Citation: 5A_705/2022 E. 4.4

4.4. Die Lebensprägung versucht die Beschwerdeführerin zunächst dadurch herbeizuführen, dass sie im ersten Berufungsurteil bindend "festgestellt" worden sei; wenn das Kantonsgericht im zweiten Berufungsverfahren die erstinstanzliche Ansicht, wonach keine Lebensprägung gegeben sei, schütze, verletze es die Bindewirkung gemäss Art. 318 ZPO und fälle es sein Urteil in Verletzung des Willkürverbotes. Die Rückweisung an das Bezirksgericht erfolgte zur Vervollständigkeit des Sachverhaltes, namentlich zur Einholung eines Gutachtens, während es bei der Frage der Lebensprägung um eine Rechtsfrage geht. Diesbezüglich hatte das Bundesgericht in der Zwischenzeit seine jahrzehnte lang gepflegte Rechtsprechung, wonach ab einem 10-jährigen ehelichen Zusammenleben eine Lebensprägung zu vermuten war, aus grundsätzlichen Erwägungen aufgegeben und durch die neue Formel ersetzt, dass von einer Lebensprägung auszugehen ist, wenn ein Ehegatte seine ökonomische Selbständigkeit zugunsten der Haushaltsbesorgung und Kinderbetreuung aufgegeben hat und es ihm deshalb nach langjähriger Ehe nicht mehr möglich ist, an seiner früheren beruflichen Stellung anzuknüpfen, während der andere Ehegatte sich angesichts der ehelichen Aufgabenteilung auf sein berufliches Fortkommen konzentrieren konnte (BGE 147 III 249 E. 3.4.3; 147 III 308 E. 5.6 sowie dazugehörige Regeste). Das Kantonsgericht hat festgehalten, dass es bei dieser Ausgangslage nicht an seine frühere rechtliche Einschätzung gebunden, sondern vielmehr die neue bundesgerichtliche Rechtsprechung zu beachten sei. Dies trifft zu (vgl. REETZ/HILBER, in: Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, Hrsg. Sutter-Somm et al., 3. Aufl. 2016, N. 48 zu Art. 318 ZPO; STERCHI, in: Berner Kommentar, Schweizerische Zivilprozessordnung, Band II, 1. Aufl. 2012, N. 16 zu Art. 318 ZPO; BRUNNER/VISCHER, in: Kurzkommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, 3. Aufl. 2021, N. 8 zu Art. 318 ZPO; VERDA CHIOCCHETTI, in: Commentario pratico al Codice di diritto processuale civile svizzero, Band II, 2. Aufl. 2017, N. 32 zu Art. 318 ZPO).