Citation: 8C_311/2007 07.08.2008 E. 4

Über den genauen Geschehensablauf anlässlich des Sturzes auf einer Treppe am 3. Juli 2002 ist nichts Genaueres bekannt, weil die Versicherte im damaligen Zeitpunkt offenbar alleine war, sodass keine direkten Zeugen existieren, welche ihre Angaben bestätigen könnten. Den Schilderungen der heutigen Beschwerdegegnerin I zufolge war sie nach ihrem Sturz kurz bewusstlos und konnte sich später nicht mehr an den Vorfall, insbesondere den eigentlichen Sturzmechanismus, erinnern. Ihr Unfallversicherer, die heutige Beschwerdeführerin, kam für die Kosten des Transportes mit der Ambulanz ins Spital T.________ auf und beglich den dort in Rechnung gestellten Betrag für den vom 3. bis am 5. Juli 2002 dauernden Spitalaufenthalt. Anschliessend war sie auch bereit, die Kosten für die weitere ärztliche Betreuung durch Frau Dr. med. L.________ zu übernehmen. Erst ab dem 17. Oktober 2002, dem Tag des erneuten Eintritts ins Spital T.________, wollte die Beschwerdeführerin keine weiteren Leistungen mehr erbringen. Diese Spitaleinweisung erfolgte zur genaueren Abklärung (rheumatologisch, neurologisch und psychiatrisch) und zwecks stationärer Durchführung einer Physiotherapie. Auf Grund der Feststellungen im Rahmen eines psychiatrischen Konsiliums kam es - unerwartet - zu einer sofortigen Verlegung in die psychiatrische Klinik G.________, wo eine Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion und Suizidalität diagnostiziert wurde. Als Verdachtsdiagnose nannten die Ärzte zudem eine beginnende posttraumatische Belastungsstörung nach Arbeitsunfall und belastender Vorgeschichte. 4.1 Während die Beschwerdeführerin die natürliche Unfallkausalität der noch vorhandenen Beschwerden in ihrer Verfügung vom 21. September 2004 ausdrücklich verneinte, liess sie die Frage nach der natürlichen Kausalität der im Vordergrund stehenden psychischen Beeinträchtigung im Einspracheentscheid vom 23. März 2005 offen, weil sie zum Schluss gelangt war, dass insoweit zumindest keine adäquate Kausalität gegeben sei. Auch die Vorinstanz gelangte zur Auffassung, die Leistungspflicht des Unfallversicherers falle mangels adäquaten Kausalzusammenhanges zwischen versichertem Unfallereignis und psychischem Beschwerdebild dahin, weshalb auch sie diesbezüglich von einer Prüfung der natürlichen Kausalität absah. 4.1.1 Bis zur Einweisung in die psychiatrische Klinik G.________ war in den ärztlichen Berichten nie von einem Leiden psychischer Art die Rede. Die Leistungen nach dem Vorfall vom 3. Juli 2002 wurden ausschliesslich auf Grund somatischer Befunde erbracht. Erst die psychiatrische Exploration durch Dr. med. R.________ im Spital T.________ mit der anschliessenden Einweisung in die psychiatrische Klinik G.________ förderte ein psychisches Beschwerdebild zu Tage, das von den Ärzten als schwerwiegend eingestuft wurde. Diese Einschätzung bestätigte sich im Laufe der nachfolgenden psychotherapeutischen Behandlung durch Frau Dr. med. S.________, welche auch in ihrem Bericht vom 19. April 2003 darauf hinwies, dass es sich "zur Zeit um eine schwere psychische Erkrankung" handle. Angesichts der näheren Umstände, unter welchen dieses psychische Beschwerdebild entdeckt wurde, und vor allem des Ausmasses dieser plötzlich bekannt gewordenen Beeinträchtigung ist verständlich, dass die Beschwerdeführerin nicht ohne weiteres bereit war, auch diese nunmehr zusätzliche psychische Behinderung als Folge des Treppensturzes vom 3. Juli 2002 zu anerkennen. Für die Zeit bis zur streitigen Leistungseinstellung verfügte der Unfallversicherer zwar nur über Auskünfte der behandelnden Frau Dr. med. L.________ und einzelne Berichte des Spitals T.________, namentlich dessen Austrittsberichte vom 5. und 11. Juli 2002. Diese Unterlagen aber enthielten keinerlei Anhaltspunkte für ein problematisches oder gar behandlungsbedürftiges psychisches Geschehen, sodass sie auch keine Veranlassung boten, in dieser Richtung nähere Abklärungen in die Wege zu leiten. Auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen versichertem Unfallereignis und psychischer Störung liessen auch die nach der Leistungseinstellung auf den 17. Oktober 2002 hin noch eingeholten medizinischen Unterlagen nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit schliessen. Daran ändert nichts, dass die Ärzte der psychiatrische Klinik G.________ in ihrem Austrittsbericht vom 4. November 2000 als denkbare Verdachtsdiagnose - unter gleichzeitigem Hinweis auf eine belastende Vorgeschichte - von einer posttraumatischen Belastungsstörung nach Arbeitsunfall sprechen, wird damit doch lediglich auf die zeitliche Abfolge hingewiesen, nicht aber eine Ursächlichkeit des Treppensturzes vom 3. Juli 2002 für das psychische Beschwerdebild schlüssig begründet. Unter diesen Umständen kann schon der natürliche Kausalzusammenhang zwischen Unfallereignis und psychischer Beeinträchtigung nicht als erstellt gelten. 4.2 Damit aber hat das psychische Beschwerdebild bei der Prüfung der nach Ansicht des kantonalen Gerichts noch zusätzlicher Abklärungen bedürftigen Frage nach dem Zeitpunkt des Fallabschlusses ausser Acht zu bleiben. Mangels natürlicher Unfallkausalität ist in diesem Zusammenhang nie ein Leistungsanspruch entstanden, sodass es auch nicht zu einer Einstellung der Leistungen kommen kann. Zu prüfen ist demnach noch, ob die Einstellung der Leistungen bezüglich der übrigen Beschwerden bereits auf den 17. Oktober 2002 hin zulässig war. Nicht gefolgt werden kann der Erwägung des kantonalen Gerichts, wonach die relativ kurze Dauer von rund drei Monaten seit dem versicherten Ereignis bis zur Leistungseinstellung als zu knapp bemessen erscheine, um die Adäquanzprüfung vornehmen zu können. In BGE 134 V 109 E. 3.2 S. 113 hat das Bundesgericht klargestellt, dass nicht danach zu fragen ist, in welchem Zeitpunkt die Adäquanzprüfung vorgenommen werden darf, sondern wann der Unfallversicherer einen Fall abzuschliessen hat. Im Zeitpunkt, auf welchen hin die Beschwerdeführerin ihre Leistungen einstellte (17. Oktober 2002), standen ausser einer therapeutischen Behandlung des - nicht zu Lasten der Unfallversicherung gehenden - psychischen Beschwerdebildes keine weiteren medizinischen Massnahmen zur Diskussion. Die bisherigen Erfahrungen hatten gezeigt, dass die ärztlicherseits im Hinblick auf die Schmerzproblematik empfohlene Physiotherapie vor einer erfolgreichen Psychotherapie gar nicht durchführbar war. Abgesehen davon ist einem Bericht der Frau Dr. med. L.________ vom 30. August 2004 zu entnehmen, dass prognostisch nicht mit einer Heilung gerechnet werden könne, sondern "bestenfalls eine Stabilisierung über Jahre" zu erwarten sei. Auch Frau Dr. med. S.________ hatte bereits in ihrer Stellungnahme vom 19. April 2003 erklärt, eine psychotherapeutische Behandlung sei notwendig, um eine wesentliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes zu vermeiden. Selbst die vor einer allfälligen physiotherapeutischen Vorkehr in erster Linie durchzuführende Psychotherapie war demnach nicht auf eine namhafte Verbesserung des Gesundheitszustandes mit entsprechender Auswirkung auf die erwerbliche Leistungsfähigkeit ausgerichtet. Eine physiotherapeutische Massnahme kam nicht mehr in Frage, nachdem sich eine solche wegen der primär anzugehenden psychischen Problematik als nicht durchführbar erwiesen hatte. Einem Fallabschluss auf den 17. Oktober 2002 hin stand daher nichts im Wege. 4.3 Das kantonale Gericht hat das gesamte Beschwerdebild in drei voneinander abgrenzbare Teilbereiche aufgeteilt. Nebst der psychischen Symptomatik unterzog sie die Leistungspflicht des Unfallversicherers im Zusammenhang mit Nacken- und Kreuzschmerzen einerseits und mit eventuellen Folgen der diagnostizierten und von ihr als leichtes Schädel-Hirntrauma qualifizierten Commotio cerebri andererseits je einer gesonderten Prüfung. Im Sinne des in vorstehender E. 4.1 Gesagten, lässt sich gegen die Abgrenzung des psychischen Leidensbildes gegenüber den Beschwerden eher somatischer Natur entgegen der Argumentation in der Beschwerdeschrift zumindest im Ergebnis nichts einwenden. Ob eine Aufteilung des rein körperlichen Beschwerdebildes in Befunde, die sich eher mit der diagnostizierten Wirbelsäulenkontusion erklären lassen, und solche, die allenfalls auf ein leichtes Schädel-Hirntrauma zurückzuführen sind, rechtfertigt, kann letztlich dahingestellt bleiben (vgl. nachstehende E. 4.3.2 in fine). Ebenso bedarf die Frage, ob das vielschichtige Beschwerdebild vorliegt, das nach einem Schleudertrauma der Halswirbelsäule, einer diesem äquivalenten Verletzung oder einem Schädel-Hirntrauma als "typisch" bezeichnet wird, keiner abschliessenden Klärung. Sofern keine organisch objektivierbaren Befunde gegeben sind, wäre Letzteres unabdingbare Voraussetzung für eine allfällige Bejahung des Leistungspflicht des Unfallversicherers. Nur wenn ein solches typisches Beschwerdebild überhaupt gegeben ist, hat bei Fehlen objektivierbarer organischer Befunde eine Prüfung der für die Leistungspflicht der Unfallversicherers ausschlaggebenden Adäquanzfrage nach den dafür in BGE 117 V 359 entwickelten und in BGE 134 V 109 im Wesentlichen bestätigten Grundsätzen zu erfolgen. 4.3.1 Die Vorinstanz ist offenbar der Ansicht, bei dem im Bericht des Spitals T.________ vom 30. Oktober 2002 erwähnten Muskelhartspann mit Myogelosen im Nacken- und Schultermuskulaturbereich und den von Frau Dr. med. L.________ am 15. Juli 2003 gegenüber einer Rechtsschutzversicherung genannten lumbalen Schmerzen, welche durch eine - nicht genauer lokalisierte - muskuläre Verkürzung infolge Schonhaltung bewirkt werden sollen, sowie den Steiss- und Sitzbeinschmerzen handle es sich um organisch objektivierte Befunde, welche auf den Treppensturz vom 3. Juli 2002 zurückzuführen seien. Nur so lässt sich erklären, wie sie zum Schluss gelangen konnte, es sei "ohne weiteres" davon auszugehen, dass das Unfallereignis vom 3. Juli 2002 für diese somatischen Beschwerden natürlich und adäquat kausal war. Nur bei organisch klar ausgewiesenen Unfallfolgen kann der adäquate Kausalzusammenhang in der Regel ohne weiteres zusammen mit dem natürlichen Kausalzusammenhang bejaht werden. Von solchen klar ausgewiesenen Unfallfolgen kann bei den von der Vorinstanz angeführten ärztlichen Feststellungen indessen nicht die Rede sein. Abgesehen davon, dass der Zusammenhang mit dem Treppensturz vom 3. Juli 2002 nicht näher belegt wird, ist der klinisch festgestellte Muskelhartspann mit Myogelosen als Teil des vorhandenen Schmerzsyndroms zu sehen und kann nicht im Sinne eines organischen Befundes als körperliche Ursache desselben gelten (vgl. Urteile 8C_220/2007 vom 4. Februar 2008 E. 3 und U 13/07 vom 7. Februar 2008 E. 3.3). Auch erklärt eine infolge einer Schonhaltung eingetretene Muskelverkürzung die geklagten Schmerzen ebenso wenig wie den relativ häufig auftretenden Schwindel. Nicht ersichtlich ist schliesslich, inwiefern Steiss- und Sitzbeinbeschwerden als solche organisch nachgewiesene Befunde darstellen sollten. 4.3.2 Für die geklagten Beschwerden lässt sich keine organisch objektivierbare Erklärung ausmachen. Anzeichen für ein nach Schleudertraumen der Halswirbelsäule, äquivalenten Verletzungen oder Schädel-Hirntraumen im Sinne der Rechtsprechung typisches Beschwerdebild liegen zwar vor, belegen aber, wie das kantonale Gericht zutreffend erkannt hat, das Vorliegen eines solchen nicht mit hinreichender Zuverlässigkeit. Dennoch können die von der Vorinstanz verlangten zusätzlichen Abklärungen unterbleiben. Sollten solche die Annahme des typischen Beschwerdebildes belegen, wäre jedenfalls die Adäquanz der noch vorhandenen Beschwerden zu verneinen. Es kann diesbezüglich weitestgehend auf die überzeugenden Ausführungen der Beschwerdeführerin in ihrem Einspracheentscheid vom 23. März 2005 verwiesen werden, sind doch nach dem in E. 4.1.1 hievor Gesagten auch hier auf die psychische Beeinträchtigung zurückzuführende Faktoren auszuklammern. An der dortigen Beurteilung ändert die Modifizierung einzelner Adäquanzkriterien in BGE 134 V 109 E. 10.2 S. 127 ff. und E. 10.3 S. 130) im Ergebnis nichts. Für die Beantwortung der Adäquanzfrage gelten im Übrigen unabhängig davon, ob das typische Beschwerdebild einem Schleudertrauma der Halswirbelsäule, einer äquivalenten Verletzung oder einem Schädel-Hirntrauma zuzuordnen ist, die gleichen Grundsätze und insbesondere die gleichen Einzelkriterien, weshalb insofern von einer abschliessenden Klärung abgesehen werden kann (vgl. E. 4.3.1 hievor).