Citation: 8C_688/2021 E. 4.2

4.2. Das kantonale Gericht sprach dem Ereignis vom 18. Oktober 2016 die Unfalleigenschaft ab. Dabei stützte es sich im Wesentlichen auf das Gutachten vom 25. Mai 2020, das es als überzeugend und beweiswertig erachtete. Die Gutachter D.________ und E.________ führten aus, es habe zweifelsfrei eine Indikation zur Dekompression der Foramina HW 6/7, HW7/BW 1 rechtsseitig, fraglich auch des Foramen intervertebrale HW 5/6 bestanden. Für alle anderen bildgebend nachgewiesenen Veränderungen der Halswirbelsäule habe sich kein eindeutiges klinisches Korrelat ergeben. Insbesondere eine Myelopathie habe weder klinisch bestanden noch hätten sich klinisch Hinweise darauf ergeben. Der Operateur habe sich jedoch entschieden, die bildgebend erkennbaren erheblichen Einengungen des Wirbelkanals mit zu therapieren. Diesbezüglich habe eine relative Indikation bestanden. Die Diskrepanz zwischen den bildgebenden und den klinischen Befunden sei dem Beschwerdeführer kommuniziert worden. Ebenso sei er über die wesentlichen Risiken einer Operation, die sich letztlich verwirklicht hätten, aufgeklärt worden. Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit sei die postoperativ festgestellte neurologische Ausfallsymptomatik durch die Kontusion des Rückenmarks durch das abgerutschte Instrument verursacht worden, was keinesfalls beabsichtigt gewesen sei. Diese direkte mechanische Schädigung des Rückenmarks stelle einen Behandlungsfehler dar, allerdings keinen schuldhaften oder vollkommen unverständlichen, der einem Facharzt unter Berücksichtigung der nötigen Sorgfalt nicht unterlaufen dürfe. Die Unterlagen ergäben keinen Anhalt dafür, dass der Operateur nicht sorgfältig vorgegangen wäre. Der Einsatz eines Biegeinstruments an einem Stab eines Fixateurs sei ein durchaus übliches Manöver. Aus diesem Grund seien die sog. "in situ Bender" in den entsprechenden Operationsinstrumentarien vorhanden. Wann immer möglich, werde das Biegemanöver für die Stäbe ausserhalb des Situs durchgeführt, doch sei in einigen Fällen eine weitere Biegung erforderlich, die nicht ausserhalb des Situs vorgenommen werden könne. Somit sei der Einsatz des Biegeinstruments vorliegend kein Behandlungsfehler. Auf die Frage, ob es sich um eine grobe und ausserordentliche Ungeschicklichkeit gehandelt habe, mit der niemand rechnete oder zu rechnen brauchte, antworteten die Gutachter, dass der aufgetretene Vorfall mit Abrutschen des Instruments, das dann die Dura und das darunter liegende Rückenmark kontusionierte, extrem selten sei, weil der Operateur sich dieses Risikos durchaus bewusst sei und es nach Kräften zu vermeiden suche. In der Literatur werde immer wieder von Rückenmarksschädigungen infolge von Operationen, insbesondere im Bereich der Halswirbelsäule berichtet. Der zur Schädigung führende Mechanismus bleibe oft unklar. Es sei denkbar, dass bei den berichteten Fällen mit dem vorliegenden Fall vergleichbare mechanische Schädigungen des Rückenmarks zumindest eines Teils der Rückenmarksschädigungen gewesen sein können. Insofern habe mit dem Vorfall niemand gerechnet. Wegen der extremen Seltenheit und der vermutlich geringen Berichterstattung habe man auch nicht damit rechnen müssen. Die Experten erklärten zudem, dass die vorgenommene Behandlung nicht erheblich vom medizinisch Üblichen abgewichen sei und keine erheblichen und unüblichen Risiken eingeschlossen habe. Es handle sich um ein Standardverfahren, das gemäss den Unterlagen auch standardmässig durchgeführt worden sei. Zusammenfassend würden iatrogene Rückenmarksschädigungen im Rahmen von Operationen in der Nähe des Rückenmarks vorkommen, weshalb darüber aufgeklärt werde, und sie könnten auch bei grösstmöglicher Sorgfalt nicht ausgeschlossen werden. Das Risiko einer Rückenmarksschädigung durch ein abgerutschtes Instrument sei extrem selten. Unter erfahrenen Wirbelsäulenchirurgen sei es allerdings einhellige Meinung, dass der Einsatz der "in situ" Biegeinstrumente gerade nach der Dekompression üblich und nicht zu beanstanden sei.