Citation: U 317/06 16.08.2007 E. 7.2

7.2.1 Der Unfall vom 11. Juli 1998 ereignete sich weder unter dramatischen Begleitumständen noch ist er als besonders eindrücklich zu bezeichnen. 7.2.2 Was sodann das Kriterium der Schwere oder besonderen Art der erlittenen Verletzungen anbelangt, vermag zwar die Diagnose eines Schleudertraumas dieses für sich allein nicht zu begründen. Es bedarf hiezu einer besonderen Schwere der für ein Schleudertrauma typischen Beschwerden oder besonderer Umstände (wie etwa eine ungünstige Körperhaltung; vgl. RKUV 1998 Nr. U 297 S. 245 E. 3c, U 16/97), welche das Beschwerdebild beeinflussen können (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts U 348/03 vom 7. Juli 2004, E. 4.2 mit Hinweis). Die Versicherte litt sofort nach dem Unfall an Schwindel, Benommenheit, Übelkeit und Erbrechen, Schlafstörung und Depression sowie Spontanschmerzen im Nacken mit Ausstrahlungen in Schultern und Arme. Der Rücktransport vom Unfallort im Ausland in die Schweiz erforderte den Einsatz der REGA. Anlässlich des stationären Aufenthalts im Spital G.________ vom 17. Juli bis 13. August 1998 wurde neben der HWS-Distorsion unter anderem auch eine Kontusion des Halsmarks diagnostiziert. Infolge der unfallbedingten Schwindelattacken kam es zudem im Dezember 1998 zu einem Treppensturz mit seither anhaltend geklagten Kreuzschmerzen sowie einer anschliessend aufgetretenen persistierenden Blasenentleerungsstörung. Unter diesen Umständen und in Anbetracht der erheblichen Auswirkungen auf den Alltag und die Persönlichkeit der Beschwerdegegnerin (vgl. BGE 117 V 359 S. 369) ist das erwähnte Kriterium als erfüllt zu betrachten. Offen bleiben kann, ob und allenfalls inwieweit die HWS-Distorsion durch die Körperhaltung im Zeitpunkt der mechanischen Einwirkung beeinflusst wurde und namentlich ob die Kopfstütze den Aufprall auffangen konnte. 7.2.3 Bezüglich der ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung ist eine Behandlungsbedürftigkeit während zwei bis drei Jahren nach einem Schleudertrauma der HWS oder äquivalenten Verletzungen mit ähnlichem Beschwerdebild noch als in einem üblichen Rahmen liegend zu betrachten (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts U 462/04 vom 13. Februar 2006, E. 2.4.3 mit Hinweisen). Der noch am Unfalltag am Feriendomizil im Ausland aufgesuchte Arzt wies die Versicherte umgehend ins Spital A.________ ein. Nach der Repatriierung mit der REGA folgten in der Schweiz ohne Unterbruch weitere stationäre Aufenthalte im Spital P.________, im Spital G.________ sowie in der Klinik B.________ mit einer Gesamtdauer von fast zweieinhalb Monaten. Am 5. Juni 2001 trat die Beschwerdegegnerin zu einem vierwöchigen stationären Rehabilitationsaufenthalt ins Zentrum R.________ ein. Gemäss ZMB-Gutachten 2 (S. 10) liess sie sich im Oktober 2003 - mehr als fünf Jahre nach dem Unfall - noch immer alle zwei Wochen von ihrem Hausarzt neuraltherapeutisch behandeln. Zudem sei sie bei T.________ in psychotherapeutischer Behandlung und nehme regelmässig verschiedene Medikamente (Tramal, Tryptizol, Novalgin, Celebrex, Paspertin und Nexium) ein. Monatlich einmal reise sie zur ärztlichen Kontrolle der Behandlung mit TENS-Gerät ins Zentrum R.________. Überdies erhalte sie einmal wöchentlich Physiotherapie, Lymphdrainage und Craniosacraltherapie. Seit dem Unfall kam es aktenkundig zu keinem dauerhaft behandlungsfreien Intervall. Unter diesen Umständen ist mit der Vorinstanz eine fünf Jahre übersteigende und damit ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung klar zu bejahen. 7.2.4 Von einer ärztlichen Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hat, ist nichts bekannt. Offen bleiben kann, ob eine allenfalls zu langzeitige Verabreichung von Tramal zu dem im ZMB-Gutachten 2 (S. 28) beschriebenen "ganz erheblichen Abusus" dieses Opioides geführt hat. 7.2.5 Gemäss den Berichten des Zentrums R.________ vom 3. Juni 2003 und des Spitals P.________ (Psychosomatik) vom 21. April 2004 leidet die Versicherte bei einem Status nach HWS-Distorsionstrauma 1998 unter anderem an einem chronifizierten generalisierten Schmerzsyndrom bei ununterbrochen anhaltenden Nacken- und Kopfschmerzen mittlerer bis starker Intensität. In Würdigung dieser Sachlage ist das Kriterium der Dauerbeschwerden gegeben. 7.2.6 Es muss zudem von einem schwierigen Heilungsverlauf ohne nachhaltige Besserung des Beschwerdebildes ausgegangen werden. Trotz aufwändiger Therapien konnte keine wesentliche Verbesserung des Gesundheitsschadens erreicht werden. Der Heilungsverlauf kann sich als schwierig erweisen, auch wenn dabei keine erheblichen Komplikationen auftreten. Die Kriterien des schwierigen Heilungsverlaufs und der erheblichen Komplikationen müssen nicht kumulativ erfüllt sein (vgl. auch BGE 117 V 359 E. 7b S. 368). Immerhin fallen hier die in der Folge des Treppensturzes vom Dezember 1998 aufgetretenen und seither anhaltenden Kreuzschmerzen sowie die persistierende Blasenentleerungsstörung in Betracht. 7.2.7 Seit dem Unfall war die Beschwerdegegnerin gemäss Angaben der behandelnden Ärzte ständig voll arbeitsunfähig. Laut ZMB-Gutachten 1 vom 27. Januar 2000 lag die Arbeitsfähigkeit bei 30 %. Gemäss ZMB-Gutachten 2 vom 11. September 2003 schätzten die Spezialärzte die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Krankenpflegerin und Ambulanzfahrerin mehr als fünf Jahre nach dem Unfall noch immer auf 70 %, gingen aber in Bezug auf eine weniger verantwortungsvolle angepasste Beschäftigung von einer zumutbaren Arbeitsfähigkeit von 50 % aus. Somit ist eine namhafte unfallbedingte Arbeitsunfähigkeit über längere Zeit ausgewiesen, weshalb das Kriterium einer hinsichtlich Dauer und Grad erheblichen Arbeitsunfähigkeit als erfüllt zu betrachten ist (vgl. zur Kasuistik RKUV 2001 Nr. U 442 S. 544, U 56/00). 7.3 Eine Gesamtwürdigung des Unfallgeschehens und der unfallbezogenen Kriterien, welche in gehäufter Weise erfüllt sind, ergibt, dass dem Unfall vom 11. Juli 1998 für die über den 31. Juli 2004 hinaus anhaltende gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit Einschränkung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit eine massgebende Bedeutung zukommt, weshalb die Adäquanz des Kausalzusammenhangs, entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin, zu bejahen ist.