Citation: 6S.91/2007 17.01.2008 E. 6

6.1 Die strafrechtliche Verantwortung wegen Unterlassung der Nothilfe gemäss Art. 128 StGB bleibt vorbehalten. Diese Strafnorm ist als echtes Unterlassungsdelikt ausgestaltet. Weder begründet sie eine Garantenpflicht noch setzt ihre Anwendbarkeit eine solche voraus. Sie ist namentlich auch anwendbar, wenn der Täter, der die gebotene Hilfeleistung unterlässt, an einer fremden Selbstgefährdung mitgewirkt hat (siehe BGE 121 IV 18). Nach der Tatbestandsvariante von Art. 128 Abs. 1 StGB macht sich strafbar, wer einem Menschen, den er verletzt hat, nicht hilft, obwohl es ihm den Umständen nach zugemutet werden könnte. Die gesetzliche Hilfeleistungspflicht knüpft hier an den Umstand an, dass jemand für die Verletzung eines anderen - unmittelbar oder mittelbar - ursächlich geworden ist. Damit bringt das Gesetz zum Ausdruck, dass schon der blosse Veranlasser eine erhöhte Verantwortung für den Verletzten hat (Stratenwerth/Jenny, Schweizerisches Strafrecht, Besonderer Teil 1, 6. Aufl., Bern 2003, § 4 Rz. 64 S. 90 ). In subjektiver Hinsicht erfordert der Tatbestand Vorsatz (BGE 121 IV 19 E. 2a S. 21 mit Hinweisen). 6.2 Die Vorinstanz wirft der Beschwerdeführerin - allerdings ohne nähere Begründung - vor, sie habe nicht umgehend ärztliche Hilfe angefordert. Auch wenn man annehmen wollte, dass eine nicht rechtzeitig geleistete Hilfeleistung einer Unterlassung derselben gleichkäme, wäre der Tatbestand von Art. 128 StGB nicht erfüllt. In zeitlicher Hinsicht steht nämlich fest, dass die Beschwerdeführerin den Feuerlauf nach einer halben Stunde abbrach, als sie realisierte, dass sich die Klägerin die Füsse womöglich ernsthaft verbrannt hatte, worauf alle Beteiligten in den nahe gelegenen Seminarraum zurückkehrten. Dort wurde die verletzte Klägerin von den Organisatorinnen betreut und nach ca. einer Viertelstunde die Ambulanz alarmiert (angefochtener Entscheid, S. 2; Urteil des Kreisgerichts, S. 5). Diese Verhältnisse lassen den Schluss nicht zu, die Beschwerdeführerin habe vorsätzlich die ihr zumutbare Hilfeleistung unterlassen.