Citation: I 814/05 10.04.2006 E. 3

3.1 Die Verwaltung ist den ihr vom Eidgenössischen Versicherungsgericht bei der Rückweisung zum Neuentscheid gemachten Vorgaben nicht in sachgerechter Weise nachgekommen. Zwar ist nicht angeordnet worden, es sei ein psychiatrisches Obergutachten erstellen zu lassen. Aus der Formulierung, es sei ein Gutachten einzuholen, das sich mit den Abweichungen zwischen den verfügbaren ärztlichen Berichten (von Dr. med. H.________ und dem Spital Y.________) zu befassen und Stellung zu nehmen habe, ob und inwiefern sich ein psychischer Gesundheitsschaden mit Krankheitswert auf die Arbeitsfähigkeit auswirkt, ergibt sich sinngemäss, dass mehr vorzukehren war, als bei Dr. med. H.________ einen Ergänzungsbericht zu seiner Expertise vom Mai 2002 in Auftrag zu geben. 3.2 Der Ergänzungsbericht von Dr. med. H.________ vom 16. März 2004 bietet denn auch keine ausreichende Grundlage zur Beurteilung der vorliegend relevanten Rechtsfragen. Dies ergibt sich auch aus BGE 130 V 355 f. Erw. 2.2.4 und 2.2.5, in denen das Eidgenössische Versicherungsgericht Ausführungen zur Bedeutung und Würdigung fachärztlicher Gutachten im Zusammenhang mit somatoformen Schmerzstörungen gemacht hat. Es hat erwogen, dass der Arzt dem Gericht aufzuzeigen hat, ob und inwiefern eine Person über psychische Resourcen verfügt, die es ihr im Lichte der für eine Unüberwindlichkeit der Schmerzsymptomatik massgebenden rechtlichen Kriterien erlauben, mit ihren Schmerzen umzugehen. Wie jede andere psychische Beeinträchtigung begründet auch eine diagnostizierte anhaltende somatoforme Schmerzstörung als solche noch keine Invalidität. Vielmehr besteht eine Vermutung, dass die somatoforme Schmerzstörung oder ihre Folgen mit einer zumutbaren Willensanstrengung überwindbar sind. Bestimmte Umstände, welche die Schmerzbewältigung intensiv und konstant behindern, können den Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess unzumutbar machen, weil die versicherte Person alsdann nicht über die für den Umgang mit den Schmerzen notwendigen Ressourcen verfügt. Ob ein solcher Ausnahmefall vorliegt, entscheidet sich im Einzelfall anhand verschiedener Kriterien. Im Vordergrund steht die Feststellung einer psychischen Komorbidität von erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer. Massgebend sein können auch weitere Faktoren, so: chronische körperliche Begleiterkrankungen; ein mehrjähriger, chronifizierter Krankheitsverlauf mit unveränderter oder progredienter Symptomatik ohne länger dauernde Rückbildung; ein sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens; ein verfestigter, therapeutisch nicht mehr beeinflussbarer innerseelischer Verlauf einer an sich missglückten, psychisch aber entlastenden Konfliktbewältigung (primärer Krankheitsgewinn; "Flucht in die Krankheit"); das Scheitern einer konsequent durchgeführten ambulanten oder stationären Behandlung (auch mit unterschiedlichem therapeutischem Ansatz) trotz kooperativer Haltung der versicherten Person. Je mehr dieser Kriterien zutreffen und je ausgeprägter sich die entsprechenden Befunde darstellen, desto eher sind - ausnahmsweise - die Voraussetzungen für eine zumutbare Willensanstrengung zu verneinen (BGE 131 V 50 f. Erw. 1; Meyer-Blaser, a.a.O., S. 78 ff.). 3.3 Der Ergänzungsbericht vom 16. März 2004 genügt den von der Rechtsprechung gestellten Anforderungen an ein Gutachten nicht. Er beschränkt sich im Wesentlichen auf Erläuterungen zu Aussagen im Gutachten vom Mai 2002 auf Grund des seitherigen Krankheitsverlaufs und die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit ("60 % in angepasster Tätigkeit"). Gerade die ärztlichen Schätzungen der Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin divergieren aber stark (Bericht Dr. med. H.________ am 16. März 2004: 40 %; Hausarzt Dr. med. S.________ am 13. März 2004: 100 %). Der psychiatrische Gutachter zeigt insbesondere nicht auf, ob und inwiefern die Beschwerdeführerin über psychische Resourcen verfügt, die es ihr im Lichte der für eine Unüberwindlichkeit der Schmerzsymptomatik massgebenden rechtlichen Kriterien erlauben, mit ihren Schmerzen umzugehen. Zwar konnte dem Gutachter die oben zitierte Rechtsprechung auf Grund der zeitlichen Überschneidung nicht bekannt sein, die erwähnten Anforderungen an ein ärztliches Gutachten waren aber auch vor der Präzisierung der Rechtsprechung gegeben. Der Ergänzungsbericht vom 16. März 2004 bietet daher keine ausreichende Grundlage für die ohne medizinische Erläuterungen zum Teil nur schwer oder gar nicht mögliche rechtliche Beurteilung der einschlägigen Kriterien. Auf Grund der Formulierungen im Gutachten ist nicht auszuschliessen, dass ein mittlerweile mehrjähriger, chronifizierter Krankheitsverlauf zumindest mit unveränderter Symptomatik ohne länger dauernde Rückbildung vorliegt. Auch lässt sich aus der Stellungnahme des Gutachters nichts zur Frage eines primären Krankheitsgewinns, einer "Flucht in die Krankheit" ableiten. Diese Frage drängt sich aber auf, da die Beschwerdeführerin dem Gutachter angegeben hat, ihr Ehemann kümmere sich intensiv um sie, sie könne praktisch nicht mehr alleine aus dem Haus. Ihr Mann befürchte insbesondere ihre Ohnmachtsanfälle. 3.4 Nach der Rückweisung zu zusätzlichen psychiatrischen Abklärungen ist zudem eine somatische Komponente aufgetreten, die noch nicht ausreichend ergründet worden ist. Der behandelnde Arzt Dr. med. S.________ hat im IV-Arztbericht vom 13. März 2004 (unter Verweis auf seinen beigelegten Untersuchungsbericht vom 25. Februar 2004) angegeben, die Patientin leide an einem Cervico-Vertebralsyndrom bei Osteochondrose und Spondylose C5/C6. Daneben bejaht er das Vorliegen einer somatoformen Schmerzstörung. Es gilt hier die aus medizinischer Sicht notwendigen Abklärungen durchzuführen und die Abgrenzungen zu treffen zwischen somatischen und somatoformen Schmerzanteilen. Erst dann kann die nach den gemäss BGE 130 V 355 f. massgebenden Kriterien erfolgende Überprüfung stattfinden. Des Weiteren geht aus den medizinischen Akten hervor, dass die Beschwerdeführerin weiterhin unter Hyperventilationszuständen leidet, die nach wie vor Ohnmachtsanfälle herbeiführen. Auf Grund der Akten ist nicht abschätzbar, inwiefern und inwieweit die Ohnmachtsanfälle die Zumutbarkeit eines Wiedereinstiegs in den Arbeitsprozess einschränken.