Citation: 1C_401/2020 E. 6.2

6.2. Das BAFU kommt zum Ergebnis, aufgrund der vorliegenden Grundlagen und Kenntnisse sei derzeit keine genaue Aussage über die Auswirkung des geplanten Wasserkraftwerks auf den betroffenen Lebensraum und die Population der Leuctra schmidi möglich. Vielmehr seien weitere Abklärungen, insbesondere in Bezug auf das Fortbestehen des natürlichen Gewässercharakters (Dynamik, Hydrologie, Sedimentregime, Fliessgeschwindigkeit), Massnahmen zur Verhinderung einer Kolmation des Gewässerbettes (Rückhalt von Grobfraktionen am Fassungsbauwerk, Spülung des Entsanders), mögliche Temperaturveränderungen und die Gewährleistung von ausreichenden Abflussmengen nötig, um zu definieren, ob und in welchem Umfang sowie in welcher Form eine Erhöhung der Restwassermenge erforderlich sei. Da die spezialisierte Leuctra schmidi auf eine hohe Gewässerdynamik angewiesen sei, müsse die festgelegte Restwassermenge ebenfalls dynamisch sein, d.h. den natürlichen Abflussschwankungen angepasst werden. Mit der Realisierung eines Kraftwerks bei heute noch vollständig intaktem Gewässer- und Geschiebehaushalt sei grundsätzlich nicht von bloss unerheblichen Auswirkungen auszugehen. Neben dem quantitativen Verlust könnten auch Auswirkungen auf die Qualität der Gewässer auftreten, die sich insbesondere in einer Verringerung der benetzten Breite und einem Anstieg der Wassertemperaturen äussern könnten. Da die Konzessionen für 80 Jahre erteilt würden, seien auch die - gerade bei Gebirgsbächen sehr wahrscheinlichen - Auswirkungen des Klimawandels im Auge zu behalten (Veränderungen der Gletscher- und Schneeschmelze; länger anhaltende Trockenperioden im Sommer). Das BAFU hält einen Rückgang der Dichte bis hin zum Zusammenbruch der Population im Lötschental durch die Intensivierung der hydroelektrischen Nutzung nicht für ausgeschlossen. Dies könnte zu einem Dominoeffekt auch für die Bestände im Berner Oberland führen. Den Bächen bei Ferden komme besondere Bedeutung auch für den genetischen Austausch zwischen den Populationen im Berner Oberland und im Lötschental zu. Ohne diesen Austausch sei es fraglich, ob die kleinen und isolierten Populationen von Leuctra schmidi im Berner Oberland langfristig überleben könnten.