Citation: 2A.311/2004 08.09.2004 E. 2

2.1 Zweck des Familiennachzuges ist es, das Leben in der Familiengemeinschaft zu ermöglichen. Der Gesetzeswortlaut (Art. 17 Abs. 2 Satz 3 ANAG) verdeutlicht, dass die rechtliche Absicherung des Zusammenlebens der Gesamtfamilie angestrebt wird: Verlangt ist ausdrücklich, dass die Kinder mit ihren Eltern (Plural) zusammen wohnen werden. Auch die innere Systematik von Art. 17 Abs. 2 ANAG geht vom Zusammenleben mit Mutter und Vater aus. Die Nachzugsregelung ist mithin auf Familien zugeschnitten, in denen die (leiblichen) Eltern einen gemeinsamen ehelichen Haushalt führen (BGE 129 II 11 E. 3.1.1; S. 126 II 329 E. 2a S. 330, je mit Hinweisen). 2.2 Hinsichtlich der Anerkennung eines Anspruchs auf nachträglichen Familiennachzug im Lichte von Art. 17 ANAG unterscheidet die bundesgerichtliche Rechtsprechung daher zwischen zusammenlebenden Eltern und getrennt lebenden Eltern (BGE 126 II 329 ff.). Nach der Rechtsprechung ist der nachträgliche Familiennachzug durch Eltern, die sich beide in der Schweiz niedergelassen haben und einen gemeinsamen ehelichen Haushalt führen, möglich, ohne dass besondere stichhaltige Gründe die beabsichtigte Änderung der Betreuungsverhältnisses rechtfertigen müssen. Innerhalb der allgemeinen Schranken von Art. 17 Abs. 2 Satz 3 ANAG ist somit der Nachzug von gemeinsamen Kindern grundsätzlich jederzeit zulässig; vorbehalten bleibt einzig das Rechtsmissbrauchsverbot (BGE 126 II 329 E. 3b S. 332). Die Praxis ist hingegen aufgrund der unterschiedlichen familiären Situation wesentlich restriktiver, wenn der nachträgliche Familiennachzug von Kindern getrennter bzw. geschiedener Eltern in Frage steht: Bei einem Kind getrennt lebender Eltern führt der Umzug in die Schweiz - namentlich dann, wenn das Kind im Ausland vom andern Elternteil selbst betreut worden ist - nicht ohne weiteres zu einer engeren Einbindung in die Familiengemeinschaft. Es wird lediglich die Obhut eines Elternteils durch jene des anderen ersetzt, ohne dass die Familie als ganzes näher zusammengeführt würde. In solchen Fällen setzt der nachträgliche Nachzug eines Kindes daher voraus, dass eine vorrangige Bindung des Kindes zum in der Schweiz lebenden Elternteil nachgewiesen ist und besondere stichhaltige familiäre Gründe, zum Beispiel eine Änderung der Betreuungsmöglichkeiten, dieses Vorgehen rechtfertigen (BGE 129 II 11 E. 3.1.3 S. 15; 126 II 329 E. 2a und 3b S. 330/332). Solche Gründe dürfen nicht leichthin bejaht werden. Es gelten hohe Beweisanforderungen (BGE 124 II 361 E. 4c S. 370/371); an den Nachweis der fehlenden Betreuungsmöglichkeiten im Heimatland sind - zumal es aus integrationspolitischer Sicht nicht erwünscht ist, dass Jugendliche erst kurz vor Erreichen der Altersgrenze in die Schweiz geholt werden (Urteil 2A.34/2002 vom 22. Mai 2002, E. 3.4) - umso höhere Anforderungen zu stellen, je älter das Kind ist bzw. je grösser die ihm in der Schweiz drohenden Integrationsschwierigkeiten sind (BGE 129 II 11 E. 3.3.2 S. 16). 2.3 Die Beschwerdeführerin ist im August 1992 ohne ihren damals 5 1/2 Jahre alten Sohn von Bosnien-Herzegowina in die Schweiz übergesiedelt. Nach ihren Angaben hielt sich der Sohn bis zu seinem Umzug in die Schweiz Ende November 1995 in seiner Heimat auf, wo er vorerst von seinem Vater und hernach von den Grosseltern väterlicherseits betreut wurde. Vom 28. November 1995 bis Ostern 1996 lebte B.________ zusammen mit der Beschwerdeführerin, seinem Stiefvater und seinem 1994 geborenen Halbbruder in J.________. Nach Darstellung der Beschwerdeführerin sei B.________ in den Frühlingsferien des Jahres 1996 "mittels eines Trickes" durch die vom Kindsvater beauftragten Grosseltern "entführt" worden. In der Folge hielt sich B.________ - immer nach der Darstellung der Beschwerdeführerin - wieder in seiner Heimat bei den Grosseltern väterlicherseits auf. Von 1999 bis 2002 besuchte er die Internatsklosterschule in M.________. Diese Ausbildung schloss er im Jahre 2002 ab. Die Beschwerdeführerin macht geltend, ihre Rückführungsbemühungen seien an der Uneinsichtigkeit des leiblichen Vaters bzw. der Grosseltern B.________'s gescheitert, wobei sie von ihrem ersten Ehemann massiv und ernsthaft mit dem Tod bedroht worden sei. Erst die Pubertät B.________'s und die Betreuungsunfähigkeit der Grosseltern väterlicherseits hätten die Front mit der Zeit aufgeweicht, weshalb sie B.________ am 12. August 2002 zu sich in die Schweiz habe holen können. 2.4 Das Verwaltungsgericht erwog im Wesentlichen, die Beschwerdeführerin habe nach Ostern 1996 keine Schritte mehr in die Wege geleitet, um ihren Sohn mit behördlicher Hilfe in die Schweiz zurückzuholen. Es erscheine wenig glaubwürdig, dass der von der Beschwerdeführerin geltend gemachte Widerstand des leiblichen Vaters ihres Sohnes, der nach ihren Ausführungen Jahre gedauert habe und äusserst massiv gewesen sei, mit der Pubertät B.________'s plötzlich nachgelassen habe. Vielmehr müsse davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin ihren Sohn erst in die Schweiz habe nachziehen wollen, nachdem seine Schulausbildung in der Heimat beendet gewesen sei. Auch wenn die Beziehung B.________'s zu seinen Grosseltern naturgemäss nicht mehr so eng sei wie vor dem Eintritt in die Klosterschule, vermöge die Beschwerdeführerin den Nachweis nicht zu erbringen, dass die Grosseltern väterlicherseits als Betreuungspersonen für ihren Enkel nicht mehr in Frage kämen, zumal er heute siebzehn Jahre alt sei und keiner intensiven Betreuung mehr bedürfe (angefochtenes Urteil S. 13-15).