# Swiss Caselaw Document

**Case Identifier:** 88b2d872-bd09-56b1-bd2d-861981393ed5
**Source:** Aargau Gerichte (AG)
**Court Level:** cantonal
**Decision Date:** 2023-08-18
**Language:** de
**Title:** Aargau Obergericht Versicherungsgericht 18.08.2023 VBE.2023.80
**Docket/Reference:** 
**URL:** https://entscheidsuche.ch/docs/AG_Gerichte/AG_OG_007_VBE-2023-80_2023-08-18.pdf

## Full Text

Versicherungsgericht 

4. Kammer 

 

 

VBE.2023.80 / SW / BR 
(Vers.-Nr. 756.9110.7096.38)  

Art. 102 

 

Urteil vom 18. August 2023 
 

 

Besetzung  Oberrichter Roth, Präsident  

Oberrichterin Fischer  

Oberrichter Kathriner  

Gerichtsschreiberin Wietlisbach          

 

 
   

Beschwerdefüh-

rer  

 A._____,  

 

     
   

Beschwerdegeg-

nerin  

 SVA Aargau, IV-Stelle, Bahnhofplatz 3C, Postfach, 5001 Aarau   

 

     
 

Gegenstand  Beschwerdeverfahren betreffend IVG Renten 

(Verfügung vom 10. Januar 2023) 
 

 

  

 - 2 - 

 

 

 

   

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten: 

 

1. 

Der 1966 geborene Beschwerdeführer meldete sich – nachdem sein Leis-

tungsbegehren vom 20. November 2010 mit Verfügung vom 8. März 2011 

und sein Leistungsbegehren vom 13. Februar 2015 mit Verfügung vom 

9. September 2016 jeweils aufgrund der Wiedererlangung der vollständi-

gen Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit abgewiesen worden war – 

am 1. Januar 2021 bei der Beschwerdegegnerin erneut zum Bezug von 

Leistungen (berufliche Integration/Rente) der Eidgenössischen Invaliden-

versicherung (IV) an. Die Beschwerdegegnerin tätigte daraufhin erwerbli-

che und medizinische Abklärungen. Nach durchgeführtem Vorbescheidver-

fahren und Rücksprache mit dem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) wies 

sie das Rentenbegehren des Beschwerdeführers mit Verfügung vom 

10. Januar 2023 ab. 

 

2. 

2.1. 

Gegen die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 10. Januar 2023 er-

hob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 10. Februar 2023 fristgerecht 

Beschwerde. Er stellte sinngemäss den Antrag, die Verfügung vom 10. Ja-

nuar 2023 sei aufzuheben und es seien weitere Abklärungen vorzuneh-

men, wobei insbesondere ein polydisziplinäres Gutachten sowie ein Bericht 

der behandelnden Ärztin einzuholen seien. Gestützt darauf sei über seinen 

Rentenanspruch neu zu befinden. Gleichzeitig stellte er ein Gesuch um Be-

willigung der unentgeltlichen Rechtspflege.  

 

2.2. 

Mit Vernehmlassung vom 18. April 2023 beantragte die Beschwerdegeg-

nerin die Abweisung der Beschwerde.  

 

2.3. 

Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 20. April 2023 wurde dem Be-

schwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege für die Gerichtskosten be-

willigt.  

 

2.4. 

Mit Eingabe vom 4. Mai 2023 reichte der Beschwerdeführer eine weitere 

Stellungnahme ein. 

 

  

 - 3 - 

 

 

 

   

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung: 

 

1. 

Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin das Rentenbegehren 

des Beschwerdeführers mit Verfügung vom 10. Januar 2023 (Vernehmlas-

sungsbeilage [VB] 86) zu Recht abgewiesen hat. 

 

2. 

2.1. 

In der angefochtenen Verfügung vom 10. Januar 2023 (VB 86) stützte sich 

die Beschwerdegegnerin in medizinischer Hinsicht im Wesentlichen auf die 

RAD-Beurteilung von Dr. med. B., Praktischer Arzt sowie Facharzt für Frau-

enkrankheiten und Geburtshilfe, vom 22. März 2022 (VB 74) sowie die kon-

siliarisch-psychiatrische Aktenbeurteilung von RAD-Ärztin Dr. med. C., 

Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie, vom 9. Januar 2023 (VB 85).  

 

2.2. 

RAD-Arzt Dr. med. B. hielt am 22. März 2022 zusammenfassend fest, aus 

psychiatrischer Sicht sei eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit nicht be-

gründet. Grundsätzlich sei eine Arbeitstätigkeit mit einer Aufmerksamkeits-

defizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) durchaus möglich. Voraussetzung 

dafür sei jedoch eine optimal angepasste Tätigkeit. Ausserdem bestehe 

eine medikamentöse Behandlungsmöglichkeit (vgl. VB 74 S. 4). In Bezug 

auf die somatischen Einschränkungen führte er resümierend aus, aufgrund 

der multiplen Gelenkbeschwerden, insbesondere der Schulterbeschwer-

den, bestehe ein Gesundheitsschaden mit Krankheitswert, welcher eine 

Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit begründe. In 

einer angepassten Tätigkeit ohne Arbeiten über der Horizontalen, ohne Ge-

wichts- und Hebebelastungen von mehr als fünf Kilogramm, ohne feinmo-

torische Tätigkeiten sowie ohne langes Stehen oder Gehen bestehe jedoch 

keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Als Eintritt dieses Gesundheits-

schadens könne auf das Operationsdatum der Schulter, den 4. Mai 2021, 

abgestellt werden. Seither bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %, wo-

bei ab Anfang April 2022 in angepasster Tätigkeit keine Einschränkung der 

Arbeitsfähigkeit mehr zu erwarten sei (vgl. VB 74 S. 5).  

 

2.3. 

Im Rahmen der konsiliarisch-psychiatrischen Aktenbeurteilung vom 9. Ja-

nuar 2023 führte RAD-Ärztin Dr. med. C. aus, die vorhandenen Arztbe-

richte würden den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers umfas-

send und sachlich fundiert beschreiben. Gemäss den Akten bestehe beim 

Beschwerdeführer die Diagnose einer ADHS, welche erst im Erwachsenen-

alter (2021) diagnostiziert worden sei. Die Diagnose sei nachvollziehbar 

und ICD-10-konform begründet worden. Gemäss Bericht von Dr. med. D., 

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 10. Februar 2021 habe 

 - 4 - 

 

 

 

der Beschwerdeführer auf störungsspezifische Interventionen angespro-

chen (beispielsweise Strategien zur Konfliktlösung, Medikation mit Brintel-

lix, welche gemäss Expertenempfehlung nicht nur bei Depression, sondern 

auch bei ADHS wirksam sei) und im Bericht von Dr. med. E., Fachärztin für 

Psychiatrie und Psychotherapie, PD F., vom 21. Juli 2021 seien zusätzliche 

(medikamentöse) Behandlungsoptionen als indiziert beurteilt worden. Zu-

sammenfassend sei die Diagnose einer ADHS (ICD-10 F90.0) überwie-

gend wahrscheinlich. Der Beschwerdeführer habe auf eine fachpsychiatri-

sche Behandlung angesprochen und es würden weitere Behandlungsopti-

onen bestehen. Bei Nutzung der vorhandenen Behandlungsoptionen 

könne keine länger andauernde und wesentliche Beeinträchtigung der be-

ruflichen Leistungsfähigkeit in einer optimal angepassten Tätigkeit erkannt 

werden. Eine solche Behandlung sei dem Beschwerdeführer zumutbar und 

könne auch als Auflage im Sinne einer Schadensminderungspflicht ver-

langt werden (vgl. VB 85 S. 2).  

 

3. 

3.1. 

3.1.1. 

Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob die-

ser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen 

beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der 

Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medi-

zinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Si-

tuation einleuchtet und ob die Schlussfolgerung des Experten begründet 

sind (BGE 134 V 231 E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352).  

 

3.1.2. 

Auch wenn die Rechtsprechung den Berichten versicherungsinterner me-

dizinischer Fachpersonen stets Beweiswert zuerkannt hat, kommt ihnen 

praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft wie einem gerichtlichen oder im 

Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger in Auftrag gegebe-

nen Gutachten zu (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352 ff.; 122 V 157 E. 1c 

S. 160 ff.). Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung eines externen Gut-

achtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge An-

forderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuver-

lässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststel-

lungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 135 V 465 

E. 4.4 S. 469 f. und 122 V 157 E. 1d S. 162 f.). 

 

3.1.3. 

Beweistauglich kann auch eine reine Aktenbeurteilung sein, wenn es im 

Wesentlichen um die Beurteilung eines feststehenden medizinischen 

Sachverhalts geht und sich neue Untersuchungen erübrigen. Dies ist ins-

besondere der Fall, wenn genügend Unterlagen aufgrund anderer persön-

 - 5 - 

 

 

 

licher Untersuchungen vorliegen, die ein vollständiges Bild über Anam-

nese, Verlauf und gegenwärtigen Status ergeben. Der medizinische Sach-

verständige muss sich insgesamt aufgrund der vorhandenen Unterlagen 

ein lückenloses Bild machen können (vgl. Urteile des Bundesgerichts 

8C_46/2019 vom 10. Mai 2019 E. 3.2.1; 8C_641/2011 vom 22. Dezember 

2011 E. 3.2.2 mit Hinweisen). 

 

3.2. 

3.2.1. 

Der Beschwerdeführer bringt im Wesentlichen vor, die Beschwerdegegne-

rin sei ihrer Begründungspflicht nicht nachgekommen. Insbesondere führe 

sie zwar aus, die Diagnose ADHS könne mit überwiegender Wahrschein-

lichkeit bestätigt werden, jedoch gehe sie nicht darauf ein, welche Auswir-

kungen die ADHS in Kombination mit den übrigen Gesundheitsproblemen 

auf die Erwerbsfähigkeit habe. Sie weise lediglich auf die Medikamentation 

hin, die im Bericht der Psychiatrischen Dienste F. vom 21. Juli 2021 er-

wähnt sei, und erkläre, bei Nutzung dieser Behandlungsmöglichkeiten 

seien keine Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit für eine angepasste Tä-

tigkeit erkennbar. Es sei nicht einmal geklärt worden, ob die im Bericht der 

PD F. vorgeschlagene Behandlung mit Methylphenidat (Ritalin) überhaupt 

durchgeführt worden sei. Hätte eine vertrauensärztliche Untersuchung 

stattgefunden, wäre festgestellt worden, dass er Ritalin nicht einnehmen 

könne, da dies sofort zu grossen Problemen mit seinem Magen führe. Die 

Medikation sei durch Dr. med. D. mehrfach geändert und angepasst wor-

den, aber bis heute habe sie nichts gefunden, was er in ausreichenden 

Mengen zu sich nehmen könne, ohne dass dadurch andere Probleme ge-

schaffen würden, welche eine Erwerbsfähigkeit ebenfalls ausschliessen 

würden (vgl. Beschwerde S. 4 f.).  

 

3.2.2. 

Den Berichten der behandelnden Psychiaterin Dr. med. D. ist insbeson-

dere Nachfolgendes zu entnehmen:  

 

Im Bericht vom 10. Februar 2021 erklärte Dr. med. D., in der Vergangenheit 

sei es beim Beschwerdeführer hauptsächlich aufgrund seines Verhaltens 

(soziale Unverträglichkeit) immer wieder zu Problemen am Arbeitsplatz ge-

kommen. Er sei kaum konfliktfähig, vertrage keinen Stress, sei schnell 

überfordert und kaum belastbar, habe keine Frustrationstoleranz und rea-

giere schnell aggressiv. Aufgrund von psychischen Störungen sei er wegen 

Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Dies 

betreffe vor allem die Konzentration und das Frischgedächtnis. Aufgrund 

depressiver Symptome und innerer Anspannung/Reizbarkeit sei ihm Brin-

tellix verordnet worden. Damit sei er ruhiger und ausgeglichener geworden. 

Allerdings sei die Grundproblematik seines Verhaltens derart chronifiziert, 

dass sie therapeutisch kaum zugänglich sei. Es sei noch offen, ob eine ri-

 - 6 - 

 

 

 

talinähnliche Substanz wirksam sein könnte. Der Beschwerdeführer brau-

che Beschäftigung und möchte arbeiten. Eine Anstellung in einer "Nische" 

(flexible Arbeitsbedingungen, Arbeiten möglichst selbständig, wenig Kon-

takt zu anderen sowie verständnisvoller Arbeitgeber) wäre ihrer Ansicht 

nach bis zu einem Pensum von 50 % möglich. Überdies erwähnte Dr. med. 

D., sie habe ihm bereits Ritalin verordnet, jedoch habe er es nicht vertragen 

(Bauchschmerzen) und die Wirkung sei schwach gewesen. Nun finde ein 

zweiter Versuch mit Elvanse 20mg/d statt. Brintellix 20mg/d werde er wei-

terhin einnehmen (vgl. VB 55 S. 5).  

 

Im Verlaufsbericht vom 18. Januar 2022 (VB 67 S. 1-7) verwies Dr. med. 

D. auf die Zusammenfassung der Ergebnisse der ADHS-Abklärung der PD 

F. vom 21. Juli 2021(VB 67 S. 8 ff.). Darin wurde festgestellt, dass die Di-

agnose einer ADHS gestellt werden könne. Eine medikamentöse Behand-

lung mit Methylphenidat sei – unter Berücksichtigung der Komorbiditäten 

und der bestehenden Medikation – prinzipiell indiziert. Die Medikamenten-

einstellung erfolge durch die Zuweiserin (vgl. VB 67 S. 11). Dr. med. D. 

führte weiter aus, die psychischen Beschwerden seien weitgehend durch 

die ADHS-Störung zu erklären. Seit dem 2. September 2021 habe sie nur 

telefonisch mit dem Beschwerdeführer Kontakt gehabt. Er solle in eine 

ADHS-Gruppe aufgenommen werden und sich beim Ambulatorium der 

Psychiatrie G. anmelden. In der Medikationsliste wurde Brintellix (multimo-

dales Antidepressivum) aufgeführt, nicht jedoch Methylphenidat oder Elva-

nse. Überdies attestierte sie ihm eine Arbeitsfähigkeit von maximal 50 % (4 

bis 5 Stunden pro Tag) auf dem zweiten Arbeitsmarkt (vgl. VB 67 S. 1 ff.). 

 

3.3. 

3.3.1. 

Aktenausweislich sind sich die medizinischen Fachpersonen einig, dass in 

psychiatrischer Hinsicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit die Diag-

nose einer einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10 

F90.0) vorliegt (vgl. E. 2 und 3.2.2 hiervor).  

 

Diesbezüglich ist darauf hinzuweisen, dass die Beurteilung, ob ein psychi-

sches Leiden eine rentenbegründende Invalidität zu bewirken vermag, 

grundsätzlich stets anhand der Indikatoren nach BGE 141 V 281 E. 4.1.3. 

S. 297 zu prüfen ist (vgl. BGE 143 V 418 E. 7.2. S. 429 und 143 V 409 

E. 4.5.2 S. 416 f.; 145 V 215 E. 6 f. S. 227 f.). Die Indikatoren erlauben – 

unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren 

einerseits und Kompensationspotenzialen (Ressourcen) anderseits – das 

tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen 

(BGE 141 V 281 E. 3.4-3.6 und E. 4.1 S. 291 ff.). Die Anerkennung eines 

rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktio-

nellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen An-

spruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig 

und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit 

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nachgewiesen sind (BGE 145 V 361 S. 364 E. 3.2.2; Urteil des Bundesge-

richts 9C_472/2015 vom 9. Februar 2016 E. 3.1; BGE 141 V 281 E. 6 

S. 308).  

 

Das strukturierte Beweisverfahren bleibt nur dann entbehrlich, wenn im 

Rahmen beweiswertiger fachärztlicher Berichte eine Arbeitsunfähigkeit in 

nachvollziehbar begründeter Weise verneint wird und allfälligen gegenteili-

gen Einschätzungen mangels fachärztlicher Qualifikation oder aus anderen 

Gründen kein Beweiswert beigemessen werden kann (vgl. BGE 143 V 418 

E. 7.1 S. 428 f.). Dies ist vorliegend jedoch nicht der Fall. Ausweislich der 

fachärztlichen Berichte von Dr. med. D. wurde dem Beschwerdeführer eine 

maximal 50%ige Arbeitsfähigkeit in einem Nischenarbeitsplatz oder auf 

dem zweiten Arbeitsmarkt attestiert (vgl. E. 3.2.2 hiervor). Die RAD-Ärztin 

Dr. med. C. hielt in ihrer Aktenbeurteilung vom 9. Januar 2023 diesbezüg-

lich lediglich fest, bei Nutzung der vorhandenen Behandlungsoptionen 

könne keine länger andauernde und wesentliche Beeinträchtigung der be-

ruflichen Leistungsfähigkeit in einer optimal angepassten Tätigkeit erkannt 

werden (vgl. VB 85 S. 2). Auch RAD-Arzt Dr. med. B. erklärte am 22. März 

2022 lediglich, aus psychiatrischer Sicht sei eine Einschränkung der Ar-

beitsfähigkeit nicht begründet. Grundsätzlich sei eine Arbeitstätigkeit mit ei-

ner Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) durchaus 

möglich. Voraussetzung dafür sei jedoch eine optimal angepasste Tätig-

keit. Ausserdem bestehe eine medikamentöse Behandlungsmöglichkeit 

(vgl. VB 74 S. 4).  

 

Ohne die Divergenz zur Beurteilung von Dr. med. D. eingehender zu be-

gründen, hielten Dr. med. B. und Dr. med. C. damit pauschal fest, dass auf-

grund der Behandelbarkeit der diagnostizierten Krankheit bzw. aufgrund 

der Diagnose selbst (grundsätzlich) kein Gesundheitsschaden mit Auswir-

kungen auf die Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit begründet werden 

könne. Die RAD-Beurteilungen erfolgten somit ohne nachvollziehbaren Be-

zug zum konkreten Sachverhalt, was nicht statthaft ist. Denn es gilt zu be-

achten, dass einerseits zwischen einer Diagnose und der Arbeits(un)fähig-

keit keine Korrelation besteht (vgl. BGE 145 V 215 E. 6.1 S. 227; Urteil des 

Bundesgerichts 9C_636/2018 vom 20. Dezember 2018 E. 6.4) und ande-

rerseits die Therapierbarkeit eines Leidens dem Eintritt einer rentenbegrün-

denden Invalidität nicht absolut entgegensteht, da die Behandelbarkeit, für 

sich allein betrachtet, nichts über den invalidisierenden Charakter einer 

psychischen Störung aussagt (BGE 143 V 409 E. 4.2.1 S. 412 f.). Eine 

grundsätzlich gegebene Therapierbarkeit ist vielmehr (als Indiz) in die ge-

samthaft vorzunehmende Beweiswürdigung miteinzubeziehen (BGE 143 V 

409 E. 4.2.2 S. 413). 

 

In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass sich der medizinische 

Sachverhalt vor dem Hintergrund der Indikatorenrechtsprechung als nicht 

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 - 8 - 

 

 

 

feststehend erweist (vgl. E. 3.1.3 hiervor). Dies gilt insbesondere im Hin-

blick auf den Indikator "Behandlungserfolg oder –resistenz". Denn der Ver-

lauf und Ausgang von Therapien sind wichtige Schweregradindikatoren 

und das definitive Scheitern einer indizierten, lege artis und mit optimaler 

Kooperation des Versicherten durchgeführten Therapie weist auf eine ne-

gative Prognose hin. Psychische Störungen gelten nur als invalidisierend, 

wenn sie schwer und therapeutisch nicht (mehr) angehbar sind. Solange 

therapeutische Optionen bestehen, ist eine Behandlungsresistenz ausge-

schlossen (vgl. BGE 141 V 281 E. 4.3.1.2 S. 299). Vorliegend wird zwar 

ausgeführt, es würden noch Behandlungsoptionen bestehen, jedoch ist 

den Akten nicht zu entnehmen, ob diese nicht bereits – wie es vom Be-

schwerdeführer geltend gemacht wird (vgl. Beschwerde S. 4) – infolge Un-

verträglichkeiten oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten aus-

scheiden; dies obwohl auch die behandelnde Ärztin Dr. med. D. am 

10. Februar 2021 von einer Unverträglichkeit bei der Einnahme von Ritalin 

berichtet hat (vgl. VB 55 S. 5). Auf die Thematik, ob weitere Behandlungs-

versuche mit Methylphenidat (Ritalin) erfolgt sind und ob eine entspre-

chende Behandlung infolge von Unverträglichkeiten/Wechselwirkungen 

tatsächlich nicht zumutbar ist, wurde nicht weiter eingegangen und es wur-

den auch keine diesbezüglichen Abklärungen getroffen. Ebenso wenig wird 

erklärt, inwiefern die Arbeitsfähigkeit bei einer allfälligen Unverträglichkeit 

ohne eine zusätzliche Behandlung mit Methylphenidat oder einer anderen 

Substanz mit vergleichbarer Wirkung beeinträchtigt sein könnte.  

 

Zudem ist auch auf das Kriterium "Komorbidität" einzugehen. Während 

nach früherer bundesgerichtlicher Rechtsprechung die beiden Kriterien 

"psychiatrische Komorbidität" und "körperliche Begleiterkrankungen" zu 

prüfen waren, ist heute eine Gesamtbetrachtung der Wechselwirkungen 

und sonstigen Bezüge des psychischen Leidens zu sämtlichen begleiten-

den krankheitswertigen Störungen vorzunehmen (vgl. BGE 141 V 281 

E. 4.3.1.3 S. 301). Eine Störung fällt unabhängig von ihrer Diagnose bereits 

dann als rechtlich bedeutsame Komorbidität in Betracht, wenn ihr im kon-

kreten Fall ressourcenhemmende Wirkung beigemessen wird 

(vgl. BGE 143 V 418 E. 8.1 S. 430). Ausweislich der Akten wurde jedoch 

noch keine solche Gesamtbetrachtung vorgenommen. Die Abklärungen 

sind entsprechend dahingehend zu ergänzen, dass eine Auseinanderset-

zung damit vorgenommen wird, ob und gegebenenfalls welche Leiden sich 

ressourcenhemmend auswirken.  

 

Insgesamt erlauben es die vorhandenen medizinischen Akten damit nicht, 

die funktionellen Auswirkungen der psychischen Beschwerden rechtspre-

chungskonform zu beurteilen. Die Beschwerdegegnerin wäre daher im 

Rahmen ihrer Untersuchungspflicht gehalten gewesen, die notwendigen 

Abklärungen zu treffen.  

 

 - 9 - 

 

 

 

3.3.2. 

Zusammenfassend bestehen damit in Anbetracht der strengen Anforderun-

gen an Beurteilungen durch versicherungsinterne medizinische Fachper-

sonen (vgl. E. 3.1.2 und 3.1.3 hiervor) mindestens geringe Zweifel an den 

Aktenbeurteilungen von RAD-Arzt Dr. med. B. (VB 74) sowie RAD-Ärztin 

C. (VB 85), womit keine genügende umfassende fachärztliche Würdigung 

des Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers vorliegt und ein allfäl-

liger Rentenanspruch nicht abschliessend beurteilt werden kann. Der rele-

vante medizinische Sachverhalt erweist sich damit im Lichte der Untersu-

chungsmaxime als nicht rechtsgenüglich erstellt (Art. 43 Abs. 1 und Art. 61 

lit. c ATSG; BGE 133 V 196 E. 1.4 S. 200; 132 V 93 E. 5.2.8 S. 105; 125 V 

193 E. 2 S. 195; UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, N. 13 ff. zu 

Art. 43 ATSG). Es rechtfertigt sich damit vorliegend, die Sache zur weiteren 

Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen (BGE 139 V 99 

E. 1.1 S. 100; 137 V 210 E. 4.4.1.4 S. 264 f.). Dabei sind der Gesundheits-

zustand sowie die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdefüh-

rers in der angestammten und in einer angepassten Tätigkeit im retrospek-

tiven zeitlichen Verlauf bis zum (neuen) Verfügungszeitpunkt unter Berück-

sichtigung der Indikatorenrechtsprechung, der aktuellen medizinischen Be-

richte sowie der allfälligen Wechselwirkungen der psychischen und soma-

tischen Einschränkungen (vgl. Beschwerde S. 5 sowie Stellungnahme des 

Beschwerdeführers vom 4. Mai 2023 S. 2) zu bestimmen. Insbesondere ist 

auch die Frage zu klären, ob eine Behandlung mit Methylphenidat (oder 

einer Substanz mit vergleichbarer Wirkung) stattfindet und – falls keine Be-

handlung erfolgen kann – inwiefern sich die ADHS-Diagnose ohne zusätz-

liche Behandlung mit Methylphenidat (oder einer Substanz mit vergleich-

barer Wirkung) auf die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers auswirkt. 

Anschliessend hat die Beschwerdegegnerin neu über das Rentenbegehren 

zu verfügen.  

 

In Anbetracht des unvollständigen medizinischen Sachverhalts erübrigen 

sich Ausführungen zu den weiteren Vorbringen des Beschwerdeführers so-

wie zu den erwerblichen Auswirkungen des Gesundheitsschadens 

(vgl. Beschwerde S. S. 3 ff.). 

 

4. 

4.1. 

Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde in dem Sinne gutzuheissen, 

dass die Verfügung vom 10. Januar 2023 (VB 86) aufzuheben und die Sa-

che zur weiteren Abklärung und zur Neuverfügung an die Beschwerdegeg-

nerin zurückzuweisen ist. 

 

4.2. 

Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten 

werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im 

Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende 

 - 10 - 

 

 

 

Verfahren betragen diese Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrensaus-

gang der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. 

 

4.3. 

Der nicht anwaltlich vertretene Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf 

Parteientschädigung, da die Interessenwahrung keinen Arbeitsaufwand 

verursacht hat, der den Rahmen dessen überschreitet, was der Einzelne 

üblicher- und zumutbarerweise zur Besorgung seiner persönlichen Ange-

legenheiten auf sich zu nehmen hat (statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 

9C_525/2020 vom 29. April 2021 E. 6 mit Hinweisen). 

 

 
   

Das Versicherungsgericht erkennt: 

 

1. 

In teilweiser Gutheissung der Beschwerde wird die Verfügung vom 10. Ja-

nuar 2023 aufgehoben und die Sache zur weiteren Abklärung im Sinne der 

Erwägungen und zur Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückge-

wiesen.  

 

2. 

Die Verfahrenskosten von Fr. 800.00 werden der Beschwerdegegnerin auf-

erlegt.  

 

3. 

Es werden keine Parteientschädigungen zugesprochen.  

 

 

  

 - 11 - 

 

 

 

   

Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten 

 

Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen seit der Zustellung beim 

Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. in Verbindung 

mit Art. 90 ff. BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom sieb-

ten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli 

bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar 

(Art. 46 BGG).  

 

Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 

uzern, zuzustellen. 

 

Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe 

der Beweismittel und die Unterschrift des Beschwerdeführers oder seines 

Vertreters zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweis-

mittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Hän-

den hat (Art. 42 BGG). 

 

 
   

Aarau, 18. August 2023 

 

Versicherungsgericht des Kantons Aargau 

4. Kammer 

Der Präsident: Die Gerichtsschreiberin: 

 

 

 

Roth Wietlisbach