Citation: 8C_562/2022 E. 5

Das kantonale Gericht befasste sich eingehend mit den beschwerdeweise vorgebrachten Einwänden, insbesondere mit der bestrittenen Zumutbarkeit der Psychotherapie vor dem Hintergrund des (nach der Renteneinstellung neu) geltend gemachten sexuellen Missbrauchs durch Psychiater in der Kindheit und im Erwachsenenalter und der dadurch aufgebauten Verweigerungshaltung, die zu Panikattacken vor den Therapien und entsprechend häufigen Absagen geführt hätten. Es erwog, die von der IV-Stelle mit Schreiben vom 6. Juni 2019 gegenüber dem Beschwerdegegner angeordnete Schadenminderungsauflage sei auch mit Blick auf diese Umstände als zumutbar zu qualifizieren. Sie stelle keine Gefahr für Leben und Gesundheit dar und sei bei einzelfallbezogener Betrachtung angemessen und verhältnismässig gewesen, weil bereits 2017 aus gutachterlicher, fachpsychiatrischer Sicht ausdrücklich festgehalten worden sei, dass konsequente Psychotherapiemassnahmen und die Weiterführung einer antidepressiven Medikation dringend indiziert seien. Darüber hinaus habe Dr. med. D.________ in seiner Stellungnahme vom 10. Januar 2022 zu Recht darauf hingewiesen, dass dem Beschwerdegegner angesichts der bisherigen Lebens- und Therapieerfahrung mit mehreren, häufig abgebrochenen, ambulanten und stationären psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungen bekannt sein dürfte, dass erfahrene Psychotherapeuten auf ein grosses Arsenal von beschwerdelindernden Behandlungsmöglichkeiten gegen situativ auftretende Panikgefühle der Patienten zurückgreifen könnten. Zudem sei der Beschwerdegegner aktenkundig mehrfach medizinisch behandelt worden und habe dabei eine gewisse Linderung erfahren. Schliesslich anerkenne auch der Beschwerdegegner, dass eine Psychotherapie absolut notwendig und die gemachten Auflagen sinnvoll gewesen seien. Allerdings habe die IV-Stelle das für eine Leistungseinstellung bzw. Leistungsaufhebung im Bereich der Invalidenversicherung von der Rechtsprechung zwingend vorgeschriebene Mahn- und Bedenkzeitverfahren nicht durchgeführt. Deshalb sei die Verfügung vom 29. Oktober 2021 aufzuheben und die IV-Stelle müsse die Rente rückwirkend ab Einstellung der Leistungen wieder auszahlen.