Citation: 4A_189/2024 E. 2.4.5

2.4.5. In systematischer Hinsicht fällt ins Gewicht, dass das Versicherungsvertragsgesetz nicht nur den Versicherungsvertrag im engeren Sinn - verstanden als Vereinbarung zwischen Versicherungsnehmer und Versicherungsunternehmen - regelt, sondern auch die damit zusammenhängenden Rechtsverhältnisse mit Dritten, wie etwa das direkte Forderungsrecht der geschädigten Person nach Art. 60 Abs. 1bis VVG oder das Regressrecht des Versicherungsunternehmens gemäss Art. 95c VVG. Der als Bundesgesetz über den Versicherungsvertrag bzw. Versicherungsvertragsgesetz (VVG) bezeichnete Erlass umfasst somit neben den unmittelbar vertragsrechtlichen Regeln auch weitere Bestimmungen zu Rechtsverhältnissen mit Drittpersonen, die nicht Parteien des Versicherungsvertrags sind. Auch diese Rechtsverhältnisse ergeben sich aus dem VVG und setzen einen Versicherungsvertrag voraus, weshalb die entsprechenden Bestimmungen in einem weiteren Sinn ebenfalls als versicherungsvertraglich bezeichnet werden können. Kongruent damit muss der (zusammenfassende) Begriff "Verträge" in Art. 103a VVG ("Für Verträge [...] gelten", "s'appliquent aux contrats", "Ai contratti [...] si applicano") ebenfalls in einem weiten Sinn verstanden werden, indem bei vor dem 1. Januar 2022 abgeschlossenen Versicherungsverträgen - mit Ausnahme der aufgeführten Gesetzesbestimmungen (Formvorschriften sowie Kündigungsrecht nach Art. 35a und 35b VVG) - sämtliche Regeln des bis 31. Dezember 2021 geltenden Rechts anwendbar bleiben und keine Rückwirkung der neuen Bestimmungen erfolgt. Der Umstand, dass in Art. 103a VVG als Ausnahmen einzig Bestimmungen des neuen Rechts aufgeführt werden, die unmittelbar den Versicherungsvertrag betreffen, spricht entgegen der in der Beschwerde vertretenen Ansicht nicht dafür, dass die Übergangsbestimmung insgesamt nur für vertragsrechtliche Bestimmungen gelten soll. Die beschränkte Zahl aufgeführter neurechtlicher Bestimmungen, die für unter dem alten Recht abgeschlossene Verträge gelten sollen, kann genauso gut als Hinweis auf einen gesetzgeberischen Willen gewertet werden, dass eine Rückwirkung allgemein nur ganz vereinzelt erfolgen soll und somit sämtliche im VVG geregelten Rechtsverhältnisse vom Anwendungsbereich der Übergangsbestimmung von Art. 103a VVG - im Sinne einer abschliessenden Regelung - erfasst sind. Der von der Beschwerdeführerin erhobene Einwand, wonach der geschädigte Dritte "nur zufällig, durch ein haftpflichtrechtlich relevantes Ereignis in Kontakt mit den Parteien des Versicherungsvertrags [trete]" und das direkte Forderungsrecht deliktsrechtlich bleibe, ändert nichts daran, dass sich dieses Forderungsrecht des geschädigten Dritten aus dem Versicherungsvertragsgesetz ergibt (Art. 60 Abs. 1bis VVG) und einen Versicherungsvertrag zwischen dem Haftpflichtigen und dem Versicherungsunternehmen voraussetzt. Ohne einen solchen Versicherungsvertrag besteht auch kein direktes Forderungsrecht. Dieses hat keine unabhängig von einem Versicherungsvertrag bestehende Existenz. Die systematische Auslegung der Bestimmung spricht gegen die von der Beschwerdeführerin vertretene differenzierte übergangsrechtliche Behandlung von unmittelbar versicherungsvertraglichen und weiteren rechtlichen Verhältnissen, sondern vielmehr für eine abschliessende übergangsrechtliche Regelung. Werden von den gesamten Bestimmungen des neuen Rechts nur die in Art. 103a VVG genannten Vorschriften auf altrechtliche Verträge anwendbar erklärt, ergibt sich daraus im Umkehrschluss, dass alle anderen neurechtlichen Bestimmungen nicht zurückwirken.