Citation: U 310/04 21.04.2005 E. 6

6.1 Unter Einbezug sämtlicher medizinischer Unterlagen bestätigte das polydisziplinäre Gutachten, dass die zum typischen Beschwerdebild des erlittenen Schleudertraumas der HWS gehörenden Beeinträchtigungen (vgl. dazu: BGE 119 V 337 Erw. 1, 117 V 360 Erw. 4b) zwar teilweise vorhanden sind, aber im Vergleich zur psychischen Problematik ganz in den Hintergrund treten. Der Beurteilung des polydisziplinären Gutachtens ist unter anderem Folgendes zu entnehmen: "Die aktuell von Frau L.________ geklagte Beschwerdesymptomatik und auch die klinischen Untersuchungsbefunde erscheinen sehr überzeichnet, zum Teil sogar 'demonstrativ'. Insbesondere die Tatsache, dass sich die Patientin im Rollstuhl zu einigen Untersuchungen in unserem Haus bringen liess, steht in deutlichem Kontrast zu der in der Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit festgestellten körperlichen Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit. In diesem insgesamt neunstündigen Testverfahren (verteilt auf zwei Halbtage) liessen sich ausser bei den Tests Gehen, Treppen- und Leiternsteigen keine wesentlichen körperlichen Einschränkungen feststellen. Es war der Patientin möglich, diese beiden Halbtage auch ohne Sonnenbrille zu absolvieren, währenddem sie bei den Untersuchungen bei den Ärzten konsequent mit dem Hinweise auf ihre Lichtscheu eine Sonnenbrille trug, obwohl in den Untersuchungsräumen eher ein gedämpftes Licht herrschte." Dr. med. R.________ führte hiezu im psychiatrischen und psychosomatischen Teilgutachten vom 25. Mai 2001 weiter aus: "Sie [die Versicherte] wartet schon einige Zeit vor dem vereinbarten Konsultationszeitpunkt im Warteraum. [...] Sie trägt eine Sonnenbrille; im Warteraum mit dem Fenster nach Osten gibt es keine Sonneneinstrahlung, die Lichtintensität ist dort allenfalls durchschnittlich. Es ist im Vorbeigehen nicht ersichtlich, ob Frau L.________ schläft. Bei der Begrüssung erhebt sie sich sofort und folgt mir mit steifen Bewegungen, das linke Bein im Knie kaum flektierend, zügig in mein Büro. Ich schlage ihr vor, meinen (ohnehin nicht hellen Raum) noch etwas mehr abzudunkeln, damit sie die Sonnenbrille abnehmen könne. Sie lehnt ab und sagt, sie sei durch die Lichtverhältnisse geblendet. Sie kommt allerdings meiner Bitte nach, wenigstens für einen kurzen Moment die Brille abzusetzen, damit ich sehen könne, wer sie sei. [...] Bei der weiteren Unterredung verzichtet sie auf die Sonnenbrille nicht, so dass sich ihre Mimik nur über die Mundbewegungen offenbart." Die psychisch bedingten Gesundheitsstörungen einer Entwicklung körperlicher Symptome aus psychischen Gründen (F68.0 nach ICD-10) und einer akzentuierten Persönlichkeit (Z73.1 nach ICD-10) standen nicht erst im Zeitpunkt der polydisziplinären Begutachtung im Vordergrund, sondern hatten bereits acht Monate nach dem Unfall massgebenden Einfluss auf den Heilverlauf. Die in der Reha-Klinik während dem stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin vom 29. November bis 20. Dezember 1998 diagnostizierte "schwere psychosoziale Problematik" steht in Verbindung mit folgenden Feststellungen: "[...] Zu Beginn des Aufenthaltes machte die Patientin nur langsam Fortschritte, zusätzlich erschwerend war sicherlich auch, dass ihr Ehemann und die Kinder zu Beginn ebenfalls in der Klinik H.________ weilten. Schon nach einigen Tagen konnte die Patientin den Stock zur Seite legen, und nachdem ihre Familie nach Hause zurückgekehrt war, machte sie deutlich und rasch Fortschritte. [...] Gegen Ende des Aufenthaltes waren die Schmerzen im Schulter-Nacken-Bereich deutlich regredient [...]. Wir empfehlen, die Physiotherapie ambulant weiterzuführen, zusätzlich ist die Patientin bereit, weiterhin mit einem Psychologen an ihren komplexen Problemen zu arbeiten. Am 20. Dezember 1998 kann die Patientin in gutem Allgemeinzustand und schmerzfrei wieder nach Hause entlassen werden." Weniger als drei Viertel Jahre nach dem Unfall waren somit kaum mehr organisch nachweisbare Beeinträchtigungen der Gesundheit vorhanden. Die behandelnden Ärzte der Reha-Klinik empfahlen eine möglichst baldige Arbeitsaufnahme anfangs Januar 1999. Die geklagten Beschwerden der Versicherten waren aus somatischer Sicht auch bei ihrem Aufenthalt in der Klinik V.________ gemäss polydisziplinärem Gutachten (S. 36) nur unzureichend erklärbar. Demnach standen die deutliche Fehlhaltung der gesamten Wirbelsäule ebenso wie die Verspannungen der Nackenmuskulatur im Zusammenhang mit dem erheblichen muskulären Ungleichgewicht bei einer allgemein verminderten Belastbarkeit infolge der Dekonditionierung. 6.2 Nach eingehender Würdigung der umfassenden medizinischen Unterlagen gelangte das kantonale Gericht zutreffend zur Überzeugung, nach rund dreijährigem Verlauf beherrschten praktisch ausschliesslich psychische bzw. psychogene Beschwerden das Störungsbild. Angesichts der bereits acht Monate nach dem Unfall diagnostizierten schweren psychosozialen Problematik ist nach dem Gesagten nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz die Adäquanzbeurteilung der anhaltend geklagten gesundheitlichen Beeinträchtigungen nach der Praxis gemäss BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa vornahm.