Citation: U 60/06 19.09.2006 E. 4

Uneinigkeit besteht sodann auch in der Frage, nach welchen Kriterien die Frage der Adäquanz des Kausalzusammenhanges zu prüfen ist. Die Vorinstanz und der Beschwerdegegner vertreten die Auffassung, massgebend sei die Schleudertrauma-Praxis (BGE 117 V 359). Demgegenüber vertritt der Unfallversicherer den Standpunkt, es liege eine psychische Überlagerung vor, welche zur Anwendung der Kriterien gemäss BGE 115 V 133 führe. 4.1 Bei der Beurteilung der Adäquanz von organisch nicht (hinreichend) nachweisbaren Unfallfolgeschäden ist rechtsprechungsgemäss (BGE 127 V 103 Erw. 5b/bb mit Hinweisen) wie folgt zu differenzieren: Es ist zunächst abzuklären, ob die versicherte Person beim Unfall ein Schleudertrauma der Halswirbelsäule, eine dem Schleudertrauma äquivalente Verletzung (SVR 1995 UV Nr. 23 S. 67 Erw. 2) oder ein Schädel-Hirntrauma erlitten hat. Ist dies nicht der Fall, gelangt die Rechtsprechung gemäss BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa zur Anwendung. Ergeben die Abklärungen, dass die versicherte Person eine der soeben erwähnten Verletzungen erlitten hat, muss beurteilt werden, ob die zum typischen Beschwerdebild einer solchen Verletzung gehörenden Beeinträchtigungen (vgl. dazu: BGE 119 V 337 Erw. 1, 117 V 360 Erw. 4b) zwar teilweise vorliegen, im Vergleich zur psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund treten. Trifft dies zu, sind für die Adäquanzbeurteilung ebenfalls die in BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa für Unfälle mit psychischen Folgeschäden aufgestellten Grundsätze massgebend; andernfalls erfolgt die Beurteilung der Adäquanz gemäss den in BGE 117 V 366 Erw. 6a und 382 Erw. 4b festgelegten Kriterien (BGE 123 V 99 Erw. 2a mit Hinweisen). Gleiches gilt, wenn die im Anschluss an den Unfall auftretenden psychischen Störungen nicht zum typischen Beschwerdebild eines HWS-Traumas gehören. Erforderlichenfalls ist vorgängig der Adäquanzbeurteilung zu prüfen, ob es sich bei den im Anschluss an den Unfall geklagten psychischen Beeinträchtigungen um blosse Symptome des erlittenen Traumas oder aber um eine selbstständige (sekundäre) Gesundheitsschädigung handelt, wobei für die Abgrenzung insbesondere Art und Pathogenese der Störung, das Vorliegen konkreter unfallfremder Faktoren oder der Zeitablauf von Bedeutung sind (RKUV 2001 Nr. U 412 S. 80 [Urteil B. vom 12. Oktober 2000, U 96/00]). Wie das Eidgenössische Versicherungsgericht in dem in RKUV 2002 Nr. U 465 S. 437 publizierten Urteil W. vom 18. Juni 2002, U 164/01, schliesslich dargelegt hat, ist die Adäquanz des Kausalzusammenhangs nur dann im Sinne von BGE 123 V 99 Erw. 2a unter dem Gesichtspunkt einer psychischen Fehlentwicklung nach Unfall zu beurteilen, wenn die psychische Problematik bereits unmittelbar nach dem Unfall eindeutige Dominanz aufweist. Wird die Rechtsprechung gemäss BGE 123 V 99 Erw. 2a in einem späteren Zeitpunkt angewendet, ist zu prüfen, ob im Verlaufe der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt die physischen Beschwerden gesamthaft nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben und damit ganz in den Hintergrund getreten sind. Nur wenn dies zutrifft, ist die Adäquanz nach der Rechtsprechung zu den psychischen Unfallfolgen (BGE 115 V 133) zu beurteilen. 4.2 Es steht fest und ist unbestritten, dass beim Beschwerdegegner eine HWS-Distorsion und teilweise auch das typische Beschwerdebild eines HWS-Traumas (diffuse Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit, Visusstörungen, Reizbarkeit, Affektlabilität, Depression, Wesenveränderung etc.; vgl. BGE 117 V 360 Erw. 4b, 382 Erw. 4b) vorliegen. Umstritten ist indessen, ob - wie der Unfallversicherer geltend macht - die zum typischen Beschwerdebild einer solchen Verletzung gehörenden Beeinträchtigungen im Vergleich zur psychischen Problematik ganz in den Hintergrund getreten sind. 4.2.1 Schon kurze Zeit nach dem Unfall litt der Versicherte an einer Begleitdepression sowie Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, so dass er sich in psychologische Behandlung begab. Ärztlicherseits wurde der Verdacht auf eine pathologische Schmerzverarbeitung geäussert. Wie es sich indessen mit dem Anteil der psychischen Problematik verhält, wird in den verschiedenen psychiatrischen, neurologischen und insbesondere in den neuropsychologischen Gutachten unterschiedlich beantwortet. Während im Gutachten der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Universitätsspitals Y.________ (Oberartz PD Dr. med. S._______ und Assistenzarzt Dr. med. A.________) vom 17. Dezember 2003, gestützt auf das neuropsychologische Teilgutachten von Psychologin FSP H.________ und Prof. Dr. phil. R.________ vom 30. Oktober 2003, die Verhaltensmanifestationen als Aggravationssyndrom interpretiert und ein fassbares neurologisches oder neuropsychologisches Korrelat der Beschwerden ebenso wie eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus neurologischer oder neuropsychologischer Sicht verneint werden, sieht die Gutachterstelle X.________ in ihrem Gutachten vom 19. Januar 2005 gestützt auf das neuropsychologische Teilgutachten vom 5. November 2004 (Dr. med. O.________) die Arbeitsunfähigkeit primär neuropsychologisch begründet und verneint eine Aggravation. 4.2.2 Abklärungen zur Bereinigung dieser unterschiedlichen Betrachtungen erübrigen sich indessen, weil von einer psychischen Überlagerung selbst dann auszugehen ist, wenn - mit dem Beschwerdegegner - auf die Darstellung im neuropsychologischen Teilgutachten der Gutachterstelle X.________ vom 5. November 2004 abgestellt wird. Entgegen der vom Beschwerdegegner vertretenen Auffassung lässt sich dem neuropsychologischen Teilgutachten der Gutachterstelle X.________ vom 5. November 2004 nicht entnehmen, dass die festgestellten neuropsychologischen Defizite somatische Beschwerden darstellen und aus diesem Grunde nicht von einer psychischen Überlagerung gesprochen werden kann. Denn aus dem neuropsychologischen Teilgutachten der Gutachterstelle X.________ vom 5. November 2004 geht nicht hervor, aufgrund welcher Verfahren von einer erheblichen neuropsychologisch bedingten Arbeitsunfähigkeit ausgegangen wurde (namentlich nicht, ob nur Schilderungen des Versicherten und Tests die Grundlage bilden, was ungenügend wäre: vgl. Thomas Merten, Neue Aspekte in der Beurteilung psychoreaktiver und neuropsychologischer Störungen als Leistungsgrund - Nicht authentische Beschwerden: vorgetäuschte neuropsychologische Störungen, in: Der medizinische Sachverständige 2006, S. 58 f.). Ebenso wenig gibt das Gutachten Aufschluss darüber, ob es sich bei den festgestellten Defiziten um echte hirnorganische Defizite, wie sie bei Hirnläsionen auftreten, oder eher um unspezifische Befunde handelt (vgl. dazu Wachter/Regard, Stellenwert der neuropsychologischen Untersuchung nach Kopf- und HWS-Trauma, in: Siegel/Fischer [Hrsg.], Die neurologische Begutachtung, Zürich 2004, S. 189 ff., insbes. S. 191 f.). Bei dieser Sachlage rechtfertigt es sich, auch die im Gutachten der Gutachterstelle X.________ neuropsychologisch festgestellten Defizite gesamthaft als psychische Überlagerung zu interpretieren, wofür auch spricht, dass die Belastbarkeit des Beschwerdegegners im Vergleich zu den vorangegangenen neuropsychologischen Untersuchungen erheblich abgenommen hat. Ob eine Aggravation oder eine psychiatrische Diagnose mit Krankheitswert vorliegt, ist unerheblich. Denn neuropsychologisch festgestellte Defizite können auch auf eine psychische Überlagerung schliessen lassen, wenn keine psychiatrische Diagnose gestellt ist (Urteil T. vom 22. März 2006, U 285/05, Erw. 3.2.1). 4.3 Ist eine psychische Überlagerung nach dem Gesagten zu bejahen, hat die Adäquanzprüfung rechtsprechungsgemäss (Erw. 4.1) nach BGE 115 V 133 zu erfolgen.