Citation: U 135/06 15.12.2006 E. 4

4.1 Übereinstimmend geben die Gutachter A.________ und M.________ an, die aufgetretenen Hirninfarkte seien durch Anämie und Volumenmangel nicht hinreichend zu erklären bzw. der Schlaganfall sei keine "zwangsläufige Folge" der postpartalen Blutung. Nach Einschätzung des Dr. med. M.________ ist der Schlaganfall - nebst dem Blutverlust - indessen auf folgende Abweichungen vom medizinischen Standard zurückzuführen: (1) Verabreichung von Methergin bei manifester Hypovolämie, (2) doppelte Maximaldosis Methergin intravenös verabreicht, (3) Gabe von Methergin zusätzlich zu einem weiteren Vasopressor. Zu prüfen ist, ob in der Dosierung oder der Kombination der verabreichten Medikamente ein grober Behandlungsfehler liegt, der den Unfallbegriff (ausnahmsweise) erfüllt. 4.2 Eine falsche Medikamentierung, namentlich wenn es sich um eine grobe und ausserordentliche Verwechslung handelt, kann unter bestimmten Voraussetzungen so ungewöhnlich sein, dass sie den Unfallbegriff erfüllt. So hatte das Bundesgericht das Einspritzen eines falschen Kontrastmittels in zu starker Dosis zu diagnostischen Zwecken, welche zum Tod des Patienten führte, als Unfall angesehen (BGE 85 II 344). Es erwog, die erfolgte Einspritzung liege völlig ausserhalb der einem Spitalaufenthalt normalerweise inhärenten Risiken. Der Versicherte habe sich einer sachgemäss durchzuführenden Myelographie unterziehen wollen und sei bereit gewesen, die damit verbundenen normalen Risiken auf sich zu nehmen. Er sei aber keinesfalls gewillt gewesen, auch die Folgen der Verwendung eines falschen Mittels in zu hoher Dosis, das in dieser Anwendung nicht nur speziell für ihn, sondern für jeden Patienten tödliche Gefahren in sich berge, in Kauf zu nehmen. Der Zweck des Eingriffs, nämlich die Diagnose einer allfälligen, keinesfalls lebensgefährlichen Diskushernie, habe ihn keinesfalls zum Eingehen eines so hohen Risikos genötigt (BGE 85 II 347 Erw. 1a). 4.3 Dr. med. M.________ führte aus, die in der Situation des knappen Volumenstatus intravenös verabreichte Methergindosis von 1ml = 0,2 mg entspreche der doppelten Menge, die laut Herstelleranweisung langsam intravenös injiziert werden dürfe. Das Risiko gefährlicher Nebenwirkungen steige, wenn andere vasoaktive Substanzen wie Ephedrin verabreicht würden, wie dies in casu geschehen sei. In der Situation eines intravasalen Volumenmangels mit zur physiologischen Kompensation enggestellten Widerstandsgefässen sei diese Nebenwirkung umso mehr zu erwarten. Demgegenüber stellte sich Prof. Dr. med. A.________ auf den Standpunkt, die verabreichten Medikamente und Infusionen hätten hinsichtlich Art, Indikation, Dosierung und Kombination international anerkannten Gewohnheiten bzw. Standards entsprochen. Wie die Schweizerische Arzneimittel-Nebenwirkungszentrale (SANZ) erklärte, wurde ihr eine Durchblutungsstörung des Gehirns durch Methergin bis dato nie gemeldet und war eine solche auch in der Fachliteratur nicht bekannt (Kurzkommentar der SANZ vom 4. Mai 1999; vgl. auch [undatiertes] pathophysiologisches Gutachten der Frau Dr. med. S.________ sowie neurologisches Fachgutachten der Frau Dr. med. T.________ vom 20. Dezember 2002 ["Schlaganfälle unter Ergotalkaloiden werden in der mir zur Verfügung stehenden Literatur nicht beschrieben"]). Die der Versicherten verabreichte Dosis entsprach der in der Produkteinformation angegebenen Höchst-Dosierung (0,5-1ml = 0,1-0,2 mg). Angesichts dessen, dass der Blutverlust mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht im Ausmass des von Dr. med. M.________ errechneten lag (Erw. 3.4.3 hievor), kann in der Dosierung des Methergin jedenfalls kein grober Behandlungsfehler gesehen werden, welcher derart schwer wiegt, dass er den Unfallbegriff erfüllen würde. 4.4 Zu prüfen ist, ob in der verabreichten Medikamentenkombination, insbesondere angesichts der bekannten Interaktionen von Methergin mit anderen vasokonstriktorischen Mitteln (wie sie auch in der Produkteinformation zu Methergin aufgeführt ist und daher den Ärzten bekannt sein musste), eine gravierende Abweichung vom ärztlichen Standard zu sehen ist. Prof. Dr. med. A.________ führte hiezu aus, eine Interaktion mit schweren gesundheitlichen Folgen sei zwischen Methergin und Ephedrin bekannt. Die gleichzeitige Anwendung dieser Medikamente könne bei vorhandenem hohen Blutdruck zu einer Gehirnblutung führen. Bei der Beschwerdeführerin habe jedoch eher ein tiefer Blutdruck (Hypotonie) vorgelegen und die Schädigung des Gehirns sei auch nicht auf eine Blutung, sondern auf einen Durchblutungsstopp zurückzuführen. Ohne dass geprüft werden müsste, ob der Hirninfarkt überhaupt auf die verabreichten Medikamente zurück geführt werden kann (wobei Prof. Dr. med. A.________ in Übereinstimmung mit Dr. med. U.________, Radiodiagnostik FMH, angab, der MRI-Befund vom 16. Juli 1998 spreche für einen arteriellen Territorialinfarkt und gegen einen hämodynamisch bedingten Infarkt durch Abfall des Perfusionsdruckes bzw. wonach die Läsionen vereinbar sind mit subakuten ischämischen Infarkten und keine Zeichen einer Einblutung feststellbar waren; Schreiben vom 16. Juli 1998), war die Kombination der Medikamente Methergin und Ephedrin zwar, wie sich im Nachhinein zeigte, wegen der Gefahr überschiessender vasokonstriktorischer/vasopressorischer Wirkung (vgl. Schreiben der Novartis Pharma Schweiz AG, Bern, vom 4. Juni 1999) nicht unproblematisch. Sie beruhte indessen weder auf einer (groben und ausserordentlichen) Verwechslung, noch wich sie ganz massiv vom ärztlichen Standard ab. Dass die Kombination der beiden Medikamete Methergin und Ephedrin bei rückblickender Betrachtung gewisse Risiken beinhaltete, führt zu keinem andern Schluss. Denn zum einen ist für die Beurteilung das Vorgehen der Ärzte in der konkreten Behandlungssituation und nicht ein Betrachtung "ex post" unter Berücksichtigung auch der menschlichen Tragik des Falles entscheidend (BGE 120 Ib 413 ff. Erw. 4a und 4c/aa); zum anderen stellten weder Prof. Dr. med. A.________ noch Frau Dr. med. S.________ noch Frau Dr. med. T.________ fest, die Kombination der Medikamente stelle einen groben Behandlungsfehler dar. Auch die Gutachterin Dr. med. H.________ führte den Gesundheitsschaden nicht auf die Medikation zurück.