Citation: I 29/06 09.08.2007 E. 6

6.1 Wie die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid zutreffend ausgeführt hat, ist in der medizinischen Fachwelt anerkannt, dass die Symptome des POS (Psycho-Organisches Syndrom) bzw. Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) andere psychische Erkrankungen wie Depressionen, Sucht- und Angsterkrankungen hervorrufen oder mit ihnen einhergehen. Es handelt sich um ein komplexes Leiden mit breitem Symptomenspektrum, bei dem unter emotionalen Schwierigkeiten nebst niedrigem Selbstwertgefühl, unsicher, reizbar, antriebsschwach, stimmungslabil, auch Agression und Depression zu finden ist. Jedes POS/AD(H)S-Kind ist anders, zeigt Störungen in verschiedenen Bereichen, in unterschiedlichem Ausmass und in allen möglichen Kombinationen. Das vielfältige Erscheinungsbild erklärt die verschiedenen Bezeichnungen und Therapiemassnahmen ("POS das Psycho-Organische Syndrom" der Website "www.elpos.ch). ADHS-Symptome treten vom Säuglings- bis ins Erwachsenenalter auf mit lebensalter- und geschlechtstypischer Symptomausprägung. Hinweisend auf das Vorliegen der Leitsymptome (Aufmerksamkeitsstörung, Hyperaktivität, Impulsivität) sind Verhaltensauffälligkeiten in jeweils altersvariabler Ausprägung. In der Adoleszenz beispielsweise: Unaufmerksamkeit, Nullbock-Mentalität, Leistungsverweigerung, oppositionell-agressives Verhalten, stark vermindertes Selbstwertgefühl, Ängste, Depressionen; Kontakt zu sozialen Randgruppen, Neigung zu Delinquenz, Alkohol, Drogen (Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin "Diagnostik und Therapie bei ADHS (...)", oneline verfügbar unter: http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/071-006.htm). 6.2 Laut Bericht des behandelnden Psychiaters Dr. med. M.________ vom 1. September 2004 neigt der Versicherte aufgrund seines POS und der damit zusammenhängenden neurotischen Persönlichkeitsstruktur (vor allem depressiv, selbstunsicher, abhängig) zu depressiven Zuständen. Wie der Vertrauensarzt der Concordia Dr. med. B.________ in seiner ausführlichen und überzeugenden Stellungnahme vom 17. Juni 2005 zu Recht festgestellt hat, beschreibt Dr. med. M.________ die Symptomatologie eines psychoorganischen Syndroms, welches zugrunde liegt, wobei heute eine depressive Symptomatik vordergründig ist. Gestützt auf diesen Bericht ist er davon ausgegangen, dass es sich bei der schweren depressiven Episode des Versicherten um eine Folgeerscheinung des infantilen POS handelt. Mit der Vorinstanz hatte bereits der behandelnde Psychiater Dr. med. O.________ im ärztlichen Zwischenbericht vom 24. Juni 1998 festgestellt, dass aufgrund der schweren Verhaltensstörungen davon auszugehen sei, dass der Versicherte während der Schulzeit, dem Übergang ins Berufsleben und wahrscheinlich auch während der Lehrzeit einer Begleitung, sowie medizinischer Massnahmen bedürfe. Gleicher Auffassung schien damals, wie das kantonale Gericht zutreffend erwog, offenbar auch die Beschwerdeführerin gewesen zu sein, so hatte sie gestützt darauf die Kostenvergütung für medizinische Massnahmen bis 30. Juni 2005 zugesprochen. 6.3 Gemäss ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung zählen zur Behandlung der Geburtsgebrechen ohne weiteres alle Folgeleiden und Begleiterscheinungen, die medizinisch gesehen, in den Symptomenkreis des in Frage stehenden Geburtsgebrechens fallen (Meyer-Blaser, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung [IVG], in: Murer/Stauffer, Die Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Zürich 1997, S. 103). Nachdem entsprechend den Erkenntnissen der medizinischen Fachwelt Depressionen bei Jugendlichen zum breiten Symptomenspektrum des POS gehören können und aufgrund der medizinischen Aktenlage im konkreten Fall ein enger natürlicher Kausalzusammenhang zum Geburtsgebrechen nicht von der Hand zu weisen ist, kann mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass zwischen der diagnostizierten schweren depressiven Episode und dem Geburtsgebrechen Ziff. 404 ein qualifizierter Kausalzusammenhang im Sinne der bestätigten Rechtsprechung gegeben ist. Aus dem Umstand, dass eine psychotherapeutische Behandlung während Jahren (1999 bis 2004) nicht stattfand, lässt sich mit der Vorinstanz nichts Gegenteiliges ableiten, da wie Dr. med. B.________ nachvollziehbar begründet, Patienten mit infantilem POS eine beträchtliche Verdrängungsneigung bezüglich ihrer psychosozialen Problematik haben und gehäuft aus eigenem Antrieb psychotherapeutische Behandlungen abbrechen. Für die Behandlungsbedürftigkeit während diesen Jahren sprechen überdies, wie im angefochtenen Entscheid zutreffend erwogen wird, die in dieser Zeit fortbestehenden Verhaltensstörungen, namentlich die Antriebs- und Lustlosigkeit des Versicherten sowie seine Teilnahme an einer Schlägerei im Jahre 2002 sowie die im Bericht des Dr. med. M.________ geschilderten emotionalen Schwierigkeiten während der Lehrzeit. 6.4 Sämtliche Einwendungen der Beschwerdeführerin vermögen an diesem Ergebnis nichts zu ändern. Insbesondere kann aus dem allgemeinen Hinweis, wonach statistisch gesehen jede zweite Person in der Schweiz im Laufe ihres Lebens an einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung erkranke, nichts abgeleitet werden, geht es hier doch um die Frage, ob im konkreten Einzelfall das Geburtsgebrechen als qualifiziert kausale Ursache für die schwere depressive Episode des Versicherten angesehen werden kann.