Citation: 1C_317/2022 E. 5.5

5.5. Der Gutachter hat das IANB-Objekt am 22. November 2023 besucht, wobei er sich auf die von der SABA betroffenen Flächen rechts der Sitter beschränkt hat; er erachtet es als unwahrscheinlich, dass Gelbbauchunken die 30 m breite Sitter überqueren können. Der Experte schätzt das Risiko, dass Gelbbauchunken in der SABA Ochsenweid ablaichen, als hoch ein. Gelbbauchunken bevorzugten als Laichgewässer kurzzeitig wasserführende, temporäre Gewässer (meist kleine, unscheinbare Tümpel), in denen keine Fressfeinde vorhanden seien (wie beispielsweise Fische oder Libellenlarven). Die adulten Gelbbauchunken bewohnten oft sogenannte Aufenthaltsgewässer und wechselten unmittelbar nach starkem Regen in die kurzzeitig wasserführenden, temporären Gewässer, um dort abzulaichen. Bei seinem Besuch habe er nur wenige Tümpel gefunden, die als Laichgewässer für die Gelbbauchunke sehr attraktiv wären, weshalb er davon ausgehe, dass die SABA als Laichgewässer auf Gelbbauchunken sehr attraktiv wirken könne. Diese fülle sich bei starkem Regen mit Wasser, und genau das löse bei den Gelbbauchunken den Wechsel ins Laichgewässer und das Laichen aus. Falle die SABA dann trocken, so vertrockneten der Laich und allenfalls die Kaulquappen. Die SABA liege so nahe am Inventar-Objekt, dass die Gelbbauchunken die Distanz problemlos zurücklegen könnten. In diesem Sinne könne man die SABA als Amphibienfalle bezeichnen. Ein Auszug aus der Datenbank von info fauna karch ergebe, dass in den letzten Jahren jeweils nur wenige Unken im Objekt SG21 beobachtet worden seien. Wenn also nur 2-3 Weibchen in die SABA wechselten, könne es sein, dass die ganze Fortpflanzung der Population gefährdet sei. Dies stelle eine Beeinträchtigung des IANB-Objekts dar. Schon heute werde das Schutzziel gemäss Art. 6 AlgV nicht erreicht: Im Objektblatt werde eine Gelbbauchunkenpopulation der Grösse 4, d.h. mit mehr als 100 Individuen beschrieben; dies stelle das Schutzziel dar. In den letzten Jahren seien aber weniger als zehn Individuen beobachtet worden. Die Gelbbauchunke sei in der vom BAFU publizierten Roten Liste als «gefährdet» (VU) eingestuft und sei in besonderem Mass auf Schutz- und Pflegemassnahmen angewiesen. Es seien daher Massnahmen notwendig, welche die Fallenwirkung reduzierten. Die Umweltnotiz sehe als Massnahme NL.1.4 den schnellen Abfluss bzw. Versickerung des Wasser vor, ohne "schnell" näher zu definieren. Das ASTRA schreibe in seiner Stellungnahme vom 29. Juni 2022, dass in der SABA «bereits nach 8 bis 9 Stunden kein Wasser mehr auf dem Filter liege, sofern kein weiteres Wasser zufliesse». Wenn ein Trockenfallen nach 9 Stunden garantiert werden könne, so sei die Fallenwirkung minimal. Der Nebensatz «sofern kein weiteres Wasser zufliesst» bedeute jedoch, dass die SABA bei anhaltendem Regen zur Amphibienfalle werden könne. Der Experte empfiehlt daher, die SABA technisch so zu gestalten, dass auf dem Filter bei jeder Witterung maximal 9 Stunden Wasser liege. Als Alternative wäre denkbar, einen Teil der SABA abzudichten und so einen kleinen Weiher schaffen, in dem im Sommer während 2-3 Monaten Wasser stehe. Denkbar wäre auch, die SABA mit Bollensteinen zu überschütten, so dass sich kein Tümpel bilden könne. Das wäre zwar keine amphibienfreundliche Gestaltung der SABA als Landlebensraum, würde aber die Fallenwirkung verhindern. Inwiefern dies machbar und mit der Funktionalität der SABA vereinbar sei, könne er allerdings nicht beurteilen. Eine Einzäunung zu erstellen und zu unterhalten, die von Amphibien und anderen Kleintieren nicht überwunden werden könne, sei schwierig. Die Fallenwirkung der SABA könne auch reduziert werden, indem den Gelbbauchunken innerhalb des Inventar-Objekts mehr und bessere Laichgewässer angeboten würden, denn dann sinke das Risiko, dass diese die SABA zwecks Laichablage aufsuchten. !deal wäre eine Kombination aus neuen Laichgewässern und einer maximalen Wasserführung der SABA von 9 Stunden. Anzahl und Qualität der aktuell vorhandenen potenziellen Laichgewässer seien im November 2023 schwer zu beurteilen gewesen; ein Aufwertungspotenzial bestehe aber auf jeden Fall. Neue Laichgewässer sollten sich leicht bewerkstelligen lassen, da mehrere kleine Bäche durch das Gebiet fliessen würden; die Einzelheiten müssten vor Ort mit einem Amphibienspezialisten diskutiert werden. Möglich sei auch die Anlage neuer Laichgewässer im Wald, ausserhalb des Perimeters des IANB-Objekts. Die neuen Tümpel müssten regelmässig unterhalten oder erneuert werden, denn ohne Pflege verlören sie rasch ihren Wert. Für eine Vorkommenswahrscheinlichkeit von 50 % seien erfahrungsgemäss 15 oder mehr Tümpel erforderlich; für 75 % müssten es mehr als 25 sein. Bei allen Massnahmen für die Amphibien sei dafür zu sorgen, dass der Unterhalt sichergestellt sei. Die Strasse bzw. die Piste durch das Inventar-Objekt sei zurzeit für Amphibien nicht nachteilig. Entlang der Strasse gebe es Tümpel, welche für die Gelbbauchunken als Laichgewässer dienen könnten. Die Strasse dürfe nicht ausgebaut werden, insbesondere dürfe sie nicht geteert werden und die Tümpel am Rand müssten erhalten bleiben. Dagegen genügten die Auflagen in der Umweltnotiz zur Minimierung von Bau und Unterhalt während der Laichzeit von "ca. Mitte Februar bis Ende April" nicht. Diese zeitliche Einschränkung sei gut für die sogenannten «Frühlaicher» Grasfrosch und Erdkröte; die Gelbbauchunke beginne dagegen im April mit dem Laichgeschäft und beende es im Juli. Die Einschränkung sollte daher mindestens von Mitte Februar bis Ende Juli gelten, besser noch bis Ende September, um auch die Jungtiere zu schützen. Zur grösstmöglichen Schonung der Amphibien im Inventar-Objekt SG 21 empfiehlt das Gutachten, Bauarbeiten und (planbaren) Unterhalt ausschliesslich im Winterhalbjahr durchzuführen. Der Autoverkehr auf der Strasse sollte minimiert werden; idealerweise sollte die Strasse immer gesperrt sein.