Citation: I 657/03 23.03.2004 E. 3

3.1 In medizinischer Hinsicht ergeben die Akten folgendes Bild: Hausarzt Dr. med. G.________ gab im Formularbericht vom 10. Januar 2001 an, infolge des am 28. August 2000 erlittenen Schleudertraumas sei die Versicherte als Kosmetikerin bis auf weiteres zu 50 % arbeitsunfähig. Unter der Rubrik "Diagnose" führte er zwar auch die vorbestehenden Angstzustände auf, äusserte sich aber weder über deren Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit, noch über eine allfällige vor dem 28. August 2000 bestehende Arbeitsunfähigkeit. Hingegen regte er eine Begutachtung bei der Medizinischen Abklärungsstelle (MEDAS) an. Mit Schreiben an den Rechtsvertreter der Versicherten vom 22. September 2003 führte Dr. med. G.________ aus, die Arbeit als Kosmetikerin sei mit eingeschränktem Pensum und nur möglich gewesen, weil die Versicherte mit ihrer Schwester zusammen arbeiten konnte. Schon bei Behandlungsbeginn wäre eine 100%ige Arbeitstätigkeit nicht möglich gewesen; die Beschwerdeführerin habe bereits damals Freiräume gebraucht um nicht unter Druck zu geraten; die Arbeitsfähigkeit zum damaligen Zeitpunkt würde er mit 50 % angeben. Dr. med. B.________ führte am 7. bzw. 9. April 2001 im Wesentlichen aus, die Beschwerdeführerin habe ihn im Januar 1999 aufgesucht, weil sich die seit ca. 1984 bestehende Angststörung verstärkt und ab 1996 zu veritablen Panikattacken mit noch stärkerer Behinderung in Alltag und Arbeit geführt habe. Eine 1989 auf eigene Initiative durchgeführte berufliche Umschulung habe eine flexible Arbeitsgestaltung ermöglicht. In den dem Bericht vorangehenden zwei Jahren sei die Versicherte fast rund um die Uhr auf die Anwesenheit oder mindestens die Erreichbarkeit und Verfügbarkeit ihres Partners angewiesen gewesen. Es habe nie eine vollständige Arbeitsfähigkeit bestanden; die Arbeitstätigkeit habe häufig mitten in der Behandlung abgebrochen oder ganz abgesagt werden müssen. Infolge geringen Einkommens lebe die Versicherte schon lange bescheiden. Seit Beginn der Behandlung würden vermehrt Medikamente eingesetzt, welche zu einer deutlichen Abnahme der Anfallsfrequenz geführt und ein angstfreieres und unabhängigeres Leben ermöglicht hätten. Ab September 1999 sei endlich eine teilweise Arbeitsunfähigkeit deklariert worden; aktuell betrage die Arbeitsfähigkeit infolge Besserung des Zustandes 50 %. Auf entsprechende Fragen des Rechtsvertreters der Versicherten führte Dr. med. B.________ am 12. Juni 2002 aus, im Rahmen der im Februar 1999 begonnen Behandlung, welche auf eine Bewältigung der Behinderung für einen Anlass im Juni 1999 gerichtet gewesen sei, habe man die Frage der Arbeitsfähigkeit nicht angesprochen, was durch die Fokussierung der Behandlung erklärt werden könne. Die Arbeitsunfähigkeit sei erst später thematisiert worden und habe zur Attestierung einer solchen ab September 1999 geführt. Dies schliesse aber nicht aus, dass bereits vor September 1999 eine Arbeitsunfähigkeit bestanden habe, zumal er bereits in seinem Bericht vom 9. April 2001 darauf hingewiesen habe, dass die Versicherte noch nie in der Lage gewesen sei, eine 100%ige Erwerbstätigkeit auszuüben. Auf erneute Fragen des Rechtsvertreters antwortete Dr. med. B.________ am 3. Oktober 2003, im Dezember 1998 sei die Versicherte nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit in der Lage gewesen, als kaufmännnische Angestellte tätig zu sein, weshalb sie die Umschulung zur Kosmetikerin durchgeführt habe. Sie sei schon damals überwiegend wahrscheinlich darauf angewiesen gewesen, ihre Arbeitszeit selbst einteilen und in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung arbeiten zu können. Im Dezember 1998 habe sie die Tätigkeit als Kosmetikerin schätzungsweise zu 50 % ausführen können. Am 17. Januar 2001 wurde die Patientin durch Dr. med. E.________ neurologisch untersucht (Bericht vom 14. Juni 2001). Die Beschwerdeführerin gab in der persönlichen Anamnese an, sie arbeite seit 1989 als selbstständig erwerbende Kosmetikerin; zunächst sei sie zu 100 % tätig gewesen, später habe ihr der Psychiater eine 30%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert. In der Untersuchung ergab sich, dass die noch bestehenden Funktionsstörungen der Halswirbelsäule überwiegend wahrscheinlich auf den Autounfall von August 2000 zurückzuführen waren und aus rein neurologischer Sicht keine spinalen/radikulären Funktionsstörungen bestanden. Dr. med. E.________ führte aus, es könnten keine Rückschlüsse auf leichte traumatische Hirnverletzungen gezogen werden; weitere Abklärungen drängten sich bei tendenziell regredienten neuropsychologischen Störungen nicht auf. Die unfallfremde Panikstörung scheine durch den Unfall keine Verschlechterung erfahren zu haben und eine ungünstige Auswirkung dieses Vorzustandes auf die posttraumatischen Beschwerden sei nicht ersichtlich. Es bleibe vorerst bei einer 50%igen Arbeitsunfähigkeit, wobei die vorbestehende Teilarbeitsunfähigkeit mitzuberücksichtigen sei. Auf entsprechende Fragen des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin führte Frau Dr. phil. K.________ mit Schreiben vom 13. Juli 2001 aus, die psychotherapeutische Behandlung der Angststörung mit zwanghaften und phobischen Begleitsymptomen habe von Februar 1988 bis Juli 1993 gedauert. Nach ihrer Erinnerung sei die Versicherte zu keiner Zeit fähig gewesen, selbstständig etwas zu unternehmen, geschweige denn zu arbeiten. Während der ersten Monate sei jeweils für den Weg in die Therapie und wieder nach Hause die Begleitung eines Familienmitgliedes nötig gewesen, später habe die Beschwerdeführerin den Weg eine Zeit lang alleine zurücklegen können. Die Therapie habe nicht zu einem dauerhaften positiven Entwicklungsprozess geführt und sei abgebrochen worden. Auf nochmalige Nachfrage schrieb Frau Dr. phil. K.________ am 18. September 2003, die Beschwerdeführerin sei nie fähig gewesen, selbstständig (im Sinne von alleinigem Zurücklegen des Arbeitsweges und alleiniger Anwesenheit im Arbeitsraum) zu arbeiten. "Arbeitsfähig" sei sie nur in unmittelbarer Nähe ihrer Schwester gewesen, weshalb kaum von echter Arbeitsfähigkeit gesprochen werden könne. 3.2 Aus den medizinischen Unterlagen geht hervor, dass die Versicherte seit Mitte der Achzigerjahre zunehmend unter einer Angststörung litt und insbesondere in Drucksituationen oder wenn sie alleine war, Panikattacken auftraten. Unbestrittenerweise hatte ihre Erkrankung Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Bei Würdigung der Berichte fällt auf, dass sich zunächst lediglich Dr. med. B.________ und Frau Dr. phil. K.________ hinsichtlich einer vor September 1999 bestehenden Arbeitsunfähigkeit äusserten, wobei Dr. med. B.________ angab, die Versicherte sei seit Aufnahme ihrer Berufstätigkeit nie in der Lage gewesen, eine 100%ige Erwerbstätigkeit auszuüben und Frau Dr. phil. K.________, bei der sich die Beschwerdeführerin von 1988 bis 1993 in Behandlung befand, gemäss ihrer Erinnerung von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit ausging. Erst auf teilweise mehrmaliges Nachfragen des Rechtsvertreters der Versicherten und nachdem die IV-Stelle mit Verfügung vom 16. Mai 2002 den Rentenbeginn auf 1. September 2000 festgesetzt hatte, machten die Ärzte rückblickend detailliertere Angaben über die Arbeitsunfähigkeit vor dem Jahre 1999 (Schreiben Dr. med. G.________ vom 22. September 2003: "Die Arbeitszeit zum damaligen Zeitpunkt [d.h. Behandlungsbeginn im Jahre 1994] würde ich mit 50 % angeben."; Brief Dr. med. B.________ vom 3. Oktober 2003: "Die Arbeitsfähigkeit als Kosmetikerin betrug zu jener Zeit [Dezember 1998] schätzungsweise 50 %."). Bei diesen nachträglich eingereichten ärztlichen Angaben handelt es sich um über Jahre rückwirkend vorgenommenen Einschätzungen der Arbeitsfähigkeit, auf welche nicht vorbehaltlos abgestellt werden kann. Sodann hat gemäss Angaben des Dr. med. B.________ die im Januar 1999 begonnene medikamentöse Behandlung eine deutliche Besserung der gesundheitlichen Probleme bewirkt, was - nebst der geltend gemachten Fokussierung der Behandlung auf die kurzfristige Bewältigung der Angststörung wegen eines Anlasses im Sommer 1999 - erklären kann, weshalb die Frage der Arbeitsfähigkeit erst im Herbst 1999 angesprochen wurde. Bezüglich der Ausführungen des Dr. med. G.________, der in seinem ersten Bericht vom 10. Januar 2001 lediglich eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit ab 28. August 2000, unter dem Eindruck des an jenem Datum erlittenen Schleudertraumas, bescheinigt hatte, ist hinsichtlich seiner auf Nachfrage des Rechtsvertreters ergangenen Einschätzung vom 22. September 2003 überdies zu berücksichtigen, dass er als Hausarzt im Zweifel eher zu Gunsten seiner Patientin aussagen dürfte, was das Gericht als Erfahrungstatsache in seine Beurteilung einzubeziehen hat (BGE 125 V 353 Erw. 3b/cc mit Hinweisen). Bezüglich der Berichte der Frau Dr. phil. K.________ hat die Vorinstanz zutreffend erwogen, dass ihre pauschalen und sich auf einen acht bzw. zehn Jahre zurück liegenden Zeitraum beziehenden Einschätzungen nicht schlüssig begründet sind, weshalb darauf nicht abgestellt werden kann. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin zwar bereits vor September 1999 zweifellos in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt war. Gleichwohl kann eine während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%ige Arbeitsunfähigkeit nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit angenommen werden. Dies wirkt sich nach dem Gesagten (Erw. 2.3 hievor) zu ihren Ungunsten aus. Weitere medizinische Abklärungen wurden nicht verlangt und sind auch nicht angezeigt, da hievon hinsichtlich des mehrere Jahre zurückliegenden Zeitraumes keine neuen Erkenntnisse zu erwarten sind. Vorinstanz und Verwaltung haben somit den Zeitpunkt der Eröffnung der Wartezeit zu Recht auf den 1. September 1999 festgesetzt mit der Folge, dass der Rentenanspruch am 1. September 2000 entstand.