Verwaltungsgericht des Kantons Schwyz Kammer I I 2021 70 Entscheid vom 11. Februar 2022 Besetzung lic.iur. Gion Tomaschett, Vizepräsident Dr.med. Urs Gössi, Richter Dr.med. Pierre Lichtenhahn, Richter MLaw Simone Höfliger, a.o. Gerichtsschreiberin Parteien A.________, Beschwerdeführer, gegen IV-Stelle Schwyz, Rechtsdienst, Postfach 53, 6431 Schwyz, Vorinstanz, Gegenstand Invalidenversicherung (Leistungen)2 Sachverhalt: A.A.________ (geb. am __.__.1972 im B.________, wo er rund 12 Jahre als Steinmetz/Maurer gearbeitet hatte) lebt seit Juni 2000 in der Schweiz, wo er für verschiedene Arbeitgeber, u.a. das Hotel ________ in ________, die C.________ AG sowie für Firmen zur Vermittlung von temporären Arbeitskräften erwerbstätig war (vgl. IV-act. 11-5/10 i.V.m. IV-act. 16 und 17). Am 30. Juni 2021 ging bei der IV-Stelle eine Anmeldung für Leistungen (berufli- che Integration/Rente) ein. Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen wurden wie folgt umschrieben: Nieren- und Herzprobleme, Bluthochdruck, Probleme mit Knie und Auge (vgl. IV-act. 11-6/10 Ziff. 6.1). B.Nach Abklärung und Einholung diverser medizinischer Berichte nahm die RAD-Ärztin D.________ (Allg. Innere Medizin FMH) am 24. August 2021 dahin- gehend Stellung, dass A.________ für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Pro- duktionsmitarbeiter (bei der Firma ______ ______ in ______) sowie in adaptier- ten Tätigkeiten als 100% arbeitsfähig zu beurteilen sei (IV-act. 23). Daraufhin kündigte die IV-Stelle mit Vorbescheid vom 27. August 2021 an, das Leistungs- begehren abzuweisen. Dagegen reichte A.________ am 1. September 2021 Einwände und verschiedene Arbeitsunfähigkeitszeugnisse ein (IV-act. 26). C.In einer kurzen Stellungnahme vom 14. September 2021 hielt die RAD- Fachärztin D.________ an ihrer ursprünglichen Einschätzung einer Arbeitsfähig- keit von 100% fest (IV-act. 28). Daraufhin verfügte die IV-Stelle am 27. Septem- ber 2021, dass das Leistungsbegehren abgewiesen werde. D.Gegen diese Verfügung erhob A.________ am 18. Oktober 2021 fristge- recht beim Verwaltungsgericht Beschwerde; sinngemäss ersucht er um eine neue Prüfung seiner Leistungsansprüche. E.Mit Vernehmlassung vom 13. Dezember 2021 beantragte die IV-Stelle, die Beschwerde sei abzuweisen, unter Kostenfolge zu Lasten des Beschwerdefüh- rers. In einer Eingabe vom 26. Januar 2022 reichte der Beschwerdeführer weitere medizinische Unterlagen nach. Das Verwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.1.1 Nach Art. 4 Abs. 1 des Invalidenversicherungsgesetzes (IVG; SR 831.20) vom 19. Juni 1959 in Verbindung mit Art. 8 Abs. 1 Bundesgesetz über den All-3 gemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) vom 6. Oktober 2000 gilt als Invalidität die durch einen körperlichen oder geistigen Gesundheits- schaden verursachte, voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde gan- ze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Gemäss Art. 7 Abs. 2 ATSG sind für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen; eine Erwerbsunfähig- keit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist. Die versicherte Person hat nach Art. 28 Abs. 2 IVG: - Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie mindestens zu 70 Prozent, - Anspruch auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 Prozent, - Anspruch auf eine halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 Prozent, - und Anspruch auf eine Viertelsrente, wenn sie mindestens zu 40 Prozent invalid ist. 1.1.2 Anzufügen ist, dass der Gesetzgeber mit der Gesetzesrevision "Weite- rentwicklung der IV" (WE IV) bzw. den Änderungen des IVG vom 19. Juni 2020, welche per 1. Januar 2022 in Kraft getreten sind, u.a. ein neues, stufenloses Rentensystem eingeführt hat. Mit diesem Wechsel wird die Höhe des Anspruchs auf eine Invalidenrente neu in prozentualen Anteilen einer ganzen Rente festge- legt und nicht mehr wie bisher nach Viertelsrentenstufen (vgl. Erw. 1.1.1 in fine). Allerdings gilt das stufenlose Rentensystem für Rentenansprüche ab dem 1. Ja- nuar 2022. Rentenansprüche, die vor dem 1. Januar 2022 entstanden sind, wer- den noch nach altem Recht zugesprochen (vgl. die Übergangsbestimmungen zur IVG-Änderung vom 19.6.2020). 1.1.3 Im konkreten Fall geht es v.a. darum, ob die am 30. Juni 2021 eingegan- gene IV-Anmeldung zu IV-Leistungen führt (was vom Beschwerdeführer konklu- dent bejaht und von der IV-Stelle verneint wird). 1.2Der Invaliditätsgrad bestimmt sich nach Art. 16 ATSG, wonach zur Ermitt- lung des Invaliditätsgrades das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behand- lung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätig- keit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (= sog. hypothetisches Invalideneinkommen), zum Erwerbseinkommen in Beziehung gesetzt wird, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (= sog. hypothetisches Valideneinkommen). Es ist für die Invaliditätsbemessung nicht entscheidend, ob die versicherte Person ihre (Rest-)Arbeitsfähigkeit erwerblich verwertet, d.h. von der verbliebenen Erwerbsfähigkeit Gebrauch macht. Vielmehr ist die Invalidität stets auf der Grundlage desjenigen Erwerbseinkommens zu bemessen, das die 4 versicherte Person durch eine ihr zumutbare Tätigkeit erzielen könnte (Meyer/ Reichmuth, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG, 3. A., Art. 28a N 27). 1.3Die Invalidität bemisst sich somit nicht nach medizinischen, sondern nach wirtschaftlichen, erwerblichen Kriterien, nach der Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsun- fähigkeit ist das Unvermögen, auf dem gesamten für die versicherte Person in Frage kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt die verbliebene Arbeitsfähigkeit in zumutbarer Weise wirtschaftlich zu verwerten (BGE 109 V 25 Erw. 3d). Wer nicht mindestens teilweise arbeitsunfähig ist, kann auch nicht erwerbsunfähig und mithin nicht invalid sein (vgl. BGE 105 V 139 Erw. 1b). 1.4Das sozialversicherungsrechtliche Verwaltungs- und Verwaltungsgerichts- beschwerdeverfahren ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht (vgl. Art. 43 Abs. 1, Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben Verwaltung und Sozialversicherungs- gericht von sich aus für die richtige und vollständige Abklärung des Sachverhalts zu sorgen (BGE 122 V 157 Erw. 1a). Mit dem Untersuchungsgrundsatz korrelie- ren die Mitwirkungspflichten der versicherten Person, indem diese zur Abklärung des Sachverhaltes beitragen muss (vgl. Meyer/Reichmuth, a.a.O., Art. 53-57 IVG N 10 mit Verweis auf BGE 122 V 157 Erw. 1a). 1.5.1 Die Verwaltung und im Beschwerdefall der Richter sind bei der Bemes- sung des IV-Grades auf Unterlagen angewiesen, die der Arzt und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes ist es, den Gesundheitszustand des Versicherten zu beurteilen. Der Arzt hat auch dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeit der Versicherte arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen dem Versicherten noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 Erw. 4). 1.5.2 In der Würdigung der Beweise ist der Sozialversicherungsrichter frei (vgl. Art. 61 lit. c ATSG). Er hat die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Er hat alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Be- urteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten (BGE 125 V 351 Erw. 3a; 122 V 157 Erw. 1c). 1.5.3 Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist mithin entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersu- chungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizini-5 schen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein- leuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Aus- schlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag ge- gebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 125 V 351 Erw. 3a). 1.5.4 In der Rechtsprechung sind die Aufgaben von Rechtsanwender und Arztperson im Rahmen der Invaliditätsbemessung seit jeher wie folgt verteilt worden: Sache des (begutachtenden) Mediziners ist es erstens, den Gesundheitszustand zu beurteilen und wenn nötig seine Entwicklung im Laufe der Zeit zu beschreiben, d.h. mit den Mitteln fachgerechter ärztlicher Untersuchung unter Berücksichtigung der subjektiven Beschwerden die Befunde zu erheben und gestützt darauf die Diagnose zu stellen. Hiermit erfüllt der Sachverständige seine genuine Aufgabe, wofür die Verwaltung und im Streitfall Gerichte nicht kompetent sind (z.B. Urteil des Bundesgerichts 9C_437/2012 vom 6.11.2012 Erw. 3.2). Bei der Folgenabschätzung der erhobenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen für die Arbeitsfähigkeit kommt der Arztperson hingegen keine abschliessende Beurteilungskompetenz zu. Vielmehr nimmt die Arztperson zur Arbeitsunfähigkeit Stellung, d.h. sie gibt eine Schätzung ab, welche sie aus ihrer Sicht so substanziell wie möglich begründet. Die ärztlichen Angaben sind eine wichtige Grundlage für die juristische Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (so die mit BGE 105 V 156 Erw. 1 begründete und in zahllosen Urteilen bestätigte Rechtsprechung, z.B. BGE 132 V 93 Erw. 4). 1.6Nach konstanter Rechtsprechung darf die IV-Stelle (bzw. im Beschwerde- verfahren das Sozialversicherungsgericht) sich auf Berichte versicherungsinter- ner medizinischer Fachpersonen (vom Regionalen Ärztlichen Dienst, RAD, der IV-Stellen) abstützen und mithin auch ohne Einholung eines externen Gutach- tens einen Versicherungsfall nach Massgabe der eingeholten medizinischen Be- richte entscheiden. Allerdings sind in solchen Fällen an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen, indem bei auch nur geringen Zweifeln an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststel- lungen grundsätzlich ergänzende Abklärungen vorzunehmen sind (vgl. dazu statt vieler Urteil des Bundesgerichts 9C_647/2020 vom 26.8.2021 Erw. 4.2 mit Ver- weis auf BGE 142 V 58 Erw. 5.1f. mit Hinweisen; BGE 135 V 465 Erw. 4.4 in fine mit Hinweis). 1.7Anzufügen ist, dass sich der gerichtliche Überprüfungszeitraum grundsätz- lich auf den Sachverhalt beschränkt, wie er sich bis zum Erlass der angefochte-6 nen Verfügung (hier der Verfügung vom 27.9.2021) verwirklicht hat (BGE 143 V 409 Erw. 2.1). Das kantonale Gericht hat aber nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung spätere Berichte und Dokumente in die Beurteilung miteinzube- ziehen, sowie sie Rückschlüsse auf die im Zeitpunkt des Abschlusses des Ver- waltungsverfahrens gegebene Situation erlauben (vgl. Urteil BGer 8C_503/2021 vom 18.11.2021 Erw. 4.1 mit weiteren Hinweisen). 2.Was die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Versicherten sowie die Auswirkungen auf das verbliebene (zumutbare) Leistungsvermögen anbelangt, sind den Akten u.a. die nachfolgend aufgeführten Angaben zu entnehmen. 2.1In der am 29. Juni 2021 unterzeichneten IV-Anmeldung wurden die gesundheitlichen Beeinträchtigungen wie folgt umschrieben: "Nieren- und Herzprobleme, Bluthochdruck, Probleme mit Knie und Auge" (vgl. IV-act. 11- 6/10). 2.2.1 Zuvor war der Versicherte am 15. Juni 2021 im Spital E.________ im Rahmen der gefässmedizinischen Sprechstunde von Oberarzt Dr.med. F.________ untersucht worden. In seinem Bericht vom 16. Juni 2021 stellte er folgende Diagnosen (IV-act. 21-15/68): 1. Generalisierte Arteriosklerose •Periphere arterielle Verschlusskrankheit Stadium I bds. mit/bei •40 bis 50%ige Stenose der mittleren A. iliaca externa bds. 2. Koronare 1-Gefässerkrankung •St.n. posterolateralem NSTEMI am 10.04.21 •Koronarangiographie 10.04.21: •Subtotaler RCX-Verschluss distal •TTE 10.04.21: normale linksventrikuläre Funktion (EF 68%), Hypo-kinesie posterolateral, erhöhter LVEDP (18mmHg) •TTE 28.04.21: Global erhaltene systolische und diastolische linksventrikuläre Funktion, EF 73% •Therapie: •Direct-Stenting des RCX-Verschluss am 10.04.21 •Sekundärprophylaxe: ASS 100mg/d lebenslang, Brilique 2x90mg bis 04/22 •cvRF: arterielle Hypertonie Dyslipidämie, chon. Nikotinkonsum, Adipositas 3. Chronisches thorakovertebrales Schmerzsyndrom 4. COPD Gold Stadium Ia Weiter führte dieser Oberarzt u.a. aus, dass sich der Versicherte aufgrund von Schmerzen am Bein bds. nach 50m Gehen untersuchen liess; ausserdem habe er über Schmerzen am Rücken mit Kribbeln am Fuss bds. geklagt (IV-act. 21- 16/68 oben). In der Beurteilung hielt dieser Oberarzt fest, dass eine vaskuläre Ursache der vom Versicherten geschilderten Symptomatik anhand der aktuellen 7 gefässmedizinischen Untersuchung nicht eruiert werden konnte. Bei Verdacht auf ein lumbospondylogenes Schmerzproblem wurde auf eine orthopädische Abklärung bei Dr. G.________ verwiesen (IV-act. 21-16/68 unten): 2.2.2 Am 24. Juni 2021 untersuchte Dr.med. G.________ (Sportmedizinische Sprechstunde, Spital E.________) den Versicherten. Im gleichentags verfassten Bericht diagnostizierte diese Ärztin Schmerzen im thorakolumbalen Übergang sowie eine schmerzbedingt eingeschränkte Gehstrecke (primär nicht vaskulär bedingt); zudem wiederholte sie die bereits bekannten Diagnosen (siehe vorstehend, Erw. 2.2.1, vgl. IV-act. 21-13/68). Zur Abklärung eines pathologischen Korrelates empfahl sie eine MRI-Abklärung der BWS und LWS und nahm die entsprechenden Anmeldungen vor (IV-act. 21-14/68). 2.2.3 Dr.med. H.________ (Oberärztin Tagesklinik Innere Medizin, Spital E.________) untersuchte den Versicherten am 25. Juni 2021. Im anschliessenden Bericht vom 2. Juli 2021 an den Hausarzt (siehe nachfolgend) wurden folgende Diagnosen gestellt (IV-act. 21-7/68): 1. Hypertensive Entgleisung •ACE-Hemmer-Unverträglichkeit, starke Halsschmerzen 2. Koronare 1-Gefässerkrankung •St.n. posterolateralem NSTEMI am 10.04.21 •Koronarangiographie 10.04.21: •Subtotaler RCX-Verschluss distal •TTE 10.04.21: normale linksventrikuläre Funktion (EF 68%), Hypokinesie posterolateral, erhöhter LVEDP (18mmHg) •TTE 28.04.21: Global erhaltene systolische und diastolische linksventrikuläre Funktion, EF 73% •Therapie: •Direct-Stenting des RCX-Verschluss am 10.04.21 •Sekundärprophylaxe: ASS 100mg/d lebenslang, Brilique 2x90mg bis 04/22 •cvRF: arterielle Hypertonie Dyslipidämie, chon. Nikotinkonsum, Adipositas 3. Chronisches thorakovertebrales Schmerzsyndrom 4. COPD Gold Stadium Ia Weiter wurde im Bericht u.a. ausgeführt, dass der Versicherte aktuell frei von kardialen Beschwerden sei. Er berichte weiterhin über starke Beinschmerzen, die bereits vor dem Herzinfarkt aufgetreten seien (IV-act. 21-8/68 oben). 2.3Der Hausarzt Dr.med.univ. I.________ (Facharzt Innere Medizin, E.________) stellte in seinem Bericht vom 21. Juli 2021 an die IV-Stelle folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (IV-act. 21-3/68): Hyperhidrosis Polyglobulie8 Nebennieren-Adenom links Arterielle Hypertonie Myokardinfarkt bei Eingefässerkrankung mit Stunt-Versorgung 04.2021 Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit enthält dieser Bericht folgende Angaben (IV-act. 21-4/68 oben): Calciumoxalat-Ureterolithiasis links -St.n. ureterrenoskopischer Laserlithotrypsie eins ca. 2.5 cm grossen lumbalen Harnleiterkonkrementes links 04/2016 -St.n. obstruktiver Pyelonephritis 04/2016 Prä-Diabetes Dyslipidämie St.n. Inguinalhernien-Operation 08/2018 Hochgradige Amblyopathie b. Anisometropie Auge links Zu den Funktionseinschränkungen zählte der Hausarzt alle Tätigkeiten, bei de- nen eine übermässige Schweisssekretion ein Problem darstelle, z.B. Verpackung von hochwertigen Waren, Lebensmittelindustrie, Logistik, Kundenkontakt (vgl. IV- act. 21-5/68, Ziff. 3.4). 2.4Die RAD-Ärztin D.________ (Fachärztin Allgem. Innere Medizin FMH) nahm am 24. August 2021 wie folgt zur gesamten medizinischen Aktenlage Stel- lung (vgl. IV-act. 23): Welche AF-relevanten Diagnosen/ Gesundheitsschäden liegen vor und welche Einschränkungen verursachen diese? Keine Diagnosen/Gesundheitsschäden von längerer Dauer. Koronare 1-Gefässerkrankung: Hier erfolgte ein suffizientes Stenting bei St.n. posterolateralem NSTEMI am 10.04.21 mit Nachweis einer guten Herzfunktion (TTE 10.04.21: normale linksven- trikuläre Funktion) (EF 68%) Arterielle Hypertonie, schwer einstellbarer Hypertonus: Die Therapieoptionen waren gemäss Aktenlage zu 11/20 noch nicht ausgeschöpft, zur Optimierung der Blutdruckeinstellung wurden gemäss Bericht Spital E.________ vom 13.11.20 verschiedene Behandlungsempfehlungen abgegeben (S. 42/ Scan 26.07.21). Es ist unklar, inwieweit diese Behandlungsoptionen umge- setzt wurden. Ein langandauernder Gesundheitsschaden ergibt sich aus dieser Diagnose aufgrund der guten Behandelbarkeit nicht. Chronisches thorakovertebrales Schmerzsyndrom: Unter den üblichen Behandlungsoptionen (Analgesie und Physiotherapie/ Manual- behandlungen) ist hier kein andauernder Gesundheitsschaden ableitbar. COPD Gold Stadium 1a: -RF: persistierender Nikotinkonsum Durch Nikotinverzicht kann diese Erkrankung zumindest verlangsamt oder aufge- halten werden. Dieses Stadium ist aufgrund der aktuell noch geringen Einschrän- kungen ohne AU-Relevanz bei leichten und mittelleichten Tätigkeiten.9 Hyperhidrosis unklarer Ätiologie ES ca. 2013 Mögliche Behandlungsoptionen wurden noch nicht vollständig ausgeschöpft. Des Weiteren kann eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus diesem Symptom nicht abgeleitet werden. Allenfalls bei hygienisch bedenklichen Tätigkeiten/ Kundenkon- takt ist von Einschränkungen auszugehen. Eine einfache Tätigkeit in der Produkti- on ist möglich. Nebennieren-Adenom links: Dies ist ein gutartiger Tumor der Nebennierenrinde, welcher vermutlich i.R. einer abdominellen Bildgebung (CT) aufgefallen ist. Ein Befund ist nicht vorliegend. Gemäss endokrinologischer Untersuchung USZ 05/2020 fanden sich keine Auffäl- ligkeiten. Eine AU-Relevanz kann hier nicht nachvollzogen werden. Polyglobulie: Zu diesem Laborwertbeschrieb finden sich keine entsprechenden Laborwerte, so- dass weder die Schwere der Polyglobulie abzuschätzen ist noch werden akte- nanamnestisch entsprechende funktionelle Einschränkungen beschreiben, welche auch nicht nachvollziehbar wären. Eine Polyglobulie ist sicher abklärungsbedürftig, jedoch mittels schulmedizinischer Massnahmen behandelbar und stellt keinen lan- gandauernden Gesundheitsschaden dar. Ein AU-relevanter langandauernder Gesundheitsschaden ist aus versicherungs- medizinischer Sicht nicht festzustellen. Wie hoch ist die medizinisch zumutbare AF in angestammter Tätigkeit als ehemali- ger Produktionsmitarbeiter? 100% Wie wird die medizinisch zumutbare AF in adaptierter Tätigkeit beurteilt? 100% Was ist in der adaptierten Tätigkeit aus medizinisch theoretischer Sicht zu berück- sichtigen? Zum weiteren Vorgehen? Alle Tätigkeiten, bei denen eine übermässige Schweisssektretion ein Problem dar- stellt, z.B. Verpackung v. hochwertigen Waren, Lebensmittelindustrie. Logistik, Kundenkontakt. Ideal wäre eine Tätigkeit in kühler/klimatisierter Umgebung. 2.5Nach dem Vorbescheid vom 27. August 2021, mit welchem ein Leistungs- anspruch verneint wurde (IV-act. 25), erhob der Versicherte am 1. September 2021 Einwände und machte geltend, dass bei den aktuell behandelnden Ärzten weitere medizinische Akten einzuholen seien (IV-act. 26). Zudem wurden Arzt- zeugnisse des Hausarztes eingereicht, wonach der Versicherte 100% arbeitsun- fähig sei (IV-act. 3ff./15). 2.6Am 14. September 2021 gelangte die RAD-Fachärztin D.________ zum Ergebnis, dass eine neue medizinische Sachlage nicht dargelegt worden sei; zu den vorgebrachten Diagnosen sei bereits im RAD-Bericht vom 24. August 2021 ausführlich Stellung genommen worden (IV-act. 28). Daraufhin hielt die IV-Stelle mit Verfügung vom 27. September 2021 u.a. was folgt fest (IV-act. 30): 10 Unsere Abklärungen haben gestützt auf die Beurteilung des Regional Ärztlichen Dienstes (RAD) ergeben, dass kein Gesundheitsschaden mit dauerhafter Auswir- kung auf die Arbeitsfähigkeit ausgewiesen ist. Die Beschwerden sind einer schul- medizinischen, ambulanten Behandlung zugänglich und therapierbar. Es liegt eine 100%ige Arbeitsfähigkeit in der angestammten wie auch in angepass- ten Tätigkeit vor. Es ist keine Invalidität gemäss Art. 8 ATSG ausgewiesen. Es besteht somit kein Anspruch auf IV-Leistungen, das Gesuch wird abgeschlossen. 2.7.1 Am 26. November 2021 (und mithin nach Erlass der angefochtenen Verfü- gung) wurde der Versicherte von J.________ (Oberärztin Kardiologie, Spital E.________) untersucht. Im folgenden Bericht vom 7. Dezember 2021 an den Hausarzt wurde u.a. ausgeführt, dass die kardiale Vorgeschichte des Patienten kompliziert sei. Initial habe er im April 2021 einen NSTEMI erlitten, wobei eine subtotale RCX-Stenose gestentet werden konnte. Am 5. August 2021 sei eine Re-Koronarangiographie bei Thoraxschmerzen erfolgt (wobei der Stent sich durchgängig gezeigt habe und keine neuen Stenosen vorfindbar waren). Nur knapp eine Woche darauf erfolgte eine erneute koronarangiographische Unter- suchung aufgrund eines NSTEMI's, wobei sich ein septaler Infarkt gezeigt habe. Es habe sich im MRI vom 12. August 2021 eine umschriebene transmurale sep- tale Nekrose mit deutlichem Ödem (mit einem Troponinanstieg) gezeigt. In der MRI Verlaufskontrolle vom 06. Oktober 2021 habe sich das Ödem komplett re- gredient gezeigt, bei Status nach den zwei Infarkten entsprechend diskrete Hy- pokinesien bei normaler EF Am 14. Oktober 2021 sei eine erneute koronarangio- graphische Untersuchung erfolgt bei Thoraxschmerzen und Troponinanstieg auf 28 ng/l, wobei sich keine signifikanten Stenosen gezeigt hätten. Es bestehe der Verdacht auf eine MINOCA. Insgesamt sei die Belastbarkeit einschränkt, auch aufgrund diverser anderer Probleme (Adipositas, Rücken- und Beinschmerzen, vgl. Bf-act. 3). 2.7.2 In einem weiteren Bericht vom 25. Januar 2022 führte der Hausarzt u.a. was folgt aus (Bf-act. 1): Bezüglich des Herzens gab es im letzten Jahr mehrere Ereignisse, die einem Her- zinfarkt gleichzustellen sind, weshalb der Patient einen Stent brauchte und eine verminderte Leistungsfähigkeit des Herzens hat. Es besteht eine sogenannte MI- NOCA, dies bedeutet, dass es zum Auftreten von Minderdurchblutungen des Her- zens kommt ohne dass entsprechende Veränderungen an den Herzkranzgefässen vorhanden sind. Dies führt aber zu einer reduzierten Leistungsfähigkeit und es ist nicht vorhersehbar, wann der nächste Anfall erfolgen wird. So bleibt es nur die kardiovaskulären Risikofaktoren, die Hypertonie, die Dyslipidämie zu behandeln. Von Seiten der Lunge besteht nur eine leichte Einschränkung der Belastungsfähig- keit. Es besteht aber ein sogenanntes Schlafapnoesyndrom, welches die Leis- tungsfähigkeit weiter einschränkt.11 3.Eine gerichtliche Würdigung all dieser Angaben zeitigt die nachfolgend dargelegten Ergebnisse. 3.1Es handelt sich um einen 49-jährigen Versicherten mit multiplen Erkran- kungen, die sich grundsätzlich mindestens teilweise auf die zumutbare Arbeits- fähigkeit auswirken (namentlich die koronare Herzkrankheit, die Rückenbe- schwerden und die Hyperhidrosis). Es trifft an sich zu, dass die angeführten gesundheitlichen Probleme des Versicherten nach der Aktenlage ausreichend untersucht und entsprechende Behandlungsoptionen angesprochen wurden. Hingegen kann der Argumentation in der angefochtenen Verfügung, welche sich ausschliesslich auf die Einschätzung der RAD-Fachärztin abstützt und im We- sentlichen beinhaltet, dass der Versicherte in der angestammten Tätigkeit (Lagermitarbeiter) und in angepassten Tätigkeiten uneingeschränkt (100%) ar- beitsfähig sei, nicht tel quel beigepflichtet werden. Hinreichend begründete Zwei- fel an dieser Einschätzung der RAD-Fachärztin sind darin zu erblicken, dass der Hausarzt im Rahmen einer gesamtheitlichen Beurteilung aller Krankheitsfaktoren sinngemäss von einer reduzierten Belastbarkeit bzw. Leistungsfähigkeit ausgeht, und zwar auch für grundsätzlich leichte, adaptierte Arbeiten, was im Lichte der konkreten Umstände durchaus einleuchtet. Mit anderen Worten ist es glaubhaft, dass der Versicherte mit den dargelegten gesundheitlichen Problemen nicht mehr (im Vergleich zu gesunden Versicherten) uneingeschränkt 100% arbeits- fähig ist, zumal wenn die koronare Situation (mit 2 Koronarangiographien vor dem Erlass der angefochtenen Verfügung) hinreichend mitberücksichtigt wird. Angesichts solcher begründeter Zweifel an der dargelegten Einschätzung der RAD-Fachärztin, welche eine gesamthafte Beurteilung der Auswirkungen aller gesundheitlichen Probleme auf die zumutbare Arbeitsfähigkeit vermissen lässt (indem beispielsweise auch nicht eine verminderte Leistungsfähigkeit durch einen massgeblichen zusätzlichen Pausenbedarf zugestanden wurde), erweist sich die Beschwerde als begründet. Wie es sich verhalten würde, wenn die RAD- Fachärztin in ihrer Einschätzung der gesundheitlichen Situation des Versicherten vom 24. August 2021 für die Summe aller gesundheitlichen Beeinträchtigungen einen zusätzlichen Pausenbedarf und/oder pauschal eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit beispielsweise von rund 20% bis 25% anerkannt hätte, kann hier offen bleiben. 3.2Für eine Rückweisung an die Vorinstanz spricht aber insbesondere auch, dass in der angefochtenen Verfügung kein Einkommensvergleich durchgeführt wurde. Stellt man zur Ermittlung des Valideneinkommens auf das Jahresein- kommen des Versicherten als Lagermitarbeiter bei der C.________ AG ab, ist dem IK-Auszug zu entnehmen, dass der Versicherte für sein letztes ganzes Jahr 12 bei diesem Arbeitgeber per 2016 insgesamt Fr. 47'830.-- verdiente, was massiv unter dem Durchschnittseinkommen eines Hilfsarbeiters gemäss den LSE- Tabellenlöhnen liegt (gemäss der LSE 2016, Tabelle TA1, tirage skill level, Män- ner, Kompetenzniveau 1, beträgt der Totalwert Fr. 5'340.--, was angepasst an die betriebsübliche wöchentliche Arbeitszeit von 41.7 Stunden einen durchschnittli- chen Jahresverdienst von Fr. 66'803.40 per 2016 ergibt, vgl. dazu beispielsweise Urteil des Bundesgerichts 8C_475/2020 vom 14.4.2020 Erw. 3.1). Bei einer sol- chen Differenz zwischen dem tatsächlichen Verdienst (Fr. 47'830.--) und dem durchschnittlichen Tabellenlohn gemäss LSE 2016 (66'803.40) im Umfange von nahezu Fr. 19'000.-- (66'803.40 minus 47'830 = 18'973.40) ist jedenfalls die An- wendung der Rechtsprechung zur Parallelisierung der Vergleichseinkommen (vgl. dazu beispielsweise BGE 141 V 1; 140 V 41) zu prüfen, was in der ange- fochtenen Verfügung nicht thematisiert wurde. 3.3Anzufügen ist, dass mit der vorliegenden Rückweisung an die IV-Stelle nach Auffassung des Gerichts nicht zwingend eine externe Begutachtung nötig ist. Vielmehr wäre eine solche gegebenenfalls entbehrlich, wenn im Rahmen einer gesamtheitlichen Einschätzung aller gesundheitlichen Beeinträchtigungen für die (glaubhafte) eingeschränkte Belastbarkeit bzw. für einen erhöhten Pau- senbedarf eine angemessene Herabsetzung der Leistungsfähigkeit zugestanden würde, welche im Rahmen des Einkommensvergleichs (unter Einbezug der Rechtsprechung zur Parallelisierung der Vergleichseinkommen) grundsätzlich zu einem IV-Rentenanspruch führen könnte. 4.Nach dem Gesagten ist in Gutheissung der Beschwerde die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit sie im Sinne der Erwägungen vorgehen und alsdann über den Leistungsan- spruch neu verfügen kann.13 Demnach erkennt das Verwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird insoweit geheissen, als die angefochtene Verfügung aufgehoben und die Sache an die Vorinstanz zurückgewiesen wird, damit sie im Sinne der Erwägungen vorgehen und alsdann über den Leistungs- anspruch neu befinden kann. 2. Die Verfahrenskosten werden auf Fr. 500.-- festgelegt und der Vorinstanz auferlegt. Sie hat diesen Betrag innert 30 Tagen seit Zustellung dieses Ent- scheids auf das Konto der Postfinance 60-22238-6 des Gerichts zu über- weisen. 3. Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen seit Zustellung Beschwer- de* in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten beim Bundesgericht, Schwei- zerhofquai 6, 6004 Luzern, erhoben werden (Art. 42 und 82ff. des Bundes- gesetzes über das Bundesgericht [BGG; SR 173.110] vom 17.6.2005). Soweit die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten nicht zulässig ist, kann in derselben Rechtsschrift subsidiäre Verfassungs- beschwerde* erhoben und die Verletzung von verfassungsmässigen Rech- ten gerügt werden (Art. 113ff. BGG). 4. Zustellung an: -den Beschwerdeführer (R) -die Vorinstanz (R) -und das Bundesamt für Sozialversicherungen BSV, 3003 Bern (A). Schwyz, 11. Februar 2022 Im Namen des Verwaltungsgerichts Der Vizepräsident: Die a.o. Gerichtsschreiberin: *Anforderungen an die Beschwerdeschrift Die Beschwerdeschrift ist in einer Amtssprache (Deutsch, Französisch, Italienisch, Ru- mantsch Grischun) abzufassen und hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalten. In der Begründung ist in gedrängter Form darzulegen, inwiefern der angefochtene Entscheid Recht verletzt. Die Urkunden, auf die sich die Partei als Beweismittel beruft, sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat; der angefochtene Entscheid ist beizulegen. Versand: 15. Februar 2022