Citation: 6B_388/2021 E. 2.1.4

2.1.4. Der Auffassung des Beschwerdeführers, die Beschwerdegegnerin 2 hätte durch die Vorinstanz erneut befragt werden müssen, kann jedoch nicht gefolgt werden. Die Beschwerdegegnerin 2 wurde zweimal durch die Polizei im Vorverfahren einvernommen und auch an der erstinstanzlichen Hauptverhandlung befragt (angefochtener Entscheid E. 5.3.2 S. 32). Formelle Unregelmässigkeiten in diesen Befragungen, die allenfalls Grund für deren Wiederholung bildeten, macht der Beschwerdeführer nicht (mehr) geltend. Wenn er aus dem Vorliegen einer "Aussage gegen Aussage"-Konstellation auf eine Pflicht der Vorinstanz zur erneuten Einvernahme im Berufungsverfahren schliesst, missversteht er die Tragweite von Art. 343 Abs. 3 StPO im Berufungsverfahren: Auch bei "Aussage gegen Aussage"-Situationen ist eine unmittelbare Beweisabnahme vor der Berufungsinstanz nicht in jedem Fall zwingend, wenn der Belastungszeuge bereits im erstinstanzlichen Verfahren gerichtlich angehört wurde (vgl. Urteile 6B_992/2022 vom 17. Februar 2023 E. 2.4; 6B_541/2021 vom 3. Oktober 2022 E. 1.4; 6B_639/2021 vom 27. September 2022 E. 2.2.2). Zwar entschied das Bundesgericht verschiedentlich, Art. 343 Abs. 3 StPO gelte sowohl für das erst- als auch zweitinstanzliche Verfahren, da die Beweiserhebung durch das Erstgericht die erforderliche unmittelbare Kenntnis des Berufungsgerichts nicht ersetzen könne (vgl. Urteil 6B_70/2015 vom 20. April 2016 E. 1.4.2 in fine sowie mit Hinweis darauf namentlich Urteile 6B_1330/2017 vom 10. Januar 2019 E. 3.2.2; 6B_1302/2015 vom 28. Dezember 2016 E. 4.2.1; 6B_1068/2015 vom 2. November 2016 E. 1.3; 6B_1319/2015 vom 26. Mai 2016 E. 2.4). Darauf kam das Bundesgericht indes später zurück, indem es unter Hervorhebung des selbst in den Fällen von Art. 343 Abs. 3 StPO grundsätzlich einmalig, d.h. nur im erstinstanzlichen Gerichtsverfahren, geltenden Unmittelbarkeitsprinzips die Urteile 6B_70/2015 vom 20. April 2016 und 6B_1330/2017 vom 10. Januar 2019 als zu präzisieren, da zu apodiktisch beurteilte (vgl. Urteil 6B_145/2018 vom 21. März 2019 E. 2.3; zum Ganzen: Urteil 6B_639/2021 vom 27. September 2022 E. 2.2.2 zweiter Absatz mit weiteren Hinweisen). Daran ist anzuschliessen. Das Bundesgericht hat in seiner Rechtsprechung soweit ersichtlich eine Verletzung von Art. 343 Abs. 3 StPO durch die Berufungsinstanz stets nicht allein deshalb erkannt, weil der massgebliche Belastungszeuge nicht erneut im Berufungsverfahren einvernommen worden war, sondern entweder weil er bereits von der Erstinstanz nicht und somit gar nie einer gerichtlichen Befragung unterzogen worden war (vgl. namentlich BGE 140 IV 196 E. 4.4.4; Urteile 6B_693/2021 vom 10. Mai 2022 E. 4.5; 6B_1352/2019 vom 14. Dezember 2020 E. 2.5.3; 6B_145/2018 vom 21. März 2019 E. 2.4; 6B_1342/2017 vom 23. November 2018 E. 4; 6B_1469/2017 vom 18. Juni 2018 E. 1.4; 6B_886/2017 vom 26. März 2018 E. 1.4 f.; 6B_318/2015 vom 28. Oktober 2015 E. 1.5) oder aber weil trotz erstinstanzlicher Befragung weiterhin bedeutende Unsicherheiten hinsichtlich der Zeugenaussagen bestanden und/oder das Berufungsgericht gestützt auf die fraglichen Aussagen vom erstinstanzlichen Sachverhalt abgewichen ist (vgl. etwa Urteile 6B_803/2021 vom 22. März 2023 E. 6.3.2; 6B_639/2021 vom 27. September 2022 E. 2.3 ff.; 6B_727/2019 vom 27. September 2019 E. 1.3.2; 6B_683/2015 vom 7. April 2016 E. 1.3). Das gilt selbst betreffend die oberwähnten, sich als zu apodiktisch erweisenden Urteile (vgl. Urteile 6B_1330/2017 vom 10. Januar 2019 E. 3.2.2; 6B_1302/2015 vom 28. Dezember 2016 E. 4.2.1 f. [i.V.m. 6B_318/2015 vom 28. Oktober 2015 E. 1.5]; 6B_1068/2015 vom 2. November 2016 E. 1.4.2; 6B_70/2015 vom 20. April 2016 E. 1.1 f. und 1.4.2). Für eine über diese Konstellationen hinausgehende, einzig mit dem Vorliegen eines Falls von Art. 343 Abs. 3 StPO begründete Pflicht der Rechtsmittelinstanz, die erstinstanzliche Beweisabnahme zu wiederholen, besteht kein Raum. Eine solche Pflicht widerspräche nicht nur der sich aus Art. 343 Abs. 3 i.V.m. Art. 389 Abs. 1 und 2 StPO ergebenden, grundsätzlich einmaligen Unmittelbarkeit von Beweisabnahmen im erstinstanzlichen Gerichtsverfahren. Auch liesse sich diese Pflicht mit den Grundsätzen der Beschleunigung und Wirksamkeit von Beweisabnahmen nicht vereinbaren, welche der Gesetzgeber vor Augen hatte und wonach das Rechtsmittelverfahren an die bisherigen Beweiserhebungen anknüpfen soll und der mittelbaren Kenntnisnahme von in einem früheren Stadium erhobenen Beweisen ein qualitativ besserer Informationswert zugemessen wird als nach längerer Zeit vom (Berufungs-) Gericht selbst noch erhobenen Beweisen (vgl. Botschaft vom 21. Dezember 2005 zur Vereinheitlichung des Strafprozessrechts [Botschaft StPO], BBl 2006 1085, S. 1310; KAUFMANN, a.a.O., S. 309). Darüberhinaus bedeutete eine entsprechende Pflicht zur grundsätzlichen Wiederholung erstinstanzlicher Beweiserhebungen für das aussagende Opfer eine zusätzliche Belastung, die es - soweit in den Grenzen des Wahrheits- und Untersuchungsgrundsatzes möglich - zu vermeiden gilt (zur Möglichkeit audiovisueller Aufzeichnung von Einvernahmen zwecks Vermeidung wiederholter Opferbefragungen vgl. ferner statt vieler Urteil 6B_1273/2021 vom 14. März 2023 E. 3.3.4).