Citation: I 721/03 02.08.2004 E. 4

4.1 Das BSV bringt in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde denn auch in erster Linie vor, die Wissenschaftlichkeit des Giger-Geräts sei nicht belegt. Dazu beruft sich das Bundesamt auf ein Gutachten, welches Prof. Dr. med. M.________, Spezialarzt FMH für Neurologie, am 30. Juli 2002 in einem andern Fall abgegeben hatte. Darin kommt der Experte nach eingehender und kritischer Würdigung des damals zu beurteilenden Falles zu den Schlussfolgerungen, dass das Giger-Gerät zumindest bei intensivem und regelmässigem, möglichst täglichem Einsatz die Bewegungen der behinderten Extremitäten in ein sinnvolles Bewegungsmuster einzubauen hilft. Dies sei auf Grund der neurophysiologischen Erkenntnisse betreffend die Plastizität des Gehirns möglich und sinnvoll. Dadurch könnten die die Aktivität steuernden Strukturen auf Grund der nun tatsächlich ausgeführten sinnvollen Bewegungen neu vernetzt und in ihrer Funktionsfähigkeit verbessert werden. Dies ermögliche eine Steigerung der spontanen Bewegungen und differenzierten Funktionen. Nicht erwiesen sei hingegen das Ausmass, in welchem diese Verbesserung der Funktionen durch das Giger-Gerät alleine bewirkt würde. Nicht wissenschaftlich beurteilbar sei also, in welchem Masse das Gerät die bisher angewendeten Methoden wie Physio- oder Ergotherapie unterstütze. Dieser Nachweis könnte einerseits durch genügend breit angelegte vergleichende Untersuchungen geführt werden, während Einzeleindrücke nur einen sehr begrenzten Aussagewert hätten. In einem Prof. M.________ vorgelegten Sonderdruck befänden sich keine kontrollierten Studien in diesem Sinn. Solche seien nur ausserordentlich schwierig zu erbringen. Verschiedene Überlegungen und die Erfahrung im konkret zu beurteilenden Einzelfall sprächen dafür, dass das Gerät nicht Ersatz der erwähnten Methoden sein könne. Insgesamt habe er als Arzt, aber auch als Wissenschaftler die Tendenz, eine leihweise Abgabe des Gerätes bis auf Weiteres zu befürworten. Es wäre wünschenswert, dass die Herstellerfirma den bisher ausstehenden Beweis der Wirksamkeit des Geräts im Vergleich mit konventionellen Therapien erbringe. Dies, obwohl die Wirksamkeit in der Praxis durchaus auf breiter Basis anerkannt sei. 4.2 Im erwähnten Urteil Sch. hat das Eidgenössische Versicherungsgericht die wissenschaftliche Anerkennung der Giger-Geräte nicht ausdrücklich geprüft, jedoch auf eine Stellungnahme von Dr. med. habil., Dr. rer. nat., Dipl. Ing. X.________ sowie verschiedene Beiträge von Schalow/Zäch, in Physiotherapie 1999, Zeitschrift des Schweizerischen Physiotherapeuten-Verbandes [SPV], Sonderdruck, und die am Versicherten Sch. durchgeführte Fallstudie von Schalow/ Kuntoutuskeskus/Nyffeler, in Physiotherapie 2000/2001, S. 3 ff., verwiesen. Demnach beruht die Koordinationsdynamik-Therapie auf nunmehr rund 20-jähriger human-neurophysiologischer Forschungsarbeit und ist die einzige Methode der Wiederherstellung von Funktionen des Zentralnervensystems, die auf neuro-elektrophysiologischen Messungen beruhe, also eine medizinisch-wissenschaftliche Grundlage habe. Im Ergebnis anerkannte das Gericht, dass der damals am Recht stehende Versicherte Anspruch auf medizinische Eingliederungsmassnahmen habe, welche namentlich in den Räumlichkeiten eines Physiotherapeuten oder eines Therapiezentrums durchgeführte Koordinationsdynamik-Therapie an einem Giger MD medical device baby zu Lasten der Invalidenversicherung habe. Die Abgabe dieses Geräts nach Hause wurde nicht wegen mangelnder Wissenschaftlichkeit, sondern wegen fehlender Notwendigkeit abgelehnt (Erw. 3.1 hievor). 4.3 Der Versicherte verweist auf die Homepage der Herstellerfirma (www.gigermd.com). Dort wird gesagt, dass zahlreiche Kliniken, Rehabilitationszentren, Spezialpraxen, Physiotherapeuten, Ärzte sowie Privatpersonen zu Hause Giger-Geräte weltweit mit ausserordentlichen Erfolgen anwendeten. Sodann wird auf ein Buch mit Studien hingewiesen. Ferner enthält die Homepage eine lange Liste mit Links zu Spitälern in der ganzen Welt. 4.4 Nähere Hinweise oder Bestätigungen zu diesen Angaben lassen sich zwar auf der Homepage nicht finden. Damit steht nicht fest, ob alle dort aufgeführten Institutionen Giger-Geräte benützen. Indessen ist nicht zu bezweifeln, dass diese Geräte in Institutionen verbreitet Anwendung finden. Ferner existieren Studien über nunmehr rund 20 Jahre. Selbst Prof. M.________ hält es auf Grund neurophysiologischer Erkenntnisse für möglich, dass Giger-Geräte die behinderten Extremitäten in ein sinnvolles Bewegungsmuster einzubauen helfen, und befürwortet schlussendlich sowohl als Arzt wie als Wissenschafter die Abgabe des Gerätes an den betroffenen Versicherten. In Würdigung aller Umstände lässt sich die Wissenschaftlichkeit entgegen dem Bundesamt nicht verneinen. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Im Fall Sch. bezeichnete es das Eidgenössische Versicherungsgericht als unbestritten, dass der Versicherte zu Lasten der Invalidenversicherung Anspruch auf eine in Räumlichkeiten eines Physiotherapeuten durchgeführte Koordinationsdynamik-Therapie mit einem Giger-Gerät hat. Ferner hielt das Gericht in diesem Urteil fest, dass bereits mehrfach solche Geräte durch die Invalidenversicherung abgegeben worden sind. Auch vorliegend sprach sich die IV-Stelle lediglich gegen eine Abgabe des Geräts nach Hause aus, nicht aber gegen die Therapie mit Giger-Geräten beim Physiotherapeuten. Es ist indessen nicht einzusehen, weshalb die Durchführung einer Therapie mit einem derartigen Gerät nur in Institutionen, nicht aber zu Hause wissenschaftlich bewährt sein sollte, werden doch die gleichen Übungen auf Grund der selben Erkenntnisse durchgeführt. Da im vorliegenden Fall nach dem Gesagten die Notwendigkeit des täglichen Trainings auf dem Gerät sowie der enge Zusammenhang mit der ärztlich verordneten Physiotherapie im Unterschied zum Fall Sch. erfüllt sind und das hier gewünschte Gerät einfach und zweckmässig ist, hat der Versicherte Anspruch auf Abgabe eines solchen zu Hause.