Citation: U 40/00 08.02.2001 E. 8

8.- a) Ist das Vorliegen eines HWS-Schleudertraumas, einer äquivalenten Verletzung oder eines Schädel-Hirntraumas als nicht gesichert zu bezeichnen, ist für die Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfall und der anschliessend einsetzenden psychischen Fehlentwicklung, worunter auch das Dekompensieren des verstärkten Tinnitus fällt (nicht veröffentlichtes Urteil Z. vom 25. September 1996, U 14/96), mit der Vorinstanz nach der Rechtsprechung zu den psychischen Unfallfolgen (BGE 115 V 138 Erw. 6) vorzugehen. Dabei ist an das Unfallereignis anzuknüpfen. Bei leichten Unfällen kann der adäquate Kausalzusammenhang zwischen Unfall und nachfolgenden Gesundheitsstörungen in der Regel ohne weiteres verneint werden, weil auf Grund der allgemeinen Lebenserfahrung, aber auch unter Einbezug unfallmedizinischer Erkenntnisse davon ausgegangen werden darf, dass ein solcher Unfall nicht geeignet ist, einen erheblichen Gesundheitsschaden zu verursachen. Bei schweren Unfällen dagegen ist der adäquate Kausalzusammenhang zwischen Unfall und Folgen in der Regel zu bejahen. Denn nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung sind solche Unfälle geeignet, entsprechende Gesundheitsschäden zu bewirken. Bei Unfällen aus dem mittleren Bereich lässt sich die Frage, ob zwischen Unfall und Folgen ein adäquater Kausalzusammenhang besteht, nicht auf Grund des Unfalls allein schlüssig beantworten. Weitere, objektiv erfassbare Umstände, welche unmittelbar mit dem Unfall in Zusammenhang stehen oder als direkte oder indirekte Folgen davon erscheinen, sind in eine Gesamtwürdigung einzubeziehen. Als wichtigste Kriterien sind zu nennen: - besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Ein- drücklichkeit des Unfalls; - die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzun- gen, insbesondere ihre erfahrungsgemässe Eignung, psychi- sche Fehlentwicklungen auszulösen; - ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung; - körperliche Dauerbeschwerden; - ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheb- lich verschlimmert; - schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikatio- nen; - Grad und Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit. Der Einbezug sämtlicher objektiver Kriterien in die Gesamtwürdigung ist nicht in jedem Fall erforderlich. Je nach den konkreten Umständen kann für die Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs ein einziges Kriterium genügen. Dies trifft einerseits zu, wenn es sich um einen Unfall handelt, welcher zu den schwereren Fällen im mittleren Bereich zu zählen oder sogar als Grenzfall zu einem schweren Unfall zu qualifizieren ist. Anderseits kann im gesamten mittleren Bereich ein einziges Kriterium genügen, wenn es in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist. Kommt keinem Einzelkriterium besonderes bzw. ausschlaggebendes Gewicht zu, so müssen mehrere unfallbezogene Kriterien herangezogen werden. Dies gilt umso mehr, je leichter der Unfall ist. Handelt es sich beispielsweise um einen Unfall im mittleren Bereich, der aber dem Grenzbereich zu den leichten Unfällen zuzuordnen ist, müssen die weiteren zu berücksichtigenden Kriterien in gehäufter oder auffallender Weise erfüllt sein, damit die Adäquanz bejaht wird (BGE 115 V 139 Erw. 6a bis c). b) In RKUV 1999 Nr. U 330 S. 122 ff. hat das Eidgenössische Versicherungsgericht eine Übersicht über die seit BGE 115 V 135 als schwerere Fälle im mittleren Bereich qualifizierten Unfallereignisse gegeben. Hiezu gehören etwa folgende Verkehrsunfälle: Eine Radfahrerin wurde von einem nicht vortrittsberechtigten Lastwagen angefahren; diagnostiziert wurde eine obere und untere Schambeinastfraktur links sowie eine Oberschenkelkontusion rechts (RKUV 1995 Nr. U 215 S. 90). Ein Zweiradfahrer wurde von einem Personenwagen frontal erfasst, auf die Motorhaube gehoben und rund 22 m von der Kollisionsstelle weg auf das Trottoir geschleudert; er zog sich dabei eine Commotio cerebri, eine Humerus-Querfraktur rechts, eine proximale Ulnaschaft-Fraktur links, eine proximale Radiushals-Fraktur links sowie eine laterale Tibiakopf-Impressionsfraktur links zu (nicht veröffentlichtes Urteil C. vom 23. Dezember 1991, U 90/90). Ein Insasse wurde bei einer Kollision mit einem andern Personenwagen aus dem Fahrzeug geschleudert, wobei das rechte Bein im umgestürzten Auto eingeklemmt blieb; es wurden eine Commotio cerebri, eine offene Quetschwunde am Hinterkopf, ein Mittelhandbruch rechts sowie eine Kontusion und ein Hämatom an der linken Leiste diagnostiziert (nicht veröffentlichtes Urteil A. vom 29. Oktober 1991, U 62/90). Eine Mofa-Fahrerin zog sich bei einem Zusammenstoss mit einem Personenwagen eine Tibiakopf-Fraktur zu (nicht veröffentlichtes Urteil P. vom 14. Dezember 1989, U 91/87). Nach der in RKUV 1995 Nr. U 215 S. 90 ff. enthaltenen Übersicht wurden als schwere Unfälle etwa qualifiziert: Eine Frontalkollision, bei welcher der Versicherte schwere Verletzungen erlitt und ein anderer Fahrzeuginsasse starb (nicht veröffentlichtes Urteil I. vom 15. Dezember 1994, U 145/94), der Zusammenstoss einer Autofahrerin mit einem Zug mit Verlust des Unterschenkels (nicht veröffentlichtes Urteil T. vom 13. Dezember 1994, U 141/94), ein Unfall auf der Autobahn mit schweren Verletzungen (nicht veröffentlichtes Urteil A. vom 11. Januar 1990, U 77/89) sowie der Fall eines Arbeiters, der von einem mit einer Geschwindigkeit von 50 km/h vorbeifahrenden Lastwagen am Kopf getroffen und weggeschleudert wurde und dabei eine schwere Commotio cerebri erlitt (nicht veröffentlichtes Urteil F. vom 17. Oktober 1989, U 53/86). c) Im Lichte dieser Rechtsprechung kann der hier zur Diskussion stehende Unfall auf Grund des Hergangs (Kollision eines Personenwagens mit einer den Fussgängerstreifen überquerenden Person, welche über die Motorhaube geworfen wird, mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe schlägt und schliesslich nahe des Fahrzeuges zum Liegen kommt) und der erlittenen Verletzungen (LWK2-Kompressionsfraktur, Contusio des Schädels mit Rissquetschwunde, Verstärkung des vorbestehenden rechtsseitigen Tinnitus, Schädigung der Zähne, multiple Prellungen) nicht als schwer qualifiziert werden, auch wenn die Windschutzscheibe danach beschädigt war. Der Unfall ist mit der Vorinstanz als mittelschwer zu qualifizieren und im Grenzbereich zu den schweren Unfällen einzuordnen. Für die Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhangs genügt es daher, wenn ein einziges der unfallbezogenen Beurteilungskriterien erfüllt ist (BGE 115 V 140 Erw. 6c/bb). Dem Unfallereignis vom 15. Oktober 1994 kann eine gewisse Eindrücklichkeit nicht abgesprochen werden; von einer besondern Eindrücklichkeit oder besonders dramatischen Begleitumständen kann indessen nicht die Rede sein. Wie vom Hausarzt Dr. S.________ in der Stellungnahme vom 4. Januar 2000 unter Hinweis auf seine Krankengeschichte-Eintragungen ausgeführt, klagte der Versicherte erst ab Januar 1995 vermehrt über Kopf- und Schwindelbeschwerden. Zuvor waren es die Probleme bei den Armen und Beinen sowie im Rücken, welche den Arzt zur Bescheinigung einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit bewogen. Am 27. Februar 1995 äusserte Dr. S.________ gegenüber dem Unfallversicherer erstmals den Verdacht auf eine Aggravation, weil er die objektivierbaren Befunde mit dem Leidensempfinden des Versicherten nicht in Einklang bringen konnte, und empfahl eine Begutachtung. Gegenüber dem die Ohrenbeschwerden untersuchenden Dr. F.________ erklärte der Beschwerdeführer 1, das ständige Ohrenrauschen treibe ihn beinahe zum Wahnsinn und hindere ihn an der Arbeitsaufnahme (Überweisungsbericht vom 5. Mai 1995). Dr. S.________ hielt am 15. Oktober 1995 in einer Stellungnahme an die Winterthur fest, der Versicherte rechne nicht mehr mit einer Arbeitsaufnahme und habe sich völlig darauf eingestellt, nicht mehr arbeiten zu können; er klage primär über das stark störende Rauschen in den Ohren und das ständig auftretende Schwindelgefühl, was ihn nach eigenen Aussagen "völlig verrückt" mache; daneben bestünden auch überall noch Schmerzen, die jedoch nicht konstant die gleiche Stelle betreffen würden. In ähnlicher Weise äusserte sich der Versicherte am 11. März 1997 gegenüber dem IMB. Dem steht der Umstand gegenüber, dass der Versicherte nach der Entlassung aus dem Spital Z.________ vom 21. Oktober 1994 wegen der somatischen Unfallfolgen bis auf zwei kleine Ausnahmen (Zahnbehandlung und Bursinfiltration) nur noch in alle 2 bis 3 Wochen stattfindender physiotherapeutischer Behandlung stand, welche Mitte 1995 ihren Abschluss fand. Wie diese Ausführungen zeigen, stand ab Mitte 1995 das psychische Beschwerdebild eindeutig im Vordergrund. Damit kann das für die Adäquanzbeurteilung massgebende Kriterium der ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung ebenso wenig als erfüllt gelten wie dasjenige erheblicher körperlicher Dauerschmerzen. Von einer ärztlichen Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hat oder einem schwierigen Heilungsverlauf und erheblichen Komplikationen kann ebenfalls nicht gesprochen werden. Was schliesslich das Kriterium von Grad und Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit betrifft, ist davon auszugehen, dass der Versicherte aus organischer Sicht spätestens ab Einstellung der physiotherapeutischen Behandlung wieder in einem wesentlichen Umfang arbeitsfähig war, zumal ihm die MEDAS bei einem aus organischer Sicht seit der Ausfertigung der Röntgenaufnahmen durch das Röntgen-Institut Y.________ (vom 10. Januar 1997) weitestgehend unveränderten Gesundheitsbild (vgl. Auswertungsergebnisse der am 18. August 1999 vom Institut N.________ erstellten Röntgenaufnahmen durch die MEDAS) aus rein somatischer Sicht eine leichte bis mittelschwere Tätigkeit, vor allem in rückenadaptierter Haltung, in wechselnder Position und unter Vermeidung von repetitivem Heben und Tragen von Lasten und Vermeidung auch von Arbeiten in einer Zwangshaltung ganztags zumutet. Dies mit der weiteren auf die bisherige Tätigkeit als Geschäftsführer eines Restaurationsbetriebes bezogenen Auflage, nicht stundenlang zu servieren, am Buffet zu stehen und Arbeiten eines Keller- oder Buffetburschen auszuüben. Soweit weiterhin eine volle Arbeitsunfähigkeit bestand, ist sie auf die psychischen Störungen zurückzuführen, was im Rahmen der Adäquanzbeurteilung unberücksichtigt zu bleiben hat. Es bleibt demnach einzig noch zu prüfen, ob das Kriterium der Schwere und besonderen Art der Verletzung erfüllt sein könnte. Hierbei gilt es ein besonderes Augenmerk auf den Tinnitus zu legen. Ein Tinnitus kann gemäss Tabelle 13 zur Integritätsentschädigung gemäss UVG der SUVA in drei Schweregrade unterteilt werden, nämlich in den leichten, den schweren und den sehr schweren Tinnitus. Nach der Definition dieser Tabelle zeichnet sich der sehr schwere Tinnitus durch ein dauernd bestehendes ein- oder doppelseitiges Ohrengeräusch mit hoher und schwer bis sehr schwer erträglicher subjektiver Lautheit aus, wird durch Umgebungsschall des Alltags nur selten verdeckt und als stark störend und belästigend empfunden, hindert regelmässig am Einschlafen oder ist im Schlaf wahrnehmbar, beeinträchtigt Verrichtungen (Lesen, Schreiben, Zuhören usw.) regelmässig ausgeprägt oder zeitweise sehr stark, tritt subjektiv gegenüber einer vorhandenen Schwerhörigkeit in den Vordergrund, spricht temporär therapeutisch ungenügend an, ist also dekompensiert und von hohem Persönlichkeitswert. Gemäss dieser Umschreibung gehört die Dekompensation gleichsam zum Charakter eines sehr schweren Tinnitus. Ein solcher ist mit anderen Worten nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet, zur Dekompensation zu führen. Deshalb müsste bei Vorliegen eines sehr schweren Tinnitus der adäquate Kausalzusammenhang zwischen Unfall und der mangelhaften Verarbeitung (Dekompensation) des Tinnitus bejaht werden. Über den Schweregrad des Tinnitus nach dem Unfall schweigen sich die in den Akten liegenden medizinischen Berichte aus. Es wird daher an der Winterthur liegen, an welche die Angelegenheit zurückzuweisen ist, entsprechende Abklärungen vorzunehmen. Je nachdem, welches Ergebnis diese zeitigen, wird sie auch mit Bezug auf die somatoforme Schmerzstörung den adäquaten Kausalzusammenhang bejahen und die entsprechenden gesetzliche Leistungen bestimmen müssen. Unabhängig davon besteht ein über den 30. April 1997 bzw. 19. März 1999 hinausgehender Leistungsanspruch für die gemäss Erw. 5 hievor als rechtserheblich kausal zu betrachtenden somatischen Beschwerden.