Citation: U 381/04 02.02.2006 E. 3

3.1 Beim Unfall vom 10. September 1997 hat der Beschwerdeführer ein Distorsionstrauma der HWS erlitten. Aufgrund des Unfallhergangs und der erlittenen Verletzungen ist anzunehmen, dass es sich um ein sog. Schleudertrauma (Peitschenhieb-Verletzung, Whiplash-injury) gehandelt hat. Jedenfalls liegt eine schleudertraumaähnliche Verletzung vor, welche praxisgemäss einem Schleudertrauma gleichzustellen ist (RKUV 2000 Nr. U 395 [U 160/98] S. 317 Erw. 3; SVR 1995 UV Nr. 23 [U 183/93] S. 67). Im Anschluss an den Unfall sind denn auch Beschwerden aufgetreten, welche zum typischen Beschwerdebild solcher Verletzungen gehören (BGE 117 V 360 Erw. 4b). Nach den Akten sind unmittelbar nach dem Unfall und noch innerhalb der für die Unfallkausalität geltenden Latenzzeit von 24 bis höchstens 72 Stunden (RKUV 2000 Nr. U 359 [U 264/97] S. 29) Nacken- und Kopfschmerzen aufgetreten. Der Beschwerdeführer suchte deshalb zwei Tage nach dem Unfall Dr. med. H.________ auf, welcher eine massiv verspannte Nackenmuskulatur sowie eine Bewegungseinschränkung der HWS feststellte. Im weiteren Verlauf klagte der Beschwerdeführer auch über lumbale Schmerzen. Seinen Angaben gegenüber Prof. Dr. med. M.________ vom 13. Januar 1999 zufolge war es etwa drei bis vier Wochen nach dem Unfall zudem zu Sehstörungen gekommen. Gegenüber dem Aussendienst-Mitarbeiter des Unfallversicherers erwähnte der Beschwerdeführer am 16. Dezember 1999 erstmals auch Schwindelbeschwerden, welche laut Anamnese des Spital X.________ vom 11. Mai 1998 rund zwei Monate nach dem Unfall aufgetreten sind und während des Aufenthaltes in der Klinik F.________ im Juli 1998 noch angedauert haben. Dort erfolgte nebst physikalischen Massnahmen eine medikamentöse Therapie wegen einer depressiven Entwicklung. Auch wenn bezüglich der HWS-Beschwerden und insbesondere des erst nachträglich aufgetretenen Lumbovertebralsyndroms unfallfremde Faktoren in Form degenerativer Veränderungen bestanden haben und seitens der beteiligten Ärzte wiederholt auf eine Tendenz zur Schmerzausweitung und Aggravation hingewiesen wurde, ist der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und dem Gesundheitsschaden zumindest im Sinne einer Teilkausalität zu bejahen, wovon auch die Beschwerdegegnerin ausgegangen ist. Streitig und zu prüfen ist, wie es sich hinsichtlich der Unfallkausalität der ab 1. Januar 1999 weiter bestehenden Beschwerden verhält. Weil es sich dabei um eine leistungsaufhebende Tatsache handelt, liegt die Beweislast - anders als bei der Frage, ob ein leistungsbegründender natürlicher Kausalzusammenhang gegeben ist - nicht bei der versicherten Person, sondern beim Unfallversicherer (RKUV 2000 Nr. U 363 [U 355/98] S. 45, RKUV 1994 Nr. U 206 [U 180/93] S. 328). Der Unfallversicherer hat jedoch nicht den Beweis für unfallfremde Ursachen zu erbringen, sondern nur, dass die unfallbedingten Ursachen des Gesundheitsschadens ihre kausale Bedeutung verloren haben (Urteile P. vom 15. Oktober 2003, U 154/03, F. vom 10. September 2003, U 343/02, und E. vom 12. Dezember 2002, U 247/02). 3.2 In der für die Beurteilung massgebenden Zeit von der Leistungsaufhebung (1. Januar 1999) bis zum Erlass des Einspracheentscheids vom 7. November 2002 (BGE 130 V 446 Erw. 1.2 mit Hinweisen) klagte der Beschwerdeführer über weiter bestehende Kopf- und Nackenschmerzen, die praktisch jeden Tag vorhanden seien, wenn auch in unterschiedlicher Intensität. Im Laufe der Zeit seien zu den anfänglich im Vordergrund gestandenen Nackenschmerzen zunehmend lumbale Schmerzen hinzugekommen. Zudem seien nach wie vor Sehstörungen vorhanden. Schwindelbeschwerden habe er keine mehr; das Gedächtnis sei gut (Gutachten Prof. Dr. med. M.________ vom 22. Januar 1999). Nach Auffassung des Gutachters rechtfertigen weder die Natur und Schwere des erlittenen Traumas noch die von verschiedenen Untersuchern erhobenen klinischen oder bildgebenden Befunde die Annahme erheblicher unfallabhängiger Beeinträchtigungen. Gewisse Restbeschwerden im Bereich der HWS, nicht aber im Bereich der LWS, welche von einer sog. Schleuderverletzung kaum betroffen werde, seien denkbar; insgesamt stünden die heutigen Beschwerden aber nicht (mehr) in nennenswertem Masse in Zusammenhang mit dem Unfall vom 10. September 1997. Bezüglich der Unfallschwere geht der Gutachter unter Hinweis darauf, dass die Beteiligten die Angelegenheit unter sich regelten und auf den Beizug der Polizei verzichteten, von einem offensichtlich geringfügigen Fahrzeugschaden und einem vermutlich banalen Charakter des Unfalls aus. Aus den Akten geht allerdings hervor, dass der Schaden an den am Unfall beteiligten Fahrzeugen (- wirtschaftlicher - Totalschaden am Personenwagen des Beschwerdeführers bei einem Restwert von Fr. 4'350.- und Reparaturkosten am Personenwagen des Unfallverursachers von Fr. 11'442.70) nicht als geringfügig bezeichnet werden kann. Entgegen den Ausführungen in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde besteht dennoch kein Grund, den Beweiswert des Gutachtens in Frage zu stellen. Die gutachterlichen Schlussfolgerungen werden nicht nur vom Vertrauensarzt der Beschwerdegegnerin Dr. med. E.________ im Bericht vom 17. Februar 1999, sondern im Ergebnis auch von den Ärzten der MEDAS im Gutachten vom 18. Mai 2000 geteilt. Danach leidet der Beschwerdeführer an einem panvertebralen Syndrom, welches weit über die organischen Befunde hinaus geht und den Eindruck einer schweren Aggravation und funktionellen Überlagerung erweckt. Aus somatischer Sicht ist der Beschwerdeführer für eine angepasste Tätigkeit seit 1. Januar 1999 voll arbeitsfähig. Soweit ab 1. Januar 1999 noch Rückenbeschwerden bestanden haben, welche nicht auf die vorbestandenen degenerativen Veränderungen zurückzuführen sind, waren sie jedenfalls nicht derart schwer, dass sich daraus eine relevante Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit ergeben hätte. Eine solche resultiert auch aus den geltend gemachten Sehstörungen nicht, welche Ende 1998 Anlass zu einer augenärztlichen Untersuchung und zur Versorgung mit einer Brille gegeben haben. Die Schwindelbeschwerden haben nach den anamnestischen Angaben im Gutachten von Prof. Dr. med. M.________ anfangs 1999 nicht mehr bestanden; ebenso wenig Gedächtnisstörungen. Die neuropsychologischen Defizite (Konzentrations- und Gedächtnisstörungen) bildeten wiederholt Gegenstand von Untersuchungen, deren Ergebnisse sich dahin zusammenfassen lassen, dass die Beeinträchtigungen, soweit überhaupt feststellbar, höchstens möglicherweise und zudem nur teilweise in einem Kausalzusammenhang mit dem Unfall standen und jedenfalls ohne wesentlichen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit geblieben sind. Was schliesslich die psychischen Beeinträchtigungen betrifft, enthalten die medizinischen Akten unterschiedliche Beurteilungen. Während die Psychotherapeutin A.________ am 20. Oktober 1999 eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1) diagnostizierte, stellten die Ärzte der MEDAS eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4) sowie eine leichte depressive Episode (ICD-10 F32.0) fest. Der Psychiater Dr. med. K.________ erhob zunächst die Diagnose einer Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion (ICD-10 F43.23, recte: F43.21), erwähnte in der nachträglichen Stellungnahme vom 23. April 2001 aber auch eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung mit der Einschränkung, dass es sich nicht um ein typisches Krankheitsbild mit überwiegend psychogenen Faktoren handle. Im psychiatrischen Gutachten des IMB schliesslich verneint Dr. med. U.________ das Vorliegen sowohl einer posttraumatischen Belastungsstörung als auch einer Anpassungsstörung und erachtet einen Unfallzusammenhang der psychischen Beschwerden als nicht gegeben. Zu den unterschiedlichen Beurteilungen ist festzustellen, dass die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie sie von der Psychotherapeutin A.________ erhoben wird, gemäss ICD-10 voraussetzt, dass die Störung innerhalb von sechs Monaten nach einem traumatisierenden Ereignis von aussergewöhnlicher Schwere auftritt (Dilling/ Mombour/Schmidt [Hrsg.], Weltgesundheitsorganisation - Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V, 4. Aufl., S. 170). Von einem solchen Ereignis kann hier nicht gesprochen werden. Wie es sich in diagnostischer Hinsicht verhält und inwieweit die bestehenden psychischen Beeinträchtigungen in einem natürlichen Kausalzusammenhang zum Unfall vom 10. September 1997 stehen, bedarf indessen keiner weiteren Abklärung, wie sich aus dem Folgenden ergibt. 3.3 Nach der Rechtsprechung deckt sich bei organisch nachweisbaren Befunden die adäquate, d.h. rechtserhebliche Kausalität weitgehend mit der natürlichen Kausalität, weshalb sich eine spezifische Adäquanzprüfung in der Regel erübrigt (BGE 117 V 365). Für die Bejahung der Adäquanz genügt es indessen nicht, dass organische Befunde erhoben werden; vielmehr müssen diese objektivierbar sein. An solchen objektiv nachweisbaren organischen Befunden fehlt es im vorliegenden Fall. Im Anschluss an den Unfall konnten weder ossäre noch ligamentäre Läsionen festgestellt werden. Eine von der Klinik F.________ angegebene Instabilität C2-C6 konnte in den CT-Funktions-Aufnahmen lediglich insoweit objektiviert werden, als eine Funktionsstörung vereinbar mit einer Instabilität C2/3 festgestellt wurde. Die Verdachtsdiagnose einer Impressionsfraktur Th10/11 konnte in den bildgebenden Untersuchungen ebenfalls nicht bestätigt werden. Ausgeschlossen wurde auch eine möglicherweise unfallbedingte Diskushernie. Was schliesslich die von Dr. med. I.________ im Bericht vom 2. Juni 2003 erwähnten audio-neurootologischen Befunde betrifft, ist festzustellen, dass diese wohl die geklagten Schwindel- und Gleichgewichtsbeschwerden zu erklären vermögen. Es fehlt jedoch auch in diesem Punkt an objektiv nachweisbaren organischen Befunden. Dr. med. I.________ geht denn auch selbst davon aus, dass keine pathologisch-morphologischen Befunde zu erheben seien. Es muss daher bei der Feststellung bleiben, dass der Beschwerdeführer eine schleudertraumaähnliche Verletzung ohne objektiv nachweisbare Funktionsausfälle erlitten hat, weshalb eine spezifische Adäquanzprüfung nach den für Schleudertraumen und schleudertraumaähnliche Verletzungen der HWS (BGE 117 V 359 ff.) oder nach den für psychische Unfallfolgen geltenden Regeln (BGE 115 V 133 ff.) zu erfolgen hat. 3.4 Die Vorinstanz hat die Adäquanz des Kausalzusammenhangs nach den für psychische Unfallfolgen geltenden Kriterien (BGE 115 V 133 ff.) geprüft mit der Begründung, die psychische Problematik sei schon kurz nach dem Unfall dominant gewesen und habe die Restfolgen des Distorsionstraumas in den Hintergrund gedrängt. Dieser Auffassung ist beizupflichten. Auszugehen ist davon, dass der erstbehandelnde Arzt Dr. med. H.________ die Behandlung bereits am 6. November 1997 als abgeschlossen erachtet und eine volle Arbeitsfähigkeit ab 26. September 1997, d.h. zwei Wochen nach dem Unfall, bestätigt hatte. Der vom Versicherten am 24. Oktober 1997 aufgesuchte Dr. med. C.________ bescheinigte in der Folge zwar erneut eine Arbeitsunfähigkeit und erachtete eine weitere physiotherapeutische Behandlung als erforderlich. Der beigezogene Dr. med. T.________ schloss nach weitgehend erfolglosen Behandlungen im April/Mai 1998 indessen auf eine Aggravationstendenz und eine wahrscheinliche Verarbeitungsstörung aus psychischen Gründen. Bereits zuvor hatte der Arbeitgeber, bei welchem der Beschwerdeführer am 24. November 1997 einen Arbeitsversuch unternahm, festgestellt, dass es "seinem Mitarbeiter psychisch sehr schlecht gehe" (Aktennotiz vom 19. März 1998). Beim Eintritt in die Klinik F.________ stand ein depressiver Zustand im Vordergrund, welcher mit einer medikamentösen Therapie angegangen wurde. In der Krankengeschichte wurde eine Somatisierungstendenz vermerkt. Die späteren fachärztlichen Untersuchungen bestätigten diese Feststellung, wobei auf eine Chronifizierung des Schmerzsyndroms unter Beteiligung psychogener und psychosozialer Faktoren geschlossen wurde. Auch wenn bezüglich der Diagnose unterschiedliche Auffassungen bestehen, stimmen die Arztberichte darin überein, dass der Beschwerdeführer an einer psychischen Störung mit Krankheitswert leidet, deren erste Symptome bereits kurz nach dem Unfall aufgetreten sind und rasch zugenommen haben. Die physischen Beschwerden sind im Verlaufe der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt ganz in den Hintergrund getreten, wovon umso mehr auszugehen ist, als nach ärztlicher Auffassung eine Aggravationstendenz bestanden hat. Die Adäquanzbeurteilung hat daher rechtsprechungsgemäss nicht nach den für Schleudertraumen und schleudertraumaähnliche Verletzungen der HWS, sondern nach den für psychische Unfallfolgen geltenden Regeln zu erfolgen (BGE 123 V 98 ff.; RKUV 2002 Nr. U 465 [U 164/01] S. 437 ff.).