Citation: 2C_868/2016 E. 5.2.7

5.2.7. Der Beschwerdeführer hat im Rahmen seiner Mitwirkungspflicht hinreichende Elemente dargetan, die darauf hinwiesen, dass er sich im Falle der Wegweisung in seine Heimat der konkreten und ernsthaften Gefahr ausgesetzt sehen könnte, im Zusammenhang mit der Familienfehde unmenschlich oder erniedrigend behandelt zu werden, sodass weitere Erhebungen hinsichtlich des Schutzwillens bzw. der Schutzfähigkeit seitens der kosovarischen Organe erforderlich waren, um den verfahrensrechtlichen Pflichten aus Art. 3 EMRK bzw. Art. 25 Abs. 3 BV nachzukommen. Bezeichnenderweise spricht die Vorinstanz selber nur davon, dass von einer "weitgehenden" Schutzfähigkeit der kosovarischen Behörden ausgegangen werden könne, womit sie ihre eigene Aussage relativiert. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) nüanciert in ihrem Bericht vom 1. Juli 2016 "Kosovo: Blutrache" die Schutzfähigkeit der kosovarischen Behörden und unterstreicht, dass die Polizei in Fällen von Blutrache selten interveniere, da dies dazu führen könne, dass die Polizisten in die Blutfehde verwickelt würden, und weil eine solche Intervention sich oft als sehr gefährlich erweise. Das Vertrauen in die Polizei sei sehr gering, sodass Blutfehden wie bereits in der Vergangenheit meist eine Privatangelegenheit blieben (S. 8); nach Angaben der Ombudsperson von Kosovo sei es überdies kaum möglich, in anderen Landesteilen oder grösseren Städten vor Blutrache Schutz zu finden (S. 10). Weitere auf den Einzelfall bezogene vertiefte Abklärungen des Sachverhalts wären auch vor diesem Hintergrund verfassungs- und konventionsrechtlich vor der Wegweisung in den Kosovo geboten gewesen, zumal zeitlich keine Dringlichkeit bestand, nachdem im Strafverfahren in der Schweiz erst die Anklage erhoben worden war, indessen noch kein Strafurteil vorlag (vgl. Art. 70 Abs. 1 der Verordnung vom 24. Oktober 2007 über die Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit [VZAE;SR 142.201]; BGE 137 II 233 E. 5 S. 238; 131 II 329 E. 2.3 und 2.4).