Citation: I 39/01 09.10.2001 E. 3

3.- Zur Entwicklung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers nach dem Unfall vom 11. Februar 1991 liegen insbesondere die folgenden ärztlichen Stellungnahmen vor: a) Nach dem Unfall vom 11. Februar 1991, dessen Hergang im Einzelnen nicht geklärt werden konnte (offenbar geriet der vom Versicherten gelenkte Personenwagen auf Schnee oder Eis ins Schleudern und prallte gegen eine Mauer) litt der Beschwerdeführer an Rückenbeschwerden (Berichte des Dr. med. H.________ vom 22. März und des SUVA-Kreisarztes Dr. med. J.________ vom 26. April 1991). Er war zunächst zu 100 %, ab 3. Juli 1991 zu 50 % arbeitsunfähig. Ab 19. August 1991 bestand wieder volle Arbeitsfähigkeit. b) In seinem Bericht vom 17. Juni 1992 diagnostiziert Dr. med. H.________ ein posttraumatisches Lumbovertebralsyndrom bei ISG-Blockierung rechts sowie ein Piriformissyndrom rechts und eine Irritation ilio-lumbale rechts bei Fehlstatik der Wirbelsäule nach dem Unfall vom 11. Februar 1991. Auf Grund dieser Leiden attestiert er dem Versicherten eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % ab 30. September 1991 bis auf weiteres. c) Der SUVA-Kreisarzt Dr. med. W.________ erklärt im Anschluss an eine Untersuchung vom 8. Juli 1992, es hätten sich keine objektivierbaren Befunde ergeben. Die Beschwerden in der rechten Beckenhälfte seien glaubhaft, aber funktionell massivst überlagert. Ab 13. Juli 1992 seien dem Versicherten wieder alle durchschnittlichen Männerarbeiten zumutbar. Eine erneute Untersuchung vom 10. September 1992 führte den Kreisarzt zum Ergebnis, es liege ein allmählicher Ausbau der Beschwerden ohne fassbares Substrat im Sinne einer psychischen Fehlverarbeitung vor. d) Im Gutachten der Rheumatologischen Klinik Y.________ vom 19. November 1992 werden eine posttraumatische Lumbosacralgie rechts mit ISG-Symptomatik rechts, ein Piriformissyndrom rechts, eine Irritation der Ligamenta iliolumbale rechts mehr als links und eine diskrete Beckeninstabilität bei skoliotischer Fehlhaltung der LWS, ISG-Blockierung rechts (Unfall vom 11. Februar 1991) und einem begleitenden regredienten tendomyotisch vertebragenen Zervikalsyndrom diagnostiziert. Zudem äussern die begutachtenden Ärzte den Verdacht auf eine sekundäre psychosomatische Entwicklung. Erläuternd wird ausgeführt, die Untersuchungen hätten keine ernsthaftere Pathologie aufgezeigt. Es bestehe eine grosse Diskrepanz zwischen den angegebenen Beschwerden, dem auffälligen Gangbild des Patienten und den erhobenen Befunden, sodass differenzial-diagnostisch eine psychische Überlagerung bei einer Schmerzchronifizierung vorliegen könnte. Möglicherweise bestehe auch eine Konversionsreaktion, sodass zusätzlich eine psychiatrische Beurteilung empfohlen werden müsse. Vom Gesamtbild her bestehe aus rheumatologischer Sicht eine 70%ige Arbeitsunfähigkeit als Kellner und als Presseführer in einer Buchdruckerei. Diese Angaben wurden mit Schreiben vom 4. Mai 1993 in dem Sinne präzisiert, dass der Patient aus rheumatologischer Sicht für eine leichtere Tätigkeit voll arbeitsfähig sei. Die Arbeitsunfähigkeit von 70 % sei lediglich bis zur psychiatrischen Evaluation attestiert worden. e) Laut dem Gutachten der Psychiatrischen Klinik Y.________ vom 13. August 1993 besteht beim Versicherten ein funktionelles Schmerzsyndrom, das bei einem kooperativen Patienten einer Behandlung durchaus zugänglich wäre. Diagnostiziert wird eine psychosomatische Fehlentwicklung auf der Basis einer dissozialen Persönlichkeitsstörung. Weitere Therapie werde durch die ausgeprägte Persönlichkeitsstörung erschwert. Somit "müsste der Explorand auch aus psychischen Gründen als zu über 70 % arbeitsunfähig betrachtet werden". Entsprechend seien die Aussichten für eine Wiedereingliederung zweifelhaft. Einerseits erwarte der Explorand eine volle berufliche Ausbildung in einem idealen Beruf, andererseits sei seine Motivation für eine Wiedereingliederung in einer geschützten Werkstätte fraglich. Es werde empfohlen, "die Motivation des Exploranden für eine Wiedereingliederung zu überprüfen und vorerst Rentenleistungen zu verweigern". Am 13. Oktober 1993 wurde diese Aussage durch die Verfasserin des Gutachtens, Frau Dr. med. B.________, gegenüber der IV-Stelle telefonisch dahingehend präzisiert, dass sich die Eingliederungsmassnahmen nur auf die Restarbeitsfähigkeit von höchstens 30 % beziehen könnten, wobei an einfachste stundenweise Überwachungsfunktionen zu denken und ein rentenausschliessender Erwerb sicher nicht möglich sei. f) Die Ärzte des ZMB nennen in ihrem Gutachten vom 23. August 1994 als Hauptdiagnosen (mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit) ein chronisches rechtsseitiges Lumbovertebralsyndrom ohne neurologische Ausfälle resp. Hinweise auf radikulären Befall, eine Iliosakralgelenksblockierung rechts mit Verkürzung der Musculi glutaeus medius, piriformi, iliacus und quadratus lumborum rechts, eine skoliotische Fehlhaltung sowie eine psychosomatische Entwicklung bei zu Dissozialität neigender Persönlichkeit. Insgesamt sei die Prognose wenig günstig. Die Gutachter gelangen zum Schluss, die Arbeitsfähigkeit als Kellner und Presseführer betrage 30 %, wobei sich die Einschränkung vorab aus den Befunden im Bereich des Bewegungsapparates ergebe. Für eine rückenadaptierte sitzende Tätigkeit bestehe von den somatischen Beschwerden her eine 100%ige Arbeitsfähigkeit. Inwieweit die psychische Fehlentwicklung mittel- bis langfristig eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit mit sich bringen werde, könne zur Zeit nicht entschieden werden. Allerdings müsse die Prognose mit einer gewissen Zurückhaltung gestellt werden. g) Im Bericht der Rheumatologischen Klinik Y.________ vom 23. September 1996 wird ausgeführt, aus rheumatologischer Sicht sei die Arbeitsfähigkeit für eine geeignete nicht rückenbelastende Tätigkeit weiterhin nicht wesentlich eingeschränkt. Es bestehe der Verdacht auf eine psychosomatische Entwicklung mit Schmerzverarbeitungsstörung. Am 6. Dezember 1996 wurden diese Angaben bestätigt und beigefügt, es sei eine Chronifizierung des Leidens eingetreten bei funktioneller Überlagerung der Beschwerden. Eine eindeutige depressive Symptomatik bestehe aktuell nicht; es sei jedoch damit zu rechnen und bei entsprechender Symptomatik eine psychiatrische Untersuchung in Erwägung zu ziehen. Einem weiteren Bericht vom 12. März 1997 ist zu entnehmen, dass der Versicherte nebst den unveränderten Rückenschmerzen panvertebral über Kopfschmerzen klagte. Anlässlich der Konsultation vom 7. März 1997 habe er über Schlafstörungen und intermittierende ungerichtete Angstgefühle sowie Suizidgedanken berichtet. Bei chronifiziertem Schmerzsyndrom mit wahrscheinlich depressiver Komponente sei eine Behandlung mit Surmontil begonnen worden. Bei Zunahme einer Angstsymptomatik werde empfohlen, eine psychiatrische Abklärung in Erwägung zu ziehen. Im Schreiben an die IV-Stelle vom 12. Mai 1997 wird ausgeführt, aus rheumatologischer Sicht sei eine geeignete leichte und nicht rückenbelastende Tätigkeit weiterhin zu 100 % zumutbar. Vorbehalten bleibe allerdings eine mögliche Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht. h) Dr. med. F.________ stellt in seinem Gutachten vom 31. August 1998 neben der Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung (F45. 4) auch diejenige einer schweren anhaltenden depressiven Störung (F34. 8). Auf Grund der im Bericht der Rheumatologischen Klinik vom 12. März 1997 erwähnten Angstsymptomatik und Schlafstörungen sowie wahrscheinlich depressiven Komponenten sei davon auszugehen, dass der schwer depressive Zustand seit mindestens März 1997 andauere. In diesem Zustand sei der Beschwerdeführer vollständig arbeitsunfähig. Frau Dr. med. T.________ berichtet in ihren Stellungnahmen vom 4. November 1997 und 7. April 1998 ebenfalls über eine schwere depressive Entwicklung mit Verlangsamung und latenter Suizidalität. Ohne die Hilfe seiner Freundin sei der Versicherte derzeit nicht lebensfähig. i) Der Neurologe Dr. med. M.________ gelangt in seinem Gutachten vom 24. September 1998 zum Ergebnis, weder aus neurologischer noch aus verhaltensneurologischer-neuropsychologischer Sicht liessen sich konsistente Hinweise auf eine Störung mit Krankheitswert feststellen. Die erhobenen Befunde könnten nicht einem neurologischen Krankheitsbild zugeordnet werden. Wesentlicher, die Arbeitsfähigkeit kompromittierender Faktor sei die seelische Störung des Patienten.