Citation: 8C_698/2023 E. 5.3.3

5.3.3. 5.3.3.1. Das Bundesgericht hat bisher - soweit ersichtlich - nicht näher definiert, was unter einer Adäquanzprüfung zu verstehen ist, die implizit erfolgt ist. Dies scheint denn auch ohne Weiteres klar zu sein, bedeutet doch der Begriff "implizit" das Gegenteil von "explizit" (ausdrücklich), also "nicht ausdrücklich" (oder mitgemeint, aus dem Zusammenhang zu erschliessen). 5.3.3.2. In seiner früheren Praxis ging das Bundesgericht bis vor einigen Jahren im Sinne dieser Wortbedeutung davon aus, dass die Anerkennung der Leistungspflicht durch den Unfallversicherer auch die dafür vorausgesetzte Bejahung der Adäquanz der geklagten Beschwerden umfasste. Aus dem Umstand, dass sich der Unfallversicherer in seiner ursprünglichen Verfügung zur Voraussetzung des adäquaten Kausalzusammenhangs nicht explizit geäussert hatte, konnte somit nicht geschlossen werden, dass er sie nicht geprüft hätte (vgl. u.a. Urteile 8C_618/2014 vom 19. Dezember 2014 E. 4.2; 8C_469/2013 vom 24. Februar 2014 E. 3.2, nicht publ. in: BGE 140 V 70; 8C_171/2011 vom 1. September 2011 E. 4.3; 8C_ 862/2010 vom 4. Januar 2011 E. 4.2; 8C_512/2008 vom 14. Januar 2009 E. 6.2.2; 8C_436/2007 vom 16. Juni 2008 E. 4). 5.3.3.3. In neueren Urteilen schliesst das Bundesgericht nun auf eine fehlende Adäquanzprüfung mit der Begründung, in den Akten würden sich keine Anhaltspunkte für eine entsprechende Prüfung finden. Entsprechendes lässt sich erstmals ausdrücklich dem Urteil 8C_525/2017 vom 30. August 2018 (publiziert in: SVR 2019 UV Nr. 11 S. 41) entnehmen. Da dort weder aus der leistungszusprechenden Verfügung noch aus den übrigen echtzeitlichen Akten ein Hinweis zur Thematisierung der Adäquanz ersichtlich war, folgerte das Bundesgericht auf eine unterlassene Adäquanzprüfung und stufte die Rentenverfügung als zweifellos rechtsfehlerhaft zustande gekommen ein (SVR 2019 UV Nr. 11 S. 41, 8C_525/2017 E. 7.4; vgl. im Ergebnis auch schon in diesem Sinn: SVR 2017 UV Nr. 8 S. 27, 8C_193/2016 E. 4.3). Im Urteil 8C_616/2022 vom 15. März 2023 (E. 6.2, nicht publ. in: BGE 149 V 91, aber in SVR 2023 UV Nr. 50 S. 175) wird ebenfalls festgehalten, für eine Prüfung des adäquaten Kausalzusammenhangs würden sich im weiteren Verlauf bis zur (rentenzusprechenden) Verfügung keine Anhaltspunkte ergeben. Das kantonale Gericht sei somit zu Recht davon ausgegangen, dass der Unfallversicherer vor der Leistungszusprechung den adäquaten Kausalzusammenhang nicht geprüft habe, weshalb die Voraussetzungen der Wiedererwägung zu Recht bejaht worden seien (SVR 2023 UV Nr. 50 S. 175, 8C_616/2022 E. 6.3). In SVR 2023 UV Nr. 43 S. 152, Urteil 8C_441/2022 E. 4.4, wird gleichermassen festgestellt, für eine implizite Prüfung würden keine Anhaltspunkte bestehen. 5.3.3.4. Die von der Beschwerdeführerin monierte Vorgehensweise der Allianz, Rentenverfügungen mit der Begründung einer vergessen gegangenen Adäquanzprüfung systematisch in Wiedererwägung zu ziehen, fusst auf dieser neueren Interpretation einer impliziten Adäquanzprüfung durch das Bundesgericht. Auch das kantonale Gericht hat sich zur Beurteilung der Frage, ob vorliegend von einer stattgehabten impliziten Adäquanzprüfung ausgegangen werden kann, von den zitierten neueren Urteilen (vgl. E. 5.3.3.3 hiervor) leiten lassen. Wie die Beschwerdeführerin aufzeigt, führt die letztinstanzlich eingeführte Forderung nach Anhaltspunkten für eine implizite Adäquanzprüfung in den Akten nun aber zu einer stossenden Beweisproblematik für sie und die weiteren versicherten Personen in der gleichen Situation. Die Versicherten haben keinen Einfluss auf die Vollständigkeit der Akten der zur Aktenführung verpflichteten Unfallversicherung im Zeitpunkt der leistungszusprechenden Verfügung. In der Regel werden sie auch kein Interesse an einer solchen Vollständigkeit haben, da ihr Leistungsanspruch ja bejaht wird. Deshalb wird es ihnen bei einer Jahre oder manchmal sogar Jahrzehnte späteren wiedererwägungsweisen Rentenaufhebung zufolge einer seitens der Unfallversicherung behaupteten unterlassenen Adäquanzprüfung kaum je möglich sein, anhand konkreter Hinweise in den Akten nachzuweisen, dass eine Adäquanzprüfung stattgefunden hat. Mit der jüngeren Interpretation einer impliziten Adäquanzprüfung vermischen sich überdies die Anforderungen an eine explizite und an eine implizite Prüfung. Es darf nämlich davon ausgegangen werden, dass die Unfallversicherung die Leistungsanforderungen kennt und diese prüft, bevor sie eine Rente oder Integritätsentschädigung zuspricht. Die erfolgte Leistungszusprache impliziert also schon für sich alleine, dass eine Adäquanzprüfung durchgeführt wurde, bildet die Bejahung der Adäquanz doch einen Teil der Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit ein Leistungsanspruch besteht. Mit anderen Worten ergibt sich eine durchgeführte Adäquanzprüfung implizit bereits aus der erfolgten Leistungszusprache, ohne dass sich darüber hinaus auch noch ein Hinweis in den Akten (also etwas Explizites) für eine Prüfung finden lassen müsste (vgl. E. 5.3.3.1 hiervor).