Citation: U 295/01 24.12.2002 E. 5

5.1 Schon im vorinstanzlichen Verfahren hat die Winterthur den Antrag gestellt, die Beschwerde der Versicherten sei in Form einer reformatio in peius zu erledigen, also durch Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheides, welcher Teilleistungen gewährt. Dies hat das kantonale Gericht abgelehnt. Hiegegen und gegen die weitere Übernahme der Kiefer- und Zahnbehandlung und Abklärung allfälliger psychischer Folgen der chiropraktorischen Behandlung vom 1. Oktober 1986 richtet sich die Verwaltungsgerichtsbeschwerde der Winterthur. 5.2 Mit unangefochten gebliebenem Entscheid vom 10. August 1999 hatte das Versicherungsgericht des Kantons Aargau den natürlichen und adäquaten Kausalzusammenhang zwischen dem als Unfall qualifizierten Ereignis anlässlich der chiropraktorischen Therapiesitzung vom 1. Oktober 1986 und den Kieferbeschwerden bejaht. Es stellt sich die Frage, ob diese Feststellung formell und materiell rechtskräftig geworden ist und daher einer Überprüfung im erneuten Beschwerdeverfahren, welche zum Entscheid vom 15. August 2001 geführt hat und gegen welchen sich die Verwaltungsgerichtsbeschwerde der Winterthur richtet, entzogen ist. Nach der in BGE 125 V 413 präzisierten Rechtsprechung zum Streitgegenstand kann nicht über ein Element (hier der natürliche und adäquate Kausalzusammenhang) des Streitgegenstandes (hier die oben unter Ziffer 3 erwähnten Leistungsarten) formell rechtskräftig entschieden werden, solange nicht die Leistungsberechtigung als solche definitiv beurteilt ist (vgl. Meyer-Blaser, Der Streitgegenstand im Streit - Erläuterungen zu BGE 125 V 413, in: Aktuelle Rechtsfragen der Sozialversicherungspraxis, St. Gallen 2001, S. 31 f. N 52 f.). Die Frage kann jedoch offen gelassen werden. Denn das Gutachten des Prof. Dr. M.________, Zentrum für Zahnmedizin W.________, Klinik für Prothetik und Kaufunktionslehre, vom 9. Januar 1998 an das Bezirksgericht Zürich, auf welches sich die Winterthur beruft, gibt weder zu einer abweichenden Beurteilung des natürlichen und/oder adäquaten Kausalzusammenhanges Anlass, noch kann diese Expertise als prozessual revisionsbegründendes neues Beweismittel (Art. 108 Abs. 1 lit. i UVG) betrachtet werden: Wenn Prof. M.________ im Gegensatz zu den Vorgutachtern vorwiegend muskuläre Probleme für den Zustand im Kieferbereich, welcher sich auf die Zahnverhältnisse auswirkt, verantwortlich macht, so spricht dies nicht in hinreichend zuverlässiger Weise gegen einen natürlichen Kausalzusammenhang zwischen der chiropraktorischen Manipulation und der seitherigen Entwicklung. Zwar steht bezüglich dessen, welche Behandlungsmethode am 1. Oktober 1986 angewendet wurde, letztlich Aussage (der Versicherten) gegen Aussage (des Dr. A.________). Wenn aber mit dem kantonalen Gericht der Darstellung der Versicherten der Vorzug gegeben wird, dann deshalb, weil im Anschluss an die chiropraktorische Sitzung eine Zahnfraktur dokumentiert worden ist, welche nach Auffassung der Vorgutachter doch eine erhebliche Krafteinwirkung voraussetzt. Schliesslich kann das Gutachten des Prof. M.________ insbesondere deswegen nicht zu einer abweichenden Beurteilung führen oder eine prozessual revisionsbegründende neue Tatsache aufzeigen, weil der Experte eine Antwort auf die ihm gestellte Zusammenhangsfrage nur als spekulativ bezeichnet und einräumen muss, dass er mit den potenziellen Auswirkungen von solchen Manipulationen nicht vertraut sei. Damit hat es beim vorinstanzlich festgestellten natürlichen (und auch adäquaten) Kausalzusammenhang sein Bewenden. 5.3 Dass eine weitere Kiefer- und Zahnbehandlung zu keiner namhaften oder wesentlichen Besserung des Gesundheitszustandes führen würde (Art. 19, Art. 21 Abs. 1 lit. d UVG), wie die Winterthur unter Berufung auf angebliche Fruchtlosigkeit der bisherigen Behandlungen einwendet, kann nach Lage der verfügbaren Akten mit der Vorinstanz ebenfalls nicht gesagt werden. Die zahnärztlichen Berichte und die Aussagen des vom kantonalen Gericht als sachverständigen Zeugen einvernommenen behandelnden Zahnarztes Dr. med. dent. N.________, lassen vielmehr die begründete Erwartung zu, dass sich die Kiefer- und Zahnverhältnisse sanieren lassen. Sollte sich in Zukunft die Therapieresistenz der Beschwerden ergeben, hat die Winterthur dannzumal erneut die Möglichkeit, den Fall abzuschliessen. 5.4 Ebenso unbegründet ist die Verwaltungsgerichtsbeschwerde der Winterthur, wenn sie die vorinstanzlich angeordnete Abklärung der psychischen Entwicklung im Anschluss an den versicherten Unfall vom 1. Oktober 1986 angreift. Aus den Akten geht hervor, dass die Versicherte am unbefriedigenden Zustand des Kiefer- und Zahnbereichs schwer leidet und zahnmedizinisch nachvollziehbare Beschwerden aufweist, weshalb nicht von vornherein ausgeschlossen werden kann, dass eine allfällige psychische Fehlentwicklung - wofür sich in den Akten Anhaltspunkte finden - in einem rechtserheblichen Zusammenhang zur fehlgeschlagenen chiropraktorischen Behandlung stehen.