Citation: I 409/06 08.05.2007 E. 4

Streitig und zu prüfen ist einzig, ob die somatoforme Schmerzstörung, an welcher die Versicherte unbestrittenermassen leidet, einen Leistungsanspruch gegenüber der Invalidenversicherung begründet. 4.1 Die medizinischen Akten bieten kein einheitliches Bild. 4.1.1 Die Psychiaterin Dr. med. L.________, welche die Versicherte im Rahmen der Begutachtung durch die Medizinische Begutachtungsstelle A.________ (im Folgenden: MBA), am 12. November 2003 untersuchte, beschrieb die Beschwerdeführerin als "gepflegte, altersentsprechende, leicht adipöse zu Begutachtende". Sie sei bewusstseinsklar und voll orientiert; der formale und inhaltliche Gedankengang sei unauffällig, Anhaltspunkte für Sinnestäuschungen oder wahnhaftes Erleben fehlten. Die Stimmung sei deutlich zum depressiven Pol hin verschoben, teils verzweifelt-hoffnungslos. Beklagt werde neben massiven Schlafstörungen das Gefühl der ständigen Unruhe und Angetriebenheit. Bis auf Kontakte innerhalb der Familie seien die Sozialkontakte fast vollständig sistiert. Frau Dr. med. L.________ diagnostizierte eine ausgeprägte somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4); begleitend bestehe zumindest eine mittelschwere depressive Symptomatik (ICD-10 F 33.1). Nach anfänglich adäquater Verarbeitung des als sehr traumatisch erlebten Bagatellunfalles scheine es zu einer multifaktoriell (lebensgeschichtliche Hintergründe, momentane Lebenssituation, wenig vorhandene Copingmechanismen etc.) verursachten Symptomausweitung gekommen sein. Aufgrund der ausgeprägten Symptomatik sei die Versicherte zum Zeitpunkt der Untersuchung als 100 % arbeitsunfähig einzustufen. 4.1.2 RAD-Arzt Dr. med. B.________ kam aufgrund der Akten zum Schluss, es fänden sich mit Ausnahme der Affektlage keine typisch depressiven Symptome. Eine psychiatrische Diagnose sei nicht ausgewiesen, weshalb die somatoforme Schmerzstörung keine Arbeitsunfähigkeit bewirke. Am 19. Oktober 2004 untersuchte Dr. med. B.________ die Versicherte und kam zum Schluss, die im Gutachten des MBA gestellte Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung könne eindeutig bestätigt werden. Hingegen fänden sich keine Hinweise auf eine mittelgradige oder schwere depressive Störung nach der ICD-10- Klassifikation. Es liege eine für Einwanderer aus dem süd-osteuropäischen Mittelmeerraum typische Konstellation aus psychosozialen und soziokulturellen Belastungsfaktoren vor (niedrige Schulbildung, keine Berufsausbildung, frühe Heirat und Schwangerschaft, Doppelbelastung und zunehmendes Burnout durch Familie und Beruf [100%ige Arbeitstätigkeit, sechs Kinder], kulturelle Entwurzelung); hinzu käme der frühe Verlust der Mutter, die Langzeitarbeitslosigkeit, wenig psychische und intellektuelle Ressourcen, ein rein organmedizinisches Krankheitsverständnis und das durch seine überprotektive Haltung schmerzverstärkende familiäre Umfeld sowie sehr wahrscheinlich innerfamiliäre Konflikte oder Probleme in der Paarbeziehung. Die Beschwerdeführerin gebe zwar gewisse depressive Symptome an (vor allem Schlafstörungen und einen sozialen Rückzug), diese seien aber vor allem auf die somatoforme Schmerzstörung zurückzuführen. Objektivierbare Symptome einer Depression, insbesondere eine Antriebsverminderung oder eine eingeschränkte affektive Schwingungsfähigkeit, fänden sich nicht; die Versicherte könne sehr klar Ansprüche und Vorwürfe vorbringen und wirke dabei sogar sehr lebhaft. Ermüdungserscheinungen und Konzentrationsstörungen habe er trotz des langen Gesprächs nicht festgestellt. Zusammenfassend hielt Dr. med. B.________ fest, die leichte depressive Entwicklung sei Folge der Schmerzstörung und keine eigenständige Erkrankung; die Schmerzstörung beruhe auf invaliditätsfremden psychosozialen und soziokulturellen Belastungsfaktoren. 4.1.3 Die Ärzte am Psychiatrie-Zentrum X.________, welche die Versicherte seit Januar 2005 behandeln, diagnostizierten eine zumindest mittelgradige (ICD-10 F32.1), wahrscheinlich jedoch eine schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F32.2) und eine anhaltende somatoforme Schmerstörung (ICD-10 F45.4; Bericht vom 2. Juli 2006). Diese Einschätzung betrifft den Zeitraum Januar/ Februar 2005, somit die Zeit vor Erlass des Einspracheentscheides vom 17. März 2005, weshalb sie im Rahmen des vorliegenden Verfahrens berücksichtigt werden kann (BGE 121 V 362 E. 1b S. 366 mit Hinweisen). Die beiden Mediziner legen ausführlich und gut begründet die Schwierigkeiten dar, welche sich bei der Diagnose einer Depression im Allgemeinen und bei fremdsprachigen Exploranden (mit Beizug eines Dolmetschers) im Besonderen bieten. Gut nachvollziehbar führen sie aus, dass die Diagnose massgeblich auf dem klinischen Gesamteindruck des jeweiligen Arztes beruhe und die in der Theorie sehr übersichtlich wirkenden Kriterienkataloge (insbesondere die ICD-10-Klassifikation und das System der Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie [AMDP]) in der Praxis oft an Grenzen stiessen. Zum einen bräuchten nicht alle theoretischen Kriterien erfüllt zu sein, damit eine Depression diagnostiziert werden könne, zum anderen seien die einzelnen Punkte oft nicht genau zu explorieren und müssten aus den sprachlichen Mitteilungen der zu explorierenden Person erschlossen werden. In ihrer Beurteilung kommen die Dres. med. F.________ und G.________ zum Schluss, die Versicherte leide an einer Depression, bei welcher es sich um eine schwerwiegende, von den kulturellen Hintergründen unabhängige psychiatrische Erkrankung mit Eigendynamik handle. Zur Klärung der Differenzen zwischen ihrer Einschätzung und der Beurteilung durch Dr. med. B.________ sei eine Oberbegutachtung angezeigt.