Citation: I 369/05 29.09.2005 E. 4

4.1 Die IV-Stelle führte im Einspracheentscheid aus, das Gesuch um Bewilligung eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes sei deshalb abzuweisen, weil hier eine andere als eine anwaltliche Verbeiständung nicht ausser Betracht falle. Im Ergebnis schützte das kantonale Gericht die Auffassung der Verwaltung mit der Begründung, es hätten sich in medizinischer Hinsicht zwar nicht einfache Fragen gestellt. Wie den Akten zu entnehmen sei, werde die Beschwerdeführerin jedoch von ihren Ärzten unterstützt und vom Sozialdienst betreut, welcher sie auch auf die Anmeldung bei der Invalidenversicherung verwiesen habe. Unter diesen Umständen könne nicht gesagt werden, dass die Versicherte nicht in der Lage gewesen wäre, ohne anwaltliche Verbeiständung ihre Rechte selber wahrzunehmen. 4.2 Mit Verwaltungsgerichtsbeschwerde legte die Beschwerdeführerin ein Schreiben der Abteilung für Soziales der Stadt Y.________ vom 12. Mai 2005 auf, womit diese Amtsstelle bestätigte, dass sie der Sozialhilfe beziehenden Versicherten nach Empfang der strittigen Verfügung der IV-Stelle vom 3. Juni 2004 wegen der Komplexität der Situation empfohlen habe, bei einer Rechtsberatung entsprechende Hilfe zu beantragen. Mit sechzehn Jahren zeigte die jahrelang durch ihren alkoholabhängigen Vater sexuell missbrauchte Beschwerdeführerin den Täter an, welcher in der Folge zu viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Gemäss psychiatrischem Teilgutachten zum MEDAS-Gutachten 1 hat diese schwerwiegende Traumatisierung mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Entwicklung der dysthymen Persönlichkeit beigetragen. Demnach war bei der Untersuchung eine ausgesprochene Diskrepanz zwischen der äusserlich erkennbaren massiven Gespanntheit und dysphorischen Grundstimmung einerseits und der Verneinung derartiger subjektiver Beschwerden durch die Versicherte selber andererseits aufgefallen. Diese sei ihren Gefühlen gegenüber kaum zugänglich, spalte affektiv negativ besetzte Reaktionen ab und zeichne sich durch eine auffällige Gleichgültigkeit gegenüber ihrer weiteren Lebensplanung aus. Schon aus diesen Umständen ist ersichtlich, dass die Beschwerdeführerin subjektiv auf eine umfassende Interessenvertretung angewiesen war. Unter anderem gestützt auf die Erkenntnisse aus dem MEDAS-Gutachten 1 verneinte die IV-Stelle zunächst mit Verfügung vom 17. September 2001 einen Rentenanspruch vollständig. Zwar setzte sich auch die behandelnde Hausärztin Dr. med. U.________ mehrfach gegenüber der Invalidenversicherung für die Interessen der Beschwerdeführerin ein. So erläuterte die Hausärztin zuhanden der IV-Stelle im Schreiben vom 9. Dezember 2001 ausführlich die persönlichen Verhältnisse der Versicherten, wonach diese 1996 von einem Türken, in welchen sie verliebt gewesen war, schwanger geworden sei. Daraufhin habe sie sich zwingen lassen, dessen besten Freund zu heiraten. Dieser gelte nun als Vater ihrer Tochter, obwohl er es in Tat und Wahrheit nicht sei. Von ihm sei sie geschlagen und eingesperrt worden. Wegen solcher unentschuldigter Absenzen habe sie schliesslich ihre Arbeitsstelle in der X.________ SA verloren. Infolge dieser Traumatisierungen vermochte sie während Jahren nicht eigenverantwortlich für ihre Gesundheit zu sorgen, sondern entwickelte eine krankhafte Essstörung. Das fehlende soziale Netz wurde mit Essen kompensiert, bis sie einen Body-Mass-Index von 46 erreichte. Es dürfte gerade der fehlenden anwaltlichen Verbeiständung zuzuschreiben sein, dass die IV-Stelle zum Zweck einer erneuten polydisziplinären Abklärung den Auftrag wiederum der MEDAS erteilte, obwohl Dr. med. Z.________, Chefarzt des Psychiatriezentrums Y.________, in seinem Bericht vom 22. September 2003 die neben der Essstörung gemäss MEDAS-Gutachten 1 in den Vordergrund gerückte psychiatrische Diagnose einer Dysthymia (F34.1 nach ICD-10) aus fachärztlicher Sicht kritisierte. Nach dem Gesagten steht fest, dass während den fast sechs Jahren zwischen der Anmeldung zum Leistungsbezug bei der Invalidenversicherung und dem Erlass des hier strittigen Einspracheentscheides weder der Sozialdienst noch die behandelnden Ärzte eine umfassende rechtskundige Interessenvertretung zu Gunsten der Versicherten wahrzunehmen vermochten, sondern praxisgemäss (Erw. 2 hievor) gestützt auf die gegebenen Verhältnisse in subjektiver und objektiver Hinsicht eine anwaltliche Rechtsverbeiständung vielmehr auch für das Einspracheverfahren seit 17. Juni 2004 im Sinne von Art. 37 Abs. 4 ATSG erforderlich war. Denn bereits im Verwaltungsverfahren waren nicht nur die Bedingungen der Bedürftigkeit und fehlenden Aussichtslosigkeit der Rechtsbegehren gegeben, sondern war auch die Voraussetzung der Erforderlichkeit erfüllt. Folglich hatte die Beschwerdeführerin schon im Administrativverfahren Anspruch auf unentgeltliche Verbeiständung. Indem die Vorinstanz mit angefochtenem Entscheid und die IV-Stelle mit Einspracheentscheid den Anspruch auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Einspracheverfahren verneinten, haben sie Bundesrecht verletzt, weshalb diese Entscheide insoweit aufzuheben sind. Die Sache ist demnach zur masslichen Bestimmung der Entschädigung des unentgeltlichen Rechtsbeistandes für das Einspracheverfahren und anschliessenden Neuverfügung an die Verwaltung zurückzuweisen.