Citation: U 417/04 22.04.2005 E. 4

4.1 Der Beschwerdeführer wurde am 21. Februar 2003 von PD. Dr. med. E.________ klinisch untersucht (Gutachten vom 25. Februar 2003). Dabei stellte der Experte keine objektivierbaren Befunde fest, welche die subjektiven Beschwerden erklären würden. Es handle sich um unspezifische, uncharakteristische posttraumatische Beschwerden, in deren Zusammenhang eine neurogene Beteiligung, allenfalls eine Läsion des Beinplexus links, habe ausgeschlossen werden können. Die Reposition der Sakrumfraktur sei anatomisch erfolgt, knöchern durchgebaut, und das Metall sei entfernt worden. Es resultiere keine Asymmetrie des Beckens. Zu den Angaben des Versicherten hält er fest, dieser klage vordergründig über brennende Beschwerden/Schmerzen im Gesäss linksbetont, die nach längerem Sitzen (vier bis fünf Stunden) aufzutreten pflegten. Zudem gebe er im Kreuzbereich nadelstichartige Schmerzsensationen, vergleichbar einem Stromschlag an, die sich innerhalb von fünf Minuten drei- bis viermal wiederholen könnten, mit zwischenzeitlich stundenlangen, teilweise auch tagelangen schmerzfreien Intervallen. Die Kreuzschmerzen würden über das linke Bein lateral bis in den Zehenbereich ausstrahlen, oft verbunden mit Verkrampfung der Zehen oder mit Wadenkrämpfen einhergehend, so dass er gelegentlich nachts wegen eines Wadenkrampfes aufstehen müsse. Die Schmerzen strahlten nicht nur in das linke Bein, sondern auch von der Kreuzregion in die paravertebrale Muskulatur bis auf mittlere Höhe der Brustwirbelsäule aus. Zur medikamentösen Behandlung hält der Gutachter fest, es sei eine Behandlung mit Rivotril (Antiepilepsiemittel) aufgenommen worden. Daneben nehme der Versicherte bei Bedarf Ponstan 500 und Brufen retard sowie Magnesiumpräparate gegen die Wadenkrämpfe. Stehen sei laut dessen Angaben problemlos möglich, sofern sich nicht die vorerwähnten Beschwerden einstellten, deretwegen er dann jeweils kaum mehr stehen, sitzen oder liegen könne. 4.2 Im Bericht des Orthopäden Dr. med. M.________ von der Klinik C.________ vom 30. Juni 2000 wurden die vom Versicherten angegebenen brennenden Schmerzen mit Ausstrahlung ins Gesäss und den proximalen Oberschenkel verbunden mit Muskelkrämpfen als eher neuropathischer Natur beurteilt, nachdem rein vom Becken und dem Achselskelett her die Verhältnisse als gut bezeichnet werden konnten. Aus diesem Grund wurde eine neurologische Beurteilung veranlasst. Prof. Dr. med. D.________ interpretierte das Schmerzbild gemäss Bericht vom 22. August 2000 als neuropathisch anmutend, am ehesten vom nervus ischiadicus ausgehend. Jedenfalls klage der Versicherte über Parästhesien und elektrische Sensationen entlang dem Ischiadicus, welche bei sitzender Tätigkeit, die den grössten Teil des Tages beanspruche, deutlich exazerbieren würden. Bei der Untersuchung fand der Neurologe einen fehlenden Achilessehnenreflex links, Sensibilität für Berührung, vorhandenen Schmerz, Vibrationssinn und eine Druckdolenz am Austrittsort des Ischiadicus aus dem kleinen Becken. Er empfahl eine bildgebende Untersuchung der Lendenwirbelsäule und des kleinen Beckens. Das MRI der Lendenwirbelsäule zeigte gemäss Bericht des Instituts G.________ vom 8. September 2000 eine normale Weite des lumbalen Spinalkanals. Die Bandscheiben waren nicht verschmälert und ohne dorsale Protrusionen. Die Foramina intervertebralia war nicht eingeengt. Die Intervertebralgelenke vor allem L5/S1 waren mässiggradig degenerativ verändert. Das Signalverhalten der Wirbelkörperspongiosa und paravertebralen Weichteile lag im Normbereich. Das MRI des Beckens zeigte keine Zeichen einer Raumforderung oder sonstiger Pathologie, welche den nervus ischiadicus beeinträchtigen könnte. Auch die Kontrolluntersuchung vom 29. Mai 2001 ergab abgesehen von lokalen Metallartefakten unauffällige Verhältnisse der Organe im kleinen Becken und der Hüftgelenke. Ersichtlich war eine degenerative Dehydratation, eine leichte Verschmälerung der Bandscheibe L2/3 und eine mässige Intervertebralarthrose der abgebildeten Segmente. Dr. med. R.P. L.________ vom Spital B.________ untersuchte den Versicherten am 11. Juli 2001 im Hinblick auf die von diesem gewünschte Metallentfernung. Er stellte einen Neurostatus mit fraglich vorhandenem Patellarsehnen- und Achillessehnenreflex rechts und sicher vorhandenen Reflexen links fest. Eine Hyposensibilität lag nicht vor. Der Versicherte gebe an, nach fünf bis sechs Stunden stehender Arbeit starke brennende Sensationen im Sacrumbereich zu verspüren. Der Arzt ging von einer neurogen induzierten Schmerzproblematik aus, veranlasste jedoch noch eine neurologische Abklärung durch Dr. med. L.________, welcher eine Elektromyographie durchführte. Gemäss Bericht vom 28. Juli 2001 stellte dieser keine neurologischen Ausfälle an den unteren Extremitäten und einen intakten nervus ischiadicus links fest. Der Achillessehnenreflex sei beidseits vorhanden und der Lasägue negativ. Die Schmerzen im linken Fuss hätten aufgehört, nachdem Wade und Oberschenkel massiert worden seien. Intermittierend sei der Versicherte jedoch blockiert mit Schmerzen ohne Ausstrahlung, wobei Sitzen und Stehen nach vier bis fünf Stunden regelmässig zu brennenden Missempfindungen paralumbal führe. Nach Beurteilung des Dr. med. L.________ ist das Schmerzbild auf myofasciale oder auf ligamentäre Faktoren zurückzuführen; die neuropathischen Störungen seien verschwunden. Laut Bericht vom 27. Januar 2004 geht Prof. Dr. med. D.________ mit Bezug auf die linksseitigen Beinschmerzen nach wie vor von einem neuropathischen Zustand nach Läsion des nervus ischiadicus aus, wobei er die Behandlungsmöglichkeiten als sehr eingeschränkt bezeichnet und eine Symptombekämpfung mittels Schmerzmitteln empfiehlt. Der Befund zeige einen fehlenden Achillessehnenreflex links und Hyposensibilität am Fussrücken. Der Versicherte gebe an, nicht länger als zwei bis drei Stunden sitzen zu können. Ferner beschreibe er ins linke Bein ausstrahlende Schmerzen von wechselnder Intensität und brennendem Charakter. Dr. med. M.________, welcher den Versicherten ebenfalls nochmals untersuchte, stellte seitens des Beckens eine gute Konsolidation ohne Instabilitätszeichen fest. Gemäss Bericht vom 2. März 2004 gab der Versicherte Schmerzen beim Sitzen an, wobei es nach rund zwei Stunden nicht eigentlich zu Schmerzen, sondern zu einem Brennen und damit einhergehend zu Verspannungen im Bereich des Gesässes und der paravertebralen Muskulatur komme. Zudem erwähne der Versicherte ein Einschlafgefühl der Beine und ausstrahlende Schmerzen, wie sie auch Prof. Dr. med. D.________ beschrieben habe. Dr. med. M.________ nimmt einen Status nach Läsion des nervus ischiadicus mit neuropatischen Restbeschwerden an. 4.3 Dass der Beschwerdeführer unter Schmerzen leidet, wird ärztlicherseits nicht bezweifelt. Eine objektivierbare Erklärung für die Schmerzproblematik liess sich jedoch trotz eingehender klinischer und bildgebender Abklärungen nicht finden. Insbesondere konnte keine Pathologie im kleinen Becken ausgemacht werden, die den nervus ischiadicus links beeinträchtigen könnte und auch eine Diskushernie wurde ausgeschlossen. Während die Ärzte der Klinik C.________ (Dres. med. D.________ und M.________) sowie Dr. med. R.P. L.________ vom Spital B.________ von einem neuropathischen Schmerz ausgehen, spricht Dr. med. L.________ von myofaszialen oder ligamentären Faktoren. PD Dr. med. E.________, welcher sich mit dieser Problematik im Gutachten vom 25. Februar 2003 auseinandergesetzt hat, geht von Schmerzen unspezifischer und uncharakteristischer Art aus. Damit setzt er sich angesichts der Schwierigkeit einer medizinischen Zuordnung nicht in Widerspruch zur Beurteilung der anderen mit dem Beschwerdeführer befassten Ärzte. Laut PD Dr. med. E.________ sind die Patellarsehenenreflexe beidseits wenig lebhaft, während die Achillessehnenreflexe beidseits knapp auslösbar sind. Dies mag erklären, weshalb die Reflexe von den Ärzten zeitweise gar nicht mehr festgestellt werden konnten. Nachdem der Beschwerdeführer in neurologischer und orthopädischer Hinsicht bereits umfassend abgeklärt worden ist, sind von einer ergänzenden medizinischen Begutachtung keine neuen Erkenntnisse zu erwarten. Der nach Abschluss des Schriftenwechsels ins Recht gelegte Bericht der Klinik F.________ vom 1. Februar 2005 hat im Übrigen unberücksichtigt zu bleiben (BGE 127 V 353). 4.4 Die residuellen Beschwerden sind nach Auffassung von PD Dr. med. E.________ mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine Folge des Unfalles vom 2. Januar 2000, wobei gewisse, vom Patienten aktuell noch beklagte Beschwerden Teil des vorbestandenen Lumbovertebralsyndroms und des Hartspanns der Waden beidseits darstellten. Gegenüber den Ärzten beteuerte der Versicherte immer wieder, nicht längere Zeit sitzen oder stehen zu können, ohne dass Schmerzen auftreten würden. Diesem Umstand hat der Gutachter insofern Rechnung getragen, als er von einer Tätigkeit in abwechselnd sitzender und stehender Position ausgeht. Er empfiehlt zudem eine Aufteilung in einen Drittel sitzende, einen Drittel stehende und wieder einen Drittel sitzende Tätigkeit. Die bisher ausgeübte vorwiegend intellektuelle Erwerbstätigkeit ist gemäss Gutachter den Restbeschwerden in idealer Weise angepasst, sofern der Arbeitsplatz ergonomisch so eingerichtet wird, dass zwischen sitzender und stehender Arbeit am PC abgewechselt werden kann. Eine solche Beschäftigung ist dem Versicherten nach Auffassung des Experten zu 100 % zumutbar. 4.5 Das Gutachten erging in Kenntnis der Vorakten, mit denen sich PD Dr. med. E.________ auseinandergesetzt hat und beruht auf eigenen klinischen Untersuchungen, welche detailliert aufgeführt sind und sich als für die zu beurteilenden Belange umfassend erweisen. Die Expertise ist schlüssig und in den Schlussfolgerungen überzeugend. Dass der Experte die Beschwerden nur ungenügend erfasst und falsch verstanden hätte, wie in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde geltend gemacht wird, ist nicht erstellt. Der Versicherte wurde von verschiedenen Ärzten zur Art und Intensität der Beschwerden befragt, wobei die jeweiligen Angaben mit den vom Gutachter festgehaltenen im Wesentlichen übereinstimmen. Unterschiedlich hat sich der Versicherte jeweils nur zur Dauer geäussert, während der er länger sitzen oder stehen kann, wobei seine Aussagen gemäss den einzelnen Berichten erheblich voneinander abweichen. Offenbar hängt dies mit der Art und Intensität der jeweils auftretenden Schmerzen zusammen. Der Beschwerdeführer ist aber auch immer wieder auf Schmerzmittel angewiesen, was er dem Experten ebenfalls mitgeteilt hat und was von keiner Seite bestritten wird. Eine medikamentöse Bekämpfung der Schmerzen wurde auch von Prof. Dr. med. D.________ empfohlen. In diesem Zusammenhang gilt es darauf hinzuweisen, dass die versicherte Person sich unter dem Aspekt der ihr obliegenden Schadenminderungspflicht im Rahmen des Zumutbaren medizinischen und sonstigen Massnahmen zu unterziehen hat, die geeignet sind, die gesundheitliche Beeinträchtigung oder deren nachteilige Folgen zu mildern oder zu beheben. Dazu gehört auch die Medikamenteneinnahme (Hardy Landolt, Die Rechtsvorstellung der zumutbaren Willensanstrengung im Sozialversicherungsrecht, in: Schaffhauser/Schlauri (Hrsg.), Schmerz und Arbeitsunfähigkeit, St. Gallen 2003, S. 200). Gerade bei anhaltenden Schmerzen erscheint der Einsatz von Schmerzmitteln beim Fehlen anderer Behandlungsmöglichkeiten als unabdingbar (vgl. Sibylle Wehner-v. Segesser, Gefangen in ständiger Pein, in NZZ vom 6. April 2005). Es ist davon auszugehen, dass dem Beschwerdeführer eine massvolle Bekämpfung der Schmerzen, wie sie nach längerem Verbleiben in sitzender oder stehender Position unbestreitbar auftreten, zumutbar ist, ohne dass dadurch seine intellektuellen Fähigkeiten in erheblichem Mass beeinträchtigt werden.