Citation: I 36/04 14.06.2004 E. 4

4.1 Anlässlich der psychiatrischen Begutachtung vom 8. November 2000 äusserten die Ärzte der MEDAS einen Verdacht auf Dyskalkulie in der Jugend (ICD 10 F. 81.2) und führten aus, ansonsten sei das psychopathologische Beschwerdebild weitgehend unauffällig. In einer den somatischen Beschwerden angepassten Tätigkeit bestehe aus psychiatrischer Sicht keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Allerdings limitiere die Dyskalkulie die Art der Tätigkeit, wobei die bisherigen Tätigkeiten durchaus angepasst gewesen seien. Der behandelnde Psychiater Dr. med. E.________ attestierte dagegen im Anschluss an die erste Konsultation der Versicherten eine 80-100%ige Arbeitsunfähigkeit (Schreiben vom 19. Juli 2001). Am 14. November 2001 führte er aus, die Beschwerdeführerin leide an einer ausgeprägten Persönlichkeitsstörung mit schizoiden und histrionischen Symptomen (ICD 10 F60.1 und F60.4). Aus psychiatrischer Sicht bestehe sicherlich eine 70%ige Arbeitsunfähigkeit; allenfalls sei die Versicherte an einem betreuten Arbeitsplatz zu 50 % einsetzbar. In der daraufhin von der IV-Stelle in Auftrag gegebenen psychiatrischen Reevaluation durch die MEDAS vom 27. Mai 2002 konnten die Ärzte keine Befunde mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit erheben. Sie diagnostizierten aber akzentuierte Persönlichkeitszüge (ICD 10 Z73.1) mit teils selbstunsicheren und abhängigen Merkmalen, Probleme verbunden mit Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung (ICD 10 Z73, Z63) und wiederholten den Verdacht auf Dyskalkulie in der Jugend. Weiter führten sie aus, die geltend gemachten Stimmungstiefs erreichten die Kriterien für eine Brief Recurrent Depression nicht; eine solche Störung schränke aber die Arbeitsfähigkeit ohnehin nicht ein und sei behandelbar. Bezüglich der von Dr. med. E.________ aufgeführten Persönlichkeitsstörung fehlten wesentliche Kriterien (keine schizoiden Züge, insbesondere keine emotionale Kühle oder flache Affektivität, keine einzelgängerische Lebensweise oder gänzlicher Mangel an vertrauensvollen Beziehungen; kein andauernd und gleichförmig gestörtes Verhaltensmuster). Für eine histrionische Persönlichkeitsstörung seien nicht ansatzweise Symptome eruierbar; so habe ein theatralisches Verhalten, ein übertriebener Ausdruck von Gefühlen, labile und oberflächliche Affektivität und/oder unangemessenes und übertriebenes Verhalten nicht festgestellt werden können. Die Beschwerdeführerin habe insgesamt etwas selbstunsicher gewirkt und abhängige Züge gezeigt, doch seien diese Merkmale klar unter die akzentuierten Persönlichkeitszüge subsumierbar. Aus rein psychiatrischer Sicht sei die Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt. Haupthindernis einer beruflichen Wiedereingliederung dürfte die erhebliche Dekonditionierung, aber auch die feste Krankheitsüberzeugung sein. Sodann hielten die Ärzte fest, obwohl nicht die vollständige Diagnose einer Depression gestellt werden könne, werde angesichts der anamnestisch beschriebenen kurzzeitigen rezidivierenden Stimmungseinbrüche und auch im Hinblick auf die chronischen Schmerzen eine schmerzdistanzierende antidepressive Behandlung empfohlen. 4.2 Die Beschwerdeführerin lässt vorbringen, die Ärzte der MEDAS seien hinsichtlich des psychiatrischen Zusatzgutachtens befangen gewesen. Diese Rüge ist nach der für sachverständige Personen sinngemäss anwendbaren Rechtsprechung zur Unabhängigkeit und Unparteilichkeit des Richters oder der Richterin (BGE 120 V 364 Erw. 3a; RKUV 1999 Nr. U 332 S. 193 mit Hinweisen) zu prüfen. Demnach kann bei der Beurteilung des Anscheins der Befangenheit und der Gewichtung solcher Umstände nicht auf das subjektive Empfinden einer Partei abgestellt werden; das Misstrauen muss vielmehr in objektiver Hinsicht begründet sein (BGE 120 V 365 Erw. 3a, 119 V 465 Erw. 5b, je mit Hinweisen). Aus dem Zusatzgutachten vom 27. Mai 2002 ergeben sich keine Anhaltspunkte, welche auf eine mangelnde Objektivität oder Voreingenommenheit der Experten schliessen liessen. Die gut begründete und nachvollziehbare Beurteilung erging in Kenntnis der Vorakten und beruht auf einer umfassenden Anamnese, einem detailliert umschriebenen psychopathologischen Befund sowie etlichen psychiatrischen Zusatzuntersuchungen. Auch wenn an die Unparteilichkeit der Gutachter ein strenger Massstab anzulegen ist (BGE 123 V 176 Erw. 3d; AHI 1997 S. 306 Erw. 3d, je mit Hinweis), liegen insgesamt keine Gründe vor, welche die Schlüssigkeit der psychiatrischen Reevaluation in Frage zu stellen vermöchten (BGE 125 V 352 Erw. 3b/aa mit Hinweisen). 4.3 Persönlichkeitsstörungen im Sinne der ICD-10 F60-F62 umfassen tief verwurzelte, anhaltende Verhaltensmuster, die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen zeigen. Dabei findet man bei Personen mit Persönlichkeitsstörungen gegenüber der Mehrheit der betreffenden Bevölkerung deutliche Abweichungen im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in Beziehungen zu anderen. Solche Verhaltensmuster sind meistens stabil und beziehen sich auf vielfältige Bereiche von Verhalten und psychischen Funktionen. Häufig gehen sie mit persönlichem Leiden und gestörter sozialer Funktions- und Leistungsfähigkeit einher (Weltgesundheitsorganisation, Internationale Klassifikation psychischer Störungen, 4. Aufl., ICD-10 Kapitel V [F], Genf 2000, S. 225). Aus den Akten ergibt sich, dass die Versicherte ihre zwei Kinder alleine aufzog, eine Zeit lang den Fanclub Z._________ leitete, viel herumreiste und auf einen Kreis guter Freunde zählen kann, mit denen sie gerne zusammen ist und beispielsweise ins Kino geht. Nach ihren eigenen Angaben kann sie sich gut freuen, insbesondere am Enkelkind. Zwar bestünden Spannungen mit der Schwiegertochter und die Gefühle würden auch manchmal "Achterbahn" fahren. Hinweise darauf, dass ihr nur wenige oder überhaupt keine Tätigkeiten Vergnügen bereiten, sie an emotionaler Kühle, Distanziertheit oder flacher Affektivität leidet und keine engen Freunde oder vertrauensvolle Beziehungen hat, fehlen jedoch. An der von Dr. med. E.________ gestellten Diagnose einer schizoiden Persönlichkeitsstörung (ICD 10 F60.1) bestehen daher einige Zweifel und auch die Bemerkung des ehemaligen Hausarztes Dr. med. M.________, wonach die Versicherte sozial desinteressiert und desintegriert sei, findet in den übrigen Akten keine Stütze. Ausser in den Schilderungen des Dr. med. E.________ fehlen in den Unterlagen - insbesondere in den zahlreichen Eingaben der Versicherten selbst - auch Hinweise auf theatralisches Verhalten, übertriebenen Ausdruck von Gefühlen oder auf labile und oberflächliche Affektivität und/oder unangemessenes und übertriebenes Verhalten. Zwar geht aus den Unterlagen hervor, dass die Versicherte einige akzentuierte Charakterzüge, insbesondere eine Selbstunsicherheit und auch eine gewisse Abhängigkeit, aufweist, sie unter Gefühlsschwankungen leidet und ihr Bildungsniveau eher gering ist. Dass keine invalidisierende psychische Erkrankung vorliegt, wird jedoch auch durch die erhobenen Testresultate (Montgomery-Asperg Depression Rating Scale [MADRS]; Symptom-Checklist nach Derogatis [SCL-90-R]; Freiburg-Persönlichkeits-Inventar [FPI-R]) untermauert, die keine Anzeichen für eine schizoide oder histrionische Persönlichkeitsstörung ergaben. Wenn die Gutachter der MEDAS zum Schluss gelangten, es bestünden keine Hinweise auf eine histrionische Persönlichkeitsstörung (früher: hysterische Persönlichkeiten; vgl. Norbert Nedopil, Forensische Psychiatrie, 2. Aufl., Stuttgart/New York 2000, S. 153), ist dies nach Lage der Akten überzeugend. Es ist somit davon auszugehen, dass auch aus psychiatrischer Sicht keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit besteht.