Citation: 6B_26/2021 E. 1.1

1.1. Die Beschwerdeführerin wirft der Vorinstanz eine fehlerhafte Anwendung des Fahrlässigkeitsbegriffs nach Art. 12 Abs. 3 StGB vor. Sie macht geltend, das erlaubte Risiko werde durch die kantonale Bestimmung zur Leinenpflicht (§ 14 HuG/AG) definiert. Da C.________ kein Hund mit erhöhtem Gefährdungspotenzial sei, habe er zu keinem Zeitpunkt an der Leine geführt werden müssen. Dennoch habe sie, die Beschwerdeführerin, den Hund zum streitigen Zeitpunkt entgegen der willkürlichen Feststellung der Vorinstanz eng an der Leine gehalten. Wenn die Vorinstanz erwäge, dem Ausführen eines Hundes sei immer ein gewisses Gefahrenpotenzial inhärent, dehne sie im Ergebnis die in § 14 HuG/AG lediglich für gefährliche Hunde normierte Leinenpflicht auf alle Hunde aus. Dabei übergehe sie, dass nach der konstanten bundesgerichtlichen Rechtsprechung zur Tierhalterhaftung nach Art. 56 OR das bisherige Verhalten eines Hundes bei der Bemessung der Sorgfaltsanforderungen zu berücksichtigen sei. Sie habe C.________ schon als Welpe gekannt und sei eine erfahrene Hundehalterin. Es sei erstellt, dass der Hund bis zum streitigen Vorfall nie auf Fussgänger, Jogger oder Radfahrer reagiert habe oder an einer anderen Person hochgesprungen sei. Der Vorfall habe sich in einer alltäglichen Begegnungssituation, an einem ihr und dem Hund bekannten Ort, zugetragen. C.________ sei ein kleiner, verhaltensunauffälliger Familienhund von freundlichem Wesen, der gut erzogen und sozialisiert sei. Sie habe bis zum fraglichen Vorfall keinen Anlass gehabt, einen Angriff ihres Hundes auf Fussgänger zu befürchten. Mit ihrem Verhalten - Spazieren auf einem Feldweg mit einem an der kurzen Leine gehaltenen Hund - habe sie die Grenzen des erlaubten Risikos nicht überschritten. Die Vorinstanz lasse ausser Acht, dass sämtliche Tätigkeiten des täglichen Lebens mit abstrakten Risiken behaftet seien. Mit ihrer Begründung statuiere sie eine allgemeine Pflicht für Hundehalter, unbesehen der bisherigen Erfahrungen ihren Hund in jeder sich abzeichnenden Begegnung mit einer anderen Person sofort an kürzester Leine oder am Halsband zu halten. Das sei wirklichkeitsfremd und überdies mit der Würde des Tieres nicht zu vereinbaren. Wenn die Vorinstanz ausführe, der Hundehalter müsse unabhängig davon, ob der Hund bisher Auffälligkeiten gezeigt habe oder nicht, mit einer gefährlichen Reaktion desselben rechnen, weite sie die Sorgfaltsanforderungen, konkret die Voraussehbarkeit, unrechtmässig aus. Zusätzlich beanstandet die Beschwerdeführerin eine Verletzung ihres Anspruchs auf rechtliches Gehör und des Prinzips der Rechtsanwendung von Amtes wegen ("iura novit curia"), da die Vorinstanz sich im Rahmen der Fahrlässigkeitsprüfung nicht mit den Merkmalen der Sozialadäquanz und des erlaubten Risikos auseinandergesetzt habe und nicht auf ihre diesbezüglichen Argumente eingegangen sei. Schliesslich, so die Beschwerdeführerin, werfe die Vorinstanz ihr unter dem Titel der Vermeidbarkeit vor, dass das Anspringen der Beschwerdegegnerin 2 bei engerer Leinenhaltung oder durch sofortiges Zurückziehen von C.________ hätte verhindert werden können. Damit kehre sie jedoch zum Vorwurf der "nicht kurz genug" gehaltenen Leine zurück, ohne die Vermeidbarkeit eigenständig zu begründen. Sie, die überraschte Beschwerdeführerin, habe mit allen möglichen Mitteln sofort eingegriffen. Was sie sonst noch Menschenmögliches hätte tun sollen, lasse sich dem angefochtenen Urteil nicht entnehmen.