Citation: 5A_983/2022 E. 3

Die Feststellungen und Erwägungen des angefochtenen Entscheides lassen sich wie folgt zusammenfassen (wobei das Obergericht zur Darstellung teilweise auf die vorangegangene superprovisorische Verfügung verwiesen hat) : Die Chronologie der Anträge und Vorbringen zeige ein ambivalentes Verhalten der Beschwerdeführerin und v.a. eine prozesstaktische Aggravierung des Elternkonflikts. Die Parteien hätten nach der Trennung weiterhin Kontakt gehabt und sich über die Bedürfnisse des Kindes austauschen können. Die Beschwerdeführerin habe auch wiederholt beim Beschwerdegegner übernachtet und bei Einleitung des Scheidungsverfahrens sei zunächst noch eine adäquate Kommunikation möglich gewesen. Die Verhältnisse hätten sich deutlich verändert, nachdem das Kantonsgerichts bei den Vergleichsverhandlungen vom 4. November 2021 die vorläufige Einschätzung der Rechtslage mitgeteilt und den Parteien eine alternierende Obhut vorgeschlagen habe. Just im Anschluss an das darauf folgende Betreuungswochenende soll das Kind der Beschwerdeführerin von sexuellen Handlungen des Vaters erzählt haben und gegenüber der Polizei habe die Beschwerdeführerin sich plötzlich an verschiedene auffällige Ereignisse während der Trennung erinnert und die Vermutung geäussert, dass es schon länger zu sexuellen Übergriffen gekommen sei. Seither lasse sie die Ausübung des Besuchsrechts nicht mehr zu. Es sei nicht erklärbar, wieso die Beschwerdeführerin sich im Scheidungsverfahren zu derart kindeswohlgefährdenden Wahrnehmungen nicht geäussert hätte, obwohl sie mehrfach persönlich befragt worden sei. Die Vorwürfe hätten sich in der Folge nicht erhärtet, weder im Zivilverfahren noch im gegen den Beschwerdegegner eingeleiteten Strafverfahren, welches zwischenzeitlich eingestellt worden sei. Gleiches gelte für die nachträglich erhobenen Vorwürfe betreffend häusliche Gewalt. Die Interdependenz des vollständigen Kontaktabbruches zum Beschwerdegegner und der nachträglich gegen ihn erhobenen Vorwürfe mit der prozessualen Entwicklung sei offensichtlich und höchst auffällig. Sodann sei die Flucht in die Kriseninterventionsstelle bzw. der mehrmonatige dortige Aufenthalt erfolgt, als die Beschwerdeführerin schon seit mehreren Jahren nicht mehr in der gemeinsamen Familienwohnung gelebt habe. Vor diesem Hintergrund seien auch die Polizeirapporte und sowie die Berichte der Kriseninterventionsstelle und der Klinik D.________ zu werten, die ausschliesslich auf den einseitigen Schilderungen durch die Beschwerdeführerin beruhten. Abgesehen von den nachträglich erhobenen Vorwürfen bringe die Beschwerdeführerin keine konkreten Gründe vor, welche den Kontaktabbruch zum Beschwerdegegner bzw. das Vorenthalten des Kindes rechtfertigen könnten. Vielmehr seien die Vorbringen unsubstanziiert und zum Teil abstrus (etwa, dass sie "getriggert" werde, wenn er ihr Fotos vom Zoobesuch mit dem Kind schicke). Eine Selbstreflexion bezüglich des eigenen Anteils am Konflikt lasse die Beschwerdeführerin im Unterschied zum Beschwerdegegner nicht erkennen. Ihre wiederholte Behauptung, sie habe das Besuchsrecht keineswegs vereitelt, sondern der Kontaktabbruch liege ausschliesslich im Verhalten des Vaters, sei offensichtlich aktenwidrig. Dies gelte auch für ihre Behauptung, dieser habe sich nicht um eine Fortsetzung bzw. Wiederherstellung des Kontaktes zum Kind bemüht. Die Vorbringen zur alternierenden Obhut seien ebenfalls inkonsistent und widersprüchlich. Anfänglich habe die Beschwerdeführerin eine Überforderung des Vaters behauptet. Anschliessend habe sie wiederholt die soziale, persönliche und örtliche Integration des Kindes in V.________ als Hinderungsgrund angeführt. Nachdem ihr das Kantonsgericht am 11. März 2022 superprovisorisch verboten habe, den Aufenthaltsort des Kindes zu verlegen und dieses in einer anderen Schule anzumelden, habe sie plötzlich behauptet, es sei in V.________ nicht verwurzelt, und inzwischen bringe sie vor, es habe keinerlei Kontakt mehr zu den dortigen Kindern und ein Herausreissen aus der aktuellen schulischen und persönlichen Situation in U.________ würde das Wohl des Kindes massiv gefährden. Es gelinge der Beschwerdeführerin nicht, im fürsorglichen Interesse für das Kind zu kooperieren und die dringend nötigen Kontakte zum Vater zuzulassen. Nicht zuletzt aufgrund der Gefährdungsmeldung der Schule in U.________ bestünden konkrete Anzeichen, dass das Kind leide und ihm die soziale Integration nach mehreren Monaten Fernunterricht Schwierigkeiten bereite. Nicht nur die Beziehung zum Vater, sondern auch die Sozialisierung und die schulische Förderung des Kindes seien gefährdet; dies gelte umso mehr, als nach Einschätzung der Lehrpersonen in U.________ ein erneuter Wohnsitzwechsel im Raum zu stehen scheine. Wenn die Beschwerdeführerin behaupte, sie hätte immer nur positive Rückmeldungen von der Schule erhalten und die Gefährdungsmeldung sei unter massivem Druck und mit gezielten Falschinformationen des Vaters erfolgt, sei unwahrscheinlich, dass sich die Schule derart instrumentalisieren liesse; die Vorwürfe seien jedenfalls nicht objektivierbar. Insgesamt sei die Beschwerdeführerin derzeit nicht in der Lage, den Bedürfnissen des Kindes adäquat zu begegnen und das Kindeswohl erscheine akut gefährdet. Sie sei nicht erreichbar, wenn sie die alleinige Obhut habe und über den Aufenthaltsort eigenmächtig bestimme. Beim Vater seien die nötigen Ressourcen vorhanden. Entgegen der Behauptung der Beschwerdeführerin gebe es keine objektivierbaren Anhaltspunkte, dass der Beschwerdegegner seine Vaterrolle nicht wahrnehmen würde oder das Wohl des Kindes in seiner Obhut in irgendeiner Form gefährdet sein könnte. Im Unterschied zur Beschwerdeführerin versehe er ein reduziertes Arbeitspensum und scheine in der Lage zu sein, sich so zu organisieren, dass die Betreuung des Kindes gewährleistet sei. Es könne davon ausgegangen werden, dass er im Bedarfsfall fachliche Hilfe beanspruchen würde und im Gegensatz zur Beschwerdeführerin zeige er Bereitschaft, mit ihr in Kinderbelangen zusammenzuarbeiten und den Kontakt zwischen ihr und dem Kind zu fördern. Mit der vorläufigen Obhutsumteilung würden klare Verhältnisse geschaffen und die Situation des Kindes werde stabilisiert. Zwar sei damit auch ein Schulwechsel verbunden; indes müsse davon ausgegegangen werden, dass die Fortsetzung der bisherigen Betreuungsverhältnisse dem Kind mehr schaden würden als die mit einem einmaligen Wechsel verbundenen Veränderungen, zumal bei der Beschwerdeführerin schon wieder ein Ortswechsel im Raum stehe.