Citation: U 401/04 13.06.2005 E. 3

3.1 Die Vorinstanz hat das Dahinfallen des natürlichen Kausalzusammenhanges zwischen dem Unfall vom 30. Mai 2000 und den von der Beschwerdeführerin nach dem 2. Dezember 2002 weiterhin geklagten Beschwerden im Hals- und Nackenbereich gestützt auf das Administrativgutachten von Prof. Dr. med. W.________ vom 7. November 2002 bejaht. Sie hat dieses Gutachten im Grundsatz - wenn auch mit Einschränkungen hinsichtlich der zeitlichen (rückwirkenden) Beurteilung - als beweiskräftig angesehen, weil der Gutachter über die Unterlagen der vorangegangenen ärztlichen Untersuchungen sowie die "bildgebenden Materialien" verfügt habe. Demgegenüber sei die Schlussfolgerung von Dr. med. L.________ in seinem Bericht vom 18. Januar 2002, wonach eine unfallbedingte richtunggebende Verschlimmerung der degenerativen Veränderungen in der HWS der Beschwerdeführerin vorliege, nicht nachvollziehbar. 3.2 Die Beweiskraft eines medizinischen Gutachtens hängt nach der Rechtsprechung (BGE 125 V 352 Erw. 3a, 122 V 160 Erw. 1c mit Hinweisen) unter anderem davon ab, ob es in der Darlegung der medizinischen Zustände, Entwicklungen und Zusammenhänge einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten so begründet sind, dass der Rechtsanwender sie kritisch prüfend nachvollziehen kann (U. Meyer-Blaser, Das medizinische Gutachten aus sozialversicherungsrechtlicher Sicht, in: A.M. Siegel/D. Fischer [Hrsg.], Die neurologische Begutachtung, Schweizerisches medico-legales Handbuch Bd. 1, Zürich 2004, S. 97; ders., Sozialversicherungsrecht und Medizin, in: H. Fredenhagen, Das ärztliche Gutachten, 4. Auflage, Bern 2003, S. 25). Die Begründung der von einem Gutachter aus den verwerteten Vorakten und den von ihm selbst erhobenen Befunden gezogenen Schlussfolgerungen - regelmässig als "Beurteilung" betitelt - ist der essentielle Teil jedes Gutachtens. Hier hat der Gutachter die Gedankengänge im Einzelnen darzulegen, aufgrund derer er zu seinen Schlussfolgerungen gelangt. Die anschliessende Beantwortung der einzelnen Expertenfragen muss anhand der begründeten Schlussfolgerungen nachvollzogen werden können. Sie darf nicht als blosse Behauptung sozusagen im "luftleeren Raum" stehen (M. Mumenthaler, Grundsätzliches zum ärztlichen Unfallgutachten, in: A.M. Siegel/D. Fischer [Hrsg.], a.a.O., S. 120 und 121; A. Bühler, Erwartungen des Richters an den Sachverständigen, AJP 1999, S. 573; ders., Die Beweiswürdigung, in: Ch. Leuenberger, Der Beweis im Zivilprozess, Bern 2000, S. 82; L. Glanzmann-Tarnutzer, Der Beweiswert medizinischer Erhebungen im Zivil-, Straf- und Sozialversicherungsprozess, AJP 2005, S. 79). Enthält ein Gutachten überhaupt keine Begründung der vom Experten getroffenen Schlussfolgerungen und damit keine argumentative Basis für die Beantwortung der Gutachterfragen, ist es weder nachvollziehbar noch schlüssig und deshalb nicht beweiskräftig. 3.3 Das Gutachten des Prof. Dr. med. W.________ vom 7. November 2002 enthält eine umfassende Familien-, Sozial- und Unfallanamnese, rapportiert die Formularberichte des Hausarztes Dr. med. N.________, des Notfallarztes Dr. med. K.________ und des Rheumatologen Dr. med. E.________ und gibt im zweiten, mit "Befund? Können die subjektiven Beschwerden objektiviert werden?" betitelten Teil die bei der klinischen Untersuchung der Versicherten am 29. August 2002 vom Gutachter selbst erhobenen Befunde sowie die Ergebnisse der verschiedenen vorher durchgeführten röntgenologischen und magnetresonanztomographischen HWS-Abklärungen wieder. Der daran anschliessenden Formulierung der gutachterlichen Diagnose folgt sogleich die Beantwortung der gestellten Expertenfragen. Eine Diskussion der eigenen und der von den voruntersuchenden Spezialärzten erhobenen Befunde enthält das Gutachten ebenso wenig wie eine medizinische Beurteilung der objektiven Befunde. Es lässt sich lediglich erahnen, dass der Gutachter bei der Beantwortung der ihm gestellten Expertenfragen entscheidend auf die von ihm veranlasste Beurteilung des Röntgendossiers vom 14. August 2002 durch PD Dr. med. I.________, Neuroradiologie Spital Z.________, abgestellt hat. Denn dessen Schlussfolgerung wird im Gutachten - der Originalbericht befindet sich nicht in den Akten - wie folgt zitiert: "Gemäss PD Dr. I.________ sind alle Veränderungen als sogenannt degenerativ und nicht als traumatisch bedingt anzusehen". Von dieser Mutmassung abgesehen, stehen die zu den einzelnen Gutachterfragen gegebenen Antworten ohne jede Begründung als blosse Behauptungen da. 3.4 Die Beantwortung der ersten vier Expertenfragen durch den Gutachter Prof. Dr. med. W.________ bedeutet im Ergebnis, dass er Auswirkungen von unfallkausalen Faktoren auf den Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin ab dem 2. November 2000 vollständig verneint und nur für die vorausgegangenen rund fünf Monate ab dem Unfall vom 30. Mai 2000 eine vorübergehende, unfallbedingte Verschlimmerung der degenerativen Veränderungen im Bereich der HWS bejaht. Diese Schlussfolgerung steht in Widerspruch zur Beurteilung der medizinischen Situation, wie sie bei der Beschwerdeführerin kurz vor und nach dem 2. November 2000 gegeben war, durch mehrere andere Fachärzte. Am 23. Oktober 2000 beurteilte der Röntgenologe Dr. med. P.________ den von ihm erhobenen Befund im Bereich des 4. und 5. Halswirbels (C 4 und C 5) als "Bandinstabilität ....., möglicherweise beim Trauma vom 30.5.00 entstanden". Die leichte Retrolisthesis des 4. Halswirbels (C 4) in Reklination interpretierte er als "verdächtig auf einen Status nach ligamentärer Läsion". Die degenerativen Veränderungen im Bereich der HWS qualifizierte er als "mässig". Der Rheumatologe Dr. med. E.________ diagnostizierte im Sommer 2001 ein "posttraumatisches Cervikalsyndrom bei beginnender Osteochondrose C 4/5, C 6/7, Antrolisthesis C 3/4 von 2-3 mm nach einem direkten HWS-Trauma nach Auffahrunfall am 30.5.01" (recte: 30.5.2000). Diese Diagnose beinhaltete ebenfalls die Bejahung einer anhaltenden, zumindest teilweisen Unfallkausalität der erhobenen objektiven Befunde, weshalb Dr. med. E.________ in seinem Bericht vom 31. August 2001 abschliessend festhielt: "Ein endgültiger Abschluss ist gegenwärtig sicher noch nicht möglich." Der vom Vertrauensarzt der Allianz beigezogene Spezialarzt für Orthopädische Chirurgie, Dr. med. L.________ umschrieb das Krankheitsbild der Beschwerdeführerin in seinem Bericht vom 18. Januar 2002 aufgrund seiner eigenen klinischen Befunde und der im Institut für Radiologie der Klinik Y.________ am 16. Januar 2002 durchgeführten röntgenologischen und magnetresonanztomographischen Abklärungen als "residuelle Cervicocephalgien bei Traumatisierung der mittleren HWS C 4/5, C 5/6 mit vermehrtem ventrodorsalem Gleiten (Instabilität)" und hielt gestützt darauf als Schlussfolgerung fest: "Somit ist es zu einer Verschlimmerung eines Vorzustandes gekommen (richtungsgebend)." Diese medizinische Beurteilung bedeutet im Ergebnis, dass der Unfall vom 30. Mai 2000 zu einer dauerhaften Verschlimmerung des degenerativen Vorzustandes der HWS geführt hat. Schliesslich ist der neurologische Spezialarzt Dr. med. R.________ gestützt auf die erwähnten radiologischen Voruntersuchungen sowie die eigenen klinischen Befunde in seinem Bericht vom 22. Oktober 2004 zum Schluss gelangt, der langanhaltende Beschwerdeverlauf könne "zwanglos" mit der in den röntgenologischen Untersuchungen gefundenen Instabilität der HWS auf den Etagen C 4/5 und C 5/6 erklärt werden. Alle diese Beurteilungen der Unfallkausalität der von der Versicherten seit dem 2. November 2000 weiterhin geklagten Beschwerden, der diesen zugrunde liegenden und von mehreren Spezialärzten erhobenen objektiven Befunde sowie des kausalen Gewichtes, das dem degenerativen Vorzustand der HWS hiefür zukommt, stehen im Widerspruch zu den vom Gutachter Prof. Dr. med. W.________ gezogenen Schlussfolgerungen, wie sie als Quintessenz in den gutachterlichen Antworten auf die gestellten Expertenfragen sinngemäss zum Ausdruck kommen. Abgesehen davon stellen ganz allgemein lang anhaltende Beschwerden im Hals- und Nackenbereich als Folge von objektiv feststellbaren Befunden nach einer HWS-Distorsion medi-zinisch nichts Aussergewöhnliches dar, weshalb das Dahinfallen des natürlichen Kausalzusammenhanges bereits fünf Monate nach einem entsprechenden Unfall sorgfältig begründet werden muss, damit der diesbezügliche Beweis als geleistet gelten kann. Dies auch deshalb, weil bereits eine unfallbedingte Teilkausalität genügt, damit die Leistungsvoraussetzung des natürlichen Kausalzusammenhanges weiterhin gegeben ist (vgl. BGE 129 V 181 Erw. 3.1 und 406 Erw. 4.3.1 je mit Hinweisen). 3.5 Zusammenfassend kann aus diesen Gründen dem von der Allianz eingeholten Administrativgutachten von Prof. Dr. med. W.________ keine Beweiskraft beigemessen werden. Die medizinische und verfahrensrechtliche Aktenlage lässt eine zuverlässige Anspruchsbeurteilung über den 2. November 2000 trotzdem insoweit zu, als mit der Vorinstanz festgehalten werden kann, dass die Heilbehandlung nicht vor dem 2. Dezember 2002 eingestellt werden konnte. Ob und bejahendenfalls wie lange die natürliche Unfallkausalität der über diesen Zeitpunkt hinaus weiterhin geklagten und ärztlich behandelten Beschwerden noch gegeben war, bedarf jedoch ergänzender Abklärung. Dabei ist zu beachten, dass die Frage, ob hiefür auch ein adäquater Kausalzusammenhang besteht, im vorliegenden Fall, in dem nach den Akten ausschliesslich organische Gesundheitsstörungen zur Diskussion stehen, keiner separaten Prüfung bedarf (vgl. Erw. 2.2 hievor); und zwar so lange, als das Dahinfallen des natürlichen Kausalzusammenhangs unter Berücksichtigung der hiefür von der Beschwerdegegnerin zu tragenden Beweislast (vgl. Erw. 2.3 hievor) nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen ist.