Citation: I 462/04 15.02.2005 E. 5

Vorliegend ist zu untersuchen, wie der Anspruch auf eine berufliche Neuausbildung verwirklicht werden kann. Während der Versicherte, die Vorinstanz und die verantwortlichen Abklärungspersonen in Y.________ davon ausgehen, dass der Leistungsanspruch praktisch einzig zu erfüllen ist, wenn eine - um ein Jahr verkürzte - Lehre als Elektropraktiker, Fachrichtung Elektronikmontage, in Y.________ absolviert wird, argumentiert das Beschwerde führende Bundesamt, die Ausbildung habe in der freien Wirtschaft zu erfolgen. Falls kein entsprechener Ausbildungsplatz gefunden werde, seien dafür entweder invaliditätsfremde Gründe - insbesondere das Alter des Versicherten - verantwortlich, was von der Invalidenversicherung nicht zu berücksichtigen sei, oder der Beschwerdegegner habe sich für eine Ausbildung zu entscheiden, für welche in der Wirtschaft auch Lehrstellen angeboten würden. 5.1 Letztere Forderung des Beschwerdeführers ist unter anderem im Lichte der Berufswahlfreiheit gemäss Art. 27 Abs. 2 BV zu prüfen. Bei der Auslegung einer Rechtsnorm - hier von Art. 16 Abs. 2 lit. b IVG - und der darin enthaltenen Begriffe sind die Verfassung und insbesondere die Grundrechte in der Weise zu berücksichtigen, dass unter verschiedenen möglichen Auslegungen derjenigen Vorrang zu geben ist, die mit dem in Frage stehenden Grundrecht vereinbart werden kann. Die Berufswahlfreiheit ist zwar durch die Schadenminderungspflicht des Versicherten eingeschränkt, indessen nicht aufgehoben. Welchem Interesse der Vorrang zukommt, kann nicht generell entschieden werden. Als Richtschnur gilt, dass die Anforderungen an die Schadenminderungspflicht zulässigerweise dort strenger sind, wo eine erhöhte Inanspruchnahme der Invalidenversicherung in Frage steht. Dies trifft insbesondere zu, wenn der Verzicht auf schadenmindernde Vorkehren Rentenleistungen auslösen würde (vgl. BGE 113 V 32 f.). Diese Versicherungsleistung steht vorliegend indessen nicht zur Diskussion. 5.2 Aus den Akten ergibt sich, dass im fraglichen Zeitpunkt einzig in Y.________ eine Ausbildung als Elektropraktiker, Fachrichtung Elektromontage, angeboten wurde. Aus gesundheitlichen Gründen - Rückenbeschwerden und Vermeiden von statischen Handgelenksbewegungen - kommt einzig diese Spezialisierung in Frage. Wie in Erwägung 5.1 ausgeführt, hat der Versicherte ein Anrecht darauf, seinen Wahlberuf zu erlernen, soweit die dafür zu erbringenden (Mehr-)Leistungen der Invalidenversicherung in einem vernünftigen Verhältnis zu den ohnehin geschuldeten stehen, seine Schadenminderungspflicht es also nicht gebietet, in einem anderen Bereich eine Neuausbildung zu absolvieren. Von einer Verletzung der Schadenminderungspflicht kann nicht gesprochen werden, als gar nicht feststeht, dass der Invalidenversicherung durch die geplante Neuausbildung einen Schaden erwachsen würde, nachdem bisher kein Kostenvergleich der Varianten, zweijährige Ausbildung in Y.________ einerseits und dreijährige Lehre in der freien Wirtschaft andererseits, vorliegt. Dabei gilt es auch zu berücksichtigen, dass sich der Betroffene zur Berufsberatung an die IV-Stelle gewandt hatte. Diese empfahl schliesslich sowohl den Abklärungsaufenthalt in Y.________, als auch die nunmehr streitige Ausbildung. Dieser Umstand ist bei der Prüfung, ob die Schadenminderungspflicht nicht geboten hätte, eine andere Ausbildung - auf welche der Versicherte unbestrittenermassen grundsätzlich Anspruch hat - zu absolvieren, gebührend zu berücksichtigen. Da das BSV einzig grundsätzliche Bedenken äussert, ist nicht davon auszugehen, dass die Berufswahlfreiheit im konkreten Fall beschnitten werden darf.