Citation: 8C_487/2020 E. 6.2

6.2. Diese Einwände der IV-Stelle sind zutreffend. Nach konstanter Rechtsprechung ist die Vornahme der juristischen Beurteilung eines Falles nicht Sache des medizinischen Sachverständigen. Entsprechende Ausführungen des medizinischen Gutachters vermögen den Beweiswert seiner Aussagen zu schmälern, sind sie doch Zeichen dafür, dass der zur Unparteilichkeit verpflichtete Sachverständige seine Kompetenzen überschreitet und den Anschein erweckt, er wisse nicht um die Grenzen seines Auftrags (SVR 2016 UV Nr. 27 S. 89 E. 4.2, 8C_448/2015 E. 4.2 mit Hinweisen). Das Gutachten der med. pract. D.________ hinterlässt objektiv den Eindruck, dass sie im Rahmen ihrer Stellungnahme zu den bereits vorhandenen Berichten eine eigentliche Beweiswürdigung vornimmt und sich nicht bloss fachlich/inhaltlich äussert. So bemängelt sie etwa in formaler Hinsicht, dass es sich bei einem IV-Bericht um einen ärztlichen Bericht handle, der nicht von nicht-ärztlichen Psychotherapeuten erstellt werden sollte, da diese formal-juristisch nicht befugt seien zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit (Gutachten S. 43). Insbesondere macht sie Ausführungen, die nicht in den Aufgabenbereich des medizinischen Sachverständigen fallen. Ihre Angaben sind zwar Ausgangspunkt für die Beurteilung des massgebenden medizinischen Sachverhalts; letztlich ist es aber Sache des Rechtsanwenders, zu entscheiden, ob mit den von den Experten angegebenen Umständen auch den rechtlichen Vorgaben genüge getan ist (BGE 140 V 193 E. 3.1 und 3.2 S. 194 ff.). Ein Ausdruck davon ist etwa ihre Feststellung, die IV-Stelle habe sich nicht an die von Prof. Dr. med. C.________ angegebene Leistungseinschränkung gehalten (Gutachten S. 52). Zu Recht weist die IV-Stelle auch darauf hin, dass sich die Gutachterin D.________ nirgends mit den offensichtlich vorliegenden und von ihr auch explizit festgestellten psychosozialen Faktoren (Gutachten S. 49) auseinandersetzt. Dieser Mangel wiegt schwer, so dass auch aus diesem Grund nicht auf das Gutachten abgestellt werden kann. Anzufügen bleibt einerseits, dass sich die Gutachterin D.________ bei ihrer Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung auf den auch heute noch nicht massgeblichen Katalog IDC-11 abstützt (Gutachten S. 33 f.), der im relevanten Zeitpunkt (29. Juni 2018; BGE 143 V 409 E. 2.1 S. 411 mit Hinweis) noch nicht einmal verabschiedet war und erst recht nicht zur Rechtfertigung der noch früher gestellten Diagnosen herbeigezogen werden kann. Zwar erwähnt sie, unter der Geltung der aktuellen ICD-10 wäre das entsprechende Leiden als andauernde Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F62) zu werten, und prüft in der Folge die Kriterien für eine solche Störung, bleibt aber dabei der von ihr favorisierten komplexen posttraumatischen Belastungsstörung nach ICD-11 verhaftet (vgl. zum Ganzen auch die Stellungnahme des Dr. med. F.________, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Regionaler Ärztlicher Dienst, vom 21. Dezember 2019). Andererseits ist auch die Beurteilung der Standardindikatoren nicht schlüssig, soweit die Gutachterin den verschiedentlich erwähnten Widerstand der Beschwerdegegnerin gegen eine (zumutbare) psychopharmakologische Behandlung und lange Zeit auch gegen eine fachgerecht kontinuierlich durchgeführte psychotherapeutische Behandlung übergeht. Zumindest hätte sie ihre anderslautende Einschätzung nachvollziehbar begründen müssen; eine solche Begründung ist dem Gerichtsgutachten jedoch nicht zu entnehmen. Nach dem Gesagten wäre vielmehr entgegen den Ausführungen der Gutachterin auf einen geringen Leidensdruck und eine geringe Schwere der Störung zu schliessen. Angesichts der Weigerung der behandelnden Psychologin, einen einlässlichen Bericht zur verfassen, fehlen auch Anhaltspunkte für eine anderslautende Beurteilung.