Citation: 6S.125/2007 19.06.2007 E. 3

3.1 In rechtlicher Hinsicht nimmt die Vorinstanz an, zum Unfallzeitpunkt habe auf der Hauptstrasse reger Verkehr geherrscht, und es sei mit Motorfahrzeugen zu rechnen gewesen, welche mit der höchstzulässigen oder gar mit höherer Geschwindigkeit herannahten. Gemessen an diesen Verhältnissen sei die Ausfahrt für den Beschwerdeführer nicht übersichtlich gewesen. Ein Einbiegemanöver ohne Behinderung des herannahenden Verkehrs sei daher für den Beschwerdeführer ohne einen zweiten Blick nach links nicht zu erfüllen gewesen. Ein Auto oder ein Motorrad, welches den vom Beschwerdeführer zuletzt erkannten Honda Civic überholt hätte und sich dann mit bloss 90 km/h der Einfahrt Wingreis genähert hätte, wäre auf jeden Fall gezwungen gewesen, stärker abzubremsen, um die Stelle erst nach Abschluss des Einbiegemanövers und noch in sicherem Abstand zu passieren. Diesem Risiko hätte der Beschwerdeführer Rechnung tragen müssen. Mit Blick auf die Tatsache, dass die primären Gefahren an der fraglichen Stelle beim Einmünden vorerst von links herannahen, wäre er verpflichtet gewesen, vor - oder zumindest während des Losfahrens - noch einmal nach links zu schauen und sich zu vergewissern, inwieweit sich die zuvor wahrgenommene Verkehrssituation gegebenenfalls verändert hat. Nur so sei es möglich, die Geschwindigkeit der vortrittsberechtigten Verkehrsteilnehmer sinnvoll abzuschätzen. Indem er nach dem Blick nach links seine Aufmerksamkeit nur noch auf die rechte, nicht primär gefahrenerzeugende Seite gerichtet habe, habe er pflichtwidrig unvorsichtig gehandelt. Damit könne er sich nicht auf den Vertrauensgrundsatz berufen (angefochtenes Urteil S. 34 ff.; erstinstanzliches Urteil S. 51 ff. [Untersuchungsakten act. 455 ff.]). 3.2 Der Beschwerdeführer rügt eine unrichtige Anwendung des Vertrauensprinzips im Strassenverkehr und der Bestimmungen über den Vortritt. Er macht geltend, er habe sein Einbiegemanöver als Ortskundiger wegen der örtlichen Signalisation (Höchstgeschwindigkeit 80 km/h, Überholverbot, Verkehrsinsel, Sperrfläche, Sicherheitslinie) auf den mit regelkonformer Geschwindigkeit herannahenden Honda Civic ausrichten dürfen. Die Überquerung der Fahrbahn vor dem Honda Civic sei gefahrlos möglich gewesen. Die Vorinstanz lasse bei ihrer Beurteilung ausser Acht, dass sich bei seinem Blick nach links der VW Golf noch ausserhalb der für ihn überblickbaren Distanz von 250 Metern und der Honda Civic unmittelbar vor dem Beginn der geschlossenen Sicherheitslinie und den links und rechts am Strassenrand aufgestellten Überholverbotszeichen befunden hätten (Beschwerde S. 6 f.). Das verkehrsregelwidrige Verhalten des vortrittsbrechtigten Unfallopfers sei für ihn nicht voraussehbar gewesen. Er habe nicht damit rechnen müssen, dass hinter dem Honda Civic ein Fahrzeug mit massiv überhöhter Geschwindigkeit herannahe. Er habe dieses Fahrzeug bei seinem Blick nach links gar noch nicht sehen können. Es hätten daher auch noch keine besonderen Anzeichen für ein unrichtiges Verhalten eines Verkehrsteilnehmers vorgelegen. Solche hätten erst im Zeitpunkt bestanden, als er den Entschluss zum Losfahren gefasst habe, da er in diesem Zeitpunkt den mit massiv übersetzter Geschwindigkeit auf der Gegenfahrbahn herannahenden VW Golf hätte wahrnehmen können. Eine Pflicht für einen zweiten Blick nach links bestehe aber nicht. Ob ein solcher notwendig sei, entscheide sich nach den konkreten Umständen. Im vorliegenden Fall sei die Situation übersichtlich gewesen und durch die umfassende Signalisation gesichert gewesen. Es habe daher weder Anlass noch Pflicht für einen zweiten Blick nach links bestanden. Im Zeitpunkt, in welchem der Honda Civic den Bereich vor dem Anfang der Sicherheitslinie erreicht habe, habe er nicht mehr mit einem Überholvorgang durch ein Fahrzeug aus Richtung Biel rechnen müssen und habe sich auf den Verkehr aus Richtung Neuenburg und auf seine Wegfahrt konzentrieren dürfen. Wenn er sich bei richtiger Auslegung auf den Vertrauensgrundsatz berufen dürfe, entfalle der Vorwurf der Verletzung des Vortrittsrechts bei der Einmündung in eine Hauptstrasse und damit derjenige einer Sorgfaltspflichtverletzung (Beschwerde S. 8 ff.).