Citation: U 194/03 14.06.2004 E. 3

Streitig und zu prüfen ist vorab, ob der Beschwerdeführer unfallbedingt in seiner Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt ist. Unbestritten ist dabei, dass der Versicherte in seinem bisherigen Beruf als Bauarbeiter vollständig arbeitsunfähig ist. 3.1 Das kantonale Gericht hat erwogen, dem Versicherten seien auf Grund der somatischen Unfallfolgen leichte Tätigkeiten ganztags zumutbar, soweit die rechte Hand lediglich als Zudienhand eingesetzt werden müsse. Die geltend gemachten psychischen Leiden stünden nicht in adäquat kausalem Zusammenhang zum Unfall vom 14. Juli 1998. Demgegenüber bringt der Beschwerdeführer vor, der medizinische Sachverhalt und der Umfang der Arbeitsfähigkeit seien unzutreffend gewürdigt beziehungsweise ungenügend abgeklärt worden. 3.2 Gemäss Austrittsbericht der Klinik Y.________ vom 22. November 1999 hat der Beschwerdeführer beim Unfall vom 14. Juli 1998 eine drittgradig offene Endphalanx-Defektfraktur des rechten Daumens und eine zweitgradig offene Defektfraktur des Processus unguicularis des Fingers II rechts erlitten. Die Verletzung am Zeigefinger sei ausgeheilt, ohne dass Restbeschwerden zu verzeichnen seien. Am Daumen hingegen persistierten erhebliche Beschwerden und Funktionseinbussen, die sich gegenüber dem letzten Aufenthalt in der Rehabilitationsklinik vom 11. November bis 9. Dezember 1998 eher noch verschlimmert hätten. Während letztes Jahr nur eine Unterkühlung des Daumens bestanden habe, müsse heute die Diagnose eines praktisch auf den rechten Daumen begrenzten CRPS Typ I (Algodystrophie) gestellt werden. Die Diagnose stütze sich auf eine massive Dyshidrosis (kaltes Schwitzen) am Daumen, die zeitweilige Unterkühlung (nur bei warmer Resthand), die bei Bewegung verstärkten Dauerschmerzen im Daumen und die massive Allodynie (Schmerzempfindung bei nicht schmerzhaften Reizen) auf Berührung, Druck und Kälte. Die Allodynie sei bei diesem Patienten allerdings nicht spezifisch für das CRPS, sie könnte auch allein aufgrund der tiefen Weichteilverletzung am Daumenendglied mit heutigem Weichteildefekt bestehen, sollte dann jedoch auf das Gebiet distal der Verletzung beschränkt sein. Beim Patienten habe sich die Allodynie jedoch im Vergleich zum letzten Jahr mehr nach proximal ausgedehnt, reiche bis zum Thenar (Daumenballen), sei jedoch am Endglied am ausgeprägtesten. Bei Druck oder Klopfen auf den Thenar träten weiterhin elektrisierende Schmerzen bis ins Endglied auf. Der Patient setze den Daumen auch heute überhaupt nicht ein, strecke ihn in Extension und Abduktion weg. Im Karpometakarpalgelenk sei die Beweglichkeit weitgehend erhalten, im MP-Gelenk bestehe ein hälftiges Flexionsdefizit im Vergleich zur Gegenseite. Das IP-Gelenk stehe in Streckstellung und werde nicht bewegt, eine passive Beweglichkeitsprüfung sei schmerzbedingt nicht durchführbar. Radiologisch sei die Endphalanxfraktur in korrekter Stellung konsolidiert. Auch klinisch bestünden an der Resthand keine Dystrophiezeichen, die Hyperhidrosis der Handinnenfläche sei seitengleich. Die Langfinger seien voll beweglich, beschwerdefrei und würden auch eingesetzt. Weiter proximal, das heisst im Bereich des Handgelenks, Ellbogens und der Schulter, lägen keine Beschwerden und Funktionsbeschränkungen vor. Auf psychischer Ebene habe sich die bereits vor einem Jahr diagnostizierte posttraumatische Anpassungsstörung chronifiziert. Ärger und Ressentiments stünden im Vordergrund. Zusätzlich werde eine Symptomausweitung deutlich, der Patient delegiere die Verantwortung für seine Rehabilitation an Ärzte und Versicherungen und invalidisiere sich übermässig. Bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit führten die Ärzte der Klinik Y.________ aus, dass diese heute derjenigen gemäss Austrittsbericht vom 5. Januar 1999 entspreche. Mit der rechten, dominanten Hand seien zur Zeit alle Greiffunktionen nicht zumutbar, bei denen der Daumen eingesetzt werden müsse (Grobgriff, Spitzgriff, Schlüsselgriff, Dreipunktegriff und Pinzettengriff). Das Heben und Tragen leichter Gewichte im Hakengriff oder Lubrikalgriff sei jedoch zumutbar. Die rechte Hand könne mit den Langfingern und der ulnaren (kleinfingerseitiger) Handseite als Hilfshand zur Unterstützung der voll funktionsfähigen linken Hand gebraucht werden. Geeignete Arbeiten, die vorwiegend mit der linken Hand und mit unterstützenden Hilfsfunktionen der rechten Hand ausgeführt werden könnten, seien ganztags zumutbar. Nicht zumutbar seien Arbeiten mit Kälte- oder Nässeexposition des rechten Daumens. 3.3 Diese interdisziplinäre Beurteilung erfüllt die nach der Rechtsprechung für den Beweiswert medizinischer Berichte geltenden Anforderungen (BGE 125 V 352 f. Erw. 3a und 3b/bb mit Hinweisen). Sie stützt sich namentlich auf umfassende handorthopädische Untersuchungen, berücksichtigt die geklagten Beschwerden, ist in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden und vermag in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und Schlussfolgerungen zu überzeugen. Sie stimmt insbesondere bezüglich Arbeitsfähigkeit weitgehend mit den Beurteilungen des Kreisarztes Dr. L.________ vom 29. November 1999 und vom 16. Dezember 1999 überein, wonach dem Versicherten alle leichteren Arbeiten ganztags uneingeschränkt zumutbar seien, mittelschwere zu ca. 75 % und schwere zu höchstens ca. 50-60 %; vor allem Tätigkeiten mit sehr häufigem Kraft- und Grobgriff seien nur sehr eingeschränkt zumutbar, ebenso Arbeiten, die ein ausgesprochen starkes taktiles Feingefühl des Daumens verlangten. 3.4 Was der Beschwerdeführer dagegen einwendet, führt zu keiner anderen Beurteilung. Dass es sich bei der Algodystrophie (auch Sudeck-Syndrom genannt und zu den "complex regional pain syndromes" [CRPS] gehörend; vgl. Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 259. Auflage, Stichworte "Schmerzsyndrome, komplexe regionale" und "Reflexdystrophie, sympathische") des rechten Daumens primär um einen unfallbedingten körperlichen Gesundheitsschaden handelt, wird im Bericht der Klinik Y.________ nicht in Frage gestellt. Das kantonale Gericht hat die eingeschränkte Gebrauchsfähigkeit der rechten Hand, insbesondere des Daumens, bei der Zumutbarkeitsbeurteilung denn auch zu Recht als somatische Unfallfolgen entsprechend berücksichtigt. Einen Widerspruch erkennt der Beschwerdeführer weiter darin, dass im Bericht der Klinik Y.________ vom 22. November 1999 die Zumutbarkeit trotz Verschlimmerung der Beschwerden gegenüber dem Vorjahr als gleichbleibend beurteilt wurde. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass die beschriebene mässige Verschlimmerung sich auf den rechten Daumen beschränkt und bei der Zumutbarkeitsbeurteilung ein Gebrauch des Daumens weder im Bericht vom 5. Januar 1999 noch im Bericht vom 22. November 1999 in Betracht gezogen wurde. Die unveränderte Zumutbarkeitsbeurteilung ist deshalb trotz leichter Zustandsverschlimmerung ohne weiteres nachvollziehbar. Schliesslich beruft sich der Beschwerdeführer auf die abweichende Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch den Handchirurgen Dr. B.________. Zutreffend ist, dass Dr. B.________ im Zeugnis zu Handen der E.________ vom 29. März 2000 dem Beschwerdeführer für leichte Arbeiten, bei denen lediglich die linke Hand belastet werden muss, lediglich eine Arbeitsfähigkeit von 50 % attestierte. Auf diese Beurteilung kann indessen nicht abgestellt werden, denn Dr. B.________ anerkannte bereits im Bericht an die SUVA vom 4. April 2000 unter Hinweis auf deren Beurteilung der Erwerbsfähigkeit, dass bei einer entsprechenden Tätigkeit, beispielsweise Kontrollarbeiten am Fliessband oder ähnlichem, bei welcher hauptsächlich die linke Hand eingesetzt werden müsse und die rechte Hand ohne Belastung und ohne Gebrauch des Daumens als Zudienhand verwendet werden könne, die von der SUVA angenommene Arbeitsfähigkeit theoretisch möglich, praktisch aber wohl kaum realisierbar sei. Diese Einschätzung bestätigte Dr. B.________ im Bericht an die IV-Stelle vom 31. August 2000, in welchem er dem Versicherten für leidensangepasste Tätigkeiten (leichte Arbeiten, bei denen die rechte Hand lediglich als Zudienhand gebraucht werden muss, wie Aufsichtsarbeiten, Sortierarbeiten und Ähnliches) eine Arbeitsfähigkeit ohne Einschränkungen bescheinigte. Damit ergibt sich, dass die Beurteilung des Dr. B.________ bezüglich der dem Versicherten zumutbaren leidensangepassten Tätigkeiten mit derjenigen der Klinik Y.________ übereinstimmt; an seiner zunächst (invaliditätsfremde Gründe berücksichtigenden) abweichenden Einschätzung einer reduzierten Arbeitsfähigkeit hat Dr. B.________ in seinen nachfolgenden Stellungnahmen nicht festgehalten. Unter diesen Umständen ist auf die Beurteilung der Klinik Y.________ abzustellen. Es besteht kein Anlass für weitere Abklärungen, insbesondere für die Einholung des beantragten zusätzlichen handchirurgischen Gutachtens. Kein Anlass für Weiterungen gibt auch der letztinstanzlich eingereichte Bericht des Prof. S.________ vom 7. November 2002, dessen Ausführungen sich nicht auf den hier interessierenden Zeitpunkt des Einspracheentscheides vom 28. Juli 2000 beziehen (BGE 121 V 366 Erw. 1b) und der sich überdies nicht zur früheren oder aktuellen Arbeitsfähigkeit des Versicherten äussert. 3.5 Zusammengefasst ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer auf Grund der somatischen Unfallfolgen in einer leidensangepassten Tätigkeit vollständig arbeitsfähig ist.