<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">140</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft2"><b>24</b></span> <span class="ft2"><b>Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung an vorläufig Aufgenommene;</b></span><br/> <span class="ft2"><b>schwerwiegender persönlicher Härtefall; Fürsorgeabhängigkeit; öffent-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>liches Interesse</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft2"><b>Vorläufig aufgenommene Personen verbleiben auch dann in der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Schweiz, wenn ihnen die beantragte Aufenthaltsbewilligung verwei-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gert wird, weil eine Aufhebung der vorläufigen Aufnahme und ein</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Vollzug der Wegweisung nicht zur Diskussion stehen. Diesem Um-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>stand ist bei der Bemessung des öffentlichen Interesses an der Ver-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>weigerung der beantragten Bewilligung Rechnung zu tragen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 5.).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft2"><b>Das (kantonale) öffentliche Interesse an einer Verweigerung der Auf-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>enthaltsbewilligung wegen Fürsorgeabhängigkeit ist bei vorläufig</b></span><br/> <span class="ft2"><b>aufgenommenen Personen, die sich bereits mehr als sieben Jahre in</b></span><br/> <span class="ft2"><b>der Schweiz aufhalten, erheblich zu relativieren, weil die Betroffenen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>unabhängig davon, ob ihnen eine Aufenthaltsbewilligung erteilt wird</b></span><br/> <span class="ft2"><b>oder nicht, in ihrem Wohnsitzkanton verbleiben und Anspruch auf</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Sozialhilfe haben. Eine Reduktion zusätzlicher sowie künftiger Belas-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>tungen der öffentlichen Fürsorge erschöpft sich bei einer Bewil-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ligungsverweigerung in den Einsparungen, die sich aufgrund der An-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>wendbarkeit von §§ 17 - 19 SPG ergeben (Erw. 5.1.1.).</b></span><br/> <span class="ft6">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 24. Oktober</span><br/> <span class="ft6">2014 in Sachen A. und B. gegen das Amt für Migration und Integration</span><br/> <span class="ft6">(WBE.2012.1049).</span><br/> <span class="ft8"><i>Sachverhalt (Zusammenfassung)</i></span><br/> <span class="ft10">Die Beschwerdeführerin reiste im Januar 2001 in die Schweiz</span><br/> <span class="ft10">ein und ersuchte um Asyl. Mit Entscheid vom 13. März 2003 lehnte</span><br/> <span class="ft10">das BFF das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab und wies diese</span><br/> <span class="ft10">aus der Schweiz weg. Die dagegen erhobene Beschwerde hiess die</span><br/> <span class="ft10">schweizerische Asylrekurskommission (ARK) am 9. Februar 2004</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">141</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">betreffend den Vollzug der Wegweisung gut. In der Folge wurde die</span><br/> <span class="ft10">Beschwerdeführerin am 12. Februar 2004 vorläufig aufgenommen.</span><br/> <span class="ft10">Im September 2007 kam ihr Sohn (der Beschwerdeführer) zur Welt</span><br/> <span class="ft10">und wurde in die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin mit-</span><br/> <span class="ft10">einbezogen. Mit Eingabe vom 30. März 2010 beantragten die Be-</span><br/> <span class="ft10">schwerdeführer die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung gestützt</span><br/> <span class="ft10">auf Art. 84 Abs. 5 AuG. Mit Verfügung vom 10. April 2012 wurde</span><br/> <span class="ft10">dieses Gesuch abgelehnt. Die daraufhin erhobene Einsprache wurde</span><br/> <span class="ft10">abgewiesen. Die Beschwerdeführerin lebt seit über 13 Jahren in</span><br/> <span class="ft10">der Schweiz, ist nicht verheiratet und muss durch die Sozialhilfe</span><br/> <span class="ft10">unterstützt werden. Der Beschwerdeführer ist in der Schweiz gebo-</span><br/> <span class="ft10">ren und seinem Alter entsprechend eingeschult.</span><br/> <span class="ft8"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft10">4.2.</span><br/> <span class="ft10">Für die Beurteilung, ob ein schwerwiegender persönlicher</span><br/> <span class="ft10">Härtefall vorliegt, ist bei vorläufig aufgenommenen Personen zu-</span><br/> <span class="ft10">nächst auf die Gründe, die zur vorläufigen Aufnahme geführt haben,</span><br/> <span class="ft10">einzugehen. Dabei ist zu prüfen, ob im konkreten Fall Anzeichen da-</span><br/> <span class="ft10">für bestehen, dass die vorläufige Aufnahme aufgehoben werden</span><br/> <span class="ft10">kann, weil die Voraussetzungen für deren Anordnung nicht mehr</span><br/> <span class="ft10">gegeben sind respektive in absehbarer Zeit wegfallen können. Ist auf-</span><br/> <span class="ft10">grund der konkreten Umstände nicht davon auszugehen, dass es in</span><br/> <span class="ft10">absehbarer Zeit zu einer Aufhebung der vorläufigen Aufnahme</span><br/> <span class="ft10">kommt, ist von einem schwerwiegenden persönlichen Härtefall</span><br/> <span class="ft10">auszugehen.</span><br/> <span class="ft10">Im Fall der Beschwerdeführerin ist dem Urteil der ARK vom</span><br/> <span class="ft10">9. Februar 2004 betreffend die Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-</span><br/> <span class="ft10">zugs Folgendes zu entnehmen:</span><br/> <span class="ft6">"Gemäss Rechtsprechung der ARK erweist sich der Vollzug der Weg-</span><br/> <span class="ft6">weisung nach Sierra Leone aufgrund der derzeitigen Lage zwar grundsätz-</span><br/> <span class="ft6">lich als zumutbar (vgl. EMARK 2002 Nr. 11, S. 99 ff.). An dieser Lagebeur-</span><br/> <span class="ft6">teilung hat sich seit Ergehen des publizierten Entscheides bis heute nichts</span><br/> <span class="ft6">Wesentliches geändert. Festzustellen ist jedoch, dass sich gerade für</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">142</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">alleinstehende Frauen, Frauen oder Familien mit Kindern und Kranke die</span><br/> <span class="ft6">Situation noch immer nicht derart präsentiert, dass für sie von der</span><br/> <span class="ft6">Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen werden könnte. Da-</span><br/> <span class="ft6">her wird der Wegweisungsvollzug für diese Personen, welche einer so ge-</span><br/> <span class="ft6">nannten "vulnerable group" angehören, gemäss geltender Praxis der ARK</span><br/> <span class="ft6">grundsätzlich auch heute noch als nicht zumutbar erachtet. Dies gilt vorlie-</span><br/> <span class="ft6">gend auch für die Beschwerdeführerin. Zwar bestehen Zweifel an der</span><br/> <span class="ft6">Richtigkeit der Angaben der Beschwerdeführerin zu ihrer Familie, wonach</span><br/> <span class="ft6">sie nur noch einen Bruder habe, der jedoch unbekannten Aufenthalts sei</span><br/> <span class="ft6">(vgl. ES-Prot. S. 3). Es kann indes auch nicht zwingend der Schluss gezo-</span><br/> <span class="ft6">gen werden, die Beschwerdeführerin verfüge über ein Beziehungsnetz. So-</span><br/> <span class="ft6">dann sind im vorliegenden Fall auch keine weiteren überzeugenden Argu-</span><br/> <span class="ft6">mente ersichtlich, welche rechtfertigen würden, vom zur Zeit geltenden</span><br/> <span class="ft6">Grundsatz der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs für die Beschwer-</span><br/> <span class="ft6">deführerin als alleinstehende Frau abzuweichen. Es kann daher auf eine nä-</span><br/> <span class="ft6">here Auseinandersetzung mit den einzelnen Argumenten der Vorinstanz und</span><br/> <span class="ft6">der Beschwerdeführerin verzichtet werden."</span><br/> <span class="ft10">Zwischenzeitlich hat sich die Lage der alleinstehenden Frauen</span><br/> <span class="ft10">offenbar nicht wesentlich gebessert. Im Urteil der ARK vom</span><br/> <span class="ft10">19. April 2006 (Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizeri-</span><br/> <span class="ft10">schen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 16) wird zusam-</span><br/> <span class="ft10">menfassend festgehalten, dass sich die Rückkehr nach Sierra Leone</span><br/> <span class="ft10">im Allgemeinen als zumutbar erweise, sofern es sich um allein</span><br/> <span class="ft10">stehende Männer in jungem und mittleren Alter handelt und um</span><br/> <span class="ft10">Familien ohne kleine Kinder. Für kranke Personen ist die Rückkehr</span><br/> <span class="ft10">nur dann zumutbar, wenn die notwendige medizinische Versorgung</span><br/> <span class="ft10">in Sierra Leone grundsätzlich verfügbar ist und individuelle be-</span><br/> <span class="ft10">günstigende Umstände vorliegen, welche der betroffenen Person den</span><br/> <span class="ft10">Zugang zu dieser Versorgung effektiv ermöglichen. Für nicht mehr</span><br/> <span class="ft10">erwerbsfähige Menschen ist die Rückkehr dann zumutbar, wenn sie</span><br/> <span class="ft10">über ein soziales Netz verfügen, welches für den Unterhalt aufkom-</span><br/> <span class="ft10">men kann oder wenn aus anderen Gründen davon ausgegangen wer-</span><br/> <span class="ft10">den kann, dass sie den notwendigen Lebensunterhalt bestreiten kön-</span><br/> <span class="ft10">nen. In aller Regel unzumutbar ist der Vollzug der Wegweisung für</span><br/> <span class="ft10">allein stehende Frauen und Personen mit kleinen Kindern, für die sie</span><br/> <span class="ft10">zu sorgen haben (a.a.O. Erw. 7.4.2). An dieser Lagebeurteilung wird</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">143</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">noch immer festgehalten (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom</span><br/> <span class="ft10">10. August 2012 [D-2764/2012], Erw. 5.4.3.2 und Urteil des Bundes-</span><br/> <span class="ft10">verwaltungsgerichts vom 8. April 2011 [E-1733/2010], Erw. 4.3).</span><br/> <span class="ft10">Vor diesem Hintergrund erscheint die Aufhebung der vorläufi-</span><br/> <span class="ft10">gen Aufnahme der Beschwerdeführerin innert absehbarer Zeit gera-</span><br/> <span class="ft10">dezu ausgeschlossen. Die Beschwerdeführerin ist noch immer allein-</span><br/> <span class="ft10">stehend und hat überdies nunmehr für ihren Sohn zu sorgen. Auch</span><br/> <span class="ft10">sind keine Umstände ersichtlich, welche den Wegweisungsvollzug</span><br/> <span class="ft10">ausnahmsweise als zumutbar erscheinen lassen.</span><br/> <span class="ft10">Nach dem Gesagten ist bei der Beschwerdeführerin von einem</span><br/> <span class="ft10">Härtefall auszugehen, da nicht davon auszugehen ist, dass die</span><br/> <span class="ft10">Gründe, die zur vorläufigen Aufnahme geführt hatten, in absehbarer</span><br/> <span class="ft10">Zeit wegfallen würden, womit eine Aufhebung der vorläufigen Auf-</span><br/> <span class="ft10">nahme weder jetzt noch in absehbarer Zeit zur Diskussion steht.</span><br/> <span class="ft10">Gleiches gilt für den Beschwerdeführer, welcher in die vorläufige</span><br/> <span class="ft10">Aufnahme seiner Mutter miteinbezogen wurde.</span><br/> <span class="ft10">4.3.</span><br/> <span class="ft10">Mit Blick auf das Vorliegen eines Härtefalles kommt heute</span><br/> <span class="ft10">hinzu, dass sich die Beschwerdeführerin, seit über 13 Jahren und</span><br/> <span class="ft10">damit seit langer Zeit in der Schweiz aufhält. Abgesehen davon war</span><br/> <span class="ft10">sie bei ihrer Einreise höchstens 16 Jahre alt, womit sie zumindest</span><br/> <span class="ft10">einen Teil der prägenden Jugendjahre in der Schweiz verbracht hat.</span><br/> <span class="ft10">Der heute siebenjährige Beschwerdeführer wurde in der Schweiz</span><br/> <span class="ft10">geboren und hat keinen persönlichen Bezug zu seinem Heimatland.</span><br/> <span class="ft10">Da sein Vater verstorben ist, bezieht der Beschwerdeführer eine mo-</span><br/> <span class="ft10">natliche Waisenrente in Höhe von CHF 912.00. AHV/IV-Renten,</span><br/> <span class="ft10">worunter auch Waisenrenten fallen, werden lediglich in Länder</span><br/> <span class="ft10">ausbezahlt, mit welchen ein Sozialversicherungsabkommen besteht.</span><br/> <span class="ft10">Nachdem zwischen der Schweiz und Sierra Leone kein entsprechen-</span><br/> <span class="ft10">des Abkommen abgeschlossen wurde, hätte eine Übersiedlung des</span><br/> <span class="ft10">Beschwerdeführers nach Sierra Leone zur Folge, dass er seine</span><br/> <span class="ft10">Waisenrente nicht mehr beziehen könnte. Auch diese Umstände spre-</span><br/> <span class="ft10">chen für das Vorliegen eines Härtefalls.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">144</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">4.4.</span><br/> <span class="ft10">Nach dem Gesagten ist erstellt, dass ein schwerwiegender</span><br/> <span class="ft10">persönlicher Härtefall im Sinne von Art. 30 Abs. 1 lit. b AuG vor-</span><br/> <span class="ft10">liegt.</span><br/> <span class="ft10">5.</span><br/> <span class="ft10">Zu prüfen bleibt, ob der Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung</span><br/> <span class="ft10">an die Beschwerdeführer überwiegende öffentliche Interessen entge-</span><br/> <span class="ft10">genstehen.</span><br/> <span class="ft10">Dabei ist in Fällen wie dem Vorliegenden dem Umstand Rech-</span><br/> <span class="ft10">nung zu tragen, dass die Betroffenen auch bei Verweigerung der Auf-</span><br/> <span class="ft10">enthaltsbewilligung in der Schweiz verbleiben, da eine Aufhebung</span><br/> <span class="ft10">der vorläufigen Aufnahme und ein Vollzug der Wegweisung nicht zur</span><br/> <span class="ft10">Diskussion steht.</span><br/> <span class="ft10">Soll eine Aufenthaltsbewilligung wegen Bedürftigkeit verwei-</span><br/> <span class="ft10">gert werden, geht es in erster Linie darum, eine zusätzliche und da-</span><br/> <span class="ft10">mit künftige Belastung der öffentlichen Wohlfahrt zu vermeiden. Für</span><br/> <span class="ft10">die Bemessung des öffentlichen Interesses ist neben der Höhe der be-</span><br/> <span class="ft10">zogenen Gelder und der Dauer der Fürsorgeabhängigkeit massge-</span><br/> <span class="ft10">bend, ob und inwieweit die Betroffenen ein Verschulden an der</span><br/> <span class="ft10">Sozialhilfeabhängigkeit trifft. Zu berücksichtigen ist zudem, ob die</span><br/> <span class="ft10">Sozialhilfeabhängigkeit auch zukünftig zu erwarten ist. Je</span><br/> <span class="ft10">wahrscheinlicher eine andauernde Bedürftigkeit konkret zu befürch-</span><br/> <span class="ft10">ten ist, umso grösser ist das öffentliche Interesse an einer Verweige-</span><br/> <span class="ft10">rung der Aufenthaltsbewilligung einzustufen (vgl. Urteil des Bundes-</span><br/> <span class="ft10">gerichts vom 3. Juli 2014 [2C_877/2013], Erw. 3.3.1 mit weiteren</span><br/> <span class="ft10">Hinweisen). Zu berücksichtigen ist auch, ob der Bund oder der Kan-</span><br/> <span class="ft10">ton (bzw. die Gemeinde) für die Fürsorgeleistungen aufzukommen</span><br/> <span class="ft10">hat. Geht die Leistungspflicht mit Erteilung einer Aufenthaltsbewilli-</span><br/> <span class="ft10">gung auf den Kanton über, oder erhöht sich die Leistungspflicht des</span><br/> <span class="ft10">Kantons mit Erteilung der Aufenthaltsbewilligung, ist dies im Rah-</span><br/> <span class="ft10">men des (kantonalen) öffentlichen Interesses zu bemessen.</span><br/> <span class="ft10">5.1.</span><br/> <span class="ft10">Vorliegend ist zunächst das öffentliche Interesse an der</span><br/> <span class="ft10">Verweigerung der Aufenthaltsbewilligung zu beurteilen, welches</span><br/> <span class="ft10">durch die Fürsorgeabhängigkeit der Beschwerdeführer begründet</span><br/> <span class="ft10">wird.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">145</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">5.1.1.</span><br/> <span class="ft10">Im vorliegenden Fall war die Beschwerdeführerin abgesehen</span><br/> <span class="ft10">von zwei kurzen Arbeitseinsätzen ohne Einkommen und daher von</span><br/> <span class="ft10">der Fürsorge abhängig. Den Lebensunterhalt für den Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft10">rer kann sie teilweise mit dessen Waisenrente decken. Die Beschwer-</span><br/> <span class="ft10">deführerin war damit über lange Dauer und in erheblichen Umfang</span><br/> <span class="ft10">von der Sozialhilfe abhängig, weshalb grundsätzlich von einem ge-</span><br/> <span class="ft10">wichtigen öffentlichen Interesse auszugehen ist, den Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft10">rern keine Aufenthaltsbewilligung zu erteilen.</span><br/> <span class="ft10">In Fällen wie dem Vorliegenden ist jedoch zu beachten, dass</span><br/> <span class="ft10">vorläufig aufgenommene Personen unabhängig davon, ob ihnen eine</span><br/> <span class="ft10">Aufenthaltsbewilligung erteilt wird oder nicht, in ihrem Wohnsitz-</span><br/> <span class="ft10">kanton verbleiben (vgl. Art. 85 AuG). Im Falle von Bedürftigkeit ist</span><br/> <span class="ft10">die Ausrichtung von Sozialhilfe an vorläufig aufgenommene Perso-</span><br/> <span class="ft10">nen Sache der Kantone (Art. 86 AuG). Gemäss kantonaler Gesetzge-</span><br/> <span class="ft10">bung besteht Anspruch auf Sozialhilfe, sofern die eigenen Mittel</span><br/> <span class="ft10">nicht genügen und andere Hilfeleistungen nicht rechtzeitig erhältlich</span><br/> <span class="ft10">sind oder nicht ausreichen (§ 5 Abs. 1 SPG). Für die Bemessung der</span><br/> <span class="ft10">materiellen Hilfe sind grundsätzlich die von der Schweizerischen</span><br/> <span class="ft10">Konferenz für Sozialhilfe erlassenen Richtlinien vom 18. September</span><br/> <span class="ft10">1997 für die Ausgestaltung und Bemessung der Sozialhilfe (SKOS-</span><br/> <span class="ft10">Richtlinien) mit den bis zum 1. Juli 2004 ergangenen Änderungen</span><br/> <span class="ft10">massgebend (§ 10 Abs. 1 SPV). Davon ausgenommen ist jedoch die</span><br/> <span class="ft10">Bemessung der Sozialhilfeleistungen für Asylsuchende, Schutzbe-</span><br/> <span class="ft10">dürftige ohne Aufenthaltsbewilligung und vorläufig Aufgenommene,</span><br/> <span class="ft10">welche nach Massgabe der §§ 17 - 19 SPG festzusetzen ist (§ 16</span><br/> <span class="ft10">Abs. 1 SPG). Die Kantone erhalten für vorläufig aufgenommene Per-</span><br/> <span class="ft10">sonen finanzielle Unterstützung in Form von Bundesbeiträgen</span><br/> <span class="ft10">(Art. 87 Abs. 1 AuG). Die entsprechenden Pauschalen werden jedoch</span><br/> <span class="ft10">längstens sieben Jahre ab Einreise der vorläufig aufgenommenen</span><br/> <span class="ft10">Person ausgerichtet (Art. 87 Abs. 3 AuG). Folglich ändert sich am</span><br/> <span class="ft10">Anspruch auf Sozialhilfe gemäss § 5 Abs. 1 SPG und an der kantona-</span><br/> <span class="ft10">len Leistungspflicht grundsätzlich nichts, wenn vorläufig aufgenom-</span><br/> <span class="ft10">menen Personen die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung verwei-</span><br/> <span class="ft10">gert wird. Hingegen ist der Leistungsanspruch von Personen mit Auf-</span><br/> <span class="ft10">enthaltsbewilligung gegenüber Personen mit vorläufiger Aufnahme</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">146</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">höher, da die Sozialhilfe von vorläufig aufgenommenen Personen le-</span><br/> <span class="ft10">diglich nach Massgabe der §§ 17 - 19 SPG ausgerichtet wird.</span><br/> <span class="ft10">Nach dem Gesagten ist das öffentliche Interesse des Kantons an</span><br/> <span class="ft10">einer Verweigerung der Aufenthaltsbewilligung wegen Bedürftigkeit</span><br/> <span class="ft10">bei vorläufig aufgenommenen Personen, die sich bereits mehr als sie-</span><br/> <span class="ft10">ben Jahre in der Schweiz aufhalten und für die der Bund deshalb</span><br/> <span class="ft10">keine Beiträge mehr entrichtet, erheblich zu relativieren. Eine</span><br/> <span class="ft10">zusätzliche sowie künftige Belastung der öffentlichen Fürsorge kann</span><br/> <span class="ft10">zwar bis zu einem gewissen Grad noch abgewendet werden, wenn</span><br/> <span class="ft10">keine Aufenthaltsbewilligung erteilt wird und die Betroffenen im</span><br/> <span class="ft10">Status der vorläufigen Aufnahme belassen werden. Sie erschöpft sich</span><br/> <span class="ft10">jedoch in den Einsparungen, die sich aufgrund der Anwendbarkeit</span><br/> <span class="ft10">von §§ 17 - 19 SPG ergeben. Diesem Umstand ist bei der Bemessung</span><br/> <span class="ft10">des öffentlichen Interesses gebührend Rechnung zu tragen.</span><br/> <span class="ft10">5.1.2.-5.1.3. (...)</span><br/> <span class="ft10">5.1.4.</span><br/> <span class="ft10">Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das öffentliche Inte-</span><br/> <span class="ft10">resse an einer Verweigerung der Aufenthaltsbewilligung wegen Be-</span><br/> <span class="ft10">dürftigkeit grundsätzlich gewichtig ist. Im vorliegenden Fall wird</span><br/> <span class="ft10">dieses Interesse indessen relativiert, weil sich eine zusätzliche sowie</span><br/> <span class="ft10">künftige Belastung der öffentlichen Fürsorge lediglich auf die</span><br/> <span class="ft10">Einsparungen im Zusammenhang mit der Anwendung der §§ 17 - 19</span><br/> <span class="ft10">SPG beschränkt. Mit Blick auf das Verschulden sowie die künftig zu</span><br/> <span class="ft10">erwartende Fürsorgeabhängigkeit ergibt sich keine wesentliche Erhö-</span><br/> <span class="ft10">hung des öffentlichen Interesses an einer Verweigerung der Aufent-</span><br/> <span class="ft10">haltsbewilligung.</span><br/> <span class="ft10">5.2.-5.3. (...)</span><br/> <span class="ft10">5.4.</span><br/> <span class="ft10">Nach dem Gesagten besteht im vorliegenden Fall lediglich mit</span><br/> <span class="ft10">Blick auf die Fürsorgeabhängigkeit ein öffentliches Interesse, den</span><br/> <span class="ft10">Beschwerdeführern die Aufenthaltsbewilligung zu verweigern.</span><br/> <span class="ft10">Diesem öffentlichen Interesse stehen die privaten Interessen der</span><br/> <span class="ft10">Beschwerdeführer am Erhalt einer Aufenthaltsbewilligung gegen-</span><br/> <span class="ft10">über. In Anbetracht der Einschränkungen, die mit dem Status der vor-</span><br/> <span class="ft10">läufigen Aufnahme verbunden sind sowie der langen Aufenthalts-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">147</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft10">dauer ist das private Interesse der Beschwerdeführer als erheblich,</span><br/> <span class="ft10">wenn nicht gar gross einzustufen.</span><br/> <span class="ft10">Bei einer Gesamtwürdigung der vorliegenden Umstände ist das</span><br/> <span class="ft10">öffentliche Interesse, den Beschwerdeführern keine Aufenthalts-</span><br/> <span class="ft10">bewilligung zu erteilen zwar ebenfalls als erheblich einzustufen.</span><br/> <span class="ft10">Insgesamt vermag es jedoch die privaten Interessen der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft10">führer an einer Erteilung der Aufenthaltsbewilligung nicht zu über-</span><br/> <span class="ft10">wiegen.</span><br/> <span class="ft10">6.</span><br/> <span class="ft10">Zusammenfassend ist festzuhalten, dass vorliegend die</span><br/> <span class="ft10">Voraussetzungen für die Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung ge-</span><br/> <span class="ft10">stützt auf Art. 30 Abs. 1 lit. b AuG erfüllt sind. Nachdem der Ertei-</span><br/> <span class="ft10">lung einer Aufenthaltsbewilligung keine überwiegenden öffentlichen</span><br/> <span class="ft10">Interessen entgegenstehen, ist die Beschwerde gutzuheissen soweit</span><br/> <span class="ft10">darauf einzutreten ist. Das MIKA ist anzuweisen, das Gesuch der Be-</span><br/> <span class="ft10">schwerdeführer um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung dem Bun-</span><br/> <span class="ft10">desamt für Migration mit dem Antrag auf Zustimmung zu unterbrei-</span><br/> <span class="ft10">ten.</span><br/></div> </div> </body> </html>