Citation: U 210/05 23.03.2006 E. 5

5.1 Was die unmittelbaren Folgen der beiden Unfälle für die Gesundheit der Versicherten betrifft, zeigt sich mit Blick auf den Verlauf der Arbeitsunfähigkeit zunächst, dass die Beschwerdeführerin schon vor dem ersten Unfall infolge eines Distorsionstraumas vom 17. November 2000 im linken oberen Sprunggelenk bis 3. Januar 2001 zu 100 % und anschliessend bis 31. Januar 2001 zu 50 % arbeitsunfähig war. Nach dem ersten Unfall vom 26. Februar 2001 attestierte ihr der noch am Unfalltag konsultierte Hausarzt Dr. med. W.________ bis 28. Februar 2001 eine volle und sodann bis 4. März 2001 eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit. Im Anschluss an den im Vergleich zum zweiten Unfall mit einer grösseren Kollisionsgeschwindigkeit erfolgten Frontalzusammenstoss vom 26. Februar 2001 war die Versicherte demnach bereits ab 5. März 2001 - also schon eine Woche nach dem ersten Unfall - wieder voll arbeitsfähig. Nach dem zweiten Unfall (Heckauffahrkollision) vom 3. April 2001 schätzte Dr. med. W.________ die Arbeitsunfähigkeit bis 18. April 2001 auf 50 % und ab 19. April 2001 auf 25 %. Wegen einer erst anfangs Juni 2001 - also mehr als eineinhalb Monate nach dem zweiten Unfall - eingetretenen deutlichen Verschlechterung des Gesundheitszustandes attestierte ihr der Hausarzt ab 5. Juni 2001 eine volle Arbeitsunfähigkeit. Gemäss RZL-Gutachten (S. 33) wird diese Arbeitsunfähigkeit in der Höhe von 100 % mit einem Anteil von 40 % als unfallbedingt beurteilt. Der Anteil der unfallfremden Faktoren insgesamt werde höher, nämlich auf 60 % eingeschätzt. Bei der Höherbewertung der unfallfremden Faktoren müsse auch berücksichtigt werden, dass unmittelbar nach den Unfällen nur kurzzeitig eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden habe, dass circa zweieinhalb Wochen nach dem zweiten Unfall die Arbeitsunfähigkeit bloss noch auf 25 % geschätzt worden sei und diese für die Dauer von weiteren knapp sieben Wochen entsprechend habe verwertet werden können. Der nach beiden Unfällen erstbehandelnde Hausarzt diagnostizierte jeweils eine HWS-Distorsion, schloss röntgenologisch Unfallfolgen aus, verneinte einen Kopfanprall, stellte Kopf- und Nackenschmerzen sowie Übelkeit und Erbrechen nebst Benommenheit (nach dem ersten Unfall) bzw. diffusem Schwindel (nach dem zweiten Unfall) fest und wies darauf hin, dass unfallfremd eine Haltungsabweichung mit Streckhaltung sowie links konvexer flachbogiger Skoliose an der Wirbelsäule vorbestehend sei (Berichte vom 26. März und 19. Mai 2001). 5.2 Das RZL-Gutachten zeigt auf (Erw. 3.2 hievor), dass nicht sämtliche festgestellten bzw. geltend gemachten Beschwerden zum typischen Beschwerdebild nach einem Schleudertrauma der HWS (vgl. BGE 117 V 360 Erw. 4b) gehören und einzelne dieser zum typischen Beschwerdebild gehörenden Beeinträchtigungen (wie zum Beispiel das depressive Leiden und die Kopfschmerzen; vgl. Erw. 3.2.3 hievor) schon vor den Unfällen aktenkundig behandlungsbedürftig waren. Damit stellt sich die Frage, ob die psychogene Ausweitung des Beschwerdebildes die übrigen Beschwerden ganz in den Hintergrund treten lässt mit der Folge, dass die Adäquanz nach Massgabe von BGE 115 V 133 zu beurteilen ist. 5.2.1 Die Vorinstanz hat dies insofern verneint, als sie davon ausging, der Anteil des typischen Beschwerdebildes nach einer HWS-Distorsion (Kopf- und Nackenschmerzen, Konzentrationsstörungen) und die sich daraus ergebende Arbeitsunfähigkeit belaufe sich auf 40 %, während der Anteil der anderen Unfallfolgen (dissoziative Störung) 60 % betrage, weshalb das typische Beschwerdebild nicht "ganz" in den Hintergrund trete. In der Folge hat das kantonale Gericht eine getrennte Adäquanzprüfung der beiden Beschwerdebilder vorgenommen. Für die HWS-Beschwerden mit einem 40%igen Anteil an der Arbeitsunfähigkeit hat es den adäquaten Kausalzusammenhang nach Massgabe von BGE 117 V 360 geprüft und bejaht, während es die adäquate Kausalität für die psychische Problematik mit einem 60%igen Anteil an der Arbeitsunfähigkeit in Anwendung der Rechtsprechung gemäss BGE 115 V 133 verneinte. 5.2.2 Dieser Vorgehensweise des kantonalen Gerichts kann bereits deshalb nicht gefolgt werden, weil die Annahme des kantonalen Gerichts, der Gutachter habe den Anteil des typischen HWS-Beschwerdebildes an der Arbeitsunfähigkeit auf 40 % und den Anteil der psychischen Problematik auf 60 % festgelegt, unzutreffend ist. Der Gutachter hat vielmehr aufgrund des gesamten Beschwerdebildes eine vollständige Arbeitsunfähigkeit bestätigt und den Anteil der unfallfremden Faktoren auf 60 % geschätzt. Zum prozentualen Anteil der psychischen Problematik am gesamten Beschwerdebild und dem Anteil der Arbeitsunfähigkeit daran hat der Experte keine Aussagen gemacht, jedoch hinsichtlich der Invalidisierung die dissoziative Problematik in den Vordergrund gestellt und betont, dass die 100%ige Arbeitsunfähigkeit insbesondere wegen der dissoziativen Symptome bestehe. 5.3 Das Gutachten vermittelt das Bild einer Versicherten, die im Abstand von rund fünf Wochen zwei eher geringfügige Distorsionstraumata der HWS erlitt und kaum somatische Folgen davontrug, daneben jedoch nach kurzer Zeit ein ausgeprägtes psychisches Beschwerdebild zeigte. Im Lichte der Expertise, die auf einer umfassenden Würdigung der medizinischen Unterlagen beruht, handelt es sich bei den aufgetretenen psychischen Störungen nicht um blosse Symptome der erlittenen Traumata. Eine im Sinne von RKUV 2002 Nr. U 465 S. 437 erfolgte Prüfung der Entwicklung von den Unfällen vom 26. Februar und 3. April 2001 bis zur Einstellung der Versicherungsleistungen per 31. März 2003 (der für die richterliche Beurteilung massgebende Zeitpunkt bestimmt sich praxisgemäss [BGE 130 V 446 Erw. 1.2 mit Hinweisen] nach dem Zeitpunkt des Erlasses des Einspracheentscheides [hier: vom 27. April 2004]) zeigt nicht das organisch-psychische Beschwerdebild, wie es nach einem Schleudertrauma der HWS üblicherweise seinen Verlauf nimmt. Im Hinblick auf die dargelegte medizinische Beurteilung des Gutachters ist davon auszugehen, dass die Unfälle vom 26. Februar und 3. April 2001 anfänglich gewisse, kaum objektivierbare somatische Beschwerden zeitigten, sich bald nach dem Unfall vom 3. April 2001 jedoch die dissoziativen Störungen, welche schon vor den Unfällen erkennbar waren (Erw. 3.2.3 hievor), weiterentwickelt haben. Bei diesem Prozess wirkten gemäss den Erkenntnissen des Experten psychische Faktoren mit, insbesondere die Disposition der Versicherten zur dissoziativen Verarbeitung körperlicher Beschwerden. Die geschilderten psychischen Probleme sind im Wesentlichen dafür verantwortlich, dass der Beschwerdeführerin ab Juni 2001 wieder eine volle Arbeitsunfähigkeit attestiert werden musste und die berufliche Wiedereingliederung bisher scheiterte. Die diagnostizierten psychischen Leiden bilden nicht Teil des typischen Beschwerdebildes nach HWS-Traumen und stellen daher nicht primäre Folgen des Unfalles dar. War das physische Beschwerdebild nach dem Unfall stark psychisch überlagert und gehörte die psychische Entwicklung nicht zum typischen Beschwerdebild nach einem Schleudertrauma der HWS, muss der adäquate Kausalzusammenhang nach Massgabe der in BGE 115 V 138 ff. Erw. 6 und 407 ff. Erw. 5 entwickelten Rechtsprechung beurteilt werden. Dies gilt vorliegendenfalls für das ganze, ab Sommer 2001 durch die psychische Problematik dominierte Beschwerdebild.