B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-4931/2025 U r t e i l v o m 2 8 . J u l i 2 0 2 5 Besetzung Einzelrichterin Christa Preisig, mit Zustimmung von Richter Daniele Cattaneo; Gerichtsschreiberin Meike Pauletzki. Parteien A._______, geboren am […], Afghanistan, vertreten durch MLaw Léonie Scheurmann, Rechtsschutz für Asylsuchende - Bundesasylzentrum Region Bern, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Zuweisung der Asylsuchenden an die Kantone; Verfügung des SEM vom 27. Juni 2025. F-4931/2025 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin ersuchte am 26. Mai 2025 in der Schweiz um Asyl. Anlässlich ihrer Anhörung zu den Asylgründen bat sie darum, dem Kanton B._______ zugewiesen zu werden, da ihr religiös angetrauter Ehemann und zwei Cousins dort leben würden. B. Mit Verfügung vom 27. Juni 2025 (gleichentags eröffnet) anerkannte die Vorinstanz die Beschwerdeführerin als Flüchtling, gewährte ihr Asyl, wies sie dem Kanton C._______ zu und hielt fest, dass eine allfällige Be- schwerde gegen die Kantonszuweisung keine aufschiebende Wirkung hat. C. Gegen die Kantonszuweisung erhob d ie Beschwerdeführerin am 4. Juli 2025 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte, Dispo- sitiv-Ziffer 3 der angefochtenen Verfügungen sei aufzuheben und die Vor- instanz sei anzuweisen, sie dem Kanton B._______ zuzuweisen. Eventu- aliter sei die Sache zur erneuten Beurteilung an die Vorinstanz zurückzu- weisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie darum, sie sei im Rahmen vorsorglicher Massnahmen dem Kanton B._______ zuzuweisen, ihr sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und von einem Kostenvorschuss abzusehen. Ferner sei ihr eine Parteientschädigung auszurichten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Verfügungen der Vorinstanz betreffend Kantonszuweisung unterliegen der Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht (Art. 105 AsylG [SR 142.31] i.V.m. Art. 31 ff. VGG). Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG oder das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 6 AsylG, Art. 37 VGG). Die Beschwerdeführerin ist zur Einreichung der Be- schwerde legitimiert (vgl. Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist - und formge- recht eingereichte Beschwerde ist einzutreten ( vgl. Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 52 Abs. 1 VwVG). 1.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich begründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer F-4931/2025 Seite 3 zweiten Richterin respektive eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Be- gründung zu behandeln ist (Art. 111a AsylG). 2. 2.1 Entscheide über die Zuweisung einer asylsuchenden Person an einen Kanton können gemäss Art. 27 Abs. 3 AsylG – diese Spezialbestimmung geht der allgemeinen Regel von Art. 106 Abs. 1 AsylG vor (Art. 106 Abs. 2 AsylG) – nur mit der Begründung angefochten werden, sie verletzten den Grundsatz der Einheit der Familie. Auf anerkannte Flüchtlinge ist diese Kognitionsbeschränkung nicht anwendbar. Diese können eine Verletzung von Art. 26 des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge vom 28. Juli 1951 (FK, SR 0.142.30) und von Art. 37 AIG (SR 142.20), der den Wechsel des Wohnorts in einen anderen Kanton für ausländische Perso- nen regelt, vor Bundesverwaltungsgericht rügen (vgl. BVGE 2012/2 E. 3.2.3; zuletzt Urteile des BVGer F-5343/2025 vom 23. Juli 2025 E. 2.1, F-3294/2025 vom 16. Juli 2025 E. 2.1, F -3852/2025 vom 4. Juli 2025 E. 2.1). 2.2 Flüchtlinge mit rechtmässigem Aufenthalt in der Schweiz haben das Recht, ihren Aufenthaltsort zu wählen und sich frei zu bewegen, vorbehält- lich der Bes timmungen, die unter den gleichen Umständen für ausländi- sche Personen im Allgemeinen gelten (vgl. Art. 26 FK, Art. 58 AsylG; BVGE 2012/2 E. 3.2.2). Art. 26 FK zielt darauf ab, die Einschränkungen der freien Wahl des Aufenthaltsortes und der Bewegungsfreiheit für Flücht- linge auf ein Minimum zu beschränken. Zulässig sind nur einschränkende Bestimmungen, die für sämtliche Kategorien von ausländischen Personen gelten. Abzustellen ist auf diejenigen Einschränkungen, die auf ausländi- sche Personen mit einer Niederlassungsbewilligung anwendbar sind. Ge- mäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts begründet Art. 26 FK für Flüchtlinge somit einen Anspruch auf Kantonszuweisung und -wech- sel in gleichem Umfang, wie er einer niedergelassenen Person gestützt auf Art. 37 Abs. 3 AIG zusteht. Nach Massgabe dieser Bestimmung besteht ein Anspruch auf Kantonswechsel, sofern nicht Widerrufsgründe nach Art. 63 AIG vorliegen und sich eine darauf gestützte Verweigerung als verhältnis- mässig erweist (vgl. BVGE 2012/2 E. 5.2.2; zule tzt Urteile des BVGer F-5343/2025 E. 2.2, F-3294/2025 E. 2.2, F-3852/2025 E. 2.2). 3. Mit der angefochtenen Verfügung vom 27. Juni 2025 hat die Vorinstanz die Beschwerdeführerin als Flüchtling anerkannt und ihr Asyl gewährt. Art. 27 F-4931/2025 Seite 4 Abs. 3 AsylG ist damit a uf die Beschwerdeführerin nicht anwendbar. Als anerkannter Flüchtling mit Asyl hat sie grundsätzlich Anspruch auf freie Wahl des Kantons, in dem sie sich niederlassen möchte. Vorbehalten bleibt das Vorliegen von Widerrufsgründen nach Art. 63 AIG (vgl. E. 2.2). Indem die Vorinstanz dennoch Art. 27 Abs. 3 AsylG auf die Kantonszuweisung der Beschwerdeführerin anwandte und deren Anspruch auf Zuweisung an den anbegehrten Kanton verneinte, hat sie Bundesrecht verletzt (Art. 49 Bst. a VwVG). Ausserdem hat sie nicht geprüft, ob der Zuweisung der Beschwer- deführerin an den Kanton B._______ Widerrufsgründe im Sinn von Art. 63 AIG entgegenstehen könnten. Insofern erweist sich der rechtserhebliche Sachverhalt als unvollständig abgeklärt und der Untersuchungsgrundsatz ist verletzt (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG, Art. 49 Bst. b VwVG; vgl. zu- letzt Urteile des BVGer F -5343/2025 E. 3, F -3294/2025 E. 2.3, F-3852/2025 E. 2.3). 4. Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit ver- bindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Rückweisung kommt insbesondere dann in Betracht, wenn weitere Sachverhaltsfeststellungen getroffen werden müssen und der Vorinstanz als Erstinstanz ein gewisser Ermessensspielraum zukommt (vgl. BVGE 2020 VI/1 E. 10.1.2; 2020 VII/6 E. 12.6; 2015/30 E. 8.1). Vorliegend lässt sich die Entscheidungsreife nicht mit geringem Aufwand herstellen (vgl. E. 3), weshalb die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen ist. 5. 5.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Dispositiv -Zif- fer 3 der angefochtenen Verfügung ist aufzuheben und die Sache zur voll- ständigen Sachverhaltsabklärung im Sinn der Erwägungen sowie zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Diese wird insbe- sondere abzuklären haben, ob einer Zuweisung d er Beschwerdeführerin an den Kanton B._______ Widerrufsgründe nach Art. 63 AIG entgegenste- hen und falls ja, ob sich eine darauf gestützte Verweigerung der anbegehr- ten Kantonszuweisung als verhältnismässig erweist. 5.2 Mit diesem Urteil wird das Gesuch um vorsorgliche Zuweisung an den Kanton B._______ gegenstandslos. F-4931/2025 Seite 5 6. 6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege (recte: unentgeltliche Prozessführung) wird somit gegenstandslos. 6.2 Die vertretene Beschwerdeführerin beantragt eine Parteientschädi- gung. Vorliegend handelt es sich um eine zugewiesene unentgeltliche Rechtsvertretung im Sinn von Art. 102h AsylG, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch Art. 111ater AsylG). Die Leistungen der Rechtsvertretung sind vorliegend durch die vom Bund ausgerichtete Pauschale abgegolten (vgl. zuletzt ein- lässlich Urteile des B VGer F-5343/2025 E. 6.2, F-4119/2025 vom 14. Juli 2025 E. 6.2; F-4127/2025 vom 14. Juli 2025 E. 6.2). Folglich ist keine Par- teientschädigung zuzusprechen. 7. Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). (Dispositiv nächste Seite.) F-4931/2025 Seite 6 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Dispositivziffer 3 der vorinstanzlichen Verfügung vom 27. Juni 2025 wird aufgehoben und die Sache im Sinn der Erwägungen zur Abklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, die Vorinstanz und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Preisig Meike Pauletzki