# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 5802ec30-08ce-5a58-ac0d-479919d7c62e
**Source:** Solothurn (SO)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 1994-09-15
**Language:** de
**Title:** Solothurn Obergericht Jugendgerichtskammer 15.09.1994 ZZ.1994.13 (Erw. 7 b)
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/SO_Omni/SO_OG_003_ZZ-1994-13_1994-09-15.html

## Full Text

SOG 1994 Nr. 13

 

 

§§ 101 und 215 ZPO - Kosten bei Klagerückzug.

-       
Der Klagerückzug muss eindeutig, aber nicht ausdrücklich
erklärt werden (Erw. 7 b). 

-       
Eine Partei, die eine Mitteilung der Gegenpartei infolge
Abwesenheit nicht zur Kenntnis nimmt und deswegen einen unnötigen Prozess
herbeiführt, wird kostenpflichtig (Erw. 9).

 

 

            Die A. AG machte in einem Konkurs an
verschiedenen Gegenständen, die sich in von ihr vermieteten Fabrikationsräumen
befanden, das Retentionsrecht gemäss Art. 268 ff. OR geltend. Dem Konkursinventar
entnahm sie, dass an zwei Gegenständen die M. AG das Eigentum ansprach. Die A.
AG machte hierauf gegen die M. AG eine Klage auf Anerkennung des
Retentionsrechtes anhängig. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass die M. AG
die betreffenden Gegenstände bereits vor längerer Zeit an die U. AG verkauft
hatte, ersuchte die A. AG den Gerichtspräsidenten, den Prozess unter Kosten-
und Entschädigungsfolgen zu Lasten der M. AG durch Abweisung der Klage zu
erledigen. Der Gerichtspräsident schrieb hierauf das Verfahren zufolge
Klagerückzuges ab, auferlegte der A. AG die Gerichtskosten und verpflichtete
sie, der M. AG eine Parteientschädigung zu bezahlen. Zum Rekurs, der von der
A.AG dagegen eingereicht wurde, erwog das Obergericht:

 

7.b)      Die Rekurrentin beantragte in ihrer Eingabe
ausdrücklich die Abweisung der Klage aufgrund fehlender Passivlegitimation der
Beklagten. Von einem Rückzug der Klage wird nirgends gesprochen. Der
Rekurrentin ist jedoch entgegenzuhalten, dass eine Prozesshandlung (wie eben
z.B. ein Klagerückzug) wohl einer eindeutigen, nicht aber unbedingt einer
ausdrücklichen Erklärung bedarf. Die Rekurrentin gesteht nun mit ihrem Begehren
ein, dass sie die falsche Person eingeklagt hat. Dies läuft de facto auf einen
Rückzug der Klage hinaus. Es verhält sich hier nicht anders, wie wenn ein
Beklagter an der Verhandlung die Klage zwar nicht formell anerkennt, jedoch
vorbehaltlos zugibt, dass die geltend gemachte Forderung gegen ihn tatsächlich
besteht. In einem solchen Fall ist der Prozess infolge Klageanerkennung
abzuschreiben (vgl. Guldener, Schweizerisches Zivilprozessrecht, 3. A., Zürich
1979, S. 399 f). Die Klage gegen die Rekursgegnerin ist somit als zurückgezogen
zu betrachten, und der Prozess durfte durch Abschreibung erledigt werden. Dies liegt
auch im Interesse der Prozessökonomie, müsste doch, wenn man dem Begehren der
Rekurrentin wörtlich folgte, noch eine Verhandlung vor Amtsgericht erfolgen,
was nur grössere Umtriebe und Kosten, jedoch für niemanden Vorteile brächte.
Insbesondere kann die von der Rekurrentin begehrte Kostenregelung auch in einem
Abschreibungsentscheid getroffen werden.          Insoweit fehlt der
Rekurrentin dann aber auch das erforderliche Rechtsschutzinteresse an der
Prozesserledigung durch Klageabweisung.

 

            Der Rekurs erweist sich folglich in diesem Punkt
als unbegründet und ist abzuweisen.

 

9.a)      Die Rekurrentin rügt schliesslich die in der
angefochtenen Verfügung getroffene Kostenregelung. Sie beantragt, aufgrund
ihres treuwidrigen Verhaltens habe die Rekursgegnerin, trotz der Abweisung der
gegen sie erhobenen Klage, die Kosten zu tragen und eine Parteientschädigung zu
bezahlen.

 

b)         Die Gerichts- und Parteikosten sind in der Regel
der unterlegenen Partei aufzuerlegen (§ 101 Abs. 1 ZPO), wobei auch der Kläger,
welcher seine Klage zurückzieht, als unterlegen betrachtet wird (SOG 1977 Nr.
11). Folglich würde die Rekurrentin im Prinzip kosten- und
entschädigungspflichtig.

 

              Wenn es die Billigkeit gebietet, kann jedoch
im Einzelfall von obgenanntem Grundsatz abgewichen werden, wobei die Auflistung
entsprechender Konstellationen in § 101 Abs. 2 lit. a - c ZPO nicht
abschliessend ist. So dürfen gemäss Lehre und Praxis auch der obsiegenden
Partei Kosten (ganz oder teilweise) auferlegt werden, wenn diese das Verfahren
unnötigerweise veranlasst hat (Vogel, Grundriss des Zivilprozessrechts, 3. A.,
Bern 1992, S. 262; Walder-Bohner, Zivilprozessrecht, 3. A., Zürich 1983, S. 413
f.).

 

c)         Die Rekurrentin führt nun an, die Rekursgegnerin
habe durch ihr Verhalten im Konkursverfahren wider besseres Wissen den Anschein
erweckt, Eigentümerin der Maschinen zu sein. Sie, die Rekurrentin, habe demnach
gemäss ihrem Wissensstand nach guten Treuen die Rekursgegnerin einklagen
müssen.

 

            Die Rekursgegnerin macht demgegenüber geltend,
die U. AG habe die Rekurrentin mit Schreiben vom 4.6.1993 über den
Eigentümerwechsel orientieren wollen, doch sei dieser Brief zweimal auf der
Post nicht abgeholt worden. Die Rekurrentin sei demnach selber daran schuld,
dass sie über die tatsächlichen Verhältnisse nicht informiert gewesen sei. 

 

d)         Aufgrund der Akten steht fest, dass ein Schreiben
der U. AG betreffend Eigentümerwechsel vom 4.6.1993 ungeöffnet an diese
zurückging, da es von der Rekurrentin nicht auf der Post abgeholt wurde. Dies
war darauf zurückzuführen, dass der Geschäftsführer zu jener Zeit aus
gesundheitlichen Gründen an der Arbeit verhindert war. Die Rekurrentin hatte
daher zum Zeitpunkt der Klageanhebung tatsächlich keine Kenntnis von den wahren
Eigentumsverhältnissen.

            Die Rekursgegnerin stellt sich auf den Standpunkt,
der Empfänger einer Mitteilung habe das Risiko zu tragen, dass diese infolge
Abwesenheit vom Geschäftsdomizil nicht zur Kenntnis genommen werde. Es genüge
mit anderen Worten der Zugang der Mitteilung, um dem Empfänger die Kenntnis von
deren Inhalt zuzurechnen. Dieser Auffassung ist grundsätzlich zuzustimmen. Es
verhält sich hier nicht anders als bei der Notifikation einer Zession: Leistet
der Schuldner nach Zugang der Abtretungserklärung an den Zedenten, so befreit
ihn dies nicht von seiner Verpflichtung gegenüber dem Zessionar, selbst wenn er
vom Inhalt der Erklärung noch keine Kenntnis genommen hat (von Tuhr/Peter,
Allgemeiner Teil des Schweizerischen Obligationenrechts, Bd I, 3. A., Zürich
1979, S. 170, Fn. 33). Der Rekurrentin muss demzufolge entgegengehalten werden,
dass sie von den wahren Eigentumsverhältnissen noch vor der Klageerhebung hätte
Kenntnis nehmen können. Der der Rekursgegnerin gemachte Vorwurf, sie habe den
unnötigen Prozess gegen sie durch ihr Verhalten herbeigeführt, erweist sich
damit als unberechtigt und der Rekurs auch insoweit als unbegründet.

 

Obergericht Zivilkammer, Urteil vom 15. September 1994

 

Eine gegen die Kosten- und Entschädigungsregelung erhobene
staatsrechtliche Beschwerde hat das Bundesgericht am 20. Dezember 1994
abgewiesen, soweit es darauf eingetreten ist.