Citation: 2C_20/2022 E. 6.4

6.4. Unter Berufung auf Art. 8 Ziff. 1 EMRK (Achtung des Privatlebens) kann allerdings nach einer rechtmässigen Aufenthaltsdauer von rund zehn Jahren regelmässig davon ausgegangen werden, dass die sozialen Beziehungen in diesem Land so eng geworden sind, dass es für die Aufenthaltsbeendigung besonderer Gründe bedarf; im Einzelfall kann es sich freilich anders verhalten und die Integration zu wünschen übrig lassen. Ob Art. 8 EMRK im Ergebnis verletzt ist, ist im Rahmen einer umfassenden Interessenabwägung zu prüfen (BGE 144 I 266 E. 3.8 f.; vgl. Urteil 2C_614/2021 vom 18. März 2022 E. 5.3 ff.). Letztere entspricht der Verhältnismässigkeitsprüfung im Sinne von Art. 96 Abs. 1 AuG (Urteil 2C_965/2021 vom 5. April 2022 E. 4.2). Schuldenwirtschaft bzw. mutwillige Verschuldung stellt ein legitimes öffentliches Interesse im Sinne von Art. 8 Ziff. 2 EMRK dar, um einer ausländischen Person den weiteren Aufenthalt zu verweigern (vgl. Urteil 2C_834/2021 vom 24. Februar 2022 E. 5.6; 2C_370/2021 vom 28. Dezember 2021 E. 5.2.4 mit Hinweisen). Sie liegt gestützt auf Art. 62 Abs. 1 lit. c AuG (seit 1. Januar 2019: AIG) i.V.m. Art. 80 Abs. 1 lit. b aVZAE (in der im November 2016 geltenden Fassung, AS 2007 5497; heute Art. 77a Abs. 1lit. b VZAE) vor, wenn die Verschuldung selbstverschuldet und qualifiziert vorwerfbar ist, d.h. ein von Absicht, Böswilligkeit oder qualifizierter Fahrlässigkeit getragenes Verhalten vorliegt (Urteile 2C_834/2021 vom 24. Februar 2022 E. 3.2 mit Hinweisen; 2C_410/2021 vom 4. November 2021 E. 2.3). Wurde bereits eine ausländerrechtliche Verwarnung (Art. 96 Abs. 2 AuG) ausgesprochen, ist entscheidend, ob die ausländische Person danach weiterhin mutwillig Schulden angehäuft hat (bezüglich Einfluss der Lohnpfändung und des quantitativen Umfangs der Verschuldung vgl. Urteil 2C_834/2021 vom 24. Februar 2022 E. 3.3). Entscheidend ist, welche Anstrengungen zur Sanierung der finanziellen Situation unternommen worden sind. Positiv zu würdigen ist ein Schuldenabbau, negativ die weitere Anhäufung von Schulden in vorwerfbarer Weise (Urteile 2C_834/2021 vom 24. Februar 2022 E. 3.3; 2C_410/2021 vom 4. November 2021 E. 2.4).