Citation: U 167/06 31.01.2007 E. 4

Streitig und zu prüfen ist, ob die vom Beschwerdegegner bei Einstellung der Leistungen per Ende 2004 geltend gemachten Beschwerden noch in einem natürlichen und adäquaten Kausalzusammenhang mit dem Unfall standen. 4.1 Während des Aufenthaltes in der Rehaklinik Y.________ vom 4. Juni bis 2. Juli 2003 klagte der Beschwerdegegner über starke und täglich vorhandene Schmerzen im Bereich des Hinterkopfes, des Nackens sowie der Schultergelenke mit Ausstrahlung in die Arme; ferner über Schmerzen an der Lendenwirbelsäule (LWS) sowie im Bereich der Iliosakralgelenke, welche vorbestehend seien, sich nach den Unfall jedoch verstärkt hätten. Des Weiteren erwähnte er einen Tinnitus beidseits, vegetative Symptome (gelegentliches Schwitzen, Nervosität, Ängste), Schlafstörungen sowie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Sowohl der rheumatologisch-orthopädische als auch der Neurostatus waren weitgehend unauffällig. Nach Meinung der Klinikärzte litt der Versicherte als Folge der am 30. Mai 2002 erlittenen HWS-Distorsion an einem persistierenden zervikozephalen Symptomenkomplex, neuropsychologischen Funktionsstörungen und psychoreaktiven Elementen im Sinne einer Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion (ICD-10 F43.21). Die stationäre physiotherapeutische und psychologische Betreuung führte zu einer leichten bis mittelgradigen Besserung der Beschwerden, sodass im Austrittsbericht vom 22. Juli 2003 eine Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit (ohne Heben schwerer Lasten und dauernden Überkopfarbeiten) von 50% mit möglicher Erhöhung des Arbeitspensums in Schritten von jeweils 10 % angegeben wurde. In der Folge kam es zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes und zur Kündigung des Arbeitsverhältnisses. Kreisarzt Dr. med. B.________ fand am 21. Januar 2004 ein "desolates Bild" eines depressiv und wenig motiviert wirkenden Patienten und empfahl einen Aufenthalt in der Rehaklinik W.________ zwecks Durchführung einer gezielten HWS-Therapie sowie einer psychosomatischen Abklärung. Diese erfolgte im Rahmen des vom 25. Februar bis 31. März 2004 dauernden Klinikaufenthaltes durch den Psychiater Dr. med. K.________, welcher ein mittelgradiges depressives Syndrom (major depression) feststellte (Konsiliarbericht vom 3. März 2004). Der mit einem neurologischen Konsilium beauftragte Neurologe Dr. med. Z.________ fand einen bis auf eine leichte Gleichgewichtsunsicherheit sowie ein geringes Hochtonproblem rechts normalen Neurostatus und schloss eine auch nur leichte traumatische Hirnverletzung (MTBI) aus (Bericht vom 2. März 2004). Im Austrittsbericht vom 6. April 2004 diagnostizierten die Klinikärzte ein chronisches zervikobrachiales Schmerzsyndrom rechtsbetont sowie ein depressives Syndrom mittleren Grades. Zu den Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit hielten sie fest, es bestehe eine schmerzbedingt verminderte Belastbarkeit der HWS, welche wiederholtes Überkopfarbeiten und Tätigkeiten mit Zwangsposition des Kopfes beschwerlich machten. Dazu kämen psychische Einschränkungen in Zusammenhang mit dem depressiven Syndrom, der Stellenlosigkeit und den mangelnden Zukunftsperspektiven. Insbesondere im Hinblick auf das bestehende depressive Syndrom bestätigten sie die vom behandelnden Arzt vor Klinikeintritt bescheinigte volle Arbeitsunfähigkeit. 4.2 Anhaltspunkte dafür, dass sich die tatsächlichen Verhältnisse in der Folgezeit und bis zu dem für die Beurteilung massgebenden Zeitpunkt des Einspracheentscheides (BGE 129 V 169 Erw. 1, 121 V 366 Erw. 1b; RKUV 2001 Nr. U 419 S. 101 Erw. 2 [Urteil S. vom 29. Dezember 2000, U 170/00]) wesentlich geändert hätten, liegen nicht vor. Wenn Kreisarzt Dr. med. A.________ im Bericht vom 26. August 2004 zum Schluss gelangt, die bestehenden Beschwerden liessen sich keinem eindeutigen klinischen Befund zuordnen und könnten durch die immer noch vorhandene ausgeprägte Depressivität erklärt werden, so steht dies im Einklang mit den ärztlichen Feststellungen während der Aufenthalte des Beschwerdegegners in den Rehakliniken Y.________ und W.________. Schon damals liessen sich keine wesentlichen organischen Befunde, wohl aber eine deutliche psychische Beeinträchtigung in Form eines depressiven Syndroms bzw. einer Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion feststellen. Die von der Rehaklinik Y.________ diagnostizierten leichten bis mässigen neuropsychologischen Funktionsstörungen insbesondere der Aufmerksamkeit und Konzentration sind nach den medizinischen Akten nicht Folge einer traumatischen Hirnschädigung. Der Beschwerdegegner hat beim Unfall keinen Kopfanprall erlitten und es ist weder zu einer Amnesie noch zu einem Bewusstseinsverlust oder auch nur einer Störung des Bewusstseins gekommen. Dr. med. Z.________ hat im neurologischen Konsilium vom 2. März 2004 das Vorliegen einer milden traumatischen Hirnverletzung denn auch mit Sicherheit ausgeschlossen. Hinsichtlich des erst längere Zeit nach dem Unfall geklagten Tinnitus ist festzuhalten, dass dieser laut Anamnese der Rehaklinik W.________ nur gelegentlich auftritt und nach neurologischer Beurteilung von geringer Schwere ist. Ohne dass es weiterer Abklärungen bedarf, ist in Würdigung der gesamten medizinischen Akten der kreisärztlichen Beurteilung zu folgen, wonach höchstens noch eine geringe Organizität der Beschwerden anzunehmen ist und für das Fortbestehen und die Ausweitung des Beschwerdebildes vorab die depressive Erkrankung ursächlich ist. Diese ist zumindest teilweise unfallbedingt, wovon auch Dr. med. A.________ ausgeht, weshalb der natürliche Kausalzusammenhang zwischen den vorhandenen Beschwerden und dem Unfall vom 30. Mai 2002 zu bejahen ist. 4.3 Konkrete Anhaltspunkte dafür, dass die psychische Problematik bereits unmittelbar nach dem Unfall eindeutig im Vordergrund stand, bestehen nicht. Aus den Akten geht indessen hervor, dass schon anlässlich der ersten polydisziplinären Untersuchung in der Rehaklinik Y.________ von Juni/Juli 2003 eine behandlungsbedürftige Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion festgestellt worden war, was darauf schliessen lässt, dass die psychische Beeinträchtigung in jenem Zeitpunkt bereits längere Zeit bestanden hat. Bereits im Januar 2003 hatte der Vorgesetzte des Beschwerdegegners der SUVA mitgeteilt, er habe beim Versicherten Anzeichen einer psychischen Beeinträchtigung bemerkt und schlage eine entsprechende Abklärung und Behandlung vor (Aktennotiz vom 30. Januar 2003). Es ist daher davon auszugehen, dass schon kurz nach dem Unfall erhebliche psychische Störungen aufgetreten sind. Anderseits waren die somatischen Beeinträchtigungen nicht von besonderer Schwere und es trat schon kurz nach dem Unfall eine deutliche Besserung ein, sodass der Beschwerdegegner die Arbeit am 12. August 2002 zu 50 % und am 16. Oktober 2002 wieder zu 80 % aufnehmen konnte. Für die spätere Verschlimmerung der Beschwerden mit zunehmender Arbeitsunfähigkeit liessen sich trotz eingehender medizinischer Untersuchungen keine hinreichenden somatischen Ursachen finden und es ist aufgrund der medizinischen Akten anzunehmen, dass hiefür eine psychische Fehlverarbeitung des Unfallereignisses und seiner Folgen ausschlaggebend war. Die konkreten Umstände deuten darauf hin, dass die physischen Beschwerden im Verlaufe der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt gesamthaft nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben und damit ganz in den Hintergrund getreten sind. Wie es sich damit verhält, kann indessen dahin gestellt bleiben, weil die Adäquanz des Kausalzusammenhangs selbst dann zu verneinen ist, wenn die Adäquanzprüfung nicht nach den für psychische Unfallfolgen (BGE 115 V 133 ff.), sondern mit der Vorinstanz nach den für Schleudertraumen und schleudertraumaähnliche Verletzungen der HWS (BGE 117 V 359 ff.) geltenden Regeln erfolgt (vgl. BGE 123 V 99 Erw. 2a; RKUV 2002 Nr. U 465 S. 437 [Urteil W. vom 18. Juni 2002, U 164/01]). 4.4 Nicht beigepflichtet werden kann dem Beschwerdegegner, wenn er geltend macht, die Adäquanzprüfung sei zu früh vorgenommen worden. Die Adäquanzprüfung kann erfolgen, sobald der normale, unfallbedingt erforderliche Heilungsprozess abgeschlossen ist, was dann zutrifft, wenn keine organischen Unfallfolgen mehr zu behandeln sind (in HAVE 2004 S. 119 veröffentlichtes Urteil K. vom 11. Februar 2004, U 246/03; Urteil T. vom 22. März 2006, U 285/05). Massgebend ist der Zeitpunkt, in welchem von weiteren Massnahmen keine wesentliche Besserung mehr zu erwarten ist (Urteil S. vom 8. August 2005, U 158/05). Im vorliegenden Fall war dieser Zeitpunkt Ende 2004, d.h. rund 1½ Jahre nach dem Unfall, spätestens erreicht. Laut Bericht des Kreisarztes Dr. med. B.________ vom 21. Januar 2004 hatte der Beschwerdegegner die physikalische Therapie wegen fehlender Fortschritte von sich aus abgebrochen und sich mit Ausnahme der Schmerzbekämpfung durch Analgetika keiner weiteren Behandlung mehr unterzogen. Im Austrittsbericht der Klinik W.________ vom 6. April 2004 wird zwar eine Fortsetzung der ambulanten Physiotherapie "nach Ausmass der Beschwerden" empfohlen. Dabei handelt es sich jedoch um eine blosse Erhaltungstherapie und nicht um eine auf eine wesentliche Besserung des Gesundheitszustandes gerichtete Massnahme. Es lässt sich daher nicht beanstanden, wenn die SUVA die Adäquanzprüfung per Ende 2004 vorgenommen hat.