Citation: 6B_825/2024 E. 2.2.3

2.2.3. Zur Möglichkeit einer intraoperativen Verletzung, d.h. einer Verletzung während der Operation, habe der Experte festgehalten, eine Verletzung mit dem Shaver, zumal mehrerer Strecksehnen, sei sehr unwahrscheinlich. Die Wahrscheinlichkeit der Verletzung einer Sehne durch den Shaver liege bei 0,11%. Gegen diese These spreche, so die Vorinstanz, auch eine von der Verteidigung eingereichte Videoaufnahme, welche zeige, wie der Shaver selbst nach 20-sekündiger Einwirkung kaum sichtbare Wirkungen auf das Sehnengewebe entfalte. Die Variante einer Sehnenverletzung mit dem Vapor, d.h. durch Verbrennung, habe der Experte grundsätzlich für möglich gehalten, aber überzeugend ausgeschlossen, da sich im Bereich der Strecksehnen in der Regel keine Temperaturen über 30 Grad Celsius zeigen würden. Eine Verletzung bei unsachgemässer Anwendung des Vapors sei zwar möglich, aber unwahrscheinlich, da eine thermische Verletzung ein anderes Bild zeigen und ohne zusätzliche Gewalteinwirkung zu keiner glatten Durchtrennung der Sehen führen würde. Der vom Beschwerdegegner 2 verwendete Tasthaken könne keine Sehnenverletzungen verursachen. Eine mögliche Verletzung mit dem Skalpell habe der Gutachter nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, was nachvollziehbar sei. Das Skalpell werde nur zu Beginn der Operation für den kleinen Hautschnitt benutzt, welcher zudem längs der Sehnen erfolge, um eine Verletzung zu vermeiden. Dies sei gemäss dem Operationsbericht entsprechend gemacht worden. Ohnehin müssten mit dem Skalpellschnitt nicht bloss eine, sondern vier Sehnen verletzt worden sein. Eine Verletzung mit dem Skalpell lasse sich nicht erstellen. Die Ausführungen von Dr. med. D.________ vermöchten die Schlüssigkeit des Gutachtens, wonach keine intraoperative Verletzung durch den Beschwerdegegner 2 erwiesen sei, nicht in Frage zu stellen. So leuchte die Annahme des Experten ein, dass sich das Verletzungsbild anlässlich der Folgeoperation durch Dr. med. D.________ anders präsentiert habe als direkt nach der Operation durch den Beschwerdegegner 2 mehrere Wochen davor. Ferner habe Dr. med. D.________ zwar über mehrere mögliche Verletzungsszenarien spekuliert, aber keines davon schlüssig erklären können. Sie könne nicht sagen, wie es zur Sehnenschädigung gekommen sei. Namentlich habe eine histologische Untersuchung der Sehnenstümpfe nicht klären können, ob ein thermischer oder mechanischer Schaden vorliege. Sodann gehe Dr. med. D.________ mit dem Experten einig, dass gerissene Sehnen mit dem Verletzungsbild nicht zu vereinbaren seien und dass vier zerschnittene Sehnen mit dem Skalpell sehr ungewöhnlich wären. Dies umso mehr, als - entgegen der Annahme von Dr. med. D.________ - nicht vier, sondern lediglich zwei Zugänge mit dem Skalpell erfolgt seien. Eine Sehnenverletzung mit dem Shaver, wie von Dr. med. D.________ postuliert, hätte zudem eine zusätzliche Beschädigung der Gelenkkapsel vorausgesetzt, woran es auch nach ihren Feststellungen fehle. Der verwendete Shaver zeige ohnehin kaum Wirkung auf das Sehnengewebe (vgl. dazu auch oben), sodass eine Verursachung durch den Shaver selbst bei Annahme einer Kapselverletzung nicht plausibel wäre. Einen thermischen Schaden durch die Kapsel hindurch habe Dr. med. D.________ ebenfalls nicht plausibilisieren können, zumal sie keine thermischen Schäden am Gelenk, an der Gelenkkapsel oder um die Sehnen herum festgestellt habe. Im Übrigen sei der Beschwerdegegner 2 ein sehr erfahrener und qualifizierter Handchirurg, und handle es sich bei der durchgeführten Operation um einen komplikations- und risikoarmen Eingriff, wobei Strecksehnenverletzungen unbestrittenermassen nicht zu den allgemeinen Operationsrisiken gehörten. Die zu beurteilenden Verletzungen seien daher beim vorgenommenen Eingriff generell sehr unwahrscheinlich und im Operationsbericht auch nicht vermerkt.