Citation: U 180/04 11.04.2005 E. 3.1

3.1.1 Dr. med. G.________ veranlasste gemäss Bericht vom 24. Oktober 2000 wegen der komplexen Vorgeschichte eine Röntgenaufnahme sowie ein MRI der HWS, welche ausgeprägte degenerative Veränderungen, jedoch keine unfallbedingten Verletzungen zeigten. Nach zwei klinischen Untersuchungen kam er zum Schluss, dass einzig eine hochgradig eingeschränkte Beweglichkeit der HWS festzustellen sei. Den depressiven Tendenzen sei entschieden entgegenzutreten. Er empfahl, das zu Begriffsstutzigkeit, Verlangsamung und Somnolenz führende Medikament Tramal abzusetzen und intensive Physiotherapie zur Entwöhnung des Halskragens zu beginnen. Gemäss Verlaufsbericht vom 11. Januar 2001 bestand ohne neurologische Erklärung ein auffälliges Schonverhalten ohne Fortschritte in den Funktionsdefiziten der HWS. Im September 2001 stellte Dr. med. G.________ die physiotherapeutischen Massnahmen bei regredienten Schmerzen ein, weil keine Funktionsverbesserung der HWS zu erzielen sei (Berichte vom 30. November 2001 und 16. April 2002). 3.1.2 Kreisarzt Dr. med. R.________ erhob neben einer extrem eingeschränkten Beweglichkeit des Kopfes, wie sie aktiv vordemonstriert werde, weder pathologische Befunde, insbesondere keine Verspannung der Paracervical- und Schultermuskulatur, noch radiologisch nachgewiesene posttraumatische Veränderungen (Berichte vom 9. Februar 2001 und 2. April 2002). 3.1.3 Laut Austrittsbericht der Klinik E.________ vom 7. Juni 2001 leidet der Beschwerdegegner nach Verkehrsunfall mit HWS-Distorsionstrauma bei vorbestehendem unfallfremdem Zustand (Diskektomie sowie interkorporelle Spondylodese C5/6 wegen radikulären Ausfällen) an einem therapie-refraktären zervikovertebralen Schmerzsyndrom mit gelegentlich spondylogener Komponente und mässiggradiger schmerzhafter HWS-Beweglichkeitseinschränkung sowie neurologisch noch geringen Beeinträchtigungen des Gleichgewichtssystems. Zudem liege eine unfallfremde Impingementsymptomatik an der rechten Schulter vor. Es bestehe eine allgemein reduzierte psychophysische Belastbarkeit. Die Psychiater des psychosomatischen Konsiliums vom 24. April 2001 diagnostizierten eine Anpassungstörung mit gemischter, depressiver Reaktion (ICD-10 F43.22). Die bereits im Oktober 2000 von Dr. med. G.________ beschriebenen Tendenzen liessen sich aktuell in reduzierter Form bestätigen. Es mischten sich Symptome, die bei posttraumatischen Belastungsstörungen zu finden seien (Unfallträume und Flashback-Erlebnisse mit depressiven Gedanken und sozialem Rückzug), mit einer allgemein verstärkten Ängstlichkeit. Die berufliche Tätigkeit sei durch die psychische Störung kaum beeinträchtigt. 3.1.4 Hinsichtlich des vor dem Unfall vom 12. September 2000 vorgelegenen Gesundheitszustands ist dem Bericht des Dr. med. G.________ vom 24. Oktober 2000 zu entnehmen, dass der Beschwerdegegner sich im Jahre 1987 einer Diskektomie (Abtragen von spondylotischen Randzacken) und interkorporellen Spondylodese (operativer Versteifung) der HWS auf Höhe C5/6 wegen therapieresistenter Zervikobrachialgie mit sensomotorischen Ausfällen unterzog. Er war während einer Dauer von ungefähr sechs Monaten arbeitsunfähig. Im Oktober 1997 kam es zu erneuten Beschwerden, welche sich jedoch spontan zurückbildeten. Laut Bericht des Dr. med. R.________ vom 9. Februar 2001 ging der Beschwerdegegner gemäss eigenen, von der Ehefrau bestätigten Angaben in den letzten Jahren vor dem Unfall in der Regel bereits um 18.00 Uhr ins Bett, wobei er zum Schlafen häufig eine Schlinge um den Kopf legte, welche zur Extension der HWS diente. 3.2 Anhand dieser medizinischen Unterlagen ist eine hinreichend schlüssige Beurteilung des Gesundheitszustandes vor und nach dem Unfall vom 12. September 2000 möglich. Die aus neurologischer Sicht einzig noch bestehenden belastungs- und bewegungsabhängigen zervikalen Beschwerden sind chronifiziert und können therapeutisch nicht mehr beeinflusst werden. Der psychische Gesundheitszustand ist in der Klinik E.________ psychiatrisch abgeklärt worden, wobei sich die vom behandelnden Neurologen erkannten depressiven Tendenzen in reduzierter Form bestätigten. Wie sich aus dem psychosomatischen Konsilium vom 24. April 2001 zudem ergibt, steht die Anpassungsstörung vor allem in Zusammenhang mit dem Unfallerlebnis als solchem (auf die Kühlerhaube gehobene, an der Windschutzscheibe abgeprallte und zu Boden geschleuderte Frau, die verletzt liegen bleibt) und weniger mit den nach dem Unfall aufgetretenen körperlichen Beschwerden. Aus diesen Umständen ist zu schliessen, dass sich die Symptomatik allmählich verbessert und nicht verschlimmert hat, zumal ein Unfallerlebnis erfahrungsgemäss in der Regel mit der Zeit psychisch verarbeitet wird. Zwar empfiehlt Dr. med. G.________ im Bericht vom 16. April 2002 eine psychiatrische Begutachtung gestützt auf eine Wertung der Hamilton Depressionsskala, indessen gibt er an, dass die erreichte Gesamtpunktzahl, die einer schweren Depression entsprechen würde, in auffälligem Kontrast zum Erscheinungsbild des Beschwerdegegners stehe. Nach dem Gesagten ist von weiteren Abklärungen abzusehen. 3.3 Auf Grund der Akten steht fest, dass kein organisch fassbarer, unfallbedingter Gesundheitsschaden mit entsprechendem Korrelat besteht. Ein für das Vorliegen eines Schleudertraumas der HWS erforderliches typisches Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden wie diffuse Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit, Visusstörungen, Reizbarkeit, Affektlabilität, Depression, Wesensveränderung usw. (BGE 117 V 360 Erw. 4b) liegt nicht vor. Im Zeitpunkt des Einspracheentscheids litt der Beschwerdegegner lediglich noch an einem vertebragenen Zervikalsyndrom mit schmerzhafter Funktionseinschränkung (Bericht des Dr. med. G.________ vom 16. April 2002) sowie an allgemeiner psychophysischer Erschöpfung. Die Anpassungsstörung entspricht nach dem in vorstehender Erwägung Gesagten nicht dem typischen Beschwerdebild eines HWS-Traumas, sondern ist als selbstständige Gesundheitsschädigung zu betrachten (vgl. RKUV 2001 Nr. U 412 S. 79 Erw. 2b). Insgesamt können die Beschwerden im Rahmen der Kausalitätsbeurteilung weder einer unfallspezifischen Verletzung noch einem Schleudertrauma der HWS oder einem äquivalenten Mechanismus (RKUV 2000 Nr. U 395 S. 317 Erw. 3) zugeordnet werden. In einem solcher Art gelagerten Fall hat das Eidgenössische Versicherungsgericht im Urteil M. vom 9. Dezember 2004, U 344/03, hinsichtlich eines unfallbedingten Zervikalsyndroms erwogen, die muskuläre Dysbalance im Bereich von Nacken und Schulter und ihre typischen Folgen (wie Instabilität und Hypomobilität der HWS, Spannungskopfschmerzen) seien weitverbreitet. Die latente Gegenwart einer solchen alternativen Ätiologie des Zervikalsyndroms stelle - in Verbindung mit der im Einzelfall fehlenden Objektivierbarkeit unfallspezifischer Verletzungen - den Kausalzusammenhang mit einem Unfall, welcher den Zervikalbereich in Mitleidenschaft zieht, zunehmend in Frage, sobald dieser infolge wachsender zeitlicher Distanz nicht mehr als dominanter Grund - oder zumindest als auslösender Faktor - erscheine. Analog ist auch der vorliegende Fall zu beurteilen. Der Beschwerdegegner litt prätraumatisch an erheblichen Beeinträchtigungen der HWS, die eine Operation notwendig machten und zu zeitweiliger Arbeitsunfähigkeit führten. Im Jahre 1997 kam es zu einem Rezidiv, welches spontan abheilte. Radiologisch sind ausgeprägte degenerative Veränderungen an der gesamten HWS nachgewiesen. In den letzten Jahren vor dem Unfall ging der Beschwerdegegner jeweils bereits am frühen Abend zu Bett und benutzte zum Schlafen eine Schlinge, was darauf schliessen lässt, dass auch schon damals eine deutlich reduzierte psychophysische Belastbarkeit bestand. Wie in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde gestützt auf die Kurzbeurteilung der Arbeitsgruppe für Unfallmechanik vom 27. Februar 2002 sowie die Berichte des Dr. med. R.________ vom 2. April und 2. Juli 2002 zutreffend erörtert wird, ist der Unfallablauf vom 12. September 2000 hinsichtlich der auf den Körper des Beschwerdegegners einwirkenden physikalischen Kräfte einer im täglichen Strassenverkehr häufig vorkommenden Vollbremsung gleichzusetzen, welche erfahrungsgemäss kaum je zu Schädigungen an der für Distorsionen anfälligen HWS führt. Unter diesen Umständen und in Berücksichtigung der fehlenden objektivierbaren unfallspezifischen Schädigung stellt der Unfall vom 12. September 2000 nicht die eigentliche Ursache des beeinträchtigten Gesundheitszustandes dar, sondern bloss einen die Symptome verstärkenden Faktor. Im Zeitpunkt der Leistungseinstellung am 8. April 2002 ist daher das Dahinfallen des natürlichen Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfall vom 12. September 2000 und dem Gesundheitsschaden mit dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen. Demgemäss hat die SUVA im Einspracheentscheid vom 28. November 2002 eine Leistungspflicht für die zervikalen Beschwerden und die allgemein psychophysisch reduzierte Belastbarkeit mangels eines natürlichen Kausalzusammenhangs richtigerweise verneint. 3.4 Die Anpassungsstörung bewirkt gemäss psychosomatischem Konsilium vom 24. April 2001 keine Arbeitsunfähigkeit, weshalb eine Leistungspflicht der SUVA (Taggeld, Rente) schon aus diesem Grund entfällt. Der Kausalitätsfrage ist daher in diesem Zusammenhang nicht weiter nachzugehen.