Citation: I 742/02 21.07.2003 E. 5

5.1 Wie in Erw. 3.2 ausgeführt, hat das IVG insofern eine Änderung erfahren, als die in Art. 6 Abs. 1 IVG für den Leistungsanspruch vorausgesetzte Versicherungsklausel, mit welcher im vorinstanzlichen Entscheid argumentiert wird und wonach nur die bei Eintritt der Invalidität (Versicherungsfall) versicherten Personen Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung haben, auf den 1. Januar 2001 dahingefallen ist. Das bedeutet, dass eine Person, welche die Voraussetzungen für den Rentenanspruch hinsichtlich Beiträgen und Invalidität erfüllt, eine Rente beziehen kann, selbst wenn sie bei Eintritt der Invalidität nicht (mehr) versichert ist (Alessandra Prinz, Aufhebung der Versicherungsklausel für die ordentlichen Invalidenrenten - Folgen im Bereich der internationalen Abkommen, in: Soziale Sicherheit 2001, S. 43 f.). Da in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 127 V 467 Erw. 1), ist für die Anwendbarkeit der bis 31. Dezember 2000 gültig gewesenen Versicherungsklausel entscheidend, ob die Invalidität vor diesem Zeitpunkt eingetreten ist. Selbst wenn dies nicht der Fall wäre und die Versicherungsklausel somit nicht mehr zum Tragen käme, kann jedoch nicht - wie dies die Beschwerdeführerin tut - einfach abgeleitet werden, dass sie, obwohl sie im Zeitpunkt des Versicherungsfalles nicht bei der schweizerischen Invalidenversicherung versichert gewesen sei, aufgrund der einjährigen Beitragsdauer Anspruch auf eine Rente habe. Massgebend für den Anspruch auf eine ordentliche Rente der Invalidenversicherung ist gemäss Art. 36 Abs. 1 IVG nämlich vielmehr, ob die Beschwerdeführerin bei Eintritt der Invalidität während mindestens eines vollen Jahres Beiträge geleistet hat, wofür wiederum entscheidend ist, wann die Invalidität eingetreten ist. Wenn IV-Stelle und Vorinstanz argumentieren, dies sei der Zeitpunkt, in welchem wegen Art und Schwere des Leidens die gewünschten Massnahmen erstmals angezeigt gewesen seien, ist dem entgegenzuhalten, dass dies wohl für den Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, nicht indessen für den hier streitigen Anspruch auf eine ordentliche Invalidenrente zutrifft. Das IVG kennt nämlich gemäss ständiger Rechtsprechung nicht einen einheitlichen Versicherungsfall, sondern folgt dem System des leistungsspezifischen Versicherungsfalles. Ein Gesundheitsschaden kann somit bezüglich verschiedener Leistungen der Invalidenversicherung mehrere Invaliditätseintritte auslösen, weshalb der Versicherungsfall im Rahmen jeder gesetzlichen Leistungsnorm autonom bestimmt werden muss (vgl. Meyer-Blaser, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung [IVG], in Murer/Stauffer [Hrsg.], Die Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Zürich 1997, S. 22 f. mit zahlreichen Hinweisen auf die Rechtsprechung). 5.2 Der Eintritt des Rentenfalles wird - wie in Erw. 3.3 dargelegt - durch Art. 29 IVG positivrechtlich geregelt. Ein Rentenanspruch entsteht demzufolge frühestens in dem Zeitpunkt, in dem die versicherte Person mindestens zu 40 % bleibend erwerbsunfähig geworden ist oder während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens zu 40 % arbeitsunfähig gewesen war. 5.2.1 Nach ihrer Einreise in die Schweiz war die Beschwerdeführerin zunächst nicht erwerbstätig, arbeitete dann aber ab 1. Januar bis 30. September 1997 und ab 1. Januar bis 2. August 1998 im Rahmen einer Vollzeitbeschäftigung als Küchenhilfe in Gastbetrieben. Das erste Arbeitsverhältnis wurde wegen Umsatzproblemen im Betrieb aufgelöst, beim zweiten handelte es sich um einen befristeten Vertrag. Ab 22. Februar 1999 war die Beschwerdeführerin 20 Stunden pro Woche als Raumpflegerin bei X.________ und ebenfalls seit 1999 vier Stunden pro Woche als Zeitungsverträgerin tätig. Diese Stellen gab sie per 3. bzw. 11. Juni 2001 auf und bezog anschliessend Leistungen der Arbeitslosenversicherung. 5.2.2 In den Arztberichten wurde bei der Beschwerdeführerin eine seit Geburt bestehende Sehbehinderung in Form einer autosomal-rezessiven Achromatopsie diagnostiziert. Was die Arbeitsfähigkeit anbelangt, hielt Frau Dr. med. A.________ am 11. September 1998 fest, die Patientin sei in ihrer Arbeitsfähigkeit nur durch den sehr schlechten Visus und die Farbenblindheit eingeschränkt. Arbeiten, bei welchen der Visus nicht vorrangig sei und die kein Farbensehen verlangten, sollten ihres Erachtens verrichtet werden können. Dr. med. B.________ attestierte der Beschwerdeführerin sodann am 25. März 1999 für die Tätigkeit als Raumpflegerin und Küchenhilfe eine mindestens 50%ige Arbeitsfähigkeit. Im Bericht vom 19. Dezember 2000 hielt er diese Tätigkeiten dann höchstens für 50 % zumutbar, bezeichnete jedoch gleichzeitig eine 100%ige Arbeitsfähigkeit im Zusammenhang mit einer ausgesprochen reduzierten Visus-beanspruchung (Routinearbeiten ohne Kontrollfunktion, Botengänge in vertrauter Umgebung etc.) als möglich. Auf Anfrage hin ergänzte Dr. med. B.________ am 6. Dezember 2001, die ca. 50%ige Arbeitsunfähigkeit als Reinigungsmitarbeiterin/Küchenhilfe bestehe seit jeher. 5.2.3 In den Akten ist der rechtserhebliche Sachverhalt noch nicht so weit geklärt und vervollständigt, dass entschieden werden kann, ob und bejahendenfalls in welchem Zeitpunkt bei der Beschwerdeführerin der Versicherungsfall eingetreten ist. Insbesondere geht daraus nicht klar hervor, seit wann die Beschwerdeführerin in welchem Ausmass und bezüglich welcher Tätigkeiten arbeitsunfähig war, attestieren ihr doch die vorliegenden Arztberichte eine teilweise Arbeitsunfähigkeit für Tätigkeiten, die sie zu dieser Zeit im Rahmen eines Vollpensums verrichtet hatte. Divergierende Angaben bestehen auch zur Frage, weshalb die Beschwerdeführerin ihr Arbeitspensum reduzierte bzw. das Teilpensum schliesslich ganz aufgab (gesundheitliche Probleme; Schwangerschaft; externe Vergabe der Reinigungsarbeiten durch X.________). Die IV-Stelle hat somit demzufolge zunächst abzuklären, ab wann die Beschwerdeführerin in welchem für die Beurteilung der Beeinträchtigung massgebenden Tätigkeitsbereich eingeschränkt war und anschliessend die diesbezüglich durch den Gesundheitsschaden bedingte Einbusse an funktionellem Leistungs-vermögen zu prüfen. Die Sache ist daher an die Verwaltung zurück-zuweisen, damit sie nach ergänzender Abklärung der beruflichen und medizinischen Verhältnisse unter Anwendung der im Zeitpunkt des Eintritts des Versicherungsfalles geltenden gesetzlichen Be-stimmungen über den Rentenanspruch der Beschwerdeführerin neu verfüge.