Citation: 8C_724/2022 E. 5.3

5.3. Der Beschwerdeführerin ist darin beizupflichten, dass die Angaben des Dr. med. B.________, bei dem sie in engmaschiger psychotherapeutischer Behandlung ist (eine Sitzung pro Woche), in einem erheblichen Widerspruch zur Beurteilung der Abklärungsperson stehen. Auch in seiner Stellungnahme vom 15. Oktober 2021 wies der behandelnde Psychiater eindrücklich auf die Auswirkungen der psychischen Störungen der Beschwerdeführerin hin. Er stellte klar, dass aus psychiatrischer Sicht die Indikation für den Einsatz von Psychiatrie-Spitex im Unfang von mindestens zwei Stunden pro Woche gegeben sei. Ohne diese Hilfe steige die Gefahr eines erneuten Suizidversuchs. Auch die Unterstützung durch den Sohn (Übernachtung bei ihr in Krisensituationen) und der "dargebotenen Hand" sei notwendig. Ohne diese Hilfe könnte die Beschwerdeführerin nicht allein in ihrer Wohnung leben. Zwar stellt der Abklärungsbericht im Haushalt auch im Falle einer Beeinträchtigung der geistigen Gesundheit ein geeignetes Beweismittel für die Bemessung der Hilflosigkeit der betroffenen Personen dar. Stimmen jedoch die Ergebnisse der Abklärung vor Ort nicht mit den ärztlichen Feststellungen der Behinderungen überein, so haben Letztere in der Regel mehr Gewicht als die im Haushalt durchgeführte Abklärung (BGE 133 V 450 E. 11.1.1 mit Hinweisen; Urteil 8C_464/2015 vom 14. September 2015 E. 4). Die IV-Stelle wäre damit bei hier gegebenen Unklarheiten über die Auswirkungen der psychischen Störungen gehalten gewesen, Rückfragen beim behandelnden Psychiater zu stellen (vgl. E. 5.1 hiervor) oder zumindest den Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) in das Abklärungsverfahren einzubinden, wie dies im Kreisschreiben über Invalidität und Hilflosigkeit (Rz. 8129 und 8133 KSIH, Stand: 1. Januar 2021) denn auch explizit vorgeschrieben ist. Überhaupt fällt auf, dass die IV-Stelle vor der Durchführung der Abklärung vor Ort keinen einzigen ärztlichen Bericht einholte, obwohl sie auf das Leistungsgesuch der Beschwerdeführerin eingetreten ist und es insofern den Untersuchungsgrundsatz zu beachten galt. Hinsichtlich der vom behandelnden Psychiater erwähnten körperlichen Beeinträchtigungen hielt die Vorinstanz fest, dieser sei für deren Beurteilung nicht zuständig. Das mag zwar zutreffen. Es kann aber nicht der Beschwerdeführerin zur Last gelegt werden, dass es die IV-Stelle unterlassen hat, den Sachverhalt in dieser Hinsicht genügend abzuklären. Vielmehr muss aufgrund fehlender aktueller ärztlicher Berichte davon ausgegangen werden, dass die Abklärungsperson nicht genügend Kenntnis der aktuellen gesundheitlichen Beeinträchtigungen (in somatischer wie auch in psychischer Hinsicht) hatte, was den Beweiswert ihres Abklärungsberichts erheblich schmälert. Im Übrigen macht die Beschwerdeführerin zu Recht geltend, es sei nicht nachvollziehbar, weshalb der anzurechnende Zeitbedarf gegenüber der letzten Abklärung im Jahr 2015 wesentlich geringer sein soll, nachdem sie mittlerweile alleine lebe und sich ihr Gesundheitszustand gemäss Angaben des Dr. med. B.________ zwischenzeitlich verschlechtert habe. Soweit das kantonale Gericht im Umstand, dass die Beschwerdeführerin im Vergleich zu früher alle zwei Wochen Besuch erhalte, gar ein Indiz für eine gesundheitliche Verbesserung sieht, greift dies offensichtlich zu kurz.