Citation: 2C_880/2018 E. 4.1

4.1. Nach ständiger Praxis berücksichtigt das Bundesgericht das Musterabkommen der OECD (OECD-MA) und den zugehörigen Kommentar bei der Auslegung von DBA, soweit sie auf diesem Standard beruhen (vgl. BGE 144 II 130 E. 8.2.3 S. 140; 143 II 257 E. 6.5 S. 264; 141 II 447 E. 4.4.3 S. 457). Die Vertragsstaaten orientierten sich im Hinblick auf Art. 10 DBA CH-GB am OECD-MA, das 1977 gerade neu verabschiedet worden war und erstmals den Begriff des Nutzungsberechtigten verwendete (vgl. Botschaft über ein Doppelbesteuerungsabkommen mit Grossbritannien vom 11. Januar 1978, BBl 1978 I S. 216). Im zugehörigen Kommentar hatte die OECD zum Ausdruck gebracht, dass das Konzept des Nutzungsberechtigten von den Vertragsstaaten bei Bedarf in den bilateralen Verhandlungen näher konkretisiert werden könne, es sich mithin also um einen offenen Begriff handelt (vgl. Kommentar der OECD, N. 13 zu Art. 10 OECD-MA i.d.F. von 1977). Vor diesem Hintergrund mussten die Vertragsstaaten des DBA CH-GB bereits anlässlich des Vertragsschlusses erkennen, dass die Bedeutung des damals für das internationale Steuerrecht neuen Begriffs des Nutzungsberechtigten in den nachfolgenden Jahren einem Wandel unterliegen würde, der sich insbesondere in den Arbeiten der OECD widerspiegeln würde. Deshalb rechtfertigt sich hier eine dynamische Auslegung des völkerrechtlichen Vertrags (vgl. dazu Urteil des Internationalen Gerichtshofs vom 13. Juli 2009 Différend relatif à des droits de navigation et des droits connexes [Costa Rica gegen Nicaragua], C.I.J. Recueil 2009, S. 243 § 66; vgl. auch JAMES CRAWFORD, Brownlie's Principles of International Law, 9. Aufl. 2019, S. 365 f.; DAHM/DELBRÜCK/WOLFRUM, Völkerrecht, Bd. I/3, 2. Aufl. 2002, S. 649; DUPUY/KERBRAT, Droit international public, 14. Aufl. 2018, § 314; RICHARD GARDINER, Treaty Interpretation, 2. Aufl. 2015, S. 467 ff.; VERDROSS/SIMMA, Universelles Völkerrecht, 3. Aufl. 1984, § 782). Es ist folglich für die Auslegung des Begriffs des Nutzungsberechtigten in Art. 10 Abs. 2 lit. b DBA CH-GB auf die aktuelle Fassung des Kommentars der OECD zurückzugreifen (vgl. BGE 144 II 130 E. 8.2.3 S. 140; vgl. auch BGE 141 II 447 E. 4.4.3 S. 457, wo das Bundesgericht für die Auslegung des - im einschlägigen DBA CH-DK allerdings bloss implizit enthaltenen - Begriffs des Nutzungsberechtigten ebenfalls auf eine spätere Fassung des Kommentars der OECD zurückgriff; STEFFEN LAMPERT, Die dynamische Auslegung von Doppelbesteuerungsabkommen unter besonderer Beachtung des Kommentars zum OECD-Musterabkommen, iStR 2012, S. 514 f.; LINDERFALK/ HILLING, The Use of OECD Commentaries as Interpretative Aids - The Static/Ambulatory-Approaches Debate Considered from the Perspective of International Law, Nordic Tax Journal 2015 S. 54 ff.; a.M. MICHAEL LANG, Die Bedeutung des OECD-Kommentars und der Reservations, Observations und Positions für die DBA-Auslegung, in: Festschrift Gosch, 2016, S. 238 ff.; STEFAN OESTERHELT, Bedeutung des OECD-Kommentars für die Auslegung von Doppelbesteuerungsabkommen, ASA 80 S. 380 ff.).