<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 31 S.107</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">107</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>II. Schulrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>31</b></span> <span class="ft3"><b>Transportkostenersatz für unzumutbaren Schulweg</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Die Unterscheidung zwischen auswärtigen Schülern und Schülern der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>eigenen Schulgemeinde für die Zusprechung von Transportkosten-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ersatz bei einen unzumutbaren Schulweg widerspricht dem verfas-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>sungsmässigen Gleichbehandlungsgebot.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 4. Juli 2000 in Sachen</span><br/> <span class="ft4">R.G. gegen Einwohnergemeinde Baden.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">6. a) Die Kläger berufen sich in der Klage sinngemäss auf die</span><br/> <span class="ft6">Verletzung der verfassungsrechtlich gebotenen Gleichbehandlung.</span><br/> <span class="ft6">Sie machen dies einerseits im Zusammenhang mit Transportkosten-</span><br/> <span class="ft6">beiträgen geltend, welche die Nachbargemeinde Birmenstorf den</span><br/> <span class="ft6">Schülern gewährt, die in Baden die Schule besuchen, und anderseits</span><br/> <span class="ft6">mit der Begründung, das Kriterium der "Auswärtigkeit" gemäss § 53</span><br/> <span class="ft6">Abs. 4 SchulG verletze das Gleichbehandlungsgebot, indem Schüler</span><br/> <span class="ft6">mit einem unangemessenen Schulweg und unterschiedlichem Wohn-</span><br/> <span class="ft6">und Schulort gegenüber Schülern mit einem ebensolchen Schulweg</span><br/> <span class="ft6">aber identischem Wohn- und Schulort ohne sachlichen Grund be-</span><br/> <span class="ft6">nachteiligt würden.</span><br/> <span class="ft6">Die Beklagte stellt sich demgegenüber auf den Standpunkt, dass</span><br/> <span class="ft6">die kantonale Auslegung des Begriffs "auswärtig" vor dem Gebot der</span><br/> <span class="ft6">Rechtsgleichheit standhalte, weil zwischen dem Sachverhalt, bei dem</span><br/> <span class="ft6">Schul- und Wohnort in derselben Gemeinde liegen und dem Sach-</span><br/> <span class="ft6">verhalt, bei dem diese in verschiedenen Gemeinden liegen, ein recht-</span><br/> <span class="ft6">lich relevanter Unterschied bestehe; zudem könne der Wohnsitz in</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">108</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Abwägung aller Vor- und Nachteile, wozu auch die Schulweglänge</span><br/> <span class="ft6">gehöre, von den Eltern frei gewählt werden.</span><br/> <span class="ft6">b) Die Gerichte sind gemäss § 95 Abs. 2 KV zur inzidenten</span><br/> <span class="ft6">Normenkontrolle verpflichtet. Im verwaltungsgerichtlichen Klage-</span><br/> <span class="ft6">verfahren ist das Verwaltungsgericht gemäss § 67 VRPG in Verbin-</span><br/> <span class="ft6">dung mit § 76 Abs. 1 ZPO von Amtes wegen gehalten, Erlassen die</span><br/> <span class="ft6">Anwendung zu versagen, die Bundesrecht oder kantonalem Verfas-</span><br/> <span class="ft6">sungsrecht widersprechen (vgl. Michael Merker, Rechtsmittel, Klage</span><br/> <span class="ft6">und Normenkontrollverfahren nach dem aargauischen Gesetz über</span><br/> <span class="ft6">die Verwaltungsrechtspflege, Kommentar zu den §§ 38 - 72 VRPG,</span><br/> <span class="ft6">Zürich 1998, § 56 N 6 mit Hinweisen). Dies gilt auch für kantonale</span><br/> <span class="ft6">Gesetze (AGVE 1987, S. 273 mit Hinweisen). Wird bei dieser Über-</span><br/> <span class="ft6">prüfung ein Konflikt der geprüften Norm mit einer massgeblichen</span><br/> <span class="ft6">höheren Norm, mithin Unvereinbarkeit oder Kollision im weiten</span><br/> <span class="ft6">Sinne dieses Wortes festgestellt, ist die Anwendung dieser Bestim-</span><br/> <span class="ft6">mung zu unterlassen. Das Gericht hebt die mangelhafte Norm nicht</span><br/> <span class="ft6">förmlich auf oder stellt die Nichtigkeit fest, sondern erklärt in der</span><br/> <span class="ft6">Begründung seines Urteils die Norm als unbeachtlich oder unan-</span><br/> <span class="ft6">wendbar (Kurt Eichenberger, Verfassung des Kantons Aargau vom</span><br/> <span class="ft6">25. Juni 1980, Textausgabe mit Kommentar, Aarau/Frankfurt</span><br/> <span class="ft6">a.M./Salzburg 1986, § 95 N 21).</span><br/> <span class="ft6">c) aa) Ein Erlass verletzt den Grundsatz der Rechtsgleichheit</span><br/> <span class="ft6">und damit Art. 8 Abs. 1 BV, wenn er rechtliche Unterscheidungen</span><br/> <span class="ft6">trifft, für die ein vernünftiger Grund in den zu regelnden Verhältnis-</span><br/> <span class="ft6">sen nicht ersichtlich ist, oder Unterscheidungen unterlässt, die sich</span><br/> <span class="ft6">auf Grund der Verhältnisse aufdrängen. Die Rechtsgleichheit ist ver-</span><br/> <span class="ft6">letzt, wenn Gleiches nicht nach Massgabe seiner Gleichheit gleich</span><br/> <span class="ft6">oder Ungleiches nicht nach Massgabe seiner Ungleichheit ungleich</span><br/> <span class="ft6">behandelt wird. Vorausgesetzt ist, dass sich der unbegründete Unter-</span><br/> <span class="ft6">schied oder die unbegründete Gleichstellung auf eine wesentliche</span><br/> <span class="ft6">Tatsache bezieht. Dem Gesetzgeber bleibt im Rahmen dieser Grund-</span><br/> <span class="ft6">sätze und des Willkürverbots ein weiter Spielraum der Gestaltungs-</span><br/> <span class="ft6">freiheit (BGE 114 Ia 2 f. mit Hinweisen). Das Bundesgericht übt eine</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">109</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">gewisse Zurückhaltung und greift von Verfassungs wegen bloss ein,</span><br/> <span class="ft6">wenn der Kanton mit den Unterscheidungen, die er trifft, eine Grenze</span><br/> <span class="ft6">zieht, die sich nicht vernünftig begründen lässt, die unhaltbar und</span><br/> <span class="ft6">damit in den meisten Fällen auch geradezu willkürlich ist (BGE 123</span><br/> <span class="ft6">I 7 f.; 121 I 104 je mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft6">Unbegründet ist die Rüge der Kläger, die Rechtsgleichheit sei</span><br/> <span class="ft6">verletzt, weil die Nachbargemeinde Birmenstorf den Schülern und</span><br/> <span class="ft6">Schülerinnen, die auf ihrem Gemeindegebiet wohnen und die Schule</span><br/> <span class="ft6">in Baden besuchen, Transportkostenbeiträge gewährt. Die Rechts-</span><br/> <span class="ft6">gleichheit bezieht sich nur auf den Zuständigkeitsbereich derselben</span><br/> <span class="ft6">Behörde (BGE 121 I 51). Aus der kommunalen Trägerschaft des</span><br/> <span class="ft6">obligatorischen Volksschulunterrichtes (§ 29 Abs. 1 KV und § 52</span><br/> <span class="ft6">SchulG) ergibt sich, dass die Gemeinden in ihrem Zuständigkeitsbe-</span><br/> <span class="ft6">reich auch unterschiedliche Regelungen für die Erleichterung des</span><br/> <span class="ft6">auswärtigen Schulbesuches gemäss § 53 Abs. 4 SchulG treffen kön-</span><br/> <span class="ft6">nen. Wenn einige Gemeinden Transportkostenbeiträge an Schüler,</span><br/> <span class="ft6">die innerhalb des Gemeindegebietes die Schule besuchen, leisten,</span><br/> <span class="ft6">während andere darauf verzichten, kann darin keine Verletzung der</span><br/> <span class="ft6">Rechtsgleichheit liegen. Abgesehen davon leistet die Gemeinde Bir-</span><br/> <span class="ft6">menstorf nach den Akten selbst für die Schüler, welche in Müslen</span><br/> <span class="ft6">wohnen, nur Transportkostenbeiträge für den auswärtigen Schulbe-</span><br/> <span class="ft6">such in der Gemeinde Baden.</span><br/> <span class="ft6">d) Das Verwaltungsgericht hat in AGVE 1986, S. 147 offen ge-</span><br/> <span class="ft6">lassen, ob einem Schüler entgegen dem Wortlaut des Schulgesetzes</span><br/> <span class="ft6">ein Anspruch auf Transportkostenersatz zusteht, wenn er innerhalb</span><br/> <span class="ft6">seiner Wohnortsgemeinde einen überdurchschnittlich langen Schul-</span><br/> <span class="ft6">weg hat. Diese Frage ist, nachdem im vorliegenden Fall die übrigen</span><br/> <span class="ft6">Anspruchskriterien der "Notwendigkeit" gemäss § 53 Abs. 4 lit. c</span><br/> <span class="ft6">SchulG erfüllt sind, zu entscheiden.</span><br/> <span class="ft6">e) aa) Unter dem Rechtsgleichheitsgebot ist abzuklären, ob die</span><br/> <span class="ft6">von § 53 Abs. 1 in Verbindung mit § 53 Abs. 4 lit. c SchulG getrof-</span><br/> <span class="ft6">fene Abgrenzung der auswärtigen Schulbesuche von den Schülern,</span><br/> <span class="ft6">welche einen unzumutbaren Schulweg in der eigenen Gemeinde</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">110</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">haben, hinsichtlich seiner Wertungen folgerichtig und in sich wider-</span><br/> <span class="ft6">spruchslos und damit systemgerecht ist. Ein Gesetz, das den Adres-</span><br/> <span class="ft6">saten weiter oder enger zieht, der mehr oder weniger Fälle erfasst</span><br/> <span class="ft6">oder andere Rechtsfolgen eintreten lässt, als sein Zweck es erfordert,</span><br/> <span class="ft6">trifft Unterscheidungen, für die sich kein vernünftiger Grund aus der</span><br/> <span class="ft6">zu normierenden Materie ergibt (vgl. Georg Müller, Kommentar zur</span><br/> <span class="ft6">Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom</span><br/> <span class="ft6">29. Mai 1874 [Kommentar aBV], Stand Mai 1995, Art. 4 N 31 mit</span><br/> <span class="ft6">Hinweisen). Der allgemeine Gleichheitssatz fordert, dass bei jeder</span><br/> <span class="ft6">Ungleichbehandlung sachlich begründet wird, inwiefern mit Bezug</span><br/> <span class="ft6">auf die tatsächlichen Verhältnisse, die Gegenstand der Regelung sind,</span><br/> <span class="ft6">eine Differenzierung gerechtfertigt erscheint (Jörg Paul Müller,</span><br/> <span class="ft6">Grundrechte in der Schweiz, 3. Auflage, Bern 1999, S. 397). Die</span><br/> <span class="ft6">Frage, ob für eine rechtliche Unterscheidung ein vernünftiger Grund</span><br/> <span class="ft6">in den zu regelnden Verhältnissen ersichtlich ist, kann zu verschiede-</span><br/> <span class="ft6">nen Zeiten verschieden beantwortet werden, je nach den herrschen-</span><br/> <span class="ft6">den Anschauungen und Zeitverhältnissen.</span><br/> <span class="ft6">bb) Die von § 53 Abs. 4 SchulG anvisierte Chancengleichheit</span><br/> <span class="ft6">steht aber auch in einem Zusammenhang mit der Vorschrift, dass der</span><br/> <span class="ft6">Unterricht an öffentlichen Schulen für Kantonseinwohner unentgelt-</span><br/> <span class="ft6">lich ist (§ 34 Abs. 1 KV und § 3 Abs. 3 SchulG) sowie der Pflicht der</span><br/> <span class="ft6">Gemeinde, den Schulbesuch unentgeltlich zu ermöglichen. Dieser</span><br/> <span class="ft6">Zusammenhang kommt auch in der systematischen Einordnung der</span><br/> <span class="ft6">Bestimmung im Schulgesetz zum Ausdruck. Gemäss § 52 Abs. 1</span><br/> <span class="ft6">SchulG sind die Gemeinden verpflichtet, die Kindergärten und die</span><br/> <span class="ft6">Volkschule selber zu führen (bzw. sich an einer Kreisschule zu betei-</span><br/> <span class="ft6">ligen); führt eine Gemeinde den betreffenden Schultyp oder die</span><br/> <span class="ft6">Schulstufe nicht, hat sie die Schulgelder für den auswärtigen Schul-</span><br/> <span class="ft6">besuch der schulpflichtigen Kinder, welche in ihrer Gemeinde</span><br/> <span class="ft6">Wohnsitz oder Aufenthalt haben, zu übernehmen. Zusätzlich sind</span><br/> <span class="ft6">gemäss § 34 Abs. 1 und Abs. 3 KV von den Schulträgern Aus-</span><br/> <span class="ft6">gleichsmassnahmen zu gewähren, wenn ausserordentlichen Situatio-</span><br/> <span class="ft6">nen beim Besuch von öffentlichen Schulen Sonderheiten herbeifüh-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">111</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">ren, welche den Eltern unverhältnismässige Zusatzkosten aufbürden</span><br/> <span class="ft6">würden (vgl. Kurt Eichenberger, a.a.O., § 34 N 4). Die Rechtspre-</span><br/> <span class="ft6">chung des Bundesrates zu Art. 27 Abs. 2 aBV (neu Art. 19 und</span><br/> <span class="ft6">Art. 62 Abs. 2 BV) verlangt gestützt auf den Grundsatz der Unent-</span><br/> <span class="ft6">geltlichkeit, dass die Gemeinden den Schülern, die einen übermässig</span><br/> <span class="ft6">langen Schulweg zurückzulegen haben, die Kosten eines Busdienstes</span><br/> <span class="ft6">ersetzen müssen (vgl. Marco Borghi, Kommentar aBV, Stand Juni</span><br/> <span class="ft6">1988, Art. 27 N 58 und N 61; weitere Beispiele in: VPB 25-10). Der</span><br/> <span class="ft6">Regelung im Schulgesetz liegt der Gedanke zu Grunde, dass der</span><br/> <span class="ft6">Zugang zur Schule allen Teilen der Bevölkerung unter (möglichst)</span><br/> <span class="ft6">gleichen Bedingungen möglich sein soll.</span><br/> <span class="ft6">cc) Die Unterscheidung zwischen auswärtigen Schülern und</span><br/> <span class="ft6">Schülern der eigenen Schulgemeinde ist beim Transportkostenersatz</span><br/> <span class="ft6">gemäss § 53 Abs. 4 lit. c SchulG insofern sachlich begründet, wenn</span><br/> <span class="ft6">davon ausgegangen werden kann, dass in den aargauischen Gemein-</span><br/> <span class="ft6">den die Schüler in der Regel die öffentlichen Schulen der Wohnge-</span><br/> <span class="ft6">meinde ohne übermässig langen Schulweg erreichen können. Dies ist</span><br/> <span class="ft6">indes nicht immer und immer weniger der Fall. Die Differenzierung</span><br/> <span class="ft6">in § 53 Abs. 4 SchulG beruht zudem auf einem kommunal geprägten</span><br/> <span class="ft6">Verständnis der Chancengleichheit. Die ausgleichenden Massnahmen</span><br/> <span class="ft6">werden in den Zusammenhang mit der Pflicht zum auswärtigen</span><br/> <span class="ft6">Schulbesuch gebracht, weil eine Wohngemeinde die Schulstufe nicht</span><br/> <span class="ft6">führt und Schüler und Schülerinnen deshalb gezwungen sind, in einer</span><br/> <span class="ft6">anderen Gemeinde die Schulen zu besuchen. Die Schüler und Schü-</span><br/> <span class="ft6">lerinnen, denen ein Schulbesuch in der Wohngemeinde möglich ist,</span><br/> <span class="ft6">benötigen nach diesem Verständnis keinen Ausgleich, auch wenn sie</span><br/> <span class="ft6">einen langen Schulweg bewältigen müssen. Für diese Betrachtungs-</span><br/> <span class="ft6">weise spricht die systematische Einordnung der Regelung im Schul-</span><br/> <span class="ft6">gesetz.</span><br/> <span class="ft6">Unter dem Rechtsgleichheitsgebot steht indessen ein anderer</span><br/> <span class="ft6">Aspekt im Vordergrund: Nach der Praxis und der Rechtsprechung</span><br/> <span class="ft6">des Verwaltungsgerichts begründet § 53 Abs. 4 SchulG einen direk-</span><br/> <span class="ft6">ten Anspruch der Schüler auf Transportkostenersatz, wenn sie einen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">112</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">unzumutbaren Schulweg für den auswärtigen Schulbesuch haben. Zu</span><br/> <span class="ft6">prüfen ist daher, ob der <i>Ausschluss</i> vom gesetzlichen Transport-</span><br/> <span class="ft6">kostenersatz der Schüler, die einen - nach dieser Praxis und Recht-</span><br/> <span class="ft6">sprechung - langen und unzumutbaren Schulweg haben, indessen</span><br/> <span class="ft6">nicht "auswärts" zur Schule gehen, sachlich begründet und mit dem</span><br/> <span class="ft6">Gebot der Rechtsgleichheit vereinbar ist. Das Kriterium für den Zu-</span><br/> <span class="ft6">gang zum Transportkostenersatz bildet in solchen Fällen nur die</span><br/> <span class="ft6">Grenze der politischen Gemeinde. Auch diesen Schülerinnen und</span><br/> <span class="ft6">Schüler entstehen zusätzliche Kosten für Transport, gegebenenfalls</span><br/> <span class="ft6">für die Mittagsverpflegung. Zu den finanziellen Mehraufwendungen</span><br/> <span class="ft6">kommt der zusätzliche Zeitaufwand. Die Benachteiligung ist in tat-</span><br/> <span class="ft6">sächlicher Hinsicht identisch; die Schüler und Schülerinnen, welche</span><br/> <span class="ft6">auswärts in die Schule gehen, erleiden aus der politischen Verschie-</span><br/> <span class="ft6">denheit ihres Schulorts keinerlei zusätzliche Nachteile. Mit einem</span><br/> <span class="ft6">zeitgemässen Verständnis der Chancengleichheit ist das Abgren-</span><br/> <span class="ft6">zungskriterium aus den dargelegten Gründen nicht vereinbar. Der</span><br/> <span class="ft6">Transportkostenersatz gewährt in Ergänzung zum unentgeltlichen</span><br/> <span class="ft6">Unterricht ausgleichende staatliche Unterstützung, wo nach dem Ge-</span><br/> <span class="ft6">setz ungleiche Chancen auszugleichen sind. Dieser Anspruch kann</span><br/> <span class="ft6">den Schülern und Schülerinnen, die sämtliche übrigen Anspruch-</span><br/> <span class="ft6">voraussetzungen erfüllen, nicht deshalb verwehrt werden, weil sie an</span><br/> <span class="ft6">ihrem Wohnort die Schule besuchen. Der Schulbesuch in der Wohn-</span><br/> <span class="ft6">gemeinde ist gesetzliche Pflicht (§ 6 Abs. 1 SchulG); die Volksschul-</span><br/> <span class="ft6">pflicht an den öffentlichen Schulen der Wohngemeinde entfällt nur</span><br/> <span class="ft6">ausnahmsweise aus wichtigen Gründen (§ 6 Abs. 2 SchulG). Der</span><br/> <span class="ft6">Ausschluss der Schülerinnen und Schüler mit Schulort in der Wohn-</span><br/> <span class="ft6">gemeinde vom Ersatz der Transportkosten und ihre Ungleichbe-</span><br/> <span class="ft6">handlung gegenüber Schülerinnen und Schüler mit auswärtigem</span><br/> <span class="ft6">Schulort ist deshalb auch nicht systemgerecht. Bei der Schulpflicht</span><br/> <span class="ft6">geht der Wohnort vor, beim Schulbesuch am Wohnort wird der An-</span><br/> <span class="ft6">spruch auf Transportkostenersatz demgegenüber ausgeschlossen. Das</span><br/> <span class="ft6">Schulgesetz trifft schliesslich eine Unterscheidung, welche sich mit</span><br/> <span class="ft6">der Zielsetzung der Norm und mit dem Zweck der Ausgleichsmass-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">113</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">nahmen nicht vereinbaren lässt. Schülerinnen und Schüler, die einen</span><br/> <span class="ft6">weiten, gefährlichen oder aus andern Gründen unzumutbaren Schul-</span><br/> <span class="ft6">weg haben, sind beim Anspruch auf Transportkostenersatz gleich zu</span><br/> <span class="ft6">behandeln, unbesehen wo sich ihr Wohn- und Schulort befindet. Der</span><br/> <span class="ft6">Unterschied von Wohn- und Schulort hat mit der tatsächlichen Be-</span><br/> <span class="ft6">nachteiligung dieser Schüler und Schülerinnen durch den unzumut-</span><br/> <span class="ft6">baren Schulweg keinen sachlichen Zusammenhang. Die von § 53</span><br/> <span class="ft6">Abs. 4 SchulG mit Bezug auf den Transportkostenersatz getroffene</span><br/> <span class="ft6">Ungleichbehandlung tatsächlich gleicher Chancenbeeinträchtigung</span><br/> <span class="ft6">beruht aus den dargelegten Gründen auf einer widersprüchlichen</span><br/> <span class="ft6">Wertung gleicher Sachverhalte. Im Ergebnis ist die Unterscheidung</span><br/> <span class="ft6">mit der von der Verfassung anvisierten Verwirklichung der Chan-</span><br/> <span class="ft6">cengleichheit nicht vereinbar.</span><br/> <span class="ft6">Das Kriterium der "Auswärtigkeit" im Sinne von § 53 Abs. 4</span><br/> <span class="ft6">Satz 1 SchulG mit der Konsequenz, dass der direkte Anspruch auf</span><br/> <span class="ft6">gesetzlich vorgesehene ausgleichende Massnahmen nur einem Teil</span><br/> <span class="ft6">der tatsächlich Betroffenen zuerkannt wird, findet in der heutigen</span><br/> <span class="ft6">Zeit weder in der Chancengleichheit, noch im Unterschied Wohn-</span><br/> <span class="ft6">ort/Schulort eine sachlich vertretbare Begründung. Die Anschauun-</span><br/> <span class="ft6">gen haben sich in dieser Hinsicht seit dem Erlass des Schulgesetzes</span><br/> <span class="ft6">(Inkrafttreten des Schulgesetzes: 1. April 1982) verändert. Auch die</span><br/> <span class="ft6">Rechtsordnung hat sich insofern geändert, als der auswärtige Schul-</span><br/> <span class="ft6">besuch nur bei Vorliegen wichtiger Gründe unentgeltlich ist (§ 6</span><br/> <span class="ft6">Abs. 2 SchulG in der Fassung vom 17. März 1998), und der Gesetz-</span><br/> <span class="ft6">geber den Schulbesuch innerhalb der Wohngemeinde privilegiert.</span><br/> <span class="ft6">Eine Ungleichbehandlung der Schüler mit unzumutbarem Schulweg</span><br/> <span class="ft6">darf bei der Gewährung von Transportkostenersatz unter aktuellen</span><br/> <span class="ft6">Verhältnissen nicht zu einer Ungleichbehandlung führen (vgl. dazu</span><br/> <span class="ft6">auch Arthur Haefliger, Alle Schweizer sind vor dem Gesetze gleich,</span><br/> <span class="ft6">Bern 1985, S. 64). Die "Auswärtigkeit" ist aus den dargelegten Grün-</span><br/> <span class="ft6">den ein sachfremdes Kriterium, weil es den Anspruch auf Transport-</span><br/> <span class="ft6">kostenersatz einzig und alleine vom Überschreiten einer Gemeinde-</span><br/> <span class="ft6">grenze auf dem Schulweg abhängig macht. Eine solche Differen-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">114</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">zierung schafft zwischen den tatsächlich und nach Massgabe ihrer</span><br/> <span class="ft6">Beeinträchtigung anspruchsberechtigten Schülerinnen und Schüler</span><br/> <span class="ft6">im Ergebnis eine stossende Rechtsungleichheit.</span><br/> <span class="ft6">f) Zusammenfassend verstösst die Verweigerung der Zuspre-</span><br/> <span class="ft6">chung von Transportkostenersatz bei Schülern, die innerhalb der</span><br/> <span class="ft6">Gemeindegrenzen einen unzumutbaren Schulweg zu bewältigen</span><br/> <span class="ft6">haben, dem verfassungsrechtlichen Gleichbehandlungsgebot von</span><br/> <span class="ft6">Art. 8 Abs. 1 BV. In Abweichung von § 53 Abs. 4 lit. c SchulG ist</span><br/> <span class="ft6">daher den Klägern ein Transportkostenersatz für den Schulbesuch der</span><br/> <span class="ft6">beiden Töchter A. und S. zuzusprechen, da sie einen unzumutbaren</span><br/> <span class="ft6">Schulweg bewältigen müssen.</span><br/></div> </div> </body> </html>