Citation: 6B_1038/2017 E. 2.6.1

2.6.1. Das Täterverschulden (Art. 47 StGB) wird ausgehend von der objektiven Tatschwere bewertet (BGE 136 IV 55 E. 5.5 S. 59). Diese beschlägt das Ausmass des verschuldeten Erfolges und die Art und Weise der Herbeiführung dieses Erfolges (vgl. BGE 129 IV 6 E. 6.1 S. 20; HANS MATHYS, Leitfaden Strafzumessung, 2016, Rz. 59 ff.). Der Beschwerdeführer macht zurecht geltend, dass die Rechtsgutverletzung als solche unergiebig ist, wenn es um eine Tötung geht. Die vorinstanzlich angeführte "Vernichtung des höchsten Rechtsguts" begründet den Tatbestand des Art. 111 StGB. Der mit der Tötung als solcher verbundene Unrechtsgehalt kann aber - anders als etwa bei einer Körperverletzung - nicht abgestuft werden. Insoweit ist aus der Rechtsgutverletzung allein vorliegend nichts für die Strafzumessung abzuleiten. Die objektive Tatschwere bestimmt sich hier vielmehr anhand des Tathergangs und der Tatumstände. Die Vorinstanz bewertete die Tatausführung als "heimtückisch und hinterhältig". Sie sei nahe beim Mordtatbestand anzusiedeln. Der Täter habe eine "erschreckend hohe kriminelle Energie" offenbart. Dabei knüpft die Vorinstanz an die im Rahmen der rechtlichen Würdigung gemachte Feststellung an, das Tatvorgehen gleiche einer Hinrichtung, unter anderm weil der Beschwerdeführer die Tatwaffe verborgen gehalten, sich von hinten an das Opfer herangeschlichen und diesem keine Reaktionsmöglichkeit gelassen habe. Damit hat sie die objektive Tatschwere rein anhand des äussern Tatablaufs und der unmittelbaren Vorbereitungshandlungen - gleichsam aus der Sicht eines unwissenden Beobachters - bewertet. Eine solche aus jeglichem Kontext gelöste Betrachtung ist mit der tatbeständlichen Struktur der Tötungsdelikte nicht vereinbar. Bei Totschlag (Art. 113 StGB) und bei Mord (Art. 112) kennzeichnen subjektive Elemente (eine entschuldbare heftige Gemütsbewegung oder eine grosse seelische Belastung resp. eine besondere Skrupellosigkeit) den privilegierten resp. qualifizierten Tatbestand. Subjektive Merkmale wie Motive, Beweggründe und Absichten des Täters sind implizit aber auch beim hier einschlägigen Grundtatbestand des Art. 111 massgeblich, wenn es um die Festlegung des (objektiven) Schweregrades geht. Dieser bestimmt sich mit andern Worten anhand aller Tatkomponenten, welche einem gesetzlichen Tatbestandsmerkmal zuzuordnen sind. Darin liegt im Übrigen kein Verstoss gegen das Doppelverwertungsverbot. Umstände, welche für die qualifizierte oder privilegierte Tatbestandsvariante und den damit einhergehenden veränderten Strafrahmen begründend gewesen sind, dürfen zwar nicht zusätzlich verschuldens- resp. straferhöhend oder -mindernd veranschlagt werden (BGE 120 IV 67 E. 2b S. 72; 118 IV 342 E. 2b S. 347). Innerhalb des durch den qualifizierten oder privilegierten Tatbestand gesetzten Strafrahmens spiegelt sich das konkrete Ausmass der betreffenden Faktoren aber in der - quantifizierenden - Strafzumessung (BGE 141 IV 61 E. 6.1.3 S. 68; Urteile 6B_1196/2015 vom 27. Juni 2016 E. 2.3.4 und 6S.44/2007 vom 6. Juni 2007 E. 4.3.2). Die Vorinstanz erkennt unangefochten, dass die privilegierenden Voraussetzungen des Totschlags nicht erfüllt sind. Die Gesichtspunkte, welche die erste Instanz zu dieser Qualifikation bewogen haben, bleiben nach dem Gesagten aber bedeutsam für die Verschuldenssituierung im weiten Geltungsbereich des Art. 111 StGB (dazu GIAN EGE, Der Affekt im schweizerischen Strafrecht, 2017, S. 199 ff.) Sie haben einen Einfluss darauf, wie weit der Täter nach den inneren und äusseren Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden (Art. 47 Abs. 2 StGB). Je leichter es für den Täter gewesen wäre, die von ihm übertretene Norm zu respektieren, desto schwerer wiegt seine Entscheidung gegen sie und damit seine Schuld und umgekehrt (BGE 127 IV 101 E. 2a S. 103; Urteil 6B_31/2011 vom 27. April 2011 E. 3.4.2). Insofern ist es - hier bereits bei der objektiven Tatschwere und nicht erst beim subjektiven Tatverschulden - zu berücksichtigen, wenn eine heftige Gemütsbewegung oder eine grosse seelische Belastung die Tötung nach ethischen Gesichtspunkten in einem wesentlich milderen Licht erscheinen lässt (vgl. Urteil 6B_1149/2015 vom 29. Juli 2016 E. 3.1 mit Hinweisen). Stützt sich die Vorinstanz vornehmlich auf das äussere Erscheinungsbild der Tat, so greift dies somit zu kurz. Nach der Konzeption der Tötungstatbestände müssen bei der Strafzumessung von Beginn weg auch subjektive Merkmale berücksichtigt werden, so etwa die Frage, ob eine grosse seelische Belastung das Tatverschulden relativiert. Die Vorinstanz hat diese Gesichtspunkte ausführlich erfasst und gewürdigt, allerdings nicht bei der Festlegung der objektiven Tatschwere, sondern erst im Zusammenhang mit dem subjektiven Tatverschulden und mit den Täterkomponenten (vgl. oben 2.3.2 und 2.3.3). Unter diesen Strafminderungstiteln erhielten die betreffenden Aspekte weit weniger Gewicht als wenn sie als Faktoren der tatbestandsabhängig objektiven Tatschwere begriffen worden wären. Als Komponenten des subjektiven Tatverschuldens behandelt hat die Vorinstanz namentlich die ungeplante, spontane Natur der Tathandlung, den generellen Konflikthintergrund der Tat und die Provokation durch das Opfer im unmittelbaren Vorfeld der Tat. Die persönlichen Verhältnisse des Beschwerdeführers wiederum, vor allem seine durch die familiären Verhältnisse sehr stark belastete Kindheit und Jugend, hat die Vorinstanz ausschliesslich unter dem nachgeordneten Titel der Täterkomponenten behandelt, obwohl sie auch erheblich tatrelevant sind. Mithin verzerrt die vorinstanzlich gewählte Zuordnung der einzelnen Komponenten die Strafzumessung schon im Ansatz. Werden die vorerwähnten Gesichtspunkte richtigerweise bereits auf Stufe "objektive Tatschwere" einbezogen, so stellt dies die vorinstanzliche Begründung, weshalb die Tatschwere derjenigen eines Mordes nahekommen soll, infrage: Die rein auf den äusseren Ablauf gestützte Annahme, die Tatausführung habe Züge einer Hinrichtung - also letztlich eines inszenierten Geschehens - getragen, widerspricht der Feststellung, der Beschwerdeführer sei spontan und nicht planmässig vorgegangen. Sodann sind die vorinstanzlichen Feststellungen über die Lebensgeschichte und den Gemütszustand des Beschwerdeführers sowie die Impulsivität seines Handelns kaum mit der Annahme einer besondern Schwere des Tatverschuldens vereinbar, das heisst einer solchen, die über das bei jeder bewusst vorsätzlichen Tötung gegebene Mass hinausreicht (vgl. MATHYS, a.a.O., Rz. 63, 65 a.E., 212). Dass der Beschwerdeführer vor diesem Hintergrund auf die abermaligen Kränkungen am Tattag nicht nur mit blinder Wut reagiert hat, sondern auch mit einer gewissen Überlegtheit vorgegangen ist (Betreten des Zimmers unter einem Vorwand, Verhüllen der Waffe mit einer Decke), trug dazu bei, dass die Vorinstanz die erstinstanzliche Qualifikation als Totschlag verworfen hat. Entgegen der weitergehenden Rechtsauffassung von Beschwerdegegnerin und Vorinstanz spricht ein verdecktes, auf ungehinderte Tatbegehung abzielendes Handeln hier nicht von vornherein für eine besondere kriminelle Energie oder für Heimtücke, also für Merkmale, welche die zu beurteilende Tat strafzumessungswirksam in die Nähe des Mordtatbestands rücken könnten. So zeugt der Umstand, dass der Beschwerdeführer seinem Vater nicht offen mit der Schusswaffe entgegengetreten ist, im gegebenen Kontext viel eher von Skrupeln als von Heimtücke. Ebensowenig kann davon gesprochen werden, der Beschwerdeführer habe nicht mehr unter dem direkten Einfluss seiner Emotionen gehandelt, weil er erst etwas verzögert zur Tat geschritten sei, mithin genügend Zeit und Gelegenheit gehabt habe, sich zu besinnen. Dies wäre zutreffend, hätte er bloss auf eine einfache Provokation reagiert (vgl. Urteil 6B_379/2012 vom 30. August 2012 E. 3.1 f.; EGE, a.a.O., S. 202). Hier aber war das gesamte Zusammenleben nach Feststellung der Vorinstanz konstant durch Kälte, Distanz und Gleichgültigkeit geprägt gewesen, sporadisch auch durch eine abschätzig-verletzende Haltung. Am Tattag erfuhr der Beschwerdeführer eine erneute massive Kränkung durch seinen Vater, um dessen Anerkennung er nach Feststellung der Vorinstanz jahrelang vergeblich gekämpft hatte. In diesem Zusammenhang gilt es zu bedenken, dass den Beschwerdeführer seit einiger Zeit ernsthafte und konkrete Selbstmordgedanken verfolgten. Unter dem Einfluss der Ereignisse am Tattag, namentlich der neuerlichen Erniedrigung, wendete sich die Aggression, die er schon seit Längerem gegen sich selber richten wollte, akut gegen den Vater mit dem Ziel, diesen zum Schweigen zu bringen. Bei dieser Ausgangslage drängt sich der Schluss auf, dass der Beschwerdeführer im Rahmen seines überwiegend affektiv gesteuerten Handelns auf vorhandene Entschluss- und Handlungsmuster zurückgreifen konnte, die ihn bei seiner Tat nur scheinbar abgeklärt vorgehen liessen. Auch dieser Hintergrund verbietet es, aus den vorinstanzlich relevierten Tatumständen auf ein kaltblütiges Vorgehen und auf besondere kriminelle Energie zu schliessen. Ein Handeln unter grosser seelischer Belastung, unter dem Einfluss von Wut und Verzweiflung, ist offensichtlich. Der Beschwerdeführer hat den langwährenden schweren Konflikt zwar mit äusserster Gewalt beendet. Angesichts seiner Beweggründe ist aber nicht erkennbar, inwiefern - bezogen auf das von Art. 111 StGB erfasste Tatspektrum - von einer überschiessenden kriminellen Energie gesprochen werden müsste. Nicht nachvollziehbar ist sodann die vorinstanzliche Feststellung, die vom Beschwerdeführer beklagten Zurückweisungen und Herabsetzungen vertrügen sich schlecht mit seiner Darstellung, der Vater habe ihn konstant ignoriert. Eine schikanöse Behandlung kann offensichtlich auch Hand in Hand mit einer konsequenten Zurückweisung von Anläufen erfolgen, eine adäquate familiäre Beziehung aufzubauen. Wenn die Vorinstanz ferner angenommen hat, das Verbleiben des Beschwerdeführers im väterlichen Haushalt spreche gegen eine ausweglose Situation, so ist diese Folgerung trotz der unverkennbaren Sachzwänge persönlicher und wirtschaftlicher Art zwar vertretbar; nicht haltbar wäre indessen, deswegen das Vorhandensein einer für die Strafzumessung erheblichen seelischen Belastung zu verneinen.