Citation: U 289/04 23.12.2005 E. 4

4.1 Der Beschwerdegegner hat beim Unfall vom 19. August 2001 ein Schleudertrauma oder eine schleudertraumaähnliche Verletzung der HWS erlitten. Er leidet zumindest teilweise an dem für solche Verletzungen typischen Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden wie diffuse Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit, Visusstörungen, Reizbarkeit, Affektlabilität, Depression, Wesensveränderungen usw. (BGE 117 V 360 Erw. 4b). Weil keine nachweisbaren organischen Unfallfolgen bestehen und nicht davon auszugehen ist, dass die zum typischen Beschwerdebild gehörenden Beeinträchtigungen zwar teilweise gegeben sind, im Vergleich zur psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund treten, hat die Adäquanzprüfung nach den für Schleudertraumen und schleudertraumaähnliche Verletzungen der HWS geltenden Regeln zu erfolgen (BGE 123 V 99 Erw. 2a). 4.2 Seinen Angaben zufolge war der Beschwerdegegner am frühen Morgen des 19. August 2001 mit seinem Personenwagen Nissan Sunny von A.________ nach B.________ unterwegs. Am Platz C.________ musste er wegen eines vortrittsberechtigten Verkehrsteilnehmers anhalten. Die Führerin des nachfolgenden Fahrzeuges (VW Transporter) konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und stiess "mit voller Wucht" in den von ihm gelenkten Personenwagen. Dieser wurde an der Rückseite eingedrückt, was vom Schadenexperten als Totalschaden bewertet wurde. Die Polizei wurde nicht beigezogen. Nach der Rechtsprechung werden Auffahrkollisionen in der Regel in die Kategorie der mittelschweren Ereignisse im Grenzbereich zu den leichten Unfällen eingestuft (RKUV 2005 Nr. U 549 S. 237 Erw. 5.1.2 mit Hinweisen). Ob vorliegend allenfalls von einem mittleren Unfall im engeren Sinn auszugehen ist, lässt sich mangels näherer Angaben zum Geschehensablauf nicht beurteilen, kann jedoch dahingestellt bleiben. Auszuschliessen ist jedenfalls ein mittelschwerer Unfall im Grenzbereich zu den schweren Unfällen oder gar ein schwerer Unfall (vgl. Urs Müller, Die Rechtsprechung des Eidgenössischen Versicherungsgerichts zum adäquaten Kausalzusammenhang beim so genannten Schleudertrauma der HWS, in SZS 2001 S. 413 ff., insbesondere S. 431 ff.; ferner RKUV 2005 Nr. U 548 S. 231 und dort erwähnte Rechtsprechung). Die Adäquanz des Kausalzusammenhangs wäre daher zu bejahen, wenn ein einzelnes der unfallbezogenen Kriterien (besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalls; Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen; ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung; Dauerbeschwerden; ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hat; schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen; Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit) in besonders ausgeprägter Weise gegeben wäre oder mehrere der zu berücksichtigenden Kriterien erfüllt wären (BGE 117 V 367 Erw. 6b). 4.3 Der Unfall vom 19. August 2001 hat sich unbestrittenermassen nicht unter besonders dramatischen Begleitumständen ereignet noch war er - objektiv betrachtet (RKUV 1999 Nr. U 335 S. 209 Erw. 3b/cc; vgl. auch RKUV 2000 Nr. U 394 S. 313) - von besonderer Eindrücklichkeit. Er hatte auch keine schweren Verletzungen oder Verletzungen besonderer Art zur Folge. Es bedarf hiezu einer besonderen Schwere der für das Schleudertrauma typischen Beschwerden oder besonderer Umstände, welche das Beschwerdebild beeinflussen können (Urteile C. vom 28. April 2005, U 386/04, D. vom 4. September 2003, U 371/02, T. vom 6. Februar 2002, U 61/00, und D. vom 16. August 2001, U 21/01). Diese können beispielsweise in einer beim Unfall eingenommenen besonderen Körperhaltung und den dadurch bewirkten Komplikationen bestehen (RKUV 1998 Nr. U 297 S. 245). Der Umstand allein, dass der Beschwerdegegner beim Unfall nach links geblickt hat und durch den Zusammenstoss überrascht wurde, genügt jedoch nicht (Urteil N. vom 14. März 2005, U 82/04). Es liegt auch keine besondere Schwere der für das Schleudertrauma typischen Beschwerden vor. Nicht erfüllt ist sodann das Kriterium der ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung. Im Anschluss an den Unfall wurde der Beschwerdegegner von Dr. med. T.________ behandelt, welcher einen Halskragen verordnete, Medikamente abgab und eine physiotherapeutische Behandlung veranlasste. Diese dauerte vom 28. September bis 29. November 2001. In der Folge beschränkten sich die Massnahmen auf periodische Konsultationen, eine weitere medikamentöse Therapie sowie komplementär- bzw. alternativmedizinische Behandlungen (Atlaslogie). Am 24. Juni 2002 erklärte Dr. med. T.________ die Behandlung als abgeschlossen. Auf Intervention des Versicherten kam es im Juli 2002 zur Überweisung an Frau Dr. med. W.________ und ab 11. September 2002 zu weiteren Konsultationen bei Dr. med. T.________, welcher eine Akupunkturbehandlung einleitete und erneut Medikamente abgab. Später sollen nach Angaben des Versicherten noch Massnahmen der traditionellen chinesischen Medizin (Qi-Gong, Tai-Chi) durchgeführt worden sein (Gutachten S. 9). Insgesamt liegt damit keine kontinuierliche, mit einer gewissen Planmässigkeit auf die Verbesserung des Gesundheitszustandes gerichtete ärztliche Behandlung von ungewöhnlich langer Dauer vor (Urteile N. vom 14. März 2005, U 82/04, P. vom 24. September 2003, U 361/02, und S. vom 8. April 2002, U 357/01). Von einer ärztlichen Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen verschlimmert hat, kann nicht gesprochen werden, ebenso wenig von einem schwierigen Heilungsverlauf und erheblichen Komplikationen. Der Feststellung des Beschwerdegegners, wonach gemäss Rechtsprechung (Urteil F. vom 25. Januar 2002, U 277/00) ein schwieriger Heilungsverlauf spätestens dann zu bejahen sei, wenn sich dreieinhalb Jahre nach dem Unfall anhaltende, teilweise psychisch überlagerte Beschwerden als therapierefraktär erweisen, ist entgegenzuhalten, dass aus der blossen Dauer der Beschwerden und der ärztlichen Behandlung nicht schon auf einen schwierigen Heilungsverlauf geschlossen werden kann. Es bedarf hiezu besonderer Gründe, welche die Heilung beeinträchtigt haben (Urteile Z. vom 4. Mai 2004, U 89/03, F. vom 25. Oktober 2002, U 343/02, und B. vom 7. August 2002, U 313/01). Solche Gründe sind hier nicht gegeben. Zum Kriterium von Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit ist festzustellen, dass der Versicherte vor dem Unfall als Werk- und Zeichenlehrer mit einem Pensum von 14 Stunden bei einem Vollpensum von 29 Wochenstunden tätig war. Nach dem Unfall war er vom 20. August bis 2. September 2001 arbeitsunfähig. Ab dem 3. September 2001 bestand nach den Angaben von Dr. med. T.________ im Zusatzfragebogen bei HWS-Verletzungen wieder volle Arbeitsfähigkeit. In den Zwischenberichten vom 18. Dezember 2001 und 24. Juni 2002 bestätigte der behandelnde Arzt, der Beschwerdegegner habe die Arbeit am 3. September 2001 aufgenommen und es bestehe keine Arbeitsunfähigkeit. Frau Dr. med. W.________ äusserte sich im Bericht vom 2. September 2002 nicht näher zur Arbeitsfähigkeit, stellte jedoch fest, dass der Versicherte im Hinblick auf seine Beschwerden beruflich knapp kompensiert sei und zusätzliche Stresssituationen (beispielsweise im Rahmen eines Militärdienstes) vermieden werden sollten. Im ärztlichen Zeugnis vom 24. Februar 2003 gab Dr. med. T.________ an, er habe den Fall am 11. Juni 2002 nur vorübergehend im Sinne einer Therapiepause abgeschlossen. Der Versicherte habe glaubhaft Beschwerden und sei deshalb in der Arbeitsfähigkeit eingeschränkt, wobei diese von Monat zu Monat neu beurteilt werden müsse. In einem Bericht vom 16. Mai 2003 führte er aus, eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens 50 % sei immer ausgewiesen gewesen. Dies steht indessen im Widerspruch zu den früheren Angaben des behandelnden Arztes, wonach ab 3. September 2001 volle Arbeitsfähigkeit bestanden hat. Zu beachten ist, dass der Beschwerdegegner schon vor dem Unfall lediglich im Rahmen von 50 % bis 60 % eines vollen Pensums tätig war und jegliche Anhaltspunkte dafür fehlen, dass er ohne den Unfall eine vollzeitliche Tätigkeit aufgenommen hätte. Es entsprach offensichtlich seinem freien Willen, als Lehrer lediglich teilzeitlich zu arbeiten und die verbleibende Zeit für eine Tätigkeit als Fotograf und Künstler zu verwenden. In der selbst gewählten Teilzeitbeschäftigung war er aber lediglich in geringem Masse in der Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Selbst wenn zusätzlich berücksichtigt wird, dass er die Nebenerwerbstätigkeiten als Fotograf und Künstler nicht mehr auszuüben vermag, was aufgrund der Akten nicht ausgewiesen ist, kann das Kriterium von Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit nicht als erfüllt gelten (vgl. RKUV 2001 Nr. U 442 S. 544 ff.). Was schliesslich das Kriterium der Dauerschmerzen betrifft, ist dieses jedenfalls nicht in besonders ausgeprägter Weise gegeben. Da somit weder eines der für die Adäquanzbeurteilung massgebenden Kriterien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist noch mehrere der zu berücksichtigenden Kriterien gegeben sind, ist die Unfalladäquanz der geltend gemachten Beschwerden zu verneinen. Die verfügte Einstellung der Leistungen per 30. April 2003 besteht folglich zu Recht.