Citation: 5A_224/2022 E. 3.5.3

3.5.3. Unabhängig von der soeben festgestellten Verletzung von Art. 9 BV bleibt zu prüfen, ob das Obergericht mit der Umteilung der Obhut die von der Beschwerdeführerin angerufenen verfassungsmässigen Rechte verletzt. Der Beschwerdegegner hat den Entscheid des Obergerichts vor Bundesgericht nicht angefochten; das bundesgerichtliche Beschwerdeverfahren kennt keine Anschlussbeschwerde (zu den hier nicht gegebenen Ausnahmefällen s. BGE 138 V 106 E. 2). Soweit der Beschwerdegegner der Vorinstanz mit Bezug auf seinen eigenen, vor erster Instanz gestellten Antrag auf alternierende Obhut Willkür vorwirft und diesen Antrag vor Bundesgericht erneuern will, ist er deshalb nicht zu hören. Die Beschwerdeführerin wirft der Vorinstanz Willkür bei der Prüfung vor, ob die für einen Verbleib ihres Sohnes in der Schweiz notwendige Umteilung der Obhut an den Beschwerdegegner tatsächlich dem Kindeswohl entspricht (E. 3.1). Die Rüge ist begründet. Die Beschwerdeführerin erinnert an den erstinstanzlichen Entscheid und besteht darauf, dass C.A.________ während des Zusammenlebens von ihr betreut wurde, weshalb sie die Hauptbezugsperson des Kindes sei. Der Vorinstanz wirft sie vor, den erstinstanzlichen Entscheid willkürlich "gekehrt" zu haben. Wie auch dem Beschwerdegegner nicht entgangen ist, taucht der Ausdruck "Hauptbezugsperson" im angefochtenen Entscheid nicht auf. Das Obergericht betont, dass der Beschwerdegegner das Kind seit der Trennung "an beinahe jedem Wochenende" betreute, erachtet die Voraussetzungen der alternierenden Obhut als gegeben und unterstellt damit eine neutrale Ausgangslage, die es ihm erlaubt, die Obhutsfrage losgelöst vom Grundsatz zu beurteilen, wonach ein Kind tendenziell bei der (wegzugswilligen) Hauptbezugsperson zu belassen ist (E. 3.1). Dieser Gedankengang ist nicht schlüssig. Allein die fraglichen Betreuungsleistungen des Beschwerdegegners und die Argumente für eine alternierende Obhut vermögen nicht zu erklären, weshalb von einer bisher gelebten Kinderbetreuung zu weitgehend gleichen Teilen gesprochen bzw. die Beschwerdeführerin, die sich während des Zusammenlebens hauptsächlich um C.A.________ kümmerte und seit der Trennung jedenfalls an fünf von sieben Wochentagen allein für ihn sorgt, nicht als Hauptbezugsperson des Kindes erscheinen soll. Insofern geht die Vorinstanz von einer offensichtlich unrichtigen Prämisse aus. In BGE 142 III 498 E. 4.5 erkannte das Bundesgericht, dass ein siebenjähriges Mädchen tendenziell noch personenorientiert sei und in diesem Kindesalter nicht von einer gefestigten Umgebungsverbundenheit und einem Freundeskreis usw. gesprochen werden könne. Das Obergericht stellt diese Erkenntnis nicht in Frage, noch ist seinem Entscheid eine Erklärung zu entnehmen, weshalb es sich gerade mit dem (im Urteilszeitpunkt) rund sieben Jahre alten C.A.________ anders verhalten soll, der Knabe mithin als "älteres Kind" gelten müsse und daher die Wohn- und Schulumgebung sowie der sich ausbildende Freundeskreis in den Vordergrund rücken würden (vgl. BGE 142 III 481 E. 2.7). Der angefochtene Entscheid ist in diesem Punkt nicht nachvollziehbar. Damit erübrigen sich Erörterungen zum weiteren Vorwurf, die Vorinstanz verstricke sich hinsichtlich des Kriteriums der Stabilität in Widersprüche. An alledem ändert auch die vorinstanzliche Überlegung nichts, dass C.A.________ Portugal nur aus den Ferien kenne. Dass ein Kind mit seinem bisherigen gewöhnlichen Aufenthaltsort besser vertraut ist als mit dem im Ausland gelegenen, ferienhalber besuchten Herkunftsort eines Elternteils, liegt in der Natur der Sache und kann deshalb beim Entscheid über die elterliche Obhut im Zusammenhang mit einer Wegzugsregelung nicht ausschlaggebend ins Gewicht fallen. Zu Recht beklagt sich die Beschwerdeführerin sodann darüber, dass das Obergericht ihr die Wohnsituation in Portugal entgegenhalte. Weshalb allein die Tatsache, dass die Beschwerdeführerin eine alternative Wohnmöglichkeit im Haus ihrer Mutter in Aussicht genommen hat, gegen einen Umzug nach Portugal spricht, ist dem angefochtenen Entscheid nicht zu entnehmen und auch nicht ersichtlich. Insbesondere kann der Beschwerdeführerin angesichts der diesbezüglichen Ausführungen in ihrer Berufung auch nicht vorgeworfen werden, dass sie den Wegzug nach Portugal geplant hätte, ohne sich um die dortige Wohnsituation zu kümmern. Das Obergericht nennt keinen Grund, weshalb auf diese Ausführungen, die im angefochtenen Entscheid zutreffend zusammenfasst sind, nicht abgestellt werden könnte. Ebenso unverständlich ist, wie die Vorinstanz dazu kommt, das "Haus der Grossmutter" als angemessene Wohnlösung mit dem Hinweis auszuschliessen, dass darin "verschiedene Personen" wohnen. Was dieses Haus angeht, ist in der Berufung von keiner anderen Person als von der Mutter der Beschwerdeführerin sowie davon die Rede, dass sich darin eine leer stehende Dreieinhalbzimmerwohnung befinde. Damit erweisen sich die tatsächlichen Grundlagen, auf denen die vorinstanzliche Beurteilung beruht, als offensichtlich unzutreffend. Soweit die Beschwerdeführerin der Vorinstanz hinsichtlich der Beurteilung der Betreuungsabsichten und -möglichkeiten des Beschwerdegegners Willkür vorwirft, übergeht sie zum einen die vorinstanzliche Feststellung, wonach sich der Beschwerdegegner in seiner Berufungsantwort bereit erklärt habe, im Falle eines Wegzugs der Mutter C.A.________ in seine alleinige Obhut zu nehmen. Zum andern übersieht sie, dass unter normalen Umständen praxisgemäss von der Gleichwertigkeit von Eigen- und Fremdbetreuung auszugehen ist (E. 3.1). Von daher lässt allein die Tatsache, dass der Beschwerdegegner C.A.________ nur während Randzeiten und Wochenenden betreuen kann und für die übrige Zeit auf eine Fremdbetreuung angewiesen ist, die vorinstanzliche Beurteilung nicht als unhaltbar erscheinen. Fällt die voraussichtliche Betreuungssituation im Falle einer Umteilung der Obhut aber weder zu Gunsten noch zu Lasten des Beschwerdegegners ins Gewicht, so ist der Beschwerdeführerin darin beizupflichten, dass auch unter diesem Blickwinkel keine Anhaltspunkte vorliegen, um vom erwähnten, in der Rechtsprechung verankerten Grundsatz abzuweichen, wonach es im Interesse des Kindes liege, die Obhut für den Fall des Wegzugs der wegzugswilligen Hauptbezugsperson zuzuteilen bzw. bei diesem Elternteil zu belassen. Nach dem Gesagten ist der vorinstanzlichen Schlussfolgerung, dass "es mehrere Gründe für eine Neuzuteilung gibt", der Boden entzogen. Wie die begründeten Rügen der Beschwerdeführerin zeigen, vertragen sich die im angefochtenen Entscheid aufgezählten Gründe weder mit den tatsächlichen Gegebenheiten noch mit den Vorgaben der einschlägigen Rechtsprechung. Damit fehlt dem Entscheid des Obergerichts, dem Beschwerdegegner die alleinige Obhut über C.A.________ zuzuteilen und damit der Beschwerdeführerin die Wohnsitznahme in Portugal zu ermöglichen, eine nachvollziehbare Begründung. Der Vorwurf der Willkür erweist sich auch in dieser Hinsicht als begründet.