Citation: U 177/05 10.04.2006 E. 3

3.1 Aufgrund der im angefochtenen Entscheid eingehend dargelegten medizinischen Akten ist davon auszugehen, dass der Beschwerdegegner beim Unfall vom 4. Juni 2002 ein Distorsionstrauma der HWS sowie eine Schulterkontusion links erlitten hat. Unmittelbar nach dem Unfall sind Kopf- und Nackenbeschwerden, später auch Schwindelgefühle, rasche Ermüdbarkeit und Vergesslichkeit aufgetreten. Dr. med. B.________ äusserte am 8. August 2002 den Verdacht auf neuropsychologische Ausfälle, was in der Folge nicht näher abgeklärt wurde. Anlässlich des Aufenthaltes in der Klinik H.________ gab der Versicherte an, nach dem Unfall seien auch Sehstörungen und ein Tinnitus links aufgetreten. Die dortigen Ärzte nahmen an, dass es beim Unfall zu einem seitlichen Kopfanprall und einer kurzzeitigen Benommenheit gekommen war, fanden neurologisch aber keine verwertbaren Störungen und erachteten es als fraglich, ob es zu einer milden traumatischen Hirnverletzung (MTBI) gekommen sei (Neurologisches Konsilium Dr. med. Z.________ vom 11. Dezember 2002). Von einem Kopfanprall hatte der Versicherte bis dahin keine Angaben gemacht. Gegenüber der SUVA gab er am 28. Juni 2002 auf die Frage, ob er den Kopf angeschlagen habe, an, bei der Kollision sei er vom abgerissenen linken Aussenspiegel seines Wagens am Hinterkopf getroffen worden. Dabei war es zu keinen sichtbaren Verletzungen gekommen. Soweit der Versicherte in der Folge erneut bzw. weiterhin über Vergesslichkeit und Konzentrationsschwäche klagte, ist aufgrund der psychiatrischen Beurteilungen (Erw 3.3 hienach) anzunehmen, dass es sich um psychisch beeinflusste Symptome handelte. Zudem kommt diesen Beschwerden im Gesamtbild offensichtlich keine wesentliche Bedeutung zu, weshalb sich weitere Abklärungen, einschliesslich der im vorinstanzlichen Beschwerdeverfahren beantragten neuropsychologischen Untersuchung, erübrigen. Im Vordergrund standen Kopf- und Nackenschmerzen, Schwindel und Sehstörungen. Nach den Arztberichten litt der Versicherte auch in der Zeit nach Herabsetzung bzw. Einstellung der Taggeldleistungen (3. März/ 14. April 2003) und bis zum Erlass des Einspracheentscheids (8. August 2003) an einem zervikalen und zervikozephalen Schmerzsyndrom, welches sich allerdings weder röntgenologisch noch neurologisch objektivieren liess. Ausgeschlossen wurde insbesondere eine posttraumatische Instabilität der HWS (Bericht des Dr. med. S.________, Radiologie FMH, vom 24. Juni 2003). Der vom Vertreter des Versicherten mit einer konsiliarischen Untersuchung beauftragte Dr. med. C.________, Spezialarzt FMH für physikalische Medizin, spez. Rheumaerkrankungen, gelangte im Bericht vom 23. Juli 2003 zum Schluss, es liege noch ein geringgradiges Zervikovertebralsyndrom linksseitig vor; im Vordergrund stehe der subjektive Beschwerdekomplex eines zervikozephalen Syndroms bei Status nach HWS-Distorsion. 3.2 Was die Folgen der Schulterkontusion links betrifft, geht aus den medizinischen Akten hervor, dass unmittelbar nach dem Unfall eine diffuse Druckdolenz mit schmerzbedingter Bewegungseinschränkung in allen Richtungen aufgetreten war. Dr. med. R.________ schloss am 11. Juni 2002 auf eine reflektorische Schmerzparese und erachtete die geklagten Gefühlsstörungen als unspezifisch und nicht primär neurogener Natur. Er fand namentlich keine Anhaltspunkte für eine traumatische Schädigung des Plexus brachialis oder des Halsmarkes. Am 25. Juni 2002 gab der Versicherte an, die Beschwerden hätten sich wesentlich gebessert. Im Schultergelenk links verspüre er noch gewisse bewegungs- und belastungsabhängige Schmerzen; die Beweglichkeit sei nicht mehr eingeschränkt. Im Bericht des Zentrums D.________ vom 21. Oktober 2002 finden sich keine näheren Angaben zu den Schulterbeschwerden, es wurde u.a. jedoch die Diagnose eines zervikobrachialen Syndroms gestellt. Die Ärzte der Klinik H.________ verneinten eine funktionelle Einschränkung im Schulterbereich links und erklärten das Beschwerdebild mit Ausstrahlungen des zervikalen und zervikozephalen Schmerzsyndroms in die linke Schulter und das Schulterblatt. In den Berichten des behandelnden Arztes Dr. med. Y.________, Allgemeine Medizin FMH, vom 15. und 16. April 2003 finden sich keine Hinweise auf fortbestehende Schulterschmerzen. Laut Bericht des Dr. med. C.________ vom 23. Juli 2003 klagte der Versicherte auch über Schmerzen im Schulterbereich links; eine organische Ursache konnte jedoch nicht gefunden werden, insbesondere zeigten sich klinisch keine Zeichen für eine Impingementsymptomatik der Schultern. Daraus ist zu schliessen, dass die Schulterkonstusion zu keinen länger dauernden organischen Beeinträchtigungen geführt hat. Soweit in der fraglichen Zeit noch Schulterbeschwerden vorhanden waren, bildeten sie mit überwiegender Wahrscheinlichkeit Teil der durch das HWS-Distorsionstrauma bewirkten Beschwerdesymptomatik oder waren Symptom der diagnostizierten Somatisierungsstörung, wie sich aus dem Folgenden ergibt. 3.3 Im Anschluss an den Unfall vom 4. Juni 2002 sind beim Beschwerdegegner zunehmend psychische Beeinträchtigungen aufgetreten, zunächst in Form einer depressiven Entwicklung. Wann genau diese eingesetzt hat, lässt sich den Akten nicht entnehmen. Im Bericht vom 21. Oktober 2002 gab Dr. med. B.________ vom Zentrum D.________ an, die Depression habe weiter zugenommen, was darauf schliessen lässt, dass sie in diesem Zeitpunkt bereits längere Zeit angedauert hat. Bei der kreisärztlichen Untersuchung vom 8. Oktober 2002 gelangte Dr. med. G.________ zum Schluss, es sei bereits eine Chronifizierung der Beschwerden im Gang. Anlässlich der psychosomatischen Untersuchung in der Klinik H.________ vom 10. Dezember 2002 konnte kein deutlich depressives Zustandsbild festgestellt werden. Es wurde auf eine Anpassungsstörung mit gemischter Störung von Gefühlen und Sozialverhalten (ICD-10 F43.25) geschlossen. Die Diagnose wurde allerdings nur als wahrscheinlich ("am ehesten") bezeichnet und nicht näher begründet. Sie wurde am 10. September 2003 durch den Psychiater Dr. med. O.______ indessen bestätigt, wobei dieser Arzt auf eine Anpassungsstörung mit vorwiegender Beeinträchtigung von anderen Gefühlen (ICD-10 F43.23) schloss. Im psychiatrischen Gutachten vom 12. Juni 2004 vertritt Dr. med. T.________ die Auffassung, die Diagnose einer Anpassungsstörung sei als Phase in der erfolglosen Bewältigung des Unfalltraumas zu verstehen und markiere den Beginn der neurotischen Verarbeitung des Ereignisses. Rückblickend erscheine es als wahrscheinlich, dass zum Zeitpunkt der Diagnosestellung der Prozess der Somatisierung bereits begonnen habe und die festgestellte gemischte Symptomatik mit Depression, Zukunftssorgen, Ängsten, Rückzug und Regression schon in diesem Zusammenhang zu interpretieren gewesen wäre. Die psychiatrische Beurteilung sei daher revisionsbedürftig und es sei nunmehr die Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung (ICD-10 F45.4) sowie die Nebendiagnose einer mittelgradigen depressiven Episode mit somatischen Symptomen (ICD-10 F32.11) zu stellen. Zur Frage nach der Unfallkausalität der vorhandenen Beeinträchtigungen führt Dr. med. T.________ aus, die Auffassung der SUVA, wonach für die inadäquate Bewältigung des Unfalls und die heutigen Störungen ungünstige persönliche Voraussetzungen ausschlaggebend seien, erscheine als zutreffend, es sei aber davon auszugehen, dass das bestehende Beschwerdebild ohne den Unfall nicht entstanden wäre. In der Stellungnahme zu diesem Bericht pflichtet Dr. med. P.________, Leitender Arzt Psychosomatik an der Klinik H.________, dieser Beurteilung grundsätzlich bei mit der Einschränkung, dass allenfalls nicht nur eine somatoforme Schmerzstörung, sondern eine in mehrerer Hinsicht manifeste Somatisierung (sog. undifferenzierte Somatisierungsstörung gemäss ICD-10 F45.1) in Kombination mit einer wohl mittelgradigen depressiven Episode und einer wahrscheinlichen Angststörung (Panikstörung mit Agoraphobie) anzunehmen sei. Des Weiteren teilt Dr. med. P.________ die Auffassung von Dr. med. T.________, wonach der Unfall eine Teilursache der psychischen Störung bildete und zu einer wesentlichen Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit geführt hat.