Citation: U 55/99 11.07.2001 E. 3

3.- a) Die Vorinstanz gelangte zum Ergebnis, dass die Aktenlage mit Prof. Dr. med. Y.________ einzig den Schluss zulasse, D.________ sei am Todestag zwar depressiv und hoffnungslos gewesen, habe aber weder blind noch triebhaft noch in panischer Angst gehandelt, was bedeute, dass bei ihm im Tatzeitpunkt ein Minimum an Besinnungsfähigkeit zur kritischen, bewussten Steuerung der innerseelischen Vorgänge vorhanden gewesen sei. Demgegenüber spekuliere PD Dr. med. M.________ über mögliche innerseelische Vorgänge; namentlich führe er nicht aus, worauf sich die Annahme stütze, dass D.________ sich im Zeitpunkt der Tat in einem akuten psychischen Ausnahmezustand befunden habe, welcher einem akuten Angstzustand auf dem Boden der depressiven Entwicklung bzw. einem Raptus entspreche. Eine akute Angstkrise als Tatauslöser sei jedenfalls aktenmässig anhand der Vorgeschichte nicht belegt; abgesehen davon erachte PD Dr. med. M.________ selbst - ebenso wie Dr. med. J.________ - eine psychotische Episode nicht als erwiesen. Belegt sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nur, dass D.________ von grossen Ängsten geplagt worden sei, doch lasse sich daraus nicht auf eine jegliche Urteilsfähigkeit ausschliessende Angstkrise im Tatzeitpunkt schliessen. Ein weiteres Indiz für diese Annahme bilde der zweite Abschiedsbrief, welcher unmittelbar vor der Tathandlung verfasst und weder vom Formalen noch vom Inhalt her auf einen psychotischen Zustand hinweisend, einen klaren Entschluss aufgrund einer rational ohne weiteres nachvollziehbaren Feststellung manifestiere, die gegen eine panikartige Kurzschlussreaktion spreche; im Gegenteil, sie weise auf eine überlegte, in den Suizid mündende Handlung hin. D.________ habe mehrmals Suizidgedanken geäussert; er sei sich offensichtlich bewusst gewesen, dass er seinen nachweislich hohen Ansprüchen nicht mehr genügte und habe daraus die Konsequenzen gezogen. Dabei habe er geradezu auf der Tathandlung bestanden: wohl habe er sich einmal davon abhalten lassen; den zweiten Anlauf habe er jedoch so eingerichtet, dass er unfehlbar sein Ziel erreichte. Dies spreche klarerweise für ein auf ein bestimmtes Ziel gerichtetes Handeln, von welchem er letztlich offensichtlich nicht abzubringen gewesen sei. Dass er den Suizid vernunftgemäss gewollt habe, sei jedenfalls wahrscheinlicher als die Annahme, die Tat beruhe auf einem durch übermächtige Triebe gesteuerten Vorgang. b) Der im angefochtenen Entscheid vertretenen Auffassung ist beizupflichten. Gestützt auf die von den Ärzten beschriebenen psychopathologischen Zusammenhänge ist mit der Vorinstanz (und der SUVA) davon auszugehen, dass ein psychischer Ausnahmezustand im Sinne eines Raptus, auf welchen PD Dr. med. M.________ und Dr. med. J.________ letztlich aus der Unsinnigkeit und Unerklärbarkeit der Tat schliessen, nicht die erforderliche Wahrscheinlichkeit für sich hat. Insofern sind die kritischen Bemerkungen des Prof. Dr. med. Y.________ vom 12. Februar 1998, namentlich seine Ausführungen zum Gutachten des PD Dr. med. M.________ vom 28. Oktober 1997, überzeugend. Soweit der von Prof. Dr. med. Y.________ (nur) als "anscheinend" geschilderte Geschehensablauf am fraglichen Morgen in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde als willkürlich bemängelt wird, ist darauf hinzuweisen, das dieser seine Grundlage in den wesentlichen Punkten (abgesehen vom Laden der Pistole) in den Schilderungen der Ehefrau des Verstorbenen hat. Nach der Rechtsprechung schliesst planmässiges und vernünftiges Handeln in den letzten Tagen und unmittelbar vor dem Suizid völlige Urteilsunfähigkeit im Zeitpunkt der Tat nicht aus (RKUV 1996 Nr. U 267 S. 311 Erw. 2d; nicht veröffentlichtes Urteil H. vom 1. Juli 1993, U 136/92, Erw. 5b). Im vorliegenden Fall sind aus der Zeit vor dem Suizid in verschiedener Hinsicht vernünftige und planmässige Handlungen ersichtlich. Dabei fällt auf, dass D.________ schon ca. einen Monat vor dem Tod von Suizid gesprochen hat (im Gutachten des PD Dr. med. M.________ vom 28. Oktober 1997 wiedergegebene, von der Witwe diesem Arzt gegenüber gemachte Aussage); einige Tage zuvor hat er sodann einen ersten Abschiedsbrief geschrieben. Aus diesen Indizien schliesst die Vorinstanz, entgegen der in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde vertretenen Auffassung, zu Recht auf eine überlegte, eine panikartige Kurzschlusshandlung ausschliessende und in den Suizid mündende Handlung, um aus dem beruflichen und dem vermeintlichen finanziellen Dilemma herauszukommen. Dass sie dabei vom bei PD Dr. med. M.________ eingeholten Gutachten, auf dessen Einholung sich die Parteien im vorinstanzlichen Verfahren geeinigt haben, abgewichen ist, ist nicht zu beanstanden. Zwar hat die Einschätzung des PD Dr. med. M.________, auch wenn sie nicht als förmliches Gerichtsgutachten erstattet worden ist, erhöhte Beweiskraft. Vorliegend rechtfertigte es sich aber, von seiner Expertise abzuweichen, weil deren Schlüssigkeit nach dem Gesagten durch die ihr widersprechende und überzeugende Stellungnahme des Prof. Dr. med. Y.________ in Frage gestellt wurde (vgl. Erw. 1c hievor). c) Ist demnach bei D.________, wie SUVA und Vorinstanz zutreffend erkannt haben, ein noch in erheblichem Masse vernunftgemässes und willentliches Handeln wahrscheinlicher als Handeln im Zustand voller Urteilsunfähigkeit, muss ein Unfall verneint werden.