Citation: U 95/04 22.09.2004 E. 4

Der erstkonsultierte Arzt, Dr. med. K.________, hat sechs Tage nach dem Unfall ein posttraumatisches Zervikalsyndrom (Halswirbelsäulensyndrom; Roche Lexikon Medizin, München/Jena 2003, S. 2004) diagnostiziert. Es ist daher fraglich, ob die Versicherte kurze Zeit nach dem Unfall (teilweise) an den für ein Schleudertrauma der HWS typischen Beschwerden litt. Im Anschluss an eine HWS-Beschleunigungsverletzung entwickelt sich klinisch meist ein posttraumatisches Zervikalsyndrom mit Nacken-Hinterkopf-Schmerzen und schmerzhafter Bewegungseinschränkung der HWS; zusätzlich können noch Brachialgie (Armschmerzen), Okzipitalisneuralgie (Hinterkopfschmerzen), posttraumatisches zervikozephales (Nacken-Kopf) Syndrom mit vestibulären Störungen, akustischen Phänomenen, okulären und psychischen Symptomen und eine Obstruktion der Arteria vertebralis auftreten (Peter Reuter, Springer Lexikon Medizin, Berlin/Heidelberg/New York, S. 957 und 2336; Jürgen Krämer, Bandscheibenbedingte Erkrankungen, Stuttgart/New York 1993, S. 105 ff., insb. 108 f.; Montazem, Der Neurochirurg als Mitdiagnostiker; Prosiegel/Michael/Zihl, Gutachterliche Besonderheiten aus der Sicht des Neuropsychologen; Radanov/DiStefano/Schidrig/Ballinari, Welches sind die Prädiktoren der Erholung nach HWS-Beschleunigungsverletzung; alle in: Die Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule, Mit interdisziplinärem Konsens, Uwe Mohrahrend [Hrsg.], Stuttgart/Jena/New York 1993, S. 96, 181 ff. und 144; Roche Lexikon Medizin, a.a.O.). Anzumerken ist, dass der Begriff Syndrom im medizinischen Sprachgebrauch eine Gruppe von Krankheitszeichen, die für ein bestimmtes Krankheitsbild charakteristisch sind, deutet (Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, Berlin/New York 2002, S. 1619). Der erstkonsultierte Arzt Dr. med. K.________ beschrieb in seinem Bericht vom 15. März 1996 zwar nicht die praxisgemäss zur Annahme eines Schleudertraumas der HWS (oder ähnlichen Verletzungsmechanismen) erforderlichen, zum typischen Beschwerdebild gehörigen Symptome (buntes Beschwerdebild). Es ist aber erstellt, auch wenn der erstbehandelnde Arzt die einzelnen Krankheitszeichen nicht namentlich erwähnte, dass eine HWS-Distorsion erfolgt war. So bezeichnete Dr. med. I.________ ausdrücklich den Zustand als HWS-Distorsion (Februar 1996), wobei die vorher beschwerdefreie Patientin seit dem Unfall unter einem chronifizierten Zervikalsyndrom mit Generalisierungstendenz leide, mit klinisch nachweisbaren Myogelosen und Triggerpunkten sowie einer leichten Blockierung der HWS (Bericht vom 23. April 1997). Diese Befunde und Diagnosen sind vom Gutachter der Allianz, Dr. med. B.________, bestätigt worden, der explizit festhielt, es bestünden entsprechende Brückensymptome (Gutachten vom 13. Oktober 1997). Auf Grund dieser ärztlichen Angaben und angesichts der dargestellten medizinischen Literatur zum posttraumatischen Zervikalsyndrom ist vorliegend erstellt, dass die Beschwerdegegnerin an einem auf den Unfall vom 20. Februar 1996 zurückzuführenden Schleudertrauma der HWS im Sinne der Rechtsprechung leidet. Nicht näher zu prüfen ist, wie in der Vernehmlassung zur Verwaltungsgerichtsbeschwerde vorgebracht wird, welcher Mechanismus auf die HWS wirkte. Nach der Rechtsprechung ist die zum Schleudertrauma entwickelte Praxis auch anwendbar auf eine äquivalente Verletzung eines Kopfanpralls mit seitlicher Distorsion der HWS (SVR 1995 UV Nr. 23 S. 67 Erw. 2). Die psychische Fehlentwicklung (anhaltende posttraumatische Anpassungsstörung) wies weder unmittelbar nach dem Unfall, noch im Zeitpunkt der Begutachtung durch die Rheuma- und Rehabilitationsklinik eine eindeutige Dominanz auf, weshalb die Vorinstanz zutreffend die Adäquanz des Kausalzusammenhangs nicht nach der Praxis zu den psychischen Unfallfolgen, sondern nach der zum Schleudertrauma der HWS und äquivalenten Verletzungsmechanismen entwickelten Rechtsprechung geprüft hat. Daran ändert nichts, dass bereits Dr. med. B.________ eine psychogene Unfallverarbeitungsstörung festgestellt hat (Gutachten vom 13. Oktober 1997). In jenem Zeitpunkt waren bereits mehr als 1 ½ Jahre seit dem Unfall vergangen, und nach Aktenlage ist davor eine dominante psychische Fehlentwicklung nicht ausgewiesen. Damit ist bei Prüfung der Adäquanz des Kausalzusammenhangs nicht entscheidend, ob die im Anschluss an den Unfall aufgetretenen gesundheitlichen Beschwerden medizinisch eher als organischer und/oder psychischer Natur bezeichnet werden (BGE 117 V 363 f. Erw. 5d/aa).