Citation: 8C_928/2009 26.04.2010 E. 4

Mit Blick auf die serologischen Untersuchungsergebnisse steht fest, dass die Beschwerdeführerin Kontakt mit dem Borreliose-Erreger Borrelia Burgdorferi gehabt hat. Streitig ist hingegen, ob daraus eine Lyme-Borreliose entstanden ist, die für das ab Frühjahr 2005 entstandene Beschwerdebild kausal ist. 4.1 Die Allianz stellte hinsichtlich der Verneinung eines Kausalzusammenhangs der persistierenden Beschwerden und der Zeckenstiche massgeblich auf das Gutachten der MEDAS vom 14. März 2007 sowie die ergänzende Stellungnahme vom 28. Oktober 2007 ab, wonach mit mindestens gleich hoher Wahrscheinlichkeit wie von den Folgen einer Borreliose von einem prolongierten, postinfektiösen Polyarthralgie- und Astheniesyndrom nach unspezifischer, bakterieller oder viraler Infektion der Luftwege respektive des Gastrointestinaltraktes im Frühling 2005 ausgegangen werden könne. Ausserdem kämen aus rheumatologischer Sicht auch die allgemeine Hypermobilität und die markante Gewichtszunahme in den vergangenen zwei Jahren als Teilursache für die Arthralgien der unteren Extremitäten in Frage. Zusammenfassend wurde im MEDAS- Gutachten aus interdisziplinärer Sicht sodann festgehalten, bei rezidivierenden, migratorischen Episoden von Arthralgien sei die Diagnose Lyme-Borreliose Stadium II trotz langer Latenz des letzten erinnerlichen Zeckenstichs möglich. Mit Rocephin über insgesamt 28 Tage sei lege artis therapiert worden. Trotz adäquater Therapie leide ein kleiner Prozentsatz der Patienten (1-5 %) weiterhin an subjektiven Symptomen, welches Krankheitsbild in der Literatur als post-Lyme disease oder post-treatment chronic disease bezeichnet werde, wobei der Verlauf im einzelnen stark variabel sei. Gegen einen entscheidenden Anteil der Borreliose am geklagten Beschwerdekomplex spreche das Fehlen von Gelenksentzündungen, im ganzen Verlauf würden nur Arthralgien, nie aber Arthritiden beschrieben. Eine chronische Arthritis der bei der Versicherten vorwiegend betroffenen Gelenke wäre eine Seltenheit. Im Rahmen der Beantwortung des von der Allianz an die MEDAS-Ärzte gestellten Fragenkatalogs wurde sodann hinsichtlich der Frage, ob die vorliegende Gesundheitsschädigung überwiegend wahrscheinliche Folge eines Zeckenstichs sei, ausgeführt, es sei kein Borrelien-Nachweis mit der PCR-Methode durchgeführt worden. Ohne positive PCR auf Borrelia Burgdorferi, das heisse ohne direkten Erregernachweis aus Gelenkpunktat, Biopsiematerial oder Liquor könne bei der Versicherten aus der objektivierten Antikörperkonstellation gegen Borrelia Burgdorferi lediglich eine möglich floride Borreliose abgeleitet werden. Die geltend gemachte Gesundheitsschädigung, die weder zu Beginn noch im Verlauf je objektivierbare oder humorale Entzündungszeichen gezeigt habe, könne höchstens als mögliche Folge eines Zeckenstichs beurteilt werden. 4.2 Demgegenüber vertrat Dr. med. S.________ sowohl in seinem Bericht vom 8. Juni 2005 wie in seinen weiteren Stellungnahmen vom 7. November 2007, 17. Dezember 2007 und 2. November 2009 die Auffassung, es könne mit Eindeutigkeit eine noch floride Lyme-Borreliose Stadium II mit Beteiligung des Bewegungsapparates (Arthralgien, Periarthralgien) als Ursache für die bestehenden Beschwerden diagnostiziert werden. 4.3 Im infektiologischen Teilgutachten der MEDAS (vom 16. Oktober 2006) diagnostizierten die Experten Prof. Dr. C.________ und Dr. med. O.________ - entgegen der Diagnose im Hauptgutachten - eine Borreliose Stadium II mit Beteiligung des Bewegungsapparates mit/bei Verdacht auf post-treatment chronic disease. Sie führten aus, es dürfe als gesichert gelten, dass die Versicherte bei positivem Nachweis von Antiborrelien-IgG, positiver Borrelien-Komplementbindungsreaktion sowie dem Nachweis von insgesamt fünf spezifischen Banden im Borrelien-IgG-Western Blot Kontakt mit Borreliae burgdorferi hatte. Ebenso dürfe in Verbindung mit rezidivierenden, migratorischen Episoden von Arthralgien, mit zentrifugalem, atypischem Befallsmuster der Finger-, Hand-, Ellbogen-, Knie-, Fuss- und Zehengelenke, die Diagnose einer Lyme-Borreliose Stadium II als gesichert gelten. Aufgrund der Anamnese und der zur Verfügung stehenden Unterlagen werde ein Zusammenhang zwischen dem beklagten Beschwerdebild und der Borreliose als wahrscheinlich erachtet. Eine Auseinandersetzung mit dieser gegenteiligen Expertenmeinung findet sich im Hauptgutachten nicht, worin lediglich von einer möglichen Lyme-Borreliose ausgegangen wurde. Die konsiliarisch hinzugezogenen Prof. Dr. C.________ und Dr. med. O.________ erklärten sich denn auch nicht unterschriftlich mit den Schlussfolgerungen der Hauptexpertise einverstanden. Im Hauptgutachten wurde sodann nicht überzeugend dargelegt, weshalb die Beschwerdeführerin ebenso wahrscheinlich an den Folgen einer unspezifischen, bakteriellen oder viralen Infektion der Luftwege oder des Gastrointestinaltraktes leiden könnte, welche Schlussfolgerungen einzig auf den anamnestischen Angaben der Versicherten, im Frühling 2005 an zwei Infekten (Erkältung/Darm) gelitten zu haben, fussten. Daran vermag auch die von der Beschwerdegegnerin veranlasste ergänzende Stellungnahme der MEDAS vom 28. Oktober 2007 nichts zu ändern, worin die divergierenden gutachterlichen Auffassungen nicht überzeugend geklärt wurden, wenn ausgeführt wird, dass das Fehlen von Gelenksentzündungen gegen einen entscheidenden Anteil der Borreliose am geklagten Beschwerdekomplex spreche. Eine Lyme-Arthritis könne nicht aufgrund von unspezifischen Gelenkschmerzen (Arthralgien) diagnostiziert werden, sondern dazu seien Arthritidien (in aller Regel mit Ergussbildung und positivem labortechnischem Punktatbefund einhergehenden Gelenksentzündungen) zu fordern. Zum einen stand bei der Beschwerdeführerin die Diagnose einer Lyme-Arthritis nie im Raum, zum andern schliesst das Vorliegen einzig von migratorischen Arthralgien (ohne physikalisch fassbare Entzündungszeichen) und nicht von Arthritiden mit Gelenksschwellungen, die Diagnose einer Lyme-Borreliose nicht aus, wie sich aus dem infektiologischen Teilgutachten ergibt und worauf Dr. med. S.________ ebenfalls klar hinweist (Schreiben vom 7. November, 17. Dezember 2007 und 11. März 2008; vgl. auch S.________, a.a.O. S. 358 ff.). Mit Blick auf den im MEDAS-Gutachten erwähnten fehlenden Erregernachweis mittels PCR-Methode (Genomnachweis) ist sodann mit Dr. med. S.________ festzustellen, dass ein positives PCR-Resultat gemäss Literatur für eine Borreliose wohl beweisend ist, ein negatives Resultat hingegen eine Borreliose nicht ausschliessen kann (Steffen, Hirsch, a.a. O. S. 739). Zudem trug ebenso der behandelnde Arzt Dr. med. S.________ objektiv feststellbare Gesichtspunkte vor, die geeignet sind, die Schlussfolgerungen im MEDAS-Gutachten in Frage zu stellen (vgl. Plädoyer 2009/2 S. 69 E. 4, 9C_53/2008, mit Hinweis auf SVR 2008 IV Nr. 62 S. 2003, 9C_830/2007). Mit Blick auf den Krankheitsverlauf und das Beschwerdebild vermögen die Gründe, die im MEDAS-Hauptgutachten gegen die Annahme einer Lyme-Borreliose sprechen, nicht zu überzeugen, weshalb die Expertise keine beweiskräftige Entscheidungsgrundlage (BGE 125 V 351 E. 3b/bb S. 352) für die hier zu beurteilende Frage darstellt. Aufgrund der sich widersprechenden medizinischen Aktenlage sind ergänzende Abklärungen unumgänglich. Die Sache ist daher an die Allianz zurückzuweisen, damit diese zur Frage, ob ein Zeckenstich kausal für die geltend gemachten Beschwerden ist, eine Zweitexpertise einholt.