Citation: 8C_84/2022 E. 3

Die Vorinstanz erwog im Wesentlichen, bei Erlass der Verfügung der IV-Stelle vom 1. Juni 2016 sei die Beschwerdeführerin aus somatischen Gründen in der bisherigen Tätigkeit als Bankangestellte zu 30 % in der Arbeitsfähigkeit eingeschränkt gewesen. Eine behinderungsangepasste Tätigkeit sei ihr zu sechs bis sieben Stunden pro Tag zumutbar gewesen. Im Zeitpunkt der strittigen Verfügung vom 30. Juni 2021 sei die Beschwerdeführerin neu zusätzlich psychisch beeinträchtigt gewesen. Das ABI-Gutachten vom 26. Oktober 2020 erfülle die Anforderungen an eine beweiskräftige medizinische Beurteilungsgrundlage. Die ABI-Beurteilung, wonach somatischerseits als Bankangestellte und in einer angepassten Tätigkeit eine 20%ige Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit bestehe, sei nachvollziehbar und überzeugend, weshalb darauf abgestellt werden könne. Gleiches gelte insofern, als die ABI-Gutachter das Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung verneint hätten. Nicht überzeugend sei hingegen ihre Diagnose einer komplexen PTBS, zumal diese in der Klassifikation ICD-10 nicht enthalten sei bzw. erst in der am 1. Januar 2022 in Kraft tretenden Fassung ICD-11 und damit nach Entstehung des ABI-Gutachtens figurieren werde. Zudem seien bei der Beschwerdeführerin die diagnostischen Kriterien einer PTBS nicht erfüllt, weshalb die Diagnose einer komplexen PTBS auch nach Inkrafttreten der Klassifikation ICD-11 nicht gestellt werden könnte. Nicht gefolgt werden könne - so die Vorinstanz weiter - dem Bericht der Dr. med. C.________, FMH Gynäkologie und Geburtshilfe, vom 5. Dezember 2019, wonach die Beschwerdeführerin somatischer- und psychischerseits zu 50 % arbeitsunfähig sei. Denn abgesehen davon, dass Dr. med. C.________ die psychiatrische Fachkompetenz fehle, sei ihre Einschätzung nicht nachvollziehbar begründet. Nicht abgestellt werden könne mangels nachvollziehbarer Begründung auch auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung des Dr. med. D.________, Innere Medizin FMH, vom 11. Februar 2020, wonach der Beschwerdeführerin eine Erwerbstätigkeit nur noch während vier bis allenfalls fünf Stunden pro Tag zumutbar sei. Nicht überzeugend sei weiter der Bericht des Psychiaters Dr. med. E.________, vom 10 März 2020, wonach die Beschwerdeführerin in sämtlichen Tätigkeiten zu 50 % arbeitsunfähig sei, zumal er ebenfalls von einer komplexen PTBS ausgegangen und seine Einschätzung zudem nicht nachvollziehbar begründet sei. Schliesslich sei hinsichtlich der Stellungnahmen der F.________, Fachärztin für Innere Medizin/Prävention und Gesundheitswesen, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD) der IV-Stelle, vom 25. Januar 2018 und 9. November 2020 zu beachten, dass sie in psychiatrischer Hinsicht nicht fachkompetent sei. Somit könne auf ihre Einschätzung, dem ABI-Gutachten vom 26. Oktober 2020 dürfe in psychiatrischer Hinsicht, insbesondere bezüglich der Bejahung eine komplexen PTBS, gefolgt werden, nicht abgestellt werden. Weiter führte die Vorinstanz aus, der Umstand, dass dem ABI-Gutachten vom 26. Oktober 2020 in psychiatrisch-diagnostischer Hinsicht nicht gefolgt werden könne, sei ein gewichtiger Anhaltspunkt dafür, dass es sich beim psychischen Gesundheitsschaden der Beschwerdeführerin bloss um einen geringfügigen, die Arbeitsfähigkeit nicht dauerhaft erheblich beeinträchtigenden psychopathologischen Befund handle, weshalb sich ein strukturiertes Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 erübrigen würde. Diese Frage könne jedoch offen bleiben, da im Rahmen der Beweiswürdigung anhand der Indikatorenprüfung - wofür sich dem ABI-Gutachten hinreichende Ausführungen entnehmen liessen - eine psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin rechtlich zu verneinen sei. Folglich sei gestützt auf das in somatischer Sicht nachvollziehbare und insoweit auch aus rechtlichen Gründen nicht zu beanstandende ABI-Gutachten vom 26. Oktober 2020 davon auszugehen, dass der Beschwerdeführerin die Ausübung der bisherigen und einer angepassten Tätigkeit im Umfang eines Arbeitspensums von 80 % zumutbar sei.