Citation: U 272/06 22.02.2007 E. 4

4.1 Bei der Adäquanzbeurteilung nach Unfällen mit Schleudertrauma der HWS und schleudertraumaähnlichen Verletzungen wird, in analoger Anwendung der Rechtsprechung zu den psychischen Unfallfolgen (BGE 115 V 133), unterschieden zwischen banalen bzw. leichten Unfällen einerseits, schweren Unfällen anderseits und dem dazwischen liegenden mittleren Bereich (BGE 117 V 366 Erw. 6a). 4.2 Kantonales Gericht und Beschwerdeführerin gehen darin einig, dass die Auffahrkollision vom 28. März 2000 zu den Unfällen im mittleren Bereich zu zählen ist. Die Beschwerdegegnerin erhebt keine Einwendungen. Im Einspracheentscheid vom 11. März 2005 und im vorinstanzlichen Verfahren hatte sie noch argumentiert, die Frage, ob ein mittlerer oder nur leichter Unfall vorliege, könne letztlich offen bleiben, da die Adäquanz in beiden Fällen zu verneinen sei. Dass das Unfallereignis im mittleren Bereich zu den schwereren Fällen zu zählen oder sogar als Grenzfall zu einem schweren Unfall zu qualifizieren ist, wird zu Recht nicht behauptet. Hingegen macht die Beschwerdeführerin geltend, die Vorinstanz habe die Auffahrkollision vom 28. März 2000 als mittelschweren Unfall im mittleren Bereich qualifiziert. 4.3 Der Beschwerdeführerin kann in ihrem Verständnis der Unfallqualifikation durch das kantonale Gericht nicht gefolgt werden. Die Vorinstanz hat die Abgrenzung zu einem leichten Unfall vorgenommen und diesen mit guten Gründen verneint. Sie hat weiter unter Hinweis auf RKUV 1998 Nr. U 297 S. 244 Erw. 3b erwogen, dass unter den gegebenen Umständen auch bei einem als leicht zu qualifizierenden Unfall eine besondere Adäquanzbeurteilung zu erfolgen hätte. Aus den weiteren Erwägungen im angefochtenen Enscheid, namentlich dem Hinweis auf die Rechtsprechung, wonach Auffahrkollisionen vor einem Fussgängerstreifen oder einem Lichtsignal in der Regel als mittelschwere, an der Grenze zu den leichten Unfällen liegende Ereignisse eingestuft werden (RKUV 2003 Nr. U 489 S. 360 Erw. 4.2 mit Hinweisen [Urteil A. vom 24. Juni 2003, U 193/01]), ergibt sich, dass das kantonale Gericht den Unfall vom 28. März 2000 dieser Gruppe zurechnet. Diese Einstufung der Unfallschwere ist im Lichte der erwähnten Praxis aufgrund des augenfälligen Geschehensablaufes und der dabei erlittenen Verletzungen richtig. 4.4 Handelt es sich um einen Unfall im mittleren Bereich, der aber dem Grenzbereich zu den leichten Unfällen zuzuordnen ist, müssen von den weiteren, objektiv fassbaren und unmittelbar mit dem Unfall in Zusammenhang stehenden oder als Folge davon erscheinenden Umständen, welche als massgebende Kriterien in die Gesamtwürdigung einzubeziehen sind (BGE 117 V 367 Erw. 6a), für eine Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhanges entweder ein einzelner in besonders ausgeprägter Weise oder aber mehrere in gehäufter oder auffallender Weise gegeben sein (BGE 117 V 367 f. Erw. 6b). Gemäss der in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde vertretenen Auffassung sind fünf unfallrelevante Kriterien, teils in ausgeprägter Weise, erfüllt. Demgegenüber werden vom kantonalen Gericht drei und von der Beschwerdegegnerin lediglich eines der adäquanzrelevanten Kriterien, jeweils nicht in besonders ausgeprägter Form, bejaht. Im Einzelnen ergibt sich Folgendes: 4.4.1 Dass sich der Unfall unter besonders dramatischen Begleitumständen oder in besonders eindrücklicher Weise ereignet hat, wird zu Recht ebenso wenig geltend gemacht, wie eine ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmerte. Hingegen ist nach der zutreffenden Meinung von Vorinstanz und Parteien das Kriterium der Dauerbeschwerden, wenn auch nicht in ausgeprägter Weise, gegeben. 4.4.2 Das kantonale Gericht bejaht zudem die beiden Kriterien des Grades und der Dauer der Arbeitsunfähigkeit sowie des schwierigen Heilungsverlaufs und erheblicher Komplikationen. Nach dem Unfall vom 28. März 2000 bestand zunächst eine intermittierende Arbeitsunfähigkeit zwischen 50 % und 100 %. Im medizinischen Gutachten des Bürgerspitals X.________ vom 3. April 2003 wurde sodann bestätigt, dass für die angestammte Tätigkeit einer Primarlehrerin keine 100%ige Arbeitsfähigkeit bestehe. In jeder anderen, der bestehenden Stressintoleranz Rechnung tragenden Tätigkeit sei das Leistungsvermögen hingegen nicht beeinträchtigt. Demgegenüber wird im MEDAS-Gutachten vom 29. August 2005 auf eine Arbeitsunfähigkeit von 40 % als Primarlehrerin und in adaptierten Tätigkeiten sowie von 30 % als Hausfrau geschlossen. Selbst wenn mit der Versicherten auf die MEDAS-Einschätzung abgestellt wird, mag dies zwar unter Berücksichtigung des zeitlichen Umfanges der Arbeitsunfähigkeit gestatten, das Kriterium des Grades und der Dauer der Arbeitsunfähigkeit zu bejahen. In besonders ausgeprägter Form liegt das Kriterium aber entgegen der in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde vertretenen Auffassung nicht vor (vgl. Urteil J. vom 21. Juni 2006, U 265/05, Erw. .2.3 mit Hinweis). Von einem schwierigen Heilungsverlauf und/oder erheblichen Komplikationen kann entgegen dem kantonalen Gericht und der Versicherten, welche dieses Kriterium gar in besonders ausgeprägter Weise erfüllt sieht, nicht gesprochen werden. Der sich aus den Akten ergebende Verlauf hält sich im Rahmen des bei HWS-Schleudertraumen und vergleichbaren Verletzungsmustern Üblichen, und besondere Umstände, welche den Heilungsprozess erheblich beeinträchtigt oder verzögert hätten, liegen nicht vor. Die Einnahme vieler Medikamente durch die Versicherte und die Durchführung verschiedener Therapien rechtfertigen ebenso wenig ein anderes Ergebnis (vgl. Urteil H. vom 6. März 2006, U 219/05, Erw. 6.4.2 mit Hinweisen) wie der Umstand, dass sich dadurch nicht die Genesung der unfallbedingten Leiden erzielen liess. Dieses Adäquanzkriterium ist daher zu verneinen. 4.4.3 Die Versicherte erachtet sodann die beiden Kriterien der Schwere oder besonderen Art der erlittenen Verletzungen und der ungewöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung für erfüllt. Vorinstanz und Versicherer sind gegenteiliger Auffassung. In der Tat waren die beim Ereignis vom 28. März 2000 erlittenen Verletzungen weder schwer noch besonderer Art. Dies ergibt sich sowohl aufgrund der nach dem Unfall erhobenen, recht geringfügigen Befunde als auch mit Blick auf die im einzelnen wie gesamthaft nicht ungewöhnlichen Folgebeschwerden. Die Unfallbeteiligten sahen sich denn auch nicht veranlasst, einen Arzt oder einen Krankenwagen zur Kollisionsstelle zu rufen, und die medizinische Erstbetreuung konnte ambulant erfolgen. Auch vom Beizug der Polizei wurde abgesehen. Das Kriterium der Schwere oder besonderen Art der erlittenen Verletzungen ist überdies auch dann nicht zu bejahen, wenn die Versicherte, wie sie von Beginn weg geltend machte, im Zeitpunkt der Auffahrkollision etwas nach vorne gebeugt war und nach links schaute (Urteile K. vom 23. Dezember 2005, U 289/04, Erw. 4.3, und N. vom 14. März 2005, U 82/04, Erw. 3.2). Soweit die Versicherte in diesem Zusammenhang überdies eine Verletzung der Begründungspflicht und damit des rechtlichen Gehörs durch die Vorinstanz geltend macht, kann ihr ebenfalls nicht gefolgt werden. Das kantonale Gericht hat sich zulässigerweise auf die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränkt (BGE 124 V 181 Erw. 1a mit Hinweisen). Es liegt schliesslich auch keine ungewöhnlich lange Dauer der auf die Heilung der unfallbedingten Beeinträchtigungen gerichteten ärztlichen Behandlung vor. Empirisch steht fest, dass bei HWS-Schleudertraumen über längere Zeit nach dem Unfall gewisse Restbeschwerden, insbesondere Nacken- und Kopfschmerzen, weiterbestehen, welche behandlungsbedürftig sind (Urteil E. vom 22. September 2004, U 95/04, Erw. 5.3). Inwiefern es sich im vorliegenden Fall entscheidrelevant anders verhalten soll, wie in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde geltend gemacht wird, ist nicht nachvollziehbar. Auch eine Behandlungsbedürftigkeit (im Sinne medikamentöser Schmerz- und Physiotherapie) während zwei bis drei Jahren ist nach einem Schleudertrauma der HWS resp. äquivalenten Verletzungen durchaus üblich (RKUV 2005 Nr. U 549 S. 239 Erw. 5.2.4 in fine mit Hinweisen [Urteil C. vom 15. März 2005, U 380/04]; Urteil J. vom 31. Mai 2006, U 238/05, Erw. 4.3.2). Sodann trifft zu, dass das kantonale Gericht den Einfluss der beiden Schwangerschaften auf die Regelmässigkeit der Behandlungen zwischen 2002 und 2004 offen gelassen hat. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs kann darin aber entgegen der Auffassung der Versicherten nicht gesehen werden. Es ist allerdings anzunehmen, dass die Schwangerschaften bis zu den Geburten vom September 2002 und November 2003 mit allfällig nachfolgender Stillzeit Verlauf und Dauer der ärztlichen Behandlung in die Länge gezogen haben, was unfallfremd wäre. Der Vorinstanz ist einzig darin nicht zu folgen, dass ab der Begutachtung im Bürgerspital X.________ Ende 2002 bis Herbst 2004 keine eigentliche Behandlung mehr durchgeführt worden sei. Dies kann zwar in Bezug auf die alternativ-medizinischen Massnahmen gesagt werden, deren Wirksamkeit umstritten ist. Die weiterhin erfolgten komplementär-medizinischen Therapien hingegen sind grundsätzlich zu berücksichtigen (Urteil H. vom 28. Juni 2005, U 376/04, Erw. 3.2.2). Damit war die Dauer der eigentlichen, zielgerichteten Behandlung, welche auch in verschiedener Hinsicht Erfolg gezeigt hat, gewiss lange. In Würdigung der gesamten Umstände ist das Adäquanzkriterium aber zu verneinen. Hieran ändern die weiteren Vorbringen in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde nichts. 4.5 Zusammenfassend liegen höchstens zwei unfallrelevante Kriterien vor, wobei keines so ausgeprägt ist, dass ihm für sich allein bei einem mittleren Unfall im Grenzbereich zu den leichten Unfällen ausschlaggebende Bedeutung für die Bejahung der Adäquanz zukommt. Unfallversicherer und Vorinstanz haben den Anspruch auf die streitigen Leistungen für die persistierenden Beschwerden somit zu Recht mangels eines adäquaten Kausalzusammenhanges zum Unfall vom 28. März 2000 verneint.