Citation: 2C_885/2022 E. 6.3

6.3. Der Wohnsitzbegriff setzt sich aus einem objektiven, äusseren (Aufenthalt) und einem subjektiven, inneren Element (Absicht) zusammen. Zu seiner Feststellung kommt es nicht auf die bloss geäusserten Wünsche der betreffenden Person oder die gefühlsmässige Bevorzugung eines Ortes an; insofern ist der Wohnsitz nicht frei wählbar. Vielmehr ist von den äusserlich wahrnehmbaren Umständen, welche den Aufenthalt kennzeichnen, auf die dahinter stehende Absicht zu schliessen (BGE 137 II 122 E. 3.6 S. 126; 132 I 29; Urteil 2C_270/2012 vom 1. Dezember 2012 E. 2.3). Dabei lässt sich gemeinhin kein strikter Beweis erbringen, sodass eine Abwägung aufgrund von Indizien erforderlich ist. Dies bedingt eine sorgfältige Berücksichtigung und Gewichtung sämtlicher Berufs-, Familien- und Lebensumstände (Urteil 2C_270/2012 vom 1. Dezember 2012 E. 2.3). Jede Person kann nur einen Hauptwohnsitz bzw. eine Niederlassungsgemeinde haben (§ 4 Abs. 2 ErG; Art. 3 lit. b Satz 2 RHG). Stehen zwei oder mehrere Orte in Konkurrenz, ist der Hauptwohnsitz danach zu bestimmen, wo faktisch der Mittelpunkt der Lebensinteressen der betreffenden Person liegt (Urteil 2C_270/2012 vom 1. Dezember 2012 E. 2.2; vgl. BGE 132 I 29 E. 4.2). Bei einer verheirateten Person mit Beziehungen zu mehreren Orten, die im Erwerbsleben steht, werden die persönlichen und familiären Kontakte zum Familienort grundsätzlich höher gewichtet als jene zum Arbeitsort. Dies trifft jedenfalls zu, soweit die betreffende Person unselbständig erwerbstätig ist, keine leitende Stellung einnimmt und täglich ("Pendler") oder regelmässig an den Wochenenden ("Wochenaufenthalter") an den Familienort zurückkehrt (BGE 132 I 29 E. 4.2; Urteil 2C_270/2012 vom 1. Dezember 2012 E. 2.4). Was den Familienort betrifft, so ist bei verheirateten Personen zwar je einzeln zu prüfen, wo sie ihren Wohnsitz haben. Da aber der Mittelpunkt der persönlichen und insbesondere der familiären Beziehungen einer Person das Hauptkriterium zur Bestimmung ihres Wohnsitzes bildet, ist bei Ehegatten grundsätzlich von einem gemeinsamen Wohnsitz auszugehen, solange sie den Mittelpunkt ihrer persönlichen Beziehungen nicht eindeutig an verschiedenen Orten festgelegt haben, sei es als Folge einer Trennung oder aus anderen Gründen (Urteile 2C_935/2018 vom 18. Juni 2019 E. 4.3 und 2C_413/2011 vom 13. April 2012 E. 3.4). Bei Ehegatten ist deshalb in jedem Fall zu prüfen, wie sie ihre eheliche Beziehung in der Praxis gestaltet haben und wo sie die meiste Zeit miteinander verbringen (Urteil 2C_413/2011 vom 13. April 2012 E. 3.4).