Citation: U 307/99 08.09.2000 E. 4

4.- a) Die Rechtsprechung zum adäquaten Kausalzusammenhang bei Schleudertraumen der HWS, nach welcher nicht unterschieden wird, ob die Beschwerden mehr organischer und/oder psychischer Natur sind (BGE 117 V 363 Erw. 5d/aa), geht davon aus, dass diese Beschwerden miteinander eng verwoben sind und eine "Differenzierung angesichts des komplexen und vielschichtigen Beschwerdebildes in heiklen Fällen gelegentlich grosse Schwierigkeiten bereitet" (BGE 117 V 364 Erw. 5d/aa). Voraussetzung für die Anwendung dieser Praxis ist, dass die psychischen Beschwerden aus dem Unfall hervorgehen und zusammen mit den organischen Gesundheitsstörungen, die ebenfalls auf das Unfallereignis zurückzuführen sind, ein komplexes Gesamtbild ergeben. b) Dem Gutachten des ZMB vom 25. März 1996 ist bezüglich des gesundheitlichen Zustands der Beschwerdeführerin nach dem Unfall vom 26. Mai 1995 zu entnehmen, dass sie "nach einem weiteren Autounfall mit indirektem HWS-Distorsionstrauma ... am Arbeitsplatz offenbar Fehlleistungen infolge Konzentrationsstörungen ... zeigte". Gleichenorts wurde vermerkt, nach dem Unfall im Mai 1995 habe sich eine weitere Verschlechterung des psychischen Zustands eingestellt. Dr. med. C.________ führte in seiner Expertise vom 25. August 1998 seinerseits aus, man könne davon ausgehen, dass die neuropsychologischen Symptome und die depressive Entwicklung erst nach dem Unfall vom 26. Mai 1995 mit genügender Sicherheit zu erkennen seien. Bei den testmässig festgestellten neuropsychologischen Einschränkungen (Konzentrations-, Gedächtnis- und Lesestörungen, schwere kognitive Teilleistungsstörungen im Bereich der Aufmerksamkeit und des verbalen Gedächtnisses, starke Verlangsamung und erhöhte Ermüdbarkeit bzw. verminderte Belastbarkeit) handle es sich um Störungen, die im Rahmen der chronischen Belastung mit Schmerzen sowie als Folge der Depression zu erklären seien. Er kommt zum Schluss, dass die neuropsychologischen Störungen und die reaktive Depression mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 50 % auf das Unfallereignis vom 26. Mai 1995 zurückzuführen seien. Was die Befunde und Beschwerden im HWS-Bereich mit Ausstrahlung kopfwärts und in die Arme sowie die vegetativen Begleitsymptome (Geräusche in den Ohren, Schwindelgefühle, Augenflimmern) anbelangt, macht er hierfür zu 50 % den Unfall aus dem Jahre 1991 und zu 20 % denjenigen vom 26. Mai 1995 verantwortlich. Im Lichte dieser Ausführungen wird deutlich, dass der Vorfall vom 26. Mai 1995 den Gesundheitszustand der Versicherten zwar hauptsächlich in psychischer, indem er indes klare und gewichtige körperliche Folgen zeitigte, zumindest teilweise auch in somatischer Hinsicht geprägt hat. Es liegen mithin Verhältnisse vor - das Ineinanderfliessen von organischen und psychischen Unfallfolgen -, welche keine Differenzierung im beschriebenen Sinne zulassen. Auch wenn das Unfallereignis vom Mai 1995 schwergewichtig Auswirkungen im Bereich der Psyche ausgelöst hat, ist entgegen der Betrachtungsweise von Vorinstanz und Beschwerdegegnerin nicht von einem Beschwerdebild auszugehen, in welchem die typischerweise zu einem Schleudertrauma gehörenden Beeinträchtigungen durch die psychische Problematik in den Hintergrund gedrängt worden sind. Der Umstand schliesslich, dass die Beschwerdeführerin an Folgen mehrerer Unfälle leidet, vermag an der Anwendung der den vorliegenden Verhältnissen einzig gerecht werdenden Rechtsprechung zum adäquaten Kausalzusammenhang bei Schleudertraumen der HWS nichts zu ändern. Vielmehr ist ein Zusammentreffen verschiedener Schadenursachen allenfalls nach Art. 36 Abs. 2 UVG zu berücksichtigen. c) Ausgehend vom augenfälligen Geschehensablauf sowie den erlittenen Verletzungen hat das kantonale Gericht den Unfall vom 26. Mai 1995 im Rahmen der Einteilung, wie sie für die Belange der Adäquanzbeurteilung vorzunehmen ist (vgl. BGE 117 V 366 Erw. 6a, 383 Erw. 4b), angesichts der Rechtsprechung (dargestellt in RKUV 1999 Nr. U 330 S. 122 ff. Erw. 4b/bb sowie RKUV 1995 Nr. U 215 S. 91) zu Recht dem mittleren Bereich und innerhalb dieser Gruppe den leichteren Unfällen zugeordnet. Dieser Beurteilung ist beizupflichten. Ob der adäquate Kausalzusammenhang gegeben ist, beurteilt sich mithin anhand der in BGE 117 V 367 Erw. 6a aufgelisteten Kriterien. Diese müssen bei Unfällen, die - wie vorliegend - innerhalb der mittleren Kategorie eher im Grenzbereich zu den leichten Ereignissen einzureihen sind, indes in gehäufter oder auffallender Weise erfüllt sein, damit die Adäquanz bejaht werden kann (BGE 117 V 368 Erw. 6b). Die seitliche Kollision eines Personenwagens mit einem anderen Fahrzeug erweist sich bei objektiver Betrachtung nicht als derart gravierend, dass von besonders dramatischen Begleitumständen oder einer besonderen Eindrücklichkeit des Unfalles gesprochen werden könnte. Hingegen leidet die Beschwerdeführerin seit dem Unfall unter Konzentrationsstörungen, rascher Ermüdbar- sowie Vergesslichkeit, ständigen "komischen" Geräuschen in den Ohren, immer wieder auftretenden Schwindelgefühlen, Augenflimmern, Gefühllosigkeit in den Fingern und gelegentlich auch im rechten Bein sowie starken Schmerzen im Nacken- und rechten Armbereich. Diese Symptome sind nach Angaben der Beschwerdeführerin seit dem Unfallereignis zwar mehr oder weniger unverändert geblieben, insgesamt werde jedoch - so die Versicherte gegenüber Dr. med. C.________ - "alles schlimmer, sie sei psychisch nicht mehr stabil und sofort gestresst". Ein halbes Jahr nach dem Unfall traten denn auch Alpträume sowie tagsüber Panikattacken auf, welche nebst zunehmenden Stressgefühlen das Aufsuchen eines Psychiaters notwendig machten und 1997 zu einem nervlichen Zusammenbruch sowie allgemein zu einer Einschränkung der psychischen Belastbarkeit führten. In Anbetracht der Häufung verschiedener, für das Schleudertrauma der HWS typischer Beschwerden und namentlich auch ihrer schwerwiegenden Auswirkungen ist im vorliegenden Fall das Kriterium der besonderen Art der Verletzung zu bejahen. Gleiches gilt angesichts der Fortdauer von somatischen und psychischen Gesundheitsstörungen auch für das Kriterium der Dauerbeschwerden. Des Weitern schätzte Dr. med. C.________ die Beschwerdeführerin infolge ihrer Leiden noch im Zeitpunkt seiner Begutachtung (vom 25. August 1998) - mithin über drei Jahre nach dem Unfallgeschehen - in der freien Wirtschaft als vollständig sowie im Bereich Haushalt und Garten als zu 60 bis 70 % arbeitsunfähig ein, sodass auch Grad und Dauer der Arbeitsunfähigkeit als weiteres Kriterium zu bejahen ist. Sodann fällt der schleppende Heilungsverlauf auf, sind die Beschwerden, welche die Versicherte insgesamt sogar als immer intensiver empfindet, seit dem Unfall von 1995 in Qualität und Schwere doch unverändert geblieben und dauern unvermindert fort. Der Heilungsprozess muss somit als schwierig im Sinne der dargelegten Rechtsprechung bezeichnet werden. Zu bejahen ist im Weiteren auch das Kriterium der ungewöhnlichen Dauer der ärztlichen Behandlung, ist doch aktenkundig, dass die Beschwerdeführerin seit dem Unfallzeitpunkt auf Grund ihrer Leiden diverse medizinische Fachpersonen konsultiert hat, die verschiedenen Massnahmen und Therapien indes - wenn überhaupt - lediglich zu einer vorübergehenden, nicht aber zu einer namhaften Besserung geführt haben. Auf Grund dieser Gesamtwürdigung kommt dem Unfall vom 26. Mai 1995 eine, wenn auch nicht alleinige, so doch massgebende Bedeutung für die Entstehung der festgestellten Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit zu, weshalb die Adäquanz entgegen der Auffassung der Vorinstanz und der Beschwerdegegnerin zu bejahen ist. Die Berner, an welche die Sache zurückzuweisen ist, wird somit in Bejahung des natürlichen und adäquaten Kausalzusammenhanges sowie unter Berücksichtigung von Art. 36 Abs. 2 UVG über den Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin neu zu befinden haben.