Citation: U 172/01 13.03.2003 E. 2

2.1 Streitig ist, ob die Gesundheitsprobleme des Beschwerdeführers als Berufskrankheit gemäss Art. 9 Abs. 2 UVG (Generalklausel) zu werten sind. Der Vorinstanz ist darin zuzustimmen, dass eine Anwendung von Art. 9 Abs. 1 UVG, welcher Krankheiten erfasst, die bei der beruflichen Tätigkeit ausschliesslich oder vorwiegend durch schädigende Stoffe oder bestimmte Arbeiten verursacht worden sind, nicht in Betracht kommt, nachdem der Beschwerdeführer keine beruflich bedingten Kontakte mit Stoffen hatte, die in der vom Bundesrat in Wahrnehmung der ihm in Art. 9 Abs. 1 UVG eingeräumten Kompetenz erstellten Liste enthalten sind. Eine Belastung mit Quecksilber - einem in der Liste figurierenden Stoff - wird in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde nicht mehr geltend gemacht. Bezüglich des Umgangs mit Toluol ist, wie von der Vorinstanz zutreffend ausgeführt, auf die Aussagen des Zeugen R.________ abzustellen, welcher vor derselben ausgeführt hat, dass der Beschwerdeführer diesem Stoff nicht ausgesetzt war. Zu beurteilen ist demnach die Frage, ob die beim Versicherten festgestellten Krankheiten ausschliesslich oder stark überwiegend durch die berufliche Tätigkeit verursacht worden sind. Gemäss der Rechtsprechung (Erw. 1.3) ist die Voraussetzung des "ausschliesslichen oder stark überwiegenden" Zusammenhanges gemäss Art. 9 Abs. 2 UVG erfüllt, wenn die Krankheit mindestens zu 75 % auf die berufliche Tätigkeit zurückzuführen ist. 2.2 Die Vorinstanz hat zur Klärung dieser Frage durch Dr. med. L.________, Institut für Hygiene und Arbeitsphysiologie, ein Gutachten erstellen lassen. Dieses wurde am 9. Februar 2000 abgeliefert. Dr. L.________ gibt in seinen Schlussbemerkungen an, es bestehe eine überwiegende Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Krankheiten des Exploranden berufsbedingt seien (Gutachten S. 82). Dennoch ist die Vorinstanz zum Schluss gekommen, der Zusammenhang zwischen dem Gesundheitszustand des Beschwerdeführers und seiner beruflichen Tätigkeit sei nicht rechtsgenüglich nachgewiesen. Bei Gerichtsgutachten weicht das Gericht nach der Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung der medizinischen Fachleute ab, deren Aufgabe es ist, ihre Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolgerungen gelangt. Abweichende Beurteilung kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachleute dem Gericht als triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung durch eine weitere Fachperson im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne eine solche vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (BGE 125 V 352 Erw. 3b/aa mit Hinweisen). Das Gutachten L.________ leidet unter diversen Mängeln. Eine genaue Diagnose nach ICD fehlt. Zudem wird nicht genügend zwischen Feststellungen Dritter und eigenen Angaben unterschieden. Inhaltlich fällt eine wiederholte Relativierung gemachter Angaben und gezogener Schlussfolgerungen auf. So wird auf Seite 44 des Gutachtens gesagt, der Explorand sei am Arbeitsplatz Lösungsmitteln und Quecksilber ausgesetzt gewesen, was bezüglich des Quecksilbers auf Seite 69 stark relativiert wird, indem erklärt wird, er habe wahrscheinlich weder Quecksilberdämpfe eingeatmet noch Quecksilber durch die Haut aufgenommen. Besonders ins Gewicht fallen die widersprüchlichen Aussagen zum Zusammenhang zwischen den festgestellten gesundheitlichen Beeinträchtigungen und der Arbeitstätigkeit. Bezüglich einer zentralnervösen Schädigung und einer Polyneuropathie werden die vorliegenden Symptome als mit überwiegender Wahrscheinlichkeit mit einer toxischen Einwirkung vereinbar erachtet; die Symptomatiken werden beide als unspezifisch und für eine toxische Verursachung nicht beweisend bewertet (Gutachten Seiten 72 und 73). Trotzdem wird wenige Seiten später behauptet, das heutige Krankheitsbild sei fast zu 100 % durch die berufliche Schadstoffexposition bedingt (Seite 78). In den abschliessenden Bemerkungen wiederum wird darauf hingewiesen, dass die Fakten nur unvollständig bekannt seien, die Beurteilung daher auf unsicheren Voraussetzungen beruhe und ein Irrtum nicht ausgeschlossen werden könne. Wörtlich wird hinzugefügt: "Die Aussage ist also unsicher." (Seite 81) Auf der nächsten Seite wird dennoch eine überwiegende Wahrscheinlichkeit der Berufsbedingtheit der Erkrankung postuliert - nicht ohne erneuten Hinweis auf die Unsicherheit der Daten. Der Experte setzte sich auch mit Fachfragen auseinander, für deren Beurteilung ihm die fachliche Kompetenz fehlt. So wird die psychiatrische Diagnose einer anankastischen Persönlichkeit mit fixierter neurotischer Entwicklung auf Seite 55 des Gutachtens stark in Frage gestellt, obwohl sie von Fachärzten gestellt worden ist, und der Gutachter selbst nicht über eine entsprechende Ausbildung verfügt. Die Schlussfolgerungen des Gutachters sind nicht plausibel. Sie sind zunächst einmal schwer fassbar, da in sich widersprüchlich. Sie stehen weiter im Widerspruch zur Beurteilung durch die Dres. med. S.________ und U.________ von der Neurologischen Poliklinik des Spitals Y.________ vom 26. April 1999, welche einen Zusammenhang zwischen der Polyneuropathie und toxischen Einwirkungen als nicht wahrscheinlich erachteten. Dieser Widerspruch ist nicht bearbeitet worden. Unerklärt bleiben auch die Progredienz der Symptome des Versicherten nach dem Ende der beruflichen Tätigkeit und damit der Schadstoffexposition und das Fehlen einer zeitliche Korrelation zwischen Schadstoffexposition und Symptomintensität während der Berufstätigkeit. 2.3 Bei dieser Sachlage stellt sich die Frage, ob, den Eventualanträgen entsprechend, weitere medizinische (und eventuell auch die berufliche Tätigkeit betreffende) Abklärungen anzuordnen seien. Auf eine solche Erweiterung des Beweisverfahrens ist zu verzichten, weil wesentliche Faktoren einer Abklärung nicht mehr zugänglich sind: Der damalige Arbeitsplatz des Beschwerdeführers besteht nicht mehr und die ehemaligen Mitarbeiter und Materiallieferanten sind kaum mehr eruierbar. Allfälligen doch noch erhältlichen Zeugenaussagen käme infolge des Zeitablaufs nur noch eine beschränkte Beweiskraft zu. Eine nachträgliche Exploration des psychischen Zustandes des Versicherten in den Jahren 1960 bis 1984 ist praktisch unmöglich. Da die erhofften Klärungen nicht mehr herbeigeführt werden können, kann auf die beantragten zusätzlichen Untersuchungen verzichtet werden (antizipierte Beweiswürdigung: SVR 2001 IV Nr. 10 S. 28 Erw. 4b mit Hinweisen auf BGE 124 V 94 Erw. 4b und 122 V 162 Erw. d). 2.4 Damit muss es bei der vorinstanzlichen Feststellung bleiben, dass ein allfälliger Zusammenhang zwischen der beruflichen Tätigkeit und der Erkrankung des Beschwerdeführers nicht rechtsgenüglich nachgewiesen und eine Leistungspflicht der SUVA nicht dargetan ist.