Citation: 6B_239/2022 E. 6.4.3

6.4.3. Das zitierte Bundesgerichtsurteil 6B_656/2020 vom 23. Juni 2021, bei welchem ebenfalls ein Strassenverkehrsunfall durch ungenügenden Abstand gegenüber einem sich (verkehrsregelwidrig) auf der Fahrbahn aufhaltenden Fussgänger zu beurteilen war, bildete Gegenstand einer Besprechung im Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht. Der Autor kritisiert, das Bundesgericht habe sich zu Unrecht nicht mit der Frage der "eigenverantwortlichen Selbstgefährdung des Opfers" auseinandergesetzt (vgl. RICHARD EHMANN, in: Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2022, N. 82 ff. S. 208 f.). Die vorsätzliche Mitwirkung an einer Selbstgefährdung erfülle keinen Straftatbestand, was erst recht für die fahrlässige Beteiligung gelte (EHMANN, a.a.O., N. 86 S. 210). Wer verbotenerweise auf der aufgrund einer Baustellenabschrankung verengten Fahrbahn gehe und während des Überholmanövers durch ein vorbeifahrendes Fahrzeug eine Bewegung in Richtung des Fahrzeugs mache, nehme seine Schädigung in Kauf und leiste nicht bloss einen untergeordneten Beitrag. Darin liege eine riskante Handlung, welche der Kontrolle des Opfers unterliege und die für die Kollision (mit-) ursächlich sei. Wer sich so verhalte, könne nicht ernsthaft darauf vertrauen, es werde schon nicht zu einer Kollision kommen, und bedürfe keines strafrechtlichen Schutzes seiner Rechtsgüter, weshalb das Bundesgericht im beurteilten Fall aufgrund der eigenverantwortlichen Selbstgefährdung zu einem Freispruch hätte gelangen müssen (EHMANN, a.a.O., N. 88 S. 210 f.). Dem kann nicht gefolgt werden. Die Frage einer (stillschweigenden) Einwilligung des Opfers in die Verletzungen stellt sich insbesondere bei Sportverletzungen, wenn der betreffenden Sportart ein Verletzungsrisiko inhärent ist, wobei vom sportinhärenten Risiko nicht unbesehen auf eine Einwilligung in die konkreten Verletzungen geschlossen werden kann (vgl. dazu BGE 145 IV 154 E. 2.2; 134 IV 26 E. 3.2; 121 IV 249 E. 3 und 4). Nach der Rechtsprechung ist bei Realisierung des sportartspezifischen Grundrisikos, wozu auch die mit körperkontaktbetonten Mannschaftssportwettkämpfen zwangsläufig einhergehenden "normalen" Fouls und Verletzungen gehören, von strafrechtlicher Ahndung abzusehen. Je krasser indes Regeln verletzt werden, die dem körperlichen Schutz der Spieler dienen, desto weniger kann von der Verwirklichung eines spieltypischen Risikos gesprochen werden und desto eher rückt eine strafrechtliche Verantwortlichkeit des Spielers ins Blickfeld (BGE 145 IV 154 E. 2.2; 134 IV 26 E. 3.2.5). Die dogmatische Einordnung einer die Strafbarkeit ausschliessenden Einwilligung in sportspezifische Verletzungen liess das Bundesgericht in BGE 134 IV 26 bewusst offen (BGE, a.a.O., E. 3.2.5). Liegt eine Selbstgefährdung vor, ist daher zunächst zu prüfen, ob darin eine stillschweigende Einwilligung in die Verletzungen zu erblicken ist. Davon kann im Strassenverkehr nicht ausgegangen werden. Art. 26 Abs. 2 SVG sieht vielmehr vor, dass auch gegenüber Strassenbenützern Rücksicht zu nehmen ist, die sich nicht richtig verhalten. Von einem Fahrzeugführer wird erwartet, dass er auch gegenüber sich verkehrsregelwidrig auf der Fahrbahn aufhaltenden Fussgängern einen ausreichenden Abstand wahrt (Art. 26 Abs. 2 i.V.m. Art. 34 Abs. 4 SVG). Wer sich als Fussgänger verkehrsregelwidrig auf die Fahrbahn begibt, willigt daher nicht ein, von einem Fahrzeug angefahren und verletzt zu werden. Ebenso wenig liegt in einer "unkontrollierten" Bewegung während des Überholmanövers in Richtung des Fahrzeugs eine Einwilligung in die Verletzungen. Ist eine solche Einwilligung zu verneinen, ist eine allfällige "eigenverantwortliche Selbstgefährdung" nach ständiger Rechtsprechung jedoch bei der Beurteilung des Mitverschuldens bzw. des adäquaten Kausalzusammenhangs zu berücksichtigen. Von einer Unterbrechung des adäquaten Kausalzusammenhangs ist vorliegend wie dargelegt nicht auszugehen.