Citation: 5A_451/2022 E. 4.3.1

4.3.1. Für die Ermittlung von Inhalt und Umfang einer Dienstbarkeit gibt Art. 738 ZGB eine Stufenordnung vor. Ausgangspunkt ist der Grundbucheintrag, der massgebend ist, soweit sich Rechte und Pflichten aus ihm deutlich ergeben (Abs. 1). Bei unklarem Wortlaut ist im Rahmen des Eintrags auf den Erwerbsgrund zurückzugreifen. Ist auch dieser nicht schlüssig, kann sich der Inhalt der Dienstbarkeit - im Rahmen des Eintrags - aus der Art ergeben, wie sie während längerer Zeit unangefochten und in gutem Glauben ausgeübt worden ist (Abs. 2; BGE 137 III 145 E. 3.1; 132 III 651 E. 8 [einleitend]; Urteil 5A_691/2019 vom 16. April 2020 E. 3.3.2, in: RNRF 102/2021 S. 34). Art. 738 ZGB legt indes allein die Reihenfolge der für die Auslegung einer Grunddienstbarkeit massgebenden Kriterien fest, äussert sich aber nicht dazu, wie diese zu verstehen sind (PETITPIERRE, in: Basler Kommentar, Schweizerisches Zivilgesetzbuch, Band II, 6. Aufl. 2019, N. 1 und 3 zu Art. 738 ZGB). Diesbezüglich gilt, dass der Text des Grundbucheintrags aus sich selbst heraus nach heutigem (allgemeinem oder allenfalls auch örtlichem) Sprachgebrauch auszulegen ist (BGE 137 III 444 E. 3.2; 86 II 243 E. 5; Urteil 5A_259/2019 vom 29. Juli 2020 E. 5.3.1, in: ZBGR 102/2021 S. 303). Dabei ist die Auslegung aber nicht auf das sprachliche Verständnis des Eintrags allein festgelegt; der Sprachgebrauch ist nur ein Element der Sinndeutung. Von entscheidender Bedeutung ist auch der Zweck, zu dem die Dienstbarkeit begründet worden ist (Urteil 5C.170/1996 vom 18. November 1996 E. 5; LIVER, in: Zürcher Kommentar, 1980, N. 15 und 39 zu Art. 738 ZGB). Auch für die Ermittlung dieses Zwecks ist vorab auf den Eintrag im Grundbuch abzustellen. Soweit er sich daraus nicht ergibt, gilt im Verhältnis zu Dritten - ein solches steht hier in Frage (vgl. vorne Bst. A.a) - der Zweck als massgebend, der aus dem Dienstbarkeitsvertrag selbst hervorgeht oder objektiv erkennbar ist. Zuletzt ist zur Bestimmung des Zweckes danach zu fragen, welche Interessen bei objektiver Betrachtung bei Errichtung der Dienstbakeit aufgrund der Bedürfnisse des herrschenden Grundstückes vernünftigerweise von Bedeutung sein konnten (BGE 138 III 650 E. 5.3; Urteil 5A_1043/2021 vom 27. Juni 2022 E. 3.2.3).