Citation: 6S.431/2006 12.12.2006 E. 5

5.1 Der Beschwerdegegner war gegenüber allen auf der Hauptstrasse fahrenden Fahrzeugen vortrittsbelastet; er war gehalten, die nach den Umständen gebotenen Massnahmen zu treffen, um eine Beeinträchtigung oder Gefährdung herannahender vortrittsberechtigter Verkehrsteilnehmer zu verhindern. Wie der Beschwerdegegner selber einräumte, konnte er den Beschwerdeführer vor Beginn von dessen Überholmanöver nicht erkennen, da dieser links hinter dem Personenwagen von B.________ fuhr (vgl. die Stellungnahme des Beschwerdegegners, Akten des Bezirksgerichts Horgen act. 8, S. 5). Demzufolge konnte der Beschwerdegegner auch nicht davon ausgehen, dass der Beschwerdeführer ihn wahrgenommen beziehungsweise seine Absicht erfasst hatte und aus diesem Grund möglicherweise aufs Überholen hätte verzichten müssen. Vor allem aber war der Beschwerdegegner in Anbetracht der für ihn eingeschränkten Sichtverhältnisse zu besonderer Vorsicht verpflichtet, da er sich nicht sicher sein konnte, dass die Fahrbahn frei war. Es fragt sich mithin, ob er in einer solchen Situation mit dem Einfügemanöver nicht hätte zuwarten müssen. Aufgrund der Tatsache, dass B.________ freiwillig auf ihren Vortritt verzichtet hatte, durfte der Beschwerdegegner jedenfalls nicht von vornherein den Schluss ziehen, dass dies auch die übrigen Vortrittsberechtigten tun würden. 5.2 Vor diesem Hintergrund durfte die Vorinstanz nicht ausschliessen, dass der Beschwerdegegner, indem er gleichwohl losfuhr, die ihm obliegende Sorgfaltspflicht verletzte. Die Vorinstanz wird vertiefter abzuklären haben, ob der Beschwerdegegner damit hätte rechnen müssen, dass ein Motorradfahrer den abbremsenden Personenwagen an dieser Stelle - an welcher, wie ausgeführt, kein Überholverbot bestand - mit nicht übersetzter Geschwindigkeit zu überholen versuchen würde (vgl. zum Ganzen auch BGE 106 IV 58 E. 2). 5.3 Für die Strafbarkeit des Beschwerdegegners ist dabei entgegen der Auffassung der Vorinstanz nicht von entscheidender Bedeutung, ob der Beschwerdeführer gestützt auf eine sachgerechte Anwendung des Vertrauensgrundsatzes aufs Überholen hätte verzichten müssen, weil konkrete Anzeichen für ein mögliches Fehlverhalten des Beschwerdegegners vorgelegen hätten. Das Strafrecht kennt keine Schuldkompensation, und es können sich mehrere an einer Kollision beteiligte Fahrzeuglenker Verkehrsregelverletzungen schuldig machen. 5.4 Es verletzt somit Bundesrecht auszuschliessen, dass sich der Beschwerdegegner als Folge eines Verstosses gegen die Sorgfaltspflicht gemäss Art. 36 Abs. 4 SVG einer fahrlässigen Körperverletzung (Art. 125 StGB) schuldig gemacht haben könnte. Unter diesen Umständen war die Einstellung des Strafverfahrens nicht zulässig. Die Nichtigkeitsbeschwerde ist deshalb gutzuheissen, soweit darauf eingetreten werden kann.