Citation: 8C_101/2007 17.08.2007 E. 4

Streitig und zu prüfen ist, ob die von der Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der von der SUVA verfügten Einstellung der Leistungen per 1. September 2005 geklagten Beschwerden noch in einem rechtserheblichen Kausalzusammenhang mit dem versicherten Unfall standen. 4.1 Beim Unfall vom 4. Dezember 2004 handelte es sich um eine frontale Kollision mit einem entgegenkommenden, auf die Gegenfahrbahn geratenen Personenwagen. Dabei hat die Beschwerdeführerin kein eigentliches Schleudertrauma (Peitschenhiebverletzung, Whiplash-injury) erlitten. Fraglich ist, ob sie sich eine Distorsion der HWS zugezogen hat, welche im Sinne der Rechtsprechung als schleudertraumaähnliche Verletzung der HWS zu qualifizieren ist. Diesbezüglich geht aus den Akten hervor, dass der zuständige Stationsarzt des Spitals X.________ in einem Zeugnis vom 13. Dezember 2004 ein "HWS-Problem" erwähnt, im Austrittszeugnis vom 21. Dezember 2004 dagegen ein "Thoraxleiden" diagnostiziert hat. Nachdem eine MRI-Untersuchung der HWS keine relevanten pathologischen Veränderungen gezeigt hatte, diagnostizierten die Ärzte der Klinik für Chirurgie und Orthopädie des Spitals X.________ am 17. Dezember 2004 eine Commotio cerebri, eine Thoraxkontusion, ein stumpfes Abdominaltrauma, eine Ober- und Unterschenkelkontusion rechts sowie ein Knalltrauma. Gegenüber dem Aussendienst der SUVA gab die Versicherte am 7. Januar 2005 an, seit dem Unfall an Kopf- und Nackenschmerzen sowie an Beschwerden im Rücken, in der rechten Hüfte und im rechten Bein zu leiden. Ferner klagte sie über Schwindelbeschwerden. Diese wurden fachärztlich abgeklärt, wobei eine leichte Hochtonperzeptionsschwerhörigkeit beidseits festgestellt und der Verdacht auf einen vertebragenen Schwindel nach HWS-Schleudertrauma geäussert wurde (Bericht Dr. med. P.________ vom 25. Januar 2005). Bei der kreisärztlichen Untersuchung vom 10. Februar 2005 gelangte Dr. med. R.________ zum Schluss, es bestünden Hinweise auf eine HWS-Distorsion und es sei eine stationäre Abklärung und Behandlung vorzunehmen. Im Austrittsbericht der Rehaklinik Y.________ vom 12. April 2005 wird ausgeführt, die Versicherte leide an anhaltenden, bei Belastung verstärkten Nacken- und BWS-Beschwerden mit Ausstrahlung in beide Arme, in den LWS-Bereich sowie in die Beine bei einer massiven Symptomausweitung. Die von der Versicherten angegebenen Beschwerden, wozu auch Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Sehschwierigkeiten, gelegentliche Schwindelattacken mit Bewusstlosigkeit, Übelkeit, Müdigkeit und Abgeschlagenheit sowie Vergesslichkeit gehören, werden als überwiegend psychisch beurteilt und es wird lediglich als möglich bezeichnet, dass es beim Unfall zu einer Distorsion der HWS gekommen ist. Insgesamt bleibt damit fraglich, ob die Versicherte beim Unfall vom 4. Dezember 2004 eine schleudertraumaähnliche Verletzung der HWS erlitten hat. Wie es sich damit verhält, kann indessen offen bleiben, wie sich aus dem Folgenden ergibt. 4.2 Laut Bericht des Spitals X.________ vom 17. Dezember 2004 war die Beschwerdeführerin nach dem Unfall kurz bewusstlos gewesen. Bei der initialen Überwachung fielen am Tag nach dem Unfall eine plötzliche Desorientiertheit sowie vorübergehende Sehstörungen am rechten Auge auf. In der Folge zeigten sich auch eine diskrete Hörminderung sowie ein Tinnitus beidseits. Die Spitalärzte gelangten daher zur Diagnose einer Commotio cerebri. Ein CT des Schädels vom 5. Dezember 2004 hatte indessen keine pathologischen Befunde ergeben. Bei der ORL-Untersuchung konnte kein Innenohrschaden festgestellt werden. Kreisarzt Dr. med. R.________ erachtete es als sehr fraglich, ob die Versicherte beim Unfall ein Schädel-Hirntrauma mit Commotio cerebri erlitten habe. Die Ärzte der Rehaklinik Y.________ gelangten demgegenüber ohne nähere Begründung zum Schluss, dass es beim Unfall vom 4. Dezember 2004 zu einer milden traumatischen Hirnschädigung (MTBI = mild traumatic brain injury) - möglicherweise kombiniert mit einem HWS-Distorsionstrauma - gekommen sei. Sie stützten sich dabei auf die Angaben des Ehemannes der Versicherten, wonach diese längere Zeit bewusstlos gewesen sei und eine längere anterograde und eine kurze retrograde Amnesie bestehe. Von einer Bewusstlosigkeit lässt sich den Polizeiakten indessen nichts entnehmen. Nach den Angaben des Ehemannes war die Beschwerdeführerin selbständig ausgestiegen und hatte sich auf den Boden gelegt, wo sie von Drittpersonen betreut wurde. Des Weiteren geht aus den medizinischen Akten hervor, dass für die geklagten Schwindelbeschwerden kein klinisches Korrelat gefunden werden konnte und schon kurz nach dem Unfall die psychischen Beeinträchtigungen im Vordergrund standen. Es ist daher fraglich, ob die Diagnose eines Schädel-Hirntraumas mit Commotio cerebri zu Recht besteht und ob einem allfälligen Schädel-Hirntrauma im Zeitpunkt der Leistungseinstellung noch eine Bedeutung zukam. Auch diese Frage bedarf jedoch keiner weitern Abklärung, wie nachfolgend darzulegen ist. 4.3 Bereits kurz nach dem Unfall fielen eine Diskrepanz zwischen den geklagten Beschwerden und dem objektiven Befund sowie eine deutliche Schonhaltung auf. Nachdem schon Kreisarzt Dr. med. R.________ am 10. Februar 2005 eine beträchtliche Somatisierung und Ausweitungssymptomatik festgestellt hatte, gelangten auch die Ärzte der Rehaklinik Y.________ zum Schluss, dass eine starke Verdeutlichungstendenz der Symptome vorliege (Austrittsbericht vom 12. April 2005). Gestützt auf die Ergebnisse der von Frau lic. phil. T.________, Klinische Psychologin, und Dr. med. K._______, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, im Rahmen der stationären Abklärung und Behandlung vorgenommenen konsiliarischen Untersuchung wird die Diagnose einer Anpassungsstörung (ICD-10 F43.2), Angst und depressive Reaktion gemischt mit Verdeutlichungstendenz und Opferrollenproblematik, gestellt. Im Konsiliarbericht vom 9. März 2005 wird dazu ausgeführt, wegen der beschränkten Sprachkenntnisse der einfach strukturierten Patientin, bei der sich das Denken vorwiegend um die stark limitierenden Schmerzen drehe, und der abwartenden Opferhaltung sowie einer starken Verdeutlichungstendenz der Symptome, welche zu einem massiv abnormen Krankheitsverhalten und in Zusammenhang mit den Schmerzen zu maladaptivem Überzeugungs- und Bewältigungsmuster mit Schonhaltung und Selbstlimitierung führten, sei es schwierig, das Ausmass der depressiven Symptome (wie gedrückte Stimmung, Aktivitätsverlust, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten) zu beurteilen. Der erste Eindruck gehe dahin, dass aus psychiatrischer Sicht kein genügend gesichertes Korrelat im Sinne einer Psychopathologie bestehe, welche mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine erhebliche Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit zu begründen vermöchte. Eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) im Vollbild sei nicht vorhanden. Zusammenfassend ist, auch wenn sich aufgrund der vorhandenen ärztlichen Angaben die Art und Schwere der psychischen Beeinträchtigungen nicht abschliessend beurteilen lässt, mit der erforderlichen überwiegenden Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Leistungseinstellung an psychischen Beeinträchtigungen litt, welche zumindest im Sinne einer Teilkausalität auf den Unfall zurückzuführen sind, was zur Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs genügt (BGE 119 V 335 E. 1 S. 338 mit Hinweis).