Citation: 5A_765/2022 E. 3.2.1

3.2.1. Der Erbvertrag vom 13. Mai 2011, so die Vorinstanz, halte fest, welche Kinder aus der Ehe der Vertragsparteien hervorgegangen seien. Darüber, ob es auch vor- oder aussereheliche Kinder gebe, sei dem Erbvertrag keine explizite Aussage zu entnehmen. Die Beschwerdeführerin werde nicht erwähnt. Für den eingetretenen Fall des Vorversterbens eines der Ehegatten würden die genannten ehelichen Kinder auf den Pflichtteil gesetzt und "die gesamte verfügbare Quote" dem überlebenden Ehegatten zugewiesen. Die verfügbare Quote sei derjenige Teil der Erbschaft, der nach dem Abzug aller Pflichtteile vom gesamten Nachlass verbleibe. Nachdem die Errichtung des Erbvertrags vorliegend in öffentlicher Urkunde durch einen Notar erfolgt sei, sei davon auszugehen, dass dieser die eingesetzten Fachausdrücke in ihrem juristisch technischen Sinn verwendet, die Rechtslage gekannt und die Vertragsparteien pflichtgemäss darüber aufgeklärt habe. Offen sei allerdings, ob der Notar von der Existenz der Klägerin gewusst habe. Mit dem Erbvertrag hätten die Vertragsparteien insofern über den Nachlass des Erblassers verfügt, als sie die Pflichtteile den Berechtigten belassen und den Rest dem überlebenden Ehegatten zugesprochen hätten. In die Pflichtteile gesetzlicher Erben werde durch die Bestimmungen des Erbvertrags aber nicht eingegriffen und damit auch nicht - jedenfalls dem Wortlaut nach - der Pflichtteil der Beschwerdeführerin einem anderen Erben zugewiesen. Es stelle sich jedoch die Frage, weshalb der Erbvertrag die ehelichen Nachkommen, nicht aber die Beschwerdeführerin erwähne, wenn sämtliche Nachkommen des Erblassers gleichbehandelt würden, also den Pflichtteil erhalten sollten. Klar sei, dass die Vertragsparteien mit dem fünf Monate zuvor erstellten Ehevertrag eine gesetzeswidrige (Art. 216 Abs. 2 ZGB) Verletzung des Pflichtteilsanspruchs der Beschwerdeführerin zumindest in Kauf genommen hätten, indem sie eine vollständige Vorschlagszuweisung gemäss Art. 216 Abs. 1 ZGB vereinbart und gleichzeitig festgehalten hätten, ihr gesamtes Vermögen stelle - bis auf die Gegenstände zum persönlichen Gebrauch - Errungenschaft dar. Insgesamt entstehe dadurch der Eindruck, es sei durchaus der Wille der Vertragsparteien gewesen, die Beschwerdeführerin als Erbin auszuschliessen. Vor dem Hintergrund, dass der Erblasser offenbar seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt und seine Ehefrau nicht in einem Verwandtschaftsverhältnis zur Beschwerdeführerin gestanden habe, sei ein solches Interesse der Vertragsparteien nachvollziehbar. Unter den gegebenen Verhältnissen sei ausserdem zu erwarten gewesen, dass der Erblasser, wenn es sein Wille gewesen wäre, seiner vorehelichen Tochter einen Teil seines Nachlasses zukommen zu lassen, dies explizit im Erbvertrag erwähnt hätte. Eher nicht anzunehmen sei dagegen, dass die Vertragsparteien die Beschwerdeführerin als Erbin vorsehen und damit in Kauf nehmen wollten, dass beim Vorversterben der Beschwerdegegnerin 1 ein Teil ihres Nachlassvermögens (später) über den Nachlass des Erblassers (indirekt) an dessen voreheliche Tochter gehe. Vielmehr sei zu vermuten, dass die Vertragsparteien für diesen Fall eine differenzierte Regelung getroffen hätten, wenn sie die Erbenstellung der Beschwerdeführerin angestrebt hätten. Aufgrund der gesamten Umstände müsse davon ausgegangen werden, dass die Vertragsparteien die Beschwerdeführerin - im Gegensatz zu den gemeinsamen Nachkommen - im Erbvertrag gerade deshalb nicht angeführt hätten, weil sie dieser die Erbenqualität nicht hätten zukommen lassen wollen.