<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2007 7 S.39</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">39</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>B. Anwaltsrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>7</b></span> <span class="ft2"><b>§ 3 Abs. 1 lit. d AnwT, Art. 122 bis 124 ZGB; Anwaltsentschädigung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die Anwaltsentschädigung in Streitigkeiten betreffend Art. 122 bis 124</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ZGB richtet sich nach § 3 Abs. 1 lit. d AnwT</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Zivilkammer, vom 21. August</span><br/> <span class="ft3">2007, in Sachen H.H. gegen. R.H.-M.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <br/> <span class="ft5">9.2.</span><br/> <span class="ft5">9.2.1</span><br/> <span class="ft5">Wie die Beklagte zutreffend ausführt, bezeichnet das Bundesge-</span><br/> <span class="ft5">richt <i>im Zusammenhang mit der Zulässigkeit von Rechtsmitteln</i></span><br/> <span class="ft5">Verfahren betreffend Teilung der Austrittsleistung bzw. Entschädi-</span><br/> <span class="ft5">gung nach Art. 124 ZGB als Zivilsachen mit Vermögenswert (BGE</span><br/> <span class="ft5">5C.212/2004 Erw. 1; BGE 5C.159/2002 Erw. 1.1). Gleich hält es das</span><br/> <span class="ft5">Bundesgericht auch mit Verfahren, die den nachehelichen Unterhalts-</span><br/> <span class="ft5">anspruch betreffen (BGE 5C.49/2005 Erw. 1.1). Auch nach aargaui-</span><br/> <span class="ft5">schem Prozessrecht gelten Abänderungsklagen betreffend familien-</span><br/> <span class="ft5">rechtliche Unterhaltspflichten <i>im Zusammenhang mit der Frage der</i></span><br/> <span class="ft4"><i>sachlichen Zuständigkeit</i> als vermögensrechtliche Streitigkeiten</span><br/> <span class="ft5">(Bühler/Edelmann/Killer, Kommentar zur aargauischen Zivilprozess-</span><br/> <span class="ft5">ordnung, 2. A., Aarau/Frankfurt am Main/Salzburg 1998, N 7 Vorbe-</span><br/> <span class="ft5">merkungen zu §§ 10 - 22 ZPO). § 3 Abs. 1 lit. d AnwT legt nun aber</span><br/> <span class="ft4"><i>für den Bereich des Anwaltstarifs</i> ausdrücklich fest, dass ,,die</span><br/> <span class="ft5">Festsetzung familienrechtlicher Unterhalts- und Unterstützungsbei-</span><br/> <span class="ft5">träge (...) als nicht vermögensrechtliche Streitsache" gilt. Dabei</span><br/> <span class="ft5">präzisiert die nämliche Bestimmung wiederum klar, dass Verfahren</span><br/> <span class="ft5">über güterrechtliche Ansprüche bezüglich Anwaltstarif als</span><br/> <span class="ft5">vermögensrechtliche Streitsachen gelten. Der Anwaltstarif definiert</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">40</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">im Bereich des Familienrechts also die ,,vermögensrechtlichen Streit-</span><br/> <span class="ft5">sachen" autonom. Die Praxis behandelt denn auch Verfahren betref-</span><br/> <span class="ft5">fend Abänderung von Unterhaltsbeiträgen bei der Anwendung des</span><br/> <span class="ft5">Anwaltstarifs folgerichtig als nicht vermögensrechtliche Streitsachen</span><br/> <span class="ft5">(AGVE 1992 S. 104 ff.).</span><br/> <span class="ft5">9.2.2.</span><br/> <span class="ft5">9.2.2.1.</span><br/> <span class="ft5">Die Botschaft des Regierungsrates an den Grossen Rat vom</span><br/> <span class="ft5">7. September 1987 zum Anwaltstarif enthält zu § 3 Abs. 1 lit. d</span><br/> <span class="ft5">AnwT unter anderem folgende Erläuterung:</span><br/> <br/> <span class="ft6">" Für nicht vermögensrechtliche Streitsachen ist ein Grundsatzrahmen</span><br/> <span class="ft6">vorgesehen, da sich in diesem Bereich keine allgemeinen objektiven</span><br/> <span class="ft6">Anhaltspunkte für eine Differenzierung finden lassen. Als nicht ver-</span><br/> <span class="ft6">mögensrechtliche Streitigkeit wird nun neu, allgemein und aus-</span><br/> <span class="ft6">nahmslos auch die Festsetzung familienrechtlicher Unterhalts- und</span><br/> <span class="ft6">Unterstützungsbeiträge erklärt (dem Grundsatz nach galt diese Re-</span><br/> <span class="ft6">gelung schon im geltenden Recht, doch konnten Streitwertzuschläge</span><br/> <span class="ft6">ausnahmsweise gewährt werden, wenn ganz besondere Umstände</span><br/> <span class="ft6">des Einzelfalles dies rechtfertigten) (vgl. Kreisschreiben des Ober-</span><br/> <span class="ft6">gerichts vom 23.11.1956 in AGVE 1957, S. 166). Mit dieser klaren</span><br/> <span class="ft6">Regelung wird verschiedenen Anregungen aus dem Vernehmlas-</span><br/> <span class="ft6">sungsverfahren Rechnung getragen. In güterrechtlichen Streitigkei-</span><br/> <span class="ft6">ten bleiben indessen wie bisher Streitwertzuschläge zulässig."</span><br/> <br/> <span class="ft5">§ 3 Abs. 1 lit. d AnwT wurde auf Anregung der Konferenz der</span><br/> <span class="ft5">Aargauischen Gerichtspräsidenten in ihrer Vernehmlassung vom</span><br/> <span class="ft5">20. März 1987 in die Gesetzesvorlage aufgenommen. Es war darin</span><br/> <span class="ft5">Folgendes ausgeführt:</span><br/> <br/> <span class="ft6">,, In der Praxis sind die Ehescheidungsverfahren die weitaus häufigsten</span><br/> <span class="ft6">Zivilsachen. Gerade für diese Verfahren enthält der Entwurf indessen</span><br/> <span class="ft6">keine Regelung darüber, wie das Grundhonorar zu bemessen sei. Es</span><br/> <span class="ft6">wird nicht gesagt, ob beispielsweise die Unterhaltsbeiträge zu kapita-</span><br/> <span class="ft6">lisieren und dann als ,Streitwert' zu betrachten seien, ob güterrechtli-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">41</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">che Ansprüche ebenfalls mit dem vollen Betrag als Streitwert einzu-</span><br/> <span class="ft6">setzen seien usw.</span><br/> <span class="ft6">Im geltenden Recht ist die Frage mindestens einigermassen geregelt.</span><br/> <span class="ft6">So hat das Gesamtobergericht in einem Kreisschreiben vom 23. No-</span><br/> <span class="ft6">vember 1956 (AGVE 1957, 166) festgehalten, Kinderrenten seien</span><br/> <span class="ft6">keine ,vermögensrechtlichen Nebenfolgen' im Sinn von § 16 Abs. 2</span><br/> <span class="ft6">Satz 2 AnwT. Hingegen könne für solche Renten in analoger Anwen-</span><br/> <span class="ft6">dung von § 16 Abs. 2 Satz 1 AnwT ein Streitwertzuschlag gewährt</span><br/> <span class="ft6">und nach Billigkeit bemessen werden, wenn es in einem bestimmten</span><br/> <span class="ft6">Fall vom Umfang der Streitsache und der Schwierigkeit dieser</span><br/> <span class="ft6">Rentenansprüche oder von den persönlichen Verhältnissen der Par-</span><br/> <span class="ft6">teien her gerechtfertigt erscheine.</span><br/> <span class="ft6">Hingegen hat das Obergericht im gleichen Kreisschreiben zu erken-</span><br/> <span class="ft6">nen gegeben, dass güterrechtliche Ansprüche im Sinne von Art. 154</span><br/> <span class="ft6">ZGB sehr wohl als ,vermögensrechtliche Nebenfolgen' gemäss § 16</span><br/> <span class="ft6">Abs. 2 AnwT zu verstehen seien.</span><br/> <span class="ft6">Bei Abänderungsverfahern im Sinne von Art. 157 ZGB hält das</span><br/> <span class="ft6">Obergericht für Rentenansprüche - insbesondere auch Kinderren-</span><br/> <span class="ft6">ten-- einen vollen Streitwertzuschlag nach §§ 11 und 12 AnwT für</span><br/> <span class="ft6">zulässig. Massgebend sei der Barwert der ins Recht gesetzten Unter-</span><br/> <span class="ft6">haltsbeiträge (vgl. AGVE 1971, 69).</span><br/> <span class="ft6">Wünschbar wäre nun, dass mindestens in den Erläuterungen zum</span><br/> <span class="ft6">Dekretsentwurf festgehalten würde, wie weit Unterhaltsbeiträge (im</span><br/> <span class="ft6">Ehescheidungsverfahren wie auch im Abänderungsverfahren) sowie</span><br/> <span class="ft6">güterrechtliche Ansprüche im Ehescheidungsverfahren bei der Be-</span><br/> <span class="ft6">rechnung des Grundhonorars zu berücksichtigen seien. Andernfalls</span><br/> <span class="ft6">wäre es wohl Aufgabe des Obergerichts, hier möglichst bald nach In-</span><br/> <span class="ft6">krafttreten des neuen Anwaltstrarifes mit einem Kreisschreiben Klar-</span><br/> <span class="ft6">heit zu schaffen."</span><br/> <br/> <span class="ft5">Es lässt sich somit feststellen, dass § 3 Abs. 1 lit. d AnwT bei</span><br/> <span class="ft5">seiner Schaffung eine direkte Antwort dieses Dekrets auf die von den</span><br/> <span class="ft5">Gerichtspräsidenten aufgeworfenen Fragen darstellte. Die Fragestel-</span><br/> <span class="ft5">lung, welche Ausgangpunkt für die strittige Bestimmung war, geht</span><br/> <span class="ft5">davon aus, dass es zumindest unklar war, ob sich das Honorar hin-</span><br/> <span class="ft5">sichtlich Unterhalts- und Güterrechtsfolgen einer Ehescheidung nach</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">42</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Streitwert bemesse oder nicht. Die Tatsache, dass in § 3 Abs. 1 lit. d</span><br/> <span class="ft5">AnwT ausdrücklich gesagt wird, für güterrechtliche Ansprüche gäl-</span><br/> <span class="ft5">ten die lit. a und c, d.h. sie seien als vermögensrechtliche Streitsa-</span><br/> <span class="ft5">chen zu behandeln, zeigt, dass mit dieser Bestimmung nicht in erster</span><br/> <span class="ft5">Linie die Festsetzung familienrechtlicher Unterhalts- und Unterstüt-</span><br/> <span class="ft5">zungsbeiträge von den vermögensrechtlichen Streitsachen ausge-</span><br/> <span class="ft5">nommen werden sollten. Es lässt sich vielmehr die Auffassung ver-</span><br/> <span class="ft5">treten, mit dieser Bestimmung solle für familienrechtliche Verfahren,</span><br/> <span class="ft5">die grundsätzlich nicht vermögensrechtlicher Natur sind, definiert</span><br/> <span class="ft5">werden, welche vermögensrechtlichen Scheidungsfolgen im Rahmen</span><br/> <span class="ft5">des Anwaltstarifs zu einer Anwaltsentschädigung nach Streitwert</span><br/> <span class="ft5">berechtigten und welche nicht.</span><br/> <span class="ft5">9.2.2.2.</span><br/> <span class="ft5">Im Zeitpunkt des Erlasses des Anwaltstarifs (im Jahr 1987)</span><br/> <span class="ft5">wurden Vorsorgeansprüche der Eheleute, soweit die Zeit nach Auflö-</span><br/> <span class="ft5">sung der Ehe betroffen war, in Scheidungsverfahren einzig im Rah-</span><br/> <span class="ft5">men des scheidungsrechtlichen Entschädigungs- oder Unterhaltsan-</span><br/> <span class="ft5">spruchs gemäss aArt. 151 und 152 ZGB berücksichtigt (Walser, Bas-</span><br/> <span class="ft5">ler Kommentar, 3. A., 2006, N 1 zu Art. 122 ZGB). Die Frage, ob im</span><br/> <span class="ft5">Scheidungsverfahren beurteilte Ansprüche betreffend berufliche Vor-</span><br/> <span class="ft5">sorge gemäss Art. 122 ff. ZGB zu einer nach Streitwert bemessenen</span><br/> <span class="ft5">Anwaltentschädigung berechtigen, ist von § 3 Abs. 1 lit. d AnwT also</span><br/> <span class="ft5">nicht geregelt. Die Regelung im Anwaltstarif ist somit planwidrig un-</span><br/> <span class="ft5">vollständig bzw. aufgrund der Rechtsentwicklung unvollständig ge-</span><br/> <span class="ft5">worden, d.h. es liegt eine Rechtslücke vor (Honsell, Basler Kommen-</span><br/> <span class="ft5">tar, 3. A., 2006, N 27 zu Art. 1 ZGB). Das Gericht hat nach der Regel</span><br/> <span class="ft5">zu entscheiden, die es als Gesetzgeber aufstellen würde (Art. 1 Abs.</span><br/> <span class="ft5">2 ZGB). Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass familienrechtliche</span><br/> <span class="ft5">Streitigkeiten solche nicht vermögensrechtlicher Art sind. Der De-</span><br/> <span class="ft5">kretsgeber hat diese Qualifikation auch für die familienrechtlichen</span><br/> <span class="ft5">Unterhalts- und Unterstützungsbeiträge ausdrücklich festgeschrie-</span><br/> <span class="ft5">ben. Mit den entsprechenden aArt. 151 und 152 ZGB wurde ein brei-</span><br/> <span class="ft5">tes Feld von scheidungsbedingten Nachteilen geregelt. Insbesondere</span><br/> <span class="ft5">Vorsorgefragen wurden auch von diesen Regeln erfasst. Nachdem</span><br/> <span class="ft5">der Dekretsgeber von den Scheidungsfolgen ausdrücklich und spe-</span><br/> <span class="ft5">ziell die güterrechtlichen Ansprüche lit. a und c von § 3 Abs. 1 AnwT</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">43</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">unterstellt hat, ist davon auszugehen, dass er die nicht in diesen Be-</span><br/> <span class="ft5">reich, sondern in den Bereich der ,,familienrechtlichen Unterhalts-</span><br/> <span class="ft5">und Unterstützungsbeiträge" fallenden Vorsorgeansprüche ebenfalls</span><br/> <span class="ft5">als nicht vermögensrechtliche Streitsache bezeichnet hätte. Dies er-</span><br/> <span class="ft5">scheint auch unter folgendem Gesichtspunkt gerechtfertigt: Kommt</span><br/> <span class="ft5">zwischen den Parteien eines Scheidungsverfahrens betreffend die be-</span><br/> <span class="ft5">rufliche Vorsorge keine Vereinbarung zustande, so entscheidet das</span><br/> <span class="ft5">Gericht über das Verhältnis, in welchem die Austrittsleistungen zu</span><br/> <span class="ft5">teilen sind (Art. 142 Abs. 1 ZGB). Das Sozialversicherungsgericht</span><br/> <span class="ft5">legt dann fest, welcher Betrag per Saldo als Austrittsleistung wel-</span><br/> <span class="ft5">chem Ehegatten zusteht (Art. 142 Abs. 2 ZGB; Walser, a.a.O., N 6 zu</span><br/> <span class="ft5">Art. 142 ZGB). In Verfahren vor kantonalem Versicherungsgericht</span><br/> <span class="ft5">hat die obsiegende Partei zwar Anspruch auf Ersatz der Parteikosten.</span><br/> <span class="ft5">Diese werden vom Versicherungsgericht aber ohne Rücksicht auf den</span><br/> <span class="ft5">Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der</span><br/> <span class="ft5">Schwierigkeit des Prozesses bemessen und festgesetzt (Art. 61 lit. g</span><br/> <span class="ft5">ATSG; § 5 Abs. 1 AnwT). Unter Berücksichtigung dieser Regel und</span><br/> <span class="ft5">nachdem es sich von selbst versteht, dass die Festsetzung des</span><br/> <span class="ft5">Verhältnisses, in welchem die Austrittsleistungen den Ehegatten</span><br/> <span class="ft5">zustehen, kein Verfahren ist, das eine Anwaltsentschädigung nach</span><br/> <span class="ft5">Streitwert rechtfertigt, erschiene es nicht legitim, im Verfahren nach</span><br/> <span class="ft5">Art. 124 ZGB eine Parteientschädigung nach Streitwert zuzuspre-</span><br/> <span class="ft5">chen. Eine solche Regelung stünde nicht im Einklang mit den</span><br/> <span class="ft5">Intentionen des Dekretsgebers.</span><br/></div> </div> </body> </html>