Citation: M 3/98 05.10.2000 E. 4

4.- a) Die Fragestellung "Waren die im EK 90 geklag- ten Beschwerden wahrscheinlich Ausdruck der koronaren Herzkrankheit?" ist insofern nicht zu beanstanden, als nach der auch im Urteil vom 28. August 1996 wiedergegebenen Rechtsprechung eine Gesundheitsschädigung (bzw. die Verschlimmerung einer vordienstlichen Gesundheitsschädigung) schon dann als im Sinne von Art. 4 aMVG in Erscheinung getreten gilt, wenn irgendwelche Beschwerden oder Symptome gemel- det oder festgestellt werden, die wahrscheinlich mit der geltend gemachten Gesundheitsschädigung zusammenhängen (BGE 111 V 373 Erw. 1b, 105 V 229 Erw. 3a mit Hinweisen; vgl. auch EVGE 1962 S. 182 ff. Erw. 3). In welchem beweisrechtlichen Sinne 'wahrscheinlich' zu verstehen ist, hängt vom Beweismass ab, welches in Bezug auf die Vorfrage der im Einzelfall anwendbaren Haftungsregeln (Art. 4/5 oder 6 aMVG) gilt. Diese Frage beurteilt sich nach ständiger Praxis nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (erwähnte BGE a.a.O. in Verbindung mit BGE 119 V 9 Erw. 3c/aa). Eine Gesundheitsschädigung gilt somit als in Erscheinung getreten, wenn die im Dienst aufgetretenen Symptome oder Beschwerden mit überwiegender medizinischer Wahrscheinlichkeit auf dieses Leiden resp. das entsprechende Krankheitsbild schliessen lassen (nicht veröffentlichtes Urteil I. vom 26. November 1981 [M 16/80]). Zu erwähnen bleibt, dass auch das Gesetz selber in Art. 6 aMVG den Begriff wahrscheinlich verwendet(e), wobei diesem aber die Bedeutung von überwiegend wahrscheinlich zukommt (vgl. nunmehr revArt. 6 MVG und Jürg Maeschi, Kommentar zum Bundesgesetz über die Militärversicherung [MVG], Bern 2000, N 19 zu Art. 5-7 [Vorbemerkungen] und dortige Hinweise). Um in den Genuss der privilegierten Haftungsregelung gemäss Art. 5 aMVG zu kommen, genügt es somit nicht, dass die im Dienst aufgetretenen Symptome oder Beschwerden (bloss) wahrscheinlich im Sinne von möglicherweise Ausdruck der Gesundheitsschädigung sind, für welche eine Haftung der Militärversicherung geltend gemacht wird, oder sogar dass ein solcher Zusammenhang nicht ausgeschlossen werden kann (vgl. auch Steger-Bruhin, Die Haftungsgrundsätze der Militärversicherung, Diss. St. Gallen 1996, S. 150 ff.). Vielmehr muss dieser Zusammenhang nach der medizinischen Erfahrung wahrscheinlicher sein als dessen Fehlen (Schatz, Kommentar zur Eidgenössischen Militärversicherung, Zürich 1952, S. 59). Die während des Dienstes aufgetretenen Symptome müssen mit anderen Worten nach der medizinischen Erfahrung wahrscheinlicher als nicht zum Krankheitsbild ("Symptomenkomplex") des körperlichen oder psychischen Leidens gehören, für welches eine Haftung nach Art. 5 aMVG geltend gemacht wird (Maeschi, a.a.O., N 5 zu Art. 5 sowie N 16 ff. zu Art. 5-7 [Vorbemerkungen] und Steger-Bruhin, a.a.O., S. 148 und dortige Hinweise; vgl. auch BGE 111 V 374 oben). Lassen sich die im Dienst aufgetretenen Symptome und/ oder Beschwerden mit noch anderen Krankheitsbildern als nur mit demjenigen, welches der fraglichen Gesundheitsschädigung entspricht, vereinbaren, welcher Fall insbesondere gegeben sein kann, wenn die im Dienst gestellte Diagnose sich nachträglich, allenfalls aufgrund genauerer Untersuchungen als unrichtig erweist, kann dies unter Umständen zur Verneinung des im Sinne der vorstehenden Ausführungen relevanten Zusammenhanges führen. So gestattet "erhöhte Müdigkeit" (im Dienst) für sich allein in der Regel kaum den Rückschluss auf ein bestimmtes Leiden, da hiefür bekanntlich mannigfache Ursachen pathologischer und nicht pathologischer Art in Betracht fallen (erwähntes Urteil I. vom 26. November 1981, zitiert auch bei Steger-Bruhin, S. 149 Fn 487). Anderseits können von verschiedenen mit den im Dienst aufgetretenen Symptomen und/oder Beschwerden vereinbaren Krankheitsbildern mehrere gleichzeitig gegeben sein, im konkreten Fall also ein Erschöpfungssyndrom und eine koronare Herzkrankheit. Daraus, dass nach der medizinischen Erfahrung eine in Frage kommende Diagnose ebenso wahrscheinlich oder wahrscheinlicher ist als eine andere aufgrund der selben Symptomatik ebenfalls in Betracht fallende, kann daher in Bezug auf diese zweite nicht ohne weiteres auf das Fehlen des für die Anwendung der Haftungsregeln nach Art. 4/5 aMVG massgeblichen Zusammenhanges (im Sinne von wahrscheinlicher als nicht) geschlossen werden. Insofern erweist sich der Ansatz der Vorinstanz (Vergleich der Wahrscheinlichkeiten, dass die im EK 90 aufgetretenen Symptome und Beschwerden Ausdruck des vom Truppenarzt diagnostizierten Erschöpfungs-Syndroms resp. der vordienstlich bestandenen koronaren Herzkrankheit sind [vgl. Erw. 3b]), als unrichtig. b) Im Lichte der vorstehenden Ausführungen lautete die erste Frage korrekt, ob die im EK 90 geklagten Beschwerden überwiegend wahrscheinlich, und zwar im Sinne von wahrscheinlicher als nicht, Ausdruck der koronaren Herzkrankheit waren (vgl. auch Steger-Bruhin, Die juristischen Fragestellungen zur medizinischen Begutachtung in den Sozialversicherungszweigen, in: Rechtsfragen der medizinischen Begutachtung in der Sozialversicherung, Veröffentlichungen des Schweizerischen Instituts für Verwaltungskurse an der Universität St. Gallen [Schaffhauser/Schlauri (Hrsg. )] Bd. 42, S. 69 ff., S. 77 ff., insbesondere 94 f.; ferner Maeschi, a.a.O., N 45 zu Art. 5-7 [Vorbemerkungen], wonach Rechtsbegriffe in Expertenfragen grundsätzlich zu erläutern sind). Dass die Vorinstanz lediglich nach dem wahrscheinlichen Kausalzusammenhang fragte, ändert indessen nichts an der Aussagekraft des Gutachtens in Bezug auf die Vorfrage, welche Haftungsregeln (Art. 4/5 oder 6 aMVG) im konkreten Fall zur Anwendung kommen. Aus den Darlegungen des Exper- ten ergibt sich, dass die aufgrund der Schilderung des Beschwerdeführers und des damaligen Regimentskommandanten im EK 90 - zusätzlich zu den dem Truppenarzt gemeldeten Übermüdung, Schlaflosigkeit, Schwitzen und grippeartigen Beschwerden - aufgetretenen Symptomen (Angst, Befreiung und damit vorangegangene Enge im Brustkorb, Schweregefühl in den Armen, Atemnot bei Anstrengung, mögliche Herzrhythmusstörungen) nicht wahrscheinlicher als nicht einer koronaren Herzkrankheit zugeordnet werden können. Auf diese Beurteilung ist umso mehr abzustellen, als auch die dem Truppenarzt gegenüber geklagten Beschwerden miteinbezogen sind, der Gutachter ihnen aber zu Recht insofern keine Bedeutung beimisst, als sie sich von den "Manifestationen einer koronaren Herzkrankheit im Sinne von zwei Episoden einer mehr oder weniger typischen Angina pectoris (...) abgrenzen" lassen. Die Vorbringen in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde geben zu keiner anderen Betrachtungsweise Anlass. Dies betrifft insbesondere den Hinweis, die koronare Herzerkrankung habe sicher bereits vordienstlich bestanden und der Beschwerdeführer habe 14 Tage nach EK-Ende einen Herzinfarkt erlitten, zumal diese nachdienstlich festgestellten resp. eingetretenen Umstände nichts an den im EK 90 aufgetretenen Beschwerden und Symptomen ändern. Dabei ist die Tatsache, dass die nach Meinung des Gutachters möglicherweise einer koronaren Herzkrankheit zuzuordnenden Symptome dem Truppenarzt gegenüber nicht erwähnt worden waren, in dem Sinne bedeutsam, dass sie vergleichsweise weniger ausgeprägt waren als die gemeldeten, ansonsten wohl entsprechende standard-kardiologische Untersuchungen durchgeführt worden wären. Abgesehen davon können beispielsweise Herzrhythmusstörungen ganz verschiedene Ursachen haben, ja sogar vegetativ oder psychosomatisch bedingt sein (Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 258. Aufl. S. 663), und ihrerseits bei den Betroffenen Angstgefühle hervorrufen. Nichts zu Gunsten des Beschwerdeführers ergibt sich im Übrigen aus Erw. 7 des Urteils des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 28. August 1996. Aus den dort gemachten Ausführungen lässt sich nur, aber immerhin folgern, dass aufgrund der damals bestandenen Aktenlage ein Zusammenhang der im EK 90 angegebenen Beschwerden (u.a. Übermüdung, Schlaflosigkeit, Schwitzen) mit der koronaren Herzerkrankung nicht rechtsgenüglich ausgeschlossen werden konnte. Schliesslich kann offen bleiben, ob die Auffassung der Vorinstanz richtig ist, dass aufgrund der medizinischen Akten nicht mit hinreichender Sicherheit gesagt werden kann, dass die im EK 90 geklagten Beschwerden und Symptome wahrscheinlicher Ausdruck eines Erschöpfungs-Syndroms sind als einer koronaren Herzkrankheit und umgekehrt. Denn abgesehen davon, dass sich das Gutachten vom 5. Juni 1997 zu dieser Frage nicht äussert, änderte sie nichts daran, dass nach den vorstehenden Ausführungen die Frage der Haftung der Militärversicherung im Zusammenhang mit dem am 30. September 1990 erlittenen Myokardinfarkt im Rahmen der Vorgaben gemäss Erw. 8 des Urteils des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 28. August 1996 nach Art. 6 aMVG zu beurteilen ist.