Citation: U 377/01 07.11.2002 E. 5.2

5.2.1 Dem Kriterium der besonders dramatischen Begleitumstände oder der besonderen Eindrücklichkeit des Unfalles liegt der Gedanke zu Grunde, dass solche Umstände geeignet sind, beim Betroffenen während des Unfallgeschehens oder nachher psychische Abläufe in Gang zu setzen, die für eine psychische Fehlentwicklung ursächlich oder mitursächlich sind. Dabei ist gleich wie bei der Einteilung der Unfälle in leichte bzw. banale, mittlere und schwere eine objektive Betrachtungsweise massgebend. Nicht was beim Versicherten beim Unfall oder danach psychisch im Einzelnen vorgeht, ist entscheidend, sondern die objektive Eignung der Begleitumstände des Unfalles, beim Betroffenen psychische Vorgänge der genannten Art auszulösen (RKUV 1999 Nr. U 335 S. 209 Erw. 3b/cc). Nach der Darstellung des äusseren Geschehensablaufes, so wie ihn die Beschwerdegegnerin dem SUVA-Inspektor am 6. November 1975 geschildert hat, kam sie beim ersten Unfall vom 1. Oktober 1975 mit ihrem Kleinwagen auf einer Naturstrasse ins Schleudern, worauf der PW zuerst auf die rechte, dann auf die linke Seite stürzte und jeweils wieder auf die Räder "zurückgespickt" wurde. Dass sich das Auto überschlagen habe, wie in den Berichten des Spitals F.________ vom 20. November und 27. November 1975 festgehalten wurde, hat die Beschwerdegegnerin gegenüber dem SUVA-Inspektor nicht bestätigt. Beim zweiten Unfall vom 8. Oktober 1995 verlor die Beschwerdegegnerin auf einer Bergwanderung das Gleichgewicht und stürzte zirka zwei Meter einen Hang hinunter, wobei sie zweimal mit dem Kopf auf der rechten Seite aufschlug. Ihr Lebenspartner und ihre Tochter halfen ihr wieder auf die Beine. Mit ihrer Hilfe konnte sie sich aus eigener Kraft zu Tal und nach Hause begeben. Weder beim einen noch beim anderen Unfall liegt eine besondere Eindrücklichkeit des Unfallherganges vor noch waren die beiden Unfälle von besonders dramatischen Umständen begleitet, welche objektiv geeignet gewesen wären, eine psychische Gesundheitsstörung der genannten Art auszulösen. 5.2.2 Nach dem Unfall vom 1. Oktober 1975 war die ärztliche Behandlung der somatischen Unfallfolgen anfangs Mai 1976 abgeschlossen und die Beschwerdegegnerin war ab 2. Mai 1976 wieder zu 100 % arbeitsfähig. Wohl kam es in den Jahren 1976 und 1977 zu weiteren Arbeitsunterbrüchen, doch konnten - wie dargelegt (Erw. 4.4.2) - keine objektiven, pathologischen Befunde mehr erhoben werden. Aufgrund des Unfalles vom 8. Oktober 1995 führte der Neurochirurge Dr. S.________ eine operative Behandlung der bereits im April 1992 diagnosti-zierten Diskushernie C6/7 und Bandscheibenprotrusion C5/6 durch. Anlässlich der Kontrolluntersuchung vom 7. Februar 1996 beurteilte der Operateur die cervikovertebrale "Restproblematik" als im "Normbereich" liegend, fand stabile radiologische Verhältnisse vor und schlug die Wiederaufnahme der ange-stammten Arbeit zu 50 % ab 12. Februar 1996 vor. In der Folge nahm die Beschwerdegegnerin ihre geschäftsleitenden Funktionen ab 11. März 1996 wieder zu 35 % auf, um sie dann im August 1997 ganz aufzugeben. In vorstehender Erw. 3.2 ist im Einzelnen dargelegt worden, dass spätestens ein Jahr nach dem Unfall vom 8. Oktober 1995 keine somatischen Unfallfolgen mehr vorlagen, die es gerechtfertigt hätten, die ärztliche Behandlung (soweit ersichtlich) ununterbrochen weiterzuführen und die vorhandene Arbeitsfähigkeit bis August 1997 nur in geringfügigem Ausmass und dann gar nicht mehr zu verwerten. Dasselbe gilt für die von der Beschwerdegegnerin seither geklagten Dauerschmerzen. Für beide Unfälle sind daher weder das Kriterium der ungewöhnlich langen Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit noch der entsprechenden ärztlichen Behandlung noch der körperlichen Dauerschmerzen erfüllt. 5.2.3 Die beiden Adäquanzkriterien des schwierigen Heilungsverlaufs mit erheblichen Komplikationen sowie der ärztlichen Fehlbehandlung sind offensichtlich ebenfalls nicht gegeben. Es ist verfehlt, wenn die Beschwerdegegnerin im Zusammenhang mit dem letzteren Kriterium auf die gesundheitsschädlichen Folgen des ihr vom Hausarzt verordneten Schmerzmittels Betnesol verweist, auf welche die Gutachter des ZMB hingewiesen haben. Denn, sie haben zugleich festgehalten, dass die Beschwerdegegnerin die ("zum Teil höhere") Dosierung dieses Medikamentes selbst vorgenommen hat und daher die Verdachtsdiagnose "Medikamentenabusus" gestellt. Der übertriebene Konsum dieses Schmerzmittels fällt daher der Beschwerdegegnerin selbst und nicht dem behandelnden Hausarzt zur Last. 5.2.4 Die Beschwerdegegnerin hat sowohl beim ersten wie beim zweiten Unfall schleudertraumaähnliche Verletzungen im Halswirbel- bzw. Schädel-Hirnbereich erlitten, welche nach ihrer Art erfahrungsgemäss geeignet sind, psychische Fehlentwicklungen auszulösen. Ist aber, wie im vorliegenden Fall (Erw. 4.4.1. und 4.4.2), eine vorbestandene psychische Gesundheitsstörung durch einen Unfall (hier durch denjenigen vom 8. Oktober 1995) lediglich verschlimmert worden oder sind die nach einer solchen schleudertraumaähnlichen Verletzung eingetretenen, gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Vergleich zur psychischen Problematik von eindeutig untergeordneter Bedeutung (hier nach dem Unfall vom 1. Oktober 1975), so bedeutet dies, dass es sich bei der psychischen Fehlentwicklung nicht mehr um eine mit der erlittenen schleudertraumaähnlichen, organischen Schädigung eng verflochtenen Gesundheitsschaden, sondern um eine selbstständige (sekundäre) Gesundheitsstörung handelt. In solchen Fällen kann daher auch das Adäquanzkriterium der besonderen Art der erlittenen Verletzung und ihrer erfahrungsgemässen Eignung, psychische Fehlentwicklungen auszulösen, nicht bejaht werden. Gesamthaft betrachtet ist weder ein einziges der rechtsprechungsgemäss zu berücksichtigenden, objektiven Adäquanzkriterien in besonderes ausgeprägter oder auffallender Weise verwirklicht noch sind mehrere davon in gehäufter oder auffallender Weise erfüllt. Somit kommt beiden Unfällen weder einzeln noch in ihrer Gesamtwirkung massgebende Bedeutung für die Entstehung und Entwicklung des psychischen Gesundheitsschadens der Beschwerdegegnerin und der dadurch bewirkten Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit zu. Die SUVA hat daher ihre Leistungspflicht mit Wirkung ab 23. Oktober 1998 zu Recht abgelehnt.