Citation: I 725/05 30.05.2006 E. 4

4.1 Aus den medizinischen Akten ergibt sich zunächst Folgendes: Frau Dr. med. M.________, Spezialärztin FMH Psychiatrie und Psychotherapie, behandelte die Versicherte von April 1998 bis Juli 2000 und erneut ab November 2001. Gemäss ihrem Bericht vom 11. April 2003 (mit Ergänzung vom 2. April 2004) war die Beschwerdeführerin aufgrund der psychischen Problematik vom 19. Juni 2000 bis 31. Oktober 2000 voll und zwischen November 2000 und September 2001 zwischen 75 % und mehrheitlich 85 % arbeitsunfähig. Seit 1. November 2001 bestehe wieder eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Im Wesentlichen gleich äussert sich Dr. med. S.________ im Gutachten vom 20. Dezember 2003. Danach führte die psychische Störung ab dem Jahr 1997 an der letzten Arbeitsstelle zu vielen Absenzen und ab dem Jahr 2000, abgesehen von zwei kurzzeitigen und schlussendlich abortiven Arbeitsversuchen, zu einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit. Aktuell erachtet der Experte die Versicherte aus psychiatrischer Sicht als zu mindestens 80 % arbeitsunfähig. Das kantonale Gericht stellt auf diese ärztlichen Stellungnahmen für die Bestimmung der Eröffnung der Wartezeit nicht ab. Zur Begründung wird angeführt, es handle sich dabei um retrospektive Einschätzungen der Ärzte, welche von den "echtzeitlichen" Angaben nicht gestützt würden. Die Berichte der Dres. med. M.________ und S.________ beruhen in der Tat nicht auf während des interessierenden Zeitraumes ab 19. Juni 2000 gewonnenen Einblicken. Auch trifft zu, dass eine rückwirkende Einschätzung der Arbeitsfähigkeit generell und namentlich auch bei psychischen Störungen schwierig ist. Dies macht aber fachärztliche Aussagen über zurückliegende Zeiträume nicht einfach wertlos. Hinzu kommt, dass Frau Dr. med. M.________ die Versicherte bereits früher behandelt hat und somit auch über damalige, wenn auch aus der Zeit vor dem hier interessierenden Jahr stammende, Erfahrungswerte zum Gesundheitszustand der Versicherten verfügt. Diese flossen in ihren Bericht vom 11. April 2003 ein und wurden auch vom unter anderem darauf abstellenden Experten Dr. med. S.________ berücksichtigt. 4.2 Dr. med. U.________, der die Versicherte seit Jahren als Hausarzt betreut und die Arbeitsunfähigkeit bis 31. August 2000 bestätigt hatte, gibt im Bericht vom 15. Februar 2003 an, es müsse rückwirkend seit 1. September 2000 ebenfalls eine Arbeitsunfähigkeit zwischen 50 % und 100 % vermutet werden. Hier beanstandet die Vorinstanz namentlich, dass sich Dr. med. U.________ in einem früheren Zeitpunkt anders zur Arbeitsunfähigkeit geäussert habe. Tatsächlich hatte der Hausarzt am 2. Oktober 2000 gegenüber der Arbeitslosenversicherung eine 100%ige Arbeitsfähigkeit ab 1. September 2000 bestätigt. Dieser Widerspruch zu der im Bericht vom 15. Februar 2003 enthaltenen Einschätzung lässt sich aber zumindest teilweise damit erklären, dass der Hausarzt bei der Aussage vom 2. Oktober 2000 insofern einen Vorbehalt angebracht hatte, als er eine volle Arbeitsfähigkeit nur für Tätigkeiten mit geringem Stress bestätigte. Diese Voraussetzung erfüllt die - hier einzig interessierende (Erw. 2 hievor) - vorherige Arbeit bei der Bank nach Auffassung des Arztes nicht. Dr. med. U.________ gibt sodann im Bericht vom 15. Februar 2003 an, die Bestätigung der Arbeitsfähigkeit sei damals erfolgt, da die Versicherte mehr habe arbeiten wollen. Es habe sich in der Folge herausgestellt, dass diese Beurteilung eher zu optimistisch gewesen sei. In der Zeit vom September 2000 bis November 2002 habe ihn die Versicherte weiter sehr regelmässig wegen körperlichen Beschwerden (u.a. Anämie, tiefer Blutdruck, Magendarmstörungen, Infektionen und gynäkologischen Problemen) sowie psychischen Schwierigkeiten (Schlafstörungen, Depression, Angstzustände) aufgesucht. Dass Dr. med. U.________ trotz der seiner Darstellung nach weiterhin manifesten gesundheitlichen, namentlich psychischen Probleme der Versicherten keine Arbeitsunfähigkeit bestätigte und somit den Bezug der vollen Arbeitslosenentschädigung ermöglichte, mag Fragen aufwerfen. Diese sind hier aber nicht zu beantworten, und es ist auch nicht zu beurteilen, ob sich aufgrund der nunmehr gegebenen medizinischen Aktenlage bei Bejahung eines Invalidenrentenanspruchs allenfalls Rückforderungs- und/oder Verrechnungsansprüche der Arbeitslosenversicherung ergeben. Für die vorzunehmende Beurteilung massgebend ist, dass der an sich bestehende Widerspruch in den Aussagen des Dr. med. U.________ durch dessen weitere Erläuterungen zumindest teilweise relativiert wird. Dies gestattet, den Bericht des Hausarztes vom 15. Februar 2003 immerhin als auf "echtzeitlichen" Erfahrungen beruhende Bestätigung von ab September 2000 weiterhin bestandenen, namentlich psychischen Problemen zu betrachten. Das stützt die von den Dres. med. M.________ und S.________ retrospektiv geäusserte Einschätzung. 4.3 Aufgrund der dargelegten ärztlichen Aussagen ist davon auszugehen, dass die Versicherte ab 19. Juni 2000 ohne wesentlichen Unterbruch zu einem erheblichen Teil arbeitsunfähig war. Diese Beurteilung stützt sich namentlich auf das auch im Zusammenspiel mit den Berichten der Dres. med. M.________ und U.________ überzeugende Gutachten des Dr. med. S.________. Dass die wartezeiteröffnende Arbeitsunfähigkeit am 19. Juni 2000 einsetzte und im folgenden Jahr nicht unterbrochen wurde, erachtete im Übrigen auch der RAD-Arzt gemäss Stellungnahme vom 16. Februar 2004 nicht für unplausibel. Gegen diese Sichtweise spricht zwar bei isolierter Betrachtung der von Vorinstanz und Beschwerdegegnerin angeführte Umstand, dass die Versicherte ab September 2000 auf der Grundlage einer vollen Arbeits- und Vermittlungsfähigkeit Arbeitslosenentschädigung bezogen hat. Wie es trotz faktisch gegebener erheblicher Arbeitsunfähigkeit zu der entsprechenden ärztlichen Bestätigung kommen konnte, wird aber - zumindest weitgehend - anschaulich durch Dr. med. U.________ erklärt. Und dass sich die Beschwerdeführerin damals selbst als voll vermittlungsfähig erachtete, ist vor dem Hintergrund zu sehen und zu relativieren, dass sie gemäss den übereinstimmenden Aussagen der Dres. med. M.________, S.________ und U.________ ihre Kräfte stets überschätzt hat und realistischerweise ein ganzes Arbeitspensum auch nur vorübergehend nicht hätte verrichten können. Ein massgeblicher Unterbruch der Arbeitsunfähigkeit im Sinne von Art. 29ter IVV ergibt sich sodann entgegen Vorinstanz und Beschwerdegegnerin auch nicht aus der von der Versicherten von November 2000 bis September 2001 ausgeübten Erwerbstätigkeit, zumal diese mit sechs Wochenstunden nur ein geringes Pensum umfasste. Nach dem Gesagten liegt kein wesentlicher Unterbruch der Wartezeit im Sinne von Art. 29 Abs. 1 lit. b IVG in Verbindung mit Art. 29ter IVV vor. Die Verwaltung hat daher in der Verfügung vom 20. Februar 2004 und dem an deren Stelle getretenen (BGE 130 V 425 Erw. 1, 119 V 350 Erw. 1b mit Hinweisen) Einspracheentscheid vom 1. Dezember 2004 die Eröffnung der Wartezeit richtigerweise auf den 19. Juni 2000 festgesetzt. Dass die Arbeitsunfähigkeit während der Wartezeit, wie in Art. 29 Abs. 1 lit. b IVG verlangt und im Einspracheentscheid angenommen, durchschnittlich mindestens 40 % betrug, ist - wie auch die übrigen Voraussetzungen für die verfügte Festsetzung des Rentenbeginns auf den 1. Dezember 2001 - nicht umstritten und nach Lage der Akten nicht in Frage zu stellen. Die Verwaltungsgerichtsbeschwerde ist somit begründet.