Citation: 6B_1363/2019 E. 1.4

1.4. Die Vorinstanz erwägt, bei Tätern, deren Weltbezug psychotisch deformiert sei, sei namentlich zu beachten, dass deren Handlungsspielraum vom Ausprägungsgrad der Symptomatik und vom Wahninhalt selbst abhänge. So werde für einen Täter, der sein Gegenüber als Teufel verkenne, den er vernichten müsse, um sich vor ewiger Verdammnis zu retten, ein überschiessend aggressiver, zerstörerischer Angriff unausweichlich sein. Für einen Täter, der sein Gegenüber als gefährlichen Menschen verkenne, sei das dagegen nicht zwingend (angefochtenes Urteil S. 32). Wenn im ersten Fall aus forensisch-psychiatrischer Sicht selbst bei längeren, allenfalls unterbrochenen Tatverläufen auf motivationaler Ebene vom psychotischen Zustand auf fehlende Einsichts- und/oder Steuerungsfähigkeit geschlossen werde, möge das einleuchten. Wenn im zweiten Fall unter den gleichen Voraussetzungen vom psychotischen Tatmotiv "Selbstverteidigung" einem psychotischen Sinn-Kontinuum folgend ohne weiteres auf fehlende Einsichts- und/oder Steuerungsfähigkeit geschlossen werde, überzeuge das dagegen nicht. Dabei solle nicht einem normalpsychologischen oder laienhaften Blick auf den Tatverlauf, der die naturwissenschaftlich-medizinische Perspektive negiere, das Wort geredet sein. Dass es sich bei einer Psychose nicht bloss um eine quantitative Abweichung von einer postulierten Norm, sondern um eine qualitative Veränderung des psychischen Erlebens handle, die in ihren Auswirkungen von Laien nur schwer zu ermessen sei, stehe ausser Frage. Es sei aber festzuhalten, dass die Annahme relevanter Freiheitsgrade nicht voraussetze, dass ein Täter seine psychotisch bedingte Angst vor seinem Gegenüber überwinde bzw. sich von den Angstaffekten gänzlich distanziere. Es genüge vielmehr, dass der Täter im Umgang mit seiner psychotisch bedingten Angst Handlungsspielräume habe. Das mache den vom Erstgutachter postulierten Abgleich des von psychotischen Ängsten geprägten subjektiven Erlebens eines Täters mit seinen auf Handlungsebene und in tatnahen Stellungnahmen nachvollziehbaren bzw. ableitbaren Fertigkeiten unerlässlich und bei der Beurteilung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit psychotischer Täter zum entscheidenden Element (angefochtenes Urteil S. 32 f.). Die Vorinstanz führt weiter aus, das Erleben des Beschwerdeführers sei ab einem nicht genauer bestimmbaren Zeitpunkt unstrittig von realitätsfernen Ängsten und Wahrnehmungsstörungen geprägt gewesen. Der Beschwerdeführer habe in wahnhafter Verkennung der tatsächlichen Begebenheiten geglaubt, sich in einer ihn bedrohenden Notwehrlage zu befinden. Konkret habe er den Beschwerdegegner 2 als Drogendealer erlebt, der ihn in seine Geschäfte habe involvieren wollen und ihn bzw. seine Familie zu diesem Zweck bedroht habe. Aus dieser Situation bzw. Bedrohung habe er rausgewollt. Gegen den Kopf des Beschwerdegegners 2 habe er geschlagen, weil er gedacht habe, dass dieser zurückschlagen würde, wenn er ihn woanders hinschlage. Er habe ihn so widerstandsunfähig machen wollen, dass er nichts mehr gegen ihn tun könne. Er habe einfach nur weg und nach Hause gewollt. Dass der Beschwerdegegner 2 liegen bleiben würde, sei ihm vollkommen egal gewesen. Er habe nur weggewollt. Gegenüber dem Erstgutachter habe der Beschwerdeführer ferner angegeben, er habe gedacht "lass mich bloss in Ruhe" und "wehe, du tust meiner Freundin was an". Die Idee des Beschwerdeführers sei es folglich gewesen, den Beschwerdegegner 2 widerstandsunfähig zu machen, um nach Hause fliehen zu können. Aus den Angaben gegenüber dem Erstgutachter könne zudem eine gewisse Wut des Beschwerdeführers über die (vermeintliche) Drohung, seiner Freundin etwas anzutun, entnommen werden. Von einer Zerstörung des Beschwerdegegners 2 als Handlungsziel habe der Beschwerdeführer dagegen weder ausdrücklich noch sinngemäss gesprochen. Wenn der Privatgutachter Dr. E.________ seinen Überlegungen ein Wahnerleben zugrunde lege, gemäss dem nur die Zerstörung des Beschwerdegegners 2 eine Rettung möglich gemacht habe, finde das in den Akten mithin keine Stütze. Folgerichtig habe der Beschwerdeführer während der Verhaftung u.a. erklärt, er habe sich nur verteidigt, dabei aber etwas überreagiert (angefochtenes Urteil E. 4.3.1 S. 33 f.). Ab 4:13 Uhr habe der Beschwerdegegner 2 für den Beschwerdeführer auch dessen Wahnerleben folgend keine Gefahr mehr dargestellt. Dennoch habe dieser weiterhin Gewalt gegen den Beschwerdegegner 2 ausgeübt. Allerdings habe er seine Aggressionen anders als in der Anfangsphase auch wieder unterbrochen und Ansätze konstruktiven Verhaltens gezeigt (Weggehen, Beschwerdegegner 2 hochziehen, wegbringen) und phasenweise recht adäquat auf die Umstände reagiert. Die später gegen den Kopf des regungslos am Boden liegenden Beschwerdegegners 2 ausgeführten wuchtigen Fusstritte würden für einen unbefangenen Beobachter eher als Ausdruck von Wut als von Angst erscheinen. Selbst wenn man aber den involvierten Fachärzten folgend die psychotische Angst auch bei dieser letzten Aggression gegen den Beschwerdegegner 2 als grundsätzlich handlungsleitenden Affekt anerkenne, erscheine das Verhalten des Beschwerdeführers nicht einfach als eine Aneinanderreihung von Gewalt- und anderen Fehlhandlungen oder bizarrem Reagieren. Namentlich habe er zwischenzeitlich immer wieder von Aggressionen gegen den Beschwerdegegner 2 Abstand nehmen können, so dass sein Verhalten während des lang hingezogenen Tatablaufs nicht als ausschliesslich von Angstaffekten dominiert erscheine. Dazu passe, dass der Beschwerdeführer auch unmittelbar nach der Tat, trotz weiterhin auffälliger Psychopathologie, relativ adäquat reagiert habe. Dass sein Verhalten daneben auch ungerichtete Aspekte enthielt und die wahnhafte Verkennung fortdauerte, stehe ausser Frage. Wäre das nicht oder in geringerem Ausmass der Fall, stünde eine erhaltene oder eine nur leicht bis mittelschwer eingeschränkte Steuerungsfähigkeit zur Diskussion. Insgesamt seien die sich auf der Handlungsebene zeigenden Hinweise auf eine noch teilweise erhaltene Steuerungsfähigkeit bei einer Gesamtschau aber so erheblich, dass sich ein Abstellen allein auf die Sinnkontinuität des psychotischen Erlebens nicht (mehr) rechtfertige. Vor diesem Hintergrund überzeuge die Auffassung von Prof. Dr. H.________, gemäss welcher von einer erheblich bzw. schwerstgradig verminderten Steuerungsfähigkeit zur Tatzeit, nicht aber von Steuerungsunfähigkeit auszugehen sei (angefochtenes Urteil E. 4.3.3 S. 35 f.).