Citation: H 94/05 19.01.2006 E. 5

5.1 Neben der Haftungsvoraussetzung des groben Verschuldens hat die Vorinstanz auch dafür gehalten, es mangle an einem adäquaten Kausalzusammenhang zwischen dem pflichtwidrigen Verhalten des Beschwerdegegners und dem der Ausgleichskasse entstandenen Schaden. Es sei fraglich, ob er mit einer früheren Intervention - beispielsweise einem Personalabbau - die Entstehung des Schadens hätte verhindern können. 5.2 Eine Haftung im Sinne von Art. 52 AHVG setzt voraus, dass zwischen der absichtlichen oder grobfahrlässigen Verletzung von Vorschriften und dem Eintritt des Schadens ein adäquater Kausalzusammenhang besteht (BGE 119 V 406 Erw. 4a mit Hinweisen; SVR 2005 AHV Nr. 18 S. 63, H 86/02 Erw. 5.4.2.3;). In diesem Zusammenhang ist die hypothetische Frage, ob ein Verwaltungsrat auch bei pflichtgemässem Verhalten die Bezahlung der Sozialversicherungsbeiträge tatsächlich nicht hätte durchsetzen können, nach Erfahrungssätzen zu beurteilen; dabei gilt der Beweis als geleistet, wenn der Richter gestützt auf die ihm zur Verfügung stehenden Unterlagen die Überzeugung gewinnt, ein pflichtgemässes Verhalten hätte mit überwiegender Wahrscheinlichkeit die durch Erfahrungssätze indizierten Auswirkungen gezeitigt (Urteil A. und B. vom 6. Februar 2001, H 307/99; Thomas Nussbaumer, Die Haftung des Verwaltungsrates nach Art. 52 AHVG, in: AJP 1996 S. 1081 Anm. 119; vgl. auch Urteil L. vom 8. November 2005; H 74/05). An einem adäquaten Kausalzusammenhang fehlt es, wenn auch ein pflichtgemässes Verhalten den Schaden nicht hätte verhindern können (Forstmoser, Die aktienrechtliche Verantwortlichkeit, 2. Aufl. Zürich 1987, S. 100 N 272). Indessen vermag die blosse Hypothese, der Schaden wäre auch bei pflichtgemässem Verhalten eingetreten, die Adäquanz nicht zu beseitigen. Dass ein Schaden ohnehin eingetreten wäre, muss vielmehr mit Gewissheit oder doch mit hoher Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sein (Forstmoser, a.a.O., S. 100 N 273; Oftinger, Schweiz. Haftpflichtrecht, Band I, 4. Aufl. Zürich 1975, S. 124 f.; Kramer, Die Kausalität im Haftpflichtrecht: neue Tendenzen in Theorie und Praxis, ZbJV 123/1987 S. 304; AJP 2003 S. 1460 mit Hinweis). Das schuldhafte Verhalten eines im Sinne von Art. 759 OR solidarisch Ersatzpflichtigen kann nur dann als inadäquat für den eingetretenen Schaden gelten, wenn das Verschulden des Dritten oder des Geschädigten dermassen schwer wiegt, dass das eigene Fehlverhalten eindeutig in den Hintergrund tritt und damit nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der Lebenserfahrung nicht mehr als adäquate Schadensursache erscheint (Urteil H. vom 21. Januar 2004, H 267/02 Erw. 6.2). 5.3 Im vorliegenden Fall sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, weil ungewiss ist - wie selbst die Vorinstanz argumentiert -, ob ein pflichtgemässes Verhalten des Beschwerdegegners den Schaden nicht hätte verhindern können. So ist immerhin denkbar, dass eine wiederholte ausdrückliche Aufforderung des Beschwerdegegners auf Bezahlung der ausstehenden Sozialversicherungsbeiträge - eventuell verbunden mit einer Rücktrittsdrohung - die Beteiligten dazu veranlasst hätte, die Ausstände zu begleichen. Insbesondere sind im hier fraglichen Zeitraum Löhne ausbezahlt worden, womit die Gesellschaft also noch über liquide Mittel verfügte. Dem passiven Verhalten des Beschwerdegegners kann die kausale Bedeutung für den eingetretenen Schaden daher nicht abgesprochen werden. Damit ist die Verwaltungsgerichtsbeschwerde gutzuheissen und die Haftung des Beschwerdegegners zu bejahen.