Citation: U 5/06 23.05.2006 E. 3

3.1 Vorinstanz und SUVA haben die Adäquanzbeurteilung nach der Rechtsprechung zu psychischen Unfallfolgen gemäss BGE 115 V 133 ff. vorgenommen. Die Beschwerdeführerin hält dagegen, auf Grund des in ihrem Fall ausgewiesenen, typischen Beschwerdebildes nach HWS-Distorsionen oder äquivalenten Verletzungsmechanismen sei der adäquate Kausalzusammenhang nach den in BGE 117 V 359 ff. dargelegten Grundsätzen zu prüfen, zumal - jedenfalls im rechtsprechungsgemäss massgeblichen Zeitpunkt unmittelbar nach dem Unfall - (noch) keine innerhalb des Beschwerdebildes eindeutige Dominanz aufweisende psychische Problematik bestanden habe. 3.2 Nach der medizinischen Aktenlage kann davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin durch das Unfallgeschehen vom 20. Mai 1996 eine HWS-Distorsion und eine Schädelkontusion erlitten hat, welche zu Nasenbluten, Schwindel und Übelkeit sowie - ungefähr zwei bis drei Stunden nach dem Vorfall - zu Kopf- und Nackenschmerzen führten. Der erstbehandelnde Arzt wurde noch gleichentags, etwa drei Stunden nach dem Unfall, aufgesucht. Nachdem durch die in der Folge mehrmals wöchentlich ambulant durchgeführte Physiotherapie keine wesentliche Besserung der Beschwerden hatte erreicht werden können, stellten die Ärzte der Rehaklinik X.________ anlässlich des ersten Aufenthaltes der Beschwerdeführerin vom 9. Dezember 1996 bis 24. Januar 1997 ein ausgeprägtes cervico-cephales Syndrom fest, wohingegen ossäre Läsionen bzw. disco-ligamentäre Instabilitäten radiologisch weitgehend und klinisch mit Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen wurden (Austrittsbericht vom 3. März 1997). Zufolge Ausbleibens namhafter gesundheitlicher Erfolge durch die im Anschluss angewandte konservative Behandlung trat die Versicherte am 20. Mai 1997 erneut für einen Monat in die Rehaklinik X.________ ein. In ihrem Austrittsbericht vom 5. August 1997 diagnostizierten die Ärzte einen schwersten Irritationszustand aller Weichteile der Schultergürtel-Nackenregion symmetrischer Ausprägung (mit einer extremen Unbeweglichkeit des Kopfes samt Zwangshaltung [Blick nach unten gerichtet], Schwindel sowie Kopf- und Nackenschmerzen) ohne neurologische Ausfälle und röntgenologische Auffälligkeiten der HWS. Als Verdachtsdiagnose genannt wurde im Weiteren erstmals eine schwer zugängliche somatoforme Schmerzstörung bei möglicher familiärer Konfliktsituation (Abhängigkeitsproblematik). Anlässlich seiner neurologischen Beurteilung vom 6. Oktober 1998 kam Dr. med. H.________ zum Schluss, dass auf Grund des Unfallhergangs eine "sehr" milde traumatische Hirnverletzung zwar nicht ausgeschlossen werden könne, eine solche aber angesichts des prätraumatischen Gesundheitszustandes sowie des Alters der Versicherten keine bleibenden geistigen oder affektiven Folgen zeitigen würde. Dr. med. M.________ hielt in seinem neurologischen/neuropsychologischen Gutachten vom 15. Februar 1999 fest, die Versicherte habe anlässlich des Unfalles vom 20. Mai 1996 eine Halswirbelsäulenabknickverletzung bei Kopfanprall an der Tür/Scheibe rechts, eine milde traumatische Gehirnverletzung sowie mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine Commotio des Labyrinths erlitten. Als Folge dieser Verletzungsmechanismen bestünden aktuell ein zumindest mässig ausgeprägtes rechts betontes Cervicalsyndrom und zumindest mässig ausgeprägte cervicocephale Beschwerden mit insbesondere Kopfschmerzen. Zusätzlich würden sich Anhaltspunkte für eine leichte zentralvestibuläre Störung mit Schwindelbeschwerden sowie mässig ausgeprägte kognitive Störungen, wahrscheinlich multifaktorieller Ursache, bei Zustand nach milder traumatischer Gehirnverletzung und bei Verdacht auf posttraumatische Anpassungsstörung mit depressiven Elementen ergeben. Die Beschwerdeführerin leide aktuell unter ständig bestehenden Genick- und Kopfschmerzen, unter bereits bei geringen körperlichen Belastungen auftretenden Schwindelbeschwerden, unter Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, unter einer Schlafstörung sowie unter einer Wesensveränderung. Der Oberarzt der Psychiatrischen Poliklinik des Spital Y.________, med. pract. K.________, war im Rahmen seiner gutachterlichen Untersuchungen am 17. Januar 2000 zum Ergebnis gelangt - wenn auch unter Ausklammerung der in neurologischer Hinsicht erhobenen Befunde -, dass die Versicherte seit längerer Zeit an einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung (ICD-10: F45.4) und an einer Konversionsstörung im Sinne einer dissoziativen Störung (ICD-10: F44.9) leide. Ebenfalls aus psychiatrischer Sicht stellte Dr. med. L.________ sodann in seinem Gutachten vom 24. September 2000 die Diagnosen einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung (ICD-10: F45.4), einer rezidivierenden depressiven Symptomatik leichten bis mittleren Grades (ICD-10: F33.0) und eines Verdachts auf eine dissoziative Bewegungsstörung (ICD-10: F44.4). Er betonte, wie auch in seiner Stellungnahme zuhanden der Vorinstanz vom 29. Mai 2005, dass die von Dr. med. M.________ erhobenen - neurologischen und neuropsychologischen - Befunde durch die psychiatrischerseits festgestellten Beschwerden nicht in den Hintergrund gedrängt würden, sondern mit den psychischen Gesundheitsstörungen in einer Art Circulus vitiosus verknüpft seien, sich gegenseitig also eher noch verstärkten. Lasse man - in einem rein hypothetisch-theoretischen Vorgang - die Folgen der HWS-Abknickverletzung weg, müsse davon ausgegangen werden, dass die somatoforme Schmerzstörung und die Depression alleine zu einer 75%igen Arbeitsunfähigkeit führten. 3.2.1 Anhand dieser Unterlagen kann als erstellt gelten, dass die Beschwerdeführerin anlässlich des Verkehrsunfalles vom 20. Mai 1996 ein HWS-Distorsionstrauma erlitten hat mit der hierfür typischen Beschwerdesymptomatik (dazu vgl. BGE 117 V 360 Erw. 4b [diffuse Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, Depression, Wesensveränderung usw.]; zur depressiven Entwicklung als Teil des typischen Beschwerdebildes siehe insbesondere das in HAVE 2003 S. 339 publizierte Urteil A. vom 21. März 2003, U 335/02). Auf Grund der ärztlichen Aktenlage, namentlich der Ausführungen der Dres. med. M.________ und L.________, ist ferner mit der Vorinstanz davon auszugehen, dass die Versicherte sich durch die Kollision eine milde traumatische Hirnverletzung zugezogen hat. Deren Vorliegen wird im Übrigen auch von Dr. med. H.________ in seiner Beurteilung vom 6. Oktober 1998 nicht ausgeschlossen, sondern lediglich in Bezug auf die daraus resultierenden Folgeschäden relativiert. Diese unmittelbaren Unfallfolgen, einschliesslich des Cervicocephalsyndroms, vermochte die Beschwerdeführerin alsdann, wie insbesondere Dr. med. L.________ einlässlich und nachvollziehbar erläutert, nicht adäquat zu verarbeiten. Es entwickelte sich als Reaktion zunächst eine Anpassungsstörung und später eine Depression sowie eine somatoforme Schmerzstörung mit erheblicher Tendenz zur Chronifizierung. Durch dieses psychische Beschwerdebild wurden die durch Dr. med. M.________ diagnostizierten neurologischen/neuropsychologischen Befunde indessen nicht in den Hintergrund gedrängt, sondern "in eine Art Circulus vitiosus verknüpft" (Gutachten des Dr. med. L.________ vom 24. September 2000, S. 23 [zu Frage 8]) und dadurch eher noch verstärkt. Die Versicherte ist - so Dr. med. L.________ im Weiteren - auf Grund ihrer fehlenden innerpsychischen Ressourcen und des die Krankheit fixierenden Verhaltens der Familie nicht in der Lage, sich aus freiem Willen von ihren Symptomen zu befreien. 3.2.2 Der Beschwerdeführerin ist somit darin beizupflichten, dass die psychischen Gesundheitsstörungen nicht unmittelbar nach dem Unfallereignis aufgetreten sind. Hingegen sind die festgestellten psychischen Beschwerden in Form der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung sowie des Verdachtes auf eine dissoziative Bewegungsstörung, welche - mit dem depressiven Leiden - gemäss Aussage des Dr. med. L.________ (vom 29. Mai 2005) als für die fehlende Leistungsfähigkeit hauptverantwortlich eingestuft werden, nicht in erster Linie als eine (zum typischen Beschwerdebild nach HWS-Distorsionen gehörende; vgl. das in HAVE 2003 S. 339 publizierte Urteil A. vom 21. März 2003, U 335/02) depressive Stimmungslage oder eine - als blosses (Langzeit-)Symptom einer erlittenen HWS-Distorsion einzustufende - Wesensveränderung zu werten. Von einer mit dem somatisch-psychischen Beschwerdebild nach HWS-Distorsionen im Regelfall eng verflochtenen Entwicklung kann mit anderen Worten, wie das kantonale Gericht zutreffend erkannt hat, nicht die Rede sein. Somatoforme Schmerzstörungen können zwar im Anschluss an Schleudertraumen und schleudertraumaähnlichen Verletzungen der HWS auftreten, gehören jedoch nicht zum typischen Beschwerdebild dieser Verletzungen, weil sie - anders als depressive Verstimmungen - nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen, insbesondere in Verbindung mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen Problemen auftreten (Urteile F. vom 10. April 2006, U 177/05, Erw. 4.2 [mit diversen Literaturhinweisen], und P. vom 30. September 2005, U 277/04, Erw. 4.2.2). Solchen Faktoren kommt nach den psychiatrischen Berichten und Gutachten auch im vorliegenden Fall wesentliche Bedeutung zu. Soweit Dr. med. L.________ bezweifelt, dass sich auch ohne den Unfall ein derartiges Schmerzsyndrom oder eine Depression entwickelt hätten, ist ihm entgegenzuhalten, dass die Beschwerdeführerin zwar an psychischen Beeinträchtigungen leidet, für die das Unfallgeschehen wohl den Auslöser bildete und welche durch die daraus resultierenden HWS-Läsionen zusätzlich verstärkt wurden, die jedoch weitgehend unfallfremde psychosoziale Ursachen haben. Es ist vielmehr mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sich die aktuelle Ausprägung des Leidens auch nach einem Unfall mit anders gearteter Verletzung in gleicher Weise hätte einstellen können (vgl. auch Urteil A. vom 13. Februar 2006, U 462/04, Erw. 2.2 mit Hinweisen). Würden psychische Beschwerden, die im Anschluss an einen Unfall mit Distorsionsverletzung der HWS auftreten, ungeachtet ihrer Pathogenese stets nach den Kriterien gemäss BGE 117 V 366 f. Erw. 6a auf ihre Adäquanz hin überprüft, bestünde, wie bereits dargelegt (Erw. 1.2.2 hievor in fine), die Gefahr, identische natürlich kausale psychische Unfallfolgen adäquanzrechtlich allein deshalb unterschiedlich zu beurteilen, je nachdem, ob beim Unfall zusätzlich eine Distorsionsverletzung der HWS (oder ein äquivalenter Verletzungsmechanismus) auftrat oder nicht, was nicht angeht. Liegt nach dem Gesagten keine mit der HWS-Distorsion in engem Zusammenhang stehende psychische Problematik - sondern mit der für das bestehende Beschwerdebild zur Hauptsache ursächlichen anhaltenden somatoformen Schmerzstörung eine selbstständige sekundäre Gesundheitsschädigung (Urteil F. vom 10. April 2006, U 177/05, Erw. 4.2 in fine mit Hinweisen) - vor, ist die Adäquanzbeurteilung auch dann nach BGE 115 V 133 ff. vorzunehmen, wenn das psychische Beschwerdebild die körperlichen Beschwerden nicht eindeutig in den Hintergrund gedrängt hat (Urteil A. vom 13. Februar 2006, U 462/04, Erw. 2.2 mit Hinweisen). An diesem Ergebnis nichts zu ändern vermöchten namentlich die in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde erneut beantragten otoneurologischen Untersuchungen zur Klärung der auftretenden Schwindelanfälle (antizipierte Beweiswürdigung; BGE 124 V 94 Erw. 4b; RKUV 2003 Nr. U 473 S. 50 Erw. 3.4 mit Hinweisen [Urteil R. vom 6. November 2002, U 131/02]; nicht publizierte Erw. 6.2 des Urteils BGE 130 V 343, veröffentlicht in SVR 2005 IV Nr. 8 S. 37 Erw. 6.2 [Urteil A. vom 30. April 2004, I 626/03]).