Citation: U 58/06 02.08.2006 E. 4.2

4.2.1 Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin ist nicht ersichtlich, inwiefern das Gutachten des Dr. med. R.________, eines dank seiner Spezialisierung in Neurochirurgie für die von ihm beurteilten und damals einzig relevanten Beschwerden geeigneten Mediziners, den in Erw. 2.2 hievor angeführten Anforderungen an einen Arztbericht nicht genügen sollte. Ein Gutachten muss nicht schlechthin alle objektiven Befunde und die ganze Krankengeschichte wiedergeben und diskutieren, sondern kann sich auf die für die konkrete Fragestellung relevanten Aspekte beschränken. Sodann wird ein mögliches Fibromyalgiesyndrom durch die Diagnose eines lumbospondylogenen Syndroms nicht ausgeschlossen, sondern mitumfasst, soweit es um die vom Experten zu beurteilenden Rücken- und Schulterprobleme geht; denn bei einem "Syndrom" handelt es sich bloss um die Benennung eines bestimmten Symptomenkomplexes (vgl. Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 260. Aufl., Berlin 2004, S. 1767 "Syndrom"), und es geht, soweit hier von Interesse, beim lumbospondylogenen Syndrom wie bei der medizinisch umstrittenen Diagnose der Fibromyalgie (dazu BGE 132 V 68 Erw. 3.3) um die Benennung eines Schmerzzustandes. In diesem Zusammenhang ist im Übrigen zu beachten, dass auch Dr. med. Z.________, Facharzt FMH Physikalische Medizin und Rehabilitation, eine mögliche Fibromyalgie nur unter den Differenzialdiagnosen anführt. Schliesslich hat Dr. med. R.________ auch das Fortschreiten der (sehr leichten) Degeneration der Lendenwirbelsäule zwischen Januar und Dezember 2002 berücksichtigt, indem er eine Beschleunigung einer degenerativen Entwicklung durch den Unfall nicht mangels zunehmender degenerativer Erscheinungen schlechthin, sondern insbesondere aufgrund des zeitlichen Verlaufs verneinte. 4.2.2 Nicht nachvollziehbar ist, inwiefern - so die nicht näher ausgeführte und in keiner Weise untermauerte Behauptung des beschwerdeführerischen Rechtsvertreters - diverse andere Fachärzte in medizinischer Hinsicht eine diametral andere Auffassung als Dr. med. R.________ vertreten sollen. Vielmehr trifft Letzteres einzig auf den Hausarzt der Versicherten zu. Demgegenüber widerspricht Dr. med. Z.________ im Gutachten vom 31. Dezember 2005 der hausärztlichen Kausalitätsbeurteilung, und bestätigt nun der vom Hausarzt beigezogene Dr. med. K.________, Leitender Arzt Neurochirurgie am Kantonsspital A.________, die Kausalitätsbeurteilung des Dr. med. R.________, indem er in seinem Bericht vom 2. Mai 2006 ausführt, dass das chronifizierte spondylogene Syndrom seinen Beginn zweifellos im eher leichten Sturztrauma vom Oktober 1998 habe, "ohne dass eine ursächliche Verbindung mit diesem Trauma beweisbar wäre". 4.3 Die Berichte des Hausarztes, Dr. med. G.________, vermögen keine Zweifel an der Zuverlässigkeit der durch Dr. med. K.________ bestätigten Einschätzung des Dr. med. R.________ zu wecken: 4.3.1 Was zunächst die Rückenproblematik betrifft, schmälern die Stellungnahmen des Hausarztes die Beweiskraft der neurochirurgischen Beurteilungen schon aus dem Grunde nicht, weil seine gegenüber dem Anwalt der Beschwerdeführerin gemachten Aussagen, als Ursache für den Anulusriss komme nur der Unfall in Frage und es seien durch das Trauma allfällige vorbestandene degenerative Befunde richtunggebend verschlimmert worden (abgesehen von der Angabe, die erste Aussage werde durch den Radiologen, der die Bilder angefertigt habe, bestätigt, und von einem pauschalen Hinweis auf die Adäquanz des Unfallmechanismus, die Anamnese, die Klinik und die Befunde) nicht begründet werden (Schreiben vom 25. Januar 2006 und vom 13. März 2006, je ad Frage 3). Demgegenüber entsprechen die Kausalitätsbeurteilungen der beiden Neurochirurgen medizinischen Erfahrungstatsachen, welche in die Rechtsprechung des Eidgenössischen Versicherungsgerichts eingeflossen sind. Danach entstehen zum einen praktisch alle Diskushernien bei Vorliegen degenerativer Bandscheibenveränderungen, während ein Unfallereignis nur ausnahmsweise als Ursache in Betracht fällt, wobei dafür ein - hier offensichtlich nicht gegebenes - Unfallereignis von besonderer Schwere vorausgesetzt ist (RKUV 2000 Nr. U 378 S. 190 Erw. 3; Urteil K. vom 13. März 2006, U 317/05, Erw. 3). Zum andern kann eine richtungweisende, mithin dauernde, unfallbedingte Verschlimmerung einer vorbestandenen degenerativen Erkrankung der Wirbelsäule nur als nachgewiesen gelten, wenn eine rasche Höhenverminderung der betroffenen Bandscheibe und das Auftreten oder die Vergrösserung von Randzacken nach einem Trauma durch bildgebende Verfahren erstellt sind (RKUV 2000 Nr. U 363 S. 46 Erw. 3a; Urteil B. vom 6. Februar 2002, U 126/99, Erw. 2). Inwiefern dies der Fall sein sollte, ist nicht ersichtlich. Dr. med. Z.________ verneint in seinem Gutachten vom 31. Dezember 2005 gestützt auf die gleichen bildgebenden Befunde, die schon Dr. med. R.________ vorlagen, denen auch er nur leichte degenerative Veränderungen entnehmen kann, ein solches Geschehen eindeutig. Der vom Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin eigens auf die entsprechende Passage der Expertise angesprochene Hausarzt hält dieser Aussage des Dr. med. Z.________ nichts Substanzielles entgegen. Der Bandscheibenschaden L4/L5 an sich wurde von Dr. med. Z.________ sehr wohl berücksichtigt, erwähnt dieser doch zum einen eine beginnende Protrusion und zum andern - als indirekten Hinweis für eine Diskushernie - eine Höhenminderung der entsprechenden Bandscheibe (ohne Hinweise auf eine Foraminal- oder Spinalkanalstenosierung oder Kompression neuraler Strukturen). 4.3.2 Was sodann die Schulterbeschwerden anbelangt, so war ursprünglich nicht von solchen die Rede. Vielmehr fanden diese erstmals über zwei Jahre nach dem Unfall im Zeugnis des Dr. med. G.________ vom 28. Februar 2001 Erwähnung. Darin diagnostizierte der Hausarzt ein Schultergürtelsyndrom, gab an, die ärztliche Behandlung habe am 27. November 2000 und die Schulterbeschwerden hätten einen Monat vor der Kontrolle begonnen, wobei die Patientin wegen dieses Leidens nicht schon früher in ärztlicher Behandlung gewesen sei. Demgegenüber steht in einem hausärztlichen Bericht vom 26. Februar 2002, im Schultergürtel hätten sich "unmittelbar nach dem Unfall" eine Irritation entlang der Scapula links, Irritation TH1 bis TH4, und eine Verspannung des M. Omohyoideus beidseits gefunden. Die "damalige Therapie des Schultergürtels" habe günstige Auswirkungen auf die lumbale Problematik gehabt und pseudoradikuläre Ausstrahlungen in die Arme hätten sich vollständig zurückgebildet. In einem Bericht des Dr. med. G.________ vom 16. April 2004 wird ebenfalls schon für die Zeit zwischen dem 20. Oktober, dem Datum der Erstkonsultation, und dem 2. Dezember 1998 von einer Abnahme der "Schmerzzustände im Schultergürtel" unter entsprechenden segmentalen Behandlungen gesprochen, wohingegen gemäss Schreiben des gleichen Arztes vom 25. Januar 2006 die Schmerzen im Schultergürtel in der Krankengeschichte am 8. Dezember 1998 Erwähnung fanden, dem Tag, an dem gemäss Unfallschein die ärztliche Behandlung endete. In Anbetracht dieser Aktenlage ist davon auszugehen, dass, wenn schon vor Herbst 2000 Beschwerden im Schultergürtel bestanden und behandelt wurden, diese offenbar vom Hausarzt selbst entweder als unerheblich oder als nicht unfallbedingt eingestuft wurden und dass jedenfalls sehr lange kein Schulterleiden mehr bestanden haben kann, ansonsten die Beginn und Behandlung der Beschwerden betreffenden Erklärungen im Zeugnis vom 28. Februar 2001 unverständlich wären. Unter diesen Umständen ist die Auffassung des Hausarztes, die - erst im Herbst 2000 (wieder?) aufgetretenen - Schulterbeschwerden seien mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf den Unfall vom 15. Oktober 1998 zurückzuführen (Berichte vom 26. Februar 2002, ad 7 und 8, und vom 16. April 2004, ad 4 bis 6), nicht nachvollziehbar. Die hausärztlichen Berichte stellen daher auch hinsichtlich der Probleme im Bereich des Schultergürtels kein Indiz gegen die Zuverlässigkeit der Kausalitätsbeurteilung des Dr. med. R.________ dar. 4.4 Somit ist festzustellen, dass das spondylogene Syndrom einschliesslich der Aspekte des Anuluseinrisses und der vom Hausarzt diagnostizierten Arthrose der unteren Lendenwirbelsäule (und die Myalgie/Weichteilschmerzen) in somatischer Hinsicht - die Dres. med. R.________, Z.________ und K.________ äussern sich aufgrund ihrer Spezialisierungen (abgesehen davon, dass bei einer allfälligen Fibromyalgie psychosomatische Faktoren mitspielen dürften; BGE 132 V 69 Erw. 3.3) nur zur Frage organischer Unfallfolgen - nicht auf den Unfall vom 15. Oktober 1998 zurückgeführt werden kann. Zusätzliche medizinische Abklärungen sind diesbezüglich nicht erforderlich (vgl. zur antizipierten Beweiswürdigung BGE 124 V 94 Erw. 4b; SVR 2006 IV Nr. 1 [I 573/03] S. 2 Erw. 2.3 mit Hinweisen). 4.5 Was sodann die Abdominalbeschwerden anbelangt, in Bezug auf welche Dr. med. G.________ ein Chronic-pelvic-inflammation-Syndrom postuliert, welches er einem nach seiner Auffassung beim Unfall vom 15. Oktober 1998 erlittenen stumpfen Bauchtrauma mit gedeckter Perforation und in der Folge Infektkomplikation zuschreibt, so sind die diesbezüglichen hausärztlichen Ausführungen nach den Erwägungen der Vorinstanz, an deren Entscheid Fachrichter Dr. med. W.________, Facharzt FMH Innere Medizin, mitgewirkt hat, schulmedizinisch nicht nachvollziehbar. Auch Dr. med. Z.________ bezeichnet ein stumpfes Bauchtrauma als schwer nachvollziehbar. Es ist denn auch in der Tat nicht einzusehen, wie erst innerhalb von Wochen (Bericht des Dr. med. G.________ vom 16. April 2004) oder Monaten (Bericht des Dr. med. G.________ vom 26. Februar 2002) nach dem Unfall aufgetretene, dem Unfallversicherer erst am 28. Februar 2001 gemeldete Bauchbeschwerden, die zwar auf Antibiotika ansprechen, aber jeweils zusammen mit den übrigen Schmerzschüben wieder auftreten (Berichte des Dr. med. G.________ vom 28. Februar 2001, vom 26. Februar 2002 und vom 16. April 2004), mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf den Unfall vom 15. Oktober 1998 mit Sturz auf den Rücken zurückzuführen sein sollen. Auch diesbezüglich ist somit - ohne zusätzliche Beweisvorkehren, von denen auch in dieser Hinsicht keine neuen entscheidwesentlichen Erkenntnisse zu erwarten wären - festzustellen, dass der Unfall in somatischer Hinsicht nicht als Ursache der Beschwerden betrachtet werden kann. 4.6 Was schliesslich die Frage eines posttraumatischen hirnorganischen Syndroms betrifft, wurden nach dem Unfall vom 15. Oktober 1998 bei der Versicherten, die zunächst weiterarbeitete, nicht die geringsten Anzeichen eines erheblichen Schädelhirntraumas, welches zu Langzeitfolgen hätte führen können (vgl. Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 260. Aufl., Berlin 2004, S. 1620 "Schädelhirntrauma", S. 338 "Commotio cerebri", S. 343 "Contusio cerebri" und S. 1272 "Syndrom, postkommotionelles"), rapportiert. Vielmehr wurde im Arztzeugnis UVG des Dr. med. G.________ vom 7. November 1998 ausschliesslich die lumbale Problematik erwähnt. Der Umstand allein, dass erstmals im Gutachten des Dr. med. R.________ vom 5. Mai 2003 zu lesen ist, die Beschwerdeführerin habe den Kopf angeschlagen, und insbesondere vom Hausarzt in der Folge Jahre nach dem Unfallereignis neu rückwirkend auch eine okzipitale Kontusion diagnostiziert wird (insbesondere Schreiben des Dr. med. G.________ an die IV-Stelle Luzern vom 7. Dezember 2005), bildet keinen hinreichenden Anlass zur Durchführung einer neuropsychologischen Abklärung. So hält denn auch Dr. med. S.________ im psychiatrischen Gutachten vom 22. September 2005 eine solche nicht für indiziert. 4.7 Im Übrigen fällt auf, dass sich Dr. med. G.________ bezüglich der von ihm angenommenen kausalen Zusammenhänge selbst nicht sicher zu sein scheint. So bezeichnete er in einem an die IV-Stelle Luzern adressierten Bericht vom 7. Dezember 2005 eine richtunggebende Verschlimmerung eines möglichen Vorzustandes einer Kieferostitis durch den Unfall als "überwiegend wahrscheinlich", wohingegen er in seinem Schreiben vom 25. Januar 2006 an den Rechtsvertreter der Versicherten eine traumatisch bedingte Osteomyelitis des Kieferapparates als bloss "möglich" bezeichnete, wobei sich die Frage des Anwalts nicht auf eine Kieferosteomyelitis, sondern auf die zuvor diagnostizierte Kieferostitis bezogen hatte. 4.8 Als Zwischenergebnis ist festzustellen, dass in körperlicher Hinsicht kein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis vom 15. Oktober 1998 und den zur Diskussion stehenden Beschwerden der Versicherten besteht. Zur Frage des Zeitpunkts des Wegfalls der Unfallkausalität sind von einer neuen Begutachtung keine weiteren Aufschlüsse zu erwarten, nachdem Dr. med. R.________ schon im März 2003, als er die Versicherte untersuchte, nicht zu eruieren vermochte, seit wann es an der Unfallkausalität fehlt. Da der Hausarzt im Unfallschein den Behandlungsabschluss auf den 8. Dezember 1998 datierte, die Beschwerden danach im Laufe der Jahre (wieder) zunahmen, dem Unfallversicherer erst rund zwei Jahre nach dem Unfall wieder gemeldet wurden und der Hausarzt somit zuvor selbst davon ausgegangen zu sein scheint, dass es sich nicht mehr um einen relevanten unfallbedingten Gesundheitsschaden handelte (vgl. auch ärztliche Zeugnisse des Dr. med. G.________ vom 4., 7. und 18. Dezember 2000 zuhanden der Arbeitgeberin in Bezug auf die vom 27. November bis am 24. Dezember 2000 dauernde Arbeitsunfähigkeit, worin von Krankheit die Rede ist), ist nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass alle nach dem 8. Dezember 1998 erfolgten Behandlungen und attestierten Arbeitsunfähigkeiten in somatischer Hinsicht nicht mehr auf den Unfall vom 15. Oktober 1998 zurückzuführen sind. Dies gilt umso mehr, als nach den Erwägungen der mit einem Fachrichter besetzten Vorinstanz die Zeitspanne bis zum im Unfallschein angegebenen Fallabschluss einem üblichen Verlauf bei der bis dahin gestellten Diagnose entspricht. 4.9 Wie es sich mit dem natürlichen Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und einer psychischen Erkrankung der Beschwerdeführerin verhält - der psychiatrische Gutachter, Dr. med. S.________, diagnostiziert (nach Diskussion mit dem Mitgutachter Dr. med. Z.________) eine somatoforme Schmerzstörung, während der Hausarzt auf eine depressive Entwicklung hinweist -, kann offen gelassen werden, wenn es ohnehin an einem adäquaten Kausalzusammenhang fehlt, was nachstehend zu prüfen ist. Gleiches gilt für eine allfällige Fibromyalgie, die vorliegend, obwohl als rheumatologische Störung klassifiziert (BGE 132 V 68 Erw. 3.2), in Anbetracht ihrer Gemeinsamkeiten mit der als psychische Störung klassifizierten (ICD-10 F45.4) somatoformen Schmerzstörung (BGE 132 V 70 Erw. 4.1) nicht nur in Bezug auf die Frage der Invalidität (BGE 132 V 70 Erw. 4.1), sondern auch hinsichtlich der hier interessierenden Frage der Adäquanz gleich zu behandeln wäre wie eine psychische Krankheit (Urteil S. vom 5. April 2006, U 20/05, Erw. 4.2.2).