Citation: U 71/02 27.03.2003 E. 6

6.1 Beim Tinnitus handelt es sich um ein körperliches Leiden, dessen eigentliche Ursache in einem kleineren oder grösseren Innenohrschaden zu suchen ist (Prof. Dr. med. Bernhard Kellerhals, Grundprobleme der Tinnitus-Hilfe aus medizinischer Sicht, Hrsg. Schweizerische Tinnitus-Liga, www.tinnitus-liga.ch). Die Dekompensation (psychische Fehlverarbeitung) gehört bei einem sehr schweren Tinnitus nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung gleichsam zu dessen Charakteristik. Mit dem Begriff der Dekompensation wird umschrieben, dass für das betroffene Individuum mit dem Auftreten des Tinnitus oder mit Verstärkung eines vorbestehenden Tinnitus die Vulnerabilitätsgrenze überschritten wurde, welche jenen Toleranzbereich begrenzt, in welchem körperliche, psychische oder soziale Störungen ohne Dekompensation verkraftet werden können. Bei Dekompensation eines Tinnitus beeinträchtigt dieser den Beruf, das soziale Leben und das psychische und körperliche Wohlbefinden eines Patienten hochgradig. Die Dekompensation ist nicht nur psychisch bedingt, sondern umfasst auch biologische und soziale Ursachen. Begleitende somatische Beschwerden wie Schwindel oder abnorme Lärmempfindlichkeit begünstigen die Dekompensation, ebenso vorbestehende depressive oder anderweitige psychische Prädispositionen oder erschwerende soziale Umstände. Der Dekompensation kommt somit massgebende Bedeutung bei der Entstehung der Arbeitsunfähigkeit zu. Wenn der Tinnitus als Berufskrankheit (oder wie vorliegend als unfallbedingte Gesundheitsschädigung) zu qualifizieren ist, stellt sich die Frage, ob er einen Integritätsschaden, eine Behandlungsbedürftigkeit (z.B. auf Grund einer Dekompensation), eine Arbeits- oder gar eine Erwerbsunfähigkeit verursacht. Der Kausalzusammenhang ist hier derselbe, der zwischen einem Unfall und der nachfolgenden Behandlungsbedürftigkeit, Arbeits- oder Erwerbsunfähigkeit bestehen muss (EVGE 1959 S.8; Scartazzini, Les rapports de causalité dans le droit suisse de la sécurité sociale, Diss. Genf 1991, S. 96 und 132, Meyer-Blaser, Kausalitätsfragen aus dem Gebiet des Sozialversicherungsrechts, SZS 1994 S. 107). Die Dekompensation eines Tinnitus und die entsprechenden Folgen liegen auf der Ebene der psychogenen Reaktionen und ein natürlicher Kausalzusammenhang ist demnach zu bejahen, wenn die Gesundheitsschädigung ohne den Unfall oder die Berufskrankheit wohl nicht eingetreten wäre (ähnlich BGE 120 V 355 Erw. 5a mit Hinweis auf Meyer-Blaser, a.a.O., S. 102) (nicht publiziertes Urteil Z. vom 29.September 1996 [U14/96]). 6.2 Bezogen auf den vorliegend zu beurteilenden Sachverhalt heisst dies, dass bei der psychischen Fehlverarbeitung (Dekompensation) eines durch Unfall verursachten Tinnitus, welche bei einem sehr schweren Tinnitus gleichsam zu dessen Charakteristik gehört, der adäquate Kausalzusammenhang nach der normalen Adäquanzformel, d.h. nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung, und nicht - wie es die SUVA und die Vorinstanz vorliegend getan haben - nach der Rechtsprechung für eine psychische Fehlentwicklung nach Unfall, zu beurteilen ist. Dieser speziellen Ausgangslage muss bei der Prüfung der Kausalität Rechnung getragen werden. Damit die psychischen Beschwerden als Auswirkung des primär unfallbedingten Tinnitus qualifiziert werden können, müssen sie mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit als direkte Folge darauf zurückzuführen sein. Die Adäquanz kann diesfalls ohne weiteres bejaht werden, wenn die somatischen Beschwerden (Tinnitus) nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung, wozu in erster Linie die wissenschaftlichen Erkenntnisse gehören, einen Erfolg von der Art des eingetretenen zu bewirken vermag. Allfällige andere psychische Beschwerden, für welche der Unfall mit überwiegender Wahrscheinlichkeit mindestens eine Teilursache darstellt, sind hingegen im Sinne von sekundären Folgen in Bezug auf den adäquaten Kausalzusammenhang unter dem Gesichtspunkt einer psychischen Fehlentwicklung nach Unfall zu beurteilen. Die Qualifikation der psychischen Beschwerden als direkte Auswirkungen des Tinnitus oder aber als sekundäre Folge davon bzw. reine psychische Erkrankung hat auf Grund der ärztlichen Berichte zu erfolgen. 6.3 Entsprechend differenzierte ärztliche Berichte liegen zwar nicht vor, doch ist auf Grund der Aussagen im neurootologischen Untersuchungsbericht des SUVA-Arbeitsmediziners Dr. med. Z.________ (vgl. Erw.5.1) erstellt, dass der zentral fixierte und dekompensierte sehr schwere Tinnitus des Beschwerdeführers primär unfallbedingt ist. Auch wenn es der Aussage des Arztes an Klarheit mangelt, so hat er eine Verbindung zwischen dem Unfallereignis und dem Tinnitus eindeutig bestätigt, dabei aber sinngemäss (und richtig) zu verstehen gegeben, dass es sich bei der Beurteilung der Adäquanz nicht um eine medizinische, sondern um eine Rechtsfrage handelt. 6.4 Der Tinnitus des Beschwerdeführers wurde bereits unmittelbar nach dem Unfall und lange vor den psychischen Beschwerden rapportiert und mit dem Unfall in Zusammenhang gebracht (Erw. 5.2). Da es sich um ein körperliches Leiden handelt, bei dem die psychische Fehlverarbeitung bei sehr schwerem Verlauf gleichsam zu dessen Charakteristik gehört, sind die psychischen Beschwerden nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung direkte Folge und daher der adäquate Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis vom 22.Juli 1994 und der gesundheitlichen Störung des Beschwerdeführers zu bejahen. Die Sache ist an die SUVA zurückzuweisen, die auf dieser Grundlage erneut über den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers befinden wird.