Citation: I 538/99 05.04.2000 E. 4

4.- a) Nach der Rechtsprechung ist die Grenze zwischen invalidisierenden und nichtinvalidisierenden Psychogenien durch die Rechtsfigur der Zumutbarkeit zu ziehen. Dabei sind die Erwerbsunfähigkeit und ihr Mass nach objektiven Kriterien zu beurteilen. Es ist festzustellen, ob und in welchem Masse ein Versicherter infolge seines Gesundheits- schadens auf dem ihm nach seinen Fähigkeiten offenstehenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt eine Einbusse an Erwerbseinkom- men erleidet im Vergleich zu seiner Einkommenslage, wenn er nicht mit dem Gesundheitsschaden behaftet wäre. Dabei kommt es darauf an, welche Tätigkeit dem Gesundheitsgeschädigten zugemutet werden kann. Entscheidend ist, ob, nach psychi- atrischer Feststellung, die erhobenen Befunde eine der- artige Schwere aufweisen, dass sozialpraktisch die Ver- wertung der Arbeitsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt dem Ver- sicherten nicht mehr zumutbar oder dies für die Gesell- schaft nicht mehr tragbar ist (Meyer-Blaser, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, Zürich 1997, S. 11 mit Hin- weisen auf die Rechtsprechung). b) Die Frage nach der objektiv zu verstehenden Zumut- barkeit beurteilt sich entscheidend nach dem, was der Arzt, nötigenfalls der Psychiater als Spezialarzt sagt (ZAK 1971 S. 213, 1968 S. 409). Allerdings lässt die fachärztlich festgestellte psychische Krankheit oder psychische Auf- fälligkeit für sich allein genommen nicht ohne weiteres auch auf das Vorliegen einer Invalidität schliessen; es muss zudem eine Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit, unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie, ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein (ZAK 1973 S. 655 Erw. 2; Meyer-Blaser, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, S. 12). Im nicht veröffentlichten Urteil K. vom 19. Januar 2000 (I 554/98) hat das Eidgenössische Versicherungsgericht die Aufgabe näher umschrieben, die den medizinischen Ex- perten bei der Beurteilung des invalidisierenden Charakters von somatoformen Störungen zukommt. Nebst der Diagnosestel- lung haben sich diese zum Schweregrad der Symptomatik und zur Prognose zu äussern und darauf abgestützt Aussagen zur Leistungsfähigkeit und Zumutbarkeit zu machen. In diesem Zusammenhang hat der Gutachter das Vorliegen von invalidi- tätsbegründenden Faktoren wie auffällige prämorbide Per- sönlichkeitsstruktur, psychiatrische Komorbidität, chroni- sche körperliche Begleiterkrankungen, Verlust der sozialen Integration, ausgeprägter Krankheitsgewinn, mehrjähriger Krankheitsverlauf mit unveränderter oder progredienter Symptomatik, unbefriedigende Behandlungsergebnisse und gescheiterte Rehabilitationsmassnahmen zu beurteilen. Er hat aber auch Stellung zu nehmen zu den rentenausschlies- senden Faktoren wie Diskrepanz zwischen Beschwerdeschilde- rung und beobachtetem Verhalten, hohe Intensitätsangaben, erhebliche Diskrepanz der Angaben im Vergleich zur fremd- anamnestischen Information, Angabe intensiver Beschwerden ohne Nachsuchen von therapeutischer Hilfe, appellativ- demonstrative Klagen, welche beim Untersucher kaum emotio- nale Betroffenheit auslösen, Angabe schwerer Beeinträch- tigung bei real weitgehend intaktem psychosozialem Funk- tionsniveau im Alltag (vgl. zum Ganzen Mosimann, Somato- forme Störungen: Gerichte und (psychiatrische) Gutachten, in: SZS 1999 S. 1 ff. und S. 105 ff.). Der Prognose kommt insofern besondere Bedeutung zu, als hier in erster Linie zu prüfen ist, ob vom Versicherten ein - allenfalls be- trächtlicher - Willenseffort verlangt werden kann, der seine Erwerbsfähigkeit wieder herstellt oder verbessert, selbst wenn es wahrscheinlich ist, dass er sich weigern wird, dies zu tun - sofern die Verweigerungshaltung eine willentliche ist und nicht ihrerseits eine psychische Be- einträchtigung mit Krankheitswert darstellt (Meyer-Blaser, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, S. 13; Mosi- mann, a.a.O., S. 111; vgl. auch ZAK 1983 S. 156 Erw. 4). c) Im vorliegenden Fall hielten die Ärzte der Rehabi- litationsklinik im Bericht vom 20. September 1996 dafür, dass die angestammte Arbeit - vorerst zu therapeutischen Zwecken - wieder aufzunehmen und anschliessend der Fall abzuschliessen sei; ein strenges Regime, bei dem vom Versicherten Leistungen abverlangt würden, sei hier die Therapie der Wahl. Kreisarzt Dr. med. K.________ sprach sich am 9. Oktober 1996 ebenfalls für den Fallabschluss aus, zumal eine allfällige Besserung bei dieser therapeu- tisch nicht mehr angehbaren Symptomatik von einer Änderung der Persönlichkeitsstörung abhänge. In ihren Berichten zuhanden der IV-Stelle bezeichneten sowohl die Ärzte der Klinik Y.________ wie auch der Hausarzt den Beschwerde- führer als aus psychischen Gründen nicht mehr arbeitsfähig, wobei sie die Prognose als schlecht beurteilten (Berichte vom 31. Januar und 17. März 1998). Der behandelnde Psycho- loge lic. phil., lic. theol. V.________ beschreibt in seiner Stellungnahme vom 8. Dezember 1998 zwar eine leichte Besserung, geht im Übrigen jedoch von einem chronifizierten Zustand aus, welcher keine berufliche Reintegration er- mögliche. Die zentrale Frage, ob der Versicherte bei Aufbietung allen guten Willens Arbeit in ausreichendem Masse verrich- ten könnte, lässt sich aufgrund der medizinischen Akten mangels einer qualifizierten und schlüssig nachvollzieh- baren Stellungnahme der Fachärzte zu diesem Punkt jedoch nicht zuverlässig beantworten. Hinzu kommt die unterschied- liche Diagnosestellung (Konversionsneurose oder posttrau- matische Belastungsstörung) durch die involvierten Ärzte (vgl. auch Erwägung 3). Für die abschliessende Prüfung der Frage, ob ein psychischer Gesundheitsschaden vorliegt, sind daher weitere Abklärungen erforderlich, wobei eine (noch- malige) psychiatrische und eine neuropsychologische Begut- achtung im Vordergrund zu stehen haben. Die Sache ist zu diesem Zweck an die IV-Stelle zurückzuweisen, welche an- schliessend über den Anspruch auf eine Invalidenrente neu zu verfügen haben wird.