Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 2. Februar 2012 (725 11 353) ____________________________________________________________________ Unfallversicherung Unfallbegriff, unfallähnliche Körperschädigung Besetzung Präsidentin Eva Meuli Ziegler, Kantonsrichter Michael Guex, Kan- tonsrichter Daniel Noll, Gerichtsschreiber Pascal Acrémann Parteien A.____, Beschwerdeführer, vertreten durch R affaella Biaggi, Advoka- tin, Spalenberg 20, Postfach 1460, 4001 Basel gegen SUVA , Rechtsabteilung, Postfach 4358, 6002 Luzern, Beschwerde- gegnerin Betreff Leistungen A. Der 1972 geborene A.____ war seit 4. Juli 2005 be i der B.____AG, Transporte und Logistik, als Lastwagenfahrer, angestellt und dadurch bei der Schw eizerischen Unfallversicherungsan- stalt (SUVA) obligatorisch gegen die Folgen von Unfäll en und Berufskrankheiten versichert. Am 4. Oktober 2010 erlitt A.____ beim Aussteigen aus dem Lastwagen eine Kniedistorsion rechts. Nach Durchführung der erforderlichen Abklärungen lehnte die SUVA mit Verfügung vom 23. Februar 2011 einen Anspruch von A.____ auf Versicherung sleistungen mangels Vorliegens eines Unfalls im Rechtssinne bzw. einer unfallähnlichen K örperschädigung ab. Daran hielt sie auch auf Einsprache des Versicherten sowie dessen Kranken versicherung, der innova Versi- cherungen, hin mit Entscheid vom 5. September 2011 fest. Seite 2 B. Hiergegen erhob A.____, vertreten durch Advokatin R affaella Biaggi, am 6. Oktober 2011 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteil ung Sozialversicherungsrecht (Kan- tonsgericht). Er beantragte, in Aufhebung des Einspra cheentscheides vom 5. September 2011 sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, die gesetzlich en Leistungen auszurichten. Eventu- aliter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Beschwe rdegegnerin zurückzuweisen; unter o/e- Kostenfolge. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragt e er eine Nachfrist zur ergänzenden Begründung der Beschwerde, eventualiter die Gewährung des Replikrechts. C. In seiner ergänzenden Beschwerdebegründung vom 26. Oktober 2011 hielt A.____ im We- sentlichen fest, dass gestützt auf seine anfänglichen Anga ben zum Hergang des Ereignisses der Unfallbegriff zu bejahen und die SUVA deshalb leistungspflichtig sei. D. In ihrer Vernehmlassung vom 6. Dezember 2011 schloss die SUVA auf Abweisung der Be- schwerde. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 56 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 60 Ab s. 1 des Bundesgesetzes über den All- gemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. O ktober 2000 und Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) vom 20. März 1981 kann gegen Einspracheentscheide der Unfallversicherer beim zuständigen kantonalen Versicherungsgericht innert 30 Tagen Beschwerde erhoben werden. Zuständig ist gemäss Art. 58 ATSG das Versi- cherungsgericht desjenigen Kantons, in dem die versichert e Person zur Zeit der Beschwerde- erhebung ihren Wohnsitz hat. Gemäss § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1 993 beurteilt das Kantonsgericht des Kantons Basel-Landschaft als Versicherungsgericht als ei nzige gerichtliche Instanz des Kantons Beschwerden gegen Einspracheentscheide der Versi cherungsträger gemäss Art. 56 ATSG. Es ist somit sachlich und örtlich für die Be handlung der vorliegenden Beschwer- de zuständig. Auf die frist- und formgerecht erhobene Beschwerde ist einzutreten. 2. Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegne rin zu Recht die Übernahme von Versi- cherungsleistungen im Zusammenhang mit dem Vorfall vom 4. Oktober 2010 abgelehnt hat. 3. Nach Art. 6 Abs. 1 UVG hat der Unfallversicherer in der obligatorischen Unfallversicherung, soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt, die Versicherun gsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten zu gewähren. Art. 10 Abs. 1 UVG gewährt der versi- cherten Person Anspruch auf die zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen (Heilbehandlung). Ist die versicherte Person infolge des Unfalles voll oder teilweise arbeitsunfähig, so hat sie ge- mäss Art. 16 Abs. 1 UVG Anspruch auf ein Taggeld. Dieses beträgt bei voller Arbeitsunfähigkeit 80% des versicherten Verdienstes. Bei teilweiser Arbeits unfähigkeit wird es entsprechend ge- kürzt (Art. 17 Abs.1 UVG). Der Anspruch entsteht gemäss Ar t. 16 Abs. 2 UVG am dritten Tag nach dem Unfalltag und er erlischt mit der Wiedererlangung der vollen Arbeitsfähigkeit, mit dem Beginn einer Rente oder mit dem Tod der versicherten Person. Seite 3 4.1 Als Unfall gilt gemäss Art. 4 ATSG die plötzliche, n icht beabsichtigte schädigende Einwir- kung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den men schlichen Körper, die eine Beein- trächtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat. 4.2 Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er den Rah men des im jeweiligen Lebensbe- reich Alltäglichen oder Üblichen überschreitet. Ob die s zutrifft, beurteilt sich im Einzelfall, wobei grundsätzlich nur die objektiven Umstände in Betracht fal len (BGE 134 V 76 E. 4.1, 129 V 402 E. 2.1, 122 V 233 E. 1, 121 V 38 E. 1a, je mit Hinw eisen). Nach der Rechtsprechung bezieht sich das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selbst. Ohne Belang für die Prüf ung der Ungewöhnlichkeit ist, dass der äussere Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwartete Fo lgen nach sich gezogen hat. Aus- schlaggebend ist, dass sich der äussere Faktor vom Normalmass an Umwelteinwirkungen auf den menschlichen Körper abhebt. Ungewöhnliche Auswirkung en allein begründen keine Unge- wöhnlichkeit (BGE 134 V 80 E. 4.3.1). 4.3 Nach Lehre und Rechtsprechung kann das Merkmal des unge wöhnlichen äusseren Faktors in einer unkoordinierten Bewegung bestehen. Bei Körpe rbewegungen gilt dabei der Grundsatz, dass das Erfordernis der äusseren Einwirkung lediglich da nn erfüllt ist, wenn ein in der Aus- senwelt begründeter Umstand den natürlichen Ablauf ein er Körperbewegung gleichsam "pro- grammwidrig" beeinflusst hat. Bei einer solchen unkoor dinierten Bewegung ist der ungewöhnli- che äussere Faktor zu bejahen; der äussere Faktor - Verä nderung zwischen Körper und Aus- senwelt - ist wegen der Programmwidrigkeit zugleich e in ungewöhnlicher Faktor (BGE 130 V 118 E. 2.1; Kranken- und Unfallversicherung , Rechtsprechung und Verwaltungs- praxis [RKUV] 1996 Nr. U 253 S. 204 E. 4c; A LFRED MAURER , Schweizerisches Unfallversiche- rungsrecht, Bern 1989, S. 176 f.). Dies trifft beispiel sweise dann zu, wenn die versicherte Per- son stolpert, ausgleitet oder an einem Gegenstand anstöss t oder wenn sie, um ein Ausgleiten oder einen Sturz zu verhindern, eine reflexartige Abwehrhaltung ausführt oder auszuführen ver- sucht (BGE 99 V 138 E. 1; RKUV 2004 U 502 S. 183 E. 4.1). 5.1 Nach der Rechtsprechung hat die versicherte Person die Umstände des als Unfall gemelde- ten Ereignisses glaubhaft zu machen. Unvollständige, ungen aue oder widersprüchliche Anga- ben zum Geschehensablauf können die Verneinung der Leist ungspflicht der Unfallversicherung zur Folge haben. Im Streitfall hat das Sozialversicherun gsgericht zu entscheiden, ob die einzel- nen Merkmale des Unfallbegriffs, insbesondere die Ungewö hnlichkeit des äusseren Faktors, gegeben sind. Spricht der rechtserhebliche Sachverhalt nicht wenigstens mit Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen der einzelnen Begriffsmerkmale - die blosse Möglichkeit genügt nicht -, ist ein Unfall im Rechtssinne zu verneinen (Urteil des Eidgenössi schen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Bundesgericht, sozialrechtliche Abt eilungen] vom 23. November 2006, U 258/04, E. 3.1 mit zahlreichen Hinweisen). 5.2 Bei sich widersprechenden Angaben der versicherten Person über den Unfallhergang ist zunächst auf die Beweismaxime hinzuweisen, wonach die s ogenannten spontanen "Aussagen der ersten Stunde" in der Regel unbefangener und zuv erlässiger sind als spätere Dar- stellungen, die bewusst oder unbewusst von nachträglichen Überlegungen versicherungsrecht- licher oder anderer Art beeinflusst sein können. Wenn die versicherte Person ihre Darstellung im Laufe der Zeit wechselt, kommt den Angaben, die sie kurz nach dem Unfall gemacht hat, Seite 4 meistens grösseres Gewicht zu als jenen nach Kenntnis eine r Ablehnungsverfügung des Versi- cherers (BGE 121 V 45 E. 2a mit Hinweisen). Dabei han delt es sich indessen nicht um eine förmliche Beweisregel, sondern lediglich um eine im Ra hmen der freien Beweiswürdigung zu berücksichtigende Entscheidungshilfe. Sie kann zudem nur dann zur Anwendung gelangen, wenn von zusätzlichen Beweismassnahmen keine neuen Erkennt nisse zu erwarten sind (RKUV 2004 Nr. U 524 S. 546 E. 3.3.4 [U 236/03]). 5.3 Zur Beurteilung der umstrittenen Frage, ob mit d er erforderlichen Wahrscheinlichkeit erstellt ist, dass sich am 4. Oktober 2010 ein Unfall im Rechtssinne ereignet hat, liegen folgende Unter- lagen vor: In der am 12. Oktober 2010 erstatteten "Ba gatellunfall-Meldung UVG" wird auf einen "Misstritt" hingewiesen. Im Bericht von Dr. med. C.____, FMH Radiologie, IMAMED, vom 20. Oktober 2010 wird ein "Fehltritt auf der Treppe mit Kniedistorsion" beschrieben. Im "Arzt- zeugnis UVG" von Dr. med. D.____, FMH Allgemeine Inne re Medizin, vom 24. November 2010 liess der Versicherte zum Hergang des Vorfalls ausführen, er sei „bei der Arbeit die Treppe her- untergesprungen, gestolpert und [habe sich] das rechte Knie verdreht". Am 18. Januar 2011 hielt Dr. med. E.____, FMH Orthopädische Chirurgie un d Traumatologie des Bewegungsappa- rates, fest, anamnestisch habe der Versicherte beim Ausstei gen aus dem Lastwagen eine Distorsion des rechten Kniegelenkes erlitten, wobei er sich an den genauen Mechanismus nicht mehr erinnern könne. Anlässlich einer Besprechung mit einem Mitarbeiter der SUVA am 8. Feb- ruar 2011 führte der Versicherte aus, dass der im Berich t von Dr. D.____ geschilderte Hergang nicht richtig notiert sei. Er bestätigte unterschriftlich, rückwärts vom Lastwagen einen Tritt nach unten gestiegen und von dort aus einer Höhe von circa 60 cm auf den Boden gesprungen zu sein. Er sei mit beiden Füssen auf dem Boden gelandet und sei weder ausgerutscht noch ge- stürzt noch habe er sich angeschlagen. Das rechte Knie habe sich nach rechts verdreht. An- sonsten habe sich nichts Aussergewöhnliches zugetragen. Der Bewegungsablauf sei normal und gewollt erfolgt. 5.4 Bezüglich des konkreten Ablaufes des Vorfalles vom 4. Oktober 2010 kann auf die präzisen Ausführungen des Versicherten vom 8. Februar 2011 abge stellt werden. Nachdem er den im Bericht von Dr. D.____ vom 24. November 2010 geschilde rten Hergang explizit verneinte und nunmehr glaubhaft einen normalen und gewollten Bewe gungsablauf beschrieb, ist mit der Be- schwerdegegnerin davon ausgehen, dass die körperliche Bew egung beim Aussteigen aus dem Lastwagen durch nichts "Programmwidriges" gestört wurde. Damit ist hinreichend erstellt, dass das Verdrehen des Knies durch keinen aussergewöhnlichen äusseren Faktor bewirkt und das Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors für die Erfül lung des Unfallbegriffs im Sinne von Art. 4 ATSG deshalb zu verneinen ist. 6. Zu prüfen bleibt, ob eine unfallähnliche Körperschä digung vorliegt. Als tatbestandsmässige Gesundheitsschädigung gelten gemäss Art. 9 Abs. 2 Abs. 1 d er Verordnung über die Unfallver- sicherung (UVV) vom 20. Dezember 1982 die in lit. a bi s h aufgeführten Körperschädigungen, auch wenn sie nicht durch einen ungewöhnlichen äussere n Faktor verursacht worden sind. Die Liste der den Unfällen gleichgestellten Körperschäden i st abschliessend, weshalb Erweiterun- gen durch Analogieschlüsse unzulässig sind (vgl. BGE 116 V 139 f. E. 4 a und 147 E. 2 b, 114 V 302 E. 3; A LFRED BÜHLER , Die unfallähnliche Körperschädigung, in: SZS 1996 S. 81 ff.). Es handelt sich gemäss Art. 9 Abs. 2 UVV um: a) Knochenbrüche, b) Verrenkungen von Gelenken, c) Meniskusrisse, d) Muskelrisse, e) Muskelzerrungen, f) Sehnen risse, g) Band-läsionen und Seite 5 h) Trommelfellverletzungen. Meniskusläsionen oder Partellarsehnenläsionen die als unfallähnli- che Körperschädigungen gemäss Art. 9 Abs. 2 lit. c bzw. f U VV zu gelten hätten, wurden von den beteiligten Ärzten nicht diagnostiziert. Vielmehr g ingen die behandelnden Ärzte allesamt von einer Distorsion aus, was einer Verdrehung bzw. einer Verstauchung des Kniegelenks ent- spricht. Bei der unter Art. 9 Abs. 2 lit. b UVV genann ten Verletzung ist aber zu beachten, dass nach der Rechtsprechung nur eigentliche Gelenksverrenkungen (Luxationen), nicht aber unvoll- ständige Verrenkungen (Subluxationen) oder Torsionen (Verdrehungen) und Distorsionen (Verstauchungen) erfasst sind (vgl. Urteile des Bundesgerich ts vom 27. Februar 2009, 8C_1000/2008, E. 2.3; Urteil des EVG vom 10. Januar 2 005, U 236/04, E. 3.1 mit Hinweis und vom 10. Januar 2003, U 385/01, E. 3). Nachdem die behandelnden Ärzte keine Kniegelenksver- renkungen bzw. -luxationen feststellten, sondern ausdr ücklich von einer Distorsion des rechten Kniegelenks ausgingen, ist das Vorliegen einer anspruchsb egründenden Gelenksverrenkung nicht überwiegend wahrscheinlich erstellt. Demnach entfäl lt auch unter dem Aspekt einer un- fallähnlichen Körperschädigung eine Leistungspflicht der SUVA, weshalb die Beschwerde ab- zuweisen ist. 7. Art. 61 lit. a ATSG hält fest, dass der Prozess vor de m kantonalen Gericht für die Parteien kostenlos zu sein hat. Es sind deshalb für das vorliegende Verfahren keine Kosten zu erheben. Die ausserordentlichen Kosten sind dem Ausgang des Ver fahrens entsprechend wettzuschla- gen. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die ausserordentlichen Kosten werden wettgeschlagen. http://www.bl.ch/kantonsgericht