Citation: U 370/00 29.05.2002 E. 3

3.- a) Bei einem Schleudertrauma der HWS oder schleudertraumaähnlichen Verletzungen kann die Leistungspflicht der Unfallversicherung unter Umständen auch ohne organisch direkt nachweisbare Schädigung gegeben sein. Dies ist darauf zurückzuführen, dass nach den Ergebnissen der medizinischen Forschung bei solchen Verletzungen auch ohne klar ausgewiesene pathologische Befunde noch Jahre nach dem Unfall funktionelle Ausfälle verschiedenster Art auftreten können (BGE 117 V 363 Erw. 5d/aa mit Hinweisen). Bei diagnostiziertem Schleudertrauma der HWS ist der natürliche Kausalzusammenhang zwischen Unfall und Arbeits- oder Erwerbsunfähigkeit in der Regel zu bejahen, wenn ein für diese Verletzung typisches Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden wie diffuse Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit, Visusstörungen, Reizbarkeit, Affektlabilität, Depression oder Wesensveränderungen usw. vorliegt (BGE 117 V 360 Erw. 4b). In BGE 119 V 335 hat das Eidgenössische Versicherungsgericht festgehalten, aus BGE 117 V 359 dürfe nicht geschlossen werden, dass bei der Beurteilung der natürlichen Kausalität von Folgeschäden nach Verletzungen der HWS der natürliche Kausalzusammenhang ungeachtet der medizinischen Untersuchungsergebnisse gleichsam als von vornherein gegeben vorausgesetzt werde (BGE 119 V 340 Erw. 2b/aa). Präzisierend führte es weiter aus, zur Bejahung der Frage, ob ein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen einer Schleuderverletzung der HWS ohne organisch nachweisbare Beschwerden und den eingetretenen Gesundheitsschädigungen besteht, müssten die geklagten Beschwerden medizinisch einer fassbaren gesundheitlichen Beeinträchtigung zugeschrieben werden können und die Gesundheitsschädigung mit dem im Sozialversicherungsrecht allgemein erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem versicherten Unfall stehen (BGE 119 V 340 f. Erw. 2b/bb). b) Zumindest teilweise gehören die vom Beschwerdeführer nach dem Unfall vom 4. Dezember 1995 geklagten Störungen zu den typischen Symptomen, welche nach einem Schleudertrauma der HWS oder einer schleudertraumaähnlichen Verletzung auftreten können. So wurden in der Neurologischen Klinik des Spitals Y.________ gemäss Bericht vom 21. März 1997 protrahierte Nackenschmerzen, chronische Spannungskopfschmerzen, Funktionsstörungen des rechten Armes und Gangstörungen diagnostiziert und im Bericht vom 17. Juli 1998 zudem ein chronisches cervikocephales und cervikobrachiales Syndrom, Periarthropathia humeroscapularis, chronische Trümmelbeschwerden, chronische depressive Stimmung mit somatischen Symptomen nach HWS-Distorsionstrauma angegeben. Die Ärzte führten dazu aus, eine Reihe der Beschwerden sei typisch für ein durchgemachtes HWS-Distorsionstrauma; eine zusätzliche psychische Überlagerung sei ebenfalls möglich. Aus den Akten geht hervor, dass Dr. med. K.________ bereits im neurologischen Konsilium vom 26. März 1996 wegen der Möglichkeit einer Chronifizierung eine psychosomatische Untersuchung vorschlug. Anlässlich der stationären Behandlung in der Klinik X.________ stellte der Psychiater eine depressive Episode mit somatischen Symptomen fest, welche vermutlich durch die anhaltende Schmerzhaftigkeit nach HWS-Distorsion ausgelöst wurde; vermutet wurde zudem eine zusätzliche Begehrungshaltung (Psychosomatisches Konsilium vom 15. August 1996). Einen Zusammenhang des präsentierten Beschwerdebildes mit dem Unfallereignis konnten die Mediziner der Klinik X.________ nicht mit genügender Wahrscheinlichkeit herstellen (Austrittsbericht vom 28. August 1996). Die Ärzte der Psychiatrischen Dienste des Kantons Y.________ erwähnten im Gutachten vom 20. August 1999 eine Somatisierungsstörung und differentialdiagnostisch eine Persönlichkeits- und Verhaltensstörung (Entwicklung körperlicher Symptome aus psychischen Gründen), welche die Arbeitsfähigkeit deutlich einschränkten. Eine bessere Strukturierung des Alltags und Aktivierung des Versicherten wäre sinnvoll. c) Von einer - wie in BGE 119 V 340 f. Erw. 2b/aa und 2b/bb verlangt - durch zuverlässige ärztliche Angaben als Unfallfolge gesicherten medizinisch fassbaren gesundheitlichen Beeinträchtigung kann gestützt auf die medizinischen Unterlagen nicht gesprochen werden. Auch fällt auf, dass die Schmerzäusserungen von einer auffallenden Unbestimmtheit geprägt sind. So führte Kreisarzt Dr. med. W.________ am 1. Dezember 1997 aus, es bestehe keine konstante Schmerzarchitektur; die Schmerzen würden diffus geschildert im Bereich der HWS, dann auch im Bereich beider Schultern, neuerdings zudem im Bereich der HWS und beider Beine, zusätzlich aber auch rechts mit primär imponierendem Streckdefizit im rechten Kniegelenk. Dr. med. C.________ wie auch die Ärzte der Klinik X.________ wiesen zudem auf eine mangelhafte Kooperationsbereitschaft des Versicherten bei der Untersuchung hin. Unter Berücksichtigung sämtlicher für die Beurteilung massgebender Faktoren kann nicht von einem nach Schleudertrauma typischen Beschwerdebild, welches mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf den Verkehrsunfall vom 4. Dezember 1995 zurückzuführen ist, ausgegangen werden. Eine Rückweisung der Sache zwecks Einholung eines weiteren Gutachtens erübrigt sich, da ein solches am feststehenden Ergebnis nichts mehr ändern könnte (antizipierte Beweiswürdigung; BGE 124 V 94 Erw. 4b). Der Beschwerdeführer wurde von Ärzten verschiedener Fachrichtungen umfassend abgeklärt und untersucht. Die jeweiligen Berichte sind nachvollziehbar begründet und ergeben bezogen auf den für die Beurteilung massgebenden Sachverhalt im Zeitpunkt des Einspracheentscheids vom 10. August 1999 (BGE 121 V 366 Erw. 1b mit Hinweisen) ein hinreichend klares Bild über den Gesundheitszustand, die erhobenen Befunde, deren Beurteilung und - soweit eine Zuordnung der Beschwerden medizinisch überhaupt möglich war - den natürlichen Kausalzusammenhang. d) Aufgrund der medizinischen Unterlagen bestehen allerdings erhebliche Anhaltspunkte dafür, dass das nach der Auffahrkollision durch die Schleuderverletzung geprägte Beschwerdebild in der Folge aufgrund der psychischen Situation des Beschwerdeführers in eine psychische Überlagerung umgeschlagen haben könnte. Auch wenn gestützt auf die zur Verfügung stehenden medizinischen Akten die Frage, ob es sich bei den heute bestehenden psychischen Gesundheitsstörungen um eine natürliche Folge des versicherten Unfalles handelt, nicht mit dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 119 V 9 Erw. 3c/aa mit Hinweisen) beantwortet werden kann, erübrigt sich auch diesbezüglich eine Rückweisung der Sache zwecks Einholung eines weiteren Gutachtens; selbst wenn nämlich aufgrund zusätzlicher Abklärungen der natürliche Kausalzusammenhang bejaht würde, fehlt es - wie die nachstehenden Erwägungen zeigen - an der Adäquanz des Kausalzusammenhangs, die sich im vorliegenden Fall nach Massgabe der in BGE 115 V 133 ff. entwickelten Kriterien beurteilt.