Beschluss vom 13. August 2013 Beschwerdekammer Besetzung Bundesstrafrichter Stephan Blättler, Vorsitz, Andreas J. Keller und Tito Ponti, Gerichtsschreiber Miro Dangubic Parteien A., vertreten durch Rechtsanwältin Ruth Baumeister, Beschwerdeführer gegen BUNDESANWALTSCHAFT, Beschwerdegegnerin BUNDESSTRAFGERICHT, Strafkammer, Vorinstanz Gegenstand Verfahrenshandlung der Strafkammer (Art. 20 Abs. 1 lit. a i.V.m. Art. 393 Abs. 1 lit. b StPO) B u n d e s s t r a f g e r i c h t T r i b u n a l p é n a l f é d é r a l T r i b u n a l e p e n a l e f e d e r a l e T r i b u n a l p e n a l f e d e r a l Geschäftsnummer: BB.2013.27 - 2 - Sachverhalt: A. Mit Strafbefehl der Bundesanwaltschaft (nachfolgend "BA") vom 3. A p- ril 2012 wurde A. der mehrfachen qualifizierten ungetreuen Geschäftsb e- sorgung im Sinne von Art. 158 Ziff. 1 Abs. 1 und 3 StGB schuldig erklärt und verurteilt zu einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu Fr. 30.--, bei einer Probezeit von 2 Jahre und unter Auflage der Verfahrenskos- ten von Fr. 40'000.-- (Verfahrensakten BA, 16 -301-0068). Mit Telefax an die BA vom 17. April 2012 liess A. durch Rechtsanwältin Ruth Baumeister erklären, dass er dagegen vorsorglich Einsprache erhebe (Verfahrensakten BA, 16 -301-0082). Mit Telefonat vom 18. April 2012 bespra chen die BA und A. das weitere Vorgehen betreffend des Strafbefehls vom 3. April 2012. Die BA stellte dabei A. u.a. einen neuen Strafbefehl in Aussicht (Ver- fahrensakten BA, 16-301-0084). In der F olge fand ein Meinungsaustausch der Parteien betreffend den weiteren Verlauf des Strafverfahrens statt (Ver- fahrensakten BA, 16-301-0100). Mit Telefongespräch vom 14. August 2012 teilte Rechtsanwältin Rut h Baumeister der BA mit, dass A. an seiner Ei n- sprache festhalte (Verfahrensakten BA, 16-301-0108). B. Mit Schreiben vom 22. November 2012 teilte die BA der Strafkammer des Bundesstrafgerichts (nachfolgend „Strafkammer“) mit, dass sie an ihrem Strafbefehl vom 3. April 2012 festhalte. Zudem überwies sie die Verfa h- rensakten gemäss Art. 356 Abs. 1 StPO zwecks Durchführung eines Hauptverfahrens (Verfahrensakten 74 100 014). C. Mit Verfügung vom 27. Februar 2013 trat die Strafkammer auf die Einspr a- che von A. gegen den Strafbefehl vom 3. April 2012 nicht ein, wies das Ge- such um Anordnung einer notwendigen und einer amtlichen Verteidi gung ab und auferlegte A. die Gerichtsgebühr von Fr. 500. -- (act. 2.1). Dagegen erhebt A. , vertreten durch Rechtsanwältin Ruth Baumeister, mit Eingabe vom 15. März 2013 Beschwerde bei der Beschwerdekammer des Bunde s- strafgerichts. Mit gleic her Eingabe stellt A. ein Gesuch um Wiederherste l- lung der Frist im Sinne von Art. 94 StPO, welches mit Schreiben dieses Ge- richts vom 21. März 2013 zuständigkeitshalber an die BA weitergeleitet wurde (act.1 und 3). D. Mit Beschwerdeantwort vom 28. März 2013 beantragt die Strafkammer die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf eingetreten werde (act. 7). Die BA verzichtete mit Schreiben vom 4. April 2013 auf eine Beschwerdean t-- 3 - wort (act. 8). Mit Eingab e vom 2. Mai 2013 reichte A. innert verlängerter Frist seine Beschwerdereplik ein (act. 9). Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten wird, s o- weit erforderlich, in den folgenden rechtlichen Erwägungen Bezug geno m- men. Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gegen Verfügungen und Beschlüsse sowie gegen die Verfahrenshandlu n- gen der Strafkammer des Bundesstrafgerichts als erstinstanzliches Gericht des Bundes kann bei der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts Be- schwerde na ch den Vorschriften von Art. 393 ff. StPO erhoben werden (Art. 393 Abs. 1 lit. b StPO i.V.m. Art. 35 Abs. 1 und Art. 37 Abs. 1 StBOG). Verfahrensleitende Entscheide können nur Gegenstand einer Beschwerde sein, wenn sie geeignet sind, beim Beschwerdeführer einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil zu bewirken ( Urteil des Bundesgerichts 1B_569/2011 vom 23. Dezember 2011, E. 2). Mit Verfügung vom 27. Februar 2013 ist die Strafkammer auf die Einspr a- che des Beschwerdeführers nicht eingetreten, womit das Verfahren vor der Strafkammer abgeschlossen wurde und ein potentiell verfahrensabschlie s- sender Entscheid ergangen ist. Damit handelt es sich vorliegend klarerwe i- se nicht um einen verfahrensleitenden Entscheid, weshalb nicht geprüft zu werden braucht, ob die Verfügung beim Beschwerdeführer einen nicht wie- der gutzumachenden Nachteil zu bewirken vermochte (vgl. SCHMID, Hand- buch des schweizerischen Strafprozessrec hts, Zürich/St. Gallen 2009, N. 1371). Der angefochtene Entscheid stellt somit ein nach Art. 393 Abs. 1 lit. b StPO anfechtbares Beschwerdeobjekt dar. 1.2 Zur Beschwerde berechtigt ist jede Partei, welche ein rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung des angefochtenen Entsche i- des hat (Art. 382 Abs. 1 StPO; Urteil des Bundesgeric hts 1B_657/2012 vom 8. März 2013 E. 2.3.1 ). Die Beschwerde gegen schriftlich oder mün d- lich eröffnete Entscheide ist innert zehn Tagen schriftlich und begründet einzureichen (Art. 396 Abs. 1 StPO). Mit ihr gerügt werden können gemäss Art. 393 Abs. 2 StPO Re chtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung und Missbrauch des Ermessens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzög e-- 4 - rung (lit. a), die unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachve r- halts (lit. b) sowie die Unangemessenheit (lit. c). Die Verfügung vom 27. Februar 2013 wurde Rechtsanwältin Ruth Baumeis- ter am 7. März 2013 zugestellt, womit die Beschwerde vom 15. März 2013 (CH-Poststempel 15. März 2013) fristgerecht erfolgte. Die übrigen Eintr e- tensvoraussetzungen geben zu keinen Bemerkungen Anlass, we swegen auf die Beschwerde einzutreten ist. 2. 2.1 Sind die Voraussetzungen von Art. 352 Abs. 1 StPO erfüllt, so erlässt die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl. Gegen den Strafbefehl kann der B e- schuldigte innert 10 Tagen schriftlich Einsprache erheben (Art. 354 Abs. 1 lit. a StPO). Die Einsprache des Beschuldigt en ist nicht zu begründen (Art. 354 Abs. 2 StPO). Ohne gültige Einsprache wird der Strafbefehl zum rechtskräftigen Urteil (Art. 354 Abs. 3 StPO). Wird Einsprache erhoben, so nimmt die Staatsanwaltschaft die weiteren Beweise ab, die zur Beurteilung der Einsprache erforderlich sind (Art. 355 Abs. 1 StPO). Nach Abnahme der Beweise entscheidet sie, ob sie am Strafbefehl festhält, einen neuen Strafbefehl erlässt, das Verfahren einstellt oder Anklage beim ers tinstanzli- chen Gericht erhebt (Art. 355 Abs. 3 lit. a -d StPO). Entschliesst sich die Staatsanwaltschaft, am Strafbefehl festzuhalten, so überweist sie die Akten unverzüglich dem erstinstanzlichen Gericht zur Durchführung des Haup t- verfahrens. Der Strafbefehl gilt als Anklageschrift (Art. 356 Abs. 1 StPO). 2.2 Nach Art. 356 Abs. 2 StPO muss das Gericht zuerst von Amtes wegen fol- gende Prozessvoraussetzungen prüfen. Erstens ist über die Gültigkeit des Strafbefehls zu befinden, im Bejahungsfall ist zweitens zu prüfen, ob eine gültige Einsprache vorliegt. Ungültig ist die Einsprache insbesondere, wenn die zehntägige Einsprachefrist nicht eingehalten wurde. Bei ungültigen Ei n- sprachen tritt das erstinstanzliche Gericht mit Beschluss oder Verfügung nicht ein, womit der Strafbefehl weiterhin wirksam bleibt ( SCHWARZENEG- GER, Kommentar zur schweizerischen Strafprozessordnung, Zürich 2010, Art. 356 N. 2; RIKLIN, Basler Kommentar, Basel 2011, Art. 356 N 2; Bot- schaft, BBl 2006 S. 1291 – 1292). 2.3 Im Rahmen der Prüfung von Art. 356 Abs. 2 StPO kam die Strafkammer zum Ergebnis , dass sich die Einsprach e des Beschwerdeführers vom 17. April 2012 als ungültig erweise, weil es an einer formgültigen Einspr a- che fehle; ein Telefax enthalte die erforderliche Originalunterschrift nicht und es handle sich dabei nicht um ein Versehen. Der Beschwerdegegnerin - 5 - könne kein Verhalten vorgeworfen werden, welches Treu und Glauben ve r- letze. D er Strafbefehl der Beschwerdegegnerin werde damit von Rechts wegen zum rechtskräftigen Urteil (act. 2.1, E. 3.5). 3. 3.1 Den Erwägungen der Vorinstanz kann insofern gefolgt werden, als sie u n- ter Bezugnahme auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung zutreffend ausführt, dass Einsprache nicht mittels Telefax erhoben werden kann, da die Originalunter schrift ihres Verfassers fehlt, womit das Erfordernis der Schriftlichkeit nicht gewahrt ist, und bei Faxeingaben auch keine Nachfrist zur Behebung des Mangels anzusetzen ist (act. 2.1, E. 3.3). Folglich wurde mit Einsprache per Telefax vom 17. April 2012 die Einsprachefrist nicht gewahrt und vorbehältlich besonderer Umstände, liegt keine gültige Einsprache vor. Ob solche besonderen Umstände vorliegen, ist nachfolgend zu prüfen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 2C_754/2008 vom 23. Dezember 2008 E. 2.2; zur P rüfung der besonderen Umstände E. 2.3, 2.4). 3.2 Sowohl aus dem Grundsatz des Vertrauensschutzes als auch aus dem Verbot des überspitzen Formalismus ergibt sich eine Pflicht staatlicher Stel- len, unter Umständen eine Prozesspartei, die einen Verfahrensfehler begeht oder im Begriff steht, dies zu tun, von Amtes wegen darauf au f- merksam zu machen, sofern der Fehler leicht erkennbar ist und noch innert Frist behoben oder verhindert werden kann ( BGE 125 I 166 E. 3a; BGE 124 II 265 S. 270). BATZ hält in Anwendung di eses Prinzips in Bezug auf Eingaben per Telefax fest, dass der Mangel der fehlenden eigenhändigen Unterschrift bis zum Ablauf der Frist behoben werden könne; die Behörde habe den Rechtssuchenden, soweit aus zeitlichen Gründen noch realisie r- bar, darauf aufm erksam zu machen (BATZ, Zu den Gültigkeitserfordernis- sen von Verwaltungsgerichtsbeschwerden, insbesondere mit Bezug auf die Begründungspflicht [Art. 108 Abs. 2 OG], ZBJV 1999 , S. 546 ). MERZ teilt die Auffassung von BATZ, mit der Ausnahme, dass er nur bei einem nicht durch einen inländischen Anwalt Vertretenen eine Hinweispflicht der betrof- fenen Behörde bejaht ( MERZ, Basler Kommentar, 2. Aufl., Art. 42 BGG N. 35). Eine Differenzierung zwischen in - und ausländischen Anwälten – wie MERZ sie vornimmt - verdient keine Zustimmung; ausländische Anwäl- te, welche in der Schweiz prozessieren, müssen die gleichen Anforderu n- gen erfüllen wie Schweizer Anwälte. - 6 - Aus dem Urteil des Bundesgerichts BGE 5A_605/2010 vom 7. Okt o- ber 2010 geht hervor, dass das Bundesgericht im o bgenannten Verfahren einen Beschwerdeführer, welcher beim Bundesgericht Beschwerde per T e- lefax erhoben hat, auf die Unzulässigkeit von Telefaxeingaben und auf die Möglichkeit der Nachreichung einer zulässigen Beschwerde nach Art. 72 ff. BGG innerhalb der Beschwerdefrist aufmerksam gemacht hat. 3.3 Zusammenfassend ist in Bezug auf per Telefax eingereichte Einsprachen gegen Strafbefehle (Art. 354 StPO) festzuhalten, dass diese nicht rechtsgenüglich sind, da das Erfordernis der Schriftlichkeit nicht gewahrt wird. Die betroffene Staatsanwaltschaft ist jedoch bei per Telefax eing e- reichten Einsprachen gegen Strafbefehle verpflichtet, den Betroffenen u n- verzüglich auf den Formmangel hinzuweisen, falls eine formgültige Ei n- sprache während der 10 -tägigen Einsprachefrist noch erhoben werden kann. Ob solch eine Hinweispflicht seitens der Staatsanwaltschaft auch bei a n- waltlich Vertretenen besteht, kann vorliegend aus nachfolgenden Gründen offen gelassen werden: Unbestrittenermassen wurde der Beschwerdefü h- rer auf den Formmangel seiner Einsprache nicht hingewiesen, obschon die Beschwerdegegnerin zwei Tage vor Ablauf der Einsprachefrist mit der Rechtsanwältin des Beschwerdeführers das weitere Vorgehen besprochen hat. Durch ihr Verhalten (Eingehen auf die Einsprache) implizierte sie, dass sie die per Telefax eingereichte Einsprache als gültig erachte. Der Verfa h- rensmangel geht damit zu Lasten des strafverfolgenden Staates. Das Ve r- halten der Beschwerdegegnerin rechtfertigt die Annahme von besonderen Umständen im Sinne der oben zi tierten Rechtsprechung, was zur Folge hat, dass die per Telefax eingereichte Einsprache des Beschwerdeführers vorliegend als gültig anzusehen ist. Als Rechtsfolge hätte auch eine Wi e- derherstellung der Einsprachefrist in Betracht gezogen werden können, j e- doch ist aus Gründen der Prozessökon omie der vorliegenden Lösung den Vorzug zu geben. 3.4 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Die Verfügung vom 27. Februar 2013 ist aufzuheben, und die Angelegenheit ist zwecks Durc h- führung des Hauptverfahrens an die Vorinstanz zurückzuweisen. 4. 4.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens werden keine Gerichtskosten erhoben (Art. 428 Abs. 4 und 423 StPO). - 7 - 4.2 Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer eine Entschädigung seiner Aufwendungen für die angemessene Ausübung seiner Verfahrens- rechte auszurichten (Art. 436 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO). Da die Rechtsanwältin des Beschwerdeführers mit ihrer letzten Ein- gabe keine Kostennote einreichte, wird die Entschädigung vorliegend e r- messensweise auf Fr. 500.-- (inkl. Auslagen; keine MwSt.) festgesetzt (Art. 10 und 12 Abs. 2 des Reglements des Bundesstrafgerichts vom 31. August 2010 über die Kosten, Gebühren und Entschädigungen in Bu n- desstrafverfahren [BStKR, SR 173.713.162]; Art. 1 Abs. 2 lit. a und Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 12. Juni 2009 über die Mehrwertsteuer [Mehrwertsteuergesetz, MWSTG; SR 641.20]). - 8 - Demnach erkennt die Beschwerdekammer: 1. Die Beschwerde wird gutgehei ssen. Die angefochtene Verfügung wird au f- gehoben und im Sinne der Erwägungen an die Strafkammer zurückgewi e- sen. 2. Es werden keine Gerichtsgebühren erhoben. 3. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer eine Parteientschäd i- gung in der Höhe von Fr. 500.-- zu entrichten (inkl. Auslagen; keine MwSt.). Bellinzona, 13. August 2013 Im Namen der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts Der Präsident: Der Gerichtsschreiber: Zustellung an - Rechtsanwältin Ruth Baumeister - Bundesstrafgericht, Strafkammer - Bundesanwaltschaft Rechtsmittelbelehrung Gegen diesen Entscheid ist kein ordentliches Rechtsmittel gegeben.