Citation: 6B_776/2016 E. 2.3

2.3. Wer mit Gewalt gegen eine Person einen Diebstahl begeht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder Geldstrafe nicht unter 180 Tagessätzen bestraft (Art. 140 Ziff. 1 Abs. 1 StGB). Nach der auf die einschlägige Literatur gestützten bundesgerichtlichen Rechtsprechung stellt der Raubtatbestand eine in Diebstahlsabsicht begangene qualifizierte Nötigung dar, um eine Eigentumsverschiebung herbeizuführen (BGE 133 IV 207 E. 4.2). Ein derartiges Nötigungsmittel ist die Gewalt. Unter Gewalt ist die unmittelbare physische Einwirkung auf den Körper zu verstehen. Den Grundtatbestand erfüllt bereits, wer das Opfer durch Gewalt veranlasst, die Wegnahme einer Sache zu dulden (BGE 133 IV 207 E. 4.3.1). Subjektiv ist Diebstahlsvorsatz erforderlich (BGE 133 IV 207 E. 4.3.1). Aufgrund der dogmatischen Struktur der Aneignungsdelikte ("einen Diebstahl begeht") wird in subjektiver Hinsicht neben Aneignungsabsicht Bereicherungsabsicht im Sinne von Art. 137 Ziff. 1 StGB gefordert. NIGGLI/RIEDO (a.a.O., N. 77 Vor Art. 137 StGB) verstehen darunter den direkten Vorsatz ersten Grades. Diese Ansicht vertreten ebenfalls STRATENWERTH/JENNY/BOMMER, Schweizerisches Strafrecht, Besonderer Teil I, 7. Aufl. 2010, S. 303, Rz. 37 und S. 342, Rz. 123). TRECHSEL/CRAMERI (in: Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, 2. Auf. 2013, N. 11 zu Art. 137 StGB) halten dagegen eventuelle Bereicherungsabsicht für ausreichend. In diesem letzteren Sinne lässt sich die angeführte Rechtsprechung verstehen, die sich allerdings nicht unmittelbar auf Raub bezieht: BGE 101 IV 177 E. 8 S. 207 (es genügt die in Kauf genommene Bereicherung beim Betrug), 105 IV 330 E. 2c (das Erstreben der Bereicherung muss nicht ausschliessliches Motiv sein beim Betrug) oder 105 IV 29 E. 3a S. 36 (l'abus de confiance [Veruntreuung] "peut être réalisé par dol éventuel"). Auch die frühere Bestimmung von aArt. 139 StGB schloss den Raub an den Diebstahlstatbestand an, wobei Raub in den kantonalen Rechten einerseits nichts anderes als qualifizierter Diebstahl war, während andere Gesetze die Nötigung durch Gewalt mehr in den Vordergrund stellten und ihn als die in diebischer Absicht begangene Gewalttat bezeichneten (ERNST HAFTER, Schweizerisches Strafrecht, Besonderer Teil, Erste Hälfte, Berlin 1937, S. 253). Nach HAFTER ist aArt. 139 StGB nicht anwendbar, wenn der Raub mit den genannten Zwangsmitteln, aber ohne Bereicherungsabsicht, dem Berechtigten eine Sache entzieht; damit könnten Sachentziehung (aArt. 143 StGB), Drohung, Nötigung, Körperverletzung, Tötung in Konkurrenz treten (S. 258). Der Tatbestand der Sachentziehung von aArt. 143 StGB, bei welcher der Dieb ohne Bereicherungsabsicht handelt, sollte Lücken füllen, die zwischen Sachbeschädigung einerseits und Diebstahl und Unterschlagung andererseits bestanden (HAFTER, a.a.O., S. 222). Eine analoge Funktion kommt heute dem Antragstatbestand der unrechtmässigen Aneignung gemäss Art. 137 Ziff. 2 StGB zu (STRATENWERTH/JENNY/BOMMER, a.a.O., S. 305, Rz. 42).