Citation: 6B_436/2010 06.12.2010 E. 2

2.1 Der Beschwerdeführer geht gestützt auf bundesgerichtliche (BGE 126 I 19 E. 2a; 120 IV 348 E. 2c und 3c) und kantonale Rechtsprechung (PKG 1996 Nr. 34; 1992 Nr. 58) zu den Anforderungen an die Anklageschrift davon aus, dass für den Straftatbestand der Schändung diejenigen Sachverhaltselemente, welche die Widerstandsunfähigkeit und die sexuelle Handlung begründen, in der Anklageschrift darzulegen sind. Ein blosses Erkennen-können der massgeblichen Sachverhaltselemente genüge nicht (mit Hinweis auf BGE 116 Ia 202 E. 2a). In der Anklageschrift werde aber eine Widerstandsunfähigkeit nicht einmal behauptet. Bei B.________ werde ausgeführt, dass sie "mit Oberteil und Unterhose bekleidet rücklings" auf dem Behandlungstisch gelegen sei. Für eine Widerstandsunfähigkeit verbleibe nur diese Rückenlage. Für A.________ werde ausgeführt, dass sie "auf dem Rücken oder auf dem Bauch" auf dem Behandlungstisch gelegen habe, nicht aber in welcher Lage sie sich bei den jeweiligen Übergriffen befunden habe. Die Anklageschrift äussere sich auch nicht zum Sicht- und Blickfeld der Frauen bei den Behandlungen. Das genüge nicht. Grund für die unpräzise und ungenaue Anklageschrift sei die Überzeugung der Staatsanwaltschaft gewesen, auf die konkrete Lage der Frauen nicht eingehen zu müssen, weil sie in Bauch- wie in Rückenlage keine Einsicht in ihren Genitalbereich gehabt hätten. Das Kantonsgericht habe die Rüge einer Verletzung des Anklagegrundsatzes als verspätet zurückgewiesen, weil dafür die Beschwerde gemäss Art. 139 StPO/GR zur Verfügung gestanden hätte. Es habe diese Frage bisher offen gelassen (PKG 1996 Nr. 34). Der Anklagegrundsatz habe Verfassungsrang und sei als Prozessvoraussetzung von Amtes wegen zu prüfen. Eine Verletzung müsse in jedem Verfahrensstadium gerügt werden können. 2.2 Die Vorinstanz führt aus, gemäss Art. 98 Abs. 2 lit. b StPO/GR müsse die Anklageschrift die Darstellung und die rechtliche Qualifikation des Sachverhalts enthalten. Genüge die Anklage diesen Anforderungen nicht, könne der Betroffene diese gemäss Art. 139 StPO/GR innert 20 Tagen seit Kenntnisnahme beim Kantonsgericht anfechten. Werde aber vor der Erstinstanz die Anklageschrift gerügt, beurteile das Kantonsgericht im Berufungsverfahren eine substanziierte Rüge (PKG 1996 Nr. 34). Der Beschwerdeführer mache erstmals in der Berufungsschrift geltend, die Anklageschrift sei unklar und verletze damit den Anklagegrundsatz. Die Rüge sei verspätet. Er vermöge im Übrigen keine Mangelhaftigkeit der Anklage darzutun (angefochtenes Urteil S. 13). Der Verteidiger habe sich eingehend mit der Lage der Frauen auseinander gesetzt. Soweit in der Anklageschrift von Rücken- "oder" Bauchlage gesprochen werde (vgl. oben Bst. A), sei klar, dass die Betroffene "sowohl eine Zeit lang auf dem Rücken als auch eine Zeit lang auf dem Bauch" habe liegen müssen. Das ergebe sich auch eindeutig aus ihren Aussagen. Die Staatsanwaltschaft habe in beiden Lagen die Widerstandsunfähigkeit als erfüllt erachtet. Dies habe der Verteidiger erkannt. Allerdings sei der Sachverhalt "in äusserst gedrängter Form" dargestellt worden. Die Anklageschrift genüge aber den Anforderungen (angefochtenes Urteil S. 15). 2.3 Die Vorinstanz weist die Vorbringen demnach mit einer Doppelbegründung ab. Der Beschwerdeführer rügt richtigerweise beide Begründungen (vgl. BGE 133 IV 119). Eine willkürliche Auslegung des kantonalen Rechts ist nicht ersichtlich, kann aber letztlich offen bleiben, da eine Verletzung des Anklagegrundsatzes nicht vorliegt. Gemäss Art. 98 Abs. 2 lit. b StPO/GR enthält die Anklageschrift "die Darstellung und die rechtliche Qualifikation des Sachverhaltes". Das Bundesgericht prüft das kantonale Recht unter dem Gesichtspunkt der Willkür (Art. 9 BV), wobei die Anklageschrift den geltend gemachten konventions- und verfassungsrechtlichen Mindestanforderungen genügen muss (Art. 6 Ziff. 3 lit. a EMRK; Art. 29 Abs. 2 BV). Der Beschwerdeführer legt nicht dar, dass das Bündner Recht weitergehendere Anforderungen stellen würde. Die Anklage bestimmt den Prozessgegenstand. Sie hat die dem Angeklagten zur Last gelegten Straftaten in ihrem Sachverhalt so präzise zu umschreiben, dass die Vorwürfe genügend konkretisiert sind. Dieses Anklageprinzip gewährleistet zugleich die Verteidigungsrechte und das Gehörsrecht des Angeklagten. Das Gericht ist an den in der Anklage wiedergegebenen Sachverhalt gebunden, nicht aber an dessen rechtliche Würdigung durch die Anklagebehörde (BGE 126 I 19 E. 2a). Für den Vorsatz kann der Hinweis auf den gesetzlichen Tatbestand genügen, wenn der Tatbestand nur vorsätzlich erfüllbar ist (BGE 120 IV 348 E. 3c S. 356; 103 Ia 6 E. 1d). Erhöhte Anforderungen können sich etwa bei Unterlassungs- und Fahrlässigkeitstaten stellen (BGE 116 Ia 202, 455). Das ist hier nicht der Fall. Das Bundesgericht führte zu den Anforderungen des Bündner Strafprozesses gemäss Art. 98 Abs. 2 lit. b StPO/GR aus, der Angeklagte müsse aus der Anklageschrift ersehen, wessen er angeklagt ist und wie sein Verhalten strafrechtlich qualifiziert wird. Das bedinge eine zureichende Umschreibung der Tat, so dass er sich in seiner Verteidigung richtig vorbereiten könne und nicht der Gefahr von Überraschungen ausgesetzt sei. Die Anklageschrift könne sich auf das Notwendigste beschränken. Der Beweis des dargestellten Sachverhalts sei in der Beweisverhandlung zu führen (BGE 103 Ia 6 E. 1b und d). 2.4 Diesen Anforderungen genügt die Anklageschrift. Dem Beschwerdeführer geht es um eine detailliertere Darstellung der jeweiligen Lage der Frauen, da er davon ausgeht, dass bei Rückenlage des Opfers Schändung durch einen Therapeuten nicht begangen werden könne (unten E. 3.1). Zudem vertritt er die Ansicht, bei mehreren sexuellen Handlungen sei jede einzeln zu würdigen, denn niemand könne überraschend geschändet werden, der vorher sexuell belästigt worden ist. Die Anklageschrift geht dagegen eindeutig davon aus, dass Schändung in Rücken- wie in Bauchlage des Opfers möglich ist, und wirft dem Beschwerdeführer Schändung in diesen beiden Tatvarianten vor (oben Bst. A). Damit sind die Vorwürfe genügend konkretisiert. Das Anklageprinzip ist nicht verletzt.