Citation: U 283/06 23.02.2007 E. 8

Weiter rügt die Beschwerdeführerin, es sei stossend, widerspreche jeglichem Rechtsverständnis und verletze das Verbot des überspitzten Formalismus, wenn beide der am Verfahren beteiligten Parteien von der gesetzlich richtigen Eröffnung der Beschwerdefrist und damit der zeitgerechten Ergreifung des Rechtsmittels ausgingen, die Vorinstanz jedoch mit formalistischer Begründung darüber hinweggehe. Die Erwägungen des angefochtenen Entscheides missachteten das verfassungsrechtliche Verbot des überspitzten Formalismus (Art. 29 BV), welches eine vernünftige, faire Handhabung prozessualer Formen und Fristen gebiete (Reinhold Hotz, in: Ehrenzeller/Mastronardi/Schweizer/ Vallender [Hrsg.], Die Schweizerische Bundesverfassung, St. Galler Kommentar, Zürich/Lachen [SZ] 2002, Rz 22 zu Art. 29 mit Hinweis auf BGE 117 Ia 119 E. 3 f. S. 124). Selbst wenn die Erwägungen des angefochtenen Entscheides zutreffend sein sollten, gehe das Interesse der Y.________ an der materiellen Beurteilung von Grundsatzfragen des "Zuweisungsrechts" und damit die Rechtssicherheit der formalistischen Prüfung einer von den Beteiligten nicht in Frage gestellten Rechtsmittelfrist vor. 8.1 Überspitzter Formalismus ist eine besondere Form der Rechtsverweigerung. Eine solche liegt vor, wenn für ein Verfahren rigorose Formvorschriften aufgestellt werden, ohne dass die Strenge sachlich gerechtfertigt wäre, wenn die Behörde formelle Vorschriften mit übertriebener Schärfe handhabt oder an Rechtsschriften überspannte Anforderungen stellt und den Bürgern und Bürgerinnen den Rechtsweg in unzulässiger Weise versperrt (BGE 120 V 413 E. 4b S. 417). Wohl sind im Rechtsgang prozessuale Formen unerlässlich, um die ordnungsgemässe und rechtsgleiche Abwicklung des Verfahrens sowie die Durchsetzung des materiellen Rechts zu gewährleisten. Nicht jede prozessuale Formstrenge steht demnach mit Art. 29 Abs. 1 BV im Widerspruch. Überspitzter Formalismus ist nur gegeben, wenn die strikte Anwendung der Formvorschriften durch keine schutzwürdigen Interessen gerechtfertigt ist, zum blossen Selbstzweck wird und die Verwirklichung des materiellen Rechts in unhaltbarer Weise erschwert oder verhindert (BGE 130 V 177 E. 5.4.1 S. 183 mit Hinweisen). 8.2 Hat das kantonale Gericht zutreffend erkannt, dass Zuweisungsentscheide nach Art. 73 Abs. 2 UVG keine Entscheide über Versicherungsleistungen im Sinne von Art. 106 UVG sind (E. 7.2.2 hievor), ist die korrekte Rechtsanwendung von Art. 60 Abs. 1 ATSG im vorinstanzlichen Beschwerdeverfahren nicht als willkürlich zu bezeichnen. Die Erwägungen des angefochtenen Entscheids zur massgebenden Frist sind nicht überspitzt formalistisch. Die Berufung auf den Verfassungskommentator Reinhold Hotz (a.a.O.; E. 8 hievor) ist schon deshalb unbehelflich, weil dieser auf BGE 117 Ia 119 verweist, in welchem eine unklare oder widersprüchliche Rechtsmittelordnung zur Diskussion stand. Dies trifft hier, wie in Erwägung Ziffer 7.2.2 dargelegt, nicht zu. Die prozessuale Formstrenge, welche mit der strikten Anwendung einer klaren gesetzlichen Rechtsmittelfrist naturgemäss verbunden ist, hat unweigerlich zur Folge, dass der Streitgegenstand bei Versäumnis der einschlägigen Rechtsmittelfrist grundsätzlich einer materiellrechtlichen Überprüfung durch ein Gericht entzogen bleibt. Die Einhaltung und korrekte Anwendung der zutreffenden Beschwerdefrist von Art. 60 Abs. 1 ATSG liegt mit Blick auf die Grundsätze der Rechtsgleichheit und der Rechtssicherheit im öffentlichen Interesse an der Sicherstellung eines geordneten Verfahrensganges. Die Rüge des überspitzten Formalismus ist unbegründet.