Citation: 2C_77/2017 E. 4.3.2

4.3.2. Dessen ungeachtet ist der Begriff der Veräusserung nicht so eng zu verstehen, dass davon einzig die Übertragung des dinglichen oder obligatorischen Rechts an eine andere Person erfasst wäre. So hat das Bundesgericht kürzlich entschieden, dass etwa die Aufgabe eines dinglichen oder obligatorischen Rechts einer Veräusserung gleichkommen kann (BGE 143 II 402 E. 6.5 S. 407). Ausserdem hat der Gesetzgeber die Kriterien Substanzverzehr und Veräusserung im Bereich der Abgrenzung des Kapitalgewinns von Vermögenserträgen auf beweglichem Privatvermögen relativiert, indem er zusätzlich oder stattdessen auf andere Merkmale abstellt. Für Obligationen mit überwiegender Einmalverzinsung sehen § 29 Abs. 1 lit. b StG/AG und Art. 20 Abs. 1 lit. b des Bundesgesetzes über die direkte Bundessteuer (DBG; SR 642.11) vor, dass über die investierte Kapitalsumme hinausgehende Leistungen Dritter - namentlich der als Teil des Veräusserungserlöses vereinnahmte Marchzins - zum steuerbaren Vermögensertrag zählen, diese also nicht als private Kapitalgewinne steuerfrei bleiben. Bei anderen Obligationen, Darlehen, Forderungen aus Bank- und Spareinlagen und sonstigen Guthaben im Sinne von § 29 Abs. 1 lit. a StG/AG und Art. 20 Abs. 1 lit. a DBG gilt demgegenüber nach herrschender Lehre das sogenannte subjektive Herkunftsprinzip, welches an die Person des Leistungserbringers anknüpft. Danach werden sämtliche Leistungen des Schuldners beim Gläubiger steuerlich als Vermögensertrag erfasst, wenn und soweit sie einen Bezug zur Kapitalschuld aufweisen, aber nicht zu ihrer Tilgung führen (Urteile 2C_120/2008, 2C_121/2008 vom 13. August 2008 E. 2.3 in: StE 2009 B 21.1 Nr. 18; 2A.203/2006 vom 17. Oktober 2007 E. 3.1 in: ASA 77 S. 546, StR 63/2008 S. 40; AGNER/JUNG/STEINMANN, Kommentar zum Gesetz über die direkte Bundessteuer, 1995, N. 1 zu Art. 20 DBG; BLUMENSTEIN/LOCHER, System des schweizerischen Steuerrechts, 7. Aufl. 2016, S. 218; XAVIER OBERSON, Droit fiscal suisse, 4. Aufl. 2012, N. 112 f. zu § 7; YVES NOËL, in: Commentaire Romand, LIFD, 2. Aufl. 2017, N. 12 zu Art. 20 DBG; RISI/PREISIG, Geänderte Besteuerung der Obligationen und derivativen Finanzinstrumente, ST 73/1999 S. 601; a.M. ANDRI MENGIARDI, Die Besteuerung der Investition in derivative Anlageprodukte ("strukturierte Produkte") nach Schweizer Recht, 2008, S. 85 f. [in Bezug auf strukturierte Produkte]; RICHNER/FREI/KAUFMANN/MEUTER, Handkommentar zum DBG, 3. Aufl. 2016, N. 20 zu Art. 20 DBG; kritisch auch PETER LOCHER, Kommentar zum DBG, I. Teil, 2001, N. 7 zu Art. 20 DBG). Ähnliches gilt nach Art. 7 Abs. 1 StHG und Art. 20 Abs. 1 lit. c DBG auch für Beteiligungserträge (XAVIER OBERSON, Droit fiscal suisse, 4. Aufl. 2012, N. 125 zu § 7 mit Hinweis auf die diesbezüglich uneinheitliche Terminologie in der Lehre), ungeachtet der mit solchen Einkünften typischerweise verbundenen Substanzminderung der betreffenden Beteiligung (ERNST HÖHN, Die Abgrenzung von Vermögensertrag und Kapitalgewinn im Einkommenssteuerrecht, ASA 50 S. 534 f.; PETER LOCHER, Abgrenzung von Kapitalgewinn und Kapitalertrag im Bundessteuerrecht, recht 1990 S. 110; DANIELLE YERSIN, A propos de la distinction, entre le rendement de fortune et les gains en capital; questions choisies, ASA 50 S. 469 f.).