<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">67</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>12</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 8 und 13 IVG</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die Kreisschreiben des Bundesamtes für Sozialversicherungen stellen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Ausführungsvorschriften dar, welche sich an die Durchführungsstellen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>richten; für das Versicherungsgericht sind sie nicht verbindlich.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Bei der Beurteilung eines Leistungsanspruches ist zentral auf die</b></span><br/> <span class="ft2"><b>medizinischen Unterlagen abzustellen. Den Berichten eines Hausarztes</b></span><br/> <span class="ft2"><b>oder behandelnden Facharztes von vornherein jede Glaubwürdigkeit</b></span><br/> <span class="ft2"><b>abzusprechen, ist willkürlich.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Versicherungsgerichts, 1. Kammer, vom 8. Septem-</span><br/> <span class="ft3">ber 2009 in Sachen S.F. gegen SVA Aargau (VBE.2009.74).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">2.</span><br/> <span class="ft5">2.1.</span><br/> <span class="ft5">Die Leistungspflicht bei verschiedenen Arten von Massnahmen</span><br/> <span class="ft5">hat das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) im Kreisschrei-</span><br/> <span class="ft5">ben über die medizinischen Eingliederungsmassnahmen der Invali-</span><br/> <span class="ft5">denversicherung (KSME) näher umschrieben.</span><br/> <span class="ft5">(...)</span><br/> <span class="ft5">2.2.</span><br/> <span class="ft5">Verwaltungsweisungen des BSV sind keine eigenen Rechtsre-</span><br/> <span class="ft5">geln, sondern stellen nur eine Konkretisierung und Umschreibung</span><br/> <span class="ft5">der gesetzlichen und verordnungsmässigen Bestimmung dar. Es han-</span><br/> <span class="ft5">delt sich hierbei um Vorgaben an die Vollzugsorgane der Versiche-</span><br/> <span class="ft5">rung über die Art und Weise, wie diese ihre Befugnisse auszuüben</span><br/> <span class="ft5">haben. Als solche stellen Verwaltungsweisungen den Standpunkt der</span><br/> <span class="ft5">Verwaltung über die Anwendung der Rechtsregeln dar und dienen im</span><br/> <span class="ft5">Rahmen der fachlichen Aufsicht des BSV einer einheitlichen Rechts-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">68</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">anwendung, um eine Gleichbehandlung der Versicherten, aber auch</span><br/> <span class="ft5">die verwaltungsmässige Praktikabilität zu gewährleisten (BGE 129 V</span><br/> <span class="ft5">204 Erw. 3 mit Hinw.; ZAK 1987 S. 581). Deshalb richten sich sol-</span><br/> <span class="ft5">che Ausführungsvorschriften rechtsprechungsgemäss nur an die</span><br/> <span class="ft5">Durchführungsstellen; für das Versicherungsgericht sind sie nicht</span><br/> <span class="ft5">verbindlich. Dieses soll sie bei seiner Entscheidung aber berücksich-</span><br/> <span class="ft5">tigen, sofern sie eine dem Einzelfall angepasste und gerecht werden-</span><br/> <span class="ft5">de Auslegung der anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen zulas-</span><br/> <span class="ft5">sen. Das Gericht weicht folglich nicht ohne triftigen Grund von Ver-</span><br/> <span class="ft5">waltungsweisungen ab, wenn diese eine überzeugende Konkretisie-</span><br/> <span class="ft5">rung der rechtlichen Vorgaben darstellen. Insofern wird dem Bestre-</span><br/> <span class="ft5">ben der Verwaltung, durch interne Weisungen eine rechtsgleiche Ge-</span><br/> <span class="ft5">setzesanwendung zu gewährleisten Rechnung getragen (BGE 131 V</span><br/> <span class="ft5">45 Erw. 2.3, 130 V 172 Erw. 4.3.1, 129 V 204 Erw. 3.2, 127 V 61</span><br/> <span class="ft5">Erw. 3a, 126 V 68 Erw. 4b, 427 Erw. 5a).</span><br/> <span class="ft5">(...)</span><br/> <span class="ft5">3.4.</span><br/> <span class="ft5">3.4.1.</span><br/> <span class="ft5">Dem Argument der Beschwerdegegnerin, da die Lokomatthera-</span><br/> <span class="ft5">pie bereits eine physiotherapeutische Behandlung darstelle, sei kein</span><br/> <span class="ft5">Grund ersichtlich, im selben Bereich nochmals Kostengutsprache zu</span><br/> <span class="ft5">leisten, kann nicht gefolgt werden. Vielmehr liegen Umstände vor,</span><br/> <span class="ft5">welche eine erneute Verlängerung der Übernahme der Physiothera-</span><br/> <span class="ft5">piekosten durch die Beschwerdegegnerin infolge Geburtsgebrechens</span><br/> <span class="ft5">Nr. 390 rechtfertigen. Wie den medizinischen Berichten zu entneh-</span><br/> <span class="ft5">men ist, ist die Beschwerdeführerin ein mehrfach behindertes Kind.</span><br/> <span class="ft5">Prof. Dr. med. B. begründet ausführlich, dass mit den unterschiedli-</span><br/> <span class="ft5">chen Therapien verschiedene Defizite behandelt würden. Die Physio-</span><br/> <span class="ft5">therapie diene der Bewegungsbehandlung, dem Muskeltraining und</span><br/> <span class="ft5">behandle Gelenkkontrakturen. Hingegen werde mittels des Lokomat-</span><br/> <span class="ft5">trainings versucht, der Beschwerdeführerin eine geeignete Gangme-</span><br/> <span class="ft5">chanik anzuschulen. Der Arzt führt sodann aus, es sei aus medizini-</span><br/> <span class="ft5">scher Sicht nicht erwiesen, dass ein Lokomattraining nur bei mindes-</span><br/> <span class="ft5">tens drei Mal wöchentlichen Sitzungen einen Therapieerfolg ver-</span><br/> <span class="ft5">zeichnete. Nachvollziehbar legt der Arzt dar, Therapie sei nicht The-</span><br/> <span class="ft5">rapie, diese verfolgten vielmehr differenzierte Ziele. Diese Beur-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">69</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">teilung wird durch Dr. med. M. gestützt, welcher ausführt, die Loko-</span><br/> <span class="ft5">mattherapie sei ergänzend zur Physio- und Ergotherapie zu verord-</span><br/> <span class="ft5">nen. Zudem legte die behandelnde Physiotherapeutin ihre Wahrneh-</span><br/> <span class="ft5">mungen in begründeter und nachvollziehbarer Weise dar und erläu-</span><br/> <span class="ft5">terte zukünftige Therapieziele. Weiter bestehen auch keine Anhalts-</span><br/> <span class="ft5">punkte an der Einfachheit und Zweckmässigkeit der Therapie zu</span><br/> <span class="ft5">zweifeln, kann doch die Physiotherapie nicht durch das Lokomat-</span><br/> <span class="ft5">training ersetzt werden. Schliesslich steht dieser Auffassung kein wi-</span><br/> <span class="ft5">dersprechendes ärztliches Gutachten gegenüber. Die RAD-Ärztin G.</span><br/> <span class="ft5">begründete in ihrer Stellungnahme vom 18. September 2008 weder</span><br/> <span class="ft5">schlüssig noch nachvollziehbar, weshalb eine parallele Therapie</span><br/> <span class="ft5">nicht zweckmässig sei. Die Frage, ob überhaupt die Voraussetzungen</span><br/> <span class="ft5">für ein Aktengutachten vorgelegen haben, kann somit offen bleiben,</span><br/> <span class="ft5">da diese Stellungnahme die bundesgerichtlichen Anforderungen nicht</span><br/> <span class="ft5">erfüllt.</span><br/> <span class="ft5">Der Bericht von Prof. Dr. med. B. erfolgte in Kenntnis der me-</span><br/> <span class="ft5">dizinischen Akten. Sodann ist er nachvollziehbar und schlüssig, wes-</span><br/> <span class="ft5">halb ihm voller Beweiswert zukommt. Den Berichten eines Hausarz-</span><br/> <span class="ft5">tes oder behandelnden Facharztes kann nicht von vornherein jede</span><br/> <span class="ft5">Glaubwürdigkeit abgesprochen werden. Ein solches Vorurteil ist</span><br/> <span class="ft5">vielmehr offensichtlich willkürlich. Freilich trifft es zu, dass das Eid-</span><br/> <span class="ft5">genössische Versicherungsgericht (EVG, heute: Bundesgericht) in</span><br/> <span class="ft5">mehreren Entscheiden festgehalten hat, dass der Richter in Bezug auf</span><br/> <span class="ft5">Berichte von Haus- oder behandelnden Ärzten der Erfahrungstatsa-</span><br/> <span class="ft5">che Rechnung tragen dürfe und solle, dass diese Ärzte mitunter im</span><br/> <span class="ft5">Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifels-</span><br/> <span class="ft5">fällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen würden (BGE 125 V</span><br/> <span class="ft5">351 Erw. 3b/cc mit Hinw.). Dieser Satz darf jedoch nicht so ver-</span><br/> <span class="ft5">standen werden, dass das Gericht solchen Berichten in jedem Fall</span><br/> <span class="ft5">misstrauen soll. Das Bundesgericht hat denn auch seine Aussage in</span><br/> <span class="ft5">dem Sinne relativiert, indem es festhielt, der Richter könne ebenso</span><br/> <span class="ft5">gut auf die speziellen, etwa dank der langjährigen Betreuung nur</span><br/> <span class="ft5">einem Hausarzt zugänglichen Kenntnisse des Gesundheitszustandes</span><br/> <span class="ft5">abstellen (vgl. Urteil des BGer vom 11. Juni 1997 [I 255/96] und</span><br/> <span class="ft5">Urteil vom 21. Dezember 2005 [4P 254.2005], Erw. 4.2).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">70</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Unter diesem Gesichtspunkt erweist sich die Physiotherapie in</span><br/> <span class="ft5">Kumulation mit weiteren Therapien (Ergo-, Hippo- und Lokomatthe-</span><br/> <span class="ft5">rapie) nicht nur als zweckmässig, sondern auch als geeignetes und in</span><br/> <span class="ft5">diesem Sinne als einfaches Mittel.</span><br/> <span class="ft5">(...)</span><br/> <span class="ft5">3.5.</span><br/> <span class="ft5">3.5.1.</span><br/> <span class="ft5">Wie in Erw. 2.4 hievor festgehalten, zählt die Lokomattherapie</span><br/> <span class="ft5">zu den physiotherapeutischen Behandlungen. Nach den Ausführun-</span><br/> <span class="ft5">gen im KSME (insbesondere Ziffer 390.9) sind jeweils zwanzig Sit-</span><br/> <span class="ft5">zungen mit einer Behandlungsfrequenz von mindestens drei Sitzun-</span><br/> <span class="ft5">gen pro Woche zu verfügen. Dieser Regelung kann jedoch keine in</span><br/> <span class="ft5">jedem Fall abschliessende Bedeutung zukommen, da eine absolut</span><br/> <span class="ft5">verstandene zeitliche Limitierung den normativen Anspruchsvoraus-</span><br/> <span class="ft5">setzungen widerspräche, wonach sich die Behandlungsdauer nach</span><br/> <span class="ft5">den Grundsätzen der Notwendigkeit, Zweckmässigkeit und Einfach-</span><br/> <span class="ft5">heit richtet (Art. 2 Abs. 3 GgV). Vielmehr bleibt es der richterlichen</span><br/> <span class="ft5">Prüfung vorbehalten, ob im konkreten Einzelfall ausnahmsweise</span><br/> <span class="ft5">auch eine Behandlungsfrequenz von ein bis zwei Sitzungen pro</span><br/> <span class="ft5">Woche das therapeutische Ziel noch auf eine einfache und zweck-</span><br/> <span class="ft5">mässige Weise anstrebt (vgl. Erw. 2.2 hievor).</span><br/> <span class="ft5">3.5.2.</span><br/> <span class="ft5">Prof. Dr. med. B. äusserte sich bereits mit Schreiben vom</span><br/> <span class="ft5">27. Oktober 2008 erstaunt darüber, dass die Kosten für ein Lokomat-</span><br/> <span class="ft5">training nur ab einer Behandlungsfrequenz von mindestens drei Sit-</span><br/> <span class="ft5">zungen pro Woche übernommen würden. Er fügte am 16. März 2009</span><br/> <span class="ft5">an, diese Regelung sei für ihn nicht nachvollziehbar. Da sich bei der</span><br/> <span class="ft5">Beschwerdeführerin eine Gehfähigkeit anbahne, sei das Lokomattrai-</span><br/> <span class="ft5">ning sinnvoll. Auch das BSV schreibt, die Kosten könnten für</span><br/> <span class="ft5">20 Einheiten Gangtherapie mit dem Lokomat übernommen werden.</span><br/> <span class="ft5">Dass diese auf drei wöchentliche Sitzungen zu verteilen sind, geht</span><br/> <span class="ft5">aus dem Schreiben vom 9. Juli 2008 nicht hervor.</span><br/> <span class="ft5">3.5.3.</span><br/> <span class="ft5">Unter diesen besonderen Umständen ist die Lokomattherapie</span><br/> <span class="ft5">auch bei zweimaliger Behandlung pro Woche als notwendige, den</span><br/> <span class="ft5">therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anzu-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Versicherungsgericht</span> <span class="page_no">71</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">strebende Vorkehr zu betrachten und von der Invalidenversicherung</span><br/> <span class="ft5">zu übernehmen. Indem die Beschwerdeführerin in der Reha Klinik</span><br/> <span class="ft5">Rheinfelden die Therapie absolviert, verletzt sie nicht - wie von der</span><br/> <span class="ft5">Beschwerdegegnerin behauptet - ihre Schadensminderungspflicht.</span><br/> <span class="ft5">Vielmehr kommt sie dieser nach, da die Fahrtkosten zu einer entfern-</span><br/> <span class="ft5">ten Klinik ebenfalls von der Invalidenversicherung zu übernehmen</span><br/> <span class="ft5">wären.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>