Citation: U 126/05 08.11.2005 E. 5

5.1 Auf Grund der medizinischen Akten ist erstellt, dass die Beschwerdeführerin anlässlich des Verkehrsunfalles vom 7. November 1999 ein Schleudertrauma der HWS erlitten hat. Zudem ist hinreichend dokumentiert und unbestritten, dass in der Folge einige der zum typischen Beschwerdebild eines solchen gehörenden Symptome (vgl. BGE 117 V 360 Erw. 4b) aufgetreten sind, die in einem natürlichen Kausalzusammenhang zum Unfallereignis stehen. 5.1.1 Bei Spitalaustritt am 11. November 1999 konnte die Versicherte bereits "in relativ gutem Allgemeinzustand und, mit Ausnahme der retrosternalen Schluckbeschwerden, nahezu beschwerdefrei nach Hause entlassen" werden. Auch der im Anschluss an den Spitalaustritt zwischen 13. November und 14. Dezember 1999 die Nachbehandlung durchführende Dr. med. R.________ beantwortete die entsprechenden Fragen der VISANA zum Beschwerdebild in seinem Bericht vom 28. Januar 2000 dahingehend, dass die Beschwerdeführerin sofort nach dem Unfall zwar unter Schwindelsymptomen, einer Sensibilitätsstörung im rechten Arm und der linken Gesichtshälfte sowie Spontanschmerzen in Kopf, Nacken, Schulter und Armen gelitten, sich aber nicht über Benommenheit, Bewusstlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen oder Schlafstörungen und Depressionen beklagt habe. Die fachärztliche Abklärung der Schluckbeschwerden durch den Spezialarzt für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten sowie Hals- und Gesichtschirurgie Dr. med. U.________ ergab bis auf Anzeichen einer leichten akuten Rhinitis einen weitgehend unauffälligen altersentsprechenden ORL-Status (Bericht vom 28. Januar 2000). Der Hausarzt berichtete der Rheumatologin Dr. med. M.________ am 15. Dezember 1999, die anfänglich geklagten neurologischen Symptome seien bald abgeklungen. Die zur Verbesserung der Mobilität verordnete Physiotherapie habe zu einem raschen Beschwerderückgang geführt, weshalb die Versicherte am 6. Dezember 1999 ihre angestammte Tätigkeit versuchsweise wieder habe aufnehmen können. Wenngleich dieser Arbeitsversuch erfolglos blieb und es dabei zu einer vorübergehenden Verschlimmerung der Beschwerden kam, erwähnte Dr. med. M.________ im Bericht vom 26. Dezember 1999 nur - aber immerhin - "noch ein erhebliches Zervikovertebralsyndrom mit einer Bewegungseinschränkung und einem bis in die BWS reichenden paravertebralen Muskelhartspann". Dies sei an und für sich nicht sehr ungewöhnlich, auch die Ausstrahlung in den Kopf- und Gesichtsbereich nicht. Die neurologische Untersuchung zeige ihres Erachtens jedoch keine pathologischen Befunde. Der Neurologe Dr. med. J.________, welcher die Beschwerdeführerin am 30. August 2000 im Auftrag der Dr. med. M.________ spezialärztlich untersuchte, hielt in seiner Beurteilung gemäss Bericht vom 1. September 2000 fest, phänomenologisch handle es sich nach seinem Dafürhalten um ein depressives Zustandsbild mit ausgeprägten, generalisierten Myalgien, einschliesslich dem Bild eines mittlerweile chronischen Spannungskopfschmerzes. Weitere Abklärungen aus dem neurologischen Fachbereich seien nicht erforderlich. Das heutige Bild gehe weit über das hinaus, was man gewöhnlich nach solchen Autokollisionsunfällen sehe. Die Versicherte habe 1980 bereits einmal eine ähnliche Episode überstanden (Auffahrkollision, wobei sie als angegurtete Beifahrerin an die Windschutzscheibe geworfen worden sei). Nach heutigem Erkenntnisstand gehe er davon aus, dass die Neuropsychologie in diesem Fall ganz allgemein nicht in der Lage sei, kognitive Defizite zufolge der hier offensichtlichen Depressivität von allfälligen Folgen eines Mild traumatic brain injury zu unterscheiden. Schon jetzt könne aber auf Grund der profund durchgeführten neuroradiologischen Abklärungen eine erhebliche hirnstrukturelle Läsion als weitgehend ausgeschlossen betrachtet werden. Prof. Dr. phil. P._________ beurteilte die anlässlich der neuropsychologischen Untersuchung vom 7. August 2002 erhobenen Befunde gemäss Bericht vom 13. August 2002 unter anderem wie folgt: "Obige Befunde und Befund-Besonderheiten bei Frau W.________ entsprechen keinem neuropsychologisch-diagnostischen Syndrom/ Bild, sei es traumatischen oder krankhaften Ursprungs, sei es hirnstrukturaler oder zerebrovaskulärer oder noch neurochemischer Art." Diese Befunde könnten gestützt auf die Angaben der Beschwerdeführerin "ebenso wenig mit der Auswirkung eines (chronifizierten/ chronischen) Schmerzsyndroms auf ihre denkerischen Fähigkeiten erklärt werden", sondern seien in der neurologischen Literatur in Verbindung mit milden traumatischen Hirnverletzungen anzutreffen. Schliesslich bestätigt auch das Gutachten des Zentrums E.________ (S. 16) aus orthopädischer Sicht einzig die im Bereich des HWS-Schultergürtels erheblichen Myogelosen, ohne dass sich radiologisch Veränderungen finden liessen, welche das massive Beschwerdebild der Versicherten zu erklären vermöchten. Auch im Bereich der Lendenwirbelsäule (LWS) zeigten sich praktisch unauffällige Befunde. Demnach steht fest, dass in der Folge des Unfalles vom 7. November 1999 teilweise die zum typischen Beschwerdebild eines Schleudertraumas der HWS gehörenden Beeinträchtigungen aufgetreten sind und diese auch in einem natürlichen Kausalzusammenhang mit diesem Unfall stehen. 5.1.2 Demgegenüber ist aus dem Gutachten des Zentrums E.________ unter Mitberücksichtigung der einschlägigen Hinweise in den medizinischen Berichten zum Heilungsverlauf zu schliessen, dass der Unfall Auslöser einer psychosomatischen und psychischen Fehlentwicklung war, welche im Verlauf der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt die zum typischen Beschwerdebild eines HWS-Distorsionstraumas gehörenden Beeinträchtigungen stark überlagerte. Entgegen anderslautenden Behauptungen der Beschwerdeführerin erwähnte der Hausarzt bereits in seinem ersten Bericht vom 15. Dezember 1999 - nur gut einen Monat nach dem Unfall - Anzeichen für eine depressive Verstimmung. Auch die ab 21. Dezember 1999 federführend behandelnde Rheumatologin Dr. med. M.________ erkannte eine depressive Reaktion und riet deshalb zu einer psychotherapeutischen Behandlung. Dennoch blieben die Bemühungen des die Versicherte anlässlich von acht Sitzungen zwischen 28. Februar und 29. November 2000 behandelnden Psychiaters Dr. med. I.________ insofern erfolglos, als die Beschwerdeführerin sich - entgegen seiner ausdrücklichen fachärztlichen Empfehlung - nicht "zu einer antidepressiven Medikation bereit erklären konnte" und auch die angezeigte stationäre Behandlung in einer Klinik H.________ oder Klinik L.________ ablehnte. In der vorinstanzlichen Verhandlung gab die Versicherte diesbezüglich am 30. November 2004 zu Protokoll: "[...] Es kann sein, dass ich während 8 Monaten ca. 8x bei Dr. med. I.________ war. Dr. med. I.________ hat mit Frau S.________ für mich ab September 2000 eine Teilzeittätigkeit in einer Bäckerei organisiert. Nachdem ich wieder etwas arbeiten konnte, ging es mir psychisch besser. Ich wollte keine medikamentöse Therapie. Ich war sonst schon etwas weggetreten ('hälehäle'). Ich habe die verordneten Medikamente (Antidepressiva) zweimal eingenommen. Danach habe ich mich gegen eine weitere Medikation entschieden, weil ich davon noch in stärkerem Masse weggetreten bin. [...]" In seinem Bericht vom 17. März 2000 führte Dr. med. I.________ aus: "[...] Irgendwie ist die Patientin auch durch die neue Beziehung mit einem noch voll in der Scheidung steckenden Mann und Vater zweier deutlich kleinerer Kinder als sie selbst hat, belastet. In der Zwischenzeit hat dieser Freund nun eine eigene Wohnung gefunden, so dass sich eine Entspannung zumindest in dieser Hinsicht abzeichnet. Hinzu kommt jedoch eine seelische Verletzung aus ihrer Kindheit, welche sich gerade in Beziehungen ungünstig auswirkt. - Ich würde also sagen, dass die Patientin nach ihrer Scheidung [1994] allgemein sehr stark belastet war, mit der neuen Anstellung ab Sommer 1999 eine erfreuliche berufliche Herausforderung erlangte, dann aber durch die abrupt endende erste Beziehung [1996-1999], durch den Unfall und womöglich jetzt durch die aktuelle neue Beziehung doch ziemlich belastet ist, dies sich aber irgendwie (noch) nicht eingestehen will. [...]" Dieser Psychiater diagnostizierte sodann Anpassungsstörungen depressiver Ausprägung (F43.21 nach ICD-10) nach Auffahrkollision vom 7. November 1999 (Bericht vom 12. April 2001). Dass bei der Beschwerdeführerin auch nach Beendigung der Konsultationen bei Dr. med. I.________ gegen Ende 2000 aus medizinischer Sicht weiterhin eine psychotherapeutische Behandlung indiziert war, beweist das Überweisungsschreiben der Dr. med. M.________ an die Psychotherapeutin G.________ vom 26. März 2002, welchem die Versicherte aber mangels gegenteiliger Hinweise in den Akten offensichtlich ebenfalls keine Folge leistete, zumal auch Dr. med. A.________ in seinem psychiatrischen Parteigutachten vom 9. Dezember 2004 keine entsprechende Behandlung erwähnte. Unter diesen Umständen ist gerichtsnotorisch, dass die Schicksalsschläge, welche die Beschwerdeführerin zwischen Ende 2001 und 2003 hinnehmen musste (Suizid ihres einzigen Bruders im Dezember 2001, Ableben ihrer Mutter im Februar 2002, ihrer Grossmutter im Oktober 2002 und ihres Vaters im Februar 2003), zusätzliche psychische Belastungsfaktoren darstellten. So zu verstehen sind auch die Angaben des Dr. med. T.________ im Gutachten des Zentrums E.________ (S. 20) zum psychiatrischen Status der Beschwerdeführerin: "[...] Zu ihrem affektiven Befinden befragt meint die Versicherte, dass dieses schwankend sei. Jeder Tag sei für sie ein Kampf, sie kämpfe dafür, dass sie wieder hinauf komme. Nach den Gründen dafür befragt nennt sie einmal ihre Schmerzen, aus diesem Grunde könne sie nicht arbeiten und aus diesem Grunde wiederum fühle sie sich als ein 'Nichts'. Dann kämen die Todesfälle in ihrer Familie [...]. In ihrer Familie hätten sich alle 'aufgegeben', deswegen sei es so gekommen. Früher sei sie nie depressiv gewesen, ihre Schwester sage, dass man seit dem Unfall nicht mehr an sie herankomme. [...]" 5.1.3 Nach dem Gesagten steht fest, dass die physischen Beschwerden im Vergleich zu den psychogenen Beeinträchtigungen der Gesundheit im Verlauf der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt gesamthaft ganz in den Hintergrund traten, weshalb im Folgenden die Adäquanz des Kausalzusammenhanges der anhaltend geklagten Restbeschwerden praxisgemäss (RKUV 2002 Nr. U 465 S. 437) nach der Rechtsprechung im Sinne von BGE 115 V 133 zu prüfen ist. 5.2 Daran ändert auch das von der Beschwerdeführerin aufgelegte verkehrsphysikalische Parteigutachten der Dr. X.________ vom 24. Januar 2005 nichts, selbst wenn dessen Schlussfolgerungen als richtig angenommen würden. Es äussert sich einerseits zur (hier nicht umstrittenen) natürlichen Kausalität, kann aber im Übrigen nur Indizien zur hier interessierenden adäquaten Kausalität liefern. 5.3 Auch wenn das Parteigutachten des Dr. med. N.________ vom 13. März 2005 den natürlichen Kausalzusammenhang der im zweiten Halbjahr 2004 untersuchten Restbeschwerden mit dem Unfall vom 7. November 1999 bejahte, ändern die entsprechenden Befunde nichts an der zwischen Unfall und massgebendem Zeitpunkt des Erlasses des Einspracheentscheids vom 26. März 2004 (Erw. 3 hievor) erfolgten psychischen Überlagerung. Ebenso wenig vermag der psychiatrische Parteigutachter Dr. med. A.________ auf Grund der Erkenntnisse aus seiner einzigen Exploration der Versicherten am 20. Oktober 2004 zu widerlegen, dass im Verlauf der massgebenden Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt eine depressiv psychosomatische Symptomatik das Beschwerdebild dominierte. Entgegen der Beschwerdeführerin kann keine Rede davon sein, dass die VISANA den Zeitpunkt der Begutachtung im Zentrum E._________ zur willkürlichen Beeinflussung der Untersuchungsergebnisse bewusst so gewählt habe, dass infolge der damaligen Häufung familieninterner Todesfälle zumindest eine vorübergehende psychische Überlagerung der Versicherten habe aktenkundig belegt werden können. Schon im Dezember 2002, also vor dem Ableben ihres Vaters im Februar 2003 und der unmittelbar anschliessenden Trennung von ihrem Freund, leitete die Beschwerdegegnerin die entsprechende Begutachtung ein. 5.4 Zusammenfassend vermögen weder die Einwände der Beschwerdeführerin noch die von ihr aufgelegten Parteigutachten Zweifel am Beweiswert des Gutachtens des Zentrums E.________ hervorzurufen. Demnach war in somatischer Hinsicht als pathologischer Befund anlässlich der Begutachtung des Zentrums E.________ einzig eine deutliche Myogelose im Bereich der Schulter- und Nackenmuskulatur feststellbar, wobei der Unfall vom 7. November 1999 mit überwiegender Wahrscheinlichkeit Auslöser einer psychosomatischen und psychischen Entwicklung war, welche in erster Linie für die Beschwerden und Probleme der Versicherten verantwortlich ist (Gutachten des Zentrums E.________ S. 28 f.). Das Gutachten des Zentrums E.________ ist für die streitigen Belange umfassend, beruht auf allseitigen Untersuchungen, berücksichtigt die geklagten Beschwerden und ist in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden; zudem ist es in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen Situation einleuchtend und enthält begründete Schlussfolgerungen (BGE 125 V 352 Erw. 3a). Somit kommt dieser Expertise grundsätzlich volle Beweiskraft zu. Ergänzende medizinische Abklärungen, wie sie von der Beschwerdeführerin in diesem Zusammenhang beantragt werden, sind unnötig (antizipierte Beweiswürdigung; BGE 124 V 94 Erw. 4b; RKUV 2003 Nr. U 473 S. 50 Erw. 3.4). Traten im Verlauf der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt die physischen Beschwerden im Vergleich zu den psychischen und psychosomatischen Beeinträchtigungen gesamthaft ganz in den Hintergrund (Erw. 5.1 hievor), ist die Adäquanz des Kausalzusammenhanges zwischen den geklagten Restbeschwerden und dem Unfall - wie dargelegt (Erw. 5.1.3 hievor) - nach BGE 115 V 133 zu beurteilen.