Citation: 8C_847/2017 E. 5.2

5.2. Entscheidend und nach vorinstanzlicher Sachverhaltsergänzung klar ist, dass die Versicherte einer über drei Stunden anhaltenden Todesangst ausgesetzt war. Dass es nur zu Beginn des Ablaufs zu ausgeprägterer physischer Gewalt kam, spielt angesichts der klaren Todesdrohung, die während der ganzen Zeit im Raum stand, keine entscheidende Rolle. Auf dem Balkon, als die Beschwerdeführerin um Hilfe rufen wollte, wurde ihr Kopf grob nach hinten gerissen, so dass sie befürchtete, der Täter würde ihr das Genick brechen. Durch vorherige Grenzüberschreitungen wusste sie um die unkontrollierte Aggressivität ihres Ehemannes, was die Eindrücklichkeit noch verstärkte. Im Gegensatz zu früher, als Drohungen dazu dienten, die Versicherte zu einer bestimmten Handlung, Unterlassung oder Duldung zu zwingen, blieb ihr am 24. November 2004 keine Handlungsoption, um ihn versöhnlich zu stimmen. Er vermittelte ihr vielmehr den Eindruck, der Tod sei beschlossene Sache und es gäbe nichts, was sie tun könnte, um dieses Ende abzuwenden. Ihre Angebote (Haus, Geld) interessierten ihn nicht. Damit unterscheidet sich die Situation auch von den meisten von der Vorinstanz zu Vergleichszwecken dargelegten Konstellationen. Anders als bei den ins Feld geführten Raubüberfällen ging es hier nicht um die Aushändigung von Geld oder Wertgegenständen. Dass die Beschwerdeführerin anlässlich eines Zwischenhalts auf einem Baustellen-Parkplatz keinen Fluchtversuch unternahm, lässt die Entführung ebenfalls nicht als weniger gefährlich erscheinen. Im Gegenteil zeigt es, dass die Versicherte angesichts des massiven Übergriffs an der Balkontür, des anschliessenden Gerangels in der Wohnung und der wiederholten Drohung, sie würden heute zusammen sterben, zu eingeschüchtert und verängstigt war, um sich dem zudem kräftemässig klar überlegenen Täter zu widersetzen. Dazu kommt, dass ihr der Waffenbesitz ihres damaligen Ehemannes bekannt war, sie also mit dem Einsatz von Waffengewalt stets rechnen musste. Es ist der Beschwerdeführerin beizupflichten, dass die emotionale Beziehung, das Wissen um die psychische Erkrankung des Ehemannes (Borderline) und seine Suizidversuche in der Vergangenheit die Ernsthaftigkeit seiner Todesdrohungen noch zu unterstreichen vermochten. Erschwerend bei der Verarbeitung des Ereignisses fällt zudem ins Gewicht, dass der eigene Ehemann, eine ehemals nahe und vertraute Person, die Todesdrohungen ausgestossen hat. Auch wenn die am 26. November 2004 ärztlich dokumentierten somatischen Verletzungen der Beschwerdeführerin eher leichtgradig waren, deuten sie doch auf die Heftigkeit und Ernsthaftigkeit der Drohungen des Ehemannes hin. Sein Aggressionspotenzial zeigte sich an jenem Novembertag zudem nicht nur in tätlichen Übergriffen und den ausgestossenen Todesdrohungen, sondern es wurde noch untermauert durch die Fahrt an einen unbekannten Ort im Wald. Dabei waren vom Ehemann zuvor Gegenstände im Kofferraum des Personenwagens verstaut worden, welche die Versicherte nicht zu erkennen vermochte. Dazu kam die Unbrauchbarmachung des Mobiltelefons während der Fahrt, womit er sie daran hinderte, mit einer Drittperson Kontakt aufzunehmen, und - wie er der Versicherten erklärte - auch die Ortung des Geräts vereiteln wollte. Indem er dazu noch zum Ausdruck brachte, er habe eine falsche Fährte gelegt und wolle an einen Ort fahren, an dem sie nicht innert 24 Stunden gefunden würden, musste sie den Eindruck gewinnen, ihr Tod sei beschlossen und unausweichlich. Diese insgesamt sehr bedrohliche und als lebensgefährdend wahrnehmbare Situation, in welcher der Ehemann aufgrund einer ihm bescheinigten Persönlichkeitsstörung (emotional instabil, Borderline-Typus) bei niedriger Frustrationstoleranz und erhöhter Impulsivität mit verminderter Steuerungsfähigkeit agierte, versetzte die Versicherte in nachhaltiger Weise in Angst und Schrecken. Mit der Beschwerdeführerin ist deshalb davon auszugehen, dass die akute Bedrohungslage ohne Ausweichmöglichkeit, die zudem über mehrere Stunden hinweg angedauert hatte, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet war, langjährige, die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigende psychische Beschwerden auszulösen. Der adäquate Kausalzusammenhang zwischen den psychischen Beschwerden der Versicherten und dem Ereignis vom 24. November 2004 ist daher nach der allgemeinen Adäquanzformel zu bejahen. Die Beschwerdegegnerin trifft folglich über Ende 2010 hinaus eine Leistungspflicht.