Citation: 8C_109/2008 03.10.2008 E. 9

9.1 Als Rechtsfrage frei überprüfbar ist, ob die von der Praxis zur Invaliditätsermittlung bei somatoformen Schmerzstörungen an die - nur ausnahmsweise anzunehmende - Unzumutbarkeit einer willentlichen Schmerzüberwindung geknüpften Voraussetzungen (BGE 130 V 352 E. 2.2.3 S. 353 ff. mit Hinweisen) im Falle der hier festgestellten psychischen Komorbidität hinsichtlich erheblicher Schwere, Intensität, Ausprägung und Dauer erfüllt sind (vgl. hievor E. 3.2 in fine). 9.2 Dem angefochtenen Entscheid ist nicht zu entnehmen, dass sich das kantonale Gericht mit der praxisgemäss geforderten Qualifikation der unstrittig fachärztlich diagnostizierten psychischen Komorbidität im Einzelnen auseinandergesetzt hätte. Der Beschwerde führenden IV-Stelle ist beizupflichten, soweit sie geltend macht, weder das psychiatrische Teilgutachten des Dr. med. I.________ vom 21. Februar 2005 noch die übrigen medizinischen Unterlagen zum Verlauf der psychogenen Beeinträchtigungen würden auf die von der Rechtsprechung vorausgesetzte ausgewiesene psychische Komorbidität von erheblicher Schwere, Intensität, Ausprägung und Dauer schliessen lassen. 9.2.1 Ausser einer unfallfremden, radiologisch feststellbaren Rotationsfehlstellung der Halswirbel C2/3/4 vermochte die Rheumatologin Dr. med. A.________ gemäss Bericht vom 19. März 2003 keine pathologischen Befunde zu erheben. Nach dreizehn Physiotherapiesitzungen, welche eine Schmerzlinderung brachten, empfahl Dr. med. A.________ einen langsamen Aufbau eines allgemeinen Krafttrainings sowie den Einsatz eines Antidepressivums. Auch der Neurologe Dr. med. von H.________ riet unbedingt zu einem aktiven Muskelaufbau, ohne dass er Hinweise auf neuropsychologische Funktionsstörungen fand. Der Hausarzt Dr. med. B.________ berichtete am 8. Juli 2003, aufgrund "chronischer somatischer Probleme" (Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, Schwindel) sei die Beschwerdegegnerin zunehmend depressiv. Nach einer vierwöchigen stationären Behandlung litt die Versicherte bei Austritt aus der Rehaklinik Y.________ am 12. Juni 2003 weiterhin an Kopf- und Nackenschmerzen sowie an einem ungerichteten Schwindel. Trotz psychologischer Gespräche zum Erlernen von Copingstrategien im Umgang mit Unfallfolgen liess sich die von der Beschwerdegegnerin eingenommene Schonhaltung kaum beeinflussen. Nebst einer ambulanten Weiterführung der Physiotherapie sahen die behandelnden Ärzte angesichts der diagnostizierten Anpassungsstörung mit Angst und depressiver Reaktion in erster Linie nur noch eine Indikation für eine psychologische Betreuung der Versicherten in ihrer Muttersprache. 9.2.2 Der Orthopäde Dr. med. G.________, welcher die Beschwerdegegnerin am 4. September 2003 im Auftrag der Zürich untersuchte, vermochte keinen leistungsreduzierenden Befund am Bewegungsapparat zu erheben, wies jedoch darauf hin, dass die Versicherte die Schmerzsymptomatik aggraviere und überbewerte. Der Neurologe Dr. med. F.________ erstattete am 4. Dezember 2003 Bericht zu seiner am 15. September 2003 durchgeführten spezialärztlichen Untersuchung und hielt fest, es bestehe "kein Zweifel, dass die gegenwärtige reaktive Depression die Patientin an der Schmerzverarbeitung [hindere]". Er erachte es für notwendig, der Entwicklung einer somatoformen Störung durch psychiatrische oder psychologische Betreuung in der Muttersprache der Beschwerdegegnerin entgegenzuwirken. Die Versicherte brach jedoch die in der Folge ab 24. September 2003 eingeleitete professionelle fachärztliche Behandlung (Einzelpsychotherapie) der diagnostizierten Anpassungsstörung mit Angst und depressiver Reaktion (ICD-10 F43.22) bereits am 19. Dezember 2003 nach ersten Erfolgen ab. Mitte Februar 2004 nahm die Beschwerdegegnerin ihre angestammte Tätigkeit im Reinigungsdienst des Spitals X.________ bei einer Arbeitsfähigkeit von 50 % wieder auf. 9.2.3 Weiter ist den Angaben der Versicherten laut psychiatrischem Teilgutachten zu entnehmen, sie könne seit dem zweiten Unfall kaum mehrere Minuten lang lesen, sich nur noch über wenige Minuten hinweg konzentrieren, das Gelesene nicht mehr speichern. Zudem sei sie lärm- und lichtempfindlich geworden, meide grössere Menschenansammlungen; laute Gespräche in Gruppen ertrage sie überhaupt nicht mehr. Sie leide sehr häufig an Schwindel, müsse sich regelmässig an Geländern oder Möbelstücken festhalten. Wenn sie nachts in ihrer Wohnung zur Toilette gehen müsse, gehe sie oft auf allen Vieren aus Angst, stürzen zu können. Dennoch gibt sie an, im Rahmen ihres 50 %-Pensums im Reinigungsdienst des Spitals X.________ nie nennenswerte Probleme mit Mitarbeiterinnen und Vorgesetzten gehabt, sondern mit diesen stets ein sehr gutes Verhältnis gepflegt zu haben. Trotz all der geklagten Befindlichkeitsstörungen fehlen aktenkundig Hinweise darauf, dass die Beschwerdegegnerin nicht in der Lage gewesen wäre, ihr seit 1. Februar 2005 auf 50 % reduziertes Arbeitspensum an der angestammten Arbeitsstelle ohne wesentliche Einschränkungen erfüllen zu können. - Auffallend ist sodann, dass sie sich einerseits angeblich nach Arbeitsende zwei bis drei Stunden hinlegen müsse, um sich von den Strapazen des vormittäglichen Arbeitseinsatzes zu erholen. Andererseits führte sie aus, dass sie ihr 50 %-Pensum sehr häufig nicht halbtags leiste, sondern zwei bis drei Tage, manchmal sogar vier Tage am Stück arbeiten müsse und erst dann wieder ein bis zwei Tage Pause habe. 9.2.4 Obwohl der explorierende Psychiater Dr. med. I.________ den Zeitpunkt der Wiedererlangung einer vollständigen Arbeitsfähigkeit gemäss Teilgutachten vom 21. Februar 2005 nicht voraussehen konnte, stand für ihn fest, dass aus psychiatrischer Sicht der Endzustand nicht erreicht war. Das nur als leicht bis mittelgradig eingestufte Ausmass der depressiven Komponente, welche ein erhöhtes Schmerzerleben fördere, hielt der Psychiater für therapierbar. Diese Auffassung vertraten im Übrigen auch die Fachärzte der Firma "Institut Q.________ GmbH", welche die Versicherte im Rahmen einer privaten interdisziplinären Begutachtung eingehend spezialmedizinisch untersuchten. Dr. med. F.________, welcher die Beschwerdegegnerin am 28. Juni 2005 zum zweiten Mal konsiliarisch neurologisch explorierte, deutete die von der Versicherten geklagte Schwäche im rechten Arm und im rechten Bein sowie die Sensibilitätsstörung in der rechten Körperhälfte als massive psychogene Überlagerung und Aggravation. 9.2.5 Nach dem Gesagten steht fest, dass die gemäss psychiatrischem Teilgutachten des Dr. med. I.________ vom 21. Februar 2005 als Anpassungsstörung (ICD-10 F43.2) bei prämorbid unauffälliger Persönlichkeitsstruktur beziehungsweise - laut Bericht des Dr. med. C.________ - als Anpassungsstörung mit Angst und depressiver Reaktion (ICD-10 F43.22) diagnostizierte psychische Komorbidität nach eingehender Würdigung der medizinischen Unterlagen sowie unter Berücksichtigung der konkreten Lebensumstände die von der Rechtsprechung geforderte erhebliche Schwere, Intensität, Ausprägung und Dauer offensichtlich nicht erreicht. Leistungseinschränkungen aus invaliditätsfremden Gründen (z.B. Aggravation oder ähnliche Konstellationen) stellen keine versicherte Gesundheitsschädigung dar (BGE 131 V 49 E. 1.2 in fine S. 51). Die auch nach dem zweiten Unfall fortgesetzt in ihrem früheren sozialen Umfeld lebende Beschwerdegegnerin, welche sich weiterhin an ihrer angestammten Arbeitsstelle von Mitarbeiterinnen und Vorgesetzten gut aufgehoben fühlte, brach nach Angaben des behandelnden Psychiaters Dr. med. C.________ von sich aus nach ersten therapeutischen Erfolgen die in ihrer Muttersprache eingeleitete Einzelpsychotherapie bereits nach knapp drei Monaten am 19. Dezember 2003 (rund ein Jahr nach dem zweiten Unfall) wieder ab. Das kantonale Gericht hat Bundesrecht verletzt, indem es, unter den gegebenen Umständen von der diagnostizierten somatoformen Schmerzstörung angesichts der unbestritten festgestellten, jedoch nicht hinreichend qualifizierten psychischen Komorbidität auf die Unzumutbarkeit einer willentlichen Schmerzüberwindung und eines Wiedereinstiegs in den Arbeitsprozess geschlossen hat. Die von der Rechtsprechung (BGE 130 V 352 E. 2.2.3 S. 353 ff., insbesondere S. 354) an die nur in Ausnahmefällen anzunehmende Unzumutbarkeit geknüpften besonderen Voraussetzungen sind hier nicht erfüllt, und zwar weder hinsichtlich einer ausreichend erheblichen psychischen Komorbidität noch in Bezug auf die weiteren Kriterien, welche ausnahmsweise eine Schmerzüberwindung als unzumutbar erscheinen lassen können. 9.3 Hat die Vorinstanz in Verletzung der Rechtsprechung zu den somatoformen Schmerzstörungen (BGE 132 V 65, 131 V 49, 130 V 352) auf die Unzumutbarkeit einer willentlichen Schmerzüberwindung geschlossen und somit zu Unrecht auf eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % in der angestammten Tätigkeit abgestellt, ist der angefochtene Entscheid aufzuheben. Es bleibt folglich beim Einspracheentscheid vom 2. Juni 2006, womit die Verwaltung einen Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung praxisgemäss zu Recht verneint hat.