Citation: U 175/02 21.08.2002 E. 3

3.1 Die Beschwerdegegnerin wurde beim Unfall vom 19. Juni 1996 von herunterfallenden Paletten mit einem Gewicht von je mindestens 10 kg am Kopf rechts getroffen und schlug beim nachfolgenden Sturz mit der linken Kopf- und Rückenseite auf dem Boden oder der Kante eines Förderbandes auf. Der sie gleichentags behandelnde Dr. med. M.________ diagnostizierte multiple Körperkontusionen vor allem am Oberkörper und am Kopf (starke Kopfschmerzen und extreme Druckdolenz über dem HWS-Bereich und dem Thorax allgemein). Einige Sekunden nach dem Unfall sei die Versicherte bewusstlos gewesen (Bericht vom 1. Juli 1996). Der Frau Dr. med. T.________, Spezialärztin FMH für Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten, klagte die Versicherte über eine Hörverschlechterung sowie über Schwindelbeschwerden und Orientie-rungsschwierigkeiten (Bericht vom 16. Mai 1997). Die Psychiaterin Dr. med. E._________ stellte im Bericht vom 2. Juni 1997 Müdigkeit, Lustlosigkeit, Kraftlosigkeit, Schlafstörungen und Vergesslichkeit fest. In den Berichten des Spitals Y.________, Rheumatologische Abteilung, vom 24. Juni und 26. November 1997 wurden seit dem Unfall persistierende Schmerzen im LWS- und HWS-Bereich mit ausgeprägter Schmerzausstrahlung in den linken Arm und von Zeit zu Zeit ins linke Bein, Durchschlafstörungen sowie nuchal aufsteigende Kopfschmerzen aufgeführt. Auf Grund des Unfallhergangs und des Beschwerdebildes stellt sich die Frage, ob die Versicherte ein Schädel-Hirntrauma erlitten hat und ob eine Wesensveränderung eingetreten ist, wie sie nach einer solchen Verletzung bisweilen typisch ist (BGE 117 V 377 Erw. 3c, 382 Erw. 4b). So hat denn auch der Vertrauensarzt der Allianz, Dr. med. W.________, Spezialarzt FMH für Chirurgie, am 15. Oktober 1996, dargelegt, es müsse versucht werden, differenzierter zu entscheiden, ob eine hirnorganische Störung, eine endogene Psychose oder eine psychogene Störung vorliege. Die nachfolgenden Untersuchungen waren indessen nicht rechtsgenüglich, zumal weder eine neurologische noch eine neuropsychologische Begutachtung stattgefunden haben. Aus dem Umstand, dass der computertomographische Untersuch vom 18. Dezember 1996 und die angefertigten MRI keinen abnormen Befund am Schädel bzw. am Gehirn ergaben, vermag die Allianz nichts zu ihren Gunsten abzuleiten, da sich bei Schädel-Hirntraumen ein organisches Substrat in vielen Fällen nicht (hinreichend) nachweisen lässt (BGE 127 V 103 Erw. 5b/bb, 117 V 378 Erw. 3d, 382 Erw. 3f). Soweit Frau Dr. med. O.________ im Gutachten vom 22. Juli 1999 ausführte, weitere testpsychologische Untersuchungen (neuropsychologisches Testverfahren) seien zur Zeit nicht durchführbar, so liefert sie hiefür keine Begründung. 3.2 Bezüglich der Ohrbeschwerden links attestierte das Spital Z.________ im Gutachten vom 20. April 1999 eine 100%ige Arbeitsfähigkeit, schränkte aber ein, die Versicherte dürfe keine Arbeiten ausführen, bei denen sie auf ihr Gleichgewicht angewiesen sei (Arbeiten auf Leitern usw.); dasselbe gelte für Arbeiten, bei denen sie auf direkte Kommunikation angewiesen sei; bei Arbeiten in Umgebung lauter Maschinen sollte sie ihr Restgehör entsprechend schützen. Die Vorinstanz hat zu Recht festgestellt, dass sich angesichts dieser zahlreichen Einschränkungen im Hinblick auf einen Taggeldanspruch die Frage stelle, ob und in welchem Ausmass bzw. mit welchen zeitlichen oder leistungsmässigen Grenzen der Versicherten ihre bisherige Arbeit als Magazinerin noch zumutbar gewesen sei. Zudem ist das Gutachten vom 20. April 1999 insofern widersprüchlich, als ausgehend von einem Integritätsschaden von 85 % der vorbestehende Integritätsschaden an einer Stelle mit 60 % und an anderer Stelle mit 65 % angegeben wurde. Weiter äusserte sich das Gutachten nicht zur Frage, ob und inwieweit eine die Erheblichkeitsgrenze übersteigende unfallbedingte Störung des Gleichgewichtsfunktionssystems vorliegt (vgl. Tabelle 14.1 der SUVA; BGE 124 V 32 Erw. 1c mit Hinweis). Schliesslich fehlt eine medizinische Stellungnahme dazu, ob das am 5. Januar 2000 entfernte Akustikusneurinom in einem Kausalzusammenhang mit dem Unfall vom 19. Juni 1996 stand und bejahendenfalls welche Folgen diese Gesundheitsstörung zeitigt. Zwar hatte die Allianz das Spital Z.________ mit Schreiben vom 30. März 2000 (= Verfügungsdatum) aufgefordert, über die Folgen dieser Operation (hinsichtlich Heilbehandlung und Arbeitsunfähigkeit) Bericht zu erstatten. Ein entsprechender Bericht fehlt jedoch bei den Akten und wird - wie auch die Operation vom 5. Januar 2000 - im angefochtenen Einspracheentscheid vom 5. Juli 2000 in keiner Weise erwähnt. Die Expertise vom 20. April 1999 stellt unter diesen Umständen keine rechtsgenüglich Grundlage dar, um über die Leistungsansprüche der Versicherten hinsichtlich des Ohrleidens links zu befinden. 3.3 Nach dem Gesagten ist eine erneute, sämtliche Aspekte des vorliegenden Falles umfassende interdisziplinäre medizinische Begutachtung notwendig. Hierbei ist insbesondere abzuklären, ob die Versicherte ein Schädel-Hirntrauma erlitten hat. Danach hat die Allianz zu bestimmen, nach welchen Regeln die Adäquanzbeurteilung zu erfolgen hat (Praxis zum Schädel-Hirntrauma oder zu den psychischen Unfallfolgen; BGE 127 V 103 Erw. 5b/bb). Hierbei wird sie zu berücksichtigen haben, dass die Adäquanz des Kausalzusammenhangs nur dann im Sinne von BGE 123 V 99 Erw. 2a unter dem Gesichtspunkt einer psychischen Fehlentwicklung nach Unfall zu beurteilen ist, wenn die psychische Problematik bereits unmittelbar nach dem Unfall eindeutige Dominanz aufwies. Wird die Rechtsprechung gemäss BGE 123 V 99 Erw. 2a in einem späteren Zeitpunkt angewendet, ist zu prüfen, ob im Verlaufe der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt die physischen Beschwerden gesamthaft nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben und damit ganz in den Hintergrund getreten sind. Nur wenn dies zutrifft, ist die Adäquanz nach der Rechtsprechung zu den psychischen Unfallfolgen (BGE 115 V 133) zu beurteilen (unveröffentlichtes Urteil W. vom 18. Juni 2002 Erw. 3a und b, U 164/01). Auf Grund des augenfälligen Geschehensablaufs ist der Unfall unbestrittenermassen dem mittleren Bereich zuzuordnen. Gegebenenfalls werden daher für die Beurteilung der Adäquanz mehrere unfallbezogene Kriterien (BGE 117 V 367 Erw. 6a, 115 V 140 Erw. 6c/aa) in eine Gesamtwürdigung einzubeziehen sein. Der adäquate Kausalzusammenhang kann nicht zum Vornherein verneint werden, vor allem nicht im Hinblick auf das Kriterium des Grades und der Dauer der Arbeitsunfähigkeit (volle Arbeitsunfähigkeit seit dem Unfall gemäss Expertise der Psychiaterin Dr. med. O.________ vom 22. Juli 1999), das bei Schädel-Hirntraumen auch die psychischen Komponenten umfasst (BGE 117 V 367 Erw. 6a, 382 Erw. 4b). Gestützt auf diese Abklärungen wird die Allianz alsdann über die Leistungsansprüche der Beschwerdegegnerin neu verfügen.