Citation: U 88/05 23.05.2006 E. 4

4.1 Die Vorinstanz hat der Adäquanzbeurteilung die für psychische Unfallfolgen geltenden Regeln (BGE 115 V 133 ff.) zugrunde gelegt. Auch wenn schon kurz nach dem Unfall eine psychische Beteiligung festgestellt worden ist und subjektive unfallfremde Gründe an der Aufrechterhaltung des Beschwerdebildes beteiligt sind, ist nicht klar, ob die psychische Problematik bereits unmittelbar nach dem Unfall eindeutige Dominanz aufgewiesen hat und die physischen Beschwerden im Verlaufe der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt gesamthaft nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben, wie es für die Adäquanzprüfung nach den für psychische Fehlentwicklungen nach Unfall massgebenden Kriterien vorausgesetzt ist (BGE 123 V 99 Erw. 2a; RKUV 2002 Nr. U 465 S. 437 [Urteil W. vom 18. Juni 2002, U 164/01]). Wie es sich damit verhält, kann indessen offen bleiben, weil die Adäquanz auch dann zu verneinen ist, wenn der Adäquanzbeurteilung die für Schleudertraumen und schleudertraumaähnliche Verletzungen der HWS ohne organisch nachweisbare funktionelle Ausfälle geltenden Regeln (BGE 117 V 359 ff.) zugrunde gelegt werden. 4.2 Nach der Rechtsprechung werden einfache Auffahrunfälle in der Regel als mittelschwer im Grenzbereich zu den leichten Unfällen qualifiziert (RKUV 2005 Nr. U 549 S. 237 Erw. 5.1.2 mit Hinweisen [Urteil C. vom 15. März 2005, U 380/04]). Vorliegend handelt es sich insofern um einen besondern Fall, als eine Mehrfachkollision zur Diskussion steht. Während zunächst davon ausgegangen wurde, dass es im Anschluss an die Auffahrkollision zu einer Kollision mit dem Vorderwagen gekommen war (Biomechanische Kurzbeurteilung vom 30. Januar 2001), gelangten die Experten in der technischen Unfallanalyse vom 18. Juli 2001 und der biomechanischen Beurteilung vom 9. August 2001 zum Schluss, dass der Beschwerdeführer zuerst auf das vorausfahrende Fahrzeug gestossen war und erst dann vom nachfolgenden Fahrzeug angefahren wurde. Dabei wurde für die Frontkollision eine kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung (delta-v) von 10 - 14,5 km/h und für den Heckaufprall eine solche von 11 - 15 km/h ermittelt. Diese Werte liegen aus unfallanalytischer und biomechanischer Sicht noch im Rahmen der für solche Kollisionen im Normalfall geltenden Harmlosigkeitsgrenze, auch wenn sich laut Gutachten die geklagten Beschwerden unter Berücksichtigung des Umstandes, dass der erste frontale Stoss möglicherweise eine leichte Verstärkung der Belastung durch die Heckkollision bewirkt hat, erklären lassen. Darauf, dass die Kollision nicht sehr heftig war, deuten auch die entstandenen Fahrzeugschäden, wie sie sich aus den Polizeiakten ergeben. Der Unfall ist nach den gesamten Umständen höchstens als mittelschwer und nicht als mittelschwer im Grenzbereich zu den schweren Unfällen oder gar als schwerer Unfall zu qualifizieren (vgl. die in SZS 2001 S. 431 ff. erwähnte Rechtsprechung). Die Adäquanz wäre daher zu bejahen, wenn ein einzelnes der in die Beurteilung einzubeziehenden Kriterien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt wäre oder mehrere der zu berücksichtigenden Kriterien gegeben wären (BGE 117 V 367 Erw. 6b). 4.3 Der Unfall vom 22. Dezember 1999 hat sich nicht unter besonders dramatischen Begleitumständen ereignet noch war er - objektiv betrachtet (RKUV 1999 Nr. U 335 S. 209 Erw. 3b/cc; vgl. auch RKUV 2000 Nr. U 394 S. 313 [Urteil S. vom 31. Mai 2000, U 248/98]) - von besonderer Eindrücklichkeit. Er hatte auch keine schweren Verletzungen oder Verletzungen besonderer Art zur Folge. Es bedarf hiezu einer besonderen Schwere der für das Schleudertrauma typischen Beschwerden oder besonderer Umstände, welche das Beschwerdebild beeinflussen können (Urteile S. vom 10. Februar 2006, U 79/05, C. vom 28. April 2005, U 386/04, und D. vom 4. September 2003, U 371/02; vgl. auch SZS 2001 S. 443). Diese können beispielsweise in einer beim Unfall eingenommenen besonderen Körperhaltung und den dadurch bewirkten Komplikationen bestehen (RKUV 2003 Nr. U 489 S. 361 Erw. 4.3 mit Hinweisen [Urteil A. vom 24. Juni 2003, U 193/01]). Solche Umstände sind hier nicht gegeben. Es liegt auch keine besondere Schwere der für das Schleudertrauma typischen Beschwerden vor. Nicht erfüllt ist sodann das Kriterium der ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung. Zwar wurden während längerer Zeit immer wieder medizinische Massnahmen durchgeführt und wiederholt auch Klinikaufenthalte angeordnet. Sie dienten aber weitgehend der Diagnosestellung und der Abklärung der Arbeitsfähigkeit sowie der beruflichen Eingliederungsmöglichkeiten. Physiotherapeutische und chiropraktische Behandlungen blieben erfolglos und wurden Ende 2000 eingestellt. Eine psychotherapeutische Behandlung brach der Beschwerdeführer nach kurzer Zeit ab. In der Folge wurde gelegentlich noch Physiotherapie durchgeführt. Im Übrigen beschränkten sich die medizinischen Massnahmen auf ärztliche Konsultationen und die Verordnung schmerzlindernder sowie antidepressiver Medikamente. Anlässlich des zweiten Aufenthaltes in der Rehaklinik B.________, welcher vorab der Abklärung der Arbeitsfähigkeit diente, wurden physiotherapeutische Massnahmen sowie ein Bewegungstraining durchgeführt. Der Beschwerdeführer zeigte aber ein selbstlimitierendes Verhalten und wurde wegen mehrmaligem unentschuldigtem Fernbleiben von den Therapien vorzeitig entlassen. Insgesamt liegt damit keine kontinuierliche, mit einer gewissen Planmässigkeit auf die Verbesserung des Gesundheitszustandes gerichtete ärztliche Behandlung von ungewöhnlich langer Dauer vor (Urteile N. vom 14. März 2005, U 82/04, P. vom 24. September 2003, U 361/02, und S. vom 8. April 2002, U 357/01). Von einer ärztlichen Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hat, kann ebenso wenig gesprochen werden, wie von einem schwierigen Heilungsverlauf und erheblichen Komplikationen. Dass sich der Heilungsverlauf verzögert hat und die medizinischen Massnahmen letztlich erfolglos geblieben sind, hat der Beschwerdeführer mit seinem Verhalten zumindest teilweise selbst bewirkt. Nicht erfüllt ist sodann das Kriterium von Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit (vgl. hiezu RKUV 2001 Nr. U 442 S. 544 ff. [Urteil L. vom 30. August 2001, U 56/00]). Die Ärzte der Rehaklinik B.________ erklärten den Beschwerdeführer in der bisherigen Tätigkeit ab 5. Juni 2000 als zu 50% arbeitsfähig und erachteten eine leichte Tätigkeit bei zusätzlichen Pausen als ganztags zumutbar. Dass entsprechende Arbeitsversuche gescheitert sind, lässt sich medizinisch nicht hinreichend erklären und muss in Zusammenhang mit der ärztlich festgestellten Selbstlimitierung und mangelnden Leistungsbereitschaft gesehen werden. Laut Bericht der Klinik B.________ vom 9. September 2003 wäre bei optimaler Kooperation und Leistungsbereitschaft wahrscheinlich eine volle Erwerbstätigkeit möglich. Nach dem psychosomatischen Konsiliarbericht des Dr. med. K.________ vom 20. August 2003 besteht ein leicht depressives Zustandsbild und ist auch aus psychiatrischer Sicht keine wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit anzunehmen. Abweichend davon wird im Gutachten des Sozialpsychiatrischen Dienstes D.________ vom 25. September 2003 eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert und eine Arbeitsunfähigkeit von 50% angenommen. Dabei wird von einer somatisch bedingten Arbeitsunfähigkeit von 50% ausgegangen und festgestellt, dass sich aus der psychischen Beeinträchtigung keine zusätzliche Einschränkung ergebe. Hinsichtlich der somatisch bedingten Arbeitsunfähigkeit stützt sich das Gutachten auf die Ergebnisse der BEFAS-Abklärung sowie einen Bericht des Neurologen Dr. med. S.________ vom 25. November 2002. Im Bericht der BEFAS vom 16. November 2001 wird indessen ausgeführt, eine Wiedereingliederung in die bisherige Tätigkeit erscheine nicht mehr als möglich; eine den Behinderungen angepasste körperlich leichtere und wechselbelastende Tätigkeit sei dagegen zumutbar, wobei das Wiedererreichen einer vollen Arbeitsfähigkeit als realisierbar erscheine. Wegen der langen Arbeitskarenz mit entsprechender Arbeitsentwöhnung schlug die BEFAS eine berufliche Übergangslösung in Form eines Arbeitstrainings vor. Nachdem der Beschwerdeführer diesem Vorschlag sowie weiteren Eingliederungsbemühungen nicht gefolgt ist, kann nicht von einer andauernden somatisch bedingten Arbeitsunfähigkeit von 50% ausgegangen werden, zumal die Ärzte des Sozialpsychiatrischen Dienstes D.________ ausdrücklich bestätigen, dass das Scheitern der beruflichen Eingliederungsbemühungen mit dem Ausmass der vorliegenden psychischen Störung nur teilweise erklärbar ist. Eine Arbeitsunfähigkeit von 50% lässt sich auch aus dem Bericht des Dr. med. S.________ vom 25. November 2002 nicht ableiten, hat sich dieser Arzt zur Arbeitsfähigkeit doch gar nicht geäussert. Im Übrigen wird im Gutachten des Sozialpsychiatrischen Dienstes D.________ nicht näher begründet, woraus sich eine psychisch bedingte Beeinträchtigung der Arbeitsunfähigkeit ergibt. Dass es dem Beschwerdeführer ungeachtet der psychischen Beeinträchtigung zumutbar wäre, einer geeigneten Tätigkeit nachzugehen, wird im Konsiliarbericht des Dr. med. K.________ sinngemäss bejaht und im Gutachten des Sozialpsychiatrischen Dienstes D.________ jedenfalls nicht verneint. Unter Berücksichtigung sowohl der somatischen als auch der psychischen Beeinträchtigungen kann das Kriterium von Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit daher nicht als erfüllt gelten. Ob schliesslich das Kriterium der Dauerbeschwerden zu bejahen ist, kann offen bleiben, weil es jedenfalls nicht in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist. Da somit weder eines der für die Adäquanzbeurteilung massgebenden Kriterien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist noch mehrere der zu berücksichtigenden Kriterien gegeben sind, ist die Unfalladäquanz der geltend gemachten Beschwerden zu verneinen.