Citation: 6B_121/2019 E. 3.4.2

3.4.2. Die Vorinstanz nimmt zutreffend an, sie könne gemäss Art. 62c Abs. 6 StGB grundsätzlich auch eine Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB anordnen. Sie bejaht das Vorliegen einer schweren psychischen Störung gemäss Art. 59 Abs. 1 StGB. Im nach dreimaliger Exploration erstellten Ergänzungsgutachten vom 24. Februar 2016 (oben Sachverhalt A.c) wurden ein Abhängigkeitssyndrom von multiplen Substanzen (Opioide, Kokain, Cannabis, Benzodiazepine sowie episodisch Alkohol), eine hirnorganische Auffälligkeit sowie eine leicht bis mittelschwer eingestufte organische Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F07.0) sowie die Waffenaffinität bestätigt. An der vorinstanzlichen Verhandlung präzisierte die Gutachterin, die organische Persönlichkeitsstörung sei an sich nicht schwerwiegend, in Kombination mit der Sucht sowie der Gesamtsituation aber als schwer zu beurteilen; in diesem Kontext sei auch die Waffenaffinität zu erwähnen. Im zweiten Ergänzungsgutachten vom 31. August 2018 wurde das Abhängigkeitssyndrom bestätigt. Gestützt auf den morphologischen und klinischen Befund einer frühkindlich/kongenitalen Ischämie [kongenital: angeboren, durch genetische Anlagen bedingt; REUTER, Springer Lexikon Medizin, 2004] mit einer Hirnmissbildung als Restsymptomatik wurden die in verschiedenen Kontexten beobachteten Verhaltensauffälligkeiten als psychiatrische Komorbidität [erneut] einer organischen Gehirnstörung zugeordnet, die zwar als leicht bis mittelgradig einzustufen sei, aber insbesondere in Kombination mit dem Konsum psychotroper Substanzen seine Fähigkeit einschränke, sich an komplexe und sich verändernde Lebenssituationen anzupassen und sich im Leben zu bewähren. Diese psychischen Störungen würden ohne Behandlung fortbestehen, mit einem erhöhten Risiko für künftige Straftaten assoziiert und in Kombination als anhaltend und schwerwiegend eingestuft. Es bedürfe eines höher betreuten therapeutischen Settings als es die Massnahme nach Art. 60 StGB biete. Die Verteidigung wandte ein, die hirnorganische Störung sei nicht behandelbar, weshalb keine schwere psychische Störung vorliege und die Massnahme unzulässig sei; zudem bestehe keine Rückfallgefahr für schwere Delikte (Entscheid S. 14). Die Gutachterin vertrat dagegen an der vorinstanzlichen Verhandlung eine schwere psychische Störung; zum Krankheitsbild gehörten namentlich die fehlende Krankheitseinsicht und die Rigidität, mit welcher der Beschwerdeführer in der JVA Solothurn jegliche therapeutischen Gespräche und Gruppensitzungen verweigere. Die Vorinstanz sieht keine Gründe, um vom Gutachten abzuweichen (Entscheid S. 15). Sie qualifiziert die Anlasstaten als massiv, die nach der gutachterlichen Einschätzung in direktem oder indirekten Zusammenhang mit der psychischen Störung stünden. Ausserdem dürften die frühe soziale Desintegration, die subkulturelle Identifikation mit dem "Drogenmilieu" sowie die Konditionierung dysfunktionaler Bewältigungsstrategien (so der Umgang mit Waffen) im Sinne von umweltbezogenen und situationsspezifischen Faktoren hinsichtlich der begangenen Straftaten eine konstituierende Rolle gespielt haben (Entscheid S. 15 f.). Die Beurteilung nach den Prognoseinstrumenten (VRAG; Basler Kriterienkatalog) hätten ungünstige Prognosen ergeben. Die Rückfallgefahr gelte für alle Anlassdelikte, auch für Raub und Gewaltdelikte. Aus der Tatsache, dass die Delikte einige Zeit zurücklägen, lasse sich keine veränderte Risikoeinschätzung ableiten. Es bestehe zweifellos ein Behandlungsbedarf. Bei einem Vollzug der Freiheitsstrafe ohne flankierende Massnahmen sei mit einer hohen Rückfallprognose zu rechnen (Entscheid S. 17). Der Beschwerdeführer habe infolge seiner zwei Fluchten und der relativ kurzen Aufenthalte (der längste dauerte rund fünf Monate im Therapiezentrum Lehn) nicht suffizient behandelt werden können. Deshalb empfehle die Gutachterin eine Massnahme gemäss Art. 59 StGB. Es bestehe insbesondere der Bedarf, an der deliktsrelevanten Einstellung wie der Waffenaffinität und der subkulturellen Identifikation zu arbeiten. Die hirnorganische Störung sei zwar gegenwärtig medizinisch nicht behandelbar, doch sei zu erwarten, dass sich die mit dieser Störung verbundene Symptomatik der mangelhaften Affekt- und Impulskontrolle durch anhaltende Suchtmittelabstinenz sowie eine erfolgreiche Resozialisation positiv bis hin zu rechtskonformem Verhalten beeinflussen liessen.