Citation: U 31/03 30.11.2004 E. 5

Für die Beurteilung der einzelnen Leistungsansprüche sind der massgebende Gesundheitszustand festzustellen und der adäquate Kausalzusammenhang der psychischen Leiden zu prüfen. 5.1 Bezüglich der Beweiswürdigung der bis zum Erlass der Verfügung der IV-Stelle (5. Februar 2001) verfassten Arztberichte wird auf Erw. 3.1 des Urteils vom 16. Oktober 2003, I 101/03, verwiesen. Demnach kann für die Einstellung der Taggelder sowie die Integritätsentschädigung, für welche der Sachverhalt bis 24. Oktober 2000 massgebend ist, vollumfänglich auf das Gutachten der Medizinischen Abklärungsstelle (MEDAS) vom 14. Juli 2000 abgestellt werden. Was die danach und bis zum für die Beurteilung der Invalidenrente massgebenden Zeitpunkt (13. September 2002) erfolgten Berichte betrifft, ergibt sich folgendes Bild: Dr. med. H.________, Oberarzt Orthopädische Klinik, Spital X.________, hält am 12. Januar 2001 fest, dass die Beschwerden etwa gleich geblieben seien oder leicht zugenommen hätten. Die derzeitige Situation sei sehr verfahren, da viele Co-Faktoren (Herkunft des Patienten, Familiensituation) mitspielen würden. Dr. med. M.________, Facharzt für Orthopädische Chirurgie, Ärzteteam Unfallmedizin, SUVA, kommt in seiner Beurteilung vom 20. März 2001 zum Schluss, die Bandscheibe sei im Bereich der Fraktur wahrscheinlich mitverletzt worden und die unfallbedingte Veränderung an der betroffenen Bandscheibe Th12/L1 habe sich nicht wesentlich verschlechtert. Auf Grund der dargelegten statistischen Erhebungen, welche eine grobe Eingrenzung der üblicherweise geklagten Beschwerden und gebotenen Leistungen ermögliche, sowie der radiologischen Dokumente, der übrigen Akten und gestützt auf Erfahrungswerte sei es nicht zu beanstanden, wenn die SUVA eine leichte bis mittelschwere Tätigkeit voll zumutbar erachte. Die Medizinische Klinik des Spitals Y.________, in welchem der Versicherte vom 7. bis 19. Juni 2001 hospitalisiert war, führt am 27. Juni 2001 aus, auf Grund der deutlichen depressiven Verstimmung sei eine ambulante Psychotherapie indiziert; der Patient könne sich jedoch nicht zu einer solchen entscheiden. Bezüglich des chronischen, therapieresistenten lumbovertebralen Schmerzsyndroms erscheine er objektiv praktisch uneingeschränkt; so sei er während des Aufenthalts kaum im Zimmer anzutreffen, sondern meistens unterwegs gewesen. Dr. med. W.________, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, berichtet am 25. September 2001 über die abgebrochene Therapie, welche infolge der für die Behandlung ungenügenden sprachlichen Verständigung, bei welcher nicht nur die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten, sondern auch kulturelle und psychosoziale Gründe eine Rolle spielten, sowie der Neigung des Patienten, seine Schmerzen nur als Ausdruck eines körperlich-somatischen Geschehens zu erfassen, nicht weitergeführt werden könne. Dr. med. U.________, Facharzt für Allgemeine Medizin, verweist in seinem Bericht vom 22. April 2002 nebst dem Lumbovertebralsyndrom und der depressiven Verstimmung auf zusätzliche internistische Probleme (Diabetes mellitus, Hypertonie), welche die Motivation zusätzlich verschlechtern würden. Die Neurologische Klinik des Spitals R.________ diagnostiziert im Rahmen der interdisziplinären Schmerzsprechstunde ein chronisches lumbovertebrales Syndrom bei Status nach leichter Deckplatteninfraktion LWK 1, somatoformer Schmerzstörung und degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule, sowie eine posttraumatische Verarbeitungsstörung und eine leichte depressive Episode mit zunehmender Ängstlichkeit; sie empfiehlt nebst einer medikamentösen Schmerzbehandlung eine ambulante Psychotherapie beim slowenisch sprechenden Dr. med. C.________ (Bericht vom 3. Mai 2002). 5.2 Für die Beurteilung der Einstellung des Taggeldes sowie der Integritätsentschädigung ist auf das MEDAS-Gutachten vom 14. Juli 2000 abzustellen, welches als Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ein chronisches Lumbovertebralsyndrom bei Status nach traumatischer Impressionsfraktur der Deckplatte von LWK1, Osteochondrosen Th11/12 und Th12/L1 und kleiner medianer Diskusprotrusion L5/S1 sowie eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung und eine chronifizierte Anpassungsstörung diagnostiziert. Die angestammte Tätigkeit ist nicht mehr zumutbar. Aus physischer Sicht besteht volle Arbeitsfähigkeit für eine leichte, wechselbelastende Tätigkeit ohne repetitives Heben von Lasten über 10 kg und ohne Zwang zu ergonomisch ungünstigen Körperstellungen; aus psychischer Sicht liegt eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit auf 50 % vor. Bezüglich des für die Bemessung der Invalidenrente massgebenden Zeitpunktes (13. September 2002) ergibt sich aus den oben erwähnten ärztlichen Unterlagen, dass die unfallbedingten Beschwerden im Bereich LWK1 sowie Th12/L1 in etwa gleich geblieben sind. Aus somatischer Sicht bereiten insbesondere die hinzugekommenen Diabetes mellitus und Hypertonie sowie die nicht den Bereich Th12/L1 betreffenden degenerativen Veränderungen Probleme. In psychischer Hinsicht ist festzustellen, dass die als indiziert betrachtete ambulante Psychotherapie infolge sprachlicher Schwierigkeiten sowie mangelnder Motivation nicht durchgeführt werden konnte; neu ist zudem eine depressive Verstimmung. 5.3 Der Versicherte ist aus ca. 3.5 m Höhe rückwärts von einer Leiter auf das Gesäss gefallen und hat sich dabei eine Deckplattenimpressionsfraktur LWK 1 zugezogen. Die Vorinstanz hat unter Hinweis auf das Urteil D. vom 4. September 2003, U 3/03, gemäss welchem ein Sturz aus 3 bis 4 m Höhe vom Heuboden in das Futtertenn zu den mittleren Unfällen, ohne jedoch im Grenzbereich zu den schweren Fällen zu liegen, gehört, das hier zu beurteilende Ereignis ebenfalls im mittleren Bereich angesiedelt und die Zuordnung zu den Fällen im Grenzbereich zu den schweren Unfällen verneint. Dem ist beizupflichten. Anzufügen bleibt, dass nicht das subjektive Unfallerlebnis, sondern das objektiv fassbare Unfallereignis massgebend ist (BGE 115 V 139 Erw. 6, bestätigt in BGE 124 V 44 Erw. 5c/aa). 5.4 Da der Unfall dem mittleren Bereich anzuordnen ist, ist die Adäquanz der psychischen Leiden nur zu bejahen, wenn ein einzelnes der miteinzubeziehenden Kriterien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist oder mehrere dieser Kriterien in gehäufter oder besonders auffälliger Weise gegeben sind (BGE 115 V 140 Erw. 6c/bb). Das Ereignis vom 1. Oktober 1997 hat sich weder unter besonders dramatischen Umständen ereignet noch ist ihm eine besondere Eindrücklichkeit zuzuschreiben. Die erlittene Fraktur stellt keine aussergewöhnliche Verletzung dar (vgl. vor allem Bericht des Dr. med. M.________ vom 20. März 2001). Die ärztliche Behandlung der durch den Unfall verursachten Probleme im Bereich LWK1 kann nicht als ungewöhnlich lang bezeichnet werden (vgl. etwa den Bericht des Dr. med. B.________, Facharzt für Innere Medizin, vom 2. Juli 1998, wonach die volle Arbeitsunfähigkeit ab 29. April 1998 krankheitsbedingt sei). Zu bejahen sind hingegen die Dauerschmerzen, ohne dass sie jedoch das Kriterium in besonders ausgeprägter Weise erfüllen würden. Weder liegt eine ärztliche Fehlbehandlung noch ein schwieriger Heilungsverlauf vor. Auch ist aus physischer Sicht keine langandauernde Arbeitsunfähigkeit gegeben (vgl. Bericht des Dr. med. S.________, Facharzt für physikalische Medizin und Rehabilitation, speziell Rheumaerkrankungen, vom 9. April 1998 und dessen Auskunft vom 28. April 1998, den Bericht des Dr. med. B.________ vom 2. Juli 1998 sowie das rheumatologische Konsilium im Rahmen des MEDAS-Gutachtens vom 14. Juli 2000, nach welchem aus physischer Sicht eine leichte, leidensangepasste Tätigkeit voll zumutbar sei). Somit sind weder mehrere der Kriterien noch eines in besonders auffälliger Weise erfüllt, weshalb der adäquate Kausalzusammenhang zwischen dem Ereignis vom 1. Oktober 1997 und den psychischen Leiden (somatoforme Schmerzstörung, Anpassungs-/Verarbeitungsstörung, depressive Verstimmung) zu verneinen ist. Daran ändert auch die Berufung auf den tödlichen Unfall zweier Arbeitskollegen im Jahre 1995 nichts: Dieses Erlebnis war nicht derart einschneidend, als dass es 1995 oder kurz nach dem eigenen Unfall im Oktober 1997 zu psychischen Problemen gekommen wäre, die ärztlich behandelt oder auch nur gegenüber den Ärzten erwähnt wurden. Vielmehr finden sich entsprechende Äusserungen erst nach Erlass der ablehnenden Verfügung der SUVA vom Mai 1998 in den Akten und der Versicherte bestätigte im Juni 2000 anlässlich der psychiatrischen Abklärung im Rahmen des MEDAS-Gutachtens, der Vorfall von 1995 belaste ihn nicht sonderlich. So tragisch das Ereignis von 1995 auch war, auf Grund der jahrelangen symptomfreien Zeit kann nicht von einem aussergewöhnlichen Schreckereignis mit anschliessendem psychischem Schock des Versicherten, welches dem bei Schreckereignissen massgebenden Begriff der allgemeinen Adäquanz entsprechen würde (BGE 129 V 177 mit Hinweisen), gesprochen werden.