Citation: U 481/00 05.04.2001 E. 3

3.- a) Demzufolge ist entgegen der Auffassung der Vorinstanz nicht zu unterscheiden zwischen physischen und psychischen Komponenten (BGE 117 V 367 Erw. 6a i.f.) und hat die Adäquanzbeurteilung nach der für psychische Unfallfolgen massgebenden Rechtsprechung zu erfolgen (BGE 123 V 99 Erw. 2a). Praxisgemäss ist bei der Beurteilung der Adäquanz an das Unfallereignis anzuknüpfen. Bei leichten Unfällen kann der adäquate Kausalzusammenhang zwischen Unfall und nachfolgenden Gesundheitsstörungen in der Regel ohne weiteres verneint werden, weil aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung, aber auch unter Einbezug unfallmedizinischer Erkenntnisse davon ausgegangen werden darf, dass ein solcher Unfall nicht geeignet ist, einen erheblichen Gesundheitsschaden zu verursachen. Bei schweren Unfällen dagegen ist der adäquate Kausalzusammenhang zwischen Unfall und Folgen in der Regel zu bejahen. Denn nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung sind solche Unfälle geeignet, entsprechende Gesundheitsschäden zu bewirken. Bei Unfällen aus dem mittleren Bereich lässt sich die Frage, ob zwischen Unfall und Folgen ein adäquater Kausalzusammenhang besteht, nicht aufgrund des Unfalls allein schlüssig beantworten. Weitere, objektiv erfassbare Umstände, welche unmittelbar mit dem Unfall in Zusammenhang stehen oder als direkte oder indirekte Folgen davon erscheinen, sind in eine Gesamtwürdigung einzubeziehen. Als wichtigste Kriterien sind zu nennen: - besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalls; - die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen, insbesondere ihre erfahrungsgemässe Eignung, psychische Fehlentwicklungen auszulösen; - ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung; - körperliche Dauerschmerzen; - ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert; - schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen; - Grad und Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit. Der Einbezug sämtlicher objektiver Kriterien in die Gesamtwürdigung ist nicht in jedem Fall erforderlich. Je nach den konkreten Umständen kann für die Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs ein einziges Kriterium genügen. Dies trifft einerseits zu, wenn es sich um einen Unfall handelt, welcher zu den schwereren Fällen im mittleren Bereich zu zählen oder sogar als Grenzfall zu einem schweren Unfall zu qualifizieren ist. Anderseits kann im gesamten mittleren Bereich ein einziges Kriterium genügen, wenn es in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist. Kommt keinem Einzelkriterium besonderes bzw. ausschlaggebendes Gewicht zu, so müssen mehrere unfallbezogene Kriterien herangezogen werden. Dies gilt umso mehr, je leichter der Unfall ist. Handelt es sich beispielsweise um einen Unfall im mittleren Bereich, der aber dem Grenzbereich zu den leichten Unfällen zuzuordnen ist, müssen die weiteren zu berücksichtigenden Kriterien in gehäufter oder auffallender Weise erfüllt sein, damit die Adäquanz bejaht werden kann (BGE 115 V 140 Erw. 6 c/bb). b) Im Lichte der bisherigen Rechtsprechung ist der hier zur Diskussion stehende Unfall dem mittleren Bereich zuzuordnen, was unbestritten ist (vgl. auch RKUV 1999 Nr. U 330 S. 122 ff.). Die Adäquanz des Kausalzusammenhangs wäre praxisgemäss daher zu bejahen, wenn ein einzelnes der unfallbezogenen Beurteilungskriterien in besonders ausgeprägter Weise oder mehrere der nach der Rechtsprechung massgebenden Kriterien erfüllt wären (BGE 115 V 140 Erw. 6c/bb). Die Akten enthalten zwar keine Polizeiberichte zum Unfallhergang. Ohne dass es weiterer Abklärungen bedürfte, ist aufgrund der eigenen Angaben der Beschwerdegegnerin gegenüber dem Unfallversicherer und den Ärzten das Kriterium der besonders dramatischen Begleitumstände oder besonderen Eindrücklichkeit des Unfalls jedoch zu verneinen. Die Beschwerdegegnerin hat im Anschluss an den Unfall vom 8. Juli 1988 nie über traumatische Reaktionen oder Belastungssymptome geklagt. Sie war nach dem Unfall zwar kurze Zeit bewusstlos, hat jedoch keine Verletzungen von besonderer Schwere und insbesondere keine Verletzungen erlitten, die erfahrungsgemäss geeignet sind, psychische Fehlentwicklungen auszulösen. Zu den psychischen Beeinträchtigungen ist es auf der Grundlage einer vorbestandenen narzisstischneurotischen Persönlichkeitsstörung gekommen, und es ist laut Gutachten des ZMB anzunehmen, dass bei einer psychisch stabilen Person ausser den organischen Restbeschwerden keine weiteren Beeinträchtigungen aufgetreten wären. Die Hospitalisation dauerte vom 8. bis 16. Juli 1988; die anschliessend durchgeführte ambulante Physiotherapie konnte im Februar 1989 abgeschlossen werden. Auch wenn in der Folge erneut vorübergehend Physiotherapie durchgeführt wurde, kann von einer ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung nicht gesprochen werden. Hieran ändert nichts, dass im Gutachten des ZMB eine weitere Behandlungsbedürftigkeit der Nackenbeschwerden bejaht wird, zumal sie nach den gutachterlichen Angaben vom Verlauf des (ebenfalls behandlungsbedürftigen) psychischen Leidens abhängig ist. Ebenso wenig ist das Kriterium der körperlichen Dauerschmerzen erfüllt. Soweit noch körperliche Beschwerden bestehen, sind sie nach den Angaben der Beschwerdegegnerin nicht von grosser Intensität; zudem sind sie in erheblichem Masse psychisch überlagert, was bei der Adäquanzbeurteilung unberücksichtigt zu bleiben hat. Von einer ärztlichen Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hat, oder einem schwierigen Heilungsverlauf und erheblichen Komplikationen kann nicht die Rede sein. Schliesslich kann auch das Kriterium von Grad und Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit nicht als erfüllt gelten. Die Beschwerdegegnerin hat die Arbeit am 7. Dezember 1998 zu 50 % und am 6. Februar 1989 wieder zu 100 % aufgenommen. In der Folge war sie nur während weniger Tage unfall- bzw. krankheitsbedingt arbeitsunfähig. Die bestehenden Restbeschwerden (Nacken- und Kopfschmerzen) haben sie nicht daran gehindert, bis zu der (nicht aus gesundheitlichen Gründen erfolgten) Kündigung des Arbeitsverhältnisses durch den Arbeitgeber voll erwerbstätig zu sein. Anhaltspunkte dafür, dass sie über das aus gesundheitlicher Sicht zumutbare Mass hinaus gearbeitet hat, liegen nicht vor, hat sie sich doch selber als 100 % arbeitsfähig bezeichnet und in der Folge nie geltend gemacht, körperlich überfordert gewesen zu sein. Soweit später erneut eine Arbeitsunfähigkeit eingetreten ist, war diese überwiegend psychisch bedingt. Da somit keines der nach der Rechtsprechung für die Adäquanzbeurteilung massgebenden Kriterien als erfüllt gelten kann, besteht kein Anspruch auf weitere Leistungen des Unfallversicherers.