Citation: 9C_327/2022 E. 4.2

4.2. Wie der Beschwerdeführer zutreffend geltend macht, geht der neurologische Experte und ihm folgend das kantonale Gericht von einem zu engen Begriff der Invalidität aus. Das Bundesgericht hat wiederholt unter Hinweis auf BGE 127 V 294 E. 4c bekräftigt, dass in der Invalidenversicherung die Therapierbarkeit eines Leidens dem Eintritt einer rentenbegründenden Invalidität nicht absolut entgegensteht (vgl. etwa Urteile 8C_222/2017 vom 6. Juli 2017 E. 5.2; 9C_682/2016 vom 16. Februar 2017 E. 3.2; 8C_349/2015 vom 2. November 2015 E. 3.1). Denn die Behandelbarkeit, für sich allein betrachtet, sagt nichts über den invalidisierenden Charakter einer gesundheitlichen Störung aus. Eine Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit muss in jedem Einzelfall unabhängig von der diagnostischen Einordnung eines Leidens und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen, was sich nach einem weitgehend objektivierten Massstab beurteilt (BGE 143 V 409 E. 4.2.1). Soweit die Rechtsprechung für gewisse Arten von psychischen Leiden von diesen Grundsätzen abwich, hat das Bundesgericht diese Praxis in BGE 143 V 409 aufgegeben. Für die Entstehung des Anspruchs auf eine Invalidenrente ist somit immer und einzig vorausgesetzt, dass während eines Jahres (ohne wesentlichen Unterbruch) eine mindestens 40%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden hat und eine anspruchsbegründende Erwerbsunfähigkeit weiterhin besteht. Eine Leistungsverweigerung oder -kürzung mit der Begründung, der Versicherte schöpfe seine Behandlungsressourcen nicht aus, setzt ein Vorgehen nach Art. 21 Abs. 4 ATSG voraus. Da hier die Verwaltung kein Mahn- und Bedenkzeitverfahren durchgeführt hat, können bei der Bestimmung der Leistungsfähigkeit des Versicherten die Kopfschmerzen, welche durch einen Übergebrauch von Medikamenten induziert werden, nicht einzig mit der Begründung unberücksichtigt bleiben, die Schmerzsituation sei durch einen Analgetikaentzug behandelbar (vgl. Urteil 9C_682/2016 vom 16. Februar 2017 E. 3.2).