Citation: 6B_301/2022 E. 3.5.3

3.5.3. Die Vorinstanz legt willkürfrei dar, weshalb die Aussagen des Beschwerdeführers anlässlich des Gesprächs mit seiner Mutter vom 23. Mai 2018 keinen Beweis für den angeklagten sexuellen Übergriff darstellen. Seine Mutter erläuterte dem damals 3 Jahre und 7 Monate alten Beschwerdeführer anlässlich dieses Gesprächs zunächst die Vorkommnisse in der Kinderkrippe, nämlich dass der Krippenbetreuer "D.________" einen Knaben am Penis berührt habe. Danach fragte sie den Beschwerdeführer jeweils konkret, ob er (gemeint D.________) auch ihn am Penis oder am Popo berührt habe, was der Beschwerdeführer beides verneinte. Die dritte Frage seiner Mutter "Nein? Hat er dich nicht ein bisschen gestreichelt hier?" verneinte der Beschwerdeführer ebenfalls, worauf die Mutter mit der Frage nachhakte: "Wo hat er dich dann gestreichelt?". Auf diese Frage soll der Beschwerdeführer gemäss der von seiner Mutter erstellten französischen Transkription des weitgehend auf Russisch geführten Gesprächs (vgl. Untersuchungsakten, act. 291 ff.) mit "il ne caressait pas, il faisait comme ça, il a mis son 'kiki' dans ma bouche" geantwortet haben, während die Antwort in der offiziellen deutschen Übersetzung (vgl. Untersuchungsakten, act. 296 ff.) als weitgehend unverständlich bezeichnet wird ("Er hat so gemacht", unverständlich..., "mich oder in mich"). Daraufhin fragte die Mutter den Beschwerdeführer: "Ja, als du geschlafen hast, hat er dich auf den Popo geküsst?". Die Antwort auf diese Frage ist gemäss der deutschen Übersetzung zunächst unverständlich und danach "ich habe nicht gebissen" und gemäss der französischen Transkription der Mutter des Beschwerdeführers "non, il m'a mis le 'kiki' dans la bouche", "moi j'ai pas mordu". In der Folge fällt der Begriff "kiki" in verschiedenen Fragestellungen der Mutter, nicht jedoch in den Antworten des Beschwerdeführers, welche gemäss der deutschen Übersetzung teils wiederum unverständlich sind. So soll der Beschwerdeführer gemäss der französischen Transkription im weiteren Verlauf des Gesprächs "et moi je vais le mordre, j'ai dit" bzw. "manger" geantwortet haben (gemäss der deutschen Übersetzung "unverständlich"), worauf ihn die Mutter fragte: "Wolltest du beissen? Wolltest du sein 'kiki' essen?", was der Beschwerdeführer lachend mit "ja" beantwortete. Die weitere Frage der Mutter "Hat er grosser 'kiki'?" beantwortete der Beschwerdeführer ebenfalls mit "ja". Auf die Andeutung des Beschwerdeführers (gemäss der französischen Transkription), er habe noch mehr gewollt, fragte ihn die Mutter: "Du wolltest noch 'kiki'?" ("tu voulais encore le 'kiki'?) " und später: "Du wirst nicht 'kiki' essen?" ("tu vas pas manger le 'kiki'?"). Die weiteren Fragen seiner Mutter "in Popo hat er dir 'kiki' nicht gesteckt?" ("et dans les fesses il ne t'as pas mis son 'kiki'?") und "und hat er dein 'kiki' überhaupt nicht berührt?" ("et il ne t'as pas touché du tout ton 'kiki'?") verneinte der Beschwerdeführer. Gemäss der deutschen Transkription verwendet der Beschwerdeführer selber den Begriff "kiki" ein erstes und einziges Mal nach diesen Fragen, dies in einem anderen Zusammenhang ("er hat gemacht kiki" bzw. "il a fait... kiki... kiki ici"), worauf die Mutter den Satz ihres ins Stocken geratenen Sohnes mit "Dir in den Mund?" ergänzte. Die spätere Frage der Mutter "Hat I.________ das gesehen, dass er Dir 'kiki' in den Mund gesteckt hat?" beantwortete der Beschwerdeführer zunächst mit "ja" bzw. "quoi" (gemäss der französischen Transkription) und auf Nachfrage der Mutter mit "nein". Die abschliessenden Fragen, ob er (gemeint der Beschwerdegegner 1) das "kiki" auch J.________ in den Mund gelegt habe bzw. er auch K.________ und L.________ seinen 'kiki' zu essen gegeben habe, verneinte der Beschwerdeführer ebenfalls. Auf die Frage seiner Mutter, ob dies nur einmal oder mehrmals vorgekommen sei, gab der Beschwerdeführer an, dies sei "jeden Tag" geschehen. Ob dies einer kindsgerechten Befragung im Interesse der Wahrheitsfindung entspricht, erscheint fraglich. Die Vorinstanz schliesst eine mögliche Suggestion auf jeden Fall zu Recht nicht aus. Vielmehr ist eine suggestive Beeinflussung bereits aufgrund des aufgezeichneten Gesprächsverlaufs vom 23. Mai 2018 geradezu offensichtlich. Danach suchte die Mutter des Beschwerdeführers kein offenes Gespräch mit ihrem lediglich 3 Jahre und 7 Monate alten Sohn, sondern sie konfrontierte diesen zunächst mit der sexuellen Handlung des Beschwerdegegners 1 an einem anderen Kind und stellte ihrem Sohn danach gezielte Fragen zu möglichen sexuellen Übergriffen durch den Beschwerdegegner 1, welche der Beschwerdeführer mit ja oder nein beantwortete. Der Beschwerdeführer berichtete daher nicht spontan über einen möglichen sexuellen Übergriff. Auch der Name des Beschwerdegegners 1 fiel gemäss den übersetzen Transkriptionen im Zusammenhang mit den relevanten Fragen und Antworten lediglich einmal ganz zu Beginn des Gesprächs, als die Mutter den Beschwerdeführer einleitend fragte, ob "D.________" heute im Kindergarten (gemeint wohl: Kinderkrippe) gewesen sei. Die Vorinstanz berücksichtigt zudem zu Recht, dass die entscheidenden Passagen des Gesprächs vom 23. Mai 2018, in welchen der Beschwerdeführer laut seiner Mutter gesagt haben soll, "er" habe ihm das "kiki" in den Mund gelegt, gemäss der deutschen Übersetzung der Audioaufnahme unverständlich sind. Die Vorinstanz stellt diesbezüglich willkürfrei auf die offizielle deutsche Übersetzung und nicht auf die von der Mutter des Beschwerdeführers erstellte französische Transkription ab. Sodann ist mit der Vorinstanz dem Umstand Rechnung zu tragen, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt des Gesprächs vom 23. Mai 2018 noch sehr jung (weniger als vier Jahre alt) war und dass die angeblichen sexuellen Übergriffe - ausgehend vom möglichen Tatzeitraum Oktober 2016 bis max. Juli 2017 - im Zeitpunkt der Befragung der Mutter vom 23. Mai 2018 bereits zehn Monate bis weit mehr als ein Jahr zurücklagen. Die Rechtsprechung bejaht die Aussagetüchtigkeit von Kleinkinder ab dem Alter von ca. vier Jahren, wobei gerade jüngere Kinder gegenüber Autoritätspersonen wie den Eltern ausgesprochen empfänglich für suggestive Beeinflussung sind (Urteile 6B_655/2020 vom 7. Oktober 2020 E. 2.4.4; 6B_1109/2019 vom 23. September 2020 E. 2.5.3; oben E. 3.4.3). Es entspricht zudem der allgemeinen Lebenserfahrung, dass das Erinnerungsvermögen von zweijährigen Kindern noch stark eingeschränkt ist. Kleinkinder von weniger als vier Jahren sind daher - wenn überhaupt - nur sehr beschränkt in der Lage, im Alter von zwei Jahren Erlebtes Monate später verbal verlässlich wiederzugeben. Dies anerkennt implizit auch der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde, wenn er geltend macht, das frühkindliche Erinnerungsvermögen setze insbesondere bei einschneidenden Erlebnissen in der Regel spätestens ab dem Alter von drei Jahren ein (vgl. Beschwerde S. 18). Eine willkürliche Beweiswürdigung ist nicht ersichtlich.