Citation: I 643/05 05.07.2006 E. 4

In medizinischer Hinsicht ergibt sich aus den Akten Folgendes: 4.1 Dr. med. N.________ diagnostizierte in seinem Bericht vom 10. Juni 2004 partielle neuropsychologische Teilleistungsschwächen ICD-10 F07.8 infolge einer Cerebralparese seit Geburt. Trotz der grossen Schwierigkeiten erfolgte eine erfreuliche berufliche Ausbildung zum Elektromonteur und bis vor wenigen Jahren eine insgesamt wenig problematische Berufsausübung. Seit etwa 1997 bestehe jedoch zunehmender Druck durch vermehrte Anforderungen im Betrieb, veränderte Technologien, vermehrten Leistungs- und Termindruck, dadurch zunehmende Überforderung sowie zusätzliche Belastung durch eine Lungenembolie mit Hospitalisation 2003. Seit einiger Zeit sei der Versicherte wegen psychischen und vegetativen Problemen bei verschiedenen Fachpersonen in Behandlung, u.a. Amalgamsanierung, Akupunktur und verschiedenen weiteren Therapien. Schliesslich sei wegen depressivem Zustand eine Anmeldung in seiner Praxis erfolgt. Initial im Vordergrund sei ein depressives Syndrom mit Antriebs-, Affekt- und Schlafstörung sowie grosser Verunsicherung gestanden. Unter Therapie sei eine rasche Besserung eingetreten, im Vordergrund stünden jedoch kognitive Auffälligkeiten, die auf Grund der Vorgeschichte neuropsychologisch abgeklärt worden seien. Um eine möglichst rasche und qualitativ gute Wiedereingliederung zu erreichen, erachte er eine neuropsychologisch-kognitive Therapie sowie eine spezialisierte IV-Berufsberatung und -vermittlung als hoch dringlich. Zudem führte der Arzt aus, obwohl der Beschwerdeführer in den vergangenen Jahren nie wegen der Grunderkrankung krank geschrieben worden sei, bestehe kein Zweifel daran, dass eine krankheitsbedingte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit über mehrere Jahre bestanden habe, was schliesslich auch Anlass zur per Ende April erfolgten Entlassung gegeben habe. Heute sei zu befürchten, dass der Versicherte auf Grund seiner Grunderkrankung kaum eine Chance habe, selbstständig oder auch mit Hilfe eine geeignete neue Anstellung zu finden, obwohl er grundsätzlich über eine bedeutende Arbeitsfähigkeit verfüge, die unter günstigen Bedingungen genutzt werden könne. Zur Prognose gab Dr. med. N.________ an, gute Beratung und gezielte Förderung sollten ein gutes funktionelles Eingliederungsresultat erzielen können, da der Patient ausserordentlich motiviert und kooperativ mitwirke. Schliesslich verwies er auf die von ihm veranlasste neuropsychologische Untersuchung durch Dr. phil. H.________. 4.2 Dr. phil. H.________ führte in seinem neuropsychologischen Abklärungsbericht vom 22. Mai 2004 zu "Zusammenfassung und Beurteilung" aus, bei mehrheitlich unauffälligen und einzelnen gut durchschnittlichen neuropsychologischen Funktionen zeigten sich diskret bis leicht ausgeprägte Teilleistungsschwächen mit einem klaren Schwerpunkt in gewissen exekutiven und Aufmerksamkeitsfunktionen. Insgesamt entsprächen die Befunde einer knapp durchschnittlichen allgemeinen kognitiven Leistungsfähigkeit, wobei aber zu vermuten sei, dass das Potenzial des Versicherten höher und zumindest durchschnittlich sei. Die gut durchschnittlichen Funktionen würden die gerichtete/fokussierte Aufmerksamkeit, das Verständnis für Situationen mit lebenspraktischem Bezug (Erfassen sprachlicher Zusammenhänge), den Wortschatz und die räumlich-konstruktiven Leistungen in qualitativer Hinsicht (aber etwas verlangsamt) betreffen. Hervorzuheben sei auch die sehr gute Arbeitshaltung. Bei den festgestellten Teilleistungsschwächen ergebe sich ein klarer Schwerpunkt in gewissen exekutiven und Aufmerksamkeitsfunktionen: Betroffen seien (1) der Überblick, das damit zusammenhängende Strukturierungs- und Planungsvermögen, die geteilte Aufmerksamkeit und das Arbeitsgedächtnis, (2) die Einstell/Umstellungsfähigkeit (Auffassungsvermögen/-geschwindigkeit, Flexibilität) sowie (3) in geringerem Ausmass das abstrahierende und analysierende Denken und Erfassen von Zusammenhängen. Dies seien Funktionen, die zum Teil eng miteinander zusammenhingen und sich gegenseitig überschnitten. Sie wirkten sich derart aus, dass ein Problem nicht sofort, sondern erst verzögert erkannt und durchblickt werde. Das Analysieren eines Problems und die Planung des angemessenen Vorgehens erforderten viel Zeit. Es werde wenig systematisch, wenig zielgerichtet vorgegangen, mitunter voreilig-dreinschiessend-drauflos (was auch langsam vor sich gehen könne) oder es würden eher kompliziert-umständliche Lösungwege eingeschlagen. Die Betroffenen blieben an (unwesentlichen) Details hängen und verlören das Ganze aus den Augen, sie gerieten auf ein Nebengeleise oder in die Sackgasse, mitunter immer wieder in dieselbe (sie "verzettelten" sich). Es falle schwer, verschiedene Aspekte simultan im Auge zu behalten und zu berücksichtigen, Teilschritte oder wichtige Aspekte würden mitunter übersehen, aus den Augen verloren oder vergessen (Flüchtigkeitsfehler), es müsse häufiger korrigiert werden. Neues zu lernen oder Umlernen falle schwer oder erfordere mehr Zeit. Die festgestellte Teilleistungsschwäche in der visuell-räumlichen Lernfähigkeit sei hauptsächlich so bedingt (leichte Perseverationstendenz). Diese Schwäche wirke sich vor allem beim selbstständigen Arbeiten und bei wenig vorstrukturierten oder neuartigen Aufgaben aus und dahingehend, dass mehr Zeit aufgewendet werden müsse. Typisch seien deshalb auch Leistungsschwankungen, die vom Grad der Vorstrukturiertheit der Aufgaben abhängig seien. Die Folge sei ineffizientes Arbeiten. Ein zusätzliches Handicap in der heutigen Arbeitswelt stellten das verlangsamte Arbeitstempo und die diskreten Schwächen in der mündlichen Informationsaufnahme (sprachliche Merk- und Lernfähigkeit, komplexere mündliche Sprachaufnahme, -verarbeitung und -speicherung) dar. Hauptsächlich wenn es sich um viel, neuartige oder ungewohnte Information handle, würden Details unvollständig oder ungenau aufgenommen, verarbeitet und abgespeichert (z.B. Namen, Fachbegriffe, Orts-, Zeit-, Mengenangaben). Dies wirke sich beispielsweise bei mündlich erteilten Arbeitsaufträgen aus und vermehrt, wenn diese "noch rasch zwischen Tür und Angel" erteilt würden. Auch das Aneignen neuer fachlicher Informationen bereite Mühe bzw. benötige mehr Zeit. Wichtig seien folgende Hinweise: (1) Es bestehe kein Zweifel, dass es sich bei den festgestellten Teilleistungsschwächen um zerebral bedingte Teilleistungsschwächen handle; sie seien angeboren und stünden im Zusammenhang mit der früher diagnostizierten und von der Invalidenversicherung anerkannten kindlichen Zerebralparese. Das heisse, niemand sei schuld, weder der Betroffene selber (indem er sich zu wenig Mühe gebe, nicht motiviert sei) noch die Eltern (die falsch erzogen oder zu wenig Zeit aufgewendet hätten) und auch nicht die Schule/Lehrpersonen. (2) Die festgestellten Teilleistungsschwächen seien diskret bis leicht ausgeprägt, aber die Auswirkungen seien in der Regel viel grösser und sehr störend und nachteilig. Die vorhandenen Möglichkeiten könnten nicht entsprechend dem Potenzial und geleisteten Aufwand in Leistung umgesetzt werden. Der Versicherte erzielte und erziele immer wieder schlechtere Leistungen, als er hätte erwarten dürfen, was für ihn nicht erklärbar sei, ihn verunsichere, frustriere und sein Selbstvertrauen stetig mindere. (3) Psycho-reaktive Auffälligkeiten würden früher oder später immer auftreten, wobei die Erscheinungsformen sehr mannigfaltig seien. Häufig seien aggressive Verhaltensweisen, Resignation, Rückzug, Überempfindlichkeit, Stimmungsschwankungen, depressive Verstimmung, körperliche Beschwerden (psychosomatisch). (4) Die Verunsicherung verstärke die Problematik im Sinne eines Teufelskreises. (5) Oft werde den Betroffenen zu Unrecht Faulheit, fehlende Motivation oder mangelndes Interesse unterstellt, was zusätzlich frustriere, die Leistungsmotivation und das Selbstvertrauen weiter senke und die reaktiven Verhaltensauffälligkeiten verstärke. Die Arbeitsfähigkeit sei, bedingt durch die angeborenen Hirnfunktionsstörungen, eingeschränkt. Vordringliches Ziel sei es, den Versicherten wieder in die Arbeitswelt zu integrieren, notwendig werde die Inanspruchnahme der IV-Berufsberatung. Eine berufliche Umschulung sei aus neuropsychologischer Sicht nicht angezeigt, da sich die festgestellten Teilleistungsschwächen nicht "ausgerechnet" in diesem Beruf auswirkten, sondern sozusagen überall, und weil der Versicherte nicht über ausgesprochene Leistungsstärken in einem anderen Berufsfeld verfüge. Günstig seien solche berufliche Tätigkeiten, die gleichartige und vorstrukturierte Arbeitsabläufe, welche aber durchaus komplexer sein sollen, beinhalteten. Die Einarbeitung werde voraussichtlich mehr Zeit und Anleitung erfordern, zudem werde der Versicherte in der vorgegebenen Zeit keine Leistung von 100 % erbringen. Der künftige Arbeitgeber könne aber mit einem hoch motivierten, arbeitswilligen, zuverlässigen, gewissenhaften und selbstkritischen Mitarbeiter rechnen. 4.3 Auf Grund dieser ärztlichen Beurteilungen kann nicht abschliessend beurteilt werden, ob die Erwerbslosigkeit des Versicherten auf gesundheitlichen Gründen beruht. Es bestehen zwar klare Anhaltspunkte für eine medizinisch bedingte Leistungseinbusse, jedoch äussern sich die beiden Ärzte nicht konkret zur Höhe einer Arbeitsunfähigkeit, weder in der angestammten noch in einer Verweisungstätigkeit. Dabei ist im Übrigen festzuhalten, dass weder die früheren IV-Akten vor 2004 noch andere Berichte von früher behandelnden Ärzten beigezogen wurden. Die Sache ist deshalb an die IV-Stelle zurückzuweisen, damit sie den Sachverhalt in medizinischer Hinsicht näher abkläre, insbesondere den aktuellen Gesundheitszustand und die sich daraus ergebenden Einschränkungen der Leistungsfähigkeit feststelle. In diesem Rahmen wird sie auch die entsprechenden Abklärungen der Arbeitslosenversicherung beizuziehen haben. Hernach wird sie in erwerblicher Hinsicht zu prüfen haben, inwiefern sich eine allfällig festgestellte Arbeitsunfähigkeit auf die Erzielung eines Erwerbseinkommens auswirkt und damit einen Anspruch auf berufliche Massnahmen oder Rente begründet.