Citation: 1A.55/2000 30.06.2000 E. 2

2.- a) Die Bestimmungen des Opferhilfegesetzes vom 4. Oktober 1991 [OHG; SR 312. 5] über die Entschädigung undGenugtuung gelten für Straftaten, die nach dem 1. Januar1993 (Inkrafttreten des OHG) verübt wurden (Art. 12 Abs. 3O-pferhilfeverordnung vom 18. November 1992 [OHV, SR312. 51]). b) Wird eine Person, die das Schweizer Bürgerrecht undWohnsitz in der Schweiz hat, im Ausland Opfer einerStraftat, kann sie im Kanton ihres Wohnsitzes Entschädigungund Genugtuung verlangen, sofern sie nicht von einemausländischen Staat eine genügende Leistung erhält (Art. 11Abs. 3 OHG; s. auch Art. 1 Abs. 2 lit. c OHG). c) Art. 16 Abs. 3 OHG bestimmt Folgendes: "Das Opfer muss die Gesuche um Entschädigung undGenugtuung innert zwei Jahren nach der Straftat bei der Behörde einreichen; andernfalls verwirkt es seine Ansprüche.. " aa) Der Wortlaut von Art. 16 Abs. 3 OHG verlangt für dasEinsetzen des Fristenlaufes eine "Straftat" ("infraction", "reato"). Eine Straftat im Sinne des OHG liegtgrundsätzlich vor, wenn der objektive Straftatbestanderfüllt und kein Rechtfertigungsgrund gegeben ist (BGE 125II 265 E. 2a/bb S. 268; 122 II 211 E. 3b S. 215, je mitHinweisen; vgl. Botschaft vom 25. April 1990 zum OHG, BBl1990 II 977). Mit dieser relativ kurzen Verwirkungsfrist, diegrundsätzlich weder unterbrochen noch wiederhergestelltwerden kann, wollte der Gesetzgeber die Opfer dazuanhalten, sich rasch zu entscheiden, ob sie entsprechendeAnsprüche erheben wollen. Zudem soll damit sichergestelltwerden, dass der Entscheid der Opferhilfebehörde möglichstbald erfolgen kann, in einem Zeitpunkt, in dem die genauenUmstände der Straftat noch eruierbar sind (BGE 126 II 97 E. 2c S. 100; 123 II 241 E. 3c S. 243, je mit Hinweisen). Ferner ist auch dem berechtigten Interesse desentschädigungspflichtigen Kantons Rechnung zu tragen, allfällige Regressforderungen gegenüber dem Täterrechtzeitig (vor Ablauf der Verjährung) anzubringen (vgl. PETER GOMM, Einzelfragen bei der Ausrichtung vonEntschädigung und Genugtuung nach dem Opferhilfegesetz, in: Festgabe zum Schweizerischen Juristentag 1998, Solothurn1998, S. 673 ff., 689). bb) Dem Opfer darf es allerdings nicht faktischverunmöglicht sein, innerhalb der Verwirkungsfrist einsubstanziertes Opferhilfegesuch zu stellen. Andernfallswürde der Sinn und Zweck des OHG unterlaufen (vgl. BBl 1990II 909 ff., S. 942; BGE 123 II 241 E. 3c S. 243). Zwarmüssen im Zeitpunkt der Einreichung des Opferhilfegesuchesdie Tatbestandsmerkmale noch nicht durch Strafuntersuchungoder Anklageerhebung konkretisiert (oder gar durch einrechtskräftiges Urteil nachgewiesen) sein. Nach Treu undGlauben muss dem Opfer allerdings ein Minimum anInformationen über die Straftat bzw. deren Umstände undSchadensfolgen vorliegen, die es ihm möglich und zumutbarmachen, ein ausreichend substanziertes Opferhilfegesuch zustellen (vgl. BGE 126 II 97 E. 2e S. 101 f.). In derLiteratur wird überwiegend die Auffassung vertreten, beiStraftaten, deren Schadensfolgen für das Opfer erst einigeZeit nach dem tatbestandsmässigen Verhalten eintreten bzw. erkennbar werden, setze die Verwirkungsfrist von Art. 16Abs. 3 OHG erst ab Eintritt des Erfolges ein (vgl. RUTHBANTLI KELLER, Überblick über das Opferhilfegesetz, Kriminalistik 1995, S. 65 ff., 69; RUTH BANTLIKELLER/ULRICH WEDER/KURT MEIER, Anwendungsprobleme desOpferhilfegesetzes, Plädoyer 1995 Nr. 5, S. 30 ff., 44;PETER GOMM/PETER STEIN/DOMINIK ZEHNTNER, Kommentar zumOpferhilfegesetz, Bern 1995, Art. 16 N. 16-18). DasBundesgericht hat diese Frage bisher ausdrücklich offengelassen (nicht publiziertes Urteil vom 3. November 1999i. S. G., E. 4c; vgl. auch BGE 123 II 241 E. 3d S. 243 f.).