Citation: 5P.444/2002 06.02.2003 E. 4

Das Kantonsgericht hat eine Vielzahl weiterer Zeugenaussagen gewürdigt, diese aber in ihrer Gesamtheit als nicht sehr ergiebig betrachtet (E. 3a S. 18). Immerhin ist es davon ausgegangen, es lasse sich angesichts der Depositionen unbefangener Zeugen mit Sicherheit feststellen, dass auch für nicht psychiatrisch geschulte Leute erkennbar war, dass die Erblasserin schon vor dem Spätherbst 1996 nicht mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte war, sondern gelegentlich ein Verhalten an den Tag legte, das auf Störungen ihrer intellektuellen Funktionen hinwies (E. 3a S. 19). Der Beschwerdeführer kritisiert diese Würdigung als willkürlich. 4.1 Wie einleitend erwähnt (E. 2.2 hiervor), sind Aussagen von Zeugen über die geistige Verfassung einer verstorbenen Person nicht immer zuverlässig. Nicht nur ein Mangel an Fachkunde oder Beobachtungsgabe spielt eine wesentliche Rolle, sondern auch die Beziehungsnähe eines Zeugen können dessen Vorstellung über den Geisteszustand einer bestimmten Person trüben. Geistige Defekte einer Person sind deshalb durch Aussagen von Zeugen nicht selten schwer oder bloss unvollständig zu beweisen. Zeugenaussagen vermitteln oftmals ein zu günstiges Bild vom Geisteszustand einer Person (Bucher, N. 154 zu Art. 16 ZGB, mit Beispielen). Mehr Beweiskraft kann immerhin solchen Aussagen beigemessen werden, die sich auf konkrete Tatsachen oder Handlungen beziehen, aus denen auf die Urteilsfähigkeit geschlossen werden kann (Escher/Escher, N. 9 lit. aa zu Art. 467 ZGB). 4.2 Auf Grund des ärztlich festgestellten Krankheitsbildes (E. 3.2 hiervor) durfte davon ausgegangen werden, dass Fehlleistungen oder Anzeichen von Geistesstörungen bei Alltagsgeschäften und Routinearbeiten der Erblasserin nicht oder schwer zu beobachten gewesen sein dürften. Es ist deshalb erklärbar, dass der Zeuge Z-A.________ keine Anomalien erkannt hat, der als Nachbar mit der Erblasserin bloss hin und wieder und dabei vor allem über die Landwirtschaft geplaudert hat, oder dass der Zeugin Z-B.________ nichts Besonderes aufgefallen ist, die lediglich ferienhalber anwesend gewesen ist und die Erblasserin auch dann nur mehr oder weniger regelmässig gesehen hat. Dass das Kantonsgericht auf solche Zeugenaussagen nicht gebaut hat, erscheint insoweit nicht als willkürlich. Dasselbe gilt für die Aussagen der Zeugen Z-C.________ und Z-D.________, die auf Grund ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen zu einer der beiden Parteien den Anschein erweckt haben, nicht mehr objektiv zu berichten, und sich tatsächlich auch einseitig zu Gunsten des jeweiligen Parteistandpunktes geäussert haben. Motivationslage und Aussageverhalten sprechen gegen ihre Glaubwürdigkeit und gegen die Glaubhaftigkeit ihrer Aussage (vgl. etwa Schumacher, Die Würdigung von Zeugen- und Parteiaussagen, AJP 2000 S. 1451 ff., S. 1454 2. Frage). Das Kantonsgericht hat die Aussagen der genannten Zeugen zudem inhaltlich wiedergegeben (E. 3a S. 14 f. und S. 17) und in die abschliessende Gesamtwürdigung einbezogen (E. 3a S. 18), so dass keine Rede davon sein kann, jene Aussagen seien "bei der Beweiswürdigung einfach unter den Tisch gefallen" (S. 11 der Beschwerdeschrift). 4.3 Von den Angestellten des Alters- und Pflegeheims sind der Heimleiter und eine Krankenschwester davon ausgegangen, die Erblasserin sei zu Beginn noch in einem guten geistigen Zustand gewesen, der allerdings nicht als normal bezeichnet werden könne und der sich bis zu ihrem Tod dauernd verschlechtert habe. Demgegenüber hat eine andere Krankenschwester die Erblasserin vom Heimeintritt an für zeitlich und örtlich desorientiert gehalten. Das Kantonsgericht hat diese Aussagen (S. 17) unter anderem deshalb nicht stark gewichtet, weil die Angestellten des Altersheims täglich mit geistig stark abgebauten Pensionären zu tun hätten und deswegen dazu neigten, die Erblasserin wenigstens zur Zeit des Heimeintritts als geistig noch klarer und regsamer darzustellen, als sie im Vergleich mit einem Durchschnittsmenschen zu beurteilen wäre (S. 18). Die Würdigung erscheint nicht als willkürlich. Gerade die Zeugin Z-E.________, auf die sich der Beschwerdeführer namentlich beruft, hat ihren Eindruck, die Erblasserin sei beim Heimeintritt "in einem guten geistigen und körperlichen Zustand" gewesen, mit der Bemerkung relativiert: "Allerdings muss ich erwähnen, dass wir im Pflegeheim nur mit solchen, d.h. alten Leuten, zu tun haben. Die Frage (scil. nach dem Geisteszustand) ist deshalb etwas schwer zu beurteilen" (Einvernahmeprotokoll Nr. 2, S. 3 auf Ergänzungsfrage des Beschwerdeführers). Es dürfte sich bei Angestellten in Alters- und Pflegeheimen auf Grund ihrer beruflichen Tätigkeit mitunter ähnlich wie bei alten Menschen verhalten, die dazu neigen, altersbedingte Schwächen ihrer Altersgenossen zu übersehen (Bucher, a.a.O.). 4.4 Für das Kantonsgericht sind die Aussagen der Zeugin Z-F.________, bekannt mit der Erblasserin ab 1982 und deren Nachbarin ab 1988, sowie der Zeugen Z-G.________, Posthalter, und Z-H.________, Pächter der Erblasserin, beweiskräftig gewesen. 4.4.1 Z-F.________ will bei der Erblasserin seit Anfang der Neunzigerjahre Wesensveränderungen (Vergesslichkeit und Verminderung des Kurzzeitgedächtnisses) und gewisse Wahnvorstellungen (Verkennung der Realität, was den Tod Verwandter angeht, u.ä.) bemerkt haben und hat ihre Aussage mit Beispielen aus dem Alltagsleben belegen können (S. 15 f. des angefochtenen Urteils; Einvernahmeprotokoll Nr. 5). Was der Beschwerdeführer dagegenhält, überzeugt nicht. Es trifft zu, dass der Hausarzt von einer Wesensveränderung ab ca. 1996 ausgegangen ist (S. 4 auf Frage 14), die zeitliche Eingrenzung aber wegen gewisser "verschrobener" Seiten der Erblasserin auch als schwierig bezeichnet hat (S. 5 auf Frage 6). In zeitlicher Hinsicht besteht somit immerhin Übereinstimmung darin, dass die Erblasserin "Eigenheiten" früher an den Tag gelegt hat, als der Beschwerdeführer dies wahr haben will. Dass die Zeugin die Verwendung des Wortes "Ableben" im Testament als ungewöhnlich angesehen und vermutet hat, dieses Wort sei ihr suggeriert worden, vermag zur Glaubhaftigkeit ihrer Beobachtungen und Verhaltensschilderungen über die Erblasserin nichts auszusagen. 4.4.2 Auch Posthalter Z-G.________ will bei der Erblasserin Wahnvorstellungen festgestellt haben (z.B. behaupteter Diebstahl nach Geldbezug und Ausgaben bei Einkäufen) und hat seine Darstellung mit Beispielen untermauert (S. 16 des angefochtenen Urteils; Einvernahmeprotokoll Nr. 6). Insbesondere die von ihm geschilderte Angst der Erblasserin vor Diebstählen wird durch den Hausarzt bestätigt, der davon erfahren hat, als er sie auf die vielen Schlösser und Riegel an der Haustüre angesprochen hatte (S. 3 auf Frage 7). Der Einwand des Beschwerdeführers, der Zeuge habe seine Beobachtungen zeitlich nicht genau einordnen können, ist richtig. Die Wahrnehmungen dieses Zeugen bestätigen allerdings, was auch der Hausarzt festgestellt hat, der wiederum zu einer gewissen Zeitbestimmung in der Lage gewesen ist. Da der Zeuge Z-G.________ zudem erst ab 1990 in O.________ gewohnt und die Erblasserin zuvor nicht gekannt hat, ist die kantonsgerichtliche Annahme vertretbar, es habe sich nicht um eine beobachtete Entwicklung, sondern um Verhaltensweisen der Erblasserin während all der Jahre bis zu deren Eintritt in das Alters- und Pflegeheim gehandelt (S. 19 des angefochtenen Urteils). 4.4.3 Z-H.________, Pächter der Erblasserin ab 1975, hat die Bezeichnung "Wahnideen" für übertrieben gehalten, aber zumindest Ängste der Erblasserin vor Diebstählen vorab nach dem Äpfelpflücken im Jahre 1996 festgestellt; bei seiner Nachkontrolle im Keller sollen noch alle Äpfel da gewesen sein. Der Herbst, insbesondere der Spätherbst, sei bei der Erblasserin eine schwierige Zeit gewesen (S. 15 und S. 19 des angefochtenen Urteils; Einvernahmeprotokoll Nr. 12). Gegen die Würdigung dieser Aussage wendet der Beschwerdeführer nichts ein. Sie bestätigt mit ihrem Beispiel aus dem Alltagsleben die Aussagen der anderen Zeugen nicht nur inhaltlich, sondern erlaubt auch eine zeitliche Einordnung. 4.5 Insgesamt hat das Kantonsgericht die Zeugenaussagen weder einseitig noch sonstwie willkürlich gewürdigt. Aus sachlichen Gründen hat es gewisse Zeugen nicht als verlässlich bezeichnet, vereinzelte Aussagen nicht berücksichtigt und nur bestimmte Zeugenaussagen für beweiskräftig erklärt. Letzternfalls handelt es sich um drei Zeugen, die im Rahmen ihrer Beziehung zur Erblasserin konkrete Beobachtungen machen konnten und deren Aussagen mit Blick auf die ihnen eigene Detaillierung, Individualität und Verflechtung willkürfrei als glaubhaft betrachtet werden durften (vgl. dazu Zweidler, a.a.O., S. 120 ff. Ziffer 3.4.1; Schumacher, a.a.O., S. 1458 f. 7. Frage). Das folgende Beweisergebnis aus Zeugenaussagen lässt sich unter dem Gesichtspunkt der Willkür nicht beanstanden: Bei der Erblasserin waren bereits im Zeitraum der Errichtung ihres Testaments auch für psychiatrische Laien Anzeichen für mnestische Störungen (scil. Störungen von Gedächtnis, Merkfähigkeit, Auffassung u.a.m.) und darauf basierenden Wahnideen erkennbar, was nach den Ausführungen des Gutachters auf eine mehr als mittelgradige Geistesschwäche hinweist (S. 19 des angefochtenen Urteils).