Citation: U 275/99 17.04.2000 E. 2

2.- a) Nach Art. 36 Abs. 2 UVG werden Invalidenrenten, Integritätsentschädigungen und die Hinterlassenenrenten angemessen gekürzt, wenn die Gesundheitsschädigung oder der Tod nur teilweise die Folge eines Unfalles sind (Satz 1). Gesundheitsschädigungen vor dem Unfall, die zu keiner Verminderung der Erwerbsfähigkeit geführt haben, werden dabei nicht berücksichtigt (Satz 2). Art. 36 UVG geht von der Annahme aus, dass nicht bloss ein Unfall, sondern zusammen mit ihm auch andere (unfallfremde) Faktoren eine bestimmte Gesundheitsschädigung bewirken können. Entsprechend dem Grundsatz, wonach die Unfallversicherung nur für die Folgen von Unfällen aufzukommen hat, sieht Art. 36 Abs. 2 Satz 1 UVG u.a. bei den Invalidenrenten eine Leistungskürzung bei Einwirkung unfallfremder Faktoren vor. Das Kausalitätsprinzip wird in Art. 36 Abs. 2 Satz 2 UVG eingeschränkt im Bestreben, die Schadensabwicklung bei - in Bezug auf den versicherten Unfall - unfallfremden Vorzuständen zu erleichtern und zu vermeiden, dass der Versicherte sich für den gleichen Unfall an mehrere Versicherungsträger wenden muss. Dabei kann es sich um somatische oder psychische Vorzustände handeln (BGE 121 V 331 Erw. 3a). Art. 36 Abs. 2 Satz 2 UVG findet nicht nur Anwendung, wenn die unfallfremden Faktoren im Verhältnis zu den allein dem Unfall zuzuschreibenden Beschwerden als sekundär erscheinen. Art. 36 UVG kommt gerade dann zur Anwendung, wenn der Unfall und das nicht versicherte Ereignis einen bestimmten Gesundheitsschaden gemeinsam verursacht haben, die Krankheitsbilder sich also überschneiden. Art. 36 Abs. 2 UVG ist lediglich dann nicht anwendbar, wenn die beiden Einwirkungen einander nicht beeinflussende Schäden verursacht haben, so etwa wenn der Unfall und das nicht versicherte Ereignis verschiedene Körperteile betreffen und sich damit die Krankheitsbilder nicht überschneiden. Diesfalls sind die Folgen des versicherten Unfalls für sich allein zu bewerten (BGE 121 V 333 Erw. 3c mit Hinweisen). b) Wie das Eidgenössische Versicherungsgericht in BGE 115 V 413 ff. festgestellt hat, ändert Art. 36 Abs. 2 UVG am Erfordernis des adäquaten Kausalzusammenhangs nichts. Die Frage der Kürzung nach Art. 36 Abs. 2 UVG stellt sich erst, wenn überhaupt ein leistungsbegründender adäquater Kausalzusammenhang zwischen einem Unfall und einer Gesundheitsschädigung zu bejahen ist. Die Leistungskürzung setzt mithin das Bestehen eines adäquaten Kausalzusammenhangs voraus (BGE 115 V 415 Erw. 12c/bb). Von diesem Grundsatz ist das Eidgenössische Versicherungsgericht in BGE 121 V 326 ff. nicht abgerückt. Die Feststellung, wonach Art. 36 Abs. 2 UVG immer dann zur Anwendung gelangt, wenn der Unfall und das nicht versicherte Ereignis eine Gesundheitsschädigung gemeinsam verursacht haben, bedeutet nicht, dass eine Leistungskürzung in solchen Fällen regelmässig zu entfallen hat. Art. 36 Abs. 2 UVG schränkt das Kausalitätsprinzip lediglich insofern ein, als ein Vorzustand, welcher vor dem Unfall zu keiner Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit geführt hat, zu keiner Leistungskürzung Anlass geben soll. Die Bestimmung ändert nichts daran, dass die Gesundheitsschädigung, auf welche sich der unfallfremde Vorzustand bezieht, in einem adäquat kausalen Zusammenhang mit dem Unfall zu stehen hat. Nur wenn die Gesundheitsschädigung adäquat kausal auf den Unfall zurückzuführen ist, kann sich überhaupt die Frage stellen, ob gemäss Art. 36 Abs. 2 Satz 2 UVG von einer Leistungskürzung abzusehen ist. Hievon ist das Eidgenössische Versicherungsgericht auch in BGE 121 V 326 ff. ausgegangen, indem es auf die Erwägung der Vorinstanz, wonach der Zusammenhang zwischen dem Unfall und den Unfallfolgen im konkreten Fall als derart locker, ja zufällig erscheine, dass Satz 2 von Art. 36 Abs. 2 UVG nicht mehr anwendbar sei, ausgeführt hat, diese Aussage betreffe die Frage, ob zwischen dem versicherten Unfall und der in der Folge eingetretenen psychisch bedingten Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeit der für die Haftung des Unfallversicherers vorausgesetzte adäquate Kausalzusammenhang gegeben sei. Sei dies - wie im vorliegenden Fall - zu bejahen, könne darauf nicht bei der Anwendung der Kürzungsbestimmung des Art. 36 Abs. 2 UVG, welche das Bestehen eines adäquaten Kausalzusammenhangs voraussetze, zurückgekommen werden (BGE 121 V 333 f.). In BGE 123 V 103 Erw. 3c hat das Gericht erneut festgestellt, dass die Leistungskürzung nach Art. 36 Abs. 2 UVG das Bestehen eines adäquaten Kausalzusammenhangs voraussetze. c) Nach dem Gesagten kann der Auffassung des Beschwerdeführers nicht gefolgt werden, wonach sich aus Art. 36 Abs. 2 UVG im vorliegenden Fall eine volle Leistungspflicht des Unfallversicherers für die bestehende Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit ergibt. Denn es ist unbestritten, dass die vorhandenen psychischen Störungen die nach der Rechtsprechung für die Adäquanz psychischer Unfallfolgen geltenden Voraussetzungen nicht erfüllen. Es kann diesbezüglich auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden. Weiterer Abklärungen, wie sie der Beschwerdeführer mit dem Antrag auf Anordnung eines interdisziplinären Gutachtens, allenfalls einer psychiatrischen Expertise, verlangt, bedarf es nicht. Die bestehenden somatischen Befunde (Thorakolumbovertebralsyndrom bei Status nach Wirbelkörperfraktur) und die psychischen Störungen (psychogene Fehlverarbeitung des Unfalls) stehen zwar in einem innern Zusammenhang, stellen jedoch selbstständige Gesundheitsschädigungen dar. Sie sind im Rahmen der Adäquanzprüfung getrennt zu betrachten, zumal für die Adäquanz psychischer Unfallfolgen besondere Regeln gelten. Danach wird die Adäquanz auf Grund der Schwere des Unfallereignisses und bestimmter objektiver Kriterien, wie der Schwere der erlittenen Verletzungen, des Heilungsverlaufs, der Dauer der ärztlichen Behandlung, der körperlichen Schmerzen sowie Grad und Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit beurteilt (BGE 115 V 138 Erw. 6). Das Ergebnis der Adäquanzbeurteilung darf nicht dadurch umgangen werden, dass die somatischen und psychischen Störungen im Rahmen von Art. 36 Abs. 2 UVG als einheitliche Gesundheitsschädigung aufgefasst werden. Würde der Auffassung des Beschwerdeführers gefolgt, hätte der Unfallversicherer auch für nicht adäquate psychische Unfallfolgen einzustehen, wenn gleichzeitig adäquat kausale somatische Unfallfolgen vorliegen, welche durch die psychischen Störungen beeinflusst werden. Ein solches Ergebnis liesse sich mit dem in der obligatorischen Unfallversicherung herrschenden Kausalitätsprinzip und insbesondere auch mit Art. 36 Abs. 2 Satz 2 UVG nicht vereinbaren, welcher lediglich eine Milderung des Kausalitätsprinzips in dem Sinne bezweckt, dass krankhafte Vorzustände, die zu keiner Verminderung der Erwerbsfähigkeit geführt haben, nicht zu einer Leistungskürzung Anlass geben. d) Dem Beschwerdeführer kann auch insoweit nicht gefolgt werden, als er ein Abgehen von den nach der Rechtsprechung für die Adäquanzbeurteilung bei psychischen Unfallfolgen geltenden Regeln (BGE 115 V 133 ff. und seitherige Rechtsprechung) und eine Beurteilung unter Berücksichtigung der Persönlichkeitsstruktur des Versicherten beantragt. Zu der vom Versicherungsgericht des Kantons BaselStadt in einem Entscheid vom 28. Januar 1997 erhobenen Kritik an dieser Praxis (BJM 1997 S. 83 ff.) hat das Eidgenössische Versicherungsgericht in dem in SVR 1999 UV Nr. 10 S. 31 veröffentlichten Urteil R. vom 11. November 1998 (Erw. 3 und 4, publiziert auch in BJM 1999 S. 49) eingehend Stellung genommen. Es hat dabei festgestellt, dass das vom kantonalen Gericht für die Adäquanzbeurteilung in den Vordergrund gerückte Kriterium der Persönlichkeitsstruktur des Versicherten als untauglich abgelehnt werden müsse, da es einer objektivierten Betrachtungsweise, wie sie bei der Prüfung des adäquaten Kausalzusammenhangs u.a. im Hinblick auf die Gebote der Rechtssicherheit und der rechtsgleichen Behandlung der Versicherten Platz zu greifen habe, zuwiderlaufe, und die Gefahr drohe, dass die Adäquanz ihre haftungsbegrenzende Funktion weitestgehend verlöre. An diesen Erwägungen ist unter Hinweis auf BGE 123 V 104 Erw. 3e und 122 V 417 Erw. 2c festzuhalten. Sie stehen nicht in Widerspruch zur Rechtsprechung (BGE 115 V 135 Erw. 4b), wonach bei der Adäquanzbeurteilung psychischer Unfallfolgen auf eine weite Bandbreite von Versicherten abzustellen ist (vgl. hiezu auch die Bemerkungen von Murer zum Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons Basel-Stadt vom 28. Januar 1997 in SZS 41/1997 S. 403).