Citation: 6B_1294/2022 E. 4.4.2

4.4.2. Anders als die Person, die aus der Schweiz ausgewiesen wird, erleiden deren Familienmitglieder keine Verletzung ihres Rechts auf Achtung des Familienlebens wegen des Ausweisungsentscheids, sondern allenfalls aus Reflexwirkung, wenn sie die Wahl treffen, der ausgewiesenen Person nicht in ihr Ursprungsland zu folgen (BGE 145 IV 161 E. 3.3; Urteile 6B_166/2021 vom 8. September 2021 E. 3.3.5; 6B_379/2021 vom 30. Juni 2021 E. 2.2.3). Der 15-jährige Sohn der Beschwerdeführerin hat die obligatorische Schulzeit in der Schweiz abgeschlossen und sucht aktuell ein Praktikum bzw. eine Lehrstelle. Mit der Vorinstanz stellt die erstmalige Berufswahl für einen Jugendlichen eine prägende Entscheidung dar. Zwar erwägt die Vorinstanz, die Arbeitsmärkte in der Schweiz und in Deutschland seien vergleichbar, weshalb eine Ausbildung in der Schweiz auch bei Wohnsitznahme in Deutschland weiterhin als Grenzgänger möglich erscheine. Dennoch ist festzuhalten, dass das intakte Familienverhältnis zwischen der Beschwerdeführerin, ihrem Ehemann und dem minderjährigen Sohn durch die Landesverweisung nicht ohne Weiteres aufrechterhalten werden könnte. Der Schutzbereich des Rechts auf Familienleben i.S.v. Art. 8 EMRK ist vorliegend betroffen. Entsprechend ist aufgrund der familiären Situation der Beschwerdeführerin von einem schweren persönlichen Härtefall i.S.v. Art. 66a Abs. 2 StGB auszugehen. Mit den übrigen Erwägungen der Vorinstanz zu den privaten Interessen der Beschwerdeführerin an einem Verbleib in der Schweiz setzt sich diese nicht auseinander (Art. 42 Abs. 2 BGG). Die Vorinstanz führt aus, die Beschwerdeführerin lebe zwar seit nunmehr rund 13 Jahren in der Schweiz, jedoch sei keine besondere soziale oder berufliche Integration bzw. Bindung zur Schweiz erkennbar. Insbesondere erscheine in beruflicher Hinsicht ein Wechsel der Arbeitsstelle zumutbar, habe sie doch in den vergangenen Jahren mehrfach die Arbeitsstelle gewechselt. Im Übrigen seien keine Anhaltspunkte ersichtlich, weshalb sie sich in Deutschland, wo sie bis zu ihrem 32. Lebensjahr gelebt habe, nicht reintegrieren könnte. Mit Bezug auf die laufende psychologische Behandlung hält sie fest, deren Erfolg sei gänzlich unklar; zudem könne die Beschwerdeführerin in Deutschland grundsätzlich die gleiche medizinische Betreuung erwarten wie in der Schweiz.