Citation: 6B_1376/2022 E. 2.4.2

2.4.2. Gemäss den verbindlichen vorinstanzlichen Feststellungen (vgl. Art. 105 Abs. 1 BGG) ist der zum Zeitpunkt des vorinstanzlichen Urteils 47-jährige Beschwerdegegner in der Schweiz geboren, ist zwischen dem 3. und dem 13. Lebensjahr in Italien aufgewachsen und lebt seither wieder in der Schweiz. Er verbrachte damit einen nicht unwesentlichen Teil seiner Kindheit und Adoleszenz in der Schweiz. Die in der Schweiz verbrachte Zeit war zweifelsohne prägend. Gleiches gilt jedoch für die bis zur Rückkehr in die Schweiz in Italien verbrachte (Schul-) Zeit, wobei zu berücksichtigen ist, dass seither 34 Jahre vergangen sind. Die wirtschaftliche und berufliche Integration des Beschwerdegegners war angesichts seiner langjährigen Arbeitslosigkeit und Fürsorgeabhängigkeit lange nicht gewährleistet, was die Vorinstanz unter anderem auf seine damalige psychische Verfassung zurückführt. Zwar ist mit der Vorinstanz positiv zu bewerten, dass der Beschwerdegegner trotz seiner langjährigen Arbeitslosigkeit im Jahr 2021 die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt geschafft und mittlerweile eine Vollzeitstelle als Hauswart inne hat. Angesichts der langen beruflichen Untätigkeit und finanziellen Abhängigkeit sowie in Berücksichtigung des bevorstehenden Vollzugs der mit dem vorinstanzlichen Urteil ausgesprochenen Freiheitsstrafe von 28 Monaten ist der Beschwerdeführerin jedoch zuzustimmen, dass die berufliche Wiedereingliederung mittel- bis langfristig nicht als nachhaltig oder stabil eingestuft werden kann. Damit kann trotz der als positiv zu bewertenden Entwicklung der letzten zwei Jahre insgesamt (noch) nicht von einer gelungenen wirtschaftlichen und beruflichen Integration gesprochen werden. Bezüglich der familiären Verhältnisse des Beschwerdegegners ist festzuhalten, dass er gemäss den vorinstanzlichen Feststellungen mit seiner heutige Ehefrau im Jahr 2020 zusammen kam, sie im Jahr 2021 heirateten, im September 2021 in eine neue Wohnung zogen und im März 2022 die gemeinsame Tochter zur Welt kam. Damit besteht eine nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre Beziehung des Beschwerdegegners, seiner Ehefrau und ihrer gemeinsamen minderjährigen Tochter. Angesichts des unbestrittenen intakten familiären Umfelds ist mit der Vorinstanz vom gemeinsamen Sorge- und Obhutsrecht der Eltern für die gemeinsame Tochter auszugehen, wie es dem gesetzlichen Normalfall entspricht (vgl. Art. 296 Abs. 2 ZGB). Auch ist zu berücksichtigen, dass der Beschwerdegegner zum aktuellen Unterhalt der Tochter und zu den übrigen gegenwärtigen Lebenshaltungskosten der Familie beiträgt. Dies lässt grundsätzlich auf eine gelungene familiäre Integration schliessen. Dass der Beschwerdegegner neben der Kernfamilie über weitere besonders intensive, über eine normale Integration hinausgehende private Beziehungen beruflicher oder gesellschaftlicher Natur verfügt, ergibt sich weder aus dem vorinstanzlichen Urteil noch bringt der Beschwerdegegner dies im Rahmen seiner Vernehmlassung vor. Betreffend die Möglichkeit einer Reintegration in seinem Heimatland führt die Vorinstanz einzig aus, der Beschwerdegegner spreche zwar Italienisch, sei jedoch seit über 20 Jahren nicht mehr in Italien gewesen und verfüge dort weder über stabile Bindungen noch sei er dort verwurzelt. Diesbezüglich ist zu ergänzen, dass der Beschwerdegegner einen nicht unbedeutenden Teil seiner Kindheit und Jugend in Italien verbrachte und dort auch die (Grund-) Schule besuchte. Insofern ist davon auszugehen, dass er mit der italienischen Kultur vertraut ist. Ferner weist die Beschwerdeführerin zutreffend darauf hin, dass im Bereich der Hauswartung, in welcher Branche der Beschwerdegegner in der Schweiz tätig ist, auch in Italien generell Nachfrage nach Arbeitskräften besteht, sodass der Beschwerdegegner angesichts seiner Kenntnisse der italienischen Sprache und Kultur auch auf dem italienischen Arbeitsmarkt intakte Chancen auf eine Arbeitsstelle haben dürfte. Selbst wenn die berufliche und soziale Integration des Beschwerdegegners in seinem Heimatland angesichts der fehlenden sozialen Bindungen mit einigen Herausforderungen verbunden sein dürfte, erscheint diese zumutbar. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Ehefrau des Beschwerdegegners französische Staatsangehörige mit Niederlassungsbewilligung C ist, die soweit ersichtlich in Frankreich aufgewachsen ist, - gemäss dem vom Beschwerdegegner nicht bestrittenen Vorbringen der Beschwerdeführerin - seit sechs bis sieben Jahren in der Schweiz lebt (Beschwerde S. 7; siehe auch erstinstanzliches Urteil S. 37) und hier als Bankangestellte arbeitstätig ist. Die Vorinstanz prüft in diesem Zusammenhang nicht, ob der Ehefrau und dem gemeinsamen Kleinkind die Ausreise nach Italien zumutbar ist. Jedoch führt sie im Rahmen der Interessenabwägung aus, die erste Instanz gehe nicht fehl, wenn sie festhalte, dass es dem Beschwerdegegner nicht von Vornherein unmöglich wäre, mit seiner jungen Familie nach Italien oder Frankreich überzusiedeln, gelangt jedoch zum Schluss, dies sei der Familie letztlich nicht ohne Weiteres zumutbar (Urteil S. 33). Während es der gemeinsamen Tochter, die sich im noch anpassungsfähigen Alter befindet, ohne Weiteres zumutbar ist, in Italien zu leben, erscheint dies betreffend der Ehefrau des Beschwerdegegners fraglich. Zwar ist angesichts ihrer relativ kurzen Aufenthaltsdauer nicht von einer Verwurzelung in der Schweiz auszugehen. Zudem gibt es auch in Italien Arbeitsplätze als Bankangestellte. Jedoch ergibt sich aus dem vorinstanzlichen Urteil nicht, ob die Ehefrau des Beschwerdegegners Italienisch spricht. Es erscheint daher zumindest zweifelhaft, ob der Ehefrau die Ausreise nach Italien ohne Weiteres zumutbar ist. Ob aufgrund des Ausgeführten, insbesondere unter dem Aspekt von Art. 8 Ziff. 1 EMRK ein Härtefall vorliegt, muss letztlich nicht abschliessend beurteilt werden. Selbst wenn ein persönlicher Härtefall im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB aufgrund der möglichen Trennung des Beschwerdegegners von seiner Familie zu bejahen wäre, würde die kumulativ erforderliche Interessenabwägung zu seinen Ungunsten ausfallen.