Citation: 8C_441/2024 E. 6.2.1

6.2.1. Im Rahmen des bidisziplinären Gutachtens vom 19. Mai 2017 stellte Prof. Dr. med. C.________ im Teilgutachten vom 15. April 2017 fest, zusammenfassend seien die Standardindikatoren mehrheitlich nicht erfüllt. Es könne davon ausgegangen werden, dass dem Beschwerdegegner die Überwindung der Schmerzen zumutbar sei. Von der von ihm festgelegten Arbeitsunfähigkeit zu substrahieren seien die sog. IV-fremden Faktoren, die im Verlauf des Störungsbildes eine zunehmende und wichtige Rolle im Zustandekommen und in der Aufrechterhaltung des psychopathologischen Bildes gespielt hätten. Da diese Faktoren im bio-psychosozialen Krankheitskonzept eines Mediziners unvermeidbare Kontextfaktoren darstellten, werde der Rechtsanwender deren Grössenordnung im Hinblick auf die Arbeitsfähigkeit festzulegen haben. Im Gutachten vom 21. Juni 2018 stellte Prof. Dr. med. C.________ fest, das psychopathologische Störungsbild werde, wie aufgezeigt, von multiplen psychosozialen und soziokulturellen Faktoren dominiert. Ohne die beschriebenen soziokulturell geprägten Wertvorstellungen des Beschwerdegegners und die psychosozialen Belastungsfaktoren würde das psychopathologische Bild mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht oder nur in wesentlich schwächerem Ausprägungsgrad bestehen und vermutlich keinen Einfluss auf die mittel- und langfristige Arbeitsfähigkeit des Beschwerdegegners haben. In der Stellungnahme vom 7. Mai 2021 gab Prof. Dr. med. C.________ an, es bestehe eine hohe Rigidität in der Persönlichkeit des Beschwerdegegners, die durch seine soziokulturellen Werteüberzeugungen gestützt werde. Diese führten zur Selbstabwertung, die wiederum die Depression unterhalte. In Verbindung mit der fehlenden medikamentösen Compliance sei somit der Chronifizierung der Depression der Weg bereitet worden. Daher trügen aus gutachterlicher Sicht nach Beurteilung der Standardindikatoren die soziokulturell geprägte Persönlichkeit und die fehlende Therapiecompliance zur Aufrechterhaltung der Störung bei und seien bestimmende Faktoren der "Krankheitsaufrechterhaltung". Der Beschwerdegegner ziehe sich somit in seine Krankheitsrolle zurück, die ihm einen sekundären Krankheitsgewinn verschaffe. Seien arbeitslose Menschen in ihrer soziokulturellen Vorstellung geächtet und zögen sie sich aus diesem Grund auch schambesetzt soziokulturell zurück, erlaube ihnen die Krankenrolle gegenüber der Familie und den Bekannten, sich selbst zu limitieren. Mit anderen Worten gesagt, wäre der Beschwerdegegner nicht durch dysfunktionale soziokulturelle Wertvorstellung geprägt, würde er eine höhere Selbstverantwortung für sich übernehmen und an seiner Genesung arbeiten, statt sich in die Krankenrolle bei Selbstlimitierung und sekundärem Krankheitsgewinn zurückzuziehen. Daher sei er in beiden Gutachten zum Schluss gekommen, dass nach ergebnisoffener Prüfung der Standardindikatoren trotz Chronifizierung des depressiven Bildes keine Verselbstständigung des psychischen Leidens vorliege. Die medizinischen Elemente der Zumutbarkeit (individuelle Ressourcen etc.), sich selbst vertieft am Genesungsprozess zu beteiligen, statt sich ausschliesslich im sekundären Krankheitsgewinn in der Krankenrolle wiederzufinden, seien gegeben.