Citation: 5A_78/2023 E. 4.2

4.2. Die Beschwerdeführerin insistiert, dass mit der Ladung gemäss Art. 27 Abs. 2 Bst. a IPRG einzig das verfahrenseinleitende Schriftstück des erstinstanzlichen Verfahrens gemeint sei. Soweit das Kantonsgericht den Nachweis der Ladung für den zweitinstanzlichen Verfahrensabschnitt genügen lasse, verletze es die erwähnte Vorschrift umso mehr, als die Beschwerdegegnerin die gehörige und rechtzeitige Ladung für das Verfahren mit dem Abwesenheitsurteil nachzuweisen habe. Mitunter gehöre es gerade zum Sinn von Art. 27 Abs. 2 Bst. a IPRG, dass ein Schweizer Gericht nicht beurteilen muss, ob ein oberinstanzliches ausländisches Gericht volle Kognition hatte. Ebenso bestreitet die Beschwerdeführerin, dass die mangelhafte Ladung vor der ersten russischen Instanz durch eine unterlassene Rüge vor zweiter Instanz geheilt wurde und sie sich vor dieser zweiten Instanz, dem 10. Schiedsberufungsgericht Moskau, vorbehaltlos auf das Verfahren einliess. Wie das Kantonsgericht selbst feststelle, habe sie in diesem Verfahren die Authentizität des vorgelegten Liefervertrages bestritten. Vom "Einwand der fehlenden Authentizität" sei die gesamte Vereinbarung beschlagen, also auch die Gerichtsstandsklausel. Die Beschwerdeführerin erblickt darin einen impliziten Vorbehalt, der eine unzweideutige Willensbekundung, vorbehaltlos zur Hauptsache zu verhandeln, ausschliesse. Der angefochtene Entscheid lasse eine Begründung vermissen, weshalb sie, die Beschwerdeführerin, trotz der Bestreitung der Authentizität der Liefervereinbarung keine implizite Rüge der fehlenden Zuständigkeit erhoben haben soll. Was den vorinstanzlichen Vorhalt angeht, dass sie die Rüge der nicht gehörigen Vorladung in Verletzung von Treu und Glauben erst in dritter Instanz erhoben habe, wirft die Beschwerdeführerin dem Kantonsgericht eine Verletzung des Verhandlungsgrundsatzes (Art. 55 ZPO) vor. In den Rechtsschriften der Beschwerdegegnerin werde nirgends eine Verletzung von Art. 2 ZGB bzw. von Treu und Glauben oder ein Rechtsmissbrauch thematisiert, auch nicht ein verspätetes Vorbringen irgendwelcher Einwände. Es sei nicht einmal dargetan worden, dass der Einwand der nicht gehörigen Ladung vor der zweiten Instanz unterblieb. Indem das Kantonsgericht auf eine Verletzung von Treu und Glauben schliesse, ohne dass die diesbezüglichen Grundlagen behauptet oder substanziiert wurden, verletze es Art. 55 ZPO. Darüber hinaus tadelt die Beschwerdeführerin das Vorgehen des Kantonsgerichts als "unfair", weil sie mangels entsprechender Behauptung gar keine Veranlassung gehabt habe, hierzu Stellung zu nehmen. Überdies lasse der angefochtene Entscheid unberücksichtigt, dass das Schiedsberufungsgericht schon durch die Beschwerdegegnerin über die fehlende Vorladung in erster Instanz ins Bild gesetzt worden war; dies und die daraus resultierende Befürchtung, den russischen Entscheid in der Schweiz nicht vollstrecken zu können, sei nämlich der Grund gewesen, weshalb die Beschwerdegegnerin den erstinstanzlichen russischen Entscheid angefochten habe. Angesichts dessen sei nicht ersichtlich, inwiefern es gegen Treu und Glauben verstossen sollte, dass sie, die Beschwerdeführerin, sich im zweitinstanzlichen Verfahren nicht auch noch darauf berief.