Citation: I 549/04 19.10.2005 E. 5

5.1 Auch wenn eine psychische Erkrankung in Form einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung anzunehmen wäre, ergäbe sich daraus keine Leistungspflicht der Invalidenversicherung. Eine somatoforme Schmerzstörung vermag nur ausnahmsweise und unter besonderen Voraussetzungen eine rechtserhebliche Arbeitsunfähigkeit zu bewirken. Je stärker psychosoziale und soziokulturelle Faktoren im Vordergrund stehen und wesentlich das Beschwerdebild bestimmen, desto ausgeprägter müsste - zur Annahme einer Invalidität - eine fachärztlich ausgewiesene Störung mit Krankheitswert vorhanden sein. Wenn - wie im vorliegenden Fall - die Gutachter im Wesentlichen nur Befunde erheben, welche in den psychosozialen und soziokulturellen Umständen ihre hinreichende Erklärung finden, gleichsam in ihnen aufgehen, ist kein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden gegeben (vgl. BGE 127 V 299 Erw. 5a). Neben der (allfälligen) somatoformen Schmerzstörung liegt hier kein selbstständiges psychisches Leiden im Sinne einer psychischen Komorbidität vor. Die körperlichen Begleiterkrankungen bewirken weder Einschränkungen des funktionellen Leistungsvermögens noch verursachen sie eine (bedeutsame) psychische Belastungssituation. Aus den Angaben der Versicherten ergeben sich keine Anhaltspunkte für einen sozialen Rückzug oder für die Annahme eines primären oder sekundären Krankheitsgewinns, wobei Letzterer ohnehin nicht beachtlich wäre. Die bisher durchgeführten Therapieversuche blieben bis anhin zwar erfolglos, dazu ist aber anzumerken, dass die Versicherte keinen Anlass zu einer psychiatrischen Behandlung sah; im Rahmen der Abklärung im Zentrum für Arbeitsmedizin Q.________ GmbH zeigte sich, dass vor allem wegen einer ausgeprägten Selbstlimitierung und ungenügender Leistungsbereitschaft eine Abklärung des Leistungspotenzials nicht möglich war. Die Schmerzen der Versicherten beeinträchtigen zwar deren Leistungsvermögen im Arbeitsbereich, behindern sie aber - soweit aus den Akten erkennbar - in anderen Lebensbereichen nicht in schwerwiegender Weise. 5.2 Weil aufgrund der Beurteilungskriterien, welche die Rechtsprechung für die Frage der zumutbaren Willensanspannung bei einem Schmerzsyndrom entwickelt hat (vorne Erw. 3.3), im vorliegenden Fall davon auszugehen ist, dass der Versicherten eine vollumfängliche Arbeitsleistung zuzumuten ist, erübrigen sich weitere oder ergänzende psychiatrische Abklärungen. Soweit in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde gerügt wird, Dr. med. H.________ habe die zentrale Frage, ob die Versicherte über psychische Ressourcen verfüge, welche es ihr erlaubten, mit ihren Schmerzen umzugehen, nicht beantwortet, ist einerseits festzuhalten, dass der Psychiater jegliche psychische oder psychosomatische Störung verneint und damit implizit - aber auch explizit - die Zumutbarkeit der Überwindung des Schmerzsyndroms bejaht. Anderseits ist zu beachten, dass selbst wenn der Gutachter diese Frage verneinen würde, wie dies im Übrigen im MEDAS-Gutachten und im Bericht des Zentrums für Arbeitsmedizin Q.________ GmbH teilweise geschieht, würde dies nicht zwangsläufig zur Leistungspflicht der Invalidenversicherung führen, vielmehr wäre auch dann anhand der von der Rechtsprechung entwickelten Beurteilungskriterien zu prüfen, ob in Beachtung der rechtlichen Vorgaben der somatoformen Schmerzstörung ausnahmsweise ein invalidisierender Charakter zuzuerkennen wäre. Weil dies aus den bereits genannten (rechtlichen) Gründen zu verneinen ist (oben Erw. 5.1), ist die Beantwortung dieser Frage durch den Gutachter nicht entscheidwesentlich. Auch die übrigen gegen die Schlüssigkeit des Gutachtens H.________ vorgebrachten Einwände sind zumindest solange nicht entscheidrelevant, als die zentrale Aussage bestehen bleibt, wonach die Versicherte - abgesehen von einer allfälligen Somatisierungsstörung - an keiner psychischen Krankheit leidet; an dieser Schlussfolgerung zu zweifeln, besteht aber mit Blick auf alle übrigen psychiatrischen Beurteilungen keine Veranlassung. 5.3 Nach dem Gesagten sprechen aus rechtlicher Sicht keine hinreichenden Gründe dafür, dass die psychischen Ressourcen es der relativ jungen Versicherten nicht erlaubten, trotz ihrer Schmerzen ihre bisherige Tätigkeit in vollem Umfange auszuüben. Soweit die Gutachter der MEDAS davon ausgehen, die Versicherte verfüge nicht über genügend Ressourcen, um eine vollzeitige Arbeitstätigkeit aufzunehmen, werden dafür krankheits- bzw. invaliditätsfremde Faktoren wie fehlende Integration und fehlende Sprachkenntnisse sowie fehlende Berufsbildung angeführt. Solche Gründe sind aber invalidenversicherungsrechtlich in der Regel nicht von Belang (vorne Erw. 4.5) und können auch bei der Zumutbarkeitsprüfung höchstens insofern Beachtung finden, als sie sich in den von der Rechtsprechung im Zusammenhang mit der Frage der zumutbaren Willensanspannung entwickelten Beurteilungskriterien niedergeschlagen haben (vgl. oben Erw. 3.3) - insbesondere wenn sie zu einer sozialen Desintegration geführt haben, was bei der Versicherten aber nicht der Fall ist. Unter diesen Umständen bleibt kein Raum für die rechtliche Anerkennung einer 50%igen Leistungseinbusse, weshalb der vorinstanzliche Entscheid auch unter der Prämisse der Bejahung einer somatoformen Schmerzstörung zu bestätigen ist. 5.4 Mangels einer invalidenversicherungsrechtlich relevanten Einschränkung der Arbeitsfähigkeit besteht weder ein Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen noch ein solcher auf Rentenleistungen der Invalidenversicherung.