Citation: 1B_411/2020 E. 3.5

3.5. Die Strafuntersuchung gegen den Beschwerdeführer ist zwar noch nicht abgeschlossen, befindet sich jedoch nach den vorinstanzlichen Feststellungen in einem fortgeschrittenen Stadium. Dies erfordert eine zurückhaltende Beurteilung der Kollusionsgefahr. Hinzu kommt, dass das Kerngeschehen, das heisst die Auseinandersetzung von der Ankunft bis zur Abfahrt des Beschwerdeführers, auf einer Videoaufnahme festgehalten ist. Sämtliche Aussagen, die diesen Zeitabschnitt betreffen, werden sich auf ihre Übereinstimmung mit der Aufnahme prüfen lassen. Wie das Obergericht allerdings zu Recht ausführt, ist bei der strafrechtlichen Beurteilung auch der Kontext zu berücksichtigen. Diesbezüglich ist zwar zutreffend, dass der Beschwerdeführer bei der vorangehenden Streitigkeit im Clubinnern nicht anwesend war. Bedeutsam ist dieser Zeitabschnitt jedoch insofern, als umstritten ist, was der Beschwerdeführer und sein Bruder am Telefon zueinander sagten. Gemäss der Darstellung des Beschwerdeführers soll er aufgrund des Hilferufs seines Bruders Anlass gehabt haben, um dessen Leben zu fürchten, während der Zeuge H.________ die Sache in deutlich weniger dramatischen Worten schilderte und insbesondere aussagte, F. B.________ habe den Beschwerdeführer gebeten zu kommen, er wolle sich nicht wegen dessen Geldes bzw. Problemen schlagen. Für die Beurteilung einer (rechtfertigenden oder entschuldbaren) Notwehr (Art. 15 f. StGB) und für die Strafzumessung (Art. 47 f. StGB) kann es eine entscheidende Bedeutung haben, welcher Aussage das Gericht mehr Glauben schenkt. Es handelt sich in dieser Hinsicht um eine "Aussage gegen Aussage"-Situation, die eine erneute Befragung durch das Sachgericht als wahrscheinlich erscheinen lässt (vgl. Art. 343 Abs. 3 StPO und BGE 140 IV 196 E. 4.4.2 f. S. 199 f. mit Hinweisen). Daran ändert nichts, dass auch die Videoaufnahme Rückschlüsse darauf erlauben dürfte, wie der Beschwerdeführer die Situation im Moment seines Eintreffens einschätzte. Hinzu kommt, dass die beiden Männer, mit denen der Beschwerdeführer zum Tatort fuhr, bisher nicht ermittelt werden konnten und ihre Aussage zur Beurteilung des gegenüber dem Beschwerdeführer erhobenen Tatvorwurfs möglicherweise bedeutsam ist. Sie könnten Auskunft darüber geben, weshalb sie mit dem Beschwerdeführer, der sie gemäss seinen eigenen Angaben nicht einmal näher kannte, mitfuhren und ob sie von ihm irgendwelche Anweisungen erhielten. Insgesamt reicht somit entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers das Vorliegen einer Videoaufnahme nicht aus, um Kollusionsgefahr zu verneinen, vielmehr bestehen mehrere Gründe, diese zu bejahen. Hinzu kommt, dass der Vorwurf der mehrfachen versuchten schweren Körperverletzung bzw. versuchten Tötung schwer wiegt, was objektiv gesehen einen erheblichen Anreiz schafft, auf das Beweisergebnis Einfluss zu nehmen. Zudem offenbart das dem Beschwerdeführer vorgeworfene Vorgehen eine erhebliche Gewaltbereitschaft, was bei der Frage, ob er im Fall einer Freilassung versucht sein könnte, Zeugen und Auskunftspersonen einzuschüchtern oder auf andere Weise zu einem ihm günstigen Aussageverhalten zu bewegen, ebenfalls eine Rolle spielt. Der Umstand, dass die involvierten Personen, soweit sie bekannt sind, zum gleichen Kollegenkreis gehören, würde eine solche Manipulation jedenfalls erleichtern. Einen klaren Hinweis darauf gibt die Desinteresse-Erklärung der Geschädigten. Dem Obergericht ist in dieser Hinsicht darin zuzustimmen, dass nicht nachvollziehbar ist, weshalb die Geschädigten, die gemäss dem medizinischen Gutachter bei der Auseinandersetzung leicht hätten sterben können, nicht nur ihr Desinteresse an der Strafverfolgung erklärten, sondern darüber hinaus verharmlosend von "Tätlichkeiten" sprachen, die eine verständliche Reaktion der "Herren B.________" darstellten, da diese gereizt worden seien. Auffällig ist weiter die Schilderung des Geschehens durch den Zeugen J.________, die das Verhalten des Beschwerdeführers in ein überaus günstiges Licht stellt, aber mit der Videoaufnahme nicht vereinbar ist. Insgesamt überwiegen aus diesen Gründen die Aspekte, die für die Annahme von Kollusionsgefahr sprechen. Es ist zudem nicht erkennbar und wird vom Beschwerdeführer auch nicht geltend gemacht, mit welchen Ersatzmassnahmen diese gebannt werden könnte (Art. 237 ff. StPO). Die Rüge der Verletzung von Art. 221 Abs. 1 lit. b StPO erweist sich damit als unbegründet.