Citation: U 55/99 11.07.2001 E. 2

2.- a) Der behandelnde Psychiater Dr. med. J.________ führte in seinem Bericht vom 19. Februar 1996 aus, dass sich bei D.________ der typisch wechselhafte Verlauf einer neurotischen Depression gezeigt habe. Er habe vor allem unter Schlafstörungen gelitten, die dann jeweils massive Ängste ausgelöst hätten, den täglichen Anforderungen nicht mehr zu genügen. Nach einem wegen Verschlechterung seines Zustandes erforderlich gewordenen vierwöchigen Aufenthalt in der Rehabilitationsklinik (Diagnose: Erschöpfungsdepression) habe sich D.________ allerdings wieder gut zurecht gefunden. Mit einem Suizid habe er nicht gerechnet; die Handlung müsse aus einem plötzlich einschiessenden, unkontrollierbaren Impuls heraus erfolgt sein. b) Nach Auffassung des Dr. med. I.________ vom Ärzteteam Unfallmedizin der SUVA handle es sich bei letzterer Aussage des Dr. med. J.________ um einen bloss spekulativen Rückschluss aus der Tat allein, dessen Richtigkeit sich durch nichts belegen lasse. Einzig aus dem Umstand, dass eine Handlung im Affekt ausgeführt werde, dürfe nicht geschlossen werden, das Motiv oder der Impuls, der dazu führte, müsse unkontrollierbar gewesen sein. Aufgrund der Akten liessen sich keine äusseren so genannt vernünftigen Tatmotive ausmachen, d.h. Beweggründe, die dem durchschnittlich besonnenen Laien einfühlend verstehbar machen könnten, dass ein Mitmensch sich aus ihnen heraus zur Selbsttötung entschliessen könnte, wie z.B. finanzielle Überschuldung. Andere, im eigentlichen Sinne psychotische Symptome wie Wahn, Halluzinationen, Raptus, seien ebenfalls nicht nachweisbar. Höchst unwahrscheinlich scheine anhand der Akten ferner eine Explosivreaktion im Sinne einer eigentlichen Geisteskrankheit bzw. schweren Störung des Bewusstseins. D.________ habe bereits Tage vor dem Suizid einen ersten und unmittelbar vor der Tat einen zweiten Abschiedsbrief verfasst; die ihn belastenden Probleme seien ihm seit längerem bekannt gewesen. Von einem blitzartigen Durchbruch in eine Handlung ohne jegliche innerpsychische Verarbeitung könne deshalb nicht die Rede sein (Stellungnahme vom 14. Mai 1996). c) PD Dr. med. M.________ geht in seinem Gutachten vom 28. Oktober 1997 davon aus, dass D.________ wenige Tage, nachdem er in einer akuten depressiven Krise den ersten Abschiedsbrief geschrieben habe, erneut in einen angstbetonten Krisenzustand geraten sei. Im daraufhin verfassten Abschiedsbrief komme zum Ausdruck, dass die Unterstützung, die er durch seine Familie erfahren habe, nicht genügend habe helfen können, und dass er sich als Versager gefühlt habe. Er habe keine Zweifel daran, dass D.________ zu diesem Zeitpunkt noch in der Lage gewesen sei, die Situation bzw. die Zukunft realistisch abzuschätzen. Er habe offenbar nur noch den Suizid als Ausweg gesehen. Aus der Literatur sei bekannt, dass ein Zusammenhang bestehe zwischen Panikstörungen und suizidalen Handlungen. In einer Angstkrise sei der Mensch nicht mehr in der Lage, seine Situation realistisch einzuschätzen. Es müsse angenommen werden, dass D.________ zur Zeit der Tat gänzlich unfähig gewesen sei, vernunftgemäss zu handeln. Grund dafür sei nicht allein die - in der Symptomatik zwischen schwer und leicht wechselnde - depressive Erkrankung, sondern eine akute Verschlechterung des Zustandes im Sinne einer Angstkrise. Es liege keine Geisteskrankheit im Sinne einer Psychose, sondern ein Raptus vor, d.h. ein plötzlich einschiessender Erregungszustand, der als Geisteskrankheit im Rechtssinne zu gelten habe. d) In seiner Stellungnahme vom 12. Februar 1998 führte Prof. Dr. med. Y.________ aus, was an Informationen effektiv vorhanden sei, spreche dagegen, dass D.________ in einem depressiven Raptus - in der Psychiatrie allgemein als ein blind triebhafter Erregungszustand auf dem Boden einer schweren Depression verstanden - Suizid begangen habe. D.________ habe sich am Todestag anscheinend leise aus seinem Bett erhoben, sodass seine Frau nicht erwacht sei, sich in sein Büro begeben, die Abschiedsnotiz geschrieben, die Pistole geholt und geladen. Dieser überlegte Handlungsablauf widerspreche vollständig dem in der Psychiatrie üblichen Begriff des Raptus, d.h. einem blind triebhaften, als psychotisch zu bezeichnenden Verhalten. Zwar sei richtig, dass Depressionen oft mit einer Angstsymptomatik verbunden seien. Für die vorliegende Beurteilung sei jedoch nicht wichtig, ob überhaupt Angst im Zeitpunkt des Suizids erlebt worden sei, sondern ob diese Angst ein psychotisches Ausmass gehabt habe. Dies könne nur angenommen werden, wenn mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ein psychopathologischer Zustand nachgewiesen sei, was nur der Fall wäre, wenn Sinnestäuschungen, Wahn, depressiver Stupor, raptusartige Erregung oder eine schwere Störung des Bewusstseins den Suizidenten beherrscht hätten. Dafür gäbe es vorliegend keine Hinweise. D.________ sei am Morgen des 2. Februar 1996 zwar depressiv und hoffnungslos gewesen, doch spreche nichts dafür, dass er blind triebhaft und in panischer Angst gehandelt habe. Aus psychiatrischer Sicht könne deshalb nicht der Schluss gezogen werden, es habe vollständige Urteilsunfähigkeit bestanden. Die Annahme des Raptus sei völlig unbelegt; die subjektive Meinung des PD Dr. med. M.________ basiere nicht auf den vorhandenen psychiatrischen Fakten, sondern auf einem Vorurteil, der dem Aussenstehenden unerklärliche Suizid müsse in einem psychischen Ausnahmezustand erfolgt sein.