Citation: 6B_814/2015 E. 1.4.2

1.4.2. Wer handelt, wie es das Gesetz gebietet oder erlaubt, verhält sich rechtmässig, auch wenn die Tat nach diesem oder einem andern Gesetz mit Strafe bedroht ist (Art. 14 StGB). Rechtmässig handelt nach Art. 52 Abs. 3 OR namentlich, wer zum Zwecke der Sicherung eines berechtigten Anspruches sich selbst Schutz verschafft, wenn nach den gegebenen Umständen amtliche Hilfe nicht rechtzeitig erlangt und nur durch Selbsthilfe eine Vereitelung des Anspruches oder eine wesentliche Erschwerung seiner Geltendmachung verhindert werden konnte. Der Rechtfertigungsgrund von Art. 52 Abs. 3 OR gilt über das Haftpflichtrecht hinaus auch im Strafrecht (BGE 104 IV 90 E. 2 S. 93 f. mit Hinweisen). Art. 52 Abs. 3 OR verankert eine Ausnahme vom Verbot der Eigenmacht (Roland Brehm, Berner Kommentar, 4. Aufl. 2013, N. 58 zu Art. 52 OR; Franz Werro, in: Commentaire romand, Code des obligations I, 2. Aufl. 2012, N. 14 zu Art. 52 OR; Heinz Rey, Ausservertragliches Haftpflichtrecht, 4. Aufl. 2008, N. 786). Die Selbsthilfe im Sinne von Art. 52 Abs. 3 OR muss jedoch verhältnismässig sein (Werro, a.a.O., N. 16 zu Art. 52 OR; Brehm, a.a.O., N. 69 zu Art. 52 OR; siehe auch Tizian Troxler, Subjektive Rechtfertigungselemente im Haftpflichtrecht, recht 2014, S. 159 f.). Art. 52 Abs. 3 OR verbietet jede nach den Umständen nicht gerechtfertigte Gewalt (vgl. Urteil 4P.148/2001 vom 25. Oktober 2001 E. 3b). Das in der Lehre wiederholt zitierte Beispiel einer zulässigen Selbsthilfe im Sinne von Art. 52 Abs. 3 OR betrifft den Gläubiger, der Vermögensgegenstände des Schuldners an sich nehmen darf, wenn dieser die Werte beiseite schafft und amtliche Hilfe nicht rechtzeitig erreichbar ist (vgl. Rey, a.a.O., N. 788; Werro, a.a.O., N. 15 zu Art. 52 OR; Claire Huguenin, Obligationenrecht, allgemeiner und besonderer Teil, 2. Aufl. 2014, N. 964; Honsell/Isenring/Kessler, Schweizerisches Haftpflichtrecht, 5. Aufl. 2013, § 5 N. 15).