Citation: 1B_347/2022 E. 2.2

2.2. Im Rahmen des vorsorglichen Entscheids über die Haft musste sich Oberrichter Müller als präsidierender Richter notwendigerweise mit den Haftgründen auseinandersetzen. Der Vorwurf des Beschwerdeführers, er habe die Aufrechterhaltung der Haft für die Dauer des Beschwerdeverfahrens "ohne Not" bereits mit dem Vorliegen der Voraussetzungen nach Art. 221 StPO begründet, ist vor diesem Hintergrund unberechtigt. Die Prüfung der Haftgründe muss allerdings eine vorläufige sein und darf den späteren Haftentscheid nicht vorwegnehmen. Dass Letzteres der Fall wäre, ergibt sich aus den Vorbringen des Beschwerdeführers nicht. Vielmehr schreibt er selbst, die Prüfung der Haftgründe sei lediglich summarisch gewesen. Dass Oberrichter Müller dabei vom Ergebnis einer vertieften Prüfung durch das Zwangsmassnahmengericht abgewichen ist, ändert an der summarischen Natur seines Entscheids ebensowenig wie der Umstand, dass er im Wesentlichen bereits über sämtliche Akten verfügte (vgl. Urteil des EGMR Morel gegen Frankreich vom 6. Juni 2000, Beschwerde-Nr. 34130/96, Recueil CourEDH 2000-VI S. 259 § 45). Die doppelte Mitwirkung des verfahrensleitenden Richters ist zudem für derartige Konstellationen gesetzlich in Art. 388 lit. b StPO verankert. Somit müssten über die reine Tatsache der doppelten Mitwirkung hinausgehende Umstände vorliegen, die den Anschein der Befangenheit begründen. Solche macht der Beschwerdeführer nach dem Ausgeführten jedoch nicht geltend. Da das Vorbringen des Beschwerdeführers den Ausstand von Oberrichter Müller von vornherein nicht zu begründen vermochte, musste kein Ausstandsverfahren nach Art. 59 StPO durchgeführt werden (vgl. Urteile 2C_466/2020 vom 25. Oktober 2010 E. 2.3.3; 1B_275/2018 vom 28. Juni 2018 E. 2.2; 2F_12/2008 vom 4. Dezember 2008 E. 2.1; je mit Hinweisen). Die Rüge der Verletzung dieser Bestimmung ist deshalb unbegründet. Allerdings handelt es sich um einen Grenzfall. Wäre der Beschwerdeführer auf die konkrete Begründung der Verfügung vom 16. Mai 2022 eingegangen, hätte die Ausstandsfrage dem Berufungsgericht zum Entscheid vorgelegt werden müssen. Ein solches Vorgehen verzögert das Haftverfahren nicht, da gemäss Art. 59 Abs. 3 StPO die betroffene Person ihr Amt bis zum Entscheid über den Ausstand weiter ausübt.