Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 9. Februar 2012 (725 11 414 / 39) ____________________________________________________________________ Unfallversicherung Anwendbarkeit der invalidenversicherungsrechtlichen Rechtsprechung gemäss BGE 137 V 210 auf den Bereich der Unfallversicherung Besetzung Präsident Andreas Brunner, Kantonsrichterin El isabeth Berger Götz, Kantonsrichter Daniel Noll, Gerichtsschreiber Daniel Scheuner Parteien M.____ , Beschwerdeführerin, vertreten durch Markus Schmid, Rechtsanwalt, Lange Gasse 90, 4052 Basel gegen Basler Versicherung AG , Aeschengraben 21, Postfach, 4002 Basel, Beschwerdegegnerin, vertreten durch Dr. Manfred Bayerdörfer, Ad- vokat, Rathausstrasse 40/42, 4410 Liestal Betreff Rechtsverweigerung / Anordnung einer Begutach tung A. Die 1951 geborene M.____ klemmte sich am 30. August 2004 in einer Strassenbahntüre ihr linkes Knie ein und zog sich dabei eine Meniskusläsion und starke Prellungen zu. Die Basler Versicherung AG (Versicherung) erbrachte in der Folge d ie gesetzlichen Leistungen. Mit Schreiben vom 6. September 2011 teilte die Versicherung M.____, vertreten durch Markus Schmid, Rechtsanwalt, mit, dass sie zur Klärung der Fra ge, ob ein Endzustand erreicht sei und zur Prüfung der Rentenfrage eine orthopädische Beguta chtung bei Dr. med. X.____, FMH Or- Seite 2 thopädische Chirurgie, durchführen wolle. Am 19. Sept ember 2011 wandte sich M.____ an die Versicherung und erhob Einwände gegen die beabsichtigt e Begutachtung. Dabei wurde einer- seits geltend gemacht, dass Dr. X.____ nicht für die D urchführung der Begutachtung geeignet sei. Anderseits erfolgte der Hinweis, dass aufgrund des komplexen Beschwerdebildes nebst der orthopädischen auch eine neurologische Begutachtung indi ziert sei. Weiter wurde geltend ge- macht, dass die im Bereich der Invalidenversicherung einge leitete Rechtssprechung, wonach die Anordnung einer Begutachtung im Verwaltungsverfa hren mittels einer selbstständig an- fechtbaren Zwischenverfügung zu ergehen habe, auch für d en Bereich der obligatorischen Un- fallversicherung Anwendung zu finden habe. Dementsprech end wurde der Erlass einer ent- sprechenden Zwischenverfügung verlangt. Mit Schreiben vom 21. September 2011 teilte die Versicherung M.___ mit, dass die neue Rechtsprechung ni cht auf ausserhalb der Invalidenver- sicherung liegende Rechtsgebiete ausgeweitet werden könne und lehnte dementsprechend den Erlass einer Zwischenverfügung ab. Mit Eingabe vom 28. S eptember 2011 hielt die Versicherte an ihrem Standpunkt fest und schlug gleichzeitig Prof . Dr. med. Z.____, Chefarzt der Klinik für Orthopädische Chirurgie am Kantonsspital Y.____, als Gut achter vor. In einem weiteren Schreiben liess die Versicherung M.____ am 1. November 2 011 wissen, dass sie die Frist zur Einreichung allfälliger Ergänzungsfragen erstrecke und nach Ablauf der gesetzten Frist, einen Termin für die Begutachtung bei Dr. X.____ ansetzen werde. B. Am 14. November 2011 reichte M.____ beim Kantonsg ericht Basel-Landschaft, Abtei- lung Sozialversicherungsrecht (Kantonsgericht), eine Rechtsverweigerungsbeschwerde ein und beantragte, es sei die Versicherung zu verpflichten, über die Anordnung einer orthopädischen Begutachtung bei Dr. X.____ eine Verfügung zu erlassen. Weiter sei die Versicherung im Sinne einer vorsorglichen Massnahme anzuweisen, bis zum Abschluss des Rechtsverweigerungsver- fahrens weder eine Begutachtung anzusetzen noch das Mah n- und Bedenkzeitverfahren ge- genüber der Versicherten einzuleiten. C. Am 22. November 2011 reichte M.____ dem Gericht e in Schreiben der Versicherung vom 17. November 2011 ein, in welchem die Versicherte e rneut aufgefordert wurde, sich ent- weder am 13. oder am 15. Dezember 2011 von Dr. X.___ _ begutachten zu lassen. Gleichzeitig wurde die Versicherte darüber in Kenntnis gesetzt, dass für den Unterlassungsfall die Begut- achtung abgesagt und die Beurteilung der Frage des E ndzustandes und eines allfälligen Ren- tenanspruches aufgrund der bereits vorhandenen Akten er gehen werde. Mit Verfügung vom 25. November 2011 untersagte der Instruktionsrichter de s Kantonsgerichts der Versicherung superprovisorisch die Anordnung von Begutachtungen und ho b allfällige zwischenzeitlich er- gangene Anordnungen einstweilen auf. Ebenfalls wurde der Versicherung superprovisorisch untersagt, das Mahn- und Bedenkzeitverfahren einzuleiten. D. Am 7. Dezember 2011 liess sich die Versicherung, mittl erweile vertreten durch Dr. Manfred Bayerdörfer, zur Rechtsverweigerungsbeschwerde vernehmen und beantragte de- ren Abweisung. Zur Begründung machte sie geltend, dass d er angesprochene Entscheid des Bundesgerichts eindeutig nur auf den Bereich der Invali denversicherung ausgerichtet sei. Auf die entsprechenden Ausführungen wird - soweit erforde rlich - in den nachstehenden Erwägun- gen einzugehen sein. Mit Eingabe vom 21. Dezember 2011 teilte die Versicherung mit, dass sie Seite 3 sich den vom Gericht superprovisorisch angeordneten Massnahm en nicht entgegen setzen werde. Mit Verfügung vom 2. Januar 2012 bestätigte de r Instruktionsrichter die mit Verfügung vom 25. November 2011 zunächst superprovisorisch angeordneten vorsorglichen Massnahmen für die Dauer des Verfahrens. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 56 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Al lgemeinen Teil des Sozialversi- cherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000, welcher laut A rt. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) vom 20. März 1981 auf die obligatorische Unfallversicherung anwendbar ist, kann Beschwerde erhoben werden, wenn de r Versicherungsträger entgegen dem Begehren der betroffenen Person keine Verfügung o der keinen Einspracheentscheid er- lässt. Das mit einer derartigen Rechtsverweigerungsbesch werde verfolgte rechtlich geschützte Interesse besteht darin, einen an eine gerichtliche B eschwerdeinstanz weiterziehbaren Ent- scheid zu erhalten. Streitgegenstand des Beschwerdeverfa hrens ist deshalb allein die Prüfung der beanstandeten Rechtsverweigerung. Nicht zum Streitge genstand gehören dagegen die zu regelnden materiellen Rechte und Pflichten (vgl. Urte il des Bundesgerichts vom 12. März 2008, 8C_23/2007 E. 1; SVR 2005 IV Nr. 26 E. 4.2 mit Hinweisen). 1.2 Nach der Rechtsprechung muss die Beschwerde führende P artei ein aktuelles und praktisches Interesse an der Überprüfung der Rügen habe n, welche von ihr erhoben worden sind, damit auf die Rechtsverweigerungsbeschwerde einge treten werden kann. Dieses Erfor- dernis soll sicherstellen, dass das Gericht konkrete und ni cht bloss theoretische Fragen ent- scheidet (vgl. BGE 125 I 397 E. 4a und 116 Ia 363 E. 2 a). Vorliegend möchte die Versicherung die Gesundheitssituation der Beschwerdeführerin gutacht erlich abklären lassen, damit sie über ihre weitere Leistungspflicht im Zusammenhang mit dem Unfallgeschehen vom 30. August 2004 entscheiden kann. Wäre sie vom Gericht nicht mittels An ordnung vorsorglicher Massnahmen gehindert worden, hätte sie - wie von ihr beabsichtig t und angekündigt - die Begutachtung bei Dr. X.____ bereits im Dezember 2011 veranlasst. Die Beschwerdeführerin wehrt sich gegen die Anordnung dieser Abklärungsmassnahme und stellt sich auf den Standpunkt, es bestehe im Zusammenhang mit der Gutachtensanordnung Anspruch auf Erlass einer selbstständig an- fechtbaren Zwischenverfügung. Unter den gegebenen Umstä nden kann sich die Beschwerde- führerin zweifelsohne auf ein aktuelles Rechtsschutzinteresse an der Klärung dieser Frage be- rufen, sodass auf die Rechtsverweigerungsbeschwerde einzutreten ist. 2. Das Bundesgericht hat in BGE 137 V 210 die Unabhän gigkeit der medizinischen Be- gutachtung durch MEDAS-Stellen im Verfahren der Invali denversicherung untersucht. Es hat dabei erkannt, dass die Beschaffung medizinischer Entscheidgrundlagen durch externe Gutach- tensinstitute wie die MEDAS in der Invalidenversicherung sowie deren Verwendung auch im Gerichtsverfahren an sich in Einklang mit den Bestimmunge n der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (BV) vom 18. April 1999 sowie der Europäischen Konven- tion zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheite n (EMRK) vom 4. November 1950 steht. Jedoch hat das Gericht latente Gefährdungen der Verfahrensgarantien festgestellt, die Seite 4 sich insbesondere aus dem Ertragspotential der MEDAS-Tätigkeit zuhanden der Invalidenversi- cherung ergeben und deshalb die Notwendigkeit der Impl ementierung von Korrektiven bejaht. Im Vordergrund steht dabei die Stärkung der Beteiligu ngsrechte der versicherten Personen. Dementsprechend besteht ein Korrektiv darin, dass nunmehr bei Uneinigkeit über die Begut- achtung die Expertise in Änderung der bisherigen Recht sprechung nach BGE 132 V 93 in je- dem Fall durch eine Zwischenverfügung anzuordnen ist, welche beim kantonalen Versiche- rungsgericht beziehungsweise beim Bundesverwaltungsgeri cht anfechtbar ist. Vorliegend stellt sich die Frage, ob und allenfalls inwieweit die neue R echtsprechung des Bundesgerichts auch für das unfallversicherungsrechtliche Verfahren Anwendun g finden soll. Sollte diese Frage be- jaht werden, wäre die vorliegende Rechtsverweigerungsbe schwerde gutzuheissen und die Un- fallversicherung gerichtlich aufzufordern, eine Zwischenver fügung betreffend die Begutachtung durch Dr. X.____ zu erlassen, da sich die Parteien - wi e eingangs dargelegt - nicht auf eine gemeinsame Gutachterperson haben einigen können. 3.1 Es ist zunächst darauf hinzuweisen, dass BGE 137 V 2 10 auf das Verfahren in der Invalidenversicherung mit ihren bereichsspezifischen Besonde rheiten ausgerichtet ist. Das Ur- teil kann somit keine unmittelbare und direkte Anwendun g für den Bereich der Unfallversiche- rung finden. Es ist somit zu fragen, ob und gegebene nfalls welche Urteilsaspekte verallgemei- nerungsfähig und somit auch in der Unfallversicherung a nwendbar sind. Invaliden- wie Unfall- versicherung verfügen über viele Gemeinsamkeiten, auf wel che nachfolgend einzugehen ist. Sowohl verwaltungsintern wie auch auf der Gerichtsebene gilt der Untersuchungsgrundsatz (vgl. Art. 43 Abs. 1 und Art. 61 lit. c ATSG). Ebenso sind die verfassungsrechtlich in Art. 29 ff. der BV verankerten und auf Gesetzesstufe festgeschriebenen Beteiligungsrechte zu beachten. Dabei handelt es sich namentlich um den Anspruch auf rec htliches Gehör (vgl. Art. 42 ATSG; BGE 132 V 368), die - vorliegend interessierende - Mit wirkung bei der gutachterlichen Abklä- rung des medizinischen Sachverhalts (vgl. Art. 44 ATSG) un d die Akteneinsicht (vgl. Art. 47 ATSG; SVR 2010 IV Nr. 14 E. 2.2 und 2.3; Urteil des Bundesgerichts vom 28. Oktober 2009, 8C_576/2009). Die Beteiligungsrechte müssen so ausgest altet sein, dass die in der BV und in der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrecht e und Grundfreiheiten (EMRK) vom 4. November 1950 enthaltenen Garantien des fairen Verfahrens (vgl. Art. 6 Ziff. 1 EMRK; Art. 29 Abs. 1 und 2 sowie Art. 30 Abs. 1 BV) insgesamt gewährleistet sind. Zu einem fairen Verfahren gehört ferner der Grundsatz der freien Bewe iswürdigung (für das Verwaltungsverfah- ren: Art. 55 ATSG in Verbindung mit Art. 19 des Bund esgesetzes über das Verwaltungsverfah- ren [VwVG] vom 20. Dezember 1968 und Art. 40 des Ges etzes über den Bundeszivilprozess (BZP) vom 4. Dezember 1947 sowie Art. 61 lit. c ATSG). 3.2 Ebenfalls Ausdruck der prozessualen Chancengleichheit u nd somit des Fairnessgebots ist die sogenannte Waffengleichheit der Parteien. Dam it angesprochen ist der Anspruch der versicherten Person, nicht in eine prozessuale Lage verset zt zu werden, aus der heraus sie keine vernünftige Chance hat, ihre Sache dem Gericht zu unterbreiten, ohne gegenüber der anderen Partei klar benachteiligt zu sein (vgl. BGE 13 5 V 465 E. 4.3.1). Dieses formale Prinzip ist schon dann verletzt, wenn eine Partei bevorteilt wird; nicht notwendig ist somit, dass die Ge- genpartei dadurch tatsächlich einen Nachteil erleidet . Das Gebot der Waffengleichheit gebietet aber keinen umfassenden Ausgleich verfahrensspezifischer Unterschiede in der Rollenvertei- Seite 5 lung. Im Verfahren um Leistungen der Sozialversicherung besteht ein relativ hohes Mass an Ungleicheit zugunsten der Verwaltung, indem einer ve rsicherten Person mit oftmals nur gerin- gen finanziellen Mitteln eine spezialisierte Fachverwalt ung mit erheblichen Ressourcen, beson- ders ausgebildeten Sachbearbeitern und juristischen und medizinischen Fachpersonen gegen- über steht (vgl. BGE 135 V 465 E. 4.3.1). 3.3 Das Bundesgericht hat in BGE 137 V 210 in Erwägung 2.1.4 festgehalten, dass das aus EMRK und BV abgeleitete Gebot des fairen Verfahrens im Verlauf des funktionellen Instan- zenzuges eingehalten werden muss. In diesem Sinne entfalte Art. 6 Ziff. 1 EMRK Vorwirkungen auf das Verwaltungsverfahren, welches der gerichtlichen In stanz vorgelagert ist. Die Beurtei- lung der Waffengleichheit und der Verfahrensfairness kann also nicht nach der Ausgestaltung einer Ebene (Administrativverfahren oder gerichtliches Beschwerdeverfahren) für sich alleine vorgenommen werden. Vielmehr ist eine Gesamtbeurteilu ng erforderlich. Dementsprechend spielt es hinsichtlich der Beurteilung der Frage, wie mi t Administrativgutachten im gerichtlichen Prozess im Lichte verfassungs- und konventionsrechtlicher Gehörs-, Beteiligungs- und Fair- nessanforderungen umzugehen ist, eine wichtige Rolle, ob und inwieweit diese Parteirechte im vorangegangenen Verwaltungsverfahren verwirklicht worden sind. 4.1 Wie bereits gesagt, hat das Bundesgericht namentlic h bei der medizinischen Begut- achtung in der Invalidenversicherung latent bestehende Gefährdungen der Verfahrensfairness festgestellt. Diese Sachlage lässt sich nicht ohne weit eres auf die Unfallversicherung übertra- gen. Das Bundesgericht hat für den Bereich der Invalidenversicherung namentlich in der für alle polydisziplinären MEDAS-Gutachten geltenden Honorarpausc hale die Gefahr eines Fehlanrei- zes in qualitativer Hinsicht erkannt. Im Gegensatz dazu we rden die von der Unfallversicherung beauftragten Gutachter nach Aufwand entschädigt. Es i st der Beschwerdegegnerin deshalb zuzustimmen, dass mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die spezifischen Verhältnisse im Be- reich des Abklärungsverfahrens in der Invalidenversicherung f ür die Ausdehnung der Partei- rechte im IV-Verfahren den Ausschlag für die neue Recht sprechung gegeben haben. Weiter ist zu berücksichtigen, dass im Bereich der Unfallversicherung zwi schen Verfügung und gerichtli- cher Beurteilung das Einspracheverfahren zwischen geschalte t ist, sodass ein mangelhaftes Gutachten grundsätzlich im Rahmen der Einsprache gerügt und gegebenenfalls korrigierend eingegriffen werden kann. Zudem lässt die Beschwerdegeg nerin zutreffend einwenden, dass eine gutachterliche Abklärung im Bereich der Invalidenversicherung in der Mehrheit der Fälle im Vorfeld der Beurteilung eines Leistungsanspruches ver anlasst wird. Demgegenüber wird im Bereich der Unfallversicherung meist erst im Hinblick auf den Fallabschluss und somit dem Übergang von Taggeldleistungen hin zum Rentenanspruch eine Begutachtung stattfinden, wenn sich abzeichnet, dass von einer Fortsetzung der He ilbehandlung keine wesentliche Bes- serung des Gesundheitszustandes mehr zu erwarten ist (vgl. Art. 19 Abs. 1 UVG). Während dieser Abklärung bezieht die versicherte Person in vielen Fällen weiterhin im bisherigen Umfang Taggelder. Aufgrund dieser Sachlage sieht die Beschwerdegegnerin die Gefahr eines gewissen Fehlanreizes, wenn das Abklärungsverfahren mit wenig aus sichtsreichen Beschwerden gegen die Begutachtungsanordnung verzögert und damit zugleich der Taggeldanspruch verlängert werden kann. Seite 6 4.2 Diesen Einwänden kann eine gewisse Berechtigung nich t abgesprochen werden. Auf der anderen Seite wird in BGE 137 V 210 zu bedenken gegeben, dass die Recht suchende ver- sicherte Person mangels ausreichender Fachkenntnisse nicht immer in der Lage ist, in formal korrekt abgefassten Gutachten objektiv-fachliche Mängel zu erfassen beziehungsweise zu er- kennen und diese damit auch in angemessener Art und W eise zu rügen. Diese höchstrichterli- che Erkenntnisse ist jedoch ohne weiteres auch auf den Bereich der Unfallversicherung zu übertragen. Die besondere Bedeutung der Verfahrensga rantien im Zusammenhang mit der Einholung und Würdigung medizinischer Gutachten ist dara n zu erkennen, dass diese Gutach- ten den Leistungsentscheid prägen, gerade weil sie au fgrund ihrer Fachspezifizität faktisch vor- entscheidenden Charakter haben. Das Bedürfnis nach eine r entsprechenden Sicherung durch geeignete Ausgestaltung des Verfahrens wird gemäss der neuesten bundesgerichtlichen Rechtsprechung durch die grosse Streubreite der Möglich keiten, einen gesundheitlichen Sach- verhalt zu beurteilen und die sich daraus ergebende geri nge Vorbestimmtheit der gutachterli- chen Ergebnisse, zusätzlich verstärkt. 5.1 In Art. 44 ATSG wird der Beizug externer Gutach ten im Verwaltungsverfahren unter der Marginalie "Gutachten" wie folgt geregelt: Muss de r Versicherungsträger zur Abklärung des Sachverhaltes ein Gutachten einer oder eines unabhängig en Sachverständigen einholen, so gibt er der Partei deren oder dessen Namen bekannt. Die versicherte Person kann den Gutach- ter oder die Gutachterin aus triftigen Gründen ableh nen und gegebenenfalls Gegenvorschläge machen. Die im ATSG sowie in den bereichsspezifischen Spe zialgesetzen nicht abschliessend geregelten Verfahrensbereiche bestimmen sich nach dem V wVG (vgl. Art. 55 Abs. 1 ATSG). Art. 19 VwVG verweist für das Beweisverfahren, soweit die s vorliegend von Interesse ist, auf die Art. 57 ff. BZP weiter. Nach Art. 57 Abs. 2 BZP gibt der Richter den Parteien Gelegenheit, sich zu den Fragen an Sachverständige, welche zur Aufklärun g des Sachverhalts beigezogen worden sind (vgl. Art. 57 Abs. 1 BZP), zu äussern und Ab änderungs- beziehungsweise Ergän- zungsanträge zu stellen. Für die Experten gelten die A usstandsgründe nach Art. 34 des Bun- desgesetzes über das Bundesgericht (BGG) vom 17. Juni 2005 sinngemäss. Dementsprechend erhalten die Parteien Gelegenheit, vor der Ernennung von Sachverständigen Einwendungen (gegen die in Aussicht genommenen Gutachter) vorzubring en (vgl. Art. 58 Abs. 1 und 2 BZP). Nach der Erstattung des Gutachtens erhalten die Parteien Gelegenheit, Erläuterung und Ergän- zung oder eine neue Begutachtung zu beantragen (vgl. Art. 60 Abs. 1 in fine BZP). 5.2 Nach der bisherigen Rechtsprechung handelte es sich bei der Anordnung einer Begut- achtung durch den Sozialversicherer um einen Realakt und nicht um eine Anordnung, welche nach Art. 49 Abs. 1 ATSG in Form einer Verfügung zu e rlassen gewesen wäre (vgl. BGE 132 V. 93 E. 5). War hingegen die Ausstandspflicht eines S achverständigen streitig, so musste die- se Frage aus Gründen der Einheitlichkeit des funktionell en Instanzenzuges durch eine selbst- ständig anfechtbare Zwischenverfügung entschieden werde n (vgl. Art. 45 Abs. 1 VwVG in Ver- bindung mit Art. 10 VwVG; Art. 36 Abs. 1 ATSG). Demg egenüber geht Art. 44 ATSG inhaltlich über die vorgenannten Bestimmungen hinaus, indem die versicherte Person den Gutachter "aus triftigen Gründen" ablehnen kann. Zu unterscheiden ist somit zwischen Einwendungen formeller und materieller Natur. Die gesetzlichen Au sstandsgründe zählen zu den Einwendun- gen formeller Natur, weil sie geeignet sind, Misstrauen in die Unparteilichkeit des Sachverstän- Seite 7 digen zu erwecken. Einwendungen materieller Natur be treffen dagegen nicht die Unparteilich- keit der Gutachterperson; sie sind vielmehr von der Sorge getragen, das Gutachten könnte mangelhaft oder jedenfalls nicht im Sinne der zu begut achtenden Person ausfallen. Derartige (materielle) Einwendungen - so unter anderem etwa be treffend die fehlende Sachkunde, die zutreffende medizinische Fachrichtung oder die Notwendig keit weiterer Abklärung - waren bis anhin in der Regel mit dem Entscheid in der Sache im Rahmen der Beweiswürdigung zu be- handeln. 5.3 In der vorliegenden Streitsache hat die Beschwerdef ührerin sowohl formelle wie mate- rielle Einwendungen gegen die Begutachtung erhoben. Laut der mit BGE 137 V 210 eingeleite- ten neuen, beziehungsweise präzisierten Rechtsprechung hat das Bundesgericht zusammen- fassend in grundsätzlicher Weise festgestellt, die Auslegu ng von Art. 44 ATSG gemäss bisheri- ger Praxis führe dazu, dass die Gewährleistung von Mitwir kungsrechten der versicherten Per- son im Zusammenhang mit der Erhebung des Beweismittels " medizinisches Gutachten" hinter den allgemeinen Standard im Verwaltungsverfahren zurü ckfällt. Diese Kernaussage ist fraglos verallgemeinerungsfähig und muss auch für den Bereich der Unfallversicherung Geltung haben. Das Abklärungsverfahren, in welchem sowohl in der Invalid enversicherung als auch in der Un- fallversicherung oft auf medizinische Gutachten zurückgegriffen wird, dient im Wesentlichen der Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit nach Art. 6 ATSG. Dabei handelt es sich um einen Rechts- begriff. Dessen Konkretisierung im Einzelfall erfolgt auf der Grundlage einer gesundheitlich- medizinischen Komponente. Die Festlegung der Arbeitsunfähigkeit kann weder tatsächlich noch rechtlich korrekt erfolgen, wenn und solange über die ge sundheitlichen Verhältnisse und Zu- sammenhänge keine Klarheit besteht. In ihrem medizinischen Aspekt betrifft die Arbeitsunfähig- keit demgemäss eine Tatfrage (vgl. BGE 132 V 393 E. 3. 2). Die Grundlage dieser Tatfrage, die ärztliche Einschätzung, kann, abhängig von der Gutachterpe rson und von den Umständen der Begutachtung, eine grosse Varianz aufweisen. Die ärztl iche Beurteilung trägt mit anderen Wor- ten - von der Natur der Sache her unausweichlich - Erme ssenszüge. Die Steuerungsfähigkeit des massgebenden materiellen Rechts ist somit notgedrunge n begrenzt. Je offener und unbe- stimmter die gesetzliche Grundlage in sich - oder wie hie r, aufgrund von Merkmalen ihres An- wendungsbereichs - ist, desto stärker muss der verfahrensr echtliche Schutz vor unrichtiger An- wendung des Rechtsbegriffes der Arbeitsunfähigkeit ausgestaltet sein. 5.4 Die das Recht anwendenden Behörden können faktische Festlegungen, die in medizi- nischen Administrativgutachten getroffen worden sind, man gels eigener Fachkenntnis oft nicht direkt überprüfen und gegebenenfalls korrigieren; eine Kontrolle ist im Wesentlichen nur mög- lich im Hinblick auf die Einhaltung formaler Erforder nisse (vgl. BGE 125 V 351 E. 3a) und dar- auf, ob die gutachterlichen Folgerungen schlüssig begrün det worden sind. Eine faire Abwick- lung in der Invalidenversicherung verlangt zunächst mit Bezug auf das Abklärungsverfahren vor der IV-Stelle, dass die im allgemeinen Verwaltungsverf ahren üblichen Befugnisse unter dem Titel der Garantie des rechtlichen Gehörs (vgl. Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 42 ATSG; BGE 135 V 465 E. 4.3.2) gewährleistet sind, was namentlich die Abnah me erheblicher Beweisanträge und die Mitwirkung an der Beweiserhebung selbst einschliesst. Di ese - zwar für den Bereich der Invali- denversicherung entschiedenen - Grundsätze sind ohne weiteres auch auf den Bereich der Un- fallversicherung zu übertragen. Seite 8 5.5 Bei der Umschreibung dessen, was in Form eines anfech tbaren Verwaltungsaktes an- geordnet werden soll, ist das streitlagenspezifische Rech tsschutzinteresse zu berücksichtigen (vgl. BGE 137 V 210, E. 3.4.2.4). Systemimmanent (vgl. dazu insbesondere BGE 136 V 376) besteht auch bei der Unfallversicherung kein Anspruch auf Einholung eines Gerichtsgutachtens. In vielen Fällen ist somit das Administrativgutachten zu gleich die massgebliche medizinische Entscheidgrundlage im Beschwerdeverfahren. In solchen Fä llen kommen die Garantien zu- gunsten der privaten Partei, welche bei der Beweiseinho lung durch ein Gericht vorgesehen sind, im gesamten Verfahren nicht zum Tragen. Um dieses M anko wirksam auszugleichen, müssen die gewährleisteten Mitwirkungsrechte durchsetzbar sein, bevor die beschriebenen präjudizierenden Effekte eintreten. Darum hat das Bund esgericht die Rechtsprechung, wonach für die Anordnung einer Begutachtung eine einfache Mitteilung genügt, mit BGE 137 V 210 auf- gegeben. Gleichzeitig ist festzustellen, dass für das Bund esgericht das Bestreben um eine ein- vernehmliche Gutachtensanordnung im Vordergrund steht. E s liegt demnach in der beiderseiti- gen Verantwortung von IV-Stelle und versicherter Pers on, vermeidbare Verfahrensweiterungen abzuwenden. Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang auch , dass eine Begutachtung, wel- che auf dem Einverständnis der beteiligten Parteien gr ündet, zu tragfähigeren Beweisergebnis- sen führt, die zudem bei den versicherten Personen auf bessere Akzeptanz stossen werden. 6. Zusammenfassend ergibt sich demnach was folgt: Zwar ha t das Bundesgericht seine Praxisänderung im Zusammenhang mit einem die Invalidenve rsicherung betreffenden Verfah- ren eingeleitet. Die vorgenannten Grundsätze hinsichtlich der Beteiligungsrechte der versicher- ten Personen betreffen ohne Zweifel auch den Bereich der Unfallversicherung. Die vom Bun- desgericht vorgenommene Praxisänderung, wonach bei fehle ndem Konsens der Parteien die Anordnung zur Durchführung beziehungsweise Einholung ei ner Expertise in der Form einer anfechtbaren Zwischenverfügung zu ergehen hat, beansprucht demnach auch für die Unfallver- sicherung Geltung. Zwar haben die Unfallversicherungen keine derart weitreichenden Vereinba- rungen mit den Begutachtungsstellen wie dies im Bereich der Invalidenversicherung mit den MEDAS der Fall ist. Jedoch zeigt die Praxis, dass auch d ie Unfallversicherer sich jeweils an die von ihnen bevorzugten Gutachter halten, woraus sich auch eine gewisse wirtschaftliche Abhän- gigkeit der beauftragten Gutachter ableiten lässt. Das Bundesgericht hat sich zwar in BGE 137 V 210 mit der Thematik der - in der Regel polydiszipli nären - MEDAS-Gutachten auseinander- gesetzt. Aus dem Urteil lässt sich aber, entgegen der An sicht der Beschwerdegegnerin, nicht folgern, dass die eingeleitete Praxisänderung nicht auf monodisziplinäre Gutachten Anwendung finden soll. Im Vordergrund der höchstrichterlichen Übe rlegungen steht vielmehr die Frage der Verfahrensfairness in Bezug auf die erst spät im Verw altungsverfahren einsetzenden Mitwir- kungsrechte der versicherten Personen vor dem Hintergrund der stark präjudizierenden Wir- kung der Ergebnisse ärztlicher Begutachtungen. Der von de r Beschwerdegegnerin angespro- chenen Gefahr, dass sich mit der Anfechtung der Gutachte nsanordnung in wenig aussichtsrei- chen Fällen eine Perpetuierung der Taggeldzahlungen e rreichen lässt, kann mit einer beförder- lichen Behandlung gegen Gutachtensverfügungen gerichte ter Beschwerden zweckmässig be- gegnet werden. Die Beschwerde erweist sich somit als begründet, weshalb sie gutzuheissen ist. Demgemäss hat die Beschwerdegegnerin gegenüber der Versi cherten über die Durchführung einer Exploration bei Dr. X.____ eine anfechtbare Zwischenverfügung zu erlassen. Den Katalog Seite 9 der Expertenfragen hat sie der Beschwerdeführerin bere its zur Stellungnahme unterbreitet und sich gleichzeitig auch bereit erklärt, die Ergänzungsfrag en dem Gutachter ebenfalls zu übermit- teln, sodass sich diesbezüglich Weiterungen erübrigen. 7.1 Gemäss Art. 61 lit. a ATSG sind für das vorliegende Verfahren keine ordentlichen Kos- ten zu erheben. 7.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person An- spruch auf angemessenen Ersatz ihrer Parteikosten. Nachdem die Beschwerdeführerin obsiegt, hat sie Anspruch auf eine Parteientschädigung. Der vom Rechtsvertreter in dessen Honorarno- te vom 16. Januar 2012 geltend gemachte Aufwand von 5,5 0 Stunden ist angemessen. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin demgemäss eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1'550.15 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Seite 10 Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen und die Beschw erdegegnerin an- gewiesen, die allfällige Begutachtung bei Dr. X.___ _, FMH Orthopädi- sche Chirurgie, in Form einer anfechtbaren Verfügung anzuordnen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin e ine Parteient- schädigung in der Höhe von Fr. 1'550.15 (inkl. Auslagen und 8 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Gegen diesen Entscheid wurde von der Basler Versicherung AG am 14. Juni 2012 Beschwerde beim Bundesgericht (vgl. nach Vorliegen des Urteils: Verfahren-Nr. 8C_490/2012 ) erhoben. http://www.bl.ch/kantonsgericht