Citation: U 254/06 06.03.2007 E. 5

5.1 Mit Blick auf die Frage nach dem natürlichen Kausalzusammenhang ist zunächst klarzustellen, dass der die Beschwerdegegnerin wiederholt untersuchende Neurologe Dr. med. I.________ in seinem Bericht vom 21. Juli 1997, wie vom kantonalen Gericht korrekt wiedergegeben, einzig die drei Diagnosen "[1.] Gefühlsstörungen mit Pruritus an allen vier Extremitäten unklarer Ätiologie, [2.] anamnestisch Gefühlsstörungen im Gesicht links unklarer Ätiologie [sowie 3.] Status nach Beschleunigungstrauma der HWS am 1. September 1994" stellte. Hinsichtlich der ersten beiden Diagnosen brachte der Facharzt unmissverständlich zum Ausdruck, dass diese subjektiv geklagten Befindlichkeitsstörungen der Versicherten ursächlich nicht erklärbar seien, also auch nicht mit dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinweisen) als natürlich kausale Folgen des Unfalles vom 1. September 1994 beurteilt werden könnten. Der dritten Diagnose betreffend "Status nach Beschleunigungstrauma der HWS am 1. September 1994" ist schliesslich einzig die Feststellung zu entnehmen, dass die Beschwerdegegnerin am 1. September 1994 tatsächlich eine HWS-Distorsion erlitten hat. Darüber, ob die zeitlich nach diesem Unfall aufgetretenen Beschwerden allesamt mit überwiegender Wahrscheinlichkeit in einem natürlichen Kausalzusammenhang mit dem angeblich auslösenden Ereignis stehen, sagt diese Diagnose nichts aus. Denn nicht jede nach einem Unfall aufgetretene gesundheitliche Störung ist - nach der Formel "post hoc, ergo propter hoc" - zwangsläufig auch als unfallbedingt zu qualifizieren (vgl. BGE 119 V 335 E. 2b/bb i.f. S. 341 f.). 5.2 Entgegen der Vorinstanz ist aus dem Bericht des Dr. med. I.________ vom 21. Juli 1997 zu schliessen, dass damals - abgesehen von einer noch eigenverantwortlich ohne ärztliche Überwachung allmählich zu reduzierenden medikamentösen Therapie geringfügiger unfallbedingter Restbeschwerden mit Magnesiocard - die Heilbehandlung bei voller Arbeitsfähigkeit abgeschlossen war. Die "nach dem Unfall aufgetretenen Konzentrations- und Gedächtnisstörungen [waren] weitgehend verschwunden." Die kaum mehr bemerkbare, hauptsächlich belastungsabhängige Cervico-Cephalgie und gelegentlich eine Lumbalgie bedurften keiner weiteren ärztlichen oder physikalischen Behandlung mehr. Dr. med. I.________ empfahl einzig für den Fall, dass es zu vermehrten Beschwerden kommen sollte, eine erneute Konsultation beim Rheumatologen Dr. med. R.________. Die Arbeitgeberin 2 bestätigte mit Schreiben vom 15. März 2004, dass die Beschwerdegegnerin vom 21. Oktober 1996 bis 31. Oktober 1997 ihr Vollzeitpensum ohne auffallende Absenzen absolviert habe. Während die Versicherte ab November 1997 die selbständige Erwerbstätigkeit aufnahm, ersuchte ihr damaliger Rechtsvertreter die ELVIA Versicherungen (nachmals Allianz) am 27. November 1997, "die Integritätsentschädigung zu verfügen, damit [er] anschliessend den Direktschaden mit der Winterthur Versicherung [zuständige Haftpflichtversichererin] definitiv erledigen [könne]". Auch dies lässt darauf schliessen, dass im Zeitpunkt der Leistungsterminierung per 2. Februar 1998 keine behandlungsbedürftigen Unfallfolgen mehr vorlagen. Mit Blick auf die von der Haftpflichtpflichtversichererin vorgeschlagene Zahlung per Saldo aller Ansprüche war die Beschwerdegegnerin vor allem aus finanziellen Gründen nicht einverstanden, indem sie in erster Linie auf ihre neurologisch nicht objektivierbaren, subjektiv jedoch weiterhin geklagten Sensibilitätsstörungen verwies. Insbesondere ist dem Schreiben der Versicherten vom 7. August 1998 entsprechend den tatsächlichen Verhältnissen mit keinem Wort zu entnehmen, dass sie seit dem 1. September 1994 ununterbrochen an behandlungsbedürftigen Unfallfolgen leide. 5.3 Noch vor dem zweiten, nicht bei der Allianz versicherten Unfall vom 16. Dezember 1998 begab sich die Beschwerdegegnerin im November 1998 in die Behandlung des Allgemeinmediziners Dr. med. S.________. Dieser hielt in seinem Bericht vom 31. Oktober 2000 ausdrücklich fest: "Damals [im November 1998] stand ein somatisches Leiden im Vordergrund, das nicht in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem durchgemachten Autounfall am 1. September 1994 stand." Erst die Frontalkollision vom 16. Dezember 1998 verursachte dann erneut behandlungsbedürftige unfallbedingte Gesundheitsstörungen (Folgen einer HWS-Distorsion und Knieprellung gemäss Bericht der Neuropsychologin Dr. phil. C.________, vom 24. Mai 2000, S. 3). Wegen den Auswirkungen dieses nicht bei der Allianz versicherten und selbst verschuldeten Unfalles (Nichtgewähren des Vortritts an entgegenkommendes Fahrzeug beim Linksabbiegen) attestierte Dr. med. S.________ der Beschwerdegegnerin ab 17. Dezember 1998 erneut eine volle Arbeitsunfähigkeit. Bei der Frontalkollision vom 16. Dezember 1998 handelte es sich um den schwersten der drei Strassenverkehrsunfälle vom 1. September 1994, 16. Dezember 1998 und 17. Dezember 1999. Dies ist aus den Tatsachen zu schliessen, dass aktenkundig - im Gegensatz zu den übrigen beiden Unfällen - am 16. Dezember 1998 gemäss Unfallrapport die Polizei an die Unfallstelle beigezogen wurde, dass beide Unfallfahrzeuge abgeschleppt werden mussten, dass die Versicherte nach diesem Ereignis sofort die Notfallstation des Spitals aufsuchte (Bericht der Dr. phil. C.________ vom 24. Mai 2000, S. 3) und dass an den verunfallten Fahrzeugen nach Polizeischätzung ein Sachschaden von total ca. Fr. 14'000.- entstand. 5.4 Die echtzeitliche Aktenlage bei Fallabschluss durch die Allianz spricht dafür, dass (spätestens) zum 2. Februar 1998 keine unfallbedingten objektivierbaren Beeinträchtigungen der Gesundheit mehr vorhanden waren, welche einen Anspruch auf Versicherungsleistungen begründeten. Soweit die Versicherte gegenüber dem ab November 1998 behandelnden Dr. med. S.________ das bei der Allianz versicherte Unfallereignis vom 1. September 1994 als das schwerste und folgenreichste schilderte (Bericht vom 31. Oktober 2000) und gegenüber der Neuropsychologin sogar verlauten liess, ca. zwei Monate nach dem eben genannten Unfall sei "eine Verschiebung von drei Rippen im unteren Brustwirbelsäulen-Bereich festgestellt" worden (Bericht der Dr. phil. C.________ vom 24. Mai 2000, S. 2), finden sich in den umfangreichen - insbesondere medizinischen - Akten keine Anhaltspunkte für diese Behauptungen. Auch zur Begründung der von der Beschwerdegegnerin im Schreiben vom 4. Dezember 2003 vertretenen Auffassung, sie habe die in der Schule A.________ 1995 begonnene Ausbildung zur eidgenössisch diplomierten Treuhänderin aus unfallbedingten gesundheitlichen Gründen abbrechen müssen, lassen sich den Akten keine Hinweise entnehmen. Abweichend von der Darstellung der Versicherten bestätigte die Schule A.________ am 17. Februar 2004, dass die Beschwerdegegnerin die ersten drei Semster "sehr regelmässig besucht" habe und sich erst im Oktober 1996 für das vierte und fünfte Semester abgemeldet habe. Diese Abmeldung fiel offensichtlich mit der Annahme einer neuen beruflichen Herausforderung bei der Arbeitgeberin 2 ab 21. Oktober 1996 zusammen. Diese Buchhaltungstätigkeit erfüllte die Versicherte bis zum 31. Oktober 1997 ohne auffallende Absenzen. Wiederum im Widerspruch zu ihrer eigenen subjektiven Schilderung vom 4. Oktober 2003 kam es im ersten Halbjahr 1997 nicht zu einer Verschlimmerung der objektivierbaren Beschwerden. Vielmehr stellte Dr. med. I.________ anlässlich seiner eingehenden neurologischen Untersuchungen im Juli 1997 fest, dass die nach dem Unfall aufgetretenen Konzentrations- und Gedächtnisstörungen inzwischen weitgehend verschwunden seien. Die subjektiv geklagten Gesundheitsstörungen (Juckreiz an allen vier Extremitäten, Gefühlsstörungen im Gesicht und Zuckungen in den Beinen), welche die Beschwerdegegnerin in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem versicherten Unfallereignis vom 1. September 1994 sah und zum Zwecke deren Abklärung sie sich im Sommer 1997 nochmals eingehend bei Dr. med. I.________ untersuchen liess, waren nach der Beurteilung des damals aufgesuchten Neurologen vom 21. Juli 1997 objektiv nicht erklärbar und standen somit nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit in einem natürlichen Kausalzusammenhang mit dem Unfall vom 1. September 1994. 5.5 Entgegen dem angefochtenen Entscheid ist demnach davon auszugehen, dass weder am 2. Februar 1998 (Zeitpunkt der Leistungseinstellung) noch unmittelbar vor dem zweiten Unfall vom 16. Dezember 1998 Arbeitsunfähigkeit und/oder behandlungsbedürftige objektivierbare gesundheitliche Beschwerden vorhanden waren, welche mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem Unfall vom 1. September 1994 standen. 5.6 Obwohl nach dem zweiten und dritten Unfall beigezogene Ärzte wiederholt eine Teilkausalität des versicherten Unfalles vom 1. September 1994 in Bezug auf die in der Folge der späteren Unfallereignisse geklagten Beschwerden bejahten, braucht die Frage, ob es sich bei den am 2. Februar 1998 und seither subjektiv geäusserten Befindlichkeitsstörungen zumindest teilweise um natürlich kausale Folgen des versicherten Unfalles handelt, nicht abschliessend geklärt zu werden. Eine Rückweisung der Sache zwecks weiterer Abklärung dieser Frage erübrigt sich. Denn selbst wenn auf Grund ergänzender medizinischer Untersuchungen der natürliche Kausalzusammenhang zu bejahen wäre, fehlt es - wie die nachstehenden Erwägungen zeigen - jedenfalls an der Adäquanz des Kausalzusammenhanges.