Citation: B 73/05 03.05.2006 E. 5

Streitig und zu prüfen ist der Beginn der Arbeitsunfähigkeit und die Frage nach dem sachlichen und zeitlichen Zusammenhang zwischen der Arbeitsunfähigkeit und der unbestrittenermassen nach Ende des Versicherungsverhältnisses eingetretenen Invalidität (vgl. hiezu BGE 130 V 275 Erw. 4.1 mit Hinweisen). 5.1 Nach den medizinischen Akten litt der Beschwerdeführer seit 1990 an einem chronischen Lumbovertebralsyndrom bei degenerativen Veränderungen der Bandscheiben. Er wurde deshalb ambulant und Anfang 1994 auch stationär physiotherapeutisch behandelt. Dr. med. D.________, bei welchem der Versicherte ab September 1993 in Behandlung stand, bescheinigte am 17. September 1994 eine volle Arbeitsunfähigkeit im bisherigen Tätigkeitsbereich sowie eine Arbeitsfähigkeit von 25 bis 50 % in einer angepassten leichteren Tätigkeit. Die Klinik Y.________, wo der Versicherte erstmals im November 1993 untersucht worden war, bestätigte am 6. Januar 1995 eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % für die Zeit vom 24. November 1993 bis zum 28. Oktober 1994 (Datum der letzten Untersuchung). Nebst dem chronischen Lumbovertebralsyndrom wurde eine depressive Verstimmung festgestellt und der Verdacht auf eine funktionelle Überlagerung der Beschwerden geäussert. In dem im Auftrag der Invalidenversicherung erstellten psychiatrischen Gutachten vom 19. April 1995 verneinte Dr. med. S.________ das Vorliegen einer psychischen Störung mit Krankheitswert und konnte auch die von der Klinik Y.________ beobachtete depressive Stimmungslage nicht feststellen, schloss aber nicht aus, dass gelegentliche Verstimmungszustände auftreten, welche als psychoreaktiv aufzufassen seien. Des Weiteren äusserte er den Verdacht auf eine psychogene Überlagerung der somatisch teilweise objektivierbaren Beschwerden und stellte eine Aggravation, "vermutlich im Sinne einer Verdeutlichungstendenz", fest. Aus psychiatrischer Sicht erachtete er den Versicherten sowohl in der bisherigen als auch in allen andern körperlich in Betracht fallenden Tätigkeiten zu 20 % arbeitsunfähig. Wegen andauernder Beschwerden wurde am 21. Dezember 1995 in der Klinik Y.________ eine Dekompressionsoperation mit Spondylodese der Wirbelsegmente L3-L5 vorgenommen. Der Eingriff führte zu keiner Besserung der Beschwerden und es bestand auch nach einem stationären Rehabilitationsaufenthalt vom 1. März bis zum 30. April 1996 volle Arbeitsunfähigkeit (Berichte vom 2. und 31. Mai 1996). In der Folge wurde der Versicherte wiederholt gutachtlich untersucht. In dem von der Invalidenversicherung eingeholten Gutachten der Klinik für Rheumatologie und Rehabilitation des Spitals Z.________ vom 5. März 1999 stellten die Dres. med. W.________ und R.________ die Diagnosen eines chronischen Kreuzschmerzes mit Angabe von Lähmung und Gefühlsstörung im linken Bein bei Status nach Spondylodese am 21. Dezember 1995 und eines chronischen Nackenschmerzes. Sie fanden neurologisch weitgehend unauffällige Befunde und vertraten die Auffassung, das Beschwerdebild lasse sich rheumatologisch nicht erklären. Aufgrund der Spondylodese sei dem Versicherten eine Tätigkeit als Maurer nicht mehr zumutbar; für eine leichte bis mittelschwere Arbeit bestehe aus rheumatologischer Sicht dagegen keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. In einem Kurzgutachten zuhanden der Winterthur-ARAG Rechtsschutzversicherung vom 8. Dezember 2000 hielt die Klinik Y.________ (Dr. med. M.________) fest, der Versicherte leide an Panvertebralschmerzen mit Ausstrahlung in beide Beine (linksbetont). Wie bei den Voruntersuchungen liessen sich die Beschwerden klinisch, neurologisch und myographisch nicht objektivieren und es bestehe der Verdacht auf eine erhebliche funktionelle Überlagerung. Für eine körperlich schwere Arbeit sei der Versicherte dauernd zu 100 % arbeitsunfähig; für eine körperlich leichte Tätigkeit mit der Möglichkeit zu Positionswechseln (stehend/sitzend/gehend) und ohne das Heben von schweren Gegenständen sei er aus orthopädischer Sicht voll arbeitsfähig. In der im Rahmen der MEDAS-Begutachtung erfolgten konsiliarischen Beurteilung vom 19. September 2002 stellte Dr. med. U.________, Facharzt für Rheumatologie und Innere Medizin, die Diagnosen eines chronifizierten, therapierefraktären panvertebralen, zerviko-lumbal betonten Schmerzsyndroms mit Pseudoischialgie links, einer Fehlhaltung/Fehlform mit muskulärer Dysbalance und Dekonditionierung sowie einer ausgeprägten funktionellen Überlagerung. Aus rheumatologischer Sicht sei der Versicherte als Maurer und für jede andere schwere bis mittelschwere Arbeit zu 100 % arbeitsunfähig. Für körperlich leichte, wechselbelastende Tätigkeiten mit der Möglichkeit zu Positionswechseln bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 70 %, wobei Tätigkeiten in gehäuft vorgeneigter oder abgedrehter Körperhaltung und das Heben schwerer oder das repetitive Heben leichter Gegenstände zu vermeiden seien. Der psychiatrische Konsiliar Dr. med. B.________ stellte im Bericht vom 24. September 2002 eine Verdeutlichungstendenz, aber keine eigentliche Aggravation fest, fand indes auch kein depressives Zustandsbild oder psychotische Symptome. Er diagnostizierte eine ausgeprägte Anpassungsstörung mit gemischter Störung von Gefühlen und Sozialverhalten (ICD-10 F43.25), welche deutlich Krankheitswert erreiche und den Versicherten in sämtlichen in Betracht fallenden Tätigkeiten zu 50 % in der Arbeitsfähigkeit einschränke. In der Gesamtbeurteilung vom 31. Oktober 2002 schlossen die MEDAS-Ärzte auf eine vollständige Arbeitsunfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit als Maurer, wobei vorwiegend die rheumatologischen Befunde limitierend seien, und auf eine Arbeitsfähigkeit von 50 % in einer angepassten leichteren Tätigkeit, wobei überwiegend die psychopathologischen Befunde einschränkend seien. Den Beginn der Arbeitsunfähigkeit setzten sie auf das Datum der gutachterlichen Schlussbesprechung vom 27. September 2002 fest. Auf eine Rückfrage der IV-Stelle führten sie ergänzend aus, es sei anzunehmen, dass die Anpassungsstörung bereits Anfang 2001 bestanden habe, wobei das Ausmass der dadurch eingeschränkten Arbeitsfähigkeit mit dem im September 2002 geschätzten Grad von 50 % vergleichbar gewesen sein dürfte. 5.2 Der Invalidität, welche zur Zusprechung einer Rente der Invalidenversicherung geführt hat, liegen demnach sowohl somatische als auch psychische Krankheitsbefunde zugrunde. Einerseits bestehen weiterhin organische Befunde (Status nach Dekompressionsoperation und Spondylodese, Fehlhaltung und Fehlform des Achsenorgans mit muskulärer Dysbalance und Dekonditionierung, degenerative Veränderungen an den Bandscheiben), welche die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit beeinträchtigen. Anderseits liegen psychische Beeinträchtigungen vor, die das somatische Beschwerdebild zunehmend überlagert haben und laut Gutachten der MEDAS in Form einer Anpassungsstörung mit gemischter Störung von Gefühlen und Sozialverhalten (ICD-10 F43.25) Anfang 2001 Krankheitswert erlangt haben. Die Vorinstanz hat den sachlichen und zeitlichen Zusammenhang zwischen der während des Versicherungsverhältnisses eingetretenen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit und der späteren Invalidität für die somatischen Beeinträchtigungen bejaht, für die psychischen Störungen dagegen verneint. Dabei ging sie davon aus, dass es sich bei der von Dr. med. S.________ erhobenen Verdachtsdiagnose einer psychogenen Überlagerung um eine Erkrankung aus dem Bereich der somatoformen Störungen handle, während die Anpassungsstörung, welche ab 2001 zur Invalidität geführt habe, dem Kreis der Depressionen zuzuordnen sei. Der Beschwerdeführer hält dem entgegen, die Zuordnung der Anpassungsstörung zu den depressiven Störungen sei insofern nicht nachvollziehbar, als Dr. med. B.________ kein depressives Zustandsbild habe feststellen können. Wenn die Vorinstanz davon ausgehe, dass psychisch eine neue Krankheit aufgetreten sei, so handle es sich um eine medizinische Wertung, welche von einer medizinischen Fachperson vorzunehmen sei. Der Beschwerdeführer hat aus diesem Grund das im letztinstanzlichen Verfahren nachgereichte Gutachten des Dr. med. A.________ eingeholt, worin ausgeführt wird, die von der MEDAS festgestellte Anpassungsstörung habe sich in der Zwischenzeit zu einer mittelgradigen depressiven Episode mit somatischem Syndrom entwickelt. Damit geht auch dieser Arzt von einer (rezidivierenden) Depression aus (vgl. ICD-10 F33.11). Im Übrigen stellt er die Richtigkeit der von der MEDAS im Jahr 2002 erhobenen Diagnose einer Anpassungsstörung nicht in Frage und äussert sich zur Frage nach der Identität der vor Ende 1995 festgestellten psychischen Beeinträchtigung und der später diagnostizierten Anpassungsstörung nicht. Diesbezüglich bedarf es indessen keiner weiteren Abklärungen. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz ist aufgrund der vorhandenen medizinischen Akten mit der erforderlichen überwiegenden Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass schon vor diesem Zeitpunkt in Form depressiver Verstimmungen erste Anzeichen einer psychischen Fehlentwicklung aufgetreten sind, die sich in der Folge verstärkt und zu der von den Ärzten der MEDAS diagnostizierten Anpassungsstörung (welche definitionsgemäss auch depressive Symptome umfasst) entwickelt hat. Fraglich ist, ab wann die psychische Beeinträchtigung zu einer relevanten Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit geführt hat (vgl. hiezu SZS 2003 S. 434 [B 13/01] und 521 [B 49/00]). 5.3 In den medizinischen Akten erstmals erwähnt wird eine depressive Verstimmung im Bericht der Klinik Y.________ vom 6. Januar 1995 betreffend eine Untersuchung vom 28. Oktober 1994. Gleichzeitig wurde ein demonstratives Verhalten festgestellt und der Verdacht auf eine psychogene Überlagerung geäussert. Soweit eine psychische Beeinträchtigung vorhanden war, hat sie bis zum Ende des Versicherungsverhältnisses (6. Oktober 1995 bzw. 31. Januar 1996) indessen weder Krankheitswert aufgewiesen noch hat sie die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers wesentlich eingeschränkt. Im Bericht des Dr. med. S.________ vom 19. April 1995 wird zwar eine Arbeitsunfähigkeit von 20 % für sämtliche in Betracht fallenden Tätigkeiten angegeben. Die Frage nach der Zumutbarkeit von Arbeitsleistungen wird jedoch dahin beantwortet, aus psychiatrischer Sicht sei dem Versicherten die Verwertung der Arbeitsfähigkeit im Umfang von mindestens 80 % zumutbar, was darauf schliessen lässt, dass allenfalls auch eine weiter gehende Tätigkeit möglich wäre. Insbesondere aber fehlt es an einer Begründung für die angenommene Arbeitsunfähigkeit sowohl in grundsätzlicher als auch in masslicher Hinsicht. Dr. med. S.________ stellt ausdrücklich fest, es habe keine psychische Störung mit Krankheitswert bestanden und es habe auch keine depressive Stimmungslage festgestellt werden können. Eine psychiatrische Diagnose fehlt und es wird lediglich der Verdacht auf eine psychogene Überlagerung geäussert, was die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit für sich allein umso weniger zu stützen vermag, als gleichzeitig auf eine aggravatorische Tendenz hingewiesen wird. Auf die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch Dr. med. S.________ kann daher nicht abgestellt werden. Im Hinblick darauf, dass der Versicherte bei der gutachtlichen Untersuchung in der Klinik Y.________ vom 4. Mai 2000 einen depressiven Eindruck machte (Gutachten vom 8. Dezember 2000), der behandelnde Arzt Dr. med. D.________ am 17. Februar 2001 berichtete, der Versicherte sei in den letzten Monaten immer stärker depressiv und zum Teil auch aggressiv geworden (was am 6. September 2001 zum Scheitern einer psychiatrischen Untersuchung führte), ist der im Rahmen der MEDAS-Begutachtung vorgenommenen psychiatrischen Beurteilung zu folgen, wonach eine relevante psychisch bedingte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit seit Anfang 2001 bestanden hat. Auch das Gutachten des Dr. med. A.________ vom 8. September 2005 führt nicht zu einem andern Ergebnis. Die Feststellung, wonach die Gesundheitsstörungen sicher vor 1990 aufgetreten seien, ab etwa 1990 die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt hätten und ab 1993 sicherlich zu einer Arbeitsunfähigkeit von 100 % geführt hätten, scheint sich auf das gesamte somatisch-psychische Beschwerdebild zu beziehen. Sollte es sich um eine Beurteilung allein der psychischen Beeinträchtigungen handeln, so findet sie in den medizinischen Akten offensichtlich keine Stütze. Im Übrigen ergeben sich aus dem Bericht des Dr. med. A.________ keine Anhaltspunkte dafür, dass die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch die MEDAS-Ärzte unzutreffend sein könnte. Ohne dass es weiterer Abklärungen bedürfte, muss es daher bei der Feststellung der Vorinstanz bleiben, dass die Beschwerdegegnerin für die psychische Erkrankung nicht einzustehen hat.