Citation: U 395/01 06.05.2002 E. 3

3.- Streitig und zu prüfen ist, ob der Versicherte im Zeitpunkt des Suizids urteilsunfähig war. a) Die Vorinstanz hat zutreffend erwogen, dass auf das von der SUVA eingeholte Gutachten des Dr. med. H.________ vom 11. Dezember 2000, in dem eine Urteilsunfähigkeit verneint wurde, nicht abgestellt werden kann, da dem Experten insbesondere nicht alle Akten zur Verfügung standen und er die Angehörigen des Versicherten nicht befragt hatte. Dies wird denn auch von der SUVA nicht in Abrede gestellt. b) aa) Die Beschwerdeführerin beruft sich auf das von ihr in Auftrag gegebene Gutachten der Frau Dr. med. S.________ vom 17. April 2001. Diese hatte Einsicht in die SUVA-Akten und befragte persönlich die Beschwerdeführerin sowie telefonisch die behandelnde Psychiaterin Dr. med. B.________. Die Gutachterin führte im Wesentlichen aus, diagnostisch müsse von einer schweren, länger dauernden depressiven Episode mit Phasen mit und ohne psychotische Symptome (ICD-10 F32.2 und F32.3) sowie von einer schweren narzisstischen Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.8), begleitet von einem schädlichen Alkoholkonsum (ICD-10 F10.1), ausgegangen werden. Weiter legte sie dar, beide Geisteskrankheiten hätten beim Versicherten zu einer verminderten Fähigkeit zur Erfassung der Realität (Realitätsprüfung), zu verminderter Fähigkeit zum Abschätzen und Bewerten der Auswirkungen des eigenen Handelns (Finalitätsprüfung) und zu mangelnder Fähigkeit zur Alternativenbildung (Diskriminierungsfähigkeit) geführt. Aus medizinisch-psychiatrischer Sicht müsse von einer schweren Beeinträchtigung der Urteilsfähigkeit während der Zeit des Suizids ausgegangen werden, was die Fähigkeit des Versicherten, vernunftgemäss zu handeln, aufgehoben habe. Eine triebbedingte Kurzschlusshandlung sei überwiegend wahrscheinlich. Bei so schweren Persönlichkeitsstörungen sei es durchaus möglich, dass unter Belastung ein psychosenaher Zustand entstehe. Zusammen mit der Fragmentierungsangst, die damit verbunden sei, könne dies durchaus zu einer triebgesteuerten Kurzschlusshandlung führen. Dass der Versicherte in narzisstischen Krisen unter Fragmentierungsängsten gelitten habe, sei bei den häufig beschriebenen Angstzuständen und dem schädlichen Alkoholkonsum anzunehmen. Im Zeitpunkt der Suizidhandlung sei bei ihm jenes Minimum an Besinnungsfähigkeit zur kritischen, bewussten Steuerung der endothymen Abläufe nicht vorhanden gewesen. Im Rahmen der depressiven Störung sei eine gedankliche Einengung festzustellen, die ihn nicht mehr frei und unabhängig habe entscheiden lassen. Aufgrund der narzisstischen Persönlichkeitsstörung sei von einem gesteigerten Aggressionstrieb bei einer geschwächten und gestörten Ich-Struktur auszugehen. Es müsse angenommen werden, dass beim Versicherten durch seine narzisstischkränkende Lebenssituation, die er selber nicht mehr habe bewältigen können, eine impulshafte Wut und Aggression entstanden sei, die sich als Autoaggression in Form der Suizidhandlung gegen ihn selber gerichtet habe. Diesen Wut- und Hassausbrüchen, die Teil der Persönlichkeitsstörung seien, sei er hilflos ausgeliefert gewesen. Die Suizidalität sei Teil der depressiven Störung und der schweren narzisstischen Persönlichkeitsstörung und sei ein Krankheitssymptom. Ob sie auf ein psychotisches Syndrom zurückzuführen sei, könne retrospektiv nicht gesagt werden, da der Versicherte am Tag der Tat von keinem Arzt untersucht worden sei. Möglich wäre es aber durchaus, da sich solche Zustände rasch entwickeln könnten und er sich gemäss Angaben seiner behandelnden Klinikärztin wenige Tage vor dem Suizid in einem psychotischen Zustand befunden habe. Aufgrund von Forschungsergebnissen sei anzunehmen, dass der Versicherte für seine Suizidalität ein biochemisches Korrelat in Form eines Serotonin-Mangels im Gehirn gehabt habe. Auf diesen niedrigen Serotonin-Spiegel mit konsekutiver verminderter Kontrolle über impulsives aggressives und autoaggressives Verhalten könne die Suizidhandlung zumindest teilweise zurückgeführt werden. Dass der Versicherte vor dem Suizid den mitgeführten Hund an einem Ständer des Robidog-Kastens angebunden habe, könne man als Routinehandlung oder konditioniertes Verhalten bezeichnen, das wenig bewusstseinsnahe Handlung und Denken beinhalte. Denn gemäss der Aussage der Beschwerdeführerin habe er dies immer getan, da der Hund vor Jahren von einem Zug erfasst worden sei und seither mit Angst sowie unruhigem, ausfälligem Verhalten reagiert habe, wann immer ein Zug vorbeigefahren sei. bb) Frau Dr. med. R.________ legte im Bericht vom 13. August 2001 dar, das Gutachten der Frau Dr. med. S.________ sei fachlich korrekt, inhaltlich sehr ausführlich und gebe den Stand der Suizidologie richtig wieder. Es sei jedoch problematisch, wenn theoretisch auf verschiedenen Ebenen argumentiert werde. Nach dem Stand des Wissens sei die Serotonin-Erniedrigung ein biologischer Marker und nur ein Hinweis für biochemische Prozesse, die mit psychischen Störungen einhergingen; er sei jedoch kein "Beweis" dafür, dass eine Impulskontrollstörung von der betreffenden Person nicht beeinflussbar sei. In einem anderen logischen Bereich bewege sich die Gutachterin, wenn sie psychodynamische Konzepte anführe (im Kontext mit der narzisstischen Persönlichkeitsstörung). Alle diese theoretischen Konzepte seien zwar korrekt aufgeführt und entsprächen dem Stand des Wissens; sie beträfen jedoch unterschiedliche logische Ebenen und seien keine "Beweismittel" für das Ausmass der Urteilsfähigkeit im fraglichen Zeitpunkt. Nach dem Stand der vorliegenden Unterlagen habe der Versicherte im Sinne von Dr. med. S.________ an einer schweren bzw. endogenen Depression gelitten, die einer Geisteskrankheit im Rechtssinne entspreche. Demgegenüber sei die von ihr diagnostizierte nazisstische Persönlichkeitsstörung keine Geisteskrankheit, sondern eine Geistesschwäche. Diese möge zur Zuspitzung der Suizidgefährdung beigetragen haben; sie könne zur Einschränkung der Urteilsfähigkeit, als solche jedoch nicht zur vollständigen Aufhebung der Urteilsfähigkeit führen. Weiter sei der Hinweis, dass der Versicherte den Hund - wie auch am fraglichen Tag - häufig an derselben Stelle bei den Geleisen angebunden habe, ein wichtiges Argument gegen die Interpretation der Vorgänge als gezielte Handlungsabläufe. Aufgrund der Unterlagen sei es nicht klar, ob der Versicherte nicht doch plötzlich und impulsiv gehandelt habe. Aus versicherungspsychiatrischer Sicht sei es empfehlenswert, die Unterlagen der Psychiatrischen Klinik X.________ edierbar zu machen. Aus den Auszügen der Krankengeschichte gehe nämlich nicht hervor, weshalb der Versicherte im Rahmen der dritten Hospitalisation (wegen schwerer Depression und manifester Suizidgedanken) bereits nach einem Monat entlassen worden sei, obwohl sich an seiner Grundproblematik kaum etwas verändert habe. cc) Nach dem Gesagten vertritt Frau Dr. med. S._______ die Auffassung, dass im Zeitpunkt des Suizids die Fähigkeit des Versicherten, vernunftgemäss zu handeln, aufgehoben war und dass von einer triebbedingten Kurzschlusshandlung auszugehen ist. Aus dem Bericht der Frau Dr. med. R.________ vermag die SUVA nichts zu ihren Gunsten abzuleiten. Als Erstes erachtet Frau Dr. med. S.________ einen niedrigen Serotonin-Spiegel nicht als "Beweis" für Urteilsunfähigkeit, sondern taxiert diesen Umstand lediglich als mitwirkende Teilursache des Suizids. Im Weiteren führt die Gutachterin die Aufhebung der Urteilsfähigkeit nicht auf die narzisstische Persönlichkeitsstörung allein zurück, sondern auf deren Zusammenwirken mit der schweren depressiven Störung. Dass sie die narzisstische Persönlichkeitsstörung unkorrekt als Geisteskrankheit bezeichnet, was Frau Dr. med. R.________ berichtigt hat, ändert im Ergebnis nichts daran, dass auch letztere einräumt, eine solche Störung könne zur Zuspitzung der Suizidgefährdung bzw. zur Einschränkung der Urteilsfähigkeit führen. Indessen ist die Frage nach dem Vorliegen und den Auswirkungen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung nicht entscheidend. Die Vorinstanz erwägt, im Bericht der Psychiatrischen Klinik X.________ vom 26. März 1997 über die Hospitalisation vom 24. Februar bis 22. März 1997 werde ausgeführt, die Stimmung des Versicherten habe sich etwas aufgehellt, die Spannung abgebaut und der Antrieb wieder normalisiert; der Patient habe gemeint, er könne sich jetzt an eine Tagesstruktur halten und habe sich stark genug gefühlt, sich um seine Arbeitssituation zu kümmern. Dieser Bericht lasse darauf schliessen, er habe sich bei der Entlassung in einem relativ guten Zustand befunden und habe klare Gedanken fassen können. Dem ist entgegenzuhalten, dass in diesem Bericht gleichzeitig ausgeführt wurde, der Versicherte sei zur Krisenintervention bei akuter Suizidalität zugewiesen worden. Er habe sich abgeschlagen, energie- und hoffnungslos gefühlt und habe eine deutlich erhöhte innere Tension verspürt. Es liege eine schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome vor; der Versicherte habe nach Absetzung der Medikation sofort wieder Forderungen und auch zu hohe Erwartungen an sich selbst gestellt. Am Ende des Berichts wurde insbesondere festgestellt, der Patient habe seit dem Klinikaustritt an seiner Grundproblematik nur wenig geändert. Im Weiteren ist festzuhalten, dass der Bericht der Klinik X.________ vom 4. Juli 1997, wonach psychotische Symptome beim Versicherten nie beobachtet worden seien, eindeutig unzutreffend ist, nachdem die gleiche Klinik am 26. Juni 1996 eine schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen (Versündigungsideen) diagnostiziert hatte. Es handelte sich beim Verstorbenen um eine Person, deren schwere depressive Gemütslage jederzeit in psychotische Symptome übergehen konnte. Unbehelflich ist weiter das Argument der Vorinstanz, für ein noch erheblich vernunftgemässes und willentliches Handeln spreche, dass der Versicherte den Hund angebunden sowie die Ankunft des Zuges abgewartet habe und dann plötzlich wie ein Schnellläufer gegen die herannahende Lokomotive gesprungen sei. Denn die äusseren Umstände lassen genau so gut den Schluss zu, er habe sich im Rahmen einer plötzlichen, triebbedingten Kurzschlusshandlung das Leben genommen. Frau Dr. med. R.________ erachtet denn auch gerade das Anbinden des Hundes als "wichtiges Argument" gegen die Annahme gezielter Handlungsabläufe. Soweit sie zur weiteren Klärung den Beizug der Akten der Psychiatrischen Klinik X.________ empfiehlt, ist festzuhalten, dass die entsprechenden Hospitalisationsberichte bei den Akten liegen und dass Frau Dr. med. S.________ ihr Gutachten in deren Kenntnis verfasst hat. Unter den gegebenen Umständen bedarf es keiner weiterer Abklärungen mehr, da hiervon schon zufolge des Zeitablaufs kaum neue Erkenntnisse zu erwarten sind. c) Selbst wenn es sich in beweismässiger Hinsicht um einen Grenzfall handelt, ist - in Gesamtwürdigung der aus dem Gutachten der Frau Dr. med. S.________ und dem Bericht der Frau Dr. med. R.________ hervorgehenden Umstände (insbesondere den dreimaligen erfolglosen Hospitalisationen, den schweren Depressionen, den jahrelangen, immer unerträglicher gewordenen Angst- und Verzweiflungszuständen) und fachärztlichen Darlegungen - der fatale, unvermittelte Lauf vor den Zug doch wahrscheinlicher als eine durch übermächtige Triebe aus dem Inneren hervorbrechende Selbsttötung denn als ein noch in erheblichem Masse vernunftgemässes und willentliches Handeln zu begreifen, indem E.________ dem permanenten, übermächtig gewordenen Leidensdruck in jenem Moment nichts mehr entgegenzusetzen vermochte. Somit ist der Beweis der dem Schluss auf Urteilsunfähigkeit zu Grunde liegenden Tatsachen, an den naturgemäss keine strengen Anforderungen gestellt werden können (RKUV 1996 Nr. U 267 S. 311 Erw. 2c), geleistet. Damit ist der Anspruchstatbestand für eine Hinterlassenenrente nach Art. 6 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 28 UVG erfüllt. Sache der SUVA wird es sein, die weiteren Anspruchsvoraussetzungen und gegebenenfalls das Massliche der Berechtigung zu beurteilen.