<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 49 S.275</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">275</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft3"><b>49</b></span> <span class="ft3"><b>Disziplinarverfahren; Doppelfunktion als Rechtsanwalt des Mandanten</b></span><br/> <span class="ft3"><b>und Verwaltungsratspräsident des Prozessfinanzierers.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Örtliche Zuständigkeit des Kantons Aargau als Registerkanton</b></span><br/> <span class="ft3"><b>(Erw. I/2).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Unabhängigkeit gemäss Art. 12 lit. b BGFA (Erw. 2).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Kein verbotener Interessenkonflikt gemäss Art. 12 lit. c BGFA im</b></span><br/> <span class="ft3"><b>konkreten Fall (Erw. 3).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Verletzung von Art. 12 lit. e BGFA (Erw. 4)</b></span><br/> <br/> <span class="ft6">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 13. Mai 2008 in Sachen X.</span><br/> <span class="ft6">gegen die Anwaltskommission (WBE.2006.407).</span><br/> <br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft8">I.</span><br/> <span class="ft8">1. (...)</span><br/> <span class="ft8">2.</span><br/> <span class="ft8">2.1.</span><br/> <span class="ft8">Der Beschwerdeführer bringt in seiner Stellungnahme vom</span><br/> <span class="ft8">26. März 2007 vor, die Vorinstanz hätte auf die vorliegende Beurtei-</span><br/> <span class="ft8">lung aufgrund mangelnder örtlicher Zuständigkeit nicht eintreten</span><br/> <span class="ft8">dürfen. Der Aargau als Registerkanton wäre vorliegend nur zu einer</span><br/> <span class="ft8">disziplinarischen Beurteilung befugt, wenn es um einen Vorfall gin-</span><br/> <span class="ft8">ge, welcher sich vor einer eidgenössischen Verwaltungs- oder Ge-</span><br/> <span class="ft8">richtsbehörde zugetragen hätte und eine entsprechende Meldung er-</span><br/> <span class="ft8">folgt wäre. In diesem Fall gehe es indes unbestrittenermassen um</span><br/> <span class="ft8">eine Tätigkeit ausserhalb des Anwaltsmonopols, welche zudem vor</span><br/> <span class="ft8">keiner Gerichts- oder Verwaltungsbehörde stattgefunden habe. Im</span><br/> <span class="ft8">vorliegenden Fall liege die ausschliessliche Kompetenz zur diszipli-</span><br/> <span class="ft8">narischen Massregelung des beschwerdeführerischen Verhaltens</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">276</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">beim Kanton Zürich. Dieser habe nach summarischer (inhaltlicher)</span><br/> <span class="ft8">Würdigung und aus formellen Gründen die Notwendigkeit der Eröff-</span><br/> <span class="ft8">nung eines Verfahrens verneint. Eine Akkreszenz disziplinarischer</span><br/> <span class="ft8">Befugnisse bei der Vorinstanz habe nach der Ordnung des BGFA da-</span><br/> <span class="ft8">durch nicht stattgefunden, weshalb sie auf die Beurteilung nicht hätte</span><br/> <span class="ft8">eintreten dürfen.</span><br/> <span class="ft8">2.2.</span><br/> <span class="ft8">Jeder Kanton bezeichnet gemäss Art. 14 BGFA eine Behörde,</span><br/> <span class="ft8">welche die Anwältinnen und Anwälte beaufsichtigt, die auf seinem</span><br/> <span class="ft8">Gebiet Parteien vor Gerichtsbehörden vertreten. Die Aufsicht dieser</span><br/> <span class="ft8">Behörde erstreckt sich, wie die Anwaltskommission richtig aus-</span><br/> <span class="ft8">führte, auf die gesamte Anwaltstätigkeit und beschränkt sich nicht</span><br/> <span class="ft8">auf Tätigkeiten im Rahmen des kantonalen Anwaltsmonopols (Bot-</span><br/> <span class="ft8">schaft zum Bundesgesetz über die Freizügigkeit der Anwältinnen und</span><br/> <span class="ft8">Anwälte vom 28. April 1999 [Botschaft BGFA], in: BBl 1999 IV</span><br/> <span class="ft8">6059). Den Ausführungen des Beschwerdeführers kann nicht gefolgt</span><br/> <span class="ft8">werden. Bei Tätigkeiten ausserhalb des Registerkantons ist die Auf-</span><br/> <span class="ft8">sichtsbehörde des Registerkantons nicht lediglich für Vorfälle vor</span><br/> <span class="ft8">eidgenössischen Gerichts- und Verwaltungsbehörden zuständig. Bei</span><br/> <span class="ft8">der Zuständigkeit von kantonalen Aufsichtsbehörden müssen die aus-</span><br/> <span class="ft8">schliessliche und die konkurrenzierende Zuständigkeit unterschieden</span><br/> <span class="ft8">werden. Beim zuvor genannten Fall (Vorfälle vor eidgenössischen</span><br/> <span class="ft8">Gerichts- und Verwaltungsbehörden) handelt es sich um eine aus-</span><br/> <span class="ft8">schliessliche Zuständigkeit der Aufsichtsbehörde des Registerkann-</span><br/> <span class="ft8">tons (Art. 15 Abs. 2 BGFA; Tomas Poledna, in: Walter Fellmann /</span><br/> <span class="ft8">Gaudenz Zindel [Hrsg.], Kommentar zum Anwaltsgesetz, Zürich /</span><br/> <span class="ft8">Basel / Genf 2005, Art. 16 N 2). Bei anderen Tätigkeiten ausserhalb</span><br/> <span class="ft8">des Registerkantons besteht eine Zuständigkeit der Aufsichtsbehör-</span><br/> <span class="ft8">den des Registerkantons. Diese Zuständigkeit kommt zum Tragen,</span><br/> <span class="ft8">wenn die Aufsichtsbehörde des Kantons, in welcher die Tätigkeit</span><br/> <span class="ft8">ausgeführt wird, auf die Einleitung eines Verfahrens verzichtet, d.h.</span><br/> <span class="ft8">kein Verfahren eröffnet (vgl. Poledna, a.a.O., Art. 16 N 2 und 4).</span><br/> <span class="ft8">Art. 16 BGFA kommt nur zum Zuge, wenn ein Disziplinarverfahren</span><br/> <span class="ft8">eröffnet wurde.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">277</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">2.3.</span><br/> <span class="ft8">Weder die Aufsichtskommission über die Anwältinnen und An-</span><br/> <span class="ft8">wälte des Kantons Zürich noch die Anwaltskommission des Kantons</span><br/> <span class="ft8">Schwyz haben ein Verfahren eröffnet bzw. auf die Einleitung eines</span><br/> <span class="ft8">Verfahrens verzichtet. Die Aufsichtskommission über die Anwältin-</span><br/> <span class="ft8">nen und Anwälte des Kantons Zürich hätte, auch wenn keine Tätig-</span><br/> <span class="ft8">keit vor einer Gerichts- oder Verwaltungsbehörde zur Diskussion</span><br/> <span class="ft8">stand, ein Disziplinarverfahren gegen den Beschwerdeführer einlei-</span><br/> <span class="ft8">ten können, da sich die Aufsicht - wie zuvor aufgezeigt - nicht auf</span><br/> <span class="ft8">Tätigkeiten im Rahmen des kantonalen Anwaltsmonopols be-</span><br/> <span class="ft8">schränkt. Nach deren Verzicht stand es jedoch der Anwaltskommis-</span><br/> <span class="ft8">sion des Kantons Aargau frei, bei anderer Einschätzung der Sachlage</span><br/> <span class="ft8">ein Disziplinarverfahren einzuleiten (vgl. Poledna, a.a.O., Art. 16 N 4</span><br/> <span class="ft8">a.E.). Die örtliche Zuständigkeit der Anwaltskommission des Kann-</span><br/> <span class="ft8">tons Aargau war daher gegeben.</span><br/> <span class="ft8">II.</span><br/> <span class="ft8">1. (...)</span><br/> <span class="ft8">2.</span><br/> <span class="ft8">Die mit dem angefochtenen Entscheid ausgesprochene Diszi-</span><br/> <span class="ft8">plinierung beruht auf dem Vorwurf, der Beschwerdeführer habe u.a.</span><br/> <span class="ft8">Art. 12 lit. b BGFA (Unabhängigkeit der Berufsausübung) verletzt,</span><br/> <span class="ft8">indem er eine Doppelfunktion als Rechtsanwalt des Mandanten und</span><br/> <span class="ft8">Verwaltungsratspräsident des Prozessfinanzierers eingenommen</span><br/> <span class="ft8">habe. Durch das Aushandeln der Konditionen des Prozessfinanzie-</span><br/> <span class="ft8">rungsvertrags sei der Beschwerdeführer nicht mehr unabhängig ge-</span><br/> <span class="ft8">wesen, weil er Diener zweier Herren gewesen sei.</span><br/> <span class="ft8">2.1.</span><br/> <span class="ft8">Anwältinnen und Anwälte üben ihren Beruf gemäss Art. 12</span><br/> <span class="ft8">lit. b BGFA unabhängig, in eigenem Namen und auf eigene Verant-</span><br/> <span class="ft8">wortung aus. Wie bereits die Anwaltskommission richtig ausführte,</span><br/> <span class="ft8">wird der Begriff der Unabhängigkeit in Art. 12 lit. b BGFA nicht nä-</span><br/> <span class="ft8">her definiert. Gemäss den Schweizerischen Standesregeln des</span><br/> <span class="ft8">Schweizerischen Anwaltsverbands (SAV), die beschränkt als Ausle-</span><br/> <span class="ft8">gungshilfe herangezogen werden können (vgl. BGE 130 II 270</span><br/> <span class="ft8">Erw. 3.1.3), bedingt die Unabhängigkeit insbesondere, dass keine</span><br/> <span class="ft8">Bindungen bestehen, welche Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">278</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">bei der Berufsausübung irgendwelchem Einfluss von Dritten, die</span><br/> <span class="ft8">nicht in einem kantonalen Anwaltsregister eingetragen sind, ausset-</span><br/> <span class="ft8">zen (Art. 10 Abs. 2 der Standesregeln vom 10. Juni 2005). Die ein-</span><br/> <span class="ft8">zige gesetzliche Konkretisierung besteht in Art. 8 Abs. 1 lit. d BGFA,</span><br/> <span class="ft8">wonach Anwälte, die bei einer Person angestellt sind, die ihrerseits</span><br/> <span class="ft8">nicht in einem kantonalen Register eingetragen ist, ihren Beruf ver-</span><br/> <span class="ft8">mutungsweise nicht unabhängig ausüben können. Ausschlaggeben-</span><br/> <span class="ft8">des Kriterium für die gesetzliche Vermutung für das Fehlen der Un-</span><br/> <span class="ft8">abhängigkeit beim angestellten Anwalt ist das Subordinationsverhält-</span><br/> <span class="ft8">nis und die Weisungsgebundenheit im Anstellungsverhältnis (vgl.</span><br/> <span class="ft8">u.a. BGE 130 II 87 Erw. 4.3.3 mit Hinweisen; BGE vom 13. April</span><br/> <span class="ft8">2004 [2A.126/2003], Erw. 4.3). Die unabhängige Ausübung der An-</span><br/> <span class="ft8">waltstätigkeit soll gewährleisten, dass sich die Anwältinnen und An-</span><br/> <span class="ft8">wälte ausschliesslich von sachgemässen Überlegungen leiten lassen,</span><br/> <span class="ft8">nur dem eigenen Denken und Urteilen sowie den Berufspflichten fol-</span><br/> <span class="ft8">gen und frei bleiben von Einflüssen, die sachgemäss mit dem Mandat</span><br/> <span class="ft8">nicht zusammenhängen. Das Gebot der Unabhängigkeit verbietet den</span><br/> <span class="ft8">Anwälten daher, rechtliche oder tatsächliche Bindungen einzugehen,</span><br/> <span class="ft8">die die berufliche Unabhängigkeit gefährden (BGE 130 II 87 Erw. 4;</span><br/> <span class="ft8">Walter Fellmann, in: Kommentar zum Anwaltsgesetz, a.a.O., Art. 12</span><br/> <span class="ft8">N 56).</span><br/> <span class="ft8">2.2.</span><br/> <span class="ft8">Die Beurteilung der Unabhängigkeit eines Anwalts bei gleich-</span><br/> <span class="ft8">zeitiger Tätigkeit als Verwaltungsrat eines Unternehmens, insb. bei</span><br/> <span class="ft8">einem Prozessfinanzierunternehmen, wurde - soweit ersichtlich - in</span><br/> <span class="ft8">der Rechtsprechung nicht vertieft behandelt. Das Bundesgericht</span><br/> <span class="ft8">führte lediglich aus, es sei nicht ausgeschlossen, dass je nach konkre-</span><br/> <span class="ft8">ter Ausgestaltung eines Prozessfinanzierungssystems die anwaltliche</span><br/> <span class="ft8">Unabhängigkeit beeinträchtigt werde. Problematisch könnte sein,</span><br/> <span class="ft8">wenn Anwälte als Gesellschafter oder Verwaltungsräte an Prozessfi-</span><br/> <span class="ft8">nanzierungsgesellschaften beteiligt seien (BGE 131 I 223</span><br/> <span class="ft8">Erw. 4.6.4).</span><br/> <span class="ft8">Eine grundlegende oder "institutionelle" Abhängigkeit gemäss</span><br/> <span class="ft8">Art. 8 Abs. 1 lit. d BGFA steht im vorliegenden Verfahren nicht</span><br/> <span class="ft8">(mehr) zur Diskussion. Die Anwaltskommission hat von einer Über-</span><br/> <span class="ft8">prüfung des Registereintrags abgesehen, und Anhaltspunkte für ein</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">279</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">arbeitsvertragliches Verhältnis des Beschwerdeführers zur X. AG</span><br/> <span class="ft8">fehlen. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer Verwaltungsrats-</span><br/> <span class="ft8">präsident der X. AG war, begründet nicht automatisch eine Verlet-</span><br/> <span class="ft8">zung der Unabhängigkeitsregel in Art. 12 lit. b BGFA. Es ist viel-</span><br/> <span class="ft8">mehr zu prüfen, ob mit dem konkreten Prozessfinanzierungsvertrag</span><br/> <span class="ft8">oder aus den konkreten Umständen beim Abschluss des Vertrags die</span><br/> <span class="ft8">Unabhängigkeit des Beschwerdeführers nicht mehr zureichend ge-</span><br/> <span class="ft8">wahrt war.</span><br/> <span class="ft8">2.3.</span><br/> <span class="ft8">Aus dem Prozessfinanzierungsvertrag vom 15. März 2005 zwi-</span><br/> <span class="ft8">schen der Y. und der X. AG folgt unmittelbar keine Einflussnahme</span><br/> <span class="ft8">auf die Berufs- oder Mandatsausübung. Der Beschwerdeführer war</span><br/> <span class="ft8">gemäss Ziff. 5 des Prozessfinanzierungsvertrags der prozessführende</span><br/> <span class="ft8">Anwalt. Er unterstand für die Prozessführung auch keinem Wei-</span><br/> <span class="ft8">sungsrecht der X. AG noch hat sich Letztere eine direkte Einfluss-</span><br/> <span class="ft8">nahme auf die Art und Weise der Mandatsführung vorbehalten. Die</span><br/> <span class="ft8">in Ziff. 3 vorgesehene Möglichkeit zur Einstellung der Prozessfinan-</span><br/> <span class="ft8">zierung behält ausdrücklich die Neubeurteilung der Prozesschancen</span><br/> <span class="ft8">durch den Beschwerdeführer vor. Die Vereinbarungen bezüglich der</span><br/> <span class="ft8">Mitwirkung der X. AG bei Verfügungen über die Klageforderung</span><br/> <span class="ft8">(Ziff. 4 der Vereinbarung) und über die Informationsrechte (Ziff. 5)</span><br/> <span class="ft8">tangieren die anwaltliche Unabhängigkeit des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft8">ebenfalls nicht. Sie bewegen sich im Rahmen der üblichen Abma-</span><br/> <span class="ft8">chungen bei Finanzierungsvereinbarungen, die auch im Verhältnis zu</span><br/> <span class="ft8">Rechtsschutz- und Haftpflichtversicherungen anzutreffen sind (vgl.</span><br/> <span class="ft8">BGE 131 I 223 Erw. 4.5). Insbesondere ist im Umstand, dass sich die</span><br/> <span class="ft8">X. AG vorbehalten hat, auf eine Weiterführung eines Prozesses zu</span><br/> <span class="ft8">verzichten, keine Beeinträchtigung der anwaltlichen Unabhängigkeit</span><br/> <span class="ft8">zu erblicken. Die Art und Weise der Finanzierung der Prozesskosten</span><br/> <span class="ft8">ist Sache des Klienten. Fehlen dem Klienten die Eigenmittel, ist er</span><br/> <span class="ft8">auf eine Fremdfinanzierung oder Unterstützung durch Dritte bzw. die</span><br/> <span class="ft8">unentgeltliche Rechtspflege angewiesen. Jede Fremdfinanzierung</span><br/> <span class="ft8">und jede Unterstützung begründet die Möglichkeit zur Einfluss-</span><br/> <span class="ft8">nahme auf den Entscheid des Klienten hinsichtlich der gerichtlichen</span><br/> <span class="ft8">Verfolgung seiner Ansprüche und Weiterführung eines Prozesses.</span><br/> <span class="ft8">Diese Zustimmung des Dritten oder die (negative) Beurteilung des</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">280</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Anspruchs auf unentgeltliche Rechtspflege tangieren die anwaltliche</span><br/> <span class="ft8">Unabhängigkeit indessen nicht grundsätzlich, sondern betreffen nur</span><br/> <span class="ft8">das Verhältnis des Prozessfinanzierers zum Klienten. Mit der mögli-</span><br/> <span class="ft8">chen Ablehnung einer weiteren Finanzierung des Verfahrens wurde</span><br/> <span class="ft8">auch kein unzulässiges Abhängigkeitsverhältnis begründet.</span><br/> <br/> <span class="ft8">(...)</span><br/> <br/> <span class="ft8">Es ist überdies nicht ersichtlich, dass sich der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft8">beim Abschluss des Vertrags von unsachgemässen Überlegungen lei-</span><br/> <span class="ft8">ten liess und nicht unabhängig von Weisungen der X. AG gehandelt</span><br/> <span class="ft8">hat (siehe hinten Erw. 3). Der Vertrag sieht kein Weisungsrecht der</span><br/> <span class="ft8">X. AG hinsichtlich Ausübung, Übernahme und Beendigung des Man-</span><br/> <span class="ft8">dats vor und respektiert auch den Vorrang der Berufspflichten, insbe-</span><br/> <span class="ft8">sondere der Treuepflicht des Beschwerdeführers gegenüber der</span><br/> <span class="ft8">Klientin. Im Weiteren gibt auch der Umstand, dass die Geschäfts-</span><br/> <span class="ft8">adresse der X. AG mit der Geschäftsadresse des Beschwerdeführers</span><br/> <span class="ft8">in A. identisch ist, keine Anhaltspunkte für eine Beeinträchtigung der</span><br/> <span class="ft8">Unabhängigkeit. Eine Verletzung der Unabhängigkeit des Anwalts</span><br/> <span class="ft8">gemäss Art. 12 lit. b BGFA ist daher zu verneinen.</span><br/> <span class="ft8">3.</span><br/> <span class="ft8">3.1.</span><br/> <span class="ft8">Die mit dem angefochtenen Entscheid ausgesprochene Diszipli-</span><br/> <span class="ft8">nierung beruht weiter auf dem Vorwurf, der Beschwerdeführer habe</span><br/> <span class="ft8">Art. 12 lit. c BGFA (Vermeidung eines Interessenkonflikts) verletzt.</span><br/> <span class="ft8">Die Anwaltskommission führt aus, bei der Aushandlung des zur</span><br/> <span class="ft8">Diskussion stehenden Prozessfinanzierungsvertrags habe der Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführer als Vertreter seiner Mandantin deren Interessen best-</span><br/> <span class="ft8">möglich wahren müssen. Auf der anderen Seite habe er als Ver-</span><br/> <span class="ft8">waltungsratspräsident der X. AG ein Interesse daran, dass aus der</span><br/> <span class="ft8">Prozessfinanzierung ein Gewinn für die Aktiengesellschaft resul-</span><br/> <span class="ft8">tierte. Damit bestehe aber ein unlösbarer Interessenkonflikt bei der</span><br/> <span class="ft8">Ausübung dieser beiden Funktionen. Weiter bestehe eine gewisse</span><br/> <span class="ft8">Diskrepanz zwischen den Interessen, indem die Prozessfinanziererin</span><br/> <span class="ft8">wegen der entstehenden Kosten ein grösseres Vergleichsinteresse</span><br/> <span class="ft8">habe als die Klientin.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">281</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">3.2.</span><br/> <span class="ft8">3.2.1.</span><br/> <span class="ft8">Nach Art. 12 lit. c BGFA haben Anwälte jeden Konflikt zwi-</span><br/> <span class="ft8">schen den Interessen ihrer Klientschaft und Personen, mit denen sie</span><br/> <span class="ft8">geschäftlich oder privat in Beziehung stehen, zu meiden. Das BGFA</span><br/> <span class="ft8">will mit dieser weit gefassten Bestimmung sicherstellen, dass der</span><br/> <span class="ft8">Anwalt unabhängig von entgegenstehenden Drittinteressen die Inter-</span><br/> <span class="ft8">essen seines Klienten nach bestem Wissen und Können wahrnehmen</span><br/> <span class="ft8">kann (BGE 130 II 87 Erw. 4.2 mit Hinweisen). Die Pflicht zur Ver-</span><br/> <span class="ft8">meidung von Interessenkonflikten ist Ausfluss der Treuepflicht des</span><br/> <span class="ft8">Anwalts gegenüber dem Klienten (vgl. dazu § 15 des [alten] An-</span><br/> <span class="ft8">waltsgesetzes vom 18. Dezember 1984 und AGVE 1996, S. 75 f.).</span><br/> <span class="ft8">Diese Berufspflichten gehen weiter als die vertragliche Treuepflicht</span><br/> <span class="ft8">gemäss Art. 398 Abs. 2 OR und setzen keinen Mandatsvertrag zwi-</span><br/> <span class="ft8">schen Klient und Anwalt voraus, sondern gelten auch vor Vertrags-</span><br/> <span class="ft8">schluss sowie nach Beendigung des Mandats (vgl. Giovanni Andrea</span><br/> <span class="ft8">Testa, Die zivil- und standesrechtlichen Pflichten des Rechtsanwaltes</span><br/> <span class="ft8">gegenüber dem Klienten, Diss. Zürich 2001, S. 93 f.; Martin Sterchi,</span><br/> <span class="ft8">Kommentar zum bernischen Fürsprecher-Gesetz, Bern 1992, Art. 10</span><br/> <span class="ft8">N 7). Eine ähnliche Regelung sehen die Schweizerischen Standesre-</span><br/> <span class="ft8">geln des Anwaltsverbandes vor (vgl. Art. 11 der Standesregeln SAV</span><br/> <span class="ft8">vom 10. Juni 2005). Ein verbotener Interessenkonflikt liegt vor,</span><br/> <span class="ft8">wenn der Anwalt die Wahrung der Interessen eines Klienten über-</span><br/> <span class="ft8">nommen hat und dabei Entscheidungen zu treffen hat, mit denen er</span><br/> <span class="ft8">sich potentiell in Konflikt zu eigenen oder anderen ihm zur Wahrung</span><br/> <span class="ft8">übertragenen Interessen begibt (BGE vom 8.</span> <span class="ft8">Januar 2001</span><br/> <span class="ft8">[2P.187/2000], Erw. 4c = Pra 90/2001, S. 842, Fellmann, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft8">Art. 12 N 84). Dem Anwalt ist es demnach untersagt, in derselben</span><br/> <span class="ft8">Streitsache Parteien mit widerstreitenden Interessen gegeneinander</span><br/> <span class="ft8">zu vertreten. Er kann seine Treuepflicht gegenüber keinem Mandan-</span><br/> <span class="ft8">ten voll erfüllen, wenn er für beide Parteien tätig wird (BGE vom</span><br/> <span class="ft8">28.</span> <span class="ft8">Oktober 2004 [2A.594/2004], Erw.</span> <span class="ft8">1.2; VGE II/81 vom</span><br/> <span class="ft8">25. August 2004 [BE.2004.00161], S. 7).</span><br/> <span class="ft8">Diese Grundsätze lassen sich nicht einfach auf die beratende</span><br/> <span class="ft8">Tätigkeit des Anwalts übertragen (Testa, a.a.O., S. 103 ff.; Felix</span><br/> <span class="ft8">Wolffers, Der Rechtsanwalt in der Schweiz, Zürich 1986, S. 141 f.;</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">282</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">Walter Fellmann / Oliver Sidler, Standesregeln des Luzerner An-</span><br/> <span class="ft8">waltsverbandes, Bern 1996, Art. 23 Ziff. 5; Niklaus Studer, Die Dop-</span><br/> <span class="ft8">pelvertretung nach Art. 12 lit. c BGFA, in: Anwaltsrevue 2004,</span><br/> <span class="ft8">S. 234 f.). Wird der Anwalt in nicht prozessualen Rechtsangelegen-</span><br/> <span class="ft8">heiten von Parteien mit an sich gegensätzlichen Interessen angegan-</span><br/> <span class="ft8">gen (z.B. damit er für sie eine juristisch einwandfreie Fassung ihres</span><br/> <span class="ft8">mündlich geschlossenen Vertrags erarbeite), darf er das Mandat an-</span><br/> <span class="ft8">nehmen, sofern ihm diese Aufgabe von allen Beteiligten übertragen</span><br/> <span class="ft8">wurde und er nicht bereits vorher eine der Parteien in der betreffen-</span><br/> <span class="ft8">den Sache vertreten oder beraten hat. Er hat dabei alles zu vermei-</span><br/> <span class="ft8">den, was den Eindruck erwecken könnte, er bevorzuge die eine Partei</span><br/> <span class="ft8">gegenüber der anderen. In diesem Sinne erklären auch die Standesre-</span><br/> <span class="ft8">geln des SAV in Art. 12 die Tätigkeit des Anwalts als Berater, Ver-</span><br/> <span class="ft8">treter oder Verteidiger mehrerer Mandanten als zulässig, sofern kein</span><br/> <span class="ft8">Interessenkonflikt besteht oder droht. Gleiche Verhaltensvorschriften</span><br/> <span class="ft8">gelten auch nach Ziff. 3.2 der Berufsregeln der Rechtsanwälte der</span><br/> <span class="ft8">Europäischen Union (angenommen von der CCBE-Vollversammlung</span><br/> <span class="ft8">am 28. Oktober 1988, Fassung vom 19. Mai 2006). Kommt es zu ei-</span><br/> <span class="ft8">nem Interessenkonflikt oder drohen andere Beeinträchtigungen des</span><br/> <span class="ft8">Mandatsverhältnisses, ist der Anwalt gehalten, alle betroffenen Man-</span><br/> <span class="ft8">date niederzulegen (Art. 12 Abs. 1 der Standesregeln SAV; vgl. Testa,</span><br/> <span class="ft8">a.a.O., S. 104; Wolffers, a.a.O., S. 141; Paul Wegmann, Die Berufs-</span><br/> <span class="ft8">pflichten des Rechtsanwalts unter besonderer Berücksichtigung des</span><br/> <span class="ft8">zürcherischen Rechts, Diss. Zürich 1969, S. 190 f.).</span><br/> <span class="ft8">3.2.2.</span><br/> <span class="ft8">Ein berufsrechtlich relevanter Interessenkonflikt bei gleichzeiti-</span><br/> <span class="ft8">ger Verwaltungsratstätigkeit bei einer Prozessfinanzierungsgesell-</span><br/> <span class="ft8">schaft kann vorliegen, wenn ein Anwalt im Verwaltungsrat an Ge-</span><br/> <span class="ft8">schäften mitwirkt, die die Interessen eines Klienten berühren. Dabei</span><br/> <span class="ft8">müssen sich die Interessen der Gesellschaft und diejenigen des Kli-</span><br/> <span class="ft8">enten nicht diametral widersprechen, und eine aktienrechtliche Aus-</span><br/> <span class="ft8">standspflicht ist nicht Voraussetzung. Eine blosse Befangenheit kann</span><br/> <span class="ft8">ausreichen, d.h. wenn Umstände oder mögliche Interessenkonflikte</span><br/> <span class="ft8">auf den Entscheid des Anwalts einwirken können, die ausserhalb des</span><br/> <span class="ft8">Mandatsverhältnisses liegen (Walter Fellmann, Kollision von Be-</span><br/> <span class="ft8">rufspflichten mit anderen Gesetzespflichten am Beispiel des Anwal-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">283</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">tes als Verwaltungsrat, in: Bernhard Ehrenzeller [Hrsg.], Das An-</span><br/> <span class="ft8">waltsrecht nach dem BGFA, St. Gallen 2003, S. 177 f.). Die Beteili-</span><br/> <span class="ft8">gung des Anwalts an einem Prozessfinanzierer muss gemäss Pelle-</span><br/> <span class="ft8">grini differenziert betrachtet werden. Unproblematisch erscheine die</span><br/> <span class="ft8">reine Kapitalbeteiligung an einer Publikumsgesellschaft, die das Ge-</span><br/> <span class="ft8">schäft der Prozessfinanzierung betreibt. Unzulässig, weil im Ergeb-</span><br/> <span class="ft8">nis auf eine Simulation des pactum de quota litis hinauslaufend, wäre</span><br/> <span class="ft8">z.B. die Bildung einer stillen Gesellschaft (oder die Gründung einer</span><br/> <span class="ft8">Aktiengesellschaft) durch kapitalkräftige Anwälte, die wechselseitig</span><br/> <span class="ft8">intern für die Finanzierung eigener Prozesse sorgen. Bei einem fi-</span><br/> <span class="ft8">nanziellen Engagement von Anwälten bei einem Prozessfinanzierer</span><br/> <span class="ft8">sei Zurückhaltung angezeigt, namentlich bei kleinem Eigentümer-</span><br/> <span class="ft8">kreis (Bruno Pellegrini, Zusammenarbeit mit Prozessfinanzierern, in:</span><br/> <span class="ft8">Anwaltsrevue 2001, S. 43). Auch das Bundesgericht erachtet die</span><br/> <span class="ft8">Beteiligung von Anwälten als Gründer, Gesellschafter oder Verwal-</span><br/> <span class="ft8">tungsräte von Prozessfinanzierungsgesellschaften und Rechtsschutz-</span><br/> <span class="ft8">versicherungen als problematisch (BGE 131 I 223 Erw. 4.6.4 mit</span><br/> <span class="ft8">Hinweisen).</span><br/> <span class="ft8">Offensichtliche Fälle von Interessenkollisionen liegen in allge-</span><br/> <span class="ft8">meiner Weise vor, wenn der Anwalt einen Klient vertritt, der in Kon-</span><br/> <span class="ft8">kurrenz steht mit dem Unternehmen, bei dem der Anwalt als Ver-</span><br/> <span class="ft8">waltungsrat engagiert ist (vgl. Fellmann, Kollision, a.a.O., S. 176).</span><br/> <span class="ft8">Ebenso werden die Berufsregeln verletzt, wenn der Anwalt einen</span><br/> <span class="ft8">Klienten vertritt, dessen Gegenpartei eine Prozessfinanzierungsver-</span><br/> <span class="ft8">einbarung mit dem Unternehmen, bei dem der Anwalt als Verwal-</span><br/> <span class="ft8">tungsrat engagiert ist, eingegangen ist. Für eine Interessenkollision</span><br/> <span class="ft8">bedarf es jedoch nicht notwendigerweise solch eindeutiger Konflikt-</span><br/> <span class="ft8">situationen.</span><br/> <span class="ft8">3.3.</span><br/> <span class="ft8">3.3.1.</span><br/> <span class="ft8">Aus dem Verwaltungsratsmandat des Beschwerdeführers bei der</span><br/> <span class="ft8">X. AG kann nicht direkt eine unzulässige Doppelvertretung und</span><br/> <span class="ft8">Verletzung der Berufsregeln nach Art. 12 lit. c BGFA abgeleitet wer-</span><br/> <span class="ft8">den, da keine Fallkonstellation mit offensichtlichem Interessenkon-</span><br/> <span class="ft8">flikt vorliegt. Die mögliche Gefahr von Interessenkollisionen ist</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">284</span></div> <div class="page" id="S10"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">vielmehr anhand der konkreten Umstände zu prüfen (AGVE 2001,</span><br/> <span class="ft8">S. 67).</span><br/> <span class="ft8">3.3.2.</span><br/> <span class="ft8">Die Y. machte im Jahre 2003, vertreten durch den Beschwerde-</span><br/> <span class="ft8">führer, gegenüber der Z. eine Forderung in der Höhe von</span><br/> <span class="ft8">Fr. 18'732.10 zuzüglich Zins im Rechtsöffnungsverfahren vor dem</span><br/> <span class="ft8">Bezirksgericht Zürich geltend. In diesem Verfahren kam es zu einem</span><br/> <span class="ft8">Vergleich über Fr. 4'000.--, den die Y. später widerrief. Das Rechts-</span><br/> <span class="ft8">öffnungsbegehren wurde in der Folge mit Verfügung vom 14. März</span><br/> <span class="ft8">2003 abgewiesen. Die Y. konnte mangels finanzieller Mittel ihren</span><br/> <span class="ft8">Forderungsanspruch auch nicht mehr geltend machen, als weitere</span><br/> <span class="ft8">Beweisunterlagen zum Vorschein kamen. Als Aktiengesellschaft war</span><br/> <span class="ft8">ihr eine Prozessführung mit unentgeltlicher Rechtspflege verwehrt,</span><br/> <span class="ft8">und eine Prozessfinanzierung durch andere Anbieter war wegen der</span><br/> <span class="ft8">geringen Höhe der Prozessforderung nicht möglich.</span><br/> <span class="ft8">Das Interesse der Y. an der Durchsetzung ihrer Forderung ist of-</span><br/> <span class="ft8">fensichtlich und war aufgrund des abgelehnten Vergleichsvorschlags</span><br/> <span class="ft8">auf einen Betrag von mehr als Fr. 4'000.-- gerichtet. Dem Beschwer-</span><br/> <span class="ft8">deführer ist insoweit zu zustimmen, als der Y. wegen der fehlenden</span><br/> <span class="ft8">Mittel zur Prozessführung alternativ nur der Verzicht auf ihre An-</span><br/> <span class="ft8">sprüche offen stand.</span><br/> <span class="ft8">3.3.3.</span><br/> <span class="ft8">Der Beschwerdeführer hatte als Mitglied des Verwaltungsrats</span><br/> <span class="ft8">und insbesondere als Verwaltungsratspräsident die Interessen der X.</span><br/> <span class="ft8">AG in guten Treuen zu wahren und eigene Interessen und auch die</span><br/> <span class="ft8">Interessen der Y. zurückzustellen, wenn sie nicht den Gesellschafts-</span><br/> <span class="ft8">interessen entsprechen (Art. 717 Abs. 1 OR; BGE vom 14. Dezember</span><br/> <span class="ft8">1999 [4C.402/1998], Erw. 2a = Pra 89/2000, S. 288).</span><br/> <span class="ft8">Die Interessen einer Prozessfinanzierungsgesellschaft unter-</span><br/> <span class="ft8">scheiden sich von jenen einer Rechtsschutzversicherung. Die Rechts-</span><br/> <span class="ft8">schutzversicherung prüft zwar auch die Erfolgschancen in einem</span><br/> <span class="ft8">Prozess, fokussiert jedoch nicht primär auf die Höhe eines Prozesser-</span><br/> <span class="ft8">folgs, da ihr eine Prozessbeteilung bei Obsiegen verwehrt ist (vgl.</span><br/> <span class="ft8">Art. 170 der Verordnung über die Beaufsichtigung von privaten Ver-</span><br/> <span class="ft8">sicherungsunternehmen vom 9. November 2005 [Aufsichtsverord-</span><br/> <span class="ft8">nung, AVO; SR 961.011]) und der Unternehmenserfolg nicht aus-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">285</span></div> <div class="page" id="S11"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">schliesslich vom Prozessausgang abhängig ist. Demgegenüber stellt</span><br/> <span class="ft8">bei einer Prozessfinanzierungsgesellschaft die Beteiligung am Pro-</span><br/> <span class="ft8">zessgewinn die einzige Einnahmequelle dar. Sie fokussiert ihre Be-</span><br/> <span class="ft8">urteilung deshalb (noch) mehr als die Rechtschutzversicherung auf</span><br/> <span class="ft8">die Prozessaussichten und Kosten im Einzelfall. Bei der Rechts-</span><br/> <span class="ft8">schutzversicherung geht dagegen die Betrachtungsweise auf die all-</span><br/> <span class="ft8">gemeine Gewinnorientierung aus dem Verhältnis von Prämien und</span><br/> <span class="ft8">Kosten, wobei auch hier die Rechtsschutzversicherung und die An-</span><br/> <span class="ft8">wälte grundsätzlich das gleiche Ziel verfolgen (vgl. Daniel Bandle,</span><br/> <span class="ft8">Das ambivalente Verhältnis zwischen Anwälten und Rechtsschutz-</span><br/> <span class="ft8">versicherern, in: Haftung und Versicherung [HAVE], Heft 1/2008,</span><br/> <span class="ft8">S. 2 ff., insb. S. 7 f.). Die Überlegungen, die sich die Prozessfinan-</span><br/> <span class="ft8">zierungsgesellschaft in Bezug auf Prozesserfolg und Prozesschancen</span><br/> <span class="ft8">macht, sind somit grundsätzlich mit dem Interesse des Klienten</span><br/> <span class="ft8">gleichgerichtet (Pellegrini, a.a.O., S. 43). Die Gewinnorientierung</span><br/> <span class="ft8">der X. AG schaffte damit keine Gefahr unlösbarer Konflikte mit den</span><br/> <span class="ft8">Interessen der Y.</span><br/> <span class="ft8">Der Anwaltskommission ist insoweit zuzustimmen, als es unter</span><br/> <span class="ft8">dem Aspekt der anwaltlichen Interessenwahrungspflicht nicht auf die</span><br/> <span class="ft8">Lösung eines konkreten Konflikts ankommen kann. Anderseits ge-</span><br/> <span class="ft8">nügt nicht jeder Anschein einer Interessenkollision zur Begründung</span><br/> <span class="ft8">einer Verletzung der Berufsregel in Art. 12 lit. c BGFA (Fellmann,</span><br/> <span class="ft8">a.a.O., Art. 12 N 87). Der Beschwerdeführer macht daher zutreffend</span><br/> <span class="ft8">geltend, dass die tatsächlichen Interessenkonflikte abzuklären und</span><br/> <span class="ft8">dabei auch die Ausgestaltung des Prozessfinanzierungsvertrags zu</span><br/> <span class="ft8">betrachten ist. Gemäss Ziff. 3 dieses Vertrags ist es der Y. unbenom-</span><br/> <span class="ft8">men, bei einer Einstellung der Prozessfinanzierung durch die X. AG</span><br/> <span class="ft8">das Verfahren auf eigene Kosten weiterzuführen. Beabsichtigt dage-</span><br/> <span class="ft8">gen die Y., den Anspruch nicht mehr weiterzuführen, so hat sie ihn</span><br/> <span class="ft8">gemäss Ziff. 4 der X. AG auf deren schriftliches Ersuchen hin durch</span><br/> <span class="ft8">Abgabe einer schriftlichen Abtretungserklärung unentgeltlich zu</span><br/> <span class="ft8">übertragen. Wie zuvor bereits ausgeführt, ist der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft8">gemäss Ziff. 5 der prozessführende Anwalt. Ein Wechsel des Pro-</span><br/> <span class="ft8">zessvertreters bedarf der Zustimmung der X. AG. Diese Regelung</span><br/> <span class="ft8">ermöglicht der Y. eine Beendigung der Prozessfinanzierung ohne</span><br/> <span class="ft8">Nachteile, die über den Verlust der Finanzierungszusage hinausge-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">286</span></div> <div class="page" id="S12"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">hen. Beide Vertragsparteien können einen Prozess eigenständig wei-</span><br/> <span class="ft8">terführen, und auch ein Anwaltswechsel ist nicht ausgeschlossen</span><br/> <span class="ft8">(Ziff. 5). Verfügungen über die Forderung, insbesondere auch ein</span><br/> <span class="ft8">Vergleich, bedürfen der Zustimmung der X. AG, im Widerhandlungs-</span><br/> <span class="ft8">fall verliert die Y. die Ansprüche auf die Prozessfinanzierung (Ziff. 4</span><br/> <span class="ft8">Abs. 1), und bei einem Verzicht auf die Weiterverfolgung verpflich-</span><br/> <span class="ft8">tete sich die Y. zur Abtretung der Forderung (Ziff. 4 Abs. 2). Diese</span><br/> <span class="ft8">Regelungen in der Vereinbarung wahren die Interessen der Y. und</span><br/> <span class="ft8">lassen keine Gefahr der Übervorteilung erkennen. Insbesondere ent-</span><br/> <span class="ft8">halten sie keine Vereinbarungen zum Vorrang allfälliger Vergleichs-</span><br/> <span class="ft8">interessen der X. AG. Die Y. hätte unter Verzicht auf die Finanzie-</span><br/> <span class="ft8">rungszusage einen Vergleich ablehnen können.</span><br/> <span class="ft8">Die mögliche Alternative zum Prozessfinanzierungsvertrag</span><br/> <span class="ft8">durch die X. AG war der vollständige Verzicht auf die Geltend-</span><br/> <span class="ft8">machung der Forderung und damit ein Verzicht der Y. auf jeglichen</span><br/> <span class="ft8">Rechtsschutz. In Frage stand die Finanzierung eines Rechtsöffnungs-</span><br/> <span class="ft8">verfahrens mit relativ bescheidenen Verfahrens- und Parteikosten.</span><br/> <span class="ft8">Mit der hälftigen Aufteilung des Streitergebnisses war das Interesse</span><br/> <span class="ft8">der Y. an einem Forderungsbetrag von über Fr. 4'000.-- im Erfolgsfall</span><br/> <span class="ft8">gewahrt. Dem Beschwerdeführer kann daher auch bei der Ver-</span><br/> <span class="ft8">tragsgestaltung mit der X. keine unzulässige Interessenkollision vor-</span><br/> <span class="ft8">geworfen werden. Seine Tätigkeit in der Vermittlung der Finanzie-</span><br/> <span class="ft8">rungszusage lässt auch keine Gefährdung der Klienteninteressen er-</span><br/> <span class="ft8">kennen.</span><br/> <span class="ft8">3.3.4.</span><br/> <span class="ft8">Zu der von der Anwaltskommission gerügten Doppelvertretung</span><br/> <span class="ft8">ist Folgendes zu ergänzen: Der Beschwerdeführer hat die X. AG</span><br/> <span class="ft8">nicht als Anwalt im Mandatsverhältnis vertreten. Der einzige Ver-</span><br/> <span class="ft8">waltungsrat der Y. hat die Prozessfinanzierung mit hälftiger Beteili-</span><br/> <span class="ft8">gung am Prozessergebnis angeregt und war über die X. AG und die</span><br/> <span class="ft8">Beziehungen des Beschwerdeführers zu dieser Firma orientiert. Das</span><br/> <span class="ft8">Vorgehen des Beschwerdeführers geschah im Wissen und Einver-</span><br/> <span class="ft8">ständnis der Y. Die Mandatsführung des Beschwerdeführers und die</span><br/> <span class="ft8">Vermittlung der Prozessfinanzierung erweist sich daher auch nach</span><br/> <span class="ft8">der allgemeinen beruflichen Sorgfaltspflicht (Art. 12 lit. a BGFA)</span><br/> <span class="ft8">nicht als unzulässig.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">287</span></div> <div class="page" id="S13"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">4.</span><br/> <span class="ft8">Eine Verletzung der Berufsregeln könnte darin erblickt werden,</span><br/> <span class="ft8">wenn mit dem Prozessfinanzierungsvertrag und dem Verwaltungs-</span><br/> <span class="ft8">ratsmandat der X. AG das Verbot des Erfolgshonorars und der Betei-</span><br/> <span class="ft8">ligung am Prozessgewinn (Art. 12 lit. e BGFA) umgangen worden</span><br/> <span class="ft8">wäre. Die Anwaltskommission macht, allerdings im Zusammenhang</span><br/> <span class="ft8">mit dem Verschulden, geltend, die Prozessfinanzierung hätte zumin-</span><br/> <span class="ft8">dest indirekt Auswirkungen auf das anwaltliche Honorar des Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführers.</span><br/> <span class="ft8">Eine Umgehung des genannten Verbots liegt dann vor, wenn der</span><br/> <span class="ft8">Anwalt als Verwaltungsrat gleichzeitig als Gründer und Grossaktio-</span><br/> <span class="ft8">när der Träger der Gesellschaft ist. Das Verlieren des Prozesses wür-</span><br/> <span class="ft8">de damit nämlich im finanziellen Ergebnis eine verbotene Übernah-</span><br/> <span class="ft8">me des Prozessrisikos bedeuten. Bei Obsiegen käme der Erfolg in-</span><br/> <span class="ft8">direkt auch wieder dem Anwalt zu (vgl. BGE 98 Ia 144 Erw. 2d). Der</span><br/> <span class="ft8">Beschwerdeführer ist Verwaltungsratspräsident der X. AG. Gemäss</span><br/> <span class="ft8">Aktionärsverzeichnis wurde dem Beschwerdeführer eine Aktie zur</span><br/> <span class="ft8">treuhänderischen Führung als Qualifikationsaktie übergeben. Dies</span><br/> <span class="ft8">war bis zum 1. Januar 2008 aufgrund von Art. 707 OR obligatorisch.</span><br/> <span class="ft8">Aufgrund der Aktionärslage kann daher nicht von einer Umgehung</span><br/> <span class="ft8">des Verbots von Art. 12 lit. e BGFA gesprochen werden. Der Be-</span><br/> <span class="ft8">schwerdeführer bezog als Verwaltungsratspräsident einen Fixbetrag</span><br/> <span class="ft8">von Fr. 1'500.--. Es bestehen daher keinerlei Anzeichen für ein Zu-</span><br/> <span class="ft8">satzhonorar bei Obsiegen im Prozess oder einer direkten oder in-</span><br/> <span class="ft8">direkten Beteiligung des Beschwerdeführers am Prozessergebnis.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>