Citation: 6S.98/2004 30.04.2004 E. 1

Begeht der früher zu einer bedingten Strafe Verurteilte während der Probezeit ein Verbrechen oder Vergehen, handelt er trotz förmlicher Mahnung des Richters einer ihm erteilten Weisung zuwider, entzieht er sich beharrlich der Schutzaufsicht oder täuscht er in anderer Weise das in ihn gesetzte Vertrauen, so lässt der Richter die Strafe vollziehen (Art. 41 Ziff. 3 Abs. 1 StGB). Wenn begründete Aussicht auf Bewährung besteht, kann der Richter in leichten Fällen stattdessen, je nach den Umständen, den Verurteilten verwarnen, zusätzliche Massnahmen nach Art. 41 Ziff. 2 StGB anordnen oder die im früheren Urteil bestimmte Probezeit um höchstens die Hälfte verlängern (Art. 41 Ziff. 3 Abs. 2 StGB). Nach der Rechtsprechung ist ein leichter Fall im Sinne von Art. 41 Ziff. 3 Abs. 2 StGB in der Regel bei Freiheitsstrafen von bis zu drei Monaten anzunehmen (BGE 122 IV 156 E. 3c). Der Verzicht auf den Widerruf bedarf jedoch nicht nur der Annahme eines leichten Falles, sondern gemäss der gesetzlichen Regelung zusätzlich der begründeten Aussicht auf Bewährung des Verurteilten. Ob die von Art. 41 Ziff. 3 Abs. 2 geforderte begründete Aussicht auf Bewährung besteht, ist nach den gleichen Kriterien zu beurteilen wie die Frage der Gewährung des bedingten Strafvollzugs nach Art. 41 Ziff. 1 Abs. 1 StGB. Der Richter hat eine Prognose über das zukünftige Verhalten des Verurteilten zu stellen, wobei er alle wesentlichen Umstände zu würdigen hat. In die Beurteilung miteinzubeziehen sind neben den Tatumständen auch das Vorleben und der Leumund sowie alle weiteren Tatsachen, die gültige Schlüsse über den Charakter des Verurteilen und die Aussichten seiner Bewährung zulassen. Insbesondere ist dem Umstand, dass ein Führerausweisentzug den Verurteilten hart trifft, Rechnung zu tragen. - Bei der Prognosestellung steht dem Richter ein erhebliches Ermessen zu. Das Bundesgericht hebt einen Entscheid nur auf, wenn die Vorinstanz nicht von rechtlich massgebenden Gesichtspunkten ausgegangen ist oder diese in Überschreitung oder Missbrauch ihres Ermessens unrichtig gewichtet hat (BGE 123 IV 107 E. 4; 118 IV 97 E. 2b und d; 117 IV 112 E. 3b; Urteil 6S.726/2001 vom 25. Juni 2002, E. 4b, veröffentlicht in Pra 2003 Nr. 60 S. 299; Urteil 6S.77/1999 vom 30. Juni 1999, E. 2).