Citation: 9C_615/2021 E. 6.1

6.1. In BGE 145 V 170 hat das Bundesgericht die Leistungspflicht der schweizerischen Krankenpflegeversicherung für ausländische Behandlungen im Zusammenhang mit einer Gender-Dysphorie näher geprüft. Die dortigen Überlegungen sind, obschon einen anderen Eingriff (Phalloplastik) bei einer Frau-zu-Mann-Transsexualität betreffend, im hier interessierenden Zusammenhang insoweit von Belang, als gemäss Erwägung 7 an der Gerichtspraxis, wonach Ausnahmen vom Territorialitätsprinzip nur mit grosser Zurückhaltung zuzulassen sind, auch bei sehr seltenen Therapien festzuhalten ist. Ansonsten droht die Gefahr der Einbusse entsprechender inländischer Sach- und Fachkompetenz. Indessen kann sich die Operationsfrequenz für einen bestimmten Eingriff durchaus auf dermassen niedrigem Niveau bewegen, dass sich die Frage aufdrängt, ob die Operationsteams die erforderliche Erfahrung und Routine erlangen und aufrecht erhalten können. Ist dies nicht der Fall, verkehrt sich die (vermeintliche) Versorgungssicherheit in ihr Gegenteil: Wenn das inländische Behandlungsangebot die Versicherten mangels spezifischer Praxis der beteiligten Chirurgen einem unzumutbaren Risiko aussetzt, liegt letztlich ebenso eine Versorgungslücke vor, wie wenn in der Schweiz überhaupt keine entsprechende Behandlungsmöglichkeit bestünde. So kann sich ein übermässig risikobehaftetes Therapieangebot für die Patientinnen und Patienten noch weit nachteiliger auswirken als die fehlende Möglichkeit, sich im Inland einem bestimmten Eingriff zu unterziehen.