Citation: I 88/07 11.01.2008 E. 3.1

3.1.1 Die Vorinstanz erwog gestützt auf das Gutachten der Frau Dr. med. I.________ vom 15. Januar 2004 und die Stellungnahme des BSV vom 19. November 2004, in der (medizinischen) Literatur seien sich die Fachleute einig, dass der Autismus keine einheitliche Ursache habe und es bislang auch keine Therapie gebe, die den Anforderungen wissenschaftlicher Untersuchungen standhalte. Hypothesen der Biomediziner auf den Gebieten Gastroenterologie, Immunologie und Toxikologie würden weiter verfolgt. Gestützt auf die Aktenlage verbiete sich aber die Annahme, dass es sich bei der gluten- und caseinfreien Diät um eine wissenschaftlich anerkannte Massnahme handle. Es gebe lediglich Hinweise darauf, dass die Diät (im Verbund mit anderen Massnahmen) zu einer Verbesserung des Krankheitsbildes führen könne. Vor diesem Hintergrund entsprächen die Behandlungen aber nicht bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft, so dass hiefür keine Leistungspflicht der Invalidenversicherung bestehe. 3.1.2 Demgegenüber bringt die Versicherte vor, der rechtserhebliche Sachverhalt sei sowohl bezüglich der Schwermetallbelastung als auch hinsichtlich der antimykotischen Behandlung unvollständig festgestellt worden. Aus den von ihr ins Recht gelegten umfangreichen Unterlagen gehe hervor, dass zwischen Schwermetallbelastung und Autismus ohne Zweifel ein Zusammenhang bestehe. Die Chelat-Therapie bei Autisten mit erhöhter Schwermetallbelastung entspreche heute praktisch einer medizinischen Standardbehandlung und sei wissenschaftlich anerkannt. Weder das BSV noch die Beschwerdegegnerin hätten sich mit der Chelat-Therapie eingehend auseinandergesetzt und sich mit dem Hinweis begnügt, es stünden lediglich Frühförderungsmassnahmen zur Verfügung. Auch hätten sich BSV und IV-Stelle nicht materiell mit der beantragten Kostengutsprache für die Abklärungen und die antimykotischen Behandlungsmassnahmen bezüglich der bei ihr diagnostizierten Darmpilze, welche in der Regel zum Krankheitsbild eines autistischen Menschen gehörten, befasst. Die Vorinstanz äussere sich überhaupt nicht zur beantragten Kostengutsprache für die Abklärungs- und Behandlungsmassnahmen bezüglich der Schwermetallbelastung und der Darmpilzerkrankung. 3.2 Es trifft zu, dass im angefochtenen Entscheid lediglich der Diät der Charakter einer wissenschaftlich anerkannten Massnahme zur Therapie des (frühkindlichen) Autismus explizit abgesprochen wurde und das kantonale Gericht eine Leistungspflicht der Invalidenversicherung weder für die Abklärung und Behandlung der Schwermetallbelastung noch für eine antimykotische Therapie ausdrücklich verneinte. Indessen hielt die Vorinstanz in der Sachverhaltsschilderung fest, die Versicherte habe nicht nur die Übernahme der Kosten diätetischer Massnahmen, sondern auch weiterer "Massnahmen im Ausland" beantragt und erwog in Würdigung des Gutachtens der Frau Dr. med. I.________ vom 15. Januar 2004, welches sich mit der Wissenschaftlichkeit der Chelat- und Candida albicans-Behandlung auseinandersetzt, und der Stellungnahme des BSV vom 19. November 2004, es existiere bislang keine Therapiemassnahme, die den Anforderungen wissenschaftlicher Untersuchungen standhalte (E. 3.1.1 hievor). Daraus geht hinreichend deutlich hervor, dass das kantonale Gericht eine Leistungspflicht der Invalidenversicherung für die Behandlung allfälliger biochemischer Ursachen des Autismus mangels wissenschaftlicher Anerkennung generell verneinte und damit eine Kostenübernahme der IV sowohl für die in Zusammenhang mit der Diagnose und Behandlung einer Schwermetallbelastung als auch für die Therapie des Darmpilzes ablehnte. Dies geht schliesslich auch aus der im Dispositiv verwendeten Formulierung hervor, wo von medizinischen Massnahmen - und nicht nur von einer einzelnen Massnahme - die Rede ist. Es kann somit nicht gesagt werden, die Vorinstanz hätte nicht alle relevanten Tatsachen ermittelt, die für die Prüfung des Leistungsanspruches nötig sind und damit den Sachverhalt unvollständig festgestellt; ebenso fehlt es an einer unrichtigen oder in Verletzung wesentlicher Verfahrensvorschriften (insbesondere des Anspruchs auf rechtliches Gehör) ergangener Sachverhaltsermittlung (BGE 129 I 232 E. 3.2 S. 236 mit Hinweisen). 3.3 Zu prüfen bleibt, ob die Vorinstanz die Leistungspflicht der Invalidenversicherung für die Chelat-Therapie und die antimykotische Behandlung zu Recht verneint hat. 3.3.1 Nach derzeitigem Wissensstand sind, worauf im angefochtenen Entscheid zutreffend hingewiesen wird, die Ursachen des Autismus vielfältig, aber noch nicht im Einzelnen bekannt. Im Zentrum stehen genetische Einflüsse, Hirnschädigungen bzw. Hirnfunktionsstörungen sowie (möglicherweise genetisch bedingte) Störungen der kognitiven und emotionalen Entwicklung (vgl. Bernhard Blanz/Helmut Remschmidt/ Martin H. Schmidt/Andreas Warnke, Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter, Stuttgart/New York 2006, S. 78 f.; Hans-Christoph Steinhausen, Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen, 5. A., München/Jena 2002, S. 62 f.). Bisher liess sich insbesondere keine der vielfältigen biochemischen Hypothesen zur Entstehung von Autismus widerspruchsfrei bestätigen (Steinhausen, a.a.O., S. 53). Mangels wissenschaftlich hinreichend nachgewiesenem Zusammenhang zwischen erhöhten Schwermetallkonzentrationen und Autismus können die (in Frankreich durchgeführten) Laboruntersuchungen somit nicht zu Lasten der Invalidenversicherung gehen (hiezu auch: Anna Barbara Stalder, Konservierungsmittel in Impfstoffen - die Situation in der Schweiz, in: Schweizerische Ärztezeitung 2005 S. 1721 ff., insbesondere S. 1727 f., sowie die im New England Journal of Medicine am 27. September 2007 [Volume 357 No. 13 S. 1281 ff.] publizierte Studie zur "Early Thiomerosal Exposure and Neuropsychological Outcomes at 7 to 10 Years" [die keinen Zusammenhang zwischen einer frühen Quecksilber-Exposition und neuropsychologischen Defiziten nachzuweisen vermochte]). Im Übrigen weist das BSV in seiner Vernehmlassung vom 29. März 2007 zutreffend darauf hin, dass die am 5. September 2002 im Laboratoire A.________, gemessenen Schwermetallkonzentrationen mit Ausnahme der leicht erhöhten, aber noch unter der toxischen Grenze liegenden Kupferkonzentration im Normbereich lagen und eine Therapie zur Ausleitung von Schwermetallen schon aus diesem Grund nicht angezeigt war. Die Chelat-Therapie (welche in medizinischen Kreisen heftig umstritten ist und als risikoreich gilt; vgl. den Morbidity and Mortality Weekly Report [MMWR] des amerikanischen Center for Disease Control and Prevention vom 3. März 2006, S. 204 ff.) wäre somit - selbst wenn deren Wirksamkeit wissenschaftlich hinreichend erstellt wäre - ohnehin nicht indiziert gewesen. 3.4 Es trifft zu, dass bei autistischen Kindern eine Häufung gastrointestinaler Beschwerden (Durchfälle, Obstipation, Bauchschmerzen) beobachtet wurde. Ob diese Probleme Teilursache oder mögliche Folge eines autistischen Leidens bei Kindern ist, konnte bislang noch nicht geklärt werden (Stalder, a.a.O., S. 1728). Eine Candida albicans-Wucherung als potenzielle Teilursache autistischer Leiden ist nach aktuellem medizinischen Erkenntnisstand erst eine Hypothese, die namentlich von Autismusexperten auf dem Gebiet der Biomedizin vertreten wird. Frau Dr. med. I.________ weist in ihrem Gutachten überdies darauf hin, dass die in Einzelfällen beobachteten beachtlichen Verbesserungen nach der Behandlung mit Nystatin einen spät und im Zuge einer Infektionsbehandlung mit Antibiotika aufgetretenen - also keinen frühkindlichen - Autismus betrafen und viele Candida-Stämme auf dieses Antibiotikum resistent sind. Die antimykotische Behandlung des frühkindlichen Autismus mit Nystatin kann somit mangels genügendem wissenschaftlichen Nachweis derzeit ebenfalls nicht von der Invalidenversicherung übernommen werden. Im Übrigen wäre - selbst wenn die Wirksamkeit dieser Therapie nachgewiesen wäre - nicht erstellt, dass damit der Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise erreicht wird. 3.5 Zu keinem anderen Schluss führt, dass sowohl die Chelat-Therapie wie auch die antimykotische Behandlung - und im Übrigen auch die gluten- und caseinfreie Diät - gegenwärtig von einigen Autismusexperten als wahrscheinlich in vielen Fällen positiv gewertet werden. Es müssen auch in Berücksichtigung der stark ideologisch gefärbten Diskussion möglicher Behandlungsmethoden des (frühkindlichen) Autismus jedenfalls weitere Untersuchungsergebnisse abgewartet werden, bevor über die Wirksamkeit dieser Behandlungen genauere Aussagen gemacht werden können.