Citation: 5A_975/2022 E. 4.2.1

4.2.1. Mit dem Betreuungsunterhalt soll die zur erforderlichen persönlichen Betreuung eines Kindes notwendige physische Präsenz des betreffenden Elternteils sichergestellt werden (BGE 147 III 265 E. 5.3). Es werden die (indirekten) Kosten abgegolten, welche einem Elternteil dadurch entstehen, dass er aufgrund einer persönlichen Betreuung des Kindes davon abgehalten wird, durch Arbeitserwerb für seinen Lebensunterhalt aufzukommen (BGE 144 III 481 E. 4.3). Grundsätzlich hat auch der betreuende Elternteil seine Eigenversorgungskapazität auszuschöpfen (BGE 144 III 481 E. 4.7.7), wobei sich zumindest die Zumutbarkeit der (Wieder-) Aufnahme oder Ausdehnung einer Erwerbstätigkeit nach dem Schulstufenmodell richtet (vgl. BGE 144 III 481 E. 4.7.3 und E. 4.7.6-4.7.9) und bei einer alternierenden Obhut mit asymmetrischen Betreuungsanteilen entsprechende Anpassungen vorgenommen werden müssen. Wird die Betreuung eines Kindes von beiden Elternteilen übernommen, wird die Erwerbsfähigkeit jedes Elternteils grundsätzlich nur im Umfang der tatsächlichen Betreuung eingeschränkt (Urteile 5A_316/2022 vom 17. Januar 2023 E. 7.3; 5A_987/2020 vom 24. Februar 2022 E. 6.2; 5A_472/2019 vom 3. November 2020 E. 3.2.2). Bei der "rückwirkenden" Anrechnung eines höheren Einkommens ist zu beachten, dass der betroffene Elternteil seine zu tiefe Leistungsfähigkeit für die verstrichene Zeitspanne nicht rückgängig und die in der Vergangenheit unterbliebene Erzielung des ihm zumutbaren und tatsächlich möglichen Einkommens nicht ungeschehen machen kann. Insofern ist bei der "rückwirkenden" Anrechnung eines höheren Einkommens eine gewisse Zurückhaltung geboten. Nach der Rechtsprechung kommt eine solche allerdings infrage, wenn der betroffene Elternteil in der Vergangenheit nicht das Einkommen erzielt hat, das er bei gutem Willen zu erwirtschaften vermocht hätte, sich sein Versäumnis nicht rechtfertigen lässt und es ihm zudem zuzumuten ist, mit seinen künftig erzielten Einkünften nachzuholen, was er in der Vergangenheit zu erwirtschaften verpasst hat (Urteile 5A_59/2016 vom 1. Juni 2016 E. 3.3, in: FamPra.ch 2016 S. 1059; 5A_184/2015 vom 22. Januar 2016 E. 3.4). In der hier zitierten Rechtsprechung ging es jeweils um Fälle, in denen der Unterhaltspflichtige bereits gerichtlich zur Leistung von Unterhaltsbeiträgen verpflichtet worden und zunächst einer vollzeitlichen Erwerbstätigkeit nachgegangen war sowie seine vorbestehende Unterhaltspflicht erfüllt und sich nach einem - freiwilligen oder unfreiwilligen - Stellenwechsel wissentlich mit einer nur ungenügend einträglichen Erwerbstätigkeit begnügt hatte (vgl. Urteil 5A_553/2020 vom 16. Februar 2021 E. 5.2.1 mit Hinweisen). Analoges gilt, wenn ein Unterhalt beanspruchender Ehegatte, der während des Zusammenlebens einer Erwerbstätigkeit nachgegangen ist, diese nach der Auflösung des gemeinsamen Haushalts aufgegeben oder sich nach einem Stellenwechsel mit einem tieferen Einkommen begnügt hat, ohne dass hierfür rechtfertigende Gründe vorgelegen haben (Urteile 5A_ 662/2013 vom 24. Juni 2014 E. 3.2.1 in fine; 5A_587/2013 vom 26. November 2013 E. 6.1.1; 5A_612/2011 vom 27. Februar 2012 E. 2.1; 5A_848/2010 vom 4. April 2011 E. 2.3, in: FamPra.ch 2011 S. 717).