Citation: I 645/05 13.04.2006 E. 3.2

3.2.1 In einem kürzlich ergangenen Urteil (noch nicht in der Amtlichen Sammlung veröffentlichtes Urteil S. vom 8. Februar 2006, I 336/04) hat das Eidgenössische Versicherungsgericht festgehalten, dass die Fibromyalgie und die anhaltende somatoforme Schmerzstörung Gemeinsamkeiten hinsichtlich ihrer klinischen Manifestation und der unklaren Pathogenese aufweisen. Bei beiden Beschwerdebildern erweist es sich in gleichem Masse schwierig, das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit zu eruieren, weil sich eine allfällige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit nicht bereits aus der Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung oder einer Fibromyalgie ableiten lässt. Insbesondere erlaubt die Befunderhebung allein keinerlei Rückschlüsse auf die Intensität der Schmerzen, deren Entwicklung oder die Prognose im konkreten Fall. Mit Blick auf diese gemeinsamen Charakteristiken sind - aus rechtlicher Sicht und angesichts des gegenwärtigen Standes der medizinischen Wissenschaft - die Prinzipien, welche die Rechtsprechung im Rahmen somatoformer Schmerzstörungen entwickelt hat, in Fällen, in welchen die Frage zu klären ist, ob eine diagnostizierte Fibromyalgie invalidisierende Auswirkungen hat, analog anzuwenden (erwähntes Urteil S. vom 8. Februar 2006, I 336/04, Erw. 4.1). Bei einer Fibromyalgie besteht damit wie bei einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung die Vermutung, dass diese Erkrankung oder ihre Folgen mit einer zumutbaren Willensanstrengung überwindbar sind (BGE 131 V 50). Bei beiden Krankheiten können allerdings bestimmte Umstände, welche die Schmerzbewältigung intensiv und konstant behindern, den Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess unzumutbar machen, weil die versicherte Person nicht über die für den Umgang mit den Schmerzen notwendigen Ressourcen verfügt. Ob ein solcher Ausnahmefall vorliegt, entscheidet sich im Falle einer Fibromyalgie anhand der nachfolgenden, für die Beurteilung der Auswirkungen einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung aufgestellten, Kriterien. Im Vordergrund steht die Feststellung einer psychischen Komorbidität von erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer. Massgebend sein können zudem weitere Faktoren, so: chronische körperliche Begleiterkrankungen; ein mehrjähriger chronifizierter Krankheitsverlauf mit unveränderter oder progredienter Symptomatik ohne längerdauernde Rückbildung; ein sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens; ein verfestigter, therapeutisch nicht mehr beeinflussbarer innerseelischer Verlauf einer an sich missglückten, psychisch aber entlastenden Konfliktbewältigung (primärer Krankheitsgewinn; "Flucht in die Krankheit"); das Scheitern einer konsequent durchgeführten ambulanten oder stationären Behandlung (auch mit unterschiedlichem therapeutischen Ansatz) trotz kooperativer Haltung der versicherten Person (BGE 131 V 50 f. Erw. 1.2 mit Hinweis). Je mehr dieser Kriterien zutreffen und je ausgeprägter sich die entsprechenden Befunde darstellen, desto eher sind - ausnahmsweise - die Voraussetzungen für eine zumutbare Willensanstrengung zu verneinen (BGE 131 V 51 Erw. 1.2 mit Hinweis auf: Meyer-Blaser, Der Rechtsbegriff der Arbeitsunfähigkeit und seine Bedeutung in der Sozialversicherung, in: Schmerz und Arbeitsunfähigkeit, St. Gallen 2003, S. 77). Schliesslich ist sowohl bei einer diagnostizierten Fibromyalgie wie auch bei einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung davon auszugehen, dass regelmässig keine versicherte Gesundheitseinschränkung vorliegt, wenn die Leistungseinschränkung auf Aggravation oder einer ähnlichen Konstellation beruht. Eine solche Ausgangslage ist etwa gegeben, wenn: eine erhebliche Diskrepanz zwischen den geschilderten Schmerzen und dem gezeigten Verhalten oder der Anamnese besteht; intensive Schmerzen angegeben werden, deren Charakterisierung jedoch vage bleibt; keine medizinische Behandlung und Therapie in Anspruch genommen wird; demonstrativ vorgetragene Klagen auf den Sachverständigen unglaubwürdig wirken; schwere Einschränkungen im Alltag behauptet werden, das psychosoziale Umfeld jedoch weitgehend intakt ist (erwähntes Urteil S. vom 8. Februar 2006, I 336/04, Erw. 4.2.1 und 4.2.2). 3.2.2 Frau Dr. med. R.________ hatte eine depressive Entwicklung mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit diagnostiziert (Berichte vom 6. Mai 2002 und 24. März 2003), während die Psychiaterin Frau Dr. med. B.________ unter Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit "selbstunsichere Persönlichkeit mit depressiver Störung und sozialer Zurückgezogenheit" erwähnt hatte (Bericht vom 10. September 2003). Nachdem das ABI in seinem Gutachten vom 24. Mai 2004 eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit diagnostiziert hatte, konnte sich Frau Dr. med. B.________ dieser Diagnose im Schreiben vom 29. August 2004 nicht anschliessen, während der Hausarzt Dr. med. K.________ in seinen Berichten vom 6. September 2004 und 13. September 2005 u.a. das Vorliegen eines Fibromyalgiesyndroms und einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung vermutete. Massgebend ist somit, ob - selbst wenn eine Fibromyalgie oder eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung vorliegen würde - konkrete Umstände im oben erwähnten Sinne bestehen, welche den Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess unzumutbar machen. Vorab ist das Vorliegen einer psychischen Komorbidität - verstanden als selbstständiges, vom Schmerzsyndrom losgelöstes Leiden (BGE 130 V 358 Erw. 3.3.1 mit Hinweis auf Meyer-Blaser, a.a.O., S. 81 Anm. 135) zu verneinen. Eine solche wird in keinem der medizinischen Berichte diagnostiziert oder auch nur erwähnt. Eine allfällige depressive Entwicklung reicht dazu nicht aus, sondern wäre Ausdruck und Begleitsymptom des Schmerzgeschehens. Zu betonen ist in diesem Zusammenhang, dass die depressive Symptomatik nach Ansicht der behandelnden Psychiaterin keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hat, und nach Meinungen der Gutachter des ABI gar nicht vorhanden ist. Ein sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens ist sodann nicht ausgewiesen. Wohl erwähnte die behandelnde Psychiaterin eine soziale Zurückgezogenheit, doch wurde im Gutachten des ABI in der Anamnese festgehalten, dass die Beschwerdeführerin mit ihrem Sohn Spaziergänge mache oder Spielplätze aufsuche. Zwei- bis dreimal pro Woche habe sie Kontakt mit einer ihrer vier Freundinnen und deren Kindern, wobei man sich gegenseitig besuche. Zusammen mit dem Ehemann unternähmen sie an den Wochenenden Ausflüge, gingen in die Badi, in ein Einkaufszentrum oder würden Freunde und Verwandte treffen. Ein primärer Krankheitsgewinn wurde in keinem Bericht erwähnt und auch die weiteren in Betracht kommenden Kriterien sind, soweit überhaupt vorhanden, jedenfalls weder einzeln noch insgesamt in der erforderlichen intensiven Ausprägung erfüllt. Schliesslich wurde im Gutachten des ABI sogar ein gewisser Verdacht auf Simulation geäussert. Von einem mit zumutbarer Willensanstrengung nicht überwindbaren und daher die Arbeitsfähigkeit im invalidenversicherungsrechtlichen Sinne einschränkenden psychischen Leiden kann somit nicht ausgegangen werden. Es ist daher nicht zu beanstanden, dass das kantonale Gericht die Notwendigkeit weiterer medizinischer Abklärungen und - gestützt auf die bestehende medizinische Aktenlage - das Vorliegen einer anspruchsbegründenden Invalidität verneint hat.