Citation: 6B_1234/2023 E. 3.5.2

3.5.2. Sie gewichtet allerdings die öffentlichen Interessen an einer Landesverweisung höher als die privaten Interessen des Beschwerdeführers am Verbleib in der Schweiz, indem sie im Wesentlichen Folgendes erwägt (Urteil S. 11 ff. E. II.4.1-4.8) : Der Beschwerdeführer sei in der Schweiz geboren und habe bis auf Aufenthalte in den Sommerferien in der Republik Kosovo sein Leben hier verbracht. Zudem sei ein grosser Teil seiner Verwandtschaft in der Schweiz wohnhaft. Neben diesen gewichtigen Umständen spreche im Weiteren für das private Interesse, dass der Beschwerdeführer eine Lehre als Automobilfachmann abgeschlossen habe und zurzeit eine Zusatzausbildung als Automobilmechatroniker absolviere. Der Verlust dieser Zusatzausbildungsstelle sei gewichtig. Relativierend sei allerdings festzuhalten, dass die absolvierte Schweizer Lehre und die erworbene Fachkunde auch in der Republik Kosovo von erheblichem Vorteil sein würden. Seine beruflichen Aussichten in einer Autogarage oder -werkstatt seien in der Republik Kosovo keineswegs aussichtslos, auch wenn dort in ökonomischer Hinsicht andere Verhältnisse als in der Schweiz herrschten. Unterschiede in den (makro) ökonomischen Verhältnissen bestünden zwischen der Schweiz und den meisten anderen Volkswirtschaften und seien grundsätzlich unbeachtlich. Die Behauptung des Beschwerdeführers, im Kosovo würden kriegsähnliche Zustände herrschen, sei vor dem Hintergrund, dass dieser dort praktisch jedes Jahr die Ferien verbringe und das Land migrationsrechtlich bereits lange als "safe country" gelte, nicht zu hören. Weitere erheblich zu gewichtende private Interessen, insbesondere kultureller Art, seien nicht auszumachen, vielmehr bestünden in dieser Hinsicht ausgeprägte Verbindungen des Beschwerdeführers zur Republik Kosovo. So spreche dieser den dort verbreiteten gegischen Dialekt der albanischen Sprache, stamme aus einer (kosovo-) albanischen Familie, kenne das Land von zahlreichen Ferienaufenthalten und praktiziere die Mehrheitsreligion des Landes. Folglich sei er mit der kosovarischen Kultur bestens vertraut. Darüber hinaus verfüge er mit seinem als Maler im Kosovo arbeitstätigen Onkel sowie mit der bei seiner entfernt verwandten Familie verfügbaren Unterkunft in U.________ über einen zumindest rudimentären Empfangsraum in der Republik Kosovo. Hinsichtlich der öffentlichen Interessen hebt die Vorinstanz hervor, der Handel mit sog. harten Drogen stelle ein gesellschaftliches Übel dar und der regelmässige Konsum von harten Drogen korreliere statistisch sowohl auf der Täter- als auch Opferseite stark mit schweren (Gewalt-) Straftaten. Der Bekämpfung des Drogenhandels komme folglich eine wesentliche gesellschaftliche Bedeutung zu, was auch in vergleichsweise hohen Sanktionen des Betäubungsmittelgesetzes Niederschlag gefunden habe und zu einem erheblichem öffentlichen Wegweisungsinteresse führe. Die vom Beschwerdeführer gehandelte Reinmenge an Kokain betrage ca. das Doppelte des (für den mengenmässig schweren Fall nach Art. 19 Abs. 2 lit. a BetmG) massgeblichen Grenzwertes von 18 Gramm. Vergleichsweise handle es sich dabei nicht um eine besonders grosse Menge, doch sei die Tätigkeit des Beschwerdeführers langandauernd, organisatorisch vorbereitet und (gezielt) geplant gewesen. Dieser habe über Lieferanten, Abnehmer, Waagen und Verpackungsmaterial verfügt sowie mittels Snapchat (d.h. einer Chatapplikation, welche automatisiert Nachrichten lösche) kommuniziert, um die elektronischen Spuren seiner Tätigkeit zu verwischen (Urteil S. 10 E. II.3.3.3). Hinzu komme, dass sich der Beschwerdeführer auf keine strafreduzierende Umstände wie beispielsweise ein eigenes Sucht- bzw. Konsumverhalten, eine verminderte Schuldfähigkeit oder eine schwere persönliche Notlage berufen könne. Er habe einen Lehrlingslohn gehabt, bei seinen Eltern wohnen können und ihm sei die Fahrzeugprüfung und das erste Auto von den Elten sowie dem Arbeitgeber finanziert worden. Er habe allein aus Profitgier und wohl letztlich aus Geltungssucht gehandelt. Ferner berücksichtigt die Vorinstanz die Jugenddelinquenz des Beschwerdeführers: Dieser sei bereits mit 16 Jahren wegen einer fortgesetzten Erpressung, mithin einer Katalogtat gemäss Art. 66a Abs. 1 lit. c StGB, verurteilt worden. Die von ihm begangenen Schutzgelderpressungen seien von einer starken Geltungssucht bzw. vom Wunsch, die anderen Mitschüler zu dominieren, geprägt gewesen. Auch die weiteren Vorstrafen des Beschwerdeführers (u.a. Todesdrohung, Besitz eines Gewaltvideos und Besitz eines Bildes, welches die Penetration eines ca. fünfjährigen Mädchens zeige) untermauerten das öffentliche Interesse an der Landesverweisung. Die damalige Delinquenz sei vielseitiger Natur gewesen und beinhalte auch Drohungs- sowie Gewaltaspekte, was bei der Interessenabwägung besonders Gewicht finde. Die Massnahmen [recte: und Sanktionen] der Jungendanwaltschaft, insbesondere die Untersuchungshaft von 32 Tagen, hätten beim Beschwerdeführer keine Kehrtwende herbeigeführt. Es fehle an valablen Anhaltspunkten, dass die im forensisch-psychologischen Gutachten vom 30. September 2019 genannten primär charakterlichen Defizite mit kriminogener Wirkung (d.h. insbesondere die Aspekte des Geltungsstrebens, Mängel im Emotionserleben, passiv-reaktive Dissozialität) zwischenzeitlich ausgeräumt sein könnten. Es treffe zwar zu, dass der Beschwerdeführer geständig gewesen sei und Reue für seine Taten bekundet habe, allerdings sei dies auch schon bei den Schutzgelderpressungen der Fall gewesen und habe ihn nicht davon abgehalten, in der Probezeit erneut erheblich im Sinne einer Katalogtat deliktisch tätig zu werden. Wesentlich sei im Rahmen der Interessenabwägung, dass der Beschwerdeführer innert knapp drei Jahren zwei Katalogtaten begangen habe, was nicht mehr ein ausnahmsweises Absehen von der Landesverweisung rechtfertigen könne.