Citation: U 216/01 15.10.2003 E. 3

Die Ärzte der Neurologisch-Neurochirurgischen Klinik des Spitals Z.________ führten in ihrem Bericht zuhanden des Vertrauensarztes der National vom 8. Juli 1997 aus, aktuell werde bei der Versicherten keine spezifische Therapie durchgeführt; im Abstand von jeweils drei Monaten erfolgten weiterhin Nachkontrollen. Wegen der auf die Schussverletzung zurückzuführenden Beinparese könne die Beschwerdegegnerin zur Zeit nur etwa eineinhalb Stunden stehen und herumgehen, danach müsse sie sich wieder ausruhen. Als Serviceangestellte im Gastgewerbe bestehe daher eine vollständige Arbeitsunfähigkeit, während "in einer anderen Arbeit (...) aktuell aufgrund der Kraftverhältnisse im linken Bein eine Arbeitsfähigkeit von 50 %, in einer sitzenden Tätigkeit (nach Durchführung von Umschulungsmassnahmen) sogar von 100 %" bestehe. Die Leistungsfähigkeit werde einerseits durch den Funktionszustand des linken Beins, anderseits durch die psychosozialen Umstände bestimmt. Hinsichtlich der Beinlähmung sei auf Grund des bisherigen günstigen Verlaufs in den nächsten Monaten mit einer weiteren, möglicherweise fast vollständigen Rückbildung zu rechnen. Allerdings sei auch eine neuerliche Verschlechterung nicht ausgeschlossen: Weil das Projektil wegen seiner "delikaten Lage" nicht entfernt worden sei, könnten bei einer erneuten Wanderung durch die Kompression des Nervus femoralis oder einer anderen Nervenstruktur wiederum Probleme entstehen. Eineinhalb Jahre später hatte sich die Situation laut den beiden Berichten der genannten Neurologisch-Neurochirurgischen Klinik vom 30. Dezember 1998 (an die IV-Stelle) und vom 6. Januar 1999 (zuhanden des Unfallversicherers) insofern geändert, als sich zwar einerseits eine deutliche Verbesserung der groben Kraft des Musculus iliopsoas sowie des Musculus quadrizeps links eingestellt, anderseits aber durch eine Schmerzausweichreaktion, d.h. auf Grund einer chronischen Fehlbelastung eine sekundäre Problematik im Kniegelenk (wahrscheinlich eine Chondropathia patellae) ausgebildet hätte. Diese sekundäre Schmerzproblematik sei für die aktuelle Behinderung in grösserem Masse verantwortlich als die rein neurogenen Schmerzen auf Grund der Irritation des Nervus femoralis durch das Projektil. Der deutlichen Verbesserung der neurogenen Komponente stünden also die sekundär ausgebildeten Schädigungen des Bewegungsapparates im Bereiche des linken Kniegelenks gegenüber, welche bezüglich der Schmerzen und der Belastbarkeit des linken Beines zu insgesamt unveränderten Verhältnissen geführt hätten. Nach wie vor sei indessen von klar unfallbedingten Folgeschädigungen auszugehen. Mit Bezug auf die Arbeitsunfähigkeit wurden die früheren Feststellungen im Bericht vom 8. Juli 1997 wiederholt und im Hinblick auf ohne vorherige Umschulungsmassnahmen zumutbare Erwerbstätigkeiten dahin gehend präzisiert, dass Arbeiten mit wenig Gehleistung, einer Tragbelastung von nicht mehr als 10 bis 15 kg sowie ohne monotone Körperhaltung der durch die Schussverletzung verursachten Behinderung angepasst seien und noch im Umfange von 50 % ausgeübt werden könnten. Im Zusammenhang mit dem Nachholen einer Berufsausbildung wurde erneut auf die Beeinträchtigung durch die - nicht unfallbedingte - psychosoziale Problematik verwiesen. Gemäss Bericht der Psychiatrischen Klinik X.________ vom 15. Dezember 1997 hat die Beschwerdegegnerin in ihrer Adoleszenz eine schwere Fehlentwicklung mit Drogenabhängigkeit, Delinquenz und wiederholtem Ausreissen aus Heimen durchgemacht und dabei einen psychosozialen Ordnungsverlust mit einer entsprechenden Milieuschädigung erlitten. Es schienen Züge der Borderline-Persönlichkeitsstörung mit v.a. selbstschädigendem und impulsivem Verhalten vorhanden gewesen zu sein, doch habe die Versicherte diese heute weitgehend kompensiert. Aus psychiatrischer Sicht liege keine nennenswerte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit vor. Neben der somatischen Limitierung im linken Bein werde die berufliche Wiedereingliederung aber sicher auch durch die Persönlichkeitsstruktur und das Verhalten der Beschwerdegegnerin erschwert, indem ihr burschikos rockerhaftes Benehmen und ihre ausgedehnten Tätowierungen gewisse Berufe verunmöglichten.