Citation: I 367/02 19.03.2003 E. 2

Streitig ist der Anspruch auf eine Invalidenrente. Dabei steht letzt-instanzlich einzig in Frage, ob sich die (Rest-) Arbeitsfähigkeit des Beschwerdegegners aufgrund der verfügbaren Akten schlüssig beur-teilen lässt. 2.1 Fest steht, dass der Versicherte seine angestammte Tätigkeit als Bauarbeiter aufgrund seiner körperlichen Leiden, insbesondere des diagnostizierten lumbovertebralen und thoracovertebralen Syndroms nur noch im Umfang von höchstens 50 % auszuüben in der Lage ist. Dagegen ist er, was unter den Parteien ebenfalls nicht mehr streitig ist, bei körperlich leichter Tätigkeit aus somatischer Sicht zu 80 % arbeitsfähig. Aufgrund der Aktenlage, insbesondere in Würdigung des Gutachtens des Dr. A.________ vom 16. Dezember 2000 sowie dessen ergänzender Stellungnahme vom 21. Dezember 2001, nach wie vor nicht hinreichend begründet ist nach Auffassung der Vorinstanz die in der strittigen Verfügung vom 6. Juni 2001 getroffene Schlussfolgerung der beschwerdeführenden IV-Stelle, dass die psychischen Leiden des Versicherten keine zusätzlich invalidisierende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bewirken. Das kantonale Gericht sieht insbesondere einen Widerspruch darin, dass der Psychiater Dr. A.________ den Be-schwerdegegner aus psychischen Gründen "nicht oder nur als ge-ringfügig" in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt erachtet, diese Ein-schränkung dann aber im Gutachten doch mit 20 bis 25 % und im ergänzenden Bericht etwas reduziert mit 15 bis 20 % angibt. 2.2 Das Eidgenössische Versicherungsgericht hat in seinem Urteil vom 27. März 2000 [I 554/99] die Frage als ungenügend geklärt erachtet, ob der Versicherte neben seinen somatischen Beschwerden, die im diesbezüglich als ausschlaggebend beurteilten Gutachten des Dr. B.________, Spezialarzt FMH für Physikalische Medizin und Rehabilitation (speziell Rheumaerkrankungen) vom 6. Mai 1996 überzeugend dargestellt wurden, womöglich auch an einer psychischen Erkrankung leidet. Zusätzliche Sachverhaltsabklärungen hielt es namentlich deshalb für angezeigt, weil in medizinischen Berichten vor allem Hinweise auf das Vorliegen einer Depression zu finden waren (Erw. 2a und b des Urteils vom 27. März 2000). Das nun vorliegende Gutachten des Psychiaters Dr. A.________ vom 16. Dezember 2000 mit Ergänzungsbericht vom 21. Dezember 2001 ist vor diesem Hintergrund zu würdigen. Taugt es, die Unsicherheit über das Bestehen einer solchen psychischen Erkrankung zu beseitigen, so ist darauf abzustellen. 2.3 Das Gutachten von Dr. A.________ verneint klar und überzeugend eine depressive Erkrankung des Versicherten. Der Gutachter diagnos-tiziert lediglich eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung leichte-ren Grades als psychische Störung mit Krankheitswert (ICD F45.4) und gibt sogar einigen Zweifeln darüber Ausdruck, ob die Schmerzen des Exploranden so erheblich seien, dass sie als "quälend" bezeichnet werden können, was Voraussetzung dieser Diagnose ist. Im Lichte dieser Befunde erachtet er den Versicherten von psychiatrischer Seite als in seiner Arbeitsfähigkeit "nicht oder nur geringfügig einge-schränkt". Wenn er im Gutachten schliesslich von einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit spricht, welche das Ausmass von 20 bis 25 % kaum überschreite, steht dies damit nicht in Widerspruch. Denn auffal-lend ist, dass er den genannten Prozentwert als Maximalmass angibt, mit anderen Worten nach seiner Auffassung die psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeit, falls sie denn überhaupt bejaht werden kann, je-denfalls nicht über dieser Schwelle liegt. Mit der verbalen Aussage einer fehlenden oder nur geringfügigen Einschränkung steht dies durchaus in Einklang. Dass er die prozentuale Einschränkung in seinem Ergänzungsbericht vom 21. Dezember 2001 etwas nach unten korrigiert, tut - auch mit Blick auf den Ermessensanteil jeder Einschätzung der Arbeitsfähigkeit (Erw. 1.3 hievor) - der Beweistauglichkeit seiner Aussagen keinen Abbruch, zumal sich auch diese Schätzung nach wie vor im 20 % - Bereich bewegt und der neu angegebene Höchstwert nur geringfügig vom ursprünglich angegebenen Maximalwert abweicht. Im Übrigen ist zu berücksichtigen, dass nach Auffassung des Arztes beim Beschwerdeführer eine im Hinblick auf die Invaliditätsbemessung unbeachtliche (siehe Erw. 1.3 hievor), anteilsmässig jedoch naturgemäss kaum quantifizierbare Aggravationstendenz vorliegt und ferner die diagnostizierte somatoforme Schmerzstörung auch von belastenden psychosozialen und soziokulturellen Faktoren begleitet ist, denen für sich betrachtet kein invalidisierender Krankheitswert zugeschrieben werden kann (vgl. BGE 127 V 299 Erw. 5). Bei dieser Sachlage erweist sich die objektive Einschätzung der durch die somatoforme Schmerzstörung bedingten Einschränkung der Arbeitsfähigkeit als besonders schwierig, weshalb die weder verbal noch ziffernmässig fixe Festlegung des Arztes nachvollziehbar und aus rechtlicher Sicht nicht zu beanstanden ist. 2.4 Zu prüfen bleibt, ob die im ergänzenden Bericht des Dr. A.________ vom 21. Dezember 2001 auf ausdrückliche Aufforderung der IV-Stelle hin vorgenommene, die psychisch und somatisch bedingten Einschränkungen berücksichtigende Gesamteinschätzung der (Rest-) Arbeitsfähigkeit auf 20 % schlüssig ist. 2.4.1 Als der Rheumaspezialist Dr. B.________ seinerzeit mit der Begutachtung des Versicherten beauftragt worden war (vgl. Erw. 2.2 hievor), zeichnete sich in keiner Weise ab, dass später - veranlasst durch das Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 27. März 2000 - noch eine psychiatrische Begutachtung folgen werde. Der Arzt hatte, soweit er dazu fähig war, den Versicherten ganzheitlich zu beurteilen, und in diesem Sinne bezifferte er die Arbeitsfähigkeit des Versicherten mit 80 %. Dass neben den somatischen Beschwerden auch die Psyche des Exploranden am Beschwerdebild beteiligt war, war dem Gutachter damals durchaus bewusst gewesen, diagnostizierte doch bereits er - wie nach ihm der Psychiater auch - das Vorliegen von Aggravation und Begehrungstendenzen. Die Frage der Auftraggeberin nach dem Bestehen einer Krankheit aus dem psychiatrischen Formenkreis beantwortete er mit "eher nein", womit er zu verstehen gab, dass ihm gewisse Beobachtungen der Psyche des Versicherten nicht entgangen waren, er diese jedoch mangels spezialärztlicher Kompetenz nicht genauer bezeichnen und diagnostizieren wollte. Es sind indessen keine Anzeichen zu erkennen, dass er diese Beobachtungen bei der Schätzung der Arbeitsfähigkeit auf 80 % ausgeklammert hätte. 2.4.2 Mit der Feststellung des Dr. A.________, dass beim Versicher-ten eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung ohne oder nur mit geringer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit gegeben sei, ist die von Dr. B.________ nicht abschliessend beantwortete Frage nach dem Vorliegen einer psychischen Erkrankung, derentwegen das Eidgenös-sische Versicherungsgericht die Sache an die IV-Stelle zurückgewie-sen hat, nunmehr geklärt. Wenn Dr. A.________ im Lichte der (einzi-gen) psychiatrischen Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung mit - wenn überhaupt - nur geringfügigen Auswirkungen auf die Ar-beitsfähigkeit schliesslich gesamthaft die Einschränkung der Arbeitsfä-higkeit nicht höher als Dr. B.________ beziffert, so bedeutet dies nichts anderes, als dass die anerkannten körperlichen Schmerzen, welche den Beschwerdeführer zu 20 % einschränken, nach Auffas-sung des Gutachters wohl bis zu einem gewissen Grad (möglicherweise vollständig) psychisch überlagert sind, daneben aber kein darüber hinaus gehendes psychisches Leiden mit zusätzlichen invalidisierenden Auswirkungen vorliegt. Diese Schlussfolgerung ist - auch mit Blick darauf, dass psychisch und körperlich bedingte Arbeitsunfähigkeiten im Falle somatoformer Schmerzstörungen typischerweise oft kaum mehr unterscheidbar sind und eine Überschneidung der Arbeitsunfähigkeitsgrade die Regel ist (vgl. Erw. 1.4 hievor) - einleuchtend und überzeugend, weshalb entgegen der Auffassung der Vorinstanz darauf abzustellen ist. Daran ändert nichts, dass Dr. A.________ im ergänzenden Bericht vom 21. Dezember 2001 schliesslich von einer 20%igen "Invalidität" des Versicherten spricht und mit der Verwendung dieses Rechtsbegriffs (Art. 4 Abs. 1 IVG) den Aufgabenbereich des Arztes überschreitet, wird damit doch bloss die verbale Äusserung des Experten bekräftigt, dass der (die körperlichen Schmerzen überlagernde) psychische Faktor sich höchstens gering-fügig limitierend auswirke. 2.5 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Einschätzungen des Dr. A.________ eine in materieller und beweisrechtlicher Hinsicht ausreichende Antwort auf den seinerzeitigen Zweifel des Eidgenössischen Versicherungsgerichts nach dem Vorliegen einer psychischen Erkrankung des Versicherten (und deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit) geben. Nachdem im Übrigen die für die Invaliditätsbemessung relevanten Einkommensgrundlagen (Art. 28 Abs. 2 IVG; vgl. Erw. 1.1 hievor) zu keinem Zeitpunkt bestritten worden sind und auch die Akten keinen Anlass geben, diese in Zweifel zu ziehen, bestehen hierseits gegen die strittige Verfügung der IV-Stelle keine Bedenken mehr.