Citation: 6B_221/2009 02.09.2009 E. 6.6

6.6.1 Mehr als 90 % aller Spülungen erfolgen automatisch. Dabei werden grundsätzlich die gleich grossen Mengen Schwallwasser ins Bachbett freigesetzt wie bei den manuellen Spülungen. Die automatischen Spülungen sind unvorhersehbar. Sie können jederzeit, unter Umständen mehrmals täglich, und auch mitten am Tage stattfinden. So fanden gemäss der von den Beschwerdeführern 2 und 4 unter Bezugnahme auf die Histo-Grafik von GKW III (kant. Akten Ordner I p. 55 ff.) beigelegten Auflistung beispielsweise die folgenden automatischen Spülungen mitten am Tage statt: Am 18. Juli um 14.13 Uhr, am 24. Juli um 11.20 Uhr, am 27. Juli um 16.00 Uhr, am 3. August um 13.52 Uhr, am 4. August um 10.38 Uhr sowie um 15.38 Uhr, am 5. August um 12.36 Uhr. 6.6.2 Bei den automatischen Spülungen wurde auf die möglichen Folgen für Menschen, die sich ungeachtet der Warntafeln im Bachbett aufhielten, nicht durch zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen Rücksicht genommen. Für die automatischen Spülungen waren von den hiefür Verantwortlichen weder Sperrzeiten noch bauliche oder technische Sicherheitsmassnahmen eingeführt worden wie beispielsweise die Freisetzung von zunächst nur geringen Wassermassen im Sinne einer Vorwarnung und/oder automatische akustische Warnsignale. Kontrollgänge beziehungsweise Kontrollfahrten im Gelände sind bei automatischen Spülungen nicht möglich respektive nicht zumutbar, da die automatischen Spülungen auch tagsüber jederzeit unerwartet und unvorhersehbar erfolgen können. 6.6.3 Diese Tatsachen, die den Beschwerdeführern bekannt waren, zählen zu den Umständen im Sinne von Art. 12 Abs. 3 StGB beziehungsweise Art. 18 Abs. 3 aStGB, nach denen sich die zu beachtende Vorsicht bestimmt. Unter den genannten Umständen haben sich die Beschwerdeführer nicht pflichtwidrig unvorsichtig verhalten, indem sie am 31. Juli 2003, um 13.30 Uhr, eine manuelle Spülung ohne die nach der Ansicht der Vorinstanz gebotenen zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen vornahmen respektive anordneten beziehungsweise nicht verhinderten. Zwar sind bei manuellen Spülungen im Unterschied zu den viel häufigeren automatischen Spülungen, die jederzeit und unvorhersehbar erfolgen können, vorgängige Kontrollfahrten und Kontrollgänge grundsätzlich möglich und würde durch solche Massnahmen das Risiko verringert. Daraus folgt aber nicht, dass im konkreten Fall der Verzicht auf diese Kontrollen pflichtwidrig unvorsichtig war. Bei den viel häufigeren automatischen Spülungen, welche dasselbe Gefährdungspotential aufweisen, wurden, wie die Beschwerdeführer wussten, von den für die Projektierung und den Bau der technischen Einrichtungen Verantwortlichen keine zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Die Beschwerdeführer durften daher unter den gegebenen Umständen davon ausgehen, dass bei einer gelegentlichen nachmittäglichen manuellen Spülung die zahlreichen Warntafeln und übrigen Informationen sowie, soweit überhaupt möglich, eine Beobachtung des Geländes während der Fahrt mit der Betriebsseilbahn zur Wasserfassung genügten. 6.6.4 Der Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung kann somit entgegen der Auffassung der Vorinstanz auch nicht mit dem Argument begründet, dass die manuelle Spülung am Nachmittag des 31. Juli 2003 ohne die nach der Ansicht der Vorinstanz gebotenen zusätzlichen Sicherheitsmassnahmen durchgeführt wurde. 6.7 Bei diesem Ergebnis muss auf die zahlreichen weiteren Einwände der Beschwerdeführer nicht eingetreten werden. Es kann mithin beispielsweise dahingestellt bleiben, ob der konkrete Unfall mit hoher Wahrscheinlichkeit verhindert worden wäre, wenn im Rahmen der manuellen Spülung am Nachmittag des 31. Juli 2003 die nach der Meinung der Vorinstanz bei pflichtgemässer Vorsicht gebotenen zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden wären. Offenbleiben kann auch, ob es den Beschwerdeführern 3 und 4 zum Vorwurf gereicht, dass sie sich einer manuellen Spülung am Nachmittag ohne zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen nicht widersetzten.