Citation: 1P.385/2001 29.06.2001 E. 3

3.- a) Für die Annahme von Fluchtgefahr wird nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts eine gewisse Wahrscheinlichkeit gefordert, dass sich der Betreffende, in Freiheit belassen, der Strafverfolgung durch Flucht entziehen würde. Die Schwere der drohenden Strafe darf als Indiz für Fluchtgefahr gewertet werden. Sie genügt für sich allein jedoch nicht, um den Haftgrund zu bejahen. Vielmehr müssen die gesamten Lebensverhältnisse des Angeschuldigten in Betracht gezogen und konkrete Gründe dargetan werden, die eine Flucht nicht nur als möglich, sondern als wahrscheinlich erscheinen lassen. Die Dauer der zu erwartenden Freiheitsstrafe kann immer nur neben anderen, eine Flucht begünstigenden Tatsachen herangezogen werden (BGE 125 I 60 E. 3a; 117 Ia 69 E. 4a; 108 Ia 64 E. 3). b) Der Beschwerdeführer ist in erster Instanz wegen wiederholter Schändung sowie versuchter Anstiftung zu Mord, Freiheitsberaubung und Entführung zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt worden und muss trotz Weiterzugs der Sache mit einer langjährigen Freiheitsstrafe rechnen. Das Obergericht legt zutreffend dar, dass neben diesem Umstand insbesondere die mit einem Schuldspruch verbundene Beeinträchtigung der beruflichen und gesellschaftlichen Stellung des Beschwerdeführers für eine Fluchtgefahr sprechen. Der Einwand des Beschwerdeführers, er habe trotz der im Jahr 1991 wegen mehrfacher Schändung erfolgten Verurteilung nach Verbüssen der damals ausgesprochenen Freiheitsstrafe die Tätigkeit als Arzt wieder aufgenommen, ist angesichts der zwischenzeitlich bedeutend massiveren Tatvorwürfe nicht geeignet, die für Fluchtgefahr sprechenden Argumente zu entkräften. Die hohe Publizitätswirkung der vorliegenden Angelegenheit sowie das dem Beschwerdeführer drohende langjährige Berufsverbot lassen vielmehr eine spätere Wiederaufnahme der Arzttätigkeit in der Schweiz als unwahrscheinlich erscheinen. Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer seinen Beruf gerne ausübt und heute knapp 52 Jahre alt ist, stellt bei dieser Ausgangslage nur ein zusätzliches Indiz dafür dar, dass er versuchen könnte, im Ausland eine neue berufliche Existenz aufzubauen. Dass der Beschwerdeführer nach Einleitung der Strafuntersuchung wegen Schändung im November 1999 nicht die Flucht ergriffen hat, obwohl er dazu bis zu seiner Inhaftierung Ende Mai 2000 Gelegenheit gehabt hätte, ist angesichts der erst später erfolgten Ausweitungen des Tatverdachts nicht als gewichtiges, gegen Fluchtgefahr sprechendes Argument zu sehen. Unbegründet ist auch die Rüge, das Obergericht hätte unter dem Gesichtspunkt der Fluchtgefahr nicht berücksichtigen dürfen, dass der Beschwerdeführer zu den konspirativen Treffen mit H.________ verkleidet und unter falschem Namen erschien. Diesem Einwand ist entgegenzuhalten, dass der Beschwerdeführer mit diesem Vorgehen immerhin zum Ausdruck brachte, dass er gewillt ist, einigen Aufwand zu betreiben, um nötigenfalls seine Identität zu verbergen. Ob er dabei über grosses Geschick resp. "organisatorische Gewohnheit und Gewandtheit" verfügt, wie die kantonalen Behörden ausführen, ist gegenüber der Bereitschaft, solche Massnahmen zwecks Verhinderung einer Strafverfolgung überhaupt zu treffen, von untergeordneter Bedeutung. Das Obergericht durfte schliesslich auch die ungünstige finanzielle Situation, in der sich der Beschwerdeführer nach eigenen Angaben befindet, als Anreiz zur Flucht mitberücksichtigen. Nach dem vorstehend Ausgeführten vermag auch die persönlich und familiär bedingte Verwurzelung des Beschwerdeführers in der Schweiz keine ausreichende Gewähr zu bieten, dass er bei Entlassung aus der Haft nicht ins Ausland fliehen würde. c) Erweist sich die Aufrechterhaltung der Haft wegen Fluchtgefahr als zulässiger Eingriff in die persönliche Freiheit, kann offen bleiben, wie es sich mit der Annahme von Wiederholungsgefahr verhält.