Citation: 6B_163/2015 E. 1.4

1.4. Der Geiselnahme nach Art. 185 Ziff. 1 Abs. 1 StGB macht sich schuldig, wer jemanden der Freiheit beraubt, entführt oder sich seiner sonstwie bemächtigt, um einen Dritten zu einer Handlung, Unterlassung oder Duldung zu nötigen. Der Tatbestandsalternative des Sichbemächtigens kommt Auffangfunktion zu, indem sie klarstellen soll, dass jedes Vorgehen, welches dem Täter die Verfügungsmacht über das Opfer verschafft, den Tatbestand erfüllt, ob er nun das Opfer eigentlich entführt oder auch nur festhält, wo es sich gerade befindet (BGE 121 IV 162 E. 1d mit Hinweisen). Unter die Tathandlung des "sich einer Person sonstwie bemächtigen" fällt zum Beispiel, wenn die Täterschaft eine Person kurzfristig als menschlichen Schutzschild missbraucht, um sich behördlichem Zugriff zu entziehen oder einen freien Abzug zu erzwingen (Delnon/Rüdy, in: Basler Kommentar, Strafrecht, Bd. II, 3. Aufl. 2013, N. 17 zu Art. 185). In subjektiver Hinsicht ist nebst dem Vorsatz die Absicht erforderlich, einen Dritten zu einem Verhalten zu nötigen. Die Tat ist bereits damit vollendet, dass der in Nötigungsabsicht handelnde Täter die Verfügungsgewalt über die Geisel erlangt. Er braucht weder seine Forderung kundgetan noch Drohungen in Bezug auf das Schicksal der Geisel geäussert zu haben. Der Täter kann die Drittnötigungsabsicht bereits im Zeitpunkt des Sichbemächtigens haben oder auch erst später entwickeln. Diesfalls ist der Tatbestand vollendet, sobald die Absicht manifest wird (BGE 121 IV 162 E. 1e mit Hinweisen).