Citation: I 162/06 21.03.2007 E. 2

Streitig und zu prüfen ist der Anspruch auf Kostengutsprache für die Mehrkosten einer erstmaligen beruflichen Ausbildung, namentlich die invaliditätsbedingte Notwendigkeit einer beruflichen Erstausbildung in einem geschützten, gegenüber einem üblichen Ausbildungsweg kostspieligeren Rahmen. 2.1 Die für die Anspruchsprüfung massgebenden Bestimmungen und Grundsätze (Art. 16 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 8 Abs. 1 IVG, Art. 5 IVV; BGE 114 V 30 E. 1b), insbesondere über den Begriff des invalidisierenden Gesundheitsschadens (Art. 4 und Art. 8 Abs. 1 IVG; Art. 8 ATSG; vgl. BGE 130 V 343 E. 3 S. 345 ff.) und den Beweiswert ärztlicher Berichte und Gutachten (BGE 125 V 351 E. 3 S. 352 ff., 122 V 157 E. 1c S. 160 ff., je mit Hinweisen), werden im vorinstanzlichen Entscheid - zum Teil unter Verweis auf den Einspracheentscheid vom 21. September 2005 - zutreffend dargelegt. Darauf wird verwiesen. 2.2 Gemäss Berichten des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Zentrums Y.________ vom 25. September 2003 und des seit 4. September 2003 psychiatrisch behandelnden Dr. med. G.________, Facharzt, Kinder- und Jugendpsychiatrische Praxis, vom 31. Mai 2004 leidet der Beschwerdegegner an einer Störung des Sozialverhaltens mit depressiver Störung (ICD-10: F92.0). Im Bericht des Dr. med. G.________ vom 30. August 2005 wird diese spezifische Diagnose zwar nicht ausdrücklich erwähnt, jedoch die soziale Verhaltensauffälligkeit und namentlich eine mindestens seit Schuleintritt bestehende depressive Erkrankung bestätigt, "die in verschiedener, z.T. alterstypischer Ausprägungen (nach ICD-10 leichte bis schwere depressive Episoden) bis heute besteht". Der leitende Arzt der Fachstelle für Psychiatrische Begutachtung/Integrierte Psychiatrie, med. pract. K.________, konnte während seines rund 80-minütigen Untersuchungsgesprächs am 7. Oktober 2005 keine depressive Symptomatik feststellen; er hob jedoch in seinem zu Handen der IV-Stelle verfassten Bericht vom 10. Oktober 2005 hervor, dass behandlungsbedürftige depressive Phasen in den Akten klar belegt seien. Die diagnostische Zuordnung der aktuellen psychischen Problematik sei schwierig, die von den Voruntersuchern gestellte Diagnose einer Störung des Sozialverhaltens mit depressiver Störung jedoch sehr gut nachvollziehbar. Es gebe im Verhalten des Jugendlichen aber auch "das gegenteilige Bild", nämlich verbale und tätliche aggressive Durchbrüche aus geringfügigen Anlässen, wobei es sich um eine "Störung der Impulskontrolle bei noch unreifer Persönlichkeit vor dem Hintergrund einer Selbstwertproblematik mit erhöhter Verletzlichkeit" handle. Insgesamt kann gemäss med. pract. K.________ keinesfalls von einer bloss auffälligen Adoleszenzentwicklung ausgegangen werden. 2.3 Aufgrund der medizinischen Aktenlage - namentlich mit Blick darauf, dass sich bereits im Kindesalter eine deutliche Entwicklungsproblematik manifestierte - ist mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt, dass die Verhaltensauffälligkeiten des Beschwerdegegners nicht bloss Ausdruck einer nicht krankheitswertigen Persönlichkeitsdisposition und/oder invaliditätsfremder psychosozialer Umstände (einschliesslich üblicher Adoleszenzerscheinungen) sind, sondern ihnen ein psychopathologisches Geschehen zugrunde liegt. Dabei ist die aktenkundige Diagnose einer Störung des Sozialverhaltens mit depressiver Störung (ICD-10: F92.0) im Lichte der von den Ärzten und Therapeuten beschriebenen Symptomatik, der spezifischen Umschreibung dieser Störung im ICD-10-Klassifikationssystem und des in der medizinischen Literatur gezeichneten klinischen Bildes (Blanz/Remschmidt/Schmidt/Warnke, Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter, Stuttgart 2006, S. 266 ff.; H.-C. Steinhausen, Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen, 5., neu bearbeitete Auflage, München/Jena 2002, S. 219 ff.) als einleuchtend und nachvollziehbar einzustufen. Die von med. pract. K.________ ebenfalls erwähnte Störung der Impulskontrolle (vgl. ICD-10: F63.-), welche sich in aggressiven Durchbrüchen manifestiere, ist mit der diagnostizierten Störung des Sozialverhaltens - als sich wiederholendes und anhaltendes Muster dissozialen, aggressiven und aufsässigen Verhaltens, welches mit seinen gröberen Verletzungen die altersentsprechenden sozialen Erwartungen übersteigt (so ICD-10: F91.0 [als Teilgehalt der Diagnose F.92.0) - durchaus vereinbar und wurde vom Arzt denn auch nicht im Sinne einer Ausschluss-Diagnose aufgeführt. Entgegen der Auffassung des BSV kann ferner aus dem Umstand, dass med. pract. K.________ anlässlich seines Untersuchungsgesprächs im Oktober 2005 keine depressive Symptomatik feststellen konnte, nicht auf das Fehlen der in der Diagnose gemäss ICD-10: F92.0 mitenthaltenen depressiven Störung (ICD-10: F32.-) geschlossen werden. Aktenmässig hinreichend erstellte Tatsache ist, dass beim Beschwerdegegner während seiner Kindheit- und Jugendzeit wiederholt mehr oder weniger ausgeprägte depressive Phasen auftraten, die eine psychotherapeutische Betreuung und medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva erforderten. Wenn auch phasenweise in nur leichter Ausprägung in Erscheinung getreten, ist die depressive Grundproblematik als solche überwiegend wahrscheinlich, nachdem der behandelnde Dr. med. G.________ sie klar bestätigt (Bericht vom 30. August 2005) und med. pract. K.________ sie keineswegs prinzipiell, sondern nur mit Bezug auf das Untersuchungsgespräch im Oktober 2005 verneint hat. 2.4 Mit der Vorinstanz kann einer - fachärztlich diagnostizierten (BGE 130 V 396 E. 5.3 und 6 S. 398 ff., 130 V 352 E. 2.2.2 und 2.2.3 S. 353 f.) - Störung des Sozialverhaltens mit depressiver Störung die Eignung, eine Invalidität im Sinne von Art. 4 IVG in Verbindung mit Art. 8 IVG zu begründen, nicht prinzipiell abgesprochen werden (vgl. etwa auch Urteile des Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 836/05 vom 1. März 2006 [bezüglich Störung des Sozialverhaltens bei vorhandenen sozialen Bindungen [[ICD-10: F91.2]] und emotionale Persönlichkeitsentwicklungsstörung [[ICD-10: F93.8]]; I 453/05 vom 14. August 2006, E. 2 [bezüglich hyperkinetischer Störung verbunden mit Störung des Sozialverhaltens, ICD-10:F90.1]). Wie sonstige psychische Gesundheitsbeeinträchtigungen begründet allerdings auch diese Diagnose - insoweit ist dem beschwerdeführenden Bundesamt beizupflichten - nicht ohne Weiteres eine leistungsspezifische Invalidität (BGE 126 V 461 E. 1, mit Hinweisen). Gemäss BGE 114 V 29 E. 1b S. 30 sind auch im Rahmen von Art. 16 Abs. 1 IVG die allgemeinen Grundsätze zum invalidisierenden Charakter psychischer Gesundheitsschäden massgebend. Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und damit invalidenversicherungsrechtlich nicht als relevant gelten danach Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit - hier analog: bei der erstmaligen beruflichen Ausbildung -, welche die versicherte Person bei Aufbietung allen guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, abwenden könnte; das Mass des Forderbaren wird dabei weitgehend objektiv bestimmt (vgl. BGE 131 V 49 E. 1.2 S. 50, 130 V 352 E. 2.2.1 S. 353, je mit Hinweisen). Vor diesem Hintergrund ist invalid im Sinne von Art. 16 IVG, wer aufgrund eines fachärztlich diagnostizierten psychischen Gesundheitsschadens trotz zumutbarer Willensanstrengung (vgl. BGE 130 V 396 E. 6.2.3 S. 402) bei einer den Fähigkeiten entsprechenden Erstausbildung während längerer Zeit erhebliche Mehrkosten auf sich nehmen muss; Bezugspunkt bildet dabei der beabsichtigte Ausbildungsgang mit seinen spezifischen Anforderungen (BGE 114 V 29 E. 1b S. 30; ZAK 1989 S. 597, E. 2a, I 411/86).