Citation: 6P.115/2003 17.11.2003 E. 3

3.1 Als willkürlich rügt die Beschwerdeführerin zunächst die Zweifel des Obergerichts an ihrer Glaubwürdigkeit. Die Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Beschwerdegegners seien demgegenüber berechtigt, dennoch habe das Obergericht in wesentlichen Punkten auf dessen Aussagen abgestellt (Beschwerde S. 8 f.). Das Obergericht führt zur Glaubwürdigkeit der Parteien aus, ihre Aussagen seien mit Vorsicht zu würdigen, da sie beide ihr eigenes Verhalten bagatellisieren würden. Bezüglich der Beschwerdeführerin hält das Obergericht fest, sie habe bei Einreichung der Anzeige einzig handgreifliche Handlungen des Beschwerdegegners dargelegt und eigene gewalttätige Reaktionen konsequent verschwiegen (angefochtenes Urteil S. 16). Die Beschwerdeführerin entgegnet, sie sei erheblich verletzt gewesen und habe sofort den Hausarzt benachrichtigt. Zudem sei sie bei der Anzeigeerstattung nicht förmlich befragt worden. Diese Einwände sind rein appellatorisch und nicht geeignet, dem Obergericht Willkür nachzuweisen. Im Übrigen prüft das Obergericht auch bei den Aussagen des Beschwerdegegners im Einzelnen sorgfältig, ob diese glaubhaft erscheinen, und stellt in wesentlichen Punkten nicht darauf ab (z.B. angefochtenes Urteil S. 18). Die Willkürrüge ist insofern unbegründet. 3.2 Die Beschwerdeführerin wirft dem Obergericht sodann Willkür bei der Beurteilung der Glaubwürdigkeit des Zeugen A.________ vor (Beschwerde S. 9). Das Obergericht erwägt zur Glaubwürdigkeit dieses Zeugen, er habe zwar die wichtigsten Elemente der tätlichen Auseinandersetzung zwischen den Parteien erwähnt, die Chronologie der verschiedenen Teile des Vorfalls jedoch derart durcheinander gebracht, dass an der Authentizität seiner Angaben stark gezweifelt werden müsse. Es könne nicht mit Sicherheit angenommen werden, dass er die Geschehnisse wirklich im Detail mit eigenen Augen habe verfolgen können. Das Obergericht erachtet deshalb die Aussagen des Zeugen als unbrauchbar und verweist dabei auch auf die Ausführungen der ersten Instanz (angefochtenes Urteil S. 15). Diese hat unter anderem festgehalten, dass der Zeuge nach eigenen Aussagen aufgrund der hohen Hecke und der Milchglaswand nicht alles habe genau beobachten können (erstinstanzliches Urteil S. 16). Das Obergericht hält fest, der Zeuge habe die wichtigsten Elemente der in Frage stehenden Vorgänge erwähnt. Die Behauptung der Beschwerdeführerin, das Obergericht habe die zahlreichen Übereinstimmungen seiner Aussagen mit jenen der Beschwerdeführerin ausser Acht gelassen, ist demnach unzutreffend. Der Zeuge hat seine ungenauen Aussagen selber damit erklärt, dass zwischen ihm und dem Tatgeschehen eine hohe Hecke und eine Milchglasscheibe gestanden hätten. Die Zweifel des Obergerichts an der Authentizität der Aussagen sind somit nicht unbegründet. Wenn es aus diesem Grund weder auf den schriftlichen Bericht des Zeugen noch auf seine Aussagen abstellte, ist dies haltbar. Die Zweifel an der Richtigkeit der Aussagen dieses Zeugen beruhen nicht allein auf den darin enthaltenen Widersprüchen, sondern insbesondere auch auf den Umständen des bezeugten Ereignisses. Die vorgebrachte Erklärung für die Widersprüche (mangelndes Erinnerungsvermögen) ist somit nicht geeignet, die Ausscheidung dieser Zeugenaussagen als willkürlich erscheinen zu lassen. 3.3 Als willkürlich rügt die Beschwerdeführerin ferner die Aufteilung des Sachverhaltes in zwei Phasen (Beschwerde S. 10 f.). 3.3.1 Das Obergericht führt dazu aus, die Erstinstanz habe das Geschehen zu Recht in zwei Phasen unterteilt: In der ersten Phase habe sich der Beschwerdegegner gewaltsam Zutritt zum Wasserhahn verschafft, um seinen Gartenschlauch abzumontieren. Darauf sei die Beschwerdeführerin in die Küche gegangen, um den Pfefferspray zu holen. Anschliessend habe sie begonnen, den Beschwerdegegner anzusprühen, worauf sich dieser wiederum gewalttätig zur Wehr gesetzt hat. Es habe zwischen den beiden Sequenzen einen klar erkennbaren Unterbruch gegeben (angefochtenes Urteil S. 14). 3.3.2 Dass die kantonalen Instanzen die Unterteilung in zwei Phasen allein deshalb vornehmen, weil sie davon ausgehen, der Gang in die Küche habe längere Zeit in Anspruch genommen, ist eine durch nichts belegte Behauptung. Die Unterteilung kann durchaus auch aufgrund anderer sachlicher Kriterien erfolgt sein, beispielsweise unter Berücksichtigung der An- bzw. Abwesenheit der Streitparteien am Ort der Auseinandersetzung oder des Andauerns der Gefährdung von Rechtsgütern. Mit ihren Ausführungen darüber, wie schnell sich der Gang in die Küche abgespielt haben soll, vermag die Beschwerdeführerin demnach Willkür nicht darzutun. 3.4 Als offenkundig unrichtig bezeichnet die Beschwerdeführerin sodann die Feststellung, sie habe dem Beschwerdegegner im Wege gestanden, als er den Schlauch vom Wasserhahn habe abmontieren wollen. Sie sei vielmehr mit dem Zeugen A.________ am Diskutieren gewesen, als der Beschwerdegegner aufgetaucht sei. Das Diskutieren mit einem Nachbarn schliesst ein im-Weg-Stehen nicht aus. Dieser Einwand ist appellatorisch. 3.5 Die Beschwerdeführerin rügt ferner, bei der Würdigung der von ihr erlittenen körperlichen Beeinträchtigungen sowie der Beschädigung ihrer Brille habe das Obergericht die Maxime "in dubio pro reo" in willkürlicher Weise zu Gunsten des Beschwerdegegners angewendet (Beschwerde S. 12 ff.). 3.5.1 Zu den Handgreiflichkeiten des Beschwerdegegners in der Phase 1 führt das Obergericht aus, dieser habe nicht bestritten, die Beschwerdeführerin mit sanfter Gewalt an den Oberarmen zur Seite gestellt zu haben. Er habe zugegeben, sie ins Gesicht geschlagen bzw. mit der offenen Hand, evtl. mit dem Knöchel am Kinn getroffen zu haben. Die Schilderung der Beschwerdeführerin in der Hauptverhandlung, sie habe einen Kinnhaken erwischt, sei hingegen übertrieben; dagegen spreche die Lage der fotografisch dokumentierten Verletzung. Von Faustschlägen gegen den Kopf und den Oberkörper könne in Anwendung der Maxime "in dubio pro reo" nicht ausgegangen werden. Ausser der Schwellung am Kinn seien am Kopf keine weiteren Verletzungen fotografisch festgehalten. Die zwei Hämatome am Oberkörper könnten auch von den Handgreiflichkeiten in der zweiten Phase herrühren (Urteil des Obergerichts S. 17 f.) und dürften dem Beschwerdegegner in der ersten Phase deshalb nicht angelastet werden. Bezüglich der zweiten Phase trifft das Obergericht folgende Feststellungen: Der Beschwerdegegner habe sich mit einem Ende des Gartenschlauchs zur Wehr gesetzt, wobei die Intensität der Schläge sicher nicht nur in einem Antippen bestanden habe. Vielmehr habe die Beschwerdeführerin mehrere - allerdings nicht überaus gravierende und am Folgetag kaum mehr sichtbare - Striemen auf dem Rücken davongetragen. Ob neben dem Rücken noch weitere Körperstellen der Beschwerdeführerin getroffen worden seien, müsse gemäss dem Grundsatz "in dubio pro reo" offen bleiben. 3.5.2 Die Beschwerdeführerin vermag nicht darzulegen, weshalb die Verletzung an ihrer Kinnbacke zwingend durch einen Faustschlag und nicht allenfalls auch durch einen Schlag mit dem Knöchel verursacht worden sei. Anders als sie glauben machen will, geht das Obergericht im Übrigen nicht davon aus, es habe sich nur um einen leichten Schlag gehandelt. 3.5.3 Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, die Verletzungen auf ihrem Rücken seien auf die Schläge mit dem Schlauch zurückzuführen, besteht Übereinstimmung mit dem Obergericht. 3.5.4 Bezüglich der beiden Hämatome am vorderen Oberkörper beruft sich die Beschwerdeführerin auf ein Arztzeugnis, wonach die Verletzungen durch Faustschläge und Schläge mit dem Schlauch verursacht worden sein könnten. Das Arztzeugnis steht nicht im Widerspruch zu den Ausführungen des Obergerichts, welches eine Verursachung der Hämatome durch die Schläge mit dem Schlauchende für möglich hält. Dass die erwähnten Hämatome nur durch Faustschläge und damit nur in der ersten Phase der Auseinandersetzung verursacht worden sein könnten, ist dem Arztzeugnis nicht zu entnehmen. 3.5.5 Bei der Beurteilung der Tathandlungen in der Phase 2 führt das Obergericht aus, zwar habe es offen gelassen, ob neben den Striemen auf dem Rücken weitere Verletzungen auf die Schläge mit dem Gartenschlauch zurückzuführen seien. So oder anders sei jedoch der Tatbestand der einfachen Körperverletzung erfüllt (Urteil des Obergerichts S. 24). Für die rechtliche Qualifikation der Tathandlungen des Beschwerdegegners ist demnach nicht massgeblich, ob er der Beschwerdeführerin nur einen Teil der Verletzungen oder alle beigebracht hat. Die Beschwerdeführerin erhebt gegen diese Erwägung des Obergerichts in ihrer Nichtigkeitsbeschwerde keine Einwände. Willkür ist deshalb zumindest im Ergebnis zu verneinen. 3.5.6 Mit dem Loch in der Brille der Beschwerdeführerin haben sich die kantonalen Instanzen eingehend auseinander gesetzt: Nach Darstellung der Beschwerdeführerin hat der Beschwerdegegner ihr mit dem Schlauch ins Gesicht geschlagen, worauf die daran befestigte Metallkuppelung das eine Brillenglas zerstört habe. Der Beschwerdegegner bestreitet dies. Die Brille sei lediglich durch die Handgreiflichkeiten etwas hinuntergerutscht. Der Optiker der Beschwerdeführerin sagte aus, er habe noch nie ein Brillenglas aus Kunststoff mit einem Loch in der Mitte gesehen. Bei Gewalteinwirkung sei normalerweise eine Bruchstelle die Folge. Dazu brauche es aber eine harte Unterlage und einen Schlag mit einem Hammer. Ein Versuch in der erstinstanzlichen Hauptverhandlung hat ergeben, dass mehrmalige und massive Gewalteinwirkung und zudem eine harte Unterlage nötig sind, damit das Kunststoffglas zerspringt. Aufgrund dieser Erhebungen schliessen die kantonalen Instanzen eine Zerstörung des Brillenglases in der von der Beschwerdeführerin behaupteten Weise aus, da eine solche wesentlich stärkere Spuren in ihrem Gesicht hätte hinterlassen müssen als die festgestellten Verletzungen (Urteil des Obergerichts S. 19 f.; erstinstanzliches Urteil S. 19 act. 163). Was die Beschwerdeführerin gegen diese Würdigung der Beweise vorbringt, ist rein appellatorisch und ausserdem aktenmässig nicht belegt. Darauf ist nicht einzutreten. 3.6 Im Zusammenhang mit der ihr vorgeworfenen Körperverletzung zum Nachteil des Beschwerdegegners macht die Beschwerdeführerin schliesslich geltend, die kantonalen Instanzen hätten bei der Beweiswürdigung die Maxime "in dubio pro reo" missachtet (Beschwerde S. 15 f.). 3.6.1 Das Obergericht führt aus, die Beschwerdeführerin habe in der Küche einen Pfefferspray geholt, sei wieder in den Garten gegangen und habe aus einer Distanz von 1 m auf den Beschwerdegegner gesprayt. Bei einer solchen Distanz könne das Ziel nicht verfehlt werden. Von einem ungezielten Einsatz könne deshalb keine Rede sein (angefochtenes Urteil S. 18). Das Obergericht knüpft mit seiner Würdigung an die von der Beschwerdeführerin angegebene Distanz an. Das Vorbringen, es gebe keinen Anhaltspunkt für einen gezielten Einsatz des Sprays, stösst damit ins Leere. Wäre die Beschwerdeführerin im Übrigen so verängstigt und benommen gewesen, wie sie in der Beschwerde glauben machen will, so wäre sie wohl im Haus geblieben. 3.6.2 Zur Schwere der körperlichen Beeinträchtigung des Beschwerdegegners erwägt das Obergericht, gemäss seinen eigenen Angaben sei er auf dem linken Auge vorübergehend vollkommen blind gewesen und das rechte Auge habe gebrannt. Am Anfang habe er dann verschwommen gesehen und es habe geschmerzt. Das Auge sei immer schlimmer geworden. Als der Arzt ihn (etwa vierzig Tage nach dem Tatzeitpunkt) ins Inselspital eingewiesen habe, habe er bereits nicht mehr viel vom Vorfall gespürt. Diese Angaben wertete das Obergericht als glaubhaft, da Einsätze von Pfefferspray erwünschterweise genau diese Wirkung erzielten. Die bei den ärztlichen Untersuchungen diagnostizierten Rötungen, Schwellungen und die ausgeprägte Konjunktivitis seien am ehesten auf die Pfeffersprayattacke zurückzuführen (Urteil des Obergerichts S. 23 f.). Die tatsächlichen Vorbringen der Beschwerdeführerin darüber, was der Beschwerdegegner ihr in der Zeit nach der fraglichen Auseinandersetzung noch alles angetan haben soll (Beschwerde S. 16), finden weder im angefochtenen Urteil noch in den übrigen Akten eine Grundlage. Ein sachlicher Zusammenhang zur vorliegenden Frage ist im Übrigen nicht ersichtlich. Darauf ist nicht einzutreten. Entgegen dem Einwand der Beschwerdeführerin basiert die obergerichtliche Beweiswürdigung nicht auf Vermutungen. Das Obergericht trifft seine Feststellungen vielmehr gestützt auf die Aussagen des Beschwerdegegners. Es überprüft deren Glaubhaftigkeit, indem es sie mit den notorischen Wirkungen des Pfeffersprays vergleicht und mit den Befunden, die in den zwei ärztlichen Berichten enthalten sind. Der Einwand, die Befunde könnten allenfalls auch auf andere Ursachen wie etwa Pollen, Staub, Kosmetik, Viren oder Bakterien zurückgeführt werden, ist rein appellatorisch, fehlt doch vorliegend jeglicher Anhaltspunkt für das Vorhandensein einer weiteren Ursache. Worin der behauptete krasse Widerspruch mit der Aktenlage bestehen soll, ist nicht dargetan. Insgesamt sind die Vorbringen der Beschwerdeführerin zur Beweiswürdigung nicht geeignet, erhebliche bzw. schlechterdings nicht zu unterdrückende Zweifel an der Augenverletzung des Beschwerdegegners und ihrer Verursachung durch die Pfeffersprayattacke zu wecken. 3.7 Soweit auf die Rügen in der staatsrechtlichen Beschwerde einzutreten ist, sind sie alle abzuweisen.