Citation: 6B_63/2020 E. 3.2.1

3.2.1. In Bezug auf die Sorgfaltspflichtverletzung hält sie zusammengefasst fest, dass der postoperative Verlauf aufgrund der starken Schmerzen und der wiederholten Abgabe von Morphium nicht wie erwartet erfolgt sei. Ausgehend von der Operation bis hin zur angeordneten CT-Untersuchung vom 18. August 2010 um ca. 17.00 Uhr könne dem Beschwerdeführer indes kein ärztliches Fehlverhalten vorgeworfen werden. Für die Zeitspanne zwischen der CT-Untersuchung und dem Todeseintritt des Patienten sei ein ärztliches Fehlverhalten jedoch zu bejahen. Dieses bestehe zunächst in der Falschinterpretation der CT-Bilder: Die von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenen Gutachten vom 11. Februar 2011, vom 26. Februar 2013 und vom 23. Januar 2014 würden objektiv, nachvollziehbar und schlüssig festhalten, dass im Bauch von D.E.________ sel. ungewöhnlich viel freie Luft vorhanden bzw. das Ausmass der freien Luft viel zu gross gewesen sei. Der Beschwerdeführer habe als sehr erfahrener laparoskopischer Chirurg mit Spezialgebiet Viszeralchirurgie bei der Beurteilung der Bilder der CT-Untersuchung von D.E.________ sel. in gemeinsamer Besprechung mit dem Radiologen F.________ das Ausmass der freien postoperativen Luft intraperitoneal (im Bauchfellraum des Patienten) einerseits zwar als störend, andererseits aber als normalen postoperativen Befund 48 Stunden nach der laparoskopischen Operation beurteilt und keine Hinweise für eine Anastomoseninsuffizienz erkannt. Diese Beurteilung sei nach dem allgemeinen fachlichen Wissensstand nicht vertretbar und genüge den objektivierten Anforderungen der ärztlichen Kunst nicht. Gemäss gutachterlicher Feststellung sei die Menge an intraperitonealer Luft von mindestens 300 ml 48 Stunden nach einer laparoskopischen Sigmaresektion aussergewöhnlich gross und nicht mehr alleine mit postoperativen Veränderungen erklärbar. Auf die beschwerdeführerischen Ausführungen, wonach D.E.________ sel. mit der AirSeal-Methode operiert worden sei, könne nicht abgestellt werden. Diese Erklärung für das Ausmass an freier Luft wirke nachgeschoben und sei nicht glaubhaft. Der Beschwerdeführer hätte die freie Luft als potentielles Anzeichen einer Anastomoseninsuffizienz erkennen müssen. Zu der Menge an freier Luft intraperitoneal sei eine bis zum Schluss ungeklärte, auch den Beschwerdeführer störende Schmerzproblematik (bei laufender Periduralanästhesie und ergänzender Gabe von Morphium) und ein von Anfang an vom Fast-Track-Schema abweichender postoperativer Verlauf gekommen. Sodann sei die Dokumentation der klinischen Werte des Patienten unvollständig oder zumindest nicht klar gewesen: Das letzte dokumentierte Labor stamme vom 18. August 2010 von 9.35 Uhr. Die gemessene Körpertemperatur sei am 18. August 2010 um 9.30 Uhr mit 38.0 C°, um 11.30 Uhr mit 38.2 C°, um 14.15 Uhr (recte: 14.45 Uhr) mit 38.3 C° und um 21.00 Uhr mit 37.7 C° eingetragen worden. Weitere Parameter wie Blutdruck, Puls und Atmung seien in den Patientenakten nur bis 14.45 Uhr vermerkt. Im Lichte dieser Umstände und angesichts dessen, dass eine Anastomoseninsuffizienz nie ausgeschlossen werden könne, hätte nach der CT-Untersuchung eine neuerliche Laboruntersuchung vorgezogen und die Vitalwerte erneut überprüft werden müssen. Trotz der ungeklärten Schmerzproblematik seien diese Untersuchungen bis hin zu einer Reoperation nicht vorgenommen worden. Der Beschwerdeführer habe es vielmehr dabei belassen, die Symptome zu bekämpfen, ohne der Ursache der Schmerzen und der vielen Luft im Bauchraum auf den Grund zu gehen. Erstellt sei im Weiteren, dass der Beschwerdeführer am 18. August 2010 um ca. 21.00 Uhr durch die Lernende telefonisch darüber informiert worden sei, dass D.E.________ sel. - trotz der von ihm (sc. dem Beschwerdeführer) im Anschluss an die CT-Untersuchung veranlassten Massnahmen (Einlegen einer Magensonde, Verabreichen zusätzlicher Schmerz- und Beruhigungsmittel) - heftige Schmerzen habe. Dennoch habe er es weiterhin unterlassen, ergänzende Untersuchungen einzuleiten und dem Patienten erneut erklärt, dass kein Handlungsbedarf bestehe. Der Beschwerdeführer habe nicht alle Handlungen vorgenommen, zu welchen er als behandelnder Arzt verpflichtet gewesen wäre.