Citation: I 518/01 24.05.2002 E. 3

3.- Strittig ist, ob der Versicherte angesichts seiner geklagten Beschwerden noch ein einen Rentenanspruch ausschliessendes Erwerbseinkommen erzielen kann. IV-Stelle und Vorinstanz gingen gestützt auf die Expertise des ZMB vom 5. November 1998 (nachfolgend: ZMB-Gutachten) davon aus, dass er - trotz der diagnostizierten "anhaltenden somatoformen Schmerzstörung mit chronischen Lumbalgien, sekundärer Verhaltensauffälligkeit und Verstimmungszuständen" - zumutbarerweise eine Arbeitsfähigkeit von sechs Stunden täglich in jeder Tätigkeit nach einem stufenweisen Wiedereinstieg ins Erwerbsleben verwerten könne. Demgegenüber macht der Beschwerdeführer geltend, gestützt auf das Parteigutachten des Dr. med. G.________ vom 10. Januar 2001 sei er - übereinstimmend mit den Einschätzungen der Dres. med. L.________ (Bericht des Hausarztes vom 23. Mai 1998) und R.________ (Bericht des Chefarztes der Klinik Y.________ vom 25. Juni 1997) - vollständig arbeitsunfähig, weshalb der diesbezügliche Widerspruch zwischen dem ZMB-Gutachten und dem Parteigutachten nur durch die Einholung eines psychiatrischen Obergutachtens geklärt werden könne. Zu prüfen ist somit vorweg, ob die Leistungsfähigkeit des Versicherten anhand der vorliegenden Akten mit dem erforderlichen Beweisgrad (Erw. 2 hievor) der überwiegenden Wahrscheinlichkeit beurteilt werden kann. a) Fest steht und unbestritten ist, dass die somatische Seite aktenkundig umfassend und ausreichend abgeklärt worden ist. So konnte anlässlich einer Hospitalisation des Versicherten vom 10. September bis 4. Oktober 1996 im Spital Z.________ zwecks Abklärung des von seinem damaligen Hausarzt Dr. med. B.________ diagnostizierten "chronisch progredienten rechtsseitigen lumbovertebralen Schmerzsyndroms" für die geklagten Beschwerden kein organisches Korrelat gefunden werden. Nach sorgfältiger Würdigung der vorhandenen Akten und eingehender Untersuchung des Versicherten gelangten die Fachärzte im ZMB-Gutachten (S. 11) zusammenfassend zur Beurteilung, "somatisch [könne] keine Arbeitsunfähigkeit begründet werden, weder im bisherigen Beruf als Giesser, noch sonst in irgend einer Hilfsarbeiter-Tätigkeit.. " b) Strittig ist jedoch, ob die "anhaltende somatoforme Schmerzstörung" (gemäss ZMB-Gutachten; nach der internationalen Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10 F45. 4) sich einschränkend auf die Arbeitsfähigkeit auswirkt. Diesbezüglich ist zunächst die Frage zu beantworten, ob zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht die Einholung eines Obergutachtens erforderlich ist, wie dies der Beschwerdeführer geltend macht. aa) Vor der Hospitalisierung im Spital Z.________ war im Sommer 1996 eine intensive physiotherapeutische Behandlung durchgeführt worden. Zum "Verlauf" dieser Behandlung ist dem Abschlussbericht des Physiotherapeuten H.________ vom 2. September 1996 zu entnehmen, zwar habe sich das Gangbild verbessert, doch habe der Versicherte in jeder Sitzung gesagt, es gehe ihm immer gleich schlecht. Obwohl er sich an der Therapie beteiligt habe, glaube der Therapeut nicht, dass sich der Beschwerdeführer eine Besserung erarbeiten wolle. Vom 21. Mai bis 18. Juni 1997 weilte er zur stationären Schmerzbehandlung in der Klinik Y.________. Gemäss dem entsprechenden Austrittsbericht vom 25. Juni 1997 des Dr. med. R.________ "war es schwierig, die vom Patienten bekundeten Beschwerden richtig zu interpretieren und einzuordnen. " Bei den Visiten und während den Gruppenarbeiten habe er ein "groteskes, ja beinahe theatralisches Verhalten" gezeigt. Demgegenüber sei seine doch sehr gute Wirbelsäulenbeweglichkeit und seine kräftige Muskulatur besonders auch im Bereich der unteren Extremitäten auffallend in Erscheinung getreten. So hätte das Personal den Beschwerdeführer des öfteren auch in aufrechter Körperhaltung stehen und gehen sehen. Unter Mitberücksichtigung dieser Beurteilungen sowie gestützt auf seine eigenen Untersuchungsergebnisse vertritt der Psychiater Dr. med. W.________ im ZMB-Gutachten (S. 9) die Auffassung, es stelle sich die Frage, ob eine wesentliche Aggravation oder eine Simulation vorliege. Um eine Simulation handle es sich sicher nicht, da der Versicherte viel zu konstant sich mit seinen Einschränkungen und Schmerzen beschäftige. Da er sehr einfach strukturiert sei, würden jedoch "ganz klar in der Untersuchungssituation seine Symptome aggraviert". bb) Aggravation figuriert nicht auf der Liste der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO); man versteht unter dem Begriff Aggravation eine im Verhältnis zum objektiven Befund übertriebene, unter Umständen zweckgerichtete Präsentation von Symptomen durch den Patienten (Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, Berlin/New York, 259. Aufl. 2002, S. 28). Gemäss Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapeutische Medizin (DGPM) in Abstimmung mit der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) zur "Ärztlichen Begutachtung in der Psychosomatik und Psychotherapeutischen Medizin - Sozialrechtsfragen" vom 12. Februar 2001 (abrufbar im Internet unter "www. awmf. org" der "Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften [AWMF]") wird Aggravation unter Ziff. 4.4. definiert als "die bewusst intendierte, verschlimmernde bzw. überhöhende Darstellung einer vorhandenen Störung zum Zweck der Erlangung von (materiellen) Vorteilen. (...) 'Überlistung' per se beweist sie [die Aggravation] nicht, wichtig sind (...) Inkonsistenzen in Beschwerdeschilderung und beobachtetem Verhalten". Einen isolierten Beweis (in der Form eines Tests) gäbe es nicht. Die bewusst gesteuerten Täuschungsphänomene seien Ausdruck eines sozial normabweichenden Verhaltens. Diese Verhaltensdisposition könne zwar im Einzelfall auf unbewusste intrapsychische Konflikte oder auf psychische Strukturdefizite zurückgehen und insoweit psychodynamisch erklärbar sein. In der Regel könne "psychodynamische Ableitbarkeit im genannten Sinne aber nicht dazu führen, Aggravation oder Simulation von psychischen oder körperlichen Beschwerden als krankheitswertig und insofern anspruchsbegründend im Sinne der sozialen Sicherungssysteme zu akzeptieren. " Soweit Aggravation als Ursache für die Einschränkung der Leistungsfähigkeit feststellbar ist, bleibt diese Einschränkung als invaliditätsfremder Faktor (Erw. 1 hievor) bei der Beurteilung der Leistungsfähigkeit unberücksichtigt. cc) Aus einem Telefongespräch mit Dr. med. L.________ vom 5. Dezember 2000 entnahm Dr. med. G.________ (Parteigutachten S. 9 f.), Dr. med. L.________ "habe immer Hinweise erhalten von seiner Arztgehilfin und von seiner eigenen Ehefrau, dass A.________ ganz normal umherlaufe, mit seinen Kindern, wie wenn nichts wäre. " Er sei z.B. auch im Zug normal gesessen. Bei den Untersuchungen durch Dr. med. L.________ habe er jedoch ein "theatrum grande" gemacht und mit leiddurchzogenem Gesicht Sympathie von allen Seiten erbeten. Weiter berichtete Dr. med. G.________ über seine eigenen psychopathologischen Befunde, der Versicherte habe ihm von Anfang an deutlich zu verstehen gegeben, dass er wegen Rückenschmerzen nicht schmerzfrei eine sitzende Stellung einnehmen könne. Auffallend sei gewesen, dass er sich mit keinem Wort nach Möglichkeiten der Schmerzbehandlung oder einer erfolgversprechenden Therapie erkundigt habe. Gestützt auf seine eigene psychiatrische Abklärung könne er nur auf eine "einfach strukturierte, vermutlich intelligenzverminderte Persönlichkeit" schliessen, ohne dass diese Diagnose eine Verminderung der Arbeitsfähigkeit begründe. Sonst könne beim Versicherten keine andere psychiatrische Diagnose gestellt werden. Zur Abklärung der Frage, ob eine schwere Aggravation oder gar Simulation im Sinne einer eigentlichen Vortäuschung eines Schmerzsyndroms bestehe, könnten jedenfalls eine klinisch-psychiatrische Untersuchung und testpsychologische Abklärungen keine weiteren Erkenntnisse liefern. dd) Steht fest, dass gestützt auf das ZMB-Gutachten, die Äusserungen des Dr. med. L.________ gegenüber Dr. med. G.________ und den Bericht der Klinik Y.________ vom 25. Juni 1997 mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit von einer Aggravation der geklagten Rückenschmerzen durch den Versicherten auszugehen ist und eine psychiatrische Oberexpertise keine neuen Erkenntnisse hinsichtlich der nicht objektivierbaren Beschwerden zu liefern vermag, ist auf diese Abklärung entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers von vornherein zu verzichten (vgl. zur antizipierten Beweiswürdigung Erw. 2 hievor). c) Psychiater Dr. med. G.________ (Parteigutachten S. 16 unten) vertritt die Auffassung, dass die Arbeitsfähigkeit im vorliegenden Fall grundsätzlich aus orthopädischer, rheumatologischer und/oder neurologischer Sicht beurteilt werden müsse. Aus psychiatrischer Sicht resultiere aus der Diagnose "einfach strukturierte Persönlichkeit, vermutlich Intelligenzmangel" keine Verminderung der Arbeitsfähigkeit. Gehe man von der Annahme aus, dass keine Aggravation vorliege, sei dem Versicherten auf Grund der somatoformen Schmerzen keine Arbeit mehr zumutbar. Damit steht das Parteigutachten nicht im Widerspruch zum ZMB-Gutachten; im Gegensatz zum Parteigutachten berücksichtigten jedoch die ZMB-Gutachter zutreffend auch die festgestellte Aggravation. Da von einer Aggravation der geklagten Rückenschmerzen auszugehen ist (Erw. 3b/dd hievor) und die Arbeitsfähigkeit nicht aus psychiatrischer, sondern z.B. aus orthopädischer Sicht zu beurteilen ist, sind keine Gründe ersichtlich, weshalb nicht auf die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch die interdisziplinäre ZMB-Kommission für medizinische Begutachtung unter Mitwirkung des Orthopäden Dr. med. C.________ abgestellt werden könnte. Demnach sind die mit Verwaltungsgerichtsbeschwerde erhobenen Einwände gegen die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit gemäss ZMB-Gutachten unbegründet. Dem Beschwerdeführer ist somit trotz seiner geklagten Beschwerden bei Aufbietung allen guten Willens (BGE 102 V 165; AHI 2001 S. 228 Erw. 2b mit Hinweisen) und in Nachachtung des im Sozialversicherungsrecht allgemein geltenden Grundsatzes der Schadenminderungspflicht (BGE 123 V 233 Erw. 3c, 117 V 278 Erw. 2b, 400, je mit Hinweisen) zumutbar, seine Restarbeitsfähigkeit - gegebenenfalls nach einem stufenweisen Wiedereinstieg ins Erwerbsleben im Falle von Schwerarbeit - während sechs Stunden pro Tag ohne weitere Einschränkungen zu verwerten. Im Vergleich zu seiner angestammten Tätigkeit in der Firma X.________ AG mit einer betriebsüblichen wöchentlichen Arbeitszeit von 42,25 Stunden ist somit im Folgenden von einer Arbeitsunfähigkeit von 29 % (30 statt bisher 42.25 Stunden pro Woche) auszugehen.