Citation: 2C_880/2018 E. 4.5.2

4.5.2. Für die Beurteilung, ob die Ausgleichungspflicht nicht nur im Umfang von 15%, sondern insgesamt als vertragliche Weiterleitungspflicht charakterisiert werden muss, sind auch die Umstände - darunter die Anreize und Zwänge, denen die Beschwerdeführerin und ihre Gegenparteien unterlagen - zu berücksichtigen. Nach der Praxis des Bundesgerichts und der Auffassung der OECD lassen die Umstände namentlich dann auf eine rechtliche Weiterleitungspflicht schliessen, wenn sie die Dividendenempfängerin als blosse Durchlaufgesellschaft (engl. conduit company, frz. société relais) erscheinen lassen (vgl. BGE 141 II 447 E. 5.2.3 S. 461; Kommentar der OECD zum OECD-MA, N. 12.3 zu Art. 10 OECD-MA, i.d.F. vom 15. Juli 2014). Für die hier interessierende Konstellation liegt es auf der Hand, den Begriff der Durchlaufgesellschaft anhand der Definition von Gewinndurchlaufregelungen (engl. conduit arrangement, frz. système de relais) zu konkretisieren, die das DBA CH-GB ab dem 22. Dezember 2008 enthielt (vgl. Art. 10 Abs. 6 i.V.m. Art. 3 Abs. 1 lit. l DBA CH-GB i.d.F. des Protokolls 2007; vgl. für Wortlaut oben E. 2.2.2). Gemäss Art. XIV Ziff. 2 lit. a Protokoll 2007 sollten das Protokoll 2007 und die darin enthaltenen Änderungen des DBA CH-GB zwar erst für Dividenden ab dem 1. Januar 2009 gelten. Da aber schon Art. 10 Abs. 2 lit. b DBA CH-GB seit jeher die Nutzungsberechtigung vorausgesetzt hatte, bedeuteten die Bestimmungen über Gewinndurchlaufregelungen im Protokoll 2007 keine Änderung, sondern lediglich eine Klarstellung der ohnehin geltenden Rechtslage. Folglich kann das Protokoll 2007 als Übereinkunft im Sinne von Art. 31 Abs. 3 lit. a VRK bei der Auslegung von Art. 10 Abs. 2 lit. b DBA CH-GB berücksichtigt werden (vgl. RICHARD GARDINER, Treaty Interpretation, 2. Aufl. 2015, S. 250 ff.; vgl. auch Urteil des U.S. Supreme Court vom 12. Januar 1999 El Al Israel Airlines, Ltd. v. Tsui Yuan Tseng, 525 U.S. 155 (1999) S. 174 f.).