Citation: 5C.213/2004 13.01.2006 E. 5

Einzugehen ist weiter auf das Selbstverschulden der Klägerin. 5.1 Die Klägerin macht sinngemäss geltend, ihr Selbstverschulden wiege nicht so schwer, dass es den adäquaten Kausalzusammenhang unterbreche. Namentlich sei zu beachten, dass sie nicht auf den Zug habe aufspringen wollen. Sie sei nur neben dem fahrenden Zug hergelaufen, um etwas einem Passagier zu übergeben. Eine Berührung mit dem Zug habe sie ja gerade vermeiden wollen. 5.2 Gemäss den Ausführungen des Obergerichts ist die Klägerin unter Aufbietung all ihrer Kräfte auf den in der Türe des abfahrenden Zuges stehende Y.________ zugerannt und hat sich dabei auf nichts anderes als Y.________ konzentriert. Sie hat auch nicht mehr auf die in deutscher und englischer Sprache erfolgten Zurufe sowie auf die lauten Pfiffe der Bahnangestellten reagiert. Auch wenn die Klägerin nicht auf den Zug aufspringen wollte, ist ihr Verhalten damit als grobfahrlässig anzusehen: Es verstösst gegen elementare Gebote der Vorsicht, wenn sie geradezu blindlings ("Tunnelblick") mit hohem Tempo ("wie eine Olympiateilnehmerin") dem anfahrenden Zug nachgerannt ist, die Aufmerksamkeit einzig fokussiert auf Y.________, so dass sie nicht einmal mehr in der Lage gewesen ist, die intensiven Warnbemühungen der Bahnangestellten wahrzunehmen. Auch wenn sie nicht beabsichtigte, auf den Zug aufzuspringen, muss ihr die Gefährlichkeit ihres Tuns - dem fahrenden Zug nahe genug zu kommen, um Y.________ die Billette zu übergeben - erkennbar gewesen sein. Die Gefahr bei der hohen Geschwindigkeit, mit welcher die Klägerin gerannt ist, zu stolpern und auf das Geleise zu stürzen, ist dabei offensichtlich. 5.3 Das Obergericht hat im Rahmen einer Eventualerwägung festgehalten, das Selbstverschulden der Klägerin allein sei als so schwerwiegend zu gewichten, dass dieses als alleinige adäquate Ursache des Unfalles gewertet werden müsse. Dieser Erwägung kann insofern zugestimmt werden, als das Selbstverschulden der Klägerin die Betriebsgefahr der Eisenbahn als Unfallursache völlig in den Hintergrund gedrängt hat und Letztere damit als adäquate Ursache ausscheidet. Weil damit bereits das Verhalten der Klägerin allein genügt, um die adäquate Kausalität zwischen der Betriebsgefahr der Eisenbahn und dem Unfall zu unterbrechen, kann offen gelassen werden, ob und wie das Drittverschulden von Y.________ einzubeziehen ist. Da der Beklagten zudem weder ein eigenes Verschulden vorzuwerfen ist, noch eine erhöhte Betriebsgefahr zum Unfall beigetragen hat, ist sie durch das grobe Selbstverschulden der Klägerin von der Haftung befreit.