Citation: 5A_340/2021 E. 6.3.3

6.3.3. In der Folge bemängelt der Beschwerdeführer, dass die fraglichen Lohnbelege nur einen sehr kleinen Teil der streitbetroffenen Zeitperiode von 46 Monaten repräsentieren und deshalb nicht zum Nachweis des tatsächlichen Einkommens der Beschwerdegegnerin in der Zeit von September 2015 bis Juni 2019 taugen würden. Die Beschwerdegegnerin habe im fraglichen Zeitabschnitt nachweislich erheblich mehr verdient. Gemäss der aktenkundigen Steuerveranlagung für das Jahr 2016 habe sie ein Nettojahreseinkommen von Fr. 12'870.--, monatlich also Fr. 1'072.50 erzielt. Indem die Vorinstanz dieses Aktenstück nicht berücksichtige, stelle sie das tatsächliche Einkommen der Beschwerdegegnerin willkürlich fest. Der Beschwerdeführer insistiert, dass der Ermessensspielraum bei der Bestimmung des anrechenbaren Einkommens das Gericht im Rahmen der Unterhaltsberechnung nach der zweistufigen Methode nicht davon entbinde, zuerst das tatsächliche Einkommen zu ermitteln. Erst wenn dies geschehen sei, könne in Ausübung des Ermessens beurteilt werden, ob das effektiv erzielte Einkommen ganz oder nur teilweise auf den Bedarf des Kindes anzurechnen sei. Die Rechtsprechung, wonach eine Ermessensausübung nicht schon auf der Stufe der Einkommensermittlung, sondern erst bei der Überschussverteilung erfolgen könne, gelte auch für das Einkommen des Kindes. Die Vorinstanz rechne der Beschwerdegegnerin ein hypothetisches Einkommen von Fr. 500.-- an, ohne sich mit den tatsächlichen Verhältnissen auseinanderzusetzen. Sie wende damit Art. 276 Abs. 3 und Art. 277 Abs. 2 ZGB unrichtig an, missbrauche und überschreite das ihr zustehende Ermessen und verfalle in Willkür. Indem sie die Abnahme der beantragten Beweise (Lohnausweise 2015-2019, Auszug aus dem individuellen AHV-Konto, Steuerunterlagen 2016-2019) mit Verweis auf das richterliche Ermessen verweigere, verletze sie obendrein sein Recht auf Beweis (Art. 152 Abs. 1 ZPO) und seinen Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV). Als unzutreffend und willkürlich tadelt der Beschwerdeführer auch die vorinstanzliche Feststellung, wonach die Beschwerdegegnerin mit monatlichen Einkünften zwischen Fr. 500.-- und Fr. 800.-- eine Teilzeittätigkeit von 20 % ausübe. Gemäss eigenen Angaben verdiene die Beschwerdegegnerin bei der Migros brutto Fr. 20.80 pro Stunde, womit ein Monatseinkommen von Fr. 500.-- einem Arbeitspensum von weniger als 20 % entspreche. Die Beanstandungen sind begründet. Was im Sinn von Art. 276 Abs. 3 ZGB namentlich mit Blick auf den ordentlichen Abschluss der Ausbildung (Art. 277 Abs. 2 ZGB) als zumutbar zu gelten hat, ist entgegen der Auffassung des Obergerichts nicht abstrakt, also insbesondere nicht allein gestützt auf allgemeine Annahmen darüber zu beurteilen, was "nach gängiger Praxis" hinsichtlich Arbeitspensum und -entgelt von einem volljährigen Kind in derselben Situation erwartet werden kann. Wie der Beschwerdeführer zutreffend fordert, ist vielmehr von den tatsächlichen Verhältnissen des konkreten Falls auszugehen. Erzielte die Beschwerdegegnerin in der hier fraglichen Zeit von September 2015 bis Juni 2019 tatsächlich durchschnittliche Erwerbseinkünfte von mehr als Fr. 500.-- pro Monat, so ist damit der Tatbeweis erbracht, dass sie neben ihrer Ausbildung - mit welchem Arbeitspensum auch immer - in der fraglichen Höhe ein Einkommen erwirtschaften konnte. Diese tatsächlichen Einkünfte sind bei der Gegenüberstellung der wirtschaftlich relevanten Rahmenbedingungen von Eltern und Kindern zu berücksichtigen. Zu Recht beruft sich der Beschwerdeführer darauf, dass die diesbezügliche bundesgerichtliche Rechtsprechung auch mit Bezug auf die Einkünfte des Kindes zu gelten hat: Zu den Einkünften, die in der Unterhaltsberechnung als Einkommen des Kindes einzusetzen sind, zählt insbesondere auch das Erwerbseinkommen (BGE 147 III 265 E. 7.1 i.f.). Der angefochtene Entscheid verletzt das Bundesrecht. Nach dem Gesagten stellt das Obergericht den Sachverhalt unvollständig und damit im Sinne von Art. 97 Abs. 1 BGG offensichtlich unrichtig fest, wenn es der Beurteilung eines Zeitabschnitts von beinahe vier Jahren Lohnabrechnungen für lediglich drei Monate zugrunde legt und die Abnahme weiterer Beweise bzw. Berücksichtigung weiterer Beweismittel unter Hinweis auf abstrakte Massstäbe mit der Begründung verweigert, ein Fr. 500.-- übersteigendes Monatseinkommen sei der Beschwerdegegnerin mit Blick auf ihre Ausbildung nicht zuzumuten und infolgedessen nicht anzurechnen. Schlechterdings nicht nachvollziehbar ist insbesondere, weshalb sich das Obergericht mit keinem Wort zur aktenkundigen Veranlagungsverfügung der Steuerverwaltung des Kantons Bern vom 13. März 2018 betreffend die direkte Bundessteuer 2016 äussert (Klagebeilage 52), der zufolge die Beschwerdegegnerin ein Nettoerwerbseinkommen von Fr. 12'870.-- deklarierte, zugleich aber die Lohnabrechnung der Genossenschaft Migros Aare vom 8. Mai 2017 (Klagebeilage 53) berücksichtigt, wonach der Beschwerdegegnerin für den Monat April 2017 Fr. 642.60 ausbezahlt wurden. Nachdem die Beschwerdegegnerin ihr Studium im Juni 2019 unbestrittenermassen erfolgreich abgeschlossen hat, mithin ein in sich geschlossener Zeitabschnitt aus der Vergangenheit zu beurteilen ist, geht auch die vorinstanzliche Überlegung fehl, wonach von ihr nicht verlangt werden könne, ihr Studium durch eine Ausdehnung ihrer Erwerbstätigkeit erheblich zu verlängern, nur um den Beschwerdeführer zu schonen. Dass ihre Erwerbstätigkeit die Beschwerdegegnerin daran gehindert hätte, ihr Studium zügig abzuschliessen, ist dem angefochtenen Entscheid nicht zu entnehmen und wird von der Beschwerdegegnerin auch nicht behauptet. Nach alledem ist die Sache an das Obergericht zurückzuweisen, damit es sich mit den entsprechenden Beweis- und Prozessanträgen des Beschwerdeführers befasse und gestützt darauf feststelle, wie viel die Beschwerdegegnerin in der Zeit von September 2015 bis Juni 2019 durchschnittlich verdiente. Als Richtschnur für die Ermittlung eines unregelmässigen bzw. schwankenden Einkommens aus teilzeitlicher Erwerbstätigkeit kann dabei die Rechtsprechung zum schwankenden Einkommen von Selbständigerwerbenden gelten, gemäss der grundsätzlich auf das Durchschnittseinkommen mehrerer Jahre abzustellen ist (Urteil 5A_543/2020 vom 5. November 2020 E. 3.2 mit Hinweisen). Sind der Unterhaltsberechnung hinsichtlich des Einkommens nicht abstrakte Massstäbe, sondern die konkret erzielten Einkünfte zugrunde zu legen, so braucht auch nicht erörtert zu werden, welcher monatliche Lohnbetrag einem 20%-Pensum entspräche. Schliesslich ändert am Gesagten auch die vorinstanzliche (Alternativ-) Begründung nichts, wonach der vom Beschwerdeführer geschuldete Unterhaltsbeitrag selbst bei einem moderat höher festgesetzten Einkommen der Beschwerdegegnerin unverändert bliebe (E. 6.2). Denn auch sie beruht auf abstrakten Mutmassungen, die sich ohne gehörige Feststellung der konkret erzielten Einkünfte nicht verifizieren lassen.