Citation: U 129/03 25.05.2004 E. 5

5.1 Bei Gerichtsgutachten weicht das Gericht nach der Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung der medizinischen Fachleute ab, deren Aufgabe es ist, ihre Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu anderen Schlussfolgerungen gelangt. Abweichende Beurteilung kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachleute dem Gericht als triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung durch eine weitere Fachperson im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne eine solche vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (BGE 125 V 352 Erw. 3b/aa mit Hinweisen). 5.2 Das kantonale Gericht erachtete die ärztlichen Stellungnahmen von Dr. med. H.________ und des ABI gleichermassen für beweistauglich, stellte nach deren Würdigung indessen entscheidend auf die Beurteilung des ABI ab. Mit Bezug auf das Beschwerdebild und die sich daraus ergebende Einschätzung der Arbeitsfähigkeit hob es hervor, dass das im Rahmen des IV-Abklärungsverfahrens besonders zur Arbeitsfähigkeit erstattete interdisziplinäre Gutachten des ABI, das eine psychiatrische Begutachtung enthalte, überzeuge. Demgegenüber habe Dr. med. H.________ bei seiner Beurteilung der Arbeitsfähigkeit ohne eigene fachärztliche psychiatrische Kompetenz eine psychische Problematik mitberücksichtigt, weshalb seine Einschätzung der Arbeitsfähigkeit nicht überzeuge. Bei der Unfallkausalität lege das ABI überzeugend dar, dass bei stummen degenerativen Veränderungen ein Ereignis, wie es die Versicherte erlitten habe, zu einer richtunggebenden Verschlechterung führen könne, weshalb entgegen der Auffassung von Dr. med. H.________ kein Status quo sine oder ante angenommen werden könne. Ausserdem schlage selbst dieser die weitere Kostenübernahme der Heilbehandlung vor, weil weiterhin unfallbedingte Beschwerden bestehen könnten. 5.3 Bei den ärztlichen Stellungnahmen von Dr. med. H.________ und dem ABI zum Beschwerdebild, zur Arbeitsfähigkeit und zur Unfallkausalität handelt es sich um Gutachten und Arztberichte, die im UV- und IV-Abklärungsverfahren ergangen sind und an deren Beweiswert nicht zu zweifeln ist (BGE 125 V 357 Erw. 3a). Die Gutachten des Dr. med. H.________ vom 11. März 1998 und 20. April 1999 hatten sich gerade zur Unfallkausalität auszusprechen. Demgegenüber war die Frage der Unfallkausalität für das im Rahmen des IV-Abklärungsverfahrens eingeholte Gutachten des ABI vom 8. Juni 2001 ohne Bedeutung. Erst auf Anfrage der Vorinstanz hat Dr. med. M.________ als ABI-Gutachter in den Berichten vom 5. Februar 2002 und 16. Januar 2003 ergänzend zur Unfallkausalität Stellung bezogen. 5.4 Die Gutachten stimmen darin überein, dass die Versicherte beim Unfall ein axiales HWS-Trauma ohne nachweisbare Verletzungen erlitt und sie bei vorbestehenden degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule vor dem Unfall beschwerdefrei war. Übereinstimmung herrscht auch darin, dass die persistierenden cervico-cephalen Beschwerden durch den Unfall ausgelöst wurden. Diesbezüglich sind die Gutachten schlüssig und nachvollziehbar. 5.5 Bei der entscheidenden Frage des (weiterhin bestehenden) natürlichen Kausalzusammenhangs geht Dr. med. H.________ im Unterschied zum Gutachter des ABI davon aus, dass ein Unfall, wie ihn die Versicherte erlitten hat, zwar einen Beschwerdeschub auslösen könne, dass jedoch der organische Zustand spätestens ein Jahr (bei degenerativen Veränderungen) nach dem Unfall soweit wieder hergestellt sei, wie wenn sich kein Unfall ereignet hätte (Status quo sine). Diese Auffassung des Facharztes ist insofern nachvollziehbar, als sie auf dem medizinischen Erfahrungssatz gründet, dass bei Unfällen ohne morphologische Schädigungen der Wirbelsäule ein degenerativer Vorzustand durch den Unfall zwar erstmals manifest wird, dass die Chronifizierung der Beschwerden aber zunehmend auf andere, unfallfremde Faktoren zurückzuführen ist (vgl. Bär/Kiener, Prellung, Verstauchung oder Zerrung der Wirbelsäule, in Medizinische Mitteilungen der SUVA Nr. 67 vom Dezember 1994, S. 45 ff.). Ergänzend kann auf Debrunner/Ramseier, Die Begutachtung von Rückenschäden, Bern 1990, S. 52, verwiesen werden, wonach die Kontusion der Wirbelsäule eine bisher stumme, vorbestehende Spondylarthrose, Spondylose oder andere Wirbelsäulenerkrankung symptomatisch machen kann, wobei es sich meistens um eine vorübergehende Verschlimmerung handelt. Unter Hinweis auf weitere Publikationen (insbesondere Morscher/Chapchal, Schäden des Stütz- und Bewegungsapparates nach Unfällen, in: Baur/Nigst, Versicherungsmedizin, 2. Aufl. Bern 1985, S. 192) wird die Auffassung vertreten, dass die traumatische Verschlimmerung degenerativer Erkrankungen der Wirbelsäule in der Regel nach sechs bis neun Monaten, spätestens aber nach einem Jahr als abgeschlossen zu betrachten ist und in Fällen, da die Beschwerden nach einer einfachen Kontusion länger dauern, oftmals eine psychische Anpassungsstörung oder Fehlentwicklung dahinter steht (Urteil H. vom 18. September 2002, U 60/02). Ohne nähere Auseinandersetzung mit diesem medizinischen Erfahrungssatz und ohne der ausdrücklichen Aufforderung durch das kantonale Gericht zu entsprechen, seine Beurteilung unter Verweis auf die medizinische Lehre darzulegen, geht Dr. med. M.________ als Gutachter des ABI davon aus, bei vorbestehender Beschwerdefreiheit der Versicherten und abruptem Beginn der Beschwerden zum Zeitpunkt des Unfalls sei davon auszugehen, dass der Unfall mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine richtungweisende Veränderung des degenerativen Vorzustandes verursacht habe. Diese Auffassung überzeugt nicht und beruht auf einem offenbar unzutreffenden Verständnis der "richtungweisenden Veränderung". Eine solche Änderung ist nur anzunehmen, wenn eine Verschlimmerung des degenerativen Vorzustandes röntgenologisch nachgewiesen ist (Urteil H. vom 18. September 2002, U 60/02), mithin das Unfallereignis zu einer Veränderung des degenerativen Vorzustandes geführt hat. Eine solche Veränderung ist in den medizinischen Akten jedoch nicht dokumentiert und wird von Dr. med. M.________ geradezu verneint, weshalb seine Beurteilung im Ergebnis auf der unzulässigen Formel "post hoc ergo propter hoc" beruht (BGE 119 V 341). Daran ändert nichts, dass gemäss Dr. med. M.________ das Zervikalsyndrom auf eindeutigen klinischen Befunden (Tonuserhöhung der Muskulatur im Genickbereich) beruht. Bei vorbestehender Beschwerdefreiheit kann die blosse Auslösung der Beschwerden durch einen Unfall, der wie hier keine nachweisbaren Verletzungen zur Folge hatte, jedenfalls keine richtungweisende Verschlimmerung darstellen. Dr. med. M.________ setzt sich schliesslich mit der abweichenden Beurteilung von Dr. med. H.________, der von einer vorübergehenden Symptomatik ausging, nicht näher auseinander und vermag insgesamt nicht schlüssig zu erklären, warum die persistierenden Beschwerden auch ohne nachweisbare Verletzungen weiterhin auf das Unfallereignis zurückzuführen sein sollen. Bezüglich der Kausalität kann deshalb nicht auf das ABI-Gutachten abgestellt werden, weshalb die Vorinstanz den natürlichen Kausalzusammenhang gestützt auf diese Beurteilung zu Unrecht als gegeben erachtete. 5.6 Kann der natürliche Kausalzusammenhang nicht auf Grund des ABI-Gutachtens bejaht werden, so ist anderseits der Wegfall des ursächlichen Zusammenhangs zwischen dem Unfallereignis und den nach dem 12. Juni 1998 persistierenden cervico-cephalen Beschwerden nicht gestützt auf die Beurteilung durch Dr. med. H.________ erstellt. Der Arzt verweist zwar in seinem ersten Gutachten vom 11. März 1998 zutreffend auf den allgemeinen Erfahrungssatz, wonach der Status quo sine spätestens ein Jahr nach dem Unfall erreicht sein sollte, doch anerkennt er in seinem zweiten Gutachten vom 20. April 1999, bei seiner ersten (prognostischen) Beurteilung wohl etwas zu optimistisch gewesen zu sein und schliesst nicht aus, dass die persistierenden cervico-cephalen Beschwerden nach wie vor auf den Unfall zurückgeführt werden könnten, weshalb er die Übernahme der Heilbehandlung durch die Unfallversicherung für fünf Jahre postuliert. Damit äussert er sich zur Kausalitätsfrage unklar und nicht abschliessend. Zudem ist seine Beurteilung der Arbeitsfähigkeit, wie die Vorinstanz zutreffend erwogen hat, nicht überzeugend, geht er doch ohne eigene Fachkompetenz davon aus, die von ihm erhobene Arbeitsunfähigkeit der Versicherten sei allein auf psychische Beschwerden zurückzuführen, was in Widerspruch zum in Bezug auf die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit überzeugenden polydisziplinären Gutachten des ABI vom 8. Juni 2001 steht. Er äussert sich auch nicht zur Möglichkeit einer richtungweisenden Verschlimmerung, von der Dr. med. M.________ ausging. Die Gutachten des Dr. med. H.________ vermögen deshalb entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin das Dahinfallen der Kausalität nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu belegen. Diesbezüglich helfen auch die weiteren medizinischen Akten nicht weiter. 5.7 Bei dieser unklaren Aktenlage lässt sich der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und den cervico-cephalen Beschwerden und damit die Leistungspflicht des Unfallversicherers für die Zeit ab dem 12. Juni 1998, entgegen der Auffassung der Vorinstanz, nicht zuverlässig beurteilen. Dies gilt namentlich in Bezug auf die Fragen nach dem Erreichen des Status quo sine und der richtungweisenden Verschlimmerung sowie, bei Bejahung der Unfallkausalität, nach den Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit. Die Sache ist daher an die Beschwerdeführerin zurückzuweisen, damit sie diesbezüglich ein versicherungsexternes Gutachten einhole und danach über den Leistungsanspruch der Versicherten neu verfüge. Zu einer Rückweisung an die Vorinstanz besteht kein Anlass, weil es nicht notwendigerweise eines Gerichtsgutachtens bedarf (vgl. BGE 122 V 163 Erw. 1d).