Citation: 6B_1049/2015 E. 2.5

2.5. Unbestritten ist, dass die Beschwerdeführerin durch den Sturz vom 28. Februar 2013 erheblich verletzt wurde. Streitig ist, ob der Beschwerdegegnerin 2 ein fahrlässiges Verhalten vorzuwerfen ist. Die Vorinstanz nimmt zu ihren Gunsten an, dass die Beschwerdeführerin der Beschwerdegegnerin 2 nicht zugerufen habe, bevor sie sich ins Seil habe fallen lasse. Der Grundsatz "in dubio pro reo" findet in diesem Stadium des Strafverfahrens indes grundsätzlich keine Anwendung (BGE 138 IV 86 E. 4.1.1 S. 91). Die Vorinstanz verletzt das ihr zustehende Ermessen allerdings nicht, wenn sie die Verfahrenseinstellung stützt. Wie sie zutreffend festhält, beurteilt sich die Fahrlässigkeit nach einem individuellen Massstab (Urteil 6B_174/2013 vom 20. Juni 2013 E. 3.3.4). Es ist zu prüfen, ob die beschuldigte Person nach den Umständen und nach ihren persönlichen Verhältnissen imstande gewesen wäre, mit grösserer Sorgfalt vorzugehen als sie es getan hat. Dazu ist zu ermitteln, was ein gewissenhafter und besonnener Mensch mit der Ausbildung und den individuellen Fähigkeiten der beschuldigten Person in der fraglichen Situation getan oder unterlassen hätte (BGE 122 IV 303 E. 3a S. 307). Bei der Beurteilung der Fahrlässigkeit eines Jugendlichen ist dessen Alter und Entwicklungsstand zu berücksichtigen und ein weniger strenger Massstab angebracht (vgl. Art. 1 Abs. 3 JStGB; GÜRBER/HUG/SCHLÄFLI, in: Basler Kommentar, Strafrecht, Band I, 3. Aufl. 2013, N. 9 zu Art. 1 JStG). Die Beschwerdegegnerin 2 war zum Zeitpunkt des Absturzes der Beschwerdeführerin erst knapp zehn Jahre und zwei Monate alt. Sie ist mithin erst kurz zuvor überhaupt strafmündig geworden (vgl. Art. 3 Abs. 1 JStGB). Zudem kletterte sie damals erst zum dritten Mal. Wenn die Vorinstanz gestützt auf diese Umstände und die persönlichen Verhältnisse der Beschwerdegegnerin 2 ein fahrlässiges Verhalten verneint, ist dies nicht bundesrechtswidrig. Aufgrund ihrer Feststellungen führte mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht ein eigentlicher Fehler beim Sichern oder der Materialhandhabung zum Absturz der Beschwerdeführerin. Entgegen ihrer Behauptung stellt die Vorinstanz insbesondere nicht fest, dass die Beschwerdegegnerin 2 die Sorgfaltspflichten verletzt hätte, die in der Broschüre "Sicher Klettern" des Schweizer Alpen-Clubs SAC festgehalten sind. Vielmehr ist gestützt auf die von der Vorinstanz dargelegten Umstände mit ihr davon auszugehen, dass die Beschwerdegegnerin 2 nicht darauf gefasst war, als sich ihre Kletterpartnerin ins Seil fallen liess. In dieser wohl erstmals erlebten Situation erschrak sie und hielt kurzzeitig das Seil nicht mehr richtig fest. Es bestehen entgegen den Vorbringen in der Beschwerde keine Anzeichen dafür, dass die Beschwerdegegnerin 2 unkonzentriert war. Wie die Vorinstanz zutreffend ausführt, ist sodann stark zu bezweifeln, dass eine andere gewissenhafte und besonnene jugendliche Person in dieser unvermittelt eingetretenen Situation sofort richtig reagiert und die Beschwerdeführerin gehörig zu sichern vermocht hätte. Ein knapp zehnjähriges Kind ist allenfalls in der Lage, einfachere Abläufe zu beherrschen; es dürfte ihm aber in aller Regel an den Fähigkeiten fehlen, um in einer komplexen, erstmalig erlebten Gefahrensituation sogleich angemessen zu reagieren. Aufgrund der gesamten Umstände kann der Beschwerdegegnerin 2 jedenfalls kein sorgfaltswidriges Verhalten im jugendstrafrechtlichen Sinne vorgeworfen werden. Vielmehr ist von einer Überforderung in einer erstmals erlebten Ausnahmesituation auszugehen, die einem Kind dieses Alters nicht angelastet werden kann. Die Beschwerdegegnerin 2 konnte ihre Überforderung in einer solchen Situation auch nicht vorhersehen. Eine so junge Person ist nicht fähig, derartige Überlegungen anzustellen, mögliche Ausnahmesituationen vorherzusehen und zu erkennen, dass sie damit überfordert sein könnte. Ein Übernahmeverschulden liegt nicht vor (vgl. dazu BGE 135 IV 56 E. 4.3.2; 106 IV 312 E. 6c; Urteil 6B_1341/2015 vom 25. Februar 2016 E. 4.3.3). Ob es sinnvoll und verantwortbar ist, derart junge Kinder alleine klettern sowie sichern zu lassen und sie bloss gruppenweise zu beaufsichtigen, ist vorliegend nicht zu entscheiden.