Citation: U 238/05 31.05.2006 E. 3

3.1 Die meisten der bei den Akten liegenden medizinischen Berichte datieren vor Herbst 2002. Zum gesundheitlichen Zustand der Beschwerdeführerin ab diesem Zeitpunkt äussern sich einzig die summarischen Berichte des Neurochirurgen Dr. L.________ vom 11. Juli 2003 und 7. April 2004. Für die Beantwortung der Frage, ob ab Oktober 2002 noch ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, können indes auch aus früheren ärztlichen Unterlagen Rückschlüsse gezogen werden. Bestand anfänglich ein ursächlicher Konnex, so ist anhand der folgenden medizinischen Verlaufsberichte zu überprüfen, ob dieser zu einem späteren Zeitpunkt dahingefallen ist. Da es sich hiebei um eine anspruchsaufhebende Tatfrage handelt, liegt die materielle Beweislast - anders als bei der Frage, ob ein leistungsbegründender natürlicher Kausalzusammenhang gegeben ist - nicht bei der versicherten Person, sondern beim Unfallversicherer (RKUV 1994 Nr. U 206 S. 329 Erw. 3b [U 180/93]). 3.2 Nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft treten Beschwerden und Befunde in der Halsregion oder an der Halswirbelsäule erfahrungsgemäss innerhalb einer kurzen Zeitspanne nach dem Unfall auf. Nach vorherrschender medizinischer Lehrmeinung müssen sich Nackenbeschwerden innert einer Latenzzeit von 24 bis höchstens 72 Stunden nach dem Unfall manifestieren, damit der natürliche Kausalzusammenhang mit dem Unfallereignis bejaht werden kann (RKUV 2000 Nr. U 359 S. 29 [U 264/97] und Nr. U 391 S. 307 [U 328/99]; Urteil Z. vom 18. März 2003, U 205/02, Erw. 2.3.1). Die vorinstanzliche Auffassung, für die massgebende Latenzzeit nach dem Unfallereignis seien nur eine Verspannung der Nackenregion, nicht aber weitere spezifische Beschwerden nachgewiesen, wird der Aktenlage nicht ganz gerecht. Der erstbehandelnde Arzt Dr. U.________ vermerkte am 14. April 1992 neben einem paravertebralen Muskelhartspann und der damit einhergehenden Bewegungseinschränkung im Bereich der Halswirbelsäule zwar keine weiteren Befunde, namentlich keine Schmerzen. Solche werden sodann aber zwei Monate später rückwirkend festgestellt (Bericht des Dr. U.________ vom 16. Juni 1992: "Subjektiv: Noch schmerzhafter Bewegungszustand"). Am 3. Juli 1992 berichtete derselbe Arzt wiederum von seit dem Unfall bestehenden "Bewegungs- und Belastungsschmerzen im Halswirbelsäulen- und Brustwirbelsäulenbereich". Im Übrigen geben die meisten ärztlichen Berichte nur anamnestische Angaben aus anderen medizinischen Stellungnahmen wieder. Die Aktenlage ergibt insoweit kein eindeutiges Bild hinsichtlich der Frage, ob die gesundheitliche Schädigung überhaupt und grundsätzlich auf das versicherte Ereignis zurückzuführen ist. 3.3 Zweifel am Eintritt einer Distorsionsverletzung der Halswirbelsäule ergeben sich wiederum aus dem Hergang des Unfalls (seitliche Streifkollision beinahe parallel fahrender Autos [maximaler Winkel von sechs Grad] bei einem Überholmanöver) und der dabei entstandenen Dynamik, wie im Gutachten des Prof. W.________, Arbeitsgruppe für Unfallmechanik am Institut für biomedizinische Technik der Universität und ETH, vom 29. Oktober 2001 dokumentiert und nach wissenschaftlichen Massstäben aufgearbeitet. Der Sachverständige gelangt zum Schluss, es seien aus biomechanischer Sicht keine Krafteinwirkungen erkennbar, die zu den verzeichneten gravierenden Beschwerden im Bereich von Halswirbelsäule und Schulter führen könnten. Nach der Rechtsprechung vermag eine unfalltechnische oder biomechanische Analyse Anhaltspunkte zur mit Blick auf die Adäquanzprüfung relevanten Schwere des Unfallereignisses zu liefern; Überlegungen zur Auffahrgeschwindigkeit und der dabei auf das Fahrzeug der versicherten Person übertragenen Energie bildeten jedoch keine hinreichende Grundlage für die Beurteilung der natürlichen Kausalität. Denn selbst bei scheinbar harmlosen Auffahrunfällen könne aus medizinischer Sicht nicht von vornherein ausgeschlossen werden, dass eine für die Gesundheitsbeeinträchtigung ursächliche Verletzung der Halswirbelsäule vorliege (RKUV 2003 Nr. U 489 S. 359 [U 193/01]). Daraus darf indes nicht abgeleitet werden, die Heftigkeit des Aufpralls sei im Zusammenhang mit der Klärung der natürlichen Kausalität bedeutungslos. Vielmehr kann eine geringfügige Auffahrgeschwindigkeit und damit Gewalteinwirkung auf den menschlichen Körper durchaus ausschlaggebend dafür sein, dass konkurrierende unfallfremde Ursachen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit allein verantwortlich für das Beschwerdebild zeichnen (Urteil B. vom 16. Juni 2005, U 264/04, Erw. 3.4). Unfalltechnische oder biomechanische Gutachten allein bilden freilich keine hinreichende Grundlage für eine Kausalitätsbeurteilung, sondern sind im Gesamtzusammenhang mit allen andern massgebenden Aspekten zu würdigen (Urteil Z. vom 18. März 2003, U 205/02, Erw. 2.1 in fine). Bei unklaren medizinischen Befunden wäre es mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG) nicht vereinbar, schlüssige biomechanische Gutachten a priori als unerheblich zu betrachten (vgl. dazu Max Berger, Unfallanalytik und Biomechanik - beweisrechtliche Bedeutung, in: SJZ 2006, S. 25 ff.).