Citation: 4A_367/2022 E. 5.2.2

5.2.2. Abgesehen davon erscheint die Dauer des Zuwartens (zweieinhalb respektive dreieinhalb Monate nach Ablauf der Zahlungsfrist) im vorliegenden Fall auch nicht missbräuchlich. Wohl hat das Bundesgericht im vom Handelsgericht zitierten Urteil 4A_366/2008 vom 25. November 2008 E. 4 festgehalten, dass die dort streitige Kündigung knapp drei Wochen nach Ablauf der Zahlungsfrist erfolgt sei und mit Blick auf Treu und Glauben als an der Grenze des Zulässigen liege ("à la limite de ce qui peut être admis"). Wie das Bundesgericht aber bereits im Urteil 4A_641/2011 vom 27. Januar 2012 E. 8 klargestellt hat, lagen dem erstgenannten Urteil (4A_366/2008) besondere Verhältnisse zugrunde, so namentlich der Umstand, dass der Mieter den ausstehenden Mietzins am ersten Werktag nach Fristablauf doch noch beglich, worauf die Vermieterin drei Wochen lang untätig blieb und erst dann zur Kündigung schritt. Hier aber erfolgte eine vollständige Mietzinszahlung selbst nach Ablauf der Zahlungsfrist nicht (sondern, ausweislich der Darstellung im Ausweisungsbegehren, lediglich eine "deutlich zu geringe Teilzahlung" am 6. Januar 2022, und danach gingen überhaupt keine Zahlungen mehr ein). Es ist nicht ersichtlich, weshalb eine Mieterin, welche mehrere Wochen nach Ablauf der Zahlungsfrist den Mietzins immer noch nicht geleistet hat, darauf vertrauen können soll, dass die Vermieterin auf eine Kündigung verzichte. Auch würde andernfalls eine Vermieterin sanktioniert, die in erster Linie im Interesse der Mieterin mit der Kündigung zugewartet hat, in der Hoffnung, die Mieterin würde allenfalls - wenn auch nach Fristablauf - doch noch zahlen. Ein Hinausschieben der Kündigung kommt daher im Regelfall nur dann als missbräuchlich in Betracht, wenn die Vermieterin in dieser Zeit vollständige Mietzinszahlungen der Mieterin vorbehaltlos entgegennimmt (vgl. DANIEL REUDT, in: Das schweizerische Mietrecht, 4. Aufl. 2018, N. 43 zu Art. 257d OR; ROGER WEBER, in: Basler Kommentar, Obligationenrecht I, 7. Aufl. 2020, N. 7 zu Art. 257d OR). Dies ist vorliegend nicht geschehen. Im Gegenteil, hat die Beschwerdeführerin in ihrem Ausweisungsgesuch erklärt, dass die Beschwerdegegnerin 1 sämtliche Mietzinszahlungen eingestellt habe und derzeit (im Juni 2022) "ein Ausstand an Mietzinsen und mietzinsähnlichem Schadenersatz bis heute von total Fr. 125'269.47" bestehe. Unter diesen Umständen ist im Zuwarten der Vermieterin keine Missbräuchlichkeit zu sehen. Auch in dieser Hinsicht ist die Rechtslage klar.