Citation: 6B_478/2022 E. 6.2

6.2. Die Vorinstanz verweist auf die erstinstanzlichen Erwägungen und hält fest, es sei erstellt, dass die Beschwerdeführerin anlässlich ihres Aufenthalts auf dem Bundesplatz am 2. Mai 2020 von der Polizei mittels Lautsprecher und anschliessend noch individuell belehrt sowie weggewiesen worden sei. Bei ihrem Aufenthalt vom 16. Mai 2020 sei sie individuell belehrt und weggewiesen worden. Die mit den mündlichen Verfügungen verbundenen Verhaltensanweisungen (Wegweisung resp. Aufforderung, die Örtlichkeit zu verlassen) seien hinreichend klar umschrieben gewesen. Die Kantonspolizei sei für den Erlass der Wegweisungsverfügungen unter Strafandrohung von Art. 292 StGB zuständig gewesen. Die (mündliche) Form dieser Verfügungen sei nicht zu beanstanden. Sie seien der Beschwerdeführerin rechtsgültig eröffnet worden (Urteil S. 23 ff. E. 18.3; erstinstanzliches Urteil S. 12 ff.). Weiter erwägt die Vorinstanz, Art. 292 StGB sei subsidiär gegenüber Strafnormen, die besondere Formen des "Ungehorsams" gegen staatliche Anordnungen unter Strafe stellen würden. Gemäss Rechtsprechung stelle Art. 292 StGB ein Delikt gegen die öffentliche Gewalt dar und solle in erster Linie die Durchsetzung hoheitlicher Anordnungen erleichtern. Geschützt werde damit letztlich die staatliche Autorität. Demgegenüber verfolge die COVID-19-Verordnung 2 (in den hier zu interessierenden Fassungen) insbesondere den Zweck die Verbreitung des Coronavirus in der Schweiz zu verhindern bzw. einzudämmen und besonders gefährdete Personen zu schützen. Folglich diene die COVID-19-Verordnung 2 insbesondere dem Schutz der öffentlichen Gesundheit. Art. 10f Abs. 2 lit. a i.V.m. Art. 7c Abs. 1 COVID-19-Verordnung 2 erfasse gemäss diesbezüglich klarem Wortlaut eben gerade nicht den "Ungehorsam", der demgegenüber Art. 292 StGB zugrunde liege. Aufgrund der unterschiedlichen Rechtsgüter der in Frage stehenden Normen stelle sich die Frage der Subsidiarität nicht. Dies selbst dann nicht, wenn sich die Polizei bei der Durchsage auf die Regelungen gemäss COVID-19-Verordnung 2 berufen habe, sei dies doch auch der Grund für die damalige Wegweisung gewesen. Die Beschwerdeführerin sei des mehrfachen Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen, begangen am 2. und 16. Mai 2020 in Bern, schuldig zu erklären (Urteil S. 25 E. 18.3).