# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 7da80f4d-cea0-5d76-956f-b5a52d531b01
**Source:** Graubünden (GR)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2010-05-05
**Language:** de
**Title:** Graubünden Kantonsgericht I. Strafkammer 05.05.2010 SK1 2010 13
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/GR_Gerichte/GR_KG_004_SK1-2010-13_2010-05-05.pdf

## Full Text

Kantonsgericht von Graubünden
Dretgira chantunala dal Grischun
Tribunale cantonale dei Grigioni

___________________________________________________________________________________________________

Ref.: Chur, 5. Mai 2010 Schriftlich mitgeteilt am:
SK1 10 13

Urteil
I. Strafkammer

Vorsitz Vizepräsident Schlenker
RichterInnen Brunner und Michael Dürst
Redaktion Aktuarin ad hoc Thoma

In der strafrechtlichen Berufung

des X., Angeklagter und Berufungskläger, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. 
Hans-Jürg Tarnutzer, Hartbertstrasse 1, 7002 Chur, 

gegen

das Urteil des Bezirksgerichtsausschusses Plessur vom 26. Januar 2010, mitge-
teilt am 3. März 2010, in Sachen der Staatsanwaltschaft Graubünden, Senn-
hofstrasse 17, 7001 Chur, Berufungsbeklagte, gegen den Angeklagten und Beru-
fungskläger,

betreffend Verletzung von Verkehrsregeln,

hat sich ergeben:

Seite  2 — 11

A. X. wurde am _ in A. geboren und kam in seinen frühen Jugendjahren in die 
Schweiz. Er ist verheiratet mit B. und Vater eines Kindes (Jahrgang _). Einen 
Beruf erlernte er nicht. Zurzeit arbeitet er als Lagerleiter. Mit dieser Tätigkeit erzielt 
er ein monatliches Nettoeinkommen von Fr. 4'600.00. Das steuerbare 
Jahreseinkommen des Ehepaares betrug im Jahre 2008 Fr. 82'000.00. 
Steuerbares Vermögen besitzen die Eheleute keines.

X. ist weder im Zentralstrafregister noch im eidgenössischen Register für 
Administrativmassnahmen (ADMAS) verzeichnet. 

B. Am 5. Mai 2009 fuhr X. mit seinem Motorrad GR_ von der C. herkommend 
über die D. in Richtung E.. Als er am Ende der D. in die Linkskurve zur E. einbog, 
sah er eine Fahrradfahrerin, die unter Inanspruchnahme seiner Fahrspur nach 
links auf das „F.“ abzubiegen beabsichtigte. X. bremste sein Motorrad ab, um eine 
Kollision mit der Fahrradfahrerin zu vermeiden. Bei diesem Fahrmanöver kam er 
zu Fall. Dabei erlitt er eine Schulterkontusion links, die ambulant behandelt 
werden musste. An seinem Motorrad entstand ein Sachschaden von ungefähr Fr. 
7'000.00. 

C. Mit Kompetenzentscheid vom 17. Juni 2009 überwies die Staatsanwalt-
schaft Graubünden die Angelegenheit zur Verfolgung im Übertretungsstrafman-
datsverfahren an den Kreispräsidenten Chur. 

Mit Strafmandat vom 24. August 2009, mitgeteilt am 26. August 2009, erkannte 
der Kreispräsident Chur X. der Verletzung von Verkehrsvorschriften gemäss Art. 
31 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 90 Ziff. 1 SVG schuldig. Von der Bestrafung 
wurde in Anwendung von Art. 52 StGB Umgang genommen. 

D. Gegen dieses Strafmandat liess X. am 31. August 2009 Einsprache 
erheben, worauf der Kreispräsident die Sache gestützt auf Art. 175 Abs. 1 StPO 
dem Bezirksgerichtspräsidenten Plessur zur Durchführung des ordentlichen 
Untersuchungs- und Gerichtsverfahrens überwies. Nach Ergänzung der Untersu-
chung erliess der Präsident des Bezirksgerichts Plessur am 19. Oktober 2009, 
mitgeteilt am 20. Oktober 2009, die Schlussverfügung. 

E. Mit Verfügung des Bezirksgerichtspräsidenten Plessur vom 19. November 
2009, mitgeteilt gleichentags, wurde X. wegen Verletzung von Verkehrs-
vorschriften gemäss Art. 31 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 90 Ziff. 1 SVG in Ankla-
gezustand versetzt. Der Fall wurde dem Bezirksgerichtsausschuss Plessur zur 
Beurteilung überwiesen. 

Seite  3 — 11

F. Die Hauptverhandlung vor dem Bezirksgerichtsausschuss Plessur fand am 
26. Januar 2010 in Anwesenheit von X. sowie seines Rechtsvertreters statt. Mit 
Urteil vom 26. Januar 2010, mitgeteilt am 3. März 2010, erkannte der Be-
zirksgerichtsausschuss Plessur wie folgt: 

„1. X. ist schuldig der Verletzung von Verkehrsvorschriften gemäss Art. 31 
Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 90 Ziff. 1 SVG. 

2. Dafür wird er mit einer Busse von CHF 300.00 bestraft. 

3. Die Ersatzfreiheitsstrafe für die Busse beträgt drei Tage. Sie tritt an die 
Stelle der Busse, soweit X. diese schuldhaft nicht bezahlt. 

4. Die Kosten des Verfahrens von CHF 1'700.00 (Untersuchungskosten 
des Bezirksgerichtspräsidiums: CHF 200.00 und Gerichtskosten von 
CHF 1'500.00) hat X. zu tragen.

Die Kosten des Kreisamtes Chur von CHF 347.50 gehen ebenfalls zu 
Lasten von X. und sind innert 30 Tagen direkt dem Kreisamt Chur zu 
bezahlen. 

X. schuldet dem Bezirksgericht Plessur folglich Total CHF 2'000.00 
(Busse: CHF 300.00; vom Gericht einzuziehende Verfahrenskosten: 
CHF 1'700.00). Dieser Betrag ist innert 30 Tagen seit Zustellung des 
Urteils auf das PC-Konto 70-3596-3 des Bezirksgerichtes Plessur zu 
überweisen.

5. (Rechtsmittel)

6. (Mitteilung).“

G. Gegen dieses Urteil liess X. mit Eingabe vom 12. März 2010 Berufung an 
das Kantonsgericht von Graubünden erheben. Er stellte folgende Beru-
fungsanträge: 

„1. Das angefochtene Urteil des Bezirksgerichtsausschusses Plessur vom 
26. Januar 2010 sei aufzuheben. 

2. Der Berufungskläger sei von der Anklage der Verletzung von 
Verkehrsregeln gemäss Art. 31 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 90 
Ziff. 1 SVG von Schuld und Strafe freizusprechen. 

3. Die Kosten des Kreisamtes Chur von CHF 347.50 seien der Kreiskasse, 
diejenigen des vorinstanzlichen Untersuchungs- und Gerichtsverfahrens 
von CHF 1'700.00 der Bezirksgerichtskasse aufzuerlegen. 

4. Dem Berufungskläger sei für das Verfahren vor Bezirksgerichtsaus-
schuss eine angemessene aussergerichtliche Entschädigung zuzuspre-
chen. 

5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zuzüglich die gesetzliche Mehr-
wertsteuer für das Berufungsverfahren zulasten des Kantons Graubün-
den. 

Seite  4 — 11

Der Bezirksgerichtsausschuss Plessur verzichtete am 29. März 2010 auf die Ein-
reichung einer Vernehmlassung. Ebenso verzichtete die Staatsanwaltschaft Grau-
bünden gemäss Schreiben vom 25. März 2010 auf eine Stellungnahme. 

Auf die Ausführungen in der Berufungsschrift und die Erwägungen im angefochte-
nen Urteil wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegan-
gen. 

Die I. Strafkammer zieht in Erwägung:

1. a) Gegen Urteile und Beschlüsse der Bezirksgerichte und ihrer Ausschüsse 
können der Verurteilte, das Opfer und der Staatsanwalt beim Kantonsgericht Be-
rufung einlegen (Art. 141 Abs. 1 der Strafprozessordnung des Kantons Graubün-
den [StPO; BR 350.000]). Die Berufung ist innert 20 Tagen seit der schriftlichen 
Eröffnung des angefochtenen Entscheids einzureichen. Sie ist zu begründen und 
hat darzutun, welche Mängel des erstinstanzlichen Entscheides oder Gerichts-
verfahrens gerügt werden und ob das ganze Urteil oder lediglich Teile davon an-
gefochten werden (Art. 142 Abs. 1 StPO). X. reichte seine Berufung frist- und 
formgerecht ein, so dass darauf einzutreten ist. 

b) Art. 144 Abs. 1 StPO sieht vor, dass der Vorsitzende von Amtes wegen 
oder auf Antrag eine mündliche Berufungsverhandlung durchführt, wenn die per-
sönliche Befragung des Angeklagten für die Beurteilung der Streitsache wesent-
lich ist. Findet keine mündliche Berufungsverhandlung statt, so trifft das Kantons-
gericht seinen Entscheid ohne Parteivortritt auf Grund der Akten (Art. 144 
Abs. 3 StPO). Der Angeschuldigte in einem Strafverfahren hat überdies unabhän-
gig von der kantonalen Verfahrensordnung gestützt auf Art. 6 Ziff. 1 der Europäi-
schen Menschenrechtskonvention (EMRK; SR 0.101) Anspruch darauf, dass 
seine Sache in billiger Weise und öffentlich gehört wird. Dieser Anspruch ist Teil-
gehalt der umfassenden Garantie auf ein faires Verfahren. Das Gebot der Verfah-
rensöffentlichkeit gilt dem Grundsatz nach nicht nur für das erstinstanzliche Straf-
verfahren, sondern erstreckt sich auf die Gesamtheit eines konkreten Strafverfah-
rens inklusive des gesamten Rechtsmittelweges, somit auch auf das Berufungs-
verfahren gemäss Art. 141 ff. StPO. Die Art der Anwendung von Art. 6 Ziff. 1 
EMRK auf ein Verfahren vor einer Rechtsmittelinstanz hängt von deren Besonder-
heiten ab. Von einer mündlichen Verhandlung vor der Rechtsmittelinstanz kann 
etwa abgesehen werden, soweit die erste Instanz tatsächlich öffentlich verhandelt 
hat, wenn nur Rechtsfragen oder aber Tatfragen zur Diskussion stehen, die sich 
leicht nach den Akten beurteilen lassen, ferner wenn eine reformatio in peius aus-

Seite  5 — 11

geschlossen oder die Sache von geringer Tragweite ist und sich keine Fragen zur 
Person und deren Charakter stellen. Zudem darf einem nichtöffentlichen Verfah-
ren kein wichtiges öffentliches Interesse entgegenstehen. Der Betroffene kann 
auch von sich aus auf eine mündliche Berufungsverhandlung verzichten. Voraus-
setzung eines wirksamen Verzichts ist, dass er ausdrücklich erklärt wird oder sich 
aus dem Stillschweigen des Betroffenen eindeutig ergibt (vgl. BGE 119 Ia 318 f., 
E. 2b; PKG 2001 Nr. 19; ZGRG 2/99, S. 46). 

Vorliegend verzichtete der Berufungskläger stillschweigend auf eine mündliche 
Berufungsverhandlung, indem er bzw. sein Rechtsvertreter die Durchführung einer 
solchen zu keinem Zeitpunkt beantragte. Es ist daher im Folgenden zu prüfen, ob 
auch die weiteren Voraussetzungen für das Absehen von einer mündlichen Beru-
fungsverhandlung erfüllt sind. Das angefochtene Urteil des Bezirksgerichtsaus-
schusses Plessur wurde am 26. Januar 2010 im Anschluss an eine öffentliche und 
mündliche Hauptverhandlung, an der X. und sein Rechtsvertreter teilnahmen, 
erlassen. Die Frage der reformatio in peius (Art. 146 Abs. 1 StPO) stellt sich 
vorliegend nicht, da lediglich der Berufungskläger gegen das vorinstanzliche Urteil 
Berufung erhoben hat und das Kantonsgericht - wiewohl es nach Art. 146 Abs. 1 
StPO das erstinstanzliche Urteil grundsätzlich frei überprüfen kann - mithin die 
Strafe nicht verschärfen darf. Überdies handelt es sich um eine Sache von 
geringer Tragweite. Die Akten erweisen sich grundsätzlich als hinreichend, so 
dass von einer mündlichen Berufungsverhandlung keine zusätzlichen Aufschlüsse 
bezüglich des strittigen Sachverhalts zu erwarten sind. Auch stellen sich keinerlei 
Fragen zur Person und zum Charakter des Angeklagten, welche sich nicht auch 
aufgrund der Akten beantworten lassen. Schliesslich steht im vorliegenden Fall 
einem nichtöffentlichen Verfahren kein wichtiges öffentliches Interesse entgegen. 
Das Kantonsgericht kommt demnach zum Schluss, dass die streitige Strafsache 
gestützt auf die vorliegenden Akten auch ohne mündliche Verhandlung 
sachgerecht entschieden werden kann. Ein persönliches Vortreten von X. vor 
Gericht ist nicht notwendig. 

c) Das Kantonsgericht als Berufungsinstanz überprüft das erstinstanzliche 
Urteil in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht frei (Art. 146 Abs. 1 StPO). Es 
kommt ihm eine umfassende und uneingeschränkte Kognition zu. Grundsätzlich 
überprüft die Berufungsinstanz aber nur die in der Berufung gestellten Anträge 
(Padrutt, Kommentar zur Strafprozessordnung des Kantons Graubünden, 2. Aufl., 
Chur 1996, S. 375).

Seite  6 — 11

2. Der Bezirksgerichtsausschuss Plessur gelangte im angefochtenen Urteil 
zum Schluss, dass X. mit seinem Motorrad von der C. herkommend über die D. in 
Richtung E. mit einer Geschwindigkeit von 20-30 km/h gefahren sei. In der Mitte 
der dortigen Linkskurve, rund 14 Meter vor dem „F.“, habe er eine Radfahrerin 
gesehen, die im Begriffe gewesen sei, die Fahrbahn des Angeklagten zu überque-
ren, um nach links auf das „F.“ abzubiegen. Der Angeklagte habe sofort gebremst 
und sei gestürzt. Er sei nicht in der Lage gewesen, seine Fahrweise sofort an eine 
neue Situation anzupassen. X. habe folglich die Herrschaft über sein Motorrad 
verloren. Der objektive Tatbestand von Art. 31 Abs. 1 des Strassenverkehrsgeset-
zes (SVG; SR 741.01) sei somit erfüllt. Dem Angeklagten sei zudem eine pflicht-
widrige Unvorsichtigkeit zur Last zu legen, da er die Bremsen unsachgemäss be-
tätigt habe. Selbst wenn im Detail nicht genau gesagt werden könne, worin die 
Fehlmanipulation bestanden habe, könne doch festgehalten werden, dass der An-
geklagte sein Motorrad nicht so bedient habe, wie er verpflichtet gewesen wäre. 
Der Anhalteweg von 14 Metern hätte einem durchschnittlichen Motorradfahrer 
unter den gegebenen Umständen genügt, um sein Motorrad zum Stillstand zu 
bringen. Der subjektive Tatbestand von Art. 31 Abs. 1 SVG sei somit erfüllt. 

3. Den Ausführungen der Vorinstanz kann in zwei wesentlichen Punkten nicht 
gefolgt werden. Zum einen betrifft dies die angestellten Hypothesen zum Anhalte-
weg, mithin den Sachverhalt. Zum anderen die rechtliche Würdigung in Bezug auf 
Art. 31 Abs. 1 SVG.

a/aa. Anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 7. Mai 2009 sagte X. aus, als 
er sich in der Mitte der Linkskurve befunden habe, habe er plötzlich vor ihm die 
Radfahrerin gesehen, welche zum „F.“ abbog und sich bereits auf der 
Gegenfahrbahn befand. Er habe unverzüglich abgebremst. Durch das 
Bremsmanöver habe er die Herrschaft über sein Motorrad verloren und sei ge-
stürzt. Am 5. Mai 2009 gab die Radfahrerin bei der Polizei zu Protokoll, dass sie 
sich etwa einen Meter vor dem Trottoir zum „F.“ befunden habe, als plötzlich ein 
Motorradlenker von der D. her ihr entgegenfuhr. Der Motorradlenker sei aus ihrer 
Sicht zügig dahergekommen. Als er sie erblickt habe, habe er sofort abgebremst. 
Dabei habe er die Herrschaft über das Motorrad verloren und sei zu Boden 
gefallen. Auf die Frage, wo sie sich befand, als der Motorradlenker sie erblickt 
habe, gab sie an, sich unmittelbar in der Mitte der E., kurz vor dem „F.“, befunden 
zu haben. 

a/bb. Entgegen den Ausführungen der Vorinstanz lässt sich nicht genau ermit-
teln, wie weit X. von der Radfahrerin entfernt war, als er sie erblickte. Die dem 

Seite  7 — 11

Gericht vorliegende Skizze und das Fotoblatt reichen nicht aus, um zahlenmässig 
genaue Aussagen zu machen (Kreisamt act. 4 und 5). Ebenso kann anhand der 
Angaben zur Brems- und Abriebsspur die Distanz nicht ermittelt werden. Eine 
Rekonstruktion vor Ort wurde nicht vorgenommen. Die Annahme der Vorinstanz, 
wonach der Abstand 14 Meter betragen haben soll, basiert auf einem rein 
hypothetischen Annäherungswert, welcher nicht erwiesen ist. Aufgrund der über-
einstimmenden Aussagen der Parteien ist einzig erstellt, dass die Radfahrerin sich 
bereits auf der Gegenfahrbahn ca. einen Meter vor dem Trottoir zum „F.“, d.h. auf 
der Fahrspur von X. befand, als dieser sie erblickte. 

b/aa. Nach Art. 31 Abs. 1 SVG muss der Führer das Fahrzeug ständig so beherr-
schen, dass er seinen Vorsichtspflichten nachkommen kann. Er muss jederzeit in 
der Lage sein, auf die jeweils erforderliche Weise auf das Fahrzeug einzuwirken 
und auf jede Gefahr ohne Zeitverlust zweckmässig reagieren zu können. Art. 3 
Abs. 1 der Verkehrsregelnverordnung (VRV; SR 741.11) verpflichtet den Fahr-
zeugführer, seine Aufmerksamkeit der Strasse und dem Verkehr zuzuwenden. 
Das Mass der Aufmerksamkeit, welches vom Fahrzeugführer verlangt wird, richtet 
sich nach den gesamten konkreten Umständen, namentlich der Verkehrsdichte, 
den örtlichen Verhältnissen, der Zeit, der Sicht und den voraussehbaren 
Gefahrenquellen (Entscheid des Bundesgerichts vom 10. März 2010, 6B_54/2010, 
E. 2.2 mit Hinweisen). 

Gesetzliche Grundlage der vom Fahrzeuglenker im Strassenverkehr zu beachten-
den Sorgfalt bilden die im Strassenverkehrsgesetz und in den dazu gehörenden 
Verordnungen statuierten Verkehrsregeln. Gemäss der Grundregel von Art. 26 
Abs. 1 SVG muss sich jeder Verkehrsteilnehmer so verhalten, dass er andere in 
der ordnungsgemässen Benützung der Strasse weder behindert noch gefährdet. 
Aus dieser Bestimmung haben Rechtsprechung und Lehre den so genannten 
Vertrauensgrundsatz abgeleitet. Danach darf jeder Strassenbenützer darauf ver-
trauen, dass sich die anderen Verkehrsteilnehmer ordnungsgemäss verhalten 
(Art. 26 Abs. 1 SVG; BGE 129 IV 282, E. 2.2.1.).

b/bb. Der Unfall ereignete sich am 5. Mai 2009 um 12.15 Uhr in einer engen 
Linkskurve; die Sicht war in beiden Richtungen stark eingeschränkt. Es herrschte 
schönes Wetter und die Fahrbahn war trocken (vgl. Polizeirapport vom 20. Mai 
2009, Kreisamt act. 2). Die Radfahrerin befuhr die Gegenfahrbahn und beabsich-
tigte, links zum „F.“ abzubiegen. Als der Motorradfahrer sie erblickte, befand sie 
sich bereits auf seiner Fahrspur ca. einen Meter vor dem Trottoir zum „F.“. Die 
vortrittsbelastete Radfahrerin fuhr somit verkehrsregelwidrig. Der Motorradfahrer 

Seite  8 — 11

hingegen fuhr vor dem Unfall korrekt mit 20 bis 30 km/h auf der mit einer 
Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h signalisierten Nebenstrasse. 

Zufolge der durch die Linkskurve stark eingeschränkten Sicht stellte die auf der 
Fahrspur von X. entgegenfahrende bzw. abbiegende Radfahrerin eine erhebliche 
und insbesondere nicht voraussehbare Gefahrenquelle dar. Auf diese unvermittelt 
vor ihm befindliche Gefahrenquelle reagierte X. mit starkem Abbremsen. Unter 
den alternativen Möglichkeiten, welche ihm zur Auswahl standen, wählte X. damit 
die einzig wirksame. Mit dem ungebremsten Weiterfahren - währenddem die 
Radfahrerin ebenfalls weiterfuhr und allenfalls bis zum Eintreffen des Motorrades 
die Fahrbahn verlassen hätte - wäre das Risiko einer Kollision mit der Radfahrerin 
viel zu gross gewesen. Nach links auf die Gegenfahrbahn konnte zufolge der 
eingeschränkten Sicht nicht ausgewichen werden und nach rechts ebenfalls nicht, 
weil dort das Trottoir war. X. hat somit auf die Gefahrenquelle und die unsichere 
Verkehrslage richtig reagiert und sein Motorrad stark abgebremst. Damit hat X. - 
wie vom Bundesgericht gefordert - in der durch die Lage geforderten Weise 
raschestens auf die Maschine eingewirkt und auf die Gefahr ohne Zeitverlust 
reagiert (vgl. BGE 76 IV 53 ff.). Zu prüfen bleibt, ob das abrupte Bremsmanöver, 
welches schliesslich zum Sturz führte, auch zweckmässig war bzw., ob X. das 
Nichtbeherrschen seines Motorrades nach dem brüsken Bremsmanöver 
vorgeworfen werden kann.

b/cc. Wie bereits die Vorinstanz festhielt, kann einem Motorradfahrer eine miss-
glückte Vollbremsung in einer Kurve als sorgfaltspflichtwidriges Verhalten vorge-
worfen werden. Wird ein Motorradfahrer in einer Kurve plötzlich mit einem Hinder-
nis konfrontiert und nimmt dort eine Vollbremsung vor, so besteht die Gefahr, dass 
das Motorrad in der Tangente der Kurve ausbricht, weil die Räder blockieren. In 
solchen Fällen lässt sich die Schleuderbewegung nicht allein durch Gegensteuer 
korrigieren, sondern nur, indem zusätzlich die Bremsen gelöst werden. Ist ein 
Lenker von seiner Ausbildung her nicht im Stande, sein Fahrzeug in dieser Weise 
sicher zum Stillstand zu bringen, hat er so zu fahren, dass er erst gar nicht in die 
Situation kommt, eine Vollbremsung unvermittelt in einer Kurve vornehmen zu 
müssen. Ist der Lenker jedoch aufgrund eines verkehrsregelwidrigen Verhaltens 
eines anderen Verkehrsteilnehmers oder infolge höherer Gewalt gezwungen, ein 
derartiges Fahrmanöver vorzunehmen, kann ihm kein Vorwurf gemacht werden. 
Dies muss zumindest dann gelten, wenn ein durchschnittlicher Fahrzeuglenker 
unter den gegebenen Umständen nicht im Stande wäre, eine Vollbremsung 
durchzuführen, ohne zu Fall zu kommen (Boll, Grobe Verkehrsverletzung, Eine 
eingehende Darstellung der Praxis des Bundesgerichts, Davos 1999, S. 67 f.). 

Seite  9 — 11

b/dd. Vorliegend steht fest, dass X. in einer unübersichtlichen Linkskurve 
unvermittelt eine Vollbremsung durchführte, dadurch stürzte und sein Motorrad 
noch einige Meter weit rutschte. Fest steht auch, dass X. dieses Fahrmanöver 
einzig durchführte, um einen Zusammenstoss mit der ihm auf seiner Fahrbahn 
verkehrsregelwidrig entgegenkommenden Radfahrerin zu verhindern. Da X. somit 
dem verkehrsegelwidrigen Verhalten der Radfahrerin ausgesetzt und zu einer 
Vollbremsung gezwungen war, kann ihm kein sorgfaltspflichtwidriges Verhalten 
zur Last gelegt werden. Seine Reaktion auf die ihm unmittelbar drohende Gefahr 
ist als zweckmässig zu bezeichnen. Die Tatsache, dass er stürzte und das 
Motorrad wegrutschte, kann ihm unter diesen Umständen nicht als 
Sorgfaltspflichtverletzung angelastet werden. Wie dargelegt, stand ihm keine 
andere Möglichkeit zur Verfügung, um der Gefahrenquelle auszuweichen bzw. 
einen Zusammenstoss mit der Radfahrerin zu verhindern. 

b/ee. Nicht gefolgt werden kann der Vorinstanz somit darin, dass X. unter den 
gegebenen Umständen hätte in der Lage sein müssen, eine Kollision durch eine 
Vollbremsung ohne anschliessenden Sturz zu vermeiden. Die dazu angestellten 
Hypothesen, wonach der Anhalteweg 14 Meter betragen habe und eine 
Vollbremsung auf dieser Distanz ohne Sturz einem durchschnittlichen Menschen 
zumutbar sei, basiert auf reinen Mutmassungen, die nach dem Gesagten nicht 
verwertbar sind. 

4. Des Weiteren beanstandet der Berufungskläger zu Recht, dass die Vorin-
stanz seitenlange Ausführungen über die Geschwindigkeit und Art. 32 SVG 
machte, obwohl gemäss Anklageverfügung einzig die Verletzung von Verkehrsre-
geln gemäss Art. 31 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 90 Ziff. 1 SVG zu beurtei-
len war. Auch Ausführungen zur schweren Verkehrsregelverletzung gemäss Art. 
90 Ziff. 2 SVG hätten unterbleiben müssen, da gemäss Anklageverfügung nur eine 
leichte Verkehrsregelverletzung (Art. 90 Ziff. 1 SVG) zu prüfen war.

5. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass X. eine Verletzung von Art. 31 
Abs. 1 SVG (Nichtbeherrschen des Fahrzeuges) nicht vorgeworfen werden kann. 
X. ist somit straflos und von der Verletzung von Verkehrsvorschriften gemäss Art. 
31 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 90 Ziff. 1 SVG freizusprechen. 
Infolgedessen ist die Berufung gutzuheissen und das angefochtene Urteil 
aufzuheben. 

6. a) Wird eine Rechtsmitteleingabe gutgeheissen, so entscheidet das Gericht 
über die Kostenverteilung zwischen dem Obsiegenden, dem Staat, der ersten In-

Seite  10 — 11

stanz und dem Unterliegenden (Art. 160 Abs. 3 StPO). Die Rechtsmittelinstanz 
kann dem Obsiegenden eine aussergerichtliche Entschädigung zulasten des Un-
terliegenden, der Vorinstanz oder des Staates zusprechen (Art. 160 Abs. 4 StPO). 

b) Da die Berufung gutgeheissen und der Berufungskläger von Schuld und 
Strafe freigesprochen wird, gehen die Kosten des Kreisamtes Chur von Fr. 347.50 
zu Lasten des Kreises Chur, welcher X. mit Fr. 500.00 (inkl. MwSt) zu ent-
schädigen hat. Die Kosten des Bezirksgerichtsausschusses Plessur von 
Fr. 1'700.00 gehen zu Lasten des Bezirks Plessur, welcher X. mit Fr. 1'000.00 
(inkl. MwSt) zu entschädigen hat. Sodann gehen die Gerichtskosten für das 
Berufungsverfahren von Fr. 2'000.00 zu Lasten des Kantons Graubünden, welcher 
X. aussergerichtlich zu entschädigen hat. Das Gericht erachtet eine 
aussergerichtliche Entschädigung von Fr. 1'000.00 (inkl. MwSt) als angemessen. 

Seite  11 — 11

Demnach erkennt die I. Strafkammer:

1. Die Berufung wird gutgeheissen, das angefochtene Urteil wird aufgehoben 
und X. wird von der Anklage der Verletzung von Verkehrsvorschriften 
gemäss Art. 31 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 90 Ziff. 1 SVG 
freigesprochen.

2. Die Kosten des Kreisamtes Chur von Fr. 347.50 gehen zu Lasten des Krei-
ses Chur, welcher X. mit Fr. 500.00 (inkl. MwSt) zu entschädigen hat. Die 
Kosten des Bezirksgerichtsausschusses Plessur von Fr. 1'700.00 gehen zu 
Lasten des Bezirks Plessur, welcher X. mit Fr. 1'000.00 (inkl. MwSt) zu 
entschädigen hat. 

3. Die Kosten des Berufungsverfahrens von Fr. 2'000.00 gehen zu Lasten des 
Kantons Graubünden, welcher X. mit Fr. 1'000.00 (inkl. MwSt) zu 
entschädigen hat. 

4. Gegen diesen Entscheid kann gemäss Art. 78 ff. des Bundesgerichtsgeset-
zes (BGG) Beschwerde in Strafsachen an das Schweizerische Bundesge-
richt geführt werden. Diese ist dem Bundesgericht schriftlich, innert seit Er-
öffnung der vollständigen Ausfertigung der Entscheidung in der gemäss Art. 
42 f. BGG vorgeschriebenen Weise einzureichen. Für die Zulässigkeit, die 
Beschwerdelegitimation, die weiteren Voraussetzungen und das Verfahren 
der Beschwerde gelten die Art. 29. ff., 78 ff. und 90 ff. BGG. 

5. Mitteilung an: