Citation: 1C_326/2021 E. 3.4

3.4. Die in Art. 44 Abs. 3 VRPG verankerte Zustellfiktion bei eingeschriebenen Sendungen findet ihre Rechtfertigung im Grundsatz von Treu und Glauben (Art. 5 Abs. 3 und Art. 9 BV), weshalb sie grundsätzlich ein hängiges Prozessrechtsverhältnis voraussetzt. Die Verfahrensbeteiligten haben die prozessuale Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass ihnen während des Verfahrens behördliche Akte zugestellt werden können. Sie müssen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit mit der Zustellung einer behördlichen Sendung rechnen. Im Regelfall gilt eine "Aufmerksamkeitsdauer" von einem Jahr (vgl. MICHEL DAUM, in: Herzog/Daum [Hrsg.], Kommentar zum Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege des Kantons Bern, 2. Aufl. 2020, N. 30 zu Art. 44 VRPG). Die Zustellung hat im Regelfall als sogenannte qualifizierte Zustellung gegen Empfang zu erfolgen, allenfalls auch mit gewöhnlicher Post. Hält die Behörde die Zustellungsvorschriften nicht ein, so liegt ein Eröffnungsmangel vor, der für die Empfänger nicht mit Rechtsnachteilen verbunden sein darf (DAUM, a.a.O., N. 17 zu Art. 44 VRPG). Ob ein Zustellungsnachweis erforderlich im Sinne von Art. 44 Abs. 2 VRPG ist, beurteilt sich vorab nach den Rechtswirkungen, die damit verbunden sind (DAUM, a.a.O., N. 24 zu Art. 44 VRPG). Bei der Versandmethode A-Post Plus wird die Sendung in uneingeschriebener Form verschickt. Die Zustellung wird aber elektronisch erfasst. Der Eintrag, den die Post dabei in ihrem System vornimmt, lässt einzig im Sinne eines Indizes darauf schliessen, dass sie in den Briefkasten oder das Postfach gelegt wurde. Soweit die Verfahrensordnung einen Versand gegen Empfangsbestätigung verlangt, genügt die Zustellung mit A-Post Plus den gesetzlichen Anforderungen nicht (vgl. DAUM, a.a.O., N. 25 zu Art. 44 VRPG).