Citation: 8C_319/2010 15.12.2010 E. 6

6.1 Die ungelernte, seit 1970 verheiratete Beschwerdegegnerin, Mutter zweier 1972 und 1975 geborener Kinder, trennte sich im Frühjahr 1996 von ihrem Ehemann und liess sich im Juli 1999 scheiden. Bis zum Zeitpunkt der Trennung hatte sie neben der Führung des Haushalts und der Kinderbetreuung während rund eineinhalb Tagen pro Woche Büro- und Reinigungsarbeiten im Büro ihres Mannes verrichtet. Ende September 1998 meldete sie sich für eine im August 1999 beginnende zweieinhalbjährige Ausbildung zur Farbdesignerin an, welche sie in der Folge jedoch wieder aufgab. Von 1998 bis zu seinem Ableben im Juni 2004 war sie mit einem betagten Witwer befreundet gewesen, den sie auf Grund seiner Herzbeschwerden in den letzten Jahren gepflegt hatte. Im Januar 2001 wurde eine Beiratschaft nach Art. 395 Abs. 2 ZGB (freie Verfügbarkeit der Vermögenserträgnisse, Fremdverwaltung des Vermögens) errichtet. In Bezug auf die Statusfrage ("Würde heute ohne Behinderung eine Erwerbstätigkeit ausgeübt?") lassen sich dem Abklärungsbericht Haushalt vom 20. Januar 2009 die Angaben entnehmen, dass eine erwerbliche Beschäftigung nicht zwingend erforderlich sei, da keine finanziellen Probleme bestünden (in gleichem Sinne auch die Stellungnahme der IV-Abklärungsperson vom 6. Mai 2009). 6.2 In Anbetracht dieser Verhältnisse sah es die Vorinstanz als in hinreichendem Masse erstellt an, dass die Beschwerdegegnerin, welche gemäss eigener Aussage die nach der Trennung beabsichtigte Ausbildung zur Ergotherapeutin (wie auch diejenige zur Aktivierungstherapeutin bzw. Farbdesignerin) infolge der damit verbundenen psychischen Belastung nicht habe aufnehmen können bzw. frühzeitig habe beenden müssen, sich bei intakter Gesundheit qualifizierte Berufskenntnisse im kaufmännischen Bereich angeeignet und in der Folge ein volles ausserhäusliches Erwerbspensum geleistet hätte. Da jedenfalls im Zeitpunkt der Scheidung die beiden Kinder keiner intensiveren Betreuung mehr bedurft hätten und kein grösserer Haushalt zu besorgen war, hätte der Versicherten im Gesundheitsfall die gesamte Arbeitskraft zur Nutzung in einer Erwerbstätigkeit zur Verfügung gestanden. Darin sei die vernünftigste Vorgehensweise zu erblicken, habe auch eine bezüglich des ihr anlässlich der Scheidung übertragenen Geldbetrages geschickt geführte Anlagepolitik keinen Ertrag mehr zu liefern vermocht, welcher ihr die Weiterfinanzierung ihres bisherigen Lebensstandards ermöglicht hätte. Ein stetiger Verzehr des Vermögens hätte sich sodann als nicht sinnvoll erwiesen, habe darin doch ihre wichtigste Altersvorsorge bestanden. 6.2.1 Dem kann mit Beschwerdeführerin und BSV nicht gefolgt werden. Für die Statusfrage ist massgebend, ob und bejahendenfalls in welchem Umfang die versicherte Person einer Erwerbstätigkeit nachgehen würde, wenn sie nicht invalid geworden wäre. Diese - stets hypothetische - Annahme ist anhand des im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrades der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu ermitteln. Es ist somit auf Grund objektiver Umstände "vernünftig" zu beurteilen, wie die betreffende versicherte Person in ihrer konkreten Lebenssituation ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen entschieden hätte. Dieser subjektive Entschluss muss nicht zwingend auch der objektiv vernünftigste Entscheid sein. Indem das kantonale Gericht mit der Begründung, dass weder die von der IV-Stelle gegen noch die von der Versicherten für einen Vollerwerb im Validitätsfall angeführten Argumente überzeugten, auf das Kriterium der objektiv vernünftigsten Entscheidung als "wahrscheinlichster" aller möglichen Varianten abstellt, verkennt es, dass stets allein die hypothetische Verhaltensweise der am Recht stehenden versicherten Person ausschlaggebend ist, nicht die unter allen Titeln zweckmässigste. Letztere gelangt einzig zur Anwendung, wenn sie mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auch die im konkreten Fall von der versicherten Person gewählte Lebensform darstellte. Darauf hinzuweisen bleibt zudem, dass gerade der vorliegend zu beurteilende Fall die Schwierigkeit der sogenannt "vernünftigen" Lösung anschaulich aufzeigt. Entgegen der vorinstanzlichen Betrachtungsweise dürfte es nicht jedermann ohne weiteres einleuchten, dass eine Person Mitte Fünfzig, welche sich in einer finanziell einigermassen komfortablen Situation befindet, über keine berufliche Ausbildung verfügt und sich während beinahe dreissig Jahren primär familiären Aufgaben gewidmet hat, eine Vollzeiterwerbstätigkeit anstreben sollte. 6.2.2 Ausweislich der Akten war die Versicherte über 25 Jahre lang als Hausfrau und Mutter tätig. Im Zeitraum von 1970 bis zur Trennung von ihrem Ehemann Mitte der 90er-Jahre verrichtete sie zudem an rund eineinhalb Tagen wöchentlich Büro- und Reinigungsarbeiten im Betrieb ihres Ehegatten. Erwiesenermassen traf die Beschwerdegegnerin im Zeitraum von 1994 bis 1998, obgleich die beiden Kinder damals bereits mündig waren, sodann keine Anstalten, sich vertiefte berufliche Fähigkeiten anzueignen bzw. eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Dieser Umstand dürfte zum einen zwar in dem sich in dieser Zeitspanne verschlechternden Gesundheitszustand der Versicherten begründet liegen, zum anderen aber wohl auch in nicht unerheblichem Masse auf die doch als günstig zu bezeichnende finanzielle Unterhaltssituation während des Trennungs- bzw. Scheidungsverfahrens zurückzuführen sein. Von der nach der Trennung/Scheidung angestrebten Ausbildung zur Ergo- bzw- Aktivierungstherapeutin wurde ihr schliesslich aus - invaliditätsfremden - Altersgründen abgeraten und der im Spätsommer/Herbst 1999 begonnene Kurs zur Farbdesignerin musste frühzeitig abgebrochen werden, da die Beschwerdegegnerin sich ausserstande sah, eine schulbegleitende 70 %ige Anstellung in diesem Bereich zu finden. Weitere Arbeitsbemühungen sind nicht ausgewiesen. Dem Abklärungsbericht Haushalt vom 20. Januar 2009 ist einzig zu entnehmen, dass sie sich ein Atelier gemietet habe, um dort ihrem Hobby, dem Patchworking, nachzugehen. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Schlussfolgerung der Vorinstanz, wonach die Beschwerdegegnerin bei intakten gesundheitlichen Verhältnissen vollzeitlich erwerbstätig gewesen wäre, nicht erhärten. Wohl bekundete sie nach der Aktenlage Interesse für eine berufliche Ausbildung, welches sich namentlich in der Aufnahme des zweieinhalbjährigen Lehrganges zur Farbdesignerin im Herbst 1999 manifestierte. Dass sie in der Folge nicht in der Lage war, die erforderliche kursbegleitende 70 %-Anstellung zu finden bzw. dauerhaft zu bewältigen, dürfte indes nicht nur ihrem angeschlagenen psychischen Gesundheitszustand, sondern - wie ihr bereits in Bezug auf die Ausbildung zur Ergo- bzw. Aktivierungstherapeutin signalisiert worden war - auch den altersmässigen Voraussetzungen zuzuschreiben sein. Ebenso wenig bestehen Anhaltspunkte dafür, dass die Beschwerdegegnerin sich im kaufmännischen Bereich betätigt hätte, wie vom kantonalen Gericht suggeriert. In Anbetracht der diesbezüglich fehlenden Berufsbildung, welche durch die zwar langjährige, aber doch auf sehr singuläre und jeweils kurzzeitige Aufgaben beschränkte Mitarbeit im Betrieb des Ehegatten nicht zu ersetzen gewesen wäre, hätten ihr lediglich gering entlöhnte administrative Hilfsarbeiten offen gestanden. Mit der Beschwerdeführerin ist jedoch nicht anzunehmen, dass sie längerfristig untergeordnete Arbeit verrichtet hätte, um ihren in pekuniärer Hinsicht ohnehin nicht angespannten Lebensstandard erhöhen zu können. Des Weiteren hat die Versicherte ihren neuen Lebenspartner während eines geraumen Zeitraums bis zu seinem Ableben gepflegt, welcher Umstand die Wahrscheinlichkeit, dass sie daneben noch einer vollzeitlichen Erwerbstätigkeit nachgegangen wäre, ebenfalls beträchtlich vermindert. In den aufgeführten wesentlichen Punkten hat das kantonale Gericht den rechtserheblichen Sachverhalt entweder unvollständig erhoben oder qualifiziert unrichtig gewürdigt, sodass darauf infolge Bundesrechtsverletzung nicht abgestellt werden kann (Art. 95 lit. a BGG; Urteil 8C_134/2010 vom 4. Mai 2010 E. 4.2.2 mit Hinweisen). Auf Grund der Aktenlage ist vielmehr als mit dem erforderlichen Beweisgrad ausgewiesen zu betrachten, dass die Beschwerdegegnerin ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen wäre. Die Invalidität ist demnach anhand der leidensbedingten Einschränkung im Aufgabenbereich nach Art. 27 IVV (Haushalt sowie gegebenenfalls gemeinnützige und künstlerische Tätigkeiten) zu ermitteln.