Citation: 5A_488/2022 E. 3.1

3.1. Das Gesetz kennt keine Stiftungsaufsichtsbeschwerde, unterstellt die Stiftungen aber der Aufsicht des Gemeinwesens (Art. 84 Abs. 1 ZGB). Allein daraus wird die Möglichkeit einer Beschwerde an die Aufsichtsbehörde abgeleitet. Die Beschwerdemöglichkeit bezieht sich auf den Zuständigkeitsbereich der Aufsichtsbehörde, dafür zu sorgen, dass das Stiftungsvermögen seinen Zwecken gemäss verwendet wird (Art. 84 Abs. 2 ZGB), und jedermann, der hieran ein Interesse hat, ist zur Beschwerdeführung berechtigt. Die Beschwerde setzt folglich ein Interesse an der zweckgemässen Verwendung des Stiftungsvermögens voraus. Dieses zur Beschwerde berechtigende Interesse muss näher bestimmt werden, denn nirgends ist "irgendwer" befugt. Wie jedes andere Rechtsmittel auch setzt die Beschwerde - im Gegensatz zur jedermann und jederzeit offenstehenden Anzeige - ein eigenes Interesse des Beschwerdeführers an der Anordnung der von ihm geforderten Massnahmen voraus (BGE 144 III 433 E. 6.1; 107 II 385 E. 3-5). Das Vorliegen dieses Interesses wird bei tatsächlichen und potentiellen Destinatären regelmässig bejaht (BGE 110 II 436 E. 2; 107 II 385 E. 3), denn jede Person, die wirklich einmal in die Lage kommen kann, eine Leistung oder einen anderen Vorteil von der Stiftung zu erlangen, soll zur Beschwerde legitimiert sein (BGE 107 II 385 E. 4). Ebenso legitimiert sind (überstimmte) Mitglieder des Stiftungsrats (BGE 112 II 97 E. 3 und 4: Beschwerde eines Stiftungsrats gegen seinen Ausschluss; Urteile 5A.2/2002 vom 20. März 2002 E. 1b, nicht publ. in: BGE 128 III 209: Beschwerde von zwei Stiftungsräten gegen ihre Abberufung; 5A.19/2000 vom 25. Juli 2000 E. 1b: Beschwerde des überstimmten Stiftungsratsmitglieds gegen den Beschluss, die Stiftung mit einer anderen Stiftung zu fusionieren; 5A_274/2008 vom 19. Januar 2009 E. 1: Beschwerde von zwei Stiftungsräten gegen ihre Abberufung und betreffend die Ernennung eines Sachwalters; 5A_232/2010 vom 16. September 2010 E. 1: Beschwerde des überstimmten Stiftungsratsmitglieds betreffend den Beschluss, kein Begegnungszentrum einzurichten; 5A_676/2015 vom 5. Januar 2016 E. 1: Beschwerde suspendierter Stiftungsräte betreffend die Gültigkeit von Wahlen in den Stiftungsrat und die Ernennung eines Sachwalters). In der Lehre wurden von Beginn an weiter insbesondere der Stifter und seine Erben genannt (ERNST HAFTER, Berner Kommentar, 2. Aufl. 1919, N. 15 zu Art. 84 ZGB; AUGUST EGGER, Zürcher Kommentar, 1911, N. 5c zu Art. 84 ZGB). Indes kann sich im Fall von Erben des Stifters die Interessenabwägung als heikel erweisen. Die Legitimation wurde bejaht, soweit sich die Beschwerde gegen den erstmals beabsichtigten Verkauf von Stiftungsvermögen richtete (Urteil 5A.19/1994 vom 20. März 1995 E. 1a/cc), aber verneint, soweit der Beschwerdeführer eigene erbrechtliche und nicht eigentlich die Interessen der Stiftung wahrnehmen wollte (Urteil 5A_828/2008 vom 30. März 2009 E. 1.4). Eine besondere Nähe zur Stiftung und damit ein besonderes Interesse kann sich sodann aus einer beruflichen Expertise in Angelegenheiten, welche die Stiftung betreffen (BGE 107 II 385 E. 5: die entlassene Archivarin des von der Stiftung zu betreuenden Archivs; der Herausgeber des Gesamtwerks des Schriftstellers, dessen literarischer Nachlass der Stiftung gewidmet wurde), einer familiären Beziehung zum Stifter oder aus einem besonders bedeutenden Engagement für die Sache der Stiftung (vgl. BGE 144 III 433 E. 6.2.2-6.2.4) ergeben. Kein zur Beschwerde berechtigendes Interesse kann nach der Praxis allerdings in einem selbst besonders tief empfundenen, persönlichen Verantwortungsgefühl für die vom Stifter zu Lebzeiten verfochtene Sache oder in der persönlichen, im näheren Umfeld des Stifters verbrachten Vergangenheit erblickt werden, wo eine Stiftung sich nicht auf einzelne Individuen auszurichten und ihre Leistungen nicht zugunsten bestimmter Destinatäre zu erbringen hat (BGE 144 III 433 E. 6.1; Urteil 5A.16/1988 vom 23. Dezember 1988 E. 6b). Ebenso wenig bezweckt die Stiftungsaufsichtsbeschwerde, die Grundlage für Haftungsansprüche zu schaffen oder Persönlichkeitsschutzverfahren abzuwenden (BGE 144 III 433 E. 6.2.1). Die (relativ seltenen) Anwendungsfälle aus der bundesgerichtlichen Praxis veranschaulichen, ersetzen aber die einzelfallbezogene Interessenbeurteilung nicht.