Citation: 6B_1079/2022 E. 2.3.3

2.3.3. Der Umfang der Beihilfen, die einer beschuldigten Person, deren Muttersprache nicht der Verfahrenssprache entspricht, zuzugestehen sind, ist nicht abstrakt, sondern aufgrund ihrer effektiven Bedürfnisse und der konkreten Umstände des Falles zu würdigen (BGE 145 IV 197 E. 1.3.3; 143 IV 117 E. 3.1; Urteile 6B_857/2021 vom 4. Mai 2022 E. 1.4; 6B_1229/2021 vom 17. Januar 2022 E. 6.3.3). Gemäss Art. 68 Abs. 2 Satz 2 StPO besteht kein Anspruch auf vollständige Übersetzung aller Verfahrenshandlungen sowie der Akten. Vielmehr ist der beschuldigten Person nur der wesentliche Inhalt der wichtigsten Verfahrenshandlungen in einer ihr verständlichen Sprache zur Kenntnis zu bringen (Art. 68 Abs. 2 Satz 1 StPO; Urteil 6B_645/2022 vom 7. Oktober 2022 E. 2). Ebenso wenig besteht ein pauschaler Grundrechtsanspruch auf Simultanübersetzung der ganzen Hauptverhandlung (ADRIAN URWYLER, in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 8 zu Art. 68 StPO). Dem u.a. in Art. 68 Abs. 1 StPO verankerten Anspruch auf Übersetzung wurde vorliegend daher Genüge getan, wenn dem Beschwerdeführer die Protokolle der Einvernahmen von D.________ und F.________ vom 19. Juli 2018 und der Beschwerdegegnerin 3 vom 17. August 2018 nachträglich übersetzt wurden und er danach die Gelegenheit erhielt, den einvernommenen Personen mithilfe eines Dolmetschers Ergänzungsfragen zu stellen. Dieses Vorgehen kann gegenüber einer Simultanübersetzung mit unmittelbar an die Befragung der Verfahrensleitung anschliessendem Fragerecht der Parteien auch für die beschuldigte Person mit Vorteilen verbunden sein, da sie sich auf die protokollierten, relevanten Aussagen konzentrieren kann, mehr Zeit für die Vorbereitung und Besprechung ihrer Ergänzungsfragen mit ihrer Verteidigung erhält und eine Simultanübersetzung während der Befragung der einvernommenen Person durch die Verfahrensleitung mit Verständigungsproblemen verbunden sei kann (vgl. dazu auch WOHLERS, a.a.O., N. 17 zu Art. 147 StPO mit Hinweisen, wonach die massgeblichen Protokolle für die Wahrnehmung des Konfrontationsrechts in einer der beschuldigten Person und der Verteidigung verständlichen Sprache vorliegen müssen und die beschuldigte Person diese mit der Verteidigung besprechen können muss). Dies gilt insbesondere dann, wenn die betroffene Person - trotz unbestrittenem Anspruch auf einen Übersetzer im Sinne von Art. 68 Abs. 1 StPO und Art. 6 Ziff. 3 lit. e EMRK - beispielsweise aufgrund einer längeren Landesanwesenheit dennoch über gewisse (passive) Kenntnisse der Verfahrenssprache verfügt und sie das Gesprochene daher in den groben Zügen versteht. Der Beschwerdeführer zeigt nicht auf, welche konkreten Nachteile er dadurch erfahren haben soll, dass er sein Recht auf Stellung von Ergänzungsfragen nicht unmittelbar im Anschluss an die Befragungen vom 19. Juli und 17. August 2018 wahrnehmen konnte, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt. Die Vorinstanz bejaht daher zu Recht auch die Verwertbarkeit dieser Einvernahmen. Eine Verletzung von Art. 147 Abs. 1 und 4 StPO liegt nicht vor, da der Beschwerdeführer mit seinem Verteidiger an den Einvernahmen anwesend war und er den einvernommenen Personen zu einem späteren Zeitpunkt Fragen stellen konnte, auch wenn eine zeitnahe Einräumung dieses Fragerechts im Rahmen einer zusätzlichen Einvernahme bereits im Untersuchungsverfahren vorzuziehen gewesen wäre. Davon, dass der Beschwerdeführer zu Beginn des Verfahrens keine Möglichkeit gehabt haben soll, seine Version der Ereignisse darzulegen (vgl. Beschwerde S. 16), kann keine Rede sein, nachdem er vor den Einvernahmen vom 19. Juli und 17. August 2018 mehrfach zur Sache befragt wurde.