Citation: 6B_1087/2022 E. 6.2

6.2. In Bezug auf das Aussageverhalten der Beschwerdeführerin übernimmt die Vorinstanz gewisse Würdigungen der Anklagebehörde. Sie erwägt generell, die Aussagen der Beschwerdeführerin seien "bemerkenswert" und "dynamisch". Die Beschwerdeführerin habe sich nicht nur in Details widersprochen, sondern gänzlich verschiedene, sich widersprechende Versionen erzählt. Ihre Aussagen seien nicht konstant und voller Ungereimtheiten, die "Wahrheit" sei immer wieder anders, im Grossen Ganzen und im Detail. Von ihrem Ehemann habe sie im Verlauf der Untersuchung ein immer düstereres Bild gezeichnet. Es sei jedoch widerlegt, dass die Beschwerdeführerin in der Beziehung ausschliesslich Opfer gewesen sei. Der Beschwerdegegner sei in ihren Telefonkontakten als "Schatzi" gespeichert gewesen. Die Beschwerdeführerin sei selbstbewusst und aggressiv aufgetreten und habe sich lautstark für ihre Interessen eingesetzt. Das Bild einer eingeschüchterten, schwachen, bedrohten Beschwerdeführerin, eines unterwürfigen Opfers, habe sie auch gegenüber den Kindern nicht abgegeben. Aus der Haft habe die Beschwerdeführerin versucht, mit ihren Kindern zu kolludieren. Zu Beginn der Einvernahmen sei sexuelle Gewalt noch kein Thema gewesen. Die Beschwerdeführerin habe vielmehr ein normales Eheleben, auch mit Geschlechtsverkehr, geschildert. Ihre Aussagen hätten sich fortan auch zu den Vorwürfen gegen den Beschwerdegegner verschiedene Male geändert (angefochtenes Urteil S. 11 f.). Die Vorinstanz hält weiter fest, gemäss Aussagen der Beschwerdeführerin sei es im gesamten Verlauf ihrer Ehe zu zahlreichen sexuellen Kontakten zwischen ihr und dem Beschwerdegegner gekommen. Im Rahmen eines ehelichen Zusammenlebens, welchem vier gemeinsame Kinder entstammten, gelte dies als normal. Es könne ihr geglaubt werden, dass der Beschwerdegegner dabei der initiativere bzw. fordernde Part gewesen sei und ebenso, dass sie sich gegen Ende des ehelichen Zusammenlebens vor den sexuellen Kontakten mit ihm geekelt habe, insbesondere weil er keinen Hehl daraus gemacht habe, dass er neben der Beschwerdeführerin noch mit Prostituierten verkehrt habe und auch eine aussereheliche Beziehung eingegangen sei, zugunsten welcher er die Beschwerdeführerin habe verlassen wollen. Das Erleben zahlreicher sexueller Kontakte in einer Ehe, auch als passiver Part bzw. ein gewisser Widerwille bzw. Ekel vor dem Sexualpartner lasse jedoch nicht zwingend darauf schliessen, dass der aktivere Part den passiven durch Drohung, Anwendung von Gewalt, psychischen Druck oder Herbeiführen einer Widerstandsunfähigkeit zu den sexuellen Handlungen genötigt habe. Die Beschwerdeführerin verwende die Umschreibung, sie sei während zahlreichen Jahren ihrer Ehe "vergewaltigt" worden, offensichtlich nicht im technischen Sinne der gesetzlichen Formulierung des Tatbestands von Art. 190 StGB. Wenn sie heute zahlreiche der erfolgten ehelichen sexuellen Kontakte am liebsten ungeschehen machen würde, weil die eheliche Beziehung sich nicht wunschgemäss entwickelt habe, sei dies wohl psychologisch nachvollziehbar, jedoch strafrechtlich irrelevant (angefochtenes Urteil S. 14 f.). Bezüglich des dritten Vorfalles vom April 2018 erwägt die Vorinstanz, die Beschwerdeführerin habe einen nicht einvernehmlichen Geschlechtsverkehr wenige Tage vor ihrer Verhaftung geschildert. Dieser habe - gemäss überwiegender Schilderung - im Badezimmer oder aber im Schlafzimmer stattgefunden. Der Beschwerdegegner habe sie - wieder wahlweise - entweder schlicht körperlich überwältigt, mit einem Messer bedroht oder verbal mit dem Tod bedroht. Gemäss Vorinstanz hätten der Beschwerdegegner und die Beschwerdeführerin ein Ehemodell gelebt, in dem die Ehefrau dem Ehemann sexuell zur Verfügung zu stehen hatte, auch wenn ihr nicht danach war. Die Aussagen der gemeinsamen Kinder der Eheleute würden sich diesbezüglich decken. Der Beschwerdegegner habe sexuellen Verkehr mit der Beschwerdeführerin verlangt und diese habe mitmachen müssen, obwohl sie nicht gewollt habe. Der Beschwerdegegner habe wahlweise verbal Sex gefordert oder alternativ als Druckmittel den Gang zu Prostituierten angedroht, worauf die Beschwerdeführerin nachgegeben habe (angefochtenes Urteil S. 18 f.). Dass der Beschwerdegegner die Beschwerdeführerin bei einem konkreten Vorfall durch körperliche Gewalt oder eine ernsthafte Drohung zur Duldung des Geschlechtsverkehrs genötigt habe, habe aber keine der Auskunftspersonen je wahrgenommen, namentlich auch nicht den angeklagten dritten Vorfall. Die eigenen Darstellungen der Beschwerdeführerin seien nicht konstant, klar aggravierend, mit Widersprüchen durchsetzt und zu wenig überzeugend, um den angeklagten Sachverhalt rechtsgenügend zu erstellen. Insbesondere wäre zu erwarten gewesen, dass die Beschwerdeführerin den Vorfall im April 2018, der sich kurz vor den ersten Einvernahmen abgespielt haben solle, detailliert hätte schildern können. Dies sei indessen nicht der Fall gewesen (angefochtenes Urteil S. 19).