Citation: U 596/06 21.12.2007 E. 4

4.1 Das kantonale Gericht gelangte zum Ergebnis, die natürliche Kausalität zwischen dem Unfallereignis vom 29. Januar 1996 und den während des zu beurteilenden Zeitraums bis zum Einspracheentscheid vom 4. Mai 2006 (BGE 132 V 368 E. 6.1 S. 375) fortbestehenden Beschwerden sei zu verneinen. Es stützte sich dabei auf eine Würdigung der medizinischen Unterlagen und die Erwerbstätigkeit der Beschwerdeführerin nach dem Unfall. In der Beschwerdeschrift wird der Vorinstanz vorgeworfen, sie habe die medizinischen Akten einseitig gewürdigt und die Regeln zur Beweislastverteilung bezüglich des Dahinfallens eines zunächst anerkannten Kausalzusammenhangs (RKUV 2000 Nr. U 363 S. 45 E. 2 [U 355/98]) missachtet. 4.2 Im Verlauf des Verfahren wurden im Auftrag verschiedener Versicherer insgesamt fünf Gutachten erstellt. Jede dieser Expertisen hatte sich unter anderem auch zur Frage zu äussern, ob die im jeweiligen Zeitpunkt vorhandenen Beschwerden (Zervikalsyndrom) noch in einem natürlichen Kausalzusammenhang mit dem Unfall vom 29. Januar 1996 stünden. Dr. med. E.________ hält in seinem Gutachten vom 18. Juni 1996 fest, die Versicherte habe am 29. Januar 1996 ein typisches Schleudertrauma der HWS durch eine Heckkollision erlitten. Später sei es auch zu den typischen Beschwerden gekommen mit schmerzhaftem Zervikalsyndrom sowie anfänglich auch Zervikozephalgie, Konzentrationsstörungen und Schwindelbeschwerden, wobei diese Symptome bis auf das Zervikalsyndrom weitgehend abgeklungen seien. Bildgebend nachweisbare, unfallkausale Verletzungen lägen nicht vor. Die zurzeit feststellbaren gesundheitlichen Störungen im Bereich der HWS seien auf den Unfall vom 29. Januar 1996 zurückzuführen. Dieser Unfall sei wohl eine unerlässliche Bedingung für die noch bestehende gesundheitliche Beeinträchtigung. Im Gutachten des Spitals X.________ vom 6. November 1998 wird ausgeführt, die radiologische Entwicklung zwischen 1992 und Januar 1996 zeige eine eindeutige Progredienz, vereinbar mit dem "natürlichen" Verlauf einer zervikalen Osteochondrose. Zusammen mit dem Bericht der Hochgebirgsklinik Z.________ (respektive dem neurologischen Konsilium) aus dem Jahr 1994 sei zusammenfassend von einem symptomatischen Vorzustand auszugehen. Das Ereignis vom 29. Januar 1996 sei somit (ebenso wie jenes vom 25. April 1998) als Traumatisierung einer vorbestehenden Zervikalarthrose zu interpretieren. Der Unfall vom 29. Januar 1996 sei nicht die einzige, sondern "höchstens eine Mitursache" des chronischen Zervikalsyndroms im Sinne einer Traumatisierung des Vorzustandes. Weiter wird erklärt, das Ereignis vom 29. Januar 1996 sei für die derzeitige Beeinträchtigung im Bereich der HWS als mögliche Teilursache zu betrachten. Ob der status quo sine oder der status quo ante erreicht sei, lasse sich nicht definitiv beantworten. Laut dem Gutachten der MEDAS vom 15. April 2002 bildet der Unfall vom 29. Januar 1996 nicht die alleinige Ursache der festgestellten gesundheitlichen Störungen. Es liegen zusätzlich krankhafte Veränderungen vor mit unter anderem multiplen, fortgeschrittenen Segmentdegenerationen sowohl zervikal wie auch lumbal. Der Unfall vom 29. Januar 1996 ist laut der Expertise "eine mögliche, aber nicht die alleinige Ursache der gesundheitlichen Störung". Das Ereignis habe zu einer richtunggebenden Verschlimmerung eines krankhaften Zustandes geführt. Die vorliegende Gesundheitsstörung sei zu einem Drittel unfallbedingt und zu zwei Dritteln krankheitsbedingt. Die Ärzte des Spitals Y.________ stellen in ihrem ersten Gutachten vom 27. August 2003 unter anderem die Diagnose eines chronischen zervikozephalen und zervikospondylogenen Syndroms rechtsbetont bei degenerativen HWS-Veränderungen, diffuser idiopathischer skelettaler Hyperostose und einem Status nach HWS-Distorsionstrauma vom 29. Januar 1996 sowie HWS- und BWS-Kontusion vom 25. April 1998. Zur Kausalität halten sie fest, die noch vorhandenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen seien nicht als alleinige, wohl jedoch als Teilursache auf den Unfall vom 29. Januar 1996 zurückzuführen. Der status quo sine sei nicht erreicht. Die Beurteilung werde allerdings durch den zwischenzeitlich am 29. Januar 2002 erlittenen Unfall erschwert. Im Gutachten desselben Spitals vom 21. Dezember 2005 (erste Version) respektive 14. Februar 2006 (korrigierte Version) werden, soweit hier relevant, im Wesentlichen dieselben Diagnosen gestellt. Die Experten halten fest, die Nackenbeschwerden hätten nach dem Ereignis vom 29. Januar 1996 und seit dem Ereignis vom 29. Januar 2002 zugenommen und seien seither permanent vorhanden. Diese Beschwerden seien im Sinne einer Traumatisierung eines seit 1994 bestehenden krankheitsbedingten Vorzustandes mit einer vorübergehenden Verschlimmerung zu interpretieren. Bezüglich des Unfalls vom 29. Januar 2002 sei der status quo sine erreicht. Die Ursachen der aktuellen Beschwerden lägen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit sowohl in der krankhaften Veränderung der Wirbelsäule wie auch (zu 50 %) in der richtunggebenden Verschlechterung der Zustandes anlässlich des Unfallereignisses vom 29. Januar 1996. 4.3 Mit Ausnahme des Gutachtens des Spitals X.________ vom 6. November 1998, welches die Frage nach dem Erreichen des status quo sine oder des status quo ante als ungeklärt bezeichnet, sprechen die erwähnten medizinischen Stellungnahmen für die Annahme, der Unfall vom 29. Januar 1996 sei im Sinne einer Teilursache für die während des hier interessierenden Zeitraums vorhandenen Beschwerden verantwortlich. Das kantonale Gericht gelangte indessen zum Ergebnis, diesen ärztlichen Aussagen könne nicht gefolgt werden. Die Gutachter, welche den natürlichen Kausalzusammenhang bejahten, hätten den durch die Akten über den Aufenthalt in der Hochgebirgsklinik Z.________ vom 18. August bis 10. September 1994 (mit neurologischem Konsilium von Dr. med. R.________ vom 28. August 1994) dokumentierten symptomatischen Vorzustand entweder nicht gekannt oder nicht gebührend berücksichtigt. Zudem habe die Beschwerdeführerin nach dem Unfall vom 29. Januar 1996 ihr Pensum von 50 % Ende März 1996 wieder aufnehmen können und sei ab Oktober 1997 bis 26. April 1998 zu 100 % erwerbstätig gewesen. Nach dem an diesem Datum erlittenen Unfall sei eine einjährige Arbeitsunfähigkeit gefolgt; anschliessend habe die Versicherte wieder eine 50%ige Erwerbstätigkeit aufgenommen. 4.4 Die vorinstanzliche Beurteilung des natürlichen Kausalzusammenhangs vermag nicht zu überzeugen: Der Erstgutachter Dr. med. E.________ führte unmittelbar nach dem Aufenthalt in der Höhengebirgsklinik eine Untersuchung durch (Bericht vom 16. September 1994) und war somit über den damaligen Gesundheitszustand der Patientin informiert. In den übrigen Gutachten werden der Austrittsbericht der Hochgebirgsklinik vom 21. Oktober 1994 sowie (mit Ausnahme der MEDAS-Expertise vom 15. April 2002) auch das neurologische Konsilium von Dr. med. R.________ ausdrücklich erwähnt. Die Gutachter konnten somit dem Umstand, dass bereits damals Nacken- und Schulterbeschwerden vorlagen, durchaus Rechnung tragen und waren diesbezüglich nicht allein auf die Aussagen der Beschwerdeführerin angewiesen. Im Übrigen werden die vorbestehenden degenerativen Veränderungen der HWS auch in weiteren ärztlichen Stellungnahmen erwähnt (z.B. im Zwischenbericht Dr. med. O.________ vom 15. April 1996). Angesichts der übereinstimmenden Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs in vier der fünf eingeholten Gutachten, wobei sich auch dem fünften keine klare gegenteilige Aussage entnehmen lässt, ist der entsprechende Nachweis - unabhängig von der Beweislast - als mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erbracht anzusehen.