Citation: 9C_651/2016 E. 3.3.1

3.3.1. Im Rahmen der Kategorie "funktioneller Schweregrad", Komplex "Gesundheitsschädigung", steht die starke Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde und Symptome unbestritten fest. Beanstandet werden hingegen die vorinstanzlichen Ausführungen zu den Schweregradindikatoren des Behandlungs- und Eingliederungserfolges (Verlauf und Ausgang von Therapien; vgl. dazu BGE 141 V 281 E. 4.3.1.2 S. 299 f.) sowie zu den Komorbiditäten (vgl. dazu BGE 141 V 281 E. 4.3.1.3 S. 300 ff.) : 3.3.1.1. Die Vorinstanz erwog, es könne der Versicherten, welche sich sowohl stationär als auch ambulant psychotherapeutisch behandeln liess, nicht vorgeworfen werden, die medizinischen Möglichkeiten nicht ausgeschöpft zu haben; der erfolgte Therapieabbruch sei damit zu erklären, dass die Versicherte der festen Überzeugung sei, an körperlichen Krankheiten zu leiden. Des Weitern sei auf die erheblichen Wechselwirkungen zwischen der schweren Somatisierungsstörung und der Anpassungsstörung sowie der mittelgradigen depressiven Episode hinzuweisen. Der Indikator erweise sich als ausgeprägt erfüllt. Die IV-Stelle erblickt in den vorinstanzlichen Ausführungen betreffend Behandlungserfolg und -resistenz einen Widerspruch zu einer späteren Erwägung im angefochtenen Entscheid, in welcher darauf hingewiesen wurde, dass es im Ermessen der IV-Stelle liege, die Versicherte zu einer adäquaten Behandlung anzuhalten. Des Weitern beanstandet sie, dass das kantonale Gericht die von ihm bejahten Wechselwirkungen nicht umschrieben habe. 3.3.1.2. Aus den Akten, insbesondere dem psychiatrischen Teil-Gutachten des Dr. med. E.________ vom 19. März 2014, geht hervor, dass sich die Versicherte in den Jahren 2010 und 2012 zwei Unterleibsoperationen unterzogen hatte, die zu einer Symptomverschiebung führten, indem sie nach dem zweiten Eingriff nach einer anfänglich beschwerdefreien Phase unter Magen-Darm-Problemen, Schwindel, Zittern und Angstsymptomen litt. Seit Sommer 2012 bestanden bei ihr auffällige psychiatrische Symptome, deretwegen sie sich ab Oktober 2012 wiederholt in psychotherapeutische Behandlung begab. Im Januar 2013 unternahm die Versicherte den Versuch eines entsprechenden stationären Aufenthaltes (vom 23. Januar bis 28. März 2013) im Sanatorium F.________, Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Austrittsbericht vom 25. April 2013). Im Rahmen der psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungen wurde versucht, der Versicherten ein adäquates Krankheitsmodell zu vermitteln und Strategien für den Umgang mit ihren Symptomen zu erarbeiten (vgl. insbesondere Bericht der Dr. med. G.________, Fachärztin FMH Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 11. Oktober 2013). Die durchgeführten Massnahmen brachten allerdings nicht den gewünschten Erfolg: Die stationäre Behandlung im Sanatorium F.________ führte bei der Versicherten eher zu einer Zustandsverschlechterung und Psychotherapien brach die Versicherte wiederholt ab in der Überzeugung, "das Psychiatrische/Psychosomatische sei nicht was sie brauche" (Bericht des Dr. med. H.________, Chefarzt Medizinische Klinik, Spital I.________, vom 24. Mai 2013). Das mit der fehlenden Einsicht, psychisch erkrankt zu sein, einhergehende, nach SMAB-Gutachter Dr. med. E.________ fast wahnartig verfestigte Denken, (körperlich) an einer schweren Krankheit zu leiden, welche die Ärzte bisher nicht erkannt hätten, führte denn auch dazu, dass die Versicherte sich immer wieder somatisch abklären und behandeln liess. Daneben versuchte sie wiederholt auf alternativen Wegen (namentlich mittels naturärztlicher Behandlung) eine Besserung ihres Zustandes zu erreichen. Der psychiatrische Gutachter Dr. med. E.________ hielt denn auch fest, dass die Beschwerdegegnerin unter anderem "wegen der fast wahnhaft anmutenden Überzeugung bezüglich der körperlichen Symptomatik, verbunden mit der auf diese Themen fast ausschliesslich fixierten Gedanken [...] als psychisch schwerkranke Versicherte" zu betrachten sei. Zufolge der schweren Somatisierungsstörung sei sie so sehr auf ihre körperlichen Beschwerden (insbesondere die Missempfindungen im Bereich der rechten Gesichtshälfte und des Halses) fixiert, dass andere Gedanken daneben kaum Platz hätten. Soweit der psychiatrische Gutachter Dr. med. E.________ dennoch einen (letzten) Versuch einer psychotherapeutischen Behandlung empfahl, räumte er nicht nur ein, es werde "überaus schwierig" sein, eine geeignete Stelle zu finden; vielmehr relativierte er auch die Erfolgsaussichten erheblich, indem er angab, die Prognose sei ungewiss und hänge vor allem davon ab, inwieweit von psychologischer und ärztlicher Seite her ein Vertrauensverhältnis aufgebaut und ein Krankheitsverständnis vermittelt werden könne. Unter diesen Umständen ist mit der Vorinstanz von einer gewissen Behandlungsresistenz des Leidens auszugehen. 3.3.1.3. Unter dem Aspekt der Komorbiditäten wurde im angefochtenen Entscheid berücksichtigt, dass erhebliche Wechselwirkungen zwischen der schweren Somatisierungsstörung und der Anpassungsstörung sowie der mittelgradigen depressiven Episode bestehen. Rechtsprechungsgemäss vermag allerdings eine mittelgradige Depression keine Komorbidität im Sinne von BGE 141 V 281 E. 4.3.1.3 S. 301 zu begründen (SVR 2017 IV Nr. 47 S. 139, 8C_814/2016 E. 5.3.6 [nicht publ. in BGE 143 V 66]); sie fällt lediglich als ressourcenhemmender Faktor in Betracht. Selbst wenn aus diesem Grund lediglich die Anpassungsstörung als Komorbidität zu betrachten ist, ändert dies nichts daran, dass im Komplex "Gesundheitsschädigung" eine die Auswirkungen der Somatisierungsstörung verstärkende krankheitswertige Beeinträchtigung besteht.