Citation: 8C_824/2023 E. 5.2

5.2. Zuletzt merkte das kantonale Gericht noch an, gemäss den Akten sei die im Sommer 2015 aufgetretene Anpassungsstörung nie gezielt behandelt worden, obwohl nach der allgemeinen medizinischen Erfahrung mit einem guten Behandlungserfolg innerhalb von wenigen Monaten hätte gerechnet werden können. Nach dem allgemeinen Grundsatz "Eingliederung vor Rente" hätte die IV-Stelle adäquate medizinische Eingliederungsmassnahmen in die Wege leiten müssen, wovon sie allerdings wohl deshalb abgesehen habe, weil sie fälschlicherweise davon ausgegangen sei, die Beschwerdeführerin sei selbst ohne eine medizinische Eingliederung nicht rentenbegründend invalid gewesen. In dieser Situation schlössen die Art. 7 f. ATSG, nach denen eine Invalidität erst nach erfolgter medizinischer Eingliederung vorliegen könne, die Zusprache einer Invalidenrente zwar aus. Gemäss eigener (kantonaler) Rechtsprechung werde Versicherten allerdings seit Mai 2019 konsequent auch dann eine Rente zugesprochen, wenn die Arbeitsfähigkeit zwar noch durch medizinische Eingliederungsmassnahmen verbessert werden könne, die Arbeitsunfähigkeit aber insgesamt länger als ein Jahr bestanden habe. Die Beschwerdegegnerin sei im Zeitpunkt der Verfügung vom 29. Juni 2018 bereits während drei Jahren teilweise arbeitsunfähig respektive zu 42.5 % invalid gewesen, was - ungeachtet der Möglichkeit der medizinischen Eingliederung - zu einer Rentenzusprache im Sinne der "St. Galler Praxis" führen müsse. Das sogenannte Wartejahr nach Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG habe allerdings erst am 30. Juni 2015 zu laufen begonnen und folglich am 1. Juni 2016 geendet. Da die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin durch eine adäquate medizinische Eingliederung prognostisch in relativ kurzer Zeit wesentlich verbessert werden könne, werde die IV-Stelle zu prüfen haben, ob eine solche relevante Veränderung zwischenzeitlich - nach dem Erlass der angefochtenen Verfügung Ende Juni 2018 - eingetreten sei respektive ob die Beschwerdeführerin zur Erfüllung ihrer Schadenminderungspflicht in der Form einer adäquaten medizinischen Eingliederung angehalten werden müsse.