<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 60 S.292</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">292</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>60</b></span> <span class="ft2"><b>Verweigerung der materiellen Hilfe wegen fehlender Notlage.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Die Haltung der Hilfe suchenden Person und ihr fehlender Wille zur</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Aufnahme einer Arbeitstätigkeit schliessen einen Anspruch auf ma-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>terielle Hilfe nicht grundsätzlich aus (Erw. 2.4).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Aufgrund des Eingriffs in die Existenzsicherung der gesuchstellenden</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Person bedarf die Verweigerung materieller Hilfe einer eingehenden</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">293</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft2"><b>und sorgfältigen Prüfung der arbeitsmarktlichen Chancen und der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>konkreten finanziellen Situation (Erw. 2.5 und 2.6).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 12. August 2005 in Sachen</span><br/> <span class="ft3">R.H. gegen das Bezirksamt Baden.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2.4. Der Rechtsanspruch auf Sozialhilfe besteht nach der Ver-</span><br/> <span class="ft1">fassung (Art. 12 BV und § 39 KV) und den gesetzlichen Be-</span><br/> <span class="ft1">stimmungen für die Existenzsicherung (§ 4 Abs. 1 SPG i.V.m. § 3</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 SPV) unter der Voraussetzung, dass eine Notlage besteht und</span><br/> <span class="ft1">derjenige, der in Not gerät, nicht in der Lage ist, rechtzeitig für sich</span><br/> <span class="ft1">zu sorgen (BGE 130 I 71 Erw. 4.3, 121 I 367 Erw. 3c und d; BGE</span><br/> <span class="ft1">vom 4. März 2003 [2P.148/2002], Erw. 2.3; Jörg Paul Müller, Grund-</span><br/> <span class="ft1">rechte in der Schweiz, 3. Auflage, Bern 1999, S. 169 ff.). Das Recht</span><br/> <span class="ft1">auf die Existenzsicherung durch die Sozialhilfe entlastet den Einzel-</span><br/> <span class="ft1">nen nicht von der Verpflichtung, die eigene Arbeitskraft zu mobili-</span><br/> <span class="ft1">sieren und die Sozialhilfe erst in Anspruch zu nehmen, wenn er</span><br/> <span class="ft1">objektiv darauf angewiesen ist (vgl. Kathrin Amstutz, Das Grund-</span><br/> <span class="ft1">recht auf Existenzsicherung, Bern 2002, S. 172). Die unterstützungs-</span><br/> <span class="ft1">bedürftige Person hat somit kein Wahlrecht zwischen dem Einsatz</span><br/> <span class="ft1">der eigenen Arbeitskraft und der Inanspruchnahme der Sozialhilfe</span><br/> <span class="ft1">(Richtlinien für die Ausgestaltung und Bemessung der Sozialhilfe,</span><br/> <span class="ft1">herausgegeben von der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe</span><br/> <span class="ft1">[SKOS-Richtlinien], Dezember 2000, Kapitel A.4).</span><br/> <span class="ft1">Andererseits sind für den Anspruch auf materielle Hilfe die</span><br/> <span class="ft1">Gründe, welche zur Notlage einer Hilfe suchenden Person führten,</span><br/> <span class="ft1">für die Gewährung materieller Unterstützung weder bei der Prüfung</span><br/> <span class="ft1">der Anspruchsvoraussetzung ("Notlage") noch für die Festsetzung</span><br/> <span class="ft1">der materiellen Hilfe relevant (vgl. BGE 121 I 367 Erw. 3b). Die</span><br/> <span class="ft1">Haltung des Beschwerdeführers und sein fehlender Wille zur Auf-</span><br/> <span class="ft1">nahme einer Arbeitstätigkeit schliessen daher einen Anspruch nicht</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich aus. Entscheidend ist, ob der Beschwerdeführer bei</span><br/> <span class="ft1">objektiver Betrachtungsweise in der Lage ist, durch eigene Bemü-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">294</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">hungen eine finanzielle Notlage zu beheben, welche eintreten kann,</span><br/> <span class="ft1">sobald die elterliche Unterstützung entfällt.</span><br/> <span class="ft1">2.5. Der Entscheid der Kerngruppe A stellt im Ergebnis eine</span><br/> <span class="ft1">Verweigerung der materiellen Unterstützung in einer möglichen</span><br/> <span class="ft1">tatsächlichen Notlage dar. Die Verweigerung materieller Hilfe in</span><br/> <span class="ft1">einer Notlage unterliegt verfassungsrechtlichen Schranken. Nach</span><br/> <span class="ft1">Art. 12 BV dürfen einer bedürftigen Person diejenigen Mittel, wel-</span><br/> <span class="ft1">che für eine menschenwürdige Existenz notwendig sind, unter keinen</span><br/> <span class="ft1">Umständen entzogen werden. Der Kerngehalt der Verfassungsbe-</span><br/> <span class="ft1">stimmung garantiert damit ein (absolutes) Existenzminimum, in das</span><br/> <span class="ft1">behördliche Eingriffe untersagt sind.</span><br/> <span class="ft1">Kürzungen der materiellen Hilfe sind gemäss § 15 Abs. 2 SPV</span><br/> <span class="ft1">in zeitlicher und betraglicher Hinsicht begrenzt zulässig. Vorbehalten</span><br/> <span class="ft1">bleibt nur der Rechtsmissbrauch (§ 15 Abs. 2 Satz 3 SPV). Gemäss</span><br/> <span class="ft1">§ 15 Abs. 4 Satz 2 SPV ist der Rechtsmissbrauch - nicht ab-</span><br/> <span class="ft1">schliessend - mit einem Verhalten definiert, das einzig darauf ausge-</span><br/> <span class="ft1">richtet ist, in den Genuss von materieller Hilfe zu gelangen.</span><br/> <span class="ft1">Entsprechend dem Eingriff in das Verfassungsrecht bedarf die</span><br/> <span class="ft1">Verweigerung materieller Hilfe zufolge fehlender Anspruchsvoraus-</span><br/> <span class="ft1">setzungen einer eingehenden und sorgfältigen Prüfung. Ein Verlust</span><br/> <span class="ft1">des Rechts bei Rechtsmissbrauch wird nur in Ausnahmefällen in</span><br/> <span class="ft1">Frage kommen (vgl. BGE 130 I 71 Erw. 4.3.; 121 I 367 Erw. 3b und</span><br/> <span class="ft1">c; Botschaft über eine neue Bundesverfassung vom 20. November</span><br/> <span class="ft1">1996, BBl 1997 I 150). Damit untersteht auch die Nichtgewährung</span><br/> <span class="ft1">bzw. Verweigerung von Sozialhilfeleistungen grundsätzlich den</span><br/> <span class="ft1">SKOS-Richtlinien und dem für Leistungskürzungen vorgesehenen</span><br/> <span class="ft1">Regime (vgl. SKOS-Richtlinien, Kapitel A.8.3). Bei der Prüfung der</span><br/> <span class="ft1">Anspruchsvoraussetzungen der materiellen Hilfe, insbesondere einer</span><br/> <span class="ft1">Notlage, die wegen ungenügender Selbsthilfe verneint wird, drängt</span><br/> <span class="ft1">sich ein analoges Vorgehen nach den Bestimmungen der Kürzung</span><br/> <span class="ft1">und Verweigerung wegen Rechtsmissbrauchs auf. Bei der Abklärung</span><br/> <span class="ft1">des Sachverhalts, insbesondere des Rechtsmissbrauchs, gilt ein</span><br/> <span class="ft1">strenger Massstab, da in die Existenzsicherung einer gesuchstellen-</span><br/> <span class="ft1">den Person eingegriffen wird. Immerhin ist festzuhalten, dass dem</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeführer bei der Abklärung von Amtes wegen (§ 20 VRPG)</span><br/> <span class="ft1">Mitwirkungspflichten obliegen (§ 21 VRPG; AGVE 2002, S. 431).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Sozialhilfe</span> <span class="page_no">295</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Den für Rechtsmissbrauch anwendbaren Massstab sowie die Regeln</span><br/> <span class="ft1">über die Kürzung gilt es auch bei der Prüfung der Notlage</span><br/> <span class="ft1">einzuhalten.</span><br/> <span class="ft1">2.6. Den bisherigen Akten lässt sich zur konkreten finanziellen</span><br/> <span class="ft1">Situation des Beschwerdeführers und zu seinen arbeitsmarktlichen</span><br/> <span class="ft1">Chancen wenig entnehmen. So ist unklar, ob die Eltern des Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführers per Ende August 2004 oder zu einem späteren Zeit-</span><br/> <span class="ft1">punkt die Unterstützungsleistungen tatsächlich eingestellt haben.</span><br/> <span class="ft1">Ebenso wenig ist ersichtlich, welche realen Möglichkeiten der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer hat, um als Tennislehrer eine Teilzeitanstellung zu</span><br/> <span class="ft1">finden. (...) Fraglich ist schliesslich, wie sich die vom Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer vorgetragenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen auf seine</span><br/> <span class="ft1">Möglichkeiten zur Tätigkeit als Tennislehrer auswirken. Bestehen</span><br/> <span class="ft1">aber für den Beschwerdeführer keine realen Aussichten, sich als</span><br/> <span class="ft1">Tennislehrer zu betätigen, kann das Gesuch um materielle Hilfe nicht</span><br/> <span class="ft1">unter Hinweis auf diese Selbsthilfemöglichkeit abgewiesen werden.</span><br/> <span class="ft1">Zulässig ist in solchen Fällen, dem Beschwerdeführer Auflagen und</span><br/> <span class="ft1">Weisungen zu erteilen und ihm gleichzeitig die Kürzung der mate-</span><br/> <span class="ft1">riellen Hilfe bei Missachtung solcher Weisungen anzudrohen.</span><br/> <span class="ft1">Den Akten lässt sich auch nicht entnehmen, dass für den Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer andere Arbeitsstellen objektiv in Frage kommen,</span><br/> <span class="ft1">wobei auch die eindeutigen Hinweise auf bestehende psychische</span><br/> <span class="ft1">Probleme noch zu prüfen sind, da sie geeignet erscheinen, die Chan-</span><br/> <span class="ft1">cen des Beschwerdeführers auf dem Arbeitsmarkt zu beeinträchtigen.</span><br/> <span class="ft1">Jedenfalls erlauben die Akten nicht zwingend den Schluss, der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer habe es ausschliesslich darauf angelegt, keiner Er-</span><br/> <span class="ft1">werbstätigkeit nachzugehen und von der Sozialhilfe zu leben</span><br/> <span class="ft1">(vgl. oben Erw. 2.4).</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>