Citation: 6P.61/2003 26.06.2003 E. 1

Der Kassationshof wies in seinem Urteil vom 29. November 2002 die Vorinstanz an abzuklären, ob und gegebenenfalls in welchem Moment für die Beschwerdeführerin bei der gebotenen Aufmerksamkeit Anzeichen dafür erkennbar gewesen seien, dass die Fussgängerin in Missachtung ihrer Pflichten die Strasse in einem Zug überqueren könnte, und ob gegebenenfalls bei Einleitung eines Bremsmanövers in diesem Zeitpunkt die Kollision hätte vermieden werden können (E. 2.3). 1.1 Gemäss den Ausführungen der Vorinstanz sagte die Beschwerdeführerin aus, dass die Fussgängerin relativ schnell gelaufen sei; sie (die Beschwerdeführerin) habe gedacht, die Fussgängerin werde auf der Verkehrsinsel anhalten, doch sei die Fussgängerin weitergeeilt, ohne dass Augenkontakt bestanden habe (angefochtenes Urteil S. 5/6). Daraus hätte sich nach der Auffassung der Vorinstanz für die Beschwerdeführerin erkennbarerweise aber ergeben müssen, dass die Fussgängerin in Verletzung ihrer Wartepflicht gemäss Art. 47 Abs. 2 Satz 2 VRV die Strasse ohne Halt auf der Insel in einem Zug überqueren würde. Anzeichen hiefür seien das eilige Vorwärtsschreiten und das Unterbleiben eines Augenkontakts gewesen. Zudem weise die Verkehrsinsel im konkreten Fall keine Erhöhung und auch keine andere bauliche Massnahme auf, welche eine natürliche Unterbrechung oder Verzögerung der Überquerung erwarten lassen könnten (angefochtenes Urteil S. 6). 1.2 Mindestens als die Fussgängerin ca. 4 m vor dem Ende der Insel ohne Blick nach rechts eilig weiter vorwärts geschritten sei, hätte nach Auffassung der Vorinstanz die Beschwerdeführerin eine Vollbremsung einleiten müssen. Ab diesem Moment habe die Fussgängerin bei einer Gehgeschwindigkeit von 2,77 m/sec bis zur Kollisionsstelle ca. 1,5 Sekunden benötigt. In diesem Zeitraum habe die Beschwerdeführerin ihrerseits bei einer Fahrgeschwindigkeit von 45 km/h 18,75 m beziehungsweise bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h 20,8 m zurückgelegt. Die Beschwerdeführerin sei also in dem Moment, als sie wegen erkennbarer Anzeichen eines Fehlverhaltens der Fussgängerin hätte eine Vollbremsung einleiten müssen, 18,75 m beziehungsweise 20,8 m von der Kollisionsstelle entfernt gewesen. Der Anhalteweg sei aber länger gewesen. Er habe, wie bereits im ersten Urteil vom 26. April 2002 festgehalten worden sei, maximal 25,6 m betragen, da der Beschwerdeführerin eine Reaktionszeit von höchstens 0,6 sec zuzubilligen sei, weil sie in Anbetracht der die Gegenfahrbahn in Richtung Insel überquerenden Fussgängerin schon vor der gebotenen Vollbremsung hätte Bremsbereitschaft erstellen müssen. Da der Anhalteweg von 25,6 m länger als die Distanz von 18,75 m beziehungsweise 20,8 m bis zur Kollisionsstelle gewesen sei, hätte auch bei der gebotenen Vollbremsung eine Kollision zwischen dem Personenwagen der Beschwerdeführerin und der Fussgängerin nicht vermieden werden können (angefochtenes Urteil S. 6 E. 1). Daher sei die Beschwerdeführerin vom Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung, begangen durch Missachten des Vortritts gegenüber der Fussgängerin auf dem Fussgängerstreifen, freizusprechen (angefochtenes Urteil S. 6 E. 1). 1.3 Indem die Beschwerdeführerin vor der Kollision mit der Fussgängerin aber überhaupt nicht gebremst habe, habe sie keine angemessene Reaktion gezeigt, weshalb ihr mangelnde Aufmerksamkeit vorzuwerfen sei. Die Beschwerdeführerin sei deshalb der mangelnden Aufmerksamkeit im Sinne von Art. 3 Abs. 1 VRV i.V.m. Art. 90 Ziff. 1 SVG schuldig zu sprechen (angefochtenes Urteil S. 6/7 E. 2).