Citation: 5A_13/2024 E. 4.3.1

4.3.1. Die Beschwerdeführerinnen werfen dem Kantonsgericht vor, "ohne Not" in die Kompetenzen des Kreisgerichts einzugreifen. Als zweite Instanz sei das Kantonsgericht nicht für eine faktische Neubeurteilung zuständig, sondern dürfe nur prüfen, ob die erste Instanz ihren Ermessensspielraum überschreitet oder ob sich eine grundsätzliche Änderung der Gerichtspraxis aufdrängt. Im konkreten Fall sei weder die eine noch die andere Voraussetzung erfüllt. Die Beschwerdeführerinnen täuschen sich. Der Berufungsinstanz kommt eine uneingeschränkte Prüfungsbefugnis in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht zu (BGE 138 III 374 E. 4.3.1). Sie kann mit anderen Worten den gesamten Prozessstoff des erstinstanzlichen Verfahrens - sowohl die Rechtsanwendung als auch die Feststellung des Sachverhaltes - überprüfen (Art. 310 ZPO; Botschaft zur Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO] vom 28. Juni 2006, BBl 2006 7372). Zwar hat das Bundesgericht offengelassen, ob die Berufungsinstanz Bundesrecht verletzt, wenn sie trotz freier Prüfungsbefugnis ihr Ermessen nicht an die Stelle desjenigen der Erstinstanz setzt. Hingegen hat es stets klargestellt, dass es keinen bundesrechtlichen Grundsatz gibt, wonach die Berufungsinstanz "ohne Not" oder "ohne sachliche Gründe" nicht in das Ermessen der ersten Instanz eingreifen darf (Urteil 5A_1049/2019 vom 25. August 2021 E. 3 mit Hinweisen). Der Vorwurf, das Kantonsgericht greife bundesrechtswidrig in das Ermessen des Kreisgerichts ein, ist unbegründet.