Citation: I 76/06 19.12.2006 E. 3

3.1 Aus den ärztlichen Angaben ergeben sich keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür, dass sich der Gesundheitszustand aus somatischer Sicht in der fraglichen Zeit in einer für die Arbeitsfähigkeit und den Rentenanspruch erheblichen Weise geändert hätte. Die von Prof. Dr. med. J.________ erhobenen Befunde an der BWS und LWS lassen zwar auf eine gewisse Verlagerung und Ausweitung der Beschwerden schliessen. Objektiv liegen jedoch weiterhin lediglich mässiggradige Befunde vor, welche die geklagten Beschwerden nur teilweise zu erklären vermögen. Neu ist die von Prof. Dr. med. J.________ als wahrscheinlich bezeichnete Diagnose eines linksseitigen Thoracic outlet-Syndroms (TOS; Engpasssymptomatik der oberen Thoraxapertur). Dieses führt jedoch zu keinen schweren Beeinträchtigungen und hat laut Bericht vom 13. Dezember 2005 insbesondere keine Segmentbewegungsstörungen innerhalb des zervikothorakalen Übergangs oder eine wesentliche Verminderung der Faustschlusskraft zur Folge. Im Übrigen stehen auch nach Meinung von Prof. Dr. med. J.________ psychische Faktoren im Vordergrund, welche für die Aufrechterhaltung und allfällige Ausdehnung des Beschwerdebildes überwiegend ursächlich sind. Insgesamt besteht daher kein Grund, von der Annahme von Verwaltung und Vorinstanz abzugehen, wonach aus somatischer Sicht auf die bis Sommer 2004 bestätigte Arbeitsfähigkeit von 75% abzustellen ist. Es besteht in somatischer Hinsicht auch kein Anlass zu ergänzenden Abklärungen wie sie in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde mit dem Begehren um Anordnung einer polydisziplinären Begutachtung beantragt werden. Der Beschwerdeführer ist wiederholt neurologisch, orthopädisch sowie rheumatologisch untersucht worden und es liegen weitgehend übereinstimmende ärztliche Beurteilungen vor. Die untersuchenden Ärzte sind sich im Wesentlichen auch darin einig, dass der Versicherte in erster Linie an einem chronifizierten Schmerzsyndrom im Sinne einer somatoformen Schmerzstörung leidet (Berichte Dr. med. F.________ vom 24. September 2002, Dr. med. H.________ vom 17. September 2003, Dr. med. I.________ vom 25. Mai 2004). 3.2 Nach der Rechtsprechung begründet die Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung als solche noch keine Invalidität. Vielmehr besteht die Vermutung, dass die somatoforme Schmerzstörung oder ihre Folgen mit einer zumutbaren Willensanstrengung überwindbar sind. Bestimmte Umstände, welche die Schmerzbewältigung intensiv und konstant behindern, können den Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess allerdings unzumutbar machen, weil die versicherte Person alsdann nicht über die für den Umgang mit den Schmerzen notwendigen Ressourcen verfügt. Ob ein solcher Ausnahmefall vorliegt, entscheidet sich im Einzelfall anhand verschiedener Kriterien. Im Vordergrund steht die Feststellung einer psychischen Komorbidität von erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer. Massgebend sein können auch weitere Faktoren, so: chronische körperliche Begleiterkrankungen; ein mehrjähriger, chronifizierter Krankheitsverlauf mit unveränderter oder progredienter Symptomatik ohne länger dauernde Rückbildung; ein sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens; ein verfestigter, therapeutisch nicht mehr beeinflussbarer innerseelischer Verlauf einer an sich missglückten, psychisch aber entlastenden Konfliktbewältigung (primärer Krankheitsgewinn; "Flucht in die Krankheit"); das Scheitern einer konsequent durchgeführten ambulanten oder stationären Behandlung (auch mit unterschiedlichem therapeutischem Ansatz) trotz kooperativer Haltung der versicherten Person. Je mehr dieser Kriterien zutreffen und je ausgeprägter sich die entsprechenden Befunde darstellen, desto eher sind - ausnahmsweise - die Voraussetzungen für eine zumutbare Willensanstrengung zu verneinen (BGE 131 V 50 f. mit Hinweisen). Das kantonale Gericht hat das Vorliegen einer invalidisierenden somatoformen Schmerzstörung mit der Begründung verneint, dass keine psychiatrische Komorbidität bestehe, welche die Arbeitsunfähigkeit beeinflussen würde. Wie es sich damit verhält, lässt sich aufgrund der Akten nicht zuverlässig beurteilen. Der Beschwerdeführer wurde bisher nie psychiatrisch untersucht, auch nicht vom Internisten Dr. med. I.________, welcher über eine zusätzliche Fachausbildung in Psychiatrie und Psychotherapie verfügt. Nach Meinung von Prof. Dr. med. J.________ ist eine Verhaltensstörung im Form einer tief liegenden neurotischen psychischen Erkrankung zu vermuten. Dr. med. C.________ äussert den Verdacht auf ein chronisches, fixiertes Schmerzsyndrom, eine reaktive agitierte Depression sowie eine Borderline-Entwicklung (Bericht vom 31. Mai 2005). Ob es sich dabei um einen psychischen Gesundheitsschaden mit Krankheitswert handelt und welche Diagnose gegebenenfalls zu stellen ist (zum Erfordernis einer konkreten Diagnosestellung vgl. hiezu BGE 130 V 399 Erw. 6), bleibt fraglich. Im konsiliarischen Bericht vom 13. Dezember 2005 schlägt Prof. Dr. med. J.________ denn auch weitere Abklärungen vor. Offen bleibt damit auch, ob der Beschwerdeführer trotz der subjektiven Beschwerden in der Lage wäre, einer Arbeit nachzugehen. Dr. med. I.________ äussert sich in der Stellungnahme zuhanden des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers vom 15. Februar 2005 zwar in dem Sinne, der Versicherte sei arbeitswillig, es sei jedoch glaubhaft, dass er unter den gegebenen Umständen nicht mehr arbeiten könne. Es fehlt jedoch eine psychiatrische Stellungnahme zur Frage, ob und gegebenenfalls inwieweit dem Beschwerdeführer bei Aufbietung des ihm zumutbaren Willens die Überwindung der Schmerzen und die Verwertung der verbleibenden Arbeitskraft möglich ist (vgl. BGE 130 V 355 Erw. 2.2.4). Fraglich ist zudem, inwieweit die psychische Beeinträchtigung therapeutisch noch beeinflussbar ist. Während Dr. med. I.________ im Bericht vom 25. Mai 2004 von einem kaum mehr beeinflussbaren Schmerzsyndrom spricht, empfiehlt Prof. Dr. med. J.________ am 13. Dezember 2005 den Versuch mit einer intensivierten Psychotherapie und einer Verhaltenstherapie, was darauf schliessen lässt, dass trotz des langen, chronifizierten Krankheitsverlaufs noch mit einer Besserung gerechnet werden kann. Angesichts dieser Unklarheiten ist die Sache an die IV-Stelle zurückzuweisen, damit sie ein psychiatrisches Gutachten einhole, welches sich zur bestehenden psychischen Beeinträchtigung und deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit im Lichte der für somatoforme Schmerzstörungen geltenden Rechtsprechung zu äussern hat. Bei der Neubeurteilung des Leistungsbegehrens wird insbesondere zu prüfen sein, ob für die Arbeitsunfähigkeit allenfalls invaliditätsfremde Gründe (insbesondere psychosoziale und soziokulturelle Belastungsfaktoren) ausschlaggebend sind, welche unter sozialversicherungsrechtlichen Gesichtspunkten unbeachtlich sind (BGE 130 V 356 Erw. 2.2.4 i.f.).