Citation: 5A_361/2023 E. 4.2

4.2. Die Vorinstanz setzte sich zunächst mit dem Abklärungsbericht D.________ AG auseinander, dem sie die Qualität eines Gutachtens zumass und unter diesem Gesichtspunkt prüfte. Sie erwog, als solches sei der Abklärungsbericht vollständig, nachvollziehbar und stimmig. Die von der Gutachterin verwendeten Akten und die durchgeführten Beweiserhebungen (Hausbesuche bei beiden Elternteilen, Interaktionsbeobachtungen, Elterngespräche sowie Telefongespräche, persönliche Gespräche mit einem Kinderpsychologen und einer Kinderärztin) würden offengelegt, die relevanten Faktoren (Bindungspräferenz, Erziehungskompetenz, Bindungstoleranz, Stabilität, Ereignisse, aktuelle Situation) seien vollständig und detailliert berücksichtigt worden und die Erkenntnisse sowie Schlussfolgerungen seien begründet. Diese seien klar und stimmig, inhaltliche Widersprüche seien nicht auszumachen. Auch das Amtsgericht Dresden habe festgehalten, der Abklärungsbereicht D.________ AG sei sehr umfassend, tiefgründig, erscheine schlüssig und nachvollziehbar und die Vorgehensweise der Gutachterin entspreche den allgemein anerkannten Regeln für die Erstattung eines Gutachtens. Ausserdem deckten sich die Ausführungen der Gutachterin mit den eigenen Beobachtungen. Abschliessend hielt die Vorinstanz fest, der Abklärungsbereicht D.________ AG sei nunmehr drei Jahre alt, was aber nicht bedeute, dass es als Ganzes veraltet wäre. Es sei vielmehr darauf zu achten, welche Teile nach wie vor aktuell erscheinen und welche sich auf eine frühere Situation beziehen würden. In der Folge kam die Vorinstanz auf die Kriterien für die Obhutszuteilung zu sprechen. Sie erachtete die Erziehungsfähigkeit grundsätzlich bei beiden Elternteilen als gegeben. Die Beschwerdeführerin zeige aber im Gegensatz zum Beschwerdegegner wenig bis keine Bindungstoleranz. Dies gehe aus dem Abklärungsbericht D.________ AG hervor und werde von den Aussagen des Kinderpsychologen H.________, der Kindergärtnerin von C.A.________, dessen Lehrerinnen sowie der Kinderanwältin gestützt. Auch das Amtsgericht Dresden habe diesen Eindruck gewonnen. Die Beschwerdeführerin habe namentlich oft in unguter und unkritischer Weise über den Beschwerdeführer gesprochen. Im Berufungsverfahren - so die Vorinstanz weiter - habe sie unter anderem gar versucht, ihn aus der elterlichen Sorge zu drängen. Die Vorwürfe der Beschwerdeführerin gegen den Beschwerdegegner hätten jedoch nicht bestätigt werden können. Nach dem Verbringen von C.A.________ durch die Beschwerdeführerin nach Deutschland habe das Kind wochenlang keinen Kontakt zum Beschwerdegegner gehabt, obwohl es Aufgabe der Beschwerdeführerin gewesen wäre, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Zwar habe auch der Beschwerdegegner Mühe damit, wenn C.A.________ positiv über seinen Aufenthalt in Deutschland und den neuen Partner der Beschwerdeführerin erzähle. Dennoch sei es ihm subjektiv möglich und emotional erlaubt, beim Beschwerdegegner über den Partner der Beschwerdeführerin zu sprechen, was im umgekehrten Fall - wenn C.A.________ bei der Beschwerdeführerin positiv über den Beschwerdegegner oder seine Partnerin sprechen wolle - nicht möglich zu sein scheine. Sodann führt die Vorinstanz aus, die Kriterien der persönlichen Betreuung (unter Berücksichtigung der Gleichwertigkeit von Eigen- und Fremdbetreuung) und die Geschwisterbeziehungen seien neutral zu bewerten, während das Kriterium der Kontinuität und Stabilität für die Obhutszuteilung an den Beschwerdegegner sprächen. C.A.________ habe den Grossteil seines Lebens in W.________ beim Beschwerdegegner verbracht: Er sei seit seiner Geburt in W.________ wohnhaft gewesen mit Ausnahme zirka eines Jahres (Mai 2019 bis Juni 2020), in dem das Kind bei der Beschwerdeführerin in Y.________ gewohnt habe, und eines halben Jahres (Januar 2021 bis Juni 2021), in dem es in Deutschland mit der Beschwerdeführerin verbracht habe. Zwischen Juni 2020 und der Verbringung von C.A.________ nach Deutschland sei die alternierende Obhut angeordnet worden, wobei sich das Kind von Montagmorgen bis Donnerstag in W.________ beim Beschwerdegegner aufgehalten habe. Seit Juni 2021 wohne C.A.________ wieder in W.________ beim Beschwerdegegner. Bei der Beschwerdeführerin halte er sich alle zwei Monate am Wochenende sowie während acht Ferienwochen im Jahr auf. Weiter erwog die Vorinstanz, dass der Beschwerdegegner über gesicherte und gute finanzielle Verhältnisse verfüge und C.A.________ in W.________ ein kindgerechtes Zuhause mit eigenem Zimmer biete. Dort wohne er mit seinem Vater, dessen Partnerin und ihrem Sohn zusammen. Zu allen pflege C.A.________ ein gutes Verhältnis. Weitere Verwandte lebten in unmittelbarer Nähe. C.A.________ pflege in W.________ Freundschaften und sei im dortigen Fussball- und Turnverein aktiv. In der Schule fühle er sich wohl. Er sei in eine stabile und verlässliche Betreuungskultur eingebunden. Der Beschwerdegegner nehme den Aussagen des Kindes nach alle Mahlzeiten mit ihm ein. Ohnehin habe sich der Beschwerdegegner so eingerichtet, dass er teils auch die Nachmittage mit C.A.________ verbringen könne, da er das Restaurant, das er führe, schliesse. C.A.________ scheine in W.________ bestens integriert und sich gut zu entwickeln. Auch bei der Beschwerdeführerin verfüge er über ein eigenes Zimmer. In der Nähe wohne die Mutter der Beschwerdeführerin. Die Beschwerdeführerin wohne im Haus ihres Partners und arbeite in einem Teilzeitpensum im Unternehmen ihres Partners. Damit befinde sie sich in einer kompletten Abhängigkeit von ihrem Partner, weshalb ihre Lebensumstände als wesentlich instabiler erscheinen würden als jene des Beschwerdegegners. Bei einer allfälligen Trennung des Beschwerdegegners von seiner Partnerin sei weder die Wohnsituation noch die Beibehaltung des gelebten Lebenskomforts von C.A.________ gefährdet. Vorteile für einen Wohnortswechsel für C.A.________ seien insgesamt keine ersichtlich. Den Erwägungen zum Kindeswillen schickte die Vorinstanz voraus, dass den Aussagen des siebenjährigen C.A.________ kein materiellrechtlicher Gehalt zukäme, sie jedoch in die Gesamtwürdigung einzubeziehen seien. Gemäss Abklärungsbericht D.________ AG äussere C.A.________ den Wunsch, bei seiner Mutter wohnen zu wollen. Es mache indes den Anschein, die Beschwerdeführerin wirke auf subtile Weise - ob bewusst oder unbewusst - auf das Kind ein. Dies habe auch das Amtsgericht Dresden festgestellt. C.A.________ nehme die Mutter als bedürftigeren Elternteil wahr und wolle ihr helfen, weshalb seine Aussagen mehr in ihre Richtung tendierten. Gemäss Kinderpsychologen H.________ befinde sich C.A.________ in einem massiven Loyalitätskonflikt. An der Anhörung vor der Vorinstanz habe C.A.________ mitgeteilt, dass er bei beiden Eltern wohnen und auch in beide Schulen gehen wolle. Es gefalle ihm sowohl bei seiner Mutter wie bei seinem Vater sehr gut. Selbst wenn C.A.________ noch durchgehend den Wunsch geäussert hätte, auf jeden Fall bei der Mutter wohnen zu wollen, könne solchen Aussagen aufgrund der vorliegenden Dynamik im Familiensystem wie auch der Beeinflussung durch die Mutter kein entscheidendes Gewicht zukommen. Dem fügte die Vorinstanz schliesslich an, C.A.________ sei mit sieben Jahren für die zu beurteilende Frage nicht urteilsfähig.