Citation: U 287/02 18.02.2003 E. 5

5.1 Die Beschwerdeführerin erlitt beim Unfall vom 29. Dezember 1998 eine Kontusion/Distorsion der LWS und klagte in der Folge über massive, permanente Rückenschmerzen vor allem in der Kreuzgegend und mit gelegentlichen Schmerzausstrahlungen in beide Beine dorsal bis zu den Knien. Im Zuge der von ihrer damaligen Hausärztin Frau Dr. med. P.________ veranlassten computertomografischen Untersuchung des Schädels machte sie erstmals am 24. September 1999 geltend, sie leide seit dem Unfallereignis an rezidivierenden Kopfschmerzen, insbesondere rechtsseitig, sowie an Schwindelanfällen mit starker Nausea (Übelkeit). Bei der Untersuchung in der Neurologischen Poliklinik des Spitals Y.________ vom 9. November 1999 gab die Beschwerdeführerin anamnestisch zusätzlich an, sie habe beim Sturz vom 29. Dezember 1998 mehrere Prellmarken lumbal sowie frontal links erlitten und sei danach während zehn Minuten bewusstlos gewesen. Die seither intermittierend auftretenden Kopfschmerzen lokalisierte sie nun im Bereich des Nackens beidseits, wobei diese selten auch mit Erbrechen verbunden seien. Ausserdem leide sie an Phono- und Photophobie, "Verschwommensehen", brennenden Augen, Konzentrationsschwierigkeiten und "Abnahme des Gedächtnisses". Im März 2000 wurden diese anamnestischen Angaben gegenüber Dr. med. M.________ dahingehend geändert und ergänzt, dass der Sturz vom 29. Dezember 1998 auch zu einer anterograden Amnesie von etwa einer halben Stunde und zusätzlich zu einer retrograden Amnesie von einigen Minuten geführt habe. Die dabei am Kopf erlittenen Schürfungen und Prellungen siedelte die Beschwerdeführerin nunmehr "rechts hochfrontal" an. Die Schwindelanfälle seien als "Schwank- bzw. kurzer Drehschwindel" bereits einen Tag nach dem Unfall aufgetreten und auch beim Umdrehen im Bett erfolge ein "sekundenlanger" Schwindel. In Kaufhäusern und "in der Menge" leide sie überdies unter Gangunsicherheit und Desorientierungsgefühl. Ausser der Phono- und Photophobie trete intermittierend auch ein Tinnitus in Form eines Rauschens links auf. Bei der Untersuchung vom 21. Juli 2000 in der Schmerzsprechstunde der Neurologischen Klinik des Spitals Y.________ hat die Beschwerdeführerin die Anamnese schliesslich dahingehend ergänzt, dass auch die dumpfen Schmerzen im Bereich des Nackens, der Schultern und des Hinterkopfes bereits am Tag nach dem Unfall aufgetreten und von Lichtempfindlichkeit begleitet gewesen seien. Ab der zweiten Woche nach dem Unfall habe sie - mehr links als rechts - ein "Gefühl wie Ameisenlaufen" auf der Innenseite der Ober- und Unterarme "zu den Fingern ziehend" und begleitet von Kraftlosigkeit verspürt. Aktuell bestünden diese Beschwerden etwa einmal pro Woche während einer halben Stunde zusammen mit starken Kopfschmerzen und Schwindelattacken. Den Tinnitus im linken Ohr beschrieb die Beschwerdeführerin nun als "tiefer, brummender und pfeifender Ton". Die Schmerzausstrahlungen in beide Beine hätten sich im Laufe des Jahres 1999 von den Oberschenkelunterseiten in die Waden bis zu den Fusssohlen (mehr links als rechts) ausgedehnt; sie träten bis zu viermal täglich während einer halben Stunde auf. Seit Februar 2000 leide sie zudem ca. einmal pro Woche an Bewusstseinsverlust mit kurzer retrograder Amnesie von jeweils etwa einer Minute. Seit Januar 2000 müsse sie fast nach jedem Essen erbrechen. Diese Beschwerdebilder und alle gestützt darauf von Dr. med. M.________ und den Ärzten der Neurologischen Poliklinik des Spitals Y.________ gestellten Diagnosen lassen sich, soweit sie die Kopf-, Hals-, Schulter- und Nackenregion betreffen, klar von der beim Unfall vom 29. Dezember 1998 erlittenen Kontusion/Distorsion im Bereich der LWS abgrenzen. Sie begründen somit keine Durchbrechung des Kausalitätsprinzips im Sinne von Art. 36 Abs. 1 UVG (vgl. Erw. 4.4 hievor). Demgemäss hat die "Winterthur" für alle im Bereich des Kopfes, der HWS, des Nackens und der Schultern lokalisierten oder von diesen Körperteilen ausgehenden Beschwerden nur einzustehen, sofern es sich dabei um natürlich kausale Unfallfolgen handelt. 5.2 Es fällt auf, dass die Beschwerdeführerin erstmals am 24. September 1999, also rund neun Monate nach dem Unfall, über Kopfschmerzen und Schwindelanfälle klagte und den Beginn dieser Beschwerden in der Folge präzis auf den Tag nach dem Unfall zurückdatierte. Dass sie beim Unfall Prellungen oder Schürfungen am Kopf sowie eine anterograde Amnesie erlitten habe, gab die Beschwerdeführerin sodann erstmalig bei der Untersuchung vom 9. November 1999 an. In der Folge wechselte die Lokalisierung der Prellungen (und Schürfungen) von frontal links nach frontal rechts, die anterograde Amnesie wurde von zehn Minuten auf ca. eine halbe Stunde ausgedehnt und es kam eine retrograde Amnesie hinzu. Gegenüber Dr. med. M.________ beklagte die Beschwerdeführerin im März 2000 schliesslich zum ersten Mal einen Tinnitus links. Im Juli 2000 gab sie den Ärzten der Neurologischen Poliklinik des Spitals Y.________ zusätzlich noch Synkopen (Bewusstseinsverluste) und Erbrechen nach fast jeder Mahlzeit an. Diese beiden Beschwerdebilder hatte die Beschwerdeführerin gegenüber Dr. med. M.________ noch nicht erwähnt, obschon sie als deren Beginn Januar bzw. Februar 2000 angab. Weder die die Beschwerdeführerin am Unfalltag behandelnde Hausärztin noch Dr. med. B.________, Spezialarzt für Radiologie FMH, der die Versicherte am 4. Januar 1999 untersuchte, haben Schürfungen oder Prellungen am Kopf frontal oder eine retro- bzw. anterograde Amnesie festgestellt. Ebenso wenig hat die Beschwerdeführerin in den ersten neun Monaten nach dem Unfall je über Kopfschmerzen und Schwindelattacken geklagt. Dasselbe gilt für die Seh-, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, welche am 9. November 1999, also 10 ½ Monate nach dem Unfall erwähnt wurden. Der Tinnitus im linken Ohr wurde erstmalig 1 ¼ Jahre, die Synkopen und die neurologischen Störungen in beiden Armen sogar erst mehr als 1 ½ Jahre nach dem Unfall vorgebracht. Allein diese langen Latenzzeiten bis zur anamnestischen Erfassung aller in der Schädel-, Hals-, Nacken- und Schulterregion lokalisierten oder von dort ausgehenden Beschwerden sind ein gewichtiges Indiz für ihre fehlende Unfallkausalität. Hinzu kommt, dass keiner der die Beschwerdeführerin unmittelbar nach dem Unfall behandelnden Ärzte je einen objektiven körperlichen Befund erhoben hat, der einem dieser Beschwerdebilder ursächlich zugeordnet werden könnte. Insgesamt kommt man um den Eindruck nicht herum, die Beschwerdeführerin habe ab September 1999 ein immer bunteres und ausgedehnteres, die Schädel- und Nackenregion betreffendes Beschwerdebild zielgerichtet so dargestellt, dass daraus auf das Vorliegen von Folgen eines Schleudertraumas der HWS oder eines ähnlichen Verletzungsmechanismus geschlossen werden konnte. Dr. med. M.________ und die Ärzte der Neurologischen Poliklinik des Spitals Y.________ haben denn auch eine "commotio cerebri et labyrinthi" und ein "HWS-Hyperextensionstrauma" bzw. ein "leichtes Schädel-Hirn-Trauma" sowie ein "HWS-Distorsionstrauma" diagnostiziert. Im vorliegenden Fall fehlt es aber sowohl an unmittelbar nach dem Unfall erhobenen Befunden als auch an einem nachgewiesenen Unfallgeschehen, das eine solche Diagnose erlauben würde. Somit ist auch die Unfallkausalität des dazu passenden, von der Beschwerdeführerin beklagten bunten, in der Kopf-, Nacken-, Hals- und Schulterregion angesiedelten oder von dort seinen Ausgang nehmenden Beschwerdebildes zu verneinen. 5.3 Die mit der Rückweisung der Streitsache im Einspracheentscheid vom 1. Oktober 2001 verbundene Weisung, die ergänzende Sachverhaltsabklärung und die Neubeurteilung auf die "Rückenproblematik (LWS)" zu beschränken, beinhaltet eine Haftungsbeschränkung zufolge fehlender Unfallkausalität für alle von der Beschwerdeführerin geklagten, nicht die "Rückenproblematik (LWS)" betreffenden gesundheitlichen Störungen. Diese Beschränkung der Haftung auf die von der Beschwerdeführerin unmittelbar nach dem Unfall im Bereich der LWS lokalisierten und von dort ausgehenden Beschwerden beruht nach dem Gesagten auf einer rechtskonformen Beweiswürdigung des für die Frage, welche der von der Beschwerdeführerin nach dem Unfall vom 29. Dezember 1998 beklagten Gesundheitsstörungen natürlich kausale Unfallfolgen sind und welche nicht, rechtserheblichen medizinischen Sachverhaltes. Sie steht überdies in Einklang mit der Regelung der Konkurrenz unfallbedingter und unfallfremder Ursachen eines Gesundheitsschadens in Art. 36 Abs. 1 UVG (vgl. Erw. 4.4 und 5.1 in fine hievor). Da bei der Beschwerdeführerin als Vorzustand eine Diskopathie L5/S1 und L4/L5 bei ungünstiger Wirbelsäulenstatik röntgenologisch ausgewiesen ist, wird im Rahmen der von der "Winterthur" im Einspracheentscheid vom 1. Oktober 2001 angeordneten Neubeurteilung der natürlichen Unfallkausalität richtigerweise lediglich die Frage zu klären sein, ob und bis zu welchem Zeitpunkt der beim Sturz vom 29. Dezember 1998 erlittenen Kontusion/Distorsion der LWS kausale Bedeutung für den Verlauf des vorbestandenen Rückenleidens zukam und der status quo ante oder quo sine im Bereich der LWS wieder erreicht war.