Citation: 1C_365/2022 E. 7.4.3

7.4.3. Den Vorschriften über Grenz- und Gebäudeabstände kommt regelmässig auch nachbarschützende Funktion zu; sie liegen grundsätzlich nicht nur in einem allgemeinen öffentlichen Interesse, sondern umschreiben darüber hinaus auch die rechtlich geschützte Sphäre der Nachbarinnen und Nachbarn (vgl. BGE 127 I 44 E. 2d S. 47; Urteil 1C_93/2020 vom 19. Juni 2020 E. 4.3.3). Diese Schutzanforderungen ergeben sich vor allem innerhalb von Bauzonen, wo es darum geht, das Nebeneinander einer grossen Anzahl benachbarter Bauten zu regeln, so dass es sich rechtfertigt, bestimmte Abstände festzulegen, um insbesondere die Wohn- und Arbeitshygiene, die Sicherheit, die Belüftung, die natürliche Belichtung und den Schutz vor Immissionen und Brandgefahren zu gewährleisten (Urteil 1C_4/2015 vom 13. Juni 2018 E. 5.1, in: ZBl 120/2019 S. 165). Diese nachbarschützende Funktion tritt zusätzlich zum allgemeinen öffentlichen Interesse an der Einhaltung der Bauvorschriften hinzu und kann nicht dahingehend verstanden werden, dass das allgemeine öffentliche Interesse durch die im konkreten Einzelfall bestehenden privaten Interessen der Nachbarinnen und Nachbarn relativiert bzw. vollständig verdrängt werden könnte. Die Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands kann nicht davon abhängen, ob sich betroffene Nachbarinnen bzw. Nachbarn dagegen zur Wehr setzen oder sich überhaupt daran stören. Die Feststellung der Vorinstanz, wonach die Beschwerdeführenden zu lange untätig geblieben seien, ist somit - wie bereits erwähnt - nicht nur aktenwidrig (vgl. E. 5 hiervor), sondern auch unerheblich. Wie die Beschwerdeführenden zu Recht ausführen, besteht die Pflicht der Behörden, die Bauvorschriften durchzusetzen und den rechtmässigen Zustand herbeizuführen, unabhängig davon, wie sich Dritte dazu stellen. Das öffentliche Interesse, welches der Gesetzgeber einer Norm bereits zugesprochen hat, hätte andernfalls keinen generellen Anspruch mehr auf Durchsetzung, sondern würde im Hinblick auf die Wirkungen im Einzelfall relativiert (vgl. MAGDALENA RUOSS FIERZ, Massnahmen gegen illegales Bauen, 1999, S. 149). Dass der Treppenaufgang nach der Entfernung der die Qualität als Besonderes Gebäude begründenden Überdachung im Abstandsbereich bestehen bleiben kann, vermag am Vorliegen eines öffentlichen Interesses nichts zu ändern. Nicht massgebend ist - entgegen den Erwägungen der Vorinstanz - auch der Umstand, dass die Gemeinde Bäretswil es unterlassen hat, von der Kompetenznorm von § 49 Abs. 3 PBG/ZH Gebrauch zu machen und ein geringeres Abstandsmass vorzuschreiben als die in § 270 Abs. 1 PBG/ZH statuierten 3,5 m. Die Interessen der Nachbarinnen und Nachbarn können vielmehr im konkreten Einzelfall im Rahmen der Würdigung der allgemeinen Interessen als zusätzlich zu berücksichtigende private Interessen eine Rolle spielen; diese treten zu den öffentlichen Interessen hinzu, welche gegenüber den privaten Interessen der Bauherrschaft abzuwägen sind (zur Interessenabwägung vgl. nachfolgende E. 8). Den Beschwerdeführenden ist auch darin zuzustimmen.