Citation: 6P.223/2006 09.02.2007 E. 2

2.1 Der Beschwerdeführer war weder im Untersuchungs- noch im erstinstanzlichen Verfahren psychiatrisch begutachtet worden. Im Appellationsverfahren beantragte der Verteidiger eine fachärztliche Abklärung der Zurechnungsfähigkeit. Nachdem das Obergericht beschlossen hatte, über diesen Beweisantrag anlässlich der Appellationsverhandlung zu befinden, reichte der Beschwerdeführer vorgängig ein privates psychiatrisches Gutachten ein. Das Obergericht hält im Urteil fest, dass das Gutachten zur Klärung der Zurechnungsfähigkeit ausreichend sei, weshalb sich eine weitere Begutachtung erübrige. 2.2 Gemäss dem Gutachter hat der Beschwerdeführer sämtliche strafbaren Handlungen in verminderter Zurechnungsfähigkeit begangen. Unter Berücksichtigung aller Tatsachen, Hintergründe und Zusammenhänge müsse das Ausmass der Verminderung zumindest als mittelgradig, wenn nicht gar als schwer bezeichnet werden. Das Obergericht setzt sich mit dem Gutachten auseinander und gelangt zum Schluss, dass die Zurechnungsfähigkeit des Beschwerdeführers bis Herbst 2001 nicht und in der Folge höchstens mittelgradig eingeschränkt gewesen sei. Denn erst in dieser letzten Phase - ab Herbst 2001 - habe der Beschwerdeführer mit dem Kokainrauchen (Freebase) begonnen und dabei täglich nach eigenen Angaben bis zu 20 Gramm Stoff konsumiert. Indes würden seine deliktischen Handlungen bis Herbst 1998 zurückreichen. Der Beginn des Kokainkonsums im Herbst 2001 habe eine markante Zäsur in seiner Suchtentwicklung bedeutet. Schon in einem Bericht der Beratungs- und Therapiestelle Sonnenhügel vom 2. Februar 2003 (recte: 2004) werde der Beschwerdeführer dahingehend zitiert, dass sich sein Konsumverhalten seit dem Herbst 2001 "dramatisch zugespitzt habe", was zu einer massiven psychischen und körperlichen Symptombelastung geführt hätte, unter anderem Abmagerung, Nervosität, Aggressivität, aber auch unvermittelte Schlafanfälle und Verfolgungswahn. Gegenüber dem Privatgutachter habe der Beschwerdeführer erwähnt, dass "er sich wegen des intensiven Kokainkonsums an die letzten sechs Monate vor der Verhaftung (im März 2002) nicht mehr erinnern könne". An der Appellationsverhandlung habe er schliesslich erklärt, dass er nach seinem Umstieg auf "Freebase" permanent geraucht habe, sei es im Büro, im Auto, oder daheim. In dieser Phase habe ihn nur noch ein einziges Problem beschäftigt, nämlich beständig über einen ausreichenden Vorrat an Drogen zu verfügen. Diese Schilderungen des Beschwerdeführers über seine Suchtproblematik in den letzten Monaten vor seiner Verhaftung würden klarmachen, dass seine Situation davor, also vor dem Herbst 2001, ungleich weniger bewegt gewesen sei. Sowohl im erwähnten Bericht der Beratungsstelle wie auch im Privatgutachten werde ausgeführt, dass der Beschwerdeführer nach dem ersten Kontakt mit Kokain in den Sommerferien 1998 seinen Konsum nur langsam gesteigert und die Droge vorab zur Leistungssteigerung eingenommen habe. Ähnlich habe sich der Beschwerdeführer vor Obergericht geäussert: Anfänglich habe er lediglich an den Wochenenden Kokain konsumiert, allmählich habe er dann die Droge zur Stimulanz jeweils auch am Montagmorgen eingenommen, später schliesslich auch an anderen Wochentagen. Sei aber der Beschwerdeführer erst ab Herbst 2001 wirklich ernsthaft in den Drogen gefangen gewesen, so leuchte nicht ein, weshalb ihm der Gutachter dennoch für die gesamte Zeit seines deliktischen Handelns bereits ab Herbst 1998 eine mittelgradig bis schwer verminderte Zurechnungsfähigkeit attestiere. Einer solchen undifferenzierten Beurteilung (sinngemäss: ab 1998 Drogenkonsum, darum von diesem Moment an stark vermindert zurechnungsfähig) könne nicht gefolgt werden. Denn auch dem Gutachter sei bekannt gewesen, dass der Beschwerdeführer von 1997 bis 1999 immerhin eine berufsbegleitende Ausbildung zum eidgenössisch diplomierten Immobilienverwalter absolviert habe. Diesen anforderungsreichen Lehrgang habe er neben der täglichen Arbeit mit Erfolg abgeschlossen, notabene zu einem Zeitpunkt, als er bereits Kokainkonsument gewesen sei. In den Akten würden sich ferner keine Hinweise darauf finden, dass der Beschwerdeführer ab Herbst 1998 den Anforderungen des beruflichen Alltags nicht mehr zu genügen vermochte. Im Gegenteil: Er selbst habe vor Obergericht beispielsweise erwähnt, dass er noch im Jahr 2000 nach einer vorübergehenden ausserkantonalen Tätigkeit zur O.________ Immobilienverwaltungs AG zurückgekehrt sei, um die Geschicke dieser Gesellschaft wieder in die Hand zu nehmen, nachdem er vernommen habe, dass "diese den Laden dicht machen würde". In der Folge habe die Gesellschaft dann weiterbestanden, wobei abgesehen von den erfolgten Veruntreuungen keine beruflichen Fehlleistungen aktenkundig seien. Offensichtlich sei der Beschwerdeführer zu dieser Zeit sowohl im beruflichen wie auch in seinem familiären Umfeld - im Jahr 2000 sei das erste von mittlerweile drei Kindern geboren - noch uneingeschränkt funktionsfähig gewesen. Jedenfalls seien keine Vorkommnisse bekannt und würden auch nicht vom Gutachter geschildert, welche eine gegenteilige Annahme nahelegen würden. Insofern müsse entgegen dem Standpunkt des Gutachters aufgrund der Aktenlage und insbesondere auch aufgrund der Schilderungen des Beschwerdeführers selbst davon ausgegangen werden, dass seine Zurechnungsfähigkeit bis zum Herbst 2001, als er auf "Freebase" umstieg, überhaupt nicht eingeschränkt gewesen sei. Erst von diesem Moment an sei ihm die Kontrolle über seinen Drogenkonsum entglitten, was sich schliesslich auch auf seine Zurechnungsfähigkeit ausgewirkt habe, indem die Beschaffung der Drogen fortan sein tägliches Handeln in vermehrtem Masse zu prägen begonnen habe. 2.3 Der Beschwerdeführer wirft der Vorinstanz Willkür im Sinne von Art. 9 BV vor, weil sie ohne triftige Gründe vom Gutachten abgewichen sei und auch das Gutachten nicht ergänzt oder ein neues Gutachten eingeholt habe. Zudem sei völlig ausser Acht gelassen worden, dass der Gutachter die verminderte Zurechnungsfähigkeit nicht nur aufgrund der schweren Kokainabhängigkeit, sondern auch aufgrund einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung festgestellt habe.