Citation: U 339/01 22.05.2002 E. 3

3.- Streitig ist, ob die neuropsychologischen Störungen eine Folge des Unfalls vom 9. Dezember 1991 sind. a) Der vorinstanzliche Entscheid ist hinsichtlich des natürlichen Kausalzusammenhangs unklar. Zuerst wird dieser unter Verweis auf die Akten bejaht (S. 15), dann die adäquate Kausalität verneint, um gleich anschliessend in Würdigung der Gutachten nochmals zur natürlichen Kausalität Stellung zu nehmen und diese "insbesondere angesichts der fehlenden Adäquanz" lediglich als möglich zu qualifizieren (S. 19 f.). b) aa) Prof. Dr. med. S.________ erachtete in seinem ersten Gutachten vom 28. Oktober 1994 nur die Verletzung der HWS als sichere Unfallfolge. Diese sei weitgehend ausgeheilt. Die neuropsychologischen Störungen der Konzentrationsfähigkeit und des Gedächtnisses führte er auf die krankhafte, reaktiv-depressive Verstimmung zurück, welche durch die schweren familiären Probleme (jahrelang dauernde Ehescheidung) ausgelöst worden sei. Im Gutachten vom 14. November 1997 mit Ergänzung vom 6. Oktober 1998 führte Prof. Dr. med. S.________ die neuropsychologischen Störungen nunmehr mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf den Unfall zurück. Zur Begründung legte er dar, dass eine Depression und/oder starke Kopfschmerzen - eventuell im Zusammenhang mit einem cervico-occipitalen oder cervico-encephalen Syndrom - zu gleichartigen neuropsychologischen Störungen führen könnten wie der Zustand nach einer Schleuderverletzung. Weil die auf Grund schwerer familiärer Probleme entstandene schwere Depression nach Abschluss der Ehescheidung im April 1996 praktisch vollständig verschwunden sei und auf Grund des durchgeführten EGG Epilepsiepotentiale fehlten, sei er mit Frau Dr. phil. O.________ der Auffassung, dass die neuropsychologischen Störungen unfallbedingt seien. bb) Frau Dr. phil. O.________ legte im Bericht vom 14. April 1997 dar, die Interpretation der kognitiven Leistungsstörungen sei nicht ganz einfach. Vor allem die fokalen Defizite im Bereich rechts-temporaler Strukturen stellten ein sehr atypisches Beschwerdebild nach einem HWS-Distorsionstrauma dar und liessen sich besser mit einem fokalen Geschehen im Sinne einer links-temporalen Störung mit Einbezug tieferer Strukturen in Einklang bringen. Das Beschwerdebild erinnere auch an links-fokale Amygdala und hippocampale Störungen, wie man sie oft bei fokalen epileptischen Störungen sehen könne. Um eventuelle Hinweise für diese fokalen Funktionsschwächen finden zu können, empfehle sie eine gezielte neurologische Abklärung mit EEG und eventuellem MRI. Andererseits zeigten die Leistungsminderungen im Bereich tieferer Strukturen, d.h. die teilweise massive Verlangsamung, die Konzentrations- und Aufmerksamkeitsschwäche, v.a. im Bereich der gerichteten und geteilten Aufmerksamkeit, die fluktuierenden Einfachreaktionszeiten und die erhöhte Ablenkbarkeit ein Bild, das oft bei HWS-Traumatikern deutlich werde. Sie könnten daher als höchst wahrscheinliche Folge der HWS-Traumatisierung interpretiert werden. c) Es ist nicht überzeugend, wenn Frau Dr. phil. O.________ einerseits von einem sehr atypischen Beschwerdebild nach einem HWS-Distorsionstrauma spricht und gleichzeitig darlegt, die Störungen könnten höchst wahrscheinlich auf den Unfall zurückgeführt werden. Dasselbe gilt für die Argumentation des Prof. Dr. med. S.________, die neuropsychologischen Störungen seien als unfallbedingt anzusehen, weil die durch familiäre Probleme bedingte jahrelange Depression nach der Ehescheidung im April 1996 praktisch vollständig abgeklungen sei und keine Epilepsiepotentiale vorlägen. Dass diese Begründungen unzureichend sind, haben denn auch Dr. med. T.________, Spezialarzt FMH für Chirurgie und Orthopädie, Orthopädische Chirurgie, im Gutachten vom 26. Februar 1998 und Ergänzung vom 6. November 1998 sowie Dr. med. D.________, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Beratender Psychiater der Winterthur, im Bericht vom 27. Mai 1999 festgestellt. Dr. med. T.________ kam zum Schluss, zur endgültigen Klärung der Ursache der neuropsychologischen (und wahrscheinlich auch psychischen) Störungen seien neue neuropsychologische und psychiatrische Gutachten erforderlich. Unbehelflich sind die Einwendungen des Versicherten, die Einschätzungen der Dres. med. T.________ und D.________ stützten sich lediglich auf die Akten und seien widersprüchlich; Dr. med. D.________ sei zudem Parteigutachter, da er in den Diensten der Winterthur stehe. Abgesehen davon, dass vorliegend die Voraussetzungen für die Zulässigkeit eines Aktengutachtens gegeben sind und dass auch auf Berichte versicherungsinterner Ärzte abgestellt werden kann (Erw. 1 hievor), werden die Einschätzungen der Dres. med. T.________ und D.________ nur insoweit berücksichtigt, als sie den Schluss bekräftigen, dass die Erhebungen der Frau Dr. phil. O.________ und des Prof. Dr. med. S.________ keine rechtsgenügliche Beurteilungsgrundlage bilden. Demnach kann gestützt auf die zur Verfügung stehenden medizinischen Akten die Frage, ob es sich bei den bestehenden neuropsychologischen Gesundheitsstörungen um eine natürliche Folge des versicherten Unfalles handelt, nicht mit dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 360 Erw. 5b mit Hinweisen) beantwortet werden. Eine Rückweisung der Sache zwecks Einholung eines weiteren Gutachtens erübrigt sich aber; selbst wenn auf Grund zusätzlicher Abklärungen der natürliche Kausalzusammenhang zu bejahen wäre, fehlt es - wie die nachstehenden Erwägungen zeigen - an der Adäquanz des Kausalzusammenhangs.