Citation: I 834/05 16.08.2006 E. 5

5.1 Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 261 Erw. 4, 115 V 134 Erw. 2, 114 V 314 Erw. 3c, 105 V 158 Erw. 1). 5.2 In Übereinstimmung mit dem Bericht der PUK vom 10. Dezember 2003 anerkannte die Versicherte mit vorinstanzlicher Beschwerdeschrift, dass sie seit ihrer Kindheit an einer depressiven Störung leide, welche "heute zum grössten Teil verheilt" sei. "Die soziale Angst dagegen verspüre [sie] erst seit 2001." Weiter ist der Beschwerdeschrift vom 5. April 2005 zu entnehmen, aus dem Bericht des Dr. med. H.________ gehe nicht hervor, dass sie bei Einreise in die Schweiz arbeitsunfähig gewesen sei. Vielmehr sei sie im achten Monat schwanger gewesen. Sie und ihr Ehemann hätten damals gerade eine politische Verfolgung hinter sich gehabt und seien voller Ungewissheit in ein fremdes Land eingereist. Ein Jahr lang hätten sie nicht gewusst, ob ihr Asylantrag gutgeheissen oder abgelehnt werden würde. Nach Ablauf des ersten Jahres habe sie Deutschkurse besuchen können, ohne dass sie Anzeichen einer sozialen Angst gezeigt habe. 5.3 Entgegen der Versicherten steht gestützt auf den Bericht des Dr. med. H.________ vom 31. März 2004 fest, dass sie bei Einreise in die Schweiz 1997 nicht arbeitsfähig war. Die Frage nach der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdegegnerin als Verkäuferin beantwortete der behandelnde Arzt wie folgt: "Die Versicherte war im 18. Lebensjahr ein Jahr lang als Verkäuferin im Geschäft ihrer Tante tätig, wo sie schlechte Erfahrungen gemacht habe. Nach der Einreise in die Schweiz hat sie keine berufliche Tätigkeit ausgeübt. Eine konfrontative Arbeit auf diese Art als erste Tätigkeit in der Schweiz ist trotz der Behandlung weiterer vorhandener sozialer Ängste nicht die geeignetste. Wir würden eine Tätigkeit in einem Atelier, z.B. in einem Nähatelier, empfehlen." Gemäss Bericht desselben Arztes vom 22. Januar 2004 war die Beschwerdegegnerin in den letzten Jahren infolge ihrer gesundheitlichen Störung in allen Lebensbereichen massiv beeinträchtigt und insbesondere auch an der Ausübung einer Tätigkeit als Verkäuferin gehindert. In sozialkonfrontierenden Situationen waren wegen einer Restsymptomatik bezüglich sozialer Phobie trotz guter Behandlungsresultate weiterhin Einschränkungen zu erwarten. Gestützt auf den Bericht der PUK vom 10. Dezember 2003 erkannte die IV-Stelle zutreffend, dass die Beschwerdegegnerin schon lebenslang nicht nur an rezidivierenden depressiven Episoden, sondern auch unter sozialen Ängsten gelitten hat. Diese - stets vorhandenen - Beschwerden sind dann nach Vollremission der Depression anlässlich der stationären Behandlung als schwere soziale Phobie in den Vordergrund getreten. Die Gesundheitsstörung, welche die Versicherte an der Ausübung einer sozialkonfrontierenden Tätigkeit als Verkäuferin hinderte, war nach der überzeugenden, nachvollziehbaren und in sich widerspruchsfreien Beurteilung des behandelnden Arztes schon vor der Einreise in die Schweiz mit dem im Sozialversicherungsrecht geltenden Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 360 Erw. 5b) in der Form von sozialen Ängsten vorhanden. Was die Beschwerdegegnerin hiegegen vorbringt, ist unbegründet. Insbesondere kommt dem Besuch eines Sprachkurses mit Blick auf die im Erwerbsleben einschränkenden sozialen Ängste nicht die gleiche Bedeutung zu, wie einer beruflichen Tätigkeit im Verkauf, wo Verkäuferinnen und Verkäufer einer personell ständig wechselnden Kundschaft unmittelbar ausgesetzt sind. 5.4 Nach dem Gesagten ist der Beschwerde führenden IV-Stelle beizupflichten, soweit sie gestützt auf die Angaben der PUK und des psychiatrisch behandelnden Arztes im Gegensatz zum kantonalen Gericht darauf schloss, dass die Versicherte schon vor Einreise in die Schweiz an psychischen Beschwerden (unter anderem sozialen Ängsten) litt, welche sie bereits in der Türkei bei der Ausübung einer sozialkonfrontierenden Erwerbstätigkeit im Verkauf erheblich einschränkten. Auch wenn sie nach der Geburt ihres ersten Kindes am 15. April 1997 - gut einen Monat nach Einreise in die Schweiz - nicht aus gesundheitlichen Gründen auf die Ausübung einer Erwerbstätigkeit verzichtet hat, ändert dies nichts daran, dass sie bei Einreise in die Schweiz nach ausdrücklicher ärztlicher Bestätigung des Dr. med. H.________ arbeitsunfähig war und schon in ihrem Heimatland unter psychischen Störungen litt, welche sie an der Ausübung einer Erwerbstätigkeit im Verkauf hinderten. Trat somit nach zutreffender Auffassung der IV-Stelle die leistungsspezifische Invalidität in Bezug auf den Anspruch auf berufliche Eingliederungsmassnahmen (Erw. 2 hievor) schon vor Einreise der Versicherten in die Schweiz ein, hat die Verwaltung mit Einspracheentscheid vom 23. Februar 2005 das Leistungsgesuch der Beschwerdegegnerin zu Recht abgelehnt, da diesbezüglich die versicherungsmässige Voraussetzung des ununterbrochenen einjährigen Wohnsitzes in der Schweiz unmittelbar vor Eintritt der Invalidität (vgl. Art. 9 Ziff. 2 Satz 1 des Abkommens) nicht erfüllt ist.