Citation: 7B_780/2024 E. 5.5.3

5.5.3. Die Anordnung von Kindesschutzmassnahmen im Sinne von Art. 307 ff. ZGB setzt die Gefährdung des Kindeswohls voraus (vgl. Art. 307 Abs. 1 ZGB). Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist das Wohl des Kindes gefährdet, sobald nach den Umständen die ernstliche Möglichkeit einer Beeinträchtigung des körperlichen, sittlichen oder geistigen Wohls des Kindes vorauszusehen ist. Die Gefährdung kann nur in jedem einzelnen Fall unter Berücksichtigung der Gesamtheit aller Umstände bestimmt werden. Sie muss einigermassen konkret sein, auch wenn regelmässig prognostische Elemente miteinzubeziehen sind. Dabei ist unerheblich, worauf die Gefährdung zurückzuführen ist. Ebenso wenig kommt es darauf an, ob die Eltern ein Verschulden an der Gefährdung trifft (BGE 150 III 49 E. 3.3.3; 146 III 313 E. 6.2.2 mit Hinweisen; Urteile 5A_310/2023 vom 6. Juli 2023 E. 6.2.1; 5A_701/2011 vom 12. März 2012 E. 4.2.1 mit Hinweisen). Auch die Lehre ist einheitlich der Meinung, dass im Kindesschutzverfahren die Ursachen der Gefährdung des Kindeswohls unerheblich sind (vgl. AFFOLTER-FRINGELI/VOGEL, in: Berner Kommentar, Schweizerisches Zivilgesetzbuch, 2016, N. 17 zu Art. 307 ZGB; YVO BIDERBOST, in: Handkommentar zum Schweizer Privatrecht, 4. Aufl. 2023, N. 10a und 14 zu Art. 307 ZGB; CYRIL HEGNAUER, Grundriss des Kindesrechts und des übrigen Verwandtschaftsrechts, 5. Aufl. 1999, Rz. 27.14; LUCA MARANTA, in: OFK zum Schweizerischen Zivilgesetzbuch, 4. Aufl. 2021, N. 3 zu Art. 307 ZGB; PHILIPPE MEIER, in: Commentaire romand, Code civil, Bd. I, 2. Aufl. 2023, N. 6 zu Art. 307 ZGB). In diesem Sinne wird in der Literatur darauf hingewiesen, dass das Zivilgericht bzw. die KESB das Vorliegen einer Gefährdung des Kindes unabhängig von den Ergebnissen eines Strafverfahrens zu prüfen hat (PETER BREITSCHMID, in: Basler Kommentar, Schweizerisches Zivilgesetzbuch, Bd. I, 7. Aufl. 2022, N. 10 zu Art. 307 ZGB mit Verweis auf BGE 125 III 401 E. 3).