Citation: 8C_480/2007 20.03.2008 E. 6

In Bezug auf eine allfällige psychisch bedingte Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit stellte das kantonale Gericht gestützt auf das psychiatrische Gutachten vom 30. März 2006 fest, dass die diagnostizierten psychogenen Störungen die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin nicht einschränken. Demgegenüber rügt die Versicherte eine Verletzung des Willkürverbots und des Verbots des überspitzten Formalismus in Bezug auf die Nichtberücksichtigung der seit Erlass des Einspracheentscheides geltend gemachten Verschlimmerung des Gesundheitszustandes (vgl. dazu E. 4 hievor) sowie betreffend die mangelhafte Abklärung der behaupteten körperlichen Beschwerden. Dabei beanstandet sie einzig, die psychischen Störungen hätten zwingend in Verbindung mit den - angeblich vorhandenen - somatischen Gesundheitsschäden (vgl. E. 5 hievor) polydisziplinär begutachtet werden müssen und die Ergebnisse des psychiatrischen Gutachtens seien nicht nachvollziehbar, weil der Beschwerdeführerin "trotz der gestellten Diagnosen" in Bezug auf eine leidensangepasste Tätigkeit eine volle Arbeitsfähigkeit attestiert worden sei. 6.1 Das Vorliegen eines fachärztlich ausgewiesenen psychischen Leidens mit Krankheitswert ist aus rechtlicher Sicht wohl Voraussetzung, nicht aber hinreichende Basis für die Annahme einer invalidisierenden Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (BGE 130 V 352 E. 2.2.3 S. 353 mit Hinweisen). Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und damit im vorliegenden Kontext nicht als relevant gelten Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung allen guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, abwenden könnte; das Mass des Forderbaren wird dabei weitgehend objektiv bestimmt (BGE 131 V 49 E. 1.2 S. 50 mit Hinweisen; Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 303/06 vom 17. August 2006, E. 5.2). Zur Annahme einer durch einen geistigen Gesundheitsschaden verursachten Erwerbsunfähigkeit genügt es also nicht, dass die versicherte Person nicht hinreichend erwerbstätig ist; entscheidend ist vielmehr, ob anzunehmen ist, die Verwertung der Arbeitsfähigkeit sei ihr sozial-praktisch nicht mehr zumutbar oder - als alternative Voraussetzung - sogar für die Gesellschaft untragbar (BGE 102 V 165; AHI 2001 S. 228 E. 2b [I 138/98] mit Hinweisen). Diese Grundsätze gelten nach der Rechtsprechung für Psychopathien, psychische Fehlentwicklungen, Trunksucht, suchtbedingten Missbrauch von Medikamenten, Rauschgiftsucht und Neurosen (ZAK 1992 S. 171 E. 2a [I 74/91] mit Hinweisen; Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 401/01 vom 4. April 2002, E. 2b/aa). Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts begründet Alkoholismus (wie auch Drogensucht und Medikamentenabhängigkeit) für sich allein keine Invalidität im Sinne des Gesetzes. Vielmehr wird er invalidenversicherungsrechtlich erst relevant, wenn er eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt hat, in deren Folge ein körperlicher, geistiger oder psychischer (vgl. Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 750/04 vom 5. April 2006, E. 1.2 mit Hinweisen), die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender Gesundheitsschaden eingetreten ist, oder wenn er selber Folge eines körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheitsschadens ist, dem Krankheitswert zukommt (BGE 124 V 265 E. 3c S. 268; 102 V 167; 99 V 28 f. E. 2; AHI 2002 S. 29 f. [I 454/99] E. 2; Urteil I 50/07 vom 23. Oktober 2007, E. 5.1). 6.2 Dr. med. N.________ behandelte die Beschwerdeführerin ab 5. Juni 2001 mit Unterbrüchen wegen einer depressiven Überforderungsreaktion mit psychosomatischen Störungen und Suchtmittelkonsum bei Ängsten und Impulsdurchbrüchen. Vom 18. Dezember 2001 bis 12. Februar 2002 weilte sie zur stationären Behandlung angesichts einer Alkoholabhängigkeit sowie einer längeren depressiven Reaktion verbunden mit ehelichen und beruflichen Problemen in der Klinik Y.________, wobei die Versicherte den "Alkoholentzug [...] ohne Komplikationen tolerierte". Nach Kenntnisnahme vom Tod ihrer Mutter wurde der Klinkaufenthalt um drei Wochen verlängert. Nebst einem belasteten Verhältnis zu ihren beiden Töchtern waren während der stationären Behandlung auch Arbeitsplatzprobleme diskutiert worden. Gemäss Bericht der Dr. med. N.________ vom 22. Dezember 2003 umfasste die Diagnose "depressive Episoden [und] Substanzmittelmissbrauch". Bei regelmässig ambulant fortgesetzter psychiatrischer Behandlung kam es zwischenzeitlich nach massiven Konflikten zu einer Trennung von der Familie. Zudem verlor sie Ende Februar 2002 den Arbeitsplatz. Am 24. November 2004 berichtete Dr. med. N.________ von einem Behandlungsabbruch im April 2004 bei fehlender Motivation und Einsichtsfähigkeit der Beschwerdeführerin ohne wesentliche Befundänderung. Die Fachärztin vermochte nicht zu beurteilen, ob die Versicherte vor dem Alkoholmissbrauch unter Ängsten und depressiven Einbrüchen gelitten habe, oder ob diese Problematik erst durch die Sucht verschärft worden sei. Die Uneinsichtigkeit bezüglich der Konsequenzen des Alkoholmissbrauchs sei jedenfalls als Folgeschaden festzustellen. Dr. med. N.________ empfahl die Durchführung einer psychiatrischen Begutachtung. Nach entsprechender Vorankündigung durch die IV-Stelle reagierte die anwaltlich vertretene Versicherte auf wiederholte Einladungen des EPD hin nicht. Erst im zweiten Halbjahr 2005 konnte schliesslich die psychiatrische Exploration unter Hinweis auf die zu beachtenden Mitwirkungspflichten durchgeführt werden. Dabei lehnte die Beschwerdeführerin das Einholen fremdanamnestischer Angaben bei Familienangehörigen und einem konsultierten Lebensberater wiederholt ausdrücklich ab. Dem psychiatrischen Gutachten ist zu entnehmen, dass die Versicherte im Sommer 2005 wegen des mehrfachen Führens eines Motorfahrzeuges in angetrunkenem Zustand, der einfachen Verletzung der Verkehrsregeln und des mehrfachen Führens eines Motorfahrzeuges trotz Entzug des Führerausweises für schuldig erklärt und zu einer Gefängnisstrafe von 60 Tagen verurteilt wurde. Statt dessen leistete sie zwischen Oktober und Dezember 2005 240 Stunden gemeinnützige Arbeit im Park Z.________. Der Einsatzleiter beschrieb die Beschwerdeführerin als aufgestellt, zuverlässig und hilfsbereit. Bei einem täglichen Arbeitseinsatz von 8 bis 8,5 Stunden habe sie nie Alkohol getrunken, sei immer pünktlich und einsatzfreudig gewesen. Erst am letzten Arbeitstag habe sie sich telefonisch und vermutlich unter Alkoholeinfluss abgemeldet, weil sie zuvor angeblich ihr Freund "abgeschlagen" habe. Gemäss psychiatrischem Gutachten (S. 11) entwickelte die Versicherte im Sommer 2001 anlässlich der Trennung von ihrem Ehepartner "erstmals eine depressive Symptomatik und einen erhöhten Alkoholkonsum". Seit 2001 beklage sie: "rezidivierend gedrückte Stimmungen, Interessenverlust, Freudlosigkeit, Verminderung des Antriebs, Energielosigkeit, erhöhte Ermüdbarkeit, vermindertes Selbstwertgefühl, innere Unruhe, Zukunftsängste, Schuldgefühle, Schlafstörungen [sowie] verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit." Dies entspricht laut psychiatrischem Gutachten leichten depressiven Episoden bei rezidivierender depressiver Störung (F33.0 gemäss ICD-10). Trotz einer festgestellten tatsächlichen Schädigung der physischen Gesundheit (Erhöhung des Enzyms Gamma-GT) und trotz der diagnostizierten psychogenen Gesundheitsschädigungen ging der psychiatrische Gutachter Dr. med. O.________ unter Mitberücksichtigung des erfolgreich absolvierten Arbeitseinsatzes im Park Z.________ davon aus, dass "kein Anhalt für eine Arbeitsunfähigkeit aus psychischen Gründen" besteht. 6.3 Praxisgemäss haben psychosoziale Belastungsfaktoren bei der Feststellung einer anspruchsrelevanten Beeinträchtigung der Gesundheit weitgehend ausser Acht zu bleiben. Es gilt, je stärker psychosoziale und soziokulturelle Faktoren im Einzelfall in den Vordergrund treten und das Beschwerdebild mitbestimmen, desto ausgeprägter eine fachärztlich festgestellte psychische Störung von Krankheitswert vorhanden sein muss, damit eine Invalidität bejaht - oder im Falle der Rentenrevision eine wesentliche Verschlechterung der Leiden angenommen - werden kann (SVR 2008 IV Nr. 13 S. 40 E. 6.3, I 211/06, mit Hinweisen). Die ehelichen und beruflichen Probleme der Beschwerdeführerin (Z63 und Z56 nach ICD-10 gemäss Bericht der Klinik Y.________ vom 3. Mai 2002; zur Bedeutung der Z-Kodierung nach ICD-10 vgl. SVR 2008 IV Nr. 15 S. 45 E. 2.2.2.2, I 514/06) vermögen demnach in Verbindung mit der seit 2001 feststellbaren, kaum ausgeprägten psychogenen Beeinträchtigung im Sinne leichter depressiver Episoden bei rezidivierender depressiver Störung (F33.0 nach ICD-10 gemäss psychiatrischem Gutachten S. 11) ebenso wenig eine Invalidität zu begründen wie der schädliche Gebrauch von Alkohol. Nach dem Gesagten ist nicht zu beanstanden, dass das kantonale Gericht gestützt auf das psychiatrische Gutachten in tatsächlicher Hinsicht für das Bundesgericht verbindlich festgestellt hat, dass der Versicherten unter Berücksichtigung sämtlicher Befindlichkeitsstörungen bei Aufbietung allen guten Willens (BGE 131 V 49 E. 1.2 S. 50 mit Hinweisen) und in Nachachtung des im Sozialversicherungsrecht allgemein geltenden Grundsatzes der Schadenminderungspflicht (BGE 123 V 230 E. 3c S. 233, 117 V 275 E. 2b S. 278, 394 E. 4b S. 400, je mit Hinweisen; AHI 2001 S. 282 f. E. 5a/aa, I 11/00) die erwerbliche Verwertung einer vollen Arbeitsfähigkeit in einer einfachen Tätigkeit mit geringen intellektuellen Anforderungen ohne Einschränkungen zumutbar ist. Die Beschwerdeführerin legt nicht dar, weshalb die von der Rechtsprechung entwickelten Grundsätze, auf welche sich der angefochtene Entscheid abstützt, hier nicht anwendbar sein sollten. 6.4 Die Versicherte behauptet zu Recht nicht, das psychiatrische Gutachten sei nicht lege artis erstellt worden. Angesichts der nicht zu beanstandenden vorinstanzlichen Feststellung fehlender invalidisierender Körperschäden (E. 5 hievor) durfte das kantonale Gericht bei gegebener Aktenlage zulässigerweise in antizipierter Beweiswürdigung (dazu BGE 131 I 153 E. 3 S. 157, 124 V 90 E. 4b S. 94; RKUV 2003 Nr. U 473 S. 50 E. 3.4 mit Hinweisen [U 131/02]) auf weitere Beweismassnahmen verzichten. 6.5 War der Beschwerdeführerin, welche ihre angestammte Teilzeitstelle mit 60 %-Pensum Ende Februar 2002 (mit Vertragsauflösung per Ende Oktober 2002) aus invaliditätsfremden Gründen verlor, die erwerbliche Verwertung einer angepassten Tätigkeit trotz psychischer Störungen ohne Einschränkungen zumutbar, fehlt es an einer anspruchsbegründenden Invalidität. Somit bleibt es bei der mit angefochtenem Entscheid bestätigten Ablehnung des Rentengesuchs.