Citation: 5A_13/2024 E. 4.3.3

4.3.3. Wiederholt bemängeln die Beschwerdeführerinnen, dass die Vorinstanz trotz der langen Verfahrensdauer keine aktuellen Informationen eingeholt, keine Abklärungen vorgenommen und insbesondere keine Kindesanhörung durchgeführt, mithin gestützt auf veraltete Akten "rein theoretisch" über das Wohl eines zehnjährigen Kindes befunden habe, ohne dieses je gesprochen zu haben. In einem Verfahren, in dem es zentral um die Frage der Befindlichkeit eines Kindes gehe, sei dies "bereits für sich allein fehlerhaft" und verletze den "Grundsatz der Offizialmaxime". Das Ergebnis sei willkürlich und führe zu einer falschen Anwendung von Art. 298d Abs. 2 ZGB, weil der angefochtene Entscheid den Aussagen der Beistände und den altersgerecht selbst vorgebrachten Wünschen der Beschwerdeführerin 2 widerspreche. Von den Wünschen des Kindes dürfe das Gericht nur bei gewichtigen objektiven Gründen abweichen. Nachdem die Vorinstanz solche Gründe nicht dargetan habe, sei der Kindeswille verletzt. Komme das Kantonsgericht zum Schluss, dass das Kreisgericht nicht genug abgeklärt bzw. sich auf nicht verwertbare oder unvollständige Aussagen des Kindes bzw. der Beistände berufen habe, so hätte es entweder selbst neue Abklärungen treffen oder die Sache zur Neubeurteilung an das Kreisgericht zurückweisen müssen. Unabhängig vom Alter des Kindes dient dessen Anhörung der Ermittlung des Sachverhaltes (vgl. vorne E. 3.3). Der Wille des urteilsfähigen Kindes ist eines von mehreren Kriterien beim Entscheid über den persönlichen Verkehr bzw. über die elterlichen Betreuungsanteile. Dem Wunsch des Kindes ist Beachtung zu schenken, selbst wenn das Kind bezüglich der Betreuungsregelung noch nicht urteilsfähig ist (BGE 142 III 612 E. 4.3). Berücksichtigen bedeutet freilich nicht, dass der Wille des Kindes einen besonderen Vorrang geniesst. Insbesondere steht es nicht im Belieben des Kindes, in Eigenregie zu bestimmen, ob und zu welchen Bedingungen persönliche Kontakte zu einem Elternteil stattfinden sollen bzw. wo und bei wem es leben möchte; andernfalls würde der Kindeswille mit dem Kindeswohl gleichgesetzt, obwohl sich die beiden Elemente durchaus widersprechen können (Urteile 5A_400/2023 vom 11. Januar 2024 E. 3.3.3; 5A_56/2020 vom 17. August 2020 E. 4.1; 5A_428/2014 vom 22. Juli 2014 E. 6.1; je mit Hinweisen). Um zu beurteilen, welches Gewicht der Meinung des Kindes beizumessen ist, kommt es entscheidend auf das Alter des Kindes, auf die Konstanz des geäusserten Willens und auf seine Fähigkeit zu autonomer Willensbildung an. Von dieser Fähigkeit ist nach der Rechtsprechung ungefähr ab dem zwölften Altersjahr auszugehen (s. aus der neueren Praxis etwa die Urteile 5A_699/2021 vom 21. Dezember 2021 E. 6.1; 5A_192/2021 vom 18. November 2021 E. 4.1; 5A_56/2020 vom 17. August 2020 E. 4.1; 5A_111/2019 vom 9. Juli 2019 E. 2.3). Je konstanter die Willenskundgebungen vorgebracht werden und je mehr sie mit nachvollziehbaren und auf das Kindeswohl zielenden Argumenten unterlegt sind, desto stärker können sie bei der Urteilsfindung gewichtet werden (vgl. BGE 122 III 401 E. 3b). Nach dem Gesagten verkennen die Beschwerdeführerinnen die Rechtslage, wenn sie glauben, den angefochtenen Entscheid allein mit dem Einwand umstossen zu können, dass er nicht auf der Linie der konstanten Willensbekundungen der Beschwerdeführerin 2 liege, und eine Abweichung von deren Wünschen von gewichtigen objektiven Gründen abhängig machen wollen. Daran ändern auch die wiederholten Behauptungen nichts, dass die Beschwerdeführerin 2 im Laufe des Berufungsverfahrens das zehnte Altersjahr erreicht habe bzw. urteilsfähig geworden sei. Weder sind der Beschwerde irgendwelche konkreten Erklärungen zu entnehmen, inwiefern die Fähigkeit zu autonomer Willensbildung gerade bei der Beschwerdeführerin 2 schon im Alter von neun oder zehn Jahren gegeben gewesen und von der Vorinstanz bundesrechtswidrig übersehen worden sein soll, noch erklären die Beschwerdeführerinnen, weshalb von einer Kindesanhörung im Berufungsverfahren neue Erkenntnisse zu erwarten gewesen wären bzw. eine erneute Befragung die damit verbundene Belastung als gerechtfertigt erscheinen liesse (vgl. auch vorne E. 3.4). In gleicher Weise täuschen sich die Beschwerdeführerinnen, soweit sie ihre Rüge der Willkür und der Verletzung von Art. 298d Abs. 2 ZGB damit begründen, dass die Vorinstanz nicht den Aussagen der Beistände folge. Einfach zu behaupten, dass das Kantonsgericht auf den Jahresbericht der Beiständin von 2021 hätte abstellen und zu weitergehenden Abklärungen hätte schreiten müssen, genügt nicht. Dasselbe gilt für die appellatorischen Erörterungen, wonach die Beistandspersonen angesichts der wiederholten Absetzungsgesuche des Beschwerdegegners mit ihren Formulierungen vorsichtig geworden seien und die Vorinstanz "willkürliche Wortklauberei" betreibe, indem sie die vom Beistand verwendete Ausdrucksweise "Interesse des Kindes" als zu schwach für eine Abänderung interpretiere. An der Sache vorbei geht auch der Vorwurf der Verletzung der Offizialmaxime. Als Gegenstück und Ausnahme vom Dispositionsgrundsatz (Art. 58 Abs. 1 ZPO) besagt der Offizialgrundsatz, dass das Gericht - wie im vorliegenden Streit um Kinderbelange (Art. 296 Abs. 3 ZPO) - nicht an die Parteianträge gebunden ist (Art. 58 Abs. 2 ZPO). Der Beschwerde ist nicht zu entnehmen, inwiefern sich das Kantonsgericht bei der Anwendung dieses Grundsatzes vertan hätte, etwa indem es unter Hinweis auf einen fehlenden Parteiantrag eine bestimmte Regelung der Betreuungsanteile ausschloss. Soweit die Beschwerdeführerinnen in Tat und Wahrheit eine Verletzung des (in Kinderbelangen ebenfalls geltenden) Untersuchungsgrundsatzes (Art. 55 Abs. 2 und Art. 296 Abs. 1 ZPO) geltend machen wollen, sind sie daran zu erinnern, dass allein die Pflicht, den Sachverhalt von Amtes wegen zu erforschen, dem Gericht nicht verbietet, im Sinne einer vorweggenommenen Beweiswürdigung auf weitere Beweiserhebungen zu verzichten, wenn es über genügende Grundlagen für eine sachgerechte Entscheidung verfügt (BGE 130 III 734 E. 2.2.3). Vielmehr müssten die Beschwerdeführerinnen in einem ersten Schritt aufzeigen, dass die Sachverhaltsfeststellungen, so wie sie von der Vorinstanz vorgenommen wurden, unvollständig und damit offensichtlich unrichtig (Art. 97 Abs. 1 BGG; s. vorne E. 2.3) sind (Urteil 5A_800/2022 vom 28. März 2023 E. 5.4.1; 5A_28/2022 vom 8. September 2022 E. 4.3; je mit Hinweisen). Dies aber gelingt ihnen nicht. Das zeigen die nachfolgenden Erwägungen.