Citation: 1P.67/2002 10.06.2002 E. 4.2

4.2.1 Prof. Undeutsch hat den Beschwerdeführer zunächst einem Polygraphen-Test unterzogen, mit welchem er zum Ergebnis kam, es bestehe eine Wahrscheinlichkeit von mindestens 95%, dass er sich nicht sexuell an seinen Töchtern vergangen habe. In einem zweiten Gutachten vom 20. Juni 2001 zur Frage, ob das Gutachten Kling/Dittmann den heute geltenden methodischen Mindeststandards entspräche, kommt Undeutsch - gestützt allein auf dessen auszugsweise Wiedergabe im erstinstanzlichen Strafurteil - zum Schluss, dieses weise gravierende Mängel auf und verletze die Menschenrechtskonvention, der auch die Schweiz angehöre. Die Gutachter Kling/Dittmann seien fälschlicherweise davon ausgegangen, die Aussagen von A.________ seien wahr und hätten geprüft, ob Anzeichen dafür zu finden seien, dass sie entgegen dieser Annahme unwahr seien. Auf Grund der Unschuldsvermutung sei ein Gutachter jedoch verpflichtet, solange davon auszugehen, dass die Belastungen unwahr seien ("Unwahr-Hypothese"), bis dies angesichts der erhobenen Befunde nicht mehr länger möglich sei. Im vorliegenden Fall hätten die Gutachter fragen müssen, ob A.________ ihre Aussage auch hätte machen können, ohne die behaupteten Vorfälle in der Realität erlebt zu haben. Diese Frage hätten sie nach der Auffassung von Undeutsch "methodisch einwandfrei begründet nicht verneinen können" (Gutachten S. 37). 4.2.2 Prof. Schade beurteilt in einer knapp eine Textseite umfassenden Stellungnahme das Gutachten Kling/Dittmann als mit derart relevanten Mängeln behaftet, dass es eigentlich kein Beweismittel sein dürfte. So seien vorab die Hintergründe der Entstehung und der Geschichte der Aussage nicht aufgeklärt worden, d.h. insbesondere, inwieweit A.________ dabei unter dem Einfluss ihrer Therapeuten gestanden habe. Zentral sei, dass der Sachverständige das oberste Gebot, die Glaubhaftigkeit der Aussagen über Alternativhypothesen zu prüfen, "nur sehr peripher bzw. überhaupt nicht berücksichtigt hat". Die seines Erachtens relevante Alternativhypothese, dass es sich bei der Aussage der Zeugin um eine irrtümliche Falschaussage handle, habe der Gutachter nur in zwei Sätzen geprüft. Es falle auf, dass wichtige Forschungsergebnisse aus dem Arbeitskreis der amerikanischen Wissenschafterin Loftus im Literaturverzeichnis zwar aufgeführt seien, ohne dass dies dazu geführt hätte, dass die Alternativhypothese der "therapierten Erinnerung" auf die Aussagen der Zeugin angewendet worden sei. 4.3 Das Appellationsgericht konnte beim Gutachten Kling/Dittmann keine Fehlerhaftigkeit feststellen, welche zur Einholung einer weiteren Expertise hätte führen müssen. Bei den Gutachtern Kling und vor allem Dittmann handle es sich um ausgewiesene, international anerkannte Wissenschafter auf dem Gebiet der Aussagepsychologie, deren Unvoreingenommenheit ausser Zweifel stehe. Inhaltlich sei das Gutachten schlüssig und überzeugend. 4.3.1 Daran vermöchte auch die Kritik von Prof. Undeutsch nichts zu ändern. Dessen Gutachten könnten als Parteivorbringen nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (BGE 125 V 351 E. 3c) von vornherein nicht den gleichen Stellenwert beanspruchen wie das gerichtliche Gutachten. Zudem basiere die Beurteilung von Undeutsch einzig auf dem erstinstanzlichen Strafurteil und den darin zitierten Passagen des Gutachtens Kling/Dittmann, das Gutachten selber und die von den Gutachtern an der erstinstanzlichen Hauptverhandlung abgegebenen Erläuterungen und Ergänzungen seien ihm nicht bekannt gewesen. Diese Grundlage sei offensichtlich ungenügend, was sich schon daraus ergebe, dass Undeutsch irrtümlicherweise davon ausgehe, das Gutachten Kling/Dittmann betreffe auch D.________ und C.________. Das Parteigutachten Undeutsch beruhe auf nur oberflächlicher Betrachtung, und seine Schlüsse hätten von vornherein festgestanden. Dies deshalb, weil Undeutsch zuvor mit dem Beschwerdeführer einen sog. Lügendetektortest durchgeführt habe mit dem Ergebnis, dass dessen Behauptung, sich an seinen Töchtern nie in irgendeiner Weise sexuell vergangen zu haben, mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 95% zutreffe. Nach dieser polygraphischen Untersuchung, in welcher er auch die Überzeugung geäussert habe, solche Tests seien "fachlich anerkannt" bzw. "millionenfach bewährt" und die einzig zuverlässige Methode zur Überprüfung des Wahrheitsgehaltes einer Bestreitung im Strafverfahren, sei für ihn festgestanden, dass das Gutachten Kling/Dittmann im Ergebnis falsch sein müsse. Es treffe auch keineswegs zu, dass die Methode anerkannt sei. Entgegen der im Gutachten Undeutsch aufgestellten gegenteiligen Behauptung habe der deutsche Bundesgerichtshof in einem Urteil vom 17. Dezember 1998 (NJW 1999 S. 657) polygraphischen Methoden jeden Beweiswert abgesprochen, und auch in den USA seien solche Tests in den meisten Einzelstaaten nicht zugelassen. 4.3.2 Unbegründet seien die weiteren Einwände des Beschwerdeführers, etwa die erste Einvernahme der Zeugin bei der Staatsanwaltschaft sei nicht dokumentiert und die Gutachter Kling/Dittmann hätten die Möglichkeit einer falschen Anschuldigung aufgrund der histrionischen Persönlichkeit von A.________ nicht berücksichtigt. Die Gutachter seien sich bewusst gewesen, dass das Ausgangsmaterial nicht optimal gewesen sei, insbesondere weil den Belastungen eine lange "Aussagegeschichte" zugrunde gelegen hätten. Sie hätten sich indessen mit diesen Schwierigkeiten seriös auseinander gesetzt und seien aufgrund einer überzeugenden Gesamtbetrachtung zum Schluss gekommen, die zahlreichen Realitätskriterien würden diese problematischen Punkte überwiegen (angefochtenes Urteil E. 1b S. 6 ff.). 4.4 Was der Beschwerdeführer vorbringt, ist nicht geeignet, das Gutachten Kling/Dittmann derart zu erschüttern, dass ein Abstellen darauf unhaltbar wäre. Ohnehin hat sich das Appellationsgericht mit den meisten der vom Beschwerdeführer in der staatsrechtlichen Beschwerde oft bloss wiederholten Einwänden zutreffend auseinander gesetzt und sie zu Recht verworfen. Es kann insoweit auf den angefochtenen Entscheid verwiesen werden. Die Autoren Kling und Dittmann sind unbestrittenermassen anerkannte Fachleute auf dem Gebiet der Aussagepsychologie und damit zur Erstattung eines gerichtlichen Glaubwürdigkeitsgutachtens befähigt. Sie haben sich einlässlich mit der Entstehung und Entwicklung der belastenden Aussagen und der eingeschränkten Verwendbarkeit der Protokolle, bei denen nicht mit Sicherheit feststellbar ist, ob es sich sich um Wortprotokolle handelt oder nicht, auseinander gesetzt. Sie haben die histrionische Persönlichkeit von A.________ in Betracht gezogen und im Hinblick darauf die Möglichkeit geprüft und verworfen, dass sie ihren Vater angeschuldigt haben könnte, um Aufmerksamkeit und Mitgefühl zu erregen. Insbesondere aber haben sie geprüft und verworfen, dass ihr allenfalls von Therapeuten suggeriert worden sein könnte, als Kind von ihrem Vater missbraucht worden zu sein ("therapierte Erinnerung"). Dies kann im Übrigen auch schon deshalb ausgeschlossen werden, weil nach den unbestritten gebliebenen Feststellungen der Gutachter A.________ erstmals ihrem Freund, nicht einem ihrer Therapeuten, vom Missbrauch durch ihren Vater erzählte (Gutachten S. 37 ff.). Völlig fehl geht der Vorwurf, die Gutachter hätten die Unschuldsvermutung verletzt, indem sie davon ausgegangen seien, die Belastungen der Zeugin seien wahr, um dann zu prüfen, ob Anhaltspunkte für das Gegenteil zu finden seien. Die verfassungs- und konventionsrechtlich garantierte Unschuldsvermutung verlangt vom Richter, bis zum Beweis des Gegenteils von der Unschuld des Angeklagten auszugehen. Aus dieser Rechtsregel lässt sich nicht ableiten, wie ein medizinischer Gutachter bei der Erstattung eines gerichtlichen Gutachtens methodisch vorzugehen hat, dies ergibt sich allein aus medizinischen Erwägungen. Abgesehen davon ist es eine durch nichts belegte Unterstellung, dass die Gutachter Kling und Dittmann von der "Wahrheit" der Aussagen A.________s ausgegangen seien und diese Ausgangshypothese im Gutachten zu bestätigen oder zu widerlegen suchten. In Bezug auf das (Kurz-)Gutachten Schade beklagt sich der Beschwerdeführer zwar, dieses werde vom Appellationsgericht überhaupt nicht erwähnt, erhebt in diesem Zusammenhang indessen keine den gesetzlichen Anforderungen genügende Gehörsverweigerungsrüge. Das Appellationsgericht brauchte sich im Übrigen unter verfassungsrechtliche Gesichtspunkten mit der Stellungnahme Schade auch nicht ausdrücklich zu beschäftigen, lässt dieser doch eine ernsthafte, auf einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Gutachten Kling/Dittmann beruhenden Begründung für seine teilweise polemisch überzogenen Folgerungen fast völlig vermissen. 4.5 Damit konnte das Appellationsgericht das Gutachten Kling/Dittmann ohne Verfassungsverletzung als starkes Indiz für die Glaubhaftigkeit der Aussage von A.________ werten. Dass die Verurteilung des Beschwerdeführers auch unter dieser Voraussetzung willkürlich wäre, macht er nicht geltend, und das ist auch nicht ersichtlich. Die Rüge ist unbegründet.