Citation: I 84/07 17.09.2007 E. 5

Streitig ist, ob die bei der vorinstanzlichen Ermittlung des Invaliditätsgrades berücksichtigten hypothetischen Vergleichsgrössen (Validen- und Invalideneinkommen) im Rahmen der eingeschränkten Kognition (E. 2 hievor) einer Überprüfung standhalten. Die Beschwerde führende IV-Stelle rügt, die Rekurskommission sei zu Unrecht davon ausgegangen, die Versicherte habe vor Eintritt der Verschlechterung des Gesundheitszustandes im April 2003 unfreiwillig ein erheblich unterdurchschnittliches Einkommen erzielt. Deshalb sei die gemäss angefochtenem Entscheid berücksichtigte proportionale Kürzung des nach den Tabellenlöhnen bestimmten Invalideneinkommens nicht gerechtfertigt. Dabei ist als Rechtsfrage frei zu prüfen, ob Tabellenlöhne anwendbar sind, welches die massgebliche Tabelle ist und ob ein (behinderungsbedingt oder anderweitig begründeter) Leidensabzug vorzunehmen sei (BGE 132 V 393 E. 3.3 S. 399). Nicht anders verhält es sich in Bezug auf die Fragen, ob von einem branchenunüblich tiefen Valideneinkommen auszugehen ist und ob dies gegebenenfalls unter den besonderen Umständen des Einzelfalles zur Folge hat, dass der als Invalideneinkommen anrechenbare Durchschnittsverdienst entsprechend proportional zu kürzen ist. 5.1 Für die Ermittlung des Einkommens, welches die Versicherte ohne Invalidität erzielen könnte (Valideneinkommen), ist entscheidend, was sie im Zeitpunkt des frühest möglichen Rentenbeginns, im vorliegenden Fall am 1. April 2004, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdient hätte (RKUV 1993 Nr. U 168 S. 100 E. 3, U 110/92). Dabei wird in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da es empirischer Feststellung entspricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden wäre. Ausnahmen müssen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt sein (BGE 129 V 222 E. 4.3.1 S. 224 mit Hinweis). 5.1.1 Ausgehend vom Verdienst, welchen die Beschwerdegegnerin als Betriebsmitarbeiterin der Firma V.________ AG basierend auf einem 45%-Teilzeitpensum während der Dauer des Arbeitsverhältnisses vom 10. Oktober 2001 bis 30. September 2003 erzielte, stellten Beschwerdeführerin und Vorinstanz nach Umrechnung auf ein Vollzeitpensum und Anpassung an die Nominallohnentwicklung von 2002 bis 2005 beim Einkommensvergleich übereinstimmend auf ein Valideneinkommen von Fr. 35'020.- im Jahr 2005 ab. 5.1.2 Die implizite Annahme, die Versicherte hätte sich ohne gesundheitliche Beeinträchtigung freiwillig und dauerhaft mit der Ausübung eines Teilzeitpensums bei der Firma V.________ AG und einer entsprechend geringen Entlöhnung begnügt, ist offensichtlich unrichtig und das Ergebnis einer willkürlichen Beweiswürdigung. Zum einen handelte es sich bei der Tätigkeit in der Firma V.________ AG um eine schlecht bezahlte Arbeit im Stundenlohn (Fr. 15.- pro Stunde zuzüglich eine Ferien- und Feiertagszulage von Fr. 1.97 pro Stunde), welche die Beschwerdegegnerin vor Eintritt der gesundheitlichen Verschlechterung (volle Arbeitsunfähigkeit ab 22. April 2003) nur während relativ kurzer Zeit und ab 1. Juli 2002 nur noch mit einem auf 45 % reduzierten Teilzeitpensum zu verrichten vermochte. Zum anderen bezieht die Versicherte wegen den ihr dauerhaft verbleibenden gesundheitlichen Folgen des Hundebisses vom 2. August 1993 bei einer unfallbedingten Erwerbseinbusse von 37 % mit Wirkung ab 1. August 1997 eine Invalidenrente nach UVG. Die gegenteilige Behauptung der Beschwerde führenden IV-Stelle trifft nicht zu. Den Akten sind keine Anhaltspunkte dafür zu entnehmen, dass diese Rente zwischenzeitlich aufgehoben worden wäre. Schliesslich ist festzuhalten, dass nicht nur der Unfallversicherer bei der Ermittlung des versicherten Verdienstes im Sinne von Art. 15 Abs. 2 (zweiter Teilsatz) UVG auf die vor dem Unfall vom 2. August 1993 gegebenen Einkommensverhältnisse bei der Firma E.________ AG abstellte, sondern auch die IV-Stelle mit in Rechtskraft erwachsenen Verfügungen vom 11. Juni 1996 und 8. Oktober 1999 jeweils unter ausdrücklicher Berücksichtigung eines Valideneinkommens als Betriebsassistentin (der Firma E.________ AG) von Fr. 43'810.- (= Fr. 3'370 x 13) einen Rentenanspruch verneinte. Steht fest, dass die Beschwerdegegnerin bei Eintritt der vollen Arbeitsunfähigkeit ab 22. April 2003 und Beginn der einjährigen Wartezeit im Sinne von Art. 29 Abs. 1 lit. b IVG gesundheitsbedingt bereits teilweise in ihrer Erwerbsfähigkeit eingeschränkt war und IV-Stelle und Vorinstanz insoweit den rechtserheblichen Sachverhalt offensichtlich unrichtig festgestellt haben, kann nach dem Gesagten nicht auf das Valideneinkommen abgestellt werden, welches die Rekurskommission und die Beschwerdeführerin dem Einkommensvergleich zu Grunde gelegt haben. 5.1.3 Die Versicherte absolvierte eine Ausbildung zur Textilverkäuferin, welche sie zwei Wochen vor dem Lehrabschluss abbrach (MEDAS-Gutachten 2 S. 25). Daraufhin betätigte sie sich im Service und half ihrer Mutter, welche ein Café führte. Mit 19 Jahren besuchte sie während einem halben Jahr eine Kosmetikfachschule und sammelte anschliessend Berufserfahrungen in einem zweijährigen Praktikum, wonach sie diese Ausbildung mit Diplom abschloss (MEDAS-Gutachten 1 S. 2). Es folgten weitere Arbeitseinsätze im Service, als selbständig erwerbende Kosmetikerin, im Verkauf sowie als Aufseherin und Betreuerin von Spielautomaten. Unter den gegebenen Umständen lässt sich auf Grund der tatsächlichen Verhältnisse das ohne gesundheitliche Beeinträchtigung realisierte Einkommen nicht hinreichend genau beziffern, weshalb Erfahrungs- und Durchschnittswerte heranzuziehen sind (Urteil I 732/06 vom 2. Mai 2007, E. 2.2 mit Hinweis auf AHI 1999 S. 240 E. 3b). 5.1.4 Laut Tabelle TA1 (monatlicher Bruttolohn nach Wirtschaftszweigen, Anforderungsniveau des Arbeitsplatzes und Geschlecht im privaten Sektor) der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) 2004 des Bundesamtes für Statistik haben Frauen an Arbeitsplätzen auf dem Anforderungsniveau 4 im gesamtschweizerischen Durchschnitt bei einer betriebsüblichen wöchentlichen Arbeitszeit von 41,6 Stunden (Die Volkswirtschaft 2007 Heft 7/8 S. 90 Tabelle B9.2) im Jahre 2004 Fr. 48'587.- (= [Fr. 3'893.- : 40] x 41,6 x 12) verdient. Geht man vom Jahreseinkommen von Fr. 43'810.- (vgl. E. 5.1.2 hievor) aus, welches die Versicherte als Gesunde vor dem Unfall vom 2. August 1993 erzielte, und berücksichtigt man die von 1993 bis 2004 eingetretene Nominallohnentwicklung der Frauenlöhne (Anstieg des Nominallohnindexes [1939 = 100] bei Frauen von 2024 Punkten im Jahre 1993 [Die Volkswirtschaft 1995 Heft 12 S. *15 Tabelle B4.2] auf 2360 Punkte im Jahre 2004 [Die Volkswirtschaft 2007 Heft 7/8 S. 91 Tabelle B10.3]), so resultiert für das Jahr 2004 ein Valideneinkommen von Fr. 51'094.- (= [Fr. 43'810.- : 2024] x 2360).