<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <div class="para"> </div> <div class="para">Bundesgericht </div> <div class="para">Tribunal fédéral </div> <div class="para">Tribunale federale </div> <div class="para">Tribunal federal </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <img height="74" src="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/displayimage.php?id=2022-06-07-1B_510-2021.1&amp;type=gif" width="95"/> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1B_510/2021</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Urteil vom 7. Juni 2022</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>I. öffentlich-rechtliche Abteilung</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Besetzung </div> <div class="para">Bundesrichterin Jametti, präsidierendes Mitglied, </div> <div class="para">Bundesrichter Haag, </div> <div class="para">nebenamtlicher Bundesrichter Weber, </div> <div class="para">Gerichtsschreiber Härri. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Verfahrensbeteiligte </div> <div class="para">A.________, </div> <div class="para">Beschwerdeführer, </div> <div class="para">vertreten durch Rechtsanwalt Kaspar Noser, </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <i>gegen</i> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen, </div> <div class="para">Kantonales Untersuchungsamt, </div> <div class="para">Spisergasse 15, 9001 St. Gallen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Gegenstand </div> <div class="para">Strafverfahren; Zulassung der Sozialversicherungsanstalt als Privatklägerin, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Beschwerde gegen den Entscheid der Anklagekammer des Kantons St. Gallen vom 18. August 2021 (AK.2021.247-AK (ST.2017.40524), AK.2021.248-AP). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Sachverhalt:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>A.</b> </div> <div class="para">Die Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen (Kantonales Untersuchungsamt) führt ein Strafverfahren gegen A.________ wegen des Verdachts des Betrugs, des unrechtmässigen Bezugs von Leistungen einer Sozialversicherung und der Widerhandlung gegen das Bundesgesetz über die Invalidenversicherung. Sie wirft ihm vor, ein Leiden zumindest in seinem Ausmass vorgetäuscht und damit zu Unrecht Leistungen der Invalidenversicherung bezogen zu haben. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>B.</b> </div> <div class="para">Am 18. März 2021 konstituierte sich die Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen (Kantonale IV-Stelle) als Privatklägerin und ersuchte um Zulassung als Partei zum Strafverfahren sowie um Akteneinsicht. </div> <div class="para">Mit Verfügung vom 17. Mai 2021 liess die Staatsanwaltschaft die Sozialversicherungsanstalt als Privat- bzw. Strafklägerin zu. Eine Zivilklägerschaft der Sozialversicherungsanstalt als öffentlich-rechtliche Anstalt schloss die Staatsanwaltschaft aus. Diese eröffnete der Sozialversicherungsanstalt zudem die gesamten bisher aufgelaufenen Strafverfahrensakten in elektronischer Form ohne ein bestimmtes Dossier. </div> <div class="para">Die von A.________ dagegen erhobene Beschwerde wies die Anklagekammer des Kantons St. Gallen am 18. August 2021 ab (Dispositiv Ziffer 1). Die Verfahrenskosten auferlegte es A.________ und befreite ihn einstweilen von deren Bezahlung (Dispositiv Ziffer 2). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>C.</b> </div> <div class="para">A.________ führt Beschwerde in Strafsachen mit dem Antrag, die Ziffern 1 und 2 des Dispositivs des Entscheids der Anklagekammer aufzuheben und festzustellen, dass die Sozialversicherungsanstalt nicht berechtigt sei, am Strafverfahren als Privatklägerin teilzunehmen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>D.</b> </div> <div class="para">Die Anklagekammer hat auf Gegenbemerkungen verzichtet. Die Staatsanwaltschaft hat sich vernehmen lassen mit dem Antrag, die Beschwerde abzuweisen; ebenso die Sozialversicherungsanstalt mit dem Antrag, auf die Beschwerde nicht einzutreten, eventualiter sie abzuweisen. A.________ hat dazu Stellung genommen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>E.</b> </div> <div class="para">Mit Verfügung vom 12. Oktober 2021 hat das präsidierende Mitglied der I. öffentlich-rechtlichen Abteilung das Gesuch um aufschiebende Wirkung abgewiesen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Erwägungen:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.1.</b> Der angefochtene Entscheid schliesst das Strafverfahren nicht ab. Er stellt unstreitig einen Zwischenentscheid nach <span class="artref">Art. 93 BGG</span> dar. Dagegen ist gemäss Abs. 1 dieser Bestimmung die Beschwerde zulässig, (a) wenn der Zwischenentscheid einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil bewirken kann, oder (b) wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort einen Endentscheid herbeiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit oder Kosten für ein weitläufiges Beweisverfahren ersparen würde. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.2.</b> Die Variante nach <span class="artref">Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG</span> fällt hier ausser Betracht. </div> <div class="para">Nach der Rechtsprechung muss es sich im Strafrecht beim nicht wieder gutzumachenden Nachteil gemäss <span class="artref">Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG</span> um einen solchen rechtlicher Natur handeln. Ein derartiger Nachteil liegt vor, wenn er auch durch einen für den Beschwerdeführer günstigen späteren Entscheid nicht mehr behoben werden kann (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=14&amp;from_date=26.05.2022&amp;to_date=14.06.2022&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F147-IV-188%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page188">BGE 147 IV 188</a> E. 1.3.2 mit Hinweis). Ein lediglich tatsächlicher Nachteil wie die Verlängerung oder Verteuerung des Verfahrens genügt nicht (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=14&amp;from_date=26.05.2022&amp;to_date=14.06.2022&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F147-III-159%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page159">BGE 147 III 159</a> E. 4.1 mit Hinweisen). </div> <div class="para">Nach ständiger Rechtsprechung verursacht ein Entscheid, mit dem einem Dritten die Stellung als Privatkläger im Strafverfahren zuerkannt wird, dem Beschuldigten in der Regel keinen nicht wieder gutzumachenden Nachteil rechtlicher Natur. Der blosse Umstand, dass der Beschuldigte einer zusätzlichen Partei gegenübersteht, begründet keinen solchen Nachteil; ebenso wenig für sich allein, dass der Privatkläger Zugang zum Dossier des Strafverfahrens erhält (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=14&amp;from_date=26.05.2022&amp;to_date=14.06.2022&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F128-I-215%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page215">BGE 128 I 215</a> E. 2.1; Urteil 1B_183/2021 vom 21. September 2021 E. 2.1 f.; je mit Hinweisen). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.3.</b> Der Beschwerdeführer bringt vor, es drohe ihm ein nicht wieder gutzumachender Nachteil gemäss <span class="artref">Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG</span>, weil damit zu rechnen sei, dass es die Sozialversicherungsanstalt nicht bei einer blossen Parteistellung bewenden lasse, sondern in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft mittels Parteianträgen darauf hinwirken werde, dass er im Sinne der Strafanzeige schuldig gesprochen werde (Beschwerde S. 3). Dies begründet nach der dargelegten Rechtsprechung, welche der Beschwerdeführer übergeht, keinen nicht wieder gutzumachenden Nachteil rechtlicher Natur. Ein solcher ist auch sonst nicht erkennbar. Der Beschwerdeführer legt insbesondere nicht substanziiert dar, weshalb ihm aufgrund des Rechts der Sozialversicherungsanstalt auf Akteneinsicht (<span class="artref">Art. 107 Abs. 1 lit. a StPO</span>) ein derartiger Nachteil drohen soll. Dies ist umso weniger auszumachen, als es sich bei der Sozialversicherungsanstalt nicht um einen Privaten handelt, sondern eine öffentlich-rechtliche Anstalt, deren Mitarbeiter dem Amtsgeheimnis unterstehen (vgl. <span class="artref">Art. 320 StGB</span>; <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=14&amp;from_date=26.05.2022&amp;to_date=14.06.2022&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F135-IV-198%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page198">BGE 135 IV 198</a> E. 3.3 f.). </div> <div class="para">Mangels nicht wieder gutzumachenden Nachteils im Sinne von <span class="artref">Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG</span> kann demnach auf die Beschwerde nicht eingetreten werden. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.</b> </div> <div class="para">Da die Beschwerde aus formellen Gründen aussichtslos war, kann die unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung nach <span class="artref">Art. 64 BGG</span> nicht bewilligt werden. In Anbetracht der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers werden ihm jedoch keine Gerichtskosten auferlegt (<span class="artref">Art. 66 Abs. 1 Satz 2 BGG</span>). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Demnach erkennt das Bundesgericht:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.</b> </div> <div class="para">Auf die Beschwerde wird nicht eingetreten. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.</b> </div> <div class="para">Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung wird abgewiesen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.</b> </div> <div class="para">Es werden keine Gerichtskosten erhoben. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>4.</b> </div> <div class="para">Dieses Urteil wird dem Beschwerdeführer sowie der Sozialversicherungsanstalt, der Staatsanwaltschaft (Kantonales Untersuchungsamt) und der Anklagekammer des Kantons St. Gallen schriftlich mitgeteilt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Lausanne, 7. Juni 2022 </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Im Namen der I. öffentlich-rechtlichen Abteilung </div> <div class="para">des Schweizerischen Bundesgerichts </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Das präsidierende Mitglied: Jametti </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Der Gerichtsschreiber: Härri </div> </div></body></html>