Citation: I 815/02 18.05.2004 E. 5

5.1 Das kantonale Gericht hat die ablehnende Verfügung der IV-Stelle mit der Begründung aufgehoben, es bestehe bei der Versicherten zwar, was die audiologischen Kriterien betreffe, nur eine Hörbehinderung von geringerem Ausmass, welche sich bei dieser aber auf Grund der begonnenen Schulausbildung in erheblichem Mass bei der Aneignung des elementaren Schulgrundstoffes, insbesondere beim Schriftspracherwerb, auswirke. Es seien belegtermassen bereits Schwierigkeiten festgestellt worden. Die Indikationsbeurteilung durch Dr. med. Y.________, in welcher er das sozial-emotionale Handicap und den Einfluss der Hörbehinderung auf die schulischen Kommunikationsanforderungen sowie im Hinblick auf die Sprachentwicklung und die schulische Ausbildung als erheblich einstufte, sei nachvollziehbar und überzeugend. Es sei deshalb davon auszugehen, dass eine Hörgeräteversorgung der Indikationsstufe 2, wie sie Dr. med. Y.________ als notwendig erachte, die Hörfähigkeit der Versicherten im Sinne von Ziff. 5.07 HVI namhaft verbessere und sie sich dadurch wesentlich besser mit der Umwelt verständigen könne. Dagegen macht das BSV in seiner Verwaltungsgerichtsbeschwerde geltend, aus medizinischer Sicht müssten gewisse Bedingungen erfüllt sein, damit ein Anspruch auf Hörgeräteversorgung gegeben sei. Unter anderem müsse eine audiometrisch fassbare Hörstörung respektive eine Schwerhörigkeit vorliegen. Diese werde auf Grund des Tonaudiogramms wie folgt definiert: Zwei Messwerte der Frequenzen 0.5, 1, 2, 3 oder 4 kHz müssten auf mindestens einem Ohr einen Hörverlust von 30 dB oder mehr aufweisen. Dieses Kriterium sei bei der Versicherten gemäss Expertenbericht vom 4. September 2001 nicht erfüllt. 5.2 Die vom BSV angegebenen Grenzwerte für eine audiologisch fassbare Hörstörung finden sich im Abschnitt 3.2 der Expertenempfehlungen, welche Bestandteil des Tarifvertrages für die Hörgeräteabgabe bilden (vgl. Erw. 3.2.2 hievor). Allerdings ergibt sich daraus, entgegen der Auffassung des BSV, nicht ohne weiteres, dass diese Grenzwerte zwingend und ausnahmslos auch für Kinder gelten. Denn nur im Abschnitt 3.6 der Empfehlungen ("Expertentätigkeit für Jugendliche und Erwachsene") wird ausdrücklich ausgeführt, in jedem Fall müssten die allgemeinen Voraussetzungen gemäss Punkt 3.2 erfüllt sein, und es müsse eine audiometrisch fassbare Hörstörung vorliegen. Ein solcher Hinweis fehlt in Abschnitt 6 betreffend Expertentätigkeit für Säuglinge und Kleinkinder. Vielmehr wird dort als Grundsatz unter anderem ausgeführt, dass der korrekten und rechtzeitigen Hörgeräteversorgung und Frühförderung von Kindern eine grosse Bedeutung zukomme (Punkt 6.1 a.A.). Von ihr hänge unter Umständen nicht nur die sprachliche Entwicklung ab, sondern auch die schulische Ausbildung und spätere berufliche Integration (Punkt 6.1 erstes Alinea in fine). Zudem könne der Expertenarzt bei Kindern der Kategorie K2 (vgl. Erw. 3.2.2 in fine) bei erheblichen weiteren Erschwernissen, wie insbesondere Stimm- und Sprachstörungen, Fremdsprachigkeit, entwicklungspsychologischen Auffälligkeiten und Verhaltensstörungen unter Angabe der Gründe Antrag auf eine höhere Indikationsstufe stellen (Punkt 6.4 a.A.), und es stehe ihm bei der Schlussexpertise, die bei älteren Kindern ohne besondere Einschränkungen nach dem selben Schema wie bei Erwachsenen erfolge, frei, zusätzliche Punkte, wie beispielsweise die Beobachtung von Eltern und Lehrern, in die Bewertung einfliessen zu lassen (Punkt 6.5 a.A.). Gegen die Praxis des BSV, auf der Grundlage von Empfehlungen der zuständigen medizinischen Fachgesellschaft, die zu Lasten der Invalidenversicherung gehende Hörgeräteversorgung durch ein formelles Verfahren und Umschreibung konkretisierender Mindestanforderungen gemäss Hörgerätetarifvertrag und KHMI zu vereinheitlichen, ist nach dem Gesagten (vgl. Erw. 4 hievor) nichts einzuwenden. Indessen kommt es nach der gesetzlichen Konzeption (Art. 4 Abs. 2 IVG) in jedem Einzelfall darauf an, wie schwerwiegend sich ein (andauernder) Gesundheitsschaden im anerkannten Eingliederungsbereich (hier der Schule) auswirkt. Allein diese Betrachtungsweise trägt dem Charakter der Invalidenversicherung als einer finalen Versicherung Rechnung, welche - von hier nicht zutreffenden gesetzlichen Ausnahmen abgesehen - nicht nach der Genese eines die Eingliederung beeinträchtigenden Gesundheitsschadens fragt. Es verhält sich hier nicht wesentlich anders als bei der zu alt Ziff. 7.02* HVI-Anhang ergangenen Verwaltungspraxis (Kontaktlinsenversorgung), welche die Anspruchsberechtigung ebenfalls von einem rein funktionellen Befund abhängig machte (vgl. BGE 116 V 16). Im vorliegenden Fall steht ausser Zweifel, dass die Beschwerdegegnerin an einer juvenilen Otosklerose leidet. Es handelt sich hier um ein dauerndes Leiden, welches sowohl nach fachärztlichen wie nach logopädischen Feststellungen die Versicherte beim Schulbesuch dauernd und erheblich behindert, dies namentlich im Klassenverband, wo sie wegen der Geräuschkulisse des Schulzimmers Mühe hat, den Ausführungen der Lehrperson zu folgen und so den Schulstoff aufzunehmen. Dass diese Beeinträchtigung in den audiologischen Messungen nur als leichte Hörbehinderung auffällt, ändert nichts daran, dass sie sich im Eingliederungsbereich der Schule dauernd und erheblich nachteilig auswirkt. Darauf kommt es letztlich für die IV-rechtliche Hilfsmittelversorgung an. 5.3 Der Vorinstanz ist sodann auch darin beizupflichten, dass die bei Verfügungserlass erst gut siebeneinhalb Jahre alte Beschwerdegegnerin Anspruch auf ein Hörgerät der Indikationsstufe 2 hat. Wie aus den Expertenempfehlungen Abschnitt 6.4 hervorgeht, sind im Expertisenbericht die Beobachtungen des Arztes, der Eltern und gegebenenfalls der Betreuerinnen einzubeziehen. Kann kein vollständiges Punkteschema aufgestellt werden, ist zu vermerken, weshalb die Expertise nicht nach den Empfehlungen für Erwachsene durchgeführt werden konnte. Zudem kann der Expertenarzt bei Kindern der Kategorie K2, wie gesagt, bei erheblichen weiteren Erschwernissen, wie insbesondere Stimm- und Sprachstörungen, Fremdsprachigkeit, entwicklungspsychologischen Auffälligkeiten und Verhaltensstörungen unter Angabe der Gründe Antrag auf eine höhere Indikationsstufe stellen, und es steht ihm bei der Schlussexpertise, die bei älteren Kindern ohne besondere Einschränkungen nach dem selben Schema wie bei Erwachsenen erfolgt, frei, zusätzliche Punkte, wie beispielsweise die Beobachtung von Eltern und Lehrern, in die Bewertung einfliessen zu lassen (vgl. auch Erw. 3.2.2 hievor). Damit steht dem Expertenarzt hinsichtlich der Indikationsstufeneinteilung bei Kindern ein verhältnismässig grosser Spielraum offen. Unter diesen Umständen ist es mit der Vorinstanz nicht zu beanstanden, wenn Dr. med. Y.________ die Versicherte gestützt auf insgesamt 62 Punkte (audiologische Kriterien: 0 Punkte, sozial-emotionales Handicap: 15 Punkte, berufliche Kommunikationsanforderungen: 22 Punkte, zusätzliches Erschwernis der Sprachentwicklung und schulischen Ausbildung: 25 Punkte) in die Indikationsstufe 2 eingereiht hat, was gerade seine Aufgabe als Expertenarzt ist (Empfehlungen Punkt 3.3.7 a.A.). Insbesondere kann entgegen der Auffassung des BSV nicht von einer Erhöhung um zwei Indikationsstufen ausgegangen werden, wurde doch die Punktezahl für das sozial-emotionale Handicap und die beruflichen (hier im Sinne der ausbildungsmässigen) Kommunikationsanforderungen, wie sich auch aus den Punktedetails ergibt, korrekt gemäss Expertenempfehlungen ermittelt und gestützt auf das zusätzliche Erschwernis der "Sprachentwicklung und schulische Ausbildung" um weitere 25 Punkte und damit um eine Stufe erhöht.