Citation: U 326/01 07.01.2003 E. 4

4.1 Auch über den 31. März 1999 hinaus litt der Versicherte an Beschwerden, welche allerdings organisch nicht (hinreichend) nachweisbar sind. Diesbezüglich ist zunächst umstritten, ob die SUVA die Adäquanz des Kausalzusammenhangs zu Recht entsprechend der Praxis zu psychischen Fehlentwicklungen nach Unfall (BGE 115 V 133) beurteilte oder ob stattdessen die nicht zwischen psychischen und somatischen Beschwerden unterscheidende Rechtsprechung zu einem Schleudertrauma der HWS oder einer äquivalenten Verletzung (BGE 117 V 359) anzuwenden ist. 4.1.1 Es ist unbestritten und hinreichend erstellt, dass der Beschwerdeführer am 1. Juni 1998 eine HWS-Distorsion und damit eine Verletzung erlitt, welche einem Schleudertrauma der HWS äquivalent ist (SVR 1995 UV Nr. 23 S. 67 Erw. 2). Laut dem Arztzeugnis UVG von Frau Dr. med. N.________ vom 8. Juli 1998 klagte er nach dem Unfallereignis über massive Kopfschmerzen, ein Flimmern vor den Augen, Schwindelanfälle sowie über Nackenschmerzen, Rückenschmerzen und Schmerzen im Gesäss. Die zu dem nach einem Schleudertrauma der HWS oder einer äquivalenten Verletzung nicht selten beobachteten und deshalb von der Rechtsprechung als "typisch" bezeichneten Beschwerdebild gehörenden Symptome (BGE 119 V 338 Erw. 1, 117 V 360 Erw. 4b) waren somit jedenfalls teilweise gegeben. Der natürliche Kausalzusammenhang zu der am 1. Juni 1998 erlittenen HWS-Distorsion ist in einer den praxisgemässen Anforderungen (BGE 119 V 340 Erw. 2b) gerecht werdenden Weise erstellt. Die nachfolgenden medizinischen Untersuchungen konzentrierten sich in erster Linie auf organisch nachweisbare Befunde, während das "bunte" Beschwerdebild bzw. die dazu gehörenden Symptome (mit Ausnahme der Kopf- und Nackenschmerzen sowie allenfalls der diffusen Beschwerden in den linken Extremitäten) in den ärztlichen Stellungnahmen nicht ausdrücklich thematisiert werden (vgl. Berichte des Dr. med. F.________ vom 23. Juli 1998, des PD Dr. med. L.________ vom 1., 20.Oktober und 8.Dezember 1998 sowie des Dr. med. R.________ vom 19. und 23.November 1998). Dagegen gab der Beschwerdeführer laut dem Psychosomatischen Konsilium vom 9.Februar 1999 (Dr. phil. T.________, Klinischer Psychologe, Rehaklinik Z.________) eine ganze Reihe der zum "bunten" Beschwerdebild nach Schleudertrauma der HWS gehörenden Symptome an. Auch Dr. med. S.________ weist in seinem Bericht vom 20.Oktober 1999 auf einzelne dieser Symptome hin. 4.1.2 Den ersten aktenkundigen Anhaltspunkt für das Vorliegen einer psychischen Problematik mit Krankheitswert bildet die Bemerkung im Bericht des PD Dr. med. L.________ vom 1.Oktober 1998, der Patient sei gleichentags durch die Hausärztin bei Dr. med. S.________ zur psychiatrisch medikamentösen Einstellung vorgestellt worden. Gemäss dem im Verlauf des Aufenthaltes in der Klinik Y.________ erstatteten psychosomatischen Konsilium vom 9.Februar 1999 leidet der Beschwerdeführer an einer gemischten Störung von Angst und Depression mit vegetativer Dystonie. Die zahlreichen vegetativen Symptome machten sozusagen "die körperliche Begleitmusik" dieses psychischen Beschwerdebildes aus. Nach Auffassung des Gutachters steht die Entwicklung des psychischen Krankheitsbildes in Zusammenhang damit, dass dem Beschwerdeführer im Dezember 1998 die Arbeitsstelle mit Wirkung per 1.April 1999 gekündigt worden sei. Dr. med. S.________ diagnostiziert in seinem vorinstanzlich aufgelegten Bericht vom 20.Oktober 1999 "eine ängstliche Depression bei einem einfach-strukturierten Immigranten mit chronifiziertem zervikospondylogenem Syndrom nach einem Autounfall mit HWS-Distorsion am 1. Juni 1998". Die Prognose sei ungünstig, da sich der Zustand chronifiziere. Die Klinik Q.________ berichtete am 25. April 2000 über eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung und eine diese begleitende, derzeit im Vordergrund stehende depressive Entwicklung. 4.1.3 Wie aus den erwähnten Unterlagen hervorgeht, war das typische Beschwerdebild nach einem Schleudertrauma der HWS im Anschluss an das Ereignis vom 1.Juni 1998 gegeben. Die erste medizinische Aussage, welche auf das Vorliegen einer psychischen Problematik mit Krankheitswert hinweist, datiert demgegenüber vom 1.Oktober 1998, also vier Monate nach dem Unfall. Angesichts des Fehlens anders lautender Hinweise ist diese Symptomatik als Teil des typischen Beschwerdebildes anzusehen, welches auch eine depressive Entwicklung umfassen kann (BGE 119 V 338 Erw.1, 117 V 360 Erw.4b). Laut dem psychosomatischen Konsilium vom 9.Februar 1999, der ersten aktenkundigen fachlichen Stellungnahme zur psychischen Problematik, hatte sich die psychische Symptomatik im Anschluss an die Kündigung der Arbeitsstelle im Dezember 1998 verstärkt. Die dem bunten Beschwerdebild zuzurechnenden Symptome waren weiterhin gegeben, bildeten jedoch nur noch die "körperliche Begleitmusik" des psychischen Krankheitbildes. Gemäss den Berichten des Dr. med. S.________ und der Klinik Q.________ bestand in der Folge weiterhin eine schwerwiegende psychische Problematik, wobei Dr. med. S.________ auch auf einzelne Symptome des bunten Beschwerdebildes hinweist. Angesichts dieser Aktenlage sind die Voraussetzungen für die Anwendung der Rechtsprechung gemäss BGE 123 V 99 Erw.2a nicht als erfüllt anzusehen. Weder stand das psychische Beschwerdebild unmittelbar nach dem Unfallereignis im Vordergrund, noch spielte die physische Komponente im Verlauf des gesamten Beurteilungszeitraums nur eine sehr untergeordnete Rolle. Die Adäquanz des Kausalzusammenhangs ist daher nach der Praxis zu den Folgen eines Schleudertraumas der HWS ohne organisch nachweisbare Befunde oder einer einem solchen äquivalenten Verletzung (BGE 117 V 359; RKUV2000 Nr. U359 S.29) zu beurteilen, welche nicht zwischen physischen und psychischen Anteilen differenziert. 4.2 Im Rahmen der für die Belange der Adäquanzbeurteilung vorzunehmenden Katalogisierung der Unfälle (BGE 117 V 366 f. Erw. 6a) ist das Ereignis vom 1. Juni 1998 auf Grund des augenfälligen Geschehensablaufs und der vom Versicherten erlittenen Verletzungen dem mittleren Bereich zuzuordnen. Die Adäquanz des Kausalzusammenhangs ist demzufolge zu bejahen, falls ein einzelnes der in die Beurteilung einzubeziehenden Kriterien (BGE 117 V 367 Erw. 6a) in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist oder die zu berücksichtigenden Kriterien insgesamt in gehäufter oder auffallender Weise gegeben sind (BGE 117 V 367 f. Erw. 6b). Dem Ereignis vom 1. Juni 1998 (Abkommen von der Strasse mit einem Personenwagen, Landung auf den Rädern im etwa zwei Meter tiefer gelegenen Strassengraben, Kopfanprall an der Unterseite des Fahrzeugdachs) kommt weder besondere Eindrücklichkeit zu, noch war es mit besonders dramatischen Begleitumständen verbunden. Dagegen sind Dauerbeschwerden (in Form von Kopf- und Nackenschmerzen) ausgewiesen. Angesichts der depressiven Entwicklung (mit Hospitalisation in der Klinik Q.________ vom 9. März bis 19. April 2000) ist auch das Kriterium des schwierigen Heilungsverlaufs als erfüllt anzusehen. Ebenso erreicht die unfallbedingte Arbeitsunfähigkeit - unter Einbezug der psychischen Beeinträchtigung - das für die Bejahung des entsprechenden Kriteriums vorausgesetzte Ausmass (vgl. RKUV 2001 Nr. U 442 S. 544 ff.). Die Beschwerde gegen die anders lautende Verfügung der IV-Stelle des Kantons Zürich vom 6. Juli 2000 wurde durch das kantonale Gericht gutgeheissen. Damit steht fest, dass die massgebenden unfallbezogenen Merkmale in gehäufter Form erfüllt sind, ohne dass geprüft werden müsste, ob die beim Kopfanprall am Wagendach nach der Landung des Fahrzeugs im Strassengraben erlittene HWS-Distorsion unter den gegebenen Umständen als Verletzung besonderer Art zu gelten hat (vgl. in diesem Zusammenhang RKUV 1998 Nr. U 297 S. 245 Erw. 3c). Dem Unfallereignis vom 1. Juni 1998 kommt somit auf Grund der geltenden Rechtsprechung, entgegen der Auffassung von SUVA und Vorinstanz, massgebende Bedeutung für die über Ende März 1999 hinaus andauernden Beschwerden zu.