Citation: 2C_265/2018 E. 4.3

4.3. Mit der Ermessenseinschätzung (Art. 79 Abs. 1 MWSTG) kennt das Mehrwertsteuerrecht für bestimmte Konstellationen eine Sonderregelung zur Entscheidfindung bei Beweislosigkeit. Damit soll eine den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechende Besteuerung auch in Fällen ermöglicht werden, in denen ein Steuerpflichtiger seiner Obliegenheit nicht nachkommt, Geschäftsbücher, Belege, Geschäftspapiere und sonstige Aufzeichnungen nach handelsrechtlichen Grundsätzen zu führen (Art. 70 Abs. 1 Satz 1 MWSTG). Eine Einschätzung nach pflichtgemässem Ermessen erfolgt in diesem Sinne, wenn keine oder nur unvollständige Aufzeichnungen vorliegen (Verstoss gegen die formellen Buchführungsvorschriften) oder die ausgewiesenen Ergebnisse mit dem wirklichen Sachverhalt offensichtlich nicht übereinstimmen (Verstoss gegen die materiellen Buchführungsvorschriften; vgl. Art. 79 Abs. 1 MWSTG). Beide Tatbestandsvarianten setzen implizit voraus, dass überhaupt Leistungen im Sinne des MWSTG erbracht worden sind. Die Beweislast für das Vorliegen dieser steuerbegründenden Tatsache trägt die ESTV (vgl. Urteil 2C_950/2015 vom 11. März 2016 E. 4.6).