Citation: 6B_976/2015 E. 4.2.2

4.2.2. Es ist fraglich, ob vorliegend überhaupt eine Pflicht der Staatsanwaltschaft nach Art. 307 Abs. 2 StPO bestand, die ersten wesentlichen Einvernahmen selber durchzuführen. Denn dies soll gemäss Art. 307 Abs. 1 StPO nur bei schweren Straftaten gelten. Was darunter zu verstehen ist, sagt das Gesetz nicht. In der Botschaft zur Vereinheitlichung des Strafprozessrechts vom 21. Dezember 2005 findet sich dazu lediglich die Klammerbemerkung "Verbrechen und schwere Vergehen" (BBI 2006 1261 Ziff. 2.6.2). Mit Blick auf Sinn und Zweck der Bestimmung dürfte diese Umschreibung allerdings zu allgemein sein (vgl. dazu PETER RÜEGGER, in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 2 zu Art. 307 StPO; LANDSHUT/BOSSHARD, in: Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], 2. Aufl. 2014, N. 7 zu Art. 307 StPO; NIKLAUS SCHMID, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar, 2. Aufl. 2013, N. 1 zu Art. 307 StPO; NIKLAUS OBERHOLZER, Grundzüge des Strafprozessrechts, 3. Aufl. 2012, S. 481 Rz. 1361). Denn die Orientierungspflicht soll sicherstellen, dass die Staatsanwaltschaft sofort am Tatort erscheinen und die Leitung des Vorverfahrens übernehmen kann. Dass die Staatsanwaltschaft die ersten wesentlichen Einvernahmen selber durchführt, ist insbesondere bei Kapitalverbrechen von grosser Bedeutung (BBI 2006 1262 Ziff. 2.6.2).