Citation: 2C_352/2022 E. 6.2

6.2. Es trifft zu, dass der Ehemann Mitte Juni 2020 die Beschwerdeführerin gemäss Strafbefehl vom 26. Juni 2020 erneut mehrfach aufsuchte und ihr gegenüber Tätlichkeiten beging: Insbesondere am 15. Juni 2020 versuchte er, ihr das Mobiltelefon aus den Händen zu reissen; dabei packte er die Beschwerdeführerin und brachte sie zweimal zu Fall, wobei sie sich die Knie aufschürfte und sich an zwei Fingern verletzte (vgl. vorstehende E. 5.2). Die nacheheliche Härtefallregelung zielt indes auch bei häuslicher Gewalt primär auf Sachverhalte ab, in denen bei der Gewaltanwendung oder unmittelbar davor noch ein Aufenthaltsanspruch bestand, weil die Eheleute zusammen wohnten oder weil sie aufgrund eines wichtigen Grundes davon befreit waren (vgl. Art. 49 AIG; BGE 137 II 345 E. 3.2.3; Urteile 2C_777/2018 vom 8. April 2019 E. 4.2; 2C_590/2010 vom 29. November 2010 E. 2.5.3). Die Vorfälle vom 10., 11. und 15. Juni 2020 erfolgten knapp drei Monate nach der Trennung des Ehepaars. Dass die Ehegemeinschaft während diesem Zeitraum trotz Trennung weiter bestanden hätte, macht die Beschwerdeführerin nicht geltend. Die Beschwerdeführerin beruft sich in diesem Zusammenhang auf Art. 3 lit. b des Übereinkommens des Europarats vom 11. Mai 2011 zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (SR 0.311.35; Istanbul-Konvention). Danach definiere sich der Begriff der "häuslichen Gewalt" unabhängig davon, ob der Täter beziehungsweise die Täterin denselben Wohnsitz wie das Opfer habe. Die Beschwerdeführerin lässt jedoch unberücksichtigt, dass es vorliegend nicht um die Definition der häuslichen Gewalt geht, sondern infrage steht, ob ein Aufenthaltsanspruch nach Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG überhaupt noch weiterbestehen konnte. Selbst wenn indessen das strafrechtliche Verhalten des Ehemannes von Mitte Juni 2020 im Rahmen einer Gesamtbetrachtung berücksichtigt würde, erweist sich die vorinstanzliche Beweiswürdigung, wonach auch dies nicht ausreiche, um rückwirkend die erforderliche Intensität der Gewaltanwendung glaubhaft darzutun, zumindest nicht als offensichtlich unhaltbar.