Citation: 1A.118/2002 28.06.2002 E. 3

3.1 Der Beschwerdeführer macht jedoch geltend, der Auslieferungsentscheid verletze Art. 8 Ziff. 1 EMRK: Er lebe seit Mai 2000 im Kanton Zug in der Schweiz und habe am 2. Juli 2000 eine Schweizer Bürgerin geheiratet, die schon seit 20 Jahren im Kanton Zug lebe. Er habe sich in Baar integriert und habe seit dem 1. Oktober 2000 eine feste Anstellung bei der A.________. Eine Auslieferung nach Deutschland sei unter Berücksichtigung seiner beruflichen und familiären Situation unverhältnismässig. Seine Inhaftierung werde von seiner Ehefrau als "totale Katastrophe" erlebt. Eine Auslieferung nach Deutschland würde ihn aus seinem geordneten Lebensrhythmus reissen und die psychische und physische Existenz von ihm und von seiner Ehefrau gefährden. Als besonderer Umstand sei im vorliegenden Fall zu berücksichtigen, dass die dem Auslieferungsgesuch zugrunde liegenden Delikte vor über 20 Jahren begangen wurden und er inzwischen vollständig resozialisiert sei. 3.2 Nach Art. 37 Abs. 1 IRSG besteht die Möglichkeit, die Auslieferung abzulehnen, wenn die Schweiz die Verfolgung der Tat oder die Vollstreckung des ausländischen Strafentscheides übernehmen kann und dies im Hinblick auf die soziale Wiedereingliederung des Verfolgten angezeigt erscheint. Das EAUe kennt jedoch keine vergleichbare Ablehnungsmöglichkeit: Verlangt der ersuchende Staat nicht die Übernahme der Strafverfolgung bzw. der Vollstreckung durch die Schweiz sondern die Auslieferung des Verfolgten, ist die Schweiz staatsvertraglich verpflichtet, diesem Begehren stattzugeben, sofern die Auslieferungsvoraussetzungen nach EAUe erfüllt sind. Sie kann sich nicht auf ihr innerstaatliches Recht, namentlich auf Art. 37 Abs. 1 IRSG, berufen, um sich dieser Verpflichtung zu entziehen (BGE 122 II 485 E. 3 a und b S. 487 f.). 3.3 In BGE 122 II 485 (nicht veröffentlichte E. 3e) hat das Bundesgericht aufgrund aussergewöhnlicher familiärer Verhältnisse die Auslieferung gestützt auf Art. 8 Abs. 1 EMRK abgelehnt. Im damaligen Fall lebte der Verfolgte in enger Lebensgemeinschaft mit seiner schwangeren, zu 100% invaliden, depressiven und suizidgefährdeten Freundin und deren Kindern. Wie das Bundesamt für Justiz im angefochtenen Entscheid und in seiner Vernehmlassung zu Recht ausführt, liegen im vorliegenden Fall keine derartigen Ausnahmeverhältnisse vor: Der Beschwerdeführer hat keine Kinder; seine Ehefrau wird während der maximal zweijährigen Trennung brieflich und telefonischen Kontakt mit ihm halten und ihn im Gefängnis des an die Schweiz angrenzenden Landes Baden-Württemberg besuchen können. Unter diesen Umständen geht der Eingriff in das Familienleben nicht über die mit dem Strafvollzug bzw. der Auslieferung zwangsläufig verbundene Belastung hinaus. 3.4 Alle übrigen mit der Auslieferung verbundenen Nachteile - insbesondere der Verlust des Arbeitsplatzes und die Gefährdung der bisher gelungenen Resozialisierung des Beschwerdeführers - können von der ersuchten Behörde im Auslieferungsverfahren nach EAUe nicht berücksichtigt werden. Der Beschwerdeführer hat jedoch grundsätzlich die Möglichkeit, eine Nachholung der beim Widerruf der Strafaussetzung im Jahre 1993 unterbliebenen Anhörung durch das Amtsgericht Ludwigsburg gemäss § 33a dt. StPO zu verlangen (vgl. BGHSt 26 127, insbes. E. 3 S. 130 f.; OLG Stuttgart, NJW 1983 1987; Günter Gribbohm in: Leipziger Kommentar zum StGB, 11. Aufl., § 56f StGB Rz 59; Günter Wendisch in: Löwe/Rosenberg, Die Strafprozessordnung und das Gerichtsverfassungsgesetz, 25. Aufl. § 33a StPO Rz 17). Er kann somit Einwendungen gegen den Widerruf einschliesslich neuer Tatsachen, die eine abweichende Beurteilung rechtfertigen könnten, noch im Nachhinein einer gerichtlichen Überprüfung unterbreiten (BGHSt 26 127, 130). Hierzu wird er allerdings darlegen müssen, dass er sein Anhörungsrecht nicht verwirkt hat, d.h. von ihm kein früheres Tätigwerden erwartet werden konnte (Löwe/Rosenberg-Wendisch, § 33a Rz 18).