Citation: U 191/00 14.01.2002 E. 2

2.- In materieller Hinsicht ist die Bemessung der Integritätsentschädigung für das psychische Leiden streitig. a) Die Vorinstanz hat richtig festgehalten, dass die Integritätsentschädigung entsprechend der Schwere des Integritätsschadens abgestuft wird (Art. 25 Abs. 1 UVG). Sie hat auch die einschlägigen bundesrätlichen Bestimmungen über die Bemessung der Integritätsentschädigung (Art. 36 Abs. 2 UVV in Verbindung mit Anhang 3 zur UVV) und die Rechtsprechung zur in Anhang 3 der UVV enthaltenen Skala (vgl. auch BGE 124 V 32 Erw. 1b und 210 Erw. 4a/bb) sowie zur Bedeutung der von der Medizinischen Abteilung der SUVA herausgegebenen Tabellen (vgl. auch BGE 124 V 32 Erw. 1c und 211 Erw. 4a/cc) zutreffend wiedergegeben. Darauf wird verwiesen. Beizufügen ist, dass sich die Schwere des Integritätsschadens, nach der sich die Bemessung der Integritätsentschädigung richtet, nach dem medizinischen Befund beurteilt. Bei gleichem medizinischen Befund ist der Integritätsschaden für alle Versicherten gleich; er wird abstrakt und egalitär bemessen. Die Integritätsentschädigung der Unfallversicherung unterscheidet sich daher von der privatrechtlichen Genugtuung, mit welcher der immaterielle Nachteil individuell unter Würdigung der besonderen Umstände bemessen wird. Es lassen sich im Gegensatz zur Bemessung der Genugtuungssumme im Zivilrecht (vgl. BGE 112 II 133 Erw. 2) ähnliche Unfallfolgen miteinander vergleichen und auf medizinischer Grundlage allgemein gültige Regeln zur Bemessung des Integritätsschadens aufstellen; spezielle Behinderungen der Betroffenen durch den Integritätsschaden bleiben dabei unberücksichtigt. Die Bemessung des Integritätsschadens hängt somit nicht von den besonderen Umständen des Einzelfalles ab; auch geht es bei ihr nicht um die Schätzung erlittener Unbill, sondern um die medizinisch-theoretische Ermittlung der Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Integrität, wobei subjektive Faktoren ausser Acht zu lassen sind (BGE 115 V 147 Erw. 1, 113 V 221 Erw. 4b mit Hinweisen). b) Gemäss psychiatrischem Gutachten des Dr. med. W.________ vom 12. Februar 1996 ist der Versicherte durch die posttraumatische Belastungsstörung in seiner psychischen Belastbarkeit erheblich eingeschränkt. Er zeigt zudem eine stark ausgeprägte Antriebslosigkeit. Im neuropsychologischen Bericht der Frau lic. phil. M.________ und des Dr. med. Z.________ vom 18. Dezember 1997 wird eine posttraumatische Belastungsstörung mit andauernder Persönlichkeitsstörung nach Extrembelastung diagnostiziert. Deutlich im Vordergrund stehe die Persönlichkeitsstörung mit Antriebslosigkeit, psychomotorischer Verlangsamung, dysphorischer Verstimmung und Lärmempfindlichkeit. Unter diesen Umständen sind Verwaltung und Vorinstanz unter Hinweis auf den Aufsatz von Murer/Kind/Binder, Integritätsentschädigung für psychogene Störungen nach Unfällen?, in: SZS 38/1994 S. 178 ff. (im Folgenden: Murer/Kind/Binder, Integritätsentschädigung), S. 195, zu Recht (und in Übereinstimmung mit der Auffassung des Beschwerdeführers) davon ausgegangen, dass die Integritätsentschädigung in Anlehnung an die Abstufung bei Hirnfunktionsstörungen gemäss Tabelle 8 "Integritätsschaden bei psychischen Folgen von Hirnverletzungen" der Medizinischen Abteilung der SUVA zu bemessen ist (vgl. BGE 124 V 36 Erw. 3c in Verbindung mit 32 Erw. 1c). Nach dieser Tabelle werden die Störungen aufgrund neuropsychologischer Untersuchungen als minimal, leicht, mittel und schwer eingestuft; posttraumatische Hirnfunktionsstörungen (= psychoorganisches Syndrom), welche sich in Störungen der neuropsychologischen Hirnleistungen (z.B. Gedächtnis, Merkfähigkeit und Konzentration) sowie Störungen der Persönlichkeit (Wesensveränderung: z.B. Antriebs- und Affektstörung) äussern, werden je nachdem, ob es sich um eine minimale, eine leichte, eine leichte bis mittelschwere, eine mittelschwere, eine mittelschwere bis schwere oder eine sehr schwere Hirnfunktionsstörung handelt, mit 0 bis 80 % gewichtet. c) Bei der in Anlehnung an die Abstufung bei Hirnfunktionsstörungen gemäss Tabelle 8 "Integritätsschaden bei psychischen Folgen von Hirnverletzungen" der Medizinischen Abteilung der SUVA vorzunehmenden Bestimmung des Schweregrades des psychopathologischen Zustandsbildes handelt es sich um eine Tatfrage. Für deren Beantwortung sind Verwaltung und Gerichte auf die Mithilfe ärztlicher bzw. neuropsychologischer Fachpersonen angewiesen, weil vom medizinischen/neuropsychologischen Laien eine zuverlässige Zuordnung der Störung zu einem bestimmten Schweregrad nicht erwartet werden kann (vgl. Murer/Kind/Binder, Integritätsentschädigung, S. 195 Fn 69, wonach der Schweregrad des psychopathologischen Zustandsbildes nur medizinisch geschätzt werden kann; vgl. zur ärztlichen Schätzung der Integritätseinbusse auch RKUV 1998 Nr. U 296 S. 238 Erw. 2d, nicht veröffentlichtes Urteil M. vom 15. Oktober 1999, U 235/98, Thomas Frei, Die Integritätsentschädigung nach Art. 24 und 25 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung, Diss. Freiburg 1997, S. 68, und Gilg/Zollinger, Die Integritätsentschädigung nach dem Bundesgesetz über die Unfallversicherung, Bern 1984, S. 100). Ebenso wenig wie der Arzt oder die Ärztin Rechtsfragen zu beantworten hat (vgl. AHI 2000 S. 152 Erw. 2c; Urteil N. vom 20. November 2001, U 9/01, Erw. 2b), hat der Jurist oder die Juristin anstelle der medizinischen/neuropsychologischen Fachperson die Schwere des psychopathologischen Zustandsbildes bzw. der Hirnfunktionsstörung zu schätzen. d) Vorliegend führte ein Jurist des Bereichs Renten der SUVA auf dem Formular "Schätzung der Integritätsentschädigung bei psychogener Störung" am 24. Mai 1996 unter dem Titel "I. Rechtliche Beurteilung" aus, der Unfall vom Februar 1994 erfülle in rechtlicher Hinsicht die Voraussetzungen für die Ausrichtung einer Integritätsentschädigung. Die Umstände seien in etwa vergleichbar mit Fall 3 gemäss SZS 37/1993 S. 220 ff. Dabei handelt es sich um ein in einem Aufsatz von Murer/Kind/Binder (Murer/Kind/Binder, Kriterien zur Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhanges bei erlebnisreaktiven [psychogenen] Störungen nach Unfällen, in: SZS 37/1993 S. 121 ff. und 213 ff.) angeführtes Beispiel, für welches die gleichen Autoren in einem anderen Aufsatz (Murer/Kind/Binder, Integritätsentschädigung, S. 195) eine Integritätsentschädigung von 35 % als angemessen bezeichnen. Der zweite Teil des Formulars "Schätzung der Integritätsentschädigung bei psychogener Störung" mit der Überschrift "II. Medizinische Beurteilung" wurde leer gelassen; auf dem von SUVA-Kreisarzt Dr. med. C.________ am 1. April 1996 ausgefüllten Formular "Beurteilung des Integritätsschadens" wird ein Integritätsschaden aus rein somatischer Sicht verneint, wohingegen zu einer allfälligen Integritätseinbusse aufgrund des psychischen Leidens keine Stellung genommen wird. In den Akten finden sich keine Angaben einer medizinischen/neuropsychologischen Fachperson zur Schwere der Störung, die eine Zuordnung zu einem der Schweregrade gemäss Tabelle 8 ermöglichen würden. Die von der SUVA beigezogenen Experten und Expertinnen wurden denn auch nicht danach gefragt. Die im Gutachten des Dr. med. W.________ vom 12. Februar 1996 beantworteten Expertenfragen beziehen sich nebst allgemein interessierenden Fragen wie jenen nach Diagnose, Kausalität und Prognose im Wesentlichen auf das Problem der Rentengewährung, nicht aber auf eine allfällige Integritätseinbusse. Die Rehaklinik Y.________ hatte die vom Versicherten geltend gemachte Hilflosigkeit abzuklären, weshalb sich auch das neuropsychologische Konsilium der Frau lic. phil. M.________ und des Dr. med. Z.________ vom 18. Dezember 1997 und der Austrittsbericht des Dr. med. H.________ und der Frau Prof. Dr. med. J.________ vom 7. Januar 1998 nicht zur Frage des Integritätsschadens äussern. Unter diesen Umständen ist davon auszugehen, dass die Integritätsentschädigung in unzulässiger Weise einzig aufgrund der rechtlichen Beurteilung des SUVA-Juristen auf 35 % festgesetzt wurde, ohne dass eine medizinische/neuropsychologische Fachperson die Schwere der Integritätseinbusse geschätzt hätte. Die vom Juristen der SUVA herangezogenen Aufsätze, die sich naturgemäss nicht auf den vorliegend streitigen Einzelfall beziehen, vermögen eine konkrete Beurteilung durch eine Fachperson von vornherein nicht zu ersetzen. Dies gilt umso mehr, als von medizinischen/neuropsychologischen Laien keine zuverlässige Beurteilung der Frage erwartet werden kann, ob der vorliegende Fall wirklich mit Beispiel 3 gemäss Murer/Kind/Binder vergleichbar oder aber im Gegenteil anders einzustufen ist. e) Nachdem die Integritätsentschädigung ohne Einholung einer den Schweregrad des Zustandsbildes bestimmenden ärztlichen/neuropsychologischen Stellungnahme bemessen wurde, ist die Sache hinsichtlich der Integritätsentschädigung an die SUVA zurückzuweisen, damit sie geeignete Abklärungen nachhole und hernach über diese Leistung neu verfüge. Bei der Aktenergänzung kann es sich um ein Zusatzgutachten zu einer bestehenden Expertise, in deren Rahmen der Versicherte bereits persönlich untersucht wurde, handeln.