Citation: 7B_984/2023 E. 2.7.3

2.7.3. Bei der Prüfung der Verhältnismässigkeit der Haftdauer ist namentlich der Schwere der untersuchten Straftaten Rechnung zu tragen. Das Gericht darf die Haft nur so lange erstrecken, als diese nicht in grosse zeitliche Nähe der (im Falle einer rechtskräftigen Verurteilung) konkret zu erwartenden Dauer der freiheitsentziehenden Sanktion rückt (BGE 145 IV 179 E. 3.1 und E. 3.5 f.; 143 IV 168 E. 5.1 mit Hinweisen; zum Ganzen Urteil 7B_781/2023 vom 8. November 2023 E. 4.2 mit Hinweisen). Sogenannte Überhaft liegt vor, wenn die Untersuchungs- und/oder Sicherheitshaft unter Einhaltung der formell- und materiell-rechtlichen Voraussetzungen rechtmässig angeordnet wurde, diese Haft den im Entscheid ausgesprochenen Freiheitsentzug aber überschreitet, also länger dauert als die tatsächlich ausgefällte Sanktion. Bei Überhaft ist also nicht die Haft per se, sondern nur die Haftlänge ungerechtfertigt. Sie wird erst im Nachhinein, das heisst nach Fällung des Urteils, übermässig (zum Ganzen BGE 141 IV 236 E. 3.2 und Urteile 7B_190/2022 vom 23. Oktober 2023 E. 3.1.3; 6B_1420/2022 vom 10. März 2023 E. 2.3.1; je mit Hinweisen). Obwohl sich Art. 212 Abs. 3 StPO nur auf die zu erwartende Freiheitsstrafe bezieht, sind nach der Rechtsprechung auch freiheitsentziehende Massnahmen zu berücksichtigen (Urteil 7B_670/2023 vom 16. Oktober 2023 E. 4.1). Droht eine Verurteilung zu einem stationären Massnahmenvollzug, ist daher die Fortdauer der strafprozessualen Haft verhältnismässig, wenn aufgrund der Aktenlage mit einer freiheitsentziehenden Massnahme ernsthaft zu rechnen ist, deren gesamter Vollzug deutlich länger dauern könnte als die bisherige strafprozessuale Haft (BGE 126 I 172 E. 5e; Urteile 7B_434/2023 vom 29. August 2023 E. 5.1 mit Hinweis; 7B_670/2023 vom 16. Oktober 2023 E. 4.1). Dabei kann nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts nicht ohne Weiteres von der Höhe einer ausgefällten schuldadäquaten Freiheitsstrafe auf die voraussichtliche Dauer einer gleichzeitig oder nachträglich angeordneten freiheitsentziehenden Massnahme geschlossen werden. Dennoch ist bei der Frage, wie lange eine Massnahme unter dem Gesichtspunkt der Verhältnismässigkeit voraussichtlich dauern werde, auch der Schwere der Tatvorwürfe Rechnung zu tragen (zum Ganzen Urteil 7B_670/2023 vom 16. Oktober 2023 E. 4.1; vgl. BGE 126 I 172 E. 5d und Urteil 7B_434/2023 vom 29. August 2023 E. 5.1).