Citation: U 198/06 31.08.2006 E. 4

4.1 Was die auf persönlichen Untersuchungen beruhenden medizinischen Unterlagen betrifft, auf die sich die ärztliche Beurteilung des Dr. med. S.________ vom 20. Dezember 2002 stützt, so lagen diesem nebst älteren Berichten der Praxis "X.________" (Dr. med. F.________, Orthopädische Chirurgie FMH, und Dr. med. N.________; 11. April 1997, 11. Juli 1997, 28. November 1997, 17. April 1998, 12. Mai 1998 und 6. August 1998) und einem ebenfalls schon älteren Untersuchungsbericht des SUVA-Kreisarztes Dr. med. J.________ (14. April 1998) unter anderem verschiedene neuere Berichte der Frau Dr. med. M.________, Fachärztin für Orthopädie (10. Dezember 2001, 22. Januar 2002, 22. Juli 2002, 5. September 2002 und 23. September 2002) vor. Diese Ärztin hatte den Versicherten bereits nach dem Unfall behandelt und die OSG-Behandlung, nachdem dieser zwischenzeitlich - letztmals am 12. Mai 1998 - die Praxis "X.________" aufgesucht hatte, am 3. Dezember 2001 wieder aufgenommen (Bericht vom 10. Dezember 2001). Nach einer durch Dr. med. J.________ (ärztliche Beurteilung vom 3. Juli 2002) veranlassten Aktenergänzung (Befragung des Versicherten durch die SUVA am 13. August 2002; Bericht der Frau Dr. med. M.________ vom 23. September 2002 in Verbindung mit jenem vom 5. September 2002) konnte Dr. med. S.________ den vorhandenen Unterlagen für die von ihm zu beurteilenden Belange hinreichende Informationen entnehmen, ansonsten er nicht in einem anlässlich der Abgabe seiner Stellungnahme vom 20. Dezember 2002 ausgefüllten Formular die Frage, ob die Dokumentation ausreichend sei, bejaht hätte. Der Umstand, dass Dr. med. S.________ sich nicht der Auffassung des über ein Röntgenbild verfügenden Dr. med. J.________, der diesem keinen pathologischen Befund hatte entnehmen können (ärztliche Beurteilung vom 3. Juli 2002), anschloss, sondern eine diskrete Arthrose feststellte, spricht dafür, dass auch er über die Röntgenbilder verfügte. Sollte er nicht selbst über aktuelle Röntgenbilder verfügt haben, so hätte er sich bei seiner Feststellung zulässigerweise auf den von Frau Dr. med. M.________ erhobenen, eine etwas verschmälerte Gelenkspalte rapportierenden Röntgenbefund (Bericht vom 22. Januar 2002) gestützt. Wenn eine ärztliche Stellungnahme unter den in Erw. 3.3 hievor erwähnten Voraussetzungen nicht schon deshalb unzuverlässig ist, weil sie nicht auf einer eigenen Untersuchung der betroffenen Person beruht, sich mithin auf von anderen Ärzten erhobene Anamnese und klinische Befunde stützt, so kann sie auch nicht schon allein deshalb als unzuverlässig gelten, weil sie den Röntgenbefund einer anderen Ärztin übernimmt. Im Übrigen hielt auch Frau Dr. med. M.________ in einem einen Röntgenbefund enthaltenden Bericht vom 8. März 2004 ausdrücklich fest, es bestünden keine wesentlichen bzw. keine posttraumatischen Arthrosezeichen. Die in den Berichten der behandelnden Ärzte und Ärztin sowie dem Untersuchungsbericht des Dr. med. J.________ vom 14. April 1998 enthaltenen Informationen sind unbestritten. Es handelt sich somit bei der medizinischen Beurteilung des Dr. med. S.________ vom 20. Dezember 2002 im Wesentlichen nur um die ärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts. Die Voraussetzungen für die Zulässigkeit eines reinen Aktengutachtens sind somit erfüllt. 4.2 Indem Dr. med. S.________ seiner Beurteilung des Integritätsschadens eine leichte Instabilität und eine diskrete Arthrose zugrunde legte, liess er keine in den Vorakten enthaltene Diagnose unberücksichtigt. Die leichte Instabilität war von Dr. med. F.________ in einem Bericht vom 11. April 1997 festgestellt worden. Dabei enthalten die Akten keine Anzeichen einer Verschlimmerung bis zum Zeitpunkt der ärztlichen Beurteilung durch Dr. med. S.________: Kreisarzt Dr. med. J.________ konnte bei seiner Untersuchung vom 14. April 1998, bei der er einen blanden Fuss vorfand, eine OSG-Instabilität nicht bestätigen; in ihren Dr. med. S.________ vorliegenden Berichten (10. Dezember 2001, 22. Januar 2002, 22. Juli 2002, 5. September 2002 und 23. September 2002) diagnostizierte Frau Dr. med. M.________ nie eine Instabilität, sondern beschränkte sich auf die nichts über etwas Krankheitswertiges aussagende Diagnose von Restbeschwerden bei Zustand nach OSG-Distorsion rechts mit Knorpelläsion an der Talusrolle, und erwähnte auch nie eine vermehrte laterale Aufklappbarkeit des OSG. Die diskrete Arthrose muss Dr. med. S.________ sodann den Röntgenbildern oder dem Röntgenbefund gemäss Bericht der Frau Dr. med. M.________ vom 22. Januar 2002 entnommen haben (Erw. 4.1 hievor). Dabei kann ausgeschlossen werden, dass er die Röntgenbilder oder den Röntgenbefund der Frau Dr. med. M.________ zuungunsten des Versicherten falsch interpretierte; denn abgesehen davon, dass Kreisarzt Dr. med. J.________ in einer Stellungnahme vom 20. Juli 2004 sogar erklärte, die neuen Röntgenbilder zeigten keine Arthrose, verneinte auch Frau Dr. med. M.________ selbst in einem wieder einen Röntgenbefund enthaltenden Bericht vom 8. März 2004 ausdrücklich das Vorliegen wesentlicher Arthrosezeichen. Was ferner den 1997/1998 aufgekommenen Verdacht auf eine Algodystrophie (Morbus Sudeck; Berichte des Dr. med. F.________ vom 28. November 1997, vom 17. April 1998, vom 12. Mai 1998 und vom 6. August 1998; Bericht des Dr. med. B.________, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, vom 16. Februar 1998; Notiz des Dr. med. J.________ über Telefongespräch mit Dr. med. F.________ vom 12. Mai 1998) betrifft, so hat sich dieser in der Folge offenbar nicht erhärtet. Nicht nur konnte Dr. med. J.________ anlässlich seiner kreisärztlichen Untersuchung vom 14. April 1998 keine Anhaltspunkte für das Vorliegen einer solchen Störung finden, sondern auch in den Dr. med. S.________ vorliegenden Berichten der Frau Dr. med. M.________ wurde eine dahin gehende Diagnose nie - auch nicht als Verdachts- oder Vermutungsdiagnose - gestellt. Hätten entsprechende Anzeichen (weiterhin) bestanden, hätte die den Versicherten behandelnde Frau Dr. med. M.________ als Fachärztin für Orthopädie diese erkannt und die nötigen Schritte in die Wege geleitet. Insbesondere hätte sie, wenn dies erforderlich gewesen wäre, das ursprünglich von Dr. med. F.________, bei dem sich der Patient jedoch nach dem 12. Mai 1998 nicht mehr gemeldet hatte, vorgeschlagene Kontroll-MRI durchführen lassen und, wenn Anlass für weitere das OSG betreffende Abklärungen bestanden hätte, die ihr von der SUVA unterbreitete Frage, ob sie besondere Massnahmen vorschlage, nicht verneint (Berichte vom 22. Januar 2002 und vom 8. Dezember 2003). 4.3 Auch wenn man die ärztliche Beurteilung des Dr. med. S.________ vom 20. Dezember 2002 in Bezug auf die Fragen der Behandlungsbedürftigkeit und der Arbeitsfähigkeit mit den Vorakten vergleicht, sprechen keine Indizien gegen die Zuverlässigkeit dieser medizinischen Stellungnahme. Wenn Dr. med. S.________ erklärt, ausser gelegentlichen physikalischen Massnahmen bei einem Reizzustand seien keine speziellen Behandlungen nötig, geht er davon aus, dass rezidivierende Reizungen des Gelenks auftreten. Dies deckt sich mit den diesem Arzt vorliegenden medizinischen Akten, aus denen ersichtlich ist, dass die Beschwerden am rechten OSG nur zeitweise behandelt wurden (gemäss kreisärztlichem Untersuchungsbericht des Dr. med. E.________ vom 13. Oktober 1995 ärztliche Behandlung "im Moment nicht notwendig"; 1997/98 Behandlung in der Praxis "X.________" gemäss Berichten vom 11. April 1997, vom 11. Juli 1997, vom 28. November 1997, vom 17. April 1998, vom 12. Mai 1998 und vom 6. August 1998 sowie durch Dr. med. B.________ gemäss Bericht vom 16. Februar 1998; seit 3. Dezember 2001 Behandlung bei Frau Dr. med. M.________ gemäss Berichten vom 10. Dezember 2001, vom 22. Januar 2002, vom 22. Juli 2002, vom 5. September 2002 und vom 23. September 2002). Wenn sodann Dr. med. S.________ eine Arbeitsunfähigkeit allein aufgrund der unfallbedingten OSG-Beschwerden verneint, so besteht darin ebenfalls kein Widerspruch zu den Vorakten. Frau Dr. med. M.________ erklärte nämlich in ihrem Bericht vom 10. Dezember 2001 ausdrücklich, derzeit bestehe keine durch die OSG-Verletzung bedingte Arbeitsunfähigkeit. Die im von der gleichen Ärztin ausgestellten Arztzeugnis UVG vom 22. Januar 2002 attestierte volle Arbeitsunfähigkeit ab 25. September 2001 bis auf weiteres muss sich auf andere in diesem Bericht diagnostizierte Leiden beziehen (Allgemeinzustand reduziert; Wirbelsäulensyndrom; Cervicobrachialgien, Schulterperiarthropathie; depressive Reaktion). Dies folgt daraus, dass exakt die gleichen das rechte OSG betreffenden Angaben des Versicherten wiedergegeben wurden wie im Vorbericht vom 10. Dezember 2001, in welchem eine Arbeitsunfähigkeit aufgrund eben dieser Beschwerden verneint worden war (vgl. auch Rückfallmeldung vom 18. Dezember 2001, wonach der Versicherte am 24. September 2001 "infolge Krankheit" die Arbeit ausgesetzt hatte, sowie die vom Dezember 2001 datierenden Angaben auf der Krankenkarte ["infolge Krankheit ... arbeitsunfähig", "nicht primär unfallbedingt"]). Dabei ist davon auszugehen, dass sich an dieser Sachlage bis zur Erstattung der ärztlichen Beurteilung des Dr. med. S.________ vom 20. Dezember 2002 nichts geändert hat: In ihrem Bericht vom 22. Juli 2002 erwähnte Frau Dr. med. M.________, der Patient stehe weiterhin wegen Rücken- und Schulterbeschwerden in ihrer Behandlung, wobei nebenbefundlich auch weiterhin Beschwerden im verletzten Sprunggelenk geklagt würden und zumindest subjektiv eine Einschränkung der Geh- und Belastungsfähigkeit des rechten Sprunggelenks bestehe, klinisch aber keine Befundänderung zu verzeichnen sei; im Bericht vom 5. September 2002 (auf welchen im Bericht vom 23. September 2002 für die damals aktuellen Befunde verwiesen wird) rapportierte sie unter dem Titel der Anamnese, die Beschwerden im rechten Fuss hätten sich etwas gebessert. 4.4 Wird die ärztliche Stellungnahme des Dr. med. S.________ vom 20. Dezember 2002 im Zusammenhang mit den vorstehend besprochenen Vorakten betrachtet, erscheint sie schlüssig. Darin, dass dieser Mediziner zwar eine leichte Instabilität und eine diskrete Arthrose bejaht, einen erheblichen Integritätsschaden aber verneint, liegt kein Widerspruch. Seine Ausführungen können nur dahin verstanden werden, dass er das Vorliegen eines Integritätsschadens, welcher dem Typus von Verordnung, Anhang oder Weisung entspricht (Erw. 2.2 hievor), gerade deshalb verneint, weil nur eine leichte Instabilität und eine diskrete Arthrose vorliegen. Dieses Verständnis drängt sich aus dem Grunde auf, weil die SUVA-Tabellen bei Arthrosen und Gelenkinstabilitäten für die Annahme eines entschädigungspflichtigen erheblichen Integritätsschadens von mindestens 5 % (Erw. 2.1 hievor) in Bezug auf das OSG eine mindestens mässige Arthrose oder eine schwere Instabilität voraussetzen (Tabelle 5 "Integritätsschaden bei Arthrosen"; Tabelle 6 "Integritätsschaden bei Gelenkinstabilitäten"). 4.5 Zwar ist das Aktengutachten des Dr. med. S.________ in der Tat ausserordentlich kurz ausgefallen. Dennoch ist es unter den konkreten Umständen in Anbetracht des Zwecks des Begründungserfordernisses, die Nachvollziehbarkeit der medizinischen Schlussfolgerung zu ermöglichen, gerade noch hinreichend begründet. Nicht nur die Ergebnisse betreffend Behandlungsbedürftigkeit und Arbeitsfähigkeit, sondern auch die für die Bestimmung einer hier streitigen allfälligen Integritätsentschädigung entscheidenden Diagnosen einer leichten Instabilität und einer diskreten Arthrose sind im Zusammenhang mit den Vorakten betrachtet, deren Inhalt im Aktengutachten nicht wiedergegeben zu werden braucht (vgl. H. H. Marx, Form und Inhalt des medizinischen Gutachtens, in: Marx/Klepzig [Hrsg.], Basiswissen medizinische Begutachtung, Stuttgart 1998, S. 68; Roger Peter, Der Sachverständige im Verwaltungsverfahren der obligatorischen Unfallversicherung, Diss. Basel, Zürich 1999, S. 81 f.), nach dem Gesagten nachvollziehbar. Die Verneinung eines relevanten Integritätsschadens wird damit begründet, dass nur eine leichte Instabilität und eine diskrete Arthrose vorliegen. Werden nur diese Diagnosen gestellt, sind Verwaltung und Gericht ohne weiteres - ohne präziserer ärztlicher Angaben zu bedürfen - in der Lage, das Vorliegen eines die Erheblichkeitsschwelle erreichenden Integritätsschadens zu verneinen (vgl. Erw. 2.2 hievor), weil weder eine schwere Instabilität noch eine mindestens mässige Arthrose vorliegt. 4.6 Unter diesen Umständen kann auf die ärztliche Stellungnahme des Dr. med. S.________ vom 20. Dezember 2002 abgestellt werden, sofern nicht nach deren Erstattung eine Veränderung der Verhältnisse eingetreten ist oder spätere medizinische Gutachten gegen die Zuverlässigkeit dieser ärztlichen Stellungnahme sprechen. In den nach Erstattung des Aktengutachtens des Dr. med. S.________ verfassten Berichten der Frau Dr. med. M.________ ist weiterhin von anhaltenden oder rezidivierenden Beschwerden nach Distorsion des rechten OSG die Rede (Berichte vom 21. Juli 2003, vom 8. Dezember 2003, vom 8. März 2004, vom 10. September 2004 und vom 30. Mai 2005). Die in diesen Berichten rapportierten Belastungsschmerzen und Parästhesien (Berichte vom 21. Juli 2003, vom 8. Dezember 2003 und vom 10. September 2004) finden sich schon in den früheren Akten (insbesondere Berichte der Frau Dr. med. M.________ vom 22. Juli 2002 und vom 5. September 2002 sowie Protokoll über die Befragung des Versicherten durch die SUVA vom 13. August 2002). Auch Reizungen des Gelenks (Bericht der Frau Dr. med. M.________ vom 30. Mai 2005) wurden von Dr. med. S.________ bereits berücksichtigt. Dabei bestätigt der Bericht der Frau Dr. med. M.________ vom 8. Dezember 2003, wonach "derzeit keine spezielle Behandlung des OSG" stattfand und die Physiotherapie für die Schulter erfolgte, dass keine dauernde Behandlungsbedürftigkeit besteht. Wesentliche Arthrosezeichen werden von Frau Dr. med. M.________ ausdrücklich verneint (Bericht vom 8. März 2004). Die aus der Zeit nach der ärztlichen Beurteilung durch Dr. med. S.________ datierenden medizinischen Unterlagen enthalten somit keine Anhaltspunkte für eine wesentliche Änderung der Verhältnisse und lassen keine Zweifel am Beweiswert des Aktenberichts des Dr. med. S.________ vom 20. Dezember 2002 aufkommen. Insbesondere ist den erwähnten Berichten der Frau Dr. med. M.________ kein Hinweis auf eine nach SUVA-Tabelle 2 ("Integritätsschaden bei Funktionsstörungen an den unteren Extremitäten") relevante Funktionsstörung (oberes Sprunggelenk steif im rechten Winkel; steif in starkem Spitzfuss) zu entnehmen.