Citation: U 40/00 08.02.2001 E. 5

5.- a) Die Gutachter des IMB erkannten aus den am 10. Januar 1997 vom Röntgen-Institut Y.________ hergestellten Röntgenaufnahmen der BWS und LWS neben der auf den Unfall zurückzuführenden konsolidierten Kompressionsfraktur L2 eine diskrete skoliatische Verkrümmung der Gesamtwirbelsäule, eine verstärkte Brustwirbelsäulenbiegung sowie degenerative Alterationen der unteren Lendenwirbelsäule. Bezüglich des LWK2 wiesen die Ärzte bei der Bandscheibe L1/2 auf eine osteochondrotische Reaktion hin, welche Dr. O.________ der MEDAS später (im Gutachten vom 13. September 1999) näher als eine ventral liegende und beginnende spondylotische Randwulstbildung gegen L1 bezeichnete. Die Bandscheibe L1/2 erachtete das IMB als etwas verschmälert, während die Bandscheibe L2/3 keinerlei Höhenabnahme und auch keine osteochondrotische Veränderungen zeige. Unter Hinweis auf Chapchal/Morscher, in: Baur/Nigst, Versicherungsmedizin, 2. Aufl., Bern 1985, S. 188 f., führte das IMB aus, isolierte Wirbelkörperfrakturen würden hinsichtlich ihrer Langzeitauswirkungen zumeist (von den Patienten) überschätzt, und nur die Mitbeteiligung der Bandscheibe in Form der Zerreissung, welche sich mittel- bis langfristig durch die röntgenologischen Zeichen der ausgeprägten Spondylose bemerkbar machen würden, könne selbst bei geringer Keilverformung statische Probleme nach sich ziehen, was vorliegend offensichtlich nicht der Fall sei. Weiter führte es aus, dass die vom Versicherten geltend gemachten Leistungseinschränkungen (nur noch Heben leichter Gewichte; wechselbelastende Tätigkeit) gemäss epidemiologischen Erkenntnissen aus der Schweiz in der Altersgruppe des Versicherten, der 45- bis 55-jährigen Männer, in nahezu 40 % der Fälle auf Grund degenerativer Veränderungen geltend gemacht würden. Damit ist zweierlei gesagt. Einerseits finden sich entgegen den Erwägungen der Vorinstanz somatische Gründe, welche die geltend gemachten LWS-Beschwerden zumindest teilweise erklären können. Andererseits erachtet aber das IMB einen Zusammenhang zwischen diesen und der unstreitig auf den Unfall zurückzuführenden Wirbelkörperfraktur als nicht (mehr) ausgewiesen. Indessen ist die Begründung, welche das IMB in diesem Zusammenhang angeführt hat, nicht überzeugend. Zwar ist es zutreffend, dass gemäss Chapchal/ Morscher ein einfacher Kompressionsbruch die Arbeitsfähigkeit nur ausnahmsweise dauernd und wesentlich beeinträchtigt, dagegen ein Wirbelkörperbruch mit Bandscheibenverletzung weitaus problematischer ist. Dies schliesst aber im Einzelfall sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirkende Restbeschwerden bei fehlender Kombination Wirbelkörperbruch und Bandscheibenriss unabhängig vom Alter des Betroffenen nicht aus. Dr. O.________ von der MEDAS hält in seinem Bericht umgekehrt nicht nur fest, Kompressionsfrakturen könnten (sehr wohl) Restbeschwerden nach sich ziehen. Er weist darüber hinaus auf die posttraumatischen degenerativen Veränderungen zwischen L1 und L2 hin, wie er sie in Präzisierung der röntgenologischen Feststellungen des IMB näher umschrieben hat (s.o.). Vor allem in diesen sieht er den Grund liegend, der das Unfallereignis neben der leichten S-förmigen Skoliose und den (übrigen) beginnenden degenerativen Veränderungen aus röntgenologischer Sicht zumindest als Teilursache für das die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigende Lumbovertebralsyndrom erscheinen lässt. Diese Ausführungen überzeugen. Der die Winterthur beratende Arzt Dr. H.________ hält dieser Einschätzung in der Stellungnahme vom 20. April 2000 nichts Substanzielles entgegen. Da das Vorliegen einer Teilkausalität zur Leistungsbegründung genügt (Erw. 4a in fine hievor) ist der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Lumbovertebralsyndrom, soweit körperlich ausgewiesen, und dem Unfall somit zu bejahen (zur Unfallkausalität der somatoformen Schmerzstörung vgl. Erw. 6 ff. hienach). b) Was den Tinnitus anbelangt, so litt der Versicherte unstreitig bereits vor dem Unfall an einem intermittierenden Tinnitus. Dieser verstärkte sich gemäss Aussagen des Hausarztes Dr. S.________ im Anschluss an den Unfall, was er in der Krankengeschichte erstmals am 31. Oktober 1994 ausdrücklich erwähnte. Dr. W.________, welcher den Beschwerdeführer 1 im Auftrag der Winterthur am 11. April 1995 untersucht hatte, bezeichnete den rechtsseitigen Tinnitus in Kenntnis des Umstandes eines vorbestehenden, gelegentlich auftretenden Ohrenrauschens sowie des Überweisungsberichtes des Ohren-, Nasen- und Halsspezialisten Dr. F.________ vom 5. Mai 1995 als unfallkausal. Das IMB verneint eine Leistungspflicht des Unfallversicherers für den Tinnitus, weil keine objektiven Untersuchungsverfahren zur Verfügung stünden, mit denen sich der Schweregrad des unbestrittenermassen vorhandenen Ohrenrauschens stringent belegen liesse. Richtig ist, dass ein Tinnitus bis auf seltene Ausnahmen nicht objektivierbar erfasst werden kann. Dies hindert die Medizin indessen nicht, diesen nach von der Rechtsprechung anerkannten Kriterien zu bestimmen, wobei eine optimale Beurteilung durch wiederholtes Befragen sowie ausführliche Untersuchungen mit den anerkannten und üblichen audiologischen Methoden zum Ziel führt (näheres hiezu vgl. Tabelle 13 zur Integritätsentschädigung gemäss UVG der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt [SUVA], S. 2 oben). Insoweit zielt die Begründung des IMB auch in diesem Punkt an der Sache vorbei. Somit bleibt die Einschätzung des Dr. W.________ im Raum stehen, welcher das Verstärken des vorbestehenden Tinnitus auf den Unfall zurückführte. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang, dass Dr. W.________ bei seiner Einschätzung lediglich von einer Contusio des Schädels mit Rissquetschwunde ausgegangen ist, was nicht etwa mit einer Commotio cerebri (Hirnerschütterung) oder gar einer Contusio cerebri (Hirnquetschung) zu verwechseln ist. Ebenso wenig erachtete er ein HWS-Distorsionstrauma als gegeben. Dies ist insoweit von Belang, weil Dr. U.________ für die MEDAS in der otorhinolaryngologischen Untersuchung zwar wie auch die Ärzte des Spitals X.________ am 4. Oktober 1995 zum selben Resultat wie Dr. W.________ gelangt ist, indessen in der Annahme, der Versicherte habe beim Unfall vom 15. Oktober 1994 ein HWSDistorsionstrauma erlitten und unter den Parteien streitig ist, ob diese Annahme überhaupt zutreffend ist. Da endlich die Verschlimmerung des vorbestehenden Tinnitus von keiner der Parteien näher bestritten wird, ist den Ausführungen der Dres. W.________ und S.________ zu folgen, welche hiefür den Unfall für (mit-)ursächlich betrachten. c) Da bei organischen Unfallfolgen von der natürlichen Kausalität ohne weiteres auf den adäquaten Kausalzusammenhang zu schliessen ist (Erw. 4b in fine hievor), kann als Zwischenergebnis festgehalten werden, dass der UVG-Versicherer für die Folgen des Tinnitus sowie die organisch begründeten Schmerzen im lumbalen Bereich leistungspflichtig ist. Eine Leistungskürzung wegen degenerativer Veränderungen der LWS bzw. des leichten vorbestehenden Tinnitus ist nicht vorzunehmen, da beide Leiden vor dem Unfall die Erwerbsfähigkeit nicht beeinträchtigt hatten (Art. 36 UVG).