Citation: 6B_816/2007 11.03.2008 E. 3

Wegen Gefährdung des Lebens wird gemäss Art. 129 StGB mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft, wer einen Menschen in skrupelloser Weise in unmittelbare Lebensgefahr bringt. Der Beschwerdeführer rügt, die Vorinstanz habe Bundesrecht verletzt, indem sie den Tatbestand von Art. 129 StGB sowohl objektiv (vgl. E. 3.1 - 3.4 hiernach) als auch subjektiv (vgl. E. 3.5 - 3.8 hiernach) als erfüllt angesehen habe. 3.1 Der Beschwerdeführer bestreitet, dass er mit seiner Schussabgabe auf den Rollstuhl A.________ einer unmittelbaren Lebensgefahr ausgesetzt habe. Er bringt vor, A.________ sei sehr schmächtig, weshalb sie links und rechts mindestens 10 Zentimeter der Sitzfläche des Rollstuhls nicht ausgeschöpft habe. Da er aus einer Distanz von nur 10 Zentimetern auf das Antriebsrad geschossen habe, sei zu seinen Gunsten davon auszugehen, dass der Abstand zwischen der Schussbahn und dem Körper seiner Lebenspartnerin wenigstens 30 Zentimeter betragen habe. Indem die Vorinstanz diesen Abstand nicht abgeklärt habe, habe sie den Untersuchungsgrundsatz, das Gebot der Fairness und der Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens sowie seinen Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt. Bei einem massgeblichen Abstand von 30 Zentimetern sei es jedoch ausgeschlossen, dass es zu einem Direkttreffer hätte kommen können. Ebenso wenig habe bei einem Schuss auf das Aluminiumrad das Projektil zersplittern können, was dadurch belegt werde, dass das Geschoss das Antriebsrad durchschlagen habe. Ohnehin aber hätte A.________ gar nicht von allfälligen Splittern getroffen werden können, weil diese rückwärts vom Antriebsrad hätten abprallen müssen, was physikalisch ausgeschlossen sei. Insoweit habe es die Vorinstanz fälschlicherweise unterlassen, das Ausmass einer möglichen Splitterwirkung und die Flugbahn allfälliger Splitter näher abzuklären (Beschwerde S. 4 - 10). 3.2 Die Vorinstanz hat in ihrer Begründung wesentlich auf das eingeholte Gutachten des Wissenschaftlichen Diensts der Stadtpolizei Zürich vom 20. Dezember 2006 abgestellt. Im Gutachten wird namentlich ausgeführt, die in Frage kommenden Geschosse (Kaliber .38 SPL oder .357 Magnum) wiesen Energien auf, welche bei weitem ausreichten, einem Menschen schwere oder tödliche Verletzungen beizubringen. Ebenso seien Abpraller oder Teile eines an einem Metallteil des Rollstuhls zersplitternden Projektils in der Lage, einen Menschen schwer oder - je nach getroffener Stelle - sogar tödlich zu verletzen. Das Antriebsrad sei aus Aluminium hergestellt, was zu einer verglichen mit Stahl oder Stein geringeren Splitterwirkung führe; nichts desto trotz seien jedoch Splitter zu erwarten. Die Antriebsräder seien nur wenige Zentimeter von der Sitzfläche und der Rückenlehne des Rollstuhls entfernt montiert. Würde ein Projektil in Richtung Sitzfläche bzw. Rückenlehne in den Rollstuhl eindringen, würde eine im Rollstuhl sitzende Person mit Sicherheit getroffen - dies mit tödlichem Verletzungspotential. Bei einem Schuss gegen einen Rollstuhl sei das Abprallverhalten des Schusses für einen Schützen nicht vorhersehbar, und die Person im Rollstuhl befinde sich sehr nahe allfällig auftretender Splitter. Es sei deshalb vorliegend von einer nicht geringen, konkreten und lebensbedrohlichen Gefährdung auszugehen. Zudem hätte eine vom Schützen zufällig ausgeführte, leicht seitliche Bewegung der Schusshand einen Direkttreffer mit tödlichem Verletzungspotential bewirken können (Gutachten vom 20. Dezember 2006 S. 24 ff.). Die Vorinstanz hat diese gutachterlichen Erwägungen als nachvollziehbar und plausibel bewertet (angefochtenes Urteil S. 17). Sie hat erwogen, aufgrund der Tatsachen, dass sich das Antriebsrad nahe der Sitzfläche befinde und die Projektilflugbahn annähernd parallel zu den Rollstuhlrädern verlaufen sei, sei zu schliessen, dass eine ungewollte, leicht seitliche Bewegung mit der Schusshand, was bei Faustfeuerwaffen leicht geschehen könne, zu einem Treffer des rechten Beins von A.________ hätte führen können. Das verwendete Geschosskaliber sei geeignet, wichtige Blutgefässe zu verletzen, so dass ein Beintreffer tödliche Folgen hätte haben können. Überdies habe gemäss den plausiblen gutachterlichen Feststellungen die ernstliche Wahrscheinlichkeit bestanden, dass A.________ von Teilen des am Aluminium des Antriebsrads zersplitternden Projektils schwer oder tödlich hätte verletzt werden können, denn das Abprallverhalten des Schusses sei nicht vorhersehbar und vom Beschwerdeführer auch nicht beeinflussbar gewesen. Nicht entscheidend ins Gewicht falle insoweit, dass die Splitterwirkung bei einem aus Aluminium hergestellten Antriebsrad verhältnismässig gering sei, befinde sich doch die im Rollstuhl sitzende Person in unmittelbarer Nähe allfällig auftretender Splitter. Zusammenfassend sei somit angesichts der Gefahr eines Direkttreffers einerseits und der möglichen Splitterwirkung des Geschosses andererseits von einer zweifachen unmittelbaren Lebensgefahr für A.________ zu sprechen (angefochtenes Urteil S. 15 ff.). 3.3 Der objektive Tatbestand von Art. 129 StGB verlangt das Vorliegen einer unmittelbaren Lebensgefahr. Nach der Rechtsprechung ist dies der Fall, wenn nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge die Wahrscheinlichkeit oder nahe Möglichkeit der Verletzung des Lebens bzw. des Todeseintritts besteht. Nicht erforderlich ist insoweit, dass die Wahrscheinlichkeit des Todes grösser ist als jene seiner Vermeidung. Das Element der Unmittelbarkeit beinhaltet neben der ernsthaften Wahrscheinlichkeit der Verwirklichung der Gefahr, dass die unvermittelte, akute Gefahr direkt dem Verhalten des Täters zuzuschreiben ist (BGE 133 IV 1 E. 5.1; 121 IV 67 E. 2b; 111 IV 51 E. 2).