Citation: 6B_542/2023 E. 2.2.1

2.2.1. Wie bereits erwähnt ist von einem schweren persönlichen Härtefall in der Regel dann auszugehen, wenn in den Anspruch des Ausländers auf das in Art. 13 BV und Art. 8 EMRK verankerte Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens eingegriffen wird. Mithin kann Art. 8 EMRK einerseits dadurch berührt sein, dass eine staatliche Entfernungs- und Fernhaltemassnahme einen Ausländer trifft, der hier geboren ist oder sich seit langem in der Schweiz aufhält und über besonders intensive, über eine normale Integration hinausgehende private Beziehungen beruflicher oder gesellschaftlicher Natur verfügt, womit dessen Recht auf Achtung des Privatlebens tangiert wird; andererseits dadurch, dass die staatliche Entfernungs- und Fernhaltemassnahme eine nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre Beziehung einer in der Schweiz gefestigt anwesenheitsberechtigten Person beeinträchtigt, ohne dass es dieser ohne Weiteres möglich bzw. zumutbar wäre, ihr Familienleben andernorts zu pflegen, mithin das Recht des Ausländers auf Achtung des Familienlebens tangiert wird (oben E. 1.3.2). Vorliegend beruht der Aufenthalt des Beschwerdeführers als auch jener seiner Ehefrau und seiner Kinder auf dem prozessualen Aufenthaltsrecht während des Asylverfahrens (Art. 42 AsylG). Weder der Beschwerdeführer noch seine Ehefrau und seine Kinder verfügen damit über eine Bewilligung, die ihnen die Anwesenheit im Land auf eine unbestimmte Zeit ermöglicht. Sie dürfen sich lediglich aufgrund ihrer Stellung als Asylbewerber zunächst bis zum Abschluss des Asylverfahrens in der Schweiz aufhalten. Damit erscheint fraglich, ob sich der Beschwerdeführer während dieses Schwebezustandes überhaupt auf das in Art. 8 EMRK verankerte Recht auf Achtung des Privatlebens berufen kann (vgl. zum Ganzen BGE 149 I 207 [zur Frage der Regularisierung des ausländerrechtlichen Status einer in der Schweiz illegal oder in einem prekären Rechtsverhältnis anwesenden Person]; BGE 149 I 72 E. 2 [zur Situation eines (definitiv) abgewiesenen Asylbewerbers]; BGE 147 I 26 E. 1 [zur Frage eines konventionsrechtlichen Anspruches auf Umwandlung des Status der vorläufigen Aufnahme in eine Aufenthaltsbewilligung]; vgl. auch BGE 144 I 266; Urteil 2D_19/2019 vom 20. März 2020 E. 1.3). Die Frage kann jedoch offen bleiben, da sich der Beschwerdeführer nicht auf eine für die Annahme eines Härtefalles erforderliche, besonders erfolgreiche Integration berufen kann. Wie erwähnt geht der Beschwerdeführer nicht davon aus, in der Schweiz "[...] besonders integriert" zu sein (Beschwerde Rz. 26). Entsprechend macht er auch nicht geltend, hier besonders intensive, über eine normale Integration hinausgehende private Beziehungen beruflicher oder gesellschaftlicher Natur zu pflegen. Ebenso wenig stellt er die Sozialhilfeabhängigkeit seiner ganzen Familie in Abrede. Mit dem Hinweis auf den Besuch diverser Deutschkurse bzw. darauf, Deutsch auf Niveau B1 zu sprechen, vermag er nicht darzutun, inwiefern der vorinstanzliche Schluss seiner mangelnden sprachlichen Integration schlechterdings unhaltbar wäre (Art. 106 Abs. 2 BGG); umso weniger, als sich diese anlässlich der Berufungsverhandlung vom 16. Dezember 2022 einen eigenen Eindruck von seinen Sprachkenntnissen verschaffen konnte. Ebenso wenig macht der Beschwerdeführer geltend, dass es ihm entgegen den vorinstanzlichen Feststellungen nicht möglich wäre, den Kontakt zu den in Pakistan lebenden Familienmitgliedern (u.a drei Schwestern) wieder zu intensivieren. Unstrittig ist weiter, dass seine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung in Pakistan fortgeführt werden kann. Auch aus seinem Hinweis auf die schulische Integration seiner Kinder bzw. darauf, dass diesen mit einem Wegzug ein hiesiger Schul- bzw. Lehrabschluss versagt bliebe, vermag er nichts zu seinen Gunsten abzuleiten, da ein allenfalls günstigeres Fortkommen in der Schweiz keinen Anspruch auf einen Verbleib zu begründen vermag (vgl. Urteil 6B_162/2023 vom 1. September 2023 E. 1.6.5 mit weiteren Hinweisen). Nicht zu beanstanden ist schliesslich, wenn die Vorinstanz angesichts seiner Ausbildung, seiner früheren Arbeitstätigkeit in Pakistan, seiner dortigen Verwurzelung, seines Beziehungsnetzes und seiner umfassenden Sprachkenntnisse davon ausgeht, dass er sich in seinem Heimatland beruflich wieder wird eingliedern können. Dass dort gegen ihn ein Strafverfahren eröffnet und ein Haftbefehl ausgestellt worden ist, vermag daran nichts zu ändern. Dies ergibt sich bereits daraus, dass Fort- und Ausgang des Strafverfahrens ungewiss sind. Im Übrigen handelt es sich hierbei um einen Umstand, der allenfalls seine Konkurrenzfähigkeit schwächt, indes die von der Vorinstanz in seinem Heimatland im Grundsatz zu Recht als möglich erachtete wirtschaftliche Wiedereingliederung nicht in Frage zu stellen vermag.