Citation: I 479/01 30.09.2003 E. 3

Das kantonale Gericht stützte sich sowohl in erwerblicher als auch medizinischer Hinsicht einzig auf die Angaben des Dr. med. B.________ vom 26. März 2001 und ging in der Folge davon aus, dass der Versicherte als Magaziner auch mit dem Hubstapler Gegenstände und Paletten auf drei bis vier Meter hohe Regale einordnen müsse und dafür nach Einschätzung seines behandelnden Augenarztes auf ein gutes beidäugiges Sehen angewiesen sei. Dagegen wendet das Beschwerde führende BSV ein, den Akten seien keine Hinweise darauf zu entnehmen, dass der Versicherte vor der Entfernung des Nachstars am rechten Auge vom 25. Januar 2001 arbeitsunfähig geworden wäre, obwohl sich zuvor der Visus infolge der kontinuierlichen Nachstarbildung bis auf den Wert von 0,04 verschlechtert habe. Auch vor der Kataraktoperation am rechten Auge vom 12. September 1997 sei es trotz allmählicher Reduktion der Sehfähigkeit bis auf einen Visus von 0,16 nicht zu Arbeitsunfähigkeit gekommen. W.________ sei somit für die Ausübung seiner Erwerbstätigkeit nicht auf Binokularsehen angewiesen. Aus medizinischer Sicht habe die Indikation zur Durchführung der Kataraktoperation zweifellos bestanden. Zu prüfen ist demnach, ob gestützt auf die vorliegenden Akten die Frage nach der Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die konkret ausgeübte Tätigkeit des Versicherten beantwortet werden kann. 3.1 Das Eidgenössische Versicherungsgericht präzisierte seine Rechtsprechung zur Übernahme der Kataraktoperation am zweiten Auge (vgl. AHI 2000 S. 294) im Urteil D. vom 24. Juli 2003 (I 29/02) dahingehend, dass die Staroperation am zweiten Auge (nach erfolgter Übernahme am ersten Auge) - bei Erfüllung der übrigen Voraussetzungen nach Art. 12 Abs. 1 IVG - nur dann als medizinische Eingliederungsmassnahme durch die Invalidenversicherung zu übernehmen ist, wenn aufgrund detaillierter Ermittlung der Tätigkeiten im Rahmen des ausgeübten Berufes für die visuell anspruchvollste dieser Tätigkeiten die Notwendigkeit des Binokularsehens aus augenärztlicher Sicht bejaht wird. In denjenigen Berufen, in welchen besondere medizinische Mindestanforderungen an die Sehfähigkeit ausdrücklich normiert sind, ist auf diese Visusgrenzwerte abzustellen, so dass sich in erwerblicher Hinsicht eine detaillierte Ermittlung der verschiedenen Tätigkeitsanteile erübrigt. 3.2 Den Akten ist nicht mit dem im Sozialversicherungsrecht geltenden Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 360 Erw. 5b, 125 V 195 Erw. 2, je mit Hinweisen) zu entnehmen, welche konkreten Tätigkeiten W.________ im Rahmen seiner Berufsausübung als Magaziner zu verrichten hat. Gemäss den vorliegenden Akten war er für die Firma X.________ bis 1990 als "Geleisemonteur" tätig gewesen. Die aktenkundigen Hinweise zu seinen seit 1997 zu erfüllenden einzelnen Aufgaben im Rahmen seiner Anstellung bei derselben Arbeitgeberin beruhen ausschliesslich auf dem Bericht des Dr. med. B.________ vom 26. März 2001 und stützen sich offenbar allein auf die seinem Augenarzt gegenüber gemachten Angaben des Versicherten. Aus dieser Beschreibung geht nicht hervor, ob z.B. das Hubstapler-Fahren im Rahmen der Tätigkeit als Magaziner gegebenenfalls durch andere in demselben Magazin beschäftigte Arbeitskollegen übernommen werden könnte. Die Vorinstanz stellte zu Unrecht auf die unvollständigen und nur indirekt rapportierten Aussagen des W.________ ab, weshalb ergänzende Abklärungen in erwerblicher Hinsicht unerlässlich sind. Die Verwaltung, an welche die Sache vorweg zu diesem Zweck zurückzuweisen ist, wird deshalb in geeigneter Form - z.B. durch Einholung eines Pflichtenheftes und Befragung der Arbeitgeberin - das Tätigkeitsspektrum des Versicherten abklären. 3.3 Steht fest, welches die visuell anspruchvollste Tätigkeit des W.________ ist, wird die IV-Stelle einen fachärztlichen Bericht zur diesbezüglichen Notwendigkeit des Binokularsehens einholen, der nicht allein auf die subjektiven Angaben des Versicherten abstellt, sondern vielmehr für die streitigen Belange umfassend ist, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben wird und der konkreten medizinischen Situation Rechnung trägt (vgl. dazu BGE 125 V 353 Erw. 3a). Soweit der einseitige Ausfall der Sehfähigkeit durch Angewöhnung an den Verlust des stereoskopischen Sehens zumutbarerweise kompensiert werden kann (vgl. z.B. die viermonatige Wartefrist nach dem Verlust eines Auges in der Führerausweis-Kategorie B gemäss Anhang 1 zur Verordnung vom 27. Oktober 1976 über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr [VZV; SR 741.51]), hat dies der Augenarzt im Einzelfall zu berücksichtigen und dazu Stellung zu nehmen. Erfolgt die augenärztliche Beurteilung dieser Fragen - wie hier - erst nach bereits durchgeführter Operation, sind sie medizinisch prognostisch aufgrund der Verhältnisse vor der fraglichen Operation (AHI 2000 S. 299 Erw. 2b mit Hinweisen) zu beantworten, wobei es zur Aufgabe des Arztes oder der Ärztin gehört, dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten der Versicherte ohne die am 25. Januar 2001 vorgenommene Nachstarentfernung am rechten Auge arbeitsunfähig geworden wäre (vgl. BGE 125 V 261 Erw. 4 mit Hinweisen). 3.4 Fehlt es an den erforderlichen Grundlagen zur Beantwortung der Frage nach der Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die konkret ausgeübte Tätigkeit des Versicherten (vgl. Erw. 3.2 hievor), sind der angefochtene Entscheid und die Verwaltungsverfügung aufzuheben. Die Sache ist an die IV-Stelle zurückzuweisen, damit diese bei den ergänzenden Abklärungen nach den Erwägungen Ziffer 3.1 bis 3.3 vorgehen und anschliessend über das Leistungsgesuch betreffend den am (8/III/2) 25. Januar 2001 entfernten Nachstar am rechten Auge neu verfügen wird.