Citation: 9C_131/2022 E. 4.1.4

4.1.4. Es ist gerichtsnotorisch, dass Personen mit Autismus in bestimmten Bereichen des freien Arbeitsmarktes überaus gute Chancen haben, sich beruflich zu etablieren. So zeigt etwa das Studierendenportal im Internetauftritt der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich berufliche Einsatzmöglichkeiten für Menschen mit Störungen aus dem Autismusspektrum auf (https://ethz.ch/studierende/de/karriere/Startseite_CareerCenter/Autismus_Asperger.html). Dort finden sich Informationen über Berufe, in denen Fähigkeiten gefragt sind, über die gerade Personen mit Autismus häufig verfügen, aber auch über Angebote, die den Betroffenen den Einstieg in das Berufsleben erleichtern (z.B. Hilfe und Begleitung im Bewerbungsprozess). Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung gelten gemeinhin etwa als gut konzentrationsfähig, logisch denkend, analysefertig, gründlich und zuverlässig. Unter diesen Voraussetzungen beruhen die Schlussfolgerungen der Fachleute, auf die die Vorinstanz abgestellt hat, auf einer unzutreffenden Fragestellung, dies sowohl was die Eingliederungsfähigkeit als solche als auch was den prognostizierten Leistungsgrad betrifft. Massgebend ist nicht der breite Markt an Stellen, die grösstenteils nicht auf die Einschränkungen und besonderen Bedürfnisse einer Person mit einer Autismus-Spektrum-Störung zugeschnitten sind. Als Referenz dient vielmehr der existierende besondere (Nischen-) Arbeitsmarkt für Menschen mit Autismus. Dieser setzt sich aus Stellen zusammen, die einerseits mit dem Störungsbild typischerweise verbundene kognitive Stärken nachfragen und anderseits autismusspezifische Defizite auffangen (z.B. durch eine reizarme, beständige Arbeitsumgebung und klar strukturierte Aufgaben). Die voraussichtliche Eingliederungswirksamkeit sowohl der gymnasialen Ausbildung selbst wie auch eines allenfalls folgenden Hochschulstudiums kann jedenfalls nicht gestützt auf die in E. 4.1.3 zitierten Einschätzungen verneint werden. Die Entscheidungsgrundlagen sind in diesem Sinn (eventuell durch eine Ergänzung der Gutachten) zu ergänzen und die prognostische Eingliederungswirksamkeit gestützt auf die zutreffende Fragestellung neu zu beurteilen.