Citation: 5A_768/2021 E. 3.4.2

3.4.2. Für die Anwendung des (gemäss dem ausländischen IPR zu bestimmenden) Unterhalts- anstatt des Scheidungsstatuts bleibt damit ebenfalls kein Raum, auch nicht über eine entsprechende Auslegung des Haager Unterhaltsübereinkommens nach Treu und Glauben, wie dies die Vorinstanz annimmt: 3.4.2.1. Die Auslegung eines Staatsvertrags geht in erster Linie vom Vertragstext aus, wie ihn die Vertragsparteien nach dem Vertrauensprinzip im Hinblick auf den Vertragszweck verstehen durften. Erscheint die Bedeutung des Textes, wie sie sich aus dem gewöhnlichen Sprachgebrauch sowie dem Gegenstand und Zweck des Vertrags ergibt, nicht offensichtlich sinnwidrig, kommt eine über den Wortlaut hinausreichende - ausdehnende oder einschränkende - Auslegung nur in Frage, wenn aus dem Zusammenhang oder der Entstehungsgeschichte mit Sicherheit auf eine vom Wortlaut abweichende Willenseinigung der Vertragsstaaten zu schliessen ist (zum Ganzen BGE 145 V 247 E. 5.1 mit Hinweisen). 3.4.2.2. Gemäss dem ausdrücklichen Wortlaut von Art. 8 Abs. 1 HUÜ ist auf das Scheidungsstatut abzustellen (siehe dazu E. 3.4.1.3). Aus dem Erläuternden Bericht zum Haager Übereinkommen von 1973 ergibt sich schliesslich auch, dass die vorliegend nun eingetretenen Konsequenzen - das mögliche Auseinanderfallen von Unterhalts- und Scheidungsstatut - durchaus vorausgesehen und bewusst in Kauf genommen wurden. So führt VERWILGHEN (a.a.O., Rz. 163) aus: "Ce système risque de ne pas s'avérer satisfaisant en toutes hypothèses. Citons le cas d'un divorce prononcé dans l'Etat A sur base de la lex fori, d'une décision alimentaire rendue ensuite dans un pays B (non contractant), appliquant la loi nationale du créancier d'aliments et enfin d'une révision acceptée par une juridiction de l'Etat C, par hypothèse lié par la Convention, révision fondée sur la loi du divorce. La Commission a été consciente des imperfections du système retenu. Ce n'est qu'après mûres réflexions qu'elle préféra s'en tenir à une règle claire, nette et brève, susceptible, à tout le moins de garantir la prévisibilité du droit compétent, plutôt que de proposer une réglementation par trop détaillée." Damit bleibt für eine über den klaren Wortlaut hinausgehende bzw. von diesem abweichende Auslegung kein Raum. Die Entscheidung, das Unterhaltsstatut an das Scheidungsstatut zu knüpfen und nicht selbständig nach den jeweiligen Regeln des IPR festzustellen, wurde bewusst und gerade wegen der Einfachheit der Bestimmung getroffen. Im Einzelfall unbefriedigende Lösungen wurden bewusst in Kauf genommen. Auf eine abweichende Willenseinigung kann angesichts dessen nicht geschlossen werden.