Citation: 6B_873/2022 E. 1.2.4

1.2.4. Die Vorinstanz erwägt im angefochtenen Entscheid, der Beschwerdeführer sei im Alter von neun Jahren zu seiner Mutter in die Schweiz gekommen, lebe nun seit 15 Jahren hier und habe in der Schweiz auch sechs Jahre die Schule besucht. Er sei somit teilweise in der Schweiz aufgewachsen, weshalb bei der Anordnung einer Landesverweisung eine gewisse Zurückhaltung geboten sei. Er beherrsche demgemäss auch die hiesige Sprache einwandfrei. Seit Mai 2020 habe der Beschwerdeführer eine Beiständin, mit deren Hilfe es ihm gelungen sei, per 1. August 2020 eine Lehrstelle zu finden. Obschon er nicht auf dem ordentlichen Arbeitsmarkt, sondern auf Vermittlung der IV in einer Einrichtung für Arbeitsintegration und somit in einem geschützten Umfeld tätig sei, könne doch in beruflicher Hinsicht von einer gewissen Stabilisierung gesprochen werden. Damit bestehe zumindest eine realistische Aussicht, dass der Beschwerdeführer die Integration ins Erwerbsleben doch noch schaffen werde. Die Anordnung einer Landesverweisung im jetzigen Zeitpunkt würde den Beschwerdeführer nicht mehr am (unmittelbar bevorstehenden) Abschluss der Attestlehre hindern, wohl aber seinen Plan durchkreuzen, mit einem weiteren Lehrjahr den eidgenössischen Fähigkeitsausweis zu erlangen. Der Beschwerdeführer sei von 2016 bis 2020 auf Sozialhilfe angewiesen gewesen und habe mit insgesamt mehr als Fr. 230'000.-- unterstützt werden müssen. Seine Ablösung von der Sozialhilfe sei schliesslich gelungen, weil ihm IV-Taggelder zugesprochen worden seien, mit denen er nun seinen Lebensunterhalt bestreiten könne. Während langer Zeit habe der Beschwerdeführer immer wieder Mühe bekundet, sich sozial zu integrieren. So sei es in der Familie, bei Praktika und auch in der therapeutischen Wohngemeinschaft zu Konflikten gekommen. Den vorliegenden Therapieberichten könne entnommen werden, dass die im Jahr 2019 wieder aufgenommene Psychotherapie erfolgversprechend verlaufe. Insbesondere könne der Beschwerdeführer seine Straftaten in den Therapiesitzungen gut thematisieren. Er bereue diese zutiefst und schäme sich dafür. Die seit mehr als drei Jahren andauernde Psychotherapie möge auch dazu beigetragen haben, dass der Beschwerdeführer in beruflicher Hinsicht beträchtliche Fortschritte gemacht habe. Sie hätte aber nicht zu verhindern vermocht, dass er in den Jahren 2020 und 2021 erneut straffällig geworden sei. In der Schweiz habe der Beschwerdeführer nahe Angehörige, namentlich einen Bruder, mit dem er nun - anders als zur Zeit der ersten Berufungsverhandlung - auch wieder einen guten Kontakt pflegt, und die Mutter, mit der er ebenfalls wieder besser auszukommen scheine. Er selbst sei ledig und kinderlos. Er spreche (brasilianisches) Portugiesisch und dürfte sich insoweit in Brasilien nach einigen Anfangsschwierigkeiten zurechtfinden. Allerdings habe er dort kaum mehr soziale Kontakte, sondern nur noch eine hochbetagte Grossmutter und entferntere Verwandte, die er aber nicht einmal kenne. Nach einer Landesverweisung wäre er also weitestgehend auf sich allein gestellt. Allerdings werde er bis dahin zumindest die zweijährige Attestlehre als Gärtner abgeschlossen haben, womit seine Chancen bei der Arbeitssuche auch in Brasilien und ohne stützendes soziales Umfeld nicht mehr allzu schlecht stehen dürften. Bei einer gesamthaften Würdigung der dargelegten Umstände ergebe sich, dass eine Landesverweisung für den Beschwerdeführer durchaus eine nicht unerhebliche Härte bedeute. Die Schwelle zum schweren persönlicher Härtefall, der nach dem klaren Willen des Gesetzgebers nur ausnahmsweise anzunehmen sei, werde aber - wenn auch knapp - noch nicht erreicht (angefochtenes Urteil S. 13 ff.). Selbst wenn ein solcher schwerer Härtefall vorläge, bliebe zu prüfen, ob das öffentliche Interesse an der Fernhaltung des Beschwerdeführers gegenüber dessen privatem Interesse am Verbleib in der Schweiz überwiege und deshalb gleichwohl eine Landesverweisung anzuordnen sei (Art. 66a Abs. 2 StGB). In Anbetracht der schon recht langen Aufenthaltsdauer, der gelungenen sprachlichen Integration, der fast nur in der Schweiz vorhandenen familiären Bindungen und insbesondere auch der Aussicht auf eine weitere berufliche Ausbildung sei es für den Beschwerdeführer von erheblicher Bedeutung, in der Schweiz bleiben zu dürfen. Als sehr gewichtig erweise sich aber auch das öffentliche Interesse, den seit Jahren immer wieder und teils in gravierender Weise straffällig werdenden Beschwerdeführer vom Lande fernzuhalten. Er müsse vorliegend zum zweiten Mal wegen Raubes verurteilt werden, nachdem er schon mit 16 Jahren eine solche Tat begangen und dabei das Opfer mit einem Messer bedroht habe. Dazwischen habe er Einbrüche begangen. Auch das vorliegende Verfahren habe den Beschwerdeführer offensichtlich nicht hinreichend zu beeindrucken und von weiteren Delikten abzuhalten vermocht, habe er doch im September 2020 wegen Fahrens ohne Berechtigung etc. und im September 2021 wegen eines Vergehens gegen das Waffengesetz erneut bestraft werden müssen. Wenngleich diese jüngsten Verurteilungen eher geringfügige Straftaten beträfen, würden sie doch den Eindruck verstärken, dass der Beschwerdeführer nach wie vor nicht willens oder nicht fähig sei, Gesetze konsequent zu befolgen. Hinzu komme, dass er hinsichtlich des jüngsten Delikts in der Befragung vor der erkennenden Kammer wahrheitswidrig zu Protokoll gegeben habe, er habe nur kurz auf die Tasche eines Kollegen aufgepasst und nicht gewusst, dass sich darin ein verbotener Schlagstock befunden habe. Dem einschlägigen Polizeirapport vom 23. August 2021 sei demgegenüber zu entnehmen, dass aus der Tasche ein dunkler Gegenstand zu Boden gefallen sei, als der Beschwerdeführer diese während der Personenkontrolle auf eine Bank gelegt habe, und dass der Beschwerdeführer diesen sofort mit dem Fuss weggekickt habe. Der Gegenstand habe sich dann als Teleskopschlagstock in einem Etui entpuppt. Zum Versuch, den zu Boden gefallenen Gegenstand verschwinden zu lassen, habe der Beschwerdeführer nur einen Anlass gehabt, wenn er sehr wohl gewusst habe, worum es sich handle. Nachdem der Beschwerdeführer nicht nur zum zweiten Mal wegen Raubes verurteilt worden sei, sondern zudem ungeachtet des laufenden Strafverfahrens und der drohenden Landesverweisung weitere Delikte verübt habe, sei ernstlich zu befürchten, dass er auch in Zukunft solche begehen werde. Unter diesen Umständen überwiege das öffentliche Interesse an der Fernhaltung des Beschwerdeführers gegenüber seinem privaten Interesse, weiterhin in der Schweiz bleiben zu dürfen (angefochtenes Urteil S. 15 f.).