<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">ZwangsmassnahmenimAusländerrecht</span> <span class="page_no">363</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>78</b></span> <span class="ft1"><b>Ausschaffungshaft; Änderung der Dauer einer angeordneten Ausschaf-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>fungshaft; Dublin-Verfahren</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Stellt sich zwischen der Anordnung einer Ausschaffungshaft und der rich-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>terlichen Haftüberprüfung heraus, dass die ursprünglich angeordnete</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Haftdauer zu kurz bemessen wurde, kann unter Berücksichtigung von</b></span><br/> <span class="ft1"><b>§ 27 Abs. 2 EGAR eine längere Haftdauer angeordnet werden (E. II./1.2.).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Die Nichtbeachtung des Merkblatts des BFM (Stand 5. Mai 2009) bezüg-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>lich Wegweisungsvollzug in Dublin-Verfahren ist unerheblich (E. II./7.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom</span><br/> <span class="ft2">29. Mai 2009 in Sachen Migrationsamt des Kantons Aargau gegen R.F. betref-</span><br/> <span class="ft2">fend Haftüberprüfung (1-HA.2009.62).</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">II. 1.2. Der Vertreter des Gesuchsgegners brachte anlässlich der</span><br/> <span class="ft4">heutigen Verhandlung vor, es sei fraglich, welche Auswirkungen die</span><br/> <span class="ft4">Nicht-Gewährung des rechtlichen Gehörs betreffend die Verlänge-</span><br/> <span class="ft4">rung der Ausschaffungshaft auf drei Monate habe.</span><br/> <span class="ft4">Hierzu ist Folgendes festzuhalten: Bei genauer Betrachtung</span><br/> <span class="ft4">handelt es sich bei der neu für drei Monate angeordneten Ausschaf-</span><br/> <span class="ft4">fungshaft gar nicht um eine Haftverlängerung, sondern um eine noch</span><br/> <span class="ft4">innerhalb der Frist zur erstmaligen richterlichen Überprüfung der</span><br/> <span class="ft4">Haft vorgenommenen Änderung der ursprünglich für 20 Tage ange-</span><br/> <span class="ft4">ordneten Ausschaffungshaft auf drei Monate. Dies auch wenn das</span><br/> <span class="ft4">Migrationsamt die neue Verfügung als "Haftverlängerung" bezeich-</span><br/> <span class="ft4">nete. Nachdem dem Gesuchsgegner das rechtliche Gehör für die An-</span><br/> <span class="ft4">ordnung einer Ausschaffungshaft unabhängig von der beabsichtigten</span><br/> <span class="ft4">Haftdauer gewährt wurde und der Entscheid über die Inhaftierung im</span><br/> <span class="ft4">Sinne von § 13 Abs. 1 EGAR korrekt mündlich eröffnet wurde, stellt</span><br/> <span class="ft4">sich vorab die Frage, ob die Änderung der Haftdauer zulässig war.</span><br/> <span class="ft4">Gemäss § 37 Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechts-</span><br/> <span class="ft4">pflege (VRPG) vom 4. Dezember 2007 können Entscheide, die der</span><br/> <span class="ft4">Rechtslage oder den sachlichen Erfordernissen nicht (mehr) ent-</span><br/> <span class="ft4">sprechen, durch die erlassende Behörde geändert werden, wenn das</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">RekursgerichtimAusländerrecht</span> <span class="page_no">364</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Interesse an der richtigen Rechtsanwendung die Interessen der</span><br/> <span class="ft4">Rechtssicherheit und des Vertrauensschutzes überwiegen.</span><br/> <span class="ft4">Im vorliegenden Fall stellte sich nach mündlicher Eröffnung der</span><br/> <span class="ft4">Haftanordnung (§ 13 Abs. 1 EGAR) und nach Zustellung der begrün-</span><br/> <span class="ft4">deten Verfügung (§ 13 Abs. 3 EGAR) heraus, dass die ursprünglich</span><br/> <span class="ft4">für 20 Tage angeordnete Haft aufgrund der Flugdaten bestenfalls</span><br/> <span class="ft4">ganz knapp ausreichen würde, um den Vollzug der Rückführung</span><br/> <span class="ft4">nach Italien sicher zu stellen. Unter diesen Umständen entsprach die</span><br/> <span class="ft4">Haftdauer den sachlichen Erfordernissen nicht mehr und die Anord-</span><br/> <span class="ft4">nung einer längeren Haft drängte sich geradezu auf. Dies auch im</span><br/> <span class="ft4">Sinne einer richtigen Rechtsanwendung. Erkennt das Migrationsamt</span><br/> <span class="ft4">vor dem richterlichen Haftüberprüfungsentscheid, dass die angeord-</span><br/> <span class="ft4">nete Haft für den Vollzug der Ausschaffung nicht ausreicht, ist diese</span><br/> <span class="ft4">neu anzuordnen, damit der Richter bei der Haftüberprüfung über die</span><br/> <span class="ft4">gesamte mutmasslich benötigte Haftdauer befinden kann. Dass einer</span><br/> <span class="ft4">derartigen Anpassung der Haftdauer im vorliegenden Fall Interessen</span><br/> <span class="ft4">der Rechtssicherheit oder des Vertrauensschutzes im Sinne von § 37</span><br/> <span class="ft4">Abs. 1 VRPG entgegen stehen könnten, ist nicht ersichtlich.</span><br/> <span class="ft4">Bezüglich einer längeren Haftdauer ist § 27 Abs. 2 EGAR ge-</span><br/> <span class="ft4">bührend Beachtung zu schenken, wonach einem Betroffenen</span><br/> <span class="ft4">zwingend ein amtlicher Rechtsvertreter beizugeben ist, wenn eine</span><br/> <span class="ft4">Haft für mehr als 20 Tage angeordnet wird. Kann vor der richterli-</span><br/> <span class="ft4">chen Haftüberprüfung kein amtlicher Rechtvertreter mehr bestellt</span><br/> <span class="ft4">werden, darf die Haft zunächst für höchstens 20 Tage bestätigt wer-</span><br/> <span class="ft4">den. Unter diesen Umständen war es auch richtig, dass das Migrati-</span><br/> <span class="ft4">onsamt die längere Haftdauer unverzüglich anzeigte, damit dem Ge-</span><br/> <span class="ft4">suchsgegner ein amtlicher Rechtvertreter bestellt werden konnte.</span><br/> <span class="ft4">Anzumerken bleibt, dass die Formvorschriften von § 13 EGAR</span><br/> <span class="ft4">betreffend die Gewährung des rechtlichen Gehörs, die mündliche Er-</span><br/> <span class="ft4">öffnung und die schriftliche Begründung der Haftanordnung auf</span><br/> <span class="ft4">Fälle wie den vorliegenden keine Anwendung finden, da die Ände-</span><br/> <span class="ft4">rung der Haftdauer nach Anordnung der Haft und vor deren richterli-</span><br/> <span class="ft4">chen Überprüfung durch § 13 EGAR gar nicht erfasst wird. Müsste</span><br/> <span class="ft4">eine Änderung der Haftdauer in jedem Falle mündlich eröffnet und</span><br/> <span class="ft4">schriftlich begründet werden, wäre das Migrationsamt ausser Stande,</span><br/> <span class="ft4">auf neue Umstände, die sich erst an der Verhandlung ergeben, zu</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">ZwangsmassnahmenimAusländerrecht</span> <span class="page_no">365</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">reagieren. Ordnet das Migrationsamt z.B. eine einmonatige Haft an,</span><br/> <span class="ft4">weil der Betroffene sich grundsätzlich der Ausschaffung unterzieht,</span><br/> <span class="ft4">und weigert sich der Betroffene sodann anlässlich der richterlichen</span><br/> <span class="ft4">Haftüberprüfung kategorisch, auszureisen, muss es dem Migrations-</span><br/> <span class="ft4">amt frei stehen, sofort eine längere Haft anzuordnen und über diese</span><br/> <span class="ft4">richterlich befinden zu lassen. Alles Andere würde einem kontradik-</span><br/> <span class="ft4">torischen Haftüberprüfungsverfahren, wie es im Kanton Aargau vor-</span><br/> <span class="ft4">gesehen ist, zuwider laufen und wäre auch aus prozessökonomischen</span><br/> <span class="ft4">Gesichtspunkten wenig sinnvoll. Bei genauer Betrachtung will § 13</span><br/> <span class="ft4">EGAR lediglich sicher stellen, dass einem Betroffenen vor der erst-</span><br/> <span class="ft4">maligen Haftanordnung bzw. vor der Verlängerung einer richterlich</span><br/> <span class="ft4">bestätigten Haft das rechtliche Gehör gewährt wird und der Betrof-</span><br/> <span class="ft4">fene sowohl mündlich als auch schriftlich über die Inhaftierung ori-</span><br/> <span class="ft4">entiert wird.</span><br/> <span class="ft4">Unter diesen Umständen stellt die Tatsache, dass dem Gesuchs-</span><br/> <span class="ft4">gegner bezüglich der neu für drei Monate angeordneten Haft nicht</span><br/> <span class="ft4">erneut das rechtliche Gehör gewährt und der Entscheid vor der Haft-</span><br/> <span class="ft4">überprüfungsverhandlung weder mündlich eröffnet noch schriftlich</span><br/> <span class="ft4">begründet wurde, keine Rechtsverletzung dar.</span><br/> <span class="ft4">(...)</span><br/> <span class="ft4">7. Das Migrationsamt ordnete die Ausschaffungshaft für drei</span><br/> <span class="ft4">Monate an. Nachdem der Vollzug der Rückführung massgeblich vom</span><br/> <span class="ft4">Verhalten des Gesuchsgegners abhängig ist und es diesbezüglich zu</span><br/> <span class="ft4">Verzögerungen kommen kann, ist die beantragte Haftdauer nicht zu</span><br/> <span class="ft4">beanstanden. Im Übrigen ist festzuhalten, dass das Migrationsamt</span><br/> <span class="ft4">bisher stets bemüht war, Ausschaffungen so rasch wie möglich zu</span><br/> <span class="ft4">vollziehen. Sollte das Migrationsamt entgegen seiner bisherigen Ge-</span><br/> <span class="ft4">wohnheit das Beschleunigungsgebot verletzen, besteht die Möglich-</span><br/> <span class="ft4">keit, ein Haftentlassungsgesuch zu stellen.</span><br/> <span class="ft4">Daran ändert auch das Merkblatt des BFM bezüglich Wegwei-</span><br/> <span class="ft4">sungsvollzug in Dublin-Verfahren nichts. Gemäss diesem Merkblatt</span><br/> <span class="ft4">ist Folgendes vorgesehen: Nach Vorliegen des Nichteintretensent-</span><br/> <span class="ft4">scheids des BFM auf das Asylgesuch mit sofortiger Wegweisung in</span><br/> <span class="ft4">einen Dublin-Staat und nach Zustimmung dieses Staates zur Rück-</span><br/> <span class="ft4">übernahme, muss zunächst ein Rückflug gebucht werden. Erst wenn</span><br/> <span class="ft4">dieser durch swissREPAT bestätigt wurde, ist der Asylentscheid zu</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">RekursgerichtimAusländerrecht</span> <span class="page_no">366</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">eröffnen, wobei unmittelbar im Anschluss an die Eröffnung die Zu-</span><br/> <span class="ft4">führung an den Flughafen und die Ausschaffung zu erfolgen hat.</span><br/> <span class="ft4">Zwar wird durch ein solches Vorgehen möglicherweise eine Aus-</span><br/> <span class="ft4">schaffungshaft in einzelnen Fällen verhindert. Trotzdem rechtfertigt</span><br/> <span class="ft4">sich dieses Vorgehen nicht. Einerseits ist fraglich, ob die betroffenen</span><br/> <span class="ft4">Personen am Tag der geplanten Ausschaffung rechtzeitig ergriffen</span><br/> <span class="ft4">werden können, sodass ihnen der Entscheid vor dem Abflug ord-</span><br/> <span class="ft4">nungsgemäss eröffnet werden kann. Jedenfalls sind die Bedenken</span><br/> <span class="ft4">des Migrationsamtes, dass es in vielen Fällen zu Flugabsagen kom-</span><br/> <span class="ft4">men könnte, nicht von der Hand zu weisen. Andererseits muss das</span><br/> <span class="ft4">vorgesehene Prozedere des BFM mit Blick auf das Non-Refoule-</span><br/> <span class="ft4">ment-Gebot sowie das Gebot des effektiven Rechtsschutzes in Bezug</span><br/> <span class="ft4">auf den Entscheid über die Rückführung in einen Dublin-Staat als</span><br/> <span class="ft4">zumindest problematisch bezeichnet werden (vgl. hierzu Mathias</span><br/> <span class="ft4">Hermann, Refoulement-Verbote und effektiver Rechtschutz bei Dub-</span><br/> <span class="ft4">lin Entscheidungen, in: Jusletter 25. Mai 2009). Unter diesen Um-</span><br/> <span class="ft4">ständen ist nicht zu beanstanden bzw. drängt es sich geradezu auf,</span><br/> <span class="ft4">dass das Migrationsamt zunächst den genannten Entscheid eröffnet</span><br/> <span class="ft4">und den Betroffenen Gelegenheit gibt, selbständig in den Dublin-</span><br/> <span class="ft4">Staat zurückzukehren. Dass das BFM offenbar auch bei glaubhaft er-</span><br/> <span class="ft4">klärter Rückkehrbereitschaft eine Zuführung an den Flughafen ver-</span><br/> <span class="ft4">langt, ist sachlich nicht gerechtfertigt, jedoch hinzunehmen.</span><br/></div> </div> </body> </html>