Citation: 6B_985/2023 E. 2.4.3

2.4.3. Vorliegend war der Pistenrand gemäss willkürfreier Feststellung der Vorinstanz mit links und rechts der Piste angebrachten Markierungsstangen gekennzeichnet, wobei jeweils für die Skifahrer die nächste Markierungsstange sichtbar war. Gemäss der SKUS-Richtlinie Ziff. 25 und der SBS-Richtlinie Ziff. 45 kennzeichnet die beidseitige Markierung den linken und rechten Pistenrand. Die Pisten sind damit begrenzt. Nur bei mittig gekennzeichneten Pisten ist gemäss SKUS-Richtlinie Ziff. 26 der Pistenrand nicht gekennzeichnet und die Begrenzung ergibt sich aus der maschinellen Herrichtung und den Geländeverhältnissen. Während - wie vorliegend - bei beidseitig markierten Pisten diese durch die Markierung begrenzt sind, gilt bei bloss mittig markierten Pisten (und nur bei diesen) auch der um die Fahrspuren erweiterte Bereich als Skipiste (BGE 130 III 193 E. 2.4.1). Ohne ihr Ermessen zu überschreiten hält die Vorinstanz fest, dass aufgrund der beidseitigen Randmarkierung die Piste nicht durch die Spuren des Nebenwegleins erweitert wurde und die Verunfallte auf dem Nebenweglein ausserhalb der Piste, jedoch noch im sog. Pistenrandbereich fuhr, wobei die Spuren aller anderen Skifahrer auf dem Nebenweglein dem Abschwingen dienten und wieder auf die Piste zurückführten und allein die Spur der Verunfallten weiter in Richtung Graben führte. Da sich der Unfall im Jahr 2015 ereignete, sind die damals geltenden Richtlinien, die Ausgabe 2012, massgebend (vgl. Urteil 4A_206/2014 vom 18. September 2014 E. 3.3). Die Verkehrssicherungspflicht erstreckt sich auch auf den unmittelbaren Grenzbereich der Piste; dieser entspricht etwa dem für eine Schwungbreite benötigten Bereich, ausmachend ca. zwei Meter (SKUS-Richtlinie Ziff. 27: "maximal zwei Meter Breite"; SBS-Richtlinie Ziff. 19 ff.; BGE 130 III 193 E. 2.4.2; vgl. Urteil 6B_925/2008 vom 9. März 2009 E. 1.3). Zweck der Sicherung dieses zusätzlichen Randbereichs von zwei Metern Breite ist es, den Pistenbenützern ein gefahrloses Abschwingen und Stehenbleiben unmittelbar am Pistenrand zu ermöglichen. Zudem sollen Pistenbenützer, die infolge eines Sturzes in der Nähe des Pistenrandes geringfügig über die Piste hinausgeraten, vor Gefahrenstellen geschützt werden, die nicht erkennbar oder selbst für verantwortungsbewusste Pistenbenützer schwer vermeidbar sind. Die Funktion der Sicherung des Pistenrandbereichs ist somit eingeschränkt auf die Vermeidung dieser Gefahren (BGE 130 III 193 E. 2.4.2; Urteile 4A_489/2014 vom 20. Februar 2015 E. 5.3; 6B_925/2008 vom 9. März 2009 E. 1.3). Eigentliche Sturzräume, d.h. abgesicherte Geländeteile ausserhalb der präparierten Piste zur Reduktion der Sturzdynamik eines gestürzten Pistenbenützers bis zum Stillstand, müssen nicht geschaffen werden (SKUS-Richtlinie Ziff. 27). Das Vermeiden einer Überschreitung des Pistenrandes ist den Pistenbenützern grundsätzlich möglich und zumutbar (Urteil 6B_925/2008 vom 9. März 2009 E. 1.3). Der Einwand der Beschwerdeführer, die Vorinstanz vertrete die Ansicht, eine Verkehrssicherungspflicht bestehe ausschliesslich auf den markierten Pisten, trifft nicht zu. Die Vorinstanz bejaht ausdrücklich das Bestehen einer Signalisations- und Sicherungspflicht im ca. zwei Meter über den Pistenrand reichenden Grenzbereich und widmet sich in ihren Erwägungen der Frage, ob der Pistenrandbereich vorliegend korrekt signalisiert und gesichert war. Die gestützt auf die wiedergegebene Rechtsprechung von der Vorinstanz getroffene Feststellung, der zu sichernde Pistenrandbereich bedeute nicht eine Verbreiterung der Skipiste links und rechts um je zwei Meter, sondern bezwecke die Sicherung der auf der Piste fahrenden Skifahrer vor Gefahren beim Abschwingen oder beim geringfügigen Hinausgeraten beim Sturz über den Pistenrand, und sei diesem Zweck entsprechend zu signalisieren und zu sichern, ist vertretbar. Im unmittelbaren Grenzbereich zur Piste sind die nicht wegräumbaren Hindernisse, wie Gräben oder ein Bachbett, zu signalisieren. Die Gefahr ist durch gut sichtbare Absperrungen zu entschärfen, wobei unter einer Absperrung eine optische nicht stabile Konstruktion zu verstehen ist (SBS-Richtlinie Ziff. 82); dies im Gegensatz zu einer Abschrankung, die eine stabile Konstruktion darstellt (SBS-Richtlinie Ziff. 83). Durch die Signalisation sollen die Pistenbenützer vor der für sie nicht erkennbaren Gefahrenstelle durch deren Markierung geschützt werden. Wer die Signalisation missachtet und verunfallt, hat dies seiner Selbstverantwortung zuzurechnen (BGE 130 III 193 E. 2.3; 117 IV 415 E. 5a). Das sich 1.2 Meter vom Pistenrand entfernt befindliche Bachbett bzw. der Graben war mit drei parallel zum Pistenverlauf angebrachten schwarz-gelben Markierungsstangen sowie den dazwischen gespannten Wimpeln signalisiert, wobei sich eine schwarz-gelbe Stange leicht versetzt nach rechts vom Pistenrand befand. Gemäss den SKUS-Richtlinien werden die schwarz-gelben Markierungsstangen als "Stangen zur Kennzeichnung örtlicher Gefahren" (Ziff. 61.10) und die schwarz-gelben Wimpel als "Seilwimpel zur Kennzeichnung von Absperrungen und Abschrankungen" (Ziff. 61.9) bezeichnet. Diese Signalisation wies somit darauf hin, dass sich rechts der Piste, d.h. im rechten Pistenrandbereich, eine Gefahrenstelle befindet, die nicht befahren werden darf. Gemäss den verbindlichen Feststellungen der Vorinstanz war die Signalisation sowohl aus weiter Entfernung von der Piste als auch aus der Nähe und insbesondere auch vom Nebenweglein aus gut sichtbar. Ausgehend von der eingeschränkten Funktion der Pistenrandsicherung erweist sich der Standpunkt der Vorinstanz, die Gefahrenstelle im Pistengrenzbereich sei im Einklang mit den SKUS-Richtlinien und SBS-Richtlinien ausreichend signalisiert und gesichert gewesen und eine zusätzliche Signalisation quer dem Pistenverlauf sei nicht erforderlich gewesen, als vertretbar. Hinzu kommt, dass die bereits von einer gewissen Distanz sowie vom Nebenweglein aus gut sichtbare Signalisation unmissverständlich darauf hinwies, dass sich rechts der längs der Piste angebrachten schwarz-gelben Markierung eine Gefahrenstelle befindet. Die Verunfallte missachtete diese Signalisation, und ist nicht - wie die anderen Skifahrer - vom Nebenweglein wieder in die Piste abgeschwungen, sondern fuhr kurz im Neuschnee weiter in Richtung der signalisierten Gefahrenstelle. Die Vorinstanz hat ihr Ermessen nicht überschritten, wenn sie die Signalisation/Sicherung der Gefahrenstelle als ausreichend bezeichnet und somit eine Sorgfaltspflichtverletzung des Beschwerdegegners 2 verneint.