Citation: U 73/01 04.03.2002 E. 4

4.- a) In materieller Hinsicht ist streitig, ob die SUVA zu Recht ihre zunächst für den Unfall vom 14. Juni 1997 erbrachten Leistungen per 4. April 1999 eingestellt hat. Dabei ist vorab zu prüfen, ob organisch bedingte und/oder psychogene Unfallfolgen vorliegen. Die Vorinstanz geht davon aus, dass die Ärzte einhellig die Meinung vertreten, spätestens seit der Verfügung vom 2. Juli 1999 würden keine organischen Folgen der Schnittverletzung der Hand mehr vorliegen. Auch der Arztbericht von Dr. med. B.________ vom 7. September 1999, welcher als Beilage zur Einsprache eingereicht worden sei, stelle fest, es bestehe ein fixiertes Schmerzsyndrom. Nach Auffassung der Vorinstanz sind die vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden daher ausschliesslich psychischer Natur. Der Beschwerdeführer stellt sich demgegenüber unter Verweis auf den Arztbericht des Dr. med. M.________ vom 23. August 2000 auf den Standpunkt, er sei aus organischen Gründen zumindest teilweise arbeitsunfähig. b) Bei der Durchsicht der ärztlichen Berichte fällt auf, dass bis zur kreisärztlichen Untersuchung durch Dr. med. K.________ vom 16. November 1998 die bis zu jenem Zeitpunkt fast durchwegs angenommene Arbeitsunfähigkeit als organische Unfallfolge, d.h. als Folge der Schnittverletzung an der rechten Hand, gesehen wurde. Die Therapie und Therapieversuche bezogen sich primär auf diese verletzte Hand mit dem Ziel, deren Einsatz wieder zu ermöglichen. Fast durchwegs wurden auch Sensibilitätsstörungen in der rechten Hand festgestellt, so beispielsweise von Kreisarzt Dr. med. R.________ am 16. Januar und am 29. Mai 1998 oder im Austrittsbericht der Rehaklinik X.________ vom 27. April 1998. Ein Arbeitsversuch nach dem Aufenthalt in der Rehaklinik X.________ scheiterte wegen Schmerzen und Anschwellen der Hand. Massgeblich für den Entscheid der SUVA zur Einstellung der Leistungen war offenbar der Bericht des Dr. med. G.________ vom 7. Dezember 1998. Der Beschwerdeführer war diesem Neurologen wegen des Verdachtes eines CTS-Rezidivs zugewiesen worden. Dr. med. G.________ konnte ein solches Rezidiv ausschliessen, stellte hingegen elektrophysiologisch nur sehr diskrete Anzeichen einer "distalen Neuropathie im N. medianus rechts, vereinbar mit einer sehr leichten residuellen neuralen Beeinträchtigung im Carpaltunnelbereich bei Status nach operiertem CTS" fest. Im Wesentlichen gestützt auf diese Beurteilung nahm der Kreisarzt Dr. med. H.________ in seinem Bericht vom 12. Januar 1999 wegen der "noch nicht vollständig abgeheilten Algodystrophie" - gleich wie im Übrigen der Hausarzt Dr. med. S.________ im Schreiben vom 6. Januar 1999 an den Kreisarzt - eine 50 %ige Arbeitsunfähigkeit an. In der kreisärztlichen Abschlussuntersuchung durch Dr. med. R.________ vom 3. Februar 1999 werden einerseits die Untersuchungsergebnisse von Dr. med. G.________ bestätigt und anderseits eine Aggravation ausgeschlossen. Dem Beschwerdeführer wird empfohlen, die rechte Hand vermehrt zu gebrauchen, und es wird die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit als zumutbar erachtet. Gleichzeitig wird auf die "Somatisierungstendenz bei soziokultureller Eingliederungsproblematik" hingewiesen. Die bis anhin angenommene Arbeitsfähigkeit/Arbeitsunfähigkeit von 50 % wird bestätigt, jedoch eine Steigerung um je 25 % nach vier und nach acht Wochen für möglich erachtet, um anschliessend eine 100 %ige Arbeitsfähigkeit zu erreichen. Bezüglich des weiteren Verlaufes wurde die Erwartung ausgedrückt, dass "bei der guten Funktion der Hand und den nicht sehr ausgeprägten neurologischen Restbeschwerden" eine Invalidisierung des Beschwerdeführers nicht zu erwarten sei. Nach der Einstellung der Taggeldleistungen per 4. April 1999 wurde der Beschwerdeführer von seinem Hausarzt Dr. med. S.________ - primär wegen Kopfschmerzen - dem Neurologen Dr. med. J.________ zugewiesen; dieser kommt in seinem Bericht vom 14. April 1999 zu klinisch unauffälligen Befunden. Weil sich der Beschwerdeführer gegen die Einstellung der Leistungen durch die SUVA zur Wehr setzte - der Hausarzt ordnete im Übrigen weiterhin eine 50 %ige Arbeitsunfähigkeit an -, wurde beim stellvertretenden Kreisarzt Dr. med. K.________ am 23. Juni 1999 eine weitere kreisärztliche Untersuchung durchgeführt. In dieser wird erstmalig das Fehlen von Unfallfolgen postuliert; gestützt auf diese Untersuchung verfügte die SUVA am 2. Juli 1999 die Einstellung der Versicherungsleistungen. Im Zusammenhang mit der gegen die vorgenannte Verfügung erhobenen Einsprache wandte sich der Hausarzt Dr. med. S.________ an den Handchirurgen Dr. med. B.________ und legte aus seiner Sicht die Beschwerden des Versicherten in einem vom 1. September 1999 datierenden ausführlichen Bericht dar, wobei er vor allem auch auf die nach wie vor geschwollene rechte Hand hinwies. In dem in der Folge eingehenden Bericht von Dr. med. B.________ vom 7. September 1999 wird ebenfalls die leicht geschwollene Hand erwähnt, vor allem aber ein "Vollbild des traumatisch ausgelösten, schmerzhaften und fast zwei Jahre andauernden funktionellen Ausschlusses der rechten oberen Extremität, mithin (ein) fixiertes Schmerzsyndrom" festgestellt. Dem Beschwerdeführer sei zuzumuten, die rechte Hand als Hilfshand einzusetzen, wodurch eine Teilarbeitsfähigkeit theoretisch möglich sei, von einer vollen Arbeitsfähigkeit könne aber nicht ausgegangen werden. Dr. med. M.________ diagnostiziert in dem mit der Verwaltungsgerichtsbeschwerde eingereichten Bericht vom 23. August 2000 "Restbeschwerden bei Status nach Operation eines posttraumatischen Carpaltunnelsyndroms rechts und nach dorsaler Schnittverletzung mit Strecksehnendurchtrennung"; im Weiteren wird der Verdacht auf eine "Läsion des Ramus palmaris rechts" geäussert. Im Bericht werden ausführlich die vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden dargestellt. An Befunden zeigen sich nach wie vor Sensibilitätsstörungen. In einem bei Dr. med. W.________ durchgeführten EMG vom 18. Juli 2000 wird beidseits eine leichte Verzögerung der distalen motorischen Latenz im Handgelenkabschnitt des Nervus medianus festgestellt. Dr. med. M.________ kommt zur Beurteilung, dass der Beschwerdeführer für sehr leichte Tätigkeiten als arbeitsfähig zu betrachten sei, aber schwerere manuelle Arbeiten aufgrund des neuropathischen Schmerzsyndroms nicht durchführen könne. Demzufolge bestehe eine Einbusse der Leistungs- und Arbeitsfähigkeit. Mit Bericht vom 13. November 2000 nimmt der Kreisarzt Dr. med. L.________, Spezialarzt für Chirurgie FMH, aus ärztlicher Sicht zur ganzen Angelegenheit und insbesondere zum Bericht von Dr. med. M.________ Stellung. Er weist unter anderem darauf hin, dass die Messungen der Oberarm-, Vorderarm- und Handgelenkumfänge keine Atrophie des rechten funktionell ausgeschlossenen Armes zeigten. In der Beurteilung stellt er vorweg fest, dass von allen Ärzten einheitlich ein Schmerzsyndrom der rechten Hand und des rechten Armes festgestellt wird. Dr. med. L.________ kann sich der Beurteilung von Dr. med. M.________ insofern nicht anschliessen, als das Schmerzsyndrom als "neuropathisch" dargestellt wird. Er kommt zur Einschätzung, "dass keine organischen Schäden erheblichen Grades vorliegen, selbst wenn der Ramus palmaris tatsächlich verletzt wurde. ... Das ausgeprägte subjektive Schmerzsyndrom hat andere Ursachen als organische." c) Die ärztlichen Beurteilungen ergeben kein eindeutiges Bild. Übereinstimmend wird zwar eine Diskrepanz zwischen organischen Befunden und geklagten Beschwerden festgestellt. Bei genauerer Betrachtung besteht auch weitgehend Einigkeit darüber, dass ein organischer Befund nach wie vor besteht; bereits Dr. med. G.________ sprach von einer "distalen Neuropathie im N. medianus rechts"; die "Neuropathie" findet sich wieder im Bericht von Dr. med. M.________ und wird auch von Dr. med. L.________ nicht gänzlich in Abrede gestellt. Die Divergenz besteht vielmehr hinsichtlich der Erheblichkeit dieser Befunde. Dr. med. G.________ und die SUVA-Ärzte Dres. med. R.________, H.________, K.________ und L.________ messen diesen Befunden keine Erheblichkeit zu, sie nehmen zumindest nicht an, dass sich daraus eine Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit ergibt. Die beiden vom Hausarzt konsiliarisch beigezogenen Handchirurgen Dres. med. B.________ und M.________ wie auch der Hausarzt Dr. med. S.________ selber bejahen eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit durch die heute noch bestehenden organischen Folgen der Handverletzung. Wenn bei der Würdigung der Arztberichte nicht nur die Schlussfolgerungen, sondern auch die Diagnosen und der sonstige Inhalt der Berichte berücksichtigt werden, so ist daraus zu schliessen, dass dem Beschwerdeführer ein voller Einsatz der rechten Hand nicht mehr zumutbar ist. Mit den beiden Spezialärzten ist davon auszugehen, dass diese Beeinträchtigung nicht ausschliesslich auf die funktionelle Überlagerung, sondern auch auf die Neuropathie zurückzuführen ist. Für dieses Ergebnis spricht wesentlich die Tatsache, dass bei Arbeitsversuchen jeweils nicht nur Schmerzen auftraten, sondern offenbar auch die Finger anschwollen. Das Vorliegen von organisch bedingten Beschwerden mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit ist demnach zu bejahen.