Citation: 1A.55/2000 30.06.2000 E. 6

6.- In seinem nicht publizierten Urteil vom 3. November1999 i.S. G. liess das Bundesgericht die Frage ausdrücklichoffen, ob der Sinn und Zweck des OHG in Fällen wie demvorliegenden, bei denen die Schadensfolgen einermutmasslichen Straftat erst einige Zeit nach demtatbestandsmässigen Verhalten eintreten bzw. erkennbarwerden, verlangen kann, dass die Verwirkungsfrist erst abEintritt des schädigenden Erfolges einsetzt (vgl. auch BGE123 II 241 E. 3d S. 243 f.). a) Im Fall G. war es nach einem ärztlichen Heileingriffzu einer schweren Hirnschädigung eines Kindes gekommen. DasBundesgericht konnte feststellen, dass die Verwirkungsfristvon Art. 16 Abs. 3 OHG "selbst dann als unbenutztabgelaufen anzusehen" war, "wenn sie ab Zeitpunkt desErfolgseintrittes berechnet" würde. Der ärztlicheHeileingriff war am 4. Dezember 1995 erfolgt. Am 24. Juni1996 hatten die Eltern des Opfers ihren Rechtsvertreter"zur Vertretung in Sachen Herzoperation vom 4.12.1995"beauftragt. Obwohl die geltend gemachten Schadensfolgen derOperation spätestens Mitte 1996 schon bekannt waren, reichte der Rechtsvertreter erst am 7. April 1999 einOpferhilfegesuch ein. b) Im vorliegenden Fall hat die Beschwerdeführerin innertfünf Monaten seit Kenntnis der HIV-Infektion und derAIDS-Erkrankung das Opferhilfegesuch eingereicht. BezüglichVergewaltigung und Raub sind allfällige Opferhilfeansprüchezwar verwirkt. Es ist aber immerhin darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin noch in Brasilien (am 15. September 1993 bei der Polizei von Bahia) Strafanzeigegegen Unbekannt erhoben hat. Gemäss den vorliegenden Aktenliess sich die Beschwerdeführerin nach ihrer Rückkehr indie Schweiz ab 3. Mai 1994 bei verschiedenen Ärzten (Dr. A., Dr. F. und Dr. H.) wegen Dysmenorrhoe (starkenBeschwerden während der Regelblutung) ärztlich behandeln. Gemäss Krankengeschichte erzählte die Patientin ihrenÄrzten mehrmals ausdrücklich von der "Vergewaltigung inBrasilien". Während der symptomlosen Latenzzeit ("StadiumII") konnte die HIV-Infektion nur durch positivenHIV-Antikörpertest festgestellt werden (vgl. KUNZ, a.a.O.,S. 40). Laut ärztlichem Bericht wurden bis August 1997"keine HIV-Tests" durchgeführt. Da sie wegen derVergewaltigung auch unter schweren psychischen Problemenlitt, begab sich die Beschwerdeführerin ab Oktober 1994 inpsychotherapeutische Behandlung. Unbestrittenermassen wurdedie HIV-Infektion erstnach Ausbruch der AIDS-Krankheit (Operation einesNon-Hodgkin-Lymphoms) am 7. August 1997 diagnostiziert, nachdem die Beschwerdeführerin am 1. August 1997 wegenstarker Kopfschmerzen, Redeausfall, vorübergehenderErblindung des linken Auges, Schwindel usw. notfallmässigins Universitätsspital Zürich hatte eingewiesen werdenmüssen. Am 4. September 1997 erfolgte die offizielleDiagnose: "HIV-Infektion, Stadium C3 (AIDS)". Am 19. Januar1998 reichte sie das Opferhilfegesuch ein. c) Bei dieser Sachlage hat die Beschwerdeführerin allesihr nach Treu und Glauben Zumutbare unternommen, um ihreOpferrechte zu wahren. Sie hat die Vergewaltigung noch inBrasilien bei der Polizei angezeigt. Nach ihrer Rückkehr indie Schweiz hat sie sich aufgrund von unspezifischenKrankheitsanzeichen (Beschwerden während der Regelblutung)sofort in ärztliche Behandlung begeben. DieBeschwerdeführerin hat ihre Ärzte mehrmals ausdrücklichüber die Vergewaltigung informiert. Dass die Ärztelediglich eine "Dysmenorrhoe" diagnostizierten (die mit derVergewaltigung "nichts zu tun" gehabt habe), kann nicht derBeschwerdeführerin angelastet werden. Nachdem eine durchdie Vergewaltigung ausgelöste psychische Depressionanhielt, unterzog sie sich einer Psychotherapie. Erst nachAusbruch der AIDS-Krankheit, nämlich am 12. August 1997, teilten die behandelnden Ärzte der Beschwerdeführerin mit, sie sei HIV-infiziert und aidskrank. Fünf Monate späterreichte sie das Opferhilfegesuch ein.