Citation: 9C_482/2024 E. 3.3

3.3. Die Beschwerdeführerin wendet ein, die vorinstanzliche Darstellung, die Sportwetten würden ohne minimale menschliche Beteiligung erbracht - die Tätigkeit ihrer Mitarbeiter bilde nicht Bestandteil der infrage stehenden Leistung -, sei unzutreffend. Bei einer Wette bestehe die Hauptleistung darin, dem Teilnehmer eine Gewinnchance zu verschaffen, deren Realisierung vom Ausgang eines Sportereignisses abhängig sei (vgl. Art. 3 lit. c MWSTG). Kennzeichen einer Wette seien (1.) die Zahlung eines Einsatzes oder der Abschluss eines Vertrags; (2.) die Chance, einen materiellen Vorteil (Gewinn) zu erzielen; (3.) das Eingreifen des Zufalls, der einerseits bestimme, ob ein Gewinn erzielt werde, und anderseits dessen Höhe oder Art festlege (BGE 133 II 68). Das Zurverfügungstellen einer Gewinnchance sei vergleichbar etwa mit der Hauptleistung beim Abschluss einer Versicherung, die darin bestehe, den Ersatz eines ungewissen Schadens zuzusichern, oder beim Verkauf gewisser Finanzderivate, wo es von der ungewissen künftigen Entwicklung des zugrundeliegenden Wertpapiers abhänge, ob die Verkäuferin oder der Käufer einen Gewinn erziele. Es sei nicht haltbar anzunehmen, ein Leistungsaustausch komme erst zustande, nachdem die Aktivitäten des Wettanbieters abgeschlossen seien, und daraus abzuleiten, es sei keine erhebliche menschliche Beteiligung an der massgeblichen Leistung gegeben. Die Durchführung von Sportwetten verlange eine Vielzahl von menschlichen Eingriffen, in erster Linie das Erstellen und konstante Bearbeiten der Wettquoten und die Kommunikation des Support-Teams mit den Wettkunden. Ohne die Arbeit der Buchmacher wäre die Einräumung einer Gewinnchance nicht möglich. Sie passten die Quoten für sämtliche Sportereignisse an und kontrollierten sie laufend. Während bei statischen Wetten die Quoten entsprechend der Wahrscheinlichkeit des Spielausgangs festgelegt würden, müssten sie bei Live-Wetten ständig manuell dem Spielverlauf angepasst werden. Dazu gehörten Quoten für Spielereignisse wie z.B. Freistösse oder Torschüsse im Fussball, für die noch bis kurz vor Spielende Wetten entgegengenommen würden. Dabei würden die Buchmacher zwar von Software unterstützt, sie legten die Quoten aber gestützt auf ihr Wissen und ihre Erfahrung selber fest; Computer seien nicht in der Lage, den Spielverlauf mit seinen Nuancen korrekt zu interpretieren. Aufgabe der Buchmacher sei es auch, bei der Bestimmung der Quoten zwischen dem eigenen finanziellen Risiko (Gewinnauszahlungen an Wettkunden) und der Attraktivität des Angebots (vorteilhafte Wettquoten) abzuwägen. In diesen Formen menschlicher Beteiligung liege ein wesentlicher Unterschied zu den (elektronisch bereitgestellten) Glücksspielen und Lotterien, die als elektronische Dienstleistungen gälten (Art. 10 Abs. 1 lit. g MWSTV). Ferner setze sie, die Beschwerdeführerin, auch Mitarbeiter zur individuellen Unterstützung der Kunden ein, sei es bei der Anmeldung, bei der Wett-Teilnahme oder (bei Live-Wetten) während des Sportereignisses. Auch dieser Service zeige, dass ihre Dienstleistungen nur mit wesentlicher menschlicher Beteiligung erbracht werden könnten. Selbst nach der Praxis der ESTV seien das "Bewerten, Beurteilen, Einschätzen, Analysieren und dergleichen" sowie das "Beantworten von Fragen" Tätigkeiten, die über eine minimale menschliche Beteiligung hinausgingen (vgl. MBI Ziff. 3.2.2.2.2). Die Voraussetzungen für eine Einordnung als elektronische Dienstleistung im Sinn des MWSTG seien somit nicht erfüllt, womit keine Steuerpflicht bestehe.