Citation: 6S.262/2006 23.10.2006 E. 2

2.1 Fahrlässig begeht der Täter ein Verbrechen oder Vergehen, wenn die Tat darauf zurückzuführen ist, dass er die Folge seines Verhaltens aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedacht oder darauf nicht Rücksicht genommen hat (Art. 18 Abs. 3 Satz 1 StGB). Ein Schuldspruch wegen fahrlässiger Körperverletzung setzt voraus, dass der Täter den Erfolg durch Verletzung einer Sorgfaltspflicht verursacht hat. Sorgfaltswidrig ist die Handlungsweise, wenn der Täter zum Zeitpunkt der Tat aufgrund der Umstände sowie seiner Kenntnisse und Fähigkeiten die damit bewirkte Gefährdung der Rechtsgüter des Opfers hätte erkennen können und müssen und wenn er zugleich die Grenzen des erlaubten Risikos überschritten hat (Art. 18 Abs. 3 Satz 2 StGB). Erkennbar bzw. voraussehbar ist die Gefahr des Erfolgseintritts für den Täter, wenn sein Verhalten geeignet ist, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und den Erfahrungen des Lebens einen Erfolg wie den eingetretenen herbeizuführen oder mindestens zu begünstigen. Dabei müssen die zum Erfolg führenden Geschehensabläufe für den Täter mindestens in ihren wesentlichen Zügen voraussehbar sein. Die Voraussehbarkeit der zu beurteilenden Ursache für den Erfolg ist nur zu verneinen, wenn ganz aussergewöhnliche Umstände, wie das Mitverschulden eines Dritten oder Material- oder Konstruktionsfehler, als Mitursache hinzutreten, mit denen schlechthin nicht gerechnet werden musste und die derart schwer wiegen, dass sie als wahrscheinlichste und unmittelbarste Ursache des Erfolgs erscheinen und so alle anderen mitverursachenden Faktoren in den Hintergrund drängen (BGE 130 IV 7 E. 3.2 S. 10). Ob ein adäquater Kausalzusammenhang vorliegt, beurteilt sich nach einem objektiven Massstab, d.h. aus der Perspektive eines neutralen unbeteiligten Beobachters (BGE 131 IV 145 E. 5.1 S. 147 f.). 2.2 Der vorschriftswidrige Auftrag des Beschwerdegegners bezog sich darauf, beim Gerüst das Plastik und das Holz bereits vor 23.00 Uhr zu entfernen, als die Fahrleitung abgeschaltet werden sollte. Wäre die Anweisung darauf beschränkt geblieben, hätte der Beschwerdegegner damit rechnen müssen, dass der Beschwerdeführer und B.________ auch ohne ausdrücklichen Auftrag mit der Entfernung der Metallteile des Gerüsts vor Abschaltung der Stromleitung beginnen könnten. So verhielt es sich jedoch nicht. Der Beschwerdegegner untersagte dem Beschwerdeführer und B.________ vielmehr jegliche Arbeiten am Metallgerüst vor der Abschaltung der Fahrleitung und wies sie in aller Deutlichkeit auf die Gefahren dieser Arbeiten bei noch eingeschaltetem Strom hin. Der in der Beschwerde erhobene Einwand, der Beschwerdegegner habe mit der Auftragserteilung zur Entfernung des Plastiks und des Holzes den Eindruck erweckt, die Abbrucharbeiten am Gerüst seien generell nicht allzu gefährlich, geht daher fehl. Der Beschwerdegegner durfte darauf vertrauen, dass der Beschwerdeführer als ausgebildeter Polier sich an seine unmissverständliche Weisung halten werde, zumal offenkundig ist, dass das Hantieren mit Metallteilen in unmittelbarer Nähe einer Eisenbahnfahrleitung mit grössten Gefahren verbunden ist. Es ist deshalb auch unerheblich, dass der Beschwerdeführer an diesem Abend das erste Mal auf einer Bahnbaustelle tätig war. Unter diesen Umständen war für den Beschwerdegegner nicht voraussehbar, dass seine vorschriftswidrige Weisung, das Plastik und das Holz zu entfernen, schliesslich zu einem Unfall infolge weisungswidriger Entfernung von Metallpfosten führen könnte. 2.3 Der Beschwerdeführer beruft sich zu Unrecht auf den Grundsatz, wonach derjenige, der sich selber vorschriftswidrig verhält, nicht darauf vertrauen darf, dass andere die dadurch geschaffenen Gefahren durch eine erhöhte Vorsicht ausgleichen (vgl. BGE 120 IV 252 E. 2d/aa S. 254). Die Sorgfaltspflichtverletzung des Beschwerdegegners führte vorliegend gar nicht direkt zum Unfall und bedurfte auch nicht eines Ausgleichs durch andere Personen. Die unmittelbare Unfallursache bildet vielmehr der Entscheid des Beschwerdeführers, die Metallpfosten bereits vor der Stromabschaltung zu entfernen, und in dieser Hinsicht kann dem Beschwerdegegner keine Sorgfaltspflichtverletzung vorgeworfen werden, da er die Ausführung dieser Arbeiten vor 23.00 Uhr ausdrücklich untersagt und auf die Gefahren hingewiesen hat. 2.4 Der angefochtene Entscheid verletzt aus diesen Gründen kein Bundesrecht.