Citation: 6S.691/2001 09.09.2002 E. 3.3

3.3.1 Die Vorinstanz begründet die Sorgfaltspflichtverletzung damit, dass die Beschwerdeführerin in Verletzung von Art. 17 Abs. 3 VRV nicht die andere Fahrbahn für ihr Fahrmanöver benutzt hat, weil es sich bei der ins Auge gefassten Strecke von 30 Metern um eine längere Strecke gehandelt habe. Der Begriff der längeren Strecke stellt einen auslegungsbedürftigen unbestimmten Rechtsbegriff dar. Steht ein Grenzfall zur Diskussion, weicht das Bundesgericht insoweit nur mit einer gewissen Zurückhaltung von der Auffassung der Vorinstanz ab (vgl. BGE 115 IV 17 E. 2b; BGE 127 IV 59 E. 2a/bb). Die vorinstanzliche Qualifikation ist auf jeden Fall vertretbar. Die Frage, ob es sich im vorliegenden Fall um eine längere Strecke im Sinne des Gesetzes gehandelt hat und die Beschwerdeführerin deshalb verpflichtet gewesen wäre, die Gegenfahrbahn zu benutzen, kann indes offen gelassen werden; insbesondere kann offen bleiben, ob die Beschwerdeführerin die Strasse rückwärts über mehr als 300 Meter hätte überblicken müssen, um nicht gegen Art. 36 Abs. 4 SVG zu verstossen. Der Schuldspruch verletzt, jedenfalls im Ergebnis, ohnehin kein Bundesrecht. 3.3.2 Die Beschwerdeführerin wäre, wie oben dargetan, bei ihrem Fahrmanöver bereits grundsätzlich zu erhöhter Vorsicht verpflichtet gewesen. Sie ist ihrer Verpflichtung nicht nachgekommen. Insbesondere trug sie aber dem in der konkreten Situation wesentlichen Umstand nicht Rechnung, dass sie die Fahrbahn in einer Richtung befuhr, aus welcher anderer Verkehrsteilnehmer, insbesondere Fussgänger, ein Fahrzeug an dieser Stelle nicht erwarten würden, auch wenn es sich formell nicht um eine Einbahnstrasse handelte. Gefahrenlagen wie diejenige, welche sich im vorliegenden Fall verwirklicht hat, dürften dem Rückwärtsfahrverbot für Einbahnstrassen unter anderem zu Grunde liegen. Aus dem vorinstanzlichen Urteil geht hervor, dass die Beschwerdeführerin ihren Kopf nach rechts hinten gewendet hatte; ihren Rücken wandte sie damit der Traminsel zu, mit der Folge, dass ihr Blickfeld in diese Richtung offensichtlich begrenzt war. Deshalb sah sie den Fussgänger nicht, welcher die Strasse von der Traminsel her betrat, obwohl sie ihr Blickfeld im Übrigen aufmerksam beobachtete. Die Vorinstanz hat dem Selbstverschulden des Beschwerdegegners im Zivilpunkt Rechnung getragen; die strafrechtliche Haftung der Beschwerdeführerin vermag der Umstand, dass der Beschwerdegegner die Strasse nicht beim Fussgängerstreifen betrat, nicht aufzuheben. Das Verhalten des Beschwerdegegners ist nicht derart ungewöhnlich, dass damit überhaupt nicht hätte gerechnet werden müssen, im Gegenteil: Im Bereich von Tramhaltestellen ist jederzeit mit Fussgängern zu rechnen, die die Fahrbahn zwischen den am Anfang und am Ende der Haltestelle angebrachten Fussgängerstreifen überqueren. Der von der Vorinstanz festgestellte hypothetische Kausalverlauf, wonach die Beschwerdeführerin die Kollision auch nicht mehr hätte verhindern können, wenn sie den Fussgänger noch wahrgenommen hätte, vermag die Beschwerdeführerin nicht zu entlasten. Wer bei den gegebenen örtlichen Verhältnissen in der Weise rückwärts fährt, dass er die Kollision mit einem die Fahrbahn betretenden Fussgänger nicht verhindern kann, obwohl er den Fussgänger wahrnimmt, kommt seiner Sorgfaltspflicht nicht nach. Aus der Vorschrift, dass Rückwärtsfahren nur im Schritttempo zulässig ist, kann nicht abgeleitet werden, dass Schritttempo in jedem Fall den konkreten Umständen angemessen ist. Im Bereich des die Sicht verdeckenden Billettautomaten wäre die Beschwerdeführerin verpflichtet gewesen, sich zu vergewissern, dass kein Fussgänger naht, zumal sie davon ausgehen musste, dass Fussgänger nicht in ihre Richtung blicken würden. Die Beschwerdeführerin hat dem Geschehen auf der sich in ihrem Rücken befindlichen Traminsel keine genügende Aufmerksamkeit geschenkt. In erster Linie wesentlich ist nicht die von den kantonalen Instanzen ausführlich behandelte Frage, ob das Fahrmanöver als solches zulässig war; vielmehr ist die Frage entscheidend, ob das Fahrmanöver mit der gebotenen Sorgfalt durchgeführt wurde. Diese Frage ist zu verneinen. Die Beschwerde ist demnach abzuweisen.