Citation: BGE 150 V 410 E. 9.5.3.4

9.5.3.4.1 Den Faktoren Alter und Dienstjahre soll nach Auffassung des beschwerdeführenden Bundesamtes überhaupt keine Bedeutung BGE 150 V 410 S. 430 mehr zukommen. Unter Hinweis auf Tabelle 17 der LSE (Monatlicher Bruttolohn [Zentralwert] nach Berufsgruppen, Lebensalter und Geschlecht) hält es dafür, dass sich der Faktor Alter in keiner der Kategorien lohnsenkend auswirke. Nach der Rechtsprechung nehme auch die Bedeutung des Faktors Dienstalter im privaten Sektor ab, je niedriger das Anforderungsprofil sei, und ein langjähriges Arbeitsverhältnis beim gleichen Arbeitgeber könne sich auch positiv auf den Anfangslohn beim neuen Arbeitgeber auswirken (vgl. BSV, Erläuternder Bericht, a.a.O., S. 54). Eingeräumt wird hingegen, dass der Faktor Alter bei der Prüfung einer allfälligen Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt berücksichtigt werden könne (BSV, Erläuternder Bericht, a.a.O., Fn. 89). 9.5.3.4.2 Was letzteres angeht, scheint die Auffassung des Bundesamtes, wenn auch in der Sache gerechtfertigt, letztlich nicht konsequent, obwohl es die beiden Aspekte - hier die altersbedingte Unverwertbarkeit, da die Lohneinbusse - voneinander zu trennen gilt (vgl. dazu MEYER/REICHMUTH, a.a.O., N. 114 zu Art. 28a IVG; IONTA, a.a.O., S. 49 Rz. 203). Anderseits trifft es tatsächlich zu, dass die Rechtsprechung in einer Vielzahl von Fällen betont hat, die Bedeutung der Dienstjahre im privaten Sektor nehme ab, je niedriger das Anforderungsprofil sei (BGE 126 V 75 E. 5a/cc mit Hinweis; vgl. etwa Urteil 8C_438/2022 vom 26. Mai 2023 E. 4.3.5 u.v.m.). Desgleichen findet sich in zahlreichen Urteilen erwogen, dass sich insbesondere im Bereich der Hilfsarbeiten auf dem hypothetisch ausgeglichenen Arbeitsmarkt ein fortgeschrittenes Alter nicht zwingend lohnsenkend auswirken müsse, zumal gerade Hilfsarbeiten altersunabhängig nachgefragt würden (BGE 146 V 16 E. 7.2.1 mit Hinweisen; Urteile 8C_215/2023 vom 1. Februar 2024 E. 5.2.2.2; 8C_375/ 2023 vom 12. Dezember 2023 E. 7.4 u.v.m.). Dabei argumentiert das Bundesgericht im gegebenen Sachzusammenhang seit geraumer Zeit nicht mehr mit den beschwerdeweise angeführten Lohnstatistiken (TA9 bzw. T17), die für höheres Lebensalter Einkommenszuwachs ausweisen (vgl. dazu IONTA, a.a.O., S. 50 Rz. 207 ff.). Vielmehr hat es die Frage explizit offengelassen, ob und inwieweit diese in wesentlichen Teilen aus stabilen und gerade im oberen Alterssegment lang andauernden Arbeitsverhältnissen gewonnenen statistischen Werte auch für Versicherte gelten, die sich aufgrund ihrer Invalidität im fortgeschrittenen Alter neu zu orientieren haben (BGE 146 V 16 E. 7.2.1). Indessen hat es im gleichen Zug erkannt, dass mit den verfügbaren statistischen Angaben auch das Gegenteil - BGE 150 V 410 S. 431 nämlich ein unterdurchschnittliches Einkommen für Versicherte mit nur mehr kurzer Aktivitätsdauer bis zur Pensionierung - in genereller Form nicht zu untermauern ist (BGE 146 V 16 E. 7.2.1). Im Schrifttum wird dazu angemerkt, dass aufgrund des fortgeschrittenen Alters die Flexibilität zum Erlernen einer neuen Tätigkeit stark zurückgehe. Zudem fielen bei älteren Arbeitnehmern auch höhere Lohnnebenkosten in Form höherer Arbeitgeberbeiträge an, was es für sie erschwere, an einer neuen Stelle hohe (Median-)Einstiegslöhne zu realisieren (GÄCHTER/MEIER, a.a.O., S. 19 Rz. 56). Die Rechtsprechung hat dies unter Berufung auf fehlende statistische Belege für entsprechende Einbussen nicht gelten lassen (vgl. Urteile 8C_627/ 2021 vom 25. November 2021 E. 6.2; 8C_841/2017 vom 14. Mai 2018 E. 5.2.2.3; 8C_439/2017 vom 6. Oktober 2017 E. 5.6.4 mit Hinweisen). Das alles ändert jedoch nichts daran, dass es in der Praxis sehr wohl Beispiele gibt, in denen der Faktor Alter im Rahmen einer Gesamtwürdigung mitberücksichtigt wurde und zur Gewährung oder Bestätigung eines Abzugs vom Tabellenlohn führte (Urteile 8C_444/2021 vom 29. April 2022 E. 4.3.3; 9C_470/2017 vom 29. Juni 2018 E. 4.2; 9C_242/2012 vom 13. August 2012 E. 3; 9C_390/2011 vom 2. März 2012 E. 3; 9C_1030/2008 vom 4. Juni 2009 E. 3; weitere Beispiele bei EGLI/FILIPPO/GÄCHTER/MEIER, a.a.O., S. 186 f. Rz. 502-528). Was die Rechtsprechung ablehnt, ist ein Automatismus, wonach ab einer gewissen Altersgrenze ohne Weiteres ein Abzug gewährt wird (BGE 146 V 16 E. 7.2.1; vgl. ferner SVR 2021 IV Nr. 77 S. 259, 9C_497/2020 E. 5.2.2). Entscheidend sind denn auch hinsichtlich des betreffenden Kriteriums stets die konkreten Fallumstände, die es in die Beurteilung einzubeziehen gilt (vgl. BGE 146 V 16 E. 7.2.1). 9.5.3.4.3 In vergleichbarer Weise hat sich das Bundesgericht in Zusammenhang mit der Dauer der Betriebszugehörigkeit geäussert: Ein wegen fehlender Dienstjahre bzw. fehlender Berufserfahrung unter dem Medianwert liegendes Bruttoeinkommen sei nicht ohne Weiteres bei der Höhe des Abzugs vom Tabellenlohn zu berücksichtigen, sondern es gelte in solchen Fällen auch der verbleibenden Erwerbsdauer bis zum Erreichen des AHV-Rentenalters Rechnung zu tragen (Urteil 9C_339/2021 vom 27. Juli 2022 E. 4.5.4.3; ANDREAS TRAUB, Auslaufmodell "leidensbedingter Abzug", SZS 2022 S. 320 f.). 9.5.3.4.4 Vor diesem Hintergrund überzeugt es nicht, wenn das Bundesamt den Aspekten des Alters, aber auch der Dauer der Betriebszugehörigkeit von vornherein jede Relevanz abspricht. BGE 150 V 410 S. 432