# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** dd9a8ec2-5fb9-518b-8f90-f3ae2a92e1aa
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2022-12-05
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 05.12.2022 BVGE 2022 VI/1
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_BVGE-2022-VI-1_2022-12-05.pdf

## Full Text

S-Status: Flüchtlingsrechtliches Subsidiaritätsprinzip bei 
Personen mit mehreren Staatsangehörigkeiten 

2022 VI/I 

 

 

BVGE / ATAF / DTAF VI 1 

 

2022 VI/I 

Auszug aus dem Urteil der Abteilung V 
i.S. A., B., C. und D. gegen Staatssekretariat für Migration 

E–3638/2022 vom 5. Dezember 2022 

Gewährung des vorübergehenden Schutzes. Flüchtlingsrechtliches 

Subsidiaritätsprinzip bei mehrfacher Staatsangehörigkeit. Lücken-

füllung mittels teleologischer Reduktion. 

Art. 4, Art. 66 Abs. 1 AsylG. Art. 1 A Ziff. 2 FK. Ziff. I Bst. a Allge-

meinverfügung zur Gewährung des vorübergehenden Schutzes im 

Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine. 

1. Die Allgemeinverfügung betreffend Schutzsuchende aus der 
Ukraine enthält keine Regelung für Personen, die nebst der ukrai-

nischen auch die Staatsangehörigkeit weiterer (verfolgungssiche-

rer) Heimatstaaten besitzen (E. 6.1). 

2. Das flüchtlingsrechtliche Subsidiaritätsprinzip sieht vor, dass 
Asylsuchende mit mehreren Staatsangehörigkeiten nicht auf den 

Schutz eines Drittstaates angewiesen sind, sofern sie in einem ihrer 

Heimatstaaten wirksamen Schutz finden können. Dasselbe hat be-

treffend den vorübergehenden Schutz im Zusammenhang mit der 

Situation in der Ukraine zu gelten, da Schutzsuchende, welche so-

wohl die ukrainische als auch die Staatsangehörigkeit eines weite-

ren (sicheren) Heimatstaates besitzen, nicht bessergestellt werden 

dürfen als Asylsuchende mit mehreren Staatsangehörigkeiten 

(E. 6.3). 

3. Ziff. I Bst. a der Allgemeinverfügung ist per teleologischer Reduk-
tion so auszulegen, dass Sinn und Zweck des vorübergehenden 

Schutzes verwirklicht werden. Eine Person ukrainischer Staats-

bürgerschaft, welche vor dem 24. Februar 2022 in der Ukraine 

wohnhaft war, ist grundsätzlich nicht auf den Schutz der Schweiz 

angewiesen, wenn für sie eine valable Schutzalternative ausser-

halb der Ukraine bejaht werden kann (E. 6.2 f.). 

Octroi de la protection provisoire. Principe de subsidiarité en droit 

d'asile en cas de citoyennetés multiples. Lacune complétée par réduc-

tion téléologique. 

2022 VI/I S-Status: Flüchtlingsrechtliches Subsidiaritätsprinzip bei 
Personen mit mehreren Staatsangehörigkeiten 

 

 

2 VI BVGE / ATAF / DTAF  

 

Art. 4, art. 66 al. 1 LAsi. Art. 1 A ch. 2 Convention relative au statut 

des réfugiés. Ch. I let. a Décision de portée générale concernant l'oc-

troi de la protection provisoire en lien avec la situation en Ukraine. 

1. La décision de portée générale concernant les citoyens ukrainiens 
en quête de protection ne règle pas le cas des personnes qui pos-

sèdent, en sus, la nationalité d'autres Etats (considérés comme 

pays sûrs; consid. 6.1). 

2. Le principe de subsidiarité en droit d'asile prévoit que les requé-
rants d'asile possédant plusieurs nationalités ne nécessitent pas la 

protection d'un Etat tiers s'ils peuvent trouver une protection 

efficace dans l'un de leurs pays d'origine. Il doit en aller de même 

pour la protection provisoire liée à la situation en Ukraine, car les 

citoyens ukrainiens en quête de protection qui sont également ori-

ginaires d'autres pays (considérés comme sûrs) ne peuvent être 

avantagés par rapport aux requérants d'asile possédant plusieurs 

nationalités (consid. 6.3). 

3. Le ch. I let. a de la décision de portée générale concernant l'octroi 
de la protection provisoire en lien avec la situation en Ukraine doit 

être interprété par réduction téléologique de sorte à respecter le 

sens et le but de la protection provisoire. Toute personne citoyenne 

de l'Ukraine qui était domiciliée dans ce pays avant le 24 février 

2022 ne dépend en principe pas de la protection de la Suisse s'il est 

admis qu'elle peut bénéficier d'une protection valable dans un 

autre Etat (consid. 6.2 s.). 

Concessione della protezione provvisoria. Principio della sussidiarietà 

in materia d'asilo nei casi di cittadinanza plurima. Lacuna colmata 

mediante riduzione teleologica. 

Art. 4, art. 66 cpv. 1 LAsi. Art. 1 A n. 2 Convenzione sullo statuto dei 

rifugiati. N. I lett. a della decisione di portata generale concernente la 

concessione della protezione provvisoria in relazione alla situazione in 

Ucraina. 

1. La decisione di portata generale concernente cittadini ucraini in 
cerca di protezione non disciplina il caso delle persone che, oltre 

alla cittadinanza ucraina, possiedono anche la nazionalità di altri 

Stati d'origine (sicuri; consid. 6.1). 

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Personen mit mehreren Staatsangehörigkeiten 

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2. In virtù del principio della sussidiarietà vigente in materia d'asilo, 
i richiedenti l'asilo che possiedono più nazionalità non necessitano 

della protezione di uno Stato terzo se possono trovare una prote-

zione efficace in uno dei loro Stati d'origine. Lo stesso deve valere 

anche per la protezione provvisoria accordata nel contesto della 

situazione in Ucraina, poiché i cittadini ucraini in cerca di prote-

zione che possiedono anche la cittadinanza di un altro Stato d'ori-

gine (sicuro) non devono essere avvantaggiati rispetto ai richieden-

ti l'asilo che possiedono più nazionalità (consid. 6.3). 

3. Il n. I lett. a della decisione generale deve essere interpretato me-
diante riduzione teleologica in modo da rispettare il senso e lo 

scopo della protezione provvisoria. In linea di principio, un citta-

dino ucraino che era domiciliato in Ucraina prima del 24 febbraio 

2022 non necessita protezione della Svizzera se può essere am-

messa una valida alternativa di protezione all'infuori dell'Ucraina 

(consid. 6.2 seg.). 

 

Die Beschwerdeführenden A. und B. und ihre beiden Kinder stellten im 

April 2022 im Bundesasylzentrum E. ein Gesuch um Gewährung des vo-

rübergehenden Schutzes. Im Rahmen ihrer Kurzbefragungen führten sie 

diverse persönliche Gründe an: 

Sie seien im Jahr 2012 nach Kanada ausgewandert und hätten dort bis zu 

ihrer Rückkehr in die Ukraine im Jahr 2020 gelebt. Ungefähr im Jahr 2018 

hätten sie die kanadische Staatsbürgerschaft erlangt. Die beiden Kinder 

seien in Kanada geboren, besässen aber vermutlich auch die ukrainische 

Staatsbürgerschaft. Heute wäre es ihnen kaum möglich, nach Kanada 

zurückzukehren, da dort faktisch ein Impfzwang herrsche und sich die Be-

schwerdeführerin B. nicht gegen Covid-19 impfen lassen wolle. Ausser-

dem lebten alle Verwandten und viele gute Freunde in der Ukraine. Über-

dies wolle sie ihren Kindern nicht zumuten, in einem Land zu leben, wo 

Marihuana legal sei. Der Beschwerdeführer A. habe zudem Aussicht auf 

eine Festanstellung bei der F. 

Mit Verfügung vom 26. Juli 2022 lehnte das Staatssekretariat für Migrati-

on (SEM) die Gesuche um Gewährung vorübergehenden Schutzes ab, ver-

fügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Weg-

weisung an. 

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Mit Eingabe vom 4. August 2022 erhoben die Beschwerdeführenden Be-

schwerde gegen diese Verfügung. Sie beantragten sinngemäss, der Ent-

scheid der Vorinstanz sei aufzuheben und ihnen sei vorübergehender 

Schutz zu gewähren. 

Das Bundesverwaltungsgericht weist die Beschwerde ab. 

Aus den Erwägungen: 

4.  
4.1 Gestützt auf Art. 4 AsylG (SR 142.31) kann die Schweiz Schutz-
bedürftigen für die Dauer einer schweren allgemeinen Gefährdung, insbe-

sondere während eines Kriegs oder Bürgerkriegs sowie in Situationen 

allgemeiner Gewalt, vorübergehenden Schutz gewähren. Der Bundesrat 

entscheidet, ob und nach welchen Kriterien Gruppen von Schutzbedürfti-

gen vorübergehender Schutz gewährt wird (Art. 66 Abs. 1 AsylG). 

4.2 Am 11. März 2022 hat der Bundesrat gestützt auf Art. 66 Abs. 1 
AsylG eine Allgemeinverfügung zur Gewährung des vorübergehenden 

Schutzes im Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine erlassen 

(BBl 2022 586). Gemäss Ziffer I dieses Erlasses gilt der Schutzstatus für 

folgende Personenkategorien: 

a. schutzsuchende ukrainische Staatsbürgerinnen und -bürger 

und ihre Familienangehörige (Partnerinnen und Partner, minder-

jährige Kinder und andere enge Verwandte, welche zum Zeitpunkt der 

Flucht ganz oder teilweise unterstützt wurden), welche vor dem 

24. Februar 2022 in der Ukraine wohnhaft waren; 

b. schutzsuchende Personen anderer Nationalität und Staaten-

lose sowie ihre Familienangehörige gemäss Definition in Buch-

stabe a, welche vor dem 24. Februar 2022 einen internationalen oder 

nationalen Schutzstatus in der Ukraine hatten; 

c. Schutzsuchende anderer Nationalität und Staatenlose sowie 

ihre Familienangehörige gemäss Definition in Buchstabe a, welche 

mit einer gültigen Kurzaufenthalts- oder Aufenthaltsbewilligung be-

legen können, dass sie über eine gültige Aufenthaltsberechtigung in 

der Ukraine verfügen und nicht in Sicherheit und dauerhaft in ihre 

Heimatländer zurückkehren können. 

5.  
5.1 Das SEM führte zur Begründung der angefochtenen Verfügung 
im Wesentlichen aus, die Beschwerdeführenden gehörten nicht zu der vom 

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Personen mit mehreren Staatsangehörigkeiten 

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Bundesrat definierten Gruppe schutzberechtigter Personen, da sie nebst 

der ukrainischen Staatsangehörigkeit auch über eine kanadische Staatsbür-

gerschaft verfügten und somit die Möglichkeit hätten, sich in Kanada 

niederzulassen. Die strikte Ablehnung der Covid-19-Impfung und das Feh-

len von Verwandten und Freunden in Kanada vermöchten die Annahme 

einer sicheren Rückkehr nach Kanada nicht umzustossen. Bei den natio-

nalen Massnahmen gegen die Verbreitung der Covid-19-Pandemie sowie 

den daraus folgenden Einschränkungen des Privatlebens handle es sich um 

rechtsstaatlich legitime Regelungen der Regierung, welche die gesamte 

kanadische Bevölkerung gleichermassen beträfen. Diese seien überdies in-

zwischen so weit gelockert worden, dass man sich auch ohne Impfung am 

sozialen Leben in Kanada beteiligen könne. Auch die Reisebestimmungen 

seien angepasst worden und Flüge könnten unter Einhaltung der geltenden 

Bestimmungen auch ohne Impfung angetreten werden. Das Engagement 

des Beschwerdeführers für die F. vermöge ebenfalls kein Aufenthaltsrecht 

in der Schweiz zu begründen, zeuge aber von Tüchtigkeit. Es sei daher 

davon auszugehen, dass er in Kanada bald eine Anstellung finde. Betref-

fend die Kritik am legalen Status von Marihuana in Kanada sei anzumer-

ken, dass trotz der Legalisierung Einschränkungen und Regeln vorherrsch-

ten, die Minderjährige vor einem Substanzmissbrauch schützten. 

5.2 In der Beschwerdeschrift machen die Beschwerdeführenden 
namentlich geltend, sie würden nicht über die finanziellen Mittel verfügen, 

um sich in Kanada ein Leben aufbauen zu können. Als Kanadier würden 

sie auch nicht von der Unterstützung profitieren, die den übrigen Schutz-

suchenden aus der Ukraine zukäme. Sie hätten Kanada im Jahr 2020 ver-

lassen, da der Beschwerdeführer keinen Zugang zu medizinischer Versor-

gung seines verletzten (…) gehabt habe. Ausserdem habe er hier in der 

Schweiz Aussicht auf eine Festanstellung und die Kinder würden hier zur 

Schule gehen, weshalb ein erneuter Umzug nicht zumutbar sei. Sie würden 

im Übrigen die Voraussetzungen erfüllen, welche an schutzberechtigte 

Personen gestellt würden. 

6.  
6.1 Der Bundesrat hält – wie dargelegt – in der Allgemeinverfügung 
vom 11. März 2022 fest, dass schutzsuchende ukrainische Staatsbürgerin-

nen und -bürger und ihre Familienangehörigen, welche vor dem 24. Fe-

bruar 2022 in der Ukraine wohnhaft waren, Anspruch auf Gewährung des 

vorübergehenden Schutzes haben (Ziff. I Bst. a). Ob dieser Kategorie nur 

die Personen ukrainischer Staatsangehörigkeit zuzuordnen sind, die keine 

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weitere Staatsangehörigkeit besitzen, lässt sich dem Wortlaut der Bestim-

mung nicht entnehmen. Gemäss Praxis des SEM erhalten Staatsangehöri-

ge aus EU- und EFTA-Staaten sowie Staatsangehörige des Vereinigten 

Königreichs, von Kanada, Neuseeland, Australien und den USA sowie de-

ren Familienangehörige grundsätzlich keinen vorübergehenden Schutz in 

der Schweiz (vgl. betreffend binationale Paare die Medienmitteilung des 

SEM vom 2. Juni 2022 < www.sem.admin.ch/sem/de/home/sem/medien/ 

mm.msg-id-89100.html >, abgerufen am 5.12.2022). Das SEM geht davon 

aus, dass diese Personen in den genannten Staaten wirksamen Schutz er-

halten und deshalb nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen sind. Es 

ist im Folgenden zu prüfen, ob diese Auslegung vor Bundesrecht standhält. 

6.2 Für die Normen des Verwaltungsrechts gelten die üblichen Me-
thoden der Gesetzesauslegung (HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, Allgemei-

nes Verwaltungsrecht, 8. Aufl. 2020, Rz. 177). Nach der bundesgerichtli-

chen Rechtsprechung ist ein Gesetz in erster Linie nach Wortlaut, Sinn und 

Zweck und den ihm zugrunde liegenden Wertungen auf der Basis einer 

teleologischen Verständnismethode auszulegen. Die Auslegung des Geset-

zes ist zwar nicht entscheidend historisch zu orientieren, im Grundsatz 

aber dennoch auf die Regelungsabsicht des Gesetzgebers und die damit 

erkennbar getroffenen Wertentscheidungen auszurichten, die es mithilfe 

der herkömmlichen Auslegungselemente zu ermitteln gilt. Dabei geht das 

Bundesgericht pragmatisch vor und lehnt es namentlich ab, die einzelnen 

Auslegungselemente einer hierarchischen Prioritätsordnung zu unterstel-

len (BGE 140 II 509 E. 2.6 m.H.). 

Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts besteht eine Lücke im Ge-

setz, wenn sich eine Regelung als unvollständig erweist, weil sie jede Ant-

wort auf die sich stellende Rechtsfrage schuldig bleibt oder eine Antwort 

gibt, die aber als sachlich unhaltbar angesehen werden muss. Hat der Ge-

setzgeber eine Rechtsfrage nicht übersehen, sondern stillschweigend – im 

negativen Sinn – mitentschieden (qualifiziertes Schweigen), bleibt kein 

Raum für richterliche Lückenfüllung. Eine echte Gesetzeslücke liegt nach 

der Rechtsprechung des Bundesgerichts dann vor, wenn der Gesetzgeber 

etwas zu regeln unterlassen hat, was er hätte regeln sollen, und dem Gesetz 

diesbezüglich weder nach seinem Wortlaut noch nach dem durch Ausle-

gung zu ermittelnden Inhalt eine Vorschrift entnommen werden kann. Von 

einer unechten oder rechtspolitischen Lücke ist demgegenüber die Rede, 

wenn dem Gesetz zwar eine Antwort, aber keine befriedigende, zu entneh-

men ist (vgl. zum Ganzen BGE 138 II 1 E. 4.2 m.H.). Aufgrund des 

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Rechtsverweigerungsverbots sind die rechtsanwendenden Organe dazu 

verpflichtet, echte Lücken zu füllen (HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, a.a.O., 

Rz. 206 f.). Unechte zu korrigieren, ist ihnen nach traditioneller Auffas-

sung grundsätzlich verwehrt, es sei denn, die Berufung auf den als mass-

geblich erachteten Wortsinn der Norm stelle einen Rechtsmissbrauch dar 

(vgl. BGE 141 V 481 E. 3.1 m.H.). 

Von der Berichtigung unechter Lücken zu unterscheiden ist der zulässige 

Vorgang richterlicher Rechtsfindung, bei welchem ein vordergründig kla-

rer, aber zu weit gefasster Wortlaut einer Norm auf den Anwendungsbe-

reich reduziert wird, welcher der ratio legis entspricht. Dies wird als teleo-

logische Reduktion bezeichnet (vgl. BGE 141 V 191 E. 3 m.H.; 140 I 305 

E. 6.2 m.H.; Urteil des BVGer F–512/2019 vom 9. September 2020 E. 7.1 

m.H.; grundlegend BGE 121 III 219 E. 1d/aa). 

6.3 Weder das Asylgesetz noch die Gesetzesmaterialien äussern sich 
ausdrücklich zur Rechtslage von Doppelbürgern oder binationalen Fami-

lien und Paaren bei der Gewährung vorübergehenden Schutzes. Zu beach-

ten ist allerdings, dass dem Asylgesetz der Grundsatz der Subsidiarität 

asylrechtlichen Schutzes zugrunde liegt. Dieser trägt unter anderem dem 

Umstand Rechnung, dass Asylsuchende, die mehrere Staatsangehörigkei-

ten besitzen, nicht auf den Schutz eines Drittstaates angewiesen sind, 

sofern sie in einem der Staaten, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzen, 

Schutz vor Verfolgung finden können (vgl. Art. 1 A Ziff. 2 Abs. 2 des 

Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge 

[FK, SR 0.142.30]; BVGE 2010/41 E. 6.5.1 m.H. auf EMARK 2000/15 

E. 12a; so auch schon WALTER KÄLIN, Grundriss des Asylverfahrens, 

1990, S. 34 f. m.H.). Nichts anderes kann für die Gewährung vorüberge-

henden Schutzes gemäss Art. 4 AsylG gelten. Würden Doppelbürgerinnen 

und -bürger, welche sowohl die ukrainische als auch die Staatsangehörig-

keit eines weiteren (verfolgungssicheren) Heimatstaates besitzen, in der 

Schweiz vorübergehenden Schutz erhalten, wären sie besser gestellt als 

Asylsuchende, welche die gleichen Staatsbürgerschaften besitzen und in 

der Schweiz um Schutz vor Verfolgung suchen: Letzteren würde der 

Schutz verweigert mit der Begründung, dass sie gegen die Verfolgung 

durch den einen ihrer Heimatstaaten den Schutz durch den anderen ihrer 

Heimatstaaten beanspruchen können (vgl. Art. 1 A Ziff. 2 Abs. 2 FK). 

Eine solche Besserstellung von Schutzsuchenden im Sinne von Art. 4 

AsylG wäre stossend und nicht im Sinne des Gesetzgebers. Der Wortlaut 

von Ziffer I Bst. a der Allgemeinverfügung ist folglich per teleologischer 

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Personen mit mehreren Staatsangehörigkeiten 

 

 

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Reduktion so auszulegen, dass sie dem Sinn und Zweck des 

vorübergehenden Schutzes und auch dem im Asyl- und Flüchtlingsrecht 

geltenden Subsidiaritätsprinzip entspricht. Daraus folgt im Verfahren um 

vorübergehenden Schutz, dass eine Person ukrainischer Staatsbürger-

schaft, welche vor dem 24. Februar 2022 in der Ukraine wohnhaft war, 

grundsätzlich nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen und entspre-

chend auch nicht als schutzbedürftig im Sinne von Art. 4 AsylG zu be-

zeichnen ist, wenn für sie eine valable Schutzalternative ausserhalb der 

Ukraine bejaht werden kann. 

6.4 Vorliegend ist unbestritten, dass die Beschwerdeführenden neben 
der ukrainischen auch die kanadische Staatsbürgerschaft besitzen. Den an-

lässlich der Befragungen vom 23. Juni 2022 protokollierten Ausführungen 

ist zu entnehmen, dass einer dauerhaften Rückkehr in den (zweiten) Hei-

matstaat Kanada unter dem Aspekt der Sicherheit nichts entgegensteht. 

Die Beschwerdeschrift vermag diese Auffassung nicht infrage zu stellen. 

Die Schwierigkeiten, welche sich aus der Weigerung ergeben, sich gegen 

das Covid-19-Virus zu impfen, sind vorliegend nicht relevant, zumal – wie 

das SEM richtig festhält – die Regelungen in Kanada die gesamte Bevöl-

kerung in gleicher Weise betreffen und sie zudem gelockert wurden. Die 

Impfpflicht sowie sämtliche Coronamassnahmen wurden per Ende Sep-

tember 2022 selbst für Einreisende aufgehoben (vgl. Das Coronavirus und 

die eTA Kanada, < visumantrag.de/kanada/corona >, abgerufen am 

5.12.2022). Auch die Möglichkeit, in Kanada legal Marihuana kaufen und 

konsumieren zu können, vermag an dieser Einschätzung nichts zu ändern. 

6.5 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführen-
den die Voraussetzungen für die Gewährung des vorübergehenden Schut-

zes nicht erfüllen und das SEM das Gesuch zu Recht abgelehnt hat.