Citation: 5A_467/2023 E. 4.3.3

4.3.3. Die eventualiter vorgetragenen Gründe, weshalb die Berufungsbegründung sehr wohl erkennen lasse, was über die ersten drei Phasen hinaus geltend gemacht wurde, münden in den Vorwurf des überspitzten Formalismus. Art. 29 Abs. 1 BV garantiert vor Gerichts- und Verwaltungsinstanzen ein faires Verfahren (BGE 131 I 272 E. 3.2.1). Ausgangspunkt ist der Grundsatz, dass sich die Berufungsinstanz nicht dem Vorwurf der formellen Rechtsverweigerung aussetzt, wenn sie in der Berufungseingabe bestimmte und im Falle von Geldforderungen bezifferte Begehren verlangt (BGE 137 III 617 E. 6.1). Das Verbot des überspitzten Formalismus, das sich aus Art. 29 Abs. 1 BV ergibt, weist einen engen Bezug zum Grundsatz von Treu und Glauben (Art. 5 Abs. 3 BV) auf (Urteil 1C_236/2014 vom 4. Dezember 2014 E. 3.5) : Prozesserklärungen dürfen nicht buchstabengetreu ausgelegt werden, ohne zu fragen, welcher Sinn ihnen vernünftigerweise beizumessen sei (BGE 113 Ia 94 E. 2). Wie alle Prozesshandlungen sind daher auch Rechtsbegehren nach Treu und Glauben auszulegen (vgl. BGE 105 II 149 E. 2a mit Hinweisen), insbesondere im Lichte der dazu gegebenen Begründung. Dies gilt auch unter der Herrschaft der Schweizerischen Zivilprozessordnung in Bezug auf die Berufungsanträge (s. Urteil 5A_474/2013 vom 10. Dezember 2013 E. 6.2.3). Tritt das Berufungsgericht auf eine Berufung mit formell mangelhaften Rechtsbegehren nicht ein, obwohl sich aus der Begründung, allenfalls in Verbindung mit dem angefochtenen Entscheid, mit hinreichender Deutlichkeit ergibt, was der Berufungskläger verlangt oder - im Falle zu beziffernder Rechtsbegehren - welchen Geldbetrag er fordert, so läuft es Gefahr, gegen das beschriebene Verbot des überspitzten Formalismus zu verstossen (BGE 137 III 617 E. 6.2-6.3; ausführlich zum überspitzten Formalismus als besondere Form der Rechtsverweigerung vgl. BGE 135 I 6 E. 2.1 mit Hinweisen; s. auch BGE 134 II 244 E. 2.4.2; 125 I 166 E. 3a).