Citation: U 488/05 20.10.2006 E. 3.2

3.2.1 Mit der Vorinstanz ist festzustellen, dass sich der Unfall vom 30. April 1997 nicht unter besonders dramatischen Begleitumständen ereignet hat, noch war er - objektiv betrachtet (RKUV 1999 Nr. U 335 S. 209 Erw. 3b/cc; vgl. auch RKUV 2000 Nr. U 394 S. 313 [Urteil S. vom 31. Mai 2000, U 248/98], je mit Hinweisen) - von besonderer Eindrücklichkeit. Eindeutig nicht erfüllt sind auch die im kantonalen Entscheid nicht näher beurteilten Kriterien der ärztlichen Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hat, sowie des schwierigen Heilungsverlaufs und der erheblichen Komplikationen. Etwas anderes wird auch vom Beschwerdegegner nicht geltend gemacht. 3.2.2 Das kantonale Gericht betrachtet das Kriterium der Schwere und besonderen Art der erlittenen Verletzungen "in Anbetracht der persistierenden Schmerzen sowie ihrer erheblichen Auswirkungen auf den Alltag, das Berufs- und Privatleben sowie auf die Persönlichkeit des Versicherten" als knapp erfüllt. Die Beschwerdeführerin hält dem grundsätzlich zu Recht entgegen, dass damit Umstände berücksichtigt werden, welche im Rahmen anderer Kriterien (Dauerbeschwerden, Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit) in die Beurteilung einzubeziehen sind. Auszugehen ist davon, dass die Diagnose eines Schleudertraumas oder einer schleudertraumaähnlichen Verletzung der HWS die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen für sich allein nicht zu begründen vermag. Es bedarf hierzu einer besonderen Schwere der für das Schleudertrauma typischen Beschwerden oder besonderer Umstände, welche das Beschwerdebild beeinflussen können (RKUV 2005 Nr. U 549 S. 236 Erw. 5.2.3 [Urteil C. vom 15. März 2005, U 380/04]). Diese können beispielsweise in einer beim Unfall eingenommenen besonderen Körperhaltung und den dadurch bewirkten Komplikationen bestehen (RKUV 2003 Nr. U 489 S. 361 Erw. 4.3 [Urteil A. vom 24. Juni 2003, U 193/01] mit Hinweisen). So verhält es sich hier nicht, wie dem vom behandelnden Arzt am 7. Juli 1997 ausgefüllten "Zusatzfragebogen bei HWS-Verletzungen" zu entnehmen ist. Dagegen ist zu berücksichtigen, dass der Personenwagen des Beschwerdegegners über keine Kopfstütze verfügte (was im Hinblick darauf, dass es sich um ein 1972 erstmals in Verkehr gesetztes Fahrzeug handelte, keine Vorschriftswidrigkeit darstellte) und dieser von der Kollision überrascht wurde (Urteil M. vom 26. März 2003, U 125/01). Dass insbesondere die fehlende Kopfstütze geeignet war, das Beschwerdebild und dessen Schwere zu beeinflussen, ist einleuchtend und wird im unfallanalytischen Bericht des Dr. L._______ bestätigt. Sinngemäss geht auch Prof. Dr. med. W.________ von dieser Tatsache aus, woran die Feststellung im Bericht vom 20. Mai 1999 nichts ändert, dass nach wissenschaftlicher Erkenntnis das Fehlen einer Kopfstütze eine bessere Ausgangslage darstelle als eine Kopfstütze, welche sich in ungünstiger Position befinde. Eine Besonderheit kann ferner darin erblickt werden, dass der Personenwagen des Beschwerdegegners mit einer Fahrzeugkupplung ausgerüstet war, was nach den unfallanalytischen und biomechanischen Berichten wegen der damit verbundenen Versteifung des Fahrzeughecks zu einer etwas höheren Beschleunigung des angestossenen Fahrzeugs geführt hat. Angesichts dieser besondern Umstände ist der Vorinstanz im Ergebnis darin beizupflichten, dass das Kriterium der Schwere oder der besonderen Art der erlittenen Verletzungen, wenn auch knapp, als erfüllt gelten kann. 3.2.3 Das kantonale Gericht bejaht auch das Kriterium der ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung. Es führt unter Hinweis auf das Urteil des Eidgenössische Versicherungsgerichts in Sachen H. vom 19. Mai 2004 (U 330/03) im Wesentlichen aus, nach der Rechtsprechung sei eine Behandlungsbedürftigkeit während zwei bis drei Jahren nach einem Schleudertrauma oder einer äquivalenten Verletzung der HWS noch als im üblichen Rahmen liegend zu betrachten. Im vorliegenden Fall habe die Behandlung indessen mehr als drei Jahre gedauert. Nicht gefolgt werden könne der Ansicht des Unfallversicherers, wonach Physiotherapie sowie "alternative Therapien" wie Akupunktur und Akupressur nicht berücksichtigt werden könnten. Diesen Erwägungen ist grundsätzlich beizupflichten. Einschränkend ist indessen festzustellen, dass die Beurteilung, ob und gegebenenfalls in welchem Masse das Kriterium der Behandlungsdauer erfüllt ist, nicht allein nach einem zeitlichen Massstab zu beurteilen ist. Von Bedeutung sind auch die Art und Intensität der Behandlung sowie der Umstand, inwieweit davon noch eine Besserung des Gesundheitszustandes zu erwarten war. Diesbezüglich geht aus den Akten hervor, dass sich die primäre Unfallbehandlung auf das Tragen eines Halskragens, Physiotherapie und Schmerzbekämpfung mit Analgetika beschränkte. Nach einer stationären Behandlung in Zurzach vom 13. Oktober - 10. November 1997, wo Einzel- und Gruppengymnastik, Heublumenwickel, Massagen und Akupunktur durchgeführt wurden, bestanden die medizinischen Massnahmen in ambulanter Physiotherapie einmal pro Woche und Akupunktur, wobei in der Zeit vom 17. März - 16. Juni 1998 insgesamt neun Behandlungen erfolgten. Am 14. August 1998 berichtete Dr. med. R.________, therapeutisch benötige der Versicherte in erster Linie Analgetika. Dass in der Folge weitere Behandlungen durchgeführt wurden, lässt sich den Akten nicht entnehmen. Insbesondere fehlen Anhaltspunkte dafür, dass sich der Beschwerdegegner dem im Gutachten S.________ vorgeschlagenen Therapieversuch mit intensiven konservativen und bewegungstherapeutischen Massnahmen unterzogen hat. In somatischer Hinsicht beschränkten sich die Massnahmen auf periodische ärztliche Kontrollen und eine medikamentöse Schmerzbekämpfung. Erst ab März 2000 stand der Versicherte in psychiatrischer Behandlung bei Frau Dr. med. E.________. Hinsichtlich Dauer und Intensität der psychiatrischen Behandlung enthalten die Akten keine näheren Angaben, nachdem sich die behandelnde Ärztin unter Hinweis auf das Berufsgeheimnis geweigert hatte, weitere Angaben zu machen. Dem Gutachten von PD Dr. med. K._______ vom 16. April 2003 ist indessen zu entnehmen, dass die Behandlung im Zeitpunkt der psychiatrischen Begutachtung (19. Februar 2003) und damit noch vor der auf den 31. Dezember 2003 verfügten Einstellung der Leistungen abgeschlossen war. Gesamthaft betrachtet kann bei dieser Sachlage nicht von einer kontinuierlichen, mit einer gewissen Planmässigkeit auf die Verbesserung des Gesundheitszustandes gerichteten ärztlichen Behandlung von ungewöhnlich langer Dauer gesprochen werden, weshalb das Kriterium entgegen dem vorinstanzlichen Entscheid nicht als erfüllt gelten kann (vgl. RKUV 2005 Nr. U 549 S. 238 Erw. 5.2.4 [Urteil C. vom 15. März 2005, U 380/04] mit Hinweisen; ferner Urteile J. vom 16. August 2006, U 258/05, M. vom 21. April 2006, U 51/05, N. vom 14. März 2005, U 82/04, P. vom 24. September 2003, U 361/02, und S. vom 8. April 2002, U 357/01). 3.2.4 Bejaht hat die Vorinstanz sodann das Kriterium von Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit. Sie geht davon aus, dass ab 22. Mai bis 10. November 1997 während mehr als fünf Monaten eine - nur durch einen gescheiterten Arbeitsversuch (50 %) unterbrochene - ärztlich attestierte Arbeitsunfähigkeit von 100 % bestand und der Versicherte in der Folge während rund zweieinhalb Jahren zu 66 2/3 % und anschliessend während rund drei Jahren bis zum Zeitpunkt der Begutachtung durch PD Dr. med. K._______ im April 2003 zu 100 % arbeitsunfähig war. Ab diesem Zeitpunkt und für die Zukunft sei für die frühere Tätigkeit als Druckereiinhaber von einer Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit von 50 - 70 % auszugehen, wobei gemäss Einschätzung von PD Dr. med. K._______ der Endzustand erreicht sei. Die Beschwerdeführerin hält dem entgegen, die Adäquanzprüfung hätte bereits viel früher, das heisst spätestens im Jahr 2000 erfolgen müssen, nachdem Dr. med. U.________ und Dipl.-Psych. S.________ im Gutachten vom 15. Juni 1999 festgehalten hätten, dass ein Abschluss der Behandlung spätestens innert sechs bis acht Monaten möglich sei. Eine Adäquanzprüfung in jenem Zeitpunkt hätte ergeben, dass das Kriterium von Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit lediglich ansatzweise erfüllt sei. Hierzu ist festzustellen, dass die Adäquanzprüfung nach Abschluss des normalen, unfallbedingt erforderlichen Heilungsprozesses zu erfolgen hat und nicht, solange von einer Fortsetzung der ärztlichen Behandlung noch eine namhafte Besserung erwartet werden kann (Urteile A. vom 6. November 2001, U 8/00, H. vom 29. März 2001, U 114/00, und D. vom 16. Juli 2000, U 127/99). Ob der Heilungsprozess abgeschlossen ist, beurteilt sich jeweils auf Grund der Umstände des Einzelfalls (Urteil K. vom 11. Februar 2004, U 246/03, veröffentlicht in HAVE 2004 S. 119). Erfolgt die Adäquanzprüfung, wie im vorliegenden Fall, erst in einem späteren Zeitpunkt, ist - wie bei der Frage nach der eindeutigen Dominanz einer psychischen Problematik (BGE 123 V 99 Erw. 2a; RKUV 2002 Nr. U 465 S. 437 [Urteil W. vom 18. Juni 2002, U 164/01]) - auf den gesamten Zeitraum abzustellen bis zur effektiven Beurteilung der Adäquanz. Unterlässt der Unfallversicherer eine rechtzeitige Adäquanzprüfung und erbringt stattdessen weitere Leistungen, trägt er möglicherweise selber dazu bei, dass es zu einer Chronifizierung der Beschwerden und einer weiteren Arbeitsunfähigkeit kommt. Dafür hat der Versicherte nicht einzustehen. Dennoch bleibt fraglich, ob das Kriterium von Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit im vorliegenden Fall als erfüllt gelten kann. Für die Zeit unmittelbar nach dem Unfall vom 30. April 1997 ist keine Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen. Hausärztlich bestätigt ist eine volle Arbeitsunfähigkeit für die Zeit ab 22. Mai 1997 und eine Arbeitsunfähigkeit von 66 2/3 % ab 11. November 1997. Demgegenüber wird im Gutachten U.________/S.________ aus somatisch/orthopädischer Sicht eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % vom 30. April - 15. Juni 1997, 50 % vom 16. Juni - 16. Juli 1997 und 20 % ab 17. Juli 1997 angegeben, wobei die weiter bestehende Arbeitsunfähigkeit von 20 % nach Meinung der Gutachter zur Hälfte auf degenerativen Veränderungen beruht, sodass von einer unfallbedingten Arbeitsunfähigkeit von 10 % auszugehen ist. Neuropsychologisch und klinisch-psychologisch wurde eine unfallbedingte Einschränkung von 35 % genannt und die Auffassung vertreten, dass bei Wiederaufnahme der Berufstätigkeit nach einem vierwöchigen Trainingsprogramm mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine sukzessive Steigerung bis zu einer Belastung von 75 % bei voller Arbeitszeit erzielt werden könne. Aus psychiatrischer Sicht bescheinigte die behandelnde Ärztin Dr. med. E.________ eine volle Arbeitsunfähigkeit ab 5. März 2001. Im psychiatrischen Gutachten vom 16. April 2003 gelangt PD Dr. med. K._______ zum Schluss, der Versicherte sei insbesondere auf Grund der bestehenden Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen im bisherigen Beruf als Inhaber einer Druckerei mindestens zu 50 %, effektiv wohl eher zu 70 % arbeitsunfähig. Mit der Bedienung von Druckmaschinen sei er überfordert. Er sei allenfalls noch unter Anleitung und Aufsicht in der Lage, drucktechnische Arbeiten durchzuführen, doch wäre dies wohl nur für wenige Stunden am Tag (maximal 4 Stunden) mit häufigen Erholungspausen möglich. Im Gutachten wird des Weiteren ausgeführt, die bestehende Beeinträchtigung sei unfallbedingt und das vorhandene Beschwerdebild lasse sich nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit durch die bestehenden psychosozialen Faktoren erklären. Auf Grund dieser ärztlichen Angaben ist davon auszugehen, dass als Folge des versicherten Unfalls eine zunächst somatisch und in der Folge zunehmend psychisch bedingte Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit von durchschnittlich mindestens 50 % während mehr als fünf Jahren bestanden hat. Das Kriterium von Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit hat daher als erfüllt zu gelten (vgl. hierzu RKUV 2001 Nr. U 442 S. 544 ff.). Es ist entgegen den Ausführungen des Beschwerdegegners jedoch nicht in besonders ausgeprägter Weise gegeben. 3.2.5 Erfüllt, wenn auch nicht in besonders ausgeprägter Weise, ist schliesslich das Kriterium der Dauerbeschwerden, was unbestritten ist. 3.3 Nach dem Gesagten sind von den sieben Adäquanzkriterien lediglich drei erfüllt, wobei kein Kriterium in besonders ausgeprägter Weise und ein Kriterium nur knapp erfüllt ist. Damit sind die für die Adäquanzprüfung massgebenden Kriterien nicht in gehäufter und auffallender Weise gegeben, weshalb die Adäquanz des Kausalzusammenhangs zu verneinen ist, was zur Gutheissung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde führt.