Citation: 5A_840/2023 E. 4.3.4

4.3.4. Was die Geburt eines weiteren Kindes des nicht (bar-) unterhaltspflichtigen Elternteils angeht, war das Bundesgericht im Rahmen eines Abänderungsprozesses mit der Frage konfrontiert, ob der im Bedarf der betreuenden Mutter resultierende Fehlbetrag allein über den Betreuungsunterhalt zu decken sei, den der geschiedene Vater der drei gemeinsamen Kinder schuldete, oder ob auch das vierte (uneheliche) Kind aus der neuen Beziehung der Mutter (bzw. der vom Vater dieses Kindes geschuldete Betreuungsunterhalt) in die Aufteilung des Fehlbetrags einzubeziehen sei. Das Bundesgericht erinnerte an die übereinstimmende Lehrmeinung, wonach für den Fehlbetrag des obhutsberechtigten Elternteils derjenige Elternteil aufzukommen hat, auf dessen Kind der Verlust der Erwerbsfähigkeit zurückgeht. Im konkreten Fall hatte die Geburt des vierten Kindes keinen Einfluss auf die bereits vorher, trotz eines Arbeitspensums von 50 % bestehende Mankosituation der Mutter; dass diese wegen der persönlichen Betreuung des vierten Kindes auf ein höheres Arbeitspensum verzichtet hätte, war nicht behauptet worden. Das Bundesgericht kam zum Schluss, dass der Kausalzusammenhang zwischen dem Fehlbetrag der Mutter und der Geburt ihres vierten Kindes nicht erstellt sei, weshalb die Vorinstanz diesen Fehlbetrag ausschliesslich unter den drei älteren Kindern aufteilen durfte (Urteil 5A_378/2021 vom 7. September 2022 E. 8.4). Das zitierte Urteil ist im Schrifttum auf Kritik gestossen. Zu Ende gedacht führe diese Rechtsprechung bei einem geringen Altersunterschied zwischen zwei Kindern aus unterschiedlichen Beziehungen zum stossenden Ergebnis, dass der Vater des älteren Kindes stets den gesamten Betreuungsunterhalt zu tragen hat und sich der Vater des jüngeren Kindes aus der Verantwortung stehlen kann, weil die Geburt seines Kindes die Mutter in ihrer Erwerbsfähigkeit nicht mehr weiter einschränkte. Eine Beteiligung auch des Vaters des vierten Kindes wäre mit der Konzeption des Betreuungsunterhalts als Entschädigung für betreuungsbedingte Erwerbsausfälle nicht nur vereinbar, sondern sogar geboten gewesen. Die auf die Kausalität beschränkte Argumentation des Bundesgerichts greife zu kurz und werde der Komplexität von Patchworksituationen nicht gerecht (JEAN - MICHEL LUDIN, Aufteilung des Betreuungsunterhalts in Patchworkfamilien, in: swissblawg vom 6. Oktober 2022; REGINA E. AEBI-MÜLLER, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Familienrecht im Jahr 2022, in: Jusletter vom 6. März 2023, Ziff. 2.6 Rz. 26; AXELLE PRIOR/PATRICK STOUDMANN, La contribution de prise en charge dans les familles recomposées: analyse à la lumière des arrêts 5A_382/2021 du 20 avril 2022 et 5A_378/2021 du 7 septembre 2022, in: FamPra.ch 2024, S. 323 f.; TANJA COSKUN-IVANOVIC, Unterhaltsrecht in Fortsetzungsfamilien, in: FamPra.ch 2023, S. 859).