Citation: 9C_757/2023 E. 5.3.2

5.3.2. Bereits unter altem Recht vertrat die ESTV ab dem Bemessungsjahr 1990 deshalb die Auffassung, dass thesaurierte Vermögenserträge im Moment der Verbuchung realisiert würden und zu besteuern seien, weil der Anleger mit der Verbuchung eine Forderung auf einen Anteil am Ertrag und damit einen festen Rechtsanspruch erwerbe; der Verzicht auf die Ausschüttung sei für den Realisationszeitpunkt irrelevant, da darin kein Verzicht auf die Beteiligung am Ertrag enthalten sei (ESTV, Kreisschreiben vom 23. November 1989: Besteuerung der zurückbehaltenen Erträge von Wertzuwachs-Anlagefonds, ASA 58 S. 348 f.; vgl. auch PETER STEBLER, Die Besteuerung der Erträge aus Anlagefonds, ASA 59 S. 285; vgl. zum geschichtlichen Hintergrund die Darstellung bei HESS, a.a.O., § 35 Rz. 4 ff.). Das Bundesgericht brauchte die Rechtmässigkeit dieser Praxis zwar in der Folge nicht zu beurteilen, hielt aber doch immerhin fest, dass gute Gründe für diese Lösung sprächen: Vertragliche Abmachungen über die Zurückbehaltung und Reinvestition von Vermögenserträgen könnten keinen Einfluss auf den Realisierungszeitpunkt haben, weil ansonsten der Anleger den Zeitpunkt der Einkommensrealisierung beliebig bestimmen und damit auch die Einkommenssteuerpflicht für die zurückbehaltenen Erträge beliebig verschieben könne (vgl. Urteil 2A.361/1991 vom 18. Mai 1993 E. 7c, in: ASA 62 S. 705).