Citation: 9C_12/2022 E. 5.3.2

5.3.2. Die aktenkundigen Unterlagen zur medizinischen Evidenzlage äussern sich insbesondere zum Risiko einer Brustkrebserkrankung, unter anderem bei TrägerInnen von PALB2-Genmutationen (Rahman, Nazneen et al. "PALB2, which encodes a BRCA2-interacting protein, is a breast cancer suspectibility gene." Nature genetics vol. 39,2 (2007) : 165-167. doi:10.1038/ng1959; Antoniou, A.C. et al. "Breast-cancer risk in families with mutations in PALB2." The New England journal of medicine vol. 371, no. 6 (2014) : 497-506. doi:10.1056/NEJMoa 1400382; Paluch-Shimon, S. et al. "Prevention and screening in BRCA mutation carriers and other breast/ovarian hereditary cancer syndromes: ESMO Clinical Practice Guidelines for cancer prevention and screening." Annals of oncology: official journal of the European Society for Medical Oncology vol. 27, supplement 5 (2016) : v103-v110. doi:10.1093/annonc/mdw327; Yang, Xin et al. "Cancer risks associated with germline PALB2 pathogenic variants: An international study of 524 families." Journal of clinical oncology vol. 38, issue 7 (2019) : 674-685. doi:10.1200/JCO.19.01907; Breast Cancer Association Consortium "Breast cancer risk genes - association analysis in more than 113,000 women." The New England journal of medicine vol. 384, no. 5 (2021) : 428-439. doi:10.1056/NEJMoa1913948; Tischkowitz, Marc et al. "Management of individuals with germline variants in PALB2: a clinical practice resource of the American College of Medical Genetics an Genomics (ACMG)." Genetics in Medicine vol. 23, issue 8 (2021) : 1416-1423. doi:10.1038/s41436-021-01151-8; Hu, C. et al. "A population-based study of genes previsously implicated in breast cancer." The New England journal of medicine vol. 384, no. 5 (2021) : 440-451. doi:10.1056/NEJMoa2005936; Zur Funktionsweise des PALB2-Gens vgl. Park, J. et al. "PALB2: the hub of a network of tumor suppressors involved in DNA damage responses." Biochim Biophys Acta vol. 1846, issue 1 (2014) : 263-275. abrufbar unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4183126/; alle zuletzt besucht am 12. Oktober 2022). In der Studie von Antoniou, A.C. et al. aus dem Jahr 2014 wird erst davon gesprochen, dass risikoreduzierende chirurgische Optionen getestet werden könnten (S. 504). In den Leitlinien der ESMO von 2016 wird bei PALB2-Genmutationen die klinische Untersuchung der Brust alle sechs bis zwölf Monate, beginnend vom Alter von 20 bis 25 Jahren, ein jährliches Brust-MRI vom Alter von 20 bis 29 Jahren und ein jährliches Brust-MRI und/oder eine Mammographie vom Alter von 30 bis 75 Jahren empfohlen. Eine risikoreduzierende Mastektomie wird dagegen - entgegen der Ausführungen der Vorinstanz - lediglich als "in Erwägung zu ziehen" bezeichnet (v104), jedoch im Wesentlichen im Zusammenhang mit BRCA1/2-Mutationen diskutiert (v 105 f.). Gemäss Yang, Xin et al. (2019) werden mit der Studie kritische Daten zur Verfügung gestellt, die eine Verbesserung der Leitlinien zur risikoreduzierenden Mastektomie bei PALB2-Mutationen erlauben. Dabei wird jedoch einzig auf das Risiko einer Brustkrebserkrankung bei PALB2-Mutationen Bezug genommen, welches vergleichbar ist mit BRCA1/2-Mutationen. Eine konkrete Empfehlung zur prophylaktischen Mastektomie bei PALB2-Genmutationen wird nicht abgegeben (S. 680). Eine solche fehlt auch in der Studie des Breast Cancer Association Consortium aus dem Jahr 2021. Dort wird unter Bezugnahme auf das Risiko einer Brustkrebserkrankung bei Mutationen im PALB2-Gen lediglich festgehalten, die Resultate der Studie könnten Screening und Prävention mittels risikoreduzierender Operation oder Medikation anleiten, in Übereinstimmung mit den nationalen Richtlinien (S. 436). Auch in der von der Beschwerdegegnerin im Beschwerdeverfahren zitierten Studie von Tischkowitz, Marc et al. aus dem Jahr 2021 wird festgehalten, dass eine risikoreduzierende Mastektomie als eine Option in Erwägung gezogen werden könne (S. 1420). Ebenfalls wird darauf hingewiesen, dass weitergehende Daten gesammelt werden müssten, um die Effizienz risikoreduzierender Operationen bestimmen zu können (S. 1421, hierzu nachfolgend). Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich die aktenkundigen Studien im Wesentlichen zum Risiko einer Brustkrebserkrankung bei einer PALB2-Genmutation äussern und zumindest mehrheitlich keine konkrete Empfehlung zur prophylaktischen Mastektomie abgeben.