Citation: 6S.192/2003 01.10.2003 E. 3

Die Beschwerdeführerin bringt ferner vor, sie habe ihre Aufmerksamkeit nicht auf den Geschädigten richten müssen, solange dieser sich regelkonform verhalten habe und auf dem Trottoir gefahren sei. Sie habe in erster Linie auf allfällig aus der Kanalstrasse oder der Schlosshalde einmündende Verkehrsteilnehmer achten und sich auf ihre Fahrbahnhälfte konzentrieren müssen. 3.1 Das Obergericht führt aus, der Geschädigte sei spätestens bei der Einmündung der Schlosshalde vom Trottoir auf die Hauptstrasse gefahren. Bereits vorher sei er aber mehr als 40 Meter auf dem Trottoir unterwegs gewesen. Indem die Beschwerdeführerin das Opfer bis zur Kollision nicht wahrgenommen habe, habe sie nicht die in der damaligen Situation gebotene Aufmerksamkeit bezüglich der vor ihr ablaufenden Verkehrsvorgänge aufgebracht. 3.2 Gemäss Art. 31 Abs. 1 SVG muss der Führer das Fahrzeug ständig so beherrschen, dass er seinen Vorsichtspflichten nachkommen kann. Er muss seine Aufmerksamkeit der Strasse und dem Verkehr zuwenden (Art. 3 Abs. 1 VRV). Das Mass der Aufmerksamkeit, das vom Fahrzeugführer verlangt wird, richtet sich nach den gesamten Umständen, namentlich der Verkehrsdichte, den örtlichen Verhältnissen, der Zeit, der Sicht und den voraussehbaren Gefahrenquellen. Wenn er sein Augenmerk im Wesentlichen auf bestimmte Stellen zu richten hat, kann ihm für andere eine geringere Aufmerksamkeit zugebilligt werden. In der Regel umfasst die Aufmerksamkeit, die der Fahrzeugführer der Strasse und dem Verkehr zuzuwenden hat, die Pflicht, die ganze Strassenbreite, nicht jedoch Bereiche ausserhalb des zu erwartenden Verkehrsgeschehens, mit seinem Blick zu erfassen (BGE 127 II 302 E. 3c mit Hinweisen). 3.3 Die Beschwerdeführerin überquerte trotz blinkendem Haltesignal den Bahnübergang. Sie musste dabei ihre Aufmerksamkeit in erster Linie auf diesen sowie auf den Verkehr auf der Strasse, namentlich auf ihrer Fahrbahn richten. Wegen ihres Fehlverhaltens durfte sie im Weiteren nicht darauf vertrauen, dass allfällig aus der vortrittsbelasteten Kanalstrasse und der Schlosshalde herkommende Fahrzeuglenker sich ordnungsgemäss verhalten würden (vgl. E. 2). Dasselbe gilt für das Geschehen auf dem an ihre Fahrbahn angrenzenden Trottoir, auf welchem der Geschädigte herannahte. Dieses gehört ebenfalls zu dem vom Fahrzeuglenker zu beobachtenden Bereich des Verkehrs (vgl. BGE 121 IV 286 E. 4a). Auch in Bezug auf dort verkehrende Verkehrsteilnehmer durfte sich die Beschwerdeführerin nicht auf das Vertrauensprinzip berufen. Sie wäre schon von daher zu besonderer Vorsicht verpflichtet gewesen. Der Bereich des Trottoirs lag in dem zu beurteilenden Fall zudem nicht ausserhalb des zu erwartenden Verkehrsgeschehens und hätte von der Beschwerdeführerin ohne besondere Anstrengungen überblickt werden können. Sie musste ihre Aufmerksamkeit auch nicht in besonderem Masse auf bestimmte Stellen richten, wie etwa der Vortrittsbelastete beim Einbiegen in die vortrittsberechtigte Strasse. Schliesslich war das Verhalten des Geschädigten weder völlig ungewöhnlich noch abwegig (vgl. den Sachverhalt bei BGE 122 IV 225 und bei BGE 127 IV 34). Die Auffassung der Vorinstanz, die Beschwerdeführerin habe die in der damaligen Situation gebotene Aufmerksamkeit bezüglich der vor ihr ablaufenden Vorgänge nicht aufgewendet, indem sie das Opfer bis zur Kollision nicht wahrgenommen habe, verletzt daher kein Bundesrecht. Dass die Sichtverhältnisse durch die Dämmerung und den starken Regen beeinträchtigt waren, entlastet die Beschwerdeführerin nicht. Im Gegenteil hätten sie die widrigen äusseren Umstände zu einer besonders vorsichtigen Fahrweise veranlassen müssen. Namentlich hätte sie ihre Geschwindigkeit den Verkehrs- und Sichtverhältnissen anpassen müssen (vgl. Art. 32 Abs. 1 SVG; Art. 4 Abs. 1 VRV). Die Beschwerde ist auch in diesem Punkt unbegründet.