<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2004 123 S.463</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Strafvollzug</span> <span class="page_no">463</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IV. Strafvollzug</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>123 Verfahren vor der Aargauischen Fachkommission zur Überprüfung der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Gemeingefährlichkeit von Straftätern und Straftäterinnen im Freiheits-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>entzug; ausnahmsweise kassatorische Entscheidung des Regierungsrates</b></span><br/> <span class="ft3"><b>zur Behebung von Verfahrensmängeln in der Vorinstanz.</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Das Verfahren der Fachkommission richtet sich nach den verbindli-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>chen Richtlinien des Strafvollzugskonkordats. Für abweichende Vor-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>schriften im Geschäftsreglement besteht kein Raum (Erw. 1, 2 und 4</b></span><br/> <span class="ft3"><b>b/bb).</b></span><br/> <span class="ft4">-</span> <span class="ft3"><b>Bei der Verwaltungsbeschwerde handelt es sich grundsätzlich um ein</b></span><br/> <span class="ft3"><b>reformatorisches und nicht um ein kassatorisches Rechtsmittel. Vor-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>liegend rechtfertigte es sich allerdings, den angefochtenen Entscheid</b></span><br/> <span class="ft3"><b>aus formellen Gründen aufzuheben und zur Neubeurteilung an die</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Vorinstanz zurückzuweisen (Erw. 5 d).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Regierungsrates vom 4. August 2004 in Sachen P.B. gegen</span><br/> <span class="ft4">Departement des Innern</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen:</i></span><br/> <br/> <span class="ft7">1. Der Beschwerdeführer rügt, die angefochtene Verfügung sei</span><br/> <span class="ft7">unter Missachtung von Ausstandsvorschriften zustande gekommen;</span><br/> <span class="ft7">er beantragt daher, sie sei unabhängig von ihrer inhaltlichen Richtig-</span><br/> <span class="ft7">keit aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen.</span><br/> <span class="ft7">(...)</span><br/> <span class="ft7">2. a) Die Fachkommission beurteilt die Gefangenen aus dem</span><br/> <span class="ft7">Zuständigkeitsbereich der aargauischen Strafverfolgungs- und Straf-</span><br/> <span class="ft7">vollzugsbehörden, bei denen sich Grundsatzfragen der Vollzugspla-</span><br/> <span class="ft7">nung oder die Frage nach Vollzugslockerungen stellen (§ 59 Abs. 1</span><br/> <span class="ft7">der Verordnung über den Vollzug von Strafen und Massnahmen</span><br/> <span class="ft7">[Strafvollzugsverordnung, SMV] vom 9. Juli 2003). Der Vorsteher</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">464</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">oder die Vorsteherin des Departements des Innern ernennt die Mit-</span><br/> <span class="ft7">glieder der Fachkommission (§ 59 Abs. 2 SMV). Die Fachkommis-</span><br/> <span class="ft7">sion gibt eine schriftlich begründete Empfehlung an die anfragende</span><br/> <span class="ft7">Behörde ab, die daraufhin über die Vollzugsplanung oder die Gewäh-</span><br/> <span class="ft7">rung von Vollzugslockerungen entscheidet (§ 60 Abs. 3 SMV). Das</span><br/> <span class="ft7">Verfahren zur Beurteilung der Gemeingefährlichkeit von Gefangenen</span><br/> <span class="ft7">bestimmt sich dabei nach den verbindlichen Richtlinien des Straf-</span><br/> <span class="ft7">vollzugskonkordats betreffend gemeingefährliche Straftäter und</span><br/> <span class="ft7">Straftäterinnen im Freiheitsentzug (§ 60 Abs. 1 SMV); der Vorsteher</span><br/> <span class="ft7">oder die Vorsteherin des Departements des Innern erlässt das Ge-</span><br/> <span class="ft7">schäftsreglement der Fachkommission (§ 60 Abs. 2 SMV).</span><br/> <span class="ft7">b) Die Richtlinien betreffend Gemeingefährliche Straftä-</span><br/> <span class="ft7">ter/innen im Freiheitsentzug des Strafvollzugskonkordats der Nord-</span><br/> <span class="ft7">west- und Innerschweiz vom 3. Dezember 1999, in Kraft seit 1. Ja-</span><br/> <span class="ft7">nuar 2000, beinhalten unter Ziff. 3 (,,Verfahren vor der Fachkommis-</span><br/> <span class="ft7">sion") folgende Bestimmung:</span><br/> <span class="ft8">,,<i>3.6 Ausstand</i></span><br/> <span class="ft8">Mitglieder der Fachkommission, welche mit einem/einer zu beurtei-</span><br/> <span class="ft8">lenden Täter/in in anderer Funktion (Untersuchung, Begutachtung, Anklage,</span><br/> <span class="ft8">Gerichtsverfahren, Strafvollzug usw.) bereits zu tun hatten oder bei denen</span><br/> <span class="ft8">ein Ausstandsgrund gemäss der Rechtsordnung ihres Kantons vorliegt, ha-</span><br/> <span class="ft8">ben <b>bei der Beratung</b> und der Beschlussfassung in den Ausstand zu treten."</span><br/> <span class="ft8">(Hervorhebung nicht im Original)</span><br/> <span class="ft7">Demgegenüber bestimmt Ziff. 8 des aargauischen Reglements</span><br/> <span class="ft7">der Fachkommission zur Überprüfung der Gemeingefährlichkeit von</span><br/> <span class="ft7">Straftäterinnen und Straftätern im Freiheitsentzug vom 23. August</span><br/> <span class="ft7">2000 (nachfolgend: Reglement), erlassen vom Vorsteher des Depar-</span><br/> <span class="ft7">tements des Innern:</span><br/> <span class="ft8">,,Diejenigen Mitglieder der Fachkommission, welche aufgrund einer</span><br/> <span class="ft8">anderen Funktion einen persönlichen Kontakt mit einer bestimmten Straf-</span><br/> <span class="ft8">täterin bzw. einem bestimmten Straftäter pflegten bzw. pflegen, treten bei</span><br/> <span class="ft8">der Beschlussfassung betreffend deren bzw. dessen Gemeingefährlichkeit in</span><br/> <span class="ft8">den Ausstand."</span><br/> <span class="ft7">Das Verfahren der Fachkommission richtet sich wie vorerwähnt</span><br/> <span class="ft7">nach den Richtlinien des Strafvollzugskonkordats (nachfolgend:</span><br/> <span class="ft7">Richtlinien), welche § 60 Abs. 1 SMV als für den Kanton Aargau</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Strafvollzug</span> <span class="page_no">465</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">verbindlich erklärt. Damit aber kommt auch Ziff. 3.6 dieser Richtli-</span><br/> <span class="ft7">nien - die Ausstandsthematik bildet ohne weiteres eine Verfahrens-</span><br/> <span class="ft7">frage - direkt und verbindlich zur Anwendung, unabhängig von der</span><br/> <span class="ft7">Frage, ob es sich bei dieser Bestimmung um unmittelbar anwendba-</span><br/> <span class="ft7">res Konkordatsrecht handle oder ob es einer Transformation ins</span><br/> <span class="ft7">kantonale Recht bedürfe. Für abweichende Vorschriften im Ge-</span><br/> <span class="ft7">schäftsreglement, welches sich mit Detail- bzw. Ausführungsvor-</span><br/> <span class="ft7">schriften zu befassen hat, besteht auf Grund der in § 60 Abs. 1 SMV</span><br/> <span class="ft7">statuierten Verbindlichkeit der Richtlinien kein Raum. Die Bestim-</span><br/> <span class="ft7">mungen des § 5 VRPG und der §§ 2 ff. ZPO, welche grundsätzlich</span><br/> <span class="ft7">gemäss § 1 Abs. 2 VRPG subsidiäres Recht darstellen, können allen-</span><br/> <span class="ft7">falls ergänzend zur Anwendung gelangen (,,... oder bei denen ein</span><br/> <span class="ft7">Ausstandsgrund gemäss der Rechtsordnung ihres Kantons vorliegt</span><br/> <span class="ft7">...").</span><br/> <span class="ft7">(...)</span><br/> <span class="ft7">4. b) bb) Indes rügt der Beschwerdeführer einerseits, auch</span><br/> <span class="ft7">Dr.med. (...) hätte sich in den Ausstand begeben müssen, anderer-</span><br/> <span class="ft7">seits, die von ihm angeführten vier Kommissionsmitglieder hätten</span><br/> <span class="ft7">sich nicht nur bei der Beschlussfassung, sondern bereits bei der vor-</span><br/> <span class="ft7">gängigen Beratung in den Ausstand begeben müssen.</span><br/> <span class="ft7">Wie in Erw. 2 b hievor ausgeführt, hat sich gestützt auf Ziff. 3.6</span><br/> <span class="ft7">der Richtlinien bei Beratung und Beschlussfassung in den Ausstand</span><br/> <span class="ft7">zu begeben, wer mit einem oder einer zu beurteilenden Täterin bzw.</span><br/> <span class="ft7">Täter in anderer Funktion (Untersuchung, Begutachtung, Anklage,</span><br/> <span class="ft7">Gerichtsverfahren, Strafvollzug usw.) bereits zu tun hatte oder wenn</span><br/> <span class="ft7">ein Ausstandsgrund gemäss der jeweiligen kantonalen Rechtsord-</span><br/> <span class="ft7">nung vorliegt. Der Beschwerdeführer führt zutreffend aus, dass</span><br/> <span class="ft7">Dr.med. (...) das psychiatrische Gutachten vom (...) verfasste, wel-</span><br/> <span class="ft7">ches sich u.a. zur Gefährlichkeit und zu Vollzugslockerungen im</span><br/> <span class="ft7">vorliegenden Vollzugsverfahren äussert. Damit hatte dieser mit dem</span><br/> <span class="ft7">Beschwerdeführer bereits ,,in anderer Funktion" (Begutachtung) zu</span><br/> <span class="ft7">tun und er hat sich gemäss der verbindlichen Regelung der Richtli-</span><br/> <span class="ft7">nien tatsächlich in den Ausstand zu begeben. Auch ist gestützt auf</span><br/> <span class="ft7">den klaren Wortlaut der Bestimmung offensichtlich, dass sich</span><br/> <span class="ft7">Dr.med. (...), Dr.iur. (...) und lic.iur. (...) (aufgrund des Massnahmen-</span><br/> <span class="ft7">vollzugs des Beschwerdeführers bis [...] in [...]) sowie lic.iur. (...) (als</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">466</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">in der Strafsache zuständiger Anklagevertreter) sowohl bei Beratung</span><br/> <span class="ft7">wie auch bei Beschlussfassung der Fachkommission hätten in den</span><br/> <span class="ft7">Ausstand begeben müssen. Damit wird auch dem in Art. 29 Abs. 1</span><br/> <span class="ft7">BV verankerten Anspruch auf richtige Zusammensetzung der Be-</span><br/> <span class="ft7">hörde bzw. dem daraus abgeleiteten Mindestanspruch auf Unabhän-</span><br/> <span class="ft7">gigkeit und Unbefangenheit der Behörden nachgelebt (vgl. Häfe-</span><br/> <span class="ft7">lin/Müller, a.a.O., N 1668).</span><br/> <span class="ft7">(...)</span><br/> <span class="ft7">5. (...)</span><br/> <span class="ft7">d) Da der Regierungsrat im verwaltungsinternen Beschwerde-</span><br/> <span class="ft7">verfahren den Entscheid in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht frei</span><br/> <span class="ft7">überprüfen kann und bei seinem Entscheid nicht an die Anträge der</span><br/> <span class="ft7">Parteien gebunden ist (§§ 43 Abs. 1 und 49 des Gesetzes über die</span><br/> <span class="ft7">Verwaltungsrechtspflege [Verwaltungsrechtspflegegesetz, VRPG]</span><br/> <span class="ft7">vom 9. Juli 1968), hat er einen Entscheid in der Sache nach Mög-</span><br/> <span class="ft7">lichkeit selber zu treffen. Bei der Verwaltungsbeschwerde handelt es</span><br/> <span class="ft7">sich somit grundsätzlich um ein reformatorisches und nicht um ein</span><br/> <span class="ft7">kassatorisches Rechtsmittel. Im verwaltungsinternen Beschwerdever-</span><br/> <span class="ft7">fahren sind Rückweisungsentscheide nicht ausdrücklich vorgesehen,</span><br/> <span class="ft7">ihre Zulässigkeit ist aber unbestritten (vgl. Michael Merker, Kom-</span><br/> <span class="ft7">mentar zu den §§ 38-72 VRPG, Zürich 1998, N 63 zu § 58). So gilt</span><br/> <span class="ft7">denn auch § 58 VRPG, entgegen seiner systematischen Stellung im</span><br/> <span class="ft7">Gesetz, auch für das verwaltungsinterne Beschwerdeverfahren (vgl.</span><br/> <span class="ft7">Michael Merker, a.a.O., N 29 zu § 58). Der Regierungsrat darf die</span><br/> <span class="ft7">Streitsache ausnahmsweise an die Vorinstanz zurückweisen, bei-</span><br/> <span class="ft7">spielsweise dann, wenn das vorinstanzliche Verfahrens an einem so</span><br/> <span class="ft7">wesentlichen rechtlichen Mangel leidet, dass es nicht mehr als ord-</span><br/> <span class="ft7">nungsgemässe Grundlage für die Verfügung oder Entscheidung der</span><br/> <span class="ft7">Vorinstanz gesehen werden kann bzw. wenn - z.B. infolge Ver-</span><br/> <span class="ft7">letzung der Ausstandspflicht - nicht ausgeschlossen werden kann,</span><br/> <span class="ft7">dass die Vorinstanz ohne diese Mängel anders entschieden hätte (vgl.</span><br/> <span class="ft7">AGVE 1978 S. 425 ff.; vgl. auch Michael Merker, a.a.O., N 31 zu</span><br/> <span class="ft7">§ 58; vgl. auch Alfred Kölz/Jürg Bosshart/Martin Röhl,</span> <span class="ft7">Kommentar</span><br/> <span class="ft7">zum Verwaltungsrechtspflegegesetz des Kantons Zürich, 2. Auflage,</span><br/> <span class="ft7">Zürich 1999, N 7 zu § 5a).</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Strafvollzug</span> <span class="page_no">467</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft7">Vorliegend rechtfertigt es sich aus den folgenden Gründen, den</span><br/> <span class="ft7">angefochtenen Entscheid aus formellen Gründen aufzuheben und zur</span><br/> <span class="ft7">Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen: Bei der dem an-</span><br/> <span class="ft7">gefochtenen Entscheid zugrunde liegenden Empfehlung der Fach-</span><br/> <span class="ft7">kommission vom (...) handelt es sich um ein Beratungsergebnis von</span><br/> <span class="ft7">einem durchwegs aus Fachleuten aus den verschiedenen Bereichen</span><br/> <span class="ft7">der Strafverfolgung, der Justiz, des Strafvollzugs, der Psychiatrie und</span><br/> <span class="ft7">der Opferhilfe zusammengesetzten Gremium. Diese Fachpersonen</span><br/> <span class="ft7">verfügen bezüglich der äusserst schwierigen Beurteilung der von</span><br/> <span class="ft7">Straftätern und Straftäterinnen ausgehenden Gefahren über das not-</span><br/> <span class="ft7">wendige Expertenwissen und über besondere Erfahrungswerte. Eine</span><br/> <span class="ft7">interdisziplinäre Diskussion ermöglicht es, gemeingefährliche Straf-</span><br/> <span class="ft7">täter und Straftäterinnen als solche zu erkennen und deren Entwick-</span><br/> <span class="ft7">lung während des Vollzugs zu beobachten und die notwendigen</span><br/> <span class="ft7">Massnahmen zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit abzu-</span><br/> <span class="ft7">klären. Diese Empfehlung bildet eine wichtige Beurteilungsgrund-</span><br/> <span class="ft7">lage für den anschliessenden Entscheid der Strafvollzugsbehörde</span><br/> <span class="ft7">z.B. über Vollzugslockerungen. Es ist daher wichtig, dass eine ent-</span><br/> <span class="ft7">sprechende Empfehlung der - korrekt zusammengesetzten - Fach-</span><br/> <span class="ft7">kommission vorliegt; der Regierungsrat kann und will hierauf nicht</span><br/> <span class="ft7">verzichten. Der Mangel in der Zusammensetzung des Fachgremiums</span><br/> <span class="ft7">kann nicht mit dem Hinweis auf die dem Regierungsrat zustehende</span><br/> <span class="ft7">Ermessenskontrolle geheilt werden.</span><br/></div> </div> </body> </html>