Citation: U 254/06 06.03.2007 E. 7

7.1 Das Bundesgericht stuft Auffahrkollisionen vor einem Fussgängerstreifen oder einem Lichtsignal regelmässig als mittelschwere, im Grenzbereich zu den leichten Unfällen liegende Ereignisse ein (RKUV 2003 Nr. U 489 S. 360 E. 4b mit Hinweisen, U 193/01). Entgegen später davon abweichenden Behauptungen (vgl. z.B. das Schreiben des Rechtsvertreters der Beschwerdegegnerin vom 7. September 2001 an die beteiligten Privat- und Sozialversicherer, S. 3 oben) ist gestützt auf die Unfallmeldung UVG vom 6. September 1994 sowie die Schadenanzeige vom 9. September 1994 an die CAP Rechtsschutz Versicherung nach der Beweismaxime der "Aussage der ersten Stunde" (BGE 121 V 45 E. 2a S. 47, RKUV 2004 Nr. U 524 S. 546 ff. E. 3.3.4, je mit Hinweisen) davon auszugehen, dass bei der Auffahrkollision vom 1. September 1994 die Versicherte (und nicht ihr Freund) am Steuer des vor einem Rotlicht still stehenden Personenwagens ihres Freundes (Halter dieses Fahrzeuges) sass. Obwohl am linksseitigen Heck dieses Personenwagens ein geschätzter Schaden von rund Fr. 9'500.- entstand und sich die Beschwerdegegnerin noch am Unfallort über Schwindel und Kopfschmerzen beklagte, wurde die Polizei nicht an die Unfallstelle beigezogen und musste das Unfallfahrzeug nicht abgeschleppt werden. Vielmehr setzte die Versicherte anschliessend mit ihrem Freund den Weg in die Stadt B.________ fort und begab sich nach einer Kaffeepause in leicht gebessertem Zustand zur Arbeit (Bericht der Dr. phil. C.________ vom 24. Mai 2000, S. 2). Eine sehr heftige Kollision lässt sich somit ausschliessen. Der Unfall ist daher - im Rahmen der nach objektiven Gesichtspunkten (BGE 124 V 29 E. 5c/aa S. 44, 115 V 133 E. 6 S. 139) und ohne Berücksichtigung der Persönlichkeitsstruktur der versicherten Person (RKUV 2000 Nr. U 394 S. 313, U 248/98; Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts U 462/04 vom 13. Februar 2006, E. 2.3 mit diversen Hinweisen) vorzunehmenden Kategorisierung - als mittelschwer zu bezeichnen. Die Adäquanz des Kausalzusammenhanges ist folglich zu bejahen, falls ein einzelnes der unfallbezogenen Kriterien (besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalls; Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzung; ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung; Dauerbeschwerden; ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert; schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen; erheblicher Grad und lange Dauer der Arbeitsunfähigkeit) in besonders ausgeprägter Weise gegeben ist oder die zu berücksichtigenden Kriterien insgesamt in gehäufter oder auffallender Weise erfüllt sind (BGE 117 V 359 E. 6b S. 367 f. mit Hinweis). 7.2 Der Unfall vom 1. September 1994 hat sich aktenkundig weder unter besonders dramatischen Begleitumständen ereignet, noch war er - objektiv betrachtet - von besonderer Eindrücklichkeit. Es bestehen sodann keinerlei Anzeichen für eine ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen verschlimmert hätte. Ferner vermag die Diagnose eines Schleudertraumas sowie einer HWS-Distorsion - auch unter Berücksichtigung der zusätzlich diagnostizierten Kontusion des thorako-lumbalen Überganges bei ausdrücklich festgestelltem Fehlen von sichtbaren Prellmarken sowie angesichts des Ausschlusses eines Kopfanpralls - das Kriterium der Schwere oder der besonderen Art der erlittenen Verletzung für sich allein nicht zu begründen (RKUV 2005 Nr. U 549 S. 238 E. 5.2.3 mit Hinweisen, U 380/04). In Anbetracht des Umstandes, dass das Schleudertrauma der HWS, welches weder ossäre Läsionen noch objektivierbare neurologische Ausfallerscheinungen zur Folge hatte, sondern sich im Wesentlichen nebst den geklagten Nackenschmerzen im typischen Beschwerdebild (vgl. BGE 117 V 359 E. 4b S. 360) erschöpfte, muss das Kriterium der Schwere oder besonderen Art der erlittenen Verletzung als nicht erfüllt qualifiziert werden. Eine ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung lag nicht vor. Denn bereits im Sommer 1995 kam es zu einem ersten vorläufigen Abschluss der Heilbehandlung bei voller Arbeitsfähigkeit ab 1. September 1995. Weitere vorübergehende Beschwerde-Rezidive bedurften weder anhaltender ambulanter noch stationärer Behandlung. Zudem ist eine Behandlungsbedürftigkeit (im Sinne medikamentöser Schmerz- und Physiotherapie) während zwei bis drei Jahren nach einem Schleudertrauma der HWS respektive äquivalenten Verletzungen mit ähnlichem Beschwerdebild durchaus üblich (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts U 330/03 vom 19. Mai 2004, E. 2.3.2 mit Hinweis). Ebenso sind ein schwieriger Heilverlauf und erhebliche Komplikationen zu verneinen, zumal es bereits ein Jahr nach dem Unfall zum ersten mehrmonatigen behandlungsfreien Intervall bei voller Arbeitsfähigkeit kam. Auch was Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit betrifft, ist dieses Kriterium, wenn überhaupt als erfüllt, so sicher nicht als ausgeprägt zu betrachten. Schon einen Monat nach dem Unfall war die Beschwerdegegnerin wieder 50 % arbeitsfähig. Nach einigen Wochen erneut voller und anschliessend gut siebenmonatiger teilweiser Arbeitsunfähigkeit attestierte ihr Dr. med. R.________ ab 1. September 1995 wiederum eine volle Arbeitsfähigkeit. Obwohl weitere vorübergehende Phasen mit voller Arbeitsunfähigkeit folgten, bestand ab 1. September 1995 keine andauernde Einschränkung der Arbeitsunfähigkeit mehr. In Anbetracht der langen Perioden uneingeschränkter Leistungsfähigkeit kommt dem Grad und der Dauer der Arbeitsunfähigkeit in Bezug auf die Adäquanzbeurteilung ungeachtet des Verlaufs seit Februar 1998 keine erhebliche Bedeutung zu (vgl. SZS 2001 S. 439 f.). Das Kriterium betreffend Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit ist daher höchstens als nicht in ausgeprägter Weise erfüllt zu betrachten. Was schliesslich das Kriterium der Dauerbeschwerden betrifft, kann dieses bejaht werden, soweit auf die subjektiv geklagten Befindlichkeitsstörungen abzustellen ist. Insbesondere angesichts des schon weniger als ein Jahr nach dem Unfall aufgetretenen behandlungsfreien Intervalles ist jedoch auch dieses Kriterium, gleich wie das Kriterium von Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit, nicht in besonders ausgeprägter Weise erfüllt. Da somit weder eines der für die Adäquanzbeurteilung massgebenden Kriterien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist noch die zu berücksichtigenden Kriterien in gehäufter oder auffallender Weise gegeben sind, ist die Unfalladäquanz der über den 2. Februar 1998 hinaus geklagten Beschwerden zu verneinen. 7.3 Nach dem Gesagten hat die Allianz mit Einspracheentscheid vom 3. Dezember 2004 zu Recht festgestellt, dass das Unfallereignis vom 1. September 1994 nach der allgemeinen Lebenserfahrung und unter Einbezug der unfallmedizinischen Erkenntnisse (BGE 117 V 359 E. 6a S. 366 mit Hinweis) nicht geeignet war, einen Gesundheitsschaden zu verursachen, welcher über den Terminierungszeitpunkt (2. Februar 1998) hinaus einen Anspruch auf Leistungen der Unfallversicherung begründet.