Citation: I 200/03 26.07.2004 E. 4

Die Vorinstanz legte gestützt auf das gerichtlich in Auftrag gegebene Gutachten von Dr. med. B.________ vom 24. August 2002 den Beginn der Arbeitsunfähigkeit von 50 - 55% auf September 1994 fest. Die Beschwerdeführerin rügt, dass das fragliche Gutachten aus dem Jahre 2002 stamme, sich aber zu einer acht Jahre zurückliegende Arbeitsunfähigkeit äussere. Es sei gerade im Bereich der psychischen Erkrankungen, wo grosse Schwankungen auftreten könnten, äusserst heikel, Einschätzungen des Gesundheitszustandes oder der medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit über einen grösseren Zeitraum rückwirkend abzugeben. Es sei nicht nachvollziehbar und auch nicht gerechtfertigt, auf diese Einschätzung abzustellen, da die im Jahre 1997 behandelnde Ärztin, Frau Dr. med. S.________, FMH für Psychiatrie, in ihrem Bericht vom 20. August 1997 die Arbeitsunfähigkeit lediglich "ca. 1 1/2 Jahre" zurückdatiert habe. Es fehle an Gründen, sich beim Zeitpunkt des Rentenbeginns auf das Gerichtsgutachten abzustützen. Zu prüfen ist somit, ob und ab wann die Beschwerdegegnerin während eines Jahres durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen war (Art. 29 Abs. 1 lit. b IVG). 4.1 Die Beschwerdegegnerin meldete sich am 29. Oktober 1996 zum Leistungsbezug an. Der Anmeldung lag eine Adressliste bei. Dieser ist zu entnehmen, dass die ärztliche Behandlung am 16. November 1993 bei Dr. med. C.________, FMH für Psychiatrie, begann (Dauer bis 14. März 1995). Zum Zeitpunkt der Anmeldung war die Versicherte bei Frau Dr. med. S.________ und beim Hausarzt Dr. med. I.________, Allgemeine Medizin FMH, in Behandlung. An Medikamenten nahm sie damals gemäss der erwähnten Liste Deanxit, Zoloft, Akineton, Melleril 10 mg und 25 mg, Xanax 0,5 mg und Temesta 1.0 mg ein, somit fünf verschiedene Psychopharmaka und ein Medikament gegen Tremor. Ergänzte Medikamentenlisten finden sich im Bericht von Dr. med. I.________ vom 7. Mai 1997 (Zoloft, Deanxit, Melleril, Xanax und Akineton bei Bedarf) und im Abklärungsbericht zum Haushalt vom 3. Januar 1998 (Zoloft, Deanxid, Truxal, Temesta, Litarex). 4.2 In den Akten liegen ferner ein Bericht von Dr. med. T.________, Chefarzt der Klinik für Orthopädie am Spital U.________, vom 27. März 1997 mit Befunden am linken Knie (Knorpelfraktur in der Hauptbelastungszone des Condylus femoris medialis) ohne Hinweis auf die Auswirkungen auf die Arbeitsunfähigkeit, der erwähnte Bericht von Dr. med. I.________ vom 7. Mai 1997 mit ausführlichen Diagnosen und dem Hinweis, dass die behandelnde Psychiaterin vertiefte Auskünfte geben könne, und einer bestätigten Arbeitsunfähigkeit von 50%, ein Bericht von Frau Dr. med. S.________ vom 20. August 1997 mit der Diagnose "schwere chronische Depression", einer Bestätigung, dass die Beeinträchtigung der Arbeitsunfähigkeit seit ca. 1 1/2 Jahren andauere und einem Beiblatt mit handschriftlichem Vermerk der Abklärungsperson, dass sie die Versicherte im Gegensatz zur Ärztin für nicht fähig halte, ihre beiden Kinder zu unterstützen. Weiter finden sich ein erneuter Bericht von Frau Dr. med. S.________ vom 15. Mai 1998 mit der Angabe einer je 50%-igen Arbeitsunfähigkeit im Erwerbsbereich und im Haushalt, ein Bericht vom 6. Oktober 1998 von Dr. med. C.________ ohne Angaben zur Arbeitsunfähigkeit, aber mit der Bemerkung, dass die Beschwerdegegnerin bei ihm vom 16. November 1993 bis 14. März 1995 wegen traumatischer Ehesituationen mit Angst- und Zitteranfällen in Behandlung war, und ein Abklärungsbericht zum Haushalt vom 3. Januar 1998 mit der Schlussfolgerung, dass die Versicherte bei einem Anteil der Haushaltsarbeit von 50% zu 47% eingeschränkt sei, was einen Invaliditätsgrad von 23.5% ausmache. Im Bericht vom 15. Juli 1999 führt Frau Dr. med. S.________ aus, die Arbeitsunfähigkeit der Versicherten hinsichtlich Haus- und Heimarbeit liege je nach psychischem Zustand schwankend zwischen 25% - 50%. Eine Halbtagsarbeit ausser Haus sei ihr aber nicht möglich. 4.3 Im Bericht vom 18. April 2000 bestätigt der die Versicherte behandelnde Psychotherapeut, lic. phil. G.________, Psychotherapeut SPV, psychotherapeutische Praxis, der Versicherten eine 50%-ige Arbeitsfähigkeit im Haushalt und für Heimarbeiten, unter anderem weil sie diese Arbeiten zeitlich mit ihrem jeweiligen Befinden koordinieren könne. Als Teilerwerbstätige ausser Haus sei sie aber arbeitsunfähig. Parallel sei die Versicherte noch in rheumatologischer und homöopathischer Behandlung. Aus rheumatologischer Sicht sei sie gemäss der behandelnden Rheumatologin, Frau Dr. med. W.________, Physika-lische Medizin FMH, speziell Rheumaerkrankungen, für Arbeiten als Raumpflegerin zu 100% arbeitsunfähig. Für leichte Arbeiten sei sie 50% arbeitsfähig. Die Tätigkeit müsste aber die Möglichkeit wechselnder Körperstellung mit Pausen gewährleisten. 4.4 Der von der Vorinstanz beauftragte Dr. med. B.________ hielt in seiner Expertise vom 24. August 2002 dafür, dass die Ereignisse um die Ehescheidung das psychophysische Gesamtbefinden der Versicherten derart in Mitleidenschaft gezogen hätten, dass ihre Arbeitsfähigkeit in wesentlichem Ausmass beeinträchtigt worden sei. Seit September 1994 habe diese höchstens noch 45% - 50% betragen und sei im Verlauf der folgenden Jahre bis zum 19. Juli 2001 weiter gesunken, so dass sie zum Zeitpunkt der IV-Verfügung höchstens noch 25% - 30% ausgemacht habe. 4.5 Der Beschwerdeführerin ist zwar zuzustimmen, dass retrospektive Beurteilungen der Arbeitsunfähigkeit schwierig sind und entsprechende Begutachtungen deshalb erhöhten Ansprüchen genügen sollten. Die Gutachterin bzw. der Gutachter hat - soweit nötig - hierbei alle Informationsquellen zu berücksichtigen, die zur Verfügung stehen, wie die Krankengeschichten der behandelnden Ärztinnen und Ärzte, ausführliche Patienten-, Fremd- und Sozialanamnesen und die vollständigen Akten der involvierten Sozialversicherer und Behörden (allenfalls inkl. Unterlagen der Krankenversicherer). Dem der Argumentation der Beschwerdeführerin implizite zu entnehmenden Ansinnen, rückwirkende Beurteilungen der Arbeitsunfähigkeiten etwa bei psychischen Leiden zu erschweren oder gar grundsätzlich abzulehnen, kann aber nicht gefolgt werden. 4.6 Vorliegend bringt die Beschwerdeführerin gegen das Abstützen der Vorinstanz auf das Gerichtsgutachten lediglich die Rüge vor, der Experte sei in nicht nachvollziehbarer Weise von der früheren Beurteilung der behandelnden Ärztin hinsichtlich Beginn der Arbeitsunfähigkeit abgewichen. 4.6.1 Bei Gerichtsgutachten weicht das Gericht nach der Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung der medizinischen Fachleute ab, deren Aufgabe es ist, ihre Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Expertise widersprüchlich ist oder wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu anderen Schlussfolgerungen gelangt. Abweichende Beurteilung kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachleute dem Gericht als triftig genug erschienen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung durch eine weitere Fachperson im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne eine solche vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (BGE 125 V 352 Erw. 3b/aa mit Hinweisen). 4.6.2 Die Vorinstanz hat sich mit Recht auf das gerichtliche Gutachten abgestützt. Zwar hat die ab 1996 behandelnde Psychiaterin im Bericht vom 20. August 1997 auf die Zusatzfrage, seit wann und in welchem Ausmass aus psychiatrischer Sicht eine Einschränkung der Arbeitsunfähigkeit bestehe, den Beginn der Arbeitsunfähigkeit in der Tat lediglich anderthalb Jahre zurückverlegt. Tatsache ist aber, dass die Versicherte seit 1993 in psychiatrischer Behandlung war und sie gleichzeitig an physischen Beschwerden litt, die nicht in die psychiatrische Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit von Frau Dr. med. S.________ eingeflossen sind. Diese beantwortete zudem im selben Arztzeugnis die Frage, seit wann der Gesundheitsschaden bestehe mit: "seit der Kindheit". Mit der eher optimistischen Beurteilung der Arbeitsfähigkeit im Haushalt durch Frau Dr. med. S.________ war zudem die mit den Haushaltabklärungen betraute Mitarbeiterin der IV-Stelle nicht einverstanden. Auch der medizinische Dienst der Beschwerdeführerin nimmt an, dass die 50%-ige Arbeitsunfähigkeit bereits seit der Scheidung bestanden hatte. Die initiale Auslösung der Arbeitsunfähigkeit durch die schweren psychischen Leiden als Folge von Ereignissen vor und während der Scheidung und des miterlebten Mordes im Frauenhaus U.________ erscheint einleuchtend, so dass der Vorinstanz gefolgt werden kann und in der Prüfung der Ansprüche der Beschwerdegegnerin auf die Ergebnisse des gerichtlichen Gutachtens abzustellen ist.