Citation: 2C_159/2024 E. 5.2.2

5.2.2. Die Anfechtung nichtiger Verfügungen führt zu einer paradoxen prozessualen Ausgangslage. Das Anfechtungsobjekt - die nichtige Verfügung - existiert zunächst nur scheinbar. Das Beschwerdeverfahren dient dazu, die "Scheinverfügung" zu beseitigen (YVO HANGARTNER, Die Anfechtung nichtiger Verfügungen und von Scheinverfügungen, AJP 2003 S. 1054; zur Anfechtung nichtiger Verfügungen auch BGE 150 II 244 E. 4.3.5 und 4.4; YANNICK WEBER, Die Nichtigkeit im öffentlichen Recht, 2024, S. 149 ff.; THIERRY TANQUEREL, Manuel de droit administratif, 2. Aufl. 2018, S. 324 f.; PIERRE MOOR, "La nullité doit être constatée en tout temps et par toute autorité", in: Festschrift für Tobias Jaag, 2012, S. 43 ff.). Die bundesgerichtliche Praxis zur prozessualen Behandlung von nichtigen Verfügungen ist denn auch nicht einheitlich. Teils geht sie davon aus, die Nichtigkeit einer Verfügung sei im Dispositiv des Beschwerdeentscheids festzustellen. Mit dieser Feststellung fällt das Anfechtungsobjekt des Rechtsmittelverfahrens dahin. Auf das Rechtsmittel ist nicht einzutreten (BGE 136 II 415 E. 1.2; 132 II 342 E. 2.3; vgl. Urteil 2C_287/2019 vom 13. Juli 2020 E. 1.2; krit. dazu TANQUEREL, a.a.O., S. 325 Rz. 922; MOOR, a.a.O., S. 47 ff.). Nach einer stärker am Anfechtungsobjekt orientierten Betrachtungsweise stellt auch eine nichtige Verfügung ein taugliches Beschwerdeobjekt dar. Wird die nichtige Verfügung im regulären Beschwerdeverfahren angefochten, soll sie nach diesem Verständnis durch die Beschwerdeinstanz - wie eine anfechtbare Verfügung - aufgehoben werden. Auf die Beschwerde ist einzutreten, da die inhaltliche Prüfung der Beschwerde der Eintretensfrage gedanklich nachgelagert ist. Dementsprechend ist die gegen eine nichtige Verfügung gerichtete Beschwerde gutzuheissen (vgl. Urteil 9C_496/2023 vom 29. Februar 2024 E. 7.1.1, nicht publ. in: BGE 150 II 244; im Ergebnis auch Urteil 6B_165/2020 vom 20. Mai 2020 E. 4; zustimmend TANQUEREL, a.a.O., S. 325 Rz. 922).