Citation: U 254/04 29.03.2006 E. 2

Streitig ist die für den Anspruch auf Taggeld massgebende Arbeitsunfähigkeit. 2.1 Im Gutachten der Rehaklinik X.________ vom 23. April 1998 werden als Diagnosen eine HWS-Distorsion Grad II (gemäss Quebec-Klassifikation), eine BWS- und LWS-Kontusion sowie eine leichte traumatische Hirnverletzung angegeben. Als Folgen dieser Verletzungen werden ein zerviko-zephaler Symptomenkomplex mit chronisch intermittierenden zervikogenen Kopfschmerzen, Visusstörungen, vegetativen Symptomen und Schwindelbeschwerden, ein thorakales und lumbovertebrales Syndrom bei Fehlhaltung und muskulärer Dysbalance, neuropsychologische Funktionsstörungen und eine posttraumatische Anpassungsstörung genannt. Zur Arbeitsfähigkeit wird ausgeführt, aufgrund der multiplen Beschwerden sei der Versicherte in seinen beruflichen und Alltagsaktivitäten vermindert leistungsfähig. Es empfehle sich eine berufliche Reintegration vorerst mit 25 % in einer angepassten Tätigkeit mit der Möglichkeit einer weiteren Steigerung bis vorerst 50 %. Der Neurologe Dr. med. M.________, welcher am 16. Februar 1998 eine HWS-Abknickverletzung sowie eine milde traumatische Hirnverletzung diagnostiziert hatte, teilte der SUVA am 8. September 1998 mit, der Versicherte leide weiterhin an einem zumindest mittelstark ausgeprägten Zervikalsyndrom sowie unter glaubhaften kognitiven Störungen. Für sämtliche in Betracht fallenden Tätigkeiten sei von einer vollen Arbeitsunfähigkeit auszugehen. Im Austrittsbericht der Rehaklinik Y.________ vom 16. Dezember 1998 lautet die Diagnose auf: "1) Tendomyotische Schmerzen zervikal und zerviko-thorakal linksbetont mit mittelgradiger schmerzbedingter Beweglichkeitseinschränkung der HWS vor allem in Rechtsrotation, bei ordentlicher Belastbarkeit und guter Beweglichkeit des Schultergürtels, belastungsabhängigem Schwindel, Cephalea linksbetont über okzipital bis frontal ausstrahlend, leichten vegetativen Beschwerden und neuropsychologisch leichter bis mittelschwerer Störung multikausaler Genese; 2) Tendomyotische Schmerzen lumbal links mit endgradig schmerzbedingter Beweglichkeitseinschränkung der LWS vorwiegend bei Rotation und Reklination, ohne radikuläre Zeichen, und 3) Anpassungsstörung mit gemischter Störung von Gefühlen und Sozialverhalten". Die untersuchenden Ärzte Dr. med. Rauch und Dr. med. O.________ erachteten den Versicherten als arbeitsfähig "im Rahmen des Zumutbaren". Als ganztags zumutbar wurden leichte wechselbelastende Tätigkeiten in der Industrie mit einer Gewichtslimite für repetitives Heben und Tragen von 5 bis 10 kg bezeichnet. Erschwert seien Arbeiten deutlich über Kopfhöhe und das Einnehmen von Zwangspositionen wie Knien und Kauern. Demgegenüber hielt Dr. med. M.________ daran fest, der Versicherte sei für jede ihm aufgrund seines Bildungsniveaus und der Sprachkenntnisse mögliche Tätigkeit voll arbeitsunfähig. Zum gleichen Schluss gelangte der von Dr. med. M.________ mit einer Abklärung insbesondere der Schwindelbeschwerden beauftragte Dr. med. A.________, welcher im Bericht vom 10. November 1999 feststellte, der Versicherte leide als Folge des Unfalls vom 2. Juni 1997 an einem posttraumatischen zerviko-enzephalen Syndrom bei HWS-Distorsion und milder traumatischer Hirnverletzung, an (Status nach) Commotio labyrinthi mit geringgradiger sensori-neuraler Schwerhörigkeit und C5-Senke links sowie an einer multimodalen Gleichgewichtsstörung mit peripher-zentraler vestibulärer, visuo-okulomotorischer und zerviko-propriozeptiver Funktionsstörung. Aufgrund dieser in einem natürlichen Kausalzusammenhang mit dem Unfall stehenden Befunde müsse im jetzigen Zeitpunkt von einer Arbeitsunfähigkeit von 100 % ausgegangen werden. In dem von der SUVA eingeholten Gutachten der MEDAS vom 26. September 2001 werden als Diagnosen genannt ein Zustand nach HWS-Distorsionstrauma mit diskreten neuropsychologischen Hirnleistungseinbussen, Verdacht auf sensori-neurale Schwerhörigkeit links, Spannungskopfschmerzen, tendomyopathische Beschwerden im Schultergürtel- und Rückenbereich linksbetont, ohne eigentliches Zervikalsyndrom und ohne radikuläre Reiz- oder Ausfallsymptomatik, Empfindungsstörung der gesamten linken Körperhälfte ohne organisch-neurologisches Korrelat, schmerzhafte Funktionsstörung der HWS bezüglich Rotation und Seitwärtsneigen, schmerzhafte Funktionsstörung der LWS, leichte depressive Episode (ICD-10 F32.0), zentral kompensierte peripher vestibuläre Unterfunktion rechts und pathologische Gleichgewichtskontrolle. Mit Ausnahme der LWS-Funktionsstörung wird die Unfallkausalität der bestehenden Beschwerden bejaht. Zur Arbeitsfähigkeit wird ausgeführt, der Versicherte sei für eine körperlich leichte Arbeit (ohne Zwangshaltung, häufiges Bücken, langdauernde repetitive Tätigkeiten und das Tragen und Heben schwerer Lasten) zu 75 % arbeitsfähig. Gestützt hierauf hat die SUVA mit Verfügung vom 13. September 2002 und Einspracheentscheid vom 14. Februar 2003 das Taggeld von bisher 100 % mit Wirkung ab 1. Oktober 2002 auf 50 % herabgesetzt mit der Feststellung, dem Versicherten sei auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt eine körperlich leichte Arbeit zumindest halbtags zumutbar. In dem von der IV in Auftrag gegebenen Gutachten des ABI schliesslich werden folgende Diagnosen erhoben: "1) Auffahrunfall vom 2.6.97 mit HWS-Distorsion (ICD-10 S13.4) und milder traumatischer Hirnverletzung (ICD-10 S06.2), linksbetontes, mässig ausgeprägtes Zervikalsyndrom (ICD-10 M53.0) mit schmerzhafter Funktionseinschränkung, leichtes bis mässiges, linksbetontes Thorakovertebralsyndrom bei Status nach BWS-Kontusion (ICD-10 M54.6), Lumbovertebralsyndrom mit fraglichen linksseitigen radikulären Reizerscheinungen bei Status nach LWS-Distorsion (ICD-10 M54.4), multimodale Gleichgewichtsstörungen, leichte kognitive Störung (ICD-10 F06.7), 2) organische, emotional labile (asthenische) Störung (ICD-10 F06.6), 3) mittelgradige Depression (ICD-10 F32.1)". Zur Arbeitsfähigkeit wird ausgeführt, aus somatisch-neurologischer Sicht und unter Einbezug der neuropsychologischen Störungen sei der Versicherte deutlich eingeschränkt. In Betracht fielen nurmehr leichte, gut adaptierte Tätigkeiten ohne Heben, Stossen und Ziehen von Lasten über 5 kg, ohne Überkopftätigkeiten, Belastung der Oberarmmuskulatur und ohne Zwangshaltung, jedoch mit der Möglichkeit, die Position häufig zu wechseln und vermehrt Pausen einzulegen. Eine entsprechende Tätigkeit sei zu maximal 50 % zumutbar. Wegen der kognitiven Störungen, der verminderten emotionalen Belastbarkeit und der seit Jahren bestehenden depressiven Entwicklung bestehe aus psychiatrischer Sicht eine Einschränkung von ebenfalls 50 %. Die psychiatrisch festgestellte Arbeitsunfähigkeit sei bezüglich der kognitiven Beeinträchtigungen in der neurologisch-neuropsychologischen Beurteilung berücksichtigt, gehe aufgrund der Depression jedoch darüber hinaus. Es folge daraus, dass dem Versicherten eine angepasste leichte Tätigkeit medizinisch-theoretisch lediglich noch zu 30 % zumutbar sei. Die Vorinstanz ist dieser Beurteilung gefolgt und zum Schluss gelangt, die verfügte Herabsetzung des Taggeldes von 100 % auf 50 % sei zu Unrecht erfolgt und es stehe dem Versicherten weiterhin das ganze Taggeld zu. Die SUVA wendet hiegegen im Wesentlichen ein, das kantonale Gericht lasse unberücksichtigt, dass in einem Schreiben des ABI an die SUVA vom 12. September 2003 die unfallkausale Arbeitsunfähigkeit mit 50 % angegeben worden sei. Zudem werde nicht begründet, weshalb auf das Gutachten des ABI und nicht auf die interdisziplinäre Expertise der MEDAS abzustellen sei. Schliesslich habe die Vorinstanz ein volles Taggeld zugesprochen und gehe damit von einer Arbeitsunfähigkeit von 100 % aus, was nicht nachvollziehbar sei und sich mit den vorhandenen medizinischen Unterlagen nicht begründen lasse. 2.2 Anspruch auf das ganze Taggeld bestünde nur, wenn anzunehmen wäre, dass die im Gutachten des ABI bestätigte Restarbeitsfähigkeit von 25 % wirtschaftlich nicht mehr verwertbar ist, was unter Berücksichtigung des gesamten in Betracht fallenden Arbeitsmarktes zu beurteilen ist (BGE 115 V 133; RKUV 1987 Nr. U 27 S. 394; vgl. auch Maurer, Unfallversicherungsrecht, S. 336 mit Hinweis auf BGE 101 V 145 f.). Etwas anderes gälte lediglich dann, wenn der Beschwerdegegner als arbeitslos zu betrachten wäre (Art. 5 Abs. 4 der Verordnung über die Unfallversicherung von arbeitslosen Personen vom 14. Januar 1996 [SR 837.171]). Davon geht indessen auch die Vorinstanz nicht aus. Dazu kommt, dass laut Schreiben des ABI an die SUVA vom 12. September 2003 die angegebene Arbeitsunfähigkeit von 75 % unfallfremde Faktoren einschliesst und die unfallkausale Beeinträchtigung auf 50 % geschätzt wird, was damit begründet wird, dass die psychischen Beeinträchtigungen nur teilweise unfallbedingt seien. Das kantonale Gericht hat sich damit nicht auseinandergesetzt und führt lediglich aus, die Frage der Adäquanz von psychischen Unfallfolgen sei eine Rechtsfrage, welche nicht durch die ärztlichen Gutachter zu entscheiden sei, sondern nach den von der Rechtsprechung entwickelten Grundsätzen zu erfolgen habe. Weil die SUVA bisher keine Adäquanzprüfung vorgenommen habe und Taggelder in der Regel auf der Basis einer die psychische Beeinträchtigung mit umfassenden Arbeitsunfähigkeit geleistet würden, bestehe auch unter diesem Aspekt kein Grund für die vorgenommene Leistungskürzung. Die SUVA hält dem zu Recht entgegen, dass die gutachterliche Stellungnahme die natürliche Kausalität und nicht die Adäquanz zum Gegenstand hat, weshalb sie für die Festsetzung des Taggeldes durchaus von Belang ist. Allerdings wird in der Stellungnahme des ABI vom 12. September 2003 nicht eindeutig begründet, weshalb sich die unfallkausale Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit lediglich auf 50 % beläuft. In der psychiatrischen Beurteilung wird die Arbeitsunfähigkeit auf 50 % geschätzt, wobei die Beeinträchtigung auf leichte kognitive Störungen (ICD-10 F06.07), eine organische, emotional labile (asthenische) Störung (ICD-10 F06.6) sowie eine mittelgradige Depression (ICD-10 F32.1) zurückgeführt wird. Laut Gutachten handelt es sich dabei durchwegs um Unfallfolgen. Es leuchtet daher nicht ohne Weiteres ein, weshalb die unfallkausale Arbeitsunfähigkeit mit 50 % angegeben wird bei einer Arbeitsfähigkeit aus somatisch-neurologischer Sicht von 50 %. Dies auch unter Berücksichtigung des Umstandes nicht, dass sich die Einschränkungen aus neurologischer und psychiatrischer Sicht teilweise überschneiden und im Rahmen der psychiatrischen Beurteilung auch die kognitiven Störungen berücksichtigt wurden. Es kann daher nicht entscheidend auf das Gutachten des ABI abgestellt werden. Vielmehr ist in Würdigung der gesamten Akten zu beurteilen, ob dem Entscheid der SUVA auf Herabsetzung des Taggeldes auf 50 % gefolgt werden kann.