Citation: U 177/05 10.04.2006 E. 4

4.1 Gestützt auf die ärztlichen Angaben ist mit der erforderlichen überwiegenden Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die vom Beschwerdegegner geklagten gesundheitlichen Beeinträchtigungen auch nach dem 3. März/14. April 2003 mindestens im Sinne einer Teilkausalität noch mit dem Unfall vom 4. Juni 2002 in einem natürlichen Kausalzusammenhang standen. Es fehlen jedoch objektiv hinreichend nachweisbare Unfallfolgen, weshalb es einer spezifischen Adäquanzprüfung bedarf. Dabei stellt sich die Frage, ob die Adäquanz nach den für Schleudertraumen und schleudertraumaähnliche Verletzungen der HWS ohne organisch nachweisbare funktionelle Ausfälle (BGE 117 V 359 ff.) oder nach den für psychische Unfallfolgen (BGE 115 V 133 ff.) geltenden Regeln zu beurteilen ist. Nach der Rechtsprechung hat die Adäquanzprüfung unter dem Gesichtspunkt einer psychischen Fehlentwicklung nach Unfall zu erfolgen, wenn die zum typischen Beschwerdebild eines HWS-Traumas gehörenden Beeinträchtigungen zwar teilweise gegeben sind, im Vergleich zur ausgeprägten psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund treten (BGE 123 V 99 Erw. 2a mit Hinweisen). Voraussetzung ist, dass die psychische Problematik bereits unmittelbar nach dem Unfall eindeutige Dominanz aufweist. Wird die Rechtsprechung gemäss BGE 123 V 99 Erw. 2a in einem späteren Zeitpunkt angewendet, ist zu prüfen, ob im Verlaufe der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt die physischen Beschwerden gesamthaft nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben und damit ganz in den Hintergrund getreten sind (RKUV 2002 Nr. U 465 S. 437 [Urteil W. vom 18. Juni 2002, U 164/01, Erw. 3b]). 4.2 Aus den Akten geht hervor, dass sich die somatischen Unfallfolgen schon kurz nach dem Unfall deutlich gebessert haben. Sowohl der behandelnde Arzt als auch der Versicherte selbst rechneten mit einer baldigen vollen Arbeitsaufnahme. Dass die unternommenen Arbeitsversuche scheiterten, war jedenfalls nicht allein auf die körperlichen Unfallfolgen zurückzuführen. Zum einen konnte dem Versicherten anscheinend keine geeignete Arbeit zugewiesen werden. Zum andern waren in Form einer depressiven Entwicklung psychische Faktoren aufgetreten, welche in Verbindung mit psychosozialen Gründen zu einer Chronifizierung des Beschwerdebildes führten. Die psychische Symptomatik hat rasch zugenommen und zunächst den Charakter einer Anpassungsstörung, in der Folge denjenigen einer somatoformen Störung angenommen mit entsprechenden Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Nach den Arztberichten hat die psychische Problematik schon kurz nach dem Unfall erhebliche Bedeutung erlangt. Dr. med. O._______ spricht von einem psycho-physischen Erschöpfungszustand, welcher das Leben des Versicherten seit dem Unfall vom Juni 2002 dauerhaft mehr oder weniger bestimmt habe, und vertritt die Auffassung, der Versicherte sei aus psychiatrischer Sicht seit dem Unfall in der Arbeitsfähigkeit eingeschränkt gewesen. Gemäss Dr. med. T.________ ist der Unfall als Auslöser der psychischen Beschwerden zu betrachten und ist es schon kurz nach dem Unfall zu einer zunehmenden psychischen Fehlentwicklung gekommen. Nach den Angaben von Dr. med. B.________ bestanden bereits einen Monat nach dem Unfall Symptome einer Fehlverarbeitung. Die psychische Problematik habe schleichend an Intensität zugenommen und zur Chronifizierung sowie Fixierung des Prozesses geführt. Dr. med. P.________ bezeichnet es als evident, dass die psychische Störung früh nach dem Unfall aufgetreten ist und schon bald im Vordergrund gestanden hat. In die gleiche Richtung deuten die ärztlichen Angaben zur Arbeitsfähigkeit. Aus den Berichten des behandelnden Arztes Dr. med. Y.________ und der Klinik H.________ geht hervor, dass aus somatischer Sicht schon früh nach dem Unfall keine wesentliche Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit mehr bestanden hat. Anderseits war die Arbeitsfähigkeit zunehmend psychisch eingeschränkt. Gemäss Dr. med. T.________ bestand aus psychischer Sicht mit Sicherheit seit Sommer 2003 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Wie im Gutachten vom 12. Juni 2004 näher ausgeführt wird, ist anzunehmen, dass schon früher, insbesondere zur Zeit der Abklärung in der Klinik H.________ eine erhebliche psychisch bedingte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestanden hat. Die medizinischen Akten sprechen somit dafür, dass die psychische Problematik schon kurz nach dem Unfall und im Verlauf der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt eindeutig im Vordergrund gestanden hat und die unfallbedingten physischen Beschwerden ganz in den Hintergrund getreten sind. Dazu kommt, dass der Beschwerdegegner an psychischen Beeinträchtigungen leidet, für welche der Unfall wohl den Auslöser bildete, die jedoch weitgehend unfallfremde psychosoziale Ursachen haben. Somatoforme Schmerzstörungen können zwar im Anschluss an Schleudertraumen und schleudertraumaähnliche Verletzungen der HWS auftreten, gehören jedoch nicht zum typischen Beschwerdebild dieser Verletzungen, weil sie - anders als depressive Verstimmungen - nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen, insbesondere in Verbindung mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen Problemen auftreten (Dilling/Mombour/Schmidt [Hrsg.], Weltgesundheitsorganisation [WHO], Internationale Klassifikation psychischer Störungen, Übersetzung der 10. Revision [1992] der International Classification of Diseases, ICD-10 Kapitel V [F], Klinisch-diagnostische Leitlinien, 4. Aufl., Bern 2000, S. 191; vgl. auch Känel/Gander/ Egle/Buddenberg, Differenzielle Diagnostik chronischer Schmerzsyndrome am Bewegungsapparat - Codierung nach ICD 10, in: Schweizerische Rundschau für Medizin "Praxis", 2002 S. 541 ff.). Solchen Faktoren kommt nach den psychiatrischen Berichten und Gutachten auch im vorliegenden Fall wesentliche Bedeutung zu. Die für das bestehende Beschwerdebild ursächliche somatoforme Schmerzstörung ist daher als selbstständige sekundäre Gesundheitsschädigung zu betrachten (vgl. Urteile P. vom 30. September 2005, U 277/04, und B. vom 7. August 2002, U 313/01), weshalb die Adäquanzprüfung nach der für psychische Unfallfolgen geltenden Rechtsprechung zu erfolgen hat. Zu weiteren Abklärungen besteht kein Anlass. 4.3 Nach dem Gesagten wäre die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit sie über die Adäquanz des Kausalzusammenhangs aufgrund der für psychische Unfallfolgen geltenden Regeln entscheide (BGE 115 V 133 ff.). Davon kann indessen abgesehen werden, weil sich die Parteien zu dieser Frage bereits umfassend geäussert haben und die Sache spruchreif ist.