Citation: 4F_22/2024 E. 5.2.2

5.2.2. Die Gesuchsteller stellen sich auf den Standpunkt, der EGMR habe sich im Urteil Jann auch bereits zur relativen Verjährung geäussert, weshalb die Frage der Verjährungseinrede abschliessend geklärt sei. Es bleibe deshalb kein Raum mehr, die Frage der Verjährung, auch nicht diejenige einer relativen Verjährung, erneut zu prüfen. Der EGMR habe rechtskräftig und endgültig festgestellt, dass ihnen im innerstaatlichen Verfahren das Recht auf Zugang zu einem Gericht im Sinne von Art. 6 Ziff. 1 EMRK verwehrt worden sei. Mit der nochmaligen Beurteilung dieser Frage würde abermals gegen den Zugang zum Gericht verstossen. Zudem läge ein Verstoss gegen Art. 46 EMRK vor und es würde das Beschleunigungsverbot (Art. 29 Abs. 1 BV) verletzt. Die Gesuchsteller verkennen die Tragweite des Urteils Jann. Bereits vor dem Hintergrund, dass weder die Erst- noch die Vorinstanz noch das Bundesgericht die Frage der relativen Verjährung (abschliessend) geprüft haben, ist nicht ersichtlich, weshalb sich der EGMR als erste Instanz zur Frage der relativen Verjährung (abschliessend) geäussert haben sollte. Wie die Gesuchsgegner zu Recht geltend machen, stehen die im Urteil Jann gemäss EGMR vorliegenden EMRK-Verletzungen nicht im Zusammenhang mit dem Institut der relativen Verjährung. Aus den entscheidenden Erwägungen des EGMR im Urteil Jann ergibt sich denn auch ohne Weiteres, dass sich der EGMR nur mit dem Institut der absoluten Verjährung befasst hat. So erwog er in § 79 ff. des Urteils Jann was folgt: "79. The Court has already held that when it is scientifically proven that it is impossible for a person to know that he or she suffers from a certain illness, such a circumstance should be taken into account in the calculation of the limitation period [...]. In view of the long latency periods involved [...], it is therefore safe to assume that asbestos-related claims will always be time-barred in the case of a ten-year limitation period, and probably also very often in the case of a twenty-year limitation period under the new domestic provisions [...], if at the same time the beginning of the limitation period (dies a quo) is linked to the (end of the) harmful act in question [...]." "81. [...] The Court can therefore not agree that the applicants' right of access to a court has been practical and effective, in view of the manner determining the dies a quo in respect of the running of the absolute limitation period. There does not seem to be a reasonable relationship of proportionality between the means employed and the aim sought. [...]." "82. [...] to enable the Court to conclude that in the exceptional circumstances that pertain to victims of asbestos exposure [...], the application of the absolute limitation periods by the domestic courts - in particular the manner of determining the dies a quo in respect of the running of the absolute limitation period - resulted in the applicants' right of access to a court being restricted to the point that the very essence of that right had been impaired." Entschieden hat der EGMR im Urteil Jann hingegen, dass den Gesuchstellern nicht vorgeworfen werden kann, keine Ansprüche gegenüber dem Entschädigungsfonds für Asbestopfer geltend gemacht zu haben (Urteil Jann § 77; in BGE 146 III 25 E. 8.3 hat das Bundesgericht die Frage offengelassen, inwieweit mit dem Entschädigungsfonds für Asbestopfer eine alternative Lösung für Schädigungen unter dem damaligen Verjährungsrecht geschaffen wurde).