Citation: U 210/05 23.03.2006 E. 3.2

3.2.1 Gemäss RZL-Gutachten (S. 29) leidet die Versicherte an folgenden Beschwerden: "- Status nach leichtgradiger HWS-Distorsion am 26. Februar 2001: - Quebec-Klassifikation Grad II, - posttraumatische Kopf- und Nackenschmerzen - neuropsychologische Störungen - Status nach leichtgradigem Akzelerationstrauma (Heckkollision) am 3. April 2001 mit: - Verschlechterung der vorbestehenden Kopf- und Nacken- schmerzen - Verdacht auf dissoziative Störung (ICD 10: F44) mit: - anfallsweisem Zittern des linken Beins - anfallsweisem Stottern bzw. Sprachstörung - dissoziativer Sensibilitätsstörung - Verschlechterung der vorbestehenden Beschwerden - konstitutionelle Bandlaxität mit Hypermotilitätssyndrom". 3.2.2 Als unfallbedingte Beschwerden mit somatischen Ursachen beschrieb das RZL-Gutachten (S. 29 f.) die Kopf- und Nackenschmerzen sowie die Bewegungseinschränkung der HWS. Inwieweit sich diese Kopfschmerzen gegebenenfalls von den bereits seit 1995 aktenkundig psychotherapeutisch behandelten "chronischen Kopfschmerzen" (gemäss Bericht des Dr. med. P.________, vom 15. Oktober 2001) unterscheiden, ist dem Gutachten nicht zu entnehmen. Vorbestehend sind die schwergradige konstitutionelle Bandlaxität mit Hypermotilitätssyndrom (vgl. dazu Erw. 3.2.4 hienach) sowie die dissoziative Störung (zum Beispiel die anfallsweise auftretenden Sprachstörungen, nicht aber das erst einige Zeit nach den Unfällen gezeigte anfallsweise Zittern und Schlottern; vgl. dazu hienach Erw. 3.2.3). 3.2.3 Bereits der Spezialarzt FMH für Ohren-, Nasen- und Halsheilkunde sowie Hals- und Gesichtschirurgie Dr. med. R.________, bei welchem die Beschwerdeführerin seit 1990 in Behandlung stand, wies in seinem Bericht vom 11. September 2001 darauf hin, dass es 1994 viermal zu einer Episode mit ausgeprägter Dysphonie (Stimmstörung) und teilweisem Stimmverlust über Tage gekommen sei. Bei der daraufhin von ihm veranlassten phoniatrischen Begutachtung am Spital Z.________ sei neben einer funktionellen Stimmstörung ausdrücklich auch eine psychogene Problematik diskutiert worden. Dr. med. R.________ ordnete zunächst eine logopädische Behandlung an und verwies sodann die Versicherte im Sommer 1995 zur Weiterbehandlung an den Psychiater Dr. med. P.________, welcher eine reaktive Depression infolge andauernder Belastung durch körperliche Erkrankung, eine leichte Neigung zu Zwangsritualen mit vorwiegend Kontrollzwängen bei einer überstrukturierten Persönlichkeit sowie familiäre Probleme infolge Trennung und Scheidung der Eltern diagnostizierte (Bericht vom 15. Oktober 2001). Mit Blick auf den gemäss RZL-Gutachten erhobenen Verdacht auf eine dissoziative Störung mit anfallsweisem Zittern des linken Beines sowie anfallsweisem Stottern bzw. Sprachstörung ist festzuhalten, dass einerseits die Sprachstörungen der Beschwerdeführerin lange Zeit vor den Unfällen - nämlich nach den Angaben des Dr. med. R.________ - bereits ab 1994 und 1999 logopädisch behandelt wurden und andererseits der Beintremor erstmals im Juli 2001 und somit erst mehr als zwei Monate nach dem zweiten Unfall aufgetreten ist (RZL-Gutachten S. 32). Das allgemeine Kennzeichen der als psychogen angesehenen dissoziativen Störungen oder Konversionsstörungen (ICD-10 F44) ist der teilweise oder völlige Verlust der normalen Integration von Erinnerungen an die Vergangenheit, des Identitätsbewusstseins, der unmittelbaren Empfindungen sowie der Kontrolle von Körperbewegungen, wobei "alle dissoziativen Zustände [dazu tendieren], nach einigen Wochen oder Monaten zu remittieren, besonders wenn der Beginn mit einem traumatisierenden Lebensereignis verbunden war"; dissoziative Zustände, die bereits länger als ein bis zwei Jahre bestehen, bevor sie in psychiatrische Behandlung gelangen, sind häufig therapieresistent" (Dilling/Mombour/Schmidt [Hrsg.], Weltgesundheitsorganisation - Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V [F], Klinisch diagnostische Leitlinien, 5. Aufl., Bern/Göttingen/Toronto/Seattle 2005, S. 173 f.). Aus den medizinischen Unterlagen lassen sich für die hier beschriebenen körperlichen Symptome weder in Bezug auf die Stimmstörungen noch betreffend den Beintremor Hinweise auf ein organisches Substrat finden. 3.2.4 Die Angaben des die Versicherte seit Mai 2000 behandelnden Rheumatologen Dr. med. Y.________ betreffend die von ihm beschriebene "sehr ausgeprägte konstitutionelle Bandlaxität mit Hypermotilitätssyndrom" (Bericht vom 9. Juli 2001) sind widersprüchlich. Einerseits bestätigte er in seinem Bericht vom 12. Mai 2000, dass es sich dabei um eine krankhafte Veränderung handle. Am 9. Juli 2001 hielt er hiezu - ohne mit einem einzigen Wort auf Unfallfolgen oder traumatisch bedingte gesundheitliche Veränderungen Bezug zu nehmen - ergänzend fest, der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin habe sich "in den letzten dreizehn Monaten [...] trotz anhaltender Physiotherapie-Bemühungen [...] stetig" verschlechtert. Obwohl es sich nach diesen Hinweisen um ein unfallfremdes, sich seit Sommer 2000 kontinuierlich krankheitsbedingt verschlimmerndes Leiden handelte, führte Dr. med. Y.________ andererseits in seinem Bericht vom 25. Oktober 2001 zuhanden des Vertrauensarztes der Allianz aus, die diesbezügliche Prognose sei bis zu seiner Konsultation vom 12. Januar 2001 (gut einen Monat vor dem ersten Unfall) "nachweislich günstig" und die Versicherte "damals phasenweise schmerzfrei" gewesen. Bei seiner nächsten Konsultation am 4. Mai 2001 (nach den beiden Unfällen) habe sich dieses Bild nachhaltig verändert. Die Unfälle hätten eine eindeutige Verschlechterung des Gesundheitszustandes bewirkt und eine stationäre Behandlung in Bad Schinznach nach sich gezogen. Die von ihm ab 4. Juni 2001 attestierte vollständige "Arbeitsunfähigkeit [müsse] auf die Zustandsverschlechterung verbunden mit den Unfällen vom 26. Februar respektive 3. April 2001 zurückgeführt werden". Auf die zuletzt wiedergegebenen Ausführungen des behandelnden Dr. med. Y.________ kann nicht abgestellt werden, zumal angesichts seiner widersprüchlichen Aussagen der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen ist, dass Hausärzte und behandelnde Spezialärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE 125 V 353 Erw. 3b/cc und Urteile C. vom 10. Oktober 2005 [I 486/05] Erw. 3.2, S. vom 15. Februar 2005 [I 513/04] Erw. 3.4, R. vom 26. Juni 2003 [I 460/02] Erw. 2.2.3; vgl. auch Urteil K. vom 12. Juli 2004 [I 80/04] Erw. 3.3 mit Hinweis). Zwar stellte sich das Gutachten auf den Standpunkt, die unfallfremde vorbestehende schwergradige konstitutionelle Bandlaxität mit Hypermotilitätssyndrom sei durch die Unfälle richtunggebend verschlimmert worden. Eine signifikante und somit dauerhafte richtunggebende unfallbedingte Verschlimmerung des vorbestandenen Leidens ist, zumindest was die degenerativen Veränderungen an der Wirbelsäule betrifft, mangels eines entsprechenden radioskopischen Nachweises jedenfalls nicht bewiesen (RKUV 2000 Nr. U 363 S. 46 f. Erw. 3a mit Hinweis; Urteile G. vom 16. Dezember 2005 [U 297/04] Erw. 3.1, M. vom 28. September 2005 [U 248/05] Erw. 2.1, A. vom 11. April 2005 [U 354/04] Erw. 2.2 und I. vom 25. November 2004 [U 107/04] Erw. 4.1, je mit Hinweisen). Auf Grund der fehlenden kritischen Auseinandersetzung mit den offensichtlich widersprüchlichen Angaben des Dr. med. Y.________ und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass sich für die Einschätzung einer richtunggebenden Verschlimmerung gemäss RZL-Gutachten den Akten keine nachvollziehbare Begründung entnehmen lässt, ist nicht mit dem im Sozialversicherungsrecht erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 360 Erw. 5b mit Hinweisen) erstellt, dass die Unfälle zu mehr als einer bloss vorübergehenden Verschlimmerung des krankhaften Vorzustandes geführt haben. Nach dem Verlauf der in unmittelbarem Kausalzusammenhang mit den Unfällen stehenden Arbeitsunfähigkeit (Erw. 5.1 hienach) ist vielmehr davon auszugehen, dass, soweit somatisch erklärbare Unfallfolgen überhaupt feststellbar waren, eine vorübergehende Verschlimmerung des vorbestehenden, sich progredient entwickelnden krankhaften Leidens anfangs Juni 2001 wieder auf denjenigen Zustand abgeheilt waren, wie er sich auch ohne die Unfälle früher oder später eingestellt hätte (Status quo sine; RKUV 1994 Nr. U 206 S. 328 Erw. 3b, 1992 Nr. U 142 S. 75 Erw. 4b, mit Hinweisen). 3.2.5 Da im Übrigen gemäss rheumatologisch-orthopädischem Teilgutachten vom 10. Januar 2003 der Dres. med. S.________ und C.________, kaum objektivierbare somatische Beschwerden feststellbar waren, welche sich im Gegensatz zu den bereits vor den Unfällen geklagten gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit auf die Unfälle hätten zurück führen lassen, und weil diese Unfälle zudem keine richtunggebende Verschlimmerung der krankhaften Beschwerden zur Folge hatten, kann die Frage nach der natürlichen Kausalität der diagnostizierten Beschwerden gemäss RZL-Gutachten (Erw. 3.2.1 hievor) offen bleiben, zumal es - wie nachfolgend zu zeigen ist - an der für die Leistungspflicht des Unfallversicherers erforderlichen Adäquanz des Kausalzusammenhanges der über den 31. März 2003 hinaus geklagten Beschwerden und den versicherten Unfällen fehlt.