Citation: 8C_753/2007 26.11.2008 E. 3.2

3.2.1 Im Gutachten vom 11. November 2002 stellten die Sachverständigen der MEDAS aus somatischer Sicht ein chronifiziertes cervicocephales Schmerzsyndrom mit leichter Hirnleistungsschwäche fest, welches eine erhebliche Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit zur Folge hatte. Demgegenüber gelangten sie in der Begutachtung vom 26. September 2006 (in teilweise anderer personeller Zusammensetzung) zum Schluss, initial hätten nach dem Unfall vom 9. Juni 2000 die Folgen einer Distorsion der Halswirbelsäule (HWS) nach Krämer Grad I vorgelegen, die binnen vier bis sechs Wochen zur Ausheilung komme; für diesen Zeitraum ergebe sich eine Arbeitsunfähigkeit bis zu 100 %. Die Beschwerdeführerin bringt zu Recht vor, dass eine schlüssige Diskussion dieser Diskrepanz nicht stattgefunden hat. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz haben die Ärzte der MEDAS nicht einen gleich gebliebenen Sachverhalt aufgrund aktueller wissenschaftlicher Erkenntnis medizinisch neu beurteilt. Die Arbeiten des Traumaforschers H.________ stammen aus dem Jahre 1978 und waren daher bereits im Jahre 2002 bekannt, wie die Beschwerdeführerin zutreffend einwendet. Auf der anderen Seite ist jedoch festzuhalten, dass die Sachverständigen der MEDAS in dem von der Invalidenversicherung bestellten Gutachten vom 11. November 2002 den Kausalzusammenhang der geltend gemachten Beschwerden mit dem Unfall vom 9. Juni 2000 in Zweifel zogen, dieser Frage mangels entsprechendem Auftrag jedoch nicht weiter nachgegangen waren. Der aufgezeigten Diskrepanz ist daher in Bezug auf das vorliegende Prozessthema wenig Bedeutung beizumessen. 3.2.2 Im Gutachten vom 11. November 2002 hielten die Sachverständigen gestützt auf eine psychiatrische Zusatzbeurteilung vom 23. September 2002 und in Übereinstimmung mit den weiteren medizinischen Akten fest, dass die von der Versicherten geschilderten Beschwerden (Konzentrations- und Gedächtnisstörungen; Schwierigkeiten beim Erfassen komplexer Zusammenhänge und Herausarbeitung der wesentlichen Punkte; verlangsamte Arbeitsweise) vornehmlich subjektiver Natur waren, die sich bereits im Jahre 2000 mit neuropsychologischen Untersuchungen nicht mehr hinreichend hatten nachweisen lassen und zum Zeitpunkt der Exploration auch nicht mehr feststellbar gewesen waren. Die Versicherte betonte, dass ihre anfänglichen depressiv anmutenden Verstimmungen und Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen inzwischen vollständig abgeklungen waren, was im Abschlussbericht der Psychotherapeutin Dr. phil. U.________ vom 24. Mai 2002 dokumentiert wurde. Angesichts dieses Sachverhalts verblieb als einzige Diagnose eine Psychasthenie (ICD-10: F48.8) in Verbindung mit einer Kachexie (Bodymassindex 16 kg/m2), womit gemischte Störungen des Verhaltens, der Überzeugungen und Emotionen zu bezeichnen waren, die in ihrer Ätiologie und ihrem nosologischen Status unsicher sind. Dieser Befund hatte laut Angaben des psychiatrischen Konsiliarius vom 23. September 2002 allenfalls eine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit von 10 bis 20 % zur Folge. Aus diesen Ausführungen wird deutlich, dass die Sachverständigen der MEDAS bereits im Gutachten vom 11. November 2002, wenn auch - mangels entsprechender Fragestellung - nicht ausdrücklich, so doch implizit einen Kausalzusammenhang zwischen den geltend gemachten, psychiatrisch nicht objektivierbaren gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit dem Unfall vom 9. Juni 2000 eher verneinten. Entgegen den Einwänden in der letztinstanzlichen Beschwerde begründet der Umstand, dass die MEDAS-Sachverständigen bei angeblich gleich gebliebenem Psychostatus in der Expertise vom 26. September 2006 neu eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung diagnostizierten, keinen Widerspruch zur früheren medizinischen Beurteilung. Mangels sowohl organisch als auch psychiatrisch klar fassbarer objektiver Befunde ist die einzig gestützt auf die geklagten Beschwerden diagnostizierte anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4) lediglich als deskriptive Zusammenfassung subjektiv erlebter Einschränkungen zu werten. 3.2.3 Dennoch kann zur Beurteilung der Frage des natürlichen Kausalzusammenhangs nicht allein auf die Angaben im Gutachten der MEDAS vom 26. September 2006 abgestellt werden. Aufgrund deren Schlussfolgerungen sowie der Akten ist davon auszugehen, dass die Versicherte jedenfalls initial an den für ein Schleudertrauma der HWS ohne organisch nachweisbare Funktionsausfälle typischen Beschwerden litt, weshalb praxisgemäss (BGE 117 V 359 E. 4b S. 360 f. und SVR 2007 UV Nr. 23 S. 75, U 215/05 E. 5 mit Hinweisen ) der natürliche Kausalzusammenhang nachgewiesen ist. Daher bleibt die Allianz solange leistungspflichtig, bis beweismässig hinreichend erstellt ist, dass der natürliche Kausalzusammenhang dahingefallen ist (vgl. RKUV 2000 Nr. U 363 S. 45, U 355/98 E. 2 mit Hinweisen, 1994 Nr. U 206 S. 328 E. 3b, U 180/93 E. 3b). Letzteres trifft dann zu, wenn der (krankhafte) Gesundheitszustand erreicht ist, wie er unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat (status quo ante) oder wie er sich nach dem schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften Vorzustandes auch ohne Unfall früher oder später eingestellt hätte (status quo sine; RKUV 1994 Nr. U 206 S. 328 f., U180/93 E. 3b mit Hinweisen). Die MEDAS hat im Gutachten vom 26. September 2006 die diesbezüglichen Fragen der Allianz unzulänglich beantwortet. Zum einen gab sie unter der entsprechenden Rubrik (vgl. Ziff. 2.2) an, ein allfällig bestandener Vorzustand (unfallfremde Faktoren) müsse beim Hausarzt erfragt werden. Demgegenüber bejahte sie unter Ziff. 2.3 das Vorliegen unfallfremder Faktoren und hielt fest, der Unfall habe weder zu einer vorübergehenden noch richtunggebenden Verschlimmerung geführt; der Frage, ob ein status quo sine vel ante vorliege (vgl. Ziff. 2.3.2 f.), sei daher nicht weiter nachzugehen. Damit hat die MEDAS den ihr erteilten Gutachtensauftrag teilweise offensichtlich unvollständig erfüllt, weshalb die Vorinstanz zur Beurteilung des natürlichen Kausalzusammenhangs nicht ohne Weiteres auf deren Gutachten vom 26. September 2006 abstellen durfte. 3.2.4 Die Frage nach dem natürlichen Kausalzusammenhang braucht jedoch nicht abschliessend beantwortet zu werden, wenn - wie im Folgenden dargelegt - die Adäquanz zu verneinen ist. Denn diesfalls kann praxisgemäss auf weitere Beweisvorkehren zur natürlichen Kausalität verzichtet werden (SVR 1995 UV Nr. 23 S. 67 E. 3c [U 183/93]; vgl. zu der in BGE 134 V 109 präzisierten Schleudertrauma-Praxis Urteile 8C_623/2007 vom 22. August 2008 E. 6.2 und 8C_42/2007 vom 14. April 2008 E. 2 mit Hinweisen). 3.3 Es erscheint fraglich, ob die Adäquanz des Kausalzusammenhanges zwischen den geklagten gesundheitlichen Beeinträchtigungen und dem Unfall vom 9. Juni 2000 - wie von der Vorinstanz vertreten - nach der sog. Psycho-Praxis im Sinne von BGE 115 V 133 zu prüfen ist. Die Versicherte litt auch noch längere Zeit nach dem Unfall an mehreren der zum typischen Beschwerdebild gehörenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen, so unter anderem an einem cervicocephalen Schmerzsyndrom mit Hirnleistungsschwäche (vgl. Gutachten der MEDAS vom 11. November 2002) und an einer Somatisierungsstörung mit klassischen Symptomen nach HWS-Trauma (ICD-10: F.45.0; vgl. Berichte der Frau Dr. phil. U.________ vom 5. Juli 2001 und 24. Mai 2002). Auf der anderen Seite konnten im Zeitpunkt bei Erlass des Einspracheentscheids der Allianz vom 11. April 2007, welcher für die gerichtliche Beurteilung des Sachverhalts massgeblich ist, medizinisch und psychiatrisch keine klar fass- und den geklagten Beschwerden zuortbare Befunde erhoben werden, mit welchen eine Arbeitsunfähigkeit zu begründen wäre (vgl. Gutachten der MEDAS vom 26. September 2006). Die Frage braucht indessen nicht beantwortet zu werden, da die Adäquanz auch in Anwendung der - inzwischen mit BGE 134 V 109 präzisierten - Schleudertrauma-Praxis zu verneinen ist.