# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** fdc15779-558c-51d1-900d-5651d50618e7
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2020-05-28
**Language:** de
**Title:** Paraplegiker kann grundsätzlich 50 % arbeiten, braucht aber freien Tag in der Woche sowie zusätzliche Pausen zwecks Muskel- und Hautentlastung sowie Katheterisierung. Arbeitsfähigkeit unter 40 %.
**Docket/Reference:** IV.2018.00672
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2018.00672.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2018.00672
III. Kammer
Sozialversicherungsrichter Gräub, Vorsitzender
Sozialversicherungsrichterin Daubenmeyer
Ersatzrichterin Tanner Imfeld
Gerichtsschreiber Sonderegger
Urteil
vom
28. Mai 2020
in Sachen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch
Dr.
Y.___
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
weitere Verfahrensbeteiligte:
BVG-Sammelstiftung Swiss Life
c/o Swiss Life AG
General-Guisan-Quai 40, Postfach, 8022 Zürich
Beigeladene
Sachverhalt:
1.
1.1
X.___
, geboren 1977, absolvierte eine Lehre als Automechaniker und arbeitete hernach ab
1.
September 1997 als Holzarbeiter (
Urk.
7
/3
Ziff.
6.2 und
Urk.
1 S. 3). Am
5.
September 1997 stürzte er bei der Arbeit in einem Helikopter ab, bei welchem Unfall zwei Personen starben (
Urk.
3/3
und
Urk.
3/5
). Der Ver
sicherte erlitt dabei eine instabile Kompressions- und Luxationsfraktur am Brust
wirbelkörper 9/10 mit sensomotorisch kompletter Paraplegie
sub
Th10 (
Urk.
7
/1/2
).
Am
2.
Oktober 1997 meldete er sich bei der Invalidenversicherung zum Leis
tungs
bezug an (
Urk.
7
/3). Mit Verfügungen vom 2
5.
Juli 2003 (
Urk.
7
/23-26) sprach ihm die IV-Stelle des Kantons Tessin gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 69
%
mit Wirkung ab
1.
September 1998 eine ganze Rente der Invalidenversicherung zu. Dabei koordinierte sie mit der Suva, welche dem Versicherten mit Verfügung vom
7.
Juli 2003 (
Urk.
7
/131/6-8) mit Wirkung ab
1.
Januar 2003 ebenfalls basie
rend auf einer Erwerbseinbusse von 69
%
eine Invalidenrente gewährt hatte. Im Rahmen der
4.
IV-Revision wurde die Rente mit Verfügung vom 2
4.
Mai respek
tive 1
3.
September 2004 (
Urk.
7
/31 und
Urk.
7
/30/3-6) bei gleichem Invaliditäts
grad auf eine
Dreiviertelsrente
herabgesetzt.
1.2
Ein im Jahr 2007 (
Urk.
7
/37) durch die – wegen Wohnortswechsel nunmehr zu
ständige - Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, eingeleitetes Revisionsverfahren ergab keine Änderung des Invaliditätsgrades (rentenbestä
ti
gen
de Mitteilung vom
7.
Dezember 2007,
Urk.
7
/50). Im
Rahmen eines im
Jahr
2013 (
Urk.
7
/63) eingeleiteten erneuten Rentenrevisionsverfahrens hob die IV-Stelle
mit Verfügung vom 2
7.
November 2015 (
Urk.
7/150
) die Rente nach Zu
stellung der Verfügung auf Ende des folgenden Monats auf
;
dies aufgrund von Einkünften, welche der Versicherte im Zusammenhang mit seinen sportlichen Aktivitäten
(unter anderem Teilnahme an den paraolympischen Spielen 2014)
erzielt hatte. Sodann
stellte
sie
für die Zeit von Januar 201
0
bis 1
0.
Januar 2014 eine Verletzung der Meldepflicht samt Pflicht zur Rückerstattung der zu Unrecht
bezogenen
Dreiviertelsrente
fest und stellte diesbezüglich eine separate Verfü
gu
ng in Aussicht
.
A
uf erhobene Beschwerde hin
hob das hiesige Gericht die Verfügung vom 2
7.
November 2015
mit Urteil vom 2
9.
Juni 2017 (
Urk.
7/237) auf und stellte einen unveränderten Rentenanspruch
des Versicherten fest; dies unter Hinweis auf bloss marginale Einkünfte (E. 4.1.2), auf die rechtsprechungsgemässe Pflicht der IV-Stelle zur Gewährung von Eingliederungsmassnahmen nach langjährigem Rentenbezug (E. 4.3) sowie auf die unklare mediz
i
nische Situation (E. 5.1).
Bereits m
it Mitteilung vom 1
2.
Juni 2015 (
Urk.
7
/117)
hatte
die IV-Stelle eine berufliche Abklärung (BEFAS) im
Z.___
für die Dauer von vier Wochen ab 1
5.
Juni
2015 und mit Mitteilung vom 2
5.
September 2015 (
Urk.
7
/127) ein Auf
bautraining vom
2.
Oktober bis 2
1.
Dezember 2015 (
Urk.
7
/127)
bei der Firma
A.___
samt Verlängerung bis 3
1.
März 2016 (Mitteilung vom 1
5.
Dezember 20
15,
Urk.
7
/153)
gewährt
.
Am 1
1.
Juli 2016 (
Urk.
7/180) erfolgte die Kostengutsprache für ein Aufbautraining
(
selbenorts
)
vom 1
1.
Juli 2016 bis 1
3.
Januar 201
7.
1.3
Am 2
1.
Dezember 2016 (
Urk.
7/203) meldete der Versicherte unter Hinweis auf die beim Aufbautraining gemachten Erfahrungen
mit möglicher Anwesenheits
zeit am Arbeitsplatz von 3½ Stunden und einer effektiven Leistung von 2¾ Stun
den pro Tag
eine gesundheitliche Verschlechterung und ersuchte
- parallel zu den
laufenden beruflichen Massnahmen -
um Erhöhung der Rente.
Die IV-Stelle tätig
te medizinische und erwerbliche Abklärungen und gewährte
am 2
6.
Januar 2017 (
Urk.
7/218) - im Rahmen der beruflichen Eingliederung - Arbeitsvermittlung vom
1
9.
Januar bis 3
0.
September
201
7.
In der Folge
fand
der Versicherte
keine Arbeitsstelle auf dem freien Arbeitsmarkt, konnte indes
am 1
1.
September 2017 eine Stelle
im geschützten Rahmen (
Urk.
7/289/3)
als Mitarbeiter Rechnungs
we
sen bei der
A.___
, wo er die beruflichen Massnahmen absolviert hatte,
in einem Pensum von 16 Wochenstunden antreten (
Urk.
7/280
und
Urk.
1 S.
13
).
Nach durchgeführtem
Vorbescheid
verfahren
wies die IV-Stelle das Renten
erhöhungsgesuch mit Verfügung vom 1
9.
Juni 2018 (
Urk.
2) ab.
2.
Hiergegen erhob der Versicherte am 2
0.
August 2018 (
Urk.
1) Beschwerde mit den folgenden Anträgen (S. 2):
1.
Es sei die Verfü
g
u
ng vom 1
9.
Juni 2018 aufzuheben.
2.
Es sei das
Valideneinkommen
neu zu bestimmen.
3.
Es sei zu klären, mit welchem Pensum der
Versicherte
am Arbeitsplatz an
wesend sein kann und welche Leistungs-/Arbeitsfähigkeit daraus resultiert.
4.
Eventualiter: Es sei ein externes Gutachten in Auftrag zu geben, welches die Anwesenheit am Arbeitsplatz (Pensum) und die effektive Arbeits-/Leistungs
fähigkeit bestimmt.
5.
Es sei das Invalideneinkommen neu zu bestimmen.
6.
Es sei der Invaliditätsgrad neu zu bestimmen.
7.
Es seien die IV-Akten beizuziehen.
Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerde
gegnerin.
Die IV-Stelle ersuchte am 2
0.
September 2018 (
Urk.
6) um Abweisung der Be
schwerde. Mit Verfügung vom
4.
Februar 2020 (
Urk.
9) holte das Gericht von der
behandelnden Uniklinik
B.___
einen schriftlichen Bericht ein, welcher am
6.
März
2020 (
Urk.
13) erstattet wurde.
Die Parteien verzichteten auf eine Stell
ung
nahme hierzu (
Urk.
17 und
Urk.
19).
Mit Gerichtsverfügung vom 2
3.
April 2020 (
Urk.
20) wurde die BVG-Sammelstiftung Swiss Life zum Prozess beigeladen, welche auf eine Stellungnahme verzichtete (
Urk.
23).
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Gesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Be
einträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vor
liegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heit
lichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, her
abgesetzt oder aufgehoben (
Art.
17
Abs.
1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit Zusprechung der Rente, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des Gesundheitszustandes revidierbar. Weiter sind, auch bei an sich gleich gebliebe
nem Gesundheitszustand, veränderte Auswirkungen auf den Erwerbs- oder Auf
gabenbereich von Bedeutung (BGE 141 V 9 E. 2.3, 134 V 131 E. 3). Hingegen ist die lediglich unterschiedliche Beurteilung eines im Wesentlichen gleich geblie
benen Sachverhalts im revisionsrechtlichen Kontext unbeachtlich (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, ist der Rentenanspruch in recht
licher und tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig») zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin wies das Rentenerhöhungsbegehren ab mit der Begrün
dung (
Urk. 2), de
m
Beschwerdeführer
sei eine Anwesenheit an einem Arbeitsplatz im Umfang von 50
%
zumutbar, wobei er eine Leistung von 80
%
erbringe. Eine ang
e
passte Tätigkeit sei in einem Pensum von 40
%
möglich.
Ausgehend von einem Einkommensvergleich aufgrund statistische
r
Löhne (
Valideneinkommen
: Garten- und Landschaftsbau Niveau 2, Invalideneinkommen: Sekretariats- und Schreibdienst Niveau 2) ergebe sich unter Berücksichtigung eines Abzuges vom Tabellenlohn von 10
%
ein Invaliditätsgrad von 64
%
.
2.2
Der Beschwerdeführer hielt dagegen (
Urk.
1), er könne ein Pensum von 40
%
knapp leisten, was zu einer effektiven Arbeitsleistung von 32
%
führe. Als Folge der nun ausgeübten Hilfstätigkeit könne nur ein niedrigeres Einkommen generiert werden, als dies nach der Absolvierung der 4-jährigen Lehre als Automechaniker der Fall gewesen wäre. Da sich Teilzeitarbeit
bei Männern zusätzlich lohnsenkend auswirke, habe dies einen IV-Grad von 80
%
zur Folge, was einen Anspruch auf eine ganze Rente ergebe (S. 21).
2.3
Als Vergleichszeitpunkt gilt vorliegend die erstmalige
Rentenzusprache
vom
2
5.
Juli 2003 (
Urk.
7
/23-26)
. Die Herabsetzung auf eine
Dreiviertelsrente
am
2
4.
Mai respektive 1
3.
September 2004 (
Urk.
7
/31 und
Urk.
7
/30/3-6)
erfolgte
bei
unverändertem Invaliditätsgrad aufgrund der Gesetzesrevision und nicht wegen veränderten Verhältnissen. Die
renten
bestätigende
Mitteilung
vom
7.
Dezember 2007
(
Urk.
7
/50
) basierte auf einem Formularbericht des Hausarztes (
Urk.
7/40), was nicht einer umfassenden Abklärung
gleichkommt
(Urteil des
Bundesgerichts 9C_52/2016 vom 2
3.
März 2016 E. 3.2
).
Die rentenaufhebende Verfügung vom
2
7.
November 2015 (
Urk.
7/150) wurde vom hiesigen Gericht mit Urteil vom 2
9.
Juni
2017 (
Urk.
7/237) aufgehoben, dies indes wegen (bislang) fehlenden Inte
grationsbemühungen und ohne sich verbindlich zur medizinischen Seite zu äussern (E. 4.2.4 und E. 5.1).
Die ursprüngliche
Rentenzusprache
erfolgte ohne eigene
medizinische
Abklä
rungen der Invalidenversicherung. Sie koordinierte mit der Suva, welche ihrer
seits
dem Beschwerdeführer eine Invalidenrente der Unfallversicherung basierend auf einem Erwerbsunfähigkeitsgrad von 69
%
zugesprochen hatte (Verfügung vom
7.
Juli 2003,
Urk.
7/131/6-8). Die Suva ging dabei von einer halbtägigen Arbeits
fähigkeit des Beschwerdeführers in einer leichten Tätigkeit aus (
Urk.
7/9/57).
3.
3.1
Dr.
med.
C.___
, Ärztliche Leitung Ambulatorium, Zentrum für Paraplegie, Uniklinik
B.___
, attestierte am 2
3.
Januar 2017 (
Urk.
7/225/6) zu Händen der Arbeitslosenversicherung aus
medizinisch
-theoretischer Sicht bei der vorlie
gen
den Querschnittlähmung eine Arbeitsfähigkeit von 50
%
. Dabei führte er aus,
diese werde durch ei
n
e
belastungsabhängige Schmerzproblematik reduziert, we
lche aktuell durch eine inadäquate Ro
l
lstuhlanpassung/Sitzkissen-Zustand begründet sei. Diese Änderungen seien not
w
endig, da im Gegensatz zum Alltag am Arbeits
platz eine optimale Rollstuhl-/respektive Sitzversorgung eine zwingende Voraus
setzung seien. Neben der aktiven re
gel
m
ä
ssigen Ent
l
astung (Abheben und Druck
entla
s
tung, Liegepausen) sollte die arbeitsbedingte Sitzposition optimal einge
stel
lt sein. Eine definitive Beurteilung der Arb
e
itsf
ä
higkeit sei erst nach einer optimalen Einstellung der Hilfsmittel möglich.
3.2
Dipl. med.
D.___
, Facharzt für Neurologie sowie für Psychiatrie und Psycho
therapie, vom regionalen ärztlichen Dienst der Beschwerdegegnerin, führte am 2
7.
April 2017 (
Urk.
7/281/3) aus, die Eingliederungsbemühungen hätten gezeigt, dass der Beschwerdeführer motiviert die neuen
Herausforderungen
angegangen
habe. Es bestünden jedoch erhe
b
l
iche funktionelle Einschränkungen, welche die Arbeitsfähigkeit bei ca. 30
%
einer angepassten Tätigkeit begrenzten. Infolge
Ablehnung der Umschulung qualifiziere
sich
der Beschwerdeführer entsprechend seiner intellektuellen Leistungsfähigkeit nur für einfache, repetitive Tätigkeiten, welche sitzend ausgeführt werden könnten. Zudem sei von einem deutlich erhöhten Pausenvolumen infolge Blasenstörung auszugehen. Zudem benötige er eine verlängerte Einarbeitungszeit.
3.3
Hausarzt
Dr.
med.
E.___
, FMH Allgemeine Innere Medizin,
verwies
in seinem Bericht vom 2
2.
Janu
a
r 2018 (
Urk.
7/278/3-4)
auf
Rückenschmerzen, die bei der sitz
e
nden Tätigkeit aufträten,
und
ging von einer
Arbeitsfähigkeit
von
vier Mal
einen halben Tag pro Woche und damit 40
%
aus (
Ziff.
2.2 und
Ziff.
4.2).
3.4
Dr.
C.___
schildert
e
im Bericht vom 3
1.
Januar 2018 (
Urk.
3/33) über die am
bulante Verlaufskontrolle vom 2
3.
Januar 2018 als Befunde unter anderem
eine Braunfärbung der Haut im Gesässbereich rechts mit abgeheilter Narben
bildung bei chronischer Drucküberlastung. Er befand die aktuelle Arbeitsfähigkeit von 40
%
aufgrund der verschiedenen Komplikationsmöglichkeiten als adäquat.
3.5
Im Rahmen der verwaltungsinternen Fallbesprechung vom 1
4.
Februar 2018 (
Urk.
7/281/8)
wurden die
Aussagen von
dipl.
med.
D.___
wie folgt wiederge
geben: Die Blasenfunktion sowie die Muskulatur hätten sich verbessert. Der Profi
sport habe dem Beschwerdeführer viele körperliche Vorteile gebracht. Er habe seine
Muskulatur gezielt trainieren (habe die Spasmen verbessert) und regel
mässig die Körperposition wechseln können. Durch die beeinträchtigte Blasen
funktion sei der Beschwerdeführer auf eine regelmässige Katheterisierung ange
wiesen, wofür er ca. 15 Minuten brauche. Der Beschwerdeführer habe keine starke
n Spasmen, keine Dekubiti oder sonstige Leiden, die eine zusätzliche Einschränkung der 40%igen Arbeitsfähigkeit nachvollziehbar begründeten.
3.
6
Dr.
C.___
führte im vom Gericht eingeholten Bericht vom
6.
März 2020 (
Urk.
13) aus, beim Beschwerdeführer bestehe seit 1997 eine unfallbedingte Quer
schnittlähmung (Paraplegie, sensomotorisch komplett
sub
Th10) in aktuell stabi
lem und seit Juni 2018 gleichbleibendem Zustand. Aufgrund der Querschnitt
lähmung sei er für die Fortbewegung zwingend auf einen Rollstuhl angewiesen und die Blasen- und Darmentleerung erfolge kontrolliert mit Hilfsmitteln. Im Hin
blick auf die berufliche Tätigkeit bestünden chronische Komplikationen im Zu
sammenhang mit längerem Sitzen in Form von belastungsabhängigen Rücken
schmerzen und Hautüberlastungen im Gesässbereich, Schwellungen der Beine (orthostatische Ödeme) und Spastik. Aufgrund der folglich eingeschränkten Sitz
dauer sei die Anwesenheit an einem Arbeitsplatz auf 4 x 4 Stunden pro Tag (Total 16 Stunden pro Woche) zu begrenzen, wobei der Mittwoch als Erholungstag notwendig sei.
Dr.
C.___
hielt sodann fest, die Haut- und Rückenproblematik (und im Weiteren auch die Schwellung der Beine und Spasmen) stünden in einem direkten zeitlichen Zusammenhang mit der Belastung im Sitzen. Die Sitzdauer in der beruflichen Tätigkeit müsse infolgedessen soweit reduziert werden, dass keine Verschlechterung des Gesamtzustandes eintreten könne.
Zur Entleerung der Blase (Katheteri
si
eren) benöt
ig
e der Beschwerdeführer bei einem halbtägigen Arbeitseinsatz 2 x 15 Minuten. Zusätzlich werde wegen
Rückenschmerzen
eine Entspannungspause mit Abliegen von
weiteren
15 Minu
ten benötigt. Somit gehe er von einer verwertbaren Arbeitszeit von 3 Stunden 15
Minuten bei einer halbtägigen Tätigkeit von 4 Stunden aus.
Bezüglich der Gesässproblematik (Druckschädigung) führe der Beschwerdeführer ein regelmässiges Abheben durch, welches nicht auf die Leistungsfähigkeit Ein
fluss nehme. Die
Rückenschmerzen
würden durch die zuvor erwähnten Entspan
nungspausen reduziert.
Dr.
C.___
ergänzte, die berufliche Tätigkeit an den dafür vorgesehenen Tagen sollte an einem Stück erfolgen, um die verbleibende Tageszeit zur Erholung/
Ge
säss-, Haut- und Rückenentlastung
sowie zur Durchführung eines regelmässigen Bewegungstrainings und Physiotherapie optimal zu nutzen.
4.
4.1
Aufgrund der im Recht liegenden ärztlichen Berichte ist nunmehr erstellt, dass dem Beschwerdeführer
die
anfänglich postuliert
e Präsenzzeit von
50
%
an einer Arbeitsstelle
nicht
zumutbar ist. Diese Einschätzung von
Dr.
C.___
(E.
3.1) erfolgte ohne Bezug auf
die
konkrete Situation
des Beschwerdeführers
und
d
er
Arzt
nahm dabei Bezug auf allgemein anzunehmende Werte. Wenig später stellte
dipl.
med.
D.___
klar, dass sich aufgrund der praktischen Erprobung eine erheblich tiefere Leistungsfähigkeit zeigte (E. 3.2). In der Folge gingen alle Ärzte von einer
grundsätzlichen Arbeitsfähigkeit
von 40
%
aus (E. 3.3-6) und es blieb nurmehr die Frage offen, ob der Beschwerdeführer
, welcher
ausgewiesenermassen
während der Arbeitszeit auf vermehrte Pausen angewiesen ist,
halbtags oder nur an vier halben Tagen anwesend sein kann.
4.2
Mit seinem detaillierten Berich
t vom
6.
März 2020 (E. 3.6) prä
zi
si
erte
Dr.
C.___
nun in nachvollziehbarer Weise, dass der Beschwerdeführer lediglich an vier Hal
b
tagen zur Arbeit erscheinen kann und dabei zusätzliche Pausen von 45 Minuten benötigt.
Der Verweis auf die chronische
n
Komplikationen im Zusammenhang mit längerem Sitzen in Form von belastungsabhängigen Rückenschmerzen und Hautüberlastungen im Gesässbereich, Schwellunge
n der Beine und Spastik leuch
tet ohne W
eiteres ein
und dabei insbesondere, dass der Beschwerdeführer zwi
schen den Arbeitsblöcken von je zwei Tagen einen Erholungstag braucht.
Denn durch die Arbeit fehlt ihm die Zeit zur Prophylaxe durch Training und Positions
wechsel, was sich langfristig bereits in Verletzungen der Haut im Gesässbereich und vermehrten Rückenschmerzen gezeigt hat.
Dies hatte sich bereits
Anf
ang 2016 abgezeichnet, als d
e
r Ver
antwortliche der
A.___
über eine Schmerzzunahme in der zweiten Januarhälfte 2016 (bei einer Präsenz von fünf halben Tagen pro Woche) berichtete, nachdem er die ersten Wochen nach den Weihnachtsferien fast schmerzfrei hatte arbeiten können (Abschlussbericht vom 1
9.
April 2016,
Urk.
7/174).
Im Bericht der
A.___
vom
5.
Dezember 2016 (
Urk.
7/289) über das seit 1
1.
Juli 2016 dauernde Arbeits
trai
ning wurde über eine Präsenzzeit von fünf Tagen à 3½ Stunden berichtet bei erhöhtem Pausenbedarf. Durch das Arbeitstraining wurde deutlich sichtbar, dass die Arbeitszeit nicht gesteigert werden kann
, stieg doch die Schmerzbelastung gegen Ende der Woche jeweils an.
4.3
Bei dieser Aktenlage ist erstellt, dass der Beschwerdeführer lediglich an vier hal
ben Tagen arbeiten kann und in dieser Zeit zusätzlich im Umfang von 45 Minuten zusätzlicher Pausen bedarf. Die Beschwerdegegnerin bestritt denn diese Umstände
zuletzt auch nicht mehr (
Urk.
19).
Damit ist von einer möglichen pro
duktiven Arbeitszeit von 13 Stunden auszugehen, was gemessen an der durch
schnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit von 41.7 Stunden (Betriebsübliche Arbeits
zeit nach Wirtschaftsabteilungen, Bundesamt für Statistik, T 03.02.03.01.04.01) einer
Arbeitsfähigkeit
von 31
.2
%
entspricht.
Eine wesentliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes ist somit ausgewiesen.
5.
5.1
Damit
resultiert bei Abstellen auf die von der Beschwerdegegnerin verwendeten Vergleichseinkommen
- bei 31.2%iger statt 40%iger Arbeitsfähigkeit
–
ein
An
spruch auf eine ganze Rente. Einem
Valideneinkommen
von
Fr.
66'396.65 steht ein Invalideneinkommen von
Fr.
18'644.20 gegenüber (
Fr.
23'902.79 : 40 x 31.2), was einem Invaliditätsgrad von 71.9
%
entspricht.
5.2
Bei diesem Ergebnis müssen die exakten Vergleichszahlen nicht weiter beleuchtet werden. Dies würde jedenfalls nicht zu einem für den Beschwerdeführer nach
teiligen Resultat führen.
Immerhin ist anzumerken, dass d
er Beschwerdeführer eine Ausbildung als Auto
mechaniker absolviert
hat
und nach der Rekrutenschule im Forstdienst tätig
war
. Er wurde offenbar auch wegen seines Berufes angestellt, da er in der Reparatur
von Autos und Maschinen im Wald und in der Werkstatt eingesetzt werden konnte
(
Urk.
1 S. 19). Ob er weiter im Forst tätig geblieben wäre, ist nicht erstellt. Jeden
falls
ist anzunehmen, dass
er nicht lediglich als Hilfsarbeiter tätig
wäre
. Wollte man demgemäss auf ein
Valideneinkommen
im gelernten Beruf als Automech
aniker abstellen ergäbe sich ein Wert von
Fr.
5'520.-- (LSE 2014 TA1
Ziff.
45-46
Grosshandel; Handel und Reparatur von Motorfahrzeugen, Anforderungsniveau 2
)
statt der von der Beschwerdegegnerin verwendete Wert von
Fr.
5'179.--,
Urk.
2 S.
3)
.
Ob es dem Beschwerdeführer tatsächlich möglich ist, im Bereich «Sekretariats- und Schreibdienste» im Anforderungsniveau 2 einen Lohn von
Fr.
5'
179
.-- zu erzielen, ist fraglich. Er hat wohl ein Arbeitstraining im Bürobereich absolviert,
indessen keine Ausbildung genossen. Der Integrationsberater der
A.___
erach
t
ete den Zugang in den ersten Arbeitsmarkt wegen der fehlenden Qualifika
tions
nach
weise zum kaufmännischen
Angestellten
als sehr erschwert bis unmög
lich (
Urk.
7/280/4).
Ein Abstellen auf das tiefste Qualifikationsniveau hätte ent
spre
chend ein tieferes Invalideneinkommen und einen höheren Invaliditätsgrad zur Folge.
Anzumerken bleibt schliesslich, dass d
ie Beschwerdegegnerin dem Beschwerde
führer
zutreffenderweise
einen Abzug vom Tabellenlohn gewährt
hat
unter Hin
weis
auf eine Lohnminderung aufgrund des tiefen Pensums. Die Differenz im erwähnten Pensum (25 bis 49
%
) beträgt nach der Tabelle T 18 der Lohnstruk
tur
erhebung 2014, welche vorliegend anwendbar ist, bei Männern ohne Kaderfunk
tion knapp 14
%
. Damit ist es fraglich, ob der Abzug von 10
%
ausreichend bemessen ist, was beim vorliegenden eindeutigen Resultat indes nicht weiter von Bedeutung ist.
5.3
Damit steht fest, dass der Beschwerdeführer im Ausmass von über 70
%
invalid ist, weshalb ihm eine ganze Rente der Invalidenversicherung zusteht.
Die Ein
schränkungen wurden im Rahmen der seit
2.
Oktober 2015 dauernden
beruf
li
chen Massnahmen festgestellt
, effektiv gemeldet wurden sie im Zusammenhang mit den fehlenden Fortschritten beim Aufbautraining ab 1
1.
Juli 2016 und in der Folge seitens der Ärzte bestätigt. Damit dauerte die Verschlechterung im Zeit
punkt der Meldung und dem Gesuch um Rentenerhöhung vom 2
1.
Dezember 2016 (
Urk.
7/203) bereits drei Monate (
Art.
88a
Abs.
2 der Verordnung über die Invalidenversicherung, IVV), weshalb ab diesem Zeitpunkt (
Art.
88
bis
Abs.
1
lit
. a IVV
) und damit ab
1.
Dezember 2016 Anspruch auf eine ganze Rente besteht. Dies führt zur Gutheissung der Beschwerde.
6.
6.1
Die
Kosten
des
Verfahrens
gemäss
Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind auf Fr. 1’000.-- festzusetzen und entsprechend dem Ausgang
des
Verfahrens
der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
6
.2
De
m
Beschwerdeführer
steht
ausgangsgemäss
eine Prozessentschädigung zu, welche vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit
des
Prozesses, dem Zeitaufwand und den Barauslagen festgesetzt wird (§ 34 Abs. 1 und 3
des
Gesetz
es
über das Sozial
ver
sicherungsgericht,
GSVGer
)
und
- nach Einsicht in die Kostennote vom
4.
Oktober 2018 (
Urk.
22) sowie unter Hinweis auf den
praxisgemässen
Stundensatz für Juristinnen und Juristen von
Fr.
185.-- nebst Barauslagen und
MWSt
- mit
Fr.
2‘760.20
(inkl. Barauslagen
und
MWSt
)
zu bemessen ist.
Das Gericht erkennt:
1.
In Gutheissung der Beschwerde wird die angefochtene Verfügung vom 1
9.
Juni 2018 aufgehoben und es wird festgestellt, dass der Beschwerdeführer ab
1.
Dezember 2018 Anspruch auf eine ganze Rente der Invalidenversicherung hat.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
1’000
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt. Rechnung
und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zu
gestellt.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird
verpflichtet,
dem Beschwerdeführer
eine Prozessent
schädigung von
Fr.
2'760.20
(inkl. Barauslagen und
MWSt
) zu bezahlen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Dr.
Y.___
unter Beilage einer Kopie von
Urk.
23
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
, unter Beilage einer Kopie von
Urk.
22-23
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
-
BVG-Sammelstiftung Swiss Life
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Der VorsitzendeDer Gerichtsschreiber
GräubSonderegger