Citation: 2C_213/2023 E. 4.3

4.3. Die Verschuldung stellt der Praxis zum Widerrufsgrund gemäss Art. 62 Abs. 1 lit. c AIG in Verbindung mit Art. 77a Abs. 1 lit. b VZAE folgend dann ein relevantes öffentliches Interesse dar, wenn sie einen erheblichen Betrag erreicht und mutwillig erfolgt ist. In der bisherigen Rechtsprechung wurden im Zusammenhang mit dem Widerruf bzw. der Nichtverlängerung einer Aufenthaltsbewilligung Schulden in der Höhe von rund Fr. 80'000.-- als hinreichend betrachtet (2C_834/2021 vom 24. Februar 2022 E. 3.3; 2C_789/2017 vom 7. März 2018 E. 5.2.2; vgl. zum Umfang der Schulden bei einer Niederlassungsbewilligung Urteile 2C_726/2021 vom 8. Juni 2022 E. 2.2.1; 2C_93/2018 vom 21. Januar 2019 E. 3.5). Mutwilligkeit wird sodann bejaht, wenn die Verschuldung selbst verschuldet und qualifiziert vorwerfbar ist, d.h. ein von Absicht, Böswilligkeit oder qualifizierter Fahrlässigkeit getragenes Verhalten vorliegt (Urteile 2C_701/2022 vom 20. Juli 2023 E. 5.2; 2C_20/2022 vom 7. Juli 2022 E. 6.4; 2C_378/2022 vom 2. Mai 2023 E. 3.2). Hiervon ist nicht leichthin auszugehen (Urteile 2C_212/2023 vom 24. Juli 2023 E. 4.2; 2C_726/2021 vom 8. Juni 2022 E. 2.2.2; 2C_318/2021 vom 27. Oktober 2021 E. 3.2.3). Dabei ist namentlich zu berücksichtigen, ob Anhaltspunkte - wie etwa ein Schicksalsschlag oder eine vorübergehende Arbeitslosigkeit - vorliegen, welche die Verschuldung erklären würden (Urteile 2C_212/2023 vom 24. Juli 2023 E. 5.4; 2C_378/2022 E. 3.2 und 3.5; 2C_726/2021 vom 8. Juni 2022 E. 2.2.2; 2C_628/2021 vom 21. Oktober 2021 E. 4.4.2). Nicht vorwerfbar sind Schulden, die auf eine Lohnpfändung zurückzuführen sind (2C_834/2021 vom 24. Februar 2022 E. 3.3; 2C_573/2019 vom 14. April 2020 E. 3.2.3; 2C_789/2017 vom 7. März 2018 E. 3.3.2). Wurde die betroffene Person bereits ausländerrechtlich verwarnt, ist für die Beurteilung der Mutwilligkeit entscheidend ob sie danach weiterhin Schulden angehäuft oder sich um die Sanierung ihrer Situation bemüht hat. Positiv zu würdigen ist, wenn vorbestandene Schulden abgebaut werden. Ein Widerruf ist dagegen zulässig, falls in vorwerfbarer Weise weitere Schulden eingegangen werden (Urteile 2C_212/2023 vom 24. Juli 2023 E. 4.3; 2C_701/2022 vom 20. Juli 2023 E. 5.2; 2C_185/2021 vom 29. Juni 2021 E. 3.3). Der Beweis der Mutwilligkeit obliegt der Migrationsbehörde. Liegen ausreichend gewichtige Hinweise für die Tatsachenvermutung der Mutwilligkeit vor, ist es an der betroffenen Person, den Gegenbeweis zu erbringen (Art. 90 AIG; Urteile 2C_212/2023 vom 24. Juli 2023 E. 4.2; 2C_764/2020 vom 2. März 2021 E. 5.4.1 und 5.4.2; 2C_138/2018 vom 16. Januar 2019 E. 3.2).