Citation: I 647/05 16.08.2006 E. 3

Die Vorinstanz ging mit der IV-Stelle davon aus, die von Frau Dr. med. G.________ in ihrem Schlussbericht vom 3. Februar 2003 diagnostizierte somatoforme Schmerzstörung führe nicht zu einer rentenbegründenden Invalidität. Vielmehr seien die Voraussetzungen für eine dem Beschwerdeführer zumutbare Willensanstrengung zur Ausschöpfung seiner Restarbeitsfähigkeit erfüllt. Diese betrage gemäss der BEFAS-Abklärung 80 %, wobei die BEFAS-Beurteilung wie auch das Gutachten der Frau Dr. med. G.________ den rechtsprechungsgemässen (BGE 125 V 352 Erw. 3 mit Hinweisen) Anforderungen an eine beweiskräftige ärztliche Entscheidungsgrundlage genüge. Es bestehe auch kein Anspruch auf eine befristete Rente. Demgegenüber bestreitet der Beschwerdeführer den Beweiswert des Gutachtens der Frau Dr. med. G.________, da von den 14 Konsultationen, auf welchen deren Beurteilung beruhe, nur die letzte unter Beizug eines Dolmetschers erfolgt sei und deren Diagnosen nicht schlüssig seien. Zudem sei es widersprüchlich, die Überwindbarkeit der somatoformen Schmerzstörung anzunehmen, gleichwohl aber von einer reduzierten Arbeitsfähigkeit auszugehen. 3.1 Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens, so auch einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung, setzt zunächst eine fachärztlich (psychiatrisch) gestellte Diagnose nach einem wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 130 V 398 ff. Erw. 5.3 und Erw. 6). Eine diagnostizierte anhaltende somatoforme Schmerzstörung begründet indes als solche noch keine Invalidität. Vielmehr besteht eine Vermutung, dass die somatoforme Schmerzstörung oder ihre Folgen mit einer zumutbaren Willensanstrengung überwindbar sind. Bestimmte Umstände, welche die Schmerzbewältigung intensiv und konstant behindern, können den Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess unzumutbar machen, weil die versicherte Person alsdann nicht über die für den Umgang mit den Schmerzen notwendigen Ressourcen verfügt. Ob ein solcher Ausnahmefall vorliegt, entscheidet sich im Einzelfall anhand verschiedener Kriterien. Im Vordergrund steht die Feststellung einer psychischen Komorbidität von erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer. Massgebend sein können auch weitere Faktoren, so: chronische körperliche Begleiterkrankungen; ein mehrjähriger, chronifizierter Krankheitsverlauf mit unveränderter oder progredienter Symptomatik ohne längerdauernde Rückbildung; ein sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens; ein verfestigter, therapeutisch nicht mehr beeinflussbarer innerseelischer Verlauf einer an sich missglückten, psychisch aber entlastenden Konfliktbewältigung (primärer Krankheitsgewinn; "Flucht in die Krankheit"); das Scheitern einer konsequent durchgeführten ambulanten oder stationären Behandlung (auch mit unterschiedlichem therapeutischem Ansatz) trotz kooperativer Haltung der versicherten Person (BGE 130 V 353 Erw. 2.2.3). Je mehr dieser Kriterien zutreffen und je ausgeprägter sich die entsprechenden Befunde darstellen, desto eher sind - ausnahmsweise - die Voraussetzungen für eine zumutbare Willensanstrengung zu verneinen (Meyer-Blaser, Der Rechtsbegriff der Arbeitsunfähigkeit und seine Bedeutung in der Sozialversicherung, in: Schmerz und Arbeitsunfähigkeit, St. Gallen 2003, S. 77). 3.2 Während Frau Dr. med. G.________ in ihrem Erstbericht vom 10. August 2001 betreffend die Konsultation vom 31. Juli 2001 als Diagnose noch "deutliche Hinweise für eine chronische posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10:F62.0)" angab, ging sie in ihrem Schlussbericht vom 3. Februar 2003 von einer leicht bis mittelgradig ausgeprägten chronischen somatoformen Schmerzstörung (ICD-10:F45.4) sowie leicht ausgeprägten vereinzelten Symptomen einer chronischen posttraumatischen Belastungsstörung aus (ICD-10:F62.0). 3.2.1 Dabei fällt zunächst auf, dass die von ihr gestellten Diagnosen nicht mit den angegebenen ICD-Kodifizierungen übereinstimmen: So wird die von der Ärztin diagnostizierte posttraumatische Belastungsstörung nicht mit ICD-10:F62, sondern mit ICD-10:F43.1 kodifiziert, während der von ihr angegebene Code ICD-10:F62.0 für eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung steht. Dabei lässt sich der ICD-Kodifizierung zum Zusammenhang der verschiedenen Störungen Folgendes entnehmen: Eine andauernde Persönlichkeitsänderung kann der Erfahrung von extremer Belastung folgen. Die Belastung muss so extrem sein, dass die Vulnerabilität der betreffenden Person als Erklärung für die tiefgreifende Auswirkung auf die Persönlichkeit als Erklärung nicht ausreicht. Beispiele hierfür sind Erlebnisse in einem Konzentrationslager, Folter, Katastrophen, andauernde lebensbedrohliche Situationen (als Geisel, langandauernde Gefangenschaft mit drohender Todesgefahr). Eine posttraumatische Belastungsstörung (F43.1) kann dieser Form der Persönlichkeitsveränderung vorangehen. Sie wird dann als eine chronische, irreversible Folge von Belastung angesehen. Eine andauernde Persönlichkeitsänderung kann sich auch ohne vorangehende posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Damit bleibt letztlich unklar, welche der erwähnten Störungen Frau Dr. med. G.________ festgestellt hat und wie sich diese im Verlauf der Jahre nach ihrer Auffassung entwickelt haben sollen - eine Frage, welche insbesondere für die Beurteilung der Schwere der diagnostizierten Störungen von Bedeutung ist. In diesem Zusammenhang ist überdies festzuhalten, dass entgegen der Auffassung von Vorinstanz und Verwaltung eine posttraumatische Belastungsstörung nicht ohne weiteres als "importiert" zu gelten hat, da eine solche Störung gerade auch einige Zeit nach der erfolgten Belastung, hier einer mehrmonatigen Haft in einem Kriegsgefangenenlager, entstehen kann. 3.2.2 Sodann stellte Frau Dr. med. G.________ in ihrem Schlussbericht vom 3. Februar 2003 fest, im Verlauf der Therapie habe der Versicherte ein Krankheitsbild gezeigt, das mehr der Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung entspreche als einer Persönlichkeitsstörung infolge Traumatisierung. Welche Umstände sie jedoch zu dieser Einschätzung und einer Änderung der Diagnose veranlasst haben, wird weder ausdrücklich begründet noch ist dies gestützt auf ihre übrigen Ausführungen nachvollziehbar. Die in ihren Beurteilungen häufige Erwähnung der Erlebnisse im Gefangenenlager spricht jedenfalls gerade nicht für eine Abkehr von der Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung. Damit ist einerseits die Diagnose der somatoformen Schmerzstörung nicht gesichert. Andererseits bestehen mit der angegebenen postraumatischen Belastungsstörung Hinweise auf eine allenfalls bestehende, für die Frage der zumutbaren Willensanstrengung massgebende, psychische Komorbidität.