<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">117</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>16</b></span> <span class="ft4"><b>Ausschaffungshaft; Verhältnismässigkeit</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Die Bitte eines Familienvaters, der Vollzug der Wegweisung seiner Fami-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>lie solle in einer Form erfolgen, welche die Ehefrau nicht unnötig belaste,</b></span><br/> <span class="ft4"><b>ist nicht als Weigerung zur selbständigen Ausreise zu qualifizieren. Bei</b></span><br/> <span class="ft4"><b>der Beurteilung, ob der Vollzug der Wegweisung im konkreten Fall ge-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>fährdet erscheint, ist einzig das Verhalten der betroffenen Person massge-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>bend. Ein allfällig obstruktives Verhalten anderer Personen (i.c. der Ehe-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>frau) darf dem Betroffenen nicht angelastet werden (Erw. 5.3.).</b></span><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid des Einzelrichters des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer,</span><br/> <span class="ft6">vom 27. Juni 2014 in Sachen Amt für Migration und Integration gegen A.</span><br/> <span class="ft6">(WPR.2014.112).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">118</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">5.3.</span><br/> <span class="ft1">Dem MIKA ist insofern zuzustimmen, als es, das Bundesgericht</span><br/> <span class="ft1">zitierend, ausführt, dass der objektivierte Haftgrund von Art. 76</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 lit. b AuG gerade kein vorwerfbares bzw. obstruktives Verhal-</span><br/> <span class="ft1">ten des Ausländers voraussetze, weshalb das Nichtvorhandensein</span><br/> <span class="ft1">eines solchen Verhaltens auch nicht zur Folge haben könne, dass eine</span><br/> <span class="ft1">darauf gestützte Haft von vornherein unverhältnismässig wäre (Urteil</span><br/> <span class="ft1">des Bundesgerichts vom 18. Juli 2012 [2C_698/2012]). Dennoch</span><br/> <span class="ft1">muss, wie bereits dargelegt, die Haft verhältnismässig und somit not-</span><br/> <span class="ft1">wendig sein.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss MIKA ist keine mildere Massnahme dazu geeignet, den</span><br/> <span class="ft1">Wegweisungsvollzug tatsächlich sicherzustellen. Begründet wird</span><br/> <span class="ft1">dies damit, dass sich der Gesuchsgegner der Ausschaffung entziehen</span><br/> <span class="ft1">wolle. Ein Anzeichen dafür sei der Umstand, dass der Gesuchsgegner</span><br/> <span class="ft1">und seine Ehefrau trotz Wissen um die Dublin-Zuständigkeit in der</span><br/> <span class="ft1">Schweiz ein zweites Asylgesuch eingereicht hätten, nachdem in</span><br/> <span class="ft1">Frankreich alle Rechtswege ausgeschöpft gewesen seien und sie dort</span><br/> <span class="ft1">die Ausschaffung in ihren Heimatstaat hätten befürchten müssen.</span><br/> <span class="ft1">Weiter erachtet das MIKA die Aussage des Gesuchsgegners, er</span><br/> <span class="ft1">sei zur selbständigen Ausreise bereit, als Schutzbehauptung. Dies</span><br/> <span class="ft1">weil sie in krassem Widerspruch zur immer wieder vorgebrachten</span><br/> <span class="ft1">Klage des Ehepaars stehe, man habe in Frankreich seit Monaten auf</span><br/> <span class="ft1">der Strasse leben müssen und könne keinesfalls zurückkehren.</span><br/> <span class="ft1">Hierzu gilt es Folgendes zu sagen: Zwar erwähnte der Gesuchsgeg-</span><br/> <span class="ft1">ner anlässlich der Vorsprache beim MIKA vom 28. Februar 2014,</span><br/> <span class="ft1">welcher er im Übrigen vorladungsgemäss nachkam, tatsächlich, dass</span><br/> <span class="ft1">sie in Frankreich hätten sechs Monate auf der Strasse leben müssen.</span><br/> <span class="ft1">Er erklärte aber nicht, dass er nicht zurückreisen würde. Vielmehr</span><br/> <span class="ft1">äusserte er den Wunsch, die Rückkehr nach Frankreich solle in einer</span><br/> <span class="ft1">Form erfolgen, die für seine Frau möglichst wenig Aufregung mit</span><br/> <span class="ft1">sich bringe, weshalb er eine (vorzugsweise selbständige) Reise im</span><br/> <span class="ft1">Zug einer Ausreise per Flugzeug vorziehe. Anlässlich des rechtlichen</span><br/> <span class="ft1">Gehörs betreffend die Anordnung einer Ausschaffungshaft gab der</span><br/> <span class="ft1">Gesuchsgegner zwar zu, lieber nicht nach Frankreich zurückkehren</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">119</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">zu wollen. Er räumte aber auch ein, dass keine andere Möglichkeit</span><br/> <span class="ft1">bleibe, und er schlug vor, dass man ihm und seiner Frau einen Ter-</span><br/> <span class="ft1">min geben solle, an welchem sie ausreisen würden.</span><br/> <span class="ft1">Dem Gesuchsgegner kann - entgegen der Auffassung des</span><br/> <span class="ft1">MIKA - auch nicht vorgeworfen werden, dass er sich im Zeitpunkt</span><br/> <span class="ft1">des geplanten Zugriffs für die Zuführung an den Grenzposten zwecks</span><br/> <span class="ft1">Ausschaffung nicht in der Unterkunft befand. Der Gesuchsgegner</span><br/> <span class="ft1">war nie über die Zustimmung der französischen Behörden zu einer</span><br/> <span class="ft1">Rückführung auf dem Landweg informiert worden, so dass er auch</span><br/> <span class="ft1">nicht mit einem unmittelbar bevorstehenden Wegweisungsvollzug</span><br/> <span class="ft1">rechnen musste und aus der Nichtanwesenheit beim Zugriffsversuch</span><br/> <span class="ft1">auch nicht auf ein Untertauchen geschlossen werden kann.</span><br/> <span class="ft1">Die Notwendigkeit der Inhaftierung lässt sich insbesondere</span><br/> <span class="ft1">auch nicht daraus ableiten, dass eine Rückführung unter Umständen</span><br/> <span class="ft1">- wie vom MIKA anlässlich des rechtlichen Gehörs angedeutet - am</span><br/> <span class="ft1">Widerstand der Ehefrau des Gesuchsgegners scheitern könnte. Denn</span><br/> <span class="ft1">wie im bereits zitierten Entscheid des Rekursgerichts ausgeführt,</span><br/> <span class="ft1">muss der Wegweisungsvollzug aufgrund einer Einzelfallbeurteilung</span><br/> <span class="ft1">durch das Verhalten <i>der betroffenen Person</i> minimal gefährdet er-</span><br/> <span class="ft1">scheinen, damit eine Ausschaffungshaft angeordnet werden darf. Ein</span><br/> <span class="ft1">allenfalls dahingehndes Verhalten seiner Ehefrau darf nicht dem Ge-</span><br/> <span class="ft1">suchsgegner zugerechnet werden.</span><br/> <span class="ft1">5.4.</span><br/> <span class="ft1">Die Tatsache, dass der Gesuchsgegner in Kenntnis des Dublin-</span><br/> <span class="ft1">Verfahrens und der damit irgendwann drohenden Ausschaffung nach</span><br/> <span class="ft1">Frankreich auf Vorladung jeweils beim MIKA erschienen ist, ist als</span><br/> <span class="ft1">gewichtiges Indiz für seine Bereitschaft zur selbständigen und kon-</span><br/> <span class="ft1">trollierten Ausreise zu gewichten. Seine Inhaftierung erweist sich un-</span><br/> <span class="ft1">ter den konkreten Umständen als nicht notwendig und widerspricht</span><br/> <span class="ft1">damit dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit. Der Gesuchsgegner</span><br/> <span class="ft1">ist daher unverzüglich aus der Ausschaffungshaft zu entlassen.</span><br/></div> </div> </body> </html>