Citation: I 268/04 26.11.2004 E. 3

Fraglich und zu prüfen ist, ob und inwiefern sich das verbliebene Leistungsvermögen bei zumutbarem Einsatz auf dem für den Beschwerdegegner in Frage kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt wirtschaftlich verwerten lässt. 3.1 Die Arbeitsmöglichkeiten, die mit der gesundheitlichen Beeinträchtigung vereinbar und nach den objektiven und subjektiven Umständen zumutbar sind, bilden strukturell nur dann den in Art. 28 Abs. 2 IVG vorausgesetzten Arbeitsmarkt, wenn sie in verschiedenen Ausformungen und hinreichender Zahl, also in ausreichender qualitativer und quantitativer Bandbreite, tatsächlich vorhanden sind. Eine Arbeitsgelegenheit im Sinne des Gesetzes ist dort nicht mehr gegeben, wo die zumutbare Tätigkeit nur in so eingeschränkter Form ausgeübt werden kann, dass sie im allgemeinen Arbeitsmarkt praktisch nicht zu finden ist oder ein besonderes Entgegenkommen erfordert, das vom durchschnittlichen Arbeitgeber realistischerweise nicht zu erwarten ist (ZAK 1991 S. 320 f. Erw. 3b, 1989 S. 321 f. Erw. 4a). 3.2 Um die Leistungsbereiche von Invalidenversicherung und Arbeitslosenversicherung voneinander abzugrenzen, schreibt das Gesetz vor, dass bei der Bemessung des Invalideneinkommens von der Fiktion eines (konjunkturell) ausgeglichenen Arbeitsmarktes auszugehen ist. Damit sind zur Beurteilung der Aussichten einer versicherten Person, im Arbeitsmarkt effektiv vermittelt zu werden, nicht mehr die dort herrschenden konkreten Verhältnisse massgebend; vielmehr wird - abstrahierend - unterstellt, hinsichtlich der in Frage kommenden Stellen bestehe ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Es kommt also darauf an, ob die versicherte Person die ihr verbliebene Arbeitskraft noch wirtschaftlich nutzen könnte, wenn die verfügbaren Arbeitsplätze dem Angebot an Arbeitskräften entsprächen (BGE 110 V 276 Erw. 4b; AHI 1998 S. 291 Erw. 3b). Der Umstand, dass es sich beim ausgeglichenen Arbeitsmarkt, wie er im Rahmen der Invaliditätsbemessung Anwendung findet, um einen theoretischen und abstrakten Begriff handelt, bedeutet nicht, dass die Frage der Erwerbsfähigkeit abstrakt, losgelöst von der Wirklichkeit der Arbeitswelt, zu beurteilen ist. Zu untersuchen ist, ob die behinderte Person, nachdem sie ihrer Schadenminderungspflicht nachgekommen ist, noch fähig ist, eine ihr zumutbare Erwerbstätigkeit auszuüben. Ob indessen eine Realisierung aufgrund der herrschenden Konjunkturlage möglich ist, bleibt für die Invaliditätsbemessung unerheblich (Rudolf Rüedi, Im Spannungsfeld zwischen Schadenminderungspflicht und Zumutbarkeitsgrundsatz bei der Invaliditätsbemessung nach einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt, in: Schaffhauser/Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen der Invalidität in der Sozialversicherung, St. Gallen 1999, S. 36). Der versicherten Person können bei der Festlegung des Invalidenlohnes nicht sämtliche, aus der Pflicht zur Schadenminderung sich ergebenden, gesundheitlich zumutbaren Erwerbsmöglichkeiten zugerechnet werden, sondern nur diejenigen, welche für sie nach den gesamten objektiven und subjektiven Gegebenheiten, nach ihren persönlichen Verhältnissen in Frage kommen (BGE 113 V 28 Erw. 4a). An geeigneten Arbeitsgelegenheiten zur wirtschaftlichen Verwertbarkeit einer Restarbeitsfähigkeit fehlt es insbesondere für Versicherte, die nur für manuelle Arbeiten einsetzbar sind, deren Leistungsfähigkeit aber so stark eingeschränkt ist, dass sie auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht zu vermitteln sind (RKUV 1993 Nr. U 168 S. 104; ZAK 1991 S. 320; Rudolf Rüedi, a.a.O., S. 42). 3.3 Unbestrittenermassen ist dem Beschwerdegegner die frühere Tätigkeit als Bauarbeiter aufgrund der körperlichen Beeinträchtigung völlig ausgeschlossen. Das kantonale Gericht hat erwogen, die Einschränkungen des Beschwerdegegners seien derart einschneidend, dass der allgemeine Arbeitsmarkt für ihn keine reale Beschäftigungsmöglichkeit kenne. Davon ging zumindest für die Zeit vom 1. Dezember 1998 bis 31. Oktober 2000 auch die IV-Stelle aus, indem sie dem Versicherten eine ganze Invalidenrente zugesprochen hat. In der Verwaltungsgerichtsbeschwerde stellt sie sich auf den Standpunkt, zumindest seit Juli 2000 sei eine Restarbeitsfähigkeit von mindestens 60% gegeben, bezüglich welcher die Vermittelbarkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht praktisch ausgeschlossen sei, weshalb ein Einkommensvergleich auf dieser Basis durchzuführen sei. 3.4 Der Beschwerdegegner ist wegen seiner Kniebeschwerden bei gehenden und stehenden Tätigkeiten behindert. Im Rahmen der Beurteilung durch die BEFAS, an welcher auch ein Mediziner mitwirkte, wurde festgehalten, das Gangbild sei von einer eindrücklichen Knieinstabilität gekennzeichnet, welches bei jedem Schritt nach medial und vorne ausweiche. Trotz Stöcken sind nur wenige Minuten Stehen und Gehen möglich. Aus diesem Grund fallen aber auch alle Beschäftigungen weg, bei denen Material transportiert werden muss. Während der Arbeitserprobung musste sich der Versicherte zudem ab und zu zurückziehen und 10 bis 15 Minuten hinlegen. Anschliessend erschien er wieder zur Arbeit und erbrachte in seinem Bereich qualitativ und quantitativ eine recht gute Leistung. Selbst bei sitzenden Tätigkeiten ist er darauf angewiesen, die Position des linken Beines zu verändern. Die BEFAS geht daher einschränkend von einer "praktisch" vollständig sitzenden Tätigkeit aus. Angesichts der zur medizinisch-theoretischen Verminderung des Leistungsvermögens hinzutretenden invaliditätsbedingten Störungen eines geregelten Arbeitsablaufs kann nicht erwartet werden, dass sich ein potentieller Arbeitgeber bereit erklären würde, den Versicherten zu beschäftigen. Im konkreten Fall erscheint das Finden einer Stelle auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt aus den erwähnten Gründen als unrealistisch. Es lässt sich daher nicht beanstanden, wenn die Vorinstanz von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit ausging. Damit hat der Beschwerdegegner auch ab dem 1. November 2000 Anspruch auf eine ganze Invalidenrente.