Citation: 2C_3/2021 E. 5

Bei der von der Beschwerdeführerin begangenen versuchten vorsätzlichen Tötung stand ein Menschenleben und damit eine schwerwiegende Rechtsgutsverletzung auf dem Spiel. Auch lassen die Tatumstände ein persönliches Verhalten erkennen, das eine gegenwärtige Gefährdung der öffentlichen Ordnung darstellt, stach doch die Beschwerdeführerin gemäss den bindenden Feststellungen im angefochtenen Urteil, nachdem sie ihre auf einem Massagetisch liegende Partnerin massierte, aus nicht weiter bekanntem Anlass auf ihr Opfer ein (vgl. E. 4.3 des angefochtenen Urteils). Bei dieser Ausgangslage bestehen im Rahmen von Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA keine allzu hohen Anforderungen an die Wahrscheinlichkeit einer künftigen Straffälligkeit, und zwar selbst unter Berücksichtigung des Umstandes, dass das Obergericht des Kantons Bern das strafrechtliche Verschulden der Beschwerdeführerin in einem Urteil vom 27. April 2017 als "leicht bis mittelschwer" qualifiziert hat (vgl. E. 5.2 des angefochtenen Urteils). Es kommt hinzu, dass bei der Beschwerdeführerin gemäss den - nach dem Gesagten (ebenfalls) bindenden - Feststellungen der Vorinstanz ein im Vergleich zur Normalbevölkerung erhöhtes Delinquenzrisiko auszumachen ist (vgl. E. 4.4 hiervor). Zwar liegt zwischen der Straffälligkeit und dem Widerruf der Niederlassungsbewilligung eine verhältnismässig grosse Zeitspanne von etwas mehr als neun Jahren. Das Wohlverhalten der Beschwerdeführerin seit der Straftat kann aber angesichts des Ergebnisses der Risikoabklärung vom 7. März 2018, wonach ein erhöhtes Delinquenzrisiko besteht, bei der Beurteilung des bei Art. 5 Anhang I FZA wesentlichen Rückfallrisikos nicht entscheidrelevant berücksichtigt werden. Dies gilt umso mehr, als einem Wohlverhalten unter dem Druck eines hängigen straf- und ausländerrechtlichen Verfahrens praxisgemäss nur untergeordnete Bedeutung zukommt, weil in dieser Zeit ein vorbildliches Verhalten erwartet wird und keine besondere Leistung darstellt. Im vorliegenden Kontext fällt dabei auch ins Gewicht, dass der Bewegungsspielraum der Beschwerdeführerin teilweise auch durch den Strafvollzug eingeschränkt war (vgl. zum Ganzen Urteil 2C_702/2019 vom 19. Dezember 2019 E. 4.2 mit Hinweis). Es ist nach dem Ausgeführten nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz eine aktuelle, hinreichend schwere Gefährdung der öffentlichen Ordnung, Sicherheit und Gesundheit bejaht hat und davon ausgegangen ist, dass der Widerruf der Niederlassungsbewilligung damit mit Art. 5 Abs. 1 Anhang I FZA vereinbar ist.