Citation: 8C_213/2021 E. 4.3.2

4.3.2. In grundsätzlicher Hinsicht ist unbestritten, dass die Observierung als Mittel der unmittelbaren Wahrnehmung in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit bzw. die funktionellen Einschränkungen einen anderen Erkenntnisgewinn bringen kann als eine alternativ in Betracht fallende medizinische Begutachtung. So können gerade anlässlich der Observation Verhaltensweisen festgestellt werden und damit zu Erkenntnissen führen, die im Rahmen einer ärztlichen Untersuchung nicht erhältlich sind (Urteil 9C_483/2018 vom 21. November 2018 E. 4.1.2; BGE 137 I 327 E. 5.4.1). Entgegen der vorinstanzlichen Ansicht lässt sich beim vorliegenden Beschwerdebild mit neurologischen, neuropsychologischen sowie psychiatrischen Defiziten und einer gesamtgutachterlich festgehaltenen Aggravationskomponente mit auffälligem Validierungsverfahren bei der neuropsychologischen Untersuchung gerade nicht von vornherein ausschliessen, dass sich durch die gutachterliche Sichtung des Observationsmaterials wertvolle Aussagen zur tatsächlich bestehenden Arbeitsfähigkeit und allfälligen funktionellen Defiziten gewinnen lassen. Wie die RAD-Ärztin in ihrer Stellungnahme vom 10. März 2020 ausführte, wurde beispielsweise neurologisch ein sehr langsames Gangbild erhoben. Der psychiatrische Gutachter beschrieb den Beschwerdegegner als depressiv, niedergeschlagen, freud- und interessenlos. Ebenfalls wies der Psychiater auf eine Antriebsminderung, eine Verlangsamung und Konzentrationsstörungen hin. Während der Observation wurde der Beschwerdegegner beim Autofahren, Fahrradfahren und Einkaufen in verschiedenen Geschäften, u.a. in einem Baumarkt gesichtet, wobei er gemäss Observationsbericht mit Renovationsarbeiten an einem Haus beschäftigt gewesen sei. Dabei habe er sich unauffällig und adäquat verhalten, ohne Hinweise auf schwere kognitive Minderleistungen oder eine höhergradige depressive Störung. Auch in der sozialen Interaktion sei er unauffällig gewesen. Er habe zielorientiert und effizient gewirkt. Demnach zeigten sich in der Alltagsbewältigung teilweise diskrepante Verhaltensweisen zu denjenigen während den Untersuchungen im Universitätsspital C.________. Für die schlüssige Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdegegners ist die Frage relevant, wie sich beispielsweise die bei der neuropsychologischen Untersuchung präsentierten schwerwiegenden kognitiven Leistungsdefizite und Konzentrationsstörungen oder die als zentral für das Befinden angegebenen starken Kopfschmerzen mit dem im Alltag präsentierten Fähigkeitsniveau (insbesondere etwa mit der Fähigkeit, einen Personenwagen zu lenken) vereinbaren lassen. Wertvoll und darum notwendig ist somit eine gutachterliche Einschätzung, ob von einem zumindest teilweise nicht authentischen Verhalten während der ärztlichen Exploration auszugehen ist und ob das im Observationsmaterial dokumentierte alltägliche Verhalten des Beschwerdeführers im Einklang mit den klinischen Befunden steht. Es kann demnach nicht gesagt werden, das Observationsmaterial sei für die Prüfung des geltend gemachten Rentenanspruchs unerheblich. Damit hat die Beschwerdeführerin überzeugend dargetan, dass sich aus dem Observationsmaterial (im Zusammenspiel mit einer erneuten medizinischen Begutachtung) für den Leistungsanspruch erhebliche Erkenntnisse gewinnen lassen, die durch medizinische Experten einzuordnen sind. Dies hat die Vorinstanz in einer unhaltbaren, insbesondere auch unvollständigen und damit bundesrechtswidrigen Beweiswürdigung verkannt. Soweit sie dabei die Aussagekraft des Observationsmaterials durch dessen Alter als geschmälert ansieht, spricht dies nicht gegen die Verwertung. Diesbezüglich ist ihr entgegenzuhalten, dass im Rahmen der erstmaligen Rentenbeurteilung der gesundheitliche Verlauf im gesamten Zeitraum seit der Anmeldung bis zum Erlass der entsprechenden Verfügung interessiert, worauf die Beschwerdeführerin zu Recht hinweist. Somit ist das von einer Privathaftpflichtversicherung im öffentlich frei einsehbaren Raum gewonnene Observationsmaterial im Invalidenversicherungsverfahren gestützt auf eine Interessenabwägung zwischen privaten und öffentlichen Interessen verwertbar (BGE 143 I 377 E. 5.1.1). Dies gilt rechtsprechungsgemäss unabhängig von der Frage, ob die Observation objektiv geboten war oder nicht (vgl. Urteile 9C_561/2018 vom 8. Februar 2019 E. 5.2.2; 8C_244/2019 vom 4. Juli 2019 E. 5.1 und 9C_308/2019 vom 16. Dezember 2019 E. 2.1).