Citation: 6B_322/2022 E. 2.4.2

2.4.2. Was die Kasuistik betrifft, so wurde Notstandshilfe zugunsten eines Vaters bejaht, dem das Spital telefonisch mitgeteilt hatte, sein Neugeborenes habe schwere Atemaussetzer. Er wurde aufgefordert, im Hinblick auf nötige Entscheidungen für die Behandlung seines Kindes unverzüglich ins Krankenhaus zu kommen. Dabei überschritt er um 4:52 Uhr die Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h um 31 km/h (Urteil 1C_345/2012 vom 17. Januar 2013). Hingegen verneinte daundesgericht eine gerechtfertigte Notstandshilfe bei einem Tierarzt, der auf dem Weg zu einer an akuter Euterentzündung leidenden Kuh innerorts die Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h um 25 km/h überschritten hatte (Urteil 6B_7/2010 vom 16. März 2010). Notstand verneinte das Bundesgericht ferner bei einem mit übersetzter Geschwindigkeit fahrenden Lenker, der sich von Übeltätern verfolgt gewähnt hatte, dem aber in Wirklichkeit ein unmarkiertes Polizeifahrzeug gefolgt war (Urteil 6A.28/2003 vom 11. Juli 2003). Im BGE 106 IV 1 bejahte das Bundesgericht Notstandshilfe. Ein Lenker hatte die auf 60 km/h begrenzte Geschwindigkeit streckenweise massiv überschritten, indem er seinen Personenwagen bis auf 120 km/h beschleunigte. Der Lenker hatte einen Nachbarn, der plötzlich von unerträglichen Kopfschmerzen befallen worden war und wimmernd und mit schmerzverzerrtem Gesicht in der Wohnung umhergerannt war, in das Universitätsspital gefahren. Das Bundesgericht erwog, es hänge von den konkreten Umständen ab, welche Fahrweise zum angestrebten Ziel der möglichst raschen Einweisung des Patienten ins Spital noch in angemessenem Verhältnis steht. Im Ergebnis kam es zum Schluss, der Lenker sei ein kalkuliertes Risiko eingegangen. Dieses Urteil wird in der Lehre kritisiert. Namentlich wird vorgebracht, es bleibe fraglich, ob dies auch heute noch gleich gesehen würde (NIGGLI/GÖHLICH, Basler Kommentar, Strafrecht I, 4. Aufl. 2019, N. 23 zu Art. 17 StGB).