Citation: 6B_914/2020 E. 1.6.2

1.6.2. Im Zusammenhang mit der Interessenabwägung hält die Vorinstanz fest, nach zwei Raubdelikten und in Anbetracht der "auch sonst nach wie vor wenig stabilen persönlichen und wirtschaftlichen Situation" des Beschwerdeführers bestehe ein sehr erhebliches öffentliches Interesse an seiner Fernhaltung, das sein durchaus beträchtliches Interesse am Verbleib in der Schweiz überwiege. Letzteres sei in der Dauer des Aufenthalts in der Schweiz, einer teilweisen Integration und in den (nur in der Schweiz existierenden) familiären Beziehungen begründet (angefochtenes Urteil S. 12 E. V/3). Mit der konkreten Tragweite dieser Umstände befasst sich die Vorinstanz nicht näher, etwa was die spezielle Situation von in der Schweiz aufgewachsenen Ausländern (BGE 146 IV 105 E. 3.4.4 a.E. S. 110; 144 IV 332 E. 3.3.3 S. 342) und das fehlende soziale Netz im Herkunftsland (dazu BGE 144 IV 332 E. 3.4.2 S. 344) angeht. Auch die Komponenten des öffentlichen Interesses im Sinn von Art. 66a Abs. 2 StGB werden im angefochtenen Urteil nur äusserst knapp und pauschal umschrieben. Implizit geht die Vorinstanz davon aus, die im Anlassdelikt zum Ausdruck gekommene Gefährdung sei tel quel auf die Gegenwart und absehbare Zukunft übertragbar. Eine umstandslose Gleichsetzung des in der Vergangenheit manifestierten Risikos mit einer in Zukunft drohenden Gefährdung kann bei mehr oder weniger statischen Verhältnissen angebracht sein. Hier jedoch hängt das Rückfallrisiko offenkundig von verschiedenen gewichtigen Faktoren ab, die sich seit der Anlasstat bereits verändert haben und die sich allenfalls noch weiter verändern werden (unten E. 1.6.3). Solche dynamischen Elemente müssen entsprechend perspektivisch erfasst und behandelt werden. Die Vorinstanz hat sich indessen nicht mit den Vorbringen des Beschwerdeführers befasst, soweit er im Berufungsverfahren etwa geltend gemacht hatte, er sei im Zeitpunkt des massgeblichen Delikts (August 2018) obdachlos gewesen; nach seiner Rückkehr in die Wohneinrichtung habe sich seine persönliche und wirtschaftliche Situation stabilisiert und er habe seine psychischen Probleme immer besser in den Griff bekommen. Entgegen der Meinung des Beschwerdeführers machte die instabile Situation die Taten zwar nicht "zumindest erklärbar". Ebensowenig aber darf das öffentliche Interesse nur anhand der damaligen Verhältnisse und ohne angemessene Berücksichtigung von seither erfolgten und absehbaren Entwicklungen definiert werden.