Citation: 4A_490/2017 E. 3.2

3.2. Die Beschwerdeführerin ist der Auffassung, dass mit Artikel 38.3 der IAAF Competition Rules in Verbindung mit R47 TAS Code zwar eine verbindliche Schiedsklausel bestehe, gestützt auf welche die Zuständigkeitsfrage abschliessend beurteilt werden könne, stellt sich jedoch auf den Standpunkt, das Schiedsgericht habe Artikel 38.3 der Competition Rules einseitig zugunsten der Beschwerdegegnerin ausgelegt. Das gegenseitig vereinbarte Verfahren sei nicht eingehalten worden, weshalb derzeit keine Zuständigkeit des TAS bestehe. Artikel 38.3 sei im Gesamtkontext von Artikel 38 IAAF Competition Rules auszulegen. Die Überschrift zu Artikel 38 laute "Right to a Fair Hearing"; weiter werde unter Artikel 38.1 ausgeführt, dass jeder Athlet das Recht haben solle, eine Anhörung vor der zuständigen Behörde des nationalen Verbands zu verlangen, bevor irgendeine Sanktion ausgesprochen werde. Die Schiedsklausel in Artikel 38.3 sei zunächst in der Hinsicht unvollständig, als dass nicht definiert werde, was unter "failure to complete" verstanden werde. Der russische Nationalverband ARAF sei von der Beschwerdegegnerin suspendiert worden und habe deshalb die Pflichten gemäss Artikel 38.3 nicht erfüllen können. Entsprechend sei offensichtlich, dass es die ARAF nicht im Sinne von Artikel 38.3 Competition Rules versäumt habe, eine Anhörung durchzuführen oder eine Entscheidung zu fällen; vielmehr sei ihr gar nie die Möglichkeit gegeben worden, ihre Verpflichtungen gemäss Artikel 38.3 Competition Rules erfüllen zu können. Die Beschwerdegegnerin könne einen Fall jedoch nur dann dem Einzelschiedsrichter des TAS unterbreiten, wenn es ein Mitglied versäumt habe, innert Frist eine Anhörung durchzuführen oder eine Entscheidung zu fällen. Zusätzlich sei zu berücksichtigen, dass unklare Vertragsklauseln entsprechend einem international anerkannten Grundsatz zulasten derjenigen Partei auszulegen seien, welche die Vertragsklausel formuliert und in den Vertrag eingebracht hat ( contra proferentem). Ausserdem habe die Beschwerdeführerin nicht damit rechnen müssen, dass ihr nationaler Verband suspendiert werde und sich entsprechend die Frage stelle, wer für das verbandsinterne Disziplinarverfahren zuständig sei; sie habe davon ausgehen müssen und dürfen, dass zunächst ein verbandsinternes Verfahren stattfinde, bevor das TAS angerufen wird. Die IAAF Competition Rules führten nicht aus, was mit den Pflichten eines Mitglieds geschehe, wenn dieses durch die Beschwerdegegnerin suspendiert werde. Die Tatsache, dass die Regelung in dieser Hinsicht nicht vollständig sei, könne nicht zulasten der Beschwerdeführerin und zugunsten der Beschwerdegegnerin ausgelegt werden. Zudem sei zu berücksichtigen, dass die Beschwerdegegnerin in ihrem Schreiben vom 5. Februar 2016 selbst ausführe, die Verantwortung bzw. Pflicht zur Durchführung des Disziplinarverfahrens übernommen zu haben. Der Beschwerdeführerin sei aufgrund von Vorkehrungen der Beschwerdegegnerin ihr Recht genommen worden, von der ARAF angehört zu werden; auf der anderen Seite habe die Beschwerdegegnerin dadurch vermeintlich die Möglichkeit erhalten, den Fall direkt an das TAS zu bringen. Die Beschwerdegegnerin habe somit ihre Rechte einseitig zulasten der Beschwerdeführerin ausgeübt, wozu sie nicht befugt gewesen sei. Die Auslegung von Artikel 38.3 im angefochtenen Entscheid verletze ihre Rechte als Vertragspartei. Eine zutreffende Auslegung führe zum Schluss, dass Artikel 38.3 Competition Rules die Beschwerdegegnerin nicht dazu berechtige, den Fall direkt an das TAS zu bringen; vielmehr hätte zunächst ein internes Verfahren durchlaufen werden müssen. Zudem habe die Antwort der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin vom 19. Februar 2016 keine eigenständige Schiedsklausel begründen können. Die Beschwerdegegnerin habe nicht gutgläubig gehandelt, indem sie der Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 5. Februar 2016 zwei Alternativen zur Auswahl gegeben habe, die auf einer falschen Auslegung von Artikel 38.3 Competition Rules beruht hätten. Die Beschwerdeführerin habe demnach gar keine richtige Antwort geben können, weil ihr die Beschwerdegegnerin eine falsche Auswahl präsentiert habe. Sie habe nicht auf ihr Recht auf eine Anhörung in einem verbandsinternen Verfahren verzichtet. Die angeführte Korrespondenz vermöge keine Zuständigkeit des TAS zu begründen.