Citation: 9C_288/2021 E. 4.2.3

4.2.3. 4.2.3.1. Gemäss dem psychiatrischen ABI-Teilgutachten kann die in den Gutachten des ZMB vom 2. November 2006, der MEDAS vom 20. Juni 2014 sowie der BEGAZ vom 8. November 2017 attestierte Arbeitsfähigkeit von 0 bzw. 30 % aufgrund des diagnostizierten mittelgradigen depressiven Zustandsbildes nicht nachvollzogen werden. Die RAD-Ärztin Dr. med. C.________, Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie FMH, habe die Arbeitsfähigkeit auf 50 % eingeschätzt und zu Recht darauf hingewiesen, dass bei der vorliegenden mittelgradigen depressiven Störung keine vollständige Arbeitsunfähigkeit bestehe (Stellungnahme vom 8. Dezember 2017). Im Übrigen werde auch im Gutachten der MEDAS vom 20. Juni 2014 davon ausgegangen, dass nach therapeutischen Massnahmen allenfalls eine Arbeitsfähigkeit von 50 % zu erreichen wäre. Mit Blick darauf, dass der Beschwerdeführer nie stationär psychiatrisch behandelt worden und immer in der Lage gewesen sei, im Rahmen seiner Familie zu leben, Auto zu fahren, soziale Kontakte zu pflegen, und dass Hinweise auf eine längere Zeit dauernde schwere depressive Episode fehlten, könne auch rückwirkend keine höhere Arbeitsunfähigkeit als 50 % attestiert werden. Deren Beginn sei auf November 2006 festzusetzen; von April 2000 bis Oktober 2006 habe demgegenüber eine volle Arbeitsfähigkeit bestanden. 4.2.3.2. Da indessen die ABI-Gutachter in der Gesamtbeurteilung davon abweichend März bzw. April 2006 als Zeitpunkt des Eintritts der Arbeitsunfähigkeit nannten, forderte das kantonale Gericht sie zu einer nachvollziehbaren Erläuterung dieser widersprüchlichen Angaben auf. In ihrer Stellungnahme vom 1. Februar 2021 gaben sie an, sie hätten sich mangels eindeutiger Eckpunkte auf einen adäquat erscheinenden Zeitpunkt festlegen müssen, es dabei allerdings unterlassen, sich im Gutachten auf einen Zeitpunkt zu einigen. So stütze sich ihre Gesamtbeurteilung auf den Bericht des behandelnden Psychiaters und ihr psychiatrisches Teilgutachten auf die Einschätzung der ZMB-Gutachter. Abschliessend könne - dem ZMB-Gutachten folgend - die nicht wesentlich eingeschränkte Arbeitsfähigkeit von April 2000 bis Oktober 2006 und eine Arbeitsfähigkeit von 50 % ab November 2006 bestätigt werden. Zu dieser ergänzenden Stellungnahme vom 1. Februar 2021 erwog die Vorinstanz, es sei nachvollziehbar, hinsichtlich des Zeitpunktes des Eintritts der Arbeitsunfähigkeit von 50 % auf das ZMB-Gutachten vom 2. November 2006 abzustellen, welches (anders als der Bericht des behandelnden Psychiaters) auf einer detaillierten Befunderhebung beruhe. Indessen sei bereits ab August (statt November) 2006 eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % als überwiegend wahrscheinlich anzunehmen, weil die ZMB-Gutachter die Befunde zu diesem Zeitpunkt erhoben hätten. 4.2.3.3. Die bundesgerichtliche Überprüfung der vorinstanzlichen Beweiswürdigung hat sich darauf zu beschränken, ob die Sachverhaltsfeststellung im angefochtenen Urteil mit Blick auf die vorgebrachten Rügen offensichtlich unrichtig ist oder auf einer Rechtsverletzung beruht, namentlich hinsichtlich der Regeln über den Beweiswert von ärztlichen Berichten. Dabei ist betreffend ein Gerichtsgutachten, wie es hier vorliegt, zu beachten, dass rechtsprechungsgemäss nicht ohne zwingende Gründe von den Einschätzungen der gerichtlich einberufenen Experten abzuweichen ist (BGE 143 V 269 E. 6.2.3.2). Ob solche zwingenden Gründe gegeben sind, hat das Gericht nach den für die Beweiswürdigung geltenden Regeln zu prüfen. Im Rahmen der Beweiswürdigung ist sodann zu berücksichtigen, dass die psychiatrische Exploration von der Natur der Sache her nicht ermessensfrei erfolgen kann. Sie eröffnet dem begutachtenden Psychiater daher praktisch immer einen gewissen Spielraum, innerhalb dessen verschiedene medizinisch-psychiatrische Interpretationen möglich, zulässig und zu respektieren sind, sofern der Experte lege artis vorgegangen ist (Urteil 9C_634/2015 vom 15. März 2016 E. 6.1, in: SVR 2017 IV Nr. 5 S. 10). 4.2.3.4. Was den Grad der Arbeitsunfähigkeit anbelangt, hat die Vorinstanz zwingende Gründe, vom Gerichtsgutachten vom 2. September 2020 abzuweichen, zu Recht verneint. Der psychiatrische Gutachter stützte seine Einschätzung auf eine Exploration des Versicherten sowie eine einlässliche Auseinandersetzung mit den Vorakten und äusserte sich zu den Standardindikatoren gemäss BGE 141 V 281. Er zeigte die Diskrepanz zwischen den objektivierbaren Befunden und der subjektiven Krankheitsüberzeugung auf. Weiter legte er in nachvollziehbarer Weise dar, weshalb er vorangehenden ärztlichen Beurteilungen nicht folgte und zu einer Arbeitsfähigkeit von 50 % gelangte. Daran vermögen die Einwendungen in der Beschwerde, welche sich auf eine abweichende Würdigung der medizinischen Vorakten beschränken, nichts zu ändern. 4.2.3.5. Zu prüfen bleibt der Zeitpunkt des Eintritts der Arbeitsunfähigkeit, welchen die ABI-Gutachter abschliessend auf November 2006 (als Zeitpunkt der Erstattung des ZMB-Gutachtens) und die Vorinstanz davon abweichend auf August 2006 (als Zeitpunkt der Befunderhebung durch die ZMB-Gutachter) festlegten. Es erscheint sachgerecht, sich für die Festlegung dieses Zeitpunktes - entsprechend der präzisierenden Stellungnahme der ABI-Gutachter vom 1. Februar 2021 - auf das ZMB-Gutachten vom 2. November 2006 zu stützen, weil es (anders als dasjenige der MEDAS [2014] oder der BEGAZ [2017]) wenige Jahre nach der (im Mai 2002 erfolgten) Anmeldung bei der Invalidenversicherung erstattet wurde und die hier interessierende Frage klar beantwortet. Dass die ABI-Gutachter und die Vorinstanz aus der Massgeblichkeit des ZMB-Gutachtens vom 2. November 2006 nun aber den Schluss zogen, der Beginn der Arbeitsunfähigkeit sei auf August bzw. November 2006 festzulegen (d.h. auf den Zeitpunkt der Befunderhebung bzw. der Gutachtenserstattung), vermag nicht zu überzeugen: Die ZMB-Gutachter äusserten sich unmissverständlich dahingehend, dass der Beschwerdeführer bereits mit der Erwerbsaufgabe im Jahr 2001 - sein letzter Arbeitstag war gemäss dem von der Arbeitgeberin am 10. Mai 2002 unterzeichneten Arbeitgeberfragebogen der 8. Juli 2001 - arbeitsunfähig wurde, mithin lange Zeit vor der Erstellung des ZMB-Gutachtens am 2. November 2006 bzw. der zugrunde liegenden gutachterlichen Befunderhebung im August 2006. Mit anderen Worten bestehen zwingende Gründe, vom ABI-Gutachten vom 2. September 2020 und der präzisierenden Stellungnahme vom 1. Februar 2021 hinsichtlich des Zeitpunktes des Eintritts der Arbeitsunfähigkeit abzuweichen und auf das ZMB-Gutachten vom 2. November 2006 abzustellen, wonach der Beschwerdeführer seit der Erwerbsaufgabe im Jahr 2001, mithin seit 9. Juli 2001, in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt ist.