Citation: U 488/06 10.04.2007 E. 3

Streitig und zu prüfen ist, ob die SUVA für die Folgen des Unfalls vom 2. Oktober 2002 über den 10. Mai 2005 hinaus eine Leistungspflicht trifft. In diesem Rahmen umstritten ist der Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und den vom Versicherten weiterhin geklagten Beschwerden (insbesondere Schmerzen am linken Arm sowie Kopf- und Nackenschmerzen). 3.1 Die Beschwerdegegnerin stützt sich für die Einstellung ihrer Leistungen per 10. Mai 2005 massgeblich auf die von ihr eingeholte neurologische Zweitmeinung des Dr. med. L.________ vom 10. März 2005 ab. Dieser Bericht erfüllt jedoch die für die Zuerkennung vollen Beweiswertes geltenden Anforderungen (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352) nicht, da er, wie der Arzt selbst festhält, insbesondere ohne Kenntnis der vollständigen Akten erstellt wurde. Die Auffassung des Dr. med. L.________ steht im Gegensatz zu den Aussagen des Dr. med. K.________ vom 31. Juli und 4. Dezember 2003, wo dieser Arzt auf eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit seit 30. April 2003 schloss, und des Chiropraktors Dr. S.________, welcher in seinem Bericht vom 2. November 2004 eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % ab 1. November 2004 annimmt. Dr. med. L.________ stellt das Vorliegen eines Zervikalsyndroms, wie es im Austrittsbericht der Rehaklinik Y.________ vom 8. Mai 2003 erwähnt wird, mit der Begründung in Frage, die Muskulatur sei weich und nicht verspannt. Bei der Befundaufnahme werden jedoch im Bereich der HWS Druckdolenzen linksbetont angegeben, wie sie bereits Dr. med. A.________ in seinem Konsiliarbericht vom 31. März 2003 im Rahmen des Aufenthaltes des Beschwerdeführers in der Rehaklinik Y.________ festgestellt hatte. Unter diesen Umständen liegen im neurologischen Fachbereich keine hinreichend gesicherten und beweiskräftigen Erkenntnisse vor, um die Annahme von Beschwerdegegnerin und Vorinstanz, das Unfallereignis vom 2. Oktober 2002 habe zu keiner richtunggebenden Verschlimmerung geführt, zuverlässig zu stützen. Unbestrittenermassen waren beim Beschwerdeführer schon vor dem Unfallereignis Beschwerden im Wirbelsäulenbereich gegeben (vgl. die Berichte des Chiropraktors Dr. S.________ vom 8. April 2002 und des Dr. med. E.________, Institut für Radiologie des Spitals D.________, vom 26. Oktober 2000). Ob jedoch eine richtunggebende Verschlimmerung tatsächlich mit dem Beweisgrad der erheblichen Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann, lässt sich auf Grund der Akten nicht zuverlässig ermitteln. 3.2 Die Beschwerdegegnerin stützt sich bei ihrer Beurteilung nebst dem Bericht von Dr. med. L.________ auch auf die von ihr eingeholte technische Unfallanalyse und biomechanische Beurteilung durch die Arbeitsgruppe für Unfallmechanik vom 8. Dezember 2004 ab. Nach der Rechtsprechung vermag eine unfalltechnische oder biomechanische Analyse Anhaltspunkte zur - einzig mit Blick auf die Adäquanzprüfung relevanten - Schwere des Unfallereignisses zu liefern. Überlegungen zur Auffahrgeschwindigkeit und der dabei auf das Fahrzeug der versicherten Person übertragenen Energie bilden jedoch keine hinreichende Grundlage für die Beurteilung der natürlichen Kausalität. Denn selbst bei scheinbar harmlosen Auffahrunfällen kann aus medizinischer Sicht nicht von Vornherein ausgeschlossen werden, dass eine für die Gesundheitsbeeinträchtigung ursächliche Verletzung der Halswirbelsäule vorliegt (RKUV 2003 Nr. U 489 S. 359 E. 3.2, U 193/01). Daraus darf indessen nicht abgeleitet werden, die Heftigkeit des Aufpralls sei im Zusammenhang mit der Klärung der natürlichen Kausalität bedeutungslos. Vielmehr kann eine geringfügige Auffahrgeschwindigkeit und damit Gewalteinwirkung auf den menschlichen Körper durchaus ausschlaggebend dafür sein, dass konkurrierende unfallfremde Ursachen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit allein verantwortlich für das Beschwerdebild zeichnen (Urteil B. vom 16. Juni 2005, U 264/04, Erw. 3.4). Die Beschwerdegegnerin hatte zunächst eine biomechanische Kurzbeurteilung (Triage) angefordert, welche die Arbeitsgruppe für Unfallmechanik am 12. Februar 2003 vornahm. Darin wurde festgehalten, auf Grund der fehlenden Informationen zum am Unfall beteiligten Opel des Unfallverursachers bestehe eine Unsicherheit bezüglich der technisch-biomechanischen Bewertung des Ereignisses. Solche Angaben konnten auch in der Folge nicht beigebracht werden. Die Allianz Versicherung als Haftpflichtversicherer tätigte entsprechende Abklärungen, war aber ebenfalls nicht in der Lage, Fotos des Fahrzeuges Opel zu beschaffen. Einer mündlichen Aussage des Unfallverursachers, an seinem Fahrzeug sei kein sichtbarer Schaden entstanden, kann mit Blick auf das bestehende Eigeninteresse kein hinreichender Beweiswert zuerkannt werden. Angesichts der Beschädigung am Trittbrett des vom Beschwerdeführer gelenkten Fahrzeuges ist überdies kaum glaubhaft, dass kein sichtbarer Schaden am Opel Vectra entstand. Die Annahme eines Delta-V von lediglich 5 bis 7 km/h ist somit nicht als gesicherte Erkenntnis zu werten. Wenn in der technischen Unfallanalyse vom 8. Dezember 2004 ein Wert von rechnerisch drei bis acht Kilometern angeführt und bemerkt wird, der wahrscheinlich obere Wert des Delta-V-Bereiches betrage kaum wesentlich über 7 km/h, so basiert auch diese Feststellung auf einer Beurteilung, bei welcher eine Dokumentation des Fahrzeugs des Unfallverursachers fehlte. Nicht schlüssig sind auch die im biomechanischen Gutachten angeführten Überlegungen bezüglich des Vorzustands. So liegen Berichte des Chiropraktors Dr. S.________ vom 8. April 2002 und von Dr. med. E.________ vom 26. Oktober 2000 im Recht, welche Hinweise auf Funktionsstörungen im Wirbelsäulenbereich enthalten, die in Widerspruch zur Bemerkung in der biomechanischen Beurteilung vom 8. Dezember 2004 stehen, gemäss den Unterlagen für die Triage seien keine degenerativen Vorzustände aktenkundig gewesen. Degenerative Veränderungen können eine Abweichung vom Normalfall ergeben, wie in der biomechanischen Beurteilung an anderer Stelle dargelegt wird. Die technische Unfallanalyse wie auch die biomechanische Beurteilung vermögen daher keine gesicherten Anhaltspunkte dafür zu liefern, dass die natürliche Kausalität zwischen den Beschwerden des Beschwerdeführers und dem Unfallereignis nicht respektive nicht mehr gegeben sein sollte. 3.3 Im Rahmen der Untersuchung in der Klinik C.________ vom 2. und der MR-Arthrographie vom 4. August 2004 wurde eine Partialruptur der Supraspinatussehne am linken Schultergelenk festgestellt (Bericht an Dr. med. K.________ vom 9. September 2004). Beschwerdegegnerin und Vorinstanz verneinen einen Kausalzusammenhang dieser Schädigung mit dem Unfallereignis. Es fällt jedoch auf, dass der Beschwerdeführer bereits im Rahmen seines Aufenthaltes in der Rehaklinik Y.________ Nacken- und Kopfschmerzen mit Ausstrahlung in den linken Arm beklagte. Auch hatte der als Lenker links im Fahrzeug sitzende Beschwerdeführer die Sicherheitsgurten getragen. Damit bestehen Hinweise darauf, dass im linken Nacken- und Armbereich Schmerzen gegeben waren. Analog zum Sachverhalt, welcher dem Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 12. Dezember 2005 (U 207/05) zu Grunde lag, kann auch vorliegend die Unfallkausalität der partialen Supraspinatussehnenruptur nicht ausgeschlossen werden. Insbesondere liegt diesbezüglich keine fachärztliche Beurteilung, sondern lediglich eine Parteibehauptung der Beschwerdegegnerin vor. 3.4 Die Vorinstanz geht von einer insgesamt dominierenden psychischen Fehlentwicklung aus und stützt sich dabei auch auf die Erkenntnisse der Rehaklinik Y.________ ab. Im dort erstellten psychosomatischen Konsilium wird aber nicht von einer ausgeprägt psychischen Beeinträchtigung berichtet, sondern lediglich darüber, dass der Beschwerdeführer aktuell zu einer depressiven Verarbeitung neige. Im Grunde mache er bisher einen psychisch stabilen Eindruck, sei kooperativ, sorge sich um seine Genesung und habe etwas überreagiert im Sinne einer Anpassungsstörung mit gemischter Symptomatik (ICD-10 F 43.25). In diesem Kontext ist denn auch die im Austrittsbericht angeführte Diagnose der Anpassungsstörung mit gemischter Symptomatik zu betrachten. Wenn Dr. med. L.________ am 18. März 2005 den Verdacht einer Schmerzfehlverarbeitung äusserte, so bewegt er sich ausserhalb seines Fachbereichs (die Beschwerdegegnerin hatte den Bericht ausdrücklich als neurologische Zweitmeinung eingeholt). Die Frage, ob die psychische Beeinträchtigung bereits bald nach dem Unfallereignis tatsächlich eine dominierende Wirkung aufwies oder nicht, wird aber für die Art der Prüfung des adäquaten Kausalzusammenhanges von Relevanz sein. 3.5 Die vorhandenen medizinischen Unterlagen lassen keine hinreichend zuverlässige Beurteilung der Frage zu, ob die gesundheitlichen Beschwerden auf das Unfallereignis zurückzuführen sind. Ebenso wenig erlaubt es die Aktenlage, im Rahmen einer antizipierten Beweiswürdigung auf einen Leistungsausschluss ab 10. Mai 2005 zu erkennen. Unter diesen Umständen drängt sich eine Rückweisung der Sache an die Beschwerdegegnerin auf, damit sie die entsprechenden Abklärungen im Rahmen von einzuholenden Gutachten im neurologischen und psychiatrischen Bereich vornehme. Dabei wird sich auch die Frage stellen, ob tatsächlich keine leichte traumatische Hirnverletzung gegeben ist, wie dies Dr. med. L.________ im Gegensatz zur Diagnose von Dr. med. K.________ vom 10./23. Mai 2005 anführt, wobei dieser Arzt am 12. Juni 2004 ebenfalls erklärt hatte, es seien keine sicheren Hinweise für eine durchgemachte leichte traumatische Hirnverletzung gegeben. Den Akten ist des Weiteren zu entnehmen, dass dem Beschwerdeführer mit Wirkung ab 1. Oktober 2003 eine ganze Rente der Eidgenössischen Invalidenversicherung bei einem Invaliditätsgrad von 95 % zugesprochen wurde. Auch wenn von diesem Entscheid keine Bindungswirkung für die Beschwerdegegnerin ausgeht (AHI 2004 S. 188 E. 5.2, I 564/02), wird es doch angezeigt sein, die IV-Akten beizuziehen, um abzuklären, ob sich daraus zusätzliche Erkenntnisse ergeben.