Citation: U 361/05 16.08.2006 E. 4

4.1 Bei den zahlreichen medizinischen Untersuchungen liessen sich keine organisch nachweisbaren Unfallfolgen feststellen. Es fanden sich weder ossäre oder ligamentäre Läsionen noch objektivierbare neurologische Ausfälle. Die bildgebenden Abklärungen (Röntgen, MRI) zeigten unauffällige Befunde. Organisch nachweisbar waren ausschliesslich unfallfremde Befunde (degenerative Veränderungen, Fehlstellung der Wirbelsäule, Beinlängendifferenz). Dass von den Ärzten ein zervikothorakovertebrales und lumbospondylogenes Syndrom myofaszialen Ursprungs diagnostiziert wurde, lässt entgegen den Ausführungen in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde nicht schon darauf schliessen, dass organisch nachweisbare Unfallfolgen bestehen. Vielmehr deutet die Diagnose auf eine funktionelle Störung, wofür auch der Umstand spricht, dass sich die Beschwerden ausgeweitet haben und durch die zahlreichen Behandlungsversuche nicht wesentlich beeinflusst werden konnten. Nach den medizinischen Akten liegt eine somatoforme Schmerzstörung vor, welche sich durch organische Unfallfolgen nicht (hinreichend) erklären lässt. Es hat daher eine spezifische Adäquanzprüfung zu erfolgen. Fraglich ist, ob sie nach den für Schleudertraumen und schleudertraumaähnliche Verletzungen der HWS (BGE 117 V 359) oder nach den für psychische Unfallfolgen (BGE 115 V 133) geltenden Regeln zu erfolgen hat. 4.2 Die Vorinstanz geht davon aus, dass die zum typischen Beschwerdebild eines Schleudertraumas der HWS gehörenden Beeinträchtigungen zwar teilweise gegeben sind, im Vergleich zur ausgeprägten psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund treten, weshalb die Adäquanzbeurteilung unter dem Gesichtspunkt einer psychischen Fehlentwicklung nach dem Unfall vorzunehmen ist (BGE 123 V 99 Erw. 2a; RKUV 2002 Nr. U 465 S. 437, je mit Hinweisen). Die Versicherte hält dem entgegen, das typische Beschwerdebild nach Schleudertrauma der HWS habe von Anfang an bestanden und sei nie ganz in den Hintergrund getreten. Es seien ausschliesslich Schmerzen und Beeinträchtigungen aufgetreten, die zum typischen Beschwerdebild nach solchen Verletzungen gehörten. Dr. phil. A.________ habe im Bericht vom 7. Dezember 2003 eine Prädominanz der vorbestehenden psychischen Problematik ausdrücklich verneint. In einer mit der Verwaltungsgerichtsbeschwerde eingereichten Stellungnahme vom 13. September 2005 führt dieser ergänzend aus, die Versicherte leide seit dem Unfall und bis heute an allen zum typischen Beschwerdebild nach HWS-Schleudertrauma gehörenden Symptomen (diffuse Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit, Nackenschmerzen, Visusstörungen, Reizbarkeit, Affektlabilität, Depression, allenfalls auch Wesensveränderung). Eine davon symptomatisch zu unterscheidende psychische Problematik, welche die genannte Symptomatik in den Hintergrund treten liesse, könne nicht festgestellt werden. Diese Ausführungen lassen entgegen der Auffassung der Versicherten nicht darauf schliessen, dass die Adäquanzbeurteilung nach den für Schleudertraumen und schleudertraumaähnliche Verletzungen der HWS geltenden Regeln zu erfolgen hat. Die Feststellung von Dr. phil. A.________, wonach keineswegs eine Prädominanz der vorbestehenden psychischen Problematik bestehe, bezieht sich auf den Vorzustand und sagt nichts darüber aus, wie es sich hinsichtlich der Dominanz der psychischen Problematik nach dem Unfall verhielt. Ebenso wenig lässt sich eine Dominanz der psychischen Problematik damit verneinen, dass die psychischen Beeinträchtigungen zum typischen Beschwerdebild nach einem Schleudertrauma der HWS gehören. Entscheidend ist, ob die psychische Problematik - auch soweit sie Folge des Unfalls ist - im Rahmen des gesamten Beschwerdebildes eindeutig im Vordergrund steht. Von einer entsprechenden Dominanz geht im Ergebnis auch Dr. phil. A.________ aus, wenn er im Bericht vom 7. Dezember 2003 unter Hinweis auf die Angaben von Dr. med. U.________ ausführt, das durch den Unfall ausgelöste und zunächst lokal definierte Schmerzbild habe sich zu einem solchen wechselnder Stärke und Lokalisation und damit zu einer sekundär entstandenen Schmerzkrankheit entwickelt, welche als somatoforme Schmerzstörung zu bezeichnen sei. Als (anhaltende) somatoforme Schmerzstörung gilt laut ICD-10 ein andauernder, schwerer und quälender Schmerz, der durch einen physiologischen Prozess oder eine körperliche Störung nicht vollständig erklärt werden kann (Dilling/Mombour/Schmidt [Hrsg.], Weltgesundheitsorganisation, Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V(F), Klinisch-diagnostische Leitlinien, 4. Aufl., Bern et al. 2000, S. 191 F45.4; vgl. auch Dilling/Mombour/Schmidt/Schulte-Markwort [Hrsg.], Weltgesundheitsorganisation, Diagnostische Kriterien für Forschung und Praxis, 3. Aufl., Bern et al. 2004, S. 130). Der Schmerz tritt in Verbindung mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen Problemen auf. Diese sollten schwerwiegend genug sein, um als entscheidende ursächliche Einflüsse zu gelten. Dementsprechend sind psychosoziale oder emotionale Konflikte als entscheidende Krankheitsursache zu betrachten, damit die Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung gestellt werden kann (BGE 130 V 399 Erw. 6.1). Solche Faktoren sind hier eindeutig gegeben und zwar nicht nur für die Zeit vor dem Unfall, sondern auch für die Zeit unmittelbar danach. Nach Dr. phil. A.________ hat der Unfall zu einer Retraumatisierung und psychovegetativen Dekompensation geführt. Gleichzeitig haben die vorgängigen Traumatisierungen dazu beigetragen, dass der Unfall derart schwerwiegende und langwierige Störungen ausgelöst hat (Bericht vom 29. Juli 2003). Im Hinblick darauf, dass sich das Beschwerdebild nach dem Unfall nicht nur erhalten, sondern deutlich ausgeweitet hat, ohne dass hiefür organische Ursachen gefunden werden konnten, ist anzunehmen, dass überwiegend psychische und psychosoziale Gründe ausschlaggebend waren. Dafür spricht auch die Tatsache, dass schon am Rezidiv des Zervikalsyndroms vom Herbst 2000 psychosoziale Gründe zumindest mitbeteiligt waren (Bericht des Dr. med. E.________ vom 4. Januar 2003). In Würdigung der gesamten Umstände ist anzunehmen, dass die psychische Problematik bereits kurz nach dem Unfall eindeutige Dominanz aufgewiesen hat und im Verlauf der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt die physischen Beschwerden nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben. Es ist daher nicht zu beanstanden, wenn SUVA und Vorinstanz die Adäquanzprüfung nach den für psychische Unfallfolgen geltenden Regeln (BGE 115 V 133) vorgenommen haben. Weiterer Abklärungen, einschliesslich der eventualiter beantragten polydisziplinären Begutachtung, bedarf es nicht.