Citation: 9C_551/2021 E. 4.3.3

4.3.3. 4.3.3.1. Was eine allfällige Verbesserung der Arbeitsfähigkeit aufgrund einer Angewöhnung oder Anpassung an die Behinderung anbelangt, so legt die IV-Stelle nicht substanziiert dar, dass eine solche in Bezug auf eine Anstellung auf dem freien Arbeitsmarkt gegeben sein soll. Eine direkte Verwertbarkeit auf dem Weg der Selbsteingliederung als Arbeitnehmer ist denn auch angesichts des Alters des Versicherten nicht anzunehmen (vgl. BGE 145 V 209 E. 5.1; SVR 2011 IV Nr. 73 S. 220, 9C_228/2010 E. 3.3). Dessen behauptete grosse berufliche Führungserfahrung wird nicht näher substanziiert und dürfte viele Jahre zurückliegen (vgl. die Angaben im MEDAS-Gutachten). Dass er besonders agil und gewandt sowie im gesellschaftlichen Leben integriert sein soll (vgl. BGE 145 V 209 E. 5.1; Urteil 9C_68/2011 vom 16. Mai 2011 E. 3.3), wird ebenfalls nicht geltend gemacht und ist auch nicht ersichtlich. 4.3.3.2. Sinngemäss wirft die IV-Stelle dem Versicherten vor, seit Jahren Gesellschaften übernommen resp. kontrolliert zu haben, um sich daraus (als formelles oder faktisches Organ) finanzielle Vorteile zu verschaffen, bevor über sie der Konkurs eröffnet wurde. Für ein solches Vorgehen gibt es in der Tat Anhaltspunkte in den Unterlagen (vgl. die diversen Auszüge aus dem Handelsregister und aus der Plattform www.moneyhouse.ch sowie die Angaben im MEDAS-Gutachten). Ob es zutrifft, und wie es gegebenenfalls im Lichte der Bestimmungen von Art. 163 ff. StGB zu würdigen ist, kann hier offenbleiben. Wenn mit der IV-Stelle von einem solchen "Geschäftsmodell" auszugehen ist, so kommt es unter wirtschaftlicher Betrachtungsweise einer selbstständigen Erwerbstätigkeit gleich, die ein stark schwankendes Einkommen ermöglicht. Dem Auszug aus dem Individuellen Konto (IK) vom 28. Juni 2018 lassen sich denn auch folgende Erwerbseinkommen entnehmen, die mit dem genannten "Geschäftsmodell" vereinbar sind: 2013: Fr. 0.-; 2014: Fr. 12'400.- (G.________ AG, selbstständiger Erwerb); 2015: Fr. 9333.- (selbstständiger Erwerb); 2016: Fr. 9333.- (selbstständiger Erwerb); 2017: Fr. 60'000.- (B.________ Sàrl, C.________ GmbH). Die vorinstanzliche Feststellung eines fehlenden Einkommens im Jahr 2018 wird nicht in Abrede gestellt. Für die Ermittlung des Valideneinkommens (vgl. Art. 16 ATSG) ist auf den während einer längeren Zeitspanne erzielten Durchschnittsverdienst abzustellen, wenn das zuletzt erzielte Einkommen starke und verhältnismässig kurzfristig in Erscheinung getretene Schwankungen aufweist. Vorbehalten bleibt lediglich, dass der zuletzt bezogene überdurchschnittlich hohe Lohn mit überwiegender Wahrscheinlichkeit weiterhin erzielt worden wäre (Urteile 8C_329/2021 vom 27. Oktober 2021 E. 4.3.2; 8C_745/2020 vom 29. März 2021 E. 6.3; 9C_225/2019 vom 11. September 2019 E. 4.2.1). Konsequenterweise ist diese Rechtsprechung sinngemäss anzuwenden, wenn es darum geht, das Invalideneinkommen aufgrund des hier zur Diskussion stehenden "Geschäftsmodells" festzulegen. Die IV-Stelle macht nicht substanziiert geltend, dass der Versicherte regelmässig ein Einkommen in vergleichbarer Höhe wie im Jahr 2017 hätte generieren können. Der Durchschnittsverdienst nur aus den zwei einkommensstärksten Jahren gemäss IK (2017 und 2014) beträgt Fr. 36'200.-. Unter Berücksichtigung dieses Betrags als Invalideneinkommen resultiert (bei im Übrigen unveränderten Bemessungsfaktoren gemäss Verfügung vom 12. Juni 2019) ein Invaliditätsgrad von 79 %. Damit bleibt auch das dem Versicherten unterstellte "Geschäftsmodell" ohne Auswirkung auf den Rentenanspruch.