Citation: 1P.197/2002 22.10.2002 E. 5

Nach dem in Erwägung 4.1 hiervor Gesagten ist entgegen der insoweit unhaltbaren Beweiswürdigung des Obergerichts wahrscheinlich, dass keine bzw. nur leicht zu übersehende Symptome einer Jochbeinfraktur erkennbar gewesen sind. Damit lässt sich einerseits die Behauptung des Vertreters des Beschwerdegegners, dessen rechtes Auge sei blutunterlaufen gewesen, schwer in Einklang bringen. Andererseits eröffnet sich damit die Möglichkeit, dass der Beschwerdegegner den Jochbeinbruch vor oder nach der polizeilichen Einvernahme erlitten hat. Die Angabe des Beschwerdeführers, es sei ihm am Beschwerdegegner nichts aufgefallen, als er ihn aus seiner Zelle geholt habe, kann deshalb nicht als tragfähiges Indiz für den vom Obergericht zugrunde gelegten Geschehensablauf dienen. Auch die Auskunft des Hausarztes, der Beschwerdeführer sei bisher nur wegen Rückenschmerzen bei ihm in Behandlung gewesen, schliesst nicht aus, dass dieser die geplante Konsultation vom 30. November 1999 wegen einer Mittelgesichtsfraktur vereinbart hat. Das Obergericht führt weiter aus, es sei nicht anzunehmen, dass der Privatkläger den Arzttermin auch abgesagt hätte, wenn er zu diesem Zeitpunkt die offensichtlich schmerzhaften Gesichtsverletzungen bereits gehabt hätte. Auch diese Schlussfolgerung ist keinesfalls zwingend. Die Verhaftung des Bruders wäre gleichwohl ein durchaus plausibler Grund, den Arztbesuch aufzuschieben und sich bei der Polizei zu melden. Die Aufzeichnungen im Protokoll der Anhörung, wonach sich der Beschwerdegegner gegenüber dem Amtsstatthalter über Rückenschmerzen beklagt haben soll (E. 4.2 hiervor), vermögen das Beweisergebnis ebenfalls nicht zum Nachteil des Angeklagten zu konsolidieren. Die zuungunsten des Beschwerdeführers gewürdigte aggressive Grundstimmung der Einvernahme des Beschwerdegegners kann nicht nur als Beweggrund für die behaupteten Faustschläge, sondern ebenso als Motiv für eine falsche Anschuldigung gewertet werden. Es ist jedenfalls mit dem Grundsatz in dubio pro reo nicht vereinbar, diesen Aspekt bloss einseitig zuungunsten des Angeschuldigten zu berücksichtigen (E. 4.3 hiervor). Als Schutzbehauptung des Beschwerdeführers hat das Obergericht dessen Aussage gewertet, wonach der Beschwerdegegner sich bereits zu Beginn der Befragung über Schmerzen beklagt und ein Medikament verlangt habe. Dies sei im Festnahmerapport enthalten. Dort ist tatsächlich angegeben, der Kläger benötige Medikamente, was aber auch durch die in der Effektenliste aufgeführten CELEBREX-Kapseln erklärt werden könnte. Der Beschwerdegegner hat darauf erwidert, er habe bei der Anhaltung Medikamente für Rückenschmerzen bei sich gehabt; Kopfschmerzen habe er damals nicht gehabt. Wie die in Frage stehende Aussage des Beschwerdeführers zu würdigen ist, kann indessen offen bleiben. Denn selbst wenn davon auszugehen wäre, dass der Beschwerdeführer in diesem Zusammenhang zu seiner Entlastung wahrheitswidrig angegeben hat, der Beschwerdegegner habe vor der Befragung Schmerzmittel verlangt, verkannte das Obergericht, dass gesamthaft gesehen gleichwohl offensichtlich erhebliche und schlechterdings nicht zu unterdrückende Zweifel an der Täterschaft des Beschwerdeführers bestanden. Damit ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit darauf eingetreten werden kann.