Citation: U 219/05 06.03.2006 E. 6

6.1 Lagen bei der versicherten Person schon vor dem Unfall psychische Beschwerden vor, die durch das Unfallereignis verstärkt wurden, ist der adäquate Kausalzusammenhang nach der für psychische Fehlentwicklungen massgebenden Rechtsprechung (BGE 115 V 133) zu beurteilen. Denn diesfalls kann nicht von einem vielschichtigen somatisch-psychischen Beschwerdebild gesprochen werden, welches einer Differenzierung kaum zugänglich ist, weshalb die Voraussetzungen für die Anwendung der Rechtsprechung zum adäquaten Kausalzusammenhang bei Schleudertraumen der HWS (BGE 117 V 359) nicht erfüllt sind (RKUV 2000 Nr. U 397 S. 327 mit Hinweisen; vgl. auch RKUV 2001 Nr. U 412 S. 79). 6.2 Im MEDAS-Gutachten vom 7. Dezember 1999 wurde u.a. eine narzisstische Persönlichkeit (ICD-10 F 60.8) diagnostiziert. Frau Dr. med. L.________ hielt in ihrem psychiatrischen Teilgutachten fest, dass aktuell aus psychischer Sicht keine Arbeitsunfähigkeit bestehe, sich dies aber möglicherweise ändere, wenn der Versicherte aus seiner Arbeit keinen Selbstwert mehr schöpfen und sich psychisch so stabilisieren könne. Auf den 1. März 2000 verlor der Beschwerdeführer seine Arbeitsstelle. Gemäss S.________, welcher ihn seit 10. Januar 2001 behandelt, traten psychische Symptome seit Beendigung der Arbeitstätigkeit im Februar 2000 auf (Bericht vom Januar 2001). Nach dem Gesagten haben die psychischen Probleme in einem vor dem Ereignis vom 1. Juni 2000 eingetretenen Umstand (Arbeitslosigkeit) sowie seiner Persönlichkeit ihre Ursache, sodass der Unfall vom 1. Juni 2000 diese nicht auslöste, sondern nur derart verstärkte, dass spätestens ab dem Unfallzeitpunkt aus psychiatrischer Sicht eine Arbeitsunfähigkeit begründet wurde. Dies wird bestätigt durch den Bericht das Hausarztes, welcher bereits knapp einen Monat nach dem Unfall vom 1. Juni 2000 eine depressive Entwicklung diagnostizierte, sowie den Bericht der Klinik Z.________ vom 14. März 2001, gemäss welchem die Leistungsfähigkeit durch das psychische Leiden stark beeinträchtigt sei. Somit ist entgegen der Vorinstanz nicht die Rechtsprechung zu den Schleudertraumen der HWS von BGE 117 V 359, sondern jene zu den psychischen Fehlentwicklungen nach Unfällen von BGE 115 V 133 massgebend. 6.3 Die Frage nach der generellen Eignung eines Unfallereignisses, eine psychisch bedingte Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit zu bewirken, ist nach der Rechtsprechung auf Grund einer Würdigung der Gesamtheit der Umstände zu beurteilen (BGE 115 V 136 Erw. 4d mit Hinweisen). Ausgehend vom augenfälligen Geschehensablauf werden die Unfälle in drei Gruppen eingeteilt: Bei banalen Unfällen darf auf Grund der allgemeinen Lebenserfahrung davon ausgegangen werden, dass ein leichter Unfall nicht geeignet ist, einen invalidisierenden psychischen Gesundheitsschaden zu verursachen, da es dem Unfallereignis offensichtlich an der erforderlichen Schwere mangelt, welche allgemein geeignet wäre, zu einer psychischen Fehlentwicklung zu führen; treten dennoch nennenswerte psychische Störungen auf, so sind diese mit Sicherheit auf unfallfremde Faktoren zurückzuführen wie z.B. die ungünstige konstitutionelle Prädisposition. Bei schweren Unfällen ist der adäquate Kausalzusammenhang zwischen Unfall und psychisch bedingter Erwerbsunfähigkeit in der Regel zu bejahen; denn nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung sind solche Unfälle geeignet, invalidisierende psychische Gesundheitsschäden zu bewirken. Bei Unfällen im mittleren Bereich sind zur Beantwortung der Frage des adäquaten Kausalzusammenhangs weitere, objektiv erfassbare Umstände, welche unmittelbar mit dem Unfall im Zusammenhang stehen oder als direkte bzw. indirekte Folge davon erscheinen, in eine Gesamtwürdigung einzubeziehen. Als wichtigste Kriterien sind zu nennen: besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalls; die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen, insbesondere ihre erfahrungsgemässe Eignung, psychische Fehlentwicklungen auszulösen; ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung; körperliche Dauerschmerzen; ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert; schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen; Grad und Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit. Der Einbezug sämtlicher objektiver Kriterien ist nicht in jedem Fall erforderlich. Bei schwereren Fällen im mittleren Bereich oder Grenzfällen zu den schweren Unfällen kann ein einziges Kriterium genügen; bei Unfällen im mittleren Bereich an der Grenze zu den leichten Fällen müssen die Kriterien in gehäufter oder auffallender Weise erfüllt sein, damit die Adäquanz bejaht werden kann (BGE 115 V 139 Erw. 6).