Citation: U 115/03 16.09.2003 E. 4

Gemäss Unfallmeldung UVG vom 28. September 2000 war der Beschwerdeführer am 5. September 2000 mit dem Spitzen an einer Betondecke beschäftigt. Dabei löste sich ein grosses Stück Beton und fiel ihm auf Kopf und Schulter. Von dieser Darstellung des Unfallherganges ist auszugehen. Die erstbehandelnden Ärzte der Chirurgischen Klinik des Spitals Y.________ diagnostizierten eine Commotio cerebri sowie eine Schulterkontusion links und eine Rissquetschwunde links parietookzipital. Während der Untersuchung und Wundversorgung klagte der Beschwerdeführer über Drehschwindel (Bericht vom 12. September 2000). Wegen persistierendem Kopfweh, Nausea, Schwindel sowie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen veranlasste die Hausärztin Frau pract. med. R.________ ein CT und ein EEG. Beide diagnostischen Massnahmen vom 19. Oktober und 27. November 2000 ergaben normale Befunde. Insbesondere konnte keine posttraumatische Hirnveränderung oder intracranielle Blutung nachgewiesen werden. Im Bericht vom 8. Dezember 2000 sprach der Neurologe Dr. med. T.________ von einem «stumpfen Schädel-Hirn-Trauma», welches der Versicherte am 5. September 2000 erlitten habe. Aufgrund der im Rahmen der konsiliarischen Untersuchung vom 11. Dezember 2000 erhobenen Befunde stellte Dr. med. T.________ die Diagnose einer psychasthenischen Reaktion postcommotionell. Der Neurologe siedelte die aktuellen Beschwerden hauptsächlich im vegetativen Bereich an. Es bestehe eine relativ niedrige Blutdruck-Lage und schlechte Reserve-Kapazität infolge Inaktivität, verstärkt durch eine leichte reaktiv depressive Entwicklung (Bericht vom 13. Dezember 2000). Der SUVA-Kreisarzt Dr. med. I.________, welcher den Versicherten am 22. März 2001 untersuchte, erachtete aufgrund der depressiven Verstimmung und der noch bestehenden vegetativen Beschwerden mit vermehrten Kopfschmerzen und Schwindel eine neuropsychologische Beurteilung für erforderlich. Ein weiteres EEG von Dr. med. T.________ ergab erneut Werte im Normbereich. Klinisch fiel einzig ein diskretes Ungleichgewicht der vestibulären Funktion zu Ungunsten von rechts auf (Bericht vom 21. Mai 2001). Die Abklärung durch den ORL-Spezialisten Dr. med. S.________ ergab einen unauffälligen Befund. Die Schwindelbeschwerden wurden «letztlich nach dem schweren Unfall als psychisch überlagert» betrachtet (Bericht vom 6. Juli 2001). Der Psychiater und Psychotherapeut Dr. med. L.________ stellte aufgrund der Untersuchung vom 3. Oktober 2001 die Diagnose einer längeren depressiven Reaktion F43.21 mit Schmerzsyndrom im Rahmen einer Anpassungsstörung nach Arbeitsunfall. Als Gründe für die depressive Reaktion als Folge auf das Ereignis vom 5. September 2000 nannte er die Konfrontation mit der Tatsache, nicht mehr arbeiten zu können, sowie die Aufgabe der für das Selbstwertgefühl wichtigen Boxkarriere (Bericht vom 16. Oktober 2001). 4.1 Aufgrund der bestehenden medizinischen Aktenlage kann nicht schlüssig beurteilt werden, ob die auch nach dem 25. Oktober 2001 geklagten Beschwerden (u.a. Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrationsstörungen, Depression) natürlich kausale Folge des Unfalles vom 5. September 2000 sind. Dafür spricht, dass der Beschwerdeführer eine Commotio cerebri erlitt. Darunter ist medizinisch ein leichtes Schädelhirntrauma, eine traumatisch bedingte, reversible Schädigung des Gehirns im Sinne einer Funktionsstörung ohne morphologisch fassbares Substrat zu verstehen (Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 259. Aufl., S. 310). Dr. med. T.________ sprach im EEG-Bericht vom 8. Dezember 2000 von einem «stumpfen Schädel-Hirn-Trauma». Unfallhergang sowie Art und Ausmass der geklagten Beschwerden weisen auf eine solche Verletzung hin. Anderseits ist die mit einer Commotio cerebri einhergehende Schädigung des Gehirns grundsätzlich reversibel. Ob in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist, innerhalb welcher Zeitspanne nach dem Unfall (Latenzzeit) bestimmte Beschwerden, insbesondere Kopfschmerzen, auftreten, ist nicht bekannt, kann hier indessen offen bleiben (vgl. RKUV 2000 Nr. 359 S. 29 Erw. 5e und Nr. 391 S. 308 Erw. 2b [Schleudertrauma der Halswirbelsäule]). Ebenfalls ist unklar, inwiefern der vor dem Unfall ausgeübte Boxsport bei dem noch als sehr jung zu bezeichnenden Versicherten einen kausalrechtlich bedeutsamen geschädigten Vorzustand geschaffen hatte. Für die Frage der natürlichen Unfallkausalität der geklagten Beschwerden nicht ohne Belang ist schliesslich, dass Hausärztin und Kreisarzt eine neuropsychologische Abklärung als erforderlich erachteten (vgl. zur Bedeutung der Neuropsychologie für den Nachweis des natürlichen Kausalzusammenhanges bei Schleudertraumen der Halswirbelsäule oder Schädel-Hirntraumen BGE 119 V 341 Erw. 2b/bb sowie BGE 117 V 380 ff. Erw. 3f). 4.2 Unklar ist weiter, im Hinblick auf die Adäquanzbeurteilung indessen entscheidend (Erw. 4.3), welche Bedeutung der psychischen Problematik gegenüber den geklagten Beschwerden (u.a. Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrationsstörungen) zukommt. Bei den Ärzten, die sich zum psychischen Gesundheitszustand geäussert haben, handelt es sich von Dr. med. L.________ abgesehen nicht um Psychiater oder Psychotherapeuten. Ihre Äusserungen sind sodann vor dem Hintergrund zu sehen, dass sie kein organisches Substrat für die geklagten Beschwerden finden konnten. Dr. med. S.________ im Besonderen ging im Übrigen von der unzutreffenden Annahme aus, der Versicherte sei infolge des am 5. September 2000 erlittenen Schädelhirntraumas zwei Tage lang bewusstlos gewesen (Bericht vom 6. Juli 2001). Ebenfalls liegt der Beurteilung des psychiatrischen Facharztes Dr. med. L.________ ein im Ablauf ganz anderer Unfall zu Grunde (Sturz von einem Baugerüst und auf den Hinterkopf fallendes Geröll). Schon von daher stellt sich die Frage, inwiefern der diagnostizierten längeren depressiven Reaktion F43.21 mit Schmerzsyndrom im Rahmen einer Anpassungsstörung nach Arbeitsunfall, soweit unfallbedingt, Krankheitswert zukommt (Bericht vom 16. Oktober 2001). 4.3 Die aufgeworfenen und vom kantonalen Gericht nicht näher geprüften Fragen können nicht offen gelassen werden. Bei gegebenem natürlichem Kausalzusammenhang zwischen Unfall und gesundheitlichen Beeinträchtigungen ist die Adäquanzprüfung lediglich dann nach Massgabe von BGE 115 V 133 vorzunehmen, wenn die psychische Problematik spätestens im Oktober 2000 ganz im Vordergrund stand und die anderen Beschwerden bloss noch eine sehr untergeordnete Rolle spielten (vgl. BGE 123 V 99 Erw. 2a mit Hinweisen und RKUV 2002 Nr. U 465 S. 437; ferner BGE 127 V 103 Erw. 5b/bb). Es sind somit weitere medizinische Abklärungen (psychiatrische Begutachtung, neuropsychologische Testung) im Sinne des Vorstehenden durch die SUVA unabdingbar. Sie beschlagen die Frage der natürlichen Kausalität, werden aber auch darüber Aufschluss geben, ob bei der Adäquanzprüfung danach zu differenzieren ist, ob die geklagten Beschwerden somatischer oder psychischer Natur sind oder ob auf diese Unterscheidung zu verzichten ist (Urteil H. vom 27. Juni 2000 [U 57/99]).