Citation: U 425/00 29.01.2003 E. 4.1

4.1.1 Gemäss Art. 18 Abs. 2 Satz 2 UVG wird für die Bestimmung des Invaliditätsgrades das Erwerbseinkommen, das der Versicherte nach Eintritt der unfallbedingten Invalidität und nach Durchführung allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihm zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das er erzielen könnte, wenn er nicht invalid geworden wäre. 4.1.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 261 Erw. 4, 115 V 134 Erw. 2, 114 V 314 Erw. 3c, 105 V 158 Erw. 1). Die Berufsberatung ist Aufgabe der IV-Stelle, nicht des begutachtenden Arztes oder der Ärztin. Zwischen diesen und den Fachleuten der Berufsberatung ist aber eine enge, sich gegenseitig ergänzende Zusammenarbeit erforderlich. Der Arzt oder die Ärztin sagt, inwiefern die versicherte Person in ihren körperlichen bzw. geistigen Funktionen durch das Leiden eingeschränkt ist; sie äussern sich vor allem zu jenen Funktionen, welche für die nach ihrer Lebenserfahrung im Vordergrund stehenden Arbeitsmöglichkeiten der versicherten Person wesentlich sind (so etwa, ob diese sitzend oder stehend, im Freien oder in geheizten Räumen arbeiten kann oder muss, ob sie Lasten heben und tragen kann). Die Fachleute der Berufsberatung dagegen sagen, welche konkreten beruflichen Tätigkeiten auf Grund der ärztlichen Angaben und unter Berücksichtigung der übrigen Fähigkeiten der versicherten Person in Frage kommen, wobei unter Umständen entsprechende Rückfragen beim Arzt oder der Ärztin erforderlich sind (BGE 107 V 20 Erw. 2b). 4.1.3 Beim ausgeglichenen Arbeitsmarkt handelt es sich um einen theoretischen und abstrakten Begriff. Er umschliesst einerseits ein bestimmtes Gleichgewicht zwischen dem Angebot an und der Nachfrage nach Stellen; andererseits bezeichnet er einen Arbeitsmarkt, der von seiner Struktur her sowohl bezüglich der beruflichen und intellektuellen Voraussetzungen als auch hinsichtlich des körperlichen Einsatzes einen Fächer verschiedenartiger Stellen offen hält. Nach diesen Gesichtspunkten bestimmt sich im Einzelfall, ob die invalide Person die Möglichkeit hat, ihre restliche Erwerbsfähigkeit zu verwerten (BGE 110 V 276 Erw. 4b; ZAK 1991 S. 321 Erw. 3b). Bei der Bestimmung des trotz der gesundheitlichen Beeinträchtigung zumutbarerweise erzielbaren Einkommens darf nicht von realitätsfremden Einsatzmöglichkeiten ausgegangen werden. Von einer Arbeitsgelegenheit im Sinne von Art. 18 Abs. 2 Satz 2 UVG kann nicht gesprochen werden, wenn das Finden einer entsprechenden Stelle von vornherein als ausgeschlossen erscheint, weil die zumutbare Tätigkeit nur in so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der allgemeine Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder dass sie nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre (vgl. ZAK 1991 S. 320 Erw. 3b, 1989 S. 321 Erw. 4a). 4.2 Unabhängig davon, ob es sich bei den Alkoholproblemen des Versicherten um eine Unfallfolge handelt oder nicht, kann unter dem Titel des Invalideneinkommens entgegen der von der SUVA in der Vernehmlassung vertretenen Auffassung nicht vom Einkommen ausgegangen werden, das der Beschwerdeführer nach erfolgreicher Umschulung erzielen könnte. Ein solches Vorgehen wäre nur zulässig, wenn sich der Versicherte der Eingliederungsmassnahme entzogen (Art. 48 Abs. 2 UVG), d. h. sich ohne zureichenden Grund geweigert hätte, sich der Umschulung zu unterziehen (Art. 61 Abs. 2 UVV). Es würde voraussetzen, dass die Umschulung am fehlenden guten Willen des Betroffenen gescheitert wäre (Peter Omlin, Die Invalidität in der obligatorischen Unfallversicherung, Diss. Freiburg 1994, S. 198; vgl. RKUV 1989 Nr. K 798 S. 109 Erw. 2). Dies trifft beim Beschwerdeführer, der die Ausbildung an der Handelsschule, wenn auch ohne die Abschlussprüfung zu bestehen, sogar fortsetzte, als ihn die Invalidenversicherung dabei nicht mehr unterstützte, nicht zu. Der Grund für das Scheitern der Umschulung liegt vielmehr im Wesentlichen in der ihrerseits auf eine schwere narzisstische Neurose zurückzuführenden Alkoholabhängigkeit, mithin in einem Gesundheitsschaden. Da massgebendes Kriterium der gute Wille der versicherten Person ist, kann hier keine Rolle spielen, ob dieses Leiden krankheits- oder unfallbedingt ist. Es kann somit nur von einfachen Büroarbeiten ausgegangen werden. 4.3 Wenn Dr. med. F.________ (Gutachten vom 24. November 1997; Schreiben vom 25. September 1998; Stellungnahme vom 28. Dezember 1998) den Versi-cherten als für leichte Büroarbeit zu 50 % im Sinne von 4 Stunden pro Tag ar-beitsfähig bezeichnet, so bezieht sich diese Schätzung lediglich auf den zeitli-chen Umfang einer solchen Tätigkeit. Sie erlaubt nicht den Schluss, dass der Beschwerdeführer während eines zeitlich 50%igen Einsatzes eine volle Leistung und damit insgesamt eine Leistung von 50 % zu erbringen imstande ist, wovon Verwaltung und Vorinstanz durch die Halbierung des in den Empfehlungen des SKV angegebenen Einkommens ausgegangen sind. Der Umstand, dass Dr. med. F.________ nebst der das zumutbare Arbeitspensum betreffenden Angabe insbesondere darauf hinweist, dass zum einen der Versicherte im Sinne der Ge-brauchsunfähigkeit der dominanten rechten Hand ein funktioneller Einhänder sei (die rechte Hand sei ohne Greiffunktion und könne lediglich am Tisch zum Fest-halten von Gegenständen/Schreibpapier eingesetzt werden; Tragen und die Be-nutzung einer Tastatur seien nur mit der linken Hand möglich) und zum andern das chronische Schmerzsyndrom zusammen mit der cerebralen Verletzung eine Verlangsamung bewirke, zeigt vielmehr, dass dieser Neurologe eine volle Leistungsfähigkeit während eines halbtägigen Einsatzes ausschliesst. Dies gilt umso mehr, als er ausdrücklich festhält, ungeachtet der übrigen Einschränkungen sei für die effiziente Verrichtung selbst leichter Büroarbeiten der Einsatz beider Hände erforderlich. Ebenso wenig kann aus dem Bericht des Kreisarztes Dr. med. W.________ vom 31. Juli 1997 auf eine nur 50%ige Einschränkung der Leistungsfähigkeit geschlossen werden. Ganz ähnlich wie Dr. med. F.________ veranschlagt der Kreisarzt zunächst den zumutbaren zeitlichen Umfang einer leichten administrativen Tätigkeit, indem er feststellt, als funktioneller Einhänder mit einem chronischen Schmerzproblem und einer leichten zentralen Verlang-samung könne der Versicherte leichte administrative Tätigkeiten während min-destens eines halben Tages besorgen, um hinzuzufügen, die rechte Hand könne nur am Tisch zum Festhalten eines Schreibpapiers eingesetzt werden, Tragfunktionen seien nur links möglich und eine Tastatur werde ebenfalls nur links bedient. Es muss berufsberaterisch, nötigenfalls in Rücksprache mit ärztlichen Fachpersonen, abgeklärt werden, in welchem Ausmass die Leistungsfähigkeit in Anbetracht der ärztlich festgestellten Einschränkungen über den zeitlichen Aspekt hinaus beeinträchtigt ist, d. h. welche einfachen Büroarbeiten mit welchen Einschränkungen konkret möglich sind. Dabei ist je nach Ausgang der die Frage der Unfallkausalität der Alkoholprobleme betreffenden Abklärungen die Alkoholproblematik zu berücksichtigen oder auszuklammern, wobei im ersten Fall zunächst eine ärztliche Stellungnahme zur dadurch bedingten Einschränkung der Arbeitsfähigkeit erforderlich ist. Der vom kantonalen Gericht eingeholte BEFAS-Bericht vom 15. Dezember 1999 gibt, worauf auch die Vorinstanz hingewiesen hat, keine verwertbare Antwort auf die sich stellenden Fragen; auf diesen Bericht kann schon deshalb nicht abgestellt werden, weil mangels diesbezüglicher Begründung nicht nachvollziehbar ist, warum der Versicherte entgegen der fachärztlichen Einschätzung auch ohne Berücksichtigung der Alkoholproblematik in zeitlicher Hinsicht nur maximal 2 Stunden pro Tag arbeiten können soll. Es sind deshalb neue Abklärungen erforderlich, die ebenfalls durch die Verwaltung vorzunehmen sind, an welche die Sache auch aus diesem Grunde zurückgewiesen wird. Erst wenn bekannt ist, welche Arten einfacher Büroarbeiten der Beschwerdeführer während der zeitlich limitierten Einsatzfähigkeit mit welchen Einschränkungen verrichten kann, lässt sich beurteilen, welches Invalideneinkommen er mit einer einfachen Büroarbeit erzielen könnte, ob es geeignete einfache Büroarbeiten auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt überhaupt gibt und ob nicht eine andere Verweisungstätigkeit auf dem für den Versicherten in Betracht fallenden Arbeitsmarkt (vgl. BGE 121 V 274 Erw. 6b/cc, 116 V 249 Erw. 1b; AHI 1998 S. 291) geprüft werden müsste. 4.4 Hinsichtlich der Problematik des ausgeglichenen Arbeitsmarktes ist darauf hinzuweisen, dass zwar der Umstand allein, dass eine versicherte Person zur Verwertung ihrer Restarbeitsfähigkeit auf einen Nischenplatz angewiesen ist, nicht zur Verneinung des Vorhandenseins entsprechender Arbeitsgelegenheiten auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt führt (Urteil S. vom 21. Dezember 2001, I 680/00 und I 714/00, Erw. 4 am Ende) und dass der Angebotsfächer des ausgeglichenen Arbeitsmarkts auch - ausserhalb von geschützten Werkstätten - gewisse "soziale Winkel", also Arbeits- und Stellenangebote, bei welchen Behinderte mit einem sozialen Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers rechnen können, umfasst (ARV 1998 Nr. 5 S. 30 Erw. 3b/aa). Bei ihrer Neubeurteilung wird die SUVA indessen zu beachten haben, dass sich die Struktur der Arbeitsplätze im kaufmännischen Bereich erheblich verändert hat, die Tendenz in Richtung Sachbearbeitung geht, die Beschränkung eines bestimmten Arbeitsplatzes etwa auf reine Schreib- und Kommunikationsfunktionen zunehmend schwieriger wird und auch Arbeitsplätze mit einem einfachen Aufgabenbereich vielfältig ausgestaltet sind (nicht veröffentlichtes Urteil B. vom 29. September 1993, I 436/92). Wenn es schon für Gesunde schwierig ist, eine sich auf einfache Büroarbeiten beschränkende Stelle zu finden, so muss bei einem bestimmten, im Einzelfall zu würdigenden Mass an gesundheitlich bedingten Einschränkungen bei der Ausübung einer schon seltenen Tätigkeit davon ausgegangen werden, dass das Leistungsvermögen auch bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage nicht mehr Gegenstand von Angebot und Nachfrage bildet und die Restarbeitsfähigkeit in der betroffenen Tätigkeit nicht mehr wirtschaftlich verwertbar ist. Ferner darf für den Fall, dass von einer Büroarbeit als Verweisungstätigkeit auszugehen ist, für die Ermittlung des damit erzielbaren Einkommens nicht auf die Salärempfehlungen des SKV abgestellt werden (Urteil B. vom 14. November 2002, I 429/01, Erw. 2.2; vgl. auch Urteil B. vom 18. Juni 2002, I 139/02, Erw. 3b/aa). Vielmehr zieht das Eidgenössische Versicherungsgericht, wenn ein Versicherter nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine ihm an sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat, für die Bestimmung des Invalideneinkommens die vom Bundesamt für Statistik herausgegebene Schweizerische Lohnstrukturerhebung heran (BGE 126 V 76 Erw. 3b/bb; AHI 2002 S. 67 Erw. 3b), wobei unter bestimmten Voraussetzungen und je nach den Umständen des Einzelfalls vom statistischen Lohn ein Abzug von bis zu 25 % vorzunehmen ist (BGE 126 V 78 Erw. 5; AHI 2002 S. 62).