Citation: 1P.247/2000 22.09.2000 E. 4

4.- Damit bleibt zu prüfen, ob die Beweiswürdigung des Obergerichts - das auf der Grundlage der Akten, ohne erneute Beweismassnahmen, zum dem Entscheid der Vorinstanz und dem Glaubwürdigkeitsgutachten entgegengesetzten Ergebnis kam - willkürlich war und Art. 9 BV verletzte. a) Die Beschwerdeführerin macht geltend, der Entscheid des Obergerichts sei sachlich nicht begründbar. Das Obergericht begnüge sich mit dem Hinweis auf die Widersprüche in den Aussagen der Beschwerdeführerin; dies allein genüge jedoch nicht, um ihre Glaubwürdigkeit zu verneinen. Das Gutachten von PD Dr. Gerhard und das Urteil des Bezirksgerichts Zurzach hätten ausführlich begründet, weshalb der Beschwerdeführerin aufgrund aussagepsychologischer Momente dennoch zu glauben sei; diesen Argumenten habe das Obergericht nichts entgegen zu setzen. Die Beschwerdeführerin weist darauf hin, dass der wegen derselben Tat verurteilte Mittäter sein Urteil akzeptiert und die Genugtuungssumme pünktlich gezahlt habe, was ebenfalls für die Richtigkeit des erstinstanzlichen Urteils spreche. b) Das Bezirksgericht hatte - gestützt auf das Glaubwürdigkeitsgutachten von PD Dr. Gerhard - angenommen, die Aussagen der Beschwerdeführerin seien im Kern, hinsichtlich des Vorwurfs der sexuellen Handlungen mit dem Angeklagten A.________ sowie den beiden anderen Männern (B.________ und C.________), während der gesamten Dauer des Verfahrens konstant geblieben, wenn auch mit geringen Abweichungen in den Häufigkeiten und Zeitpunkten des Beischlafs: Die Beschwerdeführerin habe sowohl in ihrem Brief an Herrn F.________ vom Sozialdienst, in ihren Einvernahmen vom 13. April 1995, vom 9. August 1995, vom 11. September 1996 und vom 29. August 1997 als auch in der Befragung durch den psychiatrischen Gutachter vom 14. August 1997 und schliesslich vor dem Bezirksgericht sexuelle Übergriffe dieser drei Männer geschildert. Nicht konstant seien dagegen ihre Aussagen mit Bezug auf die Freiwilligkeit der sexuellen Handlungen sowie der Freiwilligkeit und Dauer ihres Aufenthalts in Y.________. Diese Inkonstanz sei aber aus psychologischer Sicht durchaus erklärbar: Zum einen habe die ursprüngliche Angst vor Drohungen der drei Männer nach der Tötung von C.________ und dem Tötungsversuch zum Nachteil des Angeklagten A.________ durch ihren Bruder H.________ abgenommen; zum anderen habe die Variante der Unfreiwilligkeit auch den Vorteil geboten, ihre eigene Verantwortung in einem milderen Licht erscheinen zu lassen. c) Das Obergericht geht dagegen davon aus, die Beschwerdeführerin habe auch im Kern nicht konstant, sondern sehr unterschiedlich ausgesagt: Es verweist auf Widersprüche in den Aussagen der Beschwerdeführerin bezüglich der Anzahl, dem Datum und dem Ort der sexuellen Kontakte mit dem Angeklagten A.________ (nur einmal oder mehrmals? nur in Y.________ oder auch in Z.________?) sowie auf Unstimmigkeiten hinsichtlich des Datums des ersten Geschlechtsverkehrs mit dem inzwischen verstorbenen C.________ (anfangs Januar 1995 auf einem Parkplatz in Y.________ oder erstmals im Sommer 1994 im Auto, im Wald in der Nähe von Y.________?) und der Anzahl der sexuellen Kontakte mit diesem. Überdies berücksichtigt das Obergericht die Aussagen der Beschwerdeführerin im Verfahren gegen E.________ vor dem Bezirksamt Baden, wo sie ausgesagt hatte, mit E.________ am 12. Juli 1994 Geschlechtsverkehr gehabt zu haben; es sei für sie das erste Mal gewesen. In der Befragung vom 14. August 1997 durch den Gutachter Dr. Gerhard habe die Beschwerdeführerin dagegen gesagt, das erste Mal habe sie mit C.________ vor ca. zwei Jahren im Auto im Wald ein sexuelles Verhältnis gehabt; sie habe dies aber im Verfahren gegen E.________ nicht gesagt, weil sie Angst vor C.________ gehabt habe. Die vom Obergericht wiedergegebenen Aussagen entsprechen den Akten und enthalten gewisse Widersprüche auch hinsichtlich des Kerngeschehens. Während das Bezirksgericht und der Gutachter diese - auch ihnen bekannten - Unstimmigkeiten als unwesentlich erachteten, genügten sie dem Obergericht, um die Glaubwürdigkeit der Beschwerdeführerin in Zweifel zu ziehen. Auffällig ist immerhin, dass das für die Beschwerdeführerin zentrale Geschehen im Zimmer des Hauses in Y.________ in fast allen Aussagen konstant geschildert wird. Nur in der Befragung vom 9. August 1995 wird C.________ noch als dritter Sexualpartner dieser Nacht genannt; diese Aussage wird im Gutachten von PD Dr. Gerhard als Fehlerinnerung interpretiert, da Erinnerungsfehler in einer Kette von gleichartigen Ereignissen relativ häufig seien und das Bewusstsein der Beschwerdeführerin durch den zuvor genossenen Alkohol wahrscheinlich etwas eingeschränkt gewesen sei. Die vom Obergericht hervorgehobenen Widersprüche betreffen überwiegend Ereignisse vor diesem Geschehen, die zum Teil nicht Gegenstand des vorliegenden Strafverfahrens waren (sexuelle Handlungen mit E.________ und mit dem verstorbenen C.________ im Sommer 1994), nach denen die Beschwerdeführerin somit auch nicht durchgängig gefragt worden war. Mit den übrigen, von Bezirksgericht und Gutachter hervorgehobenen Realitätskriterien setzt sich das Obergericht nicht auseinander; immerhin werden diese auch vom Gutachter als "wenig zahlreich und nicht in ausgeprägter Form vorhanden" bezeichnet. Als mögliches Motiv für eine Falschanschuldigung nennt das Obergericht das Verdecken von weiteren sexuellen Handlungen mit Unbekannten sowie das Ausweichen oder das Nachgeben gegenüber den drängenden Fragen im Elternhaus, zumal das Verhältnis zu ihren Eltern zum damaligen Zeitpunkt gestört gewesen sei. Es erscheint allerdings unwahrscheinlich, dass die Beschwerdeführerin eine solche Geschichte aufgrund drängender Fragen ihrer Eltern erfunden haben sollte, vor allem, wenn man sich die Konsequenzen einer solchen Erfindung in einer Familie mit traditionellen albanischen Moralvorstellungen vor Augen hält. Es leuchtet auch nicht ein, weshalb die Beschwerdeführerin nicht nur einen, sondern gleich drei Männer zu Unrecht beschuldigt haben soll, und weshalb gerade den Angeklagten A.________, mit dem sie zuvor ein gutes Verhältnis hatte. Gegen eine Falschbeschuldigung sprechen schliesslich auch die vom Gutachter durchgeführten testpsychologischen Untersuchungen, aus denen sich ergibt, dass die Beschwerdeführerin eine sehr einfache geistige Strukturiertheit aufweist und gar nicht in der Lage ist, raffinierte Geschichten zu erfinden. Von den Aussagen der übrigen Zeugen würdigte das Obergericht nur diejenige von G.________. Es nahm dabei ohne Willkür an, dass dessen Zeugenaussage nicht als genügender Beweis gegen den Angeklagten betrachtet werden könne, da sie sich mehrheitlich nicht auf eigene Beobachtungen, sondern auf angebliche Ausführungen anderer Zeugen stütze, G.________ seine Aussagen mehrfach abgeändert und schliesslich in der Hauptverhandlung bestritten habe, überhaupt gewisse Aussagen gemacht zu haben. d) Zusammenfassend bleibt es damit bei der Frage, ob das Obergericht die Aussagen der Beschwerdeführerin allein auf Grund der darin enthaltenen Widersprüche und Unstimmigkeiten als unglaubhaft würdigen durfte, entgegen den sorgfältig begründeten und auf ein aussagepsychologisches Gutachten abgestützten Ausführungen des Bezirksgerichts. Dabei muss berücksichtigt werden, dass das Gericht den Angeklagten nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" nur verurteilen darf, wenn es von seiner Schuld überzeugt ist, und es ihn freisprechen muss, wenn es erhebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel an seiner Schuld hegt (vgl. BGE 120 Ia 31 E. 3c S. 37). Insofern ist der Begründungsaufwand für eine Verurteilung, wie sie in erster Instanz erfolgt ist, höher als für den in zweiter Instanz erfolgten Freispruch: Während das verurteilende Gericht jeden erheblichen Zweifel ausschliessen muss, genügt für den Freispruch schon die Begründung eines unüberwindlichen Zweifels. Schon deshalb durfte die Begründung des Obergerichts kürzer ausfallen als diejenige des Bezirksgerichts und sich auf die für das Obergericht wesentlichen Zweifelspunkte beschränken. Im vorliegenden Fall war für das Obergericht die Inkonstanz der Aussagen der Beschwerdeführerin Grund, an ihrer Glaubwürdigkeit zu zweifeln. Es handelt sich hierbei um ein sachliches, für die Würdigung einer Zeugenaussage gewichtiges Kriterium. Auch das Bezirksgericht und der Gutachter hatten die Widersprüchlichkeit der Aussagen der Beschwerdeführerin hervorgehoben, diese jedoch nur bezüglich der Unfreiwilligkeit der sexuellen Handlungen und des Aufenthalts in Y.________ für wesentlich gehalten und im Kerngeschehen als unwesentliche Abweichungen im Detail gewürdigt. Die gegenteilige Auffassung des Obergerichts kann jedenfalls nicht als unhaltbar und damit als willkürlich bezeichnet werden. Daran ändert auch das fehlende oder zumindest nicht ersichtliche Motiv für eine Falschbeschuldigung nichts, da eine solche auch nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann.