Citation: 7B_238/2025 E. 3.2

3.2. In der Literatur wird ebenfalls die Auffassung vertreten, dass auch bei einem Schuldspruch ein Verfahren analog zu Art. 231 Abs. 2 StPO möglich sei (vgl. Marc Forster, in: Basler Kommentar StPO, 3. Aufl. 2023, FN 38 zu Art. 231 StPO mit Hinweisen). Schmid/Jositsch halten mit Verweis auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung fest, dass Art. 231 Abs. 2 StPO den Entlassungsfall einschliesse, in dem zwar ein Schuldspruch erfolge, die ausgesprochene Strafe jedoch nicht den Anträgen des Staatsanwalts entspreche, dieser Berufung einlegen wolle und er die Haftgründe nach wie vor für gegeben halte (Niklaus Schmid/Daniel Jositsch, in: Praxiskommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 4. Aufl. 2023, N. 9 zu Art. 231). In diesem Sinne halten auch Frei/Zuberbühler Elsässer fest, das Bedürfnis, die beschuldigte Person bis zum Abschluss der Berufungsverhandlung in Sicherheitshaft zu behalten, könne genau so gross sein, wenn nach Auffassung der Staatsanwaltschaft eine viel zu milde Strafe ausgesprochen oder von einer freiheitsentziehenden Massnahme abgesehen worden sei (Mirjam Frei/Simone Zuberbühler Elsässer, in: Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 3. Aufl. 2020, N. 12). Vorausgesetzt wird aber, dass bei einem Schuldspruch die Verurteilung erheblich von den Anträgen der Staatsanwaltschaft abweicht und diese die Fortsetzung der Sicherheitshaft für notwendig hält, um das von ihr angekündigte Berufungsverfahren vorzubereiten (vgl. Logos Daniel, in: Commentaire romand, Code de procédure pénale suisse, 2. Aufl. 2019, N. 13 zu Art. 231 StPO; Laurent Moreillon/Aude Parein-Reymond, in: Code de procédure pénale, 2 Aufl. 2016, N. 16 zu Art. 231 StPO; Mirjam Frei/Simone Zuberbühler Elsässer, a.a.O., N. 13 f., Niklaus Schmid/Daniel Jositsch, a.a.O., N. 9)