Citation: 2C_646/2023 E. 4.3

4.3. Die Anfechtungsfrist gemäss der dargelegten Rechtsprechung beginnt bei irrtümlicher Eröffnung einer Verfügung an die vertretene Partei statt an ihre Vertretung frühestens im Zeitpunkt zu laufen, in dem die Partei oder ihre Vertretung vom Eröffnungsmangel Kenntnis hatte oder bei gebotener Sorgfalt hätte haben müssen und spätestens mit der nachträglichen, ordnungsgemässen Zustellung der Verfügung an die Vertretung (vgl. Urteil 9C_791/2010 vom 10. November 2010 E. 4; RES NYFFENEGGER, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, 2. Aufl. 2019, N. 30 zu Art. 11 VwVG; UHLMANN / SCHILLING-SCHWANK, Praxiskommentar Verwaltungsverfahrensgesetz, 3. Aufl. 2023, N. 12 zu Art. 38 VwVG). Entscheidend ist, dass dem Rechtsvertreter die Begründung einer Verfügung im eigentlichen Wortlaut solange nicht zugänglich ist, als er diese nicht in Händen hält oder halten könnte. Erst ab diesem Zeitpunkt vermag er deren volle Tragweite abzuschätzen. Eine Verkürzung der Rechtsmittelfrist, welche als auf den Eröffnungsmangel zurückzuführender Nachteil zu werten wäre, braucht sich der Rechtsvertreter nach Treu und Glauben nicht gefallen zu lassen (Urteil 9C_791/2010 vom 10. November 2010 E. 4.2; vgl. zum Ganzen auch Urteil 2C_278/2022 vom 7. April 2022 E. 2.2 mit Hinweis).