Citation: U 297/05 16.08.2006 E. 2.2

2.2.1 Obwohl nicht direkt mit der Fassreinigung beschäftigt, war der Beschwerdeführer bei seiner Tätigkeit gesundheitsschädlichen Stoffen ausgesetzt. Im Vordergrund steht das nach Anhang 1 zur UVV als schädigender Stoff im Sinne von Art. 9 Abs. 1 UVG geltende Toluol. Nach den in den Akten enthaltenen Unterlagen handelt es sich dabei um einen leichtflüchtigen aromatischen Kohlenwasserstoff, welcher insbesondere als Lösungsmittel Verwendung findet. Er wird über die Atemwege sowie die Haut aufgenommen und hat eine toxische Wirkung, wobei zwischen der akuten und der chronischen Toxizität unterschieden wird. Kurzzeitexpositionen über 4 bis 8 Stunden führen bei einer Konzentration ab 100 ppm (=385 mg/m3) zu leichten Befindlichkeitsstörungen (Müdigkeit, Kopfschmerz), z.T. auch Leistungsminderung, ab 200 ppm zu einer Beeinflussung der Reaktionszeit und ab 300 ppm zu einer Störung komplexerer Hirnfunktionen. Bei Konzentrationen von 400 ppm treten Euphorie, Verwirrtheit, Müdigkeit und Übelkeit, bei solchen von 600 - 800 ppm auch Trunkenheitsgefühl, Koordinations- und Sehstörungen auf; noch Tage nach der Exposition kann eine anhaltende Nervosität, Schlaflosigkeit, Muskelschwäche, motorische Erschöpfung und ein Verlust des Erinnerungsvermögens bestehen. Noch höhere Konzentrationen können zufolge Schädigung des Zentralnervensystems (ZNS) letal sein. Bei lang dauernder Exposition mit Toluol oder toluolhaltigen Gemischen (Lösungsmittel, Farbverdünner) treten als Beschwerdebild Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Brechreiz, Kopfschmerz, Nervosität und Schlaflosigkeit auf. Nach sehr langer Exposition kann es in Einzelfällen zu neurologischen Störungen, beispielsweise Sprach- und Gedächtnisstörungen, Störungen der Koordination, Ataxie sowie visuellen und akustischen Halluzinationen kommen. Beobachtet wurden auch Stoffwechselstörungen; nicht gesichert sind Hinweise auf Beeinträchtigungen der Herz-Kreislauf-Funktion. Kritisches Zielorgan der Toluol-Toxizität bildet das ZNS. Es wird angenommen, dass Befindlichkeitsstörungen ab einer Konzentration von 60 ppm und Leistungsminderungen ab einer solchen von 75 ppm auftreten können; bei niedrigen Konzentrationen wird eine vollständige Reversibilität angenommen, so dass bis 50 ppm auch langfristig keine Schädigungen zu erwarten sind (Berufsgenossenschaftliches Institut für Arbeitsschutz, Sankt Augustin/Bonn, GESTIS-Stoffdatenbank, Stichwort Toluol). 2.2.2 Der Beschwerdeführer kam bei der Arbeit mit weiteren Schadstoffen in Kontakt. Nach den arbeitsmedizinischen Angaben handelte es sich um Ätznatron (Natriumhydroxid), Phosphorsäure, Xylol und weitere Stoffe, welche zu den von der Arbeitgeberin verwendeten chemischen Mitteln gehören. Zudem war er möglicherweise Resten der in den zu reinigenden Gebinden enthaltenen Giftstoffe ausgesetzt. Diesbezüglich wurde in den arbeitsmedizinischen Abklärungsberichten zunächst davon ausgegangen, dass die Arbeitgeberin grundsätzlich nur Gebinde mit Stoffen der Giftklassen 3 - 5 (gemäss Art. 4 der bis 31. Juli 2005 in Kraft gestandenen Giftverordnung [GV] vom 19. September 1983; SR 813.01) zur Reinigung entgegennimmt, ohne jedoch eine Kontrolle durchzuführen; es ist daher anzunehmen, dass vereinzelt auch Fässer gereinigt wurden, welche zuvor Stoffe der Giftklassen 1 und 2 enthielten. Nachträglich räumte die Arbeitgeberin ein, dass generell auch Gebinde der Giftklassen 1 und 2 zur Reinigung angenommen wurden, sofern der Kunde ausdrücklich bestätigte, dass sie vorgespült waren (Stellungnahme der Arbeitgeberin vom 7. Juli 2004). Auch wenn der Beschwerdeführer nicht direkt mit der Fassreinigung beschäftigt war, ist nicht auszuschliessen, dass er bei den Wartungs- und Reinigungsarbeiten an den Maschinen und Anlagen auch mit solchen Stoffen in Kontakt kam. Wie es sich damit verhielt und welche konkreten Stoffe auf ihn einwirkten, lässt sich indessen nicht mehr feststellen.