Citation: 1C_493/2020 E. 3.2

3.2. Amtsmissbrauch (Art. 312 StGB) vermag unter gewissen Umständen ausnahmsweise die Opferstellung gemäss dem OHG zu begründen. So bejahte das Bundesgericht in einem Fall, in dem die betroffene Person geltend machte, sie habe infolge eines behaupteten Amtsmissbrauchs die Nacht in einer ungeheizten Zelle bei weniger als 10° C verbringen müssen und sich durch die verschmutzte Matratze in der Zelle eine Infektion zugezogen, eine unmittelbare Beeinträchtigung der körperlichen Integrität durch das angebliche tatbestandsmässige Verhalten und die Opferstellung (vgl. nicht publiziertes Urteil 1P.15/ 1994 vom 6. Juli 1994 E. 1 S. 4). Dasselbe tat es in einem Fall, in dem die betroffene Person den behaupteten Amtsmissbrauch in den ihr angeblich verabreichten Schlägen erblickte, die zu einer einfachen Körperverletzung geführt hätten (vgl. nicht publiziertes Urteil 1P.371/ 1995 vom 15. September 1995 E. 2b/bb S. 6). In einem weiteren Urteil erwog es, es sei nicht von vornherein ausgeschlossen, dass Amtsmissbrauch als Delikt gegen die Amts- und Berufspflicht ausnahmsweise eine Opferstellung im Sinne des OHG begründen könne, wenn im konkreten Fall die körperliche, sexuelle oder psychische Integrität der geschädigten Person durch die Straftat unmittelbar beeinträchtigt worden sei (vgl. Urteil 1A.52/2000 vom 24. November 2000 E. 2b S. 7). In späteren Entscheiden hielt das Bundesgericht - teilweise unter Verweis auf die beiden zitierten, nicht publizierten früheren Urteile, in denen es die Opferstellung bejaht hatte - in allgemeiner Weise fest, Amtsmissbrauch vermöge die Opferstellung nur in ganz besonderen Fällen zu begründen, in denen das Delikt zu einer erheblichen Beeinträchtigung der körperlichen und psychischen Integrität führe (vgl. Urteile 1P.96/2005 vom 18. Juli 2005 E. 1.1.3; 1P.136/2005 vom 18. Juli 2005 E. 1.1.3; 1P.469/2006 vom 8. September 2006 E. 1.1; 1P.563/2006 vom 12. Oktober 2006 E. 2.2; vgl. auch STEFAN HEIMGARTNER, in: Basler Kommentar Strafrecht, 4. Aufl. 2019, N. 30 zu Art. 312 StGB [betreffend Opferstellung nach Art. 116 Abs. 1 StPO]).