Citation: 6S.128/2005 11.07.2006 E. 2

2.1 Der Entführung gemäss Art. 183 Ziff. 2 StGB macht sich schuldig, wer jemanden entführt, der urteilsunfähig, widerstandsunfähig oder noch nicht 16 Jahre alt ist. Die Strafdrohung lautet auf Zuchthaus bis zu fünf Jahren oder Gefängnis. Wenn der Täter das Opfer grausam behandelt, gilt die Entführung als qualifiziert und wird mit Zuchthaus bestraft (Art. 184 Abs. 3 StGB). 2.2 Nach der Rechtsprechung ist bei der Auslegung von qualifizierten Tatbeständen der angedrohten Strafe Rechnung zu tragen (BGE 121 IV 178 E. 2b mit Hinweisen). Beim Grundtatbestand der Entführung nach Art. 183 Ziff. 2 StGB beträgt die Mindeststrafe drei Tage Gefängnis und die Höchststrafe fünf Jahre Zuchthaus. Bei Annahme der Qualifikation nach Art. 184 StGB steigt die Mindeststrafe auf ein Jahr und die höchstmögliche Strafe auf 20 Jahre Zuchthaus. Angesichts der markanten Erhöhung nicht nur der Mindest-, sondern auch der Höchststrafe ist Art. 184 Abs. 3 StGB restriktiv auszulegen. Die Qualifikation ist deshalb nur zu bejahen, wenn gegenüber dem Grundtatbestand gemäss Art. 183 Ziff. 2 StGB eine erhebliche Erhöhung des Unrechtsgehalts vorliegt; dabei ist zu beachten, dass bereits die einfache Entführung einen schwerwiegenden Angriff auf die Person des Opfers darstellt. 2.3 Grausamkeit im Sinne von Art. 184 Abs. 3 StGB ist nur anzunehmen, wenn der Täter dem Opfer wissentlich und willentlich besondere Leiden zufügt, körperlicher oder seelischer Natur, die über das Mass an Entbehrungen hinausgehen, das schon zur Verwirklichung des Grundtatbestands gehört (BGE 106 IV 363 E. 4e; vgl. Günter Stratenwerth/ Guido Jenny, Schweizerisches Strafrecht, Besonderer Teil I, 6. Aufl., Bern 2003, § 5 N. 48; Vera Delnon/Bernhard Rüdy, Basler Kommentar, Strafgesetzbuch II, Basel 2003, Art. 184 N. 14, mit zahlreichen Hinweisen). Dem Opfer müssen also Leiden zugefügt bzw. es muss auf eine Art und Weise misshandelt werden, die der vom Täter verfolgte Zweck - die Entführung - nicht erfordert. Die Entführung selber (und die allenfalls mit ihr verbundene Freiheitsberaubung) muss mithin in besonderem Masse belastend, unerträglich oder quälerisch sein, und die Situation aus der Sicht des Opfers ausweglos erscheinen. Das Qualifikationsmerkmal der Grausamkeit muss sich somit unmittelbar auf die Umstände der Tatbegehung beziehen. Dass die dem Opfer zugefügten Leiden Tatbestandselemente einer andern strafbaren Handlung erfüllen, ist für die Annahme von Grausamkeit dabei nicht erforderlich (BGE 106 IV 363 E. 4e; Stratenwerth/Jenny, a.a.O., § 5 N. 48). Umgekehrt macht es eine Entführung nicht automatisch zu einer qualifizierten, wenn weitere schwere Gewaltdelikte in deren Verlaufe begangen werden. Entscheidend ist, dass die Entführung als solche für das Opfer besonders qualvoll ist. Die von ihm erlittenen Qualen müssen deshalb engen Bezug zum geschützten Rechtsgut der freien Selbstbestimmung bzw. allenfalls der persönlichen Bewegungsfreiheit aufweisen. Als grausam ist daher etwa zu bezeichnen, wenn das Opfer in besonders dunklen oder engen Räumen eingesperrt, in unnatürlicher Stellung gefesselt, extremer Hitze oder Kälte ausgesetzt oder zum Scheine hingerichtet wird oder man es Durst oder Hunger leiden lässt (vgl. BGE 106 IV 363 E. 4; Hans Peter Egli, Freiheitsberaubung, Entführung und Geiselnahme, Diss. Zürich 1986, S. 141 f.; Martin Schubarth, Kommentar zum Schweizerischen Stafrecht, Besonderer Teil, 3. Band, Bern 1984, Art. 184 N. 9). Dabei ist auch die Persönlichkeit und Widerstandsfähigkeit des Opfers zu berücksichtigen. So können Äusserungen oder Handlungen, die einen Erwachsenen nicht weiter zu beeindrucken vermögen, ein Kind, das deren Tragweite oder Ernsthaftigkeit nicht zu beurteilen vermag, erschrecken und ihm Schmerzen bereiten. Das Bundesgericht hat denn auch im Falle einer gewaltsamen Entführung eines fünfjährigen Mädchens eine seelische Folterung und damit Grausamkeit bejaht, weil dem Kind während seiner anschliessenden zehntägigen Gefangennahme wiederholt eingeredet wurde, seine Mutter habe es verlassen, sein Vater würde getötet, wenn er Nachforschungen anstellte und sie, die Täter, kämen wieder, falls das Kind nicht schweigen würde (BGE 106 IV 363 E. 4). 2.4 Vorliegend wurden dem entführten Kind im Rahmen seiner ca. ein bis zwei Stunden dauernden Verschleppung wohl Leiden zugefügt. Davon geht richtigerweise auch die Vorinstanz aus. Doch im Unterschied zu BGE 106 IV 363 kann hier nicht gesagt werden, dass die Entführung und die damit einhergehende Freiheitsbeschränkung als solche in besonderem Masse unerträglich oder qualvoll war. Zwar verschleppte der Beschwerdegegner das 7½-jährige Kind in seine Wohnung und hielt es dort für eine gewisse Zeit fest. Im Zentrum des vorliegenden Geschehens stand jedoch nicht die Entführung als solche. Diese erfolgte nach den Feststellungen der Vorinstanz vielmehr zum Zweck der geplanten sexuellen Übergriffe. Sowohl die Drohung, das Kind nicht mehr nach Hause zu bringen, als auch dessen Fesselung und Betäubung waren danach allesamt unmittelbar oder mittelbar darauf ausgerichtet, den vom Beschwerdegegner beabsichtigten sexuellen Missbrauch unter Ausschaltung des Widerstands des Opfers zu erzwingen. Die dem Kind zugefügten physischen und psychischen Qualen standen mithin nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Entführung, sondern bildeten Bestandteil eines die Verschleppung des Kindes insgesamt überlagernden und von ihr losgelösten Tatgeschehens, in dessen Rahmen die sexuelle Selbstbestimmung und Freiheit des Opfers im Vordergrund steht. Die Misshandlungen, welche das Kind erdulden musste, weisen somit nicht den erforderlichen engen Bezug zur Entführung als solche auf und machen nicht diese in besonderen Masse quälerisch und belastend. Die Vorinstanz hat daher zu Recht eine grausame Behandlung im Sinne von Art. 184 Abs. 3 StGB verneint. Die Beschwerde ist somit als unbegründet abzuweisen.