Citation: 6B_643/2023 E. 1.6.3

1.6.3. Die Vorinstanz prüft zu Recht, ob und inwieweit es für die Ehefrau und den Sohn des Beschwerdegegners zumutbar ist, ihn während der Dauer seiner Landesverweisung in den Kosovo zu begleiten. Sie erwägt, es sei der Ehefrau nicht ohne Weiteres zumutbar, den Beschwerdegegner zusammen mit dem Sohn und schwanger mit dem zweiten gemeinsamen Kind in das gemeinsame Heimatland zu folgen. Das Recht auf Achtung des Familienlebens i.S.v. Art. 8 Ziff. 1 EMRK ist gemäss der angeführten, ständigen Rechtsprechung erst dann tangiert, wenn eine staatliche Entfernungs- oder Fernhaltemassnahme eine nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre Beziehung einer in der Schweiz gefestigt anwesenheitsberechtigten Person beeinträchtigt, ohne dass es dieser ohne Weiteres möglich bzw. zumutbar wäre, das Familienleben andernorts zu pflegen. Ob die Familie den Beschwerdegegner für den Fall einer Anordnung der Landesverweisung auch tatsächlich begleiten würde, ist dabei nicht Teil der Härtefallprüfung. Die Beschwerdeführerin führt in diesem Zusammenhang überzeugend aus, die Unzumutbarkeit des Umzugs der Ehefrau mit den Kindern in den Kosovo sei nicht damit zu begründen, dass sie sich allenfalls Gedanken über die Schwierigkeiten eines solchen Umzugs machen werde, die Bejahung eines Härtefalls könne nicht von der Entscheidung der Ehefrau abhängig gemacht werden. Nach den verbindlichen Feststellungen der Vorinstanz ist die Ehefrau des Beschwerdegegners ebenfalls kosovarische Staatsangehörige, lebt aber seit ihrer frühen Kindheit in der Schweiz, wo sie auch eine Berufsausbildung absolviert hat und seit längerer Zeit als Pflegeassistentin tätig ist. Damit ist mit der Vorinstanz davon auszugehen, dass sie hier sozial und auch kulturell voll integriert ist. Dennoch ist zu berücksichtigen, dass auch sie der albanischen Sprache mächtig und mit der Kultur und den Gepflogenheiten ihres Heimatlandes Kosovo vertraut ist. Bereits in diesem Zusammenhang erscheint eine Reintegration im Kosovo bzw. ein Begleiten des Ehemanns für die Dauer der Landesverweisung möglich. Hinzu kommt, dass die Ehefrau des Beschwerdegegners auch beruflich im Kosovo als Pflegeassistentin Fuss fassen könnte. Der Umstand, dass ihre wirtschaftliche Situation in der Schweiz - wie es die Vorinstanz festhält - wohl aussichtsreicher ist als im Kosovo, ist nicht von Belang. Ein allenfalls günstigeres (wirtschaftliches) Fortkommen in der Schweiz vermag einen Verbleib in der Schweiz nicht zu begründen (vgl. Urteil 6B_1123/2020 vom 2. März 2021 E. 3.3.7). Insgesamt erscheint es der Ehefrau des Beschwerdegegners entgegen der Auffassung der Vorinstanz und des Beschwerdegegners unter den konkreten Umständen möglich und zumutbar, ihn für die Dauer der Landesverweisung in das gemeinsame Heimatland zu begleiten und das Familienleben dort aufrechtzuerhalten. Der gemeinsame Sohn des Beschwerdegegners und seiner Ehefrau ist 2014 in der Schweiz geboren und besucht momentan die 2. Klasse. Die Vorinstanz erwägt, für ihn wäre ein Umzug nach Kosovo schwierig, sei er doch hier aufgewachsen und eingeschult, worüber sich seine Mutter sicherlich auch Gedanken machen würde. Sicherlich würde sich das Leben des Sohns im Falle einer Landesverweisung des Vaters verändern. Dennoch ist zu berücksichtigen, dass minderjährige Kinder das ausländerrechtliche Schicksal ihrer sorgeberechtigten Eltern teilen (vgl. E. 1.5.3 oben). Damit verbunden erweist sich auch ein Schulwechsel des Sohnes im anpassungsfähigen Alter von rund acht Jahren als zumutbar, ist er doch mit der heimatlichen Sprache und Kultur im Kosovo durch seine Eltern vertraut. Mit Blick auf das zweite Kind führt die Beschwerdeführerin zutreffend aus und ist zu berücksichtigen, dass dieses erst nach Fällung des erstinstanzlichen Urteils und damit nach Auferlegung der Landesverweisung und im Wissen um diese drohende Gefahr gezeugt wurde. Auch dieses Kind trägt das ausländerrechtliche Schicksal der sorgeberechtigten Eltern. Nach diesen Ausführungen würde eine Landesverweisung zwar einen Eingriff in das gelebte Familienleben des Beschwerdegegners bewirken. Jedoch ist es der Familie zuzumuten, ihn für die Dauer der Landesverweisung in den Kosovo zu begleiten. Vorliegend kann indes offengelassen werden, inwieweit dadurch der Schutzbereich von Art. 8 Ziff. 1 EMRK tangiert wird, da - wie in der Folge aufgezeigt wird - selbst bei Bejahung eines schweren persönlichen Härtefalls eine Landesverweisung auszusprechen wäre.