Citation: U 197/02 11.03.2003 E. 4

Streitig und zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführer im Zeitpunkt des Suizidversuchs urteilsunfähig war. 4.1 Bei Gerichtsgutachten weicht das Gericht nach der Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung der medizinischen Fachleute ab, deren Aufgabe es ist, ihre Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolgerungen gelangt. Abweichende Beurteilung kann ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachleute dem Gericht als triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung durch eine weitere Fachperson im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne eine solche vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (BGE 125 V 352 Erw. 3b/aa mit Hinweisen). 4.2 Obwohl das kantonale Gericht die Einholung eines psychiatrischen Gutachtens angeordnet hatte, setzte es sich über die Schlussfolgerungen des Facharztes hinweg, ohne eine Oberexpertise zu veranlassen. Bei der Würdigung des Gutachtens des Dr. med. R.________ bezog es sich nicht etwa explizit auf das Fachwissen seines Beisitzers K.________, der den Angaben der SUVA zufolge Psychiater sein soll, sondern führte das Verständnis eines Laien an. Sodann stützte es sich massgeblich auf die Stellungnahme der Frau Dr. med. H.________. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein Gutachten, da die Ärztin den Beschwerdeführer weder untersucht noch befragt hat. Zudem erfolgte ihre Beurteilung nicht schon während des Verwaltungsverfahrens, sondern erst im Rechtsmittelverfahren, so dass dieser nicht der Beweiswert von Berichten und Gutachten versicherungsinterner Ärzte zukommt (BGE 125 V 351 Erw. 3b/ee; vgl. auch RKUV 2000 Nr. U 377 S. 186). Schliesslich konnten die Schlussfolgerungen des Dr. med. R.________ auch inhaltlich von den Bemerkungen in der Stellungnahme der Frau Dr. med. H.________ nicht in Frage gestellt werden. Sie rückte die Alkoholabhängigkeit des Beschwerdeführers in den Vordergrund ihrer Beurteilung, übersah dabei jedoch, dass diese mit der Suizidhandlung nicht in einen direkten Zusammenhang gebracht werden kann, nachdem die Ärzte des Spitals X.________ bei Klinikeintritt keinen Foetor ex ore feststellen konnten. Des Weiteren trifft nicht zu, dass über aggressive Handlungen in der Tatanlaufzeit nichts berichtet worden wäre. W.________ beschrieb in der polizeilichen Befragung vom 20. September 1998 ein überaus bedrohliches Verhalten des Beschwerdeführers, das sie veranlasste, aus der Wohnung zu flüchten. Den vom Versicherten verfassten Abschiedsbrief und das Bereitstellen des Messers wertet Frau Dr. med. H.________ als Vorbereitungshandlungen, die gegen eine Urteilsunfähigkeit im Zeitpunkt des Suizidversuches sprechen würden. Indessen wurde der Abschiedsbrief gemäss den Angaben von W.________ mindestens eine Woche vor dem Suizidversuch verfasst, also nicht etwa unmittelbar vor der Tathandlung (vgl. die den Urteilen J. vom 18. Juli 2002, U 28/01, und S. vom 11. Juli 2001, U 55/99, zu Grunde liegenden Sachverhalte). Hinsichtlich des Messers gab der Beschwerdeführer in der polizeilichen Einvernahme vom 21. September 1998 an, dieses vorgängig zum Schneiden von Fleisch gebraucht zu haben, eine Aussage, die die Vorinstanz unter Berufung auf BGE 121 V 47 Erw. 2a als besonders glaubhaft qualifiziert hat, da als "Aussagen der ersten Stunde" unmittelbar nach dem Ereignis vorgebracht. Zwar legte er im selben Zeitpunkt auch dar, dass er das Messer vorgängig deponiert und die Absicht gehabt habe, sich dann allenfalls damit umzubringen. Jedoch ist nicht klar, wann genau der Versicherte vorhatte, sich das Leben zu nehmen, d.h. ob er den Entschluss vor oder nach dem Schneiden der Schnitzel fasste. In Berücksichtigung des chirurgischen Eingriffs, der unter Vollnarkose in der Nacht vor der polizeilichen Befragung durchgeführt worden war, ist nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer über derartige innere Vorgänge und insbesondere über den Zeitpunkt, in dem er den Entschluss zur Selbsttötung fasste, keine präzisen Angaben machen konnte. Es entspricht zudem kaum einer typischen Vorbereitungshandlung für einen Suizid, wenn jemand mit einem bereitgelegten Messer für das Nachtessen Fleisch schneidet, um hernach sich das Leben zu nehmen. Nach dem Gesagten war die vom Gerichtsgutachten des Dr. med. R.________ vom 5. Juni 2001 abweichende Würdigung des medizinischen Sachverhalts durch die Vorinstanz nicht gerechtfertigt. Die Sache wäre daher an sie zurückzuweisen, damit sie eine Oberexpertise einhole und hernach über die Leistungspflicht der SUVA neu entscheide. Davon kann indessen abgesehen werden, wie sich aus den nachfolgenden Erwägungen ergibt.