Citation: U 387/99 14.12.2000 E. 3

3.- In Bezug auf die Frage somatischer Unfallfolgen lassen sich die Erwägungen der Vorinstanz dahingehend zusammenfassen, dass durch die Unfälle vom 28. Juli und 24. August 1994 (Sturz bei Entreissdiebstahl/Autokollision) die vorbestandenen Kopf-, Nacken- und Schulterbeschwerden zwar verstärkt worden seien, aufgrund der IV-Akten indessen spätestens im Zeitpunkt der kreisärztlichen Abschlussuntersuchung vom 13. April 1995 der status quo ante wieder erreicht gewesen sei. Zu diesem Schluss sei auch der Kreisarzt Dr. med. J.________ in seinem Bericht vom 4. Mai 1995 gekommen, sodass seiner Beurteilung im Ergebnis gefolgt werden könne. a) Ob der natürliche Kausalzusammenhang zwischen Unfall und geklagten Beschwerden dahingefallen ist, dies allenfalls in dem Sinne, dass eine Verschlechterung im Vergleich mit dem Vorzustand bleibt, aber nunmehr auf unfallfremde Ursachen zurückzuführen ist, beurteilt sich vorliegend hauptsächlich, wenn nicht unter Umständen gänzlich auf der Grundlage der im IV-Verfahren erstellten medizinischen Akten. Lassen diese Unterlagen nach den allgemeinen Grundsätzen der Beweiswürdigung ärztlicher Berichte (vgl. dazu BGE 125 V 352 Erw. 3a mit Hinweisen) den Schluss zu, dass der Gesundheitszustand in einem bestimmten (Revisions-) Zeitpunkt nach dem Unfall im Vergleich mit dem Vorzustand keine wesentliche Änderung erfahren hat, bedeutet dies, dass spätestens dann keine Unfallfolgen mehr bestanden. b) Aus den vorinstanzlich beigezogenen IV-Akten er- gibt sich, dass die Versicherte (schon) in der Zeit vor den Unfällen vom 28. Juli und 24. August 1994 an Kopf-, Nacken-, Schulter- und Rückenbeschwerden litt. Im MEDASGutachten vom 28. Dezember 1988 werden ein chronisches Lumbovertebralsyndrom mit diffuser pseudoradikulärer Schmerzausbreitung sowie ein mässiges Zervikalsyndrom (u.a.) als Diagnosen erwähnt. Gemäss Schreiben des Neurologen Dr. med. R.________ vom 21. Oktober 1996 an den Rechtsvertreter der Versicherten sodann hatten auch Beschwerden im Bereich des Nackens vorbestanden. Dieser Facharzt hatte die Beschwerdeführerin im Juni 1993 wegen Kopfschmerzen untersucht. In seinem Bericht vom 18. des Monats an den zuweisenden Hausarzt PD Dr. med. F.________, Rheumatologie FMH, führte er unter anderem aus, dass «die Patientin an zunehmenden Kopfschmerzen» geklagt habe, «welche in den letzten Monaten praktisch täglich auftreten mit Maximum am Morgen nach dem Aufstehen in Form eines Druckgefühls im Kopf, als ob sie eine schwere Kappe tragen würde». Was die Schultern betrifft, erwähnt der Hausarzt im Schreiben vom 16. November 1994 an den Rechtsvertreter der Versicherten «weichteilrheumatische Beschwerden mit Befall vor allem der Schultergelenke». Im Bericht vom 12. April 1996 an die IV-Stelle des Kantons Zürich bezeichnet Dr. med. F.________ die Beschwerden im Bereich der linken Schulter «im weiteren Sinne» als «Folgeprobleme der lumbovertebralen Beschwerden». In diesem im Rahmen der Revision der Invalidenrente erstatteten Bericht hält der Hausarzt im Übrigen fest, dass sich der Gesundheitszustand seit 1993 nicht wesentlich verändert habe. c) aa) Entgegen der Vorinstanz erlauben die medizinischen Unterlagen nicht den Schluss, dass die gemäss hausärztlichem Bericht vom 10. Januar 1995 und auch nach ihrer Auffassung zu bejahende unfallbedingte Verschlimmerung der vorbestandenen körperlichen Leiden im Zeitpunkt der kreisärztlichen Untersuchung am 13. April 1995 abgeklungen war. Zunächst fehlt es an einer solchen beweismässig rechtsgenüglich fundierten fachärztlichen Aussage. Auf den kreisärztlichen Abschlussbericht vom 4. Mai 1995 kann, wie auch das kantonale Gericht insoweit richtig erkannt hat, nicht abgestellt werden, zumal er keine Diagnose enthält und abgesehen vom MEDAS-Gutachten vom 28. Dezember 1988 und den im Unfallversicherungsverfahren eingeholten Berichten des Dr. med. F.________ auf keinen andern medizinischen Unterlagen beruht. Der hausärztliche Bericht vom 12. April 1996, wonach sich der Gesundheitszustand seit 1993 nicht wesentlich verändert hat, ergibt insofern nichts her, als diese Aussage ein grösseres zeitliches Intervall betrifft. bb) Mit Bezug auf die Kopfschmerzen im Besonderen trifft zwar zu, dass die Beschwerdeführerin diese dem Kreisarzt gegenüber ähnlich beschrieb wie anlässlich der neurologischen Untersuchung durch Dr. med. R.________ im Juni 1993. Ob diese Koinzidenz auch hinsichtlich Intensität und zeitliches Auftreten besteht, kann aufgrund der Akten nicht gesagt werden. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass sich die Beschwerdeführerin ihrem Rechtsvertreter gegenüber in dem Sinne äusserte, sie leide an oftmals fast unerträglichen Kopfschmerzen, «Kopfschmerzen, welche sie früher nie gekannt habe» (Schreiben Dr. Brusa vom 2. Dezember 1994). Ebenfalls hatte sie im Rahmen der Begutachtung durch die MEDAS im Dezember 1988 nicht über Kopfschmerzen geklagt. Was die Beschwerden im Bereich des Nackens anbelangt, kann in der Feststellung des Hausarztes Dr. med. F.________ im Bericht vom 19. Dezember 1994, dass das jahrelang bestehende Lumbovertebralsyndrom sich teilweise in ein Panvertebralsyndrom entwickle, nicht ohne weiteres ein Indiz für eine «bereits vor dem Autounfall vorhandene, auch die Halswirbelsäule betreffende Problematik» verstanden werden. Vielmehr wirft diese Aussage die Frage auf, inwiefern die Unfälle vom 28. Juli und insbesondere derjenige vom 24. August 1994, dessen genauer Hergang unklar ist - nach Angaben der Beschwerdeführerin hatte sie bei der Autokollision auch den Kopf angeschlagen -, die Situation im Nackenbereich allenfalls Richtung gebend verschlimmerten. Wenn die Vorinstanz in diesem Zusammenhang ausführt, die Halswirbelsäule habe sich anlässlich der kreisärztlichen Untersuchung als frei beweglich erwiesen ohne Verhärtungen der Panvertebralmuskulatur, ist diese Feststellung insofern fraglich, als Dr. med. J.________ im Bericht vom 4. Mai 1995 als Befund u.a. eine druckdolente Muskulatur an der Hinterhauptsschuppe, (angegebene) druckdolente Dornfortsätze der HWS und endständige Schmerzen der Muskulatur bei Rotation nach rechts und nach links erhob. Es kann daher nicht von einem insoweit geringfügigeren Befund als im MEDAS-Gutachten vom 28. Dezember 1988 gesprochen werden, wo eine leicht verminderte Beweglichkeit bei verspannter paravertebraler Muskulatur festgestellt worden war. cc) Dass die Beschwerdeführerin zehn Tage nach dem zweiten Unfall vom 24. August 1994 ihre Teilzeittätigkeit als Telefonverkäuferin wieder aufgenommen hatte und diese in der Folge während zwei Monaten ausübte, bedeutet ebenfalls nicht, dass bereits in jenem Zeitpunkt keine körperlichen (oder psychischen) Unfallfolgen mehr bestanden. Davon geht aufgrund der medizinischen Aktenlage zu Recht auch die Vorinstanz aus. Abgesehen davon sind offenbar keine diesbezügliche Auskünfte beim damaligen Arbeitgeber eingeholt worden. Soweit anderseits psychische Gründe das Abheilen der auf die Unfälle zurückzuführenden körperlichen Gesundheitsschädigung verzögerten oder sogar verhinderten, kann dies nur dann als unfallkausal gelten, wenn die betreffenden Störungen selber eine natürliche und adäquate Unfallfolge darstellen (vgl. nachstehend Erw. 4). dd) Die bestehende Aktenlage erfordert nach dem Gesagten eine Begutachtung mit klarer Fragestellung zur natürlichen Kausalität zwischen den Unfällen vom 28. Juni und 24. August 1994 und den geklagten somatischen Beschwerden, insbesondere ob spätestens seit Ende April 1995 der Kausalzusammenhang mit überwiegender Wahrscheinlichkeit dahingefallen war. Dabei stellt sich unter anderem die Frage, inwiefern der Vorzustand in Berücksichtigung des Alters eine erhöhte Anfälligkeit der Halswirbelsäule auf Einwirkungen von aussen bedeutet. Zur Diskussion steht damit auch, ob die im September 1995 gemeldete Verschlechterung des körperlichen Gesundheitszustandes einen Leistungen nach UVG auslösenden Rückfall darstellt. Die SUVA wird die im Sinne der vorstehenden Ausführungen notwendigen Abklärungen vorzunehmen haben und anschliessend unter Berücksichtigung der nachfolgenden Erwägungen über die streitige Leistungspflicht neu verfügen.