Citation: 2C_361/2022 E. 6.2

6.2. Die bundesgerichtliche Praxis, wonach die Entschädigungspflicht nach Art. 5 Ziff. 5 EMRK den Nachweis eines hinreichend schweren immateriellen Schadens voraussetzt, geht auf die Rechtsprechung der ehemaligen Europäischen Kommission für Menschenrechte zurück (vgl. BGE 129 I 139 E. 2 in fine unter Verweis auf den Nichtzulassungsentscheid der Europäischen Kommission für Menschenrechte i.S. B. gegen Schweiz vom 20. Mai 1998, publ. in: VPB 62/1998 Nr. 93 S. 914). Seither hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte präzisiert, dass an den Nachweis des immateriellen Schadens keine zu hohen Anforderungen zu stellen sind. Andernfalls wäre eine geldwerte Entschädigung in einem Grossteil der Fälle ausgeschlossen, in denen eine konventionswidrige Inhaftierung nur von kurzer Dauer ist und nicht mit einer objektiv feststellbaren Verschlechterung des physischen oder psychischen Zustands des Inhaftierten einhergeht (Urteil des EGMR Danev gegen Bulgarien vom 2. September 2010 [Nr. 9411/05] § 34; ferner Björn Elberling, in: Karpenstein/Mayer [Hrsg.], EMRK, Kommentar, 3. Aufl. 2022, N. 132 zu Art. 5 EMRK). Bei einem Freiheitsentzug, der unter Verletzung der Bestimmungen von Art. 5 Ziff. 1 EMRK erfolgt, ist demnach in der Regel zu vermuten, dass der Inhaftierte psychisches Leid erfährt, obschon diese Vermutung im Einzelfall widerlegt werden kann (Urteil des EGMR Dzhabarov und andere gegen Bulgarien vom 31. März 2016 [Nr. 6095/11 etc.] § 84).