Citation: U 311/03 26.07.2004 E. 1

Der Beschwerdeführer rügt eine "Verfassungs- und Gesetzesverletzung, welche allenfalls die Rückweisung des Falles an die Vorinstanz" bewirke, weil diese entgegen seinem Antrag keine mündliche Verhandlung durchgeführt habe. Es stellt sich somit vorweg die Frage, ob das kantonale Rechtsmittelverfahren den sich aus Art. 6 Ziff. 1 EMRK ergebenden prozessualen Erfordernissen genügte. 1.1 Die Durchführung einer öffentlichen Verhandlung im Sozialversicherungsprozess setzt nach der Rechtsprechung des Eidgenössischen Versicherungsgerichts grundsätzlich einen - im erstinstanzlichen Verfahren zu stellenden - Parteiantrag voraus (BGE 120 V 8 Erw. 3d, 119 V 381 Erw. 3b/dd, je mit Hinweisen; vgl. auch BGE 121 I 38 Erw. 5f). Fehlt es an einem solchen, lässt sich in der Regel gegen ein ausschliesslich schriftliches Verfahren nichts einwenden, es sei denn, wesentliche öffentliche Interessen würden eine mündliche Verhandlung gebieten. Insbesondere in Verfahren, die nach der Praxis des betroffenen Kantons üblicherweise ausschliesslich in Schriftform durchgeführt werden, muss sich die Partei, die eine öffentliche Verhandlung wünscht, der Notwendigkeit eines entsprechenden Antrags bewusst sein, weshalb dessen Fehlen als Verzicht zu werten ist (vgl. auch BGE 121 I 40 f. Erw. 6a, 119 Ib 329 ff. Erw. 6c-e). Der Antrag auf öffentliche Verhandlung im Sinne von Art. 6 Ziff. 1 EMRK muss klar und unmissverständlich vorliegen. Verlangt eine Partei beispielsweise lediglich eine persönliche Anhörung oder Befragung, ein Parteiverhör, eine Zeugeneinvernahme oder einen Augenschein, liegt bloss ein Beweisantrag vor, aufgrund dessen noch nicht auf den Wunsch auf eine konventionskonforme Verhandlung mit Publikums- und Presseanwesenheit zu schliessen ist (BGE 122 V 55 Erw. 3a mit Hinweisen). 1.2 In den sieben, eingangs der vorinstanzlichen Beschwerdeschrift vom 13. Juni 2002 ausdrücklich als "Rechtsbegehren" bezeichneten Ersuchen fehlt es an einem Antrag auf Durchführung einer öffentlichen Verhandlung. Ganz am Schluss der erwähnten Eingabe findet sich lediglich der Hinweis, dass "eine nach Art. 108 UVG vorgesehene mündliche Verhandlung durchzuführen" sei für den Fall, dass das Gericht "die Rechtsbegehren nicht zum vornherein" gutheissen sollte. Zusammen mit dem Schlusssatz der vorinstanzlichen Replik vom 4. November 2002, wonach der Beschwerdeführer "sowohl die Abnahme der beantragten Beweise (u.a. Zeugenbeweise) als auch eine mündliche Verhandlung" beantragte, ist nicht nur von einem Beweisantrag, sondern von einem im Sinne des Gesagten (Erw. 1.1) rechtsgenüglichen Begehren um Durchführung einer mündlichen Verhandlung auszugehen. Das kantonale Gericht führte keine öffentliche Verhandlung durch und äusserte sich zum entsprechenden Antrag im angefochtenen Entscheid nicht. Es ist daher zu prüfen, ob besondere Umstände vorliegen, die gegebenenfalls ein Absehen von der Durchführung einer öffentlichen Verhandlung rechtfertigen. 1.2.1 Das Eidgenössische Versicherungsgericht hat in dem zur Publikation in der amtlichen Sammlung vorgesehenen Urteil K. vom 8. April 2004 (I 573/03, Erw. 3.5) die neuere Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (nachfolgend: EGMR) zu den besonderen Umständen, die auch im erstinstanzlichen Gerichtsverfahren trotz Vorliegens eines entsprechenden Antrages ein Absehen von der Durchführung einer öffentlichen Verhandlung rechtfertigen, zusammengefasst. Demnach anerkennt der EGMR als Ausnahmetatbestände unter anderem, wenn eine Streitsache keine Tat- oder Rechtsfragen aufwirft, die nicht adäquat aufgrund der Akten und der schriftlichen Parteivorbringen gelöst werden können, wenn ausschliesslich rechtliche oder hochtechnische Fragen zu beurteilen sind oder wenn es um eine hochtechnische Materie geht, für deren Behandlung sich ein schriftliches Verfahren besser eignet (erwähntes Urteil K., Erw. 3.5.1 mit Hinweisen). Umgekehrt ist das Vorliegen besonderer Umstände, die das Absehen von einer mündlichen Verhandlung rechtfertigen, zu verneinen, wenn eine mündliche Verhandlung dem Gericht für die Falllösung relevante Informationen liefern könnte (erwähntes Urteil K., Erw. 3.5.3 mit Hinweisen). 1.2.2 Wie nachfolgend zu zeigen sein wird, ist die Sache unter Aufhebung des angefochtenen Entscheids und der Verwaltungsverfügung an die Allianz zurückzuweisen, damit sie die Taggelder gestützt auf einen angepassten versicherten Verdienst neu bemesse und über die ganze, mehr als zehnjährige Dauer auf den Zeitpunkt des Abschlusses der Taggeldleistungen die - gegebenenfalls resultierende - Überentschädigung gestützt auf eine vollständig neue Globalrechnung ermittle. Dabei handelt es sich um hochtechnische Fragen, für deren Beantwortung sich ein schriftliches Verfahren klar besser eignet. Dass eine mündliche Verhandlung mit, wie beantragt, Einvernahme von Zeugen (vgl. dazu hienach Erw. 7.3.5) dem Gericht für die Falllösung relevante Informationen liefern könnte, kann unter Berücksichtigung der umfangreich vorhandenen Akten nicht gesagt werden (antizipierte Beweiswürdigung; SVR 2001 IV Nr. 10 S. 28 Erw. 4b mit Hinweisen auf BGE 124 V 94 Erw. 4b und 122 V 162 Erw. 1d). Unter diesen Umständen lässt sich - im Ergebnis - nicht beanstanden, dass das kantonale Gericht keine öffentliche Verhandlung durchführte.