Citation: I 694/01 30.09.2003 E. 3

Während das kantonale Gericht unter Aufhebung der Verwaltungsverfügung die Sache zur weiteren erwerblichen und medizinischen Abklärung sowie anschliessenden Neuverfügung an die IV-Stelle zurückwies, beantragt das BSV, auf zusätzliche Abklärungen sei zu verzichten, weil der Versicherte für seine Arbeit am Bildschirm nicht auf Binokularsehen angewiesen sei und auch der Blendeffekt keine wesentliche Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit zur Folge habe. Aus medizinischer Sicht habe die Indikation zur Durchführung der Kataraktoperation zweifellos bestanden. Zu prüfen ist demnach, ob gestützt auf die vorliegenden Akten die Frage nach der Notwendigkeit des Binokularsehens in Bezug auf die konkret ausgeübte Tätigkeit des Versicherten beantwortet werden kann. 3.1 Das Eidgenössische Versicherungsgericht präzisierte seine Rechtsprechung (vgl. AHI 2000 S. 294) zur Übernahme der Kataraktoperation durch die Invalidenversicherung im Urteil D. vom 24. Juli 2003 (I 29/02) dahingehend, dass dieser Eingriff am zweiten Auge bei (durch Staroperation) erhaltener Sehfähigkeit am andern Auge - unter Erfüllung der übrigen Voraussetzungen nach Art. 12 Abs. 1 IVG - nur dann als medizinische Eingliederungsmassnahme zu übernehmen ist, wenn aufgrund detaillierter Ermittlung der Tätigkeiten im Rahmen des ausgeübten Berufes für die visuell anspruchvollste dieser Tätigkeiten die Notwendigkeit des Binokularsehens aus augenärztlicher Sicht bejaht wird. In denjenigen Berufen, in welchen besondere medizinische Mindestanforderungen an die Sehfähigkeit ausdrücklich normiert sind, ist auf diese Visusgrenzwerte abzustellen, so dass sich in erwerblicher Hinsicht eine detaillierte Ermittlung der verschiedenen Tätigkeitsanteile erübrigt. 3.2 Vorliegend ist gestützt auf den Bericht der Augenärztin Dr. med. P.________ vom 23. April 2001 mangels gegenteiliger Hinweise davon auszugehen, dass R.________ nur an seinem rechten Auge durch den grauen Star in der Sehfähigkeit beeinträchtigt ist und am linken Auge über einen normalen Visus verfügt. Die Beantwortung der Frage, ob er infolge der nur einseitigen Sehfähigkeitsbeeinträchtigung dennoch invalid geworden oder von einer Invalidität im Sinne von Art. 8 Abs. 1 IVG unmittelbar bedroht sei (Voraussetzung für einen Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen; vgl. AHI 2000 S. 296 f. Erw. 4), hängt entscheidend davon ab, ob der Versicherte aus spezialärztlicher Sicht in Bezug auf seine visuell anspruchvollste Tätigkeit auf binokulares Sehen angewiesen ist. Dies ist nach denselben Kriterien zu prüfen, welche bei der Beurteilung des Anspruchs auf Leistungen im Sinne von Art. 12 IVG hinsichtlich der Staroperation am zweiten Auge nach Übernahme des gleichen Eingriffs am ersten Auge massgebend sind. Deshalb rechtfertigt es sich, die im Urteil D. vom 24. Juli 2003 (I 29/02; vgl. Erw. 3.1 hievor) erfolgten Präzisierungen auch auf diejenigen Fälle sinngemäss anzuwenden, in welchen nur ein Auge vom grauen Star betroffen und fraglich ist, ob die versicherte Person die Voraussetzungen nach Art. 8 Abs. 1 IVG erfüllt. 3.3 Den Akten ist nicht mit dem im Sozialversicherungsrecht geltenden Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 360 Erw. 5b, 125 V 195 Erw. 2, je mit Hinweisen) zu entnehmen, welche konkreten Tätigkeiten der als Ingenieur HTL ausgebildete R.________ im Rahmen seiner Anstellung bei der S.________ AG in X.________ zu verrichten hat, auch wenn er selber geltend macht, neben der Bildschirmarbeit bei Grundlagenversuchen mitunter z.B. einen Draht mit einem Durchmesser von 0,02 Millimeter in ein Bohrloch von 0,025 Millimeter Durchmesser einführen können zu müssen. Unklar ist unter anderem, ob es sich bei der Tätigkeit am Computer um Textverarbeitung oder um graphische Anwendungen handelt. Die Verwaltung wird in geeigneter Form - z.B. durch Einholung eines Pflichtenheftes und Befragung des Arbeitgebers - das Tätigkeitsspektrum des Versicherten abklären. 3.4 Steht fest, welches die visuell anspruchvollste Tätigkeit des Beschwerdegegners ist, wird die IV-Stelle einen fachärztlichen Bericht zur diesbezüglichen Notwendigkeit des Binokularsehens einholen, der nicht allein auf die subjektiven Angaben des Versicherten abstellt, sondern vielmehr für die streitigen Belange umfassend ist, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben wird und der konkreten medizinischen Situation Rechnung trägt (vgl. dazu BGE 125 V 353 Erw. 3a). Soweit der einseitige Ausfall der Sehfähigkeit durch Angewöhnung an den Verlust des stereoskopischen Sehens zumutbarerweise kompensiert werden kann (vgl. z.B. die viermonatige Wartefrist nach dem Verlust eines Auges in der Führerausweis-Kategorie B gemäss Anhang 1 zur Verordnung vom 27. Oktober 1976 über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr [VZV; SR 741.51]), hat dies der Augenarzt im Einzelfall zu berücksichtigen und dazu Stellung zu nehmen. Zusätzlich wird er die Frage betreffend die Auswirkungen von störenden Blendeffekten - insbesondere bei der Arbeit am Bildschirm - beantworten müssen. Erfolgt die augenärztliche Beurteilung dieser Fragen - wie hier - erst nach bereits durchgeführter Operation, sind sie medizinisch prognostisch aufgrund der Verhältnisse vor der fraglichen Operation (AHI 2000 S. 299 Erw. 2b mit Hinweisen) zu beantworten. 3.5 Nach dem Gesagten steht fest, dass die Vorinstanz die Verwaltungsverfügung zu Recht aufhob und die Sache zur weiteren Abklärung an die IV-Stelle zurückwies. Die Verwaltung wird dabei gemäss den Erwägungen Ziffer 3.2 bis 3.4 vorgehen.