Citation: 6B_1178/2021 E. 2.4.3

2.4.3. Die FIS-Regel 1 besagt, dass sich jeder Skifahrer und Snowboarder so verhalten muss, dass er keinen anderen gefährdet oder schädigt. Die Regel enthält den Vertrauensgrundsatz. Da jeder Skifahrer und Snowboarder verpflichtet ist, sich so zu verhalten, dass er keinen anderen gefährdet oder schädigt, darf er auch davon ausgehen, dass sich jeder andere Skifahrer und Snowboarder an dieses grundsätzliche Gebot hält (STIFFLER, a.a.O., Rz. 62 ff.). Auf das Vertrauensprinzip kann sich aber nur derjenige berufen, der sich selber verkehrsgerecht verhält (vgl. zum Strassenverkehrsrecht: BGE 143 IV 138 E. 2.2.2; 125 IV 83 E. 2b; STIFFLER, a.a.O., Rz. 64). Gemäss FIS-Regel 2 muss jeder Skifahrer und Snowboarder auf Sicht fahren. Er muss seine Geschwindigkeit und seine Fahrweise seinem Können und den Gelände-, Schnee- und Witterungsverhältnissen sowie der Verkehrsdichte anpassen. Jeder muss innerhalb der Sichtweite der vor ihm liegenden Strecke ausweichen oder anhalten können (STIFFLER, a.a.O., Rz. 71 ff.). Nach der FIS-Regel 3 muss der von hinten kommende Skifahrer und Snowboarder seine Fahrspur so wählen, dass er vor ihm fahrende Skifahrer und Snowboarder nicht gefährdet. Diese Regel räumt dem vorausfahrenden Skifahrer oder Snowboarder den Vorrang ein. Dieser Vorrang gilt uneingeschränkt für alle Bewegungen des vorderen bzw. geländemässig gesehen unteren Skifahrers oder Snowboarders. Der Vorrang des vorderen Skifahrers oder Snowboarders zwingt den hinteren zur Einhaltung eines genügenden Sicherheitsabstands. Der Grundsatz, dass dem vorderen Skifahrer und Snowboarder für alle seine Bewegungen der Vorrang zukommt, erfährt durch die 2002 geschaffene Ergänzung der FIS-Regel 5 eine Ausnahme: Der hintere Skifahrer und Snowboarder braucht nicht damit zu rechnen, dass ihm der vordere plötzlich entgegenkommt, indem er hangaufwärts fährt oder schwingt. Der Vorrang des vorderen Skifahrers oder Snowboarders findet seine Grenze im Vertrauensgrundsatz. Der hintere Skifahrer oder Snowboarder darf sich darauf verlassen, dass der vordere die FIS-Verhaltensregeln beachtet (STIFFLER, a.a.O., Rz. 82 ff.). Die FIS-Regel 4 gestattet dem Skifahrer oder Snowboarder das Überholen von oben oder unten, von rechts oder links, aber immer nur mit einem Abstand, der dem überholten Skifahrer oder Snowboarder für alle seine Bewegungen genügend Raum lässt. Die Regel verpflichtet den hinteren Skifahrer oder Snowboarder, dem vorderen zu überholenden für alle Bewegungen genügend Raum zu lassen, somit auch für unerwartete Manöver zufolge von Fahrfehlern, für das Abbremsen oder gar für einen Sturz, aber wiederum wie gemäss Regel 3 zuvor mit der einzigen Ausnahme, dass der Überholende nicht damit zu rechnen braucht, dass ihm der zu überholende Skifahrer oder Snowboarder plötzlich hangaufwärts entgegen kommt (STIFFLER, a.a.O., Rz. 92 ff.). Gemäss FIS-Regel 5 muss sich jeder Skifahrer und Snowboarder, der in eine Abfahrt einfahren, nach einem Halt wieder anfahren oder hangaufwärts schwingen oder fahren will, nach oben und unten vergewissern, dass er dies ohne Gefahr für sich und andere tun kann. Diese Regel räumt dem in Fahrt befindlichen Skifahrer oder Snowboarder den Vorrang ein vor jenem, der in eine Schneesportabfahrt einfahren oder nach einem Halt wieder anfahren will. Wer hangaufwärts schwingt oder fährt, bewegt sich entgegen dem allgemeinen Verkehrsstrom auf Schneesportabfahrten und schafft damit zusätzliche Risiken. Entsprechend ist er verpflichtet, sich vor der Bewegung hangaufwärts nach oben und unten zu vergewissern, dass er das ohne Gefahr für sich und andere tun kann. Der in Fahrt befindliche Skifahrer oder Snowboarder darf sich darauf verlassen, dass am Rande stehende oder in der Piste anhaltende Skifahrer oder Snowboarder ihm den Vortritt lassen und dass ihm nicht plötzlich von unten her einer entgegenfährt (STIFFLER, a.a.O., Rz. 98 ff.). Die FIS-Verhaltensregeln gelten für die Skifahrer und Snowboarder unabhängig davon, welche Art Sportmaterial benützt wird, Normalski, Kurzski, Carvingski, Big Foot, Snowboard oder Snowsnaker (STIFFLER, a.a.O., Rz. 48).