Citation: U 120/00 09.01.2001 E. 6

6.- a) Hinsichtlich des Invalideneinkommens ist zunächst streitig, ob die Versicherte am angestammten Arbeitsplatz die ihr noch zumutbare Arbeitsfähigkeit mit einem Teilarbeitspensum von 80 % voll ausschöpft oder ob sie damit überfordert ist. Die Winterthur hat diesbezüglich auf das zweite Gutachten von Dr. T.________ vom 9. Dezember 1997 abgestellt. Danach beträgt die Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin als Floristin/Filialleiterin im angestammten Betrieb, wo die Möglichkeit einer gewissen körperlichen Schonung besteht (kein Heben von schweren Lasten), 20 %. Demgegenüber macht die Beschwerdeführerin gestützt auf das Privatgutachten Dr. C.________ eine Arbeitsunfähigkeit von 40 % geltend. Dieser Arzt führt in seinem Gutachten vom 10. Mai 1999 aus, die Beschwerdeführerin sei mit dem von ihr eingehaltenen Arbeitspensum von 80 % "grenzwertig" überfordert. Für die Tätigkeit im angestammten Beruf sei "zum jetzigen Zeitpunkt" eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens 30 %, wahrscheinlich "eher sogar" 40 % anzunehmen. Die Vorinstanz ist zum Schluss gelangt, es sei auf Grund dieser divergierenden Angaben der beiden Gutachter nicht möglich, die der Versicherten noch zumutbare Arbeitsfähigkeit schlüssig zu beurteilen und hat die Sache zur Einholung eines neuen, interdisziplinären Gutachtens an die Winterthur zurückgewiesen. b) Nach dem für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 40 BZP in Verbindung mit Art. 19 VwVG; Art. 95 Abs. 2 OG in Verbindung mit Art. 113 und 132 OG) haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsrichter die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass der Sozialversicherungsrichter alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere darf er bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum er auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist also entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 125 V 352 Erw. 3a, 122 V 160 Erw. 1c). Was Partei- oder Privatgutachten anbelangt, rechtfertigt der Umstand allein, dass eine ärztliche Stellungnahme von einer Partei eingeholt und in das Verfahren eingebracht wird, nicht Zweifel an ihrem Beweiswert (BGE 125 V 353 Erw. 3a/dd). c) Im vorliegenden Fall ist für die Würdigung der beiden einander widersprechenden medizinischen Gutachten von Belang, dass dem Privatgutachter Dr. C.________ nur einige wenige, im Gutachten einzeln erwähnte, medizinische Vorakten zur Verfügung standen. Dr. C.________ hat daher namentlich die Ergebnisse der zweiten neuropsychologischen Untersuchung durch Dr. G.________ vom 19. September 1997, welche erheblich geringere neuropsychologische Defizite als die erste Begutachtung vom 15. März 1996 ergab, nicht berücksichtigt. Ebenso wenig hat er den Umstand beachtet, dass der Hausarzt Dr. F.________, ab 1. September 1994, also während rund 4 3/4 Jahren, stets eine Arbeitsfähigkeit von 80 % attestierte und in seinem Bericht an den Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin vom 18. August 1998 eine "Überlastung bei entsprechend reduziertem Arbeitspensum" ausdrücklich verneinte. Mit den abweichenden, ärztlichen Arbeitsfähigkeitsbeurteilungen hat sich der Privatgutachter überhaupt nicht auseinandergesetzt und nicht näher begründet, weshalb er zum Schluss kam, die Beschwerdeführerin sei mit dem über Jahre eingehaltenen Arbeitspensum von 80 % überfordert. Dieser Schlussfolgerung fehlt daher jede Beweiskraft. Es ist vielmehr auf die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung durch den Administrativgutachter Dr. T.________, welche mit dem vom Hausarzt über mehrere Jahre bestätigten Leistungsvermögen übereinstimmt, abzustellen. Auf die Einholung eines neuen interdisziplinären Gutachtens ist entgegen der Auffassung der Vorinstanz zu verzichten. d) Somit ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführerin die Beibehaltung ihres bisherigen Arbeitspensums von 80 % zumutbar ist, und dass sie damit die ihr verbliebene Restarbeitsfähigkeit voll ausschöpft. Das Invalideneinkommen entspricht folglich dem im angestammten Betrieb effektiv erzielten Verdienst. Der Geschäftsführer der Arbeitgeberfirma der Beschwerdeführerin hat diesen im Rahmen der am 22. April 1998 durchgeführten erwerblichen Abklärungen auf monatlich Fr. 3560.- beziffert. Wie beim Valideneinkommen blieb aber auch hier offen, ob die Versicherte nach dem Unfall vom 2. März 1994 weiterhin eine Jahresendzulage erhalten hat und mutmasslich auch in Zukunft erhalten wird und wenn ja, in welcher Form und Höhe. Diese Frage bedarf auch hinsichtlich des Invalideneinkommens ergänzender Abklärung. Hingegen sind die von der Beschwerdeführerin angeführten statistischen Löhne (Tabellenlöhne) irrelevant, wenn die Invalidität - wie im vorliegenden Fall - nach Massgabe der von einem Versicherten in einem stabilen Arbeitsverhältnis effektiv hinzunehmenden Verdiensteinbusse bemessen wird. e) Die Winterthur hat den von der Beschwerdeführerin im Jahre 1998 effektiv erzielten Verdienst von Fr. 3560.- monatlich um einen Soziallohnanteil von Fr. 460.- reduziert, weil Herr W.________ am 22. April 1998 zu Protokoll erklärte, "unter Berücksichtigung der Einschränkungen" der Versicherten sei "ein Monatssalär von ca. Fr. 3000.- oder Fr. 3100.- monatlich eher angemessen" als der effektiv bezahlte Monatslohn von Fr. 3560.-. Praxisgemäss sind an den Nachweis von Soziallohn strenge Anforderungen zu stellen, da vom Grundsatz ausgegangen werden muss, dass ausbezahlte Löhne normalerweise das Äquivalent einer entsprechenden Arbeitsleistung sind (BGE 117 V 18 Erw. 2c/aa mit Hinweisen). Bei der richterlichen Würdigung von Arbeitgeberlohnangaben ist auch zu bedenken, dass ein Arbeitgeber ein eigenes Interesse daran haben kann, die Bezahlung von Soziallohn zu behaupten (BGE 110 V 277 Erw. 4c, 104 V 93 Erw. 2; RKUV 1996 U 240 S. 95 Erw. 3c; ZAK 1980 S. 345 Erw. 2b). Als Indiz für eine freiwillige Sozialleistung fallen insbesondere verwandtschaftliche Beziehungen zwischen dem Arbeitgeber und dem Versicherten oder eine lange Dauer des Arbeitsverhältnisses in Betracht. Im vorliegenden Fall fehlen jegliche Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführerin seit Wiedererlangung einer 80 %igen Arbeitsfähigkeit im September 1994 ein Soziallohnanteil von rund 15 % ausgerichtet worden wäre und mutmasslich in Zukunft weiterhin ausbezahlt werden wird. In kleineren Unternehmungen wie der Arbeitgeberfirma der Beschwerdeführerin wird selbst langjährigen und geschätzten Mitarbeitern Soziallohn erfahrungsgemäss (wenn überhaupt) nur relativ kurzfristig ausbezahlt, weil sich dadurch die Ertragslage unmittelbar und spürbar verschlechtert. f) Die Winterthur hat daher beim Invalideneinkommen zu Unrecht einen Soziallohnanteil von Fr. 460.- berücksichtigt. Nach Abklärung der für beide Vergleichseinkommen relevanten, aber noch offenen Frage der zur berücksichtigenden Jahresendzulage, ist deshalb im Rahmen der neu vorzunehmenden Invaliditätsbemessung beim Invalideneinkommen auf das von der Beschwerdeführerin trotz ihrer Behinderung tatsächlich erzielte Erwerbseinkommen abzustellen.