Citation: 5A_361/2022 E. 3.3.1

3.3.1. Die Frage nach welcher Methode bzw. nach welchem Massstab ein Vermögensgegenstand zu bewerten ist, stellt eine Rechtsfrage dar, die das Bundesgericht mit freier Kognition prüft. Die Wertermittlung und Schätzung des tatsächlichen Wertes eines Unternehmens ist hingegen eine Sachfrage, bei deren Prüfung dem Bundesgericht eingeschränkte Kognition zukommt (BGE 146 III 73 E. 5.2.1; 132 III 489E. 2.3; 121 III 152 E. 3c; Urteil 5A_104/2012 vom 11. Mai 2012 E. 2.3.1; je mit Hinweisen). Vor diesem Hintergrund gilt was folgt: 3.3.1.1. Gemäss Art. 211 ZGB sind die Vermögensgegenstände bei der güterrechtlichen Auseinandersetzung zu ihrem Verkehrswert einzusetzen. Vermögensgegenstand im Sinn des Gesetzes können Unternehmen oder kaufmännische Gewerbe sein, die als rechtlich finanzielle Einheit bewertet werden. Ihr Verkehrswert ist der Wert, der bei einem Verkauf auf dem freien Markt realisierbar wäre. Massgebend ist eine objektive Bewertung ungeachtet des Wertes, den der betreffende Vermögensgegenstand für den Eigentümerehegatten hat (zum Ganzen BGE 136 III 209 E. 6.2.1 mit Hinweisen). 3.3.1.2. Ein Unternehmen oder ein Gewerbe ist nach anerkannten Grundsätzen der Betriebswirtschaftslehre zu bewerten (BGE 125 III 1 E. 4c). Ausgangspunkt ist die Frage, ob das Unternehmen weitergeführt wird oder nicht. Je nach Antwort ist der Fortführungswert oder der Liquidationswert zu ermitteln (BGE 121 III 152 E. 3c). Der Fortführungswert wird in der Regel aufgrund einer zukunftsbezogenen Ertragsbewertung verbunden mit einer aktuellen Substanzbewertung bestimmt (zum Ganzen BGE 136 III 209 E. 6.2.2; HAUSHEER/AEBI-MÜLLER, in: Basler Kommentar, 7. Aufl. 2022, N. 16 zu Art. 211 ZGB; BADDELEY, L'entreprise dans le contexte du droit matrimonial, in: FamPra.ch 2009 S. 289 ff., S. 302 ff.; je mit Hinweisen). Im Ehegüterrecht hat das Bundesgericht nicht ausgeschlossen, dass eine überwiegende oder gänzliche Bewertung zum Ertragswert sinnvoll sein kann, wenn der aus güterrechtlicher Auseinandersetzung hervorgehende Eigentümer voraussichtlich über längere Zeit das Gut nicht veräussern wird (BGE 125 III 1 E. 5c). Mit Rücksicht auf sämtliche Umstände des konkreten Einzelfalls kann der Verkehrswert auch dem Ertragswert entsprechen und die im Gesetz angelegte strikte Unterscheidung von Ertrags- und Verkehrswert insoweit dahinfallen (BGE 136 III 209 E. 6.2.3; Unternehmensbewertung im Erbrecht. Bericht des Bundesrates vom 1. April 2009, <http://www.bj.admin.ch unter Startseite/Publikationen & Service/Berichte, Gutachten und Verfügungen/Berichte und Gutachten/Unternehmensbewertung im Erbrecht [besucht am 27. Oktober 2022], S. 21, wo der Bundesrat zum Schluss kam: Verkehrswert ist Ertragswert, richtet sich der Wert doch danach, was das Unternehmen künftig einbringen wird). 3.3.1.3. Die Betriebswirtschaftslehre kennt verschiedene Bewertungsmethoden (vgl. PRAZ, L'entreprise de l'un des époux en droit matrimonial, 2018, Rz. 232). Bei kleinen und mittleren Unternehmen wird häufig die - an sich aus der Verkaufspraxis bei überbauten Grundstücken entwickelte - Praktikermethode angewendet, und zwar obwohl in der Bewertungslehre niemand mehr für die theoretische Richtigkeit dieser Methode einsteht (TOBIAS HÜTTCHE/FABIAN SCHMID, Pragmatisch, praktisch, gut: DCF Bewertung von KMU, in: TREX 2019, S. 84). Es handelt sich um eine Mischung aus Substanz- und Ertragswert, wobei der Ertragswert im Verhältnis zum Substanzwert doppelt gewichtet und der Verkehrswert mit der Formel " (1 x Substanzwert + 2 x Ertragswert) : 3" errechnet wird (HÜTTCHE/SCHMID, a.a.O., S. 84 f.; HELBLING, Unternehmensbewertung und Steuern, 9. Aufl. 1998, S. 130 ff. und S. 167). Inzwischen ist ein Trend in Richtung Ertragswertmethoden zu verzeichnen (HAUSHEER/AEBI-MÜLLER, a.a.O., N. 16 zu Art. 211; HÜTTCHE/ SCHMID; a.a.O., S. 85; ALTHAUS/BOHNENBLUST, Der massgebliche Wert in der güterrechtlichen Auseinandersetzung, in: FamPra 2020 S. 670 ff., S. 685; HÜTTCHE/MEIER-MAZZUCATO, Unternehmensbewertung und Rechtsprechung, in: Anwaltsrevue 2018, S. 319 ff., S. 320). Aufgrund des geltenden Methodenpluralismus besteht in Bezug auf die Wahl der Bewertungsmethode ein gewisser Ermessensspielraum, zumal mehrere Methoden zu einem angemessenen Ergebnis führen können (HANDSCHIN, Vom methodischen Umgang des Richters mit Bewertungsfragen, in: Justice - Justiz - Giustizia 2010/4, S. 8 ff.). Die gewählte Bewertungsmethode muss indes in jedem Fall nachvollziehbar, plausibel und anerkannt sein. Sie muss in vergleichbaren Fällen verbreitete Anwendung finden, begründetermassen besser oder mindestens ebenso bewährt sein wie andere Methoden und den Verhältnissen im konkreten Einzelfall Rechnung tragen (Urteil 2C_309/2013, 2C_310/2013 vom 18. September 2013). Um die Bewertung des Unternehmens oder Gewerbes nicht zu verfälschen, sind die Unternehmenszahlen um ausserordentliche Ereignisse zu bereinigen. 3.3.1.4. Bei Unternehmen, die stark von der Unternehmerin bzw. vom Unternehmer abhängen, namentlich von ihrem/seinem Engagement und dem Vertrauen, das ihr/ihm die Klientschaft entgegenbringt (PRAZ, a.a.O., Rz. 234), ist zu prüfen, ob und inwiefern die Ertragskraft des Unternehmens tatsächlich auf Dritte übertragbar ist. Für die Bewertung personenbezogener Unternehmen ist daher zwischen der personenbezogenen und der unternehmensbezogenen Ertragskraft zu unterscheiden. Die rein personenbezogene Ertragskraft, namentlich der Wert der eigenen Leistung des Unternehmers bzw. der Unternehmerin, ist nicht übertragbar. Sie ist somit auf dem freien Markt nicht realisierbar und damit auch nicht wertrelevant (HÜTTCHE/MEIER-MAZZUCATO, a.a.O., S. 322). Mit anderen Worten ist der Wert des Unternehmens ohne den Unternehmer zu ermitteln (zum Ganzen: HAUSHEER/AEBI-MÜLLER, a.a.O., N. 16 zu Art. 211 ZGB; ALTHAUS/BOHNENBLUST, a.a.O., S. 686; HÜTTCHE/MEIER-MAZZUCATO, a.a.O., S. 320; HÜTTCHE/SCHMID, a.a.O., S. 86). Werthaltig sind demnach nur noch das eingesetzte Kapital bzw. dessen angemessene Verzinsung (Kapitalkosten) und die Prämie für den Unternehmer (sog. Übergewinn, auch als Goodwill bezeichnet). Diese wiederum enthält eine personenbezogene und eine geschäftsbezogene Komponente. Der Käufer wird nur diese geschäftsbezogene Komponente entschädigen wollen. Der Wert derselben richtet sich nach dem Zeitraum, während welchem der Käufer vom (guten) Ruf des Verkäufers noch profitieren kann (HÜTTCHE/SCHMID, a.a.O., S. 86).