Citation: U 210/02 14.04.2003 E. 4

Von der ELVIA war am 10. Juni 1999 bei Dr. med. S.________, Orthopädische Chirurgie FMH, ein Gutachten eingeholt worden. Dieser gelangt mit der von ihm angenommenen Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in seinem bisherigen Beruf eines Herrenschneiders von mindestens 50 %, bei geeigneter Arbeitsorganisation sogar von 100 %, zu einem diametral anderen Schluss als der Bericht der neurologischen Polyklinik des Spitals Z.________ vom 28. Januar 2000. Da das Gutachten von Dr. med. S.________ am 10. Juni 1999 abgeliefert wurde, liegt keine allzu grosse Zeitspanne zwischen den beiden Befunden, so dass nicht angenommen werden kann, der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers habe sich im zweiten Halbjahr 1999 derart verschlechtert. Zwar wird im Bericht der neurologischen Polyklinik an die IV-Stelle angeführt, dass auf längere Sicht höchstens eine 50%ige Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers als Schneider möglich sei, wobei dies nur unter der Bedingung gelte, dass eine Verbesserung des schweren zerviko-cephalen Schmerzsyndroms erreicht werden könne. Diese ärztliche Beurteilung durch die neurologische Polyklinik bildete dann offensichtlich auch Grundlage für den Entscheid der Invalidenversicherung, dem Beschwerdeführer eine ganze Rente ab 1. Oktober 1998 zuzusprechen. Bei einer solchen Sachlage müssen aber gewichtige Gründe vorhanden sein, die es erlauben würden, einzig auf das von der ELVIA eingeholte Gutachten abzustellen und die übrigen ärztlichen Befunde, die insbesondere auch von der Invalidenversicherung eingeholt wurden, unberücksichtigt zu lassen. Solche Gründe lassen sich jedoch zumindest anhand der vorhandenen Akten nicht erkennen. Vielmehr vermag das von Dr. S.________ erstellte Gutachten, auf das die Vorinstanz massgebend abstellte, in verschiedener Hinsicht nicht zu überzeugen. 4.1 In der Anamnese wird von Dr. med. S.________ angeführt, dass eine im Jahre 1989 erlittene Verletzung folgenlos ausgeheilt sei. Diese Feststellung ist aktenwidrig, hat doch gerade gestützt auf diese Verletzung mit Verfügung vom 4. Juni 1993 die Ausrichtung einer 15%ige Rente stattgefunden. Es kann nicht festgestellt werden, ob dieses Versäumnis auf mangelnde Abklärungen von Dr. S.________, der gemäss seinen eigenen Angaben sehr gut italienisch sprechen soll, oder auf das unvollständige Zurverfügungstellen der Akten durch die ELVIA an Dr. S.________ zurückzuführen ist. Letzteres ist aber wohl eher zu vermuten, da die ELVIA schon bei einer früheren Begutachtung des Beschwerdeführers in anderem Zusammenhang durch das IMB Zürich den entsprechenden Rentenentscheid jenem Gutachter nicht zugänglich machte. Auf jeden Fall muss festgehalten werden, dass das Gutachten nicht in umfassender Kenntnis der Akten erstellt wurde. 4.2 Dr. S.________ führt an, dass der Grund, warum die AC-Luxation nicht operiert worden sei, in der Person des Beschwerdeführers und nicht in der Art der Verletzung gelegen habe. Belegt wird diese Behauptung aber nicht. So meinte Prof. Dr. med. G.________ am 6. April 1998, zuerst müssten weitere Abklärungen stattfinden, bevor ein operatives Vorgehen überhaupt zu überlegen sei. Von Dr. Y._________, Vertrauensarzt der ELVIA, wird zwar am 15. Juni 1998 erwähnt, dass es nicht um die Zumutbarkeit eines Eingriffes, sondern um die postoperativ zu erwartende Fehlverarbeitung gehe. Jedoch wurde von keinem der den Beschwerdeführer behandelnden Ärzte unter Einschluss von Dr. Y._________ als Vertrauensarzt der ELVIA klar eine operative Behandlung als angezeigt erachtet, diese aber deswegen nicht ausgeführt, weil die Person des Beschwerdeführers dies nicht erlaube. Trotzdem führt Dr. S.________ an, dass das Hauptrisiko im Zusammenhang mit einer in Fällen einer AC-Luxation oft vorgeschlagenen Operation "anscheinend von den behandelnden und beurteilenden Ärzten in erster Linie in der Persönlichkeit eines dauernd übertrieben jammernden Patienten gesehen werde, bei welchem ein befriedigendes Operationsresultat zum Vornherein nicht mit ausreichender Sicherheit zu erwarten gewesen sei". Diese Aussage lässt sich aber aktenmässig nicht belegen. Die den Beschwerdeführer in seiner Persönlichkeit abwertende Beurteilung trägt auch nicht zur Objektivität des Gutachtens bei. 4.3 Dr. S.________ geht bei seiner Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers davon aus, dass eine Operation durchzuführen sei. Er schildert in seinem Gutachten den Verlauf eines operativen Eingriffes und schliesst daraus, dass nach Vornahme eines solchen der Beschwerdeführer wieder die volle Arbeitsfähigkeit erlangen könnte. Dann stellt er aber wieder fest (Antwort auf die Frage 9.7.1), mit oder ohne Behandlung könne von einer residuellen Arbeitsfähigkeit von 50 %, günstigenfalls bis 100 % ausgegangen werden. Abgesehen davon, dass eine derart grosse Spannbreite von 50 bis 100 % zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit kaum eine ausreichende Angabe für die Bestimmung der tatsächlich bestehenden Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeit liefert, ist die Argumentationsweise auch widersprüchlich. Entweder hat ein operativer Eingriff einen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit, was sicher Voraussetzung wäre, dass er überhaupt durchgeführt wird, oder er hat es nicht. In Anbetracht von solchen Angaben von Dr. S.________, die in sich nicht kohärent sind, geht es aber nicht an, dem Beschwerdeführer anzulasten, dass wegen seiner Person eine Operation nicht durchgeführt werden könne. Vielmehr muss nicht zuletzt auch objektiv davon ausgegangen werden, dass ein operativer Eingriff nicht mit genügend absehbarer Wahrscheinlichkeit eine Verbesserung bewirken könnte. Überdies hätte die ELVIA, wenn sie tatsächlich der Auffassung ist, der Beschwerdeführer habe einen operativen Eingriff vorzunehmen, das Verfahren gemäss Art. 48 Abs. 2 UVG (resp. nun neu Art. 21 Abs. 4 ATSG) wählen müssen, um gestützt auf einen nicht vorgenommenen operativen Eingriff eine Leistungsverweigerung vornehmen zu können. Etwas derartiges ist aber nicht aktenkundig. Damit erweist sich jedoch die vom Gutachter vorgenommene Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers schon vom Grundansatz her als nicht schlüssig. 4.4 Von Dr. S.________ wird, wie bereits in Erw. 4.1 angeführt, die bei der rechten Hand gegebenen Behinderung des Beschwerdeführers bei seiner Beurteilung nicht berücksichtigt. Da die AC-Luxation sich aber bei der Beweglichkeit des linken Armes auswirkt (so auch Dr. S.________ in seinem Gutachten S. 11/12), ist eine Einschränkung bei beiden Armen bzw. Händen gegeben, was sich bei einem Schneider auf die Arbeitsfähigkeit mit Sicherheit stärker auswirkt, als wenn nur bei einem Arm eine Einschränkung gegeben wäre. In einer Arbeitsplatzabklärung der ELVIA wurde am 22. September 1998 geschildert, dass der Beschwerdeführer auf das Abändern von Hosen bei seinem Arbeitgeber spezialisiert gewesen sei. Er habe als bester Mitarbeiter im Atelier vor dem Unfall gemäss den Angaben seines Vorgesetzten gegolten. Er habe vor dem Unfall diskussionslos fünfzig Paar Hosen pro Tag abgeändert und gebügelt. Bei einer derartigen Art von Tätigkeit, die - auch gemäss einer Bestätigung von A.________, Vorgesetzter des Beschwerdeführers, vom 20. Juni 2002 - doch zu einem wesentlichen Teil an der Nähmaschine ausgeführt werden muss, wo die Arbeitshaltung weitgehend von der Maschine und dem zum haltenden Stoff vorgegeben ist, kann wohl kaum von einer problemlosen Tätigkeit ausgegangen werden, wenn an beiden Armen und Händen Einschränkungen der Gebrauchstauglichkeit gegeben sind. Die von Dr. S.________ gegebene Antwort (auf die Frage 9.8.2) kann daher kaum den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechen. Beizufügen ist, dass der der IV-Stelle von der neurologischen Poliklinik am 28. Januar 2000 erstattete Bericht von einem schweren zerviko-cephalen Schmerzsyndrom spricht. 4.5 Dr. S.________ gab auf die Frage der ELVIA, ob der Versicherte eine zusätzliche, berufskundliche oder berufsberaterische Ausbildung genossen habe, zur Antwort, dies treffe zu und begründete dies mit seinen Abschlüssen als Master of Business Administration an der Graduated School of Business Administration, Zürich und der State University of New York at Albany (vgl. die Antworten auf die Fragen 9.8.3). Auf Grund der über Internet abrufbaren Angaben über die Graduated School of Business Administration, Zürich (www.gsba.ch) ist aber nicht ersichtlich, dass dort eine spezifische Ausbildung im Bereiche der Berufsberatung angeboten wird. Eine Ausbildung bzw. Weiterbildung in Unternehmungsführung beinhaltet aber nicht automatisch auch eine vertiefte Kenntnis im Bereiche der berufskundlichen oder berufsberaterischen Ausbildung. Auf Grund dieser Tatsache kann nicht auf eine überdurchschnittliche und qualifizierte Kenntnis im berufskundlichen oder berufsberaterischen Bereich geschlossen werden, wie dies beispielsweise bei den beruflichen Abklärungsstellen der Invalidenversicherung gegeben ist. Insgesamt bietet das von der ELVIA eingeholte Gutachten erheblich zu wenig Anhaltspunkte, die als triftige Gründe betrachtet werden könnten, um von der Invaliditätsschätzung der Invalidenversicherung abzuweichen. Die Vorinstanz wird daher nach Beizug der Akten der Invalidenversicherung zu entscheiden haben, ob die dort ermittelten Tatsachen eine genügende Grundlage für eine definitive Beurteilung der vom Beschwerdeführer geltend gemachten Ansprüche bilden. Sollte dem nicht so sein, so wird sie gegebenenfalls eine eigene Begutachtung in Auftrag zu geben haben.