Citation: U 265/00 18.07.2002 E. 4

4.- Zu untersuchen ist zunächst, ob und inwieweit zwischen dem Unfall vom 29. September 1995 mit Schädel-Hirntrauma und den gesundheitlichen Störungen des Versicherten ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. a) aa) Der Beschwerdeführer leidet seit dem Unfall an Kopfschmerzen, die schon bald als insbesondere am Hinterhaupt lokalisiert beschrieben wurden. Die Kopfschmerzen des Versicherten werden durchwegs als (jedenfalls teilweise) postkommotionell bezeichnet (Bericht des Dr. med. F.________ vom 27. November 1995; Austrittsbericht der Rehabilitationsklinik Q.________ vom 19. April 1996; Bericht des Dr. med. M.________ vom 23. Juli 1996; Bericht des SUVAKreisarztstellvertreters Dr. med. G.________ vom 9. August 1996; Bericht des SUVA-Kreisarztes Dr. med. H.________ vom 8. November 1996; Gutachten des Dr. med. O.________ vom 18. November 1996; Austrittsberichte der Rehabilitationsklinik Q.________ vom 10. Juni 1997 und vom 29. September 1997 mit Ergänzung vom 9. Januar 1998). Kopfschmerzen gehören denn auch zum typischen Beschwerdebild eines Schädel-Hirntraumas. Vor dem Hintergrund der vom Beschwerdeführer erlittenen strukturellen Schädel-Hirn-Verletzung erscheinen die noch von der Rehabilitationsklinik Q.________ im Austrittsbericht vom 29. September 1997 attestierten und in einer Ergänzung vom 9. Januar 1998 als Unfallfolge bezeichneten postkommotionellen Kopfschmerzen als, medizinisch gesehen, plausible Unfallfolgen. Dies genügt in Bezug auf die Kopfschmerzen trotz nicht hinreichender organischer Nachweisbarkeit (Austrittsbericht der Rehabilitationsklinik Q.________ vom 29. September 1997) für die Annahme des natürlichen Kausalzusammenhanges (vgl. BGE 122 V 417 Erw. 2c). bb) Obwohl keine Verletzung eines Bewegungssegmentes der HWS festgestellt werden konnte, die einen Dauerschaden hätte hinterlassen können (Bericht des Dr. med. H.________ vom 11. April 1997), erscheinen auch die Nackenschmerzen als für die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs hinreichend plausible Unfallfolge. Denn erstens bezeichnet die Rehabilitationsklinik Q.________ die Nackenschmerzen trotz Verneinung eines die Beschwerden erklärenden somatischen Korrelats (Austrittsbericht vom 29. September 1997) ebenso wie die Kopfschmerzen als Unfallfolge (ergänzender Bericht vom 9. Januar 1998). Zweitens lassen sich Nackenschmerzen und okzipitale Kopfschmerzen vorliegend in Anbetracht der Enge der Verhältnisse im Kopf-/HWS-Bereich bei der Kausalitätsbeurteilung sinnvollerweise nicht trennen. Denn Dr. med. O.________ sah die Grundlage der Nackenschmerzen in einer Irritation und teilweisen Blockierung der Kopf- und oberen Nackengelenke, nahm an, dass die Schädelkontusion in Axialrichtung auch zu einer Stauchung im Atlantodentalgebiet geführt habe, und sah die okzipitalen Kopfschmerzen als Ausdruck einer posttraumatischen Kraniozervikalgie (Gutachten vom 18. November 1996). Drittens werden im sich auf die Folgen eines Schädel-Hirntraumas beziehenden BGE 117 V 382 Erw. 4b bei der Beschreibung der Symptome auch Nackenschmerzen erwähnt, wobei sich das typische Beschwerdebild nach Schädel-Hirntrauma gerade dadurch auszeichnet, dass die Beschwerden oft organisch nicht oder nicht hinreichend nachweisbar sind (vgl. RKUV 2000 Nr. U 395 S. 317 Erw. 3). cc) Als medizinisch plausible Unfallfolgen erscheinen schliesslich auch die ebenfalls zum typischen Beschwerdebild eines Schädel-Hirntraumas gehörenden Schwindelgefühle, auf die indessen nicht weiter eingegangen zu werden braucht, da aufgrund der Akten nicht anzunehmen ist und vom Versicherten auch nicht behauptet wird, dass diesen bei der Beurteilung des Gesundheitszustandes und dessen Folgen neben den Kopfschmerzen eine ins Gewicht fallende selbstständige Bedeutung zukommt. dd) Dass die vorstehend (Erw. aa-cc) als Unfallfolgen anzuerkennenden Beschwerden nicht nur dem Schädel-Hirntrauma zuzuschreiben, sondern zudem möglicherweise psychisch überlagert sind (Erw. 4c und 5 hienach), ist schon deshalb irrelevant, weil eine Teilursächlichkeit des Unfalls für die Bejahung der natürlichen Kausalität genügt. b) Gemäss Bericht der Medizinischen Abteilung des Spitals Z.________ vom 24. Juni 1997, wo der Versicherte vom 1. bis zum 13. Juni 1997 wegen einer akuten Lumboischialgie links L5 hospitalisiert war, war der Röntgenbefund der Lendenwirbelsäule (LWS) unauffällig. Die Computertomographie der LWS zeigte fragliche mediale kleine Diskushernien zwischen L4/L5 und L5/S1 ohne sicheren Nachweis einer Kompressionswirkung auf die entsprechenden Nervenwurzeln. Chronische Rückenschmerzen seien seit mehreren Jahren bekannt. Entgegen der Auffassung des Versicherten lässt sich die Unfallkausalität der Rückenbeschwerden ohne Vornahme diesbezüglicher medizinischer Abklärungen verneinen. Die Bejahung der natürlichen Kausalität im Sinne einer richtungweisenden Verschlimmerung eines degenerativen Vorzustandes der Wirbelsäule durch einen Unfall würde voraussetzen, dass röntgenologisch, in einer begrenzten Zeitspanne betrachtet, ein Zusammensinken der Wirbelkörper sowie das Auftreten oder die Verschlimmerung von Verletzungen nach einem Trauma ersichtlich wäre (RKUV 2000 Nr. U 363 S. 46 Erw. 3a). Für ein solches Vorkommnis enthalten die Akten bezüglich der erst nach einer über 1 1/2-jährigen Latenzzeit akut aufgetretenen LWS-Problematik des Versicherten keinerlei Anhaltspunkte, nachdem der Röntgenbefund unauffällig war. Dementsprechend bezeichnet auch der Hausarzt des Versicherten, Dr. med. M.________, dessen Rückenbeschwerden als krankheitsbedingt (Berichte vom 14. Juli 1997 und vom 21. November 1997). c) Soweit sich das Beschwerdebild lange nach dem Unfall z.B. in Form von nicht auf den Befund in der Lendenwirbelsäule zurückzuführenden (Bericht des Dr. med. M.________ vom 28. Februar 1998) Beschwerden im linken Bein noch ausweitete, ohne dass auf somatischer Ebene ein Korrelat hätte gefunden werden können und ohne dass es sich um typische Schädel-Hirntraumabeschwerden handeln würde, ist die natürliche Kausalität ebenfalls zu verneinen. Die medizinischen Akten enthalten hinreichende Anhaltspunkte für die Annahme, dass die auch neuropsychologisch dokumentierte Verschlechterung des Zustandes auf die psychosoziale Situation des Beschwerdeführers zurückzuführen ist. Dr. med. K.________, FMH für Psychiatrie und Psychotherapie an der Psychosomatischen Abteilung der Rehabilitationsklinik Q.________, diagnostizierte in seinem psychosomatischen Konsilium vom 18. September 1997 ein subdepressives Zustandsbild, welches vom Schweregrad her die Kriterien einer depressiven Episode nicht erfülle, und erklärte, die soziale Situation und die Perspektiven seien für den Exploranden reichlich deprimierend und aussichtslos, wobei seine psychische Reaktion etwa dem entspreche, was normalpsychologisch zu erwarten wäre. Gemäss neuropsychologischem Bericht der Frau lic. phil. C.________, Psychologin FSP, und des Dr. med. D.________, FMH für Neurologie, Leitender Arzt an der Rehabilitationsklinik Q.________, vom 17. September 1997, weisen die Befunde auf im Vordergrund stehende schmerzbedingte und psychoreaktiv bedingte Leistungsschwankungen sowie eine schmerzbedingte und psychoreaktive partielle Leistungsdekompensation hin. Die depressive Entwicklung wird zum einen mit den anhaltenden Kopfschmerzen und zum andern mit der ungesicherten sozialen Situation mit unsicherer Zukunftsperspektive begründet. Soweit die depressive Entwicklung auf die seit dem Unfall bestehenden Kopfschmerzen zurückzuführen ist, ist sie mit der Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs der Kopfschmerzen mitsamt psychischer Überlagerung (Erw. 4a/aa hievor) bereits berücksichtigt. Soweit sie indessen mit der psychosozialen Situation zu erklären ist, ist ohne weitere Abklärungen davon auszugehen, dass es sich um einen unfallfremden Aspekt handelt (vgl. RKUV 2001 Nr. U 412 S. 80). d) Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die verbleibenden Folgen der vom Beschwerdeführer beim Unfall vom 29. September 1995 erlittenen schweren Kopfverletzung nicht nur aus den organisch gesicherten Befunden in Form einer Sensibilitätsstörung in den linken Zehen und einer diskreten Halbseitensymptomatik bestehen. Vielmehr sind nebst diesen als solche nicht invalidisierenden Befunden - nach Auffassung des Dr. med. O.________ stand Ende 1996 aus neurologischer Sicht nichts entgegen, dass der Versicherte ausser dem Tragen oder Anheben schwerer Lasten (einschliesslich Arbeiten mit der Schaufel) wieder als Bauhilfsarbeiter tätig würde - und der die Arbeitsfähigkeit ebenfalls nicht nennenswert einschränkenden (ergänzender Bericht der Rehabilitationsklinik Q.________ vom 9. Januar 1998) minimalen Hirnfunktionsstörung auch die Kopf- und Nackenschmerzen als Unfallfolgen zu betrachten, nicht dagegen die weiteren Rückenbeschwerden und die (zum Teil damit einhergehende) Symptomausweitung (partielle Leistungsdekompensation, betontes Schmerzverhalten, Subdepressivität usw.).