Citation: 7B_278/2022 E. 2.4.1

2.4.1. Aufgrund des zum Härtefall Gesagten und da der Beschwerdeführer in der Berufswelt zumindest ansatzweise habe Fuss fassen können, sei ihm ein grundsätzlich gewichtiges privates Interesse am Verbleib in der Schweiz zuzugestehen. Allerdings lägen verschiedene Faktoren vor, die dieses Interesse deutlich relativierten. Ein relevanter Gesichtspunkt sei die Ausbildungs- und Arbeitssituation. Der Beschwerdeführer habe im Dorf U.________ (CH) die obligatorische Schule bzw. ab etwa der vierten Primarklasse die Kleinklasse besucht. Eine anschliessend begonnene Lehre als Logistiker sei nach dem ersten Jahr wegen ungenügender schulischer Leistungen auf Betreiben des Lehrbetriebes abgebrochen worden. Seither habe der Beschwerdeführer in verschiedenen temporären Anstellungsverhältnissen gearbeitet, unter anderem als Staplerfahrer, Produktionsarbeiter sowie vorwiegend als Gipser. Damit verfüge er zwar über eine einigermassen solide schulische Ausbildung und gewisse Berufserfahrung. Er könne jedoch weder eine abgeschlossene Berufsausbildung noch eine Festanstellung in der Vergangenheit vorweisen. Eine solche habe er auch nicht in Aussicht. Sein Lebenslauf sei zudem von zahlreichen Episoden mehrmonatiger Arbeitslosigkeit geprägt. Die Schwankungen des ohnehin geringen Einkommens, das er aus seinen befristeten Beschäftigungen im Stundenlohn beziehe, schränkten eine eigenständige Existenzsicherung zusätzlich ein. Damit sei die berufliche Integration des Beschwerdeführers in der Schweiz als schlecht zu bezeichnen. Darüber hinaus seien sowohl die Persönlichkeitsentwicklung als auch die soziale Integration des Beschwerdeführers negativ verlaufen. Seit seiner frühen Jugend habe er in erheblichem Umfang Straftaten begangen, die auf seinen persönlichen, insbesondere finanziellen Vorteil ausgerichtet gewesen seien. Er sei zunehmend erheblich verschuldet und habe sich bisher ausserstande gezeigt, eine Veränderung in dieser oder in beruflicher Hinsicht einzuleiten. Neben der Art seiner früheren und aktuellen Straftaten zeige auch seine langjährige und teilweise wiederholte Delinquenz, dass der Beschwerdeführer die schweizerische Rechtsordnung, die Rechtspflege und den Rechtsverkehr sowie die Eigentums- und Vermögensrechte Dritter nicht genügend respektiere. Auch die Gleichgültigkeit gegenüber den Behörden und die mangelnde Eigenverantwortung seien in seinen Aussagen zum Ausdruck gekommen. Dass er sich - abgesehen von seinen Temporäranstellungen - positiv in die schweizerische Gesellschaft einbringe, sei ebenfalls nicht ersichtlich. Nach eigenen Angaben verfüge er über keine engen Bezugspersonen ausserhalb seiner Familie und verbringe seine Freizeit ausschliesslich mit dieser sowie Kollegen. Vereins-, politische, gemeinnützige oder sonstige Aktivitäten pflege er hingegen nicht. All diese Umstände belegten, dass der Beschwerdeführer seit längerer Zeit persönliche Defizite aufweise und in der Schweiz schlecht integriert sei. Anhaltspunkte für eine starke Verwurzelung in der Schweiz lägen jedenfalls nicht vor. All dies führe zum Schluss, dass bei ihm auch in dieser Hinsicht kein starkes Interesse am Verbleib in der Schweiz festgestellt werden könne. Von wichtiger Bedeutung seien schliesslich mögliche Schwierigkeiten bei der Wiedereingliederung im Herkunftsland. Der Beschwerdeführer spreche Türkisch, kenne die Türkei und habe auch soziale bzw. familiäre Bindungen zu diesem Land (wobei er zur dortigen Verwandtschaft gemäss eigenen Angaben jedoch keinen Kontakt pflege). Er habe angegeben, seit einigen Jahren nicht mehr in der Türkei gewesen zu sein, sein Heimatland aber bis zu seinem 14. bzw. 15. Lebensjahr regelmässig bzw. einmal jährlich mit seiner Familie besucht zu haben. Insofern sei ihm dieses nicht fremd. Es sei daher auch davon auszugehen, dass er mit den türkischen Sitten und Gebräuchen grundsätzlich vertraut sei. Unter diesen Umständen dürfte der Beschwerdeführer bei der Wiedereingliederung in seinem Heimatland in sprachlicher, kultureller, sozialer und persönlicher Hinsicht auf keine unüberwindbaren Hindernisse stossen. Auch die berufliche Integration in der Türkei werde ihm kaum schwerer fallen als in der Schweiz. Seine Chancen, dort einen handwerklichen Beruf wie z.B. Gipser auszuüben, würden nicht schlechter scheinen als in der Schweiz. Dass der Aufbau einer beruflichen Existenz in seinem Heimatland nicht möglich wäre, sei nicht geltend gemacht worden und auch nicht ersichtlich. Da er auch in der Schweiz weder sozial noch beruflich fest integriert sei, seien seine Wiedereingliederungschancen in der Türkei im Ergebnis gleichermassen intakt. Somit führe auch diese Komponente zu einem bloss geringen privaten Interesse des Beschwerdeführers am Verbleib in der Schweiz. Gesundheitliche Beeinträchtigungen seien sodann nicht vorgebracht worden, weshalb das private Interesse an einem fortbestehenden Aufenthalt in der Schweiz auch unter diesem Aspekt sehr leicht wiege.