Citation: I 175/00 02.07.2003 E. 2

2.1 Im vorliegenden Fall machten die Beschwerdegegner im vorinstanzlichen Verfahren geltend, ihre Tochter habe auf berufliche Massnahmen Anspruch, weil sie auf Grund eines frühkindlichen psychoorganischen Syndroms (POS) und eines Borderline-Syndroms nicht fähig sei, das Gymnasium an einer öffentlichen Schule zu besuchen, während das von ihr besuchte Gymnasium Y.________ ihrem Krankheitsbild entspreche. In medizinischer Hinsicht ist festzuhalten, dass sich J.________ im September 1997 wegen massiver Verhaltensauffälligkeiten im KJPD einer Erstkonsultation unterzog. Am 26. November 1998 führte Dr. med. C.________ aus, auf Grund ihrer psychischen Sensibilität bei gleichzeitiger sehr guter Auffassungsgabe und Intelligenz benötige die Versicherte einen speziellen, individuelleren Rahmen, damit sie ihr Potenzial ausschöpfen könne. Am 17. Dezember 1998 stellte sie die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, sehr wahrscheinlich auf dem Boden eines frühkindlichen POS mit Impulsdurchbrüchen und zeitweisem selbstschädigendem Verhalten. Am 17. Mai 1999 wurde sodann eine massive Persönlichkeitsstörung mit depressiver Entwicklung festgestellt. Die Schwierigkeiten der Versicherten im öffentlichen Gymnasium waren nach Dr. med. C.________ jedoch sicher nicht auf eine intelligenzmässige Überforderung zurückzuführen. Am 14. Juni 1999 führte die behandelnde Ärztin aus, zum damaligen Zeitpunkt wäre J.________ bei jeder anderen Ausbildungsrichtung (z.B. Lehre) auf Grund ihres komplexen Störungsbildes und ihrer psychischen Ver fassung eingeschränkt gewesen. Schliesslich wurde am 31. August 1999 die komplexe psychosoziale Problematik von J.________ bestätigt, und am 27. September 1999 führte Dr. med. C.________ aus, auf Grund dieses Krankheitsbildes sei der Besuch des Gymnasiums Y.________ als Förderung der späteren Erwerbsfähigkeit zu erachten. 2.2 Die Vorinstanz folgte der Argumentation der Gesuchsteller mit der Begründung, zwar erscheine die Abgrenzung zu anderen Überforderungssachverhalten gerade im Bereich der genannten Leiden schwierig, sodass sich eine berufliche Massnahme bei diesem Krankheitsbild letztlich nur rechtfertige, wenn sie aus gesundheitlichen Gründen klar ausgewiesen sei. J.________ leide jedoch anerkanntermassen an einem Borderline-Syndrom, welches seine Ursache wahrscheinlich in einem frühkindlichen POS habe, das wiederum ein anerkanntes Geburtsgebrechen sei. Im Normalfall würden Kinder mit J.________s Symptomen bereits sehr früh im Rahmen von Sonderschulmassnahmen bei der Invalidenversicherung angemeldet und abgeklärt, was im vorliegenden Fall nicht stattgefunden habe, nachdem im Zeitpunkt der Einreichung des Gesuches die Versicherte bereits seit einem Jahr wegen eines Borderline-Syndroms in psychiatrischer Behandlung war. Nach eingehender Prüfung der Berichte von Dr. med. C.________ und unter Berücksichtigung der Schilderungen der Gesuchstellenden müsse anerkannt werden, dass die bei J.________ festgestellten Symptome weit über das Normalmass hinausgehen und nicht mehr nur als Anpassungsschwierigkeiten einer ehemaligen Rudolf Steiner-Schülerin beim Wechsel an die öffentliche Schule zu bezeichnen seien. Die Ursache der Verhaltensauffälligkeiten seien heute klar auf ihre Krankheit zurückzuführen, die ihrerseits durch das frühkindliche POS verursacht wurde. Weil bei diesem Geburtsgebrechen normalerweise mit einer Besserung zu rechnen gewesen wäre, die Probleme bei der Versicherten indessen eskalierten, müsse davon ausgegangen werden, dass sich das Verhalten von J.________ stark von demjenigen anderer Kinder unterscheide, welche sich in Überforderungssituationen befinden. Schliesslich seien die schulischen Probleme eindeutig nicht auf eine intelligenzmässige Überforderung, sondern auf ihre Krankheit zurückzuführen, weshalb der Besuch des Gymnasiums Y.________ als gezielte Förderung in beruflicher Hinsicht zu bezeichnen sei, welche die spätere Erwerbsfähigkeit gewährleisten werde. 2.3 In der Verwaltungsgerichtsbeschwerde macht das BSV geltend, die Versicherte sei nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von einer Invalidität im Sinne von Art. 8 Abs. 1 IVG betroffen. Bei der Diagnose "Borderline-Störung" müsse Zurückhaltung geübt werden, weil einerseits die Abgrenzung gegenüber noch normalen Variationen der Entwicklung in der Adoleszenz schwierig sei und andererseits definitorische Überlappungen mit Teilelementen anderer Persönlichkeitsstörungen vorlägen. Die Versicherte habe von Anbeginn an die Rudolf Steiner-Schule besucht und völlig unauffällig durchlaufen und sie sei nicht wegen einer Persönlichkeitsstörung an der Normalschule nicht mehr tragbar gewesen. Der Beweis einer bereits in der Kindheit vorhandenen Persönlichkeitsstörung im Sinne eines POS sei damit nicht erbracht. Zudem handle es sich lediglich um eine Vermutungsdiagnose. Es sei bekannt, dass wegen der spezifischen Ausbildungsmethode bei Absolventen dieser Schule anlässlich des Wechsels an ein öffentliches Gymnasium Schwierigkeiten aufträten. Zu jenem Zeitpunkt sei die Versicherte auf intensiven Nachhilfeunterricht angewiesen gewesen, was ersichtlich mache, dass die Störungen eindeutig als Reaktion auf eine Überforderungssituation zu sehen seien. Das BSV beanstandet schliesslich die Schlussfolgerung der Vorinstanz, die Versicherte könne keinen anderen Ausbildungsweg als die Matura einschlagen, da sie in der Tat auch eine Lehre bei einem verständnisvollen Lehrmeister, eine Handelsschule oder eine andere weiterführende Schule absolvieren könne.