Citation: I 65/06 03.08.2006 E. 5.2

5.2.1 Im Urteil vom 14. Februar 2005 hat das Eidgenössische Versicherungsgericht darauf hingewiesen, dass es sich mit der Frage, ob der Einsatz eines Giger-Geräts eine nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft anerkannte Behandlungsmethode darstellt, bislang in zwei Fällen (Urteile Sch. vom 31. März 2004, I 265/01 und W. vom 2. August 2004, I 721/03) zu befassen hatte. Im erstgenannten Urteil hat es die wissenschaftliche Anerkennung dieser Geräte nicht ausdrücklich beurteilt, jedoch auf eine Stellungnahme des Dr. med. habil., Dr. rer. nat., Dipl. Ing. Schalow, sowie verschiedene Beiträge von Schalow/Zäch, in: Physiotherapie 1999, Zeitschrift des Schweizerischen Physiotherapeuten-Verbandes (SPV), Sonderdruck und die Fallstudie von Schalow/Kuntoutuskeskus/Nyffeler, in: Physiotherapie 2000/2001, S. 3ff., verwiesen. Demnach handelt es sich beim Giger-Gerät um eine spezielle Vorrichtung zur Durchführung der Koordinationsdynamik-Therapie, die auf einfache Weise koordinierte Bewegungen von Armen, Beinen und Rumpf erlauben. Diese Behandlungsart beruht auf nunmehr rund 20-jähriger human-neurophysiologischer Forschungsarbeit und ist die einzige Methode der Wiederherstellung von Funktionen des Zentralnervensystems (ZNS), die eine anerkannt-wissenschaftliche Grundlage hat. Gestützt darauf hat das Eidgenössische Versicherungsgericht im zweitgenannten Urteil festgestellt, dass die Giger-Geräte in Institutionen (Kliniken, Rehabilitationszentren, Spezialpraxen) sowie bei Physiotherapeuten, Ärzten und Privatpersonen verbreitet Anwendung finden und wissenschaftliche Studien für deren Wirksamkeit bestehen, weshalb es die Frage bejahte, ob es sich bei der Behandlung mit diesen Instrumenten um eine nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigte Massnahme handelt. Vorliegend geht es indessen nicht um Störungen des Zentralnervensystems, sondern um eine Muskelerkrankung ohne motorische Ausfälle, weshalb die Schlussfolgerungen im Urteil W. vom 2. August 2004 nicht ohne weiteres übertragbar sind. 5.2.2 Gemäss dem vorinstanzlich eingeholten Bericht des Dr. med. K.________ vom 20. September 2005 ist die Wirksamkeit des repetitiv-zyklischen muskelkräftigenden Trainings (täglich während 20 bis 30 Minuten) auf dem Giger MD Koordinationsdynamikgerät (liegend) bei zentralen ZNS-Läsionen und anderen zerebralen sowie hirnorganischen Störungen wissenschaftlich anerkannt. Untersuchungen mit an nemaliner Myopathie leidenden Mäusen hätten gezeigt, dass Immobilisation zu Muskelfieberatrophie und schwerer Muskelschwäche führe, welche aber durch regelmässiges, muskelkräftigendes tägliches Training wieder rückgängig gemacht werden könnten (Joya JE, Kee AJ, Nair-Shalliker V, Ghoddusi M, Nguyen MA, Luther P, Hardermann EC. Muscle weakness in a mouse model of nemaline myopathy can be reversed with exercise an reveals a novel myofiber repair mechanisme. Hum Mol Genet. 2004 Nov 1; 13:2633-45). Alleiniges Dehnen der sich verkürzenden Muskulatur habe hingegen keine Verbesserung der Muskelkraft zur Folge. Die Befunde aus dem Maus-Modell seien in einer Patientenstudie bestätigt worden: Regelmässiges muskelkräftigendes Ausdauertraining bei Patienten mit Myosin-Myopathie leiste einen wichtigen Beitrag bezüglich der veränderten Gen-Expression mit geschädigten Muskelfasern (Tajshargi H et al., Induced shift in myosin heavy chain expression in myosin myopathy by endurance training, J. Neurol. 2004 Feb; 251:179-83). Angesichts des in Übereinstimmung mit den wissenschaftlichen Befunden stehenden Umstandes, dass sich der Gesundheitszustand der Versicherten mit dem täglichen Einsatz des Giger-Gerätes deutlich gebessert habe, müsse diese Behandlungsart als kausal wirksame Therapie bezeichnet werden. Im letztinstanzlich aufgelegten Bericht vom 15. März 2006 verdeutlicht der Experte, dass jede Therapie, welche die Muskelkraft am ganzen Körper fördert, bei an nemaliner Myopathie erkrankten Patienten wirksam ist. Die Studie Tajshargi et al. 2004 zeige auf, dass das regelmässige Muskeltraining mit "Total Body Involvement" bei Myopathien und Muskeldistrophien von grosser Bedeutung sei. Das Giger-Gerät sei diesbezüglich besonders geeignet, indem es ein gleichzeitiges, gut dosierbares und die Muskeln kräftigendes Training aller Extremitäten sowie des Rumpfes in liegender Position ermögliche. 5.3 Aufgrund dieser Angaben ist erstellt, dass in der medizinischen Wissenschaft die Wirksamkeit muskelkräftigender Therapie bei an nemaliner Myopathie leidenden Personen anerkannt ist. Der Einwand des BSV, die Studie Tajshargi et al. 2004 beziehe sich auf an myosiner Myopathie erkrankte Personen, weshalb Dr. med. K.________ einen nicht begründeten Analogieschluss ziehe, ist nicht stichhaltig. Wie dieser Arzt im Bericht vom 15. März 2006 darlegt, unterscheiden sich die verschiedenen Formen von Myopathien und Muskeldystrophien bezüglich ihres Ansprechens auf eine am ganzen Körper ansetzende, die Muskeln kräftigende Therapie nicht grundsätzlich, weshalb Analogieschlüsse durchaus zulässig sind. Zum weiteren Einwand in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde, es lägen keine wissenschaftlich fundierten Studien einer erfolgswirksamen Behandlung mit dem Giger-Gerät vor, ist zunächst auf das Urteil W. vom 2. August 2004, I 721/03, und die darin zitierte medizinische Literatur (vgl. Erw. 4.2.1 oben) sowie die von Dr. med. K.________ im Bericht vom 15. März 2006 erwähnte weitere Referenz (Schalow G, Jaigma P. Cerebral palsy improvement achieved by coordination dynamics therapy. Electromyogr Clin Neurophysiol. 2005; 45;433-45) hinzuweisen, welche die muskelkräftigende Wirkung der Therapie mit dem genannten Instrument (bei am Nervensystem erkrankten Patienten) wissenschaftlich belegen. Schliesslich gelingt es gemäss dem im Verfahren I 373/04 (Urteil vom 14. Februar 2005) aufgelegten Bericht des Thomas Nyffeler, Schw. dipl. Physiotherapeut, Cham, vom 29. August 2004, mit dem Therapieinstrument Giger die meistens bereits gehunfähigen, an Muskeldystrophien und Myopathien leidenden Patienten bei täglichem Training wieder zu mobilisieren. 5.4 Aufgrund des Gesagten ist festzustellen, dass das im Rahmen der ärztlich verordneten Physiotherapie bei der an nemaliner Myopathie leidenden Beschwerdegegnerin zur Anwendung gebrachte Therapiegerät Giger MD medical device kid wissenschaftlich nachgewiesen erfolgswirksam ist und in der Praxis zur Behandlung solcher Krankheiten verbreitet eingesetzt wird. Der vorinstanzliche Entscheid ist daher nicht zu beanstanden.