Citation: 8C_562/2022 E. 6.1

6.1. Die Beschwerdeführerin rügt unter anderem, das kantonale Gericht habe die massgeblichen Bestimmungen betreffend das Mahn- und Bedenkzeitverfahren, namentlich Art. 21 Abs. 4 ATSG, rechtsfehlerhaft angewendet, indem es das im Schreiben vom 6. Juni 2019 durchgeführte Mahn- und Bedenkzeitverfahren nicht als solches anerkenne. Soweit es sich auf den nicht weiter begründeten Standpunkt stelle, eine Mahnung könne nicht gleichzeitig mit der Auflage erfolgen, andernfalls sie sinnentleert wäre und der Zielsetzung der positiven Verhaltensbeeinflussung widerspräche, sei ihr nicht zu folgen. Zwar dürfe eine Person nicht die Folgen eines Verhaltens tragen, über dessen Auswirkungen sie sich nicht bewusst gewesen sein könne. Dies bedeute jedoch nicht, dass die Mahnung unter Ansetzung einer Bedenkfrist in jedem Fall erst dann erfolgen dürfte, nachdem sich die versicherte Person einer zumutbaren Behandlung entzogen oder sich dieser widersetzt habe. Eine solche zeitliche Begrenzung des Mahn- und Bedenkzeitverfahrens sei dem Wortlaut von Art. 21 Abs. 4 IVG nicht zu entnehmen. Im Forschungsbericht 2020 "Auflagen zur Leistungsgewährung im Rahmen der Schadenminderungspflicht in der Invalidenversicherung", Beiträge zur sozialen Sicherheit des Bundesamtes für Sozialversicherungen, Berichtnummer 1/20, S. 80 ff., sei festgehalten worden, dass beim Mahn- und Bedenkzeitverfahren zwischen einem einstufigen und einem zweistufigen Vorgehen unterschieden werden könne. Bei der einstufigen Vorgehensweise werde mit der ersten formellen Mitteilung der Auflage auch eine verbindliche Umsetzungsfrist mitgeteilt. Bei Nichteinhaltung verfüge die IV-Stelle die Leistungskürzung oder -ablehnung. Bei der zweistufigen Vorgehensweise teile die IV-Stelle zuerst die Auflage ohne Umsetzungsfrist mit und erkundige sich nach einem von ihr bestimmten Zeitraum bei der versicherten Person, ob sie die Auflage umgesetzt oder damit begonnen habe. Sei dies nicht der Fall, erfolge ein Mahnschreiben mit einer verbindlichen Frist. Etwas mehr als die Hälfte der IV-Stellen würden ausschliesslich eine Form von Vorgehen anwenden, wobei hier das einstufige und zweistufige Verfahren ungefähr gleich häufig genannt worden seien. Die Vorinstanz verkenne, dass sowohl das einstufige als auch das zweistufige Mahn- und Bedenkzeitverfahren zulässig und gesetzeskonform seien. Im vorliegenden Fall seien dem Beschwerdegegner alle Informationen zur pflichtgemässen Erfüllung seiner Selbsteingliederung aus dem Schreiben vom 6. Juni 2019 bekannt gewesen und er habe sich ohne Weiteres die nachteiligen Folgen seines Verhaltens vergegenwärtigen können, weshalb er sich dieses anrechnen lassen müsse. Die Aufhebung der Rente ohne nochmaliges Mahn- und Bedenkzeitverfahren sei deshalb rechtens.