<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 63 S.307</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gesundheitsrecht</span> <span class="page_no">307</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IX. Gesundheitsrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>63</b></span> <span class="ft3"><b>Ärztliche Sorgfaltspflicht im Zusammenhang mit der Beihilfe zum Suizid.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>-</b></span> <span class="ft3"><b>Die Verordnung eines rezeptpflichtigen Betäubungsmittels stellt eine</b></span><br/> <span class="ft3"><b>aufsichtsrechtlich relevante Tätigkeit im Rahmen der ärztlichen Be-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>rufsausübung dar; hierin eingeschlossen sind die der Rezeptierung</b></span><br/> <span class="ft3"><b>vorausgehenden Untersuchungen und Abklärungen (Art. 9 Abs. 1</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Satz 1, 10 Abs. 1 und 11 Abs. 1 BetmG; §§ 22 Abs. 1 und 33 Abs. 1</b></span><br/> <span class="ft3"><b>GesG) (Erw. 2).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Völkerrechtliche Aspekte, insbesondere Anwendung von Art. 8</b></span><br/> <span class="ft3"><b>EMRK (Erw. 3).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>-</b></span> <span class="ft3"><b>Rückgriff auf die SAMW-Richtlinien (Erw. 4/a). Würdigung der Ein-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>zelfälle (Erw. 4/b).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>-</b></span> <span class="ft3"><b>Verhältnismässigkeit des Verbots, von der Betäubungsmittelgesetzge-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>bung erfasste Stoffe zu rezeptieren oder abzugeben (Erw. 5).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 28. Januar 2005 in Sa-</span><br/> <span class="ft4">chen M. gegen Regierungsrat.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">1. Das Gesundheitsdepartement wirft dem Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft6">vor, gegen § 22 Abs. 1 GesG und gegen Art. 11 BetmG verstossen zu</span><br/> <span class="ft6">haben, dies namentlich weil er Suizidbeihilfe bei psychisch Kranken</span><br/> <span class="ft6">geleistet, die Diagnosestellung und die Abklärung der Urteilsfähig-</span><br/> <span class="ft6">keit nicht mit der nötigen Sorgfalt durchgeführt sowie unzureichende</span><br/> <span class="ft6">Zeugnisse ausgestellt habe. Auch der Regierungsrat bejahte eine</span><br/> <span class="ft6">Verletzung der ärztlichen Sorgfaltspflichten. Der Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft6">nimmt nun unter Hinweis auf die Richtlinien der Schweizerischen</span><br/> <span class="ft6">Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW) den Stand-</span><br/> <span class="ft6">punkt ein, Beihilfe zum Suizid sei keine ärztliche Tätigkeit im Sinne</span><br/> <span class="ft6">der Behandlung eines Patienten; folglich gebe es für eine staatliche</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">308</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Aufsicht über diese Gutachtertätigkeit auch keine gesetzliche</span><br/> <span class="ft6">Grundlage.</span><br/> <span class="ft6">2. a) Gemäss Art. 9 Abs. 1 Satz 1 BetmG können Ärzte, Zahn-</span><br/> <span class="ft6">ärzte, Tierärzte und verantwortliche Leiter von öffentlichen oder</span><br/> <span class="ft6">Spitalapotheken, die ihren Beruf auf Grund der von der zuständigen</span><br/> <span class="ft6">kantonalen Behörde gemäss Bundesgesetz vom 19. Dezember 1877</span><br/> <span class="ft6">betreffend die Freizügigkeit des Medizinalpersonals in der Schweize-</span><br/> <span class="ft6">rischen Eidgenossenschaft erteilten Ermächtigung selbständig aus-</span><br/> <span class="ft6">üben, Betäubungsmittel nach Massgabe des Bedarfs der vorschrifts-</span><br/> <span class="ft6">gemässen Berufsausübung ohne besondere Bewilligung beziehen,</span><br/> <span class="ft6">lagern, verwenden und abgeben. Zum Verordnen von Betäubungs-</span><br/> <span class="ft6">mitteln sind die in Art. 9 genannten Ärzte und Tierärzte befugt</span><br/> <span class="ft6">(Art. 10 Abs. 1 BetmG). Auch § 33 Abs. 1 GesG schreibt unter dem</span><br/> <span class="ft6">Randtitel "Rezeptbefugnis" vor, dass Arzneimittel nur von Ärzten,</span><br/> <span class="ft6">Zahnärzten und behandelnden Tierärzten verordnet werden dürfen.</span><br/> <span class="ft6">Die Verordnung eines rezeptpflichtigen Betäubungsmittels - und um</span><br/> <span class="ft6">ein solches handelt es sich bei dem hier in Frage stehenden Wirkstoff</span><br/> <span class="ft6">Natrium-Pentobarbital (Anhang a der Verordnung des Schweizeri-</span><br/> <span class="ft6">schen Heilmittelinstituts über die Betäubungsmittel und psychotro-</span><br/> <span class="ft6">pen Stoffe vom 12. Dezember 1996 [SR 812.121.2, Fassung vom</span><br/> <span class="ft6">15. November 2001]) - darf somit von Bundesrechts wegen wie auch</span><br/> <span class="ft6">nach kantonalem Recht nur im Rahmen der ärztlichen Berufsaus-</span><br/> <span class="ft6">übung erfolgen, welche der Aufsicht durch den Kantonsarzt und das</span><br/> <span class="ft6">Gesundheitsdepartement untersteht (§ 4 und § 7 Abs. 4 GesG).</span><br/> <span class="ft6">b) Handelt es sich beim Verordnen eines Betäubungsmittels um</span><br/> <span class="ft6">eine aufsichtsrechtlich relevante Tätigkeit im Rahmen der Berufs-</span><br/> <span class="ft6">ausübung, trifft dies selbstverständlich auch auf die der Verordnung</span><br/> <span class="ft6">vorausgehenden Untersuchungen und Abklärungen zu. Diese bilden</span><br/> <span class="ft6">eine unabdingbare Voraussetzung für die Ausstellung des Rezepts,</span><br/> <span class="ft6">denn Betäubungsmittel dürfen nur in dem Umfang verordnet werden,</span><br/> <span class="ft6">wie dies nach den anerkannten Regeln der medizinischen Wissen-</span><br/> <span class="ft6">schaften notwendig ist (Art. 11 Abs. 1 BetmG; siehe auch Art. 26</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 HMG). Die behördliche Beurteilung, ob die Verordnung eines</span><br/> <span class="ft6">Betäubungsmittels im Einzelfall rechtmässig war, erfolgt daher</span><br/> <span class="ft6">aufgrund der vorgängig durchgeführten Untersuchungen und</span><br/> <span class="ft6">Abklärungen, über die der Arzt von Gesetzes wegen Aufzeichnungen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gesundheitsrecht</span> <span class="page_no">309</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">zu machen hat (§ 23 Abs. 3 Sätze 1 und 2 GesG). Ob der Arzt dabei</span><br/> <span class="ft6">im direkten Auftrag des Suizidwilligen handelt oder aber als "Gut-</span><br/> <span class="ft6">achter" im Auftrag einer Institution (z.B. DIGNITAS oder EXIT),</span><br/> <span class="ft6">welcher er das Betäubungsmittel schliesslich rezeptiert, ist aus</span><br/> <span class="ft6">aufsichtsrechtlicher Sicht unerheblich. In beiden Fällen muss die</span><br/> <span class="ft6">Verordnung des Betäubungsmittels den erwähnten Anforderungen</span><br/> <span class="ft6">von Art. 11 Abs. 1 BetmG, aber auch jenen von § 22 Abs. 1 GesG</span><br/> <span class="ft6">genügen, wonach sich die Medizinalpersonen bei der Berufsaus-</span><br/> <span class="ft6">übung an die Grundsätze der Wissenschaft, der Berufsethik und der</span><br/> <span class="ft6">Wirtschaftlichkeit der Behandlung zu halten haben. Diese Vorgaben</span><br/> <span class="ft6">sind naturgemäss auch zu beachten, wenn die Leistungen des Arztes</span><br/> <span class="ft6">unentgeltlich oder gegen Überweisung eines symbolischen Honorars</span><br/> <span class="ft6">an eine gemeinnützige Organisation erbracht werden. Insofern</span><br/> <span class="ft6">überzeugt der Standpunkt des Beschwerdeführers, der zwischen</span><br/> <span class="ft6">ärztlicher und nichtärztlicher Tätigkeit unterscheidet und auf den</span><br/> <span class="ft6">Umstand verweist, dass kein Vertragsverhältnis mit den Patienten</span><br/> <span class="ft6">bestand, nicht. Dem Beschwerdeführer hilft auch nicht, dass in den</span><br/> <span class="ft6">vom Senat der SAMW am 25. November 2004 genehmigten medi-</span><br/> <span class="ft6">zinisch-ethischen Richtlinien "Betreuung von Patienten am Lebens-</span><br/> <span class="ft6">ende" (Ziff. 4.1, S. 7) festgestellt wird, die Beihilfe zum Suizid sei</span><br/> <span class="ft6">"nicht Teil der ärztlichen Tätigkeit". Diese Aussage ist klarerweise</span><br/> <span class="ft6">mit Blick auf die Ziele der Medizin gemeint, Krankheiten zu heilen,</span><br/> <span class="ft6">Schmerzen zu lindern und den Patienten in seiner Krankheit zu be-</span><br/> <span class="ft6">gleiten; Freitodbegleitung gehört - zumindest in einem engeren</span><br/> <span class="ft6">Sinne - nicht dazu (a.a.O., S. 7).</span><br/> <span class="ft6">c) Als Zwischenergebnis ist mithin festzuhalten, dass der Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerdeführer, soweit er die medizinischen Akten von suizidwilli-</span><br/> <span class="ft6">gen Personen studierte, mit ihnen Gespräche führte, ihnen ärztliche</span><br/> <span class="ft6">Zeugnisse ausstellte und zuhanden von DIGNITAS Natrium-Pento-</span><br/> <span class="ft6">barbital rezeptierte, im Rahmen der ärztlichen Berufsausübung han-</span><br/> <span class="ft6">delte, welche der Aufsicht durch den Kantonsarzt und das Gesund-</span><br/> <span class="ft6">heitsdepartement unterstand. Die sachliche Zuständigkeit des Ge-</span><br/> <span class="ft6">sundheitsdepartements ist daher zu bejahen; es war nach Massgabe</span><br/> <span class="ft6">von § 4 Abs. 2 GesG befugt, die aufsichtsrechtlich notwendigen</span><br/> <span class="ft6">Massnahmen und Verfügungen zu erlassen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">310</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">3. a) Der Beschwerdeführer setzt dem nun allerdings das Völ-</span><br/> <span class="ft6">kerrecht, insbesondere Art. 8 EMRK entgegen. Diese Bestimmung</span><br/> <span class="ft6">verschaffe dem Einzelnen einen Anspruch auf Achtung seines Pri-</span><br/> <span class="ft6">vatlebens, wozu auch das Recht gehöre, seinem eigenen Leben ein</span><br/> <span class="ft6">selbstbestimmtes Ende zu bereiten; die Suizidfreiheit bestehe vor-</span><br/> <span class="ft6">aussetzungslos, vollkommen unabhängig von irgend einer medizini-</span><br/> <span class="ft6">schen Indikation. Der Anspruch aus Art. 8 EMRK reiche aber noch</span><br/> <span class="ft6">weiter. Die Schwierigkeit bestehe nämlich darin, dass aufgrund der</span><br/> <span class="ft6">heutigen technischen und pharmazeutischen Gegebenheiten keine</span><br/> <span class="ft6">allgemein zugängliche Methode des Suizids mehr bestehe, die eini-</span><br/> <span class="ft6">germassen risikofrei wirke, wogegen die einzige Methode, welche</span><br/> <span class="ft6">bei regelrechter Durchführung risiko- und schmerzfrei wirke - die</span><br/> <span class="ft6">Verwendung von Natrium-Pentobarbital -, auch dann nicht allgemein</span><br/> <span class="ft6">und ohne weiteres zugänglich sei, wenn für einen Menschen wirklich</span><br/> <span class="ft6">ernsthafte Gründe vorhanden seien, seinem eigenen Leben ein Ende</span><br/> <span class="ft6">zu bereiten. Soweit das Landesrecht nicht die Möglichkeit vorsehe,</span><br/> <span class="ft6">Natrium-Pentobarbital zur Durchführung eines risiko- und schmerz-</span><br/> <span class="ft6">losen Suizids zu beziehen, bestehe das durch Art. 8 Abs. 1 EMRK</span><br/> <span class="ft6">garantierte Recht auf Beendigung des eigenen Lebens nur theore-</span><br/> <span class="ft6">tisch. Dies stelle eine Verletzung der EMRK dar. Dieser Standpunkt</span><br/> <span class="ft6">stützt sich im Wesentlichen auf den Aufsatz "Die EMRK schützt die</span><br/> <span class="ft6">Suizidfreiheit" von Ludwig A. Minelli ab (veröffentlicht in: AJP</span><br/> <span class="ft6">5/2004, S. 491 ff. [Zusammenfassung auf S. 497 f.]).</span><br/> <span class="ft6">b) Art. 8 EMRK lautet wie folgt:</span><br/> <span class="ft7">"</span><span class="ft8"><sup>(1)</sup></span> <span class="ft7">Jede Person hat das Recht auf Achtung ihres Privat- und Fami-</span><br/> <span class="ft7">lienlebens, ihrer Wohnung und ihrer Korrespondenz."</span><br/> <span class="ft8"><sup>(2)</sup></span> <span class="ft7">Eine Behörde darf in die Ausübung dieses Rechts nur eingreifen,</span><br/> <span class="ft7">soweit der Eingriff gesetzlich vorgesehen und in einer demokrati-</span><br/> <span class="ft7">schen Gesellschaft notwendig ist für die nationale oder öffentliche</span><br/> <span class="ft7">Sicherheit, für das wirtschaftliche Wohl des Landes, zur Aufrechter-</span><br/> <span class="ft7">haltung der Ordnung, zur Verhütung von Straftaten, zum Schutz der</span><br/> <span class="ft7">Gesundheit oder der Moral oder zum Schutz der Rechte und Frei-</span><br/> <span class="ft7">heiten anderer."</span><br/> <span class="ft6">aa) Wegleitend für die Auslegung von Art. 8 EMRK ist das Ur-</span><br/> <span class="ft6">teil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR)</span><br/> <span class="ft6">vom 29. April 2002 in der Sache Diane Pretty v. The United</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gesundheitsrecht</span> <span class="page_no">311</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Kingdom (2346/02). Zu beurteilen war der Fall einer 43-jährigen</span><br/> <span class="ft6">Frau, die an einer fortgeschrittenen Form der amyotrophen Lateral-</span><br/> <span class="ft6">sklerose litt. Es handelt sich dabei um eine unheilbare neurologische</span><br/> <span class="ft6">Erkrankung, die zum Verlust der Muskelsubstanz und damit einher-</span><br/> <span class="ft6">gehend zu einer fortschreitenden Lähmung führt (Erw. 7). Diane</span><br/> <span class="ft6">Pretty war vom Hals an abwärts gelähmt, konnte kaum noch ver-</span><br/> <span class="ft6">ständlich sprechen und wurde mittels eines Schlauchs ernährt. Ihre</span><br/> <span class="ft6">Lebenserwartung war kurz und konnte nur noch in Wochen oder</span><br/> <span class="ft6">Monaten gemessen werden. Nicht beeinträchtigt waren ihr Intellekt</span><br/> <span class="ft6">und ihre Urteilsfähigkeit. Sie äusserte mit Nachdruck den Wunsch,</span><br/> <span class="ft6">selber bestimmen zu können, wann sie sterbe, um auf diese Weise</span><br/> <span class="ft6">von Leiden und Unwürdigem verschont zu bleiben (Erw. 8). Ihr</span><br/> <span class="ft6">Ehegatte sollte ihr beim Freitod behilflich sein, aber nur, wenn ihm</span><br/> <span class="ft6">von den Strafverfolgungsbehörden Straffreiheit garantiert würde, was</span><br/> <span class="ft6">diese mit Verweisung auf den "Suicide Act 1961" jedoch ablehnten</span><br/> <span class="ft6">(Erw. 10 ff.). Der EGMR führte in diesem Zusammenhang und mit</span><br/> <span class="ft6">Blick auf Art. 8 EMRK wörtlich aus (Erw. 67):</span><br/> <span class="ft7">"The applicant in this case is prevented by law from exercising her</span><br/> <span class="ft7">choice to avoid what she considers will be an undignified and</span><br/> <span class="ft7">distressing end of her life. The court ist not prepared to exclude that</span><br/> <span class="ft7">this constitutes an interference with her right to respect for private</span><br/> <span class="ft7">life as guaranteed under Article 8 § 1 of the Convention."</span><br/> <span class="ft6">Ob das Recht auf Achtung des Privatlebens gemäss Art. 8</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 EMRK auch das Recht, seinem eigenen Leben ein selbst-</span><br/> <span class="ft6">bestimmtes Ende zu bereiten, umfasst, ist damit vom EGMR noch</span><br/> <span class="ft6">nicht endgültig entschieden worden. Dies räumt im Übrigen auch</span><br/> <span class="ft6">Minelli ein (a.a.O., S. 492).</span><br/> <span class="ft6">bb) Selbst wenn man davon ausginge, Art. 8 Abs. 1 EMRK ga-</span><br/> <span class="ft6">rantiere dieses Recht, bestünde es nicht voraussetzungslos, wie dies</span><br/> <span class="ft6">der Beschwerdeführer postuliert. Im Rahmen von Art. 8 Abs. 2</span><br/> <span class="ft6">EMRK sind nämlich Einschränkungen des Rechts auf Achtung der</span><br/> <span class="ft6">Privatsphäre möglich. Dort sind für die staatlichen Behörden die</span><br/> <span class="ft5"><i>Rechtfertigungsgründe</i> für Eingriffe, für das Individuum die <i>Schran-</i></span><br/> <span class="ft5"><i>ken</i> der Ausübung des jeweiligen Rechts festgelegt. Eingriffe staat-</span><br/> <span class="ft6">licher Behörden bedürfen einer gesetzlichen Grundlage, welche hin-</span><br/> <span class="ft6">reichend zugänglich und hinreichend präzise formuliert sein muss.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">312</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Der Eingriff muss darüber hinaus einen in Art. 8 Abs. 2 EMRK ab-</span><br/> <span class="ft6">schliessend genannten Zweck verfolgen. Schliesslich muss der be-</span><br/> <span class="ft6">hördliche Eingriff "in einer demokratischen Gesellschaft notwendig"</span><br/> <span class="ft6">sein. Der EGMR hat diesen Rechtfertigungsgrund in ständiger</span><br/> <span class="ft6">Rechtsprechung so ausgelegt, dass die Massnahmen einem "dringen-</span><br/> <span class="ft6">den gesellschaftlichen Bedürfnis" entsprechen und verhältnismässig</span><br/> <span class="ft6">erscheinen müssen (Mark E. Villiger, Handbuch der Europäischen</span><br/> <span class="ft6">Menschenrechtskonvention [EMRK], 2. Auflage, Zürich 1999,</span><br/> <span class="ft6">Rz. 543 ff. mit Hinweisen; Jochen Frowein / Wolfgang Peukert,</span><br/> <span class="ft6">Europäische MenschenRechtsKonvention, 2. Auflage, Kehl 1996,</span><br/> <span class="ft6">Art. 8 N 12 ff.). In diesem Sinne prüfte der EGMR, ob der "Suicide</span><br/> <span class="ft6">Act 1961" den Anforderungen von Art. 8 Abs. 2 EMRK genüge</span><br/> <span class="ft6">(Erw. 67); er führte dazu aus (Erw. 74):</span><br/> <span class="ft7">"Nonetheless, the Court finds, in agreement with the House of Lords</span><br/> <span class="ft7">and the majority of the Canadian Supreme Court in <i>Rodriguez</i>, that</span><br/> <span class="ft7">States are entitled to regulate through the operation of the general</span><br/> <span class="ft7">criminal law activities which are detrimental to the life and safety of</span><br/> <span class="ft7">other individuals (see also <i>Laskey, Jaggard and Brown</i>, cited above,</span><br/> <span class="ft7">pp. 132-33, § 43). The more serious the harm involved the more</span><br/> <span class="ft7">heavily will weigh in the balance considerations of public health and</span><br/> <span class="ft7">safety against the countervailing principle of personal autonomy. The</span><br/> <span class="ft7">law in issue in this case, section 2 of the 1961 Act, was designed to</span><br/> <span class="ft7">safeguard life by protecting the weak and vulnerable and especially</span><br/> <span class="ft7">those who are not in a condition to take informed decisions against</span><br/> <span class="ft7">acts intended to end life or to assist in ending life. Doubtless the</span><br/> <span class="ft7">condition of terminally ill individuals will vary. But many will be</span><br/> <span class="ft7">vulnerable and it is the vulnerability of the class which provides the</span><br/> <span class="ft7">rationale for the law in question. It is primarily for States to assess</span><br/> <span class="ft7">the risk and the likely incidence of abuse if the general prohibition</span><br/> <span class="ft7">on assisted suicides were relaxed or if exceptions were to be created.</span><br/> <span class="ft7">Clear risks of abuse do exist, notwithstanding arguments as to the</span><br/> <span class="ft7">possibility of safeguards and protective procedures."</span><br/> <span class="ft6">Für den EGMR sind somit öffentliche Gesundheit und Privat-</span><br/> <span class="ft6">autonomie gegeneinander abzuwägen. Der Schutz der schwachen</span><br/> <span class="ft6">und verletzlichen Personen rechtfertige ein Gesetz, das die Beihilfe</span><br/> <span class="ft6">zum Suizid unter Strafandrohung verbietet. Es sei hauptsächlich</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gesundheitsrecht</span> <span class="page_no">313</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Sache der Staaten, die Risiken abzuwägen und die Wahrscheinlich-</span><br/> <span class="ft6">keit von Missbräuchen zu bewerten, welche mit einer Lockerung der</span><br/> <span class="ft6">gesetzlichen Regelung bzw. mit einer Schaffung von Ausnahmen</span><br/> <span class="ft6">einhergingen. Es existierten klare Missbrauchsrisiken, und zwar</span><br/> <span class="ft6">ungeachtet der Möglichkeit schützender Verfahren. Gestützt hierauf</span><br/> <span class="ft6">gelangte der EGMR im Fall Pretty zur Schlussfolgerung, dass der</span><br/> <span class="ft6">betreffende Eingriff als "in einer demokratischen Gesellschaft not-</span><br/> <span class="ft6">wendig" für den Schutz Dritter sei und dementsprechend keine Ver-</span><br/> <span class="ft6">letzung von Art. 8 EMRK vorliege (Erw. 78). Insofern erweist sich</span><br/> <span class="ft6">die Auffassung des Beschwerdeführers, es sei in keiner Weise er-</span><br/> <span class="ft6">sichtlich, dass das Recht, seinem eigenen Leben ein selbstbestimmtes</span><br/> <span class="ft6">Ende zu bereiten, von den Vertragsstaaten unter Berufung auf Art. 8</span><br/> <span class="ft6">Abs. 2 EMRK irgendwie eingeschränkt oder gar entzogen werden</span><br/> <span class="ft6">dürfe, da die für derartige Eingriffe erforderlichen Voraussetzungen,</span><br/> <span class="ft6">wie sie von Art. 8 Abs. 2 EMRK gefordert würden, vollständig fehl-</span><br/> <span class="ft6">ten, als nicht haltbar. Eine genügende gesetzliche Grundlage vor-</span><br/> <span class="ft6">ausgesetzt, ist ein solcher Eingriff auch nach Auffassung des EGMR</span><br/> <span class="ft6">aufgrund der Schwere des betroffenen öffentlichen Interesses durch-</span><br/> <span class="ft6">aus zulässig. In gleicher Weise lässt sich gestützt auf Art. 36 BV ein</span><br/> <span class="ft6">Eingriff in die durch Art. 10 Abs. 2 und Art. 13 Abs. 1 BV geschützte</span><br/> <span class="ft6">individuelle Selbstbestimmung rechtfertigen, sofern dadurch das</span><br/> <span class="ft6">Grundrecht weder völlig unterdrückt noch seines Gehalts als</span><br/> <span class="ft6">fundamentale Institution der Rechtsordnung entleert wird (Ulrich</span><br/> <span class="ft6">Häfelin / Walter Haller, Schweizerisches Bundesstaatsrecht, 6. Auf-</span><br/> <span class="ft6">lage, Zürich 2005, Rz. 370 ff. mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft6">c) aa) Der Selbstmordversuch ist nach kontinental-europäischer</span><br/> <span class="ft6">Auffassung straflos bzw. "unverboten" (siehe den Bericht der Ar-</span><br/> <span class="ft6">beitsgruppe "Sterbehilfe" an das Eidgenössische Justiz- und Polizei-</span><br/> <span class="ft6">departement vom März 1999 [im Folgenden: Bericht "Sterbehilfe"],</span><br/> <span class="ft6">S. 12). So statuiert auch Art. 115 StGB die Straflosigkeit des Dritten,</span><br/> <span class="ft6">der dem Suizidenten die Mittel zur Selbsttötung beschafft, sofern er</span><br/> <span class="ft6">aus uneigennützigen Motiven handelt. Aus der Straffreiheit der</span><br/> <span class="ft6">Suizidbeihilfe lässt sich freilich nicht schliessen, das Recht, seinem</span><br/> <span class="ft6">eigenen Leben ein selbstbestimmtes Ende zu bereiten, erlaube Ärzten</span><br/> <span class="ft6">die Abgabe von Natrium-Pentobarbital an Suizidwillige. Für diese</span><br/> <span class="ft6">Berufsgruppe gelten mit Art. 11 Abs. 1 BetmG und § 22 Abs. 1 GesG</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">314</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">besondere gesetzliche Vorgaben. Dies sind generell-abstrakte</span><br/> <span class="ft6">Normen, welche den Anforderungen von Art. 8 Abs. 2 EMRK an</span><br/> <span class="ft6">eine Eingriffsnorm genügen.</span><br/> <span class="ft6">bb) Es gibt heute weder auf völker- noch auf landesrechtlicher</span><br/> <span class="ft6">Ebene eine Norm, welche einen Arzt berechtigt, ausserhalb seiner</span><br/> <span class="ft6">Berufspflichten und losgelöst von einer medizinischen Indikation zu</span><br/> <span class="ft6">Handen von Suizidwilligen bzw. von Sterbehilfeorganisationen Na-</span><br/> <span class="ft6">trium-Pentobarbital zu verschreiben. Klarerweise liegt damit ein</span><br/> <span class="ft6">sogenanntes qualifiziertes Schweigen, d.h. eine bewusst negative</span><br/> <span class="ft6">Antwort des Gesetzgebers, und keine Gesetzeslücke vor (siehe zu</span><br/> <span class="ft6">diesen Begriffen BGE 125 V 11 mit zahlreichen Hinweisen; ferner</span><br/> <span class="ft6">Ulrich Häfelin / Georg Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht,</span><br/> <span class="ft6">4.</span> <span class="ft6">Auflage, Zürich/Basel/Genf 2002, Rz. 233 ff.; AGVE 1993,</span><br/> <span class="ft6">S. 376; VGE III/38 vom 18. Mai 2004 [BE.2004.00019], S. 20). Wer</span><br/> <span class="ft6">im Bereich der Beihilfe zum Suizid Recht schaffen will, hat die</span><br/> <span class="ft6">ausserordentlich schwierige Frage zu entscheiden, wie sie sich zu</span><br/> <span class="ft6">Art. 2 EMRK verhält, wo die staatliche Pflicht zum Schutz des Le-</span><br/> <span class="ft6">bens statuiert ist (siehe auch das erwähnte Urteil des EGMR, Erw. 34</span><br/> <span class="ft6">ff.). Die Frage hat in erster Linie eine moralisch-ethische Dimension,</span><br/> <span class="ft6">beschlägt daneben aber auch die Frage der Sozialkosten (siehe die</span><br/> <span class="ft6">Arbeit von Peter Holenstein, "Der Preis der Verzweiflung" [Über die</span><br/> <span class="ft6">Kostenfolgen des Suizidgeschehens in der Schweiz], September</span><br/> <span class="ft6">2003). Ist die Lösung eines Problems aber derart von Weltan-</span><br/> <span class="ft6">schauungen und auch von politischen Randbedingungen geprägt, ist</span><br/> <span class="ft6">der Richter schlicht überfordert. Es muss vielmehr dem Gesetzgeber</span><br/> <span class="ft6">anheim gestellt bleiben, aktiv zu werden und, falls ein entsprechen-</span><br/> <span class="ft6">des öffentliches Bedürfnis ausgemacht wird, eine adäquate Regelung</span><br/> <span class="ft6">zur Lockerung der Suizidbeihilfe zu treffen (siehe auch das erwähnte</span><br/> <span class="ft6">Urteil des EGMR, Erw. 74).</span><br/> <span class="ft6">d) Nach dem Gesagten bleibt zu prüfen, ob mit Art. 11 Abs. 1</span><br/> <span class="ft6">BetmG und § 22 Abs. 1 GesG ein in Art. 8 Abs. 2 EMRK aufge-</span><br/> <span class="ft6">führter Zweck verfolgt wird und die in diesen Bestimmungen ent-</span><br/> <span class="ft6">haltenen Massnahmen einem dringenden gesellschaftlichen Bedürf-</span><br/> <span class="ft6">nis entsprechen. Beide Voraussetzungen sind erfüllt. Die an die aner-</span><br/> <span class="ft6">kannten Regeln der medizinischen Wissenschaften bzw. die Grund-</span><br/> <span class="ft6">sätze der Wissenschaft anknüpfende Reglementierung der Rezeptie-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gesundheitsrecht</span> <span class="page_no">315</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">rung von Betäubungsmitteln dient offensichtlich der Wahrung der öf-</span><br/> <span class="ft6">fentlichen Gesundheit, indem ein missbräuchlicher Umgang mit Be-</span><br/> <span class="ft6">täubungsmitteln verhindert werden soll; solche Risiken bestehen</span><br/> <span class="ft6">nach höchstrichterlicher Rechtsprechung auch im Bereich der Suizid-</span><br/> <span class="ft6">beihilfe (siehe dazu das erwähnte Urteil des EGMR, Erw. 74). Ange-</span><br/> <span class="ft6">sichts der Gefährlichkeit von Betäubungsmitteln, insbesondere auch</span><br/> <span class="ft6">von Natrium-Pentobarbital, welches je nach Dosis zum Tode führt,</span><br/> <span class="ft6">ist auch das dringende gesellschaftliche Bedürfnis nach solchen Be-</span><br/> <span class="ft6">stimmungen ausgewiesen. Folglich vermögen die hinter Art. 11</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 BetmG und § 22 Abs. 1 GesG stehenden gesetzgeberischen</span><br/> <span class="ft6">Zielsetzungen Eingriffe in die gemäss Art. 8 Abs. 1 EMRK ge-</span><br/> <span class="ft6">schützten Garantien, d.h. auch in das Recht auf Achtung der Pri-</span><br/> <span class="ft6">vatsphäre zu rechtfertigen. Ein Eingriff in den unantastbaren Kern-</span><br/> <span class="ft6">gehalt des Rechts, seinem eigenen Leben ein selbstbestimmtes Ende</span><br/> <span class="ft6">zu bereiten, liegt dabei nicht vor; weder wird die Ausübung dieses</span><br/> <span class="ft6">Rechts verboten noch sonst in einer Weise eingeschränkt, dass von</span><br/> <span class="ft6">einer völligen Unterdrückung bzw. Entleerung seines Gehalts ge-</span><br/> <span class="ft6">sprochen werden muss. Insbesondere kann aus der Rechtsordnung</span><br/> <span class="ft6">kein Anspruch auf einen risiko- und schmerzlosen Suizid abgeleitet</span><br/> <span class="ft6">werden, wie dies der Beschwerdeführer suggerieren will.</span><br/> <span class="ft6">4. a) aa) Soweit Art. 11 Abs. 1 BetmG und § 22 Abs. 1 GesG</span><br/> <span class="ft6">auf die "anerkannten Regeln der medizinischen Wissenschaften"</span><br/> <span class="ft6">bzw. auf die "Grundsätze der Wissenschaft" und "der Berufsethik"</span><br/> <span class="ft6">verweisen, bedienen sie sich unbestimmter Rechtsbegriffe. Diese</span><br/> <span class="ft6">Rechtsfiguren umschreiben die Voraussetzungen der Rechtsfolge</span><br/> <span class="ft6">oder die Rechtsfolge selbst in offener, unbestimmter Weise</span><br/> <span class="ft6">(BGE</span> <span class="ft6">98</span> <span class="ft6">Ib 509; AGVE 2002, S. 402; Häfelin/Müller, a.a.O.,</span><br/> <span class="ft6">Rz. 445). Die Abgrenzung zwischen unbestimmtem Rechtsbegriff</span><br/> <span class="ft6">und Ermessen ist dabei fliessend; bei beiden Begriffen liegen offene</span><br/> <span class="ft6">Formulierungen vor, welche den rechtsanwendenden Behörden einen</span><br/> <span class="ft6">Entscheidungsspielraum gewähren. Der Unterschied liegt darin, dass</span><br/> <span class="ft6">die unbestimmten Rechtsbegriffe der Auslegung zugänglich sind und</span><br/> <span class="ft6">diese eine Rechts- und keine Ermessensfrage darstellt (AGVE 2002,</span><br/> <span class="ft6">S. 402; Häfelin/Müller, a.a.O., Rz. 448).</span><br/> <span class="ft6">bb) Nach Auffassung des Gesundheitsdepartements müssen die</span><br/> <span class="ft6">erwähnten Begriffe dahingehend verstanden werden, dass der Arzt</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">316</span></div> <div class="page" id="S10"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">verpflichtet sei, seine Tätigkeit lege artis, d.h. dem aktuellen Stand</span><br/> <span class="ft6">der medizinischen Wissenschaften entsprechend, und unter Berück-</span><br/> <span class="ft6">sichtigung der ärztlich allgemein anerkannten ethischen Grundsätze</span><br/> <span class="ft6">auszuüben; bei der Konkretisierung dieser Begriffe spielten die</span><br/> <span class="ft6">Richtlinien der SAMW eine bedeutende Rolle. Der Regierungsrat</span><br/> <span class="ft6">teilt diese Auffassung.</span><br/> <span class="ft6">aaa) Den SAMW-Richtlinien fehlt aus der Sicht des Bundes-</span><br/> <span class="ft6">rechts ein für Ärzte und Patienten verbindlicher Charakter, denn</span><br/> <span class="ft6">dieses Recht verweist an keiner Stelle darauf. Anders verhält es sich</span><br/> <span class="ft6">in denjenigen kantonalen Rechtsordnungen, welche die Anwendbar-</span><br/> <span class="ft6">keit der Richtlinien ausdrücklich vorsehen oder sie aufgrund einer</span><br/> <span class="ft6">Verweisung zum Bestandteil des kantonalen Rechts erklären (Bericht</span><br/> <span class="ft6">"Sterbehilfe", S. 15, mit Hinweis auf ein unveröffentlichtes Gutach-</span><br/> <span class="ft6">ten des Bundesamtes für Justiz vom 3. März 1998 samt Zusatzbericht</span><br/> <span class="ft6">vom 7. April 1998). So hat das Bundesgericht kantonale Gesetzes-</span><br/> <span class="ft6">und Verordnungsbestimmungen, welche die Anwendbarkeit der</span><br/> <span class="ft6">SAMW-Richtlinien ausdrücklich vorsahen, für zulässig erklärt</span><br/> <span class="ft6">(BGE 98 Ia 512 ff., 123 I 122 ff.). Weil eine solche Verweisung im</span><br/> <span class="ft6">vorliegenden Fall fehlt, ist nach dem Gesagten von der grundsätzli-</span><br/> <span class="ft6">chen Unverbindlichkeit der Richtlinien auszugehen. Dies bedeutet</span><br/> <span class="ft6">jedoch nicht, dass sie nicht zur Konkretisierung unbestimmter</span><br/> <span class="ft6">Rechtsbegriffe bzw. als Auslegungshilfe herangezogen werden dür-</span><br/> <span class="ft6">fen, sofern sie tatsächlich den aktuellen Stand der medizinischen</span><br/> <span class="ft6">Wissenschaften widerspiegeln.</span><br/> <span class="ft6">bbb) Bezüglich der Beihilfe zum Suizid sind heute in allge-</span><br/> <span class="ft6">meiner Hinsicht die bereits erwähnten medizinisch-ethischen</span><br/> <span class="ft6">SAMW-Richtlinien "Betreuung von Patienten am Lebensende"</span><br/> <span class="ft6">(vorne Erw. 2/b) relevant. Unter der Ziffer 4.1 ("Beihilfe zum Sui-</span><br/> <span class="ft6">zid") führen sie Folgendes aus:</span><br/> <span class="ft7">"Gemäss Art. 115 des Strafgesetzbuches ist die Beihilfe zum Suizid</span><br/> <span class="ft7">straflos, wenn sie ohne selbstsüchtige Beweggründe erfolgt. Dies gilt</span><br/> <span class="ft7">für alle Personen.</span><br/> <span class="ft7">Die Rolle des Arztes besteht bei Patienten am Lebensende darin,</span><br/> <span class="ft7">Symptome zu lindern und den Patienten zu begleiten. Es ist nicht</span><br/> <span class="ft7">seine Aufgabe, von sich aus Suizidbeihilfe anzubieten, sondern er ist</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gesundheitsrecht</span> <span class="page_no">317</span></div> <div class="page" id="S11"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">im Gegenteil dazu verpflichtet, allfälligen Suizidwünschen zugrunde</span><br/> <span class="ft7">liegende Leiden nach Möglichkeit zu lindern.</span><br/> <span class="ft7">Trotzdem kann am Lebensende in einer für den Betroffenen uner-</span><br/> <span class="ft7">träglichen Situation der Wunsch nach Suizidbeihilfe entstehen und</span><br/> <span class="ft7">dauerhaft bestehen bleiben.</span><br/> <span class="ft7">In dieser Grenzsituation kann für den Arzt ein schwer lösbarer Kon-</span><br/> <span class="ft7">flikt entstehen. Auf der einen Seite ist die Beihilfe zum Suizid nicht</span><br/> <span class="ft7">Teil der ärztlichen Tätigkeit, weil sie den Zielen der Medizin wider-</span><br/> <span class="ft7">spricht. Auf der anderen Seite ist die Achtung des Patientenwillens</span><br/> <span class="ft7">grundlegend für die Arzt-Patienten-Beziehung. Diese Dilemmasitua-</span><br/> <span class="ft7">tion erfordert eine persönliche Gewissensentscheidung des Arztes.</span><br/> <span class="ft7">Die Entscheidung, im Einzelfall Beihilfe zum Suizid zu leisten, ist</span><br/> <span class="ft7">als solche zu respektieren. In jedem Fall hat der Arzt das Recht, Sui-</span><br/> <span class="ft7">zidbeihilfe abzulehnen. Entschliesst er sich zu einer Beihilfe zum</span><br/> <span class="ft7">Suizid, trägt er die Verantwortung für die Prüfung der folgenden</span><br/> <span class="ft7">Voraussetzungen:</span><br/> <span class="ft7">- Die Erkrankung des Patienten rechtfertigt die Annahme, dass das</span><br/> <span class="ft7">Lebensende nahe ist.</span><br/> <span class="ft7">- Alternative Möglichkeiten der Hilfestellung wurden erörtert und</span><br/> <span class="ft7">soweit gewünscht auch eingesetzt.</span><br/> <span class="ft7">- Der Patient ist urteilsfähig, sein Wunsch ist wohlerwogen, ohne</span><br/> <span class="ft7">äusseren Druck entstanden und dauerhaft. Dies wurde von einer</span><br/> <span class="ft7">unabhängigen Drittperson überprüft, wobei diese nicht zwingend</span><br/> <span class="ft7">ein Arzt sein muss.</span><br/> <span class="ft7">Der letzte Akt der zum Tode führenden Handlung muss in jedem Fall</span><br/> <span class="ft7">durch den Patienten selbst durchgeführt werden."</span><br/> <span class="ft6">Das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich hat im ähnlich ge-</span><br/> <span class="ft6">lagerten Fall eines Arztes, der im Rahmen von Freitodbegleitungen</span><br/> <span class="ft6">wiederholt eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital verordnet hatte</span><br/> <span class="ft6">und dessen Praxisbewilligung in der Folge auf präventivmedizini-</span><br/> <span class="ft6">sche Tätigkeiten beschränkt worden war, die Frage aufgeworfen, ob</span><br/> <span class="ft6">die SAMW-Richtlinien im Bereich der aktiven Sterbehilfe einen für</span><br/> <span class="ft6">die ärztliche Sorgfalt massgebenden Stand der medizinischen</span><br/> <span class="ft6">Wissenschaft wiedergäben oder ob darin nicht vielmehr nur Leitli-</span><br/> <span class="ft6">nien aufgezeigt würden, welche den Ärzten in den Grenzbereichen</span><br/> <span class="ft6">der Medizin und in bisher unbekannten Situationen eher ethisch mo-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">318</span></div> <div class="page" id="S12"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">tivierte Empfehlungen abgäben; für letzteres spreche, dass die Bei-</span><br/> <span class="ft6">hilfe zum Suizid auf einem persönlichen Gewissensentscheid des</span><br/> <span class="ft6">verantwortlichen Arztes beruhe und aus religiösen und weltan-</span><br/> <span class="ft6">schaulichen Beweggründen abgelehnt werden könne, und dass aus</span><br/> <span class="ft6">der generellen Akzeptanz ärztlicher Suizidhilfe auch Missbräuche</span><br/> <span class="ft6">resultieren könnten (ZBl 101/2000, S. 491). Die angeführten</span><br/> <span class="ft6">SAMW-Richtlinien "Betreuung von Patienten am Lebensende"</span><br/> <span class="ft6">tragen indessen dieser Situation vollumfänglich Rechnung. Dem Arzt</span><br/> <span class="ft6">wird darin ausdrücklich zugebilligt, den mit dem Suizidwunsch eines</span><br/> <span class="ft6">Patienten regelmässig verbundenen Gewissenskonflikt in voller</span><br/> <span class="ft6">Freiheit für sich zu lösen. Für diejenigen Fälle, in welchen der Arzt</span><br/> <span class="ft6">Beihilfe zum Suizid leisten will, bilden die SAMW-Richtlinien eine</span><br/> <span class="ft6">durchaus taugliche Auslegungshilfe; sie bringen zum Ausdruck, was</span><br/> <span class="ft6">in der Grenzsituation der ärztlichen Sterbehilfe unter den "aner-</span><br/> <span class="ft6">kannten Regeln der medizinischen Wissenschaften" bzw. den</span><br/> <span class="ft6">"Grundsätzen der Wissenschaft" und "der Berufsethik" konkret zu</span><br/> <span class="ft6">verstehen ist. Die Medikation eines tödlich wirkenden Betäubungs-</span><br/> <span class="ft6">mittels setzt demnach eine nach den Regeln der ärztlichen Kunst</span><br/> <span class="ft6">vorgenommene Untersuchung und eine entsprechende Diagnose</span><br/> <span class="ft6">voraus. Es bedarf in jedem Falle einer medizinischen Indikation. So</span><br/> <span class="ft6">wenig für den Arzt der Wunsch eines Patienten nach einem be-</span><br/> <span class="ft6">stimmten Medikament im Normalfall den Ausschlag für dessen Re-</span><br/> <span class="ft6">zeptierung geben darf, so wenig kann bei der Sterbehilfe der</span><br/> <span class="ft6">(mängelfreie) Selbsttötungswunsch des Patienten allein für die Ver-</span><br/> <span class="ft6">abreichung des fraglichen Mittels genügen. Aufgrund der besondern</span><br/> <span class="ft6">Stellung des Arztes, namentlich seiner Verantwortung gegenüber</span><br/> <span class="ft6">dem Leben und der öffentlichen Gesundheit im Allgemeinen sowie</span><br/> <span class="ft6">dem gesundheitlichen Wohlergehen des Einzelnen im Besonderen,</span><br/> <span class="ft6">gehört es zu seiner Aufgabe, rezeptpflichtige Medikamente oder</span><br/> <span class="ft6">Betäubungsmittel nur soweit einzusetzen, als dies aus medizinischer</span><br/> <span class="ft6">Sicht erforderlich ist. Dies bedeutet, dass sich der behandelnde Arzt</span><br/> <span class="ft6">nicht nur über die Urteilsfähigkeit eines Sterbewilligen, sondern auch</span><br/> <span class="ft6">darüber Gewissheit zu verschaffen hat, dass im Sinne der SAMW-</span><br/> <span class="ft6">Richtlinien ein Leiden vorliegt, das unabwendbar zum Tod führt. Da</span><br/> <span class="ft6">es bei der Sterbehilfe um eine Massnahme mit tödlicher und damit</span><br/> <span class="ft6">irreversibler Folge für den Patienten geht, sind hinsichtlich Untersu-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gesundheitsrecht</span> <span class="page_no">319</span></div> <div class="page" id="S13"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">chung und Diagnose höchste Anforderungen an die ärztliche Sorgfalt</span><br/> <span class="ft6">zu stellen (ZBl 101/2000, S. 493 f.).</span><br/> <span class="ft6">b) Das Verwaltungsgericht ist aufgrund der Akten und der Par-</span><br/> <span class="ft6">teibefragung anlässlich der Verhandlung vom 28. Januar 2005 zur</span><br/> <span class="ft6">Überzeugung gelangt, dass der Beschwerdeführer bei seiner Tätig-</span><br/> <span class="ft6">keit, sterbewilligen Personen eine letale Dosis des Betäubungsmittels</span><br/> <span class="ft6">Natrium-Pentobarbital zu verordnen, in zum Teil krasser und schwer-</span><br/> <span class="ft6">wiegender Weise gegen Art. 11 Abs. 1 BetmG und § 22 Abs. 1 GesG</span><br/> <span class="ft6">verstossen hat. Im Folgenden ist auf die einzelnen Fälle einzugehen:</span><br/> <span class="ft6">aa) Freitod von K. (geb. 1945) am 19. August 2001.</span><br/> <span class="ft6">Im Auftrag von DIGNITAS empfing der Beschwerdeführer K.,</span><br/> <span class="ft6">die sich in Begleitung ihres Ehemanns und einer Freitodbegleiterin</span><br/> <span class="ft6">befand, am 12. Juni 2001 zu einem etwa 1½-stündigen Gespräch in</span><br/> <span class="ft6">seinen Praxisräumen in O. Ein paar Tage zuvor hatte er die einschlä-</span><br/> <span class="ft6">gigen Krankengeschichten und Arztberichte erhalten. Eine ärztliche</span><br/> <span class="ft6">Untersuchung fand nicht statt. Im Anschluss an das Gespräch ver-</span><br/> <span class="ft6">ordnete der Beschwerdeführer 15</span> <span class="ft6">g Natrium-Pentobarbital; das</span><br/> <span class="ft6">Rezept sandte er an DIGNITAS. Mit Hilfe des rezeptierten Mittels</span><br/> <span class="ft6">verübte K. am 19. August 2001 in Z. Suizid.</span><br/> <span class="ft6">In seinem Bericht vom 12. Juni 2001 hielt der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft6">rer über K. selber Folgendes fest:</span><br/> <span class="ft7">"Sie leidet an einem auch durch alle medizinisch und psychiatrischen</span><br/> <span class="ft7">Abklärungen nie wirklich erklärten Schmerzsyndrom, ausgehend</span><br/> <span class="ft7">vom Schulterbereich, beginnend nach schwierig erlebtem Kli-</span><br/> <span class="ft7">makterium und Berufsstress, 1995. Sie ist wiederholt in Spezialkli-</span><br/> <span class="ft7">niken untersucht und erfolglos behandelt worden, medizinisch, neu-</span><br/> <span class="ft7">rologisch und psychiatrisch-psychotherapeutisch. 1999 begannen vor</span><br/> <span class="ft7">allem psychiatrisch geführte Behandlungen, samt Versuch eigentli-</span><br/> <span class="ft7">cher Psychotherapie. Später kamen dann noch Gallenkoliken dazu</span><br/> <span class="ft7">und eine Überfunktion der Schilddrüse. Gegen Osteoporose nimmt</span><br/> <span class="ft7">sie ein spezifisches (?) Mittel, gegen die 'Depression' ein Antide-</span><br/> <span class="ft7">pressivum. Auch Morphin brachte keine Linderung."</span><br/> <span class="ft6">In der Krankengeschichte, dokumentiert durch rund 25 Arzt-</span><br/> <span class="ft6">und Klinikberichte, welche dem Beschwerdeführer vorgelegen haben</span><br/> <span class="ft6">müssen (er erinnert sich allerdings nur an deren zwei), werden</span><br/> <span class="ft6">zusammenfassend sehr starke chronische Schmerzen im Bereich der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">320</span></div> <div class="page" id="S14"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Halswirbelsäule und eine ausgeprägte Osteopenie (Knochen-</span><br/> <span class="ft6">schwund) sowie eine psychische Überlagerung bzw. wahnhafte De-</span><br/> <span class="ft6">pression diagnostiziert. Der Beschwerdeführer verwarf diese</span><br/> <span class="ft6">Schlussfolgerungen und stellte selber die folgende "Differentialdia-</span><br/> <span class="ft6">gnose":</span><br/> <span class="ft7">"Schwerste frühkindlich angelegte Konversionsneurose oder ein</span><br/> <span class="ft7">rätselhafter Gehirnprozess, der die Persönlichkeit völlig verändert (es</span><br/> <span class="ft7">sollen sich Anomalien beim bildgebenden Verfahren des Gehirns</span><br/> <span class="ft7">gezeigt haben, die aber nicht näher spezifiziert werden)."</span><br/> <span class="ft6">Es ist nun aber schlechterdings undenkbar, dass ein Arzt einzig</span><br/> <span class="ft6">aufgrund eines 1½-stündigen Gesprächs, ohne jede Untersuchung,</span><br/> <span class="ft6">eine seriöse Differentialdiagnose stellen kann. Im Bericht vom</span><br/> <span class="ft6">12. Juni 2001 finden sich hierüber denn auch keine weiteren Aus-</span><br/> <span class="ft6">führungen. Nicht nachvollziehbar ist sodann, wie der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft6">führer zu seiner Diagnose einer "frühkindlich angelegten Konver-</span><br/> <span class="ft6">sionsneurose" gelangt ist. An der Verhandlung vom 28. Januar 2005</span><br/> <span class="ft6">relativierte er die fragliche Aussage denn auch stark; sie sei</span><br/> <span class="ft6">allgemein gemeint gewesen, und aus der ganzen Situation heraus</span><br/> <span class="ft6">habe er annehmen müssen, dass K. als Kind traumatisiert worden sei.</span><br/> <span class="ft6">Bezeichnend ist ferner, dass der Beschwerdeführer den - undatierten,</span><br/> <span class="ft6">aber offenbar aus dem Jahr 2001 stammenden - Bericht einer diplo-</span><br/> <span class="ft6">mierten Psychologin, welche die Weiterführung der begonnenen Ver-</span><br/> <span class="ft6">haltenstherapie (bisher 45 Stunden) als erfolgversprechend bewertete</span><br/> <span class="ft6">und dringend empfahl, weil der Teufelskreis, in welchem die Pa-</span><br/> <span class="ft6">tientin stecke, nur so unterbrochen werden könne, kurzerhand als</span><br/> <span class="ft6">nicht ernst zu nehmend abqualifizierte. Erstaunlich ist dies</span><br/> <span class="ft6">namentlich darum, weil der Beschwerdeführer Allgemeinmediziner</span><br/> <span class="ft6">ist und über keine Spezialausbildung auf den Gebieten der</span><br/> <span class="ft6">Psychiatrie und Psychotherapie verfügt. Das Verwaltungsgericht hat</span><br/> <span class="ft6">den Eindruck gewonnen, dass sich der Beschwerdeführer zu stark</span><br/> <span class="ft6">von den massiven Vorwürfen leiten liess, welche K. gegenüber den</span><br/> <span class="ft6">vorbehandelnden Ärzten erhob. Wenn der Beschwerdeführer die ihm</span><br/> <span class="ft6">vorliegenden Anamnesen und Diagnosen nicht akzeptieren wollte,</span><br/> <span class="ft6">musste er dies anhand gründlicher, dem ärztlichen Standard</span><br/> <span class="ft6">entsprechender Untersuchungen und Befunde belegen. Davon kann</span><br/> <span class="ft6">aber keine Rede sein.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gesundheitsrecht</span> <span class="page_no">321</span></div> <div class="page" id="S15"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">bb) Freitod von S. (geb. 1954) am 11. Dezember 2001.</span><br/> <span class="ft6">Für diese Patientin, an die er sich an der Verhandlung nicht</span><br/> <span class="ft6">mehr zu erinnern vermochte, stellte der Beschwerdeführer im Auf-</span><br/> <span class="ft6">trag von DIGNITAS ebenfalls ein Rezept für 15 g Natrium-Pento-</span><br/> <span class="ft6">barbital aus. Das Gespräch, bei welchem der Freitodwunsch erörtert</span><br/> <span class="ft6">wurde, fand am 6. November 2001 in O. statt, und der Freitod wurde</span><br/> <span class="ft6">am 11. Dezember 2001 in Z. vollzogen. S. war wegen einer Border-</span><br/> <span class="ft6">line-Persönlichkeitsstörung mit teilweise paranoiden Zügen und de-</span><br/> <span class="ft6">pressiven Anteilen in intensiver psychiatrisch-psychotherapeutischer</span><br/> <span class="ft6">Behandlung; in somatischer Hinsicht wurde kein Befund von Krank-</span><br/> <span class="ft6">heitswert festgestellt. Auch der Beschwerdeführer diagnostizierte bei</span><br/> <span class="ft6">ihr eine schwere Depression. Anders aber als der behandelnde</span><br/> <span class="ft6">Facharzt, der eine kontinuierliche ambulante psychotherapeutische</span><br/> <span class="ft6">und psychiatrische Weiterbetreuung "dringend" empfahl und eine</span><br/> <span class="ft6">berufliche Wiedereingliederung als möglich erachtete, bezeichnete</span><br/> <span class="ft6">der Beschwerdeführer in seinem Bericht vom 7. November 2001 den</span><br/> <span class="ft6">Zustand von S. als "offensichtlich hoffnungslos"; sie komme aus</span><br/> <span class="ft6">ihrer schweren Depression trotz vielen psychiatrischen Behand-</span><br/> <span class="ft6">lungen und Hospitalisierungen nicht mehr heraus. Auch diesen</span><br/> <span class="ft6">Befund stützte der Beschwerdeführer auf das eine Gespräch mit S.</span><br/> <span class="ft6">vom 6. November 2001. Dies ist nicht nur unter dem Gesichtspunkt</span><br/> <span class="ft6">der Anzahl der für die Meinungsbildung erforderlichen Konsultatio-</span><br/> <span class="ft6">nen klarerweise unzureichend. Vor allem hätte der Beschwerdeführer,</span><br/> <span class="ft6">wenn er als Nicht-Facharzt von einer fachärztlichen Beurteilung ab-</span><br/> <span class="ft6">weichen wollte, durch Einholung einer spezialärztlichen Zweitmei-</span><br/> <span class="ft6">nung ergründen müssen, ob es sich bei S. tatsächlich so verhielt, dass</span><br/> <span class="ft6">ihr "die heutige Medizin nicht mehr helfen kann". Zu beanstanden ist</span><br/> <span class="ft6">schliesslich auch, dass der Bericht des Beschwerdeführers vom</span><br/> <span class="ft6">7. November 2001 überhaupt keine Aussagen zur Urteilsfähigkeit</span><br/> <span class="ft6">von S. enthält. Allein dies ist eine gravierende Unterlassung.</span><br/> <span class="ft6">cc) Freitod der Geschwister S.M. (geb. 1973) und P.M. (geb.</span><br/> <span class="ft6">1971) am 11. Februar 2002.</span><br/> <span class="ft6">Die Geschwister M., beide französische Staatsangehörige, ka-</span><br/> <span class="ft6">men am 8. September 2001 als Mitglieder von DIGNITAS nach O.</span><br/> <span class="ft6">zu einem "ausgedehnten Gespräch" mit dem Beschwerdeführer; nach</span><br/> <span class="ft6">dessen Erinnerung dauerte die Konsultation "mehr als eine Stunde".</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">322</span></div> <div class="page" id="S16"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Der Beschwerdeführer verordnete ihnen im Anschluss daran je 15 g</span><br/> <span class="ft6">Natrium-Pentobarbital. Der Freitod wurde dann rund fünf Monate</span><br/> <span class="ft6">später in Z. vollzogen.</span><br/> <span class="ft6">Eine eigentliche Krankengeschichte stand dem Beschwerde-</span><br/> <span class="ft6">führer nicht zur Verfügung. Bei den Akten befinden sich zwar ver-</span><br/> <span class="ft6">schiedene Berichte französischer Ärzte, doch enthalten diese weder</span><br/> <span class="ft6">eine Anamnese noch eine Diagnose, sondern äussern sich aus-</span><br/> <span class="ft6">schliesslich im Zusammenhang mit der auf 80% festgesetzten Invali-</span><br/> <span class="ft6">dität der Geschwister M.. Die Diagnose einer Schizophrenie im Be-</span><br/> <span class="ft6">richt vom 9. September 2001 stellte der Beschwerdeführer aufgrund</span><br/> <span class="ft6">des erwähnten Gesprächs sowie eines Rezepts, welches ein Psychia-</span><br/> <span class="ft6">ter zuhanden seines Patienten P.M. am 4. Mai 2000 ausgestellt hatte;</span><br/> <span class="ft6">der Beschwerdeführer führte dazu aus, wenn ein Psychiater die Me-</span><br/> <span class="ft6">dikamente "Floral" und "Fluanxol" rezeptiere, müsse man annehmen,</span><br/> <span class="ft6">es handle sich um eine schizophrene Psychose. Es bedarf keiner</span><br/> <span class="ft6">langen Erörterungen, dass solche Grundlagen viel zu dürftig sind, als</span><br/> <span class="ft6">dass sie für eine Diagnose- und Prognosestellung herangezogen</span><br/> <span class="ft6">werden könnten. Der Beschwerdeführer musste an der Verhandlung</span><br/> <span class="ft6">selber einräumen, dass seine Abklärungen ungenügend waren, doch</span><br/> <span class="ft6">äusserte er gleichzeitig die Meinung, er habe diesen Mangel durch</span><br/> <span class="ft6">seine Erfahrung als Arzt wettmachen können. Damit überschätzt sich</span><br/> <span class="ft6">der Beschwerdeführer offensichtlich. Um die Tragweite psychischer</span><br/> <span class="ft6">Erkrankungen richtig beurteilen zu können, bedarf es einer entspre-</span><br/> <span class="ft6">chenden fachärztlichen Ausbildung, über welche der Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft6">rer wie erwähnt nicht verfügt (vorne Erw. aa). Es widersprach</span><br/> <span class="ft6">deshalb auch der ärztlichen Sorgfaltspflicht, allein aus den Angaben</span><br/> <span class="ft6">der Geschwister M. den Schluss zu ziehen, die Behandlungsmöglich-</span><br/> <span class="ft6">keiten seien ausgeschöpft; ein psychiatrisches Gutachten oder</span><br/> <span class="ft6">zumindest eine ausführliche psychiatrische Beurteilung, die sich</span><br/> <span class="ft6">auch über die Urteilsfähigkeit aussprechen, wären unabdingbar</span><br/> <span class="ft6">gewesen.</span><br/> <span class="ft6">dd) Freitod von F. (geb. 1941) zwischen dem 15. und 17. April</span><br/> <span class="ft6">2003.</span><br/> <span class="ft6">Nach den Darlegungen des Beschwerdeführers war F. "schwer</span><br/> <span class="ft6">psychotisch und körperlich krank"; die sehr starken Schmerzen, wel-</span><br/> <span class="ft6">che sie am ganzen Körper verspürt habe, seien paranoiden Ursprungs</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gesundheitsrecht</span> <span class="page_no">323</span></div> <div class="page" id="S17"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">gewesen. Die Beziehung zu ihm sei über EXIT zustandegekommen,</span><br/> <span class="ft6">denn diese Organisation habe ihrem Mitglied keine Sterbehilfe</span><br/> <span class="ft6">gewähren wollen. Er habe F. dann in Z. besucht und lange, d.h. etwa</span><br/> <span class="ft6">eine Stunde, mit ihr gesprochen. Er habe sie auch untersucht und</span><br/> <span class="ft6">dabei ein "Angstbauchweh" festgestellt. Insgesamt habe er sie zwei-</span><br/> <span class="ft6">bis dreimal gesehen. Weil die (damals noch im gleichen Haus</span><br/> <span class="ft6">wohnende) Schwägerin von F. ihm gegenüber eine ablehnende</span><br/> <span class="ft6">Haltung eingenommen habe, habe er selber keine Freitodbegleitung</span><br/> <span class="ft6">vornehmen können. Er habe F. das Natrium-Pentobarbital -</span><br/> <span class="ft6">zusammen mit einem Anti-Brechmittel - deshalb in einem Restau-</span><br/> <span class="ft6">rant in Z. übergeben, ihr gleichzeitig aber auch einen Beschrieb aus-</span><br/> <span class="ft6">gehändigt und sich vergewissert, ob sie das alles verstanden habe.</span><br/> <span class="ft6">Wie üblich habe er einen ärztlichen Bericht verfasst und an EXIT</span><br/> <span class="ft6">geschickt. Von den weiteren Geschehnissen, insbesondere vom Sui-</span><br/> <span class="ft6">zid - F. wurde am Abend des 19. April 2003 tot in ihrer Wohnung</span><br/> <span class="ft6">aufgefunden -, habe er keine Kenntnis erhalten.</span><br/> <span class="ft6">Wie sich aus den Akten ergibt, war F. bei Dr. med. V., in</span><br/> <span class="ft6">psychiatrischer Behandlung; dessen Diagnose lautete im Wesentli-</span><br/> <span class="ft6">chen auf chronische Schizophrenie, Status nach Brustkrebsoperation,</span><br/> <span class="ft6">leichte unbehandelte Zuckerkrankheit und Tinnitus. Laut dem Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerdeführer habe ihm F. davon erzählt, ihm aber gleichzeitig</span><br/> <span class="ft6">"strengstens verboten, mit dem Psychiater darüber zu sprechen".</span><br/> <span class="ft6">Wenn der Beschwerdeführer diesen Patientenwillen respektieren</span><br/> <span class="ft6">wollte, so hätte er sich zumindest durch Einholung einer fundierten</span><br/> <span class="ft6">psychiatrischen Fachmeinung über Diagnose und Prognose sowie</span><br/> <span class="ft6">Urteilsfähigkeit der Patientin Gewissheit verschaffen müssen. Ge-</span><br/> <span class="ft6">rade die Urteilsfähigkeit war zwar nach dem Zeugnis von Dr. V. bei</span><br/> <span class="ft6">der letzten Konsultation etwa zehn Tage vor dem Tod "klar gegeben",</span><br/> <span class="ft6">doch sei F. vorher "durch ihre schizophrenen kognitiven Störungen</span><br/> <span class="ft6">enorm verlangsamt im Denken" gewesen. Die Angabe des</span><br/> <span class="ft6">Beschwerdeführers, F. sei im Zeitpunkt, als er ihr das Natrium-Pen-</span><br/> <span class="ft6">tobarbital ausgehändigt habe, urteilsfähig gewesen, wird dadurch</span><br/> <span class="ft6">doch etwas relativiert. Ein Widerspruch besteht auch zwischen der</span><br/> <span class="ft6">Äusserung von Dr. V., bei F. sei ungefähr drei Wochen vor ihrem Tod</span><br/> <span class="ft6">eine deutliche Besserung der psychiatrischen Erkrankung eingetre-</span><br/> <span class="ft6">ten, vermutlich weil sie sich durch ihn nach früheren Widerständen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">324</span></div> <div class="page" id="S18"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">habe überzeugen lassen, ein Antidepressivum einzunehmen, und der</span><br/> <span class="ft6">auf seine langjährige Erfahrung als Allgemeinpraktiker gestützte</span><br/> <span class="ft6">Befund des Beschwerdeführers, ihr Zustand sei "unheilbar" gewesen.</span><br/> <span class="ft6">Schliesslich war die Abgabe des Natrium-Pentobarbital an F. nicht</span><br/> <span class="ft6">nur "am Rande der Legalität", wie es der Beschwerdeführer selber</span><br/> <span class="ft6">bezeichnet, sondern eindeutig gesetzwidrig, weil offensichtlich kein</span><br/> <span class="ft6">Notfall im Sinne von § 32 Abs. 1 GesG vorlag.</span><br/> <span class="ft6">ee) Freitod von P. (geb. 1930) am 6./7. Juni 2004.</span><br/> <span class="ft6">P. suizidierte sich in der Nacht vom 6. auf den 7. Juni 2004 in</span><br/> <span class="ft6">seinem Zimmer im Alters- und Pflegeheim C. mittels einer tödlichen</span><br/> <span class="ft6">Dosis Natrium-Pentobarbital. Anlässlich der Verhandlung gab der</span><br/> <span class="ft6">Beschwerdeführer an, wie F. sei P. Mitglied von EXIT gewesen, habe</span><br/> <span class="ft6">von dieser aber keine Freitodbegleitung erhalten. Sein Kontakt zu</span><br/> <span class="ft6">ihm sei über eine Freitodbegleiterin entstanden, die er gut kenne.</span><br/> <span class="ft6">Zusammen mit dieser Frau hätten er und P. sich in einem Hotel in V.</span><br/> <span class="ft6">getroffen, wo ein etwa eineinhalbstündiges Gespräch stattgefunden</span><br/> <span class="ft6">habe. Sein persönlicher Eindruck sei danach der eines sehr verein-</span><br/> <span class="ft6">samten und verzweifelten, depressiven Menschen gewesen; dabei</span><br/> <span class="ft6">habe es sich um eine sekundäre Depression gehandelt, welche die</span><br/> <span class="ft6">Folge der vielen Krankheiten und der Vereinsamung von P. gewesen</span><br/> <span class="ft6">sei. Auf Wunsch der Freitodbegleiterin habe er P. im Anschluss an</span><br/> <span class="ft6">das erwähnte Gespräch das Natrium-Pentobarbital in die Hand ge-</span><br/> <span class="ft6">geben, wiederum - wie bei F. - mit genauer Instruktion, wie es zu</span><br/> <span class="ft6">verwenden sei. Abgesprochen sei dabei gewesen, dass P. den Suizid</span><br/> <span class="ft6">in einigen Tagen in Anwesenheit der Freitodbegleiterin vornehmen</span><br/> <span class="ft6">werde. An dieses Versprechen habe sich P. dann aber nicht gehalten.</span><br/> <span class="ft6">Rückblickend müsse er sagen, dass er mit der Abgabe des Betäu-</span><br/> <span class="ft6">bungsmittels an P. einen Fehler gemacht habe.</span><br/> <span class="ft6">In einem undatierten Bericht der chirurgischen Klinik des kan-</span><br/> <span class="ft6">tonalen Spitals S., über den der Beschwerdeführer offenbar verfügte,</span><br/> <span class="ft6">wird auf eine vom 29. April bis zum 1. Mai 2002 dauernde Hospita-</span><br/> <span class="ft6">lisierung von P. Bezug genommen. Die Diagnose der Klinik lautet</span><br/> <span class="ft6">auf eine nicht akute Krebserkrankung (Harnblasen- und Prostatakar-</span><br/> <span class="ft6">zinom) und Zuckerkrankheit. Erwähnt werden ferner drei Herzin-</span><br/> <span class="ft6">farkte (1963, 1968 und 1988) sowie ein "Suizidversuch im Rahmen</span><br/> <span class="ft6">einer depressiven Erkrankung". Der allgemeininternistische Zustand</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gesundheitsrecht</span> <span class="page_no">325</span></div> <div class="page" id="S19"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">des Patienten wird als "unauffällig" bezeichnet. Während des Kli-</span><br/> <span class="ft6">nikaufenthalts wurde bei P. Prostatastanzbiopsie vorgenommen. Da-</span><br/> <span class="ft6">nach konnte er "in einem guten Allgemeinzustand" entlassen werden.</span><br/> <span class="ft6">Damit steht fest, dass P. nicht an einer Krankheit litt, derrentwegen er</span><br/> <span class="ft6">mit dem baldigen Tod zu rechnen hatte. Was den psychischen</span><br/> <span class="ft6">Bereich anbelangt, gibt es nur sehr vage und in keiner Weise medizi-</span><br/> <span class="ft6">nisch abgestützte Angaben über eine Depression. Bezeichnend ist,</span><br/> <span class="ft6">wie sich der Beschwerdeführer diesbezüglich an der Verhandlung</span><br/> <span class="ft6">ausgedrückt hat:</span><br/> <span class="ft7">"Und er muss auch eine Depression gehabt haben. (Auf die Frage, ob</span><br/> <span class="ft7">P. auch seelisch krank gewesen sei) Seelisch krank in dem Sinn, er</span><br/> <span class="ft7">hatte sicher eine Depression."</span><br/> <span class="ft6">Dieser Befund stützt sich auf das eine und einzige Gespräch in</span><br/> <span class="ft6">V. ab und ist auch nicht im Entferntesten durch eine ärztliche</span><br/> <span class="ft6">Fachmeinung untermauert. Dass der Beschwerdeführer trotzdem die</span><br/> <span class="ft6">15 g Natrium-Pentobarbital verordnete und dazu noch an P. direkt</span><br/> <span class="ft6">abgab, war gemessen an den gesetzlichen Vorgaben grob sorgfalts-</span><br/> <span class="ft6">widrig.</span><br/> <span class="ft6">ff) Freitodfälle im Sterbehospiz in R. (Mai bis Dezember 2004).</span><br/> <span class="ft6">Im Gegensatz zu den vorstehend beschriebenen Fällen handelte</span><br/> <span class="ft6">sich bei den sterbewilligen Personen, die der Beschwerdeführer im</span><br/> <span class="ft6">Auftrag von DIGNITAS im Sterbehospiz in R. untersuchte, um</span><br/> <span class="ft6">somatisch schwerstkranke Personen. Insofern erweisen sich diese</span><br/> <span class="ft6">Freitodfälle als weniger problematisch. Gleichwohl zeichnen sich</span><br/> <span class="ft6">auch diese Fälle dadurch aus, dass der Beschwerdeführer die erfor-</span><br/> <span class="ft6">derliche Sorgfalt in verschiedener Hinsicht vermissen liess. Seine</span><br/> <span class="ft6">gegenüber der Beihilfe zum Suizid unkritische Haltung manifestierte</span><br/> <span class="ft6">er nicht nur anlässlich der Verhandlung, sondern auch in der Art und</span><br/> <span class="ft6">Weise, wie er die Untersuchungen im Sterbehospiz R. vornahm.</span><br/> <span class="ft6">Seine selten länger als eine Stunde dauernden Konsultationen er-</span><br/> <span class="ft6">folgten meistens erst unmittelbar vor dem Freitod, so dass den</span><br/> <span class="ft6">Patienten keine Bedenkzeit blieb. Das Natrium-Pentobarbital lag</span><br/> <span class="ft6">häufig auch schon bereit, obwohl der Beschwerdeführer das Rezept</span><br/> <span class="ft6">noch gar nicht ausgestellt hatte. Zudem untersuchte der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft6">führer selbst englischsprachige Patienten, obwohl seine Eng-</span><br/> <span class="ft6">lischkenntnisse nach eigenen Angaben nicht sehr gut sind. Bedenk-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">326</span></div> <div class="page" id="S20"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">lich ist schliesslich auch Folgendes: Anlässlich der Verhandlung</span><br/> <span class="ft6">wurde der Beschwerdeführer mit den Namen der von ihm unter-</span><br/> <span class="ft6">suchten Personen konfrontiert und um eine Stellungnahme gebeten.</span><br/> <span class="ft6">Er konnte sich indessen, obwohl die angesprochenen Fälle bloss</span><br/> <span class="ft6">wenige Monate zurücklagen, verschiedentlich nicht mehr an die</span><br/> <span class="ft6">Personen oder deren Leiden erinnern; sein Erinnerungsvermögen</span><br/> <span class="ft6">versagte selbst nach Beschreibung des Krankheitsbildes wiederholt.</span><br/> <span class="ft6">Ein derart beeinträchtigtes Erinnerungsvermögen ist zwar angesichts</span><br/> <span class="ft6">des fortgeschrittenen Alters des Beschwerdeführers verständlich. Es</span><br/> <span class="ft6">lässt aber Zweifel daran aufkommen, ob der Beschwerdeführer über-</span><br/> <span class="ft6">haupt noch in der Lage ist, die ärztliche Tätigkeit in jeder Hinsicht</span><br/> <span class="ft6">korrekt auszuüben.</span><br/> <span class="ft6">c) Die aufgeführten Fälle zeigen wie bereits erwähnt, dass der</span><br/> <span class="ft6">Beschwerdeführer die ärztliche Sorgfaltspflicht, wie sie in Art. 11</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 BetmG und § 22 Abs. 1 GesG sowie in den einschlägigen me-</span><br/> <span class="ft6">dizinisch-ethischen SAMW-Richtlinien festgelegt und definiert ist, in</span><br/> <span class="ft6">gravierendem Ausmass und wiederholt verletzt hat. Der Beschwer-</span><br/> <span class="ft6">deführer masst sich an, nach seinem Gutdünken eigene Massstäbe zu</span><br/> <span class="ft6">setzen und danach zu verfahren. Das Gesetz verlangt indessen, dass</span><br/> <span class="ft6">der Arzt nach wissenschaftlichen Grundsätzen vorgeht und es nicht</span><br/> <span class="ft6">dabei bewenden lässt, sich bei einem Gespräch, das in aller Regel</span><br/> <span class="ft6">nicht mehr als eine "Momentaufnahme" sein kann, des Sterbewillens</span><br/> <span class="ft6">des betreffenden Patienten zu versichern. Langjährige Erfahrung als</span><br/> <span class="ft6">Arzt ist für Befund und Diagnose sicher ein wesentliches Element,</span><br/> <span class="ft6">doch hat die Medizin erprobte wissenschaftliche Methoden</span><br/> <span class="ft6">entwickelt, die nach wie vor in den Vordergrund zu stellen sind.</span><br/> <span class="ft6">5. Liegen schwerwiegende oder wiederholte Verletzungen der</span><br/> <span class="ft6">Berufspflichten oder gesundheitsrechtlicher Vorschriften vor, kann</span><br/> <span class="ft6">dem Arzt die Bewilligung zur selbständigen Berufsausübung entzo-</span><br/> <span class="ft6">gen werden (§ 21 Abs. 2 GesG). Zudem können die Kantone die</span><br/> <span class="ft6">Befugnisse nach Art. 9 BetmG für bestimmte Zeit oder dauernd ent-</span><br/> <span class="ft6">ziehen, wenn die ermächtigte Medizinalperson betäubungsmittelab-</span><br/> <span class="ft6">hängig ist oder eine Widerhandlung nach den Art. 19 - 22 BetmG be-</span><br/> <span class="ft6">gangen hat (Art. 12 Abs. 1 BetmG). Ein solcher Fall liegt u.a. vor,</span><br/> <span class="ft6">wenn der Arzt Betäubungsmittel anders als nach Art. 11 BetmG ver-</span><br/> <span class="ft6">wendet oder abgibt (Art. 20 Ziff. 1 al. 3 BetmG).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Gesundheitsrecht</span> <span class="page_no">327</span></div> <div class="page" id="S21"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Das öffentliche gesundheitspolizeiliche Interesse, die Einhal-</span><br/> <span class="ft6">tung der Randbedingungen im Bereich der ärztlichen Sterbehilfe für</span><br/> <span class="ft6">die Zukunft sicherzustellen und den unsachgemässen Umgang mit</span><br/> <span class="ft6">Betäubungsmitteln zu verhindern, ist ausserordentlich gross. Das</span><br/> <span class="ft6">(unbefristete) Verbot, von der Betäubungsmittelgesetzgebung er-</span><br/> <span class="ft6">fasste Stoffe als verwendungsfertige Arzneimittel oder über Magi-</span><br/> <span class="ft6">stralrezepturen zu verordnen, anzuwenden oder abzugeben, ist kla-</span><br/> <span class="ft6">rerweise geeignet, weitere gleichartige Verfehlungen gegen die Be-</span><br/> <span class="ft6">stimmungen des BetmG und GesG wirksam zu verhindern. Es er-</span><br/> <span class="ft6">scheint angesichts der Schwere der Sorgfaltspflichtverletzungen, ins-</span><br/> <span class="ft6">besondere aber auch mit Blick auf den nach wie vor sorglosen Um-</span><br/> <span class="ft6">gang des Beschwerdeführers mit dem Betäubungsmittel Natrium-</span><br/> <span class="ft6">Pentobarbital erforderlich; so fällt aus diesem Grunde insbesondere</span><br/> <span class="ft6">auch ein bloss befristeter Entzug oder ein solcher, der nur Personen</span><br/> <span class="ft6">mit psychischen Störungen betrifft, ausser Betracht. Wenn der</span><br/> <span class="ft6">Beschwerdeführer gegen die erwähnte Massnahme vorbringt, er sei</span><br/> <span class="ft6">dann beispielsweise nicht mehr in der Lage, einem Patienten, der an</span><br/> <span class="ft6">schweren, nur mit Morphinen zu behebenden oder wenigstens zu</span><br/> <span class="ft6">lindernden Schmerzzuständen leide, solche Mittel zu verschreiben,</span><br/> <span class="ft6">so ist ihm entgegenzuhalten, dass angesichts seines hohen Alters das</span><br/> <span class="ft6">Interesse an der uneingeschränkten Ausübung seines Arztberufs im</span><br/> <span class="ft6">Gegensatz zu den beschriebenen öffentlichen Interessen nicht schwer</span><br/> <span class="ft6">wiegt, zumal seine Tätigkeit heute auf einige wenige Patienten</span><br/> <span class="ft6">beschränkt ist. Die Verhältnismässigkeit der gestützt auf § 21 Abs. 2</span><br/> <span class="ft6">GesG angeordnete Massnahme ist deshalb ebenfalls zu bejahen.</span><br/> <span class="ft6">6. Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich nicht nur die</span><br/> <span class="ft6">Hauptanträge, sondern auch die Eventualanträge als unbegründet</span><br/> <span class="ft6">erweisen, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.</span><br/></div> </div> </body> </html>