Citation: 6B_442/2019 E. 6.2

6.2. Das Rechtsmittelverfahren beruht auf den Beweisen, die im Vorverfahren und im erstinstanzlichen Hauptverfahren erhoben worden sind (Art. 389 Abs. 1 StPO). Beweisabnahmen des erstinstanzlichen Gerichts werden indes wiederholt, wenn Beweisvorschriften verletzt worden sind, die Beweiserhebungen unvollständig waren oder die Akten über die Beweiserhebungen unzuverlässig erscheinen (Abs. 2 lit. a-c). Nach der im Berufungsverfahren anwendbaren (Art. 405 Abs. 1 StPO) Bestimmung von Art. 343 Abs. 3 StPO erhebt das Gericht auch im Vorverfahren (resp. im erstinstanzlichen Verfahren) ordnungsgemässerhobene Beweise nochmals, sofern die unmittelbare Kenntnis des Beweismittels für die Urteilsfällung notwendig erscheint. Art. 343 Abs. 3 StPO statuiert ein beschränktes Unmittelbarkeitsprinzip. Eine unmittelbare Abnahme des Beweismittels ist namentlich notwendig, wenn sie den Ausgang des Verfahrens beeinflussen kann, insbesondere wenn die Kraft des Beweismittels entscheidend vom unmittelbaren Eindruck abhängt, der bei seiner Präsentation entsteht, so bei Augenscheinen oder bei Zeugenaussagen aufgrund der Mimik und nonverbalen Kommunikation. Die Wiederholung einer Zeugenaussage drängt sich insbesondere auf, wenn die Aussage das einzige direkte Beweismittel darstellt (Aussage gegen Aussage). Alleine der Inhalt der Aussage ( was gesagt wird), lässt eine erneute Beweisabnahme indes nicht notwendig erscheinen. Massgebend ist, ob das Urteil in entscheidender Weise vom Aussageverhalten ( wieetwas gesagt wird) abhängt. Das Gericht verfügt bei der Frage, ob eine erneute Beweisabnahme erforderlich ist, über einen Ermessensspielraum (BGE 143 IV 288 E. 1.4.1 S. 290; 140 IV 196 E. 4.4.1 f. S. 199 f.; Urteil 6B_422/2017 vom 12. Dezember 2017 E. 4.3.1).