Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 22. Mai 2015 (725 14 314) ____________________________________________________________________ Unfallversicherung Anspruch auf eine Invalidenrente: Versicherer stellte zu Unrecht auf versicherungsinter- ne Beurteilung ab Besetzung Präsident Andreas Brunner, Kantonsrichter Jgnaz Jermann, Kantons- richterin Elisabeth Berger Götz, Gerichtsschreiberin Gisela Warten- weiler Parteien A.____, Beschwerdeführerin, vertreten durc h Sebastian Laubscher, Advokat, Greifengasse 1, Postfach 1644, 4001 Basel gegen SUVA , Rechtsabteilung , Postfach 4358 , 6002 Luzern , Beschwerd e- gegnerin, vertreten durch Andrea Tarnutzer, Advokat, Güterstrasse 106, 4053 Basel Betreff Gutachten A. Die 1958 geborene A.____ arbeitete vom 1. Februa r 2001 bis 31. Mai 2014 in einem Teilzeitpensum von 60 % als Betreuerin im B.____ un d war durch den Arbeitgeber bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) o bligatorisch gegen die Folgen von Unfäl- len und Berufskrankheiten versichert. Am 24. Januar 2013 rutschte A.____ auf einer vereisten Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Treppe aus und erlitt eine Deckenplattenimpressionsfrakt ur am Brustwirbelkörper (BWK) 11. Nach Eingang der durch den Arbeitgeber erstatteten Unfallmeldung erbrachte die SUVA die gesetzlichen Leistungen (Heilkosten, Taggelder) für die Folgen dieses Unfalls. Am 15. Mai 2014 teilte die SUVA der Versicherten mit, dass sie die Heilko sten- und Taggeldleistungen per 30. Juni 2014 einstelle und den Anspruch auf eine Inval idenrente und eine Integritätsentschädi- gung prüfe. Am 27. Juni 2014 sprach sie ihr aufgrund eines Erwerbsunfähigkeitsgrades von 33 % ab 1. Juli 2014 eine Invalidenrente und aufgrund einer Einbusse von 22 % eine Integri- tätsentschädigung zu. Daran hielt die SUVA auf Einspra che der Versicherten hin mit Entscheid vom 20. August 2014 fest. B. Gegen diesen Einspracheentscheid erhob A.____, vertr eten durch Advokat Sebastian Laubscher, am 7. Oktober 2014 Beschwerde ans Kantonsger icht, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht (Kantonsgericht). Sie beantragte, in Aufhe bung des angefochtenen Entscheids sei die Beschwerde gutzuheissen und es sei ein medizinisches Gut achten zur Unfallkausalität und zur Arbeitsunfähigkeit in Auftrag zu geben. Danach sei neu zu entscheiden; unter o/e- Kostenfolge. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde der Antrag auf Durchführung einer Partei- verhandlung gestellt. Die SUVA habe zu Unrecht auf den Austrittsbericht der C.____ vom 20. Januar 2014 abgestellt, wonach der Grossteil der Be schwerden der Versicherten psychisch bedingt oder auf einen Vorzustand zurückzuführen sei. Dies er Bericht gehe von Vermutungen aus, sei ungenügend begründet und stehe im Widerspruch zu den Einschätzungen der behan- delnden Ärzte. C. Am 24. Oktober 2014 liess die Versicherte durch ihren Rechtsvertreter die Stellungnah- me von Dr. med. D.____, FMH Rheumatologie und Allgem eine Innere Medizin, vom 21. Oktober 2014 nachreichen. D. In ihrer Vernehmlassung vom 4. Dezember 2014 beant ragte die SUVA, vertreten durch Advokat Andrea Tarnutzer-Münch, die Abweisung der Beschwerde. E. An der heutigen Parteiverhandlung nehmen die Beschw erdeführerin, ihr Rechtsvertreter sowie Advokat Andrea Tarnutzer teil. Die Parteien hiel ten im Wesentlichen an ihren Anträgen und Ausführungen fest. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 56 Abs. 1 und Art. 57 des Bundesgesetzes ü ber den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000, de ssen Bestimmungen gemäss Art. 2 ATSG in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetz es über die Unfallversicherung (UVG) vom 20. März 1981 auf die Unfallversicherung anwendbar sind, kann gegen Einspracheent- scheide der Unfallversicherer beim zuständigen kantonalen V ersicherungsgericht Beschwerde erhoben werden. Zuständig ist nach Art. 58 ATSG das Ver sicherungsgericht desjenigen Kan- tons, in dem die versicherte Person zur Zeit der Beschwer deerhebung ihren Wohnsitz hat. Vor- liegend befindet sich dieser in X.____, weshalb die ö rtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts Basel-Landschaft zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit . a des Gesetzes über die Verfassungs- Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 199 3 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Ein- spracheentscheide der Versicherungsträger gemäss Art. 56 ATSG. Es ist somit auch sachlich zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Au f die – im Übrigen frist- und form- gerecht erhobene – Beschwerde vom 7. Oktober 2014 i st demnach einzutreten. 2.1 Nach Art. 6 Abs. 1 UVG hat der Unfallversicherer in der obligatorischen Unfallversiche- rung, soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt, die Versicherungsleistungen bei Berufsunfäl- len, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten zu gewä hren. Art. 10 Abs. 1 UVG gewährt der versicherten Person Anspruch auf die zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen (Heilbehand- lung). Ist die versicherte Person infolge des Unfalles v oll oder teilweise arbeitsunfähig, so hat sie gemäss Art. 16 Abs. 1 UVG Anspruch auf ein Taggeld . Dieses beträgt bei voller Arbeitsun- fähigkeit 80 Prozent des versicherten Verdienstes. Bei t eilweiser Arbeitsunfähigkeit wird es ent- sprechend gekürzt (Art. 17 Abs.1 UVG). Der Anspruch entsteht gemäss Art. 16 Abs. 2 UVG am dritten Tag nach dem Unfalltag und er erlischt mit de r Wiedererlangung der vollen Arbeitsfähig- keit, mit dem Beginn einer Rente oder mit dem Tod de r versicherten Person. Art. 18 Abs. 1 UVG gewährt der versicherten Person Anspruch auf eine Inva lidenrente, wenn sie infolge des Unfalles zu mindestens 10 % invalid ist. Der Rentenansp ruch entsteht, wenn von der Fortset- zung der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes der ver- sicherten Person mehr erwartet werden kann und allfälli ge Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung (IV) abgeschlossen sind. Mit dem Ren tenbeginn fallen die Heilbehand- lung und die Taggeldleistungen dahin (Art. 19 Abs. 1 UVG). Gemäss Art. 24 Abs. 1 UVG hat die versicherte Person Anspruch auf eine angemessene Integritä tsentschädigung, wenn sie durch den Unfall eine dauernde erhebliche Schädigung der kör perlichen, geistigen oder psychischen Integrität erleidet. Diese wird mit der Invalidenre nte festgesetzt oder, falls kein Rentenanspruch besteht, bei der Beendigung der ärztlichen Behandlung gewährt (Art. 24 Abs. 2 UVG). 2.2 Die Leistungspflicht des Unfallversicherers gemäss UVG se tzt voraus, dass zwischen dem versicherten Ereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Arbeitsunfähigkeit, Inva- lidität, Integritätsschädigung) ein natürlicher und ei n adäquater Kausalzusammenhang besteht (BGE 129 V 181 E. 3.1 und 3.2). Ursachen im Sinne de s natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhandensein der eing etretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur glei chen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahu ng des natürlichen Kausalzusam- menhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die allein ige oder unmittelbare Ursache gesund- heitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädigende E reignis zusammen mit anderen Be- dingungen die körperliche oder geistige Integrität de r versicherten Person beeinträchtigt hat, das Ereignis mit anderen Worten nicht weggedacht werde n kann, ohne dass auch die eingetre- tene gesundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 181 E. 3.1 mit Hinweisen). Ob zwischen ei- nem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen S törung ein natürlicher Kausalzusam- menhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die rechts anwendende Behörde - die Verwaltung oder im Streitfall das Gericht - im Rahmen der ihr ob liegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befin- Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht den hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genü gt für die Begründung eines Leis- tungsanspruches nicht (BGE 129 V 181 E. 3.1 mit Hinweisen). 2.3 Zur Abklärung medizinischer Sachverhalte - wie der B eurteilung des Gesundheits- zustandes und der Arbeitsfähigkeit sowie der Feststellung natürlicher Kausalzusammenhänge im Bereich der Medizin - ist die rechtsanwendende Behörd e regelmässig auf Unterlagen ange- wiesen, die ihr vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind (BGE 122 V 158 f. E. 1b mit zahlreichen weiteren Hinweisen). Das Gerich t hat diese medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungsprozess gültigen Grund satz der freien Beweiswürdigung (vgl. Art. 61 lit. c ATSG) - wie alle anderen Beweismi ttel - frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen . Dies bedeutet, dass das So- zialversicherungsgericht alle Beweismittel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prü- fen und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren U nterlagen eine zuverlässige Beurtei- lung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesonder e darf es bei einander widerspre- chenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismate- rial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es a uf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes e ines Arztberichtes ist demnach entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange u mfassend ist, auf allseitigen Untersuchun- gen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt , in Kenntnis der Vorakten (Anam- nese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der med izinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 232 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 3.1 Vorliegend ist unstreitig, dass die von der Versich erten geklagten Schmerzen im Bereich der Brustwirbelsäule (BWS) unfallbedingt sind. Die SUV A stellt sich aber auf den Standpunkt, dass ein grosser Teil der Schmerzen auf unfallfremde Fa ktoren (degenerative Beeinträchtigun- gen an der Lendenwirbelsäule [LWS] und psychische Erkranku ng) beruht. Dagegen bringt die Versicherte vor, dass die auf das Unfallereignis vom 24. J anuar 2013 zurückzuführenden Be- schwerden an der BWS eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit be gründeten. Zu beurteilen ist dem- nach das Ausmass der beim Versicherten infolge des Unfal lereignisses aufgetretenen thoraka- len Beeinträchtigungen und deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. 3.2 Die SUVA stützte sich im angefochtenen Einspracheentsch eid auf den Austrittsbericht der C.____ vom 20. Januar 2014. Diesem ist zu entnehm en, dass sich die Versicherte vom 11. Dezember 2013 bis 15. Januar 2014 in der C.____ a ufhielt. Als Diagnosen wurden eine Deckplattenimpressionsfraktur BWK 11 nach Treppensturz festg ehalten. Bei Austritt hätten be- lastungsverstärkte Schmerzen im distalen BWS-Segment, lumb ale Schmerzen mit gelegentli- chen Ausstrahlungen ins rechte Bein, eine leicht eingesch ränkte BWS- und LWS-Beweglichkeit und intermittierende Schwindelsensationen bestanden. Es sei eine mässige Symptomauswei- tung beobachtet worden. Es sei davon auszugehen, dass bei gutem Effort eine bessere Leis- tung erbracht werden könne, als die Versicherte bei de n Leistungstests und im Behandlungs- programm gezeigt habe. Infolge Selbstlimitierung seien die zu erwartenden Verbesserungen bezüglich Funktion und Belastbarkeit nicht erreicht wor den. Das Ausmass der demonstrierten physischen Einschränkungen lasse sich nicht mit den objektivi erbaren pathologischen Befun- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht den der klinischen Untersuchung und der bildgebenden Ab klärung sowie den Diagnosen genü- gend erklären. Die psychosomatische Abklärung habe keine A nhaltspunkte für eine psychische Störung ergeben, obwohl eine psychosoziale Belastung aufg rund des psychisch erkrankten Sohnes der Versicherten bestehe. Sie weise eine gute "L ebensbewährung" auf. So habe sie eine Schulteroperation vor 5 Jahren gut verarbeiten können, obwohl sie während dieser Zeit einer körperlich belastenden Tätigkeit nachging. Aufgr und der unfallbedingten Beeinträchtigun- gen an der BWS könne die Versicherte die berufliche Tä tigkeit als Pflegebetreuerin nicht mehr ausüben. Dagegen sei es ihr zuzumuten, leichte bis mitt elschwere Arbeiten ganztags ausfüh- ren, sofern sie keine länger andauernde vorgeneigte Rumpfposition einnehmen müsse. Auch unter Berücksichtigung des unfallfremden Vorzustandes der LWS bestehe für leichte bis höchs- tens mittelschwere Tätigkeiten eine 100%ige Arbeitsfä higkeit. Dabei seien Arbeiten sowohl in länger andauernder vorgeneigter Haltung als auch in verdrehter Rumpfposition zu vermeiden. Da die Versicherte über lumbale Schmerzen mit Ausstrah lungen ins linke Bein klagte, liess die C.____ die Versicherte am 13. Januar 2014 neurologisc h abklären. Gemäss Bericht vom 6. Februar 2014 lasse sich eine sensibel-radikuläre Sympt omatik im Dermatom L5/S1 bestäti- gen. Mangels pathologischer Spontanaktivität gebe es dage gen keine Hinweise auf eine moto- risch-radikuläre Symptomatik. 3.3 Fachmedizinische Stellungnahmen der C.____, soweit sie von der SUVA verlangt wer- den, gelten gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung nich t als Gutachten unabhängiger Sachverständiger im Sinne des Art. 44 ATSG, sondern al s versicherungsinterne Beurteilungen (vgl. BGE 136 V 121 f. E. 3.3.1 - 3.3.2). Feststellung en versicherungsinterner medizinischer Fachpersonen kommen praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft zu, wie einem gerichtlichen oder einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versich erungsträger in Auftrag gegebenen Gutachten. Soll ein Versicherungsfall ohne Einholung e ines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforder ungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit d er versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehme n (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 470; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts, vom 15. Januar 2014, 8C_ 410/2013, E. 6.1). 3.4 Als Erstes ist festzuhalten, dass Ziel des Aufenthaltes in der C.____ neben der stationär durchzuführenden Rehabilitationsmassnahme auch eine Beur teilung der der Versicherten zu- mutbaren Tätigkeiten ist (vgl. Bericht der C.____ S. 3 ). Dieses Ziel war der Versicherten offen- sichtlich nicht ganz klar, ging sie - wie sie auch an der heutigen Parteiverhandlung verdeutlicht - davon aus, dass der Aufenthalt der Therapie und Wiedereingliederung in das Arbeitsleben dien- te. Das ändert jedoch nichts daran, dass die SUVA grunds ätzlich gestützt auf den von ihr ein- geholten verwaltungsinternen Austrittsbericht der C.__ __ vom 20. Januar 2014 entscheiden darf, mit der Einschränkung, dass es den strengen bundesge richtlichen Beweisanforderungen genügt (vgl. Erwägung 3.3). Erste Zweifel an der Zuver lässigkeit und Schlüssigkeit der Beurtei- lung der Ärzteschaft der C.____ vom 20. Januar 2014 er geben sich aus deren Ausführungen zur Schmerzproblematik und der daraus folgenden Einschätzu ng der Arbeitsfähigkeit. Gemäss ihren Angaben hätten zu Beginn des Aufenthalts belast ungsverstärkte Schmerzen an der unte- ren BWS bestanden. Gegen Schluss des Aufenthalts seien vermehrt Schmerzen an der unteren LWS aufgetreten und hätten die Beschwerden im Bereich der unteren BWS in den Hintergrund Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht gedrängt. Dementsprechend gelangten die Fachpersonen zum Schluss, dass aufgrund der Be- einträchtigungen an der BWS keine vollständige Arbeit sunfähigkeit begründet werden könne. Dass sich die Schmerzproblematik von der BWS zur LWS verlage rte, steht im Widerspruch zu den übrigen ärztlichen Berichten. Der Kreisarzt Dr. med . E.____, FMH Chirurgie, untersuchte die Versicherte ein halbes Jahr vor dem Aufenthalt in d er C.____. Gemäss seinem Bericht vom 16. September 2013 konzentrierte sich die Beschwerdeproblematik hauptsächlich auf die BWS. Er betrachtete die Versicherte deswegen zu 100 % arbeitsu nfähig. Dr. med. F.____, FMH Or- thopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsap parates, Oberärztin im G.____, führte wenige Wochen nach dem Aufenthalt in der C.__ __ in ihrem Bericht vom 25. Februar 2014 aus, dass die Schmerzsymptomatik, welche auf den thoral okalen Übergang begrenzt sei, persistiere und eine erhebliche Einschränkung der Alltag sbewältigung der Versicherten beste- he. Aufgrund dieser Schmerzsymptomatik bestehe eine 100% ige Arbeitsunfähigkeit (vgl. auch ärztlicher Zwischenbericht von Dr. D.____ vom 4. April 20 14). Im nachfolgenden Bericht vom 16. April 2014 wies Dr. F.____ auf verstärkte Schmerzen in der Frakturzone hin, welche nach den erfolgten Rehabilitationsmassnahmen an Intensität zugenommen hätten. Unter Belastung träten auch lumboischialgieforme Beschwerden auf der lin ken Seite mit Kribbeldysästhesien auf. Es sei aber davon auszugehen, dass sich die Situation an der LWS muskulär selbst stabili- sieren könne, wenn eine Verbesserung der Beschwerden an der BWS eintrete. Die von der Versicherten beschriebenen Schmerzen im Bereich des thorako -lumbalen Übergangs korrelier- ten gut mit den bildpathomorphologischen Veränderunge n. Da sämtliche konservativen Thera- piemassnahmen ausgeschöpft seien und die Versicherte anhal tend schmerzbedingt im Alltag privat und beruflich eingeschränkt sei, sei eine Fusionsoperation von Th11 auf Th12 in Betracht zu ziehen. Daraus ist zu schliessen, dass Dr. F.____ die Hauptschmerzproblematik weiterhin an der unfallbedingten beeinträchtigten BWS sieht und LW S-Beschwerden vom Zustand der BWS abhängig sind. Hinsichtlich der von ihr attestierten voll ständigen Arbeitsunfähigkeit unterschei- det sie zwar nicht zwischen angestammtem Beruf und einer V erweistätigkeit. Aufgrund ihrer Formulierung "erhebliche Einschränkung im Alltag" ist jedoch davon auszugehen, dass die Ver- sicherte ihre Einschätzung der vollständigen Arbeitsunfähigkeit sowohl auf die angestammte als auch auf eine leidensangepasste Tätigkeit bezieht. Dieser Ansicht schloss sich auch Dr. D.____ in seinem Schreiben vom 21. Oktober 2014 an. Präzisierend führte er aus, dass die Versicherte aufgrund der Beeinträchtigungen an der BWS in jegli cher Tätigkeit vollständig arbeitsunfähig sei. Aufgrund der im Wesentlichen übereinstimmenden F eststellungen der behandelnden Ärz- tinnen und Ärzte sowie des Kreisarztes zur Schmerzproblema tik und zum Umfang der Arbeits- unfähigkeit sind die entsprechenden Ausführungen der Är zteschaft der C.____ nicht schlüssig genug, um darauf abstellen zu können. 3.5.1 Im Weiteren wird im Bericht der C.____ auf ein e Symptomausweitung bzw. eine Selbst- limitierung hingewiesen. Zur Begründung wird vorgebracht, dass sich das Ausmass der von der Versicherten demonstrierten physischen Einschränkungen nich t genügend mit den objektivier- baren pathologischen Befunden und den Diagnosen erklär en lasse. Es sei davon auszugehen, dass die Versicherte eine bessere Leistung erbringen könne, als sie gezeigt habe. Unter Symp- tomausweitung wird ein beobachtetes Phänomen, nämlich e ine ausgeweitete Schmerzsympto- matik und eine übermässige Funktionseinschränkung bzw. Selbstlimitierung, verstanden. Sie ist keine psychiatrische Diagnose. Wichtige Merkmale sind eine mehr oder weniger ausgeprägte Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht undifferenzierte Symptombeschreibung mit Angabe starker und allenfalls topographisch weit ausgebreiteter Schmerzen oder anderen Symptomen sowie Präsentation einer erheblichen Be- hinderung, eine Symptomfokussierung, verbunden mit eine m allfällig erkennbaren Krankheits- gewinn, eine mangelnde Leistungsbereitschaft bzw. eine Selbstlimitierung und Inkonsistenzen. Bei einer beobachteten guten Leistungsbereitschaft un d Konsistenz gilt es, die angegeben Be- einträchtigungen grundsätzlich als plausibel zu werten, vor allem in jenen Fällen, bei denen mit Hilfe der üblichen klinischen Diagnostik keine namhafte m edizinischen Störung festgestellt wer- den konnte (vgl. O LIVERI MICHAEL U .A., Grundsätze der ärztlichen Beurteilung der Zumutbar keit und Arbeitsfähigkeit, in: Schweiz Med Forum 2006, S. 4 48). Von einer Selbstlimitierung wird gesprochen, wenn die betroffene Person die ergonomisch sichere Limite durch einen von ihr veranlassten vorzeitigen Abbruch nicht erreicht (vgl. A NDREAS KLIPSTEIN /G EORG RISI , Einschät- zung der Arbeits- resp. Leistungsfähigkeit in der Beguta chtung aus somatischer Sicht: Stellen- wert der Objektivierung der Funktionsfähigkeit/Aktivitä t [Handout], im Internet abrufbar unter: www.swiss-insurance-medicine.ch). 3.5.2 Gemäss Auffassung der Ärzteschaft der C.____ weist d ie Versicherte ein selbstlimitie- rendes Verhalten auf. Sie beschrieb jedoch kein weiteres Hauptmerkmal für das Vorliegen einer Symptomausweitung. So wurde von keiner Symptomfokussieru ng oder Präsentation einer er- heblichen Behinderung berichtet. Sie führte sogar aus, dass die Versicherte ihre Schmerzen differenziert beschreiben könne und das Leistungsverhalten sowie die Konsistenz gut gewesen seien, d.h. es liegen Anhaltspunkte vor, die gegen ein e Symptomausweitung sprechen. In Be- zug auf die Selbstlimitierung stützten sich die Ärzte de r C.____ auf ihre Beobachtungen in den Leistungstests und im Behandlungsprogramm. Dort hätten si e festgestellt, dass das Schmerz- verhalten nicht ganz adäquat gewesen sei. Den Einträge n bei den Leistungstests vom 12. De- zember 2013 ist zu entnehmen, dass der Therapeut nach be reits mehreren durchgeführten Testungen die während 5 Minuten zu prüfende Arbeit üb er dem Kopf nach knapp 2 Minuten abgebrochen habe, weil die Versicherte wegen starker Schmerzen im Bereich der Schulter- und Nackenmuskulatur und im unteren Rücken unruhig hantiert und ständig ihre Körperhaltung ge- wechselt habe. Inwieweit aus dem Abbruch des Leistungst ests eine Selbstlimitierung erblickt werden kann, ist unklar; zumal nicht die Versicherte, sondern der Therapeut die Testung vorzei- tig beendete. Weitere konkrete Beobachtungen über ein selbstlimitierendes Verhalten der Ver- sicherten wurden im Bericht nicht beschrieben. Unter d iesen Umständen erscheint eine Symp- tomausweitung bzw. eine Selbstlimitierung nicht als sehr plausibel. Mit Blick auf die Berichte der behandelnden Fachpersonen ergibt sich auch ein anderes Bi ld von der Versicherten, als es die Ärzte der C.____ vermitteln. Keiner der behandelnden Ärzte stellte das Ausmass der von der Versicherten geschilderten Schmerzen und die damit verbun denen Funktionseinschränkungen in Frage. Gemäss Dr. F.____ seien die Schmerzen in der Frakturzone objektivierbar. Denn die auf den Bildern zu sehende Diskopathie und anhaltend ak tivierte Osteochondrose stimmten mit den angegebenen Beschwerden überein. Selbst der Kreisa rzt zweifelte nicht daran, dass die Versicherte im Bereich der unteren BWS und des thorakolu mbalen Übergangs erhebliche Schmerzen habe. Es war ihm auch ein Anliegen, dass mögl ichst schnell eine gezielte Schmerztherapie in die Wege geleitet wurde. Die medizi nischen Berichte setzen somit ein wei- teres Fragezeichen an der Richtigkeit der Beurteilung d er Ärzteschaft der C.____ in Bezug auf die behauptete Symptomausweitung. Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4. Nach dem oben Gesagten sind bereits bei geringen Zwe ifeln an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellu ngen ergänzende Abklärungen vorzusehen. Solche Zweifel liegen hier - wie aufgezeig t - vor. Die übrigen ärztlichen Berichte erweisen sich zudem nicht als beweiskräftig genug, um die Frage des Ausmasses der thoraka- len Beeinträchtigungen und deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit zuverlässig beurteilen zu können. Der angefochtene Einspracheentscheid vom 20. August 2014 ist deshalb aufzuhe- ben und die Angelegenheit an die Vorinstanz zurückzuwei sen. Diese wird bei einem versiche- rungsexternen Facharzt oder einer versicherungsexternen Fac härztin ein Gutachten zur Klä- rung der unfallbedingten Schmerzproblematik an der BWS und deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit einzuholen haben. Gestützt auf die E rgebnisse des Gutachtens ist schliesslich über den Anspruch der Versicherten auf Versicherungsleist ungen neu zu befinden. Die vorlie- gende Beschwerde ist in diesem Sinne gutzuheissen. 5.1 Art. 61 lit. a ATSG hält fest, dass das Verfahren v or dem kantonalen Gericht für die Par- teien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb für den vorliegenden Prozess keine Verfahrenskos- ten zu erheben. 5.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Dem Ausgang des Verf ahrens entsprechend ist der Ver- sicherten eine Parteientschädigung zu Lasten der SUVA zu zusprechen. Ihr Rechtsvertreter wies in seiner Honorarnote vom 23. Februar 2015 einen Zeitaufwand von insgesamt 9 Stunden und 50 Minuten aus, was sich umfangmässig in Anbetracht d er sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen als angemessen erweist. Unter Hinzurechn ung von 2 ½ Stunden für die Par- teiverhandlung resultiert ein Aufwand von insgesamt 12 Stunden und 20 Minuten. Die Bemü- hungen sind zum in Sozialversicherungsprozessen praxisgemäss für durchschnittliche Fälle zur Anwendung gelangenden Stundenansatz von Fr. 250.-- zu entschädigen. Nicht zu beanstanden sind sodann die in der Honorarnote ausgewiesenen Auslag en von Fr. 199.--. Der Versicherten ist somit eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 3'544.90 (12 Stunden und 20 Minuten à Fr. 250.-- + Auslagen von Fr. 199.-- zuzüglich 8 % Me hrwertsteuer) zu Lasten der SUVA zuzu- sprechen. 6.1 Gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über das Bundesgerich t (BGG) vom 17. Juni 2005 ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenh eiten an das Bundesgericht zulässig gegen Entscheide, die das Verfahren abschliessen. Selbst ändig eröffnete Zwischenentscheide sind - mit Ausnahme der Zwischenentscheide über die Zust ändigkeit und über Ausstandsbe- gehren (vgl. Art. 92 BGG) - nur mit Beschwerde in öff entlich-rechtlichen Angelegenheiten an- fechtbar, wenn sie einen nicht wieder gutzumachenden Na chteil bewirken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG) oder wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort einen Endentscheid herbeifüh- ren und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit ode r Kosten für ein weitläufiges Beweisver- fahren ersparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG). N ach der bundesgerichtlichen Rechtspre- chung handelt es sich bei einem Rückweisungsentscheid an de n Versicherungsträger zur Ak- tenergänzung und anschliessenden Neuverfügung nicht um einen Endentscheid, sondern um einen Zwischenentscheid im Sinne von Art. 93 Abs. 1 BG G. Dies gilt auch für einen Rückwei- Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht sungsentscheid, mit dem eine materielle Teilfrage (z.B. eine von mehreren materiellrechtlichen Anspruchsvoraussetzungen) beantwortet wird (BGE 133 V 481 f. E. 4.2). 6.2 Beim vorliegenden Rückweisungsentscheid handelt es sich somit um einen Zwischen- entscheid im Sinne des BGG. Demnach ist gegen ihn eine Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht nur unter den in Art. 93 Abs. 1 BGG genannten Vo- raussetzungen zulässig. Ob diese erfüllt sind, entscheidet d as Bundesgericht. Die nachstehen- de Rechtsmittelbelehrung erfolgt unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass der Ein- spracheentscheid der SUVA vom 9. September 2014 aufgeh oben und die Sache zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwägung en und zum Erlass einer neuen Verfügung an die SUVA zurückgewiesen wird. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die SUVA hat der Beschwerdeführerin eine Parteie ntschädigung in der Höhe von Fr. 3'544.95 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwer tsteuer) zu bezahlen.