Citation: 9C_203/2017 E. 3.3.1

3.3.1. Zum einen bestreitet sie den Beweiswert der Expertise, weil diese die formellen Anforderungen nicht erfülle, konkret weil die Aktenzusammenstellung willkürlich sei. Beim wichtigsten Vordokument, dem asim-Gutachten vom 31. Dezember 2012, seien wesentliche medizinische Aussagen ausgeblendet und weggelassen worden und teilweise seien als Zitate gekennzeichnete Passagen durch das ABI "ergänzt und korrigiert" worden, was inakzeptabel sei. 3.3.1.1. Das kantonale Gericht erwog, es sei grundsätzlich nicht zu bemängeln, dass die Vorakten nur stellenweise wiedergegeben worden seien. Wesentlich sei, dass die Aktenstücke den Gutachtern vorgelegen hätten und von ihnen vollumfänglich berücksichtigt worden seien. Hingegen sei zu beanstanden, dass die ABI-Gutachter die Zitate aus dem asim-Gutachten inhaltlich ergänzt bzw. abgeändert hätten. Dies vermöge aber nichts daran zu ändern, dass die Unterlagen zur Kenntnis genommen worden seien, was letztlich allein entscheidend sei. 3.3.1.2. Mit dem kantonalen Gericht ist einig zu gehen, dass die elektive (auswählende) Wiedergabe von Vorakten üblich und in der Regel nicht zu beanstanden ist (vgl. ULRICH MEYER, in: Hermann Fredenhagen, Das ärztliche Gutachten, 4. Aufl. 2003, S. 35), insbesondere dann nicht, wenn die Weglassungen - wie in concreto - als solche gekennzeichnet sind. Anders verhielte es sich, wenn durch die Weglassungen von wesentlichen Passagen der Vorakte ein verzerrtes Bild gezeichnet würde. Derartiges liegt im vorliegenden Fall - entgegen der Darstellung in der Beschwerde - jedoch nicht vor. Zutreffend ist weiter, dass es nicht lege artis ist, Textstellen aus den Vorakten abzuändern und zu ergänzen, die als Zitate gekennzeichnet sind. Dies ist im ABI-Guachten mehrfach geschehen, indem Darlegungen der asim-Gutachter anders formuliert, häufig verkürzt oder zusammengefasst, manchmal aber auch lediglich umformuliert wurden. Wird eine Textstelle nicht wörtlich zitiert, sondern zusammengefasst, gekürzt oder umformuliert, dann liegt darin auch eine Interpretation des Textes. Solange erkennbar ist, wer die Textstelle verfasst hat, ist dagegen nichts einzuwenden. Wenn aber mit der (irreführenden) Kennzeichnung als Zitat der Eindruck erweckt wird, die Textstelle stamme vom Vorgutachter, fehlt es an Transparenz. Diese ist aber eine der wichtigsten Leitprinzipien für die Abfassung eines Gutachtens (vgl. VOLKER DITTMANN, Qualitätskriterien psychiatrischer Gutachten, Was darf der Jurist vom psychiatrischen Gutachter erwarten?, in: Ebner/Dittmann/Gravier/Hoffmann/Raggenbass [Hrsg.], Psychiatrie und Recht; Zürich 2005, S. 153; vgl. auch GABRIELA RIEMER-KAFKA [Hrsg.], Versicherungsmedizinische Gutachten, 3. Aufl., 2017, S. 29 Ziff. 4 i.f.). In diesem Sinne wird in den Qualitätsleitlinien für versicherungspsychiatrische Gutachten der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie SGPP vom 16. Juni 2016 (publ. in: SZS 2016 S 435 ff.) unter Ziff. 2 ausdrücklich festgehalten, beim Aktenauszug seien Bewertungen zu unterlassen bzw. wichtige Hinweise müssten entsprechend gekennzeichnet werden (vgl. auch Ziff. 3.4 zweites Lemma der Leitlinien für die rheumatologische Begutachtung der Schweizerischen Gesellschaft für Rheumatologie vom Juli 2016; abrufbar unter: www.swiss-insurance-medicine.ch). Vorliegend nahmen die ABI-Gutachter zwar keine Bewertung des Akteninhalts ohne Kennzeichnung, aber dennoch in einem gewissem Masse eine nicht gekennzeichnete Interpretation des Textes vor. Ein solches Vorgehen läuft dem Sinn der genannten Qualitätsrichtlinien zuwider und ist der Akzeptanz der Gutachten abträglich. Der Vergleich der beschwerdeweise als Beispiele angeführten, beanstandeten "Zitate" und dem Originaltext des asim-Gutachtens ergibt allerdings, dass die Aussagen der Vorgutachter nicht verzerrt oder ins Gewicht fallend verändert wiedergeben wurden. Beispielsweise entspricht das gerügte Zitat "In einem bis eineinhalb Jahren ist eine Reevaluation zu empfehlen" inhaltlich der Originalaussage im asim-Gutachten "Deshalb empfehlen wir unbedingt eine erneute psychiatrische Beurteilung in spätestens einem bis anderthalb Jahren". Die Darstellung der Beschwerdeführerin, mit den Weglassungen und Änderungen hätten die ABI-Gutachter ein positiveres Bild der Versicherten zeichnen wollen als sich bei der wortwörtlichen Übernahme der Textstellen aus dem asim-Gutachtens ergeben hätte, ist unbegründet. Mithin sind die unechten Zitate, welche inhaltlich vom Quellentext kaum differieren, im vorliegenden Fall nicht geeignet, den Beweiswert des Gerichtsgutachtens aufzuheben.