<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">316</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>56</b></span> <span class="ft4"><b>Art. 91, 212, 235 ZPO. Wechsel vom Schlichtungsverfahren ins Ent-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>scheidverfahren vor dem Friedensrichter</b></span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4"><b>Während die Aussagen der Parteien im Schlichtungsverfahren nicht</b></span><br/> <span class="ft4"><b>protokolliert werden dürfen, ist nach dem Wechsel ins Entscheidver-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>fahren über die Verhandlung Protokoll zu führen.</b></span><br/> <span class="ft6">-</span> <span class="ft4"><b>Steht der Wechsel vom Schlichtungsverfahren ins Entscheidverfah-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>ren zur Diskussion, hat die Schlichtungsbehörde die Parteien zur Be-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>zifferung des Streitwerts anzuhalten, wenn sich dieser nicht bereits</b></span><br/> <span class="ft4"><b>aus dem Rechtsbegehren ergibt. Erst wenn eine solche Einigung</b></span><br/> <span class="ft4"><b>nicht zustande gekommen ist oder die übereinstimmende Bezifferung</b></span><br/> <span class="ft4"><b>offensichtlich unrichtig ist, hat der Friedensrichter den Streitwert zu</b></span><br/> <span class="ft4"><b>schätzen.</b></span><br/> <span class="ft8">Aus dem Entscheid des Einzelrichters des Obergerichts, 3. Zivilkammer,</span><br/> <span class="ft8">vom 25. September 2015 (ZVE.2015.41).</span><br/> <span class="ft10"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">2.3.1.</span><br/> <span class="ft1">Vermögensrechtliche Streitigkeiten bis zu einem Streitwert von</span><br/> <span class="ft1">Fr. 2'000.00 kann die Schlichtungsbehörde entscheiden, sofern die</span><br/> <span class="ft1">klagende Partei einen entsprechenden Antrag stellt (Art. 212 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">ZPO). Wird dieser Antrag gestellt und macht die Schlichtungsbehör-</span><br/> <span class="ft1">de von ihrer Entscheidkompetenz Gebrauch, hat sie zuerst ein</span><br/> <span class="ft1">formloses Schlichtungsverfahren durchzuführen (Alvarez/Peter, in:</span><br/> <span class="ft1">Berner Kommentar, Schweizerische Zivilprozessordnung, Band II,</span><br/> <span class="ft1">Bern 2012, N. 8 zu Art. 212 ZPO). In diesem Stadium des Verfahrens</span><br/> <span class="ft1">dürfen die Aussagen der Parteien nicht protokolliert werden (Art. 205</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">317</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Abs. 1 ZPO). Nach dem erfolglosen Schlichtungsversuch ist das</span><br/> <span class="ft1">Schlichtungsverfahren formell zu schliessen, wenn die Schlichtungs-</span><br/> <span class="ft1">behörde einen Entscheid fällen will. Der Abschluss des Schlich-</span><br/> <span class="ft1">tungsverfahrens ist im Protokoll festzuhalten, und das Entscheid-</span><br/> <span class="ft1">verfahren ist formell zu eröffnen (Infanger, in: Basler Kommentar</span><br/> <span class="ft1">zur ZPO [BSK ZPO], 2. Aufl., Basel 2013, N. 13 zu Art. 212 ZPO).</span><br/> <span class="ft1">Im so eröffneten Entscheidverfahren amtet der Friedensrichter als</span><br/> <span class="ft1">erstinstanzlicher erkennender Richter (Rickli, in: Schweizerische Zi-</span><br/> <span class="ft1">vilprozessordnung, DIKE-Kommentar, Zürich/St. Gallen 2011, N. 8</span><br/> <span class="ft1">zu Art. 212 ZPO). Für das Entscheidverfahren vor der Schlichtungs-</span><br/> <span class="ft1">behörde gelten die Bestimmungen des vereinfachten Verfahrens und</span><br/> <span class="ft1">ergänzend des ordentlichen Verfahrens sinngemäss (Rickli, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">N. 13 zu Art. 212 ZPO; Rechenschaftsbericht des Obergerichts des</span><br/> <span class="ft1">Kantons Thurgau [RBOG] 2012 Nr. 12 E. 1). Es sind ab diesem</span><br/> <span class="ft1">Zeitpunkt die allgemeinen Verfahrensgarantien (Art. 52 ff. ZPO) zu</span><br/> <span class="ft1">beachten, zu denen insbesondere auch der Anspruch auf rechtliches</span><br/> <span class="ft1">Gehör zählt (Infanger, BSK ZPO, a.a.O., N. 13a zu Art. 212 ZPO).</span><br/> <span class="ft1">2.3.2.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss (dem im Entscheidverfahren vor dem Friedensrichter</span><br/> <span class="ft1">ebenfalls anwendbaren) Art. 235 ZPO hat das Gericht über jede Ver-</span><br/> <span class="ft1">handlung Protokoll zu führen (Abs. 1). Ausführungen tatsächlicher</span><br/> <span class="ft1">Natur sind dem wesentlichen Inhalt nach zu protokollieren, soweit</span><br/> <span class="ft1">sie nicht in den Schriftsätzen der Parteien enthalten sind (Abs. 2).</span><br/> <span class="ft1">Die Pflicht zur Protokollführung über für den Entscheid wesentliche</span><br/> <span class="ft1">Verhandlungen, Abklärungen und Beweiserhebungen ergibt sich be-</span><br/> <span class="ft1">reits aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör. Die Protokollierung</span><br/> <span class="ft1">der mündlichen Vorträge der Parteien im Entscheidverfahren ist auch</span><br/> <span class="ft1">im Hinblick auf ein allfälliges Rechtsmittelverfahren unumgänglich.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerdeinstanz ist darauf angewiesen, dass die Anträge und</span><br/> <span class="ft1">die Behauptungen der Parteien sowie die von ihnen eingereichten</span><br/> <span class="ft1">Beweismittel von der Schlichtungsbehörde protokolliert werden, da</span><br/> <span class="ft1">sie nur so beurteilen kann, ob im Rechtsmittelverfahren unzulässige</span><br/> <span class="ft1">Noven geltend gemacht werden (RBOG 2012 Nr. 12 E. 2; vgl. auch</span><br/> <span class="ft1">Urteil des Obergerichts Zürich vom 20. Februar 2015 [RU140062-</span><br/> <span class="ft1">O/U] E. 5.1).</span><br/> <span class="ft1">2.3.3.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">318</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Sobald ein Entscheidverfahren eröffnet wird, muss die Schlich-</span><br/> <span class="ft1">tungsbehörde zudem das Vorliegen der Prozessvoraussetzungen prü-</span><br/> <span class="ft1">fen (Weingart/Penon, Ungeklärte Fragen im Schlichtungsverfahren,</span><br/> <span class="ft1">in: ZBJV 151/2015 S. 465 ff., S. 468 und 478, m.w.H.).</span><br/> <span class="ft1">Der Antrag des Klägers auf Entscheid (Art. 212 Abs. 1 ZPO)</span><br/> <span class="ft1">gehört zu den Prozessvoraussetzungen für das von der Schlich-</span><br/> <span class="ft1">tungsbehörde durchgeführte gerichtliche Entscheidverfahren. Der</span><br/> <span class="ft1">Antrag ist an keine Form gebunden. Er kann bereits im Schlich-</span><br/> <span class="ft1">tungsgesuch oder auch noch an der Verhandlung gestellt werden.</span><br/> <span class="ft1">Der am Schlichtungstermin gestellte Antrag auf Entscheid hat aus</span><br/> <span class="ft1">dem Verfahrensprotokoll hervorzugehen (Entscheid des Kantonsge-</span><br/> <span class="ft1">richt Basel-Landschaft, Abteilung Zivilrecht, vom 18. Februar 2014</span><br/> <span class="ft1">[410 13 315/LIA], in: CAN 2014 Nr. 52 S. 158 ff.).</span><br/> <span class="ft1">Ebenfalls zu den Prozessvoraussetzungen gehört die sachliche</span><br/> <span class="ft1">Zuständigkeit (Art. 59 Abs. 2 ZPO), welche von der Höhe des Streit-</span><br/> <span class="ft1">werts abhängt (Art. 212 ZPO, weniger als Fr. 2'000.00). Es sind die</span><br/> <span class="ft1">Bestimmungen der Art. 91 ff. ZPO anwendbar (Alvarez/Peter, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">N. 7 zu Art. 212 ZPO). Lautet das Rechtsbegehren - wie vorliegend -</span><br/> <span class="ft1">nicht auf eine bestimmte Geldsumme, so setzt das Gericht bzw. der</span><br/> <span class="ft1">Friedensrichter den Streitwert fest, sofern sich die Parteien darüber</span><br/> <span class="ft1">nicht einigen oder ihre Angaben offensichtlich unrichtig sind (Art. 91</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 ZPO). Zwar ist im Schlichtungsgesuch (noch) keine Angabe</span><br/> <span class="ft1">zum Streitwert erforderlich (vgl. Art. 202 Abs. 2 ZPO). Sobald aber</span><br/> <span class="ft1">der Wechsel ins Entscheidverfahren aufgrund eines Antrags zur Dis-</span><br/> <span class="ft1">kussion steht, hat die Schlichtungsbehörde die Parteien zur Beziffe-</span><br/> <span class="ft1">rung des Streitwerts anzuhalten, wenn sich dieser nicht bereits aus</span><br/> <span class="ft1">dem Rechtsbegehren ergibt (vgl. Art. 91 Abs. 2 ZPO; Dolge/</span><br/> <span class="ft1">Infanger, Schlichtungsverfahren nach Schweizerischer Zivilprozess-</span><br/> <span class="ft1">ordnung, Zürich/Basel/Genf 2012, S. 42), zumal es primär Sache der</span><br/> <span class="ft1">Parteien ist, sich über den Streitwert zu einigen (Art. 91 Abs. 1 ZPO;</span><br/> <span class="ft1">Rüegg, BSK ZPO, N. 6 zu Art. 91 ZPO; vgl. Dolge/Infanger, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">S. 43). Erst wenn eine solche Einigung nicht zustande gekommen ist</span><br/> <span class="ft1">oder die übereinstimmende Bezifferung offensichtlich unrichtig ist,</span><br/> <span class="ft1">hat der Friedensrichter den Streitwert zu schätzen. Die Schweizeri-</span><br/> <span class="ft1">sche Zivilprozessordnung sieht damit grundsätzlich keine Kompe-</span><br/> <span class="ft1">tenz des Friedensrichters mehr vor, den Streitwert ohne Weiteres von</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">319</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sich aus zu schätzen, wie dies in der aargauischen Zivilpro-</span><br/> <span class="ft1">zessordnung vom 18. Dezember 1984 (SAR 221.100) noch der Fall</span><br/> <span class="ft1">gewesen ist (§ 145 Abs. 1 ZPO AG).</span><br/> <span class="ft1">2.4.</span><br/> <span class="ft1">In den vorinstanzlichen Verfahrensakten findet sich kein Proto-</span><br/> <span class="ft1">koll, welches den Anforderungen von Art. 235 Abs. 1 und 2 ZPO ge-</span><br/> <span class="ft1">recht wird, indem es die Anträge und Behauptungen der Parteien</span><br/> <span class="ft1">nachvollziehbar aufzeichnet sowie allfällige Verfügungen der</span><br/> <span class="ft1">Schlichtungsbehörde wiedergibt. Dies stellt einen schweren Verfah-</span><br/> <span class="ft1">rensmangel dar, der zur Aufhebung des angefochtenen Entscheids</span><br/> <span class="ft1">führen muss (vgl. Urteil des Obergerichts Zürich vom 20. Februar</span><br/> <span class="ft1">2015 [RU140062-O/U] E. 5.2). Im Weiteren ist festzuhalten, dass aus</span><br/> <span class="ft1">den Akten - mangels ordnungsgemässer Protokollierung - auch nicht</span><br/> <span class="ft1">ersichtlich ist, dass die Parteien sich hinsichtlich des Streitwerts er-</span><br/> <span class="ft1">folglos zu einigen versucht hätten, was aber Voraussetzung dafür bil-</span><br/> <span class="ft1">det, dass der Friedensrichter den Streitwert überhaupt hätte schätzen</span><br/> <span class="ft1">dürfen. Aufgrund fehlender Protokollierung der streitwertbezogenen</span><br/> <span class="ft1">Vorbringen der Parteien ist es ausserdem nicht möglich, sich mit den</span><br/> <span class="ft1">diesbezüglichen Vorbringen der Parteien im Beschwerdeverfahren</span><br/> <span class="ft1">auseinanderzusetzen, da nicht eruiert werden kann, ob es sich dabei</span><br/> <span class="ft1">um unzulässige Noven handelt oder nicht.</span><br/> <span class="ft1">Auch bezüglich der Prozessvoraussetzung des Antrags i.S.v.</span><br/> <span class="ft1">Art. 212 ZPO liegen keine überprüfbaren Verhältnisse vor. Unter</span><br/> <span class="ft1">dem Titel "der Friedensrichter zieht in Erwägung" des - als "Proto-</span><br/> <span class="ft1">koll" bezeichneten - Entscheids vom 7. Mai 2015 ist zwar festgehal-</span><br/> <span class="ft1">ten, dass der Kläger gestützt auf Art. 212 ZPO einen Entscheid bean-</span><br/> <span class="ft1">tragt habe. Im Schlichtungsgesuch vom 17. März 2015 wurde kein</span><br/> <span class="ft1">Entscheid durch den Friedensrichter beantragt; es wurden lediglich</span><br/> <span class="ft1">die Rechtsbegehren in der Sache aufgeführt. Dass der Kläger anläss-</span><br/> <span class="ft1">lich der Verhandlung einen Entscheid beantragt hätte, wie er in der</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeantwort geltend macht, ergibt sich nicht aus dem als</span><br/> <span class="ft1">"Protokoll" bezeichneten Entscheid. Bei den Vorakten findet sich</span><br/> <span class="ft1">auch eine handschriftliche "Aktennotiz" des Friedensrichters vom</span><br/> <span class="ft1">7. Mai 2015. Auf der Handnotiz sind die Stichworte "Klageaner-</span><br/> <span class="ft1">kennung", "Vergleich" und "Urteil auf Verlangen der Klägerschaft"</span><br/> <span class="ft1">vermerkt, wobei letzteres mit einem Pfeil und farblich markiert ist.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2015</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Zivilgericht</span> <span class="page_no">320</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Aus dieser Hervorhebung geht jedoch nicht klar hervor, dass der Klä-</span><br/> <span class="ft1">ger anlässlich der Verhandlung einen Entscheid durch den Friedens-</span><br/> <span class="ft1">richter beantragt hat. Jedenfalls stellt auch die Aktennotiz kein ord-</span><br/> <span class="ft1">nungsgemässes Protokoll der Verhandlung im Entscheidverfahren</span><br/> <span class="ft1">dar. Aus dem anzufertigenden Protokoll muss klar hervorgehen, ob</span><br/> <span class="ft1">und gegebenenfalls wann der Kläger einen Antrag i.S.v. Art. 212</span><br/> <span class="ft1">ZPO gestellt hat.</span><br/></div> </div> </body> </html>