Citation: 6B_513/2021 E. 1.4.2

1.4.2. Die Vorinstanz berücksichtigt bei der Frage, ob ein Härtefall vorliegt, zutreffend, dass der in der Schweiz geborene 26-jährige Beschwerdeführer, ein Ausländer zweiter Generation, ein hohes Interesse am Verbleib in der Schweiz hat. Ihre Feststellungen, welche das Bundesgericht seinem Entscheid zugrunde legt (Art. 105 Abs. 1 BGG), lassen den Schluss zu, dass der Beschwerdeführer in persönlicher Hinsicht sowohl in der Schweiz als auch in seinem Heimatland Türkei gut integriert ist, da die engsten Familienangehörigen auf beide Länder verteilt leben und er gute Kontakte in beiden Ländern pflegt. Der Beschwerdeführer spricht die Sprachen von Gast- und Heimatland, schreiben kann er bloss Deutsch. Weiter berücksichtigt die Vorinstanz, dass der Beschwerdeführer seit zwei Jahren eine Lebenspartnerin in der Schweiz hat, wobei diese bereit wäre, ihm in die Türkei zu folgen. Den vorinstanzlichen Ausführungen, dass keine besonders enge persönliche Verbindung zur Schweiz bestehe, kann angesichts der Tatsache, dass der Beschwerdeführer hier geboren ist, seine gesamte Schul- und Berufsbildung absolviert hat und ein sozialübliches persönliches Umfeld pflegt, nicht gefolgt werden. Zwar verfügt der erwachsene Beschwerdeführer weder in der Schweiz noch in der Türkei über eine Kernfamilie, bestehend aus Ehepartnerin und eigenen Kindern, und kann sich insoweit nicht auf das Recht auf Familienleben nach Art. 8 Ziff. 1 EMRK berufen (BGE 144 I 266 E. 3.3, 91 E. 4.2; 144 II 1 E. 6.1; je mit Hinweisen). Indessen führt der Umstand, dass er sein ganzes Leben in der Schweiz verbracht hat und hier über ein normales Umfeld verfügt, zu einer engen Bindung zur Schweiz. Gemessen an seiner Aufenthaltsdauer erachtet die Vorinstanz die wirtschaftliche Integration des Beschwerdeführers als mässig. Die Vorinstanz begründet dies nachvollziehbar mit der längeren Arbeitslosigkeit nach Abbruch der zweiten Lehre, der mehrfachen beruflichen Umorientierung und der langen Dauer bis zum Erlangen einer Festanstellung, wobei der Beschwerdeführer noch am Anfang seiner Karriere stehe. Diese Ausführungen sind nicht zu beanstanden. Mit der Vorinstanz ist anzunehmen, dass der dreimalige Berufswechsel des 26 Jahre jungen Beschwerdeführers innert 10 Jahren ab Vollendung der obligatorischen Schulzeit (Lehre als Metallbauschlosser, abgebrochene Lehre als Logistiker, Umschulung zum Gebäudereiniger,) und die zeitweise finanzielle Abhängigkeit von seinen Verwandten von wenig Konstanz zeugt. Dies gilt, obschon dem Beschwerdeführer seine berufliche Integration mittlerweile gelungen ist (Festanstellung als Gebäudereiniger zu 50% seit dem Juni 2020) und er mit seiner gegenwärtigen Tätigkeit für seinen Lebensunterhalt aufkommen kann. Angesichts der konkreten Umstände wäre es entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers verfehlt, von einer mustergültigen wirtschaftlichen Integration und von besonderen Bemühungen auszugehen. Es darf von jedem Bürger erwartet werden, dass er im Rahmen seiner Möglichkeiten für seinen Lebensunterhalt aufkommt und auch entsprechende Schulungen bzw. Umschulungen absolviert. Dass heute eine Person nicht während ihrer gesamten beruflichen Karriere im angestammten Beruf arbeitet, sei es aus gesundheitlichen oder anderen Gründen, ist nicht aussergewöhnlich. Der Beschwerdeführer hebt sich mit seiner Umschulung deshalb nicht von der Masse ab. Ob die Vorinstanz die Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers zu Recht in Zweifel zieht, weil der Beschwerdeführer entgegen der ärztlich bescheinigten Arbeitsunfähigkeit eine Vollzeitstelle gesucht hat, kann daher offen bleiben. Weiter geht die Vorinstanz zutreffend davon aus, dass sich die gesundheitlichen Beschwerden (Cluster-Kopfschmerzen und Akne am Bein) nicht nur in der Schweiz, sondern auch in der Türkei angemessen behandeln lassen. Ebenso wenig ist zu beanstanden, dass die Vorinstanz von intakten Resozialisierungschancen des Beschwerdeführers im Gast- und Heimatland ausgeht, zumal er die Sprachen beider Länder spricht, über nahe Verwandte an beiden Orten verfügt und entsprechend verwurzelt ist. Seine abgeschlossenen Ausbildungen als Metallbauschlosser (angestammter Beruf) und Gebäudereiniger ermöglichen es ihm, nicht nur im Gast-, sondern auch im Heimatland eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Durch die Bereitschaft seiner Lebenspartnerin, ihm ins Ausland zu folgen, kann er seine bestehende Beziehung aufrecht erhalten und zusätzlich von seinem bestehenden sozialen Netz in der Türkei profitieren. Eine Landesverweisung stellt angesichts der langen Aufenthaltsdauer des Beschwerdeführers im Gastland, der hier verbrachten Kindheit und Jugendjahre, seinen intakten persönlichen Beziehungen und seiner mittlerweile erlangten wirtschaftlichen Selbständigkeit angesichts der konventionsrechtlichen Garantien von Art. 8 Ziff. 1 EMRK einen Eingriff in das Privatleben des Beschwerdeführers dar, selbst wenn es sich in einzelnen Punkten nicht um eine besonders gelungene, sondern um eine eher mässige Integration handelt. Somit ist die erste Voraussetzung von Art. 66a Abs. 2 StGB erfüllt und liegt ein schwerer persönlicher Härtefall vor. Deshalb ist nachfolgend auf die Interessenabwägung einzugehen.