Citation: U 192/01 17.01.2002 E. 3

3.- a) aa) Gemäss dem MEDAS-Gutachten vom 12. Septem- ber 2001 sind dem Beschwerdeführer schwere körperliche Ar- beiten nicht mehr zumutbar. Für eine leichte Arbeit mit He- ben von Lasten von weniger als 10 kg sei bei wechselnder Belastung unter Vermeidung von Stereotypien und Zwangshal- tungen bei einer rückengerechten Arbeitsplatzsituation derzeit eine 50%ige Arbeitsfähigkeit möglich. Die Ein- schränkung der Arbeitsfähigkeit resultiere vor allem aus dem lumbospondylogenen Syndrom rechts mit möglichem inter- mittierendem radikulärem Reizsyndrom L4 rechts. Medizi- nisch-theoretisch könnte die Arbeitsfähigkeit nach intensi- ver Physiotherapie mittelfristig (in ca. 2-3 Monaten) auf 100% gesteigert werden. Aus psychiatrischer Sicht könne eine Arbeitsunfähigkeit grundsätzlich nicht gerechtfertigt werden. Die anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD 10 F45.4) sei subjektiv sicher stark beeinträchtigend, doch sollte es dem Beschwerdeführer theoretisch möglich sein, leichte bis mittelschwere körperliche Tätigkeiten bei vol- ler Leistung auszuüben. Anamnestisch müsse von einer Chro- nifizierung ausgegangen werden, welche zwar die Prognose des Leidens nicht aber die Arbeitsfähigkeit beeinflusse. bb) Demgegenüber führte das Spital in den Berichten vom 25. April 2000 und 9. Juni 2000 aus, aufgrund des kom- plexen Beschwerdebildes mit mittelgradiger depressiver Ent- wicklung und bereits eingetretener Chronifizierung bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Im Beiblatt des Berichts vom 9. Juni 2000 wurde festgehalten, aufgrund der Rücken- schmerzen könne der Versicherte 10 Minuten ruhig sitzen, müsse anschliessend aufstehen und sich bewegen. Die depres- sive Symptomatik äussere sich in einer niedrigen Frustrati- onstoleranz, Mutlosigkeit und geringem Selbstwertgefühl. Bei der Arbeit mit Speckstein im Ergotherapie-Atelier habe er häufig Schmerzen verspürt und habe abbrechen müssen. Bereits nach 10 Minuten Arbeitszeit habe er Pausen ein- schalten und umher gehen müssen. Zwischendurch habe er sich während der Arbeit im Atelier auch eine zeitlang hingelegt. Insgesamt sei aufgrund der geklagten Rückenschmerzen, der häufigen Arbeitspausen und der depressiven Symptomatik der- zeit keine Arbeit zumutbar. Prinzipiell denkbar wären Ar- beiten mit häufigem Positionswechsel (Stehen und Sitzen bis 10 Minuten; kurze Gehstrecke) bei einem Arbeitspensum von anfänglich max. 2 Stunden mit Unterbrüchen und verlangsam- tem Arbeitstempo. Eine Umschulung auf leichte körperliche Arbeiten mit wechselnder Arbeitshaltung und Arbeitspausen ohne Zeitdruck wäre denkbar und sinnvoll. Zusätzlich zur medikamentösen antidepressiven Therapie sei eine psychothe- rapeutische Begleitung in der Muttersprache des Versicher- ten indiziert. Die Prognose sei aufgrund der bereits fort- geschrittenen Chronifizierung und der schwierigen psychoso- zialen Situation insgesamt eher ungünstig. b) aa) Zwischen den Berichten des Spitals - welche auf Arbeitsversuchen mit dem Versicherten beruhen - und dem MEDAS-Gutachten bestehen mithin erhebliche Differenzen ei- nerseits hinsichtlich der Frage, ob ein relevantes psychi- sches Leiden vorliegt, und anderseits bezüglich der Ein- schätzung der Arbeitsfähigkeit. Dass sich die gesundheitliche Situation seit den Be- richten des Spitals vom April/Juni 2000 bis zum MEDAS-Gut- achten vom September 2001 verbessert hätte, kann jedoch aufgrund der Akten nicht gesagt werden, da beide Abklä- rungsstellen von einer Chronifizierung des Leidens ausgin- gen. bb) Weiter ist der Bericht des Spitals vom 9. Juni 2000 insoweit nicht schlüssig, als darin einerseits ausg- eführt wurde, derzeit sei keine Arbeit zumutbar und die Prognose bezüglich Wiedererlangung einer Erwerbsfähigkeit sei ungünstig, andererseits aber angegeben wurde, eine Um- schulung auf leichte körperliche Arbeiten mit wechselnder Arbeitshaltung und Arbeitspausen ohne Zeitdruck wäre denk- bar und sinnvoll. Insbesondere geht diesbezüglich aus dem Bericht nicht hervor, ob und inwieweit nach einer allfälli- gen Umschulung das anfänglich mögliche Arbeitspensum von max. 2 Stunden gesteigert werden könnte. cc) Zudem enthält das MEDAS-Gutachten widersprüchliche Angaben. Zum Einen wurde ausgeführt, seit dem Unfall bestünden "schwere, invalidisierende Rückenschmerzen lumbal, welche kaum oder überhaupt nicht therapeutisch beeinflusst werden können"; der Versicherte simuliere nicht und gebe glaubhaft an, arbeiten zu wollen. Dies korrespondiert nicht mit der gutachterlichen Aussage, für eine rückengerechte Arbeits- platzsituation wäre "nach intensiver Physiotherapie" eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit von gegenwärtig 50 % auf 100 % anzunehmen. Zum Anderen besteht insofern ein Widerspruch, als eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4) diag- nostiziert, gleichzeitig aber die Frage nach dem Vorliegen einer psychischen Störung mit Krankheitswert verneint wur- de. Im Übrigen ist es nicht nachvollziehbar, wenn einer- seits die somatoforme Schmerzstörung als "subjektiv sicher stark beeinträchtigend" angesehen wurde, andererseits aber ausgeführt wurde, aus psychiatrischer Sicht könne eine Ar- beitsunfähigkeit grundsätzlich nicht gerechtfertigt wer- den. dd) Schliesslich fehlen bei den Akten folgende im MEDAS-Gutachten erwähnte Unterlagen: der Abschlussbericht der Physiotherapie des Spitals vom 8. November 2000, der Brief der Klinik an den Hausarzt vom 28. November 2000, der Brief des Hausarztes an die Klinik vom 9. Dezember 2000, der Brief der Klinik an den Hausarzt vom 16. Februar 2001 sowie der Brief des Hausarztes an die ärztliche Leitung der MEDAS vom 5. August 2001. Diesbezüglich fällt weiter auf, dass im MEDAS-Gutach- ten die beigezogenen Berichte zusammenfassend wiedergegeben werden mit Ausnahme des Abschlussberichts der Physiothera- pie des Spitals vom 8. November 2000 und des Briefes der Klinik an den Hausarzt vom 16. Februar 2001. Die Kenntnis des Inhaltes dieser beiden Akten ist indessen für die Beur- teilung ebenfalls notwendig. Im Weiteren weist die SUVA zu Recht darauf hin, dass den MEDAS-Gutachtern folgende Berichte nicht zur Verfügung standen: des Dr. med. S.________ vom 7., 12., 19. Mai und 5. Juli 1999 sowie der Kreisärzte Dr. med. K.________ vom 25. Mai 1999 und Dr. med. C.________ vom 8. Juli 1999. ee) Aus diesen Gründen kann weder auf die Berichte des Spitals vom 25. April und 9. Juni 2000 noch auf das MEDAS- Gutachten vom 12. September 2001 abgestellt werden. Die SUVA, an welche die Sache (auch) aus diesem Grunde zurück- zuweisen ist, wird daher erneut zu ermitteln haben, in wel- chem Ausmass somatische Beschwerden bestehen und inwiefern diese - neben der psychischen Fehlentwicklung (Erw. 4 hier- nach) - zu einer leistungsbegründenden Behandlungsbedürf- tigkeit oder zu einer Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit sowie allenfalls zu einem Integritätsschaden führen.