Citation: 8C_548/2023 E. 3.3

3.3. Bezüglich des vorliegend streitigen Kriteriums des sich in unmittelbarer Gegenwart der versicherten Person abspielenden Vorfalls ist sodann auf folgende Urteile hinzuweisen: Ein Schreckereignis wurde beispielsweise in einem Fall verneint, in welchem die Mutter ihren Sohn auffand, der einem Tötungsdelikt zum Opfer gefallen war. Massgebend war dabei, dass sich das Tötungsdelikt nicht in ihrer unmittelbaren Gegenwart abgespielt hatte (RKUV 2000 Nr. U 365 S. 89, U 24/98 E. 3). Mit Urteil U 273/02 entschied das damalige Eidgenössische Versicherungsgericht, dass ein Aufenthalt der versicherten Person in der Kommandozentrale einer Kehrichtverbrennungsanlage für die Annahme eines den Unfallbegriff erfüllenden Schreckereignisses nicht genügte, weil sich der Sturz eines Arbeitskollegen in einen Brennofen in der Brennkammer der Kehrichtverbrennungsanlage und damit nicht in unmittelbarer Gegenwart der versicherten Person ereignet hatte (RKUV 2004 Nr. U 497 S. 153, U 273/02 E. 3.2). Im Urteil 8C_376/2013 hatte das Bundesgericht sodann den Fall eines Lokomotivführers zu beurteilen, der frühmorgens aus dem Führerstand auf der Bahnstrecke ein längliches graues Objekt wahrnahm, das er für ein Rohr oder etwas Ähnliches hielt, und nach dem Verspüren eines leichten Rumpelns darüber informiert wurde, dass er mit einer am Boden liegenden Person kollidiert war, die sich dabei tödliche Verletzungen zugezogen hatte. Das Bundesgericht verneinte auch hier die für die Anerkennung eines Schreckereignisses als Unfall vorausgesetzte Unmittelbarkeit, dies mit der Begründung, es habe an jeglicher Gefahr für den Versicherten selbst und an eigenen sinnlichen Wahrnehmungen eines schrecklichen Ereignisses oder dessen Auswirkungen gefehlt. Damit zeige sich, so das Bundesgericht, dass der Vorfall an sich keine gewaltsame seelische Einwirkung auf den Versicherten gehabt habe. Der Schrecken sei allein durch die Vorstellung und das nachträgliche Bewusstsein ausgelöst worden, einen auf den Schienen liegenden Menschen überfahren zu haben (Urteil 8C_376/2013 vom 9. Oktober 2013 E. 4.2). Mit Urteil 8C_609/2018 verneinte das Bundesgericht schliesslich das Vorliegen eines den Unfallbegriff erfüllenden Schreckereignisses, weil der Versicherte, der sich anlässlich eines terroristischen Attentats in Nizza vor einem "Beachclub" aufgehalten hatte, nicht verletzt worden war und weder das Attentat noch die darauf folgende Schiesserei zwischen der Polizei und dem Attentäter direkt gesehen oder miterlebt hatte. Vielmehr habe er lediglich bemerkt, dass etwas vorgefallen sein musste, als Menschen am Strand auf den "Beachclub", vor dem er sich befunden hatte, zurannten und wild durcheinander riefen (SVR 2019 UV Nr. 20 S. 71, 8C_609/2018 E. 3.2).