# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 68a98cbf-2585-59ac-a68f-2bfa982ace1f
**Source:** Zürich Sozialversicherungsgericht (ZH)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2016-02-26
**Language:** de
**Title:** Sucht und Persönlichkeitsstörung sowie geringfügige somatische Beschwerden. Rückweisung zur psychiatrischen Begutachtung. Anspruch auf Integrationsmassnahmen (IVG 14a) sowie auf eine Rente hernach erneut zu prüfen.
**Docket/Reference:** IV.2015.00923
**URL:** https://findex.webgate.cloud/entscheide/IV.2015.00923.html

## Full Text

Sozialversicherungsgericht
des Kantons Zürich
IV.2015.00923
I. Kammer
Sozialversicherungsrichterin Grünig, Vorsitzende
Sozialversicherungsrichter Spitz
Ersatzrichter Wilhelm
Gerichtsschreiberin Widmer
Urteil
vom
26. Februar 2016
in Sachen
X.___
Beschwerdeführer
vertreten durch Pro
Infirmis
Zürich
Sozialberatung, Y.___
Hohlstrasse 560, Postfach, 8048 Zürich
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich
Beschwerdegegnerin
Sachverhalt:
1.
Der 1975 geborene
X.___
verfügt über eine
Anlehre
zum
Fahr
zeugschlosser
(Urk. 7/7/4). Am 3
1.
August 2012 meldete er sich bei der Eidge
nössischen Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 7/7). Dabei gab er an, dass er sich zu 40
%
in einem Integrationsprogramm de
s
Z.___
befinde
,
und wies darauf hin, dass er seit Geburt nur eine Niere habe, 20 Jahre lang harte Drogen genommen habe, sich nun im Abgabeprogramm
der
A.___
befinde, sich bei einem Sturz aus sechs Metern Höhe diverse Brüche zugezogen habe, an verschiedenen Allergien leide und psychisch
angeschlagen sei (Urk. 7/7/4).
Die
Sozialversicherungs
anstalt
des Kantons Zürich,
IV-Stelle, liess einen Auszug aus dem individuellen Konto des Versicher
ten erstellen (IK-Auszug; Urk. 7/9), holte Berichte der behandelnden Ärzte (Urk. 7/10-11, Urk. 7/21-22
)
und Auskünfte der zuständigen Sozialbehörden (Urk. 7/12, Urk. 7/20
) ein,
nahm berufliche Unterlagen zu den Akten (Urk. 7/15
), führte ein Standortgespräch mit dem Versicherten durc
h (Urk. 7/27) und ver
fasste ein
Verlaufsprotokoll über die Eingliederungsberatung (Urk. 7/26). Mit Mitteilung vom
6.
Mai 2013 schloss sie die Arbeitsvermittlung ab, da der Versi
cherte sich entschieden habe, weiterhin via Sozialdienst beim
Z.___
zu arbeiten (Urk. 7/23).
Im weiteren Verlauf holte die IV-Stelle einen weiteren ärztlichen Bericht (Urk. 7/30) sowie
Stellungnahmen ihres
Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD;
Urk.
7/31/3-5) ein und stellte dem Versicherten mit Vorbescheid vom
7.
Mai 2014 die Abweisung seines Leistungsbegehrens in Aussicht
(Urk. 7/
34).
Dagegen erhob der
Versicherte
am 2
7.
Mai 2014
(Urk. 7/
36), ergänzt am
2.
Juli 2014
(Urk. 7/
39)
unter Beilage eines Berichts des
Z.___
(Urk. 7/
40)
,
Einwand.
Daraufhin holte die IV-Stelle einen weiteren Arztbericht
(Urk. 7/
51) sowie eine RAD-Stellungnahme
(Urk. 7/
53/2-3
) ein und wies das Leistungsbegehren des Versicherten mit Verfügung vom 1
6.
Juli 2015 wie angekündigt ab
(Urk. 7/
54 =
Urk.
2).
2.
Gegen die Verfügung vom 1
6.
Juli 2015 erhob der Versicherte am 10. Septem
ber
2015 Beschwerde und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzu
heben und es seien ihm Eingliederungsmassnahmen in Form von
In
tegrations
mass
nah
men
zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung zu
zusprechen.
Even
tualiter sei ihm eine Rente zu gewähren. In prozessualer Hin
sicht bean
tragte er die unentgeltliche Prozessführung (Urk. 1 S. 1 und S. 4).
In der
Be
schwer
deant
wort
vom
9.
Oktober 2015 schloss die Beschwerdegegnerin auf Ab
weisung der Beschwerde (Urk. 6). Am 1
2.
Oktober 2015 reichte der Be
schwer
deführer eine
ärztliche Stellungnahme ein (Urk. 8 und 9). Mit
Gerichts
verfügung
vom 1
4.
Okto
ber 2015 wurde ihm die unentgeltliche Prozessführung gewährt (Urk. 10).
Am
1
2.
Januar 2016 erfolgte eine weitere Stellungnahme der Beschwerdegegnerin (Urk. 13), welche dem Beschwerdeführer am 1
3.
Januar 2016 zur Kenntnis ge
bracht wurde (Urk. 14).
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, so
weit erforderlich, in den
nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.
Das Gericht
zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts; ATSG
).
Sie kann Folge von
Ge
burtsgebrechen
, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung; IVG
).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beein
trächtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen
den ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Gemäss ständiger Rechtsprechung begründet eine Drogen
sucht
-
wie auch Alko
holismus und Medikamentenabhängigkeit -
für sich allein keine Invalidität, sondern nur in Verbindung mit einem die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigenden
geistigen, körperlichen oder psychischen
Gesundheitsscha
den
mit
Krankheits
wert
,
der zur Sucht geführt hat oder als deren Folge einge
treten ist (BGE 102 V 167, 99 V 28 E. 2; AHI 2002 S. 30 E. 2a, 2001 S. 228 f. E. 2b; SVR 2001 IV Nr. 3 S. 7
E.
2b; Urteil
e
des Bundesgerichts I 940/05 vom 10. März
2006
, E. 2.1; 8C_694/200
8 vom 5. März 2009
,
E.
2
, je
mit Hinweisen
). Daraus folgt nicht, dass die Auswirkungen einer Drogensucht, die ihrerseits auf einen
Gesundheits
schaden
zurückgeht, per se invaliditätsbegründend sind. Die zitierte Praxis setzt vielmehr den Grundsatz um, dass funktionelle Einschrän
kungen nur
anspruchs
begründend
sein können, wenn sie sich als Folgen selb
ständiger
Gesundheits
schädigungen
darstellen (
Art.
6 ff. ATSG und
Art.
4
Abs.
1 IVG;
Urteil des Bun
desgerichts 9C_856/2012 vom 19. August 2013
,
E. 2.2.1 mit Hinweisen auf
BGE 127 V 294
E. 5a und Urteil I 955/05 vom
6.
November 2006
,
E. 3.3.2).
Angesichts der insoweit finalen Natur der Invalidenversicherung ist nicht ent
scheidend, ob die Drogensucht Folge eines körperlichen oder geistigen
Gesund
heitsschadens
ist oder ob die Sucht ausserhalb eines Kausalzusammenhangs mit
dem versicherten Gesundheitsschaden steht. In beiden Konstellationen sind reine
Suchtfolgen IV-rechtlich
irrelevant
, soweit sie als solche allein
leistungs
min
dernd
wirken. Hingegen sind sie gleichermassen IV-rechtlich relevant, so
weit sie in einem engen Zusammenhang mit einem eigenständigen
Gesund
heitsschaden
stehen. Dies kann der Fall sein, wenn die Drogensucht – einem Symptom gleich
– Teil eines Gesundheitsschadens bildet; dies unter der Vo
raussetzung, dass nich
t allein die unmittelbaren Folgen des
Rauschmittelkon
sums
, sondern wesent
lich auch der psychiatrische Befund selber zu Arbeitsun
fähigkeit führt. Sodann können selbst reine Suchtfolgen invalidisierend sein, wenn daneben ein psy
chischer Gesundheitsschaden besteht, welcher die
Betäu
bungsmittelabhängig
keit
aufrecht erhält oder deren Folgen massgeblich ver
stärkt. Umgekehrt können die Auswirkungen der Sucht (unabhängig von ihrer Genese) wie andere psycho
soziale Faktoren auch mittelbar zur Invalidität bei
tragen, wenn und soweit sie den Wirkungsgrad der Folgen eines
Gesundheits
schadens
beeinflussen (
Urteil des Bundesgerichts 9C_856/2012 vom 19. August 2013
,
E. 2.2.2 mit Hinweisen auf
BGE 99 V 28
E.
3b,
120 V 95
E.
4c, SVR 2012 IV Nr. 32 S.
127, 9C_776/2010 vom 20. Dezember 2011 E. 2.3.3, ZAK 1992 S. 169).
Eine psychisch bedingte Invalidität im Sinne des Gesetzes liegt nur dann vor, wenn ein psychisches Leiden mit Krankheitswert fachärztlich ausgewiesen ist und es der betroffenen Person trotz Aufbietung allen guten Willens, die verblei
bende Leistungsfähigkeit zu verwerten, wegen ihrer Beschwerden nicht zuzu
muten ist, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, wobei das Mass des
Forderbaren
weitgehend objektiv bestimmt wird (BGE 130 V 352 E. 2.2.1, 131 V 49).
1.3
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26
Abs. 1 des Gesetzes über
das Sozialversicherungsgericht;
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Be
gehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abge
lehnt hat, wenn schwierige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheid
relevante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bun
desgerichts U 209/02 vom 10. September 2003
,
E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
stellte sich in der angefochtenen Verfügung auf den Standpunkt, es lägen keine Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit vor. Die dargestellten Einschränkungen würden keinen langdauernden
Gesund
heitsschaden
begründen, welcher die Arbeitsfähigkeit in erheblichem Masse ein
zuschränken vermöge. Somit sei kein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden ausgewiesen.
Die Symptome liessen sich erst nach
Sucht
beginn
nachweisen. Eine vorbestehende und vom Suchtgeschehen unabhängige psychiatrischer Erkrankung könne nicht belegt werden. Folglich liege primär ein Suchtgeschehen vor (Urk. 2).
Gegenwärtig fänden sich keine psychopathologi
schen Auffälligkeiten (Urk. 13).
In der Beschwerdeantwort fügte sie an, es fänden sich auch keine Hinweise auf langandauernde und erhebliche somatische Einschränkungen. Es seien keine somatischen Befunde erhoben worden (Urk. 6).
2.2
Der Beschwerdeführer machte geltend, als Fahrzeugschlosser könne er nicht mehr arbeiten, seitdem er im Jahr 2001 aus mehreren Metern Höhe auf einen Betonboden gestürzt sei (Urk. 1 S. 2). Erste Anzeichen seiner
Persönlichkeits
störung
seien bereits in seiner Jugend ersichtlich
gewesen
, als er mit harten Suchtmitteln in Kontakt gekommen sei, die Lehre abgebrochen und die
Anlehre
nur mit Mühe bewältigt habe. Vermutlich habe die Persönlichkeitsstörung zur Sucht geführt. Aus seiner Tätigkeit im
B.___
könne keine Arbeitsfä
higkeit für den ersten Arbeitsmarkt abgeleitet werden (Urk. 1 S. 3)
3.
3.1
Dr.
med.
C.___
, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie
, und med.
pract
.
D.___
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin,
Psychi
atrie und Psychotherapie
,
A.___
, Zentren für Suchtmedizin, hielten in ihrem Bericht vom 1
0.
Oktober 2012 fest, der Beschwerdeführer befinde sich seit dem
6.
April 2010 in ihrer Behandlung. Bei den Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit äusserten sie den Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung mit emotional-instabilen, impulsiven, kränkbaren und dissozialen Anteilen mit/bei unreifen und dysfunktionalen
Coping
-Strategien (ICD-10: F61).
Keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit massen sie der Störung durch Opioide,
Abhängigkeits
syndrom
mit gegenwärtiger Teilnahme an einem ärztlichen überwachten Heroin-
Substitutionsprogramm (ICD-10: F11.22), der Störung durch Sedativa oder Hyp
notika, gegenwärtig Substanzgebrauch in Form von
Dormicum
(ICD-10: F13.24)
,
sowie der Störung durch Kokain, Abhängigkeitssyndrom mit gegen
wärtiger
Abstinenz (ICD-10: F14.2)
,
zu
(Urk. 7/10/1).
Sie führten aus,
akten
anamnestisch
bestünden Hinweise auf eine akzentuierte Persönlichkeit oder eine
Persönlich
keits
störung
. Gegenwärtig unter Substitution sei der Beschwerdefüh
rer aber stabil
und kompensiert, es lägen keine
behandlungsbedürftigen
psy
chopathologischen Auffälligkeiten vor
. Aus psychiatrischer Sicht liessen sich gegenwärtig keine oder nur geringe Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit ver
muten. Da es ihm in den letzten Monaten möglich gewesen sei, die angeordne
ten Arbeitsstunden in einem bis zu 50%igen zeitlichen Pensum abzulei
s
ten, wo
bei über die erbrachte Leistung keine Angaben gemacht werden könnten, sei aus psychiatrischer Sicht wohl auch weiterhin eine 50%ige Arbeitstätigkeit möglich. Für die zuletzt aus
geübte gemeinnützige Tätigkeit im Tierheim sei ihm keine Arbeitsun
fähigkeit zu
attestieren
(Urk. 7/10/2).
Eine psychisch bedingte Leistungsminderung sei jedoch
vorstellbar.
Für eine realistische Beurteilung der tatsächlichen Arbeitsfähigkeit würden sie weiterführende medizinische Abklä
rungen durch spezialisierte Insti
tutionen sowie gegebenenfalls eine Tätigkeit im Rahmen beruflicher Massnah
men oder eines Arbeitsversuchs empfehlen (Urk. 7/10/3).
Am 1
4.
Februar 2014 stellte sich die Situation laut med.
pract
.
D.___
und
lic
. phil.
E.___
, Psychologin und Psychotherapeutin,
A.___
, unverändert dar (Urk. 7/30/2).
Bei den zusätzlichen Angaben vermerkten sie eine Einschrän
kung der Anpassungsfähigkeit sowie der Belastbarkeit aufgrund der
Persönlich
keitsanteile
. Weiter hielten sie fest, die Einschränkungen von Konzentrations- und Auffassungsvermögen seien noch zu klären (Urk. 7/30/4).
3.2
Dr.
med.
F.___
, Praxis
Dr.
med.
G.___
, berichtete am 29. November 2012,
als
mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit seien die
Polytoxi
komanie
und der Status nach verschiedenen Frakturen
zu werten
(Urk. 7/11/1). Seit drei Jahren arbeite der Beschwerdeführer zu 30 bis 40
%
im
B.___
(gemeinnützige Arbeit), was der derzeit höchstmöglichen Belastung entspreche. Eingeschränkt sei die Konzentrationsfähigkeit und der Beschwerde
führer befinde sich im Entzugsprogramm
. Falls ein körperlicher Entzug gelinge, sei eine Arbeitsfähigkeit möglich
(Urk. 7/11/2).
Rein sitzende, rein stehende und
vorwiegen
d
im Gehen ausgeübte Tätigkeiten seien
ihm
nicht zumutbar,
wech
sel
belastende
indes schon. Die
Gewichtslimite
für Heben und Trage
n
liege bei fünf Kilogramm (Urk. 7/11/4).
3.3
Dr.
med.
H.___
, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, führte in ihrer RAD-Stellungnahme vom
3.
Juni 2013 aus,
die Angaben
der
A.___
seien in sich inkonsistent. Mit Auswirkung auf
die
Arbeitsfähigkeit sei der Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung geäussert worden
(Urk. 7/31/3). RAD-Arzt med.
pract
.
I.___
, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie
,
hielt am 2. Mai 2014 fest,
nur
bei
einem Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung und gegenwärtig ohne psychopathologischen Auffälligkeiten könne keine invaliden
versicherungsrechtlich relevante Persönlichkeitsstörung vorliegen
. Einschrän
kungen seien weder für die Tätigkeit als Fahrzeugschlosser noch für eine ange
passte Tätigkeit ersichtlich
(Urk. 7/31/4-5).
3.4
Im
Bericht de
r
A.___
vom Februar 2015 diagnostizierte
Dr.
med.
J.___
,
Oberarzt Psychiatrie, - nun nicht mehr lediglich als Verdachtsdiagnose - eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit emotional-instabilen, impulsiven und kränkbaren Anteilen (ICD-10: F
61; Urk. 7/51/1). Er beschrieb den Beschwerde
führer als freundlich, aber abwartend und misstrauisch. Er reagiere schnell ge
kränkt und wirke unterschwellig gereizt. Es sei eine leichte Reduktion von Kon
zentration und Aufmerksamkeit zu beobachten. Der Beschwerdeführer klage über Rückzug, Stimmungsschwankungen, Antriebs- und Motivationslosigkeit. Er zeige eine eingeschränkte Impulskontrolle mit Tendenz zur schnellen Über
forderung. Psychomotorisch sei er unruhig
.
Er
komme in etwa 2-wöchentlichen Abständen zu ambulanten Therapiegesprächen, welche den Umgang mit
Krank
heitssymptomen
der Persönlichkeitsstörung bezweckten.
Trotz therapeutischer Interventionen zeige sich eine
Chronifizierung
, weshalb auch längerfristig nicht von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen sei
(Urk. 7/51/2).
In der bishe
rigen Tätigkeit als Mitarbeiter Tierheim (gemeinnützige Arbeit) bestehe eine Leistungsminderung sowie eine verminderte Belastbarkeit
. Dies wegen emotio
naler Labilität, Rückzug und Antriebsminderung, wegen einer insgesamt redu
zierten Stressregulation und Frustrationstoleranz und Einschränkungen der Fle
xibilität
. Er sei höchstens zu 50
%
arbeitsfähig. Eine behinderungsangepasste Tätigkeit sei ihm zu mindestens 50
%
zumutbar. Längerfristig könnten inter
mit
tierende Episoden von Arbeitsunfähigkeit beziehungsweise
Krankheitsaus
fällen
aufgrund der Persönlichkeitsstörung nicht ausgeschlossen werden
(Urk. 7/51/3).
3.5
RAD-Arzt
med.
pract
.
I.___
führte am
6.
März 2015
dazu
aus,
die von der
A.___
angeführten Symptome der emotionalen Instabilität, Impulsivität und Kränkbarkeit passten auch zum Drogengeschehen. Die
A.___
habe selber fest
gehalten, wegen der
depressogenen
und demenzfördernden Wirkung wolle sie den
Benzodiazepinkonsum
verringern. Es sei der
A.___
also auch bekannt, dass chronischer
Benzodiazepinkonsum
zur Gefühlsverflachung führe. Die Unfähig
keit des
Benz
o
diazepin
abhän
gigen
, mit seinen
Gefühlen umzugehen, führe ty
pi
scherweise auch zu einer erhöhten Kränkbarkeit und Impulsivität. Die als
Per
sönlichkeitsstörung
definierten Symptome seien demnach mit überwiegender Wahr
scheinlichkeit als Symptom
e
der Abhängigkeit zu beurteilen. In der Bio
grafie des Beschwerdeführers finde sich kein tatsächlicher Beleg für eine hohe
Kränkbarkeit/Impulsivität/emotionale Instabilität. Vielmehr habe er zum Bei
spiel
die Sekundarschule erfolgreich abgeschlossen. Ab dem Alter von 16 Jah
ren hab
e dann bereits der Heroinkonsum begonnen. Eine eigenständige
Persön
lichkeits
störung
könne nur diagnostiziert werden, wenn derartige
Persönlich
keitsmerk
male
unabhängig vom Drogengeschehen, also vor Suchtbeginn,
fest
gestellt würden. Dies sei beim Beschwerdeführer nicht der Fall. Eine primäre
Persön
lich
keitsstörung
lasse sich daher nicht belegen (Urk. 7/53/2-3).
3.6
Am
1.
Oktober 2015 berichteten
Dr.
J.___
und
lic
. phil.
E.___
,
die
Sucht
problematik
des Beschwerdeführers sei sekundär. Die Persönlichkeitsstörung liege ihr zugrunde. Diese sei Folge nicht adäquat durchlaufener adoleszenter Reifungsschritte, entwicklungsbedingt und durch kumulative Traumatisierungen entstanden. Der Beschwerdeführer sei gemäss seinen eigenen Angaben bereits
in der Kindheit misstrauisch gewesen. Er habe stark unter Alpträumen gelitten, viel über Leben und Tod nachgedacht, bis zum 1
0.
Lebensjahr fast jede Nacht bei der Mutter geschlafen und seine Mutter habe ihn häufig zittern
d
und weinend vorgefunden. In der Schule hätten zwar keine Lernschwierigkeiten, aber Ver
haltensauffälligkeiten (diverse Streiche) sowie schwankende Schulleistungen beob
achtet werden können (Urk. 9 S. 1).
Seit seiner Jugendzeit habe er eine geringe Frustrationstoleranz und eine eingeschränkte Emotionsregulation. Seit der Adoleszenz weise er unzureichende
Copingstrategien
mit der Ne
igung zu im
pulsiven Durchbrüchen
mit Kränkung und reduzierter Flexibilität mit ent
spre
chend schneller Überforderung sowie eine reduzierte Durchhaltefähigkeit auf.
Mit 11 Jahren habe er zwecks Beruhigung zu kiffen begonnen, ab 13 Jahren habe
er regelmässig Cannabis konsumiert
. Im Alter von 16 Jahren habe er we
gen hoher psychosozialer Überforderung mit dem Konsum von Heroin begon
nen
. Das Abhängigkeitssyndrom sei somit Folge einer permanente
n
Überforde
rungs
situation
und ungünstiger Entwicklungsbedingungen. Aufgrund der emo
tional-instabilen Persönlichkeitsentwicklung
habe
sich schnell ein süchtiges Verhalten
entwickelt
, weil die
Copingstrategien
zur adäquaten Bewältigung der Situation
gefehlt hätten.
Heute lasse sich schwer genau differenzieren,
ob die
Sympto
ma
tik der Persönlichkeitsstörung oder
der
Abhängigkeitserkrankung zu
geordnet werden könne
(Urk. 9 S. 2).
4.
4.1
Die IV-Stelle stützte sich bei
m Erlass
der angefochtenen Verfügung auf die Stel
lungnahmen ihres RAD.
Med.
pract
.
I.___
stellte sich auf den Standpunkt, die geschilderten Symptome der emotionalen Instabilität, Impulsivität und
Kränk
barkeit
passten auch zum Drogengeschehen. Das Benzodiazepin, welches der Beschwerdeführer weiterhin einnehme, habe eine
depressogene
und
demenzför
dernde
Wirkung. Zudem führe chronischer
Benzodiazepinkonsum
zur
Gefühls
verflachung
. Die Unfähigkeit des
Benzodiazepinabhängigen
, mit seinen Gefüh
len umzugehen, führe typischerweise auch zu einer erhöhten Kränkbarkeit und Impulsivität. Die als Persönlichkeitsstörung definierten Symptome seien dem
nach mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als Symptom der Abhängigkeit zu beurteilen (vorstehende E. 3.5).
V
or dem Hintergrund, dass auch die Ärzte der
A.___
dem vom Beschwerdefüh
rer in der Dosis von 90mg täglich
eingenommenen Benzodiazepin
Dormicum
eine solche
depressogene
und kognitiv verschlechternde Wirkung zuschrieben (Urk. 7/51/2),
ist dies nicht ausgeschlossen
.
Handkehrum vermag der RAD damit
nicht darzutun, dass entgegen der von
Dr.
J.___
gestellten Diagnose
(Urk. 7/51/1)
keine
Persönlichkeitsstörung vorliegt
.
Dass sich in der Biografie des Beschwerdeführers kein tatsächlicher Beleg für Symptome einer
Persönlich
keitsstörung
finden lasse, hielt er fest, ohne zuvor die Lebensgeschichte des Be
schwerdeführers im Detail zu erheben
und ohne sich näher mit d
en d
azu vor
handenen Angaben auseinanderzusetzen. Demzufolge ist diese
Beurteilung
nicht
nachvollziehbar
beziehungsweise vermochte med.
pract
.
I.___
die Diag
nose der vorbestehenden Persönlichkeitsstörung nicht zu entkräften
.
Dies gilt umso mehr, als
Dr.
J.___
und
lic
. phil.
E.___
einen bereits in der Kindheit psy
chisch auffälligen Beschwerdeführer
beschrieben
, der
zwecks
Ber
uhi
gung mit dem Kiffen begonnen habe. Sie sahen die Suchtproblematik als durch die
Per
sönlichkeitsstörung
bedingt (E.
3.6 vorstehend
) und führten
The
rapiegespräche
zum Umgang mit den Symptomen der Persönlichkeitsstörung durch (E. 3.4 vorstehend).
Sie vermochten indes nicht anzugeben, zu welchem Teil die Symptomatik der Persönlichkeitsstörung und zu welchem Anteil der
Abhängig
keitserkrankung
zugeordnet werden könne (Urk. 9 S. 2).
Insgesamt
gingen
sie
von einer etwa 50%igen Arbeitsfähigkeit aus (E.
3.4 am Ende), emp
fahlen je
doch, sowohl die Arbeitsfähigkeit als auch die Einschränkungen von Konzent
ration und Auffassung weiter abzuklären (Urk. 7/10/3, Urk. 7/30/4).
Nach dem Gesagten kann weder auf die Angaben
des RAD
noch auf jene der
A.___
ab
gestellt werden, sondern die durch selbständige
Gesundheits
schädi
gungen
ver
ursachte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit kann
beim vorlie
gen
den
Akten
stand
nicht abschliessend beurteilt werden. Hierzu ist eine psychia
tri
sche Begut
achtung erforderlich. Zu diesem Zwecke ist
die Sache an die
Beschwer
degegne
rin
zurückzuweisen, da sie weder eine Begutachtung noch eine RAD-Untersu
chung in Auftrag gegeben und den
entscheidrelevanten
Sachverhalt somit un
genügend abgeklärt hat.
In diesem Sinne ist die Beschwerde
gutzu
heissen,
die angefochtene Verfügung
aufzuheben
und die Sache
zur weiteren Abklärung und hernach neuen Verfügung
an die
IV-Stelle zurückzuweisen.
4.2
Im somatischen Bereich wies der Beschwerdeführer auf die im Jahr 200
1
erlitte
nen diversen Brüche hin
und dass er deswegen nicht mehr als
Fahrzeugschlos
ser
arbeiten könne (Urk. 1 S. 2).
Der Hausarzt gab das Datum des Unfalls mit 1
4.
Mai 2003 an (Urk. 7/11/1
, Urk. 7/11/4
).
A
us dem IK-Auszug vom
2.
Novem
ber 2012
ist
ersichtlich, dass der Beschwerdeführer im Unfallzeitpunkt trotz absolvierter
Anlehre
nicht als Fahrzeugschlosser
ge
arbeitet
hatte
. Vielmehr hatte er
bereits
in den Jahren zuvor wechselnde Stellen mit
nur geringem
Einkommen inne (Urk. 7/9). Daraus ist zu schliessen, dass der Beschwerdeführer ohne Ein
tritt des somatischen Gesundheitsschadens in einer beliebigen Hilfstätigkeit an
gestellt
gewesen
wäre.
Dr.
F.___
hielt aus somatischer Sicht rein sit
zende, rein stehende und vorwiegend im Gehen ausgeübte Tätigkeiten nicht mehr für zumutbar und sah die
Gewichtslimite
für Heben und Tragen bei fünf
Kilogramm (Urk. 7/11/4). Selbst wenn man diese nicht näher
, insbesondere nicht
mittels Darlegung von Befunden,
begründete
n Einschränkungen berück
sichtig
t
, st
eht
dem Beschwerdeführer noch
ein breiter Fächer von
Hilfstätigkei
ten offen.
Die Einschränkungen bestehen
laut
eigener Beschreibung des
Beschwerde
füh
rer
s
darin
, dass er
weniger Kraft im linken Arm und Probleme mit dem Fuss
ha
t
(Urk. 7/27/3). Die
geklagten Beschwerden
liessen
zwischen 2010 und 2013 im
Rahmen der Ableistung gemeinnütziger Arbeit beziehungsweise im Rahmen eines
Inte
grati
onsprogramms
des
Z.___
das Spazierenführen von Hunden und die Rei
ni
gung der Hundegehege im
B.___
zu (vgl.
Urk.
7/17,
Urk.
7/27/2).
Der Ausübung einer körperlich leichten bis mittelschweren und
wechselbelas
tenden
Tätigkeit stehen die Unfallfolgen somit nicht im Wege.
5.
5.1
Der Streitgegenstand des Verfahrens betrifft die Bewilligung oder Verweigerung von
L
eistungen
der Invalidenversicherung
. Das Verfahren ist daher kosten
pflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhän
gig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und ermessensweise auf
Fr. 6
00.
--
anzusetzen.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie
der Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen.
5.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb
der
vertretene Beschwerdeführer Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat.
Diese ist gestützt auf § 34 Abs. 1 und 3
GSVGer
unter Berücksichtigung der Be
deu
tung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses sowie des Masses des Obsiegens auf Fr. 1‘200.-- (inkl. Mehr
wertsteuer und Barauslagen) festzusetzen.
Das Gericht erkennt:
1.
Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass die
angefochtene Verfügung aufgehoben und die Sache an die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-
Stelle, zurückgewiesen wird, da
mit diese, nach erfolgter Abklärung im Sinne der Erwägungen, neu verfüge
.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
600
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt. Rech
nun
g und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechts
kraft zugestellt.
3.
Die Beschwerdegegnerin wird
verpflichtet,
dem Beschwerdeführer
eine
Prozessent
schädigung
von
Fr.
1'200
.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) zu bezahlen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Pro
Infirmis
Zürich
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
5.
Gegen diesen Entscheid kann innert
30 Tagen
seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (
Art.
82 ff. in Verbindung mit
Art.
90 ff. des Bundes
gesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 1
5.
Juli bis und mit 1
5.
August sowie vom 1
8.
Dezember bis und mit dem
2.
Januar (
Art.
46 BGG).
Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzu
stellen.
Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweis
mittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines Vertreters zu enthal
ten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (
Art.
42 BGG).
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
Die VorsitzendeDie Gerichtsschreiberin
GrünigWidmer