Citation: 5A_811/2022 E. 3.4

3.4. Die Kritik am angefochtenen Entscheid ist begründet: Wie die Beschwerdeführerin zutreffend ausführt, war sich die Erstinstanz bzw. deren Gerichtspräsidentin der finanziellen Situation der Parteien - insbesondere auch des Ehemannes - bewusst (vgl. E. 3.2) und hatte im vorliegenden Verfahren ausserdem - erstmals - auch eine Berechnung der Mittellosigkeit des Ehemannes angestellt (siehe E. 2.1 des angefochtenen Entscheids zur Wiedergabe der diesbezüglichen erstinstanzlichen Ausführungen: Der Ehemann verfüge über einen Überschuss von Fr. 700.-- pro Monat bzw. Fr. 8'400.-- pro Jahr, womit er ohne Weiteres in der Lage sei, nebst seinen eigenen Prozesskosten der Beschwerdeführerin einen Prozesskostenvorschuss zu bezahlen). Zwar trifft es zu, dass von einer anwaltlich vertretenen Partei verlangt werden darf, dass sie begründet, weshalb auf ein Gesuch um Prozesskostenvorschuss verzichtet wird. Dies hat den Zweck, die Beachtung des Grundsatzes der Subsidiarität der unentgeltlichen Rechtspflege sicherzustellen (oben E. 3.1.2). Vorliegend war die Überprüfung der finanziellen Verhältnisse des Ehegatten aber tatsächlich möglich: So hat der Ehemann selbst um unentgeltliche Rechtspflege ersucht, Belege eingereicht und hat die Erstinstanz überdies eine Berechnung der Mittellosigkeit tatsächlich vorgenommen. Vor diesem Hintergrund erscheint es überspitzt formalistisch, weil blossem Selbstzweck dienend (BGE 142 I 10 E. 2.4.2), das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege mit der Begründung abzuweisen, die Beschwerdeführerin habe sich nicht zum Prozesskostenvorschuss geäussert. Hinzu kommt vorliegend der entscheidende Umstand, dass die gleiche Gerichtspräsidentin - zwar in verschiedenen Verfahren, jedoch immer zwischen den gleichen Parteien - innert kurzer Zeit mehrere Gesuche um unentgeltliche Rechtspflege geprüft und anstandslos bewilligt hat (siehe E. 3.2). Dies, obschon die Beschwerdeführerin in diesen Gesuchen nach der ersten Abweisung eines Prozesskostenvorschussgesuchs nicht (mehr) ausgeführt hatte, weshalb sie auf ein entsprechendes Gesuch verzichtet. Auch die Vorinstanz hat den Parteien die unentgeltliche Rechtspflege noch am 1. November 2021 mit dem Hinweis auf deren offensichtliche Mittellosigkeit gewährt. Die Argumentation der Vorinstanz, das Gesuch der Beschwerdeführerin um unentgeltliche Rechtspflege dürfe bereits deswegen abgewiesen werden, weil sie nicht begründet habe, weshalb sie kein Gesuch um Prozesskostenvorschuss gestellt habe, erweist sich folglich ausserdem als Verstoss gegen Treu und Glauben (Art. 29 Abs. 1 BV). Damit ist auch Art. 29 Abs. 3 BV verletzt. Daran ändern die Ausführungen im angefochtenen Entscheid, die Beschwerdeführerin sei selbst in Bezug auf die Unterhaltsberechnung von einem monatlichen Einkommensüberschuss des Ehemannes von Fr. 1'266.35 ausgegangen, weshalb sie nicht nachgewiesen habe, dass dieser tatsächlich nicht in der Lage sei, einen Prozesskostenvorschuss zu leisten, nichts. Wie selbst die Vorinstanz einräumt, können Ausführungen zur Unterhaltsberechnung nicht ohne Weiteres zur Beurteilung der Mittellosigkeit herangezogen werden, da in den beiden Bereichen nicht (zwingend) von denselben Grundsätzen auszugehen ist.