Citation: 6B_184/2020 E. 2.1.4

2.1.4. Die Vorinstanz erwägt, von den rund 10'000 Rechnungsempfängern hätten sich nur deren 174, also weniger als zwei Prozent, täuschen lassen und infolge dieser Täuschung eine "Jahresgebühr" von 130 Franken bezahlt. Dem liegt der Gedanke zugrunde, die Täuschungsresistenz der klaren Mehrheit zeige, dass sich die Minderheit qualifiziert nachlässig verhalten habe. Wie die Beschwerdeführerin zu Recht anmerkt, war dem Beschwerdegegner und seinem Mittäter durchaus bewusst, dass verhältnismässig wenige Menschen auf die Scheinrechnungen ansprechen würden. Ausgehend davon suchten sie nach dem "Köderprinzip" (MARC JEAN-RICHARD-DIT-BRESSEL, "Am Köder vorbei in die Falle": Arglist, Opfermitverantwortung und "Köderprinzip" bei Serienbetrügen [Art. 146 StGB], in: Liber amicorum für Andreas Donatsch, Cavallo et al. [Hrsg.], 2012, S. 77 ff.) möglichst viel Breitenwirkung zu erzielen (vgl. auch GUNTHER ARZT, Basler Kommentar, Strafrecht II, 3. Aufl. 2013, N 90 zu Art. 146 StGB). Das betrügerische Unterfangen griff die Opfer nicht gezielt an, sondern suchte beliebige Personen zu erreichen, die aus welchen Gründen auch immer individuell täuschungsanfällig sind. Aus Tätersicht war es zwingend erforderlich, einen weiten Personenkreis anzusprechen, um einen wirtschaftlichen Taterfolg zu erzielen. So betrachtet handelt es sich bei den 174 Personen um eine signifikante Grösse. Nicht die "Erfolgsquote" des täuschenden Vorgehens zählt, sondern dessen qualitative Eignung, den zumutbaren Selbstschutz von potentiellen Opfern - und sei es wie hier nur eine Minderheit der ingesamt erreichten Personen - zu überwinden und sie im Sinn von Art. 146 Abs. 1 StGB in die Irre zu führen. Würde aus dem verhältnismässig geringen Anteil an Täuschungserfolgen auf ein massgebliches Selbstverschulden der Getäuschten geschlossen, so hätte dies zur Folge, dass der mit Art. 146 StGB bezweckte Schutz ausgerechnet bei Personen versagte, die wegen einer bestimmten persönlichen Eigenschaft unbeholfen sind (vgl. oben E. 2.1.3). Das bewusste, gezielte Ausnutzen von Vulnerabilitäten - nicht von reinem Leichtsinn - stellt gerade ein arglisttypisches Unrechtselement dar (BGE 135 IV 76 E. 5.2 S. 80 unten). In diesem Umfang legitimiert die Schutzbedürftigkeit des Getäuschten den staatlichen Strafanspruch auch im Fall von plumpen Täuschungen. Dies entspricht einer weit zurückreichenden Rechtsprechung: In BGE 80 IV 156 E. 6 hielt das Bundesgericht fest, es "wäre eine sonderbare Rechtsordnung, wenn sie gerade den, der infolge verminderter Geistesgaben in vermehrtem Masse der Gefahr ausgesetzt ist, sich zu irren, nicht strafrechtlich gegen die betrügerische Hervorrufung und Ausnützung von Irrtümern schützen würde" (so auch BGE 119 IV 210 E. 3c; SÄGESSER, a.a.O., S. 88 Rz. 196; JOSITSCH/LÜTHI, Betagte Menschen - prädestinierte Betrugsopfer? Auseinandersetzung über die⁠ Grenzen der arglistigen Täuschung, in: 6. Zürcher Präventionsforum - Ältere Menschen und ihre Erfahrungen mit der Kriminalität, Schwarzenegger/Nägeli [Hrsg.], 2013, S. 44 ff.; CASSANI, a.a.O., S. 165 ff.; WILLI WISMER, Das Tatbestandselement der Arglist beim Betrug, 1988, S. 79 ff.).