Citation: 8C_266/2008 22.08.2008 E. 3.2

3.2.1 Dr. med. A.________ hielt im neurologischen Gutachten vom 21. Januar 2002 unter der Rubrik "Beurteilung" fest, anlässlich seiner Exploration des Versicherten sei "das psychiatrische Bild weitaus im Vordergrund gestanden"; der neurologische Status sei normal gewesen; auch hirnelektrisch habe er keine Hinweise für irgendwelche Funktionsstörungen traumatischer oder anderweitiger Art finden können. Die Befunde an den Weichteilen seien widersprüchlich. Zum einen liess sich der Explorand nicht untersuchen und reagierte auf kleinste Berührungen mit massiven Muskelanspannungen, mit Würgen, Husten und Schmerzäusserungen, sodass eine vernünftige Palpation des Achsenskeletts, insbesondere des Nackens nicht möglich war. Im Kontrast dazu bewegte er sich, wenn er sich unbeobachtet wähnte, normal, er kleidete sich flüssig und zielgerichtet an und bewegte dabei den Kopf ungehindert. Auffallend war schliesslich die ausserordentliche vegetative Dysregulation mit Mundtrockenheit, Tachykardie, Schwitzen, Zittern und Frieren. Ob diese rein psychogen bedingt waren oder eine Wirkung der eingenommenen Medikamente (insbesondere Tramal) vorlag, konnte Dr. med. A.________ nicht abschliessend beurteilen. Bei der Beantwortung des Fragenkatalogs erwähnte er, dass organische Kernbeschwerden (schmerzhafte Verspannungen am Schultergürtel mit Bewegungseinschränkungen, Schwindel, Tinnitus und Kopfschmerzen) bestünden, die als Teil der erlittenen HWS-Distorsionstraumen anzusehen und ohne Zweifel unfallkausal seien. Weitere bestimmte, dem typischen Beschwerdebild zuzuordnende psychische und neuropsychologische Beschwerden seien ebenfalls unfallbedingt, eine Trennung von anderen reaktiven psychischen Beschwerden sei ohne fachpsychiatrische Abklärung, auch hinsichtlich der Frage, ob ein Vorzustand oder eine biographische Prädisposition vorliege, nicht möglich. Unter Berücksichtigung der mutmasslichen Weichteilbeschwerden, welche rheumatologisch weiter abzuklären seien, könnte der Versicherte wieder zu 50 % arbeiten. 3.2.2 Das Universitätsspital X.________ (Dres. med. B.________, P.________ und Prof. L.________) kam im Gutachten vom 8. Juli 2004 (mit Zusatzbericht vom 1. Februar 2005) zum Schluss, dass das Ausmass der geschilderten und demonstrierten Beschwerden in Widerspruch zu der sehr gut ausgebildeten Muskulatur an Rücken und Extremitäten trotz anamnestisch langjähriger beschwerdebedingter Inaktivität mit vollständiger Arbeitsunfähigkeit sowie angegebener Notwendigkeit fremder Hilfe im Haushalt und Garten stehe. Die cervicospondylogenen/-cephalen Beschwerden seien zum aktuellen Zeitpunkt nach knapp vier Jahren bei Fehlen beschwerderelevanter klinischer und radiologischer Befunde nur möglicherweise auf die Unfälle zurückzuführen. Aus rheumatologischer Sicht bestehe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Inwieweit die psychiatrischen Diagnosen unfallkausal seien und die Beschwerden unterhielten, sei nicht Gegenstand der rheumatologischen Beurteilung. 3.2.3 Im psychiatrischen Gutachten des Dr. med. Q.________ vom 21. Mai 2007 wird ausführlich eine von der Invalidenversicherung eingeholte Expertise des Spital V.________ (Dres. med. J.________, Leitender Arzt, und U.________, Chefarzt), vom 14. Mai 2006 zitiert. Darin wird erwähnt, die klinisch-rheumatologischen wie auch klinisch-neurologischen Befunde hätten keine Hinweise auf pathologische Funktionen ergeben. Die in den Laboruntersuchungen festgestellten, leicht entzündlichen (schon nach kurzer Zeit abgeklungenen) Werte seien im Rahmen einer Grippeinfektion zu interpretieren. Es sei ausserordentlich schwierig, für das aktuelle Bechwerdebild eine Ursache zu finden. Ein einzelnes Ereignis sei dafür nicht verantwortlich zu machen. Der gesamte Verlauf nach den zwei Unfällen sei ungewöhnlich. Das Nichtansprechen auf irgendwelche Behandlungen bei fehlenden pathologischen (insbesondere neurologischen) klinischen und radiologischen Untersuchungsbefunden lasse keine sicheren Rückschlüsse auf die Ursache der geschilderten Beschwerden zu. Die Inkonsistenzen in der Beschwerdeschilderung zögen sich wie ein roter Faden durch die gesamte medizinische Aktenlage. Aus rheumatologisch-neurologischer Sicht sei der Explorand für eine mittelschwere wechselbelastende Tätigkeit uneingeschränkt arbeitsfähig. 3.2.4 Der psychiatrische Gutachter Dr. med. N.________ hielt in der Expertise vom 27. Juni 2002 fest, auf der Ebene der somatischen Beschwerden bestehe eine sogenannte "Belle Indifférence"; der Versicherte schildere schwerste Schmerzen mit grosser Distanziertheit, so als spräche er von einer Drittperson. Die Zusammensetzung, Ausprägung und Charakteristik der Beschwerden sprächen eindeutig für das Vorliegen einer psychosomatischen Krankheit. Zum einen bestehe auf affektiver Ebene eine vorwiegend apathisch-gehemmte, allerdings noch modulationsfähige Stimmungslage, welche als sekundäre Entwicklung auf die psychosomatische Erkrankung zu verstehen sei. Zum anderen lägen im kognitiven Bereich subjektive, wechselhaftige und in Abhängigkeit von den Schmerzen stehende Einschränkungen auf allen Ebenen vor, wozu auch noch eine histrionische Komponente und ein abusiver Gebrauch des Opioids Tramal hinzukämen. Insgesamt sei von einem labilen psychischen Gleichgewicht bei kombinierter Persönlichkeitsstörung (histrionisch-narzisstisch) auszugehen, welche durch die Unfälle zur Dekompensation gebracht worden sei. 3.2.5 Dr. med. Q.________ kam im Gutachten vom 21. Mai 2007 zum Schluss, es liege eine leichte depressive Störung (ICD-10: F32.0) mit depressiver Verstimmung, Freud- und Interesselosigkeit, Klagsamkeit, Verzweiflung, Hoffungslosigkeit sowie Insuffizienz- und Minderwertigkeitsgefühlen vor, die reaktiv auf die Unfälle, die chronischen Schmerzen und die psychosoziale Situation aufgetreten sei. Die früher festgestellten mittelschweren neuropsychologischen Beeinträchtigungen seien im Zeitpunkt der von ihm durchgeführten vier Untersuchungen nicht ersichtlich gewesen. Zum anderen leide der Explorand an einer Panikstörung (ICD-10: F41.0) mit den üblichen Symptomen (wie Schwitzen, Angst, Zittern, beschleunigte Atmung, Atemnot), aber auch mit Panikattacken (der Explorand reisse sich die Kleider vom Leib), die im Wesentlichen Folge der Angst eines kardiovaskulären Krankheitsgeschehens seien. Eine somatoforme Schmerzstörung könne nicht diagnostiziert werden, da die massiven Schmerzen mit dem medizinisch geäusserten Verdacht auf eine Vaskulitis somatisch weitgehend erklärt seien. Ebensowenig liege mangels anamnestisch feststellbarem Beginn in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter eine Persönlichkeitsstörung vor; vielmehr sei die Reaktionsbreite und das Finden von Lösungen lediglich unter Druck und in Schwierigkeiten verringert, so dass die dabei erkennbaren histrionischen, narzisstischen und ängstlich vermeidenden Persönlichkeitszüge sich lediglich stärker zeigten. Schliesslich könne hypothetisch die heftige somatische Reaktion mit grossen Schmerzen auf die zwei Unfälle teilweise auf eine Retraumatisierung zurückgeführt werden. Diese Hypothese könne nur in einer mehrjährigen Therapie überprüft werden und habe zum Zeitpunkt der aktuellen Exploration keine konkrete Relevanz bezüglich diagnostischer Einschätzung respektive Beurteilung der Arbeitsfähigkeit.