Citation: 4A_91/2022 E. 5.3.4

5.3.4. Die Beurteilung der Vorinstanz vermag entgegen dem Vorwurf der Beschwerdeführerin auch einem Vergleich mit anderen Urteilen, in denen ein grobes Selbstverschulden bejaht wurde, durchaus standzuhalten, mehr noch, sie entspricht der einschlägigen Rechtsprechung des Bundesgerichts. Wenn gemäss Bundesgericht ein Fussgänger, der eine Geleiseanlage betritt, ohne sich zu vergewissern, dass keine Strassenbahn im Anzug ist, derart grob fahrlässig handelt, dass ein schweres, den adäquaten Kausalzusammenhang unterbrechendes Selbstverschulden anzunehmen ist (vgl. die in Erwägung 3.6 erwähnten Urteile des Bundesgerichts), muss diese Wertung umso mehr gelten für einen Velofahrer, der unerlaubterweise auf dem Trottoir in Gegenrichtung der Einbahnstrasse in zügigem Tempo auf eine mit vier Tramlinien befahrene, ihm bekannte Verzweigung zufährt, ohne sicherzustellen, dass er jederzeit einem herannahenden Tram den Vortritt gewähren kann. Sodann muss die Pflicht zu erhöhter Aufmerksamkeit, die das Bundesgericht schon 1931 mit Blick auf die Zunahme des Verkehrs statuierte, umso deutlicher beachtet werden im heutigen dichten Stadtverkehr und insbesondere an der hier betroffenen, mit Trams hoch frequentierten U.________strasse, Verzweigung V.________strasse, in B.________. Dabei ist zu betonen, dass die allgemein vermehrt zu beobachtende "Verwilderung" des Veloverkehrs den Massstab an die gebotene Vorsicht und Verantwortlichkeit der Velofahrer keineswegs herabsetzt (vgl. Erwägung 3.3). Auch das von der Beschwerdeführerin zitierte Urteil 4A_234/2021 vom 9. September 2021 steht mit der vorinstanzlichen Beurteilung im Einklang. Dort wurde ein grobes, kausalitätsunterbrechendes (Dritt-) Verschulden einer Fussgängerin bejaht, die mit ihrer Tochter eine Hauptstrasse unvermittelt und an ungeeigneter Stelle zu überqueren versuchte, mit der Folge, dass die Tochter von einem vortrittsberechtigten Motorrad angefahren wurde. Das Bundesgericht führte unter anderem aus, ins Gewicht falle die Tatsache, dass die Mutter den Verkehr nur ungenügend beobachtet und, als sie den Motorradfahrer (spät) wahrgenommen habe, für diesen unerwartet die Strasse doch noch zu überqueren versucht habe. Hier hakt die Beschwerdeführerin ein und will einen entscheidwesentlichen Unterschied im vorliegenden Fall ausmachen, in dem der Velofahrer bei Wahrnehmung des herannahenden Tramzuges ein Bremsmanöver eingeleitet und nicht weiter versucht habe, die Tramgeleise zu überqueren. Zu Recht hat die Vorinstanz ausgeführt, dies vermöge ihn nicht zu entlasten. Vielmehr blieb ihm gar nichts anderes übrig, als abzubremsen und von der Überquerung abzusehen, ansonsten er unvermeidlich in den langen Tramzug geprallt wäre. Das eingeleitete Bremsmanöver hebt daher seine fehlende Aufmerksamkeit und seine den Umständen in keiner Weise angepasste Fahrweise nicht auf. Ohnehin hat das Bundesgericht in jenem Fall ein schweres Drittverschulden nicht einzig damit begründet, dass die Mutter nach Wahrnehmung des Motorrades die Strasse doch noch zu überqueren versuchte, wenngleich dies in der in jenem Fall gegebenen Situation, die nicht der vorliegenden entspricht, stark ins Gewicht fiel. Namentlich gereichte der Mutter auch zum Vorwurf, dass sie die gebotene, besondere Vorsicht nicht walten liess. Dies wiederum trifft durchwegs auch auf den Velofahrer C.________ zu, der sich, wie beschrieben, äusserst unvorsichtig verhalten hat.