Citation: I 97/00 29.08.2002 E. 3

3.1 Die Verwaltungsgerichtsbeschwerde führende IV-Stelle wehrt sich vorab gegen den 10 %igen Abzug vom Invalideneinkommen, mit dem die Vorinstanz den invaliditätsfremdem Faktoren auch auf Seiten des Valideneinkommens Rechnung trug. Die diesbezügliche Gerichtspraxis sei sinngemäss insofern fragwürdig, als die Bemessung der beiden in der Regel hypothetischen Einkommensgrössen auf ganz verschiedenen Grundlagen beruhe. Während es beim Valideneinkommen darum gehe, was die versicherte Person ohne Gesundheitsschaden verdienen würde, werde beim Invalideneinkommen Bezug genommen auf den ausgeglichenen Arbeitsmarkt und gefragt, welchen Lohn sie zumutbarerweise mit einer leidensangepassten Tätigkeit erzielen könnte. Lasse sich aus den Kriterien des ausgeglichenen Arbeitsmarktes und der Zumutbarkeit die Berücksichtigung invaliditätsfremder Faktoren ableiten, treffe dies für das ohne Gesundheitsschaden realisierte Einkommen nicht zu. Im Gegenteil seien hier sinngemäss der reale Arbeitsmarkt und die private Autonomie massgebend. Wenn im Einzelfall das Valideneinkommen unter dem (ungekürzten) Tabellenwert liege, der Ausgangspunkt für die rechnerische Bestimmung des Invalideneinkommens bilde, könne dies verschiedene Gründe haben, u.a. Rezession, strukturelle Änderungen im Arbeitsmarkt und/oder in der Person des oder der Versicherten liegende Umstände, wie mangelnder Ehrgeiz, ungenügende Arbeitsleistung. Es sollte daher, so die IV-Stelle, nur in eindeutigen Fällen, beispielsweise bei einer grossen Differenz zwischen Validen- und Invalideneinkommen, eine entsprechende Kürzung des trotz Gesundheitsschaden zumutbarerweise noch erzielbaren Lohnes vorgenommen werden. Eine solche Reduktion rechtfertige sich im vorliegenden Fall nicht, habe doch die Arbeitsleistung des Beschwerdegegners mehrmals zu Beanstandungen Anlass gegeben und zur Kündigung auf Ende Juli 1994 durch den Arbeitgeber geführt. 3.2 Der von der Beschwerdeführerin im Grundsatz nicht bestrittenen Rechtsprechung von ZAK 1989 S. 456 liegt die Annahme zu Grunde, dass in der Regel die Faktoren Alter, Ausbildung, Sprachkenntnisse, Flexibilität, Durchsetzungsfähigkeit, Sozialkompetenz etc., die für die Höhe des ohne gesundheitliche Beeinträchtigung erzielbaren Lohnes bestimmend sind, den Lohn auch im Invaliditätsfall beeinflussen (Erw. 1.4). In der Praxis lassen sich solche Merkmale indessen nur schwer vom invalidisierenden Gesundheitsschaden trennen (AHI 1997 S. 82 Erw. 2b/bb; Rüedi a.a.O. S. 43 f. sowie in der selben Publikation Ueli Kieser, Der praktische Nachweis des rechtserheblichen Invalideneinkommens, S. 49 ff., S. 76; Alfred Bühler, Zur rechtlichen Bedeutung der invaliditätsfremden Gründe der Erwerbsunfähigkeit, SZS 1993 S. 271 f.). Auch die konjunkturelle Lage hat Auswirkungen auf den Invaliden- wie auf den Validenlohn, kann doch eine Person mit einer Behinderung den konjunkturellen Schwankungen ebenso wenig ausweichen wie eine gesunde Person; derartige Schwankungen kommen schliesslich auch in den Tabellenlöhnen zum Ausdruck. Ein prinzipieller Unterschied zwischen Invaliden- und Validenlohn mag darin erblickt werden, dass der vor Eintritt des Gesundheitsschadens erzielte Lohn durch den individuellen Entscheid der versicherten Person, an einem bestimmten Arbeitsplatz ihrer Erwerbstätigkeit nachzugehen, wesentlich geprägt ist, während es sich bei einem Invalidenlohn, der auf der Grundlage der LSE festgesetzt wird, um einen Durchschnittslohn handelt. Ob die Erzielung eines Einkommens in dieser Höhe zumutbar ist, muss unter Berücksichtigung der gesamten objektiven und subjektiven Gegebenheiten des Einzelfalles beurteilt werden (Erw. 1.3.1). Wenn eine versicherte Person vor Eintritt des Gesundheitsschadens ein geringeres Einkommen erzielte, als im betreffenden Wirtschaftszweig üblich war, ist davon auszugehen, dass dies in den erwähnten lohnbestimmenden Ursachen (Alter, Kenntnisse, Fähigkeiten etc.) begründet lag, die sich auch auf das nach Eintritt des Gesundheitsschadens zumutbarerweise erzielbare Einkommen auswirken. Insoweit der gesamtschweizerisch branchenübliche Lohn wegen der regionalen Einkommensunterschiede (vgl. Tabelle A13 der LSE) nicht erreicht wurde, dürfte ein Wechsel häufig ebenfalls nicht zumutbar sein. Unter dem Gesichtspunkt der Zumutbarkeit schwindet somit der von der Beschwerdeführerin geltend gemachte grundsätzliche Unterschied von Validen- und Invalideneinkommen. 3.3 Nach dem Gesagten besteht kein Anlass zu einer Änderung der mit ZAK 1989 S. 456 begründeten Rechtsprechung, wonach im Rahmen des Einkommensvergleichs nach Art. 28 Abs. 2 IVG die invaliditätsfremden Gesichtspunkte überhaupt nicht oder dann bei beiden Vergleichsgrössen gleichmässig durch angemessene Korrektur des Validen- oder des Invalideneinkommens zu berücksichtigen sind.