Citation: U 257/03 02.03.2005 E. 5

5.1 In seinem Entscheid vom 1. September 1999 hatte das kantonale Gericht bezüglich des medizinischen Sachverhalts auf das Gutachten der Klinik Y.________ vom 18. Januar 1999 abgestellt und gestützt darauf einen über den 20. September 1996 hinaus andauernden Leistungsanspruch verneint. Das Eidgenössische Versicherungsgericht gelangte jedoch in seinem Urteil vom 19. September 2000 zum Ergebnis, das Gerichtsgutachten sei nicht frei von Widersprüchen. So werde einerseits ein Kausalzusammenhang nur als möglich - und nicht, wie in der Fragestellung ebenfalls als Antwort zur Auswahl gestellt, überwiegend wahrscheinlich -, andererseits aber der Unfall als Ursache oder Auslöser der bis zum Begutachtungszeitpunkt andauernden Symptomatik bezeichnet. Ausserdem erwähnte das Gericht den Umstand, dass die Beschwerdeführerin vor dem Unfall zu 50 % arbeitsunfähig gewesen war, während sie danach eine ganze Rente der Invalidenversicherung bezog. Die Sache wurde an die Vorinstanz zurückgewiesen, damit sie eine Ergänzung des Gerichtsgutachtens veranlasse. Dabei seien insbesondere die Fragen zu klären, ob der status quo sine oder der status quo ante erreicht worden sei, ob eine allfällige Verschlimmerung gegenüber dem Vorzustand dem typischen Beschwerdebild nach einem Schleudertrauma der Halswirbelsäule (BGE 119 V 338 Erw. 1, 117 V 360 Erw. 4b) entspreche sowie ob sich die Beschwerdebilder des Vorzustandes und der Unfallfolgen deckten bzw. überschnitten oder nicht. Zudem seien gegebenenfalls die Aussagen zur unfallbedingten Arbeitsunfähigkeit zu präzisieren. 5.2 Im Anschluss an die Rückweisung veranlasste die Vorinstanz eine Ergänzung des Gerichtsgutachtens. Die Klinik Y.________ untersuchte die Versicherte erneut und liess beim Psychologischen Dienst der Klinik Q.________ eine neuropsychologische Abklärung durchführen. Gestützt darauf gelangte sie im Ergänzungsgutachten vom 9. Mai 2001 zum Ergebnis, es bestünden zwei abgrenzbare und grundsätzlich verschiedene Beschwerdebilder, nämlich einerseits eine (vorbestehende) Erkrankung betreffend die Weichteile (Fibromyalgie) und andererseits zusätzlich Folgesymptome eines Schleudertraumas der HWS. Die von der Explorandin angegebenen "typischen" Beschwerden (insbesondere Gedächtnis-, Seh- und Gleichgewichtsstörungen, gelegentlicher Tinnitus sowie Kopfschmerzen) stünden in keinem Zusammenhang mit der Vorerkrankung und müssten ebenso wie die neuropsychologischen Teilleistungsschwächen als adäquat kausal zum Unfallereignis von 1995 angesehen werden. Allein als Folge des Unfalls müsse im damals ausgeübten Beruf theoretisch von einer Arbeitsunfähigkeit von 50 bis 75 % ausgegangen werden (gemäss neuropsychologischer Beurteilung sei die Explorandin "stark eingeschränkt"). Die Aussagen des Ergänzungsgutachtens weichen in wesentlichen Teilen deutlich von den Ergebnissen der ersten Begutachtung ab. Eine Stellungnahme zur ursprünglichen Beurteilung und eine Begründung für die unterschiedliche Einschätzung liefert das Ergänzungsgutachten jedoch nicht. Die Bezifferung der Arbeitsunfähigkeit stützte sich offenbar in erster Linie auf die Ergebnisse der neuropsychologischen Untersuchung. Der entsprechende Bericht der Klinik Q.________ vom 31. Januar 2001 enthält jedoch keinerlei Ausführungen zum Vorzustand und zu dessen Einfluss auf die Testergebnisse. Auf Nachfrage der Vorinstanz erklärte die Klinik in ihrem Schreiben vom 9. Oktober 2001, den beteiligten Fachpersonen sei der Vorzustand der Versicherten bekannt gewesen, wobei sie aber über keine genaueren Unterlagen verfügt hätten. Unter diesen Umständen kann der neuropsychologischen Abklärung im Lichte der Rechtsprechung (BGE 119 V 341) nicht der Stellenwert einer Grundlage für die Beurteilung des Kausalzusammenhangs beigemessen werden. Damit ist auch das in wesentlichen Teilen darauf basierende Ergänzungsgutachten der Klinik Y.________ nicht geeignet, den medizinischen Sachverhalt hinreichend zu klären. Das kantonale Gericht sah sich deshalb mit Recht veranlasst, ein Obergutachten einzuholen. 5.3 Das Obergutachten der Neurologischen Poliklinik des Spitals Z.________ datiert vom 4. April 2003. Es basiert auf den Akten des Gerichts, von der Explorandin abgegebenen weiteren Unterlagen, einer persönlichen Befragung und Untersuchung vom 3. Mai 2002 sowie einem neuropsychologischen Teilgutachten der Abteilung für Neuropsychologische Rehabilitation vom 24. Februar 2003. Es wird sowohl hinsichtlich der Grundlagen als auch inhaltlich den von der Rechtsprechung entwickelten Anforderungen an eine beweiskräftige medizinische Stellungnahme (BGE 125 V 352 Erw. 3a) gerecht. Die Ergebnisse werden ausgehend von den Befunden, unter Berücksichtigung aller angegebenen Symptome und, soweit erforderlich, in Auseinandersetzung mit den Vorakten nachvollziehbar begründet und erläutert. Die in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde erhobenen Einwände gegen die Schlüssigkeit des Obergutachtens vermögen nicht zu überzeugen: Die Beanstandung der vom Gutachter aus den beobachteten Unterschieden zwischen aktiver und passiver Kopfrotation gezogenen Folgerungen kann auch unter Berücksichtigung des letztinstanzlich aufgelegten Gutachtens von Prof. Dr. med. U.________ nicht nachvollzogen werden. Die Bemerkung, die Beschwerdeführerin weise ein geringes schulisches Bildungsniveau auf, trifft im Grundsatz zu. Ein allfälliger Einfluss dieses Umstandes - kombiniert mit Schmerzempfindungen und Tagesmüdigkeit zufolge gestörten Nachtschlafs - auf spätere Gedächtnisdefizite, wie ihn das Obergutachten erwähnt, wird durch die später gemeisterten beruflichen Herausforderungen nicht ausgeschlossen. Angesichts der dokumentierten geistigen Aktivitäten hält es zwar in der Tat schwer, die festgestellten neuropsychologischen Defizite dem Unfall aus dem Jahr 1962 zuzuschreiben, wie es durch das Obergutachten, welches den Ursprung der Teilleistungsschwächen als unklar bezeichnet, im Sinne einer Möglichkeit erwogen wird. Dies genügt jedoch nicht, um einen Zusammenhang mit dem Ereignis vom 3. Mai 1995 als überwiegend wahrscheinlich darzutun. Schliesslich eignet den Ausführungen über die mutmassliche Weiterentwicklung der Fibromyalgie nach dem 3. Mai 1995 ohne Unfall naturgemäss ein spekulatives Element. Es liegt jedoch in der Natur der Fragestellung, dass diesbezüglich keine sicheren Angaben möglich sind, und dieser Umstand spricht nicht gegen die Zuverlässigkeit der Ergebnisse einer Begutachtung.