Citation: 6B_853/2016 E. 3.1.1

3.1.1. Die Staatsanwaltschaft hat im Berufungsverfahren - mit Ausnahme der Strafhöhe - die Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils beantragt. Inwiefern der Umstand, dass sie den Schuldspruch wegen vorsätzlicher Tötung gemäss Art. 111 StGB nicht angefochten hat, dazu führen soll, dass von einer Notwehrsituation im Sinne von Art. 15 StGB auszugehen und hierauf nicht mehr zurückzukommen sei, erschliesst sich nicht. Das Bundesgericht hat in mehreren Entscheiden, denen Berufungsurteile beider Strafkammern der Vorinstanz zugrunde lagen, wiederholt betont, dass im Falle einer auf die Strafzumessung beschränkten Berufung sich die Berufungsinstanz mit sämtlichen strafzumessungsrelevanten Tatumständen (z.B. Tatablauf, Tathintergrund) auseinandersetzen muss. Dazu gehören namentlich alle Umstände, die sich straferhöhend/-schärfend oder strafmindernd/-mildernd auswirken können. Das Bundesgericht hielt fest, dass die Vorinstanz als Berufungsgericht seine umfassende Kognition in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht zu Unrecht mit der Begründung beschränkt hat, der Schuldspruch sei im Berufungsverfahren nicht angefochten, weshalb sie in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht an die erstinstanzlichen Erwägungen gebunden sei (vgl. Urteile 6B_1167/2015 vom 25. August 2016 E. 1.3; 6B_297/2014 vom 24. November 2014 E. 1.3; je mit Hinweisen; vgl. auch Urteil 6B_724/2017 vom 21. Juli 2017 E. 2.3 mit identischer Rechtsfrage unter Hinweis auf Art. 391 Abs. 1 StPO). Die Staatsanwaltschaft hätte den Schuldspruch lediglich dann anfechten müssen, wenn sie eine andere rechtliche Qualifikation des Anklagesachverhalts (zu Lasten oder zu Gunsten der Beschwerdegegnerin) angestrebt hätte. Dies ist vorliegend nicht der Fall. Es wäre wenig sinnvoll, wenn die Staatsanwaltschaft neben der Bemessung der Strafe auch noch den Schuldspruch wegen vorsätzlicher Tötung angefochten hätte, um dann im Berufungsverfahren einen identischen Schuldspruch zu beantragen. Dies umso weniger, da die Rechtsauffassung des Bezirksgerichts, es habe eine Notwehrsituation vorgelegen, im erstinstanzlichen Verfahren gerade nicht zu einem Freispruch, sondern zu einer Verurteilung der Beschwerdegegnerin wegen vorsätzlicher Tötung geführt hat. Der nicht angefochtene Schuldspruch war vorliegend Voraussetzung, um die Strafzumessung anzufechten undeine höhere Freiheitsstrafe zu beantragen. Das Vorliegen einer Notwehrsituation war für die Staatsanwaltschaft damit nur im Rahmen der Strafzumessung erheblich. Auch würde die gesetzlich ausdrücklich vorgesehene Möglichkeit, die Berufung auf den Strafpunkt zu beschränken (vgl. Art. 399 Abs. 3 und 4 lit. a StPO), keinen Sinn ergeben.