<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <div class="para"> </div> <div class="para">Bundesgericht </div> <div class="para">Tribunal fédéral </div> <div class="para">Tribunale federale </div> <div class="para">Tribunal federal </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <img height="74" src="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/displayimage.php?id=2022-12-27-1B_462-2022.1&amp;type=gif" width="95"/> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1B_462/2022</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Urteil vom 27. Dezember 2022</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>I. öffentlich-rechtliche Abteilung</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Besetzung </div> <div class="para">Bundesrichterin Jametti, präsidierendes Mitglied, </div> <div class="para">Bundesrichter Haag, Müller, </div> <div class="para">Gerichtsschreiber Schurtenberger. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Verfahrensbeteiligte </div> <div class="para">Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich, Güterstrasse 33, Postfach, 8010 Zürich, </div> <div class="para">Beschwerdeführerin, </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <i>gegen</i> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">A.________, </div> <div class="para">Beschwerdegegnerin, </div> <div class="para">vertreten durch Rechtsanwalt Simon Brun, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">B.________, p.A. Staatsanwaltschaft II Kanton Zürich, Schwerpunktkriminalität, Güterstrasse 33, </div> <div class="para">Postfach, 8010 Zürich. </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Gegenstand </div> <div class="para">Strafverfahren; Ausstand, </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Beschwerde gegen den Beschluss des Obergerichts des Kantons Zürich, III. Strafkammer, vom 23. August 2022 (UA220020). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Sachverhalt:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>A.</b> </div> <div class="para">Die Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich (nachfolgend Staatsanwaltschaft) führt eine Strafuntersuchung gegen A.________ wegen banden- und gewerbsmässigen Drogenhandels, Beteiligung an einer kriminellen Organisation, schwerer Geldwäscherei, mehrfacher Urkundenfälschung und weiterer Delikte. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>B.</b> </div> <div class="para">Am 23. März 2022 stellte A.________ (nachfolgend Beschwerdegegnerin) ein Ausstandsgesuch gegen den fallführenden Staatsanwalt, in welchem sie diesem schwere Verfahrensfehler und Verletzungen seiner Amtspflichten zur Last legte. Mit Beschluss vom 23. August 2022 hiess das Obergericht des Kantons Zürich, III. Strafkammer (nachfolgend Vorinstanz) das Ausstandsgesuch gut. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>C.</b> </div> <div class="para">Dagegen erhebt die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich (nachfolgend Beschwerdeführerin) beim Bundesgericht mit Eingabe vom 6. September 2022 Beschwerde in Strafsachen. Sie beantragt die Aufhebung des angefochtenen Entscheids und die Abweisung des Ausstandsgesuchs. Eventualiter sei die Sache zum neuen Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen. Weiter beantragte sie in prozessualer Hinsicht unter anderem, ihrer Beschwerde in dem Sinne aufschiebende Wirkung zu erteilen, als dass die bisher unter Mitwirkung des fallführenden Staatsanwalts erhobenen Beweismittel für die Dauer des bundesgerichtlichen Verfahrens ihre Gültigkeit behalten sollen und nicht aus den Akten entfernt werden müssen. </div> <div class="para">Die Vorinstanz hat auf eine Stellungnahme zum Gesuch um vorsorgliche Massnahmen und um aufschiebende Wirkung verzichtet. Die Beschwerdegegnerin hat mit Eingabe vom 20. September 2022 beantragt, auf das Gesuch um vorsorgliche Massnahmen und das Gesuch um aufschiebende Wirkung sei nicht einzutreten, eventualiter seien die Gesuche abzuweisen. Am 22. September 2022 reichte die Beschwerdeführerin eine ergänzte Beschwerdeschrift ein. Mit Verfügung vom 27. September 2022 hat das Bundesgericht der Beschwerde antragsgemäss die aufschiebende Wirkung zuerkannt. Die Vorinstanz hat mit Eingabe vom 6. Oktober 2022 eine Vernehmlassung eingereicht. Die Beschwerdegegnerin hat auf eine Stellungnahme zur Beschwerde verzichtet und unter Verweisung auf den angefochtenen Entscheid die Abweisung der Beschwerde beantragt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>Erwägungen:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.</b> </div> <div class="para">Angefochten ist ein selbstständig eröffneter Zwischenentscheid über ein Ausstandsbegehren im Rahmen eines Strafverfahrens. Dagegen steht die (direkte) Beschwerde in Strafsachen an das Bundesgericht nach <span class="artref">Art. 78 ff. BGG</span> grundsätzlich offen (<span class="artref">Art. 78 Abs. 1 BGG</span>; <span class="artref">Art. 59 Abs. 1 StPO</span> i.V.m. <span class="artref">Art. 80 BGG</span>; <span class="artref">Art. 92 Abs. 1 BGG</span>). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.</b> </div> <div class="para">Zur Beschwerde in Strafsachen ist berechtigt, wer ein rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung des angefochtenen Entscheids hat (<span class="artref">Art. 81 Abs. 1 lit. b BGG</span>). Zwar wird in der nicht abschliessenden Aufzählung in <span class="artref">Art. 81 Abs. 1 lit. b BGG</span> unter anderem die Staatsanwaltschaft genannt (Ziff. 3). Diese Bestimmung verleiht jedoch nicht selbst das rechtlich geschützte Interesse, welches sie voraussetzt (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=12.12.2022&amp;to_date=31.12.2022&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F139-IV-121%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page121">BGE 139 IV 121</a> E. 4.2; Urteil 1B_526/2020 vom 4. Februar 2021 E. 1). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.1.</b> Das rechtlich geschützte Interesse der Staatsanwaltschaft (Art. 81 Abs. 1 lit. b Ziff. 3 BGG) leitet sich aus dem staatlichen Strafanspruch ab, den sie zu vertreten hat. Mithin ist die Staatsanwaltschaft im Verfahren vor Bundesgericht (unter allen Rechtstiteln nach <span class="artref"><artref id="CH/173.110/95" type="start"></artref>Art. 95-98 BGG</span><artref id="CH/173.110/98" type="end"></artref>) beschwerdebefugt, wenn es um die Durchsetzung des Strafanspruchs als solchen oder um damit zusammenhängende materiell- und prozessrechtliche Belange geht. Zwar sind diese Voraussetzungen und damit die materielle Beschwer der Staatsanwaltschaft in der Regel gegeben. Das rechtlich geschützte Interesse kann jedoch nicht pauschal bejaht, sondern muss im Einzelfall durch die beschwerdeführende Staatsanwaltschaft begründet werden, sofern es nicht offensichtlich gegeben ist (<span class="artref">Art. 42 Abs. 1 BGG</span>; zum Ganzen: <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=12.12.2022&amp;to_date=31.12.2022&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F148-IV-275%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page275">BGE 148 IV 275</a> E. 1 mit zahlreichen Hinweisen; vgl. auch Urteil 1B_526/2020 vom 4. Februar 2021 E. 1). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.2.</b> Das rechtliche geschützte Interesse der Staatsanwaltschaft an der Aufhebung des angefochtenen Entscheids ist vorliegend zumindest nicht offensichtlich. In grundsätzlicher Hinsicht ist fraglich, ob der Staatsanwaltschaft die Legitimation zur Anfechtung eines Entscheids, mit welchem eine Staatsanwältin oder ein Staatsanwalt in den Ausstand versetzt wird, nicht in genereller Weise abgesprochen werden muss (vgl. <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=12.12.2022&amp;to_date=31.12.2022&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F107-IA-266%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page266">BGE 107 Ia 266</a>), jedenfalls solange gleichzeitig weder allfällige Disziplinarmassnahmen gegen die fehlbare Staatsanwältin resp. den fehlbaren Staatsanwalt (vgl. <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=12.12.2022&amp;to_date=31.12.2022&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F107-IA-266%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page266">BGE 107 Ia 266</a>) noch konkrete Beweisverwertungsverbote (vgl. Urteil 6B_215/2022 vom 25. August 2022 E. 1.4.3) zur Diskussion stehen. Diese Frage hat das Bundesgericht zwar früher schon aufgeworfen, sich aber damit bisher noch nicht vertieft auseinandergesetzt (vgl. Urteile 1B_526/2020 vom 4. Februar 2021 E. 1; 1B_22/2014 vom 24. Januar 2014 E. 1; wo die Frage jeweils offen gelassen wurde; siehe dagegen <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=3&amp;from_date=12.12.2022&amp;to_date=31.12.2022&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F107-IA-266%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page266">BGE 107 Ia 266</a>, dem allerdings noch das alte Recht zugrunde lag). Da, wie nachfolgend dargelegt wird, auf die Beschwerde ohnehin nicht eingetreten werden kann, braucht diese Frage auch vorliegend nicht entschieden zu werden. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.3.</b> Die Beschwerdeführerin bringt hinsichtlich ihrer Beschwerdelegitimation namentlich vor, die Gutheissung des Ausstandsbegehrens habe zur Folge, dass der grösste Teil der bisher erhobenen Beweismittel nicht verwertbar wäre und sehr viele Beweise erneut erhoben werden müssten. Dies würde zu einer grossen Verzögerung des Verfahrens führen, welches bereits kurz vor der Anklageerhebung stehe. Mithin hätten die Gutheissung des Ausstandsgesuches und der daraus resultierende Beweisverlust weitreichende Konsequenzen. Der angefochtene Entscheid schwäche die Justiz und verhindere eine effektive Strafverfolgung, weshalb sie über ein rechtlich geschütztes Interesse an der Beschwerdeführung verfüge. Zudem werde aus den Ausführungen deutlich, dass sich die Beschwerde nicht nur gegen die Ausstandspflicht des fallführenden Staatsanwalts, sondern letztlich gegen ein Beweisverwertungsverbot richte, welches aus dessen angeblicher Ausstandspflicht resultiere. Damit sei gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ein legitimationsbegründender Aufgabenbereich der Staatsanwaltschaft tangiert. </div> <div class="para">Die Beschwerdeführerin scheint zunächst zu verkennen, dass sich der angefochtene Entscheid gerade nicht zu konkreten Beweisverwertungsverboten äussert, zumal solche bloss eine allfällige indirekte Rechtsfolge des Entscheids darstellen können. Anders war die Situation im von ihr angeführten Urteil des Bundesgerichts 6B_215/2022 vom 25. August 2022, welches einzig ein Beweisverwertungsverbot zum Gegenstand hatte und bei welchem die Frage nach dem Ausstand, aufgrund der konkreten Verfahrenskonstellation, lediglich als Vorfrage zu behandeln war (vgl. Urteil 6B_215/2022 vom 25. August 2022 E. 1.4). Zudem ist darauf hinzuweisen, dass nach der gesetzlichen Konzeption ein (endgültiger) Beweisverlust infolge der Gutheissung eines Ausstandsgesuchs grundsätzlich ausgeschlossen ist (vgl. <span class="artref">Art. 60 Abs. 2 StPO</span>). </div> <div class="para">Die Beschwerdeführerin belässt es bei der unsubstanziierten Behauptung, der grösste Teil der bisher erhobenen Beweismittel sei aufgrund des angefochtenen Entscheids nicht verwertbar und müsse daher neu erhoben werden, was von der Beschwerdegegnerin ausdrücklich bestritten wird. Mit diesen pauschalen Ausführungen kommt die Beschwerdeführerin ihrer Obliegenheit, ihr rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhebung des angefochtenen Entscheids im Einzelfall darzulegen, nicht hinreichend nach (vgl. <span class="artref">Art. 42 Abs. 2 BGG</span>; Urteil 1B_526/2020 vom 4. Februar 2021 E. 1 in fine). </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.</b> </div> <div class="para">Nach dem Gesagten ist auf die Beschwerde nicht einzutreten. Bei diesem Verfahrensausgang sind keine Gerichtskosten zu erheben (<span class="artref"><artref id="CH/173.110/66/4" type="start"></artref><artref id="CH/173.110/66/1" type="start"></artref>Art. 66 Abs. 1 und 4 BGG</span><artref id="CH/173.110/66/4" type="end"></artref><artref id="CH/173.110/4" type="end"></artref>). Der anwaltlich vertretenen Beschwerdegegnerin ist eine angemessene Parteientschädigung zuzusprechen, wobei zu berücksichtigen ist, dass sie in der Hauptsache auf die Einreichung einer Stellungnahme verzichtet hat. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b> Demnach erkennt das Bundesgericht:</b> </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>1.</b> </div> <div class="para">Auf die Beschwerde wird nicht eingetreten. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>2.</b> </div> <div class="para">Es werden keine Gerichtskosten erhoben. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>3.</b> </div> <div class="para">Der Kanton Zürich hat der Beschwerdegegnerin eine Parteientschädigung von Fr. 500.-- zu bezahlen. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> <b>4.</b> </div> <div class="para">Dieses Urteil wird den Parteien, B.________ und dem Obergericht des Kantons Zürich, III. Strafkammer, schriftlich mitgeteilt. </div> <div class="para"> </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Lausanne, 27. Dezember 2022 </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Im Namen der I. öffentlich-rechtlichen Abteilung </div> <div class="para">des Schweizerischen Bundesgerichts </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Das präsidierende Mitglied: Jametti </div> <div class="para"> </div> <div class="para">Der Gerichtsschreiber: Schurtenberger </div> </div></body></html>