Citation: 6S.205/2003 23.09.2003 E. 4

Der Beschwerdeführer macht geltend, die sexuellen Kontakte seien der sexuellen Nötigung zuzuordnen, weil er in starker psychischer Abhängigkeit und unter starkem psychischem Druck des Beschwerdegegners gestanden habe (vgl. Beschwerde S. 4 - 10). Dieser bestreitet, den Beschwerdeführer zu sexuellen Handlungen genötigt zu haben (angefochtener Entscheid S. 14, 16/17). 4.1 Der sexuellen Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB macht sich schuldig, wer eine Person zur Duldung einer beischlafsähnlichen oder anderen sexuellen Handlung nötigt, namentlich indem er sie bedroht, Gewalt anwendet, sie unter psychischen Druck setzt oder zum Widerstand unfähig macht. Im Gegensatz zum früheren Recht setzt eine sexuelle Nötigung nicht mehr die Widerstandsunfähigkeit des Opfers voraus. Immer ist aber eine erhebliche Einwirkung erforderlich. Die sexuellen Nötigungstatbestände verbieten den Angriff auf die sexuelle Freiheit. Sie gelten als Gewaltdelikte und sind damit prinzipiell als Akte physischer Aggression zu verstehen. Die Tatbestandsvariante des Unter-psychischen-Druck-Setzens stellt jedoch klar, dass sich die tatbestandsmässige Ausweglosigkeit der Situation für das Opfer auch ergeben kann, ohne dass der Täter eigentliche Gewalt anwendet; es kann vielmehr genügen, dass dem Opfer eine Widersetzung aus anderen Gründen nicht zuzumuten ist, weil die gesamten Umstände eine Qualität erreichen, die sie als so genannte "strukturelle Gewalt" erscheinen lassen. Ob die tatsächlichen Verhältnisse die tatbeständlichen Anforderungen eines Nötigungsmittels erfüllen, kann nur nach einer umfassenden Würdigung der konkreten Umstände entschieden werden. Kognitive Unterlegenheit und emotionale wie soziale Abhängigkeit können - insbesondere bei Kindern und Jugendlichen - einen ausserordentlichen Druck erzeugen, der es ihnen verunmöglicht, sich gegen sexuelle Übergriffe zu wehren. Eine Tatbestandsmässigkeit setzt aber in jedem Fall voraus, dass unter den konkreten Umständen das Nachgeben des Kindes oder Jugendlichen verständlich erscheint. Das Ausnützen allgemeiner Abhängigkeits- oder Freundschaftsverhältnisse genügt für sich genommen in der Regel nicht, um einen relevanten psychischen Druck im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB zu begründen (vgl. BGE 128 IV 97 E. 2b mit Hinweisen). 4.2 Nach Auffassung der Vorinstanz genügen die dem Beschwerdegegner vorgeworfenen Handlungen dem Kriterium des psychischen Drucks nicht. Der Beschwerdeführer sei vom Beschwerdegegner in die Naturheillehre eingeführt worden und habe dann zusammen mit seiner Schwester und finanziert durch den Vater die Naturheilpraxis des Beschwerdegegners zu einem Preis von 520'000 Franken übernommen. Danach habe er als neuer Geschäftsinhaber weiterhin in engen beruflichen und persönlichen Beziehungen zum Beschwerdegegner gestanden, wobei er mit diesem über Jahre hinweg homosexuelle Kontakte gehabt habe. Dem Beschwerdeführer wäre es als Geschäftsinhaber ein Leichtes gewesen, seiner Selbstbestimmung in dem Sinne Nachachtung zu verschaffen, dass er den Beschwerdegegner des Geschäftes verwiesen oder keine weiteren beruflichen und persönlichen Kontakte mehr gepflegt hätte. Daran ändere nichts, dass der Beschwerdegegner angeblich für die Bekanntgabe der Rezepturen einzelner Naturheilmittel als Gegenleistung sexuelle Handlungen mit dem Beschwerdeführer verlangt haben soll, da dieser vorgängig eine entsprechende Anlehre beim Beschwerdegegner absolviert gehabt habe und damit selber in der Lage gewesen sei, Naturheilmittel herzustellen. Insgesamt habe eine gegenseitige homoerotische bzw. homosexuelle Beziehung zwischen dem Beschwerdeführer und dem Beschwerdegegner vorgelegen, die auf einem freiwilligen Mitmachen des Beschwerdeführers beruht habe (vgl. angefochtener Entscheid S. 17/18). 4.3 Diese Ausführungen, die sich auf die Zeit beschränken, nachdem der Beschwerdeführer die Naturheilpraxis des Beschwerdegegners übernommen hat und deren Geschäftsführer geworden ist, sind zwar für diese Zeit möglicherweise richtig, aber sie sind auf jeden Fall unvollständig. Aus dem angefochtenen Entscheid ergibt sich zunächst nicht, wann der Beschwerdeführer Geschäftsführer der Naturheilpraxis geworden ist. Seinen Aussagen ist zu entnehmen, dass der Verkauf der Praxis Ende 1990 durchgeführt wurde (Beschwerdebeilage 17 S. 5 oben). Zu diesem Zeitpunkt war der Beschwerdeführer weniger als 17 Jahre alt. Geschäftsführer dürfte er deshalb erst später geworden sein. Zuvor wurde der Beschwerdeführer durch den Beschwerdegegner zum Naturheiler ausgebildet. Auch in dieser Zeit der Ausbildung soll es zu sexuellen Kontakten gekommen sein. Zu diesen äussert sich die Vorinstanz nicht. Zum einen geht es um sexuelle Kontakte, die vor dem 16. Altersjahr des Beschwerdeführers stattgefunden haben sollen. Solche werden vom Beschwerdegegner bestritten. Die Vorinstanz äussert sich dazu nur im Zusammenhang mit der Frage der Verjährung der sexuellen Handlungen mit Kindern und stellt fest, diese "eventuellen" Kontakte seien "nicht bewiesen"; in der Folge beantwortet sie die Frage der Verjährung "unabhängig davon, welche der Sachverhaltsdarstellungen nun ihre Richtigkeit hat" (angefochtener Entscheid S. 14). Im Zusammenhang mit dem Vorwurf der sexuellen Nötigung erwähnt sie diesen Vorwurf, der ihrer Darstellung gemäss "seine Richtigkeit" haben könnte, mit keinem Wort. Dies ist mangelhaft. Zum zweiten kam es im Frühling 1990 zu sexuellen Handlungen, die der Beschwerdegegner zugegeben hat (angefochtener Entscheid S. 5). Auch dazu äussert sich die Vorinstanz nicht. Es ist nun aber nicht von vornherein ausgeschlossen, dass der etwas über 16 Jahre alte Beschwerdeführer während der Ausbildung zum Naturheiler vom Beschwerdegegner derart abhängig war, dass er befürchtete, dessen Zuneigung zu verlieren, wenn er sich sexuell mit ihm nicht einlasse. In Anwendung von Art. 277 BStP ist der angefochtene Entscheid deshalb aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit sie sich zu den gesamten Vorwürfen, die der Beschwerdeführer gegenüber dem Beschwerdegegner erhebt, äussere.