Citation: 1A.55/2000 30.06.2000 E. 3

3.- Unbestrittenermassen wurde die Beschwerdeführerin am 31. Juli 1993 von einem unbekannten Straftäter beraubt undvergewaltigt. Anlässlich eines operativen Eingriffes am 7. August 1997 wurde bei der Beschwerdeführerin eineHIV-Infektion entdeckt und der Ausbruch von AIDS"festgestellt, was ihr am 12. August 1997 mitgeteiltwurde". Die Beschwerdeführerin macht geltend, sie sei durchden Vergewaltiger mit dem HI-Virus infiziert worden. Imangefochtenen Entscheid wird eingeräumt, dassoffensichtlich keine weitere Infektionsmöglichkeitbestanden habe. a) Als Straftaten im Sinne des OHG fallen im vorliegendenFall folgende Tatbestände in Betracht: Vergewaltigung (Art. 190 StGB), Raub (Art. 140 StGB), Verbreiten menschlicherKrankheiten (Art. 231 StGB) und schwere Körperverletzung(Art. 122 StGB). Sämtliche Tatbestandsmerkmale derVergewaltigung und des Raubes waren der Beschwerdeführerinnach eigener Darstellung bereits am 31. Juli 1993 bekannt. Hinsichtlich dieser Straftaten (die sie im Übrigen auch inBrasilien polizeilich zur Anzeige brachte) waren ihreOpferhilfeansprüche bereits vor der Einreichung desOpferhilfegesuches (19. Januar 1998) offensichtlichverwirkt. b) Fraglich ist die Verwirkung bei den übrigen beidenStraftatbeständen, Art. 231 und Art. 122 StGB. Zunächststellt sich die Frage, wann diese Tatbestände ausstrafrechtlicher Sicht objektiv als vollendet anzusehenwaren. Nach den Feststellungen der Vorinstanz ist von einerAnsteckung der Beschwerdeführerin mit dem HI-Virus am 31. Juli 1993 auszugehen. Der Straftatbestand von Art. 231 StGBwar daher ebenfalls schon im Sommer 1993 erfüllt. Allerdings wurde die HIV-Infektion erst (nach Ausbruch derAIDS-Krankheit) am 7. August 1997 ärztlich festgestellt. Unbestrittenermassen erfuhr die Beschwerdeführerin erst am 12. August 1997 von der HIV-Infektion. Die Frage, inwelchem Zeitpunkt der Straftatbestand der schwerenKörperverletzung (Art. 122 StGB) erfüllt war, hängt davonab, ob man bereits die HIV-Infektion als vollendete schwereKörperverletzung ansieht oder erst den Ausbruch derAIDS-Krankheit. c) Nach der Praxis des Bundesgerichtes werden dieobjektiven Tatbestände von Art. 231 Ziff. 1 StGB(Verbreiten menschlicher Krankheiten) und Art. 122 Abs. 1StGB (schwere Körperverletzung) grundsätzlich bereits durchdie blosse HIV-Infektion erfüllt (BGE 125 IV 242 E. 2a/aaS. 245, E. 2b und c S. 248, mit Hinweisen). Der Kassationshof weist in diesem Zusammenhangausdrücklich darauf hin, dass - über die HIV-Infektionhinaus - schon vor dem Ausbruch der AIDS-Krankheiterhebliche psychische, gesundheitliche und sozialeBelastungen eintreten können, sobald das Opfer von derAnsteckung erfährt. Dazu gehörten nicht nur die "Gewissheit, mit einer zumindest möglicherweise tödlich verlaufendenKrankheit infiziert zu sein", was zu einer "reaktivenDepression" führen könne, sondern auch die "nichtunerheblichen Nebenwirkungen" der gegen die HIV-Infektioneingeleiteten Kombinationstherapie. Erwähnt wird auch nochdas Risiko einer "sozialen Isolation bzw. Diskriminierung"von HIV-Infizierten (BGE 125 IV 242 E. 2b/bb S. 246 f.;vgl. zu diesen Folgen auch MARIO M. PEDRAZZINI, HIV imPersönlichkeitsrecht und öffentlichen Recht, in: Michael G. Koch/Mario M. Pedrazzini/Adrian Staehelin, HIV und Recht, Basel 1999, S. 41 ff., 53, 72). Solche Umstände lagen hierjedenfalls im Zeitraum zwischen Juli 1993 und Juli 1997nicht vor. Eine Strafverfolgung wegen Ansteckung mit demHI-Virus ist im Übrigen zwangsläufig nur möglich, wennzumindest die Infektion diagnostiziert und dem Opfer bzw. der Strafverfolgungsbehörde bekannt ist (vgl. auchCHRISTIAN HUBER, HIV-Infektion und AIDS-Erkrankung imLichte des Art. 231 StGB sowie der Körperverletzungs- undTötungsdelikte, SJZ 85/1989 S. 149 ff.; ders. , AusgewählteFragen zur Strafbarkeit der HIV-Übertragung, ZStrR 115/1997S. 113 ff.; KARL-LUDWIG KUNZ, AIDS und Strafrecht: DieStrafbarkeit der HIV-Infektion nach schweizerischem Recht, ZStrR 107/1990 S. 39 ff.).