Citation: 6S.225/2000 14.12.2000 E. A

A.- X.________, Vater von fünf Kindern, tötete am 19. Juni 1996 kurz nach 08.30 Uhr seine im Dezember 1976 geborene älteste Tochter bei einer verbalen Auseinandersetzung in der Küche mit einem zufällig dort liegenden Küchenmesser. Er verliess hierauf die Wohnung und rief aus einer Telefonkabine den Bruder seiner Frau in der Türkei und eine Familie aus seinem Bekanntenkreis in der Schweiz an und teilte ihnen mit, dass er die Tochter umgebracht habe. Dann stellte er sich der Polizei. X.________ wuchs in einem anatolischen Bergdorf auf, besuchte die Grundschule und arbeitete auf dem elterlichen Bauerngut. Einen weiteren Beruf erlernte er nicht. Er absolvierte den obligatorischen Militärdienst. Weil er als Sympathisant der PKK angeschuldigt immer wieder im Gefängnis gewesen und gefoltert worden sei sowie wegen einer in persönlichen Umständen begründeten gesellschaftlichen Randstellung (infolge einer Reihe kulturell definierter narzisstischer Kränkungen, die er nicht habe abwehren können) emigrierte er 1988 in die Schweiz. Sein Asylgesuch wurde abgewiesen. Es wurde ihm und seiner Familie aus humanitären Gründen der Aufenthalt bewilligt. Seine Hoffnungen wandelten sich infolge von Integrationsschwierigkeiten schnell in starke Gefühle der Enttäuschung und Hilflosigkeit, und die prekären Wohnverhältnisse der siebenköpfigen Familie in einer Zwei-Zimmer-Wohnung sowie die Arbeit in einem Spätschichtbetrieb belasteten ihn stark. Zudem entwickelte sich eine Integrationsschere zwischen den Eltern und den Kindern, die sich dank der Schule schnell und relativ gut integrierten. Die Integrationsschwierigkeiten führten zu einer Anpassungsstörung mit Krankheitswert (ICD-10 F 43.2). Trotzdem kam es innerhalb der Familie zunächst zu keinen grösseren Problemen. Mit der Zeit entwickelte sich zusätzlich zum Kulturkonflikt ein Generationenkonflikt mit der ältesten Tochter. 1992 sah X.________ sie mit einem Burschen zusammen. Dieser Vorfall traf ihn in seiner Ehre. Er versuchte eine "Rekurdisierung" der ganzen Familie und vor allem der Tochter. Er schlug sie, sprach nicht mehr mit ihr, beschimpfte sie, sperrte sie ein und schloss sie von Schulanlässen aus. Er bedrohte sie und verlangte von ihr sich umzubringen. Er drohte, sie oder die ganze Familie umzubringen, wenn sie nicht heirate. Er drohte derart häufig, dass das gar nicht mehr ernst genommen wurde. Die Tochter ging ihm möglichst aus dem Weg und blieb bei Auseinandersetzungen passiv. Sie nahm sich nach wie vor in ihrem schweizerischen Beziehungsnetz ihre Freiräume. Als X.________ sie in ihrem ersten Lehrjahr 1995 mit einem Mann sah, der sich eine Drogenspritze angesetzt hatte, erkannte er, dass seine Einschüchterungs- und Rekurdisierungsversuche gescheitert waren. Da verprügelte er sie aufs Brutalste, sperrte sie ein und beschimpfte sie. Er verlangte, dass sie sich umbringe, sonst tue er es; eine Drohung, die nun ernst genommen wurde. In der Folge wurde ausgehandelt, die Tochter zu verheiraten: Damit würde sie dem schweizerischen Umfeld entrissen und wieder dem kurdisch-türkischen zugeführt, der Tradition der Kusinenheirat wäre Genüge getan und der Verwandtschaft bewiesen worden, dass er als Vater sehr wohl in der Lage war, die Tochter zu behüten und zu verheiraten. Sie wollte davon jedoch nichts wissen und tauchte unter. Als er dies erfuhr, geriet er in einen unkontrollierten Erregungszustand (akute psychische Dekompensation) und musste am 3. Juli 1995 in ein Spital eingeliefert werden. Nach seiner Entlassung versprach er, die Drohungen nicht wahr zu machen. Indessen kam es in den Ferien in der Türkei auf Grund seiner massiven Drohungen zur zwangsweisen Verheiratung der Tochter mit einem Cousin. Statt dass sich durch die Verheiratung die Probleme lösten, kam X.________ nun noch mehr unter gesellschaftlichen Druck, weil die Ehe nicht vollzogen wurde, da der Ehemann nicht in die Schweiz einreisen konnte. Es wurde ihm seitens der Verwandten in der Türkei Verrat vorgeworfen; er wolle gar nicht, dass der Ehemann in die Schweiz komme. Ausserdem war für ihn der Gedanke, dass die Tochter - jetzt als verheiratete Frau - nicht mit ihrem Ehemann, sondern mit anderen Männern gesehen wurde, schlicht verheerend. Weiter wurde der Familiennachzug von der Tochter und ihren Helfern nicht ernsthaft betrieben, was X.________ bemerkte oder doch zumindest vermutete. In dieser Situation gingen seine Repressalien und Drohungen - auch mit dem Messer - gegen die Tochter und die Familienangehörigen ernsthafter denn je weiter. Schliesslich organisierte er im Sommer 1996 die illegale Einreise des Schwiegersohnes in die Schweiz, was ihn - wie schon die Hochzeit - viel Geld kostete, das er gar nicht hatte, sondern aufnehmen musste. Die eheliche Gemeinschaft kam aber trotz des Druckes wegen des Widerstandes der Tochter nicht zu Stande. X.________ wurde es zur Gewissheit, dass dieser Skandal bekannt und er der Lächerlichkeit und Entehrung preisgegeben würde. Er befand sich in der Tatzeit in einer chronischen psychosozialen Dauerbelastung. Als letztlich fatal wirkte sich die Erkrankung und Hospitalisierung der bislang vermittelnden Gattin aus. Es ist davon auszugehen, dass sein Tötungswille latent vorhanden war, es aber der besonderen Gelegenheit bedurfte, dass die Tat an jenem Morgen ausgeführt wurde.