Citation: 1A.55/2000 30.06.2000 E. 5

5.- Selbst wenn davon ausgegangen würde, dass derAusbruch der AIDS-Krankheit im August 1997 denverjährungsrechtlichen Fristenlauf - auch für denTatbestand der schweren Körperverletzung - nicht erst inGang setzte, wäre für die streitige Frage der Verwirkungvon Opferansprüchen jedenfalls auf den Sinn und Zweck desOpferhilfegesetzes abzustellen. a) Das Opferhilfegesetz bezweckt, Opfern von schwerenStraftaten im Sinne von Art. 2 OHG rasch und auf möglichstunbürokratische Weise wirksame Hilfe zu leisten, und zwarunabhängig davon, ob der Täter ermittelt worden ist und ober sich schuldhaft verhalten hat (vgl. Art. 1 Abs. 1, Art. 2 Abs. 1 OHG). Damit das Opfer seine Ansprüche - im Lichteder Verwirkungsfrist von Art. 16 Abs. 3 OHG - überhauptwirksam geltend machen kann, muss es über seine Rechteausreichend informiert sein. Das Gesetz sieht daherbesondere Mitteilungs- und Beratungspflichten der Behördenvor. Die Polizei hat das Opfer bei der ersten Einvernahmeüber die kantonalen Opferhilfe-Beratungsstellen zuinformieren (Art. 6 Abs. 1 OHG). Diese haben das Opfer zuberaten und über seine Rechte zu informieren (Art. 1 Abs. 2, Art. 3 Abs. 2 OHG). Zur juristischen Beratung gehörtinsbesondere auch ein Hinweis auf die Verwirkungsfrist vonArt. 16 Abs. 3 OHG. Eine Verletzung der gesetzlichenInformations- und Beratungspflichten kann Ausnahmen von denVerwirkungsfolgen rechtfertigen (vgl. BGE 123 II 241 E. 3eund f S. 244 f.). b) Die wirksame Inanspruchnahme von Opferhilfe setzt nachdem in Art. 5 Abs. 3 BV verankerten Grundsatz von Treu undGlauben aber auch voraus, dass das Opfer überhaupt davonKenntnis erhält, dass es von einer schweren Straftatbetroffen ist. Die Praxis verlangtfür die ausreichende Substanzierung einesOpferhilfegesuches die Glaubhaftmachung einertatbestandsmässigen und rechtswidrigen Straftat (BGE 126 II97 E. 2e und f S. 101 f.; 125 II 265 E. 2a/bb S. 268; 122II 211 E. 3b S. 215, je mit Hinweisen). Zum objektivenTatbestand der schweren Körperverletzung gehört einelebensgefährliche Verletzung (Art. 122 Abs. 1 StGB), eineVerstümmelung, Entstellung oder bleibendeArbeitsunfähigkeit usw. (i.S.v. Art. 122 Abs. 2 StGB) odereine andere schwere Schädigung des Körpers oder derkörperlichen oder geistigen Gesundheit des Opfers (Art. 122Abs. 3 StGB). c) Damit das Opfer das Vorliegen einer Straftat im Sinnedes OHG überhaupt glaubhaft machen kann, muss es diemassgebliche Schädigung bzw. Verletzung erkannt habenkönnen (vgl. BGE 126 II 97 E. 2c S. 100 mit Hinweisen). Anders zu entscheiden hiesse, dem Sinn und Zweck des OHGzuwiderlaufende Anforderungen an die rechtzeitigeEinreichung eines (substanzierten) Opferhilfegesuches zustellen. d) Nach der Praxis des Bundesgerichtes erscheint ausopferhilferechtlicher Sicht massgeblich, ob dieBeeinträchtigung des Geschädigten in seiner körperlichen, sexuellen oder psychischen Integrität das legitimeBedürfnis begründet, die Hilfsangebote und die Schutzrechtedes OHG - ganz oder zumindest teilweise - in Anspruch zunehmen (vgl. BGE 125 II 265 E. 2a/aa in fine S. 268). ImSommer 1993 bestand für die Beschwerdeführerin kein Anlass, in Bezug auf die ihr nicht bekannte HIV-Ansteckung und dieerst 1997 ärztlich diagnostizierte AIDS-Erkrankung bzw. schwere Körperverletzung die Hilfsangebote des OHG inAnspruch zu nehmen. Konkludent verzichtet hat dieBeschwerdeführerin nur auf jene Opferhilfeansprüche, welchedie (ihr schon im Sommer 1993 bekannten) Straftatbeständeder Vergewaltigung und des Raubes betrafen. Es ist legitimund widerspricht dem Sinn und Zweck des OHG nicht, wenn dasOpfer einer Vergewaltigung auf seine diesbezüglichenEntschädigungs- und Genugtuungsansprüche verzichtet, dieihm gesetzlich zustehenden Rechte jedoch in Anspruch nimmt, sobald es erkennt, dass es nicht nur von Raub undVergewaltigung betroffen ist, sondern darüber hinaus auchnoch von einer schweren Körperverletzung (hier: Ansteckungmit einer möglicherweise tödlich verlaufenden Krankheit). Im vorliegenden Fall wurden die HIV-Infektion und derAusbruch der AIDS-Krankheit von den Ärzten erst am 7. August 1997 festgestellt. Die Beschwerdeführerin erhieltdavon unbestrittenermassen erst am 12. August 1997Kenntnis. Fünf Monate nach Kenntnisnahme, nämlich am 19. Januar 1998, reichte sie das Opferhilfegesuch ein.