Citation: 5A_994/2023 E. 6.1.1

6.1.1. Das Einkommen einer selbständig erwerbenden Person besteht aus dem Reingewinn, d.h. der Differenz zwischen Erträgen und Aufwendungen. Um bei schwankendem Einkommen ein verlässliches Ergebnis zu erhalten, sollte in der Regel der durchschnittliche Reingewinn berücksichtigt werden, der in mehreren Jahren (in der Regel in den letzten drei Jahren) erzielt wurde. Je grösser die Einkommensschwankungen und je unsicherer die Angaben der betroffenen Person sind, desto länger muss der Vergleichszeitraum sein. Wenn die Behauptungen über die Höhe des Einkommens nicht glaubwürdig sind oder die beigebrachten Belege nicht überzeugen, etwa weil die Gewinn- und die Verlustrechnung fehlen, kann auf die getätigten Privatbezüge abgestellt werden. Diese widerspiegeln die effektiv von dem Unternehmen bezogenen geldwerten Leistungen und können gleichsam als Gewinnvorbezug während des Geschäftsjahrs aufgefasst werden. Sie ergeben sich einerseits aus dem Bedarf für den Lebensunterhalt und andererseits aus einer Schätzung des zu erwartenden Jahresgewinns. Entsprechen die Privatbezüge dem erzielten Gewinn, wurde der gesamte Gewinn aus der Unternehmung abgezogen. Erreichen die Privatbezüge den erzielten Gewinn nicht, kann dies zur Bildung von Reserven führen, während über den Gewinn hinausgehende Privatbezüge auf die Auflösung von Reserven hindeuten. Dementsprechend kann nicht allein deshalb ein gestiegenes Einkommen angenommen werden, weil die Privatbezüge den bilanzierten Nettogewinn übersteigen. Damit auf die Privatbezüge abgestellt werden kann, müssen vielmehr (weitere) Indizien dafür vorliegen, dass das ausgewiesene nicht mit dem tatsächlichen Einkommen übereinstimmt und dieses deshalb nicht auf der Grundlage der Bilanz ermittelt werden kann. Die Bestimmung des Einkommens einer selbständig erwerbenden Person kann dergestalt entweder anhand des Reingewinns oder der Privatbezüge erfolgen, wobei sich diese beiden Kriterien gegenseitig ausschliessen (BGE 143 III 617 E. 5.1 und 5.4.2; Urteile 5A_49/2023 vom 21. November 2023 E. 4.2.1.1; 5A_20/2020 vom 28. August 2020 E. 3.3; 5A_678/2018 vom 19. Juni 2019 E. 4.2.4, in: FamPra.ch 2019 S. 1227).