B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4576/2014 U r t e i l v o m 1 7 . S e p t e m b e r 2 0 1 5 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richter Bendicht Tellenbach, Richter Walter Lang, Gerichtsschreiberin Susanne Bolz. Parteien A._______, geboren (…), Syrien, vertreten durch (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM; zuvor Bundesamt für Migration, BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 17. Juli 2014 / N (…). D-4576/2014 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer, ein Kurde aus Syrien, der nach eigenen Angaben aus dem Dorf B._______ in der Provinz Al Hasaka stammt, habe Syrien am 24. März 2012 verlassen und sei legal in die Türkei gereist. Nach einmonatigem Aufenthalt in Istanbul sei er per Auto und Schiff nach Italien gelangt und weiter in die Schweiz, wo er am 5. Mai 2012 ein Asylg esuch stellte. Am 11. Mai 2012 wurde er zur Person und zum Reiseweg sowie summarisch zu seinen Fluchtgründen befragt. B. Eine Anfrage im Rahmen des Dublin -Verfahrens um Übernahme des Be- schwerdeführers vom 8. Juni 2012 an die italienischen Behörden wurde mit Mitteilung vom 6. August 2012 abschlägig beantwortet, der Be- schwerdeführer sei den italienischen Behörden nicht bekannt. Am 14. Au- gust 2012 wurde das Dublin-Verfahren für beendet erklärt. C. Am 19. September 2013 wurde der Beschwerdeführer eingehend zu sei- nen Asylgründen angehört. Zur Begründung seines Gesuchs brachte er vor, er habe vom 1. Januar 1999 bis zum März 2002 in d er Syrisch en Arabischen Armee Militärdienst geleistet. Vor seiner Ausreise habe er be- fürchtet, als Reservist eingezogen zu werden. Kurden würden im Militär besonders schlecht behandelt, sie seien allgemein diskriminiert und müssten an vorderster Front käm pfen. Auch sein jüngerer Bruder sei beim Militär gewesen. Der jüngste Bruder , C._______, habe im Septem- ber 2010 ein Aufgebot für den Militärdienst erhalten. Zunächst habe man die Behörden bestechen können, so dass er Aufschub erhalten habe. Da sich die Situation in Syrien jedoch zusehends verschlechtert habe, hätten die Behörden keine Ausreden mehr akzeptiert. Deshalb habe er im Janu- ar 2012 mit Hilfe eines Freundes aus der Militärzeit die Ausreise seines Bruders in den Libanon organisiert. Auch er selbst habe danach das Land verlassen und sei in die Türkei gegangen, da er eine Verfolgung durch den Geheimdienst befürchtete, oder seine Zwangsrekrutierung. Er habe zwar keine offizielle Einberufung erhalten, aber man sei zu dieser Zeit ohnehin einfach mitgenommen worden. Da sie vermuteten, dass nach ihm und seinen Brüdern gesucht werde, seien auch seine Eltern in den Libanon geflüchtet, seine Mutter sei Libanesin. Während seines Militär- dienstes sei er einmal 16 Tage in Haft gewesen und von seinem Vorge- setzten auch schikaniert worden, weil er kurdisch gesprochen habe. An-D-4576/2014 Seite 3 sonsten habe er mit den Behörden keine nennenswerten Probleme ge- habt. Der Beschwerdeführer reichte eine Kopie seiner Identitätskarte, ei- ne Kopie des Familienregisters sowie sein Militärbüchlein und e ine Zu- sammenstellung der Regelungen , welche Kurden in Syrien diskriminier- ten, zu den Akten. D. Mit Verfügung vom 17. Juli 2014 – eröffnet am 19. Juli 2014 – stellte das BFM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es seine Wegwei- sung aus der Schweiz, ordnete indessen w egen Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung die vorläufige Aufnahme an. Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung im Wesentlichen damit, dass die Schilderun- gen d es Beschwerdeführers den Anforderungen von Art. 3 AsylG (SR 142.31) an die Flüchtling seigenschaft nicht genügten. Den Vollzug der Wegweisung nach Syrien erachtete sie aufgrund der dortigen Sicher- heitslage als nicht zumutbar. E. Mit Beschwerde vom 14. August 2014 liess der Beschwerdeführer sinn- gemäss beantragen, die Dispositivziffern 1 – 3 der vorinstanzlichen Ver- fügung vom 17. Juli 2014 seien aufzuheben, es sei seine Flüchtlingsei- genschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. In prozessualer Hin- sicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung einher- gehend mit dem Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses er- sucht. Zur Begründung wurde ausgeführt, seine Schwester habe am 16. Juli 2014 wichtige Unterlagen zur Stützung des Asylgesuchs an den Beschwerdeführer verschickt. Diese seien leider erst eingetroffen nach- dem der erstinstanzliche Entscheid ergangen sei. Es handle sich um eine Sterbeurkunde sowie eine Bestätigung des Syrischen Innenministeriums betreffend seines Cousins, D._______, der am 30. April 2013 bei einem Militäreinsatz gefallen sei. Ausserdem lägen Bestätigungen des UN - Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) in Kopie vor, gemäss denen sein Vater , sein Bruder E._______ sowie sein Bruder C._______ als Flüchtlinge in Libanon registriert seien. C._______ befinde sich derzeit in Haft. Gemäss einer Bestätigung der Sicherheitsdirektion Libanons habe er eine zehntägige Frist zur Ausreise zum Zweck des Antritts des Militär- dienstes in Syrien verstreichen lassen und sich entschieden, dort ins Ge- fängnis zu gehen . Der Beschwerdeführer reichte z wei Fotoausdrucke zu den Akten, welche seinen Bruder im Gefängnis zeigten. Der Beschwerde- führer beantragte eine Fristverlängerung zur Übersetzung der eingereich-D-4576/2014 Seite 4 ten Dokumente. Entgegen der Meinung der Vorinstanz sei durch die Vor- lage dieser Beweismittel erstellt, dass seine ganze Familie gefährdet sei. Ein Cousin sei bereits verstorben. Auch dem Beschwerdeführer drohe die Einberufung als Reservist im Fall einer Rückkehr un d er befürchte , im Krieg zu sterben. F. In seiner Zwischenverfügung vom 26. August 2014 hiess das Bundes- verwaltungsgericht das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung vorbehaltlich der Einreichung einer Fürsorgebestätigung gut und setzte den Beschwerdeführer eine Frist, um die eingereichten Doku- mente in eine Amtssprache zu übersetzen. G. Fristgerecht übersandte der Beschwerdeführer am 4. September 2014 eine entsprechende Bestätigung des zuständigen Sozialdienstes sowie die Übersetzungen der Ster beurkunde seines Cousins und einer Bestäti- gung des Krankenhauses über die Todesursache, ferner die Übersetzung des syrischen Ausweises seines Bruders C._______ sowie dessen liba- nesischer Aufenthaltsbewilligung, ein Videodokument, welches einen wei- teren Co usin des Beschwerdeführers zeige und eine Übersetzung der Niederschrift dieser Videobotschaft ins Deutsche. H. Am 8. September 2014 lud das Gericht die Vorinstanz innert Frist zur Vernehmlassung ein. I. In seiner Stellungnahme vom 22. September 2014 hielt das BFM am Ent- scheid fest, da keine neuen und erheblichen Tatsachen oder Beweismittel vorlägen, welche eine Änderung des Standpunktes zu rechtfertigen ver- mochten. J. In der Replik vom 29. September 2014 hielt auch der Beschwerdefüh rer an seinen Vorbringen fest. D-4576/2014 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bun- desverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen ei- nes Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerde- führende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das B undesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die an gefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde kann im Geltungsbereich des Asylgesetzes die Verlet- zung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und unv ollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu w erden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Ge-D-4576/2014 Seite 6 fährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträgli chen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flü chtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentli- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ver- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Der Beschwerdeführer befürchtet Behelligungen durch den syrischen Nachrichtendienst ( Muchabarat), da er seinem jüngsten Bruder am 10. Januar 2012 zur Flucht ausser Landes verholfen habe, nachdem die- ser hätte zum Militär eingezogen werden sollen. Er stamme aus einem kleinen Dorf, wo jeder jeden kenne und man diesen Umstand nicht habe verheimlichen können. Inzwischen befinde sich der Bruder im Libanon als Deserteur im Gefängnis. Ferner befürchte er auch selbst eingezogen zu werden, da er Militärdienst geleistet habe. Er und sein zweiter Bruder sei- en beide Reservisten, das Militär habe wiederholt nach ihnen gesucht und es drohten ihnen wahrscheinlich hohe Strafen, weil sie sich der Ein- berufung widersetzt hätten. Die Weigerung der Söhne, zum Militär zu ge- hen, gefährde die gesamte Familie. Häufig würde der Geheimdienst näm- lich in diesen Fällen die übrigen Familienmitglieder bedrohen. Es sei auch belegt, dass ein Cousin bereits am 30. April 2014 als Soldat gefallen sei. Die übrigen Familienmitglieder seien inzwischen im Liba non als Flüchtlin- ge registriert. Als kurdische Familie seien sie in Syrien schon immer un- terdrückt gewesen. Im Fall der Rückkehr befürchte er von den syrischen Behörden belangt zu werden, weshalb die Beschwerde gutzuheissen sei. 4.2 Die Vorinstanz hält die Vorbringen des Beschwerdeführers n icht für asylrelevant, da er nicht habe glaubhaft machen können, gezielt von den syrischen Behörden gesucht zu werden. Er habe nach eigenen Angaben auch keine Probleme mit den syrischen Behörden gehabt. Hinsichtlich der geltend gemachten Unterdrückung der syrischen Kurden hielt die Vo- rinstanz unter Bezugnahme auf die Rechtsprechung des Bundesverwal- tungsgerichts fest, es finde in Syrien keine Kollektivverfolgung der kurdi- schen Bevölkerung statt, behördliche Schikanen und allgemeine Benach- teiligungen seien ni cht genügend intensiv, um den Tatbestand des Art. 3 D-4576/2014 Seite 7 AsylG zu erfüllen . Angesichts dieser Erwägungen seien die Anforderun- gen des Art. 3 AsylG nicht erfüllt. 5. 5.1 Das BFM hat das Asylgesuch des Beschwerdeführers zu Recht abge- lehnt. 5.2 Der Beschwerdeführer machte zur Begründung seines Asylgesuchs geltend, er habe Syrien vor allem deswegen verlassen, weil er nach Ab- leistung des obligatorischen Militärdienstes befürchtet habe, als Reservist von der syrischen Armee eingezogen zu werden . Zwar habe er vor der Ausreise kein offizielles Aufgebot erhalten, doch habe man nach ihm und seinen Brüdern gesucht, insbesondere weil der jüngste Bruder ein Aufge- bot erhalten hatte und diesem nie Folge geleistet hatte, sondern mit Hilfe des Beschwerdeführers das Land verlassen habe (vgl. act. A22/12 F. 20 – 29). Er befürchte auch, als Angehöriger einer Minderheit in der Armee be- sonders schlecht behandelt zu werden, beziehungsweise an die vorders- te Front geschickt zu werden. Da der Beschwerdeführer geltend macht, er werde in seinem Heima tstaat unter anderem wegen Entziehung vom Wehrdienst verfolgt, werden seine Fluchtgründe durch den Wortlaut von Art. 3 Abs. 3 AsylG erfasst und sind folglich auch unter dem Gesichts- punkt dieser Bestimmung zu prüfen. 5.3 In seinem Urteil BVGE 2013/20 hat sich das Bundesverwaltungsge- richt zur intertemporalen Anwendung von Art. 3 Abs. 3 AsylG dahinge- hend geäussert, dass auf die Rechtslage zum Zeitpunkt des Erlasses der Verfügung abzustellen ist. Daraus ergibt sic h, dass das BFM bezie- hungsweise das SEM in seinen seit dem 29. September 2012 ergange- nen Verfügungen das neue Recht anzuwenden hat ( BVGE 2013/20 E. 3.2.7). Im vorliegenden Fall wurde das vom Beschwerdefü hrer am 5. Mai 2012 eingereichte Asylgesuch durch das BFM mit Verfügung vom 17. Juli 2014 entschieden, weshalb Art. 3 Abs. 3 AsylG zur Anwendung kommt. 5.4 Im Rahmen eines Grundsatzentscheids ( BVGE 2015/3 E. 5) hat das Bundesverwaltungsgericht festgestellt, dass auch nach der Einführung von Art. 3 Abs. 3 AsylG die bisherige Rechtspraxis in Bezug auf Perso- nen, die ihr Asylgesuch mit einer Wehrdienstverweigerung oder Desertion im Heimatstaat begründen, weite rhin gültig bleibt. Entsprechend vermag eine Wehrdienstverweigeru ng oder Desertion nicht allein , sondern nur verbunden mit einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG, die D-4576/2014 Seite 8 Flüchtlingseigenschaft zu begründen . Mit anderen Worten muss die be- troffene Person aus den in dieser Norm genannten Gründen (Rasse, Re- ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) wegen ihrer Wehrdienstverweigerung oder Desertion eine Behandlung zu gewärtigen haben, die ernsth aften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt. 5.5 Der Beschwerdeführer selbst hat nach eigenen Angaben kein offiziel- les Aufgebot erhalten, wieder in das Militär einzurücken. Dies sei auch nicht nötig gewesen, da gemäss seinen protokollierten Angaben in der Anhörung "bei uns nichts mehr offiziell lief" (vgl. act. A 22/12, F. 29). Nur sein jüngerer Bruder C._______ habe ein Aufgebot für September 2010 erhalten, um erstmalig ins Militär einzurücken, er ha- be auch sein Militärdienstbüchlein erhalten (vgl. ebenda, F. 23). Es seien in der Folge immer wieder Patrouillen ins Dorf gekommen, es habe aber keine ernsthafte Suche stattgefunden (vgl. ebenda F. 22). Die Familie ha- be das Einrücken von C._______ zunächst verhindern können, dann aber hätten die Behörden die Ausreden nicht länger akzeptiert, da sich die La- ge zugespitzt hätte (vgl. ebenda, F. 26 – 28). Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, dass er keinen Marschbefehl oder ein sonstiges Dokument erhalten hat, aus welchem sich ein konkretes Aufgebot ergeben würde. Er befürchtet e jedoch, aufgrund seines Alters und des Umstandes, Reservist zu sein, dennoch zum Militärdienst aufge- boten zu werden. Dazu ist festzuhalten, dass die Syrisch e Arabische Ar- mee (SAA) angesichts schwindender Truppenstärke ihre B emühungen zur Einbeziehung von Reservisten im Verlauf des Bürgerkriegs tatsäch- lich verstärkt hat (vgl. The Washington Post, Desperate for soldiers, As- sad’s government imposes harsh recruitment measures, 28.12.2014, www.washingtonpost.com/world/middle_east/desperate-for-soldiers- assadsgovernment-imposes-harsh-recruitment-measures/2014/12/28/- 62f99194-6d1d-4bd6-a862-b3ab4-6c6b33b_story.html, abgerufen am 09.09.2015). Berichten zufolge bemüht sich die syrische Regierung, die Wehr-, beziehungsweise Reservedienstpflicht durchzusetzen. Reservis- ten würden gezielter gesucht als bisher und könnten ohne Vorwarnung zum Dienst eingezogen werden (vgl. den Bericht des Danish Immigration Service [DIS], Syria: Military Service, Mandatory Self -Defence Duty and Recruitment to the YPG, 26.02.2015, www.nyidanmark.dk/ -NR/rdon- lyres/991BA1A7-84C6-42A2-BC16-3CE6B5D862C/0/Syrien-notat26feb- 2015.pdf, abgerufen am 09.09.2015). Dies gelte aber weniger für die Ge- biete im Norden Syrien, welche durch die kurdischen Volksverteidigungs-D-4576/2014 Seite 9 einheiten (kurdisch Yekîn eyên Parastina Gel, Kürzel YPG) kontrolliert werden. Gemäss der Herkunftsländeranalyse Lifos der Schwedischen Migrationsbehörde scheint es, als würde sich die syrische Regierung seit der de facto Kontrolle von Teilen der Provinz al -Hasaka durch die YPG weniger ernsthaft darum bemühen, die Wehrpflicht in diesen Gebi eten durchzusetzen (vgl. Lifos [Migrationsverket], Reguljär och irreguljär syrisk militärtjänst, 24.11.2014, http://lifos.migrationsverket.se/dokument?- document-Attach-mentId=41518, abgerufen am 09.09 .2015). Ende Juli 2015 verkündete der Syrische Präsident Assad eine Generalamnestie für Deserteure (vgl. NZZ online vom 25. Juli 2015, Präsident Asad verkündet Amnestie für Deserteure, www.nzz.ch/international/syriens-praesident- asad-verkuendet-amnestie-fuer-deserteure-1.18585535, besucht am 09.09.2015), deren Auswirkungen jedoch noch unklar ist. Es ist jedoch davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer – der aus einer Stadt im Nord-Osten Syriens stammt, die inzwischen unter Kontrolle der kurdi- schen Kräfte steht , im Fall einer Rückkehr durch die Syrisch e Arabische Armee nicht als Reservist eingezogen werden würde. 5.6 Zusammenfassend erweist sich, dass nicht davon auszugehen ist, der Beschwerdeführer habe sich in Syrien der Wehrdienstverweigerung schuldig gemacht. Zwar hat er den ordentlichen Militärdienst geleistet und wurde anschliessend der Reserve zugeteilt. Der Umstand allein, dass er im Status eines Reservisten, der jedoch nicht zum aktiven Reservedienst einberufen worden ist, aus Syrien ausgereist ist (vgl. Protokoll der Erstbe- fragung, A6/10, F 4.02, act. A22/12, F. 8 – 10), kann nicht als Fahnen- flucht im Sinne einer Dienstverweigerung oder Desertion erachtet wer- den. Ferner kommt auch dem Umstand, dass durch die syrische Armee im Verlauf des Bürgerkriegs in der Tat auch Reservisten einberufen wur- den und weiterhin werden, b ezüglich des Beschwerdeführers, der selbst kein solches Aufgebot erhalten hat, keine Bedeutung zu. Die Frage, ob der Beschwerdeführer in Syrien eine Bestrafung wegen Dienstverweige- rung (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.7.2 f.) zu befürchten hätte, stellt sich daher nicht. Aus diesen Erwägungen erübrigt sich ferner die weitere Prüfung, ob der Beschwerdeführer – wie vorgetragen – als Angehöriger der kurdi- schen Minderheit im Militärdienst besonders gefährdet wäre. 5.7 Auch die Vorbringen im Zusammenhang mit der Flucht des jüngeren Bruders C._______ vermögen eine asylrelevante Verfolgung nicht zu be- gründen. Die auf Beschwerdeebene eingereichten Beweismittel belegen zwar, dass sich die Brüder und der Vater des Beschwerdeführers als Flüchtlinge im Libanon aufhalten. Weite re S chlüsse lassen die einge-D-4576/2014 Seite 10 reichten Dokumente jedoch nicht zu. Auch die Ausdrucke der Fotografien, welche den Bruder C._______ angeblich im Gefängnis zeigen, belegen nicht, ob überhaupt und falls ja, aus welchem Grund, sich dieser in Haft befinden sollte. Zwar liegen einzelne Berichte vor, gemäss denen syri- sche Offiziere nach ihrer Desertion in Libanon inhaftiert wurden und Un- tersuchungen eingeleitet worden sind (vgl. den Bericht von NADINE ELALI, Lebanon offers no Asylum for Syrien army defectors, vom 14. August 2013, auf der libanesischen News -Website NOW, https://now.mmedia.me/lb/en/reports-features/lebanon-offers-no-asylum- for-syrian-army-defectors, besucht am 08.09.2015) . Bei diesen handelte es sich jedoch jeweils um Personen, welche den aktiven Armeedienst verlassen und zudem eine höhere Position in der Armee bekleidet haben. Der Bruder des Beschwer deführers dagegen hat sich seiner Einberufung als einfacher Soldat und Wehrpflichtiger entzogen. Er ist als Flüchtling durch das UN-Hochkommissariat in Libanon registriert worden. Es ist we- nig wahrscheinlich, dass er sich unter diesen Umständen tatsächlich auf- grund seiner Desertion in Syrien in Haft befinden sollte. Der Beschwerde- führer kann aus diesen Vorbringen nichts für sich ableiten. 5.8 Schliesslich vermag auch der Hinweis des Beschwerdeführers, ein Cousin sei bereits an der Front gefallen, so wie der Umstand, dass ein weiterer Cousin per Videobotschaft zum Austritt von Kurden aus der SAA aufrief, keine Gefährdung für den Beschwerdeführer zu begründen. Selbst wenn sich der Cousin durch das Video exponiert haben sollte, hat der Beschwerdeführer n ichts vorgetragen, was den Schluss zuliesse , dass er selbst durch diesen Auftritt gefährdet sei. Es ist zu bezweifeln, dass der Beschwerdeführer durch das Engagement seiner Verwandten die Aufmerksamkeit der syrischen B ehörden derart auf sich gezogen ha- ben könnte, dass eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürch- ten wäre. 5.9 Hinsichtlich der geltend gemachten Kollektivverfolgung und den Schwierigkeiten der kurdischen Bevölkerung in Syrien ist festzuhalten, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers zum einen nicht im Zusam- menhang mit seiner Flucht stehen, sondern sich auf die Schikanen ge- genüber seinem Vater bez iehen, welche auf eine Zeit vor Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien zurückgehen (vgl. act. 22/12, F. 17). Zum anderen hat er nur sehr pauschal beh auptet, dass Kurden im Militärdienst unter den bestehenden Umständen in den Tod geschickt wü rden (vgl. ebenda, F. 18, 19). Im Beschwerdeverfahren verweist er zur Untermauerung auf den Tod eines Cousins, der im Krieg gefallen ist. Aus den allgemein zu-D-4576/2014 Seite 11 gänglichen Länderberichten lässt sich jedoch nicht schliessen, dass sämtliche in Syrien verbliebene Kurden eine objektiv begründete Furcht vor Verfolgung hätten. Zwar ist richtig, dass der Islamische Staat (IS) in- zwischen die Kontrolle über Teile der kurdischen Gebiete übernommen hat, jedoch trifft dies nicht auf den ehemaligen Wohnort des Beschwerde- führers in der Gemeinde F._______ zu. Dieses Gebiet befindet sich nach dem Rückzug der SAA unter der Kontrolle der kurdischen Volksverteidi- gungseinheiten (YPG), die als bewaffneter Arm der Partei der Demokrati- schen Union (PYD) betrachtet werden und verschiedene mehrheitlich kurdisch besiedelte Gebiete in Nordsyrien kontrollieren (vgl. das Karten- material bei THOMAS VAN LINGE, The Situation in Syria, 15.02.2015, https://pietervanostaeyen.files.wordpress.com/2015/02/2000-pxsyria4.- png, abgerufen am 09.09.2015). Von einer dem Beschwerdeführer dro- henden Kollektivverfolgung der kurdischen Bevölkerung kann daher nicht ausgegangen werden. 5.10 Aus dem Gesagten ergibt sich, d ass das BFM zutreffend zur Ein- schätzung gelangt ist, die Vorbringen des Beschwerdeführers seien asyl- rechtlich nicht relevant. Das Asylgesuch wurde zu Recht abgelehnt. 6. 6.1 Die Ablehnung eines Asylgesuchs oder das Nichteintreten auf ein Asylgesuch hat in der Re gel die Wegweisung aus der Schweiz zur Folge (Art. 44 AsylG). Vorliegend hat der Kanton keine Aufenthaltsbewilligung erteilt, und zudem besteht auch kein Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl. BVGE 2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9, jeweils m.w.N.). Die verf ügte Wegweisung steht daher im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmun- gen und wurde von der Vorinstanz zu Recht angeordnet. 6.2 Im vorliegenden Fall ist im Übrigen anzumerken, dass sich aus den angestellten Erwägungen nicht der Schluss ergibt, der Beschwerdeführer sei zum heutigen Zeitpunkt angesichts der jüngsten Entwicklungen der Situation in Syrien in seinem Heimatstaat nicht gefährdet. Indessen ist ei- ne solche Gefährdungslage im Falle des Beschwerdeführers ausschliess- lich auf die allgemeine in S yrien herrschende Bürgerkriegssituation zu- rückzuführen, welche durch die Vorinstanz mit Verfügung vom 17. Juli 2014 gestützt auf Art. 83 Abs. 4 des Ausländergesetzes (AuG, SR 142.20) im Rahmen der Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung berücksichtigt wurde. D-4576/2014 Seite 12 7. Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich, dass der – einzig in den Punkten 1 – 3 des Dispositivs angefochtene – Asylentscheid des BFM das Bundesrecht nicht verletzt sowie den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt (Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist ab- zuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten dem Be- schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Der mit der Beschwerdeschrift gestellte Antrag auf une ntgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wurde jedoch mit Zwischenverfügung vom 26. August 2014 gutgeheissen , so dass der Beschwerdeführer die Verfahrenskosten nicht tragen muss. (Dispositiv nächste Seite) D-4576/2014 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Susanne Bolz Versand: