Citation: I 549/04 19.10.2005 E. 4

Eine Invalidität als Voraussetzung für Ansprüche aus der Invalidenversicherung liegt dann vor, wenn die Invalidität (Art. 8 ATSG) eine Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall ist (vgl. Art. 4 IVG). Strittig und zu prüfen ist, ob eine krankheitsbedingte Erwerbsunfähigkeit vorliegt. 4.1 Gemäss dem Gutachten vom 25. August 2003 der Medizinischen Abklärungsstation MEDAS des Spitals Y.________ (im Folgenden: MEDAS-Gutachten) leidet die Versicherte an chronischen Beinschmerzen rechts, bandförmig von Spina iliaca anterior superior entlang des ventralen Oberschenkels bis Knie medial (postoperativ nach Varizenoperation im September 2000 aufgetreten) und chronischen Schmerzen im Bereich der rechten Hand mit sekundärer Ausweitung zu einem brachio-thoraco-cervikalen Syndrom rechts; diesen Diagnosen werden Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit attestiert. Die Schmerzen werden als "keiner somatischen Struktur zuweisbar" bezeichnet; die Gutachter gehen von "nicht somatischen Beschwerden der Versicherten" aus. Eine Beeinträchtigung auf psychischer Ebene konnte nicht eruiert werden, eine somatische Ursache der Schmerzen wird verneint. Diese Einschätzung wird von den bereits früher erfolgten somatischen Abklärungen (Berichte Dr. med. R.________, Orthopädische Klinik, Spital X.________, vom 21. November 2000, Prof. Dr. med. P.________, Institut für Medizinische Radiologie, Spital X.________, vom 10. Januar 2001, Dr. med. S.________ vom 15. Februar 2001, Dres. med. A.________/U.________ vom 21. Juni 2001, Dr. med. J.________ 30. August 2001, Dr. med. W.________ vom 29. November 2001, Dres. med. C.________/O.________ vom 1. März 2002 und Dr. med. B.________ vom 18. April 2002) weitgehend bestätigt. Dr. med. J.________ äusserte in seinem Bericht erstmals den Verdacht auf ein generalisiertes Fibromyalgie-Syndrom. Auch Dr. med. W.________ schloss eine organische Ursache der Schmerzen aus und stellte die Diagnose einer Somatisierungsstörung. Die Dres. med. C.________/O.________ stellen ebenfalls die Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung. Der behandelnde Arzt der Versicherten, Dr. B.________, welcher die Abklärungen in Auftrag gegeben hatte, kam in seinem Arztbericht vom 18. April 2002 zur Beurteilung, die geklagten Schmerzen könnten "trotz intensiven Abklärungen keiner somatischen Ätiologie zugeordnet" werden. Aus somatischen Gründen sei die Tätigkeit als Putzfrau zumutbar. Insgesamt ergibt sich damit ein durchgehendes Bild, dass keine organischen Ursachen für die von der Versicherten geklagten Beschwerden bestehen. Eine somatische Krankheit ist nicht auszumachen. 4.2 In psychischer Hinsicht zeigte die psychiatrische Abklärung im Rahmen der MEDAS-Begutachtung "keine krankheitswertige psychische Störung" (psychiatrisches Zusatzgutachten von Dr. med. F.________, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, vom 17. Mai 2003). Eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht wird verneint; die Schmerzen im Bereich des rechten Beines werden aus psychiatrischer Optik als eindeutig organischer Natur bezeichnet. Zum nämlichen Ergebnis gelangte bereits früher Dr. med. H.________, Psychiatrie Psychotherapie FMH, welcher im Auftrag der IV-Stelle die Versicherte begutachtete und sowohl eine Somatisierungsstörung als auch eine andere psychische Störung verneinte. Eine Somatisierungsstörung wird im Wesentlichen mit der Begründung abgelehnt, es fehle an den Verstimmungen und Ängsten, welche gemäss ICD-10 in der Regel die quälenden Schmerzen bei den Somatisierungsstörungen begleiten würden; ebenso sei die typische Fixierung auf das Schmerzgeschehen nur in leichtem Ausmass vorhanden. Eine eindeutige psychische Erkrankung liegt demzufolge nach übereinstimmender psychiatrischer Beurteilung nicht vor. 4.3 Im Bericht der Medizinischen Abteilung des Spitals Y.________ vom 2. Juli 2002 wird im Zusammenhang mit den Schulter-Arm-Hand-Schmerzen der Verdacht auf eine somatoforme Störung geäussert; in Bezug auf die Beinschmerzen wird eine Chronifizierung der ursprünglichen Operationsschmerzen angenommen, weil diese Operation in einer für die Versicherte vulnerablen Phase stattgefunden habe. Von einer Anpassungsstörung ist die Rede im Bericht des Zentrums für Arbeitsmedizin Q.________ GmbH vom 10. Dezember 2002; diese Diagnose stützt sich auf eine neuropsychiatrische Abklärung, welche durch Dr. med. Z.________, Psychiatrie/Psychotherapie FMH, vorgenommen wurde. Im Bericht dieses Arztes über die "arbeitsprognostische Abklärung im Rahmen einer neuropsychiatrischen Evaluation des psychischen Funktionspotenzials" vom 24. April 2002 wird - bei ausdrücklicher Zugrundelegung eines strukturell-sozialen Krankheitsbegriffs - eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung diagnostiziert. Im Gutachten H.________ vom 26. November 2002 wird demgegenüber eine Somatisierungsstörung zwar diskutiert, aus den bereits dargelegten Gründen aber abgelehnt (vgl. oben Erw. 4.2). Im Hauptteil des MEDAS-Gutachtens wird die Frage nach dem Vorliegen einer Somatisierungsstörung nicht besprochen, es wird lediglich festgestellt, dass keine somatischen Beschwerden gegeben seien. Das rheumatologische Teilgutachten von Dr. med. V.________, Innere Medizin FMH, Speziell Rheumaerkrankungen, vom 5. Mai 2003 bezeichnet allerdings ein somatoformes Geschehen als wahrscheinlichste Ursache der Beschwerden. 4.4 In den Schlussfolgerungen des umfassenden und schlüssigen MEDAS-Gutachtens wird eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit angenommen. Aufgrund der starken subjektiven Schmerzen sei es sinnlos, die Versicherte in die mittelschwere Tätigkeit als Raumpflegerin zurückzuführen, obwohl von der somatischen Seite her keine strukturelle Störung bestehe, die eine Ausführung der bisherigen Tätigkeit behindern würde. Theoretisch sei eine vollzeitige Ausübung der bisherigen Tätigkeit zu bejahen, allerdings mit einer lediglich 50%igen Leistung (wegen Schmerzen wiederholte Pausen). Längerfristig sei jedoch eine 100%ige Leistung zu fordern. Die Annahme einer reduzierten Leistungsfähigkeit wird somit - wie ausdrücklich eingeräumt wird - durch keinen somatischen Befund im Sinne einer strukturellen oder funktionellen Störung begründet. Soweit eine berufliche Reintegration - zumindest kurzfristig - wegen fehlender Ressourcen (berufliche Fähigkeiten, Sprachkenntnisse, Integration) als nicht möglich betrachtet wird, sind psychosoziale und soziokulturelle Belastungsfaktoren angesprochen. Die Gutachter selber führen die schlechte Prognose auf "krankheitsfremde Faktoren (Migrationsproblematik mit fehlender Integration und fehlenden Sprachkenntnissen sowie fehlende Berufsausbildung)" zurück. 4.5 Aufgrund der ärztlichen Berichte ist eine allfällige Somatisierungsstörung im Sinne einer psychischen Erkrankung zu verneinen. Ob die von einem Teil der Ärzte diagnostizierte somatoforme Schmerzstörung (ICD F 45.4) gegeben ist, erscheint als fraglich. Aus den Akten ist nicht ersichtlich, welche schwerwiegenden emotionalen Konflikte oder psychosozialen Probleme den Schmerz ausgelöst haben sollten. Doch kann die Frage nach dem Vorliegen einer somatoformen Schmerzstörung offen bleiben.