Citation: 1P.669/2006 09.02.2007 E. 3

3.1 Das Kantonsgericht hat sich im angefochtenen Entscheid (E. 2 S. 8 ff.) eingehend mit dem Antrag der Beschwerdeführerin beschäftigt, ein aussageanalytisches Gutachten einzuholen. 3.1.1 Es ist dabei davon ausgegangen, dass die Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Aussagen zu den ureigensten Kernaufgaben des Richters gehört, die er selber wahrnehmen muss und nicht an Sachverständige delegieren darf. Auf eine Begutachtung sei nur dann zurückzugreifen, wenn besondere Umstände vorlägen, die dem Richter eine zuverlässige Beurteilung der Aussagen ohne zusätzliches medizinisches oder psychologisches Fachwissen erschweren bzw. verunmöglichen könnten. Solche Umstände seien namentlich das Vorliegen von psychischen Erkrankungen, die mit einer gestörten Wahrnehmung der Realität einhergingen (schizophrene, schizoaffektive oder manische Zustände) und damit deren (wahre) Wiedergabe beeinträchtigen könnten, sowie Altersdemenz, Schwachsinn und die Einnahme von Rauschmitteln oder Medikamenten, welche die Wahrnehmung der Wirklichkeit und/oder deren Wiedergabe beeinträchtigen können. Auch bei Menschen mit (vorübergehenden) geistigen Störungen erübrige sich indessen eine Begutachtung, wenn ihre Aussagen vom Richter verstanden und bewertet werden könne. Dies sei umso eher möglich, als bei der richterlichen Würdigung von Zeugenaussagen die Glaubhaftigkeit der Aussagen und nicht die Glaubwürdigkeit der aussagenden Person im Vordergrund stehe. Erwachsene Zeugen seien mithin nur ausnahmsweise zu begutachten, wobei dem Richter bei der Frage, ob dies im konkreten Einzelfall geboten sei, ein Ermessensspielraum zustehe. 3.1.2 Gestützt auf diese Erwägungen kommt das Kantonsgericht im angefochtenen Entscheid zum Schluss, es sei durchaus in der Lage, die Aussagen der Beschwerdeführerin selber zu beurteilen. Es stellt zwar die Diagnose von B.________ und C.________ nicht in Frage, welche der Beschwerdeführerin aufgrund einer schwierigen Kindheit und wiederholten sexuellen Übergriffen eine schwere posttraumatische Belastungsstörung mit starker Beeinträchtigung der zwischenmenschlichen und sozialen Beziehungsfähigkeit und dissoziativen Prozessen bescheinigt. Krankhafte psychische Abnormitäten, wie schizophrene, schizoaffektive oder manische Zustände, welche die Aussageehrlichkeit der Beschwerdeführerin beeinträchtigen könnten, seien indessen nicht ersichtlich. Sie sei damit grundsätzlich eine gesunde Person, Hinweise auf psychische Störungen durch Medikamente oder Rauschmittel lägen nicht vor. Die Depositionen der Beschwerdeführerin seien weder völlig vage noch unverständlich, sondern wiesen Widersprüche in Bezug auf die zeitliche Festlegung der einzelnen Tatvorwürfe sowie deren zeitliche Einordnung im Gesamtablauf der Ereignisse auf. Die Frage, weshalb die Beschwerdeführerin ihre ersten Aussagen hinsichtlich der Daten später mehrmals und zum Teil erheblich korrigiert habe, betreffe mithin die Glaubhaftigkeit ihrer Angaben in Bezug auf diese Umstände und könne mit Blick auf den Inhalt der widersprüchlichen Aussagen sowie deren zeitlichen und inhaltlichen Kontext zueinander aus den entsprechenden Angaben der Beschwerdeführerin und ihren weiteren Depositionen geklärt werden, ohne dass das Gericht dazu der fachspezifischen Hilfe eines Sachverständigen bedürfe (angefochtener Entscheid E. 2b S. 10 f.). 3.2 Die Beschwerdeführerin kritisiert die in E. 3.1.1 wiedergegeben allgemeinen Überlegungen und Kriterien, von denen sich das Kantonsgericht bei der Beurteilung der Frage leiten liess, ob ein aussagepsycholgisches Gutachten erforderlich sei, zu Recht nicht. Sie macht indessen geltend, das Kantonsgericht habe diese Kriterien in unzutreffender Weise sowie auf Grund willkürlicher Annahmen auf ihren Fall angewandt und mit der Abweisung ihres entsprechenden Beweisantrags Art. 29 Abs. 2 BV verletzt. 3.2.1 Die Beschwerdeführerin rügt die Feststellung des Kantonsgerichts, wonach sie, was ihr Persönlichkeitsfundament anbelange, grundsätzlich eine gesunde Person sei, als aktenwidrig und widersprüchlich, da es nicht in Frage gestellt habe, dass sie an einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10 F 43.1) mit starker Beeinträchtigung der zwischenmenschlichen Beziehungsgestaltung mit dem Risiko, in eine andauernde Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F 62.0) oder in eine "borderline"-Symptomatik (ICD-10 F 60.3) überzugehen, leide. 3.2.2 Die umstrittene Feststellung darf indessen nicht isoliert betrachtet werden, das Kantonsgericht erklärt im vorhergehenden und im nachfolgenden Satz, dass es mit "gesund" das Fehlen von Hinweisen auf krankhafte psychische Abnormitäten wie schizophrene, schizoaktive oder manische Zustände oder auf Medikamenten- oder Rauschmittelmissbrauch versteht, welche die Aussageehrlichkeit der Beschwerdeführerin beeinträchtigen könnten. In diesem Sinn ist die kantonsgerichtliche Feststellung nicht zu beanstanden: Weder aus den Berichten der Therapeuten noch aus den Beschreibungen der gestellten Diagnosen in der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (Dilling/Mombour/Schmidt, 5. A., Bern 2005) ergeben sich Hinweise dafür, dass die Fähigkeit der Beschwerdeführerin, den zeitlichen Ablauf der Geschehnisse wiederzugeben, krankheitsbedingt beeinträchtigt gewesen wäre. B.________ nennt in ihrem Bericht vom 25. Juli 2005 als Bestandteile der von ihr auch als "posttraumatic stress disorder" bezeichneten Diagnose "Amnesie/Überflutung mit Erinnerungen, dissoziative Phasen, Depersonalisation/Derealisiation, Intrusion (flash backs), Übererregung". Die von der Therapeutin festgestellten dissoziativen Fähigkeiten seien Abwehrmechanismen, welche die Beschwerdeführerin bereits in der Kindheit entwickelt habe, um bestimmte (belastende) Situationen nicht zu hören (de-realisieren) und nicht zu spüren (de-personalisieren). Mit einer solchen Diagnose könnte etwa nachvollziehbar begründet werden, dass das Opfer die demütigenden Tathandlungen auf Grund von Verdrängungsmechanismen gar nicht, mit zeitlicher Verzögerung, bloss vage oder selektiv wiedergäbe. Dies war indessen vorliegend gerade nicht der Fall, die Beschwerdeführerin hat die Vergewaltigung mit einem für deren Nachvollzug ausreichenden Detailreichtum geschildert. Inwiefern sie nicht in der Lage gewesen sein sollte, den äusseren zeitlichen Ablauf der Geschehnisse ebenso zuverlässig darzulegen wie eine Person ohne die von ihr erlittenen psychischen Belastungen, ist unter diesen Umständen nicht ersichtlich. Der von ihr in der staatsrechtlichen Beschwerde vorgebrachte Einwand, gerade weil sie wegen ihrer psychischen Vorbelastung nicht in der Lage gewesen sei, das Tatgeschehen in seiner Bedeutung sofort zuverlässig zu erfassen und einzuordnen, habe sie versucht, dessen Plausibilität durch (zumindest teilweise unzutreffende) genaue zeitliche Fixierungen zu erhöhen, erscheint doch eher weit hergeholt. Der Entscheid des Kantonsgerichts, die Aussagen der Beschwerdeführerin ohne Beizug eines medizinischen Experten zu würdigen, ist jedenfalls vertretbar. Die Rüge, es habe mit der Ablehnung dieses Beweismittels ihren Gehörsanspruch verletzt, ist unbegründet.