Citation: 4A_623/2017 E. 2.3.2

2.3.2. Was die von der Beschwerdeführerin und STOFFEL geortete Schutzlücke im Verantwortlichkeitsrecht betrifft, ist darauf hinzuweisen, dass der Gläubiger bei fehlendem Gesellschaftsschaden befugt ist, seinen individuellen Schaden einzuklagen (vgl. Erwägung 4 hiernach). Nicht stichhaltig ist der Einwand der Beschwerdeführerin, das setze ungenügende Anreize, weil nie alle Gläubiger ihren eigenen Schaden geltend machen, sodass das pflichtvergessene Organ damit rechnen könne, dass ein Grossteil des Schadens zu seinem eigenen Vorteil (da es häufig um Transaktionen zum eigenen Vorteil gehe) nicht liquidiert werde. Auch in andern Bereichen als dem Verantwortlichkeitsrecht verzichten Geschädigte zuweilen auf das Geltendmachen ihrer Ansprüche. Das reicht offensichtlich nicht, um eine Änderung der Rechtsprechung zu begründen. Auch das von der Beschwerdeführerin angeführte Ungenügen der paulianischen Anfechtung seitens der Masse vermag dies nicht. Es mag zutreffen, dass die Formulierung eines Rechtsbegehrens der Anfechtungsklage bei umfangreicheren Vermögensverschiebungen Schwierigkeiten bereiten kann. Vorliegend reichte die Beschwerdeführerin aber den Kaufvertrag samt 24 Anhängen ins Recht, mit dem Vermögenswerte von der C.________ AG auf die E.________ GmbH übertragen wurden. Dass es gestützt darauf nicht möglich gewesen wäre, eine Anfechtungsklage einzureichen, vermag die Beschwerdeführerin nicht aufzuzeigen, indem sie sich bloss pauschal darauf beruft, dass die Vermögenswerte im Kaufvertrag nur "rudimentär" spezifiziert gewesen seien. Dies zumal sie - nach den unbestritten gebliebenen Vorbringen des Beschwerdegegners - durchaus in der Lage gewesen war, ein Schlichtungsgesuch für eine actio pauliana einzureichen, dieses aber nicht weiterfolgte. Mit der Beschwerdeführerin ist sodann zwar davon auszugehen, dass bei einer Anfechtungsklage aufgrund des höheren Streitwerts das Prozessrisiko höher sein kann als bei einer Verantwortlichkeitsklage. Dem kann aber, wie der Beschwerdegegner zu Recht geltend macht, im Rahmen der prozessualen Behandlung dieser Klage Rechnung getragen werden, indem angesichts der Kann-Formulierung in Art. 98 ZPO lediglich ein reduzierter Kostenvorschuss verlangt wird bzw. bei der Kostenverteilung von den Verteilungsgrundsätzen nach Ermessen abgewichen wird (Art. 107 Abs. 1 ZPO). Auf die Frage, ob die allfällige fehlende rechtliche Durchsetzbarkeit bei einer Vermögensverschiebung ins Ausland zu einer andern Beurteilung führen könnte, braucht nicht weiter eingegangen zu werden, da die Vermögenswerte an die E.________ GmbH übergeben wurden und die Beschwerdeführerin nicht darlegt, dass diese ihren Sitz im Ausland hat oder die Vermögenswerte ins Ausland transferiert wurden. Vielmehr macht der Beschwerdegegner umgekehrt geltend, der Sitz der E.________ GmbH sei unbestritten ebenfalls in Zug und es seien keine Vermögenswerte ins Ausland verschoben worden, was die Beschwerdeführerin nicht bestreitet. Unabhängig davon ist darauf hinzuweisen, dass die vorgesehene Änderung des Bundesgesetzes über das Internationale Privatrecht die von der Beschwerdeführerin aufgeworfene Problematik zum Teil entschärft: Ausländische Entscheidungen über Anfechtungsansprüche und ähnliche Entscheidungen können künftig unter bestimmten Voraussetzungen in der Schweiz anerkannt werden (vgl. Art. 174c rev. IPRG; Botschaft zur Änderung des Bundesgesetzes über das Internationale Privatrecht [11. Kapitel: Konkurs und Nachlassvertrag] vom 24. Mai 2017, BBl 2017 S. 4125 ff. insb. S. 4143 f.; BBl 2018 S. 1505 ff.; Rodrigo Rodriguez, Ein neues internationales Insolvenzrecht für das IPRG, in: Grolimund et. al. [Hrsg.], Festschrift für Anton K. Schnyder, 2018, S. 295 ff., insb. S. 310 f.). Dies könne nach neuster Lehre im Weiteren die Anerkennung eines schweizerischen Anfechtungsurteils im Ausland erleichtern (Christoph Keller, Die Vollstreckbarkeit schweizerischer Anfechtungsurteile in Deutschland - Gedanken aus Anlass der Reform der EuInsVO und des IPRG, Blätter für Schuldbetreibung und Konkurs, 2018, S. 81 ff. S. 88 f.). Nach dem Gesagten führen die von der Beschwerdeführerin angerufenen prozessualen Schwierigkeiten der Anfechtungsklage nicht ohne Weiteres dazu, dass ein allfälliger Schaden mittels Verantwortlichkeitsklage geltend gemacht werden könnte.