Citation: 1C_170/2023 E. 5.2.2

5.2.2. Bei der rechtlichen Würdigung des Sachverhalts ist die Administrativbehörde grundsätzlich nicht an die Einschätzung des Strafgerichts gebunden (BGE 136 II 447 E. 3.1; 124 II 103 E. 1c/bb; Urteil 1C_536/2022 vom 25. Juli 2023 E. 3.2 mit Hinweisen). Dieser Grundsatz gilt auch in einem Fall wie dem vorliegenden, wo die Voraussetzungen für den Entzug des Ausweises gleich umschrieben sind wie für die Verhängung der Strafe. Zudem ergibt sich auch aus der unterschiedlichen Zwecksetzung der Strafe einerseits und des Führerausweisentzugs andererseits, dass die gleichen Begriffe einer unterschiedlichen Auslegung offenstehen (BGE 103 Ib 101 E. 2c) : Der Warnungsentzug ist eine der Strafe ähnliche, aber von ihr unabhängige Verwaltungsmassnahme mit präventivem Charakter, die primär die Erziehung der fehlbaren Fahrzeuglenkenden im Interesse der Verkehrssicherheit und nicht deren Bestrafung bezweckt, auch wenn sie von der betroffenen Person mitunter als Strafe empfunden wird (vgl. BGE 149 II 96 E. 4.1; 133 II 331 E. 4.2 und 4.3; 128 II 173 E. 3b und 3c). Die straf- und die administrativrechtliche Beurteilung der Schwere eines strassenverkehrsrechtlich massgeblichen Fehlverhaltens müssen sich daher nicht zwingend decken (Urteil 1C_264/2019 vom 25. Februar 2020 E. 3.2). Hängt die rechtliche Qualifikation allerdings stark von der Würdigung von Tatsachen ab, die das Strafgericht besser kennt, etwa weil es die beschuldigte Person, im Gegensatz zu den mit dem Warnungsentzug befassten Instanzen, persönlich einvernommen hat, ist die Verwaltungsbehörde auch in dieser Hinsicht an die Einschätzung des Strafgerichts gebunden (vgl. BGE 136 II 447 E. 3.1; Urteile 1C_194/2022 vom 7. Juli 2023 E. 5.2.2; 1C_334/2019 vom 11. Februar 2020 E. 3.2; je mit Hinweisen).