Citation: 8C_537/2009 03.03.2010 E. 6

Der angefochtene Entscheid nimmt zwar an einer Stelle mit dem Hinweis, der Unfall sei nicht "geeignet gewesen, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge zu relevanten Beschwerden zu führen" (E. 4 hievor), auf die allgemeine Adäquanzformel Bezug. Aus den weiteren Erwägungen geht aber hervor, dass die Vorinstanz den adäquaten Kausalzusammenhang nach der Schleudertrauma-Praxis geprüft und verneint hat. Es fragt sich, ob es zulässig ist, die Unfallkausalität von Beginn weg nach dieser Praxis zu beurteilen. 6.1 Bei der Schleudertrauma-Praxis wird davon ausgegangen, dass bei diagnostiziertem, wenn auch organisch nicht objektiv ausgewiesenem, Schleudertrauma der HWS - oder einer adäquanzrechtlich gleich behandelten Verletzung - und Vorliegen eines für diese Verletzung typischen Beschwerdebildes der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und der danach eingetretenen Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit in der Regel anzunehmen ist. Liegt eine solche natürlich unfallkausale Verletzung vor, führt dies zu einer besonderen Adäquanzprüfung (erstmals in: BGE 117 V 359 E. 4b S. 360). Daran wurde seither grundsätzlich festgehalten, wobei zwischenzeitlich die Anforderungen an den Nachweis einer die Anwendung der Schleudertrauma-Praxis rechtfertigenden Verletzung erhöht und die Bestandteil dieser Adäquanzprüfung bildenden Zusatzkriterien teilweise präzisiert wurden (vgl. BGE 134 V 109 E. 9 S. 121 ff. und E. 10 S. 126 ff.). 6.2 Grundlage der Schleudertrauma-Praxis bildet die Erkenntnis, dass ausgehend von den Ergebnissen der medizinischen Forschung ein Unfall mit HWS-Schleudertrauma und dem diesem zugeschriebenen "bunten" Beschwerdebild eine Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeit verursachen kann, auch wenn die festgestellten Funktionsausfälle organisch nicht nachweisbar sind. Deshalb wurde für die Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall und der infolge eines Schleudertraumas der HWS auch nach Ablauf einer gewissen Zeit nach dem Unfall weiterbestehenden Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit, die nicht auf organisch nachweisbare Funktionsausfälle zurückzuführen ist, die für psychische Störungen nach einem Unfall entwickelte Methode (BGE 115 V 133 E. 6 S. 138 ff.) im Einzelfall für analog anwendbar erklärt (BGE 117 V 359 E. 4d/bb S. 365; vgl. auch BGE 134 V 109 E. 6.2.1 S. 116 f.), dies mit der bereits erwähnten Differenzierung bei den Zusatzkriterien (E. 5.3 hievor). 6.3 Aus dem Gesagten erhellt, dass es bei der Schleudertrauma-Praxis darum geht, länger dauernde Beschwerden und deswegen bestehende Einschränkungen, insbesondere eine länger dauernde Arbeitsunfähigkeit bis hin zur Erwerbsunfähigkeit, aus organisch nicht fassbaren HWS-Schleudertraumen und vergleichbaren Verletzungen kausalrechtlich zu erfassen. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass es eher ungewöhnlich erscheint, wenn schleudertraumatypische Beschwerden, welche sich nicht mit einer organisch nachweisbaren Unfallfolge erklären lassen, längere Zeit bis hin zur Chronifizierung und Invalidisierung anhalten. Die Schleudertrauma-Praxis will dem Rechnung tragen und namentlich auch das Instrumentarium bieten, um in solchen Fällen die Grenze der Leistungspflicht des Unfallversicherers nachvollziehbar und rechtsgleich ziehen zu können (vgl. Hans-Jakob Mosimann, Bemerkungen zu BGE 127 V 102, in: AJP 2002 S. 570 ff., S. 573). 6.4 Für die Kausalitätsbeurteilung bei gleich anschliessend an den Unfall auftretenden Beschwerden erscheint die Schleudertrauma-Praxis indessen auch bei diagnostiziertem HWS-Schleudertrauma wenig geeignet. Das ergibt sich schon aus der unterschiedlichen Zielrichtung, will doch die Schleudertrauma-Praxis nach dem Gesagten die kausalrechtliche Beurteilung länger dauernder Beschwerden ermöglichen. Entsprechend weisen die gegebenenfalls zu berücksichtigenden zusätzlichen Adäquanzkriterien nach der Schleudertrauma-Praxis teilweise eine Zeitkomponente auf, auch wenn diese mit BGE 134 V 109 E. 10 S. 126 ff. stark relativiert wurde. Aber auch die Psycho-Praxis bietet keine vernünftige Handhabe, zumal sie ihrerseits auf invalidisierende, mithin länger dauernde Beschwerden ausgerichtet ist und überdies adäquanzrechtlich wesentlich an erhebliche körperliche Unfallfolgen anknüpft, wie sie bei den hier zu regelnden Fällen nicht vorliegen (vgl. BGE 115 V 133). 6.5 Liegt bei unfallnahen Beschwerden ein organisches Korrelat vor, bleibt es beim bewährten Grundsatz, wonach sich der adäquate Kausalzusammenhang in der Regel ohne Weiteres zusammen mit dem natürlichen bejahen lässt (E. 5.3 hievor). Sind die gleich nach dem Unfall auftretenden Beschwerden hingegen organisch nicht objektiv ausgewiesen, wäre es denkbar, die allgemeinen Kausalitätsgrundsätze zur Anwendung zu bringen, wie sie u.a. auch im Haftpflichtrecht gelten (E. 5.2 und 5.3 in fine hievor). Bei vielen Unfallereignissen wird auch ohne organisch objektiv ausgewiesene Unfallfolge der adäquate Kausalzusammenhang zu den unmittelbar danach auftretenden Beschwerden recht einfach zusammen mit dem natürlichen Kausalzusammenhang bejaht werden können. Anderseits wird es bei ausgesprochenen Bagatellunfällen oft schon am natürlichen Kausalzusammenhang fehlen. Entsprechend gab die Adäquanzfrage gleich nach dem Unfall schon bisher selten Anlass zu Diskussionen. Dennoch ginge es zu weit, hier bei gegebener natürlicher Unfallkausalität voraussetzungslos auch die Adäquanz zu bejahen, sind doch auch Konstellationen denkbar, in welchen letztere zwar vorliegt, das Unfallereignis aber als rechtlich relevante (adäquate) Ursache ausser Betracht fällt. 6.6 Von einer solchen Regelung der Kausalitätsprüfung wären naturgemäss in erster Linie die vorübergehenden Leistungen betroffen. Anknüpfungspunkt für die Vorgehensweise bei der Kausalitätsbeurteilung sollte aber nicht die Leistungsart bilden. Das wurde bereits in BGE 127 V 102, auf welchen verwiesen wird, verworfen. Massgebend ist vielmehr die zeitliche Unfallnähe der Beschwerden. Wäre die natürliche und adäquate Unfallkausalität für die anfänglichen Beschwerden nach den dargelegten Grundsätzen zu bejahen, gälte dies sodann nicht ohne Weiteres auch für länger andauernde oder gar sich chronifizierende Beschwerden. In solchen Fällen wäre, in einigem zeitlichen Abstand zum Unfallereignis, eine erneute Kausalitätsbeurteilung vorzunehmen. Dabei wäre gegebenenfalls die Schleudertrauma-Praxis (zu den Voraussetzungen hiefür und zur Vorgehensweise vgl. BGE 134 V 109 E. 9 f. S. 122 ff.) oder die Psycho-Praxis (BGE 115 V 133) anzuwenden. Wie es sich damit letztlich verhält, kann indessen offenbleiben, da es am Nachweis des natürlichen Kausalzusammenhangs fehlt (E. 7).