Citation: I 330/04 29.11.2004 E. 2

2.1 Nach Art. 12 Abs. 1 IVG hat ein Versicherter Anspruch auf medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben oder in den Aufgabenbereich gerichtet und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren. Um Behandlung des Leidens an sich geht es in der Regel bei der Heilung oder Linderung labilen pathologischen Geschehens. Die Invalidenversicherung übernimmt in der Regel nur solche medizinische Vorkehren, die unmittelbar auf die Beseitigung oder Korrektur stabiler oder wenigstens relativ stabilisierter Defektzustände oder Funktionsausfälle hinzielen und welche die Wesentlichkeit und Beständigkeit des angestrebten Erfolges gemäss Art. 12 Abs. 1 IVG voraussehen lassen (BGE 120 V 279 Erw. 3a mit Hinweisen). Art. 12 VG bezweckt namentlich, die Aufgabenbereiche der Invalidenversicherung einerseits und der sozialen Kranken- und Unfallversicherung anderseits gegeneinander abzugrenzen. Diese Abgrenzung beruht auf dem Grundsatz, dass die Behandlung einer Krankheit oder einer Verletzung ohne Rücksicht auf die Dauer des Leidens primär in den Aufgabenbereich der Kranken- und Unfallversicherung gehört (BGE 104 V 81 Erw. 1, 102 V 41 f.). 2.2 Die Vorinstanz führt im angefochtenen Entscheid (S. 7) aus, das Eidgenössische Versicherungsgericht habe schon früh den Koordinationszweck des Art. 12 Abs. 1 IVG aus den Augen verloren. Dies deshalb, weil es auch dann von einem stabilen (bzw. relativ stabilisierten) Defektzustand - also nicht von der Behandlung des Leidens an sich - ausgehe, wenn es sich dabei um ein spontan zur Ruhe kommendes und dann unverändert bleibendes Leiden handle. Auch ein ohne Operation auf unbestimmte Zeit unverändert bleibendes Leiden müsse als labil bezeichnet werden, wenn es durch eine Operation gelindert oder gar geheilt werden könne. Würde man der vorinstanzlichen Auffassung folgen, bliebe im Rahmen von Art. 12 Abs. 1 IVG kein Raum für die Übernahme (einzelner besonderer) operativer Vorkehren als medizinische Eingliederungsmassnahmen. Denn wäre jedes Leiden, welches einem operativen Eingriff zugänglich ist, als labiles pathologisches Geschehen zu bezeichnen, würde hinsichtlich einer solchen Vorkehr nie ein Anspruch auf Übernahme durch die Invalidenversicherung als medizinische Eingliederungsmassnahme entstehen können. Die vom kantonalen Gericht an der Rechtsprechung geäusserte Kritik ist unbegründet. Die von der Invalidenversicherung nicht übernommene "Behandlung des Leidens an sich" darf nicht im Sinne der Umgangssprache ausgelegt werden, sondern ist ein juristischer Begriff. Rechtlich umfasst er insbesondere jede medizinische Vorkehr - sei sie kausal oder symptomatisch, auf das Grundleiden oder auf dessen Folgeerscheinungen gerichtet -, solange "labiles pathologisches Geschehen" vorhanden ist. Durch diesen von der Praxis eingeführten Ausdruck wird der juristische Gegensatz zu relativ stabilisierten Verhältnissen hervorgehoben (ZAK 1970 S. 616 Erw. 1 mit Hinweisen). Erst wenn die Phase des labilen pathologischen Geschehens insgesamt abgeschlossen ist, kann sich - bei volljährigen Versicherten - die Frage stellen, ob eine medizinische Vorkehr Eingliederungsmassnahme sei. Die Invalidenversicherung übernimmt daher in der Regel nur unmittelbar auf die Beseitigung oder Korrektur stabiler Defektzustände oder Funktionsausfälle gerichtete Vorkehren, sofern sie die Wesentlichkeit und Beständigkeit des angestrebten Erfolges im Sinne von Art. 12 Abs. 1 IVG voraussehen lassen (BGE 115 V 195 Erw. 3 mit Hinweisen). Entgegen der vorinstanzlich geäusserten Kritik besteht keine Veranlassung, von der ständigen Praxis abzuweichen.