt, dass er solche
Aussagen machen muss» (Akten S. 331 f.). 

 

3.7.4   An
der erstinstanzlichen Hauptverhandlung (Akten S. 477 ff.) verstrickt sich der
Berufungskläger in neue Widersprüche und offensichtliche Ausflüchte. An seine
Vorstrafen (vgl. dazu nachfolgend E. 3.8) will er sich zuerst gar nicht recht
erinnern. Zur einschlägigen Vorstrafe des Bezirksgerichts Brugg meint er dann
auf die konkrete Frage hin, ob behauptet wurde, er habe zwei junge Mädchen
berührt: «Aber in der Familie». Er habe nur ein 15-jähriges Mädchen massiert,
nachdem er deren Mutter massiert hatte. Ein weiteres Mädchen habe er gar nicht
berührt. Wegen Körperverletzungsdelikten will er nicht verurteilt worden sein.
Allerdings führt er dann aus, er sei einmal drei Monate «im Knast» gewesen und
erinnert sich auch noch an acht Monate im Altersheim geleistete gemeinnützige
Arbeit sowie an eine Geldstrafe (Akten S. 478). Auf die Frage nach seiner
sexuellen Orientierung meint er: «Ich tendiere zu älteren Damen eher. Vor drei
bis vier Jahren war ich noch schwul, aber jetzt nicht mehr». Von Kindern fühle
er sich nicht angezogen (Akten S. 479). 

 

Zu D____ habe er
bis zu seiner Inhaftierung eine glückliche Beziehung gehabt. Seinen Sohn habe
er einmal im Monat im Kinderheim besucht. Zwei Mal habe er ihn auch bei der
Mutter zu Hause gesehen. Es stimme nicht, dass er B____ im Kinderheim kaum je
besucht habe, er sei einmal im Monat dort gewesen. Von der Auflage, dass er
seinen Sohn bei der Mutter zu Hause nicht besuchen darf, will er nun wieder
nichts gewusst haben: «Nein, davon wusste ich nichts, hat man mir nichts
gesagt» (Akten S. 479). Betreffend Fernseher meint er nun, es habe bei den beiden
Besuchen, anlässlich welchen er B____ bei dessen Mutter sah, keinen Fernseher
gehabt. Später habe D____ ihm gesagt, dass sie einen Fernseher besorgt habe,
der sei dann am Boden gestanden. Er habe aber nicht funktioniert (Akten S. 479
f.). Sexuelle Handlungen mit seinem Sohn streitet er weiterhin ab. Auf die
Frage, wie er sich erklären könne, dass B____ so etwas mitgeteilt habe, meint
er: «Darüber kann nur spekuliert werden. Entweder hat ihn jemand im Kinderheim
beeinflusst und instruiert, so etwas zu sagen, damit die Mutter und ich uns
trennen oder damit Probleme entstehen. […] Es kann sein, dass es jemand anderes
war und er mich mit diesem verwechselt hat, oder dass mit seiner geistigen
Entwicklung etwas nicht in Ordnung ist, oder dass er das geträumt hat» (Akten
S. 480). 

 

Über den Ablauf
der beiden Besuche bei der Mutter zu Hause bzw. was man dazumals gemacht hat, wer
B____ wie abholte, ob man gemeinsam an ein Fest ging oder ob der
Berufungskläger sich zuvor verabschiedete, bleiben weiterhin erhebliche
Unklarheiten bestehen (nun soll man – nachdem D____ B____ abgeholt hatte – beim
ersten Treffen mit dem Auto in der Stadt umhergefahren und nur etwa zehn
Minuten zu dritt in der Wohnung gewesen sein; beim zweiten Mal habe man B____
mit dem Segen von F____ gemeinsam abgeholt und in die Wohnung genommen; dort
habe man zusammen gekocht bzw. das Essen vom Tag davor aufgewärmt; die Mutter
sei später mit B____ an ein Fest gegangen, weil er am Montag arbeiten musste,
sei er mit dem Auto nach Hause zurückgefahren [Akten S. 480 f.]).

 

3.7.5   Auch
in der heutigen Berufungsverhandlung (Akten S. 705 ff.) hat A____ den
angeklagten Sachverhalt vehement bestritten. Vom Verbot, B____ in der Wohnung D____s
besuchen zu dürfen, will er – trotz Vorhalts der vorzitierten, anderslautenden
Aussage (Akten S. 329 f.) – nichts gewusst haben. Auf die Frage, warum B____
denn ohne realen Erlebnishintergrund eine derart heftige Beschuldigung verbreiten
sollte, gab er zu Protokoll, dass B____ zuvor gemäss Telefonat mit D____ vom 2.
Mai 2019 während dreier Wochen bei seiner Mutter gewesen sei, er aber nicht
wisse, was während dieser Zeit passiert sei. Nachdem er auf entsprechende
Fragen der Verfahrensleiterin zunächst versicherte, mit D____ – auch während
der Gefängnisbesuche – nicht über die Beschuldigungen seines Sohnes geredet zu
haben, musste er dann wenig später auf Vorhalt der von seinem Verteidiger heute
vorgetragenen «Noven» (vgl. dazu nachfolgend E. 4.3.3) doch eingestehen,
mit ihr darüber gesprochen zu haben. Auf die Frage nach seiner sexuellen
Orientierung, antwortete er, dass er sich zu «Frauen im Alter meiner Freundin»
hingezogen fühle (Akten S. 714 ff.). 

 

Da er seinen
Sohn seit fünf Wochen nicht mehr gesehen hatte, habe er 3-4 Tage vor dem Anruf
vom 2. Mai 2019 den Wunsch verspürt, B____ wieder einmal zu sehen und ihn im
Heim zu besuchen. Er habe deshalb F____ angerufen. Diese habe gesagt, sie
würden schauen und wieder Bescheid geben. Später habe sie mitgeteilt, dass «es
verboten sei». Beim ersten der beiden bereits mehrfach erwähnten Treffen, hätte
D____ B____ im Kinderheim abgeholt und sie hätten dann zu dritt mit seinem Auto
eine Rundfahrt gemacht. Seine Mutter hätte B____ dann wieder ins Heim
zurückgebracht. Beim zweiten Treffen seien sie zu zweit ins Kinderheim
gegangen, wo F____ ihnen B____ übergeben habe. Danach seien sie nach Hause
gegangen, wo die Mutter gekocht und das Essen bereits bereitgestellt hatte. B____
wollte mit einer Wasserpistole spielen, er habe ihn jedoch dazu überredet, doch
lieber Karten zu spielen. Trotz mehrfacher Nachfrage konnte er die Art der
Karten nicht spezifizieren, sondern gab zu Protokoll «genau weiss ich es nicht
mehr, ein Kinderspiel mit Karten». Die Mutter sei hierbei bei ihnen gewesen. Später
sei die Mutter alleine mit B____ in die Stadt gegangen, um eine «Vorstellung zu
sehen». Er sei mit dem Auto nach Hause gefahren. Einen Fernseher habe es in der
Wohnung zum Zeitpunkt dieser Treffen keinen gehabt (Akten S. 714 ff.).

 

3.7.6   Die
Aussagen des Berufungsklägers halten einer Glaubhaftigkeitsprüfung nicht stand.
Er verstrickt sich einerseits in offenkundige Widersprüche (so etwa bezüglich
der Frage, ob ihm die Auflage, B____ nicht bei dessen Mutter zu Hause zu sehen,
bekannt war oder nicht; oder hinsichtlich des Fernsehers: wusste er nun gar
nicht, ob D____ inzwischen einen Fernseher besass? Oder hatte er doch einen – nicht
angeschlossenen – in ihrer Wohnung stehen sehen?). Andererseits sind seine
Schilderungen der Zusammentreffen mit B____ und dessen Mutter inkohärent und
voller Ungereimtheiten. So bleibt insbesondere unklar, bei welchem der beiden
Treffen man nun den Sohn gemeinsam mit dem Auto abgeholt bzw. ob ihn doch nur
die Mutter geholt hat, ob man beim ersten Treffen nach Hause gegangen ist bzw.
doch nur mit ihm im Auto herumgefahren ist bzw. wenn ja, wohin man gefahren ist
und ob man sich anlässlich des zweiten Treffens an einem «Fest» aufhielt oder
nicht doch mit dem Auto umhergefahren ist und wer denn nun wann gekocht hatte
und wann man gegessen hat. Abgesehen davon kann mit Sicherheit ausgeschlossen
werden (Akten S. 208 f., 300, 319 f.), dass F____ einen Besuch des Vaters
in der Wohnung der Mutter im Beisein von B____ gutgeheissen hätte. Darüber
hinaus hätte sie A____ anlässlich des Telefonats vom 2. Mai 2019 mit Sicherheit
mitgeteilt, wenn B____ vorgängig tatsächlich während drei Wochen bei der Mutter
gewesen wäre, womit eine Dritttäterschaft nur schon deshalb ausgeschlossen
werden kann.

 

Das Aussageverhalten
des Berufungsklägers ist zudem strategisch geprägt. So erscheint es zwar nicht
besonders sinnvoll, die aktenkundigen Vorstrafen zu bestreiten; dennoch tut es
der Berufungskläger im offenkundigen Bestreben, seine früheren sexuellen und
gewalttätigen Übergriffe nicht zum Thema zu machen. Ebenso wenig sinnhaft –
aber von durchschaubarer Zielsetzung – erscheint es, wenn der Berufungskläger
eine Vorliebe für «ältere Damen» behauptet. Dass er seine angeblichen sexuellen
Präferenzen dem jeweiligen Verfahren anpasst, wird allerdings umso deutlicher,
nachdem er im Aargauer Verfahren – als es um drei Mädchen ging – auf Frage
seines Verteidigers noch behauptet hatte, er habe zwar Sex mit Frauen, geniesse
aber den Sex mit Männern mehr. Wobei er erst auf mehrfaches Rückfragen
schliesslich erklärte, er meine erwachsene Männer, jedenfalls solche über 16
Jahre (von der Verfahrensleiterin beigezogene Vorakten Bezirksgericht Brugg,
Protokoll Hauptverhandlung S. 15 f.). Zu D____ – die im Brugger Verfahren
ebenfalls zur Sprache kam – wollte er dagegen gemäss dortigen Aussagen nur noch
eine platonische Beziehung haben. Stattdessen sei er mit einem Mann liiert, mit
dem er auch seine Sexualität lebe (von der Verfahrensleiterin beigezogene
Vorakten Bezirksgericht Brugg Protokoll Hauptverhandlung S. 19). An der
erstinstanzlichen Hauptverhandlung (in Basel), 1 ½ Jahre später, soll sein
Schwulsein dann drei bis vier Jahre zurückliegen und er inzwischen eher zu
älteren Damen tendieren. Heute will er sich zu Frauen im Alter von D____, mit
welcher er bis zu seiner Verhaftung eine sexuelle Beziehung gelebt hatte,
hingezogen fühlen. 

 

3.8

3.8.1   Neben
Vorstrafen aus den Jahren 2010 und 2014 wegen einfacher Körperverletzung und
2010 auch wegen Raufhandels, wurde der Berufungskläger vom Bezirksgericht Brugg
mit Urteil vom 20. Februar 2018 rechtskräftig wegen mehrfacher sexueller
Handlungen mit einem Kind (Tatzeit 2016) zu zwölf Monaten Freiheitsstrafe, mit bedingten
Strafvollzug, unter Auferlegung einer Probezeit von drei Jahren, verurteilt (Akten
S. 16 ff., 650 ff. sowie die von der Verfahrensleiterin beigezogenen Vorakten
des Bezirksgerichts Brugg und der Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach). Der
Berufungskläger verging sich dabei an zwei der drei Töchter (damals neun, zehn
und 13 Jahre alt) seiner damaligen Freundin (im Falle der Jüngsten erging ein
Freispruch). Die Parallelen zum vorliegend angeklagten Fall sind frappant. Wie
hier unterhielt der Berufungskläger zur Mutter der Opfer eine eher lose
freundschaftliche und sexuelle Beziehung, die insbesondere Besuche und Essen
bei ihr zu Hause beinhaltete. Wie B____ waren die drei Kinder in einem
Kinderheim untergebracht und verbrachten nur die Wochenenden bei ihrer Mutter.
Während diesen Wochenenden ereigneten sich die Übergriffe, wobei die Mutter
jeweils auch in der Wohnung anwesend war, einmal unter der Dusche, einmal gar
im selben Zimmer (schlafend). Auch diese Übergriffe waren jeweils eher von
kurzer Dauer und auch dort setzte sich der Berufungskläger zwar über den verbal
geäusserten Widerstand seiner Opfer hinweg, wandte jedoch keine Gewalt an und
schüchterte die Kinder auch nicht durch Drohungen ein. Auch diese Mutter
stellte sich schliesslich auf die Seite des Berufungsklägers und behauptete, es
sei nie etwas vorgefallen und er sei gar nie mit den Mädchen allein gewesen.

 

3.8.2   Die
einschlägige Vorstrafe ist unter dem Aspekt der Täter- bzw.
Persönlichkeitsadäquanz (vgl. dazu BGer 6B_509/2019 vom 29. August 2019 E 2.3; AGE SB.2018.27
vom 27. August 2019 E. 2.7.1, SB.2016.51 vom 13. März 2018 E. 5.2; OGer ZH
SB150083 vom 21. Januar 2016 E. 6.9 und 7) von einigem Gewicht. Dass ein Delikt
wie das vorliegende dem Berufungskläger nicht fremd ist, erscheint besonders
bedeutsam, weil es sich bei Straftaten im Bereich der Pädosexualität um eine
sehr spezifische Deliktskategorie handelt, die nur von einem eingeschränkten
Täterkreis verübt wird und bei welcher die Rückfallhäufigkeit erfahrungsgemäss hoch
ist. Dass ein Beschuldigter eine einschlägige Vorstrafe wegen einer
Sexualstraftat zu Lasten von doch recht kleinen Kindern aufweist, erweist sich
daher als starkes Indiz für erneute pädosexuelle Taten. Aufgrund der
aufgezeigten Parallelen der beiden Fälle trifft dies vorliegend erst recht zu. Im
Übrigen hat eines der Brugger Opfer – so wie B____ es bei seinem Vater
beobachtet hat (vgl. dazu schon E. 3.3.3) – eine Hautrötung im Sinne eines «Sex
Flush» beobachtet, was den angeklagten Sachverhalt zusätzlich erhellt.

 

3.9

3.9.1   Die
Depositionen des Berufungsklägers bzw. von D____, wonach zur Tatzeit kein
Fernseher im Wohnzimmer der Mutter gestanden haben soll (vgl. dazu E. 3.6 und
3.7), vermögen entgegen der Ansicht der Verteidigung (Akten S. 697) die
konstanten Aussagen von B____, wonach unmittelbar vor dem Übergriff der
Fernseher lief (Video 2, 18:55, 19:50), nicht zu entkräften, zumal die
diesbezüglichen Aussagen der Eltern nicht konstant und im Übrigen – wie soeben
referiert – ohnehin nicht glaubhaft sind. Auch ändert nichts, dass der
anlässlich der polizeilichen Überprüfung vom 19. Juni 2019 angetroffene
Fernseher nicht am Strom angeschlossen war und keine Sender programmiert bzw.
auch keine Batterien in die Fernbedienung eingelegt waren (Akten S. 282,
296 ff.), zumal damit nichts über die Situation zur Tatzeit im März/April 2019
bekannt ist und der TV voll funktionstüchtig war bzw. man per Internet
Fernsehen oder auch DVD hätte schauen können. 

 

3.9.2   Insgesamt
bestehen keinerlei Zweifel daran, dass sich der bereits von der Vorinstanz
angenommene Sachverhalt effektiv verwirklicht hat. Es ist daher davon
auszugehen, dass der Berufungskläger seinem zur Tatzeit noch nicht ganz siebenjährigen
Sohn B____ im Rahmen eines Besuchs bei der Kindsmutter im März oder April 2019 gegen
dessen Willen seinen erigierten Penis in den Mund gesteckt und in der Folge mindestens
teilweise in den Mund seines Sohnes ejakuliert hat. 

 

4.

4.1

4.1.1   Das
Rechtsmittelverfahren beruht gemäss Art. 389 Abs. 1 StPO grundsätzlich auf den
Beweisen, die im Vorverfahren und im erstinstanzlichen Verfahren erhoben worden
sind. Nach Art. 389 Abs. 2 StPO sind Beweisabnahmen des erstinstanzlichen
Gerichts im Rechtsmittelverfahren nur dann zu wiederholen, wenn sie unvollständig
waren, die entsprechenden Akten unzuverlässig erscheinen oder
Beweisvorschriften verletzt worden sind. Zusätzliche Beweise erhebt die
Rechtsmittelinstanz dann, wenn dies erforderlich ist (Art. 389 Abs. 3 StPO).
Aus Art. 343 Abs. 3 StPO in Verbindung mit Art. 405 Abs. 1 StPO ergibt
sich sodann, dass eine unmittelbare Beweisabnahme im Rechtsmittelverfahren zu
erfolgen hat, wenn sie vor erster Instanz unterblieb oder unvollständig war oder wenn im mündlichen Berufungsverfahren die unmittelbare Kenntnis
für die Urteilsfällung notwendig erscheint. Da es den Strafbehörden obliegt,
die Beweise rechtskonform zu erheben, sind die notwendigen Ergänzungen nicht
nur auf Antrag einer Partei, sondern gegebenenfalls auch von Amtes wegen
vorzunehmen (Art. 389 Abs. 3 StPO; BGE 143 IV 288 E. 1.4.1 S. 290 f., 140
IV 196 E. 4.4.1 S. 198 ff.; BGer 6B_422/2017 vom 12. Dezember 2017
E. 4.3.1). 

 

4.1.2   Zum
Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 3 Abs. 2 lit. c und Art. 107
StPO, Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung [BV, SR 101] sowie Art. 6
Ziff. 1 der Europäischen Menschenrechtskonvention [EMRK, SR 0.101]) gehört,
dass die Behörde alle erheblichen und rechtzeitigen Vorbringen der Parteien
würdigt und die ihr angebotenen Beweise abnimmt, wenn diese zur Abklärung des
Sachverhalts tauglich erscheinen. Umgekehrt folgt daraus, dass keine Verletzung
des rechtlichen Gehörs vorliegt, wenn das Gericht auf die Abnahme beantragter
Beweismittel verzichtet, weil es zur Erkenntnis gelangt, der rechtlich
erhebliche Sachverhalt sei genügend abgeklärt und ohne Willkür in
vorweggenommener (antizipierter) Beweiswürdigung annehmen kann, dass diese
Überzeugung durch weitere Beweiserhebungen nicht geändert würde (Art. 139
Abs. 2 StPO; BGE 141 I 60 E. 3.3 S. 64, 136 I 229 E. 5.3 S. 236 f.; BGer
6B_278/2017 vom 12. Februar 2018 E. 2.1). Beim
Verzicht auf weitere Beweisabnahmen muss das Gericht das vorläufige
Beweisergebnis hypothetisch um die Fakten des Beweisantrags ergänzen und
würdigen. Die Ablehnung des Beweisantrags im Sinne einer antizipierten
Beweiswürdigung ist zulässig, wenn die zu beweisende Tatsache nach dieser
Würdigung als unerheblich, offenkundig, der Strafbehörde bekannt oder bereits
rechtsgenügend erwiesen anzusehen ist (BGE 136 I 229 E. 5.3 S. 236
f., 134 I 140 E. 5.3 S. 148; BGer 6B_1090/2018 vom 17. Januar
2019 E. 3.2). In gleicher Weise wird bei der sogenannten «Wahrunterstellung»
die mit dem Beweisantrag verbundene Tatsachenbehauptung zugunsten des
Antragstellers als wahr angesehen. Ergibt sich, dass auch dann die Überzeugung
des Gerichts nicht erschüttert würde, so erweist sich die Beweiserhebung
ebenfalls nicht als erforderlich (BGer 6B_479/2016 vom 29. Juli 2016 E. 1.4, 6B_764/
2013 vom 26. Mai 2014 E. 4.3; Hofer,
in: Basler Kommentar, 2. Auflage 2014, Art. 10 StPO N 68).

 

4.2

4.2.1   Der
Berufungskläger beantragt zunächst auch dem Gesamtgericht die Befragung des
Ehepaars C____, Leiter des Wohnheims [...], in welchem die Mutter des Privatklägers
über mehrere Jahre hinweg wohnte. Dies wird damit begründet, dass die beiden auch
das Opfer selbst kennen gelernt hätten. Sie sollen «zur Person und zur Frage
der Glaubwürdigkeit von B____ und seiner Mutter» Auskunft geben (Akten
S. 609, 706).

 

4.2.2   C____
haben beide keinerlei Kenntnis von den Vorgängen in der Wohnung von B____s
Mutter. H____ hat B____s Mutter als Leiter des Wohnheims [...] kennen gelernt
und bezeichnet sich als deren Vertrauensperson (Akten S. 240). Er gibt
selbst an, B____ «nicht sonderlich gut» zu kennen, mutmasst aber, dieser könnte
«Sachen erfinden» (Akten S. 240). In seinem Schreiben vom 12. Juni 2019 an
die Untersuchungsbehörde zeigt sich das Ehepaar C____ enttäuscht über die
Tatsache, dass das [...] Besuche von B____ bei seiner Mutter im Wohnheim [...]
unter Hinweis auf Dinge, die B____ erzählt habe, unterband. Das Ehepaar tut auch
sein Befremden darüber kund, dass im Wohnheim [...] gemäss dem [...] «katastrophale
Zustände herrschen» würden (Akten S. 245; vgl. dazu schon E. 3.4.2). 

 

4.2.3   Damit
nehmen C____ offenkundig eine gegenüber den Schilderungen des Jungen skeptische
Haltung ein. Abgesehen davon, dass die beiden nichts aus eigener Wahrnehmung
über das inkriminierte Geschehen berichten könnten und B____ darüber hinaus
nicht sonderlich gut kennen, eignen sie sich damit auch nicht als neutrale
Zeugen, um Angaben zur Person des Privatklägers und seiner Mutter oder zu deren
Verhältnis zueinander zu machen, zumal der zur Diskussion stehende Vorfall nicht
in die Zeit der Unterbringung von B____s Mutter im Wohnheim [...] fällt (Akten
S. 204). Das Gericht verspricht sich daher keine wesentlichen bzw. neuen
Erkenntnisse aus einer Befragung von C____, die bei der gegebenen –
komfortablen – Beweislage die Entscheidfindung beeinflussen könnten. Der
entsprechende Beweisantrag bleibt damit in antizipierter Beweiswürdigung
abzuweisen.

 

4.3

4.3.1   Bezüglich
des Antrags, es sei D____ erneut als Zeugin zu befragen, wird geltend gemacht, die
Aussagen von B____ und seiner Mutter widersprächen sich in diversen Punkten. B____s
Mutter habe den Berufungskläger vor Strafgericht entlastet, sei aber zu Unrecht
als nicht glaubwürdig eingestuft worden. Es sei deshalb angezeigt, dass sich
das Appellationsgericht ein eigenes Bild von deren Glaubwürdigkeit verschaffe (Akten
S. 609, 694, 706 ff.). 

 

4.3.2   D____
hat bereits im Vorverfahren und auch vor der ersten Instanz ausgesagt. Sie
wurde jeweils strafprozessual korrekt einvernommen und hat sich dabei ausführlich
zur Sache geäussert. Sie hat den inkriminierten sexuellen Übergriff auch gemäss
der Darstellung ihres Sohnes nicht selbst gesehen und kann damit nicht als
direkte Augenzeugin betreffend das Kerngeschehen gelten. Mit ihren Ausführungen
vor der Vorinstanz macht sie deutlich, dass sie B____ keinen Glauben schenkt,
sondern seine Behauptung darauf zurückführt, dass er von seinem Vater
«enttäuscht» gewesen sei, «dass dieser ihm nicht Liebe und Wärme gab und sich
so gegen B____ verhielt, obwohl man sich so selten sah» (Akten S. 485; vgl.
dazu schon E. 3.6.2). Bereits in ihrer ersten Einvernahme hat sich D____
vehement auf den Standpunkt gestellt, dass die Angaben ihres Sohnes nicht wahr
sein könnten, weil sie ein solches Verhalten ihrem Mann (dem Berufungskläger)
nicht zutraute. Sie musste freilich einräumen, dass Vater und Sohn anlässlich
eines Besuchs in ihrer Wohnung für eine kurze Weile allein im Raum waren, sie
also nicht das gesamte Verhalten des Berufungsklägers beobachten konnte (vgl.
dazu schon E. 3.6.1). 

 

4.3.3   Insofern
ist der Standpunkt von D____ klar und es ist nicht ersichtlich, welche weiteren
Erkenntnisse aus einer erneuten Befragung ihrer Person gewonnen werden könnten,
zumal sie den Berufungskläger gemäss Vollzugsbericht der JVA Lenzburg vom 15.
Dezember 2020 seit seinem Eintritt sieben Mal besucht hat (Akten S. 667) und
offenbar weiterhin der Meinung ist, dass ihr Sohn lügt. Dies kommt insbesondere
in den als «Noven» bezeichneten, indes nichts Neues beinhaltenden und als reine
Parteibehauptungen zu qualifizierenden heutigen Ausführungen der Verteidigung (F____
habe auf D____ eingeredet, dass sie B____s Aussagen Glauben schenken müsse bzw.
B____ habe seiner Mutter mitgeteilt, dass seine Belastungen unzutreffend seien)
erneut zum Ausdruck (Akten S. 693, 706). D____s Einlassungen sind einer
Würdigung durch das Appellationsgericht ohne weiteres zugänglich und es besteht
keine Konstellation, bei welcher sich das Gericht ein eigenes Bild über das
Aussageverhalten machen müsste, wie es etwa bei Opferzeugen der Fall sein kann
(vgl. dazu etwa BGE 133 I 33 E. 3.1 S. 41, 131 I 476 E. 2.2 S. 480
ff., 129 I 151 E. 3.1 S. 153 f.; AGE SB.2018.19 vom 19. Mai 2020 E. 5.3.2),
wobei der Berufungskläger bzw. seine Verteidigung anlässlich der
erstinstanzlichen Hauptverhandlung ohnehin nicht das Bedürfnis hatte,
Ergänzungsfragen an die Zeugin zu richten (Akten S. 487). Damit ist auch der
Antrag auf erneute Befragung von D____ vom Gesamtgericht abzulehnen.

 

4.4

4.4.1   Gemäss
Art. 164 Abs. 1 StPO werden das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse
einer Zeugin oder eines Zeugen nur abgeklärt, soweit dies zur Prüfung ihrer
Glaubwürdigkeit erforderlich ist. Die Verfahrensleitung kann eine ambulante
Begutachtung anordnen, wenn sie Zweifel an der Urteilsfähigkeit hat oder wenn
Anhaltspunkte für eine psychische Störung vorliegen, sofern die Bedeutung des
Strafverfahrens und des Zeugnisses dies rechtfertigt (Art. 164 Abs. 2 StPO).
Aufgrund des Verweises in Art. 180 Abs. 2 StPO gilt die genannte Bestimmung
grundsätzlich auch für die Privatklägerschaft (BGer 1B_342/2016 vom 12.
Dezember 2016 E. 2). Sodann bestimmt Art. 182 StPO, dass die Staatsanwaltschaft
und die Gerichte eine oder mehrere sachverständige Personen beiziehen, wenn sie
nicht über die besonderen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, die zur
Feststellung oder Beurteilung eines Sachverhalts erforderlich sind (BGer
6B_1090/2018 vom 17. Januar 2019 E. 1.2).

 

4.4.2   Die
Prüfung der Glaubhaftigkeit von Aussagen ist Teil der Beweiswürdigung und damit
primär Aufgabe des Gerichts. Eine Begutachtung durch eine sachverständige
Person drängt sich nach der Rechtsprechung nur dann auf, wenn das Gericht
aufgrund besonderer Umstände auf zusätzliches medizinisches oder
psychologisches Fachwissen angewiesen ist. Dies ist etwa dann der Fall, wenn
bruchstückhafte oder schwer interpretierbare Äusserungen eines Kleinkinds zu
beurteilen sind, bei ernsthaften Anzeichen geistiger Störungen, welche die
Aussagefähigkeit bzw. Aussageehrlichkeit des Zeugen beeinträchtigen könnten,
oder wenn konkrete Anhaltspunkte dafür bestehen, dass der Zeuge unter dem
Einfluss von Drittpersonen steht (BGE 129 IV 179 E 2.4 S. 183 ff., 128 I 81 E.
2 S. 84 ff.; BGer 6B_1211/2018 vom 3. Juli 2019 E. 1.2, 6B_1090/2018 vom
17. Januar 2019 E. 1.2, 6B_113/2017 vom 26. September 2017 E. 1.2, 6B_333/2014
vom 22. Oktober 2014 E. 2.1). Bei kindlichen Opferzeugen ist ein Gutachten
namentlich dann erforderlich, wenn Anzeichen für eine sprachliche oder
kognitive Entwicklungsstörung bestehen, die es dem Gericht erschweren würde,
eine fachgerechte Aussagenanalyse und Beweiswürdigung vorzunehmen. Analoges
kann zutreffen, wenn die Opferbefragung nicht professionell erfolgt ist oder
wenn bloss rudimentäre oder schwer verständliche Aussagen des Kindes vorliegen,
die näherer Interpretation bedürfen (BGer 6B_79/2014 vom 16. Oktober 2014
E. 1.3; 6B_84/2011 vom 28. Juni 2011 E. 2.3.1 mit weiteren Hinweisen). Dem
Gericht steht bei der Beantwortung der Frage, ob aufgrund der konkreten
Umstände des Einzelfalls der Beizug einer sachverständigen Person notwendig
ist, ein Ermessensspielraum zu (BGer 6B_1211/2018 vom 3. Juli 2019 E. 1.2, 6B_1090/2018
vom 17. Januar 2019 E. 1.2). Eine starre Beweisregel, wonach bei streitigen
Aussagen des mutmasslichen Opfers stets ein Aussagegutachten anzuordnen wäre,
widerspräche dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung (BGer 6B_23/2017 vom
14. November 2017 E. 1.2, 6B_1294 /2015 vom 18. Mai 2016 E. 5.1. mit
weiteren Hinweisen).

 

4.4.3   Bei
der Würdigung von Aussagen relativ kleiner Kinder – wie hier – mag eine
Glaubhaftigkeitsbegutachtung oft geboten sein. Das trifft aber keineswegs immer
zu. So hat das Bundesgericht etwa in einem neueren Entscheid bei einem
ebenfalls 6 ½ -jährigen Kind die Notwendigkeit einer Begutachtung
verneint, da mit Blick auf die protokollierten Schilderungen keine
Auffälligkeiten in der Person oder Anzeichen für kognitive Beeinträchtigungen
ersichtlich seien, welche sich in den Aussagen widerspiegelten und dem Gericht
die fachgerechte Aussageanalyse und Beweis-würdigung erschwerten (BGer
6B_23/2017 vom 14. November 2017 E. 1.3; vgl. dazu auch BGer 6B_79/2014
vom 16. Oktober 2014 E. 1.4). Auch vorliegend gibt es – unter Berücksichtigung
des Alters von B____ – keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass dieser in seiner
Wahrnehmungs-, Erinnerungs- oder Wiedergabefähigkeit beeinträchtigt und zur
wahrheitsgemässen Aussage nicht fähig oder nicht willens gewesen wäre. Trägt
man dem jungen Alter bei der Würdigung seiner Aussagen Rechnung, so ergibt sich
vielmehr ein stimmiges Bild, das keinerlei Hinweise auf eine geistige Störung
oder kognitive Beeinträchtigung liefert und einer Aussagewürdigung durch das
Gericht – auch bezüglich Ungereimtheiten (vgl. dazu E. 3.3.4) – ohne weiteres
zugänglich ist. Es handelt sich bei den Angaben nicht um bruchstückhafte oder
schwer interpretierbare Aussagen, vielmehr sind die Schilderungen
altersentsprechend flüssig und nachvollziehbar. Das gilt auch für das
eigentliche Kerngeschehen, dessen Beschreibung erwartungsgemäss etwas
zurückhaltender ausfällt bzw. häufigerer Nachfragen bedarf. Neben den
Aussageprotokollen befinden sich in den Akten auch die Videoaufzeichnungen der
mit B____ durchgeführten Befragungen, die nach den hierfür geltenden Standards
erfolgt sind und sich dementsprechend nicht nur auf das inkriminierte Geschehen
konzentrieren, sondern auch einen Austausch zu allgemeinen Themen und zu
Vorgängen rund um das Kerngeschehen enthalten. Sie zeigen eindrücklich und
selbst für einen Laien erkennbar, dass es sich bei B____ um einen kognitiv
bestens entwickelten, altersgerecht agierenden Jungen handelt, der sich
sprachlich differenziert ausdrücken kann, die ihm gestellten Fragen allesamt
versteht und auch genau erfasst, welches die Anforderungen an seine
Aufrichtigkeit sind sowie dass er Fragen, die er nicht beantworten kann oder
möchte, benennen darf (vgl. dazu schon E. 3.3.1). 

 

4.4.4   Hervorzuheben
ist sodann – wie bereits erwähnt (vgl. dazu E. 3.4) – dass eine Beeinflussung
durch Drittpersonen im vorliegenden Fall verworfen werden kann, was geradezu
als komfortabel erscheint und ihn von einer Vielzahl ähnlich gelagerter Fälle
unterscheidet: Der Bericht von B____ liegt nicht im (vermeintlichen) Interesse
seiner Mutter oder einer sonstigen engen Bezugsperson; vielmehr hat die Mutter
einen sexuellen Übergriff des Vaters auf B____ stets verneint und den Wunsch
nach einer gelebten Vater-Kind-Beziehung geäussert (vgl. dazu schon E. 3.6.1).
Auch gegenüber den Betreuerinnen im Kinderheim bestand seitens von B____ keine
Veranlassung, ein derartiges Erlebnis vorzubringen, zumal er nie bekundet
hatte, die ohnehin seltenen Kontakte zu seinem Vater gänzlich meiden zu wollen.
Ausserdem hatten die Mitarbeiterinnen des Kinderheims – wie bereits erwähnt
(vgl. dazu E. 3.4.1) – keine Kenntnis von der Vorstrafe des
Berufungsklägers wegen sexuellen Handlungen mit Kindern, so dass eine
allenfalls auch unbewusste Steuerung von ihrer Seite abwegig erschiene. Eine
Beeinflussung von B____s Bezichtigung durch Loyalität oder Suggestion kann
damit ausgeschlossen werden. Das lässt komplexe Fragen hinsichtlich der
Aussagegenese wie auch viele Interpretationshürden hinsichtlich des
Aussagegehalts, die allenfalls einer Abklärung durch eine medizinische oder
psychologische Fachperson bedürften, in den Hintergrund treten. Die Einholung
eines Glaubhaftigkeitsgutachtens ist daher nicht angezeigt.

 

4.5     In
Bezug auf die eventualiter beantragte erneute Befragung des Privatklägers
(Akten S. 624, 707) ist festzustellen, dass B____ bereits drei Mal auf der
Jugendanwaltschaft befragt worden ist (zuletzt am 16. September 2019 auf Antrag
des Berufungsklägers im Rahmen einer indirekten Konfrontation, wobei die
Befragung per Videostream in die Räumlichkeiten der Staatsanwaltschaft übertragen
worden ist, wo sie der Berufungskläger und sein Verteidiger sowie ein
Dolmetscher mitverfolgen konnten [Akten S. 432, 440]). Im Vorfeld der Befragung
konnte der Berufungskläger mit seinem Verteidiger die Videoaufzeichnungen der
ersten beiden Befragungen sichten und weitere Ergänzungsfragen einreichen
(Akten S. 432, 440). Dies tat er dann auch (Akten S. 445 ff.). Erste Fragen an B____
hatte er bereits nach dessen erster Befragung eingereicht und dem Jungen in der
zweiten Einvernahme stellen lassen (Akten S. 301 ff.). Unter diesen Umständen
ist das rechtliche Gehör des Berufungsklägers gewahrt. Das Appellationsgericht
hatte anhand der Videoaufzeichnungen auch die Möglichkeit, sich selbst einen
Eindruck von den Befragungen zu verschaffen. Was eine nochmalige Befragung des
Jungen darüber hinaus für Erkenntnisse zutage fördern könnte, ist – erst recht,
wenn sie gut 1 ½ Jahre nach dem Vorgefallenen und im Rahmen eines wenig
kindgerechten Settings erfolgen sollte – nicht ersichtlich. Die beantragte
Einvernahme von B____ erscheint weder zweckmässig noch zumutbar und es ist
darauf zu verzichten.

 

4.6

4.6.1   Die
Instruktionsrichterin hat mit ihrer Verfügung vom 22. September 2020 von Amtes
wegen die Musiktherapeutin von B____, G____, als Zeugin in die Hauptverhandlung
geladen. G____ wurde vom Sozialarbeiter der Jugendanwaltschaft im Rahmen der
«Vorabklärungen» zur Videoeinvernahme vom 27. Mai 2019 befragt, weil B____ ihr
gegenüber spontan Angaben zum Vorfall gemacht haben soll. Der Sozialarbeiter
hat B____s Beiständin (I____) gebeten, G____ «von der Schweigepflicht bezüglich
der Schilderungen über den Vorfall zu entbinden», was I____ tun werde (Akten S. 209).
Am folgenden Tag gab G____ dann telefonisch Auskunft.

 

4.6.2   Aufgrund
der Schilderungen in den bereits erwähnten «Vorabklärungen» (Akten S. 208 ff.)
hätte G____ mutmasslich den Berufungskläger belastende Angaben zum angeklagten Kerngeschehen
machen können. Am 5. Januar 2021 ging beim
Appellationsgericht allerdings ein Zeugnis von [...], Allgemeine Innere Medizin
FMH, ein, wonach G____ wegen Krankheit in ihrer Behandlung stehe und den Termin
morgen um 08:15 Uhr vor Gericht nicht wahrnehmen könne (Akten S. 690). Da die
Beweislage – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – geradezu
komfortabel erscheint und das Appellationsgericht den angeklagten Sachverhalt auch
ohne die Befragung von G____ mit Überzeugung durch den Berufungskläger erfüllt
sieht, kann nachträglich auf die Einvernahme von G____ verzichtet werden. In
der Konsequenz werden die in den Vorabklärungen getätigten, indes
strafprozessual nicht korrekt erhobenen Aussagen, nicht zu Lasten des
Berufungsklägers berücksichtigt. 

 

4.7     Nach
dem Gesagten sind sämtliche Beweisanträge auch vom Gesamtgericht abzulehnen.
Dasselbe gilt für den im Rahmen des Plädoyers trotz vorgängigem diesbezüglichen
Entscheid gestellten Eventualantrag, das Verfahren zwecks Befragung der
beantragten Zeugen (zusätzlich auch G____) und Einholung eines
Glaubhaftigkeitsgutachtens zu B____s Aussagen zu sistieren.

 

5.

5.1     Der
Berufungskläger nahm gemäss Beweisergebnis (vgl. dazu E. 3.9.2) an seinem knapp
siebenjährigen Sohn eine sexuelle Handlung vor, indem er seinen erigierten
Penis in dessen Mund steckte und mindestens teilweise darin ejakulierte. Er hat
sich damit nach Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1 des Strafgesetzbuches (StGB, SR 311.0)
strafbar gemacht und es erfolgt ein Schuldspruch wegen sexueller Handlungen mit
einem Kind. 

 

5.2

5.2.1   Gemäss
Art. 189 Abs. 1 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder
Geldstrafe bestraft, wer eine Person zur Duldung einer beischlafsähnlichen oder
einer anderen sexuellen Handlung nötigt, namentlich indem er sie bedroht, Gewalt
anwendet, sie unter psychischen Druck setzt oder zum Widerstand unfähig macht
(sexuelle Nötigung). 

 

5.2.2   Die
Anwendung der Nötigungstatbestände erfordert zunächst, dass sich das Opfer
bereits einen Willen betreffend seine sexuelle Freiheit bilden kann. Es ist
unmöglich, in denjenigen Fällen, in denen ein Wille betreffend die eigene
sexuelle Freiheit mangels Einsichtsfähigkeit noch nicht gebildet werden kann,
einen solchen (noch nicht bestehenden) Willen zu brechen. Diesfalls ist der in
Art. 191 StGB geregelte Tatbestand der Schändung einschlägig. Eine allein
altersbedingte Urteilsunfähigkeit darf dabei nur zurückhaltend angenommen
werden, zumal sexuelle Handlungen das Kind in seiner körperlichen und intimen
Sphäre berühren, in welcher es eher als in anderen Gebieten zum Bewusstsein und
zu einer (Abwehr-) Reaktion fähig ist. Dabei ist nicht geklärt, bis zu welchem
Alter eine solche altersbedingte Urteilsunfähigkeit anzunehmen ist. Auf die
Festlegung einer fixen Altersgrenze hat das Bundesgericht bisher verzichtet und
die Umstände des Einzelfalls als massgebend bezeichnet (BGE 146 IV 153 E. 3.5.3
S. 157 f., 120 IV 194 E. 2 S. 196 ff.).

 

5.2.3   Obwohl
die Tatbestandselemente der Schändung in der Anklageschrift rechtsgenüglich
geschildert sein dürften, sind die Voraussetzungen einer diesbezüglichen
Verurteilung nicht erfüllt: B____ hinterlässt in der Gesamtheit seines
körperlichen und sprachlichen Ausdrucks – wie bereits erwogen (vgl. dazu E. 3.3.1)
– das Bild eines durchgehend ernsthaften, unverstellten und offenen sowie altersgemäss
vernünftigen und verständigen Jungen, der gut zuhört, sich gedanklich konkret
in die erlebte Situation zurückversetzt und differenziert antwortet, wie sich
etwa am Beispiel der ihm zweimal gestellten Frage zeigt, wie es ihm damals, zur
Tatzeit, ergangen sei. Es sei ihm – so B____ – «eigentlich gut» gegangen, er
habe sich «gut gefühlt». Nicht gut angefühlt habe sich nur, was sein Papi mit
ihm gemacht habe; was dieser gemacht habe, sei nicht gut gewesen für ihn bzw.
habe er nicht toll gefunden (Video 1, 18:50, 25:40, 50:10). Er möchte nicht,
dass sein Vater dies nochmals macht (Video 1, 25:00). Auf die Frage seines
Vaters, ob er sein «Pfiffli im Mund haben wolle», hat er mit «Nein, sicher
nicht» geantwortet (Video 1, 20:50, 43:30). B____ ist nach dem Gesagten trotz
seines geringen Alters in Bezug auf die angeklagte Handlung als urteilsfähig zu
bezeichnen, zumal eine altersbedingte Urteilsunfähigkeit gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung ohnehin zurückhaltend anzunehmen ist (BGE 146 IV 153 E. 3.5.3 S. 157
f.). 

 

5.3

5.3.1   Betreffend
die Anforderungen an die für die Tatbestandsvariante des «Unter-psychischen-Druck-Setzens»
erforderliche «tatsituative Zwangssituation» bei sexuellen Übergriffen im
sozialen Nahraum auf Kinder, die aufgrund der zurückhaltenden Rechtsprechung
zur altersbedingten Urteilsunfähigkeit als urteilsfähig eingestuft werden,
deren Bewusstseins- und Persönlichkeitsentwicklung betreffend Sexualität aber
erst beginnend im Gange ist, hat das Bundesgericht in einem kürzlich
publizierten Leitentscheid Folgendes erwogen: «Eine solche
«tatsituative Zwangssituation» kann beim betroffenen Kind dadurch entstehen,
dass der Täter zum Erreichen seines Ziels auf die Willensbildung und das
Bewusstsein des Kindes einwirkt, ohne dass dabei diese Einwirkung mit aktiver
Zwangsausübung oder dem expliziten Androhen von Nachteilen verbunden sein muss.
Die Einwirkungsmöglichkeit auf den Kindeswillen kommt dem Täter aufgrund seiner
Bezugspersoneneigenschaft, seiner kognitiven Überlegenheit, dem Vertrauen, das
ihm das Kind entgegenbringt und seiner daraus resultierenden Machtposition zu.
Es ist Verantwortung und Aufgabe von erwachsenen Bezugspersonen, […], das
kindliche Bewusstsein über den Umgang mit dem eigenen Körper und der eigenen
Sexualität zu stärken. Dazu gehört, einem Kind zu vermitteln, welcher Umgang
mit seinem Körper in seinem Alter angebracht ist. Wer als Bezugsperson einem
von ihm abhängigen Kind in dieser Phase vermittelt, sexuelle Handlungen mit
einem Erwachsenen in der Art der hier vorgenommenen ([…], Oralsex […])
entsprächen in seinem Alter auch nur ansatzweise einer Selbstverständlichkeit
und Normalität, nimmt in krasser Weise Einfluss auf die Bewusstseinsentwicklung
dieses Kindes und nimmt dem Kind in Ausnützung seiner Machtposition und seines
Alters- und Wissensvorsprungs die Freiheit, zu diesen sexuellen Handlungen
«Nein» zu sagen und sich dagegen zu wehren» (BGE 146 IV 153 E. 3.5.5
S. 159 ff.).

 

5.3.2   Das
Bundesgericht fährt fort: «Psychischer Druck entsteht für ein Kind nicht nur
dann, wenn ihm der Täter ausdrücklich einen Nachteil androht. Vielmehr kann das
Verhalten einer Bezugsperson im Kind eine ausweglose Zwangssituation bewirken,
auch wenn es in oberflächlicher, kontextloser Betrachtungsweise nicht als
direkt bösartig oder objektiv schwerwiegend erscheint. Der Täter, der dem Kind
vorspiegelt, die sexuellen Handlungen seien normal, bewirkt einen erheblichen
psychischen Druck für das Kind, das die Frage der Normalität allein nicht
abschliessend beurteilen kann und sich nicht abnormal verhalten möchte. Der
Täter, der sich vom Kind einen nur kleinen, normalen Gefallen erbittet, oder
der Täter, der dem Kind weismacht, es handle sich um eine schöne Sache, die man
zusammen erleben könnte, erzeugt einen enormen psychischen Druck für das Kind,
das ihm einen solchen Gefallen nicht abschlagen möchte, und das nicht daran
schuld sein möchte, wenn der Täter diese angeblich schöne Sache nicht erleben
darf. Der Täter, der die Willensbildung des Kindes in dieser Art steuert und
manipuliert, schafft eine für das Kind dermassen ausweglose Situation, wie sie
von den sexuellen Nötigungstatbeständen erfasst ist. Je näher die Bezugsperson
dem Kind und je grösser das Vertrauen des Kindes in diese Bezugsperson ist,
desto grösser ist die psychische Zwangssituation für das betroffene Kind und
desto auswegloser dessen Situation. Dem Kind ist ein Widersetzen gegen die
sexuellen Handlungen unter diesen Umständen nicht zuzumuten. Es handelt sich
nicht um ein reines Ausnutzen einer Machtposition, sondern um
instrumentalisierte, strukturelle Gewalt. Ein Kind, dessen Persönlichkeits- und
Bewusstseinsentwicklung betreffend Sexualität noch längst nicht abgeschlossen
ist, ist dem Täter aufgrund dessen kognitiver und körperlicher Überlegenheit
und seinem Einfluss auf die Willensbildung des Opfers bei dieser Tat vollkommen
ausgeliefert. Der Einfluss auf die Willensbildung des Opfers ist dabei umso
grösser, je jünger das Opfer ist und je näher der Täter dem Opfer steht. Entscheidend
ist nach der Rechtsprechung, ob vom Opfer erwartet werden kann, dass es sich
dem Täter widersetzt, d.h. ob ihm ein Widersetzen unter solchen Umständen
zuzumuten ist. Mit anderen Worten ist in einem Fall von Kindesmissbrauch im
sozialen Nahraum entscheidend, ob von einem Kind angesichts seines Alters,
seiner familiären und sozialen Situation, der Nähe des Täters und Funktion des
Täters in seinem Leben, seines Vertrauens in den Täter und der Art und Weise
der Vornahme der sexuellen Handlungen durch den Täter (als Normalität, als
Selbstverständlichkeit, als etwas Schönes, als ein Spiel), erwartet werden
kann, dass es sich diesem eigenständig entgegensetzt» (BGE 146 IV 153 E. 3.5.5
S. 159 ff.).

 

5.3.3   Dabei
ist – so das Bundesgericht –  «nicht erforderlich, dass der Täter auf
diese Weise ein Nachgeben des Kindes erreicht, zumal ein solches vielfach gar
nicht erst aktiv bewirkt werden muss. Vielmehr reicht es aus, dass der Täter
das Mitmachen des Kindes erwirkt, dem ein Widerstand aufgrund der genannten
Umstände nicht zuzumuten ist. Von einem Einverständnis zu den vorgenommenen
Handlungen, von Freiwilligkeit kann bei so kleinen Kindern in keinem Fall
ausgegangen werden. Lassen sich Kinder im Alter wie vorliegend (achteinhalb- bis
zehneinhalbjährig) ohne sich zu wehren in sexuelle Handlungen involvieren, kann
daraus nicht auf eine freiwillige Mitwirkung geschlossen werden; es ist eine
immer nur vermeintliche Fr