Citation: U 47/06 05.09.2006 E. 4

4.1 Die Beurteilung der Adäquanz von organisch nicht nachweisbaren Unfallfolgen nach einem Schleudertrauma der Halswirbelsäule oder einer diesem äquivalenten Verletzung erfolgt, sofern nicht eine psychische Problematik ganz im Vordergrund steht, nach den in BGE 117 V 366 Erw. 6a und 382 Erw. 4b festgelegten Kriterien. Ist ein Schleudertrauma der Halswirbelsäule oder eine diesem äquivalente Verletzung nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen, gelangt die Adäquanzrechtsprechung zu den psychischen Unfallfolgen gemäss BGE 115 V 138 ff. Erw. 6 zur Anwendung (BGE 127 V 103 Erw. 5b/bb). Der Unterschied besteht darin, dass für die Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhanges zwischen einem Unfall mit Schleudertrauma und den in der Folge eingetretenen Gesundheitsstörungen von einer Differenzierung zwischen physischen und psychischen Beschwerden abgesehen wird (BGE 117 V 367 Erw. 6a). Demgegenüber wird die Adäquanz von Unfallfolgen, welchen kein Schleudertrauma oder eine äquivalente Verletzung zugrunde liegt, ausschliesslich nach den objektiv fassbaren, physisch bedingten Umständen beurteilt, welche unmittelbar mit dem Unfall in Zusammenhang stehen und als direkte oder indirekte Folge davon erscheinen (BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa). Beiden Adäquanzbeurteilungen ist gemeinsam, dass anknüpfend an das Unfallereignis und den äusseren Geschehensablauf eine Einteilung in leichte oder gar banale Unfälle einerseits, schwere Unfälle andererseits sowie die dazwischen liegenden Unfälle im mittleren Bereich vorzunehmen ist. Bei leichten Unfällen ist der adäquate Kausalzusammenhang in aller Regel ohne weiteres zu verneinen, bei schweren hingegen zu bejahen (BGE 117 V 366 Erw. 6a, 115 V 139 f. Erw. 6a und b). Auch bei einem als leicht zu qualifizierenden Auffahrunfall ist indessen der adäquate Kausalzusammenhang - als Ausnahme von der Regel - dann zu prüfen, wenn er unmittelbare Unfallfolgen zeitigt, die sich nicht offensichtlich als unfallunabhängig erweisen (etwa bei Komplikationen durch die besondere Art der erlittenen Verletzung, verzögertem Heilungsverlauf, langdauernder Arbeitsunfähigkeit). In diesem Fall sind die Adäquanzkriterien, die für Unfälle im mittleren Bereich gelten, heranzuziehen (RKUV 2003 Nr. U 489 S. 360 Erw. 4.2 [U 193/01], 1998 Nr. U 297 S. 244 Erw. 3b mit Hinweis). Ein Unfallereignis ist indessen - ausgehend vom äusseren Geschehensablauf - immer als solches als leicht, im mittleren Bereich liegend, oder als schwer einzustufen, ohne dass der für die Beurteilung der Adäquanzfrage bei Unfällen, die dem mittleren Bereich zuzuordnen sind, zusätzlich zu berücksichtigende Kriterienkatalog bereits in diesem Stadium beizuziehen wäre (Urteil vom 17. August 2006 [U 503/05] Erw. 2.2, 3.1 und 3.2). 4.2 Auffahrkollisionen vor einem Fussgängerstreifen oder einem Lichtsignal hat das Eidgenössische Versicherungsgericht wiederholt als im mittleren Bereich, aber im Grenzbereich zu den leichten Unfällen liegendes Ereignis eingestuft. In einzelnen Fällen hat es indessen auch bei Auffahrkollisionen einen leichten Unfall angenommen, so insbesondere bei einer niedrigen kollisionsbedingten Geschwindigkeitsveränderung (Delta-v unter 10 km/h) und - zusätzlich - weitgehendem Fehlen von unmittelbar im Anschluss an den Unfall aufgetretenen Beschwerden (RKUV 2003 Nr. U 489 S. 360 Erw. 4.2 mit Hinweisen [U 193/01]). 4.2.1 Bezüglich des ersten Unfalles vom 12. August 2002 geht aus dem polizeilichen Unfallrapport hervor, dass der Lenker eines Personenwagens auf der Höhe des Signals "Ende Höchstgeschwindigkeit 60 km/h" das Fahrzeug der Beschwerdeführerin überholte. Beim Wiedereinbiegen hielt er keinen ausreichenden Abstand ein, weshalb das hintere rechte Heck seines Autos seitlich mit der Stossstange vorne links des Wagens der Beschwerdeführerin kollidierte. Die von der Polizei aufgenommenen Fotos der Fahrzeugschäden zeigen, dass die vordere Stossstange in den Halterungen fixiert blieb, somit nicht abgerissen und weggeschleudert wurde, wie die Beschwerdeführerin nachträglich geltend machte. Die Stossstange wurde lediglich ungefähr auf der Höhe der linken Karosseriefront aufgerissen. Das Glas der vorderen linken Blinkerleuchte blieb intakt und das Fahrzeug der Beschwerdeführerin kam nicht von der Strasse ab. Die Reparaturkosten beliefen sich - unter Ausschluss der Benzinkosten für den Ersatzwagen - auf Fr. 665.30 (Fr. 142.20 + Fr. 558.10 - [Fr. 32.55 + 7,6%] = Fr. 665.30). Bereits im Polizeirapport wurde dieser Verkehrsunfall als "leichte Streifkollision" bezeichnet. Der Unfallanalytiker dipl. Ing. T.________ hat anhand der an den beiden Fahrzeugen entstandenen Beschädigungen und ihren Auslaufrichtungen eine kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung (Delta-v) des Fahrzeugs der Beschwerdeführerin in Längsrichtung von maximal 6,2 km/h und in Querrichtung maximal 1,5 km/h berechnet. Nach dem Unfall vom 12. August 2002 begab sich die Beschwerdeführerin erst vier Tage später, nämlich am 16. August 2002, in ärztliche Behandlung bei Dr. med. H.________. Sie blieb noch während sieben Wochen uneingeschränkt arbeitsfähig. Eine vollständige Arbeitsunfähigkeit wurde ihr erstmals mit Attest vom 30. September 2002 ab diesem Datum durch den Chiropraktor Dr. med. M.________ bescheinigt. Diesbezüglich ist die zeitliche Nähe zu der am 26. September 2002 erfolgten Kündigung des damaligen Arbeitsverhältnisses augenfällig. 4.2.2 Beim Unfall vom 15. Januar 2003 hielt die Beschwerdeführerin ihr Fahrzeug im Stadtverkehr an, weil sich vor ihr ein Stau gebildet hatte. Der nachfolgende Lenker bemerkte dies zu spät und touchierte mit der Front seines Personenwagens das Heck des von ihr gelenkten Fahrzeuges. Am hinteren Stossfänger ihres Wagens entstand ein auf den polizeilichen Fotos kaum sichtbarer Lackschaden. Am Fahrzeug des Kollisionsgegners wurde das vordere Nummernschild verschoben und dadurch die Front-Stossstange - etwas deutlicher sichtbar - zerkratzt. Die Karosserie beider Fahrzeuge wurde nicht deformiert und die Kosten für die Neulackierung der hinteren Stossstange des Wagens der Beschwerdeführerin wurden auf Fr. 898.95 berechnet. Der Unfallanalytiker des Versicherers hat die auf das Fahrzeug der Beschwerdeführerin einwirkende kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung (Delta-v) auf minimal 2,0 km/h und maximal 6,2 km/h berechnet. 4.3 Aus diesen äusseren Geschehensabläufen ist zu schliessen, dass weder bei der leichten Streifkollision vom 12. August 2002 noch beim Auffahrunfall vom 15. Januar 2003 ausserordentliche Kräfte auf die Kopf- und Halsregion der Beschwerdeführerin einwirkten. Bei beiden Unfällen sind auch sonst keinerlei äussere Umstände ersichtlich, die geeignet wären, erhebliche und langwierige Gesundheitsstörungen mit entsprechender Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit zu verursachen. An das Unfallereignis anknüpfend und von den dargelegten augenfälligen Geschehensabläufen ausgehend ergibt sich somit, dass weder der leichten Streifkollision vom 12. August 2002 noch dem Auffahrunfall vom 15. Januar 2003 für die Entstehung einer Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit eine massgebende Bedeutung zukam. Im einen wie im anderen Fall liegt ein höchstens leichtes Unfallereignis vor, für welches der adäquate Kausalzusammenhang mit langdauernden, über den Zeitpunkt der verfügten Leistungseinstellung anhaltenden Gesundheitsstörungen hinaus ohne weiteres zu verneinen ist (BGE 117 V 366 Erw. 6a). Anhaltspunkte dafür, dass trotz Vorliegens eines leichten Unfalles ausnahmsweise eine Adäquanzprüfung unter Beizug der Kriterien, die bei Unfällen im mittleren Bereich gelten, vorzunehmen wäre, liegen nicht vor (RKUV 2003 Nr. U 489 S. 360 Erw. 4.2 [U 193/01], 1998 Nr. U 297 S. 244 Erw. 3b mit Hinweis). 4.4 Nach dem Gesagten haben Vorinstanz und Beschwerdegegnerin die Leistungsvoraussetzung des adäquaten Kausalzusammenhanges für beide Unfälle mit Wirkung ab 30. November 2003 im Ergebnis zu Recht verneint.