Citation: 5A_533/2023 E. 3.6.7

3.6.7. Das Bundesgericht stellte in BGE 111 II 223 E. 3 den Grundsatz auf, für die Dauer des Scheidungsverfahrens seien die Kinder in der Regel demjenigen Elternteil zuzusprechen, der in der Lage sei, sie weitgehend persönlich und in der bisherigen Umgebung zu betreuen. In diesem Verfahrensstadium sei noch nicht abzuklären, bei welchem Elternteil das Recht der Kinder auf optimale Fürsorge und Erziehung für die Zukunft besser gewährleistet sei. Diese Rechtsprechung, welche gut dreissig Jahre vor Inkrafttreten sowohl der Sorgerechtsnovelle (AS 2014 357 ff.) als auch des neuen Kindesunterhaltsrechts (AS 2015 4299 ff.) entwickelt wurde, ist in ihrer Absolutheit mittlerweile überholt. Einerseits berücksichtigt sie nicht, dass die Möglichkeit zur persönlichen Betreuung der Kinder - wie bereits an anderer Stelle erörtert (vgl. vorne E. 3.5) - für den Obhutsentscheid im Regelfall nicht mehr ins Gewicht fällt. Andererseits wird sie der im Zusammenhang mit dem Aufenthaltsbestimmungsrecht (Art. 301a ZGB) ergangenen neueren Rechtsprechung nicht gerecht, welche nicht als entscheidend ansieht, bei welchem Elternteil das Kind im angestammten Umfeld verbleiben kann, sondern ob das Kindeswohl besser gewahrt ist, wenn es mit dem wegzugswilligen Elternteil mitgeht oder wenn es sich beim zurückbleibenden Elternteil aufhält, wobei auf sämtliche Umstände des Einzelfalles abzustellen ist (BGE 142 III 502 E. 2.5, 481 E. 2.6 und E. 2.7). Zwischen der Frage, ob die Verlegung des Aufenthaltsortes zu bewilligen ist, und der Anpassung der Kinderbelange - namentlich der Obhut - besteht eine enge Interdependenz (BGE 142 III 481 E. 2.6 in fine und E. 2.8).