Citation: 6B_971/2018 E. 2.4.3

2.4.3. Aber auch wenn mit der Beschwerdeführerin davon auszugehen ist, dass der Gebrauch der Pistole in der konkreten Situation das einzig ihr zur Verfügung stehende erfolgversprechende Abwehrmittel war, um den Angriff des ihr körperlich weit überlegenen Verstorbenen wirksam zu beenden, bedeutet dies nicht, dass die Verteidigung auch angemessen im Sinne von Art. 15 StGB war. Ob ein Schusswaffengebrauch als Verteidigungshandlung vorliegend überhaupt in Betracht kommt, da gemäss Vorinstanz weder subjektiv noch objektiv die berechtigte Befürchtung bestand (angefochtener Entscheid E. V. 2.2 S. 29; VI. 6.2 S. 50), der Verstorbene könnte die Beschwerdeführerin schwer verletzen oder gar töten, andererseits aber ein erheblicher körperlicher Angriff drohte (angefochtener Entscheid E. VI. 7.3.1 S. 56), und ob eine lebensgefährliche Verteidigung zur Abwehr von schmerzhaften, aber nicht gefährlichen Schlägen stets unangemessen ist (vgl. BGE 109 IV 5 E. 3), was in dieser Absolutheit zweifelhaft erscheint, kann vorliegend offenbleiben. Die (allfällige) Berechtigung zum Waffengebrauch im Rahmen der Verteidigungshandlung sagt noch nichts darüber aus, wie die angegriffene und notwehrberechtigte Person die Waffe einsetzen muss respektive darf. Auch wenn der Einsatz von Schusswaffen zur Verteidigung nicht per se unangemessen ist, ergibt sich aus der Gefährlichkeit und der damit verbundenen gesteigerten Gefahr schwerer oder gar tödlicher Verletzungen eine besondere Pflicht zur Zurückhaltung und zwar sowohl hinsichtlich der generellen Verwendung als auch hinsichtlich der Art und Weise des Einsatzes (vgl. BGE 136 IV 49 E. 3.3; Urteil 6B_632/2012 vom 30. Mai 2013 E. 3.5; je mit Hinweisen). Das beeinträchtigte Rechtsgut des Angreifers darf das geschützte Rechtsgut des Angegriffenen nicht unverhältnismässig überwiegen. Daraus folgt, dass die angegriffene Person unter mehreren möglichen Verteidigungsmitteln nicht nur das am wenigsten intensiv in die Rechtsgüter des Angreifers eingreifende mildestes Mittel (sog. Subsidiarität) verwenden muss, sondern auch die Art der konkreten Verteidigung möglichst schonend sein muss (sog. Verhältnismässigkeit i.e.S.; vgl. statt vieler: Niggli/Gröhlich, a.a.O., N. 28-36 zu Art. 15 StGB). Ein das Leben des Angreifers gefährdender Waffeneinsatz als ultima ratio ist nur dann angemessen i.S.v. Art. 15 StGB, wenn er die Intensität und Gefährlichkeit des Angriffs in dem Mass übersteigt, das erforderlich ist, um den Abwehrerfolg nicht zu gefährden. Es hängt von der konkreten, sich im Laufe einer Auseinandersetzung auch veränderbaren Kampflage ab, ob, wie oft und in welcher Art von einer Schusswaffe Gebrauch gemacht werden darf. Genügt ein Schuss zur Abwehr des Angriffs, stellt jeder weitere einen Exzess dar. Aufgrund der nicht zu beanstandenden und grösstenteils nicht gerügten Sachverhaltsfeststellungen, wonach die Beschwerdeführerin mehrere Schiesskurse absolviert hatte, die Entfernung weniger als zwei Meter betrug, sie Zeit hatte, die Waffe zu ziehen und durchzuladen und den Verstorbenen vor der Schussabgabe noch aufforderte, sie gehen zu lassen, verletzt die Vorinstanz kein Bundesrecht, wenn sie in der konkreten Tatsituation sowohl die Abgabe direkt potenziell tödlicher Schüsse als auch deren Anzahl (5) als nicht mehr angemessen und vom Notwehrrecht gedeckt erachtet. Dazu, dass oder warum zunächst ein Beinschuss nicht möglich oder erfolgversprechend gewesen sein soll, äussert sich die Beschwerdeführerin ebensowenig wie zur (Un-) Angemessenheit der Anzahl der Schüsse. Der Verstorbene war gemäss den vorinstanzlichen Sachverhaltsfeststellungen infolge des ersten Treffers bereits massiv verletzt und die Gefahr eines ernsthaften Übergriffes erheblich verringert. Spätestens nach dem zweiten Treffer, der u.a. die Spinalwurzel des Verstorbenen verletzte und vermutlich zu einer unmittelbaren Lähmung geführt hatte, war der Angriff endgültig abgewehrt. Die anschliessenden Schüsse 3-5 sind - soweit sie überhaupt rechtlich noch als Notwehrexzess qualifiziert werden können - nicht mehr angemessen im Sinne von Art. 15 StGB. Die insoweit vorgebrachten Ausführungen der Beschwerdeführerin zur Kausalität gehen an der Sache vorbei und werden von ihr selbst widerlegt. Die Beschwerdeführerin weist in Übereinstimmung mit der Vorinstanz zutreffend darauf hin, dass "die Tat als solche in casu mit dem ersten Schuss begann und mit dem letzten endete". Ist jedoch unstreitig von einer einzigen Tat (im materiellen Sinne) auszugehen, finden mangels verschiedener handlungsbedingter Kausalketten weder die Grundsätze kumulativer noch alternativer Kausalität Anwendung. Im Übrigen entfiele die Kausalität des vierten Schusses für den Tod des Verstorbenen selbst dann nicht, wenn die ersten beiden Schüsse entgegen der nicht zu beanstandenden rechtlichen Würdigung der Vorinstanz gerechtfertigt gewesen wären. Der Schuss erfolgte, als der Verstorbene noch lebte. Er durchschlug die Bauchmuskulatur, den Dickdarm, die rechte Niere, die untere Hohlvene auf Höhe der rechten Niere, das Zwerchfell und den rechten Lungenflügel, blieb in der Wirbelsäule unterhalb der Schulterblätter stecken und führte dazu, dass der rechte Lungenflügel kollabierte. Der Schuss war mithin für die konkrete Todesursache kausal. Hypothetische (Alternativ-) Kausalverläufe haben bei der Beurteilung der Kausalität und der objektiven Zurechenbarkeit der Tathandlung für den Taterfolg in seiner konkreten Ausgestaltung ausser Betracht zu bleiben.