Citation: 9C_131/2022 E. 4.1.3

4.1.3. Zu den voraussichtlichen erwerblichen Auswirkungen der Autismus-Spektrum-Störung führt der jugendpsychiatrische Gutachter aus, einerseits sei der sozialen Belastbarkeit Rechnung zu tragen (Notwendigkeit "automatisierter Abläufe in gut strukturierten Umgebungen"), anderseits aber auch einer "ausgeprägten intellektuellen Begabung vor allem im Erkennen komplexer Zusammenhänge". Man werde den Beschwerdeführer auf eine Tätigkeit vorbereiten müssen, die beide Komponenten einbeziehe, so dass weder eine kognitive Unterforderung noch eine emotionale Überforderung eintrete. Der Sachverständige geht von einer beruflichen Integration in den zweiten Arbeitsmarkt aus (Gutachten vom 6. November 2020). Die neuropsychologische Gutachterin schildert ein inhomogenes Leistungsprofil; dem überdurchschnittlichen intellektuellen Leistungsniveau stünden Schwächen in exekutiven Funktionen (z.B. verlangsamte psychomentale Verarbeitung), in der Aufmerksamkeit und in der sozialen Interaktion gegenüber. Dies bedinge einen erheblichen psychomentalen Mehraufwand beim Ausführen von Aktivitäten und Bearbeiten von Aufgaben. Die "asymmetrisch konstellierte intellektuelle Leistungsfähigkeit" stelle im Leistungskontext einen erheblichen Vulnerabilitätsfaktor dar, sofern nicht berücksichtigt werde, dass die Umsetzung der überdurchschnittlichen intellektuellen Leistungsfähigkeit in praktisches Handeln und soziales Tun erheblich erschwert sei. Aus rein neuropsychologischer Sicht bestehe eine theoretische Leistungsfähigkeit "sowohl für Ausbildungszwecke wie auch in einer leidensangepassten Tätigkeit" von 50 Prozent. Im vertrauten Schulbetrieb könne der Versicherte die ihm obliegenden Aufgaben selbständig bearbeiten; im Rahmen eines späteren Hochschulstudiums wäre er wahrscheinlich anfangs auf ein begleitendes Coaching bezüglich Organisation und Planung des Studiums und bezüglich der Entwicklung von funktionalen Arbeitstechniken angewiesen (Gutachten vom 8. Februar 2021). Der RAD schliesslich hielt die neurokognitiven Einschränkungen für so ausgeprägt, dass eine spätere berufliche Tätigkeit auf dem Niveau einer Maturität oder eines Hochschulstudiums nicht wahrscheinlich sei, auch nicht mit dem gutachterlich veranschlagten Leistungsgrad von 50 Prozent. Die für den Arbeitsmarkt entscheidenden limitierenden neurokognitiven Einschränkungen (zu langsames Arbeitstempo, Planungsdefizite, Angewiesensein auf äussere Strukturierungshilfen) würden, da strukturell bedingt, im Wesentlichen konstant bleiben. Mit steigender Qualifikation habe der Versicherte im Verhältnis zu nicht beeinträchtigten, gleich qualifizierten Arbeitnehmern zunehmend Nachteile zu gewärtigen. Die Matura per se werde keine verbesserte Arbeitsfähigkeit auf höherem Arbeitsniveau zur Folge haben. Aus Sicht des RAD sei stattdessen eine Berufslehre anzustreben, dies mit dem Ziel, im ersten Arbeitsmarkt Fuss zu fassen (Stellungnahmen vom 19. Februar 2021 und vom 19. Mai 2021).