Citation: 2C_422/2022 E. 5.4.4

5.4.4. Ausschlaggebend ist allerdings, dass die Richtlinie höhere Ausbildungsanforderungen unter bestimmten Umständen durchaus zulässt. 5.4.4.1. Im dritten Erwägungsgrund der Richtlinie wird als Grundsatz festgehalten, dass die Richtlinie "Personen, die ihre Berufsqualifikationen in einem Mitgliedstaat erworben haben, Garantien hinsichtlich des Zugangs zu demselben Beruf und seiner Ausübung in einem anderen Mitgliedstaat unter denselben Voraussetzungen wie Inländern" gibt. Die Richtlinie "schliesst jedoch nicht aus, dass diese Personen nicht diskriminierende Ausübungsvoraussetzungen, die dieser Mitgliedstaat vorschreibt, erfüllen muss, soweit diese objektiv gerechtfertigt und verhältnismässig sind". In diesem Sinne bestimmt Art. 4 Abs. 1 RL 2005/36/EG, dass die Anerkennung der Berufsqualifikationen durch den Aufnahmemitgliedstaat der begünstigten Person ermöglicht, in diesem Mitgliedstaat denselben Beruf wie den, für den sie in ihrem Herkunftsmitgliedstaat qualifiziert ist, aufzunehmen und unter denselben Voraussetzungen wie Inländer auszuüben. 5.4.4.2. Der EuGH erwägt in diesem Zusammenhang, dass es nicht Ziel der Richtlinie sei, den in ihrem Herkunftsstaat ausgebildeten Berufsangehörigen zu ermöglichen, ihren Beruf im Aufnahmemitglied- staat unter den von ihrem Ausbildungsstaat hierfür festgelegten Bedingungen auszuüben (vgl. Urteil des EuGH C-125/16 vom 21. September 2017 Rz. 47-50 mit Hinweis auf Rz. 13 der Schlussanträge des Generalanwalts vom 1. Juni 2017). Wenn die Schweiz folglich die unselbständige Ausübung mit der Anerkennung der entsprechenden Ausbildung zulässt, hingegen für die Tätigkeit in eigener fachlicher Verantwortung weitere Bedingungen wie die zusätzliche Weiterbildung fordert, widerspricht dies grundsätzlich nicht der Richtlinie, solange diese weiteren Bedingungen auch für die Inländerinnen und Inländer gelten.