Citation: 2P.281/2000 01.03.2001 E. 2

2.- a) Das Verfahren gegen den Beschwerdeführer war wegen Verdachts einer Verletzung von Art. 8, 10, 11 und 14 FG eröffnet worden. Im angefochtenen Entscheid verneinte die Anwaltskammer in der Folge "eine vorsätzliche oder auch bloss fahrlässig in Kauf genommene Verletzung der anwaltlichen Treuepflicht" gegenüber Dino Bellasi und damit einen Verstoss gegen Art. 10 FG sowie im Zusammenhang mit den Medienkontakten des Beschwerdeführers einen solchen gegen Art. 14 FG (Verbot aufdringlicher Werbung). Zwar seien die Reaktionen der Medien auf das Verhalten des Beschwerdeführers vom 23. (Verbreitung der "Auftragstheorie") und vom 31. August 1999 (Widerruf der Beschuldigungen) seinem Ansehen nicht förderlich gewesen, doch könne nicht gesagt werden, "dass Würde und Ansehen des Berufsstandes" dadurch generell "tangiert worden wären". Auch sei festzuhalten, dass das Vertrauen des Klienten, also jener Person, um deren Interessen es im konkreten Fall ginge, offensichtlich nach wie vor uneingeschränkt vorhanden sei; eine Sanktion wegen einer Missachtung von Art. 8 FG (standeswürdiges Verhalten) rechtfertige sich deshalb ebenfalls nicht. b) Die Anwaltskammer sah indessen Art. 11 Abs. 1 FG (gewissenhafte Berufsausübung) insofern verletzt, als der Beschwerdeführer die Darstellung Dino Bellasis, er habe im Auftrag seiner Vorgesetzten gehandelt, unkritisch in den Medien verbreitete, denn dies habe "unzweifelhaft den objektiven Tatbestand der üblen Nachrede gemäss Art. 173 Ziff. 1 StGB" erfüllt, "jedenfalls soweit als die Betroffenen namentlich genannt wurden", was zumindest in Bezug auf Divisionär Peter Regli der Fall gewesen sei. Der Anwalt dürfe dann nicht mehr unbesehen alles übernehmen, was ihm der Klient vortrage, wenn dessen Sachverhaltsdarstellung geradezu abenteuerlich anmute, was umso mehr gelten müsse, wenn sie wegen ihrer Brisanz geeignet erscheine, Dritte in ihrer Ehre zu verletzen und in der Öffentlichkeit "einen erheblichen Wirbel oder sogar eine kleinere Staatskrise auszulösen". Bei Anwendung der standesrechtlich zu fordernden Sorgfalt wäre eine Verbreitung der "Auftragstheorie" des Klienten in der Öffentlichkeit erst zulässig gewesen, wenn die - nach den Umständen mögliche und zumutbare - Überprüfung zumindest gewisse Anhaltspunkte für deren Richtigkeit ergeben hätte. Im Rahmen der den Medien anlässlich der Pressekonferenz der Bundesanwaltschaft abgegebenen Widerrufserklärung habe der Beschwerdeführer eingeräumt, er habe von Anfang an mit der Möglichkeit gerechnet, dass die Geschichte, die sein Klient erzählt habe, falsch sei. Damit habe er aber zumindest eventualvorsätzlich die Rechtswidrigkeit der erhobenen Vorwürfe in Kauf genommen. Fürsprecher Seydoux sei zur Wahrung seiner anwaltlichen Sorgfaltspflicht zwar gehalten gewesen, die Sachverhaltsdarstellung seines Klienten als "Arbeitshypothese" aufzunehmen und in die Ermittlungen einzubringen. Er habe diese "keinesfalls von sich aus und ohne Beweisführung als Hirngespinst abtun" können, doch hätte er bei deren Verbreitung in der Öffentlichkeit grössere Zurückhaltung üben müssen. Entlastend berücksichtigte die Anwaltskammer, dass Fürsprecher Seydoux doch auch plausible Argumente für die Annahme gehabt habe, dass sie vielleicht dennoch der Wahrheit entspreche. Die "Einzeltätertheorie" sei anfänglich kaum überzeugender erschienen als die dem Beschwerdeführer von seinem Klienten gelieferte Darstellung. Der Entscheid über deren Publikation oder Nichtpublikation habe rasch gefällt werden müssen, "als die Sache 'heiss' war und die Medien täglich darüber berichteten". Das disziplinarrechtlich relevante subjektive Verschulden bezüglich des objektiv rechtswidrigen Vorgehens müsse deshalb "im Verhältnis zur erheblichen objektiven Tragweite des Falles als eher gering qualifiziert werden". c) Der Beschwerdeführer beanstandet, die Anwaltskammer habe ihn aufgrund einer willkürlich getroffenen Annahme gebüsst, die aktenmässig nicht belegt und objektiv unhaltbar sei, und damit das Willkürverbot sowie die Offizialmaxime verletzt. Sie habe ihn bezüglich der konkret erhobenen Vorwürfe "nicht nur im Dunkeln gelassen, sondern [...] geradezu in die Irre geleitet" und ihn damit jeglicher Verteidigungsmöglichkeit "beraubt", was gegen Treu und Glauben verstosse und Art. 6 EMRK verletze. Es sei nicht nachvollziehbar, wie die Anwaltskammer zum Schluss habe kommen können, die "Auftragstheorie" sei als "unhaltbar widerlegt". Sie habe keinen Beweis zur Frage abgenommen, über welche Hinweise für deren Richtigkeit er am 23. August 1999 verfügt habe. Aufgrund der Eröffnungsverfügung vom 6. September 1999 habe er nicht wissen können, welche konkrete Tätigkeit für Dino Bellasi ihm eigentlich zur Last gelegt werde. Weder der Begründung, mit der sein Begehren um Bekanntgabe der konkreten Vorwürfe abgelehnt und worin ihm "ein Zitat vom 1.9.1999" (Kommentar im "Blick") vorgehalten worden sei, noch "den von der Vorinstanz gesammelten Zeitungsausschnitten" habe er entnehmen können, dass es "um die Pressemitteilung vom 23.8.1999" gegangen sei. Er sei "mit diesem Zitat klar irregeführt" worden. "Dass es der Vorinstanz mit ihren Vorwürfen nicht um die Pressemitteilung vom 23.8.1999" gegangen sei, habe er "auch aus der Ablehnung der Einvernahme von Frau del Ponte als Zeugin" folgern müssen. Und schliesslich sei an der fraglichen Verhandlung vor der Anwaltskammer auch Dino Bellasi keine einzige Frage "über Anlass, Sinn und Zweck der Pressemitteilung vom 23.8.1999" gestellt worden.