Citation: 8C_512/2022 E. 6.2

6.2. Dass die Vorinstanz die Angaben der behandelnden Psychiaterin in den erwähnten drei Berichten als widersprüchlich beziehungsweise nur begrenzt nachvollziehbar erachtete, ist nicht zu beanstanden. Insbesondere trifft es zu, dass der psychiatrische ABI-Gutachter anlässlich seiner Untersuchung im September 2016 keine Befunde erheben konnte, die einer mittelgradigen depressiven Episode entsprochen hätten, während die bereits seit 2005 behandelnde Psychiaterin schon damals in ihren Berichten von einer redzidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode mit somatischem Syndrom, und einer damit verbundenen vollständigen Arbeitsunfähigkeit ausging. Indessen steht es dem Rechtsanwender bei Vorliegen lediglich unzureichend schlüssiger ärztlicher Angaben nicht zu, aus eigener Interpretation der ärztlichen Befundschilderung Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand beziehungsweise dessen Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit zu ziehen. Zwar steht fest, dass bereits der ABI-Gutachter als Grund für die auch von ihm festgestellte bedrückt-resignative Stimmungslage das Hadern des Beschwerdeführers mit seinem Schicksal, das heisst mit seinem durch den Unfall beeinträchtigten Gesundheitszustand, erkannte. Inwiefern sich nun allerdings beispielsweise die von der behandelnden Psychiaterin beschriebene noch grössere Vereinsamung nach dem Wegzug des Sohnes des Beschwerdeführers oder die gemäss dem gleichen Bericht vom 6. Dezember 2020 gezeigten, von der Vorinstanz aber nicht ausdrücklich berücksichtigten Befunde auf den Schweregrad seines Leidens auszuwirken vermöchten beziehungsweise auch in einer Begutachtungssituation bestätigen liessen, entzieht sich der Beurteilung des Rechtsanwenders. Des Weiteren trifft der Einwand des Beschwerdeführers zu, dass die Berichte der behandelnden Psychiaterin vom 17. November 2019 und vom 6. Dezember 2020 zwar dem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) vorgelegt, aber lediglich durch einen Facharzt für Chirurgie beurteilt wurden. Dieser beschränkte sich im Übrigen auf die Feststellung, dass "ansonsten" von einem unveränderten Gesundheitszustand auszugehen sei, ohne dies weiter zu begründen. Schliesslich ist dem jüngsten Bericht, den die Vorinstanz mitberücksichtigte, obwohl er nach Verfügungserlass erstattet wurde, immerhin zu entnehmen, dass die verschriebenen Psychopharmaka mittlerweile in doppelt so hoher Dosis verabreicht wurden als noch anlässlich der Begutachtung. Auch daraus lassen sich indessen durch den Rechtsanwender keine zuverlässigen Schlüsse ziehen, zumal der Gutachter damals darauf hinwies, dass die Einnahme der an sich in Standarddosis verabreichten Medikamente anhand des Serumspiegels nicht nachzuweisen sei.