Citation: 9C_190/2023 E. 4.4

4.4. Obwohl die zivilrechtliche und die steuerrechtliche Unterhaltspflicht sich nicht zu decken brauchen, ist doch eine gewisse Wertungskongruenz wünschenswert (vgl. LOCHER, Kommentar zum DBG, 2. Aufl. 2019, N. 30 zu Art. 35 DBG; BOSSHARD/BOSSHARD/LÜDIN, Sozialabzüge und Steuertarife im schweizerischen Steuerrecht, 2000, S. 157 f. und S. 173 f.). Auch fokussiert die von den Sozialabzügen avisierte Besteuerung nach der subjektiven, wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit auf die Berücksichtigung der sittlichen oder rechtlich bedingten Pflichten des Steuerpflichtigen gegenüber nahestehenden Personen, namentlich den Familienmitgliedern (BAUMGARTNER/EICHENBERGER, in: Zweifel/ Beusch [Hrsg.], Kommentar zum DBG, 4. Aufl. 2022, N. 1a zu Art. 35 DBG) : Nach Art. 277 Abs. 2 ZGB sind die Eltern auch nach der Mündigkeit des Kindes verpflichtet, bis zum ordentlichen Abschluss einer angemessenen Ausbildung für dessen Unterhalt aufzukommen, soweit dies nach den gesamten Umständen zugemutet werden kann. Die Rechtsprechung geht hierbei zur Bestimmung der Unterhaltspflicht der Eltern gegenüber ihrem mündigen Kind, das sich noch in Ausbildung befindet, darauf ein, dass ein gerechter Ausgleich gefunden werden muss zwischen dem Beitrag, der unter Berücksichtigung aller Umstände von den Eltern erwartet werden darf, und der Leistung, die dem Kind in dem Sinne zugemutet werden kann, dass es zu seinem Unterhalt durch eigenen Arbeitserwerb oder anderer Mittel beiträgt (vgl. BGE 111 II 410 E. 2a; Urteile 5A_706/2022 vom 21. März 2023 E. 4.1.2; 5A_340/2021 vom 16. November 2021 E. 3.1). Dies widerspiegelt sich auch in der Bestimmung von Art. 276 Abs. 3 ZGB wonach Eltern von der Unterhaltspflicht in dem Mass befreit sind, als dem Kinde zugemutet werden kann, den Unterhalt aus seinem Arbeitserwerb oder anderen Mitteln zu bestreiten (vgl. hierzu BGE 135 III 66 E. 4; Urteil 5A_340/2021 vom 16. November 2021 E. 6.1). Auch hieraus ergibt sich, dass in die Beurteilung der zivilrechtlichen Unterhaltspflicht die Einkommens- und Vermögensverhältnisse des Kindes miteinfliessen.