Citation: 2C_646/2023 E. 4.2

4.2. Die Regel, wonach den Parteien aus der mangelhaften Eröffnung einer Verfügung oder eines Entscheids kein Nachteil erwachsen darf, konkretisiert den u.a. in Art. 9 BV verankerten Grundsatz von Treu und Glauben sowie die Verfahrensgarantien gemäss Art. 29 Abs. 1 und 2 BV. Es handelt sich bei ihr nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung um einen allgemeinen Grundsatz des öffentlichen Verfahrensrechts (vgl. BGE 145 IV 259 E. 1.4.4; 144 II 401 E. 3.1; 124 I 255 E. 1a/aa; Urteile 9C_624/2022 vom 15. März 2023 E. 3.3; 2C_1038/2017 vom 18. Juli 2018 E. 5.3.1), dessen behauptete Verletzung das Bundesgericht frei prüft (vgl. Urteil 1C_5/2019 vom 12. Juni 2019 E. 4.2; MARKUS SCHOTT, in: Basler Kommentar Bundesgerichtsgesetz, 3. Aufl. 2018, N. 48 zu Art. 95 BGG). Eine Berufung auf diesen Grundsatz setzt voraus, dass die betroffene Person den Eröffnungsmangel nicht erkannte und bei gebührender Aufmerksamkeit auch nicht hätte erkennen können (BGE 138 I 49 E. 8.3.2; Urteile 2C_901/2017 vom 9. August 2019 E. 2.2.4; 2C_712/2018 vom 21. März 2019 E. 3.1) sowie dass sie durch ihn tatsächlich einen Nachteil erlitt. Ob die betroffene Person durch den Eröffnungsmangel tatsächlich irregeführt und dadurch benachteiligt worden ist, ist anhand der Umstände des Einzelfalls zu prüfen. Richtschnur bildet auch hier der Grundsatz von Treu und Glauben, an welchem die Berufung auf Formmängel in jedem Fall ihre Grenze findet (BGE 144 II 401 E. 3.1; Urteile 2C_756/2019 vom 14. Mai 2020 E. 3.1; 2C_901/2017 vom 9. August 2019 E. 2.2.4). Mit den Grundsätzen des Vertrauensschutzes und der Rechtssicherheit wäre es nicht zu vereinbaren, wenn eine Verfügung wegen mangelhafter Eröffnung jederzeit angefochten werden könnte; vielmehr muss eine solche Verfügung innerhalb einer vernünftigen Frist in Frage gestellt werden (BGE 111 V 149 E. 4c; Urteile 8C_98/2022 vom 6. April 2022 E. 5.3.1; 2C_901/2017 vom 9. August 2019 E. 2.2.4).