Citation: 4A_393/2021 E. 3.3

3.3. Es trifft zu, wie die Beschwerdeführerin geltend macht, dass die Verrechnung nur bis maximal zur Höhe der Klageforderung erklärt werden kann. Will die beklagte Partei der Klageforderung eine übersteigende Gegenforderung entgegen stellen, so muss sie für den überschiessenden Betrag separat Widerklage erheben (LAURENT KILLIAS, in: Berner Kommentar, Schweizerische Zivilprozessordnung, 2012, N. 11 zu Art. 224 ZPO; Pascal Grolimund, in: STAEHELIN/STAEHELIN/ GROLIMUND, Zivilprozessrecht, 3. Aufl. 2019, § 14 Rz. 31; Flora Stanischewski, Die Verrechnung im Zivilprozess unter der Schweizerischen Zivilprozessordnung, Diss. Basel 2020, Rz.387). Vorliegend besteht die Besonderheit darin, dass nicht von vorneherein klar war, welches dieser überschiessende Betrag sein wird. Mit der Klageantwort stellte die Beschwerdeführerin der Klage fünf Verrechnungspositionen entgegen: (1) eine nicht bezahlte Kommission, (2) sog. geteilte Kommissionen, (3) Zollgebühren, (4) Schadenersatz für entgangenen Gewinn und für die Verletzung der Geheimhaltsvereinbarung und (5) Warenlagerbestand. Die Positionen (1), (3) und (5) konnte sie genau beziffern. Ausserdem gab sie unter dem Titel Schadenersatz (Pos. 4) einen vorläufigen Betrag von Fr. 72'974.10 an, während sie die Position Geteilte Kommission (2) noch überhaupt nicht bezifferte. Und sie hielt fest, diese seien nach Durchsicht der von der Beschwerdegegnerin erhaltenen Dokumente/Informationen zu bestimmen. Dabei stellte sie zu den noch nicht endgültig bezifferten Positionen zahlreiche Editionsanträge. Insgesamt stellte die Beschwerdeführerin der Klageforderung verrechnungsweise einen Betrag von "zur Zeit" Fr. 312'735.51 entgegen. Sodann hielt sie fest, sie behalte sich vor, noch weitere Forderungen - über die fünf genannten hinaus - zu verrechnen. Der Mehrbetrag der (gemeint: mit Verrechnung) geltend gemachten Forderungen solle als Teil der Widerklage berücksichtigt werden; dies mit Verweis auf das Rechtsbegehren Ziffer 3, welches eine Erhöhung der Widerklage vorbehielt. Aus dieser Verknüpfung von Verrechnung und Widerklage leitet die Beschwerdeführerin die Zulässigkeit des mit der Widerklagereplik gestellten neuen Begehrens Ziffer 2.c über Fr. 32'950.28 ab, da eben der endgültig zur Verrechnung gebrachte Betrag von verschiedenen Beweisabnahmen und Auskünften abgehangen habe. Der überschiessende Betrag von Fr. 32'950.28 ergab sich, nachdem die Beschwerdeführerin in der Klageduplik unter dem Titel Geteilte Kommission (Pos. 2) einen Betrag von Fr. 193'397.60 und unter dem Titel Schadenersatz aus Vertragsverletzung (Pos. 4) einen Betrag von Fr. 369'771.40 zur Verrechnung gestellt hatte, sodass insgesamt ein Betrag von Fr. 802'930.41 resultierte. Die Vorinstanz ging nicht weiter auf diese Verknüpfung von Verrechnung und Widerklage ein. Sie verneinte die Zulässigkeit des neuen Widerklagebegehrens 2.c deshalb, weil die Forderung für das Warenlager von vorneherein beziffert war und die Widerklage einen von der Verrechnungsforderung unabhängigen Gegenstand - die Kundschaftsentschädigung - habe. Mithin: Gegenstand der Widerklage sei nicht der überschiessende Teil der Verrechnungsforderung. Die Beschwerdeführerin bestreitet diese Beschränkung des Gegenstands der Widerklage auf die Kundschaftsentschädigung.