Citation: 5A_363/2022 E. 3.4

3.4. Schreibt das anwendbare Prozessrecht wie hier (Art. 314 Abs. 1 i.V.m. Art. 450f ZGB, Art. 60 Abs. 5 EGzZGB/GR und Art. 316 Abs. 1 ZPO) eine Verhandlung nicht zwingend vor, verzichtet eine Partei dann stillschweigend auf den aus Art. 6 Ziff. 1 EMRK fliessenden Anspruch auf eine öffentliche und mündliche Verhandlung, wenn sie keinen Antrag auf Durchführung einer solchen Verhandlung stellt (BGE 134 I 331 E. 2.3 [einleitend; mit Hinweis auf HERZOG, Art. 6 EMRK und kantonale Verwaltungsrechtspflege, 1995, S. 350 ff.]; 127 I 44 E. 2e/aa). Von einem Verzicht ist auch etwa dann auszugehen, wenn ein Antrag wieder zurückgezogen wird (vgl. Eichel, Mündlich oder schriftlich - Die Justiziabilität des Anspruchs auf mündliche Verhandlung im Zivilprozess unter dem Einfluss der EMRK, in: SJZ 118/2022 S. 583 ff., 586 f., mit Hinweisen auf die Rechtsprechung des EGMR). Ein Verzicht auf die Garantien von Art. 6 Ziff. 1 EMRK muss eindeutig und unmissverständlich erfolgen (BGE 127 I 44 E. 2e/aa, vgl. weiter Urteile des EGMR Makarenko gegen Russland Nr. 5962/03 vom 22. Dezember 2009 § 135; Schuler-Zgraggen gegen Schweiz Nr. 14518/89 vom 24. Juni 1993 § 58;) und insbesondere ist ein Verzicht auf einen einmal gestellten Antrag auf eine Verhandlung nicht leichthin anzunehmen (Urteil 9C_52/2007 vom 10. Januar 2008 E. 2.3).