Citation: U 297/05 16.08.2006 E. 3.1

3.1.1 Nach den medizinischen Akten erlitt der Beschwerdeführer Ende Juni 2001 wiederholt eine etwa 15 Minuten dauernde Armschwäche rechts mit persistierenden Missempfindungen der Finger ulnarbetont. Anfang Juli 2001 traten ein pelziges Gefühl im Mund mit verminderter Geschmacksempfindung sowie eine Gesichtslähmung (links subtotale und rechts partielle Fazialisparese) auf. Die Ärzte der Neurologischen Klinik des Universitätsspitals X.________, wo der Beschwerdeführer vom 9. bis 17. Juli 2001 hospitalisiert war, äusserten im Bericht vom 22. Juli 2001 den Verdacht auf eine prädominant kraniale Polyneuroradikulitis. Des Weiteren wurden ein aktuell remittierter metastasierender seminomatöser Keimzellentumor Stadium IV bei Status nach Semikastration links (Februar 1992), eine tumoröse Hautveränderung ungeklärter Dignität nasobuccal rechts sowie eine psychosoziale Belastungssituation bei Partnerschaftsproblematik diagnostiziert. Bei Verlaufskontrollen vom 6. August und 7. September 2001 stellten die Ärzte eine praktisch volle Remission der neurologischen Symptome fest, so dass sich weitere Abklärungen erübrigten. 3.1.2 Anfang März 2002 suchte der Beschwerdeführer wegen intermittierend auftretenden Sehstörungen, Konzentrationsschwäche sowie wechselnden Muskel- und Gelenkschmerzen den Internisten Dr. med. S.________ auf, welcher zusätzlich eine Beeinträchtigung der Lungenfunktion fand und eine erneute stationäre Abklärung im Universitätsspital X.________ vom 24. April bis 4. Mai 2002 anordnete (Bericht vom 10. April 2002). Eine toxikologische Untersuchung vom 25. April 2002 zeigte keine eindeutigen Ergebnisse. Mittels Gas-Chromatographie konnten keine Lösungsmittel nachgewiesen werden; es wurde indessen ein undifferenzierter "Peak" (Zeichen erhöhter Konzentration) festgestellt, welcher nach ärztlicher Auffassung am ehesten auf eine Anthracen-Verbindung hinwies. Im Weiteren diagnostizierten die Ärzte der Medizinischen Klinik B des Universitätsspitals gestützt auf rheumatologische, pneumologische und psychiatrisch-psychosoziale Konsilien eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung (aktuell: fixierte leichte bis mittelschwere obstruktive Ventilationsstörung) bei Nikotinabusus mit Hyperventilationsattacken, eine mittelgradig bis schwere depressive Episode sowie ein undifferenziertes generalisiertes Schmerzsyndrom, wobei differentialdiagnostisch eine Somatisierung bei Depression und eine Intoxikation in Erwägung gezogen wurden. Ferner führten sie aus, die geltend gemachten Beschwerden seien nicht klar und die Abklärungen bezüglich einer Intoxikation am Arbeitsplatz durch die SUVA weiterzuführen (Austrittsbericht des Universitätsspitals X.________ vom 16. Mai 2002). Die von der SUVA in Auftrag gegebene chemisch-toxikologische Untersuchung, welcher Plasma- und Urinproben vom 25. April 2002 zugrunde lagen, ergab keine Hinweise auf eine Intoxikation (Bericht des Instituts für Rechtsmedizin der Universität X.________ vom 27. September 2002). Eine von Dr. med. T.________ veranlasste Abklärung in der Psychiatrischen Poliklink des Universitätsspitals X.________ wurde vom Beschwerdeführer nach zwei Gesprächen abgebrochen. Die untersuchenden Ärzten schlossen auf eine Anpassungsstörung mit gemischter Störung von Gefühlen und Sozialverhalten (ICD-10 F43.25) und äusserten den Verdacht auf eine somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4). In der arbeitsmedizinischen Beurteilung vom 17. Juli 2003 vertrat Dr. med. R.________ die Auffassung, die geklagten Beschwerden stimmten zwar teilweise mit akuten oder chronischen Toluoleinwirkungen überein, seien jedoch weitgehend unspezifisch. Die Polyneuroradikulitis stehe in keinem Zusammenhang mit Toluoleinwirkungen. In der toxikologischen Literatur werde dieses Krankheitsbild als selten und in Zusammenhang mit akuten Vergiftungen durch Trichlorethylen beschrieben. Dieser Stoff gehöre aber nicht zu den von der Arbeitgeberin des Versicherten zu Unterhalts- und Reinigungszwecken verwendeten Substanzen und falle höchstens im Rahmen einer akzidentellen Kontamination von Gebinden in Betracht, was als wenig wahrscheinlich erscheine. Die wegen der Allgemeinsymptome wie Antriebsverminderung, rasche Ermüdbarkeit, Konzentrationsstörungen und Kopfschmerz differentialdiagnostisch in Betracht zu ziehende toxische Enzephalopathie sei höchstens möglich, nicht aber überwiegend wahrscheinlich, weil die dazu notwendige quantitative Exposition auch bei Annahme des vom Versicherten geschilderten "worst-case-Szenarios" zu gering sei. Schliesslich lasse sich auch aus der unbekannten Substanz im Blut (Anthracen?) keine überwiegend wahrscheinliche arbeitsplatzbedingte Ursache für die Beschwerden ableiten. Zur Lungenkrankheit stellte Dr. med. R.________ in der im Einspracheverfahren verfassten ärztlichen Beurteilung vom 22. März 2004 ergänzend fest, gemäss Bericht des Universitätsspitals X.________ vom 30. April 2002 sei ein bronchitischer Vorzustand anzunehmen. Dieser könne allenfalls durch temporäre Belastungen mit inhalativen Irritantien am Arbeitsplatz akzentuiert worden sein, wofür jedoch ein Nachweis fehle. Im Weiteren führt er aus, selbst wenn davon ausgegangen werde, dass die arbeitshygienischen Grenzwerte zeitweise überschritten worden seien, könnten die bestehenden Beschwerden nicht mit der erforderlichen überwiegenden Wahrscheinlichkeit auf eine akute oder chronische Intoxikation mit Lösungsmitteln zurückgeführt werden. 3.2 Nach Meinung des kantonalen Gerichts ist zwischen zwei (grundsätzlich verschiedenen) Problemkreisen zu unterscheiden, nämlich der Polyneuroradikulitis-Symptomatik, welche zur ersten Hospitalisation führte, und dem generalisierten Schmerzsyndrom, den Atemproblemen und weiteren Störungen, welche im Mai 2002 zur Anmeldung bei der SUVA Anlass gaben. Dabei sei davon auszugehen, dass die Polyneuroradikulitis bis September 2001 praktisch vollständig verschwunden und das ab März 2002 aufgetretene Schmerzsyndrom nach den ärztlichen Angaben vorwiegend psychisch bedingt sei. Der Beschwerdeführer hält die Trennung in zwei Beschwerdekomplexe für verfehlt und bestreitet den psychischen Charakter der bestehenden Gesundheitsbeeinträchtigungen. Seiner Meinung nach bedarf der Sachverhalt zusätzlicher Abklärungen in Form eines polydisziplinären Gutachtens. 3.2.1 Gegenstand des Verfahrens bildet die Leistungspflicht des Unfallversicherers für die seit März 2002 bestehenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Für die Beurteilung der Kausalitätsfrage ist indessen auch die ursprüngliche, im Sommer 2001 aufgetretene Störung von Belang, weshalb sie in die Beurteilung einzubeziehen ist. Hinsichtlich der vom Universitätsspital X.________ im Sinne einer Verdachtsdiagnose angenommenen Polyneuroradikulitis ist aufgrund der in den Akten enthaltenen medizinischen Literatur (Szlatenyi/Wang, Encephalopathy and Cranial Nerve Palsies Caused By Intentional Trichloroethylene Inhalation, in: American Journal of Emergency Medicine, Vol. 14 [1996] No. 5, S. 464 ff.; Institut für Arbeitsmedizin, Medizinische Fakultät der Universität Rostock, Polyneuropathie oder Enzephalopathie durch organische Lösungsmittel oder deren Gemische, http://arbmed.med.uni-rostock.de/bkvo/m1317.htm; Daunderer, Klinische Toxikologie, 95. Erg.-Lfg. 5/95, III-7.3, Stichwort: Toluol) und den Angaben in der GESTIS-Stoffdatenbank (Erw. 2.2.1 hievor) davon auszugehen, dass Lösungsmittel, einschliesslich das hier im Vordergrund stehende Toluol, je nach Konzentration selbst bei kürzeren Expositionszeiten zu Schädigungen des zentralen oder peripheren Nervensystems (Enzephalopathie, Polyneuropathie) führen können. Die Feststellung in der arbeitsmedizinischen Beurteilung des Dr. med. R.________ vom 17. März 2003, wonach die Polyneuroradikulitis in keinem Zusammenhang mit Toluol-Einwirkungen steht, weil ein solcher Zusammenhang in der medizinischen Literatur nicht beschrieben werde, ist daher zu relativieren. Im Bericht vom 18. Juni 2002 bezeichnete Dr. med. S.________ die im Sommer 2001 aufgetretene (fragliche) Polyneuroradikulitis retrospektiv als mit einer akuten Vergiftung durch Toluol oder andere Lösungsmittel vereinbar. Des Weiteren erachtete er aufgrund der späteren Symptomatik eine chronische Vergiftung als möglich. Aufgrund des Krankheitsverlaufs liegt jedenfalls die Annahme nahe, dass in der ersten Phase Zeichen einer akuten Vergiftung und später solche einer chronischen Intoxikation aufgetreten sind. 3.2.2 Die in der zweiten Phase aufgetretenen Symptome (Sehstörungen, Konzentrationsschwäche, Muskel- und Gelenkschmerzen, depressive Störung) sind weitgehend unspezifischer Natur, passen jedoch zum Beschwerdebild einer chronischen Intoxikation mit Lösungsmitteln, wie es in der medizinischen Literatur beschrieben wird. Eine eindeutige andere Ursache für die vorhandenen Beschwerden konnte bisher nicht gefunden werden. Bei dem von den Ärzten des Universitätsspitals X.________ angegebenen generalisierten Schmerzsyndrom handelt es sich um eine provisorische Diagnose, wobei differentialdiagnostisch sowohl eine Somatisierung bei Depression als auch eine Intoxikation in Betracht gezogen wurde. Die Ärzte der Psychiatrischen Poliklinik des Universitätsspitals, welche nach Gesprächen mit dem Versicherten am 5. und 25. September 2002 eine Anpassungsstörung mit gemischter Störung von Gefühlen und Sozialverhalten (ICD-10 F43.25) diagnostizierten, liessen offen, ob eine somatoforme Schmerzstörung vorliegt. Selbst wenn eine solche anzunehmen wäre, bleibt nach Lage der Akten fraglich, ob sich damit sämtliche Beschwerden und Symptome erklären lassen. Unklar ist auch, wie es sich hinsichtlich des Lungenleidens verhält. In den Berichten des Universitätsspitals X.________ wird auf einen Nikotinabusus hingewiesen. Im Bericht des LungenZentrums Y.________ (Dr. med. L.________) vom 29. Juli 2002 wird darin jedoch nicht die primäre Ursache der Lungenbeschwerden erblickt und ein Zusammenhang mit Einwirkungen am Arbeitsplatz zumindest nicht ausgeschlossen. Wie schon die Ärzte des Universitätsspitals X.________ erachteten auch Dr. med. S.________ und Dr. med. L.________ weitere Abklärungen bezüglich einer allfälligen Intoxikation als erforderlich. Diese brachten keine Klärung, weil die Blut- und Urinproben (25. April 2002) aus einer Zeit erheblich nach dem letzten Arbeitstag (25. März 2002) stammten und deshalb keinen Aufschluss über eine allfällige Lösungsmittelvergiftung insbesondere mit Toluol zu geben vermochten (Bericht des Instituts für Rechtsmedizin der Universität X.________ vom 27. September 2002). Wenn der arbeitsmedizinische Dienst der SUVA aufgrund der bisherigen Abklärungen zum Schluss gelangt ist, dass eine überwiegende Wahrscheinlichkeit für eine arbeitsplatzbedingte Ursache der bestehenden Beschwerden fehlt, so lässt sich dies zwar nachvollziehen. Dem Beschwerdeführer ist jedoch darin beizupflichten, dass hinsichtlich der Pathogenese der vorhandenen Beschwerden nach wie vor ein Abklärungsbedarf besteht. Nachdem sich die Ärzte des Universitätsspitals X.________ in den wiederholten Berichten diagnostisch nicht festgelegt und insbesondere auch offen gelassen haben, inwieweit ein psychisches Leiden in Form einer somatoformen Schmerzstörung vorliegt, bleibt durchaus Raum für ergänzende Abklärungen, weshalb der Fall nicht ohne weitere Beweisvorkehren erledigt werden kann (Art. 43 ATSG). 3.3 Nach dem Gesagten ist die Sache an die SUVA zurückzuweisen, damit sie beim Universitätsspital X.________ ein polydisziplinäres Gutachten einhole, welches sich in Kenntnis der nunmehr vorliegenden arbeitstechnischen Abklärungsergebnisse darüber auszusprechen haben wird, ob und gegebenenfalls in welchem Umfang die bestehenden Beschwerden Folge von Einwirkungen schädigender Stoffe am Arbeitsplatz sind. Einer ärztlichen Stellungnahme bedarf es namentlich auch zur Frage, inwieweit eine allfällige arbeitsplatzbedingte gesundheitliche Beeinträchtigung in der Folge von einer (nicht krankheitsbedingten) psychischen Störung überlagert bzw. abgelöst worden ist. Bei der Neubeurteilung des Leistungsanspruchs wird zu beachten sein, dass Toluol in der in Anhang 1 zur UVV enthaltenen Liste der schädigenden Stoffe aufgeführt ist, weshalb eine Leistungspflicht des Unfallversicherers schon dann gegeben ist, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenhangs mit Einwirkungen am Arbeitsplatz gegenüber allen anderen mitbeteiligten Ursachen überwiegt (Erw. 1 hievor).