Citation: 5A_126/2023 E. 5.1

5.1. Gemäss Art. 152 Abs. 2 ZPO werden rechtswidrig beschaffte Beweismittel nur berücksichtigt, wenn das Interesse an der Wahrheitsfindung überwiegt (s. dazu BGE 140 III 6 E. 3.1 mit Hinweisen, publ. in: Pra 103/2014 Nr. 81 S. 601). Die Botschaft zur ZPO nennt als Beispiel eines rechtswidrig beschafften Beweismittels eine Urkunde, die der berechtigten Person unter Drohung oder Gewaltanwendung entrissen wurde (Botschaft zur Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO] vom 28. Juni 2006, BBl 2006 S. 7312). Zur Beurteilung der Frage, ob das Beweismittel trotz unrechtmässiger Beschaffung berücksichtigt werden kann, hat das Gericht das Schutzinteresse des Rechtsgutes, das bei der Beweismittelbeschaffung verletzt wurde, und das Interesse an der Wahrheitsfindung gegeneinander abzuwägen (Urteil 5A_313/2013 vom 11. Oktober 2013 E. 3.1 mit Hinweisen). Dabei ist die persönliche Integrität höher zu gewichten als materielle Werte wie Eigentum oder Besitz (zit. Botschaft zur ZPO, a.a.O.). In vermögensrechtlichen Angelegenheiten, die dem Verhandlungsgrundsatz (Art. 55 Abs. 1 ZPO) unterstehen, überwiegt das Interesse an der Wahrheitsfindung, das sich aus dem unrechtmässig beschafften Beweismittel angeblich ergibt, das öffentliche Interesse an der strikten Einhaltung von Vertraulichkeitsregeln grundsätzlich nicht (BGE 140 III 6 E. 3.2). Nach verbreiteter Auffassung hat das Gericht Art. 152 Abs. 2 ZPO von Amtes wegen zu beachten, das heisst auch dann, wenn sich niemand darauf beruft, dass ein bestimmtes Beweismittel materiell rechtswidrig beschafft wurde (PETER GUYAN, in: Basler Kommentar, Schweizerische Zivilprozessordnung, 3. Aufl., 2017, N. 12 zu Art. 152 ZPO; CHRISTIAN LEU, in: Brunner/Gasser/Schwander [Hrsg.], ZPO Schweizerische Zivilprozessordnung, Kommentar, 2. Aufl., 2016 N. 67 zu Art. 152 ZPO; YVES RÜEDI, Materiell rechtswidrig beschaffte Beweismittel im Zivilprozess, 2009, S. 109). Indem sie die Berücksichtigung rechtswidrig beschaffter Beweismittel an eine besondere Voraussetzung knüpft, begründet diese Vorschrift - ähnlich wie etwa die Wahrung schutzwürdiger Interessen (Art. 156 ZPO) oder die Verweigerungsrechte der Parteien und Dritter (Art. 163 ff. ZPO) - eine Einschränkung des in Art. 152 Abs. 1 ZPO verankerten Rechts auf Beweis (FRANCESCO TREZZINI, in: Commentario pratico al Codice di diritto processuale civile svizzero, Bd. I, 2. Aufl., 2017, N. 27 zu Art. 152 ZPO).