Citation: 6B_523/2024 E. 1.7.4

1.7.4. Aus den vorstehend relativ umfangreich wiedergegebenen Ausführungen des Sachverständigen ergibt sich, dass dieser - entgegen dem Vorwurf des Beschwerdeführers - die dargelegten bundesgerichtlichen Anforderungen an eine individuelle Gefährlichkeitsprognose erfüllt. Der Gutachter nimmt mittels einer individuellen Einzelfallanalyse eine Prognosestellung vor, in welche er alle für die Begutachtung relevanten Umstände und dabei namentlich auch das fortgeschrittene Alter des Beschwerdeführers miteinbezieht und die aus den angewandten Prognoseinstrumenten gewonnenen Erkenntnisse adäquat einfliessen lässt. Die Risikoanalyse des Sachverständigen ist entgegen der Kritik des Beschwerdeführers strukturiert. Der Vorwurf, der Gutachter diskutiere das Thema des "sozialen Empfangsraums" unter dem Titel "Postdeliktische Persönlichkeitsentwicklung", trifft nicht zu (vgl. kantonale Akten, act. 64, Gutachten B.________, S. 103 ff.). Gleiches gilt für den Vorwurf, der Sachverständige beschränke sich darauf, einzelne negative Punkte herauszupflücken, berücksichtige jedoch die positiven Aspekte nicht. Der Gutachter lässt das Vollzugsverhalten, die guten Arbeitsleistungen und die Aussenkontakte in seine Beurteilung einfliessen und hält im Übrigen wiederholt fest, dass protektive Faktoren fehlen (vgl. kantonale Akten, act. 64, Gutachten B.________, S. 94, 107, 108). Dabei berücksichtigt der Sachverständige auch das Alter des Beschwerdeführers, das gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung als protektiver Faktor gewertet werden kann, der etwa ab dem 50. Lebensjahr zunehmend bedeutsamer wird (vgl. hierzu BGE 149 IV 325 E. 4.5.2 mit Hinweisen), hinreichend. Insbesondere wendet er mit dem Static-99 R ein Prognoseinstrument an, welches das höhere Alter des Beschwerdeführers einbezieht (kantonale Akten, act. 64, Gutachten B.________, S. 80, 109, 121) und dessen Ergebnis er bei seiner Einschätzung beachtet. Damit berücksichtigt der Sachverständige entgegen dem Einwand des Beschwerdeführers auch die positiven Aspekte. Dass der Sachverständige vorwiegend Risikofaktoren und wenige protektive Faktoren bezeichnet, liegt daran, dass Letztere kaum vorhanden sind. Ein Mangel in der Begutachtung liegt diesbezüglich jedoch nicht vor. Soweit der Beschwerdeführer die aktuarischen Prognoseinstrumente im Allgemeinen und den VRAG im Besonderen kritisiert, ist festzustellen, dass seine Ausführungen einerseits sehr oberflächlich bzw. rudimentär sind, indem er geltend macht, diese Prognoseinstrumente seien in die Kritik gekommen, und andererseits vorliegend nicht der VRAG, sondern der VRAG-R angewandt wurde, der auf einer aktuelleren Studie mit einer 1'261 männliche Straftäter umfassenden Stichprobe basiert (vgl. hierzu: kantonale Akten, act. 64, Gutachten B.________, S. 84 f.; MOKROS/DRESSING/HABERMEYER, Die Begutachtung der Kriminalprognose [Risikobeurteilung und -handhabung], in: Dressing/ Habermeyer [Hrsg.], Psychiatrische Begutachtung, 7. Aufl. 2021, S. 470; MARTIN RETTENBERGER, Die statistische Seite der Prognose oder warum wir Statistik brauchen, um fachlich fundierte Kriminalprognosen zu erstellen, in: Risikobeurteilung, Heer/Habermeyer/Bernard [Hrsg.], Forum Justiz & Psychiatrie, Bd. 8, 2024, S. 23 f.), womit die Kritik am VRAG an der Sache vorbei geht. Als unzutreffend erweist sich der Einwand des Beschwerdeführers, die differenzierte klinisch-ideografische Risikoanalyse des Sachverständigen sei "nur sehr rudimentär und verdient deren Namen nicht". Entgegen seiner Annahme erstreckt sich die differenzierte klinische Einzelfallanalyse vorliegend nicht nur über die von ihm angegebenen Seiten 103 bis 108, sondern beginnt bereits mit den Ausführungen zur Biografie und der Persönlichkeitsentwicklung des Beschwerdeführers auf Seite 88 und endet mit der Schilderung der drei möglichen Risikoszenarien unter dem Titel "prognostische Gesamtbeurteilung und Risikoszenarien" auf S. 113. Der Beschwerdeführer zeigt mit seiner Kritik nicht auf, dass diese ausführliche Risikobeurteilung an offensichtlichen Mängeln krankt. Der Sachverständige nimmt eine mehrstufige differenzierte Einzelfallanalyse vor, bei der er sowohl Basisraten und Prognoseinstrumente als auch sämtliche individuellen Fallelemente einbezieht, allfälligen Entwicklungen Rechnung trägt und damit auch das höhere Alter des Beschwerdeführers angemessen berücksichtigt. Ferner diskutiert der Sachverständige verschiedene Risikoszenarien, die keineswegs als rudimentär bezeichnet werden können. Im Ergebnis verneint er das Vorliegen von deliktpräventiven Effekten und protektiven Faktoren sowie gelangt unter Würdigung der klinischen und instrumentengestützten Bewertung zum Schluss, dass auch in Berücksichtigung des etwas höheren Alters des Beschwerdeführers von einem überdurchschnittlichen Rückfallrisiko für erneute Sexualdelikte wie auch nicht-sexuelle Gewaltdelikte auszugehen ist und eine hohe Dringlichkeit von Betreuung und Kontrolle besteht. Insgesamt erweist sich die Kritik des Beschwerdeführers an der prognostischen Beurteilung des Sachverständigen als unbegründet. Dieser nimmt mittels einer individuellen Einzelfallanalyse eine Prognosestellung vor, in die er alle für die Beurteilung relevanten Umstände einbezieht, und bei der er die aus den angewandten Prognoseinstrumenten gewonnenen Erkenntnisse adäquat einfliessen lässt. Damit krankt die Risikobeurteilung im Gutachten B.________ nicht an derart offensichtlichen Mängeln, dass dieses keine genügende Rechtsgrundlage darstellt.