Citation: 9C_443/2023 E. 3.2

3.2. Die beschwerdeführende IV-Stelle rügt, es sei bundesrechtswidrig, bis zum Abschluss der für eine Besserung des Gesundheitszustands vorausgesetzten adäquaten Therapie davon auszugehen, es bestehe eine 50-prozentige Arbeitsunfähigkeit. Die Arbeitsfähigkeit sei bei grundsätzlich allen psychischen Erkrankungen in einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu beurteilen (BGE 143 V 418). Dies sei nicht allein Sache der Medizin; die ärztliche Einschätzung unterliege einer freien juristischen Beurteilung. Die gutachterliche Würdigung beruhe hier aber nicht auf den einschlägigen normativen Vorgaben. Die Vorinstanz habe auch nicht (selbst) geprüft, ob die aufgrund der psychischen Leiden attestierte Arbeitsunfähigkeit (von 50 Prozent bis zum Abschluss von medizinischen und beruflichen Massnahmen) den betreffenden Vorgaben standhalte. Deswegen habe sie auch keine rentenbegründende Erwerbsunfähigkeit annehmen dürfen. Im Einzelnen wendet die Beschwerdeführerin ein, die für die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung (gegenwärtig leichte Episode) massgebenden objektiven Befunde wögen, soweit überhaupt vorhanden, nicht schwer; auch liege kein (akutes) Suchtgeschehen (THC, Spiele) mehr vor. Eine Persönlichkeitsakzentuierung falle rechtsprechungsgemäss nicht unter die IV-rechtlich erheblichen Gesundheitsschädigungen. Es finde derzeit keine antidepressive Medikation statt. Weiter konsultiere der Beschwerdegegner seine Psychiaterin nicht regelmässig. Damit sei einerseits kein hoher Leidensdruck ausgewiesen, anderseits liege ein grosses Behandlungspotential brach. Wenn mit den gutachterlich umschriebenen Massnahmen (Optimierung der Medikation; Behandlungssetting im Rahmen einer kurzen Hospitalisierung im Hinblick auf Tagesstruktur, Aufbau von Sozialkontakten und Verbesserung der Belastbarkeit; ambulante Psychotherapie im wöchentlichen Intervall) die Leistungsfähigkeit schon innert nur vier bis sechs Monaten auf 100 Prozent erhöht werden könne, so spreche auch dies klar für eine bloss leichte Einschränkung. Die zu Beginn gute Motivation und Performance bei den beruflichen Massnahmen habe alsbald nachgelassen (zunehmende Fehlzeiten, Mangel an Durchhaltevermögen). Der Beschwerdegegner habe die Ausbildung denn auch nicht krankheitsbedingt abgebrochen, sondern aufgrund einer seit 2014 zunehmend schwindenden Motivation. Spätestens seit 2016 sei keine Anstrengungsbereitschaft mehr ersichtlich. Nach Zusprechung der halben Invalidenrente (Verfügung vom 6. September 2017) habe er sich nicht mehr weiter um Eingliederung bemüht. Offensichtliche Schwierigkeiten in den Exekutivfunktionen (Einhaltung von Terminen, Pünktlichkeit, Compliance) seien Ausdruck einer seit Jahren fehlenden Tagesstruktur und mangelnden Motivation. Diese hätten keinen Krankheitswert. Nach jahrelanger Beschäftigungslosigkeit sei von einer allgemeinen Dekonditionierung auszugehen. Die ausgeprägte Tag-/Nachtumkehr sei sozialtherapeutisch und durch eine geregelte Tätigkeit gut anzugehen. Eigentliche Komorbiditäten seien nicht gegeben. Was die persönlichen Ressourcen angehe, verfüge der Beschwerdegegner über gute intellektuelle Voraussetzungen und Sozialkompetenz. Die Auffälligkeiten in der Persönlichkeit beeinträchtigten die Funktionsfähigkeit nicht massgeblich. Unter Gesichtspunkten der Konsistenz (des Verhaltens) sei auf die gutachterliche Feststellung hinzuweisen, wonach die Einschränkungen nicht auf alle Aktivitäten gleichmässig verteilt seien; der Beschwerdegegner konzentriere sich auf Tätigkeiten, die ihn interessierten, wie etwa stundenlanges Spielen am PC. Insgesamt könnten die geltend gemachten gesundheitsbedingten Einschränkungen und eine daraus resultierende Arbeitsunfähigkeit nicht nachvollzogen werden. Im Rahmen von Art. 7 Abs. 2 zweiter Satz ATSG sei daher von der gutachterlich attestierten Arbeitsunfähigkeit abzuweichen und eine invalidisierende Wirkung des diagnostizierten Gesundheitsschadens zu verneinen, ohne dass noch eine Besserung infolge adäquater Therapie und Abstinenz von Cannabinoiden abzuwarten wäre. Der strittige Rentenanspruch bestehe nicht.