Citation: U 258/05 16.08.2006 E. 3

3. Reaktive depressive Störung mittleren Grades. Im psychosomatischen Konsilium der Dres. med. R._________ und P.________ vom 11. August 2000 wird ausgeführt, der Versicherte leide an einer reaktiven depressiven Störung mittleren Grades (ICD-10: F32.1), welche teils vor dem Hintergrund einer Anpassungsstörung, teils psychoreaktiv bei belastender familiärer Situation entstanden sei. Neben deutlichen Zeichen einer Erschöpfung bestehe eine Somatisierungskomponente. Nicht auszuschliessen sei eine gewisse hirnorganische Mitbeteiligung in Form einer milden traumatischen Hirnschädigung. Die partielle anterograde Amnesie könne auch Teil einer akuten Belastungsreaktion in unmittelbarer Folge des Unfallgeschehens sein. Die Klinik W.________ diagnostizierte am 1. Dezember 2000 eine Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion (ICD-10: F43.21). Differentialdiagnostisch wurde ein Status nach traumatischer Hirnverletzung in Betracht gezogen. Im multidisziplinären Gutachten der Klinik T.________ vom 21. Februar 2002 wird als unfallkausal ein chronisches zervikozephales und zervikospondylogenes Syndrom rechts bei Fehlform und Fehlhaltung der Wirbelsäule, muskulärer Dysbalance und ausgeprägter vegetativer Begleitsymptomatik (Schwindelsensationen, Lärmempfindlichkeit, Zittern) in Verbindung mit psychischen Faktoren, Verhaltensfaktoren und äussern Faktoren (namentlich Neurasthenie, dysfunktional wirksames Schmerzvermeidungsverhalten, Belastung durch ungenügende familiäre Unterstützung und durch ökonomische Engpässe) diagnostiziert. Im psychiatrischen Teilgutachten des Psychosomatischen Dienstes vom 18. Februar 2002 verneint Dr. med. E._________ das Vorliegen eines erheblichen depressiven Syndroms und schliesst auf eine Neurasthenie (ICD-10: F48.0). Er bejaht die Unfallkausalität des bestehenden Beschwerdebildes, wobei der Anteil der unfallfremden Faktoren auf 50 % geschätzt wird. Im neurologischen Teilgutachten vom 17. Oktober 2001 führt Dr. med. B._________ aus, auch heute liessen sich klinisch-neurologisch keine objektivierbaren Ausfälle, insbesondere keine Anhaltspunkte für eine zentralnervöse oder radikuläre Pathologie feststellen. Im Vordergrund stehe das zervikozephale und zervikobrachiale Schmerzsyndrom rechts mit deutlichen Zeichen einer Schmerzverarbeitungsstörung. Zur Behandlungsbedürftigkeit wird im Hauptgutachten vom 21. Februar 2002 ausgeführt, aus somatischer Sicht seien keine Massnahmen mehr erforderlich; dagegen sei die psychiatrische Betreuung fortzuführen. Die Arbeitsfähigkeit wird auf 50 % geschätzt. In einer Stellungnahme zuhanden des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers vom 26. November 2002 stellten die Ärzte des SPD die gutachterliche Beurteilung insoweit in Frage, als sie auf ein depressives Zustandsbild schlossen und die Arbeitsunfähigkeit auf 75 % schätzten. Im Anschluss an den zweiten Rehabilitationsaufenthalt vom Mai 2003 bestätigten die Ärzte der Klinik W.________ eine mittelgradige depressive Episode mit somatischen Symptomen (ICD-10: F32.11) und eine volle Arbeitsunfähigkeit. Dabei wird davon ausgegangen, dass die psychischen Beeinträchtigungen als Reaktion auf psychosoziale Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dem Unfall entstanden sind. 3.2 Auf Grund der Akten ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer beim Unfall vom 3. Dezember 1999, bei dem es sich nicht um einen Auffahrunfall, sondern um eine mehrfache frontal-seitliche Kollision gehandelt hat, kein eigentliches Schleudertrauma (Peitschenhiebverletzung, Whiplash-Injury) erlitten hat. Es liegt jedoch eine schleudertraumaähnliche Verletzung der HWS vor, welche praxisgemäss einem eigentlichen Schleudertrauma gleichzustellen ist (RKUV 2000 Nr. U 395 S. 317 f. Erw. 3 [Urteil Z. vom 2. Juni 2000, U 160/98]; SVR 1995 UV Nr. 23 S. 67). Im Anschluss an den Unfall ist denn auch zumindest teilweise das typische Beschwerdebild (in casu Nacken- und Kopfschmerzen, Schwindel, später auch depressive Verstimmung, Lärmempfindlichkeit und starke Müdigkeit) nach solchen Verletzungen aufgetreten (vgl. BGE 117 V 360 Erw. 4b). Unklar ist, ob der Beschwerdeführer auch ein Schädel-Hirntrauma erlitten hat. In den Arztberichten wird übereinstimmend eine Commotio cerebri diagnostiziert, welche vom behandelnden Arzt Dr. med. O.________ allerdings als leicht bezeichnet wird. Bei der Eintrittsuntersuchung im Spital Y.________ konnte lediglich eine minimste Schürfung im Bereich des Schädels festgestellt werden. Im Übrigen stützt sich die Diagnose auf die vom Versicherten geltend gemachte anterograde Amnesie, deren Dauer in den Arztberichten zunächst mit ca. fünf Minuten, später mit vier Tagen angenommen wurde. Dies nachdem der Versicherte anlässlich des Aufenthaltes in der Rehaklinik V.________ im Juli 2000 angegeben hatte, seine Erinnerung sei während der ersten vier Tage nach dem Unfall sehr lückenhaft gewesen und habe erst ab dem vierten Tag wieder voll eingesetzt. Ob es sich dabei effektiv um eine Amnesie gehandelt hat, ist nicht klar. Fest steht, dass keine Anhaltspunkte für eine organische Hirnläsion gefunden werden konnten und auch die von der Rehaklinik V.________ und der Klinik W.________ in Erwägung gezogene milde traumatische Hirnverletzung nicht mit der erforderlichen überwiegenden Wahrscheinlichkeit bestätigt werden konnte. Es wurden seitens der untersuchenden Ärzte auch keine abklärungsbedürftigen neuropsychologischen Funktionsstörungen festgestellt. Bei der psychosomatischen Untersuchung in der Klinik T.________ zeigten sich keine Hinweise auf Beeinträchtigungen der kognitiven Basisfunktionen (Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Konzentrationsvermögen). Auch die wegen Visusstörungen veranlasste ophthalmologische Abklärung ergab keine unfallbedingte Beeinträchtigung (Berichte des Dr. med. N.________, Augenarzt FMH, vom 16. November und 7. Dezember 2001). Es bleibt damit fraglich, ob der Beschwerdeführer beim Unfall vom 3. Dezember 1999 ein Schädel-Hirntrauma erlitten hat. Wie es sich damit verhält, kann insoweit offen bleiben, als für die Adäquanzbeurteilung von Schädel-Hirntraumen die gleichen Regeln anwendbar sind, wie sie für Schleudertraumen und schleudertraumaähnliche Verletzungen der HWS Geltung haben (BGE 117 V 369 ff.). 3.3 In der Zeit ab 1. November 2002 hat der Beschwerdeführer weiterhin über Nackenschmerzen sowie Schmerzen in der rechten Schulter und im rechten Arm, über ausgeprägte Schwindelgefühle, insbesondere bei körperlichen Belastungen, und über Kopfweh, zunehmend bei starkem Lärm und in Gesellschaft vieler Leute, geklagt. Ferner erwähnte er Müdigkeit, Vergesslichkeit und eine psychische Beeinträchtigung im Zusammenhang mit persönlichen und familiären Problemen (Gutachten Klinik T.________ vom 21. Februar 2002 und Bericht Klinik W.________ vom 2. Juni 2003). Für die geltend gemachten somatischen Beschwerden konnte trotz eingehender Untersuchungen keine organische Grundlage gefunden werden. Nach dem Neurologischen Teilgutachten der Klinik T.________ vom 17. Oktober 2001 handelt es sich um ein chronisches zervikozephales und zervikobrachiales Schmerzsyndrom mit deutlichen Zeichen einer Schmerzverarbeitungsstörung. Für eine psychische Genese spricht, dass bei den wiederholten ärztlichen Untersuchungen bezüglich der Beweglichkeit, Kraft und Muskulatur im Schulter-/Armbereich keine erheblichen Unterschiede zwischen den beiden Körperseiten festzustellen waren. Im Gutachten der Klinik T.________ wurde ein dysfunktional wirkendes Schmerzvermeidungsverhalten des Versicherten erwähnt, welches unter die ICD-10-Codierung F68.8 (andere näher bezeichnete Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen) subsumiert wird. Zudem wird eine somatisch orientierte Behandlung als nicht mehr erforderlich bezeichnet, eine Fortsetzung der psychiatrischen Therapie dagegen als unbedingt notwendig erachtet. Es liegt somit eindeutig ein psychisches bzw. psychosomatisches Leiden im Vordergrund. Hinsichtlich der Unfallkausalität dieses Leidens ist auf Grund der Akten mit der erforderlichen überwiegenden Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass das Beschwerdebild multifaktoriell und zu einem wesentlichen Teil auf unfallfremde Faktoren (psychiatrische Erkrankung der Ehefrau, familiäre und wirtschaftliche Probleme) zurückzuführen ist. Es ist jedoch davon auszugehen, dass der Unfall eine Teilursache der weiter bestehenden Beschwerden darstellt, was auch von der SUVA nicht bestritten wird. Der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und den weiter bestehenden Beschwerden ist daher zu bejahen (vgl. BGE 119 V 337 Erw. 1, 117 V 360 Erw. 4b).