Citation: I 164/03 05.12.2003 E. 3

Das kantonale Gericht vertrat die Auffassung, das Tätigkeitsspektrum der Versicherten als Pflegeassistentin bedürfe keiner weiteren Abklärung und auf die Stellungnahme der behandelnden Augenärztin Dr. med. B.________ der Klinik Y.________ vom 4. April 2002 sei abzustellen. Demnach benötige die Versicherte zur Ausübung ihrer Tätigkeit binokulares Sehen. Insbesondere bei "sehr feinen Arbeiten im Nahbereich", wie z.B. beim Tabletten-Ausgeben, Tropfen-Geben und vor allem bei der Nagel- und Fusspflege mit sehr spitzigen und scharfen Geräten, sei sie auf beidäugiges Sehen angewiesen, um das Fremdgefährdungspotential bei diesen Verrichtungen auf ein Minimum zu reduzieren. Die nach der ersten Kataraktoperation am rechten Auge verbleibende und mit einer Brille nicht ausgleichbare Anisometropie von mindestens drei Dioptrien habe die Versicherte als störend empfunden. Dagegen wendet das Beschwerde führende BSV ein, Anisometropien bis zu vier Dioptrien liessen sich in aller Regel durch eine Brille auskorrigieren. Störende ungleiche Bildgrössen bzw. Doppelbilder könnten durch Abdecken des schlechteren Auges vermieden werden. In den Akten fänden sich keine Hinweise auf eine (Teil-) Arbeitsunfähigkeit der Versicherten infolge einer durch den linksseitig verbleibenden grauen Star bedingten Sehfähigkeitsbeeinträchtigung. Auf die Aussagen der in einem Auftragsverhältnis zur Versicherten stehenden behandelnden Augenärztin könne nicht abgestellt werden. Auch wenn bei der Versicherten aus medizinischer Sicht zweifellos eine beidseitige Kataraktoperation indiziert gewesen sei, habe die Invalidenversicherung durch die Übernahme des Eingriffs am rechten Auge die bei der Versicherten drohende Invalidität abwenden können. Sinngemäss macht das BSV geltend, die Versicherte sei zur Ausübung ihrer Erwerbstätigkeit als Pflegeassistentin nicht auf binokulares Sehen angewiesen. Zu prüfen ist demnach, ob gestützt auf die vorliegenden Akten die Frage nach der Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die konkret ausgeübte Tätigkeit der Versicherten beantwortet werden kann. 3.1 Das Eidgenössische Versicherungsgericht präzisierte seine Rechtsprechung zur Übernahme der Kataraktoperation am zweiten Auge (vgl. AHI 2000 S. 294) im Urteil D. vom 24. Juli 2003 (I 29/02) dahingehend, dass die Staroperation am zweiten Auge (nach erfolgter Übernahme am ersten Auge) - bei Erfüllung der übrigen Voraussetzungen nach Art. 12 Abs. 1 IVG - nur dann als medizinische Eingliederungsmassnahme durch die Invalidenversicherung zu übernehmen ist, wenn aufgrund detaillierter Ermittlung der Tätigkeiten im Rahmen des ausgeübten Berufes für die visuell anspruchvollste dieser Tätigkeiten die Notwendigkeit des Binokularsehens aus augenärztlicher Sicht bejaht wird. In denjenigen Berufen, in welchen besondere medizinische Mindestanforderungen an die Sehfähigkeit ausdrücklich normiert sind, ist auf diese Visusgrenzwerte abzustellen, so dass sich in erwerblicher Hinsicht eine detaillierte Ermittlung der verschiedenen Tätigkeitsanteile erübrigt. 3.2 Den Akten ist nicht mit dem im Sozialversicherungsrecht geltenden Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 360 Erw. 5b, 125 V 195 Erw. 2, je mit Hinweisen) zu entnehmen, welche konkreten Tätigkeiten A.________ als Pflegeassistentin im Spital Z.________ zu verrichten hat. Alle aktenkundigen Hinweise zu den einzelnen Aufgaben im Rahmen ihrer Anstellung beruhen ausschliesslich auf den Angaben ihrer Augenärztin. Von Seiten der Arbeitgeberin liegt dazu keine Stellungnahme vor. Unbekannt ist unter anderem, auf welcher Abteilung des Spitals Z.________ die Versicherte arbeitet. Weiter ist unklar, ob sie sämtliche Arbeiten alleine verrichten muss, oder ob - und gegebenenfalls in welchem Ausmass - sie in einzelnen Aufgaben durch weitere Pflegeassistentinnen oder z.B. betreffend Nagel- und Fusspflege sogar durch ausgebildete Podologinnen unterstützt wird. Die Beschreibung der Arbeiten durch die behandelnde Augenärztin, auf welche die Vorinstanz abstellte, bedarf in dieser Hinsicht ergänzender Abklärungen. Die Verwaltung, an welche die Sache vorweg zu diesem Zweck zurückzuweisen ist, wird deshalb in geeigneter Form - z.B. durch Einholung eines Pflichtenheftes und Befragung der Arbeitgeberin - das Tätigkeitsspektrum der Versicherten abklären. 3.3 Steht fest, welches die visuell anspruchvollste Tätigkeit der A.________ ist, wird die IV-Stelle einen fachärztlichen Bericht zur diesbezüglichen Notwendigkeit des Binokularsehens einholen, der nicht allein auf die subjektiven Angaben der Versicherten abstellt, sondern vielmehr für die streitigen Belange umfassend ist, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben wird und der konkreten medizinischen Situation Rechnung trägt (vgl. dazu BGE 125 V 353 Erw. 3a). Soweit der einseitige Ausfall der Sehfähigkeit durch Angewöhnung an den Verlust des stereoskopischen Sehens zumutbarerweise kompensiert werden kann (vgl. z.B. die viermonatige Wartefrist nach dem Verlust eines Auges in der Führerausweis-Kategorie B gemäss Anhang 1 zur Verordnung vom 27. Oktober 1976 über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr [VZV; SR 741.51]), hat dies der Augenarzt im Einzelfall zu berücksichtigen und dazu Stellung zu nehmen. Erfolgt die augenärztliche Beurteilung dieser Fragen - wie hier - erst nach bereits durchgeführter Operation, sind sie medizinisch prognostisch aufgrund der Verhältnisse vor der fraglichen Operation (AHI 2000 S. 299 Erw. 2b mit Hinweisen) zu beantworten, wobei es zur Aufgabe des Arztes oder der Ärztin gehört, dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person ohne die am 16. November 2001 durchgeführte Staroperation am linken Auge arbeitsunfähig geworden wäre (vgl. BGE 125 V 261 Erw. 4 mit Hinweisen). 3.4 Fehlt es an den erforderlichen Grundlagen zur Beantwortung der Frage nach der Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die konkret ausgeübte Tätigkeit der Versicherten (vgl. Erw. 3.2 hievor), sind der angefochtene Entscheid und die Verwaltungsverfügung aufzuheben. Die Sache ist an die IV-Stelle zurückzuweisen, damit diese bei den ergänzenden Abklärungen nach den Erwägungen Ziffer 3.1 bis 3.3 vorgehen und anschliessend über das Leistungsgesuch betreffend die am 16. November 2001 erfolgte Kataraktoperation am linken Auge neu verfügen wird.