Citation: I 168/02 08.10.2002 E. 2

2.1 Es ist somit die Frage zu beantworten, ob bei der Beschwerdeführerin eine leistungsspezifische Invalidität in dem Sinne vorliegt, dass sie in der Zeit vom Abbruch der Lehre bis zur Anmeldung für berufliche Eingliederungsmassnahmen aus psychischen Gründen daran gehindert worden ist, die übliche erstmalige berufliche Ausbildung zu absolvieren. Wird diese Frage verneint, liegt keine Invalidität vor, und die Beschwerdeführerin kann folglich für die berufliche Ausbildung, der sie sich nunmehr unterziehen will, keine Ansprüche gegen die Invalidenversicherung erheben. Wird die Frage bejaht, hätte dies zur Folge, dass die nunmehr nachzuholende erstmalige berufliche Ausbildung als invaliditätsbedingt verspätet zu qualifizieren und der damit verbundene Erwerbsausfall als invaliditätsbedingte Erwerbseinbusse gestützt auf Art. 22 Abs. 1 Satz 2 IVG von der Invalidenversicherung taggeldmässig zu entschädigen ist. 2.2 Hingegen ist es unerheblich, ob die Beschwerdeführerin noch bei Erlass der angefochtenen Verwaltungsverfügung am 9. Oktober 2001 an einem invalidisierenden psychischen Gesundheitsschaden litt. Denn es kommt im Rahmen von Art. 4 Abs. 1 IVG, von seinem ausdrücklichen Wortlaut wie von der Systematik der Invalidenversicherung als final konzipierten Erwerbsausfallversicherung (AHI 1999 S. 79) her, nicht auf die Gleichzeitigkeit (Kontemporalität), sondern auf die Kausalität von Gesundheitsschaden und Erwerbsunfähigkeit (Alfred Bühler, Zur rechtlichen Bedeutung der invaliditätsfremden Gründe der Erwerbsunfähigkeit für die Invaliditätsbemessung, in: SZS 1993 S. 249 ff.) an (BGE 126 V 462 Erw. 2). Dies wird in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde richtig bemerkt. 2.3 Die Akten enthalten hinreichende Anhaltspunkte für die Annahme, dass die Beschwerdeführerin als Folge u.a. einer psychischen Fehlentwicklung von Krankheitswert drogensüchtig geworden (BGE 102 V 165; AHI 1996 S. 301, 304, 307) und aus psychischen Gründen daran gehindert worden ist, die übliche erstmalige berufliche Ausbildung zu absolvieren. Dr. med. van S.________ stellte in dem von der IV-Stelle eingeholten Arztbericht vom 8. November 2000 die Diagnose einer seit ca. 1989 vorliegenden Dysthymie (ICD-10 F34.1) und einer seit 1985 bestehenden Polytoxikomanie. Er meldete schwere familiäre Probleme mit alkoholkrankem Vater und ganztags berufstätiger Mutter, was bei der Beschwerdeführerin eine kindliche Verwahrlosung zur Folge hatte. Im Zeitpunkt des Ausbildungsabbruchs begann die schwere Polytoxikomanie. Die diagnostizierten Leiden bewirkten nach Dr. med. van S.________ eine deutliche Verminderung der Grundleistungsfähigkeit mit erniedrigter Stress- und Frustrationstoleranz, was eine mangelhafte bzw. fehlende Ausbildung und ein Ausbleiben an theoretischen und praktischen Kenntnissen in beruflichen Belangen zur Folge hatte. Auch in dem zuhanden des Untersuchungsrichteramtes erstellten und mit der Verwaltungsgerichtsbeschwerde vorgelegten Gutachten von Dr. med. Z.________, Spezialarzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, wird die familiäre Belastung mit Suchtkrankheiten (schwer alkoholkranker Vater, magersüchtige Schwester, schwer drogensüchtiger Bruder) rapportiert. Nach diesem Arzt zeigte die Beschwerdeführerin verschiedene kinderneurotische Zeichen und war nach Abschluss der Sekundarschule in der Berufslehre infolge massiver Enttäuschungen überfordert; die "in der Folge entstandene Sucht" führte zu erheblichen körperlichen Schäden und zu einer psychosozialen Reifungshemmung, was nach Aussage des Gutachters bewirkte, dass die Beschwerdeführerin keine Ausbildung abschliessen konnte. Er gab an, sie sei zur Zeit der ihr angelasteten Taten (Konsum von Drogen, Dealen, Hehlen) in ihrer geistigen Gesundheit und zum Teil wohl auch in ihrem Bewusstsein beeinträchtigt gewesen, sodass die Einsicht in das Unrecht der Taten, insbesondere aber die Fähigkeit zum Handeln gemäss noch vorhandener Einsicht in mittlerem bis schwerem Grade herabgesetzt war (Gutachten vom 26. August 1998). Im Bericht der Privatklinik Y.________ vom 21. Februar 2001 ist angegeben, bei der Beschwerdeführerin habe während des Drogenentzugs im Mai 2000 nicht nur ein Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F10.20), sondern auch ein Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.3) mit rezidivierender depressiver Verstimmung (ICD-10 F33.1) bestanden. Der Psychiater Dr. med. D.________ berichtete zum Lebenslauf der Beschwerdeführerin, diese sei eine gute Schülerin gewesen, habe aber auf Grund der schweren familiären Verhältnisse mit einem alkoholkranken und aggressiven Vater und einer berufstätigen und überforderten Mutter schon als Kind Zeichen der emotionalen "Verwahrlosung" gezeigt, habe geklaut, sei eingebrochen, habe kaum Kontakt zu Gleichaltrigen gehabt, sondern diesen bei älteren Kollegen gesucht. Während der missglückten Grafikerinlehre habe sie ihren späteren langjährigen Freund kennen gelernt. Sie habe damals bereits Cannabis "gekifft" und mit dem Freund zusammen zunächst Kokain und dann auch Heroin "gesnifft" und später gespritzt. Dr. med. D.________ gab die Beurteilung ab, psychiatrisch-diagnostisch sei auf eine emotionale Vernachlässigung eines Kindes zu schliessen.