Citation: 6B_322/2022 E. 2.4.1

2.4.1. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung schützt Art. 90 Abs. 1 SVG unmittelbar nur den reibungslosen Ablauf der Fortbewegung auf öffentlichen Strassen als öffentliches Interesse, während Individualinteressen wie Leib und Leben oder das Eigentum und Vermögen nur mittelbar geschützt werden (BGE 138 IV 258 E. 3.1 mit zahlreichen Hinweisen). Was Art. 90 Abs. 2, 3 und 4 SVG betrifft, relativierte das Bundesgericht unter Hinweis auf die Entwicklung der Gesetzgebung im Bereich des Strassenverkehrs, es erscheine fraglich, ob die Verkehrsordnung wirklich nur öffentliche Interessen schütze, während Individualrechtsgüter nur mittelbar geschützt werden (BGE 138 IV 258 E. 3.3.2). Die Lehre hält fest, damit habe das Bundesgericht zutreffend angedeutet, dass Art. 90 Abs. 2, 3 und 4 SVG nicht nur die Verkehrssicherheit als abstraktes Gut schützen, sondern auch unmittelbar Leib und Leben der Verkehrsteilnehmer. Dafür spreche nicht zuletzt, dass Art. 90 Abs. 2 SVG eine erhöhte abstrakte Gefährdung der körperlichen Unversehrtheit Dritter voraussetze, und die als Verbrechen ausgestalteten Art. 90 Abs. 3 und 4 SVG bezwecken, die Zahl der Verkehrsopfer zu senken (YVAN JEANNERET, Via sicura: le nouvel arsenal pénal, Strassenverkehr 2/2013 S. 31 ff., S. 32; CÉDRIC MIZEL, Le délit de chauffard et sa répression pénale et administrative, AJP 2013 S. 189 ff., S. 193; PHILIPPE WEISSENBERGER, Kommentar Strassenverkehrsgesetz und Ordnungsbussengesetz, 2. Aufl. 2015, N. 3 zu Art. 90 SVG; so wohl auch WOHLERS/COHEN, Verschärfte Sanktionen bei Tempoexzessen und sonstigen "elementaren" Verkehrsregelverletzungen, Strassenverkehr 4/2013, S. 5 ff., S. 15). Ob dasselbe auch für Art. 90 Abs. 1 SVG gilt, kann offen bleiben. Denn vorliegend geht es um eine qualifiziert grobe Verletzung der Verkehrsregeln gemäss Art. 90 Abs. 3 und 4 lit. d SVG (vgl. dazu WEISSENBERGER, a.a.O., N. 3 zu Art. 90 SVG).