Citation: 9C_390/2022 E. A

A.________ (geb. 1964), langjährige Qualitätsprüferin von optischen Linsen, meldete sich im März 2019 zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an, nachdem der Arbeitgeber sie (unter Hinweis auf ein zervikobrachiales Syndrom mit myofaszialen Befunden in der Schultermuskulatur sowie auf eine Dysfunktion des rechten Sakroiliakalgelenks) bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zur Früherfassung gemeldet hatte. Die IV-Stelle traf verschiedene Massnahmen zur Erhaltung des Arbeitsplatzes. In einem Vorbescheid vom 25. Oktober 2019 teilte die IV-Stelle A.________ mit, sie sehe vor, die Ansprüche auf berufliche Massnahmen und eine Invalidenrente abzulehnen. Der aktuelle Arbeitsplatz sei infolge vorgenommener Anpassungen ideal leidensadaptiert und die Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt. Die Klinik B.________ berichtete am 20. Januar 2020 von einer Erstuntersuchung, wonach vorläufig von einer mittelgradigen depressiven Episode mit einem somatischen Syndrom und von einer psycho-physischen Erschöpfung auszugehen sei. Die IV-Stelle holte ein interdisziplinäres Gutachten bei der Medizinischen Abklärungsstelle (MEDAS) Ärztliches Begutachtungsinstitut (ABI), Basel, vom 4. Januar 2021 ein. Die Sachverständigen erhoben einen unauffälligen psychischen Befund, anamnestisch sei ein Status nach einer mittelgradigen depressiven Episode Ende 2019/Anfang 2020 und eine Schmerzverarbeitungsstörung mit einer vorübergehend vollständigen Arbeitsunfähigkeit dokumentiert. Davor und danach sei die Versicherte aus psychiatrischer Sicht uneingeschränkt arbeitsfähig gewesen. Der Rheumatologe interpretierte die geklagten Beschwerden als überlastungsbedingte Schmerzsymptomatik, fand im Übrigen aber keine hochgradige Pathologie am Bewegungsapparat. Insgesamt kamen die Gutachter zum Schluss, die angestammte Tätigkeit sei wegen eines erhöhten Bedarfs an Ruhe- und Erholungspausen zu 60 Prozent zumutbar, eine angepasste, belastungsarme Tätigkeit zu 90 Prozent. Die weiteren Diagnosen (u.a. Autoimmunhepatitis und chronische Niereninsuffizienz) wirkten sich nach fachärztlicher Feststellung nicht auf die Arbeitsfähigkeit aus. Nachdem A.________ auf einen die Leistung ablehnenden Vorbescheid mit der Einreichung aktueller medizinischer Unterlagen u.a. betreffend eine stationäre psychiatrische Behandlung im Januar/Februar 2021 reagiert hatte, ersuchte die IV-Stelle die Gutachter um eine Stellungnahme. Diese antworteten, die psychiatrischen Berichte belegten keine anhaltende Zustandsverschlechterung. Die depressiven Symptome hätten sich im Verlauf der vierwöchigen Behandlung vollständig zurückgebildet. Auch in rheumatologischer Hinsicht werde an der gutachtlichen Beurteilung festgehalten. Die Klinik B.________ hielt indessen fest, die depressive Symptomatik habe sich seit Dezember 2019 nie vollständig zurückgebildet; es bestehe eine eigenständige und selbsterhaltende rezidivierende depressive Störung (Stellungnahme vom 28. Juli 2021). Auf erneute Rückfrage der Verwaltung hin führten die Gutachter aus, die im Bericht der Klinik B.________ genannten Befunde rechtfertigten höchstens die Diagnose einer leichtgradigen depressiven Störung. An der gutachtlichen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit sei weiterhin festzuhalten. Mit Verfügung vom 15. Dezember 2021 lehnte die IV-Stelle das Rentenbegehren ab.