Citation: 6P.3/2004 18.06.2004 E. 5

Die Beschwerdeführerin stellte sich von jeher auf den Standpunkt, sie habe sämtliches bezogenes Bargeld an den Beschwerdegegner ausgehändigt, soweit sie es nicht anderweitig zu dessen Nutzen verwendet habe. Sie macht geltend, das Obergericht habe verschiedene Umstände willkürlich als Indizien für die Unglaubwürdigkeit ihrer Darstellung gewertet. Darauf wird im Folgenden einzugehen sein (E. 5.1 - 5.7). Alsdann ist eine Überprüfung des ganzen Beweisergebnisses vorzunehmen (E. 6). 5.1 Zunächst beanstandet die Beschwerdeführerin, dass das Obergericht den Umstand, dass sie sich die Übergabe von Bargeld an den Beschwerdegegner nicht quittieren liess, als belastendes Indiz wertet. Quittungen habe sie vom Beschwerdegegner nur deshalb keine verlangt, weil sie ihm vertraut habe. Dies ist zwar nicht auszuschliessen. Die fehlenden Belege deuten aber doch darauf hin, dass die Beschwerdeführerin das Geld zu ihrem Nutzen verwendet haben könnte. Das Obergericht durfte diesen Umstand jedenfalls willkürfrei als Indiz für ihre Unglaubwürdigkeit berücksichtigen. 5.2 Sodann rügt die Beschwerdeführerin, dass das Obergericht die Bargeldbezüge von ihrem Konto bei der Aargauer Kantonalbank ihren Posteinzahlungen im fraglichen Zeitraum gegenüberstellt und das resultierende Manko von rund Fr. 1'000.-- als Indiz zu ihren Ungunsten würdigt. In ihrer Einvernahme vom 13. Dezember 2001 führte die Beschwerdeführerin aus, dass sie ihre Schulden bei Rechtsanwalt B.________ wenn immer möglich in monatlichen Tranchen von Fr. 700.-- abzahle. Das Geld dafür hebe sie von ihrem Konto bei der Aargauer Kantonalbank ab und zahle es auf das Postcheckkonto von Herrn B.________ ein. Gestützt auf diese Aussage stellt das Obergericht die während der Dauer des Mandatsverhältnisses erfolgten Posteinzahlungen der Familie der Beschwerdeführerin im Betrag von rund Fr. 10'500.-- den Bezügen von deren Konto bei der Aargauer Kantonalbank gegenüber und gelangt so zu einem Manko von Fr. 1'000.--. Dieses Vorgehen ist willkürlich. Denn wenn das Gericht sämtliche Zahlungen der Beschwerdeführerin und ihres Ehemannes in seine Rechnung einbezieht, hat es dem entsprechenden Betrag auch sämtliche Bargeldbezüge von Konten der Ehepartner gegenüberzustellen. Das Obergericht berücksichtigt neben den Bezügen vom Konto bei der Aargauer Kantonalbank jedoch lediglich Fr. 1'700.-- vom Compte joint des Ehepaars und lässt die Bezüge vom Postkonto der Beschwerdeführerin und vom Konto ihres Ehemanns ausser Acht. Die Annahme, die Beschwerdeführerin habe während der Dauer des Mandatsverhältnisses mehr Bargeld ausgegeben als von Konten der Ehepartner abgehoben wurde, erweist sich damit als nicht haltbar. 5.3 Willkürlich ist nach Auffassung der Beschwerdeführerin die Annahme des Obergerichts, sie habe gegenüber der Kantonspolizei Aargau ausgesagt, dass sie teilweise mitten in der Nacht für den Beschwerdegegner Geld bezogen habe, obwohl nach 17.09 Uhr nachweislich keine Bezüge getätigt worden seien. In ihrer polizeilichen Einvernahme vom 8. August 2000 gab die Beschwerdeführerin an, dass sie der Beschwerdegegner teilweise mitten in der Nacht auf ihrem Handy angerufen und Geld verlangt habe. "Ich bin dann an verschiedenen Orten an einen Postomaten gefahren und habe das Geld bezogen." Der Schluss, die Beschwerdeführerin habe damit festhalten wollen, dass sie das Geld direkt im Anschluss an die Anrufe abgehoben habe, stellt eine vertretbare Auslegung ihrer Aussage dar und ist für sich genommen noch nicht willkürlich. Allerdings weist die Beschwerdeführerin zutreffend darauf hin, dass sie anlässlich ihrer Einvernahme vom 13. Dezember 2001 auf entsprechende Frage des Untersuchungsrichters hin ausdrücklich zu Protokoll gab, sie habe das Geld für den Beschwerdegegner nicht direkt im Anschluss an die Telefonate, sondern erst am darauf folgenden Tag bezogen. Dieser Umstand lässt Zweifel aufkommen, dass die Beschwerdeführerin ihre Aussage vom 8. August 2000 so meinte, wie sie das Obergericht auslegt, weshalb diesem Indiz nur geringes Gewicht zukommen kann. 5.4 Im Weiteren bringt die Beschwerdeführerin vor, es dürfe nicht als Indiz gegen ihre Glaubwürdigkeit gewertet werden, dass sie sich in ihrer ersten Einvernahme vom 8. August 2000 nicht mehr an die Einlösung eines Postchecks in der Höhe von Fr. 700.-- habe erinnern können. Nach eigenen Angaben bezog sie den fraglichen Betrag am 25. November 1999 mit Zustimmung des Beschwerdegegners als Entschädigung für ihre Mandatstätigkeit. Da es der einzige Check war, den sie zulasten des Postcheckkontos des Beschwerdegegners einlöste, konnte das Obergericht mit guten Gründen annehmen, es sei nicht nachvollziehbar, dass sie sich an diesen Umstand zu Beginn der Untersuchung nicht zu erinnern vermochte. Jedenfalls kann dem Gericht keine Willkür vorgeworfen werden, wenn es die entsprechende Aussage neben anderen Umständen als Indiz für die Unglaubwürdigkeit der Beschwerdeführerin anführt. 5.5 Beanstandet wird alsdann, dass der Beschwerdeführerin vorgehalten wird, sie habe ihre finanzielle Situation gegenüber dem Untersuchungsrichter als "nicht schlecht" beschrieben, obwohl zum fraglichen Zeitpunkt Betreibungen in der Höhe von über Fr. 85'000.-- gegen sie hängig gewesen seien. Auch wenn die Beschwerdeführerin zusammen mit ihrem Mann über ein monatliches Einkommen von über Fr. 8'000.-- verfügte, hätte ein Hinweis auf ihre beträchtlichen Schulden nahe gelegen. Dass sie dies unterliess, durfte das Obergericht ohne Willkür als Indiz gegen ihre Glaubwürdigkeit werten. 5.6 Am 27. November 1999 unterzeichnete der Beschwerdegegner eine Déchargeerklärung. Darin wird festgehalten, dass er den Ordner mit seinen persönlichen Unterlagen, welchen die Beschwerdeführerin zu Beginn des Mandatsverhältnisses für ihn angelegt hatte, mit dieser durchgegangen sei. Die Beschwerdeführerin hat stets beteuert, dass der Ordner zum Zeitpunkt seiner Übergabe sämtliche Kontodokumente bis zum 27. November 1999 enthalten habe. Als der Ordner am 26. Januar 2001 vom Bezirksamt Brugg beim Beschwerdegegner erhoben und zu den Akten genommen wurde, fehlten indes gerade jene Kontoauszüge, welche die vorliegend zur Diskussion stehenden Bargeldbezüge dokumentiert hätten. Das Obergericht wertet die Darstellung der Beschwerdeführerin, der Ordner sei zum Zeitpunkt der Entlastungserklärung vollständig gewesen, als Schutzbehauptung. Die Beschwerdeführerin hält dies für willkürlich. Zur Annahme, die Beschwerdeführerin habe die fehlenden Kontounterlagen nicht eingeordnet, gelangt das Obergericht mit dem Hinweis, die Post würde Kontoauszüge nur pro Kalendermonat erstellen. Nachdem die Rückgabe des Ordners am 27. November 1999 erfolgt sei, könne der Auszug für den November noch gar nicht vorgelegen haben. Dem hält die Beschwerdeführerin zu Recht entgegen, die Post habe ihr für beide Konten des Beschwerdegegners separate Last- sowie Gutschriftanzeigen der Girobewegungen zugestellt, auf denen jeweils auch der aktuelle Kontostand aufgeführt gewesen sei. Wurden die entsprechenden Unterlagen im Ordner abgelegt, konnte sich der Beschwerdegegner damit auch ohne das Vorliegen des Kontoauszugs für den Monat November ein Bild über die Entwicklung der Kontosaldi im entsprechenden Zeitraum machen. Von grösserer Bedeutung ist jedoch, dass die Beschwerdeführerin nie behauptete, der Auszug für den Monat November habe sich im Ordner befunden. Daraus, dass dies am 27. November 1999 noch nicht möglich war, kann folglich nicht geschlossen werden, die Beschwerdeführerin habe nicht alle Kontounterlagen abgelegt. Somit steht der Sachdarstellung der Beschwerdeführerin lediglich die Tatsache entgegen, dass die entsprechenden Dokumente zum Zeitpunkt der Erhebung des Ordners nicht vorhanden waren. Dieser Umstand bildet durchaus ein gewisses Indiz dafür, dass die Beschwerdeführerin Gelder des Beschwerdegegners für sich verwendet haben könnte. Hätte sie nämlich tatsächlich Vermögenswerte abgezweigt, wäre bei einer vollständigen Rechnungslegung davon auszugehen gewesen, dass der Beschwerdegegner die Veruntreuung bei der Durchsicht der Unterlagen bemerken und ihr die Entlastung verweigern würde. Das Obergericht konnte das Fehlen der Dokumente deshalb ohne Willkür belastend berücksichtigen. Wesentliches Gewicht kann dem Umstand aber nicht zukommen. Denn der Beschwerdegegner hat aufgrund der von ihm geltend gemachten Zivilforderung fraglos ein erhebliches Interesse an einer Verurteilung der Beschwerdeführerin. Da sich der Ordner vor dem Aktenbeizug während etwas mehr als einem Jahr in seinen Händen befand, kann somit auch nicht ausgeschlossen werden, dass die fehlenden Kontounterlagen entfernt worden sind. 5.7 Schliesslich ist die Argumentation des Obergerichts zu überprüfen, wonach es widersprüchlich sei, dass die Beschwerdeführerin an der Hauptverhandlung vor Bezirksgericht gemutmasst habe, der Beschwerdegegner habe Quittungen zum Verschwinden gebracht, wo sie in der Untersuchung doch behauptet habe, solche seien gar nicht ausgestellt worden. Das Protokoll der Verhandlung vom 3. September 2002 enthält folgende Aussage der Beschwerdeführerin: "Die Quittungen sind verschwunden: Er hatte genügend Zeit dazu." Es handelt sich dabei um ihre direkte Stellungnahme zur Aussage des Beschwerdegegners, es habe keine Quittungen im Ordner gehabt. Was für Belege dieser damit genau meinte, bleibt unklar. Da im Untersuchungsverfahren lediglich umstritten war, ob der Ordner anlässlich seiner Übergabe sämtliche Kontounterlagen enthalten hatte, musste das Obergericht zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass mit "Quittungen" gerade diese Kontodokumente gemeint waren. Bei genauerem Hinsehen erscheint dies sogar als wahrscheinlich. Denn der Aussage des Beschwerdegegners ging eine eingehende Befragung der Beschwerdeführerin voran, worin diese unter anderem behauptete, man sei die Kontoauszüge regelmässig gemeinsam durchgegangen. Die Aussage des Beschwerdegegners könnte daher als Stellungnahme zu diesen Ausführungen verstanden werden. Zweifel, dass mit "Quittungen" Belege für Geldübergaben an den Beschwerdegegner gemeint waren, mussten sich auch aus einem anderen Grund ergeben. Die Beschwerdeführerin wurde in der entsprechenden Einvernahme nämlich ausdrücklich gefragt, weshalb sie sich keine Quittungen habe ausstellen lassen. Sie antwortete, dass sie zu leichtgläubig gewesen sei und dem Beschwerdegegner vertraut habe. Die Annahme, sie habe einige Minuten später implizit ausgesagt, solche Belege seien vorhanden gewesen und der einvernehmende Richter habe diesen Widerspruch nicht bemerkt, liegt nicht sonderlich nahe. Bevor das Obergericht den Begriff "Quittungen" zu Ungunsten der Beschwerdeführerin wörtlich auslegen durfte, hätte es dieser daher die Möglichkeit einräumen müssen, ihre Aussage zu erklären. Dass das Gericht dies unterlassen hat und gleichwohl von einer zentralen Widersprüchlichkeit im Aussageverhalten der Beschwerdeführerin ausgegangen ist, erscheint unhaltbar. Der Vorwurf der Willkür ist in diesem Punkt begründet.