Citation: 8C_377/2023 E. 7.1

7.1. Auf Veranlassung des kantonalen Gerichts erstatte Dr. med. B.________ am 17. November 2022 ein Verlaufsgutachten. Darin stellte er die Diagnosen einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit emotional instabilen, abhängigen, ängstlich-vermeidenden und zwanghaft-leistungsorientierten Persönlichkeitsanteilen (ICD-10 F61.0) sowie eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte bis formal mittelgradige Episode (ICD-10 F33.0, F33.1). Der Experte hielt zusammenfassend fest, bei der Beschwerdeführerin hätten sich seit der Kindheit und Jugendzeit krankheitswertige Einschränkungen in Form von zwischenmenschlichen Interaktionsstörungen gezeigt. Es bestünden durchgängig dysfunktionale Bewältigungsstrategien, insbesondere im zwischenmenschlichen Bereich, was in der Folge zu Überforderung mit Suizidalität und Depressivität, aber auch zu Substanzgebrauch von Alkohol und Kokain, geführt habe. Zudem sei es zu einer verminderten Belastbarkeit und Flexibilität gekommen. Die dysfunktionalen Bewältigungsstrategien äusserten sich in einem vermehrten Fernbleiben von der Arbeit. Im MINI-ICF-APP-Rating ergaben sich schwere Beeinträchtigungen in der Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und Routinen, zur Planung und Strukturierung von Aufgaben, in der Flexibilität/Umstellungsfähigkeit, der Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit, der Durchhalte- und Selbstbehauptungsfähigkeit, der Kontaktfähigkeit zu Dritten sowie der Kapazität zu Spontan-Aktivitäten. Mittelgradig eingeschränkt war die Anwendung fachlicher Kompetenzen, die Gruppenfähigkeit, die Fähigkeit zur Unterhaltung familiärer und intimer Beziehungen und die Verkehrsfähigkeit. Nicht eingeschränkt war die Fähigkeit zur Selbstpflege. Insgesamt ergab die Bewertung 30 Punkte, was gemäss Dr. med. B.________ einer schweren Funktionseinschränkung entspricht. Der Gutachter kam zum Schluss, die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin sei auf dem "offenen Arbeitsmarkt" zu 70 % beeinträchtigt. In seiner ergänzenden Stellungnahme vom 12. Januar 2023 präzisierte er, in der Gesamtschau wäre die Beschwerdeführerin in Tätigkeiten ohne erhöhten zwischenmenschlichen Kontakt, permanenten Zeit- und Termindruck, hohen Publikumsverkehr und hohen Anforderungen an die Anpassungs- und Umstellungsfähigkeit zu 30 % arbeitsfähig. Dr. med. B.________ wies darauf hin, dass er anlässlich der ersten Begutachtung im Jahr 2017 eine rezidivierende depressive Störung (ICD-10 F33.11) und unter anderem akzentuierte selbstunsichere, histrionische, abhängige und emotional instabile Persönlichkeitszüge (ICD-10 Z73) diagnostiziert habe. Letztere seien grundsätzlich nicht krankheitswertig, jedoch könnten sie unter ungünstigen Umständen durchaus wesentlich zur Entwicklung einer manifesten psychischen Störung beitragen wie im vorliegenden Fall, wo es zur Dekompensation einer kombinierten Persönlichkeitsstörung gekommen sei. Der Gerichtsgutachter äusserte sich im Weiteren auch zu den vorhandenen Arztberichten und zeigte auf, weshalb er einzelne Diagnosen (wie etwa eine Posttraumatische Belastungsstörung) nicht bestätigen konnte. Er nahm ausführlich zu den Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung Stellung, wobei er die Eingliederung als gescheitert bezeichnete. Im Vorfeld sei die Beschwerdeführerin zwar hochmotiviert gewesen. Sie sei dann aber nicht in der Lage gewesen, die vereinbarten Ziele umzusetzen. Nach dem Scheitern ihrer Bemühungen sei es zur Dekompensation ihrer kombinierten Persönlichkeitsstörung gekommen. Ferner holte Dr. med. B.________ fremdanamnestische Einkünfte der behandelnden Psychiaterin und der Mutter der Beschwerdeführerin ein. Letztere konnte etwa bestätigen, dass die Beschwerdeführerin unfähig sei, im Alltag zurechtzukommen und dass es nach Abschluss der Eingliederungsmassnahmen zu einem weiteren Suizidversuch gekommen sei. Diesbezüglich ist der von der Vorinstanz unvollständig festgestellte Sachverhalt zu ergänzen.