Citation: 6P.169/2004 09.03.2005 E. 4

Der Beschwerdeführer stellt sich zunächst auf den Standpunkt, sein Verhalten sei mangels Vorhersehbarkeit des eingetretenen Erfolgs nicht als fahrlässig zu betrachten. 4.1 Gemäss Art. 125 StGB wird mit Gefängnis oder Busse bestraft wer einen Menschen fahrlässig schwer am Körper oder der Gesundheit schädigt. Fahrlässig begeht der Täter ein Verbrechen oder Vergehen, wenn die Tat darauf zurückzuführen ist, dass er die Folge seines Verhaltens aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedacht oder darauf nicht Rücksicht genommen hat (Art. 18 Abs. 3 Satz 1 StGB). Ein Schuldspruch wegen eines Fahrlässigkeitsdelikts setzt somit voraus, dass der Täter den Erfolg durch Verletzung einer Sorgfaltspflicht verursacht hat. Sorgfaltswidrig ist sein Verhalten, wenn er zum Zeitpunkt der Tat aufgrund der Umstände sowie seiner Kenntnisse und Fähigkeiten die damit bewirkte Gefahr des Erfolgseintritts hätte erkennen können und müssen und wenn er zugleich die Grenzen des erlaubten Risikos überschritten hat (Art. 18 Abs. 3 Satz 2 StGB; BGE 130 IV 7 E. 3.2). Wo besondere Normen ein bestimmtes Verhalten gebieten, bestimmt sich das Mass der dabei zu beachtenden Sorgfalt in erster Linie nach diesen Vorschriften (BGE 127 IV 62 E. 2d S. 65). Grundvoraussetzung für das Bestehen einer Sorgfaltspflichtverletzung und mithin für die Fahrlässigkeitshaftung ist die Vorhersehbarkeit des Erfolgs. Die zum Erfolg führenden Geschehensabläufe müssen für den konkreten Täter mindestens in seinen wesentlichen Zügen voraussehbar sein. Zunächst ist daher zu fragen, ob der Täter eine Gefährdung der Rechtsgüter des Opfers hätte voraussehen bzw. erkennen können und müssen. Für die Beantwortung dieser Frage gilt der Massstab der Adäquanz. Danach muss das Verhalten geeignet sein, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und den Erfahrungen des Lebens einen Erfolg wie den eingetretenen herbeizuführen oder mindestens zu begünstigen. Die Adäquanz ist nur zu verneinen, wenn ganz aussergewöhnliche Umstände, wie das Mitverschulden eines Dritten oder Material- oder Konstruktionsfehler, als Mitursachen hinzutreten, mit denen schlechthin nicht gerechnet werden musste und die derart schwer wiegen, dass sie als wahrscheinlichste und unmittelbarste Ursache des Erfolges erscheinen und so alle anderen mitverursachenden Faktoren - namentlich das Verhalten des Angeschuldigten - in den Hintergrund drängen (BGE 130 IV 7 E. 3.2). 4.2 Der Umfang der Sorgfalt, welche der Beschwerdeführer vorliegend zu beachten hatte, richtet sich nach den Bestimmungen des SVG und der Verkehrsregelverordnung vom 13. November 1962 (VRV; SR 741.11; vgl. BGE 127 IV 34 E. 2b). Nach der Grundregel von Art. 26 Abs. 1 SVG muss sich jedermann im Verkehr so verhalten, dass andere in der ordnungsgemässen Benützung der Strasse weder behindert noch gefährdet werden. Diese Vorschrift wird durch die einzelnen Verkehrsregeln konkretisiert. So sieht Art. 32 Abs. 1 SVG vor, dass die Geschwindigkeit stets den Umständen anzupassen ist, namentlich den Besonderheiten von Fahrzeug und Ladung, sowie den Strassen-, Verkehrs- und Sichtverhältnissen. Art. 4 Abs. 2 VRV verdeutlicht, dass der Fahrzeugführer langsam zu fahren hat, wo die Strasse verschneit, vereist, mit nassem Laub oder mit Splitt bedeckt ist, besonders wenn Anhänger mitgeführt werden. Nach der Rechtsprechung zu Art. 4 Abs. 2 VRV ist der Fahrzeuglenker gehalten, Änderungen des Strassenzustands Rechnung zu tragen und seine Geschwindigkeit so stark zu reduzieren, dass er nicht ins Schleudern gerät. Bei welcher Geschwindigkeit er diesen Anforderungen genügt, lässt sich nicht in allgemeingültiger Form festlegen, sondern hängt von den konkreten Umständen ab, namentlich vom Zustand und der Führung der Strasse, der Verkehrsdichte sowie Besonderheiten des Fahrzeugs, seiner Beladung und Bereifung (BGE 101 IV 221 E. 1a). Bei Temperaturen um 0° ist auf feuchten Strassen nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung mit Glatteis zu rechnen (BGE 115 IV 241 E. 2c). 4.3 Gemäss den verbindlichen tatsächlichen Feststellungen der Vorinstanz war die Fahrbahn vor dem vereisten Strassenabschnitt zum Zeitpunkt des Unfalls feucht (vgl. E. 2.2) und bewegte sich die Aussentemperatur um den Gefrierpunkt. Diesen Strassen- und Witterungsbedingungen hatte der Beschwerdeführer Rechnung zu tragen, selbst wenn es an seinem Wohnort in Wilderswil etwas wärmer gewesen sein sollte. Denn eine Temperatur um 0° in den frühen Morgenstunden stellte trotz des kalendarischen Frühlingsbeginns keinen Umstand dar, mit dem schlechthin nicht gerechnet werden musste, zumal es bereits in den Wochen zuvor Kälteeinbrüche gegeben hatte. Der Beschwerdeführer hätte daher die Möglichkeit einer Vereisung der Fahrbahn in Betracht ziehen müssen. Da Glatteis nach der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet ist, ein Fahrzeug bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h ins Schleudern zu bringen, hätte er seine Geschwindigkeit folglich unter die ausgeschilderte Höchstgeschwindigkeit reduzieren müssen. Indem er dies unterliess, verletzte er Art. 32 Abs. 1 SVG. Dass es für ihn voraussehbar war, er könnte die Herrschaft über sein Fahrzeug verlieren, auf die Gegenfahrbahn gelangen und dort mit einem entgegenkommenden Fahrzeug kollidieren, wenn er ins Schleudern geriete, bestreitet der Beschwerdeführer zurecht nicht. Die Vorinstanz ist daher zutreffend von einem fahrlässigen Verhalten ausgegangen.