Citation: I 353/03 16.12.2003 E. 3

Streitig und zu prüfen ist, ob die Verwaltung und die Vorinstanz insbesondere gestützt auf das polydisziplinäre Gutachten von Dr. med. W.________ vom 23. März 2001 - welches eine neuropsychologische Untersuchung von Dr. phil. U.________ vom 16. Februar 2001 sowie eine psychiatrische Begutachtung von Dr. med. K.________, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 13. Juli 2000 enthält - zu Recht von einer 90%igen Arbeitsfähigkeit des Versicherten als Sozialpädagoge ausgegangen sind. 3.1 Der Beschwerdeführer bestreitet, dass das Gutachten von Dr. med. W.________ eine ausreichende Grundlage zur Beurteilung seiner Leistungsansprüche darstelle. Er rügt im Wesentlichen, der Gutachter sei fachlich nicht qualifiziert, um ein polydisziplinäres Gutachten in seinem Fall zu erstellen, so fehlten beispielsweise Untersuchungen und Beurteilungen aus orthopädischer und neurologischer Sicht. Dem Gutachter habe ein Teil der Akten nicht zur Verfügung gestanden - so insbesondere die IV-Akten und die Schätzung des Integritätsschadens durch Dr. med. S.________. Zudem beantworte das Gutachten die von der Invalidenversicherung gestellten Fragen nicht, sondern beschränke sich auf die Fragen nach den unfallbedingten Einschränkungen. Es enthalte ausserdem keine Fremdanamnese zu den Problembereichen Bewusstseinsverlust, Amnesie und Schmerzverlauf. Die Diskrepanz zwischen der gutachterlich bescheinigten Arbeitsunfähigkeit von 10 % und derjenigen von 100 % gemäss Attest des Hausarztes werde nicht geklärt. Weiter sei der Gutachter befangen gewesen. 3.2 Die Rüge, Dr. med. W.________ sei befangen, ist nach der für sachverständige Personen sinngemäss anwendbaren Rechtsprechung zur Unabhängigkeit und Unparteilichkeit des Richters oder der Richterin (BGE 120 V 364 Erw. 3a; RKUV 1999 Nr. U 332 S. 193 mit Hinweisen) zu beurteilen. Demnach kann bei der Beurteilung des Anscheins der Befangenheit und der Gewichtung solcher Umstände namentlich nicht auf das subjektive Empfinden einer Partei abgestellt werden. Das Misstrauen muss vielmehr in objektiver Hinsicht als begründet erscheinen (BGE 120 V 365 Erw. 3a, 119 V 465 Erw. 5b, je mit Hinweisen). Auch wenn an die Unparteilichkeit des Gutachters ein strenger Massstab anzulegen ist (BGE 123 V 176 Erw. 3d; AHI 1997 S. 306 Erw. 3d, je mit Hinweis), ergeben sich aus dem zur Diskussion stehenden Gutachten keine Anhaltspunkte, welche auf eine mangelnde Objektivität oder Voreingenommenheit des Experten schliessen liessen. Wie die Vorinstanz zutreffend ausgeführt hat, vermag eine dem Beschwerdeführer nicht genehme ärztliche Beurteilung keine Befangenheit des Gutachters zu begründen. Ebenso wenig kann allein aus der Tatsache, dass Dr. med. W.________ das vom Unfallversicherer in Auftrag gegebene Gutachten abschloss, ohne die Zusatzfragen der IV zu beantworten, ein Anschein der Befangenheit abgeleitet werden. 3.3 Zu den weiteren in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde geltend gemachten Mängeln des Gutachtens ist zunächst festzuhalten, dass sich das kantonale Gericht eingehend mit den - im Wesentlichen gleichen - Rügen und den vom Beschwerdeführer eingereichten Berichten und Stellungnahmen auseinander gesetzt hat. Daraufhin ist die Vorinstanz zum Schluss gekommen, der Beschwerdeführer sei in einer seinen Leiden angepassten Tätigkeit (z.B. als Sozialpädagoge) zu rund 90 % arbeitsfähig. 3.3.1 Die Rüge, im Gutachten fehlten Untersuchungen und Beurteilungen aus neurologischer und orthopädischer Sicht, ist unbegründet. Wie die Vorinstanz zutreffend ausgeführt hat, wurden im Gutachten mehrere neurologische und orthopädische Stellungnahmen berücksichtigt. Es trifft ebenfalls zu, dass aus dem Bericht von Dr. med. M.________, Leitender Oberarzt Orthopädie in der Klinik Z.________, zum Arthro-MRI des rechten Hüftgelenks vom 3. Juli 2001 - welcher bei der Erstellung des Gutachtens noch nicht vorlag - nicht ersichtlich ist, inwiefern der festgestellte Knorpelschaden zu einer Arbeitsunfähigkeit führen soll. Kenntnis hatte Dr. med. W.________ aber offensichtlich vom Bericht des Dr. med. E.________, Medizinische Radiologie FMH, an Dr. med. P.________, Innere Medizin FMH, betreffend MRI des Beckengürtels und der Hüftgelenke vom 18. Januar 2001. Dieser Bericht wird vom Gutachter bei der Beurteilung der Leistenschmerzen berücksichtigt. Als Rheumatologe war Dr. med. W.________ - entgegen der Meinung des Beschwerdeführers - durchaus kompetent, Befunde wie Coxarthrose oder Arthrosezeichen fachgerecht zu beurteilen. 3.3.2 Weiter rügt der Beschwerdeführer, dem Gutachter hätten nicht alle Akten zur Verfügung gestanden. Zum fehlenden Schreiben von Dr. med. S.________ kann auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden. Nicht gefolgt werden kann auch dem Einwand, das psychiatrische Teilgutachten von Dr. med. K.________ leide an einem Mangel, weil diesem Arzt die im IV-Dossier enthaltene psychiatrische Diagnose des Spitals X.________ nicht vorgelegen habe. Im psychiatrischen Teilgutachten werden sowohl der Bericht der Psychiatrischen Klinik vom 25. Mai 1999 an den Unfallversicherer als auch der Bericht vom 21. Juni 1999 an Dr. med. F.________, Innere Medizin FMH, - welchen sie später der IV einreichte - berücksichtigt. Die Psychiatrische Klinik stellte die Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung, verzichtete aber ausdrücklich darauf, sich zur Arbeits(un)fähigkeit genauer zu äussern. Demgegenüber kam Dr. med. K.________ zum Ergebnis, dass beim Versicherten keine anhaltende somatofome Schmerzstörung im Sinne von ICD-10 (F45.4) vorliege, weil keine Anhaltspunkte für emotionale Konflikte oder psychosoziale Probleme gefunden wurden, die schwerwiegend genug sind, um als entscheidende ursächliche Einflüsse der Schmerzen zu gelten. Die Beurteilung von Dr. med. K.________ erweist sich als schlüssig und entspricht den Anforderungen der Rechtsprechung (Erw. 2.2 hievor). Da er keine psychiatrische Diagnose stellte und sich somit aus psychiatrischer Sicht auch keine Arbeitsunfähigkeit ergab, hätte eine Integration in die Gesamtbeurteilung von Dr. med. W.________ zu keinem anderen Ergebnis führen können. Die Rüge, das polydisziplinäre Gutachten sei mangelhaft, weil die psychiatrische Sicht nicht integriert worden sei, ist demnach unbegründet. 3.3.3 Zur Kritik, das Gutachten enthalte keine Fremdanamnese, kann auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden. Zu berücksichtigen ist hier auch, dass der über zehnjährige Prozess seit dem Unfallereignis im Jahre 1989 in verschiedenen Gutachten und Berichten ausführlich dokumentiert ist und diese Stellungnahmen dem Gutachter zur Verfügung standen. Unter diesen Umständen war es gerechtfertigt, auf die Erhebung einer eigenen Fremdanamnese zu verzichten. Im Hinblick auf die weiteren Einwände kann ebenfalls auf die zutreffenden Ausführungen im kantonalen Entscheid verwiesen werden. 3.4 Zu prüfen bleibt, ob die vom Beschwerdeführer letztinstanzlich neu ins Recht gelegten Berichte das in sich schlüssige Gutachten von Dr. med. W.________ in Zweifel zu ziehen vermögen. 3.4.1 Der Bericht vom 6. September 2001 an Dr. med. P.________ über ein Erstgespräch in der Schmerzklinik des Zentrums W.________ enthält neben einer Beurteilung und Therapieplanung auch den Hinweis, der Patient wünsche eine Behandlung in Wohnortnähe und werde deshalb an die Klinik T.________ verwiesen. Ob die Behandlung dort begonnen worden ist und wenn ja, mit welchem Erfolg, geht aus den Akten nicht hervor. Die Beurteilung einer Skelettszinigraphie vom 8. Oktober 2001 enthält folgende Befunde: minimale Arthrosezeichen des OSG, diskrete Fibroostose an der Malleolenspitze fibulär links, leicht vermehrter Umbau des rechten ISG, Verdacht auf asymmetrische Belastung unter Bevorzugung der rechten Seite. Dr. med. B.________, Neurologie FMH, schreibt in seinem Bericht vom 28. Januar 2002 an Dr. med. L.________, Orthopädische Chirurgie FMH: "Es scheint kaum möglich, die mannigfaltigen Beschwerden im linken Unterschenkel einzelnen anatomischen Strukturen zuzuordnen." Als einzigen objektivierbaren pathologischen Befund stellt er eine schwere axonale Läsion des linken Nervus suralis fest. Diese könne für die Berührungsüberempfindlichkeit im Bereich des linken Aussenknöchels und die Parästhesien am linken Fussaussenrand verantwortlich sein. Die übrigen Beschwerden liessen sich dadurch aber nicht erklären und eine anderweitige neurogene Schmerzursache am linken Unterschenkel und Fuss liesse sich nicht feststellen. Eine Neurolyse empfiehlt er nicht, da die anamnestischen Angaben und das Verhalten des Patienten eher auf eine Schmerzverarbeitungsstörung schliessen liessen. Dr. med. I.________, Facharzt für Orthopädische Chirurgie FMH, beschreibt in seinem Bericht vom 18. April 2002 an Dr. P.________ eine massive Hyperästhesie des in der Narbe eingepackten Nervus peroneus und wahrscheinlich des Nervus saphenus. Er empfiehlt eine Neurolyse. Auch Dr. med. V.________, Orthopädische Chirurgie FMH, empfiehlt in seinem Bericht vom 15. Mai 2002 über die Ganganalyse eine Neurolyse. Keiner dieser Berichte äussert sich zur Frage der Arbeits(un)fähigkeit. 3.4.2 Auch unter Berücksichtigung der vom Beschwerdeführer mit der Verwaltungsgerichtsbeschwerde eingereichten neueren ärztlichen Berichte ist festzustellen, dass trotz einer Vielzahl von seit dem Unfallereignis im Jahre 1989 durchgeführten Untersuchungen, die Ursachen der multiplen Schmerzen nicht schlüssig beantwortet werden konnten. Soweit pathologische Befunde erhoben worden sind, wurden sie jeweils als "diskret", "angedeutet", "minimal" oder "leichtgradig" bezeichnet oder konnten nur einen kleinen Teil der Beschwerden erklären. In verschiedenen - auch neueren - Berichten wird vielmehr (sinngemäss) darauf hingewiesen, es bestehe eine grosse Diskrepanz zwischen den geklagten Schmerzen und den Untersuchungsbefunden oder die vielfältigen Beschwerden liessen sich nur mit der - in der neuropsychologischen Untersuchung festgestellten - Aggravationstendenz erklären. 3.4.3 In Anbetracht der sich mit Bezug auf Schmerzen naturgemäss ergebenden Beweisschwierigkeiten genügen die subjektiven Schmerzangaben der versicherten Person für die Begründung einer (teilweisen) Invalidität allein nicht; vielmehr muss im Rahmen der sozialversicherungsrechtlichen Leistungsprüfung verlangt werden, dass die Schmerzangaben durch damit korrelierende, fachärztlich schlüssig feststellbare Befunde hinreichend erklärbar sind, andernfalls sich eine rechtsgleiche Beurteilung der Rentenansprüche nicht gewährleisten liesse (Urteil R. vom 2. Dezember 2002, I 53/02, Erw. 2b mit Hinweis). Vorbehalten bleibt der Tatbestand, dass somatisch nicht begründbare Schmerzsyndrome mit psychischen Befunden vergesellschaftet sind, die für sich oder im Verein mit den - subjektiv erlebten - Schmerzen die Arbeitsfähigkeit dauernd oder erheblich beeinträchtigen, eine Erwerbsunfähigkeit bewirken und zur Invalidität führen. Diese Konstellation ist jedoch vorliegend nicht gegeben, denn gemäss dem psychiatrischen Teilgutachten liegt keine psychische Erkrankung, insbesondere keine somatoforme Schmerzstörung vor (Erw. 3.3.2 hievor). Nicht zu berücksichtigen sind nach der Rechtsprechung Einschränkungen der Leistungsfähigkeit, die nach ärztlicher Einschätzung allein durch Aggravation von psychischen oder körperlichen Beschwerden verursacht sind, da aggravierendes Verhalten als solches als nicht krankheitswertig und damit invaliditätsfremder Faktor gilt (Urteil R. vom 2. Dezember 2002, I 53/02, Erw. 2b mit Hinweis). 3.5 Mit Blick auf diese Grundsätze ist es nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz - gestützt auf das polydisziplinäre Gutachten und unter Berücksichtigung der übrigen ärztlichen Stellungnahmen - von einer 90%igen Arbeitsfähigkeit in einer seinen Leiden angepassten Tätigkeit, zum Beispiel als Sozialpädagoge, ausgegangen ist. Für eine Rückweisung an die Verwaltung zur Durchführung weiterer medizinischer Abklärungen besteht nach dem Gesagten kein Anlass.