Citation: U 347/02 28.12.2004 E. 3.3

3.3.1 Nach der zitierten Rechtsprechung (BGE 127 V 103 Erw. 5b/bb mit Hinweis auf BGE 123 V 99 Erw. 2a) hat die Adäquanzprüfung auch dann unter dem Gesichtspunkt einer psychischen Fehlentwicklung nach Unfall (BGE 115 V 133) zu erfolgen, wenn die zum typischen Beschwerdebild nach einem Schleudertrauma der HWS (oder einer gleichgestellten Verletzung) gehörenden Beeinträchtigungen zwar teilweise gegeben sind, im Vergleich zu einer ausgeprägten psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund treten. Dieser Rechtsprechung liegt der Sachverhalt zu Grunde, dass sehr bald nach dem Unfall, gleichsam an diesen anschliessend, die psychische Problematik derart überwiegt, dass die mit dem Schleudertrauma (oder einer äquivalenten Verletzung oder einem Schädel-Hirntrauma) einhergehenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen ("buntes" Beschwerdebild) völlig in den Hintergrund treten. Soll die Rechtsprechung gemäss BGE 123 V 99 Erw. 2a in einem späteren Zeitpunkt angewendet werden, muss geprüft werden, ob im Verlaufe der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt die physischen Beschwerden gesamthaft nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben und damit ganz in den Hintergrund getreten sind. Wenn dies zutrifft, ist die Adäquanz nach der Rechtsprechung zu den psychischen Unfallfolgen (BGE 115 V 133) zu beurteilen (RKUV 2002 Nr. U 465 S. 439 Erw. 3b). 3.3.2 Bei der Beurteilung des Verhältnisses zwischen physischen (bzw. dem "bunten" Beschwerdebild zuzurechnenden) und psychischen Anteilen kommt den medizinischen Feststellungen naturgemäss eine erhebliche Bedeutung zu. Diesbezüglich ist insbesondere auf das Gutachten des ZMB vom 29. Mai 2000 abzustellen, welches den von der Rechtsprechung entwickelten Anforderungen an eine beweiskräftige medizinische Stellungnahme (BGE 125 V 352 Erw. 3a) gerecht wird. Die begutachtenden Ärzte diagnostizieren Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Tinnitus und unsystematischen Schwindel in der Folge von druckartigen Kopfschmerzen im Rahmen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sowie dissoziativer Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen. Die Beschwerden seien als funktionelle Manifestationen einer psychogenen Unfallfehlverarbeitung zu verstehen und stünden insofern mit überwiegender Wahrscheinlichkeit in einem natürlichen Kausalzusammenhang zum Unfall vom 16. April 1997. Letzteres gelte auch für die dadurch verursachte Arbeitsunfähigkeit von 50 %. Erläuternd führen die Gutachter aus, der Versicherte habe bereits vor dem Unfall eine psychische Problematik aufgewiesen, die jedoch durch übermässigen Arbeitseinsatz habe kompensiert werden können. Dieser neurotische Kompensationsmechanismus eigener Selbstunsicherheit sei durch den Unfall und die unmittelbar danach aufgetretenen Symptome zum Erliegen gekommen. Im weiteren Verlauf habe eine psychogene Unfallfehlverarbeitung stattgefunden, welche auf die vorbestehende narzisstische Persönlichkeitsstörung zurückgehe und für die fortdauernden Beschwerden verantwortlich sei. Gestützt auf diese interdisziplinär abgestützte fachärztliche Beurteilung ist davon auszugehen, dass physische Beschwerden (im Rahmen des "typischen" Beschwerdebildes) zwar anfänglich gegeben waren, jedoch im Verlauf der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt gesamthaft nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben und damit gegenüber der auf der vorbestehenden psychischen Problematik beruhenden Unfallfehlverarbeitung ganz in den Hintergrund getreten sind. Die Adäquanz des Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfall und den über den 20. November 1998 hinaus fortbestehenden Beschwerden ist daher nach der Praxis zu den psychischen Unfallfolgen (BGE 115 V 133) zu beurteilen.