Citation: U 351/01 22.10.2002 E. 3.2

3.2.1 Der psychosomatische Spezialarzt Dr. med. S.________ hat in dem vom Hausarzt des Versicherten eingeholten Gutachten vom 23. Februar 1996 in psychopathologischer Hinsicht die Diagnose eines chronischen Schmerzsyndroms mit Krankheitswert und psychoprothetischer Funktion bei narzisstischer Krise und ausgeprägten psychophysiologischen Störungen und subakuter Suizidalität bei einem Patienten mit stark verminderter Impulskontrolle und verzweifelt-depressivem Zustandsbild gestellt. Zur medizinischen Begründung dieser Diagnose hat er im Wesentlichen Folgendes ausgeführt: "Die multiplen Beschwerden können am besten im Rahmen einer pathologischen Unfallverarbeitung infolge der erlittenen Beeinträchtigung der körperlichen Integrität durch das Unfallgeschehen verstanden werden. Das Leiden hat Krankheitswert und begründet die derzeitige Erwerbsunfähigkeit. Typischerweise finden sich bei Patienten, bei denen der Schmerz eine 'psychoprothetische' Funktion erfüllt prätraumatisch die Vorstellung eines unverletzlichen Körpers, es sind häufig aggressive kämpferische Persönlich keiten, welche auch ein hypermaskulines Verhalten - wie dies der Patient auch betont - zeigen. Die Schmerzentstehung ist auf die existentielle Bedrohung durch den Unfall zurückzuführen (siehe Adler, Hemmeler, Anamnese und Körperuntersuchung, 3. Aufl., 1992, S. 200-201). Die aktuelle lebens bedrohliche existentielle Krise ist nicht nur durch die erlebte Zerstörung der körperlichen Integrität durch den Unfall und die Unfallfolgen sondern auch durch die Infragestellung der psychischen und sozialen Integrität durch den Verlust der Lebensperspektive in der Schweiz bedingt. Beim Patienten äussert sich dies in einem verzweifelt-depressiven Zustandsbild mit subakuter Suizidalität. Aufgrund der schlechten Impulskontrolle bei bereits vorhandenen, für die Familie bedrohlichen, aggressiven Ausbrüchen mit Verletzungsfolgen muss auf eine deutlich erhöhte Gefahr eines erweiterten Suizides (sich, Frau und Kind) im Falle der Ausführung der Ausweisung hingewiesen werden." 3.2.2 Das Gutachten des Dr. med. S.________ beruht einerseits auf den ausschliesslich vom Beschwerdeführer erfragten, anamnestischen Angaben und einer kursorischen, klinischen Untersuchung, welche keine gravierenden Befunde ergab. Hingegen hat der Gutachter weder die medizinischen Vorakten, namentlich auch nicht das neurologische Gutachten des PD Dr. med. M.________ beigezogen, noch psychiatrische Untersuchungen durchgeführt und ausgewertet. Die gestellte Diagnose stützt sich einzig auf den Eindruck, den der Explorand aufgrund seines auffälligen, aggressiven Verhaltens während des mit ihm geführten Gesprächs auf den Gutachter machte. Das zeigt sich deutlich an der Teildiagnose "subakute Suizidalität ... mit stark verminderter Impulskontrolle", die der Gutachter nur anhand einer entsprechenden Erklärung des Exploranden und der von ihm geäusserten Drohung, "seine Frau mit Kind umzubringen", gewonnen haben kann. Weder für diese noch für die anderen vom Gutachter angegebenen Teildiagnosen hat er irgendwelche nachvollziehbare, psychopathologische Befunde erhoben, die als wissenschaftlich anerkannte, diagnostische Grundlage dienen könnten. Abgesehen davon können die Diagnosen "chronisches Schmerzsyndrom mit ... psychoprothetischer Funktion" und "ausgeprägte psychophysiologische Störungen" keiner fassbaren, psychiatrischen Diagnose gemäss der anerkannten, internationalen Klassifikation psychischer Störungen der WHO (ICD-10 Kapitel V) zugeordnet werden. Es bleibt deshalb unklar, was für eine psychische Krankheit der Gutachter unter der von ihm angegebenen Diagnose verstanden hat. 3.2.3 Als psychische Ursachen der geklagten körperlichen Beschwerden hat Dr. med. S.________ zusammenfassend angegeben: "Pathologische Unfallverarbeitung infolge der erlittenen Beeinträchtigung der körperlichen Integrität durch das Unfallgeschehen". In der weiteren Kausalitätsbegründung werden mehrere unfallfremde Ursachen genannt, auf welchen dieser Ursache-Wirkungszusammenhang beruhe; so die "prätraumatische" Vorstellung des Exploranden von der Unverletzlichkeit seines Körpers, sein "hypermaskulines" Verhalten, der Verlust der "Lebensperspektive" in und die drohende "Ausweisung" aus der Schweiz. Solche nicht unfallkausale Faktoren können aber den natürlichen Kausalzusammenhang zwischen einem Unfall und einer danach eingetretenen psychischen Fehlentwicklung nicht begründen. Die Unfallkausalität einer psychischen Fehlentwicklung muss vielmehr ihre Grundlage im Unfallereignis und -erlebnis als solchem, dem erlittenen körperlichen Gesundheitsschaden und den dadurch ausgelösten Auswirkungen auf den Gesundheitszustand sowie die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit haben. Ausserdem muss ein unfallbedingter psychischer Gesundheitsschaden einer diagnostisch fassbaren, von unfallfremden Faktoren unterscheidbaren psychischen Störung mit Krankheitswert zugeordnet werden können. Weder das eine noch das andere wird im Gutachten des Dr. med. S.________ aufgezeigt, weshalb ihm kein Beweiswert beigemessen werden kann.