Citation: 6B_207/2022 E. 1.5.2

1.5.2. Mit Bezug auf die familiäre Situation geht die Vorinstanz von einer sozialen Einbindung und Integration in der Schweiz aus. Sie stützt sich dabei insbesondere auf den Umstand, dass die engsten Bezugspersonen des Beschwerdegegners, seine Mutter und sein Bruder, in der Schweiz leben (angefochtenes Urteil S. 132). Zum geschützten Familienkreis i.S.v. Art. 8 EMRK gehört in erster Linie die Kernfamilie, d.h. die Gemeinschaft der Ehegatten mit ihren minderjährigen Kindern (vgl. E. 1.2.3 oben). In den Schutzbereich von Art. 8 EMRK fallen aber auch andere familiäre Verhältnisse, sofern eine genügend nahe, echte und tatsächlich gelebte Beziehung besteht (BGE 144 II 1 E. 6.1). Hinweise für solche Beziehungen sind das Zusammenleben in einem gemeinsamen Haushalt, eine finanzielle Abhängigkeit, speziell enge familiäre Bande, regelmässige Kontakte oder die Übernahme von Verantwortung für eine andere Person. Bei hinreichender Intensität sind auch Beziehungen zwischen nahen Verwandten wie Geschwistern oder Tanten und Nichten wesentlich, doch muss in diesem Fall zwischen der über ein gefestigtes Anwesenheitsrecht verfügenden Person und dem um die Bewilligung nachsuchenden Ausländer ein über die üblichen familiären Beziehungen bzw. emotionale Bindungen hinausgehendes, besonderes Abhängigkeitsverhältnis bestehen (vgl. dazu BGE 144 II 1 E. 6.1 mit diversen Hinweisen; vgl. Urteil 6B_255/2021 vom 3. Oktober 2022 E. 1.3.3 mit Hinweisen). Gemäss den verbindlichen Feststellungen der Vorinstanz hat der Beschwerdegegner weder eine Freundin noch Kinder in der Schweiz; damit verfügt er nicht über eine Kernfamilie im Sinne der Rechtsprechung. Wenn er dagegen vorbringt, es sei nichts Besonderes und vermöge eine fehlende Verwurzelung in der Schweiz mit Sicherheit nicht zu begründen, wenn er im Alter von 25 Jahren noch keine Familie oder eine Freundin habe, so geht dieser Einwand fehl. Mit Bezug auf die Mutter und den Bruder des Beschwerdegegners hält die Vorinstanz lediglich fest, er pflege zu ihnen regelmässigen Kontakt bzw. lebe teilweise auch bei ihnen. Inwieweit dadurch jedoch ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis begründet würde, ist weder dargelegt noch ersichtlich. Der Kontakt zu seinen in der Schweiz lebenden nahen Familienangehörigen kann im Rahmen von Kurzaufenthalten, Ferienbesuchen oder über die modernen Kommunikationsmittel vom Ausland her wahrgenommen werden (vgl. BGE 143 I 21 E. 5.3; vgl. auch Urteil 6B_255/2021 vom 3. Oktober 2022 E. 1.3.3 mit Hinweis). Die Vorinstanz erachtet die familiäre Situation des Beschwerdegegners nebst der Aufenthaltsdauer als zentrales Element für einen Härtefall; nach dem Ausgeführten ist ein solcher jedoch gestützt auf diese beiden Elemente nicht zu begründen. Auch die soziale Komponente begründet keinen Härtefall, führt doch selbst die Vorinstanz mit Bezug auf die weiteren sozialen Kontakte des Beschwerdegegners relativierend aus, diese würden sich bloss auf eine Handvoll Kollegen beschränken, die er bis auf eine Ausnahme nur mit Vornamen benennen könne. Mit der Beschwerdeführerin hat der Beschwerdegegner damit in den 13 Jahren in der Schweiz keine nennenswerten Kontakte zu Personen ausserhalb seiner Familie schaffen oder aufrechterhalten können. Daran vermag nichts zu ändern, dass der Beschwerdegegner gemäss den vorinstanzlichen Feststellungen hobbymässig Fussball spielt und dies auch schon in einem entsprechenden Verein getan habe; und der Beschwerdegegner kann auch nichts für sich ableiten, wenn er sich dabei auf die "zahlreichen Mittäter" bezieht und vorbringt, er kenne diese gut, sie würden nicht aus seinem Heimatland stammen und er sei dadurch sozial integriert. Gestützt auf die verbindlichen Sachverhaltsfeststellungen ist zwar mit der Vorinstanz von einer gewissen sozialen Einbindung in der Schweiz auszugehen, nicht jedoch von einer gelungenen sozialen Integration. Allfällige (fehlende) Vorstrafen bzw. das Verhalten des Beschwerdegegners nach der Tat sind nicht bei der Härtefallprüfung, sondern erst bei einer allfälligen Interessenabwägung zu berücksichtigen.