Citation: U 39/06 03.11.2006 E. 4

4.1 Der Beschwerdegegner leidet an keinen objektiv nachweisbaren organischen Unfallfolgen. Bezüglich des Zervikalsyndroms liessen sich weder Läsionen noch pathologische neurologische Befunde feststellen (Bericht des SUVA-Arztes Dr. med. H.________, Neurologe, vom 9. Februar 2004, erwähnter Bericht der Frau Dr. O.________) Die klinisch festgestellte leichte Bewegungseinschränkung der HWS stellt für sich allein keine objektiv nachweisbare Unfallfolge dar. Die Schwindelbeschwerden und der Tinnitus waren vorbestehend und ebenfalls nicht objektivierbar, weshalb Dr. med. G.________, Innere Medizin FMH, im Bericht vom 4. August 2000 auf funktionelle Störungen schloss. Der in Zusammenhang mit den neuropsychologischen Störungen von Dr. med. I.________ geäusserte Verdacht auf eine milde traumatische Hirnverletzung (Bericht vom 3. Mai 2001) konnte nicht bestätigt werden. Jedenfalls fehlt es auch in dieser Hinsicht an objektiv nachweisbaren Unfallfolgen (vgl. hiezu Urteil S. vom 10.2.06, U 79/05, mit Hinweis auf L.________, Neurologisches Beschwerdebild nach Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule, in: Die neurologische Begutachtung, Zürich 2005, S. 164 f.). Mangels hinreichend objektivierbarer organischer Befunde ist eine spezifische Adäquanzprüfung vorzunehmen (BGE 123 V 102 Erw. 3b mit Hinweisen). Dabei stellt sich die Frage, ob die Adäquanz nach der für Schleudertraumen und schleudertraumaähnliche Verletzungen der HWS bzw. Schädel-Hirntraumen ohne nachweisbare Funktionsausfälle geltenden Rechtsprechung (BGE 117 V 359 ff. u. 369 ff.) oder nach den für psychische Unfallfolgen massgebenden Kriterien (BGE 115 V 133 ff.) zu erfolgen hat. Praxisgemäss ist die Adäquanz des Kausalzusammenhangs nach den für psychische Fehlentwicklungen nach Unfall geltenden Regeln (BGE 115 V 133 ff.) zu beurteilen, wenn die zum typischen Beschwerdebild eines Schleudertraumas oder einer ähnlichen Verletzung der HWS gehörenden Beeinträchtigungen zwar teilweise gegeben sind, die psychische Problematik jedoch bereits unmittelbar nach dem Unfall eindeutige Dominanz aufweist (BGE 123 V 99 Erw. 2a). Erfolgt die Adäquanzprüfung in einem späteren Zeitpunkt, ist zu fragen, ob im Verlauf der gesamten Entwicklung seit dem Unfall die physischen Beschwerden gesamthaft nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben und damit ganz in den Hintergrund getreten sind (RKUV 2002 Nr. U 465 S. 437 [Urteil W. vom 18. Juni 2002, U 164/01]). Sind die zum typischen Beschwerdebild eines Schleudertraumas der HWS oder einer äquivalenten Verletzung gehörenden Beeinträchtigungen (teilweise) gegeben, ist mit Bezug auf im Anschluss an den Unfall auftretende psychische Störungen des Weiteren zu fragen, ob es sich hiebei um Symptome des erlittenen Traumas oder um eine selbständige Gesundheitsschädigung handelt. Dabei sind für die Abgrenzung insbesondere Art und Pathogenese der Störung, das Vorliegen konkreter unfallfremder Faktoren oder der Zeitablauf von Bedeutung (RKUV 2001 Nr. U 412 S. 80 [Urteil B. vom 12. Oktober 2000, U 96/00]). 4.2 Die Vorinstanz geht davon aus, dass die physischen Beeinträchtigungen sowohl unmittelbar nach dem Unfall als auch im weiteren Verlauf im Vergleich zum psychischen Beschwerdebild im Vordergrund gestanden haben, weshalb die Adäquanzbeurteilung nach BGE 117 V 359 ff. zu erfolgen habe. Damit bleibt indessen unberücksichtigt, dass der Beschwerdegegner bereits vor dem Unfall an einem psychisch bzw. psychosomatisch beeinflussten Beschwerdebild gelitten hat und sich schon kurz nach dem Unfall psychische Beeinträchtigungen gezeigt haben, welche auf eine erhebliche Fehlverarbeitung schliessen liessen und sich innert verhältnismässig kurzer Zeit zu einer Somatisierungsstörung entwickelt haben. Anderseits konnten die nach dem Unfall neu bzw. verstärkt aufgetretenen Beschwerden auf somatischer Grundlage nicht oder jedenfalls nicht hinreichend erklärt werden. Nachdem Dr. med. I.________ bereits im Bericht vom 17. Mai 2001 eine zunehmende depressive Verstimmung sowie Anzeichen einer vegetativen Dysbalance festgestellt hatte, berichtete auch die Neurologische Klinik des Kantonsspitals D.________ über eine allenfalls zu behandelnde psychische Störung. Dr. med. U.________ stellte im Bericht vom 7. März 2002 eine Diskrepanz zwischen dem nur leicht ausgeprägten Zervikalsyndrom und den geltend gemachten Schmerzen fest und erachtete eine psychiatrische Abklärung als unbedingt empfehlenswert. Diese fand im Sommer 2002 in der Rehaklinik A.________ statt und führte zur Diagnose einer Anpassungsstörung gemäss ICD-10 F43.22. Aus den weiteren Arztberichten, insbesondere denjenigen der Neurologin Dr. med. O.________ vom 1. Juli 2003 und des Psychiaters Dr. med. N.________ vom 27. März 2003 geht hervor, dass für die andauernden Beschwerden und die damit verbundene Arbeitsunfähigkeit vorwiegend psychische Faktoren ursächlich waren. Bei dieser Sachlage ist anzunehmen, dass die psychischen Faktoren bereits kurz nach dem Unfall eine wesentliche Rolle gespielt haben und im gesamten Verlauf bis zum Beurteilungszeitpunkt eindeutig im Vordergrund gestanden haben. Die Adäquanzprüfung hat daher nach der für psychische Unfallfolgen geltenden Rechtsprechung zu erfolgen, wie die SUVA zu Recht geltend macht. Dabei kann offen bleiben, ob dies nicht schon deshalb zu gelten hat, weil es sich bei den bestehenden psychischen Beeinträchtigungen um eine selbständige Gesundheitsschädigung handelt, deren Adäquanz nach den für psychische Unfallfolgen geltenden Regeln zu prüfen ist.