# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 1ca5a104-a823-5777-aa16-ef08b33873a7
**Source:** Aargau Gerichte (AG)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2022-04-12
**Language:** de
**Title:** Aargau Obergericht Strafgericht 12.04.2022 SST.2021.234
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/AG_Gerichte/AG_OG_008_SST-2021-234_2022-04-12.pdf

## Full Text

Obergericht 

Jugendstrafkammer 

 

 

SST.2021.234 
(JU.2020.1; JA.2019.171) 

 

 

Urteil vom 12. April 2022 
 

 

Besetzung  Oberrichterin Plüss, Präsidentin  

Oberrichter Egloff  

Oberrichter Lindner 

Gerichtsschreiberin i.V. Flütsch  

 

 
   

Anklägerin   Jugendanwaltschaft des Kantons Aargau, 

Frey-Herosé-Strasse 12, Postfach, 5001 Aarau  

 

Privatklägerin   A._____, 

[…] 

unentgeltlich vertreten durch Rechtsanwältin Michèle Dürrenberger,  

[…] 

    
    

Beschuldigter   C._____,  

geboren am tt.mm.1992, von Pratteln, 

[…]  

amtlich verteidigt durch Rechtsanwalt Markus Trottmann,  

[…]   

 

  

 
 

Gegenstand  Mehrfache Schändung 
 

 

  

 - 2 - 

 

 

 

   

Das Obergericht entnimmt den Akten: 

 

1. 

1.1. 

Am 9. Juni 2020 fällte die Jugendanwaltschaft in der Jugendstrafsache 

betreffend den Beschuldigten den folgenden Entscheid: 

 

 "I. Sachverhalt 
 
Der Beschuldigte hat in der Zeit von ca. Herbst 2009 bis ca. Juni 2010 
seine Stiefschwester A., geb. tt.mm.2000, in seinem Zimmer in U., […], 
mehrfach geschändet. Er hat dem Opfer gestattet, in seinem Zimmer mit 
seiner Playstation spielen zu dürfen. Dabei ist das Opfer bäuchlings auf 
dem Bett des Beschuldigten gelegen bzw. hat auf dem Bett kniend 
gesessen und war nach vorne gebeugt. Der Beschuldigte hat sich dabei 
hinter dem Opfer auf dem Bett befunden und hat sich selber befriedigt 
(masturbiert). Dabei hatte er seine Hose und Unterhose bis zu seinen 
Knien heruntergezogen. Als das Opfer nach hinten schaute hat der 
Beschuldigte sie angewiesen nach vorne zu schauen. Der Beschuldigte 
hat das Opfer am Po angefasst, hat ihr die Hose und Unterhose aus-
/runtergezogen und hat die Bettdecke über das Opfer gelegt. In der Folge 
ist der Beschuldigte mit seinem erigierten Penis mehrmals anal in das 
Opfer eingedrungen. Dabei erlitt das Opfer Schmerzen, hat aufgeschrien 
und hat zum Beschuldigten gesagt, dass er aufhören soll. Der 
Beschuldigte hat dem Opfer geantwortet, dass es ruhig sein soll, dass es 
nach vorne schauen und weiterspielen soll. Danach hat er das Opfer aus 
seinem Zimmer geschickt und ihm gesagt, dass sie niemandem etwas 
sagen soll beziehungsweise, dass sie sagen soll, dass sie mit der 
Playstation gespielt habe. Wenn sie jemandem etwas erzähle, dürfe sie 
nicht mehr mit der Playstation spielen. Dieser Vorfall hat sich innerhalb von 
wenigen Tagen zwei bis drei Mal in derselben Art und Weise ereignet. 
 
[…] 
 
Es wird entschieden: 
 
1. C. ist schuldig 
 
 - der mehrfachen Schändung gemäss Art. 191 StGB. 
 
2. C. wird in Anwendung von Art. 1 Abs. 2 lit. b Jugendstrafgesetz (JStG) 

in Verbindung mit Art. 47 Strafgesetzbuch (StGB), Art. 11 und Art. 25 
Abs. 1 JStG mit einem Freiheitsentzug von 3 Monaten bestraft. 

 
3. In Anwendung von Art. 35 und Art. 29 Abs. 1 JStG wird der Vollzug 

des Freiheitsentzuges aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre 
angesetzt. 

 
Bewährt sich C. bis zum Ablauf der Probezeit, so hat er den 
Freiheitsentzug nicht zu verbüssen. 

 
4. In Anwendung von Art. 35 und Art. 29 Abs. 3 JStG wird C. während 

der Dauer der Probezeit durch einen Sozialarbeiter der 
Jugendanwaltschaft begleitet. 

 

 - 3 - 

 

 

 

5. C. hat gemäss Art. 44 JStPO sowie Art. 426 Abs. 1 und Art. 425 StPO 
i.V.m. Art. 3 Abs. 1 und Abs. 3 und Art. 4 JStPO die folgenden 
Verfahrenskosten (Gebühren und Auslagen) zu tragen: 

 
 Staats-/Kanzleigebühr: CHF 100.00 
 
 Total   CHF 100.00 

 
6. C. wird verpflichtet, der Privatklägerin Fr. 1'904.25 zu ersetzen. 

Weitergehende Schadenersatzforderungen werden, da deren 
Beurteilung ohne besondere Untersuchung nicht möglich war, auf den 
Zivilweg verwiesen. 

 
7. Die Genugtuungsforderung der Privatklägerin wird auf den Zivilweg 

verwiesen. 
 
8. Die Kostennote des amtlichen Verteidigers in der Höhe von Fr. 2'336.90 

wird genehmigt und nach Rechtskraft des vorliegenden Entscheids 
ausbezahlt. 

 
9. Der Strafentscheid wird nach Eintritt der Rechtskraft im Strafregister 

eingetragen." 

 

 

1.2. 

Gegen diesen Entscheid erhob der Beschuldigte am 15. Juni 2020 

Einsprache. Mit Verfügung vom 24. Juli 2020 überwies die 

Jugendanwaltschaft die Akten an das Jugendgericht Rheinfelden zur 

Durchführung des Hauptverfahrens. 

 

2. 

2.1. 

Mit Verfügung vom 5. August 2020 wies die Präsidentin des Jugendgerichts 

Rheinfelden die Parteien darauf hin, dass auch der Tatbestand der 

Nötigung gemäss Art. 189 StGB geprüft werde. Zudem schloss sie die 

Privatklägerin von der Teilnahme an der Hauptverhandlung aus. 

 

2.2. 

Mit Eingabe vom 11. September 2020 stellte der Beschuldigte folgende 

Beweisanträge: 

 

"1. Es sei das angebliche Opfer, A., durch das Gericht als Auskunftsperson 
zu befragen. 

 
2. Es seien die Mutter des Beschuldigten, H., geb. tt.mm.1974, und die 

Halbschwester des angeblichen Opfers, I., geb. tt.mm.1993, je […], U., 
als Zeugen anzuhören." 

 

2.3. 

Mit Eingabe vom 20. Oktober 2020 beantragte die Privatklägerin die 

Abweisung der beiden Beweisanträge des Beschuldigten. Eventualiter sei 

 - 4 - 

 

 

 

bei einer Befragung der Privatklägerin sicherzustellen, dass der 

Beschuldigte den Gerichtssaal für diese Dauer zu verlassen habe. Zudem 

stellte sie ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege. 

 

2.4. 

Mit Verfügung vom 13. Januar 2021 verfügte die Präsidentin des 

Jugendgerichts Rheinfelden die Befragung der Privatklägerin an der 

Hauptverhandlung als Auskunftsperson und schloss sie von einer weiteren 

Teilnahme an der Verhandlung aus. Zudem verfügte sie die Befragung der 

Zeugen I., H. und J. und gewährte der Privatklägerin die unentgeltliche 

Rechtspflege. 

 

3. 

3.1. 

Die Hauptverhandlung vor dem Jugendgericht Rheinfelden mit Befragung 

des Beschuldigten, der Zeugen I., H. und J. sowie der Privatklägerin als 

Auskunftsperson fand am 11. Mai 2021 statt. 

 

3.2. 

Anlässlich der Hauptverhandlung stellte die Jugendanwaltschaft folgende 

Anträge: 

 

 "1. C. sei der mehrfachen Schändung nach Art. 191 StGB   schuldig zu 
erklären. 

 
2. Er sei mit einem Freiheitsentzug von 3 Monaten zu bestrafen. 
 
3. C. sei gestützt auf Art. 35 JStG der bedingte Vollzug unter Ansetzung 

einer Probezeit von 2 Jahren zu gewähren. 
 
4. Der Beschuldigte sei während der Probezeit durch einen Sozialarbeiter 

oder eine Sozialarbeiterin der Jugendanwaltschaft zu begleiten. 
 
5. Die entstandenen Verfahrens- und Untersuchungskosten seien dem 

Beschuldigten aufzuerlegen. 
 
6. Die geltend gemachte Zivilforderung sei zu prüfen und allenfalls 

zuzusprechen. 
 
7. Die Kosten der amtlichen Verteidigung seien auf Kosten der 

Staatskasse zu nehmen, der Beschuldigte sei entsprechend zur 
Rückzahlung zu verpflichten." 

 
  
 

3.3. 

Anlässlich der Hauptverhandlung stellte die Privatklägerin folgende 

Anträge: 

 

 - 5 - 

 

 

 

 "1. Der Beklagte sei gemäss dem Entscheid der Jugendanwaltschaft vom 
9. Juni 2020 bzw. gemäss der an der heutigen Verhandlung gestellten 
Anträge zu verurteilen. 

 
2. Der Beklagte sei zu verpflichten, der Klägerin den Schaden von 

insgesamt CHF 4'077.45 zzgl. Zinsen zu 5% seit 25. Mai 2020 zu 
bezahlen. 

 
3. Der Beklagte sei zu verpflichten, der Klägerin eine angemessene 

Genugtuungssumme (Maximalforderung: CHF  4'000.00) zuzüglich 
Zinsen zu 5% seit 25. Mai 2020 zu bezahlen, wobei die Höhe der 
Genugtuung dem Ermessen des Gerichts vorbehalten ist. 

 
4. Der Beklagte sei zu verpflichten, der Klägerin eine angemessene 

Parteientschädigung für das vorliegende Verfahren zu bezahlen. 
 
5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Beklagten." 

 

3.4. 

Anlässlich der Hauptverhandlung stellte der Beschuldigte den Antrag, er 

sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen freizusprechen und ihm sei für 

das vorliegende Strafverfahren eine Genugtuung von Fr. 1'000.00 

zuzusprechen. Ausserdem sei sein amtlicher Verteidiger angemessen zu 

entschädigen. 

 

3.5. 

Die Präsidentin des Jugendgerichts Rheinfelden fällte am 11. Mai 2021 das 

folgende Urteil: 

 

 "1.  
Der Beschuldigte ist schuldig 
- der Schändung gemäss Art. 191 StGB. 
 
2. 
2.1. 
In Anwendung von Art. 1 Abs. 2 lit b JStG i.V.m. Art. 11 und Art. 25 Abs. 1 
JStG und Art. 47 StGB wird der Beschuldigte mit einem Freiheitsentzug 
von 3 Monaten bestraft. 
 
2.2. 
Dem Beschuldigten wird für den Freiheitsentzug gemäss Ziffer 1 hiervor 
der bedingte Strafvollzug gewährt. Die Probezeit wird gestützt auf Art. 35 
JStG i.V.m. Art. 29 Abs. 1 JStG auf 2 Jahre festgesetzt. 
 
Der Beschuldigte wird über die Bedeutung und die Folgen der bedingten 
Strafe aufgeklärt: Wenn er sich bis zum Ablauf der Probezeit bewährt, d.h. 
keine Verbrechen oder Vergehen mehr begeht, wird die aufgeschobene 
Strafe nicht mehr vollzogen. Begeht er aber während der Probezeit ein 
Verbrechen oder Vergehen und ist deshalb zu erwarten, dass er weitere 
Straftaten verüben wird, so widerruft das Gericht die bedingte Strafe. 
 
3. 
Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Zivil- und Strafklägerin, A., 
Schadenersatz in der Höhe von Fr. 2'082.95 sowie eine Genugtuung in 

 - 6 - 

 

 

 

Höhe von Fr. 2'000.00 jeweils zuzüglich 5% Zins seit dem 25. Mai 2020 zu 
bezahlen. 
 
4. 
4.1. 
Die Kostennote der unentgeltlichen Vertreterin der Zivil- und Strafklägerin, 
lic. iur. Michèle Dürrenberger, Rechtsanwältin […], wird im Betrag von Fr. 
3'552.55 (inkl. Fr. 253.95 MwSt.) richterlich genehmigt. 
 
4.2. 
Die Gerichtskasse Rheinfelden wird angewiesen, der unentgeltlichen 
Vertreterin der Zivil- und Strafklägerin, Michèle Dürrenberger, Rechts-
anwältin […], das richterlich auf Fr. 3'552.55 festgesetzte Honorar 
auszurichten. 
 
4.3. 
Die Parteikosten der Zivil- und Strafklägerin im Umfang von Fr. 3'552.55 
gehen zu Lasten der Staatskasse und werden von der Zivil- und 
Strafklägerin nicht zurückgefordert. 
 
4.4. 
Es wird darauf verzichtet, den Beschuldigten zur Tragung von Parteikosten 
der Zivil- und Strafklägerin zu verpflichten. 
 
5. 
5.1. 
Die Verfahrenskosten bestehen aus: 
 
a) der Gebühr (gemäss § 17 Abs. 3 VKD) von Fr. 500.00 
b) der Anklagegebühr von Fr. 0.00 
c)  den Kosten für die amtliche Verteidigung von Fr. 6'365.85 
d) den Kosten für die unentgeltl. Verbeiständung von Fr. 3'552.55 
e) den Kosten für Übersetzungen von Fr. 0.00 
f) den Kosten für Gutachten von Fr. 0.00 
g) den Kosten der Mitwirkung anderer Behörden von Fr. 0.00 
h)  den Spesen von Fr. 120.00 
i) andere Auslagen (Zeugenentschädigung) Fr. 0.00 
Total Fr. 10'538.40 
 
5.2. 
Der Beschuldigte hat einen Anteil der Verfahrenskosten sowie der 
Untersuchungskosten von total Fr. 500.- an die Gerichtskasse Rheinfelden 
zu bezahlen. 
 
5.3. 
Die restlichen Verfahrenskosten gehen zu Lasten des Staats. 

 
6. 
6.1. 
Die Kostennote des amtlichen Verteidigers des Beschuldigten, lic. iur. 
Markus Trottmann, Advokat […], wird im Betrag von Fr. 6'365.85 (inkl. Fr. 
455.10 MwSt.) richterlich genehmigt. 
 
6.2. 
Die Gerichtskasse Rheinfelden wird angewiesen, dem amtlichen 
Verteidiger des Beschuldigten, lic. iur. Markus Trottmann, Advokat […], 
das richterlich auf Fr. 6'365.85 festgesetzte Honorar auszurichten. 

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6.3. 
Der Beschuldigte hat gestützt auf Art. 25 Abs. 2 JStPO i.V.m. Art. 135 
Abs. 4 StPO den Betrag von Fr. 500.- an die Kosten der amtlichen 
Verteidigung an die Gerichtskasse Rheinfelden zurück zu erstatten." 

 
 

4. 

4.1. 

Gegen das ihm am 8. Juni 2021 im Dispositiv zugestellte Urteil des 

Jugendgerichts Rheinfelden meldete der Beschuldigte am 10. Juni 2021 

Berufung an. Das begründete Urteil wurde ihm in der Folge am 

10. September 2021 zugestellt. 

 

4.2. 

Mit Berufungserklärung vom 30. September 2021 stellte der Beschuldigte 

folgende Anträge: 

 

 "1. Es sei das angefochtene Urteil des Bezirksgerichts Rheinfelden, 
Jugendgericht, vom 11. Mai 2021 aufzuheben und es sei der 
Berufungskläger in Abänderung des angefochtenen Entscheids 
kostenlos vom Vorwurf der Schändung freizusprechen. 

 
2. Es sei das angefochtene Urteil des Bezirksgerichts Rheinfelden, 

Jugendgericht, vom 11. Mai 2021 aufzuheben und es sei die 
Zivilforderung der Privatklägerin und Berufungsbeklagten 2 in 
Abänderung des angefochtenen Entscheids vollumfänglich kostenfällig 
abzuweisen. 

 
3. Es seien die vorinstanzlichen Kosten in Aufhebung des angefochtenen 

Entscheids nach Massgabe des Ausgangs des vorliegenden 
Berufungsverfahrens neu zu verlegen. 

 
4. Es seien die Kosten des vorliegenden Verfahrens nach Massgabe des 

Ausgangs des Verfahrens den beiden Berufungsbeklagten 
aufzuerlegen. 

 
5. Es sei dem Berufungskläger für das Berufungsverfahren die amtliche 

Verteidigung zu bewilligen. 
 
6. Es sei dem Berufungskläger gestützt auf Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO eine 

Entschädigung von CHF 1'000.00 zuzusprechen. 
 
7. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der beiden 

Berufungsbeklagten." 
 

Ausserdem stellte er den folgenden prozessualen Antrag: 

 

 "4. Es wird die Anhörung einer mündlichen Verhandlung beantragt. 
Dessen ungeachtet wird darum ersucht, dass dem Berufungskläger die 
Gelegenheit eingeräumt wird, eine Vorabbegründung seiner Berufung 
einzureichen." 

 

 - 8 - 

 

 

 

4.3. 

Mit Verfügung vom 14. Oktober 2021 ordnete die Verfahrensleiterin das 

mündliche Verfahren an und räumte dem Beschuldigten die Möglichkeit 

einer schriftlichen Begründung der Berufung vorgängig zur Berufungs-

verhandlung ein. 

 

4.4. 

Mit Eingabe vom 18. Oktober 2021 erklärte die Jugendanwaltschaft ihren 

Verzicht auf einen Nichteintretensantrag sowie eine Anschlussberufung 

gemäss Art. 400 Abs. 3 StPO. 

 

4.5. 

Mit Eingabe vom 27. Oktober 2021 erklärte die Privatklägerin ihren Verzicht 

auf eine Anschlussberufung. 

 

4.6. 

Mit vorgängiger Berufungsbegründung vom 18. November 2021 hielt der 

Beschuldigte an seinen Anträgen in der Berufungserklärung fest. Zusätzlich 

stellte er folgende Anträge: 

 

 "Sollte das angerufene Berufungsgericht an dieser Aussage der 
Verteidigung zweifeln, so wird beantragt, dass die Darstellung der 
Privatklägerin der Gerichtsmedizin zur Stellungnahme unterbreitet wird, ob 
sich das geschilderte anale Eindringen des Berufungsklägers bei einem 
zehnjährigen Mädchen aus medizinischer Sicht so zugetragen haben 
könnte, wie geschildert, eventualiter wäre ein medizinischer Sachver-
ständiger zu dieser Frage anlässlich der Verhandlung vor Berufungs-
gericht anzuhören." 

 

4.7. 

Mit Berufungsantwort vom 29. November 2021 stellte die 

Jugendanwaltschaft unter Verweis auf die Begründung des Urteils des 

Jugendgerichts Rheinfelden die folgenden Anträge: 

 

 "1. Die Berufung sei abzuweisen. 
 

2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des 
Beschuldigten." 

 

4.8. 

Mit Berufungsantwort vom 13. Dezember 2021 stellte die Privatklägerin die 

folgenden Anträge: 

 

 "1. Die Berufung des Beklagten sei vollumfänglich abzuweisen. 
 

2. Der Beklagte sei zu verpflichten, der Klägerin eine angemessene 
Parteientschädigung zu bezahlen. 

 

 - 9 - 

 

 

 

3. Es sei der Klägerin auch für das Berufungsverfahren die unentgeltliche 
Rechtspflege zu gewähren und die Unterzeichnende sei als ihre 
unentgeltliche Vertreterin einzusetzen. 

 
   4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Beklagten." 

 

4.9. 

Mit Eingabe vom 3. Januar 2022 verzichtete der Beschuldigte auf eine 

freigestellte Stellungnahme zur vorgängigen Berufungsantwort der 

Jugendanwaltschaft sowie der Berufungsantwort der Privatklägerin. Dieser 

Verzicht wurde den Parteien mit Verfügung vom 7. Januar 2022 zur 

Kenntnisnahme zugestellt.   

 

4.10. 

Die Berufungsverhandlung mit Befragung der Privatklägerin und des 

Beschuldigten fand am 12. April 2022 statt. 

 

 

 
   

Das Obergericht zieht in Erwägung: 

 

1. 

Vorab ist festzustellen, dass dem Beschuldigten mit Eröffnung der 

Strafuntersuchung wegen sexueller Handlungen mit einem Kind vom 

12. Juli 2018 (vgl. Untersuchungsakten [UA] act. 8) gestützt auf Art. 24 lit. a 

und d JStPO i.V.m. Art. 131 Abs. 2 StPO die notwendige Verteidigung zu 

bestellen gewesen wäre. Der Beschuldigte wurde von der Staatsan-

waltschaft Rheinfelden-Laufenburg indessen erst am 9. Mai 2019 

aufgefordert, eine notwendige Wahlverteidigung zu bestimmen (vgl. UA 

act. 130). Dies führt gemäss Art. 131 Abs. 3 StPO zu einer 

Unverwertbarkeit der Aussagen der Privatklägerin anlässlich ihrer 

Einvernahmen vom 17. Juli 2018 und 14. April 2019. Es ist deshalb 

grundsätzlich auf die Ausführungen der Privatklägerin vor der Vorinstanz 

(vgl. Gerichtsakten [GA] act. 97 ff.) sowie vor dem Obergericht (vgl. 

Protokoll der Berufungsverhandlung S. 2 ff.) abzustellen. Da aber die 

Aussagen der Privatklägerin vor der Kantonspolizei Aargau – wie noch zu 

zeigen ist – insgesamt unglaubhaft sind, sich dies zugunsten des 

Beschuldigten auswirkt und er sich zudem zu seiner Entlastung selbst auf 

die damaligen Aussagen der Privatklägerin vor der Polizei beruft, können 

ihre Aussagen anlässlich ihrer polizeilichen Einvernahmen ergänzend 

dennoch verwertet werden (vgl. GLESS, in: Basler Kommentar zur 

Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 111 ff. zu Art. 141 

StPO). 

 

 - 10 - 

 

 

 

2. 

2.1. 

Auf das Gesuch des Beschuldigten vom 30. September 2021 um amtliche 

Verteidigung desselben durch Markus Trottmann, Advokat […], ist nicht 

einzutreten, wurde dieser doch bereits mit Verfügung vom 24. Mai 2019 als 

amtlicher Verteidiger des Beschuldigten eingesetzt und gilt diese 

Einsetzung bis hin zum Berufungsverfahren, wobei in letzterem kein 

Gesuch und auch keine neue Bestellung erforderlich sind (hält die 

Verfahrensleitung des Berufungsgerichts die Voraussetzungen für nicht 

mehr gegeben, hätte sie nach Art. 134 StPO zu verfahren; vgl. 

SCHMID/JOSITSCH, in: Praxiskommentar zur Schweizerischen Strafprozess-

ordnung, 3. Aufl. 2018, N. 2 zu Art. 132 StPO). 

 

2.2. 

Auf das Gesuch der Privatklägerin vom 13. Dezember 2021 um 

unentgeltliche Verbeiständung derselben durch Michèle Dürrenberger, 

Rechtsanwältin […], ist ebenfalls nicht einzutreten, gilt doch die vorliegend 

bereits im erstinstanzlichen Verfahren mit Verfügung vom 13. Januar 2021 

gewährte Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege ebenfalls bis hin 

zum Berufungsverfahren, wobei in letzterem kein Gesuch und auch keine 

neue Bestellung erforderlich sind (hält die Verfahrensleitung des 

Berufungsgerichts die Voraussetzungen für nicht mehr gegeben, hätte sie 

nach Art. 134 StPO zu verfahren; vgl. SCHMID/JOSITSCH, a.a.O., N. 3 zu 

Art. 137 StPO). 

 

3. 

3.1. 

Für Personen, die zwischen dem vollendeten 10. und dem vollendeten 

18. Altersjahr eine mit Strafe bedrohte Tat begangen haben, kommt das 

Bundesgesetz über das Jugendstrafrecht vom 20. Juni 2003 

(Jugendstrafgesetz, JStG, SR 311.1) zur Anwendung (Art. 3 Abs. 1 JStG). 

Entscheidend ist dabei das Alter im Zeitpunkt der Tatbegehung und nicht 

der Beurteilung (vgl. RIESEN-KUPPER, in: Schweizerisches Strafgesetzbuch 

und weitere einschlägige Erlasse mit Kommentar zu StGB, JStG, den 

Strafbestimmungen des SVG, BetmG und AuG/AIG, 20. Aufl. 2018, N. 2 zu 

Art. 3 JStG). 

 

Vorliegend geht die Anklagebehörde davon aus (vgl. GA act. 48), dass der 

Beschuldigte die ihm vorgeworfenen Handlungen zwischen dem 10. und 

dem 18. Lebensjahr vorgenommen hat. Folglich ist das dem Beschuldigten 

vorgeworfene Verhalten in Anwendung des Jugendstrafgesetzes zu 

prüfen. 

 

3.2. 

In Bezug auf die Verfolgungsverjährung der vorliegend zu beurteilenden 

Straftaten kann auf die korrekten Ausführungen der Vorinstanz verwiesen 

 - 11 - 

 

 

 

werden. Die Verfolgungsverjährung dauert vorliegend gemäss Art. 36 

Abs. 2 JStG an (vgl. Urteil E. III.3.2).  

 

4. 

Der Beschuldigte hat das Urteil des Jugendgerichts Rheinfelden 

vollumfänglich angefochten. Das Urteil ist somit in diesem Umfang zu 

überprüfen (Art. 3 Abs. 1 JStPO i.V.m. 404 Abs. 1 StPO). 

 

5. 

5.1. 

Die Vorinstanz hat es als erstellt erachtet, dass der Beschuldigte seine im 

Tatzeitpunkt 9- bis 10-jährige Halbschwester (Privatklägerin) im Zeitraum 

zwischen ca. Herbst 2009 bis ca. Juni 2010 in seinem Schlafzimmer der 

damaligen Familienwohnung anal penetriert habe. Mit diesem Verhalten 

habe er die Privatklägerin, welche aufgrund ihres Alters urteilsunfähig 

gewesen sei, zu einer beischlafsähnlichen Handlung missbraucht und sich 

der Schändung gemäss Art. 191 StGB schuldig gemacht (vgl. Urteil E. III.5) 

Als nicht rechtsgenüglich erstellt erachtete die Vorinstanz demgegenüber 

den Vorwurf, der Beschuldigte habe diese Handlung mit der Privatklägerin 

im selben Zeitraum an einem bis zwei weiteren Tagen wiederholt (vgl. Urteil 

III.4.4). 

 

5.2. 

Der Beschuldigte bestreitet mit Berufung, sich der Schändung gemäss 

Art. 191 StGB schuldig gemacht zu haben. Er bringt vor, die Vorinstanz 

habe die Aussagen der Privatklägerin auf Grundlage von Realkennzeichen 

als glaubhaft erachtet, dabei jedoch ausser Acht gelassen, dass diese von 

vornherein gar keinen Realitätsbezug hätten. Die von der Privatklägerin 

behauptete Schändung könne in der von ihr beschriebenen Form nach der 

allgemeinen Lebenserfahrung gar nicht stattgefunden haben. Ausserdem 

habe der Beschuldigte nach übereinstimmender Aussage zweier Zeugen 

in der relevanten Zeit gar keine Playstation besessen. Damit habe die 

Vorinstanz die Aussageanalyse methodisch grob falsch vorgenommen und 

den Sachverhalt in der Folge geradezu willkürlich festgestellt (vgl. 

Berufungsbegründung S. 4 ff.). 

 

6. 

Der angeklagte Sachverhalt ist strittig und liegt bereits 11 bis 12 Jahre 

zurück (Herbst 2009 bzw. Frühjahr 2010). Erstmals zur Anzeige gebracht 

wurde er durch den Vater der Privatklägerin, welcher sich am 9. Juli 2018 

telefonisch an die Polizei wandte. In der Folge wurde die vorliegende 

Strafuntersuchung gegen den Beschuldigten eröffnet (vgl. UA act. 11). Als 

Beweismittel liegen die Aussagen des Beschuldigten, der Privatklägerin, 

sowie der Zeugen I., H. und J. vor. Zu prüfen ist folglich, ob der angeklagte 

Sachverhalt auf Grundlage dieser Aussagen rechtsgenüglich erstellt ist. 

 

 - 12 - 

 

 

 

7. 

7.1. 

7.1.1. 

Anlässlich der Erstbefragung vom 17. Juli 2018 wurde die Privatklägerin zu 

den Ereignissen in 2009/2010 befragt. Dazu sagte sie zusammenfassend 

aus, sie sei im Tatzeitpunkt 10-11 Jahre alt gewesen. Sie sei nach der 

Scheidung ihrer Eltern mit ihrer Mutter, ihrer kleinen Schwester und ihren 

zwei grossen Halbgeschwistern von einem Haus in eine Wohnung in U. 

gezogen. Dort hätten sie zwei Stockwerke gehabt, wobei sie und ihr 

Halbbruder (Beschuldigter) ihre Zimmer nebeneinander im oberen Stock 

gehabt hätten. Er habe eine Playstation besessen und sie habe ihn gefragt, 

ob sie mit dieser spielen dürfe. Er habe ja gesagt und dies ausgenützt. Sie 

habe an der Playstation gespielt und er sei hinter ihr gewesen. Er habe 

gesagt, sie solle auf die Knie liegen und sich nach vorne lehnen. Sie sei 

dann auf den Knien gewesen und habe gespielt. Er habe hinten Sachen 

mit ihr gemacht, welche nicht schön gewesen seien. Er habe mit sich 

gespielt, ihr die Hosen heruntergezogen und sie dann anal vergewaltigt 

(vgl. UA act. 18). Auf die Frage hin, wie sich dies genau zugetragen habe, 

gab die Privatklägerin Folgendes an: Der Beschuldigte habe hinten rum 

eine Decke über sie gelegt. Er sei direkt hinter ihr gesessen. Als sie dann 

mal nach hinten geschaut habe, weil etwas mit der Playstation nicht 

funktioniert habe, habe er mit sich selbst gespielt. Er habe dann gesagt, sie 

solle nach vorne schauen. Dies habe sie getan und weitergespielt. 

Irgendwann habe er dann sein Genital in sie "reingemacht". Sie habe 

"Autsch" geschrien und gefragt, was er mache. Sie habe nach hinten 

geschaut und gesehen, dass er sein Genital in ihrem Analbereich gehabt 

habe. Er habe wiederum gesagt, sie solle nach vorne schauen und sie habe 

wieder weitergespielt. Er habe nach kurzer Zeit aufgehört, so nach 5 

Sekunden. Dann habe er gesagt, sie solle jetzt gehen. Sie solle immer 

sagen, dass sie Playstation gespielt habe und nie, was sie gesehen oder 

er gemacht habe. Es bleibe unter ihnen. Sie habe ihm zwar gesagt, es tue 

weh und er solle aufhören und sei auch etwas nach vorne gerutscht. Aber 

so richtig gewehrt oder weggezogen habe sie sich nicht (vgl. UA act. 20 f.). 

Auf die Frage, was der Beschuldigte genau gemacht habe, sodass sie 

gemerkt habe, dass etwas passiere, antwortete die Privatklägerin, sie habe 

einfach gemerkt, dass etwas weh tue, etwas falsch sei. Und dann habe sie 

eben noch nach hinten geschaut. Er sei rein- und rausgegangen. Es sei ein 

paar Mal gewesen, sie wisse aber nicht, wie oft. Er habe nicht viel rein und 

raus gemacht, weil sie gesagt habe, es tue weh. Ein paar Sekunden habe 

er es gemacht, dann nicht mehr (vgl. UA act. 32).  

 

Gemäss der Privatklägerin sei es ein komisches Gefühl gewesen. Da sie 

jünger gewesen sei als er, habe sie nicht gewusst, was er mache und ob 

es richtig sei. Sie habe nicht gewusst, was mit ihr in dem Moment passiert 

sei und habe nichts dabei gedacht. Sie sei danach einfach aus seinem 

Zimmer gelaufen, habe dann irgendwas in ihrem Zimmer oder mit ihren 

 - 13 - 

 

 

 

Schwestern gemacht (vgl. UA act. 21 f.). Zur Frage, wie es dazu gekommen 

sei, dass sie bei ihrem Bruder Playstation spielen durfte, gab die 

Privatklägerin an, ihre Schwester habe immer mit Barbiepuppen gespielt 

und das habe sie halt nicht interessiert. Sie habe den Bruder sozusagen 

mit der Frage genervt, ob sie mit seiner Playstation spielen dürfe, da es viel 

cooler gewesen sei, als im Zimmer zu sitzen und mit Puppen zu spielen. 

Die Playstation habe sich in seinem Zimmer auf einer Kommode befunden. 

Da drauf sei sein Fernseher gewesen (vgl. UA act. 19). Die Privatklägerin 

gab zudem an, sie habe damals niemandem erzählt, dass etwas passiert 

sei. Sie habe es dann nur später in 2016 ihrem Freund (Zeuge J.) erzählt. 

Das Ganze sei mindestens zweimal passiert, es könnte aber auch dreimal 

passiert sein, mit dem gleichen Ablauf. Sie habe wieder mit der Playstation 

spielen wollen. Wenn er keine Lust gehabt habe, habe er auch mal Nein 

gesagt, sonst habe er Ja gesagt und sie sei wieder auf sein Bett, um zu 

spielen. Danach sei eine Zeit lang Ruhe gewesen, bis der Vorfall vom 18. 

auf den 19. April 2018 passiert sei (vgl. UA act. 22; vgl. Ziff. 7.1.2 hiernach). 

 

7.1.2. 

Zu den Ereignissen im April 2018 sagte die Privatklägerin anlässlich ihrer 

Erstbefragung vom 17. Juli 2018 aus, der Beschuldigte sei in der Nacht auf 

den 19. April 2018 zu ihr ins Schlafzimmer gekommen und habe nach 

einem Playstation-Kabel gefragt. Dann sei er auf ihr Bett gesessen und 

habe ihr gesagt, er wolle eigentlich etwas Anderes von ihr. Sie hätten früher 

eine Abmachung gehabt. Auf ihre Bitte, er solle rausgehen, habe er gesagt, 

er wolle nur etwas kuscheln und ein wenig massieren. Er habe seinen Kopf 

auf ihr Bein gelegt. Sie habe erneut gesagt, er solle rausgehen. Dann sei 

er vor ihr Bett gelegen, habe ihre Beine unter der Decke angefasst und sei 

immer weiter mit seinen Händen zu ihr gerutscht. Sie habe ihm gesagt, sie 

sei seine Schwester, sei 17 Jahre alt und er sei 26/27 Jahre alt. Er habe 

dann zugestimmt, sei aufgestanden und rausgelaufen. Als er wieder zur 

Türe gekommen sei, habe sie ihn erneut weggeschickt. Dann habe sie die 

Türe zugemacht und abgeschlossen (vgl. UA act. 23).  

 

Die Privatklägerin gab an, dass sie danach nicht mehr habe schlafen 

können und gleich wieder habe daran denken müssen, was er früher 

gemacht habe. Sie habe sich wieder daran erinnern können. Da habe sie 

schon wieder etwas Panik bekommen und gedacht, er wolle wieder so 

etwas machen. Sie habe sich richtig ekelhaft gefühlt, habe nicht mehr 

schlafen können, sich komisch und dreckig gefühlt. Sie habe dann viel Zeit 

gehabt um zu überlegen, was sie jetzt machen solle. Sie sei dann zur 

Stiefmutter gegangen. Zuerst habe sie ihr erzählt, was in dieser Nacht 

passiert sei. Am Freitag, dem 20. April 2018 habe sie ihr auch erzählt, was 

früher (Vorfall von 2009/2010) passiert sei. Sie sei daraufhin nicht mehr 

nachhause gegangen. Ihr Vater habe die Mutter angerufen und ihr 

mitgeteilt, dass die Privatklägerin bei ihm bleibe (vgl. UA act. 25). 

 

 - 14 - 

 

 

 

7.2. 

Anlässlich der Hauptverhandlung vom 11. Mai 2021 wurde die Privat-

klägerin erneut zu den Vorfällen befragt. Sie hielt an ihren Vorwürfen 

gegenüber dem Beschuldigten fest und erklärte, dass sie auch heute noch 

schauen würde, dass es zur Anzeige komme (vgl. GA act. 101). Weiter 

berichtete die Privatklägerin von Flashbacks, welche sie bekommen habe, 

als sie 2016 mit ihrem damaligen Freund (Zeuge J.) zusammengekommen 

sei. Zum Beispiel sei sie bei ihm zuhause gewesen, er habe irgendwelche 

Bewegungen gemacht und dann habe sie gemerkt, dass irgendetwas nicht 

gut sei. Sie habe gemerkt, was und wie es damals passiert sei. Wenn er 

Annäherungen gemacht habe, sie geküsst oder angefasst habe, seien 

diese Bewegungen im Kopf wiedergekommen, die der Beschuldigte 

gemacht habe. Sie habe gespürt, wie der Beschuldigte sie ausgezogen und 

angefasst habe. Das habe sich nicht schön angefühlt. Es habe weh getan, 

es habe gebrannt und sei schmerzhaft gewesen. Sie sei mit 9 Jahren noch 

nicht aufgeklärt gewesen und habe keine Ahnung gehabt, was er da 

mache. Trotzdem sei es so eine Art Bauchgefühl gewesen, ihr Bauch oder 

ihr Kopf habe gesagt, dass da etwas nicht stimme. Sie könne es nicht 

erklären, aber sie habe damals das Gefühl gehabt, dass ihr niemand 

glauben würde. Dann habe sie alles in sich reingefressen. Ausserdem habe 

der Beschuldigte gesagt, sie dürfe auf keinen Fall irgendjemandem davon 

erzählen. Weil er ihr grosser Bruder sei, habe sie das Gefühl gehabt, dass 

sie es niemandem erzählen dürfe (vgl. GA act. 106). Es sei ein grosser 

Druck gewesen, er habe ihr aber keine Strafe angedroht. Sie glaube, sie 

hätte Nein sagen können, allerdings sei sie vom Playstation spielen 

besessen gewesen. Da er als Einziger eine gehabt habe, habe sie immer 

damit spielen wollen (vgl. GA act. 107). Auf die Frage hin, ob sie nach dem 

Vorfall nicht das Gefühl gehabt habe, zum Doktor zu müssen, gab die 

Privatklägerin an, man denke in dem Moment gar nicht darüber nach. Sie 

sei so im Spiel drin gewesen und habe einfach mit der Playstation spielen 

wollen (vgl. GA act. 113 f.).  

 

Die Privatklägerin sagte zudem aus, ihre Mutter habe es ihr nicht geglaubt 

und ihr gesagt, sie glaube ihr erst, wenn sie ihn anzeige. Dann sei bei ihr 

der Entschluss gekommen, den Beschuldigten anzuzeigen (vgl. GA 

act. 99). Sie sei nach dem Vorfall zum Vater gegangen. Dieser habe auch 

gesagt, sie solle nicht mehr zurückgehen und bei ihm bleiben (vgl. GA 

act. 100). Seit der Anzeige habe sie ab und an mit der Mutter Kontakt 

gehabt, aber sie (die Mutter) habe sie eigentlich nie sehen wollen (vgl. GA 

act. 112). 

 

7.3. 

Anlässlich der Berufungsverhandlung vom 12. April 2022 bestätigte die 

Privatklägerin, dass die dem Beschuldigten vorgeworfenen Übergriffe in 

2009/2010 sowie der Vorfall in ihrem Zimmer nach einem Fest in 2018 

stattgefunden hätten und sie sich deshalb aktuell in psychologischer 

 - 15 - 

 

 

 

Behandlung befinde (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung S. 4). Sie 

hielt im Wesentlichen an ihren Aussagen vor der Polizei und der Vorinstanz 

fest, wonach sie im Zimmer des Beschuldigten Playstation spielen 

gegangen sei und er diese Gelegenheiten ausgenutzt habe, um sich an ihr 

zu vergreifen. Durch die anale Penetration habe sie Schmerzen in Form 

von Brennen und Ziehen verspürt, könne sich aber nicht daran erinnern, 

wie lange diese angedauert hätten (vgl. Protokoll der Berufungsver-

handlung S. 5 und S. 7). Die Privatklägerin sagte aus, sie habe das anale 

Eindringen gespürt, jedoch nicht gesehen, da sie stets konzentriert nach 

vorne auf den Fernseher geschaut habe. Sie habe es bemerkt, als der 

Beschuldigte ihren "Schmerzpunkt" getroffen habe. Der Beschuldigte habe 

sie zunächst anal penetriert und sich dann selbst befriedigt. Da sie keine 

eigene Playstation gehabt habe und immer damit habe spielen wollen, sei 

sie nach diesem ersten Übergriff weiterhin zum Beschuldigten ins Zimmer 

gegangen. Der Vorfall habe sich sodann "locker" über Wochen bis Monate 

hinweg stets in derselben Weise wiederholt. Genauere Angaben oder 

Schätzungen dazu, wie oft dies in etwa vorgefallen sei, konnte die 

Privatklägerin nicht machen (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung 

S. 5 ff.). 

 

8. 

8.1. 

8.1.1. 

Der Beschuldigte wurde erstmals am 15. August 2018 zu den Vorwürfen 

einvernommen. Anlässlich der Befragung gab der Beschuldigte an, er habe 

ein gutes Verhältnis zu seiner Familie. Auch die Beziehung zur 

Privatklägerin sei bislang immer gut gewesen, sie hätten nie Probleme 

gehabt. Er habe erstmals von seiner Mutter von den Vorwürfen der 

Privatklägerin gehört. Sie habe ihm gesagt, dass seine Halbschwester 

ausgezogen sei wegen Vorwürfen, dass er sie in dieser Nacht (Vorfall vom 

18./19. April 2018; vgl. Ziff. 7.1.2) angefasst habe. Gemäss seiner Mutter 

habe die Privatklägerin erzählt, er habe sie zuerst vor 15 Jahren 

misshandelt, dann vor 10 Jahren, dann wieder nicht. Es seien ständig 

andere Geschichten gewesen. Er habe mit der Mutter Tränen vergossen, 

dann sei das Thema für ihn eigentlich abgeschlossen gewesen. Sie hätten 

das Ganze nicht verstehen können, aber jetzt sei es halt so (vgl. UA 

act. 39). 

 

8.1.2. 

Zum Vorfall in 2009 bzw. 2010 befragt, sagte der Beschuldigte aus, er habe 

damals das Zimmer neben der Privatklägerin gehabt. Er habe seine kleinen 

Schwestern nie in sein Zimmer gelassen. Er habe es immer gehasst, wenn 

sie nach der Schule in seinem Zimmer gesessen seien, weil er seine 

Konsole dort gehabt habe. Die Privatklägerin habe nicht in seinem Zimmer 

Playstation spielen dürfen und habe dann recht schnell ihre eigene gehabt. 

Sie habe ihn diesbezüglich recht mit Fragen genervt, aber sie habe nie 

 - 16 - 

 

 

 

spielen dürfen. Da sei dann meistens recht schnell die Mutter gekommen, 

weil er sie gerufen habe. Er habe zu dieser Zeit noch nicht so ein grosses 

Verhältnis zu der Privatklägerin gehabt, er sei auch selten da gewesen, sei 

in der Schule gewesen. Er habe viel "Scheissdreck" gebaut und sei 

eigentlich nie richtig zuhause, sondern immer unterwegs gewesen. Auf die 

Aussage der Privatklägerin angesprochen, dass er hinter ihr gesessen sei 

und an seinem Geschlechtsteil manipuliert habe, lachte der Beschuldigte 

gemäss Protokoll und bestritt dies. Ebenfalls bestritt er die Aussagen, er 

habe der Privatklägerin an den Po gefasst und dass sie Schmerzen 

verspürt und dann bemerkt habe, wie er mit seinem Genital in ihren 

Analbereich eingedrungen sei (vgl. UA act. 42). Er könne nicht sagen, 

weshalb die Privatklägerin diese Anschuldigungen widerrechtlich erheben 

sollte. Die Anschuldigungen kämen aus dem Nichts. Auch seine Mutter 

verstehe es nicht. Sie sei mehrmals mit der Privatklägerin zusammen-

gesessen. Er habe auch mehrmals versucht, mit ihr zu sprechen. Als immer 

wieder andere Geschichten gekommen seien, sei es für ihn aber einfach 

vorbei gewesen. Er habe keine Schwester mehr. Er sei wegen dem Ganzen 

psychisch am "Arsch". Er habe geweint, einige Tage habe es ihn auch 

gewürgt, er habe fast kotzen müssen. Er habe genug Kacke gebaut, aber 

sowas, da habe er nicht einmal dran gedacht (vgl. UA act. 43). 

 

8.1.3. 

Zum Vorfall vom April 2018 äusserte sich der Beschuldigte wie folgt: Er sei 

am 19. April 2018 von der Fasnacht nachhause gekommen. Er habe keine 

Zigaretten mehr gehabt und habe hoch zu seiner Mutter gewollt. Dann habe 

er gesehen, dass im Zimmer der Privatklägerin noch Licht brenne. Er sei 

etwas betrunken gewesen und habe sie fragen wollen, wie es ihr gehe. Er 

umarme manchmal gerne Leute, wenn er betrunken sei. Sie habe dann 

gesagt, es gehe ihr gut. Als sie im Bett gelegen sei, habe er sie halt umarmt, 

aber natürlich ohne sexuelle Gedanken. Er müsse auch noch sagen, dass 

er mit Boxershorts dort gewesen sei, so wie man halt zuhause rumlaufe. 

Dann sei er wieder raus und zu seiner Mutter ins Schlafzimmer gegangen, 

sie sei auch noch wach gewesen. Er habe von ihr Zigaretten genommen 

und sei dann runter ins Bett (vgl. UA act. 39 f.). Entgegen der Aussage der 

Privatklägerin habe er nicht nach einem Playstation-Kabel gefragt, obwohl 

das sonst schon vorgekommen sei. Er habe nie gesagt, dass er etwas 

Anderes von ihr wolle und habe sich auch nicht auf ihr Bett gelegt. Auf den 

Hinweis, die Privatklägerin habe berichtet, er habe seinen Kopf auf ihr Bein 

gelegt, entgegnete der Beschuldigte: "Was? Ach du Scheisse, jetzt 

kommen wieder neue Geschichten. Nein". Die Aussage der Privatklägerin, 

er habe mit den Händen unter der Decke ihre Beine angefasst, verneinte 

er dreimal. Er sei neben ihr gesessen, sei aufgestanden und habe sie 

umarmt. Sie habe dann "Nei, C." gesagt. So habe er gewusst, dass sie 

schlafen wolle und sei gegangen. Das sei so eine Abschiedsumarmung 

gewesen. Er sei immer so, wenn er betrunken sei. Er wisse nichts davon, 

 - 17 - 

 

 

 

dass er der Privatklägerin gesagt habe, sie hätten eine Abmachung 

(vgl. UA act. 40 f.). 

 

8.2. 

8.2.1. 

Anlässlich seiner Befragung an der Hauptverhandlung vom 11. Mai 2021 

hielt der Beschuldigte an seinen Aussagen der Ersteinvernahme fest. Er 

sagte aus, es habe im Zeitraum 2009 oder 2010 keine Ereignisse gegeben, 

welche die Privatklägerin so hätte interpretieren können. Es habe auch 

keine Zusammentreffen zwischen ihm und der Privatklägerin in seinem 

Zimmer gegeben, in welchen sie auf seinem Bett "gegamed" habe und er 

auch dabei gewesen sei. Die Mutter habe gewusst, dass sie nichts in 

seinem Zimmer verloren hätten, wenn er nicht da gewesen sei. Wenn er 

nachhause gekommen sei, sei niemand in seinem Zimmer gewesen. Er 

habe keinen in sein Zimmer gelassen. Er habe "gegamed", aber für sich. 

Er sei in seiner Welt gewesen. Es sei nie jemand in sein Zimmer gegangen, 

weder die Privatklägerin noch deren jüngere Schwester. Nicht einmal seine 

Vollschwester (Zeugin I.) (vgl. GA act. 60 f.). Er wisse nicht, wie es zu 

diesen Vorwürfen gekommen sei. Er könne sich auch nicht vorstellen, dass 

es eine Retourkutsche für irgendwas in seinem Leben oder jenem der 

Privatklägerin sei. Er habe seit der Beschuldigung keinen Kontakt mehr zu 

ihr. Er habe zuerst wissen wollen, was das soll und warum sie das mache. 

Aber er habe dann nichts mehr von ihr gehört. Am Schluss habe er auch 

keinen Kontakt mehr gewollt, weil es ihm zu blöd geworden sei (vgl. GA 

act. 62). 

 

8.2.2. 

Im Weiteren sagte der Beschuldigte aus, dass am Abend des 18. bzw. 

19. April 2018 Chilbi in U. gewesen sei. Er habe dann getrunken. Seine 

Mutter und seine Schwestern, darunter die Privatklägerin, seien auch dort 

gewesen und hätten gefeiert. Sie seien dann eine Stunde oder zwei früher 

nachhause gegangen, er sei noch geblieben. Sie hätten getrunken, Spass 

gehabt und gefeiert. Er sei dann auch langsam nachhause. Dann habe er 

keine Zigaretten mehr gehabt und sei nach oben, wo er gesehen habe, 

dass im Zimmer der Privatklägerin noch Licht gebrannt habe. Er sei rein 

und habe gefragt, wie es ihr gehe. Er habe halt Boxershorts angehabt und 

sei oben ohne gewesen, so wie man normal zuhause rumlaufe. Sie habe 

gesagt, dass er rausgehen soll, er habe aber mit ihr weiterreden wollen. Sie 

habe dann nochmals gesagt, dass er gehen soll. Er habe sie dann 

umarmen wollen. Sie habe dann gesagt "jetzt nicht" und er sei dann raus. 

Er sei zur Mutter, welche noch wach gewesen sei. Er habe von ihr 

Zigaretten bekommen. Er sei ein recht naher Mensch in der Familie. Er sei 

recht offen. Wenn er betrunken sei, dann umarme er (vgl. GA act. 62). 

 

 - 18 - 

 

 

 

8.3. 

An der Berufungsverhandlung vom 12. April 2022 hielt der Beschuldigte an 

seinen Aussagen vor der Polizei und der Vorinstanz fest und wies die 

Vorwürfe der Privatklägerin vollumfänglich von sich (vgl. Protokoll der 

Berufungsverhandlung S. 12 ff.). Dabei sagte er aus, er habe im 

betreffenden Zeitraum zwar eine Playstation besessen, habe jedoch nie 

jemanden damit spielen lassen. Die Privatklägerin habe lediglich mit seiner 

Playstation gespielt, wenn er nicht zuhause gewesen sei und seine Mutter 

sie in sein Zimmer gelassen habe. Er habe sie jeweils sofort aus dem 

Zimmer geschmissen, wenn er nachhause gekommen sei und sie gesehen 

habe (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung S. 14). Er habe die 

Privatklägerin weder anal penetriert, noch habe er vor ihr onaniert oder sie 

– abgesehen von normalen Umarmungen – je angefasst. Es habe keine 

Grenzüberschreitungen seinerseits gegeben, welche fehlinterpretiert 

hätten werden können. Er habe sich auch nie sexuell von ihr angezogen 

gefühlt (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung S. 15). Zum Vorfall in 

2018 sagte der Beschuldigte in Übereinstimmung mit seinen Aussagen vor 

der Polizei und der Vorinstanz aus, er sei damals nach dem Fest zwar ins 

Zimmer der Privatklägerin gegangen und habe mit ihr reden und sie 

umarmen wollen, habe das Zimmer dann jedoch auf ihre Bitte wieder 

verlassen und sei zu seiner Mutter gegangen, um Zigaretten zu holen. 

Ausserdem gab der Beschuldigte an, nach 5 Jahren immer noch nicht zu 

wissen, weshalb die Privatklägerin diese Dinge erzähle. Er habe keine 

Ahnung, ob es einen Zusammenhang mit ihrem Wunsch, zum leiblichen 

Vater zu ziehen, gebe. Er wisse es nicht (vgl. Protokoll der Berufungs-

verhandlung S. 15 f.).  

 

9. 

9.1. 

An der Hauptverhandlung vom 11. Mai 2021 wurden neben dem 

Beschuldigten und der Privatklägerin drei Zeugen befragt. Dabei handelte 

es sich um I., die Schwester des Beschuldigten bzw. Halbschwester der 

Privatklägerin, H., die Mutter des Beschuldigten und der Privatklägerin, 

sowie J., den (damaligen Ex-)Freund der Privatklägerin. 

 

9.2. 

Die Zeugin I. sagte aus, sie habe vor dem "Vorfall" im Jahr 2018 eine gute 

Beziehung zur Privatklägerin gehabt. Dann sei sie von heute auf morgen 

zum Vater gegangen und habe ihren Bruder (Beschuldigter) beschuldigt, 

ihr etwas gemacht zu haben. Sie habe sich damals mit ihr getroffen, um 

ihre Version zu hören. Da habe sie ihr erzählt, dass er sie am 18./19. April 

2018 belästigt habe. Von weiter zurückliegenden Vorfällen habe sie nichts 

gewusst, sie habe damals nur vom April 2018 erzählt. Sie glaube nicht, 

dass tatsächlich ein Übergriff des Beschuldigten stattgefunden habe. Sie 

schätze ihren Bruder nicht so ein, dass er so etwas machen würde. Dass 

die Privatklägerin in sein Zimmer gegangen sei, könne möglich sein, dass 

 - 19 - 

 

 

 

er sich neben ihr befriedigt habe, nicht. Das sei auch ein Thema, welches 

er mit ihnen nie gross besprochen habe. Sie seien eine sehr offene Familie. 

Wenn die Privatklägerin über das irgendwelche Fragen gehabt habe, sei 

sie immer zu ihnen gekommen. Wenn etwas gewesen wäre, hätten sie das 

alle mitbekommen. Sie wisse nicht, wann die Privatklägerin aufgeklärt 

worden sei. Sie schätze das Ganze so ein, dass die Privatklägerin im 

Prinzip hätte wissen können, was da passiert sei, auch wenn der 

Beschuldigte sich neben ihr befriedigt hätte. Sie sei auch, egal was sie 

gehabt habe, immer zur Familie gekommen. Sie habe Fragen gestellt, 

wenn sie etwas habe wissen wollen. Sie sei immer zu ihr oder ihrer Mutter 

gekommen und habe nachgefragt (vgl. GA act. 72 ff.). 

 

9.3. 

Die Zeugin H., Mutter des Beschuldigten und der Privatklägerin, wurde 

anlässlich der Hauptverhandlung vom 11. Mai 2021 ebenfalls befragt. Sie 

sagte aus, die Privatklägerin sei ein fröhliches, aufgestelltes und lebhaftes 

Kind gewesen. Sie sei auch sehr wehleidig gewesen, sie seien oft beim 

Arzt gewesen. Sie habe immer etwas gehabt und sei einfach sehr 

empfindlich gewesen. Abgesehen davon sei sie aber ein normales, 

fröhliches Kind gewesen. Die Privatklägerin und die anderen Kinder seien 

sehr früh aufgeklärt worden. Durch die zehn Jahre Altersunterschied zu den 

grossen Geschwistern sei das bei der Privatklägerin und der jüngeren 

Schwester früh ein Thema gewesen, sie hätten sehr früh mitbekommen, 

was da abgehe (vgl. GA act. 83). Die Zeugin H. sagte ebenfalls aus, dass 

die Privatklägerin, hätte sich der Beschuldigte in der Tat vor ihr befriedigt, 

wohl schreiend aus dem Zimmer gerannt und heruntergekommen wäre. 

Dass der Beschuldigte sie sogar anal vergewaltigt habe, wäre niemals 

möglich gewesen. Das sei schon bei einer erwachsenen Frau ohne 

Vorbereitung kaum möglich. Die Privatklägerin hätte "Mordio" gerufen und 

alle hätten das mitbekommen. Für sie sei das unvorstellbar. Sie traue der 

Privatklägerin zu, dass sie gemerkt hätte, dass etwas passiere, was nicht 

passieren soll. Sie habe ja bereits einmal bewiesen, dass sie das könne. 

Sie sei bereits einmal angefasst worden und sei dann gleich nachhause 

gerannt. Es habe sich dabei um den Sohn der Lebenspartnerin des Vaters, 

AA., gehandelt. Das sei in 2008/2009 gewesen (vgl. GA act. 84 f.). Vom 

Auszug der Privatklägerin im April 2018 habe sie nichts mitbekommen. Sie 

habe ein Telefon vom Ex-Mann bekommen, dass die Privatklägerin 

vorübergehend nicht nachhause komme. Dann habe er am Telefon 

erläutert, wieso. Sie habe dann mit der Privatklägerin am Sonntag darauf 

gesprochen, in Anwesenheit ihres Vaters. Sie habe zuerst davon erzählt, 

dass der Beschuldigte am Abend zuvor in ihr Zimmer gekommen sei, 

nachher habe sie einfach weitere Dinge ausgeführt. Aus ihrer Sicht habe 

sie dies sehr "slalommässig" getan. Sie habe gesagt, er habe sie sexuell 

missbraucht. Als sie nachgefragt habe, habe die Privatklägerin gemeint, 

von hinten. Dann habe die Privatklägerin immer wieder gelacht und gesagt, 

 - 20 - 

 

 

 

"noch ganz viel mehr". Sie (Zeugin H.) sei schockiert gewesen. Ihr sei das 

Ganze vorgekommen wie in einem Film (vgl. GA act. 88). 

 

9.4. 

Der Zeuge J. (damaliger Ex-Freund der Privatklägerin) sagte anlässlich der 

Hauptverhandlung vom 11. Mai 2021 aus, die Privatklägerin habe ihm 

einmal von etwas erzählt, das mit dem Beschuldigten passiert sei, als sie 

ein kleines Kind gewesen sei. Sie sei vor dem TV gewesen. Sie habe dann 

etwas gespürt. Der Beschuldigte sei hinter ihr gewesen. Er glaube, er habe 

sie dann vergewaltigt oder angefasst. Er könne es nicht zu 100% sagen, 

da er nicht da gewesen sei. Das habe sie ihm so erzählt. Sie habe ihm dies 

im Jahre 2016 nach ein paar Monaten gesagt. Sie sei die ganze Zeit so 

schlecht gelaunt gewesen. Er habe sie dann einmal gefragt, was los sei 

und dann habe sie es ihm erzählt (vgl. GA act. 92 f.). Vom Vorfall mit dem 

Beschuldigten in 2018 habe sie ihm gleich nachdem es passiert sei erzählt. 

Sie habe damals in U. bei der Mutter gewohnt. Sie habe ihm geschrieben, 

dass der Beschuldigte zu ihr ins Zimmer gekommen sei. Er habe irgendein 

Ladekabel gewollt. Er habe sie dann angefasst. Sie sei im Bett gelegen und 

er sei zu ihr hin und habe sie am Bein angefasst. Sie habe gesagt, er solle 

weggehen. Er sei dann rausgegangen (vgl. GA act. 92). Er habe ihr 

geglaubt, dass es Übergriffe durch den Beschuldigten gegeben habe, weil 

sie ihm dies gleich so geschrieben habe. Es sei aus dem Nichts gekommen. 

Sie sei während des Jahres deshalb auch so traumatisiert gewesen und 

sei deshalb bei der Mutter ausgezogen (vgl. GA act. 94). Er habe versucht, 

mit der Privatklägerin darüber zu reden, als sie schlechte Laune gehabt 

habe. Sie habe aber nicht gewollt, da sie traumatisiert gewesen sei. 

Manchmal sei sie einfach zusammengebrochen und habe geweint (vgl. GA 

act. 95). Er habe sexuellen Kontakt mit der Privatklägerin gehabt, aber sie 

habe sich sozusagen vor Männern geekelt. Sie hätten dann darüber 

geredet und es sei wieder alles gut gewesen. Eine Zeit lang hätten sie 

keinen sexuellen Kontakt gehabt. Er habe gefragt, was denn los sei und sie 

habe gemeint, das sei eben "wegen dem". Dann würden auch die 

Gedanken zurückkommen (vgl. GA act. 96). 

 

10. 

10.1. 

10.1.1. 

Die Privatklägerin wurde von ihrer Mutter H. und der Halbschwester I. als 

wehleidiges Kind bezeichnet, welches oft zum Arzt musste und sich 

innerhalb der Familie stets mit Fragen oder Problemen gemeldet habe (vgl. 

GA act. 72 f., GA act. 82, GA act. 89). Dennoch ist vorstellbar, dass eine 9 

bis 10-Jährige aufgrund der Familienkonstellation und des Kindsalters 

einen sexuellen Übergriff durch den Halbbruder verheimlichen würde. 

 

 - 21 - 

 

 

 

10.1.2. 

Zu den Aussagen der Privatklägerin ist festzuhalten, dass sie sich in ihrer 

Einvernahme im Jahre 2018 und anlässlich der Hauptverhandlung vom 

11. Mai 2021 zunächst kongruent darüber geäussert hat, wie der sexuelle 

Übergriff durch den Beschuldigten stattgefunden haben soll. Dabei 

schilderte die Privatklägerin die Geschehensabläufe übereinstimmend: Sie 

habe im benachbarten Zimmer des Beschuldigten auf dessen Playstation 

gespielt, habe dann bemerkt, dass dieser hinter ihr masturbiere und sei 

dann von ihm aufgefordert worden, nach vorne zu schauen. In der Folge 

habe sie etwas geschmerzt. Darauf habe sie wieder nach hinten geschaut 

und gesehen, wie sie vom Beschuldigten anal penetriert worden sei. Auch 

ihre Aussagen zu den Geschehnissen vom April 2018 fielen 

übereinstimmend aus. Die Privatklägerin äusserte sich detailreich und 

berichtete ausführlich über den Übergriff. Der Zeuge J. bestätigte sodann, 

dass die Privatklägerin ihm auch von dem Vorfall 2009/2010 berichtet habe 

und dass es der Privatklägerin nach dem Ereignis in 2018 nicht gut 

gegangen und sie traumatisiert gewesen sei (vgl. Ziff. 9.4). 

 

Es ist jedoch festzustellen, dass die Privatklägerin sich anlässlich der 

Berufungsverhandlung vom 12. April 2022 stark abweichend über das 

Kerngeschehen äusserte. Wollte die Privatklägerin vormals gesehen 

haben, wie der Beschuldigte hinter ihr masturbierte und dann wiederholt 

angewiesen worden sein, wieder nach vorne zu schauen, bevor der 

Beschuldigte in einem nächsten Schritt die anale Penetration vornahm, so 

schilderte sie vor Obergericht einen gänzlich anderen Geschehensablauf. 

Sie gab an, der Beschuldigte habe nicht vor, sondern erst nach vollzogener 

analer Penetration masturbiert. Zudem habe sie den Übergriff nicht 

gesehen, da sie konstant und konzentriert auf den Fernseher geschaut 

habe. Das wiederholte nach hinten Schauen erwähnte die Privatklägerin an 

der Berufungsverhandlung nicht mehr (vgl. Protokoll der Berufungsver-

handlung S. 6, vgl. Ziff. 7.3). Stark abweichend äusserte sich die 

Privatklägerin zudem zu der Frage, wie oft bzw. über welche Zeitspanne 

hinweg sich die Übergriffe des Beschuldigten nach dem ersten Mal 

wiederholt hätten. So sagte die Privatklägerin vor Obergericht aus, der 

Beschuldigte habe sich in gleicher Weise noch "locker über Wochen und 

Monate" hinweg an ihr vergangen (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung 

S. 6). Diese den Beschuldigten zusätzlich belastende Aussage vor 

Obergericht steht im Widerspruch zu sämtlichen früheren Aussagen der 

Privatklägerin vor der Polizei und der Vorinstanz, wonach sich der Übergriff 

des Beschuldigten innerhalb weniger Tage zwei- oder dreimal wiederholt 

habe, was auch der Anklageschrift entsprechend zu entnehmen ist (vgl. 

Ziff. 7.1.1). 

 

10.1.3. 

Weiter ist festzuhalten, dass gewisse Aussagen der Privatklägerin zu den 

Geschehnissen nicht glaubhaft erscheinen. So ist beispielsweise nicht 

 - 22 - 

 

 

 

nachvollziehbar, dass die Privatklägerin, welche sich gemäss eigener 

Aussage auf den Knien und nach vorne abgestützt auf dem Bett des 

Beschuldigten befand, nicht gemerkt haben will, dass der Privatkläger ihre 

Hose und Unterhose ausgezogen habe. Die Privatklägerin sagte dazu 

anlässlich ihrer Einvernahme vom 17. Juli 2018 aus, sie habe stattdessen 

gedacht, es sei bloss die Decke runtergefallen. Erst, als sie "untenrum" kalt 

bekommen habe, habe sie realisiert, dass er ihre Hose und Unterhose 

"abgezogen" habe (vgl. UA act. 32). Anlässlich der Hauptverhandlung vom 

11. Mai 2021 gab die Privatklägerin im Widerspruch dazu an, sie habe sich 

in sog. Flashbacks wieder daran erinnert, wie der Beschuldigte sie 

ausgezogen habe, dass sie auf den Knien gesessen sei und er ihr dann die 

Hose ausgezogen und ihren Po berührt habe (vgl. GA act. 105). Von 

solchen Flashbacks, bei welchen man gemäss ihrer Aussage wie in einem 

Traum sehe, was wirklich passiert sei, berichtete die Privatklägerin auch an 

der Berufungsverhandlung (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung 

S. 11 f.). Kaum vorstellbar und unglaubhaft erscheint weiter die von der 

Privatklägerin geschilderte Reaktion auf die dem Beschuldigten vorge-

worfenen Handlungen. Bei einer unvermittelten analen Penetration handelt 

es sich um einen Akt, der in der beschriebenen Form nur gewaltsam 

möglich wäre. Die im Tatzeitpunkt 9 bis 10-jährige Privatklägerin hätte 

durch diesen schweren Übergriff durch den beinahe erwachsenen 

Beschuldigten zweifelsohne massive Schmerzen, wenn nicht sogar 

Verletzungen, davongetragen, zumal sie angab, schnell und mehrmals von 

ihm anal penetriert worden zu sein ("Er ging ein paarmal rein und raus", 

vgl. UA act. 32; "Er hat ihn einfach gerade reingemacht…also schnell", vgl. 

UA act. 33). Gemäss Privatklägerin habe sie "Aua, das tut weh" gesagt und 

nach hinten geschaut. Richtig gewehrt oder weggezogen habe sie sich 

jedoch nicht (vgl. UA act. 21, UA act. 31). Nach dem Vorfall sei sie einfach 

aus dem Zimmer gelaufen und habe sich nichts dabei gedacht (vgl. UA 

act. 22). Weiter gab sie in sämtlichen Befragungen inklusive jener der 

Berufungsverhandlung an, sie sei nach diesem ersten Übergriff weiterhin 

freiwillig alleine zum Beschuldigten ins Zimmer gegangen, um Playstation 

zu spielen. So habe er sie dann auch ein bis zwei weitere Male anal 

penetriert, wie dies beim ersten Mal der Fall gewesen sei. Dies sei vielleicht 

mit Abstand von einem Tag zum ersten Übergriff passiert (vgl. UA act. 22). 

Gemäss ihrer Aussage an der Berufungsverhandlung habe sich der 

Übergriff sogar über mehrere Wochen und Monate hinweg wiederholt, 

wobei der Beschuldigte, soweit sie sich erinnere, sie jedes Mal anal 

penetriert habe, als sie bei ihm Playstation spielen gegangen sei (vgl. 

Protokoll der Berufungsverhandlung S. 6 f. und S. 11). Die Privatklägerin 

gab indes nicht an, dass der Beschuldigte in irgendeiner Form physischen 

oder psychischen Zwang auf sie ausgeübt hätte, um sie zu weiteren, für sie 

zweifelsohne sehr schmerzhaften und unangenehmen sexuellen 

Handlungen zu zwingen. Vielmehr räumte sie ein, der Beschuldigte habe 

aufgehört, als sie ihm gesagt habe, es tue weh (vgl. UA act. 32). Ausserdem 

habe er ihr keine Strafe angedroht und sie hätte wohl auch Nein sagen 

 - 23 - 

 

 

 

können. Sie sei jedoch vom Playstation spielen besessen gewesen und 

habe halt immer spielen wollen, weil sie damals keine andere Möglichkeit 

gehabt habe (vgl. GA act. 107, vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung 

S. 11). Es ist nicht nachvollziehbar, dass ein 9- bis 10-jähriges Kind, 

welches von der Mutter ohnehin als äusserst wehleidig bezeichnet worden 

war (vgl. Ziff. 9.3), sich mehrmals und dabei stets freiwillig einem solchen 

Übergriff unterziehen würde. Vor diesem Hintergrund ist mit der Minderheit 

der Vorinstanz festzustellen, dass der Übergriff in der beschriebenen Form 

nicht stattgefunden haben kann (vgl. Urteil E. III.3.4.2). 

 

10.2. 

Der Beschuldigte bestritt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe von Anfang an 

(vgl. UA act. 42 ff., GA act. 60 ff., vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung 

S. 15). Er führte detailliert aus, wie seine persönliche Situation im 

Tatzeitpunkt von 2009 bzw. 2010 ausgesehen habe, dass er damals 

Probleme in der Schule gehabt habe, kaum zuhause gewesen sei und es 

auch nicht gemocht habe, dass seine Schwestern sich in seinem Zimmer 

aufgehalten hätten. Die Mutter habe die Privatklägerin in sein Zimmer 

gelassen, um mit der Playstation zu spielen, wenn er nicht zuhause 

gewesen sei. Er habe sie jeweils sofort aus dem Zimmer geschmissen, als 

er nachhause gekommen sei, da er selbst nie jemanden mit seiner 

Playstation habe spielen lassen (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung 

S. 15). Der Beschuldigte sprach auch seine Beziehung zur Privatklägerin 

an, welche er als zu dieser Zeit nicht allzu eng beschrieb. Ebenfalls 

äusserte er sich zu den teilweise schwierigen familiären Verhältnissen, 

insbesondere mit dem Vater der Privatklägerin, und wie sich die Vorwürfe 

der Privatklägerin später auf seine persönliche Situation und die Familie als 

Ganzes ausgewirkt hätten. Dabei beschrieb er eingehend, dass er ob der 

Möglichkeit, als Pädophiler dazustehen, Angst bekommen habe und es ihm 

auch körperlich schlecht gegangen sei. Der Beschuldigte verzichtete auf 

naheliegende Anschwärzungen gegenüber der Privatklägerin und 

unterliess es, konkrete Gründe für die aus seiner Sicht falsche 

Anschuldigung zu nennen. Den Gedanken, der mit ihm zerstrittene Vater 

der Privatklägerin könnte hinter dem Vorwurf stecken, verwarf er selbst 

wieder. Demgegenüber gab er wiederholt an, nicht zu verstehen, wie diese 

Vorwürfe der Privatklägerin zustande gekommen seien und er könne sich 

auch nicht vorstellen, dass es eine Retourkutsche für irgendetwas sei (vgl. 

Ziff. 8.1.2, Ziff. 8.2.1). An der Berufungsverhandlung sagte er aus, er habe 

nach 5 Jahren immer noch keine Ahnung, warum die Privatklägerin diese 

Dinge erzähle und ob es einen Zusammenhang mit dem Vater der 

Privatklägerin gebe (vgl. Protokoll der Berufungsverhandlung S. 15). Der 

Beschuldigte beschränkte sich zudem nicht bloss darauf, sämtliche 

Vorwürfe abzustreiten, sondern beleuchtete auch sein eigenes Verhalten. 

So gab er beispielsweise zu, dass er am 19. April 2018 lediglich in 

Boxershorts bekleidet und betrunken ins Zimmer der Privatklägerin 

gegangen sei und sie wiederholt zu umarmen versucht habe, obwohl diese 

 - 24 - 

 

 

 

wiederholt "Nein" gesagt habe. Sich selbst bezeichnete er als "Naher", 

insbesondere, wenn er betrunken sei (vgl. Ziff. 8.2.2, vgl. Protokoll der 

Berufungsverhandlung S. 15 f.). Zusammengefasst erscheinen die 

Aussagen des Beschuldigten weder widersprüchlich noch in sonstiger 

Weise unglaubhaft. 

 

10.3. 

Zusammenfassend hat sich die Privatklägerin nur teilweise überein-

stimmend über die mutmasslichen Vorfälle in 2009 bzw. 2010 und 2018 

geäussert. Insbesondere unterscheiden sich ihre Aussagen zur Dauer und 

Häufigkeit der Übergriffe während des angeklagten Zeitraums. Im Hinblick 

auf die Tatumstände erscheinen gewisse ihrer Aussagen zu den 

Geschehnissen zudem nicht glaubhaft bzw. nicht nachvollziehbar. Die 

Aussagen des Beschuldigten erweisen sich demgegenüber als glaubhaft 

und widerspruchslos. 

 

10.4. 

Auf Grundlage des obigen Beweisergebnisses ist der Sachverhalt nicht 

rechtsgenüglich erstellt. Der Beschuldigte ist deshalb in dubio pro reo vom 

Vorwurf der Schändung gemäss Art. 191 StGB freizusprechen. Mit dem 

Freispruch ist der Antrag des Beschuldigten auf Erstellung eines 

gerichtsmedizinischen Gutachtens abzuweisen. 

 

11. 

Mit dem Freispruch vom Vorwurf der Schändung gemäss Art. 191 StGB 

fehlt es an einer Rechtsgrundlage für die zivilrechtliche Haftung des 

Beschuldigten. Die adhäsionsweise geltend gemachte Zivilforderung der 

Privatklägerin ist somit entsprechend dem Antrag des Beschuldigten 

abzuweisen (Art. 3 Abs. 1 JStPO i.V.m. Art. 126 Abs. 1 lit. b StPO). 

 

12. 

Wird die beschuldigte Person ganz oder teilweise freigesprochen oder wird 

das Verfahren gegen sie eingestellt, so hat sie Anspruch auf Genugtuung 

für besonders schwere Verletzungen ihrer persönlichen Verhältnisse (Art. 3 

Abs. 1 JStPO i.V.m. Art. 436 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO). 

Hauptbeispiel einer solchen Verletzung ist der im Gesetz ausdrücklich 

genannte Freiheitsentzug. In anderen Fällen hat die beschuldigte Person 

die Verletzung zumindest glaubhaft zu machen, wobei die mit jedem 

Strafverfahren in grösserem oder kleinerem Ausmass zusammen-

hängende psychische Belastung, Blossstellung oder Demütigung im 

Regelfall noch nicht ausreicht (vgl. Urteil des Bundesstrafgerichts 

BB.2013.12 vom 3. Dezember 2013 E. 5.3.4). Der Beschuldigte führt im 

Rahmen seiner Berufung nicht aus, inwiefern er eine besonders schwere 

Verletzung der persönlichen Verhältnisse erlitten haben soll. Sein Antrag 

auf Ausrichtung einer Genugtuung ist entsprechend als unbegründet 

abzuweisen. 

 - 25 - 

 

 

 

 

13. 

13.1. 

Die Kosten des obergerichtlichen Verfahrens tragen die Parteien nach 

Massgabe ihres Obsiegens bzw. Unterliegens (Art. 44 Abs. 2 JStPO i.V.m. 

Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Berufung des Beschuldigten ist vollumfänglich 

gutzuheissen. Entsprechend sind die Kosten des Berufungsverfahrens 

vollumfänglich auf die Staatskasse zu nehmen.  

 

13.2. 

Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten, Markus Trottmann, 

Rechtsanwalt […], ist aus der Staatskasse zu entschädigen (Art. 25 Abs. 1 

lit. c und Abs. 2 JStPO i.V.m. Art. 135 Abs. 1 StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und 

3bis AnwT). Er reichte anlässlich der Berufungsverhandlung eine 

Kostennote ein und machte dabei einen Aufwand von 15 Stunden und 15 

Minuten à Fr. 200.00 (ohne Berufungsverhandlung), Auslagen von 

Fr. 170.40 und die gesetzliche Mehrwertsteuer von Fr. 247.95, somit 

gesamthaft Fr. 3'468.35 geltend. Dieser Aufwand erscheint der Komplexität 

der vorliegenden Strafsache nach als angemessen und ist zu genehmigen. 

Unter Berücksichtigung der in der Kostennote nicht eingerechneten Dauer 

der Berufungsverhandlung von 1 Stunde und 30 Minuten à Fr. 200.00 (vgl. 

Protokoll der Berufungsverhandlung) ist der amtliche Verteidiger 

entsprechend im Umfang von Fr. 3'791.45 (inkl. MwSt.) aus der Staats-

kasse zu entschädigen.  

 

13.3. 

Die unentgeltliche Vertreterin der Privatklägerin, Michèle Dürrenberger, 

Rechtsanwältin […], ist für das Berufungsverfahren ebenfalls aus der 

Staatskasse zu entschädigen (Art. 3 Abs. 1 JStPO i.V.m. Art. 138 Abs. 1 

StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und Abs. 3bis AnwT). Sie reichte anlässlich der 

Berufungsverhandlung eine Kostennote ein und machte dabei einen 

Aufwand von 11 Stunden und 15 Minuten à Fr. 200.00, Auslagen von 

Fr. 89.00 und die gesetzliche Mehrwertsteuer von Fr. 180.10, somit 

gesamthaft Fr. 2'519.10 geltend. Dieser Aufwand erscheint der Komplexität 

der vorliegenden Strafsache nach ebenfalls als angemessen und ist zu 

genehmigen. Die unentgeltliche Vertreterin der Privatklägerin ist 

entsprechend im Umfang von Fr. 2'519.10 aus der Staatskasse zu 

entschädigen. 

 

Eine Rückforderung der Kosten der unentgeltlichen Verbeiständung durch 

das Opfer bei verbesserten wirtschaftlichen Verhältnissen ist gemäss 

bundesgerichtlicher Rechtsprechung zulässig, wenn es bereits erstin-

stanzlich zu einem Freispruch kam, dieser auch im Berufungsverfahren 

bestätigt wurde und schliesslich in Rechtskraft erwuchs (vgl. BGE 143 

IV 154 E. 2.3.5). Der Beschuldigte wurde von der Vorinstanz schuldig 

gesprochen. Seine Berufung wird vorliegend gutgeheissen, wodurch es 

 - 26 - 

 

 

 

erst im Berufungsverfahren zu einem Freispruch kommt. Auf eine 

Rückforderung der Kosten der unentgeltlichen Verbeiständung seitens der 

Privatklägerin ist unter diesen Umständen zu verzichten. 

 

14. 

14.1. 

Fällt die Rechtsmittelinstanz einen neuen Entscheid, so befindet sie auch 

über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 44 Abs. 2 

JStPO i.V.m. Art. 428 Abs. 3 StPO). 

 

Der Beschuldigte wird vorliegend vom Vorwurf der Schändung gemäss Art. 

191 StGB freigesprochen und der vorinstanzliche Schuldspruch ist 

aufzuheben. Die vorinstanzlichen Verfahrenskosten von Fr. 620.00, 

bestehend aus der Gebühr gemäss § 17 Abs. 3 VKD von Fr. 500.00 sowie 

Spesen von Fr. 120.00, sind auf die Staatskasse zu nehmen. 

 

14.2. 

Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten hat im vorinstanzlichen 

Verfahren einen Aufwand von Fr. 6'365.85 geltend gemacht. Die Höhe der 

Entschädigung ist im Berufungsverfahren unbestritten geblieben, weshalb 

darauf nicht zurückgekommen werden kann (vgl. Urteil des Bundesgerichts 

6B_1299/2018 vom 28. Januar 2019 E. 2.4). Er ist somit in diesem Umfang 

aus der Staatskasse zu entschädigen (Art. 25 Abs. 1 lit. c und Abs. 2 JStPO 

i.V.m. Art. 135 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 9 Abs. 1 und Abs. 3bis AnwT). 

 

14.3. 

Die unentgeltliche Vertreterin der Privatklägerin hat im vorinstanzlichen 

Verfahren einen Aufwand von Fr. 3'552.55 geltend gemacht. Die Höhe der 

Entschädigung ist im Berufungsverfahren unbestritten geblieben, weshalb 

darauf ebenfalls nicht zurückgekommen werden kann (vgl. Urteil des 

Bundesgerichts 6B_1299/2018 vom 28. Januar 2019 E. 2.4). Sie ist somit 

in diesem Umfang aus der Staatskasse zu entschädigen. 

 

15. 

Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es 

ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 3 Abs. 1 

JStPO i.V.m. Art. 408 StPO und Art. 81 StPO). 

 

 
   

Das Obergericht erkennt: 

 

1. 

Der Beschuldigte wird vom Vorwurf der Schändung gemäss Art. 191 StGB 

freigesprochen. 

 

 - 27 - 

 

 

 

2. 

Die Zivilklage der Privatklägerin wird gestützt auf Art. 3 Abs. 1 JStPO i.V.m. 

Art. 126 Abs. 1 lit. b StPO abgewiesen. 

 

3. 

Die Genugtuungsforderung des Beschuldigten wird abgewiesen. 

 

4. 

Die obergerichtlichen und die vorinstanzlichen Verfahrenskosten werden 

auf die Staatskasse genommen.  

 

5. 

5.1. 

Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten, lic. iur. Markus Trottmann, 

Advokat […], ist für das Verfahren vor Obergericht im Umfang von 

Fr. 3'791.45 aus der Obergerichtskasse zu entschädigen. 

 

5.2. 

Die unentgeltliche Vertreterin der Privatklägerin, lic. iur. Michèle 

Dürrenberger, Rechtsanwältin […], ist für das Verfahren vor Obergericht im 

Umfang von Fr. 2'519.10 aus der Obergerichtskasse zu entschädigen. 

 

6. 

6.1. 

Die vorinstanzlichen Kosten des amtlichen Verteidigers des Beschuldigten, 

lic. iur. Markus Trottmann, Advokat […], werden im Umfang von 

Fr. 6'365.85 auf die Staatskasse genommen. 

 

6.2. 

Die vorinstanzlichen Kosten der unentgeltlichen Vertreterin der 

Privatklägerin, lic. iur. Michèle Dürrenberger, Rechtsanwältin […], werden 

im Umfang von Fr. 3'552.55 auf die Staatskasse genommen. 

 

7. 

Die Kosten der unentgeltlichen Verbeiständung im vorinstanzlichen und 

obergerichtlichen Verfahren werden von der Privatklägerin nicht zurück-

gefordert. 

 

 

 Zustellung an: 

[…] 

 

 
   

 - 28 - 

 

 

 

Aarau, 12. April 2022 

 

Obergericht des Kantons Aargau 

Jugendstrafkammer 

Die Präsidentin:    Die Gerichtsschreiberin i.V.: 

 

 

 

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