Citation: 2C_964/2019 E. 8.2.3

8.2.3. Das systematische Auslegungselement bildet ebenfalls keinen triftigen Grund, entgegen der tendenziell eindeutigen Formulierung in Art. 15 Abs. 1 lit. e MWSTG als Liquidationsergebnis die Gesamtsumme der von der Gesellschaft während der Liquidationsphase im Rahmen der Leistungserbringung erzielten Entgelte zu verstehen: Es kann diesbezüglich auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden, wonach Art. 15 Abs. 1 lit. e MWSTG (soweit interessierend) mit Art. 15 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 13. Oktober 1965 über die Verrechnungssteuer (Verrechnungssteuergesetz, VStG; SR 642.21) identisch ist, der übereinstimmende Wortlaut und Sinn sowie Zweck dieser Bestimmungen deren einheitliche Auslegung nahelegen und nach der damit heranzuziehenden verrechnungssteuerrechtlichen Rechtsprechung (insbesondere Urteil 2C_806/2013 vom 24. März 2014 E. 3.5.1; vgl. dazu auch THOMAS A. MÜLLER, Die solidarische Mithaftung im Bundessteuerrecht, 1999, S. 146 f.) als Liquidationsergebnis der Betrag zu qualifizieren ist, welcher nach Tilgung der Schulden und der Liquidationskosten verbleibt (vgl. E. 2.4.4 und E. 2.5.4 des angefochtenen Urteils). Was die Beschwerdeführerin hiergegen vorbringt, verfängt nicht. Namentlich kann in der vorinstanzlichen Anlehnung an die verrechnungssteuerliche Judikatur zum Begriff des Liquidationsergebnisses keine unbesehene Übernahme eines Verständnisses aus einem anderen Steuerrechtsbereich erblickt werden, welcher dem Gebot der autonomen Auslegung des Mehrwertsteuerrechts im Lichte seiner Zielsetzung widersprechen würde (vgl. dazu MICHAEL BEUSCH, Auslegung, in: Zweifel et al. [Hrsg.], a.a.O., N. 16). Dies gilt schon deshalb, weil diese Anlehnung unter anderem mit dem betreffend Haftung gleichgerichteten Zweck der verrechnungssteuerlichen und mehrwertsteuerlichen Ordnung (Präventiv- und Absicherungsfunktion der solidarischen Mithaftung) begründet wurde (vgl. dazu auch XAVIER OBERSON, La responsabilité fiscale des organes dirigeants des sociétés anonymes, in: La semaine judiciaire [SJ] 2006 II S. 293 ff., S. 306, wonach das Mehrwertsteuerrecht die Ordnung von Art. 15 Abs. 1 VStG übernehme und deshalb die verrechnungssteuerrechtliche Rechtsprechung bei der Anwendung von Art. 32 Abs. 1 lit. c MWSTG herangezogen werden könne. Im gleichen Sinne auch ROBERT DANON, La responsabilité fiscale solidaire des organes en cas de liquidation d'une société de capitaux, in: François Bohnet [Hrsg.], Quelques actions en responsabilité, 2008, S. 200 ff., S. 222). Anders als nach Auffassung der Beschwerdeführerin steht einem Beizug der erwähnten Rechtsprechung zum Verrechnungssteuerrecht auch nicht entgegen, dass das Liquidationsergebnis im Mehrwertsteuerrecht anders als bei der Verrechnungssteuer, bei welcher der Liquidationsüberschuss als geldwerte Leistung an Beteiligungsinhaber oder ihnen nahestehende Personen ein Steuerobjekt bildet (vgl. Art. 20 Abs. 1 der Verordnung vom 19. Dezember 1966 über die Verrechnungssteuer [Verrechnungssteuerverordnung, VStV; SR 642.11]), kein Steuerobjekt ist. Ebenso wenig, wie Anhaltspunkte dafür bestehen, dass bei der Verrechnungssteuer die Umschreibung des Steuerobjektes Einfluss auf die Tragweite des Begriffes des Liquidationsergebnisses in Art. 15 Abs. 1 lit. a VStG hat, ist ersichtlich, weshalb die gesetzliche Ordnung des Inlandsteuerobjektes (vgl. Art. 18 ff. MWSTG) mit seiner Anknüpfung an eine die Erwartung eines Entgelts umfassende Leistung (vgl. Art. 1 Abs. 2 lit. a MWSTG sowie Art. 3 lit. c i.V.m. Art. 18 Abs. 1 MWSTG; zum früheren Recht vgl. Art. 5 Abs. 1 lit. a und b aMWSTG) für das Verständnis der hier streitbetroffenen mehrwertsteuerlichen Haftungsbegrenzung auf den Betrag des Liquidationsergebnisses relevant sein sollte (mit Blick auf das Ausgeführte wäre auch eine bei Erlass der früheren Verordnung vom 22. Juni 1994 über die Mehrwertsteuer allenfalls geäusserte Meinung, wonach eine Übernahme der entsprechenden Haftungsbestimmung des Verrechnungssteuergesetzes nicht zweckmässig sei, weil die Ausschüttung des Liquidationsergebnisses anders als im Verrechnungssteuerrecht im Mehrwertsteuerrecht nicht der Steuer unterliege, nicht entscheidend. Selbst wenn diese Meinung - wie die Beschwerdeführerin behauptet - kundgetan worden sein sollte, liesse sich daraus nichts ableiten, da ein entsprechender Wille des historischen Gesetz- bzw. Verordnungsgebers, eine wesentlich vom Verrechnungssteuerrecht abweichende Ordnung der solidarischen Mithaftung der Liquidatoren zu schaffen, keinen Niederschlag im Gesetzes- bzw. Verordnungstext gefunden hat [vgl. BGE 137 V 167 E. 3.2 S. 170]). Auch bei Berücksichtigung der weiteren Unterschiede zum Verrechnungssteuerrecht (insbesondere der im Vergleich dazu erweiterten anderen Haftungstatbestände des Mehrwertsteuerrechts von Art. 15 Abs. 1 lit. a-d und Art. 15 Abs. 4 MWSTG bzw. Art. 32 Abs. 1 lit. a und b sowie Art. 32 Abs. 1 lit. e aMWSTG) sind keine Gründe ersichtlich, für den vorliegend interessierenden Haftungstatbestand die Haftungsbegrenzung (bzw. die Haftungsvoraussetzung eines [positiven] Liquidationsergebnisses) nicht in Einklang mit der Judikatur zu Art. 15 Abs. 1 lit. a VStG auszulegen.