Citation: 6B_301/2022 E. 3.5.5

3.5.5. Bei dieser Sachlage erübrigte sich die Einholung eines aussagepsychologischen Glaubhaftigkeitsgutachtens, da sich ein solches lediglich zur Frage der Glaubhaftigkeit von Aussagen aus psychologischer Sicht äussern kann, nicht jedoch dazu, ob bestimmte Aussagen - sollten sie glaubhaft sein - als Grundlage für einen Schuldspruch genügen. Dem Gericht steht bei der Beantwortung der Frage, ob ein aussagepsychologisches Gutachten einzuholen ist, nach ständiger Rechtsprechung ein Ermessensspielraum zu (oben E. 3.4.4). Der Vorinstanz kann angesichts der konkreten Umständen - insbesondere des stark suggestiven und über weite Strecken unverständlichen Gesprächs vom 23. Mai 2018, der weitgehend ergebnislosen polizeilichen Befragung vom 14. Januar 2019, des noch sehr jungen Alters (zwei Jahre) des Beschwerdeführers im Zeitpunkt der mutmasslichen Taten und der Tatsache, dass keine zeitnahen, spontanen Aussagen des Beschwerdeführers zu den angeklagten Vorkommnissen vorliegen - nicht zum Vorwurf gemacht werden, sie habe mit dem Verzicht auf die Einholung eines aussagepsychologischen Gutachtens den ihr zustehenden Ermessensspielraum missbraucht.