Citation: 6B_1077/2020 E. 1.4

1.4. Im Rahmen der Prüfung des persönlichen Härtefalls ist zu beachten, dass der Beschwerdeführer im jungen Kindesalter von acht Jahren von Tschetschenien in die Schweiz migriert ist und die folgenden, für sein Heranwachsen prägenden 14 Jahre (bis zum vorinstanzlichen Entscheid) in der Schweiz verbracht hat. In diesen rund zwei Dritteln seines Lebens hat er die obligatorische Schule absolviert und die hiesige Sprache gelernt (angefochtener Entscheid E. 5.15 S. 23 f., E. 4.21 S. 29). Er gilt folglich als in der Schweiz aufgewachsen. Dies bzw. die lange Anwesenheitsdauer verbunden mit der Tatsache, dass er in der Schweiz die obligatorische Schule besucht und insoweit ein (ausserfamiliäres) soziales Umfeld aufgebaut hat, stellen nach der Rechtsprechung regelmässig gewichtige Indizien für das Vorliegen eines Härtefalls dar (vgl. E. 1.2.2 oben). Zugunsten des Beschwerdeführers ist weiter zu berücksichtigen, dass er noch relativ jung ist und an einer Lernschwäche sowie an einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung und einer dissozialen Persönlichkeitsentwicklung leidet. Er befindet sich laut dem psychiatrischen Gutachten aufgrund seines Alters und der Unreife in einem fliessenden Übergangsbereich zwischen gestörter Persönlichkeitsentwicklung und klinisch relevanter Persönlichkeitsstörung und sei (zurzeit) noch im Feld der gestörten Persönlichkeitsentwicklung einzuordnen (angefochtener Entscheid E. 3.2 S. 7, E. 3.8 S. 10, E. 4.21 S. 31). Soweit seine fehlende berufliche Entwicklung (vgl. dazu E. 1.5.2 f. unten) auf diese Umstände zurückzuführen ist, kann sie ihm daher grundsätzlich nicht zum Vorwurf gemacht werden (vgl. auch angefochtener Entscheid E. 4.21 S. 31). Der Beschwerdeführer lebt ausserdem seit seiner Einreise mit seiner gesamten Familie (Eltern und drei jüngere Brüder) zusammen und ist aufgrund seiner beeinträchtigten Persönlichkeitsentwicklung auf deren Unterstützung angewiesen (angefochtener Entscheid E. 4.15 S. 23 und 25, E. 4.22 S. 31). Die betreffenden Familienangehörigen zählen zwar nicht zu der durch Art. 8 EMRK in erster Linie geschützten Kernfamilie des volljährigen Beschwerdeführers. Indes können sich ebenfalls junge Erwachsene, die wie der Beschwerdeführer noch keine eigene Familie gegründet haben, auf Art. 8 EMRK berufen (Urteil 6B_1070/2018 vom 14. August 2019 E. 6.3.2 mit Hinweisen). Für einen Härtefall spricht ferner die Tatsache, dass der Beschwerdeführer zu seinem Heimatland keinen reellen Bezug aufweist, d.h. dieses gemäss eigenen Angaben nicht kennt und keine gelebten Kontakte zu den dort ansässigen Verwandten hat, an die er anknüpfen könnte (angefochtener Entscheid E. 4.15 S. 24, E. 4.22 S. 31 f.). Seine Wiedereingliederungsschancen im Heimatland sind überdies insoweit erschwert, als er die tschetschenische Sprache nur in Wort und die russische Sprache gar nicht beherrscht (angefochtener Entscheid E. 4.15 S. 24, E. 4.24 S. 32). Aufgrund dieser Umstände, mithin der langen Aufenthaltsdauer, der familiären Bindungen, welche für den Beschwerdeführer wegen seiner psychischen Verfassung besonders wichtig sind, und der schwierigen Wiedereingliederungsaussichten im Heimatland, erweist sich eine Verweisung des Beschwerdeführers für ihn als derart einschneidend, dass von einem schweren persönlichen Härtefall im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB auszugehen ist. Zu beurteilen bleibt, ob das private Interesse des Beschwerdeführers an einem Verbleib in der Schweiz gegenüber dem für seine Landesverweisung sprechenden öffentlichen Interesse überwiegt.