Citation: 8C_810/2023 E. 3.1

3.1. Soweit das kantonale Gericht die vorliegende Streitsache vom Anwendungsbereich des Art. 6 Ziff. 1 EMRK ausschloss, weil sie verfahrensrechtlicher Natur sei, kann ihm nicht gefolgt werden. Sozialversicherungsrechtliche Leistungs- und Beitragsstreitigkeiten gelten gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung als Streitigkeiten um zivilrechtliche Ansprüche im Sinne von Art. 6 Ziff. 1 EMRK und fallen demzufolge grundsätzlich in dessen Anwendungsbereich (BGE 122 V 47 E. 2a). Bei der Auslegung des Begriffs "civil rights" im Sinne von Art. 6 Ziff. 1 EMRK stellt der Gerichtshof darauf ab, ob das Ergebnis eines Verfahrens für zivilrechtliche Ansprüche und Verpflichtungen unmittelbar entscheidend ist bzw. ob der Ausgang des Verfahrens zivilrechtliche Ansprüche oder Verpflichtungen begründet, ändert oder aufhebt (vgl. HARRENDORF/KÖNIG/VOIGT, in: Meyer-Ladewig et al. [Hrsg.], EMRK, Handkommentar, 5. Aufl. 2023, N. 9 f. zu Art. 6 EMRK; FRANK MEYER, in: Karpenstein/Mayer [Hrsg.], Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten, Kommentar, 3. Aufl. 2022, N. 22 zu Art. 6 EMRK). Verfahrensrechtliche Entscheidungen, wie beispielsweise über die Gewährung von Prozesskostenhilfe oder über die Zuständigkeit, fallen mangels Entscheidung in der Sache nicht in den Anwendungsbereich von Art. 6 Ziff. 1 EMRK (HARRENDORF/KÖNIG/VOIGT, a.a.O., N. 22 zu Art. 6 EMRK; Urteil 2C_608/2017 vom 24. August 2018 E. 4.4.1). Eine verfahrensrechtliche Streitigkeit in diesem Sinne liegt entgegen der Auffassung der Vorinstanz indes nicht vor. Die IV-Stelle ist auf die Neuanmeldung des Beschwerdeführers nach mehrmaliger Rücksprache mit dem RAD betreffend die neu eingereichten medizinischen Unterlagen mangels glaubhaft gemachter Verschlechterung des Gesundheitszustands nicht eingetreten. Wird dagegen, wie vorliegend, Beschwerde erhoben, ist im gerichtlichen Verfahren die Behandlung der Eintretensfrage durch die Verwaltung zu überprüfen, wobei dies wiederum anhand einer Würdigung der medizinischen Aktenlage erfolgt. Es handelt sich dabei um die Prüfung eines behaupteten rechtserheblichen Sachumstands, bei der wegen des Beweismasses des Glaubhaftmachens herabgesetzte Anforderungen an den Beweis gelten. Das ändert jedoch nichts daran, dass über eine Leistungsstreitigkeit und nicht über eine rein verfahrensrechtliche Streitigkeit zu entscheiden ist, was insbesondere bei negativem Ausgang augenfällig wird. Dementsprechend hat das Bundesgericht den grundsätzlichen Anspruch auf Durchführung einer öffentlichen Verhandlung auch im Beschwerdeverfahren gegen eine Nichteintretensverfügung der Verwaltung mangels Glaubhaftmachung einer gesundheitlichen Verschlechterung bereits mehrfach bejaht (vgl. SVR 2017 IV Nr. 45 S. 134, 8C_338/2016, und Urteil 8C_717/2023 vom 28. Februar 2024), was vorliegend bestätigt wird.