# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 669ab6c3-9b26-540c-8b2b-96141afd58ef
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2015-06-30
**Language:** de
**Title:** Dass-Entscheid; der während 40 Jahren im Gartenbau und der Gartenpflege im selben Betrieb tätige, 61-Jahre alte Versicherte kann die noch zumutbare Arbeitsfähigkeit in angepasster, rückenadaptierter Tätigkeit realistischerweise nicht mehr verwerten. Zusprache einer ganzen Rente
**Docket/Reference:** IV.2015.00323
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2015.00323.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2015.00323
III. Kammer
Sozialversicherungsrichter Gräub, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Daubenmeyer
Ersatzrichterin Buchter
Gerichtsschreiberin Oertli
Urteil
vom
30. Juni 2015
in Sachen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch lic. iur.
O.___
FS-Consulting
Rudolf-Diesel-Strasse 28, 8404 Winterthur
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
weitere Verfahrensbeteiligte:
proparis Vorsorge-Stiftung Gewerbe Schweiz
Schwarztorstrasse 26, Postfach 8166, 3001 Bern
Beigeladene
Nachdem
die Beschwerdegegnerin
dem Beschwerdeführer
mit
Verfügung
en
vom
10. Februar 2015
ab 1. September 2014 eine ganze
Rente der Invalidenversiche
rung
und ab 1.
Oktober
2014
eine Viertelsrente zugesprochen hat
(Urk.
2
, vgl. auch Urk. 6/58-59
),
nach Einsicht in die Beschwerde vom
13. März 2015
, mit welcher
der Beschwerdeführer
die Aufhe
bung
der angefochtenen Verfügung
en
,
die
Zuspra
che eine ganzen Invalidenrente und eventuell
die
Rückweisung zu weiteren me
dizinischen Abklärungen
beantragt hat (Urk.
1
), und in die auf Abweisung der Beschwerde schliessende Beschwerdeantwort
der Beschwerdegegnerin
vom
20. April 2015
(Urk.
5
),
nach Einsicht in
die ebenfalls auf Abweisung der Beschwerde schliessende Stellung
nahme
vom 16. Juni 2015
der zum Prozess beigeladenen proparis Vorsorge-Stiftung Gewerbe Schweiz
,
die sich als Stiftung
, die den angeschlossenen Vor
sorgewerken und so auch der
ursprünglich beigelade
nen
Pensionskasse Gärtner & Floristen
den rechtlichen Rahmen gibt
(Urk. 9)
, auswies (Urk. 11, und Urk. 12/1-3),
in Erwägung,
dass
Invalidität die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teil
weise Erwerbsunfähigkeit ist (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG]), und Folge von Geburtsge
brechen, Krankheit oder Unfall sein kann (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
[IVG]
), und dass Erwerbsunfähigkeit der durch Be
einträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen
den ausgeglichenen Arbeitsmarkt ist (Art. 7 ATSG),
d
as trotz der gesundheitlichen Beeinträchtigung zumutbarerweise erzielbare Einkom
men bezogen auf einen ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu ermitteln
ist
, wobei an die Konkretisierung von Arbeitsgelegenheiten und Verdienstaussichten keine übermässigen Anforderungen zu stellen sind
,
das
fortgeschrittene Alter
, obgleich an sich ein invaliditätsfremder Faktor, in der Rechtsprechung als Kriterium anerkannt
wird
,
welches
zusammen mit weiteren persönlichen und beruflichen Gegebenheiten dazu führen kann, dass die einer versicherten Person verbliebene Resterwerbsfähigkeit auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt realistischerweise nicht mehr nachgefragt wird, und dass ihr deren Verwertung auch gestützt auf die Selbsteingliederun
gslast nicht mehr zumutbar ist,
sich d
er Einfluss des Lebensalters auf die Möglichkeit, das verbliebene Leistungsver
mögen auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten, nicht nach einer allgemeinen Regel bemessen
lässt
, sondern von d
en Umständen des Einzelfalls ab
hängt
,
dabei
die Art und Beschaffenheit des Gesundheitsschadens und seiner Folgen, der ab
sehbare Umstellungs- und Einarbeitungsaufwand und in diesem Zusammen
hang auch Persönlichkeitsstruktur, vorhandene Begabungen und Fertigkeiten, Ausbildung, beruflicher Werdegang oder Anwendbarkeit von Berufserfahrung aus dem angestammten Bereich
massgebend
sein
können
(
BGE 138 V 457
E. 3.1
mit Hinweisen),
d
ie Möglichkeit, die verbliebene Arbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten, nicht zuletzt davon ab
hängt
, welcher Zeitraum der versicherten Person für eine berufliche Tätigkeit und vor allem auch für einen allfälligen Berufswechsel
noch zur Verfügung steht,
f
ür den Zeitpunkt, in welchem die Frage der Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit bei vorgerücktem Alter beantwortet wird, auf das Feststehen der medizinischen Zumutbarkeit der (Teil-)Erwerbsfähigkeit abzustellen
ist
(
BGE 138 V 457
E.
3.3),
in weiterer Erwägung,
dass
sich der 1953 geborene Beschwerdeführer unter Hinweis auf einen operierten Band
scheibenvorfall am
10. März 2014
bei der Sozialversicherungsanstalt des Kan
tons Zürich,
IV
-
Stelle,
zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung
anmeldete (Urk. 6/
2
),
der Beschwerdeführer seine bisherige Tätigkeit in der Gartenpflege und im Gartenun
terhalt mit körperlich anstrengenden Arbeiten, die regelmässig mit grossen Scherkräften im Rückenbereich verbunden sind (vgl. Urk. 6/9 Ziff. 5), seit De
zember 2012 nicht mehr ausführen kann
, weshalb er Taggelder der Krankentag
geldversicherung bezog
(Urk. 6/13 S. 26 und S. 40 sowie die Stellungnahme des regionalen ärztlichen Dienstes
der IV-Stelle
, RAD, vom 1. September 2014
in
Urk. 6/29 S. 4),
der Beschwerdeführer
nach Besuch der Grundschule sowie
Abschluss
einer Schreiner
lehre
in
Y.___
seit 1974
bei der
Z.___
AG im Bereich Gartenpflege und Gartenbau
arbeitete und dort im Zeitpunkt der IV-Anmeldung immer noch angestellt war
(Urk.
6/2 und Urk.
6/9),
der Beschwerdeführer
an
einer Lumbalgie bei einer Spondylarthrose L4/5 beidseits mit degenerativer Spondylolisthese
L4
leidet
und sich im Dezember 2013 in der
Klinik A.___
einer Dekompression L4/5 rechts bei Diskushernie L4/5 rechts mit Quadrizepsschwäche M4 unterzogen hat (Urk. 6/14
/6-7
,
Urk. 6/15/5-6,
Urk.
6/21
),
mit
diesen Diagnosen
, denen bildgebende Befunde zugrunde liegen
(Urk.
6/13/13
)
,
und
den
aktenkundigen
Arztberichten
(Urk. 6/14
/6-7
, Urk. 6/21 sowie
Stellung
nahme des
RAD vom 1. September 2014
in
Urk.
6/29 S. 4 f.)
ausgewiesen ist, dass
der Beschwerdeführer die bisherige Tätigkeit in der Gartenpflege
und im Gartenbau nicht mehr ausführen kann
(
vgl. auch Urk. 6/9 Ziff. 5
)
und ihm nur noch sitzende und
leichte
wechselbelastende Tätigkeiten zumutbar sind,
es nach Auskunft der Arbeitgeberin keine Umplatzierungsmöglichkeiten im Betrieb gibt (Urk. 6/9 Ziff. 2.4),
der
Beschwerdeführer
im Zeitpunkt, in
dem
die
medizinische
Zumutbarkeit der Ver
wertung der Restarbeitsfähigkeit feststand
(
Juni/
Juli 2014 vgl. Urk. 6/21
, Urk. 6/26
und die Stellungnahme des RAD vom 1. September 2014 in Urk. 6/29
S. 4
f.)
61 Jahre alt war
,
der Beschwerdeführer
zuvor
während 40 Jahren
im Gartenbau und
in
der Gartenpflege
tätig war und
körperlich anstrengende Arbeiten ausführte
, die ihm nun nicht mehr zumutbar sind,
sich
beim
1953 geborenen Beschwerdeführer auch bei Annahme einer unbeschränkten Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit die Frage nach deren Verwertbarkeit stellt,
der Beschwerd
eführer zwar als
sehr versiert
im Gartenbau und in der Gartenpflege
gelten
muss, er aber über keine wesentliche
n
andere
n
Berufserfahrung
en
und Fertigkeiten verfügt
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_954/2012
vom 10. Mai 2013
E. 3.
2
.
1
betreffend einen 60 Jahre alten Versicherten, der 25 Jahre
im sel
ben Hotel als Portier
tätig war),
der Beschwerdeführer ein
en
Berufswechsel vollziehen und ein hohes Mass an Anpas
sungsfähigkeit aufbringen müsste, was angesichts
der Anstellung im gleichen
Betrieb während
praktisch
seiner ganzen Erwerbsbiographie als
wenig wahr
scheinlich erscheint,
daneben
namentlich der Umstand, dass der Beschwerdeführer im massgebenden Zeit
punkt nur noch etwas weniger als vier Jahre vor seiner Pensionierung stand, ei
nen durchschnittlichen Arbeitgeber davon abhalten würde,
die mit seiner Be
schäftigung verbunden Risiken wie
krankheitsbedingte Arbeitsausfälle, berufli
che
Unerfahrenheit,
altersbedingt geringe
Anpassungsfähigkeit
und hohe
Sozi
alkosten einzugehen, zumal behinderungsgerechte Arbeitsplätze mit der Mög
lichkeit, teils stehend, teils sitzend
zu arbeiten, von Behinderten in jungem und mittlerem
Alter ebenfalls stark nachgefragt werden (vgl. Urteil des Bundesge
richts 9C_954/2012
vom 10. Mai 2013
E. 3.2.2),
eine Gesamtwürdigung der für die Zumutbarkeitsfrage entscheidenden objektiven und subjektiven Umstände somit ergibt, dass
die Verwertbarkeit der
verbliebenen
Arbeitsfähigkeit
namentlich
mit Blick
auf die
40-jährige
Tätigkeit als Gärtner im selben Betrieb
und das fortgeschrittene Alter
auch unter Berücksichtigung eines ausgeglichenen Arbeitsmarktes realistischerweise nicht gegeben ist
,
bei diesem Ergebnis offen bleiben kann, ob der Beschwerdeführer in seiner Arbeitsfä
higkeit zusätzlich schulterbedingt eingeschränkt ist (vgl.
Urk. 6/9/13,
Urk. 8 und Urk. 1 S. 4),
es somit
an einer wirtschaftlich verwertbaren Resterwerbsfähigkeit
fehlt,
weshalb
eine vollständige Erwerbsunfähigkeit vorliegt,
die einen Anspruch auf eine
ganze
In
validenrente begründet
(BGE 138 V 457 E. 3.1),
der Beschwerdeführer
deshalb
gestützt auf seine Anmeldung von 10.
März 2014
(Urk. 6/2)
ab 1.
September 2014
(Art. 29 Abs. 1 IVG)
Anspruch auf eine ganze Rente der Invalidenversicherung hat, weshalb die Beschwerde gutzuheissen und die Verfügung
en
vom
10. Februar 2015
mit dieser Feststellung aufzuheben
sind
,
in weiterer Erwägung, dass
das Verfahren gestützt auf Art.
69 Abs.
1
bis
IV
G
kostenpflichtig ist, die Kosten
ermes
senweise
auf Fr.
6
00.--
festzulegen
und entsprechend dem Ausgang des Ver
fahrens der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen sind,
dem vertretenen Beschwerdeführer
a
usgangsgemäss eine Prozessentschädigung zu
steht
, die gemäss Art. 61 lit. g ATSG in Verbindung mit § 34 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nac
h der Be
deutung der Streitsache und
nach
der Schwierigkeit des Prozesses
zu bemessen und unter Berücksichtigung dieser Grundsätze auf Fr.
8
00.-- (inklusive Baraus
l
agen und MWSt) festzusetzen ist,
erkennt das Gericht:
1.
In Gutheissung der Beschwerde w
e
rd
en
die Verfügung
en
der Sozialversicherungsan
stalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
,
vom 10. Februar 2015
aufgehoben, und es wird festgestellt, dass
der Beschwerdeführer
ab 1.
September
2014
Anspruch auf
eine ganze
Rente der Invalidenversicherung
hat
.
2.
Die Gerichtskosten von Fr.
600
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rech
nung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechts
kraft zugestellt.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird
verpflichtet,
dem Beschwerdeführer
eine Prozessentschä
digung von Fr.
800
.-- (inkl. Barauslagen und MWSt) zu bezahlen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
lic. iur.
O.___
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
proparis Vorsorge-Stiftung Gewerbe Schweiz
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung mit Art. 90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismit
tel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Ur
kunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
GräubOertli