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**Case Identifier:** a757583b-a906-5180-8377-32253f42a5d4
**Source:** Aargau Gerichte (AG)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2022-04-29
**Language:** de
**Title:** Aargau Obergericht Versicherungsgericht 29.04.2022 VBE.2021.498
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/AG_Gerichte/AG_OG_007_VBE-2021-498_2022-04-29.pdf

## Full Text

Versicherungsgericht 

2. Kammer 

 

 

VBE.2021.498 / mw / ce       
Art. 46 

 

 

Urteil vom 29. April 2022 
 

 

Besetzung  Oberrichterin Peterhans, Präsidentin  

Oberrichter Egloff  

Oberrichterin Gössi  

Gerichtsschreiberin Wirth          

 

 
   

Beschwerde- 

führerin  

 A._____   

unentgeltlich vertreten durch MLaw Leo Sigg, Rechtsanwalt,  

Buchserstrasse 18, Postfach, 5001 Aarau 1    

 

     
   

Beschwerde- 

gegnerin  

 SVA Aargau, IV-Stelle, Bahnhofplatz 3C, Postfach, 5001 Aarau   

 

     
 

Gegenstand  Beschwerdeverfahren betreffend IVG Renten 

(Verfügung vom 12. Oktober 2021) 
 

 

  

 - 2 - 

 

 

 

   

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten: 

 

1. 

Die 1998 geborene Beschwerdeführerin meldete sich am 20. Juni 2016 

aufgrund eines CRPS I (rechte Hand) zum Bezug von Leistungen der Eid-

genössischen Invalidenversicherung (IV) an. Sowohl das Lehrverhältnis 

zur Hotelfachfrau EFZ als auch die Ausbildung zur Kauffrau EFZ im Rah-

men der beruflichen Massnahmen wurden aus gesundheitlichen Gründen 

beendet. Nach Durchführung einer polydisziplinären Begutachtung (allge-

meininternistisch-psychiatrisch-neurologisch-handchirurgisch) durch die 

Zentrum für Interdisziplinäre Medizinische Begutachtungen AG (ZIMB-Gut-

achten) vom 23. März 2020 verneinte die Beschwerdegegnerin nach Rück-

sprache mit dem Regionalen ärztlichen Dienst (RAD) sowie Einholung ei-

ner ergänzenden Stellungnahme der ZIMB-Gutachter mit Verfügung vom 

12. Oktober 2021 einen Rentenanspruch der Beschwerdeführerin wie vor-

beschieden. 

 

2. 

2.1. 

Dagegen erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 9. November 

2021 fristgerecht Beschwerde und stellte folgende Anträge: 

 

"1. 
Die Verfügung vom 12.10.2021 sei aufzuheben und der Beschwerdefüh-
rerin eine Invalidenrente zuzusprechen. 
 
2. 
Es sei ein Obergutachten durch das Gericht in Auftrag zu geben. 
 
3. 
Eventualiter sei die Sache an die Beschwerdegegnerin zu weiteren Abklä-
rungen zurückzuweisen. 
 
Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der Beschwerdegegne-
rin." 
 

Zudem stellte sie folgendes Prozessualbegehren: 

 

"Es sei der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Prozessführung zu be-
willigen und in Person des Unterzeichneten ein unentgeltlicher Rechtsbei-
stand zu bestellen." 
 

2.2. 

Mit Vernehmlassung vom 28. Januar 2022 beantragte die Beschwerdegeg-

nerin die Abweisung der Beschwerde. 

 

 - 3 - 

 

 

 

2.3. 

Mit Verfügung vom 13. Dezember 2021 bewilligte der Instruktionsrichter 

der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege und ernannte 

MLaw Leo Sigg, Rechtsanwalt, Aarau, zu deren unentgeltlichen Vertreter. 

 

 
   

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung: 

 

1. 

Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom 

12. Oktober 2021 einen Rentenanspruch der Beschwerdeführerin zu Recht 

abgelehnt hat (Vernehmlassungsbeilage [VB] 134). 

 

2. 

2.1. 

Am 1. Januar 2022 trat das revidierte IVG in Kraft. Die angefochtene Ver-

fügung erging vor dem 1. Januar 2022. Nach den allgemeinen Grundsätzen 

des intertemporalen Rechts und des zeitlich massgebenden Sachverhalts 

(statt vieler: BGE 144 V 210 E. 4.3.1 S. 213; 129 V 354 E. 1.2 S. 4 mit Hin-

weisen) sind daher die Bestimmungen des IVG und diejenigen der IVV so-

wie des ATSG in der bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Fassung 

anwendbar (Urteil des Bundesgerichts 8C_455/2021 vom 23. Februar 

2022 E. 2). Sie werden im Folgenden denn auch in dieser Fassung zitiert. 

 

2.2. 

Die Beschwerdegegnerin stützte sich in der angefochtenen Verfügung vom 

12. Oktober 2021 im Wesentlichen auf das ZIMB-Gutachten vom 23. März 

2020. Die Gutachter stellten folgende Diagnose mit Auswirkung auf die Ar-

beitsfähigkeit: 

 

"Chronisches Schmerzsyndrom Arm rechts (ICD-10 M79.63) 

- DD komplexes regionales Schmerzsyndrom CRPS Typ 1 im Be-

reich der rechten oberen Extremität (ICD-10 G90.50) 

 - St. n. Extensorensynovialitis Handgelenk rechts 

- St. n. unklarer Handlähmung nach Kontusion Hand rechts 2011 

(ICD-10 R20)" 

 

Aus neurologischer und handchirurgischer Sicht sei die Tätigkeit als Hotel-

fachfrau aufgrund des CRPS Typ I ungeeignet. In einer körperlich leichten 

bis mittelschweren Verweistätigkeit mit der linken oberen Extremität be-

stehe aus neurologischer Sicht eine Arbeitsfähigkeit von 80 % (VB 110.2 

S. 6), wobei eine Anwesenheit während 8-8.5 Stunden pro Tag möglich sei. 

Es bestehe allerdings eine leichte Einschränkung der Leistungsfähigkeit bei 

etwas erhöhtem Pausenbedarf und reduziertem Rendement (VB 110.2 

S. 7). Aus handchirurgischer Sicht bestehe in einer adaptierten Tätigkeit 

 - 4 - 

 

 

 

mit Einsatz der rechten Hand lediglich als Hilfshand eine volle Arbeitsfähig-

keit. Tätigkeiten mit Kälte-, Wärme- und Vibrationsexpositionen sollten ver-

mieden werden, wie auch Belastungen der rechten Hand und repetitive Ar-

beitsabläufe (VB 110.2 S. 6). Tätigkeiten wie u.a. Überwachungsaufgaben, 

kommunikative oder organisatorische, administrative Tätigkeiten seien 

möglich (VB 110.2 S. 7). Aus psychiatrischer und allgemeininternistischer 

Sicht lägen keine weiteren Befunde und Diagnosen mit Einfluss auf die Ar-

beitsfähigkeit vor (VB 110.2 S. 6). 

 

3. 

3.1. 

3.1.1. 

Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob die-

ser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen 

beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der 

Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medi-

zinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situ-

ation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet 

sind (BGE 134 V 231 E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352). 

 

3.1.2. 

Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingehol-

ten Gutachten von externen Spezialärzten, welche auf Grund eingehender 

Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Be-

richt erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergeb-

nissen gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerken-

nen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Exper-

tise sprechen (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 470; 125 V 351 E. 3b/bb S. 353). 

 

3.2. 

Das ZIMB-Gutachten vom 23. März 2020 wird den von der Rechtsprechung 

formulierten Anforderungen an eine beweiskräftige medizinische Stellung-

nahme (vgl. E. 3.1. hiervor) gerecht. Das Gutachten ist in Kenntnis der 

Vorakten (Anamnese) erstellt worden (vgl. VB 110.3 S. 2 ff.; 110.4 S. 1; 

110.5 S. 1; 110.6 S. 1; 110.7 S. 1), gibt die subjektiven Angaben der Be-

schwerdeführerin ausführlich wieder (vgl. VB 110.2 S. 3 ff.; 110.4 S. 1 ff.; 

110.5 S. 1 ff.; 110.6 S. 1 ff.; 110.7 S. 2 f.), beruht auf allseitigen Untersu-

chungen der beteiligten Fachdisziplinen (vgl. VB 110.2 S. 6 f.; 110.4 S. 5; 

110.5 S. 8; 110.6 S. 4 f.; 110.7 S. 4; 110.8), und die Gutachter setzten sich 

im Anschluss an die Herleitung der Diagnosen eingehend mit den subjekti-

ven Beschwerdeangaben bzw. den medizinischen Akten auseinander (vgl. 

VB 110.2 S. 6 ff.; 110.4 S. 5 ff.; 110.5 S. 9 ff.; 110.6 S. 6 ff.; 110.7 S. 4 ff.). 

Das Gutachten ist in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge 

und der medizinischen Situation nachvollziehbar und damit grundsätzlich 

geeignet, den Beweis für den anspruchserheblichen medizinischen Sach-

verhalt zu erbringen. 

 - 5 - 

 

 

 

4. 

4.1. 

4.1.1. 

Die Beschwerdeführerin beanstandet hinsichtlich des ZIMB-Gutachtens, 

aufgrund der RAD-Beurteilung vom 12. April 2020 bestünden Zweifel an 

der Beurteilung der Gutachter. So sei das Gutachten zu wenig differenziert 

(Beschwerde S. 7) und die Gutachter hätten sich nicht mit allen Diagnosen 

auseinandergesetzt (Beschwerde S. 11), auch die Hirnläsion im Vermis sei 

nicht näher diskutiert worden (Beschwerde S. 6 und 9 ff.). 

 

4.1.2. 

Da es für die Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit nicht auf die Diagnosestel-

lung, sondern auf den Schweregrad der ärztlich attestierten gesundheitli-

chen Beeinträchtigung und dementsprechend auf das Mass ihrer Auswir-

kungen auf die Arbeitsfähigkeit ankommt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 

9C_826/2011 vom 6. Februar 2012 E. 3.2), kann der Beschwerdeführerin 

nicht gefolgt werden. Den Gutachtern lagen sämtliche Arztberichte vor 

(VB 110.3 S. 2 ff.) und es ist grundsätzlich dem Ermessen der Gutachter 

überlassen, mit welchen früheren Arztberichten sie sich in der Expertise 

auseinandersetzen wollen und in welchem Umfang sie dies gegebenenfalls 

tun. Entscheidend ist, dass die Gutachter über das vollständige medizini-

sche Dossier verfügen und ihre Beurteilung in Kenntnis der Unterlagen ab-

gegeben haben (vgl. Urteile des Bundesgerichts 9C_651/2017 vom 

19. Juni 2018 E. 4.4; 9C_212/2015 vom 9. Juni 2015 E. 4). Es bedarf ins-

besondere keiner ausdrücklichen Stellungnahme zu jeder einzelnen abwei-

chenden Meinung, sondern es wird von medizinischen Experten eine in 

Kenntnis der Aktenlage gebildete eigenständige Beurteilung erwartet (vgl. 

SVR 2009 UV Nr. 29 S. 101, 8C_669/2008 vom 25. Februar 2009 E. 3). 

Eine solche wurde von den Gutachtern vorgenommen. Dies muss hinsicht-

lich der Vermis-Läsion umso mehr gelten, als die Gutachter in ihrer ergän-

zenden Stellungnahme vom 28. Mai 2021 ausdrücklich darauf hingewiesen 

haben, es handle sich hierbei um einen Zufallsbefund ohne funktionelle Re-

levanz (VB 127 S. 1). Dem widersprechende medizinische Beurteilungen 

liegen nicht vor, weshalb auf die gutachterliche Beurteilung abzustellen ist. 

Mangels funktioneller Relevanz ist das Vorbringen der Beschwerdeführerin 

hinsichtlich der Vermis-Läsion, die Schmerzen hätten bereits 2017 bestan-

den und ein unveränderter Zustand müsse deshalb beachtet werden (vgl. 

Beschwerde S. 10), ebenfalls unerheblich. 

 

Der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass CRPS I früher auch 

"Sudeck-Syndrom" oder sympathische Reflexdistrophie genannt wurde 

(Urteil des Bundesgerichts 8C_123/2018 vom 18. September 2018 

E. 4.1.2; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 8C_16/2018 vom 4. Juli 2018 

E. 2). Der Beschwerdeführerin kann somit auch nicht gefolgt werden, wenn 

sie geltend macht, die Diagnose Morbus Sudeck sei von den Gutachtern 

 - 6 - 

 

 

 

nicht berücksichtigt worden (Beschwerde S. 11), stellten diese doch sogar 

eine entsprechende Differenzialdiagnose (vgl. E. 3 hiervor). 

 

4.2. 

4.2.1. 

Das Gutachten sei gemäss Beschwerdeführerin ausserdem mangelhaft, 

weil die RAD-Ärztin, Dr. med. B., Praktische Ärztin, als nicht nachvollzieh-

bar erachtet habe, dass bei doch sehr wesentlich schmerzbedingt einge-

schränkter Funktionsfähigkeit der rechten Hand nur eine Einschränkung 

von 20 % in angepasster Tätigkeit attestiert worden sei (Beschwerde 

S. 10). Die Gutachter hätten die entsprechende Ergänzungsfrage der Be-

schwerdegegnerin mit Verweis auf das Gutachten unbeantwortet gelassen 

(Beschwerde S. 7). 

 

4.2.2. 

Aus der Stellungnahme der RAD-Ärztin vom 12. April 2021 geht hervor, 

dass die gutachterliche Beurteilung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit be-

zogen auf eine angepasste Tätigkeit nicht vollends überzeuge. Die Be-

schwerdeführerin sei Rechtshänderin und die "Funktionsfähigkeit der rech-

ten Hand [sei] doch sehr wesentlich schmerzbedingt eingeschränkt". Diese 

habe im damaligen Zeitpunkt nur noch als Hilfshand einsetzt werden kön-

nen und die Beschwerdeführerin sei auf die Funktionsfähigkeit der adomi-

nanten, linken Hand angewiesen gewesen (VB 125 S. 3). "Insofern [sei] die 

interdisziplinäre Beurteilung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 80 % 

in einer angepassten Tätigkeit, die als leicht- bis (sogar) mittelschwer als 

möglich beurteilt [worden sei] nicht ganz einfach nachvollziehbar resp. un-

zureichend plausibel begründet". 

 

Dem Gutachten ist zu entnehmen, in der bisherigen Tätigkeit (unter Einsatz 

der rechten Hand) bestehe eine uneingeschränkte Arbeitsunfähigkeit 

(VB 110.2 S. 7), in einer körperlich leichten bis mittelschweren Verweistä-

tigkeit mit der linken oberen Extremität (mit der rechten oberen Extremität 

nur als Hilfshand) attestierten die Gutachter eine Einschränkung von 20 %. 

Es ist also keineswegs so, dass die Gutachter für die Beschwerden an der 

rechten Hand nur eine Einschränkung von 20 % attestiert hätten, sondern 

sie attestierten für Tätigkeiten mit der rechten Hand eine solche von 100%. 

Weshalb die Einschränkung für eine Tätigkeit ohne Einsatz der rechten 

Hand höher als 20 % sein sollte, liegen doch nur an der rechten Hand Be-

schwerden vor, ist nicht nachvollziehbar. Dass die Beschwerdeführerin nur 

noch die linke Hand nutzen kann, wurde bereits unter Berücksichtigung ei-

nes zusätzlichen Pausenbedarfs und eines reduzierten Rendements in der 

attestierten Einschränkung von 20 % gewürdigt (VB 110.2 S. 7). Zudem er-

achtete der RAD-Facharzt für Orthopädie, Dr. med. C., die gutachterliche 

Beurteilung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit als nachvollziehbar. Dieser 

Beurteilung schloss sich die RAD-Nichtfachärztin, med. pract B., in der 

Folge an (VB 133 S. 2 f.). Die Festlegung eines allfälligen leidensbedingten 

 - 7 - 

 

 

 

Abzugs fällt überdies nicht in den Aufgabenbereich des Mediziners. Ebenso 

wenig hat dieser die erwerblichen Auswirkungen der funktionellen Einhän-

digkeit mit Betroffenheit der dominanten rechten Hand zu beurteilen oder 

festzulegen, welche konkreten Tätigkeiten die Beschwerdeführerin mit dem 

vom Mediziner festgestellten Belastungsprofil noch ausüben kann (BGE 

140 V 193 E. 3.2 S. 195 und Urteil des eidg. Versicherungsgerichts 

I 457/04 vom 26. Oktober 2004 mit weiteren Hinweisen). 

 

4.3. 

Die Anmerkung der RAD-Ärztin, es sei von den Gutachtern eine Auseinan-

dersetzung mit den Standardindikatoren vorzunehmen, ist weiter unbeacht-

lich, denn mit den Urteilen BGE 143 V 409 und 143 V 418 entschied das 

Bundesgericht, dass sämtliche psychische Leiden einem auf Indikatoren 

gestützten strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unter-

ziehen sind. Das CRPS ist jedoch eine neurologisch-orthopädisch-trauma-

tologische Erkrankung und ein organischer bzw. körperlicher Gesundheits-

schaden (Urteil des Bundesgerichts 8C_123/2018 vom 18. September 

2018 E. 4.1.2 mit Hinweisen), was auch aus der Einordnung der Diagnose 

in der ICD-10 Klassifizierung erkennbar wird, weshalb eine Indikatorenprü-

fung aufgrund des CRPS ausser Betracht fällt. Nachdem das voll beweis-

kräftige Gutachten vom 23. März 2020 nachvollziehbar eine Arbeitsunfä-

higkeit aufgrund eines psychischen Leidens verneint, kann vorliegend, ent-

gegen den Vorbringen der Beschwerdeführerin (Beschwerde S. 7 und 11), 

auf eine Indikatorenprüfung verzichtet werden. 

 

4.4. 

Zusammenfassend sind damit weder den Ausführungen der Beschwerde-

führerin (vgl. Rügeprinzip, BGE 119 V 347 E. 1a S. 349 f. mit Hinweis auf 

BGE 110 V 48 E. 4a S. 53; UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, 

N. 87 zu Art. 61 ATSG) noch den medizinischen Akten Hinweise zu ent-

nehmen, welche Zweifel am ZIMB-Gutachten vom 23. März 2020 begrün-

den (Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit, vgl. BGE 134 V 

109 E. 9.5 S. 125 mit Hinweis auf BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181). Der Sach-

verhalt erweist sich vor diesem Hintergrund als vollständig abgeklärt, wes-

halb auf weitere Beweiserhebungen (vgl. Beschwerdeantrag Ziff. 2) in an-

tizipierter Beweiswürdigung zu verzichten ist (BGE 127 V 491 E. 1b S. 494 

mit Hinweisen; SVR 2001 IV Nr. 10 S. 27 E. 4). 

 

5. 

5.1. 

Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätigen Versicherten ist 

Art. 16 ATSG anwendbar (Art. 28a Abs. 1 IVG; vgl. auch Art. 25 und 

26 IVV). Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das Erwerbsein-

kommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach 

Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliede-

rungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener 

 - 8 - 

 

 

 

Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung ge-

setzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in-

valid geworden wäre (Valideneinkommen; Art. 16 ATSG; sogenannte all-

gemeine Methode des Einkommensvergleichs). Der Einkommensvergleich 

hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen 

Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander 

gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der 

Invaliditätsgrad bestimmen lässt (BGE 130 V 343 E. 3.4 S. 348 f.; 128 V 29 

E. 1 S. 30; 104 V 135 E. 2a und b S. 136 f.). 

 

5.2. 

5.2.1. 

Die Beschwerdegegnerin stellte hinsichtlich des Valideneinkommens auf 

das Einkommen als Hotelfachfrau (LSE 2016, TA1, Gastgewerbe/Beher-

bergung, Kompetenzniveau 2, Frauen) ab, da sie die Ausbildung hierfür 

ohne gesundheitliche Einschränkungen mit überwiegender Wahrschein-

lichkeit abgeschlossen hätte (VB 134 S. 1). Die Beschwerdeführerin bringt 

dagegen vor, sie habe zwar die (später begonnene) Ausbildung als Kauf-

frau EFZ aus gesundheitlichen Gründen abbrechen müssen, diese Ausbil-

dung sei aber von den Berufsspezialisten der Beschwerdegegnerin als an-

gepasst angesehen worden, weshalb dieses Einkommen beim Validenein-

kommen massgebend sei (Beschwerde S. 12). 

 

5.2.1. 

Für die Ermittlung des Valideneinkommens ist rechtsprechungsgemäss 

entscheidend, was die versicherte Person im Zeitpunkt des frühestmögli-

chen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahr-

scheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdienen würde und nicht, was sie 

bestenfalls verdienen könnte (BGE 131 V 51 E. 5.1.2 S. 53; Urteil des Bun-

desgerichts 9C_190/2019 vom 14. Mai 2019 E. 4.2). Nach bundesgericht-

licher Rechtsprechung ist grundsätzlich nicht auf das zuletzt effektiv erzielte 

Einkommen, sondern in der Regel auf den Verdienst unmittelbar vor Eintritt 

der Gesundheitsbeeinträchtigung abzustellen. Denn das vor Eintritt des 

Gesundheitsschadens erzielte Einkommen ist nach empirischer Erfahrung 

grundsätzlich der Bezugspunkt, bei dem die bis dahin ausgeübte Tätigkeit 

fortgesetzt worden wäre (Urteil des Bundesgerichts 9C_887/2017 vom 

7. Juni 2018 E. 4.2 mit Hinweis auf BGE 139 V 28). Ausnahmen von die-

sem Erfahrungssatz müssen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt 

sein (BGE 135 V 58 E. 3.1 S. 59; vgl. auch BGE 135 V 297 E. 5.1 S. 300 f.; 

134 V 322 E. 4.1 S. 325 f.; Urteil des Bundesgerichts 8C_504/2018 vom 

19. Oktober 2018 E. 3.5.2). 

  

 - 9 - 

 

 

 

5.2.2. 

Art. 26 IVV regelt den Tatbestand des Geburts- oder Frühinvaliden, der we-

gen seiner Behinderung keine oder keine zureichenden beruflichen Kennt-

nisse erwerben konnte (Abs. 1), ferner den Tatbestand des invaliditätsbe-

dingt fehlenden Abschlusses einer begonnenen beruflichen Ausbildung 

(Abs. 2). Die Anwendung von Art. 26 IVV steht unter dem Vorbehalt der 

gesetzlichen Grundnorm von Art. 28 Abs. 2 IVG: Ist nämlich aufgrund ganz 

bestimmter Anhaltspunkte anzunehmen, dass der Invalide ohne Invalidität 

einen bestimmten Beruf erlernt hätte, so kann zur Berechnung des Einkom-

mens ohne Invalidität auf diesen Beruf abgestellt werden (MEYER/REICH-

MUTH, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 

IVG, 3. Aufl. 2014, N. 152 ff. zu Art. 28a IVG). 

 

5.2.3. 

Die Beschwerdeführerin musste bereits ihre (erste) Lehre zur Hotelfachfrau 

EFZ aufgrund ihrer gesundheitlichen Beschwerden abbrechen (VB 19.1 

S. 2). Es ist somit davon auszugehen, dass sie diese Lehre ohne Eintritt 

des Gesundheitsschadens fortgesetzt und abgeschlossen hätte. Diese An-

nahme stimmt denn auch mit den Angaben der Beschwerdeführerin über-

ein, sie wolle unglaublich gerne wieder in die Lehre zur Hotelfachfrau ein-

steigen (VB 6 S. 3; 33). Folglich hat die Beschwerdegegnerin zu Recht auf 

das Einkommen als Hotelfachfrau abgestellt, ist doch davon auszugehen, 

dass die Beschwerdeführerin ohne gesundheitliche Beeinträchtigung ihre 

Ausbildung abgeschlossen hätte und diese Tätigkeit ausüben würde. 

 

5.3. 

5.3.1. 

Die Beschwerdeführerin rügt weiter, es hätte bei der Invaliditätsermittlung 

nicht auf die LSE-Tabellenlöhne abgestellt werden dürfen, weil diese nur 

als ultima ratio zu berücksichtigen seien und aufgrund neu veröffentlichter 

Fachartikel eine Praxisänderung notwendig sei (Beschwerde S. 14 ff.). 

 

5.3.2. 

Für die Festsetzung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-

erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person kon-

kret steht. Erzielt sie nach Eintritt der Invalidität ein Erwerbseinkommen, so 

wird ihr dieses als Einkommen mit Invalidität (Invalideneinkommen; Art. 16 

ATSG) angerechnet, sofern sie damit ihre verbliebene funktionelle Leis-

tungsfähigkeit in Bezug auf eine ihr zumutbare Erwerbstätigkeit bestmög-

lich verwertet (Art. 26bis Abs. 1 IVV). Liegt kein anrechenbares Erwerbsein-

kommen vor, so wird das Einkommen mit Invalidität nach statistischen Wer-

ten nach Art. 25 Abs. 3 IVV bestimmt. Bei versicherten Personen nach 

Art. 26 Abs. 6 IVV sind geschlechtsunabhängige Werte zu verwenden 

(Art. 26bis Abs. 2 IVV). 

  

 - 10 - 

 

 

 

5.3.3. 

Mit Urteil 8C_256/2021 vom 9. März 2022 befand das Bundesgericht, dass 

an der bisherigen Praxis festzuhalten und bei der Ermittlung des Invalidi-

tätsgrades, sofern es ein hypothetisches Einkommen zu berücksichtigen 

gilt, weiterhin auf die LSE-Tabellenlöhne abzustellen sei. Weitere Ausfüh-

rungen zu den entsprechenden Rügen der Beschwerdeführerin erübrigen 

sich vor diesem Hintergrund. Die Beschwerdegegnerin hat somit bei der 

Invaliditätsberechnung zu Recht (vgl. E. 6.2.3. und 6.3.1. hiervor) auf die 

LSE-Tabellenlöhne abgestellt. 

 

Da ein rentenbegründender IV-Grad selbst unter Berücksichtigung des ma-

ximalen Tabellenlohnabzugs von 25 % nicht erreicht wird, erübrigen sich 

weitere Ausführungen zu der entsprechenden Rüge der Beschwerdeführe-

rin (vgl. Beschwerde S. 13). 

 

5.4. 

Im Übrigen wird die von der Beschwerdegegnerin vorgenommene Invalidi-

tätsgradberechnung (VB 134 S. 2) von der rechtskundig vertretenen Be-

schwerdeführerin – nach Lage der Akten zu Recht – nicht beanstandet, so 

dass sich diesbezügliche Weiterungen erübrigen. Die vorliegend angefoch-

tene Verfügung vom 12. Oktober 2021 ist angesichts des bei einer 80%igen 

Arbeits- und Leistungsfähigkeit in einer Verweistätigkeit unter Anwendung 

der allgemeinen Methode des Einkommensvergleichs resultierenden ren-

tenausschliessenden Invaliditätsgrades damit zu bestätigen. 

 

6. 

6.1. 

Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde abzuweisen. 

 

6.2. 

Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten 

werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im 

Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende 

Verfahren betragen diese Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrensaus-

gang der Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Da dieser die unentgeltliche 

Rechtspflege bewilligt wurde, sind die Kosten einstweilen lediglich vorzu-

merken. 

 

6.3. 

Der Beschwerdeführerin steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61 

lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als Sozi-

alversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) kein Anspruch auf 

Parteientschädigung zu. Dem unentgeltlichen Rechtsvertreter wird das an-

gemessene Honorar nach Eintritt der Rechtskraft des versicherungsge-

richtlichen Urteils aus der Obergerichtskasse zu vergüten sein (Art. 122 

Abs. 1 lit. a ZPO i.V.m. § 34 Abs. 3 VRPG). 

 - 11 - 

 

 

 

6.4. 

Es wird ausdrücklich auf Art. 123 ZPO verwiesen, wonach eine Partei, der 

die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, zur Nachzahlung der vor-

gemerkten Gerichtskosten sowie der dem Rechtsvertreter ausgerichteten 

Entschädigung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist. 

 

 
   

Das Versicherungsgericht erkennt: 

 

1. 

Die Beschwerde wird abgewiesen. 

 

2. 

Die Gerichtskosten von Fr. 800.00 werden der Beschwerdeführerin aufer-

legt. Zufolge Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege werden sie 

einstweilen vorgemerkt. 

 

3. 

Das Honorar des unentgeltlichen Rechtsvertreters wird richterlich auf 

Fr. 2'450.00 festgesetzt. 

 

Die Obergerichtskasse wird gestützt auf § 12 Anwaltstarif angewiesen, 

dem unentgeltlichen Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin, MLaw Leo 

Sigg, Rechtsanwalt, Aarau, nach Eintritt der Rechtskraft das Honorar von 

Fr. 2'450.00 auszurichten. 

 

 
 

   

Zustellung an: 

die Beschwerdeführerin (unentgeltlicher Vertreter; 2-fach)   

die Beschwerdegegnerin 

das Bundesamt für Sozialversicherungen 
 

 

Mitteilung nach Rechtskraft an: 

die Obergerichtskasse 

 

  

 - 12 - 

 

 

 

   

Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 

 

Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen seit der Zustellung beim 

Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung 

mit Art. 90 ff. BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom sieb-

ten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli 

bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar 

(Art. 46 BGG).  

 

Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6,  

6004 Luzern, zuzustellen. 

 

Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe 

der Beweismittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines 

Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweis-

mittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Hän-

den hat (Art. 42 BGG). 

 

 
   

Aarau, 29. April 2022 

 

Versicherungsgericht des Kantons Aargau 

2. Kammer 

Die Präsidentin: Die Gerichtsschreiberin: 

 

 

 

Peterhans Wirth