Citation: 1C_254/2023 E. 3.3

3.3. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung sind die Anforderungen an den Nachweis der Opfereigenschaft je nach Art und Umfang der beanspruchten Hilfe sowie je nach Zeitpunkt der Inanspruchnahme unterschiedlich hoch (vgl. DOMINIK ZEHNTNER, in: Kommentar zum Opferhilferecht, 4. Aufl. 2020, N. 43 ff. zu Art. 1 OHG; PETER GOMM, ebd., N. 14 ff. zu Art. 29 OHG; je mit Hinweisen). Ein Anspruch auf Entschädigung und Genugtuung nach Art. 2 lit. d und e sowie Art. 19 ff. OHG besteht nur, wenn eine Straftat feststeht. Wurde kein Strafverfahren eröffnet, gilt für den Nachweis der Opfereigenschaft bei der Beurteilung einer Entschädigung bzw. Genugtuung das Beweismass der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 144 II 406 E. 3.1 mit Hinweisen). Damit Beratung und Soforthilfe sowie längerfristige Hilfe der Beratungsstellen im Sinne von Art. 2 lit. a und b OHG ihren Zweck erfüllen können, müssen sie rasch gewährt werden, bevor endgültig feststeht, ob ein tatbestandsmässiges und rechtswidriges Verhalten vorliegt (vgl. BGE 125 II 265 E. 2c/aa mit Hinweisen; ferner BGE 143 IV 154 E. 2.3.3). Bei der Gewährung der Soforthilfe genügt es daher, wenn eine die Opferstellung begründende Straftat in Betracht fällt. Der zu erfüllende Beweisgrad ist jener des Glaubhaftmachens (Urteil 1C_493/2020 vom 23. November 2021 E. 3.3 mit Hinweisen). Glaubhaft gemacht ist eine Straftat, wenn für ihr Vorhandensein aufgrund objektiver Anhaltspunkte eine gewisse Wahrscheinlichkeit spricht, selbst wenn das Gericht noch mit der Möglichkeit rechnet, dass sie sich nicht verwirklicht haben könnte (vgl. BGE 144 II 65 E. 4.2.2 mit Hinweis; zit. Urteil 1C_493/2020 E. 3.3). Welches Beweismass für den Nachweis der Opfereigenschaft im Zusammenhang mit der Gewährung längerfristiger (juristischer) Hilfe gilt, hat das Bundesgericht bisher offengelassen (vgl. Urteil 1C_521/2020 vom 4. Oktober E. 4.2 mit Hinweisen; ferner bereits zit. Urteil 1C_493/2020 E. 3.3). Immerhin hielt es unter dem alten Recht fest, bei der Gewährung von längerfristiger Hilfe können - im Gegensatz zur Soforthilfe - hohe Anforderungen an den Nachweis einer Straftat gestellt werden (BGE 128 II 107 E. 3.4 mit Hinweis).