<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">120</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>17</b></span> <span class="ft1"><b>Ausschaffungshaft; Haftverlängerung; Beschleunigungsgebot</b></span><br/> <span class="ft1"><b>Das Beschleunigungsgebot ist verletzt, wenn die Behörden betreffend Pa-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>pierbeschaffung während Monaten untätig geblieben sind und die pen-</b></span><br/> <span class="ft1"><b>denten Anträge bei der ausländischen Behörde nicht mahnten (Erw. 5.).</b></span><br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Einzelrichters des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer,</span><br/> <span class="ft3">vom 16. September 2014 in Sachen Amt für Migration und Integration gegen</span><br/> <span class="ft3">A. (WPR.2014.147).</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft7">5.</span><br/> <span class="ft7">Gemäss Art. 76 Abs. 4 AuG sind die für den Vollzug der Weg-</span><br/> <span class="ft7">oder Ausweisung notwendigen Vorkehren umgehend zu treffen.</span><br/> <span class="ft7">Insbesondere in Haftfällen ist dem Beschleunigungsgebot besondere</span><br/> <span class="ft7">Beachtung zu schenken. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtspre-</span><br/> <span class="ft7">chung liegt eine Verletzung des Beschleunigungsgebots vor, wenn</span><br/> <span class="ft7">während rund zwei Monaten keinerlei geeignete Vorkehren im Hin-</span><br/> <span class="ft7">blick auf die Ausschaffung getroffen werden, ohne dass die Verzöge-</span><br/> <span class="ft7">rung auf das Verhalten der ausländischen Behörden oder des</span><br/> <span class="ft7">Betroffenen zurückzuführen ist (vgl. BGE 124 II 49, Erw. 3a, S. 51).</span><br/> <span class="ft7">Dies gilt nicht nur während einer laufenden Ausschaffungshaft, son-</span><br/> <span class="ft7">dern auch, wenn sich ein Betroffener im Strafvollzug befindet und</span><br/> <span class="ft7">der Entlassungszeitpunkt absehbar ist.</span><br/> <span class="ft7">Der Gesuchsgegner befindet sich seit dem 19. März 2014 in</span><br/> <span class="ft7">Ausschaffungshaft. Am 25. Februar 2014 beantragte das MIKA beim</span><br/> <span class="ft7">BFM eine Priorisierung betreffend die Papierbeschaffung des Ge-</span><br/> <span class="ft7">suchsgegners. Mit Schreiben vom 28. Februar 2014 kam das BFM</span><br/> <span class="ft7">dem Priorisierungsantrag des MIKA nach und monierte den seit</span><br/> <span class="ft7">13. Mai 2013 hängigen Indentifizierungsantrag bei der tunesischen</span><br/> <span class="ft7">Vertretung.</span><br/> <span class="ft7">Anlässlich des rechtlichen Gehörs vom 3. Juni 2014 betreffend</span><br/> <span class="ft7">die Verlängerung der Ausschaffungshaft fand der letzte Kontakt zu</span><br/> <span class="ft7">den tunesischen Behörden, in casu ein telefonischer Kontakt zwi-</span><br/> <span class="ft7">schen dem Gesuchsgegner und der tunesischen Botschaft, statt. Aus</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">121</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">der am 10. September 2014 vom MIKA eingereichten Stellungnahme</span><br/> <span class="ft7">geht hervor, dass vom 28. Februar 2014 bis zum 10. September 2014</span><br/> <span class="ft7">seitens der Schweizer Behörden keine Kontaktaufnahme mit der</span><br/> <span class="ft7">tunesischen Vertretung erfolgte und somit das ausstehende Laissez-</span><br/> <span class="ft7">passer weit über sechs Monate nicht moniert wurde. Die nach-</span><br/> <span class="ft7">gewiesenen Bemühungen des MIKA beschränkten sich auf eine</span><br/> <span class="ft7">Nachfrage beim BFM am 17. Juli 2014 in Bezug auf den offenen An-</span><br/> <span class="ft7">trag um Ausstellung von Ersatzreisepapieren. Letzteres teilte am</span><br/> <span class="ft7">21. Juli 2014 lediglich mit, dass repetitives Mahnen von offenen An-</span><br/> <span class="ft7">trägen bei der tunesischen Vertretung kontraproduktiv sei.</span><br/> <span class="ft7">Auch wenn die Bemerkung des BFM zutreffend sein dürfte,</span><br/> <span class="ft7">dass repetitives Mahnen von offenen Anträgen bei der tunesischen</span><br/> <span class="ft7">Vertretung kontraproduktiv sei und von den Schweizer Behörden ef-</span><br/> <span class="ft7">fektiv nicht verlangt werden kann, stur alle zwei Monate bei der</span><br/> <span class="ft7">tunesischen Vertretung das ausstehende Ersatzreisedokument zu rü-</span><br/> <span class="ft7">gen, geht es nicht an, derart lange, in casu über sechs Monate, untätig</span><br/> <span class="ft7">zu sein. Dies umso weniger, als weder das MIKA noch das BFM dar-</span><br/> <span class="ft7">legt, weshalb trotz Untätigkeit im konkreten Fall nach wie vor von</span><br/> <span class="ft7">einem schwebenden Verfahren im Sinne von Art. 5 Abs. 1 lit. f</span><br/> <span class="ft7">EMRK auszugehen ist.</span><br/> <span class="ft7">Nach dem Gesagten liegt eine Verletzung des Beschleunigungs-</span><br/> <span class="ft7">gebots vor, wobei anzumerken bleibt, dass die Untätigkeit des BFM</span><br/> <span class="ft7">vollumfänglich dem MIKA zuzurechnen ist, da unerheblich ist, wel-</span><br/> <span class="ft7">che der involvierten Behörden für die Nichteinhaltung des</span><br/> <span class="ft7">Beschleunigungsgebots verantwortlich ist (vgl. BGE 124 II 49,</span><br/> <span class="ft7">Erw. 3a, S. 50).</span><br/> <span class="ft7">Die Verletzung des Beschleunigungsgebots führt im vorliegen-</span><br/> <span class="ft7">den Fall zu Entlassung des Gesuchsgegners aus der Ausschaffungs-</span><br/> <span class="ft7">haft.</span><br/></div> </div> </body> </html>