Citation: U 39/06 03.11.2006 E. 3

Streitig und zu prüfen ist zunächst, ob die vom Beschwerdegegner ab dem 1. Mai 2004 geklagten Beschwerden noch in einem natürlichen Kausalzusammenhang mit dem Unfallereignis vom 21. Februar 2001 stehen. 3.1 Den medizinischen Akten ist zu entnehmen, dass der Beschwerdegegner schon vor dem Unfall an einem zervikospondylogenen und zervikozephalen Syndrom sowie an Schwindelbeschwerden und Tinnitus gelitten hat (Berichte des Spitals Y.________ vom 25. Oktober 2000 und 19. Dezember 2000). Er stand deshalb in ambulanter und vom 29. Januar bis 15. Februar 2001 in stationärer ärztlicher Behandlung und war arbeitsunfähig. Nach dem Unfall klagte er über Nacken-, Kopf- und Schulterbeschwerden, Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sowie eine depressive Verstimmung. Während vor dem Unfall die Schulterbeschwerden im Vordergrund gestanden hatten, waren nach diesem Ereignis die Nacken- und Kopfschmerzen dominant (Bericht des SUVA-Arztes Dr. med. E.________, Facharzt FMH für Orthopädische Chirurgie, über die Untersuchung vom 22. Januar 2004). Der Beschwerdegegner hatte indessen schon vor dem Unfall auch über Beschwerden an der HWS geklagt (vgl. Bericht des Dr. med. I.________, Chiropraktor SCG-ECU, vom 9. April 2001). Es wurden denn auch entsprechende radiologische und MRI-Untersuchungen durchgeführt. Zudem hatten schon vor dem Unfall Kopfschmerzen (zervikozephales Syndrom), Schwindelbeschwerden, Tinnitus sowie Anzeichen einer beginnenden depressiven Entwicklung bestanden. Daraus folgt, dass es sich bei der im Anschluss an den Unfall vom 21. Februar 2001 aufgetretenen Symptomatik nicht um einen neuen, vom früheren Beschwerdebild unabhängigen Gesundheitsschaden handelte. Neu waren eine Bewegungseinschränkung der HWS, Übelkeit, starke Ermüdbarkeit sowie Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen; im Übrigen war es zu einer Verstärkung und teilweisen Verlagerung der bisherigen Beschwerden gekommen. Es kann sodann nicht davon ausgegangen werden, dass der vorbestehende Gesundheitsschaden vor Eintritt des Unfalls behoben war. Zwar hatte die stationäre Behandlung in der Rheumaklinik des Spitals Y.________ zu einer deutlichen Besserung der Beschwerden geführt, sodass bei Austritt aus der Klinik mit einer steigenden Arbeitsfähigkeit gerechnet werden konnte (Bericht dieses Spitals vom 9. März 2001). Es haben jedoch weiterhin behandlungsbedürftige und die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigende Beschwerden bestanden. Am 7. Februar 2001 und damit schon vor dem Unfall hatte sich der Beschwerdegegner zum Leistungsbezug bei der IV angemeldet, welche ihm nach der gescheiterten beruflichen Abklärung eine Rente aufgrund eines Invaliditätsgrades von 63 % und einer seit April 2000 bestehenden Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit zusprach. Davon, dass es im Anschluss an den Unfall zu einer Verschlimmerung einer vorbestehenden Symptomatik und teilweise zu neuen Beschwerden gekommen ist, geht auch der behandelnde Arzt und Chiropraktor Dr. med. I.________ aus, welcher im Bericht vom 17. Mai 2001 ausführt, die HWS-Distorsion habe zu einer "zusätzlichen Beschwerdeüberlagerung" des vorbestehenden zervikozephalen und zervikothorakalen Schmerzsyndroms und einer zunehmenden depressiven Entwicklung geführt. Im weiteren Verlauf kam es zu einer Ausdehnung der Schmerzsymptomatik, sodass aus neurologischer Sicht auf eine psychische Beteiligung und eine Schmerzverarbeitungsstörung geschlossen wurde (Berichte des Dr. med. U.________, Spezialarzt für Neurologie FMH, vom 7. März 2002 und der Frau Dr. med. O.________, Neurologie FMH, vom 14. April 2003). Im Zeitpunkt der Leistungseinstellung liessen sich keine wesentlichen somatischen Befunde mehr feststellen, und es ist aufgrund der medizinischen Akten anzunehmen, dass das Beschwerdebild praktisch ausschliesslich durch psychische bzw. psychosomatische Faktoren bestimmt war. 3.2 Hinsichtlich der psychischen Beeinträchtigungen ist davon auszugehen, dass bereits vor dem Unfall eine depressive Entwicklung eingesetzt hat, welche sich im Anschluss an den Unfall verstärkte und im Januar 2003 offenbar ausschlaggebend dafür war, dass der Beschwerdegegner die von der IV angeordnete Abklärung abbrach. Im psychosomatischen Konsilium der Rehaklinik A.________ vom 25. Juni 2002 gelangte Dr. med. R.________ zum Schluss, aufgrund der aktuellen Symptomatik lasse sich ein ausgeprägtes depressives Zustandsbild im Sinne einer Major-Depression nicht feststellen. Das heutige Bild sei geprägt von verschiedenen Angstsymptomen, einschliesslich Angst um die Zukunft und das weitere wirtschaftliche Überleben. Dazu kämen Befindlichkeitsstörungen, wie sie oft bei chronischen Schmerzproblemen zu beobachten seien. Diagnostiziert wurde eine Anpassungsstörung mit Angst und depressiver Reaktion gemischt (ICD-10 F43.22). Der behandelnde Psychiater Dr. med. N.________, Psychiatrie/Psychotherapie FMH, bestätigte in einem Bericht zuhanden der IV vom 27. März 2003 die Diagnose einer Anpassungsstörung gemäss ICD-10 F43.22. In dem ebenfalls der IV erstatteten psychiatrischen Gutachten vom 3. Mai 2005 führt Dr. med. W.________ aus, im Anschluss an den Unfall sei es zu einer depressiven Fehlverarbeitung im Sinne einer depressiven Entwicklung bzw. einer lang anhaltenden mittelgradigen depressiven Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10 F32.11) gekommen. Die depressive Störung zeige auch multiple psychosomatische Symptome. Ob diese der depressiven Störung zugeordnet oder als eigenständiges Krankheitsbild, d.h. als Somatisierungsstörung (ICD-10 F45.0) zu kodieren sei, bleibe Ermessenssache. In der von der SUVA mit der Verwaltungsgerichtsbeschwerde eingereichten psychiatrischen Stellungnahme vom 9. Januar 2006 führt Frau Dr. med. K.________ aus, die bereits vor dem Unfall vorhanden gewesenen Symptome müssten als Ausdruck einer Somatisierungsstörung interpretiert werden, welche gemäss ICD-10 synonym als multiple psychosomatische Störung bezeichnet werde und häufig von Depression und Angst begleitet sei. Dass nach dem Unfallereignis die affektive Symptomatik im Sinne einer Anpassungsstörung zugenommen habe, sei nachvollziehbar. Im Zeitpunkt, als die Diagnose einer Anpassungsstörung durch den behandelnden Arzt bestätigt worden sei, hätte sie nach den Richtlinien der ICD-10 jedoch nicht mehr gestellt werden dürfen. Eine Somatisierungsstörung nimmt auch Dr. med. S.________ im Gutachten vom 18. April 2005 an. Auf Grund dieser im Wesentlichen übereinstimmenden ärztlichen Angaben ist davon auszugehen, dass sich die teilweise vorbestehende depressive Störung im Anschluss an den Unfall verstärkt und zu einer Anpassungsstörung mit Angst und depressiver Reaktion und in der Folge zu einer Somatisierungsstörung entwickelt hat, womit sich die festgestellte Ausweitung der Beschwerdesymptomatik erklären lässt. Hinsichtlich der Unfallkausalität der psychischen Beeinträchtigungen ist mit der erforderlichen überwiegenden Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass der Unfall zu einer Verschlimmerung vorbestehender Beeinträchtigungen geführt hat, welche im Zeitpunkt der Leistungseinstellung noch angedauert hat, weshalb der natürliche Kausalzusammenhang grundsätzlich zu bejahen ist. Fraglich bleibt, ob es sich bei der diagnostizierten Somatisierungsstörung um ein Leiden handelt, welches der Beschwerdegegner bei Aufbietung der ihm zumutbaren Willensanstrengung zu überwinden vermöchte (vgl. hiezu BGE 130 V 352 ff. und 396 ff., 131 V 49 ff.), wie Dr. med. S.________ annimmt. Diese Frage kann indessen offen bleiben, wie sich aus dem Folgenden ergibt.