Citation: I 32/06 09.08.2007 E. 5

5.1 Nach langjähriger Rechtsprechung erstreckt sich der Anspruch auf medizinische Massnahmen ausnahmsweise - und vorbehältlich der hier nicht zur Diskussion stehenden Haftung für das Eingliederungsrisiko nach Art. 11 IVG - auch auf die Behandlung sekundärer Gesundheitsschäden, die zwar nicht mehr zum Symptomenkreis des Geburtsgebrechens gehören, aber nach medizinischer Erfahrung häufig die Folge dieses Gebrechens sind. Zwischen dem Geburtsgebrechen und dem sekundären Leiden muss demnach ein qualifizierter adäquater Kausalzusammenhang bestehen. Nur wenn im Einzelfall dieser qualifizierte ursächliche Zusammenhang zwischen sekundärem Gesundheitsschaden und Geburtsgebrechen gegeben ist und sich die Behandlung überdies als notwendig erweist, hat die Invalidenversicherung im Rahmen des Art. 13 IVG für die medizinischen Massnahmen aufzukommen (BGE 129 V 207 E. 3.3 S. 209, 100 V 41 mit Hinweisen; AHI 2001 S. 79 E. 3a, I 43/98). An die Erfüllung der Voraussetzungen des rechtserheblichen Kausalzusammenhangs sind strenge Anforderungen zu stellen, zumal der Wortlaut des Art. 13 IVG den Anspruch der Versicherten bis zum vollendeten 20. Altersjahr auf die Behandlung des Geburtsgebrechens an sich beschränkt (AHI 1998 S. 249 E. 2a, I 222/96). Bejaht wurde der qualifizierte adäquate Kausalzusammenhang beispielsweise zwischen Prader-Willi-Syndrom (Ziff. 462 GgV Anhang) und morbider Adipositas, weil diese eine fast zwangsläufige Konsequenz des Prader-Willi-Syndroms sei (AHI 2001 S. 79 E. 3b, I 43/98). Gleich entschieden wurde im Falle einer Versicherten, welche an einer angeborenen Leukopenie (Ziff. 322 GgV Anhang) und einer Gingivitis litt, dies mit der Begründung, Infektionen der Schleimhäute stellten unmittelbare Folgen der Leukopenie dar und könnten mittelbar zu Zahnfleischentzündungen führen, welche wiederum Parodontose verursachen könnten, sodass aufgrund dieser Verkettung das Risiko von weiteren Folgen des Grundleidens derart immanent zu diesem selbst sei, dass der natürliche Kausalzusammenhang besonders eng sei und die Adäquanz augenfällig erscheine (Pra 1991 Nr. 214 S. 906 E. 4a, I 318/90; Urteil R. vom 6. Juli 2005, I 801/04, E. 1.3). 5.2 In Abweichung von der bisherigen Rechtsprechung stellt sich die Vorinstanz - aufgrund einer teleologischen und historischen Auslegung der Gesetzesbestimmung - auf den Standpunkt, angesichts des Eingliederungszwecks der medizinischen Massnahmen gemäss Art. 13 IVG könne die Ausdehnung des Leistungsanspruches auf vom Gesetzeswortlaut nicht gedeckte Krankheiten nicht auf Folgeleiden beschränkt sein, die ihre alleinige Ursache in einem Geburtsgebrechen hätten. Auch Folgeleiden, die nur als Teilursache bzw. als Reaktion auf die Konsequenzen des Geburtsgebrechens für die Lebensumstände der versicherten Person entstanden seien, müssten unter Art. 13 IVG subsumiert werden können. Die Vorinstanz plädiert dafür, dass eine natürliche Kausalität genüge, wobei das Geburtsgebrechen mindestens eine erhebliche Teilursache des Sekundärleidens sein müsse. Da es um rein medizinische Zusammenhänge und nicht um eine juristische Haftungsfrage gehe, bestehe kein Anlass das Adäquanzkriterium heranzuziehen. Die Qualifikation ist nach Auffassung des kantonalen Gerichts nicht in der Kausalität zu suchen, da dies zu einer nicht zu rechtfertigenden Ungleichbehandlung führen würde, sondern im Eingliederungszweck der medizinischen Massnahmen gemäss Art. 13 IVG. Ein Folgeleiden eines Geburtsgebrechens sei dann durch eine ausdehnende Interpretation des Art. 13 IVG auf Kosten der Invalidenversicherung zu behandeln, wenn das Folgeleiden geeignet sei, die (künftige) Erwerbsfähigkeit zu beeinträchtigen bzw. noch weiter zu beeinträchtigen als das Geburtsgebrechen selbst. Ein nicht in der Liste der Geburtsgebrechen im Anhang zur GgV aufgeführtes Leiden lasse also dann gestützt auf Art. 13 IVG einen Anspruch auf medizinische Massnahmen entstehen, wenn es eine natürliche Ursache in einem Geburtsgebrechen habe und wenn die Behandlung geeignet sei, die Erwerbsfähigkeit zu erreichen, zu erhalten oder zu verbessern. Bezogen auf den vorliegenden Sachverhalt bedeute dies, dass die Kosten der psychotherapeutischen Behandlung der versicherten Person dann gestützt auf Art. 13 IVG zu übernehmen seien, wenn die somatoforme Schmerzstörung und die dissoziative Störung ihre Ursache im Geburtsgebrechen Ziff. 390 haben und wenn ohne diese Behandlung die Erwerbsfähigkeit gefährdet sei. 5.3 Dieser Auffassung kann aus folgenden Ueberlegungen nicht beigepflichtet werden. Der Anspruch gemäss Art. 13 IVG auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen notwendigen medizinischen Massnahmen bei bis zu 20jährigen Versicherten besteht - anders als nach der allgemeinen Bestimmung des Art. 12 IVG - unabhängig von der Möglichkeit einer späteren Eingliederung in das Erwerbsleben. Eingliederungszweck ist die Behebung oder Milderung der als Folge eines Geburtsgebrechens eingetretenen Beeinträchtigung (BGE 115 V 202 E. 4e/cc S. 205). Mithin ist im Rahmen von Art. 13 IVG die Dauerhaftigkeit und Wesentlichkeit des erwerblichen Eingliederungserfolges - im Gegensatz zu Art. 12 IVG - nicht vorausgesetzt (Art. 8 Abs. 2 IVG; BGE 115 V 202 E. 5 S. 206) und kann entgegen der Auffassung der Vorinstanz nicht als Rechtfertigung für eine ausdehnende Interpretation des Art. 13 IVG herangezogen werden. Art. 13 IVG nimmt mit der weitgehenden Privilegierung seiner Anwendungsfälle eine besondere Stellung im System der Invalidenversicherung ein, die sich nur historisch, mit der beim Inkrafttreten des IVG (1. Januar 1960) fehlenden obligatorischen Krankenversicherung, erklären lässt. Demgegenüber erstreckt sich seit 1. Januar 1996 die Leistungspflicht der obligatorischen Krankenpflegeversicherung nach KVG auch auf die Behandlung von Geburtsgebrechen, wenn auch nur subsidiär (Art. 27 KVG; BGE 126 V 103) und auf der Grundlage des Kostenvergütungsprinzips (Art. 24 KVG). Im Hinblick auf die mit der Geburtsgebrechensbehandlung als Naturalleistung (u.a. Haftung für das Eingliederungsrisiko nach Art. 11 IVG) verbundenen Vorzugsstellung kommt dem invalidenversicherungsrechtlichen Begriff des Geburtsgebrechens nach wie vor eine besondere Bedeutung zu. Rechtsgleichheit und Rechtssicherheit gebieten aufgrund dieser Sonderstellung eine strikte Abgrenzung des Anwendungsbereiches dieser Bestimmung (BGE 122 V 113 E. 3a/cc S. 119; SVR 2003 IV Nr. 12 S. 35, I 395/02). Es besteht mithin kein Anlass, die langjährige, immer wieder bestätigte Rechtsprechung zum Erfordernis des qualifizierten adäquaten Kausalszusammenhangs, an dessen Erfüllung im übrigen stenge Anforderungen zu stellen sind, in Frage zu ziehen. Vielmehr ist an der bisherigen Rechtsprechung festzuhalten. 5.4 Mit Blick auf diese Ausgangslage steht fest, dass kein Anspruch der Beschwerdegegnerin auf Übernahme der Kosten für die psychotherapeutische Behandlung des psychischen Folgeleidens des Geburtsgebrechens Nr. 390 (bis zum 31. Dezember 2005) gestützt auf Art. 13 IVG besteht. Entsprechend den zutreffenden Ausführungen der Beschwerdeführerin sind die Voraussetzungen für die Bejahung des von der Rechtsprechung geforderten qualifizierten adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen dem Geburtsgebrechen Ziff. 390 und dem sekundären Gesundheitsschaden (der somatoformen Schmerzstörung sowie der dissoziativen Störung) nicht erfüllt. Aufgrund der medizinischen Aktenlage kann nicht gesagt werden, dass die erst im 17. Altersjahr aufgetretene somatoforme Schmerzstörung mit assoziierter dissozialer Störung eine fast zwangsläufige Konsequenz der zerebralen Lähmung mit Spastizität der linken Körperhälfte, an der die Beschwerdegegnerin seit ihrer Geburt leidet, darstellt. Vielmehr hat auch nach Auffassung der behandelnden Psychiaterin Dr. med. G.________ das Geburtsgebrechen Ziff. 390 nicht direkt, sondern durch die von ihm geschaffene Lebenssituation die somatoforme Schmerzstörung und die dissoziative Störung bewirkt. Das Vorliegen eines derart engen Kausalzusammenhangs wird denn auch von der Vorinstanz nicht als überwiegend wahrscheinlich bezeichnet.