Citation: U 154/04 16.01.2006 E. 4.4

4.4.1 Ob psychische Störungen mit einem Unfall in einem adäquaten Kausalzusammenhang stehen, hängt davon ab, ob der Unfall nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet ist, zu solchen Störungen zu führen (BGE 129 V 182). Für die Beurteilung der Adäquanz psychischer Unfallfolgen gelten besondere Regeln. Grundsätzlich muss dem Unfallereignis für die Entstehung einer psychisch bedingten Erwerbsunfähigkeit eine massgebende Bedeutung zukommen, was dann zutrifft, wenn dieses eine gewisse objektive Schwere aufweist oder mit anderen Worten ernsthaft ins Gewicht fällt (BGE 129 V 183 Erw. 4.1 mit Hinweis auf BGE 115 V 141 Erw. 7). Die dabei vorzunehmende Katalogisierung in leichte, mittelschwere und schwere Unfälle hat nicht nach dem subjektiven Unfallerlebnis, sondern ausgehend vom objektiv erfassbaren Ereignis zu erfolgen (BGE 115 V 139 Erw. 6). Es kann diesbezüglich auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden. 4.4.2 Bei Unfällen aus dem mittleren Bereich lässt sich die Frage der adäquaten Kausalität nicht aufgrund des Unfalles allein beantworten. Weitere objektiv fassbare Umstände, welche unmittelbar mit dem Unfall in Zusammenhang stehen oder als direkte bzw. indirekte Folgen davon erscheinen, sind in eine Gesamtwürdigung einzubeziehen. Als wichtigste Kriterien sind zu nennen: besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalles; die Schwere oder besondere Art der erlittenen (somatischen) Verletzung, insbesondere die erfahrungsgemässe Eignung, psychische Fehlentwicklungen auszulösen; ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung; (körperliche) Dauerschmerzen; ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert; schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen; Grad und Dauer der (physisch) bedingten Arbeitsunfähigkeit (BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa). 4.4.3 Je nach den konkreten Umständen kann für die Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen Unfall und psychisch bedingter Erwerbsunfähigkeit allenfalls ein einziges Kriterium genügen. Dies trifft einerseits dann zu, wenn es sich um einen Unfall handelt, welcher zu den schweren Fällen im mittleren Bereich zu zählen oder sogar als Grenzfall zu einem schweren Unfall zu qualifizieren ist. Andererseits kann im gesamten mittleren Bereich ein einziges Kriterium genügen, wenn es in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist, wie z.B. auffallend lange Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit infolge schwierigen Heilungsverlaufes. Kommt keinem Einzelkriterium besonderes bzw. ausschlaggebendes Gewicht zu, so müssen mehrere unfallbezogene Kriterien herangezogen werden. Dies gilt umso mehr, je leichter der Unfall ist. Handelt es sich beispielsweise um einen Unfall im mittleren Bereich, der aber dem Grenzbereich zu den leichten Unfällen zuzuordnen ist, müssen die weiteren zu berücksichtigenden Kriterien in gehäufter oder auffallender Weise erfüllt sein, damit die Adäquanz bejaht werden kann. Diese Würdigung des Unfalles zusammen mit den objektiven Kriterien führt zur Bejahung oder Verneinung der Adäquanz (BGE 115 V 139 Erw. 6). 4.5 Aufgrund des Geschehensablaufes und der Verletzungen, die sich der Versicherte anlässlich des Unfalles vom 23. Januar 1997 zugezogen hat, liegt im Sinne der Praxis (dargestellt in RKUV 1995 Nr. U 215 S. 90) kein ausserordentlich schweres, lebensbedrohliches Ereignis vor. Zu prüfen bleibt, ob der Unfall als leicht oder als mittel zu qualifizieren ist. Bei banalen Unfällen wie z.B. bei geringfügigem Anschlagen des Kopfes oder Übertreten des Fusses und bei leichten Unfällen wie z.B. einem gewöhnlichem Sturz oder Ausrutschen kann der adäquate Kausalzusammenhang zwischen Unfall und psychischen Gesundheitsstörungen in der Regel ohne weiteres verneint werden. Ohne aufwändige Abklärungen im psychischen Bereich darf aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung, aber auch unter Einbezug unfallmedizinischer Erkenntnisse davon ausgegangen werden, dass ein banaler bzw. leichter Unfall nicht geeignet ist, einen invalidisierenden psychischen Gesundheitsschaden zu verursachen. Hier mangelt es dem Unfallereignis offensichtlich an der erforderlichen Schwere, welche allgemein geeignet wäre, zu einer psychischen Fehlentwicklung beispielsweise in Form einer reaktiven Depression zu führen. Es ist eine Erfahrungstatsache, dass bei dieser Gruppe von Unfällen wegen der Geringfügigkeit des Unfallereignisses auch der psychische Bereich nur marginal tangiert wird. Treten entgegen jeder Voraussicht dennoch nennenswerte psychische Störungen auf, so sind diese mit Sicherheit auf unfallfremde Faktoren zurückzuführen wie z.B. die ungünstige konstitutionelle Prädisposition. Unter solchen Umständen ist der Unfall nur eine Schein- oder Gelegenheitsursache für psychische Störungen (BGE 115 V 140 Erw. 6a). 4.6 Gemäss Unfallmeldung vom 24. Januar 1997 stürzte der Versicherte beim Entnageln nach hinten und schlug dabei Arm und Ellenbogen auf einer Betonkante an; Zeugen für diesen Sturz werden keine genannt. Wie die Vorinstanz richtig feststellt, ist das Ausrutschen auf einer eisigen, leicht abschüssigen Strasse in einer kalten Winternacht mit Anschlagen von Armen bzw. Ellenbogen auf dem Boden regelmässig als leichter Unfall einzustufen. Es ist auf das objektiv fassbare Unfallereignis und nicht auf das subjektive Unfallerlebnis des Betroffenen abzustellen. Wie das kantonale Gericht zutreffend erkannt hat, war der Vorfall damit nicht geeignet, psychische Störungen hervorzurufen. 4.7 Selbst wenn der Unfall - wie der Versicherte geltend macht - dem Bereich der mittelschweren Ereignisse zuzuordnen wäre, müsste ein einzelnes der in die Beurteilung einzubeziehenden Kriterien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt sein oder es müssten die zu berücksichtigenden Kriterien in gehäufter oder auffallender Weise gegeben sein. 4.7.1 Jedoch bestreitet er nicht, dass sich der Unfall nicht unter besonders dramatischen Begleitumständen ereignet hat. Die erlittene Ellenbogenverletzung ist weder aufgrund ihrer Schwere noch besonderen Art geeignet, psychische Fehlentwicklungen auszulösen. 4.7.2 Die ärztliche Behandlung kann unter anderem wegen der Vielzahl der Untersuchungen und der Dauer von über einem Jahr als lang, aber nicht als ungewöhnlich lang bezeichnet werden; die unter diesem Kriterium ins Gewicht fallenden Hospitalisationen beschränkten sich auf vier Tage im Mai sowie zehn Tage im September/Oktober 1997, wobei darin noch die Zeit für die Vorabklärungen zur Operation eingeschlossen ist. 4.7.3 Körperliche Dauerbeschwerden sind zu bejahen, auch wenn in diesem Punkt, wie die Vorinstanz zu Recht festgestellt hat, die Diskrepanz zwischen den ärztlichen Befunden und dem subjektiven Schmerzempfinden des Versicherten bereits ab dem Zeitpunkt der ersten Operation nicht zu übersehen ist: So bestand gemäss Berichten des Dr. med. W.________, Orthopädische Chirurgie FMH, vom 2. Juni und 2. Juli 1997 schon bei der Nachkontrolle vier Wochen nach der Operation eine volle Ellbogenbeweglichkeit, und gemäss Bericht der Klinik Y.________ vom 2. September 1997 fanden sich insbesondere auch keine Hinweise auf eine Kompression des Nervus ulnaris im Sulcus. Das Kriterium der Dauerbeschwerden ist damit nicht in besonders ausgeprägter Weise erfüllt. 4.7.4 Des Weiteren liegt zwar ein schwieriger Heilungsverlauf vor, von erheblichen Komplikationen kann aber nicht gesprochen werden. 4.7.5 Das Kriterium des Grades und der Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit ist erfüllt, wenn auch nicht in besonders ausgeprägter Weise, war der Versicherte doch bereits im März 1998 soweit arbeitsfähig, dass die Ärzte der Klinik Y.________ eine Umschulung empfahlen (Bericht vom 19. März 1998). 4.7.6 Eine ärztliche Fehlbehandlung schliesslich, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hätte, liegt entgegen den Ausführungen des Versicherten nicht vor. Umgehend nach dem Unfall begab er sich in Behandlung seines Hausarztes Dr. med. S.________. Dieser untersuchte ihn am Morgen nach dem Unfall - also noch am 23. Januar 1997 - und stellte eine diffuse Schwellung mit Druckdolenz sowohl medial wie lateral am Ellbogen fest. Erst nach erneutem Röntgen diagnostizierte er am 4. Februar 1997 eine Fraktur der Radiuskante vorn mit diskreter Stufe intraartikulär und überwies den Versicherten ans Spital X.________, wo eine Schiene angelegt wurde (Bericht vom 11. Februar 1997). In der Folge versuchte der Versicherte wieder zu arbeiten, musste aber aufgrund anhaltender Schmerzen erneut Dr. med. S.________ aufsuchen. Dieser liess ihn durch den Orthopäden Dr. med. W.________ untersuchen (Bericht vom 11. April 1997), welcher eine Radiusköpfchenfraktur mit persistierender Stufenbildung am Ellbogen rechts konstatierte (Bericht vom 22. April 1997). Nach diversen weiteren ärztlichen Abklärungen und einer Operation in der Klinik Y.________ am 30. September 1997 begab sich der Versicherte erst ein Jahr später im Sommer 1998 wieder zu Dr. med. S.________ (Bericht vom 10. Juni 1998). In der Folge war der Versicherte während Jahren weiterhin in Behandlung bei Dr. med. S.________. Es kann also entgegen den Ausführungen des Versicherten nicht geltend gemacht werden, dass er von einer das Vertrauen wesentlich beeinträchtigenden ärztlichen Fehlleistung ausging und den ausgebliebenen Heilungserfolg weitestgehend darauf zurückgeführt habe. Wäre dies der Fall gewesen, hätte der Versicherte kaum über Jahre hinweg Dr. med. S.________ als Hausarzt beibehalten. Eine erhebliche Fehlleistung von Dr. med. S.________, welche ausgeprägt und geeignet gewesen wäre, das psychische Beschwerdebild des Versicherten zu verursachen oder zu verschlechtern, liegt nach Lage der Akten nicht vor. Aufgrund dieser Umstände ist nicht anzunehmen, dass dem Verhalten von Dr. med. S.________ eine massgebliche Bedeutung an der Chronifizierung und Fixierung des Beschwerdebildes zukommt. Am 18. August 1998 hielt die SUVA in einer ärztlichen Beurteilung fest, dass auch bei optimalen Röntgenbildern oft eine kaum oder gar nicht dislozierte Radiusköpfchenfraktur am Unfalltag nicht diagnostiziert werden kann. Mit der Kontrolle und dem Anfertigen erneuter Röntgenbilder am 11. Tag nach dem Unfallereignis habe der Hausarzt seine Sorgfaltspflicht nicht verletzt, bei der erst verzögert gestellten Diagnose handle es sich damit nicht um eine erhebliche Fehlbehandlung. Auch dieses Kriterium ist somit nicht erfüllt. 4.8 Nach dem Gesagten sind die Kriterien der Dauerbeschwerden sowie das Kriterium der hinsichtlich Grad und Dauer ins Gewicht fallenden Arbeitsunfähigkeit zu bejahen. Letztendlich treten aber die zu berücksichtigenden Kriterien nicht in gehäufter oder auffallender Weise auf. Vor allem ist keines der Kriterien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt. Dies reicht nicht aus, um dem Unfall vom 23. Januar 1997 eine rechtlich massgebende Bedeutung für die Einschränkung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit aufgrund psychischer Beschwerden beizumessen. Die Ablehnung der Leistungspflicht für die psychischen Gesundheitsstörungen durch die Vorinstanz erweist sich aufgrund mangelnder Adäquanz daher als rechtmässig, woran die weiteren Einwendungen des Beschwerdeführers nichts zu ändern vermögen.