Citation: I 65/04 31.01.2005 E. 5

5.1 Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad auf Grund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen (vgl. Erw. 2 hievor). Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28 Abs. 2; Art. 28 Abs. 2 aIVG). Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenüber gestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt. Insoweit die fraglichen Erwerbseinkommen ziffernmässig nicht genau ermittelt werden können, sind sie nach Massgabe der im Einzelfall bekannten Umstände zu schätzen und die so gewonnenen Annäherungswerte miteinander zu vergleichen. Lassen sich die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen nicht zuverlässig ermitteln oder schätzen, so ist ein Betätigungsvergleich anzustellen und der Invaliditätsgrad nach Massgabe der erwerblichen Auswirkungen der verminderten Leistungsfähigkeit in der konkreten erwerblichen Situation zu bestimmen (ausserordentliches Bemessungsverfahren; BGE 128 V 30 Erw. 1, 104 V 136 Erw. 2; AHI 1998 S. 120 Erw. 1a und S. 252 Erw. 2b). 5.2 Wie das Eidgenössische Versicherungsgericht im Urteil W. vom 18. Dezember 2002, I 609+610/00, Erw. 5.3.2, dargelegt hat, ist bei der Ermittlung des Valideneinkommens, das heisst des Einkommens, welches die versicherte Person ohne Gesundheitsschaden erzielen würde, entscheidend, was die betroffene Person im massgebenden Zeitpunkt nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde verdienen würde. Die Einkommensermittlung hat so konkret wie möglich zu erfolgen, weshalb in der Regel vom letzten Lohn, den die versicherte Person vor Eintritt des Gesundheitsschadens erzielt hat, auszugehen ist (RKUV 1993 Nr. U 168 S. 100 Erw. 3b; Urteile D. vom 30. Oktober 2002, I 517/02, Erw. 1.2, und M. vom 23. Juli 2002, I 650/01, Erw. 2b). Hat diese nach der gesundheitsbedingten Aufgabe ihres erlernten Berufs eine andere Tätigkeit ausgeübt, ist je nach den Umständen auf das im ursprünglich erlernten Beruf oder auf das in der anderen Tätigkeit erzielte Einkommen abzustellen: So hat das Eidgenössische Versicherungsgericht in ZAK 1963 S. 388 den gelernten, aber aus gesundheitlichen Gründen nie ausgeübten Beruf und nicht eine nur kurzfristig ausgeübte einträglichere Tätigkeit, für die der Versicherte auf die Dauer als ungeeignet erschien, für massgebend erachtet; demgegenüber ist es in einem nicht veröffentlichten Urteil A. vom 19. Oktober 1988, M 20/87, bei einem Versicherten, der, ursprünglich Servicemonteur, invaliditätsbedingt eine neue, besser bezahlte Tätigkeit als Aussendienstmitarbeiter aufnahm, die er zunächst ohne Einschränkungen verrichten, nach rund zwei Jahren aber aus gesundheitlichen Gründen nur noch in reduziertem Umfang ausüben konnte, vom Einkommen als voll leistungsfähiger Aussendienstmitarbeiter und nicht vom Lohn im früheren Beruf als Servicemonteur ausgegangen. Ist eine Person, die trotz ihrer Behinderung eine Berufslehre abgeschlossen hat, im gelernten Beruf nicht voll leistungsfähig, ist - unter Vorbehalt der allfälligen Massgeblichkeit einer später ausgeübten besser bezahlten Tätigkeit - gemäss nicht veröffentlichtem Urteil E. vom 23. März 1998, I 134/96, auf das Einkommen abzustellen, welches die betroffene Person im gelernten Beruf erzielen würde, wenn sie nicht behindert wäre. 5.3 Verwaltung und Vorinstanz haben im Einkommensvergleich für das Valideneinkommen auf den Verdienst einer Kindergärtnerin abgestellt. Die IV-Stelle hat ihn auf Fr. 58'301.- festgelegt, wobei sie den Betrag nicht näher begründete (Einspracheentscheid vom 23. April 2003). Die Vorinstanz überprüfte diesen Wert anhand kantonaler Besoldungsrichtlinien und gemäss den Gehaltsklassentabellen 2002 und 2003 für Lehrkräfte im Kanton Bern. Nach den vorinstanzlichen Erwägungen soll es sich bei einem Verdienst in der erwähnten Höhe um den Lohn einer Person mit nicht anerkannter Ausbildung, langer Berufserfahrung, jedoch mehrheitlich nicht als Lehrkraft, handeln. 5.4 Bei der Arbeit einer Kindergärtnerin handelt es sich nicht um den angestammten Beruf der Beschwerdeführerin. Sie begann nach dem Besuch der Primar- und Sekundarschule Ausbildungen zur Kindergärtnerin und zur Physiotherapeutin, welche sie beide wieder abbrach. Danach arbeitete sie temporär in verschiedenen Anstellungen, war dann als Schwesternhilfe und als Praktikantin in der Betagtenbetreuung tätig und erwarb schliesslich den Fähigkeitsausweis als Betagtenbetreuerin VBA. Diese Arbeit verrichtete sie, bis sie die letzte Stelle aus gesundheitlichen Gründen auf Ende Juni 1996 aufgab. Weil sie invaliditätsbedingt den Anforderungen des erlernten Berufs nicht mehr zu genügen vermochte, wurde sie auf die Tätigkeit als Kindergärtnerin umgeschult. Diese hat sie nach Abschluss der Ausbildung am Rudolf Steiner Kindergarten-Seminar jedoch nie ausgeübt, wofür auch gesundheitliche Gründe ausschlaggebend waren. Bei den bekannten Umständen ist nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin sich auf eigene Kosten und unter Inkaufnahme einer länger dauernden erheblichen Einkommeneinbusse zusätzlich noch zur Kindergärtnerin hätte ausbilden lassen, wenn die gesundheitlichen Probleme im Beruf als Betagtenbetreuerin nicht aufgetreten wären. Vielmehr ist daraus zu folgern, dass solches unterblieben wäre. Da die Einkommensermittlung so konkret wie möglich zu erfolgen hat, weshalb in der Regel vom letzten Lohn, den die versicherte Person vor Eintritt des Gesundheitsschadens erzielt hat, auszugehen ist (vgl. Erw. 5.2 hievor), ist im Falle der Beschwerdeführerin im Einkommensvergleich bei der Bestimmung des Valideneinkommens auf das Einkommen abzustellen, das sie im erlernten Beruf als Betagtenbetreuerin mit Fähigkeitsausweis VBA erzielen könnte, wenn sie nicht behindert wäre.