Citation: 6B_968/2021 E. 2.5.1

2.5.1. Die sexuellen Handlungen fanden vorliegend im sozialen Nahraum statt. Indes handelt es sich bei Täter und Opfer um Geschwister im Alter von (anfänglich) neuneinhalb und elf Jahren. Die kognitive Unter- bzw. Überlegenheit von Täter und Opfer präsentiert sich in einer solchen Konstellation - vorbehältlich aussergewöhnlicher Entwicklungsstände - naturgemäss nicht derart offensichtlich, wie dies in einer Erwachsenen-Kind-Konstellation der Fall ist; überdies entfällt die sich bei Erwachsenen aus deren Autoritäts- und/oder Erziehungsfunktion ergebende Machtposition. Nichtsdestotrotz erscheint es keineswegs ausgeschlossen, dass sich aus einer besonders engen Bezugs- und Vertrauensstellung eines (älteren) Geschwisters eine Machtposition ergeben kann, welche gleichermassen auf die Willensbildung und das Bewusstsein des von ihm abhängigen (jüngeren) Geschwisters und damit dergestalt einwirkt, ohne dass diese Einwirkung mit aktiver Zwangsausübung oder dem expliziten Androhen von Nachteilen verbunden sein muss. Daraus kann sich auch für ein Geschwister eine auswegslose Situation im Sinne der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ergeben. Dies insbesondere deswegen, weil es vorab die emotionale und soziale Abhängigkeit ist, welche mit Verlustängsten einhergeht und die auswegslose Situation schafft. Je näher die Bezugsperson dem Kind und je grösser das Vertrauen des Kindes in diese Bezugsperson ist, desto grösser ist die psychische Zwangssituation und desto auswegsloser dessen Situation. Damit sich indes in Konstellationen, in denen der Täter keine erwachsene (Autoritäts-) Person ist, die Frage einer tatbeständlichen psychischen Zwangssituation überhaupt stellen kann, muss namentlich zwischen Geschwistern, deren Altersunterschied "nur" rund eineinhalb Jahre beträgt, zweifelsohne eine besonders starke emotionale und soziale Abhängigkeit gegeben sein. Von einer solchen besonders starken emotionalen und sozialen Abhängigkeit gehen vorliegend explizit sowohl die Vorinstanz als auch die Jugendanwaltschaft aus, wenn sie von einer tiefen und innigen Vertrautheit der Geschwister ausgehen und diese auf deren umzugsbedingte Entwurzelung und darauf zurückführen, die Geschwister hätten "als Kinder bzw. auf der Kinderebene verlässlich und auf Dauer" nur sich selbst gehabt, woraus sich eine sehr enge Bezogenheit aufeinander entwickelt habe.