Citation: 2C_861/2018 E. 3.3

3.3. Das Bundesgericht hat eine reichhaltige Praxis zum Widerrufsgrund des schwerwiegenden Verstosses gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung (Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG) in der Variante entwickelt, in welcher davon auszugehen ist, dass eine ausländische Person sich von strafrechtlichen Massnahmen nicht beeindrucken lässt und sich im Rahmen einer Gesamtbetrachtung zeigt, dass sie auch künftig weder gewillt noch fähig ist, sich an die Rechtsordnung zu halten (oben, E. 2.1). Ausdrücklich als Grenzfall gilt der Fall eines ausländischen Staatsbürgers, der in einem Zeitraum von 16 Jahren 18 Mal strafrechtlich verurteilt wurde, davon Freiheitsstrafen von insgesamt 116 Tagen, Geldstrafen von 50 Tagessätzen und mehrere Bussen bis Fr. 4'180.-- infolge Verkehrs- und Betreibungsdelikte sowie Veruntreuung und Vernachlässigung von Unterstützungspflichten. Ausschlaggebend für den Widerruf der Niederlassungsbewilligung waren dabei jedoch vorwiegend die ausserordentlich hohen Schulden, für deren Entstehung die betreffende Person keine plausible Erklärung liefern konnte (Urteil 2C_699/2014 vom 1. Dezember 2014 E. 4.3). Bejaht hat das Bundesgericht im Urteil 2C_933/2014 vom 29. Januar 2015 den Widerrufsgrund von Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG für eine ausländische Person, die während eines Zeitraums von sieben Jahren und mehrheitlich im Erwachsenenalter 16 Mal strafrechtlich zu kurzen Freiheitsstrafen, Geldstrafen und Bussen (insbesondere wegen Verkaufs von Haschisch und Heroin, jedoch auch wegen Diebstahls, Gewalt gegen Behörden und Sachbeschädigung) verurteilt wurde. Im Urteil 2C_818/2010 vom 4. Juli 2011 bejahte das Bundesgericht diesen Widerrufsgrund bei einem ausländischen Staatsangehörigen, der über einen Zeitraum von 14 Jahren - und trotz fremdenpolizeilicher Verwarnung - zahlreiche Delikte verübt (u.a. Strassenverkehrsdelikte, Angriff sowie Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz und das Waffengesetz) und hohe Schulden angesammelt hatte. Der Widerrufsgrund von Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG wurde ebenfalls bejaht im Urteil 2C_160/2013 vom 15. November 2013 im Falle eines Ausländers, der als Minderjähriger zweimal wegen einfacher Körperverletzung bestraft werden musste und auch als Erwachsener immer wieder delinquiert hatte (einfache Körperverletzung bzw. Tätlichkeiten; Strassenverkehrsdelikte); neben der Vielzahl der Delikte fiel auch ins Gewicht, dass die mehrmaligen ausländerrechtlichen Verwarnungen den Beschwerdeführer offensichtlich nicht zu beeindrucken vermochten. Im Urteil 2C_310/2011 vom 17. November 2011 bejahte das Bundesgericht den Widerrufsgrund bei einem ausländischen Staatsangehörigen, der während einer Periode von fast zehn Jahren fortlaufend - und trotz Androhung von ausländerrechtlichen Massnahmen - delinquiert hatte (vor allem Einbruch- und Einschleichdiebstähle sowie Strassenverkehrsdelikte, namentlich massive Überschreitungen der zulässigen Geschwindigkeit), und zahlreiche, insbesondere öffentlich-rechtliche Forderungen (Steuern, Gerichtsgebühren, Krankenkassenprämien) in beträchtlicher Höhe unbezahlt liess. Ebenfalls bejaht wurde dieser Widerrufsgrund für einen ausländischen Staatsbürger, welcher während einer Zeitspanne von sieben Jahren zehnmal strafrechtlich verurteilt wurde, wobei insgesamt Freiheitsstrafen von 32 Tagen, Geldstrafen von 290 Tagessätzen sowie Bussen in Höhe von etwa Fr. 3'000.-- wegen Fahrens in fahrunfähigem Zustand, Nichtabgabe der Kontrollschilder trotz behördlicher Aufforderung sowie Verkehrs- und Betreibungsdelikte ausgesprochen wurden; in diesem Fall (Urteil 2C_1152/2014 vom 14. September 2015 E. 4.1) lebten die Ehefrau und das gemeinsame Kind im Heimatstaat und war der Beschwerdeführer über Jahre hinweg seinen öffentlich-rechtlichen und privaten Verpflichtungen nicht nachgekommen (Betreibungen von über Fr. 200'000.-- und offene Verlustscheine von über Fr. 167'000.--). Ebenfalls bejaht wurde der Widerrufsgrund von Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG in der Konstellation eines ausländischen Staatsangehörigen, welcher als Erwachsener mit zunehmender krimineller Energie zu Freiheitsstrafen von insgesamt 43 Monaten, Geldstrafen von 390 Tagessätzen sowie Bussen von gut Fr. 4'300.-- wegen banden- und gewerbsmässigen Diebstahls, mehrfachen Hausfriedensbruchs, mehrfachen Führens eines Motorfahrzeugs ohne den erforderlichen Führerausweis, versuchter Täuschung im Bereich Scheinehe, grober Verletzung von Verkehrsregeln, Entwendung zum Gebrauch und Fahrens ohne Führerausweis verurteilt wurde. Das Bundesgericht erwog, er habe sich weder durch strafrechtliche Probezeiten, Strafvollzüge, ausländerrechtliche Verwarnungen noch die Beziehung zu seiner Ehegattin, seiner älteren Tochter sowie der restlichen Familienangehörigen von seinen Taten abhalten lassen (Urteil 2C_50/2018 vom 14. August 2018 E. 4.1). Verneint hat das Bundesgericht hingegen in BGE 137 II 297 das Vorliegen der Voraussetzungen von Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG im Falle eines als Erwachsener in die Schweiz eingereisten Ausländers, der in einem Zeitraum von etwa zehn Jahren 16 Mal zu Freiheitsstrafen von insgesamt rund 33 Monaten wegen Vermögensdelikten sowie Widerhandlungen gegen aufenthaltsrechtliche Bestimmungen verurteilt worden war, wobei die Vermögensdelikte schon relativ weit zurücklagen und vergleichsweise tiefe Strafen nach sich gezogen hatten. Im Urteil 2C_446/2014 vom 5. März 2015 wurde dieser Widerrufsgrund ebenfalls verneint für einen im Familiennachzug eingereisten Ausländer, der als Minderjähriger wiederholt strafrechtlich in Erscheinung trat (geringfügige Vermögensdelikte, versuchter Raub, Ausschluss aus der Schule infolge Bedrohung von Mitschülern, einfache Körperverletzung) und als Erwachsener wegen mehreren SVG-Delikten und Verstössen gegen das Waffengesetz zu Geldstrafen und Bussen verurteilt wurde. Im Urteil 2C_884/2016 vom 25. August 2016 schliesslich verneinte das Bundesgericht den Widerrufsgrund von Art. 63 Abs. 1 lit. b AIG im Falle eines ausländischen Staatsbürgers, welcher im Jahr 2000 ein Betäubungsmitteldelikt beging, für das er zu 30 Monaten Gefängnisstrafe verurteilt wurde, dessen Delinquenz sich jedoch im Laufe der Zeit abschwächte (Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe von 30 Tagen und Busse wegen Entwendung eines Fahrzeugs zum Gebrauch und Fahrens trotz Fahrausweisentzugs, Freiheitsstrafe von zwölf Monaten wegen Hehlerei, Freiheitsstrafe von acht Monaten wegen mehrfachen Vergehens gegen das BetmG). Massgeblich berücksichtigt wurde, dass die betreffende Person stets berufstätig war, für ihren Unterhalt und denjenigen der Familie aufkam und, abgesehen von ausstehenden Verfahrenskosten von Fr. 9'000.--, aktenkundig schuldenfrei war (Urteil 2C_884/2016 vom 25. August 2017 E. 3.3.2).