Citation: 9C_5/2023 E. 5.2.2

5.2.2. 5.2.2.1. Sachverhalte, bei denen die Qualifizierung eines Vorgang als verdeckte Gewinnausschüttung (Perspektive der Gesellschaft) bzw. geldwerte Leistung (Perspektive der Beteiligten) infrage steht, sind definitionsgemäss "zweidimensional", indem sie stets die (Gewinn-) Steuerpflicht der Gesellschaft und die (Einkommens-) Steuerpflicht der Anteilsinhaberin bzw. des Anteilsinhabers beschlagen. Zumal das Steuerverfahrensrecht von Bund und Kantonen keine Regeln dazu enthält, wer - Gesellschaft oder Anteilsinhaberin bzw. Anteilsinhaber - zuerst zu veranlagen ist, kann sich wie hier die Situation ergeben, dass zuerst die Gesellschaft und erst hernach die Anteilsinhaberin bzw. der Anteilsinhaber veranlagt werden; ebenso ist denkbar, dass zunächst die Anteilsinhaberin bzw. der Anteilsinhaber veranlagt wird und erst zu einem späteren Zeitpunkt die Gesellschaft, an der sie bzw. er beteiligt ist. Für die erste Konstellation (Veranlagung der Gesellschaft zeitlich vor jener der Anteilsinhaberin bzw. des Anteilsinhabers) gilt gemäss ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung zu den zweidimensionalen Sachverhalten dann, wenn bei der Gesellschaft eine verdeckte Gewinnausschüttung mit der Gewinnsteuer erfasst wird, zwar, dass auf Ebene der Anteilsinhaberin bzw. des Anteilsinhabers kein eigentlicher Aufrechnungsautomatismus besteht. Insbesondere folgen Bestand, Qualifikation und Höhe einer Aufrechnung auf der Ebene der Gesellschaft einerseits und der Ebene der Anteilsinhaberin bzw. des Anteilinhabers anderseits einer jeweils eigenen Logik. Eine erneute rechtliche Beurteilung auf der Ebene der Anteilsinhaberin bzw. des Anteilinhabers ist unerlässlich, zumal es sich bei der Gesellschaft und der an ihr beteiligten Person - trotz gesellschaftsrechtlicher Verbundenheit - um zwei voneinander vollständig unabhängige Rechts- und Steuersubjekte handelt. In Abweichung von den üblichen Regeln über die Beweisführungs- und die Beweislast hat aber eine Gesellschafterin bzw. ein Gesellschafter, der gleichzeitig Organ und/oder beherrschende Anteilsinhaberin bzw. beherrschender Anteilsinhaber der Gesellschaft ist, Bestand und Höhe einer von der Veranlagungsbehörde behaupteten geldwerten Leistung detailliert zu bestreiten. Unterlässt sie bzw. er dies oder beschränkt sie bzw. er sich auf pauschale Ausführungen, darf die Veranlagungsbehörde grundsätzlich annehmen, die auf Ebene der Gesellschaft rechtskräftig veranlagte Aufrechnung sei der Anteilsinhaberin bzw. dem Anteilsinhaber gegenüber ebenso berechtigt wie gegenüber der Gesellschaft (Urteile 9C_750/2023 vom 18. Dezember 2023 E. 2.3.4; 9C_624/2022 vom 15. März 2023 E. 5.2.5; 2C_630/2021 / 2C_631/2021 vom 17. Mai 2022 E. 2.2.2; 2C_719/2021 vom 7. Dezember 2021 E. 3.2.2). 5.2.2.2. Für den umgekehrten Fall - dass nämlich wie hier bei Veranlagung der Gesellschaft keine Hinzurechnung wegen verdeckter Gewinnausschüttung zum Saldo der Erfolgsrechnung vorgenommen wurde (Art. 58 Abs. 1 lit. b DBG) - versteht sich von selbst, dass der Steuerbehörde der volle Nachweis für die steuererhöhenden Tatsachen obliegt, welche die Erfassung von geldwerten Leistungen bei der Anteilsinhaberin bzw. beim Anteilsinhaber rechtfertigen. Der Umstand, dass eine bestimmte Aufwandbuchung bereits bei der Veranlagung der Gesellschaft besonders geprüft wurde, mag dabei im Einzelfall (faktisch) die Beweisführungslast der Steuerbehörde erhöhen. Sofern dieser indessen mit dem Beweismass der vollen Überzeugung (vgl. zu diesem "Regelbeweismass" im Steuerrecht Urteil 2C_596/2020 vom 10. März 2021 E. 2.3.1 m.H.) der Nachweis gelingt, dass die tatsächlichen Voraussetzungen für die Qualifizierung einer Leistung an die Anteilsinhaberin bzw. den Anteilsinhaber als geldwerte Leistung erfüllt sind, steht einer Erfassung der entsprechenden Leistung bei der Anteilsinhaberin bzw. beim Anteilsinhaber als Einkommen nichts entgegen.