Citation: 4A_403/2022 E. 6.3

6.3. In einem solchen Fall beurteilt sich nach dem Vertrauensprinzip, welchen Inhalt eine Willenserklärung hat. Die Erklärung ist danach so auszulegen, wie sie von der Adressatin nach ihrem Wortlaut und Zusammenhang sowie den gesamten Umständen nach Treu und Glauben verstanden werden durfte und musste. Dies stellt eine Rechtsfrage dar, die das Bundesgericht frei überprüft, wobei es an die vorinstanzlichen Feststellungen zu den tatsächlichen Umständen des Vertragsschlusses gebunden ist (BGE 148 III 57 E. 2.2.1; 147 III 153 E. 5.1). Das Handelsgericht verwies in Anwendung dieser Grundsätze zunächst auf die fett gedruckte Einleitung der Vereinbarung, gemäss welcher sich die Beschwerdeführerin explizit "zur Zahlung der Forderung aus Verträgen" verpflichtet habe, also ohne umfangmässige Beschränkung, sondern für sämtliche ausstehenden Beträge. Diese Pflicht greife ausweislich des vertraglichen Wortlauts, "sofern die D.________ GmbH ihren Zahlungen nicht mehr nachkommen kann". Beides spreche eher gegen die These der Beschwerdeführerin, wonach diese einzig eine betragsmässig beschränkte (Akonto-) Zahlung - nämlich Fr. 100'000.-- - leisten müsse, und zwar "per sofort", mithin nicht erst bei Zahlungsunfähigkeit der D.________ GmbH. Dass in der Präambel und in Ziff. 2 der Vereinbarung einzig auf die "Akontozahlung" im Betrag von Fr. 100'000.-- verwiesen werde, ändere daran nichts. Auch Vertragszweck und Interessenlage sprächen für dieses Auslegungsergebnis. So liege es auf der Hand, dass die Beschwerdegegnerinnen die Fertigstellung der Arbeiten nur im Gegenzug für eine über die Sofortzahlung hinausgehende zusätzliche Sicherheit für die Restforderung hätten gewährleisten wollen. Entsprechend nehme die Vereinbarung ausdrücklich Bezug auf eine den Betrag von Fr. 100'000.-- übersteigende Endforderung (Präambel: "Endforderung von ca. CHF 204'723.20") und auf einen "Abzahlungsplan" (Ziff. 4). Die Beschwerdegegnerinnen hätten denn auch unmittelbar vor Unterzeichnung der Vereinbarung Bedenken hinsichtlich der Zahlungsfähigkeit der D.________ GmbH geäussert, und es sei darum gegangen, die Beschwerdegegnerinnen "abzusichern". Dasselbe ergebe sich aus der vorvertraglichen Korrespondenz (E-Mail-Nachrichten vom 14. und 15. März 2019), wo die Rede davon sei, dass die Beschwerdeführerin "bis vollständige kosten Deckung aus diesem Vertrag" hafte und die Beschwerdegegnerinnen "absichere". Nach Treu und Glauben - so fasste das Handelsgericht zusammen - hätten die Beschwerdegegnerinnen davon ausgehen dürfen, dass sich die Beschwerdeführerin (zusätzlich zu einer Sofortzahlung in der Höhe von Fr. 100'000.--) zur Schadloshaltung in vollem Umfang habe verpflichten wollen, sollte die D.________ GmbH die offenen Rechnungen aus dem Werkvertragsverhältnis nicht bezahlen können.