Citation: 2C_80/2017 E. 3.2.5

3.2.5. Schliesslich macht die Beschwerdeführerin geltend, die Vorinstanz verkenne die Gefährdung im Kosovo in hohem Masse. Sie würde dort eine patriarchalische Gesellschaft vorfinden, in welcher Blutrache als Prinzip der Sühnung von Verbrechen bekannt sei und der Wiederherstellung der Familienehre diene. Die klassische Blutrache im Kosovo nach den Regeln des "Kanun" (jahrhundertealtes, mündlich überliefertes Gewohnheitsrecht der albanischen Gemeinschaft) sei bekannt. Dieser setze für die klassische Blutrache eine Tötung voraus und ziele in erster Linie auf die Beschwerdeführerin ab. Auch wenn sie sich an die staatlichen Behörden wenden könne, könne eine Blutrache dadurch nicht verhindert werden. Die Vorinstanz verletze mit der Nichterteilung der Aufenthaltsbewilligung ihr Recht auf menschliche Behandlung gemäss Art. 3 EMRK und Art. 25 Abs. 3 BV. Gemäss Art. 3 EMRK bzw. Art. 25 Abs. 3 BV sind Wegweisungen unzulässig, wenn nachweisbar ernsthafte Gründe dafür sprechen, dass die betroffene Person im Falle der Wegweisung bzw. deren Vollzugs tatsächlich Gefahr läuft, sich im Aufnahmeland Folter oder einer anderen Art grausamer und unmenschlicher Behandlung oder Bestrafung ausgesetzt zu sehen. Wurde ein solches Risiko mit stichhaltigen Gründen konkret und ernsthaft glaubhaft gemacht ("real risk"), ist die Wegweisung bzw. ihr Vollzug völker- und verfassungsrechtlich unzulässig; die Vollstreckung der aufenthaltsbeendenden Massnahme stellt in diesem Fall selber eine unmenschliche Behandlung dar. Art. 3 EMRK bzw. Art. 25 Abs. 3 BV bieten auch Schutz vor entsprechenden verpönten Handlungen, die von Privaten, sog. nichtstaatlichen Akteuren, ausgehen, wenn die staatlichen Behörden nicht schutzfähig bzw. schutzwillig sind (zum Ganzen Urteil 2C_868/2016 / 2C_869/2016 vom 23. Juni 2017 E. 5.2.2 mit zahlreichen Hinweisen). Im Wegweisungsverfahren ist jeder vernünftige Zweifel zu beseitigen, dass im Zusammenhang mit der Verbringung des Betroffenen in dessen Heimatstaat (oder in einen Drittstaat) eine konkrete und ernsthafte Gefahr bestehen könnte, er werde dort tatsächlich Folter oder einer anderen unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung ausgesetzt sein (Urteil 2C_819/2016 vom 14. November 2016 E. 3.3). Dies ergibt sich im Wesentlichen daraus, dass die Verletzung der durch Art. 3 EMRK bzw. Art. 25 Abs. 3 BV geschützten, der Menschenwürde verpflichteten rechtsstaatlichen Grundwerte oft irreversibel sind (vgl. Art. 7 BV [Menschenwürde]; Urteile 2C_868/2016 / 2C_869/2016 vom 23. Juni 2017 E. 5.2.4; 2C_819/2016 vom 14. November 2016 E. 3.3; je mit Hinweisen). Die Vorinstanz legte - bezugnehmend auf die Ausführungen der Beschwerdeführerin im Asylverfahren - dar, dass diese nach Entlassung aus dem Strafvollzug nie direkt bedroht worden und auch sonst unbehelligt geblieben sei. Das Bundesamt für Migration (ab 1. Januar 2015 Staatssekretariat für Migration) habe in der das Asylgesuch ablehnenden Verfügung vom 9. Mai 2014 ausgeführt, die staatlichen Behörden im Kosovo seien grundsätzlich schutzfähig und schutzwillig und der Beschwerdeführerin sei es deshalb zumutbar, sich zum Schutz vor drohenden Übergriffen den staatlichen Behörden anzuvertrauen. Die Beschwerdeführerin belässt es vor Bundesgericht auch in diesem Zusammenhang im Wesentlichen bei allgemeinen Ausführungen. Anlässlich der Anhörung im Asylverfahren gab sie zwar zu Protokoll, im Gefängnis von ihrer Familie vernommen zu haben, dass die Mutter des Opfers sie umbringen wolle und sich für ihren Sohn rächen würde. Weitere ernste und direkte Bedrohungen habe es aber nicht gegeben, sondern einzig Gerüchte. Die Beschwerdeführerin befürchtet, die Familie des Opfers wolle sich an ihr rächen, da es zu keiner Versöhnung gekommen sei. Allerdings gab es offenbar nach der Entlassung keine weiteren Drohungen mehr. Zudem habe sie mehrmals mit der Polizei über ihre Befürchtungen gesprochen. Diese sei bereit gewesen, sie bei Bedarf zu schützen. Sie habe jedoch nie um Schutz gebeten (vgl. Asylentscheid vom 9. Mai 2014). Die Beschwerdeführerin legt somit nicht spezifisch und detailliert dar, inwiefern ihr im Kosovo Blutrache drohe, indem sie etwa von der Opferfamilie gesucht und bedroht werde. Sie bringt keine konkreten Hinweise vor, die auf eine ernsthafte konkrete Gefahr einer Verletzung von Art. 3 EMRK bzw. Art. 25 Abs. 3 BV schliessen lassen. Vor diesem Hintergrund bestand kein Anlass für die Vorinstanz, auf die allgemein gehaltenen Aussagen der Beschwerdeführerin bezüglich Blutrache näher einzugehen oder diese weiter abzuklären.