Citation: 6B_184/2020 E. 2.1.5

2.1.5. Indessen sind nicht alle Personen, die der betrügerischen Forderung nachgegeben haben, aus persönlichen Gründen besonders täuschungsanfällig. Gewisse Empfänger haben die Rechnung beglichen, ohne sich über den Grund der angeblichen Forderung Gedanken zu machen (dazu unten E. 2.2.2). Bei einem auf einen weiten Kreis möglicher Opfer abzielenden (gewerbsmässigen) Serienbetrug kommt ein überindividuelles Interesse an der Bekämpfung von sozialgefährlichem Verhalten ins Spiel (JEAN-RICHARD-DIT-BRESSEL, a.a.O., S. 100; vgl. NIGGLI/RIEDO, in: Basler Kommentar, Strafrecht II, 4. Aufl. 2019, N 84 zu Art. 139 StGB; GUNTHER ARZT, Basler Kommentar, Strafrecht II, 2. Aufl. 2007, N 64 zu Art. 146 StGB). Wie im persönlichen Täter-Opfer-Verhältnis der Selbstschutz dem Opfer individuell zumutbar sein muss (SÄGESSER, a.a.O., S. 203 Rz. 397 ff.), hat die Strafbarkeitsschwelle beim "Massenbetrug" den etablierten Rahmenbedingungen von Alltagsgeschäften Rechnung zu tragen. Auch der geschäftliche Courant normal fällt in den Schutzbereich des Betrugstatbestands (BGE 142 IV 153 E. 2.2.4). Der moderne Geschäftsverkehr mit seinen oft anonymen, automatisierten Abläufen ist ohne gegenseitiges Vertrauen der Beteiligten nicht funktionstüchtig: Bei routinemässig abzuwickelnden Alltagsgeschäften ist es üblich, auf eine Überprüfung der Angaben der Vertragspartei weitgehend zu verzichten (NYDEGGER, a.a.O., S. 308 f.; MATTHIAS HÄRRI, Die nicht arglistige Täuschung, in: plädoyer 1998 S. 29; vgl. BGE 143 IV 302 E. 1.3.3). Solches Verhalten liegt weit von einer Missachtung grundlegendster Vorsichtsmassnahmen entfernt. In vertraglichen Angelegenheiten kann beim Partner ein Minimum an Redlichkeit vorausgesetzt werden; ihm muss nicht grundsätzlich mit Misstrauen begegnet werden (BGE 147 IV 73 E. 3.2). Selbst eine erhebliche Naivität des Geschädigten hat nicht in jedem Fall zur Folge, dass der Täter straflos ausgeht (BGE 142 IV 153 E. 2.2.2). Der mit Art. 146 StGB bezweckte Vermögensschutz orientiert sich daher notwendigerweise auch am Grundsatz von Treu und Glauben (NYDEGGER, a.a.O., S. 307 ff.). Wenn der Schutz des Strafrechts gegen den betrügerischen Angriff nur erhalten bliebe, wenn sich das Zielpublikum einer erhöhten Abwehrverantwortung unterzöge, so schränkte dies den Schutz von Treu und Glauben im Geschäftsverkehr empfindlich ein. Die Ausnutzung von sozialadäquatem Vertrauen ist regelmässig als arglistig zu werten. Im Übrigen kann es nicht Aufgabe des Strafrechts sein, das (potentielle oder tatsächliche) Opfer zu grösserer Vorsicht zu erziehen (vgl. NYDEGGER, a.a.O., S. 297 ff.; JEAN-RICHARD-DIT-BRESSEL, a.a.O., S. 99). Der Ausgleich mit Verantwortlichkeitsanteilen des Opferkollektivs erfolgt über die Strafzumessung (vgl. JOSITSCH/LÜTHI, a.a.O., S. 47; MARC THOMMEN, Opfermitverantwortung beim Betrug, in: ZStrR 2008 S. 40).