Beschluss vom 9. April 2014 Beschwerdekammer Besetzung Bundesstrafrichter Stephan Blättler, Vorsitz, Emanuel Hochstrasser und Andreas J. Keller, Gerichtsschreiber Miro Dangubic Parteien KANTON ZÜRICH, Gesuchsteller gegen 1. KANTON BERN, 2. KANTON BASEL-LANDSCHAFT, 3. KANTON WALLIS, Gesuchsgegner Gegenstand Gerichtsstandskonflikt (Art. 40 Abs. 2 StPO) B u n d e s s t r a f g e r i c h t T r i b u n a l p é n a l f é d é r a l T r i b u n a l e p e n a l e f e d e r a l e T r i b u n a l p e n a l f e d e r a l Geschäftsnummer: BG.2014.8 - 2 - Sachverhalt: A. Am 26. Oktober 2013 um ca. 10.30 Uhr begaben sich A., B., C., D. und E., allesamt rumänische Staatsangehörige ohne Wohnsitz in der Schweiz, ins Einkaufsgeschäft F. (Kanton Thurgau). Dort entwendeten sie 33 Zigare t- tenstangen, indem die drei Frauen die Zigarettenstangen vor dem Durc h- schreiten des Kassenbereichs unter ihren Klei dern versteckten und das Geschäft ohne die Zigaretten zu bezahlen verliessen. Um 14.58 Uhr ala r- mierte ein Angestellter die Kantonspolizei Thurgau (act. 1, S. 3). B. Gleichentags entwendeten die Obgenannten 49 Zigarettenstangen im Ein- kaufsgeschäft G. (Kanton Zürich). Angestellte des Einkaufsgeschäftes G. versuchten A. et. al. anzuhalten, jedoch gelang diesen die Flucht mit einem silberfarbenen Opel Zafira. In der Folge alarmierte ein Angestellter die Pol i- zei. Der Kantonspolizei Zürich ist es anschliessend - nach einer Verfo l- gungsjagd, bei welcher A. als Lenker des Fahrzeugs zahlreiche Wide r- handlungen gegen das SVG beging - gelungen, A. et. al. anzuhalten und festzunehmen. Im Personenwagen wurden 98 Zigarettenstangen sicherg e- stellt, somit 16 mehr als bei den o ben erwähnten Sachverhalten entwendet wurden. Der protokollführende Polizist der Kantonspolizei Zürich hielt die s- bezüglich fest, dass davon auszugehen sei, dass die 16 Zigarettenstangen aus einem weiteren Delikt stammten (Verfahrensakten C -3/2013/5283, S. 16 ff.). C. A. wurde am 27. Oktober 2013 durch die Kantonsp olizei Zürich und am 28. Oktober 2013 durch die Staatsanwaltschaft See/Oberland (nachfolgend "StA See/Oberland") einvernommen. Während er bei der Befragung durch die Kantonspolizei Zürich die ihm v orgeworfenen Diebstähle bestritt, legte er bei der StA See/Oberland diesbezüglich ein Geständnis ab (Verfahren s- akten C-3/2013/5283, S. 31 ff.). D. C., D., E. und B. wurden einzeln am 26., 27. und 28. Oktober 2013 jeweils einmal durch die Ka ntonspolizei Zürich und die StA See/Oberland einver- nommen, wobei alle ein Geständnis ablegten (Verfahrensakten C-3/2013/5283, S. 31 ff.). E. Am 28. Oktober 2013 erliess die StA See/Oberland Strafbefehle gegen B., C., D. und E. wegen bandenmässigen Diebstahls. Sie wurden bestraft mit - 3 - einer Freiheitsstrafe von 6 Monaten. Der Vollzug der Freiheitstrafe wurde aufgeschoben, unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren (Verfa h- rensakten C -3/2013/5283, S. 246 ff.). Gegen A. wurde hin gegen am 29. Oktober 2013 die Untersuchungsh aft verfügt und am 27. Januar 2014 bis 25. April 2014 verlängert (Verfahrensakten C-3/2013/5283, S. 181 ff.). F. Am 29. Oktober 2013 erteilte die StA See/Oberland der Kantonspolizei Z ü- rich einen Ermittlungsauftrag in Sachen A. Dabei sollte u.a. abgeklärt we r- den, ob A. weitere Diebstähle verübt habe (Verfahrensakten C-3/2013/5283, S. 206 ff.). Die Ermittlungen brachten zutage, dass A. am 21. Oktober 2013 in Z. (Kanton Basel-Landschaft) einen bandenmässigen Diebstahl in Mittäterschaft mit C., B. und zwei unbe kannten Mittätern be- gangen haben soll. Zudem soll er in Y. (Kanton Bern) ein en räuberischen Diebstahl in Mittäterschaft mit C., B. und zwei weiteren Mittätern begangen haben (act. 1). G. Am 29. Oktober 2013 be stellte die OStA ZH Rechtsanwalt H. (X. [Kanton Zürich]) als amtlichen Verteidiger von A. (Verfahrensakten C-3/2013/5283, S. 221). H. Mit Ersuchen um Verfahrensübernahme vom 6. Dezember 2013 und 16. Dezember 2013 ersuchte die StA See/Oberland die Staatsanw altschaft Basel-Landschaft (nachfolgend "StA BL") um Verfahrensübernahme betref- fend A. Sie hielt darin fest, dass das polizeiliche Ermittlungsverfahren betreffend die Diebstähle vom 26. Oktober 2013 abgeschlossen sei (act. 1.1 und 1.3) . Die StA BL lehnte d ie Übernahme mit Schreiben vom 12. Dezember 2013 bzw. 20. Dezember 2013 ab, und ersuchte ihrerseits die OStA ZH um Übernahme des bei ihr hängigen Verfahrens (act. 1.2 und 1.4). I. Am 22. November 2013 wurde A. in Gegenwart seines Verteidigers von der Kantonspolizei Zürich betreffend die Vorfälle vom 21. Oktober 2013 in W. (Kanton Bern) und Z. (Kanton Bern) einvernommen, wobei er ein Geständ- nis ablegte (Verfahrensakten, Akten betr. Fall Y. BE, S. 22 ff.; LI 1 13/2640, 2641, 2642, S. 33 ff.). J. Am 11. Dezember 2013 wurde A. in Anwesenheit seines Verteidigers durch die Kantonspolizei betreffend die ihm vorgeworfenen SVG Delikte einve r-- 4 - nommen. In diesem Zusammenhang markierte die Kantonspolizei Zürich die von A. gefahrene Strecke auf einer Karte und erstellte eine diesbezügli- che Legende (Verfahrensakten C-3/2013/5283, ND 3 S. 10 ff.). K. Am 17. Januar 2014 fragte die StA See/Oberland die Generalstaatsanwal t- schaft des Kantons Bern (nachfolgend "GStA BE") um Verfahrensübe r- nahme an (act. 1.5). Diese lehnte die Übern ahme mit Schreiben vom 27. Januar 2014 ab (act. 1.6), worauf sich der Oberstaatsanwalt des Ka n- tons Zürich an den stellvertretenden Generalstaatsanwalt des Kantons Bern wendete (act. 1.8). Mit Schreiben vom 24. Februar 2014 lehnte die GStA BE die Verfahrensübernahme erneut ab (1.10). L. Mit Ersuchen um Verfahrensübernahme vom 25. Februar 2014 ersuchte die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich (nachfolgend "OStA ZH") die StA BL um Verfahrensübernahme (act. 1.11). Diese lehnte die Übe r- nahme mit Schreiben vom 10. März 2014 ab (act. 1.16). M. Am 26. Januar 2014 ersuchte die OStA ZH die Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis (nachfolgend "StA VS") um Verfahrensübernahme (act. 1.12). Die StA VS lehnte diese mit Schreiben vom 28. Februar 2014 ab (act. 1.14). N. Mit Gesuch vom 24. März 2014 stellt die OStA ZH bei diesem Gericht fo l- genden Antrag (act. 1): "Es seien die Strafbehörden des Kantons Bern, eventualiter die Strafbehö r- den des Kantons Basel -Landschaft für berechtigt und verpflichtet zu erkl ä- ren, die den beschuldigten Personen zur Last gelegten Straftaten zu verfo l- gen und zu beurteilen". O. Die StA VS verzichtete auf die Einreichung einer Gesuchsantwort (act. 3). Die StA BL stellte am 27. März 2014 den Antrag, es seien die Strafbehö r- den des Kantons Bern, ev entualiter die Strafbehörden des Kantons Zürich für berechtigt und verpflichtet zu erklären, die den beschuldigten Personen zur Last gelegten Straftaten zu verfolgen und zu beurteilen (act. 4). Die GStA BE beantragte am 28. März 2014, es seien die Strafbeh örden des Kantons Basel-Landschaft, eventualiter die Strafbehörden des Kantons Zü- rich für berechtigt und verpflichtet zu erklären, die den beschuldigten Pe r-- 5 - sonen zur Last gelegten Straftaten zu verfolgen und zu beurteilen (act. 5). Die jeweiligen Gesuchsan tworten wurden am 31. März 2014 den entspr e- chenden Staatsanwaltschaften zur Kenntnis gebracht (act. 6). Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung: 1. 1.1 Die Strafbehörden prüfen ihre Zuständigkeit von Amtes wegen und leiten einen Fall wenn nötig der zuständigen Stelle weiter (Art. 39 Abs. 1 StPO). Erscheinen mehrere Strafbehörden als örtlich zuständig, so informieren sich die beteiligten Staatsanwaltschaften unverzüglich über die wesentl i- chen Elemente des Falles und bemühen sich um eine möglichst rasc he Ei- nigung (Art. 39 Abs. 2 StPO). Können sich die Strafverfolgungsbehörden verschiedener Kantone über den Gerichtsstand nicht einigen, so unterbre i- tet die Staatsanwaltschaft des Kantons, der zuerst mit der Sache befasst war, die Frage unverzüglich, in jed em Fall vor der Anklageerhebung, der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts zum Entscheid (Art. 40 Abs. 2 StPO i.V.m. Art. 37 Abs. 1 StBOG). Hinsichtlich der Frist, innerhalb welcher die ersuchende Behörde ihr Gesuch einzureichen hat, ist im No r- malfall die Frist von zehn Tagen gemäss Art. 396 Abs. 1 StPO analog a n- zuwenden (vgl. hierzu u. a. TPF 2011 94 E. 2.2). Die Behörden, welche be- rechtigt sind, ihren Kanton im Meinungsaustausch und im Verfahren vor der Beschwerdekammer zu vertreten, bestimmen sich nac h dem jeweiligen kantonalen Recht (Art. 14 Abs. 4 StPO; vgl. hierzu KUHN, Basler Kommen- tar, Basel 2011, Art. 39 StPO N. 9 sowie Art. 40 StPO N. 10; SCHMID, Handbuch des schweizerischen Strafprozessrechts, 2. Aufl., Zürich/St. Gal- len 2013, N. 488; GALLIANI/MARCELLINI, Codice svizzero di procedura pena- le [CPP] – Commentario, Zürich/St. Gallen 2010, n. 5 ad art. 40 CPP). 1.2 Die Eintretensvoraussetzungen geben zu keinen Bemerkungen Anlass. Auf das Gesuch ist einzutreten. 2. 2.1 Die Beschwerdekammer kann (wie die beteiligten Staatsanwaltschaften un- tereinander auch) einen andern als den in den Art. 31 – 37 StPO vorgese- henen Gerichtsstand festlegen, wenn der Schwerpunkt der deliktischen Tä- tigkeit oder die persönlichen Verhältnisse der beschuldigten Person es e r- fordern oder andere triftige Gründe vorliegen (Art. 40 Abs. 3 StPO). Ein solches Abweichen vom gesetzlichen Gerichtsstand soll indes die Au s-- 6 - nahme bleiben. Eine Vereinbarung bzw. der Beschluss, einen gesetzlich nicht zuständigen Kanton mit der Verfolgung zu b etrauen, setzt triftige Gründe voraus; dies kann aus Zweckmässigkeits-, Wirtschaftlichkeits- oder prozessökonomischen Gründen gerechtferti gt sein (BGE 129 IV 202 E. 2 S. 203; Entscheid des Bundesstrafgerichts BG.2007.2 vom 1. März 2007 E. 3.1 m.w.H.; Entscheid des Bundesstrafgerichts BG.2008.19 vom 21. Ok- tober 2008, E. 3.1). Ein Abweichen vom gesetzlichen Gerichtsstand ist u. a. möglich, sofern ein Kanton das Verfahren durch bestimmte Prozesshan d- lungen konkludent übernommen hat. Eine konkludente Ane rkennung liegt u.a. beim Erlass eines Strafbefehls vor (Entscheid des Bundess trafgerichts BG.2008.19 vom 21. Oktober 2008, E. 3.2). Gemäss geltender Rechtspr e- chung ist in der Regel eine Änderung des Gerichtsstandes nicht mehr g e- rechtfertigt, wenn die Unter suchung gänzlich oder nahezu abgeschlos sen ist (BGE 129 IV 202 E. 2 S. 203; Entscheid des Bundesstrafgerichts BG.2006.13 vom 21. August 2006 E. 4.1). 2.2 Am 26. Oktober 2013 entwendeten A. et. al. im F. und im G. insgesamt 82 Zigarettenstangen. Bei ihrer gle ichentags erfolgten Anhaltung stellte die Kantonspolizei Zürich 98 Zigarettenstangen sicher. Der protokollführende Polizist der Kantonspolizei Zürich hielt diesbezüglich fest, dass davon au s- zugehen sei, dass die 16 Zigarettenstangen aus einem weiteren Deli kt stammten. Nach durchgeführten Einvernahmen von A. et. al. erliess die StA See/Oberland bereits am 28. Oktober 2013 Strafbefehle gegen B., C., D. und E. wegen bandenmässigen Diebstahls. Am 29. Oktober 2013 ertei l- te die StA See/Oberland einen Ermittlungsa uftrag an die Polizei betreffend A., wobei u.a. abgeklärt werden sollte, ob A. weitere Diebstähle verübt h a- be. Das soeben wiedergegebene Vorgehen der StA See/Oberland e r- staunt. Obschon klare diesbezügliche Indizien bestanden und sich die Zü r- cher Strafverfolgungsbehörden bewusst waren, dass A. zusammen mit an- deren Tätern noch weitere Delikte begange n haben musste, erliess die StA See/Oberland Strafbefehle gegen C., D., E. und B., ohne vorher weite- re Ermittlungen zu tätigen. Dieses Vorgehen war zwar einerseit s effizient und verfahrensökonomisch, es erschwert andererseits jedoch auch das Vorgehen gegen die gleichen Täter bezüglich der in den Kantonen Basel - Landschaft, Bern und Wallis begangenen weiteren Straftaten. Das Vorg e- hen des Kantons Zürich widersprach so mit auch Sinn und Zweck der Art. 33 und 34 StPO, wonach sämtliche Straftaten eines Täters und mehre- re Täter für die gleiche(n) Tat(en) von der gleichen Behörde gemeinsam verfolgt und beurteilt werden sollen. 2.3 Es gilt festzuhalten, dass die StA See/Oberland mit dem Erlass der Strafbe- fehle gegen C., D., E. und B. den Gerichtsstand betreffend die Diebstähle - 7 - vom 26. Oktober 2013 konkludent anerkannte. Hinzu kommt, dass ein Wechsel des Gerichtsstandes auch zu vermeiden ist, weil die Diebstahlsuntersuchung betreffend A. nahezu abgeschlossen ist. Dasselbe gilt für die A. vorgeworfenen SVG Delikte - die Kantonspolizei hat diese Widerhandlungen sorgfältig untersucht und ihn dazu einvernommen (siehe supra lit. J.). Die Untersuchungen in den Kantonen Bern, Basel -Landschaft und Wallis hingegen befinden sich nicht in diesem Stadium; es liegen ledig- lich die Aussagen von Auskunftspersonen und A. vor - der Aufenthaltsort der Mittäter ist unbekannt. Entsprechend konnten diese nicht zur Sache einvernommen werden. Aus den so eben genannten insbesondere verfahrensökonomischen Grü n- den sind die Strafverfolgungsbehörden des Kantons Zürich für b erechtigt und verpflichtet zu erklären, die den Beschuldigten zur Last gele gten Delik- te zu verfolgen und zu beurteilen. 3. Es sind keine Gerichtskosten zu erheben (Art. 423 Abs. 1 StPO). - 8 - Demnach erkennt die Beschwerdekammer: 1. Die Strafverfolgungsbehörden des Kantons Zürich sind berechtigt und ve r- pflichtet, die A., B., C., D. und E. zur Last gelegten Delikte zu verfolgen und zu beurteilen. 2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben. Bellinzona, 9. April 2014 Im Namen der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts Der Präsident: Der Gerichtsschreiber: Zustellung an - Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich - Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Bern - Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft - Zentrale Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis Rechtsmittelbelehrung Gegen diesen Entscheid ist kein ordentliches Rechtsmittel gegeben.