Citation: 1B_496/2022 E. 6.4

6.4. Im Haftprüfungsverfahren ist zudem, anders als beim Urteil in der Sache, keine umfassende Würdigung eines psychiatrischen Gutachtens vorzunehmen. Die Überprüfung durch das Haftgericht ist lediglich summarischer Natur, wie das Bundesgericht in Urteil 1B_487/2017 vom 1. Dezember 2017 E. 3.8 dargelegt hat. Der Beschwerdeführer bestreitet dies und behauptet, das soeben zitierte Urteil sei nicht vergleichbar mit dem vorliegenden Fall, weil es damals um Sicherheitshaft gegangen sei und deshalb die Unschuldsvermutung nicht mehr gegolten habe. Dies ist unzutreffend: Die Unschuldsvermutung gilt bis zur rechtskräftigen Verurteilung (Art. 32 Abs. 1 BV, Art. 6 Abs. 2 EMRK und Art. 10 Abs. 1 StPO) und fällt deshalb mit der Anordnung der Sicherheitshaft nicht dahin (Art. 220 Abs. 2 StPO). Das Obergericht hat sich somit zu Recht auf eine lediglich summarische Prüfung beschränkt. Entgegen der Kritik des Beschwerdeführers ist ihm in dieser Hinsicht auch keine Verletzung des rechtlichen Gehörs vorzuwerfen (Art. 29 Abs. 2 BV). Es hat vielmehr in der gebotenen Tiefe dargelegt, weshalb das Privatgutachten das behördlich bestellte Gutachten nicht derart zu erschüttern vermöge, dass davon abzuweichen sei. Dass es nicht auf jeden einzelnen der zahlreichen vom Beschwerdeführer vorgetragenen Kritikpunkte eingegangen ist, ist nicht zu beanstanden (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).