Citation: U 256/03 09.01.2004 E. 5

5.1 Die Beschwerdeführerin holte während der Rechtsmittelfrist bei Dr. med. B.________, Spezialarzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, eine psychiatrische Stellungnahme ein. Sie legte den gestützt auf die Akten (auf dem Stand des kantonalen Verfahrens) erstellten Bericht vom 26. September 2003 mit der Verwaltungsgerichtsbeschwerde ein. Der Arzt kam darin zum Schluss, beim Verstorbenen hätten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Zeitpunkt der Tat (vom Sachverständigen unpräzis auf 23.00 Uhr statt auf 23.50 Uhr festgelegt) keine Psychose oder schwere Bewusstseinsstörung und keine psychopathologischen Symptome wie Wahn, Sinnestäuschungen, depressiver Stupor oder Raptus vorgelegen. Die Tat des Versicherten sei für niemanden erkenntlich gewesen, aber doch vom Versicherten mit grosser Wahrscheinlichkeit eingeplant gewesen, wenn man den Abschiedsbrief betrachte. Somit sei von einer Berechnung bezüglich des Suizides auszugehen, was mit dem Begriff eines "Bilanzsuizides" umschrieben werden könne. 5.2 Der Bericht vom 26. September 2003, der ohne Einbezug der Beschwerdegegner veranlasst wurde, erfüllt die von der Rechtsprechung aufgestellte Anforderung nicht, dass für die Beantwortung durch einen psychiatrischen Sachverständigen der im Zusammenhang mit einem vollendeten Suizid aufgeworfenen Fragen nach der Art der psychischen Erkrankung und der Besinnungsfähigkeit des Suizidenten im Zeitpunkt der Tat grundsätzlich eine Befragung der nächsten Angehörigen unerlässlich ist (vgl. Erw. 3.4 hievor). Vorliegend fällt der Mangel umso mehr ins Gewicht, als der Unfallversicherer im Verwaltungsverfahren selber nur ein einziges direktes Gespräch führte, und zwar durch einen Mitarbeiter des Schadendienstes mit der geschiedenen Ehefrau. Es wurden weder die Kinder des Verstorbenen, noch dessen Freundin, noch dessen langjährige frühere Beziehung, noch seine langjährige Bekannte, mit welcher er am Vorabend des Suizids ausging, direkt befragt. Der Beschwerdeführerin und dem Sachverständigen waren lediglich die im Polizeirapport festgehaltenen Angaben der Freundin bekannt. Von den anderen erwähnten Personen liegen keine Angaben vor. 5.3 Dr. med. B.________ unterliess es zu erläutern, welche medizinischen Erkenntnisse oder sachverhaltlichen Fakten beim Versicherten für das Vorliegen des konstatierten "Bilanzsuizides" sprechen. Bei einer Würdigung der gesamten bei den Akten liegenden Angaben finden sich weder in den erhobenen Aussagen, noch bei den polizeilichen Ermittlungsergebnissen, noch im letzten Schreiben des Verstorbenen Anhaltspunkte, die auf einen Bilanzsuizid schliessen lassen. Bereits die Qualifikation des Schreibens als "Abschiedsbrief" erscheint problematisch. Es geht daraus weder hervor, dass der Versicherte von seiner Freundin Abschied nehmen oder die Beziehung auflösen wollte, noch hat er darin einen drohenden oder sogar geplanten Suizid direkt oder indirekt angesprochen. Zumindest ist dies ohne nähere fachärztliche Erklärungen nicht ersichtlich. Wenn das Schreiben ohne Wissen darum gelesen wird, dass sich der Verfasser möglicherweise kaum eine Stunde nach der Niederschrift zum Fenster hinausstürzte, so ist nicht mehr in den Text hinein zu interpretieren, als das, was der Sachverständige auf Seite 2 seiner Stellungnahme festgehalten hat: "Auf Grund des Briefes muss wohl davon ausgegangen werden, dass der Verfasser um seine Liebesbeziehung fürchtete". Wenn der Arzt es in diesem Zusammenhang als denkbar bezeichnete, dass der Versicherte überreagiert habe, "wie dies bei verliebten Menschen nicht allzu selten vorkomme", so ist nicht klar, ob er damit die Angst um den Verlust der Beziehung meinte, oder aber den von ihm festgestellten Bilanzsuizid. 5.4 Der wirkliche Gehalt der Aussagen im Schreiben lässt sich ohne die im Rahmen einer umfassenden Sachverhaltsabklärung stattfindende Befragung der Adressatin und weiterer dem Verstorbenen nahe stehender Personen (beispielsweise der geschiedenen Ehefrau, der langjährigen früheren Beziehung, der langjährigen Bekannten und der Kinder) nicht ergründen. Die Beschwerdeführerin wird nach dem Gesagten wie von der Vorinstanz erwogen eine psychiatrische Begutachtung des Verstorbenen zu veranlassen haben, welche den verfahrensmässigen Anforderungen (Art. 19 VwVG in Verbindung mit Art. 57 ff. BZP; BGE 120 V 357) und den oben in Erwägung 3.4 genannten Erfordernissen gerecht wird. Dabei werden die gesamten Lebensumstände des Suizidenten mittels Befragung der Hinterbliebenen und Bekannten genau abzuklären sein.