Citation: 9C_27/2022 E. 3.1

3.1. Für die Beurteilung der Streitfrage geht die Vorinstanz von folgendem Sachverhalt aus: Nachdem der Beschwerdeführer im September 1998, im Alter von sieben Jahren, wegen des Verdachts auf ein Psychoorganisches Syndrom (POS; nach heutiger Terminologie: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung [ADHS]) bei der Invalidenversicherung angemeldet worden war, sprach ihm die IV-Stelle medizinische Massnahmen zu (insbesondere Psychomotorik-Therapie und Psychotherapie). Am 30. Juni 2014 meldete sich A.________ aufgrund verschiedener Rückenleiden erneut zum Bezug von IV-Leistungen an. Im Dezember 2015 musste eine auf drei Monate angelegte berufliche Abklärung im Kompetenzzentrum für berufliche Integration B.________ vorzeitig abgebrochen werden, weil sich die Rückenschmerzen verschlimmerten. Im Rahmen eines stationären Rehabilitationsaufenthalts in der Klinik C.________ diagnostizierten die Ärzte im Februar 2016 unter anderem ein lumbovertebrales Syndrom, eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung (impulsiver Typus) in Verbindung mit einer hyperkinetischen Störung und einer Störung des Sozialverhaltens sowie Probleme bei der Lebensführung und einen anhaltenden Gebrauch psychotroper Substanzen (Cannabis und eventuell auch Alkohol). Zur Behandlung des trotz konventioneller Therapie verbliebenen Schmerzzustandes und aufgrund des (auch privaten) Konsums verschiedener Schmerz- und psychotroper Substanzen wurde eine Methadontherapie begonnen. Die behandelnde Psychiaterin med. pract. D.________, berichtete im Januar 2017, eine traumatherapeutische Behandlung habe eine Stabilisierung bewirkt. Der Versicherte habe eine erstaunliche Willenskraft; die emotionalen Durchbrüche hätten sich reduziert. Er erscheine fähig, auf eine leidensangepasste Tätigkeit (Unterhaltspraktiker) umgeschult zu werden. Die IV-Stelle übernahm die Kosten für eine zweijährige Umschulung zum Fachmann Betriebsunterhalt EFZ. Im Frühjahr 2017 wurde die Umschulung abgebrochen, weil der Versicherte eine Verschlimmerung des Rückenleidens erlitt und der Gesundheitszustand zu instabil war. Nachdem eine stationäre rehabilitative Behandlung der Lumbalgie keinen Erfolg gebracht hatte, berichtete die behandelnde Psychiaterin, nach der beim Arbeitseinstieg rasch eingetretenen Verschlechterung des Zustands sei von einer längerfristig bestehenden vollständigen Arbeitsunfähigkeit auszugehen; die unbewussten Ängste des Versicherten seien zu stark, als dass er sich im Arbeitsalltag behaupten und den inneren Ansprüchen und Insuffizienzempfindungen stellen könnte. Es folgten weitere schmerzmedizinische und psychosomatische Abklärungen. Die IV-Stelle holte bei den Dres. E.________ und F.________ ein bisdisziplinäres (orthopädisch-psychiatrisches) Gutachten ein. Der orthopädische Teilgutachter diagnostizierte u.a. ein chronisches Panvertebralsyndrom bei leichtgradigen degenerativen Veränderungen vorwiegend diskogener Art; er stellte fest, die geklagten gesundheitlichen Beschwerden seien nicht ganz nachvollziehbar und attestierte für die bisherige Tätigkeit als Strassenbauer eine Arbeitsfähigkeit von 80 Prozent (Notwendigkeit vermehrter Pausen, vermindertes Arbeitstempo). In einer dem Leiden angepassten Tätigkeit sei er vollständig arbeitsfähig. Die psychiatrische Teilgutachterin diagnostizierte eine schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung mit emotional-instabilen, dissozialen und paranoiden Anteilen, ein ADHS im Erwachsenenalter, eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung, einen Zustand nach schädlichem Gebrauch von Cannabis und Alkohol sowie Probleme in Bezug auf negative Kindheitserlebnisse. Die beiden letzteren Störungen wirkten sich nicht auf die Arbeitsfähigkeit aus. Die "Somatisierungsschmerzen" seien, im Rahmen des "niedrigen Strukturniveaus der Grundpersönlichkeit", als körperliches Korrelat von Angst, Wut und Aggression zu verstehen. Der Versicherte sei seit 2013 in der freien Wirtschaft generell zu 100 Prozent arbeitsunfähig. Das Gutachten liess nach Auffassung des Regionalen Ärztlichen Dienstes der Invalidenversicherung (RAD) Fragen bezüglich der Auswirkungen der gesundheitlichen Einschränkungen in verschiedenen Lebensbereichen und der objektiven Schwere des Leidens offen. Die IV-Stelle lehnte berufliche Massnahmen ab und liess den Versicherten erneut bidisziplinär begutachten. In ihrer Expertise vom 9. September 2019 diagnostizierten die Sachverständigen der MEDAS Bern Störungen durch multiplen Substanzgebrauch, ein Abhängigkeitssyndrom und ein chronisches vertebragenes Schmerzsyndrom mit einer Bandscheibenproblematik und einer minimalen Spondylarthrose; ausserdem u.a. eine vorwiegend histrionische, narzisstische Persönlichkeit, ein ADHS bei Erwachsenen und eine Fehlhaltung der Wirbelsäule mit deutlicher muskulärer Dysbalance, die sich nicht auf die Arbeitsfähigkeit auswirkten. Es sei von einer Aggravation auszugehen. Aus orthopädischer Sicht sei für die angestammte Tätigkeit eine leichte Minderung der Leistungsfähigkeit um maximal 20 Prozent begründbar, in einer besser adaptierten Tätigkeit dürfe eine vollständige Arbeitsfähigkeit erwartet werden. Der psychiatrische Gutachter schätzte die Arbeitsunfähigkeit mit Blick auf die Folgen (schwankende Leistungsfähigkeit) eines fortgesetzten Drogenkonsums auf (generell) 20 Prozent.