Citation: 1P.26/2005 09.05.2005 E. 3

3.1 Der Beschwerdeführer macht (S. 13-18 Ziff. 3.2) geltend, das Obergericht stelle ohne korrekte Prüfung der Glaubhaftigkeit auf die selbst im Kernbereich inkonstanten Aussagen der Beschwerdegegnerin ab. Es lasse die Vielzahl von Hinweisen einer Beeinflussung der Beschwerdegegnerin wie auch die Tatsache ausser Acht, dass die erste Befragerin von der Kinderschutzgruppe eine "Programmierung" der Beschwerdegegnerin nicht habe ausschliessen können. Das Obergericht verletze damit den Grundsatz "in dubio pro reo", wenn es den Schuldspruch im Wesentlichen allein auf die Aussagen der Beschwerdegegnerin stütze. Bei objektiver Würdigung des Beweisergebnisses bestünden erhebliche Zweifel an seiner Schuld. 3.2 Was der Beschwerdeführer insoweit vorbringt, erschöpft sich wiederum über weite Strecken in appellatorischer Kritik. Zwar legt er (S. 13) selber dar, die Einschätzung des Obergerichts, wonach sein Aussageverhalten als unglaubwürdig zu beurteilen sei, könne in der staatsrechtlichen Beschwerde nicht mit Aussicht auf Erfolg angefochten werden. In der Folge kommt er darauf nicht zurück. Er beschränkt sich vielmehr auf die Darlegung, weshalb den Aussagen der Beschwerdegegnerin nicht geglaubt werden könne. Ob die Beschwerde im vorliegenden Zusammenhang den Begründungsanforderungen von Art. 90 Abs. 1 lit. b OG genügt, kann offen bleiben, da sie jedenfalls unbegründet ist. 3.3 Berücksichtigt man - anders als der Beschwerdeführer - sämtliche Beweiselemente, ergibt sich Folgendes: 3.3.1 Der Beschwerdeführer brachte in der Berufung vor, er habe sich 1999 besonders um seine Schwester - die Mutter der Beschwerdegegnerin - und letztere gekümmert. Er habe dann eine neue Freundin gefunden und beabsichtigt, zu dieser zu ziehen. Seine Schwester habe sich dadurch von ihm verraten gefühlt. Anlässlich eines Telefongesprächs, welches die Schwester mit ihrer Mutter am 28. September 2001 geführt habe, habe die Schwester erfahren, dass der Beschwerdeführer gesagt haben solle, er werde dann schon schauen, dass er die Beschwerdegegnerin bekomme, wenn sie der Schwester weggenommen würde. Die Schwester habe also von ihrer Mutter erfahren, dass ihr eigener Bruder ihr die Beschwerdegegnerin wegnehmen wolle, was die Schwester mit allen Mitteln habe verhindern wollen. Dies sei der Grund, weshalb sie den Beschwerdeführer zu Unrecht des sexuellen Missbrauchs beschuldigt habe. Das Obergericht hat sich damit (S. 15 ff. E. 3b) einlässlich auseinander gesetzt. Es erwägt, dass die Schwester einzig gestützt auf das Telefongespräch mit ihrer eigenen Mutter vom 28. September 2001 und allein gestützt auf deren vagen Aussagen, wonach der Beschwerdeführer beabsichtigt habe, die Beschwerdegegnerin zu sich zu nehmen, in den Gegenangriff gegangen sein solle, die Beschwerdegegnerin entsprechend "präpariert" und mit ihr dann einen Termin bei der Kinderschutzgruppe erwirkt haben solle, um den Beschwerdeführer anschliessend bei den Strafbehörden zu Unrecht des sexuellen Missbrauchs zu beschuldigen, könne nicht geglaubt werden und erscheine konstruiert. So sei im Jahr 2001 noch kein Entscheid der Vormundschaftsbehörde bezüglich der Errichtung einer allfälligen Beistandschaft vorgelegen und die Bestellung einer bestimmten Person als Beistand sei somit überhaupt noch nicht zur Diskussion gestanden. Dass die Schwester gestützt auf ein einziges Telefonat zuerst die Beschwerdegegnerin manipuliert und dann die Kinderschutzgruppe sowie das Jugendamt Ostermundigen falsch informiert und schliesslich bei der Polizei noch zu Unrecht eine Anzeige gegen den Beschwerdeführer eingereicht habe, könne auch in Würdigung des Umstandes nicht geglaubt werden, dass die Schwester bereits mit der Erziehung der Beschwerdegegnerin stark gefordert gewesen sei und kaum in derart berechnender Weise hätte vorgehen können. Nachvollziehbar sei hingegen, dass die Schwester gestützt auf das Telefongespräch mit ihrer Mutter aufgrund deren Äusserungen, wonach die Beschwerdegegnerin missbraucht worden sein könnte, hellhörig geworden sei und die Beschwerdegegnerin nach allfälligen Vorgängen gefragt habe. Es sei denn schliesslich auch eine Mitarbeiterin der Einwohnergemeinde Ostermundigen gewesen, welche der Schwester geraten habe, Anzeige zu erstatten. Das Obergericht erwägt weiter, hätte die Schwester den Beschwerdeführer tatsächlich falsch beschuldigen und ihn in ein schlechtes Licht stellen wollen, hätte sie im Übrigen wohl zusätzlich noch den Diebstahl zur Sprache gebracht, den er angeblich bei einem Besuch bei ihr begangen habe. Weiter hätte es nahe gelegen, der Beschwerdegegnerin einzutrichtern, der Beschwerdeführer habe sie beim Windelnwickeln missbraucht. Von ihrer eigenen Mutter habe die Schwester nämlich erfahren, dass der Beschwerdeführer wegen Übergriffen auf ein Kleinkind anlässlich des Windelnwickelns verdächtigt worden sei. Obwohl die Beschwerdegegnerin nach eigenen Angaben vom Beschwerdeführer tatsächlich gewickelt worden sei, habe sie sich aber gerade nicht daran erinnern können, dass es bei dieser Gelegenheit zu Übergriffen gekommen sei. Die Beschwerdegegnerin habe von anderen Vorfällen berichtet. Das Obergericht kommt (S. 18 E. 3b/ee) zum Schluss, entgegen den Ausführungen des Beschwerdeführers sei somit kein plausibles Motiv erkennbar, weshalb die Schwester ihn zu Unrecht sexueller Übergriffe bezichtigt und entsprechend auf die Beschwerdegegnerin eingewirkt haben sollte. Das vom Beschwerdeführer vorgebrachte Motiv erscheine konstruiert und sei unglaubwürdig. Diese Auffassung ist verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden. 3.3.2 Das Obergericht hat sodann eingehend die Aussagen der Beschwerdegegnerin geprüft (S. 18 ff. E. 3c). Es kommt (S. 21 E. 3c/cc) zum Schluss, es bestünden trotz vorhandener suggestiver Einflüsse seitens der Mutter gewichtige Hinweise dafür, dass den Beschuldigungen der Beschwerdegegnerin, welche sie in den ersten beiden Befragungen gegen den Beschwerdeführer erhoben und in der dritten Befragung bestätigt habe, ein reales Erlebnis zu Grunde liege. Die Beschwerdegegnerin habe sehr konkrete und konsistente Angaben gemacht, die ein Kind in diesem Alter, welches noch keine solchen Erlebnisse gehabt habe, nicht machen könne. Die Zeugin A.________ - Befragerin bei der ersten Einvernahme - habe denn auch darauf hingewiesen, die Äusserungen der Beschwerdegegnerin seien spontan gewesen und deren "Programmierung" könne eher ausgeschlossen werden. Das Obergericht bemerkt weiter, der Umstand, dass dem kinderpsychologischen Dienst nichts aufgefallen sei, vermöge an der Glaubhaftigkeit der Aussagen der Beschwerdegegnerin nichts zu ändern. Auch diese Erwägungen sind verfassungsrechtlich haltbar. Ins Gewicht fällt insbesondere, dass die Beschwerdegegnerin hinsichtlich der Übergriffe im Wesentlichen immer die gleichen Angaben gemacht hat; dies sowohl gegenüber der Mutter als auch bei den Befragungen. Zudem hat sie verschiedene Spontanaussagen gemacht. So hat sie etwa angegeben, dass sie vor dem Beschwerdeführer, der sich auf der Postergruppe befunden habe, habe hinknien müssen, um an seinem "Bisi" zu schlecken; der Beschwerdeführer sei danach ins Bad gegangen, um sich zu waschen. Die Beschwerdegegnerin unterschied bei den Einvernahmen auch klar zwischen dem, was geschehen, und dem, was nicht geschehen war. So verneinte sie Übergriffe beim Windelnwechseln durch den Beschwerdeführer. Zwar erhob die Beschwerdegegnerin in der Befragung vom 27. August 2004 zusätzliche und schwerere Vorwürfe. Sie gab neu an, der Beschwerdeführer habe an ihrem Intimbereich herumgeschleckt und sei mit dem Penis in ihre Scheide eingedrungen. Das Obergericht legt (S. 20 f.) jedoch überzeugend dar, dass die Beschwerdegegnerin bei der Einvernahme vom 27. August 2004 offensichtlich den hier interessierenden Vorfall mit einem neuen vermischte, bei dem sich zwei Knaben sexuell an ihr vergingen. Es ist nicht zu beanstanden, wenn das Obergericht (S. 21) der Einvernahme vom 27. August 2004 am wenigsten Gewicht beimisst, da diese rund fünf Jahre nach den angeklagten Übergriffen stattfand. 3.3.3 Zulasten des Beschwerdeführers wirkt sich sodann, wie dargelegt, insbesondere sein eigenes Aussageverhalten aus. Bei seiner Einvernahme durch die Kantonspolizei Bern vom 10. Januar 2002 gab er noch an, er sei sich nicht sicher, ob die Beschwerdegegnerin wirklich einmal alleine bei ihm gewesen sei. Bei der Befragung durch die Kantonspolizei Aargau vom 14. Januar 2002 schilderte er dann ausführlich, wie er der Beschwerdegegnerin jeweils die Windeln wechselte: "Wenn sie stark verschmiert war oder Kotkügelchen in der Vagina hatte, zog ich ihre Schamlippen mit zwei Fingern sachte auseinander, damit ich die Kotkügelchen von Hand entfernen konnte. Das machte ich, damit ich ihr den Kot nicht in die Vagina wusch. Dann befeuchtete ich meinen kleinen Finger und reinigte ihr den Scheideneingang. Wenn der Kot in die Scheide reichte, drang ich manchmal auch ein wenig in die Scheide ein, um sie auch dort reinigen zu können". Auf Vorhalt gab der Beschwerdeführer weiter an, er habe die Beschwerdegegnerin beim Duschen bzw. Herumplanschen nackt fotografiert. Die Fotos habe er inzwischen entsorgt, weil er sich mit der Mutter der Beschwerdegegnerin zerstritten habe und der Kontakt zu seiner Familie abgebrochen sei. Auf die Frage, ob es zwischen ihm und der Beschwerdegegnerin zu (weiteren) sexuellen Handlungen gekommen sei, sagte der Beschwerdeführer aus, die Beschwerdegegnerin habe "vermutlich" beim Waschen seinen Penis in die Hand genommen und gefragt, was das sei. Sie habe zu jener Zeit die "Saumode" gehabt, alles abzuschlecken und in den Mund zu nehmen. Soweit er sich erinnere - er sei sich aber nicht mehr ganz sicher -, habe sie beim Duschen seinen Penis in den Mund genommen oder abgeschleckt. Er habe den Penis sofort zurückgezogen und verlangt, dass sie das nicht mehr mache. Auf die Frage, ob er von der Beschwerdegegnerin beim Masturbieren beobachtet worden sei, antwortete der Beschwerdeführer, dies sei möglich; denkbar sei, dass sie dabei gesehen habe, wie Samenflüssigkeit ausgetreten sei. Konkret könne er sich aber nicht daran erinnern. Vor Bezirks- und Obergericht hielt er an seinen Aussagen fest, betonte allerdings - dies entgegen den Aussagen vor der Polizei - keine Nacktfotos von der Beschwerdegegnerin gemacht zu haben (vgl. angefochtenes Urteil S. 14 f.). Das Obergericht (S. 22 ff.) wertet diese Aussagen als Schutzbehauptungen. Es nimmt an, der vom Beschwerdeführer geschilderte Vorgang beim Windelwechseln könne nicht mehr als normal bezeichnet werden und nicht allein auf die Reinigung der Beschwerdegegnerin ausgerichtet gewesen sein. Insbesondere das Eindringen mit den blossen Fingern in den Scheideneingang und den Afterbereich könne nur mit einem sexuellen Hintergrund erklärt werden. Die Phase, in der Kinder alles in den Mund stecken wollten, sei zudem bis spätestens zum dritten Lebensjahr abgeschlossen. Dass die Beschwerdegegnerin im Alter von vier Jahren von sich aus den Geschlechtsteil des Beschwerdeführers in den Mund genommen haben solle, könne schon deshalb nicht geglaubt werden. Auszuschliessen sei auch, dass die Beschwerdegegnerin die entsprechenden, vom Beschwerdeführer mindestens vermutungsweise anerkannten Sachverhalte von sich aus oder auch auf Veranlassung ihrer Mutter mit einer sexuellen Komponente versehen haben könnte und aus einem zufälligen Betasten des Penis unter der Dusche ein Kneten und Schlecken des Penis auf dem Sofa konstruiert hätte. Unglaubhaft sei ausserdem, dass der Beschwerdeführer - wäre es tatsächlich zu solchen zufälligen Berührungen seitens der Beschwerdegegnerin gekommen - sich nicht mehr daran erinnern könnte. Nehme ein Kind den Penis eines Erwachsenen in den Mund, stelle das einen so aussergewöhnlichen Vorfall dar, dass dieser mit Sicherheit in Erinnerung bleibe. Alle diese Erwägungen des Obergerichtes sind in keiner Weise zu beanstanden. 3.4 Würdigt man die angeführten Beweiselemente gesamthaft, verletzt es den Grundsatz "in dubio pro reo" nicht, wenn das Obergericht erhebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel an der Schuld des Beschwerdeführers verneint hat. Die Rüge ist unbegründet.