Citation: 6B_210/2022 E. 2.6

2.6. Angesichts der von der Vorinstanz festgestellten Umstände geht sie zu Recht von einer Widerstandsunfähigkeit der Beschwerdegegnerin 2 aus. Soweit der Beschwerdeführer in seiner Argumentation von der willkürfreien Sachverhaltsfeststellung der Vorinstanz abweichende oder ergänzende Tatsachenbehauptungen zugrunde legt, kann auf die Beschwerde nicht eingetreten werden. Als er die sexuellen Handlungen an der Beschwerdegegnerin 2 vornahm, lag diese mit angezogenen Knien und gespreizten Beinen auf ihrer linken Seite auf der Untersuchungsliege, wobei sich ihre Hose sowie Slip auf Kniehöhe befanden. Der Beschwerdeführer sass - wie bei der zuvor vorgenommenen Anal- sowie Rektaluntersuchung - hinter ihr und nahm die sexuellen Handlungen somit von ihrem Rücken her an ihr vor. Insofern konnte die Beschwerdegegnerin 2 nicht sehen, was mit ihr geschah. Damit war es für sie unmöglich, den Angriff auf ihre geschlechtliche Integrität von vornherein abzuwehren. Der Beschwerdeführer teilte der Beschwerdegegnerin 2 zwar unmittelbar nach der Anal- und Rektaluntersuchung mit, als sie noch auf der Untersuchungsliege lag, er werde sie gleich noch "vaginal" oder "hier" untersuchen bzw. "da unten" schauen, ob alles in Ordnung sei. Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Beschwerdegegnerin 2 in den Befragungen nicht ausführte, sie sei von der "vaginalen Untersuchung" überrascht worden, worauf der Beschwerdeführer zutreffend hinweist. Entgegen seiner Meinung kann trotzdem nicht die Rede davon sein, dass sie gefasst (Beschwerde S. 23 f. Ziff. 29) und von den inkriminierten Handlungen nicht überrumpelt worden war. Der Beschwerdeführer kündigte zwar eine "vaginale Untersuchung" an, er informierte die Beschwerdegegnerin 2 aber nicht über den Ablauf und den Umfang dieser Untersuchung, namentlich klärte er sie nicht über die einzelnen Handlungen auf, die er vornehmen würde. Trotz des Hinweises des Beschwerdeführers, er werde sie noch "da unten" untersuchen, war sie nicht auf die angeklagten sexuellen Handlungen gefasst. Daran vermag auch nichts zu ändern, dass er ihr vor der Vornahme dieser Handlungen noch half, die Hose und den Slip etwas weiter runter zu ziehen und sie anwies, ihre Knie etwas mehr anzuziehen sowie die Beine etwas mehr zu spreizen. Die sehr junge Beschwerdegegnerin 2 folgte diesen knappen Anweisungen im Vertrauen darauf, dass der sie behandelnde Arzt ihre Wehrlosigkeit nicht ausnutzt und er sie nur dort anfasst, wo es medizinisch notwendig ist (vgl. BGE 133 IV 49 E. 5.3 mit Hinweisen; Urteil 6B_1004/2017 vom 22. Januar 2018 E. 2.4). Dies war aber hier nicht der Fall, denn für die Untersuchung im Vaginalbereich bestand keine medizinische Indikation. Der Beschwerdeführer täuschte die Beschwerdegegnerin 2 über die Notwendigkeit einer vaginalen Untersuchung und nutzte ihr Vertrauen in seine Fachkunde sowie Seriosität aus. Zunächst berührte er sie an den Schamlippen, legte ihr einen Finger auf die Klitoris und führte danach einen Finger vaginal ein. Mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass insbesondere bei den ersten beiden Handlungen im Bereich der Vulva (Streicheln der Schamlippen und Berühren der Klitoris) ein medizinischer Bezug nicht evident ist (siehe Urteil S. 38 E. 3.4). Wie ausgeführt, irrte die Beschwerdegegnerin 2 über die Notwendigkeit einer vaginalen Untersuchung. Dass sie ebenso irrtümlich annahm, die einzelnen Handlungen des Beschwerdeführers, wie das Streicheln ihrer Schamlippen und das Berühren ihrer Klitoriss seien medizinisch begründet, macht dieser zu Recht nicht geltend. Trotz der Ankündigung einer "vaginalen Untersuchung" waren die angeklagten Handlungen des Beschwerdeführers für die Beschwerdegegnerin 2 damit, insbesondere in dieser Form, unerwartet. Aufgrund ihrer Lage auf der Untersuchungsliege konnte sie diese Berührungen erst wahrnehmen, als der Be schwerdeführer bereits damit begonnen hatte. Die Beschwerdegegnerin 2 musste nicht mit einem solchen Übergriff rechnen. Dass sie die "vaginale Untersuchung" vom Beschwerdeführer vornehmen liess und ihre Knie weiter anzog und ihr Beine mehr spreizte, vermag den Beschwerdeführer nicht zu entlasten (BGE 133 IV 49 E. 7.4). Nimmt etwa ein Arzt - gegebenenfalls unter Vortäuschung fachlich begründeter Notwendigkeit - unerwartet eine sexuell motivierte Handlung an seiner Patientin vor, ist deren Widerstandsunfähigkeit zu bejahen, weil die Betroffene den überraschenden Angriff auf ihre geschlechtliche Integrität im therapeutischen Kontext zunächst kaum einordnen resp. als solchen erkennen kann, gerade auch wenn sie das Geschehen lagebedingt - wie hier - nicht überblickt (siehe BGE 148 IV 329 E. 5.3.1 mit Hinweisen).