Citation: I 78/06 27.11.2006 E. 4

4.1 Die Erfahrungstatsache, dass behandelnde Ärzte mitunter wegen ihrer auftragsrechtlichen Vertrauensstellung im Zweifel eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE 125 V 353 Erw. 3b/cc), weshalb im Hinblick auf einen möglichen Ziel- und Interessenkonflikt (Behandlung versus Begutachtung) namentlich in umstrittenen Fällen regelmässig nicht unbesehen auf ihre Angaben abgestellt werden kann, gilt nicht nur für (allgemeinpraktizierende) Hausärzte, sondern auch für behandelnde Spezialisten (Urteil Z. vom 5. April 2004, I 814/03, mit Hinweis auf Ulrich Meyer-Blaser, Der Rechtsbegriff der Arbeitsunfähigkeit und seine Bedeutung in der Sozialversicherung, namentlich für den Einkommensvergleich in der Invaliditätsbemessung, in: Schaffhauser/ Schlauri, Schmerz und Arbeitsunfähigkeit, St. Gallen 2003, S. 51). Wenn der als Allgemeinpraktiker tätige Hausarzt Dr. med. O.________ auf dem Gebiet der manuellen Medizin zusätzliche fachliche Qualifikationen erworben hat, ändert dies nichts daran, dass bei der Würdigung seiner Beurteilung das zwischen ihm und der Versicherten bestehende Vertrauensverhältnis berücksichtigt werden darf. 4.2 Der Einwand, die Gutachten der Dres. med. L.________ und H.________ seien in Unkenntnis der Vorakten abgegeben worden, ist unzutreffend, wie sich aus den Anamnesen der beiden (Teil-) Gutachten zweifelsfrei ergibt. Ein Bericht des Dr. med. O.________ befand sich zum Zeitpunkt der Begutachtungen nicht in den Akten. Fehl geht das Vorbringen, Frau Dr. med. L.________ habe "vollständig ausser Acht" gelassen, dass die Versicherte opiathaltige Schmerzmittel einnehme. Die Gutachterin hält vielmehr fest, die Versicherte benötige an Medikamenten "Zaldiar"-Tabletten (d.h. ein opioid-haltiges Analgetikum; vgl. Arzneimittelkompendium der Schweiz 2005, S. 3256 ff.), "Tilur" sowie für den Magen "Omed". Es trifft zu, dass Opioid-Analgetika als Nebenwirkung möglicherweise Schläfrigkeit bewirken und die Einnahme solcher Medikamente damit in der Tat die Konzentrationsfähigkeit vermindern kann. Indessen wurde diese Nebenwirkung zum einen nur bei etwa 10 % der Patienten beobachtet (hiezu Arzneimittelkompendium, a.a.O.), zum anderen - und vor allem - finden sich in den Akten keine Hinweise darauf, dass die Beschwerdeführerin unter medikamentenbedingter Schläfrigkeit gelitten hätte. Auch Dr. med. O.________ macht solches nicht geltend, sondern beschränkt sich mit dem allgemeinen Hinweis auf diese unerwünschte Nebenwirkung. Dass die Arbeitsfähigkeit im massgeblichen Zeitraum bis zum Einspracheentscheid vom 29. März 2005 medikamentenbedingt eingeschränkt war, ist schliesslich umso weniger wahrscheinlich, als die Versicherte selbst gegenüber Dr. med. H.________ angab, sie sei dazu übergegangen, möglichst wenig Medikamente einzusetzen. Bereits aus diesem Grund hatten die Gutachter im Übrigen keine Veranlassung zu weiteren diesbezüglichen Untersuchungen. 4.3 Zu prüfen bleibt der Einwand, Frau Dr. med. L.________ habe zu Unrecht die Bandscheibenveränderungen und Nervenläsionen nicht weiter untersucht und auf eine Diskussion des lumbovertebralen Schmerzsyndroms verzichtet. 4.3.1 Die Einschätzung der Frau Dr. med. L.________ bezüglich der LWS beruht in der Tat auf konventionellen Röntgenbildern. Wie die Versicherte richtig ausführt, sind auf solchen weder Bandscheibenveränderungen noch allfällige Nervenläsionen erkennbar. Frau Dr. med. L.________ hielt denn auch fest, für die geklagten Beschwerden habe sie radiologisch kein entsprechendes Korrelat gefunden. Indessen stellte sie die Schmerzen trotz weitgehend fehlendem Substrat in den bildgebenden Untersuchungen nicht in Frage, sondern erachtete die Schilderungen der Versicherten als glaubwürdig. Frau Dr. med. L.________ bezog denn auch sämtliche geklagten Beschwerden (Schmerzen tieflumbal paramedian links mit Schmerzzunahme insbesondere bei Drehbewegungen, Brennen im linken Bein bei langem Stehen oder Sitzen) in ihre Beurteilung ein. Dass anlässlich der nachträglich durchgeführten zusätzlichen Abklärungen (MRI der LWS vom 19. Januar 2006) organische Befunde erhoben werden konnten, ändert entgegen der Auffassung der Versicherten nichts, sondern bestätigt die Auffassung der Gutachterin vom 5. Oktober 2004, wonach die geklagten Beschwerden glaubwürdig sind. Dies gilt umso mehr, als die am 19. Januar 2006 erhobenen Diagnosen (insbesondere Wirbelgleiten [Anterolisthesis] und Rezessusstenose) weder zusätzliche Beschwerden dokumentieren noch einen bis dahin unbekannten Gesundheitsschaden ergaben. So ist die Anterolisthesis nur sehr wenig ausgeprägt (vgl. Bericht des Dr. med. E.________ vom 19. Januar 2006: "less than grade-one degenerative mobile anterolisthesis", wobei die Einteilung in Schweregrade von Grad I [klein] bis Grad V [gross] erfolgt; Alfred M. Debrunner, Orthopädie, Orthopädische Chirurgie, 4. Auflage, Bern etc. 2002, S. 843). Der durch die diagnostizierte Rezessusstenose (welche im Übrigen in den meisten Fällen belastungsunabhängig bleibt; Wörner/Lange/Fink/Oeckler, Die lumbale Rezessusstenose, in: Fortschritte der Medizin, 119. Jahrgang [2001], S. 51) allenfalls hervorgerufenen Schmerzzunahme inbesondere bei Drehbewegungen hat Frau Dr. med. L.________ ausreichend Rechnung getragen. Im Übrigen gab die Versicherte gegenüber der Gutachterin L.________ an, sie arbeite im Umfang von 60 %, ohne zusätzliche Medikamente zu benötigen, weshalb die vom Hausarzt attestierte höchstens hälftige Arbeitsfähigkeit bereits aus diesem Grund nicht einleuchtet. 4.3.2 Nicht zu beanstanden ist schliesslich, dass Frau Dr. med. L.________ die beschriebenen Leiden und die erhobenen Diagnosen (lumbovertebrales Schmerzsyndrom, Iliosakralsyndrom links) in der Diskussion nicht trennt, sondern in einer Gesamtbetrachtung würdigt. Unter einem lumbovertebralen Syndrom versteht man ein Schmerzsyndrom im Bereich der Lendenwirbelsäule ("Kreuzschmerzen"; vgl. Alfred M. Debrunner, Orthopädie, 3. A., Bern etc. 1994, S. 644). Das Iliosakralsyndrom (d.h. ausstrahlende Schmerzen und Druckschmerzhaftigkeit im Bereich der Iliosakralfugen; Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 260. Auflage, Berlin/New York 2004, S. 842) betrifft das Iliosakralgelenk, welches sich zwischen dem Kreuzbein und dem Darmbein befindet. Auch die damit zusammenhängenden Beschwerden werden umgangssprachlich als "Kreuzschmerz" bezeichnet. Beide Diagnosen beschreiben somit ein ganz ähnliches Schmerzgeschehen, weshalb nicht ersichtlich ist, aus welchem Grund eine Gesamtbetrachtung unzulässig sein soll. Davon abgesehen sagt - worauf die Vorinstanz zutreffend hinweist - eine medizinische Diagnose als solche noch nichts über die für den Leistungsanspruch entscheidende Frage der Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus (vgl. etwa Urteil vom K. vom 9. Juni 2004, I 633/03, Erw. 4.3 in fine), weshalb für die Leistungspflicht der Invalidenversicherung die Diagnose im Einzelnen nicht entscheidend ist. 4.4 Die zusätzlichen Abklärungen vom 19. Januar 2006 bestätigen und verdeutlichen die von Frau Dr. med. L.________ beschriebenen Diagnosen und Einschränkungen, führen jedoch nicht zu einer anderen Einschätzung. Selbst Dr. med. O.________ erklärte mit Schreiben an die Rechtsvertreterin der Versicherten vom 10. Februar 2005, die Relevanz der degenerativen Veränderungen in bildgebenden Untersuchungen sei bezüglich Schmerzen schwierig zu beurteilen. Da weder die zusätzlichen MRI-Untersuchungen noch die anschliessende Beurteilung durch Dr. med. O.________ für die Anspruchsbeurteilung unerlässlich waren, fällt eine Kostenübernahme durch die Invalidenversicherung ausser Betracht (Art. 45 Abs. 1 ATSG e contrario).