Citation: 6B_1119/2022 E. 2.2.3

2.2.3. Hinsichtlich der Depositionen der Beschwerdegegnerin 2 sei zunächst von Bedeutung, dass ihr die Gutachterinnen eine allgemeine Aussagetüchtigkeit attestiert und eine globale anterograde oder dissoziative Amnesie überzeugend ausgeschlossen hätten. Die Aussagen der Beschwerdegegnerin 2 zum Kerngeschehen seien über sämtliche Befragungen und den Zeitraum eines dreiviertel Jahres im Wesentlichen gleich geblieben. Insbesondere habe sie konstant von der Anfangssituation mit dem "Masseur" (D.________) berichtet, dessen Einsatz körperlicher Gewalt gegen ihren ausdrücklichen Willen und den nachfolgenden Geschlechtsverkehr von vorne und hinten durch zwei Täter, während sich insgesamt vier Personen in ihrer Wohnung aufgehalten hätten. Ebenfalls gleichbleibend habe die Beschwerdegegnerin 2 geschildert, dass sie sich wie eine Puppe gefühlt habe, wie versteinert gewesen sei, die Sexualkontakte nicht gewollt und dabei Schmerzen gehabt habe sowie dass die Männer nie gefragt hätten, ob sie etwas dürften, sondern einfach gemacht hätten. Bis zur Ejakulation des "Masseurs" enthielten ihre Darstellungen auch keinerlei Brüche. Zwar sei nach Hinzukommen der drei Mitbeschuldigten eine gewisse Ausdünnung der Ausführungen und Vermengung von Handlungsabschnitten erkennbar. Jedoch sei dies gemäss Expertinnen mit den kognitiven Einschränkungen der Beschwerdegegnerin 2 in Verbindung mit Erschwernissen auf der Wahrnehmungsebene (Müdigkeit, Stresserleben, mögliche situative dissoziative Zustände) erklärbar und stelle den Erlebnisbezug nicht in Frage. Die Aussagen der Beschwerdegegnerin 2 wiesen insgesamt einen guten Detaillierungsgrad auf. Nach überzeugender Einschätzung der Expertinnen sei es ausgesprochen unwahrscheinlich, dass die Beschwerdegegnerin 2 mit ihren intellektuellen Einschränkungen in der Lage gewesen wäre, eine derart komplexe, ineinander übergehende und mit Details versehene Geschichte über mehrere Monate bzw. Jahre hinweg im Kerngeschehen gleichbleibend vorzutragen, wenn sie nicht auf einen realen Erlebnishintergrund hätte zurückgreifen können. Angesichts dessen sei ihre über weite Strecken unstrukturierte und sprunghafte Erzählweise gerade ein besonders aussagekräftiges Merkmal für den Erlebnisbezug der Depositionen. Als deliktsspezifisches Element hervorgehoben hätten die Gutachterinnen die für gruppendynamische Prozesse kennzeichnende Einzelheit, wonach ein Beschuldigter (F.________) direkt nach dem Akt des ersten (E.________) gesagt habe, er könne es besser, er habe den andern "übertrumpfen" wollen. Der Erlebnisbezug werde gemäss den Gutachterinnen auch nicht dadurch in Frage gestellt, dass die Beschwerdegegnerin 2 im Rahmen der rechtsmedizinischen Untersuchung von drei aktiven Tätern gesprochen habe, gegenüber der Staatsanwaltschaft und der Polizei hingegen nur von zweien. Ferner sei nachvollziehbar, dass die Beschwerdegegnerin 2, nachdem ihr anfänglicher Widerstand gegen D.________ erfolglos geblieben war, sich gegen den körperlich klar überlegenen Mann laufend weniger gewehrt und durch das plötzliche Hinzutreten dreier weiterer, ihr unbekannten Männer vollends überfordert und "wie versteinert" gewesen sei, sodass sie nicht mehr daran gedacht habe, weiteren Widerstand zu leisten. Die Beschwerdegegnerin 2 habe sodann keinen Belastungseifer gezeigt und sogar selbstkritisches Verhalten geäussert. Weder in der Entstehungsgeschichte der Erstaussage noch in der Biografie der Beschwerdegegnerin 2 bestünden Anhaltspunkte für bewusste oder unbewusste Falschaussagen. Gleiches gelte für eine mögliche Beeinflussung des Erinnerungsvermögens oder Aussageverhaltens durch autosuggestive Prozesse oder fremdsuggestive Einwirkungen Dritter etwa naher Bezugspersonen. Namentlich fänden sich in den Schilderungen keine Zusammenhänge mit den Missbrauchserfahrungen der Beschwerdegegnerin 2 in der Kindheit oder dem eingestellten Strafverfahren im Kanton Graubünden aus dem Jahr 1999. Zu letzterem bestünden, entgegen den Insinuierungen der Beschuldigten, gerade keine auffälligen Ähnlichkeiten, die auf eine Verfälschung oder Vermischung der Erinnerungen hindeuten würden. Auch lasse die damalige Verfahrenseinstellung keine Rückschlüsse auf die Glaubhaftigkeit der Beschwerdegegnerin 2 im vorliegenden Verfahren zu. Hinsichtlich des Einwands möglicher fremdsuggestiver Einwirkungen durch die Staatsanwaltschaft sei zu bemerken, dass sich die Beschwerdegegnerin 2 auffällig resistent und standhaft gegenüber suggerierenden Einflüssen gezeigt und sich gerade nicht auf das Bestätigen von Vorhalts-Fragen beschränkt habe. Zusammenfassend sei, so die Vorinstanz, die Nullhypothese zu verwerfen und von tatsächlich Erlebtem auszugehen. Die Beschuldigten hätten dies nicht ansatzweise zu widerlegen vermocht. Dementsprechend sei grundsätzlich auf die Angaben der Beschwerdegegnerin 2 abzustellen, wonach verschiedene sexuelle Handlungen nicht einvernehmlicher Art erfolgt seien. Dies werde nicht zuletzt durch die Einlassungen der Bezugspersonen bestätigt. Diese hätten die Beschwerdegegnerin 2 nach der Tat als kaputt, emotional aufgeregt und aufgelöst beschrieben. Die Ereignisse hätten sie aus der Bahn geworfen, zwei Wochen nach der Tat habe sie einen Zusammenbruch erlitten.