Citation: 4A_415/2023 E. 4.5.3

4.5.3. Die Vorinstanz ist dieser diffizilen Ausgangslage rechtsfehlerfrei begegnet und hat zutreffende rechtliche Kriterien angewandt. Sie hat insbesondere mit Recht darauf hingewiesen, dass es nicht genügt, wenn der Patient rückblickend - nach dem nicht plangemäss verlaufenen Eingriff - einfach behauptet, er hätte bei gehöriger Aufklärung "nie und nimmer" in die Behandlung eingewilligt. Das Obergericht hat ferner mit Grund erwogen, dass bei besonders riskanten oder mit Nebenwirkungen behafteten Behandlungen eine individuellere Abwägung von Vor- und Nachteilen vorgenommen wird als bei Routineeingriffen ohne substanzielle Risiken oder Begleiterscheinungen. Umso plausibler muss im zweiten Fall erscheinen, dass der betreffende Patient - freilich stets aus seiner persönlichen Warte - die Behandlung im damaligen Zeitpunkt bei umfassender Aufklärung verweigert oder zumindest einen Aufschub verlangt hätte. Diese Risikoabstufung findet in der bundesgerichtlichen Rechtsprechung und in der Lehre im Übrigen eine Stütze (vgl. Urteil 4A_137/2015 vom 19. August 2015 E. 8.4.1; HAUSHEER/JAUN, Unsorgfältige ärztliche Behandlung - Arzthaftung, in: Haftung und Versicherung, 2. Aufl. 2015, S. 931 Rz. 19.91). Im vorliegenden Fall fällt namentlich ins Gewicht, dass die Beschwerdeführerin einem Eingriff durch die Beschwerdegegnerin als solchem zugestimmt hat (Koloskopie). Die Beschwerdegegnerin hat anlässlich dieser bewilligten Behandlung eine zusätzliche ärztliche Massnahme (Entfernung des zufällig entdeckten Polypen) ergriffen. Es ging also nicht darum, eine medizinische Behandlung überhaupt (nicht) durchzuführen, sondern vielmehr um deren Ausmass. Es gibt nun in den vorinstanzlich festgestellten Tatsachen keine Anhaltspunkte, dass die Beschwerdeführerin - auch aus ihrer persönlichen Perspektive - bei umfassender Information zwar einer Koloskopie zugestimmt, aber die Entfernung eines im Rahmen der Koloskopie zufällig entdeckten, potentiell zu Darmkrebs führenden Polypen abgelehnt hätte. Die Wahrscheinlichkeit einer Perforation der Darmwand bewegte sich jedenfalls in beiden Fällen in einer ähnlichen (sehr kleinen) Grössenordnung. Die Behauptung der Beschwerdeführerin, sie hätte den zufällig entdeckten Polypen "sicher nicht am 7. Juli 2010 und schon gar nicht von der Beklagten entfernen lassen", wird nicht begründet und erscheint nachgeschoben. Im Gegenteil sind keine persönlichen Gründe, Haltungen oder Überzeugungen festgestellt, welche plausibel machten, dass die Beschwerdeführerin bei gehöriger Aufklärung aus damaliger Sicht in einen echten Entscheidungskonflikt geraten wäre und die (medizinisch indizierte) Polypenentfernung bei gleichzeitig durchgeführter Koloskopie abgelehnt oder aufgeschoben hätte. Dass die Abtragung des Polypen nach der Darstellung der Beschwerdeführerin "nicht dringlich" gewesen ist, vermag diesen Schluss nicht umzustossen.