Citation: 2P.6/2007 22.02.2008 E. 3

3.1 Vorliegend handelt es sich um einen ausgesprochenen Spezialfall. Eine erste Besonderheit gegenüber den üblicherweise zu beurteilenden Fällen besteht darin, dass die behauptete Sitzverlegung nicht eine Finanz- bzw. Holding-, sondern eine Produktionsgesellschaft betrifft. Aussergewöhnlich ist weiter, dass der neue Sitz des Unternehmens sich in der Privatwohnung des Geschäftsführers, Alleinaktionärs und einzigen Verwaltungsrats befinden soll. Ausserdem geht es um eine Kleinfirma, bei der die erforderliche Infrastruktur entsprechend geringer ist und verschiedene Geschäftsfunktionen nicht immer deutlich getrennt sind, von der gleichen Person ausgeübt werden und sich je nachdem als weniger raumgebunden erweisen. 3.2 Es ist unbestritten, dass die Beschwerdeführerin ihren statutarischen Sitz aufgrund einer ausserordentlichen Generalversammlung vom 29. September 2000 von W.________ nach V.________ in eine ab dem 1. Oktober 2000 gemietete 4 1/2-Zimmerwohnung verlegte, was am 12. Oktober ins Handelsregister des Kantons Nidwalden eingetragen wurde. Ende Oktober 2000 und anfangs November 2000 liess die Gesellschaft sich von diversen Firmen Büromöbel und -material an die U.________strasse liefern und einen Swisscom-Festnetzanschluss installieren. Ferner eröffnete sie anfangs November 2000 ein Kontokorrentkonto bei der Nidwaldner Kantonalbank. Aktenkundig ist weiter, dass die ordentlichen Generalversammlungen der Beschwerdeführerin ab dem Geschäftsjahr 2001 jeweils an der U.________strasse in V.________ stattfanden. Es fragt sich, ob damit dem Erfordernis einer wesentlichen Büroinfrastruktur am Ort des neuen statutarischen Sitzes Genüge getan wurde. Die Beschwerdeführerin macht nicht geltend, dass in V.________ (abgesehen von den Geschwistern X.________, Z.________ und T.________; vgl. dazu unten E. 3.4.2) Personal beschäftigt worden wäre. Weiter muss die vorhandene räumliche Infrastruktur als (sehr) schmal bezeichnet werden. Da es hier aber nur um eine vom Alleinaktionär, Geschäftsführer und einzigen Verwaltungsrat in Personalunion geleitete Kleinunternehmung geht, kann doch vermutet werden, dass der statutarische Sitz der Beschwerdeführerin in V.________ nicht bloss formelle Bedeutung hatte. Es obliegt daher dem Kanton Luzern, schlüssig darzutun, dass sich die eigentliche Geschäftsführung und Verwaltung, d.h. die leitende Tätigkeit der Beschwerdeführerin, in Wirklichkeit weiterhin in W.________ befand. 3.3 Zugunsten dieser Auffassung machen die Luzerner Behörden folgende Umstände geltend: - -:- - Die Gemeindebehörden von W.________ seien aufgrund ihrer Beobachtungen zu der Überzeugung gelangt, dass die beiden Brüder X.________ und Z.________ täglich in W.________ arbeiteten, da deren Personenwagen mit NW-Kontrollschildern immer vor der Firma A.________ AG gesehen werde. - Der Beamte der kantonalen Steuerverwaltung habe am 19. September 2001 die Telefonnummer des Geschäfts in V.________ gewählt und sei dank Telefonumleitung mit Z.________ in W.________ verbunden worden. - Die Stromkosten der Wohnung beliefen sich auf nur unbedeutende CHF 27.-- pro Monat. - Die Mehrheit der Lieferanten komme aus der Gegend von W.________. - Verschiedene Rechnungen seien unverändert nach W.________ versandt worden. - Sämtliche Geschäftsreisen der leitenden Mitarbeiter von A.________ AG würden von W.________ aus unternommen; einzelne der Rechnungskopien seien überklebt worden und mit der Adresse der Gesellschaft in V.________ versehen worden. - Die beachtliche Wertschöpfung der A.________ AG sei nur der Produktionstätigkeit in W.________ zu verdanken, weshalb diesem Werkplatz wesentliche strategische Bedeutung zukomme. 3.4 Die für die beiden Orte vorgebrachten Umstände machen deutlich, dass es sich hier nicht nur um einen Spezial-, sondern auch um einen Grenzfall handelt. Den Luzerner Behörden ist auf jeden Fall der Nachweis gelungen, dass sich die Produktions- und die übliche Verwaltungstätigkeit auch nach dem 1. Oktober 2000 weiterhin in W.________ befanden, unter der regelmässigen - wenn nicht sogar täglichen - Führung des Alleinaktionärs. Soweit die vom Kanton Luzern durchgeführten Ermittlungen nicht den eigenen Hoheitsbereich betreffen, erweisen sie sich zwangsläufig als weniger schlüssig; seine verschiedenen Erhebungen werfen aber deutlich die Frage auf, wie intensiv, zu welchem (geschäftlichen und/oder privaten) Zweck und durch wen die Wohnung in V.________ tatsächlich genutzt wurde: 3.4.1 Aufgrund der verfügbaren Indizien haben die Luzerner Behörden zwar überzeugend dargelegt, dass schon die räumlichen Gegebenheiten der Privatwohnung gewisse Tätigkeiten ausschlossen. Das betrifft namentlich die Produktionstätigkeit der Gesellschaft, für welche die Wohnung gänzlich ungeeignet war. Allgemein ist aber eine Trennung zwischen Produktionsstätte und Hauptsitz für eine solche Unternehmung nicht selten und für sich allein nicht aussagekräftig, vor allem wenn - wie hier - die Distanz zwischen den beiden Orten nur rund 30 Kilometer beträgt (Luftlinie rund 25 km). Dasselbe gilt für die übliche Verwaltungstätigkeit, soweit diese nicht von Aussenstehenden wahrgenommen wurde, wie z.B. die Buchführung. Entscheidend ist auch nicht der Umstand, dass die Privatwohnung weder dazu bestimmt war noch dazu benutzt zu werden schien, Personalgespräche bzw. -sitzungen durchzuführen oder Kunden zu empfangen. Dazu hebt die Beschwerdeführerin hervor, dass ihr Betrieb nicht vom Büro aus geführt werde, sondern dank regen Kundenbesuchen im Overall und mit Putzhandschuhen. Die Stärke des Unternehmens liege nämlich darin, Reinigungskonzepte und die dazugehörigen Produkte auf die sehr individuellen und konkreten Kundenbedürfnisse abzustimmen und anzupassen. Das diesbezügliche Wissen von X.________ werde laufend weiterentwickelt durch das Studium von Fachliteratur, durch Praxistests und mit Hilfe von Internetrecherchen. 3.4.2 Mehrere Indizien (durch Stichproben belegte Unerreichbarkeit tagsüber, bescheidene Stromrechnung) deuten weiter darauf hin, dass die Wohnung - selbst für die dort möglichen Tätigkeiten - nur in beschränktem Umfang genutzt wurde. Das ist umso bedeutender, als nicht nur der Alleinaktionär in der Wohnung gelebt und gearbeitet haben soll, sondern auch dessen Bruder und Schwester (seit dem 1. November 2000 bzw. dem 20. Dezember 2001). Diese Behauptung wird zwar nicht schon durch die gegebenen Räumlichkeiten widerlegt, verfügt doch die Wohnung über drei Schlafzimmer und - gemäss den eingereichten Plänen - über drei Arbeitsplätze (ein Schreibtisch in einem Schlafzimmer, zwei im Wohnzimmer). Indessen sprechen die genannten Indizien betreffend die Benutzung zumindest gegen eine regelmässige (private und/oder geschäftliche) Anwesenheit der Geschwister in der Wohnung. Diese Frage ist aber nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens und muss hier somit nicht weiter geprüft werden. Das Gleiche gilt für die Verhältnisse in Bezug auf die Kommanditgesellschaft bzw. die Einzelunternehmung des Vaters. 3.4.3 Fraglich ist ausserdem das Verhältnis zwischen der privaten und geschäftlichen Verwendung der Wohnung durch den Alleinaktionär. Die Übereinstimmung zwischen Gesellschaftssitz und Privatadresse des Geschäftsführers ist - wie bereits hervorgehoben (vgl. oben E. 3.1) - schon an sich aussergewöhnlich. Sie ist es noch mehr, wenn - wie hier - die Privatadresse auf den gleichen Zeitpunkt zwischen den gleichen Orten verändert wird wie der Gesellschaftssitz und ebenfalls streitig ist, insbesondere im Zusammenhang mit der dadurch erwirkten Nichtbesteuerung der kurz danach ausgeschütteten Substanzdividende auf kantonaler Ebene (vgl. das Parallelverfahren 2P.5/2007). Dazu kommt, dass teilweise die gleichen Indizien zugunsten des persönlichen Wohnsitzwechsels und der geschäftlichen Sitzverlegung geltend gemacht werden. Vorliegend sind die Indizien aber ausschliesslich in dem Sinne zu prüfen, ob sie - zumindest zusammengenommen - eine effektive Leitungstätigkeit am neuen Ort zu begründen vermögen, unbekümmert um den Stellenwert, die sie beim privaten Wohnsitzwechsel haben. Ist der Nachweis der erforderlichen wirklichen Geschäftsführung erbracht, kann es - wie im Parallelverfahren bezüglich des Alleinaktionärs - nicht darauf ankommen, ob die Gesellschaft durch die Sitzverlegung steuerliche Vorteile erzielt (vgl. oben E. 2.2). 3.4.4 Hier kann der Beweis der tatsächlichen Gesellschaftsleitung in V.________ als (gerade) noch erbracht betrachtet werden, und somit der Gegenbeweis der Luzerner Behörden als gescheitert. Das gilt insbesondere mit Blick auf mehrere Sonderumstände des vorliegenden Falls: In einem einzeln geführten Kleinunternehmen besteht die effektive Betriebsleitung aus Tätigkeiten, die hier durch die räumlichen Begebenenheiten der Privatwohnung nicht schon ausgeschlossen wurden, nicht zuletzt dank der Verwendung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien (vgl. dazu u.a. oben E. 3.4.1). Soweit die Wohnung nur beschränkt genutzt worden zu sein scheint, kann - wie schon hervorgehoben (vgl. oben E. 3.4.2) - angenommen werden, dass dies gegen eine regelmässige (private und/oder geschäftliche) Anwesenheit der Geschwister oder gegen eine effektive Geschäftsführung der Kommanditgesellschaft/Einzelunternehmung des Vaters in der Wohnung spricht, nicht aber gegen eine genügende private Nutzung durch den Alleinaktionär oder eine effektive Geschäftsleitung der Aktiengesellschaft (vgl. oben E. 3.4.1). Um die wichtigen Aktivitäten und Entscheidungen der Gesellschaft vorzubereiten und durchzuführen, bedarf es in einer einzeln geleiteten Kleinunternehmung nicht zwangsläufig mehr Zeit, als der Geschäftsführer hier - nebst privater Verwendung - in der Wohnung zugebracht zu haben scheint, u.a. für die Generalversammlungen der Gesellschaft sowie die Forschungs- und Entwicklungsarbeit (vgl. oben E. 3.4.1). Dieses Ergebnis rechtfertigt sich auch deshalb, weil der Kanton Luzern durch die Anerkennung einer tatsächlichen Sitzverlegung seinen Besteuerungsanspruch gegenüber der Gesellschaft nicht vollumfänglich verliert. In W.________ befindet sich weiterhin die Produktions-Betriebsstätte. Bei der nun erforderlichen Neuveranlagung aufgrund beschränkter Steuerpflicht werden die Luzerner Behörden von der jeweiligen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der beiden Standorte auszugehen haben; sie werden aber u.a. der Tatsache Rechnung tragen dürfen, dass dem Werkplatz W.________ weiterhin grosse Bedeutung zukommt, nicht zuletzt durch die im Wesentlichen dort erzielte Wertschöpfung (vgl. oben E. 3.3).