Citation: I 835/04 22.09.2005 E. 3

3.1 Die Versicherte leidet am Geburtsgebrechen nach Ziff. 459 GgV-Anhang. Gemäss Verfügung vom 9. Juli 2003 gewährt ihr die IV-Stelle medizinische Massnahmen nach Art. 13 Abs. 1 IVG. Unbestritten ist, dass die Beschwerdeführerin keinen gemäss Art. 21 IVG oder der entsprechenden Hilfsmittelliste abgestützten Anspruch auf das beantragte Mini-Trampolin hat. Somit ist einzig der Frage nachzugehen, ob ein derartiger Anspruch im Rahmen von Art. 13 IVG besteht. 3.2 Im Gutachten des Prof. Dr. med. C.________ und der Frau Dr. med. D.________ vom 9. September 2004, auf das sich die Vorinstanz stützt, wurde ausgeführt, die Physiotherapie habe bei cystischer Fibrose (nachfolgend CF) zum Ziel, in den Bronchien das zähe, dickflüssige Bronchialsekret, das wegen der Grundkrankheit bestehe, mechanisch von der Bronchialoberfläche abzulösen und damit eine mechanische Bronchialtoilette durchzuführen. Da das dickflüssige, zähe Bronchialsekret bei CF-Patienten nicht wie bei gesunden Menschen automatisch und unbemerkt gefördert werde und damit zur Reinigung des Bronchialbaumes diene, komme es zu einer durch dickflüssigen Schleim bedingten Verstopfung kleinster und mittelgrosser Bronchien. Dadurch entstehe eine entsprechende Minderbelüftung zuerst kleiner und dann grösserer Lungenareale mit den Folgen der Beeinträchtigung der Sauerstoffaufnahme und Kohlensäure-Abgabe, entsprechend häufiger Infektion durch Besiedlung des Schleims mit Bakterien, Viren und Pilzen sowie einer chronischen Bronchialentzündung. Der Herausbeförderung des zähen bronchialen Sekrets komme eine übergeordnete Bedeutung zur Verhinderung von Bronchialverlegung, -entzündung und in der Folge einer Narbenentwicklung zu. Die Physiotherapie, Inhalationstherapie und Bekämpfung der Infektion spielten in der Behandlung der Lungenaffektion bei CF eine zentrale Rolle. Alle physiotherapeutischen Interventionen, die dazu führten, dass die Sekretförderung angestossen und damit mechanisch erfolgen könne, seien integraler Bestandteil des heutigen modernen CF-Therapiekonzeptes. Die begleitende Inhalation mit Sekret verflüssigenden Medikamenten müsse durch mechanische physiotherapeutische Intervention unterstützt werden. Alle Möglichkeiten der Vibration und mechanisch beeinflussenden Sekretförderung sollten daher eingesetzt werden, wie z.B. Förderung der Bewegung, Schwimmen, Laufen, Rennen, Velofahren etc. Die als wirksam eingestufte Erschütterung mittels Trampolinspringens und Dehnungsübungen auf dem grossen Physiotherapie-Ball sei eine der zu kombinierenden Möglichkeiten der täglichen Physiotherapie. Sie garantiere den Eltern eine kontrollierte zusätzliche Betätigung und damit eine therapeutisch nötige und wirksame Eigentherapie, die losgelöst von einer Physiotherapeutin gemacht werden könne und müsse. Es handle sich um eine notwendige und zweckmässige Behandlung. Die Frage nach dem wissenschaftlich erwiesenen erheblichen Nutzen könne nicht mit einem bestimmten Ja beantwortet werden, weil Studien bei Kindern über die Anwendung eines einzelnen physiotherapeutischen Gerätes bei der CF-Therapie weder sinnvoll noch beweisend noch machbar seien. Die Mobilisation von bronchialem Sekret mit Hilfsmitteln könne immer nur in einem Gesamtkonzept mit Physiotherapie (eben Trampolinspringen als eine Möglichkeit), Inhalationstherapie und medikamentöser Therapie geprüft werden. Die medizinische Literatur zeige eindeutig, dass die Lungenfunktion bei physisch aktiven Patienten konserviert werden könne, es ihnen im Endeffekt besser gehe, weniger Hospitalisationskosten anfielen und das Überleben verlängert werde. Eine anerkannte Studie der Cochrane Database Syst. Rev, 2002; (2): CD002768 von J. Bradley und F. Moran habe 16 internationale Studien untersucht, von denen 6 strikte wissenschaftliche Kriterien gemäss so genanntem randomisiertem und kontrolliertem Studiendesign-trial (RCT) zur Frage "Physical training for cystic fibrosis", erfüllt hätten. Die Autoren seien zum Schluss gekommen, dass die Rückschlüsse über die Wirksamkeit eines physischen Trainings auf Grund der Studien mit wenig Patienten, kurzer Beobachtungsdauer und inkompletter Darstellung des Erfolges limitiert seien. Sie hätten aber dargelegt, dass physisches Training bereits den meisten CF-Patienten als Behandlung angeboten werde und kein Grund bestehe, davon abzuraten. Weitere Untersuchungen seien notwendig, um den Nutzen des physischen Trainings in der Behandlung von CF-Patienten zu beurteilen. Weiter führten die Gutachter aus, diese Untersuchungen hätten die höchsten Kriterien der evidence based medicine erfüllt und sehr rigoroser Auswahl unterlegen. Dass physikalische Betätigung die Expektoration von zähem Lungensekret fördere, sei wissenschaftlich klar belegt (Dr. Baldwin et al., Effect of addition of exercice to physiotherapy on sputum expectoration and lung function in adults with cystic fibrosis; Respir. Med. 1994: 88: 49-53). Auf Grund der mehr als 25-jährigen Erfahrung des Gutachters in der CF-Behandlung könne mit "personal evidence" und guten Gewissens gesagt werden, dass jede Intervention, die regelmässig die physikalische Sekretlösung fördere, von klinischem Nutzen sei. Signifikante Kurz- und Langzeitwirkungen seien für Hilfsmittel wie PEP-Atmung, Flutter und das früher verwendete Beklopfen des Thorax (heute obsolete Methode) nachgewiesen worden. Da PEP und Flutter wegen Kooperation, Koordination und Konstanz erst bei älteren Kindern erfolgreich eingesetzt werden könnten, werde das Mini-Trampolin zunehmend von der professionellen Physiotherapie verwendet. Es sei nicht ein Training, sondern eine physiotherapeutische Intervention, die als Teil eines ganzen Therapiekonzeptes nötig sei und täglich angewendet werden müsse. Empfohlen werde mindestens zweimal pro Tag eine Trampolin-Therapieeinheit von mindestens einer halben Stunde unter elterlicher oder professioneller Kontrolle. Jeder, der mit Kindern therapeutisch arbeite, wisse, dass wiederkehrende Dinge ohne grosse Attraktivität (z.B. Zähneputzen bei gesunden Kindern) nicht ohne Druck betrieben würden. Es müssten verschiedene Therapien im Wechsel angewendet werden, um die so genannte Compliance, d.h. das Mitmachen, aufrecht zu erhalten. Natürlich könnte man mit einem 9-jährigen Kind jeden Tag Treppensteigen und Jogging-Übungen machen. Bewegung und spielerische Mobilisationsübungen (Sprossenwand, Schwimmen, Seilspringen etc.) seien auch notwendig und würden empfohlen. Aber die Machbarkeit und damit die Compliance solcher Übungen sei erfahrungsgemäss schlecht. Durch die klare medizinische Verordnung eines physikalischen Therapiegeräts werde den Eltern und Patienten die Notwendigkeit der täglichen Therapieeinheit vorgeschrieben. Die CF sei eine angeborene und unbehandelt zum frühen Tod führende genetische Erkrankung. Es bestehe die Verpflichtung, den Patienten und Kostenträgern die modernen, nötigen und wirksamen Therapien zu empfehlen. Deshalb sei das Trampolin verordnet worden. 3.3 Die IV-Stelle macht geltend, es sei unbestritten, dass physische Aktivität die Herausbeförderung des zähen bronchialen Sekrets fördere. Ihr ärztlicher Dienst bestreite auch nicht die Zweckmässigkeit des Trampolins. Die Notwendigkeit könne jedoch nicht bejaht werden. Würde sie anerkannt, so drohe die Gefahr, dass zu viele Gegenstände, die durchaus zweckmässig seien, von der Invalidenversicherung übernommen werden müssten. Eine derartige Ausdehnung des Begriffs der Notwendigkeit könne nicht hingenommen werden. Die Notwendigkeit sei klar von der Zweckmässigkeit zu trennen. Die Expertise sei nicht nachvollziehbar. Einerseits werde von einer mangelnden Compliance ausgegangen bei der Verordnung von täglichem Treppensteigen, Seilspringen, Laufen Radfahren usw. Andererseits solle bei einer täglichen Therapie von zweimal 30 Minuten auf dem Trampolin die Compliance über einen längeren Zeitraum gegeben sein. Weshalb gerade wegen dem Trampolin die Notwendigkeit der täglichen Therapieeinheit demonstriert werde und eine erhöhte Compliance bestehe, sei nicht schlüssig dargelegt. Ein solches Gerät möge - trotz fehlender Wissenschaftlichkeit - im Rahmen eines Gesamtkonzeptes durchaus zweckmässig sein, könne aber ohne weiteres durch andere alternative physische Betätigungen (Schwimmen, Laufen, Gehen, Velofahren, Treppensteigen, Seilspringen, Sackhüpfen etc.) ersetzt werden. Die Wirksamkeit der Behandlung impliziere nicht zwangsweise die Notwendigkeit.