Citation: I 748/01 20.08.2002 E. 3

3.1 Umstritten ist die Festlegung des Valideneinkommens. Währenddem die IV−Stelle dabei auf das Einkommen der Beschwerdeführerin abstellt, das diese als Temporärangestellte der Firma A.________ bei der Firma H.________ erzielte, will die Beschwerdeführerin von einem Valideneinkommen von Fr. 70'000.- bis 80'000.- ausgehen. Sie beruft sich dabei auf die Salärempfehlungen 2000 des Schweizerischen Kaufmännischen Verbandes für kaufmännische Angestellte mit einer abgeschlossenen dreijährigen KV-Lehre oder einem Handelsschuldiplom im Alter von dreissig Jahren (Lohnminimum von Fr. 61'615.-, Lohnmaximum von Fr. 83'362.-, mittleres Jahressalär von Fr. 72'489.-). 3.2 Da die Invaliditätsbemessung einer voraussichtlich bleibenden oder längere Zeit dauernden Erwerbsunfähigkeit zu entsprechen hat, ist auch die berufliche Weiterentwicklung mitzuberücksichtigen, die eine versicherte Person normalerweise vollzogen hätte. Dazu ist erforderlich, dass konkrete Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die Versicherte einen beruflichen Aufstieg und ein entsprechend höheres Einkommen tatsächlich realisiert hätte, wenn sie nicht invalid geworden wäre. Absichtserklärungen genügen dazu nicht; vielmehr muss die Absicht, beruflich weiterzukommen, bereits durch konkrete Schritte wie Kursbesuche, Aufnahme eines Studiums usw. kundgetan worden sein (RKUV 1993 Nr. U 168 S. 100 Erw. 3b; Meyer-Blaser, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG, S. 206). 3.3 Von der Beschwerdeführerin wird die von ihr im ehemaligen Jugoslawien absolvierte Ausbildung angerufen. Aus dem am 22. Oktober 1999 vorgelegten Zeugnis des Ausbildungszentrums X.________ lässt sich aber nicht entnehmen, dass diese Ausbildung einer schweizerischen gymnasialen Ausbildung entsprechen würde. Die Beschwerdeführerin legt zwar ein Schreiben der Kroatischen Botschaft in Bern vom 23. März 2001 vor, wo angeführt wird, dass das von ihr präsentierte Diplom dem Maturitätszeugnis in der Schweiz entspreche. Es ist aber zu bezweifeln, dass die Frage der Gleichstellung der von der Beschwerdeführerin im ehemaligen Jugoslawien absolvierten Ausbildung mit einer schweizerischen gymnasialen Ausbildung von einem Mitarbeiter der Kroatischen Botschaft hinlänglich beantwortet werden kann. Für eine sachgerechte Beantwortung dieser Frage ist eine sehr genaue Kenntnis insbesondere auch der schweizerischen Maturitätsanforderungen notwendig. Möglicherweise wollte der Botschaftsmitarbeiter auch lediglich zum Ausdruck bringen, dass der von der Beschwerdeführerin im ehemaligen Jugoslawien erworbene Ausweis dort zu einem Hochschulbesuch berechtigt. Daraus könnte aber freilich nicht auf eine Gleichwertigkeit der Ausbildungen, die die Beschwerdeführerin im ehemaligen Jugoslawien absolvierte, mit einer gymnasialen Ausbildung in der Schweiz geschlossen werden, da der Hochschulzugang in den verschiedenen europäischen Ländern und auch in den Staaten ausserhalb der EU und der EFTA sehr unterschiedlich geregelt ist. Fragen wirft auch auf, wie diese Ausbildung vom 24. Juni 1987 bis 10. Juni 1989 im ehemaligen Jugoslawien absolviert werden konnte, wenn die Beschwerdeführerin bei ihrer IV-Anmeldung als Datum der Einreise in die Schweiz den 10. Juni 1986 nannte und nur bis zum 9. Juni 1986 Wohnsitz in Kroatien angab. Bei einem Wohnsitz in der Schweiz wäre es naheliegend gewesen, hier auch die entsprechenden Schulen zu besuchen, wenn die Beschwerdeführerin tatsächlich vorgehabt hätte, eine entsprechende höhere Ausbildung zu absolvieren. Möglicherweise reiste die Beschwerdeführerin aber am 10. Juni 1986 nur pro forma in die Schweiz ein, da ihr im Rahmen des Familiennachzugs damals eine entsprechende Einreise mit sofortiger Gewährung der Niederlassungsbewilligung noch möglich war. Solches ergibt sich auch aus der Niederlassungsbewilligung vom 15. Juli 1986, in der als Zweck "Verbleib bei den Eltern" angegeben worden war. Die Beschwerdeführerin vermochte diesen auch von der IV-Stelle festgestellten Widerspruch in ihrer Eingabe vom 19. November 1999 nicht aufzulösen. 3.4 Letztlich können aber diese Fragen offen bleiben, da auch die übrigen Indizien nicht darauf hindeuten, dass die Beschwerdeführerin die Tätigkeit bei der Firma A.________ resp. der Firma H.________ als Betriebsarbeiterin nur vorübergehend ausgeübt hätte. Vielmehr war sie dort vom 25. September 1989 bis 3. November 1990 während mehr als dreizehn Monaten erwerbstätig, und es wurde von der Beschwerdeführerin auch nie behauptet, dass das Arbeitsverhältnis bei der Firma A.________ bereits vor dem Unfallereignis gekündigt worden sein soll. Sie führt nur an, dass diese Tätigkeit bloss einen vorübergehenden Charakter hatte. Einer mehr als dreizehn Monate dauernden Tätigkeit kann aber ein solcher Charakter sicher nicht mehr zugesprochen werden. Diesbezüglich unterscheidet sich die vorliegend zu beurteilende Angelegenheit vom Sachverhalt in RKUV 1993 Nr. U 168 S. 97, wo der Versicherte als in Jugoslawien ausgebildeter Krankenpfleger in der Schweiz die "erstbeste" Stelle in der Landwirtschaft angetreten hatte. Auch in dem von der Beschwerdeführerin angerufenen Urteil R. vom 5. Juli 1999 (U 314/98) war der Versicherte vor dem Unfall in der Schweiz lediglich drei Monate trotz einem in Jugoslawien absolvierten Architekturstudium als Architektur-Praktikant erwerbstätig gewesen. Gerade die doch recht lange Dauer des Arbeitsverhältnisses bei der Firma A.________ an einem Arbeitsplatz bei der Firma H.________ spricht dafür, dass jene Tätigkeit für die Beschwerdeführerin keinen vorübergehenden Charakter hatte. Es ist auch nicht nachvollziehbar, warum die Trennung der Eltern es erforderlich gemacht hätte, länger als beabsichtigt am Arbeitsplatz bei der Firma A.________ zu bleiben. Die Trennung der Eltern fand gemäss den Ausführungen der Beschwerdeführerin bereits im Jahre 1985 statt und war dann im Jahre 1987 auch Gegenstand richterlicher Beurteilung. Somit kann im Zeitraum ab dem 25. September 1989 kaum mehr von einer akuten Trennungssituation gesprochen werden. 3.5 Als Beweis ihrer Absichten, eine höhere Ausbildung zu erlangen, ruft die Beschwerdeführerin schliesslich noch den absolvierten Französisch-Sprachkurs an; sie legt dazu aber lediglich einen Posteinzahlungsbeleg über Fr. 140.- für die Gesellschaft Y.________ vor. Welchen Inhalt der Abendkurs hatte, geht daraus nicht hervor. Jedenfalls vermag der Besuch eines Sprachkurses für Fr. 140.- noch kaum belegen, dass damit ein höheres Valideneinkommen hätte erreicht werden können, oder dass dies Ausdruck dafür gewesen wäre, konkrete weitere Ausbildungsstufen in Angriff zu nehmen. Auch datiert der entsprechende Posteinzahlungsbeleg vom 21. Februar 1990, währenddem sich der Unfall erst am 4. November 1990 ereignete. Offenbar sind von der Beschwerdeführerin seit Februar 1990 bis zum Zeitpunkt des Unfalls keine weiteren Weiterbildungsmöglichkeiten mehr in Anspruch genommen worden. 3.6 Unzulässig wäre es schliesslich, auf die von ihr nach dem Unfall absolvierte Umschulung abzustellen, um das Valideneinkommen zu ermitteln. Jene Ausbildung war vor dem Unfallereignis weder geplant noch beabsichtigt. Wenn die zukünftigen hypothetischen Einkommen geschätzt werden, sind z.B. auch Beförderungen im ursprünglichen Beruf nur dann zu berücksichtigen, sofern sie bereits zur Zeit des Unfalles als wahrscheinlich feststanden (Alfred Maurer, Schweizerisches Unfallversicherungsrecht, S. 356). Diese Vorraussetzung ist aber bei der von der Beschwerdeführerin erst nach dem Unfallereignis absolvierten Umschulung zur kaufmännischen Angestellten nicht gegeben. Das von der IV-Stelle ermittelte Valideneinkommen als Betriebsmitarbeiterin von Fr. 46'127.- wurde somit zutreffend festgelegt, und für die Annahme eines höheren Valideneinkommens fehlen wie dargelegt in ausreichender Form konkretisierte Anhaltspunkte.