Citation: U 116/03 06.10.2003 E. 2

Die Visana bestreitet das Vorliegen eines natürlichen Kausalzusammenhanges zwischen dem Unfall und den Leiden der Beschwerdegegnerin nicht mehr. Streitig und zu prüfen ist einzig noch der adäquate Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis vom 15. September 1994 und den heutigen Leiden der Versicherten, insbesondere des dekompensierten Tinnitus. 2.1 Ein Tinnitus kann bis auf seltene Ausnahmen nicht objektivierbar erfasst werden. Dies hindert die Medizin indessen nicht, diesen nach von der Rechtsprechung anerkannten Kriterien zu bestimmen, wobei eine optimale Beurteilung durch wiederholtes Befragen sowie ausführliche Untersuchungen mit den anerkannten und üblichen audiologischen Methoden zum Ziel führt (Urteil B. vom 8. Februar 2001, Erw. 5b, U 40/00). Beim Tinnitus handelt es sich um ein körperliches Leiden, dessen eigentliche Ursache in einem kleineren oder grösseren Innenohrschaden zu suchen ist (Urteil D. vom 27. März 2003, Erw. 6.1, U 71/02). Bei organischen Unfallfolgen deckt sich die adäquate, d.h. rechtserhebliche Kausalität weitgehend mit der natürlichen Kausalität; die Adäquanz hat hier gegenüber dem natürlichen Kausalzusammenhang praktisch keine selbstständige Bedeutung (BGE 118 V 291 Erw. 3a, 117 V 365 Erw. 5d/bb mit Hinweisen). Demnach ist im vorliegenden Fall auch der adäquate Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und dem diagnostizierten schweren Tinnitus zu bejahen. 2.2 Von der organischen Schädigung des Tinnitus ist die mangelhafte psychische Verarbeitung der Gesundheitsstörung zu unterscheiden. Die Versicherte leidet an einer Dekompensation (psychische Fehlverarbeitung) bei Tinnitus. Mit dem Begriff der Dekompensation wird umschrieben, dass für das betroffene Individuum mit dem Auftreten des Tinnitus oder mit Verstärkung eines vorbestehenden Tinnitus die Vulnerabilitätsgrenze überschritten wurde, welche jenen Toleranzbereich begrenzt, in welchem körperliche, psychische oder soziale Störungen ohne Dekompensation verkraftet werden können (Urteil D. vom 27. März 2003, Erw. 6.1, U 71/02). Im vorliegenden Fall steht nach Auffassung aller sich damit befassten Ärzte auch die Dekompensation mit dem geklagten Tinnitus in einem natürlichen Kausalzusammenhang. Gemäss der Rechtsprechung muss zwischen einem durch Unfall verursachten Tinnitus und der psychischen Dekompensation ferner ein adäquater Kausalzusammenhang gegeben sein. Bei einer solchen psychischen Fehlverarbeitung ist der adäquate Kausalzusammenhang nach der normalen Adäquanzformel, d.h. nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung (BGE 123 V 103 Erw. 3d, 139 Erw. 3c, 122 V 416 Erw. 2a, je mit Hinweisen) zu beurteilen (Urteil D. vom 27. März 2003, Erw. 6.2, U 71/02). Der Tinnitus kann in drei Schweregrade eingeteilt werden, nämlich in den leichten, den schweren und den sehr schweren Tinnitus (unveröffentlichtes Urteil Z. vom 25. September 1996, Erw. 7c, U 14/96). Bei einem sehr schweren Tinnitus gehört die psychische Fehlverarbeitung eines Tinnitus gleichsam zu dessen Charakteristik. Die Adäquanz kann diesfalls ohne weiteres bejaht werden, wenn die somatischen Beschwerden (Tinnitus) nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung, wozu in erster Linie die wissenschaftlichen Erkenntnisse gehören, einen Erfolg von der Art des eingetretenen zu bewirken vermag (Urteile D. vom 27. März 2003, Erw. 6.2, U 71/02 und B. vom 8. Februar 2001, Erw. 8c, U 40/00 sowie unveröffentlichtes Urteil Z. vom 25. September 1996, Erw. 7c, U 14/96). Nicht massgebend bei der psychischen Fehlverarbeitung eines durch Unfall verursachten Tinnitus ist die Adäquanzformel nach der Rechtsprechung zu einer psychischen Fehlentwicklung nach Unfall gemäss BGE 115 V 138 Erw. 6 (Urteil D. vom 27. März 2003, Erw. 6.2, U 71/02). Zu Unrecht beruft sich die Visana bezüglich dieser Adäquanzprüfung daher auf das vorstehend in Erw. 2.1 zitierte Urteil B. vom 8. Februar 2001, U 40/00, welchem Fall ein bereits vorbestehender Tinnitus zu Grunde lag. Entgegen ihrer Ausführungen in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde ist für die Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhanges zwischen dem Tinnitus und der Dekompensation ohne Vorzustand somit nicht nach dieser Rechtsprechung vorzugehen. 2.3 Als direkte Folge und gleichsam als zum Verlauf des sehr schweren Tinnitus gehörende Charakteristik muss das Vorliegen einer psychischen Dekompensation des Tinnitus nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung als Unfallfolge betrachtet werden. Gemäss einer Beurteilung von Prof. Dr. med. K.________ vom 18. Februar 2001 muss im Fall der Versicherten von einem schweren Tinnitus gesprochen werden, bei welchem die Bedingungen für einen sehr schweren Tinnitus nur knapp nicht erfüllt sind. Die Feststellung, dass die Dekompensation bei einem sehr schweren Tinnitus nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung gleichsam zu dessen Charakteristik gehört, schliesst nicht aus, dass bei einem lediglich schweren Tinnitus, bei welchem die Bedingungen für einen sehr schweren Tinnitus nur knapp nicht erfüllt sind, der adäquate Kausalzusammenhang nach der normalen Adäquanzformel ebenfalls gegeben sein kann. Auf Grund der erfahrungsgemässen Eignung eines schweren Tinnitus, psychische Beschwerden in der Art der aufgetretenen auszulösen, sowie des direkten Zusammenhangs zwischen Tinnitus und Dekompensation, ist mit der Vorinstanz mithin auch bezüglich dieser Unfallfolgen der adäquate Kausalzusammenhang zwischen dem schweren Tinnitus der Versicherten und der psychischen Dekompensation zu bejahen.