Citation: 6B_354/2022 E. 2.1

2.1. Gemäss Art. 188 Ziff. 1 StGB wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft, wer mit einer minderjährigen Person von mehr als 16 Jahren, die von ihm durch ein Erziehungs-, Betreuungs- oder Arbeitsverhältnis oder auf andere Weise abhängig ist, eine sexuelle Handlung vornimmt, indem er diese Abhängigkeit ausnützt (Abs. 1). Ebenso wird bestraft, wer eine solche Person unter Ausnützung ihrer Abhängigkeit zu einer sexuellen Handlung verleitet (Abs. 2). Das Opfer ist abhängig im Sinne des Tatbestands, wenn es aufgrund eines der im Gesetz genannten Strukturmerkmale oder aus anderen Gründen nicht ungebunden bzw. frei und damit auf den Täter angewiesen ist. Dem Abhängigkeitsverhältnis liegt in der Regel eine besondere Vertrauensbeziehung zugrunde (Urteile 6B_211/2020 vom 19. Mai 2020 E. 4.2.1; 6B_536/2010 vom 7.September 2010 E. 6; vgl. PETER HANGARTNER, Selbstbestimmung im Sexualbereich - Art. 188 bis 193 StGB, Diss. St. Gallen 1998, S. 218; PHILIPP MAIER, Basler Kommentar, Strafrecht II, 4. Aufl. 2019, N. 8 zu Art. 188 StGB; NORA SCHEIDEGGER, in: StGB, Annotierter Kommentar, Damian K. Graf [Hrsg.], 2020, N. 3 zu Art. 188 StGB). Die Entscheidungsfreiheit muss durch das Abhängigkeitsverhältnis derart eingeschränkt sein, dass die jugendliche Person nicht mehr fähig ist, sich gegen sexuelle Ansuchen des Überlegenen zu wehren (BGE 125 IV 129 E. 2a mit Hinweis). Ob ein Abhängigkeitsverhältnis im dargestellten Sinne vorliegt, ist anhand einer umfassenden Würdigung der gesamten konkreten Umstände zu entscheiden (BGE 148 IV 57 E. 3.5.6; 125 IV 129 E. 2b). Das Ausmass der Abhängigkeit ist nach einem objektiv-individuellen Massstab zu bestimmen. Einerseits muss das Opfer bei objektiver Betrachtung tatsächlich vom Täter abhängig sein, anderseits darf das Opfer aufgrund seiner individuellen Persönlichkeit und aufgrund der konkreten Umstände keine andere Möglichkeit gesehen haben, als die sexuelle Handlung zuzulassen oder vorzunehmen. Im Verhältnis zur Ausnützung der Notlage gemäss Art. 193 StGB ist ein anderer Massstab anzulegen, da bei Art. 188 StGB auch das jugendliche Alter des Opfers berücksichtigt werden muss. So kann bereits das Vorliegen eines wenig intensiven Betreuungsverhältnisses genügen, um eine starke Abhängigkeit des Jugendlichen zu begründen (MAIER, a.a.O., N. 10 zu Art. 188 StGB mit Hinweisen).