B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3114/2016 U r t e i l v o m 1 5 . A u g u s t 2 0 1 6 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richterin Regula Schenker Senn, Gerichtsschreiber Nicholas Swain. Parteien A._______, geboren am (…), Bosnien und Herzegowina, vertreten durch lic. iur. Ursina Bernhard, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid); Verfügung des SEM vom 19. April 2016 / N (…). E-3114/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer reiste am 25. März 2014 in die Schweiz ein und stelle am 25. Juni 2014 im Empfangs - und Verfahren szentrum (EVZ) B._______ ein Asylgesuch. Mit Verfügung vom 2. Februar 2016 stellte das SEM fest, er erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, wies sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Diese Verfügung erwuchs in der Folge am 11. Februar 2016 unangefochten in Rechtskraft. B. B.a Mit als Wiedererwägungsgesuch betitelter Eingabe seiner Rechtsver- tretung an das SEM vom 5. April 2016 beantragte der Beschwerdeführer, die Verfügung vom 2. Februar 2016 sei soweit den Wegweisungsvollzug betreffend aufzuheben und es sei festzustellen, dass seit deren Erlass eine wiedererwägungsrechtlich massgebliche Änderung der Sachlage eingetre- ten sei, beziehungsweise neue erhebliche Beweismittel eingereicht worden seien. Es sei wiedererwägungsweise die Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte der Beschwerdeführer darum, die Vollzugsbehörden seien im Sinne vorsorglicher Massnahmen anzuweisen, bis zum Entscheid über das Wiedererwägungsgesuch von Vollzugsmass- nahmen abzusehen und es sei ohne Verzug über die Gewährung der auf- schiebenden Wirkung zu befinden. Ferner wurde um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht. B.b Zur Begründung wurde zunächst ausgeführt, die Vorinstanz habe die Vorbringen des Beschwerdeführers zu Unrecht als unglaubhaft erachtet. Es sei zu berücksichtigen, dass er durch das Erlebte und seine Lebensge- schichte schwer traumatisiert sei und aufgrund seines psychischen Zustan- des nicht in der Lage gewesen sei, im Rahmen der Anhörungen seine Asyl- gründe schlüssig, plausibel und widerspruchsfrei darzulegen. Es komme hinzu, dass er noch sehr jung gewesen sei und viele seiner Aussagen nicht auf eigenen Erinnerungen, sondern auf Angaben von Drittpersonen beruht hätten. Er sei sowohl anlässlich der Befragung zur Person als auch bei der Anhörung mit der Situation sichtlich überfordert und verwirrt gewesen und habe viele Fragen inhaltlich nicht verstanden. Im Einzelnen s eien die widersprüchlichen Aussagen zu seinem Alter im Zeitpunkt des Todes sei- ner Mutter auf sein junges Alter und seine Traumatisierung zurückzuführen. E-3114/2016 Seite 3 Im Weiteren habe er bewusst keine Angaben zur Identität seiner "Pflegeel- tern" in C._______ gemacht, we il er panische Angst vor Repressalien durch diese habe. Dass er seinen Bruder nicht in seinen Fluchtplan einge- weiht habe, sei nachvollziehbar, da sie bei einem früheren gem einsamen Fluchtversuch erwischt und hart bestr aft worden seien und sich in der Folge gegenseitig bei Fluchtabsichten denunziert hätten. Er sei nach sei- ner Flucht nach D._______ gegangen, weil er gehört hatte, dass sein On- kel sich gelegentlich dort aufhalte , und er sei seinen Verwandten dort zu- fälligerweise auf der Strasse begegnet. Er sei erst nach der Flucht vor sei- nen "Pflegeeltern" in D._______ einmal in ärztlicher Behandlung gewesen. Im Weiteren würden neue Beweismittel vorl iegen. Dem B estätigungs- schreiben einer ehemaligen Nachbarin könne entnommen werden, dass die Eltern des Beschwe rdeführers verstorben seien, seine beiden Brüder auf der Strasse aufgewachsen seien und sie Drogen konsumiert hätten. Es sei davon auszugehen, dass sie heute noch auf der Strasse leben würden und drogenabhängig seien. Weiter ergebe sich aus dem Schreiben, d ass seine Schwestern im Ausland wohnhaft seien und er in Bosnien und Her- zegowina weder über eine Erbschaft noch über eine Liegenschaft verfüge. Demnach habe er keinen festen Ort, an den er zurückkehren könne. Die- ses Beweismittel zeige auf, dass er in seinem Heimatstaat weder über ein intaktes Beziehungsnetz noch über eine Unterkunft verfüge. Erschwerend komme hinzu, d ass er psychisch sehr angeschlagen sei und unter einer schweren Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sowie einer Per- sönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ leide. Dem aktuellsten Arztzeugnis vom 12. März 2016 sei zu entnehmen, dass er sich in regelmässiger lang- fristiger psychi atrisch-medikamentöser und psychotherapeutischer Be- handlung befinde sowie dass in letzter Zeit eine dramati sche Verschlech- terung seines psychischen Zustandes eingetreten sei . Es bestehe insbe- sondere ein stark erh öhtes Suizidalitätsrisiko. Eine weitere S tabilisierung seines Zustandes könne nur mit einer Medikamenteneinnahme und unter- stützenden psychotherapeutischen Gesprächen erreicht werden. Es werde auf einen Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 11. Juni 2009 verwiesen, wonach in Bosnien und Herzegowina die Behandlung von Patienten und Patienti nnen mit einer Posttraumatischen Belastungsstö- rung ohne bestehendes Beziehungsnetz äussert schwierig sei, sowie auf einen weiteren Bericht der SFH vom April 2003 zur den Schwierigkeiten, mit denen Roma in Bosnien und Herzegowina konfrontiert seien. Da er in seinem Herkunftsstaat weder über ein soz iales Netz, w elches ihn unter- stützen könnte, noch über eine Unterkunftsmöglichkeit verfüge, und er fer- ner nicht die notwendigen Qualifikationen habe, um sich das wirtschaftliche E-3114/2016 Seite 4 Überleben zu sichern, müsse mit einer massiven Verschlechterung seiner Situation sowi e einer konkreten Gefährdung seiner Existenz gerechnet werden. Er könnte sich zudem die notwendige psychologische und psychi- atrische Behandlung nicht leisten. Der Wegweisungsvollzug in seinen Hei- matstaat erweise sich demnach als unzumutbar. B.c Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer ein amt- lich beglaubigtes Bestätigungsschreiben einer in Bosnien und Herzego- wina lebenden Bekannten (E._______; im Folgenden: N. A.) seiner Familie vom 17. März 2016 (inklusive Übersetzung), ein Arztzeugnis von Dr. med. F._______, Psychiatrie und Psychotherapie, G._______, vom 12. März 2016, sowie zwei Berichte der SFH vom 11. Juni 2009 beziehungsweise April 2003 (betreffend die Behandlung von PTBS in Bosnien und Herzego- wina beziehungsweise hinsichtlich der Situation der Roma in den Balkan- ländern) zu den Akten. C. Das SEM wies mit Verfügung vom 19. April 2016 (eröffnet am 20. April 2016) das Wiedererwägungsgesuch des Beschwerdeführers ab und stellte fest, die Verfügung vom 2. Februar 2016 sei rechtskräftig und vollstreckbar. D. Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 18. Mai 2016 an das Bundesver- waltungsgericht beantragte der Beschwerdeführer, die Verfügungen des SEM vom 2. Februar 2016 und 19. April 2016 seien aufzuheben, es sei wiedererwägungsweise die Unzumutbarkeit de s Wegweisungsvollzugs festzustellen und er sei in der Schweiz vorläufig aufzunehmen . In verfah- rensrechtlicher Hinsicht ersuchte er darum, es sei seiner Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vorinstanz und die Vollzugsbe- hörden seien im Ra hmen vorsorglicher Massnahmen unverzüglich anzu- weisen, von jeglichen Vollzugsmassnahmen abzusehen. Ferner sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und von der Erhebung eines Kostenvorschusses sei abzusehen. Als B eweismittel reicht e der Be- schwerdeführer eine B escheinigung der Gemeinde H._______ vom 18. April 2016 hinsichtlich seiner fehlenden Eintragung als Grundbesitzer im Grundbuch inklusive Übersetzung ein. E-3114/2016 Seite 5 E. Mit Telefax-Verfügung vom 19. Mai 2016 setzte der Instruktionsrichter den Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus. F. Mit Eingabe vom 24. Mai 2016 reichte der Beschwerdeführer eine Beschei- nigung der Öffentlichen Anstalt "Kantonales Zentrum für Sozialarbeit ", Dienststelle für den Sozialschutz der Gemeinde H._______, vom 10. Mai 2016 zu den Akten, in welcher bescheinigt wird, der Beschwerdeführer sei nicht als Leistungsbezüger registriert. G. Mit Zwischenverfügung vom 31. Mai 2016 setzte der Instruktionsrichter den Vollzug der Wegweisung aus und stellte fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Ferner wurde das Gesuch um un entgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ver- zichtet. Schliesslich wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehm- lassung eingeladen. H. In ihrer Vernehmlassung vom 14. Juni 2016 hielt die Vorinstanz an ihrer Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. I. Innert erstreckter Frist machte der Beschwerdeführer mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 20. Juli 2016 von dem – ihm mit Instruktionsverfü- gung vom 21. Juni 2016 eingeräumten – Recht zur Replik Gebrauch, wobei er an den Ausführungen in der Beschwerdeschrift und an seinen Anträgen festhielt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie- dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung E-3114/2016 Seite 6 auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist das Bundesverwaltungsgericht für die Beu rteilung der vorliegenden Be- schwerden zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ( Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 1.4 Die Beschwerde richtet sich inhaltlich ausschliesslic h gegen den vom SEM verfügten Vollzug der Wegweisung. Die Nichtanerkennung der Flüchtlingseigenschaft und die Asylverwei gerung sind nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge- regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist d em SEM innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schrift- lich und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren nach den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66–68 VwVG (Art. 111b Abs. 1 AsylG). 3.2 In seiner praktisch rel evantesten Form bezweckt das Wiedererwä- gungsgesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). E-3114/2016 Seite 7 3.3 Blieb die abzuändernde Verfügung unangefocht en – oder wurde ein Beschwerdeverfahren mit einem blossen Prozessentscheid abgeschlos- sen – können auch Revisionsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (sog. "qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch " vgl. BVGE 2013/22 E. 5.4 m.w.H.). 4. Nachdem das SEM den Anspruch des Beschwerdeführers auf Behandlung seines Wiedererwägungsgesuchs nicht in Abrede gestellt hat und darauf eingetreten ist, hat das Bundesverwaltungsgericht zu prüfen, ob die Vor - instanz in zutreffender Weise das Bestehen des geltend gemac hten Wie- dererwägungsgrundes verneint und an ihrer ursprünglichen Verfügung vom 2. Februar 2016 festgehalten hat, wobei praxisgemäss der sich prä- sentierende Sachverhalt im Urteilszeitpunkt massgebend ist. 5. 5.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung der angefochtenen Verfügung im Wesentlichen aus, die Ausführungen im Wiedererwägungsgesuch betref- fend die in der Verfügung vom 2. F ebruar 2016 festgestellten Ungereimt- heiten in den Angaben des Beschwerdeführe rs zu seine n familiären Ver- hältnissen und seinen Lebensumständ en stünden in Widerspruch zu sei- nen diesbezüglichen Aussagen im Rahmen der Anhörung beziehungs- weise den Angaben in den eingereichten Arztzeugnissen. Diese Erläute- rungen vermöchten daher die Einschätzung in der genannten Verfügung, die Vorbringen des Beschwerdeführers zu seinen familiären Verhältnissen seien unglaubhaft, nicht umzustossen. Die Angabe im Bestätigungsschrei- ben von N. A., die Brüder I._______ und J._______ des Beschwerdefüh- rers seien in ein Heim gekommen, stehe in Widerspruch zur Aussage des Beschwerdeführers, I._______ sei gemeinsam mit ihm bei der "Pflegefa- milie" untergekommen. Das Schreiben gebe zudem keinen Aufschluss dar- über, wo sich seine beiden Brüder derzeit aufhalten und in welcher Bezie- hung sie zum Be schwerdeführer stehen würden. Die Angaben von N. A. vermöchten demnach die Einschätzung, der Beschwerdeführer verfüge über ein intakteres familiäres Beziehungsnetz, als von ihm behauptet, nicht zu entkräften. Ein Vergleich des Arztberichts vom 12. März 2016 mit demjenigen dessel- ben Arztes vom 14. November 2015 zeige, dass die ärztliche Diagnose die- selbe sei und die verände rte Sachlage einzig in der Feststellung einer akuten Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Beschwerdefüh- rers bestehe. Es sei nicht s elten, dass sich ein depressives Zustandsbild E-3114/2016 Seite 8 bei Ausländern und Ausländerinnen, deren Asylgesuch abgewiesen und der Wegweisungsvollzug angeordnet worden sei, bemerkbar mache bezie- hungsweise akzentuiere. Dies stehe einem Wegweisungsvollzug weder unter dem Aspekt von Art. 44 Abs. 2 AsylG beziehungsweise Art. 83 AuG noch unter demjenigen von Art. 3 EMRK entgegen. Allfälligen gesundheit- lichen Risiken könne durch eine sorgfältige Vorbereitung der Ausreise und nötigenfalls auch medikamentös vorgebeugt werden. Eine konkrete Gefahr ernsthafter gesundheitlicher Schäden bestehe demnach nicht. Im Weiteren könne zur Behandelbarkeit der Erkrankung des Beschwerdeführers in Bos- nien und Herzegowina sowie zum Hinweis auf eine existenzielle Notlage im Falle der Rückkehr in sein Heimatland vollumfänglich auf die Erwägun- gen in der Verf ügung vom 2. Februar 2016 verwiesen werden. Eine ver- tiefte Auseinandersetzung mit dem eingereichten Gutachten der SFH be- züglich der Behandlung von PTBS in Bosnien und Herzegowina vom Juni 2009 erübrige sich demnach. 5.2 5.2.1 Der Beschwerdeführer wies in seiner Be schwerdeschrift darauf hin, dem Bestätigungsschreiben von N. A. lasse sich entnehmen, dass die Kin- der des Bruders J._______ diesem weggenommen und in einem Heim un- tergebracht worden seien, nicht aber, dass sich seine beiden Brüder je in einem Heim aufgeha lten hätten. Das s der Bruder I._______ auf der Strasse aufgewachsen sei und Drogen konsumiert habe , schliesse nicht aus, dass er zusammen mit dem Beschwerdeführer bei derselben "Pflege- familie" gelebt habe. Dem Vorwurf, das Schreiben enthalte keine Angaben zum aktuellen Aufenthaltsort seiner Brüder, sei entgegenzuhalten, dass N. A. nur über die ihr bekannten Fakten Auskunft habe geben können. E s könne aber davon ausgegangen werden, dass die Brüder weiterhin auf der Strasse leben würden. Tatsache sei jedenfalls, dass er keinen Kontakt mehr zu ihnen habe. 5.2.2 Auf Ausführungen betreffend den Arztbericht vom 12. März 2016 könne verzichtet werden, da dieser nicht als neues Beweismittel, sondern als ergänzendes, im Rahmen de r Gesamtwürdigung zu berücksichtig en- des Dokument zu den Akten gereicht worden sei. 5.2.3 Die neu eingereichten Beweismittel (Bestätigungsschreiben von N. A., Bescheinigung der Gemeinde C._______, Bestätigung des Sozial- dienstes C._______) würden aufzeigen, dass seine Aussagen zur Situation in seinem Heimatstaat glaubwürdig gewesen seien; sie seien ein stichhal- tiges Indiz dafür, dass er in C._______ weder über ein intaktes familiäres E-3114/2016 Seite 9 Beziehungsnetz, welches ihn bei der Wiedereingliede rung unterstützen könnte, noch über eine Unterkunft verfüge. 5.2.4 Im Weiteren werde an den Au sführungen im Wiedererwägungsge- such vom 19. April 2016 betreffend die Einschätzung der Glaubwürdigkeit seiner Aussagen zu seinen familiären Verhältnissen durch die Vorinstanz festgehalten. Insbesondere wies der Beschwerdeführer darauf hin, dass die Widersprüche in seinen Aussagen und seine fehlende Kenntnisse vie- ler Gegebenheiten auf seine Lebensgeschichte sowie seine schwere Trau- matisierung zurückzuführen seien. Es sei daher trotz der Ungereimtheiten in seinen Angaben nicht gerechtfertigt, diese als unglaubhaft zu qualifizie- ren. 5.2.5 Praxisgemäss könne auch eine Kombination von verschiedenen Fak- toren in ihrer Gesam theit als konkrete Gefährdung qualifiziert werden. Er habe abgesehen von seinen beiden Brüdern, die als Suchtabhängige auf der Strasse leben würden, keine Verwandten in seinem Heimstaat und seit seiner Flucht keinen Kontakt mehr zu anderen dort lebenden Personen. Er könne auch nicht auf die finanzi elle Hilfe seiner in der Schweiz lebenden Verwandten zählen, da diese nicht in der Lage und willens seien, ihn wei- terhin zu unterstützen. Sein Onkel und dessen Familie hätten ihn vor eini- ger Zeit aus ihrem Haus getrieben und er habe danach für zwei bis dre i Monate bei einer Halbschwester gewoh nt. Diese sei nun aber auch nicht mehr bereit, ihn zu unterstützen. In Bosnien und Herzegowina verfüge er über kein tragfähiges soziales Netz, welches ihn davor bewahren würde, in eine existenzielle Notlage zu geraten. Zudem verfüge er weder über eine Schul- und Berufsausbildung noch über genügende Beruf serfahrung, um sich im Heimatstaat eine Existenz aufbauen zu können. Schliesslich sei er aufgrund sein er L ebensgeschichte höchst traumatisiert und leide unter schweren psychischen Problemen. Unter diesen Umständen würde er in seinem Herkunftsland unweigerlich innert absehbar Zeit in eine exist enz- bedrohende Notlage geraten. 5.3 Das Staatssekretariat stellte in seiner Vernehmlassung insbesondere fest, die vom Beschwerdeführer eingereichten schriftlichen Bescheinigun- gen, wonach er in seiner Heimat nicht als Besitzer von Grundeigentum ein- getragen und nicht als Leistungsbezieher beim Sozialamt gemeldet gewe- sen sei und es sich bei der von ihm ange gebenen letzten Wohnadresse um eine fiktive Adresse gehandelt habe, könn ten nicht als Beleg für die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen betreffend sein Beziehungsnetz in seinem E-3114/2016 Seite 10 Heimatstaat betrachtet werden. Diese Dokumente vermöchten die an der Glaubhaftigkeit seiner Aussagen geäusserten Zweifel nicht zu entkräften. 5.4 In der Replik wies der Beschwerdeführer im Wesentlichen darauf hin, er habe sich bisher erfolglos darum bemüht, weitere schriftliche Bestäti- gungen betreffend sein nicht existierendes Beziehungsnetz zu beschaffen. Der Tod seiner Mutter sei den bosnischen Behörden bekannt, vom Sozial- dienst aber nur mündlich bestätigt worden. 6. 6.1 Der Beschwerdeführer hat im Wiedererwägungsv erfahren mehrere neue Beweismit tel zum Beleg seiner im ordentlichen V erfahren als un- glaubhaft erachteten Vorbringen eingereicht und macht damit das Vorlie- gen des Revisionsgrundes der neuen erheblichen Beweismittel nach Art. 66 Abs. 2 Bst. a VwVG geltend, welcher vom BFM zu prüfen war, d a kein materieller Beschwerdeentscheid ergangen ist (vgl. oben E. 3.3). 6.1.1 Betreffend das Bestätigungsschreiben von N. A., einer angeblichen Bekannten des Beschwerdeführers, vom 17. März 2016 ist vorab festzu- stellen, dass in keiner Weise dargetan wurde, weshalb es dem Beschwer- deführer nicht möglich gewesen sein sollte, ein entsprechendes Schreiben bereits während des ordentlichen V erfahrens beizubringen; diesem Be- weismittel fehlt es deshalb an der revisionsrechtlichen Neuheit. Im Weiteren ist dieses Dokument aber auch wegen fehlender Erheblichkeit nicht geeignet, die Fehlerhaftigkeit der ursprünglichen Verfügung des SEM darzutun. In dem beglaubigten Schreiben erwähnt die Verfasserin, N. A., der Beschwerdeführer sei ihr "persönlich bekannt", jedoch fehlen nähere Angaben dazu, in welcher Beziehung sie zum Beschwerdeführer und sei- ner Familie steht, sowie dazu, wie sie Kenntnis der von ihr gemachten Aus- sagen zu seinen Lebens- und Familienverhältnissen erlangt habe. In die- sem Zusammenhang fällt auf, dass N. A. den Angaben zu ihren Persona- lien zufolge in D._______ geboren wurde und auch dort lebt, während die Aussagen des Beschwerdeführers im ordentlichen Verfahren darauf schliessen lassen, dass er nie an diesem Ort gelebt hat. Jedenfalls steht nicht fest, ob N. A. von den in ihrem Bestätigungsschreiben genannten Um- ständen Kenntnis aus erster Hand oder nur vom Hörensagen hätte. Dem- nach kann diesem Dokument keine relevante Beweiskraft beigemessen werden; es ist nicht geeignet, die Glaubhaft igkeit der Aussagen des Be- schwerdeführers zu seinen aktuellen Lebensumständen in Bosnien und E-3114/2016 Seite 11 Herzegowina zu belegen und damit die Einschätzung der Vorinstanz in ih- rer Verfügung vom 2. Februar 2016 in Bezug auf das Vorliegen individueller Wegweisungshindernisse in Frage zu stellen. An dieser Würdigung vermag im Übrigen die Beglaubigung des Bestätigungsschreibens durch die Ge- meindeverwaltung D._______ nichts zu ändern, bezieht sich diese doch nicht auf den Inhalt des Dokuments. 6.1.2 Auch den vom Beschwerdeführer eingereichten Bescheinigungen der Gemeinde H._______ vom 18. April 2016 und 10. Mai 2016 fehlt es an relevanter Beweiskraft. Dass er, wie in den beiden Dokumenten bestätigt wird, nicht als Grundeigentümer im Grundbuch eingetragen und nicht als Leistungsbezüger von Sozialleistungen registriert ist, rechtfertigt nicht die Folgerung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Insbesondere ist dadurch keineswegs ausgeschlossen, dass der Beschwerdeführer die Möglichkeit der Existenzsicherung mit Unterstützung von Bezugspersonen im In- und Ausland hat 6.2 Die vom Beschwerdeführer geltend gemachte und bereits im ordentli- chen Verfahren mit mehreren ärztlichen Zeugnissen belegte psychische Erkrankung wurde in der Verfügung der Vor instanz vom 2. F ebruar 2016 im Rahmen der Prüfung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ein- gehend gewürdigt und es wurde dargelegt, weshalb der Wegweisungsvoll- zug auch unter Berücksichtigung dieser Umstände als zumutbar zu erach- ten sei. In dem im Rahmen des Wiedererwägungsverfahrens eingereichten Arztzeugnis vom 12. März 2016 wird zwar auf eine "dramatische Ver- schlechterung" des psychischen Gesundheitszustandes des Beschwerde- führers hingewiesen, aufgrund welcher die Medikation stark habe erhöht werden müssen. Konkretere Angaben hierzu fehlen aber. Zudem verwies die Vorinstanz zu Recht darauf, dass die in diesem Bericht gestellten Diag- nosen und beschriebenen Symptome sowie die dafür als erforderlich be- zeichneten Behandlungsmassnahmen weitgehend identisch sind mit den entsprechenden Angaben in den im Rahmen des ordentlichen Verfahrens eingereichten Arztzeugnissen. Insgesamt ergeben sich demnach aus dem Arztzeugnis vom 12. März 2016 keine hinreichenden Anhaltspunkte für eine seit Abschluss des ordentlichen Verfahrens eingetretene signifikante Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers . Dieses Dokument vermag somit ‒ unter Berücksichtigung der im Heimat- staat zur Verfügung stehenden Behandlungsmöglichkeiten und der Mög- lichkeit zur Inanspruchnahme medizinischer Rückkehrhilfe, worauf bereits in der Verfügung des SEM vom 2. Februar 2016 hingewiesen worden war ‒ keine erheblich veränderte Sachlage zu begründen, welche die von der E-3114/2016 Seite 12 Vorinstanz im ursprünglichen Verfahren getroffene Einschätzung in Bezug auf die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs als nicht mehr haltbar er- scheinen lassen würde. An dieser Beurteilung vermag au ch das vom Beschwerdeführer einge- reichte Gutachten der SFH vom 11. Juni 2009 betreffend die Behandlung von PTBS in Bosnien und Herzegowina nichts zu ändern. 6.3 Auch das vom Beschwerdeführer in der Beschwerdeeingabe vom 18. Mai 2016 vorgebrachte Argument, er könne nicht mehr auf Unterstü t- zung durch seine Verwandten in der Schweiz zählen, lässt nicht auf eine erhebliche Veränderung des rechtserheblichen Sachverhalts schliessen. Zum einen handelt es sich bei diesem Vorbringen um eine nicht näher sub- stanziierte oder belegte Behauptung. Zum anderen vermag diese die von der Vorinstanz in ihrer ursprünglichen Verfügung überzeugend begründete Einschätzung nicht zu entkräften, es sei in Anbetracht der zahlreichen Un- gereimtheiten in den Aussagen des Beschwerdeführers zu seinen Lebens- umständen davon auszugehen, er verfüge auch in seinem Heimatstaat über ein intakteres soziales Netz, als von ihm behauptet. 6.4 Auf die vom Beschwerdeführer im Wiedererwägungsgesuch vom 5. April 2016 und in der Beschwerdeeingabe geübte Kritik an der Einschät- zung der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen durch die Vorinstanz im abge- schlossenen ordentlichen Verfahren kann im Rahmen des vorliegenden Wiedererwägungsverfahrens nicht eingegangen werden: E ine Wiederer- wägung kommt nicht in Frage, wenn weder d as Bestehen einer seit der früheren Verfügung veränderten Sachlage noch das Vorliegen von wieder- erwägungsrechtlich relevanten neuen Tatsachen oder Beweismitteln ange- rufen wird, sondern lediglich eine erneute rechtliche Würdigung eines be- reits hinlänglich erstellten und endgültig beurteilten Sachverhalts oder be- reits bekannter Tatsachen angestrebt wird. Die Wiedererwägung darf na- mentlich nicht dazu dienen, die Rechtskraft von Verwaltungsentscheiden immer wieder infrage zu stellen oder die Fristen für die Erg reifung von Rechtsmitteln zu umgehen. Namentlich darf ein Wiedererwägungsverfah- ren nicht als Ersatz für eine nicht wahrgenommene Beschwerdemöglich- keit dienen. Gründe, welche bereits im Zeitpunkt der verpassten Anfech- tungsmöglichkeit im ordentlichen Beschwerdeverfahren bestanden haben, können somit nicht als Wiedererwägungsgründe vorgebracht werden (vgl. Art. 66 Abs. 3 VwVG und Entscheidungen und Mitteilungen der Schweize- rischen Asylrekurskommission [EMARK] 1999 Nr. 4 E. 5a S. 24f.; 2000 E-3114/2016 Seite 13 Nr. 24 E. 5b S. 220). Es ist daher unzulässig, ein rechtskräftig abgeschlos- senes Verfahren unter dem Titel eines Wiedererwägungsgesuchs faktisch zu wiederholen, indem die rechtliche Beurteilung der verfügenden Behörde (erneut) infrage gestellt wird (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D- 5989/2013 vom 30. Oktober 2013 mit weiteren Hinweisen). 6.5 Schliesslich kann der Beschwerdeführer auch aus dem eingereichten Bericht der SFH zur Situation der Roma in den Balkanländern unter wie- dererwägungsrechtlichen Gesichtspunkten nichts zu seinen Gunsten ab- leiten. 6.6 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz das Wieder- erwägungsgesuch des Beschwerdeführers zu Recht abgewiesen hat , da es dem Beschwerdeführer nicht gelingt, mit Bezug auf die Frage der Zu- mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Bosnien und Herzegowina eine wiedererwägungsrechtlich relevante nachträgliche Veränderung der Sachlage (oder Revisionsgründe) darzutun. 7. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt , den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 8. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde- führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit Zwischenver- fügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 31. Mai 2016 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich seine finanzielle Lage seither entscheidrelevant verändert hätte, ist auf das Erheben von Verfahrenskosten zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite) E-3114/2016 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Markus König Nicholas Swain