Citation: U 99/01 06.11.2002 E. 3

3.1 Eine Leistungspflicht des Unfallversicherers kann bei einem Schleudertrauma der HWS oder einer äquivalenten Verletzung wie etwa einer Distorsion der HWS unter Umständen auch ohne organisch nachweisbare Schädigung gegeben sein. Nach den Ergebnissen der medizinischen Forschung können bei solchen Verletzungen auch ohne klar ausgewiesene pathologische Befunde noch Jahre nach dem Unfall funktionelle Ausfälle verschiedenster Art auftreten (BGE 117 V 363 Erw. 5d/aa mit Hinweisen). Der Umstand, dass die nach einem Schleudertrauma häufig beobachteten und deshalb von der Rechtsprechung als typisch bezeichneten Beschwerden wie diffuse Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit, Visusstörungen, Reizbarkeit, Affektlabilität, Depression oder Wesensveränderung (BGE 117 V 360 Erw. 4b) in manchen Fällen mit den heute verwendeten bildgebenden Untersuchungsmethoden nicht objektivierbar sind, darf nicht dazu verleiten, sie als rein "subjektive" Beschwerden zu qualifizieren und damit deren Relevanz für die Unfallversicherung in Abrede zu stellen. Ob in solchen Fällen ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist - wie bereits erwähnt - eine Tatfrage, über welche die Verwaltung und im Beschwerdefall der Richter im Rahmen der Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht herrschenden Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden haben. Auch in diesem Bereich bedarf es somit für die Leistungspflicht gegenüber dem Unfallversicherer, dass die geklagten Beschwerden medizinisch einer fassbaren gesundheitlichen Beeinträchtigung zugeschrieben werden können und diese Gesundheitsschädigung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem versicherten Unfallereignis steht (BGE 119 V 340 Erw. 2b/bb). 3.2 Die Vorinstanz verneint dies unter Hinweis auf das Gutachten des Prof. Dr. med. Y.________. Dieser führte aus, die seit Herbst 1996 geltend gemachten Beschwerden könnten nicht eindeutig als Rezidiv des Unfallgeschehens vom 23. Mai 1994 aufgefasst werden. Gleichzeitig bejaht er indessen eine unfallbe-dingte Einschränkung in der Tätigkeit als Hausfrau im Umfang von 20 % und empfiehlt die Zusprechung einer Integritätsentschädigung entsprechend einem Integritätsschaden von 20 %. Dies muss jedoch in dem Sinne verstanden werden, dass die Schmerzen im Nacken- und Kopfbereich zwar zumindest teilweise als in einem natürlichen Kausalzusammenhang stehend anzusehen sind, aber eine wesentliche Einschränkung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit - jedenfalls aus somatischer Sicht - nicht zu begründen vermögen. Organische Befunde, welche eine Reaktion im bestehenden Ausmass zu rechtfertigen vermöchten, konnte der Gutachter nicht ausmachen. Als massgebend für die geklagten Beschwerden bezeichnete er vielmehr die bisher nicht gelungene psychologische Verarbeitung des Traumas. 3.3 Die festgestellten neuropsychologischen Defizite gehen zum Teil über das typische Muster von Befunden nach HWS-Distorsionstrauma hinaus (Gutachten Dr. med. X.________ vom 25. Februar 1997), insbesondere was die Minderleistungen im Bereich visuell-räumlichen Vorstellungsvermögens und Raumwahrnehmung betrifft (Gutachten von Frau Dr. phil. O.________, vom 29. Januar 2001). Ebenso geben die im Gutachten des Prof. Dr. med. Y.________ vom 21. April 1999 erwähnten starken Schwankungen Anlass zu einer vorsichtigen Interpretation. Angesichts der nicht eindeutigen Befunde kann der Unfall daher höchstens als Teilursache der kognitiven Leistungsdefizite betrachtet werden. 3.4 Nachdem sich aus dem Gutachten des Prof. Dr. med. Y.________ Anhaltspunkte für eine psychische Störung ergeben, stellt sich angesichts der unklaren neuropsychologischen Befunde, der Fixierung auf die Schmerzen und der schwer nachvollziehbaren Reaktion auf eine offenbar als unbefriedigend empfundene Schadensregulierung die Frage, ob psychisch bedingte Beeinträchtigungen für die geklagten Leiden verantwortlich sind. Eine umfassende psychiatrische Begutachtung, welche diesbezüglich die erforderlichen Aufschlüsse vermitteln könnte, ist bis anhin nicht erfolgt. Gestützt auf die zur Verfügung stehenden medizinischen Akten kann nicht abschliessend und mit dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit beurteilt werden, ob es sich bei den psychisch bedingten Gesundheitsstörungen um eine natürliche Folge des versicherten Unfalles handelt. Eine Rückweisung der Sache zwecks Einholung eines weiteren Gutachtens erübrigt sich aber; selbst wenn aufgrund zusätzlicher Abklärungen der natürliche Kausalzusam-menhang zu bejahen wäre, fehlt es - wie die nachstehenden Erwägungen zeigen - an der Adäquanz des Kausalzusammenhangs und zwar selbst dann, wenn dieses Anspruchserfordernis nicht nach der in BGE 115 V 138 ff. Erw. 6 dargelegten Methode und somit unter Ausklammerung der Auswirkungen psychischer Komponenten vorgenommen wird, sondern nach Massgabe von BGE 117 V 366 Erw. 6 erfolgt.