B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3419/2012 U r t e i l v o m 2 3 . J u l i 2 0 1 2 Besetzung Richter Walter Stöckli (Vorsitz), Richter Bruno Huber, Richterin Emilia Antonioni, Gerichtsschreiber Tobias Meyer. Parteien A._______, geboren (…), Somalia, vertreten durch Nihal Karamanoglu, Anlaufstelle Baselland, Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 14. Juni 2012 / N (…). E-3419/2012 Seite 2 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass die rubrizierte Rechtvertreterin mit Schreiben an das BFM vom 14. Oktober 2011 für die Beschwerdeführerin sowie ihren Vater B._______ und ihren jüngeren Bruder C._______ – für letztere wurde un- ter N (…) ein separates Verfahren beim BFM eröffnet, welches nach B e- schwerdeerhebung beim Bundesverwaltungsgericht unter der Dossier- nummer E -3403/2012 registriert wurde – ein Asylgesuch aus dem Au s- land stellte und die Bewilligung ihrer Einreise zur Durchführung eines o r- dentlichen Asylverfahrens beantragte, dass die Rechtsvertreterin darin ausführte, einem Bruder der Beschwe r- deführerin namens D._______ (N […]) sei am (…) in der Schweiz Asyl gewährt worden, dass die Beschwerdeführerin nun Angst habe, dass auch sie von den Al - Shabab-Milizen verfolgt würde, da sich D._______ seiner Festnahme durch die Milizen entzogen habe, dass ein weiterer Bruder der Beschwerdeführerin, E._______, nach der Ausreise von D._______ von den Al-Shabab-Milizen entführt worden sei, dass die Beschwerdeführerin von den Milizen ohnmächtig geschlagen worden sei und ihr Ehemann F._______ sowie ihre Kinder verschwunden seien, dass die Rechtsvertreterin mit dem Asylgesuch eine von der Beschwerde- führerin unterzeichnete Vollmacht einreichte, dass das BFM der Rechtsvertreterin mit Schreiben vom 19. März 2012 mitteilte, das Verfahren sei schriftlich abzuwickeln, da es in Somalia keine schweizerische Vertretung gebe, ihr eine Liste mit Fragen schickte und sie aufforderte, die Fragen zu beantworten, dass die Rechtsvertreterin mit Schreiben vom 18. April 2012 die Fragen des BFM beantwortete, dass das BFM mit Schreiben vom 26. April 2012 die Rechtsvertreterin darauf aufmerksam machte, es handle sich bei der Erhebung eines Asy l- gesuches um ein relativ höchstpersönliches Recht, das selbständig, mi t- hin ohne die Hilfe einer Rechtsvertreterin, ausgeübt werden müsse, E-3419/2012 Seite 3 dass eine mangelhafte Einreichung aber geheilt werden könne, wenn das Asylgesuch im Laufe des erstinstanzlichen Verfahrens bestäti gt werde, beispielsweise durch eine zumindest unterzeichnete Stellungnahme zum Fragenkatalog des BFM, dass im vorliegenden Verfahren eine klar der Beschwerdeführerin zur e- chenbare Willensäusserung fehle, mit der diese zu erkennen gebe, dass sie die Schweiz um Schutz durch Asyl ersuche, dass das BFM deshalb beabsichtige, das Asylgesuch abzuschreiben, dass das Bundesamt der Rechtsvertreterin Frist ansetzte, um sich dazu zu äussern respektive ein zulässig gestelltes Asylgesuch der Beschwe r- deführerin nachzureichen, dass die Rechtsvertreterin innert erstreckter Frist ein von der Beschwe r- deführerin unterzeichnetes Dokument einreichte, mit dem diese ihren A n- trag auf Asyl in der Schweiz, eingereicht am 14. Oktober 2011, bestätigte, dass das BFM mit Verfügung vom 14. Juni 2012 – am 19. Juni 2012 e r- öffnet – auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eintrat und zur Begründung anführte, es liege kein zulässig gestelltes Asylgesuch der Beschwerdeführerin vor, dass die Beschwerdeführerin mit Eingabe an das Bundesverwa ltungsge- richt vom 26. Juni 2012 gegen die Verfügung des BFM Beschwerde e r- hob und beantragte, die Verfügung sei aufzuheben und die Sache zur materiellen Prüfung des Gesuchs an das BFM zurückzuweisen, dass sie in prozessualer Hinsicht um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung, Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung ersuchte, und erwägt, dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls in der R e- gel – so auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun- gen (Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 [VwVG, SR 172.021]) des BFM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 - 33 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG, E-3419/2012 Seite 4 SR 173.32]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Ju- ni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass die Beschwerdeführerin am Verfahren vor der Vorinstanz teilg e- nommen hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ä n- derung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass somit auf die frist - und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu- treten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 VwVG), dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu übe r- prüfen (Art. 32 - 35 AsylG), die Beurteilungskompetenz der Beschwerd e- instanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt ist, ob die Vorinstanz zu Recht a uf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2011/9 E. 5 m.w.H.), dass sich demnach die Beschwerdeinstanz – sofern sie den Nichteintr e- tensentscheid als unrechtmässig erachtet – einer selbstständigen mat e- riellen Prüfung enthält, die angefochtene Verfü gung aufhebt und die S a- che zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweist (vgl. BVGE 2007/8 E. 2.1 m.w.H.), dass gemäss Art. 18 AsylG jede Äusserung, mit der eine Person zu e r- kennen gibt, dass sie die Schweiz um Schutz vor Verfolgung nachsucht, als Asylgesuch gilt, dass das BFM gestützt auf Art. 32 Abs. 1 AsylG nicht auf Asylgesuche eintritt, welche die Voraussetzungen von Art. 18 AsylG nicht erfüllen, dass das BFM in der angefochtenen Verfügung ausführte, es liege kein zulässig gestelltes Asylgesuch vor, weshalb auf das Asylgesuch mangels Höchstpersönlichkeit nicht einzutreten sei, dass die Beschwerdeführerin in der Beschwerdeschrift entgegnet, das am 12. Juni 2012 beim BFM eingereichte, von der Beschwerdeführerin unter-E-3419/2012 Seite 5 zeichnete Dokument nehme explizit Bezug auf das vertretungsweise g e- stellte Asylgesuch vom 14. Oktober 2011, das seinerseits detailliert darle- ge, weshalb die Beschwerdeführerin in ihrem Heimatland verfolgt werde, dass es zu weit führen würde und überspitzt formalistisch wäre, wenn von der Beschwerdeführerin verlangt würde, die ganze Gefährdungssituation nochmals darzulegen, dass damit der ursprüngliche Mangel des über eine Vertreterin eing e- reichten Asylgesuchs während des erstinstanzlichen Verfahrens geheilt worden sei, dass das Bundesverwa ltungsgericht mit zur Publikation vorgesehenem Urteil E-3162/2011 vom 6. Dezember 2011 seine Rechtsprechung best ä- tigte, wonach es sich bei einem Asylgesuch um ein relativ höchstpersönli- ches Recht handle, das urteilsfähige Personen selbständig, mithin ohne die Hilfe eines Vertreters ausüben müssen, dass das Gericht im genannten Urteil weiter feststellte, ein in diesem Si n- ne mangelhaftes Asylgesuch könne geheilt werden, indem der Gesuch - steller das seitens Dritter eingereichte Asylgesuch persönlich bestätige, dass diese Bestätigung gemäss dem genannten Urteil zum Beispiel a n- lässlich einer mündlichen Anhörung oder durch eine persönlich verfasste oder zumindest unterzeichnete Stellungnahme zum Fragenkatalog des BFM erfolgen kann, dass vorliegend das ursprüngliche Asylgesuch vom 14. Oktober 2011 von der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin eingereicht wurde, welche ihrer Eingabe eine unter anderem von der Beschwerdeführerin unte r- zeichnete Vollmacht zur Stellung eines Asylgesuchs gegenüber den Schweizer Behörden beilegte, dass sich das BFM in seiner Zwischenve rfügung vom 19. März 2012 an die Rechtsvertreterin wandte und diese – nicht etwa die Beschwerdefü h- rerin – aufforderte, die gestellten Fragen genau und konkret zu beantwor- ten, dass die Beschwerdeführerin au fgrund des vom BFM zugestellten Fr a- genkatalogs und der von ihrer Rechtsvertreterin am 18. April 2012 bean t- worteten Fragen nach Treu und Glauben davon ausgehen durfte, dass E-3419/2012 Seite 6 das BFM auf ihr Asylgesuch eingetreten sei, zumal dieses zu diesem Zeitpunkt nicht geltend machte, es liege kein zulässiges Asylgesuch vor, dass die Rechtsvertreterin – auf Aufforderung des BFM, eine klar der B e- schwerdeführerin zurechenbare Willensäusserung hinsichtlich der Schutzsuche in der Schweiz wegen asylrelevanter Verfolgung einzur ei- chen – mit Eingabe vom 12. Juni 2012 ein von der Beschwerdeführerin unterschriebenes Dokument einreichte, das überschrieben ist mit "Bestä- tigung von Asylgesuch und Vollmacht" und den folgenden Wortlaut en t- hält: "Hiermit bestätige ich meinen Antrag auf As yl in der Schweiz, eing e- reicht am: 14. Oktober 2011", dass dieses Dokument als Bestätigung des ursprünglichen Asylgesuchs zu betrachten ist, zumal die Aufzählung der Heilungsmöglichkeiten im U r- teil des Bundesverwaltungsgerichts E-3162/2011 vom 6. Dezember 2011, E. 4.3.2, nicht als abschliessende Aufzählung zu verstehen ist, sondern entscheidend ist, ob insgesamt eine der Gesuchstellerin zurechenbare Äusserung vorliegt, wonach sie in der Schweiz um Schutz vor Verfolgung nachsuche, dass die Argumentation des BFM in der angefochtenen Verfügung, die Beschwerdeführerin hätte zudem ihre Gefährdungslage persönlich darl e- gen müssen, in Anbetracht der Tatsache, dass das BFM zum Zeitpunkt der Aufforderung zur Bestätigung des Asylgesuchs bereits auf eine Befra- gung verzichtet, den schriftlichen Fragenkatalog an die Rechtsvertreter in zur Beantwortung übermittelt und diesen bereits beantwortet zurückerhal- ten hatte, überspitzt formalistisch ist, dass damit insgesamt ein in zulässiger Art und Weise gestelltes Asylg e- such der Beschwerdeführerin im Sinne von Art. 18 AsylG vorliegt und das BFM anzuweisen ist, dieses materiell zu behandeln, dass es allerdings in der Kompetenz der Vorinstanz liegt zu prüfen, ob sie weitere Abklärungen im Sinne von Art. 41 AsylG, namentlich das Einholen persönlicher Äusserungen der Beschwerdeführerin, tätigen will, dass bei diesem Ausgang des Verfahrens keine Verfahrenskosten aufz u- erlegen sind (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG), dass der obsiegenden und im Verfahren vor dem Bundesverwaltungsg e- richt vertretenen Beschwerdeführerin zu Lasten der Vorinstanz eine Pa r- teientschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen und verhältni s-E-3419/2012 Seite 7 mässig hohen Kosten zuzusprechen ist (Art. 64 Abs. 1 VwVG in Verbi n- dung mit Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Koste n und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]), dass die Rechtsvertreterin keine Kostennote einreichte, dass sich der notwendige Vertretungsaufwand aufgrund er Aktenlage z u- verlässig abschätzen lässt, weshalb praxisgemäss auf d ie Einholung e i- ner solchen verzichtet wird (Art. 14 Abs. 2 VGKE), dass unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (Art. 8 ff. VGKE) und des Umstandes, dass die eingereichte Beschwerde- schrift wörtlich mit der von der gleichen Rechtsvertrete rin im Verfahren des Vaters und des jüngeren Bruders E -3403/2012 eingereichten B e- schwerdeschrift übereinstimmt, die vom BFM auszurichtende Parteien t- schädigung von Amtes wegen auf pauschal Fr. 150.– (ausgehend von ei- nem Aufwand von 1 Stunde zu einem Ansatz von Fr. 150.– pro Stunde, inklusive Auslagen) festzusetzen ist, dass die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung, Verzicht auf Erh e- bung eines Kostenvorschusses und unentgeltliche Rechtsvertretung d a- mit gegenstandslos werden. (Dispositiv nächste Seite) E-3419/2012 Seite 8 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. Die Verfügung des BFM vom 14. Ju- ni 2012 wird aufgehoben und die Sache zur materiellen Beurteilung an das BFM zurückgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Das BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführenden eine Parteiko s- tenentschädigung in der Höhe von Fr. 150.– auszuzahlen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführer, das BFM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Stöckli Tobias Meyer Versand: