Citation: U 346/03 13.05.2004 E. 5

Das kantonale Gericht ordnete das Unfallereignis dem mittleren Bereich zu (weder ein schwerer noch ein leichter Unfall) und mass keinem der zu berücksichtigenden Kriterien (vgl. BGE 117 V 367) besonderes oder ausschlaggebendes Gewicht bei. Daraus schloss die Vorinstanz, die über den 30. Juni 2001 hinaus anhaltenden Beschwerden stünden nicht in einem adäquaten Kausalzusammenhang mit dem Unfall vom 28. Oktober 1998, weshalb die Einstellung der Versicherungsleistungen gemäss Einspracheentscheid der AXA vom 23. August 2002 nicht zu beanstanden sei. 5.1 Hiegegen wandte die Beschwerdeführerin zunächst ein, es habe sich entgegen dem angefochtenen Entscheid nicht um einen "klassischen Auffahrunfall", sondern um einen besonders eindrücklichen Unfall gehandelt. Dies ergebe sich einerseits aus dem unfallanalytischen Gutachten des Dipl. Ing. T.________ vom 28. Oktober 1999, wonach die kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung (Delta v) des Fahrzeugs der Versicherten zwischen 10,2 bis 14,0 km/h betragen habe und andererseits aus dem subjektiven Erlebnis des Unfalles, welcher die Beschwerdeführerin unvermittelt und schuldlos getroffen und sie in heftigen Schrecken versetzt habe. Auf Grund des Unfallgeschehens sowie der am Fahrzeug der Beschwerdeführerin festgestellten, eher geringfügigen Beschädigungen ist mit der Vorinstanz davon auszugehen, dass die Wucht des Aufpralls, von dem das vor einem Rotlicht stehende Fahrzeug der Versicherten erfasst wurde, nicht sehr stark war. Diese Annahme wird unter anderem auch dadurch bestätigt, dass das hinter dem PW der Beschwerdeführerin vollständig zum Stillstand gekommene Fahrzeug bei der Auffahrkollision am Heck viel stärker beschädigt wurde als das Auto der Versicherten und der entsprechende Lenker gemäss Polizeirapport dennoch unverletzt blieb. Schliesslich ist von einer objektivierten Betrachtungsweise und nicht von der subjektiven Empfindlichkeit der Beschwerdeführerin auszugehen, weshalb die Eindrücklichkeit des Ereignisses nicht über das Mass eines üblicherweise bei einem Unfall auftretenden Schreckens hinaus geht. Von besonders dramatischen Begleitumständen oder einer besonderen Eindrücklichkeit des Unfalles kann deshalb nicht gesprochen werden. Daran vermag nichts zu ändern, dass die Versicherte - trotz fehlender äusserer und knöcherner Verletzungsfolgen - unmittelbar nach der Kollision nicht selber aus dem Auto aussteigen konnte. 5.2 Fest steht und unbestritten ist, dass keine Anhaltspunkte für eine ärztliche Fehlbehandlung, einen schwierigen Heilungsverlauf oder gar erheblicher Komplikationen vorliegen. 5.3 Während die Vorinstanz das Kriterium der besonders langen ärztlichen Behandlung verneinte, weil gemäss Gutachten der Klinik B.________ per 15. Mai 2001 praktisch der Endzustand erreicht worden und somit die ärztliche Behandlungsdauer von rund zweieinhalb Jahren nicht als ungewöhnlich lang zu qualifizieren sei, macht die Beschwerdeführerin geltend, im Ergänzungsgutachten der Klink B.________ vom 8. August 2002 (nachfolgend: Ergänzungsgutachten) komme zum Ausdruck, dass sich ihr Gesundheitszustand weiter verschlechtert habe. Sowohl die Schmerzen als auch die neuropsychologischen Defizite hätten zugenommen. Sie habe bis zum Erlass des Einspracheentscheides vier Jahre nach dem Unfall noch immer ärztliche und therapeutische Behandlung benötigt. Obwohl gemäss Gutachten der Klinik B.________ (S. 17) der Endzustand praktisch erreicht war, empfahlen die Gutachter zum Erlernen eines besseren Umgangs mit dem chronischen Schmerzsyndrom eine schmerztherapeutisch-orientierte Rehabilitation, so dass entgegen der Vorinstanz per 15. Mai 2001 nicht von einer abgeschlossenen ärztlichen Behandlung die Rede sein konnte (vgl. z.B. den Zwischenbericht der Psychologin R.________, vom 4. Juli 2001, womit sie die AXA um Kostengutsprache für eine Fortsetzung der Psychotherapie ersuchte, sowie den Abklärungsbericht der IV-Stelle Bern vom 9. August 2001 [nachfolgend: Abklärungsbericht]). Andererseits beruhen die Ausführungen im Ergänzungsgutachten (S. 8), wonach sich der Gesundheitszustand zwischen September 2000 (Erstuntersuchung in der Klink B.________) und Juli 2002 (Nachbegutachtung) verschlechtert habe, weitgehend auf subjektiven Angaben der Versicherten (Ergänzungsgutachten S. 2 ff.), wofür sich keine entsprechenden objektiven Befunde finden liessen. Angesichts dieser Umstände kann offen bleiben, ob von einer ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung auszugehen ist. 5.4 Denn unter Berücksichtigung der anhaltenden Kopf- und Nackenschmerzen stellte das kantonale Gericht zu Recht nicht in Abrede, dass Dauerbeschwerden vorliegen. Dies ist auch mit Blick auf die bereits im Austrittsbericht der Rheuma- und Rehabilitationsklinik Zurzach vom 17. Mai 1999 (nachfolgend: Austrittsbericht) erwähnte und gestützt auf eine neuropsychologische Abklärung objektivierte Reduktion der Daueraufmerksamkeit zu bejahen. Der Vorinstanz kann jedoch nicht gefolgt werden, soweit sie die Auffassung vertrat, diese Beschwerden seien nicht besonders ausgeprägt vorhanden gewesen. Trotz gewisser Einschränkungen hinsichtlich der Aussagekraft neuropsychologischer Untersuchungsergebnisse, können diese im Rahmen der gesamthaften Beweisführung bedeutsam sein (vgl. BGE 119 V 341 Erw. 2b/bb, RKUV 2000 Nr. U 395 S. 318 Erw. 3). Nach erstmaliger neuropsychologischer Abklärung der Versicherten in der Rheuma- und Rehabilitationsklinik Zurzach ca. ein halbes Jahr nach dem Unfall (vgl. Austrittsbericht S. 4 f.) erfolgte am 18. Oktober 2000 im Auftrag des Neurologen Dr. med. A.________, in der Neurologischen Klinik des Spitals E.________ eine ausführliche neuropsychologische Untersuchung der Versicherten durch den Psychologen lic. phil. D.________. Er vermochte eine mittelschwere neuropsychologische Funktionsstörung zu objektivieren, welche auf Grund der kognitiven Beeinträchtigungen eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % zur Folge hat. Im Rahmen der interdisziplinären Begutachtung mit neurologischen und neurophysiologischen Zusatzuntersuchungen vom 27. April 2001 in der Klink B.________ stellten die Gutachter unter anderem auf die Untersuchungsergebnisse des Psychologen D.________ ab und gingen unter Berücksichtigung eines chronischen cervicocephalen Schmerzsyndroms übereinstimmend von einer Arbeitsunfähigkeit von 50 % aus. Unter diesen Umständen kommt diesen Dauerbeschwerden, wenn nicht ausschlaggebendes, so doch besonderes Gewicht zu. 5.5 Schliesslich verhält es sich nicht anders in Bezug auf Grad und Dauer der unfallbedingten Arbeitsunfähigkeit. Die Versicherte war unmittelbar nach dem Unfall bis zum Eintritt in die Rheuma- und Rehabilitationsklinik Zurzach am 6. April 1999 während gut fünf Monaten voll arbeitsunfähig. Gemäss Austrittsbericht (S. 2) sollte sie zur "langsamen schrittweisen Wiederaufnahme der Arbeitstätigkeit" mit einem Pensum von zwei halben Tageseinsätzen pro Arbeitswoche beginnen. Ein erster Arbeitsversuch bei der angestammten Arbeitgeberin ab Mai 1999 endete bereits im Juli 1999, wonach sie diese Arbeitsstelle per Ende August 1999 verlor. Auch weitere Arbeitsversuche (vgl. Bericht des Dr. med. A.________ vom 25. August 2000 S. 6 sowie Abklärungsbericht Ziff. 3.2 und 3.3) scheiterten innert zwei bis vier Wochen. Im Übrigen wurde ihr von den behandelnden Ärzten seit dem Unfall praktisch durchgehend bis Ende August 2000 eine volle Arbeitsunfähigkeit attestiert. Nach einer Phase mit einer halben Arbeitsfähigkeit ab 1. September 2000 und einem Arbeitsversuch als Verkäuferin mit einem Pensum von 33,33 % kam es wieder zu einer Zunahme der Beschwerden und zu voller Arbeitsunfähigkeit ab 3. Januar 2001 (Zwischenbericht des Dr. med. I.________). Schliesslich geht auch das Gutachten der Klinik B.________ von einer wohl dauerhaft verbleibenden Arbeitsunfähigkeit von 50 % in Bezug auf jede Erwerbstätigkeit sowie von einer Einschränkung der Leistungsfähigkeit im Haushalt von 20 % aus. Im Ergänzungsgutachten gelangten Dr. med. O.________ von der Klink B.________ im Sommer 2002 sogar zur Auffassung, auch im Haushaltsbereich sei die Versicherte nur noch zu 50 % leistungsfähig. Bei einer unmittelbar an den Unfall anschliessenden vollen Arbeitsunfähigkeit von praktisch ununterbrochen 22 Monaten und einer seit September 2000 anhaltenden Arbeitsunfähigkeit von mindestens 50 % ist das Kriterium des Grades und der Dauer der Arbeitsunfähigkeit als besonders ausgeprägt erfüllt zu bezeichnen. 5.6 Auch wenn die besondere Eindrücklichkeit des Unfalles (Erw. 5.1 hievor) sowie eine ärztliche Fehlbehandlung, ein schwieriger Heilungsverlauf oder gar erhebliche Komplikationen zu verneinen sind, reichen die jedenfalls als erfüllt zu betrachtenden Kausalitätskriterien der Dauerbeschwerden und der hinsichtlich Grad/Dauer erheblichen Arbeitsunfähigkeit aus, um dem Unfall vom 28. Oktober 1998 eine massgebende Bedeutung für die Entstehung der fortdauernden Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit zuzuschreiben, mithin die Adäquanz des Kausalzusammenhangs zu bejahen. Ob das Kriterium der besonderen Art der erlittenen Verletzung im Sinne von RKUV 2003 Nr. U 489 S. 361 Erw. 4.3 mit Hinweisen auch erfüllt ist, kann offen bleiben.