Citation: I 693/00 07.01.2002 E. 4

4.- a) Das BSV bringt zunächst vor, die gewünschte Umschulung zur Ärztin sei nicht notwendig, um die Erwerbsfähigkeit nach Art. 17 Abs. 1 IVG zu erhalten oder wesentlich zu verbessern, da die Beschwerdegegnerin bereits auf Grund ihrer bestehenden beruflichen Qualifikationen in der Lage sei, eine ihr zumutbare Tätigkeit aufzunehmen und auszuüben. Diesem Einwand ist entgegen zu halten, dass die schweren depressiven Einbrüche des Selbstwertgefühls bzw. die Folgen physischer und psychischer Traumatisierungen während der Kindheit, an welchen die Versicherte gemäss Arztbericht des Dr. med. B.________ vom 22. September 1997 leidet, nach Aussage dieses Arztes aktualisiert werden und damit die Gefahr einer Invalidisierung zunimmt, sofern die Beschwerdegegnerin perspektivlose, nicht ihren Fähigkeiten entsprechende Arbeiten zu verrichten hat. Der Grad der Arbeitsunfähigkeit in den bisherigen Tätigkeiten wurde denn auch seit 14. April 1997 durchgehend auf 70 % beziffert. Einen Ausweg sah der Psychotherapeut im seitens der Versicherten gewünschten Nachholen der Matura und einer dadurch ermöglichten, ihren hohen Fähigkeiten gerecht werdenden Berufsperspektive, wodurch längerfristig eine Belastungsfähigkeit von 50 bis 100 % erreicht werden könne. Mit Bericht vom 28. Oktober/3. November 1999, worin Dr. med. B.________ die Diagnose von bereits gebesserten rezidivierenden psychoreaktiven Depressionen stellte, wurde des Weitern ergänzend ausgeführt, die Belastungsfähigkeit wachse, je mehr eine Arbeit der hohen Begabung der Beschwerdegegnerin entspreche und eine Lebensperspektive biete. Im Lichte dieser überzeugenden Einschätzung, die auf einer eingehenden psychotherapeutischen Beobachtung der Versicherten über mehrere Jahre beruht, erscheint glaubhaft, dass die gesundheitlich bedingte Inkonstanz im bisherigen Erwerbsleben entgegen der Meinung des BSV auf eine berufliche Unter- und nicht Überforderung zurückzuführen ist und durch eine Beschäftigung in einem anspruchsvolleren Arbeitsumfeld gemindert werden könnte. Da sich eine Steigerung der Erwerbsfähigkeit deshalb nicht als ausgeschlossen erweist, sind weitergehende Umschulungsmassnahmen in Anbetracht der andernfalls drohenden Invalidität notwendig, zumal das Maturitätszeugnis noch keinen Berufsabschluss darstellt (BGE 106 V 166 Erw. 2) und die Beschwerdegegnerin lediglich zu Tätigkeiten befähigt, die ihren ehemaligen Arbeitsstellen vergleichbar sind. Selbst wenn die Versicherte nach Abschluss der gewünschten Ausbildung nicht in der Lage sein sollte, uneingeschränkt erwerbstätig zu sein, und ihr auch nicht sämtliche dem angestrebten Studienabschluss entsprechenden Berufsmöglichkeiten zugänglich sein dürften, lässt die beantragte Eingliederungsmassnahme eine wesentliche Verbesserung der heute vorhandenen Erwerbsmöglichkeiten erwarten. Ferner steht der voraussichtliche Eingliederungsgewinn - allenfalls die Vermeidung der vollen Berentung - trotz verhältnismässig langer Ausbildungsdauer auch in einem vernünftigen Verhältnis zu den erforderlichen Ausbildungskosten. b) Das BSV macht ferner geltend, die Inangriffnahme des Hochschulstudiums sei vorwiegend psychotherapeutisch motiviert und deshalb nicht mit der primären Zielrichtung einer Eingliederungsmassnahme beruflicher Art vereinbar. Hiebei verkennt es indes, dass die ärztlicherseits empfohlene Ausbildung nicht in erster Linie als therapeutische Rehabilitationsmassnahme, sondern primär als Vorkehr zur unmittelbaren beruflichen Eingliederung betrachtet wird. Dr. med. B.________ legte in seinem Bericht vom 22. September 1997 klar dar, dass unter der Perspektive einer Eingliederung in einem der hohen Begabung der Versicherten entsprechenden Beruf längerfristig mit einer erhöhten Belastungsfähigkeit zu rechnen sei, wobei diesfalls nicht zuletzt auch "erfolgreicher psychotherapeutisch gearbeitet werden" könne. Diese Aussage verdeutlicht, dass durch die gewählte Ausbildung zur Ärztin die unmittelbare Verbesserung oder Erhaltung der Erwerbsfähigkeit im Vordergrund steht, dem Studium aber zugleich auch ein positiver therapeutischer Nebeneffekt innewohnt, was die Anerkennung als Umschulungsmassnahme nicht ausschliesst (nicht veröffentlichte Urteile J. vom 6. August 1999, I 234/98, und M. vom 25. Juli 1989, I 113/89; vgl. auch ZAK 1992 S. 364 und 1983 S. 494 f. Erw. 2b). c) Was das Argument des BSV anbelangt, es sei davon auszugehen, dass die Beschwerdegegnerin den Anforderungen des begonnenen Medizinstudiums nicht gewachsen sei und spätestens an den als Assistenzärztin ausgesetzten Belastungen scheitern werde, ist wiederum auf die schlüssigen und nachvollziehbaren Ausführungen des Dr. med. B.________ in dessen Bericht vom 28. Oktober/3. November 1999 zu verweisen. Danach wird der Versicherten eine Belastungsfähigkeit attestiert, welche anwachse, je qualifizierter eine Arbeit sei, sodass namentlich auch in Anbetracht der bereits erfolgreich absolvierten anspruchsvollen Maturavorbereitungen und -prüfungen sowohl für das Studium der Humanmedizin wie auch für die anschliessende Berufsarbeit eine gute Prognose gestellt werden könne, zumal sich die Versicherte der während der Assistenzzeit oftmals auftretenden belastenden und frustrierenden Situationen durchaus bewusst sei. Die durch Dr. med. C.________ (im Gutachten vom 12. Februar 2000) wie auch durch Dr. med. A.________ (im Bericht vom 4. Januar 2000 und in der Stellungnahme zur Anfrage vom 24. Februar 2000) geäusserten Bedenken vermögen an dieser Beurteilung nichts zu ändern. Im Gegensatz zu den durch Dr. med. B.________ über eine längere Behandlungsperiode gesammelten individuellen Erfahrungswerte beruhen die Schlussfolgerungen des zweitgenannten Arztes, welcher die probeweise Übernahme der Kosten für die ersten zwei Studienjahre im Übrigen dennoch im Ergebnis bejaht, nicht auf persönlichen Untersuchungen und stellen die Einschätzungen beider Fachpersonen lediglich Momentaufnahmen dar. d) In der Verwaltungsgerichtsbeschwerde wendet das BSV schliesslich ein, die gewünschte Umschulung vermittle der Beschwerdegegnerin eine im Vergleich zu ihren früheren Tätigkeiten höherwertige Erwerbsmöglichkeit; die Invalidenversicherung habe jedoch nur für berufliche Eingliederungsmassnahmen aufzukommen, welche zu einer der bisherigen Arbeit annähernd gleichwertigen Beschäftigung befähigten. Das rechtsprechungsgemäss vorausgesetzte Erfordernis der "annähernden Gleichwertigkeit" der durch eine Umschulung vermittelten neuen Betätigungsmöglichkeiten soll eine durch die Eingliederungsmassnahme im Vergleich zur ökonomischen Lage vor dem Invaliditätseintritt bewirkte wirtschaftliche Besserstellung der versicherten Person verhindern. Wie in Erw. 1b hievor bereits dargelegt, bezieht sich der Begriff der "annähernden Gleichwertigkeit" nicht in erster Linie auf das Ausbildungsniveau als solches, sondern auf die nach erfolgter Eingliederung zu erwartende Verdienstmöglichkeit. Sind Art und Schwere der Invalidität und ihre beruflichen Auswirkungen indes derart schwerwiegend, dass nur eine verglichen mit der vor dem Invaliditätseintritt ausgeübten Erwerbstätigkeit anspruchsvollere Ausbildung zu einer optimalen Verwertung der Arbeitsleistung auf einer höheren Berufsstufe führt, sind in diesem Sonderfall die Kosten einer entsprechenden Umschulung von der Invalidenversicherung dennoch zu übernehmen (ZAK 1988 S. 470 Erw. 2c). Da gemäss den ärztlichen Auskünften der Auslöser für Aktualisierungen der Traumata in den (zu) tiefen Anforderungen im bisherigen beruflichen Tätigkeitsfeld lag, kann dem Kriterium der "annähernden Gleichwertigkeit" - namentlich auch im Sinne eines qualitativ ähnlichen Ausbildungsstandes bzw. Stellenwertes der zu vergleichenden Berufe (BGE 124 V 111 f. Erw. 3b mit Hinweisen) - vorliegend eben gerade nicht massgebliche Bedeutung zukommen. Entgegen der Auffassung des BSV sind keine den früheren Betätigungen ausbildungsmässig gleichwertige Berufsrichtungen erkennbar, welche auf Grund der Unterforderungsproblematik geeignet wären, die Erwerbsfähigkeit der Beschwerdegegnerin voraussichtlich auf Dauer zu erhalten oder zu verbessern. Im Übrigen ist selbst nach Abschluss des gewünschten Studienganges nicht mit einer uneingeschränkten Berufsausübung zu rechnen, weshalb die begonnene Ausbildung im Vergleich zu den vor Eintritt der Invalidität möglich gewesenen Erwerbstätigkeiten nicht ohne weiteres eine erhebliche wirtschaftliche Besserstellung bewirken wird, zumal heutzutage - wie seitens der IV-Stelle zu Recht vorgebracht - aus rein finanziellen Motiven andere Studienrichtungen einzuschlagen wären. Nachdem auch keine einfacheren zweckmässigen Eingliederungsmöglichkeiten bestehen (vgl. auch Erw. 4a in fine hievor) und das Humanmedizinstudium als Teil einer Gesamtausbildung zu sehen ist, welche sich angesichts der besonderen gesundheitlichen Situation sowie der hohen intellektuellen Fähigkeiten der Beschwerdegegnerin zur voraussichtlichen Erhaltung oder wesentlichen Verbesserung der Erwerbsfähigkeit als notwendig erweist, lässt sich eine Verweigerung der Kostenübernahme für das begonnene Studium nicht rechtfertigen, sodass der angefochtene Entscheid zu bestätigen ist.