Citation: U 153/05 01.03.2006 E. 6

Streitig ist mithin als Erstes der natürliche Kausalzusammenhang zwischen den versicherten Unfällen vom 28. Juni 1996 und 8. Dezember 1998 sowie den seit 1. Mai 1998 respektive 1. August 1999 weiterhin bestehenden Gesundheitsstörungen. 6.1 Hinsichtlich des Ereignisses vom 8. Dezember 1998 (mehrere Auffahrunfälle) diagnostizierte Dr. med. T.________ unter anderem eine HWS-Distorsion mit Begleitdiagnose Depression. Zirka eine Stunde nach dem Unfall sei Schwindel aufgetreten, der bei der Untersuchung am 9. Dezember 1998 angedauert habe. Weiter stellte er einen Spontanschmerz am Kopf occipital, Parästhesien beider Arme und Hände wechselnder Intensität sowie eine ca. 30%ige Einschränkung der HWS-Beweglichkeit fest (Berichte vom 1. und 2. Januar 1999 sowie 10. und 20. März 1999). Die Neurologische Klinik des Universitätsspitals U.________, wo der Versicherte am 19. Januar 1999 untersucht wurde, ging im Bericht gleichen Datums von einem Schleudertraumamechanismus am 8. Dezember 1998 aus. Der Versicherte habe danach an Schwindel (während 2 bis 3 Tagen), etwas Nausea, Schmerzen am linken Unterschenkel prätibial, Nackenschmerzen von okzipital nach bifrontal, Taubheitsgefühl DIG III bis V (ganze Finger, ca. 3 bis 4 Mal täglich, bei forcierter Bewegung wieder gut, rechte Hand bei gleicher Lokalisation seltener), ziehenden Schmerzen ventralbetont am Ober- und Unterarm sowie Stechen im Kreuzbereich gelitten. Nach dem Gesagten trat innerhalb der von der Rechtsprechung anerkannten Latenzzeit das für ein HWS-Schleudertrauma bzw. eine -Distorsion als äquivalente Verletzung typische Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden auf (BGE 117 V 360 Erw. 4b; RKUV 2000 Nr. U 359 S. 29; SVR 1995 UV Nr. 23 S. 67 Erw. 2; Urteil A. vom 24. Oktober 2005 Erw. 4.2.1, U 90/05). Damit ist mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt, dass der Beschwerdeführer am 8. Dezember 1998 eine solche Verletzung erlitten hat (vgl. auch Erw. 6.4 hienach). 6.2 Aus nachfolgenden Gründen stellen indessen die ärztlichen Unterlagen keine hinreichende Grundlage zur Beurteilung der natürlichen Kausalität dar. 6.2.1 Eine erste Diskrepanz besteht darin, dass Frau Dr. med. S.________ von einer posttraumatischen Belastungsstörung im Anschluss an den Unfall vom 8. Dezember 1998 ausging (Erw. 4.2 hievor), während Dr. med. K.________ diese Diagnose ebenso verwarf wie Dr. med. R.________ (Erw. 4.3.2 und und 4.4 hievor). Zum anderen bestehen divergierende Auffassungen zur natürlichen Kausalität zwischen den versicherten Unfällen und den anhaltenden Beschwerden: von der behandelnden Psychiaterin Frau Dr. med. S.________ (Erw. 4.2 hievor) und vom neurologischen Gutachter Dr. med. N.________ (Erw. 4.3.3 hievor) wurde sie bejaht, während die diesbezüglichen Angaben des psychiatrischen Experten Dr. med. K.________ nicht hinreichend klar sind (Erw. 4.3.2 hievor und 6.2.3 hienach). Die Dres. med. R.________ und C.________ verneinten die natürliche Kausalität unter Berufung auf die Angaben des Dr. med. K.________ (Erw. 4.4 f. hievor). 6.2.2 Im Rahmen der Begutachtung durch die Rehaklinik B.________ beauftragte die Winterthur den Neurologen Dr. med. N.________ als federführenden Experten, bei den jeweiligen Fachärzten neuropsychologische und psychiatrische Gutachten einzuholen. Dr. med. N.________ nahm im Schlussgutachten vom 26. März 2002 auch zur natürlichen Kausalität der psychischen Beschwerden Stellung (Erw. 4.3.3 hievor) ohne den psychiatrischen Mitexperten Dr. med. K.________ in die Konklusion des Gutachten im Rahmen einer multidisziplinären Konsens-Konferenz mit einzubeziehen. Vielmehr steht unbestrittenermassen fest, dass Dr. med. K.________ das von Dr. med. N.________ allein verfasste Schlussgutachten vom 26. März 2002 weder gesehen noch unterschrieben hat. Unter diesen Umständen überzeugt die Expertise nicht. 6.2.3 Im Weiteren ist die Beurteilung des Dr. med. K.________ hinsichtlich der natürlichen Kausalität nicht hinreichend klar. Zum Unfall vom 28. Juni 1996 legte er dar, für die mit erheblicher Latenz erst ab Frühjahr 1998 eingetretene depressive Dekompensation gebe es auch andere Erklärungen als diejenigen, die der Versicherte betone (Depression infolge von Kopfschmerzen und erfolglosen medikamentösen Behandlungsversuchen). Bezüglich der Ereignisse vom 8. Dezember 1998 führte er aus, es sei schwierig, die heute bestehende psychische Störung spezifisch darauf oder gar eingegrenzt auf die Kollisionen zurückzuführen. Die noch vorliegende Reaktion auf die zurückliegenden Ereignisse sei vorwiegend von Ärger und nur wenig von psychotraumatologischer Angst geprägt. Insgesamt sei die Verarbeitung der Unfälle und der daraus resultierenden körperlichen Folgen (Schmerzen) in vieler Hinsicht als dysfunktional zu bezeichnen. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung sei wahrscheinlich. An anderer Stelle gab Dr. med. K.________ indessen an, eine psychotraumatische Ursache, die direkt auf die Ereignisse des 8. Dezember 1998 zurückgehe, sei allenfalls eine Teilursache oder eine von mehreren Möglichkeiten; aus psychotraumatologischer Sicht bestehe eine atypische und im Vergleich zum Schweregrad des Vollbildes einer posttraumatischen Belastungsstörung auch deutlich leichtere Störung, die wahrscheinlich nur teilweise in den Ereignissen vom 8. Dezember 1998 wurzle. Aufgrund dieser Ausführungen ist der Wegfall jeder kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen des Gesundheitsschadens nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen. Es ist nicht auszuschliessen, dass die Unfälle zumindest eine Teilursache der Beschwerden sind, was für die Bejahung der natürlichen Kausalität genügt (BGE 129 V 181 Erw. 3.1, 121 V 329 Erw. 2a; RKUV 2001 Nr. U 412 S. 79 [Urteil B. vom 12. Oktober 2000, U 96/00]; Urteil S. vom 16. Dezember 2005 Erw. 3.2, U 294/05). 6.2.4 Auf die Angaben der Frau Dr. med. S.________ vom 5. Juli 2000 kann für sich allein nicht abgestellt werden, da sie bloss im Rahmen eines ärztlichen Zwischenberichts abgegeben wurden, dem eine substanziierte Begründung abgeht. Zudem ist der Tatsache Rechnung zu tragen, dass behandelnde Ärzte im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen mitunter eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE 125 V 353 Erw. 3b/cc; Urteil F. vom 9. Februar 2006 Erw. 4, I 736/05). 6.2.5 Die Berichte der Dres. med. R.________ vom 28. August 2002 und C.________ vom 2. Juli 2003 können ebenfalls nicht als ausschlaggebende Entscheidungsgrundlage herangezogen werden, weil sie den Versicherten nicht selber untersucht haben und die Beweisanforderungen an einen Aktenbericht angesichts des unklaren Sachverhalts nicht erfüllt sind (Urteile M. vom 3. Januar 2006 Erw. 4.2.3, I 633/05, und U. vom 5. Dezember 2005 Erw. 5.3, U 324/05, mit Hinweisen). Hievon abgesehen ist die Stellungnahme des Dr. med. R.________ bezüglich der natürlichen Kausalität nicht rechtsgenüglich. Er gab an, es bestehe eine narzisstische Persönlichkeitsstörung mit höchst komplexer psychosozialer Situation zur Zeit des zweiten Unfalls und massiven psychoreaktiven Beschwerden, die inkl. die geklagten persistierenden Kopfschmerzen durchaus auch ohne den Unfall bestehen könnten (Erw. 4.3.4 hievor). Entgegen dieser "Kann-Formulierung" ist aber massgebend, ob die Störungen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht mehr unfallkausal sind (RKUV 2000 Nr. U 363 S. 46 Erw. 2; Urteil C. vom 3. Januar 2006 Erw. 2, U 320/05). 6.3 Mangels Schlüssigkeit des Gutachtens der Rehaklinik B.________ vom 26. März 2002 (Erw. 6.2.2 hievor) sowie angesichts der widersprüchlichen und unklaren medizinischen Aktenlage kann die Frage, ob es sich bei den seit 1. Mai 1998 und 1. August 1999 bestehenden Gesundheitsstörungen zumindest teilweise um natürlich kausale Folgen der versicherten Unfälle vom 28. Juni 1996 und 8. Dezember 1998 handelt, nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit beantwortet werden. Anderseits ist auch das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung der Unfälle nicht belegt. Aus dem unfallanalytischen Gutachten des Dipl. Ing. (FH) T.________ vom 25. Juni 1999 sowie der Biomechanischen Beurteilung des Prof. Dr. med. A.________ vom 3. August 1999 betreffend das Ereignis vom 8. Dezember 1998 kann nichts abgleitet werden. Gleiches gilt hinsichtlich der vom Versicherten angerufenen Biomechanischen Kurzbeurteilung (Triage) des Prof. Dr. med. A.________ vom 11. August 2003 betreffend einen weiteren Unfall vom 18. März 2003, zumal Prof. Dr. med. A.________ den Versicherten nicht selbst untersucht hat. Denn unfallanalytische Erkenntnisse und biomechanische Überlegungen vermögen allenfalls gewichtige Anhaltspunkte zur mit Blick auf die Adäquanzprüfung (Erw. 6.4 hienach) relevanten Schwere des Unfallereignisses zu liefern; sie bilden jedoch für sich allein in keinem Fall eine hinreichende Grundlage für die Beurteilung der natürlichen Kausalität (RKUV 2003 Nr. U 489 S. 359 mit Hinweisen [Urteil A. vom 24. Juni 2003, U 193/01]; Urteil O. vom 14. Dezember 2005 Erw. 3.1, U 341/04). Damit erweist sich der Sachverhalt als ungenügend abgeklärt, weshalb der kantonale Entscheid und der Einspracheentscheid aufzuheben sind. Nachdem die Winterthur bereits ein medizinisches Gutachten durchführen liess, rechtfertigt es sich, die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit sie ein Gerichtsgutachten einhole (vgl. BGE 122 V 163 Erw. 1d in fine; vgl. auch Urteile T. vom 9. August 2004 Erw. 2.3, U 347/03, und K. vom 16. Juni 2004 Erw. 2.2.2, I 611/03). Abzuklären ist, an welchen gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Versicherte über den 30. April 1998 und 31. Juli 1999 hinaus litt und ob diese in natürlicher Kausalität zu den Unfällen vom 28. Juni 1996 respektive 8. Dezember 1998 standen. Bejahendenfalls ist zu untersuchen, ob und allenfalls in welchem Ausmass diese Leiden Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit und Integrität hatten und ob von einer Fortsetzung der Heilbehandlung noch eine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes zu erwarten gewesen war. 6.4 Ob die geklagten Beschwerden adäquat kausale Unfallfolgen sind, ist - falls der natürliche Kausalzusammenhang auf Grund der ergänzenden medizinischen Abklärungen zu bejahen ist - erst nach Abschluss des allenfalls unfallbedingt noch erforderlichen, normalen Heilungsprozesses zu prüfen (in HAVE 2004 S. 119 zusammengefasstes Urteil K. vom 11. Februar 2004, U 246/03; Urteil S. vom 4. Mai 2005 Erw. 4, U 372/04, mit Hinweisen). Ebenso lässt sich die Frage, ob die zum typischen Beschwerdebild eines HWS-Distorsionstraumas gehörenden Verletzungen (Erw. 6.1 hievor) zwar teilweise vorliegen, im Vergleich zur psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund treten, und demgemäss die Adäquanzbeurteilung nach den in BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa aufgestellten Grundsätzen für Unfälle mit psychischen Folgeschäden vorzunehmen wäre, erst nach erfolgter medizinischer Abklärung beurteilen.