Citation: 5A_866/2022 E. 2.4.5

2.4.5. Im konkreten Fall gibt es keinen Grund, von der Beschwerdeführerin eine erneute Postaufgabe zu verlangen, allein um sich des treumässigen Verhaltens nach der Rücksendung zu versichern. Wenn - wie hier - feststeht, dass die Beschwerdeführerin die Postaufgabe vom 24. Februar 2022 korrekt vorgenommen (also richtig adressiert und frankiert) hat, und dennoch eine Rücksendung durch die Post erfolgt, kann die Vorinstanz von der Beschwerdeführerin nicht zwingend eine erneute Postaufgabe verlangen. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz ist der vorliegende Fall nicht mit den zitierten Urteilen betreffend Falschadressierung und -frankierung vergleichbar. Das Argument, dass der Wechsel der Zustellung (durch Übergabe an das Gericht) inkohärent oder widersprüchlich wäre, verliert sein Gewicht, weil der Beschwerdeführerin kein hinreichender Mangel bei der Postaufgabe anzulasten ist. Warum die Post trotz routinemässig fotografiertem Paketumschlag (mit Adressetikette und Sendungsnummer) nach physischer Ablösung der Adressetikette den Empfänger nicht ermittelt und die Sendung zur Zustellung nicht weiterverarbeitet hat, zumal die Sendungsnummer nicht abgelöst wurde, ist nicht bekannt und auch nicht ausschlaggebend. Unter dem Gesichtspunkt des Gebotes des Handelns nach Treu und Glauben kann die Reaktion der Beschwerdeführerin - die unverzügliche Übergabe (gleichentags) beim Gericht - nicht als eine Form von Widersprüchlichkeit im Verhalten qualifiziert werden, sondern als nachvollziehbares Vorgehen zur Aufrechterhaltung der fristgerechten Postaufgabe. Wenn die Vorinstanz dennoch auf der erneuten Zustellung auf dem Postweg zur Aufrechterhaltung der Prozesshandlung beharrt hat, stellt dies eine prozessuale Formstrenge dar, welche durch kein schutzwürdiges Interesse gerechtfertigt ist, sondern zum blossen Selbstzweck wird und die Verwirklichung des materiellen Rechts in unhaltbarer Weise erschwert. Die vorinstanzliche Anwendung von Art. 143 Abs. 1 ZPO ist mit Art. 29 Abs. 1 BV bzw. dem Verbot des überspitzten Formalismus nicht vereinbar (BGE 145 I 201 E. 4.2.1; 111 Ia 169 E. 4c).