Citation: I 107/06 01.02.2007 E. 5

Die Partei kann sich, wenn sie nicht persönlich zu handeln hat, jederzeit vertreten oder, soweit die Dringlichkeit einer Untersuchung es nicht ausschliesst, verbeiständen lassen (Art. 37 Abs. 1 ATSG). Gemäss Art. 37 Abs. 2 ATSG kann der Versicherungsträger die Vertretung auffordern, sich durch schriftliche Vollmacht auszuweisen. Mit dieser Bestimmung wird klargestellt, dass der Versicherungsträger das Vertretungsverhältnis auch ohne schriftliche Vollmacht als gegeben betrachten kann. Ein Vertretungsverhältnis kann demnach namentlich gestützt auf eine mündlich oder durch konkludentes Handeln erteilte Vollmacht begründet werden (BGE 99 V 181; ZAK 1988 S. 399 Erw. 2b; vgl. auch BGE 101 Ia 43 f.). Es steht im Ermessen des Versicherungsträgers, eine schriftliche Vollmacht zu verlangen (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, Kommentar zum Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts vom 6. Oktober 2000, Zürich 2003, Rz 9 f. zu Art. 37). Art. 37 Abs. 3 ATSG greift den in Art. 11 Abs. 3 VwVG festgelegten Grundsatz auf, wonach Mitteilungen an die Vertretung zu richten sind, solange die Partei die Vollmacht nicht widerruft (Kieser, a.a.O., Rz 11 zu Art. 37). Dieser Grundsatz dient - im Interesse der Rechtssicherheit - dazu, allfällige Zweifel darüber zum vornherein zu beseitigen, ob die Mitteilungen an die Partei selber oder an ihren Vertreter zu erfolgen haben, sowie um klarzustellen, welches die für einen Fristenlauf massgebenden Mitteilungen sein sollen (BGE 99 V 182; ZAK 1991 S. 377 Erw. 2a, 1977 S. 155 Erw. 2a; RKUV 1986 Nr. U 6 S. 333 Erw. 3b). 5.1 Vorliegend ist unbestritten, dass der Einspracheentscheid vom 22. Juni 2005 zunächst nur Y.________ zugestellt worden ist. Erst auf telefonische Bitte der Sozialarbeiterin vom 6. September 2005 versandte die IV-Stelle gleichentags eine Kopie des Einspracheentscheides an den Versicherten. Es ist dem kantonalen Gericht beizupflichten, dass die IV-Stelle mit Blick auf die konkreten Umstände von einem Vertretungsverhältnis zwischen Y.________ und dem Beschwerdeführer ausgehen konnte und musste. Denn die Einsprache wurde auf dem Briefpapier der Sozialberatung der Klinik X.________ verfasst und von der Leiterin dieser Dienststelle unterschrieben. Der Versicherte setzte seine Unterschrift unter diejenige der Sozialberaterin. Damit gab er das Einverständnis zu seiner Vertretung durch die Sozialberatung im Einspracheverfahren. Aus der gegenteiligen Argumentation des Beschwerdeführers, wonach die doppelte Unterschrift eher gegen ein Vertretungsverhältnis spreche, weil eine Einsprache üblicherweise ausschliesslich vom mandatierten Vertreter unterschrieben werde, kann für die vorliegende Situation nichts gewonnen werden. Denn auch mit einem eher unüblichen Vorgehen, dem Unterschreiben der bereits von der Vertretung unterschriebenen Eingabe, kann ein Vertretungsverhältnis begründet oder zumindest der Anschein eines Vertretungsverhältnisses erweckt werden. An diesem Ergebnis ändert entgegen der in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde geäusserten Ansicht nichts, dass das Vertretungsverhältnis der Verwaltung nicht mit einer gebräuchlichen Redewendung ("Ich teile Ihnen mit, dass ich die Interessen von Herrn M. vertrete und ersuche Sie, die Korrespondenz in Zukunft mir zuzustellen."; "namens und im Auftrag von") angezeigt wurde, oder der Versicherte nunmehr erklärt, er habe den Willen nicht gehabt, sich durch die Sozialberaterin vertreten zu lassen. Soweit der Beschwerdeführer schliesslich geltend macht, die Behörde habe es versäumt, mit einer einfachen mündlichen oder schriftlichen Nachfrage Gewissheit über das Vorliegen einer Vertretung zu erlangen, kann ihm nicht gefolgt werden. Die IV-Stelle hatte angesichts der konkreten Umstände keinerlei Anlass, eine Nachfrage zu tätigen oder eine (separate) Vollmacht im Sinne von Art. 37 Abs. 2 ATSG einzuholen. 5.2 Demzufolge war einzig die Zustellung des Einspracheentscheides an Y.________ fristauslösend. Die Sozialarbeiterin muss sich entgegenhalten lassen, dass sie zumindest den Anschein erweckt hat, den Versicherten im Einspracheverfahren zu vertreten. Es wäre ihre Sache gewesen, innert nützlicher Frist für die Weiterleitung des ihr zugestellten Einspracheentscheides an den Beschwerdeführer zu sorgen. Dieses Versäumnis hat sich der Versicherte anrechnen zu lassen. Der vorinstanzliche Nichteintretensentscheid ist daher - auch unter Berücksichtigung des sommerlichen Fristenstillstandes (BGE 132 V 366 Erw. 3.2.2) - rechtens.