Citation: 6B_93/2022 E. 2.3.3

2.3.3. Somit korrigierte der Gutachter vor der Vorinstanz die frühere Legalprognose aufgrund seiner neuen Erkenntnisse. Nach ihm muss nun von einem sehr hohen Rückfallrisiko ausgegangen werden, eine ambulante Therapie mache keinen Sinn, er müsse nun dringend eine stationäre Therapie empfehlen. Dennoch ordnet die Vorinstanz nach 80 Sitzungen Psychotherapie und Bewährungshilfe (oben Sachverhalt B) erneut eine ambulante Therapie an. Der Gutachter stellte die Doppeldiagnose einer heterosexuellen Hebephilie (ICD-10: F65.4; Randtitel im ICD-10: "Pädophilie") schweren Grades und einer bedeutenden und ausgeprägten Persönlichkeitsakzentuierung (ICD-10: Z73.1). Unter die Pädophilie fällt die Parthenophilie, d.h. die Präferenz für pubertierende Mädchen. Im DSM-5 wird die Präferenz für pubertierende Jugendliche als Hebephilie oder hebephile Pädophilie bezeichnet (MÜLLER/NEDOPIL, Forensische Psychiatrie, 5. Aufl. 2017. S. 244; vgl. Urteil 6B_1169/2020 vom 22. Dezember 2020 E. 3.7 ff. zu diesen Diagnosesystemen). Der Gutachter ordnete die Hebephilie des Beschwerdegegners im Gutachten unter die sexuellen Devianzen ein. Zwar ist der Vorinstanz grundsätzlich zuzustimmen, dass eine unreife Persönlichkeitsakzentuierung für sich alleine keine schwere psychische Störung im Sinne von Art. 59 Abs. 1 und Art. 63 Abs. 1 StGB darstellen wird; dies und wie es sich damit bei einem kombinierten Störungsbild (vgl. BGE 146 IV 1 E. 3.5.6) im Konkreten verhält, ist indessen vom forensischen Experten zu beurteilen. Dass die diagnostizierte Hebephilie die notwendige Schwere erreicht, kann kaum zweifelhaft sein. Der Gutachter geht vor der Erstinstanz klar von einer schweren Störung aus; vor der Vorinstanz kommt er zum Schluss, dass die Störung sehr deutlich bzw. schwerer sei, als er gedacht habe (Urteil S. 71, 72). Der Gutachter empfiehlt deshalb dringend eine stationäre Therapie. Diese Empfehlung stützt er auf neue Erkenntnisse, namentlich aus dem zweiten Berner Strafverfahren (oben Sachverhalt B (Abs. 1) und E. 1.1; Urteil S. 77). In einem hängigen Strafverfahren zugegebene Tatsachen dürfen in die (medizinische) Prognosebeurteilung einfliessen (dazu näher Urteile 6B_154/2021 vom 17. November 2021 E. 1.5.1 f., 2.1; 6B_488/2011 vom 27. Dezember 2011 E. 3.3 und 4.3 ff.).