Citation: 8C_548/2023 E. 3.2

3.2. Mit Bezug auf ein Sexualdelikt hatte das Bundesgericht im Urteil 8C_412/2015 vom 5. November 2015 ein Ereignis zu beurteilen, bei dem die Versicherte im Liegewagenabteil eines Nachtzugs sexuelle Handlungen (Streicheln der Brüste, mehrmaliges Eindringen mit einem Finger in die Vagina und Küssen auf Mund, Hals und Brust) durch den Täter über sich ergehen lassen musste, wobei ihre Abwehr mit Gewalt überwunden wurde. Der Täter wurde deswegen in Deutschland rechtskräftig wegen Vergewaltigung verurteilt. Das Bundesgericht erwog, es spiele keine Rolle, dass der sexuelle Übergriff nach schweizerischem Strafrecht unter die Norm von Art. 189 StGB (sexuelle Nötigung) fallen würde, zumal auch eine sexuelle Nötigung für das Opfer eine ähnlich schwere Beeinträchtigung bedeuten könne wie eine Vergewaltigung. Es sei daher unerheblich, ob die Versicherte noch mit dem Vollzug des Geschlechtsverkehrs habe rechnen müssen oder nicht und ob die Tat mit physischen Verletzungen einhergegangen sei. Eine solche Tat habe unbestrittenermassen eine unmittelbare Angst- und Schreckreaktion ausgelöst. Es liege - auch mit Blick auf die von der Vorinstanz aufgeworfene Frage der Plötzlichkeit der Einwirkung auf die Psyche - ein den Unfallbegriff erfüllendes, aussergewöhnliches Schreckereignis vor, wovon auch die Unfallversicherung ausgehe (SVR 2016 UV Nr. 11 S. 33, 8C_412/2015 E. 6.1; vgl. auch U 193/06 vom 20. Oktober 2006 betreffend eine sexuelle Nötigung; vgl. zur Vergewaltigung als Unfall: MYRIAM SCHWENDENER, Sexuelle Gewalt als Unfall, in: Jusletter vom 5. März 2007; MYRIAM SCHWENDENER, Vergewaltigung, Eine opferhilferechtlich relevante Straftat als sozialversicherungsrechtlicher Unfall, in: Martin Eckner/Tina Kempin [Hrsg.], Recht des Stärkeren - Recht des Schwächeren, 2005, S. 337 ff.).