Citation: 9C_48/2022 E. 1.1

1.1. Die in Art. 50 Abs. 1 ATSG statuierte und nach Art. 50 Abs. 3 ATSG sinngemäss auch im Beschwerdeverfahren geltende Befugnis, Streitigkeiten über sozialversicherungsrechtliche Leistungen durch Vergleich zu erledigen, ermächtigt die Behörde nicht, bewusst eine gesetzwidrige Vereinbarung zu schliessen bzw. von einer von ihr als richtig erkannten Gesetzesanwendung im Sinne eines Kompromisses abzuweichen. Ist der Vergleich im Gesetzesrecht zugelassen, wird damit aber den Parteien bei ungewisser Sach- oder Rechtslage die Befugnis eingeräumt, ein Rechtsverhältnis vertraglich zu ordnen, um die bestehende Rechtsunsicherheit zu beseitigen. Damit wird in Kauf genommen, dass der Vergleichsinhalt von der Regelung des Rechtsverhältnisses abweicht, zu der es bei umfassender Klärung des Sachverhalts und der Rechtslage allenfalls gekommen wäre. Ein Vergleich ist somit zulässig, soweit der Verwaltung ein Ermessensspielraum zukommt sowie zur Beseitigung rechtlicher und/oder tatsächlicher Unklarheiten (BGE 140 V 77 E. 3.2.1 mit Hinweisen; Urteil 8C_616/2022 vom 15. März 2023 E. 3.3). Anders als der Versicherte und das kantonale Gericht annehmen, handelt die IV-Stelle nicht widersprüchlich oder treuwidrig, indem sie Beschwerde führt und von ihrer Position im Vergleichsvorschlag abweicht. Ein solcher steht naturgemäss unter dem Vorbehalt, dass er durch die Gegenseite akzeptiert wird. Der im vorinstanzlichen Verfahren unterbreitete - und vom Beschwerdegegner abgelehnte - Vergleichsvorschlag stellt keine Vertrauensgrundlage im Sinne von Art. 9 BV dar (zu den Voraussetzungen des Vertrauensschutzes vgl. BGE 143 V 95 E. 3.6.2 mit Hinweisen); ebensowenig steht er der Beschwerdebefugnis der IV-Stelle (im Sinne von Art. 89 Abs. 1 BGG) entgegen.