Citation: 1C_338/2014 E. 3.2

3.2. Nach der Rechtsprechung kann die kurze Verwirkungsfrist nach Art. 16 Abs. 3 aOHG einem Gesuch um Entschädigung oder Genugtuung nur entgegengehalten werden, wenn das Opfer über die Mittel zur wirksamen Wahrnehmung seiner Rechte verfügte. Entscheidend ist insoweit die Pflicht der Polizei, das Opfer bei der ersten Einvernahme über die Beratungsstellen zu informieren, welche ihrerseits über die Hilfe an Opfer orientieren und Letztere bei ihren rechtlichen Schritten unterstützen (Art. 3 und Art. 6 Abs. 1 aOHG). Diese behördliche Informationspflicht stellt das Korrelat zur Strenge der Verwirkungsfrist dar. Grundsätzlich kann die Verwirkungsfrist deshalb einem Opfer nicht entgegengehalten werden, wenn die Behörden ihrer Informationspflicht nicht nachgekommen sind. Wurde das Opfer erst nach Ablauf der Verwirkungsfrist hinreichend informiert, muss die Behörde in Würdigung der Umstände des Einzelfalles und unter Berücksichtigung des Grundsatzes von Treu und Glauben prüfen, ob das Opfer alle geeigneten und ihm zumutbaren Vorkehren zur Wahrung seiner Rechte getroffen hat. Bejahendenfalls ist der Eintritt der Verwirkung ausnahmsweise zu verneinen (BGE 129 I 409 E. 2 S. 410 f.; 123 II 241 E. 3e f. S. 244 ff.). Erhält das Opfer die gesetzlich vorgesehenen Informationen erst nach Ablauf der Verwirkungsfrist, muss es ohne weitere Verzögerung ("sans retard supplémentaire") ein Gesuch um Entschädigung oder Genugtuung stellen (BGE 129 II 409 E. 3 S. 412 mit Hinweis). Es läuft nicht erneut eine zweijährige Verwirkungsfrist ab der nachträglichen Information (Urteil 1A.217/1997 vom 8. Dezember 1997 E. 5b). Haben die Behörden das Opfer nicht informiert, hat dieses jedoch von dritter Seite Kenntnis von der Möglichkeit erlangt, opferhilferechtliche Ansprüche zu stellen, kann es sich nicht auf Schuldlosigkeit berufen. Es hat die Ansprüche vielmehr mit der gebotenen Raschheit geltend zu machen (Urteil 1A.114/2006 vom 7. März 2007 E. 6.2 ff.).