<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">147</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft3"><b>23</b></span> <span class="ft3"><b>rechtskräftiger Widerruf der Niederlassungsbewilligung; Gesuch um</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Wiedererwägung gemäss § 39 Abs. 2 VRPG; (kein) Anspruch auf ma-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>terielle Behandlung des Gesuchs</b></span><br/> <span class="ft3"><b>-</b></span> <span class="ft3"><b>Nach einem rechtskräftigen Widerruf der Niederlassungsbewilligung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>kann grundsätzlich jederzeit ein neues Gesuch um Erteilung einer</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Aufenthaltsbewilligung gestellt werden. Gleich wie bei einem Gesuch</b></span><br/> <span class="ft3"><b>um Wiedererwägung sind die Verwaltungsbehörden jedoch nur dann</b></span><br/> <span class="ft3"><b>verpflichtet darauf einzutreten, wenn sich die Umstände seit dem</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Widerruf der Niederlassungsbewilligung entscheidwesentlich verän-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>dert haben und ein Anspruch auf Wiedererwägung zu bejahen wäre.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>-</b></span> <span class="ft3"><b>Die Geburt eines Kindes ist für die Erteilung einer Aufenthaltsbe-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>willigung zwar grundsätzlich entscheidwesentlich. Wurde das Kind</b></span><br/> <span class="ft3"><b>aber in einem Zeitpunkt gezeugt, als die betroffene Person bereits</b></span><br/> <span class="ft3"><b>nicht mehr mit einem Verbleib in der Schweiz rechnen konnte, kann</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sie sich nicht auf die selbst herbeigeführte neue familiäre Situation</b></span><br/> <span class="ft3"><b>berufen. Die Migrationsbehörden sind unter diesen Umständen nicht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>verpflichtet, auf das Gesuch um Wiedererwägung bzw. erneute</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung einzutreten.</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 2. Februar</span><br/> <span class="ft4">2016, in Sachen A. gegen das Amt für Migration und Integration</span><br/> <span class="ft4">(WBE.2015.241).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">148</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">1.2.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer lässt (...) vorbringen, dass die Vorin-</span><br/> <span class="ft1">stanz nicht überzeugend dargelegt habe, weshalb die Verfügung des</span><br/> <span class="ft1">MIKA vom 5. Dezember 2013 nicht in Wiedererwägung gezogen</span><br/> <span class="ft1">werden könne. Er ist weiter der Ansicht, dass infolge der Geburt</span><br/> <span class="ft1">seines Sohnes eine nachträgliche und wesentliche Veränderung der</span><br/> <span class="ft1">massgeblichen Umstände eingetreten sei. Er habe daher Anspruch</span><br/> <span class="ft1">darauf, dass auf sein Gesuch um Wiedererwägung eingetreten und</span><br/> <span class="ft1">dieses materiell behandelt werde.</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 39 Abs. 2 VRPG können Entscheide in Wiedererwä-</span><br/> <span class="ft1">gung gezogen werden, wenn sich der dem rechtskräftigen Entscheid</span><br/> <span class="ft1">zugrunde liegende Sachverhalt oder die Rechtslage erheblich und</span><br/> <span class="ft1">entscheidrelevant geändert hat. Die Wiedererwägung steht dann zur</span><br/> <span class="ft1">Diskussion, wenn Umstände vorliegen, die sich erst nach Erlass der</span><br/> <span class="ft1">in Rechtskraft erwachsenen Verfügung ergaben (sog. echte Noven)</span><br/> <span class="ft1">und die geltend gemachten Umstände entscheidwesentlich sind, d.h.</span><br/> <span class="ft1">grundsätzlich zu einem anderen Resultat führen können als das</span><br/> <span class="ft1">Resultat des in Wiedererwägung zu ziehenden Entscheids (vgl. mit</span><br/> <span class="ft1">Hinweisen zum Ganzen AGVE 2003, S. 394 ff.; BGE 136 II 177,</span><br/> <span class="ft1">Erw. 2.1 sowie Erw. 2.2.1 mit Hinweisen; A</span><span class="ft4">LFRED</span> <span class="ft1">K</span><span class="ft4">ÖLZ</span><span class="ft1">/I</span><span class="ft4">SABELLE</span><br/> <span class="ft1">H</span><span class="ft4">ÄNER</span><span class="ft1">/M</span><span class="ft4">ARTIN</span> <span class="ft1">B</span><span class="ft4">ERTSCHI</span><span class="ft1">, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">rechtspflege des Bundes, 3. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2013, Rz. 735).</span><br/> <span class="ft1">Zwar trifft zu, dass die Geburt eines Kindes grundsätzlich ent-</span><br/> <span class="ft1">scheidrelevant sein kann, da regelmässig von einem erhöhten priva-</span><br/> <span class="ft1">ten Interesse des betroffenen Elternteils an einem Verbleib in der</span><br/> <span class="ft1">Schweiz auszugehen ist. Verändert ein Betroffener aber seine fami-</span><br/> <span class="ft1">liäre Situation durch Zeugung eines Kindes, obschon er weiss oder</span><br/> <span class="ft1">damit rechnen muss, dass er die Schweiz zu verlassen hat, kann er</span><br/> <span class="ft1">aus der bewusst herbeigeführten neuen Familiensituation nichts zu</span><br/> <span class="ft1">seinen Gunsten ableiten. Mit einer Wegweisung aus der Schweiz</span><br/> <span class="ft1">muss ein Betroffener unter anderem immer dann rechnen, wenn ge-</span><br/> <span class="ft1">gen ihn ein entsprechendes Verfahren eröffnet wurde, oder wenn auf-</span><br/> <span class="ft1">grund seines deliktischen Verhaltens mit grosser Wahrscheinlichkeit</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">149</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">ein Wegweisungsverfahren eröffnet werden wird. In solchen Konstel-</span><br/> <span class="ft1">lationen führt die Zeugung und Geburt eines Kindes nicht zu einem</span><br/> <span class="ft1">erhöhten privaten Interesse an einem Verbleib in der Schweiz und ist</span><br/> <span class="ft1">damit in der Regel auch nicht entscheidrelevant.</span><br/> <span class="ft1">Wie die Vorinstanz in ihrem Entscheid zutreffend ausgeführt</span><br/> <span class="ft1">hat, war für den Beschwerdeführer und seine Ehefrau seit dem am</span><br/> <span class="ft1">5. Dezember 2013 erstinstanzlich verfügten Widerruf der Niederlas-</span><br/> <span class="ft1">sungsbewilligung klar, dass der Beschwerdeführer voraussichtlich</span><br/> <span class="ft1">nicht in der Schweiz verbleiben kann. Der im März 2015 geborene</span><br/> <span class="ft1">Sohn wurde damit zu einem Zeitpunkt gezeugt, als sowohl der Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer als auch seine Ehefrau damit rechnen mussten, dass</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdeführer die Schweiz zu verlassen hat. Die Geburt des</span><br/> <span class="ft1">Sohnes ist damit für das Resultat eines allfälligen Wiedererwägungs-</span><br/> <span class="ft1">entscheids nicht relevant.</span><br/> <span class="ft1">Was die vorgebrachten gesundheitlichen Beeinträchtigungen so-</span><br/> <span class="ft1">wie die damit einhergehenden Einschränkungen der Ehefrau bei der</span><br/> <span class="ft1">Betreuung des Sohnes betrifft, ist festzuhalten, dass diese im Zeit-</span><br/> <span class="ft1">punkt des erstinstanzlichen Entscheids betreffend Widerruf der Nie-</span><br/> <span class="ft1">derlassungsbewilligung und Wegweisung bereits bekannt bzw.</span><br/> <span class="ft1">absehbar waren und ebenfalls keinen Grund für eine Wiedererwä-</span><br/> <span class="ft1">gung darstellen.</span><br/> <span class="ft1">Nach dem Gesagten sind die Voraussetzungen von § 39 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">VRPG zum Vornherein nicht erfüllt, womit auch kein Anspruch auf</span><br/> <span class="ft1">Wiedererwägung des rechtskräftigen Entscheids besteht. Dement-</span><br/> <span class="ft1">sprechend ist auch nicht ersichtlich, inwiefern im vorliegenden Fall -</span><br/> <span class="ft1">wie der Beschwerdeführer geltend machen lässt - ein Verstoss gegen</span><br/> <span class="ft1">Art. 29 BV vorliegen könnte. Es ist damit nicht zu beanstanden, dass</span><br/> <span class="ft1">das MIKA auf das Wiedererwägungsgesuch des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft1">nicht eingetreten ist und die Vorinstanz die gegen diese Verfügung</span><br/> <span class="ft1">gerichtete Einsprache abgewiesen hat.</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">Unter diesen Umständen erübrigen sich weitere Ausführungen</span><br/> <span class="ft1">zur Frage, ob die Verfügung des MIKA vom 5. Dezember 2013 mit</span><br/> <span class="ft1">Blick auf das in der Sache ergangene Urteil des Bundesgerichts über-</span><br/> <span class="ft1">haupt in Wiedererwägung gezogen werden kann oder nicht.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">150</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Anzumerken ist einzig Folgendes: Auch wenn der Widerruf der</span><br/> <span class="ft1">Niederlassungsbewilligung eine bestehende Aufenthaltsberechtigung</span><br/> <span class="ft1">beendet, kann grundsätzlich jederzeit ein neues Gesuch um Erteilung</span><br/> <span class="ft1">einer Aufenthaltsbewilligung gestellt werden. Die Bewilligung des</span><br/> <span class="ft1">entsprechenden Gesuchs begründet eine neue, von der widerrufenen</span><br/> <span class="ft1">Bewilligung unabhängige Anwesenheitsberechtigung. Dementspre-</span><br/> <span class="ft1">chend kann in Fällen wie dem Vorliegenden bei Eintreten von neuen</span><br/> <span class="ft1">und bisher unberücksichtigten Umständen auch ohne Wiedererwä-</span><br/> <span class="ft1">gung der ursprünglichen Verfügung neu über eine Aufenthaltsberech-</span><br/> <span class="ft1">tigung befunden werden. Nachdem eine neu beantragte Auf-</span><br/> <span class="ft1">enthaltsbewilligung jedoch nicht dazu dienen darf, rechtskräftige</span><br/> <span class="ft1">Entscheide immer wieder in Frage zu stellen, sind die Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">behörden nur dann verpflichtet auf ein entsprechendes Gesuch einzu-</span><br/> <span class="ft1">treten, wenn sich die Umstände seither entscheidwesentlich verändert</span><br/> <span class="ft1">haben und ein Anspruch auf Wiedererwägung zu bejahen wäre</span><br/> <span class="ft1">(vgl. zum Ganzen Urteil des Bundesgerichts vom 1. Dezember 2015</span><br/> <span class="ft1">[2C_424/2015], Erw. 2.3 mit weiteren Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">Wie bereits dargelegt, hat der Beschwerdeführer mangels ent-</span><br/> <span class="ft1">scheidwesentlicher neuer Umstände keinen Anspruch auf Wiederer-</span><br/> <span class="ft1">wägung (siehe oben Erw. 2). Die rechtskräftig verfügte Wegweisung</span><br/> <span class="ft1">des Beschwerdeführers aus der Schweiz ist damit im jetzigen Zeit-</span><br/> <span class="ft1">punkt in keiner Form in Frage zu stellen.</span><br/></div> </div> </body> </html>