Citation: 5A_343/2021 E. 3.1

3.1. Das Obergericht erwog zusammengefasst in Bezug auf die Obhutszuteilung, wenn die Erziehungsfähigkeit bei beiden Elternteilen gegeben sei, seien vor allem Kleinkinder und grundschulpflichtige Kinder demjenigen Elternteil anzuvertrauen, der die Möglichkeit habe und dazu bereit sei, sie persönlich zu betreuen. Erfüllten beide Elternteile diese Voraussetzungen ungefähr in gleicher Weise, könne die Stabilität der örtlichen und familiären Verhältnisse ausschlaggebend sein. Schliesslich sei - je nach Alter des Kindes - seinem eindeutigen Wunsch Rechnung zu tragen, wobei das Gericht auch darauf hinwies, dass Kindeswohl und Kindeswille voneinander abweichen könnten. Besonders Loyalitätskonflikte könnten das Kind in eine psychische Notsituation führen, und dazu, dass der Kinderwille nur verzerrt artikuliert und/oder wahrgenommen werden könne. Als ebenfalls zu berücksichtigende Kriterien nennt die Vorinstanz die Bereitschaft der Elternteile, mit dem anderen in Kinderbelangen zusammenzuarbeiten, und dass die Zuteilung der Obhut von einer persönlichen Bindung und echter Zuneigung getragen sein sollte. Die Vorinstanz nimmt sodann auf die kinderpsychiatrische und kinderpsychologische Begutachtung aus dem Jahr 2018 Bezug. Demnach sei das Mädchen grundsätzlich altersgerecht entwickelt, wobei sich Entwicklungsauffälligkeiten und eine emotionale Belastung zeige, weshalb eine kinderpsychiatrische Abklärung und allenfalls eine Kindertherapie zu empfehlen sei. Die Erziehungsfähigkeit werde bei beiden Elternteilen bejaht. Das Wohlverhalten des Vaters gegenüber der Mutter erscheine allerdings besser als umgekehrt; Letztere scheine die Trennung noch nicht akzeptieren zu können. Die Mutter binde die Tochter stärker an sich als der Vater. Beide Eltern befürworteten den Kontakt zum jeweils anderen Elternteil und wiesen grundsätzlich eine ausreichende Bindungstoleranz auf, wobei die Bindungstoleranz beim Vater im Hinblick auf die mütterliche Herkunftsfamilie positiver zu beurteilen sei als bei der Mutter, die Kontakte der Tochter zur Familie des Vaters über mehrere Jahre zu verhindern versucht habe, weil sie sich offenbar selbst durch die Familie nicht akzeptiert gefühlt habe. Als problematisch gesehen wurde sodann das Essverhalten (Essstörung) der Mutter, was sich negativ auf die Tochter auswirken könne. Die Gutachter hätten schliesslich empfohlen, den Lebensmittelpunkt beim Beschwerdegegner zu belassen und der Beschwerdeführerin grosszügige Kontakte einzuräumen, wobei der Umfang der Betreuungszeiten von der Entwicklung der Anorexie der Beschwerdeführerin sowie von deren Kooperationsfähigkeit mit dem Vater abhänge. Im vom Obergericht eingeholten Ergänzungsgutachten vom 16. Februar 2021 (vorläufiger Ergebnisbericht) wurde gemäss Vorinstanz beiden Eltern ein grosszügiges und adäquates Wohnumfeld attestiert. Beim Vater habe das Mädchen ein eigenes Bett, bei der Mutter schlafe sie in deren Doppelbett. Der Wochenablauf des Mädchens sei von vielen Umgebungswechseln geprägt. Insbesondere gebe es während der väterlichen Betreuungszeit jede Woche mehrere auswärtige Übernachtungen (bei den Grosseltern väterlicherseits und bei der Freundin des Beschwerdegegners). Das Gutachten komme zum Schluss, dass es für das Kind wünschenswert wäre, wenn es weniger solche alltägliche Umgebungswechsel hätte; insbesondere die häufigen Wechsel der Schlafplätze könnten mit zunehmendem Alter eine Belastung darstellen und stressauslösend wirken. Es "nerve" das Mädchen schon heute; sie habe auch zum Ausdruck gebracht, dass sie weniger Zeit gemeinsam mit dem Vater, dessen Partnerin und deren Kindern verbringen wolle. Gemäss Ergebnisbericht sei die emotionale Situation des Mädchens von Auffälligkeiten geprägt. Der Nachtrennungskonflikt ihrer Eltern habe sie in einen belastenden Loyalitätskonflikt gebracht, sie zeige als Bewältigungs- und Lösungsstrategie eine Überangepasstheit. Im Vergleich zur Begutachtung im Jahr 2018 habe ihre Belastung stark zugenommen. Das Eskalationsniveau sei hoch und zum aktuellen Zeitpunkt ein konstruktives elterliches Zusammenwirken "in keiner Weise möglich". Auch bei der Erziehungsfähigkeit gebe es gemäss Gutachter Veränderungen. In Bezug auf die Mutter habe sich kein negatives Einwirken ihres Essverhaltens feststellen lassen. Hingegen habe sich das Wohlverhalten der Kindsmutter gegenüber dem Kindsvater stark verschlechtert und diese beziehe die Tochter in den elterlichen Konflikt mit ein, was den Loyalitätskonflikt verstärke. In Bezug auf den Kindsvater stünden Vorwürfe der Beschwerdeführerin im Raum betreffend häuslicher Gewalt gegenüber der Tochter sowie von Grenzüberschreitungen ("WC-Thematik"). Die Vorwürfe gingen teils auf Aussagen der Tochter zurück, seien aber vor dem Hintergrund des Loyalitätskonflikts mit Vorsicht zu betrachten. In der Beobachtung der Interaktion zwischen Vater und Tochter hätten die Gutachter "eine harmonische und vertrauensvolle, in keiner Weise von Angst geprägte oder in anderer Form auf gewaltvolle, belastende Erfahrungen hinweisende Beziehung zwischen Tochter und Vater" geschildert. Wie die Vorinstanz festhält, setzten die Gutachter daher Fragezeichen in Bezug auf den Wahrheitsgehalt der Vorwürfe. Die Erziehungsfähigkeit des Beschwerdegegners hätten sie nicht als eingeschränkt betrachtet. In Bezug auf die von der Tochter geäusserten Wünsche erwähnt die Vorinstanz, diese habe gemäss Gutachter unterschiedliche Wünsche geäussert. Das Mädchen befinde sich noch in einer präintentionalen Phase des Kinderwillens. Die Wünsche seien Ausdruck eines Bedürfnisses nach Gerechtigkeit. Sie wünsche sich, dass die Eltern nicht mehr streiten würden und zufrieden seien. Auch gegenüber der Kinderanwältin habe das Kind ausformuliert, sie wünsche sich, dass die Eltern nicht mehr streiten. Weiter habe sie gesagt, beim Vater sei es manchmal schön, manchmal weniger schön; bei der Mutter sei es immer schön; eigentlich fände sie es bei der Mutter immer schöner. Gemäss Vorinstanz nehme auch die Kinderanwältin wahr, dass sich der Loyalitätskonflikt verstärke. Immer mehr Personen würden in den elterlichen Streit hineingezogen. Da die Mutter die Hauptbetreuungsperson gewesen sei, sei nachvollziehbar, dass das Kind bei der Mutter leben wolle, ihr dürfe aber nicht die Entscheidungsverantwortung auferlegt werden. Das Kindesinteresse liege auf dem Ende der Streitereien. Die Kinderanwältin beantrage, die Obhut beim Beschwerdegegner zu belassen. Die Vorinstanz geht sodann auf den Amtsbericht der Beiständin vom 31. Dezember 2019 ein. Darin werde beschrieben, dass der Loyalitätskonflikt der Tochter durch die Übergaben von einem Elternteil zum anderen verstärkt werde. Insbesondere die Wechsel an den Nachmittagen seien schwierig und führten dazu, dass sich das Kind hin- und hergerissen fühle. An den Wochenenden sei es einfacher, weil sie da zwei ganze Tage mit der Mutter verbringen könne. Es sei zu überlegen, ob nur noch ein Besuchsnachmittag pro Woche stattfinden solle. Die Vorinstanz erwog schliesslich zusammenfassend, die gutachterlichen Erkenntnisse erschienen widerspruchlos und vollständig. Demnach gebe es eine spürbare Verschärfung des Konflikts auf der Elternebene, die eine Kindeswohlgefährdung begründe. Die bereits 2018 eingeschränkte Bindungstoleranz der Beschwerdeführerin habe noch einmal abgenommen, auch habe diese eine fehlende Distanz zur Tochter, was sich am Einbezug in den elterlichen Konflikt zeige. Die insofern eingeschränkte Erziehungsfähigkeit der Beschwerdeführerin spreche gegen eine Obhutsumteilung. Das Kind selbst äussere sich ambivalent über den Vater. Die Vorwürfe gegen den Beschwerdegegner (häusliche Gewalt, Grenzüberschreitungen) seien vor dem Hintergrund des Loyalitätskonfliktes und der Fremdinduktion durch die Kindsmutter einzuordnen. Es zeige sich gemäss Gutachter eine erhebliche Diskrepanz zwischen beobachtetem Verhalten der Tochter gegenüber dem Vater und ihren Äusserungen. Die Tochter sei nicht urteilsfähig in Bezug auf die Obhutsfrage. Die Erziehungsfähigkeit des Beschwerdegegners erachtet die Vorinstanz nicht als eingeschränkt. Bei der konkreten Betreuungssituation räumt die Vorinstanz zwar ein, dass die Beschwerdeführerin das Kind selbst betreuen könnte, wohingegen das Betreuungskonzept des Beschwerdegegners mit den vielen Ortswechseln nicht ideal sei, dieser habe aber Änderungen in Aussicht gestellt, weshalb aus diesem Blickwinkel ein Obhutswechsel unverhältnismässig sei. Das Kind wohne seit dem superprovisorischen Entscheid vom 11. April 2018 beim Vater und brauche Kontinuität und Stabilität. Damit sprächen mehr Gründe gegen als für einen Wechsel, weshalb die Obhut beim Beschwerdegegner zu belassen sei.