Citation: 9C_764/2014 E. 3.2.1

3.2.1. Art. 45 Abs. 1 ATSG und Art. 78 Abs. 3 IVV führen den Begriff der Massnahmen bzw. Abklärungsmassnahmen nicht näher aus und schränken die Kostenübernahme weder in sachlicher, örtlicher noch zeitlicher Hinsicht ein. Aufgrund der offenen Formulierung findet sich in der Lehre die Auffassung, der Begriff der Massnahmen umfasse alle infrage kommenden Abklärungen bzw. damit einhergehenden Aufwände (ärztliche Berichte, Gutachten, telefonische Auskünfte, Befragungen, Dolmetscherkosten), wobei die Massnahmen nicht zwingend im Inland zu erfolgen hätten (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Aufl. 2009, N. 9 zu Art. 45 ATSG; Stéphane Blanc, La procédure administrative en assurance-invalidité, Freiburg 1999, S. 126 f.). Das Bundesgericht hat sich mit dem sachlichen, zeitlichen und örtlichen Aspekt schon in verschiedenen Urteilen befasst (z.B. BGE 110 V 99 betreffend eine Abklärung in einem deutschen Epilepsiezentrum; BGE 137 V 210 E. 4.4.2 S. 265 betreffend ein gerichtlich angeordnetes MEDAS-Gutachten; Urteil I 245/00 vom 30. Dezember 2003 E. 4.1.2 und 4.1.3, in: SVR 2005 IV Nr. 12 S. 51 zu den Dolmetscherkosten bei einer medizinischen Abklärung; erwähntes Urteil 9C_921/2013 E. 5 zu Abklärungen, die vor der Anmeldung zum Leistungsbezug erfolgten). Ob Tests im Flugsimulator unter den Begriff der Massnahmen bzw. Abklärungsmassnahmen subsumiert werden können, wurde bislang nicht entschieden. Als Abklärungsmassnahme anerkannt ist hingegen eine arbeitsorientierte Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL). Eine solche ist nach der Praxis allenfalls in Betracht zu ziehen, wenn sich die beteiligten Fachärzte ausser Stande sehen, eine zuverlässige Einschätzung des leistungsmässig Machbaren vorzunehmen, und deshalb eine konkrete leistungsorientierte berufliche Abklärung als zweckmässigste Massnahme ausdrücklich empfehlen. Die EFL besteht unter anderem aus einem ergonomischen Assessement, in dessen Rahmen durch Arbeitssimulationstests das arbeitsbezogene Leistungsvermögen generell und mit Blick auf die angestammte berufliche Tätigkeit konkret beurteilt wird (Urteil 8C_547/2008 vom 16. Januar 2009 E. 4.2.1 mit Hinweisen, in: SVR 2009 IV Nr. 26 S. 73; vgl. auch Urteile 8C_606/2012 vom 3. Dezember 2012 E. 3.4 und 9C_512/2009 vom 25. November 2009 E. 5.2; Meyer/Reichmuth, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung [IVG], 3. Aufl. 2014, N. 246 f. zu Art. 28a IVG; Urs Müller, Das Verwaltungsverfahren in der Invalidenversicherung, 2010, S. 326 f. Rz. 1703). Auch wenn die Tests im Flugsimulator im Regelfall, d.h. bei einem gesunden Probanden, (lediglich) der Prüfung des fachlichen Wissens und fliegerischen Könnens dienen, sind dieselben im hier zu beurteilenden Fall in wesentlichen Punkten mit einer EFL vergleichbar. So stellen sie ein auf die angestammte berufliche Tätigkeit bezogener, realitätsnaher Arbeitssimulationstest dar (vgl. Prüfungsprotokoll und Schreiben der F.________ vom 28. November 2011: u.a. vierstündige Flugsimulation inkl. drei Landungen und Simulation von Notfallsituationen), mittels welchem das (verbliebene) Leistungsvermögen des Beschwerdeführers - speziell mit Blick auf die residuellen, unfallbedingten Beschwerden - zuverlässig und konkret beurteilt werden kann. Mit anderen Worten ist im Rahmen der Tests feststellbar, ob die medizinische Tauglichkeit als Berufspilot trotz der Behinderung noch gegeben ist. Mithin sind die Flugsimulatorentests - zumindest in concreto - unter den Begriff der (Abklärungs-) Massnahmen im Sinne von Art. 45 Abs. 1 ATSG und 78 Abs. 3 IVV zu subsumieren. Die Vorinstanz hat die Qualifikation als Abklärungsmassnahme deshalb verneint, weil Dringlichkeit zum Handeln bestanden habe und eine umfassende Abklärung durch die Verwaltung nicht habe erfolgen können. Wie der Beschwerdeführer zu Recht moniert, sprechen die genannten Umstände nicht gegen eine Qualifikation als Abklärungsmassnahme. Im Gegenteil ist bei der ersten Variante von Art. 45 Abs. 1 Satz 2 ATSG (E. 3.2.2 nachfolgend) eine nicht vollständige Abklärung gerade Voraussetzung dafür, dass eine Kostenvergütung erfolgen kann. Daher ist auf die weiteren Voraussetzungen von Art. 45 Abs. 1 ATSG bzw. Art. 78 Abs. 3 IVV einzugehen.