Citation: 5A_69/2019 E. 3.5

3.5. Nach alledem muss es sein Bewenden damit haben, dass nicht gesichert ist, ob der Erblasser mit der Vernichtung des Testaments vom 17. März/27. Juni 2010 die gesetzliche Erbfolge eintreten lassen wollte oder nicht (E. 3.1). In tatsächlicher Hinsicht sind keine Umstände erstellt, aus denen sich die Erklärung eines rechtsgeschäftlichen Willens des Erblassers ergibt, die letztwillige Verfügung vom 7. November 2008 wieder in Kraft zu setzen. Ist das Rechtsgeschäft von Todes wegen, das die Beschwerdeführerin im Verhalten des Erblassers ausgemacht haben will, aber nicht zustande gekommen, so kann unter dem Gesichtspunkt des (form-) gültigen Zustandekommens dieses Rechtsgeschäfts offenbleiben, ob - wie die Beschwerdeführerin anzunehmen scheint - die in Art. 510 ZGB vorgesehene Vernichtung der Urkunde zu den gesetzlichen Formen zählt, die der Erblasser nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung einhalten muss, um ein widerrufenes Testament wieder aufleben zu lassen (BGE 91 II 264 E. 5 S. 274). Einzugehen ist in diesem Zusammenhang immerhin auf das Argument der Beschwerdeführerin, wonach das Testament vom 17. März/27. Juni 2010 in der vorliegenden Erbstreitigkeit insgesamt nicht hätte berücksichtigt werden dürfen, weil von der Urkunde lediglich eine Kopie vorlag und die Originalurkunde vom Erblasser zerstört wurde. Die Beschwerdeführerin stützt sich auf Art. 510 ZGB. Diese Norm ermögliche eine "Rekonstruktion" des Inhalts einer zerstörten letztwilligen Verfügung nur für den Fall, dass die Urkunde durch Zufall oder aus Verschulden anderer vernichtet wird (Art. 510 Abs. 2 ZGB). Vernichte der Testator seine letztwillige Verfügung hingegen selbst, sei eine "Rekonstruktionsmöglichkeit" nicht vorgesehen (Art. 510 Abs. 1 ZGB). Die Beschwerdeführerin folgert daraus, dass das Gesetz im Sinne eines qualifizierten Schweigens die Rekonstruktion auf der Grundlage eines nachträglich aufgetauchten "Kopien- oder Scankopien-Testaments" ausschliesse, soweit - wie hier - feststehe, dass der Erblasser sein Testament im Original in Aufhebungsabsicht selbst vernichtete. Die Beschwerdeführerin verkennt den Unterschied zwischen der letztwilligen Verfügung als Rechtsgeschäft und der Form, die das Gesetz für dieses Rechtsgeschäft vorschreibt. Nach der Rechtsprechung ist die Testamentsform Gültigkeitsform (Solennitätsform), nicht Beweisform. Daraus folgt, dass für den Beweis einer letztwilligen Verfügung die formgerechte Urkunde nicht erforderlich ist und der Untergang der Testamentsurkunde auch nicht zwingend zur Folge hat, dass die letztwillige Verfügung (als Rechtsgeschäft) untergeht. Dies entspricht der allgemeinen Regel von Art. 11 Abs. 2 OR und ergibt sich zudem aus Art. 510 Abs. 2 ZGB. Nach dieser Vorschrift verliert eine letztwillige Verfügung ihre Gültigkeit nicht, wenn die Testamentsurkunde durch Zufall oder aus Verschulden Dritter untergegangen ist, sofern ihr Inhalt trotzdem genau und vollständig festgestellt werden kann. Wird die Urkunde vom Erblasser selbst in Aufhebungsabsicht vernichtet, so ist die Verfügung freilich unwirksam. Diese Rechtsfolge tritt aber nicht etwa deswegen ein, weil die Urkunde nicht mehr vorhanden ist, sondern weil die Vernichtung durch den Erblasser eine der im Gesetz vorgesehenen Formen für den Widerruf dieses Rechtsgeschäfts darstellt (Art. 510 Abs. 1 ZGB). Ein Grund dafür, dass diese Widerrufsform andere Wirkungen zeitigen soll als der Widerruf in Testamentsform (Art. 509 ZGB) und derjenige durch Errichtung einer späteren letztwilligen Verfügung (Art. 511 ZGB), besteht nicht (BGE 101 II 211 E. 4b S. 216 f.). Was die hier zu beurteilende Situation angeht, folgt aus den vorigen Erwägungen ein Doppeltes: Hat die Vernichtung der Testamentsurkunde durch den Erblasser, wie sie Art. 510 Abs. 1 ZGB als Tatbestand vorsieht, lediglich den Widerruf der letztwilligen Verfügung zur (Rechts-) Folge, so steht - erstens - auch einer späteren Rekonstruktion des Inhalts der widerrufenen Verfügung mittels Kopien nichts im Weg. Entgegen dem, was die Beschwerdeführerin anzunehmen scheint, bedeutet eine solche "Rekonstruktionsmöglichkeit" nicht, dass der durch Vernichtung der Urkunde bewirkte Widerruf des Rechtsgeschäfts dahinfällt. Der zitierte Entscheid weist denn auch darauf hin, dass es sich bei der Rekonstruktion um eine reine Beweisfrage handelt, wie sie sich bei der Anwendung von Art. 510 Abs. 2 ZGB stellt (BGE a.a.O, S. 217). Entsprechend ist nichts dagegen einzuwenden, dass die kantonalen Instanzen den Inhalt des Testaments vom 17. März/27. Juni 2010 anhand einer Kopie desselben ermitteln und feststellen, dass dieses Testament alle früheren letztwilligen Verfügungen ersetzen sollte (vgl. Sachverhalt Bst. B.b). Dass die Kopie den Inhalt der besagten Verfügung nicht wahrheitsgetreu, das heisst so wiedergebe, wie er vom Erblasser im Original verurkundet wurde, behauptet die Beschwerdeführerin nicht. Zweitens täuscht sich die Beschwerdeführerin, wenn sie meint, die letztwillige Verfügung vom 17. März/27. Juni 2010 sei allein deswegen, weil die Urkunde vom Erblasser in der Absicht des Widerrufs der Verfügung vernichtet wurde, insgesamt unbeachtlich, so dass allein die Verfügung vom 7. November 2008 zum Tragen kommt, von der nach dem Tod des Erblassers als einziger noch die Urkunde existiert. Nach dem Gesagten kommt dem Widerruf durch Vernichtung (Art. 510 Abs. 1 ZGB) keine andere Wirkung zu als den anderen Formen des Widerrufs (Art. 509 und 511 ZGB). Wie das Obergericht zutreffend vermerkt, hat allein der Realakt der Vernichtung der Urkunde der letztwilligen Verfügung vom 17. März/27. Juni 2010 auch nicht zur Folge, dass das Testament vom 7. November 2008, das durch die Verfügung aus dem Jahr 2010 ersetzt wurde, wieder auflebt. Unabhängig von der Form des Widerrufs setzt das Wiederaufleben der ursprünglichen Verfügung vielmehr voraus, dass der Erblasser seinen Willen erklärt, die ursprüngliche Verfügung wieder in Kraft zu setzen (BGE 91 II 264 E. 5 S. 273 f.). Gegen die vorinstanzliche Erkenntnis, dass ein solcher Wille des Erblassers nicht erstellt ist, kommt die Beschwerdeführerin nach dem Gesagten nicht an.