Citation: U 418/04 10.08.2005 E. 4

4.1 Unfallversicherer und Vorinstanz haben die Leistungspflicht gestützt auf das Gutachten des Dr. med. M.________ vom 10. September 2002 verneint. Danach leidet die Beschwerdeführerin an einem Fibromyalgie-Syndrom, an einem seit ungefähr 1970 bestehenden chronischen, unspezifischen Panvertebralsyndrom mit brachialer und cephaler Begleitsymptomatik sowie an Osteoporose; ferner wird ein Status nach Refluxbeschwerden bei Hiatushernie erwähnt. Bezüglich des Fibromyalgie-Syndroms wird die Differentialdiagnose einer Lyme-Borreliose Stadium II bei Kontakt mit Borrelia burgdorferi und fraglichem Erythema migrans am (linken) Unterschenkel distal gestellt. Zur Frage nach dem Kausalzusammenhang zwischen der Borrelien-Infektion und der Fibromyalgie wird ausgeführt, die Literatur hiezu sei nicht "konklusiv". Vor allem im amerikanischen Schrifttum werde von einer Post-Lyme-Disease gesprochen, deren Symptomatik einerseits einer Fibromyalgie und anderseits einem chronischen Müdigkeitssyndrom entspreche, auf eine antibiotische Therapie nicht anspreche und chronisch verlaufe. Gemäss einer neueren Studie von Seltzer et al. lägen über den Langzeitverlauf nach Lyme-Erkrankungen nur wenige Daten vor und es sei festgestellt worden, dass die Häufigkeit von Schmerzen und Müdigkeit bzw. Schwierigkeiten bei der Erfüllung normaler Tagesaktivitäten ähnlich häufig vorkämen wie bei Personen ohne Lyme-Erkrankung. Auch auf Grund der serologischen Verlaufskontrollen seien keine sicheren Aussagen möglich bezüglich des Zusammenhangs zwischen Fibromyalgie und Borrelien-Infektion. In Beantwortung der Expertenfragen gelangt Dr. med. M.________ zum Schluss, der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Ereignis vom 15. Juni 1995 und den heutigen Beschwerden sei wohl möglich, nicht aber überwiegend wahrscheinlich. 4.2 In der Verwaltungsgerichtsbeschwerde wird gestützt auf die letztinstanzlich beigebrachte Stellungnahme des Dr. med. Satz vom 19. November 2004 geltend gemacht, in der vom Gutachter genannten Studie von Seltzer et al. aus dem Jahr 1999 würden an Lyme-Borreliose erkrankte Personen mit solchen Personen verglichen, welche ähnliche Symptome (Chronic Fatigue Syndrom oder Fibromyalgie) aufwiesen, die diagnostischen Kriterien der Lyme-Borreliose aber nicht erfüllten. Bei beiden Gruppen sei der Langzeitverlauf gleich oder ohne signifikante Unterschiede in der Symptomatik. Die Autoren zeigten damit auf, dass derartige Beschwerden auch als Folgezustand nach einer Lyme-Borreliose auftreten könnten und solchen von Patienten ohne Lyme-Borreliose ähnlich seien. Der einzige Unterschied bestehe darin, dass die eine Gruppe die diagnostischen Kriterien für eine Lyme-Borreliose erfülle und die andere nicht. Die Beschwerdeführerin erfülle die diagnostischen Kriterien für eine Lyme-Borreliose, weil sie u.a. ein Erythema migrans durchgemacht habe. Die Resultate der Studie bildeten somit ein Argument, welches eindeutig für den Kausalzusammenhang im vorliegenden Fall spreche. 4.2.1 Die Ausführungen des Dr. med. M.________ zur Studie von Seltzer et al. aus dem Jahre 1999 (Seltzer/Gerber/Carter et al., Long-term outcomes of persons with Lyme disease, JAMA 2000, 283: 609-616) lassen sich klarerweise nur in dem Sinne verstehen, dass der Anteil der an Fibromyalgie leidenden Personen bei Patienten, die an Lyme-Borreliose erkrankt sind, nicht signifikant höher ist als bei Personen mit anderen Krankheitsbefunden (vgl. auch die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie zur Neuroborreliose vom 13. Mai 2002, AWMF-Leitlinien-Register Nr. 030/071, und dort zitierte Literatur; www.uni-duesseldorf.de). Die Aussage bezieht sich auf die generelle Wahrscheinlichkeit des Vorliegens einer durch Borreliose induzierten Fibromyalgie und es ist nicht ersichtlich, inwiefern der Gutachter von dieser allgemeinen Feststellung in unzulässiger Weise auf den Einzelfall geschlossen haben sollte. Dass es sich bei der Fibromyalgie nicht um ein typisches oder gar spezifisches Symptom der Lyme-Borreliose handelt und die von Dr. med. M.________ geäusserten grundsätzlichen Vorbehalte bezüglich des Zusammenhangs zwischen Fibromyalgie und Borrelien-Infektion begründet sind, wird im Übrigen auch von Dr. med. Satz bestätigt, welcher in seinem Buch zur Lyme-Borreliose (Klinik der Lyme-Borreliose, 2. Aufl., Bern 2002) ausführt, Ätiologie und Pathogenese des Fibromyalgie-Syndroms seien nicht geklärt. Heute werde angenommen, dass es sekundär infolge verschiedenster Erkrankungen entstehen könne, vor allem nach viralen Infekten, aber auch nach Enzephalitiden, auf Grund von Angst- und Spannungszuständen oder nach chronischer körperlicher Überlastung (a.a.O., S. 153). Es werde meistens fälschlicherweise einer Lyme-Borreliose zugeordnet. Auch in grösseren Patientenserien beschränke sich der Zusammenhang zwischen einer Fibromyalgie und einer Lyme-Borreliose auf Einzelfälle (a.a.O., S. 154). 4.2.2 Dass im hier zu beurteilenden Fall ein Kausalzusammenhang anzunehmen sei, wird von Dr. med. Satz in dessen Stellungnahme vom 19. November 2004 damit begründet, dass die Versicherte gesund und voll arbeitsfähig gewesen sei, in der Folge an einem Erythema migrans erkrankt sei und die gesundheitlichen Störungen in unmittelbarer zeitlicher Folge aufgetreten seien. Hiezu ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin schon vor dem Zeckenstich an einem therapieresistenten Panvertebralsyndrom gelitten hat und das Vorliegen eines Erythema migrans nicht gesichert ist (so auch Dr. med. Satz im Bericht vom 13. Januar 1996). Des Weiteren fällt auf, dass Dr. med. Satz gleichenorts das Bestehen eines Fibromyalgie-Syndroms zunächst lediglich differentialdiagnostisch neben "Myalgien (Arthralgien) bei bekanntem Panvertebralsyndrom" in Erwägung gezogen und darauf hingewiesen hat, dass die Laborbefunde mit einem kurzfristigen Erregerkontakt, nicht aber mit einer Borreliose vereinbar seien. Die Diagnose einer Lyme-Borreliose Stadium II wurde von ihm denn auch nicht auf Grund von Laborbefunden, sondern retrospektiv gestellt (Bericht vom 8. Februar 1997). Dabei scheint der Umstand ausschlaggebend gewesen zu sein, dass es im Anschluss an die stationäre Rocephin-Therapie zu einer Besserung des Gesundheitszustandes gekommen war. Dem daraus abgeleiteten Schluss, dass eine durch Lyme-Borreliose hervorgerufene Fibromyalgie vorliegt, steht indessen entgegen, dass Antibiotica bei Fibromyalgie in der Regel keine Besserung bringen und auch sonst keinen Einfluss auf den weiteren Verlauf haben (Satz, a.a.O., S. 154). Schliesslich sind in Form eines vorbestandenen unspezifischen Panvertebralsyndroms Krankheitsbefunde erhoben worden, welche das Fibromyalgie-Syndrom ursächlich zu erklären vermögen. Überdies kann auf die bereits erwähnten Leitlinien der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) hingewiesen werden. Danach gilt eine Neuroborreliose als wahrscheinlich, wenn neben dem typischen klinischen Bild Borrelien-spezifische IgG- und/oder IgM-Antikörper im Serum und ein positiver Liquorbefund mit lymphozytärer Pleozytose, Blut/Liquorschrankenstörung und/oder intrathekaler Immunglobulinsynthese bestehen; zudem müssen andere Ursachen für die Symptomatik ausgeschlossen werden können. Diese Kriterien sind hier offensichtlich nicht erfüllt. 4.2.3 Der Beschwerdeführerin kann auch insoweit nicht beigepflichtet werden, als sie geltend macht, die Expertise des Dr. med. M.________ (vom 10. September 2002) beruhe auf unzutreffenden tatsächlichen Annahmen. Die Feststellung in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde, wonach kein zusätzliches panvertebrales Schmerzsyndrom, sondern lediglich ein Lumbovertebralsyndrom vorliege, findet in den medizinischen Akten keine Stütze. Vielmehr gehen die mit dem Fall befassten Ärzte übereinstimmend davon aus, dass die Versicherte schon vor der Borrelien-Infektion und auch nach diesem Ereignis an einem Panvertebralsyndrom gelitten hat, welches laut Gutachten für die diagnostizierte Fibromyalgie ursächlich sein kann, auch wenn ein eindeutiger Zusammenhang ebenso wenig herzustellen ist wie mit der Borrelien-Infektion. Ein überwiegend wahrscheinlicher Kausalzusammenhang der bestehenden Beschwerden mit einer Lyme-Borreliose lässt sich sodann ebenfalls nicht damit begründen, dass gemäss Dr. med. Satz Allgemeinsymptome (Müdigkeit, Malaise) und Konzentrationsstörungen vorhanden sind, welche weder mit einem Panvertebralsyndrom noch mit einer Fibromyalgie erklärt werden könnten. Die genannten Symptome hatten sich bereits Ende 1996/Anfang 1997 zurückgebildet (vgl. Berichte des Dr. med. Satz vom 23. Dezember 1996 sowie 8. Februar 1997) und es ergeben sich aus den medizinischen Akten keine Anhaltspunkte dafür, dass in der Folge erneut solche Beschwerden aufgetreten wären. Zu einer anderen Betrachtungsweise vermag schliesslich auch der Umstand nicht zu führen, dass Dr. med. A.________ in einem Bericht vom 29. Oktober 1999 ausführt, bei der Beschwerdeführerin habe sich im Anschluss an eine Borreliose eine Fibromyalgie entwickelt. Abgesehen davon, dass diese Feststellung auch rein zeitlich aufgefasst werden kann, fehlt jegliche Begründung für eine allfällige kausale Aussage, weshalb darauf nicht entscheidend abgestellt werden kann.