Citation: 8C_806/2007 07.08.2008 E. 8

Der Beschwerdeführer verweist auf die Berichte des Prof. Dr. S.________ vom 20. Juni 2005 sowie 4. Juli 2006 und macht geltend, für seine gesundheitlichen Beschwerden als Folge des Unfalls vom 23. August 2002 sei zusätzlich ein organisches Substrat objektivierbar und fassbar. 8.1 Prof. Dr. med. S.________ diagnostizierte im Bericht vom 20. Juni 2005 Folgendes: 1. eine schwere und schwer schmerzhaft-irritierte Segmentbewegungsstörung des cervikothorakalen Übergangs im hypomobilen Sinn (mit ausgeprägtesten ligamentären Irritationszuständen der Facettengelenke der HWS bds. samt deutlichen Ausstrahlungen von Schmerzen und Missempfindungen in den Kopf; begleitenden mässiggradigen myotendinotischen und myofascialen Befunden der dorsalen Schultergürtelmuskulatur sowie der suboccipitalen Muskulatur bds.; einer ausgeprägten und stark schmerzhaften Einschränkung der Retroversion des Kopfes; subklinisch gebliebenen, deutlich druckschmerzhaften Einschränkung der Retroversion des Kopfes; subklinisch gebliebenen, deutlich druckschmerzhaften Ansatztendinosen über den Procc. spinosi der gesamten HWS sowie der oberen zwei Drittel der Brutswirbelsäule (BWS); mässig häufig auftretenden Durchschlafstörungen: deutlich zu frühes Erwachen frühmorgens; einer stets vorhandenen Missempfindung von Druck und Zug innerhalb des cervikothorakalen Übergangs und des untersten Drittels der HWS, links > rechts; Diagnose 2: Kopfschmerzen und -missempfindungen; Diagnose 3: TOS; lediglich schmerzabhängigen neuropsychologischen Funktionseinschränkungen: Namensgedächtnis; ohne Hinweise auf eine "migraine cervicale", erlittene milde traumatische Hirnläsion, vegetative Deregulations-Symptomatik, Generalisierung der myotendinotischen Befunde; bei Heckauffahrunfall am 23. August 2002, Sturz von Gerüst im Oktober 2004 aufgrund einer schwindelähnlichen Ungleichgewichtsempfindung) 2. Häufig, teils auch nachts auftretender symmetrischer occipitoparietaler Kopfschmerz (mit zusätzlichen schwindelähnlichen Benommenheitsempfindungen samt einer ausgesprochenen Gleichgewichtsunsicherheit über Stunden; gelegentlichen, schmerzintensitätsabhängigen Ausbreitungen der Kopfschmerzen nach frontal; schmerzabhängigen Schwierigkeiten der Informationsverarbeitung; einer deutlichen Wetterabhängigkeit der Kopfschmerzen; einer begleitenden leichten Übelkeit ohne Erbrechen; ohne Hinweise auf eine "migraine cervicale" und wesentliche Spannungskomponente des Kopfschmerzes; bei vgl. Diagnose 1) 3. Unregelmässig, betont nachts manifest werdendes Thoracic outlet Syndrom (TOS; Engpass-Symptomatik der oberen Thoraxapertur) schmerzpunktmässig entsprechend Segment C7 (mit höchstens leichtgradigen vegetativen Hautsymptomen: Abblassung, Kühl-Missempfindungen, Schwitzen der Hände; einer leicht- bis mässiggradigen Verringerung der Faustschlusskraft; ohne neurologische Defizite, Schultergelenkssymptome; bei interscapulärer Abflachung der BWS-Kyphose samt angedeuteter kurzer Kyphose cervikothorakal sowie auch Kopfprotraktion). Im Rahmen der Beurteilung führte Prof. Dr. med. S.________ im Bericht vom 20. Juni 2005 aus, bezüglich der derzeit ohne jeden Zweifel eingeschränkten psychophysischen Belastbarkeit stehe der relativ häufig tageweise auftretende symmetrische occipitoparietotemporale Kopfschmerz als invalidisierende Ursache im Vordergrund. Er sei charakteristischerweise mit schwindelähnlichen Benommenheitsmissempfindungen samt einer damit einhergehenden Gleichgewichtsunsicherheit verbunden, wobei gleichzeitig nur unter hohen Kopfschmerzintensitäten eine leichte Übelkeit auftrete. Während derartiger Kopfschmerzphasen sei die Verarbeitung von Informationen und gleichzeitig das Frischgedächtnis deutlichst eingeschränkt, so dass der Versicherte z.B. während seiner Trainertätigkeit sämtliche Namen aufschreiben müsse. Die deutliche Abhängigkeit von Wetterlagen bzw. -umschlägen weise auf die ursächlich verantwortlichen Weichteilbefunde innerhalb der HWS bzw. des cervikothorakalen Übergangs hin. Eine eigentliche "migraine cervicale" bestehe nicht. Diese Kopfschmerzen und -missempfindungen könnten wiederholbar und eindeutig-prompt durch manuell-testmässige Belastungen des cervikothorakalen Übergangs bzw. der ersten Rippe beidseits ausgelöst werden. Die schmerzhafte Irritierbarkeit des Rippen-Wirbelbogengelenks der ersten Rippe sei derart ausgeprägt, dass z.B. der Greenstone-Test kaum durchgeführt werden könne, d.h. der Versicherte eine genauere Untersuchung der Beweglichkeit der ersten Rippe nicht zulasse. Charakteristisch für die vorhandene Segmentbewegungsstörung des cervikothorakalen Übergangs sei die äusserst schmerzhafte und eng begrenzte Möglichkeit zur Retroversion des Kopfes, aus der heraus eine Rotation undenkbar sei. Die ligamentäre Überempfindlichkeit habe sich indessen bis in die oberen zwei Drittel der BWS ausgeweitet, obwohl der Versicherte im Alltag keinerlei interscapuläre Beschwerden zu beklagen habe. Ein deutlicher Hinweis auf den posttraumatischen Hauptbefund innerhalb des cervikothorakalen Übergangs liefere das leichtgradig bestehende TOS, wobei der Halstead-Test z.B. die Vorderam- und Handsymptomatik, die der Versicherte ab und zu spüre, zu provozieren vermöge. Auch die Faustschlusskraft sei für die Konstitution des Versicherten unbemerkt geblieben deutlich reduziert. Auf die ohne jeden Zweifel traumatisch verursachte Segmentbewegungsstörung des cervikothorakalen Übergangs hätten bisher alle Untersuchungsbefunde hingewiesen. Auch der Bericht über die kreisärztliche Untersuchung vom 27. Oktober 2004 halte die funktionelle segmentale Störung tiefcervikal fest, wobei es nicht nur um den unteren Drittel der HWS, sondern insbesondere um den cervikothorakalen Übergang und die erste Rippe beidseits gehe. Bei exakter funktionell manueller Untersuchung des cervikothorakalen Übergangs einschliesslich der ersten Rippe beidseits sei das die Symptomatologie verursachende so genannte organische Korrelat ohne weiteres fassbar. Angesichts der objektivierbaren Befunde und der damit zusammenhängenden Beschwerden schöpfe der Versicherte seine vorhandene Arbeitsfähigkeit von 50 bis 60 % aus. Aufgrund der Befunde seien dem Versicherten Tätigkeiten mit auch nur geringer Retroversion des Kopfes und Arbeiten mit den Armen auf Schultergürtelhöhe nicht zumutbar. 8.2 Wenn Prof. Dr. med. S.________ ausführt, das so genannte organische Korrelat sei bei exakter manueller Untersuchung fassbar, und im Nachgang hiezu von objektivierbaren Befunden spricht, so ist ihm darin nicht zu folgen. Eine manuelle Untersuchung fördert klinische, nicht aber objektivierbare Ergebnisse zu Tage. Objektivierbar sind Ergebnisse, die reproduzierbar sind und von der Person des Untersuchenden und den Angaben des Patienten unabhängig sind (vgl. Dr. med. Urs Pilgrim, Nicht oder schwer objektivierbare Gesundheitsbeeinträchtigungen: Erfahrungen des Hausarztes und Rheumatologen, in: Erwin Murer [Hrsg.], Nicht objektivierbare Gesundheitsbeeinträchtigungen: Ein Grundproblem des öffentlichen und privaten Versicherungsrechts sowie des Haftpflichtrechts, Freiburger Sozialrechtstage 2006, S. 3 f.). Würde auf Ergebnisse klinischer Untersuchungen abgestellt, so würde fast in allen Fällen ein organisches Substrat namhaft gemacht, das eine Adäquanzprüfung als nicht erforderlich erscheinen liesse (vgl. BGE 127 V 102 E. 5b/bb S. 103 mit Hinweisen). Von organisch objektiv ausgewiesenen Unfallfolgen kann vielmehr erst dann gesprochen werden, wenn die erhobenen Befunde mit apparativen/bildgebenden Abklärungen bestätigt werden (vgl. BGE 134 V 109 E. 9 Ingress S. 122, 117 V 359 E. 5d/aa S. 363; SVR 2007 UV Nr. 25 S. 81 E. 5.4 mit Hinweisen, U 479/05; Urteile 8C_614/2007 vom 10. Juli 2008, E. 4.3, 8C_452/2007 vom 10. Juni 2008, E. 2.2.2, 8C_37/2008 vom 15. Mai 2008, E. 3.2, U 455/06 vom 6. Dezember 2007, E. 4.1, und U 186/06 vom 29. Oktober 2007, E. 5.3). Diese Untersuchungsmethoden müssen zudem wissenschaftlich anerkannt sein (BGE 8C_152/2007 vom 26. Mai 2008, E. 5.1 mit Hinweisen). 8.3 Das von Prof. Dr. med. S.________ diagnostizierte TOS und die von ihm angeführten myofaszialen Befunde sind nicht als organisch hinreichend nachweisbare Unfallfolgen zu betrachten (SVR 2007 UV Nr. 26 S. 86 E. 4.1 mit Hinweisen, U 339/06). Gleiches gilt für die von ihm erhobenen tendinotischen bzw. myotendinotischen Befunde (vgl. Urteile U 36/00 vom 1. März 2001, E. 4, und U 172/97 vom 18. Juni 1999, E. 3). Auch Verhärtungen und Verspannungen der Muskulatur, Druckdolenzen im Nacken sowie Einschränkungen der HWS-Beweglichkeit können für sich allein nicht als klar ausgewiesenes organisches Substrat der Beschwerden qualifiziert werden. Gleiches gilt für Nackenverspannungen bei Streckhaltung der HWS mit Retrohaltung (SVR 2008 UV Nr. 2 S. 3 E. 5.2 mit Hinweisen, U 328/06; Urteil U 334/06 vom 6. Dezember 2006, E. 3). 8.4 Nach dem Gesagten lässt der Bericht des Prof. Dr. med. S.________ vom 20. Juni 2005 nicht den Schluss zu, es lägen überwiegend wahrscheinlich organisch objektiv ausgewiesene Unfallfolgen vor. Gleiches gilt für seinen Bericht vom 4. Juli 2006 (vgl. auch E. 9.3.3. hienach). Aus dem Bericht des Kreisarzt-Stellvertreters Dr. med. C.________, FMH für Orthopädische Chirurgie, vom 28. Oktober 2004 kann der Versicherte nichts zu seinen Gunsten ableiten. Dr. med. C.________ legte gestützt auf die Untersuchung vom 27. Oktober 2004 dar, subjektiv bestünden cervikale Restbeschwerden, vom Charakter her mit vorwiegend muskulärer Komponente bei wahrscheinlich darunter liegender funktionaler segmentaler Störung tiefcervikal, zurzeit ohne klare Irritationszone, bei Zustand nach HWS-Distorsion am 23. August 2002. Zusammenfassend könnten aufgrund der heute zur Verfügung stehenden Unterlagen und der heutigen klinischen Befunde funktionelle segmentale Störungen angenommen werden, jedoch keine objektivierbaren, strukturell erworbenen, somatischen Veränderungen nachgewiesen werden. Es muss daher bei der Feststellung bleiben, dass der Unfall vom 23. August 2002 beim Versicherten zu keinen organisch objektiv ausgewiesenen Unfallfolgen geführt hat, wovon auch der Kreisarzt Dr. med. D.________, Facharzt FMH für Chirurgie spez. Allgemein- und Unfallchirurgie, im Bericht vom 15. Januar 2004 und Dr. med. W.________, Neurologische Praxis, im Bericht vom 2. Februar 2004 ausgingen (vgl. E. 9.2.1 hienach). 8.5 Nach dem Gesagten hat vorliegend, anders als bei Gesundheitsschäden mit einem klaren unfallbedingten organischen Substrat, bei welchen der adäquate Kausalzusammenhang in der Regel mit dem natürlichen bejaht werden kann (BGE 127 V 102 E. 5b/bb S. 103 mit Hinweisen; erwähntes Urteil 8C_452/2007, E. 3), eine besondere Adäquanzprüfung nach der Schleudertrauma-Praxis (BGE 134 V 109) zu erfolgen (vgl. E. 10 f. hienach).