Citation: 4A_553/2022 E. 6.1.2

6.1.2. Zentral sei, dass der Beschwerdegegner unbestritten seit Jahren an Diabetes mellitus des Typs 1 (nachfolgend: Diabetes 1) leide. Dr. med. C.________, Facharzt für Diabetologie, der ihn offenbar seit 2007 betreue, habe ausgeführt, Diabetes 1 sei nicht vergleichbar mit dem Typ 2. Bei Diabetes 1 produziere die Bauchspeicheldrüse kein einziges Tröpfchen Insulin, sodass der betroffene Patient innert 24 Stunden tot sei, wenn nichts dagegen gemacht werde. Nur durch eine "externe Zugabe von Insulin, Zuverlässigkeit des Patienten, Therapie und gute Schulung [sei] man 100 % einsatzfähig und nicht eingeschränkt". Vor diesem medizinischen Hintergrund habe Dr. med. C.________ ausgesagt, der Beschwerdegegner sei bei der Konsultation am 22. Oktober 2019 "aussergewöhnlich emotional aufgewühlt" gewesen und habe sich in einem "deutlich reduzierten Allgemeinzustand" bzw. "in einer absoluten emotionalen Belastungssituation" befunden. Der Beschwerdegegner habe über viele Jahre eine sehr gute und stabile Einstellung der Blutzuckerwerte gehabt. Anlässlich der Konsultation seien die Blutzuckerwerte einem Auf und Ab unterworfen gewesen. Damit sei eine Arbeitstätigkeit nicht vereinbar gewesen. Weiter hätten die am 22. Oktober 2019 erhobenen Blutzuckerwerte nahe an der Grenze gelegen, bei deren Erreichung eine Bewusstlosigkeit drohe, und das Auslesen der Werte habe gezeigt, dass dieser Zustand seit Längerem vorgelegen habe. In der Berufung werde nichts ausgeführt, das Zweifel an dieser Einschätzung zu wecken vermöge. Die Beschwerdeführerin trage nichts vor, das darauf hindeute, dass das Unter-Kontrolle-Bringen des Blutzuckers einem Facharzt grundsätzlich nur bei interdisziplinärer Zusammenarbeit (mit einem Hausarzt) gelingen könnte. Es sei davon auszugehen, dass der Beschwerdegegner am 22. Oktober 2019 und damit fast zwei Monate nach der Kündigung bei Dr. med. C.________ mit einem Krankheitsbild vorstellig geworden sei, bei dem er nach Beurteilung des Spezialisten nicht mehr klar habe denken können und das seit Längerem vorgelegen haben müsse. Die Ehefrau des Beschwerdegegners habe glaubwürdig ausgesagt, sie habe ihn nach der Kündigung mehrfach bewusstlos im Bett angetroffen. Es sei kein anderer Umstand als die Kündigung ersichtlich, der für die ab dem 28. August 2019 durch die Arztzeugnisse bescheinigte Arbeitsunfähigkeit ursächlich gewesen sein könnte. Zusammenfassend könne als erstellt gelten, dass die Blutzuckerwerte in schwerwiegender Weise ausser Kontrolle gerieten und sich erst nach der Konsultation bei Dr. med. C.________ am 22. Oktober 2019 wieder normalisierten. Dass dies innert etwas mehr als zwei Wochen geschah, sei ohne Belang, nachdem Dr. med. C.________ in der Zeugenbefragung die Ergänzungsfrage der Beschwerdeführerin bejaht habe, ob es vorstellbar sei, dass ein Diabetiker, der unter Diabetes 1 leide, für die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit zehn Wochen benötige.