Citation: 4A_11/2020 E. 7.3.2

7.3.2. Massgebend ist der Eindruck der beim Publikum entsteht, wobei zu unterscheiden ist nach der Aufmerksamkeit und dem Unterscheidungsvermögen, mit denen bei den Konsumenten zu rechnen ist. Wenn die Beschwerdeführerin bezweifelt, dass ein Endabnehmer beim Anblick der ersten Seite sofort darauf schliessen werde, dass es sich um Keramikplatten handle, und in Zweifel zieht, ob der Endabnehmer den nachfolgenden Text noch lese, setzt sie sich zu wenig damit auseinander, ob der Prospekt unter diesen Voraussetzungen überhaupt das massgebende Publikum erreichen kann. Die Beschwerdeführerin behauptet (allerdings ohne in diesem Punkt eine hinreichend begründete Sachverhaltsrüge zu erheben), die Titelseite des Prospekts bilde eine mit der Therme Vals verwechselbar ähnliche Fotografie. Sofern dies zutrifft, wäre zwar denkbar, dass ein Teil des Publikums auf den ersten Blick annimmt, es handle sich um eine Werbung für die Therme Vals oder eine Tourismusbroschüre. Dieses Publikum bildet aber nicht den Adressatenkreis (vgl. hierzu: MATHIS BERGER, Basler Kommentar, Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, 2013, N. 48 zu Art. 3 Abs. 1 lit. b UWG) des Prospektes. Wenn es sich mit dem Prospekt weiter auseinandersetzt, wird der Irrtum offensichtlich. Wird der Prospekt dagegen nicht weiter gelesen, ist kaum vorstellbar, wie die entsprechenden Personen allein aufgrund des Prospekts Abnehmer der darin beworbenen Produkte werden könnten. Letzteres gilt auch, falls bei gewissen Personen, die ausschliesslich die erste Seite lesen, der Eindruck entstehen sollte, es handle sich um die Werbung eines Plattenherstellers aus Vals. Wie bei Waren (BGE 122 III 382 E. 3a S. 387 f.) ist auch bei Prospekten von Bedeutung, an wen sie sich richten und unter welchen Umständen sie abgegeben werden. Die Wahrscheinlichkeit und die Folgen eines Irrtums wegen unzutreffender Kenntnisnahme werden dadurch beeinflusst. Entscheidend ist nicht, ob bei einer flüchtigen oder unvollständigen Betrachtung bei irgendeiner Person ein Irrtum entstehen könnte, sondern ob bei der Aufmerksamkeit, mit der bei den Adressaten gerechnet werden kann, eine Irrtumsgefahr gegeben ist und ob namentlich die Gefahr besteht, dass geschäftsrelevante Entscheidungen auf einer unzutreffenden Basis getroffen werden. Die Schadenersatzklage unterstreicht, dass letztlich der Vorwurf im Raum steht, die Beschwerdegegnerin grabe der Beschwerdeführerin in unlauterer Weise Kundschaft ab. Es geht darum, dass ein Konkurrent mittels irreführender Angaben versucht, ungerechtfertigterweise mehr Abnehmer für sein Angebot zu gewinnen und zulasten der Konkurrenz einen grösseren Marktanteil zu erobern (BERGER, a.a.O., N. 3 zu Art. 3 Abs. 1 lit. b UWG). Dies setzt voraus, dass der Prospekt bereits mit der von der Beschwerdeführerin behaupteten rudimentären Kenntnisnahme seinen Adressatenkreis erreichen beziehungsweise direkt oder indirekt das Verhalten der Produktabnehmer wettbewerbsverzerrend beeinflussen könnte. Inwiefern dies der Fall sein sollte, zeigt die Beschwerdeführerin nicht rechtsgenüglich auf.