Citation: U 557/06 04.10.2007 E. 5

Was die nach 1998 - also nach Beendigung der gehörgefährdenden Tätigkeit als Schreiner - eingetretene weitere Verschlechterung der Hörfähigkeit (bis zu einer fast an Taubheit grenzenden pancochleären Innenohrschwerhörigkeit [vgl. Bericht des Dr. med. G.________ vom 17. März 2004]) anbelangt, ist zu prüfen, ob diese in einem rechtsgenüglichen Zusammenhang zur von der Beschwerdegegnerin im Jahre 2001 anerkannten Berufskrankheit steht. Unbestrittenermassen stellt sie keine Folge einer weiteren, berufsbedingten Lärmbelastung dar; fraglich erscheint jedoch, ob es sich dabei überwiegend wahrscheinlich um eine Weiterentwicklung des ursprünglichen Hörschadens handelt oder andere Ursachen dafür verantwortlich zeichnen. Da der "Grundfall" hinsichtlich seiner gesundheitlichen Komponenten im Jahr 2001 als abgeschlossen betrachtet werden kann - eine Verbesserung war nicht mehr erkennbar und eine weitere Verschlechterung nicht absehbar -, hat die Beurteilung unter dem Titel eines Rückfalles zu erfolgen (vgl. E. 2 in fine hievor). 5.1 Den Akten sind diesbezüglich die folgenden medizinischen Angaben zu entnehmen. 5.1.1 Dr. med. A.________ hielt in seiner Stellungnahme vom 3. Dezember 2003 zuhanden der SUVA fest, dass die aktuelle Schwerhörigkeit retrospektiv und auf Grund des Verlaufs wahrscheinlich multifaktoriell bedingt sei. Einerseits spiele sicher die Lärmbelastung im ehemaligen Beruf als Schreiner eine gewisse Rolle. Anderseits sei ebenfalls vorstellbar, dass die internistischen Erkrankungen, welche u.a. zu einer zweifachen Nierentransplantation in Deutschland (zuletzt 1989 Universität R.________) geführt hätten, einen weiteren Beschwerdeschub begünstigten. Insbesondere die medikamentöse immunsupprimierende Therapie aber auch andere zusätzliche Begleiterkrankungen wie Hypertonie, sekundärer Hyperparathyreoidismus etc. könnten eine Verschlechterung des sensorineuralen Hörens mitverursacht haben. 5.1.2 Im Bericht der Medizinischen Klinik und Poliklink der Universität Y.________ vom 19. Januar 2004 wurde erwähnt, eine Hörschädigung durch CyA sei lediglich im Rahmen von Enzephalopathien beschrieben. Da beim Patienten ein normaler CyA-Spiegel vorliege und keine Hinweise auf andere neurologische Störungen bestünden, sei das Cyclosporin A als Ursache der Hörschädigung als extrem unwahrscheinlich einzustufen. 5.1.3 Mit Bescheinigung vom 23. Februar 2004 bekräftige Dr. med. A.________, dass nach seiner Meinung die Schwerhörigkeit hauptsächlich durch die Lärmbelastung im früheren Beruf als Möbelschreiner begründet sein könne. Eine medikamentös toxische Einwirkung durch Zyklosporin A sei nach Angabe des Universitätsklinikums R.________, wo der Patient wegen einer Nierenerkrankung behandelt worden sei, als extrem unwahrscheinlich einzustufen. Andere zusätzliche Faktoren wie eine mögliche infektiös toxische Zusatzschädigung im Rahmen einer Bronchopneumonie im rechten Unterlappen (vgl. Bericht des Krankenhauses X.________ [vom 23. Januar 2002]) oder Aggravation seien möglich, jedoch schlecht quantifizierbar. 5.1.4 Dr. med. G.________ führte in seinem Bericht vom 17. März 2004 aus, dass beim Versicherten eine fast an Taubheit grenzende pancochleäre Innenohrschwerhörigkeit beidseits, erheblichen Grades, bestehe. Im Vergleich zur Voruntersuchung vom 22. Februar 2000 habe sich das Gehör wesentlich verschlechtert, obwohl der Patient in diesem Zeitraum keiner beruflichen gehörgefährdenden Lärmexposition mehr ausgesetzt gewesen sei. Auf Grund der beruflichen Lärmbelastung vorher (bis 1998) habe die SUVA dem Versicherten eine Berufslärmschwerhörigkeit als Berufskrankheit anerkannt. Die weitere Hörverschlechterung stehe nicht im Kausalzusammenhang mit der beruflichen Lärmarbeit. Gemäss gegenwärtigem Stand des Wissens sei eine Berufslärmschwerhörigkeit nach Sistieren der beruflichen Lärmarbeit nicht mehr progredient. Vor einer definitiven Beurteilung erachte er allerdings eine gutachterliche Untersuchung in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Universitätsspitals B.________ für erforderlich. 5.1.5 Nach einer am gleichentags durchgeführten audiologischen Untersuchung kam Dr. med. S.________ in seiner Expertise vom 22. April 2005 zum Schluss, dass die Audiometrie eine überwiegend sensorineurale hochgradige Schwerhörigkeit über sämtliche Messfrequenzen ergeben habe, was nicht dem typischen Muster der akuten oder chronischen Lärmschädigung entspreche. Die objektive Audiometrie mit evozierten Hirnstammpotentialen sei wegen Artefakten erschwert, bestätige jedoch Hörschwellen und schliesse eine nichtorganische Überlagerung (Aggravation) aus. Es handle sich somit um eine pancochleäre überwiegend sensorineurale Schwerhörigkeit unklarer Natur. Eine weitere ursächliche Klärung sei auf Grund von Hörbefunden allein nicht möglich. Wie weit eine genetische oder durch das chronische Nierenleiden induzierte akustische Vulnerabilität eine kausale Rolle gespielt haben könnten, bleibe offen. Zum Erfahrungswissen gehöre es, dass eine Niereninsuffizienz die toxische Nebenwirkung zahlreicher Medikamente verstärken könne. Zusammenfassend wurde festgehalten, dass der ungewöhnliche Verlauf einer progredienten und auf den unteren Frequenzbereich ausgedehnten sensorineuralen Schwerhörigkeit zwischen 1993 und aktuellem Zeitpunkt dokumentiert sei. Die Serie von Tonhörschwellen zeige einen schwankenden Verlauf, besonders bei 500 Hz. Bereits 1993 sei der Hörschwellenverlauf ungewöhnlich gewesen: Die ausgeprägte Schwerhörigkeit nicht nur im mittleren und oberen sondern auch im tiefen Frequenzbereich (500 Hz) spreche gegen eine reine Lärmschwerhörigkeit, was vom Spezialarzt der SUVA auch bemerkt und mit dem Hinweis auf die Möglichkeit einer angeborenen Hörschädigung kommentiert worden sei. Wie Dr. med. A.________ im Jahre 2004 zu einer Feststellung gekommen sei, dass "die Schwerhörigkeit durchaus hauptursächlich durch die frühere Lärmbelastung als Schreiner begründet sei", sei für ihn nicht nachvollziehbar. 5.1.6 Dr. med. T.________ hielt in seinem Attest vom 14. Juni 2005 dafür, dass es beim Patienten nach steter Lärmbelastung als Schreiner zu einer chronischen Lärmschwerhörigkeit gekommen sei. Die in der Folge aufgetretene degenerative Erkrankung - es bestehe zur Zeit eine an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit - dürfte auch hierauf zurückzuführen sein. 5.1.7 Ebenfalls am 14. Juni 2005 attestierte Dr. med. D.________ dem Versicherten eine berufsbedingte Schwerhörigkeit beidseits. 5.1.8 Mit Bericht vom 25. Oktober 2005 gab Dr. med. T.________ ergänzend an, dass in seiner Praxis erstmals am 3. November 1997 ein Tonaudiogramm angefertigt worden sei. Es habe sich damals eine geringgradige Mittel- bis Hochtoninnenohrschwerhörigkeit beidseits finden lassen. Diese habe sich im Laufe der Jahre 1998/99 deutlich verschlechtert. 2000 sei die Schwerhörigkeit etwa auf dem gleichen Stand gewesen wie bei der Hörprüfung vom 22. Januar 2001. Im Jahr darauf habe sich nochmals eine dramatische Hörverschlechterung eingestellt, sodass aktuell eine hochgradige Innenohrschwerhörigkeit beidseits bestehe. Die bis 2001 gemessene Innenohrschwerhörigkeit spreche nicht gegen eine Lärmschwerhörigkeit, insbesondere da eine entsprechende Lärmbelastung im Beruf tatsächlich vorgelegen habe. Die in den folgenden Jahren eingetretene Verschlechterung des Hörvermögens sei demgegenüber sehr ungewöhnlich und im Allgemeinen nicht auf eine Lärmfolge, sondern auf eine degenerative Erkrankung zurückzuführen. Inwieweit letztlich aber durch die Lärmbelastung der früheren Jahre ein Grundstein gelegt worden sei, lasse sich nicht sicher beantworten. Aus seiner Sicht sei die Schwerhörigkeit, wie sie in den Jahren 2000 bzw. 2001 habe festgestellt werden können, mit grosser Wahrscheinlichkeit auf die Lärmbelastung zurückzuführen. Die darüber hinausgehende, nunmehr hochgradige Innenohrschwerhörigkeit lasse sich möglicherweise durch eine toxische Schädigung im Rahmen der Niereninsuffizienz des Patienten begründen. Eine angeborene Hörstörung erachte er, auch im Hinblick auf die vom Patienten angegebene Anamnese, für ziemlich unwahrscheinlich. 5.2 Mit Blick auf die geschilderte Aktenlage kann als ausgewiesen angenommen werden, dass der Beschwerdeführer aktuell an einer pancochleären überwiegend sensorineuralen Schwerhörigkeit unklarer Natur leidet. Die Mehrheit der involvierten Ärzte, so auch der gutachterlich tätig gewordene Dr. med. S.________, schliesst es zwar nicht völlig aus, dass durch die Lärmbelastung in den früheren Jahren der Grundstein auch für die nach 1998 eingetretene, zusätzliche Verschlechterung des Hörvermögens gelegt worden ist. Eine Beantwortung der Frage der Ursächlichkeit in diesem Sinne wird jedoch als wenig wahrscheinlich (Dres. med. G.________ und S.________) bzw. mit Unsicherheiten behaftet (Dr. med. T.________ [in seiner differenzierten Stellungnahme vom 25. Oktober 2005]) beurteilt. Dr. med. A.________ hatte in einer seiner ersten Stellungnahmen (vom 3. Dezember 2003) zwar ebenfalls noch den retrospektiv und auf Grund des Beschwerdeverlaufs wahrscheinlich multifaktoriellen Charakter der aktuell bestehenden Schwerhörigkeit betont, um daraufhin jedoch - primär aber zufolge mangelnder Alternativerklärungen - die ehemalige Lärmemission als hauptursächlich einzustufen (vgl. Bericht vom 23. Februar 2004). Der von Dr. med. D.________ am 14. Juni 2005 vertretenen Auffassung kann sodann, da nicht näher begründet, nur beschränkte Aussagekraft zugebilligt werden. Es hat demnach bei der vorinstanzlichen Feststellung zu bleiben, dass kein mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesener Zusammenhang zwischen der vormaligen Lärmbelastung bzw. der darauf zurückzuführenden Schwerhörigkeit und der nach Beendigung der Arbeit eingetretenen zusätzlichen Verschlechterung des Hörvermögens erstellt ist. Der Umstand, dass der Grund für die weitere Verringerung der Hörfähigkeit nicht ohne weiteres eruierbar ist - eine angeborene Hörstörung (vgl. Bericht des Dr. med. T.________ vom 25. Oktober 2005), eine durch das Nierenleiden direkt (erhöhte akustische Vulnerabilität) oder indirekt (Medikamente; infektiös toxische Zusatzschädigung im Rahmen einer Bronchopneumonie) hervorgerufene Hörschädigung (Berichte der Medizinischen Klinik und Poliklinik der Universität Y.________ vom 19. Januar 2004 und des Dr. med. A.________ vom 23. Februar 2004, Gutachten des Dr. med. S.________ vom 22. April 2005) und eine nichtorganische Überlagerung (Aggravation; Bericht des Dr. med. A.________ vom 23. Februar 2004 und Gutachten des Dr. med. S.________ vom 22. April 2005) wurden als eher unwahrscheinliche Faktoren genannt -, ändert daran nichts, ist im vorliegenden Kontext doch einzig massgeblich, ob eine rechtsgenügliche Verbindung zur anerkannten Berufskrankheit hergestellt werden kann oder nicht. Unter diesen Umständen sind von medizinischen Weiterungen keine zusätzlichen relevanten Ergebnisse zu erwarten, sodass dem diesbezüglichen Antrag des Beschwerdeführers (um erneute ontologische Begutachtung) nicht entsprochen werden kann (antizipierte Beweiswürdigung; BGE 124 V 90 E. 4b S. 94 mit Hinweisen).