Citation: 8C_369/2008 11.08.2008 E. 4

Die National und die Vorinstanz stützten sich auf die Expertise des Neurochirurgen Dr. med. U.________ vom 24. Mai 2004. Dieser diagnostizierte ein chronifiziertes cervicocephales Schmerzsyndrom bei cervicalen Diskushernien C5/C6 und C6/C7 und Status nach HWS-Trauma am 29. Juni 2002 und muskuläre Dysbalance (infolge übermässiger Schonung); leichtes Lumbovertebralsyndrom bei beginnenden Diskopathien und Status nach thorakolumbalem Morbus Scheuermann. Die Versicherte beklage mehr oder weniger konstante, jedoch wechselhafte Nackenschmerzen mit Ausstrahlungen gegen den Kopf, verbunden mit Schwindelgefühlen, Übelkeit und abnormer Ermüdbarkeit sowie Verunsicherung bezüglich körperlicher Belastungen. Die Psyche der Versicherten sei gesprächsweise unauffällig, freundlich und kooperativ. Die HWS sei in der Beweglichkeit in allen Richtungen leicht eingeschränkt; es bestehe eine mässige Druckdolenz im Bereich der mittleren HWS; die Suboccipitalpunkte seien indolent; es bestünden keine Muskelverhärtungen im Nacken und Schulterbereich; die Schulterbeweglichkeit sei intakt. Neurologisch seien die Hirnnerven kursorisch intakt; es bestehe kein Nystagmus; an den oberen Extremitäten seien Sensibilität und Kraft ohne Befunde, beidseits mittellebhaft auslösbar; es bestünden keine Ataxiezeichen. Die Gangprüfungen seien unauffällig. Seit 26. August 2003 bis heute bestehe 100%ige Arbeitsunfähigkeit, in letzter Zeit nicht mehr körperlich bedingt, sondern wegen unklugen Ratschlägen zur übermässigen Schonung. Weiter führte Dr. med. U.________ aus, die Versicherte sei nach dem Unfall vom 29. Juni 2002 unverletzt geborgen worden und habe sich auf der Unfallstelle normal verhalten. Erst etwas später, nach Eintreffen der Polizei, habe sie das Bewusstsein verloren. Sie habe mit Sicherheit einen Kollaps und nicht eine Hirnerschütterung (Commotio) erlitten, denn eine solche gehe mit einer sofortigen Bewusstlosigkeit einher. Insbesondere fehle auch eine Amnesie, eine unerlässliche Bedingung einer Commotio. Die Versicherte erinnere sich heute genau an die Zeit unmittelbar vor und nach dem Unfall. Bei der anschliessenden Untersuchung im Spital habe man sich begreiflicherweise auf die fremdanamnestischen Angaben einer Bewusstlosigkeit konzentriert und auf die Diagnose Commotio geschlossen. Die dortigen Röntgenbilder des Schädels und der HWS hätten keine pathologischen Befunde gezeigt. Im entsprechenden Bericht fänden sich keine Angaben über Befunde im Nackenbereich oder Nackenbeschwerden. Solche seien zu diesem Zeitpunkt offensichtlich stark im Hintergrund gestanden. Erst zu Hause hätten sich zunehmende Nackenschmerzen entwickelt, weshalb die Versicherte drei Tage später den Hausarzt aufgesucht habe. Bei der Versicherten seien nie die typischen Symptome einer cervicalen Diskushernie aufgetreten, so dass der Unfall nicht als auslösender Faktor in Frage komme, worauf auch der Rheumatologe Dr. med. I.________ und der Neurochirurg Dr. med. P.________ hingewiesen hätten. Ab 1. November 2002 habe die Versicherte ihr Arbeitspensum von 50 % wieder aufnehmen können. Im August 2003 sei es zu einer deutlichen Verschlechterung gekommen, wobei offensichtlich eine allgemeine Erschöpfung im Vordergrund gestanden habe. Es hätten sich nun Ausstrahlungen mit Lähmungserscheinungen und Kribbelparästhesien, also neue Symptome entwickelt. Prinzipiell könnten neu auftretende Symptome nicht auf einen weit zurückliegenden Unfall zurückgeführt werden, und sie erfüllten auch nicht die Kriterien für einen Rückfall. Der initiale Verlauf mit dem verzögerten Auftreten von Nackenbeschwerden und den durchwegs nicht gravierenden objektiven Befunden spreche für eine geringgradige Traumatisierung der HWS, die ebenfalls nicht vereinbar sei mit einem Rückfall im August 2003, auch wenn die Versicherte bis dahin nicht ganz beschwerdefrei gewesen sei. Als Begründung für die weiter persistierenden Beschwerden fänden sich in den Röntgenbildern die vorbestehenden cervicalen Diskushernien. Bezüglich der vorübergehenden Kreuzschmerzen mit Ausstrahlungen und Lähmungserscheinungen in einem Bein im August 2003 könne wegen des grossen zeitlichen Intervalls ein Zusammenhang mit dem Unfall mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Ferner fänden sich in den Röntgenbildern deutliche Erklärungen dafür, wie die beginnenden Abnützungserscheinungen der lumbalen Bandscheiben und insbesondere die Residuen eines durchgemachten Morbus Scheuermann im thorakolumbalen Bereich. Von Bedeutung sei, dass die Versicherte vor dem Unfall keine Nackenbeschwerden und auch kaum bedeutungsvolle Kopfschmerzen oder Migränen gehabt habe. Es sei jedoch eine allgemeine Erfahrung, dass solche Abnützungserscheinungen und insbesondere auch Diskushernien, sehr lange stumm (symptomlos) bleiben könnten und dann meistens durch ein Bagatellereignis in einen schmerzhaften Zustand überführt würden. In einer solchen Situation sei der Unfall nur als schmerzauslösender Faktor anzusehnen und dadurch zeitlich begrenzt kausal für das Beschwerdebild. Normalerweise würde eine geringgradige HWS-Traumatisierung, die zu einem einfachen Cervicalsyndrom (schmerzhaft eingeschränkte HWS-Beweglichkeit und druckdolente Muskulatur) führe, in einem zeitlichen Rahmen von drei bis maximal sechs Monaten abheilen. Unter Berücksichtigung der vorbestehenden Diskopathien und Diskushernien der Versicherten könne eine Heilungsverzögerung bis zu einem Jahr, also bis Juli 2003, angenommen werden. Zusätzlich müsse berücksichtigt werden, dass sie offenbar psychologisch nicht optimal geführt worden sei. Es sei zu einer übertriebenen Schonung geraten und von einer Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit abgeraten worden, was sich sehr ungünstig ausgewirkt habe. Demnach erscheine eine zeitliche Ausdehnung der Unfallkausalität bis Ende 2003 gerechtfertigt. Zu diesem Zeitpunkt sei jedoch der Status quo sine/ante erreicht gewesen. Die Argumentation "post hoc, ergo propter hoc" komme hier nicht zum Zuge, da sie als einziges Argument eine Unfallkausalität nicht zu begründen vermöge. Die geringgradige HWS-Traumatisierung sei nicht geeignet, eine definitive dauerhafte Schädigung oder eine richtunggebende Verschlechterung eines krankhaften Vorzustandes zu bewirken. Die heutigen Beschwerden und Befunde liessen sich mit den vorbestehenden degenerativen Veränderungen (Diskopathien und Diskushernien) und einer gewissen psychosomatischen Komponente (Verunsicherung) und der Überlastung der Versicherten erklären. Es fänden sich keine Hinweise, die ausschliesslich mit einem Unfall vereinbar wären. Es handle sich somit um eine vorübergehende Verschlimmerung eines Grundleidens mit schicksalsmässigem Verlauf, wobei Ende 2003 der Status quo sine als erreicht angenommen werden müsse. Da keine dauerhafte Läsion entstanden sei, komme der Unfall auch nicht als Teilursache in Frage. Zusammenfassend bestehe nach Ende des Jahres 2003 kein klarer, mit überwiegender Wahrscheinlichkeit anzunehmender, naturwissenschaftlich erklärbarer natürlicher Kausalzusammenhang zwischen den heutigen Beschwerden und dem Unfall. Ein solcher sei höchstens möglich.