Citation: I 14/03 30.09.2003 E. 3

Das kantonale Gericht vertrat die Auffassung, gestützt auf das ausreichend abgeklärte Tätigkeitsspektrum des Versicherten und unter Berücksichtigung der nach ophtalmologischer Erfahrung benötigten längeren Angewöhnungszeit bei einseitigem Verlust der Sehfähigkeit sei davon auszugehen, dass der Informatiker ohne gleichzeitig durchgeführte beidseitige Staroperationen in seiner Erwerbsfähigkeit nach Art. 12 Abs. 1 IVG wesentlich beeinträchtigt gewesen wäre, weshalb die Invalidenversicherung auch die am rechten Auge Mitte Oktober 2000 durchgeführte Kataraktoperation als medizinische Eingliederungsmassnahme zu übernehmen habe. Dies werde auch in dem beim Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) eingeholten arbeitsmedizinischen Bericht vom 8. August 2002 (nachfolgend: seco-Bericht) bestätigt. Dagegen wendet das Beschwerde führende BSV ein, beim grauen Star handle es sich um ein progredientes, in aller Regel langsam verlaufendes Geschehen, welches dem Betroffenen genügend Zeit lasse, sich ständig an die neue Situation anzugewöhnen. Auf die Aussagen des seco-Berichts sei nicht abzustellen, weil es sich dabei um zu allgemein gehaltene Angaben handle. Der als störend geltend gemachte Blendeffekt entspreche einem subjektiven Gefühl, welchem man mit einfachen Schutzmassnahmen wie z.B. Abdecken des nicht operierten Auges erfolgreich entgegen wirken könne. Die vorliegend strittige Übernahme der Kataraktoperation (auch) am rechten Auge durch die Invalidenversicherung komme nach Massgabe von Art. 12 IVG nur dann in Frage, wenn sonst Invalidität bestünde oder unmittelbar drohen würde. Zwar sei die Durchführung der Staroperation auch am rechten Auge medizinisch durchaus angezeigt gewesen, doch habe diese Massnahme hier keinen wesentlichen Einfluss auf die Erwerbsfähigkeit des Versicherten gehabt. Wie im täglichen Leben an vielen Beispielen beobachtet werden könne, sei einem funktionellen Einäuger Bildschirmarbeit bzw. eine Informatikertätigkeit zumutbar. Zu prüfen ist demnach vorweg, ob gestützt auf die vorliegenden Akten die Frage nach der Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die konkret ausgeübte Tätigkeit des Versicherten beantwortet werden kann. 3.1 Das Eidgenössische Versicherungsgericht präzisierte seine Rechtsprechung zur Übernahme der Kataraktoperation am zweiten Auge (vgl. AHI 2000 S. 294) im Urteil D. vom 24. Juli 2003 (I 29/02) dahingehend, dass die Staroperation am zweiten Auge (nach erfolgter Übernahme am ersten Auge) - bei Erfüllung der übrigen Voraussetzungen nach Art. 12 Abs. 1 IVG - nur dann als medizinische Eingliederungsmassnahme durch die Invalidenversicherung zu übernehmen ist, wenn aufgrund detaillierter Ermittlung der Tätigkeiten im Rahmen des ausgeübten Berufes für die visuell anspruchsvollste dieser Tätigkeiten die Notwendigkeit des Binokularsehens aus augenärztlicher Sicht bejaht wird. In denjenigen Berufen, in welchen besondere medizinische Mindestanforderungen an die Sehfähigkeit ausdrücklich normiert sind, ist auf diese Visusgrenzwerte abzustellen, so dass sich in erwerblicher Hinsicht eine detaillierte Ermittlung der verschiedenen Tätigkeitsanteile erübrigt. 3.2 Nach Massgabe des rechtskräftigen Rückweisungsentscheids des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 11. Oktober 2001 befragte die IV-Stelle den Versicherten zu seinem konkreten Tätigkeitsfeld als Informatiker in der F.________ AG. Er beantwortete diese Fragen mit Schreiben vom 18. Februar 2002 unter anderem dahingehend: "Ich bin seit 1986 als Wirtschaftsinformatiker und Systemadministrator bei verschiedenen Unternehmen tätig. Seit dieser Zeit ist meine Tätigkeit fast vollständig mit Bildschirm- oder Terminalarbeit verbunden, d.h., zum Zeitpunkt der Augenoperation habe ich von morgens 6 Uhr bis abends ca. 19 Uhr an Bildschirmen oder Computerterminals gearbeitet, sehr oft auch am Wochenende oder nachts, wenn es galt, Probleme zu lösen. Meine Arbeit war und ist softwarebezogen, d.h.: Entwicklung und Tests von Programmen, Erstellen von firmeninternen Informatiklösungen auf Personalcomputern, Servern und ERP Systemen sowie Anpassungen von Programmen der Softwarehersteller an die betriebsinternen Gegebenheiten und Schulung von Mitarbeitern mit den eingesetzten Informatiklösungen. [...] Meine Arbeit besteht seit Jahren aus 100% Bildschirmarbeit [...]." In Übereinstimmung damit ist dem auf eigenen Erkundigungen beruhenden seco-Bericht ergänzend zu entnehmen, seit 1986 habe die Erwerbstätigkeit des Versicherten in informatikorientierten Projekten und in Schulungsaktivitäten bei der Einführung von neuen Informatiklösungen bestanden. Diese Tätigkeiten verlangten fast ausschliessliche Interaktion mit dem Bildschirm bzw. Projektionen zu Schulungszwecken. Nicht selten seien auch andere Sehanforderungen gefragt wie z.B. das Nachschlagen und Lesen von Handbüchern und das Nachrüsten von Hardware, wofür besonders das zweiäugige räumliche Sehen vonnöten sei. Diese Angaben zum Tätigkeitsspektrum des B.________, von welchem die Vorinstanz mit angefochtenem Entscheid ausging, wurden von dem Beschwerde führenden BSV zu Recht nicht in Frage gestellt. 3.3 Steht demnach fest, welches die konkret vom Versicherten auszuführenden Arbeiten sind, bleibt zu prüfen, ob die Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die visuell anspruchsvollste dieser Tätigkeiten aus augenärztlicher Sicht bejaht wird. 3.3.1 Im Urteil D. vom 24. Juli 2003 (I 29/02) hat das Eidgenössische Versicherungsgericht entschieden, dass es dem Facharzt obliege, in Bezug auf das ermittelte Tätigkeitsspektrum des Versicherten zu beurteilen, ob er in der visuell anspruchsvollsten dieser Tätigkeiten auf Binokularsehen angewiesen ist. Dabei genügt das alleinige Abstellen auf subjektive Angaben des Versicherten nicht. Entscheidend ist, dass der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben wird und der konkreten medizinischen Situation Rechnung trägt (vgl. dazu BGE 125 V 353 Erw. 3a). Soweit der einseitige Ausfall der Sehfähigkeit durch Angewöhnung an den Verlust des stereoskopischen Sehens zumutbarerweise kompensiert werden kann (vgl. z.B. die viermonatige Wartefrist nach dem Verlust eines Auges in der Führerausweis-Kategorie B gemäss Anhang 1 zur Verordnung vom 27. Oktober 1976 über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr [VZV; SR 741.51]), hat dies der Augenarzt im Einzelfall zu berücksichtigen und dazu Stellung zu nehmen. Neben den bereits bisher fachärztlich zu beantwortenden Fragen nach allenfalls vorhandenen erheblichen ophtalmologischen Nebenbefunden, anderen eventuell bekannten nicht ophtalmologischen Erkrankungen und gegebenenfalls notwendig gewesenen optischen Hilfsmitteln, wird der Augenarzt inskünftig demnach zusätzlich die Fragen zu den Anforderungen an das stereoskopische Sehen, zur Angewöhnung, zu den Auswirkungen von störenden Blendeffekten - insbesondere bei der Arbeit am Bildschirm - und zur Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit beantworten müssen. Erfolgt die augenärztliche Beurteilung dieser Fragen erst nach bereits durchgeführter Operation, sind sie medizinisch prognostisch aufgrund der Verhältnisse vor der fraglichen Operation (AHI 2000 S. 299 Erw. 2b mit Hinweisen) zu beantworten. 3.3.2 Dr. med. K.________ äusserte sich weder in seinen Berichten zuhanden der IV-Stelle vom 29. September 2000 und 14. März 2002 noch in seiner ausführlicheren Stellungnahme vom 7. Mai 2002 gegenüber der SWICA zu den hier entscheidenden Fragen (vgl. Erw. 3.3.1 hievor). Offen blieb insbesondere, ob der Versicherte zur Ausübung seiner Tätigkeit auf Binokularsehen angewiesen sei und ob (und gegebenenfalls in welchem Ausmass) das Abdecken des nicht operierten rechten Auges nach erfolgter Staroperation am linken Auge zu Arbeitsunfähigkeit geführt hätte. Soweit Dr. med. K.________ ausführte, die bei einer nur am linken Auge durchgeführten Kataraktoperation verbleibenden Probleme hätten durch keine andere Massnahme als die gleichzeitige Vornahme desselben Eingriffs am rechten Auge behoben werden können, unterliess er es, diese Auffassung nachvollziehbar und schlüssig zu begründen. In tatsächlicher Hinsicht fehlt es somit an der mit dem im Sozialversicherungsrecht geltenden Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 360 Erw. 5b, 125 V 195 Erw. 2, je mit Hinweisen) festzustellenden medizinischen Grundlage, um beurteilen zu können, ob der Versicherte zur Ausübung seiner Erwerbstätigkeit auf Binokularsehen angewiesen ist. 3.3.3 Soweit die Vorinstanz gestützt auf ophtalmologische Erfahrungen von einer längeren Angewöhnungszeit in Bezug auf den Verlust des Binokularsehens ausging und daraus schloss, dass bei nicht gleichzeitiger Durchführung der Staroperationen an beiden Augen Invalidität unmittelbar gedroht hätte, kann ihr nicht gefolgt werden, da sie mit dieser Argumentation stillschweigend davon ausging, der Versicherte sei zur Ausübung seiner Erwerbstätigkeit auf Binokularsehen angewiesen und es gäbe keine anderen Massnahmen zum Erhalt einer funktionstüchtigen Sehfähigkeit als die beidseitige Kataraktoperation. Entgegen der SWICA kann keine Rede davon sein, dass das Abdecken eines Auges zur Vermeidung von störenden Blendeffekten oder anderen einseitigen Sehfähigkeitsbeeinträchtigungen im Zusammenhang mit Bildschirmarbeit heute als unzumutbare Massnahme zu bezeichnen sei und keine realistische Alternative im Vergleich zur Durchführung einer Staroperation darstelle. Denn die versicherte Person hat in der Regel nur Anspruch auf die dem jeweiligen Eingliederungszweck angemessenen, notwendigen Massnahmen, nicht aber auf die nach den gegebenen Umständen bestmöglichen Vorkehren, weil das Gesetz die Eingliederung lediglich so weit sicherstellen will, als diese im Einzelfall notwendig, aber auch genügend ist (BGE 124 V 110 Erw. 2a; AHI 2003 S. 213 Erw. 2.3, je mit Hinweisen). 3.3.4 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass die praxisgemäss entscheidenden Fragen (vgl. Erw. 3.3.1 und 3.3.2 hievor) aus fachärztlicher Sicht bisher nicht beantwortet wurden und das kantonale Gericht in Unkenntnis dieser grundlegenden medizinischen Beurteilung des konkreten Einzelfalles mit angefochtenem Entscheid zu Unrecht gestützt auf allgemeine ophtalmologische Erfahrungen stillschweigend davon ausging, der Versicherte sei zur Ausübung seiner Erwerbstätigkeit auf binokulares Sehen angewiesen. 3.4 Fehlt es an den erforderlichen Grundlagen zur Beantwortung der Frage nach der Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die konkret ausgeübte Tätigkeit des Versicherten (vgl. Erw. 3.2 hievor), sind der angefochtene Entscheid und die Verwaltungsverfügung aufzuheben. Die Sache ist an die IV-Stelle zurückzuweisen, damit diese bei den ergänzenden Abklärungen gemäss Erwägung Ziffer 3.3 vorgehen und anschliessend über das Leistungsgesuch betreffend die Mitte Oktober 2000 auch am rechten Auge durchgeführte Staroperation neu verfügen wird.