Citation: U 290/02 07.08.2003 E. 4

4.1 Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als adäquate Ursache eines Erfolges zu gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolges also durch das Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 125 V 461 Erw. 5a mit Hinweisen). Mit der Theorie des adäquaten Kausalzusammenhangs wird dem rechtlich bestehenden Bedürfnis nach Eingrenzung und Auswahl von Tatsachen aus der natürlichen Kausalkette Rechnung getragen. Es geht darum, im Einzelfall unter Wertung von Indizien, die für oder gegen die - rechtliche - Zuordnung bestimmter Funktionsausfälle zum Unfall sprechen, im Rahmen einer Gesamtwürdigung zu einer versicherungsmässig vernünftigen und gerechten Abgrenzung haftungsbegründender und haftungsausschliessender Unfälle zu gelangen, wobei der jeweilige Stand der medizinischen Wissenschaft eine untergeordnete Rolle spielt (BGE 123 V 102 f. Erw. 3b mit Hinweisen). Für die Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall und einer psychischen Fehlentwicklung mit Krankheitswert hat die Rechtsprechung die allgemeine Adäquanzformel dahingehend konkretisiert, dass eine Katalogisierung der Unfälle vorzunehmen ist, wobei leichte, mittelschwere und schwere Unfälle unterschieden werden. Massgebend für die Einteilung eines konkreten Unfalls ist dabei nicht das subjektive Unfallerlebnis, sondern das objektiv erfassbare Unfallereignis (BGE 115 V 139 Erw. 6). Liegt ein schwerer Unfall vor, ist die Adäquanz regelmässig zu bejahen (BGE 115 V 140 Erw. 6b). Bei einem leichten oder banalen Unfall ist sie ohne weitere Prüfung zu verneinen (BGE 115 V 139 Erw. 6a), sofern nicht besondere Umstände (RKUV 1998 Nr. U 297 S. 244 Erw. 3b) gegeben sind. Handelt es sich um einen Umfall im mittleren Bereich, sind für die Adäquanzbeurteilung weitere unfallbezogene Kriterien heranzuziehen (BGE 115 V 140 Erw. 6c). 4.2 Die Beschwerdeführerin verlangt eine Änderung der Rechtsprechung in dem Sinne, dass für die Adäquanzbeurteilung nicht in erster Linie vom objektiv fassbaren Unfallereignis, sondern vom subjektiven Unfallerlebnis auszugehen sei. Sie bezieht sich dabei auf Stellungnahmen in der neueren Lehre (Murer, Die UV- und IV-rechtliche Auseinandersetzung mit psychischen Störungen - eine Zwischenbilanz, in: Murer [Hrsg.], Freiburger Sozialrechtstag 2002, Psychische Störungen und die Sozialversicherung - Schwerpunkt Unfallversicherung, Bern 2002, S. 1 ff., 36 f.; Mosimann, Rechtsprechung, externe [medizinische] Beurteilung und Adäquanz, ebenda, S. 159 ff., 210, 222), welche sich ihrerseits auf Ergebnisse der psychiatrischen Forschung stützen, wonach psychogene Unfallfolgen auf psychischem Stress beruhen, der seinerseits nicht durch das Unfallereignis als solches, sondern das Erlebnis des Geschehens und seiner Folgen ausgelöst werde (Murer/Kind/Binder, Kriterien zur Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhanges bei erlebnisreaktiven [psychogenen] Störungen nach Unfällen, SZS 1993 S. 121 ff., 130 f.; vgl. auch die Beiträge von Leonhardt [S. 57 ff., insbesondere S. 67 f.], Schnyder [S. 99 ff., insbesondere S. 102] und Foerster [S. 117 ff., insbesondere S. 124] in: Murer [Hrsg.], Freiburger Sozialrechtstag 2002, Psychische Störungen und die Sozialversicherung - Schwerpunkt Unfallversicherung, Bern 2002). 4.3 Das Abstellen auf das objektiv feststellbare Unfallereignis und nicht das Unfallerlebnis als Anknüpfungspunkt für die Einteilung der Unfälle basiert auf der Überlegung, unter anderem im Hinblick auf die Gebote der Rechtssicherheit und der rechtsgleichen Behandlung der Versicherten die Frage, ob sich der Unfall und eine psychisch bedingte Erwerbsunfähigkeit im Sinne eines adäquaten Verhältnisses von Ursache und Wirkung entsprechen, auf Grund einer objektivierten Betrachtungsweise zu prüfen (BGE 115 V 139 Erw. 6 mit Hinweisen). Dieser Grundsatz wurde in der Zwischenzeit verschiedentlich bestätigt. So wiederholte ihn das Eidgenössische Versicherungsgericht in BGE 124 V 44 Erw. 5c/aa unter Bezugnahme auf den zitierten Artikel von Murer/ Kind/Binder (SZS 1993 S. 121 ff.). Sodann verwarf das Gericht im Urteil R. vom 11. November 1998 (U 67/97, publiziert in SVR 1999 UV Nr. 10 S. 31) die vom Versicherungsgericht des Kantons Basel-Stadt vertretene Auffassung, der adäquate Kausalzusammenhang sei unter Berücksichtigung der Persönlichkeitsstruktur des Versicherten, insbesondere seines körperlichen und seelischen Zustandes, zu beurteilen, wobei sich die Adäquanz danach entscheide, ob der Unfall in Berücksichtigung dieses Zustandes nach der Lebenserfahrung geeignet gewesen sei, zu der gesundheitlichen Schädigung zu führen. Das Eidgenössische Versicherungsgericht erwog, die im kantonalen Entscheid vertretene These, wonach die Adäquanz lediglich noch dazu dienen solle, krass unbillige Rechtsfolgen, die sich aus dem natürlichen Kausalzusammenhang ergeben, zu korrigieren, liefe auf eine weitgehende Preisgabe der steuernden oder begrenzenden Funktion des Adäquanzbegriffs hinaus. Der Theorie des adäquaten Kausalzusammenhangs komme jedoch gerade auf dem Gebiet der sozialen Unfallversicherung eine zentrale Bedeutung zu, indem sie dem rechtlich bestehenden Bedürfnis nach Eingrenzung und Auswahl von Tatsachen aus der natürlichen Kausalkette Rechnung trage (SVR 1999 UV Nr. 10 S. 32 f. Erw. 3b). In RKUV 2000 Nr. U 394 S. 313 lehnte das Eidgenössische Versicherungsgericht auch die von der damaligen Vorinstanz (deren Entscheid ist publiziert in SVR 1998 UV Nr. 23 S. 83 ff.) postulierte Konzeption ab, wonach bei der Beurteilung psychogener Unfallfolgen das jeweilige Persönlichkeitsprofil zu beachten sei, namentlich wenn bei der versicherten Person psychische Prädispositionen vorliegen. Zur Begründung führte das Gericht aus, die Ansicht der Vorinstanz, wonach bei persönlichen prädispositionellen Schwächen der versicherten Person das subjektive Unfallerlebnis massgebend sein solle, weil bei einer Objektivierung die schadenbegünstigende Veranlagung ausser Acht gelassen werde, was zu Unbilligkeiten führe, vermöge nicht zu überzeugen. Unter anderem im Hinblick auf die Gebote der Rechtssicherheit und der rechtsgleichen Behandlung der Versicherten habe eine objektivierte Betrachtungsweise Platz zu greifen. Weiter wurde erwogen, die Anerkennung einer psychischen Prädisposition als mitversicherter Zustand hätte nicht nur eine weitgehende Preisgabe der haftungsbegrenzenden Funktion der Adäquanz zur Folge, sondern führte letztlich dazu, dass die Unfallversicherung bei fehlendem adäquatem Kausalzusammenhang für die Schadenverursachung durch unfallfremde Faktoren haften müsste; denn der Unfall wäre diesfalls nicht mehr eine nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignete Ursache für den Eintritt der psychischen Fehlentwicklung. 4.4 Die nunmehr mit teilweise neuer oder ergänzter Begründung verlangte Änderung der Rechtsprechung ist aus mehreren Gründen ebenfalls abzulehnen. 4.4.1 Zunächst ist die Beurteilung auf Grund des subjektiven Unfallerlebnisses schwer mit der allgemeinen Definition der Adäquanz zu vereinbaren. Die Adäquanz stellt auf die Erfahrungen des Lebens ab, wonach ein bestimmter Sachverhalt an sich geeignet ist, bestimmte Folgen zu zeitigen. Vorliegend steht als auslösender Faktor der Unfall zur Diskussion, der in Art. 9 Abs. 1 UVV ereignisbezogen definiert wird, während es sich bei der dadurch bewirkten Folge um einen psychischen Gesundheitsschaden handelt. Damit sich eine allgemeine Lebenserfahrung entwickeln kann, ist vorausgesetzt, dass die Tatsache, welche den Ausgangspunkt darstellt, als solche erkennbar und erfahrbar ist. Das objektiv fassbare Unfallereignis weist diese Eigenschaft auf, kann sich doch auf Grund einer Vielzahl von Schilderungen die allgemeine Erfahrung herausbilden, dass Ereignisse von einer bestimmten (objektiven) Schwere geeignet sind, Gesundheitsschädigungen - auch solche psychischer Art - hervorzurufen. Das konkrete Ereignis kann anschliessend im Lichte dieser Lebenserfahrung beurteilt werden. Demgegenüber ist das subjektive persönliche Unfallerlebnis einer auch nur relativ gesicherten Erkenntnis nicht zugänglich. Weil das individuelle Erleben durch zahlreiche in der Person liegende Umstände und Eigenschaften beeinflusst wird, ist die Herausbildung einer allgemeinen Lebenserfahrung, wonach bestimmte Erlebnisse bestimmte Gesundheitsschädigungen allgemein begünstigen, jedenfalls nach derzeitigem Wissensstand nicht möglich. Soweit das Unfallerlebnis demgegenüber auf Grund objektiver Kriterien beschrieben werden soll (vgl. die Liste der entsprechenden Merkmale bei Murer/Kind/ Binder, a.a.O., SZS 1993 S. 141 f. und 142 f.: Besondere, für die meisten Menschen allgemeine emotionale Eindrücklichkeit des objektiven Geschehensablaufs; Eignung des Geschehensablaufs, Todesängste auszulösen; schwere, lebensbedrohliche körperliche Verletzung oder gar Tötung von nahen Bezugspersonen durch das Ereignis; Zerstörung der materiellen Lebensgrundlagen des Betroffenen durch das Ereignis; Zerstörung der sozialen Struktur, in die der Betroffene eingebettet war; Verletzung von besonderen Organen, denen erfahrungsgemäss von den meisten Menschen eine hervorragende Bedeutung zugeschrieben wird), begegnet es seinerseits demselben Einwand, der gegen das Abstellen auf das Unfallereignis erhoben wird: Ob und inwieweit derartige Umstände zu psychischem Stress führen, der geeignet ist, eine psychische Störung hervorzurufen, hängt wiederum von der Verfasstheit der betroffenen Person ab. Die Angleichung der Rechtsprechung an die zitierte psychiatrische Lehrmeinung wäre daher auf diese Weise höchstens in beschränktem Umfang möglich. Im Übrigen kann den genannten objektiven Gesichtspunkten bereits auf der Grundlage der geltenden Rechtsprechung weitgehend Rechnung getragen werden, sei es bei der Qualifikation des Unfallereignisses oder - falls ein mittelschwerer Unfall vorliegt - im Rahmen der Kriterien der besonderen Eindrücklichkeit und der besonders dramatischen Begleitumstände oder der besonderen Art der Verletzung. 4.4.2 Die bei Vornahme der verlangten Rechtsprechungsänderung notwendige Feststellung des subjektiven Unfallerlebnisses stösst auf erhebliche Schwierigkeiten. Für die Bedürfnisse der Rechtsanwendung wäre diesfalls eine psychiatrische Abklärung in jedem Fall unumgänglich; auch diese führt jedoch oftmals nicht zu hinreichend gesicherten Erkenntnissen, müssen sich doch der Psychiater oder die Psychiaterin ihrerseits auf die Angaben der versicherten Person verlassen. Zusätzlich akzentuiert wird die Problematik, wenn entsprechende Abklärungen erst lange nach dem Unfall getätigt werden. So wird das Unfallerlebnis im vorliegenden Fall erstmals im ärztlichen Zeugnis des Psychotherapeuten F.________ vom 30. Dezember 1997 beschrieben, also rund sieben Monate nach dem Unfall. Eine in derartiger zeitlicher Distanz vorgenommene Wiedergabe und Würdigung von Angaben der versicherten Person zum subjektiven Unfallerlebnis bildet aber regelmässig keine taugliche Grundlage für die Adäquanzprüfung. 4.4.3 Schliesslich ist nicht zu übersehen, dass die geforderte Massgeblichkeit des Unfallerlebnisses - auch wenn, was angesichts der ereignisbezogenen Definition des Unfalls durch Art. 9 Abs. 1 UVV bzw. nunmehr Art. 4 ATSG wohl unumgänglich ist, zusätzlich am Erfordernis eines äusseren Ereignisses festgehalten wird - im Ergebnis ähnliche Auswirkungen zeitigt wie die in den Urteilen SVR 1999 UV Nr. 10 S. 31 ff. und RKUV 2000 Nr. U 394 S. 313 abgelehnten Konzeptionen, wonach die Persönlichkeitsstruktur der versicherten Person mitzuberücksichtigen bzw. jedenfalls bei ausgeprägter psychischer Prädisposition eine besondere Adäquanzprüfung vorzunehmen wäre. Die haftungsbegrenzende Funktion der Adäquanz (BGE 123 V 104 Erw. 3e, 122 V 417 Erw. 2c mit Hinweisen) wird im Ergebnis ausgehöhlt, wenn das objektiv feststellbare Unfallereignis als Anknüpfungskriterium weitgehend durch das subjektive Unfallerlebnis ersetzt wird, welches seinerseits nur teilweise vom Unfallgeschehen abhängt, darüber hinaus aber wesentlich durch andere Umstände wie insbesondere die psychische Persönlichkeitsstruktur des oder der Versicherten geprägt wird. Letztlich wäre die Konsequenz, dass der Unfallversicherer auch für Folgen eines versicherten Ereignisses zu haften hätte, welche nach allgemeiner Lebenserfahrung nicht auftreten. Dies ist abzulehnen.