Citation: 9C_571/2023 E. 6.7

6.7. Dr. med. C.________ äussert sich im Gutachten explizit zum auslösenden Trauma. Die Standardindikatoren gemäss BGE 141 V 281 E. 4.1.3 prüft er sowohl teilweise im Gutachten vom 15. Dezember 2020 als auch in der Erläuterung vom 4. Mai 2023. Anders sieht es jedoch bei der Frage nach der Latenzzeit zwischen dem Trauma und dem Eintritt der Arbeitsunfähigkeit aus. Während die Diagnose einer Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0) keine Latenzzeit zwischen Trauma und Symptomauftritt festhält, so wird bei der komplexen PTBS (ICD-11: 6B41) wie bei der PTBS gemäss ICD-10 (F43.1) eine Manifestation innerhalb von maximal sechs Monaten nach dem Ereignis, nur in seltenen Fällen auch später, erwartet, wie der Gutachter selbst ausführt. Wieso vorliegend ein solcher seltener Ausnahmefall gegeben sein soll, legt der Gutachter allerdings nicht dar. Er hält lediglich fest, dass bei gewissen Personen manche Symptome erst nach Jahren auftreten könnten, ohne dies in Bezug zum Versicherten zu setzen. Auch wenn sich vorliegend beim Versicherten gewisse Symptome scheinbar bereits in der Kindheit gezeigt haben, so besteht doch eine grosse zeitliche Diskrepanz zwischen der Traumatisierung in der Kindheit (zusätzliche Traumata im Erwachsenenalter werden weder im Gutachten erwähnt, noch vom Versicherten geltend gemacht) und dem Eintritt der Arbeitsunfähigkeit im Alter von 42 Jahren. Diese wird auch im aktuellsten Gutachten von Dr. med. C.________ vom 15. Dezember 2020 nicht überzeugend erklärt. Der Gutachter führt zwar aus, es lasse sich auf eine bereits früher bestehende Symptombelastung schliessen, der Beginn störungsrelevanten Verhaltens werde bereits in der frühen Jugend plausibel berichtet. Im Ergänzungsschreiben vom 4. Mai 2023 hält er fest, dass beim Versicherten seit der Kindheit eine psychische Störung bestehe. Allerdings liegen über diese Zeitperiode keine echtzeitlichen Akten vor; weder die durch den Versicherten geltend gemachten Aggressionsprobleme in der Jugend noch der frühe Alkohol- und Drogenkonsum lassen sich überprüfen, sondern stützen sich einzig auf die Angaben des Versicherten. Offenbar war der Versicherte während 20 Jahren berufstätig, ohne dass sich die PTBS manifestiert hat. Jedenfalls fehlen Hinweise dazu in den Akten. In diesen Punkten ist das Gutachten nicht nachvollziehbar, weshalb die Diagnose einer (komplexen) PTBS - entgegen der Einschätzung der Vorinstanz - nicht als gesichert erachtet werden kann.