Citation: 9C_757/2023 E. 5.2

5.2. Aus dem Wortlaut von Art. 10 Abs. 2 DBG könnte geschlossen werden, dass Einkünfte der kollektiven Kapitalanlage den Anlegern zuzurechnen und bei diesen zu besteuern seien, sobald sie der kollektiven Kapitalanlage respektive der Fondsleitung zugeflossen sind (vgl. HESS, a.a.O., § 35 N. 23). In eine andere Richtung deutet aber Art. 20 Abs. 1 lit. e DBG, wonach die Einkünfte aus den Anteilen an kollektiven Kapitalanlagen beim Anleger steuerbares Einkommen darstellen, soweit die Gesamterträge die Erträge aus direktem Grundbesitz übersteigen. Daraus folgt, dass es grundsätzlich auf den Zeitpunkt ankommt, in welchem der Anleger den Ertrag aus seinem Anteil an der kollektiven Kapitalanlage erzielt, und nicht auf den Zeitpunkt der Einkünfteerzielung durch die kollektive Kapitalanlage respektive die Fondsleitung. Im Einklang hiermit ist nach der Auffassung der ESTV sowie der einhelligen Lehre grundsätzlich der Zeitpunkt der Fälligkeit der Ausschüttung der kollektiven Kapitalanlage an den Anleger massgeblich; dieser Zeitpunkt ist mithin der Stichtag für die Zurechnung des Vermögensertrags (vgl. ESTV-KS Nr. 25 Ziff. 4.2; HESS, a.a.O., § 10 Rz. 8 und § 17 Rz. 21; JEAN-PHILIPPE KRAFFT, in: Commentaire romand, LIFD, 2. Aufl. 2017, N. 189 zu Art. 20 DBG; LOCHER, a.a.O., N. 118 zu Art. 20 DBG; OESTERHELT, a.a.O., N. 176 zu Vor Art. 1 KAG; REICH/WEIDMANN, in: Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer, DBG, 4. Aufl. 2022, N. 117 zu Art. 20 DBG). Neben dem Wortlaut von Art. 20 Abs. 1 lit. e DBG spricht auch die Praktikabilität dafür, die steuerliche Transparenz der kollektiven Kapitalanlage in diesem Sinn zugunsten des Stichtagsprinzips zu relativieren. Ansonsten müssten nämlich Anleger die einzelnen Dividenden, Zinsen und sonstigen Vermögenserträge, die der kollektiven Kapitalanlage zugehen, in der Steuererklärung grundsätzlich einzeln deklarieren. Sie wären darauf angewiesen, dass ihnen die Fondsleitungen über alle Zu- und Abflüsse Rechenschaft ablegen, damit sie auch im Falle der Veräusserung ihrer Anteile alle bis dahin aufgelaufenen Vermögenserträge deklarieren können. Es liegt auf der Hand, dass dies im Vergleich zu einer Besteuerung nach dem Stichtagsprinzip für alle Beteiligten (Anleger, Fondsleitungen, Steuerbehörden) einen grossen administrativen Mehraufwand bedeuten würde (vgl. HESS, a.a.O., § 10 Rz. 8 und § 35 Rz. 23 ff.).