Citation: 5C.102/2001 22.06.2001 E. 2

2. A. Bern 1997, § 3 N. 6 S. 35 f.). Mit ihrem Einwand spricht die Beklagte insbesondere die Zwecktauglichkeit einer Entmündigung an: Ziel der vormundschaftlichen Massnahme ist, die negativen Folgen gewisser Schwächezustände zu beheben, auszugleichen oder mindestens zu mildern und damit das Wohl des Schwachen zu gewährleisten (Langenegger, N. 3 der Vorbem. zu Art. 360-456 ZGB); ist eine Massnahme zur Erreichung dieses Ziel nicht geeignet, hat ihre Anordnung zu unterbleiben, weil nicht bloss zu weitgehende, sondern auch untaugliche vormundschaftliche Massnahmen ungesetzlich sind (Affolter, Basler Kommentar, N. 60 zu Art. 406 ZGB; Stettler, a.a.O., N. 80 f. S. 44 f.; vgl. für den verwandten Bereich der fürsorgerischen Freiheitsentziehung: Geiser, N. 9 der Vorbem. zu Art. 397a-f ZGB und N. 14 zu Art. 397a ZGB; Spirig, N. 203-205 zu Art. 397a ZGB). b) Die Anordnung einer Beistandschaft im Sinne der Art. 392 f. ZGB entfällt unstreitig bereits deshalb, weil die Beklagte praktisch keine Einsicht in ihre Hilfsbedürftigkeit zeigt und deshalb aller Voraussicht nach auch nicht bereit sein wird, den Beistand zu ihrem eigenen Wohle gewähren zu lassen bzw. ihre Handlungsfähigkeit nicht zum eigenen Schaden zu benutzen (vgl. Langenegger, N. 4 zu Art. 92 ZGB). Entgegen der Darstellung der Beklagten ist in ihrem Zusammenhang nicht entscheidend, ob die Beiratschaft (Art. 395 ZGB) sich von der Vormundschaft (Art. 398 ff. ZGB) nur quantitativ oder auch qualitativ abhebt (BGE 100 II 88 E. 3 S. 90) und dass einem Beirat neben der wirtschaftlichen im Grundsatz auch die persönliche Fürsorge übertragen werden kann (BGE 96 II 369 E. 1d-f S. 373 ff.; 97 II 302 Nr. 41). Wie sie selber betont, ist Hilfe in finanziellen Belangen unnötig, zumal sie lediglich über eine IV-Rente verfügt, deren Verwaltung einem Beirat ohnehin von Gesetzes wegen entzogen ist (Art. 395 Abs. 2 ZGB; BGE 108 II 92 E. 4 S. 94). Eine Beiratschaft aber darf nach der Rechtsprechung nicht angeordnet werden, wenn alleiniges Schutzobjekt die körperliche und psychische Gesundheit ist (BGE 103 II 81 S. 83, letzter Absatz). Wo zur Gewährung persönlicher Fürsorge Zwangsmassnahmen notwendig sind, genügt eine Beiratschaft ohnehin nicht; dafür steht nur die Vormundschaft zur Verfügung (Affolter, N. 18 f. zu Art. 406 ZGB; Riemer, a.a.O., § 5 N. 4 S. 110; Stettler, a.a.O., N. 305 S. 147 f.). Das Obergericht hat deshalb ohne Bundesrecht zu verletzen annehmen dürfen, als vormundschaftliche Massnahme falle lediglich eine Entmündigung der Beklagten in Betracht. c) Auf Grund des bisherigen Krankheitsverlaufs ist das Obergericht davon ausgegangen, der Gesundheitszustand der Beklagten werde sich weiter verschlechtern. Die von ihr verübten Selbstmordversuche liessen auf eine grosse Gefährdung der Beklagten schliessen. Den Eltern sei es bisher nicht möglich gewesen, die Beklagte zu einer - von den Gutachtern empfohlenen - Therapie zu motivieren. Geeignete therapeutische Massnahmen müssten daher auch gegen den Willen der Beklagten durchgeführt werden können. Eine solche Therapie könne nicht mittels eines fürsorgerischen Freiheitsentzugs durchgeführt werden, da die betroffene Person nur eingeliefert werden dürfe, wenn ihr die nötige persönliche Fürsorge nicht anders gewährt werden kann (Art. 397a Abs. 1 ZGB), und sie entlassen werden müsse, sobald ihr Zustand es erlaubt (Art. 397a Abs. 3 ZGB). Eine Besserung des Krankheitsbildes könne jedoch nicht durch eine vorübergehende Klinikeinweisung erreicht werden, sondern nur durch langfristige Therapien im Sinne der Gutachten. Nur dem Vormund stünden ausreichende rechtliche Mittel zur Verfügung, um die Beklagte solchen Massnahmen zuzuführen (E. 6e S. 16 des obergerichtlichen Urteils). Der Beklagten kann nicht beigepflichtet werden, es gebe keine Behandlung für ihr Leiden, so dass eine Entmündigung nutzlos sei. Sie widerspricht damit den gutachterlichen Feststellungen, auf die das Obergericht abgestellt hat. Die Art der Behandlung wird im Gutachten beschrieben als "Kombination von Sozio-, Gesprächs- und Verhaltenstherapie" und daraus gefolgert, "dass nur eine intensive Behandlung ... über Jahre eine Entwicklung zur Besserung der Symptomatik und zur gewünschten höheren Selbständigkeit herbeiführen kann" (act. 63). Dem Obergericht ist insoweit kein Versehen unterlaufen. Heilung ist vielmehr auf Grund einer spezifizierten Therapie möglich, wenn sie gemäss Gutachter auch keine völlige sein wird und der Behandlungserfolg naturgemäss nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden kann. Es liegt darin aber mehr als eine bloss vage Möglichkeit, den Zustand der Beklagten zu verbessern. Berechtigt ist dagegen der Einwand der Beklagten, ein Vormund könne eine derartige Therapie nicht erzwingen. Es wird in der Tat nicht völlig klar, worin die unmittelbaren Zwangsmassnahmen ("zuzuführen") gemäss dem obergerichtlichen Urteil bestehen sollen. Die fürsorgerische Freiheitsentziehung, die auch nach Ansicht des Obergerichts keine geeignete Massnahme darstellt, bedingt keine vorgängige Entmündigung (Stettler, a.a.O., N. 463 S. 11); sie untersagt überdies das - vom Obergericht offenbar in Erwägung gezogene - "Versorgen" aus fürsorgerischen Gründen gestützt auf kantonales Recht (vgl. Geiser, N. 5 der Vorbem. zu Art. 397a-f ZGB; Spirig, N. 3 zu Art. 397a ZGB) und bietet keine Grundlage für eine Zwangsbehandlung (BGE 127 I 6 E. 2a S. 8; für den Kanton Aargau: BGE 125 III 169 E. 3 S. 171). Abgesehen von all den heiklen Fragen, die sich bei der Zustimmung des Vormunds zu ärztlichen Eingriffen gegenüber dem Mündel stellen (Affolter, N. 45 ff. zu Art. 06 ZGB), fällt hier eine Zwangsbehandlung von vornherein ausser Betracht, da ja die von den Gutachtern vorgeschlagene "Kombination von Sozio-, Gesprächs- und Verhaltenstherapie" ein aktives selbstständiges Mitwirken der Beklagten voraussetzt (Geiser, Die fürsorgerische Freiheitsentziehung als Rechtsgrundlage für eine Zwangsbehandlung?, in: FS Schnyder, Freiburg i.Ue. 1995, S. 289 ff., S. 298 Ziffer 1.15). Persönliche Fürsorge im Gesetzessinne (vgl. Art. 367 Abs. 1 und Art. 406 Abs. 1 ZGB) erstreckt sich indessen auch auf die Vermittlung eines sozialen Umfelds, auf den Aufbau eines sozialen Beziehungsnetzes, auf die Mobilisierung von Begabungen und auf das Vermitteln von Bildung und Nacherziehung sowie von therapeutischen Angeboten (Affolter, Rechtsfragen aus dem Alltag der persönlichen Betreuung, AJP 1998 S. 647 ff., S. 648, mit Nachweisen). In diesem Bereich kann hier die Betreuung durch einen Vormund wirksam werden. Einerseits geht es insbesondere darum, das für die Beklagte belastende familiäre Umfeld zu durchbrechen und sie wenigstens zeitweise aus ihrer Isolation herauszuholen; dazu kann der Vormund Hilfe leisten und sich zu diesen Zwecken nötigenfalls gegen den Willen der Beklagten Zutritt zu ihr verschaffen (Affolter, N. 37 zu Art. 406 ZGB). Andererseits steht gutachterlich fest, dass die Beklagte in ihren Versuchen, autonom zu leben, bisher stets gescheitert ist und ihr Beziehungsmuster zu Männern als selbstschädigend bezeichnet werden muss (act. 25; E. 6b/bb S. 13 des obergerichtlichen Urteils); auch diesbezüglich kann der Vormund unterstützend eingreifen, indem er nicht nur die nötigen materiellen Mittel beschafft (Affolter, N. 13 zu Art. 406 ZGB), sondern nötigenfalls auch für die Beklagte schädlichen Umgang mit Dritten einschränkt oder unterbindet (Affolter, N. 40 f. zu Art. 406 ZGB). Aus den dargelegten Gründen erfüllt eine Entmündigung wirksam den mit ihr verfolgten Zweck, so dass auch unter dem Blickwinkel der Eignung der vormundschaftlichen Massnahme der Verhältnismässigkeitsgrundsatz nicht verletzt wird.