Citation: 7B_454/2023 E. 2.2.3

2.2.3. Die Vorinstanz nimmt ferner Bezug auf ein forensisch-psychiatrisches Gutachten von Dr. med. Thorsten B.________ vom 4. März 2016. Demnach sei im Beobachtungszeitraum der vergangenen zwölf Jahre nie ein Umschlagen von einem Zustand der Symptomfreiheit in die schweren Bewegungsstörungen beschrieben worden. Dies erstaune, zumal der Beschwerdeführer angegeben habe, solche Zustandsverschlechterungen könnten plötzlich in jeder Situation auftreten. Indes sei eine "Umschlagssituation" einzig bei einer Hausdurchsuchung beobachtet worden. Dieser Befund deute auf eine bewusstseinsnahe Präsentation der Beschwerden hin. Dafür würden auch das sehr selektive Auftreten und die selektive Information aller Ärzte und Therapeuten, das Verunmöglichen detaillierter Untersuchungen, die Ablehnung einer erfolgsversprechenden Behandlung, nachträgliche Schilderungen von Traumatisierungen und Symptomen sowie wenig plausible Erklärungen für die gefunden Diskrepanzen sprechen. Die Beschreibung von "guten Tagen" sei mit der dokumentierten Krankengeschichte nicht vereinbar. Eine mögliche Erklärung für die aktuell vermehrt gezeigten Beschwerden bestehe darin, dass sich der Beschwerdeführer über die Jahre in eine scheinbar ausweglose Situation manövriert habe. Obwohl sein Funktionsniveau wieder intakt gewesen sei, habe er das Gefühl gehabt, die Rentenzahlungen würden ihm zur Kompensation subjektiv erlebter Ungerechtigkeiten zustehen. Die Aufdeckung der Diskrepanzen bedrohe ihn nun finanziell in elementarer Weise, was zu Ängsten und verstärkt präsentierten Symptomen geführt habe. Das Krankheitskonzept einer Konversionsstörung entziehe sich einer streng wissenschaftlichen Überprüfung. Beim Beschwerdeführer würden die Bewegungsstörungen als Folge eines gestörten innerpsychischen Verarbeitungsprozesses gesehen. Diese Hypothese sei jedoch nie detailliert herausgearbeitet worden, weil der Beschwerdeführer nicht bereit gewesen sei, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Es bestünden lediglich vage Angaben zu einer möglichen Traumatisierung. Damit lasse sich die Diagnose weder belegen noch widerlegen. Der Erklärungsansatz der verschiedenen Leistungsniveaus mit Eu- und Distress erscheine nicht plausibel. Zusammengefasst würden sich mehrheitlich Hinweise auf eine bewusstseinsnahe Simulation von Bewegungsstörungen in bestimmten Situationen seit 2004 ergeben. Das Ausmass der Schmerzsymptomatik entziehe sich noch stärker einer objektiven Beurteilung. Aufgrund der Aktenlage bestünden deutliche Hinweise für eine ebenfalls bewusstseinsnahe Aggravation. Der Beschwerdeführer habe bei allen Observationen nie behandlungsbedürftige Symptome gezeigt. Gestützt auf Zeugenaussagen würden sich höchstens geringe Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit ergeben. Aus psychiatrischer Sicht bestünden keine Hinweise für eine relevante traumatisierende Erfahrung. Sofern gemäss der gerichtlichen Beweiswürdigung von einer Simulation auszugehen sei, habe gestützt auf die Aktenlage seit 2004 keine relevante Verminderung der Arbeitsfähigkeit bestanden. Anlässlich der erst- und vorinstanzlichen Hauptverhandlungen wurden dem Gutachter Ergänzungsfragen gestellt, namentlich mit Blick auf einen im Berufungsverfahren eingereichten Bericht der Klinik U.________ vom 10. September 2015 und die Relevanz aktueller medizinischer Berichte für seine vormalige Einschätzung. Der Experte führte zusammengefasst aus, in den observierten Tätigkeiten sei ein eklatanter Widerspruch zu den Feststellungen der Ärzte erkennbar. Die aktuellen Berichte zeigten ein sich zuspitzendes Beschwerdebild und dissoziative Zustände, die zuvor nie beschrieben worden seien. Der Schluss von einer Traumatisierung in der Kindheit auf das Auftreten von dissoziativen Zuständen dreissig oder vierzig Jahre später erscheine nicht lege artis. Nebst dem laufenden Gerichtsverfahren komme kein aktueller Auslöser für diese Störung in Betracht. Sowohl Bewegungsstörungen als auch Bewusstseinsverlust und Desorientierung bei einer Konversionsstörung seien nicht steuerbar und würden unvermittelt auftreten, was im Widerspruch zu den observierten Tätigkeiten stehe. Es fänden sich auch keine Hinweise dafür, dass ein Medikament eine derart gute Wirkung gezeigt hätte, dass eine längere Tätigkeit planbar gewesen wäre. Die Annahme, dass der Beschwerdeführer vorausgesehen hätte, zu einem bestimmten Zeitpunkt für einen konkreten Anlass leistungsfähig zu sein, widerspreche dem Konzept einer dissoziativen Störung. Störungstypisch wäre ein zufälliges Auftreten der Symptomatik unter dem Einfluss bestimmter Auslöser. Dies könne aber nicht nur bei Ärzten oder Physiotherapeuten der Fall sein. Die aktuellen Befunde seien kein Grund, von der Beurteilung des Gutachtens abzuweichen. Es müsse mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass im Anklagezeitraum ein deutlich besseres Funktionsniveau bestanden habe. Eine neue Begutachtung ergebe keinen Sinn, weil eine neurologische Ursache bislang immer ausgeschlossen worden sei und eine weitere Abklärung für den Beurteilungszeitraum von 2003 bis 2013 kaum relevant wäre. Aktuell sei davon auszugehen, dass im Anklagezeitraum eine leichte Symptomatik einer Konversionsstörung mit unwillkürlichen Bewegungen und der "Kern" einer dissoziativen Störung bzw. Symptomatik bestanden hätten, was aber die in den medizinischen Berichten konsistent geschilderte Schwere der Störungen nicht erklären könne.