Citation: 6B_57/2024 E. 4.3.1

4.3.1. Die Vorinstanz verneint einen schweren persönlichen Härtefall und begründet dies zusammengefasst wie folgt (Urteil E. V. Ziff. 47.2 S. 90-94) : Der am xx. xx. 1987 in der Türkei geborene Beschwerdeführer sei im Januar 2008 im Alter von 20 Jahren in die Schweiz gekommen und lebe nun annähernd 16 Jahre und seit jeher rechtmässig in der Schweiz. Das vormalige Bundesamt für Migration habe mit Verfügung vom 11. Mai 2011 seine Flüchtlingseigenschaft festgestellt und ihm Asyl gewährt. Aktuell verfüge er über eine Aufenthaltsbewilligung C. Der Aufenthalt von knapp 16 Jahren sei von gewisser Dauer, doch habe der Beschwerdeführer mehr Zeit in der Türkei als in der Schweiz verbracht, insbesondere habe er in seinem Heimatland die prägende Kinder- und Jugendjahre sowie die ersten Jahre als Erwachsener verbracht. Er spreche Türkisch bzw. Kurdisch sowie sehr gut Deutsch. Es könne von seiner dauerhaften und nachhaltigen wirtschaftliche Integration in der Schweiz ausgegangen werden. Auch habe er noch nie Sozialhilfe bezogen. Demgegenüber sei seine soziale Integration als "eher gering" einzustufen. Gemäss seinen eigenen Angaben habe er aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit wenig Freizeit und diese verbringe er hauptsächlich mit seiner Familie. Sein gesamtes familiäres Umfeld habe ausnahmslos Wurzeln in der Türkei. Eine eigentliche soziale Integration in der Schweiz (beispielsweise durch die Teilnahme an einem Vereinsleben) habe somit nicht stattgefunden. Er bewege sich fast ausschliesslich im kulturellen Umfeld seines Heimatlandes. Ferner habe er mit der begangenen versuchten Tötung die öffentliche Ordnung und Sicherheit gravierend gefährdet sowie die Rechtsordnung der Schweiz nachdrücklich in Frage gestellt. Besonders intensive, über die normale Integration hinausgehende private Beziehungen beruflicher oder gesellschaftlicher Natur lägen aufgrund der fehlenden sozialen Integration nicht vor. Im Weiteren sei es der Familie ohne Weiteres möglich und zumutbar, ihr gemeinsames Leben in der Türkei zu verbringen, denn seine Ehefrau verfüge ebenfalls über die türkische Staatsbürgerschaft, beherrsche die türkische Sprache und habe die prägende Zeit der Kinder- sowie Jugendjahre in der Türkei verbracht, ehe sie (nach Aufenthalten in Schweden und Deutschland) im Jahr 2008 in die Schweiz eingereist sei. Sie sei demnach mit der kurdischen und türkischen Kultur vertraut. Es sei unwahrscheinlich, dass die beiden gemeinsamen Kinder im Alter von rund siebeneinhalb bzw. gut fünf Jahren - wie vom Beschwerdeführer vorgebracht - über keine Kenntnisse der Muttersprache ihrer Eltern verfügten, zumal deren Grosseltern ausschliesslich Türkisch bzw. Kurdisch sprächen und auch deren Onkel (E.B.________) nach wie vor deutlich besser Türkisch bzw. Kurdisch als Deutsch spreche. Darüber hinaus befänden sie sich in einem anpassungsfähigen Alter, weshalb damit zu rechnen sei, dass das Kindeswohl auch bei einer Ein- bzw. Umschulung gewahrt sei. Im Weiteren sei eine erfolgreiche soziale und wirtschaftliche (Re-) Integration des Beschwerdeführers im Heimatland wahrscheinlich. Dieser könne auf einen familiären Empfangsraum zählen, da in der Türkei sowohl seine Eltern, zu welchen er regelmässig in Kontakt stehe und die er dort in der Vergangenheit auch mehrfach besucht habe, als auch mehrere seiner Geschwister lebten. Er sei dort sowohl sozial als auch kulturell verankert und mit den lokalen Gepflogenheiten vertraut. Mit seinem in der Schweiz erlangten Wirtepatent dürfte es ihm möglich sein, auch in der Türkei einen Gastgewerbebetrieb aufzubauen bzw. mit seiner gastronomischen Erfahrung eine Anstellung in einem solchen zu finden. Selbst wenn ein schwerer persönlicher Härtefall angenommen werde - so die Eventualbegründung der Vorinstanz (Urteil E. V. Ziff. 47.3 S. 94 f.) - würde die Interessenabwägung angesichts der bisherigen bundesgerichtlichen Rechtsprechung und der Praxis des EGMR zu Ungunsten des Beschwerdeführers ausfallen. Dieser habe mit der versuchten Tötung eine schwerwiegende Straftat begangen. Das öffentliche Interesse an seiner Wegweisung sei damit erheblich. Seine privaten Interessen an der Weiterführung des Familienlebens in der Schweiz vermöchten dieses öffentliche Interesse nicht zu überwiegen, zumal seine soziale Integration gering sei und er sowie seine Kernfamilie im Heimatstaat über gute Wiedereingliederungschancen verfügten. Schliesslich gelangt die Vorinstanz zum Schluss, es fehle an stabilen und abschliessend bestimmbaren Umständen, die ein definitives Vollzugshindernis zu begründen vermöchten. Das Staatssekretariat für Migration (nachfolgend SEM) halte in seinem Bericht vom 10. Februar 2023 fest, dass es nicht abschliessend beantworten könne, ob die Voraussetzungen, welche im Jahr 2011 zur Anerkennung des Beschwerdeführers als Flüchtling geführt hätten, nach wie vor erfüllt seien. Es werde deshalb die Aufgabe der Vollzugsbehörde sein, allfällige Vollzugshindernisse zu prüfen. Ergänzend sei zudem festzuhalten, dass in Anwendung von Art. 64 [recte: 63] Abs. 1 lit. b des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) i.V.m. Art. 1 Buchstabe C Ziff. 1-6 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (Flüchtlingskonvention, FK; SR 0.142.30) womöglich der Flüchtlingsstatus des Beschwerdeführers widerrufen werden müsse. Dieser sei nämlich gemäss seinen eigenen Aussagen in den Jahren 2015 und 2016 mehrfach freiwillig in sein Heimatland zurückgereist (Urteil E. V. Ziff. 47.4 S. 95 f.).