Citation: 4A_91/2022 E. 4.1

4.1. Sie führte aus, dem Tram sei generell Vortritt zu gewähren (Art. 38 Abs. 1 SVG). C.________ sei ortskundig. Ihm seien die örtlichen Verhältnisse und insbesondere die Kreuzung V.________strasse/U.________strasse vertraut. Er hätte deshalb nach entgegenkommenden Tramzügen Ausschau halten und so fahren müssen, dass er, wenn ein Tram auftauchte und ein sicheres Passieren der Kreuzungsstelle vor ihm nicht möglich war, vor dem Tramgeleise hätte anhalten können, um dem Tram den diesem zukommenden Vortritt zu lassen. Dies müsse umso mehr gelten, als C.________ sein Velo verbotenerweise auf dem linken Trottoir der V.________strasse und in der Einbahnstrasse entgegengesetzten Richtung gefahren sei, womit auch in der Stadt nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge im Strassenverkehr nicht zu rechnen gewesen sei. Unter diesen Umständen hätte C.________ besonders Acht geben müssen. Diese Pflicht, die sich jedem verständigen Menschen in derselben Lage hätte aufdrängen müssen, habe er gröblich verletzt. Zwar könne bei der von ihm gefahrenen Geschwindigkeit von etwa 15-18 km/h noch nicht von einem Raser bzw. übersetzter Geschwindigkeit gesprochen werden. Die zügige Fahrweise auf dem linken Trottoir in entgegengesetzter Fahrtrichtung der Einbahnstrasse sei aber den gegebenen Verhältnissen mit einem grösseren Fussgängeraufkommen an einem Samstagnachmittag an der U.________strasse ganz offensichtlich nicht angemessen gewesen. C.________ habe es in dieser Situation an der Aufmerksamkeit, die das Überqueren der ihm bekannten Kreuzung mit dem Tram verlangt habe, vollständig fehlen lassen, sodass er beim Auftauchen des Trams, mit dem er jederzeit habe rechnen müssen (notorischerweise verkehrten während des Tages im Unfallbereich an der U.________strasse vier Tramlinien im 6-8-Minuten-Takt), trotz brüskem Bremsen nicht rechtzeitig kontrolliert habe anhalten können. Sein Verhalten sei äusserst unvorsichtig gewesen. Schon diese Fahrweise sei grobfahrlässig. Sie werde auch nicht durch eine angebliche "Unübersichtlichkeit der U.________strasse" relativiert. Die allein massgebende Sicht des Velofahrers C.________, der auf dem linken Trottoir der V.________strasse in Richtung U.________strasse gefahren sei, sei weder durch Bäume und Sitzbänke noch durch eine Telefonkabine, einen Abfalleimer oder Strassenschilder beeinträchtigt gewesen; die beiden mannshohen Tierstatuen hätten die Sicht nicht massgeblich verdeckt. Gemäss dem unfallanalytischen Kurzgutachten hätte der Velofahrer aufgrund der Situation an der Unfallstelle das - wegen seiner Grösse und Farbe zudem gut erkennbare - Tram ca. in einer Entfernung von 13,1 m vor der Kollisionsstelle erblicken müssen. Es sei daher von einer ausreichenden Übersichtlichkeit auszugehen. Es entlaste ihn auch nicht, dass er die Tramgeleise angesichts des herannahenden Tramzuges nicht habe überqueren wollen, sondern ein Bremsmanöver eingeleitet habe. Ganz offensichtlich sei er trotz brüskem Bremsmanöver, als er das Tram gesehen habe, nicht in der Lage gewesen, sein Velo kontrolliert zum Stillstand zu bringen, und sei bei diesem Bremsmanöver kopfüber vor das Tram gestürzt. Die zügige Fahrweise und die fehlende Aufmerksamkeit sei im Stadtverkehr, der von allen Teilnehmern - zumal bei verbotener Fahrweise auf dem Trottoir - höchste Konzentration fordere, keinesfalls entschuldbar.