Citation: 7B_260/2022 E. 4.3.4

4.3.4. Die Vorinstanz geht zutreffend von einer temporären vollumfänglichen Widerstandsunfähigkeit der Beschwerdegegnerin 2 und der bewussten Ausnützung dieser Situation durch den Beschwerdeführer aus. Die Beschwerdegegnerin 2, welche mit geschlossenen Augen den Geschlechtsverkehr mit einem anderen Mann vollzog, konnte sich aufgrund ihrer anderweitigen Beschäftigung weder einen Willen hinsichtlich des Sexualkontakts mit dem unbemerkt an sie heran getretenen Beschwerdeführer bilden noch sich vorgängig zur Wehr setzen. Vielmehr war sie der Handlung des Beschwerdeführers wehrlos ausgeliefert und ein wesentlicher Teil derselben mit der Positionierung des Gliedes auf ihrem Mund bereits vollzogen (analog zur Frau, welche auf einem Gynäkologenstuhl liegend missbraucht wird, weil sie aufgrund ihrer Position nicht sehen kann, vgl. BGE 103 IV 165: "Fiel aber in casu das Sehen weg, so verblieb den Frauen als anderweitige Wahrnehmung das körperliche Empfinden im Bereich des Geschlechtsteils. Das aber bedeutete in diesem Fall nichts anderes, als dass sie erst reagieren konnten, als der Täter bereits im Begriff war, sie zu missbrauchen."), dies schon bevor die Beschwerdegegnerin 2 den Penis des Beschwerdeführers kurz in den Mund nahm. Dabei erachtet die Vorinstanz den Irrtum der Beschwerdegegnerin 2 zu Recht als ausschlaggebend für das Tolerieren des Penis auf dem Mund und ihre anschliessende eigene sexuelle Betätigung. Hingegen wertet die Vorinstanz den Überraschungsmoment richtigerweise nicht als alleine entscheidend. Nichts an der Wehrlosigkeit ändert der Umstand, dass die Beschwerdegegnerin 2 rein hypothetisch den Kopf hätte drehen und ihre Augen öffnen können, denn das Bundesgericht hat in der Vergangenheit zur Frage der Wehrlosigkeit nicht auf einen hypothetischen, sondern den effektiven Geschehensablauf abgestellt (vgl. BGE 103 IV 165, in welchem von der tatsächlichen physischen Position des Opfers auf dem Gynäkologenstuhl ausgegangen wurde, und BGE 119 IV 230, in welchem das Bundesgericht festhielt, dass eine Frau eine fremde Person, mit der sie in der Dunkelheit den Geschlechtsverkehr vollzog und aufgrund der physischen Merkmale für ihren Ehemann hielt, nicht als fremd erkannte).