Citation: U 44/99 27.04.2000 E. 3

3.- a) Unbestrittenermassen bestehen für das Verschwinden von B.________ vier Möglichkeiten, deren Wahrscheinlichkeit im Folgenden abzuwägen ist: Untertauchen oder Tod durch Krankheit, Unfall oder Suizid. Hiebei ist darauf hinzuweisen, dass die Verwaltung als verfügende Instanz und - im Beschwerdefall - das Gericht eine Tatsache nur dann als bewiesen annehmen dürfen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind (Kummer, Grundriss des Zivilprozessrechts, 4. Aufl., Bern 1984, S. 136). Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Der Richter und die Richterin haben vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die sie von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigen (BGE 125 V 195 Erw. 2, 121 V 47 Erw. 2a, 208 Erw. 6b mit Hinweis). Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Danach hat das Gericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet sein Korrelat in den Mitwirkungspflichten der Parteien (BGE 125 V 195 Erw. 2, 122 V 158 Erw. 1a, je mit Hinweisen). Der Untersuchungsgrundsatz schliesst die Beweislast im Sinne einer Beweisführungslast begriffsnotwendig aus. Im Sozialversicherungsprozess tragen mithin die Parteien in der Regel eine Beweislast nur insofern, als im Falle der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Diese Beweisregel greift allerdings erst Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes auf Grund einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 117 V 264 Erw. 3b mit Hinweisen). b) Die Vorinstanz hat die Variante des Untertauchens mit der formellen Begründung verworfen, da eine Verschollenenerklärung ausgesprochen und diese zwischenzeitlich nicht aufgehoben worden sei, könne auf Grund der diesem Entscheid zukommenden Wirkung gemäss Art. 38 Abs. 1 ZGB - insbesondere der gesetzlichen Vermutung des Eintritts des Todes - der Tod von B.________ als bewiesen erachtet werden. Ein Untertauchen ist aus der Sicht des kantonalen Gerichts deshalb offensichtlich nicht mehr denkbar. Dieser Betrachtungsweise kann nicht gefolgt werden. Im angefochtenen Entscheid wird namentlich übersehen, dass eine Person nicht nur für verschollen erklärt werden kann, wenn sie in hoher Todesgefahr verschwunden ist, sondern auch, wenn sie seit langem nachrichtenlos abwesend ist. In beiden Fällen begründet die Verschollenenerklärung in gleicher Weise die blosse Vermutung des Todes mit der damit verbundenen Beweislastumkehr. Trotz Verschollenenerklärung ist ein Untertauchen demnach nicht einfach auszuschliessen. Wäre die Person unter Umständen verschwunden, die ihren Tod als sicher erscheinen liessen, würde der Tod vielmehr gemäss Art. 34 ZGB als erwiesen betrachtet und keine Verschollenenerklärung nach Art. 35 ff. ZGB ausgestellt werden (vgl. zum Ganzen: Kommentar zum Schweizerischen Privatrecht, a.a.O., N 3 zu Art. 35 ZGB). Es ist indessen festzustellen, dass ein Absetzen oder Untertauchen von B.________ auf Grund der bekannten und dokumentierten Sachlage als unwahrscheinlich erscheint. So ist kein Grund ersichtlich, weshalb er sich mit seinem Auto zuerst nach E.________ hätte begeben sollen, wenn er beabsichtigte, von seinem thurgauischen Wohnort X.________ aus unterzutauchen. Ferner ist durch den polizeilichen Ermittlungsbericht vom 15. Juli 1995 belegt, dass B.________ sein Fahrzeug auf dem Weg nach E.________ in der Nähe noch aufgetankt hat, dass er anschliessend in G.________ eine Kohlensäureflasche für eine Sodawassermaschine kaufte und sich hierauf in einer Apotheke Medikamente beschaffte, welche im Auto nebst den von B.________ für die am gleichen Tag stattfindende Sitzung des Jahrgängervereins mitgenommenen Akten aufgefunden wurden. All diese Handlungen sind vor dem Hintergrund eines allfälligen Untertauchens kaum verständlich, es sei denn, es würde B.________ unterstellt werden, sich in besonders raffinierter Weise - kaschiert als Unfall oder Suizid - abgesetzt zu haben. Hierfür ergeben sich aus den Akten indes nicht die geringsten Anhaltspunkte, konnten doch namentlich keinerlei Vorbereitungshandlungen eruiert werden, welche in diese Richtung deuten würden. Wie bereits die Vorinstanz zutreffend festgehalten hat, lassen weder die familiären und finanziellen Verhältnisse noch das berufliche Umfeld Rückschlüsse zu, die ein plötzliches Abtauchen ohne Mitnahme von Gepäck und ohne Abheben eines grösseren Geldbetrages - B.________ hatte nachweislich weder in den Tagen vor noch nach dem Verschwinden einen ins Gewicht fallenden Geldbezug getätigt - plausibel erscheinen liessen. Im Lichte dieser Fakten ist der Vorinstanz deshalb im Ergebnis darin beizupflichten, dass die Möglichkeit des Untertauchens als äussert unwahrscheinlich eingestuft werden muss. c) Im Weiteren setzt sich das kantonale Gericht eingehend mit der Variante des Todes durch Krankheit, d.h. durch einen Herzinfarkt oder ein Herzversagen, auseinander und beurteilt deren Wahrscheinlichkeit ebenfalls als gering. Diese Erwägungen vermögen vollumfänglich zu überzeugen und werden von der Beschwerdeführerin denn auch zu Recht nicht in Frage gestellt, weshalb darauf ohne weitere Ergänzungen abgestellt werden kann. d) Es verbleiben somit die Varianten des Todes durch Unfall oder Suizid. Während im angefochtenen Entscheid davon ausgegangen wird, die Möglichkeit des Unfalles erscheine als überwiegend wahrscheinlich, stellt die Beschwerdeführerin sich auf den Standpunkt, keine dieser Varianten sei überwiegend wahrscheinlich, weshalb von einer sich zu Lasten der Beschwerdegegnerin auswirkenden Beweislosigkeit ausgegangen werden müsse und eine Leistungspflicht zu verneinen sei. Der Beschwerdeführerin ist darin zuzustimmen, dass die Möglichkeit des Suizids als durchaus möglich einzustufen ist und ihr eine gewisse Wahrscheinlichkeit zukommt. Gleiches hat indessen auch für die Variante des Unfalles zu gelten, wie bereits die Vorinstanz festgestellt hat. Im angefochtenen Entscheid wird sodann in umfassender und nachvollziehbarer Würdigung der Akten, insbesondere der Arztzeugnisse und der Aussagen der Beschwerdegegnerin sowie der Schwester von B.________, einlässlich begründet, warum der Eintritt eines Unfalles als wahrscheinlicher erscheint als die Vornahme eines Suizids. Diese Erwägungen vermögen zu überzeugen. Was die Beschwerdeführerin dagegen vorbringt, führt zu keinem anderen Ergebnis. Soweit in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde ausgeführt wird, es gebe keine Beweise über die Umstände, wie und wo es zu einem Unfall gekommen sein sollte, so muss dies ebenso bezüglich eines allfälligen Suizids gelten. Wenn auch unbestritten ist, dass sich bei B.________ seit 1992 in Zusammenhang mit Stresssituationen am Arbeitsplatz in verstärktem Ausmass ein Alkoholproblem abzeichnete und er sich aus diesem Grund im Februar 1994 in eine psychotherapeutische Beratung sowie Behandlung begeben hatte, lässt diese Tatsache allein einen Suizid noch nicht als überwiegend wahrscheinlich erscheinen. Gerade der Umstand, dass B.________ ärztliche und psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nahm, ist eher als Indiz dafür zu werten, dass er sich bemühte, seine Probleme anzugehen und zu überwinden, als daran zu verzweifeln. Den Zeugnissen des Dr. med. R.________, Spezialarzt FMH für Innere Medizin, vom 15. August 1994 und des Dr. med. K.________, klin. Psychologe/Psychotherapeut FSP, vom 24. August 1994 lässt sich zudem entnehmen, dass sich die psychische Situation von B.________ im Zeitpunkt des Verschwindens durch die ärztliche Behandlung deutlich gebessert hatte. Auch wenn ein Suizid nicht ausgeschlossen werden kann, ist nicht einsichtig, warum er gerade in einem Moment hätte unternommen werden sollen, in welchem die begonnenen Therapien wirkten und die psychische Situation stabilisiert werden konnte. Im Hinblick auf die Variante des Suizids ist zudem ebenfalls auf die Handlungen zu verweisen, die B.________ während der Fahrt nach E.________ vorgenommen hat. Es ist kaum anzunehmen, dass ein Mensch mit Suizidabsicht noch sein Auto auftankt und eine Kohlensäureflasche für eine Sodawassermaschine sowie Medikamente kauft, welche er anschliessend in seinem Fahrzeug zurücklässt. Unter diesen Umständen misst die Beschwerdeführerin der Möglichkeit des Suizids ein Gewicht zu, welches ihr in Abwägung der tatbeständlichen Gegebenheiten nicht zukommen kann. Es ist deshalb nicht zu beanstanden, wenn die Vorinstanz den Eintritt eines Unfalles als jenen Geschehensablauf gewürdigt hat, welcher die Wahrscheinlichkeit beinhaltet, der Wirklichkeit zu entsprechen. Bei diesem Ergebnis erübrigen sich weitere Abklärungen in sachverhaltsmässiger Hinsicht.