Citation: 2C_542/2016 E. 5.2

5.2. Die vorinstanzliche Interessenabwägung hält einer rechtlichen Prüfung stand: Zu den bereits aufgelisteten zahlreichen neuen strafrechtlich relevanten Handlungen und den zahlreichen nichterfüllten finanziellen Verpflichtungen sind in der Zeit zwischen 1996 und 2010, also vor seiner zweiten Verwarnung 2011, rund 18 Strafbefehle, fünf Strafverfügungen und ein Urteil sowie offene Verlustscheine im Umfang von rund Fr. 160'000.-- und Betreibungen von rund Fr. 300'000.-- zu vermerken. Die strafrechtlichen Verfehlungen betreffen vor allem SVG-Delikte und den Ungehorsam in Betreibungs- und Konkursverfahren. Mit dem erwähnten Urteil ist der Beschwerdeführer vor allem wegen Diebstahls und betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Die jeweiligen Strafen sind zwar mit Ausnahme derjenigen für Betrug und Urkundenfälschung (12 Monate) gering, allerdings ist die Anzahl von 30 Strafen innerhalb von 20 Jahren hoch. Hinzu kommt, dass seine letzte Tat eine massive Steigerung zu den vorhergehenden Taten darstellt. Auch die gesamten Verlustscheine und Betreibungen (ca. Fr. 380'000.--) sind sehr hoch. Zu Recht hat deshalb die Vorinstanz das Gewicht des öffentlichen Interesses insgesamt als hoch eingestuft. Beim privaten Interesse ist vor allem seine lange Aufenthaltsdauer von ca. 35 Jahren in der Schweiz von erheblichem Gewicht. Ob der Beschwerdeführer, der hier geboren, bis im Alter von zwei Jahren hier aufgewachsen ist, zwischen dem dritten und zwölften Lebensjahr abwechselnd in der Schweiz und in der Türkei gelebt sowie die Grundschule in der Türkei besucht und ab dem zwölften Lebensjahr in der Schweiz gelebt hat und hier ausgebildet wurde, dabei als Ausländer der zweiten Generation anerkannt werden kann, wie er fordert, ist ein Streit um einen nicht-rechtlichen Begriff ohne Konturen : So wird als Ausländer zweiter Generation eine ausländische Person bezeichnet, die in der Schweiz geboren ist und ihr ganzes Leben hier verbracht hat (z.B. Urteil 2C_1032/2016 vom 9. Mai 2017), die "né et élevé en Suisse" (z.B. Urteil 2C_974/2015 vom 5. April 2016), die hier geboren, während zwei Jahren abwechselnd in der Schweiz und im Ausland aufwuchs und danach dauerhaft in der Schweiz blieb (Urteil 2C_399/2015 vom 22. Februar 2016), die hier geboren, aber zwischen dem zehnten und zwölften Jahr im Ausland die Schulen besuchte und danach wiederum in der Schweiz lebte (Urteil 2C_1046/2014 vom 5. November 2015), die nicht hier geboren, aber mit eineinhalb (Urteil 2C_608/2015 vom 1. Februar 2016), mit zwei (Urteil 2C_896/2014 vom 25. April 2015), mit vier (Urteil 2C_514/2014 vom 8. Dezember 2014), mit fünf (Urteil 2C_387/2014 vom 3. März 2015), mit sechs (Urteil 2C_520/2014 vom 16. Dezember 2014) oder erst mit acht Jahren (2C_496/2013 vom 15. November 2013 A. i.V.m. E. 3.2) in die Schweiz einreiste. Umgekehrt gilt eine ausländische Person nicht als "Ausländer der zweiten Generation", die hier nicht geboren und nicht aufgewachsen ist, auch wenn sie nachher während mehreren Jahrzehnten in der Schweiz gelebt hat (z.B. Urteil 2C_481/2012 vom 1. März 2013 E. 3.2) oder die ersten zehn Jahre nicht hier verbracht hat (Urteil 2C_474/2012 vom 7. Dezember 2012 E. 3.4). Auch Art. 66a Abs. 2 Satz 2 StGB ("Dabei ist der besonderen Situation von Ausländern Rechnung zu tragen, die in der Schweiz geboren oder aufgewachsen sind") bringt diesbezüglich keine Klärung. Mit dem Begriff "Ausländer zweiter Generation" wird lediglich ein gewisses Gewicht einer Gesamtbetrachtung der Kriterien "Geburt in der Schweiz", "Sozialisierung in der Schweiz" und "Anwesenheitsdauer in der Schweiz" ausgedrückt (vgl. BGE 130 II 176 E. 4.4 S. 189 ff.; Urteile des EGMR i.S. Emre gegen die Schweiz [Nr. 42034/04], Ziff. 65 ff., 77; i.S. Maslov gegen Österreich [Nr. 1638/03], Ziff. 68 ff.; ANDREAS ZÜND/THOMAS HUGI YAR, Aufenthaltsbeendende Massnahmen im schweizerischen Ausländerrecht, insbesondere unter dem Aspekt des Privat- und Familienlebens, EuGRZ 2013, S. 1 ff., 8), weshalb auch im vorliegenden Fall nur diese Kriterien massgebend sind. Dabei bildet selbst eine Geburt und eine Sozialisierung zusammen mit einer sehr langen Anwesenheitsdauer in der Schweiz - wie bereits dargelegt - nach der Rechtsprechung keine Garantie, dass die ausländische Person hier verbleiben kann. Der Beschwerdeführer ist ferner nicht verheiratet, lebt in keiner Beziehung und zu seinem erwachsenen Sohn hat er keinen Kontakt. Zwar spricht er Deutsch, hält sich aber vorwiegend im Kreis seiner Landsleute auf. Ökonomisch ist er ebenfalls kaum integriert: Er ist immer wieder arbeitslos und musste mit einem beträchtlichen Betrag an Fürsorgegeldern unterstützt werden. So hat er etwa von April 2010 bis März 2013 wirtschaftliche Sozialhilfe im Umfang von rund Fr. 85'000.-- bezogen. Der türkischen Sprache ist er mächtig und mit den sozialen Gepflogenheiten seines Heimatlands vertraut. Insgesamt wird das erhebliche Gewicht des privaten Interessens einzig durch seine lange Anwesenheit bestimmt. Die anderen Elemente vermögen dessen Gewicht nicht zu erhöhen. Die Interessenabwägung ergibt Folgendes: Das öffentliche Interesse ist gewichtig. Zwar findet sich nur eine einzige Verurteilung mit einer hohen Freiheitsstrafe, doch ist die Summe von 30 strafrechtlichen Taten und die Kadenz deren Verübung hoch. Hinzu kommt, dass der Beschwerdeführer trotz Aufforderung der Ausländerbehörden, sich eine Erwerbstätigkeit zu suchen, um Schulden abzubauen oder mindestens keine neuen anzuhäufen, mutwillig weitere Schulden in beträchtlichem Ausmass generiert hat. Zudem musste er Fürsorgegelder beanspruchen. Bei den privaten Interessen ist einzig das gewichtige Interesse seiner Geburt, seiner teilweisen Sozialisierung und seiner sehr langen Anwesenheit in der Schweiz in Rechnung zu stellen. Auch wenn der Beschwerdeführer in der Schweiz praktisch sein ganzes Leben und auch prägende Jahre verbracht hat, wären die drohenden Nachteile bei einer Rückkehr in die Türkei sicherlich gewichtig, aber nicht unzumutbar, wie die Vorinstanz überzeugend dargelegt hat. So sind keine schwerwiegenden Nachteile für eine Rückkehr in die Türkei ersichtlich, weil er sich mit seinem Vater überworfen habe und dieser mit ihm nicht mehr spreche (Art. 105 Abs. 2 BGG). Auch seine Krankheit spricht nicht dagegen, nachdem die behandelnden Ärzte bestätigt haben, dass das medizinische Angebot in der Türkei für seine medizinische Behandlung ausreichend sei. Wie die Vorinstanz bereits zutreffend festgehalten hat, ist bei der Ausreise dem Gesundheitszustand Rechnung zu tragen. Nichts zu seinen Gunsten kann er zudem aus seinem Verhalten in der Zeit nach seiner letzten Tat ableiten, ist zum einen doch der Zeitrahmen noch zu kurz, um für das zukünftige Verhalten relevante Aussagen zu gewinnen, und zum anderen befand sich der Beschwerdeführer wegen seiner Krankheit und Operationen in einer besonderen Lage. Insgesamt vermag deshalb das private Interesse das öffentliche Interesse nicht zu überwiegen. Aus Art. 8 EMRK ergibt sich zudem nichts anderes.