Citation: 9C_648/2017 E. 3.2.3

3.2.3. Dem Beweiswert des Gutachtens tut es ferner auch keinen Abbruch, dass unklar ist, ob sich Dr. med. B.________ bei der Beurteilung der Auswirkungen des chronischen Erschöpfungssyndroms auf die Arbeitsfähigkeit an der Rechtsprechung gemäss BGE 141 V 281 zu anhaltenden somatoformen Schmerzstörungen und vergleichbaren psychosomatischen Störungen oder an der früheren, mit dem genannten Urteil geänderten Rechtsprechung orientierte. 3.2.3.1. Der Gutachter führte in diesem Kontext zutreffend aus, dass bei chronischen Erschöpfungssyndromen die Judikatur zu unklaren Beschwerdebildern Anwendung findet. Daraus leitete er ab, dem entsprechenden Leiden käme nur ausnahmsweise invalidisierender Charakter zu. Wie der Beschwerdeführer richtig moniert, ist diese aus der Existenz eines unklaren Beschwerdebildes gezogene Folgerung insofern ungenau, als mit dem neuen Leitentscheid die bisherige Überwindbarkeitsvermutung aufgegeben und durch ein normatives Prüfungsmuster ersetzt wurde (vgl. BGE 141 V 281 E. 3.4 - 6 S. 291 ff.). Das Vorliegen einer Invalidität stellt also nicht die Ausnahme zum regelhaft nicht invalidisierenden psychosomatischen Leiden dar, sondern der invalidisierende Charakter eines Leidens ist anhand des neuen Indikatorenkatalogs im Einzelfall zu prüfen. Ob Dr. med. B.________ die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit tatsächlich nach Massgabe der altrechtlichen Rechtsprechungsgrundsätze vorgenommen oder ob er sich einfach unpräzise ausgedrückt hat - immerhin nimmt er unter Ziff. 7 des Gutachtens eine, allerdings rudimentäre Prüfung nach den Standardindikatoren gemäss BGE 141 V 281 vor - kann letztlich indessen offen bleiben. Die mit dem vorgenannten Leitentscheid eingeleitete Änderung der Rechtsprechung bringt nämlich keine Abkehr davon, dass grundsätzlich von der "Validität", d.h. der Gesundheit, der die materielle Beweislast tragenden versicherten Person auszugehen ist (BGE 142 V 106 E. 4.3 S. 110; 141 V 585 E. 5.3 S. 588; Urteil 8C_676/2015 vom 7. Juli 2016 E. 6.1 mit Hinweisen, nicht publ. in: BGE 142 V 342, aber in: SVR 2016 IV Nr. 41 S. 131). Nur wenn objektiv nachgewiesen werden kann, dass der versicherten Person keine Arbeitsleistung mehr zuzumuten ist, besteht Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung (BGE 141 V 281 E. 3.7 S. 295 ff.). Dieser Nachweis lässt sich im Falle des Beschwerdeführers nach Ansicht des Gutachters nicht erbringen. Selbst wenn er sich bei dieser Einschätzung an den Kriterien der Rechtsprechung vor dem Leiturteil orientiert hätte, würde dies seine Beurteilung nicht wertlos machen, knüpft doch der neue Indikatorenkatalog an den früheren Kriterienkatalog an. Zudem verlieren die nach altem Verfahrensstandard eingeholten Expertisen nicht per se ihren Beweiswert; vielmehr ist im Rahmen einer gesamthaften Prüfung des Einzelfalls entscheidend, ob ein abschliessendes Abstellen auf die vorhandene Beweisgrundlage angeht (BGE 141 V 281 E. 4.1.1 S. 296 f. und E. 8 S. 309). 3.2.3.2. Zu beachten gilt es überdies, dass gerade auch in der geänderten Rechtsprechung herausgestrichen wird, eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit könne nur dann anspruchserheblich sein, wenn sie Folge einer Gesundheitsbeeinträchtigung ist, die fachärztlich einwandfrei diagnostiziert wurde (BGE 141 V 281 E. 2.1 S. 285 mit Verweis auf BGE 130 V 396). Daran mangelt es vorliegend jedoch, wie sich aus obiger Darstellung der Arztberichte ergibt (E. 3.2.2.2 hiervor). Auch das in den Vordergrund gestellte chronische Erschöpfungssyndrom wurde von den behandelnden Ärzten nicht eindeutig diagnostiziert. Selbst Dr. med. C.________ sprach noch im Bericht vom 2. März 2015 - nach fast dreijähriger psychotherapeutischer Betreuung - von einer diagnostisch ungeklärten Fatigue-Symptomatik, wobei er typischerweise keine ICD-10 Klassifikation vornahm. I n den Berichten vom 4. Mai 2015 und 4. Januar 2016 desselben Arztes findet sich sodann die Formulierung "deskriptive Diagnose eines ausgeprägten Fatigue-Syndroms" und es wird beklagt, dass keine diagnostische Klärung habe erreicht werden können. Bei dieser medizinischen Aktenlage erscheint der Schluss des Gutachters auf das Fehlen einer Arbeitsunfähigkeit nachvollziehbar, unabhängig davon, ob die Beurteilung nach den Kriterien der Rechtsprechung vor dem Leitentscheid oder gemäss den in diesem entwickelten Indikatoren erfolgte. In beiden Fällen setzt eine rechtlich relevante Arbeitsunfähigkeit einen ausgewiesenen Gesundheitsschaden voraus, welcher hier nicht erkennbar ist.