Citation: 8C_498/2007 28.12.2007 E. 4

4.1 Beim Unfall vom 11. März 2002 handelte es sich um eine frontal-seitliche Kollision mit einem entgegenkommenden auf die Gegenfahrbahn geratenen Personenwagen. Dabei hat die Beschwerdeführerin kein eigentliches Schleudertrauma (Peitschenhiebverletzung, Whiplash-injury), jedoch eine Distorsion der HWS aufgrund eines Inklinations-Mechanismus (Bericht Prof. Dr. med. M.________ vom 14. Mai 2002) erlitten. Innerhalb der für die Unfallkausalität geltenden Latenzzeit von 24 bis höchstens 72 Stunden (RKUV 2000 Nr. U 359 S. 29 [U 264/97], 2000 Nr. U 391 S. 307 [U 328/99]) sind Nacken- und Kopfschmerzen aufgetreten, später auch Schwindel und Schlafstörungen sowie eine depressive Entwicklung (Berichte Prof. Dr. med. M.________ vom 17. Januar 2003 und Dr. med. R.________ vom 11. Februar 2003). Es lag damit zumindest teilweise das Beschwerdebild vor, wie es für Schleudertraumen und schleudertraumaähnliche Verletzungen der HWS typisch ist (vgl. BGE 117 V 359 E. 4b S. 360). Die Beschwerdeführerin hat allerdings schon vor dem Unfall an rezidivierenden Zervikalgien gelitten und war im Jahr 1999 auch psychotherapeutisch behandelt worden. Die behandelnden und untersuchenden Ärzte haben eine teilweise Unfallkausalität der geklagten Beschwerden indessen bejaht (Berichte Prof. Dr. med. M.________ vom 14. Mai 2002 und 17. Januar 2003 und Dr. med. I.________ vom 31. März 2003). Einen Unfallzusammenhang haben auch die Ärzte des ZMB angenommen, welche im Gutachten vom 16. November 2004 zum Schluss gelangten, dass die geklagten Beschwerden noch zu einem Anteil von 25 % auf den Unfall zurückzuführen seien. Dem von der Invalidenversicherung eingeholten Gutachten des ABI vom 24. Mai 2006 lassen sich keine näheren Angaben zur Unfallkausalität der geklagten Beschwerden entnehmen. Es geht daraus jedoch hervor, dass hinsichtlich der zervikozephalen Beschwerden und der psychischen Beeinträchtigungen nur noch geringe Befunde erhoben werden konnten, was zu einer reduzierten Schätzung der Arbeitsunfähigkeit Anlass gab. Ob und gegebenenfalls inwieweit unter diesen Umständen im Zeitpunkt der Leistungseinstellung noch Beschwerden vorhanden waren, welche in einem natürlichen Kausalzusammenhang mit dem versicherten Unfall standen, ist fraglich, kann indessen offen bleiben, wie sich aus dem Folgenden ergibt. 4.2 Für die geltend gemachten Beschwerden liessen sich keine nachweisbaren organischen Unfallfolgen feststellen. Die bildgebenden Untersuchungen (Röntgen; MRT) zeigten weitgehend unauffällige Befunde ohne Hinweise auf posttraumatische Veränderungen. Weitgehend unauffällig war auch der neurologische Befund. Die Beweglichkeit der HWS war praktisch uneingeschränkt. Das diagnostizierte zervikozephale und zervikobrachiale Schmerzsyndrom stellt für sich allein keine objektiv nachweisbare organische Unfallfolge dar. Eine solche kann auch in der von Prof. Dr. med. S.________ im Bericht vom 11. November 2004 erwähnten traumatischen Schädigung des Labyrinthes und des festgestellten postkontusionellen Nystagmus nicht erblickt werden. Die Diagnosen beruhen auf der Annahme eines beim Unfall erlittenen Kopfanpralls. Ein solcher hat nach den Angaben der Versicherten gegenüber Prof. Dr. med. M.________ (Bericht vom 14. Mai 2002) und den Ärzten des ZMB (Gutachten vom 16. November 2004) jedoch nicht stattgefunden. Prof. Dr. med. M.________ erklärte sich in einem Bericht vom 8. Dezember 2004 denn auch erstaunt über die erhobenen Diagnosen, nachdem die Versicherte nie eine Contusio cerebri erlitten habe. Zur Annahme einer entsprechenden organischen Unfallfolge besteht umso weniger Anlass, als anlässlich der Begutachtung im ZMB kein pathologischer Nystagmus festgestellt werden konnte und laut Gutachten des ABI die Dysthymie mit somatoformen Begleiterscheinungen verbunden ist, wozu auch die geklagten Schwindelgefühle und der neu aufgetretene linksseitige Tinnitus gerechnet werden können. Da keine organischen Unfallfolgen nachgewiesen sind, hat eine spezifische Adäquanzprüfung zu erfolgen. Entgegen den Ausführungen der Beschwerdeführerin war die mehr als vier Jahre nach dem Unfall durchgeführte Adäquanzprüfung nicht verfrüht, weil der normale, unfallbedingte Heilungsprozess im Mai 2005 längst abgeschlossen war (Urteil des Eidg. Versicherungsgerichts U 246/03 vom 11. Februar 2004, zusammengefasst in: HAVE 2004 S. 119). 4.3 Den medizinischen Akten ist zu entnehmen, dass die somatischen Beschwerden nicht von besonderer Schwere waren und sich zunächst deutlich gebessert haben (Bericht Prof. Dr. med. M.________ vom 14. Mai 2002). Die anfangs Oktober eingetretene Verschlechterung (Bericht Dr. med. R.________ vom 11. November 2002) konnte nicht objektiviert werden und führten Prof. Dr. med. M.________ anlässlich einer Kontrolluntersuchung vom 17. Januar 2003 zur Verdachtsdiagnose einer posttraumatischen depressiven Entwicklung im Rahmen einer Verarbeitungsproblematik. Ab dem 28. Februar 2003 wurde die Beschwerdeführerin von Dr. med. I.________ psychotherapeutisch behandelt, welcher eine Anpassungsstörung diagnostizierte. Die Gutachter des ZMB stellten eine Dysthymie (ICD-10 F34.1) mit Schmerzfehlverarbeitung und kognitiver Beeinträchtigung fest. Sie führt zu immer wieder auftretenden Verstimmungszuständen mit rascher Ermüdung, Erschöpfungszuständen, leichter Einschränkung der Konzentrationsfähigkeit und leicht verminderter Kraftentwicklung. Nach Meinung der Gutachter kann die Dysthymie "nur eher unwahrscheinlich" auf das Unfallereignis zurückgeführt werden. Die Gutachter des ABI bestätigen die Diagnose einer Dysthymie und schliessen auf eine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit von 30 %. Seitens des Zervikalsyndroms wird bei einer angepassten leichten Tätigkeit eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit angenommen. Bei dieser Aktenlage ist fraglich, ob im Zeitpunkt der Leistungseinstellung überhaupt noch relevante unfallkausale Beeinträchtigungen bestanden haben und ob gegebenenfalls die zum typischen Beschwerdebild eines Schleudertraumas oder einer schleudertraumaähnlichen Verletzung der HWS gehörenden Beeinträchtigungen zwar teilweise gegeben waren, gegenüber der psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund getreten sind, sodass die Adäquanzprüfung nach den für psychische Unfallfolgen geltenden Regeln (BGE 115 V 133 ff.) zu erfolgen hätte (BGE 127 V 102 E. 5b/bb S. 103, 123 V 98 E. 2a S. 99). Auch diese Frage kann indessen offen bleiben, weil die Adäquanz selbst dann zu verneinen ist, wenn sie nach den für Schleudertraumen oder schleudertraumaähnlichen Verletzungen der HWS (BGE 117 V 359 ff.) geltenden Regeln beurteilt wird, wie nachstehend darzulegen ist.