Citation: 2C_648/2023 E. 4.5

4.5. Besteht vor dem Nachzug des Ehegatten ein geringes Manko, wird rechtsprechungsgemäss davon ausgegangen, dass der gesunde, nachzuziehende Ehegatte in der Lage sein wird, dieses Manko zu decken (vgl. dazu E. 4.2 oben). Allerdings präsentiert sich die Ausgangslage vorliegend anders. Auch wenn der Beschwerdeführer nachgezogen wird und das voraussichtliche Einkommen gemäss Arbeitsvertrag realisieren kann, besteht nach wie vor ein Manko. Ob die von den Beschwerdeführern in diesem Zusammenhang veranschlagten Trinkgelder von immerhin Fr. 660.-- tatsächlich realisiert werden können, ist unsicher und würde davon abhängen, ob der Beschwerdeführer (als Coiffeur) bei den Kunden Anklang findet und sich etabliert. Dass diese im Vergleich doch beträchtlichen Zusatzeinnahmen gesichert sind, ist eher unwahrscheinlich, weshalb sie vorliegend ausser Betracht fallen. Im Weiteren stellt sich die Frage, ob ein zusätzliches Einkommen der Beschwerdeführerin zu berücksichtigen ist. Die Beschwerdeführerin bezieht mit ihrer Familie seit 15 Jahren Sozialhilfe in erheblichem Ausmass, welche mittlerweile den Betrag von 1 Mio. Franken überschritten hat (vgl. Bst. A.b oben). Dass sie in dieser Zeit erwerbstätig war, wurde vorinstanzlich in tatsächlicher Hinsicht nicht festgestellt. Auch nachdem ihre dritte Tochter dreijährig war (2015, vgl. Bst. A.a oben) und rechtsprechungsgemäss die Aufnahme einer zumindest teilzeitlichen Erwerbstätigkeit für alleinerziehende Mütter zumutbar war (vgl. dazu Urteile 2C_891/2021 vom 6. Dezember 2022 E. 4.3.2; 2C_965/2021 vom 5. April 2022 E. 3.4; 2C_1228/2012 vom 20. Juni 2013 E. 5.4), hat die Beschwerdeführerin keine Erwerbstätigkeit aufgenommen. Aufgrund der bisherigen und aktuellen Verhältnisse ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin sich in der Sozialhilfe "eingerichtet" hat und weder willens noch in der Lage ist, ein weiteres, wenn auch nur teilzeitliches Erwerbseinkommen zu erzielen. Aufgrund des trotz Nachzug des Beschwerdeführers bestehenden Mankos besteht damit die konkrete Gefahr, dass sich auch bei einem Nachzug des Beschwerdeführers die Sozialhilfeabhängigkeit der Familie weiter fortsetzt. Es ist mithin bezüglich der künftigen, finanziellen Entwicklung der Familie auch bei Nachzug des Beschwerdeführers eine negative Prognose zu stellen. Die Bedingung der Sozialhilfeunabhängigkeit gemäss Art. 43 Abs. 1 lit. c AIG ist demnach nicht erfüllt, weshalb die Voraussetzungen für den Nachzug des Beschwerdeführers gemäss Art. 43 Abs. 1 AIG nicht gegeben sind.