Citation: 5C.90/2003 29.08.2003 E. 3

Mag die obergerichtliche Beurteilung hinsichtlich der Abmeldung bei der Einwohnerkontrolle noch vertretbar sein, so ist dies bereits mit Bezug auf die Kündigung der Familienwohnung fraglich; die Verletzung von Art. 169 Abs. 1 ZGB mittels Fälschung der Unterschrift der Klägerin wiegt schwer. Schlechthin unbegreiflich ist jedoch die Äusserung, der heimliche Bezug des Vorsorgeguthabens unter Fälschung der Unterschrift des anderen Ehegatten sei eine Unannehmlichkeit, wie sie bei jeder strittigen Scheidung auftrete. Art. 122 ZGB räumt dem Ehegatten einen Anspruch auf die Hälfte der für die Ehedauer zu ermittelnden Austrittsleistung des anderen Ehegatten ein. Diese Vorschrift stellt eine der wichtigen Errungenschaften des neuen Scheidungsrechts dar (vgl. BBl 1996 I S. 99 ff.; Schwenzer, Praxiskommentar Scheidungsrecht, Basel 2000, N. 18 Vorb. zu Art. 122-124 ZGB). Sie bezweckt den gerechten Interessenausgleich zwischen den Ehegatten und soll Versorgungslücken für die versicherten Ereignisse wie Alter und Invalidität verhindern (vgl. Sutter/Freiburghaus, Kommentar zum neuen Scheidungsrecht, Zürich 1999, N. 10 Vorb. zu Art. 122-124 ZGB). Vorliegend haben die Parteien eine mehr als zwanzig Jahre dauernde Ehe geführt. Entsprechend gross ist mit über Fr. 400'000.-- das Vorsorgeguthaben. Mit der ihr gemäss Art. 122 ZGB zustehenden Hälfte der Freizügigkeitsleistung hätte die Klägerin die versicherten Risiken in angemessenem Umfang abdecken können. Dies wäre im vorliegenden Fall umso wichtiger gewesen, als es der heute 56-jährigen Frau kaum mehr möglich sein wird, aus eigenen Kräften eine ausreichende private Altersvorsorge aufzubauen. Diese Fakten hat das Obergericht in seinen Erwägungen vollständig ausser Acht gelassen. Die erste Instanz hat immerhin noch erwogen, der Klägerin bleibe der Entschädigungsanspruch nach Art. 124 ZGB. Dieser hilft ihr indes wenig, wenn der Beklagte das Vorsorgeguthaben während der Vierjahresfrist gemäss Art. 114 ZGB verbraucht oder jedenfalls so verschoben haben sollte, dass der vollstreckungsrechtliche Zugriff nicht mehr gewährleistet wäre. Wie das erstinstanzliche Urteil zeigt - das obergerichtliche Urteil entbehrt einer kohärenten Sachverhaltsdarstellung -, hat der Beklagte im Übrigen planmässig operiert und die Klägerin systematisch hintergangen: So hat er nicht nur mehrfach ihre Unterschrift gefälscht, um die eheliche Wohnung zu kündigen, die Abmeldung bei der Einwohnerkontrolle vorzunehmen und insbesondere das Vorsorgeguthaben zu beziehen, vielmehr hat er nach den Aussagen der Klägerin auch sämtliche Möbel, das gemeinsame Auto und selbst ihre persönlichen Sachen wie Kleider und Schuhe heimlich nach Kroatien überführt. Vor diesem Hintergrund, insbesondere aber angesichts der Prellung um die ganz erheblichen Vorsorgemittel ohne die Möglichkeit, sich noch in angemessener Weise eine eigene berufliche Vorsorge aufbauen zu können, ist es der Klägerin nicht zuzumuten, mit dem Beklagten auch nur auf dem Papier weiterhin verheiratet zu sein. Sie hat demnach einen auf Art. 115 ZGB gestützten Anspruch auf Scheidung vor Ablauf der vierjährigen Trennungsfrist. In Gutheissung der Berufung ist das Urteil des Obergerichts des Kantons Aargau, 1. Zivilkammer, vom 18. Februar 2003 aufzuheben und die Sache zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückgewiesen.