Citation: 6B_57/2024 E. 3.4.5

3.4.5. Die Vorinstanz erwägt unter dem Titel des Versuchs, der Beschwerdeführer habe den Beschwerdegegner am Tatort zurückgelassen und keine tätige Reue gezeigt. Es sei einzig dem Zufall zu verdanken, dass der Erfolg nicht eingetreten sei (Urteil E. IV Ziff. 43.1.3 S. 78). Die Vorinstanz hebt mit dieser Erwägung hervor, dass der Beschwerdeführer keine Gegenmassnahmen ergriff, um den tatbestandsmässigen Erfolg abzuwenden, und verneint zutreffend eine tätige Reue. Insoweit sind ihre Ausführungen zur Flucht des Beschwerdeführers vom Tatort nicht zu beanstanden. Nicht gefolgt werden kann der Vorinstanz hingegen, wenn sie unter dem Titel der objektiven Tatschwere dieses Element ebenfalls aufgreift und verschuldenserhöhend gewichtet, dass der Beschwerdeführer den Beschwerdegegner verletzt und ohne Hilfe am Tatort zurückgelassen habe (vgl. Urteil E. IV. Ziff. 43.1.1 S. 76 f. i.V.m. E. IV. Ziff. 41.1.1 S. 72, unten). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist der Täter, der nach Begehung eines Tötungsversuchs das dabei verletzte Opfer hilflos liegen lässt, nicht auch wegen Unterlassung der Nothilfe zu bestrafen, weil der im Versuch geäusserte Tötungswille auch den Willen zur Unterlassung der Hilfeleistung in sich einschliesst, weshalb eine echte Konkurrenz zwischen den Straftaten nach Art. 111 StGB und Art. 128 StGB ausscheidet. Die Strafe, die der Täter wegen des in die Tat umgesetzten Tötungswillens verwirkt, gilt daher auch das Imstichelassen ab (vgl. BGE 111 IV 124 E. 2b; 87 IV 7; Urteil 6B_1037/2023 vom 5. Juni 2024 E. 4.2.3, zur Publikation vorgesehen). Die Unterlassung der Nothilfe ist demnach als mitbestrafte Nachtat der versuchten Tötung zu betrachten, sodass ein Schuldspruch nach Art. 128 StGB ausscheidet. Dieselben Überlegungen greifen in Bezug auf die Strafzumessung. Wer den tatbestandsmässigen Erfolg im Sinne von Art. 111 StGB, d.h. die Tötung einer Person, will bzw. zumindest eventualvorsätzlich in Kauf nimmt und mit der Ausführung der Tat begonnen hat, ist im Sinne von Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB zu bestrafen. Innerhalb dieses Strafrahmens darf sich die unterbliebene Verhinderung des Erfolges, d.h. die Tatsache, dass der Täter dem Opfer keine Hilfe leistete, sondern es im Stich liess, nicht zusätzlich straferhöhend auswirken (siehe MARTIN SEELMANN, Strafzumessung und Doppelverwertung, Zürich 2023, II.F.2.h S. 390). Anders zu entscheiden hiesse, das Doppelverwertungsverbot zu missachten, welches besagt, dass Umstände, die zur Anwendung eines höheren oder tieferen Strafrahmens führen, innerhalb des geänderten Strafrahmens nicht noch einmal als Straferhöhungs- oder Strafminderungsgrund berücksichtigt werden dürfen, weil dem Täter sonst der gleiche Umstand zweimal zur Last gelegt oder zugute gehalten würde (BGE 142 IV 14 E. 5.4; 141 IV 61 E. 6.1.3; je mit Hinweisen).