Citation: I 144/05 13.05.2005 E. 2

2.1 In BGE 124 V 108 hat das Eidgenössische Versicherungsgericht entschieden, dass bei der Beurteilung, ob die für den Umschulungsanspruch geforderte Erheblichkeitsschwelle (bleibende oder längere Zeit dauernde Erwerbseinbusse von etwa 20 Prozent) erreicht ist, neben den aktuellen Verdienstmöglichkeiten im Rahmen der vorzunehmenden Prognose weitere Faktoren wie Lohnentwicklung und Aktivitätsdauer mitzuberücksichtigen sind. Die annähernde Gleichwertigkeit der Erwerbsmöglichkeit in der alten und der neuen Tätigkeit nach der Umschulung ist in der Regel längerfristig nur zu verwirklichen, wenn die entsprechenden Ausbildungen einen einigermassen vergleichbaren Wert aufweisen. Die berufliche Qualifikation ist nicht nur bedeutsam im Hinblick auf konjunkturelle Schwankungen des Arbeitsmarktes und strukturelle betriebliche Anpassungen, sondern bestimmt auch massgeblich die Einkommensentwicklung (S. 112 Erw. 3b). Im konkreten Fall bejahte das Gericht bei einem Versicherten, welcher wegen einer Mehlallergie seinen erlernten Beruf als Bäcker/Konditor nicht mehr ausüben konnte und danach als Betriebsmitarbeiter/Praktikant in einer Konservenfabrik tätig war, den Anspruch auf Umschulung zum Konserven- und Tiefkühltechnologen, obschon der Minderverdienst die Erheblichkeitsschwelle nicht erreichte. Im Urteil P. vom 6. Mai 2002 (I 104/02) sodann widersprach das Eidgenössische Versicherungsgericht der Argumentation der damaligen Vorinstanz, dass eine immer als Hilfsarbeiter tätig gewesene versicherte Person keiner beruflichen Massnahme der betreffenden Art bedürfe, um weiterhin als solcher zu arbeiten. Es bezeichnete diese Rechtsauffassung als nicht vereinbar mit dem eingliederungsrechtlichen Grundsatz der «annähernden Gleichwertigkeit» des mit konkret einer Umschulung angestrebten Berufs im Vergleich zur angestammten Tätigkeit (BGE 124 V 110 Erw. 2a mit Hinweisen). Ebenfalls sei fraglich, so das Gericht weiter, ob diese Sichtweise vor dem verfassungsrechtlichen Diskriminierungsverbot (Art. 8 Abs. 2 BV) Stand hielte. 2.2 Der hier zu beurteilende Fall unterscheidet sich insofern von dem BGE 124 V 108 zugrunde gelegenen Sachverhalt, als der Beschwerdeführer seit Jahren seinen erlernten Beruf als (Buch-)Offsetdrucker nicht mehr ausgeübt hat. Das wird grundsätzlich nicht in Abrede gestellt. Immerhin habe er nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit dank seiner beruflichen Qualifikation wieder eine Anstellung im angestammten Tätigkeitsbereich (Papier herstellende und verarbeitende Industrie) gefunden. Das kantonale Gericht argumentiert sinngemäss, der Versicherte habe aus invaliditätsfremden Gründen seit Jahren nicht mehr als Buch-Offsetdrucker gearbeitet. Diese Ausbildung könne daher unter dem Gesichtspunkt der annähernden Gleichwertigkeit der Erwerbsmöglichkeit nicht Vergleichsbasis bilden. 2.2.1 Im nicht veröffentlichten Urteil Z. vom 2. Februar 1998 (I 448/96) ging es um einen Versicherten, welcher über einen Lehrabschluss als Tiefbauzeichner verfügte, auf diesem Beruf gut zwei Jahre arbeitete, danach eine Maurerlehre machte, anschliessend berufsbegleitend die Ausbildung zum Polier absolvierte und dann als solcher tätig war. Nach einer Schulterverletzung gab er diesen Beruf auf. In der Folge ersuchte er die Invalidenversicherung um Umschulung zum Naturarzt/Heilpraktiker, was die IV-Stelle indessen ablehnte. Das kantonale Versicherungsgericht gab der Verwaltung mit der Begründung Recht, der Versicherte sei gelernter Tiefbauzeichner und in diesem Beruf zu 100 Prozent arbeitsfähig. Es fehle somit an der Notwendigkeit einer beruflichen Eingliederung. Das Eidgenössische Versicherungsgericht verwarf dieses Argument. Es stellte fest, für die Beurteilung der invaliditätsbedingten Notwendigkeit der zur Diskussion stehenden beruflichen Massnahme sei der Polierberuf massgebend und nicht der mehr als 20 Jahre nicht und seinerzeit bloss während zwei Jahren ausgeübte Beruf als Tiefbauzeichner. Aus I 448/96 kann nicht im Umkehrschluss gefolgert werden, ein aus invaliditätsfremden Gründen während längerer Zeit, allenfalls jahrelang nicht mehr ausgeübter Beruf sei für die Umschulungsfrage bedeutungslos. Gegenteils ist und bleibt jeder erlernte Beruf auch nach einer allfälligen Aufgabe Bestandteil der Ausbildung, über welche die versicherte Person sich ausweisen kann. Er ist daher als qualitatives Merkmal zumindest in den prognostischen Vergleich mit der beruflichen Situation nach durchgeführter Eingliederungsmassnahme miteinzubeziehen. Zwischenzeitlich geänderte oder erhöhte Anforderungen im angestammten Beruf namentlich als Folge des technologischen Fortschritts können nur, aber immerhin im Rahmen von Art. 17 Abs. 2 IVG (Wiedereinschulung in den bisherigen Beruf) berücksichtigt werden. 2.2.2 Im dargelegten Sinne kann es dem Beschwerdeführer nicht schaden, dass er während Jahren Tätigkeiten nachgegangen war, die unwidersprochen weniger hohe ausbildungsmässige Anforderungen stellten als der erlernte Beruf eines Offsetdruckers. Ebenfalls ist der Umschulungsanspruch nicht etwa deshalb zu verneinen, weil Hinweise in den Akten fehlen und auch nicht geltend gemacht wird, der Versicherte habe - bevor sich die Allergie im Verlauf 2001 negativ auf die Arbeitsfähigkeit als Papierschneider auszuwirken begonnen habe -wieder in den Bereich Offsetdruck zurückkehren wollen oder einen qualitativ mindestens ebenbürtigen Beruf innerhalb der Papier herstellenden und verarbeitenden Industrie angestrebt und die notwendigen Ausbildungsschritte zumindest geplant. 2.3 Entgegen der Vorinstanz kann somit der Anspruch auf Umschulung nicht mit der Begründung verneint werden, die invaliditätsbedingte Erwerbseinbusse ohne zusätzliche berufliche Ausübung betrage weniger als 20 Prozent. Ebenfalls ist die Aussage im Einspracheentscheid vom 16. Juni 2004 nicht zutreffend, auf Grund der beruflichen Karriere sei der Versicherte eingliederungsrechtlich nicht mehr als Offsetdrucker zu betrachten, sondern (lediglich noch) als Mitarbeiter in einer Hilfsfunktion. Die IV-Stelle wird die Umschulungsfrage neu zu prüfen haben.