Citation: 9C_443/2023 E. 4

Nach dem Gesagten wirft die beschwerdeführende IV-Stelle dem kantonalen Gericht im Wesentlichen vor, es sei einer gutachterlichen Einschätzung gefolgt, die nicht auf den spezifischen normativen Rahmenbedingungen für die Festlegung der Arbeitsunfähigkeit bei psychischen Erkrankungen beruhe (vgl. BGE 143 V 418 E. 6 und 7; 141 V 281 E. 5.2.2). Diese Rüge ist mit Blick auf die strittige Fragestellung unbegründet: Die Feststellung der Vorinstanz, das Gerichtsgutachten sei beweiskräftig und es sei auf dessen Ergebnisse abzustellen (angefochtenes Urteil E. 4), bezieht sich zunächst auf die (von der Beschwerdeführerin nicht infrage gestellte) Einschätzung der Sachverständigen, nach durchgeführter Behandlung sei grundsätzlich eine vollständige Arbeitsfähigkeit erreichbar. An sich wäre diese perspektivische Arbeitsfähigkeit zwar anhand des Prüfungsrasters nach BGE 141 V 281 zu evaluieren; indessen nimmt die Rechtsprechung mitunter an, eine eingehende Prüfung anhand der einschlägigen Indikatoren sei entbehrlich, wenn das Vorliegen einer Arbeitsunfähigkeit fachärztlich mit nachvollziehbarer Begründung verneint werde und keine beweiswertigen gegenteiligen Einschätzungen vorlägen (Urteil 8C_270/2019 vom 5. September 2019 E. 4.2.2). Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Vorinstanz habe die gutachterliche Beurteilung, dass das (medizinisch-theoretische) Leistungspotential erst nach Durchführung von bestimmten therapeutischen Massnahmen realisierbar sein werde und bis dahin eine hälftige Arbeitsunfähigkeit bestehe (oben E. 3.1), zu Unrecht als anspruchserheblich eingestuft. Diesbezüglich ist zu beachten, dass das "strukturierte Beweisverfahren" nach BGE 141 V 281 - als Leitlinie für eine rechtsgleiche und objektivierte Herleitung der IV-rechtlich erheblichen Arbeitsunfähigkeit - gerade für Fälle konzipiert ist, in denen ein qualitativer und quantitativer Zusammenhang zwischen medizinischem Befund und funktionalem Ausfall (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2) nur schwer feststellbar ist. Solche Sachverhalte bedingen einen entsprechend grösseren Beweisführungsaufwand (zur amtl. Publ. vorgesehenes Urteil 8C_104/2024 vom 22. Oktober 2024 E. 5.11; BGE 143 V 418 E. 7 und 141 V 281 E. 3.7.2). Hier beschränkt sich der Beweisgegenstand darauf, ob und wie weit gesundheitliche Faktoren die Umsetzung der (durch geeignete Therapie erreichbaren) vollständigen Leistungsfähigkeit noch behindern. Die Gerichtsgutachter begründen ihre Auffassung, die Arbeitsfähigkeit sei vorläufig um die Hälfte reduziert, mit einer ausführlichen und konkreten Beschreibung des gegenwärtigen Gesundheitszustands (u.a. rezidivierende depressive Störung, agoraphobische Angstproblematik und Begleitfaktoren wie PC-Spielsucht und Auffälligkeiten in der Persönlichkeit) sowie der ausstehenden therapeutischen Interventionen, von denen der prognostizierte günstige Verlauf abhängt (integrierte psychiatrische Behandlung; stabilisierende und verhaltenstherapeutische Massnahmen etwa mit Bezug auf Tag-/Nachtumkehr, Spielsucht und beeinträchtigte Exekutivfunktionen). Die Auswirkungen des gegenwärtigen, nicht abschliessend therapierten Gesundheitszustands auf das funktionale Leistungsvermögen, aus denen sich die 50-prozentige Arbeitsunfähigkeit zusammensetzt, ergeben sich direkt und nachvollziehbar aus der gutachterlichen Umschreibung des Therapiebedarfs und der erzielbaren Verbesserungen. Bezüglich der daraus abgeleiteten hälftigen Arbeitsunfähigkeit besteht somit kein spezifischer Beweisbedarf, zu dessen Deckung auf den Beurteilungsraster nach BGE 141 V 281 E. 4 zurückgegriffen werden müsste. Es ist auch ohne beweisrechtliche Weiterungen substantiiert dargetan, inwiefern die therapeutisch anzugehenden gesundheitlichen Defizite die Umsetzung des Leistungspotentials erheblich behindern. In diesem Sinn ist es hier weder nötig, die funktionalen Ausfälle mit der Schwere der Gesundheitsschädigung abzugleichen (vgl. BGE 141 V 281 E. 4.3), noch stellt sich die Frage, ob die Einschränkungen im Lebenskontext und krankheitsanamnestisch als konsistent erscheinen (a.a.O. E. 4.4). Es ist nicht erkennbar, inwiefern die bestrittene Einschätzung der Gerichtsgutachter nicht im Rahmen ihres pflichtgemässen sachverständigen Ermessens liegen sollte. Unter den gegebenen Umständen hat die Vorinstanz kein Bundesrecht verletzt, indem sie darauf verzichtet hat, die Herleitung der attestierten Arbeitsunfähigkeit anhand der massgebenden Indikatoren eingehend zu überprüfen.