Citation: 6P.27/2003 03.08.2003 E. 3

Der Beschwerdeführer rügt Willkür in der Beweiswürdigung (Art. 9 BV) sowie eine Verletzung des Grundsatzes "in dubio pro reo" (Art. 26 Abs. 4 KV/BE; Art. 32 Abs. 1 BV und Art. 6 Abs. 2 EMRK. 3.1 Er macht geltend, die Beweiswürdigungsregel "in dubio pro reo" sei ein ausdrücklicher Grundsatz des bernischen Verfassungsrechts. Nach Art. 26 Abs. 4 KV/BE sei ein Strafverfahren sicher unfair, wenn der Richter Zweifel unterdrücke, die er vernünftigerweise haben müsse. Das Bundesgericht erachte Art. 32 Abs. 1 BV und Art. 6 Abs. 2 EMRK erst als verletzt, wenn bei objektiver Würdigung des ganzen Beweisergebnisses offensichtlich erhebliche und schlechterdings nicht zu unterdrückende Zweifel an der Schuld des Täters bestünden. Aufgrund der Verfassungslage im Kanton Bern müsse das Bundesgericht eine weitergehende Prüfung vornehmen als die soeben erwähnte. Im schriftlichen Parteivortrag an das Obergericht hatte der Beschwerdeführer unter dem Titel "Beweiswürdigung; Beweisregel 'in dubio pro reo'" unter anderem ausgeführt: "Als Beweiswürdigungsregel (und Verfassungsgrundsatz nach Art. 26 Abs. 4 KV) besagt die Maxime, dass sich der Richter nicht von der Existenz eines für den Angeklagten ungünstigen Sachverhalts überzeugt erklären darf, wenn bei objektiver Betrachtung Zweifel bestehen, ob sich der Sachverhalt so verwirklicht hat. Es muss sich um erhebliche, nicht zu unterdrückende Zweifel handeln, d.h. um solche, die sich nach der objektiven Sachlage aufdrängen". Aus diesem Parteivortrag geht hervor, dass der Beschwerdeführer lediglich in Klammern auf die bernische Verfassungsbestimmung hingewiesen, ansonsten aber wörtlich aus der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zur fraglichen Maxime zitiert hatte (vgl. BGE 124 IV 86 E. 2a). Nachdem er somit vor Obergericht nicht geltend gemacht hatte, es sei die (angeblich) weiter gehende kantonale Verfassungsbestimmung anwendbar, sondern ausdrücklich die bundesgerichtliche Definition zum Grundsatz "in dubio pro reo" angewandt wissen wollte, ist hinsichtlich dieser Frage der kantonale Instanzenzug nicht erschöpft. Deshalb kann auf die Rüge nicht eingetreten werden (BGE 129 II 82 E. 7.3). 3.2 Der Beschwerdeführer macht geltend, selbst bei einer vollständigen Beschränkung auf eine Willkürprüfung verblieben bei objektiver Würdigung des ganzen Beweisergebnisses offensichtlich erhebliche und schlechterdings nicht zu unterdrückende Zweifel an seiner Schuld. 3.2.1 Als ersten Punkt bezeichnet der Beschwerdeführer die Annahme des Obergerichts als aktenwidrig, die Beschwerdegegnerin habe das Kerngeschehen stets gleich geschildert. Sie habe gemäss einer Aktennotiz der Schulleitung zunächst angegeben, in einer Restauranttoilette von einem Unbekannten vergewaltigt worden zu sein. Anlässlich der ärztlichen Untersuchung habe sie diese Version geändert. Sie habe gemäss Bericht des Instituts für Rechtsmedizin eine Vergewaltigung in einer fremden Wohnung geschildert. Dabei habe sie kein Verhalten des Täters beschrieben, das als nötigende Gewalt beurteilt werden könnte; eine solche Gewalt habe sie gegenteilig sogar verneint. Sie habe insbesondere nicht geltend gemacht, dass sie ihre Beine zusammengepresst und der Täter diese auseinandergedrückt habe. Dies habe sie erst fünf Tage später bei der polizeilichen Befragung erstmals geltend gemacht. Diesbezüglich handle es sich aber nicht um ein blosses Detail, sondern es sei schlicht und allein diese Behauptung, welche letztlich zur Verurteilung des Beschwerdeführers durch das Obergericht geführt habe. Insbesondere bezüglich dieser alles entscheidenden Aussage dürfe mithin gerade nicht von einer Aussagekonstanz der Beschwerdegegnerin ausgegangen werden. Das Obergericht hält in seiner Begründung fest, die Beschwerdegegnerin habe das Kerngeschehen "wie ausgeführt" stets gleich geschildert. Dieser Verweis bezieht sich auf die zwei voranstehenden Absätze im angefochtenen Entscheid. Danach hat die Beschwerdegegnerin anlässlich der rechtsmedizinischen Untersuchung das Kerngeschehen bereits "relativ klar" beschrieben und "in allen weiteren Einvernahmen" spricht sie lediglich und konstant davon, der Beschwerdeführer habe ihre zusammengepressten Beine auseinandergerissen, sei auf sie gelegen und in sie eingedrungen. Das Obergericht leitet die Aussagekonstanz der Beschwerdegegnerin betreffend das Kerngeschehen somit teilweise aus deren Darstellung gegenüber der Rechtsmedizinerin ab und insbesondere aus den Aussagen gegenüber der Polizei und vor erster Instanz. Inwiefern es willkürlich sein sollte, aus diesen Aktenstellen auf ein konstantes Aussageverhalten der Beschwerdegegnerin im Kerngeschehen zu schliessen, legt der Beschwerdeführer nicht dar. Sein Einwand, gegenüber der Gerichtsmedizinerin habe die Beschwerdegegnerin gerade nicht geltend gemacht, dass sie die Beine zusammengepresst und der Beschwerdeführer diese auseinandergedrückt habe, ist unbegründet; das Obergericht hat diesem Umstand nämlich Rechnung getragen, indem es die Schilderung des Kerngeschehens gegenüber der Gerichtsmedizinerin als "relativ klar" bezeichnete. Dass die Angaben gegenüber der Schulleitung mit den späteren nicht übereinstimmen, erklärt sich nur schon daraus, dass die Beschwerdegegnerin das wirklich Vorgefallene zu diesem Zeitpunkt noch verheimlichen wollte. Unter diesen Umständen durfte das Obergericht willkürfrei annehmen, die Aussagen der Beschwerdegegnerin seien glaubwürdig. 3.2.2 Der Beschwerdeführer rügt die obergerichtliche Annahme als willkürlich, es sei verständlich, dass die Beschwerdegegnerin sich in der konkreten Situation nicht weiter gehend zur Wehr gesetzt habe. So hätte sie das Zimmer einfach verlassen, den Beschwerdeführer wegstossen oder mittels Schreien/Hilferufe oder Klopfzeichen die im Nebenzimmer anwesenden Personen auf sich aufmerksam machen können. Die Beschwerdegegnerin befand sich persönlich in der folgenden Situation: Sie hatte mit ihrer Freundin das Schulheim X.________ heimlich verlassen, um in den Ausgang zu gehen. Nach dem Besuch des Babalu wurde sie Augenzeugin einer Streiterei zwischen Albanern, wobei ein Messer im Spiel war. Sie bekam ein ungutes Gefühl und wollte eigentlich heimgehen. Da sie ihrer Freundin nicht zu widersprechen wagte, fuhr sie jedoch mit einer Gruppe junger Leute zu einer Wohnung. Dort begannen die Männer Alkohol zu trinken, zu kiffen und auch andere Drogen zu konsumieren. Die Beschwerdegegnerin war die einzige dunkelhäutige Person und verstand die andern meist nicht, weil sie miteinander albanisch sprachen. Aufgrund ihrer strengen sittlich-religiösen Herkunft drohte ihr sowohl bei freiwilligem als auch erzwungenem Sex, von ihrem Verlobten und ihrer Familie verstossen zu werden. Zudem fürchtete sie die Schmerzen einer Defibulation. Die Kollegen des Beschwerdeführers im Nebenzimmer erschienen ihr nicht als mögliche Hilfe, sondern als Bedrohung, weil sie damit rechnen musste, dass jene aus Loyalität eher zum Beschwerdeführer halten würden. Auch in ihre Freundin hatte sie in der konkreten Situation kein volles Vertrauen. Die Beschwerdegegnerin bezeichnet sich selbst als sehr sensibel. Sie könne es nicht leiden, wenn sie angeschrien werde. Ihre Familie liebe sie nicht, sondern behandle sie wie der letzte Dreck. Von den Eltern sei sie genug angeschrien und geschlagen worden. Als sie noch klein gewesen sei, habe der Bruder ihres Vaters versucht, sie zu vergewaltigen. Ihre Mutter sei dazugekommen und es sei dann nichts passiert. Die Mutter habe sie darauf geschlagen und mit ihr geschimpft. Vor diesem Hintergrund erscheint es durchaus nachvollziehbar, dass sich die Beschwerdegegnerin aus Angst nicht traute, dem Beschwerdeführer weiter gehenden Widerstand entgegenzusetzen. Denn einerseits erlaubten die persönlichen familiären Erlebnisse der Beschwerdegegnerin wohl kaum, ein gesundes Selbstbewusstsein gerade Männern gegenüber aufzubauen, und anderseits war die beschriebene konkrete Situation in der fremden Wohnung sehr wohl geeignet, die Beschwerdegegnerin in Angst zu versetzen. Von einer willkürlichen Beweiswürdigung kann somit keine Rede sein. 3.2.3 Auch bei den weiteren Rügen gibt der Beschwerdeführer die Beweiswürdigung des Obergerichts nur teilweise und damit verzerrt wieder, hebt einzelne Aktenstellen besonders hervor und interpretiert sie aus seiner eigenen Sichtweise. Das genügt nicht, um Willkür darzutun, weshalb weitere Erörterungen unterbleiben können. Beispielhaft sei lediglich erwähnt, dass sich der Beschwerdeführer mit keinem Wort mit den originellen Äusserungen der Beschwerdegegnerin auseinandersetzt, die das Obergericht als weiteren Hinweis für die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen anführt.