Citation: U 444/05 06.11.2006 E. 4

4.1 Ob und gegebenenfalls inwieweit der Beschwerdeführer noch an einem unfallbedingten Zervikalsyndrom leidet, wird in den medizinischen Akten unterschiedlich beurteilt. Während der Neurologe Dr. med. L.________ ein Zervikalsyndrom als nicht mehr nachweisbar bezeichnet hat, bestätigte der Rheumatologe Dr. med. J.________ ein allerdings diskret ausgeprägtes Zervikalsyndrom. In der Beantwortung der Expertenfragen führen die Gutachter des ZMB aus, die Kriterien des Begriffes "Zervikalsyndrom" seien nicht erfüllt; es fänden sich keine muskulären Verspannungen und es bestehe eine volle Beweglichkeit der HWS. Auf was für eine Begriffsdefinition dabei Bezug genommen wird, lässt sich den Ausführungen nicht entnehmen. Indessen fand auch Dr. med. M.________ eine volle Beweglichkeit der HWS und ausser einer leichten Tonuserhöhung der Muskulatur und nachträglich festgestellten vereinzelten Myogelosen keine pathologischen Befunde. Wenn der Privatgutachter betont, ein Zervikalsyndrom sei klinisch-neurologisch abgrenzbar, so lässt dies nicht schon auf eine Unfallkausalität der geltend gemachten Nacken- und Kopfschmerzen schliessen, zumal eindeutige Anhaltspunkte für unfallfremde Faktoren vorliegen. Zum einen sind degenerative Veränderungen ausgewiesen, die für die weiter bestehenden Nackenschmerzen ursächlich sein können, auch wenn der Beschwerdeführer vor dem Unfall anscheinend beschwerdefrei war. Zum andern bestehen in Form einer somatoformen Schmerzstörung psychische Faktoren, welche für die Fortdauer des Zervikalsyndroms zumindest mitursächlich sein können. Für einen entsprechenden Zusammenhang spricht der Umstand, dass die Nackenschmerzen zunächst weitgehend abgeklungen und später erneut Beschwerden aufgetreten sind, was darauf schliessen lässt, dass nicht mehr das HWS-Distorsionstrauma, sondern psychische Beeinträchtigungen für das Weiterbestehen des Schmerzsyndroms massgebend sind. Es ist daher fraglich, ob die Nackenschmerzen auch nur im Sinne einer Teilkausalität noch auf das Unfallereignis vom 23. September 1996 zurückzuführen sind. Im Übrigen stimmen die Arztberichte darin überein, dass das Zervikalsyndrom höchstens noch leichter Natur ist und ihm gegenüber dem psychischen Beschwerdebild lediglich eine untergeordnete Bedeutung zukommt. 4.2 Unklar ist sodann, ob der Beschwerdeführer beim Unfall eine milde traumatische Hirnverletzung erlitten hat und ob er als Folge einer solchen Verletzung noch an gesundheitlichen Beeinträchtigungen leidet. Nach allgemein anerkannter Lehrmeinung setzt die Diagnose einer milden traumatischen Hirnverletzung (mild traumatic brain injury = MTBI) entweder eine Episode von Bewusstlosigkeit oder einen Gedächtnisverlust für Ereignisse unmittelbar vor oder nach dem Unfall oder eine Bewusstseinstrübung (z.B. Benommenheitsgefühl, Desorientierung) im Zeitpunkt der Verletzung voraus (Adrian M. Siegel, Neurologisches Beschwerdebild nach Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule, in: Die neurologische Begutachtung, Zürich 2004, S. 166 Tabelle 9, mit bibliographischen Hinweisen). Im vorliegenden Fall steht fest, dass der Beschwerdeführer beim Unfall den Kopf am linken Türrahmen des Personenwagens angeschlagen hat. Eine Bewusstlosigkeit oder Amnesie ist nicht ausgewiesen. Dagegen scheint nach dessen Angaben gegenüber der SUVA vom 26. Mai 1997 eine kurze Bewusstseinstrübung in Form von Benommenheit und Desorientierung aufgetreten zu sein, wovon auch die Gutachter des ZMB ausgehen. Dr. med. L.________ schliesst eine milde traumatische Hirnverletzung jedenfalls nicht aus, auch wenn er sie bezüglich des Schweregrades im untersten Bereich einordnet. Fraglich ist, inwieweit sich das bestehende Beschwerdebild (noch) auf die Hirnverletzung zurückführen lässt. Dr. med. M.________ scheint der Hirnverletzung lediglich die festgestellten kognitiven Störungen in Form von Konzentrations- und Gedächtnisdefiziten sowie die vestibuläre Störung (Schwindelbeschwerden) zuzurechnen, während er die Kopfschmerzen als Teil des Zervikalsyndroms auffasst. Dr. med. L.________, welcher ein Zervikalsyndrom verneint, schliesst eine zervikozephale Ursache aus und erachtet differentialdiagnostisch ein chronisches posttraumatisches Kopfweh nicht als hinreichend gesichert bzw. einen Zusammenhang nicht als überwiegend wahrscheinlich. Die von Dr. med. M.________ festgestellte leichte vestibuläre Störung konnte von Dr. med. L.________ klinisch nicht nachgewiesen werden. Die bei der Untersuchung aufgetretenen leichtgradigen Unsicherheiten beurteilte er als funktionell. Im zweiten Gutachten vom 30. Dezember 2004 bekräftigte Dr. med. M.________ die Diagnose einer unfallbedingten leicht ausgeprägten vestibulären Störung. Eine solche sei auch von den Ärzten des ZMB festgestellt, unzutreffenderweise aber auf einen Alkoholabusus zurückgeführt worden. Diesbezüglich geht aus den Akten hervor, dass der Beschwerdeführer bei der Untersuchung im ZMB wissentlich falsche Angaben zum Alkoholkonsum gemacht hatte. Hinsichtlich der geklagten leichten kognitiven Störungen bleibt nach Lage der medizinischen Angaben offen, ob sie mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf die Hirnverletzung zurückzuführen sind oder - wie allenfalls auch die gelegentlich auftretenden Schwindelbeschwerden und die Übelkeit - psychisch bzw. psychosomatisch bedingt sind. 4.3 Was schliesslich die psychischen Beeinträchtigungen betrifft, steht auf Grund der ärztlichen Unterlagen fest, dass es im Anschluss an den Unfall vom 23. September 1996 vor dem Hintergrund einer narzisstischen Persönlichkeit zu einem chronischen Schmerzsyndrom und einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung gekommen ist. Ausgewiesen ist des Weiteren, dass eine posttraumatische Belastungs- oder Anpassungsstörung (ICD-10: F43), wie sie Dr. med. M.________ zunächst angenommen hat, ausgeschlossen werden kann. Unterschiedliche Auffassungen der beteiligten Ärzte bestehen hinsichtlich der Unfallkausalität des psychischen Beschwerdebildes. In diesem Punkt vermag die Feststellung im Gutachten des ZMB, wonach die psychische Fehlentwicklung ausschliesslich auf die vorbestehende neurotische Persönlichkeitsstruktur zurückzuführen ist, kaum zu überzeugen, wird in der psychiatrischen Beurteilung doch ausgeführt, der Unfall müsse als Schlüsselerlebnis gewertet werden, welcher eine unheilvolle Entwicklung ausgelöst habe. Dies spricht dafür, dass der Unfall als auslösender Faktor zumindest teilursächlich für die psychische Fehlentwicklung war. Dass Letztere auch ohne den Unfall in gleicher Weise eingetreten wäre, ist nicht erstellt. Fraglich bleibt, ob es sich bei der somatoformen Schmerzstörung um eine Beeinträchtigung handelt, welche mit einer zumutbaren Willensanstrengung überwindbar wäre. Die Vorinstanz hat hiezu bei Dr. med. O.________ eine Stellungnahme eingeholt, worin dieser zum Schluss gelangt, die Fähigkeit des Versicherten zur Überwindung der Beschwerden sei deutlich eingeschränkt und es sei ihm nicht möglich gewesen, die Schmerzproblematik zu überwinden. Nach der Rechtsprechung ist dies jedoch nur ausnahmsweise anzunehmen, wenn besondere Umstände gegeben sind, welche eine Überwindung der Schmerzproblematik auch bei Aufbietung der zumutbaren Willensanstrengung nicht erwarten lassen (BGE 131 V 50 f. Erw. 1.2). Wie es sich diesbezüglich im vorliegenden Fall verhält, lässt sich anhand der medizinischen Akten nicht zuverlässig beurteilen.