Citation: 6B_480/2024 E. 2.3.2

2.3.2. Sodann rügt die Beschwerdeführerin den vorinstanzlichen Schluss, wonach der Privatkläger den Ausdruck "pute" unmittelbar auf seine Betitelung als "Neger" geäussert habe. Seine Äusserung sei weder zeitlich noch örtlich unmittelbar erfolgt. Die Beschimpfung der Beschwerdegegnerin sei vollendet gewesen, als der Arbeitskollege diese zur Kenntnis genommen habe. Gemäss System-Ansage der Combox sei dies am 6. Juni 2019 um 9:46 Uhr der Fall gewesen. Gleichentags sei am 6. Juni 2019 um 13:53 Uhr eine weitere Combox-Nachricht erfolgt. Kurz nach 14:00 Uhr habe der Privatkläger von beiden Combox-Nachrichten eine Audio-Aufnahme erstellt und diese mit der Bemerkung ergänzt, er werde Anzeige erstatten gegen diese "pute". Daraus leitet die Beschwerdeführerin ab, dass zwischen den Äusserungen "Neger" und "pute" mindestens vier Stunden vergangen seien. Zudem liege es nahe, dass der Privatkläger die Audio-Aufnahme nicht beim erstmaligen Abhören der Combox-Nachrichten erstellt habe. Lebensnäher sei die Annahme, dass er die Combox-Nachrichten ohne Audio-Aufnahme abgehört, den brisanten Inhalt erkannt und erst dann zu Beweiszwecken eine Audio-Aufnahme erstellt habe. Die Möglichkeit der Strafbefreiung bei Retorsion nach Art. 177 Abs. 3 StGB stellt einen Spezialfall zur Strafbefreiung nach Art. 177 Abs. 2 StGB dar (Trechsel/Lehmkuhl, in: Trechsel/Pieth [Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch, 4. Auflage 2021, N. 8 zu Art. 177 StGB). In beiden Fällen muss die erste Beschimpfung unmittelbaren Anlass zur zweiten Beschimpfung gegeben haben, was zeitlich zu verstehen ist (BGE 117IV 270 E. 2c; 83 IV 151; Urteile 6B_1052/2023 vom 4. März 2024 E. 1.3.1; 6B_512/2017 vom 12. Februar 2018 E. 4.1). Nicht mehr "unmittelbar" ist eine Reaktion nach zehn Tagen (Urteil 6B_938/2017 vom 2. Juli 2018 E. 5.3.2) oder nach zwei Monaten (Urteil 6B_918/2016 vom 28. März 2017 E. 10.2). Immer ist auf den konkreten Einzelfall abzustellen. Auch diese Rüge der Beschwerdeführerin ist unbegründet. Sie plädiert für eine restriktive Anwendung der Strafbefreiung. Doch das Gesetz zwingt nicht dazu. Vielmehr lässt Art. 177 Abs. 3 StGB im Bagatellbereich bewusst eine gewisse Form der Selbstjustiz zu (Trechsel/ Lehmkuhl, a.a.O., N. 7 zu Art. 177 StGB). Auch wenn man vom Sachverhalt ausgeht, wie ihn die Beschwerdeführerin vor Bundesgericht ergänzt haben will, verstösst die vorinstanzliche Strafbefreiung nicht gegen Bundesrecht. Vielmehr liegt auf der Hand, dass ein enger Zusammenhang zwischen den ehrverletzenden Ausdrücken "Neger" und "pute" besteht. Der Privatkläger hörte auf der Combox-Nachricht, dass ihn die Beschwerdegegnerin als "Neger" betitelt hatte und entschloss sich deswegen zu einer Strafanzeige. Es ist nicht bekannt, wann der Privatkläger die Combox-Nachrichten zur Kenntnis nahm. Jedenfalls verging aber nur eine äusserst kurze Zeit, bis er zu Beweiszwecken die Combox-Nachrichten aufzeichnete und dabei die Beschwerdegegnerin als "pute" bezeichnete. Vor diesem Hintergrund durfte die Vorinstanz ohne weiteres annehmen, dass der Privatkläger sich durch seine ehrenrührige Äusserung hinreichend Gerechtigkeit verschafft hat. Ein öffentliches Interesse an der Bestrafung der Beschwerdegegnerin durfte die Vorinstanz angesichts der ganzen Umstände verneinen.