Citation: I 733/04 13.05.2005 E. 2

Einig sind sich die Parteien, dass die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit des Beschwerdeführers ab dem relevanten Zeitpunkt des Rentenbeginns (BGE 129 V 222) einzig durch psychische Faktoren limitiert ist. 2.1 Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken. Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und damit invalidenversicherungsrechtlich nicht als relevant gelten Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung allen guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, abwenden könnte; das Mass des Forderbaren wird dabei weitgehend objektiv bestimmt (BGE 102 V 165; AHI 2001 S. 228 Erw. 2b mit Hinweisen; vgl. auch BGE 127 V 298 Erw. 4c in fine). Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens, so auch einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung, setzt zunächst eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Diagnose nach einem wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 130 V 398 ff. Erw. 5.3 und Erw. 6). Wie jede andere psychische Beeinträchtigung begründet indes auch eine diagnostizierte anhaltende somatoforme Schmerzstörung als solche noch keine Invalidität. Vielmehr besteht eine Vermutung, dass die somatoforme Schmerzstörung oder ihre Folgen mit einer zumutbaren Willensanstrengung überwindbar sind. Bestimmte Umstände, welche die Schmerzbewältigung intensiv und konstant behindern, können den Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess unzumutbar machen, weil die versicherte Person alsdann nicht über die für den Umgang mit den Schmerzen notwendigen Ressourcen verfügt. Ob ein solcher Ausnahmefall vorliegt, entscheidet sich im Einzelfall anhand verschiedener Kriterien. Im Vordergrund steht die Feststellung einer psychischen Komorbidität von erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer. Massgebend sein können auch weitere Faktoren, so: chronische körperliche Begleiterkrankungen; ein mehrjähriger, chronifizierter Krankheitsverlauf mit unveränderter oder progredienter Symptomatik ohne länger dauernde Rückbildung; ein sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens; ein verfestigter, therapeutisch nicht mehr beeinflussbarer innerseelischer Verlauf einer an sich missglückten, psychisch aber entlastenden Konfliktbewältigung (primärer Krankheitsgewinn; "Flucht in die Krankheit"); das Scheitern einer konsequent durchgeführten ambulanten oder stationären Behandlung (auch mit unterschiedlichem therapeutischem Ansatz) trotz kooperativer Haltung der versicherten Person (BGE 130 V 352). Je mehr dieser Kriterien zutreffen und je ausgeprägter sich die entsprechenden Befunde darstellen, desto eher sind - ausnahmsweise - die Voraussetzungen für eine zumutbare Willensanstrengung zu verneinen (Erwägung 1.2 des zur Veröffentlichung bestimmten Urteils J. vom 16. Dezember 2004, I 770/03 mit Hinweisen). 2.2 Im Gutachten vom 19. März 2003 stellt Dr. med. H.________ folgende Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit : - chronisches multilokuläres Schmerzsyndrom mit/bei somatoformer Störung mit ausgepägter Symptomausweitung ICD-10 F45.4, F54 - gemischte dissoziative Störung ICD-10 F44.7 bei histrionischer Persönlichkeitsstruktur - subsyndromale posttraumatische Belastungsstörung ICD-10 F43.1 - Anpassungsstörung mit ängstlichen und depressiven Anteilen ICD-10 F43.22. Dabei stehe das auffällige Schmerzverhalten mit Weinkrämpfen, Selbstlimitierung bei fehlendem somatischem Korrelat im Sinne einer gemischten dissoziativen Störung (IDC-10 F44.7) im Vordergrund. Bei dissoziativer Symptomatik stelle sich die gutachterliche Frage, inwiefern der Patient nicht wollen könne (krankheitsbedingtes Fehlen des Willens, bewusstseinsferner Prozess) und wie weit er nicht können wolle (bewusste Aggravation, bewusstseinsnaher Anteil). Üblicherweise liege bei dieser Diagnose eine Mischung beider Komponenten vor. Durch die krankheitsbedingten, bewusstseinsfernen Anteile an der Symptomatik - einschliesslich der depressiven- und Angstsymptomatik leichten Grades - werde die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit beim Beschwerdeführer auf 50 % geschätzt. Zusätzlich sei diese aber durch erhebliche soziale Risikofaktoren eingeschränkt. Der als Hausarzt fungierende Rheumatologe Dr. med. A.________ schliesst eine Aggravation und eine Wiederaufnahme irgendeiner Erwerbstätigkeit aus. Auch der den Beschwerdeführer behandelnde Dr. med. S.________, Oberarzt am Externen Psychiatrischen Dienst (EPD), attestiert - bei praktisch gleichen Diagnosen - aus psychiatrischer Sicht eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit, wobei er eine 3 bis 4-stündige Beschäftigung im geschützten Rahmen als sinnvoll erachtet. 2.3 Wie die Vorinstanz überzeugend ausgeführt hat, liegt beim Beschwerdeführer eine psychische Komorbidität, insbesondere in Form einer dissoziativen Störung auf der Grundlage einer histrionisch strukturierten Persönlichkeit vor, bei welchem es sich um ein selbstständiges, vom psychogenen Schmerzsyndrom losgelöstes Leiden handelt. Die bisherigen ambulanten und stationären Behandlungen konnten das Krankheitsbild nicht günstig beeinflussen. Im Gutachten von Dr. H.________ wird ein praktisch vollständiger sozialer Rückzug geschildert. Der Patient verbringe ungefähr die Hälfte des Tages im Bett und verlasse die Wohnung nicht ohne Begleitung. Andererseits wird ebenfalls beschrieben, dass beispielsweise das Gangbild und das Bewegungsverhalten deutlich weniger gestört seien, wenn er sich unbeobachtet glaubt. Zusammenfassend ist davon auszugehen, dass ein Ausnahmefall gegeben ist, bei dem die Ausrichtung von Rentenleistungen bei Vorliegen einer somatoformen Schmerzstörung gerechtfertigt erscheint.