Citation: 8C_447/2017 E. 4.2.1

4.2.1. 4.2.1.1. Dr. med. G.________ legte dar, dass der Verlauf einer PTBS so gut wie nie ein geradliniger sei, sondern aus klinischer Erfahrung heraus so gut wie immer ein sehr fluktuierender, der phasenweise eine höhere und phasenweise eine niedrigere Funktionalität ermögliche. Ebenfalls nicht untypisch sei eine intensive, schon fast zwanghafte Beschäftigung mit dem Erlebten und den Folgen, so dass bei oberflächlicher Betrachtung manchmal der Eindruck einer guten Verarbeitung entstehen könne. Die bei der Versicherten schon kurz nach dem Ereignis diagnostizierte PTBS bleibe - fluktuierend in der Symptomatik - bis zum heutigen Zeitpunkt nachvollziehbar erhalten, und es sei zu keinem Zeitpunkt ein völliger Symptomrückgang oder eine völlige Remission dokumentiert. Nach seiner langjährigen klinischen Erfahrung würden Menschen, die schwere Traumatisierungen erlebt hätten, häufig zunächst alle Energie darauf verwenden, ihr "vorheriges" Leben zurückzuerhalten, im Alltag Fuss zu fassen und "normal" zu funktionieren. Überdurchschnittlich oft komme es bei Patienten, die nach einer schweren Traumatisierung über Jahre hinweg im Berufsleben scheinbar eine volle Leistungsfähigkeit gezeigt hätten, wieder zu starken Einbrüchen; analog lasse sich das auch häufig im Privatleben beobachten. Insofern bestehe aus psychotraumatologischer Sicht keine Diskrepanz zwischen der starken Leistungsfähigkeit der Versicherten beim Herausbringen ihres autobiographischen Werks (inkl. Presse- und Öffentlichkeitsarbeit), der Rückkehr an den Arbeitsplatz zu 100 % und dem späteren Einbruch der Leistungsfähigkeit. 4.2.1.2. Auf die Frage, wann ein medizinischer Endzustand in dem Sinn eingetreten sei, dass mittels weiterer Behandlung keine bedeutsame Steigerung der Arbeitsfähigkeit erreichbar gewesen sei, führte Dr. med. G.________ aus, dass am 5. November 2009 mit überwiegender Wahrscheinlichkeit noch kein Endzustand erreicht worden sei. Anhand der Berichte der behandelnden Therapeuten späteren Datums zeige sich, dass in kleinen, gut nachvollziehbaren Schritten eine Verbesserung des Gesamtzustands erzielt worden sei. Doch sei die Gesamtstabilität der Versicherten am 5. November 2009 trotz Wiedererlangung einer hohen prozentualen Arbeitsfähigkeit noch sehr instabil gewesen. Die aus den Berichten der Therapeuten hervorgehende Symptomatik in den Jahren 2009 bis 2014, die im klinischen Sprachgebrauch als "floride" bezeichnet werde, könne mit etablierten traumaspezifischen Therapiemethoden noch eine deutliche Verbesserung erfahren. Zwar sei die Therapiefrequenz in den Jahren 2009 und insbesondere 2011 deutlich reduziert worden, was aus therapeutischer Sicht vertretbar gewesen sei. Dennoch seien weiterhin sehr einschneidende Symptome vorhanden gewesen. So schreibe die Psychologin lic. phil. J.________ in ihrem Bericht vom 26. September 2012, dass weitere Konfrontationsarbeit notwendig sei. Die Therapie sei insofern nicht nur stützend, sondern zielführend zur Reduzierung der Symptomatik geplant gewesen. Verbesserungen der Symptomatik und damit der Arbeitsfähigkeit könnten erfahrungsgemäss auch nach Jahren und Jahrzehnten mit gezielten psychotraumatischen Therapiemethoden erreicht werden. Es sei jedoch bezüglich des versicherungsrechtlichen Verfahrens auch zu beachten, dass diese Verbesserungen häufig einen sehr langen Zeitraum benötigten und nicht mit Sicherheit gegeben seien. Hängige versicherungsrechtliche Verfahren seien für Menschen mit psychischen Einschränkungen oft sehr belastend und könnten sich negativ auf die Heilungschancen auswirken. Es sei daher zu rechtfertigen, im Begutachtungszeitpunkt einen gewissen Endzustand festzustellen. Ein therapeutisches Verbesserungspotenzial sei durchaus noch ersichtlich, es müsse jedoch spekulativ bleiben, wie lange es dauern werde, eine Verbesserung im Alltagsleben zu erzielen, die auch die Arbeitsfähigkeit betreffe. 4.2.1.3. Angesichts dieser Ausführungen erweist sich die Feststellung der Vorinstanz, dass der medizinische Endzustand frühestens im April 2014 erreicht wurde, als nachvollziehbar, was auch die Beschwerdeführerin nicht beanstandet.