Citation: 6S.143/2002 11.06.2002 E. 3

3.-a) Die eidgenössische Nichtigkeitsbeschwerde in Strafsachen ist, mit hier nicht gegebenen Ausnahmen, kassatorischer Natur (Art. 277ter Abs. 1 BStP). Soweit der Beschwerdeführer mehr als die Aufhebung des angefochtenen Urteils beantragt, ist auf die Beschwerde nicht einzutreten. Die Nichtigkeitsbeschwerde kann nur damit begründet werden, dass die angefochtene Entscheidung eidgenössisches Recht verletze (Art. 269 Abs. 1 BStP). Ausführungen, die sich gegen die tatsächlichen Feststellungen des Entscheides richten, sind unzulässig (Art. 273 Abs. 1 lit. b BStP). Im Verfahren der eidgenössischen Nichtigkeitsbeschwerde ist das Bundesgericht an die tatsächlichen Feststellungen der kantonalen Behörde gebunden (Art. 277bis Abs. 1 BStP). Der Beschwerdeführer richtet sich in weiten Teilen seiner Beschwerdeschrift gegen die tatsächlichen Feststellungen der Vorinstanz. Das betrifft inbesondere jene Ausführungen, mit denen er sich auf verschiedene, von der Vorinstanz nicht oder nur teilweise gewürdigte Zeugenaussagen und Urkunden beruft. Auch mit seinen rechtlichen Einwänden auf den S. 12-19 der Beschwerdeschrift wendet er sich vorrangig gegen Sachverhaltsfeststellungen der Vorinstanz oder weicht von diesen ab. Die Beweiswürdigung der Vorinstanz wäre mit staatsrechtlicher Beschwerde zu rügen gewesen (Art. 269 Abs. 2 BStP). In diesem beträchtlichen Umfang kann der Beschwerdeführer nicht gehört werden (Art. 273 Abs. 1 lit. b BStP). b) Im Lichte der dargelegten bundesgerichtlichen Rechtsprechung zur therapiebedingten Abhängigkeit und den Voraussetzungen für ihren Übergang in einen psychischen Druck (oben E. 1) sowie ausgehend von den tatsächlichen Feststellungen im angefochtenen Urteil ist die Annahme der Vorinstanz, der Beschwerdeführer habe sein Opfer unter psychischen Druck gemäss den Art. 189 Abs. 1 und 190 Abs. 1 StGB gesetzt, bundesrechtlich nicht zu beanstanden. Es kann hier im Wesentlichen auf die Ausführungen im angefochtenen Urteil und jenen des Bezirksgerichts verwiesen werden (Art. 36a Abs. 3 OG). Auf Grund der tatsächlichen Ausführungen des Sachrichters, an welche das Bundesgericht gebunden ist, steht fest, dass sich die Beschwerdegegnerin im November 1993 zum Beschwerdeführer in eine Psychotherapie begab und dann parallel dazu eine Ausbildung für "Posturale Integration" unter seiner Leitung begann. Weiter ist erstellt, dass die Beschwerdegegnerin zuvor über einen längeren Zeitraum Betäubungsmittel konsumiert hatte, mit dem HI-Virus infiziert war und der Beschwerdeführer ihr glauben machte, er könne den Ausbruch der Krankheit Aids mit seiner Behandlung und unter der Voraussetzung ihres vorbehaltlosen Einsatzes verhindern. Im Verlauf der Behandlung gab die Beschwerdegegnerin ihre Arbeitsstelle auf, um fortan beim Beschwerdeführer im Haushalt und Sekretariat im Austausch gegen die Behandlung und Kurse, gelegentliche Einladungen und Zahlungen von jeweils Fr. 100.-- zu arbeiten. Der Beschwerdeführer nahm für sie die Stellung einer Autoritätsperson ein, zu dem sie "aufschaute". Sie vertraute und bewunderte ihn. Zwischen Frühjahr und November 1995 kam es zwischen dem Beschwerdeführer und seiner Patientin zu den fraglichen sexuellen Handlungen, wobei der Beschwerdeführer ihr vorher teilweise Drogen verabreichte. In dieser Zeit machte der Beschwerdeführer die Beschwerdegegnerin für seinen eigenen psychischen und physischen Zustand verantwortlich und drohte ihr mit Selbstmord, womit er sie (zusätzlich) unter psychischen Druck setzte. Diese Schilderung vermittelt das Bild eines vom Beschwerdeführer über längere Zeit sukzessive gewobenen Netzes von Abhängigkeiten seines Opfers, das er im Bewusstsein der psychischen Verfassung der Beschwerdegegnerin immer wieder verstärkte und aufrechterhielt. Die Abhängigkeit ergab sich zunächst aus dem Therapie- und Ausbildungsverhältnis. Sie wurde dadurch wesentlich intensiviert, dass der Beschwerdeführer Y.________ glauben machte, er könne den Ausbruch von Aids bei ihr mit der Behandlung verhindern, was für sie von überragender Bedeutung sein musste. Schliesslich wurde sie vom Beschwerdeführer auch finanziell abhängig, nachdem sie ihre Arbeitsstelle aufgegeben hatte, um bei ihm grösstenteils zu leben und im Haushalt und Sekretariat zu arbeiten. Als der Beschwerdeführer im Wissen um die dargelegte mehrfache Abhängigkeitssituation und psychische Belastung der Beschwerdegegnerin rund anderthalb Jahre nach Beginn der Therapie mit sexuellen Forderungen an sie herantrat, war ihre Widerstandskraft erloschen. Wie die Vorinstanz überzeugend ausführt, musste sie für den Fall einer Gegenwehr damit rechnen, dass der Beschwerdeführer das Behandlungs- und Ausbildungsverhältnis abbrach. Damit wäre nicht nur der Verlust ihrer zentralen Vertrauens- und Bezugsperson, der Hauptunterkunft und der Arbeit verbunden gewesen. Vielmehr hätte dies aus ihrer Sicht den Verlust jeder Hoffnung auf Heilung von der HIV-Infektion bzw. auf Abwendung des Krankheitsausbruchs bedeutet. Indem sie - wie von der Vorinstanz festgestellt - Angst um ihre Gesundheit und den Verlust des Beschwerdeführers als ihres damaligen emotionalen und sozialen Lebensmittelpunktes hatte, musste ihr ein Widerstand ausweglos erscheinen. Dies umso mehr, als der Beschwerdeführer ihr mehrmals Drogen verabreichte, obwohl er über ihre früheren Erfahrungen in diesem Bereich wusste. Die Vorinstanz hat das gesamte Verhalten des Beschwerdeführers zutreffend als "Unter-psychischen-Druck-Setzen" seines Opfers im Sinne von Art. 189 Abs. 1 und 190 Abs. 1 StGB qualifiziert. Unter den gegebenen Umständen war die Widerstandskraft des Opfers derart geschwächt, dass der Beschwerdeführer weder Gewalt anzuwenden noch den Abbruch der Therapie und Ausbildung anzudrohen brauchte, um zu seinem Ziel zu gelangen. Vom Opfer wird nicht ein "Widerstand" verlangt, der über eine mögliche und zumutbare Abwehr hinausgehen würde. Erforderlich ist vielmehr eine ausweglose Situation, sodass dem Opfer eine Widersetzung unter solchen Umständen nicht zuzumuten ist, dass es ausser Stande gesetzt wird, sich zu widersetzen. Sein Nachgeben muss unter den konkreten Umständen verständlich erscheinen (vgl. BGE 126 IV 124, E. 3c, S. 130). Im Unterschied zu einem unlängst ergangen Entscheid des Bundesgerichts vom 20. März 2002 (6S. 289/2001, zur Publikation in der amtlichen Sammlung bestimmt) begannen im hier beurteilten Fall die sexuellen Handlungen nicht schon kurz nach Beginn der Therapie, sondern erst nach rund anderthalb Jahren. Zudem war die Beschwerdegegnerin anders als das Opfer im genannten Fall sozial isoliert und auf den Beschwerdeführer fixiert und in mehrfacher Hinsicht angewiesen. Ihre Widerstandskraft war damit ungleich stärker beeinträchtigt und die Abhängigkeit sowie die psychische Drucksituation viel intensiver als dort. Der Beschwerdeführer hat die Tathandlungen in Kenntnis der Abhängigkeiten der Beschwerdegegnerin und der für sie bestehenden Drucksituation begangen. Die Annahme des Vorsatzes auf der Grundlage des massgeblichen Sachverhaltes verletzt kein Bundesrecht. c) Die Beschwerde ist daher in diesem Punkt abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.