Citation: 9C_739/2023 E. 6.2

6.2. Es trifft zu, dass Prof. Dr. med. B.________ in seinem Schreiben vom 29. November 2021 klar zu erkennen gab, dass er die ihm von der IV-Stelle unterbreiteten Fragen, ob sich der Gesundheitszustand der Versicherten aus neuropsychologischer und/oder neurologischer Sicht gegenüber der gutachterlichen Beurteilung von 2012 verändert habe, noch nicht beantwortet hatte (vgl. auch RAD-Stellungnahme vom 25. November 2020) und dass er dazu überhaupt erst nach der Durchführung weiterer Untersuchungen in der Lage wäre. Wenn die IV-Stelle und die Vorinstanz das Gutachten dennoch dahingehend verstanden haben wollten, dass von einem unveränderten Gesundheitszustand auszugehen sei, massen sie den darin enthaltenen Ausführungen einen Sinn bei, welchen der Gutachter ihnen offensichtlich selber nicht verliehen hatte. Mit anderen Worten setzten sie sich über den Bedeutungsgehalt der Stellungnahme des Prof. Dr. med. B.________ hinweg. Im Übrigen trifft es zwar zu, dass die gutachterliche Aussage, wonach die Einschätzung seit 2009 gelte, ursprünglich als Feststellung unveränderter gesundheitlicher Verhältnisse (wenigstens bis zum Explorationszeitpunkt) hätte verstanden werden können. Allerdings war sich bereits der von der IV-Stelle beigezogene RAD-Arzt unsicher, ob dies die richtige Lesart war, wie sich aus seiner Stellungnahme vom 25. November 2020 ergibt, und spätestens seit dem Antwortschreiben des Prof. Dr. med. B.________ vom 29. November 2021 war diesem Verständnis die Grundlage entzogen. Hinzu kommt, dass die dem Gutachten zugrunde liegende Exploration bereits am 28. Oktober 2019 erfolgt war, mithin rund ein Jahr vor der Erstattung des Gutachtens und etwas mehr als zwei Jahre vor der Stellungnahme zu den Ergänzungsfragen. Es lässt sich deshalb nachvollziehen, dass der Gutachter am 29. November 2021 aufgrund seines damaligen Wissensstandes auch kaum beurteilen konnte, ob sich der Gesundheitszustand der Versicherten zu diesem Zeitpunkt immer noch gleich präsentierte. Zusammenfassend ergibt sich, dass das Gutachten vom 2. Oktober 2020 zum neuanmeldungsrechtlich relevanten Punkt - der Frage nach einer Veränderung des Gesundheitszustandes in den massgebenden Vergleichszeitpunkten - keine Auskunft gibt. Diesen Mangel vermögen insbesondere auch die RAD-Stellungnahmen vom 29. Dezember 2021 und 9. Juni 2022, bei welchen es sich um reine Aktenbeurteilungen handelt, nicht wettzumachen. Der Sachverhalt erweist sich als unvollständig erhoben, was eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes (Art. 61 lit. c ATSG) darstellt. Es rechtfertigt sich, die Angelegenheit an die Verwaltung zurückzuweisen, damit sie die erforderlichen ergänzenden Abklärungen veranlasse und anschliessend neu verfüge.