Citation: 8C_824/2023 E. 5.1

5.1. Im Rahmen der Neuprüfung des Rentenanspruchs gelangte das kantonale Gericht gestützt auf das als beweiskräftig erachtete psychiatrische Gutachten des Dr. med. B.________ vom 13. März 2018 zum Schluss, dass die Beschwerdegegnerin in der Zeit von Februar 2003 bis Sommer 2015 nicht an einer relevanten Gesundheitsbeeinträchtigung gelitten und mangels Invalidität somit auch keinen Anspruch auf eine Invalidenrente gehabt habe. Gemäss dem Sachverständigen habe die Eröffnung des Strafverfahrens sodann jedoch nicht nur zu einer psychosozialen Belastung, sondern zu einer "eigenständigen" Erkrankung im Sinne einer arbeitsfähigkeitsmindernden Anpassungsstörung mit einer depressiven Beeinträchtigung geführt. Für die Zeit ab Sommer 2015 sei daher gestützt auf das Gutachten von einer Arbeitsunfähigkeit von "maximal 30 (bis 40) Prozent" auszugehen. Nach der Praxis des Bundesgerichts müsse bei einer Angabe eines Bereiches, in dem der Arbeits (un) fähigkeitsgrad liege, immer auf den Mittelwert, hier also 35 % abgestellt werden. Hinsichtlich der erwerblichen Auswirkungen dieser Arbeitsunfähigkeit erwog das kantonale Gericht sodann, es seien sowohl das Validen- als auch das Invalideneinkommen anhand des statistischen Zentralwerts für Hilfsarbeiterinnenlöhne der Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamts für Statistik zu ermitteln. Demnach könne der Invaliditätsgrad anhand eines sogenannten Prozentvergleichs berechnet werden, d.h. er entspreche dem Grad der Arbeitsunfähigkeit, korrigiert um einen dem Tabellenlohnabzug analogen Abzug. Da die Berücksichtigung eines mehr als zehn Prozent betragenden Abzugs hier praxisgemäss nicht in Frage komme, belaufe sich der Invaliditätsgrad für die Zeit ab dem 30. Juni 2015 auf grundsätzlich rentenbegründende 42.5 %. Da ein gewisser Zusammenhang zwischen der Eröffnung des Strafverfahrens und der Gesundheitsbeeinträchtigung bestehe, stelle sich jedoch die Frage nach einer Leistungskürzung oder -verweigerung nach Art. 21 Abs. 1 ATSG. Die IV-Stelle habe diese Frage nicht beantwortet, weil sie überzeugt gewesen sei, dass die Beschwerdegegnerin ohnehin nicht rentenbegründend invalid sei. Eine Beantwortung im Beschwerdeverfahren, ohne dass sich die Beschwerdegegnerin vorgängig damit befasst hätte, hätte zur Folge, dass diese die "erstinstanzliche" Subsumtion nur noch mit einer Beschwerde an das Bundesgericht anfechten könnte. Deshalb werde kein Feststellungsentscheid betreffend die Rentenstufe und den Rentenbeginn gefällt, sondern lediglich festgestellt, dass die Beschwerdegegnerin ab dem 30. Juni 2015 zu 42.5 % invalid gewesen sei. Zur Anwendung des Art. 21 Abs. 1 ATSG, zur Bestimmung der Rentenstufe und des Rentenbeginns sowie zur Festsetzung der Rentenbeträge werde die Sache an die IV-Stelle zurückgewiesen.