Citation: U 339/01 22.05.2002 E. 4

4.- a) Weil neuropsychologische Störungen im Vordergrund stehen und ein hirnorganischer Schaden nicht vorliegt (Erw. 2 hievor), ist die Adäquanz nach der für psychische Fehlentwicklungen nach Unfall geltenden Rechtsprechung (BGE 123 V 98, 115 V 133 ff.) zu beurteilen. b) aa) Auf Grund der polizeilichen Unfallakten (mit Fotobericht über die Fahrzeugbeschädigungen), der erlittenen Verletzungen und der unfallanalytischen Expertise des Ing. HTL W.________ vom 2. September 1998 (mit Ergänzung vom 13. April 2000), in der eine kollisionsbedingte Rückwärtsbeschleunigung des PWs des Versicherten zwischen 4 bis 9 km/h angegeben wurde, ist der Unfall als mittelschwer im Grenzbereich zu den leichten Unfällen zu qualifizieren. Dies entspricht der Praxis des Eidgenössisches Versicherungsgerichts, Auffahrkollisionen auf ein (haltendes) Fahrzeug regelmässig als mittelschweren Unfall im Grenzbereich zu den leichten Unfällen zu qualifizieren (in SZS 2001 S. 432 f. erwähnte Urteile V. vom 30. Juni 1997 [U 231/96] und A. vom 29. Dezember 1998 [U 100/97]; nicht veröffentlichte Urteile T. vom 6. Februar 2002 [U 61/00] und D. vom 16. August 2001 [U 21/01]). Vorliegend sind keine Umstände ersichtlich, die eine andere Beurteilung rechtfertigen würden. bb) Die Einwendungen des Versicherten sind nicht stichhaltig. Er macht geltend, unfallanalytische Gutachten seien grundsätzlich nicht geeignet, die medizinischen Auswirkungen eines Unfalls zu erfassen. Zudem handle es sich vorliegend um ein versicherungsinternes und damit nicht verwertbares Parteigutachten. Als Erstes ist festzuhalten, dass das Eidgenössische Versicherungsgericht auf unfallanalytische Gutachten abstellt, soweit es sich um die technische und biomechanische Analyse eines Unfalls handelt (nicht veröffentlichte Urteile J. vom 7. Februar 2002 [U 431/00] und B. vom 7. August 2001 [U 33/01]; vgl. auch Niederer/Walz/Muser/Zollinger, Unfallanalyse, Biomechanik, Was ist ein "schwerer", was ein "leichter" Verkehrsunfall?, in: SZS 2002 S. 27 ff., insbes. S. 35 f.). Im Weiteren kommt versicherungsinternen unfallanalytischen Expertisen unter den gleichen Voraussetzungen Beweiswert zu wie den Gutachten versicherungsinterner Ärzte (Erw. 1 hievor). Gründe, auf die Expertise des Ing. HTL W.________ nicht abzustellen, liegen nicht vor. Sie beruht auf Kenntnis der Unfallakten und ist schlüssig sowie nachvollziehbar begründet. Entgegen den Erwägungen der Vorinstanz führte der Experte nicht aus, die Kraftentwicklung beim Unfall habe für eine Hirnschädigung nicht ausgereicht. Vielmehr legte er dar, die Beurteilung des Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfall und den Beschwerden solle zusätzlich in Kenntnis der individuellen, biomechanischen und medizinischen Fakten erfolgen. Abgesehen davon wurde beim Versicherten kein Hirnschaden festgestellt, weshalb die diesbezügliche Argumentation der Vorinstanz ins Leere stösst. c) Damit die Adäquanz des Kausalzusammenhangs bejaht werden könnte, müsste ein einzelnes der in die Beurteilung einzubeziehenden Kriterien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt sein oder die zu berücksichtigenden Kriterien müssten in gehäufter oder auffallender Weise gegeben sein (BGE 115 V 141 Erw. 6c/bb). Auch wenn der Zusammenstoss mit dem rückwärts fahrenden Lieferwagen geeignet war, ein Angstgefühl auszulösen, ereignete er sich weder unter besonders dramatischen Begleitumständen, noch war er objektiv gesehen von besonderer Eindrücklichkeit, zumal er aus stehender Kolonne und bei relativ geringer Geschwindigkeit geschah. Das subjektive Empfinden des Versicherten fällt bei der Beurteilung der Unfallschwere ausser Betracht, da nicht das Unfallerlebnis, sondern das objektivierte Unfallereignis massgebend ist. Die Diagnose eines Schleudertraumas sowie einer HWS- und BWS-Kontusion vermag sodann die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen für sich allein nicht zu begründen. In dem in RKUV 1998 Nr. U 297 S. 243 publizierten Urteil wurde im Zusammenhang mit einem HWS-Schleudertrauma die besondere Art der Verletzung bejaht, weil die betroffene Person - welche als Beifahrerin eines stehenden Personenwagens in eine Auffahrkollision verwickelt wurde - im Zeitpunkt des Heckaufpralls nach oben zum Schiebedach hinaus schaute, wobei sie, um die Bedienungsmöglichkeiten des neuen Autos zu beobachten, den Oberkörper nach links neigte. Auf Grund dieser besonderen Körperhaltung führte das erlittene Schleudertrauma zu Komplikationen. Im vorliegenden Fall ist auf Grund der Akten keine vergleichbare Konstellation gegeben. Die erste Konsultation beim Hausarzt erfolgte am 21. Dezember 1991. Mit dem Abschluss der viermonatigen Bioresonanztherapie im September 1994 waren die somatischen Beschwerden weitgehend geheilt. In der Folge wurden bis zum Einspracheentscheid vom 10. November 1999 Berichte und Gutachten eingeholt. Von einer ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung kann bei dieser Sachlage nicht gesprochen werden. Insbesondere kommt weder den verschiedenen Abklärungsmassnahmen noch den sporadischen Konsultationen des Hausarztes die Qualität einer regelmässigen, zielgerichteten Behandlung zu, zumal der Hausarzt im Bericht vom 22. März 1994 beklagte, der Versicherte sei privat und beruflich mit ausserordentlichen zeitraubenden Unannehmlichkeiten beschäftigt, die vor einer allfälligen Therapie absoluten Vorrang hätten. Der Versicherte litt nach dem Unfall an mehr oder weniger starken somatischen Nacken- und Hinterkopfschmerzen, welche nach der Bioresonanztherapie weitgehend verschwanden. Unter diesen Umständen ist das Kriterium der körperlichen Dauerschmerzen jedenfalls nicht in besonders ausgeprägter Weise erfüllt. Eine ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hat oder ein schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen liegen nicht vor. Gemäss den Eintragungen des Hausarztes Dr. med. A.________ im Unfallschein UVG war der Versicherte unfallbedingt wie folgt arbeitsunfähig: ab 21. Dezember 1991 bis Ende April 1992 zu 70 %, ab 1. Mai 1992 bis bis Ende Oktober 1992 zu 50 %, ab 1. November 1992 bis 24. August 1994 zu 30 % und ab 25. August 1994 zu 10 %. Ab 1. Oktober 1994 gingen sowohl Dr. med. A.________ (Bericht vom 26. September 1994) als auch Prof. Dr. med. S.________ (Gutachten vom 28. Oktober 1994) unfallbezogen von voller Arbeitsfähigkeit aus. Die danach weiterbestehende Teilarbeitsunfähigkeit wurde damals von Prof. Dr. med. S.________ auf die krankheitsbedingte schwere Depression zurückgeführt. Unter diesen Umständen ist das Kriterium des erheblichen Grades und der langen Dauer der unfallbedingten Arbeitsunfähigkeit nicht erfüllt. Wenn Prof. Dr. med. S.________ im zweiten Gutachten vom 14. November 1997 rückwirkend von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit ausgeht, so ist dies auf die neuropsychologischen Störungen zurückzuführen und damit für die Beurteilung der Kriterien unbeachtlich (BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa; RKUV 1999 Nr. U 341 S. 409). Nach dem Gesagten sind die nach der Rechtsprechung für die Adäquanz psychischer Unfallfolgen massgebenden Voraussetzungen nicht erfüllt. Von weiteren Abklärungen ist abzusehen, da davon keine neuen verwertbaren Erkenntnisse zu erwarten sind (SVR 2001 IV Nr. 10 S. 28 Erw. 4b; zu Art. 4 Abs. 1 aBV ergangene, weiterhin geltende Rechtsprechung: BGE 124 V 94 Erw. 4b).