Citation: U 109/04 23.11.2004 E. 2

Streitig ist der Anspruch auf Leistungen der Unfallversicherung und in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Bestehen allfälliger Unfallrestfolgen. 2.1 Das kantonale Gericht nimmt das Vorliegen einer HWS-Distorsion mit dem typischen Beschwerdebild an, erachtet den Sachverhalt aber als medizinisch ungenügend abgeklärt. Daran würden auch die von der SUVA eingereichten Videoaufnahmen nichts ändern, da sie einerseits nur 38 Minuten dauerten und damit den Beobachtungszeitraum nur ungenügend wiedergäben sowie andererseits die medizinischen Unklarheiten nicht klären könnten. Die Beschwerde führende SUVA geht demgegenüber davon aus, dass weder ein Schleudertrauma-Mechanismus stattgefunden habe noch das typische Beschwerdebild nach einem Schleudertrauma der HWS vorliege. Weiter bestünden keine organischen Unfallfolgen mehr und "die psychischen Faktoren im Sinne eines atypischen Beschwerdebildes mit starker Aggravation und Symptomausweitung" seien in keinem natürlich und adäquat kausalen Zusammenhang zum Unfall von April 2000. 2.2 Im zur Zeit des Einspracheentscheides (20. November 2001) aktuellsten Arztbericht diagnostizierte die Neurologisch-Neurochirurgische Poliklinik des Spitals Y.________ am 5. November 2001 zuhanden der Invalidenversicherung einen Status nach Commotio cerebri sowie einen Status nach HWS-Distorsionstrauma ohne Anhaltspunkte für eine radikuläre Reiz- oder Ausfallsymptomatik mit Torticollis und Kopfschiefhaltung nach links, wahrscheinlich im Rahmen einer somatoformen Schmerzverarbeitungsstörung. Dies deckt sich mit den Äusserungen der Klinik Z.________ vom 17. November 2000, wonach der - sich während der Hospitalisation entwickelte - Schiefhals organisch nicht begründbar ist, und stimmt auch mit dem psychosomatischen Konsilium vom 24. Oktober 2000 überein, welches eine Anpassungsstörung als psychiatrische Diagnose erwähnt. Auch der Hausarzt Dr. med. H.________ konnte weder für den Schiefhals noch für die Schmerzen eine organische Ursache finden. Bestätigt werden diese Auffassungen durch das vom Haftpflichtversicherer veranlasste Überwachungsvideo (vgl. dazu BGE 129 V 323), in welchem der Beschwerdeführer ohne die Schiefhaltung des Kopfes (unter anderem bei der anstrengenden Innenreinigung seines Autos) gefilmt worden ist. Die Annahme des kantonalen Gerichts, die aufrechte Kopfhaltung könne Folge der behaupteten Einnahme von Tramal sein, überzeugt nicht: Im Rahmen der Observation konnte nämlich gefilmt werden, wie der Versicherte - nachdem er an einem Bahnhof einen der Detektive erkannt hatte - eine Schiefhaltung des Kopfes einnimmt, obwohl er vorher und nachher den Kopf gerade halten kann; ein solches Verhalten kann auch durch den Konsum von Schmerzmitteln nicht erklärt werden. Sollte das Video im Übrigen tatsächlich zuwenig aussagekräftig sein, wie dies die Vorinstanz letztlich annimmt, hätte sie zumindest den von der SUVA offerierten Beweis abnehmen und die mit der Observation beauftragten Detektive einvernehmen müssen. Auch das Vorliegen der Folgen eines (allfälligen) Traumas der Halswirbelsäule ist zu verneinen: Das erstbehandelnde Spital X.________ hat am Unfalltag anamnestisch "etwas Kopfschmerz" erhoben und der Hausarzt berichtete im Bericht vom 9. Juni 2000 davon, dass der Beschwerdegegner "im Hals-Schultergürtel noch stark verspannt" sei und "Spontanbewegungen mit HWS/Kopf ... nur spärlich vorhanden" seien, während die Neurologisch-Neurochirurgische Poliklinik des Spitals Y.________ im Untersuch vom 3. Mai 2000 in der Anamnese angab, der Versicherte leide momentan "unter starken occipitalen Schmerzen mit Ausstrahlung in Nackenbereich sowie in die li Schulter, li Arm, li Brusthälfte, Lumbalgien mit Ausstrahlung ins li Bein". Weitere typische Beschwerden (wie diffuse Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit, Visusstörungen, Reizbarkeit, Affektlabilität, Depression, Wesensveränderung; BGE 117 V 360 Erw. 4b; vgl. BGE 119 V 338 Erw. 2) sind dagegen nicht innert der Latenzzeit von 24 bis höchstens 72 Stunden nach dem Unfall (RKUV 2000 Nr. U 359 S. 29 Erw. 5e) aufgetreten, sondern wurden erstmals im November 2002 - d.h. zweieinhalb Jahre nach dem Unfall - von der Klinik R.________ erwähnt. Damit kann der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und dem für ein Schleudertrauma der HWS typischen Beschwerdebild sowie der als Folge davon eingetretenen Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit nicht ohne weiteres bejaht werden (BGE 119 V 338 Erw. 1 in fine, 117 V 360 Erw. 4b); Ausnahmen, um dennoch einen Kausalzusammenhang anzunehmen, liegen hier nicht vor. Auch die biomechanische Kurzbeurteilung vom 27. Februar 2001 ändert nichts an diesem Ergebnis: Wenn darin die bekannten Kopf- und Nackenschmerzen berücksichtigt und durch die Kollisionseinwirkung als "erklärbar" erachtet werden, basieren die Ausführungen aber gerade darauf, dass ein HWS-Trauma bereits diagnostiziert und damit angenommen worden ist, weshalb sie nicht Grundlage für das Bestehen eines solchen Traumas sein können. Im Weiteren können im Rahmen der Biomechanik nur Beschwerden beurteilt werden, die "in einem biomechanisch überschaubaren Zeitraum von einigen Wochen bis Monaten nach dem Ereignis auftreten", nicht jedoch Beschwerden, die - wie hier - nach zweieinhalb Jahren erstmals erwähnt werden. Damit ist davon auszugehen, dass der Beschwerdegegner weder an somatischen Beschwerden noch an den Folgen eines Schleudertraumas der Halswirbelsäule leidet (so dass offen gelassen werden kann, ob er ein Schleudertrauma erlitten hat oder ob ein solches - wie die SUVA bezweifelt - überhaupt möglich gewesen ist). Die geklagten Beschwerden (insbesondere der geltend gemachte Schiefhals) sind demzufolge allenfalls Folgen einer psychischen Fehlentwicklung. 2.3 Die Unfallversicherung hat für allfällige psychische Leiden nur bei Vorliegen eines adäquaten Kausalzusammenhanges zum Unfall von April 2000 einzustehen. Die zum typischen Beschwerdebild eines Schädel-Hirn-Traumas respektive eines Schleudertraumas der HWS gehörenden Beeinträchtigungen liegen zwar teilweise vor (Kopf- und Nackenschmerzen; vgl. Erw. 2.2 hievor), jedoch hat der SUVA-Kreisarzt Dr. med. I.________ bereits in seinem Bericht vom 17. Juli 2000 von einer Fehlverarbeitung gesprochen (auch wenn sich diese "momentan noch in gewissen Grenzen" halte) und es ist festzuhalten, dass die physischen Beschwerden im gesamten Zeitraum ab dem Unfall nur eine äusserst untergeordnete Rolle gespielt haben (RKUV 2002 Nr. U 465 S. 439 Erw. 3b). Damit hat die Prüfung der Adäquanz nach den in BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa für Unfälle mit psychischen Folgeschäden aufgestellten Grundsätzen zu erfolgen (BGE 127 V 103 Erw. 5b/bb; vgl. Erw. 1.2 hievor). Gemäss Polizeirapport fuhr der Versicherte am frühen Morgen (ca. 04.15 Uhr) mit etwa 100 km/h auf dem Normalstreifen der Autobahn, als ein anderer Lenker die Herrschaft über sein Fahrzeug verlor und links hinten in den Wagen des Beschwerdegegners fuhr, welcher sich in der Folge drehte, gegen die Leitplanke schleuderte und dort entgegen der Fahrtrichtung zum Stillstand kam. In Anbetracht dieser Umstände ist der Unfall als mittelschweres Ereignis zu betrachten (vgl. auch die Zusammenfassung der Rechtsprechung in RKUV 2003 Nr. U 481 S. 204 Erw. 3.3.2, wobei es sich dort jedoch um Autounfälle mit einem Überschlagen des Wagens handelte). Bei psychischen Beeinträchtigungen nach einem mittleren Unfall sind gemäss Rechtsprechung weitere Kriterien notwendig, um den adäquaten Kausalzusammenhang bejahen zu können (BGE 115 V 140 Erw. 6c): - Der Unfall vom 10. April 2000 wies zwar eine gewisse Eindrücklich- keit auf, da sich der Wagen des Versicherten auf der Autobahn infolge eines Stosses durch ein anderes Fahrzeug drehte und in die Leitplanke schleuderte. Jedoch kann nicht davon gesprochen werden, dass die Eindrücklichkeit objektiv besonders ausgeprägt ist (vgl. BGE 115 V 141). Es wurden im Weiteren weder der Be- schwerdegegner noch der Unfallverursacher besonders schwer oder gar lebensgefährlich verletzt und weitere Personen waren nicht in den Unfall verwickelt. Insoweit unterscheidet sich der vorliegende Fall vom Urteil H. vom 26. Mai 2000, U 86/98, wo durch den kollisi- onsbedingten Aufprall zwar auch die Herrschaft über das Fahrzeug verloren ging, jedoch ein Zusammenstoss mit zwei Fussgängern erfolgte, von welchen einer auf die Kühlerhaube gehoben und an- schliessend auf die Strasse geschleudert wurde, und es nötig ge- wesen war, die beiden Fussgänger mit der Ambulanz ins Spital zu bringen. - Die erlittenen Verletzungen (initial wurden im Spital X.________ nur eine grosse Beule am Hinterkopf mit kleiner Hautläsion, eine starke Druckdolenz und leichte okzipitale Kopfschmerzen festgestellt) als solche waren nicht besonders schwer, und angesichts dessen erfahrungsgemäss auch nicht geeignet, psychische Fehlentwick- lungen auszulösen. - Die Dauer der ärztlichen Behandlung, die geklagten Dauerschmer- zen sowie der geltend gemachte Schiefhals basieren nicht auf einem somatischen Substrat, sondern auf der relativ schnell erfolgten und alles andere in den Hintergrund drängenden psychi- schen Überlagerung; damit fallen auch Grad und Dauer der phy- sisch bedingten Arbeitsunfähigkeit kaum ins Gewicht. - Schliesslich ist eine ärztliche Fehlbehandlung, die die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hätte, nicht ersichtlich. Die in der vorin- stanzlichen Beschwerde erhobenen Vorwürfe an den Hausarzt sind weder nachvollziehbar noch belegt. Somit liegen die gemäss Rechtsprechung bei einem mittleren Unfall notwendigen objektiven Kriterien weder gehäuft vor, noch ist eines davon besonders ausgeprägt (BGE 115 V 140 Erw. 6c/bb), weshalb der adäquate Kausalzusammenhang zwischen den beiden Unfällen und den geklagten psychischen Beschwerden zu verneinen ist. Dies hat zur Folge, dass der Unfall zwar unter Umständen eine natürlich kausale Teilursache der psychischen Beschwerden darstellt, diese ihm aber rechtlich nicht zugerechnet werden können.