Citation: 1B_606/2020 E. 5.1

5.1. Die strafprozessuale Haft wegen Kollusionsgefahr soll verhindern, dass die beschuldigte Person die Freiheit dazu missbraucht, die wahrheitsgetreue Abklärung des Sachverhalts zu vereiteln oder zu gefährden, indem sie etwa Zeugen, Auskunftspersonen oder Mitbeschuldigte zu wahrheitswidrigen Aussagen veranlasst oder Spuren und Beweismittel beseitigt. Die theoretische Möglichkeit, dass die beschuldigte Person in Freiheit kolludieren könnte, genügt allerdings nicht, um Haft unter diesem Titel zu rechtfertigen. Es müssen vielmehr konkrete Indizien für die Annahme von Verdunkelungsgefahr sprechen. Solche Anhaltspunkte können sich namentlich ergeben aus dem bisherigen Verhalten der beschuldigten Person im Strafprozess, ihren persönlichen Merkmalen, ihrer Stellung und ihren Tatbeiträgen im Rahmen des untersuchten Sachverhalts sowie den persönlichen Beziehungen zwischen ihr und den sie belastenden Personen. Bei der Frage, ob im konkreten Fall eine massgebliche Beeinträchtigung des Strafverfahrens wegen Verdunkelung droht, ist auch der Art und Bedeutung der von Beeinflussung bedrohten Aussagen bzw. Beweismittel, der Schwere der untersuchten Straftaten sowie dem Stand des Verfahrens Rechnung zu tragen (zum Ganzen: BGE 137 IV 122 E. 4.2 S. 127 f.; 132 I 21 E. 3.2 und 3.2.1 ff. S. 23 f.). Ausnahmsweise kann auch nach Abschluss der Untersuchung Kollusionsgefahr bestehen, etwa wenn bei einem Vier-Augen-Delikt der Anreiz für die beschuldigte Person hoch ist und sie die Möglichkeit hat, die geschädigte Person zu beeinflussen und dazu zu verleiten, an der Hauptverhandlung ihre Belastungen wahrheitswidrig zurückzunehmen oder abzuschwächen (vgl. BGE 137 IV 122 E. 4.3 S. 128; Urteil 1B_533/2017 vom 8. Januar 2018 E. 2.4).