Citation: 7B_268/2022 E. 2.3.2

2.3.2. Fraglich ist, wie es sich damit verhält, dass der frühere Rechtsvertreter nach dem erstmaligen Hinweis der Erstinstanz auf die Möglichkeit einer Landesverweisung nicht um einen Unterbruch der Hauptverhandlung ersucht hat. Zuzustimmen ist dem Beschwerdeführer zumindest insofern, als bei der Landesverweisung die persönlichen Lebensumstände der betroffenen Person von erheblicher Relevanz sind. Entsprechend wichtig scheint es, dass die Verteidigung über diese im Bilde ist und sich mit der beschuldigten Person über die Voraussetzungen der Landesverweisung ausgetauscht hat. Ob und inwieweit vorliegend im Vorfeld der erstinstanzlichen Hauptverhandlung ein solcher Austausch stattgefunden hat, ist unklar. Fest steht einzig, dass die Staatsanwaltschaft in der Anklage keine Landesverweisung beantragt hatte und diese behördenseitig von der Erstinstanz anlässlich der Verhandlung erstmals aufs Tapet gebracht worden ist. Sollte die Möglichkeit einer Landesverweisung im Vorfeld auch vom Verteidiger (quasi vorsorglich) nie mit dem Beschwerdeführer diskutiert worden sein, wäre es wohl angebracht gewesen, zwecks entsprechender Instruktionen um einen Unterbruch der Verhandlung zu ersuchen. Das Versäumnis der früheren Verteidigung konnte jedoch im Berufungsverfahren, in dem die Vorinstanz mit voller Kognition über die umstrittene Landesverweisung entschied, geheilt werden. Es stellt deshalb nicht eine derart eklatante Pflichtverletzung dar, dass die Vorinstanz das Verfahren gestützt auf Art. 409 Abs. 1 StPO an die Erstinstanz hätte zurückweisen müssen.