Citation: 5A_363/2022 E. 3.2

3.2. Die Pflicht, eine öffentliche Verhandlung durchzuführen, ergibt sich aus dem Wortlaut von Art. 6 Ziff. 1 EMRK: "Jede Person hat ein Recht darauf, dass über Streitigkeiten in Bezug auf ihre zivilrechtlichen Ansprüche und Verpflichtungen (...) von einem (...) Gericht in einem fairen Verfahren öffentlich (...) verhandelt wird." Aus dem Anspruch auf eine (publikums-) öffentliche Verhandlung folgt grundsätzlich der Anspruch auf eine mündliche Verhandlung (BGE 142 I 188 E. 3.1.1). Ein zivilrechtlicher Anspruch nach dieser Bestimmung ist beim vorliegend geführten Streit um die elterliche Sorge und das Aufenthaltsbestimmungsrecht als Teilgehalt derselben (Art. 301a Abs. 1 ZGB) betroffen (BGE 144 III 442 E. 2.2). Ebenso berührt eine Verfügung über den persönlichen Verkehr zwischen einem Elternteil und dem minderjährigen Kind einen solchen Anspruch (BGE 118 Ia 473 E. 5a). Die in Art. 6 Ziff. 1 EMRK vorgesehene Pflicht, eine öffentliche mündliche Verhandlung durchzuführen, gilt indes nicht absolut. Zunächst könnten die Parteien (explizit oder stillschweigend) auf eine solche Verhandlung verzichten. Bei familienrechtlichen Angelegenheiten im weiteren Sinne, in denen sich wie hier der Staat und eine Privatperson gegenüber stehen, kann die Öffentlichkeit sodann zwar nicht pauschal unter Hinweis auf den in Art. 6 Ziff. 1 EMRK als Ausschlussgrund genannten "Schutz des Privatlebens der Prozessparteien" ausgeschlossen werden. Ein Ausschluss ist aber (ausnahmsweise) möglich, wenn aufgrund der konkreten Umstände des Einzelfalls ein besonderer Grund hierfür vorliegt (BGE 144 III 442 E. 2.2 und 2.6; 142 I 188 E. 3.1.1; kürzlich etwa Urteil des EGMR Morales gegen Schweiz Nr. 69212/17 vom 9. Mai 2023 §§ 16 ff.).