Citation: 2C_533/2021 E. 6.4.1

6.4.1. Die Sozialabzüge und die Steuertarife bezwecken, die Steuerbelastung - in schematischer Weise - an die spezifische persönliche und wirtschaftliche Situation jeder Kategorie von Steuerpflichtigen anzupassen und mit dem Grundsatz der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit (Art. 127 Abs. 2 BV) möglichst in Einklang zu bringen (BGE 141 II 338 E. 4.5; 133 II 305 E. 5.1). Die möglichst genaue Erfassung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und die administrative Praktikabilität stehen dabei in einem Spannungsverhältnis: Das Stichtagsprinzip gemäss Art. 35 Abs. 2 DBG soll primär den Vollzug des Steuergesetzes durch die Steuerbehörden vereinfachen und dient damit der Praktikabilität (vgl. BAUMGARTNER/EICHENBERGER, in: Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, DBG, 3. Aufl. 2017, N. 33a zu Art. 35 DBG; PETER LOCHER, Kommentar zum DBG, 2. Aufl. 2019, N. 56 zu Art. 35 DBG; vgl. auch ERICH BOSSHARD, Familienbesteuerung im Umbruch, ASA 69 S. 757, S. 769; CHRISTINE JACQUES, in: Commentaire Romand, LIFD, 2. Aufl. 2017, N. 4 zu Art. 35 DBG). Demgegenüber könnte die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der getrennt steuerpflichtigen Elternteile besser abgebildet werden, wenn der Kinderabzug anhand der während der Steuerperiode vorherrschenden Verhältnisse (statt gemäss dem Stichtagsprinzip anhand derjenigen am Ende des Steuerjahres) anteilig verteilt würde, namentlich also jeder Elternteil für den Teil des Jahres, in welchem er den Unterhalt steuerrechtlich betrachtet getragen hat, einen anteiligen Kinderabzug geltend machen könnte (Kinderabzug pro rata temporis; vgl. Urteil 2C_905/2017 vom 11. März 2019 E. 2.8, in: StE 2019 B 27.7 Nr. 23, StR 74/2019 S. 379; vgl. auch BOSSHARD, a.a.O., S. 769; HUGO CASANOVA, Recht und Unrecht der Familienbesteuerung, ZSR 2010 I S. 187, S. 211 f.). Dieses Spannungsverhältnis zwischen der Praktikabilität und dem Postulat der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit spiegelt sich auch in der Entstehungsgeschichte des hälftigen Kinderabzugs bei geteilter elterlicher Sorge nach Art. 35 Abs. 1 lit. a DBG. Diese Aufteilung des Kinderabzugs war nämlich in der Vernehmlassung auf starken Widerstand gestossen: Die eine Seite der Vernehmlassungsteilnehmer lehnte die Aufteilung ab, weil sie zulasten der Praktikabilität gehe, die andere wünschte sich "individuellere Lösungen" (vgl. Botschaft 2009, S. 4757).