Citation: U 278/03 30.07.2004 E. 4

4.1 Materiellrechtlich streitig ist, ob die SUVA hinsichtlich der vom Beschwerdeführer nach dem Unfall vom 22. August 1998 geklagten Beschwerden eine Leistungspflicht trifft. Dabei geht - entgegen den Ausführungen in der erstinstanzlichen Beschwerde - nunmehr auch der Beschwerdeführer davon aus, dass ein Rückfall im Sinne von Art. 11 UVV zur Diskussion steht. Uneinigkeit herrscht letztinstanzlich einzig darüber, ob zwischen den nach Abschluss der Behandlung am 22. Januar 1999 ab November 1999 geltend gemachten erneuten Beschwerden und der beim versicherten Unfall erlittenen Gesundheitsschädigung ein natürlicher und adäquater Kausalzusammenhang im Sinne der zu Rückfällen und Spätfolgen ergangenen Rechtsprechung besteht (BGE 118 V 296 f. Erw. 2c mit Hinweisen). Wie es sich damit verhält, hat das Gericht von Amtes wegen zu prüfen. Die Parteien tragen eine Beweislast nur insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Person ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte (BGE 117 V 264 Erw. 3b). Weil es hier um einen vom Beschwerdeführer behaupteten Rückfall geht, trägt grundsätzlich er das Risiko der Beweislosigkeit. Diese Beweisregel greift allerdings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes auf Grund einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 117 V 264 Erw. 3b mit Hinweisen). 4.2 SUVA und Vorinstanz stützen sich vorab auf das im Einvernehmen mit dem Beschwerdeführer bei Dr. med. W.________ eingeholte Gutachten vom 18. Juni 2001. Danach leidet der Beschwerdeführer an chronischen lumbospondylogenen Beschwerden mit Ausstrahlung in das rechte Bein bei altersentsprechenden Diskusdegenerationen L3 - S1 und diskretem Morbus Scheuermann mit vereinzelten Schmorl'schen Knoten thorakolumbal. Nach Auffassung des Gutachters sind die subjektiv erlebten Beschwerden durch die objektivierbaren klinischen Befunde und die Ergebnisse der radiologischen Untersuchungen (einschliesslich der Ende 2000 erfolgten Kernspintomographie) nicht erklärbar. In der Röntgendokumentation fänden sich LWS- und Beckenaufnahmen von 1987, die der damalige Hausarzt Dr. med. X.________ wegen rezidivierenden LWS-Beschwerden und Beinkrämpfen veranlasst habe. Demzufolge müsse davon ausgegangen werden, dass der Versicherte bereits 1987 an Rückenbeschwerden gelitten habe. Es sei denkbar, dass die geklagten lumbospondylogenen Beschwerden in Zusammenhang mit dem thorakalen Morbus Scheuermann stünden. Allerdings lägen keine wirklich relevanten statischen Störungen oder sekundär degenerativen Folgeerscheinungen vor. Die subjektiv erlebten Beschwerden und deren Präsentation stünden im Gegensatz zu den geringen segmentalen Befunden am lumbosakralen Übergang; der klinisch auffälligste Befund sei die Paratonie. Drei Tage nach dem Unfall habe Dr. med. M.________ im Bereich der Haut keine Kontusionsmarken feststellen können. Der gut dokumentierte radiologische Verlauf ab dem dritten Tag nach dem Unfall über zwei Jahre und vier Monate schliesse eine traumatische osteoartikuläre oder diskoligamentäre Läsion aus. Demzufolge könne sich der Versicherte beim Unfall höchstens eine Distorsion ohne Kontusion der Weichteile zugezogen haben. Bei der heutigen Untersuchung seien abgesehen von wenigen Triggerpunkten im Glutaeus maximus beidseits und geringen segmentalen Reiz zeichen lumbosakral keine pathologischen Befunde zu erheben. Die Frage nach der Unfallkausalität beantwortete der Gutachter dahin, ein Kausalzusammenhang der geklagten Beschwerden mit dem Unfall vom 22. August 1998 sei als "unwahrscheinlich respektive nahezu ausgeschlossen" zu betrachten. Gemäss der im Einspracheverfahren veranlassten kreisärztlichen Beurteilung des Dr. med. L.________ vom 2. April 2002 ist es zwar möglich, dass durch den Unfall eine vorübergehende Akzentuierung der lumbospondylogenen Problematik entstanden war; mit dem Behandlungsabschluss im November 1998 (recte: 22.Januar 1999) sei der Status quo sine jedoch wieder erreicht gewesen. Der Arzt gelangt daher zum Schluss, die fortbestehenden Beschwerden seien degenerativer Natur und könnten nicht dem Unfallversicherer angelastet werden. Dr. med. P.________, SUVA-Abteilung Unfallmedizin, teilte in seiner Beurteilung vom 23. April 2002 diese Auffassung mit der Feststellung, dass eine Unfallkausalität der als Rückfall nach abgeschlossener Behandlung und voller Arbeitsfähigkeit gemeldeten Rückenbeschwerden höchstens noch möglich sei. Nach allgemeiner Lebenserfahrung seien die leichten Verletzungen vom 22. August 1998 bei Abschluss des Grundfalles mit überwiegender Wahrscheinlichkeit folgenlos geheilt gewesen. 4.3 Der Beschwerdeführer hält diesen ärztlichen Feststellungen zum einen entgegen, er habe vor dem Unfall nie an Rückenschmerzen gelitten, leide seit dem Unfall aber dauernd an heftigen Beschwerden. Zum andern macht er geltend, es lägen keine schweren degenerativen Veränderungen vor, welche für die Beschwerden ursächlich seien, was auf die Unfallkausalität der Beschwerden schliessen lasse. Weil er bis heute an Beschwerden leide, sei der Zustand vor dem Unfall (Status quo ante) nicht erreicht und die SUVA somit weiterhin leistungspflichtig. 4.3.1 Aus den Akten geht hervor, dass sich der Beschwerdeführer bereits im Jahr 1987 wegen rezidivierenden LWS-Beschwerden und Beinkrämpfen zu Dr. med. X.________ in Behandlung begeben hatte. Die von diesem Arzt veranlasste Röntgenuntersuchung zeigte eine Fehlhaltung der LWS in Form einer Streckhaltung sowie einen geringen Beckenschiefstand rechts. Pathologische Knochenveränderungen oder eine auffällige Höhenreduktion der Zwischenwirbelscheiben konnten nicht nachgewiesen werden. Im Becken fanden sich ein geringer Schiefstand rechts, diskrete zystische Knochenveränderungen und im Übrigen altersentsprechende ossäre Verhältnisse. Der Beschwerdeführer macht geltend, bei der damaligen Untersuchung und kurzfristigen Behandlung hätten vom Rücken unabhängige Beinkrämpfe im Vordergrund gestanden. Gegenstand der betreffenden Abklärungen bildeten indessen vorab die vom behandelnden Arzt als rezidivierend bezeichneten LWS-Beschwerden als deren Symptom die Beinkrämpfe angesehen werden können (ärztliche Beurteilung des Dr. med. L.________ vom 2. April 2002). Im Gutachten des Dr. med. W.________ vom 18. Juni 2001 wird denn auch - unter anderem unter ausdrücklicher Bezugnahme auf erste radiologische Abklärungen am 11. Juni 1987 - die Diagnose von chronischen lumbospondylogenen Beschwerden mit Ausstrahlungen in das rechte Bein gestellt. Damit steht mit der erforderlichen überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer bereits vor dem Unfall vom 22. August 1998 an gleichartigen Rückenschmerzen gelitten hat. Es ist demnach davon auszugehen, dass die im Anschluss an den Unfall geklagten Beschwerden auf der Grundlage eines vorbestandenen Gesundheitsschadens aufgetreten sind. Die Bedeutung des Vorzustandes ist allerdings insofern zu relativieren, als in der Zeit zwischen 1989 bis 1998 anscheinend keine behandlungsbedürftigen und die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigenden Beschwerden bestanden haben. 4.3.2 Was die degenerativen Veränderungen betrifft, ist insbesondere auf Grund des Gutachtens von Dr. med. W.________ fraglich, ob sie für die bestehenden Beschwerden ursächlich sind, wie dies in den Berichten der SUVA-Ärzte angenommen wird. Bei den röntgenologischen und kernspintomographischen Untersuchungen konnten lediglich geringe Veränderungen festgestellt werden, welche die geltend gemachten Beschwerden nicht genügend zu erklären vermögen. Laut Gutachten bestehen an der LWS weitgehend altersentsprechende Verhältnisse, zu welchem Schluss auch Dr. med. B.________ im Bericht des Spital S.________ vom 11. Dezember 2000 gelangt war. Dr. med. W.________ zieht einen Zusammenhang mit einem thorakalen Morbus Scheuermann in Betracht, stellt gleichzeitig aber fest, dass hiefür keine eindeutigen Befunde vorlägen. Anderseits bedeutet der Umstand, dass die degenerativen Veränderungen lediglich leichten Grades sind, nicht schon, dass die weiter bestehenden Beschwerden unfallkausal sind. Anhaltspunkte für traumatische Läsionen konnten nicht gefunden werden. Nach Meinung des Gutachters steht eine Paratonie (Muskelverspannung) im Vordergrund. Zudem besteht seines Erachtens eine erhebliche Diskrepanz zwischen den subjektiven Beschwerden und den objektiven Befunden, was in der ärztlichen Beurteilung des Dr. med. P.________ vom 23. April 2002 bestätigt wird. Gestützt auf diese schliesst die SUVA im Einspracheentscheid vom 17. Mai 2002 auf eine erhebliche psychosomatische Überlagerung. Dabei handelt es sich allerdings um eine blosse Vermutung, welche bisher nicht verifiziert wurde. Fraglich ist daher auch, ob im Anschluss an den Unfall allenfalls eine psychische Fehlentwicklung aufgetreten ist, welche für die weiter bestehenden Beschwerden ursächlich ist. Angesichts dieser Unklarheiten lässt sich die Unfallkausalität der geklagten Beschwerden auf Grund der vorhandenen Akten nicht zuverlässig beurteilen. Das Gutachten des Dr. med. W.________ enthält diesbezüglich zwar eine klare Aussage, jedoch keine hinreichende und nachvollziehbare Begründung für die verneinte Unfallkausalität. Es lässt zudem wesentliche, für die Beurteilung massgebende Punkte offen, weshalb darauf nicht entscheidend abgestellt werden kann (vgl. BGE 125 V 352 Erw. 3a mit Hinweisen).