Citation: U 254/04 29.03.2006 E. 2.3

2.3.1 Für eine volle Arbeitsunfähigkeit haben sich zunächst die behandelnden Ärzte Dr. med. S.________, welcher Allgemeinpraktiker ist, und Dr. med. M.________, Facharzt für Neurologie, ausgesprochen. Dem Bericht des Dr. med. M.________ vom 18. Januar 1999 ist zu entnehmen, dass dabei auch das Bildungsniveau des Beschwerdeführers und dessen Sprachkenntnisse berücksichtigt wurden. Die ärztliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit hat sich indessen auf die durch die Gesundheitsschädigung bewirkte Beeinträchtigung zu beschränken und unfallfremde Faktoren unberücksichtigt zu lassen (vgl. Meyer-Blaser, Das medizinische Gutachten aus sozialversicherungsrechtlicher Sicht, in: Die neurologische Begutachtung, Zürich 2004, S. 94 f.). Zudem ist der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen, dass Hausärzte mitunter wegen ihrer auftragsrechtlichen Vertrauensstellung im Zweifel eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE 125 V 353 Erw. 3b/cc mit Hinweisen). Im Hinblick auf einen möglichen Ziel- und Interessenkonflikt (Behandlung/Begutachtung) kann - namentlich in umstrittenen Fällen - auch nicht unbesehen auf die Angaben eines behandelnden Spezialisten abgestellt werden (Urteil P. vom 5. April 2004 [I 814/03] mit Hinweis auf Meyer-Blaser, Der Rechtsbegriff der Arbeitsunfähigkeit und seine Bedeutung in der Sozialversicherung, namentlich für den Einkommensvergleich in der Invaliditätsbemessung, in: Schaffhauser/ Schlauri (Hrsg.), Schmerz und Arbeitsunfähigkeit; St. Gallen 2003, S. 51). 2.3.2 Zur Annahme einer vollen Arbeitsunfähigkeit gelangt auch der von Dr. med. M.________ mit einer audio-neurootologischen Untersuchung beauftragte Dr. med. A.________. Die Vorinstanz spricht sich hiezu nicht näher aus und stellt fest, das Eidg. Versicherungsgericht habe in einem anderen Verfahren die Sache an das zuständige kantonale Gericht zurückgewiesen, damit es zur Wissenschaftlichkeit der von Dr. med. A.________ angewandten Untersuchungsmethoden ein Gutachten einhole. Es wird damit Bezug genommen auf das Urteil M. vom 21. November 2001 (U 218/99), mit welchem das Eidg. Versicherungsgericht die Sache zur Anordnung eines Gutachtens betreffend die Wissenschaftlichkeit der von Dr. med. A.________ angewandten Untersuchungsmethoden (insbesondere der dynamischen Posturographie) und zu neuem Entscheid an das Versicherungsgericht des Kantons Solothurn zurückgewiesen hat. Das kantonale Gericht hat bei Prof. Dr. med. L.________, Direktor der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Medizinischen Hochschule B.________, ein Gutachten eingeholt, welches am 10. November 2003 erstattet wurde. Darin wird im Wesentlichen ausgeführt, bei der dynamischen Posturographie handle es sich um eine heute wissenschaftlich anerkannte Untersuchungsmethode, welche zusätzliche Informationen über sonst nicht fassbare Gleichgewichtsstörungen zu geben vermöge. Es folgten daraus normalerweise jedoch keine direkten Hinweise auf eine spezifische Krankheitsätiologie. Die erhobenen Befunde seien aus wissenschaftlicher Sicht nicht beweisend, sondern vermöchten lediglich zwischen den verschiedenen Typen einer Gleichgewichtsfehlfunktion zu unterscheiden. Rein aufgrund pathologischer neurootologischer Befunde sei es nicht möglich und werde es wahrscheinlich auch nie möglich sein, eine überwiegend wahrscheinliche Kausalitätsbeurteilung zervikozephaler Traumafolgen vorzunehmen. Wie bei fast allen Diagnosen in der Medizin müssten differentialdiagnostische Überlegungen angestellt werden und andere konkurrierende Ursachen ausgeschlossen werden können. In einem Ergänzungsbericht vom 27. Januar 2005 führte der Gutachter zum konkreten Fall aus, der Kausalzusammenhang zwischen den hirnorganisch festgestellten Befunden und dem Unfall mit Schleudertrauma lasse sich durch den engen zeitlichen Zusammenhang, das erste Auftreten der Beschwerden (gemeint offenbar: der Zeitpunkt des erstmaligen Auftretens der Beschwerden) sowie die Kombination verschiedener Befunde erklären. Die Konstellation der pathologischen Befunde selbst sei jedoch nicht beweisend, sondern lediglich hinweisend. Es besteht kein Anlass, die Richtigkeit dieser Angaben in Zweifel zu ziehen. Entgegen den Einwendungen der SUVA in der Stellungnahme zum Gutachten im Verfahren vor dem Versicherungsgericht des Kantons Solothurn besteht auch kein Grund, die Objektivität und Neutralität des Gutachters in Frage zu stellen. Der Umstand, dass die dynamische Posturographie auch an der von Prof. Dr. med. C.________ geleiteten Universitätsklinik praktiziert wird, lässt nicht schon auf eine Befangenheit des Gutachters schliessen. Das Gutachten zeichnet sich durch eine neutrale und sachliche Beurteilung aus und zeigt klar auch die Grenzen der zur Diskussion stehenden Untersuchungsmethode auf. Es stützt sich zudem auf eine umfangreiche medizinische Literatur. Daraus geht hervor, dass es sich bei der Posturographie um eine in Fachkreisen zwar nicht unbestrittene, jedoch weit verbreitete und auch in Universitätskliniken schon seit längerer Zeit verwendete Untersuchungsmethode handelt, deren Wissenschaftlichkeit nach dem heutigen Stand der Medizin kaum zu bestreiten ist (vgl. zum Begriff der Wissenschaftlichkeit im Bereich der obligatorischen Unfallversicherung: RKUV 2000 Nr. U 395 S. 316). Die damit zu gewinnenden Erkenntnisse sind indessen beschränkt. Die Posturographie liefert zwar zusätzliche Informationen und es lassen sich damit sonst nicht fassbare Gleichgewichtsstörungen objektivieren. Sie vermag jedoch keine direkten Aussagen zur Ätiologie des Leidens und zu dessen allfälliger Unfallkausalität zu machen. Auch lässt sich daraus nicht unmittelbar auf eine bestimmte Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit schliessen. Sie bildet deshalb lediglich ein zusätzliches Element bei der Beurteilung vestibulärer Störungen (Schwab/Lattmann/Hermann/Issing/Lenarz/ Mack, Der Stellenwert der dynamischen Posturographie [Equitest®] bei gutachterlichen Beurteilungen, in: Laryngo-Rhino-Otol 2004; 83: 669-679). Daraus folgt, dass der Beurteilung des medizinischen Sachverhalts durch Dr. med. A.________ der Beweiswert nicht schon deshalb abgesprochen werden kann, weil sie auf wissenschaftlich nicht anerkannten Untersuchungsmethoden beruht. 2.3.3 Hinsichtlich der Unfallkausalität stimmen die Arztberichte darin überein, dass die bestehenden Beschwerden mit überwiegender Wahrscheinlichkeit unfallbedingt sind. Eine Differenz besteht hinsichtlich der Beschwerden an der LWS, welche von den Gutachtern der MEDAS nicht als unfallkausal betrachtet werden. Wie es sich diesbezüglich verhält, kann indessen offen bleiben, weil diesem Befund im Rahmen des gesamten Beschwerdebildes keine wesentliche, die Arbeitsfähigkeit zusätzlich beeinträchtigende Bedeutung zukommt. Fest steht anderseits, dass die Unfallkausalität für die Schwindelbeschwerden zu bejahen ist, wovon nicht nur Dr. med. A.________, sondern auch die Gutachter der MEDAS und des ABI ausgehen. Bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit stützt sich Dr. med. A.________ vorab auf die Angaben des Beschwerdeführers und dessen Beantwortung von Fragen zu den sozialen Beeinträchtigungen anhand des Schwindel-Handicap-Indexes nach Jacobson. Abgesehen davon, dass die Schwindelbeschwerden nach Dr. med. A.________ auch eine funktionelle und emotive Komponente enthalten, beschränkt sich seine Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht auf die neurootologischen Befunde, sondern schliesst auch das zervikale Schmerzsyndrom und die neuropsychologischen Defizite ein, was nicht in das Fachgebiet des ORL-Arztes fällt und wozu Dr. med. A.________ keine eigenen Untersuchungen vorgenommen hat. Hinsichtlich der neuropsychologischen Beeinträchtigungen ist sowohl aufgrund des Gutachtens der MEDAS als auch desjenigen des ABI davon auszugehen, dass lediglich geringe bis leichte kognitive Störungen vorliegen. Bei der neurologischen Untersuchung im Kantonsspital Z.________ hatte der Beschwerdeführer auf die Frage nach Konzentrations- oder Gedächtnisstörungen angegeben, diesbezüglich nicht wesentlich beeinträchtigt zu sein. Anlässlich der Begutachtung durch das ABI gab er zwar an, er habe seit dem Unfall Mühe, sich zu konzentrieren und das Gedächtnis sei deutlich schlechter geworden. Auch die Ärzte des ABI schlossen jedoch nur auf leichte kognitive Störungen. Diese dürften sich auf Tätigkeiten der in Betracht fallenden Art, welche keine besonderen Anforderungen an die kognitiven Fähigkeiten stellen, nicht erheblich auswirken, weshalb sich daraus keine ins Gewicht fallende zusätzliche Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit ergibt. Die Feststellung im Gutachten des ABI, wonach im MEDAS-Gutachten Hinweise auf die durch die Hirnfunktionsstörungen verursachten kognitiven Störungen und die verminderte emotionale Belastbarkeit fehlten, ist insofern unzutreffend, als die Hirnfunktionsstörungen - anders als im Rahmen der ABI-Begutachtung - Gegenstand einer neuropsychologischen Abklärung gebildet haben und in die Gesamtbeurteilung einbezogen worden sind. Im Übrigen resultieren die unterschiedlichen Beurteilungen der Arbeitsfähigkeit der MEDAS und des ABI in erster Linie daraus, dass die MEDAS-Ärzte lediglich eine leichte depressive Episode mit geringgradiger Einschränkung der Arbeitsfähigkeit festgestellt hatten, während das ABI aufgrund der als glaubhaft erachteten Angaben des Versicherten auf eine mindestens mittelgradige Depression schloss. Eine allfällige Verschlimmerung der psychischen Beeinträchtigung in der Zeit nach Erlass des Einspracheentscheids ist im vorliegenden Verfahren indessen nicht zu berücksichtigen (BGE 130 V 446 Erw. 1.2 mit Hinweisen). Dazu kommt, dass die aus psychiatrischer Sicht bestehende Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit laut nachträglicher Stellungnahme des ABI-Gutachters nur teilweise unfallbedingt ist und die unfallbedingte Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit auf 50 % zu schätzen ist.