Citation: 1P.371/2002 07.10.2002 E. 3

3.1 Hauptbeweismittel gegen den Beschwerdeführer ist die Aussage von A.________ (Jg. 1987), worin er ihn beschuldigt, ihn in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai bzw. am Morgen des 3. Mai 1998 sexuell missbraucht zu haben. A.________ erzählte zunächst seiner Mutter von diesem Vorfall und schilderte ihn anschliessend am 17. Juli 1998 zwei Beamten der Kantonspolizei Graubünden. Am 30. November 2001 wurde A.________ in Anwesenheit seiner Mutter, seines Rechtsvertreters und des Kinder- und Jugendpsychologen FSP Dr. Müller vom Untersuchungsrichter erneut zum Vorfall vom 2./3. Mai 1998 befragt. Diese Einvernahme wurde in einen Nebenraum übertragen, in welchem sich der Beschwerdeführer und sein Verteidiger aufhielten und denen Gelegenheit geboten wurde, über den Untersuchungsrichter Fragen an A.________ stellen zu lassen. Dieser bestätigte im Wesentlichen die von ihm bereits gut drei Jahre zuvor an der polizeilichen Einvernahme gegen den Beschwerdeführer erhobenen Vorwürfe. In seinem Gutachten kam Dr. Müller zum Schluss, die Befragung sei dem Alter des Knaben gerecht geworden. 3.2 Der Beschwerdeführer rügt, der Kantonsgerichtsausschuss sei in Willkür verfallen, indem er die Verurteilung auf die Einvernahme eines Kindes stütze, die 3 ½ Jahre nach der vermeintlichen Tat erfolgt sei. Er habe fundamentale aussagepsychologische Grundsätze verletzt und keine gutachterliche Überprüfung der Videoaussage des vermeintlichen Opfers durchführen lassen, obwohl gewichtige Indizien dafür vorlägen, dass die Aussage verfälscht sei: Die erste Einvernahme von A.________ vom 17. Juli 1998 sei durch einen nicht qualifizierten Dorfpolizisten erfolgt, welcher mit der Familie des vermeintlichen Opfers bekannt gewesen sei. Die Einvernahme sei weder akustisch noch audiovisuell aufgezeichnet, sondern in einem Beamten- und Juristendeutsch aufgeschrieben worden; dem Einvernahmeprotokoll gehe daher jede spontane Aussagekraft ab. Der vernehmende Beamte habe vor allem geschlossene Fragen gestellt und die Tendenz gehabt, einen eindeutigen Sachverhalt herauszuarbeiten. Die Einvernahme sei zudem erst 2 ½ Monate nach dem strittigen Vorfall erfolgt; das sei problematisch, da die grössten Erinnerungsverluste in den ersten vier Wochen aufträten. In dieser Zeit habe sich A.________ unter ständiger Beeinflussung der Eltern, vor allem der Mutter, befunden, zu der ein nicht unbedeutendes Abhängigkeitsverhältnis bestanden habe. In diesem Zusammenhang sei wichtig, dass er "Bettnässer" gewesen sei und in einem dokumentierten Loyalitätskonflikt zum Beschwerdeführer gestanden habe. Es bestünden daher gewichtige Indizien für eine aussagepsychologische Labilität von A.________, welche durch sein geringes Alter erklärt werden könne. Unter diesen Umständen sei die Einvernahme vom 17. Juli 1998 beweisrechtlich nicht verwertbar. 3 ½ Jahre nach der vermeintlichen Tat sei eine beweisrelevante Befragung objektiv nicht mehr möglich, da nach so langer Zeit bei Erwachsenen und erst Recht bei Kindern von einem vollständigen Datenverlust ausgegangen werden müsse. Die Einvernahme vom 30. Oktober 2001 sei daher schon aus diesem Grund beweisrechtlich nicht zu Lasten des Beschwerdeführers verwertbar. Selbst wenn man aber davon ausgehe, dass eine Einvernahme eines Kindes 3 ½ Jahre nach einem Ereignis grundsätzlich möglich wäre, müsste man eine solche Aussage zwingend aussagepsychologisch analysieren, da die sie mit überwiegender Wahrscheinlichkeit durch Fremdbeeinflussung verfälscht sei. Dies zeige sich darin, dass A.________ in dieser Aussage immer wieder auf das "bereits Gesagte" verwiesen habe und von einem "Übergriff" des Beschwerdeführers spreche. Dieser Begriff stamme sicher nicht aus seinem eigenen Vokabular; vielmehr sei davon auszugehen, dass er den Fall zwischen 1998 und 2001 mit seinen Eltern, seinem Anwalt und weiteren Bezugspersonen besprochen und möglicherweise sogar die Akten gelesen habe. Eine Fremdbeeinflussung sei daher nicht auszuschliessen. Die Einvernahme vom 30. Oktober 2001 könne daher die früheren Unterlassungen der Strafverfolgungsbehörden nicht kompensieren; zumindest hätte das Video von einem anerkannten Aussagepsychologen beurteilt werden müssen. 3.3 Der Beschwerdeführer trägt in der staatsrechtlichen Beschwerde unter Berufung auf verschiedene Literaturmeinungen Bedenken vor, die man allgemein gegen die Verwertung der Zeugenaussagen eines Kindes haben kann, das als (angebliches) Opfer eines sexuellen Übergriffs zunächst von dafür nicht speziell ausgebildeten Polizeibeamten und dann erst 3 ½ Jahre später unter Beizug eines Jugendpsychologen vom Untersuchungsrichter einvernommen wurde. Zudem wiederholt er schon dem Kantonsgerichtsausschuss vorgetragene Einwände gegen die Glaubhaftigkeit der Aussagen, z. B. dass die Verwendung des der juristischen bzw. therapeutischen Fachsprache entstammenden Begriffes des "Übergriffs" durch A.________ für eine Fremdbeeinflussung sprächen. Dazu bringt er erneut vor, die Zeugenaussagen könnten einzig gestützt auf ein aussagepsychologisches Gutachten schlüssig beurteilt werden. Mit all diesen Einwänden hat sich indessen der Kantonsgerichtsausschuss im angefochtenen Entscheid bereits eingehend auseinandergesetzt. So hat er insbesondere die Frage geprüft und bejaht, ob er in der Lage sei, die Aussagen von A.________ ohne Beizug weiterer Gutachten über den Zeugen bzw. die Einvernahme vom 30. Oktober 2001 zu beurteilen (S. 20 ff.). Er hat die Möglichkeit einer Fremdbeeinflussung des Zeugen - etwa durch die Mutter oder die befragenden Polizeibeamten - geprüft und verworfen. Er hat sich mit dem Inhalt der Aussagen vom 17. Juli 1998 und vom 30. Oktober 2001 auseinandergesetzt und im Einzelnen begründet, weshalb er sich von ihnen überzeugen liess (S. 23 f.). Mit dieser sorgfältigen und willkürfreien Würdigung der Aussagen von A.________ durch den Kantonsgerichtsausschuss setzt sich der Beschwerdeführer nicht auseinander, geschweige denn, dass er sie widerlegt. Er beschränkt sich vielmehr auf eine Kritik am nicht optimalen Vorgehen der Behörden bei der Einvernahme von A.________, dem der Kantonsgerichtsausschuss gebührend Rechnung trug. Mit der Würdigung weiterer wichtiger Beweismittel - insbesondere des Geständnisses des Beschwerdeführers und dessen Widerruf, wobei der Kantonsgerichtsausschuss plausibel darlegt, weshalb er ersteres für wahr und letzteren für unwahr hält (S. 32 ff.) - beschäftigt sich der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde nicht. Das genügt den gesetzlichen Anforderungen an die Begründung einer Willkürbeschwerde nicht, weshalb darauf nicht einzutreten ist.