Citation: I 326/06 31.08.2007 E. 3

3.1 Streitig und zu prüfen ist der Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung. Dabei ist in erster Linie umstritten, ob eine invalidisierende Gesundheitsschädigung vorliegt. Das kantonale Gericht erwog, nachdem der eigens für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung durchgeführte psychologische DJB-Test keine Hinweise auf eine solche Störung ergeben habe, vermöge diese Diagnosestellung nicht restlos zu überzeugen, auch wenn das Testergebnis gemäss Austrittsbericht der Universitätsklinik Z.________ durch den Hospitalisationsverlauf relativiert worden sei, zumal der Versicherte gemäss Arbeitgeberbericht vom 21. Juni 2004 vom 13. Mai 1996 bis 31. März 2004, somit während fast 8 Jahren, als Office Assistant bei der Firma S.________ angestellt war. Vor diesem Hintergrund leuchte es nicht recht ein, weshalb der Versicherte, der vor allem an einem schweren langjährigen multiplen Substanzmissbrauch leide, nun definitiv und irreversibel vollständig arbeitsunfähig sein solle. Andererseits bereite angesichts des Verlaufs der Suchtkrankheit und der Erfolglosigkeit der therapeutischen Bemühungen die Vorstellung bei realistischer Betrachtungsweise Mühe, dass der Versicherte imstande sein solle, mit produktiver Arbeit, wie sie von einem im massgebenden Zeitpunkt des Einspracheentscheides 44-jährigen Angestellten hinsichtlich Qualität und Quantität erwartet werde, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen zu erzielen. Zur Begründung einer solch optimistischen Annahme bedürfte es bei objektiver Betrachtungsweise entsprechender fachärztlicher Entscheidungsgrundlagen hinsichtlich der möglichen und zumutbaren Arbeitsleistung. Diese anspruchsvolle Beurteilung sei durch einen psychiatrischen Facharzt vorzunehmen, der nicht gleichzeitig behandelnder Arzt sei. Die Sache sei deshalb zur psychiatrischen Beurteilung der Arbeitsfähigkeit an die IV-Stelle zurückzuweisen. Die IV-Stelle wendet dagegen ein, der RAD habe schlüssig dargetan, dass die Diagnose der Borderlinestörung durch die Universitätsklinik Z.________ nicht nachvollziehbar sei, wovon auch die Vorinstanz ausgehe. Wenn diese dennoch eine psychiatrische Abklärung zur Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführer verlange, zeige dies, dass sie von der falschen Annahme ausgehe, dass jede Arbeitsunfähigkeit zu berücksichtigen sei. 3.2 Von der Universitätsklinik Z.________ wurde in ihrem Kurzbericht vom 19. Dezember 2003 wie auch im Austrittsbericht vom 28. Januar 2004 eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus (ICD-10: F60.31) diagnostiziert. Im ausführlichen Bericht vom 28. Januar 2004 gab die Universitätsklinik Z.________ zu dieser Diagnose unter anderem an, die überhöhte Kränkbarkeit, die starken Gefühlsschwankungen und die gestörte Identität beim Versicherten seien richtungsweisend für eine emotional instabile Persönlichkeit vom Borderline-Typus. Der DJB-Test (Interview zur Erfassung eines Borderline-Syndroms) habe zwar keine Hinweise auf eine solche Störung ergeben. Das Ergebnis dieses Test sei allerdings durch den Hospitalisationsverlauf stark in Frage gestellt. Wahrscheinlich habe während des Tests eine deutliche Dissimulation und ein ausgeprägtes Fassaden-Verhalten im Vordergrund gestanden. Zur Therapie wurde unter anderem ausgeführt, in Bezug auf die Borderline-Problematik sei mittels der dialektischen Behaviour-Therapie (DBT) nach M. Linehan in einer Kleingruppe gearbeitet worden. Insbesondere die Fertigkeiten "Achtsamkeit" und "Zwischenmenschliche Fähigkeiten" seien ein Thema gewesen, für das sich der Versicherte interessiert habe, diese einzuüben und anzuwenden ihm jedoch deutliche Schwierigkeiten bereitet hätte. Demgegenüber wurde vom RAD am 12. August 2004 im Protokoll der IV-Stelle als "interne konsiliar-psychiatrische Stellungnahme" festgehalten, die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sei nicht gesichert. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass die Kliniken U.________ und K.________ diese Störung bei ingesamt 6 Hospitalisationen übersehen hätten. Auch sei das erstmalige, klinisch relevante Auftreten einer Borderlinestörung im Alter von 42 Jahren äusserst ungewöhnlich. Definitionsgemäss entwickle sich eine Persönlichkeitsstörung in der Adoleszenz und trete in der Regel erstmals im jungen Erwachsenenalter in Erscheinung. Die Befunde der Universitätsklinik Z.________ seien zudem nicht über alle Zweifel erhaben. Die Klinikeinweisungen seien entweder zum Entzug erfolgt oder im Zusammenhang gestanden mit einem suizidalen / parasuizidalen Verhalten im Rahmen des Drogenkonsums. Die Polytoxikomanie stehe eindeutig im Vordergrund und bedinge keine Arbeitsunfähigkeit. Die depressiven Episoden bildeten sich unter Abstinenz jeweils rasch zurück. Auf eine dauerhafte Persönlichkeitsstörung nach Drogenkonsum gebe es auch testpsychologisch keine Hinweise. Die beschriebenen Symptome seien sehr unspezifisch und würden mehr oder weniger auf jede Persönlichkeitsstörung zutreffen (starke Gefühlsschwankungen, gestörte Identität, überhöhte Kränkbarkeit). Es liege eher eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vor, wofür die starke Kränkung und die Dekompensation nach Trennung von der Ehefrau (Verlust des narzisstischen Objekts) sprächen. Die Kontrollverluste mit exzessivem Konsum, aber auch die vorher nie beschriebenen selbstverletzenden Handlungen passten dazu. Die Suizidalität werde im Rahmen der Kontrollverluste gesehen, die Depression als Folge der narzisstischen Kränkung und des als Schande erlebten Verlustes der Kontrollfähigkeit, aber auch im Rahmen von Kokainentzugssymptomen. Im übrigen widerspreche die von der Universitätsklinik Z.________ beschriebene "tragfähige" Beziehung einer Borderline-Störung ebenso wie das Ergebnis des DJB-Tests. Dieser habe keine Hinweise auf eine Borderline-Störung ergeben, worauf das Ergebnis einfach in Frage gestellt worden sei. Es würden sich aus den Berichten noch mühelos weitere Argumente gegen eine Borderline-Persönlichkeitsstörung entnehmen. Die Polytoxikomanie sei die Hauptdiagnose, eine eventuell vorliegende narzisstische Persönlichkeitsstörung sei nicht invalidisierend, wie das doch längere Zeit gute Funktionieren im Beruf zeige. Zusammenfassend sei der Drogenkonsum weder Folge eines invalidisierenden Leidens noch habe er zu einem invalidisierenden Leiden geführt. 3.3 Die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitstörung (ICD10: F60.31) durch die Universitätsklinik Z.________ überzeugt insofern nicht, als der eigens dafür durchgeführte DJB-Test keine Hinweise auf eine Borderline-Störung ergab. Dabei ist insbesondere fraglich, ob die anlässlich des Tests vermutungsweise vorhandene Dissimulation und das ausgeprägte Fassaden-Verhalten das Testergebnis tatsächlich derart zu verfälschen vermochten, wie von der Universitätsklinik Z.________ angenommen wird. Zudem erscheint zweifelhaft, ob die als richtungsweisend betrachteten Befunde der überhöhten Kränkbarkeit, starken Gefühlsschwankungen und gestörten Identität allein eine solche Diagnose zu begründen vermögen. Schliesslich äussert sich die Universitätsklinik Z.________ nicht zur Arbeitsfähigkeit. Es bleibt deshalb unklar, ob tatsächlich eine Borderline-Persönlichkeitsstörung vorliegt und inwieweit dieser ein Krankheitswert zukommt, der vorliegend eine Arbeitsunfähigkeit zu begründen vermag. Andererseits vermag die wiedergegebene protokollierte Beurteilung eines Arztes des RAD, dessen Facharzttitel im Übrigen aus den Akten nicht hervorgeht, das Vorliegen einer selbstständigen Persönlichkeitsstörung vom Borderlinetyp und einer daraus resultierenden, von der Drogensucht unabhängigen Arbeitsunfähigkeit nicht schlüssig zu widerlegen, zumal die Beurteilung der Universitätsklinik Z.________ auf einer Hospitalisation des Versicherten von vier Monaten beruht. 3.4 Dass die Vorinstanz - unter Mitwirkung eines psychiatrischen Fachrichters - die Sache an die IV-Stelle zu weiteren Abklärungen, insbesondere zur Begutachtung durch einen psychiatrischen Facharzt, zurückgewiesen hat, ist deshalb im Ergebnis nicht zu beanstanden. Dabei wird auch die Frage zu beantworten sein, ob die Borderline-Persönlichkeitsstörung als selbstständige psychiatrische Gesundheitschädigung mit Krankheitswert eine Folge des Drogenkonsums ist. Denn entgegen der vorinstanzlichen Auffassung reicht der Umstand, dass "bei realistischer Betrachtungsweise" keine genügende produktive Arbeit zu erwarten sei, zur Bejahung einer Invalidität nicht aus, sondern es muss eine vom Suchtverhalten verselbstständigte Persönlichkeitsstörung von Krankheitswert vorliegen und die Arbeitsunfähigkeit rechtsprechungsgemäss (vgl. E. 2 hievor) auf diese - und nicht auf den Drogenkonsum - zurückgehen.