Citation: I 56/02 30.12.2002 E. 4

4.1 Im Gutachten der Medas wird bezugnehmend auf das rheumatologische Konsilium des Dr. med. J.________ vom 23. Februar 2000 ausgeführt, als Sekretärin bestehe wegen der Sekundärarthrose am rechten Handgelenk eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 25%, als Naturärztin und Naturheilpraktikerin eine solche von 10%. Insgesamt seien indessen nicht die rheumatologischen Befunde, sondern jene der Neurologie, Neuropsychologie und Psychiatrie ausschlaggebend. Die Haupttätigkeit in der Vitalfeld-Therapie, der orthomolekulären Medizin und der Homöopathie seien insofern günstig, weil die rechte Hand weniger eingesetzt werden müsse als beispielsweise bei Massagetätigkeiten. Dr. med. S.________ konnte mit Bezug auf die von der Versicherten geäusserten Beschwerden im Bereich des Kopfes, die ausstrahlenden Schulterschmerzen und die lumbalen Schmerzen aus neurologischer Sicht keine eindeutig abnormen Befunde objektivieren. Für die Tätigkeit als Heilpraktikerin bestehe aus Sicht seines Fachgebietes keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Der Neuropsychologe Dr. phil. G.________ führte im Konsiliarbericht vom 14. März 2000 aus, bei einem durchschnittlichen kognitiven Gesamtleistungsniveau würden sich einzig leichte Einschränkungen vor allem im Sinne erhöhter Leistungsschwankungen im Bereich der Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfunktionen ergeben. Im Vergleich zur Untersuchung aus dem Jahre 1996 zeige sich eine deutliche Verbesserung, wobei damals die Beeinflussung durch Schmerzen als wahrscheinlich angesehen worden sei. Die Art der subjektiv berichteten vielfältigen Beschwerden weist nach Ansicht des Facharztes darauf hin, dass im Rahmen der dominierenden Stressintoleranz mit entsprechenden Reaktionen auch psychische Komponenten wesentlich mitwirkten. Aus rein neurologischer Sicht sei die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit als Büroangestellte oder Naturheilpraktikerin nur leichtgradig und liege theoretisch im Bereich von 5% bis 20%; sie werde von der aus psychiatrischer Sicht von Frau Dr. med. L.________ auf 30% veranschlagten Arbeitsunfähigkeit mitabgedeckt. Die Fachärztin für Psychiatrie diagnostizierte gemäss Bericht vom 14. Januar 2000 ein organisches Psychosyndrom nach Schädel-Hirntrauma (ICD-10 F 07.1) nach Motorradunfall bei narzisstischer Persönlichkeitsstruktur (ICD-10 F 60.8). Die von ihr attestierte Arbeitsunfähigkeit von 30% als Sekretärin/Receptionistin und Naturheilpraktikerin steht allerdings unter dem Vorbehalt einer neuropsychologischen Testung. 4.2 Im Auftrag der Beschwerdeführerin nahm Frau Dr. phil. W.________ ebenfalls eine neuropsychologische Untersuchung vor. Diese zeigte gemäss Bericht vom 21. Januar 2001 deutliche kognitive Einbussen in den geprüften Aufmerksamkeits-, Gedächtnis- und kognitiven Frontalhirnfunktionen. Im Gegensatz zur Beurteilung des Dr. phil. G.________ wurden die Defizite als einer leichten bis mittelschweren Hirnfunktionsstörung entsprechend mit Ausrichtung gegen mittelschwer bezeichnet und die Arbeitsfähigkeit aus neuropsychologischer/ psychologischer Sicht auf 40% bis 50% veranschlagt. Eine psychische Beeinträchtigung der Testresultate schloss Frau Dr. phil. W.________ aus. Zudem zog sie die psychiatrische Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung von Frau Dr. med. L.________ in Zweifel. Aufgrund der geäusserten Kritik am Gutachten des Dr. phil. G.________ gab die IV−Stelle diesem Gelegenheit, sich zu den kritisierten Punkten zu äussern. Im Zusatzgutachten vom 28. März 2001 nahm Dr. phil. G.________ dazu Stellung und bemängelte unter anderem die fehlende Begründung der Ursache der von Frau Dr. phil. W.________ erfassten Leistungsverschlechterung. Nach nochmaliger Durchsicht der Befunde und unter Beachtung des Verlaufs aller drei neuropsychologischen Untersuchungen könne in Übereinstimmung mit den Feststellungen aus dem Jahre 1996 von einer (höchstens) leichten Funktionsstörung ausgegangen werden. Aus neuropsychologischer Sicht bestehe eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 10% bis 30%; wieweit die somatischen Beschwerden (Schmerzen) sowie psychiatrische Aspekte zu einer weiteren Einschränkung beitragen würden, sei aus den entsprechenden Fachdisziplinen im Rahmen einer Gesamtbetrachtung zu beurteilen. 4.3 Das kantonale Gericht gelangte zur Auffassung, ohne dass weitere medizinische Abklärungen erforderlich seien, könne festgestellt werden, dass die geänderte Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit durch Dr. phil. G.________ keine Erhöhung der in der Medas-Schlussbeurteilung festgestellten Gesamteinschränkung von 30% rechtfertige. Zu berücksichtigen gilt es indessen, dass die Betrachtungsweise der Ärzte der Medas auf der Überlegung beruht, dass sich sowohl mit Bezug auf die Arbeitsfähigkeit im bisherigen Beruf wie auch als Naturheilpraktikerin nicht in erster Linie die rheumatologischen, sondern - wie auch bei allen übrigen Tätigkeiten, in denen die rechte obere Hand nicht repetitiv, kraftfordernd und monoton eingesetzt werden müsse - die neuropsychologischen und psychiatrischen Befunde limitierend auswirkten. Der Beurteilung der Ärzte dieser beiden medizinischen Fachrichtungen kommt daher entscheidende Bedeutung zu. Nun zeigt sich aber, dass die Feststellung von Frau Dr. med. L.________, die geklagten Beschwerden entsprächen der Diagnose eines organischen Psychosyndroms nach Schädel-Hirntrauma nicht ohne weiteres übernommen werden kann, nachdem die Beschwerdeführerin - wie bereits erwähnt (vgl. Erwägung 3.1) - sich beim Motorradunfall mit überwiegender Wahrscheinlichkeit gar kein solches Verletzungsbild zugezogen hat. Auf diese Problematik wies im Übrigen auch Dr. phil. G.________ in seinem Gutachten vom 14. März 2000 hin. Hinzu kommt die im Raum stehende Kritik an der Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F 60.8) durch Frau Dr. phil. W.________. Während Dr. phil. G.________ im Gutachten vom 14. März 2000 die neuropsychologische Arbeitsunfähigkeit als durch die psychiatrische Arbeitsunfähigkeit von 30% mitabgedeckt bezeichnete, kann dies mit Bezug auf seine neue Einschätzung vom 28. März 2001 nicht ohne weiteres angenommen werden, zumal der Neuropsychologe selber anregt, die Gesamtarbeitsunfähigkeit habe im Rahmen einer polydisziplinären Betrachtung zu erfolgen. Nachdem verschiedene der beteiligten Ärzte ausdrücklich auf die Interaktion der Befunde anderer medizinischer Fachgebiete hingewiesen haben und keine Gesamtbeurteilung vorliegt, welche auch die nachträglichen Stellungnahmen von Frau Dr. phil. W.________ und Dr. phil. G.________ mitberücksichtigt, muss dies nachgeholt werden. In diesem Zusammenhang werden auch die aufgezeigten Ungereimtheiten auszuräumen sein, und es wird auch zu prüfen sein, ob tatsächlich alle Beschwerden Berücksichtigung gefunden haben. Ob dafür ergänzende bildgebende Untersuchungen notwendig sind, wie die Beschwerdeführerin meint, werden die Ärzte zu entscheiden haben. Die Sache ist daher an die IV−Stelle zurückzuweisen, welche eine den gesamten zur Diskussion stehenden Zeitraum umfassende medizinische Gesamtbeurteilung veranlassen und hernach über den Rentenanspruch neu verfügen wird.