Citation: U 422/05 12.09.2006 E. 3

3.1 Beim Unfall vom 27. Juli 1998 hat der Beschwerdeführer eine Distorsion der HWS im Sinne eines sog. Schleudertraumas (Peitschenhieb-Verletzung, Whiplash-injury) erlitten. Auch wenn das unfallanalytische Gutachten der Dr. O.________ AG vom 4. Januar 2000 und die technische Unfallanalyse von Dipl. Ing. S.________ vom 14. August 2000 auf eine erhebliche kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung (delta-v) des vom Beschwerdeführer gesteuerten Personenwagens schliessen lassen, ist von einem leichten Trauma auszugehen. Der Beschwerdeführer hat sich erst am 31. August 1998 und damit mehr als einen Monat nach dem Unfall in ärztliche Behandlung begeben, wobei er angab, seit dem Unfall gelegentlich an Nackenmuskelschmerzen und abendlichen Kopfschmerzen sowie vermehrten Konzentrationsstörungen zu leiden. Der behandelnde Arzt Dr. med. I.________ entschied zunächst auf eine abwartende Haltung, da ihm der Leidensdruck nicht gross erschien. Bei einer nochmaligen Konsultation vom 24. November 1998 stellte er eine deutliche Zunahme des Leidensdrucks fest und ordnete weitere Abklärungen an, die zur Feststellung leichter bis mässiggradiger Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen sowie einer depressiven Stimmungslage führten. In somatischer Hinsicht wurden ausser einer leichten Bewegungseinschränkung der HWS keine pathologischen Befunde festgestellt und es wurde abgesehen von einer kurzfristigen Physiotherapie auch keine Behandlung durchgeführt. Ab 10. Mai 1999 unterzog sich der Beschwerdeführer einer ambulanten psychiatrischen Behandlung. 3.2 Aufgrund der Akten ist mit der erforderlichen überwiegenden Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass der Beschwerdeführer beim Unfall vom 27. Juli 1998 auch ein leichtes Schädel-Hirntrauma erlitten hat. Seine diesbezüglichen Angaben sind allerdings insofern widersprüchlich, als er zunächst einen Schlag nach vorne mit Aufprall des Kopfes am Steuerrad geltend gemacht hatte, sich bei der vorinstanzlichen Parteibefragung dagegen nur an ein Anschlagen des Hinterkopfes vermutlich an der Nackenstütze zu erinnern vermochte. Dem beteiligten Haftpflichtversicherer hatte er am 13. Juli 1999 angegeben, mit dem Kopf stark an der Nackenstütze und wahrscheinlich leicht am Lenkrad aufgeprallt zu sein. Dabei sei es zu einer Schwellung an der Stirn gekommen. Eine solche bzw. eine Rötung im Stirnbereich links bestätigte die Ehefrau des Beschwerdeführers gegenüber dem Privatgutachter Dr. med. M.________. Anderseits wird sowohl im unfallanalytischen Gutachten der Dr. O.________ AG als auch in demjenigen der Arbeitsgruppe für Unfallmechanik (Dipl. Ing. S.________) ein Kopfanprall am Steuerrad oder anderen Fahrzeugstrukturen vor dem Lenker (Armaturenbrett, Windschutzscheibe) jedenfalls unter der Annahme, dass der Sicherheitsgurt getragen wurde, ausgeschlossen. Auch ein Anprall am linken Türholm (B-Säule), wovon Dr. med. M.________ im Privatgutachten vom 23. Juni 2000 ausgeht, wird von Dipl. Ing. S.________ aufgrund des Unfallhergangs verneint. Dennoch gelangt auch die SUVA in der Beschwerdeantwort im kantonalen Verfahren zum Schluss, es spreche einiges dafür, dass der Beschwerdeführer mit dem Kopf aufgeprallt sei. Beim fraglichen Kopfanprall hat es sich indessen um ein leichtes Trauma gehandelt, wofür nicht nur die Geringfügigkeit der geltend gemachten Verletzung, sondern auch der Umstand spricht, dass der Beschwerdeführer höchstens leicht und kurz benommen war. Seine Aussage anlässlich der vorinstanzlichen Parteibefragung, wonach er "sehr stark benommen und schwindlig" gewesen sei, und die Angaben der Ehefrau gegenüber dem Privatgutachter, er sei unmittelbar nach dem Unfall "wie weg" gewesen, stehen im Widerspruch zur ursprünglichen Feststellung des Beschwerdeführers im Fragebogen des Haftpflichtversicherers vom 13. Juli 1999, wonach keine Bewusstseinsstörung bestanden hat. Eine solche war auch dem als Zeugen einvernommenen Unfallverursacher nicht aufgefallen. Die von Dr. med. M.________ gestellte Diagnose einer milden traumatischen Hirnverletzung beruht damit teilweise auf Annahmen, die nicht als gesichert gelten können. Nach allgemein anerkannter Lehrmeinung setzt die Diagnose einer milden traumatischen Hirnverletzung (mild traumatic brain injury = MTBI) entweder eine Episode von Bewusstlosigkeit oder einen Gedächtnisverlust für Ereignisse unmittelbar vor oder nach dem Unfall, zumindest aber eine Bewusstseinstrübung (z.B. Benommenheitsgefühl, Desorientierung) im Zeitpunkt der Verletzung voraus (Adrian M. Siegel, Neurologisches Beschwerdebild nach Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule, in: Die neurologische Begutachtung, Zürich 2004, S. 166 Tabelle 9, mit bibliographischen Hinweisen). Ob diese Voraussetzungen im vorliegenden Fall erfüllt sind, ist fraglich, hat der Beschwerdeführer unmittelbar nach dem Unfall doch über keine Bewusstseinsstörung geklagt und entsprechende Angaben erst später gemacht. Des Weiteren bedeutet die Diagnose einer milden traumatischen Hirnverletzung nicht schon, dass objektiv nachweisbare Unfallfolgen bestehen. Hiezu bedarf es einer feststellbaren intrakraniellen Läsion oder eines messbaren Defektzustandes (neurologischer Ausfall) als Folge einer Schädigung des zentralen Nervensystems (Siegel, a.a.O., S. 164 f.). Diesbezüglich lässt sich den medizinischen Akten entnehmen, dass die neurologischen Befunde wiederholt unauffällig waren. Auch Dr. med. M.________ fand bei einer EEG-Untersuchung vom 25. Januar 2000 lediglich eine leichte unspezifische Allgemeinveränderung, keinen Herdbefund und keine Anhaltspunkte für eine zerebrale Übererregbarkeit. Zwar stellte der vom Privatgutachter mit einer MRI-Untersuchung beauftragte Dr. med. G.________ eine ovaläre Läsion subkortikal im rechten Temporallappen fest und äusserte den Verdacht auf eine postcontusionelle Hirnparenchymläsion. Der von der SUVA mit einer Beurteilung der Aufnahmen beauftragte PD Dr. med. U.________, Neuroradiologisches und Radiologisches Institut der Klinik P.________, bestätigte eine grössere Läsion (7 x 15 mm) im Temporalpol, eine kleinere Läsion (3 x 5 mm) parallel zur Gratiolet'schen Sehstrahlung rechts sowie eine weitere kleinere Läsion (2 x 5 mm) in der Mark/Rinden-Grenze präzentral parasagittal links, führte jedoch aus, über die Ätiologie bzw. das pathologisch-anatomische Korrelat der Läsionen könne nur spekuliert werden. Die wahrscheinlichste Diagnose, welche sämtliche Läsionen zu erklären vermöge, sei die einer beginnenden Leukoaraiose bzw. einer minimalen Leukoenzephalopathie. Der vom Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit einer erneuten Untersuchung beauftragte Dr. med. G.________ gelangte in einem Bericht vom 6. Juni 2003 zum Schluss, im Vergleich zur Voruntersuchung bestehe ein unveränderter Befund. Aufgrund der isolierten Lokalisation kämen differenzialdiagnostisch posttraumatische Scherläsionen durchaus in Betracht. Letztlich handle es sich aber um unspezifische Befunde, wobei differenzialdiagnostisch ein Endzustand bzw. eine Gliose aufgrund verschiedender Noxen (beispielsweise chronische Mikroangiopathien, Status nach demyelinisierenden oder entzündlichen Veränderungen) vorliegen könne. Diesen Ausführungen ist entgegenzuhalten, dass Dr. med. G.________ am 25. Januar 2000 lediglich eine einzelne Läsion (5 x 10 mm) im rechten Temporallappen festgestellt hatte, bei der erneuten Untersuchung aber wie PD Dr. med. U.________ mehrere Läsionen unterschiedlicher Lokalisation fand, was eher für ein Krankheitsgeschehen spricht. Im Übrigen zieht auch Dr. med. G.________ eine traumatische Genese nur differenzialdiagnostisch in Betracht. Von weiteren Abklärungen in diesem Punkt ist abzusehen, da hievon insbesondere unter Berücksichtigung der Ausführungen von PD Dr. med. U.________ kaum wesentliche neue Erkenntnisse zu erwarten wären. Es muss daher bei der Feststellung bleiben, dass eine objektivierbare traumatische Hirnverletzung nicht mit der erforderlichen überwiegenden Wahrscheinlichkeit ausgewiesen ist.