Citation: 6B_322/2022 E. 2.4.4

2.4.4. Nach dem Gesagten schützen Art. 90 Abs. 3 und 4 SVG Leib und Leben der Verkehrsteilnehmer. Nach den verbindlichen Feststellungen der Vorinstanz ging der Beschwerdegegner davon aus, dass das Leben seiner mitfahrenden Ehefrau gefährdet war. Es stehen sich somit die gleichen Rechtsgüter gegenüber, weshalb die Beschwerdeführerin die Frage aufwirft, ob Art. 17 StGB überhaupt zur Anwendung kommen kann. Diese Frage kann offen bleiben. Denn vorliegend schlossen die Vorinstanzen ohnehin zu Unrecht auf einen rechtfertigenden Notstand. Notstand ist bei einer erheblichen Geschwindigkeitsüberschreitung nur mit grosser Zurückhaltung anzunehmen. Vorliegend fuhr der Beschwerdegegner mit 200 km/h. Er überschritt die zulässige Höchstgeschwindigkeit also nicht nur erheblich, sondern massiv. Vor diesem Hintergrund verletzt die vorinstanzliche Interessenabwägung Bundesrecht. Die Vorinstanz scheint zu übersehen, dass bei einer Fahrt mit 200 km/h für die Annahme von Notstand selbst dann grosse Zurückhaltung geboten ist, wenn der unmittelbare Schutz eines Menschenlebens auf dem Spiel steht. Denn bei einer solchen Raserfahrt ist die konkrete Gefährdung einer unbestimmten Zahl von Menschen möglich, wobei oft nur dem Zufall zu verdanken ist, dass sie sich nicht verwirklicht. Geschwindigkeitsüberschreitungen sind erfahrungsgemäss eine der Hauptursachen für schwere Unfälle. Vorliegend stand auf der einen Seite das Leben der Ehefrau, das der Beschwerdegegner nach den verbindlichen Feststellungen der Vorinstanz schützen wollte. Auf der anderen Seite gefährdete der Beschwerdegegner aber gerade dieses Leben der Ehefrau auf andere Weise. Denn sie sass während der Raserfahrt auf dem Beifahrersitz. Hinzu kommt das Leben der übrigen Verkehrsteilnehmer.