Citation: 1A.166/2002 16.12.2002 E. 3

Sodann rügt die Beschwerdeführerin, das Verwaltungsgericht habe ohne nähere Begründung die Praxis der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion bestätigt, wonach für die Beurteilung des opferhilferechtlichen Genugtuungsanspruchs nicht der haftpflichtrechtliche sondern der strengere sozialversicherungsrechtliche Adäquanzmassstab anzulegen sei. Damit habe das Verwaltungsgericht seine Begründungspflicht verletzt und gegen Bundesrecht verstossen. 3.1 Nach der Praxis der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion des Kantons Bern ist für die Entschädigung gemäss OHG wie folgt zu differenzieren: Mit Bezug auf die Körperschäden, die dem Opfer noch innerhalb der zweijährigen Verwirkungsfrist entstanden sind, ist der haftpflichtrechtliche Adäquanzmassstab anzulegen, während für später entstandene Schäden der strengere sozialversicherungsrechtliche Adäquanzmassstab anzuwenden sei (vgl. Verfügung vom 19. Juni 1998, publ. in BVR 1998 S. 546 ff. E. 6e; zu den Unterschieden zwischen beiden Adäquanzmassstäben vgl. BGE 123 III 110 E. 3 S. 111 ff.; BGE 124 V 29 E. 5c/bb S. 44 und 209 E. 4b S. 213 f.; 115 V E. 6 133 S. 138 ff.). Nach der im vorliegenden Fall ergangenen Verfügung vom 18. Februar 2002 (S. 8) findet dieser "differenzierte opferhilferechtliche Adäquanzmassstab" auch bei der Genugtuung Anwendung. Das Verwaltungsgericht nahm an, im Lichte der Funktion der opferhilferechtlichen Genugtuung sei es jedenfalls nicht zu beanstanden, wenn grundsätzlich auf die Adäquanzbeurteilung durch die Sozialversicherungsbehörden abgestellt werde. 3.2 Es ist allerdings nicht ersichtlich, inwiefern diese Frage im vorliegenden Fall entscheiderheblich ist: Der Beschwerdeführerin wurde für die Jahre 1994 und 1995 der Höchstbetrag für Entschädigungen von Fr. 100'000.-- zugesprochen, weshalb sich die Frage der Adäquanz etwaiger später entstandener Schäden nicht mehr stellt. Die Unfallfolgen wurden von allen kantonalen Instanzen als so intensiv qualifiziert, dass sie zu einer schwerer Betroffenheit i.S.v. Art. 12 Abs. 2 OHG führen und einen Genugtuungsanspruch auslösen. Dies bedeutet, dass der adäquate Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und den festgestellten (vgl. oben, E. 2) - überwiegend psychischen - Beschwerden der Beschwerdeführerin bejaht wurde, entgegen der Beurteilung durch die Sozialversicherungsgerichte. Das Verwaltungsgericht bezeichnete denn auch die Kritik der Beschwerdeführerin am Adäquanzmassstab als "unerheblich" und wies darauf hin, dass sich der Adäquanzbegriff im Haftpflichtrecht nicht grundsätzlich, sondern höchstens in einzelnen Konkretisierungen vom sozialrechtlichen unterscheide. Handelt es sich somit um ein blosses obiter dictum des Verwaltungsgerichts, so musste dieses nicht näher begründet werden und kann nicht zur Aufhebung oder Änderung des angefochtenen Entscheids führen.