Citation: 6P.78/2005 16.11.2005 E. 9

9.1 Ferner beanstandet der Beschwerdeführer, dass die Vorinstanz von der Anordnung einer ambulanten Behandlung abgesehen hat, obwohl das psychiatrische Gutachten eine solche empfahl. Die Vorinstanz habe sich lediglich mit der Frage des Aufschubs des Strafvollzuges befasst und sich zur Frage der Anordnung der Behandlung selbst nicht geäussert. 9.2 Das Bezirksgericht nahm an, eine ambulante Massnahme dürfe nicht dazu missbraucht werden, den vom Gesetz vorgeschriebenen Strafvollzug zu umgehen. Die Voraussetzungen für die Anordnung einer ambulanten Behandlung seien nicht erfüllt. Da eine Psychotherapie während des Strafvollzuges zur ordentlichen Betreuung durch die Strafanstalt gehöre, sei die Anordnung einer vollzugsbegleitenden Massnahme durch das Gericht nicht notwendig. Die Vorinstanz weist die hiegegen geführte Berufung ab. Sie gelangt zum Schluss, eine ambulante Behandlung des Beschwerdeführers könne auch während des Strafvollzuges durchgeführt werden. Angesichts der Dauer der zu verbüssenden Strafe sei es dem Beschwerdeführer zumutbar, sich auf einen Therapeutenwechsel einzulassen und einzustellen. Ein Aufschub der Strafe zugunsten der ambulanten Massnahme falle daher ausser Betracht. 9.3 Erfordert der Geisteszustand des Täters ärztliche Behandlung oder besondere Pflege und ist anzunehmen, dadurch lasse sich die Gefahr weiterer mit Strafe bedrohter Taten verhindern oder vermindern, so kann der Richter gemäss Art. 43 Ziff. 1 Abs. 1 StGB eine ambulante Behandlung anordnen, sofern der Täter für Dritte nicht gefährlich ist. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts sollte dort, wo ein Erfolg wahrscheinlich ist, tendenziell eine ärztliche Behandlung eingreifen (vgl. BGE 129 IV 161 E. 4.1 mit Hinweisen). Das Gericht hat dabei nach pflichtgemässem Ermessen zu urteilen (vgl. BGE 116 IV 101). Das Bundesgericht greift - wie bei der Strafzumessung - nur ein, wenn das Sachgericht von rechtlich nicht massgeblichen Gesichtspunkten ausging, wenn es wesentliche Gesichtspunkte ausser Acht liess oder solche in Überschreitung oder Missbrauch seines Ermessens falsch gewichtete (vgl. BGE 127 IV 101 E. 2 mit Hinweisen). 9.4 Der Beschwerdeführer rügt zu Recht, dass die Vorinstanz sich lediglich zur Frage des Aufschubs des Strafvollzuges zugunsten einer ambulanten Massnahme gemäss Art. 43 Ziff. 2 Abs. 2 StGB äussert, nicht aber dazu, ob eine ambulante Massnahme gemäss Art. 43 Ziff. 1 Abs. 1 StGB überhaupt angeordnet werden soll. Die Verweigerung des Aufschubs des Vollzugs bedeutet nicht, dass eine Therapie nicht wenigstens vollzugsbegleitend anzuordnen wäre. Indem die Vorinstanz die in diesem Punkt geführte Berufung des Beschwerdeführers abweist und das erstinstanzliche Urteil bestätigt, macht sie sich die Rechtsauffassung des Bezirksgerichts Aarau zu eigen, die Anordnung einer Therapie sei nicht notwendig, da Psychotherapien während des Strafvollzugs zur ordentlichen Betreuung der Anstaltsinsassen gehöre. Diese Auffassung verletzt Bundesrecht. Dass die Strafanstalten für eine ausreichende medizinische Betreuung der ihr anvertrauten Insassen zu sorgen hat und dass dazu auch die Einrichtung eines psychologischen oder psychiatrischen Dienstes gehört, bedarf keiner besonderen Erörterungen (vgl. Andrea Baechtold, Strafvollzug, Bern 2005, § 6 N 23 und § 7 N 21). Auch wenn die Strafanstalten bei allen Insassen gehalten sind, gegebenenfalls therapeutische Massnahmen zu ermöglichen, kann dies die Anordnung einer ambulanten Behandlung durch das Gericht nicht entbehrlich machen. Denn im Falle der richterlichen Anordnung ist die Anstaltsleitung im konkreten Fall ausdrücklich verpflichtet, eine solche Massnahme auch tatsächlich durchzuführen und muss der Strafgefangene sich dieser Massnahme unterziehen (vgl. Baechtold, a.a.O., § 9 N 44). Die Vorinstanz wird sich in ihrem neuen Urteil daher dazu äussern müssen, ob eine ambulante Massnahme im Sinne von Art. 43 Ziff. 1 Abs. 1 StGB angeordnet werden muss. Dabei wird sie sich vom Gutachten der Psychiatrischen Dienste des Kantons Aargau, Interner Psychiatrischer Dienst, Departement Forensik, vom 2. August 2002 leiten lassen müssen, das eine weitere ambulante psychiatrische Behandlung inklusive die Verordnung von Medikamenten als unabdingbar und zweckmässig im Sinne einer Massnahme nach Art. 43 StGB erachtet (Untersuchungsakten, Ordner 1, A S. 45 und 47). Die Beschwerde erweist sich in diesem Punkt als begründet. Da die Frage, ob eine ambulante Behandlung gemäss Art. 43 Ziff. 1 Abs. 1 StGB anzuordnen ist, von der Vorinstanz nicht behandelt worden ist, kann nicht geprüft werden, ob der Verzicht auf den Aufschub des Strafvollzugs zugunsten der ambulanten Massnahme vor Bundesrecht standhält.