Citation: I 560/04 17.02.2005 E. 5

Zu untersuchen bleibt, ob und gegebenenfalls in welchem Ausmass der Versicherten eine ihren somatischen Beschwerden angepasste Tätigkeit (Erw. 4 hievor) aus psychischer Sicht noch zumutbar ist. 5.1 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 261 Erw. 4, 115 V 134 Erw. 2, 114 V 314 Erw. 3c, 105 V 158 Erw. 1). Entscheidend ist dabei die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu erfolgende Beurteilung, ob und inwiefern der versicherten Person trotz ihres Leidens die Verwertung ihrer Restarbeitsfähigkeit auf dem ihr nach ihren Fähigkeiten offen stehenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt noch sozial-praktisch zumutbar und für die Gesellschaft tragbar ist (BGE 127 V 298 Erw. 4c mit Hinweisen). Ihr subjektives Empfinden kann demgegenüber, insbesondere wenn es sich nicht mit der Auffassung der medizinischen Fachleute deckt, für sich allein nicht massgebend sein (Urteil T. vom 28. Mai 2004, I 677/03, Erw. 2.3.1). 5.2 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Danach hat das Gericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet sein Korrelat in den Mitwirkungspflichten der Parteien (BGE 125 V 195 Erw. 2, 122 V 158 Erw. 1a, je mit Hinweisen). Die Verwaltung als verfügende Instanz und - im Beschwerdefall - das Gericht dürfen eine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind (Kummer, Grundriss des Zivilprozessrechts, 4. Aufl., Bern 1984, S. 136). Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Der Richter und die Richterin haben vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die sie von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigen (BGE 126 V 360 Erw. 5b, 125 V 195 Erw. 2, je mit Hinweisen). 5.3 Zwar würdigte die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid auch die Berichte des die Beschwerdeführerin behandelnden Psychiaters Dr. med. C.________ vom 8. Mai und 25. Juli 2003 sowie das P.________ Gutachten der Ärztin Dr. med. K.________ vom 10. September 2003. Doch stellte das kantonale Gericht auf die Ergebnisse des multidisziplinären M.________ Gutachtens ab, ohne auf die hiegegen von Seiten der P.________ Gutachterin erhobenen Vorwürfe einzugehen. 5.3.1 Während das M.________ Gutachten in psychiatrischer Hinsicht von einer "leichten Persönlichkeitsstörung (F61) mit [einer] leichten begleitenden Depression (F32.0)" ausging und mit keinem Wort autoaggressive Handlungen erwähnte, schloss Dr. med. K.________ nach eingehender Exploration betreffend die psychischen Beschwerden auf folgende Diagnosen: "- andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung nach bereits posttraumatischen Belastungsstörungen in der Kindheit und Jugend (ICD-10 F62.0) infolge ständiger Bedrohung im Rahmen von Bürgerkriegserlebnissen in Zimbabwe, Alleingelassenwerden von der Mutter bereits als Kleinkind und erneut als Jugendliche, mehrfacher Vergewaltigung als Kind durch einen männlichen Verwandten (und als Erwachsene 1982 durch zwei fremde Männer kurz nach der Geburt des Sohnes), soziokultureller Entwurzelung nach Immigration in die Schweiz etc. - schwere emotional instabile Persönlichkeitsstörung sowohl vom impulsiven (ICD-10 F60.30) als auch vom Borderline Typ (ICD-10 F60.31)". 5.3.2 Der behandelnde Dr. med. C.________ berichtete in Übereinstimmung mit Dr. med. K.________ von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und davon, dass die Beschwerdeführerin einige ihrer Symptome dissimuliere, da sie sich dafür schäme. Die P.________ Gutachterin nahm abschliessend ausdrücklich Stellung zum M.________ Gutachten. Sie kritisierte, die M.________ Gutachter hätten die psychiatrische Symptomatik nicht ausreichend abgeklärt. Eine Persönlichkeitsstörung könne nicht erfasst oder adäquat beurteilt werden ohne mehrfache Abklärungssitzungen. Dazu gehörten auch fremdanamnestische Erhebungen beim behandelnden Psychiater und dem Lebenspartner, welche anlässlich der Erstellung des M.________ Gutachtens gänzlich unterlassen worden seien. Erst die sukzessive Gewinnung des Vertrauens und Überwindung der ersten Hemmschwelle ermöglichten den Einblick hinter die ausgeprägte äussere Fassade der Versicherten. Deshalb sei nicht verwunderlich, dass den M.________ Gutachtern wesentliche Störungen wie die auch aktuell noch fast täglich ausgeführten Selbstverletzungen und extremen Beziehungsprobleme mit dem jetzigen Partner vollkommen verborgen geblieben seien, beides wesentliche Merkmale einer schweren Borderline-Persönlichkeitsstörung. Mit der Auffassung der Dres. med. C.________ und K.________ kontrastieren auffallend die psychopathologischen Befunde des die Versicherte im M.________ Gutachten begutachtenden Psychiaters Dr. med. R.________ (M.________ Gutachten S. 12): "43-jährige, leicht jünger wirkende Frau aus Afrika, gepflegte Erscheinung. Sympathische Kontaktaufnahme und Beziehungsgestaltung. Spricht fast fehlerfrei Schweizerdeutsch. Klinische Intelligenz mindestens durchschnittlich. Affektiv wirkt die Versicherte unauffällig, abgesehen von einer leichten Bedrückung, wenn sie über die schwierigen Erlebnisse berichtet. Suizidgedanken seien nur noch selten in leichter Form vorhanden. Über Ängste berichtet sie nicht. Sie müsse gelegentlich heftig und stundenlang weinen. Dies auf Grund der früheren Erlebnisse. Es tue ihr gleichzeitig gut und entlaste sie. Das Denken ist formal und inhaltlich unauffällig. Es bestehen keine Hinweise auf ein psychotisches Erleben oder Zwänge. Über die heutigen beziehungsmässigen Kontakte zeigt sie sich zufrieden. Sie habe zwar nach einer Kindheit, in der sie sich als von der Mutter getrennt erlebte, in die Schweiz kommend die Hoffnung gehegt, dies nachholen zu können. Beziehungsmässig sei sie dann sowohl durch die Mutter, mit der sie keinen Kontakt habe, als auch durch die Schwierigkeiten mit Männern enttäuscht geworden, habe dies aber inzwischen gut überwinden können." 5.3.3 Trotz dieser klaren Widersprüche zwischen den Befunden der Dres. med. C.________ und K.________ einerseits und denjenigen gemäss M.________ Gutachten andererseits nahm die Vorinstanz zu der aus fachärztlicher Sicht geäusserten Kritik der Dr. med. K.________ nicht Stellung. Während die Arbeitsfähigkeit in einer leidensangepassten Tätigkeit laut M.________ Gutachten unter Berücksichtigung der von Zeit zu Zeit auftretenden "Heultage" und der erhöhten Reizbarkeit aus psychischen Gründen nur zu 25% eingeschränkt sein sollte, schätzte die P.________ Gutachterin die kaum zu verwertende Restarbeitsfähigkeit auf 20%, weil infolge wiederholt auftretender Beziehungskonflikte auch am Arbeitsplatz mit teilweise unkontrollierten Impulsausbrüchen und wegen der emotionalen Instabilität mit depressiven Einbrüchen und zwanghaften Selbstverletzungen sehr häufige Arbeitsausfälle zu erwarten seien. Angesichts dieser erheblichen Diskrepanzen in den psychiatrischen Beurteilungen konnte das kantonale Gericht nicht - ohne auf die begründeten Einwände gegen die Zuverlässigkeit des M.________ Gutachtens einzugehen - mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit auf die entsprechende Beurteilung der Leistungsfähigkeit abstellen und dieser Expertise vollen Beweiswert zuerkennen. 5.4 Nachdem die Aktenlage zur entscheidenden Frage der trotz psychischer Beschwerden zumutbaren Leistungsfähigkeit zu widersprüchlich ist, um darauf abstellen zu können, ist die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit sie betreffend den psychischen Gesundheitsschaden ein Obergutachten einhole und anschliessend neu entscheide. Bei der Erarbeitung der Fragen an den Gutachter ist zu beachten, dass nach den vorhandenen Unterlagen die Diskrepanz zwischen den beteiligten Ärzten vor allem in der Frage liegt, ob eine Persönlichkeitsstörung gemäss F61 nach ICD-10, eine andauernde Persönlichkeitsänderung gemäss F62 nach ICD-10 oder eine andere nach ICD-10 diagnostizierbare psychische Störung vorliegt, und welche Einschränkungen der Leistungsfähigkeit die effektiv bestehende Beeinträchtigung der psychischen Integrität in Bezug auf eine leidensangepasste Tätigkeit tatsächlich zur Folge hat. 5.5 Sollten die ergänzenden Abklärungen zum Ergebnis führen, dass die Beschwerdeführerin bei Aufbietung allen guten Willens (BGE 102 V 165; AHI 2001 S. 228 Erw. 2b mit Hinweisen) und in Nachachtung des im Sozialversicherungsrecht allgemein geltenden Grundsatzes der Schadenminderungspflicht (BGE 123 V 233 Erw. 3 117 V 278 Erw. 2b, 400, je mit Hinweisen) infolge ihrer psychischen Beschwerden in einer ihren somatischen Einschränkungen (Erw. 4 hievor) angepassten Tätigkeit eine anspruchsbegründende Erwerbseinbusse erleidet, wird die Vorinstanz auch zu den Fragen der Entstehung des Rentenanspruchs nach Art. 29 Abs. 1 IVG und eines allfälligen Nachzahlungsanspruchs im Sinne von Art. 48 IVG Stellung zu nehmen haben.