Citation: 1P.516/2000 07.09.2000 E. 3

3.- In materieller Hinsicht ist einzig umstritten, ob der Haftrichter ohne Verfassungsverletzung Fluchtgefahr annehmen konnte. Unbestritten ist, dass der allgemeine Haftgrund des dringenden Tatverdachtes gegeben ist und von keiner Seite wird geltend gemacht, dass ein weiterer besonderer Haftgrund - etwa Kollusionsgefahr - vorliegen könnte. a) Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts genügt die Höhe der zu erwartenden Freiheitsstrafe für sich allein nicht für die Annahme von Fluchtgefahr. Eine solche darf nicht schon angenommen werden, wenn die Möglichkeit der Flucht in abstrakter Weise besteht. Vielmehr müssen konkrete Gründe dargetan werden, die eine Flucht nicht nur als möglich, sondern als wahrscheinlich erscheinen lassen. Die Höhe der zu erwartenden Freiheitsstrafe kann immer nur neben anderen, eine Flucht begünstigenden Tatsachen herangezogen werden (BGE 125 I 60 E. 2a; 117 Ia 69 E. 4a; 108 Ia 64 E. 3; 107 Ia 3 E. 6). b) Der bisher unbescholtene, heute 52-jährige Beschwerdeführer hat mit Ausnahme eines lange zurückliegenden, beruflich bedingten Aufenthaltes in Saudiarabien immer in der Schweiz gelebt. Seit 1985 wohnt er mit seiner Frau und seinen beiden schulpflichtigen Kindern auf dem elterlichen Hof. Der Beschwerdeführer ist somit in der Schweiz fest etabliert und kann diese, schon wegen der Kinder, nicht leichthin verlassen. Zwar hat er gewisse Beziehungen zum Heimatland seiner Ehefrau: so ist er schweizerisch-guyanischer Doppelbürger, er hat Beziehungen zur Verwandtschaft seiner Frau und besitzt dort auch 4'000 m2 Landwirtschaftsland. Ob ihm dies ermöglichen könnte, dort ohne grössere finanzielle Mittel - seine Konten sind gesperrt und seine (100-prozentige-) IV-Rente könnte er nach einem allfälligen Untertauchen in Guyana kaum mehr weiterbeziehen - unbehelligt eine neue Existenz aufzubauen, erscheint allerdings mehr als fraglich. Vor allem aber ist ein längeres Untertauchen in Guyana schon aus medizinischen Gründen ausgeschlossen. Dem Beschwerdeführer wurde 1993 eine Spenderniere eingesetzt. Seither ist er auf eine intensive medizinische Betreuung angewiesen. Zurzeit benötigt er täglich über 10 verschiedene Medikamente. Die langjährige Niereninsuffizienz hat zudem Gicht verursacht, alle seine Gelenke sind vorzeitig degeneriert, seine Kniegelenke müssen in naher Zukunft durch Prothesen ersetzt werden. Der Beschwerdeführer ist somit dauernd auf eine intensive und hochstehende medizinische Betreuung angewiesen. Es ist offensichtlich, dass er keine Möglichkeit hätte, nach einem allfälligen Untertauchen in Guyana eine adäquate medizinische Behandlung zu erhalten; eine solche wäre in diesem Entwicklungsland, wenn überhaupt, wohl nur für viel Geld erhältlich, worüber der Beschwerdeführer indessen nicht verfügt. Eine Flucht nach Guyana wäre somit für den Beschwerdeführer mit unabschätzbaren Risiken für seine Gesundheit verbunden. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass er sich zu einem derartigen risikoreichen Unterfangen hinreissen lassen könnte, zumal aufgrund der Empfehlung des psychiatrischen Gutachtens zumindest nicht auszuschliessen ist - und der Beschwerdeführer so noch eine entsprechende Hoffnung hegt -, dass der Vollzug der in Aussicht stehenden empfindlichen Freiheitsstrafe zugunsten einer ambulanten Massnahme aufgeschoben wird. Dass der Beschwerdeführer anderswo untertauchen könnte, ziehen weder die Bezirksanwaltschaft noch der Haftrichter in Betracht, und das ist auch nicht ersichtlich, zumal sich die Problematik der medizinischen Betreuung in mehr oder weniger starkem Ausmass bei jedem Untertauchen stellen würde. Der Haftrichter hat daher zu Unrecht Fluchtgefahr bejaht, die Rüge ist begründet.