Citation: 4C.431/1999 14.07.2000 E. 4

4.- a) Entgegen der Ansicht des Obergerichts kann nicht offen bleiben, ob die im Schreiben an die Delegiertenversammlung erhobenen Vorwürfe zutreffen und ob es "etwas gebracht" hätte, wenn der Kläger den Dienstweg beschritten hätte. War das Beschreiten des Dienstwegs sinnlos, kann es vom Kläger nach Treu und Glauben nicht verlangt werden, zumal für die vorgesehene Statutenänderung ohnehin die Delegiertenversammlung das zuständige Organ war. Trafen die erhobenen Vorwürfe zu, läuft ihre Bekanntgabe an die Delegierten den Interessen der Beklagten nicht zuwider. Ebenso wenig ist zu beanstanden, dass die Arbeitnehmer den Delegierten mitteilten, wie sie sich zur traktandierten Statutenänderung stellten. Sie beeinflussten dadurch die Delegierten nicht auf unzulässige Weise, sondern erweiterten deren Entscheidungsgrundlage. b) Die Tatsache, dass der Verwaltungsrat erst kurz vor der Versammlung vom Schreiben erfuhr, vermag daran nichts zu ändern. Treffen die Vorwürfe zu, bestand kein Anlass für eine Richtigstellung seitens des Verwaltungsrates. Vielmehr stellt sich sogar die Frage, ob der Kläger auf Grund seiner Treuepflicht nicht verpflichtet war, die Delegiertenversammlung auf die betreffenden Vorkommnisse hinzuweisen, sofern seine Vorgesetzten bei Einhaltung des Dienstwegs die Informationen zurückgehalten hätten. Dass die Enthüllungen des Klägers auch seinen eigenen Interessen dienlich waren, wie die Vorinstanz ausgeführt hat, vermag unter diesen Umständen keine Treuwidrigkeit zu begründen. c) Ob die Kündigung missbräuchlich ist, beurteilt sich nach objektiven Kriterien. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz ist deshalb die Meinung des Vorgesetzten, der Kläger wolle die Beklagte zerstören, unerheblich, solange diesem kein treuwidriges Verhalten nachgewiesen wird. Ebenso vermöchte auch ein innerhalb der Beklagten stattfindender Machtkampf die Kündigung nur zu rechtfertigen, wenn sich der Kläger dabei unzulässiger Mittel bedient hätte, was im vorliegenden Falle wiederum davon abhängt, wie der Brief vom 22. August 1996 zu beurteilen ist (vgl. E. 4a und b hievor). d) Treffen die erhobenen Vorwürfe zu oder musste der Kläger sie in guten Treuen für zutreffend halten und hätte die Einhaltung des Dienstwegs "nichts gebracht", erscheint die Kündigung als missbräuchlich im Sinne von Art. 336 OR. Da das Obergericht diesbezüglich keine tatsächlichen Feststellungen getroffen hat, ist die Sache an die Vorinstanz zu neuer Entscheidung zurückzuweisen. Sollte der Inhalt des Schreibens nicht oder nur teilweise den Tatsachen entsprechen, wird abzuklären sein, ob die Kündigung allenfalls insofern missbräuchlich ist, als nicht alle Personen, die das Schreiben unterzeichneten, gleich behandelt wurden, wie der Kläger zur Klagebegründung vorgetragen hat (Art. 64 Abs. 2 OG; vgl. JAR 1994 S. 171 ff.). Sollte das Obergericht die Missbräuchlichkeit der Kündigung bejahen, müsste es über die vom Kläger verlangte Entschädigung befinden.