<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 2 S.26</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">26</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>2</b></span> <span class="ft1"><b>Art. 554 ZGB, § 297 ZPO; Anordnung der Erbschaftsverwaltung; Ver-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>fahrensgrundsätze.</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Der Gerichtspräsident ernennt den Erbschaftsverwalter unter Vorbe-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>halt von Art. 554 Abs. 2 und 3 ZGB nach freiem Ermessen; die er-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>nannte Person muss über die für die Aufgabe der Erbschaftsverwal-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>tung notwendige Fachkenntnis, Vertrauenswürdigkeit und Unabhän-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>gigkeit verfügen (Erw. 2b).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Die Anordnung einer Erbschaftsverwaltung erfolgt im Verfahren nach</b></span><br/> <span class="ft1"><b>§ 297 ZPO. Danach ist der Sachverhalt von Amtes wegen abzuklären.</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Für die Ernennung eines dem konkreten Nachlass adäquat qualifizier-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>ten Erbschaftsverwalters erweist es sich als unabdingbar, dass die</b></span><br/> <span class="ft1"><b>erbrechtliche Situation sowie Art und Umfang des Nachlasses wenig-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>stens in summarischer Weise abgeklärt werden. Im Verfahren ist auch</b></span><br/> <span class="ft1"><b>zu prüfen, inwieweit eine Gegenpartei oder andere Beteiligte vorhan-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>den sind, denen nach materiellem Recht ein Anspruch auf rechtliches</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Gehör zusteht (Erw. 3a).</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 3. Zivilkammer, vom 25. Oktober</span><br/> <span class="ft2">2000 i.S. H.K. gegen Verfügung des Gerichtspräsidiums B.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">2. b) Nach Art. 554 Abs. 2 und 3 ZGB ist mit der Erbschaftsver-</span><br/> <span class="ft4">waltung der Willensvollstrecker oder bei bevormundeten Personen</span><br/> <span class="ft4">der Vormund zu beauftragen. Die Erblasserin hat im Erbvertrag vom</span><br/> <span class="ft4">9. Juli 1994 keinen Willensvollstrecker ernannt und war auch nicht</span><br/> <span class="ft4">bevormundet. (....) Über die als Erbschaftsverwalter ernennbaren</span><br/> <span class="ft4">Personen enthält weder das Bundesrecht noch das kantonale Recht</span><br/> <span class="ft4">weitere allgemeine Vorschriften. Der Gerichtspräsident kann daher</span><br/> <span class="ft4">nach dem materiellen Bundesrecht die Erbschaftsverwaltung selbst</span><br/> <span class="ft4">ausüben oder eine andere Amtsstelle oder eine Privatperson damit</span><br/> <span class="ft4">beauftragen. Als Erbschaftsverwalter können auch Verwandte, Erben</span><br/> <span class="ft4">etc. ernannt werden. Voraussetzung ist, dass die ernannte Person die</span><br/> <span class="ft4">für die Aufgaben der Erbschaftsverwaltung notwendige</span><br/> <span class="ft4">Fachkenntnis, Vertrauenswürdigkeit und Unabhängigkeit besitzt. Im</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">27</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Rahmen dieser Grundsätze und unter Vorbehalt von Art. 554 Abs. 2</span><br/> <span class="ft4">und 3 ZGB ernennt der Gerichtspräsident den Erbschaftsverwalter</span><br/> <span class="ft4">nach freiem Ermessen (vgl. Martin Karrer, Basler Kommentar, Basel</span><br/> <span class="ft4">1998, N 21 ff. zu Art. 554 ZGB; Jean Nicolas Druey, Erbrecht 4. A.,</span><br/> <span class="ft4">Bern 1997, N 40 zu § 14; Paul Piotet, Schweizerisches Privatrecht,</span><br/> <span class="ft4">Bd. IV/2, Basel 1981, S. 705). Weder einer Behörde noch den Erben</span><br/> <span class="ft4">steht ein Vorschlagsrecht zu.</span><br/> <span class="ft4">3. a) Die Ernennung eines Erbschaftsverwalters erfolgt in der</span><br/> <span class="ft4">Regel im Verfahren ohne Gegenpartei gemäss § 297 ZPO. Danach</span><br/> <span class="ft4">hat der Richter den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen. Der</span><br/> <span class="ft4">Untersuchungsgrundsatz bedeutet für das Verfahren zur Ernennung</span><br/> <span class="ft4">des Erbschaftsverwalters, dass die erbrechtliche Situation sowie Art</span><br/> <span class="ft4">und Umfang des Nachlasses abgeklärt werden. Diese Erhebungen</span><br/> <span class="ft4">sind für die Ernennung eines dem konkreten Nachlass adäquat quali-</span><br/> <span class="ft4">fizierten Erbschaftsverwalters unabdingbar. Der Natur des Verfahrens</span><br/> <span class="ft4">entsprechend genügt eine summarische Prüfung. Das Nachlass-</span><br/> <span class="ft4">vermögen kann aufgrund des Steuerinventars, der Steuererklärungen</span><br/> <span class="ft4">und Nachfragen oder allenfalls Erhebungen beim überlebenden Ehe-</span><br/> <span class="ft4">gatten bzw. bei den bekannten Erben ohne grossen Aufwand abge-</span><br/> <span class="ft4">schätzt werden. Ein allfälliger Ehevertrag, ein Erbvertrag oder eine</span><br/> <span class="ft4">letztwillige Verfügung können die rechtliche Problemstellung über-</span><br/> <span class="ft4">blickbar machen. Im Verfahren ist auch zu prüfen, inwieweit eine</span><br/> <span class="ft4">Gegenpartei oder andere Beteiligte vorhanden sind, denen nach ma-</span><br/> <span class="ft4">teriellem Recht ein Anspruch auf rechtliches Gehör zusteht (§ 297</span><br/> <span class="ft4">Abs. 1 ZPO).</span><br/> <span class="ft4">b) Vorliegend hat die Vorinstanz ohne weitere Abklärungen und</span><br/> <span class="ft4">Rückfragen bei der Gemeinde oder bei den bekannten gesetzlichen</span><br/> <span class="ft4">Erben Rechtsanwalt X.Y. mit der Erbschaftsverwaltung beauftragt.</span><br/> <span class="ft4">Im Ehevertrag vom 9. Juli 1997 wurde dem Beschwerdeführer der</span><br/> <span class="ft4">ganze Vorschlag und im Erbvertrag die lebenslängliche und unent-</span><br/> <span class="ft4">geltliche Nutzniessung am eingebrachten Frauengut zugewiesen. Die</span><br/> <span class="ft4">Anordnung der Erbschaftsverwaltung greift daher unmittelbar in die</span><br/> <span class="ft4">Rechtsstellung des Beschwerdeführers ein. Der Gehörsanspruch steht</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">28</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">grundsätzlich auch Dritten zu, welchen in einem summarischen Ver-</span><br/> <span class="ft4">fahren Auflagen oder Beschränkungen auferlegt werden (vgl. Hans-</span><br/> <span class="ft4">Ulrich Walder-Boner, Zur Bedeutung des rechtlichen Gehörs im</span><br/> <span class="ft4">schweizerischen Zivilprozessrecht, in: Gedächtnisschrift für Peter</span><br/> <span class="ft4">Noll, Zürich 1984, S. 405).</span><br/> <span class="ft4">Die Verfahrensgrundsätze von § 297 ZPO wurden von der Vor-</span><br/> <span class="ft4">instanz nicht beachtet. Aus den Akten ergeben sich keine Anhalts-</span><br/> <span class="ft4">punkte dafür, dass für die Verwaltung des vorliegenden Nachlasses</span><br/> <span class="ft4">die Qualifikationen eines Anwaltes erforderlich sind oder der Um-</span><br/> <span class="ft4">fang des Nachlasses und die sich stellenden rechtlichen und/oder</span><br/> <span class="ft4">administrativen Fragen eine besondere Qualifikation erfordern. Es ist</span><br/> <span class="ft4">auch nicht ersichtlich, dass die Kosten einer Erbschaftsverwaltung</span><br/> <span class="ft4">aus dem Nachlassvermögen gedeckt werden können. Das vorin-</span><br/> <span class="ft4">stanzliche Verfahren ist auch insoweit zu beanstanden, als nach Ein-</span><br/> <span class="ft4">gang des Gesuches des Gemeinderates Z. vom 19. Juni 2000 der</span><br/> <span class="ft4">Beschwerdeführer nicht angehört wurde.</span><br/> <span class="ft4">Aus den dargelegten formellen Gründen sind die Verfügung</span><br/> <span class="ft4">vom 10. Juli 2000 und Ziffer 3 der Verfügung vom 6. April 2000 in</span><br/> <span class="ft4">teilweiser Gutheissung der Beschwerde aufzuheben. Die Vorinstanz</span><br/> <span class="ft4">hat im Sinne der Erwägungen die erforderlichen Abklärungen vor-</span><br/> <span class="ft4">zunehmen und einen Erbschaftsverwalter nach Massgabe der kon-</span><br/> <span class="ft4">kreten Situation zu ernennen, sofern die gesetzlichen Voraussetzun-</span><br/> <span class="ft4">gen noch bestehen. In diesem Zusammenhang wird auch abzuklären</span><br/> <span class="ft4">sein, ob die Einsetzung eines unabhängigen Erbschaftsverwalters</span><br/> <span class="ft4">notwendig ist.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>