Citation: 6B_523/2024 E. 1.7.3

1.7.3. Im Rahmen seiner Beurteilung geht der Sachverständige B.________ nach einleitenden Erläuterungen zunächst auf die Biografie und Persönlichkeitsentwicklung des Beschwerdeführers bis zu den Anlassdelikten ein und hält zusammenfassend fest, darin liessen sich zahlreiche kriminalprognostisch ungünstige Faktoren feststellen: die negativen Sozialisationsbedingungen mit häufigen Wechseln der primären Beziehungspersonen, eigene traumatische Erfahrungen, die sich vermutlich daraus entwickelnde paranoide Persönlichkeitsstörung mit zusätzlichen dissozialen Anteilen und die wahnhafte Störung, in denen sich eine umfassende Feindseligkeit, negative Emotionalität, Impulsivität und ein Empathiemangel manifestiere, die Substanzkonsumstörung, die sich manifestierende sexuelle Devianz mit einer gewissen sexuellen Dranghaftigkeit, Instabilität in Intim- und Partnerbeziehungen (mit einer gewissen Feindseligkeit gegenüber Frauen), die polytrope und progrediente kriminelle Vorbelastung mit sexuellen und nicht sexuellen Gewaltdelikten, die Art der Opfer bei den Sexualdelikten (alle nicht verwandt, z.T. männlich) sowie das wiederholte Bewährungsversagen. Hingegen liessen sich in der prädeliktischen Persönlichkeitsentwicklung kaum protektive Faktoren feststellen, am ehesten eine gewisse Stabilität und Leistungsfähigkeit im Arbeitsbereich (kantonale Akten, act. 64, Gutachten B.________, S. 88 ff.). Es folgt die "Diagnostische Beurteilung", auf welche bereits eingegangen wurde (kantonale Akten, act. 64, Gutachten B.________, S. 95 ff.; E. 1.6.3 f.). Unter dem Titel "Anlassdelikte und Deliktshypothese" analysiert der Sachverständige B.________ die Anlassdelikte und gelangt zur Einschätzung, diese, insbesondere die Sexualdelikte, seien als Ausdruck überdauernder, in der Persönlichkeit des Beschwerdeführers verwurzelter Faktoren (Störung der Sexualpräferenz und Persönlichkeitsstörung) zu verstehen, was kriminalprognostisch ungünstig zu werten sei. Hingegen seien situative Faktoren kaum von Bedeutung, zumal der Konsum und die Weitergabe von Drogen auch als Manipulationsversuche des Beschwerdeführers erschienen. Kriminalprognostisch ungünstig sei zudem, dass der Beschwerdeführer die Delikte kurz nach der bedingten Entlassung aus der vorangegangen Haft während laufender ambulanter Therapie und Bewährung verübt und seinem Therapeuten nicht von der Kontaktaufnahme mit dem Geschädigten berichtet habe. Gleiches gelte für den Umstand, dass es sich bei den Opfern wiederum um nicht verwandte und (überwiegend) männliche Personen gehandelt habe (kantonale Akten, act. 64, Gutachten B.________, S. 101 ff.). Hinsichtlich der "Postdeliktischen Persönlichkeitsentwicklung" führt der Sachverständige B.________ zusammengefasst aus, es sei über insgesamt sechs Jahre in zwei verschiedenen Settings versucht worden, die Delikte und die zugrundeliegenden Störungen sowie Einflussfaktoren des Beschwerdeführers zu bearbeiten und zumindest abzumildern. Dies sei jedoch offensichtlich nicht gelungen. Obwohl man auf seine paranoiden Wahrnehmungen und Einstellungen Rücksicht genommen und versucht habe, zunächst eine tragfähige therapeutische Beziehung aufzubauen - unter Verzicht auf eine offene oder gar konfrontativere Deliktbearbeitung -, sei dies nicht dauerhaft möglich gewesen. Einzig die Gespräche mit einer namentlich genannten Therapeutin hätten beim Beschwerdeführer einen positiven Nachhall hinterlassen, wobei er die darin erzielten Fortschritte grösser und relevanter einschätze, als man dies von Behandlerseite getan habe. Verlegungen in zwei andere Massnahmenzentren bzw. in die Klinik E.________ zur Prüfung medikamentöser Behandlungsoptionen seien in der Folge nicht gelungen. Zwar seien nicht alle Gründe hierfür klar, jedoch sei es plausibel, dass die paranoid-misstrauische und feindselige Haltung des Beschwerdeführers - d.h. die paranoide Persönlichkeitsstörung mit dissozialen Anteilen und die wahnhafte Störung - massgeblich dazu beigetragen hätten, wie schon zum Scheitern der bisherigen Behandlung. Es erscheine so, dass der Beschwerdeführer wiederholt Bedingungen an eine etwaige Verlegung in eine andere Einrichtung gestellt habe, die sich als nicht erfüllbar erwiesen hätten, womit sich der Beschwerdeführer in seiner Einstellung bestätigt gefühlt habe, von den Vollzugsbehörden schikaniert, hintergangen und ausgebremst zu werden. Hier zeige sich das grundlegende Problem der paranoiden Persönlichkeitsstörung und wahnhaften Störung, dass jede erlebte Einschränkung und Frustration die verzerrte Wahrnehmung des Betroffenen bestärke und verfestige. Im bisherigen Therapieverlauf habe der Beschwerdeführer kaum Einblicke in sein früheres und aktuelles sexuelles Erleben erlaubt. Weiterhin wirkten seine oft wahnhaft anmutenden Unterstellungen bezüglich der sexuell übergriffigen Machenschaften von Personen staatlicher Institutionen (wie auch Mithäftlingen) wie eine Projektion seiner eigenen sexuellen Devianz auf andere. Die Sexualdelikte würden dauerhaft geleugnet oder als einmaliger legaler, einvernehmlicher Kontakt jenseits des Schutzalters des Geschädigten geschildert. Positiv zu würdigen sei, dass der Beschwerdeführer im Arbeitsbereich grösstenteils gute Leistungen und eine ausreichende Belastbarkeit und auch Frustrationstoleranz gezeigt habe, wenn gleich er wohl aufgrund seiner gesundheitlichen Einschränkungen derzeit nur mit einem 50 % Pensum arbeite. Im Verlauf der Massnahme sei es wiederholt zu Disziplinierungen, u.a. wegen Beleidigungen, Beschimpfungen, Provokationen bis hin zu Aufwiegelung zu einem Angriff und auch physischer Gewalt gekommen. Somit habe der Beschwerdeführer trotz der jahrelangen Bemühungen keine Einsicht in seine psychischen Störungen sowie keine ausreichende und auch nur mit leichten Frustrationen und Konfrontationen belastbare Therapiemotivation entwickelt. Zusammenfassend lasse sich in der postdeliktischen PersönIichkeitsentwicklung die fehlende Krankheitseinsicht, eine mangelnde Motivation und Fähigkeit sowohl bezüglich einer Behandlung als auch einer Verhaltens- sowie Einstellungsänderung und das Fehlen eines selbstkritischen Umgangs mit der bisherigen Delinquenz als prognostisch ungünstig feststellen. Die psychopathologischen Auffälligkeiten - und die antisozialen Einstellungen - hätten sich verfestigt, ausgeweitet und intensiviert. Die Emotionalität sei instabil und primär negativ und feindselig geprägt. Es sei dem Beschwerdeführer nicht gelungen, adäquate BewäItigungsmechanismen und Problemlösestrategien für die zugrundeliegenden intrapsychischen wie interpersonellen Konflikte und eine gewisse Resilienz gegen die erkennbaren Folgeschäden der langjährigen Institutionalisierung zu entwickeln (kantonale Akten, act. 64, Gutachten B.________, S. 103 ff.). Der Sachverständige äussert sich in der Folge zum "sozialen Empfangsraum" nach einer etwaigen, bedingten Entlassung. Er hält zusammenfassend fest, es liessen sich die wenig realistischen, längerfristigen Zukunftspläne (bezüglich Unterkunft und Arbeit, aber auch Intimbeziehungen), das Fehlen sozialer Beziehungen mit deliktprotektiven Kontrollfunktionen, die zu erwartende mangelnde Compliance mit professionellen Behandlungs- und Kontrollinstitutionen, eine hohe Wahrscheinlichkeit von Konflikten und Stressoren und ein relativ leichter Zugang zu potentiellen Opfern als prognostisch ungünstige Faktoren feststellen, während protektive Faktoren wiederum weitgehend fehlten (kantonale Akten, act. 64, Gutachten B.________, S. 106 ff.). Anschliessend führt der Sachverständige aus, es ergebe sich aus einer zusammenfassenden Beurteilung der Risiko- und protektiven Faktoren und unter Berücksichtigung der vorliegend verwendeten Prognoseinstrumente (Psychopathy Checkliste-Revised [PCL-R], Static-99, Static-99 R, Stable-2007 und Violence Risk Appraisal Guide Revised [VRAG-R]) folgende kriminalprognostische Einschätzung: Es bestünden auch unter Berücksichtigung des etwas höheren Alters des Beschwerdeführers ein überdurchschnittIiches Rückfallrisiko für erneute Sexualdelikte wie auch nicht-sexuelle Gewaltdelikte und eine hohe Dringlichkeit von Betreuung und Kontrolle. Der Beschwerdeführer falle in der Kombination des Static-99 R mit dem Stable-2007 in die zweithöchste Risikokategorie. Die massgeblichen Risikofaktoren seien dabei einerseits die paranoide Persönlichkeitsstörung mit zusätzlichen dissozialen Zügen, die wahnhafte Störung und die sexuelle Devianz in Form einer teilweise dranghaften Hebephilie und einer pädosexuellen Erregbarkeit und die daraus resultierende wiederholte und mannigfaltige Sexualdelinquenz (mit sowohl präpubertären, jugendlichen und fast erwachsenen Personen beiderlei Geschlechts) und die nicht sexuellen Gewaltstraftaten mit wiederholten Bewährungsversagen; andererseits der ungünstige, stagnierende Verlauf und schliesslich Abbruch der Behandlungsversuche in zwei verschiedenen Massnahmensettings infolge mangelnder Behandlungsmotivation und -fähigkeit des Beschwerdeführers. In der Folge versucht der Sachverständige das überdurchschnittliche Rückfallrisiko anhand der angewandten Prognoseinstrumente und der Rückfall-Basisrate für Sexualstraftäter zu quantifizieren. Er führt ferner aus, bei einem Rückfall wären durch den Beschwerdeführer einerseits sexuelle Hands-on-Delikte zu erwarten, sowohl gegenüber Minderjährigen, v.a. pubertierenden, aber auch präpubertären Kindern als auch gegenüber erwachsenen Personen. Am ehesten würde der Beschwerdeführer vorab ein gewisses Vertrauens- oder Bekanntheitsverhältnis zu einem etwaigen Opfer eines Sexualdelikts aufbauen, während Übergriffe auf völlig Fremde unwahrscheinlich erschienen. Zudem sei damit zu rechnen, dass der Beschwerdeführer mögliche Geschädigte durch Zugang und Verabreichung von Drogen (oder Alkohol) oder die Exposition mit Pornographie so zu manipulieren versuche, dass diese sexuelle Handlungen erdulden, oder auch kinder- und jugendpornographische Abbildungen herstelle oder diese anderen zugänglich mache. Zwar sei die Anwendung körperlicher Gewalt durch den Beschwerdeführer weniger wahrscheinlich, aber nicht auszuschliessen. Andererseits sei mit erneuten Beleidigungen, Beschimpfungen, Sachbeschädigungen und Bedrohungen, aber auch mit nicht sexuellen Gewaltdelikten in Form von Körperverletzungen zu rechnen. Abschliessend schildert und diskutiert der Sachverständige drei mögliche Risikoszenarien für die weitere Entwicklung des Beschwerdeführers im Falle einer (bedingten) Entlassung (kantonale Akten, act. 64, Gutachten B.________, S. 108 ff.). Schliesslich folgen die therapeutischen Einschätzungen und Empfehlungen des Sachverständigen B.________. Er führt zusammengefasst aus, derzeit erscheine unwahrscheinlich, dass sich der Beschwerdeführer auf eine störungsspezifische oder deliktsorientierte Behandlung einlassen werde, unabhängig davon, in welchem Setting diese durchgeführt würde. In der Folge skizziert der Sachverständige das mögliche Vorgehen für den Fall, dass das Gericht einen erneuten Behandlungsversuch als nicht gänzlich aussichtslos ansähe. Er hält fest, die Erfolgsaussichten eines solchen erneuten Behandlungsversuchs bezüglich einer relevanten Reduzierung des Risikos erneuter Sexual- und Gewaltdelikte seien als gering einzuschätzen, ohne dass dies mit empirischen Mitteln weiter zu quantifizieren sei (kantonale Akten, act. 64, Gutachten B.________, S. 113 ff.). Abschliessend beantwortet der Sachverständige die ihm im Gutachtensauftrag gestellten Fragen (kantonale Akten, act. 64, Gutachten B.________, S. 116 ff.). Anlässlich der vorinstanzlichen Verhandlung beschrieb der Sachverständige Art und Ausgestaltung der bisherigen Behandlung des Beschwerdeführers und äusserte sich zu den von diesem thematisierten Risk-Need-Responsivity-Prinzipien (RNR-Prinzipien) und dem Good-Lives-Modell (kantonale Akten, act. 1 S. 53 ff.).