Citation: 4A_55/2022 E. 5.1

5.1. Gemäss Vorinstanz ist das Verhalten der Beschwerdegegnerinnen (Lieferabbruch) als einseitige Massnahme zu qualifizieren, die nicht von Art. 101 AEUV erfasst ist. Es gehe insbesondere auch nicht um die Zulässigkeit des selektiven Vertriebssystems, das die Beschwerdegegnerinnen mit unabhängigen Uhrenreparateuren unterhielten. Vielmehr sei das Verhalten der Beschwerdegegnerinnen unter Art. 102 AEUV zu prüfen. Die Vorinstanz erwog, mit dem Urteil BAI und Kommission/Bayer (Urteil des EuGH vom 6. Januar 2004 C-2/01 und C-3/01 BAI und Kommission/Bayer, Slg. 2004 I-0023) habe der EuGH seine Rechtsprechung in Bezug auf den Begriff der Vereinbarung gegenüber den früheren, von der Beschwerdeführerin zitierten Entscheiden (Urteile des EuGH vom 25. Oktober 1983 C-107/82 AEG/Kommission, Slg. 1983 03151 sowie Urteil vom 17. September 1985 C-25/84 Ford/Kommission, Slg. 1985 02725) geändert. Aufgrund des Urteils BAI und Kommission/Bayer sei die Abgrenzung von Vereinbarungen einerseits zu einseitigen Massnahmen in Vertriebsbeziehungen andererseits vor allem danach vorzunehmen, ob zur Verfolgung und Durchsetzung der Vertriebsziele des Herstellers eine aktive Mitwirkung der Händler erforderlich sei. In Anwendung des Urteils BAI und Kommission/Bayer sei in der vorliegenden Konstellation von keiner Vereinbarung, insbesondere auch keiner stillschweigenden oder konkludenten Zustimmung der Beschwerdeführerin (oder der unabhängigen Uhrenreparateure) zum Lieferabbruch auszugehen. Aber selbst wenn man den Lieferabbruch der Beschwerdegegnerinnen an den Urteilen AEG/Kommission und Ford/Kommission messen wollte, sei nicht von einer Vereinbarung im Sinne von Art. 101 AEUV auszugehen. Im Urteil AEG/Kommission sei es - anders als hier - um die Nichtzulassung von Händlern in das selektive Vertriebssystem gegangen, obwohl sie die qualitativen Anforderungen erfüllten. Eine solche diskriminierende Handhabung des selektiven Vertriebssystems sei vorliegend nicht gegeben, da alle Händler als autorisierte Serviceanbieter aufgenommen würden, sofern sie die Kriterien erfüllten. Damit fügten sich die streitgegenständlichen Massnahmen "nicht in die vertragliche Beziehung ein, welche die Klägerinnen mit den unabhängigen Uhrenreparateuren unterhalten, sondern [seien] eine davon losgelöste einseitige und diskriminierungsfreie Handlung". Auch das Urteil Ford/Kommission sei nicht einschlägig, weil es vorliegend nicht um einen Lieferabbruch gegenüber den in das selektive Vertriebsnetz eingebundenen Händlern (hier den Uhrenreparateuren) gehe. Der Lieferabbruch gegenüber der Beschwerdeführerin sei zwar im weiteren Sinne im Rahmen der Einführung eines selektiven Vertriebssystems erfolgt, "aber dennoch losgelöst von den Verträgen mit den unabhängigen Uhrenreparateuren".