Citation: 9C_289/2017 E. 4.3

4.3. In Bezug auf das die PTBS kennzeichnende Belastungskriterium, mithin das auslösende Trauma, scheint zumindest fraglich, ob die irrtümliche Verabreichung von Heroin an die Versicherte am 12. November 2008 als geeigneter Stressor betrachtet werden kann, d.h. als kurz- oder langanhaltendes Ereignis oder Geschehen von aussergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmass im Sinne der einschlägigen klassifikatorischen Vorgaben gemäss ICD-10 F43.1. Die Versicherte erlebte den Vorfall, bei welchem sie im Übrigen nie in Lebensgefahr schwebte (kein Herzstillstand) und auch ihr Gehirn keinen (strukturellen) Schaden erlitt, nicht direkt, sondern erfuhr davon erst nachträglich, als die Gefahr bereits vorüber war. Im Rahmen ihrer Diskussion der diagnostischen Kriterien erwähnten die Gutachter der Gutachterstelle B.________ sodann einige Widersprüche. So führten sie beispielsweise aus, es sei schwierig, von einem Vermeidungsverhalten (als der PTBS inhärentem Aspekt) auszugehen, wenn die Versicherte früh im Verlauf die Verordnung von Opioiden akzeptiert habe, obwohl diese zur gleichen Substanzgruppe gehörten wie das versehentlich injizierte Heroin, was einer Konfrontation mit einem Element entspreche, welches das traumatisierende Ereignis klar in Erinnerung rufen müsste. Des Weitern zeigten sie sich erstaunt darüber, dass die Einnahme von Lyrica, einem gegen Angststörungen (wozu auch die PTBS zählt) eingesetzten Medikament, bei der Versicherten nicht angstmindernd gewirkt habe und ihr im weiteren Verlauf Ritalin verabreicht worden sei, dessen Einsatz bei einer PTBS als kontraindiziert gelte. Schliesslich wurde im Gutachten der Gutachterstelle B.________ vom 24. Mai 2011 auch darauf hingewiesen, es sei selten, dass eine PTBS bei einem singulären Ereignis derart chronifiziere, umso mehr, als die Versicherte sich objektiv nie in Lebensgefahr befunden habe. Aufgrund der Faktenlage sei man geneigt anzunehmen, dass die inzwischen lang anhaltenden affektiven Probleme aufgrund von anderen, insbesondere prätraumatischen belastenden Faktoren aufrechterhalten würden. Nichtsdestotrotz übernahmen die ZMB-Gutachter fast vier Jahre später (bzw. sechs Jahre nach dem Vorfall) die PTBS-Diagnose aus dem Gutachten der Gutachterstelle B.________, ohne diese anhand der Vorgaben gemäss ICD-10 F43.1 nochmals zu erläutern. Sie sahen auch keinen Anlass zur Diskussion der Frage, ob die Versicherte zu den wenigen Betroffenen gehört, bei welchen die Störung über viele Jahre einen chronischen Verlauf nimmt und dann in eine andauernde Persönlichkeitsänderung (ICD-10 F62.0) übergeht, wie dies als mögliche Entwicklung in den diagnostischen Leitlinien beschrieben ist.