Citation: I 390/03 16.12.2003 E. 3

Das kantonale Gericht gelangte zur Auffassung, in Bezug auf die konkreten beruflichen Verhältnisse beim Versicherten lasse sich abgesehen von Parteiaussagen den Akten nichts entnehmen. Zwar sei davon auszugehen, dass bei ihm - angesichts fehlender Absenzen am Arbeitsplatz vor der Operation - noch keine Invalidität eingetreten sei. Allerdings lasse sich die Qualifikation der IV-Stelle, wonach binokulares Sehen für die Tätigkeit eines Vollzugsangestellten nicht erforderlich sei, nicht nachvollziehen. Eine künftige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit habe ohne Durchführung der Staroperation am rechten Auge nicht ausgeschlossen werden können, weil unklar geblieben sei, ob der Versicherte zur Ausübung seiner Arbeitstätigkeit Binokularsehen benötige. Dafür spreche immerhin die Tatsache, dass ihm der behandelnde Augenarzt Dr. med. G.________ mit Berichten vom 14. Mai und 22. Oktober 2001 attestiert habe, die Arbeitsfähigkeit könne durch medizinische Massnahmen verbessert werden. Gleichzeitig lasse sich diesen Berichten unter "angegebene Beschwerden" entnehmen, dass der Versicherte Mühe bei der Arbeit, im Strassenverkehr und beim Lesen der Zeitung gehabt habe. Indes fehle eine fachärztliche Beurteilung dieser Aussagen bzw. der Frage, ob beidseitiges Sehen für seine Berufsausübung erforderlich sei. Dagegen macht die IV-Stelle geltend, eine Rückweisung der Sache an die Verwaltung zu weiteren Abklärungen sei nicht notwendig. Nach der Übernahme der linksseitigen Staroperation habe der Visus auf diesem Auge 1,0 betragen. Entgegen der Vorinstanz bedinge die Bildschirmtätigkeit, welche auch zu den Aufgaben eines Vollzugsangestellten gehöre, kein Binokularsehen, weil zur Erfassung von zweidimensionalen Darstellungen am Bildschirm kein räumliches Sehvermögen erforderlich sei. Im Weiteren habe sich ein Vollzugsangestellter gemäss den eingeforderten und mit Verwaltungsgerichtsbeschwerde eingereichten Stellenbeschrieben der Strafanstalt X.________ mit der Personenüberwachung im Gefängnisbereich, dem Rapportwesen, der Bedienung von Funkgeräten und der Suche nach allfälligen Fluchtgegenständen oder Hinweisen auf Fluchtvorbereitungshandlungen zu befassen. Auch für diese Tätigkeiten sei kein Binokularsehen erforderlich, wie Dr. med. H.________ mit Bericht vom 12. Mai 2003 bestätige. Dieser Arzt weise zudem darauf hin, dass zur Ausübung des Berufes eines Vollzugsangestellten keine ungestörte Farbwahrnehmung notwendig sei und auch allfällige Beeinträchtigungen durch Blendeffekte mit einfachen Massnahmen (z.B. Schutzbrille) eliminiert werden könnten. Zu prüfen ist demnach, ob gestützt auf die vorliegenden Akten die Frage nach der Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die konkret ausgeübte Tätigkeit des Versicherten beantwortet werden kann. 3.1 Das Eidgenössische Versicherungsgericht präzisierte seine Rechtsprechung zur Übernahme der Kataraktoperation am zweiten Auge (vgl. AHI 2000 S. 294) im Urteil D. vom 24. Juli 2003 (I 29/02) dahingehend, dass die Staroperation am zweiten Auge (nach erfolgter Übernahme am ersten Auge) - bei Erfüllung der übrigen Voraussetzungen nach Art. 12 Abs. 1 IVG - nur dann als medizinische Eingliederungsmassnahme durch die Invalidenversicherung zu übernehmen ist, wenn aufgrund detaillierter Ermittlung der Tätigkeiten im Rahmen des ausgeübten Berufes für die visuell anspruchvollste dieser Tätigkeiten die Notwendigkeit des Binokularsehens aus augenärztlicher Sicht bejaht wird. In denjenigen Berufen, in welchen besondere medizinische Mindestanforderungen an die Sehfähigkeit ausdrücklich normiert sind, ist auf diese Visusgrenzwerte abzustellen, sodass sich in erwerblicher Hinsicht eine detaillierte Ermittlung der verschiedenen Tätigkeitsanteile erübrigt. 3.2 Das Tätigkeitsspektrum des Versicherten ergibt sich aus den von der Beschwerdeführerin mit Verwaltungsgerichtsbeschwerde eingereichten, umfassenden und ausführlichen Stellenbeschrieben der Strafanstalt X.________ zu den einzelnen Diensteinsätzen von Vollzugsangestellten. Darauf ist abzustellen. 3.3 Im Urteil D. vom 24. Juli 2003 (I 29/02) hat das Eidgenössische Versicherungsgericht entschieden, dass es dem Facharzt obliege, in Bezug auf das ermittelte Tätigkeitsspektrum des Versicherten zu beurteilen, ob er in der visuell anspruchsvollsten dieser Tätigkeiten auf Binokularsehen angewiesen ist. Dabei genügt das alleinige Abstellen auf subjektive Angaben des Versicherten nicht. Entscheidend ist, dass der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben wird und der konkreten medizinischen Situation Rechnung trägt (vgl. dazu BGE 125 V 353 Erw. 3a). Soweit der einseitige Ausfall der Sehfähigkeit durch Angewöhnung an den Verlust des stereoskopischen Sehens zumutbarerweise kompensiert werden kann (vgl. z.B. die viermonatige Wartefrist nach dem Verlust eines Auges in der Führerausweis-Kategorie B gemäss Anhang 1 zur Verordnung vom 27. Oktober 1976 über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr [VZV; SR 741.51]), hat dies der Augenarzt im Einzelfall zu berücksichtigen und dazu Stellung zu nehmen. Neben den bereits bisher fachärztlich zu beantwortenden Fragen nach allenfalls vorhandenen erheblichen ophtalmologischen Nebenbefunden, anderen eventuell bekannten nicht ophtalmologischen Erkrankungen und gegebenenfalls notwendig gewesenen optischen Hilfsmitteln, wird der Augenarzt inskünftig demnach zusätzlich die Fragen zu den Anforderungen an das stereoskopische Sehen, zur Angewöhnung, zu den Auswirkungen von störenden Blendeffekten - insbesondere bei der Arbeit am Bildschirm - und zur Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit beantworten müssen. Erfolgt die augenärztliche Beurteilung dieser Fragen erst nach bereits durchgeführter Operation, sind sie medizinisch prognostisch aufgrund der Verhältnisse vor der fraglichen Operation (AHI 2000 S. 299 Erw. 2b mit Hinweisen) zu beantworten, wobei es zur Aufgabe des Arztes oder der Ärztin gehört, dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person ohne die am 28. Mai 2001 durchgeführte Staroperation am rechten Auge arbeitsunfähig geworden wäre (vgl. BGE 125 V 261 Erw. 4 mit Hinweisen). 3.4 Der von der Beschwerdeführerin aufgelegte Bericht des Dr. med. H.________, Arzt für Allgemeine Medizin FMH, genügt den dargelegten Anforderungen an die medizinische Beurteilung der Notwendigkeit des Binokularsehens nicht. Dieser Arzt verfügt entgegen den im erwähnten Urteil (Erw. 3.3 hievor) genannten Voraussetzungen nicht über das Fachwissen eines Augenarztes, weshalb nicht auf die Angaben in seinem Bericht vom 12. Mai 2003 abzustellen ist. Da auch der behandelnde Augenarzt, welcher die rechtsseitige Staroperation sinngemäss als eine von der Invalidenversicherung zu übernehmende medizinische Eingliederungsmassnahme zur Verbesserung der Arbeitsfähigkeit qualifizierte, nicht zu den erforderlichen Aspekten der Notwendigkeit des Binokularsehens (Erw. 3.3 hievor) Stellung nahm, können auch seinen Ausführungen keine massgebenden Erkenntnisse zur Beantwortung der hier entscheidenden Frage entnommen werden. 3.5 Fehlt es an den erforderlichen Grundlagen zur Beantwortung der Frage nach der Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die konkret ausgeübte Tätigkeit des Versicherten (vgl. Erw. 3.2 hievor), ist nicht zu beanstanden, dass das kantonale Gericht die Verwaltungsverfügung aufhob und die Sache zu ergänzenden medizinischen Abklärungen an die IV-Stelle zurückwies. Die Verwaltung wird dabei nach den Erwägungen Ziffer 3.1 bis 3.5 vorgehen und anschliessend über das Leistungsgesuch betreffend die Kataraktoperation am rechten Auge vom 28. Mai 2001 neu verfügen.