Citation: 6B_1118/2022 E. 1.2.4

1.2.4. Die Aussagen der Beschuldigten mit Bezug auf ihr eigenes Verhalten seien demgegenüber in wesentlichen Punkten, namentlich den umstrittenen Sachverhaltsfragen widersprüchlich, teilweise nachweislich falsch und wenig lebensecht, so die Vorinstanz weiter. Zudem hätten sie ihre Aussagen immer wieder dem Verfahrensstand angepasst. Hingegen hätten sie sich gegenseitig teilweise erheblich belastet. Dem sei, namentlich entgegen dem Beschwerdeführer, grosses Gewicht beizumessen, da weder ein Motiv noch sachliche Gründe für Falschbelastungen ersichtlich seien. Die Beschuldigten hätten sich damit angesichts der ihnen von Anfang an vorgeworfenen mittäterschaftlichen resp. gehilfenschaftlichen Vorgehensweise im Gegenteil auch selbst belastet. Der Beschwerdeführer habe bereits zum Grund seines Aufsuchens der Beschwerdegegnerin 2 unterschiedliche Angaben gemacht, indem er zunächst behauptet habe, es sei nur darum gegangen, Alkohol zu holen, er gleichzeitig aber erklärt habe, der Beschwerdegegner 3 habe gesagt, seine Schwester sei eine "Nutte, die gebumst werden könne". In der Hauptverhandlung habe der Beschwerdeführer dann bestätigt, aufgrund der Aussagen des Beschwerdegegners 3 hätten sie alle vorab ein sexuelles Motiv für das Aufsuchen der Beschwerdegegnerin 2 gehabt. Ohnehin habe zu jenem Zeitpunkt kein Bedarf an Alkoholnachschub bestanden, so die Vorinstanz. Ein Mitbeschuldigter habe zudem bereits bei der Haftanhörung ausgesagt, ihm sei klar gewesen, dass der Beschwerdeführer die Geschädigte aufgesucht habe, um Sex zu haben. Dieser habe manuelle Handlungen und das Masturbieren eingeräumt, ein vaginales Eindringen sowie Ejakulieren über die Geschädigte aber bestritten. Ein Mitbeschuldigter habe indes wiederholt ausgesagt, der Beschwerdeführer habe ihm berichtet, die Geschädigte an den Haaren gerissen und in ihr Gesicht ejakuliert zu haben. Gemäss einem anderen Beschuldigten seien der Beschwerdeführer und die Beschwerdegegnerin 2 zudem völlig nackt gewesen. Diese Einlassungen würden nur Sinn ergeben, wenn zwischen den beiden nicht nur manuelle, sondern, wie die Beschwerdegegnerin 2 ausgesagt habe, weitergehende sexuelle Handlungen stattgefunden hätten. Die Behauptung des Beschwerdeführers, wonach die Initiative zu den sexuellen Handlungen von der Geschädigten ausgegangen sei, widerspreche nicht nur ihren Angaben, sondern sei mit Blick auf ihre Persönlichkeit und sexuelle Unerfahrenheit realitätsfern. Zudem spreche gegen einen einvernehmlichen Sexualkontakt, dass sich der Beschwerdeführer am Tag nach der Tat bei der Beschwerdegegnerin 2 entschuldigt habe, wozu bei Freiwilligkeit kein Anlass bestanden hätte. Er vermöge das unter dieser Prämisse unsinnige Verhalten nicht zu erklären. Es passe einzig zum Bewusstsein eines fehlenden Einverständnisses der Beschwerdegegnerin 2 hinsichtlich der diversen sexuellen Handlungen in der vergangenen Nacht und zum Versuch, eine Strafanzeige zu verhindern. Als geradezu konfus erwiesen sich die Einlassungen des Beschwerdeführers zu einem angeblichen Video, welches ihn hinsichtlich der manuellen Befriedigung durch die Beschwerdegegnerin 2 entlasten solle. Einmal wolle er es gelöscht haben, dann doch nicht, dann soll es nie existiert haben. Hätte ihn das Video entlastet, wie er behauptet habe, wäre das Löschen des Videos nicht nachvollziehbar. Die Aussagen der Beschuldigten zur angeblichen sexuellen Offenheit und dem behaupteten sexuell aktiven Verhalten der Beschwerdegegnerin 2 stehe ferner in diametralem Kontrast zum von ihr beschriebenen vollständig asexuellen Leben und den medizinischen Unterlagen. Auch habe keiner der Beschuldigten Umstände geschildert, welche nur ansatzweise ein ausdrückliches oder stillschweigendes Einverständnis der Beschwerdegegnerin 2 zu sexuellen Handlungen nahelegen könnten. Die Angaben der Beschuldigten liessen im Gegenteil spezifische Realkennzeichen vermissen, die ein wahrgenommenes Einvernehmen plausibilisieren würden. Gleichzeitig hätten sie immer wieder durchblicken lassen, dass sie selbst Vorbehalte bezüglich ihrer Version gehegt hätten, wonach die sexuellen Handlungen seitens der Beschwerdegegnerin 2 freiwillig erfolgt seien. So habe etwa der Beschuldigte F.________ in Übereinstimmung mit E.________ erklärt, es sei schon möglich, dass die Beschwerdegegnerin 2 nie gesagt habe, sie wolle Sex. Auf die entsprechende Frage sei ihm weder ein Ja noch ein Nein erinnerlich. Insgesamt sei, so die Vorinstanz, allen Beschuldigten klar gewesen, dass die Geschädigte die Sexualkontakte nicht gewollt habe. Gegenüber dem Beschwerdeführer habe sie dies verbal geäussert, aufgrund der inkriminierten Situation habe es aber auch den Mitbeschuldigten klar sein müssen. Zudem hätten mehrere Beschuldigte ausgesagt, die Beschwerdegegnerin 2 sei apathisch (huere komisch) gewesen. Der Beschwerdeführer selber habe in der Berufungsverhandlung erhebliche Zweifel daran geäussert, dass die von D.________ und E.________ vorgenommenen sexuellen Handlungen im Einvernehmen mit der Beschwerdegegnerin 2 erfolgt seien. Er habe erklärt, D.________ habe "ihren Willen gebrochen". Der Anklagesachverhalt sei somit auch mit Bezug auf den Vorwurf der gemeinschaftlichen Vergewaltigung und sexuellen Nötigung erstellt. Die Behauptung der Beschuldigten, wonach die Geschädigte aufgrund von Medikamenten widerstandsunfähig gewesen sei, werde durch das IRM-Gutachten widerlegt. Angesichts des koordinierten Vorgehens der Beschuldigten sei bei keinem von ihnen von einer massgebenden Verminderung der Wahrnehmung resp. der Einsichts - und Steuerungsfähigkeit auszugehen.