Citation: 4A_189/2024 E. 2.4.4

2.4.4. Art. 103a VVG bezieht sich nach seinem Wortlaut auf "Verträge". Dies könnte dahingehend verstanden werden, dass sich der Anwendungsbereich der Gesetzesbestimmung auf das Vertragsverhältnis zwischen Versicherungsnehmer und Versicherungsunternehmen beschränkt und daher Rechtspositionen Dritter nicht umfasst, die sich aus dem Gesetz ergeben (so etwa FREY/SPINNER, a.a.O., N. 114 zu Art. 60 VVG; SPECOGNA, a.a.O., N. 13 ff. zu Art. 103a VVG). Der vor Inkrafttreten der Änderung vom 19. Juni 2020 (d.h. vor dem 1. Januar 2022) abgeschlossene Versicherungsvertrag kann jedoch in einem weiteren Sinn auch bloss als zeitlicher Anknüpfungspunkt für die allgemeine Anwendbarkeit der Bestimmungen des neuen Rechts aufgefasst werden, setzen doch auch auf das Gesetz gestützte Rechtsverhältnisse wie das direkte Forderungsrecht des geschädigten Dritten nach Art. 60 Abs. 1bis VVG oder das Regressrecht des Versicherungsunternehmens gemäss Art. 95c VVG einen abgeschlossenen Versicherungsvertrag mit entsprechender Deckung voraus. Der Wortlaut von Art. 103a VVG schliesst demnach nicht aus, dass bei vor dem 1. Januar 2022 abgeschlossenen Verträgen - mit Ausnahme der Formvorschriften sowie des Kündigungsrechts nach Art. 35a und Art. 35b VVG - generell das alte Recht weiterhin gelten soll, d.h. sowohl die unmittelbar auf das Vertragsverhältnis zwischen Versicherungsnehmer und Versicherungsunternehmen anwendbaren als auch die weiteren Regelungen des VVG. Auch dem allgemein gehaltenen Randtitel ("Übergangsbestimmung zur Änderung vom 19. Juni 2020", "Disposition transitoire relative à la modification du 19 juin 2020", "Disposizione transitoria della modifica del 19 giugno 2020") lässt sich kein Hinweis auf eine Einschränkung im Sinne einer Differenzierung zwischen unmittelbar vertragsrechtlichen Bestimmungen und Gesetzesbestimmungen mit Bezugspunkten zu Dritten entnehmen. Im Gegenteil spricht diese Formulierung mit allgemeiner Tragweite für eine abschliessende übergangsrechtliche Regelung für sämtliche am 19. Juni 2020 erlassenen Änderungen von Bestimmungen des VVG, womit der in der Beschwerde vertretenen Ansicht, dass für einzelne Rechtsverhältnisse die allgemeinen Regeln von Art. 2 f. SchlT ZGB anwendbar seien, die Grundlage entzogen ist.