Citation: 2C_685/2014 E. 4.3.1

4.3.1. Die Botschaft vom 8. März 2002 zum AuG (BBl 2002 3709) enthält in Bezug auf Art. 61 lit. b E-AuG bzw. Art. 62 Abs. 1 lit. b E-AuG kaum verwertbare Hinweise. Immerhin geht daraus hervor, dass nach dem Willen des Bundesrates sehr kurze Freiheitsstrafen vom Begriff "längerfristige Freiheitsstrafe" nicht erfasst sein sollten (BBl 2002 3809) : "Der Widerruf soll insbesondere möglich sein, wenn die betroffene Person zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde (Bst. b). Dabei ist jedoch im Einzelfall der Grundsatz der Verhältnismässigkeit zu beachten (Art. 91). Bei sehr kurzen Freiheitsstrafen kann daher in der Regel von einer solchen Verfügung abgesehen werden." Bei den Erläuterungen zu Art. 61 lit. b E-AuG bzw. Art. 62 Abs. 1 lit. b E-AuG findet sich folgender Satz (BBl 2004 3810) : "Nach heutiger Praxis des Bundesgerichts ist eine Ausweisung möglich, wenn die betreffende Person zu einer Freiheitsstrafe von zwei oder mehr Jahren verurteilt oder gegen sie eine strafrechtliche Massnahme angeordnet wurde (BGE 125 II 521)." In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die Vorgängernorm von Art. 62 lit. b AuG, Art. 10 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer (ANAG; BS 1 121), den Begriff der Freiheitsstrafe überhaupt nicht verwendet. Gemäss Art. 10 Abs. 1 ANAG war der entsprechende Widerrufsgrund erfüllt, wenn der Ausländer wegen eines Verbrechens oder Vergehens gerichtlich bestraft wurde. Der in der Botschaft erwähnte BGE 125 II 521 behandelt ausschliesslich die Frage, ob strafrechtliche Massnahmen unter das Tatbestandselement "gerichtlich bestraft" fallen. Indessen gab es - anders als die zitierte Passage der Botschaft vermuten lässt - keine Praxis, welche auf eine Untergrenze von zwei Jahren Freiheitsstrafe als Ausweisungsgrund im Sinn von Art. 10 Abs. 1 ANAG schliessen liesse. Wegen der unterschiedlich normierten Widerrufsgründe nach Art. 10 Abs. 1 ANAG bzw. Art. 62 lit. b AuG kann die unter dem ANAG geübte Praxis (vgl. etwa Urteil 2C_745/2008 vom 24. Februar 2009 E. 5.1) für die Auslegung des Begriffs "längerfristige Freiheitsstrafe" nicht herangezogen werden.