Citation: 6P.72/2003 01.10.2003 E. 6

Schliesslich bringt die Beschwerdeführerin vor, das Obergericht sei bei der Frage der Vermeidbarkeit der Unfalls ohne triftige Gründe vom verkehrstechnischen Gutachten abgewichen. 6.1 Der Gutachter nimmt an, der Geschädigte habe im Bereich der Einmündung Schlosshalde vom Trottoir auf die Strasse gewechselt. Die Frontalkollision habe sich - in Fahrtrichtung der Beschwerdeführerin gesehen - unmittelbar vor der mutmasslichen Endlage des Opfers ereignet. Aufgrund der entstandenen Schäden an den Fahrzeugen sei von einer durchschnittlichen Zufahrts- bzw. Kollisionsgeschwindigkeit der Beschwerdeführerin von 38 - 50 km/h auszugehen. Die maximale theoretische Erkennbarkeitsdistanz habe 50 Meter betragen. Die Sicht sei mit grosser Wahrscheinlichkeit durch den starken Regenfall, den Dämmerungsübergang, fremde Lichtquellen und durch mögliches Streulicht beeinträchtigt gewesen. Aus den Weg-Zeit-Geschwindigkeitsbetrachtungen lasse sich u.a. ableiten, dass sich die Beschwerdeführerin, als der Geschädigte in die Hauptstrasse eingebogen sei, auf dem Bahnübergang oder kurz danach befunden habe. Der Gutachter gelangt zum Schluss, eine Kollision wäre bei den herrschenden Witterungs- und Verkehrsbedingungen auch bei einem optimalen Reaktionsverhalten der Unfallgegner mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht vermeidbar gewesen. Im Sinne einer Entscheidgrundlage zeigten die Erhebungen näherungsweise, dass die Fahrzeuglenker bei einer gegenseitigen Erkennbarkeit auf eine Distanz von weniger als 35 Metern das Unfallgeschehen auch bei einer der Gefahrensituation entsprechenden Reaktion zeitlich nicht nachweisbar bzw. eindeutig hätten beeinflussen können. Bei einer gegenseitigen Erkennbarkeitsdistanz von mehr als 35 Metern lägen - insbesondere bei einer angenommenen Geschwindigkeit der Beschwerdeführerin von 38 km/h - eindeutige Hinweise dafür vor, dass diese bei einer Reaktion entsprechend der Gefahrensituation die Zufahrtsgeschwindigkeit massgebend hätte reduzieren können, was sich mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auch auf die Unfallfolgen bzw. das Verletzungsbild des Opfers ausgewirkt hätte. 6.2 Das Obergericht geht aufgrund dieser Erkenntnisse davon aus, der Unfall wäre vermeidbar gewesen. Mindestens wäre die Kollision weniger heftig ausgefallen, so dass die schwerwiegenden Verletzungsfolgen hätten gemildert werden können. Das Obergericht nimmt an, es gebe nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, dass die generelle Sichtweite zum damaligen Zeitpunkt deutlich unter 50 Metern gelegen habe. Ebenso sei davon auszugehen, dass die Distanz, innerhalb welcher die Beschwerdeführerin den auf dem Trottoir und der Strasse entgegenkommenden Fahrradfahrer hätte erkennen können, nicht weniger als 35 Metern betragen habe. Denn aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung sei zu schliessen, dass auch bei schlechten Witterungsverhältnissen in der Dämmerung ein dunkel angezogener Fahrradlenker mit normal funktionierendem Vorderlicht auf eine Distanz von mindestens 35 bis 40 Metern erkennbar sei. Es bestünden keine Zweifel, dass die Beschwerdeführerin bei Aufwendung der gebotenen Aufmerksamkeit das Opfer so rechtzeitig hätte erkennen können, dass eine Kollision sich aufgrund eines früher eingesetzten Bremsmanövers doch mit erheblich geringerer Kollisionsgeschwindigkeit ereignet hätte. 6.3 Ob ein Gericht die im Gutachten enthaltenen Erörterungen für überzeugend hält oder nicht und ob es dementsprechend den Schlussfolgerungen des Experten folgen oder eine Oberexpertise anordnen soll, ist eine Frage der Beweiswürdigung. Zieht der Richter mangels eigener Fachkenntnis einen Experten bei, ist er bei der Würdigung des Gutachtens grundsätzlich frei. Weicht er von den Folgerungen des Gutachters ab, so hat er dies zu begründen. Dabei darf er in Fachfragen nicht ohne triftige Gründe von der Meinung des Experten abweichen (BGE 101 IV 129 E. 3a mit Hinweisen). Dass das Gutachten nicht schlüssig wäre, wird von der Beschwerdeführerin nicht vorgebracht. Sie stellt sich indes auf den Standpunkt, das Obergericht sei von den Schlussfolgerungen der Unfallanalyse abgewichen. Dies trifft nicht zu. Zwar gelangt der Gutachter zum Ergebnis, die Kollision hätte sich unter den gegebenen Bedingungen mit grosser Wahrscheinlichkeit auch bei einem optimalen Reaktionsverhalten der Unfallgegner ereignet. Doch lässt sich daraus nicht ableiten, dass nach seiner Auffassung die Unfallfolgen, d.h. im Wesentlichen die vom Geschädigten erlittenen Körperverletzungen, im selben Ausmass auch dann eingetreten wären, wenn sich die Beschwerdeführerin pflichtgemäss verhalten und die geforderte Sorgfalt aufgewendet hätte. Denn aus seinen Berechnungen ergibt sich, dass jedenfalls bei einer gegenseitigen Erkennbarkeitsdistanz von mehr als 35 Metern die vom Geschädigten erlittenen Verletzungen bei pflichtgemässem Verhalten der Beschwerdeführerin weit weniger gravierend ausgefallen wären. Dass auch das rechtmässige Verhalten der Beschwerdeführerin mit Sicherheit zu den selben Verletzungen geführt hätte, trifft unter dieser Voraussetzung somit nicht zu. Hinsichtlich der im Unfallzeitpunkt tatsächlich herrschenden Sichtweite legt sich das Gutachten nicht fest. Es zeigt lediglich im Sinne einer Entscheidungsgrundlage die Verhältnisse bei einer Erkennbarkeitsdistanz von weniger als 35 Metern und diejenigen bei einer solchen von mehr als 35 Metern auf. Soweit sich die Beschwerdeführerin gegen den Schluss des Obergerichts wendet, auch bei schlechten Witterungsverhältnissen in der Dämmerung sei ein dunkel gekleideter Fahrradlenker mit normal funktionierendem Vorderlicht auf eine Distanz von mindestens 35 bis 40 Meter erkennbar, ist sie nicht zu hören. Das Obergericht beruft sich hiefür auf die allgemeine Lebenserfahrung. Die Überprüfung der Richtigkeit von Erfahrungssätzen wird praxisgemäss aber als Rechtsfrage behandelt, die mit eidgenössischer Nichtigkeitsbeschwerde aufzuwerfen ist (BGE 104 IV 18 E. 3, S. 21 und 43 E. 2a, S. 45 je mit Hinweisen). Schliesslich macht die Beschwerdeführerin auch zu Unrecht geltend, die Erkennbarkeitsdistanz sei von der Stelle aus zu messen, wo der Geschädigte nach rechts auf die Fahrbahn ausgeschert sei und wo die Sicht erheblich weniger als 30 Meter betragen habe. Aus den Erwägungen zur Nichtigkeitsbeschwerde ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin ihre Aufmerksamkeit auch auf das Geschehen auf dem Trottoir richten musste und insbesondere nicht darauf vertrauen durfte, die übrigen Verkehrsteilnehmer würden sich regelkonform verhalten (6S.192/2003 E. 3.2). Dass die Beschwerdeführerin den Geschädigten auf dem Trottoir nicht hätte sehen können, trifft jedenfalls nicht zu, wenn man mit dem Obergericht von einer konkreten Sichtweite von mehr als 35 Metern ausgeht. Die Schlussfolgerung des Gutachters, die Unfallgegner hätten sich zum Zeitpunkt, als der Geschädigte das Einmünden in die Hauptstrasse eingeleitet hat, noch nicht erkennen können, steht dem nicht entgegen. Diese ist im Zusammenhang mit der gutachterlichen Feststellung zu sehen, wonach die maximale Erkennbarkeitsdistanz bei der Betrachtung "Fahrrad noch auf Trottoir" maximal 50 Meter betrug. Sie kann sich daher offensichtlich nur auf die Fahrt des Geschädigten auf dem Trottoir vom Hinterausgang des Restaurant Bären bis zum Ende des Parkareals des Restaurants beziehen. Die Beschwerde ist auch in diesem Punkt unbegründet.