Citation: U 65/07 14.12.2007 E. 4

4.1 Wie sich aus der umfassenden Darstellung der medizinischen Situation im vorinstanzlichen Entscheid entnehmen lässt, ist die gesundheitliche Entwicklung des Beschwerdeführers dadurch gekennzeichnet, dass nach einer ersten beschwerdebelasteten Periode von knapp fünf Monaten im Anschluss an den Unfall vom 11. November 1994 eine Besserung und während längerer Zeit eine weitgehende Stabilisierung eintrat. Ende 1998, also vier Jahre nach dem Unfall, hatte sich dann allerdings ein chronisches Beschwerdebild - posttraumatisches zervikozephales und zervikobrachiales Syndrom, ausgeprägte Bewegungseinschränkung der HWS, ausgeprägte muskuläre Dysbalance der Nacken- und Schultergürtelmuskulatur, psychovegetativer Stresszustand (vgl. Austrittsbericht Klinik X.________) - entwickelt. Nach dem ersten Beschwerdeschub zwischen Unfallereignis am 11. November 1994 bis anfangs Februar 1995 mit Nacken und Kopfschmerzen und Ausstrahlungen in den rechten Arm sowie Sensibilitätsstörungen in der rechten Hand (Arztbericht Dr. med. S.________ vom 17. Januar 1995) erfolgte im weiteren Verlauf des Jahres 1995 erst wieder am 28. November eine Konsultation des Hausarztes, wobei allerdings nur leichte Befunde ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit erhoben wurden. Eine massive Verschlechterung des Gesundheitszustandes trat offenbar Ende 1998 ein; diese führte unter anderem auch zu einer Hospitalisation; von jenem Zeitpunkt an bestand eine ständige Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit. Inwieweit in der Zwischenphase zwischen initialem Beschwerdeschub und chronifiziertem Beschwerdebild ein beschwerdefreies Intervall bestand, steht aufgrund der vorhandenen medizinischen Akten nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit fest; während im Bericht der Klinik X.________ vom 9. März 1999 von einem schmerzfreien Intervall im Jahre 1995 von etwa zwei Monaten berichtet wird, geht Dr. med. J.________ in der kreisärztlichen Untersuchung vom 26. März 1996 von einem beschwerdefreien Intervall von 10 Monaten aus. Richtigerweise stellt Dr. med. H.________ von der SUVA-Versicherungsmedizin in der neurologischen Beurteilung vom 28. April 2005 denn auch fest, dass ein länger andauerndes beschwerdefreies Intervall nicht dokumentiert ist. Es erscheint deshalb als fraglich, ob das verstärkte Auftreten der Beschwerden Ende 1998 als Rückfall zu betrachten ist; die Akten enthalten denn auch keinen Hinweis auf einen Fallabschluss per Ende Februar 1995. Für die Beurteilung der vorliegenden Angelegenheit ist allerdings nicht ausschlaggebend, ob der Beschwerdeschub ab Ende 1998 als Rückfall oder als Teil des Grundfalls gesehen wird. Bei beiden Konstellationen muss die beträchtliche Zeit nach dem Unfallereignis festgestellte Gesundheitsstörung mit Auswirkung auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit in einem natürlichen und einem adäquaten Kausalzusammenhang zum Unfallereignis stehen, die unterschiedliche Beweislastverteilung beim Nachweis der natürlichen Kausalität wirkt sich im vorliegenden Fall letztlich nicht entscheidwesentlich aus (vgl. unten E.5). 4.2 Die Unfallkausalität der Beschwerden in der ersten Phase unmittelbar nach dem Unfall ist unbestritten. Die SUVA hat dafür die gesetzlichen Leistungen erbracht. Wenn in der biomechanischen Beurteilung dargelegt wird, die Beschwerden und Befunde seien kollisionsbedingt erklärbar, so bezieht sich diese Beurteilung ausdrücklich auf die anfänglich beschriebenen medizinischen Feststellungen; zum weiteren Verlauf des Gesundheitszustandes und dessen Ursachen lässt sich aus dieser Beurteilung nichts ableiten (vgl. biomechanische Beurteilung der Arbeitsgruppe für Unfallmechanik vom 1. November 2004). 4.3 Fraglich und umstritten ist die Unfallkausalität der seit Ende 1998 bestehenden Befunde und Beschwerden. Deren Unfallkausalität wird in den vorhandenen ärztlichen Berichten und Gutachten unterschiedlich beurteilt; es kann diesbezüglich auf die umfangreichen Darlegungen der medizinischen Unterlagen im vorinstanzlichen Entscheid verwiesen werden. Zusammengefasst bejahen die vom Hausarzt des Beschwerdeführers beigezogenen Ärzte, soweit sie sich dazu äussern, - der Neurologe Dr. med. R.________ (Bericht vom 22. Dezember 1999,) und Dr. med. Y.________, Spezialarzt für Otorhinolaryngologie (Bericht vom 18. Juni 2002) - die Unfallkausalität, während der Kreisarzt Dr. med. J.________ (Untersuchung vom 26. März 1996) bereits hinsichtlich der Ende 1995 auftretenden Beschwerden und später der Neurologe Dr. med. C.________ (Neurologische Beurteilung vom 22. November 2002) sowie Dr. med. H.________ (Neurologische Beurteilung vom 28. April 2005) - beide Ärzte von der Abteilung Versicherungsmedizin der SUVA - in Bezug auf das sich Ende 1998 entwickelte Beschwerdebild die Unfallkausalität eher verneinen, beziehungsweise nur für möglich nicht aber überwiegend wahrscheinlich erachten. Im Bericht der Klinik X.________ vom 9. März 1999 ist festgehalten, dass die Frage der Unfallkausalität schwierig zu beantworten ist. Ähnlich äusserte sich der Neurologe Dr. med. Z.________ in seinem Bericht vom 13. Oktober 1997. Aufgrund der vorhandenen medizinischen Unterlagen lässt sich keine eindeutige Aussage über die natürliche Unfallkausalität der sowohl somatischen wie auch psychischen Beschwerden und Befunde machen. Ob einzelne der vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden auf den Unfall vom 11. November 1994 zurückzuführen sind, braucht aber nicht abschliessend geklärt zu werden. Eine Rückweisung der Sache zwecks weiterer Abklärung dieser Frage erübrigt sich. Denn selbst wenn aufgrund ergänzender medizinischer Untersuchungen der natürliche Kausalzusammenhang zu bejahen wäre, fehlt es - wie die nachstehenden Erwägungen (vgl. unten E. 5) zeigen - jedenfalls an der Adäquanz des Kausalzusammenhangs. 4.4 Aufgrund der medizinischen Unterlagen steht immerhin fest, dass das geklagte Beschwerdebild keine bedeutsamen somatischen Beschwerden mit klaren organischen Ursachen umfasst. Einzig im Arztbericht des Neurologen Dr. med. R.________ vom 17. Dezember 2001 wird auf Gefühlsstörungen an der linken Hand in den Fingern III. bis V. hingewiesen, welche mit grosser Wahrscheinlichkeit zerviko-radikulär bedingt seien; diese Gefühlsstörungen würden auf eine Schädigung der zervikalen Wurzeln in den Segmenten C7 und C8 hinweisen. Das Ausmass der Schädigung wird aber angesichts der fehlenden motorischen Ausfälle als leicht bis mässig eingestuft. Zumindest soweit es um Befunde und Beschwerden geht, die Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit haben, handelt es sich also durchwegs um solche ohne klar fassbare organische Ursachen. In diesem Zusammenhang sei auch darauf hingewiesen, dass das chronifizierte Beschwerdebild, unter dem der Beschwerdeführer ab Ende 1998 litt, eine wesentliche psychische Komponente enthält, wird doch in der Beurteilung anlässlich der Hospitalisation in der Klinik X.________ vom 27. Januar bis 24. Februar 1999 vor dem Hintergrund einer hohen beruflichen Belastung ein psychovegetativer Stresszustand diagnostiziert. 4.5 Im Zusammenhang mit der Frage nach dem natürlichen und auch dem adäquaten (vgl. oben E. 2.2) Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall vom 11. November 1994 und der im Dezember 1998 eingetretenen Ausweitung der Beschwerden und der dadurch bedingten Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit ist zu prüfen, ob das sogenannte typische Beschwerdebild nach einem Schleudertrauma gegeben ist. Nach der Rechtsprechung ist der natürliche Kausalzusammenhang zwischen Unfall und der danach eingetretenen Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeit in der Regel anzunehmen, wenn ein Schleudertrauma der HWS diagnostiziert ist und ein für diese Verletzungen typisches Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden wie diffuse Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit, Visusstörungen, Reizbarkeit, Affektlabilität, Depression, Wesensveränderung usw. vorliegt (BGE 117 V 359 E. 4b S. 360). Im Ergebnis zu Recht verneinte die Vorinstanz das Vorliegen eines typischen Beschwerdebildes. Vorab ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer im Dezember 1998, als er (wiederum) Leistungen des Unfallversicherers beanspruchte, (auch) an Beschwerden litt, die für ein HWS-Schleudertrauma wenig typisch sind. Die festgestellte ausgeprägte Bewegungseinschränkung kann offenbar nur selten nach einer HWS-Distorsion beobachtet werden (vgl. neurologische Beurteilungen Dr. med. H.________ vom 28. April 2005). Vor allem aber hat sich ein wesentlicher Teil der Beschwerden erst lange Zeit nach dem Unfall entwickelt. Anhaltspunkte für die vom Beschwerdeführer geltend gemachten unmittelbar nach dem Unfallereignis aufgetretenen Beschwerden, wie Benommenheit, Uebelkeit, Schwindel sowie Schlaflosigkeit sind den echtzeitlichen Unfallakten nirgends zu entnehmen. Direkt nach dem Unfall sind Schmerzen im Nacken und im Kopf mit Ausstrahlung in den rechten Arm und Sensibilitätsstörungen in der rechten Hand aufgetreten, welche in der Folge aber wieder besserten (Arztzeugnis Dr. med. S.________ vom 17. Januar 1995). Wie die Vorinstanz richtig festhält, sind verschiedene Beschwerden (Ausstrahlung der Beschwerden auch in den linken Arm, Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit, Schwindelepisoden und Ohrenschmerzen) erst im Zusammenhang mit der massiven Schmerzausweitung im Dezember 1998 dokumentiert und können deshalb nicht als Teil des typischen Beschwerdebildes berücksichtigt werden. Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers beruht diese Beurteilung nicht auf einer unrichtigen Anwendung der Rechtsprechung zur Latenzzeit bei einem HWS-Schleudertrauma. Zwar ist richtig, dass es grundsätzlich genügt, wenn sich innert der Latenzzeit von 24 bis höchstens 72 Stunden Beschwerden und Befunde in der Halsregion oder an der Halswirbelsäule manifistieren (RKUV 2000 Nr. U 359 S. 29, U 264/97), während weitere für ein Schleudertrauma typische Beschwerden im Sinne von BGE 117 V 359 E. 4b S. 360 durchaus erst zeitverzögert auftreten können, um noch als unfallkausal in Betracht zu kommen (SVR 2007 UV Nr. 23 S. 75, U 215/05). Diese weiteren Beschwerden (wie Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Depressionen, etc.) müssen aber ebenfalls in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem versicherten Unfall stehen (vgl. BGE 119 V 335 Erw. 2b/bb S. 341). Diese Voraussetzung verlangt, dass diese Beschwerden, welche regelmässig (auch) psychogener Natur sind oder sein können, in zeitlicher Nähe zum Unfallereignis auftreten. Erfahrungsgemäss nimmt die Wahrscheinlichkeit eines ursächlichen Zusammenhangs mit einem Unfall entsprechend dem zeitlichen Abstand zwischen diesem und dem Auftreten von Symptomen einer psychogenen Gesundheitsstörung ab, weil das Unfallereignis mit der Zeit verarbeitet und verkraftet wird und weil umgekehrt die Möglichkeit steigt, dass unfallfremde Faktoren auf die versicherte Person einwirken. Je grösser das zeitliche Intervall zwischen einem Unfall und dem Eintritt psychischer Störungen ist, desto strengere Anforderungen sind deshalb an den Wahrscheinlichkeitsbeweis des natürlichen Kausalzusammenhangs zu stellen (SVR 2003 UV Nr. 12 S. 35, U 78/02 mit weiteren Hinweisen). Dem Beschwerdeführer ist zwar darin beizupflichten, dass sich beispielsweise Konzentrations- oder Gedächtnisstörungen allenfalls erst bei Wiederaufnahme der Arbeit bemerkbar machen; auch eine Depression oder eine Wesensveränderung kann naturgemäss erst nach einiger Zeit festgestellt werden. Im vorliegenden Fall fällt nun aber auf, dass über Schwindel oder Konzentrationsstörungen erst im Jahre 1998 berichtet wird, obwohl der Beschwerdeführer bereits im Februar 1995 eine selbständige Erwerbstätigkeit aufnahm und sich allfälliger Beeinträchtigungen hätte gewahr werden müssen. Bei dieser Konstellation ist der verlangte ursächliche Zusammenhang zwischen dem versicherten Unfall und den einzelnen Beschwerden nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt. Zusammengefasst hat sich das typische Beschwerdebild nach Schleudertrauma in der massgeblichen unfallnahen ersten Phase nicht oder - wie die Vorinstanz schreibt - nur "ansatzweise" entwickelt, während das vier Jahre nach dem Unfall aufgetretene Beschwerdebild einerseits nur teilweise dem typischen Beschwerdebild nach Schleudertrauma entspricht und anderseits - soweit es um die nachträglich aufgetretenen Störungen geht - nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als unfallbedingt angesehen werden kann. Das Vorliegen eines typischen Beschwerdebilds ist damit sowohl im Zusammenhang mit der Prüfung der natürlichen Kausalität wie auch hinsichtlich der nachfolgenden Adäquanzprüfung zu verneinen. Die Einwendungen des Beschwerdeführers vermögen daran nichts zu ändern.