Citation: 6S.143/2002 11.06.2002 E. 2

2.-a) aa) Der Verurteilung wegen mehrfacher Vergewaltigung und mehrfacher sexueller Nötigung liegt folgender Sachverhalt gemäss Anklageschrift zugrunde: Y.________ (geboren 1968) begab sich ungefähr im November 1993 wegen psychischer und krankheitsbedingter Probleme zu X.________ (geboren 1931) gegen Entgelt in eine Psychotherapie und begann unter seiner Leitung eine Ausbildung für "Posturale Integration". In der Folge kam es unter der anhaltenden psychischen Drucksituation in nicht mehr genau ermittelbaren Zeitpunkten zwischen dem 31. März 1995 und November 1995 in der Praxis von X.________, in seinem Wochenendhaus in Waltalingen, in seinem Ferienhaus in Cerentino/TI sowie in Feriencamps in der Toscana und in Ägypten zu verschiedenen sexuellen Handlungen. Ungefähr Mitte April 1995 übernachtete Y.________ in der Wohnung/Praxis von X.________. Dabei legte er sich zu ihr ins Bett, nahm ihre Hand und forderte sie auf, zuerst sein Herz zu massieren und danach sein Geschlechtsteil zu streicheln. In der Folge steckte er seinen Finger in ihren Anus, legte sich später mit errigiertem Glied auf sie und versuchte, ohne Kondom mit seinem Glied in ihre Scheide einzudringen, was ihm teilweise gelang. Auf die gleiche Weise kam es im Jahre 1995 zwischen ihnen verschiedene Male zu versuchtem und vollzogenem Geschlechtsverkehr. Zu nicht mehr genau ermittelbaren Zeitpunkten zwischen Juli und September 1995 forderte X.________ Y.________ mehrmals zu sado-masochistischen Praktiken auf. In der Folge peitschte er die seinem Ansinnen hilflos gegenüber stehende Y.________ mit einem Gürtel aus und verlangte von ihr, dass sie ihn ebenfalls auspeitsche. Mindestens zwei Mal forderte er dabei Y.________ auf, ihn mit "Gummischwänzen", Latexteilen, Peitschen und Elektroschocks sexuell zu reizen. Im selben Zeitraum legte X.________ ungefähr zehn bis zwanzig Mal die Hand von Y.________ an sein Glied und verlangte von ihr, dass sie ihn mit der Hand oder oral befriedige. Y.________ kam diesen Aufforderungen auf Grund ihrer psychischen Abhängigkeit sowie teilweise unter dem Einfluss der ihr von X.________ verabreichten Drogen widerspruchslos nach. bb) Die Vorinstanz hält in ihrer Beweiswürdigung dazu fest, es sei schon auf Grund der eigenen Aussagen des Beschwerdeführers erwiesen, dass dieser zahlreiche sexuelle Handlungen unterschiedlicher Art gegenüber Y.________ begangen habe, darunter auch verschiedene sado-masochistische Praktiken, und dass er mit ihr vor den Handlungen teilweise Drogen konsumiert habe. Es stehe auch fest, dass Y.________ zum 37 Jahre älteren Beschwerdeführer in einem intensiven Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis gestanden sei, sie ihm geglaubt habe, er könne den Aids-Ausbruch verhindern, und sie finanziell von ihm abhängig geworden sei. Der Beschwerdeführer sei sich all dessen bewusst gewesen. Y.________ habe sich gemäss der Aussage des Beschwerdeführers wegen ihrer HIV-Infektion und persönlicher Probleme zu ihm in eine Therapie begeben. Er habe ihr gegenüber die Möglichkeit einer Heilung erwähnt und ihr Hoffnung gemacht, dass Aids bei ihr nicht ausbreche. Y.________ habe von ihm Heilung erhofft. X.________ habe anerkannt, dass sie ihm vertraut, zu ihm aufgeschaut und ihn bewundert habe. Laut Aussagen des Beschwerdeführers sei er für sie ein "sehr interessanter und unterhaltsamer Partner gewesen", habe ihr "Savoir Vivre" und auch geistige Werte vermittelt. Ferner habe er bestätigt, dass Y.________ ihre Arbeitsstelle aufgab, um fortan bei ihm im Haushalt und im Sekretariat zu arbeiten. Sie habe teilweise Kurse abgearbeitet. Hin und wieder habe er ihr Fr. 100.-- gegeben und sie im Übrigen mit Einladungen entschädigt. Die Vorinstanz erwägt weiter, es lasse sich zwar nicht gänzlich ausschliessen, dass aus einem anfänglichen Therapieverhältnis schliesslich "ein echtes Liebesverhältnis" entstehen könne, doch sei dies im konkreten Fall zu verneinen. Die Virusinfektion und damit die Therapiebedürftigkeit von Y.________ sowie ihre (insbesondere therapiebedingte) Abhängigkeit vom Beschwerdeführer seien im Frühling 1995 keineswegs beendet gewesen. Es sei aktenkundig, dass die Therapiesitzungen bis Herbst 1995 fortgedauert hätten, allerdings nicht gegen Bezahlung, sondern im Austausch gegen Haushalts- und Sekretariatsarbeiten. Das "Umfunktionieren" des Therapieverhältnisses in ein angebliches Liebesverhältnis sei als einseitiger Akt des Beschwerdeführers anzusehen, ein Vorgehen, das er mit früheren Patientinnen bereits praktiziert habe. Zur Begründung der Schuldsprüche verweist die Vorinstanz auf die Erwägungen im Urteil des Bezirksgerichts. Dieses führt aus, die Geschädigte sei in einem langandauernden und intensiven Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis zum Beschwerdeführer gestanden, welches sich im Zeitraum sämtlicher eingeklagten Tathandlungen durch die Überlagerung mit einem Arbeitsverhältnis zusätzlich intensiviert habe. Dabei habe sich die Behandlung des Beschwerdeführers keineswegs in blossen Massagen erschöpft. Vielmehr habe die Geschädigte den Beschwerdeführer aufgrund der Therapie, der ihr von ihm versprochenen Heilung von der HIV-Infektion, dem Arbeits- und Ausbildungsverhältnis und der zeitweiligen Aufnahme in seinem Haushalt als ihr "Retter und Beschützer" betrachtet. Der Beschwerdeführer habe ihr gegenüber die Stellung einer Autoritätsperson eingenommen. Die physisch und psychisch angeschlagene Geschädigte, welche grösstenteils im Haushalt des Beschwerdeführers gelebt habe, sei nicht in der Lage gewesen, sich von ihm abzugrenzen. Ihre psychische Drucksituation sei dadurch, dass der Beschwerdeführer sie zudem für seinen eigenen psychischen und physischen Zustand verantwortlich gemacht und ihr mit Selbstmord gedroht habe, zusätzlich verschärft worden. Unter diesen Umständen erscheine ihr Nachgeben gegenüber den Forderungen des Beschwerdeführers bzw. ihre Unterwerfung verständlich, zumal sie sonst mit dem Abbruch des Therapie- und Ausbildungsverhältnisses und dem Entzug der Zuneigung und Aufmerksamkeit des Beschwerdeführers hätte rechnen müssen. In ihrem damaligen labilen Zustand hätte sie dies nicht verkraftet. Ein allfällig von Y.________ gezeigtes scheinbares Einverständnis möge dabei die Kausalität des ausgeübten psychischen Druckes und der Duldung bzw. Vornahme der sexuellen Handlungen keineswegs zu beseitigen, sei es doch unter dem psychischen Druck erfolgt. Die Tatbestände der sexuellen Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB und der Vergewaltigung gemäss Art. 190 Abs. 1 StGB seien jeweils mehrfach erfüllt. Zu präzisieren sei, dass die in der Anklageschrift umschriebenen Handlungen, nach denen der Beschwerdeführer sein Glied nur teilweise in die Scheide des Opfers eingeführt habe, als vollendete und nicht bloss versuchte Vergewaltigungen zu werten seien. Ergänzend dazu führt die Vorinstanz aus, die Geschädigte habe dem Beschwerdeführer geglaubt, dass er ihr helfen und den Ausbruch von Aids verhindern könne. Ob ihm dies gelinge, habe er von ihrem Einsatz abhängig erklärt. Y.________ sei damit unter sehr grossem psychischem Druck und ständiger Angst gestanden, etwas falsch zu machen und vom Beschwerdeführer zurückgewiesen zu werden. Sie sei deshalb seinen sexuellen Wünschen und Aufforderungen zur Drogeneinnahme widerspruchslos nachgekommen. b) Der Beschwerdeführer wendet sich gegen seine Verurteilung wegen jeweils mehrfacher Vergewaltigung und sexueller Nötigung. Er macht im Wesentlichen geltend, es genüge nicht, wenn etwa aus einem Therapeuten-Patientenverhältnis heraus bloss eine vorbestehende, nicht vom Therapeuten selber geschaffene Abhängigkeit der Patientin ausgenützt werde. Genau das werfe ihm die Vorinstanz jedoch vor. Er habe Y.________ bei den sexuellen Handlungen indessen unter keinerlei "tatsituativen Zwang" gesetzt. Abgesehen davon sei ihr angesichts ihrer "einschlägigen Vorerfahrungen" eine Abwehr zumutbar gewesen. Das zeige sich nicht zuletzt daran, dass sie sich nach Abbruch der Beziehung zu ihm während Jahren auf dem Drogenstrich prostituiert habe. Wäre die Vorinstanz dem nachgegangen, so hätte kein Zweifel daran bestanden, dass Y.________ in der Lage gewesen sei, unerwünschte sexuelle Begehren abzuwehren. Indem die Vorinstanz diesbezügliche Nachforschungen unterlassen habe, fehle es am Nachweis, dass ihr keine zumutbaren Selbstschutzmöglichkeiten zur Verfügung gestanden seien. Der Umstand, dass die Geschädigte anderthalb Jahre nach Beginn der Therapie eine intime Beziehung mit ihm aufgenommen habe, könne für sich genommen die Annahme der Ausnützung bzw. des Missbrauchs einer Abhängigkeit nicht rechtfertigen. Erweise sich, dass Y.________ sich aus anderen Gründen auf die Intimitäten eingelassen habe, so liege kein Missbrauch vor, insbesondere auch deshalb nicht, weil sie klar habe erkennen lassen, mit der Aufnahme von sexuellen Handlungen einverstanden zu sein. Aufgrund des von der Vorinstanz festgestellten Sachverhalts sei erwiesen, dass Y.________ nicht nur intensiv um ihn geworben, sondern sich ihm auch sexuell anerboten habe. Wenn sich eine Frau einem Mann "aus Liebe öffne" und ihre sexuelle Bereitschaft zeige, liege keine Ausnützung der Notlage einer Frau vor.