Citation: 4A_467/2020 E. 3.2.1

3.2.1. Der Gutachter weist in seiner Stellungnahme zu Recht darauf hin, es sei "nicht ganz konsistent", den Vorwurf der zu späten Intubation zu erheben und gleichzeitig zu verlangen, man hätte mit der Intubation bis zum Eintreffen des HNO-Arztes zuwarten sollen. Er verweist zusätzlich auf Punkt 4 des Gutachtens. Dort werde erläutert, weshalb eine "cannot inhalate, cannot intubate"-Situation, die einzige Situation, in der ein primärer transtrachealer Zugang geschaffen werden müsse, nicht voraussehbar gewesen sei und weshalb dies unabhängig davon kaum praktikabel gewesen wäre. Unter Punkt 6 des Gutachtens fänden sich Angaben darüber, weshalb auch ein bereitstehender HNO-Arzt am Verlauf in diesem speziellen Fall kaum etwas hätte ändern können. Damit findet die Annahme, die HNO-Ärztin wäre in der Lage gewesen, die hypoxische Hirnschädigung zu verhindern, in den Ausführungen des Gutachters keine Stütze. Dieser führte vielmehr aus, das Risiko bei einer ungünstigen Anatomie sei, dass grosse Blutgefässe im Halsbereich sowie Kehlkopf oder Luftröhre hätten verletzt werden können oder es zu einer paratrachealen Einlage gekommen wäre (Einlage neben der Luftröhre; gegebenenfalls mit Pneumothorax, Verletzung der grossen Gefässe wie Halsschlagader). Hier sei der Hals der Patientin voluminös und kurz und das Cricoid (Ringelknorpel des Kehlkopfs) palpatorisch kaum zu identifizieren gewesen, was eine Not-Tracheotomie nur als ultima ratio gerechtfertigt hätte. Das Durchführen einer Not-Tracheotomie wäre bei der Patientin eine "heroische" Intervention gewesen, weil der Ringelknorpel des Kehlkopfs aufgrund der Anatomie nicht identifizierbar gewesen sei.