Citation: 8C_38/2022 E. 5.2.1

5.2.1. Die Revisionsfrist muss nach Ansicht des Beschwerdeführers mit dem Vorliegen des Antwortschreibens der Dr. med. C.________ vom 24. November 2018 zu laufen begonnen haben, da in diesem Zeitpunkt genügende Kenntnis der neuen erheblichen Tatsachen vorhanden gewesen sei. 5.2.1.1. Losgelöst vom aus dem Strafverfahren bekannt gewordenen Aktivitätsniveau des Beschwerdeführers erscheint dieser Schluss zwar auf den ersten Blick nachvollziehbar. Ergeben sich aus den neu entdeckten Tatsachen und Beweismitteln, so im vorliegenden Fall aus den Strafakten und aus dem Gutachten der Dr. med. C.________, (lediglich) gewichtige Indizien für das Vorliegen eines prozessualen Revisionsgrundes, sind innert angemessener Frist zusätzliche Abklärungen vorzunehmen, um diesbezüglich hinreichende Sicherheit zu erhalten. Solange der Versicherungsträger die für erforderlich erachteten Abklärungen jeweils innert nützlicher Frist vorantreibt, löst dies die 90-tägige Revisionsfrist nicht aus (BGE 143 V 105 E. 2.4; SVR 2012 IV Nr. 36 S. 140, 9C_896/2011 vom 31. Januar 2012 E. 4.2 mit Hinweisen; SVR 2012 UV Nr. 17 S. 63, 8C_434/2011 vom 8. Dezember 2011 E. 4.2; Urteil 8C_694/2012 vom 25. Januar 2013 E. 3.1.2). 5.2.1.2. Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers hat das kantonale Gericht kein Bundesrecht verletzt, indem es davon ausgegangen ist, dass die IV-Stelle aufgrund der mangelnden Aussagekraft des psychiatrischen Gutachtens vom 2. November 2018 wie auch des Antwortschreibens vom 24. November 2018 im damaligen Zeitpunkt als noch nicht spruchreif hatte qualifizieren und eine zweite Ermittlungsphase hatte einleiten dürfen. Nachdem sich die für den RAD tätige Dr. med. E.________, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, der Aussagekraft des Gutachtens vom 2. November 2018 (samt ergänzender Stellungnahme vom 24. November 2018) nicht sicher gewesen war und am 3. Dezember 2018 bei "nur knapp" einleuchtender Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und "in einigermassen nachvollziehbarer Weise" hergeleiteten Schlussfolgerungen sowie auffälliger Symptomvalidierung eine zusätzliche Überprüfung durch den Rechtsanwender empfohlen hatte, zog die IV-Stelle ihren Rechtsdienst bei. Am 22. Februar 2019 (visiert am 28. März 2019 vom Rechtsdienst) wurden die Fragen an ihn formuliert. So sollte unter anderem geklärt werden, ob aufgrund des neuropsychologischen Befundes eine Aggravation bestehe und ob die Schlussfolgerung der Gutachterin, wonach die Arbeitsunfähigkeit in angestammter und angepasster Tätigkeit 50 % betrage, vor dem Hintergrund der Strafakten, aus denen sich ein "sehr hohes Aktivitätsniveau" ergebe, nachvollziehbar seien. Die Stellungnahme des IV-Rechtsdienstes erfolgte etwas weniger als zwei Monate später am 16. April 2019. Vor dem Hintergrund der umfangreichen Strafakten durfte die Vorinstanz willkürfrei davon ausgehen, dass die IV-Stelle die nach Erstattung des psychiatrischen Gutachtens für erforderlich erachteten Abklärungen jeweils innert nützlicher Frist vorangetrieben hatte. Deshalb konnte die 90-tägige Revisionsfrist entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers vor dem 16. April 2019 noch nicht ausgelöst werden. 5.2.1.3. Der Rechtsdienst bezog in seiner Analyse vom 16. April 2019 erstmals auch das Wissen um die aus den Strafakten bekannt gewordene - und nun nachgewiesene - sehr hohe Funktionalität des Beschwerdeführers ein. Es liegt eine rechtskräftige Verurteilung wegen der mehrfachen qualifizierten Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz (Kontaktvermittlung und Organisation von Treffen zwischen Heroinhändler und -abnehmer sowie Teilnahme an den Treffen) und der qualifizierten Geldwäscherei (Transfer zahlreicher Erlöse aus dem Drogenhandel ins Ausland) vor, was mit 30 Monaten Freiheitsstrafe geahndet wurde (Obergerichtsurteil vom 7. Juli 2017). Wie die Vorinstanz feststellte, war der Beschwerdeführer "beruflich" äusserst aktiv und sein Tag war von frühmorgens bis abends gänzlich gefüllt mit mannigfaltigen Transportdiensten und sehr vielen Telefonaten (die Überwachung der Telekommunikation ergab, dass er täglich im Schnitt 400 Telefongespräche führte). Die psychiatrische Gutachterin schätzt diese Aktivitäten unter Verkennung der nachgewiesenen, durchaus komplexen und arbeitsintensiven Tätigkeiten als "sehr einförmige Telefonate und repetitive Abläufe" ein. Auf der Grundlage der vom IV-Rechtsdienst erstellten Analyse vom 16. April 2019 trat nun aber erstmals klar zutage, dass diese Beschäftigung im kriminellen Milieu dem Arbeitsumfang einer Erwerbstätigkeit in einem 100%-Pensum ohne Weiteres gleichgesetzt werden kann. Damit hat der Beschwerdeführer den Tatbeweis einer andauernden, uneingeschränkten Arbeits- und Leistungsfähigkeit erbracht. Gleichzeitig wurde damit offensichtlich, dass die von Dr. med. B.________ am 5. Oktober 2010 und 29. Oktober 2012 attestierte und von Dr. med. C.________ im November 2018 bestätigte 50%ige Arbeitsunfähigkeit auf keinerlei Grundlage fusst. Somit kann der IV-Stelle erstmals bei Vorliegen der Analyse des IV-Rechtsdienstes vom 16. April 2019 sichere Kenntnis über neue erhebliche Tatsachen angerechnet werden.