Citation: I 689/05 15.03.2006 E. 3

3.1 Im ABI-Gutachten vom 28. Juni 2004 wurden als Hauptdiagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit ein chronisches unspezifisches Schmerzsyndrom im Sinne eines rechtsseitigen lumbospondylogenen und zervikalbetonten Panvertebralsyndroms sowie eine Schmerzverarbeitungsstörung ohne aktuell erklärbares objektivierbares organisches pathologisches Korrelat genannt. Als objektivierbare organische Befunde wurden u.a. eine minimale Diskusprotrusion mit beginnender Rezessusstenose sowie Anulus fibrosus-Riss Diskus L5/S1 und eine muskuläre Dysbalance vom Becken- und Schultergürteltyp angegeben. Im Wesentlichen dieselben Diagnosen und Befunde finden sich in den Berichten der behandelnden Rheumatologen sowie des neurologischen Hausarztes. Eine Abweichung besteht namentlich insofern, als Dr. med. H.________ und Dr. med. R.________ die Verdachtsdiagnose eines Morbus Reiter stellten (Berichte vom 12. Februar 2004 und 28. Februar 2005). Sodann äusserten die Rheumatologen des Spitals Y.________ - und auch der Hausarzt - den Verdacht einer Claudicatio spinalis (Bericht vom 11./30. September 2002). 3.2 Die ABI-Gutachter haben die organischen Befunde als geringgradig bezeichnet. Umso auffallender ist die Diskrepanz in Bezug auf die Auswirkungen dieser Befunde auf die Arbeitsfähigkeit. Sind für die Experten des ABI körperlich leichte bis mittelschwere, wechselbelastende Tätigkeiten ohne Einschränkung zumutbar, gehen die behandelnden Fachärzte und der Hausarzt von einer Arbeitsfähigkeit in leidensangepassten Tätigkeiten von vier bis sechs Stunden pro Tag aus. Im ABI-Gutachten vom 28. Juni 2004 wird hiezu unter Hinweis auf den polydisziplinären Charakter der Untersuchung sowie nach Erwähnung der hausärztlichen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit von vier Stunden im Tag in einer adaptierten Tätigkeit festgehalten, die im Rahmen der beruflichen Abklärung in der 'Firma Z.________' vom 1. September bis 30. November 2003 gezeigte Leistungsfähigkeit sei ganz eindeutig auf nicht medizinische Faktoren zurückzuführen. Darunter sind offenbar in erster Linie die bei den rheumatologischen Diagnosen genannten sozialen Rehabilitationshindernisse (bescheidene Deutschkenntnisse, seit fast drei Jahren bestehende Arbeitsunfähigkeit) sowie die anamnestisch psychosoziale Belastungssituation (Tumorerkrankung der Ehefrau) gemeint. Weiter wird bei der rheumatologischen Beurteilung eine somatisch-organisch nicht erklärbare ausgeprägte Schmerzfixation und Behinderungsüberzeugung mit teils ungewöhnlichem und inadäquatem Schmerzverhalten erwähnt. Bei der psychiatrischen Beurteilung wird festgehalten, es sei von einer nicht ganz unbeträchtlichen Fehlverarbeitung der Beschwerden auszugehen. Es zeigten sich keine Hinweise auf eine Anpassungsstörung, reaktive Depression oder anderweitige psychiatrisch relevante Störung. Aus psychiatrischer Sicht könne daher keine Leistungseinschränkung begründet werden. Diese Feststellungen vermögen die Diskrepanz zur Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch die behandelnden Ärzte nicht schlüssig genug und nachvollziehbar zu erklären. Insbesondere fragt sich, ob die Befunde im Rückenbereich als solche sowie in ihren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit tatsächlich nur geringgradiger Natur sind. Die Rheumatologen des Spitals Y.________ hielten in ihrem Bericht vom 11./30. September 2002 fest, die Diskusprotrusion, die Rezessusstenose und der Anulus fibrosus-Riss Diskus L5/S1 könnten durch Belastung eine Wurzelreizung durchaus provozieren. Weiter würde die im MRI vom 29. August 2002 festgestellte segmentale Störung über L5/S1 durchaus zu den geklagten spinalen Klaudikationsbeschwerden passen. Eine Funktionsmyelographie wäre daher zu empfehlen. Bei dieser Sachlage erfordert eine umfassende medizinische Begutachtung eine genauere Abklärung der möglichen Ursachen der geklagten Rückenschmerzen aus neurologischer Sicht. Dabei stellt die Funktionsmyelographie eine wissenschaftlich anerkannte, wertvolle und beweisende apparative Untersuchung dar (vgl. Alfred M. Debrunner, Orthopädie. Orthopädische Chirurgie, 4. Aufl., S. 889 f. sowie U.W. Buettner, Claudicatio intermittens spinalis, in: dolor-Schmerztherapie in der Praxis [www.dolor.ch/ htm/do1013d.htm]). Insofern ist das ABI-Gutachten vom 28. Juni 2004 ungenügend und es kann insoweit darauf nicht abschliessend abgestellt werden. Hingegen besteht in internistischer und psychiatrischer Hinsicht zumindest für den hier massgeblichen Prüfungszeitraum bis zum Einspracheentscheid vom 22. Dezember 2004 (SVR 2005 AHV Nr. 9 S. 31 Erw. 1.1.3) kein Abklärungsbedarf. Das ABI-Gutachten vom 28. Juni 2004 ist insoweit schlüssig. Daran ändert entgegen den Vorbringen in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde der Bericht des Psychiaters Dr. med. N.________ vom 22. Januar 2005 nichts. Im Sinne des Vorstehenden wird die IV-Stelle ergänzende Abklärungen vorzunehmen haben und danach über den streitigen Rentenanspruch neu verfügen.