Citation: 6B_70/2023 E. 5.2.3

5.2.3. Das Unmittelbarkeitsprinzip ergibt sich gemäss dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) auch aus Art. 6 Ziff. 1 EMRK. Es kann gemäss dem EGMR insbesondere zum Tragen kommen, wenn ein zweitinstanzliches Gericht einen erstinstanzlichen Freispruch aufheben will. Der EGMR erblickte darin, dass das zweitinstanzliche Gericht nach einem erstinstanzlichen Freispruch ohne erneute Befragung des Hauptbelastungszeugen, dessen Aussagen vom erstinstanzlichen Gericht nach einer persönlichen Anhörung als nicht glaubhaft qualifiziert wurden, zu einem Schuldspruch gelangte, verschiedentlich eine Verletzung von Art. 6 Ziff. 1 EMRK (vgl. Urteile des EGMR Lazu gegen Moldawien vom 5. Juli 2016, Nr. 46182/08, §§ 31 ff.; Hanu gegen Rumänien vom 4. Juni 2013, Nr. 10890/04, §§ 31 ff.; Dan gegen Moldawien vom 5. Juli 2011, Nr. 8999/07, §§ 32 ff.; siehe dazu auch Urteil 6B_639/2021 vom 27. September 2022 E. 2.2.4 mit weiteren Hinweisen). Er entschied zudem, das zweitinstanzliche Gericht sei in solchen Fällen auch ohne einen entsprechenden Antrag der beschuldigten Person verpflichtet, die notwendigen Massnahmen im Hinblick auf eine erneute Befragung des entscheidenden Belastungszeugen zu ergreifen (Urteil des EGMR Dan gegen Moldawien [Nr. 2] vom 10. November 2020, Nr. 57575/14, §§ 57 ff., insb. §§ 57 und 65; siehe zum Ganzen auch: Urteil 6B_639/2021 vom 27. September 2022 E. 2.2.4 mit weiteren Hinweisen).