Citation: U 491/06 20.08.2007 E. 4

Zu beurteilen ist im Weiteren, ob es sich nach den Umständen des Geschehens um einen Unfall im Rechtssinne (Art. 4 ATSG) handelt. 4.1 Unfall ist die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen bzw. - in der seit 1. Januar 2004 in Kraft stehenden Fassung - körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit zur Folge hat (Art. 4 ATSG; bis 31. Dezember 2002: Art. 9 Abs. 1 UVV; BGE 122 V 230 E. 1 [mit Hinweisen] S. 232). 4.1.1 Nach der - weiterhin geltenden (vgl. E. 2.1 in fine hievor) - Definition des Unfalls bezieht sich das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selber. Ohne Belang für die Prüfung der Ungewöhnlichkeit ist somit, dass der äussere Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich zog. Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er den Rahmen des im jeweiligen Lebensbereich Alltäglichen oder Üblichen überschreitet. Ob dies zutrifft, beurteilt sich im Einzelfall, wobei grundsätzlich nur die objektiven Verumständungen in Betracht fallen (BGE 122 V 230 E. 1 S. 233, 121 V 35 E. 1a S. 38, je mit Hinweisen). 4.1.2 Das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit wurde entwickelt, um die "tausendfältigen kleinen und kleinsten Insulte des täglichen Lebens, die als solche gänzlich unkontrollierbar sind und deshalb nur beim Hinzutreten von etwas Besonderem Berücksichtigung finden", aus dem Unfallbegriff auszuscheiden (Alfred Bühler, Der Unfallbegriff, in: Alfred Koller [Hrsg.], Haftpflicht- und Versicherungsrechtstagung 1995, S. 234 mit Hinweisen). 4.1.3 Ein Unfall liegt nur vor, wenn ein äusserer Faktor auf den Körper wirkt. Das Ereignis muss sich in der Aussenwelt zutragen. Die Folgen davon können sich jedoch unter Umständen ausschliesslich im Körperinneren zeigen. Das kann bei einem Schlag ohne äusserliche Verletzung der Fall sein. Das Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors kann nach Lehre und Rechtsprechung auch in einer unkoordinierten Bewegung bestehen (BGE 130 V 117 E. 2.1 [mit Hinweisen] S. 118). Bei Körperbewegungen gilt der Grundsatz, dass das Erfordernis der äusseren Einwirkung lediglich dann erfüllt ist, wenn ein in der Aussenwelt begründeter Umstand den natürlichen Ablauf einer Körperbewegung gleichsam "programmwidrig" beeinflusst hat. Bei einer solchen unkoordinierten Bewegung ist der ungewöhnliche äussere Faktor zu bejahen; denn der äussere Faktor - Veränderung zwischen Körper und Aussenwelt - ist wegen der erwähnten Programmwidrigkeit zugleich ein ungewöhnlicher Faktor (BGE 130 V 117 E. 2.1 [mit Hinweisen] S. 118). Als mittelbare oder unmittelbare Unfallursachen fallen Bewegungen des Körpers mit den damit verbundenen Belastungen verschiedenster Art in Betracht (RKUV 1996 Nr. U 253 S. 204 E. 4c; zum Ganzen: Urteil des EVG U 131/03 vom 25. März 2004, E. 2.2-2.4 mit Hinweisen). 4.2 Entscheidend für die Beurteilung der Frage, ob ein äusserer Faktor als ungewöhnlich zu qualifizieren ist, ist mithin, ob zu einem Vorkommnis etwas Besonderes hinzugetreten ist, das den äusseren Faktor im Rahmen des im jeweiligen Lebensbereich Alltäglichen oder Üblichen überschreitet. 4.2.1 Die Ungewöhnlichkeit des äusseren Faktors in diesem Sinne wird etwa bejaht beim Zusammenstoss zweier Autos, auch wenn der Vorgang alltäglich ist und die Autofahrer/innen deshalb mit einem solchen Geschehen rechnen müssen (Urteil des EVG U 131/03 vom 25. März 2005, E. 3.3 und 3.4 mit Hinweisen; RKUV 1999 Nr. U 333 S. 198 f. E. 3c). 4.2.2 Verneint hat das EVG das Merkmal der Ungewöhnlichkeit - und damit den Unfallbegriff - demgegenüber mangels Programmwidrigkeit bei starkem und unerwartetem Abbremsen eines Autofahrers, ohne dass es zu einer Kollision mit einem anderen Verkehrsteilnehmer gekommen wäre (Urteile des EVG U 313/03 vom 25. März 2004, U 117/02 vom 9. Mai 2003 und U 349/99 vom 3. August 2000). 4.3 Die Beschwerdegegnerin hat, nachdem ein Velofahrer abrupt von rechts auf die Strasse eingebogen war, mittels einer Vollbremsung ihren Wagen zum Stillstand gebracht und dabei den Fahrradlenker leicht touchiert. Bei diesem Vorgang handelt es sich, entgegen der Betrachtungsweise des kantonalen Gerichts, nicht um einen Zusammenstoss zweier Verkehrsteilnehmer im Sinne der in E. 4.2.1 hievor genannten Beispiele. Diese Fälle zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass dem Fahrzeug durch die Kollision, wie etwa das Auffahren auf ein anderes Auto, erhebliche physikalische Kräfte entgegengesetzt werden, welche den Geschehensablauf programmwidrig stören bzw. zu stören vermögen. Dies gilt auch in Konstellationen, in denen ein Autolenker sein Fahrzeug zwar noch abzubremsen versucht, es aber dennoch zu einem Zusammenprall von einer gewissen Heftigkeit mit einem anderen Verkehrsteilnehmer kommt (so beispielsweise in einem Fall, in welchem ein Autofahrer trotz eingeleiteter Vollbremsung frontal mit einer Fussgängerin zusammengestossen ist, die auf die Kühlerhaube gehoben und nach einem Anprall an der Windschutzscheibe zu Boden geschleudert wurde, wo sie verletzt liegen blieb [Urteil des EVG U 180/04 vom 11. April 2005]). Auch dadurch wird von aussen in den Geschehensablauf, den der Lenker (objektiv) erwarten durfte, eingegriffen. Von einer Kollision in diesem Sinne kann hier indessen nicht gesprochen werden, fehlt es doch unbestrittenermassen an der Freisetzung von erheblichen Kräften, die auf das Fahrzeug der Versicherten eingewirkt und dadurch eine nicht programmgemäss verlaufende Bewegungskette verursacht hätten. Vielmehr hat die Beschwerdegegnerin, bevor sie zum Stillstand gekommen ist, mit ihrem Auto den Fahrradlenker zwar (leicht) touchiert, ein eigentlicher "Zusammenstoss" hat jedoch nicht stattgefunden, zumal bezüglich des Herganges des Vorfalles Unsicherheit darüber besteht, ob das Fahrrad überhaupt einen Schaden davon getragen hat (vgl. E. 3.2.2 hievor). Der für die Versicherte als PW-Insassin massgebliche Bewegungsablauf war, wie in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde zutreffend ausgeführt wird, somit ausschliesslich durch das abrupte Abbremsen, nicht aber durch einen Aufprall geprägt. Eine derart leichte Berührung ist, was die Kräfteeinwirkung auf die Leistungsansprecherin anbelangt, einer - die Merkmale eines Unfalles nicht erfüllenden - Vollbremsung ohne nachfolgende Kollision gleichzusetzen und kann nicht als im alltäglichen motorisierten Strassenverkehr unüblich bezeichnet werden. Entgegen der vorinstanzlichen Betrachtungsweise fehlte es dem fraglichen Ereignis demnach am Merkmal der Ungewöhnlichkeit und somit an einem notwendigen Teil des Unfallbegriffs. Da im Übrigen auch keine Anhaltspunkte für das Vorliegen einer unfallähnlichen Körperschädigung gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG in Verbindung mit Art. 9 Abs. 2 UVV (vgl. auch BGE 116 V 136 E. 4a S. 139 f., 145 E. 2b S. 147) bestehen, entfällt eine Leistungspflicht der Beschwerdeführerin.