Citation: U 74/99 26.04.2000 E. 3

3.- Mit Bezug auf die somatischen Einschränkungen steht auf Grund der medizinischen Akten fest und ist im letztinstanzlichen Verfahren unbestritten, dass das Rückenleiden des Versicherten unfallfremden, degenerativen Veränderungen (in den Segmenten L3/4, L4/5 und L5/S1) zuzuschreiben ist. Demgegenüber ist streitig und zu prüfen, ob ein Zusammenhang zwischen dem Unfall und den vom Versicherten geklagten Beschwerden am rechten Bein besteht, zu welcher Frage die Meinungen der Ärzte (im Wesentlichen der Rehabilitationsklinik Z.________, des SUVA-Arztes Dr. med. M.________ und der Klinik Y.________ einerseits sowie der Klinik für Neurologie des Spitals X.________ anderseits) auseinandergehen. a) Die Vorinstanz verneinte die Unfallkausalität gestützt auf den Bericht der Rehabilitationsklinik Z.________ vom 28. Oktober 1996, wonach sich das Beschwerdebild bereits zehn Monate nach dem Unfall organisch nicht mehr erklären lasse und die Ursache der im Vordergrund stehenden funktionellen Parese des rechten Beines, für welche keine neurologisch-organische Ursache gefunden worden sei, auf psychischer Ebene liege. Sie erwog, dass, selbst wenn der Unfall Ursache der intraartikulären Tibiafraktur rechts bilden würde, auf Grund der Stellungnahmen des SUVA-Arztes Dr. med. M.________ überwiegend wahrscheinlich davon auszugehen wäre, dass die vollständige Ausheilung jener Fraktur spätestens Ende 1996, d.h. rund 14 Monate nach dem Unfall, erfolgt sei. Denn gemäss dem Bericht des Dr. med. M.________ vom 5. März 1998 lasse sich nicht eindeutig belegen, ob es sich bei der am 23. Dezember 1997 festgestellten leichten Arthrose im lateralen Teil des rechten oberen Sprunggelenks (und weniger auch im Bereich des unteren Sprunggelenkes) um einen Folgezustand einer knöchernen intraartikulären Verletzung beim Unfall handle; eine Fraktur habe damals radiologisch nicht nachgewiesen werden können. Nach Auffassung des SUVA-Arztes ergebe dieser neuerlich erhobene computertomographische Befund jedenfalls weder eine klinische Relevanz für alltägliche körperliche Belastungen noch eine Indikation für operative Massnahmen. Der Bericht der Klinik Y.________ vom 21. März 1998 stimme mit diesen Angaben im Wesentlichen überein. Es bestehe kein Anlass, diese ärztlichen Beurteilungen in Zweifel zu ziehen. Damit sei überwiegend wahrscheinlich davon auszugehen, dass die noch vorhandenen körperlichen Gesundheitsschäden nicht auf den in Frage stehenden Unfall zurückzuführen seien, weshalb auf weitere diesbezügliche Beweisvorkehren verzichtet werden könne. b) Die Zuverlässigkeit der von der Vorinstanz als massgeblich erachteten medizinischen Angaben zur Unfallkausalität der bestehenden Einschränkungen am rechten Bein wird nicht nur durch die Stellungnahmen der Klinik für Neurologie des Spitals X.________, in welchen von einer auf den Unfall zurückzuführenden distalen intraartikulären Tibiafraktur rechts mit Entwicklung eines Morbus Sudeck ausgegangen wird (vgl. Berichte vom 11. März, 21. Juni und 5. August 1996 sowie 2. Mai 1997), sondern nun auch durch das im letztinstanzlichen Verfahren nachgereichte MEDASGutachten vom 6. Januar 2000 in Frage gestellt. Dieses datiert zwar nach Erlass des Einspracheentscheides, lässt indessen Rückschlüsse auf die im Zeitpunkt des Einspracheentscheides herrschende Situation zu und ist daher in die richterliche Beurteilung miteinzubeziehen (BGE 121 V 366 Erw. 1b, 99 V 102, je mit Hinweisen). Die MEDAS-Gutachter Dr. med. A.________, Chefarzt, und Dr. med. H.________, Innere Medizin/Rheumatologie FMH, nennen als Hauptdiagnosen (mit Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit) einen Morbus Sudeck (sympathische Dystrophie) in fortgeschrittenem Stadium mit Befall der Weichteile des distalen Oberschenkels, Kniegelenks und gesamten Unterschenkels rechts mit massiver Invalidisierung, eine massive dissoziative Störung der Bewegung und der Sinnesempfindung im Bereich der unteren Extremität, eine anhaltende depressive Störung und ein chronisches lumbo-spondylogenes Syndrom bei massiven degenerativen Veränderungen L5/S1 und engem Spinalkanal. Im Weitern weisen sie darauf hin, dass die in den medizinischen Akten enthaltene Feststellung, wonach kein organisches Korrelat für das Beschwerdebild gefunden worden sei, nicht zutreffe, indem eben doch mit 9-monatiger Latenz eine distale intraartikuläre Tibiafraktur diagnostiziert worden sei, welche Situation sehr wohl geeignet sei, zu einem Morbus Sudeck (sympathische Dystrophie) des rechten Beines zu führen. Beide Diagnosen habe die Neurologische Klinik des Spitals X.________ gestellt. Bei der aktuellen Untersuchung habe sich eine massive Muskelatrophie am rechten Bein gezeigt, welche am Unterschenkel zu einer Umfangdifferenz von 11 cm geführt habe. Das rechte Bein sei deutlich kühler und im Unterschenkel livide und ödematös. Aktive Bewegungen seien nicht zu beobachten. Der Beschwerdeführer schleppe sein rechtes, aussenrotiertes Bein nach, indem er sich stark auf zwei Stöcke stütze. Szintigraphisch zeige sich das Vollbild eines Weichteil-Sudeck des rechten Beines. Die Arbeitsfähigkeit werde bestimmt durch ein chronisches Schmerzsyndrom bei fortgeschrittenem Morbus Sudeck des rechten Beines und massiven degenerativen Veränderungen der unteren LWS. Hinzu kämen schwerwiegende psychische Faktoren. In Anbetracht aller Aspekte bestehe eine vollständige Arbeitsunfähigkeit auch für theoretisch denkbare körperlich leichtere, vorwiegend sitzende Tätigkeiten. Nachdem auf Grund des MEDAS-Gutachtens, welches in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der gesundheitlichen Stuation einleuchtet, die Diagnose eines fortgeschrittenen Morbus Sudeck heute feststeht, kann der Beweiswürdigung der Vorinstanz nicht gefolgt werden. Abzustellen ist vielmehr auf die vom kantonalen Gericht als nicht massgebend bezeichnete Auffassung der Ärzte der Klinik für Neurologie des Spitals X.________, wonach ein Zusammenhang zwischen dem Unfall und den Beschwerden am rechten Bein besteht. Entgegen dem angefochtenen Entscheid sind deshalb natürlicher und adäquater (BGE 118 V 291 Erw. 3a, 117 V 365) Kausalzusammenhang zu bejahen. Da indessen auf Grund der Akten nicht beurteilt werden kann, welche Befunde am rechten Bein zum Zeitpunkt des Einspracheentscheides vorhanden waren und ob diese im damaligen Zeitpunkt eine leistungsbegründende Behandlungsbedürftigkeit oder eine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit zur Folge hatten, ist die Sache an die SUVA zurückzuweisen, damit sie ein (anstaltsunabhängiges) Gutachten einhole, welches sich zu diesen Fragen auszusprechen hat.