Citation: 1B_635/2021 E. 4.3

4.3. Der Beschwerdeführer muss damit rechnen, dass auch das Obergericht seinem Einwand, er habe in Notwehr gehandelt, nicht folgt und die vom Bezirksgericht ausgesprochene Freiheitsstrafe bestätigt. Diesfalls fiele das ordentliche Strafende auf Anfang Mai 2025 (act. 75). Der Beschwerdeführer muss somit einen weiteren Freiheitsentzug von knapp 3 ½ Jahren gewärtigen. Dies stellt einen erheblichen Fluchtanreiz dar. Die Möglichkeit der bedingten Entlassung aus dem Strafvollzug nach Verbüssung von zwei Dritteln der Freiheitsstrafe (Art. 86 Abs. 1 StGB) ist insoweit nach der Rechtsprechung grundsätzlich ausser Acht zu lassen (Urteil 1B_168/2020 vom 28. April 2020 E. 3.4). Selbst wenn es sich anders verhielte, wäre der verbleibende Freiheitsentzug mit rund 1 ½ Jahren und damit der Fluchtanreiz immer noch beträchtlich. Der Beschwerdeführer muss überdies im Berufungsverfahren die Bestätigung der mehrjährigen Landesverweisung gewärtigen. In der Schweiz wohnt seine Ehefrau, von der er getrennt lebt. Mit dieser hat er eine gemeinsame, 6 Jahre alte Tochter. In der Schweiz lebt zudem eine weitere Frau, mit der er einen 1 Jahr und 4 Monate alten, während der Haft geborenen Sohn hat. Der Beschwerdeführer bringt vor, bei der Mutter des Sohnes handle es sich um seine Lebenspartnerin. Der Beschwerdeführer muss somit damit rechnen, mit dieser und den Kindern während zahlreichen Jahren nicht mehr in der Schweiz zusammen sein zu können. Mit der erstinstanzlichen Verurteilung hat sich für den Beschwerdeführer die Möglichkeit einer mehrjährigen Freiheitsstrafe und einer ebensolchen Landesverweisung konkretisiert. Dem ist nach der Rechtsprechung bei der Beurteilung der Fluchtgefahr Rechnung zu tragen (BGE 145 IV 503 E. 2.2 mit Hinweis). Es geht um versuchte eventualvorsätzliche Tötung und damit einen schweren Deliktsvorwurf. Entsprechend besteht im Hinblick auf die Wahrheitsfindung, insbesondere betreffend die geltend gemachte Notwehrsituation, und die Sicherung des Strafvollzugs ein erhebliches öffentliches Interesse an der Anwesenheit des Beschwerdeführers (vgl. BGE 145 IV 503 E. 2.4 f.). Der Beschwerdeführer ist heute rund 31 Jahre alt. Er wurde in Brasilien geboren, besuchte dort die Schule und machte eine Ausbildung zum Grafiker. Anschliessend arbeitete er in seinem Heimatland als solcher. Zudem betätigte er sich als erfolgreicher Künstler (Tänzer) mit Fernsehauftritten. Nach seinen Angaben lebt ein grosser Teil seiner Familie (Vater, Mutter und Brüder) in Brasilien. Das gleiche gilt für seinen 12-jährigen Sohn und dessen Mutter. Zudem hat er in seinem Heimatland enge Freunde, von denen er in der Haft regelmässig Briefe erhält. Überdies besitzt er dort ein Wohn- und ein Ferienhaus. Er hat zu seinem Heimatland damit nach wie vor eine enge Bindung. Da er in Brasilien eine Berufsausbildung genoss und als Künstler erfolgreich war, müsste es ihm bei einer Rückkehr ohne Weiteres möglich sein, dort wieder Fuss zu fassen. Der Beschwerdeführer kam 2015 in die Schweiz. Er lebte hier bis zu seiner Verhaftung somit vier Jahre. Zwar hat er in der Schweiz offenbar regelmässig gearbeitet. Eine gefestigte Existenz hat er sich gleichwohl nicht aufgebaut. Vielmehr wechselte er mehrfach die Stelle und arbeitete temporär. Zudem erscheint zweifelhaft, ob die Beziehung zur Mutter seines 1 Jahr und 4 Monate alten Sohnes - wie er geltend macht - als stabil angesehen werden kann. Der Sohn wurde Ende Juli 2020 geboren. Die Mutter muss also kurz vor der Verhaftung des Beschwerdeführers am 3. November 2019 schwanger geworden sein. In den frühen Morgenstunden jenes Tages befand er sich, nachdem er vorher in Zürich an der Langstrasse im Ausgang gewesen war und Kokain, Marihuana sowie Alkohol konsumiert hatte, mit weiteren Personen in der Wohnung einer anderen Frau. Als sämtliche Personen ausser dem Opfer und dem Beschwerdeführer gegangen waren, forderte die Frau das Opfer auf, nun ebenfalls zu gehen, weil sie mit dem Beschwerdeführer allein sein wolle. Da das Opfer nicht ging, kam es zum Streit mit dem Beschwerdeführer, der dabei unstreitig das Messer einsetzte. Anlässlich ihrer Einvernahme vom 3. November 2019 gab diese andere Frau auf die Frage, wer der Beschwerdeführer sei, zu Protokoll, er sei ihr Freund gewesen oder auch nicht. Sie wisse es nicht. Er werde sagen, es sei keine Beziehung gewesen. Für sie sei es aber eine gewesen. Sie sei von Januar 2019 bis ca. vor 5-6 Wochen mit dem Beschwerdeführer zusammen gewesen. Es sei auseinander gegangen, weil er nebst ihr noch ein bis zwei andere Freundinnen gehabt habe. Eine weitere Frau, die in den Morgenstunden des 3. November 2019 zunächst ebenfalls in der Wohnung war, sagte aus, der Beschwerdeführer und die Bewohnerin der Wohnung hätten eine Affäre gehabt. Er sei jedoch noch mit verschiedenen anderen Frauen zusammen gewesen. Daraus ist zu schliessen, dass der Beschwerdeführer eine Beziehung nicht nur mit der Mutter seines kleinen Sohnes hatte, sondern noch mit weiteren Frauen. Von einer stabilen Beziehung des Beschwerdeführers zur Mutter des kleinen Sohnes kann damit kaum ausgegangen werden. Erst recht keine fluchthemmende Wirkung kann der Beziehung des Beschwerdeführers zu seiner in der Schweiz lebenden Ehefrau beigemessen werden. Wäre diese Beziehung intakt, lebte er von ihr nicht getrennt. Als der Beschwerdeführer in die Schweiz zog, liess er seinen heute 12-jährigen Sohn zunächst längere Zeit in Brasilien zurück. Dies stellt ein Indiz dafür dar, dass ihn die Anwesenheit seiner beiden anderen Kinder in der Schweiz nicht von einer Flucht abhalten würde. Die Frau, in deren Wohnung sich der Beschwerdeführer am 3. November 2019 aufhielt, sagte aus, er sei Brasilianer und kenne die hiesige Kultur nicht. Dies spricht gegen die von ihm geltend gemachte Integration in der Schweiz. Zwar ist einzuräumen, dass es für den Beschwerdeführer wegen der Corona-Pandemie derzeit komplizierter wäre, nach Brasilien zu gelangen. Ausgeschlossen wäre dies aber nicht. Im Übrigen ist auch ein Untertauchen in der Schweiz in Betracht zu ziehen (ebenso Urteil 1B_168/2020 vom 28. April 2020 E. 3.4). In Anbetracht dessen bestehen gewichtige Anhaltspunkte für Fluchtgefahr. Wenn die Vorinstanz diesen Haftgrund bejaht hat, verletzt das daher kein Bundesrecht.