Citation: 1P.29/2003 16.09.2003 E. 3

3.1 Nach dem angefochtenen Entscheid ist das Unfallfahrzeug, auch wenn bereits in der Linkskurve Kies auf der Strasse gelegen haben sollte, nur deshalb ins Rutschen geraten, weil die Angeklagte die Geschwindigkeit nicht den Verhältnissen angepasst hat. Die Beschwerdeführerin greift diese zweite Begründung mit dem Argument an, die Schlussfolgerung des Kantonsgerichtsausschusses von Graubünden stelle bereits an sich eine schlechthin unhaltbare Tatsachenfeststellung dar. Es stellt sich die Frage, inwieweit gegen Hypothesen zum Kausalverlauf gerichtete Rügen mit Nichtigkeitsbeschwerde geltend zu machen sind. Dies kann jedoch angesichts der folgenden Erwägungen offen bleiben. 3.2 Die Beschwerdeführerin rügt weiter, die Feststellungen der Vorinstanz seien willkürlich, weil ihr eine nicht angepasste Fahrweise vorgeworfen werde, ohne dass zur tatsächlichen Geschwindigkeit Feststellungen getroffen worden wären. Die Geschwindigkeit, mit der sie in die Kurve eingebogen sei, sei "ganz einfach nicht bekannt". 3.3 Die Beschwerdeführerin hat anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 10. Juli 2001 ausgesagt, sie sei ihrer Ansicht nach nicht schnell gefahren, könne jedoch keine konkreten Angaben in km/h machen. Vor Bezirksgericht hat sie angegeben, sie habe vor der ersten Rechtskurve beim Val Maliens ihre Fahrt verlangsamt, indem sie abgebremst und dann einen Gang zurückgeschaltet habe. Auf diese Rechtskurve sei eine Linkskurve gefolgt, welche seit Jahren einen schlechten Belag aufgewiesen habe. Zwischenzeitlich sei diese Strecke neu asphaltiert worden. Sie sei dann mit reduziertem Tempo in die besagte Linkskurve gefahren. Zwei Tage nach dem Unfall sei sie einvernommen worden. Sie habe ausgesagt, sie sei nicht zu schnell gefahren. 3.4 Im angefochtenen Entscheid wird festgehalten, aufgrund der genauen Ortskenntnisse von zwei Richtern "ergebe sich", dass es sich um relativ enge Kurven handle, die keine hohen Geschwindigkeiten erlauben. Zudem weise die Strecke ein nicht zu vernachlässigendes Gefälle auf. Des Weiteren sei unbestritten, dass das Unfallfahrzeug hoch sei und daher auch einen relativ hohen Schwerpunkt habe. Ausserdem habe es am 8. Juli 2001 bereits den ganzen Tag und auch zur Zeit des Ereignisses stark geregnet. Es sei somit unzweifelhaft davon auszugehen, dass die Fahrbahn sehr nass gewesen sei und dass es "kleine Pfützen und Rinnsale" habe geben können. Dadurch habe sich die Haftung der Reifen auf dem Boden ohne Frage merklich vermindert. Zudem sei die Sicht, welche wegen der einbrechenden Dunkelheit bereits eingeschränkt gewesen sei, durch den starken Regen weiter eingeschränkt worden. Zusammenfassend ist der Kantonsgerichtsausschuss zum Schluss gekommen, eine den Verhältnissen angepasste Geschwindigkeit hätte es der Berufungsklägerin erlaubt, den Wagen unter Kontrolle zu halten, selbst wenn sich auf der Strasse Kies oder Rollsplitt befunden haben sollte. Aus der Tatsache, dass der Wagen der Beschwerdeführerin ins Rutschen geraten sei, gehe hervor, dass die Geschwindigkeit den Verhältnissen nicht angepasst gewesen sei, selbst wenn sich auf der Fahrbahn Kies oder Rollsplitt befunden habe. 3.5 Soweit der Kantonsgerichtsausschuss mit den wiedergegebenen Erwägungen zum Ausdruck bringen will, aus der Tatsache, dass das Unfallfahrzeug bei Kies oder Rollsplitt auf der Strasse abgerutscht sei, könne geschlossen werden, dass der Fahrerin dasselbe auch ohne Kies widerfahren wäre, ist die gewählte Argumentation von vornherein fragwürdig. Dies braucht hier aber nicht weiter geprüft zu werden. Der Schluss auf eine Geschwindigkeit, die unabhängig davon, ob Kies auf der Strasse gelegen hat oder nicht, als übersetzt gelten muss, also höher sein muss als die Geschwindigkeit, die in der fraglichen Kurvenkombination nur bei auf der Strasse liegendem Kies oder Rollsplitt zu einem Unfall führt, ist nur aufgrund einer Sachverhaltsfeststellung zur tatsächlichen Geschwindigkeit der Beschwerdeführerin möglich. Eine solche ist aber nicht getroffen worden. Es steht noch nicht einmal fest, in welchen Gang die Beschwerdeführerin zurückgeschaltet hat. Der Kantonsgerichtsausschuss hat in anderem Zusammenhang ausgeführt, es sei davon auszugehen, dass der Wagen aufgrund des Gefälles wieder an Geschwindigkeit gewonnen, sicher aber nicht verloren habe. Eine derart relative, die absolute Geschwindigkeit auch nicht annähernd eingrenzende Feststellung genügt den verfassungsrechtlichen Anforderungen mit Blick auf den daraus gezogenen, weitgehenden Schluss nicht. Der Kantonsgerichtsausschuss hat es unterlassen, eine hinreichende Feststellung in Bezug auf ein entscheidwesentliches Sachverhaltselement zu treffen. Damit erweist sich die zweite Begründungslinie des angefochtenen Entscheids ebenfalls als willkürlich.