Citation: I 98/03 05.12.2003 E. 3

Das kantonale Gericht vertrat die Auffassung, bei einem korrigierten Fernvisus von 1,0 rechts würden die infolge des grauen Stars am linken Auge auftretenden Blendeffekte bei dem als Richter während mehreren Stunden täglich mit Bildschirmarbeit beschäftigten Versicherten zu einer unmittelbar drohenden Invalidität führen. Dagegen wendet das BSV ein, beim Blendeffekt handle es sich um ein Phänomen, welches unterschiedlich wahrgenommen werde, mithin ein subjektives Gefühl. Als besonders störend würden Sonnenstrahlen und Scheinwerferlicht bei Nacht erlebt. Einem allfälligen Blendeffekt könne mit zumutbaren Schutzmassnahmen wie Blenden, Abdecken des Auges, Filtern oder Umstellen des Bildschirms entgegen gewirkt werden. Sogar Dr. med. B.________ von der Klinik für Augenkrankheiten des Spitals Y.________ habe in seinem Bericht vom 31. Januar 2002 ausdrücklich bestätigt, dass die berufliche Tätigkeit des Versicherten kein beidseitiges Sehen erfordere, jedoch ein funktionierendes Binokularsehen die Arbeit erleichtere. Aus medizinischer Sicht habe die Indikation zur Durchführung der Kataraktoperation auch am linken Auge zweifellos bestanden. Die Beschwerdegegnerin leitet im Wesentlichen aus Rz 37 KSME ab, dem Versicherten stehe ein Anspruch auf Übernahme der linksseitigen Staroperation durch die Invalidenversicherung zu, weil er Bildschirmarbeit zu leisten habe und dabei - ohne diese medizinische Vorkehr - durch Blendeffekte beeinträchtigt gewesen wäre. Implizit macht die CONCORDIA somit geltend, A.________ sei zur Ausübung seiner Erwerbstätigkeit auf binokulares Sehen angewiesen. Zu prüfen ist demnach, ob gestützt auf die vorliegenden Akten die Frage nach der Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die konkret ausgeübte Tätigkeit des Versicherten beantwortet werden kann. 3.1 Das Eidgenössische Versicherungsgericht präzisierte seine Rechtsprechung zur Übernahme der Kataraktoperation am zweiten Auge (vgl. AHI 2000 S. 294) im Urteil D. vom 24. Juli 2003 (I 29/02) dahingehend, dass die Staroperation am zweiten Auge (nach erfolgter Übernahme am ersten Auge) - bei Erfüllung der übrigen Voraussetzungen nach Art. 12 Abs. 1 IVG - nur dann als medizinische Eingliederungsmassnahme durch die Invalidenversicherung zu übernehmen ist, wenn aufgrund detaillierter Ermittlung der Tätigkeiten im Rahmen des ausgeübten Berufes für die visuell anspruchvollste dieser Tätigkeiten die Notwendigkeit des Binokularsehens aus augenärztlicher Sicht bejaht wird. In denjenigen Berufen, in welchen besondere medizinische Mindestanforderungen an die Sehfähigkeit ausdrücklich normiert sind, ist auf diese Visusgrenzwerte abzustellen, so dass sich in erwerblicher Hinsicht eine detaillierte Ermittlung der verschiedenen Tätigkeitsanteile erübrigt. 3.2 In visueller Hinsicht ist das Tätigkeitsspektrum des als Richter berufstätigen Versicherten gerichtsnotorisch bekannt und besteht im Wesentlichen aus dem Aktenstudium, der Lektüre von Fachliteratur, der Teilnahme an Gerichtsverhandlungen sowie dem Verfassen von Texten. Dabei bestätigte er auf Wunsch der Beschwerdegegnerin, täglich während mehreren Stunden Bildschirmarbeit zu leisten und zur Überwindung seines Arbeitsweges auf die Benutzung eines Personenwagens angewiesen zu sein. Darauf ist abzustellen. 3.3 Steht fest, welches die visuell anspruchvollste Tätigkeit des A.________ ist, hat die IV-Stelle gemäss Präzisierungen im Urteil D. vom 24. Juli 2003 (I 29/02) einen fachärztlichen Bericht zur diesbezüglichen Notwendigkeit des Binokularsehens einzuholen, der nicht allein auf die subjektiven Angaben des Versicherten abstellt, sondern vielmehr für die streitigen Belange umfassend ist, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben wird und der konkreten medizinischen Situation Rechnung trägt (vgl. dazu BGE 125 V 353 Erw. 3a). Soweit der einseitige Ausfall der Sehfähigkeit durch Angewöhnung an den Verlust des stereoskopischen Sehens zumutbarerweise kompensiert werden kann (vgl. z.B. die viermonatige Wartefrist nach dem Verlust eines Auges in der Führerausweis-Kategorie B gemäss Anhang 1 zur Verordnung vom 27. Oktober 1976 über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr [VZV; SR 741.51]), hat dies der Augenarzt im Einzelfall zu berücksichtigen und dazu Stellung zu nehmen. Zusätzlich wird er die Frage betreffend die Auswirkungen von störenden Blendeffekten beantworten müssen. Können störende Blendeffekte oder andere einseitige Sehfähigkeitsbeeinträchtigungen im Zusammenhang mit Bildschirmarbeit durch Abdecken eines Auges vermieden werden, stellt diese Vorkehr eine dem Eingliederungszweck angemessene, zweckmässige und zumutbare Massnahmen dar, welche gegebenenfalls als realistische Alternative im Vergleich zur Übernahme einer Staroperation als medizinische Eingliederungsmassnahme in Frage kommt (Urteil B. vom 30. September 2003, I 14/03). Erfolgt die augenärztliche Beurteilung dieser Fragen - wie hier - erst nach bereits durchgeführter Operation, sind sie medizinisch prognostisch aufgrund der Verhältnisse vor der fraglichen Operation (AHI 2000 S. 299 Erw. 2b mit Hinweisen) zu beantworten, wobei es zur Aufgabe des Arztes oder der Ärztin gehört, dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person ohne die am 17. Dezember 2001 durchgeführte Kataraktoperation links arbeitsunfähig geworden wäre (vgl. BGE 125 V 261 Erw. 4 mit Hinweisen). 3.4 Der Bericht des Dr. med. B.________ vom 31. Januar 2002 genügt den dargelegten praxisgemässen (Erw. 3.3 hievor) Anforderungen an die medizinische Beurteilung der Notwendigkeit des Binokularsehens nicht. Obwohl der Augenarzt die Frage nach der Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die ausgeübte berufliche Tätigkeit verneinte und betreffend das Erfordernis der Wesentlichkeit einer möglichen Steigerung der Arbeitsfähigkeit durch die Staroperation einschränkend festhielt, Verbesserungspotential bestehe "in erster Linie subjektiv" in einer Eliminierung der Blendeffekte, unterliess er es, differenziert zu den erforderlichen Aspekten der Notwendigkeit des Binokularsehens (Erw. 3.3 hievor) Stellung zu nehmen. Insbesondere fehlt es an einer Beantwortung der Frage, in Bezug auf welche Tätigkeiten der Versicherte nach Angewöhnung und Anpassung an den funktionellen Verlust eines Auges - unter Berücksichtigung der Zumutbarkeit des Abdeckens eines Auges zur Eliminierung störender Blendeffekte (vgl. Hinweis auf das Urteil B. vom 30. September 2003, I 14/03 in Erw. 3.3 hievor) - ohne Durchführung der Staroperation links arbeitsunfähig geworden wäre. 3.5 Fehlt es an den erforderlichen Grundlagen zur Beantwortung der Frage nach der Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die konkret ausgeübte Tätigkeit des Versicherten (vgl. Erw. 3.2 hievor), sind der angefochtene Entscheid und die Verwaltungsverfügung aufzuheben. Die Sache ist an die IV-Stelle zurückzuweisen, damit diese bei den ergänzenden Abklärungen nach den Erwägungen Ziffer 3.1 bis 3.3 vorgehen und anschliessend über das Leistungsgesuch betreffend die linksseitige Kataraktoperation vom 17. Dezember 2001 neu verfügen wird.