Citation: 6B_812/2018 E. 2.8

2.8. Das tatsächliche Körpergewicht wird anhand eines bestimmten Korrekturfaktors in das sog. Nomogrammgewicht umgerechnet (oben E. 2.3). Der Faktor bemisst sich anhand der Umstände, welche die Auskühlung des Körpers beeinflussen. Zu berücksichtigen sind im Wesentlichen die Art und gegebenenfalls der Zustand (trocken oder nass) der Bekleidung oder sonstigen Bedeckung des Körpers sowie dessen Umgebungsmedium (ruhende oder bewegte Luft, ruhendes oder bewegtes Wasser). Standardbedingungen (entsprechend Korrekturfaktor 1) herrschen bei leichter Bekleidung, Trockenheit und ruhender Luft. Diese Parameter sowie einige Grundkonstellationen und Richtwerte für die Festlegung des Korrekturfaktors sind aus der Nomogramm-Vorlage ersichtlich (oben E. 2.3; zum Ganzen auch CLAUS HENSSGE/BURKHARD MADEA, Methoden zur Bestimmung der Todeszeit an Leichen, Lübeck 1988, S. 152 ff.). Der gerichtliche Experte ist unter Annahme feuchter Bekleidung und aufgrund des Umstandes, dass ein Teil des Leichnams im Wasser lag, von Faktor 0,7 ausgegangen, nachdem er im Ergänzungsgutachten (aufgrund der Fotodokumentation trockene Bekleidung annehmend) noch Faktor 1,1 zugrundegelegt hatte (Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 66 f.). Das Opfer wurde mit dem linken Arm, der linken Schulter und Teilen des Rückens, mit Kopf und rechtem Unterarm im Wasser liegend aufgefunden. Allerdings betraf die Wasserexposition nur einen Teil des Körpers, war die Wassertemperatur von 2 Grad höher als die Lufttemperatur - was aus Sicht des Sachverständigen die Auskühlung verzögert haben könnte (Ergänzungsgutachten, S. 2 und 4; Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 67) - und legt der Fundort in einem engen Bachtobel eine windgeschützte Lage nahe. Der vom Sachverständigen in Anschlag gebrachte Korrekturfaktor 0,7 gilt gemäss Nomogramm-Modellvorgabe etwa unter den Bedingungen "nasse Bekleidung, bewegte Luft". Einmal scheint fraglich, ob die hier gegebenen Umstände mit diesem Beispiel verglichen werden können, zumal ungewiss ist, in welchem Umfang die Bekleidung aufgrund der nur teilweisen Lage im Wasser nass oder feucht war. Hinzu kommt, dass empirische Untersuchungen von HENSSGE/MADEA bei Lage im Wasser mit Temperaturen um 0 Grad vor allem bei höheren Körpergewichten unbekleidet tendenziell "einen grösseren, gegen 1,0 strebenden Korrekturfaktor" ergaben (a.a.O., S. 171). Hier trug das nur zu einem geringeren Teil im Wasser liegende Opfer einen (gut isolierenden) Faserpelz-Pullover, T-Shirt und Manchesterhose. Untersuchungen zeigten, dass selbst nasse Bekleidung in ruhender Luft zu einem Korrekturfaktor von mehr als 1 führen kann, sofern sie "dicker" oder mehrschichtig ist (HENSSGE/MADEA, a.a.O., S. 170). Angesichts einer trockenen Bekleidung allein wäre das Körpergewicht - mit Blick auf beispielgebende Nomogramm-Vorgaben (bei Strassenbekleidung Korrekturfaktor 1,15; bei gefüttertem Mantel 1,4) - hier wohl gewiss etwa um Faktor 1,2 zu korrigieren gewesen. Die Annahme, dass sich die gegenläufigen Merkmale "Bekleidung" einerseits und " teilweise Wasserexposition" anderseits im Ergebnis ungefähr neutralisieren, liegt mit Blick auf die zitierten Angaben von HENSSGE/MADEA jedenfalls ebenso nahe wie der vom Experten in der vorinstanzlichen Hauptverhandlung gewählte Faktor 0,7. Insofern ist auch ein Korrekturfaktor von im Ergebnis (mindestens) 1 plausibel. Dass der Sachverständige im Ergänzungsgutachten vom 23. Februar 2018 noch von Faktor 1,1 ausgegangen war, was der Beschwerdeführer als nicht nachvollziehbar bezeichnet, ist so gesehen gar nicht abwegig. Während der Betrachtungsperiode vom Abend des 7. Januar bis zur Legalinspektion am Folgeabend hat sich die Umgebungstemperatur verändert. Das Mittel zwischen der minimalen Umgebungstemperatur von -6 Grad und dem Maximum von -3,2 Grad liegt bei -4,6 Grad (bei Legalinspektion um 18.30 Uhr: -5,3 Grad). Ausgehend davon sowie von einer Körperkerntemperatur von 10,2 Grad zum Zeitpunkt der Legalinspektion und einem Korrekturfaktor von 1 - womit es beim tatsächlichen Körpergewicht von 86,8 kg (gerundet 90 kg) bleibt -, kann nomografisch eine Tatzeit von etwa 26 Stunden abgelesen werden (vgl. dazu die "Benutzungsanleitung" in: HENSSGE/MADEA, S. 160, und DANIEL RAMPITSCH, Todeszeitbestimmung im frühpostmortalen Stadium, Graz 2010, S. 18). Unter Einbezug eines Streubereichs von +/- 4,5 Stunden, wie er bei Anwendung eines Korrekturfaktors zum Tragen kommt, reicht der nach dieser Methode in Betracht fallende Tatzeitraum tatsächlich bis gut 30 Stunden vor die Legalinspektion zurück; der Umstand, dass eine "Verrechnung" des gut bekleideten, im Trockenen liegenden Teils des Körpers mit dem (wohl geringeren) Anteil des Körpers, der in ein Fliessgewässer zu liegen kam, zum Faktor 1 führen mag, reflektiert in diesem Fall gerade nicht Standardbedingungen, so dass der dort geltende geringere Streubereich von +/- ca. 3 Stunden hier nicht einschlägig sein dürfte.