Citation: 8C_18/2010 19.04.2010 E. 4

4.1 Die mit Verfügung vom 1. Mai 2000 zugesprochene, auf einer Erwerbsunfähigkeit von insgesamt 50 % beruhende unfallversicherungsrechtliche Rente basiert in Bezug auf den psychischen Gesundheitszustand der Beschwerdegegnerin auf den folgenden medizinischen Unterlagen: 4.1.1 Dr. med. V.________, der die Versicherte vor dem Unfallereignis vom 4. September 1993 im Hinblick auf einen geplanten Schwangerschaftsabbruch psychiatrisch untersucht hatte, hielt in seinem Bericht vom 29. Oktober 1992 fest, die ängstlich-dysphorische und depressive Explorandin zeige sich weiterhin etwas infantil; sie sei vermutlich überfordert, versuche dies jedoch zu überspielen und zu verdrängen. In diesem Sinne bestehe auch eine depressive Somatisierung (larvierte Depression) in Kombination mit der ängstlich-hypochondrischen, anamnestisch bekannten Haltung. 4.1.2 Im Zeitraum vom 28. Juni bis 19. September 1994 - und damit knapp ein Jahr nach dem Unfall - nahm Dr. med. V.________ erneut psychiatrische Explorationen vor, gestützt auf welche er in seinem Gutachten vom 18. November 1994 ein teilweises psychogenes Anpassungssyndrom mit Hemmung im Arbeitsbereich im Sinne einer leichteren Fehlverarbeitung des Unfallgeschehens bei einer prätraumatisch bekannten ängstlich-dysphorischen, infantilen, belastungsintoleranten, zu psychosomatischen Reaktionen neigenden, schwernehmerischen, etwas schizoiden und schwachintelligenten sowie kümmerentwickelten Persönlichkeit diagnostizierte. Zusammenfassend kam der Psychiater zum Schluss, dass bei der Explorandin im Gefolge des Unfalltraumas höchstens ein leichtgradiges psychogenes Anpassungssyndrom auf der Grundlage einer abnormen Persönlichkeitsstruktur entstanden sei. Die dadurch bedingte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit wurde auf 50 % geschätzt, wobei der Arzt eine baldige Besserung in Aussicht stellte. 4.1.3 In der Folge wurde ärztlicherseits eine zunehmende psychogene Überlagerung des Beschwerdebildes vermerkt (vgl. Berichte des Prof. Dr. med. S.________, Neurochirurgie FMH, vom 8. März 1995 und des Dr. med. B.________, Neurologische Station, Medizinische Klinik des Spitals Z.________, vom 11. Januar 1996, S. 2 oben). 4.1.4 Der im Rahmen der durch die IV-Stelle veranlassten MEDAS-Begutachtung beigezogene Konsiliarbericht des Dr. med. K.________, vom 9. Juli 1997 (ergänzt am 25. September 1997) führt den folgenden Befund auf: "Wirkt in manchen Gesprächssequenzen klagsam, dysphorisch, deprimiert, affektlabil, hoffnungslos und reizbar. Antrieb unauffällig. Anamnestisch Suizidideen. Einschlaf- und Durchschlafstörungen, Verkürzung der Schlafdauer, früh erwachen und Müdigkeit tagsüber." Auf dieser Basis gelangte der Psychiater zum Ergebnis, dass eine Kombination von direkten und indirekten Unfallfolgen vorliege. Es sei der Explorandin nicht gelungen, die verletzungsbedingten Schmerzen und die kognitive Störung auf der emotionellen Ebene optimal zu verarbeiten. Es handle sich nunmehr, da die betreffenden Symptome länger als zwei Jahre angehalten hätten, um eine anhaltende depressive Störung im Sinne von ICD-10 F33.11 bei einem unfallbedingten Schmerzsyndrom und dringendem Verdacht auf eine ebenfalls unfallbedingte kognitive Störung. Hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit wurde festgehalten, dass sich die neuropsychologischen Störungen - und damit die darauf zurückzuführende Beeinträchtigung des Leistungsvermögens - zwischenzeitlich zurückgebildet hätten; gleichzeitig hätten sich jedoch die depressive Störung und die subjektive Wahrnehmung der multiplen Schmerzen verstärkt. Die integrierte Beurteilung der psychiatrischen und neuropsychologischen Befunde ergebe eine Arbeitsunfähigkeit von derzeit 50 % als Reinigungsangestellte und als Hausfrau; diese sei zu 60 % als unfallbedingt - ohne Unfallereignis hätten sich weder eine gravierende Depression noch ein Schmerzsyndrom entwickelt - und zu 40 % als unfallfremd - der Schweregrad der aktuellen Störung sei nur vor dem Hintergrund der besonderen Persönlichkeitsmerkmale der Versicherten vollständig zu verstehen - einzustufen. 4.1.5 Dr. med. P.________ nannte auf Anfrage der Beschwerdeführerin hin in seinem Bericht vom 21. Dezember 1999 unter der Rubrik "Aktuelle, unfallkausale Diagnosen" eine anhaltende depressive Störung bei unfallbedingtem Schmerzsyndrom. Als unfallfremd taxierte er die psychische Störung im Sinne einer ängstlich-dysphorischen, infantilen, belastungsintoleranten, zu psychosomatischen Reaktionen neigenden, schwernehmerischen, etwas schizoiden sowie schwach und kümmerentwickelten Persönlichkeit. Im Rahmen seiner Beurteilung mass er der seelischen Störung im Sinne einer anhaltenden Depression bei chronischem Schmerzsyndrom eine grosse Rolle bei. Hierbei sei jedoch auch die vorbestehende Persönlichkeitsstörung mitzuberücksichtigen, welche im Gutachten des Dr. med. V.________ vom 18. November 1994 gut beschrieben werde. 4.2 Nachdem die Beschwerdegegnerin Mitte Juli 2004 infolge Verschlechterung der gesundheitlichen Verhältnisse um revisionsweise Erhöhung auch der bisherigen unfallversicherungsrechtlichen Invalidenrente ersucht hatte, wurden weitere medizinische Abklärungen in die Wege geleitet. Diese stellen sich bezüglich des psychischen Beschwerdebildes im Wesentlichen wie folgt dar: 4.2.1 Der hausärztlicherseits konsultierte Dr. med. F.________, Spezialarzt FMH für Neurologie, stellte mit Bericht vom 31. Oktober 2003 fest, dass sich weder klinisch noch durch die apparativen Zusatzuntersuchungen ein pathologisch-anatomisches Korrelat für die von der Patientin beklagten Beschwerden eruieren liesse. Möglicherweise liege eine somatoforme Schmerzstörung vor. 4.2.2 Dem Verlaufsbericht des Hausarztes Dr. med. A.________, Allgemeine Medizin/Sportmedizin, vom 5. Februar 2004 ist auf die Frage "Änderung der Diagnose" der Hinweis auf Cervikalgien, Cervikobrachialgien, Lumbalgien und linksseitige Lumboischialgie, Unterschenkelvenenthrombose links sowie der Verdacht auf somatoforme Schmerzstörungen zu entnehmen. 4.2.3 Dr. med. W.________ liess sich in seiner Stellungnahme vom 6. August 2004 unter Bezugnahme auf den erwähnten hausärztlichen Verlaufsbericht dahingehend vernehmen, dass neu zwei unfallfremde Diagnosen (seit vier Jahren bestehende Lumbalgien und linksseitige Lumboischialgie; im Januar 2004 erlittene Unterschenkelvenenthrombose links) aufgetreten seien. Die übrigen, bekannten Befunde (Cervikalgien, Cervikobrachialgien und somatoforme Schmerzstörungen) seien bereits durch die auf 1. April 2000 zugesprochene Rente abgegolten worden. 4.2.4 Anlässlich von zwischen 15. Oktober 2004 und 14. Februar 2005 im Rahmen der Rheumatologischen Interdisziplinären Schmerz-Sprechstunde des Spitals Y.________ durchgeführten ärztlichen, physiotherapeutischen, ergotherapeutischen und psychologischen Abklärungen diagnostizierten die involvierten Spezialisten gemäss Bericht vom 8. März 2005 u.a. eine somatoforme Schmerzstörung mit/bei Verdacht auf depressives Zustandsbild sowie - differenzialdiagnostisch - eine posttraumatische Belastungsstörung. Die depressive Symptomatik (eventuell auch Symptome einer chronischen posttraumatischen Belastungsstörung) liege mit Schlaf- und Antriebsstörungen, Reizbarkeit, Gedankenkreisen, Selbstentwertung sowie latenter Suizidalität vor. Die Versicherte zeige ein deutliches Angst-Vermeidungs-Verhalten. Sie sei sehr inaktiv, wahrscheinlich auch dekonditioniert, und verbringe viele Tage ausschliesslich in ihrer Wohnung. 4.2.5 Anfangs 2005 initiierte die IV-Stelle abermals eine polydisziplinäre MEDAS-Begutachtung. Dr. med. N.________, Spezialarzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, führte in diesem Zusammenhang mit konsiliarischem Teilbericht vom 20. Juni 2005 aus, dass die Explorandin bedrückt und traurig wirke. Sie habe oft Tränen in den Augen und zeige einen erheblichen Leidensdruck. Sie bekunde wenig Antrieb, fühle sich kraft- und ratlos, eine neue Aufgabe anzugehen. Sie sei nicht sicher, ob es noch einen Sinn habe, weiterzuleben. Eine akute Suizidalität liege jedoch nicht vor. Anhaltspunkte für eine akzentuierte Persönlichkeit im Sinne einer histrionischen und infantilen Persönlichkeitsstruktur, wie von Dr. med. V.________ befunden, schloss der Arzt, soweit rückblickend beurteilbar, aus. Im Gegenteil präsentiere die Explorandin sich als geordnete, zuverlässige Person, die über die Veränderung, welche der Unfall in ihr Leben gebracht habe, tief betrübt sei. Die Stimmung entspreche einer anhaltenden mittelschweren Depression. Auf dieser Grundlage diagnostizierte Dr. med. N.________ eine rezidivierende depressive Störung, aktuell mittelgradig (ICD-10: F33.1), die keine berufliche Tätigkeit zulasse. Im Wesentlichen basierend auf dieser Beurteilung - aus rheumatologischer Sicht wurde eine im Rahmen leidensangepasster Tätigkeiten lediglich um 30 % eingeschränkte Arbeitsfähigkeit und unter neurologischem Blickwinkel keine Beeinträchtigung des Leistungsvermögens festgestellt - kamen die Gutachter der MEDAS in ihrer Expertise vom 14. Juli 2005 zusammenfassend zum Schluss, dass insbesondere in psychischer Hinsicht von einer Verschlimmerung des Zustandes der Versicherten auszugehen und sie infolge der diagnostizierten depressiven Störung für eine ausserhäusliche erwerbliche Beschäftigung nicht mehr einsetzbar sei. Die psychische Verfassung verunmögliche es ihr auch, ihr ausgeprägtes Schmerzsyndrom willentlich zu überwinden. 4.2.6 Die seitens der Beschwerdeführerin konsultierten Dres. med. H.________ und C.________ schlossen in ihren Stellungnahmen vom 18. Juli und 29. August 2007 jeden Zusammenhang zwischen etwaig sich verstärkten psychischen Beschwerden und dem versicherten Unfallereignis aus.