Citation: 1B_211/2022 E. 3.1

3.1. Der vorzeitige Sanktionsvollzug wird in Artikel 236 StPO geregelt, im 3. Kapitel des Gesetzes ("Freiheitsentzug, Untersuchungs- und Sicherheitshaft"), unter dem 7. Abschnitt: "Vollzug der Untersuchungs- und Sicherheitshaft". Es handelt es sich um eine strafprozessuale Zwangsmassnahme an der Schwelle zwischen Strafverfolgung und Sanktionsvollzug, welche strafprozessuale Haftgründe (im Sinne von Art. 221 StPO) voraussetzt. Zudem muss auch die Dauer des vorzeitigen Sanktionsvollzuges verhältnismässig sein (BGE 143 I 241 E. 3.2-3.5; 143 IV 160 E. 2.1; je mit Hinweisen). Für Gesuche um Entlassung aus dem vorzeitigen Sanktionsvollzug sind die für strafprozessuale Haftentlassungsgesuche geltenden Verfahrensvorschriften (Art. 228-233 StPO) massgeblich (vgl. BGE 143 IV 160 E. 2.3). Der vorzeitige Sanktionsvollzug stellt eine spezielle Vollzugsform der strafprozessualen Haft (Art. 220 StPO) dar (vgl. Marc Forster, Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2014, Art. 220 N. 5; Frei/Zuberbühler Elsässer, Zürcher Kommentar StPO, 3. Aufl. 2020, Art. 236 N. 4; Matthias Härri, Basler Kommentar StPO, a.a.O., Art. 236 N. 1-2 Baptiste Viredaz, Code de procédure pénale suisse, Commentaire Romand, 2. Aufl., Basel 2019, Art. 236 N. 3). Im vorzeitigen Strafvollzug untersteht die beschuldigte Person dem allgemeinen Strafvollzugsregime denn auch nur insoweit, als der Zweck der Untersuchungs- oder der Sicherheitshaft dem nicht entgegensteht (Art. 236 Abs. 4 StPO). Damit vorzeitiger Sanktionsvollzug die gesetzlichen Zwecke der Untersuchungs- und Sicherheitshaft (vgl. Art. 221 und Art. 234 f. StPO) ebenfalls erfüllt und insbesondere Flucht- oder Wiederholungsgefahr verhindern kann (Art. 221 Abs. 1 lit. a und lit. c StPO), ist er grundsätzlich in einer stationären Einrichtung durchzuführen (vgl. Härri, a.a.O., Art. 236 N. 17). Dies gilt besonders bei aktueller Fluchtgefahr (Frei/Zuberbühler Elsässer, a.a.O., Art. 236 N. 9). Die vom Beschuldigten beantragte Entlassung aus dem stationären vorzeitigen Vollzug und Einweisung in eine offene Vollzugseinrichtung ist folglich als Begehren um Anordnung einer Ersatzmassnahme für strafprozessuale Haft (Art. 237 StPO) zu behandeln (s.a. zit. Urteil 1B_636/2021 E. 4.3). Entgegen einer etwas extensiven Formulierung in der Beschwerdeschrift stellt nicht jeder "vorzeitige Strafvollzug" (Art. 236 StPO) automatisch eine "Ersatzmassnahme" im Sinne von Art. 237 StPO dar. Beim vorzeitigen Sanktionsvollzug in einer geschlossenen Einrichtung, der die Regel bildet, handelt es sich nach übereinstimmender Lehre und Praxis vielmehr um eine Form der strafprozessualen Haft zur Sicherung der gesetzlichen Haftzwecke (Art. 221 und Art. 234 f. StPO).