Citation: 9C_527/2024 E. 4.3

4.3. Wie die IV-Stelle sodann sinngemäss zutreffend ausführt, ist es - mit Blick auf die praxisgemäss nicht alleinige Zuständigkeit der Arztpersonen, abschliessend über die Arbeitsunfähigkeit zu bestimmen - grundsätzlich zulässig, einer medizinischen Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit die rechtliche Massgeblichkeit abzusprechen, ohne dass das Gutachten seinen Beweiswert verliert (BGE 144 V 50 E. 4.3; Urteile 8C_824/2023 vom 4. Juli 2024 E. 4.2; 8C_331/2022 vom 6. September 2022 E. 2.4 mit Hinweisen). Die Vorinstanz stellte denn auch auf das Gutachten vom 9. Mai 2022 insoweit ab, als sie den der Arbeitsfähigkeitsschätzung zugrunde liegenden, darin detailliert geschilderten psychischen Einschränkungen Bedeutung beimass. So wurde gutachterlich festgehalten, beim an einer Agoraphobie mit Panikstörung (ICD- 10: F40.01) und einer rezidivierenden depressiven Störung, aktuell leichte Episode (ICD-10: F33.0), leidenden Beschwerdegegner habe das Zusammenspiel zwischen zunehmenden Ängsten, vermehrten Anforderungen, Überforderungsgefühlen, Misserfolgen und sich dann entwickelnden depressiven Symptomen zu einer Chronifizierung der psychischen Symptomatik geführt. Trotz der in Anspruch genommenen Behandlung (ambulant und stationär) falle er immer wieder in ein Vermeidungsverhalten zurück (so aufgrund von Misserfolgserleben wie Enkopresis bei der Arbeit, Überforderungserleben etc.). Dabei sei er in vielen Lebensbereichen stark eingeschränkt, was sich beispielsweise in den beruflichen Misserfolgen zeige, aber auch in der Unfähigkeit, sein Zuhause in seiner Freizeit zu verlassen. Der Gutachter hielt zwar eine seit mehreren Jahren bestehende volle Arbeitsunfähigkeit für jede Tätigkeit fest, gab aber auch an, dass (mit begleitenden Unterstützungsangeboten und einem schrittweisen Wiedereinstieg) das Erreichen einer Arbeitsleistung von 50 % im ersten Arbeitsmarkt möglich sein sollte. Und schliesslich warnte Dr. med. B.________ davor, dass der dauerhafte Zuspruch einer Rente den Veränderungsdruck senken, das Vermeidungsverhalten weiter fördern und eine erfolgreiche Therapie erschweren würde. Dass die Vorinstanz bei dieser Sachlage zwar eine Auswirkung der festgestellten erheblichen Einschränkungen auf die Arbeitsfähigkeit für wahrscheinlich erachtete, aber Zweifel an der attestierten vollständigen Arbeitsunfähigkeit in sämtlichen Tätigkeiten hatte, ist nachvollziehbar. Damit fehlte ihr nun allerdings eine verlässliche medizinische Entscheidgrundlage, wie sie zur Beurteilung des streitigen Leistungsanspruchs unabdingbar ist (vgl. BGE 134 V 231 E. 5.1; SVR 2018 UV Nr. 27 S. 94, 8C_830/2015 E. 5.2). Gleichzeitig gab es keine Anhaltspunkte dafür, dass es sich im Rahmen zusätzlicher Ermittlungen als unmöglich hätte erweisen können, eine Arbeitsfähigkeit zu ermitteln, die unter Berücksichtigung der durch BGE 141 V 281 normierten Beweisthemen zu überzeugen vermochte (vgl. BGE 145 V 361 E. 4.3 mit Hinweisen), in welchem Fall von weiteren Abklärungsmassnahmen abzusehen gewesen wäre. Es stellt keine Bundesrechtsverletzung dar, dass die Vorinstanz unter diesen Umständen weitere Sachverhaltsabklärungen für angezeigt hielt, dies mit dem Ziel, eine verlässliche Arbeitsfähigkeitsschätzung und ein stimmiges Gesamtbild zu erlangen. Vielmehr kam sie damit ihrer Untersuchungspflicht nach (Art. 61 lit. c ATSG), welche (wie diejenige des Versicherungsträgers; vgl. Art. 43 Abs. 1 ATSG; vgl. auch E. 4.4) so lange andauert, bis über die für die Beurteilung des streitigen Anspruchs erforderlichen Tatsachen, hier mithin über den Grad der Arbeitsunfähigkeit, hinreichende Klarheit besteht (SVR 2013 UV Nr. 9 S. 29, 8C_592/2012 E. 5.1 mit Hinweis; Urteil 8C_676/2023 vom 22. Mai 2024 E. 3.2). Dieser Punkt war aufgrund der im Verwaltungsverfahren zusammengetragenen und der Vorinstanz eingereichten Akten noch nicht erreicht.