Citation: 6B_225/2023 E. 1.5.3

1.5.3. Die Vorinstanz setzt sich sodann mit den privaten Interessen der Beschwerdeführerin an einem Verbleib in der Schweiz auseinander. Dabei erwägt sie richtig, dass diese die öffentlichen Interessen an der Landesverweisung nicht aufzuwiegen vermögen. Die Interessen der Beschwerdeführerin ergeben sich im Wesentlichen aus ihrer hiesigen Geburt und dem langjährigen Aufenthalt. Sie ist zwar in sprachlicher Hinsicht integriert, hat nach der Schule jedoch keine Ausbildung absolviert, arbeitet nicht und nimmt nicht am gesellschaftlichen Leben teil. Entsprechend bezeichnet die Vorinstanz ihre wirtschaftliche Integration zu Recht als perspektivlos und gescheitert. Offenbleiben kann, ob dies auf ihre Diagnosen zurückzuführen ist. Zu Recht bemisst die Vorinstanz ihre privaten Interessen anhand ihrer persönlichen Lage im Urteilszeitpunkt, unabhängig von der Entstehung der Situation (vgl. Urteile 6B_959/2021 vom 9. November 2022 E. 3.3.1; 6B_369/2021 vom 5. Mai 2022 E. 5.1; je mit Hinweisen). Entscheidend ist, dass sich die Beschwerdeführerin in der Schweiz keine berufliche Existenz aufbauen konnte, die sie im Falle einer Landesverweisung verlöre. Weiter verfügt sie über gewisse Verbindungen zur Türkei. Zum einen ist sie der türkischen Sprache mächtig. Wenn sie nun in der Beschwerde geltend macht, sie verfüge lediglich über gebrochene Kenntnisse, setzt sie sich zur vorinstanzlichen Sachverhaltsfeststellung in Widerspruch, ohne Willkür darzutun. Darauf ist nicht einzutreten. Sie kennt das Land zudem aus den Ferien und aufgrund eines mehrmonatigen Aufenthalts mit ihrem ersten Ehemann. Sie verfügt dort über zwei Tanten, die ihr bei der Angewöhnung behilflich sein könnten. Unerheblich ist, dass die Vorinstanz in diesem Zusammenhang fälschlicherweise von einer "Reintegration" spricht. Weiter ist es einsichtig, dass der Beschwerdeführerin die berufliche Integration angesichts ihrer Gesundheit (vgl. dazu unten) sowie der fehlenden Ausbildung und Arbeitserfahrung in der Türkei schwer fallen dürfte. Jedoch erscheinen ihre diesbezüglichen Aussichten aus denselben Gründen auch in der Schweiz nicht vielversprechender. Schliesslich verkennt die Beschwerdeführerin, dass echte Noven im Verfahren vor dem Bundesgericht unbeachtlich sind (Art. 99 Abs. 1 BGG). Dabei handelt es sich um Tatsachen oder Beweismittel, die sich erst zugetragen haben oder entstanden sind, nachdem vor der Vorinstanz keine neuen Tatsachen und Beweismittel mehr vorgetragen werden konnten (BGE 143 V 19 E. 1.2; 140 V 543 E. 3.2.2.2; Urteil 6B_959/2021 vom 9. November 2022 E. 3.3.1; je mit Hinweisen). Nicht einzugehen ist daher auf ihre IV-Berentung. Die Vorinstanz setzt sich weiter mit den familiären Verhältnissen der Beschwerdeführerin auseinander. So leben sowohl ihre Eltern wie auch die Schwester in der Schweiz. Die Beschwerdeführerin ist jedoch erwachsen und macht nicht geltend, dass sie von diesen unterstützt würde oder abhängig sei. Dass sie bis über die Volljährigkeit hinaus zuhause gewohnt habe, ändert daran nichts. Die Beziehung fällt demnach nicht unter den Schutzgehalt von Art. 8 EMRK und liesse sich im Übrigen über moderne Kommunikationsmittel und Ferienbesuche aufrecht erhalten. Die Kinder der Beschwerdeführerin sind gesund, waren im Urteilszeitpunkt vier respektive zwei Jahre alt und befinden sich somit im anpassungsfähigen Alter. Ihr Ehemann ist in der Türkei aufgewachsen und spricht ebenfalls Türkisch. Er verfügt über eine Aufenthaltsbewilligung B, ist arbeitslos und wurde vom Migrationsamt bereits darauf hingewiesen, dass er, sollte er weiterhin keine existenzsichernde Arbeit finden, das Land werde verlassen müssen. Zudem war er im Zeitpunkt der Heirat über die laufenden Strafuntersuchungen im Bilde, womit er zumindest um die Gefahr einer strafrechtlichen Verurteilung wissen musste. Der Familie erscheint es vor diesem Hintergrund möglich und zumutbar, das Familienleben in der Türkei fortzusetzen. Die Beschwerdeführerin wäre damit in der Türkei auch nicht auf sich alleine gestellt. A uch in dieser Hinsicht ist keine Verletzung von Art. 8 EMRK erkennbar. Für einen Verbleib in der Schweiz spricht des Weiteren die gesundheitliche Situation der Beschwerdeführerin. Sie leidet an mehreren psychiatrischen Pathologien, unter anderem an einer instabilen Persönlichkeitsstörung sowie einer Alkoholabhängigkeit. Sie hat sich im Sommer 2020 freiwillig in psychiatrische Behandlung begeben. Dem im Rahmen des vorinstanzlichen Verfahrens eingeholten psychiatrischen Gutachten vom 10. Januar 2021 zufolge sei sie nicht in der Lage, ihr Leben alleine zu organisieren. Die Vorinstanz erwägt aber korrekterweise, es sei der Beschwerdeführerin möglich, eine allfällige Therapie in der Türkei fortzusetzen. Ohnehin scheint zweifelhaft, ob die Beschwerdeführerin überhaupt gewillt ist, effektive Therapieangebote zu nutzen. So begab sie sich zwar aus eigenem Antrieb in psychotherapeutische Behandlung, brach aber sämtliche (gemäss dem psychiatrischen Gutachten gebotenen) stationären Behandlungsversuche nach kurzer Zeit ab und setzte sich auch gegen die Anordnung einer (vollzugsbegleitenden) ambulanten Massnahme durch die erste Instanz mittels Berufung zur Wehr. Ihr Interesse an einem Verbleib aus gesundheitlichen Gründen ist vor diesem Hintergrund zu relativieren. Ferner besteht für den Fall der Landesverweisung vorliegend auch nicht die Gefahr einer ernsthaften, rapiden und irreversiblen Verschlechterung des Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin. Die Landesverweisung der Beschwerdeführerin ist somit auch vor dem Hintergrund von Art. 3 EMRK zulässig. Die Vorinstanz berücksichtigt sodann auch die Gefahr einer politischen Verfolgung der Beschwerdeführerin in der Türkei und verneint diese. Ihre Ausführungen sind nicht zu beanstanden und werden von der Beschwerdeführerin nicht bestritten. Auch diesbezüglich ist keine Verletzung von Art. 3 EMRK auszumachen.