Citation: 8C_666/2008 02.02.2009 E. 4.2

4.2.1 Der Beschwerdeführer macht zunächst geltend, der natürliche Kausalzusammenhang der gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit dem Unfall sei gestützt auf die zum Schleudertrauma ergangene Praxis zu beurteilen. Er setzt sich damit in Widerspruch zu der in der Begründung der Beschwerde festgehaltenen Präzisierung der gestellten Anträge, worin explizit einzig für die halbseitig bestehenden Sensiblitätsstörungen und den Tinnitus Leistungen verlangt werden. Laut Gutachten des Dr. med. U.________ vom 18. Oktober 2005 kann ein sensibles Hemisyndrom insbesondere dann nicht aus einem HWS-Distorsionstrauma hergeleitet werden, wenn wie hier das Gesicht mitbetroffen ist; zum anderen geht aus der gestellten Diagnose dieses Sachverständigen hervor, dass der Tinnitus jedenfalls vorliegend medizinisch unabhängig von einem Schleudertrauma zu beurteilen ist. 4.2.2 Das kantonale Gericht hat einlässlich dargelegt, weshalb zur Beurteilung der Frage, ob das sensible Hemisyndrom natürlich kausale Unfallfolge ist, auf die Stellungnahmen der Dres. med. T.________ (Bericht vom 18. März 2005) und U.________ (Gutachten vom 18. Oktober 2005) und nicht auf die anderslautenden Auskünfte des Prof. Dr. med. S.________ vom 18. Juni und 5. Oktober 2004 abzustellen ist. Die Einwände in der letztinstanzlichen Beschwerde sind nicht stichhaltig. Frau Dr. med. Ee.________, Fachärztin FMH für Neurologie, hat im letztinstanzlich aufgelegten Bericht vom 20. September 2006, welcher in der Stellungnahme des Dr. med. Bb.________ vom 13. Oktober 2006 wörtlich zitiert worden war, einzig die Auffassung des Prof. Dr. med. S.________ wiederholt, weshalb auf die zutreffende Begründung im angefochtenen Entscheid verwiesen wird. Frau Dr. med. W.________ (Bericht vom 11. Juli 2006) stellte entgegen den Vorbringen des Beschwerdeführers lediglich einen zeitlichen Zusammenhang fest; im Zeitpunkt des Unfalls lagen bereits schwerwiegende, davon unabhängige Konflikte vor, weshalb der natürliche Kausalzusammenhang mit der zu diagnostizierenden dissoziativen Sensibilitäts- und Empfindungsstörung (ICD-10: F44.6) möglich, aber nicht überwiegend wahrscheinlich war. Schliesslich ist festzuhalten, dass auch Frau Dr. med. V.________ im Bericht vom 2. Dezember 2005 gestützt auf eine Auswertung der radiologischen Aufnahmen zum Schluss gelangte, das Taubheitsgefühl in der rechten Körperhälfte sei "mit Sicherheit" keine Unfallfolge. 4.2.3 Weiter macht der Beschwerdeführer geltend, die SUVA habe mit Verfügung vom 22. März 2004 wegen des Tinnitus eine Integritätsentschädigung zugesprochen und Taggeldleistungen gestützt auf eine Arbeitsunfähigkeit von 25 % erbracht. Damit habe sie den natürlichen und adäquaten Kausalzusammenhang bejaht. Zudem bestehe entgegen der Auffassung der Vorinstanz einerseits laut Angaben des Dr. med. U.________ ein nachweisbares organisches Substrat, mit welchem der Tinnitus hinreichend erklärt sei. Anderseits finde die vorinstanzliche Auffassung, der Tinnitus sei Folge einer unfallfremden Persönlichkeitsstörung im Bericht der Frau Dr. med. W.________ keine Stütze. 4.2.3.1 Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die in Art. 24 Abs. 1 UVG bei Vorliegen einer dauernden erheblichen Schädigung der köperlichen, geistigen oder psychischen Integrität vorgesehenen Entschädigung stets auch eine Prognose hinsichtlich der künftigen gesundheitlichen Entwicklung voraussetzt. Dass sich eine solche Vorhersage nachträglich als unrichtig erweist, kann nicht ausgeschlossen werden. Es geht daher nicht an, einen Versicherungsträger auf einer rechtskräftig gewordenen und einer gerichtlichen Überprüfung deshalb nicht mehr zugänglichen Anerkennung eines unfallbedingten Integritätsschadens auch bezüglich anderer Leistungsansprüche zu behaften (Urteil U 50/99 vom 28. Juni 2001 E. 3b mit Hinweisen). 4.2.3.2 Wie das kantonale Gericht zutreffend erwogen hat, beklagte sich der Versicherte aktenkundig erstmals am 17. Dezember 1995 (Bericht des Dr. med. N.________) über ein stark brummendes Geräusch, das er vor allem in Ruhe als störend empfand und deswegen Einschlafschwierigkeiten hatte. Eine besondere Belastung lag anamnestisch betrachtet über Jahre hinweg nicht vor, weshalb Dr. med. R.________ davon ausging, dass der Versicherte den Tinnitus bis zur Neuanmeldung am 28. August 2003 zu kompensieren vermochte (Bericht vom 23. Juni 2006). Den Auskünften des Dr. med. L.________ vom 9. Dezember 2003, welche der Verfügung vom 22. März 2004 (Zusprechung einer Integritätsentschädigung auf Basis einer Einbusse von 5 %) im Wesentlichen zu Grunde lagen, ist zu entnehmen, dass in der neurootologischen Untersuchung kein Hinweis für eine relevante periphere oder zentral-vestibuläre Funktionsstörung gefunden werden konnte; anamnestisch sowie bezüglich Reproduzierbarkeit in der Tinnitusbestimmung war das Ohrgeräusch durchaus plausibel, auffallend war in der Untersuchung jedoch, dass der Patient ohne erklärbaren Befund die Tinnitusfrequenz bei 1000 Hz lokalisierte, was weder mit dem leichten Innenohrhörverlust, noch mit dem erst bei einem Schmalbandrauschen von 65 dB verdeckbaren Tinntius korrelierte; hingegen zeigte sich neu ein Hörschwellenschwund, der keinen Zusammenhang mit dem Unfall von 1995 haben konnte. Anlässlich der Untersuchung vom 21. Juni 2006 konnte Dr. med. R.________ (Bericht vom 23. Juni 2006), im Gegensatz zur früheren Exploration eine plausible Lokalisierung der Tinnitusfrequenz bei 6000 Hz feststellen, wobei "die Lautstärke immer noch an der oberen Grenze der Plausibilität" lag. 4.2.3.3 Die Einschätzung des Dr. med. U.________ im Gutachten vom 18. Oktober 2005, es bestehe wegen des Tinnitus eine Arbeitsunfähigkeit von 25 %, beruhte einerseits auf den Angaben des Versicherten, unter Ein- und Durchschlafstörungen zu leiden, anderseits auf der Annahme, dass der Tinnitus "mit der im MRI nachgewiesenen vaskulären Veränderung des N. vestibulocochlearis ein Substrat gefunden hat". Mangels neuer radiologischer Aufnahmen steht fest, dass sich Dr. med. U.________ auf die Beurteilung des Dr. med. L.________ vom 9. Dezember 2003 stützte, wonach das MRI im Bereich des Nervus vestibularis links einen wenige Millimeter messenden Prozess zur Darstellung brachte, der auf ein Vestibularisschwannom hindeuten könnte. Ob dieser verdachtsweise geäusserte Prozess klinisch erhärtet werden konnte, ist dem Gutachten des Dr. med. U.________ nicht zu entnehmen. Dr. med. R.________ ging im Bericht vom 23. Juni 2006 auf diesen Befund gar nicht erst ein. Der Frage, wie es sich damit verhält, muss jedoch nicht weiter nachgegangen werden, da mit der Vorinstanz davon auszugehen ist, dass eine allfällige Veränderung des Nervus vestibulocochlearis erst nach dem MRI vom 20. Oktober 1995, welches blande Verhältnisse zeigte, entstanden sein konnte. Ein auf den Unfall vom 5. August 1995 zurückzuführendes, medizinisch objektiv feststellbares Substrat für den geltend gemachten Tinnitus ist daher zu verneinen. 4.2.3.4 Allerdings kann der vorinstanzlichen Auffassung, der Tinnitus sei im Rahmen einer unfallfremden Persönlichkeitsstörung zu erklären, nicht ohne weiteres gefolgt werden. Die Psychiaterin Frau Dr. med. W.________, auf deren Bericht vom 11. Juli 2006 das kantonale Gericht abstellt, hat hinsichtlich der Beurteilung des Tinnitus auf die Angaben des Dr. med. R.________ vom 23. Juni 2006 verwiesen. Daraus geht hervor, dass der Tinnitus trotz der sich in den neurootologischen Untersuchungen vom 21. Juni 2006 (wie schon in denjenigen vom 9. Dezember 2003 des Dr. med. L.________) ergebenden, teils stark divergierenden und teils auch wenig plausiblen Resultaten als unfallbedingter Gesundheitsschaden anzuerkennen sei. Wohl mag richtig sein, dass Dr. med. R.________ von der unzutreffenden Annahme ausging, der Versicherte habe sich schon unmittelbar im Anschluss an den Unfall vom 5. August 1995 über ein störendes Geräusch im linken Ohr beklagt. Dieser Umstand lässt jedoch keine erheblichen Zweifel an der Zuverlässigkeit der medizinischen Beurteilung dieses Arztes aufkommen. Denn zum einen ist, wie der Sachverständige darlegt, das Auftreten eines Tinnitus in Folge eines Schleudertraumas der HWS (welches initial nach dem Unfall vom 5. August 1995 vorgelegen hat) hinlänglich bekannt, weshalb bei glaubhafter und zuverlässiger anamestischer Dokumentation erfahrungsgemäss die Kausalität mit dem Unfall zu bejahen ist. Zum anderen beruhten die Ergebnisse des Dr. med. R.________ auf einem interdisziplinären Konsens mit Frau Dr. med. W.________ (vgl. Stellungnahmen dieser Ärzte vom 9. und 14. Februar sowie 23. Juni und 11. Juli 2006). Die Vorinstanz übersieht, dass der von der Psychiaterin diagnostizierte Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60) und die überwiegend wahrscheinlich bestehende dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörung (ICD-10: F44.6) zwar unfallfremd sind, jedoch die psychische Dekompensation eines organisch nicht nachweisbaren Tinnitus begünstigen können (vgl. Urteil U 71/02 vom 27. März 2003 E. 6.1 mit Hinweisen). Daher kann der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall vom 5. August 1995 und dem im Zeitpunkt bei der Neuanmeldung vom 28. August 2003 dekompensierten Tinnitus auf den Zeitpunkt der Leistungseinstellung (30. April 2007) hin, nicht ohne weiteres verneint werden. Dieser Frage ist jedoch nicht weiter nachzugehen, wie die nachfolgende Erwägung zeigt. 4.2.3.5 Der Versicherte vermochte den objektiv nicht nachweisbaren Tinnitus während vieler Jahre bis zur Neuanmeldung vom 28. August 2003 zu kompensieren. Dres. med. R.________ und W.________ (Berichte vom 23. Juni und 11. Juli 2006) stellten eine günstige Prognose hinsichtlich eines einzuleitenden aktiven Tinnitus-Retrainings-Therapieprogrammes, welches psychiatrisch begleitet werden sollte. Laut dem behandelnden Psychiater Dr. med. Cc.________ konnte der Versicherte nach vier Sitzungen (ab 11. Juli 2006), nachdem er sich medizinisch bestätigt vom "Verdacht auf Psychogenität" der geschilderten Symptome (Tinnitus, sensorisches Hemisyndorm) entlastet erfuhr, in einer ausgeglichenen, nicht mehr behandlungsbedürftigen psychosozialen Verfassung entlassen werden (Bericht vom 27. Oktober 2006). Dem Bericht des Dr. med. Aa.________ vom 5. Dezember 2006 ist zu entnehmen, dass eine Arbeitsunfähigkeit wegen eines Tinnitus praktisch immer durch den Psychiater festzulegen sei. Unter diesen Umständen steht fest, dass spätestens im Zeitpunkt der Leistungseinstellung (30. April 2007) wegen des Tinnitus kein Anspruch auf Heilbehandlung (Art. 10 UVG) und mangels einer weiterbestehenden Arbeitsunfähigkeit auch kein Anspruch auf Taggeld (Art. 16 Abs. 1 und 2 UVG) mehr bestanden haben kann. Im Ergebnis sind die kantonalen Entscheide daher zu bestätigen.