Citation: 6B_718/2013 E. 2.5

2.5. Der von der Vorinstanz vorgenommenen Würdigung der Aussagen und ihren Schlussfolgerungen kann grösstenteils nicht gefolgt werden. Soweit sie die Aussagen der Beschwerdeführerin analysiert, scheint sie u.a. aufgrund der fehlenden Details in den Schilderungen zum Kerngeschehen von einer tiefen Aussagequalität auszugehen. In ihre Würdigung bezieht sie weder das Aussageverhalten noch die persönliche Kompetenz der aussagenden Person mit ein (zur Aussageanalyse BGE 129 I 49 E. 5; 128 I 81 E. 2; je mit Hinweisen; vgl. auch BAUMER/LUDEWIG/TAVOR, Wie können aussagepsychologische Erkenntnisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen?, in AJP 11/2011, S. 1415 ff.). Aktenwidrig ist sodann die vorinstanzliche Feststellung, in den Ausführungen der Beschwerdeführerin fehlten Schilderungen von Interaktionen und Gesprächen ("Ich fragte ihn, was er hier mache und um was es hier gehe [...]. B.________ gab dann zur Antwort, dass wir uns nicht stören lassen sollen und er nicht einschlafen könne. Ich fragte dann A.________ [..]", Einvernahme der Beschwerdeführerin vom 28. Mai 2009, Zeilen 116 ff.; vgl. auch Einvernahme vom 2. November 2010, Zeilen 85 ff.) sowie von scheinbar unwichtigen Nebensächlichkeiten ("... und hörte irgendwann mal die Dusche...", Einvernahme vom 28. Mai 2009, Zeile 179; "Zwischendurch hörte ich immer wieder das Wasser in der Dusche. Auch der Fernseher lief.", a.a.O., Zeilen 212 f.; "Die Unterhosen hatte ich an. Der BH wurde mir von B.________ geöffnet.", a.a.O., Zeile 240) oder eigenen Gedanken und Gefühlen ("Ich drehte mich erschrocken um [...]", a.a.O., Zeile 115; "Ich war sehr enttäuscht [...]", a.a.O., Zeile 122; "Durch die Hand auf meinem Rücken bin ich sehr erschrocken", Einvernahme vom 2. November 2010, Zeile 85). Ob die belastenden Aussagen glaubhaft und überzeugend sind, lässt sich vorliegend im Übrigen erst aufgrund des persönlichen Eindrucks der Beschwerdeführerin beurteilen. Art. 343 Abs. 3 StPO sieht vor, dass ein im Vorverfahren ordnungsgemäss erhobenes Beweismittel nochmals abzunehmen ist, sofern seine unmittelbare Kenntnis für die Urteilsfällung notwendig erscheint. Die gerichtliche Einvernahme erlaubt namentlich, ergänzende Fragen zu stellen, die im Hinblick auf die Zuverlässigkeit einer Aussage von Bedeutung sind. Die Vorinstanz weist darauf hin, es würden einzigartige Details usw. fehlen. Indessen ist nicht bekannt, warum solche Angaben in den Einvernahmeprotokollen nicht vorhanden sind. Es sind verschiedene Gründe denkbar, weshalb sich eine aussagende Person in ihrer (freien) Schilderung kurz hält. Wenn die Vorinstanz dafürhält, von einem allfälligen Opfer eines solchen traumatischen Ereignisses sei ein detaillierter Bericht zu erwarten und die (teilweise) rudimentären Aussagen der Beschwerdeführerin würden für eine Verurteilung nicht ausreichen, so lässt sich eine derartige Feststellung ohne ergänzende Befragung und ohne persönlichen Eindruck nicht treffen. Gerade bei Sexualdelikten, die in der Regel aufgrund einer Beweiskonstellation der "Aussage gegen Aussage" zu beurteilen sind, ist die unmittelbare Wahrnehmung durch das Gericht unverzichtbar. Andernfalls beruht die Aussagewürdigung auf einer unvollständigen Grundlage, was bei sich widersprechenden Angaben um so stärker ins Gewicht fällt (hierzu Hans Mathys, Erstinstanzliches Hauptverfahren - Berufungsverfahren, in: Schweizerische Strafprozessordnung, Tag/Hauri [Hrsg.], 2010, S. 133 ff.). Indem die Vorinstanz abhandelt, die Angaben der Beschwerdegegner seien ihrer Auffassung nach nicht un glaubhaft, ist noch nicht dargelegt, ob bzw. weshalb diese glaubhaft sind. Eine derartige Erörterung hätte sich aber aufgedrängt, da vorliegend strittig ist, ob die sexuellen Handlungen erkennbar gegen den Willen der Beschwerdeführerin erfolgten. Diesbezügliche Erwägungen durch die Vorinstanz wären auch deshalb zwingend gewesen, weil die Angaben der Beschwerdegegner etliche Unstimmigkeiten und Widersprüche untereinander, insbesondere auch zum Beginn der sexuellen Handlungen sowie zu nicht unwichtigen Punkten, wie der Benützung eines Kondoms oder das Verlangen einer Pause durch die Beschwerdeführerin aufweisen (Einvernahmen Beschwerdegegner 2 und 3 vom 30. Oktober 2009 sowie Einvernahme Beschwerdegegner 4 vom 10. Juni 2010). Die vorinstanzliche Feststellung, aus keiner der Versionen der Beschwerdegegner ergäben sich Anhaltspunkte dafür, dass sich die Beschwerdeführerin gegen die sexuellen Kontakte ausgesprochen habe und sich die Beschwerdegegner darüber hinweg gesetzt hätten, vermag daran nichts zu ändern. Unbehelflich ist auch der Hinweis, die Beschwerdegegner 2 und 3 hätten nach Eingang der Anzeige keine Gelegenheit gehabt, sich abzusprechen. Entsprechende Möglichkeiten hätten offensichtlich bestanden, zumal die Beschwerdeführerin die Tat erst Jahre später anzeigte. Die Beweislage erscheint u.a. auch aufgrund der Aussagen des Beschwerdegegners 3 als zweifelhaft. Dieser gab zunächst an, der Beschwerdegegner 2 habe die Beschwerdeführerin "dann überredet" (Einvernahme vom 30. Oktober 2009, Zeile 41). Später erklärte er, es sei nie ein "richtiges Zwingen" gewesen, es sei einfach Small Talk [gewesen] (a.a.O., Zeile 202 f.). Ob die tatsächlichen Verhältnisse die tatbeständlichen Anforderungen eines Nötigungsmittels erfüllen, lässt sich erst auf Grund einer umfassenden Würdigung der relevanten konkreten Umstände entscheiden (BGE 126 IV 124 E. 3b S. 129). Entgegen der vorinstanzlichen Auffassung ist dies beim derzeitigen Aktenstand - ohne dem Strafrichter vorzugreifen - nicht möglich. Unter anderem ist unklar, wie die Aussage der Schwester der Beschwerdeführerin, "Ob sie da rausgekommen wäre, weiss ich nicht und wahrscheinlich sie selber auch nicht" (Einvernahme vom 2. Juni 2009, Zeile 37 f.), zu verstehen ist. Ihren Ausführungen lassen sich zwar keine Schilderungen entnehmen, wie die Beschwerdeführerin im Detail ihren Widerstand kundtat. Dies mutet aber auch nicht eigenartig an, wenn zwischen den Geschwistern ein enges und vertrautes Verhältnis besteht. Die Vorinstanz unterlässt es zu würdigen, dass die Schwester der Beschwerdeführerin angab, als diese erzählt habe, sei es sehr emotional geworden. Während des Erzählens habe sie [die Beschwerdeführerin] geweint. Es sei aus ihr herausgebrochen. Sie habe dann nicht mehr alles im Detail berichtet. So wie sie es ihr dargelegt habe, habe sie am Schluss mit Dreien Geschlechtsverkehr gehabt und sei quasi auf einem Sofa festgedrückt worden. Wer, wie, was und die Reihenfolge habe sie ihr nicht gesagt. Das Ganze müsse sehr gewaltvoll abgelaufen sein, so wie sie es ihr erzählt habe (a.a.O., Zeilen 38 ff.). Angesichts dieser Angaben ist die vorinstanzliche Auffassung, wonach aussagepsychologisch zu erwarten gewesen wäre, dass die Beschwerdeführerin ihre Schwester bei einem gewaltsamen Geschehen gegen ihren Willen detailliert auf die strafrechtlich relevanten Sachverhaltselemente hingewiesen hätte (Beschluss S. 10 E. 5.3), nicht nachvollziehbar. Auffallend ist, dass die Schwester der Beschwerdeführerin der Meinung ist, diese sei vom Beschwerdegegner 2 recht stark emotional abhängig gewesen. Sie suche stark nach Liebe und habe das in ihm gesehen (a.a.O., Zeile 27 f.). Trotz des Ermessens der Staatsanwaltschaft und der Vorinstanz erweist sich die Beschwerde als begründet. Bei zweifelhafter Beweislage ist grundsätzlich eine gerichtliche Beurteilung angebracht. Die Einstellung kann sich indes rechtfertigen, soweit unter Würdigung der gesamten Umstände eine Verurteilung als von vornherein unwahrscheinlich erscheint. Davon scheint zu Recht selbst die Vorinstanz nicht auszugehen. Indem sie zum Schluss gelangt, eine Verurteilung erscheine nicht wahrscheinlicher als ein Freispruch, ist noch nicht dargelegt, dass sie einen Freispruch als wahrscheinlicher erachtet. In Anbetracht der angezeigten schweren Sexualdelikte drängt sich überdies eine Anklageerhebung auch auf, wenn sich die Wahrscheinlichkeiten eines Freispruchs oder einer Verurteilung die Waage halten.