Citation: I 141/04 02.07.2004 E. 2

2.1 Das kantonale Gericht erwog, gemäss den Ausführungen des Dr. med. H.________ in seinem Gutachten vom 17. März 2003, auf welche abzustellen sei, leide der Versicherte in psychisch-geistiger Hinsicht nicht an krankheitsbedingten Beeinträchtigungen, welche die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigten. Ebenso wenig begründe die Polytoxikomanie einen invalidisierenden Gesundheitsschaden; auch das diagnostizierte restless-legs-Syndrom schränke die Arbeitsfähigkeit nicht ein. Es bestehe deshalb keine Invalidität im Sinne des Gesetzes. Demgegenüber bringt der Beschwerdeführer vor, auf das Gutachten des Dr. med. H.________ könne nicht abgestellt werden, da dessen Einschätzungen im Widerspruch zu den Beurteilungen des Dr. med. L.________ von der Psychiatrischen Poliklinik am Spital Q.________ vom 18. Februar 2002 sowie des Dr. med. C.________ vom 5. Mai 2002 stünden. Auch die Ausführungen des Dr. med. E.________, wonach aus neurologischer Sicht keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestehe, seien einseitig. Er, der Versicherte, sei aus körperlicher Sicht zwar in der Lage zu arbeiten, jedoch könne er angesichts seiner Schlafprobleme (nachts schlafe er kaum oder höchstens 2 bis 3 Stunden) keiner regelmässigen Vollbeschäftigung nachgehen. Diese Störungen müssten bei der Beurteilung des Gesundheitsschadens einbezogen werden, was Dr. med. H.________ unterlassen habe. Angesichts der unterschiedlichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen könne nur eine interdisziplinäre Beurteilung den gegenseitigen Wechselwirkungen der Beschwerden angemessen Rechnung tragen. 2.2 Aus den Akten ergibt sich, dass der Versicherte seit Kindheit an Depressionen litt. Im Jahre 1985 war er wegen sekundärem Alkoholismus bei chronischen Angstzuständen sowie Medikamentenmissbrauch im Psychiatrischen Spitals X.________, in stationärer Behandlung. Der Psychiater Dr. med. C.________, der den Versicherten in den Jahren 1977 bis 1987 behandelte, diagnostizierte eine ausgeprägte Dysthymie sowie depressiv-ängstliche Verstimmungszustände bei einzelgängerischem, selbstunsicherem, milieugeschädigtem Hilfsarbeiter und einen sekundären Alkoholismus; der Gesundheitszustand sei damals besserungsfähig gewesen, er habe keine Arbeitsunfähigkeiten bescheinigt. Schwere depressive Verstimmungen mit Suizidideen und sozialem Rückzug wurden sodann von der Psychologin Dr. phil. W.________, Spital Y.________, diagnostiziert (Bericht vom 29. September 1998). Dr. med. S.________, der den Beschwerdeführer ab 1994 sporadisch betreute, stellte mit Bericht vom 11. Februar 2002 ebenfalls eine Depression, nebst fehlendem Sitzleder sowie einer Polytoxikomanie fest und führte aus, es handle sich beim Versicherten um einen Persönlichkeitstypus vom psychiatrischen Formenkreis (schizoid/manisch-depressiv). Der psychische Zustand bestimme die Arbeitsdauer; die Leistungsunfähigkeit betrage 0-100 %. Die Ärzte der Psychiatrischen Polyklinik am Spital Q.________ gaben am 18. Februar 2002 als Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit eine (differenzial-diagnostisch abhängige, schizoide) Persönlichkeitsstörung, eine wahrscheinlich seit Kindheit bestehende soziale Phobie sowie Alkohol- und Cannabismissbrauch an und führten am 5. Mai 2002 aus, die Arbeitsfähigkeit betrage maximal 50 %. Prognostisch sei mit einer Verbesserung bis in einem Jahr zu rechnen, allerdings sei die Compliance bezüglich Medikamenteneinnahme als gering einzuschätzen. Mit Verlaufsbericht vom 20. Dezember 2002 informierte Dr. med. S.________ die IV-Stelle, der Versicherte leide seit Frühjahr 2002 an einer Kniebinnenläsion sowie an einem Knorpelschaden im Kniegelenk. Zudem bestehe ein Verdacht auf eine Meniskusläsion und eine Bakerzyste. Die bisherige Tätigkeit sei ganztags zumutbar bei einer um mindestens 50 % verminderten Leistungsfähigkeit. Andere Tätigkeiten seien in einer geschützten Werkstätte mit positivem Arbeitsumfeld ganztags zumutbar, bei einer um 50-66 % verminderten Leistungsfähigkeit. Dr. med. H.________ stellte in seinem Gutachten vom 17. März 2003 fest, der Versicherte sei an einer psychiatrischen Behandlung nicht interessiert, habe sich für einen freien Lebensstil entschieden und wolle daran nichts ändern. Die bestehende Polytoxikomanie sei nicht ausgeprägt und verursache keine irreversiblen Folgeschäden; es lasse sich insbesondere kein amnestisches Syndrom nachweisen. Der eigenwillige Lebensstil sei eine Normvariante. Anderweitige psychische Störungen seien nicht nachweisbar, z.B. fehlten Hinweise für eine bedeutende Depression. Auch klage der Beschwerdeführer nicht über Angstzustände. Demzufolge fänden sich kaum krankheitsbedingte Beeinträchtigungen auf der psychisch-geistigen Ebene. Die unzulänglichen sozialen Fähigkeiten (Z73.4) und die generellen Probleme bei der Lebensführung (Z72) seien ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Bezüglich der früheren Tätigkeiten fehle es an eindeutigen Einschränkungen durch eine psychische Krankheit; eine verminderte Leistungsfähigkeit bestehe nicht und eine medizinisch begründete Arbeitsunfähigkeit von 20 % oder mehr sei nie durch einen psychischen Gesundheitsschaden verursacht worden. Die Zumutbarkeit im Arbeitsumfeld sei leicht reduziert. In angepassten (d.h. seiner Lebensphilosophie entsprechenden) Tätigkeiten bestehe keine zeitliche Einschränkung. 2.3 Übereinstimmung herrscht darüber, dass aus neurologischer Sicht keine Arbeitsunfähigkeit besteht (Berichte des Dr. med. R.________ vom 13. Oktober 1994 und des Dr. med. E.________ vom 21. Mai 2003), weshalb diesbezüglich auf weitere Abklärungen verzichtet werden kann. Hingegen fällt auf, dass die behandelnden Ärzte hinsichtlich der psychischen Beschwerden in den bis Ende des Jahres 2002 erstellten Berichten übereinstimmend eine seit der Schulzeit bestehende, von Angstzuständen, Depressionen und Suchtverhalten geprägte Leidensgeschichte beschreiben, welche zeitweilig auch die Arbeitsfähigkeit des Versicherten einschränkte. In den testpsychologischen Untersuchungen am Spital Q.________ vom 18. Februar 2002 ergab das Mini-Mental-State Screening (ein 10-minütiges, international gebräuchliches Demenz-Screeningmass; vgl. Möller/Laux/Kapfhammer, Psychiatrie und Psychotherapie, Berlin etc. 2000, S. 413) normale Werte, das Beck Depression Inventory (BDI) 25 Punkte (wobei 5-9 Punkte einem Normalbefund entsprechen, 10-18 Punkte einer milden bis mässigen Depression, 19-29 Punkten einer mässigen bis schweren Depression und 30-63 Punkte einer schweren Depression; vgl. Beck/Ward/Mendelson/Mock/Erbaugh, An Inventory for measuring Depression, in: Archives of General Psychiatry 4 [1961], S. 561-571) und die Befindlichkeitsskala (Bf-S) einen T-Wert von 77 (entsprechend einer sehr stark eingeschränkten Befindlichkeit). Demgegenüber verneinte Dr. med. H.________ in seinem Gutachten ohne nähere Erläuterung, welche Untersuchungen er vorgenommen und welche Resultate sich dabei ergeben hatten, generell das Vorliegen eines invalidisierenden psychischen Gesundheitsschadens. Es ist jedoch fraglich, ob die seit vielen Jahren bestehenden psychischen Probleme des Versicherten, welche auch in diversen stationären und ambulanten Therapien nicht gebessert werden konnten, innert kurzer Zeit fast gänzlich abgeklungen sind. Zwar stellten die Ärzte am Spital Q.________ grundsätzlich eine günstige Prognose (Bericht vom 5. Mai 2002), wiesen jedoch auf die geringe Compliance bezüglich Medikamenteneinnahme hin und relativierten damit die theoretisch zu erwartende Besserung erheblich. Im Übrigen steht die Feststellung des Dr. med. H.________, wonach eine medizinisch begründete Arbeitsunfähigkeit von mindestens 20 % nie durch einen psychischen Gesundheitsschaden bewirkt worden sei, im Widerspruch zur Einschätzung anderer Ärzte. So bescheinigten die Mediziner an der psychiatrischen Poliklinik am Spital Q.________ mit Bericht vom 5. Mai 2002 eine maximal 50%ige Arbeitsfähigkeit und bereits zuvor hatte Dr. med. S.________ ausgeführt, der psychische Zustand bestimme die Arbeitsdauer; die Leistungsfähigkeit sei um 0-100 % vermindert (Bericht vom 11. Februar 2002; im Wesentlichen bestätigt am 20. Dezember 2002). Auch wenn bei der Beweiswürdigung zu berücksichtigen ist, dass Hausärzte mitunter eher zugunsten ihrer Patienten aussagen (BGE 125 V 353 Erw. 3b/cc mit Hinweisen) und - im Hinblick auf einen möglichen Ziel- und Interessenkonflikt (Behandlung versus Begutachtung) - namentlich in umstrittenen Fällen regelmässig auch nicht unbesehen auf die Angaben eines behandelnden Spezialisten abzustellen ist (Urteil P. vom 5. April 2004, I 814/03), kann die Feststellung im angefochtenen Entscheid, wonach die Schlussfolgerungen des Dr. med. H.________ entscheidend seien und demzufolge keine invalidisierende Gesundheitsschädigung vorliege, nicht als hinreichend gesichert gelten. Vielmehr lassen sich bezüglich des aus psychiatrischer Sicht noch zumutbaren Leistungsvermögens keine klaren Schlüsse ziehen, weshalb zusätzlicher Abklärungsbedarf besteht. Die IV-Stelle, an welche die Sache zurückzuweisen ist, wird ein zusätzliches Gutachten einzuholen haben, welches sich - unter Berücksichtigung des zwischenzeitlich eingetretenen Knieschadens - zur Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers äussert, und hernach über den Rentenanspruch des Versicherten neu befinden.