Citation: 2C_460/2017 E. 3.5.6

3.5.6. Unbestritten sind vorliegend Verletzungen an der Nase und Nasenbluten bei der Beschwerdeführerin. Wie es dazu gekommen ist, ist dagegen höchst umstritten. Die Vorinstanz hat diesbezüglich im Wesentlichen auf das Strafurteil abgestellt. Dass im Ausländerrecht eine strafrechtliche Verurteilung für den Nachweis häuslicher Gewalt nicht erforderlich ist, bedeutet umgekehrt nicht, dass ein strafrechtlicher Freispruch nicht als Indiz berücksichtigt werden darf. Art. 77 Abs. 6 VZAE ist nicht abschliessend und wenn gemäss Art. 77 Abs. 6 lit. b VZAE Polizeirapporte und strafrechtliche Verurteilungen als Indiz für häusliche Gewalt gewertet werden dürfen, so muss es zulässig sein, einen strafrechtlichen Freispruch als Indiz gegen häusliche Gewalt zu berücksichtigen. Entscheidend ist, wie ein strafrechtlicher Freispruch in der (ausländerrechtlichen) Beweiswürdigung gewichtet wird. Dabei ist zu beachten, dass im Strafrecht die Beweiswürdigungsregel in dubio pro reo gilt, wonach bei - unter objektiver Betrachtung - Bestehen erheblicher und nicht zu unterdrückender Zweifel, ob sich der Sachverhalt so verwirklicht hat, das Gericht nicht von der Existenz eines für die beschuldigte Person ungünstigen Sachverhalts ausgehen darf, sodass bei entsprechenden Zweifeln ein Freispruch erfolgen muss (Urteil 9C_131/2011 vom 19. Dezember 2011 E. 7; Urteil 6P.27/2006 vom 27. November 2006 E. 1). Im Ausländerrecht sind die Anforderungen an den Nachweis häuslicher Gewalt dagegen tiefer, da der Schutz des Opfers im Vordergrund steht und für dessen Inanspruchnahme keine allzu hohen Hürden errichtet werden sollen (E. 3.4.3). Eine Rückweisung an die Vorinstanz ist vorliegend nicht angezeigt, da unmittelbare Zeugen des Vorfalls vom 28. Januar 2012 fehlen und sowohl die Beschwerdeführerin als auch der Ehemann bei einer erneuten Befragung auf ihrer jeweiligen Version beharren dürften. Arztberichte bzw. Arztzeugnisse sind ausländerrechtlich ein gewichtiges Indiz dafür, dass sich häusliche Gewalt ereignet hat, wobei ein einziges oberflächliches ärztliches Zeugnis nicht genügt (Urteil 2C_1072/2014 vom 9. Juli 2015 E. 3.1; Urteil 2C_155/2011 vom 7. Juli 2011 E. 4.5). Der Arztbericht I.________ bestätigt im Nasenbereich gewisse Verletzungen, ebenso der Bericht des Universitätsspitals Zürich. Der Operationsbericht von L.________ erwähnt mehrere Frakturlinien bei der kaudalen Septumplatte, ohne diese näher einzuordnen. Im Schreiben vom 22. April 2013 vermutet L.________ eine posttraumatische, also durch Verletzung entstandene Beeinträchtigung, aber die Ursächlichkeit des Faustschlages wird damit begründet, dass sich die Beschwerdeführerin in der Permanence und später am Universitätsspital Zürich behandeln liess. Zwar würde die Verletzung, falls vom Ehemann zugefügt, gerade noch für eine einfache Körperverletzung und somit für häusliche Gewalt im Sinne des Ausländerrechts reichen (ROTH/KESHELAVA, a.a.O., N. 5 zu Art. 126 StGB), aber die Ursache der Verletzung bleibt damit offen. Die Vorinstanz bezweifelt mit dem Strafgericht die Glaubwürdigkeit der Schilderungen des Vorfalls durch die Beschwerdeführerin und geht im Ergebnis mit dem Strafgericht davon aus, dass es, auch aufgrund des alkoholisierten Zustands der Beschwerdeführerin, naheliegend ist, dass sich die Beschwerdeführerin selbst verletzt hat. Die Vorinstanz hat dem freisprechenden Strafurteil einen hohen Stellenwert beigemessen, indem es sich im Wesentlichen auf dessen detaillierte Erwägungen abstützt. Das Strafgericht hat sich auch mit den Arztberichten auseinandergesetzt und ist zum Schluss gelangt, dass aufgrund derselben die Ursache der Verletzung nicht mit genügend hoher Wahrscheinlichkeit bestimmt werden kann, sodass im Rahmen des Strafrechts objektiv erhebliche Zweifel an einer körperlichen Einwirkung durch den Ehemann bestehen. Die Beschwerdeführerin beschränkt sich bezüglich physischer Gewalt im Wesentlichen darauf, eine aktenwidrige Würdigung der Arztberichte zu behaupten, ohne sich mit der Kritik an letzteren auseinander zu setzen. Auch auf die zahlreichen Ungereimtheiten in den Aussagen der Beschwerdeführerin bezüglich Ablauf des Ereignisses vom 28. Januar 2012 geht die Beschwerdeführerin nicht ein. Sämtliche wesentlichen Beweismittel wurden von der Vorinstanz berücksichtigt und diese hat daraus den Schluss gezogen, dass häusliche Gewalt auch bezüglich des Ereignisses vom 28. Januar 2012 nicht glaubhaft gemacht wurde. Die Sachverhaltsrügen der Beschwerdeführerin in Bezug auf dieses Ereignis sind zu wenig substanziiert, als dass sie die vorinstanzliche Beweiswürdigung als offensichtlich unhaltbar bzw. willkürlich erscheinen lassen. Der Beschwerdeführerin ist bei diesem Ergebnis die Berufung auf Art. 50 Abs. 1 lit. b i.V.m. Abs. 2 AuG verwehrt.