Citation: I 735/01 05.12.2003 E. 3

Das kantonale Gericht hielt die Angaben des Versicherten für glaubhaft und ging - ohne aktenkundige Hinweise zu den einzelnen, von ihm konkret zu verrichtenden Tätigkeiten - davon aus, dass er gemäss vorinstanzlicher Beschwerdeschrift "bei [s]einer Arbeit auf ein Sehen mit beiden Augen angewiesen" sei. Es leuchte ohne weiteres ein, dass ein Betriebsmitarbeiter in einer Druckerei zum Einrichten der Druckmaschinen ein präzises und damit beidäugiges Sehen benötige, weil Druck- und Papierzuschneidemaschinen ein erhebliches Unfallrisiko in sich bergen würden. Dagegen wendet das Beschwerde führende BSV ein, zum Zeitpunkt der ersten Kataraktoperation vom 1. November 1999 habe der Versicherte am rechten Auge nur noch über einen Visus von "Fingerzählen/1m" verfügt, was einem Wert von weniger als 0,1 entspreche (gemäss Bericht des Dr. med. C.________, vom 30. Oktober 1999 stammten diese Ergebnisse aus seiner Untersuchung vom 13. August 1999). Es verstehe sich von selbst, dass bei einem solchen Visus binokuläres bzw. stereoskopisches Sehen unmöglich sei. Dennoch habe der Versicherte bis zur Operation ohne nennenswerte krankheitsbedingte Ausfälle gearbeitet, was beweise, dass er bei seiner Erwerbstätigkeit nicht auf beidäugiges Sehen angewiesen sei. Auch wenn bei ihm aus medizinischer Sicht zweifellos eine beidseitige Kataraktoperation indiziert gewesen sei, habe die Invalidenversicherung durch die Übernahme des Eingriffs am rechten Auge drohende Invalidität abwenden können. Zu prüfen ist demnach, ob gestützt auf die vorliegenden Akten die Frage nach der Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die konkret ausgeübte Tätigkeit des Versicherten beantwortet werden kann. 3.1 Das Eidgenössische Versicherungsgericht präzisierte seine Rechtsprechung zur Übernahme der Kataraktoperation am zweiten Auge (vgl. AHI 2000 S. 294) im Urteil D. vom 24. Juli 2003 (I 29/02) dahingehend, dass die Staroperation am zweiten Auge (nach erfolgter Übernahme am ersten Auge) - bei Erfüllung der übrigen Voraussetzungen nach Art. 12 Abs. 1 IVG - nur dann als medizinische Eingliederungsmassnahme durch die Invalidenversicherung zu übernehmen ist, wenn aufgrund detaillierter Ermittlung der Tätigkeiten im Rahmen des ausgeübten Berufes für die visuell anspruchvollste dieser Tätigkeiten die Notwendigkeit des Binokularsehens aus augenärztlicher Sicht bejaht wird. In denjenigen Berufen, in welchen besondere medizinische Mindestanforderungen an die Sehfähigkeit ausdrücklich normiert sind, ist auf diese Visusgrenzwerte abzustellen, so dass sich in erwerblicher Hinsicht eine detaillierte Ermittlung der verschiedenen Tätigkeitsanteile erübrigt. 3.2 Den Akten ist nicht mit dem im Sozialversicherungsrecht geltenden Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 360 Erw. 5b, 125 V 195 Erw. 2, je mit Hinweisen) zu entnehmen, welche konkreten Tätigkeiten A.________ als Betriebsmitarbeiter in der Druckerei der B.________ AG zu verrichten hat. Den Akten sind keine näheren Hinweise zu den einzelnen Aufgaben im Rahmen seiner Anstellung bei der Arbeitgeberin zu entnehmen. Unklar ist insbesondere, ob der Versicherte in direkten Kontakt mit gefährlichen Teilen von Maschinen kommt, oder ob - und gegebenenfalls in welchem Ausmass - er einzelne gefährliche Aufgaben gegen andere Aufträge mit Arbeitskollegen abtauschen könnte. Die blosse Behauptung des A.________, bei seiner Arbeit auf ein Sehen mit beiden Augen angewiesen zu sein, worauf die Vorinstanz abstellte, ist jedenfalls für die Beantwortung der hier entscheidenden Fragen nicht aussagekräftig. Die Verwaltung, an welche die Sache vorweg zu ergänzenden Abklärungen zurückzuweisen ist, wird deshalb in geeigneter Form - z.B. durch Einholung eines Pflichtenheftes und Befragung des Arbeitgebers - das Tätigkeitsspektrum des Versicherten ermitteln. 3.3 Steht fest, welches die visuell anspruchvollste Tätigkeit des A.________ ist, wird die IV-Stelle einen fachärztlichen Bericht zur diesbezüglichen Notwendigkeit des Binokularsehens einholen, der nicht allein auf die subjektiven Angaben des Versicherten abstellt, sondern vielmehr für die streitigen Belange umfassend ist, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben wird und der konkreten medizinischen Situation Rechnung trägt (vgl. dazu BGE 125 V 353 Erw. 3a). Soweit der einseitige Ausfall der Sehfähigkeit durch Angewöhnung an den Verlust des stereoskopischen Sehens zumutbarerweise kompensiert werden kann (vgl. z.B. die viermonatige Wartefrist nach dem Verlust eines Auges in der Führerausweis-Kategorie B gemäss Anhang 1 zur Verordnung vom 27. Oktober 1976 über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr [VZV; SR 741.51]), hat dies der Augenarzt im Einzelfall zu berücksichtigen und dazu Stellung zu nehmen. Erfolgt die augenärztliche Beurteilung dieser Fragen - wie hier - erst nach bereits durchgeführter Operation, sind sie medizinisch prognostisch aufgrund der Verhältnisse vor der fraglichen Operation (AHI 2000 S. 299 Erw. 2b mit Hinweisen) zu beantworten, wobei es zur Aufgabe des Arztes oder der Ärztin gehört, dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person ohne die am 14. Juni 2000 durchgeführte Staroperation am linken Auge arbeitsunfähig geworden wäre (vgl. BGE 125 V 261 Erw. 4 mit Hinweisen). 3.4 Fehlt es an den erforderlichen Grundlagen zur Beantwortung der Frage nach der Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die konkret ausgeübte Tätigkeit des Versicherten (vgl. Erw. 3.2 hievor), sind der angefochtene Entscheid und die Verwaltungsverfügung aufzuheben. Die Sache ist an die IV-Stelle zurückzuweisen, damit diese bei den ergänzenden Abklärungen nach den Erwägungen Ziffer 3.1 bis 3.3 vorgehen und anschliessend über das Leistungsgesuch betreffend die am 14. Juni 2000 durchgeführte Staroperation am linken Auge neu verfügen wird.