Citation: 2C_460/2017 E. 3.5.4

3.5.4. Bezüglich des Vorfalls vom 28. Januar 2012 sagte die Beschwerdeführerin anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 15. Februar 2012 aus, der Nachbar ihrer Freundin habe sie nach Hause gebracht, es sei ca. 02.30 Uhr gewesen. Ihr Ehemann sei sehr aufgeregt gewesen und habe sie, kaum sei sie im Korridor gewesen, beim Eingang zum Kinderzimmer mit der Faust auf die Nase geschlagen. Sie sei rückwärts auf die Matratze im Kinderzimmer gefallen und habe für ein paar Sekunden das Bewusstsein verloren. Anschliessend habe ihr Ehemann sie an den Füssen dem Boden entlang ins Badezimmer gezogen, weshalb sie Druckstellen am Rücken erlitten habe. Im Badezimmer sei sie aufgestanden, habe in den Spiegel geschaut und sei im Gesicht voller Blut gewesen. Als sie nach Hilfe gerufen habe, habe er sie von hinten mit einem Tuch gewürgt und erst von ihr abgelassen, als sie zu husten angefangen habe. Dann habe er sie ausgezogen und unter die kalte Dusche gestellt. Der Ehemann schilderte den Vorfall in seiner schriftlichen Stellungnahme an die Kantonspolizei Schwyz vom 6. Februar 2012 grundlegend anders. Die Beschwerdeführerin sei um ca. 02.30 Uhr abermals völlig betrunken nach Hause gekommen. Sie habe sich am Eingang ausgezogen und im Waschraum an der Waschmaschine hantiert. Nachdem er sie gebeten habe, im Gästezimmer (das Kinderzimmer dient als Gästezimmer) zu schlafen und Richtung Schlafzimmer gegangen sei, habe sie den Weihnachtsbaum umgeschlagen, das Haustelefon durch das Wohnzimmer geworfen, sei auf ihn los gerannt, habe ihn angeschrien, er solle doch im Gästezimmer schlafen, habe mit den Fäusten auf ihn eingeschlagen und ihn getreten. Er habe sie von hinten gepackt, ins Gästezimmer gebracht und die Türe geschlossen. Kurz darauf sei die Beschwerdeführerin aus dem Gästezimmer getreten, habe bemerkt dass ihre Nase blutet und ihn angeschrien, er habe sie geschlagen, was jedoch nicht zutreffe. Er habe versucht, die Blutung mit einem Handtuch zu stoppen, doch die Beschwerdeführerin habe dies nicht gewollt und stattdessen das Blut an verschiedene Wände und ihren Körper geschmiert. Er habe wie bei einem Kind das Blut aus ihrem Gesicht gewischt und sie unter die Dusche gebracht. Sie habe noch lauter geschrien, gesagt, sie werden ihn ins Gefängnis stecken und nach der Polizei gerufen. Er habe ihr geholfen, ihr Telefon zu suchen und auf das Eintreffen der Polizei gewartet. Gemäss Journaleintrag der Kantonspolizei Schwyz vom 28. Januar 2012, 05.41 Uhr, schien der Ehemann beim Eintreffen der Polizei "rational ansprechbar", während die Beschwerdeführerin leicht bekleidet, aufgelöst und angetrunken war, wobei ein Alkoholwert von 1.6 Promille gemessen wurde, und aus der Nase blutete. Eine getrennte Befragung habe zu in allen Punkten widersprüchlichen Aussagen geführt. Gemäss Ehemann sei die Beschwerdeführerin angetrunken nachhause gekommen, sei "ausgeflippt" und habe auf ihn eingeschlagen, worauf er sie unter die kalte Dusche habe stellen wollen, wobei sie sich an der Nase verletzt und das Blut auf Türen und Einrichtungen gespritzt habe. Gemäss Beschwerdeführerin habe der Ehemann dagegen unvermittelt auf sie eingeschlagen, als sie nachhause gekommen sei. Da laut Journaleintrag kein eindeutiges Täter/Opfer-Muster erkennbar und die Beschwerdeführerin angetrunken war, wurde sie nach Androhung einer Ausnüchterungshaft der Wohnung verwiesen und konnte bei einer Bekannten in X.________ ( "G.________, Y.________strasse zzz") Unterschlupf finden. Der Arztbericht I.________ vom 29. Januar 2012 hält eine leichte Schwellung und ein kleines Hämatom über dem Nasenbein, einen druckdolenten Nasenrücken, ein nach rechts luxiertes Septum und eine Schwellung im hinteren rechten Nasengewölbe fest. Das Röntgenbild ergibt keine sichere Fraktur; diagnostiziert wird eine Kontusion der Nase durch Tätlichkeit (Faustschlag), ein Verdacht auf Septumluxation und ein Hämatom an der rechten Nase. Der Arztbericht F.________ vom 3. Februar 2012 wiederholt als Anamnese im Wesentlichen den Tathergang wie von der Beschwerdeführerin anlässlich ihrer Einvernahme vom 15. Februar 2012 geschildert und diagnostiziert "reaktive Panikstörung nach gewaltsamem Beziehungskonflikt". Der ambulante Bericht der Klinik für Ohren-, Nasen-, Hals- und Gesichtschirurgie, Dr. J.________ und Prof. Dr. K.________, Universitätsspital Zürich, vom 11. Mai 2012 hält einen leichten Höcker an der Junktion zwischen dem rechten Nasenbein und Knorpel und eine deutliche Septum Subluxation nach rechts fest. Die Beschwerdeführerin sei mit dem kosmetischen Resultat der Behandlung unzufrieden, weshalb ein operativer Eingriff empfohlen werde, wobei die Unfallversicherung um Kostenübernahme gebeten wird, da es einen unmittelbaren Zusammenhang mit der Tätlichkeit vom 28. Januar 2012 gebe. Allerdings hält dieser Bericht auch fest, dass die Beschwerdeführerin bereits 2003 in ihrer Kindheit in Weissrussland wegen einer gebrochenen Nase operiert wurde. Laut Operations- und Austrittsbericht des ORL-Zentrums, Prof. Dr. L.________ (Operateur), Klinik Hirslanden (Zürich), vom 7. Januar 2013 zeigt die kaudale Septumplatte mehrere Frakturlinien. Vom Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin im Strafverfahren gegen ihren Ehemann angefragt, ob die Verletzung auf einen Faustschlag zurückgeführt werden könne, antwortete L.________ mit Schreiben vom 22. April 2013: "Mit grosser Wahrscheinlichkeit muss davon ausgegangen werden, da die Patientin in der Permanence und anschliessend im Universitätsspital behandelt wurde - da es sich in erster Linie um eine Fraktur der knorpeligen Nasenpyramide handelt, kann diese nicht radiologisch definiert werden, der intraoperative Befund mit den eindeutigen Frakturlinien bestätigt die Vermutung einer posttraumatischen Pyramidendeviation." Das Strafgericht hat die Aussagen der Beschwerdeführerin bezüglich des Vorfalls vom 28. Januar 2012 als inkonsistent, widersprüchlich und wenig glaubhaft qualifiziert. Vor der Polizei habe sie ausgesagt, sie sei ohne vorgängige verbale Auseinandersetzung unmittelbar im Korridor von ihrem Ehemann geschlagen worden, während sie bei der Staatsanwaltschaft und vor Gericht ausgesagt habe, nach einer verbalen Auseinandersetzung und nachdem sie Richtung Kinderzimmer (bzw. Gästezimmer) gegangen sei, geschlagen worden zu sein. Einen weiteren Widerspruch erblickte das Strafgericht darin, dass die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann übereinstimmend ausgesagt hätten, in der Zeit zwischen dem 14. Dezember 2011 und dem 28. Januar 2012 jeweils gemeinsam im ehelichen Schlafzimmer übernachtet zu haben, sodass der Gang der Beschwerdeführerin Richtung Kinder- bzw. Gästezimmer keinen Sinn ergebe. Weiter seien die Aussagen, wie die Beschwerdeführerin in das Badezimmer gekommen sei, inkonsistent, da sie vor der Polizei und Staatsanwaltschaft ausgesagt habe, im Badezimmer zu sich gekommen und festgestellt zu haben, aus der Nase zu bluten, während sie vor Gericht ausgesagt habe, sie sei zuerst Richtung Kinderzimmer und erst als sie das Nasenbluten festgestellt habe, Richtung Badezimmer gegangen. Zudem wurde der Beschwerdeführerin vom Strafgericht vorgehalten, es sei nicht nachvollziehbar, wie die Beschwerdeführerin einen Schlag von erheblicher Kraft ins Feld führen könne, wenn sie kurze Zeit nach dem Vorfall von der Polizei fotografiert und auf den Fotos nicht einmal geringfügige Spuren eines Schlages (Bluterguss, blaue Flecken, Schwellung) erkennbar seien. Bezüglich des angeblichen Würgens mit einem Tuch habe sie unter anderem ihre Aussagen immer mehr ausgeschmückt, habe sich vor Gericht nicht erinnern können, was sie mit ihren Händen gemacht habe und offensichtlich habe ihre Halskette keine Spuren hinterlassen, da sie allfällige Spuren, davon sei jedenfalls aufgrund ihres bisherigen Verhaltens auszugehen, hätte fotografisch festhalten lassen. Bezüglich der Arztberichte bemängelte das Strafgericht, dass laut Bericht von I.________ vom 29. Januar 2012 zwar eine leichte Schwellung und eine kleines Hämatom über dem Nasenbein, jedoch keine weiteren Prellmarken festgestellt worden seien. Die Diagnose Kontusion der Nase durch Tätlichkeit (Faustschlag) sei auf die Schilderungen der Beschwerdeführerin zurückzuführen, da eine Prellung vielerlei mögliche Ursachen haben könne, auf welche alleine aufgrund der Verletzung keine sicheren Rückschlüsse gezogen werden könnten. Aus dem Operations- und Austrittsbericht des ORL-Zentrums, Klinik Hirslanden, ergebe sich kein Bezug zum Vorfall vom 28. Januar 2012 und in seinem Schreiben vom 22. April 2013 an der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin habe L.________ lediglich wiederholt, was in früheren Arztberichten ausgeführt worden sei; er habe die Beschwerdeführerin nach dem Vorfall nicht selbst untersucht und deshalb keine eigene Diagnose stellen können. Zwar habe L.________ ausgeführt, dass die Verletzung mit grosser Wahrscheinlichkeit von einem Faustschlag herrühren könne. Aufgrund des Zeitablaufs zwischen dem 28. Januar 2012 und der Operation [vom 7. Januar 2013] hätte sich die Beschwerdeführerin jedoch auch bei anderer Gelegenheit verletzt haben können, sodass die Ausführungen von L.________ nicht geeignet seien, einen hinreichenden Beweis dafür zu erbringen, dass die Verletzung vom 28. Januar 2012 stammt. Weiter sei zu berücksichtigen, dass sich die Beschwerdeführerin bereits früher einem Eingriff bei der Nase unterzogen habe, wobei sich die genannten ärztlichen Berichte nicht dazu äusserten, inwiefern dieser Umstand bei der Diagnose berücksichtigt worden sei. Die genannten ärztlichen Berichte liessen deshalb nicht zweifelsfrei den Schluss auf eine körperliche Einwirkung wie von der Beschwerdeführerin geschildert zu. Die Aussagen des Ehemannes wurden demgegenüber als im Wesentlichen konsistent und glaubwürdig qualifiziert, auch wenn es gewisse Unstimmigkeiten gebe, wie sich die Beschwerdeführerin die Verletzung zugezogen haben soll, nämlich einerseits indem sie ihre Nase an die Wand geschlagen habe, als er sie unter die Dusche stellte, andererseits indem sie schlicht aus dem Kinderzimmer gekommen sei und aus der Nase geblutet habe. Es bleibe zwar unklar, wie das Nasenbluten der Beschwerdeführerin entstanden sei. In ihrem stark alkoholisierten Zustand sei es jedoch naheliegend, dass sie sich die Nase selber irgendwo angestossen haben könne. Dass der Ehemann das Nasenbluten verursacht habe, sei nicht erstellt und in dubio pro reo nicht anzunehmen. Die Vorinstanz hält fest, aufgrund der Arztzeugnisse sei nicht erwiesen, dass die Geschehnisse wie von der Beschwerdeführerin geschildert abgelaufen seien. Die ärztlichen Zeugnisse beruhten in Bezug auf die Tätlichkeit des Ehemannes als Ursache der Verletzung ausschliesslich auf den Aussagen der Beschwerdeführerin und vermöchten deshalb die eheliche Gewalt nicht mir der nötigen Wahrscheinlichkeit zu belegen. Das Strafgericht habe die Aussagen der Beschwerdeführerin als unglaubwürdig qualifiziert. Deshalb sei festzuhalten, dass die erlittenen Verletzungen nicht die geforderte Intensität gemäss Art. 50 Abs. 2 AuG aufwiesen.