Citation: I 406/03 28.04.2004 E. 4.2

4.2.1 Es ist vorliegend unbestritten, dass die den Versicherten bisher beurteilenden medizinischen Fachpersonen den von ihnen erhobenen Befunden keine konkrete Diagnose unterlegen konnten. Konkret wurde keine Krankheitsursache gefunden. Hingegen wurde von keiner Seite bezweifelt, dass der Beschwerdegegner tatsächlich in seiner Gesundheit beeinträchtigt ist. Aufgrund der objektiv erhobenen Befunde geht auch keine begutachtende Person von einer Simulation oder Aggravation aus. Unter dem Stichwort Diagnose werden daher regelmässig "Dauerschmerzen der Wadenmuskulatur beidseits unklarer Aetiologie" und vergleichbare Begriffe angeführt. Am direktesten drückt sich Dr. med. C.________, Rheumatologie und Innere Medizin FMH, in seinem Zeugnis vom 3. Juni 2002 aus, wenn er die Diagnose einer nicht qualifizierbaren, höchst wahrscheinlich metabolischen Myopathie mit wiederholt erhöhter CK (Creatinkinase) stellt. Das klinische Bild und die CK-Erhöhung sprächen zweifelsohne für das Vorliegen einer Muskelerkrankung, die nach heutigem Stand in der Medizin nosologisch (noch) nicht eingeordnet werden könne. Eine Schmerzverarbeitungs- oder somatoforme Störung könne mit genügender Sicherheit ausgeschlossen werden. 4.2.2 Die Beschwerdeführerin hat aus der Tatsache, dass die Ursache der von ärztlicher Seite erhobenen Befunde von diesen nicht genannt werden kann, geschlossen, dass der Versicherte an keinem körperlichen oder geistigen Gesundheitsschaden leidet. Sie hat mit anderen Worten die Diagnose mit Krankheit gleichgesetzt. Da sich eine klare Diagnose aus den Arztberichten nicht entnehmen lasse und von ärztlicher Seite nur vage und unschlüssig formuliert werde, lasse sich ein Gesundheitsschaden mit Auswirkungen auf die Erwerbsfähigkeit ausschliessen. Dem kann in dieser Form nicht gefolgt werden. In dem in BGE 125 V 294 ff. veröffentlichten Urteil, auf welches sich die Beschwerdeführerin beruft, geht es um ein psychisches Leiden. Darin wird insbesondere dargelegt, dass dort, wo ein Gutachter im Wesentlichen nur Befunde erhebt, welche in den psychosozialen und soziokulturellen Umständen ihre hinreichende Erklärung finden, gleichsam in ihnen aufgehen, kein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden gegeben sei (BGE 125 V 299 Erw. 5a). In Fällen, wo für klar festgestellte physische Leiden keine genaue Diagnose gestellt werden kann, stellt sich die Frage des Krankheitswerts hingegen nicht. Gemäss geltender Rechtsprechung ist es bloss bei einem psychischen Leiden grundsätzlich unverzichtbar, dass überhaupt eine Diagnose - im Rahmen eines der anerkannten Klassifikationssysteme - gestellt werden kann. Von diesem Grundsatz ist laut Meyer-Blaser nur in denjenigen Fällen eine Ausnahme zuzulassen, in welchen psychische Störungen von Krankheitswert im Sinne einer interpretationsunabhängigen psychischen Befundes klar feststellbar sowie deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit offensichtlich sind (Meyer-Blaser, a.a.O. FN 93 S. 64f.). Vorliegend geht es primär um ein somatisches Leiden. Wie dargelegt (Erwägung 4.2 hievor), schliesst Dr. med. C.________ eine Schmerzverarbeitungs- oder somatoforme Störung gar aus. Damit kann nicht von der fehlenden Diagnose auf ein invaliditätsfremdes Geschehen geschlossen werden. Im physischen Bereich liegt die Aufgabe des Arztes bei der Beurteilung eines Invaliditätsgrades nicht primär darin eine Diagnose zu stellen, vielmehr geht es um die objektive Befunderhebung und die Beschreibung der sich daraus ergebenden Konsequenzen auf die Leistungsfähigkeit des Versicherten.