Citation: 5A_720/2022 E. 5.3.1

5.3.1. Schliesslich hält die Beschwerdeführerin daran fest, dass sich ein Gesuch um Vollstreckbarerklärung deutlich von einem Hauptsacheverfahren unterscheide. Wie Art. 405 Abs. 1 ZPO zeige, sei sogar ein Berufungsverfahren derart vom unterinstanzlichen Verfahren verschieden, dass es denjenigen Regeln unterstehe, die bei der Eröffnung des angefochtenen Entscheids in Kraft sind. Erst recht müsse dieser Grundsatz im Falle eines Vollstreckungsverfahrens gelten. Ein solches Verfahren könne noch Jahre nach dem Erlass des Urteils angehoben werden. Wollte man der Vorinstanz folgen, so müsste ein Urteil aus dem Vereinigten Königreich aus dem Jahr 2020 noch zehn oder mehr Jahre später nach Massgabe des Lugano-Übereinkommens vollstreckbar erklärt werden, was offensichtlich zu einer "absurden Unordnung" und zu "zahllosen Fehlern" führen würde. Um diese Fehler zu verhindern, sei das Vollstreckungsverfahren demjenigen Recht zu unterstellen, das im Zeitpunkt der Einleitung dieses Verfahrens in Kraft ist. Deshalb bestehe die einzig vernünftige Lösung im konkreten Fall in der Feststellung, dass das Lugano-Übereinkommen nicht anwendbar ist. Als "Verfälschung" tadelt die Beschwerdeführerin die Art und Weise, wie die Vorinstanz die getroffene Lösung mit dem Begriff der "droits acquis" erkläre. Dieser Begriff beziehe sich auf die Frage, ob ein materielles Recht gültig entstanden ist. Soweit der zur Vollstreckung gebrachte ausländische Entscheid materielle Rechte feststelle, seien diese von der hier streitigen Frage nicht berührt. Die Anforderungen an die Anerkennung und Vollstreckung hätten nichts mit dem Begriff der "droits acquis" zu tun. Vielmehr gehe es darum zu bestimmen, welchem Verfahrensrecht ein früher ergangenes Urteil zu unterstellen ist. Der Inhalt dieses Urteils richte sich nicht nach dem Verfahrensrecht, dem seine Vollstreckung im Ausland unterstehe. Das Vollstreckungsverfahren unterscheide sich umso mehr vom Erkenntnisverfahren, als es je nach Vollstreckungsstaat verschieden sei. In diesem Zusammenhang den Begriff der "droits acquis" ins Spiel zu bringen, ist nach der Meinung der Beschwerdeführerin deshalb "mit Sicherheit total deplatziert".