Citation: I 812/04 14.01.2006 E. 4

4. Anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F 45.4) - Manifestation vor allem im Rahmen der Diagnose 1 Sowohl aus rheumatologischer als auch aus psychiatrischer Sicht wird eine Arbeitsunfähigkeit von 20 % angenommen. 2.2.2 Die Beschwerdeführerin beruft sich ihrerseits auf einen Arztbericht der Frau Dr. med. A.________ vom 30. April 2004. Diese begründet die von ihr attestierte volle Arbeitsunfähigkeit mit den Diagnosen einer komplexen posttraumatischen Störung (ICD-10 F43.1), einer andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0), einer rezidivierenden depressiven Störung (ICD-10 F33.1), einer somatoformen Störung (ICD-10 F45.0), einem Status nach Diskushernienoperation 1983 mit operativer Revision mit dorsolateraler Spondylodese L3 bis S1, Hemilaminektomie L5 li, Laminektomie L3/L4 und Diskektomie L5/S1. Weiter führt sie Schädigungen an der Haut und an der Plantaraponeurose nach Folterungen durch Schlagen auf die Füsse (Falaka), Schädigungen an der Haut der Hände durch Quetschen mit Bleikugeln mit Schwielen und Schmerzen, Schäden nach Elektrofolter mit Schmerzen und Hypersensibilität an den Brüsten und Genitalien auf. Sie kritisiert, im Gutachten vom 25. September 2003 seien ihre Beurteilungen, die auf einem langen therapeutischen Prozess und breiter Erfahrung im Umgang mit Folteropfern beruhten, in keiner Weise berücksichtigt worden seien. Um Folterfolgen somatisch und psychiatrisch/psychologisch zu beurteilen bedürfe es einer vertrauensvollen Beziehung und spezieller traumatologischer Kenntnisse. Es sei das Ziel der Folterer, keine sichtbaren Spuren zu hinterlassen und die "gefolterte Person lebenslänglich in ihrem Kern, d.h. in ihrer Psyche, Würde und Identität zu zerstören". Die psychische Störung zeige sich so, dass ihre Patientin Fremden misstraue und bei Fragen zustimme, ohne wirklich auf die Thematik einzugehen. Die Ärztin stellt einen sozialen Rückzug mit ständiger Nervosität, Entfremdungserlebnissen und Konzentrationsstörungen fest. Die Beschwerdeführerin benötige tagsüber und auch nachts Hilfe im Sinne von psychischer Unterstützung bei Angstanfällen und Suizidalität. 2.3 Die Vorinstanz würdigt im angefochtenen Entscheid den Austrittsbericht der Medizinischen Abteilung X.________ vom 23. Februar 2001 und den Bericht der Frau Dr. med. A.________ vom 30. April 2004. Doch stellt das kantonale Gericht einzig auf die Ergebnisse des Gutachtens des ABI ab. Den Vorwürfen seitens der Beschwerdeführerin wird mit dem Argument begegnet, die Gutachter des ABI hätten sich ausführlich mit dem Aspekt der speziellen Behandlung von Folteropfern auseinandergesetzt. Es sei mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Psychiater Dr. med. F.________, welcher das psychiatrische Teilgutachten verfasst hat, "mit dem Phänomen der posttraumatischen Belastungsstörung auch bei Folteropfern durchaus vertraut ist und gerade auch in dieser Beziehung Erfahrung hat". Die behandelnde Ärztin Dr. med. A.________ habe als spezialisierte Fachkraft hinsichtlich der Behandlung von Folteropfern eine "etwas speziellere Optik", die mit derjenigen eines Hausarztes vergleichbar sei. Ohne auf die erhobenen Vorwürfe einzugehen oder diese zu berücksichtigen attestiert die Vorinstanz der Ärztin, sie sage eher zu Gunsten der Beschwerdeführerin aus, weshalb sie ihren Entscheid einzig auf das Gutachten vom 25. September 2003 stützt. 2.4 Die Diagnosen der Dr. med. A.________ und des Dr. med. F.________ von der ABI differieren in verschiedenen Punkten. Dr. F.________ führt einen Status nach posttraumatischer Belastungsstörung mit Restsymptomen auf und klassifiziert diese Diagnose mit ICD-10 F43.1. Unter der gleichen ICD-Klassifikation subsummiert Dr. A.________ eine "komplexe posttraumatische Störung". Weiter wird im ABI-Gutachten eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F 45.4) genannt, welche sich vor allem im Rahmen des chronischen Schmerzsyndroms im Rücken manifestiere, während die Ärztin des SRK-Therapiezentrums auf eine somatoforme Störung in Form einer Somatisierungsstörung (ICD-10 F 45.0) schliesst. Hauptsächlich unterscheiden sich die Beurteilungen aber darin, dass Dr. med. A.________ zusätzlich eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0) und eine rezidivierende depressive Störung (ICD 10 F33.1) diagnostiziert. Das kantonale Gericht hat diesem Widerspruch keine Rechnung getragen. Die erheblichen Divergenzen in den psychiatrischen Diagnosen lassen sich nicht einfach mit einer "etwas spezielleren Optik" einer behandelnden Ärztin erklären. Die Aktenlage zur entscheidenden Frage der Diagnosen und der daraus resultierenden zumutbaren Leistungsfähigkeit ist zu widersprüchlich, um darauf abstellen zu können. Die Sache ist daher an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit sie den Sachverhalt kläre und neu entscheide. Das gleiche gilt für die vorinstanzliche Annahme, Dr. med. F.________ sei mit der fachärztlichen Beurteilung von Folteropfern vertraut "und habe gerade auch in dieser Beziehung Erfahrung". Soweit diesem Umstand Bedeutung beigemessen wird, wäre er näher zu prüfen. Weitere Abklärungen rechtfertigen sich auch deshalb, weil bereits eine - im Vergleich zu der im ABI-Gutachten genannten - leicht höhere Arbeitsunfähigkeit zu einem Invaliditätsgrad von 40 % führen und damit Anspruch auf eine Rente geben könnte. 2.5 Sollten die ergänzenden Abklärungen zum Ergebnis führen, dass die Beschwerdeführerin bei Aufbietung allen guten Willens (BGE 102 V 165; AHI 2001 S. 228 Erw. 2b mit Hinweisen) und in Nachachtung des im Sozialversicherungsrecht allgemein geltenden Grundsatzes der Schadenminderungspflicht (BGE 123 V 233 Erw. 3, 117 V 278 Erw. 2b, 400, je mit Hinweisen) infolge ihrer psychischen Beschwerden in einer ihren somatischen Einschränkungen angepassten Tätigkeit eine anspruchsbegründende Erwerbseinbusse erleidet und/oder im Aufgabenbereich beeinträchtigt ist, wird auch die Frage nach dem erwerblichen Status und der anwendbaren Methode zur Bestimmung des Invaliditätsgrades mit einer überzeugenden Begründung zu beantworten sein.