Citation: 5A_850/2020 E. 4.3

4.3. Was den Grundsatz der Ausschöpfung der Eigenversorgungskapazität als solchen anbelangt, ist festzuhalten, dass dieser in erster Linie den nachehelichen Unterhalt betrifft (sog. Primat der Eigenversorgung, vgl. den expliziten Wortlaut von Art. 125 Abs. 1 ZGB; zuletzt BGE 147 III 308 E. 5.2 m.w.H.). Nach konstanter Rechtsprechung ist jedoch bereits im ehelichen Verhältnis die Möglichkeit und Zumutbarkeit der Wiederaufnahme oder Ausdehnung einer Erwerbstätigkeit zu prüfen, wenn in tatsächlicher Hinsicht erstellt ist, dass mit einer Wiederaufnahme des gemeinsamen Haushaltes nicht mehr ernsthaft gerechnet werden kann (BGE 130 III 537 E. 3.2; 137 III 385 E. 3.1; 138 III 97 E. 2.2; 147 III 301 E. 6.2). Dies gilt verstärkt, wenn nicht erst Eheschutzmassnahmen beantragt sind, sondern bereits das Scheidungsverfahren hängig ist und in dessen Rahmen vorsorgliche Massnahmen verlangt werden (Urteile 5P.279/2005 vom 10. November 2005 E. 5.3.2.1; 5A_848/2010 vom 4. April 2011 E. 2.3.1; 5A_112/2020 vom 28. März 2022 E. 5.5). Dabei ist für die Beurteilung der Eigenversorgungskapazität vom tatsächlich erzielten Einkommen auszugehen, aber ein höheres hypothetisches Einkommen anzurechnen, wenn die Wiederaufnahme oder die Ausdehnung einer bestehenden Erwerbstätigkeit zumutbar und die Erzielung des hypothetisch anzurechnenden Einkommens tatsächlich möglich ist (BGE 137 III 118 E. 2.3; 143 III 233 E. 3.2; 147 III 249 E. 3.4.4). Das Obergericht hat all dies nicht übersehen, sondern zutreffend dargestellt - insbesondere auch die gegenüber dem Eheschutzverfahren verstärkte Zumutbarkeit der Wiederaufnahme oder Ausdehnung einer Erwerbsarbeit, wenn bereits das Scheidungsverfahren hängig ist - und mithin ist in Bezug auf den Grundsatz als solchen keine Willkür gegeben. Vielmehr geht es um die Frage der Zumutbarkeit im konkreten Einzelfall und die diesbezüglichen Übergangsfristen, zu welchen die bundesgerichtliche Rechtsprechung festhält, dass sie gerade bei guten finanziellen Verhältnissen grundsätzlich grosszügig zu bemessen seien (BGE 144 III 481 E. 4.6; 147 III 308 E. 5.4; Urteile 5A_727/2018 vom 22. August 2019 E. 3.2; 5A_875/2017 vom 6. November 2018 E. 4.2.3; 5A_373/2018 vom 8. April 2019 E. 3.1; 5A_171/2019 vom 17. April 2019 E. 3.2.2; 5A_507/2020 vom 2. März 2021 E. 5.3.1 und 5.3.3; 5A_112/2020 vom 28. März 2022 E. 5.5; 5A_849/2020 vom 27. Juni 2022 E. 4). Für den vorliegenden Fall ist nach den zutreffenden Ausführungen des Obergerichtes zu berücksichtigen, dass die Ehe zwar kinderlos geblieben ist, dass aber das eheliche Zusammenleben rund 20 Jahre gedauert hat, dass die blosse Teilzeittätigkeit von den Eheleuten gewollt war und zur gehobenen Lebensführung gehörte, dass die Ehefrau fortgeschrittenen Alters und dass der finanzielle Rahmen ausserordentlich günstig ist. Das Obergericht hat damit seinen Überlegungen nicht nur die relevanten (und damit keine sachfremden) Kriterien zugrunde gelegt, sondern es hat sie auch willkürfrei gewürdigt, indem das Ergebnis in keiner Hinsicht als schockierend erscheint. Vor dem Hintergrund der langjährig gepflegten tendenziellen Rollenteilung (Zuverdienstehe, wobei sich der Zuverdienst angesichts des sehr hohen Einkommens des Ehemannes bescheiden ausnimmt) und des soeben erwähnten Elementes der ausserordentlich hohen Leistungsfähigkeit des Ehemannes, welche weiten Spielraum zulässt und keine sofortigen Änderungen im Erwerbsumfeld erheischt, etwa zur Deckung der trennungsbedingten Mehrkosten, ist es nicht unhaltbar, der Ehefrau erst im Rahmen des (bereits eingeleiteten und deshalb nicht in unbestimmter Zukunft stehenden) Scheidungsverfahrens eine Umstellung im Arbeitsumfeld zuzumuten. Der Verweis des Beschwerdeführers auf den "Familienvater", welcher nicht bloss Teilzeit arbeiten dürfe - womit gewissermassen insinuiert wird, in ärmlichen Verhältnissen für Kinder sorgen zu müssen - geht offensichtlich am vorliegenden Lebenssachverhalt vorbei und ist zur Darlegung von Willkür nicht geeignet.