Citation: I 163/04 30.11.2004 E. 3.2

3.2.1 Der Anamnese des Berichtes der Psychiatrischen Klinik X.________ vom 14. August 2003 kann entnommen werden, dass der Beschwerdegegner nach seinem Realschulabschluss eine dreijährige Lehre als Landmaschinenmechaniker absolvierte, jedoch die Lehrabschlussprüfung nicht bestand und anschliessend keine Arbeit fand. Nachdem er bereits als Jugendlicher Cannabis konsumiert hatte, sei er 1992 erstmals mit harten Drogen in Kontakt gekommen, habe jedoch 1993 die Rekrutenschule absolviert und anschliessend fünf Jahre als Eisenleger gearbeitet. 1998 habe er sich einer (ersten) Drogenentzugstherapie unterzogen und im Jahr 2000 die Lehre als Landmaschinenmechaniker wieder aufgenommen, im Mai 2002 die Abschlussprüfung jedoch erneut nicht bestanden. Im Frühjahr 2002 habe ein Rückfall in den Drogenkonsum stattgefunden und der Versicherte habe ab August 2002 wiederum als Eisenleger gearbeitet; im Frühling 2003 sei er in eine stationäre Entzugstherapie eingetreten. 3.2.2 Die die Entzugstherapie durchführende Psychiatrische Klinik X.________ hat mit Bericht vom 14. August 2003 zuhanden der Invalidenversicherung folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellt: - Störungen durch multiplen Substanzgebrauch, Abhängigkeits- syndrom, gegenwärtig abstinent, aber in beschützender Umgebung (ICD-10 F19.21); - Sonstige näher bezeichnete Verhaltens- und emotionale Störung mit Beginn in der Kindheit und Jugend (adoleszentäre Entwick- lungsstörung; ICD-10 F98.8); - Negative Kindheitserlebnisse im Zusammenhang mit emotionaler Vernachlässigung und körperlicher Misshandlung (ICD-10 Z61.8). Auf die Frage der IV-Stelle nach den Auswirkungen der gesundheitlichen Störung auf die bisherige Tätigkeit antwortete die Psychiatrische Klinik X.________ am 14. August 2003, es sei dem Beschwerdegegner "aufgrund der zugrunde liegenden Störung" nicht gelungen, einen Lehrabschluss zu schaffen. Daraus resultierten Insuffizienzgefühle, Versagensängste und erhöhter psychischer Leidensdruck, was wiederum zu einer Destabilisierung der psychischen Grunderkrankung führe. Die bisherige Tätigkeit als Eisenleger sei uneingeschränkt zumutbar, jedoch erscheine eine berufliche und soziale Reintegration "überaus wünschenswert", da dies vor allem einen günstigen Einfluss auf die prognostische Krankheitsentwicklung hätte. Während des vorinstanzlichen Verfahrens teilte die Psychiatrische Klinik X.________ der IV-Stelle mit Schreiben vom 3. Dezember 2003 mit, dass der Bericht vom 14. August 2003 unter einem Widerspruch leide; trotz der diagnostischen Beurteilung sei eine volle Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit angenommen worden. Dem Versicherten sei aber die bisherige Tätigkeit als Eisenleger nicht mehr zumutbar: Wegen der im Kindesalter begonnenen emotionalen Störung verfüge der Beschwerdegegner nicht über ein intaktes Gefühl eines eigenen Wertes, der Drogenkonsum sei als maladaptive Selbstmedikation zu verstehen. Der Versicherte sei am Arbeitsplatz auf (wohlwollende) Beziehungskonstanz, eine klar überschaubare Tätigkeit sowie auf umsichtig und ruhig vermittelte Aufträge angewiesen; als Hilfsarbeiter auf dem Bau sei ein Rückfall in selbstdestruktives Verhalten absehbar. Gestützt auf diese Ausführungen hat der RAD in seiner internen Stellungnahme vom 16. Dezember 2003 eine Invalidität als "ausgewiesen" erachtet und aus "medizinisch theoretischen Erwägungen" eine sich bereits in der Jugend entwickelte Störung angenommen. 3.2.3 Die Psychiatrische Klinik X.________ geht im Rahmen der Diagnosestellung primär von einer Suchtdiagnose aus (ICD-10 F19.21) und führt sinngemäss als Grunderkrankung eine adoleszentäre Entwicklungsstörung (ICD-10 F98.8; beeinflusst durch negative Kindheitserlebnisse [ICD-10 Z61.8]) an, welche einen Lehrabschluss verunmöglicht habe. Es wird jedoch weder im Bericht vom 14. August 2003 noch in der Ergänzung vom 3. Dezember 2003 begründet, weshalb diese Entwicklungsstörung den Lehrabschluss verunmöglicht haben sollte; dafür können ebenso invaliditätsfremde Gründe (familiäres Umfeld, Cannabiskonsum, mangelnde Motivation etc.) verantwortlich sein; in dieser Hinsicht stützt sich die Einschätzung der Psychiatrischen Klinik X.________ allein auf die Anamnese des Versicherten, weitere medizinische Akten, etwa aus der Jugend oder vom ersten Drogenentzug 1998, sind nicht beigezogen worden. Dr. med. B.________ führt in seinem Aktenbericht vom 14. März 2003 aus, dass gemäss medizinischer Literatur Störungen im Kindes- oder Jugendlichenalter eine gute Remissionsneigung hätten und - falls sie über dieses Alter hinaus anhielten - in Angststörungen oder depressive Störungen übergingen. Diese Problematik wird im Bericht der Psychiatrischen Klinik X.________ nicht angesprochen. Überdies ist nicht klar, weshalb die bisherige Tätigkeit als Eisenleger dem Beschwerdegegner nicht zumutbar sein sollte: Dieser ist nach den Ausführungen der Psychiatrischen Klinik X.________ vom 3. Dezember 2003 auf (wohlwollende) Beziehungskonstanz, klar überschaubare Tätigkeiten sowie umsichtig und ruhig vermittelte Aufträge angewiesen; weshalb diese Voraussetzungen nicht auch bei der - während mehrerer Jahre ausgeübten - Tätigkeit als Eisenleger gegeben sein sollten, wird nicht erklärt. Schliesslich ist nicht zu übersehen, dass der Bericht der Psychiatrischen Klinik X.________ vom 14. August 2003 stark vom Rehabilitationsgedanken geprägt ist und es nicht auszuschliessen ist, dass die erwähnten beruflichen Eingliederungsmassnahmen aus diesem Grund - und nicht wegen einer Invalidität - empfohlen worden sind. Aus diesen Gründen kann nicht entscheidwesentlich auf die Einschätzungen der Psychiatrischen Klinik X.________ abgestellt werden (vgl. BGE 125 V 352 Erw. 3a). Dasselbe gilt für die kurze interne Stellungnahme des RAD vom 16. Dezember 2003, da diese vollständig auf den Bericht der Psychiatrischen Klinik verweist. 3.2.4 Es kann aber auch nicht allein auf den vom BSV letztinstanzlich eingereichten Bericht des Dr. med. B.________ vom 14. März 2004 abgestellt werden, denn diese Äusserungen sind - wie auch diejenigen der Psychiatrischen Klinik X.________ - nicht aufgrund der gesamten medizinischen Unterlagen ergangen; weiter handelt es sich dabei um einen reinen Aktenbericht, während für psychiatrische Berichte in der Regel eine persönliche Untersuchung vorausgesetzt ist (RKUV 2001 Nr. U 438 S. 346). 3.3 Damit erweist sich der rechtserhebliche Sachverhalt als ungenügend abgeklärt. Die Verwaltung wird zu untersuchen haben, ob ein invalidisierender Gesundheitsschaden vorliegt oder nicht. Es wird dabei zu berücksichtigen sein, dass die vom Beschwerdegegner in der Einsprache vom 5. Oktober 2003 geltend gemachten neuen psychischen Störungen im Schreiben der Psychiatrischen Klinik X.________ vom 3. Dezember 2003 nicht erwähnt sind, und dass die Rückfallgefahr eines ehemaligen Drogensüchtigen für sich allein keine drohende Invalidität darstellt (AHI 1996 S. 303 f. Erw. 3).