Citation: 6S.452/2004 01.10.2005 E. 4.2

4.2.1 Das Privatgutachten pflichtet der im Gerichtsgutachten über den Beschwerdeführer gestellten Diagnose der abhängigen Persönlichkeitsstörung (ICD-10, F60.7; Gerichtsgutachten S. 37 f., 48) uneingeschränkt zu. Hingegen stellt es keine Anteile einer histrionischen Persönlichkeitsstörung (Gerichtsgutachten S. 38 ff.) fest und stellt abweichend vom Gerichtsgutachten die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung unterschiedlichen Schweregrades mit teils auch somatischem Syndrom (ICD-10, F 33.2; Privatgutachten S. 27 ff.). Auf die Diagnose einer Pädophilie (ICD-10. F65.4) im Sinne einer kompensatorischen Pädosexualität auf sich chronifizierendem Niveau (Gerichtsgutachten S. 40, 48) ging es bewusst nicht näher ein (Privatgutachten S. 31). Aufgrund der über Jahrzehnte verfestigten Persönlichkeitsstruktur und des depressiven Reaktionsmusters des Beschwerdeführers nimmt das Privatgutachten an, dass die Behandlungsfähigkeit des Beschwerdeführers bei Durchführung des Strafvollzuges massiv beeinträchtigt, wenn nicht gar verunmöglicht werde (Privatgutachten S. 31/32). 4.2.2 Das Obergericht nahm in seinem Urteil vom 30. März 2000 gestützt auf das Gerichtsgutachten an, die Persönlichkeitsstörung und die pädosexuellen Tendenzen des Beschwerdeführers seien nur begrenzt beeinflussbar und eigentlich nicht heilbar. Es bestehe ein erhebliches Rückfallrisiko und eine nicht zu unterschätzende Gefahr für Dritte, namentlich Kinder. Selbst wenn beim Beschwerdeführer die Heilchancen kurz- oder mittelfristig als gut bezeichnet würden, bestehe bei ihm in bestimmten Situationen ein nicht unbedeutendes Risiko für Dritte. Dieser Gefahr könne nur genügend Rechnung getragen werden, indem der Vollzug der Freiheitsstrafe angeordnet werde. 4.3 Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtes ist der Aufschub der ausgefällten Strafe zugunsten der angeordneten Massnahme gemäss Art. 43 Ziff. 2 Abs. 2 StGB anzuordnen, wenn eine tatsächliche Aussicht auf erfolgreiche Behandlung durch den sofortigen Vollzug der ausgefällten Freiheitsstrafe erheblich beeinträchtigt würde. Die Therapie geht vor, falls eine sofortige Behandlung gute Resozialisierungschancen bietet, welche der Strafvollzug klarerweise verhindern oder vermindern würde. Dabei sind einerseits die Auswirkungen des Strafvollzuges, die Erfolgsaussichten der ambulanten Behandlung und die bisherigen Therapiebemühungen zu berücksichtigen, anderseits aber auch das kriminalpolitische Erfordernis, Straftaten schuldangemessen zu ahnden bzw. rechtskräftige Strafen grundsätzlich zu vollziehen. Art. 43 Ziff. 2 Abs. 2 StGB sieht den Strafaufschub weder zwingend noch als Regelfall vor. Unter dem Gesichtspunkt des Gleichheitsgebots müssen die Abnormität und der Behandlungsbedarf umso ausgeprägter sein und mithin ein Aufschub umso zurückhaltender gehandhabt werden, je länger die zugunsten der ambulanten Behandlung aufzuschiebende Freiheitsstrafe ist. Ausserdem darf die ambulante Behandlung nicht missbraucht werden, um etwa den Vollzug der Strafe zu umgehen oder ihn auf unbestimmte Zeit hinauszuschieben (BGE 129 IV 161 E. 4.1 bis 4.3; 124 IV 246 E. 2b, je mit zahlreichen Hinweisen). Nach der Rechtsprechung sind die Voraussetzungen für einen Strafaufschub grundsätzlich nicht erfüllt, wenn die Erfolgsaussichten der Therapie nur auf lange Frist und in eher bescheidenem Ausmass bestehen. Anders zu entscheiden hiesse, Straftäter mit therapierbaren Persönlichkeitsstörungen in einem mit dem strafrechtlichen Schuldprinzip und dem Gebot der Gleichbehandlung nicht mehr zu vereinbarenden Masse zu privilegieren (BGE 129 IV 161 E. 5.4). 4.4 Die Vorinstanz verletzt kein Bundesrecht, wenn sie es nicht als wahrscheinlich erachtet, dass bei Kenntnis der im Privatgutachten gestellten Diagnose der Strafvollzug zu Gunsten der ambulanten Massnahme aufgeschoben worden wäre. Das ergibt sich aus der Verbindung der langen Freiheitsstrafe von fünf Jahren Zuchthaus mit der Feststellung der Gutachter, die allgemeinen Therapiemöglichkeiten im Bereich von Persönlichkeitsstörungen und pädosexuellen Tendenzen seien beschränkt und es bestehe weiterhin ein hohes Rückfallrisiko. Zwar schliesst die lange Dauer einer Freiheitsstrafe den Aufschub der Strafe nicht von vornherein aus (vgl. BGE 119 IV 309 E. 8b, S. 314), doch setzt dies wie ausgeführt eine schwere Beeinträchtigung des Geisteszustandes, in besonderem Masse günstige Behandlungsaussichten und eine erhöhte Gefahr voraus, dass der gleichzeitige Strafvollzug den Behandlungserfolg vereiteln könnte. Diese Voraussetzungen sind auch im Lichte der vom Privatgutachter gestellten Diagnose nicht erfüllt. Der Schluss der Vorinstanz, der Strafvollzug würde auch bei Kenntnis der Schlussfolgerungen des Privatgutachtens wahrscheinlich nicht aufgeschoben und das neue Beweismittel sei mithin nicht erheblich, ist daher nicht zu beanstanden. Dabei geht die Vorinstanz entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers zu Recht davon aus, dass die Entwicklung des Beschwerdeführers seit dem früheren Urteil, namentlich unter Berücksichtigung des mehr als fünfjährigen Therapieverlaufs, revisionsrechtlich nicht massgebend sein kann. Die vom Therapeuten und früheren Gerichtsgutachter sowie vom Privatgutachter geäusserten Ansichten, bei einem allfälligen Haftantritt sei sicherlich mit einem Rückfall regressiv-trotziger Prägung sowie einer Zuspitzung der depressiven Symptomatik mit akuter Suizidgefährdung zu rechnen, und die bisherigen Therapieerfolge würden im Hinblick auf Selbstwertfindung, Selbstsicherheitserhöhung und Durchsetzungsfähigkeit gravierend in Frage gestellt (Privatgutachten S. 23/33), sind daher in diesem Verfahren nicht von Belang. Sie können allenfalls im Rahmen einer Begnadigung (Art. 394 ff. StGB) Bedeutung erlangen. Die Beschwerde erweist sich als unbegründet.