Citation: 6B_1118/2022 E. 1.2.3

1.2.3. Hinsichtlich der Depositionen der Beschwerdegegnerin 2 sei zunächst von Bedeutung, dass ihr die Gutachterinnen eine allgemeine Aussagetüchtigkeit attestiert und eine globale anterograde oder dissoziative Amnesie überzeugend ausgeschlossen hätten. Die Aussagen der Beschwerdegegnerin 2 zum Kerngeschehen seien über sämtliche Befragungen und den Zeitraum eines dreiviertel Jahres im Wesentlichen gleich geblieben. Insbesondere habe sie konstant von der Anfangssituation mit dem "Masseur" (dem Beschwerdeführer) berichtet, dessen Einsatz körperlicher Gewalt gegen ihren ausdrücklich geäusserten Willen, ihren erfolglosen Versuch, sich gegen das Ausziehen der Pyjamahose zu wehren und den nachfolgenden Geschlechtsverkehr von vorne und hinten durch zwei Täter, während sich insgesamt vier Personen in ihrer Wohnung aufgehalten hätten. Ebenfalls gleichbleibend habe die Beschwerdegegnerin 2 geschildert, dass sie sich wie eine Puppe gefühlt habe, wie versteinert gewesen sei, die Sexualkontakte nicht gewollt und dabei Schmerzen gehabt habe sowie dass die Männer nie gefragt hätten, ob sie etwas dürften, sondern einfach gemacht hätten. Ferner enthielten ihre Darstellungen bis zur berichteten Ejakulation des "Masseurs" keinerlei Brüche, sondern erschienen im Gegenteil überaus detailliert und stimmig. Entgegen dem Einwand des Beschwerdeführers habe sie gerade die mit ihm erfolgten Interaktionen besonders detailreich und lebensecht geschildert, etwa das Kneten ihrer Brust durch das Pyjamaoberteil, wobei sie gemeint habe, er breche ihr die Knochen, oder dass sich der Beschwerdeführer selbst befriedigt habe ("der Typ, der als erstes bei ihr gewesen sei") und gerade, als sie sich herunter gebeugt habe, um die Hose zu greifen, in ihr Gesicht, auf ihre Haare sowie auf die Bettwäsche ejakuliert habe. Entgegen dem Einwand des Beschwerdeführers habe die Geschädigte zudem Angaben zum Kerngeschehen gemacht, welche die Gutachterinnen einer Aussagenanalyse hätten unterziehen können, etwa zum gegen ihren Willen und unter Einsatz überlegener Körperkraft des Beschwerdeführers erfolgten ins Schlafzimmer-Stossen, zum anschliessenden auf das Bett-Werfen sowie zum Ausziehen der Pyjamahose gegen ihren erfolglosen Versuch, diese mit beiden Händen festzuhalten. Eine gewisse Ausdünnung der Ausführungen und Vermengung von Handlungsabschnitten sei erst nach Hinzukommen der Mitbeschuldigten erkennbar. Dies sei gemäss Expertinnen mit den kognitiven Einschränkungen der Beschwerdegegnerin 2 in Verbindung mit Erschwernissen auf der Wahrnehmungsebene (Müdigkeit, Stresserleben, mögliche situative dissoziative Zustände) erklärbar, stelle aber den Erlebnisbezug nicht in Frage. Indessen sei der Versuch eines analen Eindringens durch den Beschwerdeführer vor diesem Hintergrund im Zweifel nicht erstellt. Nach überzeugender Einschätzung der Expertinnen sei es ausgesprochen unwahrscheinlich, dass die Beschwerdegegnerin 2 mit ihren intellektuellen Einschränkungen in der Lage gewesen wäre, eine derart komplexe, ineinander übergehende und mit Details versehene Geschichte über mehrere Monate bzw. Jahre hinweg im Kerngeschehen gleichbleibend vorzutragen, wenn sie nicht auf einen realen Erlebnishintergrund hätte zurückgreifen können. Angesichts dessen sei ihre über weite Strecken unstrukturierte und sprunghafte Erzählweise gerade ein besonders aussagekräftiges Merkmal für den Erlebnisbezug der Depositionen. Als deliktsspezifisches Element hervorgehoben hätten die Gutachterinnen die für gruppendynamische Prozesse kennzeichnende Einzelheit, wonach ein Beschuldigter (E.________) direkt nach dem Akt des ersten (D.________) gesagt habe, er könne es besser, er habe den andern "übertrumpfen" wollen. Die Beschwerdegegnerin 2 habe sodann keinerlei Belastungseifer gezeigt und sogar selbstkritisches Verhalten geäussert. Weder in der Entstehungsgeschichte der Erstaussage noch in der Biografie der Beschwerdegegnerin 2 bestünden Anhaltspunkte für bewusste oder unbewusste Falschaussagen. Gleiches gelte für eine mögliche Beeinflussung des Erinnerungsvermögens bzw. des Aussageverhaltens durch autosuggestive Prozesse oder fremdsuggestive Einwirkungen Dritter etwa naher Bezugspersonen. Namentlich fänden sich in den Schilderungen keine Zusammenhänge mit den Missbrauchserfahrungen der Beschwerdegegnerin 2 in der Kindheit oder dem eingestellten Strafverfahren im Kanton Graubünden aus dem Jahr 1999. Zu letzterem bestünden, entgegen den Insinuierungen der Beschuldigten, gerade keine auffälligen Ähnlichkeiten, die auf eine Verfälschung oder Vermischung der Erinnerungen hindeuten würden. Auch lasse die damalige Verfahrenseinstellung keine Rückschlüsse auf die Glaubhaftigkeit der Beschwerdegegnerin 2 im vorliegenden Verfahren zu. Zusammenfassend sei, so die Vorinstanz, die Nullhypothese zu verwerfen und von tatsächlich Erlebtem auszugehen. Die Beschuldigten hätten dies nicht ansatzweise zu widerlegen vermocht. Dementsprechend sei grundsätzlich auf die Angaben der Beschwerdegegnerin 2 abzustellen, wonach verschiedene sexuelle Handlungen nicht einvernehmlicher Art erfolgt seien. Dies werde nicht zuletzt durch die Einlassungen der Bezugspersonen bestätigt. Diese hätten die Beschwerdegegnerin 2 nach der Tat als kaputt, emotional aufgeregt und aufgelöst beschrieben. Die Ereignisse hätten sie aus der Bahn geworfen, zwei Wochen nach der Tat habe sie einen Zusammenbruch erlitten.