Citation: U 277/99 30.08.2001 E. 4

4.- Zu prüfen bleibt, ob der Versicherte anlässlich des Vorfalls vom 24. Januar 1996 eine unfallähnliche Körperschädigung erlitten hat. a) In zeitlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgeblich, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 123 V 71 Erw. 2 mit Hinweis). Vorliegend sind demnach die am 24. Januar 1996 in Kraft stehenden Normen anwendbar. b) Gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG kann der Bundesrat Körperschädigungen, die den Folgen eines Unfalles ähnlich sind, in die Versicherung einbeziehen. Von dieser Kompetenz hat der Bundesrat Gebrauch gemacht und folgende Körperschädigungen auch ohne ungewöhnliche äussere Einwirkung den Unfällen gleichgestellt (Art. 9 Abs. 2 UVV in der bis 31. Dezember 1997 geltenden Fassung): a. Knochenbrüche, sofern sie nicht eindeutig auf eine Erkrankung zurückzuführen sind; b. Verrenkungen von Gelenken; c. Meniskusrisse; d. Muskelrisse; e. Muskelzerrungen; f. Sehnenrisse; g. Bandläsionen; h. Trommelfellverletzungen. Diese Aufzählung der den Unfällen gleichgestellten Körperschädigungen ist abschliessend (BGE 116 V 140 Erw. 4a, 147 Erw. 2b, je mit Hinweisen; Maurer, Schweizerisches Unfallversicherungsrecht, 2. Aufl., 1989, S. 202; so jetzt ausdrücklich Art. 9 Abs. 2 UVV in der seit 1. Januar 1998 geltenden Fassung). Erforderlich ist ausserdem, dass ein plötzliches Ereignis, beispielsweise eine heftige Bewegung, einen der in Art. 9 Abs. 2 lit. b bis h UVV erwähnten Verletzungszustände hervorruft (BGE 114 V 301 Erw. 3c; RKUV 1990 Nr. U 112 S. 375 Erw. 3). c) Mit dem Ausdruck "Bandläsionen" gemäss Art. 9 Abs. 2 lit. g UVV wollte der Verordnungsgeber nicht nur die Bandrupturen, sondern auch die Bänderzerrungen und die Bänderdehnungen erfassen. Damit gelten alle Formen der traumatischen Gelenksdistorsionen als unfallähnliche Körperschädigung (RKUV 1990 Nr. U 112 S. 374 f. Erw. 2b mit Hinweisen). Dagegen stellt eine Sehnenverletzung nur dann eine unfallähnliche Körperschädigung dar, wenn ein (zumindest teilweiser) Sehnenriss vorliegt (BGE 114 V 306 Erw. 5c). d) Zur Art der Verletzung, welche sich der Versicherte anlässlich des Ereignisses vom 24. Januar 1996 zuzog, liegen die folgenden ärztlichen Stellungnahmen vor: aa) Dr. med. L.________ führt im Arztzeugnis UVG vom 5. März 1996 aus, er habe den Versicherten erstmals am 10. Februar 1996 als Notfall behandelt. Er diagnostiziert eine posttraumatische Periarthropathie der rechten Schulter nach Kapsel-Bandüberdehnung. Als Befunde werden eine posttraumatische diffuse Periarthritis mit schmerzhafter Bewegungseinschränkung in allen Richtungen, eine leichte Kapsel- und Bandschwellung sowie eine Tendovaginitis am langen Biceps angegeben. Im Zwischenbericht vom 20. März 1996 nennt Dr. med. L.________ als Diagnose eine posttraumatische Tendovaginitis des Biceps an der rechten Schulter. bb) Der SUVA-Kreisarzt Dr. med. C.________ stellte am 25. März 1996 den Antrag auf Ablehnung des Leistungsbegehrens für den Fall, dass kein Unfallereignis im Rechtssinne vorliege. Eine Übernahme als unfallähnliche Körperschädigung sei bei einer Periarthropathie der Schulter nicht möglich. cc) Dr. med. U.________, Vertrauensarzt der Beschwerdeführerin, erklärt in seiner auf Grund der Akten abgegebenen Stellungnahme vom 23. April 1996, der Hausarzt schreibe im Arztzeugnis UVG, dass es sich um eine Kapsel-Bandüberdehnung der rechten Schulter handle, und zwar posttraumatisch. Man könne hier wohl auch von einer "Distorsion" sprechen. Schmerzhaft sei ja nicht nur der Ansatz der langen Bicepssehne gewesen, sondern es habe eine diffuse Kapsel- und Bandschwellung mit entsprechender Druckdolenz bestanden. Der Versicherte habe früher nie mit der Schulter zu tun gehabt. Mittlerweile sei er wieder geheilt. Anamnese, Bericht des behandelnden Arztes und Verlauf sprächen für eine Schulterdistorsion, und damit sei der Unfallbegriff erfüllt. dd) Dr. med. I.________ führt in seiner ebenfalls gestützt auf die Aktenlage verfassten Stellungnahme vom 16. September 1996 aus, es sei unklar, wie Dr. med. L.________ in der Lage gewesen sei, eine Kapsel- und Bandschwellung leichten Grades festzustellen, denn auf Grund der anatomischen Verhältnisse sei der Kapsel-/Bandapparat der Palpation nicht zugänglich. Auch wenn jedoch davon ausgegangen werde, dass eine Überdehnung der Gelenkkapsel stattgefunden habe, könne daraus nicht geschlossen werden, dass es sich um eine Bandläsion gemäss Art. 9 Abs. 2 lit. g UVV handle. Bei den glenohumeralen Ligamenten handle es sich nämlich nicht um Gelenkbänder, auf welche sich die genannte Bestimmung beziehe. Weiter sei zu berücksichtigen, dass die Schultergelenkkapsel anlagemässig über eine ausgesprochene Dehnbarkeit verfüge, und dass eine abrupte Bewegung untauglich sei, diese Strukturen zu rupturieren. Dazu seien starke Drehkräfte auf den abgespreizten Arm erforderlich. Deshalb erscheine es auf Grund des vom Versicherten geschilderten Mechanismus als undenkbar, dass er sich eine Kapsel-/Bandläsion zugezogen habe, umso mehr, da die anamnestischen Daten eher darauf hinwiesen, dass die Schmerzen erst nach einer gewissen Latenz massiv exazerbiert hätten. Als plausibler erscheine die Diagnose einer Tendovaginitis der langen Bicepssehne, wie sie Dr. med. L.________ im Zwischenbericht vom 20. März 1996 gestellt habe. Eine Untersuchung habe ergeben, dass dieses Beschwerdebild bisweilen auf ein "Trauma", auf sportliche Aktivitäten oder auf repetitive Bewegungen zurückgeführt werde. Typisch für das Krankheitsbild sei ausser der Druckdolenz der Sehne im Sulkus die Tatsache, dass die Bewegungen, welche die Sehne unter Spannung bringen, wie Abduktion, Aussenrotation oder Hyperextension den Schmerz verstärkten. Bei einer Tendovaginitis der Bicepssehne handle es sich nicht um eine unfallähnliche Körperschädigung, da die Kontinuität der Sehne erhalten sei. e) Dr. med. I.________ gelangt in seiner Beurteilung vom 16. September 1996 in Auseinandersetzung mit den bereits vorhandenen ärztlichen Aussagen, insbesondere denjenigen des Dr. med. L.________, zum Ergebnis, auf Grund des vom Versicherten geschilderten Geschehensablaufs könne eine Bandläsion im Rechtssinne ausgeschlossen werden, und die von Dr. med. L.________ in seinem Zwischenbericht vom 20. März 1996 diagnostizierte Tendovaginitis erscheine demgegenüber als wesentlich wahrscheinlicher. Diese Stellungnahme, die auf der Grundlage der Vorakten zu schlüssigen, einlässlich begründeten und einleuchtenden Befunden gelangt, wird den von der Rechtsprechung formulierten Anforderungen an ein beweiskräftiges medizinisches Gutachten (BGE 125 V 352 Erw. 3a) gerecht. Sie enthält, entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin, nicht nur Vermutungen, sondern die klare Aussage, es erscheine auf Grund des vom Versicherten geschilderten Mechanismus als undenkbar, dass er sich eine Kapsel-/Bandläsion zugezogen habe. Der Beweiswert dieser Ausführungen wird durch die teilweise entgegen stehenden Aussagen des Dr. med. L.________ (Zeugnis vom 5. März und Zwischenbericht vom 20. März 1996) und des Dr. med. U.________ (Stellungnahme vom 23. April 1996) nicht in Frage gestellt, denn die Aussagekraft dieser Stellungnahmen wird dadurch stark geschmälert, dass beide Ärzte von einem unzutreffenden Geschehensablauf ausgehen, indem Dr. med. L.________ annimmt, die Verletzung sei "durch Auffangen eines herabfallenden Paletts" entstanden, während sich Dr. med. U.________ weitgehend auf die Erkenntnisse des Dr. med. L.________ abstützt. Auf Grund der Aussagen des Versicherten kann ein Auffangen des Paletts, welches ein enormes Gewicht aufwies, ausgeschlossen werden. Vielmehr ist, wie bereits dargelegt, davon auszugehen, er habe den "Zwick" bereits im Verlauf der Armbewegung, vor einer Berührung des Paletts, verspürt. Es liegt auf der Hand, dass sich das Zugrundelegen eines andern Sachverhalts auf die medizinische Beurteilung auswirken kann. Insbesondere konnte sich die durch Dr. med. I.________ verneinte Frage, ob der Geschehensablauf überhaupt geeignet sei, eine Bandläsion zu verursachen, für Dr. med. L.________ und Dr. med. U.________ nicht stellen. Zudem wird die durch Dr. med. L.________ zunächst (Zeugnis vom 5. März 1996) gestellte Diagnose einer posttraumatischen Periarthropathie nach Kapsel-Bandüberdehnung im Zwischenbericht vom 20. März 1996 nicht mehr aufrecht erhalten, sondern nurmehr eine posttraumatische Tendovaginitis diagnostiziert, wobei der Zusatz "posttraumatisch" durch Dr. med. I.________ einleuchtend erklärt wird. Unter diesen Umständen ist nicht zu beanstanden, dass das kantonale Gericht der Stellungnahme des Dr. med. I.________ volle Beweiskraft zusprach und in zulässiger antizipierter Beweiswürdigung (vgl. dazu BGE 124 V 94 Erw. 4b, 122 V 162 Erw. 1d mit Hinweis) davon ausging, dass zusätzliche Abklärungen nicht geeignet wären, das Vorliegen einer der in Art. 9 Abs. 2 UVV abschliessend aufgezählten Verletzungsarten als überwiegend wahrscheinlich erscheinen zu lassen.