Citation: 9C_648/2017 E. 3.2.4

3.2.4. Schliesslich wird der Beweiswert des Gutachtens auch nicht dadurch vermindert, dass Dr. med. B.________ die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit ausdrücklich in einem "versicherungsrechtlichen" Sinne vorgenommen und sich gegenüber einer "rein medizinischen Sicht" abgegrenzt hat. 3.2.4.1. Das Ausmass der Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit hängt - auch bei psychosomatischen Störungen - von den funktionellen Auswirkungen der gesundheitlichen Störung ab (BGE 141 V 281 E. 6 S. 307 f.). Dabei sind bei der Beurteilung der Erwerbsunfähigkeit nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu berücksichtigen; psychosoziale und soziokulturelle Belastungsfaktoren fallen ausser Betracht (vgl. oben E. 2.3.1 f.). Gerade bei Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung oder allgemeine Leistungsminderung, unter denen der Versicherte leidet, spielen derartige Belastungsfaktoren erfahrungsgemäss eine beträchtliche Rolle. Häufig ist es dabei schwierig und aus der Sicht eines therapeutisch tätigen Arztes oder einer Ärztin auch nicht notwendig, die Ursachen der festgestellten Störung genau zu bestimmen und gegeneinander abzugrenzen. Mit dem Hinweis auf die rein medizinische Sicht der behandelnden Ärzte und der Anmerkung, diese hielten sich an das bio-psycho-soziale Krankheitsmodell, während versicherungsrechtlich ein bio-psychisches Krankheitsmodell gelte, brachte der Gutachter zum Ausdruck, dass die behandelnden Ärzte bei ihrer Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auch invaliditätsfremde Gründe, vor allem psychosoziale Belastungsfaktoren, die im vorliegenden Fall ausgeprägt vorhanden sind (schwierige familiäre Situation mit gewalttätigem Bruder etc.), mitberücksichtigten. In einer versicherungsmedizinischen Begutachtung, welche sich an den normativen Vorgaben der Rechtsprechung orientiert, ist es hingegen nicht nur zulässig, sondern sogar geboten, solche invalidenversicherungsrechtlich nicht relevanten Umstände aufzuzeigen und gegebenenfalls bei der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auszuklammern. Entgegen der Darstellung des Beschwerdeführers bedeutet dies nicht, dass es damit dem Gutachter obliegt, abschliessend festzuhalten, ob sich ein Gesundheitsschaden invalidisierend auswirkt. Es ist sowohl den begutachtenden Ärzten und Ärztinnen wie auch den Organen der Rechtsanwendung aufgegeben, die Arbeitsfähigkeit je aus ihrer Sicht zu beurteilen (BGE 141 V 281 E. 5.2.1 S. 306; 137 V 64 E. 5.1 S. 69). Wenn sich der medizinische Gutachter aber nach den rechtlichen Vorgaben richtet, wird das Risiko sich divergierender Beurteilungen der Arbeitsfähigkeit durch begutachtende und rechtsanwendende Organe minimiert, was mit Blick darauf, dass Recht und Medizin an sich begrifflich von ein und derselben Arbeitsunfähigkeit ausgehen, zu begrüssen ist (vgl. BGE 141 V 281 E. 5.2.3 S. 307). 3.2.4.2. Die Äusserung des Dr. med. B.________ bezüglich der von ihm vorgenommenen versicherungsrechtlichen Beurteilung bedeutet entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers sodann auch nicht, dass er keine medizinische Begutachtung durchgeführt und seine Aufgabe als medizinischer Gutachter nicht lege artis wahrgenommen hätte. Als Gutachter war er aber gehalten, seiner Einschätzung eine objektivierte Zumutbarkeitsprüfung zugrunde zu legen, und durfte sich nicht (nur) auf die subjektiven Beschwerdeangaben des Versicherten abstützen, wie dies seiner Meinung nach beispielsweise die von ihm diesbezüglich kritisierten Ärzte Dres. med. G.________ und H.________ taten. Sein Hinweis auf die unterschiedlichen Betrachtungsweisen von behandelnden und begutachtenden Ärzten und Ärztinnen ist deshalb ebenso wenig zu beanstanden wie die Tatsache, dass er sich bei seiner Arbeitsfähigkeitsschätzung von den normativen Vorgaben der Rechtsprechung hat leiten lassen.