Citation: I 45/05 21.09.2005 E. 3

3.1 Das MEDAS-Gutachten und der Bericht von Frau Dr. med. M.________ vom Therapiezentrum SRK stimmen hinsichtlich der im Vordergrund stehenden psychischen Problematik in der Diagnose - andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0) - vollständig überein; sie unterscheiden sich hingegen bei der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit. Nach der Rechtsprechung (vgl. oben Erw. 1.4) ist dem MEDAS-Gutachten volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen und soweit die allgemeinen Voraussetzungen für den Beweiswert eines Arztberichtes erfüllt sind, insbesondere dieser für die streitigen Belange umfassend ist und die Schlussfolgerungen begründet sind (vgl. BGE 125 V 352 Erw. 3a). Als Indiz gegen die Zuverlässigkeit der psychiatrischen Beurteilung im MEDAS-Gutachten erweist sich im vorliegenden Fall, dass aus der gleichen psychiatrischen Diagnose wie im Bericht von Frau Dr. med. M.________ - andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung - eine unterschiedliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit abgeleitet wird. Der Psychiater Dr. med. B.________, der im Rahmen der MEDAS-Begutachtung das psychiatrische Teilgutachten (vom 5. Dezember 2002) erstellte, übernahm nach eigenem Bekunden diese Diagnose aus dem Bericht von Frau Dr. med. M.________; bei der Frage der Arbeitsfähigkeit wich er aber von deren Einschätzung ab, ohne die unterschiedliche Auffassung einleuchtend zu begründen. Im Folgenden ist deshalb zu untersuchen, ob das besagte Teilgutachten als vollständig, nachvollziehbar und schlüssig erscheint. 3.2 Unter dem Aspekt des Erfordernisses einer vollständigen und umfassenden Beurteilung ist auf die Rüge des Beschwerdeführers einzugehen, auf das MEDAS-Gutachten könne nicht abgestellt werden, weil es die Folterproblematik bewusst ausklammere. Auf der einen Seite ist nachvollziehbar, dass - wie die Ärzte des Ambulatoriums SRK (früher: Therapiezentrum SRK) in der ergänzenden Stellungnahme vom 6. August 2004 ausführen - der Gutachter durch die bewusste Ausklammerung der Folterproblematik keinen Einblick in einen wesentlichen Leidensbereich (die Rückerinnerungen mit vegetativen Begleiterscheinungen) erhalten hat; insofern ist das Gutachten nicht umfassend. Auf der anderen Seite ist zu bedenken, dass - wenn die Auseinandersetzung mit dieser belastenden Vorgeschichte (zu) sehr im Zentrum der Untersuchung steht - ebenfalls die Gefahr gegeben ist, dass ein verzerrtes Bild des Versicherten gezeichnet wird, indem dann jeweils diese Rückerinnerungen im Vordergrund stehen und das Zustandsbild des Versicherten während der Exploration bestimmen. Zu einer aussagekräftigen Beurteilung wäre wohl am ehesten zu gelangen, wenn die belastenden Fakten weder völlig ausgeklammert noch in den Vordergrund gestellt würden. Für die Frage der Arbeitsfähigkeit wäre dabei vor allem von Interesse zu erfahren, wie häufig und wie intensiv die von den Ärzten des Ambulatoriums SRK angesprochenen Rückerinnerungen im täglichen Leben auftreten. Diese wesentliche Frage wird im psychiatrischen Teilgutachten nicht behandelt. Indem einerseits die Folterproblematik ausgeklammert und anderseits auch nicht untersucht wird, ob und wie stark sich die Foltererfahrungen auf das tägliche Leben auswirken, erweist sich die Expertise als unvollständig. 3.3 Auch bezüglich Nachvollziehbarkeit und Schlüssigkeit der psychiatrischen Beurteilung im MEDAS-Gutachten sind Fragezeichen zu setzen. 3.3.1 Im Teilgutachten des Dr. med. B.________ wird zur Frage der Arbeitsfähigkeit ausgeführt: "Nach allem was wir über den Versicherten wissen, beeinträchtigen seine psychischen Störungen den Umgang mit anderen Menschen in beträchtlicher Weise, lassen ihn durch sein aufbrausendes und zeitweilig gewalttätiges Verhalten zu einer gewissen Gefahr für andere werden. Aus diesem Grund eignet er sich nicht zur beruflichen Tätigkeit in einer Gruppe oder mit sonstigen Tätigkeiten, in welchen er mit anderen Menschen in engeren Kontakt zu treten hätte. Wie ich von ihm hörte, hat er an seinem letzten Arbeitsort vorwiegend nachts gearbeitet, sei dort nur sehr wenig mit anderen in Berührung gekommen. Es ist daher zumindest denkbar, dass er in einer ähnlichen Tätigkeit doch arbeitsfähig sein könnte." Aus diesen einerseits aus dem Bericht von Frau Dr. med. M.________ und andererseits aus den Aussagen des Versicherten gewonnenen Erkenntnissen zieht der Gutachter den - nicht ohne weiteres nachvollziehbaren - Schluss, der Beschwerdeführer sei "daher aus rein psychiatrischer Sicht als für jegliche für ihn in Frage kommende berufliche Tätigkeit zu 50 % arbeitsfähig". Eingang ins MEDAS-Hauptgutachten fand nur die Schlussfolgerung, nämlich die Annahme einer 50%igen Arbeitsfähigkeit. Diese wurde nicht weiter begründet. Die im Teilgutachten verwendete, vorsichtige Formulierung, eine Arbeitsfähigkeit sei in einer ähnlichen Tätigkeit denkbar, ist aber nicht unbedingt gleichzusetzen mit der Bejahung einer 50%igen Arbeitsfähigkeit. 3.3.2 Eine schlüssige Aussage zur Frage der Arbeitsfähigkeit lässt sich auch dem im Rahmen des Einspracheverfahrens eingeholten ergänzenden Bericht des Dr. med. B.________ vom 11. März 2004 nicht entnehmen. In seiner Antwort bestätigte er eine 50%ige Arbeitsfähigkeit. Er wies dabei insbesondere darauf hin, dass eine Arbeitstätigkeit dem Wunsch des Versicherten entspräche und "eine solche Tätigkeit therapeutisch wohl effizienter wäre, als ihm die Fähigkeit hierzu von vornherein abzusprechen". Der therapeutische Nutzen einer Arbeitstätigkeit erscheint zwar einleuchtend; die Frage, ob der Versicherte zur Arbeit auch fähig ist, wird durch den Hinweis auf die Wünschbarkeit der Arbeitstätigkeit aber nicht beantwortet. 3.3.3 Insgesamt ist im psychiatrischen Teilgutachten und im Ergänzungsbericht des Dr. med. B.________ eine Diskrepanz zwischen den schwerwiegenden psychopathologischen Feststellungen - häufige Aggression gegenüber anderen Menschen, soziale Isolation, Appetit- und Lustlosigkeit, Schlaflosigkeit - sowie der Diagnose einer andauernden Persönlichkeitsänderung einerseits und der Bejahung einer Teilarbeitsfähigkeit andererseits festzustellen. Es besteht der Eindruck, dass der Gutachter Dr. med. B.________ die Diagnose und die psychopathologischen Feststellungen der auf Folterfolgen spezialisierten Ärztin Dr. med. M.________ nicht in Zweifel ziehen wollte und deshalb in seine Expertise übernahm, gleichzeitig aber aufgrund seiner eigenen Untersuchung eigentlich zu einer anderen Einschätzung des psychischen Zustandes des Versicherten gelangte und auf diese eigene Einschätzung bei der Frage der Arbeitsfähigkeit abstellte. Ein solches Gutachten ist aber nicht durchwegs nachvollziehbar und letztlich auch nicht schlüssig. 3.4 Mit Blick auf die angeführten Gründen erweist sich das MEDAS-Gutachten hinsichtlich der Frage der Einschränkung der Arbeitsfähigkeit einerseits als nicht vollständig und andererseits als nicht schlüssig. Es kann darauf nicht abgestellt werden.