Citation: 4A_211/2023 E. 5.6.2

5.6.2. Weiter kann der Vorinstanz nicht gefolgt werden: Wären die Parteien einerseits davon ausgegangen, der Sohn hätte aufgrund seiner Verwaltungsratsfunktion die Dokumente in der Pre Due Diligence kennen müssen, und hätten sie andererseits Art. 12 Abs. 5 AKV tatsächlich so verstanden, dass der Käuferin auch das Wissenmüssen ihres Sohnes anzurechnen sei, wäre Art. 12 Abs. 2 AKV überflüssig - er würde von Abs. 5 umfasst. Systematisch ist vielmehr zu beachten, dass der Vertrag in Art. 12 Abs. 2 AKV ausdrücklich festhält, wenn einer Partei eine Kenntnis zugerechnet werden soll, unabhängig davon ob sie diese tatsächlich besitzt: "Die Käuferinnen bestätigen, dass sie vor Vertragsunterzeichnung am 4. und 5. Oktober 2012 eine Pre Due Diligence, anlässlich welcher die offengelegten Dokumente gesiegelt wurden, vorgenommen zu haben. Die aus diesen Dokumenten oder in diesem Vertrag offengelegten Tatsachen gelten als bekannt, und die Käuferinnen können aus solchen Tatsachen keine Gewährleistungsansprüche ableiten. Die Rechtsvertreter der Parteien erstellen bis zum Closing gemeinsam einen Datenträger, welcher sämtliche gesiegelten Dokumente umfasst und diesem Aktienkaufvertrag als Beilage 5 beigefügt wird." Auch in Art. 18 Abs. 2 AKV bezieht sich bereits der klare Wortlaut auf den pflichtgemässen Kenntnisstand der Verkäufer. Sollen Tatsachen unabhängig davon als bekannt gelten, ob eine Partei sie tatsächlich kennt, haben die Parteien dies im Vertragstext ausdrücklich festgehalten. Dies haben sie in Art. 12 Abs. 5 AKV nicht getan. Das spricht dagegen, dass dort (nicht von Art. 12 Abs. 2 AKV erfasste) Tatsachen als bekannt angesehen werden, die nicht bekannt waren, sondern nur hätten bekannt sein müssen. Auch die systematische Auslegung spricht nicht für das von den kantonalen Instanzen angenommene Auslegungsergebnis.