Citation: U 129/03 25.05.2004 E. 4.3

4.3.1 Im interdisziplinären Gutachten vom 8. Juni 2001 zuhanden der IV-Stelle diagnostizieren die Ärzte des ABI - mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit - ein rechtsbetontes, leicht bis mässig ausgeprägtes mittleres und oberes Zervikalsyndrom (ICD-10 M53.0) mit leicht ausgeprägten cervico-cephalen Beschwerden sowie - ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit - eine neurotische Persönlichkeitsstruktur (ICD-10 F60.8) und anamnestisch ein Asthma bronchiale (ICD-10 Y45.8). Die Versicherte habe bis zur Arbeitsunfähigkeit im August 1997 jahrelang im Gastronomiebereich gearbeitet. Als Beschwerden stünden Kopf- und Rückenschmerzen im Vordergrund und damit auch die somatische Beurteilung. Aus neurologischer Sicht könne ein Zervikalsyndrom festgestellt werden, dem mässiggradige objektivierbare degenerative Veränderungen zu Grunde lägen. Zu einer Gehirnbeteiligung sei es beim Unfall nicht gekommen und es würden keine kognitiven Störungen geltend gemacht. Auf Grund der Beschwerden mit objektivierbaren Beschwerdekernen und der nun doch mehrjährigen Dekonditionierung bestehe eine gewisse Beeinträchtigung in der angestammten Tätigkeit, soweit diese ungünstige, belastende Tätigkeiten mit Beanspruchung des Schultergürtels beinhalte. Aus rein neurologischer Sicht bestehe eine maximal 30-prozentige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Aus psychiatrischer Sicht könne keine invaliditätsbegründende, die Arbeitsfähigkeit beeinflussende Diagnose erhoben werden. Zwar finde sich eine zeitweise auffällige Persönlichkeitsstruktur und lasse sich auf Grund der Lebensgeschichte eine Neurotisierung gut erklären. Aus heutiger Sicht könne eine Störung vom Borderline-Typus nicht bestätigt werden, allenfalls könnte von einer emotional labilen oder histrionischen Persönlichkeit ausgegangen werden. Denkbar sei, dass die Versicherte zeitweise unter depressiven Verstimmungen gelitten hätte. Insgesamt liege in psychiatrischer Hinsicht keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit vor. Bei der Konsensdiskussion habe sich für alle Untersucher herausgestellt, dass bei der Versicherten zwar eine ausgeprägte Krankheits- und Behinderungsüberzeugung bestehe, diese jedoch auf Grund der medizinisch-theoretischen Schlussfolgerungen der Untersuchungen nicht in dem Masse bestätigt werden könne, wie dies die Versicherte subjektiv empfinde. Medizinisch-theoretisch sei der Versicherten eine 70-prozentige Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Gerantin zumutbar. Die Differenz zur Selbsteinschätzung der Versicherten könne nicht medizinisch-theoretisch erklärt werden, dafür seien invaliditätsfremde Gründe verantwortlich wie das Alter, die soziale Situation und allgemein der Bildungsstand. In einer behinderungsangepassten Tätigkeit mit wechselnd sitzender Körperhaltung und ohne Kopfzwangshaltung, ohne arbeitsmässige Belastung der Oberarmmuskulatur, ohne repetitives Einnehmen von gleichen Haltungen und längeren Zwangshaltungen, ohne Heben und Tragen von Lasten von mehr als 5 bis 10 Kilogramm und ohne Überkopfarbeiten sei die Versicherte voll arbeitsfähig. Auch hier bestehe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht. Dass Dr. med. H.________ im Gutachten vom 20. April 2000 eine 50-prozentige Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit angenommen habe, sei wohl auf eine stärkere Gewichtung der subjektiven Beschwerden zurückzuführen. 4.3.2 Zur Abklärung der Kausalität holte das kantonale Gericht beim ABI ergänzende gutachterliche Stellungnahmen ein. Im Bericht vom 5. Februar 2002 führt Dr. med. M.________, Spezialarzt FMH für Neurologie, aus, die im Gutachten beschriebenen Leiden seien mit überwiegender Wahrscheinlichkeit Folge des Unfallereignisses vom Juni 1997. Die Versicherte habe beim Unfall ein axiales HWS-Trauma mit seither bestehendem Zervikalsyndrom und cervico-cephalen Beschwerden erlitten. Der Unfall habe zu einer richtungweisenden Veränderung vorbestehender mässiger Abnutzungserscheinungen der HWS mit Bandscheibenschädigung auf der Höhe C5/C6 geführt. Der Unfall sei zumindest relevante Teilursache dieser richtungweisenden Veränderung. Unfallfremde Faktoren würden die Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdegegnerin nicht beeinflussen. Auf Nachfrage des kantonalen Gerichts führte Dr. med. M.________ im Bericht vom 16. Januar 2003 aus, es sei davon auszugehen, dass bereits vor dem Unfall degenerative HWS-Veränderungen beständen hätten, bei welchen es sich um einen radiologischen bzw. klinisch stummen Vorzustand gehandelt habe. Viele Menschen im Alter von über 40 Jahren wiesen Abnützungserscheinungen ihrer Wirbelsäule auf, welche spontan höchst selten zu einer Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit oder des Wohlbefindens führen würden. Bei einem Patienten, der unter HWS-Abnützungserscheinungen leide, könne eine HWS-Verletzung zu einem ungünstigeren Ausgang führen als bei einem Menschen ohne derartigen Vorzustand. Entsprechend seien die Verläufe bei älteren Menschen mit HWS-Verletzungen ungünstiger als bei jüngeren Menschen. Nicht die mässiggradigen degenerativen HWS-Veränderungen seien Folge des Unfalls. Bei der Versicherten habe sich ein Zervikalsyndrom mit entsprechend eindeutigen Befunden objektivieren lassen, indem eine leichte bis mässige Tonuserhöhung der Muskulatur im Genickbereich habe festgestellt werden können. Bei vorbestehender Beschwerdefreiheit und abruptem Beginn der Beschwerden zum Zeitpunkt des Unfalls sei davon auszugehen, dass mit überwiegender Wahrscheinlichkeit der Unfall eine richtungweisende Veränderung des Vorzustandes (der degenerativen HWS-Veränderungen) verursacht habe und aus einem vorbestehend klinisch stummen Zustand bei beschwerdefreier Patientin ein klinisch aktiver Zustand mit Genickschmerzen und Kopfschmerzen entstanden sei. Der Spontanverlauf der degenerativen HWS-Veränderungen hätte allerhöchstens möglicherweise zu einem ähnlichen Leidensbild geführt, aus dem aktuellen Beschwerdespektrum sei der Unfall nicht wegzudenken. Bei vorbestehender Beschwerdefreiheit und andauernden Leiden könne nicht von einem Status quo sine oder quo ante ausgegangen werden.