B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6903/2019 U r t e i l v o m 2 8 . A p r i l 2 0 2 1 Besetzung Richterin Daniela Brüschweiler (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richter Simon Thurnheer, Gerichtsschreiberin Susanne Burgherr. Parteien A._______, geboren am (…), Syrien, vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 22. November 2019 / N (…). D-6903/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin reiste im Rahmen des europäischen Relocation- Programms am 29. März 2017 von B._______ her in die Schweiz ein und suchte hierzulande um Asyl nach. A.a Am 4. April 2017 wurde sie vom SEM zu ihrer Person, dem Reiseweg und summarisch zu de n Fluchtgründen befragt (BzP) und am 1. Oktober 2018 vertieft zu ihren Asylgründen angehört. Sie brachte im Wesentlichen vor, sie sei syrische Staatsangehörige kurdischer Ethnie . Sie sei in C._______ geboren und dort registriert, habe aber die meiste Zeit in D._______ gelebt. Sie habe die Schule bis zur (…) Klasse besucht und sei danach Hausfrau gewesen. Ihr Ehemann sei (…). Sie sei Mutter von (…) Söhnen. (…) seien im Kindesalter gestorben, (…) seien in der Schweiz und einer halte sich im E._______ auf. Sie sei nie politisch oder religiö s aktiv gewesen, habe keine Probleme mit den syrischen Behörden gehabt und sei nie persönlich verfolgt worden. Sie und ihre Familie seien einzig wegen des Bürgerkriegs aus Syrien ausgereist. Nachts hätten sie Bomben und Raketen gehört und deshalb in ständiger Angst gelebt. Beziehungsweise sie habe sich in Syrien politisch betätigt. Dies bis zur im (…) 2016 erfolgten Ausreise. Respektive nach Ausbruch des Bürgerkriegs sei sie nicht mehr politisch aktiv gewesen. Bei friedlichen Newroz -Feiern seien jedes Jahr Menschen von syrischen S oldaten geschlagen worden. Ihr (Verwandter) F._______, der schon in jungen Jahren der PKK (Partiya Karkerên Kurdis- tan) beigetreten sei und heute in der G._______ eine langjährige Gefäng- nisstrafe verbüss e, habe sie vor Jahrzehnten mit kurdischen Frauen in Kontakt gebracht, die ihr von der Unterdrückung der Frauen in der Türkei berichtet hätten. Diese Begegnungen hätten sie beeindruckt und schliess- lich dazu veranlasst, auch Mitglied zu werden. Vor (…) bis (…) Jahren habe sie einmal Öcalan getroffen . Sie habe Treffen mit Frauen organisiert und an Demonstrationen teilgenommen. Ihr Vorgesetzter in der Partei, dessen Namen sie nicht kenne, habe sie jeweils über geplante Treffen informiert, und sie habe dann die anderen Frauen davon in Kenntnis gesetzt. Diese Frauengruppe habe keinen Namen gehabt. Ihr Mann sei mit ihren Aktivitä- ten nicht einverstanden ge wesen und sie hätten deswegen öfters gestrit- ten. Sie sei von der Regierung observiert worden. Vor langer Zeit, noch bevor es den Fernsehsender Rohani gegeben habe, habe ihr Mann einen Bericht erhalten, wonach sie ihre politischen Aktivitäten nicht mehr ausü- ben dürfe. Er habe ihr den Bericht gezeigt, sie wisse aber nicht, von wem er ausgestellt worden sei und wie ihr Mann diesen erhalten habe. Als sich D-6903/2019 Seite 3 die Lage aufgrund des Bürgerkriegs zusehends verschlechtert habe und sie kein Geld mehr gehabt hätten , hätten sie sich zur Ausreise entschlos- sen. Zunächst hätten ihr Mann und die Kinder Syrien verlassen . Im (…) 2016 sei sie mit der Familie ihrer Schwiegertochter gefolgt. Sie habe Syrien illegal in Richtung der Türkei verlassen und sei von dort aus Ende (…) 2016 nach B._______ gelangt. Sie habe sich auch i n B._______ und der Schweiz politisch betätigt. Sie habe an Konferenzen, Newroz-Feierlichkei- ten, Demonstrationen und hierzulande an einem (…) teilgenommen. Die eingereichten Bilder seien weder im Internet noch sonst irgendwo veröf- fentlicht worde n. Beziehungsweise der (…) sei gefilmt und sie in einer Schweizer Zeitung abgebildet worden, wobei sie den Namen der Zeitung und das Erscheinungsdatum nicht nennen könne . Zwei Söhne – H._______ und I._______ – hätten Probleme im syrischen Militärdienst ge- habt. Der Dienst von H._______ sei verlängert worden und I._______ sei während des Dienstes etwa (…) Monate inhaftiert und erst nach Zahlung einer Geldsumme an seinen Offizier wieder freigelassen worden. Bei einer Rückkehr nach Syrien befürchte sie, von der syrischen Regierung, dem sogenannten Islamischen Staat (IS) oder der al Nusra-Front getötet zu wer- den. Jeder Kurde werde in Syrien von der Regierung angegriffen, festge- nommen und gefoltert. Ein Arzt in Syrien habe bei ihr (…) und (…) diag- nostiziert. A.b Bezüglich der weiteren Aussagen beziehungsweise der Einzelheiten des rechtserheblichen Sachverhalts wird auf die Protokolle und die einge- reichten Beweismittel (Identitätskarte, Fotos) verwiesen (vgl. vorinstanzli- che Akten A4, A11 und A12). B. B.a Mit Verfügung vom 2 2. November 2019 – eröffnet am 26. November 2019 – stellte das SEM fest, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlings- eigenschaft nicht erfülle (Dispositivziffer 1). Es lehnte das Asylgesuch ab (Dispositivziffer 2) und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an (Dis- positivziffer 3), wobei es den Vollzug zurzeit als unzumutbar erachtete und die Beschwerdeführerin deshalb vorläufig aufnahm (Dispositivziffern 4-6). B.b Zur Begründung führte es im Wesentlichen aus, die Vorbringen der Beschwerdeführerin vermöchten weder den Anforderungen an die Glaub- haftigkeit gemäss Art. 7 AsylG (SR 142.31) noch jenen an die Flüchtlings- eigenschaft gemäss Art. 3 AsylG standzuhalten . Die geltend gemachten politischen Aktivitäten in Syrien habe die Beschwerdeführerin nicht glaub- haft darzulegen vermocht. Bei der BzP habe sie verneint, in Syrien politisch D-6903/2019 Seite 4 aktiv gewesen zu sein. Ihre Erklärung bei der Anhörung, wonach sie nichts gesagt habe, weil sie Angst gehabt habe, sei nicht nachvollziehbar. Im Üb- rigen sei es unverständlich, dass sie nicht einmal den Namen ihres Vorge- setzten in der Partei kenne, obwohl sie das Bindeglied zwischen diesem und den anderen F rauen gewesen sei . Die Angaben zu ihren Aktivitäten und Aufgaben in der Partei seien substanzlos und allgemei n geblieben. Auch zu den Problemen, die sie wegen ihrer Aktivitäten bekommen habe, habe sie sich ausweichend und unsubstanziiert geäussert. So habe sie nicht angeben können, wie ihr Mann den Bericht über ihre Aktivitäten er- halten habe und von wem dieser ausgestellt worden sei, obwo hl sie ihn selbst gelesen habe. Zudem habe sie sich zur Da uer ihrer Aktivitäten wi- dersprüchlich geäussert, indem sie zunächst angegeben habe, bis zur Aus- reise aktiv gewesen zu sein, später aber zu Protokoll gegeben habe, nach Ausbruch des Kriegs in Syrien keine Aktivitäten mehr ausgeübt zu haben. Die Fotografie, auf der sie mit Öcalan zu sehen sei, tauge nicht, die geltend gemachten politischen Aktivitäten glaubhaft zu machen. Einerseits sei das Bild vor (…) bis (…) Jahren aufgenommen worden, und andererseits sei nicht eindeutig erkennbar, ob tatsächlich die Beschwerdeführerin darauf abgebildet sei. Aber selbst wenn davon ausgegangen würde, dass sie auf der Aufnahme zu sehen und sie politisch aktiv gewesen sei, lägen ihre Handlungen so weit zurück, dass kein Kausalzusammenhang zu ihrer Aus- reise ersichtlich sei. Das Vorbringen, Syrien wegen der gefährlichen Lage aufgrund des Bürgerkriegs verlassen zu haben, vermöge keine Asylrele- vanz zu entfalten. Die Beschwerdeführerin habe diesbezüglich keine per- sönliche Verfolgung geltend gemacht und eine Kollektivverfolgung der kur- dischen Bevölkerung in Syrien liege nicht vor. Auch die von der Beschwer- deführerin vorgebrachten exilpolitischen Aktivitäten seien nicht geeignet, eine Fu rcht vor flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgung zu begründen. Die eingereichten Bilder würden nicht den Anschein erwecken, dass die Beschwerdeführerin bei den erwähnten Anlässen eine führende Rolle ge- habt hätte, respektive dass sie ein die Aufmerksamke it des syrischen Staats auf sich ziehendes Profil oder eine entsprechende Funktion aufwei- sen würde. Sie erfülle daher die Flüchtlingseigenschaft nicht. Der Vollzug der Wegweisung sei indes aufgrund der Sicherheitslage in Syrien als nicht zumutbar zu erachten und die Beschwerdeführerin daher vorläufig aufzu- nehmen. C. C.a Mit Eingabe vom 27. Dezember 2019 erhob die Beschwerdeführerin durch den rubrizierten Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht Be-D-6903/2019 Seite 5 schwerde. Sie ersuchte um Aufhebung der Dispositivziffer n 1-3 der vor - instanzlichen Verfügung und um Feststellung der Flüchtlingseigenschaft sowie um Gewährung des Asyls, eventualiter um Feststellung der Unzu- lässigkeit des Wegweisungsvollzugs. In verfahrensrechtlicher Hinsicht er- suchte sie zudem um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kosten- vorschusses. C.b Zur Begründung brachte sie im Wesentlichen vor, sie sei ein Mitglied der PKK respektive des syrischen Ablegers PYD (Partiya Yekitîya Demo- krat) gewesen. In der Gruppe von Frauen, der sie angehört und die partei- intern "(…)" geheissen habe, habe sie eine Kaderfunktion ausgeübt. Sie habe die Gruppentreffen organisiert und an friedlichen Demonstrationen teilgenommen. Der PKK-Führer Öcalan habe von den Aktivitäten der be- sagten Frauengruppe gehört und sie treffen wollen. Anlässlich einer Feier zum 15. August – der 15. August 1984 gelte als Geburtsstunde der PKK – sei es zu dem fotografisch dokumentierten Treffen gekommen. Sie habe ihre Aktivitäten über Jahre hinweg fortgesetzt und dabei immer stärker be- merkt, dass sie observiert worden sei. Mehrmals sei sie nur knapp einer Verhaftung entgangen. Auch sei ihrem Mann von der syrischen Regierung mitgeteilt worden, dass sie ihre n Aktivitäten nicht mehr nachgehen dürfe. Dies habe zu hitzigen Diskussionen mit ihrem Mann geführt und er habe ihr gesagt, dass er im Fall ihrer Festnahme nichts mehr mit ihr zu tun haben wolle. Die gesamten Umstände seien schliesslich so unerträglich gew or- den, dass sie und ihre Familie beschlossen hätten, Syrien zu verlassen. Im (…) 2016 sei sie ihrem Mann und den Kindern in die Türkei gefolgt. Ihr Mann sei schon bald nach der Ankunft in B._______ in die Schweiz weiter- gereist, während sie noch etwa ein Jahr lang in B._______ geblieben sei. In B._______ und der Schweiz sei sie weiterhin für die PYD aktiv. Auch sei sie Mitglied der exilpolitisch tätigen Organisation J._______. Sie nehme an Demonstrationen teil und sei Teil eines (…) in K._______ gewesen. Bei den Anlässen engagiere sie sich als Rednerin und trete auch als Inter- viewpartnerin vor die Kamera. Ihr im E._______ lebender Sohn L._______ sei zwei oder drei Jahre nach Absolvierung des regulären Militärdiensts zum Reservedienst aufgeboten worden und deshalb in den E._______ ge- flohen, was vom syrischen Regime als Desertion bewertet werden dürfte. Ihr Sohn I._______, der während des obligatorischen Militärdiensts ohne ersichtlichen Grund mehrere Monate inhaftiert und erst nach Zahlung einer Geldsumme wieder freigelassen worden sei, sei auch zum Reservedienst aufgeboten worden, habe diesen aber nicht angetreten . Der Militärdienst D-6903/2019 Seite 6 ihres Sohns H._______ sei über die obligatorische Dienstzeit hinaus ver- längert worden. Da sic h die Frage einer potenz iellen R eflexverfolgung stelle, beantrage sie den Bei zug der Akten ihrer Söhne I._______ und H._______. Dass sie bei der BzP ihre politische Tätigkeit und die dadurch bedingte Verfolgung nicht erwähnt habe, rühre daher, dass sie in S yrien erlebt habe, wie Frauen schlecht behandelt worden seien. Angesichts ihrer Sozialisation sei es ihr nicht leichtgefallen, Vertrauen zu fassen. Zudem sei sie davon ausgegangen, dass die Arme des syrischen Sicherheitsapparats bis in die Schweiz reichen würden, weshalb sie es anfangs nicht gewagt habe, ihre Erlebnisse offenzulegen. Zudem sei sie mit den administrativen Abläufen des Schweizer Systems nicht vertraut gewesen. Erst nach eini- gen Monaten sei ihr bewusstgeworden, dass sie in der Schweiz in Sicher- heit sei. Im Rahmen der Anhörung habe sie dann detailliert berichtet, wie sie zur PKK gekommen sei und welche Aufgaben sie erfüllt habe. Sie habe Treffen organisiert und an Demonstrationen, zu denen auch die jährlichen Newroz-Feste gehört hätten, teilgenommen. Ihr Vorgesetzter in der Partei sei schon vor langer Zeit als Märtyrer gefallen und sie könne sich schlicht nicht mehr an dessen Namen erinnern. An das für sie prägende Treffen mit Öcalan habe sie sich gut erinnern und angeben können, dass dieses im Rahmen einer Feier zum 15. August stattgefunden habe. Des Weiteren habe sie ausführlich über die zwei für ihren Parteibeitritt ausschlaggeben- den Treffen mit kurdischen Frauen berichtet. Das gleichberechtigte, friedli- che Zusammenleben von Frauen und Männern sei ihr ein Anliegen gewe- sen. Der Bericht über ihre politischen Aktivitäten sei ihrem Mann und nicht ihr übergeben worden. S ie habe aber den Inhalt, den sie gesehen habe, wiedergeben können. Die darauf wohl vermerkten Namen habe sie nicht im Gedächtnis behalten können. Vielmehr sei es ihr nahegegangen, dass ihr Mann ihr für den Fall einer Festnahme die Unterstützung verweigert habe. Auch an den Zeitpunkt des Erhalts dieses Schreibens könne sie sich nicht mehr erinnern, es müsse aber vor Ende 2012 gewesen sein, da sie wisse, dass der kurdische Fernsehsender Rohani TV, der Ende 2012 ge- gründet worden sei, damals noch nicht existiert habe. Sie sei der PKK in den früher (…)-Jahren beigetreten und bis zur Ausreise Parteimitglied ge- wesen. Seit Ausbruch des Bürgerkriegs sei sie aber nicht mehr aktiv gewe- sen, weil sie sich damals um einen kranken Sohn habe kümmern müssen. Die beiliegende Bestätigung der PYD zeige, dass sie nach wie vor Teil der Partei sei. Das Foto mit Öcalan belege, dass sie sich schon lange den Zie- len der PKK verschr ieben habe. Aufgrund ihrer politischen Anschauung, namentlich ihrer Zugehörigkeit zur PYD, sei sie in Syrien gefährdet gewe- sen. Zudem sei von einer Kollektivverfolgung der Kurden in Syrien auszu- gehen. Das SEM habe dies zwar verneint , zitiere aber nur alte Quellen. D-6903/2019 Seite 7 Mittlerweile habe sich die Situation für Personen kurdischer Ethnie im kur- dischen Gebiet in Syrien verschlechtert und es sei von einer gezielten eth- nisch motivierten Verfolgung auszugehen. Sie verweise diesbezüglich auf die verstärkte türkische Of fensive im Jahr 2018 und den angekündigten Abzug der US -amerikanischen Truppen sowie diverse Berichte aus den Jahren 2018 und 2019 . Das SEM habe zudem das rechtliche Gehör ver- letzt, indem es unterlassen habe zu prüfen, ob sie wegen ihres (Verwand- ten) F._______, der wegen der Mitglied schaft in der PKK und der Teil- nahme an bewaffneten Aktionen in der G._______ zu einer langjährigen Haftstrafe verurtei lt worden sei, wovon die syrischen Behörden wissen dürften, und der Desertion ihrer Söhne I._______ und L ._______ (im E._______), und eventuell auch von H._______, einer Reflexverfolgungs- gefahr ausgesetzt wäre. Sollte das Gericht von einer Rückweisung an die Vorinstanz absehen, wäre die Frage der Reflexverfolgungsgefahr im Be- schwerdeverfahren zu prüfen. Diesf alls verweise sie auf den Antrag auf Beizug der Akten ihrer Söhne I._______ und H._______. Sie gehe davon aus, dass sie bei einer Rückkehr nach Syrien zum Verbleib ihrer Söhne und deren Gesinnung befragt und ihr dabei eine asylrelevante Behandlung drohen würde. Zudem erfülle sie die Flüchtlingseigenschaft aufgrund ihres exilpolitischen Engagements. Sie habe an Versammlungen der J._______ Reden gehalten, für die Freilassung von Öcalan demonstriert und sic h dazu interviewen lassen. Sie sei in verschiedenen Medien abgebildet und teils namentlich erwähnt worden. Bereits die illegale Ausreise aus Syrien und das Stellen eines Asylgesuchs im Ausland werde vom syrischen Re- gime als Akt der Opposition verstanden. Rückgeführte abgewiesene Asyl- suchende müssten mit Verhaftung und Misshandlung rechnen. Neben po- litisch aktiven Regimegegnern seien Kurden sowie Familienangehörige von gesuchten Personen speziell gefährdet. Gemäss Rechtsprechung sei es ferner naheliegend, dass aus dem Ausland zurück kehrende Personen verstärkt unter dem Gesichtspunkt exilpolitischer Tätigkeiten verhört wür- den und von Verhaftung und Folter betroffen seien, falls sie für Regime- gegner gehalten würden. Es sei daher davon auszugehen, dass sie, die ihre Mitgliedschaft in der PYD öffentlich kundtue und sich exilpolitisch ex- poniere, von den syrischen Behörden als Bedrohung für das Regime wahr- genommen würde und daher bei einer Rückkehr nach Syrien verhört, ver- haftet oder gar getötet würde. Zur Stützung ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin folgende Do- kumente ein: PYD-Mitgliedschaftsbestätigung, diverse Fotos von exilpoliti-D-6903/2019 Seite 8 schen Anlässen, Frontseite der Zeitung "M._______", Fotografie eines Zei- tungsartikels, Bestätigung der J._______ , Fürsorgeabhängigkeitsbestäti- gung. D. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 7. Januar 2020 den Eingang der Beschwerde. E. Mit Zwischenverfügung vom 12. Februar 2020 hiess die Instruktionsrichte- rin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung gut und ordnete den rubrizierten Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin als amtlichen Rechtsbeistand bei. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur Vernehmlassung zur Beschwerde ein. F. In seiner Vernehmlassung vom 25. Februar 2020 beantragte das SEM die Abweisung der Beschwerde. In Bezug auf den Antrag der Beschwerdefüh- rerin auf Beizug der Akten der Söhne H._______ und I._______ sei festzu- halten, dass das SEM die Asylgesuche der beiden Söhne abgelehnt habe. Das Verfahren von I._______ sei beim Bundesverwaltungsgericht hängig, während dasjenige von H._______ rechtskräftig abgeschlossen sei. Es sei somit nicht ersichtlich, woraus die Beschwerdeführerin eine potenzielle Re- flexverfolgung ableiten wolle. Hinsichtlich der Furcht der Beschwerdefüh- rerin vor einer Reflexverfo lgung wegen der politischen Aktivitäten ihres (Verwandten) sei in Betracht zu ziehen, dass d er (Verwandte) selbst eine Familie und einen Sohn habe, die in Syrien leben würden. Auch der Vater der Beschwerdeführerin, (…) Brüder und eine Schwester seien in Syrien wohnhaft. Würde tatsächlich das Risiko einer Reflexverfolgu ng bestehen, wären es zunächst die Männer aus der nahestehenden Familie, die in den Fokus der Behörden geraten würden. Da diese jedoch weiterhin im Hei- matland leben würden, sei nicht von einer entsprechenden Gefahr für die Beschwerdeführerin auszugehen. Die Mitgliedschaftsbestätigung der PYD vermöge die Unglaubhaftigkeit de r Vorbringen der Beschwerdeführerin nicht zu widerlegen, zumal es sich bei solchen Schreiben häufig um Gefäl- ligkeitsschreiben handle, weshalb diesem Dokument ein geringer Beweis- wert zukomme . Die exilpolitischen Aktivität en der Beschwerdeführerin seien bereits in der angefochtenen Verfügung umfassend abgehandelt worden. Die im Beschwerdeverfahren eingereichten Fotos vermöchten an der Einschätzung, dass die Beschwe rdeführerin kein Profil aufweise, das D-6903/2019 Seite 9 die Aufmerksamkeit des syrischen Staats auf sich ziehen könnte, nichts zu ändern. G. Am 3. März 2020 stellte die Instruktionsrichterin der Beschwerdeführ erin die Vernehmlassung zu und räumte ihr Gelegenheit ein, bis zum 18. März 2020 eine Replik einzureichen, verbunden mit dem Hinweis, dass bei un- genutzter Frist Verzicht angenommen werde. Die Beschwerdeführerin reichte keine Replik ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige R echt (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. D-6903/2019 Seite 10 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Vorab ist die formelle Rüge der Verletzung des rechtlichen Gehörs der Beschwerdeführerin zu prüfen. 3.2 Der in Art. 29 Abs. 2 BV garantierte und in den Art. 26–35 VwVG kon- kretisierte Grundsatz des rechtlichen Gehörs umfasst das Recht, mit eige- nen Begehren angehört zu werden, Einblick in die Akten zu erhalten und zu den für die Entscheidung wesentlichen Punkten Stellung nehmen zu können. Der Anspruch auf rechtliches Gehör dient einerseits der Sachauf- klärung und stellt andererseits ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungs- recht der Parteien dar. Der Anspruch beinhaltet die Pflicht der Behörden, die Vorbringen des vom Entscheid in seiner Rech tsstellung Betroffenen sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der Entscheidf indung zu berück- sichtigen (Art. 32 Abs. 1 VwVG). Daraus folgt die grundsätzliche Pflicht der Behörden, sich mit den wesentlichen Vorbringen des Rechtssuchenden zu befassen und E ntscheide zu begründen (Art. 35 Abs. 1 VwVG; vgl. zum Ganzen: BGE 136 V 351 E. 4.2 m.w.H.). 3.3 Die Beschwerdeführerin monierte, das SEM habe ihren Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt, indem es nicht geprüft habe, ob sie wegen ihres in der G._______ inhaftierten (Verwandten) F._______ oder wegen der De- sertion ihrer Söhne I._______, L._______ (E._______) und eventuell auch H._______ einer Reflexverfolgungsgefahr ausgesetzt wäre. Diesbezüglich ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin im vorinstanzlichen Verfah- ren zwar Ausführungen zum besagten (Verwandten) und den drei Söhnen machte, aber nicht geltend machte, wegen dieser Verwandten in Syrien persönlich verfolgt worden zu sein. Eine zu einer Kassation führende Ge- hörsverletzung seitens der Vorinstanz liegt somit nicht vor (Art. 28 VwVG). Es besteht damit keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung aus for- mellen Gründen aufz uheben und die Sache an die Vor instanz zurückzu- weisen. Hinsichtlich des Antrags der Beschwerdeführerin auf Beizug der Asylakten ihrer Söhne I._______ und H._______ im Beschwerdeverfahren ist auf die nachfolgenden Ausführungen zu verweisen. 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im D-6903/2019 Seite 11 Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen a usgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken ; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat bezie- hungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genü gt nicht, vielmehr müssen konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen realistisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5). Mass- geblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheids. Die Gewährung des Asyls kann nicht dazu dienen, einen Ausgleich für vergangenes Unrecht zu schaffen, sondern be- zweckt, Schutz vor künftiger Verfolgung zu gewähren (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4). Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhal ten nach der Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch exilpolitische Aktivitäten – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend. Solche begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, füh- ren jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden Personen, die subjektive Nachfluchtgrün de nachwei- sen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenom- men (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälsc hte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Entscheidend ist, ob eine D-6903/2019 Seite 12 Gesamtwürdigung der Vorbringen ergibt, dass die Gründe, die für die Rich- tigkeit der Sachverhaltsdarstellung des Gesuchstellenden sprechen, bei ei- ner objektivierte n Sichtweise überwiegen oder nicht (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1, 2012/5 E. 2.2). 5. 5.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten in Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum Schluss, dass die Beschwerde- führerin mit ihren Vorbringen die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht zu begründen vermag. 5.2 Auch wenn dem SEM zuzustimmen ist, dass an der Glaubhaftigkeit der auch auf gezielte Rückfragen substanzarm gebliebenen Ausführungen der Beschwerdeführerin zu ihren politischen Aktivitäten in Syrien durchaus Vor- behalte angebracht sind, ist es aufgrund der Aktenlage doch nicht auszu- schliessen, dass sie sich aus Interesse für die Situation kurdischer Frauen in einer der PKK respektive PYD zugehörigen oder nahestehenden Frau- engruppe politisch engagiert hat . Konkrete Anhaltspunkte dafür, dass sie dabei, wie in der Rechtsmitteleingabe vom 27. Dezember 2019 behauptet, eine Kaderfunktion ausgeübt hätte, lassen sich den Akten jedoch nicht ent- nehmen. Die von der Beschwerdeführerin genannten Aufgaben (Informie- rung anderer Frauen über geplante Treffen, Teilnahme an friedlichen De- monstrationen und Newroz-Festen) lassen keine wesentliche Exponierung ihrer Person erkennen. Auch vermitteln die Schilderungen der Beschwer- deführerin den Eindruck , dass ihre Aktivitäten sehr lange zurückliegen (Parteibeitritt in den (…)-Jahren; Begegnung mit Öcalan vor (…) Jahrzehn- ten; fehlende Erinnerung an den Namen des Parteivorgesetzten, mit dem sie zusammengearbeitet habe, aufgrund dessen Ableben vor sehr langer Zeit). Dass sie in all den Jahrzehnten bis zur erst im (…) 2016 erfolgten Ausreise von den syrischen Behörden wegen ihrer politischen Aktivitäten konkrete Verfolgungsmassnahmen zu gewärtigen gehabt hätte, legte die Beschwerdeführerin nicht dar. Ihre Angaben zu der schriftlichen Aufforde- rung, ihre Aktivitäten einzustellen, die ihrem Ehemann übergeben worden sei, blieben substanzlos , vermochte die Beschwerdeführerin doch nicht einmal zu sagen, von wem dieses S chreiben verfasst worden sei, obwohl sie es selbst gelesen habe. Hätte die Beschwerdeführerin tatsächlich eine solche schriftliche Mahnung erhalten, wäre zu erwarten gewesen, dass sie sich, wenn auch nicht an den Namen des Unterzeichners, doch zumindest an die ausstellende Behörde/Stelle zu erinnern vermöchte, da es sich da- bei um ein einschneidendes Ereignis gehandelt haben dürfte. Auch ihr Un-D-6903/2019 Seite 13 vermögen, den Erhalt des besagten Schreibens zeitlich genauer einzuord- nen, erstaunt. Die vage Angabe, die Zustellung sei vor der Gründung des Fernsehsenders Rohani Ende 2012 erfolgt, trägt nicht zur Klärung und nä- heren zeitlichen Eingrenzung bei, gab die Beschwerdeführerin doch an, seit Ausbruch des Bürgerkriegs – mithin bereits seit 2011 – nicht mehr po- litisch aktiv gewesen zu sein. Hätten die syrischen Behörden die Beschwer- deführerin wegen politischer Aktivitäten tatsächlich im Visier und ein dies- bezügliches Verfolgungsinteresse gehabt, wäre davon auszugehen, dass in den Jahrzehnten vor ihrer Ausreise eine Festnahme oder eine Vorladung erfolgt wäre. Solches machte die Beschwerdeführerin jedoch nicht geltend. Vielmehr gab sie an, Syrien aufgrund der Bürgerkriegssituation verlassen zu haben. Dass ihr zum Zeitpunkt ihrer Ausreise aus Syrien im (…) 2016 in absehbarer Zeit flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgungsmassnahmen gemäss Art. 3 AsylG seitens der syrischen Behörden gedroht hätten, ver- mochte sie mit ihren Aussagen im vorinstanzlichen Verfahren und ihren Ausführungen in der Rechtsmitteleingabe vom 27. Dezember 2019 nicht darzulegen. 5.3 Es ergeben sich vorliegend auch keine genügend konkreten Anhalts- punkte dafür, dass der Beschwerdeführerin im Falle einer heutigen (hypo- thetischen) Rückkehr nach Syrien mit hoher Wahrscheinlichkeit wegen ih- rer Verwandten gezielte Reflexverfolgungsmassnahmen flüchtlingsrechtli- cher Intensität drohen würden. Allein die Verwandtschaft zum (Verwand- ten), der in der G._______ wegen Aktivitäten für die PKK eine langjährige Freiheitsstrafe verbüsse, lässt nicht automatisch auf eine gezielte Bedro- hungslage für die Beschwerdeführerin folgern, zumal die Beschwerdefüh- rerin nicht geltend machte, je in diesem Zusammenhang stehenden Nach- teilen seitens der syrischen Behörden ausgesetzt gewesen zu sein. Die in der Schweiz ge stellten Asylgesuche der Söhne H._______ , N._______ und O._______ wurden rechtskräftig abgelehnt, so dass auch in Bezug auf diese Verwandten keine Anhaltspunkte für eine der Beschwerdeführerin drohende Reflexverfolgung vorliegen. Die antragsgemäss erfolgte Konsul- tation der Akten des Sohnes I._______ ergab ebenfalls keine Hinweise für eine begründete Reflexverfolgungsg efahr d er Mutter (Beschwerdeführe- rin). Schliesslich ist der Vollständigkeit halber festzuhalten, dass dem Sohn P ._______, der Syrien eigenen Angaben zufolge bereits im Jahr (…) ver- lassen hat, in der Schweiz am (…) Asyl gewährt wurde. Die Beschwerde- führerin, die nach der Ausreise von P ._______ noch mehrere Jahre in Sy- rien geblieben ist, hat keine konkreten Probleme respektive Nachteile vor- gebracht, die sie wegen dieses Sohn es seitens der syrischen Behörden erlitten beziehungsweise befürchtet hat. Aus den Akten des Sohn es D-6903/2019 Seite 14 I._______ lassen sich auch keine konkreten Hinweise für eine der Be- schwerdeführerin drohende Reflexverfolgungsgefahr wegen der Aktivitä- ten von I._______ entnehmen. Die Umstände des Wegzugs des So hnes L._______ in den E._______ wurden von der Beschwerdeführerin nicht belegt. In einer Gesamtbetrachtung vermag die Beschwerdeführerin somit keine begründete Furcht darzulegen, sie könnte künftig aufgrund ihrer Ver- wandten einer flüchtlingsrechtlich relevanten Gefährdung seitens der hei- matlichen Behörden ausgesetzt sein. 5.4 Auch mit dem vorgebrachten exilpolitischen Engagement vermag die Beschwerdeführerin kein relevantes Risikoprofil zu begründen. Es ist nicht davon auszugehen, dass sie aufgrund ihrer Aktivitäten nach der Ausreise aus Syrien nunmehr als regimefeindliche Person ins Blickfeld der syrischen Behörden geraten wäre. 5.4.1 Im Urteil D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015 (als Referenzurteil pu- bliziert) hält das Bundesverwaltungsgericht fest, unter welchen Umständen angesichts der in Syrien herrschenden Situation eine regimekritische exil- politische Betätigung zur Annahme subjektiver Nachfluchtgründe führt. Da- nach vermag allein der Umstand, dass syrische Geheimdienste im Ausland aktiv sind und gezielt Informationen über regimekritische Personen und op- positionelle Organisationen sa mmeln, die Annahme, aufgrund geheim- dienstlicher Informationen über exilpolitische Tätigkeiten bei einer Rück- kehr nach Syrien in asylrechtlich relevantem Ausmass zur Rechenschaft gezogen zu werden, nicht zu rechtfertigen. Damit die Furcht vor Verfolgung als begründet erscheint, müssen vielmehr über die theoretische Möglich- keit hinausgehende konkrete Anhaltspunkte vorliegen, die den Schluss zu- lassen, dass die asylsuchende Person tatsächlich das Interesse der syri- schen Behörden auf sich gezogen hat und als reg imefeindliches Element namentlich identifiziert und registriert wurde. Diesbezüglich geht die Recht- sprechung davon aus, dass sich die syrischen Geheimdienste auf die Er- fassung von Personen konzentrieren, die über niedrigprofilierte Erschei- nungsformen exilpolitischer Proteste hinaus Funktionen wahrgenommen und/oder Aktivitäten entwickelt haben, welche die Person als Individuum aus der Masse der mit dem Regime Unzufriedenen herausheben und als ernsthaften und potenziell gefährlichen Regimegegner erscheinen la ssen (vgl. a.a.O. E. 6.3 f. m.w.H.). 5.4.2 Die von der Beschwerdeführerin vorgebrachten exilpolitischen Aktivi- täten (Teilnahme an Demonstrationen als einfaches Mitglied der PYD und D-6903/2019 Seite 15 der J._______) sind als niederschwellig einzustufen und lassen nicht da- rauf schliessen, sie sei der Kategorie von Personen zuzurechnen, die we- gen ihrer Tätigkeiten oder Funktionen im Exil als ernsthafte und potenziell gefährliche Regimegegner die Aufmerksamkeit der syrischen Geheim- dienste auf sich gezogen haben könnt en. Die eingereichten Beweismittel vermögen an dieser Einschätzung nichts zu ändern. Die Fotografien, wel- che die Beschwerdeführerin im Kreis vieler anderer Kundgebungsteilneh- mer zeigen, und Zeitungsausschnitte bestätigen, dass die Beschwerdefüh- rerin sich prokurdisch engagiert und für Öcalan einsetzt ([…]). Ihr Engage- ment ist somit nicht primär gegen das syrische Regime gerichtet. In Bezug auf das syrische Regime überschreitet ihr Engagement jedenfalls nicht die Schwelle der massentypischen Erscheinungsformen exilpolitischer Pro- teste Tausender syrischer Staatsangehöriger in der Schweiz und in ande- ren europä ischen Staaten. Die Beschwerdeführerin vermag damit nich t darzulegen, dass sie wegen ihrer Aktivität persönlich ins Visier der syri- schen Behörden geraten und als ernstzunehmende Gegnerin des Regimes namentlich identifiziert und registriert worden wäre. Es müssten hinrei- chende Anhaltspunkte für eine konkrete, individuelle Bedrohung vorhan- den sein, die auf einer objektiven Betrachtungsweise und nicht einem sub- jektiven Empfinden des Betroffenen oder Vermutungen fussen. Solche An- haltspunkte sind vorliegend nicht auszumachen. 5.5 Hinsichtlich der weiteren, im Zusammenhang mit der Bürgerkriegssitu- ation in Syrien stehenden Vorbringen der Beschwerdeführerin (generelles Gefühl der Unsicherheit, Angst vor Bombardements, Furcht vor dem IS und der al Nusra-Front) ist darauf hinzuweisen, dass die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft nach schweizerischer Rechtsprechung den geziel- ten, auf die betreffende Person individuell fokussierten Willen des Verfol- gers erfordert, diese bestimmte Person unmittelbar ernsthaften Nachteilen im Sinne des Gesetzes zu unterwerfen. Vorliegend kann aus den besagten Vorbringen der Beschwerdeführerin nicht auf eine solche gezielte, indivi- duelle Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG geschlossen werden. Entge- gen der von ihr geäusserten Ansicht genügt auch ihre kurdische Ethnie al- lein nicht, um eine flüchtlingsrechtlich relevante individuelle Verfolgung an- zunehmen. Gemäss geltender Rechtsprechung ist nicht davon auszuge- hen, dass syrische Staatsangehörige kurdischer Ethnie im heutigen Zeit- punkt in besonderer und gezielter Weise aufgrund ihrer Ethnie in einem derart weiten und umfassenden Ausmass unter Anfeindungen zu leiden hätten, dass von einer Kollektivverfolgung ausgegangen werden müsste. Auch unter dem Gesichtspunkt der heute veränderten Lage, insbesondere seit dem Einmarsch der türkischen Sicherheitskräfte und der verbündeten D-6903/2019 Seite 16 islamistischen Milizen in Nordsyrien, ist nicht anzunehmen, dass sämtliche in Syrien und insbesondere in Nordsyrien verbliebenen Kurdinnen und Kur- den derzeit eine objektiv begründete Furcht vor einer Verfolgung hätten (vgl. etwa Urteile des BVGer D-6128/2019 vom 15. März 2021 E. 4.3, D- 1220/2020 vom 3. November 2020 E. 6.5, D-6344/2018 vom 26. Mai 2020 E. 5.4 und D-6431/2019 vom 16. März 2020 E. 5.2.3). Der bürgerkriegsbe- dingten Gefährdungslage und der fortbestehenden Volatilität und Dynamik der Entwicklung in Syrien wurde von der Vorinstanz in Rahmen des Weg- weisungsvollzugs respektive der in diesem Zusammenhang angeordneten vorläufigen Aufnahme der Beschwerdeführerin Rechnung getragen. 5.6 Schliesslich ist eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung allein auf- grund der illegalen Ausreise der Beschwerdeführerin aus Syrien und der Asylgesuchstellung in der Schweiz gemäss konstanter Praxis des Bundes- verwaltungsgerichts ebenfalls nicht anzunehmen (vgl. u. a. die Urteile des BVGer D-6128/2019 vom 15. März 2021 E. 4.4, D-1220/2020 vom 3. No- vember 2020 E. 6.6, D-6344/2018 vom 26. Mai 2020 E. 5.5, E-1822/2018 vom 23. Januar 2020 E. 7.6 und E -5788/2017 vom 23. April 2019 E. 6.5, m.w.H.), weshalb das Vorliegen subjektiver Nachfluchtgründe auch dies- bezüglich zu verneinen ist. 5.7 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die geltend gemachten Vor- und Nachfluchtgründe nicht geeignet sind, eine asyl- respektive flüchtlings- rechtlich relevante Verfolgung der Beschwerdeführerin zu belegen oder eine entsprechende Verfolgungsfurcht zu begründen. Es ist der Beschwer- deführerin nicht gelungen, nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu ma- chen, im Zeitpunkt ihrer Ausreisen aus Syrien asyl- respektive flüchtlings- rechtlich relevanter Verfolgung seitens der syrischen Behörden oder radi- kaler Islamisten gemäss Art. 3 AsylG ausgesetzt gewesen zu sein. Kon- krete Anhaltspunkte für eine objektiv begründete Furcht vor einer künftigen gezielten (Reflex -)Verfolgung der Beschwerdeführerin asylbeachtlichen Ausmasses im Sinne von Art. 3 AsylG durch die syrischen Behörden oder Drittpersonen bei einer (hypothetischen) Rückkehr nach Syrien liegen auf- grund der Aktenlage ebenfalls nicht vor. Das SEM hat demnach die Flücht- lingseigenschaft zu Recht verneint und das Asylgesuch der Beschwerde- führenden zutreffend abgelehnt. 6. Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 D-6903/2019 Seite 17 AsylG). Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen . Die Wegw eisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). 7.2 Nachdem das SEM in seiner Verfügung vom 22. November 2019 die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz angeordnet hat, erübrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. auch E.7.3). Mit dem vorliegenden Entscheid tritt die vorläufige Aufnahme formell in Kraft. Präzisierend ist lediglich festzuhalten, dass sich aus den vorstehen- den Erwägungen nicht der Schluss ergibt, die Beschwerdeführerin sei zum heutigen Zeitpunkt in ihrem Heimatstaat nicht gefährdet. Eine solche Ge- fährdungslage ist jedoch auf die in Syrien immer no ch herrschende Bür- gerkriegssituation zurückzuführen. Das SEM hat dieser generellen Gefähr- dung mit der vorläufigen Aufnahme der Beschwerdeführerin wegen Unzu- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs Rechnung getragen. 7.3 Auf den Eventualantrag auf Feststellung der Unzulässigkeit des Weg- weisungsvollzugs ist in Ermangelung eines schutzwürdigen Interesses nicht einzutreten. Gemäss konstanter Rechtsprechung sind die Wegwei- sungsvollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 1 AIG alternativer Natur (vgl. BVGE 2011/7 E. 8, 2009/51 E. 5.4). Sobald eine Bedingung (Unzuläs- sigkeit, Unzumutbarkeit oder Unmöglichkeit) erfüllt ist, ist der Vollzug als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit der betroffenen Person in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Auf- nahme zu regeln. Gegen eine allfällige Aufhebung der vorläufigen Auf- nahme steht wiederum die Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht offen (Art. 112 AuG i.V.m. Art. 84 Abs. 2 AIG), wobei in jenem Verfahren sämtliche Vollzugshindernisse von Amtes wegen und nach Massgabe der dannzumal herrschenden Verhältnisse erneut zu prüfen sind. Im Übrigen würde eine vorläufige Aufnahme wegen Unzulässigkeit des Wegweisungs- vollzugs, soweit nicht mit der Flüchtlingseigenschaft verbunden, keine an- dere Rechtsstellung bewirken als eine – wie vorliegend – wegen Unzumut- barkeit angeordnete vorläufige Aufnahme. Das Rechtsschutzinteresse der D-6903/2019 Seite 18 Beschwerdeführerin hinsichtlich der Prüfung zusätzlicher individueller Voll- zugshindernisse ist folglich zu verneinen. 8. Aus diesen Erwägu ngen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit da- rauf einzutreten ist. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wär en die Kosten grundsätzlich der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem ihr aber die unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG ge- währt wurde, ist von der Kostenerhebung abzusehen, zumal nicht ersicht- lich ist, dass die Beschwerdeführerin nicht mehr bedürftig wäre. 9.2 Die amtliche Rechtsvertretung ist unbesehen des Ausgangs des Ver- fahrens zu entschädigen. Bei der Bemessung des Honorars wird nur der notwendige Aufwand entschädigt (vgl. Art. 8 des Reglements vom 21. Feb- ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]), und die Rechtsvertretung wurde vom Gericht in der Ernennungsverfügung vom 12. Februar 2020 über die in der Regel angewendeten Stundenansätze informiert. Der Rechtsvertreter reichte k eine Kostennote ein. Auf die Nachforderung einer solchen wird verzichtet, da sich der Aufwand zuverlässig abschätzen lässt (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Unter Berücksichtigung der in Betracht zu zie- henden Berechnungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) ist das amtliche Honorar auf insgesamt Fr. 1200.– (einschliesslich Auslagen und Mehrwertsteuerzu- schlag) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite) D-6903/2019 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dem Rechtsvertreter wird zu Lasten der Gerichtskasse ein amtliches Ho- norar von Fr. 1200.– zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Daniela Brüschweiler Susanne Burgherr Versand: