Citation: U 262/99 28.12.2000 E. 4

4.- a) In tatsächlicher Hinsicht ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin beim Unfall vom 15. März 1996 eine metaphysäre Radiusfraktur links erlitten hat. Nach anfänglich konservativer Behandlung ergab die tomographische Abklärung (vom 14. Mai 1996) eine Delayed-Union bei achsengerechten Stellungsverhältnissen, worauf am 29. Mai 1996 eine Osteosynthese mit Radiusplatte und Spongiosaplastik erfolgte. Am 25. Juni 1996 wurde nach der Diagnose einer akuten Tendovaginitis stenosans de Quervain über dem Radiusstyloid eine Längsspaltung der Sehnenscheide durchgeführt. In der Folge stellte SUVA-Kreisarzt Dr. med. C.________ am 13. August 1996 einen Morbus Sudeck mit Überwärmung, Schmerzen und Funktionseinschränkung fest. Bei ausgeprägter Schwellung der Hand würde diese aktiv praktisch nicht betätigt, während passiv bei kleinsten Bewegungen starke Schmerzen beklagt würden. Weder die Dauerplexusanästhesie (vom 19. August bis 7. September 1996) noch die Metallentfernung (vom 5. September 1996) brachten eine wesentliche Besserung. Anlässlich der neurologischen Abklärung bei Dr. med. F.________ vom 2. Oktober 1996 konnten ein Karpaltunnelsyndrom und ein Syndrome de la loge de Guyon mit zureichender Sicherheit ausgeschlossen werden. Die magnetische Kernresonanz (MRI) des linken Handgelenks (vom 25. Oktober 1996) ergab narbige Veränderungen der dorsalen Sehnenfächer im Carpus links ohne Hinweise auf eine carpale Instabilität, wobei eine intraarticuläre Injektion von Kontrastmittel in das Radiocarpalgelenk wegen starker Schmerzen durch Vernarbungen nicht möglich gewesen sei (Bericht des Dr. med. G.________ vom 28. Oktober 1996). Während des stationären Aufenthalts in der Klinik für Plastische, Wiederherstellungs- und Handchirurgie, Spital X.________, vom 3. bis 23. Dezember 1996, heilte der Morbus Sudeck nicht ab, konnte aber günstig beeinflusst werden (Bericht vom 6. Januar 1997). Im weiteren Verlauf erfolgten verschiedene psychiatrische Abklärungen, welche u.a. zu den Diagnosen einer dissoziativen Bewegungsstörung, einer Anpassungsstörung mit Angst und depressiven Symptomen gemischt sowie einer beginnenden anhaltenden somatoformen Schmerzstörung führten (Berichte des Psychiatrischen Dienstes vom 19. Dezember 1996 und der Frau Dr. med. K.________ vom 5. Februar 1997). SUVA-Kreisarzt Stellvertreter Dr. med. R.________ führte aus, die zwischenzeitlich durchgeführte Lymphdrainage habe eine sichtbare Verminderung der Schwellung und damit der Schmerzen bewirkt (Bericht vom 2. Februar 1998). Bei immer noch deutlichen Zeichen einer Algodystrophie sei die Sudeckbehandlung mit den klassischen Methoden und vor allem auch mit der Lymphdrainage nochmals zu intensivieren, wobei sehr fraglich sei, ob die Patientin nach diesem langen Krankheitsverlauf mit sehr unbefriedigendem Resultat wieder arbeitsfähig würde. SUVAKreisarzt Dr. med. C.________ erhob am 6. Mai 1998 einen nach wie vor eindrücklichen klinischen Befund der linken Hand mit Schwellung und Schmerzen sowie deutlicher Reaktion des Subcutangewebes. Am Vorderarm bestünden deutliche Muskelprobleme mit Muskelschmerzen und typischen aktivierten Trigger-Points. Die am 16. Juni 1998 durchgeführten radiologischen Abklärungen ergaben einen normalen Befund des linken Handgelenks, des linken Ellenbogens und der linken Schulter. Laut kreisärztlicher Abschlussuntersuchung vom 17. Juni 1998 ist die Schwellung der Hand nicht organisch bedingt, sondern als Ruheschaden sowie als Folge des vollständigen Neglekts des linken Arms einzustufen. Es müsse eine psychiatrische Störung angenommen werden. Gemäss Beurteilung des Dr. med. S.________ vom 1. Oktober 1998 ist die persistierende, wechselhafte Schwellung nur noch ein Pseudo-Sudeck, der durch die medizinisch unangemessene Schonung des Armes unterhalten und verschlimmert werde. Bei zumutbarem Einsatz der Hand würde die Schwellung prompt verschwinden. Laut Dr. med. B.________ (Parteigutachten vom 9. Dezember 1998) finden sich eine anatomisch fixierte, teigige Schwellung von Hand und Langfingern, Kontrakturen im Schultergelenk sowie muskuläre Störungen. Bei psychosomatischen Dekompensationserscheinungen, mit vermutlich komplexen Wechselbeziehungen zum erlittenen Trauma und seinen Folgen, müsse die linke obere Extremität auf Grund des langandauernden, schmerzbetonten, funktionellen Ausschlusses als wertlos eingestuft werden. b) Auf Grund der medizinischen Akten ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin die linke Hand im Zeitpunkt, in welchem die SUVA ihre Leistungen eingestellt hat (31. Oktober 1998), nicht mehr zu gebrauchen vermochte. Uneinigkeit besteht darin, ob es sich hierbei um organische und/oder psychische Unfallfolgen handelt, für welche die SUVA einzustehen hat. Dr. med. S.________ (Bericht vom 1. Oktober 1998) und Dr. med. B.________ (Parteigutachten vom 9. Dezember 1998) stimmen darin überein, dass die Gebrauchsunfähigkeit der Hand nicht unmittelbar durch mechanische Einwirkung bedingt ist. Gegen die von Dr. med. S.________ vertretene Auffassung, es lägen bereits seit Frühjahr 1997 keine organischen Unfallfolgen (mehr) vor, und seine daran anschliessende Folgerung, die Schwellung der Hand würde bei zumutbarem Einsatz prompt verschwinden, spricht der Bericht über die kreisärztliche Untersuchung vom 2. Februar 1998, wo von deutlichen Zeichen einer schweren Algodystrophie die Rede ist und eine intensivierte Sudeckbehandlung angeregt wird (vgl. auch Privatgutachten Dr. B.________). Gestützt auf die medizinischen Unterlagen ist davon auszugehen, dass die beklagten Schmerzen, die zum Nichtgebrauch der linken Hand führten, somatischen wie psychischen Ursprungs sind. Die Akten führen zum Schluss, dass die anfänglich im Vordergrund stehenden somatischen in der Folge gegenüber den psychisch bedingten Beeinträchtigungen in den Hintergrund traten. Inwieweit die am 31. Oktober 1998 bestehende Gebrauchsunfähigkeit der linken Hand auf organischen und/oder psychisch bedingten Beeinträchtigungen als mittelbare Unfallfolgen gründet, lässt sich im Nachhinein nicht zuverlässig feststellen. Es kann indes offen bleiben, da - wie nachfolgend dargelegt (vgl. Erw. 5) - der natürliche wie der adäquate Kausalzusammenhang auch bezüglich der psychisch bedingten Beeinträchtigungen zu bejahen ist.