Citation: 6B_1006/2017 E. 2.5

2.5. Das jugendforensisch-psychiatrische, aussagepsychologische Gutachten von Dr.med. B.________ von den Universitären Psychiatrischen Kliniken V.________ vom 17. März 2014 (nachfolgend: Gutachten) hält zusammenfassend Folgendes fest: Die Aussagetüchtigkeit der Beschwerdeführerin sei nicht eingeschränkt. Sie habe eine durchschnittliche Intelligenz, keine psychiatrische Erkrankung, die ihre Wahrnehmungsfähigkeiten beeinflusse, keine Anzeichen einer neurologischen Erkrankung, welche die Gedächtnis- oder die Ausdrucksfunktionen beeinträchtigen würde. Zu den verschiedenen Zeitpunkten der Einvernahmen sei sie soweit beurteilbar nicht unter dem Einfluss von psychotropen Substanzen gestanden. In der Aussageanalyse [der ersten polizeilichen Einvernahme] stelle sich heraus, dass die Aussage zwar kohärent und konsistent sei, dass aber wegen der wenigen spontanen Angaben der Beschwerdeführerin die Anzahl der festgestellten Realkennzeichen relativ beschränkt sei, insbesondere da die meisten von ihnen erst nach der Direktbefragung durch die Polizistin angegeben worden seien. Diese Gehemmtheit im Aussageverhalten der Beschwerdeführerin könne verschiedene Gründe haben. Zum einen handle es sich um Inhalte mit sexuellem Charakter, was schambesetzt sein könne, besonders bei einer 14-jährigen, tamilischen Zeugin. Zum anderen könne es zum Kommunikationsstil der Beschwerdeführerin gehören, da sie ausserhalb des Familienkreises als diskret und zurückhaltend beschrieben werde. Auch in der zweiten Einvernahme zeige die Beschwerdeführerin ein ähnliches Verhaltensschema. Sie sei sehr zurückhaltend mit spontanen Äusserungen, bemühe sich aber auf Fragen einzugehen und diese zu beantworten, wobei zeitweise ein leicht verbesserter Redefluss festzustellen sei, sich dabei aber auch zeige, dass sie an die Grenzen ihrer sprachlichen Kompetenzen komme. Zusammenfassend erlaube es die reine aussageanalytische Beurteilung nicht im positiven Sinne über jeden Zweifel erhaben zu bestätigen, dass die gemachten Aussagen auf einem realen Hintergrund beruhen würden. Dies bedeute aber bei Weitem nicht, dass die gegenteilige Aussage belegt wäre. In der Tat seien verschiedene Aspekte bei der Gesamtbeurteilung zu berücksichtigen. Der gewaltsame Tod des Vaters 2004 habe die Familie offensichtlich in eine tiefgreifende Krise versetzt. Die Mutter habe plötzlich einen massiven Anpassungsprozess durchmachen müssen, bei dem sie neue Rollen habe übernehmen müssen. Eine andere Folge dieses Todes sei die Schwächung der Kernfamilie innerhalb der tamilischen Gemeinschaft gewesen. Wie die Kulturanalyse gezeigt habe, hätte sich der Onkel mütterlicherseits um die Behebung der "Männerlosigkeit" der Kernfamilie kümmern sollen. Aus welchen Gründen dies nicht geschehen sei, sei nicht bekannt. In den Aussagen der Beschwerdeführerin erscheine mehrere Male ein offensichtlicher Leidensdruck diesbezüglich. Insbesondere werde die Suiziddrohung eines Familienvaters als ausschlaggebendes Argument erwähnt, die mutmasslichen sexuellen Übergriffe nicht zu verraten. In der tamilischen Gesellschaft sei noch mehr als in unserer westeuropäischen Gesellschaft die Regel verankert, dass Probleme primär in der Familie zu lösen seien. Das Misstrauen in die Behörden sei sicherlich durch die Tötung des Vaters durch die Polizei verstärkt worden, auch wenn es sich dabei um Notwehr gehandelt habe. Die Beschwerdeführerin sei also umso mehr auf die familiären Ressourcen angewiesen gewesen. Insbesondere ihre beiden Onkel hätten die nächsten verfügbaren männlichen Bezugspersonen gebildet. In Anbetracht der kulturell fixierten, genderbetonten Hierarchie müsse sich ein Mädchen diesen unterordnen und dürfe im Gegenzug von ihnen Schutz sowie Unterstützung und Rat erwarten. [...] Jedenfalls sei es für die Beschwerdeführerin sehr schwierig mit ihrer Mutter über ein sexuelles Erlebnis zu sprechen, ihre Gefühle diesbezüglich mitzuteilen, eine verständnisvolle und haltgebende Antwort zu erwarten. Unter all diesen Umständen scheine es besonders schwierig, Missstände aufzudecken, was die lange Zeit bis zur ersten Aussage erklären könne. [...] Im ganzen Aussageprozess (erste Aussage, Aussageentwicklung) seien aber keine Fremdeinflüsse erkennbar. Insbesondere im nahen Umfeld der Beschwerdeführerin bewirke die Information, dass ein intrafamiliärer sexueller Übergriff stattgefunden habe, eine Überraschungs- und Ablehnungsreaktion. Die erste Reaktion der Mutter sei besonders ungläubig und ablehnend gewesen, was man üblicherweise bei einer Suggestionssituation nicht finde. Auch die Hypothese einer Verlagerung habe keine Grundlage. Die Beschwerdeführerin bezeichne klar und unmissverständlich die beiden Täter, im nahen Umfeld seien keine anderen Verdächtigen bekannt. Zudem werde nicht beschrieben, dass die Beschwerdeführerin eine besonders unzüchtige oder gefährliche Lebensführung gehabt habe, so dass auch keine Indizien für einen familienfremden Täter bestehen würden. Dass die Beschwerdeführerin nicht mehr jungfräulich sei, gehe aus der gynäkologischen Untersuchung hervor. In Anbetracht der kulturellen Hintergründe wäre ein erster freiwilliger Geschlechtsakt aber nur im Rahmen einer Liebesbeziehung vorstellbar. Die aus der Exploration stammende Information, dass die Beschwerdeführerin seit den Ereignissen zwei Liebesbeziehungen gehabt habe und dass die Jungen aus der tamilischen Gemeinschaft stammten, spreche dafür, dass das Wertesystem der Beschwerdeführerin immer noch stark in dieser Gemeinschaft verankert sei. Bis anfangs Dezember 2010 sei aber keine Paarbeziehung der Beschwerdeführerin bekannt. Es gebe also keine Hinweise, dass eine der beiden Verlagerungshypothesen zutreffen würde. Da die Realkennzeichen nur in beschränkter Anzahl vorhanden seien, müsse auch die Lügenhypothese exploriert werden. Es gebe keine Anzeichen, dass die Beschwerdeführerin motiviert wäre, einen ihrer Onkel grundlos anzuklagen. Umso weniger, dass sie gleich zwei Onkel anzeige. Im Gegenteil: Als vaterlose Waise dürfte es besonders erstrebenswert gewesen sein, mit ihnen einen guten Kontakt zu wahren. Die Neidhypothese gegenüber der gleichaltrigen Cousine könne nicht ohne weiteres verworfen werden. Doch bis zur Anzeige hätten die beiden Mädchen ein gutes Verhältnis gehabt. Die Neidhypothese wäre aber auch gegenüber dem anderen Onkel schwer anwendbar. Dass die Beschwerdeführerin eine Lügengeschichte erfinden könnte, sei unzweifelhaft. Die Konstanz, mit der sie die wesentlichen Elemente der Ereignisse wiedergegeben habe, spreche eher für erlebnisbasierte Ereignisse. Bei der in der Schule lückenhaft verstandenen Aufklärung, der nicht existierenden Aufklärung zuhause und der vergleichsweise konservativen und beschützenden Erziehung scheine es wenig wahrscheinlich, dass sie das notwendige Wissen gehabt habe, um diese Geschichte zu erfinden. Gesamthaft gesehen und in Anbetracht aller Elemente sei die Wahrscheinlichkeit, dass die gemachten Aussagen erlebnisbasiert und nicht durch Suggestionseffekte entstanden oder erlogen seien, deutlich grösser als die gegenteiligen Hypothesen (vorinstanzliche Akten act. 187 S. 37 ff.).