Citation: 4A_490/2017 E. 3.3.4

3.3.4. Artikel 38.3 der IAAF Competition Rules zielt darauf ab, dem betroffenen Athleten auf dessen Begehren hin eine Anhörung vor dem Mitglied der IAAF - d.h. dem Nationalverband - und daraufhin einen zeitgerechten verbandsinternen Entscheid zu ermöglichen, der in der Folge beim TAS angefochten werden kann. Zu diesem Zweck sieht die Bestimmung eine zweimonatige Frist für die Durchführung der verlangten Anhörung ("If the Member fails to complete a hearing within two months [...]") und anschliessend die zeitliche Vorgabe eines Entscheids innert vernünftiger Frist vor ("[...] or, if having completed a hearing, fails to render a decision within a reasonable time period thereafter [...]"), wobei die IAAF Fristen ansetzen kann, falls dies nötig ist ( " [...] the IAAF may impose a deadline for such event."). Die Überweisung des Falls an den Einzelschiedsrichter des TAS ist bei internationalen Athleten für den Fall vorgesehen, dass eine dieser Fristen nicht eingehalten wird. Die Beschwerdeführerin bringt vor, die Bestimmung sei insoweit unklar bzw. unvollständig, als nicht definiert werde, was unter "fails to complete a hearing" zu verstehen sei. Zwar mag zutreffen, dass die ARAF gar nicht erst formell aufgefordert wurde, eine Anhörung durchzuführen, weshalb der russische Nationalverband es nicht dem Wortlaut von Artikel 38.3 gemäss versäumen konnte, diese innert zwei Monaten abzuschliessen. Das Schiedsgericht hat es aber zu Recht nicht beim Wortlaut der Bestimmung bewenden lassen, sondern hat im Rahmen der Auslegung auf deren Zweck abgestellt. Dabei hat es zutreffend ausgeführt, dass die Bestimmung zwar zunächst ein Verfahren vor dem Nationalverband ermöglichen will, jedoch gleichzeitig die IAAF ermächtigt, Fälle direkt an das TAS zu überweisen, soweit das Verfahren vor dem nationalen Gremium nicht rasch voranschreitet bzw. keine zeitgerechte Entscheidung ergeht. Das Schiedsgericht hat nachvollziehbar darauf abgestellt, dass die IAAF-Mitgliedschaft der ARAF aufgrund der Beweise für systematische Eingriffe in und Umgehung von Anti-Doping-Kontrollen in Russland seit dem 26. November 2015 suspendiert ist, weshalb die ARAF ausser Stande war, zeitgerecht ein Disziplinarverfahren gegen die Beschwerdeführerin durchzuführen. Dem Schiedsgericht ist keine unzutreffende Auslegung von Artikel 38.3 Competition Rules vorzuwerfen, wenn es unter diesen Umständen davon ausging, dass eine formelle Fristansetzung an die ARAF unnötig und die Beschwerdegegnerin nach dieser Verbandsbestimmung berechtigt war, die Streitsache direkt an das TAS zu überweisen. Die Beschwerdeführerin bringt lediglich in allgemeiner Weise vor, sie habe davon ausgehen dürfen, dass zunächst ein verbandsinternes Disziplinarverfahren durchgeführt werde, vermag aber nicht aufzuzeigen, vor welchem konkreten Verbandsgremium ein solches hätte stattfinden sollen. Entgegen dem, was sie anzunehmen scheint, wäre die Beschwerdegegnerin nach den massgebenden Verbandsbestimmungen nicht verpflichtet gewesen, ein solches Verfahren selbst durchzuführen, sieht Artikel 38.3 Competition Rules doch als erstinstanzliche Entscheidorgane lediglich den jeweiligen Nationalverband und - eventualiter - den Einzelschiedsrichter des TAS vor. Abgesehen davon leuchtet nicht ein, inwiefern der Beschwerdeführerin der Rechtsweg an den Einzelschiedsrichter im Vergleich zu einem Gremium der Beschwerdegegnerin zum Nachteil gereichen soll. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es sich bei verbandsinternen Entscheidungsorganen nicht um Schiedsgerichte handelt und deren Entscheidungen lediglich einfache Willensäusserungen der beteiligten Vereine - und nicht etwa Rechtsprechungsakte - darstellen (BGE 119 II 271 E. 3 S. 275 f.; Urteile 4A_492/2016 vom 7. Februar 2017 E. 3.3.3; 4A_222/2015 vom 28. Januar 2016 E. 3.2.3.1; 4A_374/2014 vom 26. Februar 2015 E. 4.3.2.1). Die Berufungskammer des TAS ging demnach zu Recht davon aus, dass der Einzelschiedsrichter gestützt auf Artikel 38.3 Competition Rules zuständig war, über die Streitsache zu entscheiden, ohne dass vorher ein verbandsinternes Verfahren zu durchschreiten war. Bei diesem Ergebnis braucht nicht vertieft zu werden, ob die Parteien aufgrund der Korrespondenz vom 5. und 19. Februar 2016 eine gültige Schiedsvereinbarung zugunsten der unmittelbaren Zuständigkeit des TAS abschlossen.