Citation: I 720/03 16.03.2004 E. 2.3

2.3.1 In psychiatrischer Hinsicht wurde der Beschwerdegegner durch Frau Prof. Dr. med. X.________ und durch Dr. med. A.________ untersucht. In ihrem Bericht vom 22. November 2000 diagnostizierte Frau Prof. Dr. X.________ seit Kindheit bestehende Stimmungsschwankungen, später Drogenkonsum (wahrscheinlich sekundär aufgepfropft auf phasenweise auftretende Depressionen), Verdacht auf Attention Deficit Disorder (ADD; früher infantiles POS), bestehend seit Kindheit. Seit 1994 bis auf Weiteres bestehe eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Dem Gutachten des Dr. med. A.________ vom 27. April 2001 ist zu entnehmen, dass der Versicherte an einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig leichte Episode (ICD-10: F 33.0), leidet. Die Depressionen hätten sich in jüngerer Zeit wieder zurückgebildet; der Versicherte leide vor allem an der schwierigen gesellschaftlichen Situation. Angesichts der verbesserten Depression sei die Arbeitsfähigkeit nicht nennenswert eingeschränkt; über den Einfluss eines eventuell vorhandenen ADD-Syndroms könne er sich nicht äussern. Es wäre zu begrüssen, wenn ein Somatiker hinsichtlich einer eventuellen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit durch die Hepatitis angefragt würde. 2.3.2 Anlässlich der durch lic. phil. D.________ durchgeführten neuropsychologischen Begutachtung zeigte sich eine leichte bis mittelschwere neuropsychologische Funktionsstörung (vor allem Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörung) mulitfaktorieller Genese (ADD, psychische Faktoren, möglicherweise durch Drogenabusus bzw. dessen Konsequenzen bedingte hirnorganische Beeinträchtigung, nicht auszuschliessende Residuen eines 1986 erlittenen Schädel-Hirn-Traumas [SHT]). Nach seinen überzeugenden Ausführungen, auf welche abgestellt werden kann, besteht die neuropsychologische Störung überwiegend wahrscheinlich (BGE 126 V 360 Erw. 5b, 125 V 195 Erw. 2, je mit Hinweisen) seit Beginn des ersten beruflichen Ausbildungsversuchs und bewirkt, dass der Versicherte bei einer Arbeitszeit von 100 % lediglich eine Arbeitsleistung von 75 % erbringen kann. Lic. phil. D.________ führte weiter aus, die Funktionsstörung sei auf verschiedene, sich wechselseitig beeinflussende und nicht klar zu trennende Faktoren zurückzuführen. So habe das ADD (eventuell auch das SHT) zu einer erhöhten Labilität und damit auch zu einer grösseren Drogengefährdung geführt, der Drogenabusus seinerseits erhöhe aber auch die gesundheitliche und soziale Gefährdung. Ob die jahrelange Drogensucht zur neuropsychologischen Funktionsstörung geführt hat oder ob die Drogensucht Folge eines geistigen Gesundheitsschadens ist, braucht nicht weiter geprüft zu werden, da nach der Rechtsprechung (BGE 99 V 28 Erw. 2; AHI 1996 S. 303 Erw. 2a, S. 305 Erw. 1a und S. 309 Erw. 2a; ZAK 1992 S. 171 Erw. 2b mit weiteren Hinweisen; SVR 2001 IV Nr. 3 S. 7 Erw. 2b; vgl. auch Erw. 1 hievor) ein Drogenabusus im Rahmen der Invalidenversicherung sowohl dann ins Gewicht fällt, wenn er einen die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigenden Gesundheitsschaden bewirkt, als auch wenn er Folge eines körperlichen oder geistigen Gesundheitsschadens ist. 2.3.3 In somatischer Hinsicht erkrankte der Versicherte unbestrittenerweise im Jahre 1989 an einer Hepatitis C-Infektion. Streitig ist, ob und allenfalls in welchem Ausmass diesem Leiden invalidisierende Wirkung zukommt. Die IV-Stelle liess die somatischen Beschwerden nicht abklären, sondern begnügte sich damit, das vom Versicherten eingereichte, an seine Rechtsvertreterin gerichtete Schreiben des Dr. med. V.________ vom 12. Juni 2002 ihrem ärztlichen Dienst zur Beurteilung zu unterbreiten. Überdies reicht sie im vorliegenden Verfahren eine ergänzende Stellungnahme des Dr. med. U.________ vom 13. Februar 2004 zu den Akten. Eigene Untersuchungen bezüglich der Hepatitis-Infektion führte einzig Dr. med. V.________ durch. Seine Ausführungen vermögen jedoch, wie nachfolgend gezeigt wird, nicht zu überzeugen. Dem Brief vom 12. Juni 2002 ist zu entnehmen, dass die Behandlung der Hepatitis-Erkrankung erst sehr kurze Zeit vor diesem Datum begonnen hat. In einem derart frühen Behandlungsstadium kann - worauf Dr. med. V.________ selbst hinweist - noch keine verlässliche Prognose über den Therapieverlauf erfolgen. Es ist somit insbesondere nicht möglich zu beurteilen, ob die Hepatitis C-Infektion eine voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde Erwerbsunfähigkeit (Art. 4 IVG [in der bis 31. Dezember 2002 anwendbar gewesenen Fassung]) bewirkt. Die ohne weitere Begründung, insbesondere ohne Erhebung von Laborbefunden und Bezeichnung konkreter Krankheitssymptome vorgenommene Einschätzung, eine vollständige Arbeitsunfähigkeit bestehe seit schätzungsweise einem halben bis einem Jahr und dauere mit Sicherheit noch bis zu dem für Frühling/Sommer 2003 geplanten Therapieabschluss an, ist nicht nachvollziehbar. Gerade in Anbetracht der sich aus der Natur der Sache ergebenden Beweisschwierigkeiten, insbesondere da nach heutigem medizinischen Wissensstand sich lediglich bei einem kleinen Prozentsatz der Hepatitis C-Infizierten ein akutes Krankheitsbild entwickelt - wobei selbst in diesen Fällen die akute Erkrankungsphase meist recht mild verläuft (Darai/Handermann/ Hinz/Sonntag (Hrsg.), Lexikon der Infektionskrankheiten des Menschen, 2. A., Berlin/Heidelberg 2003, S. 315 f.; Merkblatt für Hepatitis C-Betroffene, herausgegeben vom Robert Koch-Institut, Berlin, Stand Januar 2002) -, und weil im Rahmen der sozialversicherungsrechtlichen Leistungsprüfung rechtsprechungsgemäss verlangt werden muss, dass grundsätzlich (vorbehältlich bestimmter Fälle somatisch nicht begründbarer Schmerzsyndrome mit psychischen Befunden) fachärztlich schlüssig feststellbare und erklärbare Befunde vorliegen, andernfalls sich eine rechtsgleiche Beurteilung der Rentenansprüche nicht gewährleisten lässt (Urteil S. vom 5. März 2003, I 507/02), wäre die Erhebung von Laborparametern und die präzise Beschreibung allfälliger beim Versicherten aufgetretener Krankheitssymptome angezeigt gewesen. Auch Dr. med. U.________ führt in seiner Stellungnahme vom 13. Februar 2004 aus, eine Hepatitis C-Erkrankung führe grundsätzlich nicht zu einer Invalidität; eine invalidisierende Müdigkeit als Folge einer Hepatitis C-Infektion sei aussergewöhnlich und verschwinde bei entsprechender Behandlung spätestens 24 Wochen nach Behandlungsbeginn. Selbst Dr. med. V.________ weist im Übrigen auf die Notwendigkeit von Laboruntersuchungen hinsichtlich der Leberwertfunktionen für die Beurteilung von Leberkrankheiten hin. Entgegen den Erwägungen im angefochtenen Entscheid kann auch der Äusserung des Dr. med. A.________, er würde den Beizug eines Somatikers hinsichtlich der Beurteilung allfälliger Auswirkungen des Hepatitis auf die Arbeitsfähigkeit begrüssen, nicht entnommen werden, dass bereits zum Zeitpunkt der Begutachtung im Januar 2002 ein akuter Hepatitis-Schub mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit vorgelegen hat. Zusammenfassend ist die Beurteilung des Dr. med. V.________ nicht einleuchtend und seine Schlussfolgerungen sind nicht begründet, weshalb darauf nicht abgestellt werden kann; es fehlen insbesondere objektive Anhaltspunkte, die auf eine (teilweise oder vollständige) Arbeitsunfähigkeit und deren allfälligen Beginn schliessen lassen. Allerdings vermögen die allgemein gehaltenen und nicht auf eigenen Untersuchungen des Beschwerdegegners beruhenden Ausführungen des Dr. med. U.________ ebenso wenig nachzuweisen, dass die Hepatitis-Infektion ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit geblieben ist. Aufgrund der vorliegenden Akten kann somit die Auswirkung der Hepatitis-Erkrankung auf die Arbeitsfähigkeit nicht abschliessend beurteilt werden. Es sind weitere Abklärungen in somatischer Hinsicht notwendig, etwa die Einholung eines Berichtes des Dr. med. T.________, bei dem sich der Beschwerdegegner wegen seiner Hepatitis-Erkrankung in Behandlung befand. Die Sache ist daher an die IV-Stelle zurückzuweisen, damit sie Schwere und Auswirkungen der Hepatitis-Infektion auf die Arbeitsfähigkeit abkläre und über den Rentenanspruch des Versicherten (gegebenenfalls unter Anwendung von Art. 26 IVV) neu verfüge.