# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** e5ccc2c0-d014-5c7c-a984-c0568cac307c
**Source:** Bundesverwaltungsgericht ()
**Court Level:** federal
**Decision Date:** 2018-01-30
**Language:** de
**Title:** Bundesverwaltungsgericht 30.01.2018 E-5522/2017
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/CH_BVGer/CH_BVGE_001_E-5522-2017_2018-01-30.pdf

## Full Text

B u n d e s v e rw a l t u ng s g e r i ch t  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i f  f éd é r a l  

T r i b u n a l e  am m in i s t r a t i vo  f e d e r a l e  

T r i b u n a l  ad m i n i s t r a t i v  fe d e r a l  

 
 
    
 

 

 

  

 

 Abteilung V 

E-5522/2017 

 

 
 

  U r t e i l  v o m  3 0 .  J a n u a r  2 0 1 8  

Besetzung 
 Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), 

Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Richterin Esther Marti,    

Gerichtsschreiberin Maria Wende. 

   

Parteien 

 
A._______, geboren am (…), 

Afghanistan,   

vertreten durch Ass. iur. Christian Hoffs, 

HEKS Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende SG/AI/AR,  

Beschwerdeführer,  

 

  
gegen 

  
Staatssekretariat für Migration (SEM), 

Quellenweg 6, 3003 Bern, 

Vorinstanz. 

   

Gegenstand 

 
Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); 

Verfügung des SEM vom 30. August 2017 / N (…). 

 

 

 

E-5522/2017 

Seite 2 

Sachverhalt: 

A.  

Der Beschwerdeführer ersuchte am 3. Oktober 2015 in der Schweiz um 

Asyl und machte anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 8. Okto-

ber 2015 und der Anhörung vom 18. Juli 2017 im Wesentlichen Folgendes 

geltend:  

Er sei afghanischer Staatsangehöriger usbekischer Ethnie aus B._______, 

Distrikt C._______, Provinz Sar-e Pol. Seine Familienangehörigen seien 

Grossgrundbesitzer, welche unter anderem Weintrauben anbauen würden. 

Eines Tages habe er einen Mitarbeiter des afghanischen Sicherheitsamtes, 

D._______, kennengelernt. Dieser habe Weintrauben bei ihm bestellt und 

sei zu einem Kunden und später Freund geworden. Mit der Zeit habe 

D._______ ihm Fragen zu Vorkommnissen im Dorf und den Moscheen ge-

stellt, die er beantwortet habe. Ungefähr im Jahr 2014 sei der Beschwer-

deführer zu Hause von drei Personen abgeholt worden, welche sich als 

Gefolgsleute von D._______ ausgegeben hätten. Er habe sie begleitet. Auf 

einem Feld hätten sie ihm ein Tuch auf die Nase gedrückt, woraufhin er 

das Bewusstsein verloren habe. Er sei geknebelt und auf einem Stuhl fest-

gebunden, in einem dunklen Raum, wahrscheinlich einem Keller, aufge-

wacht. Daraufhin sei er verprügelt worden. Die Männer hätten Paschtu ge-

sprochen, er habe sie nicht verstanden. Später seien drei Männer aufge-

taucht, die mit ihm Farsi gesprochen hätten. Immer wieder sei er geschla-

gen, befragt und mit dem Tod bedroht worden. Man habe ihm vorgeworfen, 

ein Abtrünniger zu sein und als ungläubiger Spion für D._______ tätig zu 

sein. Er sei mehrmals Zeuge von Enthauptungen geworden. Auch sei er 

gezwungen worden, Medikamente einzunehmen. Nach zehn Tagen sei er 

aus diesem Raum geführt und geknebelt auf einer Strasse ausgesetzt wor-

den. Bei den Entführern habe es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Ta-

liban gehandelt. Nach der Entführung sei er zwei Wochen lang bettlägerig 

gewesen. Die Dorfältesten und die Polizei seien verständigt worden, doch 

habe er ihnen nicht sagen können, wo er festgehalten worden sei. Im (...) 

2015 habe seine (…), mit welcher er aufgewachsen sei und welche wie 

eine Schwester für ihn gewesen sei, vor ein Sharia-Gericht gestellt werden 

sollen. Sie sei von ihrem Vater gegen ihren Willen mit einem Taliban, der in 

Pakistan studiert habe, verlobt worden. Als sie von einem anderen Mann 

schwanger geworden sei, habe sich das im Dorf herumgesprochen und 

schliesslich hätten auch die Taliban davon erfahren. Sie hätten vom Imam 

verlangt, dass er das Mädchen ausliefere. Dieser habe daraufhin die Mut-

ter des Mädchens zur Rede gestellt. Jene habe bestätigt, dass ihre Tochter 

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schwanger sei. Am selben Abend sei der Beschwerdeführer mit seiner (…) 

nach Mazar-i-Sharif und nach einigen Tagen von dort über mehrere Länder 

in die Türkei geflüchtet. Sie sei in Istanbul geblieben, da sie krank gewesen 

sei und sie kein Geld mehr gehabt hätten. Er sei weiter nach Europa gereist 

und über mehrere Länder am 2. Oktober 2015 in die Schweiz gelangt. Da 

er mit seiner (…) geflohen sei, würden die Dorfbewohner, von denen viele 

den Taliban angehören würden, glauben, dass er sie geschwängert habe. 

Dies werde als Verbrechen angesehen, weshalb er seitens der Taliban mit 

einem Todesurteil rechnen müsse. 

Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer seine Tazkira im Original, 

einen psychotherapeutischen Kurzbericht vom 13. Juli 2017, in welchem 

ihm eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung attestiert wird, 

und ein Schreiben des Dorfältesten (in Kopie) zusammen mit einer nicht 

amtlichen Übersetzung ein.  

B.  

Mit Verfügung vom 30. August 2017 – eröffnet am 4. September 2017 – 

verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und 

lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es seine Wegweisung aus 

der Schweiz an, schob den Vollzug jedoch infolge Unzumutbarkeit zu 

Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.  

C.  

Mit Beschwerde vom 28. September 2017 an das Bundesverwaltungsge-

richt beantragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der Dispositivziffern 

1 bis 3 der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingsei-

genschaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei die Sache zur 

Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher 

Hinsicht ersuchte er um die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege 

unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Bei-

ordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand. 

Als Beweismittel reichte er einen Artikel von South Front vom 30. März 

2017 zu von den Taliban kontrollierten Gebieten ein. 

D.  

Mit Verfügung vom 24. Oktober 2017 hiess das Bundesverwaltungsgericht 

die Gesuche um unentgeltliche Rechtspflege und amtliche Rechtsverbei-

ständung in der Person des rubrizierten Rechtsvertreters gut und verzich-

tete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.  

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Seite 4 

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 

1.  

1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-

schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den 

Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-

waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne 

von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher 

zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-

det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend - endgültig 

(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 

1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, 

soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 

1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der 

Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist 

durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-

würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist 

daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 

AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist 

einzutreten. 

2.  

Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen 

richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 

E. 5). 

3.  

Gestützt auf Art. 111a AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriften-

wechsels verzichtet. 

4.  

4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-

sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im 

Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-

tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer 

politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-

gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 

Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung 

des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen 

unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 

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Seite 5 

4.1.1 Bezüglich des Bestehens einer begründeten Verfolgungsfurcht gilt es 

zu prüfen, ob die Verfolgungssituation im Zeitpunkt der Ausreise aktuell ge-

wesen ist beziehungsweise ob ein zeitlicher und sachlicher Kausalzusam-

menhang zwischen der erlebten Vorverfolgung und der Ausreise bejaht 

werden kann. Sofern die erlittene Vorverfolgung in zeitlichem und sachli-

chem Kausalzusammenhang zur Flucht steht, lässt sich dem Asylgesetz – 

ohne dass der Aspekt einer drohenden Wiederholung der erlittenen Verfol-

gung noch weiter zu prüfen wäre – die Regelvermutung entnehmen, auf-

grund der erlittenen Vorverfolgung sei auch eine begründete Furcht vor 

weiterer, zukünftiger Verfolgung zu bejahen. Ein fehlender zeitlicher Zu-

sammenhang zwischen Vorverfolgung und Ausreise zerstört (nur) die Re-

gelvermutung zugunsten des Vorliegens begründeter Furcht vor Verfol-

gung; dies schliesst nicht aus, dass im konkreten Einzelfall die früher erlit-

tene Verfolgung einen der guten Gründe für die heutige Verfolgungsfurcht 

darstellen kann. Die begründete Furcht vor Verfolgung ist dann freilich nicht 

aufgrund einer Regelvermutung aus der erlittenen Vorverfolgung abzulei-

ten, sondern ihr Bestehen im Zeitpunkt der Ausreise ist von der asylsu-

chenden Person darzutun und von der Behörde gesondert zu prüfen (vgl. 

BVGE 2009/51 E.4.2.5 m.w.H.).  

4.1.2 Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass 

zur Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeit-

punkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer 

Zeit verwirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – 

mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. 

Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müs-

sen konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten ernst-

haften Nachteile als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht da-

vor als realistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 

2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2.5; 2010/44 E. 3). Dabei ist zu berücksichtigen, 

dass Personen, welche bereits Verfolgungshandlungen ausgesetzt waren, 

objektive Gründe für eine ausgeprägtere subjektive Furcht vor weiterer Ver-

folgung haben (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5).  

4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen 

oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die 

Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-

geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen 

Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-

chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte 

Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 

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5.  

5.1  Zur Begründung des ablehnenden Asylentscheids befand die Vorin-

stanz die Vorbringen des Beschwerdeführers als den Anforderungen von 

Art. 3 AsylG an die flüchtlingsrechtliche Beachtlichkeit nicht genügend. 

Seine Entführung durch die Taliban würde weder in einem zeitlichen noch 

in einem sachlichen Kausalzusammenhang zu seiner Flucht stehen. Der 

Umstand, dass er von den Taliban hätte bestraft werden sollen, weil in sei-

nem Dorf angenommen werde, dass er seine (...) geschwängert habe, sei 

ebenfalls nicht asylrelevant, da die Bestrafung nicht aufgrund einer der in 

Art. 3 AsylG aufgezählten Eigenschaften erfolgt wäre. Schliesslich würde 

die labile Sicherheitssituation in seiner Heimatregion nicht nur ihn persön-

lich betreffen, sondern die gesamte Bevölkerung, weshalb es sich nicht um 

eine gegen ihn persönlich gerichtete Verfolgung handle.  

5.2 Auf Beschwerdeebene konkretisiert der Beschwerdeführer verschie-

dene Punkte seiner Aussagen und führt aus, dass die Taliban Personen, 

die in ihrer Wahrnehmung gegen islamische Grundsätze und Werte 

verstossen hätten, bedroht, angegriffen und getötet hätten. In Gebieten, 

welche sich unter der Kontrolle der Taliban und anderer regierungsfeindli-

cher Kräfte befinden würden, bestehe für Personen, die unmoralischer Ver-

haltensweisen bezichtigt würden, das Risiko, über die parallelen Justiz-

strukturen dieser regierungsfeindlichen Kräfte zu harten Strafen, ein-

schliesslich zur Auspeitschung und zum Tod verurteilt zu werden. Unter 

Verweis auf den Artikel von South Front führt der Beschwerdeführer weiter 

aus, die Hälfte der Bewohner seines Heimatdorfes seien Taliban und die 

Justizstrukturen würden von diesen kontrolliert. Nachdem er seinen Hei-

matort mit seiner schwangeren (...) verlassen habe, seien die Dorfbewoh-

ner, und damit auch die Taliban, davon ausgegangen, dass er unehelichen 

Geschlechtsverkehr mit ihr gehabt habe. Dies werde als Verbrechen ge-

wertet und wiege umso schwerer, als seine (...) einem anderen Mann ver-

sprochen gewesen sei, welcher ebenfalls ein Taliban sei. Zudem habe er 

seiner (...), welche vor ein Scharia-Gericht hätte gestellt und gesteinigt wer-

den sollen, zur Flucht verholfen. Dadurch habe er sie der Gerichtsbarkeit 

der Scharia entzogen, was ebenfalls ein Verbrechen darstelle. Er habe ge-

gen die Gesetze der Scharia und damit gegen das religiöse Recht verstos-

sen. Aus Sicht der Taliban habe er damit als Ungläubiger gehandelt. Er 

habe selbst miterleben müssen und habe ausführlich geschildert, wie als 

Ungläubige bezeichnete Personen enthauptet worden seien. Die Bezeich-

nung als Ungläubiger, welcher gegen die Scharia verstossen habe, würde 

ein Merkmal darstellen, welches untrennbar mit seiner Person verbunden 

sei und damit ein asylrelevantes Verfolgungsmotiv darstelle. Zudem habe 

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er bereits früher, zum Zeitpunkt seiner Entführung durch die Taliban, deren 

Misstrauen erweckt. Durch seine Handlungen vor seiner Ausreise, habe er 

den Verdacht der Taliban, er sei ein Ungläubiger, bestätigt. Eine funktionie-

rende Schutzinfrastruktur, welche ihn vor der Verfolgung durch die Taliban 

schützen könnte, bestehe nicht. Er habe begründete Furcht vor einer asyl-

relevanten Verfolgung durch die Taliban, weshalb er die Flüchtlingseigen-

schaft erfülle und ihm Asyl zu gewähren sei.  

6.  

6.1 Das Gericht hat mit Urteil D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 (als Re-

ferenzurteil publiziert) eine neue Lagebeurteilung zu Afghanistan vorge-

nommen. Zusammenfassend ergibt sich eine deutliche Verschlechterung 

der Sicherheitslage seit dem letzten Länderurteil des Bundesverwaltungs-

gerichts im Jahr 2011 (BVGE 2011/7) und dem Abzug der International 

Security Assistance Force (ISAF) über alle Regionen hinweg (vgl. dazu 

ausführlich E. 7.3 und E. 7.4). Es erscheint unklar, ob sich die afghanischen 

Sicherheitskräfte gegen die regierungsfeindlichen Gruppierungen werden 

behaupten können, zumal die Desertions- und Abgangsrate sehr hoch so-

wie der Ausbildungsstand der Rekruten schlecht ist und eine Infiltrierung 

durch regierungsfeindliche Gruppierungen stattfindet. Zudem gilt die Af-

ghan Local Police (ALP) in der afghanischen Bevölkerung als korrupt und 

wird für gravierende Menschenrechtsverletzungen und Missbräuche ver-

antwortlich gemacht. Hinzu kommt die Tatsache, dass Angehörige der ALP 

für die von ihnen begangenen Vergehen nicht zur Rechenschaft gezogen 

werden und teilweise unter der Kontrolle lokaler Machthaber stehen (vgl. 

zum Ganzen SFH, Afghanistan: Update, Die aktuelle Sicherheitslage, 

Bern, 30. September 2016, S. 6 ff.; Bertelsmann Stiftung, BTI 2016 – Af-

ghanistan Country Report, < https://www.bti-project.org/fileadmin/fi-

les/BTI/Downloads/Reports/2016/pdf/BTI_2016_Afghanistan.pdf >, abge-

rufen am 16.01.2018; vgl. auch Urteil des BVGer D-3394/2014 vom 26. Ok-

tober 2015). 

Bei der Beurteilung der Sicherheitslage lassen sich sodann Gruppen von 

Personen definieren, die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Ver-

folgungsrisiko ausgesetzt sind. Dazu gehören unter anderem Personen, 

welche die Regierung unterstützen oder als deren Unterstützer betrachtet 

werden, beispielsweise indem sie den Behörden Informationen zu den re-

gierungsfeindlichen Gruppierungen liefern oder dessen verdächtigt wer-

den, sowie westlich orientierte oder der afghanischen Gesellschaftsord-

nung aus anderen Gründen nicht entsprechende Personen (vgl. Urteile des 

BVGer E-3520/2014 vom 3. November 2015 E. 7.3; D-416/2015 vom 

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25. August 2017 E. 6.4; ANTONIO GIUSTOZZI für Landinfo: Afghanistan; Ta-

liban’s Intelligence and the intimidation campaign, 23.08.2017, 

< https://landinfo.no/asset/3590/1/ 3590_1.pdf >, abgerufen am 

16.01.2018, S. 11).  

6.2 Die Vorinstanz stellt die Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwer-

deführers nicht explizit in Frage. Diesem Standpunkt ist angesichts der im 

Wesentlichen widerspruchsfreien Schilderungen und der vielen Realkenn-

zeichen in seiner Darlegung (vgl. vorinstanzliche Akten A20 beispielsweise 

F81, F96 ff. und F121 ff.) beizupflichten. Auch kann der Vorinstanz zuge-

stimmt werden, dass der zeitliche Kausalzusammenhang zwischen der 

Entführung durch die Taliban und der Flucht des Beschwerdeführers als 

unterbrochen anzusehen ist. Dies hat jedoch lediglich zur Folge, dass die 

Vermutung einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung aufgehoben 

wird, der Nachweis oder zumindest die Glaubhaftmachung einer begrün-

deten Furcht vor zukünftiger Verfolgung steht dem Beschwerdeführer je-

doch offen. In Übereinstimmung mit seinen Vorbringen ist festzuhalten, 

dass Personen, welche „unmoralischer Verhaltensweisen“ bezichtigt wer-

den, über die parallelen Justizstrukturen regierungsfeindlicher Kräfte in Af-

ghanistan zu harten Strafen, einschliesslich zum Tod „verurteilt“ werden 

können. In diesem Zusammenhang sind Verstösse gegen die Scharia be-

ziehungsweise deren Auslegung durch die Taliban, beispielsweise durch 

Blasphemie, Apostasie, Führen einer gleichgeschlechtlichen Beziehung   

oder ausserehelichen Geschlechtsverkehr zu nennen (vgl. etwa SFH, Af-

ghanistan: Update, Die aktuelle Sicherheitslage, Bern, 14. September 

2017, S. 19 ff.; UNHCR Eligibility Guidelines for Assessing the International 

Protection Needs of Asylum-Seekers from Afghanistan, 19. April 2016, 

S. 34 ff.; ANTONIO GIUSTOZZI, a.a.O., S. 11; European Asylum Support Of-

fice [EASO], EASO Country of Origin Information Report. Afghanistan Indi-

viduals targeted under societal and legal norms, December 2017, < 

http://www.refworld.org/docid/5a38ce314.html >, abgerufen am 

16.01.2018, S. 48 ff.). Es liegen Berichte vor, wonach Personen, die sich 

„unmoralischer Verhaltensweisen“, wie ausserehelichen Geschlechtsver-

kehrs, schuldig gemacht haben sollen, von regierungsfeindlichen Gruppie-

rungen, wie den Taliban, ausgepeitscht oder (durch Steinigung) getötet 

wurden (vgl. EASO, a.a.O., S. 48 ff.). Gemäss dem vorgenannten Bericht 

der EASO soll es insbesondere auch in der Heimatprovinz des Beschwer-

deführers zu Tötungen und Steinigungen von Personen (Männern und 

Frauen), die des Ehebruchs beschuldigt wurden, durch die Taliban gekom-

men sein (vgl. EASO, a.a.O., S. 49 f.). Der Beschwerdeführer entspricht 

den vorgenannten Risikoprofilen und es ist von einem hohen Risiko der 

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Verfolgung durch die Taliban auszugehen. Er hat nicht nur seiner unehelich 

schwangeren (...), welche zudem einem Taliban versprochen war, zur 

Flucht verholfen und sie damit einer Bestrafung durch die Taliban entzo-

gen, sondern er wird auch verdächtigt, mit ihr ausserehelichen Ge-

schlechtsverkehr gehabt zu haben. Damit hat er sich in den Augen der Ta-

liban eines unmoralischen Verhaltens schuldig gemacht und in schwerer 

Weise gegen deren (religiöse) Grundsätze verstossen. Zudem hatte er be-

reits früher deren Aufmerksamkeit auf sich gezogen, da er verdächtigt 

wurde, Informationen an die afghanischen Behörden, in der Person von 

D._______, weiterzugeben (was im Übrigen den Tatsachen entsprach). 

Dies hatte die Entführung durch die Taliban und die Bezeichnung als „Un-

gläubiger“ zur Folge. Angesichts dessen, dass er bereits einmal einer Ver-

folgung durch die Taliban ausgesetzt war, im Rahmen derer er schwere 

Misshandlungen durchleben musste sowie Zeuge von Enthauptungen von 

„Ungläubigen“ wurde, und in der Folge mehrfach gegen die (religiösen) 

Grundsätze der Taliban verstossen hat (bzw. des Verstosses verdächtigt 

wird), bestand sowohl in objektiver als auch in subjektiver Hinsicht konkre-

ter Anlass zur Annahme, dass eine Verfolgung sich mit beachtlicher Wahr-

scheinlichkeit und in absehbarer Zeit erneut verwirklicht hätte. Solches 

wäre, auch vor dem Hintergrund der verschlechterten Sicherheitslage in 

Afghanistan, im heutigen Zeitpunkt ebenfalls anzunehmen, wenn der Be-

schwerdeführer in seine Heimat zurückkehren würde.  

6.3 Es bleibt zu prüfen, ob für den Beschwerdeführer eine innerstaatliche 

Flucht- beziehungsweise Schutzalternative bestanden hätte. Gemäss 

Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts bedingt die Annahme ei-

ner innerstaatlichen Schutzalternative unter anderem, dass am Zufluchts-

ort eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur besteht und der 

Staat gewillt ist, der in einem anderen Landesteil von Verfolgung betroffe-

nen Person am Zufluchtsort Schutz zu gewähren. Schliesslich muss es ihr 

individuell zuzumuten sein, den am Zufluchtsort erhältlichen Schutz länger-

fristig in Anspruch nehmen zu können. Dabei sind die allgemeinen Verhält-

nisse am Zufluchtsort und die persönlichen Umstände der betroffenen Per-

son zu beachten und es ist unter Berücksichtigung des länderspezifischen 

Kontextes im Rahmen einer individuellen Einzelfallprüfung zu beurteilen, 

ob ihr angesichts der sich konkret abzeichnenden Lebenssituation am Zu-

fluchtsort realistischerweise zugemutet werden kann, sich dort niederzu-

lassen und sich eine neue Existenz aufzubauen. Für die Frage der Zumut-

barkeit kommt der Zumutbarkeitsbegriff gemäss Art. 83 AuG zur Anwen-

dung (vgl. BVGE 2011/51 E. 8). 

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Die genannten Voraussetzungen sind vorliegend nicht erfüllt. Weder die 

Städte Kabul, Herat noch Mazar-i-Sharif kommen als potenzielle Schutzal-

ternativen in Frage, da mangels persönlicher Bezugspunkte des Be-

schwerdeführers zu diesen Städten die von der Rechtsprechung verlang-

ten, besonders begünstigenden Umstände nicht gegeben sind (vgl. BVGE 

2011/38 E. 4.3 zu Herat, BVGE 2011/49 E.7.3 zu Mazar-i-Sharif und 

Urteil des BVGer D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 zu Kabul).  

6.4 Zusammenfassend erfüllt der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen-

schaft im Sinne von Art. 3 AsylG. Gründe für den Ausschluss aus der 

Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 1 Bst. F FK sind nicht ersichtlich. Die 

Beschwerde ist daher gutzuheissen und die Verfügung der Vorinstanz ist 

aufzuheben. Das SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer als Flücht-

ling anzuerkennen und ihm – mangels Vorliegens von Asylausschlussgrün-

den (vgl. Art. 53 AsylG) – in der Schweiz Asyl zu gewähren. 

7.  

Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 

Abs. 1 und 2 VwVG). 

8.  

Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in An-

wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 

21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-

verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm 

notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Eine Ent-

schädigung des als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzten Rechtsvertre-

ters durch das Bundesverwaltungsgericht entfällt somit.  

Der Rechtsvertreter reichte mit der Beschwerde eine Honorarnote in der 

Höhe von Fr. 1‘190.– ein. Der veranschlagte Stundensatz von Fr. 200.– 

(inklusive Mehrwertsteuer) bewegt sich im gemäss Art. 10 Abs. 2 VGKE 

vorgesehenen Rahmen und der Zeitaufwand von 5.5 Stunden und zusätz-

lichen Auslagen in der Höhe von Fr. 90.– (Übersetzerin, Porti, Telefon, Fax, 

Kopien) erscheint angemessen. Die Parteientschädigung ist demnach in 

dieser Höhe festzusetzen und das SEM ist anzuweisen, dem Beschwerde-

führer diesen Betrag auszurichten.  

(Dispositiv nächste Seite) 

  

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Seite 11 

Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 

1.  

Die Beschwerde wird gutgeheissen. 

Die angefochtene Verfügung wird aufgehoben. Das SEM wird angewiesen, 

die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers festzustellen und ihm 

Asyl zu gewähren. 

2.  

Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 

3.  

Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor 

dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt 

Fr. 1‘190.– auszurichten. 

4.  

Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale 

Migrationsbehörde. 

 

Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: 

  

Regula Schenker Senn Maria Wende