Citation: 5P.266/2001 01.11.2001 E. 3

3.- Die Aussagen seiner Tochter belasten den Beschwerdegegner. Sie soll - teils spontan gegenüber der Mutter, teils auf deren Frage hin - Handlungen des Beschwerdegegners geschildert haben, die als sexuelle Übergriffe verstanden werden können. Die erste polizeiliche Befragung des Kindes hat allerdings keine Hinweise in dieser Richtung erbracht. Die Beschwerdeführerin erblickt Willkür darin, dass das Obergericht die Aussagen ihrer Tochter nicht für glaubhaft gehalten hat. Zu Unrecht habe das Obergericht diesbezüglich einfach auf die gutachterlichen Schlussfolgerungen abgestellt und auf eine selbstständige Würdigung der Aussagen - namentlich unter Berücksichtigung der Begleitumstände der polizeilichen Befragung ihrer Tochter -verzichtet. a) Ob eine Aussage im Prozess glaubhaft ist, hat im Grundsatz das Gericht zu entscheiden, doch kann die Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Aussagen aus Gründen, die in der Person des Aussagenden liegen (z.B. Krankheit, Alter u.a.m.), spezifische Fachkenntnis erfordern, so dass ein Gutachter beigezogen werden muss (BGE 118 Ia 28 E. 1c S. 31/32); gerade beim Verdacht sexueller Übergriffe auf Kinder wird sich die Einholung eines Gutachtens in der Regel als unumgänglich erweisen (BGE 122 III 404 E. 3d S. 408). Gehört die Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Kinderaussagen zum Auftrag des Gutachters, hat das Gericht dessen Schlüsse kritisch zu prüfen und bei der Würdigung der Aussagen und der übrigen Beweisergebnisse mitzuberücksichtigen (BGE 118 Ia 28 E. 1c S. 32), aber letztlich nicht seinerseits zu tun, was es mangels Fachkenntnis dem Sachverständigen aufgetragen hat (vgl. etwa Hug, Glaubhaftigkeitsgutachten bei Sexualdelikten gegenüber Kindern, ZStR 118/2000 S. 19 ff., S. 43 f.). Nach teilweise abweichender Auffassung soll das Gericht bei der inhaltlichen Überprüfung von Glaubhaftigkeitsgutachten - im Gegensatz zu anderen Gerichtsgutachten - frei sein und an dessen Stelle eine eigenständige Beweiswürdigung vornehmen dürfen (z.B. Möller/Maier, Grenzen und Möglichkeiten von Glaubwürdigkeitsbegutachtungen im Strafprozess, SJZ 96/2000 S. 249 ff., S. 254 f. Ziffer 4). Bei diesem Meinungsstand ist es jedenfalls nicht willkürlich, dass das Obergericht die Aussagen des Kindes und die Begleitumstände, unter denen sie erfolgt sind, nicht selber, sondern diesbezüglich nur das Ergebnis des Gutachtens gewürdigt hat (Art. 9 BV; zuletzt: BGE 127 III 232 E. 3b a.E. S. 234). b) In Beantwortung der gestellten Fragen heisst es im Gutachten, die gegenüber der Kindsmutter gemachte Aussage von A.________ "erfolgte nach mehrmaligem Nachfragen, was klar den Charakter einer Suggestion hatte" (S. 37 Ziffer 2.1). Ferner wird im Gutachten auf das "Besuchsrechtssyndrom" verwiesen (S. 38 Ziffer 3.1), mit dem die kindliche Psyche den Loyalitätskonflikt zu vermindern versucht, in dem sich die Kinder durch die negative Einstellung (scil. des einen) gegenüber dem anderen Elternteil befinden; sie übernehmen die jeweilige Haltung des Elternteils, bei dem sie sich gerade befinden und reagieren mit psychosomatischen Beschwerden und der Ablehnung des anstehenden Kontaktes zum anderen Elternteil (S. 36, letzter Absatz). Diese gutachterliche Stellungnahme ficht die Beschwerdeführerin nicht an; sie behauptet, ihre Tochter habe auch spontan - vor und nach der Begutachtung - den Beschwerdegegner belastende Aussagen gemacht. c) Muss auf Grund der vermittelten und unangefochtenen Fachkenntnis davon ausgegangen werden, dass das Kind die Sicht der Beschwerdeführerin übernimmt und sich der (negativen) Einstellung der Beschwerdeführerin zum Beschwerdegegner entsprechend verhält, erscheint die Annahme nicht als willkürlich, dass es sich - selbst spontan - auch so äussert, wie es der - von ihm erspürten - Erwartungshaltung der Beschwerdeführerin entspricht. Im Ergebnis ist es deshalb vertretbar, den Beweiswert der Aussagen des Kindes insofern zu verneinen, als darauf allein nicht abgestellt werden darf. Diese Auffassung des Obergerichts (E. 3d S. 11 des angefochtenen Urteils) ist nicht zu beanstanden, und auf die Begleitumstände der polizeilichen Befragung kommt es nicht an, wenn jede Aussage des Kindes - wegen "Suggestion" und "Besuchsrechtssyndrom" - willkürfrei als für sich allein nicht beweistauglich betrachtet werden durfte. Unerheblich wird damit, ob die - an sich nachvollziehbare - obergerichtliche Zusatzbegründung dem Willkürverbot standhält (E. 3d S. 10 f. des angefochtenen Urteils). Willkür hat sich (auch) bei der Beweiswürdigung auf den Entscheid im Ergebnis zu beziehen und nicht bloss auf die Begründung (zuletzt: BGE 127 I 38 E. 2a S. 41).