<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">113</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>15</b></span> <span class="ft4"><b>Ausschaffungshaft; Verhältnismässigkeit; Anordnung einer</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Ausschaffungshaft gegenüber Minderjährigen</b></span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4"><b>Auch wenn sich ein Betroffener anfänglich weigert, pflichtgemäss</b></span><br/> <span class="ft4"><b>auszureisen, darf nicht jede nachträglich geäusserte Bereitschaft zur</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Ausreise als Schutzbehauptung qualifiziert werden (Erw. 5.3.3. f.).</b></span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4"><b>Grundsätzlich ist die Inhaftierung eines Minderjährigen zwecks Aus-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>schaffung in einer Haftanstalt zusammen mit Erwachsenen zulässig.</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Dem Alter des betroffenen Minderjährigen ist durch Organisation</b></span><br/> <span class="ft4"><b>einer altersgerechten Betreuung Rechnung zu tragen. Ist dies nicht</b></span><br/> <span class="ft4"><b>möglich, wäre die Haftdauer zu verkürzen oder auf die Anordnung</b></span><br/> <span class="ft4"><b>einer Haft zu verzichten (Erw. 6.).</b></span><br/> <span class="ft8">Aus dem Entscheid des Einzelrichters des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer,</span><br/> <span class="ft8">vom 6. Mai 2014 in Sachen Amt für Migration und Integration gegen A.</span><br/> <span class="ft8">(WPR.2014.84).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">114</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft10"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">5.3.3.</span><br/> <span class="ft1">Mit Blick auf die Notwendigkeit der Inhaftierung führte der</span><br/> <span class="ft1">Vertreter des Gesuchsgegners anlässlich der heutigen Verhandlung</span><br/> <span class="ft1">aus, der Gesuchsgegner habe bisher jede behördliche Anordnung be-</span><br/> <span class="ft1">folgt. Diese Darstellung wird seitens des Gesuchstellers nicht bestrit-</span><br/> <span class="ft1">ten und es besteht auch kein Anlass, an diesen Ausführungen zu</span><br/> <span class="ft1">zweifeln, zumal sich der Gesuchsgegner offenbar auch an die Anord-</span><br/> <span class="ft1">nungen der Stiftung L., einem betreuten Wohnheim für Jugendliche,</span><br/> <span class="ft1">gehalten hat. Aufgrund des bisherigen Verhaltens des Gesuchsgeg-</span><br/> <span class="ft1">ners, insbesondere des Einhaltens der Regeln des Wohnheimes und</span><br/> <span class="ft1">des Umstandes, dass er sämtlichen Vorladungen des MIKA Folge ge-</span><br/> <span class="ft1">leistet hat, liegen insgesamt keine Anzeichen dafür vor, der Gesuchs-</span><br/> <span class="ft1">gegner werde sich einer Ausschaffung widersetzen bzw. den für ihn</span><br/> <span class="ft1">auf den 19. Mai 2014 gebuchten unbegleiteten Flug nach Italien</span><br/> <span class="ft1">nicht antreten.</span><br/> <span class="ft1">5.3.4.</span><br/> <span class="ft1">Der Vertreter des Gesuchstellers hielt sodann fest, ein konkretes</span><br/> <span class="ft1">Anzeichen, dass sich der Gesuchsgegner der Ausschaffung entziehen</span><br/> <span class="ft1">wolle, sei darin zu erblicken, dass der Gesuchsgegner anlässlich der</span><br/> <span class="ft1">Vorsprache beim MIKA am 1. Mai 2014 und wie auch bereits zuvor</span><br/> <span class="ft1">erklärt habe, er könne sich eine Rückkehr nach Italien nicht vorstel-</span><br/> <span class="ft1">len. Seine angebliche Rückkehrbereitschaft, die er beim MIKA</span><br/> <span class="ft1">anlässlich der Gewährung des rechtlichen Gehörs betreffend die An-</span><br/> <span class="ft1">ordnung einer Ausschaffungshaft und im Rahmen der heutigen Ver-</span><br/> <span class="ft1">handlung geäussert habe, müsse als Schutzbehauptung im Hinblick</span><br/> <span class="ft1">auf die zu erwartende Haft gewertet werden.</span><br/> <span class="ft1">Zwar ist verständlich, dass das MIKA einen Betroffenen vorerst</span><br/> <span class="ft1">festnehmen lässt, wenn dieser sich anlässlich einer Vorsprache wei-</span><br/> <span class="ft1">gert, pflichtgemäss auszureisen. Dies bedeutet aber nicht, dass jede</span><br/> <span class="ft1">danach geäusserte Bereitschaft zur Ausreise als Schutzbehauptung</span><br/> <span class="ft1">qualifiziert werden könnte und die Ausschaffungshaft als letztes Mit-</span><br/> <span class="ft1">tel zum Vollzug der Ausschaffung zwingend notwendig wäre. Dies</span><br/> <span class="ft1">umso weniger, wenn dem Betroffenen, abgesehen von der zunächst</span><br/> <span class="ft1">geäusserten Weigerung zur Ausreise, nichts anderes vorgeworfen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">115</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">werden kann, er insbesondere nie straffällig wurde oder unterge-</span><br/> <span class="ft1">taucht ist, sondern vielmehr stets allen behördlichen Aufforderungen</span><br/> <span class="ft1">nachgekommen ist.</span><br/> <span class="ft1">Aufgrund des jungen Alters des Gesuchsgegners kann zudem</span><br/> <span class="ft1">nicht alleine auf seine am 1. Mai 2014 gegenüber dem MIKA geäus-</span><br/> <span class="ft1">serte Weigerung, nicht nach Italien zurückkehren zu wollen, abge-</span><br/> <span class="ft1">stellt werden. Aus den Akten sowie den Aussagen des Gesuchsgeg-</span><br/> <span class="ft1">ners anlässlich der heutigen Verhandlung ergibt sich vielmehr, dass</span><br/> <span class="ft1">der Gesuchsgegner - nachdem er in einer ersten Reaktion seine</span><br/> <span class="ft1">Rückkehrbereitschaft verneinte - offenbar eingesehen hat, dass er</span><br/> <span class="ft1">nach Italien zurückkehren muss und dazu auch glaubhaft bereit ist.</span><br/> <span class="ft1">Hinzu kommt, dass der Gesuchsgegner die Äusserung, nicht nach</span><br/> <span class="ft1">Italien zurückkehren zu wollen, noch während der laufenden Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdefrist betreffend den Wegweisungsentscheid des BFM</span><br/> <span class="ft1">machte und diese Aussage somit nicht gleichzusetzen ist, mit einer</span><br/> <span class="ft1">Weigerung zur Rückkehr, welche nach rechtskräftigem Abschluss</span><br/> <span class="ft1">des Asylverfahrens geäussert wurde.</span><br/> <span class="ft1">Nach dem Gesagten erscheint die angeordnete Haft nicht</span><br/> <span class="ft1">notwendig, um den Vollzug der Wegweisung sicherzustellen.</span><br/> <span class="ft1">5.4.</span><br/> <span class="ft1">Aus den genannten Gründen erweist sich die angeordnete Aus-</span><br/> <span class="ft1">schaffungshaft als unverhältnismässig und ist nicht zu bestätigen.</span><br/> <span class="ft1">6.</span><br/> <span class="ft1">Abschliessend bleibt Folgendes anzumerken: Gemäss Art. 80</span><br/> <span class="ft1">Abs. 4 AuG hat der Richter bei der Überprüfung des Entscheids über</span><br/> <span class="ft1">die Anordnung, Fortsetzung und Aufhebung der Haft unter anderem</span><br/> <span class="ft1">auch die Umstände des Haftvollzugs zu berücksichtigen. Die Anord-</span><br/> <span class="ft1">nung einer Vorbereitungs- oder Ausschaffungshaft gegenüber Kin-</span><br/> <span class="ft1">dern und Jugendlichen, die das 15. Altersjahr noch nicht zurückge-</span><br/> <span class="ft1">legt haben, ist ausgeschlossen.</span><br/> <span class="ft1">Der Gesetzgeber ging demnach davon aus, dass die Haft ab die-</span><br/> <span class="ft1">ser Altersgrenze an sich in den gleichen Einrichtungen wie für</span><br/> <span class="ft1">Erwachsene vollzogen werden kann. Die strafrechtlichen und die für</span><br/> <span class="ft1">die Untersuchungshaft geltenden Bestimmungen über die Trennung</span><br/> <span class="ft1">von Jugendlichen und Erwachsenen können nicht unbesehen auf die</span><br/> <span class="ft1">ausländerrechtliche Administrativhaft übertragen werden. Geht es</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">116</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">dort um den Schutz von leicht beeinflussbaren Jugendlichen vor</span><br/> <span class="ft1">Kontakten mit älteren (und eventuell "verhärteten") Straftätern, be-</span><br/> <span class="ft1">steht hier in der Regel kein solches Trennungsbedürfnis; im Übrigen</span><br/> <span class="ft1">dient die ausländerrechtliche Administrativhaft nicht der Reso-</span><br/> <span class="ft1">zialisierung, die bei Jugendlichen allenfalls anders anzugehen wäre</span><br/> <span class="ft1">als bei Erwachsenen. Den spezifischen Bedürfnissen Minderjähriger</span><br/> <span class="ft1">ist jedoch im Rahmen eines verfassungskonformen Haftvollzugs im</span><br/> <span class="ft1">Einzelfall hinreichend Rechnung zu tragen, wobei ihnen eine den</span><br/> <span class="ft1">Umständen angepasste jugendsoziale und psychologische Betreuung</span><br/> <span class="ft1">gewährt werden muss (BGE 122 II 299, Erw. 7; T</span><span class="ft8">HOMAS</span> <span class="ft1">H</span><span class="ft8">UGI</span> <span class="ft1">Y</span><span class="ft8">AR</span><span class="ft1">,</span><br/> <span class="ft1">in: Handbücher für die Anwaltspraxis, Band VIII, Ausländerrecht,</span><br/> <span class="ft1">P</span><span class="ft8">ETER</span> <span class="ft1">U</span><span class="ft8">EBERSAX</span><span class="ft1">/B</span><span class="ft8">EAT</span> <span class="ft1">R</span><span class="ft8">UDIN</span><span class="ft1">/T</span><span class="ft8">HOMAS</span> <span class="ft1">H</span><span class="ft8">UGI</span> <span class="ft1">Y</span><span class="ft8">AR</span><span class="ft1">/T</span><span class="ft8">HOMAS</span><br/> <span class="ft1">G</span><span class="ft8">EISER</span> <span class="ft1">[Hrsg.], 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 10.155). Dies entspricht</span><br/> <span class="ft1">denn auch Art. 81 Abs. 3 AuG sowie Art. 17 Ziff. 4 der Richtlinie</span><br/> <span class="ft1">2008/115/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom</span><br/> <span class="ft1">16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Verfahren in den</span><br/> <span class="ft1">Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Drittstaats-</span><br/> <span class="ft1">angehöriger, wonach unbegleitete Minderjährige wenn immer mög-</span><br/> <span class="ft1">lich in Einrichtungen untergebracht werden müssen, die personell</span><br/> <span class="ft1">und materiell zur Berücksichtigung ihrer altersgemässen Bedürfnisse</span><br/> <span class="ft1">in der Lage sind.</span><br/> <span class="ft1">Im Übrigen schliesst das Übereinkommen über die Rechte des</span><br/> <span class="ft1">Kindes vom 20. November 1989 (UNO-Kinderrechtskonvention,</span><br/> <span class="ft1">KRK; SR 0.107), welches für die Schweiz am 26. März 1997 in</span><br/> <span class="ft1">Kraft getreten ist und auf Jugendliche bis zum vollendeten</span><br/> <span class="ft1">18. Altersjahr Anwendung findet, eine ausländerrechtlich begründete</span><br/> <span class="ft1">Festhaltung von Minderjährigen nicht aus. Dem betroffenen Minder-</span><br/> <span class="ft1">jährigen darf die Freiheit lediglich nicht rechtswidrig oder willkür-</span><br/> <span class="ft1">lich entzogen werden und die Festnahme, Freiheitsentziehung oder</span><br/> <span class="ft1">Freiheitsstrafe darf zudem nur im Einklang mit dem Gesetz als letz-</span><br/> <span class="ft1">tes Mittel und für die kürzeste angemessene Zeit erfolgen (Art. 37</span><br/> <span class="ft1">lit. a KRK). Art. 37 lit. c KRK räumt dem in Haft gehaltenen</span><br/> <span class="ft1">Minderjährigen schliesslich einen Anspruch auf eine menschliche</span><br/> <span class="ft1">und würdevolle Behandlung ein und verlangt bei Freiheitsentzug</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich eine von Erwachsenen getrennte Unterbringung. Die</span><br/> <span class="ft1">Schweiz hat indessen bei der Unterzeichnung der KRK in Bezug auf</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">117</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Art. 37 lit. c einen Vorbehalt angebracht und ausgeführt, dass die</span><br/> <span class="ft1">heutige Praxis, wonach Jugendliche in der Ausschaffungshaft nicht</span><br/> <span class="ft1">ausnahmslos von Erwachsenen getrennt würden, von diesem Vorbe-</span><br/> <span class="ft1">halt gedeckt sei. Zudem wurde darauf hingewiesen, dass der Vorbe-</span><br/> <span class="ft1">halt nicht zurückgezogen werden könne, solange die 10-jährige</span><br/> <span class="ft1">Übergangsfrist gemäss Art. 48 JStG, die den Kantonen für die</span><br/> <span class="ft1">Errichtung der notwendigen Einrichtungen ab Inkrafttreten des JStG</span><br/> <span class="ft1">am 1. Januar 2007 gewährt wurde, nicht abgelaufen sei (vgl. diesbe-</span><br/> <span class="ft1">züglich die Stellungnahme des Bundesrates vom 16. März 2007 zum</span><br/> <span class="ft1">Bericht der Geschäftsprüfungskommission des Nationalrates betref-</span><br/> <span class="ft1">fend Kinderschutz im Rahmen der Zwangsmassnahmen im</span><br/> <span class="ft1">Ausländerrecht vom 7. November 2006).</span><br/> <span class="ft1">Auch wenn die Inhaftierung eines Jugendlichen zwecks</span><br/> <span class="ft1">Ausschaffung in einer Haftanstalt zusammen mit Erwachsenen nicht</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich unzulässig ist, wäre dem jugendlichen Alter eines</span><br/> <span class="ft1">Auszuschaffenden durch Organisation einer altersgerechten Betreu-</span><br/> <span class="ft1">ung Rechnung zu tragen. Ist dies nicht möglich, wäre die Haftdauer</span><br/> <span class="ft1">entsprechend zu verkürzen bzw. gegebenenfalls ganz auf die Anord-</span><br/> <span class="ft1">nung einer Haft zu verzichten.</span><br/></div> </div> </body> </html>