Citation: 6B_384/2022 E. 2.3.1

2.3.1. Die Beschwerdeführerin macht geltend, dass sich die Aussagen der Polizeibeamten und des Beschwerdegegners gegenüberstehen. Die Vorinstanz gehe von einem anderen Sachverhalt als die Erstinstanz aus. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb sie das schriftliche Verfahren angeordnet und den Beschwerdegegner sowie die Polizeibeamten nicht befragt habe. Bei Zweifeln an den Aussagen der Polizeibeamten wäre die Vorinstanz verpflichtet gewesen, sich vor Schranken ein unmittelbares Bild der Beweislage zu verschaffen. Liegt eine eigentliche "Aussage gegen Aussage"-Situation vor und hat die Aussage etwa eines Hauptbelastungszeugen für den Ausgang des Verfahrens entscheidende Bedeutung, dann kann die Schwere der Tatvorwürfe gebieten, dass das Gericht zu einer unmittelbaren Beweisabnahme gemäss Art. 343 Abs. 3 StPO schreitet (BGE 140 IV 196 E. 4.4.3). Bei "Aussage gegen Aussage"-Situationen ist grundsätzlich die unmittelbare Wahrnehmung durch das Gericht erforderlich (Urteile 6B_1189/2018 vom 12. September 2019 E. 2.1.2; 6B_1469/2017 vom 18. Juni 2018 E. 1.4; 6B_318/2015 vom 28. Oktober 2015 E. 1.5; 6B_620/2014 vom 25. September 2014 E. 1.4.2). Vorliegend stehen sich die Aussagen des Beschwerdegegners und der Polizeibeamten gegenüber. Allerdings bestehen mit dem Notfallbericht des Spitals B.________, dem forensisch-physikalischen Gutachten und der Fotodokumentation der Kriminaltechnik auch sachliche Beweismittel. Eine Befragung der Beteiligten im Berufungsverfahren war somit nicht zwingend geboten. Zudem lässt die Beschwerdeführerin die Prozessgeschichte ausser Acht. Am 16. August 2021 verfügte die Verfahrensleitung die Durchführung eines mündlichen Berufungsverfahrens. Mit Eingabe vom 23. August 2021 beantragte der Beschwerdegegner das schriftliche Verfahren und ersuchte um Dispensation vom persönlichen Erscheinen. Die Beschwerdeführerin verzichtete auf eine Stellungnahme dazu. Am 8. September 2021 teilte die Verfahrensleitung mit, dass sie die Durchführung eines schriftlichen Verfahrens beabsichtige. Der amtlich verteidigte Beschwerdegegner wohne im Ausland und wolle einer Vorladung keine Folge leisten. Daher lasse sich der Zweck des mündlichen Verfahrens nicht erreichen. Tags darauf stimmte die Beschwerdeführerin dem schriftlichen Verfahren ausdrücklich zu. Die Beschwerdeführerin bringt vor Bundesgericht nicht vor, dass sie Beweisanträge gestellt hätte. Vor diesem Hintergrund erscheint es widersprüchlich, wenn sie nun geltend macht, die Vorinstanz hätte das schriftliche Verfahren nicht anordnen dürfen und den Beschwerdegegner sowie die Polizeibeamten befragen müssen. Es kommt hinzu, dass die Vorinstanz den Parteien am 19. Januar 2022 mitteilte, sie behalte sich vor, den Anklagesachverhalt als einfache Körperverletzung zu würdigen. Auch dazu liess sich die Beschwerdeführerin nicht vernehmen. Gleiches gilt, wenn die Beschwerdeführerin rügt, es wäre ein zusätzliches Gutachten einzuholen gewesen. Der vorinstanzliche Verzicht auf eine öffentliche Berufungsverhandlung ist auch unter dem Aspekt des fairen Verfahrens (Art. 6 EMRK; BGE 147 IV 127) nicht zu beanstanden. Die erwähnte Rechtsprechung zielt auf den Schutz der beschuldigten Person, zumal wenn diese erstinstanzlich freigesprochen, im Berufungsverfahren dagegen verurteilt wird. Nach der Rechtsprechung des EGMR ist die beschuldigte Person grundsätzlich von jenem Gericht anzuhören, das sie verurteilt (Urteil 6B_131/2021 vom 11. August 2021 E. 2.3 mit Hinweisen).