# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 185dc367-eb77-5b6d-8042-d73796fad840
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2022-02-10
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 10.02.2022 F-23/2022
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_F-23-2022_2022-02-10.pdf

## Full Text

B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i f  f éd é r a l  

T r i b u n a l e  am m in i s t r a t i vo  f e d e r a l e  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i v  fe d e r a l  

 
 
    
 

 

 

  

 

 Abteilung VI 

F-23/2022 

 

 
 

  U r t e i l  v o m  1 0 .  F e b r u a r  2 0 2 2  

Besetzung 
 Einzelrichter Fulvio Haefeli, 

mit Zustimmung von Richterin Esther Marti,   

Gerichtsschreiber Michael Spring. 
 

 
 

Parteien 
 A._______, geboren (…), alias 

B._______, geboren (…), alias 

C._______, geboren (…), 

Syrien,   

vertreten durch MLaw LL.M. Fabian Baumer-Schuppli, HEKS 

Rechtsschutz Bundesasylzentren Ostschweiz, Schön-

talstrasse 2, 9450 Altstätten SG,  

Beschwerdeführer,  

 
 

 
gegen 

 
 

Staatssekretariat für Migration SEM,  

Quellenweg 6, 3003 Bern,    

Vorinstanz.  

 
 

 
 

Gegenstand 
 Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Ver-

fahren);  

Verfügung des SEM vom 22. Dezember 2021 / N (…). 

 

 

 

F-23/2022 

Seite 2 

Sachverhalt: 

A.  

Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer seinen Heimat-

staat zusammen mit seinem minderjährigen Bruder D._______, alias 

E._______ (N…), geboren am (…), im August 2021. Sie suchten am 8. No-

vember 2021 in der Schweiz um Asyl nach. Am 12. November 2021 nahm 

die Vorinstanz die Personalien des Beschwerdeführers auf. Dabei gab er 

an, mit F._______ über einen weiteren Bruder in der Schweiz zu verfügen. 

B.  

Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Eurodac) 

ergab, dass der Beschwerdeführer und D._______ am 7. Oktober 2021 in 

Österreich Asylgesuche gestellt hatten. 

C.  

Am 16. November 2021 führte die Vorinstanz das persönliche Gespräch 

gemäss Art. 5 Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-

ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und 

Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines 

von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-

staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-

gend: Dublin-III-VO) mit dem Beschwerdeführer durch. Dabei gewährte sie 

ihm das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und 

der Möglichkeit einer Überstellung nach Österreich, welches grundsätzlich 

für die Behandlung seines Asylgesuchs zuständig sei.   

D.  

Am 22. November 2021 führte die Vorinstanz mit D._______ die Erstbefra-

gung für unbegleitete Minderjährige durch.  

E.  

Am 24. November 2021 ersuchte die Vorinstanz die österreichischen Be-

hörden um Rückübernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 

Bst. b Dublin-III-VO. Gleichentags ersuchte es um Rückübernahme von 

D._______ gemäss Art. 11 Dublin-III-VO. Dem erstgenannten Gesuch 

wurde am 7. Dezember 2021 entsprochen. Mit Bezug auf D._______ teil-

ten die österreichischen Behörden am 25. November 2021 mit, dem Ersu-

chen können nicht zugestimmt werden, da diesem die schriftliche Einschät-

zung des Jugendwohlfahrtträgers fehle, welcher das Kindeswohl prüfe. 

Des Weiteren werde auf Art. 8 Abs. 1 Dublin-III-VO verwiesen. Es sei be-

reits ein Familienangehöriger von D._______ rechtmässig in der Schweiz 

F-23/2022 

Seite 3 

anwesend und erstgenannter habe angegeben, bei diesem verbleiben zu 

wollen. 

F.  

Mit Verfügung vom 22. Dezember 2021 (eröffnet am 27. Dezember 2021) 

trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) 

auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein und wies ihn nach 

Österreich weg, welches gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung seines 

Asylgesuche zuständig ist. Gleichzeitig stellte das SEM fest, einer allfälli-

gen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wir-

kung zu. 

G.  

Am 23. Dezember 2021 teilte die Vorinstanz der Vertretung von D._______ 

mit, das Dublin-Verfahren werde beendet und das nationale Asyl- und Weg-

weisungsverfahren durchgeführt.  

H.  

Mit Beschwerde vom 3. Januar 2022 an das Bundesverwaltungsgericht 

beantragte der Beschwerdeführer, die Verfügung vom 22. Dezember 2021 

sei aufzuheben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten. Eventualiter sei 

die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In pro-

zessualer Hinsicht beantragte er einen superprovisorisch anzuordnenden 

Vollzugsstopp und die Gewährung der aufschiebenden Wirkung sowie der 

unentgeltlichen Prozessführung.  

I.  

Mit Anordnung vom 4. Januar 2022 setzte der Instruktionsrichter den Voll-

zug der Überstellung per sofort einstweilen aus. Gleichentags lagen die 

Akten dem Bundesverwaltungsgericht in elektronischer Form vor.  

J.  

Mit Vernehmlassung vom 18. Januar 2022 liess sich die Vorinstanz ergän-

zend vernehmen und hielt an ihrer Verfügung fest. 

K.  

Mit Replik vom 1. Februar 2022 liess sich der Beschwerdeführer ergän-

zend vernehmen und hielt an dem in der Beschwerde Vorgebrachten fest. 

  

F-23/2022 

Seite 4 

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 

1.  

1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-

schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den 

Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-

waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne 

von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher 

zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-

det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – 

endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).  

1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, 

soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 

1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der 

Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist 

durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-

würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist 

daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 

Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-

schwerde ist einzutreten. 

2.  

2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich 

Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder 

unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt 

werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 

2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das 

SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen 

(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-

deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu 

Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 

2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).  

2.3 Seit einem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 

21. Dezember 2017 können sich Asylsuchende in Beschwerdeverfahren 

gegen Überstellungsentscheidungen auch in der Schweiz auf die richtige 

Anwendung sämtlicher objektiver Zuständigkeitskriterien der Dublin-III-VO 

berufen (vgl. BVGE 2017 VI/9 E. 5 [insb. E. 5.3.2] m.w.H.).  

F-23/2022 

Seite 5 

3.  

Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich begründet und ist im Ver-

fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten 

Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin zu behandeln (Art. 111 

Bst. e AsylG). 

4.  

4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-

chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des 

Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a 

Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen 

Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO. 

Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die 

Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-

fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt 

hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2). 

4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem 

einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als 

zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-

ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat 

erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).  

4.3 Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) 

sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der 

dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskri-

terien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Si-

tuation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in ei-

nem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im 

Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet dem-

gegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Ka-

pitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). 

4.4 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet, 

einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an-

deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet 

eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe 

der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b 

Dublin-III-VO). 

F-23/2022 

Seite 6 

5.  

Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der "Euro-

dac"-Datenbank ergab, dass dieser am 7. Oktober 2021 in Österreich ein 

Asylgesuch eingereicht hatte. Das SEM ersuchte deshalb die österreichi-

schen Behörden am 24. November 2021 um Wiederaufnahme des Be-

schwerdeführers. Diese stimmten dem Gesuch am 7. Dezember 2021 ge-

stützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO zu. Die grundsätzliche Zustän-

digkeit Österreichs ist somit gegeben. 

6.  

6.1 Der Beschwerdeführer beruft sich mit Art. 10 und Art. 11 Dublin-III-VO 

auf Zuständigkeitsnormen, welche auf Familienangehörige gemäss Art. 2 

Bst. g Dublin-III-VO anwendbar sind. Da das Zuständigkeitskriterium von 

Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO zurückzutreten hat, wenn sich aus einer 

vorrangigen Bestimmung eine andere Zuständigkeit ergibt (vgl. Art. 7 

Abs. 1 Dublin-III-VO), ist die Anwendbarkeit dieser Normen vorab zu prü-

fen.  

6.2 Gemäss Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO gelten als Familienangehörige bei 

einem minderjährigen und unverheirateten Antragsteller der Vater, die Mut-

ter oder ein anderer Erwachsener, der entweder nach dem Recht oder 

nach den Gepflogenheiten des Mitgliedstaates, in dem der Erwachsene 

sich aufhält, für den Minderjährigen verantwortlich ist. Die Vorinstanz ging 

implizit davon aus, dass der minderjährige D._______ und der Beschwer-

deführer Familienangehörige in diesem Sinne sind. Dementsprechend hat 

sie das Rückübernahmeersuchen für D._______ auf Art. 11 Dublin-III-VO 

gestützt und dort zur Begründung ausgeführt, da die Brüder vor der Aus-

reise zusammen in einem Haushalt gelebt und zusammen nach Österreich 

und dann in die Schweiz gereist seien, gehe man von einer engen Bindung 

des minderjährigen Bruders zum Beschwerdeführer aus. Der älteste Bru-

der F._______ lebe seit sieben Jahren in der Schweiz, weshalb davon aus-

zugehen sei, dass ein engeres Verhältnis zwischen D._______ und dem 

Beschwerdeführer als zwischen dem Erstgenannten und F._______ be-

stehe.  

6.3 Den beiden Brüdern dürfte es somit in den Augen der Vorinstanz ge-

lungen sein, glaubhaft darzulegen, dass der Beschwerdeführer für den 

minderjährigen unverheirateten D._______ im Sinne von Art. 2 Bst. g Dub-

lin-III-VO verantwortlich ist, andernfalls das SEM das Ersuchen an die ös-

terreichischen Behörden nicht auf Art. 11 Dublin-III-VO gestützt hätte. Letz-

tere stuften D._______ in ihrer Gesuchsabweisung vom 25. November 

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Seite 7 

2021 demgegenüber als unbegleiteten Minderjährigen im Sinne von Art. 8 

Abs. 1 Dublin-III-VO ein.  

7.  

7.1 Im Sinne der nachfolgenden Erwägungen kann die Frage, ob es sich 

bei D._______ und dem Beschwerdeführer um Familienangehörige im 

Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO handelt, offengelassen werden. 

7.2 Der vom Beschwerdeführer angeführte Art. 10 Dublin-III-VO ist an-

wendbar, wenn ein Antragsteller in einem anderen Mitgliedstaat einen Fa-

milienangehörigen im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO hat, welcher sel-

ber ein Antragsteller ist und über dessen Asylgesuch noch keine erstin-

stanzliche Entscheidung getroffen wurde (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Dublin 

III-Verordnung, 2014, K1 zu Art. 10; Urteile des BVGer E-3753/2019 vom 

12. Dezember 2019 E. 6.3; E-2794/2018 vom 2. August 2018 E. 5.1; 

E-5785/2014 vom 15. Oktober 2014 E. 4.4). Da der Beschwerdeführer und 

sein jüngerer Bruder sich beide in der Schweiz befinden, ist diese Norm 

dementsprechend auch dann nicht anwendbar, wenn zwischen ihnen eine 

Familienangehörigkeit gemäss Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO zu bejahen wäre. 

7.3 Art. 11 Dublin-III-VO, auf den sich der Beschwerdeführer ebenfalls be-

ruft, gelangt dann zur Anwendung, wenn Anträge auf internationalen 

Schutz mehrerer Familienmitglieder (Familienangehörige im Sinne von 

Art. 2 Bst. g und/oder unverheiratete minderjährige Geschwister) in einem 

Mitgliedstaat zeitnahe vorliegen und sich ergibt, dass für diese Antragstel-

ler verschiedene Mitgliedstaaten zuständig wären. Letztere Voraussetzung 

ist etwa erfüllt, wenn die antragstellenden Familienangehörigen über ver-

schiedene Mitgliedstaaten illegal eingereist oder mit Visa verschiedener 

Mitgliedstaaten gereist sind (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, a.a.O., K5 zu 

Art. 11; Urteil des BVGer E-5577/2015 vom 11. November 2015 E. 5.1). Im 

Gegensatz zu Art. 10 Dublin-III-VO ist das Versteinerungsprinzip gemäss 

Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO zu beachten (vgl. Art. 7 Abs. 3 Dublin-III-VO). 

Dementsprechend sind die Voraussetzungen für die Anwendung von 

Art. 11 Dublin-III-VO vorliegend nicht erfüllt, sind der Beschwerdeführer 

und D._______ doch gemeinsam nach Österreich gereist und haben dort 

zeitgleich um Asyl ersucht, woraus sich (auch nach ihrer Weiterreise in die 

Schweiz) zum relevanten Zeitpunkt der ersten Antragsstellung grundsätz-

lich eine einheitliche Zuständigkeit Österreichs ergibt. Auch dieser Schluss 

folgt unabhängig von der Frage nach der Familienangehörigkeit gemäss 

Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO. 

F-23/2022 

Seite 8 

8.  

8.1 Der Beschwerdeführer macht eine Verletzung von Art. 8 EMRK geltend 

und beruft sich damit auf die Souveränitätsklausel nach Art. 17 Abs. 1 Dub-

lin-III-VO.  

8.2 Gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat abwei-

chend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen, einen bei ihm von ei-

nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten Antrag auf inter-

nationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung 

festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist. Dieses soge-

nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 Asyl-

verordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert, 

gemäss dem das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch 

dann behandeln kann, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat 

zuständig wäre. Der Entscheid über den Selbsteintritt liegt im pflichtgemäs-

sen Ermessen der Behörde. Ein einklagbarer Anspruch auf die Ausübung 

des Selbsteintrittsrechts besteht jedoch dann, wenn sich die Überstellung 

der asylsuchenden Person in den an sich zuständigen Mitgliedstaat als un-

zulässig im Sinne der EMRK oder einer anderen die Schweiz bindenden, 

völkerrechtlichen Bestimmung erweist. In diesem Fall muss das SEM die 

Souveränitätsklausel anwenden und das Asylgesuch in der Schweiz be-

handeln (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 

8.3 Zum von Art. 8 Abs. 1 EMRK geschützten Familienkreis gehört in erster 

Linie die Kernfamilie, d.h. die Gemeinschaft der Ehegatten mit ihren min-

derjährigen Kindern. In den Schutzbereich von Art. 8 EMRK fallen aber 

auch andere familiäre Verhältnisse, sofern eine genügend nahe, echte und 

tatsächlich gelebte Beziehung besteht. Hinweise für solche Beziehungen 

sind das Zusammenleben in einem gemeinsamen Haushalt, eine finanzi-

elle Abhängigkeit, speziell enge familiäre Bande, regelmässige Kontakte 

oder die Übernahme von Verantwortung für eine andere Person. Bei hin-

reichender Intensität sind auch Beziehungen zwischen nahen Verwandten 

wie Geschwistern wesentlich, doch muss in diesem Fall ein über die übli-

chen familiären Beziehungen beziehungsweise emotionale Bindungen hin-

ausgehendes, besonderes Abhängigkeitsverhältnis bestehen (vgl. zum 

Ganzen BGE 144 II 1 E. 6.1 m.w.H.). Im Dublin-Verfahren ist ein gefestig-

tes Anwesenheitsrecht der betroffenen Personen im Konventionsstaat 

keine Voraussetzung für die grundsätzliche Eröffnung des Schutzbereichs 

von Art. 8 EMRK (vgl. BVGE 2021/VI 1 E. 11-13.6).  

F-23/2022 

Seite 9 

8.4 Wie gesehen, ging die Vorinstanz mit der Anwendung von Art. 11 Dub-

lin-III-VO ursprünglich davon aus, dass es sich bei D._______ und dem 

Beschwerdeführer um Familienangehörige im Sinne von Art. 2 Bst. g Dub-

lin-III-VO handelt (vgl. vorstehend E. 6.2 f.). Im Anwendungsbereich von 

Art. 11 Dublin-III-VO bringt eine Familientrennung in der Regel eine recht-

fertigungsbedürftige Verletzung von Art. 8 EMRK mit sich (vgl. FILZWIE-

SER/SPRUNG, a.a.O., K9 zu Art. 11). Indem die Vorinstanz diese Problema-

tik – im Widerspruch zu ihrer ursprünglichen Einstufung des Sachverhalts 

– in der angefochtenen Verfügung nur sehr oberflächlich abgehandelt hat, 

ist sie ihrer Pflicht zur Ermessensausübung nicht nachgekommen und hat 

mithin ihr Ermessen unterschritten. Sie hat insbesondere einem allfälligen 

Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem minderjährigen D._______ und 

dem Beschwerdeführer zu wenig Beachtung geschenkt. Ein solches 

könnte sich vor dem Hintergrund, dass D._______ nun das nationale Asyl-

verfahren in der Schweiz durchläuft, neben Art. 8 EMRK auch auf eine 

mögliche Anwendung von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO auswirken.  

9.  

Die Beschwerde erweist sich nach dem Ausgeführten im Eventualantrag 

als begründet. Da das Bundesverwaltungsgericht aufgrund der Kognitions-

beschränkung keinen Ermessensentscheid anstelle der Vorinstanz treffen 

kann und es sich bei der Ermessensunterschreitung um eine Rechtsverlet-

zung handelt (vgl. BGE 132 V 393 E. 3.3), ist die Beschwerde gutzuheis-

sen, die Verfügung vom 22. Dezember 2021 aufzuheben und die Sache 

zur umfassenden Prüfung der Anwendung der erwähnten Bestimmungen 

(vgl. E. 8) – in Ausübung des gesetzeskonformen Ermessens – an die Vo-

rinstanz zurückzuweisen. 

10.  

Mit diesem Urteil werden das Gesuch um Gewährung der aufschiebenden 

Wirkung sowie der am 4. Januar 2022 angeordnete Vollzugstopp gegen-

standslos. 

  

F-23/2022 

Seite 10 

11.  

11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben 

(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Der Antrag auf Gewährung der unentgeltli-

chen Prozessführung samt Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-

schusses wird gegenstandslos. 

11.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung 

auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche 

Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen 

vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden 

(vgl. auch Art. 111ater AsylG). 

(Dispositiv nächste Seite) 

  

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Seite 11 

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 

1.  

Die Beschwerde wird gutgeheissen. 

2.  

Die angefochtene Verfügung vom 22. Dezember 2021 wird aufgehoben 

und die Sache im Sinn der Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewiesen. 

3.  

Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 

4.  

Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 

5.  

Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, die Vorinstanz und die kan-

tonale Migrationsbehörde. 

 

 

Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: 

  

Fulvio Haefeli Michael Spring 

 

 

 

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