Citation: 4A_25/2021 E. 2.7

2.7. Die Rüge der Beschwerdeführerin ist berechtigt. An den Entlastungsbeweis sind strenge Anforderungen zu stellen. Der Tierhalter kann sich nicht darauf berufen, die allgemein übliche Sorgfalt aufgewendet zu haben. Vielmehr hat er nachzuweisen, dass er sämtliche objektiv notwendigen und durch die Umstände gebotenen Massnahmen getroffen hat. Bleiben über die entlastenden Tatsachen Zweifel bestehen, ist die Haftung des Tierhalters zu bejahen. Es ist unbestritten, dass der Sachverständige dem Fuhrmann fast durchweg ein einwandfreies Vorgehen bescheinigte. Dies gilt insbesondere für dessen Verhalten bis zur erfolgreichen Linkswende einerseits und nach dem Durchgehen des Pferds anderseits. Allerdings musste der Sachverständige offen lassen, ob der Fuhrmann zwischen der Linkswende und dem Durchgehen des Pferds eine Sorgfaltspflicht verletzt hatte. Der Sachverständige bemerkte sogar, es wäre interessant gewesen, die Leinenhaltung und die Leineneinwirkung des Fuhrmanns unmittelbar vor dem Durchgehen des Pferds zu kennen. Wie die Erstinstanz zutreffend erwog, wäre es an der Beschwerdegegnerin gelegen, die Beweislosigkeit in dieser entscheidenden Zwischenphase zu beseitigen. Demgegenüber verletzte die Vorinstanz die Beweislastregeln, indem sie der Beschwerdeführerin vorwarf, sie habe dem Fuhrmann bis zum Abschluss des Beweisverfahrens keinen Vorwurf gemacht für sein Verhalten kurz vor dem Durchgehen des Pferds. Damit auferlegte sie der Beschwerdeführerin zu Unrecht die Behauptungs- und Substanziierungslast für ein fehlbares Verhalten des Fuhrmanns. Nach dem zur Beweislastverteilung im Rahmen der Tierhalterhaftung Gesagten wäre es aber an der Beschwerdegegnerin gewesen, mit Bezug auf das Verhalten des Fuhrmanns insgesamt ein tadelloses Verhalten zu beweisen resp. den Entlastungsbeweis zu erbringen. Dies ist ihr nicht gelungen. Sie hat im Gegenteil nicht einmal behauptet, auch hinsichtlich der vom Experten aufgeworfenen Frage der Leinenhaltung und Leineneinwirkung unmittelbar vor dem Durchgehen des Pferds sei dem Fuhrmann keine Sorgfaltswidrigkeit vorzuwerfen. Sie hat es auch unterlassen, diesbezüglich Ergänzungsfragen an den Fuhrmann oder den Experten zu richten (vgl. E. 2.5 oben). Der Vorinstanz kann auch nicht gefolgt werden wenn sie erwägt, die Beschwerdegegnerin und der Fuhrmann hätten keinen Anlass gehabt, dessen Verhalten unmittelbar vor dem Durchgehen des Pferds detailliert zu schildern. Ganz im Gegenteil wäre es an der Beschwerdegegnerin gelegen, zumindest Ergänzungsfragen an den Sachverständigen zu stellen, nachdem dieser die Frage der Leinenhaltung aufgeworfen hatte. Abgesehen davon trägt die Beschwerdeführerin vor, sie habe dem Fuhrmann bereits in der Klageschrift vorgeworfen, das Pferd nicht genügend überwacht und geführt zu haben, was zutrifft. Die Vorinstanz hält explizit fest, dass die Leinenhaltung nicht zum Beweisthema gemacht wurde. Sie zieht daraus aber die falschen Schlüsse, wenn sie bemängelt, dass sich im erstinstanzlichen Urteil keine Sachverhaltsfeststellungen dazu finden. Entgegen den Erwägungen der Vorinstanz musste die Erstinstanz nicht erklären, in welchem Tun oder Unterlassen sie eine Sorgfaltspflichtverletzung erblickte. Die Erstinstanz ging im Einklang mit dem Gutachten davon aus, dass in der entscheidenden Phase vor dem Durchgehen des Pferds Beweislosigkeit herrscht. Denn gemäss dem Gutachten blieb offen, wie der Fuhrmann das Pferd im entscheidenden Moment geführt hatte. An der diesbezüglich herrschenden Beweislosigkeit ändert zudem nichts, dass die Vorinstanz dem Fuhrmann attestiert, ein äusserst erfahrener und ausgewiesener Fachmann im Umgang mit Pferden und Kutschen zu sein. Wie die Beschwerdeführerin zutreffend moniert, begründet die Vorinstanz auch nicht, weshalb das Fehlerpotenzial des Fuhrmanns bloss theoretischer Natur sein soll. Die Möglichkeit eines unsorgfältigen Verhaltens des Fuhrmanns in der kurzen Zwischenphase vor dem Durchgehen des Pferds erscheint keineswegs derart entfernt wie die Vorinstanz meint. Andernfalls hätte der Experte nicht explizit die Frage aufgeworfen, wie es sich mit der Leinenhaltung und Leineneinwirkung verhielt. Diesbezüglich besteht aber, wie dargelegt, Beweislosigkeit, zumal die Beschwerdegegnerin nicht einmal behauptet hat, der Fuhrmann habe sich auch insoweit korrekt verhalten. Darin besteht im Übrigen der wesentliche Unterschied zum von der Vorinstanz zitierten Urteil 4A_372/2019 vom 19. November 2019. In jenem Urteil ging es, anders als vorliegend, nicht um eine Rechtsfrage, nämlich darum, welche Partei mit Bezug auf den Entlastungsbeweis die Beweislast trägt. Vielmehr erschöpfte sich das Vorbringen des Beschwerdeführers im von der Vorinstanz herangezogenen Urteil im Ergebnis in einer blossen Sachverhaltsrüge, welche das Bundesgericht - mit Willkürkognition - verwarf (vgl. dort E. 2.2-2.6).