Citation: U 548/06 20.09.2007 E. 4

4.1 Die Beschwerdeführerin hat das Ereignis vom 26. Dezember 2004 zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich dargestellt. Dabei fällt auf, dass sie das Erlebte und ihre damaligen Reaktionen gegenüber Frau Dr. med. L.________ laut Bericht vom 11. Mai 2005 weniger dramatisch geschildert hat als in der im Rahmen des rechtlichen Gehörs verfassten schriftlichen Stellungnahme vom 12. Oktober 2005. Beim Vorliegen unterschiedlicher Angaben der versicherten Person über einen Unfallhergang ist nach der Rechtsprechung in der Regel jener Darstellung grösseres Gewicht beizumessen, die sie kurz nach dem Ereignis gemacht hat, als späteren Darstellungen, welche bewusst oder unbewusst von nachträglichen Überlegungen versicherungsrechtlicher oder anderer Art beeinflusst sein können (BGE 121 V 45 E. 2a S. 47). 4.2 Dass es sich beim Seebeben, wie es sich am 26. Dezember 2004 im Indischen Ozean zugetragen und zu einer der grössten bekannten Flutkatastrophen geführt hat, um ein Geschehen ganz besonderer Art handelte, welches von den Betroffenen zudem nicht eingeordnet werden konnte, steht ausser Zweifel. Dieses dramatische und heftige Elementarereignis war wegen der damit verbundenen unmittelbaren Todesgefahr bei von der Flutwelle unmittelbar betroffenen Personen grundsätzlich geeignet, eine Störung des psychischen Gleichgewichts zu bewirken und die Psyche zumindest vorübergehend nachhaltig zu beeinflussen (vgl. auch Judith Petermann Büttler, Opfer des Seebebens in Südostasien: Unfall oder Krankheit ?, in: Schweizerische Ärztezeitung, 2005, S. 398). 4.3 Fest steht, dass die Beschwerdeführerin die eigentliche Flutwelle, welche nach dem fraglichen Seebeben weite Küstenregionen verwüstete, nicht gesehen und somit auch nicht unmittelbar miterlebt hat. Wie sich aus ihrer glaubhaften Schilderung ergibt, war die Gefahr jedoch noch nicht gebannt, während sie sich sehr nahe am tödlichen Geschehen befand. In Kenntnis der örtlichen Verhältnisse näherte sie sich der Küste und war rund 20 Meter vom Strand entfernt, an einer Stelle, wo das Meer noch nicht sichtbar war, als sie sich plötzlich rasch ansteigenden und entgegenkommenden Wassermassen gegenüber sah. Die Möglichkeit, sich auf einen kleinen Hügel zu retten, mag zwar nach dem ersten Schreck kurz eine Erleichterung gebracht haben. Diese wich indessen spätestens dann einem erneuten Schock, als sie auf dem Hügel angekommen feststellte, welcher Todesgefahr sie ausgesetzt war und möglicherweise immer noch blieb und welch dramatische Auswirkungen die Wassermassen auf Mensch und Umwelt ausübten. Die Gefahr dauerte auch noch an, als sie sich auf den Weg zurück zum Hotel begab. Angesichts der Tatsache, dass sich die Beschwerdeführerin nicht auf dem Festland, sondern fernab auf einer kleinen Insel befand, keine näheren Informationen über das soeben vorgefallene und das weitere Geschehen hatte und nicht wusste, ob allenfalls eine weitere Flutwelle sich ausbreiten würde, endete das Ereignis für sie nicht mit dem Rückgang der Fluten. Vielmehr stand sie faktisch während zwei Tagen unter seelischem Druck. Hinzu kommt, dass vor dem 26. Dezember 2004 praktisch niemand wusste, was ein Tsunami ist, wie er verläuft und wie lange er andauert. 4.4 Im Rahmen der rechtlichen Einordnung gilt es, das Geschehnis in seiner Gesamtheit zu würdigen (RKUV 2005 Nr. U 542 S. 144, U 46/04). Dabei muss sich die schädigende äussere Einwirkung, um noch als plötzlich erfolgt gelten zu können, nicht auf einen blossen kurzen Augenblick beschränken. Vielmehr genügt es, dass es sich um einen einmaligen Vorfall handelt, der sich in einem relativ kurzen, bestimmt abgegrenzten Zeitraum vollzieht (EVGE 1939 S. 102 E. 5 S. 118). Hält man sich die Situation der Beschwerdeführerin vom Entgegenkommen der Wassermassen bis zur Evakuierung auf die Halbinsel Phuket vor Augen, so erschöpfte sich die Schreckwirkung der Tsunamikatastrophe bei ihr nicht allein auf die entgegenkommenden Wassermassen, sondern erstreckte sich auf den optischen Eindruck beim Anblick der gewaltigen Auswirkungen der Flutwelle und die damit verbundene todbringende Gefahr, bis hin zum Zeitpunkt, als sie die Insel mit Hilfe der Armee schliesslich verlassen konnte. Auch wenn sich die durch die erste Flutwelle verursachte Hauptkatastrophe nicht in unmittelbarer Gegenwart der Beschwerdeführerin zugetragen hat, stellen die von ihr miterlebten Geschehnisse und damit verbundenen seelischen Eindrücke einen einheitlichen, einmaligen Vorfall dar, der ein aussergewöhnliches Schreckereignis im Sinne der Rechtsprechung und damit einen Unfall im Sinne von Art. 4 ATSG darstellt.