Citation: U 420/05 31.08.2006 E. 5

5.1 Beim Unfall vom 20. März 1994 handelte es sich um eine frontale Kollision. Laut Polizeirapport vom 23. März 1994 kollidierte der vom Lebenspartner der Beschwerdeführerin gelenkte Personenwagen in einer scharfen Linkskurve mit einem entgegenkommenden, über die Sicherheitslinie hinaus geratenen Wagen. Das eigene Fahrzeug (Toyota Celica) wurde vorne links (Stossstange, Spoiler, Beleuchtung, Motorhaube) beschädigt, wobei nach polizeilicher Schätzung ein Schaden von ca. Fr. 2000.- entstand; das Fahrzeug des Unfallverursachers (VW Golf) wurde ebenfalls vorne links (Stossstange) beschädigt, wobei der Schaden auf ca. Fr. 1000.- geschätzt wurde. Während der Lebenspartner der Beschwerdeführerin angab, mit rund 50 km/h auf die Kurve zugefahren zu sein und das Tempo auf rund 40 km/h gedrosselt zu haben, bevor er eine Vollbremsung eingeleitet habe, machte der Unfallverursacher geltend, er sei vor dem Ausbrechen des Fahrzeugs mit ca. 50 km/h unterwegs gewesen und habe schleudernd mittels Vollbrems- und Ausweichmanöver eine Kollision zu verhindern versucht. In der verkehrstechnischen Beurteilung vom 30. Mai 1995 geht Dipl. Ing. U.________ davon aus, dass beide Fahrzeuge mit einer Geschwindigkeit von ca. 50 km/h unterwegs waren, und gelangt aufgrund des Umstandes, dass beide Fahrzeugführer eine Vollbremsung eingeleitet hatten, die "Fahrzeugüberdeckung" lediglich 10 % betragen hatte und der Toyota Celica im Vergleich zum VW Golf eine höhere Masse aufwies, zum Schluss, die kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung (delta-v) des eigenen Fahrzeuges habe ca. 10 km/h betragen. In der biomechanischen Beurteilung vom 22. Januar 1996 folgt Prof. Dr. med. W.________ diesen Angaben und stellt fest, bei der erfolgten Kollision sei es lediglich zu einer geringen Fahrzeugbelastung gekommen. Die Vorinstanz ist unter Berücksichtigung dieser Beurteilung zum Schluss gelangt, dass ein mittelschwerer Unfall im Grenzbereich zu den leichten Unfällen anzunehmen sei. Die Beschwerdeführerin bestreitet die der Beurteilung zugrunde liegenden tatsächlichen Annahmen und macht geltend, es sei von einem massiven Aufprall auszugehen. Soweit damit ein mittelschwerer Unfall im Grenzbereich zu den schweren Unfällen oder gar ein schwerer Unfall gemeint ist, kann der Beschwerdeführerin nicht gefolgt werden (vgl. die in SZS 45/2001 S. 431 ff. erwähnte Rechtsprechung). Fraglich kann lediglich sein, ob ein mittelschwerer Unfall im engeren Sinn vorliegt, wovon im Einspracheentscheid vom 1. November 2002 auch der Unfallversicherer ausgegangen ist. Wie es sich damit verhält, kann indessen offen bleiben, wie sich aus dem Folgenden ergibt. 5.2 Nach der Rechtsprechung ist die Adäquanz des Kausalzusammenhangs bei mittelschweren Unfällen zu bejahen, wenn ein einzelnes der in die Beurteilung einzubeziehenden Kriterien (BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa) in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist oder mehrere der zu berücksichtigenden Kriterien gegeben sind (BGE 115 V 140 Erw. 6c/bb). Dazu ist festzustellen, dass sich der Unfall vom 20. März 1994 nicht unter besonders dramatischen Begleitumständen ereignet hat noch war er - objektiv betrachtet (RKUV 1999 Nr. U 335 S. 209 Erw. 3b/cc [U 287/97]; vgl. auch RKUV 2000 Nr. U 394 S. 313 [U 248/98]) - von besonderer Eindrücklichkeit. Er hatte auch keine schweren Verletzungen oder Verletzungen besonderer Art zur Folge. Es bedarf hiezu einer besonderen Schwere der für das Schleudertrauma typischen Beschwerden oder besonderer Umstände, welche das Beschwerdebild beeinflussen können (vgl. Urteile P. vom 28. April 2005, U 386/04, D. vom 4. September 2003, U 371/02, T. vom 6. Februar 2002, U 61/00, und D. vom 16. August 2001, U 21/01). Diese können beispielsweise in einer beim Unfall eingenommenen besonderen Körperhaltung und den dadurch bewirkten Komplikationen bestehen (RKUV 2003 Nr. U 489 S. 361 Erw. 4.3 mit Hinweisen [U 193/01]). Solche Umstände sind hier nicht gegeben. Dass sich die Beschwerdeführerin beim Zusammenstoss in - je nach eigener Darstellung mehr oder weniger - nach vorne geneigter Körperhaltung befand, genügt nicht (RKUV 2005 Nr. U 549 S. 238 Erw. 5.2.3 [U 380/04]; Urteile D. vom 24. Juni 2005, U 290/04, und N. vom 14. März 2005, U 82/04). Es ergibt sich daraus insbesondere nicht, dass der Unfall geeignet war, eine psychische Fehlentwicklung herbeizuführen. Es liegt auch keine besondere Schwere der für das Schleudertrauma typischen Beschwerden vor. Nicht erfüllt ist sodann das Kriterium der ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung. Im Anschluss an den Unfall wurde nebst einer Behandlung mit Analgetika ambulante Physiotherapie in Verbindung mit Massagen und Ergotherapie durchgeführt, ohne dass dadurch ein wesentlicher und dauerhafter Behandlungserfolg erreicht werden konnte. Vom 23. Juni bis 8. Juli 1994 und 28. Januar bis 6. März 1997 fanden stationäre Abklärungen und Behandlungen statt. Ende 1998 sah der behandelnde Arzt Dr. med. J.________ aus medizinischer Sicht "im Verlaufe einer dreijährigen Beobachtung keine Besserungstendenz", erachtete eine Weiterführung der ambulanten Physiotherapie aber als angezeigt (Bericht vom 16. Dezember 1998). Weitergeführt wurde auch die Behandlung mit Analgetika. Im Gutachten vom 5. September 1999 schlug Dr. med. E.________ im Hinblick auf die fortgeschrittene Chronifizierung nur noch eine symptomatische Behandlung vor. Aus den Akten geht hervor, dass die Beschwerdeführerin von sich aus Versuche mit alternativmedizinischen Massnahmen (Kraniosakraltherapie, APM-Therapie, Kinesiologie) und nichtmedizinischen Heilmethoden machte. Eine weitere somatische Behandlungsbedürftigkeit wurde sowohl im Gutachten des Prof. Dr. med. M.________ vom 23. Februar 2000 als auch in demjenigen des ZMB vom 13. Dezember 2001 verneint. Ebenso ist nach Dr. med. D.________ eine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes durch weitere ärztliche Behandlungen nicht zu erwarten (Gutachten vom 17. November 2001). Obschon während Jahren immer wieder medizinische Massnahmen durchgeführt wurden, handelt es sich insgesamt nicht um eine kontinuierliche, mit einer gewissen Planmässigkeit auf die Verbesserung des Gesundheitszustandes gerichtete ärztliche Behandlung von ungewöhnlich langer Dauer (Urteile N. vom 14. März 2005, U 82/04, P. vom 24. September 2003, U 361/02, und S. vom 8. April 2002, U 357/01). Von einer ärztlichen Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hat, kann ebenso wenig gesprochen werden, wie von einem schwierigen Heilungsverlauf und erheblichen Komplikationen. Dass sich der Heilungsverlauf verzögerte, ist auf die psychisch bzw. psychosomatisch bedingte Chronifizierung des Schmerzsyndroms zurückzuführen. Was sodann das Kriterium von Grad und Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit betrifft (vgl. hiezu RKUV 2001 Nr. U 442 S. 544 ff. [U 56/00]), ist aufgrund der Akten davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin nach dem Unfall zunächst vollständig und laut Gutachten des PD Dr. med. L.________ vom 5. September 1995 noch zu 80 % arbeitsunfähig war. Die Rehaklinik O.________ bestätigte im Austrittsbericht vom 24. März 1997 eine derzeit volle Arbeitsunfähigkeit mit der Feststellung, dass die "therapeutische Arbeitsfähigkeit" von bisher 20 % im Hinblick auf die künftige berufliche und soziale Eingliederung aufrechterhalten werden sollte. Im Rahmen dieser ärztlichen Angaben wird indessen nicht differenziert zwischen somatischen und psychischen Faktoren. Aus somatischer Sicht wird im Gutachten des Prof. Dr. med. M.________ vom 23. Februar 2000 höchstens noch eine geringe Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit in der Grössenordnung von 10 % angenommen. Im Gutachten des ZMB vom 13. Dezember 2001 wird eine somatische Arbeitsunfähigkeit verneint, wobei aufgrund allgemeiner medizinischer Erfahrung bei vergleichbaren Unfällen davon ausgegangen wird, dass die somatischen Beschwerden spätestens nach zwei Jahren, wegen der bestehenden Bandlaxität möglicherweise etwas später, abgeheilt gewesen seien. Im Lichte dieser ärztlichen Feststellungen, von welchen abzugehen kein Anlass besteht, kann das Kriterium von Grad und Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit nicht als erfüllt gelten. Das Gleiche gilt für das Kriterium der körperlichen Dauerschmerzen, welche ebenfalls zunehmend von der psychosomatischen Symptomatik abgelöst wurden. Jedenfalls ist das Kriterium nicht in besonders ausgeprägter Weise gegeben. Da somit weder eines der für die Adäquanzbeurteilung massgebenden Kriterien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist noch mehrere der zu berücksichtigenden Kriterien gegeben sind, ist die Unfalladäquanz der geltend gemachten Beschwerden zu verneinen, was zur Abweisung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde führt.