Citation: 5A_99/2020 E. 4.2

4.2. Das Kantonsgericht führte aus, die VRK habe das Scheitern der alternierenden Obhut mit Blick auf den bisherigen Verfahrensverlauf hauptsächlich in den massiven Konflikten zwischen den Eltern und der nicht stattfindenden Kommunikation zwischen ihnen gesehen. Unter dem Titel "Kommunikation" erwog das Kantonsgericht, die praktische Umsetzung einer alternierenden Obhut setze mit Blick auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung voraus, dass die Eltern in der Lage seien, gemeinsam zu organisieren und die Kinderbelange zu besprechen. Der bisherige Verfahrensverlauf, welcher von diversen Verfahren und Beschwerden geprägt sei, zeige unzählige gegenseitige Vorwürfe, welche auf das jeweilige Misstrauen gegenüber dem anderen Elternteil, aber insbesondere auf jenes des Vaters gegenüber der Mutter hinweisen. So kontrolliere der Vater an seinen Besuchstagen offenbar den Körper des Kindes und fotografiere blaue Flecken sowie den Zustand der Zehen- und Fingernägel und der Ohren des Kindes. Solche Fotos reiche er mit dem Hinweis zum Pflegezustand des Kindes zu den Akten ein. Das Gutachten erkläre, was diese Kontrolle der körperlichen Befindlichkeit von C.________ diesem durch den Vater vermittelt ("Die Mami schaut nicht gut auf Dich"), und halte fest, dass zu keinem Zeitpunkt Hinweise auf Misshandlungen des Kindes wahrgenommen worden seien. Eindeutig wolle der Vater aber damit aufzeigen, dass die Mutter für das Kind nicht angemessen sorgen könne und es körperlich Schaden davontrage oder vernachlässigt werde. Das ihr gegenüber damit ausgedrückte Misstrauen sei enorm. Die Mutter ihrerseits dokumentiere das Verhalten des Kindes nach den Besuchen beim Vater mit Videoaufnahmen und reiche diese ebenfalls zu den Akten ein. Sie möchte damit wohl aufzeigen, dass die Besuche beim Vater dem Kind nicht gut täten. Dafür würden auch ihre - abgewiesenen - Anträge im vorinstanzlichen vorsorglichen Verfahren sprechen. C.________ weine nach seiner Rückkehr, sei auch aggressiv ihr gegenüber oder spreche von früheren Vorfällen, die er nicht kennen könne, ohne dass der Vater mit dem Kind über solche Sachen gesprochen habe. Es zeige sich im bisherigen Verfahrensverlauf eine enorme Verzweiflung beider Elternteile, welche beide zu glauben scheinen, sie müssten das Kind vor dem jeweilig anderen Elternteil schützen. Auch wenn die Parteien in der letzten Zeit solche kontrollierenden Massnahmen offenbar nicht mehr vorgenommen hätten, sei der Elternkonflikt nach wie vor sehr ausgeprägt. Wie massiv er immer noch sei, zeige sich auch eindrücklich an der Verhandlung vor der VRK, an welcher eine Drittperson für das Abholen von C.________ hätte organisiert werden müssen und wie die Eltern damit umgegangen seien. Es fehle an jeglicher Kooperation zwischen den Eltern und eine Rücksichtnahme auf das Kindeswohl sei dabei nicht erkennbar. Keiner der beiden sei in der Lage gewesen, das Wohl des Kindes in den Vordergrund zu rücken. Auch wenn die Beziehung C.________s zu beiden Elternteilen gemäss dem Gutachten gut sei, gebe es bei den Übergaben des Kindes vom Vater zur Mutter Schwierigkeiten. Dies hänge mit den eigenen psychischen Belastungen der Kindseltern, insbesondere des Kindsvaters, zusammen. Die VRK habe zu Recht erkannt, dass die fehlende Kooperation und Kommunikation der Eltern auffällig sei und sie im Rahmen einer alternierenden Obhut nicht in der Lage wären, sich über das Nötige zum Wohl der Kinder abzusprechen. Dies sei deshalb von Bedeutung, weil eine alternierende Obhut dann nicht geeignet sei, wenn das Kind dadurch weiterhin dem Konflikt der Eltern ausgesetzt bleibe oder die ständigen Wechsel belastend wären. Es bestünden begründete Zweifel daran, dass die Eltern kooperationsfähig und auch bindungstolerant seien. Die Eltern müssten bei ihrem schulpflichtigen Sohn umso mehr in der Lage sein, beispielsweise Organisatorisches zu besprechen. Dies scheine überhaupt nicht der Fall zu sein. Bei einer alternierenden Obhut würde C.________ durch die damit einhergehenden Betreuungswechsel ständigen Belastungen ausgesetzt. Das Kindeswohl würde damit zusätzlich negativ tangiert. Es könne zudem insbesondere bei einer alternierenden Obhut nicht sein, dass der Besuchsrechtsbeistand selbst bei kleinsten, alltäglichen Fragen betreffend das Kind ständig und übermässig beigezogen werden müsse. Aus der psychologischen Forschung wisse man, dass die alternierende Obhut auf Anordnung von Gericht oder Behörde ohne grundsätzliche Bereitschaft beider Eltern, sich für das Gelingen einzusetzen, wenig Erfolgschancen habe. C.________ benötige für eine gesunde Entwicklung eine stabile, langfristig konstant angelegte Umgebung mit gesunden Bezugspersonen und einem unterstützenden sozialen Netz. Dies bedinge gemäss dem Gutachten eine klare Zuteilung der Obhut und Besuchsregelung, welche möglichen Konflikten zwischen den Kindseltern bei der Umsetzung keinen Spielraum gewähre. Sollten sich die Übergaben weiterhin so schwierig gestalten, müssten die Besuchskontakte laut Gutachten gar eingeschränkt werden. Eine alternierende Obhut könne aufgrund des Gesagten bei dieser Ausgangslage mit Blick auf das Kindeswohl nicht in Frage kommen. Die alternierende Obhut scheitere somit, so das Kantonsgericht weiter, bereits an der Kommunikation. Der Vollständigkeit halber sei festzuhalten, dass grundsätzlich weitere Kriterien für die Beurteilung einer alternierenden Obhut mit je nach Situation unterschiedlicher Gewichtung relevant sein könnten: Erziehungsfähigkeit, Kontinuität, Stabilität, persönliche Betreuung und geographische Situation. Insbesondere die Erziehungsfähigkeit des Vaters werfe hier Fragen auf. Dies müsse aber aufgrund des Ergebnisses nicht vertieft werden, zumal sonst geprüft werden müsste, ob das Gutachten diesbezüglich noch als aktuell zu betrachten sei. Aber auch die vorstehend genannten Kriterien könnten aufgrund des Gesagten vernachlässigt werden. Selbst wenn sie allesamt für eine alternierende Obhut sprechen würden, würden sie das Kindeswohl bei derartig gravierenden Kommunikations- und Kooperationsproblemen bei Weitem nicht genügend positiv beeinflussen, dass eine solche in Frage kommen könne.