Citation: I 214/04 30.11.2004 E. 4

4.1 Zur Arbeitsfähigkeit wird im Gutachten von PD Dr. med. L.________ ausgeführt, auf Grund der unfallbedingten Beeinträchtigungen (Status nach ossärer Ausheilung der apikalen Stauchungsschädigungen Th12/L1/L2, geringgradig verstärkte Kyphosierung im Bereich des thorakolumbalen Übergangs) bestehe für die vor dem Unfall ausgeübte Tätigkeit als Chauffeur eine Beeinträchtigung von 15 % bis höchstens 20 %. Für eine leichte Tätigkeit mit Wechselbelastung sei eine geringere Beeinträchtigung anzunehmen. Hinsichtlich der nicht unfallbedingten thorakalen Diskushernien bei fehlender neurophysiologischer Implikation sei die Arbeitsunfähigkeit als Chauffeur auf 50 % und für eine leichte wechselbelastende Tätigkeit auf höchstens 30 % zu schätzen. Auf Anfrage der Invalidenversicherung beurteilte der Gutachter die Arbeitsfähigkeit unter Berücksichtigung sowohl der unfallkausalen als auch der unfallfremden Faktoren mit 35 % für die Tätigkeit als Chauffeur und 50 % für eine leidensangepasste Tätigkeit. Als leidensangepasst bezeichnete er wechselbelastende Arbeiten ohne axiale Belastungen (Stellungnahme vom 1. November 2001). Im Austrittsbericht vom 26. November 2002 schloss sich die Rheuma- und Rehabilitationsklinik P.________ "aus rein rheumatologischer Sicht" dieser Beurteilung an und erachtete den Versicherten (für eine leidensangepasste Tätigkeit) als mindestens zu 50 % arbeitsfähig. Der behandelnde Arzt Dr. med. R.________ ist der Auffassung, der Versicherte sei vollständig arbeitsunfähig (Berichte vom 2. März und 20. September 2001). Der von Dr. med. R.________ mit einer orthopädischen Untersuchung beauftragte Dr. med. N.________, Spezialarzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie FMH, schätzte die Arbeitsfähigkeit bei einer leichten Arbeit, welche nicht ausschliesslich sitzend zu verrichten ist, auf 20 % bis 30 %. Dr. med. O.________, Arzt für Allgemeine Medizin FMH, die Orthopädische Klinik Y.________ und die Rehaklinik Z.________ hatten eine Teilarbeitsfähigkeit selbst in der Tätigkeit als Chauffeur angenommen. Diese Beurteilungen waren indessen erfolgt, bevor im Sommer 2000 erstmals thorakale Diskushernien festgestellt wurden, weshalb ihnen nicht entscheidwesentliche Bedeutung beigemessen werden kann. 4.2 Nach Auffassung der Vorinstanz ist auf die Angaben im Gutachten von PD Dr. med. L.________ abzustellen, wonach der Versicherte für leichte wechselbelastende Tätigkeiten, welche der eingeschränkten Belastbarkeit der Lendenwirbelsäule (LWS) und der BWS Rechnung tragen, zu 50 % arbeitsfähig ist. In der Verwaltungsgerichtsbeschwerde wird dagegen vorgebracht, das Gutachten beruhe auf unzutreffenden Annahmen über das Unfallgeschehen und die beim Unfall auf den Beschwerdeführer einwirkenden Kräfte. Diese Mängel hätten wesentliche Auswirkungen nicht nur auf die Frage der Unfallkausalität, sondern auch auf die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit. Die Ansicht darüber, was mit dem Beschwerdeführer beim Unfall geschehen sei, und welche Kräfte damals auf ihn gewirkt hätten, lasse sich nicht von der Einschätzung trennen, welche Folgen dieser Unfall für die Gesundheit und die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers habe. Nicht ohne Grund habe Prof. Dr. med. W.________ im Gutachten vom 11. November 2003 darauf hingewiesen, dass die Schlussfolgerungen von PD Dr. med. L.________ auf Grund eines unzutreffenden Belastungsmechanismus gezogen worden und "sehr zu hinterfragen" seien. Zudem hätten Dr. med. R.________ und Dr. med. N.________ die Folgerungen des Gutachters zur Arbeitsfähigkeit als "unrealistisch" bezeichnet. Wenn die Vorinstanz auf diese, den Beweiswert des Gutachtens massiv relativierenden Punkte nicht eingegangen sei und die Schlussfolgerungen des Gutachters vorbehaltlos als einleuchtend und überzeugend bezeichnet habe, so habe sie den Sachverhalt offensichtlich mangelhaft gewürdigt. 4.3 Im biomechanischen Gutachten von Prof. Dr. med. W.________ wird die Auffassung vertreten, das Gutachten von PD Dr. med. L.________ gehe von unzutreffenden technischen Annahmen aus und die daraus gezogenen Schlüsse seien biomechanisch nicht nachvollziehbar. Abweichend vom Gutachten sei anzunehmen, dass der Beschwerdeführer beim Unfall einen Kopfanprall mit Commotio cerebri und leichter Gehirntraumatisierung erlitten habe und der Hauptstoss gegen den Körper zweimal von unten nach oben und nicht vom Kopf her nach unten erfolgt sei, weshalb bei der traumatischen Schädigung nicht die Halswirbelsäule, sondern der untere Teil der Wirbelsäule im Vordergrund gestanden habe. Nach Meinung von Prof. Dr. med. W.________ haben die unrichtigen tatsächlichen Annahmen zu unzutreffenden Folgerungen bezüglich der Unfallfolgen und der Kausalitätsbeurteilung geführt. Diese Feststellung mag zutreffen. Sie gilt jedoch nicht ohne weiteres für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit, welche nicht Gegenstand des biomechanischen Gutachtens bildete. Auch wenn der Unfallhergang und die Schwere des Unfalltraumas für die zu erwartenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen und damit auch für die Arbeitsfähigkeit von Bedeutung sind, besteht diesbezüglich keine feste Relation. Wie in dem als Anhang zum biomechanischen Gutachten beigelegten Aufsatz "Allgemeine Bemerkungen zu biomechanischen Beurteilungen im Hinblick auf die Kausalitätsfrage" von Prof. Dr. med. W.________ und Dr. sc. techn. U.________ vom 1. Oktober 1999 ausgeführt wird, lassen sich biomechanisch nur Beschwerden beurteilen, die in einem Zeitraum von einigen Wochen bis Monaten nach dem Unfall auftreten. Wie eine Person auf längere Sicht auf eine Traumatisierung reagiert und wie sich eine biomechanisch erklärbare Schädigung auf die Arbeitsfähigkeit und die psychische Entwicklung einer Person auswirkt, lässt sich nicht beurteilen und ist vom Arzt festzustellen, welcher den Patienten in Kenntnis des tatsächlichen Ereignisses untersucht. Im vorliegenden Fall ist in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen, dass zwischen dem Unfall und der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch PD Dr. med. L.________ ein Zeitraum von mehr als zwei Jahren lag. Zudem sind die von Prof. Dr. med. W.________ beanstandeten Annahmen zum Unfallgeschehen und den unmittelbaren Unfallfolgen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht von entscheidender Bedeutung. Dass der Beschwerdeführer beim Unfall eine Commotio cerebri mit leichter Gehirntraumatisierung erlitten hat, kann nach dem Gesagten als erstellt gelten, ist aber insofern unerheblich, als sich daraus keine wesentliche Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit ergeben hat (Erw. 3.2 hiervor). Die divergierenden ärztlichen Auffassungen zum Belastungsmechanismus an der Wirbelsäule sind wohl für die Beurteilung der Unfallkausalität der bestehenden Beschwerden, nicht aber für diejenige der Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit in der Invalidenversicherung von Bedeutung. Im Gutachten von PD Dr. med. L.________ und in der ergänzenden Stellungnahme vom 1. November 2001 werden sowohl die Befunde an der oberen als auch diejenigen an der unteren Wirbelsäule berücksichtigt und es ergeben sich aus dem biomechanischen Gutachten keine Anhaltspunkte für eine unzutreffende Beurteilung der Arbeitsfähigkeit oder auch nur dafür, dass PD Dr. med. L.________ dabei von falschen Annahmen bezüglich der Unfallfolgen ausgegangen ist. Der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch PD Dr. med. L.________ haben sich auch die Ärzte der Rheuma- und Rehabilitationsklinik P.________ angeschlossen. Zwar empfahlen sie im Hinblick auf das laufende Beschwerdeverfahren die Einholung eines Obergutachtens mit effektiver Leistungserfassung. Eine solche hat jedoch in der Rheumaklinik des Spitals X.________ stattgefunden und zu keinen konkreten Ergebnissen geführt, weil es der Beschwerdeführer an der erforderlichen Kooperation fehlen liess. Immerhin liessen die vorhandenen Testresultate die Feststellung zu, dass dem Beschwerdeführer zumindest eine leichte Arbeit zumutbar ist. Es bestand daher auch kein zwingender Grund zur Vornahme weiterer Abklärungen, woran die Beurteilungen der Arbeitsfähigkeit durch Dr. med. R.________ und Dr. med. N.________ nichts zu ändern vermögen. Die Feststellung von Dr. med. R.________ in der Stellungnahme vom 20. September 2001, wonach die gutachtliche Beurteilung "absolut unrealistisch" sei, bezieht sich auf die Angaben von PD Dr. med. L.________ zur Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in der bisherigen Tätigkeit als Chauffeur. Zur Arbeitsfähigkeit in einer leidensangepassten leichten Tätigkeit spricht sich Dr. med. R.________ nicht konkret aus. Zwar hatte er in den Berichten vom 4. Oktober 2000 und 2. März 2001 ausgeführt, eine berufliche Umstellung sei auf Grund des aktuellen Beschwerdebildes nicht realisierbar und dem Versicherten sei keine Erwerbstätigkeit zumutbar. Diese Feststellungen stehen jedoch im Widerspruch zu allen übrigen ärztlichen Beurteilungen. Selbst der von Dr. med. R.________ mit einer rheumatologischen Untersuchung beauftragte Dr. med. N.________ hat eine Arbeitsfähigkeit in einer leichten Tätigkeit von immerhin 20 % bis 30 % bestätigt. Auch im Lichte dieser Arztberichte ist daher nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz entscheidend auf das Gutachten von PD Dr. med. L.________ abgestellt hat, wonach der Beschwerdeführer in einer leidensangepassten Tätigkeit zu 50 % arbeitsfähig ist. Zur Anordnung ergänzender Abklärungen in Form eines medizinischen Obergutachtens besteht kein Anlass. Der medizinische Sachverhalt ist wiederholt eingehend und teilweise auch stationär abgeklärt worden. Soweit noch Fragen offen geblieben sind, betreffen sie die Unfallkausalität und nicht die hier streitige Beurteilung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit. Die Rüge einer mangelhaften Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes durch Verwaltung und Vorinstanz ist unbegründet.