Citation: 6B_210/2022 E. 2.4.2

2.4.2. In BGE 103 IV 165 hat das Bundesgericht die Widerstandsunfähigkeit von Patientinnen bejaht, die sich auf einem gynäkologischen Untersuchungsstuhl befanden und keinen Einblick in die Handlungen des Arztes nehmen konnten. Die Willensbetätigung der Frauen sei beeinträchtigt gewesen, weil sie wegen ihrer Lage auf dem Untersuchungsstuhl nicht sehen konnten, was mit ihnen geschah. Eine willensmässige Reaktion hänge von einer vorgängig durch die Sinne vermittelten äusseren Wahrnehmung ab. Falle aber das Sehen weg, verbleibe den Frauen als anderweitige Wahrnehmung nur das körperliche Empfinden. Das aber bedeute nichts anderes, als dass sie erst reagieren konnten, als der Täter bereits im Begriff war, sie zu missbrauchen. In BGE 133 IV 49 nahm das Bundesgericht die Widerstandsunfähigkeit der Patientin ebenfalls an: Anlässlich einer physiotherapeutischen Behandlung lag diese nackt auf dem Bauch und konnte wegen ihrer Lage auf dem Behandlungstisch ebenfalls nicht sehen, was mit ihr geschah. Den sexuellen Übergriff nahm sie erst wahr, als sie die Finger des Physiotherapeuten an ihrem Geschlechtsteil spürte (E. 7.4). Das Bundesgericht hat auch in einem anderen Fall die Widerstandsunfähigkeit bejaht. Aufgrund ihrer Lage im gynäkologischen Untersuchungsstuhl konnte die Patientin die Berührung an ihrer Klitoris erst wahrnehmen, als der Gynäkologe bereits damit begonnen hatte. Sie hatte sich nicht gewehrt, weil sie dachte, das Betasten ihrer Klitoris sei medizinisch begründet. Das Bundesgericht bejahte den Tatbestand der Schändung bereits aufgrund der Lage der Patientin. Deshalb liess es offen, ob die irrtümliche Annahme einer Patientin, eine bestimmte Handlung des Arztes sei medizinisch begründet, Widerstandsunfähigkeit im Sinne von Art. 191 StGB begründet (Urteil 6S.448/2004 vom 3. Oktober 2005 E. 1.2.4). In einem weiteren Entscheid differenzierte das Bundesgericht betreffend der Widerstandsunfähigkeit. Als die Patientin anlässlich einer von einem Arzt durchgeführten Massage ihr Gesicht seitlich abgedreht gehabt und auf dem Bauch gelegen habe, sei ihr Gesichtsfeld teilweise eingeschränkt gewesen. Sie sei somit nicht in der Lage gewesen, den sexuellen Übergriff zu erkennen und habe ihn somit erst wahrnehmen können, als die beschuldigte Person bereits mit den Fingern in ihre Vagina eingedrungen sei. Die Patientin sei widerstandsunfähig gewesen. Nachdem sie ihre Position aber von der Bauch- auf die Rückenlage gewechselt habe, sei ihre Sicht nicht mehr eingeschränkt gewesen. Die in der Rückenlage erfolgten Übergriffe habe sie nur wegen ihres Irrtums über die medizinische Indikation geduldet, was alleine für die Annahme einer Widerstandsunfähigkeit nicht ausreiche (Urteil 6B_453/2007 vom 19. Februar 2008 E. 3.4.2 f.). In zwei anderen Fällen stellte das Bundesgericht massgeblich darauf ab, ob die Patientin im Rahmen einer medizinischen Massage von den Übergriffen überrumpelt worden war oder nicht (Urteil 6B_206/2009 vom 21. Juli 2009 E. 3.4.3 f.) bzw. ob die Frauen von den Übergriffen des Physiotherapeuten ihrer Sportgruppe überrascht worden waren (Urteil 6B_436/2010 vom 6. Dezember 2010 E. 5.3).