Citation: U 135/05 07.07.2005 E. 5

5.1 Der vom kantonalen Gericht beauftragte Gutachter hat gestützt auf die ihm zur Verfügung gestellten Vorakten, die Anamnese und die klinischen sowie röntgenologischen Befunde die medizinische Sachlage dahingehend beurteilt, dass durch das Aufschlagen auf dem Rasenboden beim Unfall vom 27. August 2001 die vorbestandenen Veränderungen an der Wirbelsäule des Versicherten symptomatisch geworden seien, weshalb die akzentuierte Beschwerdesymptomatik in allen drei Wirbelsäulenabschnitten unmittelbar nach dem Unfall verständlich sei. Hingegen seien die Gründe für eine massgebliche Verschlimmerung der vertebragenen Beschwerden mit persistierenden Symptomen "bis heute" schwierig zu objektivieren und zu erklären. In Übereinstimmung mit dieser medizinischen Beurteilung hat der Gutachter zur Frage nach dem natürlichen Kausalzusammenhang der Befunde zum Unfall vom 27. August 2001 ausgeführt, es gebe weder einleuchtende Argumente noch körperliche Befunde noch radiologisch fassbare Zeichen dafür, dass die "zur Zeit noch fassbaren Befunde" überwiegend wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Sturz vom Dach stünden. Diese, die natürliche Unfallkausalität der vom Beschwerdeführer im Sommer 2004 weiterhin beklagten Lumbalgien und Zervikalgien verneinende Antwort kann im Kontext ohne weiteres nachvollzogen werden und korreliert mit der gutachterlichen Beurteilung der medizinischen Situation. 5.2 Mangels entsprechender Fragestellung fehlt zwar eine explizite Stellungnahme des Gutachters zur Unfallkausalität für den relevanten Zeitpunkt vom 21. Januar 2002, ab welchem die SUVA die streitige Leistungseinstellung verfügt hat. Für den Zeitpunkt des Dahinfallens sämtlicher Unfallfolgen relevante Äusserungen machte der Gutachter jedoch inbesondere bei der Beantwortung der beiden Expertenfragen zum status quo sine vel ante. Danach sollte der Zustand vor dem 27. August 2001 (status quo ante) spätestens Ende 2004 erreicht werden. Der status quo sine "mit Bezug auf den Sturz vom 27. August 2001" sei Ende 2002 erreicht worden. Gleichzeitig führte der Gutachter zur Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers aus, diese dürfte im angestammten Beruf und im Zeitpunkt der streitigen Leistungseinstellung (21. Januar 2002) 50 % betragen haben. Im Ergänzungsgutachten vom 2. November 2004 präzisierte er, dass "die unfallbedingte 50%ige Arbeitsunfähigkeit als Dachdecker nach dem 21. Januar 2002 ... mind. bis zum 12. Februar 2004 Gültigkeit" habe. 5.3 Zwar erscheinen die beiden Aussagen zum status quo sine vel ante auf den ersten Blick widersprüchlich, ist es doch sachlogisch unmöglich, dass beim Beschwerdeführer bis Ende 2004 der status quo ante wieder erreicht worden ist, während vom status quo sine bereits Ende 2002 gesprochen wird. Jedoch ist zu berücksichtigen - wie bereits die Vorinstanz zutreffend erwogen hat -, dass der Gutachter seine Ausführungen zum status quo ante nur mit Bezug auf die subjektiven Aussagen des Versicherten machte, nach welchen der frühere Zustand noch nicht erreicht sei. Der status quo ante ist gar nicht entscheidend, weil die subjektiven Aussagen des Versicherten nicht mit den objektiven Befunden des Gutachters korrelieren und daher gar nicht berücksichtigt werden können. Es kann daraus nichts zu Gunsten des Versicherten abgeleitet werden, wenngleich der Gutachter bei der Beantwortung dieser Frage auf die Unmassgeblichkeit des status quo ante hätte hinweisen sollen. 5.4 Indessen erweisen sich Gutachten und Ergänzungsgutachten aus einem anderen Grund als nicht schlüssig und damit nicht als taugliche Entscheidgrundlagen: Die vom Gutachter vorgenommene Arbeitsfähigkeitsbeurteilung korreliert nicht mit seiner Einschätzung der medizinischen Situation und kann nicht nachvollzogen werden. Die zeitliche Diskrepanz zwischen dem Erreichen des status quo sine (Ende 2002) und einer unfallbedingt nicht mehr eingeschränkten Arbeitsfähigkeit im Februar 2004 ist nicht erklärbar. Denn wäre der status quo sine tatsächlich bereits Ende 2002 eingetreten, konnte danach auch keine unfallbedingte Arbeitsfähigkeit von 50 % noch während mehr als einem Jahr gegeben sein. Zwar könnte man sich auf den Standpunkt stellen, der Gutachter sei bei seiner Aussage im Ergänzungsgutachten einer "unfallbedingten Arbeitsfähigkeit von 50 % bis mindestens 12. Februar 2004" im Gegensatz zur Fragestellung von allen bisherigen Unfällen ausgegangen, führte er doch einleitend zur Arbeitsfähigkeit nach dem 21. Januar 2002 ausdrücklich an, bei der jetzigen Beurteilung bezüglich Belastungstoleranz im angestammten Beruf als Dachdecker würden nicht nur die möglichen Folgen des Sturzes vom 27. August 2001 berücksichtigt, sondern auch Folgeerscheinungen der früheren Traumatisierungen des Bewegungsapparates, wobei auch der sogenannte Vorzustand (vorbestehende degenerative Veränderungen, Status nach Morbus Scheuermann als Krankheitspotential) mitberücksichtigt werden müsste. Diesfalls wäre wiederum nicht nachvollziehbar, inwiefern diese weitere Arbeitsunfähigkeit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf einen früheren Unfall (was im Rahmen eines Rückfalls bzw. Spätfolgen zu prüfen wäre) oder auf vom Gutachter ebenfalls aufgeführte, vorbestehende degenerative Veränderungen zurückzuführen wäre. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beantwortung der Expertenfragen durch den vorinstanzlichen Gerichtsgutachter anhand der von ihm vorgenommenen Beurteilung der medizinischen Sachlage nicht nachvollzogen werden kann und seine Schlussfolgerungen mit Bezug auf den status quo sine und den Zeitpunkt der unfallbedingt nicht mehr eingeschränkten Arbeitsfähigkeit unlösbare Widersprüche beinhalten. Dem von der Vorinstanz eingeholten Gerichtsgutachten kann daher für die Beurteilung der ausschlaggebenden Frage nach dem Zeitpunkt des Dahinfallens des natürlichen Kausalzusammenhanges zwischen dem Unfallereignis vom 27. August 2001 und den Gesundheitsstörungen des Beschwerdeführers im Bereich der Wirbelsäule sowie der daraus resultierenden Behandlungsbedürftigkeit und Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit im angestammten Beruf keinerlei Beweiskraft beigemessen werden. Da sich die entscheidwesentliche Kausalitätsfrage auch anhand der übrigen medizinischen Unterlagen nicht schlüssig beantworten lässt und sich überdies mit Bezug auf die vier früheren Unfälle vom 6. Januar 1997, 17. November 1998, 3. März 1999 und 30. Juni 2001 die Frage stellt, ob diesbezügliche Spätfolgen oder ein damit zusammenhängender Rückfall von mitursächlicher Bedeutung sind, fehlt es an der Spruchreife der Streitsache. Es bedarf deshalb ergänzender Abklärung des entscheidwesentlichen Sachverhaltes.