B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-230/2008 U r t e i l v o m 18 . S e p t e m b e r 2 0 1 2 Besetzung Richter Daniel Willisegger (Vorsitz), Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Richterin Gabriela Freihofer, Gerichtsschreiber Tobias Meyer. Parteien A._______, geboren am (…), Algerien, B._______, geboren am (…), Bosnien und Herzegowina, C._______, geboren am (…), Bosnien und Herzegowina, D._______, geboren am (…), Bosnien und Herzegowina, E._______, geboren am (…), Bosnien und Herzegowina, F._______, geboren am (…), Bosnien und Herzegowina, alle vertreten durch Afra Weidmann, Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 12. Dezember 2007 / N (…). E-230/2008 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Der Beschwerdeführer, ein algerischer Staatsangehöriger muslim i- schen Glaubens, verliess im Mai 1995 sein Heimatland und gelangte in die Türkei, wo er sich knapp zwei Monate aufhielt, bevor er nach Bosnien und Herzegowina weiterreiste. Am 7. Juli 2002 gelangte er über Slow e- nien, Kroatien und Italien in die Schweiz, wo er tags darauf um Asyl e r- suchte. Am 18. Juli 2002 wurde er zur Person befragt, am 12. November 2002 zu seinen Asylgründen angehört. A.b Die Beschwerdeführerin, die Ehefrau des Beschwerdeführers, ve r- liess Bosnien und Herzegowina am 9. Januar 2005 und gelangte über Kroatien zunächst nach Slowenien, wo sie ein Asylgesuch einreichte. Nachdem dieses auch in dritter Instanz abgelehnt worden war, verliess sie Slowenien am 14. August 2006 und gelangte über It alien in die Schweiz, wo sie am 17. August 2006 um Asyl ersuchte. Am 31. August 2006 wurde sie im EVZ Basel zur Person bef ragt, am 12. Januar 2007 zu ihren Asylgründen angehört. B. B.a Mit Verfügung vom 28. Juli 2003 lehnte das BFF (Bundesamt für Flüchtlinge, h eute: BFM) das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab, wies ihn aus der Schweiz nach Bosnien und Herzegowina weg und b e- auftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. B.b Der Beschwerdeführer reichte mit Eingabe vom 28. August 2003 bei der Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) Beschwerde ein. B.c Mit Verfügung vom 15. November 2006 hob das BFM seine Verf ü- gung vom 28. Juli 2003 betreffend den Beschwerdeführer wiedererw ä- gungsweise auf und setzte das Asylverfahren fort, worauf die bei der ARK rechtshängige Beschwerde als gegenstandslos geworden abgeschrieben wurde. C. Mit Verfügung vom 12. Dezember 2007 stellte das BFM fest, die B e- schwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnt e ihre Asylgesuche ab, wies sie aus der Schweiz weg und beauftragte den z u- ständigen Kanton mit dem Wegweisungsvollzug. E-230/2008 Seite 3 D. Die Beschwerdeführenden reichten dagegen mit Eingabe vom 11. Januar 2008 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein und beantragten in materieller Hinsicht, die Verfügung sei aufzuheben, es sei die Flüchtlings- eigenschaft des Beschwerdeführers festzustellen und ihm Asyl zu gewäh- ren; sollten die Verfolgungen der Ehefrau für die Flüchtlingseigenschaft nicht ausreichen, seien sie und die Kinder ins Familienasyl aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht beantragten sie, die Vorinstanz sei anzuweisen, von jeglichen Kontakten zu den heimatlichen Behörden abzusehen. Fe r- ner stellten sie ein Gesuch um ergänzende Akteneinsicht, ein Gesuch um Ergänzung d er Beschwerde nach vollständiger Akteneinsicht sowie den Antrag, es sei von der Auferlegung von Verfahrenskosten und eines Ko s- tenvorschusses abzusehen. E. Mit Zwischenverfügung vom 29. Januar 2008 hiess das Bundesverwa l- tungsgericht das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh- rung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Gesuch um Akteneinsicht wurde ebenfalls gutgeheissen und den B e- schwerdeführenden eine Frist zur Beschwerdeergänzung angesetzt. Das Gesuch, die Vorinstanz an zuweisen, von Vollzugsvorbereitungshandlu n- gen (Kontaktnahmen mit den heimatlichen Behörden) abzusehen, wurde abgewiesen. F. Die Beschwerdeführenden reichten mit Eingabe vom 12. Februar 2008 eine persönliche Stellungnahme des Beschwerdeführers zu den Akten. G. Mit Zwischenverfügung vom 25. Februar 2008 wurde das BFM zur Ve r- nehmlassung eingeladen. Das BFM nahm am 11. März 2008 Stellung und beantragte Abweisung der Beschwerde. H. Die Beschwerdeführenden reichten mit Eingabe vom 6. April 2008 bzw. 18. April 2008 wei tere Dokumente nach. Unter anderem gab der B e- schwerdeführer seinen abgelaufenen Pass zu den Akten. I. Mit Zwischenverfügung vom 14. März 2008 wurde den Beschwerdefü h- renden Gelegenheit eingeräumt, eine Replik mit entsprechenden B e-E-230/2008 Seite 4 weismittel einzureichen. Die Beschwerdeführenden nahmen zur Ve r- nehmlassung des BFM mit Eingabe vom 30. März 2008 Stellung und reichten eine persönliche Entgegnung des Beschwerdeführers, einen I n- ternetauszug sowie einen Auszug aus einer Publikation zu den Akten. J. Die Beschwerdeführenden unterrichteten das Bundesverwaltungsgericht am 19. Februar 2010 darüber, dass der Beschwerdeführer sich in psychi- atrischer Behandlung befinde. Mit Schreiben vom 5. März 2010 wurde ein Kurzbericht des behandelnden Psychiaters eingereicht. K. Das Bezirksgericht (…) traf mit Verfügung vom (…) eheschutzrichterliche Massnahmen und wies die Obhut über die gemeinsamen Kindern der Beschwerdeführerin zu. L. Mit Zwischenverfügung vom 13. Mai 2011 wurde das BFM zu einer weite- ren Vernehmlassung eingeladen. Das BFM nah m mit Eingabe vom 31. August 2011 Stellung und beantragte unverändert Abweisung der B e- schwerde. M. Mit Zwischenverfügung vom 6. September 2011 wurde den Beschwerde- führenden das Replikrecht gewährt. Die Beschwerdeführenden nahmen mit Eingabe vom 20. September 2011 Stellung und reichten weitere B e- weismittel, unter anderem einen neuen Kurzbericht des behandelnden Psychiaters, ein. N. Mit Zwischenverfügung vom 29. Mai 2012 wurde den Beschwerdeführe n- den Gelegenheit gegeben, zum eingereichten Pass Stellung zu nehmen. O. Die Beschwerdeführenden nahmen dazu mit Eingabe vom 13. Juni 2012 innert erstreckter Frist Stellung. E-230/2008 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) ist das Bundesverwal tungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesg e- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]; Art. 105 des Asyl- gesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]). Die Beschwerdefü h- renden sind als Verfügungsadressaten zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist - und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 VwVG) ist einzutreten. 2. Das Bundesverwaltungsgericht überprüft die angefochtene Verfügung auf Verletzung von Bundesrecht, unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und Unangemessenheit hin (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, National i- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeb lich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG ; vgl. BVGE 2010/57 E. 2.3). E-230/2008 Seite 6 4. 4.1 Das Bundesverwaltungsgericht kann die Feststellung des rechtse r- heblichen Sachverhaltes durch die Vorinstanz von Amtes wegen (Art. 12 VwVG) und oh ne Einschränkung überprüfen (vgl. Art. 106 Abs. 1 AsylG; ebenso Art. 49 VwVG). Es ist dazu in dem Masse verpflichtet, wie die Be- schwerdeführenden eine unrichtige oder unvollständige Feststellung des Sachverhalts rügen und sich mit der Sachverhaltsfeststell ung und der ihr zugrunde liegenden Beweiswürdigung in der angefochtenen Verfügung sachbezogen auseinandersetzen (vgl. CHRISTOPH AUER, Streitgegen - stand und Rügeprinzip im Spannungsfeld der verwaltungsrechtlichen Prozessmaximen, Diss. Bern 1997, S. 79 f.; U rteil des Bundesverwa l- tungsgerichts E-36/2008 vom 30. November 2011, E. 5.1). 4.2 Die Vorinstanz kommt in der Beweiswürdigung zum Schluss, die Vo r- bringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die Glau b- haftigkeit nach Art. 7 AsylG nicht stand. 4.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass die erstinstanzlichen Vorbringen des Beschwerdeführers über weite Strecken glaubhaft sind. Er hat seine Lebensgeschichte ausführlich, detailreich und lebensnah g e- schildert. Es steht insbesondere ausser Frage, da ss er im Militär tätig war, was mit einem recht aktuellen Militärausweis belegt ist. Die Ausfüh- rungen des Beschwerdeführers zu seiner Situation in Algerien vor seiner Ausreise sind mit der damaligen allgemeinen Situation in Algerien in Ei n- klang zu bringen (zur Situation in Algerien vgl. Urteil des Bundesverwa l- tungsgerichts E-5012/2006 vom 20. September 2011, E. 5.2.1). Der B e- schwerdeführer hat zudem in den Befragungen wie auch in den diversen persönlichen Eingaben an das Bundesverwaltungsgericht substantiie rt über seine Probleme in Algerien, die Flucht und den Aufenthalt in Bosnien und Herzegowina Auskunft gegeben. Gewisse Ungereimtheiten – etwa im Zusammenhang mit dem gegen ihn geführten Disziplinarverfahren, seiner Tätigkeit als Oberarzt und der Passkontrolle am Flughafen – bleiben zwar bestehen. Diese können die grundsätzliche Glaubhaftigkeit seiner Auss a- gen jedoch nicht in Zweifel ziehen. Eine Auseinandersetzung im Einze l- nen erübrigt sich und die Aussagen des Beschwerdeführers können als wahr unterstellt werden, wenn sich erweist, dass ihm die Flüchtlingse i- genschaft nicht zukommt (vgl. E. 6.6). 4.2.2 Bezüglich des Beschwerdeführers ist vom Sachverhalt auszugehen, wie er ihn im erstins tanzlichen Verfahren schilderte: Dabei hatte der B e- schwerdeführer geltend gemacht, er sei religiös und gelte in Algerien als E-230/2008 Seite 7 Deserteur. Während des Militärdienstes habe er ein Universitätsstudium in Medizin absolviert. Nach einer mehrjährigen Weiterbildung in (...) sei er 1989 nach Algerien zurückgekehrt. Er habe im Militärspital gearbeitet und festgestellt, dass die Verantwortlichen religiöse Leute nicht gern gesehen hätten. Dennoch habe er sich mit grossem Engagement für den Bau einer Moschee eingesetzt. Der Spitaldirektor habe eine Liste der Personen ver- langt, die in der Moschee be teten. Als er sich geweigert habe, sei er im Rahmen eines Disziplinarverfahrens nach G._______ strafversetzt wo r- den. Er habe zweimal ein Demissionsschreiben eingereicht, die aber nicht weitergeleitet bzw. abgelehnt worden seien. Zudem habe ihm der Sicherheitschef der Armee eröffnet, er werde verdächtigt, Islamist zu sein und für den Front islamique du Salut ( FIS) zu arbeiten. Die Situation sei ab 1994 gefährlicher geworden, weil die militärische Führung angefangen habe, FIS -Sympathisanten zu befragen, wobei es zu Beschuldigungen und sogar Folterungen gekommen sei. Sein Einsatz für den Bau der M o- sche und die Weigerung, eine Waffe zu tragen, hätten ihn verdächtig e r- scheinen lassen. Deshalb habe er Algerien verlassen. Danach habe er mehrere Jahre in Bosnien und Herzegowina gearbeitet, im Jahre 2000 eine Bosniakin geheiratet und eine neue Familie gegründet. Da er weder die bosnische Staatsangehörigkeit noch eine Erneuerung der Aufen t- haltsbewilligung erhalten habe, sei sein Aufenthalt illegal geworden. Er habe keinen Ausweg mehr gesehen, da er auch nach der Heirat mit se i- ner heutigen Ehefrau, einer bosnisch -herzegowinischen Staatsangehöri- gen, keine Aufenthaltsbewilligung erhalten habe. Deshalb habe er sich im Jahre 2002 zur Ausreise aus Bosnien und Herzegowina entschlossen. 4.3 Die Vorinstanz nimmt auch in Bezug auf die Beschwerdeführerin an, dass deren Aussagen unglaubhaft seien und deshalb auf ihre Asylrel e- vanz nicht geprüft werden müssten. Eine Gesamtwürdigung lasse den Schluss zu, dass die Beschwerdeführerin sich a uf eine konstruierte Asyl- begründung abstütze. 4.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht stellt auch bezüglich der Vorbringen der Beschwerdeführerin fest, dass diese über weite Strecken glaubhaft sind. Die Beschwerdeführerin schilderte gewisse Begebenheiten ausfüh r- lich (so die Hausdurchsuchung durch die SFOR) und die vom BFM ang e- führten (angeblichen) Widersprüche in ihren Aussagen erweisen sich z u- mindest teilweise als erklärbar respektive nicht entscheidrelevant. Auch wenn gewisse Ungereimtheiten bleiben (so zum Beispie l bezüglich der Frage, wie oft die Beschwerdeführerin und ihre Kinder diskriminierenden E-230/2008 Seite 8 Handlungen ausgesetzt waren) können diese die grundsätzliche Glau b- haftigkeit der Aussagen der Beschwerdeführerin nicht in Zweifel ziehen. 4.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht damit auch bezüglich der Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin vom Sachverhalt aus, wie ihn die Beschwerdeführerin im erstinstanzlichen Verfahren schilderte: Dabei hatte die Beschwerdeführerin vorgebracht, dass sie und ihre Ki n- der in Bosnien und Herzegowina angefeindet worden seien, nachdem die Leute von ihrer Eheschliessung mit einem Araber erfahren hätten. Fast täglich sei sie telefonisch bedroht, verbal und manchmal physisch ang e- griffen sowie immer wieder mit Steinen beworfen worden. Ende Ja nuar 2004 habe eine Hausdurchsuchung stattgefunden und drei Tage später seien erneut schwer bewaffnete Angehörige der SFOR ( Stabilisation Force; Stabilisierungsstreitkräfte der Nato) vorbeigekommen. Ein Nac h- bar habe sie mit einer Axt bedroht, beschimpft un d beleidigt. Als sie den Vorfall bei der Polizei gemeldet habe, habe man ihr zur Antwort gegeben, man könne erst einschreiten, wenn ihr und den Kindern etwas Schlimmes passiere. Im Dezember 2004 habe sie ihre kranke Tochter zu Fuss in die Klinik bringen müssen, weil ein Buschauffeur sich geweigert habe, sie zu transportieren. Aus diesen Gründen sei sie ausgereist. 5. 5.1 Der Beschwerdeführer gibt zur Begründung der Flüchtlingseige n- schaft an, er sei aus Algerien ausgereist, bevor die Armee oder der G e- heimdienst gegen ihn vorgegangen seien. Er habe nicht warten wollen, bis er, wie seine Kollegen, fälschlicherweise beschuldigt und gefoltert werde. Damit macht er eine begründete Furch vor zukünftiger Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG geltend. 5.1.1 Gemäss ständiger Praxi s des Bundesverwaltungsgerichts sind B e- fürchtungen, künftig staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt zu werden, nur dann asylrelevant, wenn begründeter Anlass zur Annahme besteht, dass sich die Verfolgung mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in abse hbarer Zukunft verwirklichen wird. Dabei genügt es nicht, dass diese Furcht lediglich mit Vorkommnissen oder Umständen begründet wird, die sich früher oder später möglicherweise ereignen könnten. Ob in einem bestimmten Fall eine solche Wahrscheinlichkeit b esteht, ist au f- grund einer objektivierten Betrachtungsweise zu beurteilen. Es müssen somit hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorha n- den sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Ve r- folgung und damit den Entschluss z ur Flucht hervorrufen würden. E-230/2008 Seite 9 Gleichwohl ist für die Bestimmung der begründeten Furcht nicht allein massgebend, was ein normal empfindender Mensch angesichts der g e- schehenen oder drohenden Verfolgungsmassnahmen zu Recht an Furcht empfunden hätte. Diese rei n objektive Betrachtungsweise ist zusätzlich durch das vom Betroffenen bereits Erlebte und das Wissen um Kons e- quenzen in vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht. Die subjektive Furcht ist diesfalls b e- reits dann begründet, wenn sie zwar diejenige eines in der gleichen Situa- tion befindlichen "vernünftigen Dritten" übersteigt, aber trotzdem nac h- vollziehbar bleibt (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5 un d EMARK 2004, Nr. 1 E. 6a, jeweils m.w.H.). 5.1.2 Unabhängig von der Frage, ob der Beschwerdeführer zum Zei t- punkt seiner Flucht aus Algerien im Jahr 1995 subjektiv eine flüchtling s- rechtlich relevante Furch t vor Verfolgung hatte, ist festzustellen, dass zu diesem Zeitpunkt eine solche Furch zumindest nicht (mehr) objektiv b e- gründet war. Der Beschwerdeführer war vor seiner Flucht aus Algerien keinerlei konkreten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt. Ausser der di s- ziplinarischen Versetzung nach G._______ 1990 und der Au fforderung, den militärischen Dienst nicht zu quittieren im Jahr 1993, hatte der B e- schwerdeführer weder Kontakt mit den Militärbehörden, noch mit den zivi- len Behörden oder dem Geheimdienst. Zudem lagen die beiden genan n- ten Ereignisse zum Zeitpunkt seiner F lucht bereits fünf respektive zwei Jahre zurück und sind damit nur noch beschränkt als Grund für die Flucht zu betrachten. Zum Zeitpunkt der Flucht lag damit keine begründete Furcht vor asylrelevanter Verfolgung vor. 5.2 Der Beschwerdeführer macht weiter geltend, nach seiner Flucht habe das Militär immer wieder bei Bekannten und Verwandten nach ihm g e- fragt. Zwei Wochen später sei seine Wohnung – wahrscheinlich im Ra h- men einer militärstrafrechtlichen Untersuchung – versiegelt worden. Noch zwei Jahre nach seiner Flucht habe das Militär seine Bekannten im Z u- sammenhang mit seiner Flucht befragt. Zudem hätten sich die alger i- schen Behörden auch fünf Jahre nach seiner Flucht geweigert, seinen Pass zu verlängern, was darauf hindeute, dass er immer noch gesucht werde. Damit ist zu prüfen, ob konkrete Hinweise darauf vorliegen, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Algerien mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einem Strafverfahren und/oder einer Verurteilung aus- gesetzt wäre, die eine Verfolgung im flüchtlingsrechtlichen Sinn darstellt. E-230/2008 Seite 10 5.2.1 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts bildet die Flucht vor einer Strafverfolgung (Englisch: "prosecution") per se keinen Grund für die Anerkennung als Flüchtling. Ausnahmsweise kann aber die Durchfüh- rung eines Strafverfahren s respektive die Verurteilung wegen eines g e- meinrechtlichen Delikts eine Verfolgung im flüchtlingsrechtlichen Sinne (Englisch: "persecution") darstellen. Dies trifft dann zu, wenn einer Person eine gemeinrechtliche Tat unterschoben wird, um sie aus einem a syl- rechtlich relevanten Motiv zu verfolgen, oder wenn die Situation eines Tä- ters, der ein gemeinrechtliches Delikt tatsächlich begangen hat, aus e i- nem solchen Motiv in bedeutender Weise erschwert wird. Ein solcher so genannter Politmalus liegt grundsätzlic h dann vor, wenn deswegen eine unverhältnismässig hohe Strafe ausgefällt wird, wenn das Strafverfahren rechtsstaatlichen Ansprüchen klarerweise nicht zu genügen vermag oder wenn der asylsuchenden Person in Form der Strafe oder im Rahmen der Strafverbüssung eine Verletzung fundamentaler Menschenrechte, insb e- sondere Folter, droht (vgl. EMARK 1996 Nr. 29 E. 2g, EMARK 1996 Nr. 34 E. 3, Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E -4286/2008 vom 17. Oktober 2008 E. 4.4). 5.2.2 Der Beschwerdeführer führt nicht aus, welche Strafe er bei einer Rückkehr nach Algerien befürchtet. Die vagen Hinweise darauf, dass er vom algerischen Militär nach seiner Ausreise gesucht wurde und gegen ihn möglicherweise ein Verfahren wegen Desertion eingeleitet worden ist, genügen nicht, um mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine konkrete B e- drohung in absehbarer Zukunft darzulegen. Auch d ass sich die Armee nach der Flucht während längerer Zeit nach dem Verbleiben des Beschwerdeführers erkundigte, konsti tuiert alleine keine Verfolgung asylrelevanter Intensität. Offenbar wurden weder die Mutter des Beschwerdeführers, noch dessen erste (in Algerien zurückg e- bliebene) Familie je von der Armee befragt oder behelligt. Seine Bekan n- ten wurden leidglich nach seinem Verbleib gefragt. Schliesslich kann der Verweis des Beschwerdeführers auf die Nichtverlängerung seines Passes nicht als gewichtiger Hinweis auf eine Verfolgung angesehen werden, zumal unklar ist, wieso das algerische Konsulat ihm keinen neuen Pass ausstellte und dies insbesondere auch daran gelegen haben könnte, dass der Beschwerdeführer nicht in der Lage war, dem Konsulat seinen abg e- laufenen Pass zu schicken. Schliesslich ist der Beschwerde führer bereits (...) Jahre alt und hat Alge rien vor über 17 Jahren verlassen. Auch diese Umstände machen eine strafrechtliche Verfolgung durch die Militärjustiz und eine Verurteilung zu einer hohen Haftstrafe eher unwahrscheinlich. E-230/2008 Seite 11 Zudem liegen keinerlei Hinweise darauf vor, dass der Beschwerdeführer jemals im Visi er des Geheimdienstes gewesen wäre oder konkret des Terrorismus verdächtigt worden wäre. 5.2.3 Nach dem Gesagten ist eine objektiv begründete Furcht vor zukünf- tiger Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG nicht glaubhaft, weshalb die Vorinstanz das Asylgesuch des Beschwerdeführers zu Recht abgewiesen hat. 5.3 Die Beschwerdeführerin macht ernsthafte Nachteile im Sinne der G e- fährdung des Leibes und des unerträglichen psychischen Druckes ge l- tend. In beiden Fällen müssen die Verfolgungshandlungen im Einzelfall eine gewisse Intensität erreichen, um als ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG qualifiziert zu werden. Die Unerträglichkeit des psych i- schen Druckes muss dabei derart intensiv sein, dass der betroffenen Per- son der weitere Verbleib im Heimatland nicht mehr zuge mutet werden kann und diese Unerträglichkeit des psychischen Druckes muss objektiv nachvollziehbar sein (vgl. EMARK 2005, Nr. 21, E. 10.3.1). 5.3.1 Diese Intensität ist im vorliegenden Fall nicht gegeben. Die von der Beschwerdeführerin und ihren Kindern durchle bten Ereignisse sind aus der subjektiven Sicht der Beschwerdeführerin verständlicherweise schwerwiegend. Die Angriffe gegen die Kinder können zwar nicht als u n- ter Kindern übliche Hänseleien bezeichnet werden, sind aber auch nicht so gravierend, dass sie as ylrelevant würden. Die Bedrohung mit der Axt ist der einzige physische Angriff gegen die Beschwerdeführerin selber, den sie geltend macht. Dieses einmalige Ereignis kann ebenfalls nicht als ernsthafter Nachteil im Sinne des Asylgesetzes betrachtet werden. Schliesslich ist die Hausdurchsuchung durch die SFOR nicht als asylrel e- vante Verfolgung zu qualifizieren. Die geltend gemachten Ereignisse e r- reichen auch im Zusammenhang mit der Verachtung und den Diskriminie- rungen, welche die Beschwerdeführerin aufgrund i hrer Heirat erdulden musste, nicht die Intensität eines unerträglichen psychischen Druckes nach Art. 3 AsylG. 5.3.2 Demnach sind keine asylrelevante ernsthafte Nachteile bei einer Rückkehr in ihr Heimatland glaubhaft, weshalb das Asylgesuch der B e- schwerdeführerin ebenfalls zu Recht abgewiesen wurde. E-230/2008 Seite 12 6. Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es drauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz (Art. 44 Abs. 1, 1. Halbsatz AsylG). Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733). Die Wegewe i- sung wurde zu Recht verfügt. 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). Bezüglich Ge l- tendmachung von Wegweisungshindernissen gilt gemäss ständiger Rechtsprechung und Lehre der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft z u machen (BVGE 2011/24 E. 10.2; WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts sind die B e- dingungen für einen Aufschub des Wegweisungsvollzugs (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) alternativer Natur. Sobald eine der B e- dingungen erfüllt ist, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über di e vorläufig e Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4, m.w.H.). Bei der Prüfung der drei genannten Krit e- rien ist auf die im Zeitpunkt des Entscheides bestehenden Verhältnisse abzustellen (EMARK 1997 Nr. 27 E. 4 f. S. 211). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus- länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat - oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete G e- fährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Die Bestimmung von Art. 83 Abs. 4 AuG findet primär auf sog. Gewaltflüchtlinge Anwendung. Daneben ist sie auch anwendbar auf Personen, die nach ihrer Rückkehr ei ner konkreten Gefahr ausgesetzt wären, weil sie aus objektiver Sicht wegen der dort vorherrschenden Verhältnisse mit grosser Wahrscheinlichkeit in völlige E-230/2008 Seite 13 und andauernde Armut gestossen würden, dem Hunger und einer erns t- haften Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes, der Invalidität oder sogar dem Tod ausgeliefert wären (BVGE 2009/51 E. 5.5; BVGE 2009/28 E. 9.3.1, je m.w.H.). 7.2 Bei der A nordnung des Wegweisungsvollzug s ist der Grundsatz der Einheit der Familie zu berücksichtigen (Art. 44 Abs. 1, 2. Halbsatz AsylG). Bezüglich Ehegatten ist dabei grundsätzlich auf den formellen Bestand der Ehe abzustellen. Die Beschwerdeführerin und der Beschwerdeführer leben zwar seit dem (…) getrennt, sind aber immer noch rechtsgültig ver- heiratet. Der Grundsatz der Einheit der Familie im Wegweisungsvollzug kommt damit vorliegend sowohl bezüglich der Eheleute als auch bezü g- lich der Kinder zur Anwendung. 8. 8.1 Die Vorinstanz kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, der Wegweisungsvollzug sei sowohl nach Bosnien und Herzegowina als auch nach Algerien zulässig, zumutbar und möglich. Der Vollzug des B e- schwerdeführers nach Bosnien und Herzegowina sei insbesondere de s- halb zumutbar, weil er dort bereits etliche Jahre gelebt und in verantwo r- tungsvoller Position gearbeitet h abe. Überdies sei er mit einer Staatsbü r- gerin von Bosnien und Herzegowina verheiratet, die dort über ein Bezi e- hungsnetz verfüge. Zur Möglichkeit, eine Aufenthaltsbewilligung zu erha l- ten, habe er zwar widersprüchlich ausgesagt, auf Vorhalt hin aber erklärt, wenn man einen Pass besitze, erhalte man eine Aufenthaltsbewilligung. Die Wegweisung der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder wäre sodann auch nach Algerien zumutbar. Der Ehemann und Vater sei algerischer Staatsangehöriger und verfüge dort übe r ein familiä res Beziehungsnetz, was die Integration in die algerische Gesellschaft wesentlich erleichtere. 8.2 In der Vernehmlassung vom 31. August 2011 führt die Vorinstanz n ä- her aus, trotz gerichtlicher Trennung sei der Wegweisungsvollzug der Be- schwerdeführerin und der Kinder als zumutbar zu erachten. Nach der Ausreise ihres Ehemannes habe sie bis zu ihrer eigenen Ausreise wä h- rend vier Jahren allein mit den Kindern in Bosnien und Herzegowina g e- lebt. Die Kinder seien noch relativ jung, so dass für sie eine Reintegration keine unüberwindbaren Probleme mit sich bringen würde. Was den B e- schwerdeführer anbelange, so könne er seine gesundheitlichen Probl e- me, wenn sie weiter bestehen sollten, in Algerien behandeln lassen, wo entsprechende Einrichtungen vorhanden seien. Mit eine r lebensbedrohli- chen Verschlechterung des Gesundheitszustandes sei nicht zu rechnen. E-230/2008 Seite 14 Zudem könne er seine Kinder aus erster Ehe wiedersehe n, was sich auf seinen Gesundheitszustand positiv auswirken dürfte. 8.3 Die Beschwerde enthält keine Stellungnahme zur Fr age des Weg e- weisungsvollzuges. In der Replik vom 20. September 2011 berufen sich die Beschwerdeführenden auf den Grundsatz der Einheit der Familie. Die Ehefrau liebe ihren Mann noch immer, habe aber die andauernde De- pression in der Enge der kleinen Wohnung nicht mehr ausgehalten. Die Rechtsvertreterin liess sich von der Mutter berichten, die Kinder seien in der Schule gut integriert und würden untereinander Schweizerdeutsch sprechen. Die älteste Tochter könne sich nicht vorstellen, nach Bosnien auszureisen und habe kaum Erinnerung en an das Land. Auch die B e- schwerdeführerin könne sich nicht vorstellen, allein mit den vier Kindern nach Bosnien zurückzukehren. Den Beschwerdeführer betreffend wird vorgebracht, er sei überzeugt, dass er in Algerien verhaftet würd e. Da würde ihm das Wiedersehen mit seinen Kinder aus erster Ehe auch nicht viel nützen, zumal er sie im schulpflichtigen Alter in Algerien zurückgela s- sen habe. 8.4 Die Beschwerdeführenden äussern sich auch in der Replik nicht zum Wegweisungsvollzug der ganzen Familien nach Bosnien und Herzegow i- na. 9. 9.1 Trotz einer unsicheren Menschenrechtslage in Algerien (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-5012/2006 vom 20. September 2011, E. 5.2.1) besteht weder in Algerien noch in Bosnien und Herzegowina ei- ne Situation allgemeiner Gewalt, die sich über das ganze Staatsgebiet oder weite Teile desselben erstrecken würde. Zudem hat die Schweiz Bosnien und Herzegowina am 1. April 2009 als verfolgungssicheren Staat (sog. "Safe Country") bezeichnet. Eine gänzlich unsichere, von bewaffne- ten Konflikten oder permanent drohenden Unruhen dominierte Lage, au f- grund derer die Beschwerdeführenden sich bei einer Rückkehr unve r- meidlich einer konkreten Gefährdung ausgesetzt sehen würden, besteht weder in Algerien noch in Bosnien und Herzegowina. Zu prüfen bleibt, ob persönliche Gründe der Beschwerdeführenden zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führen ( vgl. BVGE 2009/52 E. 10.1, BVGE 2008/34 E. 11.1 sowie in Bezug auf Bosnien und Herz e- gowina: Urteil des Bundesverwaltungsger ichts D-6814/2006 vom 31. Juli 2008, E. 6.3.1). E-230/2008 Seite 15 9.2 Die Vorinstanz kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, dass eine Rückkehr für die ganze Familie nach Algerien zumutbar sei. Dem steht jedoch der Grundsatz d er Einheit der Familie entgegen. Die Familie lebte nie gemeinsam in Algerien. Weder für die Beschwerdeführe- rin noch für die Kinder wäre ein Vollzug der Wegweisung nach Algerien zumutbar. Dies auch insofern, als der Beschwerdeführer dort aufgrund seiner langen Abwesenheit, seines fortgeschrittenen Alters und seiner Krankheit nicht in der Lage wäre, für sich und seine Familie aufzuko m- men. Unter diesen Voraussetzungen erweist sich der Wegweisungsvol l- zug nach Algerien als unzumutbar. Indem die Vorinstanz den Grundsatz der Einheit der Familie nicht in Betracht gezogen hat, hat sie Bundesrecht verletzt. 9.3 Soweit die Vorinstanz die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzu gs nach Bosnien und Herzegowina bejaht, ist ihr insoweit zuzustimmen, als im Rahmen der Prüfung der individuellen Aspekte der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs einzelne Elemente für sich allein den Schluss auf Unzumutbarkeit noch nicht zulassen. Die Gewichtung, wie sie die Vorin- stanz in der angefochtenen Verfügung vornimmt, ist aber auch aus nac h- folgenden Gründen mit Bundesrecht nicht vereinbar. 9.3.1 Gemäss der Beurteilung vom 19. September 2011 des Facharztes, der den Beschwerdeführer seit Dezember 2005 behandelt, leidet der Be- schwerdeführer unter einer akuten mittelschweren bis schweren depre s- siven Episode, geht 14 -täglich in psychotherapeutische Sitzungen und nimmt Medikamente. Der Arzt stellt die Prognose, der Beschwerdeführer werde für eine lange Zeit auf eine kombinierte psychotherapeutisch - medikamentöse Behandlung angewiesen sein. Aktuell müsse die Wirkung einer erneuten Medikamentenumstellung abgewartet werden. Sollte diese nicht den gewünschten Erfolg bringen, müsse eine stationäre Behandlung ins Auge gefasst werden. Bei einer Rückkehr nach Bosnien und Herzegowina kann kaum damit ge- rechnet werden, dass der Beschwerdeführer eine angemessen Behand- lung seiner psychischen Erkrankung erhalten würde. Es gibt in Bosnien und Herzegowina zwar mehrere psychiatrische Zentren, diese sind j e- doch aufgrund der hohen Arbeitsbelastung nur beschränkt in der Lage insbesondere Gesprächstherapien anzubieten (vgl. zum Zustand des Ge- sundheitssystems Bosnien und Herzegowinas in Bezug auf psychische Erkrankungen: Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D -7122/2006 vom 3. Juni 2008, E. 8.3.3 ff., EMARK 2002 Nr. 12 E. 10; RAINER MATTERN, E-230/2008 Seite 16 Bosnien-Herzegowina – Behandlung psychischer Erkrankung, Auskunft der SFH-Länderanalyse, 30. April 2009, S. 3 f.). Auch wenn das Gesun d- heitssystem in Bosnien und Herzegowina inzwischen weiter verbessert wurde, spricht der besonders schwierige Krankheitsverlauf im Fall des Beschwerdeführers gegen eine Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Hinzu kommt, dass sich der Beschwerdeführer als Ausländer ohne Au f- enthaltsbewilligung (vgl. E. 9.4.3) in Bosnien und Herzegowina nicht r e- gistrieren lassen und damit auch keine staatli chen medizinischen Leis- tungen beziehen könnte, was hiesse, dass er für seine Medikamente sel- ber aufkommen müsste. Die notwendige Betreuung und eine sorgfältige Überwachung der Medikation wären unter diesen Umständen nicht gesi- chert. Angesichts dieser medizinischen Umstände und seines fortg e- schrittenen Alters dürfte der Beschwerdeführer kaum in der Lage sein, in Bosnien und Herzegowina für sich und seine Familie zu sorgen. Zudem war auch die Beschwerdeführerin seit dem Abschluss ihrer Ausbildung lediglich während eines Jahres (1989) arbeitstätig und wäre damit eben- falls nicht in der Lage, zum Auskommen der Familie beizutragen. 9.3.2 Sind von einem Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so bildet im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung das Kindeswohl einen Gesichtspunkt von gewichtiger Bedeutung. Dies ergibt sich aus einer völkerrechtsko n- formen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AuG im Lichte von Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (SR 0.107). Unter dem Aspekt des Kindeswohls sind in die Beurteilun g der Zumutbarkeit sämtliche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hinblick auf den Vollzug der Wegweisung eines Kindes wesentlich erscheinen. Namentlich können dabei folgende Kriterien im Rahmen e i- ner Gesamtbeurteilung von Bedeutung sein: Alter d es Kindes, Reife, A b- hängigkeiten, Art (Nähe, Intensität, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen, Eigenschaften seiner Bezugspersonen (insbesondere Unterstützungsb e- reitschaft und -fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich Entwicklung bzw. Ausbildung, sowie der Gr ad der erfolgten Integration bei einem lä n- geren Aufenthalt in der Schweiz. Gerade die Dauer des Aufenthaltes in der Schweiz ist im Hinblick auf die Prüfung der Chancen und Hindernisse einer Reintegration im Heimatland bei einem Kind als gewichtiger Faktor zu werten. Kinder sollten nicht ohne triftigen Grund aus einem vertrauten Umfeld herausgerissen werden . Die Verwurzelung in der Schweiz kann eine reziproke Wirkung auf die Frage der Zumutbarkeit des Wegwe i- sungsvollzugs haben, indem eine starke Integration in der Schweiz eine Entwurzelung im Heimatstaat zur Folge haben kann, die unter Umstä n-E-230/2008 Seite 17 den die Rückkehr in den Heimatstaat unzumutbar erscheinen lässt (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.6, BVGE 2009/28 E. 9.3.2 S. 367 f.) Die heute (…)-jährige C._______ lebt seit ihre m (…) Lebensjahr in der Schweiz und hat einen Grossteil der für ein Kind prägenden Jugendjahre in der Schweiz verbracht. Sie besucht zum Zeitpunkt des vorliegenden Urteils die Sekundarschule und hat nach ihren eigenen Angaben kaum Erinnerungen an Bosnien und Herzegowina. Der Besuch der Schule über einen Grossteil der obligatorischen Schulzeit hinweg, der Kontakt mit den Klassenkameraden und das Erlernen der deutschen Sprache dürften eine weitreichende Anpassung an die schweizerische Lebensweise be wirkt haben. Eine abrupte Trennung vom gewohnten Umfeld würde sich de s- halb negativ auf die individuelle Entwicklung auswirken. Da C._______ seit mittlerweise sechs Jahren in der Schweiz wohnt und kaum Erinne- rungen an Bosnien und Herzegowina hat, wird sie kaum über s oziale Be- ziehungen zu diesem Land verfügen und dessen kulturelle Gepflogenhe i- ten dürften ihr fremd geworden sein. Aus diesen Gründen wäre ihre Integ- ration in Bosnien und Herzegowina stark in Frage gestellt. Ähnli ches gilt, wenn auch in abgeschwächter Form, für die (…)-jährige D._______ und die (…)-jährige E._______. Sie haben ihre ganze bisherige Schulzeit und den grössten Teil ihres Lebens in der Schweiz verbracht, was ihre Inte g- ration in Bosnien und Herzegowina erschweren würde. 9.3.3 Schliesslich ist höchst un gewiss, ob der Beschwerdeführer übe r- haupt nach Bosnien und Herzegowina zurückkehren könnte, verfügte er doch bereits seit dem Jahr 2000 über keine Aufenthaltsbewilligung in Bosnien und Herzegowina mehr. Auch nach seiner Hochzeit mit der B e- schwerdeführerin, einer Staatsangehörigen Bosnien und Herzegowinas, erhielt der Beschwerdeführer keine Aufenthaltsbewilligung. Entsprechend muss davon ausgegangen werden, dass es ihm nicht möglich wäre, nach Bosnien und Herzegowina zurückzukehren und dort eine Aufenthaltsb e- willigung zu erhalten, was die Vorinstanz nicht berücksichtigt hat. 9.4 Zusammengefasst erweist sich der Vollzug der Wegweisung im heuti- gen Zeitpunkt als un zumutbar. Die Beschwerde ist in diesem Punkte gu t- zuheissen und die Vorinstanz anzuweisen, die Beschwer deführenden in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. E-230/2008 Seite 18 10. 10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten nach dem Grad des Durchdringens praxisgemäss zur Hälfte den Beschwerdefü h- renden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG; Art. 1 – 3 des Regl e- ments vom 2 1. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenver- fügung vom 29. Januar 2008 gewährte das Bundesverwaltungsgericht den Beschwerdeführenden jedoch unentgeltliche Prozessführung, we s- halb von der Kostenauferlegung abzusehen ist. 10.2 Eine teilweise obsiegende Partei hat Anspruch auf eine Parteien t- schädigung für die ihr erwachsenen Kosten (Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bu n- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Den Beschwerdeführe n- den ist angesichts des teilweisen Obsiegens im Beschwerde verfahren in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG eine Parteientschädigung für die ihnen erwachsene n notwendigen Vertretungskosten zuzusprechen (vgl. Art. 7 VGKE). Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht. Der not wendige Ver- tretungsaufwand lässt sich indes aufgrund der Aktenlage zu verlässig ab- schätzen, weshalb praxisgemäss auf die Einholung einer solchen verzich- tet wird (vgl. Art. 14 Abs. 2 VGKE ). In Anwendung der genannten B e- stimmungen und unter Berücksichtigung der massgeblichen Beme s- sungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) ist die vom BFM auszurichtende Pa r- teientschädigung demnach von Amtes wegen auf pauschal Fr. 1580.– (10 Stunden Arbeitsaufwand bei einem Stundenansatz von Fr. 150.– sowie Fr. 80.– Auslagen) festzusetzen. Angesichts ihres bloss teilweisen Obsie- gens ist die Parteientschädigung um die Hälfte zu reduzieren. Das BFM ist demnach anzuweisen, den Beschwerdeführenden eine Parteientsch ä- digung von Fr. 790.– auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-230/2008 Seite 19 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen. Die Dispositivziffern 4 und 5 der Verfügung des BFM vom 12. Dezember 2007 werden aufgehoben. 2. Das BFM wird angewiesen, die Beschwerdeführenden wegen Unzumu t- barkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das BFM hat den Beschwerdeführenden eine Parteientschädigung von Fr. 790.– (inkl. Auslagen) auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das BFM und die z u- ständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Daniel Willisegger Tobias Meyer Versand: