Citation: 5A_474/2023 E. 3.4.3

3.4.3. Angesichts der konkreten Umstände des Einzelfalles ist unerfindlich, weshalb die Vorinstanz diese Angaben als genügend erachtete. Zwar wies sie zu Recht darauf hin, dass das im Rahmen des Strafverfahrens in Auftrag gegebene Gutachten nicht zum Zweck erstellt wurde, die Erziehungsfähigkeit der Beschwerdegegnerin abzuklären. Sie zog daraus indessen die falsche Schlussfolgerung, dass die Erkenntnisse des fraglichen Gutachtens für die Beurteilung der Obhutsfrage unbeachtlich seien. Stattdessen hätte sie folgern sollen, dass sich eine Begutachtung der Beschwerdegegnerin hinsichtlich ihrer Erziehungsfähigkeit aufdrängt, denn angesichts der aktenkundigen, massiven Gewalt gegenüber dem Beschwerdeführer kann nicht einfach über die der Beschwerdegegnerin mittels Gutachten attestierten Probleme im Bereich der Impulssteuerung, der Emotionalität, der Aggressivität und der Aggressionsbereitschaft sowie der Beziehungsfähigkeit (vgl. Gutachten, S. 42) hinweggesehen werden. Wie der Beschwerdeführer zu Recht unterstreicht, können derartige Defizite einen Einfluss auf die Erziehungsfähigkeit haben. Aus dem angefochtenen Entscheid ergibt sich nicht, dass die Fachpersonen, auf deren Aussagen die Vorinstanz massgeblich abstellte, über hinreichende Qualifikationen verfügen würden, um die Erziehungsfähigkeit der Beschwerdegegnerin mit Blick auf ihre Diagnose zuverlässig beurteilen zu können. In diesem Zusammenhang ist namentlich auf die gutachterliche Feststellung hinzuweisen, dass gerade bei der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung ein "Übersehen" der Störungsmerkmale sehr viel leichter geschehen könne, da die Betroffenen im Kontaktverhalten unauffällig seien und selbst in der gutachterlichen Untersuchung sehr kompetent auftreten könnten; ihre Problematik, die vor allem durch Beziehungskrisen getriggert werde, zeige sich in dieser Situation nicht (Gutachten, S. 44 f.). Deshalb ist unerheblich, dass beispielsweise die Hebamme die Beschwerdegegnerin öfter sah als der Gutachter. Es hätte eine in psychischen Erkrankungen sachverständige Person beigezogen werden müssen, welche mit der fraglichen Diagnose vertraut ist und hätte beurteilen können, ob die Beschwerdegegnerin in Belastungssituationen in der Lage ist bzw. (prognostisch) sein dürfte, ihren Erziehungsaufgaben gerecht zu werden. Es ist sicherlich erfreulich, dass sich die beiden Söhne gemäss den Auskünften des Helfernetzes in der Obhut der Beschwerdegegnerin prächtig entwickeln, doch muss eine latente Gefährdung ebenfalls ausgeschlossen werden. Unter diesen Umständen und mit Blick auf die in Kinderbelangen geltende Untersuchungsmaxime (Art. 296 Abs. 1 ZPO) ist deshalb irrelevant, ob die Aussage des Beschwerdeführers anlässlich der Instruktionsverhandlung, wonach die Beschwerdegegnerin im Grossen und Ganzen schon in der Lage sei, den Sohn kindgerecht zu erziehen, mit der Vorinstanz so zu verstehen wäre, dass er ihr die Erziehungsfähigkeit nicht (mehr) absprechen wollte.