Citation: 2C_837/2019 E. 5.4

5.4. Die konkrete Gefahr eines Interessenkonflikts kann sich unter anderem daraus ergeben, dass sich für den prozessierenden Rechtsanwalt aufgrund der konkreten Umstände abzeichnet, dass er im betreffenden Verfahren als Zeuge wird aussagen müssen (vgl. ANDREAS BAUMANN, Interessenkonflikte des Rechtsanwalts, in: Festschrift 100 Jahre Aargauischer Anwaltsverband, 2005, S. 433 ff. S. 441; BOHNET/MARTENET, Droit de la profession d'avocat, 2009, N. 1458 und 3194). Die Pflicht zur Mandatsniederlegung ergibt sich in solchen Fällen zunächst aus dem Umstand, dass sich der Rechtsanwalt in seiner Rolle als Zeuge genötigt sehen kann, aufgrund der strafbewehrten Pflicht zur Wahrheit (Art. 307 Abs. 1 StGB) Aussagen zu tätigen, die den Interessen seines Klienten unter Umständen zuwiderlaufen; diese Gefahr ist besonders hoch, wenn der Anwalt sich nicht auf sein Zeugnisverweigerungsrecht berufen kann, weil er das betreffende Geheimnis nicht im Rahmen seiner anwaltlichen Tätigkeit wahrgenommen hat (vgl. Art. 171 Abs. 1 StPO; vgl. dazu VEST/HUBER, in: Basler Kommentar zur StPO, 2. Aufl. 2014, N. 3 zu Art. 171 StPO). Zu berücksichtigen ist sodann, dass der Rechtsanwalt nach seiner Zeugenaussage als Strafverteidiger den Wahrheitsgehalt seiner eigenen Aussage zu würdigen hätte; um den Interessen seines Mandanten gerecht zu werden, hätte er die Aussage gegenüber dem Gericht gegebenenfalls sogar in Frage zu stellen (vgl. HARTUNG/HOLL, Anwaltliche Berufsordnung, 1997, S. 58 f.), beziehungsweise sich gegen entsprechende Vorbringen der Gegenpartei zur Wehr zu setzen (vgl. PIERRE CHRISTE, L'indépendance et la dignité de l'avocat, in: RJJ 1997, S.183 ff., S. 191). Beides wäre mit der anwaltlichen Unabhängigkeit und der Pflicht zur Vermeidung von Interessenkonflikten nicht zu vereinbaren. Durch die Pflicht zur Mandatsniederlegung soll mithin schon präventiv vermieden werden, dass der Rechtsanwalt als Parteivertreter einerseits und Zeuge anderseits im Prozess in eine Doppelrolle gerät, welche es ihm verunmöglicht, seinen Mandanten in voller Unabhängigkeit zu beraten und zu verteidigen. Ausnahmen von der Pflicht zur Mandatsniederlegung sind freilich denkbar: Wird der Anwalt als Zeuge angerufen, obwohl er nur Tatsachen bezeugen kann, die aller Aussicht nach nicht rechtserheblich sein werden beziehungsweise ohnehin unbestritten sind, besteht die Gefahr einer Interessenkollision nicht; entsprechend entfällt auch die Pflicht, das Mandat niederzulegen. Gleiches gilt, wenn die Gegenpartei den Anwalt nur oder vor allem deshalb als Zeugen angerufen hat, um seine weitere Teilnahme am Prozess zu verhindern (vgl. aus der kantonalen Rechtsprechung Urteil des Kantonsgerichts Wallis vom 1. Februar 2013, E. 4.3 [=ZBJV 2014, S. 535 ff., S. 552], mit weiteren Hinweisen).