Citation: I 583/03 28.05.2004 E. 3

Uneinig sind sich die Verfahrensbeteiligten hauptsächlich in Bezug auf Art und Umfang der erwerblichen Tätigkeiten, welche der Beschwerdeführerin trotz ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen noch zugemutet werden können, wobei die bisherige Beschäftigung als Aufsteckerin unbestrittenermassen nicht mehr in Frage kommt. Das kantonale Gericht und die IV-Stelle gehen - namentlich auf Grund des Gutachtens des Dr. med. R.________ vom 18. Dezember 2002 - davon aus, dass die Versicherte eine ihren Leiden angepasste Beschäftigung vollzeitlich auszuüben vermöchte. Die Beschwerdeführerin beantragt demgegenüber vor- wie letztinstanzlich die Durchführung beruflicher Abklärungen bzw. - nachdem vom 1. bis 26. September 2003 entsprechende Erhebungen in der Befas vorgenommen worden sind - gestützt auf den Abklärungsbericht vom 29. Oktober 2003 die Annahme einer um 50 % verminderten Arbeitsfähigkeit für sehr leichte, vorwiegend sitzende, einfache manuelle Tätigkeiten. 3.1 Die Aktenlage ergibt folgendes Bild: Dr. med. M.________ diagnostizierte in seinem Bericht vom 23. Juni 2002 eine Zervicobrachialgie links mit sensomotorischem Ausfallsyndrom C6 links sowie einer klinisch vermuteten Diskushernie C5/6 links "MRI-mässig aber keine sichere Beeinträchtigung der Radix C6". Auf die Frage, welche Tätigkeiten noch zumutbar seien, gab er "ev. Arbeiten beschränkt auf die re obere Extremität teilweise möglich" an und bezeichnete als Grund für eine verminderte Leistungsfähigkeit die "li obere Extr. und HWS". In seinem Bericht vom 24. Juni 2002 bestätigte Dr. med. E.________ die Diagnose chronischer Nacken- und Schulterschmerzen mit Brachialgie links und regredientem sensomotorischem Ausfallsyndrom C6 links bei paramedian links gelegener Diskushernie C5/C6. Er schlug die zunehmende Wiederaufnahme der Haushaltarbeiten mit dem Ziel vor, die Beschwerdeführerin mindestens teilweise wieder arbeitsfähig schreiben zu können. Der die Versicherte neurochirurgisch begutachtende Dr. med. R.________ führte in seiner Expertise vom 18. Dezember 2002 ferner aus, die Versicherte leide an einer chronischen Zervicobrachialgie links bei leichtem, etwas überlagertem Cervical-Syndrom; zudem bestehe der Verdacht auf eine beginnende depressive Verstimmung. Ob soziale bzw. psychosoziale Probleme (der Ehemann sei potentieller Leberempfänger) beim Geschehen mit eine Rolle spielten, sei - so der Arzt weiter - möglich, insbesondere da die Ausstrahlungserscheinungen in den linken Arm weder neuro-radiologisch noch radikulär bzw. peripher neurologisch erklärt werden könnten. Erste Priorität müsse dem Versuch gelten, die Patientin wieder ins Berufsleben einzugliedern, weshalb er das Gesuch um Berufsberatung und Wiedereingliederung unterstütze. Er hielt dafür, dass aus aktueller Sicht im Rahmen einer angepassten Tätigkeit (keine Gewichte über 10 kg, keine Arbeiten über Schulterhöhe, häufiger Positionswechsel) eine volle zeitliche Belastung zuzumuten sei. So oder so scheine ihm indessen die - der Versicherten zumutbare - berufliche Abklärung oberste Priorität zu besitzen. Nach einem Aufenthalt vom 1. bis 26. September 2003 in der Befas wurde im entsprechenden Abklärungsbericht vom 29. Oktober 2003 festgehalten, dass die an einer chronischen Zervicobrachialgie links bei leichtem Cervical-Syndrom sowie an einer reaktiven depressiven Verstimmung leidende Beschwerdeführerin für sehr leichte, vorwiegend sitzende, einfache manuelle Arbeiten zu 50 % arbeitsfähig sei, wobei ihr ein Halbtageseinsatz bei 100 %iger Leistung zugemutet werde. Denkbar seien vor allem Verpackungs-, Kontroll- und einfache Produktions- oder Montagearbeiten. 3.2 Nach übereinstimmender Auffassung besteht bei der Beschwerdeführerin folglich in somatischer Hinsicht eine Zervikobrachialgie links mit verminderter Beweglichkeit und Schmerzausstrahlung. Was den psychischen Zustand anbelangt, scheint sich im Laufe der Zeit zusätzlich ein depressives Beschwerdebild entwickelt zu haben. Während die Dres. med. M.________ und E.________ im Juni 2002 noch keine Anhaltspunkte für ein psychisches Leiden festgestellt hatten, nannte Dr. med. R.________ im Dezember 2002 den Verdacht auf eine beginnende depressive Verstimmung. Im Oktober 2003 sprachen die Abklärungspersonen der Befas schliesslich bereits von einer reaktiven depressiven Verstimmung. Dieser Zunahme der psychischen Krankheitssymptome liegt - wie insbesondere dem Gutachten des Dr. med. R.________ sowie dem Befas-Abklärungsbericht entnommen werden kann - primär der schlechte Gesundheitszustand des Ehemannes der Versicherten zu Grunde, welcher mehrmals lebertransplantiert werden musste und bei dem sich anscheinend postoperative Komplikationen eingestellt haben. In Bezug auf das erwerbliche Leistungsvermögen stuften die Dres. med. M.________ und E.________ die Versicherte in leidensangepassten Tätigkeiten als bestenfalls noch teilweise arbeitsfähig ein, wohingegen Dr. med. R.________ - wenn auch unter dem Vorbehalt zusätzlicher beruflicher Abklärungen - eine volle zeitliche Belastbarkeit für zumutbar hielt. Die Befas-Abklärungspersonen erachteten sodann behinderungsbedingt eine 50 %ige Arbeitsfähigkeit als gegeben. 3.3 Entgegen den Schlussfolgerungen des kantonalen Gerichts ist angesichts dieser Angaben keine abschliessende Beurteilung des physischen und psychischen Beschwerdebildes sowie der dadurch bewirkten Beeinträchtigung des erwerblichen Leistungsvermögens möglich. 3.3.1 Namentlich bestehen Anhaltspunkte für eine Zunahme der depressiven Verstimmung, deren Ausmass bis zum Zeitpunkt des Einspracheentscheides (vom 29. April 2003), welcher, nachdem auch im Bereich der Invalidenversicherung das Einspracheverfahren eingeführt worden ist (Art. 52 ATSG), rechtsprechungsgemäss die Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis bildet (BGE 121 V 366 Erw. 1b mit Hinweis), auf Grund der vorliegenden medizinischen Unterlagen nicht bestimmt werden kann. Wohl gilt es zu beachten, dass soziokulturelle und psychosoziale Faktoren allein nicht einen zu Erwerbsunfähigkeit führenden Gesundheitsschaden im Sinne von altArt. 4 Abs. 1 IVG (in der bis 31. Dezember 2002 gültig gewesenen Fassung; vgl. nunmehr Art. 1 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 Abs. 1 ATSG und Art. 4 Abs. 1 IVG [in der seit 1. Januar 2003 in Kraft stehenden Fassung]; zur weiterhin anwendbaren Rechtsprechung: vgl. Erw. 1.2 hievor) darstellen können. Es braucht in jedem Fall zur Annahme einer Invalidität ein medizinisches Substrat, das (fach)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und nachgewiesenermassen die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt. Je stärker psychosoziale und soziokulturelle Faktoren im Einzelfall in den Vordergrund treten und das Beschwerdebild mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fachärztlich festgestellte psychische Störung von Krankheitswert vorhanden sein. Das bedeutet, dass das klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigungen, welche von den belastenden soziokulturellen Faktoren herrühren, bestehen darf, sondern davon psychiatrisch zu unterscheidende Befunde zu umfassen hat, zum Beispiel eine von depressiven Verstimmungszuständen klar unterscheidbare andauernde Depression im fachmedizinischen Sinne oder einen damit vergleichbaren psychischen Leidenszustand. Solche von der soziokulturellen Belastungssituation zu unterscheidende und in diesem Sinne verselbstständigte psychische Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit sind unabdingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann. Wo der Gutachter dagegen im Wesentlichen nur Befunde erhebt, welche in den psychosozialen und soziokulturellen Umständen ihre hinreichende Erklärung finden, gleichsam in ihnen aufgehen, ist kein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden gegeben (vgl. AHI 2000 S. 153 Erw. 3). Ist anderseits eine psychische Störung von Krankheitswert schlüssig erstellt, kommt der Frage zentrale Bedeutung zu, ob und inwiefern, allenfalls bei geeigneter therapeutischer Behandlung, von der versicherten Person trotz des Leidens willensmässig erwartet werden kann zu arbeiten (eventuell in einem geschützten Rahmen vgl. Praxis 1997 Nr. 49 S. 255 Erw. 4b) und einem Erwerb nachzugehen (BGE 127 V 299 f. Erw. 5a mit Hinweisen). Dr. med. R.________ ging in seinem Gutachten vom 18. Dezember 2002 im Zusammenhang mit den Auswirkungen der gesundheitlichen Probleme des Ehemannes auf den Gemütszustand der Beschwerdeführerin von - nach dem zuvor Gesagten invalidenversicherungsrechtlich unbeachtlichen - sozialen bzw. psychosozialen Umständen aus. Ob es dabei blieb oder sich durch die stets zunehmende Belastung nicht doch bis Ende April 2003 ein eigenständiges psychisches Beschwerdebild entwickelt hat - dem Befas-Abklärungsbericht vom 29. Oktober 2003 ist jedenfalls bereits die Diagnose einer eigentlichen reaktiven depressiven Verstimmung zu entnehmen, welche sich in erheblichen Ausmass auf den psychischen Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin auswirkte -, ist aus den Akten nicht ersichtlich und wird im Rahmen einer erneuten medizinischen Abklärung zu prüfen sein (vgl. Erw. 3.3.3 in fine hiernach). 3.3.2 Soweit die Vorinstanz ferner ausführt, es sei in erster Linie Aufgabe des Arztes oder der Ärztin - nicht aber der Fachleute der Berufsberatung - sich dazu zu äussern, inwiefern die versicherte Person in ihren körperlichen bzw. geistigen Funktionen durch das Leiden eingeschränkt ist, kann ihr nach der massgebenden Rechtspraxis (BGE 107 V 20 Erw. 2b) vollumfänglich beigepflichtet werden. Ebenfalls richtig ist aber auch, dass zwischen Medizinern und Berufsberatern eine enge, sich gegenseitig ergänzende Zusammenarbeit erforderlich ist, indem durch die Berufsberatung gesagt wird, welche konkreten beruflichen Tätigkeiten auf Grund der ärztlichen Angaben und unter Berücksichtigung der übrigen Fähigkeiten der versicherten Person in Frage kommen, wobei unter Umständen entsprechende Rückfragen beim Arzt notwendig sind. In diesem Sinne sind denn auch die eher vage anmutenden Ausführungen des Dr. med. R.________ in dessen Gutachten vom 18. Dezember 2002 zu interpretieren, wonach bei geeigneter Beschäftigung wahrscheinlich keine verminderte Leistungsfähigkeit bestehe und die Versicherte wahrscheinlich auch mit leichten Reinigungsarbeiten ausser Haus beschäftigt werden könne. Mit seinem ausdrücklichen Hinweis, dass ergänzend eine berufliche Abklärung durchzuführen sei bzw. dieser erste Priorität zukomme, verstand er seine Aussage, die Patientin sei bei angepasster Tätigkeit zeitlich voll belastbar, unter der (Suspensiv-) Bedingung der Vornahme entsprechender Abklärungen. Entgegen den Erwägungen des kantonalen Gerichts stellt die Expertise des Dr. med. R.________ somit für sich allein keine beweiskräftige ärztliche Entscheidungsgrundlage im Sinne der Rechtsprechung dar (zu den Kriterien: vgl. BGE 125 V 352 Erw. 3a mit Hinweis). Die empfohlenen beruflichen Erhebungen erfolgten alsdann vom 1. bis 26. September 2003 in der Befas und zwar unter Beteiligung sowohl einer Ärztin wie auch eines Berufsberaters, weshalb die wechselseitige Zusammenarbeit als garantiert gelten kann. Da jedoch zeitlich nur die tatsächlichen Verhältnisse bis zum Erlass des Einspracheentscheides massgebend sind und dem Befas-Abklärungsbericht vom 29. Oktober 2003 im Lichte der gesamten medizinischen Akten lediglich Hinweise, nicht aber rechtsgenügliche Rückschlüsse auf den hier relevanten Zeitraum entnommen werden können (vgl. BGE 99 V 102 mit Hinweisen), ist darauf ebenfalls nicht ohne weiteres abzustellen. 3.3.3 Für den massgeblichen Zeitpunkt besteht demnach nicht nur im Hinblick auf den - invalidenversicherungsrechtlich erheblichen - Gesundheitszustand, sondern auch bezüglich der noch verbliebenen Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin Unklarheit, fehlt es doch namentlich an einer ärztlichen Einschätzung, welche den von der Rechtsprechung entwickelten Anforderungen zu genügen und insbesondere die unter den vorhandenen medizinischen Berichten existierenden Widersprüche zu beheben vermag. Auch in dieser Hinsicht sind somit ergänzende Untersuchungen notwendig. Die Sache ist daher zur weiteren Abklärung an die IV-Stelle zurückzuweisen, die, um dem gesamten Beschwerdebild der Versicherten gerecht zu werden, ein polydisziplinäres Gutachten bei einer Medizinischen Abklärungsstelle (MEDAS) zu veranlassen haben wird.