Citation: U 214/04 15.03.2005 E. 2

Mit der Vorinstanz ist davon auszugehen, dass zwischen dem Unfall vom 8. November 1993 und dem Gesundheitsschaden der Beschwerdegegnerin - nicht nur dem somatisch, sondern auch dem psychisch bedingten - ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Dies wird denn auch von der Beschwerdeführerin nicht in Frage gestellt. Umstritten ist dagegen die Adäquanz des Kausalzusammenhangs zwischen dem genannten Unfallereignis und den fortbestehenden psychischen Beschwerden. 2.1 Wie das kantonale Gericht zutreffend - in diesem Punkt übereinstimmend mit der Beschwerde führenden Versicherung - festhält, wird das ursprünglich diagnostizierte Schädel-Hirntrauma mit Commotio cerebri (Arztzeugnis UVG des Dr. med. Z.________ vom 10. Dezember 1993) im MEDAS-Gutachten vom 22. November 2000 nur noch als Nebenbefund aufgeführt und als "abgeheilt" bezeichnet. Das (Haupt-)Beschwerdebild gemäss MEDAS-Gutachten - Knieschmerzen sowie belastungsabhängige Thoraxschmerzen - lässt sich nicht dem typischen Beschwerdebild nach einem Schleudertrauma der HWS oder einem Schädel-Hirntrauma zuordnen. Die im Weitern beklagten häufigen Kopfschmerzen und die diagnostizierte mittelschwere depressive Verstimmung mit psychosomatischer Symptomatik und einer andauernden Persönlichkeitsänderung, welche dem typischen Beschwerdebild zugerechnet werden könnten, machen für sich allein ein solches nicht aus, wobei ohnehin das tendomyotische zervikospondylogene Syndrom (mögliche Erklärung der geklagten Kopfschmerzen) als nicht unfallbedingt bezeichnet wird. In diesem Zusammenhang ist auch darauf hinzuweisen, dass gemäss dem psychiatrischen Teilgutachten von Dr. med. M.________ vom 16. August 2002 eine psychogene und nicht eine hirnorganische Störung vorliegt, wobei die Unfallfehlverarbeitung unmittelbar nach dem Unfall einsetzte. Für die Adäquanzprüfung ist daher rechtsprechungsgemäss (Erw. 1.2 und 1.3 hievor) nach der in BGE 115 V 140 ff. begründeten Rechtsprechung zu psychogenen Unfallfolgen vorzugehen. 2.2 Umstritten ist zunächst die Qualifikation des Unfalls vom 8. November 1993. 2.2.1 Über das Unfallereignis als solches sind den Akten nur wenige Angaben zu entnehmen. Gemäss dem Arztzeugnis UVG des Dr. med. Z.________ vom 10. Dezember 1993 wurde die Versicherte auf einem "Fussgängerstreifen angefahren und durch die Luft gewirbelt". In der vorinstanzlichen Beschwerdeschrift lässt die Versicherte unter Hinweis auf die Aussagen eines Zeugen ausführen, sie sei durch den Aufprall des praktisch ungebremst in sie hineinfahrenden Personenwagens 15 bis 20 Meter durch die Luft geschleudert worden. Diese Darstellung des Unfallgeschehens wird seitens der National nicht in Abrede gestellt. Unter den gegebenen Umständen ist davon auszugehen, dass sich das Unfallereignis im Wesentlichen so zugetragen hat, wie es die Versicherte beschreibt. Dokumentiert sind die beim Unfall erlittenen Verletzungen. Die Versicherte erlitt ein Schädel-Hirntrauma mit Commotio cerebri, eine Rissquetschwunde frontal an der Ohrmuschel rechts, eine Rippenfraktur sowie Kontusionen an beiden Knien und am Ellenbogen rechts (Arztzeugnis UVG Dr. med. Z.________ vom 10. Dezember 1993). Die anlässlich des Unfalls erlittene Kontusion am rechten Knie führte - wie sich in der Folge zeigte - zu einer Meniskusläsion, welche einen operativen Eingriff notwendig machte (Arztbericht Dr. med. Z.________ vom 15. Februar 1994). 2.2.2 Im Rahmen der für die Adäquanzbeurteilung vorzunehmenden Katalogisierung (BGE 115 V 138 Erw. 6) ist das geschilderte Ereignis aufgrund des augenfälligen Geschehensablaufs und der erlittenen Verletzungen den mittelschweren Unfällen zuzurechnen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob es im Grenzbereich zu den schweren Unfällen anzusiedeln ist. Die Vorinstanz bejahte dies mit Hinweis darauf, dass es sich nach der Beurteilung des psychiatrischen Gutachters um einen schweren und vor allem emotional eindrücklichen Unfall handelte; zu Recht räumt sie in diesem Zusammenhang gleichzeitig ein, dass mit dieser psychiatrischen Aussage das Unfallerlebnis angesprochen ist, auf welches es indessen bei der Zuordnung eines Unfalles nicht ankommt. Die vorinstanzliche Begründung der Zuordnung zu den mittelschweren Unfällen im Grenzbereich zu den schweren ist daher nicht durchwegs stichhaltig. 2.2.3 Die Beschwerdeführerin, welche die von der Vorinstanz vorgenommene Einstufung bestreitet, macht unter Hinweis auf eine Reihe von Präjudizien geltend, in vergleichbaren Fällen sei die Rechtsprechung stets von einem Unfall im mittleren Bereich ausgegangen, der nicht dem Grenzbereich zu den schweren Unfällen zuzuordnen sei. Diese Argumentation wirft die Frage auf, inwiefern verschiedene Unfallereignisse überhaupt miteinander vergleichbar sind. Die Gebote der Rechtssicherheit und der rechtsgleichen Behandlung der Versicherten sprechen an sich für die Vornahme eines solchen Vergleiches. Umgekehrt ist jedes Unfallereignis einzigartig; bei der vergleichsweisen Würdigung verschiedener Unfallereignisse stehen zwangsläufig vergleichbare Faktoren im Vordergrund, während andere Faktoren, welche weniger vergleichbar erscheinen, ausgeblendet werden; es besteht somit die Gefahr eines verzerrten Bildes. Ein Vergleich mit anderen Unfallereignissen kann deshalb lediglich Anhaltspunkte für die Einstufung eines Unfallereignisses geben und ist keineswegs in jedem Fall anzustellen. Zu beachten ist in diesem Zusammenhang, dass die Einstufung eines Unfallereignisses nach der Rechtsprechung einerseits aufgrund des augenfälligen Geschehensablaufes und andererseits mit Blick auf die erlittenen Verletzungen zu geschehen hat (vgl. BGE 115 V 138 Erw. 6; RKUV 1996 Nr. U 248 S. 177 Erw. 4b). Ein Vergleich, bei dem hauptsächlich die erlittenen Verletzungen miteinander in Beziehung gesetzt werden, beispielsweise weil diese sich zum Vergleich eher eignen, ist daher von vornherein wenig aussagekräftig. Bei einem Vergleich sind vielmehr sowohl der äussere Geschehensablauf als auch die erlittenen Verletzungen einzubeziehen. Massgeblich ist das Gesamtbild, das sich aus äusserem Geschehensablauf und erlittenen Verletzungen ergibt; je dramatischer der äussere Geschehensablauf nach objektiver Betrachtungsweise erscheint, umso eher ist ein schwerer Fall oder ein mittelschwerer Unfall im Grenzbereich zu den schweren anzunehmen, selbst wenn die erlittenen Verletzungen weniger gravierend sind; umgekehrt kann ein Unfallereignis als schwer oder im Grenzbereich dazu erscheinen, wenn ein vom äusseren Geschehensablauf her nicht besonders eindrückliches Unfallgeschehen zu besonders schweren Verletzungen führt. 2.2.4 Der Blick auf die von der Beschwerdeführerin angeführten Vergleichsfälle zeigt Folgendes: Gemäss Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons Aargau in Sachen I. vom 3. Juni 1998 wurde die Versicherte I. auf dem Fussgängerstreifen von einem Auto angefahren und erlitt Kontusionen am ganzen Körper sowie eine Zehenfraktur. Vom augenfälligen Geschehensablauf her handelt es sich um ein ähnliches Unfallereignis wie im vorliegenden Fall, allerdings wurde die Frau in jenem Fall nicht in einer vergleichbaren Weise weggeschleudert. Hinsichtlich der erlittenen Verletzungen erweist sich der Vergleichsfall als weniger gravierend. In dem vom Eidgenössischen Versicherungsgericht im Urteil R. vom 6. September 2000 (U 43/02) beurteilten Fall zog sich der von einem Rohr am Kopf getroffene und zwei Meter in die Tiefe stürzende Monteur eine Commotio cerebri, eine Querfortsatzfraktur sowie einen Bruch der linken Hand zu. Die erlittenen Verletzungen erscheinen denjenigen der Versicherten im vorliegenden Verfahren vergleichbar; vom augenfälligen Geschehensablauf aus betrachtet ist ein Sturz aus zwei Metern Höhe - unter diesem Aspekt wurde die Zuordnung vorgenommen - deutlich weniger schwerwiegend als das Ereignis des vorliegenden Falles. Ähnliches gilt hinsichtlich des Verkehrsunfalls, bei dem der Versicherte ein HWS-Distorsionstrauma, eine Quetschung des Brustkorbes und eine Schädelprellung erlitt (Urteil R. vom 2. Mai 2003 [U 261/02]): Die erlittenen Verletzungen erscheinen einigermassen vergleichbar, wobei allerdings die von der hierortigen Beschwerdegegnerin erlittene, in der Folge besonders schwerwiegende Knieverletzung fehlt, zudem ist das Unfallgeschehen etwas weniger schwerwiegend einzustufen. Der vom Eidgenössischen Versicherungsgericht am 4. September 2003 beurteilte Unfall lässt sich bezüglich der erlittenen Verletzungen (Lendenwirbel-Kompressionsfraktur) mit dem vorliegenden nicht vergleichen. Für die Zuordnung des Unfallereignisses war vor allem der äussere Geschehensablauf massgeblich, wobei der Versicherte nach dem Unfall wieder selbstständig aufstehen konnte und auch keine Ausstrahlung in die Beine verspürte (Urteil D. vom 4. September 2003 [U 3/03], Erw. 3.4.1). Anders liegt der äussere Geschehensablauf im unmittelbaren Anschluss an das Unfallereignis im vorliegenden Fall: Die Versicherte erlitt einen Schock und musste notfallmässig via Ambulanz ins Spital eingewiesen werden (Arztzeugnis UVG des Dr. med. Z.________ vom 10. Dezember 1993). Eindeutig weniger schwerwiegend war auch der äussere Geschehensablauf im Falle des Gussputzers, der seinen Fuss unter einem Gussstück einklemmte und dabei Fussverletzungen erlitt (Urteil A. vom 31. Oktober 2003 [U 15/02]). Die von der Versicherten P. im vom Eidgenössischen Versicherungsgericht am 5. Mai 2004 beurteilten Fall (U 141/03) erlittenen Verletzungen erscheinen wiederum vergleichbar mit denjenigen der Beschwerdegegnerin im vorliegenden Falle; auch hier fehlt aber ein Äquivalent zu der sich in der Folge besonders schwerwiegend auswirkenden Knieverletzung, und vor allem ist der äussere Geschehensablauf des erlittenen Verkehrsunfalls weniger schwerwiegend. 2.2.5 Umgekehrt erweist sich der vorliegende Fall als durchaus vergleichbar mit Konstellationen, in denen von der Rechtsprechung ein mittlerer Unfall im Grenzbereich zu den schweren angenommen wurde: Ein Zweiradfahrer wurde von einem Personenwagen frontal erfasst, auf die Motorhaube gehoben und rund 22 Meter von der Kollisionsstelle weg auf das Trottoir geschleudert (nicht veröffentlichtes Urteil C. vom 23. Dezember 1991, zitiert in RKUV 1999 S. 123); ein Insasse wurde nach einer Kollision mit einem anderen Personenwagen aus seinem Fahrzeug hinausgeschleudert, wobei das rechte Bein im umgestürzten Auto eingeklemmt blieb (nicht veröffentlichtes Urteil A. vom 29. Oktober 1991; zitiert in RKUV 1999 S. 123). Angesichts dieser Präjudizien ist der durch die Vorinstanz vorgenommenen Einordnung als mittlerer Unfall im Grenzbereich zu den schweren zuzustimmen. 2.3 Nach dem Gesagten handelt es sich vorliegend um einen mittleren Unfall im Grenzbereich zu den schweren. Die Adäquanz des Kausalzusammenhanges ist demzufolge bereits dann zu bejahen, wenn ein einzelnes der in die Beurteilung einzubeziehenden unfallbezogenen Kriterien erfüllt ist (BGE 115 V 140 Erw. 6c/bb). 2.3.1 Die Vorinstanz sah sechs der massgebenden unfallbezogenen Kriterien als erfüllt an. Die Beschwerdeführerin erachtet dagegen "bestenfalls" die Kriterien der ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung und der körperlichen Dauerschmerzen als gegeben. 2.3.2 R.________ erlebte den Unfall vom 8. November 1993 als emotional eindrücklich (psychiatrisches Konsilium Dr. med. M.________ vom 16. August 2002). Nach dem Unfall befand sie sich in einem Schockzustand (Arztzeugnis UVG Dr. med. Z.________ vom 10. Dezember 1993). Die Erfahrung, von einem Fahrzeug mit grosser Wucht über eine beträchtliche Distanz weggeschleudert zu werden, ist nicht nur subjektiv, sondern auch bei objektiver Betrachtungsweise als besonders eindrücklich zu verzeichnen. Eher zu verneinen ist hingegen das Kriterium der besonderen Art der erlittenen Verletzungen, insbesondere ihre erfahrungsgemässe Eignung, eine psychische Fehlentwicklung auszulösen. Die erlittene Commotio cerebri, welche für sich alleine ohnehin nicht zur Bejahung des Kriteriums genügen würde (Urteil B. vom 25. Januar 2002, U 154/00), ist offenbar folgenlos abgeheilt. Die Kriterien der ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung und der körperlichen Dauerschmerzen werden nicht nur von der Vorinstanz, sondern auch von der Beschwerdeführerin als gegeben erachtet; dieser übereinstimmenden Ansicht ist beizupflichten. Während die Vorinstanz einen schwierigen Heilungsverlauf unter Hinweis auf die nach wie vor bestehenden Gesundheitsschäden bejaht, spricht die National von einem allenfalls langwierigen, aber nicht schwierigen Heilungsverlauf; ihr ist insofern Recht zu geben, als ein langwieriger Heilungsverlauf nicht immer auch ein komplizierter sein muss; im vorliegenden Fall war der Heilungsverlauf aber nur während der ersten Hospitalisationszeit von 10 Tagen erfreulich; schon kurze Zeit später erfolgte wegen des Knieleidens ein operativer Eingriff, welcher aber nicht den erhofften Erfolg brachte (Arztberichte Dr. Z.________ vom 15. Februar bzw. 27. April 1994); angesichts der Tatsache, dass die Knieschmerzen im Zeitpunkt der MEDAS-Begutachtung im Jahre 2002 nicht nur andauerten, sondern die Hauptdiagnose mit wesentlicher Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit darstellten, ist das Kriterium des schwierigen Heilungsverlaufs als erfüllt zu betrachten. In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist auch das Kriterium "Grad und Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit" als erfüllt zu betrachten, kann doch die Versicherte wegen ihrer somatischen Beschwerden - nicht wegen des psychischen Leidens - die vor dem Unfall ausgeübte Tätigkeit als Raumpflegerin nicht mehr verrichten. 2.3.3 Da somit mehrere der massgebenden unfallbezogenen Kriterien erfüllt sind, ist die Adäquanz des Kausalzusammenhanges entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin zu bejahen. Die Gesamtwürdigung der einzelnen Kriterien würde dem Unfall vom 8. November 1993 eine massgebende Bedeutung für die eingetretene psychische Fehlentwicklung und die psychisch bedingte vollständige Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit selbst dann zuweisen, wenn das Unfallereignis entgegen den vorstehenden Ausführungen (Erw. 2.3 hievor) lediglich als mittlerer Unfall und nicht als mittlerer Unfall im Grenzbereich zu den schweren Unfällen zu qualifizieren wäre. Umgekehrt wäre die Adäquanz des Kausalzusammenhanges im Übrigen auch dann zu bejahen, wenn man mit der Beschwerdeführerin lediglich zwei Kriterien als gegeben erachtete, würde dies doch angesichts der Qualifikation des Unfallereignisses als mittelschwer im Grenzbereich zu den schweren genügen. 2.3.4 Sind nach den vorstehenden Erwägungen sowohl der natürliche wie auch der adäquate Kausalzusammenhang zwischen dem versicherten Unfall und sowohl den somatischen als auch den psychischen Unfallfolgen zu bejahen, steht der Anspruch der Versicherten auf eine ganze Invalidenrente der Unfallversicherung bzw. eine allfällige Komplementärrente angesichts der ausgewiesenen (unfallbedingten) 100%igen Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit fest. Höhe der Rente und Rentenbeginn sind im Verfahren vor dem Eidgenössischen Versicherungsgericht nicht strittig.