<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 26 S.153</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">153</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>26 Baubewilligung.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Der Streitgegenstand des Beschwerdeverfahrens ist nicht auf den Ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>genstand der Einsprache beschränkt (Erw. 2).</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Auswirkungen der Aufnahme im ISOS auf die Gemeindeautonomie</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 3).</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 13. Mai 2008 in Sachen</span><br/> <span class="ft5">Katholische Kirchgemeinde Hägglingen gegen M. und K. (WBE.2005.288).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">Die katholische Kirchgemeinde Hägglingen möchte im Dorf-</span><br/> <span class="ft1">kern von Hägglingen, zwischen Kirche und Pfarrhaus, einen Pfarr-</span><br/> <span class="ft1">saal realisieren. Kirche und Pfarrhaus stehen unter kantonalem Denk-</span><br/> <span class="ft1">malschutz. Dem Ortsbild von Hägglingen wird im Inventar der</span><br/> <span class="ft1">schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS) regionale Bedeutung</span><br/> <span class="ft1">attestiert.</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">II.</span><br/> <span class="ft1">1. (...)</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">In formeller Hinsicht macht die Beschwerdeführerin weiter gel-</span><br/> <span class="ft1">tend, die Vorinstanz habe unberücksichtigt lassen, dass es den</span><br/> <span class="ft1">damaligen Beschwerdeführern (den heutigen Beschwerdegegnern) in</span><br/> <span class="ft1">einzelnen Punkten ihrer Verwaltungsbeschwerde an der formellen</span><br/> <span class="ft1">Beschwer gefehlt habe. Die Vorinstanz habe nämlich über Beschwer-</span><br/> <span class="ft1">depunkte entschieden, die von den beiden Einsprachen nicht mehr</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">154</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gedeckt gewesen seien. Das gelte für die Punkte «Einpassung in die</span><br/> <span class="ft1">Umgebung» und «Ortsbildschutz», welche die Beschwerdegegner in</span><br/> <span class="ft1">ihren Einsprachen nicht gerügt hätten. Der Gemeinderat Hägglingen</span><br/> <span class="ft1">schliesst sich in seiner Vernehmlassung dieser Begründung an.</span><br/> <span class="ft1">Die Vorinstanz führt demgegenüber in ihrer Vernehmlassung</span><br/> <span class="ft1">aus, die Beschwerdegegner hätten Einsprache erhoben und damit am</span><br/> <span class="ft1">gemeinderätlichen Verfahren teilgenommen. Es stehe ihnen offen,</span><br/> <span class="ft1">sich im Beschwerdeverfahren mit einer gegenüber dem Einsprache-</span><br/> <span class="ft1">verfahren anderen oder erweiterten Begründung ihrer Beschwerde</span><br/> <span class="ft1">gegen das Bauprojekt zur Wehr zu setzen. Es treffe nicht zu, dass</span><br/> <span class="ft1">eine Ergänzung oder teilweise Substitution der Begründung in der</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsbeschwerde zu einem teilweisen Nichteintreten wegen</span><br/> <span class="ft1">mangelnder formeller Beschwer führe.</span><br/> <span class="ft1">Die Beschwerdegegner halten dafür, Einsprachen hätten einen</span><br/> <span class="ft1">Antrag und eine Begründung zu enthalten. Diese müssten mindestens</span><br/> <span class="ft1">ansatzweise vorhanden sein. Bei Einsprachen von juristischen Laien</span><br/> <span class="ft1">dürften an die formellen Voraussetzungen keine allzu hohen Anfor-</span><br/> <span class="ft1">derungen gestellt werden. Es genüge, wenn sich der Wille und die</span><br/> <span class="ft1">Absicht des Einsprechers mindestens sinngemäss seiner Eingabe ent-</span><br/> <span class="ft1">nehmen lasse. Die Beschränkung der Beschwerde beziehe sich auf</span><br/> <span class="ft1">die Anträge und nicht auf die Begründung. Es stehe der Rechtsmit-</span><br/> <span class="ft1">telinstanz frei, ihren Entscheid anders zu begründen und allenfalls</span><br/> <span class="ft1">auch auf Gründe zurückzugreifen, die im Einspracheverfahren noch</span><br/> <span class="ft1">nicht vorgebracht worden seien.</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Wer es unterlässt, Einsprache zu erheben, obwohl Anlass dazu</span><br/> <span class="ft1">bestanden hätte, kann nach § 4 Abs. 2 BauG den ergehenden Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid nicht anfechten. Damit gewährt das Baugesetz die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdebefugnis nur demjenigen, der vorgängig bereits Einsprache</span><br/> <span class="ft1">erhoben hat. Zur Frage, ob und inwieweit der Streitgegenstand be-</span><br/> <span class="ft1">reits im Einspracheverfahren fixiert wird, äussert sich das Baugesetz</span><br/> <span class="ft1">nicht ausdrücklich. Soweit ersichtlich hatte sich auch das Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsgericht mit diesem Problem bis anhin noch nie im Detail zu be-</span><br/> <span class="ft1">fassen. In einem Entscheid aus dem Jahr 1998 hielt es immerhin fest,</span><br/> <span class="ft1">an der Einsprache als formeller Voraussetzung für die spätere Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdebefugnis sei festzuhalten. Diese fehle nicht nur einem Be-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">155</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">schwerdeführer, der keine Einsprache erhoben habe, sondern auch ei-</span><br/> <span class="ft1">nem Einsprecher, der seine Einsprache wieder zurückgezogen habe.</span><br/> <span class="ft1">Das Verwaltungsgericht begründete dies mit der Pflicht, die Einspra-</span><br/> <span class="ft1">che mit Antrag und Begründung zu versehen und mit dem Aspekt der</span><br/> <span class="ft1">Verfahrensbeschleunigung. Inwieweit der Streitgegenstand schon</span><br/> <span class="ft1">durch die Begründung der Einsprache verbindlich festgelegt wird,</span><br/> <span class="ft1">liess das Verwaltungsgericht in diesem Entscheid jedoch ausdrück-</span><br/> <span class="ft1">lich offen (AGVE 1998, S. 450 ff.). Dieses Problem lässt sich unter</span><br/> <span class="ft1">verschiedenen Aspekten betrachten.</span><br/> <span class="ft1">Für eine frühe Fixierung des Streitgegenstandes sprechen insbe-</span><br/> <span class="ft1">sondere drei Gesichtspunkte:</span><br/> <span class="ft1">- Eine frühe Eingrenzung des Prozessthemas würde zunächst der</span><br/> <span class="ft1">beförderlichen Prozesserledigung und damit der Prozessökono-</span><br/> <span class="ft1">mie dienen (vgl. Michael Merker, Rechtsmittel, Klage und Nor-</span><br/> <span class="ft1">menkontrollverfahren nach dem aargauischen Gesetz über die</span><br/> <span class="ft1">Verwaltungsrechtspflege [VRPG] vom 9. Juli 1968, Diss., Zü-</span><br/> <span class="ft1">rich 1998, § 39 N 16; Christoph Auer, Streitgegenstand und Rü-</span><br/> <span class="ft1">geprinzip im Spannungsfeld der verwaltungsrechtlichen Pro-</span><br/> <span class="ft1">zessmaximen, Diss., Bern 1997, S. 30 f.; Isabelle Häner / Mo-</span><br/> <span class="ft1">nika Mörikofer, Eine neue Einsprache im baurechtlichen Bewil-</span><br/> <span class="ft1">ligungsverfahren?, in: Zürcher Zeitschrift für öffentliches Bau-</span><br/> <span class="ft1">recht [PBG] 2005 [4], S. 5 ff. [S. 10]; für das planungsrechtliche</span><br/> <span class="ft1">Rechtsschutzverfahren AGVE 1999, S. 267). Indem der Gesetz-</span><br/> <span class="ft1">geber die Beschwerdebefugnis in § 4 Abs. 2 BauG an die Vor-</span><br/> <span class="ft1">aussetzung knüpfte, dass der Beschwerdeführer zuvor Einspra-</span><br/> <span class="ft1">che erhoben hat, erhoffte er sich eine Verfahrensbeschleunigung</span><br/> <span class="ft1">(Protokoll GR vom 10. März 1992, Art. 1637, S. 2733 [Votum</span><br/> <span class="ft1">Regierungsrat Pfisterer]; vgl. auch Protokoll der Spezialkom-</span><br/> <span class="ft1">mission Baugesetzrevision, 22. Sitzung vom 26. September</span><br/> <span class="ft1">1991, S. 309 [Votum Regierungsrat Pfisterer]). Kennt der Bau-</span><br/> <span class="ft1">herr die Positionen der Einsprecher in einem frühen Verfahrens-</span><br/> <span class="ft1">stadium, hat er die Möglichkeit, das Bauvorhaben an die Vor-</span><br/> <span class="ft1">stellungen der Einsprecher anzupassen und damit ein Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeverfahren zu verhindern (vgl. Merker, a.a.O., § 38</span><br/> <span class="ft1">N 148; Häner / Mörikofer, a.a.O., S. 10]). Auf der anderen Seite</span><br/> <span class="ft1">könnte die Möglichkeit, mit der Beschwerde über den Gegen-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">156</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">stand der Einsprache hinaus zu gehen, den Einsprecher bzw. Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer dazu verleiten, seine Argumente ratenweise im</span><br/> <span class="ft1">Laufe des Rechtsmittelzuges vorzutragen, was dem Gedanken</span><br/> <span class="ft1">der Prozessökonomie ebenfalls widerspräche (vgl. Merker,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., § 38 N 146, Fussnote 332 am Schluss). Diese Gefahr ei-</span><br/> <span class="ft1">ner ratenweisen Ausdehnung des Streitgegenstandes darf freilich</span><br/> <span class="ft1">nicht überbewertet werden. Sie wird insbesondere durch die Tat-</span><br/> <span class="ft1">sache abgeschwächt, dass die Möglichkeit einer Ausdehnung</span><br/> <span class="ft1">des Streitgegenstandes während des verwaltungsinternen und</span><br/> <span class="ft1">-externen Verfahrens nach gefestigter Lehre und Praxis be-</span><br/> <span class="ft1">schränkt ist (vgl. etwa VGE II/65 vom 28. Oktober 2003, S. 7 f.</span><br/> <span class="ft1">[BE.2002.00308]; IV/1 vom 21. Februar 2003, S. 8</span><br/> <span class="ft1">[BE.2002.00154]; Merker, a.a.O., § 39 N 12 ff.).</span><br/> <span class="ft1">- Sodann erscheint eine frühe Fixierung des Streitgegenstandes</span><br/> <span class="ft1">unter dem Aspekt der funktionellen Zuständigkeit wünschens-</span><br/> <span class="ft1">wert (vgl. Merker, a.a.O., § 38 N 148; Alfred Kölz / Jürg Boss-</span><br/> <span class="ft1">hart / Martin Röhl, Kommentar zum Verwaltungsrechtspflegege-</span><br/> <span class="ft1">setz des Kantons Zürich, 2. Aufl., Zürich 1999, Vorbem. zu §§</span><br/> <span class="ft1">19-28 N 87; vgl. auch Häner / Mörikofer, a.a.O., S. 11). Wenn</span><br/> <span class="ft1">der Einsprecher seine Einwendungen gegen ein Bauvorhaben</span><br/> <span class="ft1">schon im Einspracheverfahren vorbringen muss, ist gewährleis-</span><br/> <span class="ft1">tet, dass die erstinstanzlich zuständige Baubewilligungsbehörde,</span><br/> <span class="ft1">die teilweise über eine verfassungsrechtlich geschützte Autono-</span><br/> <span class="ft1">mie verfügt, über die Rügen befinden kann. Mit § 4 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">BauG, der die Beschwerdebefugnis an die vorgängige Erhebung</span><br/> <span class="ft1">einer Einsprache knüpft, wollte der Gesetzgeber denn auch eine</span><br/> <span class="ft1">Gesamtbeurteilung durch den Gemeinderat erreichen und damit</span><br/> <span class="ft1">die Gemeindeautonomie schützen (Protokoll GR vom 10. März</span><br/> <span class="ft1">1992, Art. 1637, S. 2733 [Votum Regierungsrat Pfisterer]). Auch</span><br/> <span class="ft1">das Argument der Zuständigkeitsordnung bzw. der Gemeindeau-</span><br/> <span class="ft1">tonomie lässt sich jedoch entkräften: Will die Beschwerdein-</span><br/> <span class="ft1">stanz die Streitsache unter neuen Elementen des Sachverhalts</span><br/> <span class="ft1">oder neuen Rechtsnormen beurteilen, kann und muss sie die Be-</span><br/> <span class="ft1">teiligten vorgängig anhören (vgl. auch AGVE 2005, S. 338;</span><br/> <span class="ft1">Thomas Merkli / Arthur Aeschlimann / Ruth Herzog, Kommen-</span><br/> <span class="ft1">tar zum Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechts-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">157</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">pflege des Kantons Bern, Bern 1997, Art. 51 N 3). In Bereichen,</span><br/> <span class="ft1">in denen die Gemeinde über Autonomie verfügt, kann und muss</span><br/> <span class="ft1">die Beschwerdeinstanz der Vernehmlassung des Gemeinderats</span><br/> <span class="ft1">besonderes Gewicht beimessen.</span><br/> <span class="ft1">- Schliesslich liegt es grundsätzlich auch im Interesse der Rechts-</span><br/> <span class="ft1">sicherheit und der Fairness, dass der Bauherr schon in einem</span><br/> <span class="ft1">frühen Verfahrensstadium weiss, wer sich mit welchen Argu-</span><br/> <span class="ft1">menten einem Bauvorhaben widersetzt (vgl. in anderem Kontext</span><br/> <span class="ft1">AGVE 1999, S. 267; Merker, a.a.O., § 38 N 148). Auch diese</span><br/> <span class="ft1">Gedanken kommen in den Materialien zu § 4 Abs. 2 BauG zum</span><br/> <span class="ft1">Ausdruck (Protokoll GR vom 10. März 1992, Art. 1637, S. 2733</span><br/> <span class="ft1">[Votum Regierungsrat Pfisterer]).</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend sprechen die Aspekte der Prozessökonomie,</span><br/> <span class="ft1">der Zuständigkeitsordnung, der Rechtssicherheit und der Fairness</span><br/> <span class="ft1">tendenziell für eine Fixierung des Streitgegenstands durch die</span><br/> <span class="ft1">Einsprache.</span><br/> <span class="ft1">2.2.2.</span><br/> <span class="ft1">Gegen eine solche Eingrenzung des Streitgegenstands lassen</span><br/> <span class="ft1">sich insbesondere drei Argumente anführen:</span><br/> <span class="ft1">- Erstens lässt sich gegen eine frühe Fixierung des Streitgegen-</span><br/> <span class="ft1">stands einwenden, dass sie gesetzlich nicht ausdrücklich vorge-</span><br/> <span class="ft1">sehen ist. Eine Beschränkung der Beschwerdebefugnis auf den</span><br/> <span class="ft1">Gegenstand der Einsprache bedürfte aber wohl einer klaren ge-</span><br/> <span class="ft1">setzlichen Grundlage (so Häner / Mörikofer, a.a.O., S. 7 und</span><br/> <span class="ft1">12). Ebenso wenig lässt sich eine Beschränkung des Streitge-</span><br/> <span class="ft1">genstands aus den allgemeinen Verfahrensgrundsätzen ableiten.</span><br/> <span class="ft1">Im Gegenteil: Nach § 20 Abs. 1 VRPG prüfen die Behörden den</span><br/> <span class="ft1">Sachverhalt unter Beachtung der Vorbringen der Beteiligten von</span><br/> <span class="ft1">Amtes wegen und stellen die hiezu notwendigen Ermittlungen</span><br/> <span class="ft1">an. Sie würdigen das Ergebnis der Untersuchung frei und wen-</span><br/> <span class="ft1">den das Recht von Amtes wegen an. Der Gemeinderat hat somit</span><br/> <span class="ft1">als Baubewilligungsbehörde von Amtes wegen nicht nur den</span><br/> <span class="ft1">Sachverhalt abzuklären, sondern auch das Recht anzuwenden.</span><br/> <span class="ft1">Im Rahmen der Rechtsanwendung hat er selbständig alle für ei-</span><br/> <span class="ft1">nen bestimmten Tatsachenkomplex anwendbaren Rechtsnormen</span><br/> <span class="ft1">zu suchen, diese auszulegen und die daraus sich ergebenden</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">158</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">rechtlichen Folgen zu ziehen (vgl. AGVE 2005, S. 337). Im</span><br/> <span class="ft1">(erstinstanzlichen) Baubewilligungsverfahren verdrängen die</span><br/> <span class="ft1">Untersuchungsmaxime und der Grundsatz der Rechtsanwen-</span><br/> <span class="ft1">dung von Amtes wegen das Rügeprinzip, nach welchem die</span><br/> <span class="ft1">rechtsanwendende Behörde nur die von den Parteien geltend ge-</span><br/> <span class="ft1">machten Rechtsverletzungen und tatsächlichen Einwände prüfen</span><br/> <span class="ft1">muss oder darf (vgl. Merkli / Aeschlimann / Herzog, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">Art. 51 N 1 f.; zum Rügeprinzip Ulrich Häfelin / Georg Müller /</span><br/> <span class="ft1">Felix Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 5. Aufl., Zürich</span><br/> <span class="ft1">2006, Rz. 1632).</span><br/> <span class="ft1">Auch dürfen die Grundsätze, welche Lehre und Praxis im</span><br/> <span class="ft1">Zusammenhang mit der Beschwerdeerweiterung und -änderung</span><br/> <span class="ft1">entwickelt haben, nicht unbesehen auf das Einspracheverfahren</span><br/> <span class="ft1">übertragen werden. Der Grund liegt in der unterschiedlichen</span><br/> <span class="ft1">Funktion, welche die Baueinsprache und die Verwaltungsbe-</span><br/> <span class="ft1">schwerde erfüllen. Die Baueinsprache ist zwar Voraussetzung</span><br/> <span class="ft1">für eine spätere Beschwerdebefugnis (vgl. § 4 Abs. 2 BauG), sie</span><br/> <span class="ft1">besitzt aber nach der Konzeption des Baugesetzes im Gegensatz</span><br/> <span class="ft1">zur Verwaltungsbeschwerde nicht die Funktion eines Rechtsmit-</span><br/> <span class="ft1">tels, sondern dient der formalisierten Gewährung des Gehörsan-</span><br/> <span class="ft1">spruches (AGVE 2000, S. 216; Merker, a.a.O., § 45 N 11). Die</span><br/> <span class="ft1">Baueinsprache unterstützt die Vorbereitung eines Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsaktes und stellt ein Hilfsinstrument der Baubewilligungs-</span><br/> <span class="ft1">behörde im Rahmen der Sachverhaltsermittlung bzw. der Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheidfindung dar (vgl. AGVE 2000, S. 216; Auer, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">S. 146 f.; Merkli / Aeschlimann / Herzog, a.a.O., Art. 53 N 1;</span><br/> <span class="ft1">Häner / Mörikofer, a.a.O., S. 10). Weil die Baueinsprache das</span><br/> <span class="ft1">Risiko vermindern kann, dass der vorgängig Angehörte gegen</span><br/> <span class="ft1">den nachfolgenden Entscheid ein Rechtsmittel einlegt, stellt sie</span><br/> <span class="ft1">ein Mittel des präventiven, vorgelagerten Rechtsschutzes dar</span><br/> <span class="ft1">(vgl. Michele Albertini, Der verfassungsmässige Anspruch auf</span><br/> <span class="ft1">rechtliches Gehör im Verwaltungsverfahren des modernen Staa-</span><br/> <span class="ft1">tes, Diss., Bern 2000, S. 78). Dagegen bezieht sich der Begriff</span><br/> <span class="ft1">des Rechtsmittels nach herkömmlicher Terminologie in erster</span><br/> <span class="ft1">Linie auf Einrichtungen des Prozessrechts, die der Überprüfung</span><br/> <span class="ft1">eines Entscheides und damit dem nachträglichen Rechtsschutz</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">159</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">dienen (vgl. Merker, a.a.O., § 45 N 3). Aufgrund der Funktion,</span><br/> <span class="ft1">die den Baueinsprachen nach dem Baugesetz zukommt, handelt</span><br/> <span class="ft1">es sich bei ihnen nicht um Einsprachen im Rechtssinn, sondern</span><br/> <span class="ft1">um Einwendungen, welche vor Erlass einer Verfügung erhoben</span><br/> <span class="ft1">werden (vgl. zur Terminologie auch Häfelin / Müller / Uhlmann,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., Rz. 1815 ff.; Alfred Kölz / Isabelle Häner, Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft1">verfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 2. Aufl.,</span><br/> <span class="ft1">Zürich 1998, Rz. 467). Dementsprechend soll nach dem Ent-</span><br/> <span class="ft1">wurf zur Teilrevision des Baugesetzes vom 3. November 2006</span><br/> <span class="ft1">der Begriff der Einsprachen in § 4 Abs. 2 BauG durch denjeni-</span><br/> <span class="ft1">gen der Einwendungen ersetzt werden (§ 4 Abs. 2 des Entwurfes</span><br/> <span class="ft1">vom 3. November 2006 zur Teilrevision des Baugesetzes).</span><br/> <span class="ft1">Da die Baueinsprache dem Erlass der anfechtbaren Verfü-</span><br/> <span class="ft1">gung zeitlich vor- und das Beschwerdeverfahren dieser nachge-</span><br/> <span class="ft1">lagert ist, beziehen sich auch die Regeln über die Zulässigkeit</span><br/> <span class="ft1">einer Erweiterung oder Änderung von Beschwerdeanträgen auf</span><br/> <span class="ft1">die Zeit <i>nach</i> Erlass einer ersten beschwerdefähigen Verfügung.</span><br/> <span class="ft1">Ob eine unzulässige Ausdehnung von Beschwerdeanträgen vor-</span><br/> <span class="ft1">liegt, entscheidet sich mithin aufgrund des Sachverhalts, der</span><br/> <span class="ft1">nach Erlass einer beschwerdefähigen Verfügung bzw. zu Beginn</span><br/> <span class="ft1">des Beschwerdeverfahrens eingebracht wurde (vgl. Merker,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., § 39 N 13 und 17). Würden die Regeln über die Zulässig-</span><br/> <span class="ft1">keit einer Beschwerdeerweiterung oder -änderung auf das Ein-</span><br/> <span class="ft1">spracheverfahren übertragen, hätte dies zur Folge, dass der</span><br/> <span class="ft1">Streitgegenstand schon vor Erlass der ersten beschwerdefähigen</span><br/> <span class="ft1">Verfügung fixiert wird, was problematisch erscheint. Es wäre</span><br/> <span class="ft1">dogmatisch nicht schlüssig, wenn der Einsprecher bereits vor</span><br/> <span class="ft1">Erlass des Anfechtungsobjekts den Streitgegenstand bestimmen</span><br/> <span class="ft1">müsste (vgl. Auer, a.a.O., S. 147 und 152). Da sich die Baube-</span><br/> <span class="ft1">willigung von Gesetzes wegen mit sämtlichen relevanten</span><br/> <span class="ft1">Aspekten eines Bauvorhabens zu befassen hat, ist das Baube-</span><br/> <span class="ft1">willigungsverfahren ohnehin nicht auf den Gegenstand der Ein-</span><br/> <span class="ft1">sprache begrenzt.</span><br/> <span class="ft1">- Zweitens widerspräche eine Begrenzung des Streitgegenstands</span><br/> <span class="ft1">durch die Einsprache auch der bisherigen Praxis, welche das</span><br/> <span class="ft1">ganze Einspracheverfahren relativ formlos abgewickelt hat</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">160</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">(Erich Zimmerlin, Baugesetz des Kantons Aargau vom 2. Feb-</span><br/> <span class="ft1">ruar 1971, Kommentar, 2. Aufl., Aarau 1985, § 151 N 5 i.V.m.</span><br/> <span class="ft1">§ 4 N 5). Für diese Praxis bestehen aber durchaus sachliche</span><br/> <span class="ft1">Gründe, weil Einsprachen häufig von juristischen Laien erhoben</span><br/> <span class="ft1">werden (vgl. auch Auer, a.a.O., S. 153). Für dieses Verfahrens-</span><br/> <span class="ft1">stadium gilt es deshalb speziell zu verhindern, dass rechtlich un-</span><br/> <span class="ft1">beholfene Parteien durch formelle Fehler Nachteile erleiden</span><br/> <span class="ft1">(vgl. § 20 Abs. 2 VRPG).</span><br/> <span class="ft1">- Drittens liesse sich eine Beschränkung der Beschwerdebefugnis</span><br/> <span class="ft1">auf den Gegenstand der Einsprache jedenfalls nicht ohne Aus-</span><br/> <span class="ft1">nahme verwirklichen, weshalb auch der Gesichtspunkt der ho-</span><br/> <span class="ft1">mogenen Rechtsanwendung gegen eine solche Lösung spricht:</span><br/> <span class="ft1">Ist ein Baubewilligungsentscheid mit einem erheblichen Fehler</span><br/> <span class="ft1">belastet, wiegt das Interesse an der Durchsetzung des materiel-</span><br/> <span class="ft1">len Rechts stärker als die Anliegen, die sich für eine frühe Be-</span><br/> <span class="ft1">schränkung des Streitgegenstands vortragen lassen. Dies zeigt</span><br/> <span class="ft1">auch die Entstehungsgeschichte von § 4 Abs. 2 BauG. So hielt</span><br/> <span class="ft1">Regierungsrat Pfisterer für den Fall, dass ein Bauvorhaben bei-</span><br/> <span class="ft1">spielsweise die zulässige Anzahl Geschosse überschreiten sollte,</span><br/> <span class="ft1">vor dem Grossen Rat sinngemäss das Folgende fest: In einer</span><br/> <span class="ft1">solchen Situation müsse einem betroffenen Nachbarn die Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdebefugnis selbst dann zustehen, wenn er sich auf einen</span><br/> <span class="ft1">Bauabschlag durch die zuständige Baubewilligungsbehörde</span><br/> <span class="ft1">verlassen und deswegen keine Einsprache erhoben habe (Proto-</span><br/> <span class="ft1">koll GR vom 10. März 1992, Art. 1637, S. 2731 und 2733 [Vo-</span><br/> <span class="ft1">ten M. Studer und Regierungsrat Pfisterer]). Diese Lösung har-</span><br/> <span class="ft1">moniert mit der Praxis des Verwaltungsgerichts, die Ausnahmen</span><br/> <span class="ft1">vom <i>Rügeprinzip</i> dann zulässt, wenn ein Fehler des angefochte-</span><br/> <span class="ft1">nen Entscheides erheblich oder leicht erkennbar ist (vgl.</span><br/> <span class="ft1">VGE IV/44 vom 14. August 2001 [BE.2000.00380], S. 5 f.;</span><br/> <span class="ft1">VGE III/74 vom 30. August 1996 [BE.95.00010], S. 8]; vgl.</span><br/> <span class="ft1">auch Merker, a.a.O., § 49 N 9 mit Hinweis). Mithin korrigiert</span><br/> <span class="ft1">das Verwaltungsgericht einen solchen Mangel auch dann, wenn</span><br/> <span class="ft1">ihn der Beschwerdeführer nicht gerügt hat. Eine Beschränkung</span><br/> <span class="ft1">des Streitgegenstands auf die Einsprachegründe könnte im Übri-</span><br/> <span class="ft1">gen auch dann nicht durchgesetzt werden, wenn es um Fragen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">161</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">des Bundesrechts geht (BGE vom 14. März 2002 [1A.114/2001</span><br/> <span class="ft1">+ 1P.418/2001], E. 4.3; Häner / Mörikofer, a.a.O., S. 12 f. mit</span><br/> <span class="ft1">weiteren Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend sprechen der Aspekt der fehlenden gesetzli-</span><br/> <span class="ft1">chen Grundlage, der Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes</span><br/> <span class="ft1">wegen, die Untersuchungsmaxime, die Fürsorgepflicht der rechtsan-</span><br/> <span class="ft1">wendenden Behörden und der Aspekt der homogenen Rechtsanwen-</span><br/> <span class="ft1">dung gegen die Begrenzung der Beschwerdebefugnis auf den Gegen-</span><br/> <span class="ft1">stand der Einsprache.</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Die Aspekte, die gegen eine Begrenzung der Beschwerdebefug-</span><br/> <span class="ft1">nis auf den Gegenstand der Einsprache angeführt wurden, wiegen</span><br/> <span class="ft1">schwerer als die Gegenargumente (im Ergebnis anders VGE III/40</span><br/> <span class="ft1">vom 23. Mai 2006 [WBE.2003.247/251], S. 15 f.; Merker, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft1">N 16 zu § 45 VRPG). Eine Beschränkung des Streitgegenstands</span><br/> <span class="ft1">liesse sich auf dieser Verfahrensstufe auch dogmatisch nicht</span><br/> <span class="ft1">schlüssig begründen. Es ist deshalb anzunehmen, dass nach aargaui-</span><br/> <span class="ft1">schem Baurecht die Beschwerdebefugnis nicht auf den Gegenstand</span><br/> <span class="ft1">der Einsprache beschränkt ist. Mithin bildet das gesamte in der Bau-</span><br/> <span class="ft1">bewilligung geregelte Rechtsverhältnis den beschwerdeweise weiter-</span><br/> <span class="ft1">ziehbaren Anfechtungsgegenstand. Mit diesem Ergebnis lässt sich im</span><br/> <span class="ft1">Übrigen auch der Wortlaut von § 4 Abs. 2 BauG vereinbaren. Er be-</span><br/> <span class="ft1">schränkt nämlich die Beschwerdebefugnis nicht auf den Gegenstand</span><br/> <span class="ft1">der Einsprache, sondern knüpft die Beschwerdebefugnis lediglich an</span><br/> <span class="ft1">die Voraussetzung, dass der Beschwerdeführer überhaupt Einsprache</span><br/> <span class="ft1">erhoben hat. Ist diese Voraussetzung erfüllt, steht es einem Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer unter Vorbehalt des Rechtsmissbrauches offen, im</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeverfahren neue Begehren zu stellen und neue Argumente</span><br/> <span class="ft1">vorzutragen, die aus seiner Sicht der Baubewilligung entgegen ste-</span><br/> <span class="ft1">hen.</span><br/> <span class="ft1">An diesem Ergebnis ändert auch die Tatsache nichts, dass die</span><br/> <span class="ft1">Baueinsprache von Gesetzes wegen mit einem Antrag und einer Be-</span><br/> <span class="ft1">gründung zu versehen ist. Mit diesen formellen Anforderungen hat</span><br/> <span class="ft1">sich der Gesetzgeber zwar an das Beschwerdeverfahren angelehnt,</span><br/> <span class="ft1">aus den Materialien ergeben sich jedoch keine Hinweise darauf, dass</span><br/> <span class="ft1">er die Baueinsprache gleichzeitig mit den prozessualen Wirkungen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">162</span></div> <div class="page" id="S10"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">einer Beschwerde ausstatten wollte. Insbesondere sind in den Ma-</span><br/> <span class="ft1">terialien keine Anhaltspunkte für die Annahme vorhanden, der Ge-</span><br/> <span class="ft1">setzgeber habe an die Baueinsprache eine Präklusionswirkung an-</span><br/> <span class="ft1">knüpfen wollen mit der Folge, dass die Beschwerdebefugnis des Ein-</span><br/> <span class="ft1">sprechers auf den Gegenstand seiner Einsprache beschränkt wäre.</span><br/> <span class="ft1">Vielmehr entsprach es dem erkennbaren Wunsch des Gesetzgebers,</span><br/> <span class="ft1">die formellen Anforderungen an eine Einsprache eher tief zu halten,</span><br/> <span class="ft1">damit der Bürger nicht schon im Einspracheverfahren einen Anwalt</span><br/> <span class="ft1">beiziehen muss (Protokoll der Spezialkommission Baugesetzrevi-</span><br/> <span class="ft1">sion, 22. Sitzung vom 26. September 1991, S. 309 [Voten Magon und</span><br/> <span class="ft1">Kuhn]). Ausgangspunkt für die Forderung nach einem Antrag und ei-</span><br/> <span class="ft1">ner Begründung bildete offenbar der Umstand, dass Einsprachen zu-</span><br/> <span class="ft1">weilen missbräuchlich und vorsorglich erhoben werden. Dieses Risi-</span><br/> <span class="ft1">ko wollte der Gesetzgeber eindämmen, indem er den Einsprecher zu</span><br/> <span class="ft1">einem Antrag und einer Begründung seiner Einsprache verpflichtete</span><br/> <span class="ft1">(Protokoll der Spezialkommission Baugesetzrevision, 22. Sitzung</span><br/> <span class="ft1">vom 26. September 1991, S. 309 [Voten Magon, Kocher, Woodtli</span><br/> <span class="ft1">und Regierungsrat Pfisterer]). Gleichzeitig wurde jedoch in den</span><br/> <span class="ft1">Beratungen der Spezialkommission darauf hingewiesen, dass die aar-</span><br/> <span class="ft1">gauische Praxis und diejenige der Bundesbehörden hinsichtlich der</span><br/> <span class="ft1">formellen Anforderungen an Antrag und Begründung einer Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerde «äussert grosszügig» seien (Protokoll der Spezialkommis-</span><br/> <span class="ft1">sion Baugesetzrevision, 22. Sitzung vom 26. September 1991, S. 309</span><br/> <span class="ft1">[Votum Regierungsrat Pfisterer]). Die Materialen zeigen somit, dass</span><br/> <span class="ft1">der Gesetzgeber die formellen Anforderungen an Einsprachen nicht</span><br/> <span class="ft1">überspannen wollte, damit diese auch Laien offen stehen. Diesem</span><br/> <span class="ft1">Gedanken hätte es widersprochen, wenn der Gesetzgeber die Bauein-</span><br/> <span class="ft1">sprache mit der für (Rechtsmittel typischen) Präklusionswirkung aus-</span><br/> <span class="ft1">gestattet hätte. Eine solche prozessuale Wirkung würde den Einspre-</span><br/> <span class="ft1">cher, der sich für den weiteren Verlauf des Verfahrens nichts verge-</span><br/> <span class="ft1">ben will, in vielen Fällen dazu zwingen, bereits im Einspracheverfah-</span><br/> <span class="ft1">ren einen Anwalt beizuziehen.</span><br/> <span class="ft1">2.4.</span><br/> <span class="ft1">Da es sich bei der Einsprache (wie gesagt) nicht um ein Rechts-</span><br/> <span class="ft1">mittel handelt, das den Streitgegenstand des nachfolgenden</span><br/> <span class="ft1">Beschwerdeverfahrens begrenzt, und sich die Baubewilligungsbe-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">163</span></div> <div class="page" id="S11"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">hörde von Gesetzes wegen mit allen relevanten Aspekten eines Bau-</span><br/> <span class="ft1">vorhabens zu befassen hat, ist die Beschwerdebefugnis des vormali-</span><br/> <span class="ft1">gen Einsprechers bei näherer Betrachtung auch nicht vom Nachweis</span><br/> <span class="ft1">einer formellen Beschwer abhängig. Damit erweist sich der Einwand</span><br/> <span class="ft1">der Beschwerdegegner, wonach die Vorinstanz auf einzelne Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdebegehren mangels formeller Beschwer nicht hätte eintreten</span><br/> <span class="ft1">dürfen, als unbegründet. Der angefochtene Entscheid ist unter diesem</span><br/> <span class="ft1">Gesichtspunkt nicht zu beanstanden.</span><br/> <span class="ft1">3.</span><br/> <span class="ft1">3.1.-3.5. (...)</span><br/> <span class="ft1">3.6.</span><br/> <span class="ft1">Der Kirchbezirk prägt nicht nur das Ortsbild, die Katholische</span><br/> <span class="ft1">Pfarrkirche, das Pfarrhaus und deren Umgebung stehen auch unter</span><br/> <span class="ft1">kantonalem Denkmalschutz. Nach § 11 Abs. 3 DSD können in der</span><br/> <span class="ft1">Umgebung von unter Schutz gestellten Denkmälern Bauten, techni-</span><br/> <span class="ft1">sche Anlagen und sonstige Vorkehren, die ein solches Objekt in sei-</span><br/> <span class="ft1">ner Wirkung beeinträchtigen, durch das Departement Bildung, Kultur</span><br/> <span class="ft1">und Sport untersagt werden. Im konkreten Fall erteilte dieses</span><br/> <span class="ft1">Departement seine Zustimmung zum Bauvorhaben am 13. Oktober</span><br/> <span class="ft1">2004 unter Auflagen. Am 2. November 2004 stimmte auch die Ko-</span><br/> <span class="ft1">ordinationsstelle Baugesuche dem Bauvorhaben zu.</span><br/> <span class="ft1">3.7.</span><br/> <span class="ft1">3.7.1.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss § 40 Abs. 1 BauG sind die Erhaltung, die Pflege und</span><br/> <span class="ft1">die Gestaltung von Landschaften, Gebieten und Objekten des Natur-</span><br/> <span class="ft1">und Heimatschutzes, von Ortsbildern, Aussichtspunkten sowie</span><br/> <span class="ft1">Kulturdenkmälern, Sache des Kantons und der Gemeinden. Sie tref-</span><br/> <span class="ft1">fen insbesondere Massnahmen, um</span> <span class="ft1">Ortsbilder entsprechend ihrer Be-</span><br/> <span class="ft1">deutung zu bewahren und Siedlungen so zu gestalten, dass eine gute</span><br/> <span class="ft1">Gesamtwirkung entsteht. Das Denkmalschutzdekret teilt die Zustän-</span><br/> <span class="ft1">digkeiten in diesem Bereich zwischen Kanton und Gemeinde wie</span><br/> <span class="ft1">folgt auf:</span><br/> <span class="ft1">Der Ortsbildschutz ist Sache der Gemeinde (vgl. § 16 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">DSD), was sich im Allgemeinen auch auf deren Entscheidungsfrei-</span><br/> <span class="ft1">heit auswirkt: Dem Gemeinderat steht bei der Anwendung des kom-</span><br/> <span class="ft1">munalen Rechts und von Ästhetikvorschriften ein erheblicher Ermes-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">164</span></div> <div class="page" id="S12"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sensspielraum zu; die Gemeinde darf den verfassungsrechtlichen</span><br/> <span class="ft1">Schutz beanspruchen, der ihr gestützt auf die Gemeindeautonomie</span><br/> <span class="ft1">zusteht (§ 106 Abs. 1 KV). Es obliegt in erster Linie den örtlichen</span><br/> <span class="ft1">Behörden, über den architektonischen Aspekt zu wachen, weshalb sie</span><br/> <span class="ft1">diesbezüglich über einen breiten Ermessensspielraum verfügen. Die</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmittelinstanzen haben sich deshalb bei der Überprüfung ein-</span><br/> <span class="ft1">schlägiger gemeinderätlicher Entscheide zurückzuhalten. Wo eine</span><br/> <span class="ft1">Regelung unbestimmt ist und verschiedene Auslegungsergebnisse</span><br/> <span class="ft1">rechtlich vertretbar erscheinen, sind die kantonalen Rechtsmittelin-</span><br/> <span class="ft1">stanzen gehalten, das Ergebnis der gemeinderätlichen Rechtsausle-</span><br/> <span class="ft1">gung zu respektieren und nicht ohne Not ihre eigene Rechtsauffas-</span><br/> <span class="ft1">sung an die Stelle der gemeinderätlichen zu setzen (siehe etwa</span><br/> <span class="ft1">BGE 115 Ia 118 f. = Pra 78/1989, S. 796 f.; AGVE 2006, S. 187 f.;</span><br/> <span class="ft1">2003, S. 190). Die Grenze zwischen erlaubter Zweckmässigkeitsprü-</span><br/> <span class="ft1">fung und autonomieverletzendem eigenem Ermessensentscheid der</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmittelinstanz ist nicht leicht zu ziehen (BGE vom 28. Oktober</span><br/> <span class="ft1">2003 [1P.464/2003], Erw. 3.2). Die Praxis zieht die Grenze zunächst</span><br/> <span class="ft1">dort, wo sich eine Auslegung mit dem Wortlaut sowie mit Sinn und</span><br/> <span class="ft1">Zweck des Gesetzes nicht mehr vereinbaren lässt (AGVE 2006,</span><br/> <span class="ft1">S. 188; 2005, S. 152; 2003, S. 190; 2001, S. 299 f.). Nach der Praxis</span><br/> <span class="ft1">des Verwaltungsgerichts können auch überwiegende private Interes-</span><br/> <span class="ft1">sen eine Korrektur des gemeinderätlichen Entscheides rechtfertigen</span><br/> <span class="ft1">(vgl. AGVE 1995, S. 334; 1993, S. 382). Schliesslich erscheint ein</span><br/> <span class="ft1">Eingriff dann als zulässig, wenn sich die Beurteilung der Gemeinde-</span><br/> <span class="ft1">behörden auf Grund überkommunaler öffentlicher Interessen als un-</span><br/> <span class="ft1">zweckmässig erweist oder wenn sie den wegleitenden Grundsätzen</span><br/> <span class="ft1">und Zielen der Raumplanung nicht entspricht oder unzureichend</span><br/> <span class="ft1">Rechnung trägt (BGE 116 Ia 227; BGE vom 28. Oktober 2003</span><br/> <span class="ft1">[1P.464/2003], Erw. 3.2). Je weiter die öffentlichen Interessen am</span><br/> <span class="ft1">Ortsbildschutz über den lokalen Bereich hinausgehen, desto kleiner</span><br/> <span class="ft1">wird die Entscheidungsfreiheit der Gemeinde. Verfügt die Gemeinde</span><br/> <span class="ft1">über ein Ortsbild von nationaler Bedeutung ist sie an den im ISOS</span><br/> <span class="ft1">definierten Schutzgrad gebunden, so dass sie sich insofern nicht auf</span><br/> <span class="ft1">die Gemeindeautonomie berufen kann. Für diese Auffassung spricht</span><br/> <span class="ft1">auch der kantonale Richtplantext, nach welchem die Ortsbilder von</span><br/> <span class="ft1">nationaler Bedeutung in ihrer Einstufung nach ISOS anerkannt und</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">165</span></div> <div class="page" id="S13"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">festgesetzt werden. Eine solche kantonalrechtliche Anerkennung</span><br/> <span class="ft1">fehlt zwar für Ortsbilder, denen das ISOS (wie im konkreten Fall) re-</span><br/> <span class="ft1">gionale Bedeutung attestiert. Die Einstufung gemäss ISOS stellt in</span><br/> <span class="ft1">solchen Fällen immerhin ein starkes Indiz dafür dar, dass die Interes-</span><br/> <span class="ft1">sen am Ortsbildschutz über den rein lokalen Bereich hinausgehen.</span><br/> <span class="ft1">Auch eine solche Einstufung kann daher zu einer teilweisen Ein-</span><br/> <span class="ft1">schränkung der Gemeindeautonomie führen.</span><br/> <span class="ft1">3.7.2.</span><br/> <span class="ft1">Anders ist die rechtliche Ausgangslage beim Denkmalschutz.</span><br/> <span class="ft1">Der Schutz von Kulturdenkmälern, deren Bedeutung über die</span><br/> <span class="ft1">Gemeindegrenze hinaus ragt, ist Sache des Kantons. Der Denkmal-</span><br/> <span class="ft1">schutz beruht auf einer kantonalen Regelung und wird durch kanto-</span><br/> <span class="ft1">nale Behörden vollzogen (vgl. DSD). Die Gemeinden können den</span><br/> <span class="ft1">kantonalen Schutz von Baudenkmälern im kommunalen Recht aus-</span><br/> <span class="ft1">weiten, nicht aber schmälern. Insofern ist die Autonomie der Ge-</span><br/> <span class="ft1">meinden eingeschränkt.</span><br/> <span class="ft1">3.7.3.</span><br/> <span class="ft1">Da zum Schutz eines Denkmales auch eine Rücksichtnahme auf</span><br/> <span class="ft1">dessen Umgebung gehört (vgl. § 1 Abs. 2 lit. a und § 12 Abs. 3</span><br/> <span class="ft1">DSD), besteht zwischen den Fragen des Denkmal- und Orts-</span><br/> <span class="ft1">bildschutzes dann ein enger Zusammenhang, wenn die Umgebung</span><br/> <span class="ft1">des Denkmals zugleich ortsbildprägend ist. Das ist hier der Fall,</span><br/> <span class="ft1">kommt doch dem Kirchbezirk mit den denkmalgeschützten Bauten</span><br/> <span class="ft1">und ihrer denkmalgeschützten Umgebung auch in ortsbildlicher Hin-</span><br/> <span class="ft1">sicht hohe Bedeutung zu. Der Vertreter der kantonalen Ortsbildpflege</span><br/> <span class="ft1">brachte dies an der Verhandlung vom 6. November 2007 mit den</span><br/> <span class="ft1">Worten zum Ausdruck, der Kirchbezirk liege in der «Linse», die für</span><br/> <span class="ft1">das Ortsbild sehr prägend sei. Die Eidgenössischen Kommissionen</span><br/> <span class="ft1">[Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege und Eidgenösische</span><br/> <span class="ft1">Kommission für Natur- und Heimatschutz] sprechen im Zusammen-</span><br/> <span class="ft1">hang mit dem Kirchbezirk vom «siedlungsbaulichen Nucleus des</span><br/> <span class="ft1">Dorfes».</span><br/> <span class="ft1">Angesichts des Sachzusammenhangs der verschiedenen mate-</span><br/> <span class="ft1">riellrechtlichen Vorschriften bedarf es in Fällen der vorliegenden Art</span><br/> <span class="ft1">einer Gesamtbetrachtung aus der Sicht des Denkmal- und Ortsbild-</span><br/> <span class="ft1">schutzes. Sofern und soweit in einer solchen Konstellation die kanto-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">166</span></div> <div class="page" id="S14"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">nalen Interessen am Denkmalschutz eine Überprüfung des Vorhabens</span><br/> <span class="ft1">verlangen, kann sich die Gemeinde nicht auf ihre Autonomie in Orts-</span><br/> <span class="ft1">bildfragen berufen. Da überkommunale Interessen am Denkmal- und</span><br/> <span class="ft1">Ortsbildschutz tangiert sind, rechtfertigt sich eine umfassende Prü-</span><br/> <span class="ft1">fung, die im verwaltungsgerichtlichen Verfahren allerdings von</span><br/> <span class="ft1">Gesetzes wegen auf die Rechtskontrolle (unter Einschluss der un-</span><br/> <span class="ft1">richtigen oder unvollständigen Sachverhaltsfeststellung) beschränkt</span><br/> <span class="ft1">ist. Im Übrigen indiziert im konkreten Fall die Einstufung gemäss</span><br/> <span class="ft1">ISOS die regionale Bedeutung des Ortsbilds, was die Entscheidungs-</span><br/> <span class="ft1">freiheit der Gemeinde im Bereich des Ortsbildschutzes relativiert</span><br/> <span class="ft1">(siehe vorne Erw. 3.7.1).</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>