Citation: 9C_651/2009 07.05.2010 E. 5.4

5.4.1 Prof. Dr. med. E.________ und Dr. med. G.________ stimmen somit darin überein, dass keine psychiatrische Komorbidität gegeben ist, welche die Arbeitsfähigkeit wesentlich einschränkte. Anderseits finden sich in den Administrativgutachten vom 29. Juni 2007 und vom 30. Mai 2005 keine Anhaltspunkte für eine unterdurchschnittliche intellektuelle Begabung wie im Gerichtsgutachten vom 3. Mai 2009 als Verdachtsdiagnose gestellt. Dr. med. G.________ hielt fest, dass Auffassung und Gedächtnis nicht beeinträchtigt seien. Jedenfalls erachtete der Administrativgutachter die intellektuellen Fähigkeiten nicht als entscheidend für die Frage der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht. Demgegenüber ist nach Auffassung des Gerichtsgutachters die Minderbegabung wie eine komorbide schwere Depression zu betrachten. Er führte die bescheidene intellektuelle Begabung resp. intellektuelle Überforderung zudem als ein Grund dafür an, dass die Beziehungskonflikte zu den Töchtern und zur Ehefrau Krankheitswert haben, der innerseelische Konflikt sich verfestigt hat und nicht mehr rückgängig zu machen ist, weil dem Explorand die Möglichkeit der Einsicht in diese Zusammenhänge und deren therapeutische Bearbeitung fehle. Ebenfalls sei es auf die unterdurchschnittliche intellektuelle Begabung zurückzuführen, dass und soweit der ausbleibende Erfolg therapeutischer Massnahmen auf einem unkooperativen Verhalten beruhe. 5.4.2 Prof. Dr. med. E.________ bemängelte an Dr. med. G.________, er habe die geringe intellektuelle Begabung des Exploranden nicht erfasst, obschon diese das Verhalten in der Untersuchung sowie die Konflikt- und Krankheitsbewältigung stark beeinträchtige. Mit dieser Aussage setzt der Gerichtsgutachter jedoch einen unauflösbaren Widerspruch. An gleicher Stelle hielt er fest, der Explorand habe bei der Untersuchung durch den Administrativgutachter ein angepassteres und kein begehrliches, theatralisches Verhalten gezeigt. Dies kann aber nur heissen, dass das Verhalten in der Untersuchungssituation nicht zwingend von der intellektuellen Minderbegabung abhängt und daraus keine sicheren Schlüsse in irgendeinem Sinne gezogen werden können. Wenn Prof. Dr. med. E.________ weiter argumentiert, der Explorand sei zur Zeit der Abklärung durch Dr. med. G.________ berentet gewesen, weshalb das Motiv für ein begehrliches, theatralisches Verhalten gefehlt habe, übersieht er, dass mit Verfügung vom 18. November 2005 die ganze Rente (samt Zusatzrente für die Ehefrau und sechs Kinderrenten) mit Wirkung auf den 1. Januar 2005 aufgehoben worden war. Der Versicherte bezog somit im Zeitpunkt der (zweiten) Untersuchung durch den Administrativgutachter vom 21. Juni 2007 lediglich eine Invalidenrente der Unfallversicherung aufgrund einer Erwerbsunfähigkeit von 11 %. Sodann trifft die Kritik von Prof. Dr. med. E.________, Dr. med. G.________ habe sich nicht bemüht, nach möglichen für die Prognose wichtigen psychosozialen Konflikten zu fahnden, nicht zu. Aus den Auszügen aus den Vorakten und der Anamnese im Administrativgutachten vom 29. Juni 2007 werden dieselben finanziellen und familiären Verhältnisse, Beziehungen und Konflikte sichtbar und in der Beurteilung erwähnt und gewürdigt wie im Gerichtsgutachten vom 3. Februar 2009. Die beiden Experten haben diesen Umständen lediglich eine andere Bedeutung für die Frage des invalidisierenden Charakters beigemessen, wobei diesbezüglich hauptsächlich die von Prof. Dr. med. E.________ festgestellte unterdurchschnittliche intellektuelle Begabung den Unterschied auszumachen scheint. 5.4.3 Im Weitern fällt auf, dass Gerichtsgutachter und Administrativgutachter die gespannte bzw. verloren gegangene Beziehung zu den Töchtern und der Ehefrau erwähnen. Dagegen findet sich kein Wort zur Beziehung des Exploranden zu seinem Sohn. Dies erstaunt umso mehr, als es nach Angaben des Versicherten Tradition und für das Ansehen der Familie wichtig war, einen männlichen Nachkommen zu haben. Der Umstand, einen Sohn zu haben, könnte daher in dieser Sichtweise motivierender Anlass bilden, Ressourcen freizulegen und den Willen aufzubringen, trotz des Leidens erwerbstätig zu sein, die Rolle als Ernährer und Familienoberhaupt zu übernehmen und sich die Achtung und den Respekt insbesondere des Sohnes und der Familie zu sichern. Sodann wurde lediglich vom Administrativgutachter bei der Beurteilung der Befunde der Umstand berücksichtigt, dass sich die Beziehung des Versicherten zu seinen im Heimatland lebenden Verwandten entspannt hatte und diese nunmehr akzeptierten, dass er sie wegen seiner Krankheit nicht mehr wie bis anhin unterstützen konnte. Dr. med. G.________ erwähnte auch, dass der Explorand mit seiner Mutter und den Geschwistern regelmässig Kontakt habe und einmal im Jahr die im Ausland lebende Familie und Verwandtschaft besuchen würde. Auch diese Umstände sprechen für die Überwindbarkeit der Schmerzstörung im Hinblick auf eine erwerbliche Tätigkeit und damit für die vom Gerichtsgutachter abweichende Beurteilung des Administrativgutachters. 5.4.4 Schliesslich ist zu beachten, dass aufgrund der Akten ausser degenerativen Veränderungen kein organisches Substrat gefunden werden konnte, welches die im Vordergrund stehenden Rückenbeschwerden zu erklären vermochte. Der behandelnde Rheumatologe Dr. med. L.________ hatte bereits in seinem Bericht vom 28. März 2001 eine ausgeprägte Diskrepanz zwischen objektivierenden klinischen Befunden und den vom Versicherten angegebenen subjektiven Beschwerden erwähnt. Im Bericht über die kreisärztliche Untersuchung vom 11. Januar 2005 im Rahmen des von der SUVA geführten unfallversicherungsrechtlichen Abklärungsverfahrens wurde festgehalten, bildgebend habe eine eindeutige radikuläre Symptomatik nicht nachgewiesen werden können. Aufgrund der objektivierbaren, eher spärlichen Befunde an der LWS seien aus somatischer Sicht leidensangepasste Tätigkeiten (körperlich leicht, wechselbelastend, ohne Arbeiten in Zwangshaltung oder Hantieren mit zu schweren Gewichten) ganztags zumutbar. Gemäss Dr. med. G.________ konnten die vom Exploranden geklagten Beschwerden somatisch nicht objektiviert werden. Ob den degenerativen Veränderungen allein die Qualität einer die invalidenversicherungsrechtlich notwendige Intensität und Konstanz aufweisenden chronischen körperlichen Begleiterkrankung (mit mehrjährigem Krankheitsverlauf bei unveränderter oder progredienter Symptomatik ohne längerfristige Remission) eignet, ist fraglich. 5.5 Das Gerichtsgutachten vom 3. Februar 2008, auf welches die Vorinstanz abgestellt hat, ist somit in seiner kritischen Auseinandersetzung mit den Administrativgutachten vom 29. Juni 2007 und 30. Mai 2005 in wesentlichen Punkten nicht überzeugend. Die vom Gerichtsgutachter (auch) aus psychiatrischer Sicht als wesentlich erachtete Intelligenzaspekt wiederum wurde vom Administrativgutachter nicht einmal erwähnt, geschweige denn im psychiatrischen Kontext als bedeutsam erachtet oder zumindest erörtert. Unter diesen Umständen und da den Administrativgutachten der Beweiswert nicht abgesprochen werden kann, kann einzig ein von der Vorinstanz einzuholendes Obergutachten, welches sich allenfalls auf eine einlässliche formale Intelligenzprüfung stützt, Klärung in Bezug auf die Frage der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht bringen, was erst die abschliessende Beurteilung des Anspruchs des Beschwerdegegners auf eine Rente der Invalidenversicherung ab 1. Januar 2005 erlaubt.