Citation: 5A_333/2024 E. 4.1

4.1. Die Vorinstanz legte ausführlich dar, wie sich die Sicherheitslage in Haiti in den letzten Jahren verschlechtert hat. Entführungen seien an der Tagesordnung und kämen seit der Ermordung des Präsidenten Moïse im Juli 2021 noch gehäufter vor. Die Hauptstadt befinde sich in der Gewalt bewaffneter Gruppen, welche die nationale Polizei nicht eindämmen könne. Eine baldige Entspannung der Sicherheitslage sei nicht zu vermuten. Eine Einreise in das Land sei, jedenfalls ausserhalb des Flughafenareals, derzeit prekär. Mitarbeitende des IBESR (Institut du Bien-Être Social et de Recherches), das für Adoptionsverfahren zuständig ist, erschienen oft nicht zur Arbeit, weil die Lage zu unsicher sei. Es liege nahe, dass diese kaum hinreichende Abklärungen treffen könnten, wenn sogar der Arbeitsweg aufgrund der unsicheren Lage nicht zu bewältigen sei. Es bestehe somit eine reelle Gefahr, dass die haitianische Behörde keine funktionierende Struktur mehr aufrechterhalten könne. Kinder aus Ländern in Krisensituationen seien besonders gefährdet, kommerzieller Adoption zum Opfer zu fallen. Bereits vor Erlass des Moratoriums seien Adoptionsverfahren nicht mehr vollends ordnungsgemäss durchgeführt worden. Der Konsul in Santo Domingo habe zudem berichtet, dass Adoptionen in Haiti nicht immer einem klaren Ablauf folgten, indem Ausnahmen erlaubt würden und Druck von aussen ausgeübt werde. Andere Aufnahmeländer und Vermittlungsstellen, so die Vorinstanz weiter, hätten Adoptionsverfahren ebenfalls eingestellt oder zumindest eingeschränkt. Zudem habe UNICEF in einem Bericht aus dem Jahre 2023 festgestellt, dass sich die Konfliktdynamik in Haiti weiter verschlechtert und sich die humanitäre Krise verschärft habe. Im März 2024 habe eine UNICEF-Exekutivdirektorin berichtet, die seit Jahren anhaltende schreckliche Gewalt habe in den Tagen zuvor ein noch nie dagewesenes Ausmass angenommen. Der Zugang der Zivilbevölkerung zu Krankenhäusern, Schulen, lebenswichtigen Dienstleistungen etc. werde zunehmend schwieriger. Die humanitäre Hilfe sei lahmgelegt. Vor diesem Hintergrund könne, so die Vorinstanz, nicht von einem funktionierenden IBESR ausgegangen werden. Die haitianischen Behörden müssten ihre verbleibenden Personalressourcen für die Kinder vor Ort einsetzen. Zudem bestehe ein Risiko für eine vollständige Blockade des Landes. Das BJ habe zahlreiche Informationsquellen berücksichtigt (EDA, kantonale Zentralbehörden, Vermittlungsstellen, Berichte von NGOs, Medien, Informationen anderer Länder, Schweizer Vertretung, IBESR).