Citation: B 48/05 25.04.2006 E. 4

Zu prüfen bleibt der sachliche Zusammenhang. Dazu ist der im Herbst 2000 bestehende, für den Eintritt der anfänglichen Arbeitsunfähigkeit verantwortliche Gesundheitsschaden mit dem Krankheitsbild zu vergleichen, das später zur Zusprechung einer Rente der Invalidenversicherung geführt hat. 4.1 Dabei sind drei verschiedene Ursachenstränge zu verfolgen. Der Beschwerdeführer leidet in somatischer Hinsicht zunächst an degenerativen Veränderungen im Bereich von Lendenwirbelsäule und Sakroiliakalgelenk. Hinzu kamen die Folgen eines Unfalls vom 2. Juni 2000, welche die vorbestehende Schädigung vorübergehend verschlimmerten oder gar erstmals symptomatisch werden liessen. Die Unfallfolgen hatten sechs Monate nach dem Trauma keine selbständige Bedeutung mehr; der Status quo sine war bis Ende 2000 erreicht, das heisst die einschlägigen Beschwerden beschränkten sich auf das, was im Rahmen des schicksalsmässigen Verlaufs der degenerativen Schädigung ohnehin eingetreten wäre (Berichte des Dr. G.________, Spezialarzt für Chirurgie, vom 30. März und 13. Juni 2001). Schliesslich findet sich eine Konversionsstörung, mithin eine psychische Erkrankung. Der fachärztlichen Expertise ist zu entnehmen, dass es sich dabei um einen Prozess handle, bei welchem über bewusstseinsnahe und bewusstseinsferne Mechanismen psychische Konflikte als körperliche Beschwerden (Schmerzen, Schwindel, vegetative Symptome usw.) ausgedrückt und erlebt würden; dabei fehle ein somatisches Korrelat bzw. reichten die organischen Befunde nicht aus, um das Ausmass ursächlich zu begründen (Gutachten der Frau Dr. S.________, Spezialärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 10. Juli 2002 und 5. Mai 2003). Inwiefern sich die degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule im Rahmen der psychischen Störung auswirken bzw. selbständig zum Beschwerdebild beitragen, wird aus den Akten nicht klar; der hiefür zuständige Experte Dr. G.________ hatte nur die Frage der Unfallkausalität zu beurteilen. 4.2 Die invalidisierende Beeinträchtigung gründet in erster Linie auf der Konversionsstörung, allenfalls in Verbindung mit den Auswirkungen der degenerativen Veränderungen. Somit besteht jedenfalls dann keine Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin, wenn die Einschränkung in der Leistungsfähigkeit im Herbst 2000 ganz überwiegend auf Unfallfolgen, auf einer zwischenzeitlich überwundenen organischen oder psychischen Störung oder auf invaliditätsfremden Faktoren beruhte; unter letztere Kategorie fiele namentlich eine (bewusstseinsnahe) Begehrenshaltung. Demgegenüber ist der vom Beschwerdeführer vorgetragene Rechtsstandpunkt zu schützen, sofern die Konversionsstörung und die skelettalen Abnützungsschäden mit hinreichender Wahrscheinlichkeit bereits im Herbst 2000 dominierende Ursachen der Arbeitsunfähigkeit waren. 4.3 Die Bedeutung des Unfalls vom 2. Juni 2000 für die Entstehung des letztlich invalidisierenden Gesundheitsschadens lag bald schon weniger in den eher geringfügigen primären Verletzungen denn in seiner Eigenschaft als Auslöser sowohl für das Symptomatischwerden der degenerativen Schädigungen wie auch für die psychische Fehlentwicklung. Bereits im Zeitpunkt der Auflösung des Arbeitsverhältnisses im Herbst 2000 konnte der Unfall nur mehr untergeordnete Ursache des Beschwerdekomplexes mit Schmerzen und funktionellen Ausfällen sein, trat der Status quo sine doch bereits gegen Ende des Jahres ein. Die Aufmerksamkeit der behandelnden Ärzte galt zunächst vor allem den degenerativen Veränderungen als bekannter konkurrierender Ursache. So berichtete die Rheumatologin Dr. M.________ am 12. Oktober 2000, die Schmerzen (lumbospondylogenes Syndrom) besserten nur sehr langsam (vgl. auch die weiteren bei den Akten liegenden Berichte dieser Ärztin). Der verzögerte Verlauf der Behandlung erklärt sich nachträglich aus der schon früh einsetzenden Psychogenese des Schmerzbildes, die zum damaligen Zeitpunkt angesichts der somatischen Ausgangssituation als solche noch nicht erkennbar war. Die Behandlung als organisches Leiden war demgemäss nicht erfolgreich (vgl. das Gutachten der Frau Dr. S.________, S. 13). Aus dem psychiatrischen Gutachten geht weiter hervor, dass im Falle von länger anhaltenden Beeinträchtigungen psychischer Funktionen nach einem Unfallereignis, das zu nur leichten, üblicherweise innert Wochen abheilenden Verletzungen geführt hat, im Allgemeinen eine psychoreaktive und nicht eine organisch bedingte Störung anzunehmen sei (S. 17). In diesem Sinne wird die anfänglich kaum begründbare Verzögerung des Heilungsverlaufs nach dem Unfall mit Blick auf die spätere Entwicklung erklärbar. 4.4 Nach gutachtlicher Beurteilung haben "bereits zum Zeitpunkt des Unfalles die Konversionssymptomatik, abnormes Krankheitsverhalten und die finalen Motive die somatischen Beschwerden überwogen" (ergänzender Bericht vom 5. Mai 2003). Die Konversionsstörung ist aus einer sowohl unbewussten wie auch bewusstseinsnahen Symptombildung bei nicht adäquat verarbeiteten Konflikten hervorgegangen, bevor sie sich nach fachärztlicher Feststellung chronifiziert und fixiert hat. Zu prüfen bleibt, ob noch im Herbst 2000 das bewusstseinsnahe, nicht krankheitswertige Geschehen wesentlichen Anteil an der Beeinträchtigung hatte oder ob sich die Fehlentwicklung damals schon zum überwiegenden Teil verselbständigt hatte. Nur im letzteren Fall kann die psychogene Schmerzsymptomatik (allenfalls im Verein mit den nach Erreichen des Status quo sine verbleibenden Folgen der degenerativen Schädigung) als dominierende Ursache der anfänglichen Arbeitsunfähigkeit angesehen und von einem Gesundheitsschaden ausgegangen werden, der mit dem invalidisierenden Leiden identisch ist. 4.5 Das Eidgenössische Versicherungsgericht verneinte den sachlichen Zusammenhang in einem Fall, in welchem eine vom Versicherten subjektiv empfundene Arbeitsunfähigkeit aus rheumatologischer Sicht nicht zu erklären war, die Beteiligung einer psychosomatischen Komponente nur im Sinne eines Erklärungsversuchs, als eine von mehreren möglichen Deutungen, Eingang in die medizinischen Akten fand, daneben Rentenbegehrlichkeit und Aggravation diskutiert wurden und die ausschliesslich psychopathologisch begründete Einschränkung der Arbeitsfähigkeit erst in einem Zeitpunkt lange nach Beendigung des Versicherungsverhältnisses eintrat (Urteil D. vom 18. Februar 2003, B 82/02, Erw. 4.2 [Leitsatz in: SZS 2003 S. 438]). Vorliegend stellt sich die - auf die Arbeitsunfähigkeit vor Ende des Versicherungsverhältnisses bezogene - Ausscheidung und Gewichtung der einschränkenden Faktoren, die dem letztlich invalidisierenden Gesundheitsschaden entsprechen, als komplex dar. Die Verantwortlichen eines ab dem 24. Oktober 2000 durchgeführten beruflichen Qualifizierungsprogramms gelangten zwar zur Überzeugung, die Leistungseinbussen seien auf die gesundheitlichen Einschränkungen zurückzuführen und "auf gar keinen Fall (...) eine Frage der Motivation"; die gezeigte Leistung sei in sich konsistent (Ausbildungsbericht der Beschäftigungswerkstätte O.________ vom 19. Oktober 2001). Das psychiatrische Gutachten zeigt aber, dass diejenigen Anteile des Konversionsmechanismus, mit welchen bestimmte Belastungsfaktoren (z.B. wirtschaftlicher oder soziokultureller Natur) zunächst willentlich "medikalisiert", also bewusstseinsnah in körperliche Beschwerden umgesetzt werden, erst allmählich durch Fixierung und Chronifizierung in ein vollständig krankheitswertiges Geschehen übergingen, bei welchem der Patient nicht mehr über die Möglichkeit verfügte, sich anders zu verhalten. Eine solche Verselbständigung durch Chronifizierung scheint nach der massgebenden Expertise zwar relativ bald eingetreten zu sein; im Zeitpunkt der Begutachtung (Mai 2002) sei die psychische Einengung so weit fortgeschritten, dass der Versicherte "nicht mehr über genügend freien Willen verfügt (habe), um sich anders zu verhalten". Es bestehen jedoch nicht ausreichend Anhaltspunkte dafür, dass diese Feststellung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auch schon bezüglich der Verhältnisse im Herbst 2000 Gültigkeit beanspruchen könnte. Im ergänzenden Bericht vom 5. Mai 2003 führte die Gutachterin aus, dass "bereits zum Zeitpunkt des Unfalls die Konversionssymptomatik, abnormes Krankheitsverhalten und die finalen Motive die somatischen Beschwerden überwogen haben". Innerhalb dieser Gemengelage hatten diejenigen Anteile des Konversionsmechanismus, auf welche der Versicherte noch mit einer zumutbaren Willensanstrengung Einfluss nehmen konnte und die daher nicht krankheitswertig waren, bis zum Ablauf der Versicherungsdeckung mehr Gewicht als die von Beginn weg bewusstseinsfernen, mithin Teil der Krankheit im Rechtssinne bildenden Komponenten. Entscheidend ist, in welchem Ausmass und wie rasch sich die ersteren Elemente fixierten und verselbständigten. Dieser Wandel kann zwar nur mehr als prinzipieller Vorgang nachgezeichnet und nicht genauer quantifiziert werden. Wenn die psychiatrische Gutachterin am 5. Mai 2003 aber festhielt, die ab November 2000 "prominent" gewesenen Gründe für die Konversionsstörung hätten sich "mittlerweile anteilsmässig" fixiert, so kann dies in dem Sinne verstanden werden, dass die damals vorhandenen Konversionssymptome noch nicht einmal anteilsmässig einem verselbständigten, also krankheitswertigen Geschehen entsprachen. Mangels eines nachgewiesenen engen sachlichen Zusammenhangs zwischen der Gesundheitsschädigung, aufgrund derer dem Beschwerdeführer mit Wirkung ab Juni 2001 eine Rente der Invalidenversicherung zugesprochen wurde, und der Beeinträchtigung, derentwegen schon vor Auflösung des Anstellungsverhältnisses auf Ende September 2000 Arbeitsunfähigkeit eintrat, besteht somit keine Leistungspflicht der Sammelstiftung.