Citation: 5A_116/2023 E. 4.1.2

4.1.2. In Bezug auf die Frage, ob das Kind fremdplatziert werden soll, sei weiter zu beachten, dass die Gutachterin zwei wesentliche Vorbehalte zu ihrer Empfehlung vorgebracht habe. Erstens habe sie bereits bei ihrer Anhörung die Befürchtung geäussert, dass es für die empfohlenen Massnahmen schon zu spät sein könne. Da in der Zwischenzeit bald zwei Jahre vergangen seien, erscheine es höchst fraglich, ob die Massnahme heute die gewünschte Wirkung noch entfalten könne. Zweitens habe die Gutachterin selber sinngemäss ausgedrückt, dass es eine vom Gericht zu beurteilende Wertungsfrage sei, ob eine von der betroffenen Person subjektiv nicht als solche empfundene Persönlichkeitsstörung eine Gefährdung darstelle, welche die empfohlenen einschneidenden Massnahmen rechtfertige. Nachdem das Kind in der Schule unauffällig sei bzw. gute Leistungen erbringe und auch an ausserschulischen Aktivitäten teilnehme, habe sich die Befürchtung der Gutachterin, dass das Kind (schon zum Zeitpunkt der Begutachtung) eine narzisstische Störung entwickelt haben könne, im Alltag nicht manifestiert. Ausserdem sei dem autonom gebildeten Willen des Kindes bei der Ausgestaltung des Eltern-Kind-Verhältnisses mit zunehmendem Alter grösseres - und mit 14 Jahren ein relativ grosses - Gewicht beizumessen. Eine Fremdplatzierung gegen den Willen des Kindes rechtfertige sich angesichts der - abgesehen von der Kontaktverweigerung zur Mutter - unauffälligen Entwicklung nicht. Jedenfalls sei die Ermessensausübung der Erstinstanz nicht zu beanstanden, wenn diese die Gefahr der Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung im bisherigen Umfeld geringer gewichte als die Gefahr von unerwünschten Wirkungen einer Fremdplatzierung, nicht zuletzt aufgrund der plausiblen Annahme, dass das Kind die Beschwerdeführerin für die Fremdplatzierung verantwortlich machen und sich die Beziehung zwischen Mutter und Tochter damit noch weiter verhärten würde.