Citation: 8C_613/2022 E. 5.3.1

5.3.1. Die Gutachter der Gutachterstelle D.________ hatten Kenntnis vom Bericht (mit Operationsdatum vom 17. Februar 2020) des behandelnden Arztes Prof. Dr. med. E.________, Facharzt Chirurgie. Dieser äusserte sich zu den Befunden, die seiner Ansicht nach auf eine Selbstverletzung hindeuteten. Im Rahmen der Anamneseerhebung kontaktierten die Gutachterstelle D.________ Gutachter Prof. Dr. med. E.________ telefonisch. Dabei bestätigte er das bereits im Operationsbericht Gesagte nochmals. Er bemerkte, dass bei der Revision der Wunde für Hautinfektionen ganz unübliche Keime (zwei Darmkeime und Klebsiella) nachgewiesen worden seien. Ausserdem habe er bei einem operativen Eingriff mikroskopisch eine Einstichstelle dorsal der ursprünglichen Verletzung entdeckt, weshalb er eine Selbstverletzung mit einem nadelförmigen Instrument vermutet habe. In der Folge habe er während der chirurgischen Behandlung den sogenannten "Scotchcast" verabreicht und damit das ganze Infektionsgebiet abgedichtet. Danach habe die Beschwerdeführerin die Wunde nicht mehr manipulieren können. In dieser Zeit sei es zur Beruhigung und keinen weiteren Infektionen gekommen. Ihm falle auf, so Prof. Dr. med. E.________ weiter, dass die letzte Infektion in der Zeit aufgetreten sei, in der die Beschwerdeführerin nicht unter ärztlicher oder therapeutischer Aufsicht gestanden habe. Dieser Umstand habe seinen Verdacht auf eine selbstinduzierte Infektion deutlich erhärtet. Der orthopädische Gutachter der Gutachterstelle D.________ berichtete, dass die Verletzung, welche die Beschwerdeführerin am 3. Februar 2018 erlitten habe, auch beim Auftreten eines Infektes in der Tiefe des linken Unterschenkels spätestens nach sechs bis neun Monaten verheilt wäre. Das bei den Untersuchungen festgestellte desolate Zustandsbild sei ausschliesslich krankheitsbedingt. Aus dem psychiatrischen Teilgutachten der Gutachterstelle D.________ geht hervor, dass es sich bei der Selbstverletzung um eine selbst zugefügte Störung handelt (ICD-10 F68.10). Der Psychiater hielt fest, das einzige diagnostische Kriterium, das zu hinterfragen sei, sei die Voraussetzung, dass das gezeigte Verhalten nicht besser durch eine andere psychische Störung erklärt werden könne (z.B. eine wahnhafte Störung oder eine andere psychotische Störung). Er kam zum Schluss, dass bei der Beschwerdeführerin ein Verdacht auf eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.31) bestehe. Selbstverletzungen seien bei dieser Störung vergleichsweise häufig. Zudem seien bei der Beschwerdeführerin laut Austrittsbericht der Klinik F.________ psychotische und Derealisationsphänomene objektiviert worden. Bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen sowie bei psychotischen Störungen werde selbstverletzendes Verhalten jedoch in der Regel nicht verheimlicht. Ausserdem sei bei Selbstverletzungen im Rahmen psychischer Störungen die ärztliche Hilfe nicht das primäre Ziel der betroffenen Person. Bei der Beschwerdeführerin habe die vorgetäuschte Störung offensichtlich bewirkt, dass sie als behindert gelte und ihr vor diesem Hintergrund auch berufliche Tätigkeiten nicht mehr zugemutet würden. Die vorliegenden Umstände sprächen daher eher gegen eine Selbstschädigung aufgrund einer psychischen Störung. In ihrer Stellungnahme vom 30. März 2021 bestätigten die Gutachter nochmals, dass die Wundheilungsstörung durch eine Selbstverletzung verursacht worden sei. Wann diese begonnen habe, sei schwer zu erfassen. Spätestens ab dem Zeitpunkt, als Prof. Dr. med. E.________ die chirurgische Behandlung übernommen und Massnahmen ergriffen habe ("Scotchcast"), habe sich der Verdacht der Selbstverletzung erhärtet.