Citation: 1P.29/2001 25.01.2001 E. 2

2.- Der Beschwerdeführer macht in materieller Hinsicht geltend, die kantonale Instanz habe in verfassungs- und konventionswidriger Weise den dringenden Tatverdacht sowie Wiederholungs- und Kollusionsgefahr bejaht und das Vorliegen einer Überhaft verneint. Ausserdem beklagt er sich über einen Verfahrensmangel. Er wirft der Präsidentin der I. Strafkammer des Obergerichts vor, sie habe den ihm aufgrund von Art. 5 Ziff. 4 EMRK und von Art. 31 Abs. 4 BV zustehenden Anspruch auf Replik im Haftprüfungsverfahren verletzt, weil sie ihm keine Gelegenheit gegeben habe, zur Vernehmlassung der Staatsanwaltschaft vom 11. Dezember 2000 Stellung zu nehmen. Diese Rüge ist vorab zu behandeln, denn falls der angefochtene Entscheid wegen eines Verfahrensmangels aufgehoben werden müsste, würde sich eine Prüfung der materiellen Rügen erübrigen. a) Art. 5 Ziff. 4 EMRK garantiert das Recht auf ein Verfahren, in welchem die Rechtmässigkeit der Haft durch ein Gericht geprüft wird. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hielt im Fall Sanchez-Reisse gegen die Schweiz fest, das Haftprüfungsverfahren müsse kontradiktorisch ausgestaltet sein. Mit Rücksicht darauf müsse der Angeschuldigte die Möglichkeit haben, zur Vernehmlassung der Strafverfolgungsbehörde Stellung zu nehmen, denn die Behörde könne tatsächliche oder rechtliche Argumente vorbringen, die Reaktionen, Kritik oder Fragen des Angeschuldigten auslösen könnten, und davon müsse das Gericht vor seiner Entscheidung Kenntnis haben (Urteil vom 21. Oktober 1986, Serie A, Band 107, S. 19, Ziff. 51 = EuGRZ 1988, S. 526). Nach diesem Urteil hat der Angeschuldigte im Haftprüfungsverfahren aufgrund von Art. 5 Ziff. 4 EMRK das Recht, zu jeder Vernehmlassung der Strafverfolgungsbehörde zu replizieren, unbekümmert darum, ob die Behörde neue Argumente vorbrachte oder nicht. Das Bundesgericht hat sich dieser Rechtsprechung des EGMR angeschlossen (BGE 114 Ia 84 E. 3 S. 87 f.; 115 Ia 293 E. 4b S. 301; 125 I 113 E. 2a S. 115). Gemäss Art. 31 Abs. 4 BV hat jede Person, der die Freiheit nicht von einem Gericht entzogen wurde, das Recht, jederzeit ein Gericht anzurufen, welches so rasch wie möglich über die Rechtmässigkeit des Freiheitsentzugs entscheidet. Wie das Bundesgericht im Urteil BGE 126 I 172 E. 3d S. 176 erklärte, ist auch nach Inkrafttreten dieser Vorschrift an der erwähnten Praxis zu Art. 5 Ziff. 4 EMRK betreffend das Recht auf Replik im Haftprüfungsverfahren festzuhalten. b) Im hier in Frage stehenden Haftprüfungsverfahren vor der I. Strafkammer des Zürcher Obergerichts liess sich die Staatsanwaltschaft in einer Eingabe vom 11. Dezember 2000 zum Haftentlassungsgesuch des Beschwerdeführers vom 6. Dezember 2000 vernehmen. Sie legte darin dar, weshalb sie die Abweisung des Gesuchs beantrage, und ihre Ausführungen werden im angefochtenen Entscheid (Ziff. II/2, S. 5/6) wiedergegeben. Wie den Akten zu entnehmen ist, entschied die Präsidentin der I. Strafkammer am 14. Dezember 2000 über das Haftentlassungsgesuch vom 6. Dezember 2000, ohne dass sie zuvor dem Beschwerdeführer Gelegenheit gegeben hatte, sich zur Vernehmlassung der Staatsanwaltschaft vom 11. Dezember 2000 zu äussern. Damit hat sie den dem Beschwerdeführer aufgrund von Art. 5 Ziff. 4 EMRK zustehenden Anspruch auf Replik verletzt. Wegen dieses Verfahrensmangels ist die staatsrechtliche Beschwerde gutzuheissen und der angefochtene Entscheid aufzuheben, unbekümmert darum, ob die Präsidentin der I. Strafkammer des Obergerichts nach Gewährung des Replikrechts zu einem anderen Ergebnis kommt. c) Dies bedeutet indessen nicht, dass der Beschwerdeführer nun aus der Haft entlassen werden müsste (vgl. BGE 116 Ia 60 E. 3b S. 65). Die Gutheissung der Beschwerde hat bloss zur Folge, dass die Präsidentin der I. Strafkammer des Obergerichts dem Beschwerdeführer das Recht gewähren muss, zur Vernehmlassung der Staatsanwaltschaft vom 11. Dezember 2000 Stellung zu nehmen, und nachher nochmals über das Haftentlassungsgesuch zu befinden hat. Die staatsrechtliche Beschwerde ist daher abzuweisen, soweit darin die Haftentlassung des Beschwerdeführers verlangt wird.