Citation: I 193/02 30.09.2003 E. 3

Während das kantonale Gericht unter Aufhebung der Verwaltungsverfügung die Sache zur weiteren erwerblichen Abklärung sowie anschliessenden Neuverfügung an die IV-Stelle zurückwies, beantragt das BSV, auf zusätzliche Abklärungen sei zu verzichten, weil die Versicherte für ihre Arbeit als Inhaberin einer Kleider-Boutique nicht auf Binokularsehen angewiesen sei. Trotz des auch auf dem linken Auge beginnenden grauen Stars liege keine unmittelbar drohende Invalidität vor. Der gemäss Bericht des Augenarztes Dr. med. R.________ vom 10. Juli 2001 erhobene Fernvisus links von 0,8 bis 0,9 bedeute keine relevante Einbusse der Sehschärfe. Es könne nicht mit genügender Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden, in welchem Zeitraum der graue Star am linken Auge in welchem Ausmass zu einer Sehfähigkeitsverschlechterung führen werde. Zu prüfen ist demnach, ob gestützt auf die vorliegenden Akten die Frage nach der Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die konkret ausgeübte Tätigkeit der Versicherten beantwortet werden kann, und ob - im Falle der Nichterforderlichkeit des Binokularsehens - angesichts des beginnenden linksseitigen grauen Stars von einer unmittelbar drohenden Invalidität auszugehen war. 3.1 Das Eidgenössische Versicherungsgericht präzisierte seine Rechtsprechung zur Übernahme der Kataraktoperation durch die Invalidenversicherung (vgl. AHI 2000 S. 294) im Urteil D. vom 24. Juli 2003 (I 29/02) dahingehend, dass dieser Eingriff am zweiten Auge bei (durch Staroperation) erhaltener Sehfähigkeit am andern Auge - unter Erfüllung der übrigen Voraussetzungen nach Art. 12 Abs. 1 IVG - nur dann als medizinische Eingliederungsmassnahme zu übernehmen ist, wenn aufgrund detaillierter Ermittlung der Tätigkeiten im Rahmen des ausgeübten Berufes für die visuell anspruchvollste dieser Tätigkeiten die Notwendigkeit des Binokularsehens aus augenärztlicher Sicht bejaht wird. In denjenigen Berufen, in welchen besondere medizinische Mindestanforderungen an die Sehfähigkeit ausdrücklich normiert sind, ist auf diese Visusgrenzwerte abzustellen, so dass sich in erwerblicher Hinsicht eine detaillierte Ermittlung der verschiedenen Tätigkeitsanteile erübrigt. 3.2 Vorliegend ist gestützt auf den Bericht des Augenarztes Dr. med. R.________ vom 10. Juli 2001 davon auszugehen, dass A.________ zwar an beidseitigem grauem Star litt, jedoch das rechte Auge stärker von der Katarakt betroffen war als das linke. Zumindest verfügte die Versicherte im Juli 2001 links noch über eine retinale Sehschärfe nach Moiré von 0,8 - 0,9. Mit heutigem Datum hat das Eidgenössische Versicherungsgericht im Urteil R. (I 694/01) entschieden, dass die Präzisierungen zur Übernahme der Kataraktoperation am zweiten Auge bei (nach Staroperation) erhaltener Sehfähigkeit am andern Auge gemäss Urteil D. vom 24. Juli 2003 (I 29/02; vgl. Erw. 3.1 hievor) sinngemäss auch auf diejenigen Fälle anwendbar sind, in welchen nur ein Auge vom grauen Star betroffen und fraglich ist, ob die versicherte Person dadurch im Sinne von Art. 8 Abs. 1 IVG invalid geworden oder von Invalidität unmittelbar bedroht ist. 3.3 Den Akten ist nicht mit dem im Sozialversicherungsrecht geltenden Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 360 Erw. 5b, 125 V 195 Erw. 2, je mit Hinweisen) zu entnehmen, welche konkreten Tätigkeiten A.________ als selbständig erwerbende Inhaberin einer Kleider-Boutique üblicherweise effektiv zu verrichten hatte. Die Verwaltung wird in geeigneter Form - z.B. durch eine detaillierte Befragung zu den einzelnen, selbständig auszuführenden Arbeiten - das Tätigkeitsspektrum der Versicherten abklären. 3.4 Steht fest, welches die visuell anspruchvollste Tätigkeit der A.________ ist, wird die IV-Stelle einen fachärztlichen Bericht zur diesbezüglichen Notwendigkeit des Binokularsehens einholen, der nicht allein auf die subjektiven Angaben der Versicherten abstellt, sondern vielmehr für die streitigen Belange umfassend ist, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben wird und der konkreten medizinischen Situation Rechnung trägt (vgl. dazu BGE 125 V 353 Erw. 3a). Soweit der einseitige Ausfall der Sehfähigkeit durch Angewöhnung an den Verlust des stereoskopischen Sehens zumutbarerweise kompensiert werden kann (vgl. z.B. die viermonatige Wartefrist nach dem Verlust eines Auges in der Führerausweis-Kategorie B gemäss Anhang 1 zur Verordnung vom 27. Oktober 1976 über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr [VZV; SR 741.51]), hat dies der Augenarzt im Einzelfall zu berücksichtigen und dazu Stellung zu nehmen. Erfolgt die augenärztliche Beurteilung dieser Fragen - wie hier - erst nach bereits durchgeführter Operation, sind sie medizinisch prognostisch aufgrund der Verhältnisse vor der fraglichen Operation (AHI 2000 S. 299 Erw. 2b mit Hinweisen) zu beantworten. 3.5 Sollten die ergänzenden Abklärungen zum Ergebnis führen, dass die Versicherte für die Ausübung ihrer Erwerbstätigkeit nicht auf binokulares Sehen angewiesen ist, wird der Augenarzt zusätzlich die Frage zu beantworten haben, ob angesichts des auch auf dem linken Auge beginnenden grauen Stars per 21. September 2001 (Verfügungszeitpunkt) von einer unmittelbar drohenden Invalidität in dem Sinne auszugehen war, dass mit einer entsprechenden kataraktbedingten Verschlechterung der Sehfähigkeit in absehbarer Zeit gerechnet werden musste. 3.6 Nach dem Gesagten steht fest, dass die Vorinstanz die Verwaltungsverfügung zu Recht aufhob und die Sache zur weiteren Abklärung an die IV-Stelle zurückwies. Die Verwaltung wird dabei gemäss den Erwägungen Ziffer 3.2 bis 3.5 vorgehen.