Citation: 6B_595/2021 E. 5.4.2

5.4.2. Die Leitfrage der aussagepsychologischen Begutachtung ("könnte die aussagende Person mit den gegebenen individuellen Voraussetzungen unter den gegebenen Befragungsumständen und unter Berücksichtigung der im konkreten Fall möglichen Einflüssen Dritter diese spezifische Aussage machen, ohne dass sie auf einem realen Erlebnishintergrund basiert?"; vgl. E. 5.3.3) wird durch Vornahme einer Kompetenzanalyse, einer merkmalsorientierten Inhaltsanalyse (Realkennzeichenanalyse), einer Struktur- und einer Konstanzanalyse, einer Analyse der Entstehungsgeschichte der Aussage und des Aussageverhaltens insgesamt, sowie einer Überprüfung der Zuverlässigkeit (Validität) der Aussage beantwortet (vgl. E. 5.3.3; kantonale Akten, act. 2530a, Gutachten S. 10 ff., 23 ff.; act. 2688 ff.; VERA KLING, Qualitätsbeurteilung und Fehlererkennung bei aussagepsychologischen Gutachten, AJP 2015 S. 718; LUDEWIG/TAVOR/BAUMER, Wie können aussagepsychologische Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen?, AJP 2011 S. 1423 ff.; STELLER/VOLBERT, Glaubwürdigkeitsbegutachtung, in: Steller/Volbert [Hrsg.], Psychologie im Strafverfahren, 1997, S. 24 ff.). Bei der Konstanzanalyse wird die Entwicklung der Aussage über unterschiedliche Befragungszeitpunkte hinweg unter aussagepsychologischen Gesichtspunkten analysiert. Die Realkennzeichenanalyse beurteilt demgegenüber eine einzelne Aussage und arbeitet mit aussageimmanenten Merkmalen (vgl. kantonale Akten, act. 2530a, Gutachten S. 24; ADRIAN BERLINGER, Glaubhaftigkeitsbegutachtung im Strafprozess, Beweiseignung und Beweiswert, Diss. 2014, S. 31, 43 ff.). Dabei handelt es sich um ein wesentliches methodisches Element der Aussageanalyse (vgl. Urteil des deutschen Bundesgerichtshofes vom 30. Juli 1999 [BGH 1 StR 618/98] E. II.1.b/aa/2, in: Neue Zeitschrift für Strafrecht [NStZ], 20. Jahrgang 2000, S. 102), bzw. die Konstanz der Aussage stellt eine Mindestanforderung an eine als glaubhaft beurteilte Aussage dar (LUDEWIG/TAVOR/BAUMER, a.a.O., S. 1429; VOLBERT/STELLER, a.a.O., S. 692). Die Sachverständigen führten sowohl im Gutachten als auch anlässlich der Berufungsverhandlung nachvollziehbar aus, dass vorliegend die Konstanzanalyse - mit Ausnahme einzelner Schilderungselementen - nach aussagepsychologischen Kriterien nicht bzw. nur beschränkt möglich sei, weil wiederholte Schilderungen zum selben Sachverhalt weitgehend fehlten (kantonale Akten, act. 2530a, Gutachten S. 114, 142, 143 f.; act. 2690). Ferner wies die Sachverständige darauf hin, dass durch eine aussagepsychologische Exploration der Geschädigten zur Sache, die zumindest in Deutschland zur aussagepsychologischen Methodik gehöre (vgl. VOLBERT/STELLER, a.a.O., S. 703), eine Beurteilung der Aussagekonstanz hätte ermöglicht werden können, hiervon jedoch aus prozessualen Gründen abgesehen worden sei (kantonale Akten, act. 2690). Vorliegend braucht nicht abschliessend beurteilt zu werden, ob eine Befragung derjenigen Person, deren Aussagen analysiert werden sollen, durch die sachverständige Person zur Sache in jedem Einzelfall unabdingbar ist. Aufgrund des Ausgeführten wäre sie jedenfalls im vorliegend zu beurteilenden Fall zwingend erforderlich gewesen, um - unter der Voraussetzung, dass sich das Opfer zur Sache äussert - eine Konstanzanalyse durchführen zu können. Da die entsprechenden Aussagen der Geschädigten aufgrund der vorliegenden Ausgangslage voraussichtlich Einfluss auf die vorinstanzliche Sachverhaltsfeststellung und Beweiswürdigung haben wird, hat die Befragung bzw. Exploration der Geschädigten vor Gericht mit Gewährung der Teilnahmerechte der Parteien zu erfolgen, wobei den sachverständigen Personen in geeigneter Form ein Fragerecht zu gewähren ist (vgl. Art. 185 Abs. 2 StPO). Unter den gegebenen Umständen wären einzig durch die Sachverständigen erhobene Angaben der Geschädigten zum Kernsachverhalt nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung mangels justizförmiger Erhebung für die gerichtliche Sachverhaltsfeststellung und Beweiswürdigung nicht verwertbar (vgl. Urteil 6B_257/2020 vom 24. Juni 2021 E. 4.9.1, nicht publ. in: BGE 147 IV 409), womit die Sachverständige diese Frage zu recht thematisierte (vgl. E. 2.3.3). Damit unterscheidet sich die vorliegende Ausgangslage grundlegend von jener, die das Bundesgericht im BGE 144 I 253 und im Urteil 1B_527/2019 vom 7. August 2020 zu entscheiden hatte und bei der es um die Teilnahme der Verteidigung an der forensisch-psychiatrischen Begutachtung ging.