# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** cd77c5d7-b36b-51d9-adef-eb0e7d4e9448
**Source:** Zürich (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2021-10-06
**Language:** de
**Title:** Zürich Obergericht Strafkammern 06.10.2021 SB200503
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/ZH_Obergericht/ZH_OG_002_SB200503_2021-10-06.pdf

## Full Text

Obergericht des Kantons Zürich 
II. Strafkammer    
 

 

Geschäfts-Nr.: SB200503-O/U/as 
 

Mitwirkend: Oberrichter lic. iur. Spiess, Präsident, die Oberrichterinnen lic. iur. 

Schärer und lic. iur. Bertschi sowie die Gerichtsschreiberin MLaw 

Höchli 

 

 

Urteil vom 6. Oktober 2021 

 

in Sachen 

 

A._____,  
Beschuldigter und Erstberufungskläger 

 

verteidigt durch Rechtsanwalt lic. iur. X1._____,  

verteidigt durch Rechtsanwalt lic. iur. X2._____,  

 

gegen 

 

B._____,  
Privatkläger und Zweitberufungskläger 

 

unentgeltlich vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Y._____,  

 

sowie 

 

Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich,  
Anklägerin und Berufungsbeklagte 

 

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung (Rückweisung des Schweizeri-
schen Bundesgerichtes) 

-   2   - 

 
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 9. Abteilung, vom 
11. November 2015 (DG150153), Urteil des Obergerichtes des Kantons Zü-
rich, II. Strafkammer, vom 3. Oktober 2019 (SB150505), Urteil des Bundesge-
richtes, Strafrechtliche Abteilung, vom 19. November 2020 (6B_1363/2019) 
 

 
 
  

-   3   - 

Anklage: 

Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 8. Mai 2015 

ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 36). 

Urteil der Vorinstanz: 

1. Der Beschuldigte ist schuldig der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne 

von Art. 111 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB. 

2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 7 Jahren Freiheitsstrafe, wovon 321 Tage 

durch Untersuchungshaft erstanden sind. Es wird davon Vormerk genom-

men, dass sich der Beschuldigte seit dem 5. Januar 2015 im vorzeitigen 

Strafvollzug befindet. 

3. Die Strafe wird vollzogen. 

4. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger aus 

dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach vollumfänglich schadener-

satzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadener-

satzanspruches wird der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses ver-

wiesen. 

5. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger CHF 25'000 zuzüglich 

5 % Zins ab 18. Februar 2014 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag 

wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen. 

Es wird davon Vormerk genommen, dass der Beschuldigte bereits 

CHF 20'000 bezahlt hat. 

6. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich 

vom 11. Mai 2015 beschlagnahmten Kleidungsstücke des Beschuldigten 

− Jacke, schwarz, „s.Oliver“, A006‘862‘971 
− T-Shirt, schwarz, „GREYSTONE“, A006‘862‘982 
− Jeanshose, blau, „TOMMY HILFIGER“, A006‘863‘009 

-   4   - 

− 1 Paar Sportschuhe, schwarz/weiss, „adidas SAMBA“, A006‘863‘010 
− 1 Strick Handschuh, schwarz, A006‘863‘043 

werden nach Eintritt der Rechtskraft dem Beschuldigten auf erstes Verlan-

gen herausgegeben. Bei Nichtabholung innert drei Monaten ab Eintritt der 

Rechtskraft werden die Kleidungsstücke durch die Lagerbehörde vernichtet. 

7. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich 

vom 11. Mai 2015 beschlagnahmten Kleidungsstücke des Privatklägers 

− Jacke, schwarz, „ZARA MAN“, A006‘863‘065 
− Pullover, schwarz, „H&M“, A006‘863‘076 
− Jäckchen, hellgrau, “H&M”, A006’863’087 
− Träger-Unterleibchen, weiss, Gr. 8, A006‘863‘098 
− Hose, schwarz, „CLOCKHOUSE“, ohne Gürtel, A006‘863‘101 
− Gürtel, kariert, pastellgelb, schwarz, rot, „BURBERY“ A006'863'123  
− Unterhose, schwarz, „HOMBRE“, A006‘863‘134 
− 1 Paar Socken, schwarz, A006‘863‘145 
− 1 Paar Sportschuhe, weiss mit roter Umrandung, „CONVERSE“ 

A006'863'156 

werden nach Eintritt der Rechtskraft durch die Lagerbehörde vernichtet. 

8. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf: 

Fr. 8'000.00 ; die weiteren Kosten betragen: 

Fr. 5'000.00   Gebühr Anklagebehörde 
Fr. 26'971.25   Auslagen Untersuchung 
Fr. 2'145.00   Auslagen Stellungnahme Gutachter 
Fr. 12'748.30   unentgeltlicher Rechtsbeistand 
Fr. 16'000.00   amtliche Verteidigung (Akontozahlungen) 
Fr. 13'230.55   amtliche Verteidigung 
 

 Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten. 

9. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, inklusive 

diejenigen der amtlichen Verteidigung sowie des unentgeltlichen Rechtsbei-

standes des Privatklägers, werden dem Beschuldigten auferlegt. 

-   5   - 

10. Rechtsanwalt lic. iur. X2._____ wird für seine Bemühungen und Barausla-

gen als amtlicher Verteidiger (unter Berücksichtigung der bereits erhaltenen 

Akontozahlungen in der Höhe von CHF 16'000) mit CHF 13'230.55 

(inkl. Mwst.) aus der Gerichtskasse entschädigt. 

11. Rechtsanwalt lic. iur. Y._____ wird für seine Bemühungen und Barauslagen 

als unentgeltlicher Rechtsbeistand des Privatklägers mit CHF 12'748.30 

(inkl. Mwst.) aus der Gerichtskasse entschädigt. 

Berufungsanträge erstes Berufungsverfahren: 

a) Der Verteidigung des Beschuldigten: 

(Urk. 105 S. 35; Urk. 163 S. 1) 

1. A._____ sei zufolge Schuldunfähigkeit freizusprechen. 

2. Für den Fall, dass Sie die Schuldunfähigkeit wider Erwarten verneinen, 

sei er eventualiter wegen versuchter Tötung mit einer teilbedingten 

Freiheitsstrafe von 30 Monaten zu bestrafen, wovon 12 Monate unbe-

dingt auszufällen und 18 Monate bedingt zu gewähren seien. 

3. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Geschädigten eine Genug-

tuung von Fr. 25'000.– zuzüglich 5% Zins ab dem 18. Februar 2014 zu 

bezahlen und es sei vorzumerken, dass er bereits eine Zahlung von 

Fr. 20'000.– geleistet hat. Die Schadenersatzpflicht des Beschuldigten 

gegenüber dem Privatkläger sei nach den Grundsätzen der Billigkeit 

durch das Gericht zu beurteilen und zu entscheiden; eventualiter sei 

das Schadenersatzbegehren des Privatklägers zufolge Illiquidität auf 

den Zivilweg zu verweisen. 

4. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien auf die Staatskasse zu 

nehmen und es sei dem Beschuldigten für das Berufungsverfahren ei-

ne vom Gericht festzusetzende Entschädigung für die angefallenen 

Verteidigungskosten auszurichten.  

-   6   - 

5. Das erstinstanzliche Kostendispositiv sei aufzuheben und die Kosten 

der psychiatrischen Begutachtung, die Kosten sämtlicher Gutachten 

des Institutes für Rechtsmedizin (pharmakologisch-toxikologischen 

Gutachten des Institutes für Rechtsmedizin [act. 17/7 und 18/7], der 

ärztlichen Berichte zur Blutalkoholanalyse [act. 17/11 und 18/9] und 

des morphometrischen Gutachtens vom 5.3.2015 [19/17]) sowie die 

Kosten der amtlichen Verteidigung seien auf die Staatskasse zu neh-

men. Die übrigen Untersuchungs- und Gerichtskosten seien dem Be-

schuldigten aufzuerlegen. 

6. Für die erlittene Haft sei der Beschuldigte angemessen zu entschädi-

gen. Darüber hinaus sei er aus der Sicherheitshaft zu entlassen. 

b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:  

(Urk. 101/2+3) 

1. Die Berufung des Beschuldigten gegen das Urteil des Bezirksgerichts 

Zürich vom 11. November 2015 sei vollumfänglich abzuweisen und das 

Urteil der Vorinstanz sei zu bestätigen. 

2. Die Beweisanträge des Beschuldigten vom 15. April 2016 seien abzu-

weisen.  

c) Des Vertreters des Privatklägers: 

(Urk. 102 S. 1; Urk. 158/1 S. 1) 

1. In Abänderung von Ziff. 5 des angefochtenen Urteils sei der Beschul-

digte zu verpflichten, dem Privatkläger CHF 40'000.00 zuzüglich 5% 

Zins ab 18. Februar 2014 als Genugtuung zu bezahlen. Es sei davon 

Vormerk zu nehmen, dass der Beschuldigte bereits CHF 20'000.00 be-

zahlt hat. 

2. Die Kosten des Berufungsverfahrens, inklusive diejenigen des unent-

geltlichen Rechtsbeistandes des Privatklägers, seien dem Beschuldig-

-   7   - 

ten aufzuerlegen und RA lic. iur. Y._____ sei für seine Bemühungen 

und Barauslagen im Berufungsverfahren mit einem gemäss heute ein-

gereichter Kostennote unter Berücksichtigung der heutigen tatsächli-

chen Verfahrensdauer festzusetzenden Betrag aus der Gerichtskasse 

zu entschädigen. 

Urteil und Beschluss des Obergerichts des Kantons Zürich 
vom 3. Oktober 2019 

(Urk. 168) 

Es wird beschlossen: 

1. Es wird festgestellt, dass das Urteil des Bezirksgerichtes Zürich vom 11. No-

vember 2015 bezüglich der Dispositivziffern 6 und 7 (Verwendung be-

schlagnahmter Kleidungsstücke) sowie 10 und 11 (Honorar amtlicher Ver-

teidiger und unentgeltlicher Rechtsbeistand) in Rechtskraft erwachsen ist. 

2. Schriftliche Mitteilung mit nachfolgendem Urteil. 

Es wird erkannt: 

1. Der Beschuldigte A._____ ist schuldig der versuchten vorsätzlichen Tötung 

im Sinne von Art. 111 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB. 

2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 4 Jahren Freiheitsstrafe, wovon 876 Tage 

durch Untersuchungs- und Sicherheitshaft sowie vorzeitigen Strafvollzug bis 

und mit 12. Juli 2016 erstanden sind. 

3. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger aus 

dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatz nach vollumfänglich schadener-

satzpflichtig ist. Zur genaueren Feststellung des Schadenersatzanspruches 

wird der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen. 

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4. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger Fr. 40'000.– zuzüglich 

5 % Zins seit 18. Februar 2014 als Genugtuung zu bezahlen. Es wird davon 

Vormerk genommen, dass der Beschuldigte bereits Fr. 20'000.– bezahlt hat. 

5. Die vom Beschuldigten geleistete und bei der Kasse des Obergerichts Zü-

rich lagernde Sicherheit in der Höhe von Fr. 30'000.– bleibt unter Beschlag. 

Sie verfällt dem Kanton Zürich, sofern sich der Beschuldigte dem Vollzug 

der Freiheitstrafe entzieht und wird freigegeben, sobald der Beschuldigte die 

Freiheitsstrafe angetreten hat. 

6. Die erstinstanzliche Kostenfestsetzung (Ziff. 8) wird bestätigt. 

7. Die Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen gerichtlichen Ver-

fahrens, mit Ausnahme derjenigen der amtlichen Verteidigung und der un-

entgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft, werden dem Beschuldigten 

auferlegt. Die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen 

Vertretung der Privatklägerschaft werden auf die Gerichtskasse genommen. 

Die Rückzahlungspflicht gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO bleibt vorbehalten. 

8. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf: 

Fr. 6'000.– ; die weiteren Kosten betragen: 

Fr. 11'118.25   unentgeltliche Vertretung Privatklägerschaft 

Fr. 18'048.59   Gutachten Dr. med. C._____ 

Fr. 3'366.–   Stellungnahme Dr. med. D._____ 

9. Die Kosten des Berufungsverfahrens, mit Ausnahme derjenigen der unent-

geltlichen Vertretung der Privatklägerschaft, werden dem Beschuldigten zu 

drei Vierteln auferlegt und zu einem Viertel auf die Gerichtskasse genom-

men. Die Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft wer-

den auf die Gerichtskasse genommen. Die Rückzahlungspflicht des Be-

schuldigten gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO bleibt im Umfang von drei Vierteln 

vorbehalten. 

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10. Dem Beschuldigten wird für das Berufungsverfahren eine reduzierte Pro-

zessentschädigung von Fr. 7'800.– aus der Gerichtskasse zugesprochen. 

Das Verrechnungsrecht des Staates bleibt vorbehalten. 

Berufungsanträge zweites Berufungsverfahren: 

 Der Verteidigung des Beschuldigten: 

(Urk. 190 S. 3) 

 "1. Der Beschuldigte sei mit 22 Monaten Freiheitsstrafe zu bestrafen, unter 

Anrechnung von 876 Tagen erstandener Haft.  

 2. Es sei dem Beschuldigten der bedingte Strafvollzug zu gewähren, un-

ter Ansetzung einer Probezeit von 2 Jahren.  

 3. Für die erstandene Überhaft sei der Beschuldigte angemessen aus der 

Gerichtskasse zu entschädigen. 

 4. Die Kosten des zweiten Berufungsverfahrens seien auf die Staatskas-

se zu nehmen und der Beschuldigte sei gestützt auf Art. 429 StPO für 

den entstandenen Verteidigungsaufwand zu entschädigen. 

 5. Die Kosten der vormaligen amtlichen Verteidigung und der unentgeltli-

chen Vertretung der Privatklägerschaft seien auf die Gerichtskasse zu 

nehmen, wie auch die Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Pri-

vatklägerschaft in diesem zweiten Berufungsverfahren. 

 6. Die Kosten des ersten Berufungsverfahrens seien hälftig auf die Ge-

richtskasse zu nehmen und zur Hälfte dem Beschuldigten aufzuerle-

gen. Die Prozessentschädigung für das erste Berufungsverfahren sei 

gemäss dem neuen Kostenverteiler angemessen zu erhöhen.  

 7. Die Fluchtkaution von CHF 30'000 sei dem Beschuldigten nach Eintritt 

der Rechtskraft dieses Urteils zurückzuerstatten." 

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Urteil des Bundesgerichts vom 19. November 2020 
(Urk. 182) 

1. Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen, das Urteil des Obergerichts 

des Kantons Zürich vom 3. Oktober 2019 im Strafpunkt aufgehoben und die 

Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückgewiesen. Im Übri-

gen wird die Beschwerde abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist. 

2. Dem Beschwerdeführer werden Gerichtskosten von Fr. 1'500.– auferlegt. 

3. Der Kanton Zürich hat den Beschwerdeführer für das bundesgerichtliche 

Verfahren mit Fr. 1'500.– zu entschädigen. 

 

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Erwägungen: 

1. Mit Urteil vom 11. November 2015 sprach das Bezirksgericht Zürich den Be-

schuldigten der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig, bestrafte ihn mit einer 

Freiheitsstrafe von 7 Jahren, entschied über das Schadenersatz- und Genugtu-

ungsbegehren des Privatklägers, die Verwendung beschlagnahmter Kleidungs-

stücke sowie die Kostenfolgen und die Entschädigung von Rechtsanwalt lic. iur. 

X2._____ für seine Bemühungen als amtlicher Verteidiger des Beschuldigten und 

des unentgeltlichen Rechtsbeistandes des Privatklägers (Urk. 83 S. 76 ff.; Prot. I 

S. 5).  

2.1.1 Gegen das Urteil erhob der Beschuldigte Berufung mit dem Antrag auf Frei-

spruch zufolge Schuldunfähigkeit (Urk. 86; Urk. 87; Art. 399 Abs. 2 i.V.m. Art. 90 

StPO). Weitere Berufungen oder Anschlussberufungen wurden nicht erhoben. Mit 

Eingabe vom 15. April 2016 liess der Beschuldigte diverse Beweisanträge stellen 

(Urk. 91). Am 10. Juni 2016 zog er die Berufung namens und im Auftrag des Be-

schuldigten teilweise zurück (Urk. 94). Mit Eingabe vom 27. Juni 2016 präzisierte 

er den Umfang des Berufungsrückzuges (Urk. 96).   

2.1.2 Die Berufungsverhandlung fand am 12. Juli 2016 statt (Prot. II S. 4 ff.). Glei-

chentags wurde der Beschuldigte gegen Leistung einer Fluchtkaution aus der Si-

cherheitshaft entlassen (Urk. 107 ff.). Am 9. August 2016 beschloss die Kammer, 

ein ärztliches Zweitgutachten über die Schuldfähigkeit des Beschuldigten zur Zeit 

der Tat bei Prof. Dr. med. E._____ einzuholen (Urk. 110). Die Instruktion des 

Gutachters erfolgte unter dem 29. August 2016 schriftlich (Urk. 116; vgl. auch 

Urk. 113 und 115). In der Folge stellte sich heraus, dass Prof. Dr. med. E._____ 

nicht in der Lage sein würde, die Begutachtung durchzuführen. Mit Beschluss 

vom 4. November 2016 wurde deshalb unter dem Vorbehalt begründeter Einwen-

dungen seitens der Verfahrensbeteiligten in der Person von Dr. med. C._____ ei-

ne neue Zweitgutachterin bestellt (Urk. 122). Dagegen opponierte der Privatkläger 

unter Hinweis darauf, dass Dr. med. C._____ mit der schweizerischen Gesetzge-

bung nicht vertraut sei und keinerlei Erfahrung für die Begutachtung in schweize-

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rischen Strafverfahren besitze (Urk. 124). Der damit verbundene Antrag auf Ein-

setzung einer von ihm vorgeschlagenen Person als Zweitgutachter wies die 

Kammer mit Beschluss vom 29. November 2016 ab (Urk. 126). Die schriftliche In-

struktion der Gutachterin erfolgte gleichentags (Urk. 128). Am 21. Juni 2017 ging 

das vom 18. Juni 2017 datierende Gutachten in der Folge hierorts ein (Urk. 132). 

Das Berufungsverfahren wurde daraufhin mit Zustimmung der Parteien schriftlich 

fortgesetzt (Urk. 135 ff.). Die fristgerecht eingereichten schriftliche Stellungnah-

men des Beschuldigten und des Privatklägers zum Gutachten liegen als Urk. 139 

und 141 bei den Akten. Die Staatsanwaltschaft liess sich nicht vernehmen. Mit 

Beschluss vom 16. Februar 2018 ordnete die Kammer die Verbesserung und Er-

gänzung des psychiatrischen Zweitgutachtens vom 18. Juni 2017 durch Dr. med. 

C._____ an (Urk. 145). Den Auftrag erledigte die Zweitgutachterin mit ihrer "Stel-

lungnahme zum vorgelegten Gutachten der Unterzeichnerin" vom 24. Juli 2018 

(Urk. 151). Mit Beschluss vom 10. August 2018 wurden die von der Zweitgutach-

terin erstatteten Expertisen dem Erstgutachter zur Beantwortung zweier Fragen 

zugestellt (Urk. 152). Die Stellungnahme des Erstgutachters ging am 12. Septem-

ber 2018 hierorts ein (Urk. 154). Mit Verfügung vom 13. September 2018 wurde 

dem Beschuldigten und dem Privatkläger daraufhin Frist angesetzt, um ihre Beru-

fungsanträgen (abschliessend) zu stellen und gegebenenfalls ihre Berufungsbe-

gründungen unter Berücksichtigung der Gutachten zu ergänzen (Urk. 155). Der 

Privatkläger liess sich in der Folge mit Eingabe vom 8. Oktober 2018, der Be-

schuldigte mit solcher vom 19. November 2018 vernehmen (Urk. 158; Urk. 163). 

Die Eingaben wurden den Parteien zwischen dem 21. und 26. November 2018 

(wechselseitig) zugestellt (Urk. 164/1-3).  

2.2 Mit Urteil der Kammer vom 3. Oktober 2019 wurde der Beschuldigte der ver-

suchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 in Verbindung mit Art. 22 

Abs. 1 StGB schuldig gesprochen und mit 4 Jahren Freiheitstrafe unter Anrech-

nung der erstandenen Haft von 876 Tagen bestraft. Es wurde festgestellt, dass 

der Beschuldigte dem Privatkläger aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatz 

nach vollumfänglich schadenersatzpflichtig ist. Zur genaueren Feststellung des 

Schadenersatzanspruches wurde der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozes-

ses verwiesen. Ferner wurde der Beschuldigte verpflichtet, dem Privatkläger eine 

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Genugtuung in der Höhe von Fr. 40'000.– zuzüglich 5 % Zins seit dem 18. Febru-

ar 2014 zu bezahlen, und es wurde von der bereits erfolgten Zahlung von 

Fr. 20'000.– Vormerk genommen. Schliesslich wurde über die vom Beschuldigten 

geleistete Fluchtkaution und die Kosten- und Entschädigungsfolgen des Verfah-

rens entschieden und die Rechtskraft von Teilen des erstinstanzlichen Urteils 

festgestellt (Urk. 168 S. 56 ff.).  

3. Gegen dieses Urteil erhob der Beschuldigte Beschwerde an das Bundesge-

richt. Er beantragte dieses aufzuheben und ihn vom Vorwurf der versuchten vor-

sätzlichen Tötung infolge Schuldunfähigkeit gestützt auf Art. 19. Abs. 1 StGB frei-

zusprechen, eventualiter die Angelegenheit zur Neubeurteilung an das Oberge-

richt zurückzuweisen und subeventualiter die Freiheitsstrafe auf 2 ½ Jahre zu re-

duzieren. Mit Urteil vom 19. November 2020 hiess das Bundesgericht die Be-

schwerde teilweise gut, hob das Urteil vom 3. Oktober 2019 im Strafpunkt auf und 

wies die Sache zu neuer Entscheidung an die Kammer zurück (Urk. 182 S. 3 u. 

37).  

4. Das zweite Berufungsverfahren wurde mit Einverständnis der Parteien 

schriftlich durchgeführt. Der Beschuldigte reichte seine Berufungsbegründung am 

3. März 2021 ein (Urk. 190). Die Staatsanwaltschaft erstattete innert der ihr mit 

Präsidialverfügung vom 8. März 2021 angesetzten Frist (Urk. 192) keine Beru-

fungsantwort. Androhungsgemäss ist Verzicht auf eine solche anzunehmen. Die 

Vorinstanz verzichtete am 11. März 2021 auf eine Vernehmlassung (Urk. 194). 

Unter dem 28. September 2021 reichte die Verteidigung aufforderungsgemäss ih-

re Honorarnote für das zweite Berufungsverfahren ein (Urk. 196 f.). 

II. 

1. Heisst das Bundesgericht eine Beschwerde gut und weist es die Angele-

genheit zur neuen Beurteilung an das Berufungsgericht zurück, darf sich dieses 

von Bundesrechts wegen nur noch mit jenen Punkten neu befassen, die das Bun-

desgericht kassiert hat. Die anderen Teile des Urteils haben Bestand und sind in 

das neue Urteil zu übernehmen. Die neue Entscheidung des Berufungsgerichts ist 

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auf diejenige Thematik beschränkt, die sich aus den bundesgerichtlichen Erwä-

gungen als Gegenstand der neuen Beurteilung ergibt. Das Verfahren wird nur in-

soweit neu in Gang gesetzt, als dies notwendig ist, um den verbindlichen Erwä-

gungen des Bundesgerichts Rechnung zu tragen. Dabei ist dem Gericht und den 

Parteien, abgesehen von allenfalls zulässigen Noven, verwehrt, der Beurteilung 

des Rechtsstreits einen anderen als den bisherigen Sachverhalt zu unterstellen, 

sofern und soweit die Sachverhaltsfeststellung vom Bundesgericht nicht gerügt 

wurde, oder die Sache unter rechtlichen Gesichtspunkten zu prüfen, die im Rück-

weisungsentscheid ausdrücklich abgelehnt oder überhaupt nicht in Erwägung ge-

zogen worden sind (statt vieler BGE 6B_824/2016 E. 5.2 f.).  

2. Das Bundesgericht hob das Urteil vom 3. Oktober 2019 (nur) im Strafpunkt 

auf. Die Rügen des Bundesgerichts betreffen dabei den Strafrahmen (Urk. 182 

E. 2.3.2) und einen Aspekt der subjektiven Verschuldensbewertung (Urk. 182 

E. 2.4.2-2.4.5). Ferner weist das Bundesgericht die Kammer an, nachvollziehbar 

darzulegen, wie sie die Verminderung der Schuldfähigkeit in Berücksichtigung der 

Elemente "blosse Reststeuerungsfähigkeit", "selbstverschuldete massive Trun-

kenheit" und "allenfalls Voraussehbarkeit der erhöhten Aggressivität in stark alko-

holisiertem Zustand" insgesamt gewichtet (Urk. 182 E. 2.4.5 letzter Abschnitt). Die 

Strafzumessung ist unter Berücksichtigung dieser Rügen und allenfalls zulässiger 

Noven neu vorzunehmen sowie die damit untrennbar verbundenen Fragen des 

Strafvollzugs, einer allfälligen Entschädigung für Überhaft und des Schicksals der 

Haftkaution zu entscheiden. Schliesslich sind die Kostenfolgen des zweiten Beru-

fungsverfahrens zu regeln. Die anderen Teile des Urteils vom 3. Oktober 2019, 

einschliesslich der Regelung der Kosten- und Entschädigungsfolgen für die Un-

tersuchung, das erstinstanzliche Gerichtsverfahren und das erste Berufungsver-

fahren, haben Bestand und sind daher unverändert in das neue Urteil zu über-

nehmen. 

III. 

1.1 Der Beschuldigte schränkte seine Berufung mit Berufungserklärung vom 

18. Dezember 2015 auf die Dispositivziffern 1 bis 4 (Schuldspruch, Sanktion, 

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Schadenersatzpflicht) sowie 8 und 9 (Kostenauflage) und der Privatkläger seine 

mit Eingabe vom 22. Dezember 2015 auf Dispositiv-Ziffer 5 des erstinstanzlichen 

Entscheides ein (Urk. 86; Urk. 87).  

1.2.1  Mit Eingabe vom 10. Juni 2016 liess die Verteidigung die erkennende 

Kammer sodann wissen, dass "mein Mandant die Berufung gegen Dispositiv-

Ziffer 1 (Schuldspruch wegen versuchter vorsätzlicher Tötung) zurückzieht. An 

den übrigen angefochtenen Punkten - gemäss der schriftlichen Berufungserklä-

rung vom 18. Dezember 2015 - hält mein Mandant fest." Mit Eingabe vom 27. Juni 

2016 brachte die Verteidigung die Präzisierung an, dass sich der Berufungsrück-

zug auf die Frage der rechtlichen Würdigung des Anklagesachverhaltes beziehe 

und nicht auch - was sich zwanglos aus dem Plädoyer der Verteidigung vor Vo-

rinstanz, der schriftlichen Berufungserklärung und der Beweiseingabe vom 15. 

April 2016 ergebe - auf den Aspekt der Schuldunfähigkeit nach Art. 19 Abs. 1 

StGB (Urk. 96). Der Beschuldigte seinerseits bestätigte anlässlich der Berufungs-

verhandlung, er strebe einen Freispruch zufolge Schuldunfähigkeit an (Prot. II S. 

7).  

1.2.2  Der Wortlaut der Erklärung vom 10. Juni 2016 ist klar; die Berufung gegen 

Dispositivziffer 1 des vorinstanzlichen Entscheides wird zurückgezogen. Der Ein-

gabe des Verteidigers vom 27. Juni 2016 ist jedoch zu entnehmen, dass er die 

Erklärung unsorgfältig redigiert hat. Wörtlich verstanden widerspricht sie dem er-

klärten Willen des Beschuldigten. Der Beschuldigte seinerseits muss sich das 

Versehen seines Verteidigers bei der Redaktion der Erklärung nicht anrechnen 

lassen, zumal er notwendig verteidigt ist (vgl. BGE 6B_1111/2017 E. 2). Die 

Rückzugserklärung vom 10. Juni 2016 ist folglich nicht wörtlich, sondern so zu 

verstehen, wie sie die Verteidigung der Instruktion des Beschuldigten entspre-

chend meinte und in der Eingabe vom 27. Juni 2016 präzisierte. Es ist folglich 

entgegen der Auffassung der Anklägerin (Urk. 101/1) davon auszugehen, dass 

die Berufung des Beschuldigten sich auch auf den Schuldpunkt bezieht.  

1.3 Nicht mehr angefochten und in Rechtskraft erwachsen sind damit die Dispo-

sitivziffern 6 und 7 (Verwendung beschlagnahmter Kleidungsstücke) sowie 10 und 

-   16   - 

11 (Honorar amtlicher Verteidiger und unentgeltlicher Rechtsbeistand) des vo-

rinstanzlichen Entscheides, was vorab festzustellen ist.  

2.1 Der Beschuldigte liess mit Eingabe vom 15. April 2016 Beweisanträge stel-

len (Urk. 91). Nach der Einholung eines Zweitgutachtens und einer weiteren 

schriftlichen Stellungnahme des Erstgutachters erweist sich die mündliche Befra-

gung des Erstgutachters und der beiden Privatgutachter Prof. Dr. F._____ und 

Dr. G._____ als nicht mehr nötig. Zum Gesundheitszustand des Privatklägers lie-

gen - wie zu zeigen ist - die für die Entscheidfindung notwendigen Erkenntnisse 

vor. Diesbezügliche Beweisergänzungen erübrigen sich.  

2.2 Im zweiten Berufungsverfahren reicht die Verteidigung diverse Urkunden zu 

den Akten (Urk. 190 S. 2; Urk. 191/1-6).  

IV. 

1.1 Dem Beschuldigten wird kurz zusammengefasst vorgeworfen, am 18. Feb-

ruar 2014 zwischen ca. 4.10 Uhr und 4.38 Uhr in zeitlichen Abständen von weni-

gen Minuten fünf Mal jeweils mehrfach mit Fäusten gegen den Kopf des Privat-

klägers geschlagen bzw. mit dem Fuss gegen den Kopf und den Oberkörper des-

selben getreten und ihm dabei mit direktem Verletzungs- und schliesslich auch 

mit direktem Tötungsvorsatz lebensbedrohliche Verletzungen zugefügt zu haben. 

Die Einzelheiten des Anklagevorwurfs ergeben sich aus der Anklageschrift der 

Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 8. Mai 2015 (Urk. 36).  

1.2 Die Vorinstanz kam zum Schluss, dass der äussere Sachverhalt, wie er in 

der Anklageschrift umschrieben ist, mit im Ergebnis unwesentlichen Einschrän-

kungen erstellt sei. Sie ging zusammengefasst davon aus, dass der Beschuldigte 

und der Privatkläger um 03:52 Uhr bei der Tramhaltestelle H._____ aufeinander 

getroffen waren und sich in der Folge rund 20 Minuten ruhig und in friedlichem 

Rahmen unterhalten hatten. Als der Privatkläger sich um 04:10 Uhr vom Beschul-

digten Richtung Tramgeleise abgewandt habe, sei der Beschuldigte empor und 

nach vorne geschnellt, habe den Privatkläger am Hals ergriffen, ihn mit beiden 

Armen gegen sich gezogen und mit der rechten Hand mehrere Male gegen des-

-   17   - 

sen Hinterkopf/Halsbereich geschlagen. Der Privatkläger sei zu Boden gegangen 

und auf dem Rücken teilweise im Bereich der Tramgeleise mit dem Kopf auf dem 

Perron gelegen. Der Beschuldigte sei über dem Privatkläger gewesen und habe 

ihn mehrmals mit der rechten Faust gegen dessen Kopf geschlagen. Der Privat-

kläger habe erfolglos versucht, sich gegen den auf ihm sitzenden Beschuldigten 

zu wehren. Um 04:13 Uhr habe der Beschuldigte versucht, den Privatkläger 

hochzuziehen, habe ihn dann aber wieder auf den Boden fallen lassen. Darauf 

habe er sich einige Meter entfernt, sei aber nach wenigen Sekunden wieder zum 

regungslos auf dem Boden liegenden Privatkläger zurückgekehrt und habe 

mehrmals mit dem Fuss gegen den Kopf des Privatklägers getreten. Um 04:16 

Uhr habe der Beschuldigte mindestens drei Mal mit dem Fuss gegen den Kopf 

des Privatklägers getreten bis sich dieser zur Seite abgedreht habe. Danach habe 

der Beschuldigte den Privatkläger ein Mal gegen den rechten Arm getreten. Um 

04:17 Uhr habe der Beschuldigte dann mindestens zwei Mal mit der Schuhsohle 

des rechten Schuhs von oben auf den Kopf des Privatklägers getreten. Schliess-

lich habe er um 04.35 Uhr jeweils nach grossen Ausholbewegungen mit Wucht 

mindestens drei Mal mit dem Fuss gegen den Kopf des Privatklägers getreten. 

Um 04:38 Uhr habe der Beschuldigte den bewusstlosen Privatkläger auf den 

Tramgeleisen liegen gelassen und habe sich entfernt. Wenige Sekunden später 

sei ein Tram in die Tramstation eingefahren, habe jedoch vor dem auf den Gelei-

sen liegenden Privatkläger anhalten können (Urk. 83 S. 23 ff.). Durch sein Verhal-

ten habe der Beschuldigte dem Privatkläger die in der Anklageschrift umschriebe-

nen Verletzungen zugefügt, welche zur Gefahr einer lebensbedrohlichen 

Atmungsstörung und zu einer akuten Erstickungsgefahr geführt hätten. Weiter 

habe der Privatkläger während der Spitalbehandlung als Folge der erlittenen Ver-

letzungen bzw. der notwendigen Therapiemassnahmen die in der Anklageschrift 

aufgeführten Komplikationen erlitten, welche für den Privatkläger unmittelbar le-

bensbedrohend gewesen seien (Urk. 83 S. 28 ff). In subjektiver Hinsicht ging die 

Vorinstanz davon aus, dass der Beschuldigte jedenfalls den Tod des Privatklä-

gers in Kauf genommen habe. Er habe mit kräftigen, wuchtigen Faustschlägen 

und Fusstritten eine Vielzahl von Knochenbrüchen im Gesicht des Privatklägers 

verursacht. Er habe es nicht bei den ersten, im Perronbereich getätigten Faust-

-   18   - 

schlägen bewenden lassen, sondern habe auch weiter geschlagen als er den Pri-

vatkläger bereits zu Boden gebracht und damit buchstäblich die Oberhand ge-

wonnen gehabt habe. Die mit solidem Schuhwerk ausgeführten Fusstritte habe er 

dem Privatkläger in mehreren, sich über einen Zeitraum von 20 Minuten erstre-

ckenden Phasen versetzt, obwohl der Privatkläger bereits während der ganzen 

Zeit verletzt und wehrlos am Boden gelegen habe. Zumindest die letzten fünf 

Fusstritte habe der Beschuldigte dabei mit grosser Wucht ausgeführt. Dass meh-

rere massive Fusstritte mit solidem Schuhwerk gegen den Kopf einer bereits am 

Kopf verletzten Person, die regungs- und wehrlos am Boden liege, deren Zustand 

verschlechtere, gehöre zum Allgemeinwissen. Das mit dem Tun verbundene Risi-

ko könne in keiner Weise kalkuliert oder dosiert werden. Hinsichtlich des Aus-

masses der Verschlechterung sei alles möglich, bis hin zu einem tödlichen Aus-

gang. Wer unter diesen Umständen, wie es der Beschuldigte getan habe, mit 

grosser Wucht mehrmals auf den Kopf eines regungslos- und wehrlos am Boden 

liegenden Menschen eintrete, wisse nicht nur um die Möglichkeit tödlicher Folgen, 

sondern nehme diese auch in Kauf. Es sei daher in rechtlicher Hinsicht von einem 

eventualvorsätzlichen Tötungsdelikt auszugehen, wobei qualifizierende oder privi-

legierende Umstände im Sinne von Art. 112 StGB und Art. 114 StGB nicht vorlä-

gen. Hingegen fehle es an einem rechtsgenügenden Nachweis, dass der Be-

schuldigte den Tod des Privatklägers willentlich im Sinne eines direkten Vorsatzes 

habe herbeiführen wollen. Da der Privatkläger dank ärztlicher Hilfe nicht gestor-

ben sei, liege eine versuchte Tat vor. Der Beschuldigte habe sich folglich der ver-

suchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 

22 Abs. 1 StGB schuldig gemacht. Unter welche Tatbestände die Faustschläge 

und die zu Beginn der Auseinandersetzung durch den Beschuldigten dem Privat-

kläger versetzten Fusstritte zu subsumieren seien, müsse nicht beantwortet wer-

den, da die versuchte vorsätzliche Tötung in casu die (schwere) Körperverletzung 

konsumiere. Rechtfertigungsgründe seien nicht gegeben. Insbesondere habe im 

Zeitpunkt der letzten fünf Fusstritte, welche der Beschuldigte dem verletzt und 

wehrlos am Boden liegenden Privatkläger versetzt habe, klarerweise keine Not-

wehrsituation vorgelegen (auch keine vermeintliche), da vom Privatkläger in die-

sem Moment weder für den Beschuldigten noch für dessen Familienangehörige 

-   19   - 

eine Gefahr ausgegangen sei (Urk. 83 S. 31 ff.). Ferner sei gestützt auf das Gut-

achten von Prof. Dr. med. D._____ von einer (lediglich) stark verminderten Steue-

rungsfähigkeit des Beschuldigten im Tatzeitpunkt auszugehen, weshalb der 

Schuldausschlussgrund der Schuldunfähigkeit im Sinne von Art. 19 Abs. 1 StGB 

zu verneinen sei (Urk. 83 S. 41 ff.).  

2. Dass der Beschuldigte - wie von der Vorinstanz erkannt - mit seinem Verhal-

ten den Tatbestand der versuchten vorsätzlichen Tötung in objektiver und subjek-

tiver Hinsicht erfüllt hat und sich nicht auf den Rechtfertigungsgrund der (auch nur 

vermeintlichen) Notwehr berufen kann, ist im Berufungsverfahren zu Recht nicht 

mehr umstritten. Der Beschuldigte macht jedoch weiterhin geltend, im Zeitpunkt 

der Tat schuldunfähig gewesen zu sein. Die Verteidigung verweist in diesem Zu-

sammenhang auf die Schlussfolgerung der Zweitgutachterin Dr. med. C._____, 

wonach die Steuerungsfähigkeit des Beschuldigten nicht ausschliessbar gänzlich 

aufgehoben gewesen sei. Die Zweitgutachterin werde in ihrer Auffassung durch 

die Gutachten von Prof. Dr. F._____ (Urk. 49/1) und Dr. G._____ (Urk. 49/2) und 

die Einschätzungen von Prof. I._____ (Urk. 92/1) und Dr. J._____ (Urk. 92/2) ge-

stützt. Nur der Erstgutachter, Prof. Dr. D._____, schliesse auf eine lediglich 

schwer verminderte Schuldfähigkeit, halte dabei aber auch fest, dass letztlich 

zwei Hypothesen im Raum stünden, die jeweils mit guten Gründen vertreten wer-

den könnten. Bei dieser Sachlage sei in Nachachtung des Grundsatzes "in dubio 

pro reo" auf der Ebene der Gutachten von der für den Beschuldigten günstigeren 

Variante, mithin von Schuldunfähigkeit auszugehen. Ferner hält er dafür, dass die 

vom Erstgutachter als Indikatoren für eine vorhandene Rest-Steuerungsfähigkeit 

genannten Umstände als solche nicht überzeugten und betont in diesem Zusam-

menhang unter Hinweis auf die Videoaufnahmen namentlich, dass der Beschul-

digte den Privatkläger nicht in jenem Moment angegriffen habe, als dieser sich 

abgewandt und auf den Boden gespuckt habe, sondern erst, nachdem sich der 

Privatkläger dem Beschuldigten bereits wieder zugewandt gehabt habe (Urk. 163 

S. 3 ff.; vgl. auch Urk. 105 S. 2 ff.).  

3.1.1  Prof. Dr. D._____ erstattete sein von der Staatsanwaltschaft IV des Kantons 

Zürich in Auftrag gegebenes Gutachten am 2. September 2014 (Urk. 29/19). Da-

-   20   - 

rin kam er zum Schluss, dass der Beschuldigte im Tatzeitpunkt an einer akuten 

Alkoholintoxikation mit Wahrnehmungsstörungen (ICD-10; F10.04), wie sie sonst 

in psychotischen Episoden zu finden seien, gelitten habe, die bei erhaltener Ein-

sichtsfähigkeit zu einer schweren Verminderung der Steuerungs- bzw. Schuldfä-

higkeit geführt habe. Gemäss seinen Ausführungen löste der Alkoholrausch beim 

Beschuldigten eine hochgradige Bewusstseinseinengung, verbunden mit einer Si-

tuationsverkennung, wahnhaftem Beziehungserleben und Halluzinationen aus, 

die mit schweren Beeinträchtigungen der psychischen und voluntativen Funktio-

nen einhergehen. Deren Ausmass bzw. die Auswirkungen des psychotischen 

Rauschverlaufs auf die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit des Beschuldigten dis-

kutierte er in der Folge unter Bezugnahme auf die konkrete Situation. Er führte 

aus, dass die grundsätzliche Fähigkeit des Beschuldigten zur Einsicht in das Un-

recht der ihm vorgeworfenen Tat zum Tatzeitpunkt aus forensisch-psychiatrischer 

Sicht gegeben gewesen sei. So habe dieser bei der Verhaftung von sich aus an-

gegeben, dass er überreagiert habe. Er sei ferner über längere Zeit immer wieder 

zu dem Bewusstlosen in ambivalenter Weise zurückgekehrt und sei schliesslich 

vor der herannahenden Polizei geflüchtet, was für ein Bewusstsein für das Un-

recht seiner Tat spreche. Im Zusammenhang mit der Frage der Steuerungsfähig-

keit hielt er zusammengefasst fest, dass es aus psychiatrischer Sicht wahrschein-

lich sei, dass der Beschuldigte die Situation im Rahmen seiner Bewusstseinsein-

engung verkannt, Aussagen des Privatklägers wahnhaft verarbeitet und Handlun-

gen desselben verkannt habe. Aufgrund eines Realitätsverlustes und von Wahr-

nehmungsstörungen im Rahmen des Alkoholrausches sei der Beschuldigte zum 

Tatzeitpunkt nicht mehr in der Lage gewesen, die Situation adäquat zu würdigen 

und habe auf die wahrgenommene Bedrohung überschiessend und weitgehend 

ungehemmt-aggressiv reagiert. In der Tatsituation habe das psychotische Erleben 

Überhand über Hemmungs- und Steuerungskräfte des Beschuldigten gewonnen, 

weshalb aus psychiatrischer Sicht eine forensisch relevante Einschränkung seiner 

Freiheitsgrade festgestellt werde. Aus forensisch-psychiatrischer Sicht habe die 

Wahrnehmungsstörung im Rahmen des Rauschzustands die Steuerungsfähigkeit 

in starkem Ausmass herabgesetzt, jedoch nicht vollständig aufgehoben. So sei 

der Beschuldigte über längere Zeit immer wieder zum Tatort zurückgekehrt, ge-

-   21   - 

gebenenfalls aus der Ambivalenz heraus, etwas tun/helfen zu müssen, und habe 

gegenüber den Polizisten geäussert, es etwas übertrieben zu haben. Auch, dass 

er auf die Ansprache des Tramführers zunächst relativ adäquat reagiert habe, 

dann aber davon gelaufen sei, als sich die Polizei genähert habe und sich dann 

ohne Gegenwehr habe verhaften lassen, spreche gegen eine vollständig aufge-

hobene Steuerungsfähigkeit (Urk. 29/9 S. 40-43, 45 f.).  

3.1.2 In seiner vom erstinstanzlichen Gericht angeforderten (Urk. 54) schriftlichen 

Stellungnahme zu den Ausführungen der Privatgutachter Prof. Dr. F._____ vom 

1. Oktober 2015 (Urk. 49/1) und Dr. G._____ vom 26. Oktober 2015 (Urk. 49/2) 

wies Prof. Dr. D._____ unter dem 5. November 2015 einleitend darauf hin, dass 

sich im vorliegenden Fall der grundsätzlich gegebene, im Regelfall minime aber 

doch stets vorhandene forensisch-psychiatrische Beurteilungsspielraum hinsicht-

lich der konkreten Ausprägungsgrade von Einbussen der Einsichts- und Steue-

rungsfähigkeit zeige. Während diagnostische und kriminalprognostische Stellung-

nahmen in ein Regelwerk eingebunden seien, das zu einer Vereinheitlichung der 

jeweiligen Prozesse geführt habe, existierten für die Beurteilung der Einsichts- 

und Steuerungsfähigkeit in einer konkreten Tatsituation zwar Beurteilungskrite-

rien, wie sie Prof. Dr. F._____ und Dr. G._____ in ihren Schriftsätzen dargelegt 

hätten. Diese würden sich jedoch in Details unterscheiden bzw. beinhalteten weit-

aus mehr Interpretationsspielraum als die diagnostischen Klassifikationssysteme 

oder standardisierten prognostischen Instrumente. Insofern würden psychiatrische 

Aussagen zur Einsichts- und Steuerungsfähigkeit stets eine gewisse Unschärfe 

beinhalten, was in der im deutschsprachigen Raum gebräuchlichen Bezeichnung 

als "normative" Stufe der Schuldfähigkeitsbegutachtung zum Ausdruck komme 

(Urk. 61 S. 3). Im konkreten Fall seien sich drei forensische Psychiater darin einig, 

dass eine forensisch relevante Alkoholintoxikation bestanden habe, die so 

schwerwiegend gewesen sei, dass eine erhaltene Schuldfähigkeit bzw. leichte 

oder mittelschwere Schuldminderung aus forensisch-psychiatrischer Sicht nicht in 

Frage komme. Es bleibe die Wahl zwischen einer schwerstgradig verminderten 

Einsichts- bzw. Steuerungsfähigkeit und deren Aufhebung. In diesem Beurtei-

lungsbereich habe er, Prof. Dr. D._____, sich nicht an der Diagnose bzw. allein an 

der psychotischen Erlebnisqualität des Beschuldigten, sondern an objektiv fass-

-   22   - 

baren Hinweisen auf erhaltene Restfähigkeiten des Beschuldigten orientiert. Er 

habe somit nicht entscheidend bzw. ausschliesslich auf dessen subjektives Erle-

ben abgestellt, das für alle drei Experten unstrittig von realitätsfernen, d.h. psy-

chotischen Ängsten und auch Wahrnehmungsstörungen, die diese Ängste geför-

dert hätten, geprägt gewesen seien. Vielmehr sei es ihm um den Abgleich des 

subjektiven Erlebens mit den auf Handlungsebene bzw. in tatnahen Stellungnah-

men des Beschuldigten nachvollziehbaren bzw. ableitbaren Fertigkeiten (z.B. Kri-

tik- und Handlungsfähigkeit betreffend) gegangen. Dabei spreche aus seiner Sicht 

gegen eine vollständig aufgehobene Steuerungsfähigkeit, dass der Beschuldigte 

schon bei der initialen Befragung durch die Polizei angegeben habe, dass er ei-

nen günstigen Moment abgewartet habe, um den vermeintlichen Opponenten zu 

attackieren und ausser Gefecht zu setzten. Dies zeige eine vorhandene Fähigkeit 

an, abzuwarten und sich auf dieser Basis in einer körperlichen Auseinanderset-

zung einen Vorteil zu verschaffen. In der Folge sei es darüber hinaus zu einem 

über ca. 20 Minuten hingestreckten Tatablauf gekommen, wobei die Aggressi-

onshandlungen mehrfach unterbrochen worden seien. Auch dies spreche aus 

seiner Sicht für eine zumindest in Ansätzen bzw. bruchstückhaft erhaltene Fähig-

keit, Distanz zum Tatgeschehen bzw. zu den handlungsleitenden psychotischen 

Motiven zu nehmen. Dass diese Fähigkeit nicht zeitstabil vorhanden gewesen sei, 

zeige die Rückkehr zum Tatort und das Ausüben erneuter Gewalt. Dennoch blei-

be es dabei, dass das Delikt letztlich in Intervallen begangen worden sei, was 

wohl auch Dr. G._____ so gesehen habe, der eine Einteilung in drei Tatphasen 

vorgenommen habe. Das spreche aus seiner Sicht gegen eine vollständig aufge-

hobene Steuerungsfähigkeit, für die er eine aus der Situation akut aufschiessende 

und ungesteuerte Aggressivität gefordert hätte (Urk. 61 S. 3 f.). Insofern sei die 

von Prof. Dr. F._____ zitierte Passage auf Seite 42 f. des Gutachtens eventuell 

missverständlich formuliert. Er sehe den Beschuldigten zwar in der Tat "nicht 

mehr in der Lage, die Situation adäquat zu würdigen", gehe darüber hinaus wei-

terhin von einem überschiessenden und weitgehend ungehemmten aggressiven 

Handeln aus. Damit habe er aber keine komplette Aufhebung der Steuerungskräf-

te, sondern deren erheblichste Einschränkung beschreiben wollen. Betreffs der 

Einsichtsfähigkeit, die Dr. G._____ als aufgehoben bewerte, teile er die Einschät-

-   23   - 

zung, dass psychotische Handlungsmotive die Einsichtsfähigkeit in der Regel 

aufheben würden. Insofern bestehe kein grundsätzlicher Dissens. Dass die Fest-

stellung einer aufgehobenen Einsichtsfähigkeit jedoch bei psychotischer Tatmoti-

vation stets gerechtfertigt sei, sei aus seiner Sicht eine allzu apodiktische Fest-

stellung, die bei psychotischer Tatmotivation jede Analyse des Tatgeschehens 

überflüssig machen würde. Desweitern sei der Begriff der Psychose zumeist bei 

wahnhaften Entwicklungen im Kontext schizophrener Erkrankungen von Bedeu-

tung. Er werde also bei psychischen Störungen verwandt, die sich über Monate 

und Jahre hinweg entwickelten und zu einer zeitstabilen Eigenweltlichkeit führten. 

Diese zeitstabile Eigenweltlichkeit führe im Verlauf zu einer Verschiebung von 

Wertmassstäben, wobei trotz Psychose die Einsicht in das Unrecht bzw. die ver-

botene Natur bestimmter Handlungsoptionen über lange Zeit hinweg gegeben sei 

bzw. gegeben sein könne. Aus diesem Grund würden sich auch schwer wahn-

kranke schizophrene Patienten mit einem Verfolgungswahn nicht selten an die 

Polizei wenden, um dort Hilfe zu erlangen. Erst wenn sie die Erfahrungen mach-

ten, dass ihnen von solchen Institutionen oder anderen potentiellen Helfern nicht 

geholfen werde, schritten sie zur Tat und erlebten sich dabei in einer nicht mehr 

mit legalen Mitteln auflösbaren Notwehrsituation. Aus seiner Sicht stelle sich die 

Frage, ob man die Folgen einer selbst höchstgradigen Alkoholintoxikation per se 

mit den vorab skizzierten Folgen eines psychotischen Krankheitsprozesses im 

engeren Sinn gleichsetzen könne. Für Prof. Dr. F._____ und Dr. G._____ scheine 

das der Fall zu sein. Für ihn sei dieser Rückschluss nicht zwingend. Eine Zwangs-

läufigkeit ergebe sich auch aus der von Prof. Dr. F._____ zitierten Literatur nicht, 

da hier lediglich davon gesprochen werde, dass bei massiver Berauschung "übli-

cherweise Schuldunfähigkeit angenommen" werde bzw. Hinweise auf wahnhafte 

Realitätsverkennungen "in der Regel" dafür sprächen, dass "Steuerungsunfähig-

keit erwogen werden muss". Nochmals bleibe festzuhalten, dass es zwischen den 

bislang mit dem Fall befassten Experten unstrittig sei, dass der Beschuldigte sich 

subjektiv in einer Notwehrsituation gesehen habe. Die Bedeutung des Sachver-

halts zu beurteilen und zu würdigen, sei Aufgabe des Gerichts. Psychiatrische 

Aufgabe sei es in diesem Zusammenhang, Festlegungen dazu zu treffen, ob die-

ses Erleben Ausdruck einer psychischen Störung sei. Dies werde von allen drei 

-   24   - 

Experten bejaht. Hinsichtlich der Kritikfähigkeit bzw. der Fähigkeit des Beschuldig-

ten, sich von dieser Idee bzw. den daraus resultierenden Handlungsimpulsen zu 

lösen, sei aus seiner Sicht aber auch darauf zu achten gewesen, ob der Beschul-

digte in der Lage gewesen sei, das Verbotene des Tuns eventuell auch nur in An-

sätzen zu erkennen. Diesbezüglich spreche die Tatsache, dass der Beschuldigte 

sich vom Tatort entfernt habe, als Zeugen und die Polizei eingetroffen seien, da-

für, dass ihm zumindest ansatzweise das Verbotene bzw. Problematische seiner 

Handlungen bewusst gewesen sei. Auch seine spontane Äusserung gegenüber 

den Polizeibeamten, überreagiert zu haben, spreche dafür, dass eine zumindest 

bruchstückhafte Einsicht in das Unrecht vorgelegen habe. Dass es sich dabei um 

die nachträgliche Beurteilung einer Tatsituation handle, sei unstrittig. Es gehe je-

doch nicht um eine Stunden bzw. Tage nach dem Delikt vertretene Auffassung, 

sondern um eine in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Delikt gemachte Äusserung 

des Beschuldigten. Dieser habe diese also in dem Intoxikationszustand gemacht, 

in dem er auch das Delikt begangen habe, was Rückschlüsse auf seine tatzeitak-

tuelle Verfassung statthaft erscheinen lasse (Urk. 61 S. 6). Aus seiner Sicht habe 

sich in der Interaktion zwischen zwei offensichtlich alkoholisierten Personen eine 

Dynamik entwickelt, die zu dem Gewaltdelikt geführt habe. Dabei seien die Hand-

lungsmotive des Beschuldigten durch psychopathologische Phänomene massiv 

beeinflusst und verzerrt gewesen. Er gehe aber weiter davon aus, dass der Be-

schuldigte bei Tatbegehung Restfähigkeiten aufgewiesen habe, die ihn hätten 

auch anders handeln lassen können. Diese Restfähigkeiten liessen aus seiner 

Sicht weiterhin auch die Hypothese einer nicht aufgehobenen Steuerungsfähigkeit 

plausibel erscheinen (Urk. 61 S. 6). Er stehe zu seiner Einschätzung, könne aber 

auch akzeptieren und nachvollziehen, dass Berufskollegen dies anders sähen. 

Dies verdeutliche die im forensisch-psychiatrischen Kontext bestehenden norma-

tiven Beurteilungsspielräume, die aus seiner Sicht dem Gericht die Möglichkeit 

geben würden, von Einschätzungen des forensischen Sachverständigen hinsicht-

lich der Schuldfähigkeit abzuweichen. Prof. Dr. F._____ und Dr. G._____ hätten 

sich am Ausprägungsgrad der festgestellten Alkoholintoxikation bzw. an deren 

psychotischer Qualität orientiert, während er versucht habe, aus den konkreten 

Tatabläufen Rückschlüsse auf das Leistungsvermögen des Beschuldigten bzw. 

-   25   - 

auf erhaltene Restfähigkeiten zu ziehen. Somit stünden nun zwei Hypothesen im 

Raum, die jeweils mit guten Gründen vertreten werden könnten. Über deren Be-

rechtigung bzw. hinsichtlich ihrer konkreten Anwendung auf die Schuldfähigkeits-

frage könne letztlich nur normativ entschieden werden (Urk. 61 S. 7).  

3.1.3 In seiner auf die Zweitbegutachtung durch Dr. C._____ folgende Stellung-

nahme vom 11. September 2018 hielt Prof. Dr. D._____ an seiner Diagnose einer 

akuten Alkoholintoxikation mit Wahrnehmungsstörungen fest (Urk. 154 S. 3). Aus 

seiner Sicht gehe die Einordnung der vom Beschuldigten gezeigten Symptomatik 

als substanzinduzierte Psychose deshalb fehl, weil der Beschuldigte schon kurze 

Zeit nach dem Delikt, d.h. nach Abklingen der Alkoholintoxikation, eine Distanz zu 

den Ereignissen eingenommen habe bzw. kein fortdauerndes Bedrohungsgefühl 

mehr berichtet habe. Entsprechend ängstlich getönte Affekte seien bei den Ein-

vernahmen und auch bei den gutachterlichen Untersuchungen im Juli, August und 

September 2014 nicht deutlich geworden. Entsprechend lasse sich aus seiner 

Sicht kein überdauerndes Bedrohungsgefühl bzw. kein Wahn attestieren. Die Di-

agnose einer alkoholinduzierten schizophrenen Störung könne schon im Gutach-

ten von Dr. G._____ nicht nachvollzogen werden. Dr. G._____ führe nämlich auf 

Seite 24 seines Gutachtens explizit aus, dass der Beschuldigte ihm gegenüber 

angegeben habe, nach seiner Verhaftung keine Ängste oder akuten Bedrohungs-

gefühle mehr gehabt zu haben. Auf Seite 28 seines Gutachtens spreche er da-

von, dass relevante "psychopathologische Auffälligkeiten … einzig auf die Tatsi-

tuation beschränkt" gewesen seien. Für die Diagnose einer alkoholinduzierten 

psychotischen Störung wäre nach den Vorgaben der ICD-10 [WHO 2004] jedoch 

eine Dauer der psychotischen Symptomatik über mehr als 48 Stunden hinweg ge-

fordert. Die Diagnose einer alkoholinduzierten schizophreniformen psychotischen 

Störung führe, wenn man von einer wahnhaften Genese dieser Behauptung aus-

gehe, konsequenterweise zur Verneinung von Frage 1.12.13. Entsprechend über-

rasche die Antwort der Zweitgutachterin auf diese Frage nicht. Allerdings diskutie-

re sie die Widersprüche zwischen den Ausführungen zur Symptomdauer im Gut-

achten von Dr. G._____ und ihren Ausführungen nicht. Darüber hinaus sei die 

wahnhafte Genese bzw. die Interpretation der Angaben des Beschuldigten über 

seine Wahrnehmung des Opfers in der Tatnacht als Ausdruck einer unkorrigierba-

-   26   - 

ren und wahnhaft verfestigten Überzeugung aus seiner Sicht nicht zwingend, zu-

mal es bei den in dieser Frage adressierten Behauptungen entscheidend um As-

pekte der Tatverarbeitung bzw. der Legitimation eigenen Handelns gehe 

(Urk. 154 S. 3 f.). Allerdings habe die skizzierte diagnostische Differenz zwischen 

der Zweitgutachterin, Dr. G._____ und ihm für die unmittelbare Bewertung der 

Tatsituation keine entscheidende Bedeutung, denn beide Störungsbilder gingen 

im Querschnitt mit einer ähnlichen Symptomatik einher und alle vorliegenden ärzt-

lichen Stellungnahmen gingen übereinstimmend von zur Tatzeit bestehenden Stö-

rungen der Realitätswahrnehmung und -kontrolle (und genau das sei mit dem Be-

griff der Wahrnehmungsstörung gemeint) aus, die von heftigen Angstaffekten be-

gleitet worden seien (Urk. 154 S. 4 f., 9). Der weitere Verlauf der mit dieser Stö-

rung verbundenen Symptomatik, bei welcher die Zweitgutachterin von einer über 

Monate hinweg bestehenden psychotischen Verarbeitung ausgehe, sei für die 

Frage der Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt irrelevant, wobei der Zweitgutachter 

namentlich auch das Abwarten eines günstigen Moments für den Angriff für mit 

beiden Diagnosen vereinbar beschrieb (Urk. 154 S. 4, S. 6 f.). Jedoch sei mit der 

von ihm gestellten Diagnose die Erwartung verbunden, dass die Symptomatik mit 

nachlassender Wirkung der Substanz, d.h. parallel zum Abklingen der Alkoholef-

fekte auf das Gehirn, verschwinde, während die alkoholinduzierten Psychosen 

länger, d.h. zwischen 48 Stunden und 6 Monaten, andauern sollten (Urk. 154 

S. 6). Sodann sah er sich auch hinsichtlich seiner Beurteilung der Einsichts- und 

Steuerungsfähigkeit nicht zu Korrekturen veranlasst. Der von der Zweitgutachterin 

(in Übereinstimmung mit seinen Darlegungen in der Stellungnahme vom 5. No-

vember 2015) skizzierte Beurteilungsspielraum sei für ihn kein zwingender Grund, 

von seinen im Gutachten vom 25. September 2018 gezogenen Schlussfolgerun-

gen abzuweichen. Aus seiner Sicht sei, selbst wenn man - wie dies die Zweitgut-

achterin tue - die lang hingestreckten Tatabläufe nicht als für die Frage der Steue-

rungsfähigkeit relevant einschätzen wolle, weiterhin ein entscheidendes Argument 

für die, insbesondere bei der Tatinitiierung gegebene Fähigkeit, das Handeln zu 

steuern, dass der Beschuldigte schon bei der initialen Befragung durch die Polizei 

angegeben habe, dass er einen günstigen Moment abgewartet habe, um den 

vermeintlichen Opponenten zu attackieren und ausser Gefecht zu setzen. Dies 

-   27   - 

spreche gegen eine ungesteuerte Initiierung der Aggressionshandlung und ver-

weise im Gegenteil auf eine vorhandene Fähigkeit, (genau diese günstige Gele-

genheit) abzuwarten (Urk. 154 S. 2, vgl. auch S. 7). Ob sich die Ausführungen 

des Beschuldigten bzw. dessen subjektive Wahrnehmung mit den Ergebnissen 

der Beweisaufnahme deckten, sei nicht forensisch-psychiatrisch zu entscheiden, 

sondern Gegenstand der juristisch-normativen Gesamtwürdigung der Abläufe. 

Wenn diese zum Schluss käme, dass ein geeigneter Moment zum Angriff auf ei-

nen ängstigenden und als überlegen wahrgenommenen Mann genutzt worden 

sei, wäre in Übereinstimmung mit der Zweitgutachterin "das Thema der nicht aus-

schliessbaren Steuerungsfähigkeit ad acta zu legen" (Urk. 156 S. 8). Gegen eine 

aufgehobene Steuerungsfähigkeit spreche ausserdem, wie es auch die Zweitgut-

achterin laut Absatz 2 auf Seite 43 ihrer Stellungnahme vom 24. Juli 2018 ein-

schätze, das Verlassen des Tatorts nach Eintreffen des Trams. Diese Flucht habe 

er in seinen initialen Ausführungen vorwiegend hinsichtlich der Bedeutung für die 

Einsichtsfähigkeit diskutiert. Sie zeige aber in der Tat auch, dass beim Beschul-

digten in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang zu der Gewaltanwendung zu 

Lasten des Privatklägers ein Gefühl des Ertapptwerdens und eine basale Er-

kenntnis darüber vorhanden gewesen sei, dass sein Handeln falsch gewesen sei. 

Demgegenüber hätte er, der Erstgutachter, bei einer aufgehobenen Steuerungs-

fähigkeit weitere Fehlhandlungen erwartet bzw. bei aufgehobener Einsichtsfähig-

keit und einem fortdauernden Bestimmtwerden durch Angstaffekte entsprechende 

Ausführungen gegenüber den Zeugen, z.B. eine positive Stellungnahme zu deren 

Ankunft in dem Sinne, dass nun endliche Hilfe bzw. potentielle Unterstützung ein-

treffe (Urk. 156 S. 3). Ferner bekräftigte Prof. Dr. D._____, dass der lang hinge-

streckte Tatablauf, während dem der Beschuldigte seine Gewaltausübung wie-

derholt habe unterbrechen und sogar den Tatort habe verlassen können, aus sei-

ner Sicht gegen eine vollständige Dominanz der Angstaffekte auf das Handeln 

des Beschuldigten spreche (Urk. 156 S. 7).  

3.2.1 Die im Rahmen des Berufungsverfahrens eingesetzte Zweitgutachterin, 

Dr. C._____, erstattete am 18. Juni 2017 ihr erstes Gutachten (Urk. 132). Darin 

verneinte sie das Vorliegen einer zeitlich überdauernden psychischen Erkrankung 

des Beschuldigten und diagnostizierte eine tatzeitaktuelle Alkohol induzierte schi-

-   28   - 

zophreniforme psychotische Störung, wobei sie davon ausging, dass der Be-

schuldigte noch Monate lang von dieser existentiellen, überbordend starken Angst 

geprägt gewesen sei (ICD: F10.50; Urk. 132 S. 55 f.). Die Diagnose einer Alkohol 

induzierten schizophreniformen psychotischen Störung verband sie mit dem Hin-

weis, dass sich durch die vom Erstgutachten abweichende diagnostische Zuord-

nung hinsichtlich der klinisch zu beschreibenden Psychopathologie keine Diffe-

renzen ergäben (Urk. 132 S. 44 ff.). Von einem relevanten psychopathologisch 

veränderten Erleben der Realität durch den Beschuldigten ausgehend (Urk. 132 

S. 67) prüfte sie in der Folge unter Bezugnahme auf unterschiedliche Lehrmei-

nungen und die konkrete Tat bzw. Täterpersönlichkeit zunächst die Einsichtsfä-

higkeit des Beschuldigten und bejahte diese schliesslich (Urk. 132 S. 70 ff.). Der 

Beurteilung der Steuerungsfähigkeit des Beschuldigten legte die Zweitgutachterin 

die Vorstellung eines von der ersten Kontaktaufnahme des Privatklägers mit dem 

Beschuldigten bis zur Festnahme des Letzteren während des gesamten lange 

hingezogenen Tatgeschehen psychopathologisch hochgradig auffälligen Zustan-

des des Beschuldigten zugrunde. Alles, was sich für den Beschuldigten in dieser 

Zeit verändert habe, sei der Umstand, dass er infolge des gewalttätigen Übergriffs 

auf den Privatkläger nicht mehr von diesem "bedroht" worden sei. Der ängstliche 

Affekt habe sich aber gleichwohl noch über lange Zeit gehalten bzw. der psychoti-

sche Affekt intensiver Angst sei noch eine längere Zeit bestehen geblieben, auch 

dann als die reale Situation bereits gänzlich aufgelöst gewesen sei (Urk. 132 

S. 75, 60 f.). Unterscheide man zwischen der Steuerungsfähigkeit auf motivatio-

naler und auf exekutiver Ebene, dann verändere ein psychotisches Erleben mit 

Wahnwahrnehmungen und Wahngedanken die motivationale Ebene, weil die 

"subjektive Sinnhaftigkeit" der Handlung und ihre zwingende Notwendigkeit Aus-

druck der inhaltlichen Denkstörungen seien und von der Realität völlig losgelöst 

erschienen (Urk. 132 S. 76). Zu einer ungestörten exekutiven Steuerungsfähigkeit 

gehörten eine ungestörte Situationswahrnehmung, ungestörte Handlungskontrol-

le, ein Handeln gemäss eines Motivs und die Sicherstellung des Erfolgs bzw. der 

Erfolgskontrolle. Gegen eine unbeeinträchtigte exekutive Steuerungsfähigkeit 

sprächen eine ungeordnete Handlungsweise, eine hilflose und unpassende Reak-

tion auf Störfaktoren, eine fehlende Besinnungsfähigkeit, Impulsivität und ein un-

-   29   - 

gerichtetes Verhalten nach der Tat (Urk. 132 S. 76). Im vorliegenden Fall zeige 

sich in jedem Fall eine völlig unpassende Reaktion auf eine Störungssituation 

(Belästigung durch den Privatkläger an der Haltestelle), eine in der Gewalttat 

deutlich zum Ausdruck kommende fehlende Besinnungsfähigkeit (immer wieder 

neu angreifen) insgesamt auch ein recht ungerichtetes Verhalten nach der Tat. Es 

sei nicht sonderlich gerichtet, unmittelbar wieder am Tatort aufzutauchen, wenn 

das Opfer durch Dritte entdeckt werde, dort dann anzugeben, dass man selbst 

etwas damit zu tun habe, zugleich aber offenbar ohne Kontext etwas von "um-

bringen" spreche, kaum bzw. nur verzögert auf konkrete Ansprachen reagiere, 

dann weglaufe und sich wiederum widerstandslos festnehmen lasse, um dann so-

fort intensiv das Gespräch zu suchen. Das alles seien insgesamt ungerichtete, 

augenblicksbezogen erscheinende Handlungen, die davon zeugten, dass der Be-

schuldigte zur Tatzeit und direkt danach (also auch noch 20 bis 30 Minuten spä-

ter) nicht in der Lage gewesen sei, zielgerichtet zu handeln (Urk. 132 S. 76 f., vgl. 

auch S. 63). Wenn der Beschuldigte ausgesagt habe, er habe eine günstige Ge-

legenheit für den Angriff abgewartet, sehe sie darin ein Narrativ, sich selbst die 

Welt etwas kontrollierbarer zu eigen zu machen und sich selbst einen Handlungs-

spielraum zuzuschreiben, der aber faktisch in der sich länger hinziehenden Tatsi-

tuation kaum bestanden habe. Darin zeige sich, dass der Beschuldigte in all der 

chaotischen Angst selbst offenbar der Idee anhängen wolle, doch noch irgendwie 

geordnet reagiert und die Situation unter Kontrolle gehabt zu haben. Tatsächlich 

habe die günstige Gelegenheit nicht bestanden (Urk. 132 S. 62 f.). Weiter führte 

die Zweitgutachterin aus, Handlungssteuerung und Desaktualisierungsfähigkeit 

mündeten in den Begriff der Steuerungsfähigkeit. Die Tat infolge der psychoti-

schen Wahrnehmungsverzerrung sei Ausdruck der Desaktualisierungsschwäche 

des Bedürfnisses, sich gegen die (psychotische) "Gefahr" bzw. "Bedrohung" kör-

perlich zur Wehr zu setzen. Unter Hinweis auf Kröber hielt sie in diesem Zusam-

menhang u.a. weiter fest, dass dort, wo der gesamte oder doch zumindest der re-

levante Weltbezug psychotisch deformiert sei, keine Freiheitsgrade zur pflichtge-

mässen Bestimmung des eigenen Handelns blieben (Urk. 132 S. 77). Im Hinblick 

auf die exekutive Ebene der Steuerungsfähigkeit dürfte vor allem die vom Be-

schuldigten immer wieder in Gesprächen geschilderte, eindrückliche und nie zu-

-   30   - 

vor dagewesene intensive Angst die Fähigkeit zur Hemmung deliktischer Hand-

lungsimpulse erheblich beeinträchtigt, wenn nicht sogar aufgehoben haben. Eine 

Fähigkeit der Realitätskontrolle, ein kritisches Reflektieren darüber, dass der völlig 

fremde Mann unmöglich ein Foto seiner Familie haben könne und womöglich 

selbst eher betrunken sei und man daher vielleicht selbst eher defensiv reagiere 

und woanders hingehe, sei beim Beschuldigten nicht mehr in der Weise möglich 

gewesen, sondern der impulsive raptusartige, vom Ablauf her dann mehrzeitige 

Übergriff auf den Privatkläger erscheine als psychotischer Selbstrettungsversuch 

(Urk. 132 S. 77, vgl. auch S. 62). Was die Diskussion angehe, inwieweit man 

exakt zwischen der verminderten und aufgehobenen Steuerungsfähigkeit unter-

scheiden könne, habe Prof. Dr. D._____ nachvollziehbar auf die besondere Be-

deutung einer normativen Gewichtung hingewiesen, die vom Psychiater nicht ge-

leistet werden könne und dürfe (Urk. 132 S. 78). Im vorliegenden Fall finde sich in 

weitgehender Übereinstimmung aller Gutachter neurologische Auffälligkeiten, ei-

ne leichte Bewusstseinstrübung, offenbar Wahrnehmungsstörungen (Mobiltelefon 

mit Foto der Familie) sowie eine explizite Wahnwahrnehmung und wahnhafter 

Denkinhalt (zu Drogengeschäften benutzt zu werden, das Gegenüber sammle In-

formationen, um die Familie zu erpressen) sowie eine plötzliche und vom Zeit-

punkt und Kontext her weitgehend unvorhersehbare Gewaltbereitschaft mit immer 

und immer wieder Zuschlagen und Zutreten, obwohl das Opfer bereits wehrlos 

und regungslos am Boden gelegen habe (Urk. 132 S. 78). Das psychotische Be-

drohungserleben stelle mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den 

massgeblichen forensisch-psychiatrischen Kausalfaktor für das gesamte Hand-

lungsgeschehen dar (Urk. 132 S. 79). Von daher erscheine das wiederholte und 

gewissermassen "irrational" erscheinende Eintreten und Einschlagen auf das Op-

fer als Zeichen einer Perseveration und damit als psychopathologisches Symptom 

einer in jedem Fall klinisch psychiatrisch erheblich eingeschränkten Steuerungs-

fähigkeit (Urk. 132 S. 79). Das deliktische Vorgehen entspreche dem Muster des 

threat control override, wie man es bei floride psychotischen Menschen mit Schi-

zophrenie kenne. Es gehe um raptusartige, wahnhaft motivierte mehr oder minder 

schwere, impulsiv ausgeführte Aggressionsdelikte. Insofern könne aus forensisch-

psychiatrischer Sicht in jedem Fall als gesichert geltend, dass die Steuerungsfä-

-   31   - 

higkeit in ganz ausgeprägter Weise ("erheblich") vermindert gewesen sei und 

zwar über den gesamten Zeitraum des lang hingezogenen Tatgeschehens 

(Urk. 132 S. 79). Unter Bezugnahme auf die forensische Lehrmeinung von Nedo-

pil hielt die Zweitgutacherin sodann weiter dafür, dass die Steuerungsfähigkeit 

nicht ausschliessbar auch gänzlich aufgehoben gewesen sei, wobei die Aufhe-

bung der Steuerungsfähigkeit sich nicht aus dem operativen Handlungsablauf, 

sondern aus der hochgradigen Affektdynamik vor dem Hintergrund des wahnhaf-

ten Erlebens ergebe (Urk. 132 S. 81, vgl. auch S. 80). Eine gewissermassen wis-

senschaftlich-metrisch exakte Trennung sei hier nicht möglich, sondern es gehe 

um die psychiatrische Argumentation der Gewichtung, wie das innere Erleben ei-

nes akut psychotischen Menschen beschaffen sei und welche Folgen sich für die 

Steuerung und Hemmung von Handlungsimpulsen ergebe. Man könne eine auf-

gehobene Steuerungsfähigkeit sehr wohl lege artis entsprechend der gängigen 

Fachliteratur begründen. Es bleibe an dieser Stelle eben genau jene juristisch 

normative Entscheidung, die der Psychiater als Sachverständiger nicht auflösen 

könne und dürfe (Urk. 132 S. 81).  

3.2.2 In dem auf gerichtliche Aufforderung vom 16. Februar 2018 (Urk. 145) hin 

erstatteten ergänzenden Gutachten hielt die Zweitgutachterin unter Hinweis auf 

ihre Ausführungen in ihrem ersten Gutachten an ihrer Diagnose einer alkoholin-

duzierten schizophreniformen psychotischen Störung fest (Urk. 151 S. 33 ff.) und 

betonte, dass es ganz klar sei, dass der Beschuldigte sich von dem wahnhaften 

Erleben erst nach mehreren Wochen habe distanzieren können und dass gerade 

das für die von ihr gestellte Diagnose spreche (vgl. Urk. 151 S. 40, 47). Ferner 

wies sie u.a. erneut und teilweise präzisierend darauf hin, dass man sich aus fo-

rensisch-psychiatrischer Sicht zur Frage der Steuerungsfähigkeit unterschiedlich 

verhalten könne und man bei einer Priorisierung des formalen, äusserlich erkenn-

baren Tatablaufs (mit Unterbrechung der Handlungen und mehrzeitigem Agieren 

am Opfer) von einem gewissen Erhalt der Steuerungsfähigkeit ausgehen müsse, 

also eben nicht Steuerungsunfähigkeit vorliege. Wenn man der Innenwelt des Be-

schuldigten folge, dass dieser sich (psychotisch bedingt) massiv bedroht gefühlt 

habe, dann erscheine der gesamte, lang hingezogene Tatablauf im Zusammen-

hang mit der nicht vorhandenen Distanzierungsfähigkeit vom Wahn und damit er-

-   32   - 

scheine das mehrzeitige Geschehen aus derselben Wurzel verschobener, psy-

chotischer Realitätswahrnehmung und affektiver Erregung. Das führe dazu, dass 

sie dargelegt habe, dass man beim Beschuldigten unter normativer Berücksichti-

gung dieser Aspekte auch eine aufgehobene Steuerungsfähigkeit für das Tatge-

schehen annehmen könnte. Für eine lediglich erheblich verminderte Steuerungs-

fähigkeit spreche dann das Fluchtverhalten, weil dieses Verhalten natürlich eine 

gewisse Sinnhaftigkeit zeige. Allerdings sei der Beschuldigte auch bei Eintreffen 

der Einsatzkräfte durch seine psychopathologischen Symptome aufgefallen, so 

dass eben doch sichtbar geworden sei, dass hier ein hoch akuter psychotischer 

Zustand vorgelegen habe. Von daher sei sie zum Ergebnis gekommen, dass zur 

Tatzeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine erheblich verminder-

te Steuerungsfähigkeit vorgelegen habe, aber Steuerungsunfähigkeit für die ge-

samte Tathandlung an dem Privatkläger, der als Aggressor psychotisch verkannt 

worden sei, nicht ausgeschlossen werden könne. Im Hinblick auf genau jenes 

Wissen um die Grenzen der sachverständigen Entscheidungsbefugnis habe sie in 

ihrem Gutachten auf jene normativen Aspekte verwiesen, die nur vom Gericht 

festzulegen seien. An der erheblichen Verminderung der Steuerungsfähigkeit ge-

be es für sie aus forensisch-psychiatrischer Sicht keinen Zweifel. Restzweifel 

könnten an der Annahme einer gänzlichen Steuerungsunfähigkeit angebracht 

werden. Die Frage sei, inwiefern man die Sinnkontinuität des psychotischen Erle-

bens in den Vordergrund rücke, oder ob man das formal lang hingezogene und 

unterbrochene Tatgeschehen hier anders gewichten wolle. Diese Gewichtung sei 

Aufgabe der Justiz (Urk. 151 S. 42 ff., vgl. auch S. 48). Selbst wenn eine Person 

als bedrohlich werde und die Täterperson infolge psychotischen Erlebens meine, 

die eigene Existenz durch Aggression retten bzw. sichern zu müssen, so sei doch 

grundsätzlich auch das Wissen darüber vorhanden, keine übermässige Gewalt 

anwenden zu dürfen. Bei einem solchen psychotischen Erleben bestünden aber 

neben der kognitiven Störung (falsche Denkinhalte) auch Wahrnehmungsstörun-

gen (siehe Handybilder) und eine erhebliche Veränderung der Affektivität, die zu-

meist mit einem extrem starken Angsterleben einher gehe. Aus der affektiven 

Komponente heraus sei es eben objektivierbar bei solchen hoch akuten psychoti-

schen Krankheitsbildern im begründeten Einzelfall kaum möglich, exakt zwischen 

-   33   - 

erheblich verminderter und aufgehobener Steuerungsfähigkeit zu unterscheiden 

(Urk. 151 S. 44). Ferner führte sie aus, dass die (in ihrem ersten Gutachten ver-

worfene) Annahme, der Beschuldigte habe tatsächlich einen günstigen Moment 

für den initialen Angriff auf den Privatkläger abgewartet, an ihrer Schlussfolge-

rung, dass das Gesamtgeschehen psychotisch motiviert gewesen sei, nichts än-

dern würde. Hingegen würde das ganz eindeutig für eine erhaltene Rest-

Steuerungsfähigkeit sprechen, und das Thema der nicht ausschliessbaren Steue-

rungsunfähigkeit wäre aus ihrer Sicht ad acta zu legen (Urk. 151 S. 46, 48). Wenn 

man sich das Video anschaue und den psychotischen Zustand des Beschuldigten 

in Rechnung stelle, dann stelle sich ebenso zu Recht die Frage, ob denn der vom 

Beschuldigten geschilderte "günstige Zeitpunkt" wirklich vorgelegen habe. Nehme 

man ihn beim Wort, dann komme man zur erheblich verminderten, aber nicht auf-

gehobenen Steuerungsfähigkeit. Nehme man aber an, dass es sich hier auch ret-

rospektiv um ein Narrativ erhaltener Teilkontrolle über die Situation handeln kön-

ne, [komme man zu einem anderen Schluss]. Schon die Tatsache allein, dass der 

Beschuldigte überhaupt auf den vor ihm her tänzelnden Mann losgegangen sei, 

sei ja ein psychotisch entsteuertes Verhalten. Die Berücksichtigung operativer Ab-

läufe spiele im Hinblick auf die (teilweise oder voll) erhaltene Steuerungsfähigkeit 

vor allem eine Rolle bei der ausschliesslichen Beurteilung von Rauschzuständen 

bei einer Tat. Hier aber komme eine motivationale Komponente in Betracht infolge 

eins hochgradig veränderten Erlebens der Realität, bei der der Beschuldigte sich 

in der Situation selbst nicht mehr von dieser verzerrten Form des Erlebens distan-

zieren konnte (Urk. 151 S. 48 f.). Es treffe zu, dass sie bei ihren Darlegungen da-

von ausgehe, dass das wahnhafte Erleben und das dieses begleitende Bedro-

hungsgefühl während des gesamten Tatgeschehens bis (jedenfalls) zur Verhaf-

tung angehalten habe und die starke Angst des Beschuldigten vor dem Privatklä-

ger während dieses Zeitraums der handlungsleitende Affekt gewesen sei (Urk. 

151 S. 49). Es sei grundsätzlich denkbar, dass ein Täter zwar wahnhaft wahr-

nehme und in diesem Zusammenhang Ängste entwickle, dies aber nicht mehr (al-

lein) handlungsbestimmend sei, weil sich die Situation geändert habe. Sie kenne 

auch aus eigener sachverständiger Tätigkeit Fälle, in denen ein psychotischer Tä-

ter eine Tathandlung, zu der er habe ansetzen wollen abgebrochen habe, weil er 

-   34   - 

die Situation plötzlich anders eingeschätzt habe. Bei den Gewalttaten entspre-

chend des TCO sei es jedoch häufig so, dass ein Gewaltexzess vorliege und der 

Täter eben nicht zu jenem Zeitpunkt die Gewalthandlung beendet habe, als rein 

rational betrachtet ohnehin keine körperliche Gefahr mehr zu erwarten gewesen 

wäre. Psychotisches Erleben lasse sich vom Sinnzusammenhang, von der Motiv-

lage und von den Affekten her eben in gar keiner Weise mit einem Realitätserle-

ben und den Selbststeuerungsmechanismen eines gesunden Menschen verglei-

chen. Das mache es mitunter für Aussenstehende ohne klinische Kenntnis der 

Psychiatrie verständlicherweise extrem schwierig, diese Darlegungen nachzuvoll-

ziehen. Der Tatablauf und die Äusserungen des Beschuldigten bei der Verhaftung 

sprächen für ein psychotisches Geschehen und dafür, dass der Beschuldigte in 

der Lage gewesen sei, das Unrecht seiner Tat einzusehen, aber nur erheblich 

vermindert in der Lage gewesen sei, sich nach dieser Einsicht zu steuern (Urk. 

151 S. 51 f., 53). Wenn der Beschuldigte in der Hafteinvernahme erklärt habe, er 

habe mit Schlagen aufgehört, als der Privatkläger sich nicht mehr gewehrt habe, 

dürfte dies dem Bedürfnis entsprechen, das Tatgeschehen noch einigermassen 

gemäss des vorhandenen Selbstbildes einzuordnen. Personen mit hoch akuten 

psychotischen Erregungszuständen seien aber nicht in der Lage, im Nachhinein 

ihr Verhalten wirklich vollumfänglich realistisch zu schildern, weil sie sich in der Si-

tuation selbst nicht so beobachten könnten, wie eine psychisch gesunde Person 

(Urk. 151 S. 52). Der Unterbruch der Aggression nach dem initialen Angriff und 

die weiteren mit Unterbrechungen während mehr als zwanzig Minuten erfolgten 

Angriffe auf den wehrlosen Privatkläger erklärten nicht zwingend eine erhaltene 

restliche Steuerungsfähigkeit, sondern stünden eher dafür, dass der Beschuldigte 

sich in der Tatsituation nicht von dem Gedanken und von den Affekten im Hinblick 

auf eine eigene existentielle Bedrohung habe distanzieren können (Urk. 151 

S. 53).  

4.1 Beide amtlich bestellten Gutachter gehen folglich übereinstimmend und im 

Licht der Aktenlage auch überzeugend von einem tatrelevanten psychotischen Er-

leben des Beschuldigten aus. Differenzen bestehen dagegen in der diagnosti-

schen Einordnung der Störung und in der Bewertung der Folgen der psychoti-

schen Symptomatik auf die Steuerungskräfte, wobei gemäss den einleuchtenden 

-   35   - 

Darlegungen beider Gutachter die diagnostischen Differenzen für die Beurteilung 

der Schuldfähigkeit des Beschuldigten nicht von Belang sind. Während der Erst-

gutachter die Einsichtsfähigkeit des Beschuldigten als erhalten und die Steue-

rungsfähigkeit als schwer vermindert sieht, stellt sich die Zweitgutachterin auf den 

Standpunkt, dass die Einsichtsfähigkeit des Beschuldigten erhalten, die Steue-

rungsfähigkeit dagegen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erheb-

lich vermindert und nicht ausschliessbar auch gänzlich aufgehoben gewesen sei. 

Welche Auffassung überzeugt, ist vom Gericht im Rahmen der freien Beweiswür-

digung zu entscheiden. Die Privatgutachten (Urk. 49/1; Urk. 49/2; Urk. 92/1; 

Urk. 92/2; Urk. 99), die nach ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung keine 

Beweismittel darstellen, sind dabei als Teil des Parteivorbringens des Beschuldig-

ten (substantiierte Einwendungen) in die Überlegungen einzubeziehen (BGE 141 

IV 369 E. 6; BGE 144 IV 345 E. 2.2.3.1 f.). Ihre diesbezüglich selbständige Be-

deutung hat sich im Lauf des Verfahrens allerdings insofern relativiert, als auf ih-

rer Grundlage Stellungnahmen des Erstgutachters eingeholt und ein Zweitgutach-

ten in Auftrag gegeben wurde, das sich hinsichtlich der relevanten Frage der 

Schuldfähigkeit im Wesentlichen der Argumentationslinie der Privatgutachter an-

schliesst und zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie diese gelangt. Zur Frage der 

Schuldfähigkeit des Beschuldigten wurde mithin unter Berücksichtigung der 

(fachärztlich substantiierten) Vorbringen des Beschuldigten auf hohem Niveau ei-

ne umfassende fachärztliche Diskussion geführt, die sich in den Expertisen und 

Stellungnahmen des Erstgutachters und der Zweitgutachterin widerspiegelt. Na-

mentlich werden darin auch die unterschiedlichen forensisch-psychiatrischen 

Grundhaltungen bei der Beurteilung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit von 

unter dem Einfluss wahnhaften Erlebens handelnden Tätern thematisiert, die ins-

besondere bei einer Gegenüberstellung des Erstgutachtens und den Äusserun-

gen von Dr. G._____ deutlich werden, aber auch von Prof. Dr. F._____ explizit 

angesprochen wurden.  

4.2.1  Die Zweitgutachterin unterscheidet zwischen der Steuerungsfähigkeit auf 

motivationaler und auf exekutiver Ebene. Ihre Schlussfolgerung einer nicht aus-

schliessbar gänzlich aufgehobenen Steuerungsfähigkeit zieht sie auf motivationa-

ler Ebene. Ihre Argumentation weist dabei Berührungspunkte namentlich zu den 

-   36   - 

Äusserungen von Dr. G._____ und Dr. I._____ auf und offenbart in der Auseinan-

dersetzung mit dem Standpunkt des Erstgutachters auch von diesem bestätigte 

unterschiedliche Lehrmeinungen bzw. Haltungen innerhalb der forensischen Psy-

chiatrie. Diese betreffen die Frage der Gewichtung von psychotischem Erleben 

und konkretem Tatablauf bei der Beurteilung von Einsichts- und Steuerungsfähig-

keit. Während die eine Denkschule die aufgehobene Einsichts- und/oder Steue-

rungsfähigkeit im Grundsatz als unausweichliche Konsequenz des psychotischen 

Erlebens sieht, verneint die andere eine solche Zwangsläufigkeit und orientiert 

sich als Folge davon bei der Beurteilung der Freiheitsgrade eines Täters auch 

wesentlich am konkreten Tatverlauf. Die Kontroverse führt im vorliegenden Fall 

gemäss den überzeugenden Darlegungen beider amtlich bestellten Gutachter zu 

einem Beurteilungsspielraum, der forensisch-psychiatrisch nicht ausgefüllt werden 

kann (Urk. 61 S. 3; Urk. 151 S. 43 f.; Urk. 154 S. 1 f.). Wenn der Erstgutachter in 

seiner Stellungnahme vom 5. November 2015 festhält, dass nun zwei Hypothesen 

im Raum stünden, die jeweils mit guten Gründen vertreten werden könnten 

(Urk. 61 S. 7), ist die Bemerkung vor diesem Hintergrund zu verstehen. Sie ver-

weist auf die vom Richter auf der Stufe der Schuld vorzunehmende Wertung, ob 

einem Beschuldigten sein Verhalten nach strafrechtlichen Massstäben zum Vor-

wurf gemacht werden kann, und bedeutet nicht, dass dem Entscheid über die 

Schuldfähigkeit des Beschuldigten ohne weiteres das Begutachtungsergebnis zu-

grunde zu legen ist, das für ihn am günstigsten ist.  

4.2.2  Das Gesetz geht von der Fähigkeit des Menschen aus, einen der Straf-

rechtsordnung gemässen Willen zu bilden und diese Willensbildung im eigenen 

Tun und Lassen durchzuhalten (BSK StGB-BOMMER, Vor Art. 19 N. 16). Schwe-

re psychische Störungen können dazu führen, dass der Schuldvorwurf entfällt. 

Psychiatrische Diagnosen sind jedoch nur dann und insoweit relevant, als sie be-

zogen auf das Verhalten eines Täters zum Tatzeitpunkt zu einer erheblichen Ein-

schränkung der Einsichts- und/oder Steuerungsfähigkeit geführt haben (vgl. Art. 

19 Abs. 1 StGB). Psychiatrische Diagnosen, die zwangsläufig zum Ausschluss 

der Schuldfähigkeit führen, gibt es aus rechtlicher Sicht folglich nicht. Der Frei-

heitsgrad eines Täters muss immer für den Tatzeitraum bezogen auf die konkrete 

Tat ermittelt werden. Das setzt (selbst, wenn ein gerichtetes Aussageverhalten 

-   37   - 

ausgeschlossen werden kann) eine Auseinandersetzung mit dem Gesamtverhal-

ten eines Täters vor, während und nach der Tat voraus. Bei Tätern, deren Welt-

bezug psychotisch deformiert ist, ist dabei namentlich zu beachten, dass deren 

Handlungsspielraum vom Ausprägungsgrad der Symptomatik (vgl. Urk 151 S. 46, 

Urk. 154 S. 6 f.) und vom Wahninhalt selbst abhängt. So wird für einen Täter, der 

sein Gegenüber als Teufel verkennt, den er vernichten muss, um sich vor ewiger 

Verdammnis zu retten, ein überschiessend aggressiver, zerstörerischer Angriff 

unausweichlich sein. Für einen Täter, der sein Gegenüber als gefährlichen Men-

schen verkennt, ist das dagegen nicht zwingend. Eine grundsätzlich intakte Vor-

stellung vom Notwehrrecht und seinen Grenzen vorausgesetzt, können für diesen 

abhängig vom Ausprägungsgrad der Symptomatik und vom konkreten Wahninhalt 

trotz psychotischen Erlebens Handlungsspielräume bestehen oder sich durch ei-

ne Veränderung der Bedrohungslage ergeben, die wertungsmässig relevant sind, 

weil gemäss den in Art. 15 und 16 StGB kodifizierten gesellschaftlichen Vorstel-

lung auch die im Ansatz (d.h. motivational) gerechtfertigte Selbstverteidigung in 

der konkreten Durchführung vorwerfbar sein kann. Wenn im ersten Fall aus fo-

rensisch-psychiatrischer Sicht selbst bei längeren, allenfalls unterbrochenen Tat-

verläufen auf motivationaler Ebene vom psychotischen Zustand auf fehlende Ein-

sichts- und/oder Steuerungsfähigkeit geschlossen wird, mag das einleuchten. 

Wenn im zweiten Fall unter den gleichen Voraussetzungen vom psychotischen 

Tatmotiv "Selbstverteidigung", einem psychotischen Sinn-Kontinuum folgend oh-

ne weiteres auf fehlende Einsichts- und/oder Steuerungsfähigkeit geschlossen 

wird, überzeugt das dagegen nicht. Dabei soll nicht einem normalpsychologischen 

oder laienhaften Blick auf den Tatverlauf, der die naturwissenschaftlich-

medizinische Perspektive negiert, das Wort geredet sein. Dass es sich bei einer 

Psychose nicht bloss um eine quantitative Abweichung von einer postulierten 

Norm, sondern um eine qualitative Veränderung des psychischen Erlebens han-

delt, die in ihren Auswirkungen von Laien nur schwer zu ermessen ist, steht aus-

ser Frage. Es ist aber festzuhalten, dass die Annahme relevanter Freiheitsgrade 

nicht voraussetzt, dass ein Täter seine psychotisch bedingte Angst vor seinem 

Gegenüber überwindet bzw. sich von den Angstaffekten gänzlich distanziert. Es 

genügt vielmehr, dass der Täter im Umgang mit seiner psychotisch bedingten 

-   38   - 

Angst Handlungsspielräume hat. Das macht den vom Erstgutachter postulierten 

(Urk. 61 S. 3 f.) Abgleich des von psychotischen Ängsten geprägten subjektiven 

Erlebens eines Täters mit seinen auf Handlungsebene und in tatnahen Stellung-

nahmen nachvollziehbaren bzw. ableitbaren Fertigkeiten (beispielsweise die Kri-

tik- und Handlungsfähigkeit betreffend) unerlässlich und bei der Beurteilung der 

Einsichts- und Steuerungsfähigkeit psychotischer Täter zum entscheidenden 

Element.  

4.3.1  Der Beschuldigte und der Privatkläger unterhielten sich zunächst während 

rund zwanzig Minuten, wobei der Beschuldigte - wie die Videoaufzeichnung zeigt 

- eher auf den Privatkläger reagierte als das Gespräch selber zu gestalten 

(Urk. 16/4; vgl. Urk. 83 S. 22 f.). Das Erleben des Beschuldigten war dabei ab ei-

nem nicht genauer bestimmbaren Zeitpunkt unstrittig von realitätsfernen Ängsten 

und Wahrnehmungsstörungen geprägt. Der Beschuldigte glaubte in wahnhafter 

Verkennung der tatsächlichen Begebenheiten, sich in einer ihn bedrohenden 

Notwehrlage zu befinden. Konkret erlebte er den Privatkläger als Drogendealer, 

der ihn in seine Geschäfte involvieren wollte und ihn bzw. seine Familie zu die-

sem Zweck bedrohte. Aus dieser Situation bzw. Bedrohung habe er rausgewollt. 

Gegen den Kopf habe er geschlagen, weil er gedacht habe, dass der Privatkläger 

zurückschlagen würde, wenn er ihn woanders hinschlage. Er habe ihn so wider-

standsunfähig machen wollen, dass er nichts mehr gegen ihn tun könne. Er habe 

einfach nur weg und nach Hause gewollt. Dass der Privatkläger liegen bleiben 

würde, sei ihm vollkommen egal gewesen. Er habe nur weggewollt. Gegenüber 

dem Erstgutachter gab er ferner an, er habe gedacht "lass mich bloss in Ruhe" 

und "wehe, du tust meiner Freundin was an" (Urk. 2 S. 2; Urk. 12/1 S. 5 ff.; 

Urk. 29/19 S. 22 f.). Die Idee des Beschuldigten war es folglich, den Privatkläger 

widerstandsunfähig zu machen, um nach Hause fliehen zu können. Aus den An-

gaben gegenüber dem Erstgutachter kann zudem eine gewisse Wut des Be-

schuldigten über die (vermeintliche) Drohung, seiner Freundin etwas anzutun, 

entnommen werden. Von einer Zerstörung des Privatklägers als Handlungsziel 

sprach er dagegen weder ausdrücklich noch sinngemäss. Wenn Privatgutachter 

Dr. I._____ seinen Überlegungen ein Wahnerleben zugrunde legt, gemäss dem 

nur die Zerstörung des Privatklägers eine Rettung möglich machte (Urk. 92/1 S. 

-   39   - 

9), findet das in den Akten mithin keine Stütze. Folgerichtig erklärte der Beschul-

digte während der Verhaftung u.a., dass er sich nur verteidigt, dabei aber etwas 

überreagiert habe (Urk. 2). 

4.3.2  Vor dem initialen Angriff unterhielten sich der Beschuldigte und der Privat-

kläger während längerer Zeit. Um 04:10 Uhr drehte sich der Privatkläger vom Be-

schuldigten weg Richtung Tramgeleise (Urk. 16/4; vgl. Urk. 83 S. 24). Der initiale 

Angriff erfolgte ohne von aussen erkennbaren Anlass in dem Moment, als der Pri-

vatkläger sich zurückdrehte bzw. gerade zurückgedreht hatte. In den darauf fol-

genden gut sieben Minuten griff der Beschuldigte den Privatkläger an den Hals, 

schlug ihn gegen den Kopf und verpasste ihm Fusstritte. Der Privatkläger wehrte 

sich zunächst noch erkennbar gegen den Angriff des Beschuldigten. Ab 04:13 Uhr 

lag er wehrlos, aber nicht gänzlich bewegungsunfähig am Boden. Eine letzte 

grössere, selbständige Bewegung führte er um 04:16 Uhr aus, als er sich zur Sei-

te drehte. Der Beschuldigte versuchte, den wehrlosen Privatkläger um 04:13 Uhr 

vom Boden hochzuziehen, liess ihn dann aber wieder fallen und entfernte sich ei-

nige Meter vom Privatkläger. Dann kehrte er zurück und trat mehrfach gegen den 

Kopf des am Boden liegenden Privatklägers, bevor er diesen in den nächsten 

zwei Minuten - von den Kameras nicht erfasst - ca. zwei Meter wegschleppte oder 

trug. Um 04:16 Uhr trat er erneut gegen den Kopf des Privatklägers. Nachdem 

dieser sich zur Seite gedreht hatte, trat der Beschuldigte gegen dessen Arm und 

um 04:17 Uhr gegen dessen Kopf. Danach bewegte sich der Beschuldigte ohne 

grosse Gestik um den Privatkläger herum. Rund 17 Minuten später trat er mit 

grossen Ausholbewegungen noch mindestens drei Mal gegen den Kopf des be-

wegungslos am Boden liegenden Privatklägers. Danach verliess er den Tatort ru-

higen Schrittes Richtung K._____-park (Urk. 16/4; Urk. 83 S. 24 ff.). Kurz darauf 

kehrte er an den Tatort zurück. Er gab an, er sei Richtung K._____ gegangen und 

habe dann gemerkt, dass es nicht gehe. Dann sei er zurück (Urk. 12/1 S. 3). Dort 

sei der Privatkläger immer noch gelegen. Er habe gedacht: "Scheisse" (Urk. 12/1 

S. 7). Schliesslich floh der Beschuldigte in den Tramtunnel, als er die anrückende 

Polizei bemerkte (Urk. 2 S. 2; Urk. 12/1 S. 3). An der Tramhaltestelle … wurde er 

im Untergeschoss bei den Perrons um ca. 04:54 Uhr angehalten und wider-

standslos verhaftet (Urk. 2).  

-   40   - 

4.3.3  Davon ausgehend erfolgte der initiale Angriff aus Sicht eines unbefangenen 

Beobachters unvermittelt und weitgehend ungehemmt. Ab 04:13 Uhr stellte der 

Privatkläger für den Beschuldigten auch dessen Wahnerleben folgend keine Ge-

fahr mehr dar. Dennoch wirkte der Beschuldigte insgesamt weiterhin getrieben 

und übte gegen den Privatkläger auch immer noch Gewalt aus. Anders als in der 

unmittelbaren Anfangsphase unterbrach er seine Aggression allerdings auch wie-

derholt und zeigte Ansätze konstruktiven Verhaltens (Weggehen, Privatkläger 

hochziehen, wegbringen), reagierte also phasenweise recht adäquat auf die ob-

jektiv veränderten Umstände, auch wenn offen bleiben muss, was er dabei genau 

dachte bzw. vorhatte. Nach den Fusstritten um 04:17 Uhr beruhigte sich die Situa-

tion bzw. der Beschuldigte von aussen betrachtet so weit, dass die rund 17 Minu-

ten später gegen den Kopf des regungslos am Boden liegenden Privatklägers 

ausgeführten wuchtigen Fusstritte auf einen unbefangenen Beobachter eher als 

Ausdruck von Wut als von Angst erscheinen. Selbst wenn man aber den involvier-

ten Fachärzten folgend die psychotische Angst auch bei dieser letzten Aggression 

gegen den Privatkläger als grundsätzlich handlungsleitenden Affekt anerkennt, 

erscheint das Verhalten des Beschuldigten bis dahin nicht einfach als eine Anei-

nanderreihung von Gewalt- und anderen Fehlhandlungen oder bizarrem Reagie-

ren. Namentlich zeigte er zwischenzeitlich immer wieder die Fähigkeit, von Ag-

gression gegen den Privatkläger Abstand zu nehmen, so dass sein Verhalten 

während des lang hingezogenen Tatablaufs nicht als ausschliesslich von Angstaf-

fekten dominiert erscheint. Dazu passt, dass er auch unmittelbar nach der Tat, 

trotz weiterhin auffälliger Psychopathologie, nicht einfach ungerichtet handelte, 

sondern auf äussere Umstände relativ adäquat reagierte. So kehrte er im 

K._____-park um, als er merkte, dass sein Plan nicht aufging, rechtfertigte seine 

Tat gegenüber dem Tramchauffeur, der ihn ansprach (Urk. 14/2 S. 2), und ver-

liess danach den Tatort wieder, weil er die anrückende Polizei wahrnahm. Dass 

sein Verhalten daneben auch ungerichtete Aspekte enthält und dieses und seine 

Äusserungen zeigen, dass die wahnhafte Verkennung fortdauerte, worauf die 

Zweitgutachterin und Dr. G._____ wiederholt hinweisen, steht ausser Frage. Wä-

re das nicht oder in geringerem Ausmass der Fall, stünde eine erhaltene oder ei-

ne nur leicht bis mittelschwer eingeschränkte Steuerungsfähigkeit zur Diskussion. 

-   41   - 

Insgesamt sind die sich auf der Handlungsebene zeigenden Hinweise auf eine 

noch teilweise erhaltene Steuerungsfähigkeit bei einer Gesamtschau aber so er-

heblich, dass sich ein Abstellen allein auf die Sinnkontinuität des psychotischen 

Erlebens nicht (mehr) rechtfertigt. Vor diesem Hintergrund überzeugt die Auffas-

sung des Erstgutachters, gemäss welcher von einer erheblich bzw. schwerstgra-

dig verminderten Steuerungsfähigkeit zur Tatzeit, nicht aber von Steuerungsunfä-

higkeit auszugehen ist.  

Der Vollständigkeit halber ist zudem anzumerken, dass der Beschuldigte während 

der Verhaftung und in der Hafteinvernahme angab, er habe einen Moment der 

Unaufmerksamkeit des Privatklägers für den Angriff ausgenützt (Urk. 2 S. 2; 

Urk. 12/1 S. 8). Tatsächlich zeigt die Videoeinvernahme, dass sich der Privatklä-

ger unmittelbar vor dem initialen Angriff vom Beschuldigten weg Richtung Tram-

geleise drehte. Unter Berücksichtigung der Reaktionszeit ist es dabei ohne weite-

res möglich, dass der Beschuldigte sich in diesem Moment der Unaufmerksamkeit 

des Privatklägers zur Ausführung des bereits zuvor als unausweichlich bewerte-

ten Angriffs entschloss. Daran ändert nichts, dass der Beschuldigte vor dem initia-

len Angriff keine sichtbaren Körperreaktionen zeigte, wie die Verteidigung richtig 

festhält (vgl. Urk. 163 S. 6). Zudem widerspricht diese Annahme auch seiner - von 

der Verteidigung als "plötzliches Schwarzsehen" zusammengefassten (Urk. 163 

S. 10) - Deposition, er habe angesichts der fortgesetzten Drohungen des Privat-

klägers "irgendwann schwarz gesehen und auf ihn dreingeschlagen" bzw. er "ha-

be dann schwarz gesehen und auf ihn dreingeschlagen" (Urk. 12/1 S. 2 f.) nicht. 

Der Beschuldigte schilderte damit den groben Ablauf der Ereignisse aus seiner 

Sicht. Die hier interessierende Bemerkung konkretisierte dagegen den Moment 

der Entscheidung zum initialen Angriff (vgl. Urk. 12/1 S. 8). Seine Aussage weist 

folglich (anders als andere) einen nachgewiesenen Bezug zur Realität auf und 

kann nicht - wie dies die Zweitgutachterin (Urk. 132 S. 62 f.; Urk. 151 S. 52) und 

die Verteidigung tun (Urk. 163 S. 6, 10 f.) - als blosses Konstrukt des Beschuldig-

ten verstanden werden. Das gilt namentlich auch, weil die Fähigkeit, bei der Auf-

lösung des Angriffs einen günstigen Moment abzuwarten, nicht von der Diagnose 

an sich, sondern vom Ausprägungsgrad der Symptomatik und ihrer Auswirkung 

auf die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit abhängt (Urk. 154 S. 6 f.), und sich 

-   42   - 

auch im weiteren Tatverlauf Hinweise auf vorhandenen Freiheitsgrade zeigen. Die 

Fähigkeit, einen günstigen Moment abzuwarten, wird von beiden amtlich bestell-

ten Gutachtern als eindeutiger Hinweis auf Reste vorhandener Steuerungsfähig-

keit bewertet. 

4.4 Folglich ist der Schuldausschlussgrund der Schuldunfähigkeit im Sinne von 

Art. 19 Abs. 1 StGB zu verneinen. Weitere Schuldausschlussgründe sind nicht er-

sichtlich.  

5. Der Beschuldigte ist damit in Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils der 

versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit 

Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.  

V. 

1. Der Beschuldigte hat die heute zu beurteilende Tat vor dem Inkrafttreten der 

seit 1. Januar 2018 geltenden neuen Bestimmungen des Allgemeinen Teils des 

Strafgesetzbuches (Änderung des Sanktionenrechts; AS 2016 1249) begangen. 

Das neue Recht ist daher auf diese nur anzuwenden, sofern es für den Beschul-

digten im konkreten Fall zu einem günstigeren Ergebnis führt (Art. 2 Abs. 2 StGB; 

DONATSCH, in: Donatsch/Heimgartner/Isenring/Weder [Hrsg.], Kommentar zum 

StGB, 20. Auflage 2018, Art. 2 N 10). Das ist nicht der Fall. Das seit dem 1. Janu-

ar 2018 geltende (neue) Sanktionenrecht sieht grundsätzlich keine mildere Be-

strafung vor. Eine Gesamtstrafenbildung gemäss Art. 46 Abs. 1 StGB oder die 

Anwendung von Art. 46 Abs. 2 StGB, welche zu einem für den Täter günstigeren 

Ergebnis führen können, stehen vorliegend nicht zur Diskussion. Die Sanktion ist 

folglich gestützt auf die Bestimmungen des im Tatzeitpunkt geltenden Sanktionen-

rechts festzulegen. 

2.1 Der ordentliche Strafrahmen für eine vorsätzliche Tötung beträgt fünf bis 

zwanzig Jahre (Art. 111 StGB). Aufgrund des Zusammentreffens der schweren 

Verminderung der Schuldfähigkeit des Beschuldigten und der versuchten Tatbe-

gehung, liegen jedoch besondere Umstände im Sinne von BGE 136 IV 55 vor, die 

ein Unterschreiten dieses ordentlichen Strafrahmens rechtfertigen. Es ist in An-

-   43   - 

wendung von Art. 48a StGB folglich von einem gegen unten offenen und bis 

zwanzig Jahren Freiheitsstrafe reichenden Strafrahmen auszugehen.  

2.2 Innerhalb des Strafrahmens bemisst das Gericht die Strafe nach dem Ver-

schulden des Täters, wobei das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse des 

Täters sowie die Wirkung der Strafe auf dessen Leben zu berücksichtigen sind 

(Art. 47 Abs. 1 StGB; vgl. zu den Einzelheiten BGE 123 IV 49 E. 2, BGE 136 IV 

55).  

3.1 Bei der Bewertung der objektiven Tatschwere ist, wenn es wie vorliegend 

beim Versuch geblieben ist, gedanklich vom vollendeten Delikt auszugehen. Der 

Beschuldigte versetzte dem Privatkläger über einen Zeitraum von rund 25 Minu-

ten Faustschläge und Tritte gegen den Kopf, wobei der Privatkläger - nach einem 

kurzen erfolglosen Versuch der Gegenwehr - bereits nach den ersten drei Minu-

ten des Angriffs nicht mehr in der Lage war, sich zu wehren. Die Gewalt des Be-

schuldigten richtete sich in der Folge während knapp 20 Minuten gegen ein wehr-

los am Boden liegendes Opfer. Die den Tötungsvorwurf begründenden letzten 

fünf wuchtigen Tritte gegen den Kopf des Privatklägers fallen ebenfalls in diese 

Phase der Tat. Das Vorgehen des Beschuldigten war vor diesem Hintergrund ob-

jektiv von hartnäckiger Brutalität und Rücksichtlosigkeit geprägt. Zwar hatte der 

Beschuldigte vor der Tat die Nähe zum Privatkläger nicht eigentlich gesucht und 

eine Tatplanung bestand auch in anderer Hinsicht nicht. Ein auch nur im Ansatz 

nachvollziehbarer, aus dem Moment heraus entstandener Anlass für das von der 

Vorinstanz zu Recht als Gewaltexzess bezeichnete Verhalten des Beschuldigten 

bestand objektiv aber nicht. Umstände, die die den Tötungsvorwurf begründenden 

letzten fünf wuchtigen Tritte gegen den Kopf des Privatklägers nach ethischen 

Gesichtspunkten objektiv in wesentlich milderem Licht erscheinen lassen würden, 

fehlen. Insgesamt gehört die von grosser Brutalität geprägte Tat des Beschuldig-

ten innerhalb der Kategorie der Tötungsdelikte zu den objektiv schwer wiegenden 

Taten. In objektiver Hinsicht ist vor diesem Hintergrund von einem schweren Ver-

schulden des Beschuldigten auszugehen,  

3.2.1  Zentral für das Verständnis und die Bewertung der (subjektiven) Schwere 

der Tat ist, dass der Beschuldigte diese in einem Zustand der schwerstgradigen 

-   44   - 

Verminderung der Schuldfähigkeit beging (Urk. 182 E. 1.11). Eine solche fällt dem 

üblichen Abstufungsmuster von leicht, mittelschwer und schwer folgend (vgl. BGE 

136 IV 55 E. 5.3 und 5.6) in die Kategorie der schweren Einschränkungen der 

Schuldfähigkeit (vgl. auch Urk. 29/19 S. 46). 

3.2.2.1 Ursache dieser schweren Verminderung der Schuldfähigkeit war eine im 

Tatzeitpunkt akute Alkoholintoxikation mit Wahrnehmungsstörungen (Urk. 29/19 

S. 45). Die Kammer ging im vom Bundesgericht hinsichtlich der Strafzumessung 

aufgehobenen Entscheid davon aus, dass der Beschuldigte diesen Zustand (aku-

te Alkoholintoxikation mit Wahrnehmungsstörungen) zwar durch stark übermässi-

ges und folglich verantwortungsloses Trinken herbeigeführt habe, jedoch nicht die 

mit einem Alkoholrausch üblicherweise verbundenen Phänomene wie Enthem-

mung, Selbstüberschätzung, Kritikschwäche und Distanzlosigkeit, sondern eine 

alkoholbedingte Bewusstseins-Wahrnehmungsstörung zu seinem Gewaltexzess 

geführt hätten. Ein solches alkoholbedingtes psychotisches Erleben stelle gemäss 

dem amtlichen Gutachter aber ein seltenes Geschehen dar. Vor diesem Hinter-

grund rechtfertige es sich nicht, die stark verminderte Schuldfähigkeit des Be-

schuldigten anders in die Bewertung des subjektiven Verschuldens einfliessen zu 

lassen als dies der Fall wäre, wenn sie ihre Ursache in einer Persönlichkeitsstö-

rung oder einer anderen überdauernden Symptomatik hätte (Urk. 168 S. 39; ent-

gegen der Vorinstanz Urk. 83 S. 60 f.). Sie ging damit (zu Gunsten des Beschul-

digten) davon aus, dass die Verminderung der Schuldfähigkeit ungeachtet des als 

verantwortungslos qualifizierten Trinkens ohne Relativierung in die Bewertung des 

subjektiven Verschuldens einzubeziehen sei. Dieser Auffassung widerspricht das 

Bundesgericht. Es hält unter Hinweis auf den Alkoholisierungsgrad und die Aus-

sagen des Beschuldigten gegenüber dem Gutachter fest, dass ein gefährliches 

und krass verantwortungsloses Trinkverhalten im Bewusstsein um eine erhöhte 

Reizbarkeit unter dem Einfluss von Alkohol zwar nicht im gleichen Umfang wie ei-

ne fahrlässige "actio libera in causa" zu berücksichtigen sei, da die konkrete Tat 

nicht voraussehbar gewesen sei. Indes rechtfertige es sich umgekehrt auch nicht, 

den Täter bei einer solchen Sachlage verschuldensmässig so zu stellen, wie 

wenn die verminderte Schuldfähigkeit bspw. auf eine (unverschuldete) Persön-

lichkeitsstörung zurückzuführen wäre. Die Kammer habe daher bei der Neubeur-

-   45   - 

teilung zu prüfen, ob auf die Aussagen des Beschuldigten gegenüber dem Gut-

achter zu seinem Trinkverhalten abgestellt werden könne (Urk. 182 E. 2.4).  

3.2.2.2 Der Beschuldigte wies gemäss dem Institut für Rechtsmedizin der Univer-

sität Zürich (IRM) im Tatzeitpunkt eine Blutalkoholkonzentration von 1,76 bis 2,53 

Gewichtspromillen auf (Urk. 17/11; vgl. auch Urk. 12/5 S. 4), eine Blutalkoholkon-

zentration auf die ein nicht alkoholgewöhnter Konsumenten eher selten kommt 

(Urk. 29/14 S. 39) und einen Zustand im Bereich der deutlichen Trunkenheit bis 

zum schweren Rausch bedeutet (Urk. 17/11 S. 3). In der Hafteinvernahme berich-

tete er, dass er zusammen mit weiteren Personen den 30. Geburtstrag eines Ar-

beitskollegen in L._____ gefeiert habe und sie dann weiter in eine Kneipe in der 

Innenstadt gegangen seien. Auf dem Nachhauseweg sei er ziemlich betrunken an 

der Tramhaltestelle H._____ gesessen (Urk. 12/1 S. 2). Einen regelmässigen Al-

koholkonsum verneinte er. Er habe in den letzten neun Monaten nur sehr selten 

getrunken, und wenn, dann einen Liter Bier. Gestern habe er erheblich mehr ge-

trunken, nämlich im Zeitraum von 19.30 Uhr bis zum Tatzeitpunkt vier Liter Bier 

und ein kleines Fläschchen Jägermeister (Urk. 12/1 S. 4). In der einen Monat spä-

ter durchgeführten staatsanwaltschaftlichen Einvernahme bestätigte er die Ge-

burtstagsfeier im N._____ in L._____ und den darauf folgenden Besuch in einem 

Lokal in der Innenstadt, bei dem es sich mutmasslich um das M._____ handelte, 

und dass er betrunken an der Tramhaltestelle H._____ gesessen habe (Urk. 12/2 

S. 2 f.). Er wisse nicht genau, wann er das Lokal verlassen habe und wann er 

aufgehört habe zu trinken (Urk. 12/2 S. 7). Vor Vorinstanz gab er an, nicht zu wis-

sen, wie viel er im N._____ und im M._____ getrunken hatte. Auf Vorhalt seiner 

diesbezüglichen Aussagen in den staatsanwaltschaftlichen Einvernahmen be-

merkte er, das sei eine Schätzung gewesen (Prot. I S. 4 f.). Der Grund für das 

Trinken sei der Geburtstag seines Arbeitskollegen gewesen (Prot. I S. 9). Im ers-

ten Berufungsverfahren wollte er auf Vorhalt seiner Aussagen zum von ihm ge-

trunkenen Alkohol keine Ausführungen machen (Prot. II S. 12). Aus diesen Aus-

sagen ist zu schliessen, dass der Beschuldigte unmittelbar vor der Tat erheblich 

mehr Alkohol getrunken hatte, als er es in den Monaten davor getan hatte. Glei-

ches ergibt sich aus seinen Äusserungen gegenüber den beiden amtlich bestell-

ten Gutachtern Prof. Dr. D._____ und Dr. med. C._____ (Urk. 29/19 S. 15, 36, 39) 

-   46   - 

(Urk. 132 S. 35). Seit seinem 20. Altersjahr trinke er nur noch wenig Alkohol. So 

habe er ein halbes Jahr vor dem 18. Februar 2014 gar keinen Alkohol getrunken 

(Urk. 29/19 S. 15, 36, 39). Zusätzlich ist aus ihnen zu schliess