Citation: 2A.208/2002 29.11.2002 E. 4

4.1 Das Ableben der Mutter, die bis zu diesem Zeitpunkt die Kinder betreut hatte und daher ihre Hauptbezugsperson war, hätte grundsätzlich einen stichhaltigen Grund für die Änderung der Betreuungsverhältnisse dargestellt. Indessen hat der Beschwerdeführer damals keinen Familiennachzug beantragt. Ob ihm als einem allein erziehenden, voll erwerbstätigen Vater der Nachzug überhaupt bewilligt worden wäre, was er bezweifelt, braucht hier nicht näher geprüft zu werden. Es kommt vielmehr darauf an, ob sich bis zum Zeitpunkt des aktuellen Familiennachzugsgesuchs (15. Februar 2001) oder allenfalls bis zum Zeitpunkt des angefochtenen Entscheids Änderungen der familiären Situation ergeben haben, die eine Veränderung der Betreuungsverhältnisse rechtfertigen. 4.2 Die beiden damals noch nicht ganz achtjährigen Knaben entwickelten eine enge Beziehung zu denjenigen Personen, die sie nach dem Ableben der Mutter betreuten; im vorliegenden Fall insbesondere zur Grossmutter väterlicherseits, der 1929 geborenen L.________, wohl auch zum Grossvater N.________ (dieser verstarb jedoch im März 1996) sowie zur Schwägerin des Beschwerdeführers, M.________. Nachdem diese Ende 1999 in die Schweiz gezogen war, änderte sich die Betreuungssituation für die beiden Söhne grundlegend. Die Schwester C.________, die bei der Betreuung mitgeholfen hatte, verliess das Elternhaus kurz darauf im April 2000 zwecks Heirat. Im Zeitpunkt des zweiten Familiennachzugsgesuchs im Februar 2001 waren die beiden Zwillinge erst vierzehneinhalb Jahre alt und heute 16; ein Alter, in dem Heranwachsende zwar keine permanente Aufsicht, aber nach wie vor eine starke Hand brauchen. 4.3 Die Vorinstanz hielt die Sachdarstellung des Beschwerdeführers, wonach neben B.________ und C.________ auch die 1978 und 1980 geborenen Schwestern D.________ und E.________ schon längere Zeit aus dem Elternhaus ausgezogen und in ihre eigenen Familien eingebunden seien, nicht für glaubhaft. Es sei zudem nicht einzusehen, weshalb F.________, die sechs Jahre älter sei als die Söhne, nicht zusammen mit der Grossmutter deren Betreuung wahrnehmen könne; im Übrigen müsse die Betreuung von Jugendlichen ab 15 Jahren nicht mehr so intensiv sein wie diejenige von Kleinkindern. Infolgedessen hat die Vorinstanz den Umstand, dass M.________, die an der Betreuung der Zwillinge mitgewirkt hatte, Ende 1999 in die Schweiz eingereist ist und seither hier lebt, als unerheblich qualifiziert. 4.4 Diese Begründung der Vorinstanz vermag einer genaueren Prüfung nicht standzuhalten: 4.4.1 Das Verwaltungsgericht stellt überhöhte Anforderungen an die Mitwirkungspflicht des Beschwerdeführers. Im vorliegenden Fall hat der Beschwerdeführer alles belegt, was er für die Beurteilung des Falles für wesentlich hielt; in den Akten finden sich zahlreiche Dokumente über die schon verheirateten Schwestern, die genauen Geburtsdaten der Grossmütter und die Todesdaten der Grossväter, die schulischen Leistungen der Zwillinge etc. Der Beschwerdeführer hatte keinen Anlass, damit zu rechnen, dass das Verwaltungsgericht seinen Ausführungen, wonach auch die beiden mittleren Schwestern von zu Hause ausgezogen seien, keinen Glauben schenken würde. Dieses hätte ihn daher auffordern sollen, den entsprechenden Nachweis zu leisten, statt einfach vom Gegenteil ausgehen. Die Annahme des Verwaltungsgerichts, wonach nicht erstellt sei, dass die beiden 1978 und 1980 geborenen Schwestern nicht mehr im Elternhaus leben, ist daher nicht zulässig. Im Übrigen ist die Argumentation des Verwaltungsgerichts zu diesem Punkt widersprüchlich: obwohl es für nicht nachgewiesen hält, dass D.________ und E.________ nicht mehr im Elternhaus leben, legt es die Betonung auf die angeblich mögliche Betreuung durch die Grossmutter gemeinsam mit der jüngsten, 1982 geborenen Tochter F.________. Es ist aus der Begründung des angefochtenen Urteils nicht klar ersichtlich, von welchem Sachverhalt - in Bezug auf die Wohnsituation der Schwestern - das Verwaltungsgericht wirklich ausgeht. F.________ ist im Übrigen nicht, wie die Vorinstanz annimmt, sechs Jahre älter als die Zwillinge, sondern nur deren vier. Es ist nicht nur aufgrund dieses geringen Altersunterschieds, sondern auch aufgrund ihres jugendlichen Alters überhaupt (zwanzig Jahre) fraglich, ob sie für die Erziehung von zwei sechzehnjährigen Brüdern Verantwortung übernehmen kann, ist doch kaum anzunehmen, dass die Zwillinge die Autorität einer so jungen Schwester akzeptieren würden, jedenfalls nicht in gleichem Masse wie die Autorität einer Person, die einer anderen Generation angehört. 4.4.2 Das Verwaltungsgericht hat die Wohn- und Lebenssituationen der fünf Schwestern ungenügend abgeklärt. Es steht daher nicht fest, ob eine oder mehrere der Schwestern gewillt und in der Lage wäre, an der Erziehung der Zwillinge mitzuwirken. Damit kann auch nicht beurteilt werden, ob sich im konkreten Fall eine Änderung der Betreuungssituation und damit ein Nachzug der Knaben zu ihrem Vater rechtfertigt. Der angefochtene Entscheid ist schon aus diesem Grunde aufzuheben und zu neuer Beurteilung an das Verwaltungsgericht zurückzuweisen. 4.4.3 Bei der Abklärung der Wohn- und Lebensumstände der fünf Schwestern wird das Verwaltungsgericht auch die neuen Tatsachen bzw. Behauptungen mit einbeziehen können, welche das Bundesgericht hier aus prozessualen Gründen nicht berücksichtigen darf (vgl. E. 2.2): Dabei handelt es sich einerseits um die erst vor Bundesgericht vorgebrachte Sachdarstellung, wonach mittlerweile auch F.________ nach Sitte und Brauch verheiratet sei und das Elternhaus verlassen habe, sowie die vor Bundesgericht neu beigelegte Bestätigung der Islamischen Gesellschaft in Q.________, wonach D.________ inzwischen am ... 2001 mit O.________ nach islamischer Sitte die Ehe geschlossen habe. 4.5 Für die Beurteilung der Frage, welche Betreuungsmöglichkeiten für die beiden Zwillinge in Jugoslawien bestehen, ist weiter von Bedeutung, ob und in welchem Masse allenfalls eine der Grossmütter einen Erziehungsbeitrag leisten könnte. 4.5.1 Die Grossmutter mütterlicherseits, Schwiegermutter des Beschwerdeführers, ist 85 Jahre alt und gemäss einem Arztzeugnis nicht in der Lage, die beiden Söhne zu betreuen. Ihr Ehemann verstarb im Jahre 1983. Diese Grossmutter kommt für die Betreuung der Zwillinge kaum in Betracht, was sowohl aus dem eingereichten Arztzeugnis hervorgeht als auch aufgrund ihres hohen Alters plausibel erscheint. 4.5.2 Als wichtige Bezugsperson kommt für die Erziehung der Zwillinge allenfalls die 1929 geborene Grossmutter väterlicherseits, L.________, in Frage. Der Beschwerdeführer hat anlässlich des Familiennachzugsgesuchs vom 15. Februar 2001 einen fachärztlichen Bericht vom 11. Dezember 2000 eingereicht, gemäss welchem L.________ unter Arteriosklerose und seniler Demenz leidet; der Facharzt gelangt zum Schluss, dass seine Patientin chronisch krank und unfähig sei, auf die beiden Zwillinge aufzupassen. Vor Bundesgericht hat der Beschwerdeführer ein neues Zeugnis vom 26. April 2002 eingereicht. Dieses kann jedoch als neues Beweismittel im vorliegenden Verfahren nicht berücksichtigt werden (vgl. E. 2.2 oben). Es geht indessen schon aus dem älteren Zeugnis vom 11. Dezember 2000 mit genügender Klarheit hervor, dass die Grossmutter angesichts ihrer Arteriosklerose und der diagnostizierten senilen Demenz nicht in der Lage ist, auf angemessene Art die Verantwortung für die Erziehung der beiden Jugendlichen wahrzunehmen. Dazu führt die Vorinstanz lediglich aus, die Grossmutter sei mit 72 Jahren noch nicht in einem Alter, in dem ihr die Betreuung der Knaben nicht zugemutet werden könne; sie hält zudem das eingereichte Zeugnis für zu wenig konkret. Indessen hätte sie, wenn das eingereichte Arztzeugnis ihr nicht genügt, ein ausführlicheres Zeugnis verlangen müssen, anstatt einfach auf das - in der Tat noch nicht sehr hohe - Alter der Grossmutter hinzuweisen und das Zeugnis als zu vage hinzustellen. Der Beschwerdeführer ist mit der Einreichung dieses Zeugnisses seiner Mitwirkungspflicht nachgekommen, und die Diagnose ist klar genug; eine Detaillierung, wie allenfalls bei in der Schweiz erstellten Arztzeugnissen üblich, darf nicht verlangt werden. Das Verwaltungsgericht hat zu hohe Anforderungen an den Beweis des mangelhaften Gesundheitszustandes der Grossmutter väterlicherseits gestellt. Das Bundesgericht ist daher an die Feststellungen, wonach diese Grossmutter zur (Mit)betreuung der Zwillinge beitragen kann, nicht gebunden (vgl. Art. 105 Abs. 2 OG). Es ist vielmehr davon auszugehen, dass die Grossmutter väterlicherseits nicht in der Lage ist, für die Betreuung der Zwillinge zu sorgen. 4.6 Die Schwägerin des Beschwerdeführers, M.________, die in Jugoslawien bei der Betreuung der Zwillinge mithalf, lebt seit Ende 1999 in der Schweiz. Wie der Beschwerdeführer geltend macht, war vor allem sie es, die neben der Grossmutter väterlicherseits für die Betreuung der Zwillingssöhne aufgekommen ist. Heute ist sie mit dem Bruder des Beschwerdeführers verheiratet und lebt wie der Beschwerdeführer in P.________, jedoch an anderer Adresse. Für den Vergleich zwischen den Betreuungsmöglichkeiten in Jugoslawien und in der Schweiz wird daher unumgänglich sein, M.________ zu befragen, um darüber Auskunft zu erhalten, ob sie auch heute willens und in der Lage wäre, ihren Schwager bei der Betreuung der Zwillinge zu unterstützen. Wäre dies der Fall, so böte der Nachzug in die Schweiz den beiden Buben den Vorteil, nicht nur bei ihrem leiblichen Vater zu leben, sondern auch den Kontakt zu einer sehr wichtigen Bezugsperson zu behalten bzw. wieder zu vertiefen. Im Übrigen könnte M.________ auch darüber Auskunft geben, wie sich die Betreuungsverhältnisse in Jugoslawien bis zu ihrem Wegzug in die Schweiz (Ende 1999) dargestellt hatten. Schliesslich wird auch abzuklären sein, von wem die Zwillinge in den letzten zwei Jahren konkret betreut worden sind.