Citation: 7B_758/2024 E. 4.2.2

4.2.2. Soweit bestritten, erwägt die Vorinstanz im Wesentlichen was folgt: Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers handle es sich bei der angeordneten Unterbringung um eine provisorische Schutzmassnahme zur umgehenden Gewährleistung des Schutzes und der Erziehung des Jugendlichen. Entsprechend habe die Jugendanwaltschaft eine vorsorgliche offene Unterbringung anordnen dürfen, obschon der Gutachter beim Beschwerdeführer (bis anhin) keine psychische Störung oder krankheitswertige Beeinträchtigung der Persönlichkeit diagnostiziert habe. Im vorliegenden Fall handle es sich um eine gravierende und gemäss Gutachter "sehr aussergewöhnliche" Anlasstat, wobei der Tatbestand einer versuchten vorsätzlichen Tötung im Raum stehe. Besonders ins Gewicht falle zunächst, dass das Tatmotiv des Beschwerdeführers nach wie vor unklar sei, was gemäss Gutachter hinsichtlich der vorliegenden Tat ungewöhnlich sei. Die hierzu gemachten Aussagen des Beschwerdeführers (Mutprobe, Würgen zur Fluchtsicherung) seien nicht plausibel und erschienen zum jetzigen Zeitpunkt als Schutzbehauptungen. So erachte auch der Gutachter eine "Mutprobe" als alleiniges Motiv für wenig wahrscheinlich. Das Würgen zur Fluchtsicherung sei ebenfalls nicht plausibel, da man in derartigen Situationen normalerweise flüchten würde. Naheliegend wäre gemäss Gutachter ein sexuelles oder sadistisches Motiv, wobei ein solches aufgrund der Tathandlung allein nicht belegt werden könne. Ein solches Motiv würde allerdings an Wahrscheinlichkeit gewinnen, wenn sich die Aussage des Opfers (dass es gewürgt worden sei, bevor es erwacht sei) als richtig herausstellen sollte, was im Rahmen der Strafuntersuchung noch zu verifizieren sein werde. Gemäss Gutachter sei es zurzeit auch nicht möglich, festzustellen, ob der Beschwerdeführer keine Aussagen über sein Motiv machen könne oder es nicht wolle. Erhellend wären gemäss Gutachter Informationen über das Suchverhalten des Beschwerdeführers im Internet, den neuen Freundeskreis des Beschwerdeführers sowie sein Verhalten mit diesen in den Wochen und Monaten vor der Tat. Demzufolge - so die Vorinstanz - stehe fest, dass hinsichtlich der in Frage stehenden Tat des Beschwerdeführers zahlreiche Unklarheiten bestünden, welche die Beurteilung des Tatverhaltens und die Diagnostik betreffend den psychischen Zustand des Beschwerdeführers bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschliessend ermöglicht hätten. Entsprechend könnten auch die Risikofaktoren noch nicht zuverlässig beurteilt werden. Bei dieser Ungewissheit und unter zusätzlicher Berücksichtigung der Schwere der Straftat erscheine eine vorsorgliche (offene) Unterbringung als unverzügliche Intervention zur Gefahrenabwehr und -verhinderung notwendig. So könnten sowohl Dritte wie auch der Beschwerdeführer selbst vor weiteren Straftaten geschützt werden. Der Gutachter gehe von einem geringen bis moderaten Risiko für weitere Gewaltstraftaten aus, betone aber auch in diesem Zusammenhang die problematische Situation, dass das Motivgefüge für das Delikt unklar sei und ein pädosexuelles oder sexual-sadistisches Motiv nicht ausgeschlossen werden könne. Immerhin habe er beim Beschwerdeführer eine (leichtgradige) Störung der Persönlichkeitsentwicklung im Sinne einer mangelnden Reife bestimmter Persönlichkeitsfaktoren festgestellt, wobei die retardierte psychosexuelle Entwicklung Ausdruck davon sei. Solange man "nicht mehr wisse", sei eine Beobachtung des Beschwerdeführers wichtig, wobei eine derartige Beobachtung naturgemäss nur im Rahmen einer Unterbringung vorgenommen werden könne. Gemäss Gutachter würden "gewisse Aussichten" bestehen, dass bei einer weiteren Verlaufsbeobachtung zusätzliche Erkenntnisse (zum Tatmotiv und zu deliktrelevanten Persönlichkeitsfaktoren des Beschwerdeführers) gewonnen werden könnten. Entsprechend empfehle er auch ausdrücklich eine offene Unterbringung des Beschwerdeführers. Nur durch die Unterbringung - so die Vorinstanz - bestehe die Möglichkeit, noch nicht erkannte Risikofaktoren zu erfassen und bei deliktrelevantem Verhalten zum Schutz des Beschwerdeführers rasch einzugreifen, wobei der Gutachter von einer "Blackbox" ausgehe, wenn man den Beschwerdeführer zu Hause mit einer ambulanten Behandlung therapieren würde. Im Rahmen einer Unterbringung könnte bei einem ungünstigen Verlauf demgegenüber rechtzeitig interveniert werden, was den Beschwerdeführer davon abhalten könne, in Zukunft wieder straffällig zu werden. Ferner habe anlässlich der Hausdurchsuchung beim Beschwerdeführer Literatur festgestellt werden können, welche im Hinblick auf den hier massgeblichen Tatverlauf weitere Fragen aufwerfe: Namentlich ein Notizbuch mit dem Titel "Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt" sowie ein Buch mit dem Titel "Killing Stalking" und dem Beschrieb: "Der schüchterne Bum Yoon ist hoffnungslos in Sangwoo verliebt. Aus seiner Schwärmerei wird schnell Obsession und so bricht er in Sangwoos Haus ein. Im Keller muss er jedoch eine schreckliche Entdeckung machen - und plötzlich ist er dem vermeintlichen Sonnyboy hilflos ausgeliefert...", wobei ein Zusammenhang zum Tatablauf in tatsächlicher Hinsicht nicht von der Hand zu weisen sei. Überdies habe das Opfer anlässlich seiner Befragung zudem zu Protokoll gegeben, dass (wohl) der Beschwerdeführer es schon mit "Hallo, meine Lieblingsnachbarin" begrüsst haben soll. Im Weiteren erweise sich die offene Unterbringung insbesondere auch zum Schutz des Beschwerdeführers als dringend angezeigt. Zum einen bestehe die Gefahr, dass ein Aufenthalt in unmittelbarer Nähe zum Tatort nach so kurzer Zeit zu einer Stigmatisierung des Beschwerdeführers mit entsprechenden Sekundärfolgen führen könnte, wobei dieses Risiko durch die offene Unterbringung zumindest minimiert werden könne. Nur mit der offenen Unterbringung abseits des Wohnorts des Beschwerdeführers könne die Beruhigung und Stabilisierung seiner Lebenssituation herbeigeführt werden, zumal er in seiner gewohnten Umgebung in unmittelbarer Nähe zum Tatort stets mit seiner Tat konfrontiert würde, was auch vor dem Hintergrund, dass das Tatmotiv nicht bekannt sei, zu (zum jetzigen Zeitpunkt) nicht abschätzbaren Reaktionen beim Beschwerdeführer führen könne. In diesem Zusammenhang bezeichne der Gutachter denn auch die Nähe zur Opferfamilie als problematisch. Entsprechend diene die Unterbringung dem Schutz einer psychosozialen Belastung, die sich daraus ergeben würde, dass der Beschwerdeführer und seine Familie bei einer baldigen Rückkehr des Beschwerdeführers in die vorbestehenden Wohnverhältnisse einem erheblichen sozialen Druck der Nachbarschaft ausgesetzt wären mit entsprechenden Implikationen auf das (bis anhin intakte) Familienleben. Eine mildere Massnahme sei nicht ersichtlich, zumal einzig durch die Unterbringung sichergestellt werden könne, dass sich der Beschwerdeführer nicht an seinem Wohnort und in der unmittelbaren Umgebung dazu aufhalte.