Citation: U 281/06 21.06.2007 E. 6

6.1 Nach der ambulanten Abklärung in der Notfallstation der Chirurgischen Klinik des Spitals X.________ unmittelbar im Anschluss an den Unfall vom 19. Oktober 2002 (Samstag), wo einzig Kopfschmerzen frontal rechts mit einer Sensibilitätsstörung auf der rechten Gesichtshälfte nebst einer HWS-Distorsion diagnostiziert worden waren (Bericht vom 30. Oktober 2002), begab sich die Beschwerdeführerin am darauf folgenden Montag (21. Oktober 2002) in die Behandlung ihres Hausarztes. Dieser beschrieb den "bisherigen Verlauf und gegenwärtigen Zustand" am 6. Januar 2003 gegenüber der Beschwerdegegnerin abschliessend wie folgt: "Der bisherige Verlauf war geprägt von einer ausgesprochen hartnäckigen muskulären Dysbalance im Bereiche der rechtsseitigen Zervikal- und Scapularegion. Subjektiv standen für die Patientin neben diesen Verspannungen auch Zervikozephalgien, insbesondere bei langem Sitzen, im Vordergrund. Wie schon früher, reagierte die Patientin auf einen langwierigen Genesungsverlauf mit einer massiven depressiven Verstimmung, was erneut eine psychiatrische Intervention benötigte. Nach nun dreiwöchigen Ferien, bei welchen sich Frau B.________ gut erholt hat, geht es nun zügig vorwärts, so dass wir mit einer baldigen Restitution rechnen dürfen. Der gegenwärtige Zustand wird so beschrieben, dass bei längerem Sitzen zervikale Schmerzen rechts mit Ausstrahlung in Kopf und rechte Scapula auftreten. Objektiv gesehen befindet sich die Patientin seelisch in einem recht stabilen Zustand. Die HWS ist allerdings noch nicht frei beweglich, die Inklination wie auch Reklination eingeschränkt, der Kinn-Sternum-Abstand ca. 5 cm. Die Rotation der HWS nach links ist vermindert." Bereits fünf Wochen nach dem Ereignis vom 19. Oktober 2002 teilte die Versicherte der ÖKK (am 25. November 2002) mit, dass sie "vor allem seit dem Unfall mit psychischen Problemen" kämpfe. Gemäss Auflistung der Beschwerdeführerin erfolgten zwischen 21. Oktober und 29. November 2002 zehn physiotherapeutische Behandlungen und zwölf ärztliche Konsultationen. Offenbar übernahm Dr. med. W.________, Arzt für Allgemeine Medizin FMH, anfänglich die nach seinen Angaben "benötigte psychiatrische Intervention" selber, zumal er im eben zitierten Bericht vom 6. Januar 2003 bei den aktuell durchgeführten Massnahmen einzig die physikalische Therapie, die Eigentherapie mit Schwimmen und die weiterführende antidepressive Behandlung erwähnte. Denn der Psychiater Dr. med. S.________, welcher die Versicherte schon vor dem Unfall wegen Depressivität und Suizidalität behandelt hatte und an welchen der Hausarzt die Beschwerdeführerin überwies, konnte die Psychotherapie erst am 8. Januar 2003 wieder aufnehmen. Vor dem Eintritt in die Rehaklinik Y.________ zur stationären Rehabilitation am 5. März 2003 fanden nur gerade fünf Sitzungen statt. Nach der Wiederaufnahme der antidepressiven Therapie bei diesem, der Versicherten vertrauten Psychiater beklagte sie sich am 13. Januar 2003 telefonisch bei der zuständigen Mitarbeiterin der ÖKK, es gehe "ihr total schlecht und sie sei am Verzweifeln". 6.2 Obwohl die konsekutiv nach dem Ereignis vom 19. Oktober 2002 aufgetretenen und anlässlich des stationären Aufenthalts in der Rehaklinik Y.________ gemäss Bericht vom 8. Mai 2003 diagnostizierten Beschwerden (unter anderem: zervikozephales Syndrom, Schmerzstörung [differentialdiagnostisch: Anpassungsstörung] und leichte neuropsychologische Funktionsstörungen) nach dem Austritt aus der Klinik am 2. April 2003 einzig eine ambulante Weiterführung der Physio-, Fussreflexzonen-, Wasser- und Psychotherapie erforderten, informierte die Beschwerdeführerin die zuständige Mitarbeiterin der ÖKK am 9. Mai 2003 telefonisch, dass sie "schmerzbedingt" keine Physiotherapie mehr ertrage. In Dr. med. K.________ von der Rehaklinik Y.________ habe sie einen Schmerzspezialisten gefunden, von welchem sie "völlig angetan" sei, da er ihr "jeweils vorübergehend" die Schmerzen nehmen könne. Er habe ein Sudeck-Syndrom diagnostiziert (welches allerdings im Bericht der Rehaklinik vom 8. Mai 2003 nicht aufgeführt ist). Ihr rechter Arm sei "immer stark angeschwollen und schmerzhaft durch die Schwellung". Demgegenüber ist dem Bericht der Rehaklinik Y.________ vom 8. Mai 2003 zu entnehmen, dass Dr. med. K.________ lediglich bei einem von insgesamt fünf Konsilien ausdrücklich ein Ödem feststellen konnte. In diesem Zusammenhang liess die Versicherte Dr. med. R.________ anlässlich der Begutachtung in der Klinik V.________ wissen (psychiatrisches Teilgutachten vom 22. Dezember 2004, S. 8 und 12), gestützt auf den Bericht des Dr. med. K.________ von der Rehaklinik Y.________ habe sie "davon ausgehen müssen, dass das Schmerzsyndrom lebenslang anhalte und die Behandlung mit dem Hinterstrangstimulator demnach lebenslänglich erfolgen werde. [...] Sie habe sich in Kenntnis der Diagnose CRPS über das Internet genau mit den Beschwerden befasst, welche diese Diagnose begründen: Dabei habe sie vollkommen erkannt, worunter sie selbst leide. Es bestehe der Sudeck-Typ II, d.h. jener Schmerztyp, der auf eine Nervenverletzung zurückgehe." Im Gegensatz zu dieser Selbsteinschätzung der Beschwerdeführerin und zum Bericht des Dr. med. Zurschmiede, Zürich, vom 18. Mai 2004 steht fest, dass Dr. med. K.________ weder in seinem Bericht vom 23. Januar 2004 noch in demjenigen vom 29. September 2003 ausdrücklich die Diagnose einer Algodystrophie (CRPS 2) stellte, sondern lediglich im Rahmen der konsiliarischen Untersuchungen während des stationären Aufenthalts in der Rehaklinik Y.________ den "Verdacht auf [einen] sympathisch unterhaltenen Schmerz (CRPS 2)" äusserte (Bericht der Rehaklinik Y.________ vom 8. Mai 2003, S. 4). Der von Dr. med. K.________ nach einjähriger, nur beschränkt erfolgreich gewesener Behandlung weiter erhobene Verdacht auf ein Carpaltunnelsyndrom schloss der Neurologe Dr. med. I.________ gemäss Bericht vom 16. Juli 2004 aus. Falls die bei längerem Sitzen geklagten Nacken- und Schulterschmerzen (Bericht des Dr. med. W.________ vom 6. Januar 2003), welche eine Sitzdauer von mehr als 50 Minuten ausschlossen (Bericht der Rehaklinik Y.________ vom 8. Mai 2003), nach Auffassung des Dr. med. K.________ organisch bedingt und eindeutig unfallkausal waren (Bericht vom 23. Januar 2004 S. 2), ist nicht nachvollziehbar, weshalb die Beschwerdeführerin unter anderem im Dezember 2002, Juli 2003 und Dezember 2004 jeweils eine Urlaubsreise in die Dominikanische Republik anzutreten vermochte, obwohl diese Reisen gerichtsnotorisch Hin- und Rückflüge von einer je rund neun-stündigen Dauer (bei Direktflug aus der Schweiz nach Punta Cana) mit einem entsprechendem Sitz-Pensum erforderten. 6.3 Nach dem Gesagten ist mit Beschwerdegegnerin und Vorinstanz gestützt auf das in allen Teilen überzeugende interdisziplinäre Gutachten der Klinik V.________ abzustellen (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352), wonach die anhaltend geklagten chronischen Schmerzen der Versicherten als Endpunkt einer sich erschöpfenden Stress- und Schmerzverarbeitung zu sehen sind, welche mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht durch eine rein körperlich begründbare Schmerzstörung wie derjenigen des Komplexen Regionalen Schmerzsyndroms (CRPS) erklärt werden können (Gutachten S. 34), sondern das Ergebnis einer während Jahren zunehmenden Erschöpfung der zentralen Schmerzverarbeitung darstellen, wobei die erheblichen psychischen Faktoren sowie die entwicklungsbedingte konstitutionelle Selbstwertstörung für die Pathogenese der Schmerzstörung von Bedeutung waren (Gutachten S. 53). Ebenso wenig können die mehretagigen Veränderungen im Bereich der Halswirbelsäule mit dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinweisen) als natürlich kausale Folgen des Unfalles vom 19. Oktober 2002 beurteilt werden (Gutachten S. 51 und Bericht der Arbeitsgruppe für Unfallmechanik vom 4. August 2003). Gemäss Gutachten vom 24. Februar 2005 sind demnach aus rein somatischer Sicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen mehr feststellbar, welche in einem natürlichen Kausalzusammenhang mit dem Unfall vom 19. Oktober 2002 stehen. 6.4 Nach Austritt aus der Rehaklinik Y.________ am 2. April 2003 fehlen in den Akten Hinweise darauf, dass die Beschwerdeführerin die damals klar indizierte und auch von Seiten der behandelnden Ärzte der Rehaklink Y.________ empfohlene psychotherapeutische Behandlung fortsetzte. Als der erhoffte Erfolg der ambulanten Behandlung des Dr. med. K.________, welcher zwei- bis dreimal pro Woche durch Verabreichung von Injektionen (Gangliumstellatum-Block) eine mehrtägig anhaltende Schmerzreduktion erzielen konnte und schliesslich die Implantation eines Hinterstrangstimulators befürwortete, nicht im erwarteten Ausmass eintrat und sich die Versicherte (laut telefonischen Angaben gegenüber der ÖKK vom 13. April 2004) vom Behandlungsergebnis des am 31. März 2004 implantierten Teststimulators enttäuscht zeigte, überwies sie der Hausarzt mit Schreiben vom 26. April 2004 erneut an einen Psychiater zur Aufnahme einer psychotherapeutischen Behandlung. Nach der definitiven Implantation des Hinterstrangstimulators vom 19. Mai 2004 teilte die Beschwerdeführerin der ÖKK am 1. Juli 2004 telefonisch mit, physisch gehe es ihr - im Gegensatz zur psychischen Befindlichkeit - nicht schlecht. Einmal pro Woche lasse sie sich jetzt psychotherapeutisch behandeln. Der behandelnde Psychiater Dr. med. K.________ diagnostizierte ein chronisches Schmerzsyndrom und eine Anpassungsstörung (Bericht vom 26. August 2004). 6.5 Zusammenfassend ist mit Blick auf die Entwicklung des Gesundheitszustandes der Versicherten festzuhalten, dass die zum typischen Beschwerdebild eines HWS-Schleudertraumas gehörenden Beeinträchtigungen nach dem Unfall vom 19. Oktober 2002 zwar teilweise gegeben waren, im Vergleich zur ausgeprägten psychischen Problematik aber bereits fünf Wochen nach dem Unfall (E. 6.1 hievor) ganz in den Hintergrund traten. Im Verlaufe der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt bei Erlass des Einspracheentscheids vom 9. September 2005, welcher die zeitliche Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis bestimmt (BGE 130 V 445 E. 1.2 S. 446 mit Hinweisen), spielten die physischen Beschwerden unter Berücksichtigung des erheblichen Vorzustandes an der Wirbelsäule und der vorbestehenden psychischen Belastungsfaktoren (E. 5 hievor) gesamthaft nur eine sehr untergeordnete Rolle, weshalb die Prüfung der adäquaten Kausalität im Folgenden - entgegen dem angefochtenen Entscheid - praxisgemäss unter dem Gesichtspunkt einer psychischen Fehlentwicklung nach Unfall gemäss BGE 115 V 133 ff. vorzunehmen ist (BGE 123 V 98 E. 2a S. 99; RKUV 2002 Nr. U 465 S. 437, U 164/01).