# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** aae9f3dd-a6db-56f4-acc5-0f3eb5f2475e
**Source:** Glarus (GL)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2020-04-30
**Language:** de
**Title:** Glarus Verwaltungsgericht 30.04.2020 VG.2019.00134 (VG.2020.916)
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/GL_Omni/GL_VG_001_VG-2019-00134_2020-04-30.html

## Full Text

VERWALTUNGSGERICHT DES KANTONS GLARUS

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  Urteil vom 30. April 2020

  
	
   

  
	
   

  
	
  I. Kammer

  
	
   

  
	
   

  
	
  in Sachen

  
	
  VG.2019.00134

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  	
    A.______AG

    	
    Beschwerdeführerin

    

  

  
	
   

  
	
  	
    vertreten durch
    Rechtsanwalt B.______

    

  

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  gegen

  
	
   

  
	
   

  
	
   

  
	
  	
    Kanton Glarus

    	
    Beschwerdegegner

    

  

  
	
   

  
	
   

  
	
  und

  
	
   

  
	
   

  
	
  	
    C.______

    	
    Beigeladene

    

  

  
	
   

  
	
  	
    D.______

    

  

  
	
   

  
	
  	
    E.______

    

  

  
	
   

  
	
   

  
	
  betreffend

  
	
   

  
	
   

  
	
  Staatshaftung

  
	
   

  
	
  Die Kammer zieht in Erwägung:

  
	
  I.

  
	
  1.

  
	
  1.1 Der Präsident des Kantonsgerichts Glarus eröffnete
  am […] den Konkurs über die F.______AG, was am […] sowohl im Amtsblatt des
  Kantons Glarus als auch im Schweizerischen Handelsamtsblatt (SHAB) publiziert
  wurde. Im Rahmen des Konkursverfahrens wurden diverse Forderungen kolloziert.
  Der diesbezügliche Plan lag vom […] bis zum […] beim Betreibungs- und
  Konkursamt des Kantons Glarus auf und erwuchs zusammen mit dem Inventar
  ebenso in Rechtskraft, wie der vom […] bis zum […] aufgelegte Nachtrag zum
  Kollokationsplan.

  
	
   

  
	
  1.2 Am 26. Mai 2015 erklärte das Betreibungs- und
  Konkursamt gegenüber der A.______AG, welche im Konkurs der F.______AG mit
  ungesicherten Forderungen im Umfang von Fr. 1'009'679.66 zugelassen
  wurde, dass die Mehrheit der Gläubiger auf die Geltendmachung von nicht
  realisierbaren Debitoren im Betrag von Fr. 10'257'255.65 verzichtet habe
  und sie zusammen mit vier weiteren Gläubigern antragsgemäss ermächtigt werde,
  die Massarechte in eigenem Namen und auf eigene Gefahr geltend zu machen. In
  der Folge schieden sämtliche Abtretungsgläubiger bis auf die A.______AG aus.

  
	
   

  
	
  2.

  
	
  2.1 Am 8. November 2016 machte die A.______AG gegenüber
  dem Regierungsrat des Kantons Glarus gestützt auf das Gesetz über die Haftung
  der Gemeinwesen und ihrer Amtsträger vom 5. Mai 1991 (Staatshaftungsgesetz,
  SHG) Schadenersatzansprüche geltend. Als Begründung führte sie an,
  Mitarbeitende des Betreibungs- und Konkursamts hätten sämtliche Akten zu den
  relevanten Debitoren entsorgt. Dadurch sei es ihr nicht möglich, die offenen
  Forderungen der F.______AG zu substantiieren und zu belegen, weshalb ein
  Totalverlust der ausgewiesenen Forderungen drohe.

  
	
   

  
	
  2.2 Nachdem der Regierungsrat das
  Staatshaftungsverfahren zu Gunsten eines informellen Vorverfahrens durch die
  Betriebshaftpflichtversicherung des Kantons Glarus, die […], sistiert hatte,
  verneinte Letztere einen Anspruch der A.______AG auf Schadenersatz. In der
  Folge hielt die A.______AG am 12. Februar 2018 und am 5. September 2018
  an ihrem Staatshaftungsbegehren fest, worauf der Regierungsrat das Verfahren
  wiederaufnahm und das Staatshaftungsbegehren mit Entscheid vom 22. Oktober
  2019 abwies.

  
	
   

  
	
  3.

  
	
  3.1 Gegen den Entscheid des Regierungsrats vom 22.
  Oktober 2019 gelangte die A.______AG mit Beschwerde vom 25. November 2019 ans
  Verwaltungsgericht und beantragte sinngemäss dessen Aufhebung. Der Kanton
  Glarus sei zu verpflichten, Schadenersatz in der Höhe von
  Fr. 1'351'252.- nebst Zins zu 5 % seit dem 8. November 2016 zu
  bezahlen; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Kantons
  Glarus. In prozessualer Hinsicht ersuchte die
  A.______AG darum, dass das Verfahren vorerst auf die Frage der Verjährung zu
  beschränken sei.

  
	
   

  
	
  3.2 Am 26. November 2019 lud das Verwaltungsgericht
  E.______, C.______ sowie D.______ als aktive oder ehemalige Mitarbeiter des
  Betreibungs- und Konkursamts von Amtes wegen ins Verfahren bei und gab ihnen
  sowie dem Kanton Glarus Gelegenheit, vorerst zur Frage der Verjährung
  Stellung zu nehmen. C.______ und D.______ verzichteten am 18. Dezember 2019
  auf die Einreichung einer Stellungnahme. Der Kanton Glarus liess sich am 8.
  Januar 2020 vernehmen und beantragte die Abweisung der Beschwerde; unter
  Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der A.______AG. E.______ liess
  sich innert Frist nicht vernehmen.

  
	
   

  
	
  II.

  
	
  1.

  
	
  1.1 Im Bereich des Betreibungs- und Konkursrechts
  werden der Grundsatz der Staatshaftung sowie die Verjährung von Ansprüchen
  aus Staatshaftung abschliessend durch das Bundesrecht geregelt, wobei dem
  kantonalen Recht einzig der Rückgriff des Kantons auf den Verursacher des
  Schadens und die Ausgestaltung des Verfahrens zur Geltendmachung des
  Schadenersatzanspruchs überlassen wird (BGer-Urteil 5P.471/2003 vom 29. März
  2004 E. 1.1).

  
	
   

  
	
  1.2 Demgemäss ist das vorliegende
  Staatshaftungsbegehren gestützt auf Art. 5 des Bundesgesetzes über
  Schuldbetreibung und Konkurs vom 11. April 1889 (SchKG) zu prüfen. Dabei
  handelt es sich um eine Kausalhaftung öffentlich-rechtlicher Natur und nicht
  um eine Zivilrechtsstreitigkeit
  (BGE 126 III 431 E. 2c/bb), weshalb das
  Verwaltungsgericht gemäss Art. 12 Abs. 1 SHG i.V.m. Art. 105 Abs. 1
  lit. c des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege vom 4. Mai 1986
  (VRG) zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig ist. Da auch die
  übrigen Prozessvoraussetzungen erfüllt sind, ist auf die Beschwerde
  einzutreten.

  
	
   

  
	
  2.

  
	
  2.1 Die Beschwerdeführerin bringt vor, sie habe im
  Januar 2016 von der Entsorgung der Debitoren-Projektordner durch
  Mitarbeitende des Betreibungs- und
  Konkursamts erfahren. Da diese elementar für die Geltendmachung von
  Forderungen gegenüber den Schuldnern der F.______AG seien, habe sie erst in
  diesem Zeitpunkt Kenntnis vom Schaden gehabt, weshalb ihr
  Staatshaftungsbegehren innert der einjährigen Verjährungsfrist gemäss Art. 6
  Abs. 1 SchKG gestellt worden sei. Sodann seien die noch offenen
  Debitoren der F.______AG ohne die vernichteten Akten nicht realisierbar. Der
  Schaden sei deshalb offensichtlich und überdies habe sie diesen
  rechtsgenüglich nachgewiesen sowie quantifiziert. Ferner seien die
  Räumlichkeiten der F.______AG nach Eröffnung des Konkurses versiegelt und die
  Debitoren-Projektordner trotz Erhaltungspflicht durch das Betreibungs- und
  Konkursamt entsorgt worden, was als widerrechtlich zu qualifizieren sei.
  Schliesslich sei das Erheben von Forderungsklagen gegenüber den Schuldnern
  der F.______AG ohne die erforderlichen Akten aussichtslos, weshalb der
  Schaden kausal zum widerrechtlichen Verhalten der Amtsträger des Betreibungs-
  und Konkursamts sei.

  
	
   

  
	
  2.2 Der Beschwerdegegner vertritt die Auffassung, der
  Schadenersatzanspruch der Beschwerdeführerin sei verjährt. Letztere habe im
  Rahmen einer Sichtung der Konkursakten bereits im Juni 2015 Kenntnis von der
  Entsorgung der angeblich essenziellen Akten gehabt, weshalb die einjährige
  relative Verjährungsfrist im Juni 2016 geendet habe und das
  Staatshaftungsbegehren im November 2016 zu spät gestellt worden sei. Sodann
  sei keine Pflichtverletzung durch aktive oder ehemalige Mitarbeiter des Betreibungs- und Konkursamts ersichtlich. So seien
  weder die beiden Wassereinbrüche vorhersehbar gewesen noch sei die Entsorgung
  der dadurch beschädigten und daraufhin entsorgten Geschäftsakten
  pflichtwidrig gewesen. Ferner sei nicht erstellt, dass die Forderungen in der
  Gesamthöhe von Fr. 1'351'252.- mit Hilfe der entsorgten Akten
  realisierbar gewesen wären. Folglich mangle es auch an der Kausalität
  zwischen dem Vorgehen der Amtsträger des Betreibungs- und Konkursamts und dem
  Schaden. Die Voraussetzungen für eine Staatshaftung seien damit nicht
  erfüllt.

  
	
   

  
	
  3.

  
	
  3.1 Gemäss Art. 5 Abs. 1 SchKG haftet der Kanton primär
  und exklusiv für den Schaden, den die Beamten und Angestellten, ihre
  Hilfspersonen, die ausseramtlichen Konkursverwaltungen, die Sachwalter, die
  Liquidatoren, die Aufsichts- und Gerichtsbehörden sowie die Polizei bei der
  Erfüllung der Aufgaben, die ihnen das Gesetz zuweist, widerrechtlich
  verursachen. Überdies besteht der Anspruch auf Genugtuung, wo die Schwere der
  Verletzung es rechtfertigt. Der Anspruch auf Schadenersatz verjährt in einem
  Jahr von dem Tage hinweg, an welchem der Geschädigte von der Schädigung
  Kenntnis erlangt hat, jedenfalls aber mit dem Ablauf von zehn Jahren, von dem
  Tage der Schädigung an gerechnet (Art. 6 Abs. 1 SchKG in der bis am
  31. Dezember 2018 geltenden Fassung).

  
	
   

  
	
  3.2 Bei Art. 5 SchKG handelt es sich um eine
  Kausalhaftung. Der Staat hat bei dieser nur für den ordnungsgemässen
  Betriebsablauf einzustehen, nicht schlechthin dafür, dass niemandem etwas
  passiert. Dabei spielt die subjektive Seite der handelnden Personen, mithin
  deren Verschulden, aber nicht die geringste Rolle. Der Geschädigte muss
  einzig (aber immerhin) einen objektiv vermeidbaren Betriebsfehler nachweisen,
  um die Haftung auszulösen. Haftungsgrund ist somit letztlich eine
  objektivierte Unsorgfalt (vgl. Dominik Gasser, in Adrian Staehelin/Thomas
  Bauer/Daniel Staehelin [Hrsg.], Basler Kommentar zum Bundesgesetz über
  Schuldbetreibung und Konkurs I, Art. 1 - 158 SchKG, 2. A.,
  Basel 2010, Art. 5 N. 7 f.).

  
	
   

  
	
  3.3

  
	
  3.3.1 Der Begriff des Schadens, die Schadensart und die
  Schadensberechnung gemäss Art. 5 SchKG sind analog dem Privatrecht zu
  entnehmen. Es gilt mithin der klassische Schadensbegriff, wonach der Schaden
  eine unfreiwillige Verminderung des Reinvermögens darstellt und der Differenz
  zwischen dem gegenwärtigen Vermögensstand nach dem schädigenden Ereignis und
  dem Stand, den das Vermögen ohne das schädigende Ereignis hätte, entspricht.
  Er kann in einer Vermehrung der Passiven, einer Verminderung der Aktiven oder
  in entgangenem Gewinn bestehen. Geltend gemacht werden kann dabei nur der
  direkte Schaden. Der sogenannte Reflexschaden bzw. indirekte Schaden
  begründet grundsätzlich keinen Anspruch nach SchKG. Bei der Bemessung des
  Schadens sind analog dem Privatrecht die Herabsetzungsgründe gemäss
  Art. 44 des Bundesgesetzes betreffend die Ergänzung des schweizerischen
  Zivilgesetzbuches vom 30. März 1911 (Obligationenrecht, OR) zu beachten,
  wobei den Geschädigten eine Schadenminderungspflicht trifft, weshalb er für
  sein Selbstverschulden einstehen muss. Der Schaden muss durch ein
  Vollstreckungsorgan erfolgen, wobei die Aufzählung der Vollstreckungsorgane
  in Art. 5 SchKG abschliessend ist (Frédéric Krauskopf/Mona Erb, in
  Alexander R. Markus/Stephanie Hrubesch-Millauer/Rodrigo Rodriguez [Hrsg.],
  Zivilprozess und Vollstreckung national und international – Schnittstellen
  und Vergleiche, Festschrift für Jolanta Kren Kostkiewicz, Bern 2018, S. 534
  f.; Patrick Müggler, in Jolanta Kren Kostkiewicz/Dominik Vock [Hrsg.],
  Kommentar zum Bundesgesetz über Schuldbetreibung und Konkurs, 4. A.,
  Zürich 2017, Art. 5 N. 6 ff.).

  
	
   

  
	
  3.3.2 Der Schaden muss sodann in Erfüllung der Aufgaben
  des betreffenden Vollstreckungsorgans, die ihm das Gesetz zuweist, entstanden
  sein. In Analogie zu Art. 55 OR ist dabei nichts Anderes als in
  dienstlicher Verrichtung zu verstehen, d.h. in funktionellem
  Zusammenhang mit der zu verrichtenden hoheitlichen Aufgabe. Den Amtshandlungen
  gleichgestellt sind Unterlassungen solcher Handlungen, soweit eine Pflicht
  zum Handeln gegeben ist. Bloss bei Gelegenheit zugefügter Schaden lässt die
  Haftung nicht entstehen. Bei Fehlen dieses Konnexes greift die Staatshaftung
  nicht. In Frage kommt dann jedoch eine persönliche Haftung des
  Vollstreckungsorgans, insbesondere jene nach Art. 41 OR. Im Zweifel wird
  der Zusammenhang im Interesse des Geschädigten jedoch zu bejahen sein
  (Gasser, Art. 5 N. 35 f.; Krauskopf/Erb, S. 533).

  
	
   

  
	
  3.3.3 Die Schadenszufügung muss des Weiteren
  widerrechtlich sein. Dies ist dann der Fall, wenn sie in Verletzung der
  gesetzlichen Ordnung erfolgt ist, sei es, dass sie ein absolutes Recht des
  Geschädigten verletzt (Erfolgsunrecht), sei es, dass sie eine
  Vermögensschädigung durch Verstoss gegen eine einschlägige Schutznorm bewirkt
  (Verhaltensunrecht). Vorausgesetzt ist, dass die verletzten Verhaltensnormen
  (insbesondere SchKG, Verordnungen, Kreisschreiben, Formulare in ihrem
  obligatorischen Inhalt, usw.) dem Schutz von solchen Vermögensschädigungen
  dienen. Die Widerrechtlichkeit entfällt bei gesetzeskonformem, fehlerfreiem
  Verhalten der Organe und Beamten. Bei einer Verletzung absoluter Rechte (wie
  Leben, Gesundheit oder Eigentum), für die kein Rechtfertigungsgrund besteht,
  folgt die Widerrechtlichkeit des schädigenden Verhaltens direkt aus diesem
  Erfolg. Es bedarf darüber hinaus keines besonders qualifizierenden Merkmals
  des schädigenden Verhaltens im Sinne eines verpönten oder verwerflichen
  Verhaltens. Eine blosse Vermögensschädigung ohne gleichzeitigen Eingriff in
  ein absolutes Recht ist dagegen nur dann widerrechtlich, wenn sie auf der
  Verletzung einer Amtspflicht beruht, die dem Schutz vor solchen Schädigungen
  dient. Dabei stellt allerdings nicht jede noch so geringfügige Amtspflichtverletzung
  eine haftungsbegründende Widerrechtlichkeit dar. Vielmehr ist erforderlich,
  dass eine für die Ausübung der amtlichen Funktion wesentliche Pflicht
  betroffen ist. Weiter reicht nicht aus, dass sich die schädigende Handlung im
  Nachhinein als gesetzwidrig erweist. Haftungsbegründend ist lediglich eine
  unentschuldbare Fehlleistung, die einem pflichtbewussten Beamten nicht
  unterlaufen wäre (Gasser, Art. 5 N. 40; Krauskopf/Erb,
  S. 533 f.; Marco Levante, in Daniel Hunkeler [Hrsg.], Kurzkommentar
  zum Schuldbetreibungs- und Konkursrecht, 2. A, Basel 2014, Art. 5
  N. 5).

  
	
   

  
	
  3.3.4 Ferner muss die fragliche Handlung des
  Vollstreckungsorgans analog dem Privatrecht natürlich und adäquat kausal für
  den Eintritt des Erfolgs (Schaden) gewesen sein. Während die natürliche
  Kausalität eine Tatfrage darstellt, ist die adäquate Kausalität eine
  Rechtsfrage. Gefragt wird nach einer generellen, objektiven Eignung der
  Handlung bzw. nach der objektiven Voraussehbarkeit des Erfolges, wobei
  die subjektive Voraussehbarkeit für den Schädiger irrelevant ist (Gasser,
  Art. 5 N. 37; Levante, Art. 5 N. 6; Müggler, Art. 5
  N. 17).

  
	
   

  
	
  3.4 Bei einer Haftung nach Art. 5 SchKG richtet sich
  die Beweislast nach Art. 8 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches vom 10.
  Dezember 1907 (ZGB). Demzufolge hat der mutmasslich Geschädigte die
  Haftungsvoraussetzungen zu beweisen, während der Kanton allfällige
  Entlastungsgründe wie höhere Gewalt und überwiegendes Selbst- oder
  Drittverschulden, Rechtfertigungsgründe, die objektive Unvermeidbarkeit des
  Betriebsfehlers oder die Verjährung gemäss Art. 6 SchKG geltend zu machen
  hat. Für den Nachweis des natürlichen bzw. hypothetischen
  Kausalzusammenhangs gilt allgemein das Beweismass der überwiegenden
  Wahrscheinlichkeit, wonach die Partei, welche behauptet, ein bestimmtes
  Verhalten eines Schädigers sei kausal für den Schaden gewesen, keinen
  strikten Beweis für den von ihm behaupteten Kausalverlauf, sondern nur den
  Beweis der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu erbringen hat (Gasser,
  Art. 5 N. 56; Krauskopf/Erb, S. 535 ff.; Fabiana Theus
  Simoni, in Willi Fischer/Thierry Luterbacher [Hrsg.], Kommentar zu den
  schweizerischen Haftpflichtbestimmungen, Zürich 2016, Art. 5 SchKG
  N. 33).

  
	
   

  
	
  4.

  
	
  Die Beschwerdeführerin
  macht einen Schaden in der Höhe von Fr. 1'351'252.- geltend und
  begründet dies damit, dass diverse Forderungen gegenüber der F.______AG ohne
  die Akten, welche von den Beamten des Beitreibungs- und Konkursamtes entsorgt
  worden seien, uneinbringlich seien. Dementsprechend macht sie einen reinen
  Vermögensschaden geltend, wobei der Beschwerdegegner im angefochtenen
  Entscheid zu Recht darauf hinweist, dass ein solcher nur dann erstellt und
  genügend substantiiert ist, wenn die Uneinbringlichkeit der streitbetroffenen
  Forderungen zweifelsfrei feststeht. Dies ist entgegen der Ansicht der
  Beschwerdeführerin vorliegend nicht der Fall. So wird von ihr zunächst nicht
  rechtsgenüglich dargelegt, dass eine betreibungsrechtliche Geltendmachung der
  noch offenen Geldschulden gegenüber der F.______AG unmöglich gewesen wäre.
  Gegen diese Annahme spricht namentlich bereits der Umstand, dass sowohl die
  Beschwerdeführerin selbst als auch die G.______ als Globalzessionarin ihre
  Ansprüche offenbar mit den vorhandenen Akten zumindest teilweise geltend
  machen konnten, wobei für Letztere nach ihrer Befriedigung kein Interesse an
  weiteren diesbezüglichen Handlungen bestand. Dass die Beschwerdeführerin auch
  gegenüber den übrigen Schuldnern, deren Zahlungen sie nun mittels des
  Staatshaftungsbegehrens realisieren will, ähnliche Anstrengungen unternommen
  hat, bringt sie hingegen weder vor noch ergibt sich dies aus den Akten.
  Vielmehr erweckt die Beschwerdeführerin durch das Einreichen des
  Staatshaftungsbegehrens den Anschein, dass sie sich solche zeit- und
  kostenintensiven Bemühungen ersparen wollte, wobei gerade die Entsorgung
  einzelner Akten eine passende Gelegenheit hierfür bot. 

  
	
   

  
	
  Aus dem Gesagten folgt,
  dass die Beschwerdeführerin den Schaden nur ungenügend substantiiert hat,
  weil sie nicht glaubhaft dargetan hat, dass die noch offenen Forderungen nur
  mit Hilfe der durch die Amtsträger des Betreibungs- und Konkursamtes
  entsorgten Akten und nicht auf dem betreibungsrechtlichen Weg realisierbar
  gewesen wären. Darüber hinaus weist der Beschwerdegegner zu Recht darauf hin,
  dass für eine allfällig unmögliche Realisierung von Debitoren ohne Weiteres
  auch andere Umstände denkbar wären. Damit scheitert eine Staatshaftung
  gestützt auf Art. 5 SchKG bereits an einem ungenügend nachgewiesenen
  Schaden.

  
	
   

  
	
  5.

  
	
  Sodann wird von der
  Beschwerdeführerin, wie bereits erwähnt, ein reiner Vermögensschaden ohne
  gleichzeitigen Eingriff in absolute Rechte geltend gemacht. Ein solcher ist
  nur dann widerrechtlich, wenn er auf der Verletzung einer Amtspflicht beruht,
  die dem Schutz vor solchen Schädigungen dient (vgl. vorstehende
  E. II/3.3.3). Mit Blick auf den
  massgebenden Sachverhalt ist hierzu festzuhalten, dass die Geschäftsakten der
  F.______AG gemäss den Beigeladenen wegen der Besichtigung der
  Geschäftsliegenschaft im dort befindlichen Keller sichergestellt wurden, um sie
  vor dem Zugriff von unberechtigten Interessenten zu schützen. Daraufhin sei
  es zu nicht vorhersehbaren Wasserschäden gekommen, welche die Akten teilweise
  zerstört hätten. Diese Aussagen bekräftigen die Beigeladenen insbesondere mit
  Fotografien, wobei sich auf diesen nicht ohne Weiteres erkennen lässt, um
  welche Akten es sich gehandelt hat. 

  
	
   

  
	
  Den übereinstimmenden
  Aussagen der Beigeladenen folgend, lässt sich in dem von ihnen geschilderten
  Vorgehen entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin allerdings keine
  Pflichtwidrigkeit im Sinne von Art. 5 SchKG erkennen. So stellen die
  Sicherung und die Aufbewahrung von Geschäftsakten in einem Konkursverfahren
  zwar für die Ausübung der amtlichen Funktion wesentliche Pflichten von
  Konkurs- und Betreibungsbeamten dar, wobei sich diese sowohl aus Art. 1
  der Verordnung über die Aufbewahrung der Betreibungs- und Konkursakten vom
  5. Juni 1996 (VABK) als auch aus Art. 13 ff. der Verordnung
  über die Geschäftsführung der Konkursämter vom 13. Juli 1911 (KOV)
  ergeben. Dennoch liegt keine unentschuldbare Fehlleistung vor, die einem
  pflichtbewussten Beamten nicht unterlaufen wäre. So kamen die Amtsträger des
  Betreibungs- und Konkursamts ihrer Sicherungs- und Aufbewahrungspflicht durch
  die Siegelung der Geschäftslokalität und die Einlagerung der Akten im Keller
  rechtsgenüglich nach, zumal eine solche an einem sicheren Ort vor dem Zugriff
  unberechtigter Dritter und nicht zwingend in einer Amtslokalität zu erfolgen
  hat. Sodann ist darauf hinzuweisen, dass die Amtsträger nicht mit einem
  Wassereinbruch im Keller der Geschäftsliegenschaft rechnen mussten. Dagegen
  spricht einerseits, dass die Ursache für den Wassereinbruch bei einer
  nahegelegenen Baustelle lag, wobei sich eine solche Problematik jederzeit
  auch an einem anderen Ort hätte stellen können. Andererseits wurden im Keller
  schon früher Geschäftsakten archiviert, wobei sich die Frage eines
  Wassereinbruchs offenbar nie gestellt hatte. Anderweitiges lässt sich weder
  den Akten entnehmen noch wird dies von der Beschwerdeführerin geltend
  gemacht. Folglich ist in der Aufbewahrung und der Sicherung der
  Geschäftsakten im Keller der Geschäftslokalität der F.______AG sowie der
  daraufhin erfolgten Beschädigung und Entsorgung der Akten keine
  Pflichtwidrigkeit eines Behördenmitglieds des Betreibungs- und Konkursamts zu
  sehen, weshalb keine Widerrechtlichkeit im Sinne von Art. 5 SchKG
  vorliegt. Dass aber die Akten nicht im Keller gelagert worden sind, ist eine
  reine unbelegte Behauptung der Beschwerdeführerin, welche die
  übereinstimmenden Aussagen der Beigeladenen nicht in Zweifel zu ziehen
  vermag.

  
	
   

  
	
  6.

  
	
  Schliesslich ist mit dem
  Beschwerdegegner darin einig zu gehen, dass die von der Beschwerdeführerin
  als essentiell taxierten Projektordner für die Durchsetzung
  bzw. Realisierung der offenen Debitoren nicht überwiegend wahrscheinlich
  geeignet gewesen wären, weshalb keine Kausalität vorliegt. Zwar kann der
  Beschwerdeführerin darin gefolgt werden, dass kein strikter Beweis für den
  natürlichen Kausalzusammenhang möglich ist, was angesichts der entsorgten
  Akten in der Natur der Sache liegt. Wie dem Einvernahmeprotokoll des
  ehemaligen Geschäftsführers der F.______AG vom 14. Dezember 2012 jedoch
  entnommen werden kann, lagen die seiner Ansicht nach relevanten Ursachen des
  Konkurses in der schlechten Zahlungsmoral der Kunden. Damit weist er, obwohl
  er im Besitz sämtlicher Geschäftsakten war, implizit selbst auf eine gewisse
  Uneinbringlichkeit der offenen Forderungen hin. Andernfalls er die
  Forderungen hätte selbst realisieren und dadurch den Konkurs hätte abwenden
  können. Des Weiteren war es, wie oben dargelegt, sowohl der
  Beschwerdeführerin als auch der G.______ als globale Debitorenzessionarin
  offenbar möglich, ihre Ansprüche ganz oder zumindest teilweise ohne die
  streitbetroffenen Projektordner zu befriedigen. Dass die übrigen Forderungen
  wegen den untergangenen Projektordner uneinbringlich wären, legt die
  Beschwerdeführerin hingegen nicht rechtsgenüglich dar. Ferner beantragte das Betreibungs- und Konkursamt den Gläubigern der
  F.______AG am 29. April 2015 auf die Eintreibung ihrer Ansprüche zu
  verzichten. Dem kamen in der Folge über 400 Gläubiger nach. Dies spricht
  ebenso gegen die Annahme, dass die streitbetroffenen Projektordner für die
  Realisierung der offenen Debitoren geeignet waren, wie der Umstand, dass das
  Notariat […] als amtlicher Liquidator im Nachlass des verstorbenen ehemaligen
  Geschäftsführers der F.______AG die Forderung in der Höhe von
  Fr. 807'009.- am 23. August 2018 an die Beschwerdeführerin abtrat.
  Insgesamt ergibt sich daraus, dass keine Hinweise dafür bestehen, dass die
  von der Beschwerdeführerin erwähnten Projektordner der F.______AG geeignet
  waren, die noch offenen Forderungen zu realisieren. Im Übrigen weist der
  Beschwerdegegner zu Recht darauf hin, dass die Abtretung von Rechtsansprüchen
  nicht mit einer Erfolgsgarantie verbunden ist. Insgesamt bleibt von der
  Beschwerdeführerin damit unbewiesen, dass der mutmassliche Schaden
  überwiegend wahrscheinlich wegen der Vernichtung der streitbetroffenen Akten
  eingetreten ist, weshalb es am erforderlichen Kausalzusammenhang mangelt.

  
	
   

  
	
  7.

  
	
  Zusammenfassend sind die
  Haftungsvoraussetzungen gemäss Art. 5 SchKG nicht erfüllt. So scheitert
  eine Haftung des Beschwerdegegners bereits an einem genügend substantiierten
  Schaden, wobei der Beschwerdeführerin insbesondere der Nachweis nicht
  gelungen ist, dass die noch offenen Forderungen uneinbringlich bzw. nur
  mittels der entsorgen Akten realisierbar gewesen wären. Hinzu kommt, dass der
  Kausalzusammenhang zwischen der Entsorgung der Akten und dem nur ungenügend
  substantiierten Vermögensschaden der Beschwerdeführerin nicht mit dem Grad
  der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt ist. Ferner lässt sich im
  Vorgehen der Amtsträger keine widerrechtliche Amtshandlung erkennen, welche
  einem pflichtbewussten Beamten nicht unterlaufen wäre. Demgemäss sind die
  Haftungsvoraussetzungen gemäss Art. 5 SchKG nicht erfüllt, womit die
  Frage der Verjährung des Haftungsanspruchs (Art. 6 Abs. 1 SchKG)
  offengelassen werden kann.

  
	
   

  
	
  Dies führt zur Abweisung
  der Beschwerde.

  
	
   

  
	
  III.

  
	
  1.

  
	
  Die Gerichtskosten von
  pauschal Fr. 9'000.- sind ausgangsgemäss der Beschwerdeführerin aufzuerlegen
  und mit dem bereits geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe zu
  verrechnen (Art. 134 Abs. 1 lit. c VRG).

  
	
   

  
	
  2.

  
	
  Mangels Obsiegens steht
  der Beschwerdeführerin keine Parteientschädigung zu (Art. 138 Abs. 3
  lit. a VRG). Behörden, worunter der Beschwerdegegner fällt, haben nur
  ausnahmsweise Anspruch auf eine Parteientschädigung, weil die Beantwortung
  von Rechtsmitteln zu ihrem angestammten Aufgabenbereich gehört (Art. 138
  Abs. 4 VRG). Da vorliegend kein besonderer Umstand vorliegt, der eine
  Parteientschädigung rechtfertigen würde, ist dem Beschwerdegegner eine solche
  nicht zuzusprechen.

  
	
  Demgemäss erkennt die Kammer:

  
	
  	
    1.

    	
    Die
    Beschwerde wird abgewiesen.

    
	
    2.

    	
    Die
    Gerichtskosten von Fr. 9'000.- werden der Beschwerdeführerin auferlegt und
    mit dem bereits geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe verrechnet.

    
	
    3.

    	
    Es
    werden keine Parteientschädigungen zugesprochen.

    
	
    4.

    	
    Schriftliche
    Eröffnung und Mitteilung an:

    
	
     

    	
    […]