Citation: 9C_650/2022 E. 2.1.3

2.1.3. Die Beschwerdeführerin hat gegenüber dem Verwaltungsgericht ausserdem vorgebracht, weder der Beschwerdegegner noch die VRK als untere Rechtsmittelinstanz hätten im Hinterziehungsverfahren eine eigene Untersuchung geführt. Beide Behörden hätten blind auf die ASU-Befunde abgestellt, weshalb ihnen eine fehlende Unabhängigkeit vorzuwerfen sei. Dagegen hat die Vorinstanz erwogen, selbst wenn es allenfalls bis zu einem bestimmten Punkt zu einer Vermischung des Verwaltungsstrafverfahrens der ASU und des Steuerhinterziehungsverfahrens der kantonalen Behörden gekommen sein sollte, so wäre das in einem Ausmass geschehen, das rechtsprechungsgemäss als unproblematisch einzustufen sei. Eine Verwertung der Erkenntnisse der ASU im Steuerhinterziehungsverfahren erweise sich deshalb als zulässig (vgl. BGE 144 II 427 E. 2.2.2 u. 2.3.3; Urteil 2C_717/2018 vom 24. Januar 2020 E. 3.4; je m.w.H.). Die ASU habe dem Beschwerdegegner den Bericht vom 21. August 2017 zur Verfügung gestellt und ihn gestützt auf Art. 194 Abs. 1 DBG aufgefordert, ein Steuerhinterziehungsverfahren durchzuführen. Dieses Vorgehen sei korrekt gewesen, da die ASU-Untersuchungshandlungen nicht als Einleitung eines Steuerhinterziehungsverfahrens gelten würden. Das Steuerhinterziehungsverfahren sei ein echtes Strafverfahren, und es fänden, auch wenn eine Verwaltungsbehörde die Untersuchungshandlungen vornehme, die strafprozessualen Garantien von Art. 32 BV und Art. 6 EMRK Anwendung (vgl. Urteil 2C_632/2009 vom 21. Juni 2010 E. 2.4). Der steuerpflichtigen Person stehe daher im Steuerhinterziehungsverfahren ein Aussage- und Mitwirkungsverweigerungsrecht zu (Art. 57a Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 14. Dezember 1990 über die Harmonisierung der direkten Steuern der Kantone und Gemeinden [SR 642.14; StHG]; Art. 257 Abs. 2 des Steuergesetzes des Kantons St. Gallen vom 9. April 1998; sGS 811.1; StG/SG), und es gelte die Unschuldsvermutung. Entsprechend habe der Beschwerdegegner ein Untersuchungsverfahren eingeleitet und der Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör gewährt. Diese habe insbesondere Gelegenheit gehabt, sich zu den Beweisen der VRK zu äussern und Anträge zur Ergänzung der Untersuchung zu stellen.