Citation: U 127/01 29.11.2001 E. 2

2.- Streitig ist, ob die geklagten Beschwerden adäquat kausale Folgen des Unfalles vom 4. November 1995 sind. Die Vorinstanz verneint sowohl das Vorliegen somatischer Unfallfolgen wie auch die adäquate Kausalität der psychischen Gesundheitsschäden, die die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit beeinträchtigen. a) Der Beschwerdeführer ist der Auffassung, dass alle ihn untersuchenden Ärzte somatische Unfallfolgen (oder zumindest einen organischen Kern) festgestellt hätten; einzig der SUVA-Arzt Dr. med. S.________ habe - ohne den Versicherten je untersucht zu haben - das Vorliegen somatischer Unfallfolgen ausgeschlossen. In casu liegen jedoch keine somatischen Unfallfolgen vor: Der Gerichtsgutachter Dr. med. H.________ fand für die geklagten Beschwerden kein organisches Korrelat; er schloss allein aufgrund der biomechanischen Angaben über die Kollision auf den Kausalzusammenhang der Leiden mit dem Unfall. Nach der Praxis weicht das Gericht bei Gerichtsgutachten nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung des medizinischen Experten ab, dessen Aufgabe es ist, seine Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu anderen Schlussfolgerungen gelangt. Abweichende Beurteilung kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachexperten dem Gericht als triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung durch einen Oberexperten für angezeigt hält, sei es, dass es ohne Oberexpertise vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (BGE 125 V 352 f. Erw. 3b/aa mit Hinweisen). In vorliegender Sache ist das Gerichtsgutachten des Dr. med. H.________ nicht widersprüchlich; vielmehr hält der Experte im Nachtrag vom 18. Dezember 2000 klar fest, dass er die Leiden des Versicherten nicht auf ein pathoanatomisches Korrelat zurückführen könne. Diese Auffassung wird durch den Psychiater Dr. med. E.________ gestützt, der in seinem Gutachten vom 8. September 1997 davon ausgeht, dass in erster Linie ein psychiatrisches Problem vorliege und die geklagten somatischen Schmerzen eine psychosomatische Entwicklung seien. Auch wenn Prof. B.________ eine Unfallkausalität bejaht, kann er keine klaren somatischen Unfallfolgen aufzeigen, sondern er verweist primär auf den Manualmediziner Dr. med. L.________, Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin - Chirotherapie, Deutschland. Dieser befasst sich in seinem Bericht vom 24. November 1998 jedoch nicht mit dem Vorzustand des Beschwerdeführers, obwohl der Hausarzt Dr. med. F.________ schon in seinem ersten Bericht vom 11. Januar 1996 darauf hingewiesen hat, dass der Versicherte bereits vor dem Unfall unter rezidivierenden muskulären Nackenverspannungen litt, die physiotherapeutisch angegangen werden mussten. Im Übrigen waren dem Gerichtsgutachter die Verweise des Prof. B.________ auf den Manualmediziner Dr. med. L.________ und auf die Magnetresonanzuntersuchung vom 19. November 1998 bekannt, und er hat sich mit ihnen auseinandergesetzt. Damit vermag die Auffassung des Prof. B.________ keine Zweifel am Gutachten des Dr. med. H.________ zu erwecken. Weitere Abklärungen erübrigen sich, insbesondere ist keine neurologische Begutachtung vorzunehmen, da eine solche Abklärung ohne Befund bereits stattgefunden hat (Bericht des Dr. med. W.________, Spezialarzt FMH für Neurologie, vom 12. Dezember 1997) und zudem die neurologische Testung für sich alleine nicht zur abschliessenden Beurteilung der Genese führen kann (BGE 119 V 341 Mitte). b) Was die psychischen Leiden des Beschwerdeführers anbelangt, ist er der Auffassung, dass diese natürlich und adäquat kausal auf den Unfall vom 4. November 1995 zurückzuführen seien; jedoch leide er primär an körperlichen Beschwerden. Ein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen den psychischen Beschwerden und dem Unfall ist vorliegendenfalls ohne Zweifel zu bejahen, da der Versicherte ohne den Unfall vom 4. November 1995 keine solchen Leiden hätte (conditio sine qua non; vgl. BGE 117 V 376 Erw. 3a); dies ergibt sich klar aus dem Gutachten des Dr. med. E.________ vom 8. September 1997, worin der Unfall als "Auslöser" bezeichnet wird. Fraglich ist aber, ob der psychische Gesundheitsschaden auch in einem adäquaten Kausalzusammenhang zum Unfall steht. Da in vorliegender Sache die psychischen Beschwerden gemäss dem Experten Dr. med. E.________ im Vordergrund stehen, ist in der Folge zwischen physischen und psychischen Beschwerden zu unterscheiden und für die Adäquanz die Rechtsprechung nach BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa anzuwenden, obwohl der Versicherte ein Schleudertrauma der Wirbelsäule erlitten hat (BGE 127 V 103 Erw. 5b/bb mit Hinweisen). In diesem Rahmen ist dem kantonalen Gericht zuzustimmen, wenn es den Unfall vom 4. November 1995 der Kategorie der mittleren Unfälle zuordnet und auch keinen Grenzfall zu den leichten oder schweren Unfällen annimmt (vgl. das vom Beschwerdeführer erwähnte, nicht publizierte Urteil D. vom 3. September 1998, U 96/98). Da sich nach der Rechtsprechung diesfalls die adäquate Unfallkausalität der psychisch bedingten Erwerbsunfähigkeit nicht allein aufgrund des Unfalles schlüssig beurteilen lässt, sind gemäss Rechtsprechung weitere objektiv erfassbare Kriterien heranzuziehen (BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa): Es ist zwar von einer gewissen Eindrücklichkeit der erlittenen Auffahrkollision auszugehen, dennoch kann nicht von besonders dramatischen Begleitumständen oder einer besonderen Eindrücklichkeit des Unfalls gesprochen werden. Der Beschwerdeführer erlitt anlässlich des Unfalles keine körperlichen Verletzungen, die erfahrungsgemäss geeignet wären, psychische Fehlentwicklungen auszulösen; was die Dauer der ärztlichen Behandlung und die physisch bedingte Arbeitsunfähigkeit betrifft, liegt relativ schnell eine psychische Überlagerung vor, hält doch der Psychiater Dr. med. E.________ fest, dass der Versicherte "in erster Linie ... ein psychiatrisches Problem" habe und es sich "bei den geklagten somatischen Schmerzen um eine psychosomatische Entwicklung" handle, da der Unfall dem Versicherten das Gefühl der Sicherheit und Kontrolle weggenommen habe. Eine ärztliche Fehlbehandlung liegt in vorliegender Sache nicht vor, ebenso wenig kann von einem komplizierten Heilungsverlauf in somatischer Hinsicht gesprochen werden. Da die gemäss Rechtsprechung bei einem mittleren Unfall notwendigen objektiven Kriterien nicht gehäuft vorliegen und auch keines davon in besonders ausgeprägter Weise gegeben ist (BGE 115 V 140 Erw. 6c/bb) stehen die geklagten psychischen Beschwerden in keinem adäquaten Kausalzusammenhang zum Unfall vom 4. November 1995. Die SUVA hat deshalb ihre Leistungen zu Recht eingestellt.