Citation: I 890/05 21.08.2006 E. 5.2

5.2.1 Bei depressiven Episoden leidet die betroffene Person unter einer gedrückten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivität; die Fähigkeit zu Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert und nach jeder kleinsten Anstrengung kann ausgeprägte Müdigkeit auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert (Weltgesundheitsorganisation [WHO], Internationale Klassifikation neurologischer Erkrankungen, neurologische Adaptation der ICD-10-Kapitel VI [G] "Neurologische Erkrankungen", Bern/ Göttingen/ Toronto/Seattle 2001, S. 186). Eine (schwere) depressive Episode (ICD-10 F32.2) äussert sich in einer meist erheblichen Verzweiflung und Agitiertheit (es sei denn, Hemmung ist ein führendes Symptom), Verlust des Selbstwertgefühls, Gefühlen von Nutzlosigkeit oder Schuld sowie in besonderes schweren Fällen einem hohen Suizidrisiko (WHO, Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V [F], Klinisch-diagnostische Leitlinien, 4. Aufl., Bern/Göttingen/ Toronto/ Seattle 2000, S. 143). 5.2.2 Es trifft zu, dass weder die behandelnden Dres. med. R.________ und B.________ noch der Gutachter Dr. med. W.________ psychiatrische Fachärzte sind. Indessen darf davon ausgegangen werden, dass ihnen eine mittelgradige bis schwere depressive Störung nicht entgangen wäre und sie einzelne der entsprechenden Symptome oder zumindest psychische Probleme der Versicherten in ihren Berichten erwähnt hätten. Keiner dieser Mediziner äusserte jedoch auch nur den Verdacht auf eine depressive Erkrankung. Selbst nach Einschätzung des Dr. med. S.________ - der nach den zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz schon angesichts dessen, dass er die Versicherte erst ab Mitte Mai 2005 therapierte, nicht (abschliessend) beurteilen kann, ob bereits zum Zeitpunkt des Einspracheentscheides am 29. Dezember 2004 oder noch früher eine psychische Erkrankung bestand - erfolgte der Freitod unerwartet. Im Übrigen kann, entgegen den Vorbringen des Beschwerdeführers, aus der Schwere einer Depression nicht ohne weiteres auf die Dauer der Krankheit geschlossen werden. Vielmehr zeichnet sich der Verlauf einer depressiven Erkrankung durch eine grosse Variabilität aus (hiezu Martin Hauzinger, Affektive Störungen, in: Enzyklopädie der Psychologie, Themenbereich D Praxisgebiete, Serie II Klinische Psychologie, Band 2 Psychische Störungen und ihre Behandlungen, Göttingen et. al. 1997, S. 168 ff.), weshalb aus der Tatsache, dass die Versicherte im August 2005 Suizid beging, nicht geschlossen werden kann, sie sei "mindestens ein bis zwei Jahre vorher" erkrankt, wie dies in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde vorgebracht wird. Nach Lage der Akten ist somit nicht überwiegend wahrscheinlich, dass der Freitod Folge einer bereits zum Zeitpunkt des Einspracheentscheides bestehenden (schweren) depressiven Erkrankung war, sondern eine depressive Entwicklung eher erst im Verlaufe des Jahres 2005 einsetzte (weshalb sich die Versicherte ab Mitte Mai 2005 in fachärztliche Behandlung begab). Wenn die Vorinstanz auf die Einholung eines psychiatrischen Aktengutachtens verzichtete, ist dies umso weniger zu beanstanden, als nicht ersichtlich ist, zu welchen (neuen) Erkenntnissen ein solches Gutachten führen könnte, da bezüglich des Zeitraumes von Sommer bis Dezember 2004 keine psychiatrischen Berichte vorliegen und die in jenem Zeitraum mit der Versicherten befassten Ärzte - wie dargelegt - keine psychischen Auffälligkeiten festgestellt hatten.