Citation: 4P.200/2002 27.01.2003 E. 3

3.1 Die Dispositionsmaxime ist ein Grundsatz des kantonalen Rechts (BGE 111 II 358 E. 1 S. 360; 109 II 452 E. 5d S. 460). Gemäss Art. 119 ZPO/GR darf das Gericht einer Partei weder mehr noch anderes zusprechen, als sie selbst verlangt, noch weniger, als der Gegner anerkannt hat. Berufungsanträge müssen deshalb klar angeben, welche Teile des angefochtenen Entscheids nach Auffassung der appellierenden Partei abgeändert werden sollen. Dadurch soll die Gegenpartei in die Lage versetzt werden, sich entsprechend verteidigen zu können. Der Beschwerdeführer verweist diesbezüglich auf Art. 220 ZPO/GR, wonach zur Erhebung der Anschlussberufung eine peremptorische Frist von zehn Tagen ab Mitteilung der Berufungserklärung läuft. Wie das Kantonsgericht in einem früheren Entscheid festhielt, kann einer berufungsbeklagten Partei nicht zugemutet werden, einen Entschluss über die Erhebung der Anschlussberufung zu treffen, ohne überhaupt zu wissen, was die Gegenpartei im Berufungsverfahren erreichen will (Praxis des Kantonsgerichts Graubünden (PKG) 1996 Nr. 3 S. 14). Die Anwendung der Dispositionsmaxime findet ihre Grenzen am Gebot von Treu und Glauben als Grundsatz des kantonalen Zivilprozessrechts (Art. 4 ZPO/GR; BGE 111 II 62 E. 3 S. 66). Bei der Auslegung von Rechtsbegehren ist das Gericht an diesen Grundsatz gebunden (vgl. ausdrücklich zur ähnlichen Bestimmung der Zürcher Zivilprozessordnung Frank/Sträuli/Messmer, Kommentar zur zürcherischen Zivilprozessordnung, 3. Aufl. 1997, N 8 zu § 50). Ferner wendet sich das Verbot des überspitzten Formalismus (Art. 29 Abs. 2 BV) gegen prozessuale Formenstrenge, die durch kein schutzwürdiges Interesse gerechtfertigt ist und die Verwirklichung des materiellen Rechts in unhaltbarer Weise erschwert oder verhindert (BGE 127 I 31 E. 2a/bb, mit Hinweisen). Rechtsbegehren sind deshalb nicht formalistisch, sondern nach ihrem Sinn auszulegen (vgl. PKG 1996 Nr. 3 S. 14; 1995 Nr. 15 S. 69; 1976 Nr. 9 S. 53; ferner BGE 105 II 149 E. 2a S. 152; Guldener, a.a.O., S. 262; Vogel/Spühler, a.a.O., S. 52). 3.2 Im angefochtenen Urteil stellte das Kantonsgericht nicht allein auf den Wortlaut des Berufungsantrags der Beschwerdegegnerin ab, welcher sich formal betrachtet lediglich auf Dispositivziffer 1 des erstinstanzlichen Urteils bezog. Zur Auslegung des Wortes "umfassend" stützte sich das Kantonsgericht auch auf das erstinstanzlich gestellte Rechtsbegehren. Dieses erwähnte nicht nur die Tätigkeit des Beschwerdeführers in Sachen Überbauung "T." in L.________, sondern enthielt eine detaillierte Liste von Begehren um Auskunft über die gesamte Tätigkeit des Beschwerdeführers in der Zeit von Januar 1990 bis Mai 1998. Wie das Kantonsgericht vor diesem Hintergrund willkürfrei bemerkte, war objektiv erkennbar, dass mit dem Wort "umfassend" die im erstinstanzlichen Begehren aufgelistete Tätigkeit des Beschwerdeführers gemeint sein musste. Dass der Beschwerdeführer diese Möglichkeit der Auslegung tatsächlich erwog, ist im Übrigen aus den Plädoyer-Notizen der Berufungsverhandlung vom 25. Juni 2002 ersichtlich. Aus diesen Gründen hat das Kantonsgericht Art. 119 ZPO/GR nicht falsch - und erst recht nicht willkürlich (BGE 127 I 38 S. 41, mit Hinweisen) - angewendet.