B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4452/2023 U r t e i l v o m 8 . F e b r u a r 2 0 2 4 Besetzung Richterin Chiara Piras (Vorsitz), Richterin Esther Marti, Richterin Jeannine Scherrer-Bänziger, Gerichtsschreiber Nikola Nastovski. Parteien A._______, geboren am (…), und ihr Kind B._______, geboren am (…) Somalia, beide vertreten durch Carla Müller, (…), Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des SEM vom 9. August 2023 / N (…). D-4452/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Die somalische Staatsangehörige A._______ reiste am 22. Dezember 2022 in die Schweiz ein und suchte tags darauf um Asyl nach. Auf dem Personalienblatt gab sie an, sie sei am (…) 2005 geboren worden und mit- hin minderjährig. A.b Ein Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführerin mit der eu- ropäischen Fingerabdruck -Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass sie am 28. März 2022 in Frankreich ein Asylgesuch gestellt hatte. A.c Mit Vollmacht vom 16. Januar 2023 mandatierte sie die ihr zugewie- sene Rechtsvertretung des Bundesasylzentrums (BAZ) der Region C._______. A.d Am 18. Januar 2023 stellte das Staatssekretariat für Migration (SEM) bei den französischen Behörden betreffend die Beschwerdeführerin ein In- formationsersuchen nach Art. 34 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rats vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in ei- nem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). A.e Am 23. Januar 2023 erteilte das SEM der Beschwerdeführerin eine Bewilligung für die Wochenendunterbringung bei ihrer Schwester (N […]; vorläufige Aufnahme seit dem (…) Mai 2018). A.f Am 30. Januar 2023 führte das SEM – im Beisein der Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin – eine Erstbefragung unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender (EB UMA) durch. Dabei machte die Beschwerdeführerin geltend, sie sei im Oktober 2021 mit dem Flugzeug aus Somalia in die Tür- kei und von dort mit dem Boot nach Griechenland gelangt. Mit Hilfe des Schleppers sei sie mit dem Flugzeug von Griechenland nach Frankreich geflohen und habe sich dort vom (…) Monat des Jahres 2022 aufgehalten. Anschliessend sei sie mit dem Zug in die Schweiz eingereist. Sie gab ferner zu Protokoll, Analphabetin zu sein und am (…) 2005 geboren worden zu sein. Sie wisse ihr genaues Geburtsdatum, weil sie eine Geburtsurkunde habe. Als sie von den französischen Behörden registriert worden sei, habe sie einen falschen Namen und ein falsches Geburtsdatum angegeben. Als Grund dafür führte sie an, der Schlepper habe ihr Angst gemacht und D-4452/2023 Seite 3 gesagt, sie würde in ein Heim kommen und misshandelt werden, wenn sie ihr richtiges Geburtsdatum angeben würde. A.g Am 29. beziehungsweise 31. Januar 2023 beantworteten die französi- schen Behörden das Ersuchen des SEM vom 18. Januar 2023 und teilten mit, die Be schwerdeführerin sei bei ihnen unter den Personalien D._______, geboren am (…) 2000, registriert. Ihr Asylgesuch vom 28. März 2022 sei am 30. September 2022 er stinstanzlich abgewiesen worden. A.h Mit Eingabe vom 3. März 2023 reichte die Rechtsvertretung der Be- schwerdeführerin Kopien des somalischen ID -Zertifikats sowie der Ge- burtsurkunde der Beschwerdeführerin zu den Akten. A.i Am 24. März 2023 hiessen die französischen Behörden das Ersuchen des SEM um Übernahme der Beschwerdeführerin vom 10. März 2023 ge- stützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO gut. A.j Entsprechend dem schriftlichen Auftrag des SEM vom 27. März 2023 wurde am (…) März 2023 durch das Institut für Rech tsmedizin (IRM) (…) eine forensische Lebensaltersschätzung durchgeführt. Im Altersgutachten vom 5. April 2023 kamen die Ärzte zum Schluss, die Beschwerdeführerin habe ein durchschnittliches Lebensalter von 18 bis 23 Jahren und ein Min- destalter von 16.2 Jah ren. Das von der Beschwerdeführerin angegebene Geburtsdatum könne zutreffen. A.k Das SEM gewährte der Beschwerdeführerin am 19. April 2023 schrift- lich das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Anpassung ihres Alters im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEM IS) mit Geburtsdatum vom (…) 2004 sowie zur allfälligen Wegweisung nach Österreich oder Bulgarien (recte: Frankreich) für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsver- fahrens. A.l In ihrer Stellungnahme vom 24. April 2023 hielt die Beschwerdeführerin an ihrer Minderjährigkeit fest. Sie beantragte, es sei von der geplanten Al- tersanpassung im ZEMIS abzusehen. Für den Fall einer Anpassung des Geburtsdatums sei im ZEMIS ein Bestreitungsvermerk anzubringen, da sie mit der Altersanpassung nicht einverstanden sei. Fer ner beantragte sie aufgrund von Hinweisen auf Menschenhandel eine vertieftere Abklärung des Sachverhalts in Frankreich und das Durchführen einer Zusatzbefra- gung. D-4452/2023 Seite 4 A.m Am 9. und am 23. Mai 2023 reichte die Beschwerdeführerin Arztbe- richte vom 5. Mai respektive vom 10. Mai 2023 ein, in welchen unter ande- rem Zyklusstörungen (ICD-10: N925), Schmerzen bei der Monatsblutung, Ein- und Durchschlafstörungen (ICD-10: G47-0) sowie eine posttraumati- sche Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) festgestellt wurden. A.n Am 12. Mai 2023 wurde die Beschwerdeführerin zum möglichen Tat- bestand des Menschenhandels angehört. Gleichentags wurde sie von der Vorinstanz als potentielles Opfer von Menschenhandel (OMH) anerkannt und es wurde ihr eine Erholungs - und Bedenkzeit von 30 Tagen einge- räumt. A.o Im Arztbericht vom 9. Juni 2023 wurde bei der Beschwerdeführerin – nebst den bereits bekannten Diagnosen – eine Schwangerschaft festge- stellt. A.p Mit Eingabe vom 13. Juni 2023 wies die Rechtsvertretung der Be- schwerdeführerin auf deren Schwangerschaft (Schwang erschaftswoche […]) hin und reichte einen Kurzbericht der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) vom 5. Juni 2023 ein. A.q Am 14. Juni 2023 erfolgte die Zuweisung der Beschwerdeführerin an den Kanton E._______. A.r Mit Schreiben vom 18. Juli 2023 forderte das SEM die Beschwerdefüh- rerin zur Stellungnahme im Zusammenhang mit der Schwangerschaft und dem Beziehungsstand mit dem Kindsv ater auf. Die Beschwerdeführerin nahm am 27. Juli 2023 dazu Stellung. Gleichentags informierte das SEM die französischen Behörden über die Schwangerschaft der Beschwerde- führerin. B. Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 9. August 2023 trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, stellte fest, ihr Geburtsdatum im ZEMIS laute auf den (…) 2004, mit Be- streitungsvermerk, verfügte die Wegweisung nach Frankreich und forderte sie auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wurde der Kanton E._______ mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragt. Zudem verfügte die Vorinstanz die Aushändi- gung der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an die D-4452/2023 Seite 5 Beschwerdeführerin und hielt schliesslich fest, einer allfälligen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu. C. C.a Mit Eingabe vom 16. August 2023 erhob die Beschwerdeführerin – handelnd durch ihre Rechtsvertretung – beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte in materieller Hinsicht, die vorinstanzliche Ver- fügung vom 9. August 2023 sei aufzuheben, die Vorinstanz sei anzuwei- sen, auf das Asylgesuch einzutreten und ihr Geburtsdatum im ZEMIS auf den (…) 2005 anzupassen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. In formeller Hinsicht beantragte sie, der Be- schwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbe- hörde sei im Sinne einer vorsorglichen Massnahme unverzüglich anzuwei- sen, von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen, bis das Bundesverwal- tungsgericht über die Beschwerde entschieden habe. Ferner ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Der Beschwerde lag unter anderem eine Fürsorgeabhängigkeitsbestäti- gung der Beschwerdeführerin vom 15. August 2023 bei. C.b Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 17. August 2023 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). Gleichentags wurde der Vollzug der Überstellung der Beschwerdeführerin nach Frankreich mit superprovisorischer Massnahme per sofort einstwei- len ausgesetzt. C.c Mit Verfügung vom 22. August 2023 erteilte die Instruktionsrichterin der Beschwerde die aufschiebende Wirkung und stellte fest, die Beschwerdeführerin dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig informierte sie die Parteien, dass über das Begehren hinsichtlich der Datenänderung im ZEMIS im separaten Verfahren D -4457/2023 entschieden werde, hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und gab dem SEM Gelegenheit, eine Vernehmlassung zur Beschwerde einzureichen. C.d In der Vernehmlassung vom 28. August 2023 verwies die Vorinstanz auf ihre Erwägungen im angefochtenen Entscheid und erklärte, sie halte vollumfänglich daran fest. Die Vernehmlassung wurde der Beschwerdefüh- rerin am 4. September 2023 zur Kenntnisnahme zugestellt. D-4452/2023 Seite 6 C.e Die Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin informierte das Bundes- verwaltungsgericht mit Eingabe vom 26. September 2023 darüber, dass sich die Beschwerdeführerin derzeit in ambulanter psychiatrischer bezie- hungsweise psychotherapeutischer Behandlung im Sanatorium F._______ befinde. D. Am (…) 2023 brachte die Beschwerdeführerin ihr Kind, B._______, in der Schweiz zur Welt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das SEM gehört zu den Behör- den nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwal- tungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bun desgesetzes über das Bundesgericht vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht einge reicht worden. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Be- schwerde ist somit einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). D-4452/2023 Seite 7 3. Die Beschwerdeführerin beantragte explizit die Abänderung des im ZEMIS vermerkten Geburtsdatums ([…] 2004) auf den (…) 2005 (vgl. Rechtsbe- gehren 3 der Beschwerde). Die vorliegende Beschwerde richtet sich dem- nach sowohl gegen den Nichteintr etensentscheid betreffend das Asylge- such als auch gegen die ZEMIS -Eintragung. Über das Begehren auf Än- derung des im ZEMIS vermerkten Geburtsdatums ist praxisgemäss nicht im vorliegenden Dublin-Verfahren zu entscheiden, weshalb bezüglich der beantragten Datenänderung im ZEMIS ein separates Verfahren unter der Geschäftsnummer D-4457/2023 zu führen ist (vgl. hierzu u.a. Urteil des BVGer D-2765/2021 vom 21. Juni 2021 E. 2). Das Beschwerdeverfahren betreffend Nichteintreten auf das Asylgesuch und Überstellung in einen an- deren Dublin-Mitgliedstaat ist angesichts der Dringlichkeit des Verfahrens (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG) vorzuziehen und das ZEMIS-Beschwerdever- fahren wird zu einem späteren Zeitpunkt weiterzuführen sein. 4. Das während des hängigen Beschwerdeverfahrens am (…) 2023 gebo- rene Kind der Beschwerdeführerin, B._______, wird in das vorliegende Be- schwerdeverfahren einbezogen. 5. 5.1 Im Asylbereich kann mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach - verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 5.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 6. 6.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu- chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin -III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die D-4452/2023 Seite 8 Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref- fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein. 6.2 Das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaats wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines – hier interessierenden – Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.). Davon ausgenommen sind die Zuständigkeitskriterien in den Art. 8-10 Dublin -III-VO, sofern diese dem Schutz des Kindeswohls und des Familienlebens der betroffenen Personen dienen (vgl. Urteil des EuGHs C -582/17 und C-583/17 vom 2. April 2019 i.S. Staatssecretaris van Veiligheid en Justitie gegen H. und R., Rz. 83). Die Prüfung des Schutzgesuchs ist in diesen Fällen vom Aufenthaltsstaat selbst durchzuführen ( KOEHLER, Praxiskommentar zum Europäischen Asylzuständigkeitssystem, 2018, Art. 8 Dublin-III-VO Rz. 33). 6.3 Gemäss Art. 8 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO wird ein Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs einer unbegleiteten Minderjährigen zuständig, wenn sich ein Familienangehöriger oder eines der Geschwister des Kindes rechtmässig in diesem Mitgliedstaat aufhält, und es dem Wohl der Minder- jährigen dient. 7. 7.1 Im vorliegenden Fall reiste die Beschwerdeführerin von Somalia in die Türkei und von dort auf dem Seeweg zuers t in Griechenland ein, von wo sie nach Frankreich gelangte. Dort wurde sie gemäss Eurodac am 28. März 2022 registriert und stellte gleichentags ein Asylgesuch. Die fran- zösischen Behörden hiessen das Ersuchen des SEM um Übernahme der Beschwerdeführerin am 2 4. März 2023 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO gut. Bei dieser Sachlage wäre grundsätzlich Frankreich zu- ständig für das Asyl- und Wegweisungsverfahren. 7.2 Da sich die ältere Schwester der Beschwerdeführerin rechtmässig in der Schweiz aufhält (vorläufige Aufnahme seit dem (…) Mai 2018), könnte sich aus Art. 8 Abs. 1 Satz 1 Dublin -III-VO eine vorrangige Zuständigkeit der Schweiz ergeben (vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO), falls die Beschwer- deführerin als minderjährig zu erachten wäre (vgl. dazu auch FILZWIE- SER/SPRUNG, Dublin-III-Verordnung, 2014, K3 zu Art. 8). D-4452/2023 Seite 9 8. 8.1 Nach dem Gesagten ist nachfolgend vorab zu prüfen, ob das SEM die Minderjährigkeit der Beschwerdeführerin zu Recht verneint hat. 8.2 Im Dublin-Zuständigkeitsverfahren ist das Alter von der asylsuchenden Person zu beweisen, soweit ihr ein Beweis möglich ist, und andernfalls we- nigstens glaubhaft zu machen. Über die Glaubhaftigkeit ist im Rahmen ei- ner Gesamtwürdigung zu befinden (vgl. BVGE 2009/54 E. 4.1 sowie BVGE 2019 I/6; Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylre- kurskommission [EMARK] 2004 Nr. 30 E. 5.3.4 m.w.H.). In einer Gesamt- würdigung müssen die Gründe, welche für die Minderjährigkeit sprechen, überwiegen (BVGE 2010/57 E. 2.3). Gelingt es der asylgesuchstellenden Person nicht, ihre Minderjährigkeit zumindest glaubhaft zu machen, so ist von der Beweislosigkeit und mithin von der Volljährigkeit der betroffenen Person auszugehen (vgl. , statt vieler, Urteil des BVGer D -966/2022 vom 11. März 2022 E. 3.6 m.H.). Es gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdi- gung (vgl. BVGE 2009/54 E. 4.1). 8.3 Die asylsuchende Person hat bei der Feststellung des rechtserhebli- chen Sachverhalts (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG) mitzuwirken. Unter anderem hat sie ihre Identität offenzulegen und ihre Reise papiere und Identitätsausweise abzugeben (Art. 8 Abs. 1 Bst. a und b AsylG). 8.4 Für die Beurteilung des Alters einer asylsuchenden Person fallen in erster Linie von dieser Person selbst abgegebene oder von den Behörden auf andere Weise erlangte und für echt befundene Identitätspapiere in Be- tracht, das heisst Urkunden im Sinne von Art. 12 Bst. a VwVG; ihnen kommt – ihre Echtheit vorausgesetzt – ein hoher Beweiswert zu. Reicht die asylsuchende Person keine Identitätspapiere ein, welche die Behauptung, minderjährig zu sein, stützen könnten, darf jedoch allein daraus noch nicht der Schluss gezogen werden, dieser Person sei es nicht gelungen, ihre Minderjährigkeit glaubhaft zu machen, sondern es sind zuvor die angege- benen Gründe für dieses Versäumnis auf deren Plausibilität zu prüfen (vgl. EMARK 2004 Nr. 30 E. 6.1 m.w.H.). 8.5 8.5.1 Fehlen rechtsgenügliche Identitätsausweise oder bestehen Hin- weise, dass eine angeblich minderjährige asylsuchende Person das Mün- digkeitsalter bereits erreicht hat, so kann im Rahmen der Feststellung des Sachverhalts mit Unterstützung wissenschaftlicher Met hoden abgeklärt werden, ob die Altersangabe der asylsuchenden Person dem tatsächlichen D-4452/2023 Seite 10 Alter entspricht (Art. 17 Abs. 3bis AsylG; Art. 7 Abs. 1 der Asylverordnung 1 über Verfahrensfragen vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311]). 8.5.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich zur Beweistauglichkeit die- ser Altersabklärung in grundsätzlicher Art geäussert (vgl. EMARK 2004 Nr. 30 E. 6.1, BVGE 2018 VI/3 E. 3.4 f.). Je nach Ergebnis ergeben sich aus dem Altersgutachten unterschiedlich zu gewichtende Indizien für das Vorliegen der Minder- respektive Volljährigkeit einer Person. Praxisgemäss sind von den vier in der Schweiz angewandten Methoden der medizini- schen Altersabklärung die Schlüsselbeinanalyse und die zahnärztliche Un- tersuchung zum Beweis der Minder - beziehungsweise Volljährigkeit einer Person geeignet. Gestützt auf die Handknochenanalyse und die ärztliche körperliche Untersuchung lassen sich demgegenüber keine zuverlässigen Angaben zur Frage machen, ob eine Person das 18. Altersjahr bereits überschritten hat. Die Handknochenanalyse wird aber dennoch regelmäs- sig durchgeführt, um zu ermitteln, ob eine Schlüsselbein - respektive Ske- lettaltersanalyse oder eine zahnärztliche Untersuchung überhaupt nötig sind. Sofern sich nämlich bereits aus der Handknochenanalyse eine erheb- liche Wahrscheinlichkeit eines minderjährigen Alters ergibt, weil die Hand- knochen noch nicht verknöchert sind, kann auf die mit einer weitaus höhe- ren Strahlenbelastung verbundenen Untersuchungen der Zähne und des Schlüsselbeins verzichtet werden (BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.1). Allerdings lässt sich anhand der medizinischen Altersabklärung keine Aussage zur Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Person machen, wenn das Mindestalter bei der zahnärztlichen Untersuchung und der Schlüsselbein - respektive S kelettaltersanalyse unter 18 Jahren liegt (vgl. ebenda E. 4.2.1 ff.). 9. 9.1 Zur Begründung seines Dublin -Nichteintretensentscheids führte das SEM im Wesentlichen aus, die Beschwerdeführerin habe ihre Minderjäh- rigkeit nicht glaubhaft darlegen können und es sei folglich von ihrer Volljäh- rigkeit auszugehen. 9.2 9.2.1 So habe die Beschwerdeführerin bei ihrem Asylgesuch in Frankreich am 28. März 2022 angegeben, sie heisse G._______, geboren am (…) 2000 beziehungsweise H._______, geboren am (…) 2000, und sich als volljährig ausgegeben. Im schweizerischen Asylverfahren habe sie zwar in Übereinstimmung mit ihren Aussagen Kopien ihrer Geburtsurkunde sowie eines Identitätsnachweises zu den Akten gereicht, indessen seien diese D-4452/2023 Seite 11 Dokumente von den somalischen Behörden auf betrügerisch e Art und Weise leicht erhältlich und besässen folglich keine Beweiskraft, zumal sie ohnehin nur in Kopie vorlägen. 9.2.2 Weiter zweifelte das SEM die Aussage der Beschwerdeführerin an, wonach sie ihr Geburtsdatum aufgrund ihrer Geburtsurkunde seit jeher ge- kannt habe, da ihre Geburtsurkunde gemäss eingereichter Ausweiskopien erst am (…) 2021 in Mogadischu ausgestellt worden sei. Auch die Behaup- tung, sie wisse den Grund für die Ausstellung der Geburtsurkunde nicht, obwohl diese vor weniger als zwei Jahren und nur wenige Monate vor ihrer geltend gemachten Ausreise aus Somalia ausgestellt worden sei, werfe Fragen auf. Die Schwester der Beschwerdeführerin, I._______, geboren am (…) 1992, Somalia (N […]), habe in ihrer Anhörung zu den Asylgründen nie den Besitz irgendwelcher Ausweisdokumente geltend gemacht, da das Gebiet in J._______ unter der Kontrolle der Al-Shabaab gestanden habe. Die Behauptung der Beschwerdeführerin, sie habe wegen ihrer Nervosität in der Erstbefragung vergessen zu erklären, dass die Geburtsurkund e im Hinblick auf die Ausreise ausgestellt worden sei, wurde als nicht plausibel erachtet und die Aussagen als unglaubhaft eingestuft. 9.2.3 Zwar stimme das in der Erstbefragung behauptete Alter im Zeitpunkt der Ausreise aus Somalia von 16 Jahren im (…) 2021 (SEM-Akte 15/11, S. 4, F. 1.17.04) mit dem geltend gemachten Geburtsdatum vom (…) 2005 überein, nicht aber mit ihrer ebenfalls in der Erstbefragung gemachten Aus- sage, sie sei im (…) 2021 im Alter von 15 Jahren ausgereist (SEM -Akte 15/11, S. 8, F. 5.01). Damit ergebe sich ein Widerspruch zum behaupteten Geburtsdatum. 9.2.4 Ferner stellte die Vorinstanz fest, die Beschwerdeführerin habe von Anfang an offengelegt, dass sie sich in Frankreich mit einem anderen Ge- burtsdatum und Vornamen sowie als volljährige Person registriert habe, was ihr zugutegehalten werde. Die Erklärung für diese Registrierung werde aber aufgrund ihres ausweichenden und vagen Aussageverhaltens ange- zweifelt. Zudem sei sie in Frankreich nach eigenen Angaben mehrere Mo- nate lang mit anderen weiblichen Asylsuchenden in einer Wohnung unter- gebracht gewesen und es sei davon auszugehe n, dass sie sich in dieser Zeit ohne ständige Kontrolle durch ihren Schlepper mit den anderen Frauen habe austauschen können. Deshalb überzeuge der Hinweis, dass ihr Schlepper ihr Angst gemacht und dadurch ihr Verhalten beeinflusst habe, nicht. Vielmehr ging das SEM davon aus, dass die Beschwerdefüh- rerin nach Erhalt des negativen Entscheids in Frankreich beschlossen D-4452/2023 Seite 12 habe, zu ihrer Schwester in die Schweiz zu reisen, um sich durch die Gel- tendmachung ihrer Minderjährigkeit einen Vorteil im Asylverfahren in der Schweiz zu verschaffen. Ausserdem seien die Aussagen der Beschwerde- führerin in Bezug auf die familiären Verhältnisse lückenhaft und im Wider- spruch zu den Aussagen der Schwester gewesen. Trotz fehlender Anga- ben zum Alter der Geschwister habe sie den Al tersunterschied zu ihrer in der Schweiz lebenden Schwester korrekt errechnen können. 9.2.5 In Bezug auf das Ergebnis des Altersgutachtens des IRM K._______ vom 5. April 2023, in welchem ein Mindestalter von 16.2 Jahren festgestellt wurde, anerkannte die Vorinstanz zwar die mögliche Übereinstimmung mit dem behaupteten Alter der Beschwerdeführerin, wies aber darauf hin, dass es sich dabei lediglich um das tiefstmögliche, nicht aber um das wahr- scheinlichste oder tatsächliche Alter handle. Das Altersgutachten sei weder ein Indiz für noch gegen die Minderjährigkeit der Beschwerdeführerin. Es gebe allerdings ein durchschnittliches Alter von 18-23 Jahren an und lasse eine Volljährigkeit zu. Es sei in Gesamtwürdigung aller Anhaltspunkte da- von auszugehen, dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt ihres Asylge- suchs in der Schweiz bereits volljährig gewesen sei. 10. 10.1 Dem wurde in der Beschwerde entgegnet, dass in der Gesamtbe- trachtung jene Elemente klar überwiegen würden, welche für eine Minder- jährigkeit der Beschwerdeführerin sprechen würden. 10.2 Die Beschwerdeführerin habe mit Einreichung der Kopien ihrer Ge- burtsurkunde sowie ihres ID -Zertifikats ihre Mitwirkungspflicht erfüllt. Die Festlegung des SEM, im somalischen Kontext nur diplomatischen Reise- pässen eine gewisse Beweiskraft zu zumessen, sei für eine somalische Bürgerin wie sie, die aus armen, ländlichen Verhältnissen stamme, eine kaum überwindbare Hürde. Immerhin deckten sich die Aussagen mit dem Geburtsdatum auf den eingereichten Dokumenten. 10.3 In Bezug auf die Widersprüche in ihr em Aussageverhalten erinnerte die Beschwerdeführerin daran, dass das Beweismass der Glaubhaftigkeit gelte und hierfür gerade nicht widerspruchsfreie Aussagen erforderlich seien. Nicht nur die kurze Dauer der Erstbefragung von zweieinhalb Stun- den (inklusive Rückübersetzung), sondern auch die Verunsicherung und Traumatisierung durch die Erfahrungen in Frankreich hätten Einfluss auf den Detailgrad und die Widerspruchsfreiheit der Aussagen gehabt. Die Wi- dersprüche zu den Aussagen der Schwester seien in der Stel lungnahme D-4452/2023 Seite 13 zum rechtlichen Gehör vom 24. April 2023 nachvollziehbar erklärt worden und beträfen zudem nur Nebenpunkte, welche nicht zentral seien für ihr Alter. 10.4 Zum Ergebnis des Altersgutachten s stellte die Beschwerdeführerin zusammenfassend fest, dass es mit ihren Angaben vereinbar und als Indiz für die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen zu werten sei. 10.5 Schliesslich räumte die Beschwerdeführerin ein, dass die Registration in Frankreich gewissen Anlass zu Zweifeln an ihrer Minderjährigkeit zulas- sen könne, hob aber gleichzeitig hervor, dass es sich hierbei um das ein- zige Indiz handle, das gegen ihre Darstellung spreche. In der Folge be- fasste sie sich in der Beschwerdeschrift ausführlich mit diesem Punkt (Be- schwerde vom 16. August 2023, S. 8 ff.). Sie beschrieb ihr Abhängigkeits- verhältnis zu ihrem Schlepper und wie dieser Druck auf sie ausgeübt habe: Er habe ihr Angst gemacht und sie gedrängt, den französischen Behörden falsche Angaben zu ihrem Alter zu machen, um sie weiterhin kontrollieren und ausbeuten zu können. Ohne Bezugspersonen und in einem ihr frem- den Land sei sie dem Schlepper schutzlos ausgeliefert gewesen und habe exakt das tun müssen, was dieser von ihr verlangt habe. 11. 11.1 In ihrer Vernehmlassung vom 28. August 2023 verwies die Vorinstanz auf ihre Erwägungen im angefochtenen Entscheid, an denen sie vollum- fänglich festhalte. 11.2 Mit Eingabe vom 26. September 2023 liess die Beschwerdeführerin das Gericht informieren, dass sie sich aktuell in ambulanter psychiatrischer beziehungsweise psychotherapeutischer Behandlung im Sanatorium F._______ befinde. In einem Telefongespräch mit der Rechtsvertretung vom 21. September 2023 habe die behandelnde Oberärztin erklärt, dass basierend auf dem Erstgespräch ein klarer Behandlungsbedarf bestehe. 12. 12.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten in Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum Schluss, dass es der Beschwer- deführerin nicht gelungen ist, die von ihr geltend gemachte Minderjährigkeit glaubhaft zu machen. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann mit den nachfolgenden Ergänzungen auf die detaillierten Ausführungen in der an- gefochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. E. 9.2 hiervor). D-4452/2023 Seite 14 12.2 Das Gericht stellt zunächst fest, dass die Beschwerdeführerin keine Identitätspapiere abgegeben hat, welche ihr geltend gemachtes Alter be- weisen könnten. Namentlich die eingereichten Kopien einer Geburtsur- kunde und eines Identitätsnachweises aus Somalia sind aufgrund ihrer ein- fachen Fälschbarkeit offensichtlich nicht geeignet, ihr Alter zu beweisen. 12.3 12.3.1 Des Weiteren ergeben sich f ür das Gericht vorliegend keine An- haltspunkte, welche geeignet sind, die Erkenntnisse des Gutachtens zur Altersabklärung des IRM K._______ vom 5. April 2023 in Frage zu stellen: Gemäss dem rechtsmedizinischen Gutachten entspri cht die abgeschlos- sene knöcherne Entwicklung der Hand nach THIEMANN, NITZ und SCHME- LING im vorliegenden Fall einem mittleren skelettalen Alter von 18 Jahren (18.1 ± 0.6). In der Standardliteratur nach GREULICH und PYLE ist dieser Befund einem mittleren skelettalen Alter von 18 Jahren zuzuordnen, d.h. die knöcherne Handentwicklung ist abgeschlossen. Nach aktuellen Ergeb- nissen von TISÈ entspricht dies einem Mindestalter von 16.2 Jahren. Daraus ergab sich die Indikation zur Durchführung einer Untersuchung der Zähne (E. 12.3.2 hiernach) und einer computertomographischen Untersu- chung der Schlüsselbeine (E. 12.3.3 hiernach). 12.3.2 Nach den Ergebnissen der zahnärztlichen Untersuchung konnte bei der Betroffenen an den Zähnen 1 bis 7 im dritten Quadranten ein vollstän- diger Abschluss des Wurzelwachstums festgestellt werden. An den Weis- heitszähnen (3. Molaren) fand sich in Regio 18, 28, 38 und 48 jeweils ein Mineralisationsstadium von H nach DEMIRJIAN. Daraus ergeben sich Ent- wicklungsstadien, welche nach OLZE auf ein Durchschnittsalter von 22 bis 23 Jahren (22.7 ± 1.9, 22.7 ± 1.9, 23.0 ± 1.8, 23.1 ± 1.8) schliessen lassen. Das Mineralisationsstadium H der Weisheitszähne lässt nach KNELL ET AL. und OLZE ET AL. bei einer europäischen Population auf ein Mindestalter von 17 Jahren schliessen. Im Gutachten (SEM - Akte 24/7, S. 4 ff.) wird aber darauf hingewiesen, dass Abweichungen durch ethnische Unterschiede aufgrund der angegebenen Herkunft aus Somalia berücksichtigt werden müssten. Mangels Referenzdaten für eine weibliche Population aus Soma- lia wurden Daten für eine weibliche Bevölkerung aus Botswana herange- zogen, welche für das Mineralisationsstadium H des Zahns 28 ein Mindest- alter von 15.11 Jahren sowie für das Mineralisationsstadium H des Zahns 38 ebenfalls ein Mindestalter von 15.11 Jahren ergaben. D-4452/2023 Seite 15 12.3.3 Die Wachstumsfugen der inneren Schlüsselbeinanteile weisen in der computertomographischen Untersuchung beidseits ein Stadium 3a nach KELLINGHAUS und SCHMELING auf. Dabei entspricht das vorliegende Stadium 3a nach WITTSCHIEBER einem durchschnittlichen Lebensalter von 19 Jahren (19.0 ± 2.3) sowie einem Mindestalter von 15.5 Jahren. 12.3.4 In Zusammenschau aller Untersuchungsbefunde ergab sich bei der Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt der Untersuchung am 31. März 2023 ein durchschnittliches Lebe nsalter von 18 -23 Jahren und ein (höchstes) Mindestalter von 16.2 Jahre. Gemäss Gutachten konnte im Zeitpunkt der Untersuchung ein chronologisches Lebensalter von 17 Jahren und 11 Mo- naten zutreffen (vgl. SEM-Akte 24/7, S. 6). 12.3.5 Nach ständiger Rechtsprechungspraxis des Bundesverwaltungsge- richts gelten die üblichen verfahrensrechtlichen Regeln der Beweiswürdi- gung und es kommt umso weniger auf eine Gesamtwürdigung der Beweise an, je stärker die medizinischen Abklärungen ein Indiz für das Vorliegen der Minder- respektive Volljährigkeit einer Person darstellen . Allerdings lässt sich in Konstellationen wie in der vorliegenden, in denen das Mindest- alter bei der Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse und der zahn- ärztlichen Untersuchung unter 18 Jahren liegt, anhand der medizinischen Altersabklärung keine Aussage zur Minder- respektive Volljährigkeit einer Person machen. Stattdessen sind sowohl eine Voll- als auch eine Minder- jährigkeit möglich, ohne dass sich eine verlässliche Aussage darüber ma- chen lä sst, was wahrscheinlicher ist (zum Ganzen: BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.2). 12.4 12.4.1 Die Beschwerdeführerin gab auf dem Personalienblatt ferner an, sie sei am (…) 2005 geboren worden (vgl. SEM-Akte 1/1). Es ist unbestritten, dass sie in Frankreich abweichende Angaben zu ihrer Identität, welche sich lose aus Teilen ihres echten Namens zusammensetzte, und zu ihrem Ge- burtsdatum gemacht (geboren am […] respektive […] 2000) und sich dort demzufolge als volljährig ausgegeben hat. Die hierfür gelieferte Erklärung der Beschwerdeführerin, sie sei von ihrem Schlepper genötigt worden, bei den französischen Behörden unter Angabe falscher Informationen ein Asyl- gesuch einzureichen, damit sie nicht in ein Heim resp ektive Gefängnis kommen und dort misshandelt würde (SEM-Akte 15/11, F 2.06; SEM-Akte 33/17 F 23), vermag die Zweifel an ihrer Minderjährigkeit nicht zu widerle- gen. D-4452/2023 Seite 16 12.4.2 Hinsichtlich ihrer Aussagen zu ihrem Alter im Rahmen der Befragun- gen muss sich die Beschwerdeführerin Ungereimtheiten vorwerfen lassen. So hat sie bezüglich ihres Alters während der Ausreise einmal 16 und ein- mal 15 Jahre angegeben (SEM -Akte 15/11, F 1.17.04 und F 5.01). Ihr ist insofern Recht zu geben, als dieser Widerspruch allein für die Frage der Glaubhaftigkeit beziehungsweise für den Ausgang des Verfahrens nicht von ausschlaggebender Bedeutung ist. Besonders schwierig nachvollzieh- bar sind jedoch die diffusen, widersprüchlichen Aussagen in Bezug auf die Umstände, wie sie Kenntnis von ihrem Geburtsdatum erlangt haben soll (vgl. SEM-Akte 15/11, F 1.06, F 4.04). Sie erklärte einerseits, sie kenne es, weil sie eine Geburtsurkunde gehabt habe und andererseits , weil sie es «immer gekannt habe» (vgl. SEM -Akte 15/11 F 1.06). Falls es stimmen würde, dass sie ihr Alter immer schon gekannt hat, wäre es naheliegender, sie hätte es im Kindesalter durch ihre Eltern oder andere Verwandte erfah- ren, und nicht durch eine Urkunde. Die Beschwerdeführerin bestä tigte auch auf erneutes Nachfragen hin, dass sie im Gegensatz zu den meisten in Somalia ihr Geburtsdatum wisse, weil sie eine Geburtsurkunde gehabt habe (ebenda, F 1.06 letzte Zeile). Weiter stellen sich ungelöste Fragen im Zusammenhang mit den am 3. März 2023 eingereichten Kopien eines Identitätszertifikates und einer Geburtsurkunde der Beschwerdeführerin aus Somalia (vgl. Eingabe vom 3. März 2023). Obwohl diese Dokumente offenbar am (…) 2021 und damit nur wenige Monate vor ihrer geltend ge- machten Ausreise im (…) 2021 aus Somalia ausgestellt worden sein sol- len, gab die Beschwerdeführerin an, sie kenne den Grund für die Ausstel- lung der Geburtsurkunde nicht (SEM-Akte 15/11, F 4.04). 12.4.3 Die Berichte der Beschwerdeführerin entbehren damit in wichtigen Punkten der nötigen Stringenz und Plausibilität. Gerade auch bei Sachver- haltselementen, welche dergestalt knapp und intellektuell überschaubar sind, dass Widersprüche grundsätzlich nicht erwartet werden können (AN- DREAS GEIPEL, Handbuch der Beweiswürdigung, 3. Auflage, Bonn 2017, § 17 Rz. 68). Im Lichte dieser Umstände ist der Vorinstanz im Ergebnis zuzustimmen und die Minderjährigkeit der Beschwerdeführerin als nicht glaubhaft zu erachten. 12.5 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist im Sinne einer Gesamt- würdigung festzustellen, dass die Indizien, welche für die Volljährigkeit der Beschwerdeführerin sprechen, überwiegen. Das Bundesverwaltungsge- richt kommt – in Anbetracht des vorliegend anwendbaren Beweismasses der Glaubhaftmachung (« la simple vraisemblance »; «la semplice verosi- miglianza»; vgl. BGE 130 III 321 E. 3.3) – daher insgesamt betrachtet und D-4452/2023 Seite 17 im Einklang mit der Vorinstanz zum Schluss, dass es der Beschwerdefüh- rerin nicht gelungen ist, ihre Minderjährigkeit nachzuweisen oder zumin- dest glaubhaft zu machen und sie deshalb als volljährig zu betrachten ist. Das SEM gelangte demnach mit einem ordnungsgemässen Wiederauf- nahmeersuchen an die französischen Behörden. 13. 13.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zuständigen Mitgliedstaat zu über stellen, weil es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen auf- weisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Be- handlung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO). 13.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung da- von aus, dass das französische Asylsystem keine systemischen Mängel im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter Satz Dublin-III-VO aufweist (vgl., statt vieler, Urteil des BVGer F-4731/2023 vom 8. September 2023). Unter diesen Um- ständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfer- tigt. 14. 14.1 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa- tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü- fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge- nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asyl- gesuch «aus humanitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individu- elle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1). 14.2 Frankreich ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche D-4452/2023 Seite 18 oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab- kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0 .142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver- pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner- kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt- linien des Europäischen Parlaments und des Rats 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber- kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Fest legung von Normen für die Auf- nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah- merichtlinie) ergeben. 14.3 14.3.1 Aus den Akten geht hervor , dass die französischen Behörden das Asylgesuch der Beschwerdeführerin abgelehnt haben. Die blosse Tatsa- che, dass ein Asylgesuch abgelehnt wurde, stellt jedoch noch keine Ver- letzung des Non-Refoulement-Prinzips dar (vgl. Urteil des BVGer E-5512/ 2023 vom 1. November 2023 E. 9.2.3 m.w.H.), und es bestehen auch keine Hinweise darauf, dass das französische Asylverfahren nicht in rechtsstaat- lich korrekter Weise und unter Beachtung der anwendbaren völkerrechtli- chen Bestimmungen, namentlich auch des Non -Refoulement-Gebots, durchgeführt worden ist. Es steht der Beschwerdeführerin frei, allfällige neue Asylgründe oder Wegweisungshindernisse bei den dortigen Behör- den vorzubringen. 14.3.2 An diesen Feststellungen vermag auch die durch die Beschwerde- führerin geäusserte Angst vor einer Überstellung nach Frankreich nichts zu ändern (vgl. SEM -Akte 33/17 F 124 und 128 ; vgl. aber SE M-Akte 15/11 F 8.01). Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin bei allfälligen Problemen im Zusammenhang mit dem Schlepper oder mit den Aufnahmebedingungen die Möglichkeit hätte, sich an die fran zösi- schen Behörden zu wenden und ihre diesbezüglichen Rechte einzufordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). 14.4 14.4.1 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene Person durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im D-4452/2023 Seite 19 Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra- schen und unwiederbringlic hen Verschlechterung ihres Gesundheitszu- stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb- lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des Eu- ropäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [ EGMR] Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer , 41738/10, §§ 180 -193 m.w.H., bestätigt durch Savran gegen Dänemark vom 7. Dezember 2021, Grosse Kammer, 57467/15, §§ 121 ff.). 14.4.2 Den Akten ist zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin bei der Erstbefragung U MA vom 30. Januar 2023 anführte, sie habe (…) (vgl. SEM-Akte 15/11 F 8.02). Im ärztlichen Kurzbericht vom (…) wurde bei ihr unter anderem eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) diagnostiziert und im Kurzbericht vom (…) ein Termin für eine psychothe- rapeutische Sitzung bei den Psychologen des stadtärztlichen Dienstes ver- einbart. Im ärztlichen Kurzbericht vom (…) wurde erstmals die Schwanger- schaft der Beschwerdeführerin erwähnt (vgl. SEM -Akte 32/3, 38/3 und 39/4). Am 9. Juni 2023 wurde ein psychopathologischer Befund erstellt und festgehalten, dass die Beschwerdeführerin wach sei, keine Hinweise auf Orientierungsstörung bestünden und ihre Konzentration, Auffassung sowie ihr Gedächtnis regelrecht seien. Zwar würden traumatische Erlebnisse wie- dererlebt werden, Hinweise auf Wahn, Halluzinationen oder eine Ich -Stö- rung gebe es allerdings keine. Weiter sei die Beschwerdeführerin affektiv leicht deprimiert, sie habe aber einen regelrechten Appetit und es bestün- den keine Suizidgedanken, Suizidplan oder Hinweise auf eine aktuelle Su- izidalität. Die diagnostische Beurteilung schloss mit einer posttraumati- schen Belastungsstörung und der Verabreichung von (…) sowie einer Fol- gekonsultation als weiteres Vorgehen (vgl. SEM-Akte 41/6 und 49/3). Mit Schreiben vom 18. Juli 2023 erfuhr die Vorinstanz vom Migrationsamt des Kantons E._______, dass die Beschwerdeführerin beim Erstgespräch bei der (…) ausser ihrer Schwangerschaft keine medizinischen Erkrankungen oder Bedürfnisse erwähnt habe (vgl. SEM -Akte 57/2). In ihre r Stellung- nahme zum rechtlichen Gehör vom 27. Juli 2023 machte die Beschwerde- führerin darauf aufmerksam, dass sie weiterhin psychiatrischer Therapie bedürfe (SEM-Akte 63/5). In ihrer Beschwerde vom 16. August 2023 machte die Beschwerdeführerin die Gefahr einer schweren Retraumatisierung sowie weiteren Destabilisie- rung und damit raschen, wesentlichen und unwiderruflichen Verschlechte- rung des Gesundheitszustands geltend. Mit Schreiben vom 26. September 2023 erfolgte der Hinweis auf eine ambulante psychiatrische D-4452/2023 Seite 20 beziehungsweise psychotherapeutische Behandlung der Beschwerdefüh- rerin im Sanatorium F._______. Die behandelnde Oberärztin gehe von ei- nem klaren Handlungsbedarf aus. Entgegen ihrer Ankündigung reichte die Beschwerdeführerin weder einen Bericht der behandelnden Ärztin noch andere Dokumente, wie beispielsweise Eintrittsdokumente, des Sanatori- ums F._______ zu den Akten. Vor diesem Hintergrund darf mit Blick auf die Mitwirkungspflicht der Beschwerdeführerin (vgl. Art. 8 AsylG) davon aus- gegangen werden, dass sich die psychischen Beschwerden der Beschwer- deführerin zwischenzeitlich jedenfalls nicht verschl echtert haben. Am (…) 2023 gebar die Beschwerdeführerin ihr Kind. 14.4.3 Das Gericht verkennt nicht, dass die Beschwerdeführerin psychisch belastet ist. Die bestehenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind je- doch nicht von derartiger Schwere, dass sie einer Überstellung nach Frank- reich im Sinne der genannten, restriktiven Rechtsprech ung entgegenste- hen könnten. Zudem können die genannten Beschwerden in Frankreich (weiter-)behandelt werden. Frankreich verfügt über eine ausreichende me- dizinische Infrastruktur, welche die Beschwerdeführerin in Anspruch neh- men kann (vgl. Urteil des BVGer D -5781/2023 vom 26. Oktober 2023 E. 6.3.4 m.w.H.). Indizien dafür, dass Frankreich der Beschwerdeführerin eine adäquate medizinische Behandlung, darunter namentlich die Weiter- führung der bisherigen Medikation und eine allenfalls erforderliche psychi- atrische Behandlung, verweigern würde, liegen nicht vor. Der aktuelle Ge- sundheitszustand der Beschwerdeführerin führt somit für den Fall einer Überstellung nach Frankreich nicht zur Annahme einer drohenden Verlet- zung von Art. 3 EMRK. Es besteht folglich keine Veranlassung weitere Arzt- berichte einzuholen oder solche abzuwarten. 14.5 Sodann ist die Geburt des Kindes der Beschwerdeführerin am (…) 2023 und dessen Kindeswohl zu berücksichtigen. Hinsichtlich einer allfälli- gen familiären Beziehung oder eines Abhängigkeitsverhä ltnisses der Be- schwerdeführerin zum behaupteten Vater ihres neugeborenen Kindes ist anzumerken, dass es sich beim diesem um einen vorläufig aufgenomme- nen Landsmann der Beschwerdeführerin handelt (vgl. SEM-Akte 63/5). Mit Schreiben vom 13. Juni 2023 erklärte die Rechtsvertreterin der Beschwer- deführerin, der behauptete Kindsvater wolle sich um das Kind kümmern und es anerkennen (SEM-Akte 40/7, S. 2). Die Beschwerdeführerin hat es jedoch fast gänzlich unterlassen, die allfällige Beziehung zum Vater des Kindes zu beschreiben. Sie selbst erklärte zunächst noch ohne Ambiva- lenz, sie wolle die Schwangerschaft abbrechen und den Mann, den sie ge- troffen habe, wolle sie nicht heiraten (SEM -Akte 39/4, S. 2 ff.). Später D-4452/2023 Seite 21 entschied sie sich um und sagte, es doch «versuchen» zu wollen, den be- haupteten Kindsvater zu heiraten (vgl. SEM-Akte 41/6, S. 5). Nach der Ge- burt des Kindes ersuchte das Zivilstandsamt der L._______ mit Schreiben vom 28. Dezember 2023 um Einsichtnahme in das Asyldossier der Be- schwerdeführerin, da die von ihr vorgelegten Dokumente und Erklärungen im Zusammenhang mit der Geburt und Beurkundung des Kindes im Per- sonenstandsregister offenbar widersprüchlich sowie unvollständig seien (vgl. Schreiben des Zivilstandsamts der L._______, S. 3). Weiter enthält die Datenbank des ZEMIS bis heute keinen Hinweis auf die Identität des Vaters des Kindes. Dies steht im Widerspruch zur bereits erwähnten Be- teuerung, der behauptete Kindsvater wolle das Kind anerkennen (vgl. SEM-Akte 40/7, S. 2). Auch wenn ihre Rechtsvertreterin die Beziehung in der Stellungnahme zum rechtlichen Gehör vom 27. Juli 2023 als sehr lie- bevoll und fürsorglich bezeichnete, kann aus den Akten insgesamt gefol- gert werden, dass zwischen der Beschwerdeführerin und ihrem Partner keine gefestigte Beziehung und kein Abhängigkeitsverhältnis vorliegen, die einer Wegweisung entgegenstehen würden. 14.6 Zusammenfassend ist kein Grund für eine Anwendung der Ermes- sensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO ersichtlich. Auch ist den Akten nicht zu entnehmen, dass das SEM sein Ermessen bei der Prüfung von allfälli- gen Überstellungshindernissen im Sinne von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht korrekt ausgeübt hätte. 15. Die Vorinstanz ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten und hat in Anwendung von Art. 44 AsylG ihre Überstellung nach Frankreich angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). 16. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sac hverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab- zuweisen. 17. Der am 17. August 2023 verfügte Vollzugsstopp fällt mit dem vorliegenden Urteil dahin. D-4452/2023 Seite 22 18. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerd e- führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem ihr mit Instruktions- verfügung vom 22. August 2023 die unentgeltliche Prozessführung ge- währt wurde und den Akten nicht entnommen werden kann, dass sie heute nicht mehr bedürftig ist, ist auf die Auferlegung von Kosten zu verzichten. (Dispositiv auf nächster Seite) D-4452/2023 Seite 23 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit diese das vom SEM verfügte Nichteintreten auf das Asylgesuch und die angeordnete Wegweisung aus der Schweiz nach Frankreich zum Gegenstand hat. 2. Der weitere Gegenstand der Beschwerde wird im Verfahren D-4457/2023 behandelt. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Chiara Piras Nikola Nastovski Versand: