Citation: 9C_51/2023 E. 5.2

5.2. Allgemeine Rechtsgrundsätze sind Rechtsnormen, die wegen ihrer Tragweite sowohl im öffentlichen Recht als auch im Privatrecht gelten. Im Stufenbau der Rechtsordnung stehen sie auf gleicher Ebene wie das Gesetz (HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 8. Aufl. 2020, N. 145 und N. 147; ULRICH MEYER, Das Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG] und das Schicksal der allgemeinen Rechtsgrundsätze des Sozialversicherungsrechts, in: Ausgewählte Schriften, 2013, S. 191 ff., S. 196 f.). Sie kommen vorab dort zum Zug, wo das Gesetz eine Lücke aufweist (WIEDERKEHR/RICHLI, Praxis des allgemeinen Verwaltungsrechts, Band I, 2012, N. 713). Das Bundesgericht hat in seiner bisherigen Rechtsprechung zwar verschiedene prozessuale Regeln als allgemeine Rechtsgrundsätze anerkannt, etwa bei der Berechnung von Rechtsmittelfristen (ausführlich MEYER, a.a.O, S. 203 f.; ARTHUR BRUNNER/CHRISTOPH BÜRKI, Allgemeine Rechtsgrundsätze im öffentlichen Prozessrecht, in: iνόμοις πείθου - gehorche den Gesetzen: Liber amicorum für Hansjörg Seiler, 2022, S. 265 ff., S. 271 ff.). Ausdrücklich abgelehnt hat es aber, die Nachfristansetzung bei verpasster Frist für die Leistung eines Kostenvorschusses als allgemeinen Rechtsgrundsatz zu qualifizieren (Urteil 2D_6/2018 vom 28. Mai 2018 E. 2.3.1; vgl. auch Urteil 5A_890/2019 vom 9. Dezember 2019 E. 4, wonach allgemeiner Rechtsgrundsatz ist, dass Fristen einzuhalten sind).