B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-781/2017 plo U r t e i l v o m 2 3 . M a i 2 0 1 7 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richterin Daniela Brüschweiler, Richter Yanick Felley, Gerichtsschreiberin Anna Dürmüller Leibundgut. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), und C._______, geboren am (…), Eritrea, alle vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan, Advokatur Kanonengasse, Beschwerdeführende, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 4. Januar 2017 / N (…). D-781/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Die Beschwerdeführerin, eine eritreische Staatsangehörige mit letztem Wohnsitz in D._______ (Distrikt Ghala Nefhi, Region Maakel), verliess ihr Heimatland eigenen Angaben zufolge am 10. Juli 2012 zusammen mit ih- ren zwei Kindern illegal in Richtung Sudan. A nschliessend seien sie zu- nächst nach Libyen und von dort aus in einem Schiff nach Italien gelangt. Am 24 . August 2014 seien sie von Italien herkommend illegal in die Schweiz eingereist. Gleichentags suchte n sie im Empfangs- und Verfah- renszentrum (EVZ) E._______ um Asyl nach. Am 12. September 2014 wurde die Beschwerdeführerin im EVZ E._______ zu ihrer Identität, zum Reiseweg und summarisch zu den Asylgründen befragt. Zudem wurde ihr das rechtliche Gehör zu einer allfälligen Wegweisung nach Italien sowie bestehenden gesundheitlichen Problemen gewährt. In der Folge wurden die Beschwerdeführenden für die Dauer des Verfahrens dem Kanton F._______ zugewiesen. Am 8. Dezember 2015 wurde die Beschwerdefüh- rerin ausführlich zu ihren Asylgründen angehört. A.b Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, im März 2004 habe ihr Ehemann Urlaub vom Militär erhalten, um ihr bei der Geburt des zweiten Sohnes beizustehen. Die Ge- burt habe sich jedoch verzögert, und ihr Ehemann habe die ihm gewährten Urlaubstage überzogen. Noch vor der Geburt sei er dann von ihr unbe- kannten Personen abgeholt worden. Seither sei er verschwunden, sie habe mehrfach vergeblich nach ihm gesucht. In der Folge sei sie in den Jahren 2004 und 2007 mehrmals von Militärangehörigen aufgesucht worden, wel- che nach dem Aufenthaltsort ihres Ehemannes gefragt und sie bedroht und teilweise tätlich angegriffen und vergewaltigt hätten. Als sie sich bei den Behörden nach dem Verbleib ihres Ehemannes erkundigt habe, habe man ihr mit Festnahme gedroht. Sie habe aber immerhin erfahren, dass ihr Mann in einem Gefängnis sei. Sie habe Angst gehabt, habe aber damals nicht ausreisen können, weil die Kinder noch klein gewesen seien. Sie habe daher gearbeitet und die Ausreise organisiert. Im Juli 2012 sei sie dann ausgereist. Da sie Eritrea illegal verlassen habe, könne sie nicht mehr zurückkehren. A.c Die Beschwerdeführerin reichte im Verlauf des vori nstanzlichen Ver- fahrens folgende Unterlagen zu den Akten: ihre Identitätskarte, einen su- danesischen Flüchtlingsausweis, die Geburtsurkunden der Kinder (Kopien) sowie die Gesundheitsbüchlein der Kinder. D-781/2017 Seite 3 B. Mit Verfügung vom 4. Januar 2017 stellte die Vorinst anz fest, die Be- schwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihre Asylgesuche ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz. Gleichzei- tig ordnete sie infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vor- läufige Aufnahme der Beschwerdeführenden in der Schweiz an. C. Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 6. Februar 2017 lies- sen die Beschwerdeführenden diesen Entscheid teilweise anfechten. Da- bei wurde beantragt, die angefochtene Verfügung sei bezüglich der Dispo- sitivziffern 1 bis 3 aufzuheben, und die Sache sei zur vollständigen Sach- verhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventuell sei die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und Asyl zu gewähren , subeventuell seien die Beschwerdeführenden infolge Unzulässigkeit des Wegweisungs- vollzugs als Flüchtlinge anzuerkennen. In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der vollumfänglichen unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG und Art. 110a AsylG (SR 142.31) und Kostenvor- schussverzicht ersucht. Der Beschwerde lagen eine Vollmacht vom 24. Januar 2017, die angefoch- tene Verfügung des SEM (Kopie) sowie der Kurzbericht der Hilfswerkver- tretung (inklusive Zusatzblatt) bei. D. Mit Zwischenverfügung vom 9. Februar 2017 hiess der Instruktionsrichter das Gesuch um G ewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG unter Vorbehalt der Nachreichung eines Bedürf- tigkeitsnachweises gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses. Er forderte die Beschwerdeführenden auf, umgehend einen ent- sprechenden Nachweis zu den Akten zu reichen. Das Gesuch um unent- geltliche Verbeiständung im Sinne von Art. 110a Abs. 1 AsylG wurde eben- falls unter dem Vorbehalt der Nachreichung eines Bedürftigkeitsnachwei- ses gutgeheissen, und den Beschwerdeführenden wurde ihr Rechtsvertre- ter, Tarig Hassan, als Rechtsbeistand beigeordnet. Ferner wurde das SEM zur Einreichung einer Vernehmlassung innert Frist aufgefordert. E. Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 21. Februar 2017 vollum- fänglich an seiner Verfügung fest. D-781/2017 Seite 4 F. Die Beschwerdeführenden liessen darauf mit Eingabe vom 10. März 2017 replizieren, wobei vollumfänglich an der Beschwerde festgehalten wurde. Der Eingabe lag eine Kostennote gleichen Datums bei. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gestützt auf Art. 31 VGG Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer Vor- instanz im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine das Sach- gebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG vorliegt. Demnach ist das Bundesverwaltungsgericht zuständig für die Beurteilung von Be- schwerden gegen Entscheide des SEM, welche in Anwendung des AsylG ergangen sind, und entscheidet in diesem Bereich endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die be- schwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme besteht nicht. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Die Beschwerdeführenden wurden infolge Unzumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufgenommen. Diesbezüglich wurde die vorinstanzliche Verfügung nicht angefochten. Damit beschränkt D-781/2017 Seite 5 sich das vorliegende Beschwerdeverfahren auf die Fragen, ob die Be- schwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft erfüllen und ob ihnen des- wegen Asyl zu gewähren und auf die Wegweisung zu verzichten oder sie zumindest als Flüchtlinge vorläufig aufzunehmen sind. 4. 4.1 Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zuge- hörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer politischen An- schauungen wegen ernsthaften Nachteilen ausg esetzt sind oder begrün- dete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Lei- bes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträg- lichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 4.2 Die Flüchtlingseigenschaft muss nachgewiesen oder zumindest glaub- haft gemacht werden. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vor- handensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Un- glaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismit- tel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst ge- schaffen worden ist, macht subjektive Nachfluchtgründe geltend (vgl. Art. 54 AsylG). Subjektive Nachfluchtgründe können zwar die Flücht lings- eigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG begründen, führen jedoch nach Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie miss- bräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. dazu BVGE 2009/28 E. 7.1 S. 352, m.w.H.). 5. 5.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres ablehnenden Entscheids im Asylpunkt im Wesentlichen aus, die Vorbringen der Beschwerdeführe- rin, wonach sie im Jahr 2012 aus Eritrea ausgereist sei, weil ihr Ehemann im Jahr 2005 entführt und sie danach immer wieder von Soldaten aufge- sucht und zum Verbleib des Ehemannes befragt sowie einmal vergewaltigt worden sei, seien nicht asylrelevant. Es bestehe kein begründeter zeitlicher D-781/2017 Seite 6 und kausaler Zusammenhang zwischen der Entführung des Ehemannes und der Ausreise. Die geltend gemachte Furcht vor Reflexverfolgung sei ebenfalls nicht begründet. Die vorgebrachte Vergewaltigung sei ein einma- liges Ereignis gewesen, weshalb daraus für die Zukunft keine begründete Verfolgungsfurcht abgeleitet werden könne. Gemäss Aussagen der Be- schwerdeführerin seien die Befragungen durch die Soldaten im Jahr 2007 eingestellt worden. In den folgenden fünf Jahren bis zur Ausreise habe die Beschwerdeführerin keine weitere Kontaktaufnahme seitens der Behörden geltend gemacht. Nur sie selber habe sich bei den Behörden nach ihrem Ehemann erkundigt. Die allgemein schwierige Situation als alleinerzie- hende Mutter sei flüchtlin gsrechtlich nicht relevant. Im Zeitpunkt der Aus- reise habe somit keine Bedrohung im Sinne von Art. 3 AsylG bestanden. Betreffend die geltend gemachte illegale Ausreise sei sodann festzustellen, dass nach aktuellen Erkenntnissen der Nationaldienststatus das wichtigste Kriterium für den Umgang der eritreischen Behörden mit zwangsweisen Rückkehrern darstelle. Die illegale Ausreise spiele dagegen nur eine un- tergeordnete Rolle. Die Beschwerdeführerin habe gemäss Aktenlage we- der eine Desertion noch eine Refraktion begangen und nie ein militärisches Aufgebot erhalten. Die blosse Furcht, dereinst für den Militärdienst ausge- hoben zu werden, weise nicht die nach Art. 3 AsylG erforderliche Intensität auf. Vorliegend habe kein diesbezüglicher, konkreter behördlicher Kontakt bestanden, aus welchem erkennbar gewesen wäre, dass sie hätte rekru- tiert werden sollen. Daher bestehe kein Anlass zur Annahme, dass sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten habe. Sie habe demnach nicht gegen die „Proclamation on National Service“ aus dem Jahr 1995 verstossen, und den Akten sei auch sonst nichts zu entnehmen, was darauf hinweisen würde, dass sie bei einer Rückkehr nach Eritrea ernsthafte Nachteile zu gewärtigen hätte. Die geltend gemachte illegale Ausreise sei daher unge- achtet der Frage ihrer Glaubhaftigkeit als flüchtlingsrechtlich unbeachtlich zu qualifizieren. Die Flüchtlingseigenschaft sei daher zu verneinen und das Asylgesuch abzulehnen. 5.2 In der Beschwerde wird zunächst geltend gemacht, der Sachverhalt sei ungenügend erstellt worden; denn an der Bundesanhörung sei es zu Ver- ständigungsproblemen gekommen, was von der Hilfswerksvertretung in ih- rem Bericht bestätigt werde. Die Aussagen der Beschwerdeführerin seien offenbar ungenau und unvollständig übersetzt worden. Insbesondere könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Beschwerdeführerin wei- tere, flüchtlingsrechtlich relevante Reflexverfolgungsmassnahmen erlitten D-781/2017 Seite 7 habe. Die Hilfswerksvertretung habe zudem kri tisiert, dass keine ge- schlechtsspezifische Befragung stattgefunden habe und dass der Befrager ungeduldig worden sei. Namentlich unter Berücksichtigung des Zusatzbe- richts der Hilfswerksvertretung sei zu schliessen, dass die Aussagen der Beschwerdeführerin anlässlich der Anhörung nicht verwertet werden könn- ten. Das SEM habe demnach den Untersuchungsgrundsatz verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig respektive unvollständig ab- geklärt, weshalb die Sache zur erneuten Anhörung an die Vorinstanz zu- rückzuweisen sei. Eventuell sei die Vorinstanz anzuweisen, die Umstände der Befragung genauer abzuklären. In materieller Hinsicht wird in der Be- schwerde vorgebracht, die Ausreise der Beschwerdeführerin im Jahr 2012 sei durchaus in einem sachlichen Zusammenhang zur Reflexverfolgung wegen des Ehemannes gestanden. Nach der Inhaftierung ihres Mannes sei die Beschwerdeführerin nämlich nicht nur immer wieder zuhause auf- gesucht und bedroht worden, sondern habe zudem mit sozialen und finan- ziellen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Als Ehefrau eines als Regime- gegner geltenden Mannes habe sich ihr sozialer Status negativ verändert. Die erlittene krasse und andauernde Stigmatisierung stelle einen Nachteil im Sinne von Art. 3 AsylG dar. Im Übrigen wäre die Beschwerdeführerin schon früher ausgereist, hätte sie die finanziellen Mittel dazu gehabt. Sie habe aber zuerst eine Arbeit finden müssen, um die Ausreise zu finanzie- ren. Dies sei bei der Beurteilung des Kau salzusammenhangs zu berück- sichtigen. Es sei daher davon auszugehen, dass die Flucht der Beschwer- deführerin im Juli 2012 einen kausalen Zusammenhang zur geltend ge- machten Reflexverfolgung aufweise, eine frühere Ausreise jedoch aus fi- nanziellen und gesundheitlichen Gründen nicht möglich gewesen sei. So- dann sei zu beachten, dass das eritreische Regime die Beschwerdeführe- rin spätestens nach deren illegalen Ausreise als Regimegegnerin be- trachte. Dieser Umstand erhöhe die Furcht der Beschwerdeführerin vor zu- künftiger asylbeachtlicher Reflexverfolgung. Insgesamt habe die Be- schwerdeführerin damit glaubhaft machen können, dass sie in Eritrea we- gen ihrer politischen Anschauung in asylrelevanter Weise gefährdet sei. Den Ausführungen der Vorinstanz bezüglich der Beurtei lung der illegalen Ausreise könne nicht gefolgt werden. Insbesondere gebe es keinen Grund für die vom SEM vorgenommene Praxisänderung, da keine neuen Her- kunftsländerinformationen zu Eritrea vorlägen, welche eine solche zu be- gründen vermöchten. Zudem habe die Vorinstanz bei ihrer Lagebeurteilung die geltenden Country of Origin Information (COI) Standards nicht einge- halten. Sie stütze sich auf eine äusserst dünne und fragwürdige Quellen- lage; die verwendeten Quellen würden den Anforderungen an die Unab-D-781/2017 Seite 8 hängigkeit, Zuverlässigkeit und Objektivität nicht genügen und stünden teil- weise im Widerspruch zu weiteren Berichten zur Situation von illegal aus- gereisten Rückkehrern. Die Informationsgrundlage sei nicht ausreichend, um eine Praxisänderung zu begründen. Vielmehr sei weiterhin davon aus- zugehen, dass illegal aus Eritrea ausgereiste Personen vom Regime als Regimegegner erachtet würden und deshalb begründete Furcht hätten, bei einer Rückkehr ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausge- setzt zu werden. Auch gemäss der ständigen Rechtsprechung des Bun- desverwaltungsgerichts sei das Vorliegen von subjektiven Nachfluchtgrün- den bei illegal ausgereisten eritreischen Staatsangehörigen zu bejahen, da die illegale Ausreise vom Regime als Zeichen der politischen Opposi tion verstanden werde. Die Beschwerdeführerin habe ihre illegale Ausreise aus Eritrea glaubhaft geschildert. 5.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, es treffe zwar zu, dass die dolmetschende Person einmal habe nachfragen müssen (Verweis auf A17, F72). Das entsprechende Vorbringen der Beschwerdeführerin habe aber dann aufgrund der Folgefragen vollständig erstellt werden können. Es sei darauf hinzuweisen, dass das Aussageverhalten je nach kulturellem Kontext und psychischer Verfassung der befragten Perso n ungenau oder wirr sein könne . Die befragende Person sei jedoch darauf eingegangen (Verweis auf A17, F73). Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Auf- fassung seien die Antworten der Beschwerdeführerin zudem sehr wohl klar und eindeutig ausgefallen. Anlässlich der Rückübersetzung habe nur eine einzige Aussage aufgrund eines inhaltlichen Fehlers korrigiert werden müssen. Bei den weiteren Korrekturen handle es sich nicht um sinnverfäl- schende Beanstandungen. Demnach hätten keine Verständigungsprob- leme bestanden. In Bezug auf die Anhörungsvorschriften bei geltend ge- machter geschlechtsspezifischer Verfolgung sei festzustellen, dass die Be- schwerdeführerin darauf hingewiesen worden sei, sie jedoch gesagt habe, sie wolle das Thema „jetzt“ behandeln. Das Vorbringe n sei zudem genü- gend abgeklärt worden, und das SEM sei im Entscheid darauf eingegan- gen. Betreffend des in der Beschwerde erwähnten sozialen Status der Be- schwerdeführerin sei darauf hinzuweisen, dass Nachteile, welche auf die allgemeinen politischen, wirtsc haftlichen oder sozialen Lebensbedingun- gen in einem Staat zurückzuführen seien, keine asylbeachtliche Verfolgung darstellten. Sodann sei festzustellen, dass das Bundesverwaltungsgericht die Frage der illegalen Ausreise aus Eritrea in einem neuen Koordinations- urteil behandelt habe (Verweis auf das Referenzurteil D -7898/2015 vom 30. Januar 2017). D-781/2017 Seite 9 5.4 In der Replik wird entgegnet, das SEM spiele die offensichtlichen Ver- ständigungsprobleme anlässlich der Bundesanhörung herunter. Die Argu- mentation des SEM überzeuge nicht. Es sei auf die Ausführungen des Bun- desverwaltungsgerichts im Urteil E-2231/2009 vom 15. April 2009 zu ver- weisen. Aus diesem Urteil gehe hervor, dass dem Bericht der Hilfswerks- vertretung eine grosse Bedeutung beigemessen werde. Die Hilfswerksver- tretung habe sich vorliegend im Kurz- sowie im Zusatzbericht klar dahinge- hend geäussert, dass der Sachverhalt ungenügend festgestellt worden sei. Es sei zudem festzustellen, dass trotz Unterzeichnung des Protokolls ein unvollständig festgestellter Sachverhalt vorliegen könne. 6. Vorab ist auf die auf Beschwerdeebene erhobene formelle Rüge einzuge- hen: Es wird beantragt, die angefochtene Verfügung sei wegen Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes respektive unvollständiger oder unrichti- ger Feststellung des Sachverhaltes aufzuheben und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. 6.1 Gemäss Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG stellen die Asylbehörden den Sachverhalt von Amtes wegen fest (Untersuchungsgrundsatz). Dabei muss die Behörde die für das Verfahren erforderlichen Sachverhaltsunter- lagen beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abklären und darüber ordnungsgemäss Beweis führen. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt wurde. Unvollständig ist die Sach- verhaltsfeststellung, wenn die Behörde trotz Untersuchungsmaxime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt hat, oder wenn nicht alle für die Entscheidung wesentlichen Sachumstände berücksichtigt wurden. Die Behörde ist allerdings nicht verpflichtet, zu jedem Sachverhaltselement umfangreiche Nachforschungen anzustellen. Zusätzliche Abklärungen sind vielmehr nur dann vorzunehmen, wenn sie aufgrund der Aktenlage als angezeigt erscheinen (vgl. dazu CHRISTOPH AUER, in: Auer/Müller/Schind- ler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], Zürich 2008, Rz. 15 zu Art. 12; BENJAMIN SCHINDLER, in Auer/Mül- ler/Schindler [Hrsg.], a.a.O., Rz. 28 zu Art. 49). Diese behördliche Untersu- chungspflicht wird zudem durch die den Asylsuchenden gemäss Art. 8 AsylG obliegende Mitwirkungspflicht eingeschränkt (vgl. dazu BVGE 2007/30 E. 5.5.2., m.w.H.). D-781/2017 Seite 10 6.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, es sei in der Bundesanhö- rung offensichtlich zu Verständigungsproblemen gekommen, weshalb da- von auszugehen sei, dass der Sachverhalt mangelhaft festgestellt worden sei. Dieser Auffassung kann nicht gefolgt werden. Zwar ist aufgrund der Aktenlage festzustellen, dass die Beschwerdeführerin – obwohl sie de n Dolmetscher gut verstanden hat (vgl. A17 S. 17) – teilweise unverständli- che und unlogische Äusserungen gemacht hat (vgl. dazu auch das als Be- weismittel eingereichte Zusatzblatt zum Kurzbericht des Hilfswerksvertre- ters). In diesen Fällen wurde indessen seitens des Befragers regelmässig Folgefragen gestellt (vgl. beispielsweise A17 F72 ff., F86 ff., F93 ff., F99 ff., F110 ff.). Offenbar hat teilweise auch der Dolmetscher selber nachgefragt (vgl. das Zusatzblatt zum Kurzbericht des Hilfswerksvertreters), um dem Befrager eine einigermassen klare und strukturierte Antwort der Beschwer- deführerin auf die gestellte Frage liefern zu können. Dieses Vorgehen ist nicht unüblich und liegt grundsätzlich im Interesse einer effizienten und kor- rekten Feststellung des Sachverhalts; vorausgesetzt ist allerdings, dass es zwischen der dolmetschenden und der befragten Person keine sprachlich bedingten Verständigungsprobleme gibt und dass das Protokoll anschlies- send rückübersetzt wird, damit die befragte Person Gelegenheit hat, allfäl- lige Fehler in der Sachverhaltsaufnahme korrigieren zu lassen. Diese Be- dingungen waren im vorliegenden Fall erfüllt ; insbesondere – und entge- gen dem Sachverhalt, welchem dem in der Replik zitierten Urteil E-2231/2009 vom 15. April 2009 zugrunde lag – mangelte es dem Dolmet- scher vorliegend nicht an den erforderlichen Sprachkenntnissen. Demnach kann davon ausgegangen werden, dass im vorliegenden Fall dank der Nachfragen des Dolmetschers und des Befragers alle relevanten Sachum- stände ausreichend abgeklärt werden konnten, zumal auch auf Beschwer- deebene keine weiteren Sachverhaltselemente vorgebracht werden. 6.3 Sodann ist im vorliegenden Fall auch keine Verletzung der Schutzvor- schriften von Art. 17 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 6 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) ersichtlich. 6.3.1 Gemäss Art. 6 AsylV 1 wird die asylsuchende Person (egal ob Mann oder Frau) von einer Person gleichen Geschlechts befragt, wenn konkrete Hinweise auf geschlechtsspezifische Verfolgung vorliegen. Als Ausgestal- tung des rechtlichen Gehörs bezweckt Art. 6 AsylV 1, dass asylsuchende Personen ihre Vorbringen angemessen vortragen, das heisst konkret erlit- tene Übergriffe möglichst frei und unbeeinträchtigt von Schamgefühlen schildern können. Gleichzeitig dient sie dazu, die Richtigkeit der Sachver- haltsabklärung zu gewährleisten. Da diese Schutzvorschrift nicht bloss ein D-781/2017 Seite 11 Recht der asylsuchenden Person beinhaltet, eine solche Befragung zu ver- langen, sondern die Behörde dazu verpflichtet, in der vorgesehenen Weise vorzugehen, sobald entsprechende Hinweise vorliegen, ist sie von Amtes wegen anzuwenden (vgl. dazu das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1643/2008 vom 7. Februar 2011 E. 3.1 mit Hinweis auf EMARK 2003 Nr. 2 E. 5). 6.3.2 Im vorliegenden Fall machte die Beschwerdeführer in in der Befra- gung zur Person (BzP) geltend, sie sei vergewaltigt worden (vgl. A5 Ziff. 7.01). Damit lagen bereits vor der Anhörung vom 8. Dezember 2015 konkrete Hinweise auf das Vorliegen geschlechtsspezifischer Verfolgung im Sinne von Art. 6 AsylV 1 vor, und das SEM hätte damit von vornherein für eine entsprechende Zusammensetzung des Anhörungsteams sorgen müssen. In der Anhörung brachte die Beschwerdeführerin dann erneut vor, sie sei einmal von Soldaten vergewaltigt worden. Spätestens in diesem Zeitpunkt wäre das SEM grundsätzlich verpflichtet gewesen, die Anhörung abzubrechen und die Beschwerdeführerin zu einem anderen Zeitpunkt in einem reinen Frauenteam zum geltend gemachten sexuellen Übergriff zu befragen. Die betroffene Person kann indessen darauf verzichten, von Per- sonen des gleichen Geschlechts befragt zu werden; ein solcher Verzicht kann jedoch nur dann angenommen werden, wenn er ausdrücklich erklärt wird (a.a.O. E. 5.c). Vorliegend wurde die Beschwerdeführerin zweimal auf ihre Rechte hingewiesen (vgl. A17 F75 und F77). Die Beschwerdeführerin erklärte dabei, sie wolle die Sache „jetzt“ behandeln (vgl. A17 A77), und beantwortete in der Folge die ihr im Zusammenhang mit der geltend ge- machten Vergewaltigung gestellten Fragen. Sie kannte demnach ihr Recht, durch ein reines Frauenteam angehört zu werden, machte davon aber be- wusst keinen Gebrauch. Im Übrigen ist festzustellen, dass die Beschwer- deführerin das Protokoll durch ihre Unterschrift als richtig und vollständig anerkannte und weder im weiteren Verlauf der fragliche Anhörung noch auf Beschwerdeebene geltend machte, sie habe die geschlechtsspezifische Verfolgung nicht frei schildern respektive nicht alles vorbringen können, was für ihr Asylgesuch relevant sei. 6.3.3 Aufgrund der Aktenlage ist somit davon auszugehen, das s die Be- schwerdeführerin ausdrücklich und damit gültig darauf verzichtet hat, ihr Recht, zum erlittenen sexuellen Übergriff durch ein reines Frauenteam an- gehört zu werden, in Anspruch zu nehmen. Es ist somit keine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches G ehör festzustellen, und es besteht auch kein Hinweis darauf, dass sich die Beschwerdeführerin nicht frei äussern D-781/2017 Seite 12 konnte und der rechtserhebliche Sachverhalt in Bezug auf die geltend ge- machte geschlechtsspezifische Verfolgung aufgrund der Anwesenheit von Männern während der Anhörung unrichtig oder unvollständig erstellt wurde. 6.4 Nach dem Gesagten ist die Rüge, wonach das SEM den rechtserheb- lichen Sachverhalt ungenügend festgestellt habe, als unbegründet zu er- achten, und der in diesem Zusammenhang gestellte Kassationsantrag so- wie der Antrag, das SEM sei eventuell anzuweisen, die Umstände der An- hörung näher abzuklären, sind abzuweisen. 7. Nachfolgend ist zu prüfen, ob die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigen- schaft der Beschwerdeführerin verneint und die Asylgesuche abgewiesen hat. 7.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, sie sei zwischen den Jahren 2004 und 2007 mehrfach von Soldaten aufgesucht, befragt und dabei auch einmal (im Jahr 2004) vergewaltigt worden, nachdem ihr Ehemann seinen Urlaub vom Militärdienst überzogen habe, deshalb mitgenommen worden sei und sich mutmasslich im Gefängnis befinde. Diesbezüglich ist festzu- stellen, dass die geltend gemachten Behelligungen den Angaben der Be- schwerdeführerin zufolge im Jahr 2007 ein Ende fanden (vgl. A17 FA131). Zwischen 2007 und ihrer Ausreise im Juli 2012 war die Beschwerdeführerin sodann keinen konkreten Verfolgungshandlungen seitens der Behörden mehr ausgesetzt. Aufgrund der Aktenlage weist nichts darauf hin, dass sie in den Jahren vor ihrer Ausreise noch im Visier der heimatlichen Behörden stand respektive in absehbarer Zukunft erneut mit relevanten Verfolgungs- massnahmen hätte rechnen müssen. Das Vorbringen der Beschwerdefüh- rerin, man habe ihr als Folge ihrer erneuten Nachfrage nach ihrem Ehe- mann mit einer F estnahme gedroht (vgl. A17 F134 ff.) erscheint nicht glaubhaft und würde im Übrigen auch den Anforderungen an die Annahme begründeter Furcht vor künftiger Verfolgung nicht genügen. Sodann ver- mag der Einwand in der Beschwerde, wonach die Beschwerdeführerin in- folge der Schwangerschaft und aus finanziellen Gründen nicht eher habe ausreisen können, nicht zu überzeugen: Das jüngere Kind der Beschwer- deführerin wurde im Jahr 2004 geboren. Es ist daher nicht nachvollziehbar, weshalb die Beschwerdeführerin „aus körperlichen Gründen“ in den Folge- jahren nicht ausreisen oder zumindest den Wohnort wechseln konnte. Zum vorgebrachten finanziellen Argument für die nicht eher erfolgte Ausreise ist D-781/2017 Seite 13 zu bemerken, dass die Ausreise offenbar durch den Verkauf des Gold- schmucks der Beschwerdeführerin und ihrer Schwester finanziert wurde (vgl. A17 F. 127 ff.). Der Verkauf des Goldes hätte indessen ohne weiteres bereits zu einem früheren Zeitpunkt, als die geltend gemachte Verfolgung noch aktuell war, getätigt werden können. Insgesamt ist nach dem Gesag- ten zwischen den geltend gemachten Behelligungen durch Soldaten zwi- schen 2004 und 2007 und der Ausreise der Beschwerdeführerin im Jahr 2012 kein genügend enger sachlicher und zeitlicher Zusammenhang er- sichtlich, weshalb dieses Vorbringen als nicht asylrelevant zu qualifizieren ist. 7.2 Auf Beschwerdeebene wird vorgebracht, die Beschwerdeführerin sei insbesondere auch deshalb ausgereist, weil sie als Ehefrau eines inhaftier- ten Regimegegners eine krasse und andauernde Stigmatisierung habe er- leiden müssen, was einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleich- komme. Dieser Ansicht kann nicht gefolgt werden. Zwar erscheint es nach- vollziehbar, dass die Beschwerdeführerin nach der mutmasslichen Verhaf- tung ihres Ehemannes als alleinerziehende Frau ke in einfaches Leben hatte. Hingegen bestehen aufgrund der Aktenlage keinerlei Hinweise dafür, dass sie seitens der Behörden in sozialer oder wirtschaftlicher Hinsicht we- gen ihres Ehemannes gezielt schikaniert oder „stigmatisiert“ wurde, wie dies in der Besc hwerde geltend gemacht wird. Vielmehr ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin eigenen Angaben zufolge vor der Ausreise erwerbstätig und offensichtlich in der Lage war, ihren Lebensunterhalt selb- ständig zu bestreiten, ohne daran irgendwie gezielt und aus asylbeachtli- chen Gründen gehindert worden zu sein. Wie das SEM zu Recht bemerkt hat, stellen Nachteile, welche auf die allgemeinen politischen, wirtschaftli- chen oder sozialen Lebensbedingungen in einem Staat zurückzuführen sind, keine asylbeachtliche Verfolgung dar. 7.3 Die Beschwerdeführerin behauptet sodann das Vorliegen von subjekti- ven Nachfluchtgründen. Als subjektive Nachfluchtgründe gelten insbeson- dere illegales Verlassen des Heimatlandes (sogenannte Republikflucht), Einreichung eines Asylgesuches im Ausland oder aus der Sicht der heimat- staatlichen Behörden unerwünschte exilpolitische Betätigung, wenn sie die Gefahr einer zukünftigen Verfolgung begründen. Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhalten zwar gemäss Art. 54 AsylG kein Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen. Durch Republikflucht zum Flüchtling wird, wer sich aufgrund der unerlaubten Ausreise mit Sanktionen seines Heimatstaates konfrontiert sieht, die bezüglich ihrer Intensität und der politischen Motivation des Staates ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3 D-781/2017 Seite 14 Abs. 2 AsylG darstellen. Vorliegend stellt sich demnach die Frage, ob die Beschwerdeführerin infolge der von ihr geltend gemachten illegalen Aus- reise aus dem Heimatstaat bei einer Rückkehr nach Eritrea befürchten müsste, ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden. 7.3.1 In seinem Urteil D-3892/2008 vom 6. April 2010 hatte sich das Bun- desverwaltungsgericht zur Situation der illegalen Ausreise aus Eritrea noch dahingehend geäussert, dass gemäss Art . 11 der Proclamation No. 24/1992, welche die Ein- und Ausreise nach und von Eritrea regelt, ein legales Verlassen lediglich mit einem gültigen Reisepass und einem zu- sätzlichen Ausreisevisum möglich sei. In der Praxis würden Ausreisevisa seit mehreren Jahren nur unter sehr strengen Bedingungen und gegen Be- zahlung hoher Geldbeträge (im Gegenwert von rund $ 10'000) an wenige, als loyal beurteilte Personen ausgestellt, wobei Kinder ab elf Jahren, Män- ner bis zum Alter von 54 Jahren und Frauen bis 47 Jahre grundsätzlich von der Visumserteilung ausgeschlossen seien. Das eritreische Regime er- achte das illegale Verlassen des Landes als Zeichen politischer Opposition gegen den Staat und versuche mit drakonischen Massnahmen der sinken- den Wehrbereitschaft und der Massenfluchtbewegung in der Bevölkerung Herr zu werden. Illegal aus Eritrea ausgereiste Asylsuchende hätten unter diesen Umständen begründete Furcht, bei einer Rückkehr in ihr Heimat- land erheblichen Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu wer- den. 7.3.2 Diese Praxis ist vom Gericht kürzlich revidiert worden. Nach einer erneuten und eingehenden Analyse der Lage in Eritrea in Bezug auf die Möglichkeit der Ausreise und die wahrscheinlichen Konsequenzen einer nachweislich illegalen Ausreise ist das Gericht in se inem Referenzurteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 unter Berücksichtigung von Berichten verschiedener Organisationen und in Würdigung der Erkenntnisse aus ver- schiedenen Fact-Finding-Missionen in Eritrea zum Ergebnis gelangt, dass die bisherige Praxis, wonach eine illegale Ausreise aus Eritrea per se zur Flüchtlingseigenschaft führt, nicht mehr aufrechterhalten werden könne. Insbesondere sei nicht mehr mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung drohe. Es sei un- bestritten, dass Personen aus der Diaspora in nicht unerheblichem Aus- mass (für kurze Aufenthalte) nach Eritrea zurückkehrten, und es sei anzu- nehmen, dass sich unter diesen Personen auch solche befänden, welche Eritrea illegal verlassen hätten. Es scheine bei den eritreischen Behörden D-781/2017 Seite 15 ein gewisses Umdenken bezüglich der Verfolgung von Rückkehrern statt- gefunden zu haben, und es sei fraglich, inwiefern die Strafbestimmungen der illegalen Ausreise überhaupt noch zur Anwendung gelangten. Die bis- herige Annahme, wonach sich Eritreer aufgrund einer unerlaubten Aus- reise mit Sanktionen ihres Heimatstaates konfrontiert sähen, die aufgrund ihrer Intensität und der politischen Motivation des Staates als ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG qualifiziert werden müssten, könne vor diesem Hintergrund nicht mehr aufrechterhalten werden. Es fehle insbesondere an einem politischen Motiv; denn wenn die Rückkehr – selbst wenn es sich nur um einen kurzen Aufenthalt im Heimatland handle – problemlos verlaufe, so spreche dies gegen die Annahme, wonach illegal ausgereiste Personen generell als Verräter betrachtet würden. Gegen eine bestehende flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgungsgefahr spreche auch der Umstand, dass illegal ausgereiste Personen nach einer gewissen Zeit den Diaspora -Status erhalten könnten, der eine gefahrlose (vorüberge- hende) Rückkehr ermögliche. Eine etwaige Bestrafung aufgrund des Um- standes, dass der Status mit den eritreischen Behörden vor der Rückkehr nicht geregelt worden sei, insbesondere die 2%-Steuer nicht entrichtet wor- den sei, sei sodann nicht auf ein asylrelevantes Motiv (Politmalus) zurück- zuführen. Auch das Risiko, nach der Rückkehr in den Nationaldienst ein- gezogen zu werden, sei flüchtlingsrechtlich nicht relevant, da es sich dabei ebenfalls nicht um eine Massnahme handle, welche aus flüchtlingsrechtlich relevanten Motiven erfolge. Ob eine drohende Einziehung in den National- dienst unter dem Aspekt von Art. 3 EMRK oder des Verbots der Sklaverei und der Zwangsarbeit gemäss Art. 4 EMRK relevant sein könnte, betreffe die Frage der Zulässigkeit beziehungsweise Zumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs. Gestützt auf diese Erwägungen ist das Gericht zum Schluss gekomm en, dass die geltend gemachte Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG allein aufgrund einer illegalen Aus- reise nicht als objektiv begründet erscheine (vgl. ebenda, E. 5.1). Im Kon- text von Eritrea reiche somit alleine die illegale Ausrei se zur Begründung der Flüchtlingseigenschaft nicht aus. Vielmehr bedürfe es hierzu zusätzli- cher Anknüpfungspunkte, welche zu einer Schärfung des Profils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen könnten (vgl. ebenda, E. 5.2). 7.3.3 Mit dem vorgenannten Koordinationsentscheid hat das Bundesver- waltungsgericht die Zulässigkeit der von der Vorinstanz bereits im Juni 2016 öffentlich angekündigten und daraufhin umgesetzten Praxisänderung sowie deren Vorgehen bestätigt. Die von der Beschwerdeführerin geltend D-781/2017 Seite 16 gemachte illegale Ausreise vermag gemäss den vorstehenden Ausführun- gen keine Furcht vor einer zukünftigen flüchtlingsrechtlich relevanten Ver- folgung zu begründen. Zusätzliche Anknüpfungspunkte im vorstehend er- wähnten Sinn bestehen keine. Insbesondere hatte die Beschwerdeführerin den Akten zufolge vor ihrer Ausreise keinen Kontakt mit den eritreischen Behörden betreffend einen allfälligen Einzug in den Nationaldienst. Zudem sind auch keine anderweitigen Faktoren ersichtlich, welche die Beschwer- deführerin in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten. Entgegen dem Vorbringen in der Beschwerde (vgl. Ziff. 3.2. der Beschwerde) ist ihr Ehemann den Akten zufolge nicht desertiert, sondern hat lediglich seinen Militär-Urlaub überzogen. Im Wei- teren besteht für das eritreische Regime keine Veranlassung, die Be- schwerdeführerin wegen dieses Vergehens ihres Ehemannes weiterhin zu verfolgen, zumal dieser ja deswegen angeblich bereits inhaftiert wurde. Wie bereits erwähnt war die Beschwerdeführerin zudem in den letzten fünf Jahren vor ihrer Ausreise keinen mit ihrem Ehemann zusammenhängen- den Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt. Es ist daher nicht davon auszu- gehen, dass ihre illegale Ausreise zur Folge haben würde, dass sie im Falle ihrer Rückkehr nach Eritrea einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung im Zusammenhang mit ihrem Ehemann ausgesetzt wäre. 7.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die geltend gemachten Asyl- gründe nicht geeignet sind, eine as yl- respektive flüchtlingsrechtlich rele- vante Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG beziehungsweise eine entspre- chende Verfolgungsfurcht glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat des- halb zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und die Asylgesuche der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder abgelehnt. 8. 8.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Wegweisungsvollzug an (Art. 44 AsylG). 8.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli- che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 9. Da die Vorinstanz in ihrer Verfügung vom 4. Januar 2017 infolge Unzumut-D-781/2017 Seite 17 barkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme der Beschwer- deführenden angeordnet hat, erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausfüh- rungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungs- vollzugs (vgl. dazu auch vorstehend E. 3). 10. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 11. 11.1 Mit Verfügung vom 9. Februar 2017 wurden die Gesuche um Gewäh- rung der unentgeltlichen Rechtspflege respektive unentgeltliche Verbei- ständung (Art. 65 Abs. 1 VwVG; Art. 110 a Abs. 1 AsylG) unter Vorbehalt der Nachreichung eines Bedürftigkeitsnachweises gutgeheissen, und die (durch einen erfahrenen Juristen vertretenen) Beschwerdeführenden wur- den aufgefordert, einen entsprechenden Nachweis (beispielsweise eine Fürsorgebestätigung) umgehend zu den Akten zu reichen. Bis heute wurde indessen kein solcher Nachweis beim Gericht eingereicht. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und unentgeltliche Ver- beiständung sind demnach abzuweisen. 11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens si nd dessen Kosten den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge- samt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs- gericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) D-781/2017 Seite 18 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und unent- geltliche Verbeiständung werden abgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden den Beschwerdeführenden auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zuguns- ten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das SEM und die kanto- nale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Anna Dürmüller Leibundgut Versand: