Citation: U 503/06 07.11.2007 E. 3

Streitig ist, ob der Versicherte als Folge des Ereignisses vom 20. November 2000 über den 30. Oktober 2004 hinaus Anspruch auf SUVA-Leistungen hat. 3.1 Das Spital X.________ diagnostizierte am 20. November 2000 (Unfalltag) eine leichte Commotio cerebri. Der Versicherte verspüre starke Kopfschmerzen und Schwindel. Die HWS sei unauffällig. Das Schädelröntgen zeige keine Fraktur. 3.2 Der Hausarzt Dr. med. U.________, Facharzt FMH für Allgemeine Medizin FMH, diagnostizierte am 22. Dezember 2000 eine Schleudertrauma-Symptomatik mit schwerer mentaler Beeinträchtigung bei vorbestehender psychovegetativer Symptomatik. Im Bericht vom 12. September 2001 gab Dr. med. U.________ weiter an, auffällig sei eine persistierende psychovegetative Destabilisierung mit Depressionssymptomatik und somatischen Beschwerden aus dem Formenkreis der vegetativen Dystonie. 3.3 Die Rehaklinik Y.________ stellte im Bericht vom 11. April 2001 folgende Diagnosen: Status nach Contusio capitis durch Faustschlag mit HWS-Distorsion und posttraumatischer Amnesie (DD: akute Belastungsreaktion, leichte traumatische Hirnverletzung), persistierender zervikozephaler Symptomenkomplex, neuropsychologische Funktionsstörungen, vegetative Dysregulation, Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion. Auf Grund der aktuellen psychosozialen Belastungssituation und der depressiven Stimmungslage (der Versicherte hege phasenweise Suizidgedanken) sei eine psychotherapeutische Behandlung dringend indiziert. 3.4 Der behandelnde Psychologe Dr. phil. H.________ führte im Bericht vom 4. Juli 2001 aus, bei der Erstkonsultation am 6. März 2001 sei der Versicherte depressiv gewesen und habe geweint. Er habe sich vom erlittenen Schock, niedergeschlagen zu werden, nicht erholt. Offensichtlich liege eine posttraumatische Belastungsstörung vor. 3.5 Im neuropsychologischen Gutachten des Spitals Z.________ vom 8. Mai 2003 wurde dargelegt, es fänden sich deutlich verminderte mentale Leistungen, die allerdings nicht allein mit einer hirntraumatischen Komponente erklärt werden könnten. Den erbrachten mentalen Minderleistungen müsste ein organisches Korrelat entsprechen, das aber in Y.________ mittels MRI ausgeschlossen worden sei. Es sei davon auszugehen, dass sich einerseits die ausgeprägte Schmerzproblematik und anderseits die diagnostizierte psychische Problematik (Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion) deutlich auf die mentale Leistungsfähigkeit auswirkten. Aus neuropsychologischer Sicht schlössen sie auf eine leichte, direkt traumatisch bedingte neuropsychische Störung. Es sei davon auszugehen, dass nicht die neuropsychologischen Defizite als Folge einer hirnorganischen Komponente im Vordergrund stünden, sondern dass die psychische Problematik und die Schmerzproblematik stärker bestimmend seien. Bei Stabilisierung der psychischen Situation und Verbesserung der Schmerzproblematik werde sich die mentale Leistungsfähigkeit verbessern. Eine neuropsychologische Therapie sei nicht indiziert. 3.6 Dr. med. M.________, Neurologe und Psychiater, legte im neurologischen Gutachten vom 31. Oktober 2003 dar, es sei ein schweres Zervikalsyndrom mit erheblicher Einschränkung der Kopfbeweglichkeit und massiver Berührungs- und Druckempfindlichkeit nachweisbar. Weiter handle es sich um eine längerdauernde depressive Episode mit Somatisierungsstörung (chronische Schmerzen, Schlafstörungen, verminderte Belastbarkeit, Schwindel, Gangunsicherheit, allgemeine Zittrigkeit, Konzentrationsstörungen, unspezifische sensible Missempfindungen und vegetative Zeichen). Die Ursachen der Schmerzen seien langdauernde muskuläre Verspannungen und Einschränkungen der HWS-Beweglichkeit (Zervikalsyndrom) mit Ausbreitung über den ganzen Rücken. Die depressive Episode mit Somatisierungsstörung verschlimmere die Schmerzen. Diese seien durch den Unfall vom 20. November 2000 ausgelöst worden; insofern könne mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von einem kausalen Zusammenhang gesprochen werden (vgl. auch E. 5.2.1 hienach). 3.7 Der Psychiater Dr. med. O.________ führte im Bericht vom 6. April 2004 aus, schwergewichtig liege eine Panikstörung vor. Anhaltspunkte für eine spezifische psychotraumatologische Störung, wie zum Beispiel eine posttraumatische Belastungsstörung, bestünden nicht. Auch könne nicht im eigentlichen Sinne von einer Anpassungsstörung und von einer eigentlichen Somatisierungsstörung oder somatoformen Störung gesprochen werden. Entgegen der Auffassung des Dr. med. M.________ bestehe sicher nicht eine depressive Episode (dies wäre eine erhebliche depressive Störung im Sinne einer Major-Depression). Wenn man die Akten analysiere, insbesondere auch diejenigen, die näher zum Ereignis stünden, fielen typische angstbedingte Symptome schon sehr früh auf, auch in der Beschreibung der Rehaklinik Y.________. In den ersten Monaten sei aber wahrscheinlich die depressive Komponente deutlich stärker ausgeprägt gewesen. 3.8 Der Psychiater Dr. med. K.________ diagnostizierte im Gutachten 20. Juli 2004 eine posttraumatische Neurasthenie (ICD-10: F48.0) mit Zuständen vegetativer Paroxysmen (Schwitzen, Zittern, Parästhesien, Schwindel, fliessende Schmerzen) im Sinne von schubweise auftretender somatoformer autonomer Funktionsstörung gemäss F45.3 bei: bereits prätraumatisch bekannten Zuständen vegetativer Dystonie; relevanter "Rechtskränkung" im Nachgang des erlittenen Unfalls (Z65.6); bei ehrgeiziger, leistungsorientierter, noch nicht ausgereifter Persönlichkeit (Z73.1). Trotz der resignativ-depressiven Grundstimmung seien die Kriterien für eine depressive Störung im Sinne von ICD-10: F32 ff. nicht erfüllt. Zu erwägen wäre noch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Dagegen spreche die quasi friktionslose Entwicklung zum Unfall. Heute sollte vom Versuch, eine solche Diagnose zu stellen, so lange Abstand genommen werden, wie eindeutig unfallbezogene Faktoren das Störungsbild beherrschten. Die von Dr. med. O.________ diagnostizierte Panikstörung stehe nicht im Gegensatz zu obiger Diagnostik, sondern sei darin als relativierter Teilaspekt mitenthalten. Unverständlich sei, wie Dr. phil. H.________ in seiner ersten Beurteilung in Anbetracht der objektiven Befunde eine posttraumatische Belastungsstörung habe diagnostizieren können. Das heute vorliegende Störungsbild sei ohne das Ereignis vom 20. November 2000 undenkbar. Klinisch werde das Störungsbild beherrscht durch neurasthenische Beschwerden mit depressiver Grundstimmung. Durch die erhaltenen Schläge habe der Versicherte eine leichte Commotio cerebri erlitten mit heute noch diagnostiziertem schweren Zervikalsyndrom und erheblicher Einschränkung der Kopfbeweglichkeit sowie massiver Berührungs- und Druckempfindlichkeit (Dr. med. M.________). Bei ganzheitlicher Betrachtung sei das beschriebene schwere Zervikalsyndrom von zweitrangiger Bedeutung. Im Zentrum der mentalen Beeinträchtigungen des Versicherten stehe ein abgrundtiefes Gefühl der "Rechtskränkung". Dies habe wesentlich dazu beigetragen, dass der mechanisch erlittene Gesundheitsschaden durch die Schläge auf den Kopf eindeutig weniger bedeutsam sei als die Erfahrung, hinterhältig von einem unliebsamen Betrunkenen in seiner Integrität nicht respektiert zu werden und obendrein das Gefühl zu erhalten, die richterlichen Behörden liessen ihn im Stich.