Citation: U 426/04 30.03.2005 E. 3.1

3.1.1 Die Klinik B.________ stellte im Bericht vom 12. August 1998 folgende Diagnose: ausgedehntes myofasciales Syndrom ausgehend vom Nacken-/Schultergürtel ohne nennenswerte Funktionseinschränkung sowohl für die HWS als auch für die Schultergelenke und ohne neurologische Defizite bei Zustand nach HWS-Distorsion und multiplen Kontusionen am 9. Dezember 1997, asthenischem Körperbau, Fehlhaltung/-belastung (Schulterprotraktionshaltung, Kopfprotraktionshaltung, Abflachung des cervico-thorakalen Übergangs sowie interscapulärer BWS-Abflachung) und muskulärer Dekonditionierung; symptomatische (Schwindelepisoden) arterielle Hypotonie. Dem Versicherten sei eine wechselbelastende leichte bis mittelschwere Arbeit ganztags zumutbar. 3.1.2 Im Rahmen der MEDAS-Begutachtung vom 23. Oktober 2000 wurde der Versicherte rheumatologisch, psychiatrisch und neuropsychologisch abgeklärt. Die MEDAS stellte folgende Diagnose mit Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit: somatisch initiiertes chronisches Schmerzsyndrom (jahrelange Knieschmerzen bei [gemäss Eigenangabe] Morbus Osgood-Schlatter, HWS-Distorsion 12/97 und 11/99), unter dem Einfluss psychosozialer Faktoren chronifiziert; Angst und Depression gemischt in schwerer psychosozialer Belastungssituation. Der Versicherte weise vermutlich seit dem Kindes- bzw. Jugendalter einen niedrigen Blutdruck auf; weiter sei ein Morbus Osgood-Schlatter diagnostiziert worden, weswegen er fortbestehend an Kniebeschwerden leide. Es könne keine derart schwere psychische Störung diagnostiziert werden, als dass dem Versicherten eine Arbeit in geschlossenen Räumen grundsätzlich nicht zumutbar wäre. Insofern müsse seine Selbstlimitierung bezüglich der beruflichen Möglichkeiten als invaliditätsfremd gewertet werden. Insgesamt lägen aus psychiatrischer Sicht eine psychopathologische milde Angst- und depressive Symptomatik sowie eine chronifizierte Schmerzsymptomatik vor, bei welcher der Verdacht auf eine erhebliche psychogene Komponente bestehe (ungewöhnlich für eine somatische Schmerzkrankheit sei z.B., dass sämtliche Medikamente gar keinen Effekt hätten), ohne dass jedoch der Beweis dafür angetreten werden könne, weil die Angaben des Versicherten zur emotionalen Sphäre spärlich seien. Auf Grund der Schwindelbeschwerden und der psychiatrischen Beurteilung sei er zu 20 % in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Das gelte auch für die zuletzt ausgeübten Aushilfstätigkeiten, z.B. als Chauffeur. Aus rheumatologischer Sicht sei die frühere Tätigkeit als Bauspengler unzumutbar. Auf Grund der objektivierbaren neurologischen und rheumatologischen Befunde bestehe hingegen für eine körperlich leichtere bis vereinzelt mittelschwere Tätigkeit ohne ausgesprochene Zwangshaltungen und ohne häufiges Heben schwererer Lasten keine wesentliche Einschränkung, so dass in einer solchen angepassten Tätigkeit von einer 80%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen sei. Die Arbeits- und Krankheitsprognose sei eher schlecht. Als invaliditätsfremde Faktoren seien hiefür der fehlende Berufsabschluss, die längerfristige Arbeitslosigkeit sowie die psychosoziale Situation und Grundeinstellung des Versicherten zu nennen, der es weitestgehend ablehne, sich mit seiner beruflichen Situation auseinanderzusetzen. 3.1.3 Der Versicherte wurde zu Handen der Invalidenversicherung in der Beruflichen Abklärungsstelle (BEFAS) L.________ untersucht. Im Bericht vom 22. August 2001 wurde dargelegt, beim Versicherten bestehe eine Einschränkung der intellektuellen Möglichkeiten, so dass davon ausgegangen werden könne, diese sei durch die HWS-Distorsion noch verschärft worden. Es müsse auch angenommen, dass mit dem somatisch initiierten Schmerzsyndrom und der Entwicklung von Angst und Depression eine posttraumatische Belastungsstörung vergesellschaftet sei. Der Versicherte müsse Gelegenheit erhalten, allenfalls diese schwerwiegende psychiatrische Problematik unter fachkundiger Führung aufzuarbeiten. Auf somatischer Ebene sei er für leichte bis mittelschwere Arbeiten, unter Vermeidung von Zwangshaltungen, repetitiven Belastungen der Wirbelsäule und Arbeiten auf einer Leiter, ganztägig arbeitsfähig. 3.1.4 Am 12. Juli 2002 erstellten die Psychiatrischen Dienste Y.________ zu Handen der Invalidenversicherung eine Expertise, worin folgende Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellt wurde: gemischte Persönlichkeitsstörung mit paranoiden, narzisstischen und schizoiden Anteilen auf dem Boden einer depressiven Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F61.0; der Beginn der Störung könne rückblickend auf den Zeitpunkt nach Beendigung der Lehrzeit, ca. 1993 angesetzt werden); anhaltende somatoforme Schmerzstörung, somatisch initiiert (ICD-10: F45.4; seit 12/97 und 11/99, laut Unterlagen). Seit 1998 verliefen Rehabilitationsbemühungen erfolglos. Im Rahmen der MEDAS- und BEFAS-Abklärungen werde eine passiv-aggressive, kritisierende Verweigerungshaltung unterstrichen. Daraus habe man schliessen können, dass die bereits in der primären Ausbildung vorhandene narzisstische Störung durch die Belastungssituation, als die man die Abklärungen und Rehabilitationsversuche aus der Sicht des Versicherten bezeichnen müsse, nun verstärkt Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit habe. Die mittlerweile manifeste Persönlichkeitsstörung verhindere ein weiteres Fortschreiten rehabilitativer Massnahmen. Mit Kenntnis des weiteren Krankheitsverlaufs habe sich die verminderte Einsatzfähigkeit auf dem freien Arbeitsmarkt in einem Angestelltenverhältnis von mehr als 20 % schon in der (MEDAS-)Beurteilung im September 2000 abgezeichnet, obschon die Beurteilung schlussendlich günstiger ausgefallen sei. Dies stelle sicherlich keinen Widerspruch zum heutigen Stand der Dinge dar. Das Ausmass und die Gewichtigkeit der Diagnose in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit seien erst jetzt erkennbar. Die Entwicklung der Arbeitsfähigkeit habe eine negative Tendenz gezeigt. Die bereits vor zwei Jahren formulierten kritischen Äusserungen gegenüber unselbstständiger Arbeit bei niedriger Bezahlung in geschlossenen Räumen manifestierten sich heute in einer Ausschliesslichkeit, die zu einer selbstständigen Erwerbstätigkeit als Vertreter von Nahrungsmittelprodukten führe. Als einzige durchgehende Beschäftigung beschreibe der Versicherte nämlich die Tätigkeit als Vertreter für Nahrungsergänzungsprodukte der Firma "R.________", die er schon vor dem Unfall vom 9. Dezember 1997 ausgeübt habe. Er schätze, dass er in dieser Tätigkeit zu 50 % eingeschränkt sei, was realistisch sei. Inwieweit hier ein Verkennung der Realität vorliege, könne im Rahmen dieser Beurteilung nicht ausreichend quantifiziert werden. Insgesamt entstehe der Eindruck, dass der Versicherte die selbstständige Tätigkeit in narzisstischer Selbstüberschätzung idealisiere. Möglicherweise werde dies durch die Marketingstrategie der Firma unterstützt, wodurch seine Tendenz der emotionalen Entfernung von den Wiedereingliederungsmassnahmen noch besser erklärbar werde. Trotz all dieser Vorbehalte scheine dies aber die Tätigkeit, mit der er sich identifiziere und damit die grössten Chancen einer eigenständigen Erwerbstätigkeit habe. Als Bauspengler sei er zu 100 % arbeitsunfähig. 3.1.5 Prof. Dr. med. N.________ stellte im Gerichtsgutachten vom 2. April 2004 folgende Diagnose: degenerative Veränderungen C3/4 und C5/6; congenitale Asymmetrie der Massa lateralis C1; mögliche Verletzung des Ligamentum transversum atlantis links ohne Instabilität. Radiologisch könne er keine Veränderungen finden, die mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf die zwei Unfälle zurückzuführen seien.