Citation: 6B_595/2021 E. 5.4.1

5.4.1. Vorliegend gab die Vorinstanz nach der Rückweisung der Sache durch das Bundesgericht auf Antrag des Beschwerdeführers ein aussagepsychologisches Gutachten in Auftrag, d.h. ihr erschien der Beizug einer sachverständigen Person u.a. zur Prüfung der Aussagetüchtigkeit der Geschädigten, zur Wahrscheinlichkeitseinschätzung des Erlebnisbezugs ihrer Aussage sowie zur Analyse der Qualität dieser Aussage als sachlich geboten. Dieses aussagepsychologische Gutachten stellt ein Hilfsmittel des Gerichts dar. Es liefert diesem die notwendigen Informationen, damit das Gericht die Aussagen selbständig würdigen kann. Zwar darf das Gericht in Fachfragen nicht ohne triftige Gründe vom Gutachten abrücken und muss Abweichungen begründen. Jedoch bleibt es Aufgabe des Gerichts, die Beweise und damit auch die Aussagen zu würdigen. Diese Aufgabe kann und darf die sachverständige Person nicht übernehmen (vgl. Urteil 6B_1006/2017 vom 24. Oktober 2018 E. 2.6). Das Gericht hat zu prüfen, ob sich aufgrund der übrigen Beweismittel und der Vorbringen der Parteien ernsthafte Einwände gegen die Schlüssigkeit der gutachterlichen Darlegungen aufdrängen (BGE 141 IV 369 E. 6.1; Urteil 6B_1006/2017 vom 24. Oktober 2018 E. 2.3.1). Gelangt es zum Schluss, dass dies nicht der Fall ist und auf das Gutachten abgestellt werden kann, würdigt es in einem zweiten Schritt die entsprechenden Aussagen mit Hilfe der im Gutachten enthaltenen Informationen sowie allfällige weitere Beweismittel. Indem die Vorinstanz sich zunächst mit der Kritik am aussagepsychologischen Gutachten befasst, diese als unbegründet und das Gutachten als schlüssig bewertet, sowie in der Folge selbständig anhand des Gutachtens einerseits die Aussagen der Geschädigten und andererseits jene des Beschwerdeführers sowie schliesslich die objektiven Beweismittel würdigt und abschliessend zu einem Beweisergebnis gelangt, geht sie grundsätzlich methodisch korrekt vor. Allerdings bringt der Beschwerdeführer zutreffend vor, dass sie bei der Würdigung der Aussagen des Opfers im Ergebnis vom Gutachten, das sie zuvor für frei von Mängeln befunden hat, abweicht. Das Gutachten gelangt zum Schluss, dass aus aussagepsychologischer Sicht vieles für den Erlebnisbezug der Aussagen der Geschädigten spreche. Ein ganz sicherer Nachweis gelinge aussagepsychologisch mit der methodisch und juristisch geforderten Eindeutigkeit nicht, was in der eingeschränkten Möglichkeit zur Beurteilung der Aussagekonstanz und insbesondere im wechselhaften Aussageverhalten (zeitweiliger Widerruf) der Geschädigten gründe (kantonale Akten, act. 2530a, Gutachten S. 143 f.). Hinsichtlich des Widerrufs halten Vorinstanz und Sachverständigen grundsätzlich zutreffend fest, dass die Frage, ob die Beeinflussung durch dritte Personen in der von der Geschädigten geschilderten Art und Weise stattgefunden habe oder nicht und ob gegebenenfalls deshalb die Rücknahme von Belastungen erfolgt sei, es sich also um einen in einer Drucksituation getätigten und nicht glaubhaften Widerruf gehandelt habe, nicht in der aussagepsychologischen Kompetenz liege, sondern der Beweiswürdigung vorbehalten sei (Urteil S. 49 ff.; kantonale Akten, act. 2530a, Gutachten S. 126 f., 144). Allerdings ist zu berücksichtigen, dass es schon auch Aufgabe der Sachverständigen ist, die entsprechenden Aussagen des Opfers im Gutachten aussagepsychologisch zu beurteilen. Soweit die Vorinstanz nach Würdigung verschiedener Beweismittel zum Schluss gelangt, die Geschädigte habe ihre Aussage unfreiwillig aufgrund des Drucks durch Dritte zurückgezogen, weshalb aus dem Widerruf nicht abgeleitet werden könne, dass die Belastungen nicht der Wahrheit entsprächen (Urteil S. 49 ff.), ist dies aus methodischer Sicht nicht zu beanstanden. Eine andere, an dieser Stelle nicht zu beurteilende Frage ist, ob die entsprechende Würdigung frei von Willkür erfolgt (vgl. Beschwerde S. 52 ff.; E. 5.4.4). Die Feststellung des unfreiwilligen Widerrufs ändert jedoch nichts daran, dass eine Analyse der Aussagekonstanz gemäss den gutachterlichen Feststellungen mangels wiederholter Aussagen der Geschädigten zum selben Sachverhalt - bedingt durch den Umstand, dass es sich mehr um eine fortgesetzte Befragung und (von einzelnen Schilderungselementen abgesehen) weniger um wiederholte Schilderungen des gesamten Sachverhalts handelt - nur bedingt durchführbar bzw. die Aussagekonstanz überwiegend nicht beurteilbar war (kantonale Akten, act. 2530a, Gutachten S. 110, 114, 142; act. 2688, 2690). Einzig hinsichtlich der Handlungsschilderung "16./17.12.2012" liessen sich gemäss Gutachten zusätzliche Hinweise auf Erlebnisbezug ableiten (kantonale Akten, act. 2530a, Gutachten S. 114, 142). Die Vorinstanz sieht sich über diese gutachterlichen Feststellungen hinausgehend bezüglich einzelner Schilderungen der Geschädigten (bspw. hinsichtlich des Ereignisses, bei dem der Beschwerdeführer ihr die Beine derart nach hinten gedrückt haben soll, dass sie das Gefühl gehabt habe, er breche ihr den Nacken; der vorgebrachten Vergewaltigungen jeweils am Mittag; des Umstands, dass der Beschwerdeführer umso mehr Spass am Geschlechtsverkehr gehabt habe, wenn die Geschädigte diesen nicht gewollt habe; der vorgeworfenen Drohungen) in der Lage, eine Konstanzanalyse vorzunehmen. Sie gelangt zum Schluss, dass hinsichtlich dieser abgrenzbaren Schilderungen in Bezug auf die dort feststellbare Aussagekonstanz vieles für den Erlebnisbezug der Aussagen der Geschädigten spricht (Urteil S. 44 ff.), bzw. dass die Aussagekonstanz insbesondere in Bezug auf die in der Anklageschrift ausgeführten Einzelereignisse der mehrfachen Vergewaltigung zu bejahen ist (Urteil S. 63). Ferner hält sie abschliessend fest, dass aufgrund ihrer Ausführungen die Annahme, dass die Aussagen der Geschädigten nicht realitätsbegründet sind (Nullhypothese), nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Konsequenterweise sei davon auszugehen, dass die Aussagen der Geschädigten ihrem wirklichen Erleben entsprechen. Damit setzt sie sich über die gutachterlichen Schlussfolgerungen hinweg und setzt ihr eigenes Wissen an die Stelle desjenigen der sachverständigen Personen. Indem sie das Gutachten einerseits als schlüssig bezeichnet und auf weitere Beweiserhebungen verzichtet bzw. den Antrag des Beschwerdeführers auf Einholung eines Obergutachtens abweist sowie andererseits in wesentlichen Punkten bzw. im Ergebnis davon abweicht, verfällt sie in Willkür und verletzt Art. 189 StPO. Dies hat jedoch - entgegen dessen Vorbringen - nicht zur Folge, dass der Beschwerdeführer vollumfänglich von Schuld und Strafe freizusprechen ist (vgl. Beschwerde S. 43). Vielmehr wird die Vorinstanz die Beweise bzw. das Gutachten ergänzen oder ein neues Gutachten einholen müssen. Um (weitere) Verzögerungen zu vermeiden, rechtfertigen sich nachfolgende Ausführungen zum weiteren Vorgehen. Dabei ist einerseits auf den Grund für die beschränkte Möglichkeit der Konstanzanalyse im vorliegenden Fall einzugehen und zu prüfen, wie diese allenfalls doch (noch) ermöglicht werden kann. Andererseits sind die (weiteren) Vorbringen des Beschwerdeführers bezüglich Unverwertbarkeit des Gutachtens zu beurteilen.