Citation: U 324/04 02.02.2005 E. 4

4.1 In BGE 129 V 180 Erw. 2.2 hat das Eidgenössische Versicherungsgericht erwogen, wenn weder die versicherte Person noch Drittpersonen Verletzungen des Körpers erlitten hätten, bereite die Frage Schwierigkeiten, ob und unter welchen Voraussetzungen ein Unfall anzunehmen sei, wenn das Ereignis den Körper überhaupt nicht oder doch nur unwesentlich verletze, hingegen derart wirke, dass es eine psychische Störung verursache. Ob angesichts solcher Gegebenheiten, namentlich bei deliktischen Handlungen wie Raub, Drohung, Erpressung etc. die bisherige Rechtsprechung des Schreckereignisses modifiziert werden solle, liess das Gericht offen. Im vorliegenden Fall geht es indes nicht um eine deliktische Handlung. 4.2 Anlässlich der psychiatrischen Untersuchung vom 16. Dezember 2002 durch Frau Dr. med. K.________ gab der Versicherte zur missglückten Landung an, er und sein Co-Pilot seien über den starken Schneefall in S.________ überrascht gewesen. Sie hätten gewusst, dass die Bedingungen auf der Piste erschwert seien. Daher hätten sie vorerst auf einen anderen Flugplatz ausweichen wollen. Die Bodenkontrolle habe dann jedoch gemeldet, das Wetter sei besser, die Piste gereinigt und die Bremswirkung gut. Als er nach dem Aufsetzen am Boden gemerkt habe, dass die Bremswirkung ausblieb und sie über den Pistenrand hinaus schlitterten, habe es bis zum Stillstand noch eine Weile gedauert. Er habe bereits die Wand der Flughafenabsperrung gesehen, als es einen Ruck gegeben habe und das Flugzeug schliesslich im schneebedeckten Feld stehen geblieben sei. Nachdem ihm die Stewardess gemeldet habe, dass sich niemand verletzt habe, sei er ausgestiegen und habe das Flugzeug kontrolliert. Der SUVA gegenüber gab der Beschwerdegegner an, im Anschluss an den Vorfall sei es ihm soweit gut gegangen und er habe gedacht, er werde keine Folgen davontragen. Aus diesem Grund habe er auch die angebotene Hilfe nicht in Anspruch genommen (SUVA-Rapport vom 11. Juni 2002). Im Januar traten dann erstmals Schlafstörungen auf, und im März kam es bei einer Übung im Simulator mit praktisch gleicher Flugsituation (schlechtes Wetter, wenig Sicht, Versagen der Bremsen) zu einem Blackout mit anschliessender Arbeitsunfähigkeit wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung. 4.3 Beim Zwischenfall vom 23. Dezember 2001 handelt es sich somit um ein psychisches Schockereignis, bei dem in der Endphase des Ablaufes kein Schaden körperlicher Art (Unglück) eintrat. Um als Unfall im Sinne des Gesetzes anerkannt zu werden, muss nach der Rechtsprechung (BGE 129 V 179 Erw. 2.1; Urteil K. vom 17. Juni 2003 [U 273/02]) die seelische Einwirkung durch einen gewaltsamen, in der unmittelbaren Gegenwart der versicherten Person sich abspielenden Vorfall ausgelöst werden und in ihrer überraschenden Heftigkeit geeignet sein, auch bei einem gesunden Menschen durch Störung des seelischen Gleichgewichts typische Angst- und Schreckwirkungen hervorzurufen. Diese qualifizierten Merkmale hat das Eidgenössische Versicherungsgericht in EVGE 1956 S. 81 mit Bezug auf einen Lokomotivführer verneint, der aus einer Distanz von 200 bis 300 m realisierte, dass er ein Signal vor sich hatte, das unbedingten Halt gebot. Dieser glaubte, einer akuten Gefahr entgegenzufahren und leitete sogleich die Schnellbremsung ein, ohne genauer abschätzen zu können, wo er den Zug zum Stehen bringen werde. Es geschah dies, nachdem er das Signal ungefähr um die Länge der Lokomotive überfahren hatte. Danach zeigte sich, dass Bahnarbeiter die Signalscheibe versehentlich stehen gelassen hatten. Nach Maurer (a.a.O., S. 184) muss ein Unfall angenommen werden, wenn jemand bei einem schweren Unglück selbst beteiligt ist, die akute Gefahr unverletzt übersteht, dann aber zufolge des erlittenen Schrecks krank wird. Zu denken sei vor allem an die heftigen Unglücksfälle des modernen Verkehrs, wo gelegentlich inmitten Schwerverletzter oder getöteter Personen jemand in körperlich unversehrtem Zustand geborgen werde und gleichwohl nach kurzer Zeit nervöse Störungen zeige. Das Eidgenössische Versicherungsgericht hat einen Unfall im Sinne des Gesetzes bejaht bei einem Lokomotivführer, der ein psychisches Trauma erlitt, als er realisierte, dass er eine Person tödlich überfahren hat, die sich in Selbstmordabsicht auf die Schienen gelegt hatte (RKUV 1990 Nr. U 109 S. 300). Ebenfalls bejaht hat es den Unfallcharakter bei einem Lokomotivführer, der mit dem Zug in eine Lawine geriet und nachher feststellte, dass zwei seiner Kollegen dabei ums Leben kamen (EVGE 1939 S. 102). 4.4 Zu den schwierigsten Flugmanövern im kommerziellen Luftverkehr gehören Start und Landung. Beim Landen gilt es, das Flugzeug durch Reduktion der Geschwindigkeit innerhalb der Rollbahn zum Stillstand zu bringen und damit eine hohe kinetische Energie zu vernichten. Beim Ereignis vom 23. Dezember 2001 ist dies planwidrig nur zum Teil durch die dafür üblicherweise vorgesehenen Mittel und Wirkungen (Bremsen, Luftwiderstand, Reibung der Pneus) gelungen. Erst durch den übergrossen Reibungswiderstand auf dem schneebedeckten Feld kam das Passagierflugzeug dann doch noch innerhalb der Flughafenabsperrung zum Stillstand. Ein solches Ereignis gehört auch im Lebensbereich eines Linienpiloten nicht zum Alltäglichen oder Üblichen. Ein gefürchtetes Risiko bei der Landung besteht im Überrollen der Landebahn, sei dies, weil das Flugzeug nicht innerhalb der "touchdown zone" aufsetzt, erhöhte Geschwindigkeit hat, vom Wind abgetrieben wird oder - wie vorliegend - auf schwierige Pistenverhältnisse trifft. Jeder Pilot weiss, dass dies eine der Gefahren darstellt, welche das rechtzeitige Anhalten des Flugzeuges auf der Landepiste vereiteln kann. Solche Situationen bilden daher regelmässig Gegenstand von Übungen im Simulator. Es war daher wohl kein Zufall, dass der Beschwerdegegner eine solche Flugsituation beim halbjährlichen Training vom Frühling 2002 antraf. Namentlich im Winter, wenn die Gefahr von vereisten Pisten besteht, konzentriert sich der Pilot darauf, dieser mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu begegnen. Trifft das gefürchtete Risiko dann schliesslich doch ein, kann nicht von einer überraschenden Heftigkeit des Vorfalls gesprochen werden. Hat sich das Ereignis jedoch nicht in überraschender Heftigkeit abgespielt, liegt kein Schreckereignis vor, welches den Unfallbegriff erfüllt. Damit erweist sich die Verneinung der Leistungspflicht durch die SUVA als rechtmässig.