Citation: I 807/05 27.04.2006 E. 3

In Bezug auf den Gesundheitszustand und die noch zumutbare Arbeitsfähigkeit hat das kantonale Gericht die medizinische Aktenlage einlässlich wiedergegeben und sorgfältig gewürdigt. 3.1 Was die somatischen Beschwerden anbelangt, hat die Vorinstanz zunächst überzeugend dargelegt, dass die vorhandenen medizinischen Berichte insoweit miteinander übereinstimmen, als bei der Beschwerdegegnerin aus rheumatologischer Sicht eine ligamentär bedingte postpartale Beckenringinstabilität, eine rezidivierende ISG-Funktionsstörung sowie chronisch rezidivierende Kreuzschmerzen bei Wirbelsäulenfehlhaltung und bei mässigen degenerativen Veränderungen diagnostiziert wurden, woraus sich für den massgebenden Beurteilungszeitpunkt eine vollständige Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit und eine 20 bis 30%ige Einschränkung in einer angepassten Tätigkeit ab dem Jahr 2002 ergäben. Eine 30%ige Einschränkung in einer leichten und wechselbelastenden Tätigkeit aufgrund der somatischen Beschwerden ist denn auch seitens der IV-Stelle unbestritten. 3.2 Auseinander gehen die Meinungen in der Frage, inwieweit sich die psychische Problematik invalidisierend auswirkt. 3.2.1 Dr. med. I.________ kam in seinem Gutachten vom 10. Dezember 2001 zum Schluss, dass aus psychiatrischer Sicht durch eine schmerzbedingte Identitätsproblematik eine maximal 20%ige Arbeitsunfähigkeit seit der zweiten Schwangerschaft bestehe. Ansonsten konnte er keine psychiatrischen Befunde mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit erheben. Aus psychiatrischer Sicht gelte es - so der Facharzt - die Entwicklung einer somatoformen Schmerzstörung zu verhindern, wobei die Versicherte im Rahmen ihrer verbleibenden Arbeitsfähigkeit langsam an ihre Belastungsgrenze herangeführt werden sollte. Anlässlich der MEDAS-Begutachtung diagnostizierte Dr. med. M.________ am 12. September 2004 ein anhaltendes somatoformes Schmerzsyndrom bei Depression mit hypochondrischer Tendenz (ICD 10 F. 45.4). Gesamthaft entstehe für ihn der Eindruck, dass die Explorandin als Mutter von zwei Kindern ohne Krankheit maximal 50% ausserhäuslich tätig sein könnte. Diese 50%ige berufliche Arbeitsfähigkeit könne sie jedoch aufgrund des depressiv-hypochondrischen Zustandsbildes nicht mehr umsetzen. 3.2.2 Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken (BGE 131 V 50 Erw. 1.2 mit Hinweisen). Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens, so auch einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung, setzt zunächst eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Diagnose nach einem wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus. Wie jede andere psychische Beeinträchtigung begründet indes auch eine diagnostizierte anhaltende somatoforme Schmerzstörung als solche noch keine Invalidität. Vielmehr besteht eine Vermutung, dass die somatoforme Schmerzstörung oder ihre Folgen mit einer zumutbaren Willensanstrengung überwindbar sind. Bestimmte Umstände, welche die Schmerzbewältigung intensiv und konstant behindern, können den Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess unzumutbar machen, weil die versicherte Person alsdann nicht über die für den Umgang mit den Schmerzen notwendigen Ressourcen verfügt. Ob ein solcher Ausnahmefall vorliegt, entscheidet sich im Einzelfall anhand verschiedener Kriterien. Im Vordergrund steht die Feststellung einer psychischen Komorbidität von erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer. Massgebend sein können auch weitere Faktoren, so: chronische körperliche Begleiterkrankungen; ein mehrjähriger chronifizierter Krankheitsverlauf mit unveränderter oder progredienter Symptomatik ohne längerdauernde Rückbildung; ein sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens; ein verfestigter, therapeutisch nicht mehr beeinflussbarer innerseelischer Verlauf einer an sich missglückten, psychisch aber entlastenden Konfliktbewältigung (primärer Krankheitsgewinn; "Flucht in die Krankheit"); das Scheitern einer konsequent durchgeführten ambulanten oder stationären Behandlung (auch mit unterschiedlichem therapeutischem Ansatz) trotz kooperativer Haltung der versicherten Person (BGE 131 V 50 f. Erw. 1.2 mit Hinweis). Je mehr dieser Kriterien zutreffen und je ausgeprägter sich die entsprechenden Befunde darstellen, desto eher sind - ausnahmsweise - die Voraussetzungen für eine zumutbare Willensanstrengung zu verneinen (BGE 131 V 51 Erw. 1.2 mit Hinweis auf: Meyer-Blaser, Der Rechtsbegriff der Arbeitsunfähigkeit und seine Bedeutung in der Sozialversicherung, in: Schmerz und Arbeitsunfähigkeit, St. Gallen 2003, S. 77). 3.2.3 Soweit Dr. med. M.________ zunächst feststellt, die eher wenig differenzierte, sprachlich nur mässig assimilierte Beschwerdegegnerin erscheine von ihrer Gesamtkonstitution her auch bei intakter Gesundheit kaum fähig, eine Doppelbelastung als Hausfrau, Mutter und Berufsfrau über längere Zeit durchzustehen, ist darauf hinzuweisen, dass einerseits die Beschwerdegegnerin dies über mehrere Jahre hinweg getan hat und dass andrerseits psychosoziale oder soziokulturelle Faktoren vom sozialversicherungsrechtlichen Standpunkt her unbeachtlich sind (BGE 130 V 356 Erw. 2.2.5 mit Hinweis insbesondere auf BGE 127 V 299 Erw. 5a). Eine somatoforme Schmerzstörung ist sodann fachärztlich diagnostiziert. Was die Kriterien für die ausnahmsweise Verneinung einer zumutbaren Willensanstrengung anbelangt, wird übereinstimmend vom Fehlen einer psychischen Komorbidität ausgegangen, wohingegen die Vorinstanz im Gegensatz zur Verwaltung das Vorhandensein anderer qualifizierter Kriterien, namentlich chronischer körperlicher Begleiterkrankungen sowie eines mehrjährigen Krankheitsverlaufs bei zumindest unveränderter Symptomatik und ohne längerfristige Remission, bejaht. Das im Vordergrund stehende Kriterium einer psychischen Komorbidität - verstanden als selbständiges, vom psychogenen Schmerzsyndrom losgelöstes Leiden (BGE 130 V 358 Erw. 3.3.1 mit Hinweis auf Meyer-Blaser, a.a.O., S. 81 Anm. 135) -, welche hinreichend gewichtig ist, um den ausnahmsweisen Schluss auf eine invalidisierende Arbeitsunfähigkeit zu gestatten, ist in der Tat nicht dargetan. Weder die von Dr. med. M.________ am 12. September 2004 diagnostizierte (nicht codierte) Depression mit hypochondrischer Tendenz, noch die von Dr. med. I.________ am 10. Dezember 2001 festgestellte schmerzbedingte Identitätsproblematik oder die vom Hausarzt Dr. med. S.________ bereits am 20. März 2001 erwähnte depressive Verstimmung reicht dazu aus, sind doch derartige depressive Entwicklungen in der Regel Ausdruck und Begleitsymptome des Schmerzgeschehens. Aus somatischen Gründen ist die Versicherte gemäss MEDAS-Gutachten vom 16. Dezember 2004 in einer leidensangepassten Tätigkeit nur zu 30% eingeschränkt, was mit den früheren Beurteilungen des Dr. med. P.________ vom 9. April 2002 und des Dr. med. J.________ vom 23. August 2002 vereinbar ist. Ein sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens ist nicht ausgewiesen, pflegt doch die Beschwerdegegnerin häufig Kontakt mit ihrer Mutter und Schwester. Von einem primären Krankheitsgewinn wird in keinem Gutachten gesprochen und auch vom Scheitern einer konsequent durchgeführten Behandlung trotz kooperativer Haltung der Versicherten kann nicht ausgegangen werden, wird doch im MEDAS-Gutachten ausdrücklich erwähnt, dass eine Psychotherapie zur Verbesserung der Arbeitsfähigkeit wünschenswert wäre, jedoch an der fehlenden Bereitschaft und Introspektionsfähigkeit für psychische Vorgänge scheitere. Die Feststellung des Dr. med. M.________ im Konsiliarbericht vom 12. September 2004, wonach sich die Beschwerdegegnerin nicht mit ihrer subjektiven Schmerzsymptomatik abzufinden vermöge, sondern auf ihre subjektiv wahrgenommenen körperlichen Beschwerden und auf gewisse hypochondrische Ängste eingeengt sei ohne sich in eine Diskussion über psychische Probleme einzulassen, lässt mit der IV-Stelle darauf schliessen, dass der Gesundheitszustand mittels geeigneter therapeutischer Massnahmen bei kooperativer Haltung der Versicherten durchaus noch positiv hätte beeinflusst werden können. Eine Würdigung der gesamten Umstände lässt - entgegen der Auffassung der Vorinstanz - nicht auf ein mit zumutbarer Willensanstrengung nicht überwindbares und daher die Arbeitsfähigkeit im invalidenversicherungsrechtlichen Sinne einschränkendes psychisches Leiden schliessen, sodass die diagnostizierte somatoforme Schmerzstörung keinen invalidisierenden Gesundheitsschaden darstellt und somit aus psychischer Sicht keine zusätzliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit besteht.