Citation: I 690/01 10.12.2002 E. 5

Nachdem der Anteil der Erwerbstätigkeit und das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit noch nicht feststehen, kann der Invaliditätsgrad im Erwerbsbereich nicht festgelegt werden. Zum Einkommensvergleich ist in grundsätzlicher Hinsicht folgendes festzuhalten: 5.1 Für die Ermittlung des Einkommens, welches die versicherte Person ohne Invalidität erzielen könnte (Valideneinkommen), ist entscheidend, was sie im massgebenden Zeitpunkt nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdienen würde (RKUV 1993 Nr. U 168 S. 100 Erw. 3b mit Hinweis). Die Einkommensermittlung hat so konkret wie möglich zu erfolgen. Es ist daher in der Regel vom letzten Lohn vor Eintritt der Gesundheitsschädigung auszugehen (ZAK 1980 S. 593 mit Hinweisen). Es ist unbestritten und auf Grund der Akten anzunehmen, dass die Versicherte im Gesundheits- und Erwerbsfall weiterhin als Schneiderin tätig wäre. Zu Recht haben die Verwaltung und die Vorinstanz deshalb beim Valideneinkommen auf das von der Versicherten zuletzt in dieser Tätigkeit erzielte Einkommen im Jahr 1995 abgestellt. Strittig ist indes, wie die Einkommensanpassung an die Nominallohnentwicklung vorzunehmen ist. Die IV-Stelle rügt, dass das kantonale Gericht die Einkommensanpassung nach der durchschnittlichen Nominallohnentwicklung für Frauenlöhne und nicht nach der Nominallohnentwicklung im konkreten Wirtschaftszweig (verarbeitendes Gewerbe: Herstellung von Textilien und Bekleidung) vorgenommen habe, was sich auf Grund der unterschiedlichen Nominallohnentwicklung zwischen 1996 und 1999 wesentlich auf das aufzurechnende Valideneinkommen auswirke. Diese Rüge ist zutreffend, denn das Valideneinkommen ist möglichst konkret und damit auf Grund der branchenspezifischen Nominallohnentwicklung auf den für die Invaliditätsbemessung massgebenden Zeitpunkt anzupassen (AHI 2000 S. 303, Urteil R. vom 11. Februar 2000). Dies wird bei der Neuberechnung des Valideneinkommens zu berücksichtigen sein. 5.2 Für die Bestimmung des Invalideneinkommens (hypothetisches Einkommen nach Eintritt der Invalidität) ist primär von der beruflich-erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret steht. Ist - wie vorliegend - kein solches tatsächlich erzieltes Erwerbseinkommen gegeben, namentlich weil die versicherte Person nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine ihr an sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat, so können nach der Rechtsprechung Tabellenlöhne oder die Löhne von noch in Frage kommenden Tätigkeiten in verschiedenen Betrieben in der Region des Versicherten herangezogen werden (BGE 126 V 76 Erw. 3b/bb mit Hinweisen; RKUV 1999 Nr. U 343 S. 412 Erw. 4b/aa). Für die Bestimmung des trotz Gesundheitsschädigung noch realisierbaren Einkommens ist hier unbestrittenermassen von den Tabellenlöhnen der vom Bundesamt für Statistik herausgegebenen Schweizerischen Lohnstrukturerhebungen (LSE), Tabelle A1 für die mit einfachen und repetitiven Aufgaben (Anforderungsniveau 4) beschäftigten Frauen, auszugehen. 5.3 Strittig ist hingegen die Höhe des Leidensabzugs vom Tabellenlohn. Während die Verwaltung davon einen Leidensabzug von 10 % vornahm, erhöhte die Vorinstanz diesen Abzug auf 15 %. In BGE 126 V 75 hat das Eidgenössische Versicherungsgericht seine Rechtsprechung zu den Abzügen vom Tabellenlohn bereinigt und weiterentwickelt. Dabei hat es zunächst erkannt, dass der mit Blick auf die Behinderung gewährte Abzug nicht schematisch, sondern in Berück-sichtigung der gesamten Umstände des Einzelfalles vorzunehmen ist und den Zweck hat, ausgehend von statistischen Werten ein Invalideneinkommen zu er-mitteln, welches der im Einzelfall zumutbaren erwerblichen Verwertung der noch möglichen Verrichtungen im Rahmen der (Rest-)Arbeitsfähigkeit am besten entspricht. Dieser Gesichtspunkt verdient auch hinsichtlich der übrigen in Be-tracht fallenden einkommensbeeinflussenden Merkmale, des Lebensalters, der Anzahl Dienstjahre, der Nationalität/Aufenthaltskategorie und des Beschäfti-gungsgrades, den Vorzug. Ein Abzug soll auch diesbezüglich nicht automatisch, sondern nur dann erfolgen, wenn im Einzelfall Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die versicherte Person wegen eines oder mehrerer dieser Merkmale ihre gesundheitlich bedingte (Rest-)Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeits-markt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten kann. Da-bei rechtfertigt es sich aber nicht, für jedes zur Anwendung gelangende Merkmal separat quantifizierte Abzüge vorzunehmen und diese zusammenzuzählen. Vielmehr ist der Einfluss aller genannten Merkmale auf das Invalideneinkommen unter Würdigung der Umstände von der Verwaltung im Einzelfall nach pflicht-gemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen. Der insgesamt zulässige Abzug vom statistischen Lohn ist unter Berücksichtigung aller jeweils in Betracht fallen-den Merkmale auf höchstens 25 % begrenzt (BGE 126 V 79 f. Erw. 5b). Die Verwaltung und die Vorinstanz haben den Leidensabzug unterschiedlich begründet. Während die Verwaltung als Grund für den Leidensabzug von 10 % lediglich das nur noch in geringem Umfang mögliche Arbeitspensum berücksichtigte, hat die Vorinstanz den Leidensabzug auf 15 % festgelegt, weil die Versicherte auf eine leichte, nicht repetitive Tätigkeit "reduziert" sei, bei der sie zusätzlich keine Gewichte tragen sollte; zudem werde sich die Tatsache, dass sie Ausländerin mit Niederlassung sei, negativ auf das Einkommen auswirken. Diese Begründungen des Leidensabzugs überzeugen nur teilweise. Nationalität und Aufenthaltskategorie stellen im konkreten Fall als ohnehin problematische Kriterien (AHI 2002 S. 70) keinen triftigen Grund für eine Erhöhung des Leidensabzugs dar, da die Versicherte bereits 1974 - also vor mehr als 25 Jahren - im Alter von 18 Jahren erstmals in die Schweiz eingereist ist (die zweite Einreise erfolgte 1976), gut deutsch spricht und die Niederlassungsbewilligung C besitzt. Hingegen ist der Umstand, dass die gesundheitlich - aus somatischen und psychischen Gründen - beeinträchtigte Versicherte selbst im Rahmen leichter Hilfsarbeitertätigkeiten nicht mehr voll leistungsfähig ist, ein Abzugsgrund (BGE 124 V 323 Erw. 3b/aa), den auch die IV-Stelle hätte berücksichtigen müssen. Ein Abzug von 15 % ist im Ergebnis nicht zu beanstanden.