Citation: U 139/00 08.07.2002 E. 4

4.- Nachfolgend ist zu prüfen, ob und bejahendenfalls welche Beschwerden der Versicherten auf die Schleuderverletzungen der HWS zurückzuführen sind. a) Hirnfunktionsstörungen aa) Die Aussage des Prof. P.________, dass die bestehenden Hirnfunktionsstörungen leichten bis mittelschweren Grades ihre eigentliche Ursache nicht in den Schleuderverletzungen haben (Bericht vom 13. Januar 1996), ist überzeugend, weshalb darauf abzustellen ist. bb) Hingegen haben Verwaltung und Vorinstanz dem Hinweis des Prof. P.________ ungenügend Rechnung getragen, dass die Störungen durch die Schleudertraumata ausgelöst bzw. verstärkt worden sein könnten - wenn die Gleichzeitigkeit von Trauma und Funktionsstörung nachweisbar sei -, was nur durch eine Fremdanamnese geklärt werden könne. Die Vorinstanz führte diesbezüglich aus, die Gleichzeitigkeit von Trauma und Funktionsstörung könne fremdanamnestisch nicht nachgewiesen werden. Denn es stehe fest, dass bereits früher mögliche Hirnschädigungen bestanden haben könnten, da die Versicherte gemäss Angaben des Dr. med. W.________ vom 3./10. März 1995 bereits 1990 eine vasovagale Synkope (einen vaskulär bedingten Bewusstseinsverlust) mit commotio cerebri und anschliessendem öfterem Kopfdruck und Kribbelsensationen erlitten habe; zudem habe sie schon vor dem Unfall vom 6. Januar 1995 an psychosomatischen Beschwerden gelitten, die dann durch die Kündigung verschlimmert und durch den Unfall nochmals aktiviert worden seien. Dieser Argumentation der Vorinstanz kann nicht gefolgt werden. Die Hirnfunktionsstörungen hätten sich, wenn sie schon vor den Schleuderverletzungen manifest gewesen wären, sehr wahrscheinlich in dem doch anspruchsvollen Beruf der Versicherten als Direktionsassistentin/Sekretärin mit Fremdsprachen auswirken müssen. Sie arbeitete während 25 Jahren im gleichen Betrieb (X.________ AG) und erhielt im November 1994 die Kündigung per 31. Januar 1995. Zwar soll die Kündigung nach Angaben der Beschwerdeführerin aus Rationalisierungsgründen erfolgt sein. Solche Gründe werden jedoch oftmals vorgeschoben. Aber selbst wenn sie zutreffen sollten, so tangieren solche Rationalisierungsmassnahmen weniger die Tüchtigen, sondern überwiegend schwächere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In den Akten finden sich keine Angaben, welche darauf schliessen liessen, dass bei der Arbeitgeberin abgeklärt worden wäre, ob die Beschwerdeführerin bereits vor der Kündigung in ihren Leistungen auffallenderweise abgefallen wäre, und zwar in einer Weise, dass der Schluss nahe liegen würde, es seien Hirnfunktionsstörungen die Ursache. Auch die vorhandenen Arztberichte enthalten hierzu keine rechtsgenüglichen Angaben. Diese Abklärung ist somit nachzuholen, wobei selbstredend auch ausserberufliche Bereiche einbezogen werden können. b) Beschwerden im Kopf- und HWS-Bereich und weitere Beschwerden Die Versicherte hat bereits nach dem ersten Unfall folgende Beschwerden im Kopf- und Nackenbereich angegeben: diffuse Kopfschmerzen, vor allem im Scheitelbereich, Kopfdruck, Ziehen im Kopf, Konzentrationsstörungen, Nackenschmerzen, depressive Grundstimmung, Lärm- und Lichtunverträglichkeit, Zwicken im Scheitelbereich, Schmerzen im HWS-Bereich/Nadelstiche (Berichte des Dr. med. W.________ vom 27. Januar, 3. und 10. März, 8. Mai sowie 18. Juli 1995); Nacken-, Rücken- und Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche, Hitzegefühl über der Kopfkalotte mit Ausstrahlungen bis in den Nacken, Kribbeln über der Schädelkalotte nach vermehter Belastung wie z.B. Staubsaugen (Berichte des Kreisarztes Dr. med. Z.________ vom 17. Mai und 8. November 1995); occipitale Kopfschmerzen kribbelnden Charakters, messerstichartige Kopfschmerzen, allgemeine Kraftlosigkeit und geringe Belastbarkeit, Lärm- und Lichtempfindlichkeit (Bericht der Rehaklinik T.________ vom 7. September 1995); occipitale, z.T. kribbelnde Kopfschmerzen, in der Folge messerstichartig über dem Scheitel ausgeprägt (Bericht des Dr. med. A.________ vom 1. Dezember 1995). Diese Angaben ziehen sich durch alle Akten hindurch. Dass solche Beschwerden bestanden haben, bestreitet die SUVA nicht. Sie und die Vorinstanz vertreten indessen aufgrund des abschliessenden Berichts vom 10. Dezember 1997 (Dr. med. Q.________, Spezialarzt FMH für Chirurgie, und Dr. med. R.________, Neurologe, beide vom Ärzteteam Unfallmedizin der SUVA) die Auffassung, somatische Unfallfolgen könnten mangels eines pathologischen Substrates nicht festgestellt werden. Als Begründung für die Annahme, es lägen keine Beschwerden mehr vor, genügt dies jedoch nicht, weil sich bei Schleudertraumen der HWS ein organisches Substrat in vielen Fällen nicht (hinreichend) nachweisen lässt (BGE 127 V 103 Erw. 5b/bb mit Hinweisen). Ferner hat Dr. med. R.________ die Beschwerden im Kopfbereich phänomenologisch als "am ehesten einem chronischen Spannungstyp-Kopfweh" entsprechend bezeichnet. Eine solche Erklärung genügt indessen nicht, um die Kopfbeschwerden nicht als Unfallfolge erscheinen zu lassen, zumal die SUVA nicht einmal versucht hat darzulegen, dass die Versicherte schon vor den beiden Unfällen an Kopfschmerzen dieses Typs gelitten hätte. Die genannten Leiden sind, da sie zum typischen Beschwerdebild von Schleuderverletzungen der HWS gehören und keine anderen Ursachen zu finden sind, den beiden Schleudertraumen zuzuordnen, es wäre denn, dass die in Erw. 4a aufgeführten, noch durchzuführenden Abklärungen ergeben sollten, dass sie Ausdruck von Hirnfunktionsstörungen sind, die bereits vor den Unfällen manifest waren. In diesem Falle wäre, wiederum vom Ergebnis der Abklärungen ausgehend, festzustellen, ob und allenfalls welche Beschwerden mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf die Hirnleistungsstörungen zurückzuführen oder als Folge der Schleuderverletzungen der HWS zu betrachten sind. c) Ophthalmologische Beschwerden Diesbezüglich stellte Frau Dr. med. U.________, Fachärztin für Ophthalmologie, im Bericht vom 27. November 1995 eine typische Störung der Akkommodations-Konvergenz nach Schleudertrauma fest. Die Versicherte klage über Sehstörungen wie Verschwommen- und Verzogensehen, die nachts aufträten. Am 19. September 1996 stellte Frau Dr. med. U.________ fest, beim zweiten Unfall habe die Versicherte fast die gleichen Beschwerden (verschwommenes Sehen, Augenbrennen, Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten, Lichtüberempfindlichkeit) erlitten wie beim ersten Unfall, jedoch in geringerem Ausmass. Im Blickfeldbereich sei nach wie vor eine angedeutete Leitungsstörung im Sehnervbereich zu sehen, jedoch in kleinerem Ausmass als beim ersten Unfall (rückgängig). Aus rein ophthalmologischer Sicht könne die Arbeitsfähigkeit bald auf 100 % gesteigert werden. Am 16. Mai 1997 legte die Ärztin schliesslich dar, die Akkommodationsbreite und das Blickfeld hätten sich normalisiert; vor allem sei der blinde Fleck normal gross, und somit seien keine Leitungsstörungen mehr vorhanden. Aufgrund der ophthalmologischen Untersuchungen und der deutlichen Besserung bei der letzten Kontrolle sei es wahrscheinlich, dass das Schleudertrauma den grössten Teil der Beschwerden verursacht habe. Die Haftung der SUVA für das Augenleiden bestand daher grundsätzlich bis zur aktenmässig belegten Heilung per 16. Mai 1997, weshalb sie ihre Leistungspflicht (Heilbehandlung, Taggeld) bis zu diesem Zeitpunkt zu prüfen und darüber neu zu verfügen hat. d) LWS-Beschwerden Dr. med. Z.________ stellte im Bericht vom 16. Mai 1995 erstmals fest, die Beschwerdeführerin spüre in letzter Zeit auch Rückenschmerzen. Im Schreiben an die SUVA vom 12. November 1995 gab die Versicherte an, sie sei ohne jegliche Rücken- und Beinschmerzen nach T.________ (Aufenthalt vom 21. bis 23. August 1995) gekommen; das dortige Schwimmen in zu kaltem Wasser habe aber zu Rücken- und Beinschmerzen geführt. In den darauf folgenden Untersuchungen bis zum zweiten Unfall vom 11. April 1996 wurden keine Rückenschmerzen mehr angegeben oder diagnostiziert (Berichte des Dr. med. A.________ vom 1. Dezember 1995 und des Prof. P.________ vom 13. Januar 1996). Beim zweiten Unfall diagnostizierte Dr. med. K._______ u.a. eine LWS-Kontusion (Berichte vom 26. und 27. April 1996). Indessen wurden bis zum massgebenden Zeitpunkt des Einspracheentscheides (BGE 116 V 248 Erw. 1a) in keinem der nachfolgenden Arztberichte mehr invalidisierende LWS-Beschwerden diagnostiziert oder angegeben (Berichte des Dr. med. W.________ vom 23. Mai 1996, des Kreisarztes Dr. med. G.________ vom 30. Juli 1996, der Dr. med. U.________ vom 19. September 1996, des Dr. med. N.________ vom 25. September 1996, des Dr. med. H.________ vom 4. und 20. März 1997, der Dres. med. Q.________ und R.________ vom 10. Dezember 1997). Die Versicherte verneint diesbezüglich denn auch ausdrücklich invalidisierende Beschwerden. In diesem Punkt ist daher eine Leistungspflicht der SUVA zu verneinen, zumal weder behauptet wird noch ausgewiesen ist, dass diesbezüglich separate Behandlungskosten entstanden sind. Nicht stichhaltig ist der Einwand der Versicherten, die Kausalität der nicht invalidisierenden LWS-Beschwerden müsste im Hinblick auf spätere Verschlimmerungen korrekt beurteilt werden. Denn hierüber ist erst zu entscheiden, wenn eine Verschlimmerung tatsächlich eintreten sollte.