Citation: 5C.4/2000 07.07.2000 E. 6

6.- a) Zum Beitrag III hat das Obergericht festgestellt, der Beitrag enthalte keine Anschuldigungen, die Gegenstand einer Strafuntersuchung gewesen seien, was sich auf die Interessenlage auswirke. Die Beklagten 1 und 2 hätten aber nach Treu und Glauben an die Richtigkeit der Vorwürfe von früher beim Kläger angestellten Tierärzten glauben dürfen und ihre Sorgfaltspflicht nicht verletzt. Dies umso weniger, als die Vorwürfe inhaltlich dem entsprochen hätten, was zu Strafuntersuchungen geführt habe. Die Beklagten 1 und 2 hätten auch nicht gewusst, dass der Kläger Differenzen mit den früher bei ihm angestellten Tierärzten habe. Bezüglich der Interessenabwägung könne auf das im erstinstanzlichen Urteil Erwogene verwiesen werden, womit die Widerrechtlichkeit auch des Beitrages III entfalle. b) Der Kläger hält diese Beurteilung für bundesrechtswidrig, weil es um schwerste berufsethische Vorwürfe gehe, die überhaupt keinen Zusammenhang mit den Strafuntersuchungen hätten und deshalb mit den Interessen an der Berichterstattung über das laufende Strafverfahren nicht gerechtfertigt werden könnten. Die Vorwürfe stellten ihn in ein falsches Licht, da er dem Durchschnittsleser als ein tierquälendes, geldgieriges "Monster" dargestellt werde, was mit einer durch das öffentliche Interesse gedeckten Berichterstattung nicht das Geringste zu tun habe. Es treffe auch nicht zu, dass die Beklagten 1 und 2 von zuverlässigen Quellen hätten ausgehen dürfen; denn der Umstand, dass die Angaben von Tierärzten stammten, sei noch kein Grund, auf deren Zuverlässigkeit zu schliessen. c) Im Beitrag III hat der "Blick" zahlreiche neue Vorwürfe publiziert, die von früheren Mitarbeitern des Klägers erhoben worden waren und grösstenteils aus den Schreiben 1 und 2 stammten. Sie wurden von der Zeitung selber (im Vorspann) als "massive Anschuldigungen" bezeichnet und mit der Umschreibung "Überbehandlungen mit Bereicherungsabsicht" zusammengefasst. Konkret wurde der Beklagte 3 mit den Aussagen zitiert, der Kläger habe auch wenig begüterte Leute gnadenlos ausgenommen und teilweise tierquälerisch gehandelt; so sei beispielsweise eine Katze mit offenem Oberschenkelbruch während einer Woche in der Boxe liegen gelassen, einem Autofahrer, der eine kleine Katze angefahren hatte, die während der anschliessenden Oberschenkelbruchoperation gestorben sei, für Fr. 450.-- Rechnung gestellt, dabei ein sehr schlecht verträgliches und in dieser Gewichtsklasse nicht dosierbares Narkosemittel verwendet worden; in anderen Fällen habe man ein nicht zugelassenes Narkosemittel appliziert, unter dessen Einfluss die Tiere auf dem Operationstisch geschrien und gezappelt hätten. Aus dem Schreiben der Beklagten 4 an die Beklagte 5 wurde zitiert, einige Tiere seien unnötig gestorben, aus jedem Patienten werde das Maximum an Geld herausgeholt, fast jede Operation sei unnötig; wenn an einem Operationsmorgen keine grosse Operation eingeschrieben gewesen sei, sei sie beauftragt worden, "noch etwas aufzutreiben", und einem Kater sei ein angeblich durch Harngriess verstopfter Penis amputiert worden, obwohl das Tier in der Nacht vor der Operation spontan uriniert habe. Im Weiteren wurde mitgeteilt, eine vormals beim Kläger tätige Tierarztgehilfin habe gesagt, der Kläger pflege die Fälle sehr stark zu dramatisieren, obwohl es den Tieren oft gar nicht so schlecht gehe - er wolle später einfach umfangreiche Behandlungskosten verrechnen können. Das Personal werde zur Lüge angestiftet, d.h. angehalten, den Tierhaltern die Unwahrheit zu sagen. Auch wenn diese Vorhaltungen nicht Gegenstand der Strafuntersuchungen waren, kann entsprechend dem in E. 5c/aa hiervor Ausgeführten nicht zweifelhaft sein, dass an der Information des Publikums über derartige Behandlungspraktiken ein erhebliches Interesse bestand. Die Presse durfte es als Teil ihres Informationsauftrages betrachten, im Interesse des Schutzes von Tieren und der potentiellen Kundschaft sowie der Gesundheitspolizei über solcherart verpöntes Geschäftsgebaren zu berichten. Im Rahmen der Interessenabwägung ist zudem mit einzubeziehen, dass der "Blick" im gleichen Artikel auch entlastende Stimmen zu Wort kommen liess. Insbesondere zitierte er den Tierarzt Dr. J.________ mit der Aussage, er habe in der Klinik des Klägers eine "deutlich korrektere Arbeitsweise kennengelernt als an allen anderen Arbeitsstellen". Ferner wurde eine von der Behandlung begeisterte Kundin zitiert und ein Unterstützungsbrief mit 11 Unterzeichnern erwähnt. Der Leserschaft wurde damit klar mitgeteilt, dass die Meinungen geteilt waren. Der Auffassung des Klägers, die Beklagten 1 und 2 hätten ihn einseitig und in einem komplett falschen Licht, als "Monster" dargestellt, kann deshalb nicht gefolgt werden. Derartige Werturteile enthält der Beitrag III nicht. Ob die Kritik des Klägers an den Überlegungen des Obergerichts zur Einhaltung der journalistischen Sorgfaltspflicht berechtigt ist, braucht nicht weiter untersucht zu werden; denn unter dem Gesichtswinkel von Art. 28 Abs. 2 ZGB kommt es im Zusammenhang mit der Beurteilung von persönlichkeitsverletzenden Presseartikeln mit Tatsachenbehauptungen nicht entscheidend auf Einhaltung der branchenüblichen Sorgfalt und Gutgläubigkeit an. Die Argumentation des Obergerichts basiert auf einer Dissertation (Ellen Lüthy, Zivilrechtliche Probleme der identifizierenden Berichterstattung am Beispiel der Presse, Zürich 1981), die insoweit weder auf die heutige Rechtslage Bezug nimmt noch dahin lautet, die Einhaltung der Sorgfaltspflicht entbinde von der Wahrheitspflicht, wie das Obergericht anzunehmen scheint (vgl. Lüthy, a.a.O., S. 123 f.). Vielmehr ist auch die Autorin dieser Dissertation der Auffassung, die Tatsachenberichterstattung müsse der Wahrheitspflicht genügen und Meinungsäusserungen müssten als solche erkennbar und gestützt auf die Tatsachenbehauptungen vertretbar sein. Massgebend ist deshalb nicht, ob die Beklagten 1 und 2 gutgläubig waren und sorgfältig vorgingen, sondern ob die Berichterstattung hinreichend der Wahrheit verpflichtet war, d.h. den Kläger insgesamt nicht in einem derart falschen Licht zeigte, dass er im Ansehen der Mitmenschen verglichen mit dem tatsächlich gegebenen Sachverhalt empfindlich herabgesetzt wurde (vgl. oben E. 4b/aa). Soweit der Beitrag Meinungsäusserungen enthielt, mussten diese haltbar sein und durften nicht auf einen falschen Sachverhalt schliessen lassen (E. 4b/bb hiervor). Zu diesen Aspekten hat sich das Obergericht nicht geäussert. Dies bemängelt der Kläger freilich nicht. Im Gegenteil fällt auf, dass er die Vorwürfe nicht substanziiert bestreitet oder gar aufzuzeigen versucht, dass die zum Teil sehr konkreten Vorhaltungen in wesentlichen Punkten nicht zutreffen. Demnach ist davon auszugehen, dass die Vorwürfe im Kern der Wahrheit entsprechen und - auch mit Blick auf die gleichzeitige Publikation anderer Meinungen - auf den Kläger nicht ein insgesamt unzutreffendes Bild werfen. Damit aber sind auch die darauf abgestützten Meinungsäusserungen vertretbar. Die Vorinstanz hat daher keine Bundesrechtsverletzung begangen, wenn sie zum Ergebnis gelangt ist, die Informationsinteressen rechtfertigten den mit dem Beitrag III verbundenen Eingriff in die Persönlichkeit des Klägers. Dieser erweist sich ebenfalls nicht als widerrechtlich.