Citation: I 315/01 04.10.2001 E. 2

2.- Streitig ist der Grad der Arbeitsfähigkeit des Versicherten und damit die Feststellung des trotz Gesundheitsschädigung zumutbarerweise noch erzielbaren Einkommens (Invalideneinkommen). a) Verwaltung und Vorinstanz stellten auf das ZMB-Gutachten vom 10. März 1999 ab, in welchem folgende Diagnose gestellt wurde: anhaltende somatoforme Schmerzstörung als Ausdruck einer Chronifizierung einer Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion bei vorbestehender narzisstisch-neurotischer Persönlichkeitsstörung; zervikospondylogenes Schmerzsyndrom bei degenerativen Veränderungen der HWS und indirektem HWS-Säulentrauma 1994; rezidivierendes lumbospondylogenes Schmerzsyndrom bei Fehlhaltung und leichten degenerativen Veränderungen. Aus somatischer Sicht bestehe keine Einschränkung in der Arbeitsfähigkeit. Unter Berücksichtigung der psychischen Komponente sei der Beschwerdeführer für eine Tätigkeit, welche keine ausgesprochenen körperlichen Schwerarbeiten umfasse, zu 75 % arbeitsfähig. Auf Grund des subjektiven Beschwerdebildes seien körperliche Schwerstarbeiten mit repetitivem Heben schwerer Lasten und körperlichen Zwangshaltungen ungünstig, da der Beschwerdeführer dafür kaum eine Motivation aufbringen dürfte. Angesichts der vorwiegend subjektiven kognitiven Einbussen und Gedächtnisstörungen seien Tätigkeiten, die ein hohes Mass an Konzentration und Aufmerksamkeit erforderten, nicht geeignet, wobei es sich weniger um objektiv belegbare Einbussen, als um subjektives Erleben des Versicherten handle. b) aa) Der vom Beschwerdeführer angerufene Dr. med. E.________ sieht einen Widerspruch zwischen der angegebenen Arbeitsunfähigkeit von lediglich 25 % und folgenden Feststellungen im ZMB-Gutachten: - der Beschwerdeführer habe im Aufmerksamkeits-Belastungs- test stark unterdurchschnittlich abgeschnitten; - der Continuous-performance-Test habe gezeigt, dass der Beschwerdeführer in keiner Weise in der Lage sei, bei vorgegebener Geschwindigkeit eine Aufmerksamkeitsübung durchzuführen;- die Verhaltensbeobachtung habe eine extrem verlangsamte Arbeitsweise des Beschwerdeführers gezeigt; - es müsste von einer schweren Hirnleistungsschwäche ausgegangen werden, wenn man die neuropsychologischen Resultate in direkten Bezug zu den Hirnleistungen setze;- die neuropsychologischen Befunde, die zum Teil derart schlecht ausgefallen seien, dass sich der Versicherte nicht einmal in einfachsten Situationen des Alltagslebens behaupten könnte, liessen auf eine psychogene Unfallverarbeitung schliessen. Bei Betrachtung der heutigen Arbeitsplatzsituation dürfte der Beschwerdeführer allenfalls noch im Rahmen einer geschützten Werkstätte eine Aufgabe finden. Damit sei die Schätzung der Arbeitsfähigkeit auf 75 % absolut realitätsfremd. Er sehe eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens 40 % als realistisch. Nach Lektüre des Gutachtens würde er sogar von einer Arbeitsunfähigkeit von mehr als 66 2/3 % mit Prognose einer zunehmenden Verschlechterung ausgehen. Der Versicherte sei mit seinen Einschränkungen schlicht nicht in der Lage, eine Arbeit auf dem freien Arbeitsmarkt auszuführen (Bericht vom 21. Mai 2001). Diese medizinischen Vorbringen des Dr. med. E.________ gegen das ZMB-Gutachten können nicht von vornherein als unbehelflich taxiert werden. bb) Soweit die Vorinstanz darlegt, Dr. med. R.________ erkläre sich mit dem ZMB-Gutachten im Allgemeinen einverstanden, ist dem entgegenzuhalten, dass er es gerade bei der Frage der Arbeitsfähigkeit nicht ist. Er geht vielmehr von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit aus und führt weiter aus, dass es gemäss Untersuchungen des Hauses D.________, Spital F.________, aus dem Jahre 1999 bei rund 90 % der Schmerzpatienten mit einer narzisstischen Störung nicht mehr gelinge, sie in den Arbeitsprozess zu integrieren, was der im ZMB-Gutachten angenommenen 75%igen Arbeitsfähigkeit des Versicherten widerspreche (Bericht vom 18. Januar 2000). Auch Dr. med. S.________ ging im Zeugnis vom 11. Dezember 1998 von einer wiederum 100%igen Arbeitsunfähigkeit ab 1. Dezember 1998 aus, nachdem Dr. med. R.________ ab 6. November 1998 versuchsweise eine 50%ige Arbeitsfähigkeit attestiert hatte. cc) Im Weiteren besteht ein Widerspruch zwischen ZMB-Gutachten und dem Resultat der beruflichen Abklärung in der Rehabilitationsstätte Atelier C.________ vom 4. November 1999, wo der Versicherte vom 13. September bis 25. Oktober 1999 weilte. Hier wurde seine Leistungsfähigkeit wegen der häufigen Absenzen auf etwa 10 % geschätzt. Es sei unmöglich gewesen, ihm einen passenden Arbeitsplatz einzurichten. Sowohl bei stehenden als auch bei sitzenden Tätigkeiten seien bald Schmerzen im Hals- und Nackenbereich aufgetreten, die schliesslich in den Rücken ausgestrahlt hätten. Er habe daher oft den Arbeitsplatz verlassen, um sich etwas zu bewegen. Weitere leistungsvermindernde Faktoren seien Lärmempfindlichkeit, schnelles Ermüden mit Erschöpfungsgefühlen, geringe Belastbarkeit, Stressunverträglichkeit und die verlangsamte Arbeitsweise gewesen. Hierbei habe es sich nicht um Startschwierigkeiten des Beschwerdeführers gehandelt. Vielmehr habe sich sein Gesundheitszustand mit zunehmender Dauer der Abklärung verschlechtert und die Absenzen hätten zugenommen, weshalb der Abbruch der beruflichen Massnahme vereinbart worden sei. Der Versicherte sei im heutigen Zeitpunkt nicht eingliederungsfähig, da seine gesundheitlichen und/oder psychischen Schwierigkeiten noch allzu sehr im Vordergrund stünden. Sollte sich sein Gesundheitszustand verbessern, seien sie bereit, ihn zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufzunehmen (Bericht vom 4. November 1999). dd) Schliesslich wird im ZMB-Gutachten dargelegt, eine psychosoziale Belastungssituation bestehe insofern, als der Versicherte in einer Zweitausbildung zum Sozialtherapeuten gescheitert und von seiner Frau finanziell abhängig sei. Die der Unfallfehlverarbeitung zugrunde liegende Psychodynamik habe sich angesichts der rigiden Abwehrhaltung des Versicherten nicht sauber erarbeiten lassen. Es entstehe jedoch der Eindruck, dass auch deutlich regressive Momente mit im Spiel seien. Auch stehe der Versicherte in einem Spannungsfeld zwischen hohen Selbstansprüchen und regressiv-resignativen Tendenzen, welche ihn auch hinderten, das Leben, insbesondere seine berufliche Karriere, eigenverantwortlich in die Hände zu nehmen. Insgesamt müsse auf Grund des nunmehr fünfjährigen Krankheitsverlaufes die weitere Prognose mit Zurückhaltung gestellt werden. Auch wenn an anderer Stelle des Gutachtens von einem stationären Krankheitsverlauf gesprochen wird, ist mithin nicht auszuschliessen, dass der Gesundheitszustand des Versicherten einer rechtserheblichen Verschlechterung unterliegt, zumal auch Dr. med. E.________ - wie gesagt - eine solche Prognose gestellt hat. Auch in diesem Lichte stellt das bereits 15 Monate vor Verfügungserlass erstellte ZMB-Gutachten keine rechtsgenügliche Beurteilungsgrundlage dar. c) Zusammenfassend lassen die angeführten Berichte in ihrer Gesamtheit erhebliche Zweifel an der Richtigkeit des ZMB-Gutachtens aufkommen. Daran ändert nichts, dass keine abweichende Stellungnahme eines Psychiaters vorliegt. Denn immerhin ist auch die auf psychisch Behinderte spezialisierte Rehabilitationsstätte Atelier C.________ zu einem vom ZMB-Gutachten stark abweichenden Ergebnis gekommen. In Anbetracht dieser Aktenlage ist eine abschliessende und rechtskonforme Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht möglich. Vielmehr drängen sich weitere von der Verwaltung zu veranlassende Abklärungen in medizinischer und allenfalls beruflicher Hinsicht auf. Notwendig ist eine erneute, sämtliche Aspekte des vorliegenden Falles umfassende interdisziplinäre medizinische Begutachtung. Die vom Versicherten beantragte Begutachtung im Haus D.________, Spital F.________, erscheint nicht notwendig, wobei die Wahl der Begutachtungsstelle der IV-Stelle grundsätzlich frei steht.