Citation: I 254/03 26.04.2004 E. 6

6.1 Die Auffassungen der beiden Gutachter weichen in der Erhebung und Beurteilung des Psychostatus sowie bezüglich der Auswirkungen der Befunde auf die Arbeitsfähigkeit nicht wesentlich voneinander ab. Beide konnten keine relevanten Befunde erheben, welche eine Arbeitsunfähigkeit zu begründen vermöchten. Unter Berücksichtigung der weiteren medizinischen Unterlagen zeigt sich, dass die geltend gemachten chronischen occipitalen Kopfschmerzen, welche am 22. Mai 1999 zur notfallmässigen Hospitalisation geführt hatten, durch keine pathologischen oder organischen Befunde bestätigt werden konnten (Bericht des Spitals N.________ vom 3. Juni 1999). Im Spital I.________ wurde daraufhin eine Schmerzverarbeitungsstörung bei therapieresistenten, chronisch occipito-nuchalen Spannungskopfschmerzen diagnostiziert. Es wurde ein Wiedereinstieg ins Berufsleben mit einem anfänglichen Pensum von 50% empfohlen (Bericht vom 11. Oktober 1999). Vom 9. November 2000 bis 9. Januar 2001 hielt sich der Versicherte zur stationären Behandlung in der Klinik Y.________ auf, wünschte dann aber unvermittelt, entlassen zu werden. Gemäss Austrittsbericht vom 24. Januar 2001 ergab der Somatostatus normale Befunde. Es wurde eine Somatisierungsstörung (ICD-10 F45.0) diagnostiziert und auf eine psychosoziale Belastungssituation hingewiesen. Zur Arbeitsfähigkeit äusserten sich die Ärzte nicht. Sie hielten jedoch fest, dass sich der Versicherte unter Angabe von Beschwerden geweigert habe, länger als eine Stunde in der klinikinternen Beschäftigungsstätte tätig zu sein. Im Gespräch habe er leidend gewirkt und vermittelt, dass er nichts zur Besserung beitragen könne. Insbesondere sei es nicht gelungen, ihn zur Aufnahme einer körperlichen Betätigung zu motivieren. Bei insgesamt inaktivem Verhalten habe er sich darüber beklagt, dass sich bezüglich seiner Schmerzen nichts ändere. Dies lässt sich durchaus in Übereinstimmung bringen mit den Feststellungen des Dr. med. M.________, welchem der Versicherte den Eindruck vermittelte, er wolle gar nicht gesund sein und im Sinne eines sekundären Krankheitsgewinns in seiner appellativ-ostentativen Leidensrolle verharren. Die Darlegungen im Austrittsbericht vermögen die Schlussfolgerungen des Gutachters jedenfalls nicht in Frage zu stellen. In der nachträglich eingereichten Stellungnahme vom 27. März 2003 diagnostizierten die Ärzte der Klinik Y.________ eine depressive Störung mit somatischem Syndrom mittelgradiger Ausprägung (ICD-10 F32.11), ohne sich zur Arbeitsfähigkeit zu äussern. Ob sie damit eine seit dem Austrittsbericht vom 24. Januar 2001 eingetretene Zustandsverschlechterung geltend machen wollten, ist mangels näherer Begründung nicht ersichtlich. Dies kann jedoch offen bleiben, da jedenfalls bis zum Erlass der vorinstanzlich bestätigten Verfügung vom 4. Dezember 2001 keine solche auszumachen ist. Die weiteren bei den Akten liegenden Zeugnisse und Stellungnahmen der Klinik Y.________, welche von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit ausgehen, sind nur kurz und stichwortartig gehalten, weshalb sie die Anforderungen an eine schlüssige medizinische Beurteilung nicht zu erfüllen vermögen. Dasselbe gilt für die Berichte des Dr. med. R.________ vom 6. Februar 2001 und 19. Juli 2002. Da der medizinische Sachverhalt umfassend abgeklärt worden ist, mit dem Gutachten des Dr. med. M.________ eine schlüssige und nachvollziehbar begründete Beurteilungsgrundlage vorliegt und auch unter Berücksichtigung der weiteren bei den Akten liegenden medizinischen Unterlagen nichts gegen deren Zuverlässigkeit spricht, ist von der beantragten ergänzenden medizinischen Abklärung abzusehen. 6.2 Das Vorliegen eines fachärztlich ausgewiesenen psychischen Leidens mit Krankheitswert ist aus rechtlicher Sicht wohl Voraussetzung, nicht aber hinreichende Basis für die Annahme einer invalidisierenden Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Der Psychiater hat zwar zur Arbeitsfähigkeit Stellung zu nehmen, und seine Ausführungen bilden eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Zumutbarkeit von Arbeitsleistungen (vgl. BGE 105 V 158 Erw. 1 in fine), doch obliegt es letztlich der rechtsanwendenden Behörde - der Verwaltung oder, im Streitfall, dem Gericht - zu beurteilen, ob eine Invalidität im Rechtssinne (Art. 4 Abs. 1 IVG), bejahendenfalls eine solche rentenbegründender Art (Art. 4 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 28 f. IVG), eingetreten ist. Dabei kommt es entscheidend darauf an, ob die betroffene Person, von ihrer psychischen Verfassung her, an sich die Möglichkeit hat, trotz ihrer subjektiv erlebten Schmerzen einer Arbeit nachzugehen. Die Unzumutbarkeit einer willentlichen Schmerzüberwindung und eines Wiedereinstiegs in den Arbeitsprozess setzt das Vorliegen einer mitwirkenden, psychisch ausgewiesenen Komorbidität von erheblicher Schwere, Intensität, Ausprägung und Dauer oder das Vorhandensein anderer qualifizierter, mit gewisser Intensität und Konstanz erfüllter Kriterien voraus. So sprechen unter Umständen chronische körperliche Begleiterkrankungen und mehrjähriger Krankheitsverlauf bei unveränderter oder progredienter Symptomatik ohne längerfristige Remission, ein ausgewiesener sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens, ein verfestigter, therapeutisch nicht mehr angehbarer innerseelischer Verlauf einer an sich missglückten, psychisch aber entlastenden Konfliktbewältigung (primärer Krankheitsgewinn) oder unbefriedigende Behandlungsergebnisse trotz konsequent durchgeführter ambulanter und/oder stationärer Behandlungsbemühungen und gescheiterte Rehabilitationsmassnahmen bei vorhandener Motivation und Eigenanstrengung der versicherten Person für die Unüberwindbarkeit von somatoformen Schmerzstörungen (zur Publikation in der Amtlichen Sammlung vorgesehenes Urteil N. vom 12. März 2004, I 683/03 mit Hinweisen). 6.3 Aus rechtlicher Sicht sprechen keine hinreichenden Gründe dafür, dass die psychischen Ressourcen es dem Versicherten nicht erlaubten, trotz seiner Schmerzen eine Hilfsarbeitertätigkeit in vollem Umfang auszuüben. Es ist keine psychische Krankheit ausgewiesen, welche die Willensbildung und die Handlungsfreiheit in einem Masse einschränken würde, dass vom Versicherten nicht zumindest ein ernsthaftes Bemühen um eine positive Beeinflussung seines Gesundheitszustandes erwartet werden könnte. Vielmehr lässt es der Beschwerdeführer an einer zumutbaren Willensanstrengung gänzlich fehlen, indem er sich während der zweimonatigen Hospitalisation in der Klinik Y.________ insgesamt sehr inaktiv verhielt. Dr. med. W.________ gegenüber gab er an, abgesehen von Einkäufen und kurzen Spaziergängen verbringe er den Tag meistens im Bett. Mit der gesamten Verweigerungshaltung geht auch ein Verlust der sozialen Integration einher. Diese wie auch der von Dr. med. M.________ erwähnte sekundäre Krankheitsgewinn mit Verharren in einer appellativ-ostentativen Leidensrolle stellen einen bewussten oder zumindest bewusstseinsnahen Vorgang dar, weshalb sie nicht gegen die Zumutbarkeit der geforderten Willensanstrengung sprechen. Körperliche Begleiterkrankungen sind keine auszumachen. Dass die Behandlungsmassnahmen zu keinem ersichtlichen Erfolg führten, ist vorwiegend auf die fehlende Motivation des Versicherten zurückzuführen. In Würdigung der Gesamtsituation und weil Dr. med. M.________ wie auch die Ärzte des Spitals I.________ und Dr. med. W.________ ausdrücklich die Wiederaufnahme einer Erwerbstätigkeit empfehlen und hievon zumindest längerfristig eine Verbesserung des psychischen Gesundheitszustandes erwarten, ist davon auszugehen, dass dem Versicherten zuzumuten ist, seine Schmerzen zu überwinden und einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.