Citation: I 87/04 13.07.2004 E. 4.2

4.2.1 Auch wenn gewisse somatische und psychische Gesundheitsstörungen - entgegen der Anamnese gemäss Gutachten - schon vor dem Unfall vom 7. Dezember 1989 aufgetreten sein sollten, was die Beschwerdeführerin unter Hinweis auf die Berichte der Dres. med. A.________ vom 14. Januar 1991 und K.________, Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA), Luzern, vom 30. Juli 1991 - in Abweichung ihrer Angabe in der Leistungsanmeldung - geltend macht, vermag dies an der Aussagekraft des Gutachtens nichts zu ändern. Denn Gegenstand der interdisziplinären Begutachtung vom Sommer 2001 im Zentrum M.________ waren der (damals) aktuelle Gesundheitszustand und die geklagten Beschwerden, ohne dass in Bezug auf die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit entscheidend ins Gewicht fiele, ob einzelne Gesundheitsschäden schon etwas mehr oder weniger lang als während elf Jahren vor der Begutachtung aktenkundig vorhanden waren. Von Bedeutung ist jedoch, dass die Versicherte im Zentrum M.________ erstmals (Gutachten S. 4) fachärztlich psychiatrisch untersucht wurde. Weder die Dres. med. U.________ und E.________ noch andere, bisher behandelnde Ärzte verfügten im Gegensatz zu Frau Dr. med. S.________, Gutachterin im Zentrum M.________, über den Fachausweis FMH für Psychiatrie und Psychotherapie. Demnach beruht einzig das Gutachten auf einer qualifizierten psychiatrischen Exploration sowie einer sämtliche Behinderungen umfassenden interdisziplinären Gesamtbeurteilung (Erw. 3 hievor). Insoweit kommt den Angaben der behandelnden, nicht spezialmedizinisch-psychiatrisch ausgebildeten Ärzte zu psychiatrischen Befunden nicht dieselbe Aussagekraft zu wie denjenigen der Frau Dr. med. S.________. 4.2.2 Die Beschwerdeführerin bestreitet die sozial-praktische Verwertbarkeit der ihr gemäss Gutachten verbleibenden Restarbeitsfähigkeit von 50% in Bezug auf eine angepasste Tätigkeit (vgl. Erw. 4.1 hievor) und behauptet, die Reintegration in den Arbeitsprozess sei gar für die Gesellschaft untragbar. Zur psychiatrischen Untersuchung ist dem Gutachten (S. 12 ff.) unter anderem zu entnehmen: "[...] Die Versicherte wird von ihrem Ehemann begleitet, der sehr bemüht ist um das Wohlergehen seiner Ehefrau. Obwohl Frau B.________ ausgezeichnet Deutsch spricht und eine Unterhaltung gut möglich ist, besteht sie immer wieder auf der Übersetzung durch den Ehemann. Die Explorandin ist eine kleine adipöse, etwa altersentsprechend aussehende Türkin, trägt Kopftuch. Während der mehr als einstündigen Exploration sitzt sie bequem, ohne Ausweichbewegungen, senkrecht und ruhig auf ihrem Stuhl und folgt der Exploration mit sichtlicher Freude über die Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird. [...] Im Gespräch spricht sie äusserst lebhaft und flüssig, von der Stimmungslage her freundlich bis heiter, lacht häufig verschmitzt, ja sogar herzlich, auch bei belastenden Themen. [...] Die psychischen Grundfunktionen sind intakt. Subjektiv klagt die Versicherte über verstärkte Nervosität, Reizbarkeit und Konzentrationsstörungen sowie Lustlosigkeit, Interesseverlust und Motivationslosigkeit. So liege sie fast den ganzen Tag untätig auf dem Sofa und schaue fern. Nur die Sorge um das 10-jährige Kind, das am Mittag nach Hause komme, zwinge sie, eine Tagesstruktur aufrecht zu erhalten. [...] So steht auf der Befundebene zuerst das abnorme Krankheitsverhalten der Explorandin ganz im Vordergrund. Damit ist eine Situation gemeint, wo sich eine Patientin übermässig behindert verhält im Vergleich zu dem, wo ihre körperlichen Grenzen liegen würden. Frau B.________ scheint auch völlig davon überzeugt zu sein, schwer krank zu sein, und hat sich dementsprechend während all den letzten Jahren verhalten. Auffällig ist auch, im Vergleich zu anderen Gastarbeitern derselben sozialen Herkunft, dass sie sich darüber so unbetroffen und heiter zeigt. Die Darstellung ihrer Krankheitssituation wirkt stereotyp/einfach. Alle Gedankengänge münden dahin, die eigene Inaktivität zu rechtfertigen. Das Zusammenkommen dieser scheinbaren Unbekümmertheit mit den angegebenen groben körperlichen Bewegungsstörungen, den Schwindelattacken und den Lähmungserscheinungen lassen es als wahrscheinlich erscheinen, dass hier von einer chronifizierten Konversionssymptomatik gesprochen werden muss. Genügend Anhaltspunkte für eine Depression lassen sich nicht finden, schon gar nicht für eine neurotische Depression. [...]" Nach interdisziplinärer Absprache gelangten die Gutachter mit Blick auf die chronifizierte Konversionssymptomatik als einzige psychiatrische Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (neben somatischen Gesundheitsschäden) in der Gesamtbeurteilung der Leistungsfähigkeit unter anderem zur Schlussfolgerung (Gutachten S. 19): "[...] Es liegen neben den bewusstseinsnahen und sozio-kulturellen Eigenheiten auch bewusstseinsferne Anteile vor. Die Versicherte zeigt eine deutliche Schwächung der Eigenverantwortlichkeit und Verminderung der Entscheidungskraft sowie Reflexionsfähigkeit. Die bewusstseinsfernen Anteile der Störung, welche von der Versicherten auch bei gutem Willen nicht beeinflussbar sind, sind dafür verantwortlich, dass die Arbeitsfähigkeit medizinisch-theoretisch 50% beträgt. [...]" Demnach steht gestützt auf das Gutachten fest, dass die Beschwerdeführerin - trotz somatisch und psychisch bedingter Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit und unter Berücksichtigung der nicht beeinflussbaren bewusstseinsfernen Anteile des geistigen Gesundheitsschadens - in einer leidensangepassten wie auch der angestammten Erwerbstätigkeit als Küchenhilfe (Gutachten S. 11 unten) zu 50% arbeitsfähig ist. Gründe, weshalb dieser Schlussfolgerung des Gutachtens kein Beweiswert zukommen sollte, sind entgegen der Versicherten nicht ersichtlich, zumal insbesondere die vorhandenen psychosozialen und soziokulturellen Belastungsfaktoren aus sozialversicherungsrechtlicher Sicht als invaliditätsfremde Gesichtspunkte bei der Beurteilung der zumutbaren Leistungsfähigkeit unbeachtlich sind (vgl. BGE 127 V 299 Erw. 5a; in der Amtlichen Sammlung noch nicht veröffentlichtes Urteil N. vom 12. März 2004, I 683/03, Erw. 2.2.5 mit weiterem Hinweis). Ob eine Verschärfung der appellativen Symptomatik - soweit überhaupt bewusstseinsfern - für einen allfälligen Arbeitgeber zumutbar wäre, wirft die Gutachterin zwar als Frage auf, bejaht sie aber nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit. 4.3 Kommt dem umfassenden, auf allseitigen Untersuchungen beruhenden, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigenden und in Kenntnis der Vorakten abgegebenen Gutachten voller Beweiswert zu (BGE 125 V 352 Erw. 3a) und sind die von der Beschwerdeführerin gegen die Schlussfolgerungen des Gutachtens erhobenen Einwände unbegründet, steht mit dem im Sozialversicherungsrecht geltenden Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 360 Erw. 5b, 125 V 195 Erw. 2, je mit Hinweisen) fest, dass der Versicherten in einer leidensangepassten Tätigkeit - trotz somatisch und psychisch bedingter Einschränkungen - die Verwertung der verbleibenden Restarbeitsfähigkeit von 50% zumutbar ist.