Citation: 8C_244/2022 E. 5.2

5.2. Die Vorinstanz hat nicht übersehen, dass das Ansetzen einer Nachfrist zulässig ist, wenn die Einsprache den Anforderungen von Art. 10 Abs. 1 ATSV nicht genügt. Sie hat aber zu Recht darauf hingewiesen, dass die vorliegend von der Suva gewährte Nachfrist von rund neun Monaten nicht mehr als angemessen (vgl. E. 3.2 und 3.3 hiervor) bezeichnet werden kann. Gemäss Rechtsprechung sind auch in jenen Fällen, in welchen der Rechtsvertreter in gutem Glauben von einer (zuvor unvertretenen) versicherten Person kurz vor Ablauf der Anfechtungsfrist mandatiert werde, die Akten "unverzüglich" einzuholen, und die Einsprache ist nach deren Eingang innert Frist mit einer Begründung zu ergänzen (BGE 134 V 162 E. 5.2; SVR 2021 UV Nr. 41 S. 183, 8C_217/2021 E. 5.2). Ein Rechtsvertreter hat nach seiner Mandatierung alles zu unternehmen, was von ihm in einer solchen Situation vernünftigerweise erwartet werden kann. Im hier zu beurteilenden Fall zeigte eine Rechtsanwältin der Rechtsschutzversicherung der Beschwerdeführerin der Suva mit E-Mail vom 18. Dezember 2020 das Vertretungsverhältnis an. Gleichzeitig ersuchte sie um Aktenzustellung, damit die Verfügung vom 30. November 2020 überprüft werden könne. Mit Schreiben vom 23. Dezember 2020 stellte die Suva der Rechtsanwältin der Rechtsschutzversicherung die Akten zu. Es ist nicht ersichtlich, weshalb es der Rechtsvertreterin nicht möglich gewesen sein sollte, innert der mindestens bis zum 18. Januar 2021 laufenden Einsprachefrist eine begründete Einsprache zu erheben. Unklar ist auch, weshalb kurz vor Ablauf der Einsprachefrist eine neue Rechtsvertreterin mandatiert wurde. Diese erhob mit Eingabe vom 18. Januar 2021 vorsorglich Einsprache und ersuchte um Ansetzung einer Frist zur ergänzenden Begründung der Einsprache, da es ihr aufgrund der kurzfristigen Mandatierung nicht möglich gewesen sei, innert der Rechtsmittelfrist die Richtigkeit der angefochtenen Verfügung zu überprüfen. Die Vertretungsvollmacht datiert vom 17. Januar 2021. Mit Schreiben vom 20. Januar 2021 bestätigte die Suva den Empfang der Einsprache. Sie teilte zudem mit, dass sie sobald als möglich darauf zurückkommen werde und bat um Geduld bis dahin. In der Folge dauerte es offenbar bis Mitte April 2021, bis die damalige Rechtsvertreterin um Aktenzustellung ersuchte (vgl. Schreiben der Suva vom 15. April 2021). Innert der von der Suva bis zum 24. Mai 2021 erstreckten Frist zur (ergänzenden) Einsprachebegründung ersuchte die neu mandatierte und aktuelle Rechtsvertreterin am 21. Mai 2021 um Aktenzustellung und Verlängerung der Frist. Nachdem die Suva diesem Wunsch nachgekommen war und eine Fristerstreckung bis zum 8. Juli 2021 gewährte, ersuchte die Rechtsvertreterin um eine weitere Fristerstreckung wegen sehr hoher Arbeitsbelastung und grossem Termindruck. Die Suva kam auch diesem Wunsch nach und gewährte in der Folge noch zwei weitere Male eine Fristerstreckung bis schliesslich zum 31. Oktober 2021 (vgl. Sachverhalt A.). Unter diesen Umständen kann nicht die Rede davon sein, dass die involvierten Rechtsvertreterinnen nach ihrer jeweiligen Mandatierung alles unternommen hätten, um die Einsprache innert angemessener Frist ergänzend zu begründen. Die erste Rechtsvertreterin der Rechtsschutzversicherung hätte nach Erhalt der Akten genügend Zeit gehabt, die Einsprache innert Frist zu begründen. Die zweite Rechtsvertreterin wartete mit dem Begehren um Aktenzustellung nach der vorsorglich erhobenen Einsprache mehrere Wochen zu. Eine ergänzende Begründung reichte sie in der Folge auch innert der gewährten Nachfrist nicht ein. Stattdessen kam es erneut zu einem Mandatswechsel. Die aktuelle Rechtsvertreterin ersuchte mehrmals um Erstreckung der Nachfrist. Daraus erhellt, dass die Einräumung einer Nachfrist auf eine unzulässige Verlängerung der gemäss Art. 40 Abs. 1 i.V.m. Art. 52 Abs. 1 ATSG nicht erstreckbaren Einsprachefrist hinauslief. Die Vorinstanz verletzte damit kein Bundesrecht, wenn sie die von der Suva gewährte Nachfrist von rund neun Monaten als "zweifelsohne" nicht mehr angemessen betrachtete (vgl. Art. 10 Abs. 5 ATSV; Art. 61 lit. b ATSG).