Citation: I 510/06 26.01.2007 E. 6

6.1 Das kantonale Gericht hat erwogen, die Meinungen der Psychiater bezüglich der korrekten Diagnosestellung und der Beeinträchtigung des Leistungsvermögens gingen zwar auseinander. Einigkeit bestehe indessen darin, dass die Arbeitsunfähigkeit im Festhalten an der Pflege des Sohnes begründet liege. Die psychischen Probleme und die körperlichen Dekompensationen resultierten aus einem äusseren Umstand, dessen Auswirkung durch ein Einlenken des Versicherten verringerbar wäre. Objektiv betrachtet und mit Blick auf die allen Versicherten obliegende Schadenminderungspflicht, sei eine mögliche Arbeitsunfähigkeit wegen des Ablehnens externer Hilfe und der sich daraus ergebenden Überforderung selbstverschuldet. Weil der Versicherte trotz wiederholter Aufforderung durch die Fachärzte nicht das ihm Zumutbare zur Verbesserung der Arbeitsfähigkeit beigetragen habe, sondern sich darauf fixiere, sich bis zum Tod um seinen Sohn zu kümmern, habe die Invalidenversicherung für die Auswirkungen der pflegebedingten Last nicht aufzukommen. 6.2 Dem kann nicht vorbehaltlos zugestimmt werden. Soziokulturelle oder psychosoziale Faktoren allein können zwar nicht einen zu Erwerbsunfähigkeit führenden Gesundheitsschaden im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG darstellen. Es braucht in jedem Fall zur Annahme einer Invalidität ein medizinisches Substrat, das (fach)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und nachgewiesenermassen die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt. Je stärker psychosoziale und soziokulturelle Faktoren im Einzelfall in den Vordergrund treten und das Beschwerdebild mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fachärztlich festgestellte psychische Störung von Krankheitswert vorhanden sein. Das bedeutet, dass das klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigungen, welche von den belastenden soziokulturellen Faktoren herrühren, bestehen darf, sondern davon psychiatrisch zu unterscheidende Befunde zu umfassen hat, zum Beispiel eine von depressiven Verstimmungszuständen klar unterscheidbare andauernde Depression im fachmedizinischen Sinne oder einen damit vergleichbaren psychischen Leidenszustand. Solche von der soziokulturellen Belastungssituation zu unterscheidende und in diesem Sinne verselbstständigte psychische Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit sind unabdingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann. Wo der Gutachter dagegen im Wesentlichen nur Befunde erhebt, welche in den psychosozialen und soziokulturellen Umständen ihre hinreichende Erklärung finden, gleichsam in ihnen aufgehen, ist kein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden gegeben (vgl. AHI 2000 S. 153 Erw. 3). Ist anderseits eine psychische Störung von Krankheitswert schlüssig erstellt, kommt der Frage zentrale Bedeutung zu, ob und inwiefern, allenfalls bei geeigneter therapeutischer Behandlung, von der versicherten Person trotz des Leidens willensmässig erwartet werden kann zu arbeiten (eventuell in einem geschützten Rahmen; vgl. Praxis 1997 Nr. 49 S. 255 Erw. 4b) und einem Erwerb nachzugehen (BGE 127 V 299 Erw. 5a mit Hinweisen). 6.3 Dr. med. O.________ ging aufgrund der Untersuchung vom 28. September 2004 laut Bericht an die SWICA vom 5. Oktober 2004 von einer depressiven Episode mittleren Grades mit somatischen Symptomen (ICD-10 F32.11) aus. Dabei handelt es sich definitionsgemäss um ein vorübergehendes Leiden, indem solche Episoden im Mittel etwa sechs Monate, selten länger als ein Jahr dauern und länger dauernde Störungen unter F33 (rezidivierende depressive Störung) oder F34 (anhaltende affektive Störung) zu subsumieren sind (vgl. Dilling/Mombour/Schmidt [Hrsg.], von der Weltgesundheitsorganisation [WHO] herausgegebene Internationale Klassifikation psychischer Störungen, Übersetzung der 10. Revision [1992] der International Classification of Diseases, ICD-10 Kapitel V [F], Klinisch-diagnostische Leitlinien, 5. Aufl., Bern 2004, S. 142 ff.). Med. pract. E.________, welcher den Versicherten von Juni bis November 2004 psychiatrisch betreute, diagnostizierte im Bericht an die IV-Stelle vom 13./14. Januar 2005 eine seit mindestens drei Jahren bestehende Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion und somatischen Symptomen (ICD-10 F43.21). Dieses Beschwerdebild entspricht einem leichten depressiven Zustand als Reaktion auf eine länger anhaltende Belastungssituation, der aber nicht länger als zwei Jahre dauert. Dauern die Symptome an, sollte die Diagnose geändert werden (Dilling/Mombour/Schmidt, a.a.O., S. 170 ff.). Die von den beiden Ärzten beschriebenen Leiden sind somit vorübergehender Natur und daher in der Regel nicht invalidisierend. Frau pract. med. L.________, welche seit Jahren auch die Ehefrau des Beschwerdeführers behandelt, geht von einer posttraumatischen Belastungsstörung mit länger dauernder Depression (ICD-10 F43.21) aus (Bericht vom 15. Juni 2005), jedoch offenbar nicht von einer eigentlichen posttraumatischen Belastungsstörung im Sinne von ICD-10 F43.1, welche Kriterien erst nach einem traumatischen Ereignis von aussergewöhnlicher Schwere erfüllt sind (vgl. dazu die Zusammenfassung der Rechtsprechung im Urteil B. vom 28. Dezember 2006, I 203/06). Gemäss Bericht vom 30. November 2005 lautet ihre Diagnose gar auf mittelschwere bis phasenweise schwere Depression. Auch wenn psychosoziale Faktoren zweifellos stark zur Entstehung des psychischen Krankheitsbildes beigetragen bzw. dieses (mit)verursacht haben, ist nicht auszuschliessen, dass sich eine verselbstständigende psychische Störung herausgebildet hat, welche sich im massgebenden Zeitpunkt des Einspracheentscheids vom 8. September 2005 auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit auswirkte. Aufgrund der medizinischen Unterlagen lässt sich nicht zuverlässig beurteilen, ob den eigentlichen psychischen und psychosomatischen Beeinträchtigungen gegenüber der psychosozialen Belastungssituation selbstständige Bedeutung zukommt. Unabhängig davon, welches Beschwerdebild beim Versicherten vorliegt, kommt der Frage zentrale Bedeutung zu, ob und inwiefern, allenfalls bei geeigneter Behandlung, von ihm trotz des Leidens willensmässig erwartet werden kann zu arbeiten und einem Erwerb nachzugehen. Wie es sich damit verhält, geht aus den medizinischen Unterlagen nicht mit der notwendigen Klarheit hervor. Während Dr. med. O.________ von einer zumutbaren Arbeitsfähigkeit von 50 % ab 1. Dezember 2004 ausgeht, konnte sich med. pakt. E.________ dazu nicht äussern, da der Versicherte seit Ende November nicht mehr bei ihm in Behandlung stand. Frau prakt. med. L.________ nimmt demgegenüber eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % an, welche durch Therapie nicht besserungsfähig sei. Ob eine konsequente Therapie durchgeführt wurde, bleibt jedoch unklar. Immerhin zeigte sich der Beschwerdeführer in der Therapie von med. prakt. E.________ besserungsfähig. Da die derzeitige Aktenlage keine abschliessende Beurteilung zulässt, drängt sich eine psychiatrische Begutachtung auf, zu welchem Zweck die Sache an die IV-Stelle zurückzuweisen ist.