Abteilung IV D-4443/2006 {T 0/2} U r t e i l v o m 1 2 . O k t o b e r 2 0 0 9 Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter Thomas Wespi, Gerichtsschreiber Lorenz Mauerhofer. A._______, geboren ..., B._______, geboren ..., Sri Lanka, beide vertreten durch Daniel Weber, Fürsprecher, Beschwerdeführerinnen, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 22. Juni 2005 / N _______. B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i c h t T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i f f é d é r a l T r i b u n a l e a m m i n i s t r a t i v o f e d e r a l e T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i v f e d e r a l Besetzung Parteien GegenstandD-4443/2006 Sachverhalt: A. Am 30. März 2004 ersuchte die Beschwerdeführerin in Begleitung ihrer damals minderjährigen Tochter um Asyl in der Schweiz. Eigenen Anga- ben zufolge hatten sie und ihre Tochter Sri Lanka am 21. Februar 2004 per Schiff verlassen und waren nach einer Seereise von fünf Wochen nach Italien gelangt. Von dort seien sie, versteckt in einem Lieferwa- gen, in die Schweiz eingereist. Nach der Gesuchseinreichung wurde die Beschwerdeführerin am 5. April 2004 vom BFM kurz befragt und am 11. Juni 2004 von der damals zuständigen kantonalen Behörde einlässlich zu den Gründen für ihr Asylgesuch angehört. Die Beschwerdeführerin – eine Tamilin aus der Ostprovinz – machte zur Begründung ihres Gesuches zur Hauptsache geltend, sie habe Sri Lanka verlassen, weil sie dort Nachstellungen einer bewaffneten Grup- pierung erlebt und weitere Übergriffe befürchtet habe. In diesem Zu- sammenhang führte sie das Folgende aus: Sie stamme aus der Ort- schaft M._______ in der Gemeinde N._______ (im Distrikt O._______, südlich von Batticaloa gelegen) und sie sei seit dem 5. Juli 1990 ver- witwet. Ihr Ehemann, welcher einen Lebensmittelladen besessen habe, habe die „Liberation Tigers of Tamil Eelam“ (LTTE) unterstützt und sei an jenem Tag von zwei unbekannten Personen verschleppt und erschossen worden. Später seien noch zwei weitere nahe Ange- hörige, der Sohn ihrer Schwester und der Sohn ihrer Tante, von Unbe- kannten erschossen worden. Nach dem Tod ihres Ehemannes habe sie mit der Unterstützung der LTTE fortgefahren. Sie habe für sie ge- kocht und ihnen erlaubt, sich in ihrem Haus zu Versammlungen zu tref- fen. Am 30. August 2003 hätten drei ihr bekannte Angehörige der LTTE, deren Namen sie jedoch nicht kenne, sechs Personen zu ihrem Haus gebracht. Sie habe ihr Wohnzimmer auf Geheiss verlassen müs- sen und die sechs Personen seien dort während drei bis vier Stunden befragt worden. Danach seien die Angehörigen der LTTE mit den sechs Personen wieder abgezogen. Sie habe nur bruchstückhaft mit- bekommen, worum es gegangen sei. Am 8. September 2003 sei ihr Sohn C._______ in der Nähe eines Tempels von zehn Personen zu- sammengeschlagen worden. Der Grund für diesen Vorfall sei ihnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt gewesen. Eines Abends gegen Ende September 2003 seien dann maskierte Leute bei ihr zuhause er- schienen, welche Auskunft über den Verbleib der sechs Personen ver- langt hätten, die Namen der drei LTTE-Angehörigen hätten wissen Seite 2D-4443/2006 wollen und nachgefragt hätten, von welchem LTTE-Camp diese ge- kommen seien. Dabei hätten ihr die Maskierten gedroht, eine höhere Stelle sei bereits informiert und wenn sie jemandem von diesem Be- such berichte, dann werde ihre Familie ausgelöscht. Aufgrund dieser Aussagen habe sie vermutet, dass die Leute möglicherweise zur EPRLF (Eelam People's Revolutionary Liberation Front) oder einer an- deren Gruppe gehört hätten, welche mit der Armee kollaboriere. An- fang Dezember 2003 seien die Maskierten erneut erschienen, da sie die gesuchten Personen noch immer nicht gefunden hätten. Die Mas- kierten hätten wiederum nach dem Verbleib der sechs Personen ge- fragt und ihr vorgehalten, dass sie diesbezügliche Kenntnisse habe. Sie habe zugestanden, dass die sechs Personen bei ihr gewesen sei- en, jedoch angegeben, dass sie über deren Schicksal nichts wisse. Daraufhin sei von ihr gefordert worden, die drei an der Sache beteilig- ten Mitglieder der LTTE zu verraten, damit die Maskierten von diesen Auskunft erlangen könnten. Am 4. Januar 2004 seien die Maskierten ein drittes Mal bei ihr erschienen und hätten ihr vorgeworfen, die LTTE zu unterstützen und Geld und Waffen für sie zu verstecken. Ihr sei nun- mehr gedroht worden, wenn sie bei der Suche nach den vermissten sechs Personen nicht helfe, werde ihre ganze Familie vernichtet. Dabei habe man ihr mit einem Gewehrkolben einen Schlag auf die Stirn ver- passt. Bereits nach den ersten Besuchen habe sie über die Vorfälle mit einem Mann namens X._______ gesprochen, einem ihr direkt bekann- ten Mitglied der LTTE. Dieser habe ihr erklärt, dass die sechs Perso- nen noch am Leben seien, von den LTTE aber in Haft gehalten wür- den. Er habe ihr ferner geraten, das Land zu verlassen, und er habe später für sie einen Schlepper organisiert sowie ihre Ausreise mit ei- nem namhaf ten Betrag mitfinanziert. Über die Vorfälle habe sie nur mit X._______ gesprochen, die LTTE jedoch nicht direkt um Hilfe gebeten. Letzteres hätte aus ihrer Sicht weitere Vergeltungsmassnahmen sei - tens der LTTE zur Folge gehabt. Ihr Name sei im Zusammenhang mit dieser Sache mutmasslich bei den Behörden registriert und im Falle einer Intervention der LTTE hätte dies auch Konsequenzen für sie selbst gehabt. Schliesslich habe sie sich zur Ausreise entschlossen und ihr Haus verkauft. Ihren Sohn C._______ habe sie unter der Obhut der LTTE in Batticaloa zurückgelassen und ihre Kinder D._______ und E._______ habe sie in die persönliche Obhut von X._______ gegeben. Anschliessend habe sie sich nach Colombo begeben, wo sie ihre jüngste Tochter aufgesucht habe, welche dort als Haushaltshilfe gear- beitet habe. Zusammen mit ihr habe sie zwei Tage später das Land mit Hilfe eines Schleppers aus Batticaloa verlassen. Sie sei nur mit ihrem Seite 3D-4443/2006 jüngsten Kind ausgereist, da die Kosten des Schleppers für ihre ge- samte Familie viel zu hoch gewesen wären. Ihre Ausreise habe sie mit dem Erlös des Hausverkaufs sowie mit dem Beitrag von X._______ fi- nanziert. Mittlerweile befänden sich ihre Kinder D._______ und E._______ wieder in ihrem Heimatdorf und seien bei ihrer Schwester G._______ untergebracht. Ihr Sohn C._______ befinde sich inzwi- schen bei einem Kollegen in Trincomalee. Eine Rückkehr sei für sie un- möglich geworden, da sie aufgrund ihrer Flucht von Seiten der Mas- kierten sicherlich als Schuldige gestempelt worden sei. Die Männer würden mit Sicherheit mittlerweile annehmen, dass sie über mehr In- formationen verfügt habe, als sie ihnen zugestanden habe. Unter Vorlage einer in der Schweiz gekauften tamilischen Zeitung und von Zeitungsberichten und eines Briefs, welche ihr von ihrem Sohn zu- gesandt worden seien, führte die Beschwerdeführerin aus, dass es sich bei den von der LTTE entführten sechs Personen möglicherweise um Karuna-Leute gehandelt habe. Ausserdem legte die Beschwerde- führerin weitere fremdsprachige Beweismittel vor (gemäss den Akten eine Verkaufsurkunde betreffend ihr Haus, eine Bestätigung über ihre staatliche Bedürftigkeitsrente, mehrere Geburtsregisterauszüge, ihren Eheschein, einen Polizeibericht von Ende 1998 sowie eine Bestäti- gung des Vorstehers ihres Heimatdorfes von Ende 1999). B. Mit Verfügung vom 22. Juni 2005 – eröffnet am 23. Juni 2005 – lehnte das BFM das Asylgesuch der Beschwerdeführerinnen ab und ordnete gleichzeitig deren Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegwei- sungsvollzug an. Im Rahmen der Begründung seines Entscheides er- kannte das BFM die Gesuchsvorbringen als flüchtlingsrechtlich nicht relevant. Dabei hielt es fest, bei den geltend gemachten Nachstellun- gen habe es sich nicht um staatliche Verfolgungsmassnahmen, son- dern um Nachstellung von Seiten privater Dritter gehandelt, welche nicht vom Staat gefördert, gebilligt oder tatenlos hingenommen wor- den seien. Die Beschwerdeführerin hätte vielmehr die Möglichkeit ge- habt, die srilankischen Behörden um Schutz zu ersuchen. Zudem hätte sie sich den Nachstellungen durch eine Wohnsitzverlegung entziehen können. Im Weiteren hielt das BFM dafür, die Beschwerdeführerin habe – trotz ihrer Mutmassungen in Richtung einer Benachrichtigung der Behörden – bis zu ihrer Ausreise keine Schwierigkeiten mit den srilankischen Behörden gehabt. Vor dem Hintergrund der mittlerweile eingekehrten Waffenruhe sei nicht davon auszugehen, dass von Sei- Seite 4D-4443/2006 ten der Behörden gezielt nach Personen gesucht werde, welche die LTTE unterstützt hätten. Zudem sei gegen die Beschwerdeführerin we- der eine Anzeige erstattet noch ein Verfahren eingeleitet worden. Ab- schliessend erklärte das BFM den Wegweisungsvollzug als zulässig, trotz der Herkunft der Beschwerdeführerinnen aus dem Osten des Landes als zumutbar und schliesslich auch als möglich. C. Am 25. Juli 2005 erhoben die Beschwerdeführerinnen – handelnd durch ihren Rechtsvertreter – gegen den Entscheid des BFM bei der damals zuständigen Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) Beschwerde. In ihrer Eingabe beantragten sie die Aufhebung der an- gefochtenen Verfügung und Rückweisung der Sache an die Vorinstanz, eventualiter die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Ge- währung von Asyl, subeventualiter die Feststellung der Unzulässigkeit und Unzu mutbarkeit des Wegweisungsvollzuges und die Gewährung einer vorläufigen Aufnahme in der Schweiz. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Erlass der Verfahrenskosten sowie um Beiordnung ihres Anwaltes als amtlicher Rechtsbeistand. Im Weiteren beantragten sie Einsicht in ein bestimmtes Aktenstück (act. A10; Beweismittelum- schlag). Im Rahmen ihrer Beschwerdebegründung monierte die Beschwerde- führerin vorab, ihr Akteneinsichtsgesuch sei vom BFM ungenügend be- antwortet worden, da ihr vom BFM keine Kopien der von ihr einge- reichten Beweismittel zugestellt worden seien. Des weiteren rügte sie betreffend die Akten, dass das Empfangsstellenprotokoll handschriftli- che Ergänzungen aufweise, die teilweise falsch seien. Zudem sei die kantonale Anhörung überaus hart, nicht sachgerecht und trotz erhebli- cher Länge ohne hinreichende Pausen geführt worden. Vor diesem Hintergrund sei der angefochtene Entscheid aufzuheben und die Sa- che zwecks ergänzender Anhörung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Vor Ausführungen zur Sache äusserte sich die Beschwerdeführerin ferner zum Verbleib ihrer Identitätspapiere, wobei sie ausführte, diese seien durch den Tsunami vom Dezember 2004 verlorengegangen. Schliesslich monierte sie, im angefochtenen Entscheid sei neben ih- rem Namen ohne sachlichen Grund ein Alias-Name erwähnt worden. Ebenfalls mit Blick auf ihren Antrag auf Rückweisung der Sache hielt die Beschwerdeführerin dem BFM im Folgenden eine wiederholt unzu- treffende oder aktenwidrige Wiedergabe ihrer Sachverhaltsschilderun- Seite 5D-4443/2006 gen vor. Im Weiteren monierte sie, vom BFM sei implizit auf Unglaub- haftigkeitselemente in ihren Vorbringen verwiesen worden, was jedoch unzutreffend sei. Insgesamt ergebe sich, dass das BFM von einer fal- schen Sachverhaltsfeststellung ausgegangen sei. Den vorinstanzli- chen Erwägungen hielt sie ferner entgegen, es sei keineswegs erstellt, dass es sich bei den maskierten Personen, welche sie wiederholt be- droht hätten, um private Dritte respektive um Angehörige der vermiss- ten Personen gehandelt habe. Es sei vielmehr unklar, ob es sich dabei nicht direkt um Soldaten oder allenfalls um eine staatlich sanktionierte Massnahme seitens privater Dritter gehandelt habe. Schliesslich hielt sie dafür, dass in ihrem Fall die Behörden durchaus über ihre Unter- stützung zugunsten der LTTE informiert worden sein könnten. Zusam- menfassend machte sie geltend, dass es vorliegend einer nochmali- gen, nunmehr korrekten Aufnahme des Sachverhalts bedürfe. In der Sache brachte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen vor, von ihr sei glaubhaft, mithin genügend substanziiert, in sich schlüssig, plausibel und persönlich glaubwürdig eine flüchtlingsrechtlich relevan- te Verfolgungssituation dargelegt worden. Aufgrund der Akten könne kein Zweifel daran bestehen, dass sie die geschilderten Vorfälle per- sönlich erlebt habe. Sie werde vom Staat oder, bei fehlendem staatli- chen Schutz, von Dritten verfolgt und habe begründete Furcht, bei ei- ner Rückkehr in ihre Heimat erneut verfolgt zu werden, weshalb ihr Asyl zu gewähren sei. Abschliessend rügte sie betreffend die Frage des Wegweisungsvollzuges eine ungenügende Auseinandersetzung mit der Sache, die Vorinstanz habe durch die Verwendung von Text- bausteinen die Begründungspflicht verletzt. Den vorinstanzlichen Schlüssen hielt sie sodann entgegen, im Lichte der relevanten Um- stände erweise sich der Wegweisungsvollzug als unzulässig und unzu- mutbar. Dabei hielt sie unter Verweis auf einen Presseartikel zur Lage in Sri Lanka dafür, dass der Krieg jederzeit wieder ausbrechen könne. Als Beweismittel legte die Beschwerdeführerin eine Fax-Kopie ihrer Identitätskarte, einen Zeitungsausschnitt in Kopie sowie – je mit einer Übersetzung – einen persönlichen Brief ihrer Schwester G._______ und einen persönlichen Brief ihres Sohnes E._______ zu den Akten. D. Mit Zwischenverfügung der ARK vom 8. August 2005 wurden der Be- schwerdeführerin antragsgemäss Kopien der im vorinstanzlichen Be- weismittelumschlag erfassten Akten zugestellt und ihr gleichzeitig Frist Seite 6D-4443/2006 zur ergänzenden Stellungnahme eingeräumt. Gleichzeitig wurde die Beschwerdeführerin aufgefordert, betreffend den vorgelegten Zei- tungsbericht eine Übersetzung nachzureichen. Für den Entscheid über das Gesuch um Erlass der Verfahrenskosten (im Sinne von Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwal- tungsverfahren [VwVG, SR 172.021]) wurde auf einen späteren Zeit- punkt verwiesen. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeistän- dung (im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG) wurde mangels Notwendig- keit einer amtlichen Vertretung abgewiesen. E. Mit Eingabe vom 16. August 2005 nahm die Beschwerdeführerin zu den im Beweismittelumschlag erfassten Akten Stellung. Sie führte aus, es seien von ihr im vorinstanzlichen Verfahren weitere Beweismittel vorgelegt worden, welche nicht im Beweismittelumschlag seien, und betreffend die erfassten Beweismittel lägen keine hinreichenden Über- setzungen vor. Zusätzlich bekräftigte sie das Vorbringen, ihre Ausfüh- rungen seien ungenügend respektive tatsachenwidrig protokolliert worden. Vor diesem Hintergrund erneuerte sie ihr Gesuch um Beiord- nung ihres Anwaltes als amtlicher Rechtsbeistand. Mit ihrer Eingabe reichte sie die einverlangte Übersetzung betreffend einen Zeitungsbericht sowie – je mit einer Übersetzung – verschiede- ne weitere Beweismittel nach, namentlich einen persönlichen Brief ih- rer Tochter D._______, diverse Zeitungs- und Internetartikel, Abschrif- ten eines Polizeiprotokolls und Schadensbelege betreffend den Tsuna- mi. Unter Verweis auf die vorgelegten Presseberichte machte sie zur Hauptsache geltend, die Lage in Sri Lanka sei weit angespannter als vom BFM dargestellt. Im Weiteren legte sie eine vom Bürgermeister- amt bestätigte Erklärung ihres Bruders H._______ vom 4. April 2005 vor, worin dieser über eine wiederholte Suche nach der Beschwerde- führerin von Seiten einer bewaffneten Gruppierung und dabei erlittene Misshandlungen berichtete. Gleichzeitig legte sie die Kopie eines Rap- ports vor, laut welchem ihre Schwester G._______ bereits am 16. Au- gust 2004 bei der Polizei über eine Suche nach der Beschwerdeführe- rin berichtet hatte. Zu den anlässlich der kantonalen Anhörung eingereichten Zeitungsbe- richten führte sie ergänzend aus, dass sich darunter ein Bericht vom 18. April 2004 befinde, betreffend die Ermordung von sechs Personen durch die Karuna-Gruppe. Diesbezüglich stellte sie die Vermutung an, Seite 7D-4443/2006 bei den Getöteten könnte es sich um die in ihrem Haus befragten Per- sonen gehandelt haben. Schliesslich legte sie eine Fürsorgebestäti- gung sowie eine Kostennote ihres Rechtsvertreters vor. F. Mit Zwischenverfügung der ARK vom 23. September 2005 wurde an der Abweisung des Gesuches um unentgeltliche Rechtsverbeistän- dung festgehalten. G. In seiner Vernehmlassung vom 14. Oktober 2005 hielt das BFM an der angefochtenen Verfügung fest und beantragte unter Verweis auf seine bisherigen Erwägungen die Abweisung der Beschwerde. Ergänzend erklärte es die Vorhalte betreffend die kantonale Anhörung, welche im Beisein einer Hilfswerkvertreterin stattgefunden habe, als unbegrün- det, und die Vorhalte betreffend die Sachverhaltsfeststellung unter Ver- weis auf verschiedene Aktenstellen als falsch. H. In ihrer Stellungnahme vom 8. November 2005 nahm die Beschwerde- führerin ihre Vorhalte betreffend die vorinstanzliche Sachverhaltsfest- stellung teilweise zurück, hielt im Übrigen aber an der eingereichten Beschwerde fest. Gleichzeitig reichte sie eine aktualisierte Kostennote ihres Rechtsvertreters zu den Akten. I. Mit Eingabe vom 9. Mai 2006 reichte die Beschwerdeführerin zwei Schreiben ihres Bruders H._______ nach, inklusive Übersetzungen, worin über das Andauern der Probleme der Beschwerdeführerin res- pektive eine andauernde Suche nach ihr und Misshandlungen des Bruders berichtet wurde. Im Weiteren brachte die Beschwerdeführerin vor, sie habe erfahren, dass das Mitglied der LTTE, welches ihr bei der Ausreise geholfen habe, offenbar angeschossen worden sei und im Spital liege. J. Mit Schreiben des Bundesverwaltungsgerichts vom 31. Mai 2007 wur- de der Beschwerdeführerin die am 1. Januar 2007 erfolgte Übernahme des Verfahrens durch das Bundesverwaltungsgericht bestätigt und die für die Behandlung ihres Verfahrens zuständige Abteilung bekannt ge- geben. Seite 8D-4443/2006 K. Mit Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 12. März 2008 wurde das BFM, unter Hinweis auf eine aktualisierte Lagebeur- teilung betreffend Sri Lanka, zu einem zweiten Schriftenwechsel ein- geladen. Das BFM hob in der Folge den angefochtenen Entscheid hinsichtlich der Frage des Wegweisungsvollzuges wiedererwägungsweise auf und ordnete mit Verfügung vom 19. März 2008 die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerinnen an. Dabei führte das BFM aus, in Würdigung aller Umstände werde vom Vollzug der Wegweisung abgesehen, da ein solcher im heutigen Zeitpunkt nicht zumutbar wäre. L. Mit Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 2. April 2008 wurden die Beschwerdeführerinnen eingeladen, sich zur Frage eines allfälligen Beschwerderückzuges zu äussern. Ihr Rechtsvertreter wurde gleichzeitig eingeladen, eine aktualisierte Kostennote einzurei- chen. Die Beschwerdeführerinnen liessen in der Folge am 8. April 2008 durch ihren Rechtsvertreter mitteilen, sie hielten an der Beschwerde fest, soweit diese nicht gegenstandlos geworden ist. Gleichzeitig reich- te ihr Rechtsvertreter eine aktualisierte Kostennote zu den Akten. M. Mit Eingabe vom 15. Mai 2008 wurden als Beweismittel das Schreiben eines Mitgliedes des Gemeinderates von N._______ vom 20. Januar 2008 nachgereicht, worin ausgeführt wurde, die Beschwerdeführerin werde an ihrem Wohnort weiterhin von Seiten einer unbekannten be- waffneten Gruppierung gesucht. N. Mit Eingabe vom 16. Oktober 2008 teilte die Beschwerdeführerin unter Verweis auf zwei Zeitungsartikel und einen Polizeibericht mit, dass ihre Schwester G._______ am 2. September 2008 von unbekannten Tätern erschossen worden sei. Im Weiteren legte sie das Schreiben eines Bi- schofs zu den Akten, worin sich dieser zu den Gründen der Ermor- dung von G._______ sowie zur Gefährdung ihrer in Sri Lanka befindli- chen Angehörigen äusserte. Aus den vorgelegten Unterlagen geht im Wesentlichen hervor, dass G._______ die Mutter eines LTTE-Kom- mandanten im O._______-Distrikt gewesen war, welcher unter dem Seite 9D-4443/2006 Kampfnamen X._______ respektive Y._______ bekannt ist, und dass sie von einem Kommando einer unbekannten Gruppierung aus Rache respektive als Antwort auf verstärkte LTTE-Attacken im O._______-Di- strikt erschossen wurde. Des Weiteren verwies die Beschwerdeführe- rin auf ein Schreiben ihrer Tochter D._______ an die schweizerische Botschaft in Colombo, aus welchem hervorgehe, dass ihre Tochter ein Asylgesuch eingereicht habe. Gleichzeitig reichte ihr Rechtsvertreter eine aktualisierte Kostennote zu den Akten. O. Aus den Akten der Tochter D._______ (N _______) geht hervor, dass diese am 16. Sep tember 2008 bei der schweizerischen Vertretung in Colom bo ein schriftliches Asylgesuch einreichte und am 16. Dezember 2008 in Colombo zu ihren Gesuchsgründen angehört wurde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Behandlung von Beschwerden gegen Verfügungen des BFM; dabei entscheidet das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31] i.V.m. Art. 31 - 33 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 173.32]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesge- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat am 1. Januar 2007 die Beurtei- lung der bei der ARK hängigen Rechtsmittel übernommen. Das neue Verfahrensrecht ist anwendbar (vgl. Art. 53 Abs. 2 VGG). 1.3 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verlet- zung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Seite 10D-4443/2006 1.4 Die Beschwerdeführerinnen sind legitimiert; auf die frist- und form- gerecht eingereichten Beschwerden ist einzutreten (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 48, Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Von den Beschwerdeführerinnen wurde vorab eine ungenügende und unzutreffende Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt und eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz beantragt. Die diesbezüglichen Ausführungen der Beschwerdeführerin vermögen auf- grund der vorliegenden Akten jedoch nicht zu überzeugen. Die Vorbrin- gen und Rügen betreffend eine unzutreffende Feststellung des ent- scheidrelevanten Sachverhalts basieren soweit ersichtlich zum einen auf einer teilweise unzutreffenden Wahrnehmung der Akten, was je- doch im Rahmen des Schriftenwechsels geklärt werden konnte. Ein- zelne Berichtigungen oder Konkretisierungen des Sachverhalts, wie bezüglich der Sprache oder des Hausverkaufes, konnten ebenfalls auf Beschwerdeebene eingebracht werden und verlangen keine Rückwei- sung an die Vorinstanz zur Vervollständigung des Sachverhalts. Schliesslich wird mindestens teilweise die Frage der Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts mit der Frage der rechtlichen Würdi- gung der Sache vermengt. Insgesamt bestehen denn auch keine Hin- weise darauf, dass die Beschwerdeführerin ihre Gesuchsgründe im Rahmen der Kurzbefragung und insbesondere der einlässlichen Anhö- rung nicht vollständig oder nicht im korrekten Zusammenhang hätte einbringen können. Nach Klärung einzelner Fragen besteht auch kein Bedarf an der beantragten ergänzenden Anhörung. Schliesslich hat das BFM auch die ihm angebotenen Beweismittel abgenommen und, soweit entscheidrelevant, gewürdigt. Bei dieser Sachlage besteht keine Grundlage für eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zwecks nochmaliger Feststellung der massgeblichen Sachverhaltsmomente. Da der entscheidrelevante Sachverhalt aufgrund der vorliegenden Aktenlage als erstellt zu erken- nen ist, ist in der Sache zu entscheiden (vgl. dazu Art. 37 VGG i.V.m. Art. 61 Abs. 1 VwVG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grundsätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine ausländische Person aner- kannt, wenn sie in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu ei- Seite 11D-4443/2006 ner bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen An- schauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nach- teile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit be- achtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeter- weise befürchten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG aufgezählter Verfolgungsmotive durch Organe des Heimat- oder Herkunftsstaates zugefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen. Seit die Schweiz im Juni 2006 den Wech- sel von der Zurechenbarkeits- zur Schutztheorie vollzogen hat, kann auch eine Verfolgung aus den oben genannten Gründen seitens priva- ter Dritter flüchtlingsrechtlich relevant sein (vgl. die vom Bundesverwal- tungsgericht fortgeführte Rechtsprechung in Entscheidungen und Mit- teilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 18). 3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachwei- sen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrschein- lichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wider- sprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. Zunächst ist zu prüfen, ob die vorgetragenen Fluchtumstände, die zum Entschluss zur Ausreise aus dem Heimatstaat geführt haben, gesamt- haft als glaubhaft gemacht zu erachten sind. 4.1 Vorbringen sind dann glaubhaft, wenn sie genügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht widersprüch- lich sein oder der inneren Logik entbehren und auch nicht den Tatsa- chen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus Seite 12D-4443/2006 muss die asylsuchende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abstützt, aber auch dann, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt oder unbegründet nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mitwirkung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftmachung reicht es demgegen über nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und über- wiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise ab- zustellen (vgl. die weiterhin gültige Rechtsprechung nach EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1 [mit weiteren Hinweisen]). 4.2 Für die Glaubwürdigkeit der Beschwerdeführerin spricht zunächst die Tatsache, dass sie das Erlebte nachvollziehbar und insgesamt schlüssig berichtet hat. Sie hat im Rahmen der Kurzbefragung und der einlässlichen Anhörung den Ablauf der Ereignisse in allen wesentli- chen Punkten übereinstimmend geschildert. Dabei weisen ihre Ausfüh- rungen einen hohen Substanziierungsgrad und zahlreiche Realkenn- zeichen auf. Namentlich war sie auch auf Nachfrage hin jeweils zu in sich stimmigen Detailschilderungen in der Lage. Schliesslich sind dem Sachverhaltsvortrag – welcher eher einfache Grundzüge aufweist – keine ausufernden oder gar aufbauschenden Elemente zu entnehmen, was für ein tatsächliches Erleben der geltend gemachten Ereigniskette spricht. Auch lässt sich das Vorgebrachte praktisch lückenlos in die da- malige politische und gesellschaftliche Situation in der Heimatregion der Beschwerdeführerin eingliedern. Widersprüchliche oder ungereim- te Aussagen lassen sich aus den Protokollen keine ableiten. Auch die Vorinstanz bestritt im angefochtenen Entscheid die Schilderungen der Beschwerdeführerin nicht. Unter diesen Umständen erachtet es das Bundesverwaltungsgericht als insgesamt glaubhaft, dass die Be- schwerdeführerin – nachdem drei ihr vom Sehen her bekannte Ange- hörige der LTTE eine Gruppe von sechs Personen in ihrem Haus ver- Seite 13D-4443/2006 hört hatten – insgesamt dreimal von Angehörigen einer ihr unbekann- ten bewaffneten Gruppierung aufgesucht und bedroht wurde. 5. Vor dem Hintergrund der obigen Erwägungen bleibt zu prüfen, ob die geltend gemachten Übergriffe und Nachteile die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG zu begründen vermögen. 5.1 Nach neuerer Rechtsprechung kann eine Verfolgungshandlung im Sinne von Art. 3 AsylG von staatlichen oder nichtstaatlichen Akteuren ausgehen. Demnach ist nichtstaatliche Verfolgung als Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes zu erachten, wenn der Staat unfähig oder nicht willens ist, Schutz vor besagter Verfolgung zu bieten. Es ist dabei nicht eine faktische Garantie für langfristigen individuellen Schutz der von nichtstaatlicher Verfolgung bedrohten Person zu verlangen, weil es keinem Staat gelingen kann, die absolute Sicherheit seiner Bürgerin- nen und Bürger jederzeit und überall zu garantieren. Erforderlich ist aber, dass eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur zur Verfügung steht, wobei in erster Linie an polizeiliche Aufgaben wahr- nehmende Organe sowie an ein Rechts- und Justizsystem zu denken ist, das eine effektive Strafverfolgung ermöglicht. Die Inanspruchnah- me dieses Schutzsystems muss der betroffenen Person zudem objek- tiv zugänglich und individuell zumutbar sein, was jeweils im Rahmen einer Einzelfallprüfung unter Berücksichtigung des länderspezifischen Kontexts zu beurteilen ist (vgl. EMARK 2006 Nr. 18 E. 10.2 S. 202 f., EMARK 2006 Nr. 32 E. 6.1 S. 340 f.) 5.1.1Die Vorinstanz führt dazu aus, dass es sich bei den geltend ge- machten Nachstellungen nicht um eine direkte oder indirekte staatli- che Verfolgungsmassnahme, sondern um Nachstellungen von Seiten privater Dritter gehandelt habe. Vor diesem Hintergrund hält die Vor- instanz aufgrund ihrer Prüfung im Rahmen der damals noch geltenden Zurechenbarkeitstheorie der Beschwerdeführerin entgegen, sie hätte sich zwecks Schutzgewährung an die srilankischen Sicherheitskräfte wenden können, womit ihre Gesuchsvorbringen flüchtlingsrechtlich nicht relevant seien. 5.1.2Zunächst ist festzustellen, dass bezüglich der Urheber der gel- tend gemachten Verfolgung Unklarheit herrscht. So war sich die Be- schwerdeführerin offenbar im Zeitpunkt der Ausreise und auch anläss- lich der ersten Befragung nicht im Klaren darüber, von welcher Seite sie verfolgt worden ist, nennt sie doch als möglichen Urheber die Seite 14D-4443/2006 EPRLF oder eine andere mit der Armee kollaborierende Gruppierung. Erst im Laufe des Verfahrens zeichnet sich ab, dass sie vermutlich Op- fer der Auseinandersetzungen innerhalb der LTTE geworden ist. Die von der Beschwerdeführerin geschilderten Ereignisse fallen in eine Zeit, als in ihrem Heimatgebiet nicht nur mit der srilankischen Armee verbündete tamilische Gruppierungen aktiv waren, sondern zusätzlich auch innerhalb der LTTE wachsende Spannungen auftraten. Diese Spannungen, ausgelöst vorab durch den uneingeschränkten Herr- schaftsanspruch des mittlerweilen getöteten LTTE-Führers Prabhaka- ran, welcher zu jeder Zeit jeden Bereich der LTTE unter seiner Kontrol- le wissen wollte, waren von zunehmend blutigen Abrechnungen inner- halb der LTTE begleitet und führten im März 2005 gar zu einem offe- nen Bruch innerhalb der Organisation respektive einer Abspaltung der sogenannten Karuna-Gruppe im Osten des Landes. Dem Konflikt zwi- schen den einzelnen LTTE-Gruppierungen fielen zahlreiche Personen zum Opfer. Die Beschwerdeführerin vermutete selbst, sie sei von Per- sonen aus dem Umfeld von Karuna bedroht worden, und dies er- scheint auch aufgrund der gesamten Umstände als überwiegend wahr- scheinlich. 5.1.3Demzufolge prüfte die Vorinstanz zu Recht, ob die Beschwerde- führerin sich den Übergriffen durch Dritte beim Staat um Schutz hätte bemühen können. Das Bundesverwaltungsgericht kommt diesbezüg- lich jedoch zu einem anderen Ergebnis: Fraglich ist bereits, ob der sri- lankische Staat im Zeitpunkt der Ausreise der Beschwerdeführerin die Möglichkeit gehabt hätte, sie effektiv vor entsprechenden Übergriffen zu schützen. Im massgeblichen Zeitraum hatten die staatlichen Behör- den in zahlreichen Regionen des Landes keine funktionierende und ef- fiziente Schutzinfrastruktur, vielmehr war die Kontrolle vieler Teilgebie- te damals in den Händen der LTTE. Ohnehin wäre es aber der Be- schwerdeführerin individuell nicht zuzumuten gewesen, bei den staatli- chen Behörden in ihrer Heimatregion oder in einem anderen Landes- teil um Schutz nachzusuchen. Die Beschwerdeführerin hatte jahrelang die LTTE unterstützt. Bedroht wurde sie sodann eben gerade deshalb, weil vermutet wurde, sie verfüge über Informationen über den Verbleib einzelner LTTE-Mitglieder. Ausserdem ergibt sich aus den Akten, dass die Familie der Beschwerdeführerin sehr eng mit den LTTE verbunden ist. Ein Schutzersuchen bei der Polizei oder dem Militär hätte demnach zweifelsohne zu Untersuchungsmassnahmen und einem allfälligen po- litischen Strafverfahren gegen die Beschwerdeführerin geführt. Unter Seite 15D-4443/2006 den gegebenen Umständen war der Beschwerdeführerin demnach ein Schutzersuchen bei den staatlichen Behörden nicht zumutbar. 5.2 Weiter ist zu prüfen, ob sich die geltend gemachten Nachstellun- gen auch im Übrigen als flüchtlingsrechtlich relevant erweisen. 5.2.1Nach Lehre und Praxis ist für die Anerkennung der Flüchtlingsei- genschaft erforderlich, dass die asylsuchende Person ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise sol- che im Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahr- scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach- teile müssen der asylsuchenden Person landesweit, gezielt und auf- grund bestimmter Verfolgungsmotive drohen oder zugefügt worden sein (EMARK 2005 Nr. 21 E. 7 S. 193). Begründete Furcht vor Verfol- gung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, Letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklicht. Es müssen damit hinreichende An- haltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei je- dem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dabei hat die Beurtei- lung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu er- folgen und ist andererseits durch das von der betroffenen Person be- reits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fäl- len zu ergänzen. Wer bereits Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht. 5.2.2Die Beschwerdeführerin wurde dreimal von maskierten Perso- nen aufgesucht, welche unter Drohungen gegen Leib und Leben der Beschwerdeführerin und ihrer Familie Informationen über LTTE-Mit- glieder erpressen wollten. Beim dritten Überfall wurde sie mit einem Gewehrkolben an der Stirn verletzt. Die dabei ausgestossenen Dro- hungen waren von der Beschwerdeführerin ernst zu nehmen, wurden doch in dieser Zeit zahlreiche Zivilpersonen Opfer des Konfliktes und waren auch nahe Angehörige der Beschwerdeführerin in der Vergan- genheit umgebracht worden. Die erlebten Übergriffe sind demnach als hinreichend intensiv zu erkennen. Die Verfolgung war sodann gezielt gegen die Beschwerdeführerin gerichtet und hatte ihren Ursprung in der vermuteten Nähe der Beschwerdeführerin zu den LTTE, sie war daher politisch motiviert. Dass die Beschwerdeführerin nur regional verfolgt gewesen ist, lässt sich aus den Akten nicht ableiten, war sie Seite 16D-4443/2006 doch offenbar ein wichtiges Bindeglied zu den verschollenen Personen beziehungsweise deren Entführern. Die landesweit gut organisierte Gruppierung um Karuna hätte die Beschwerdeführerin auch in ande- ren Landesteilen wohl leicht ausfindig machen können. 5.3 Aus diesen Erwägungen ergibt sich als Zwischenergebnis, dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Ausreise ernsthaften Nach- teilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt war beziehungsweise sich vor weitergehenden ernsthaften Nachteilen objektiv begründet fürch- ten musste. Diesen Übergriffen hätte sie auch nicht innerstaatlich aus- weichen können. 5.4 Schliesslich stellt sich die Frage, ob aufgrund des Zeitablaufs und der politischen Veränderungen im Heimatstaat der Beschwerdeführerin nicht mehr von einer aktuellen Gefährdungslage auszugehen ist. 5.4.1Die Asylgewährung dient nicht dem Ausgleich vergangener Un- bill, sondern soll Schutz vor aktueller oder künftiger Verfolgung bieten (vgl. W ALTER KÄLIN, Grundriss des Asylverfahrens, Basel/Frankfurt a.M. 1990, S. 127). Die erlittene Verfolgung oder die begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung muss daher nicht nur sachlich und zeitlich kau- sal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat, sondern grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein (vgl. EMARK 2005 Nr. 21 E. 7 S. 193 f. und dort zitierte Urteile). Dem- nach sind Verbesserungen der Situation im Verfolgerstaat beachtlich. Gegenüber Personen, die bereits einmal asylrelevante Verfolgung erlit- ten haben, ist jedoch mit günstigen Prognosen Zurückhaltung zu üben, die Verhältnisse müssen sich für die ein Asylgesuch stellende Person wesentlich zu ihren Gunsten verändert haben und diese Änderungen müssen als ernsthaft und dauerhaft erscheinen (vgl. KÄLIN, a.a.O., S. 129 f.). 5.4.2Zwar hat sich seit der Ausreise der Beschwerdeführerin die poli- tische und gesellschaftliche Situation in Sri Lanka wesentlich verän- dert. Ob allerdings von einer deutlichen und stabilen Verbesserung der Situation ausgegangen werden könne, die der Beschwerdeführerin entgegen gehalten werden könnte, ist bezogen auf den Einzelfall zu prüfen. Vorauszuschicken ist dabei, dass sich die Gruppierung um Ka- runa nach deren Abspaltung von den LTTE unter dem Namen „Tamil National Party“ (TMVP) neu formierte. In den Jahren 2006 und 2007 kämpfte sie zum Teil an der Seite der srilankischen Armee gegen die LTTE. Im Jahre 2007 wurde die TMVP als politische Partei registriert. Seite 17D-4443/2006 Innerhalb der Gruppierung kam es jedoch zu einer neuen Spaltung und Karuna selber ist offenbar seit März 2009 prominentes Mitglied der „Sri Lanka Freedom Party“ (SLFP). Der Bürgerkrieg hat mit dem am 18. Mai 2009 ausgerufenen Sieg der srilankischen Armee über die LTTE vorerst ein Ende gefunden. In den vormaligen Rebellengebieten wurden zahlreiche Camps eingerichtet, in denen die tamilische Bevöl- kerung der umkämpften Gebiete festgehalten wird. Die dort herrschen- den Verhältnisse müssen äusserst schwierig sein und ein Verlassen der Lager sei erst möglich, wenn die LTTE-Angehörigen identifiziert worden seien (vgl. NZZ vom 10. Juni 2009, Zeugen und Opfer des Krieges in Sri Lanka). Auch heute noch wird von staatlicher Seite in- tensiv nach Angehörigen der LTTE gefahndet. Die politische Situation ist insbesondere im Osten und im Norden des Landes, aber auch in Colombo nach wie vor äusserst angespannt. Die LTTE wurden zwar zersplittert, es kann aber aus heutiger Sicht noch nicht davon ausge- gangen werden, dass diese sich nicht wieder neu formieren könnten. Gemäss Berichten ist zwar der Einfluss der LTTE durch deren Zersplit- terung wesentlich eingeschränkt, hingegen kontrolliert die TMVP heute die Teilregionen im Osten. Nach wie vor ist diese Gruppierung dort of- fenbar in zahlreiche Menschenrechtsverletzungen involviert und unter anderem für Entführungen, Morde und Erpressungen verantwortlich (UK Home Office COI Service Sri Lanka Country of Origin Information Report June 2009). 5.4.3Die Beschwerdeführerin hat im Verlauf des Verfahrens wieder- holt bekräftigt, dass die geltend gemachte Verfolgungssituation aktuell noch andaure und dass sie auch nach ihrer Ausreise aus Sri Lanka weiterhin gesucht worden sei. Zwar kommen angesichts des langen Zeitablaufs und der veränderten politischen Lage gewisse Zweifel am nach wie vor bestehenden Verfolgungsinteresse gegenüber der Be- schwerdeführerin auf. Auf der anderen Seite ist festzustellen, dass – wie oben dargelegt – Vergeltungsmassnahmen nicht gänzlich ausge- schlossen werden können. Die Beschwerdeführerin war immerhin ein- ziges Verbindungsglied zu der Entführung von Mitgliedern der Grup- pierung um Karuna und damit der heutigen TMVP, die in jüngster Zeit an Einfluss gewonnen hat. Ausserdem wurde die Familie der Be- schwerdeführerin gezielten Nachstellungen ausgesetzt. So geht aus den vorgelegten Beweismitteln hervor, dass G._______, die Schwester der Beschwerdeführerin, bei welcher im Jahre 2004 die Kinder D._______ und E._______ unterkamen, am 2. September 2008 das Opfer eines gezielten, gegen die LTTE gerichteten Vergeltungsschla- Seite 18D-4443/2006 ges wurde. Aufgrund der in diesem Zusammenhang vorgelegten Un - terlagen, aber auch der Ausführungen der Tochter D._______ (N _______), ist zu schliessen, dass der Sohn der ermordeten G._______ – namens Z._______, X._______ genannt respektive mit Kampfnamen Y._______ – ein relevantes Kadermitglied der LTTE im Raum von Batticaloa geworden ist. Aufgrund der Ausführungen der Beschwerdeführerin ist davon auszugehen, dass er es war, der sie im Januar 2004 bei ihrer Ausreise aus Sri Lanka organisatorisch und mit einem namhaften Geldbetrag unterstützte. Der Tod der Schwester G._______ im Rahmen einer Vergeltungsaktion lässt mindestens die subjektive Furcht der Beschwerdeführerin vor Nachstellungen als wei- terhin sehr präsent erscheinen. 5.4.4Angesichts dieser Umstände lässt sich die veränderte politische Lage im Heimatstaat der Beschwerdeführerin dieser nicht entgegen halten. 5.5 Vor diesem Hintergrund ist insgesamt festzustellen, dass die Be- schwerdeführerin im Zeitpunkt der Ausreise ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt war. Zwar hat sich die politische Si- tuation in jüngerer Zeit wesentlich verändert, von einer ernsthaften und dauerhaften Verbesserung zugunsten der Beschwerdeführerin kann jedoch aufgrund einer Betrachtung der gesamten Aktenlage nicht ausgegangen werden. 5.6 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt und als Flücht- ling anzuerkennen ist. 6. Die Tochter der Beschwerdeführerin machte keine eigenen Asylgründe geltend. Nachdem sie im Zeitpunkt der Einreise in die Schweiz noch minderjährig war, ist sie in die Flüchtlingseigenschaft ihrer Mutter ein- zubeziehen (vgl. Art. 51 Abs. 1 AsylG; EMARK 1996 Nr. 18). 7. Aus den Akten ergeben sich keine Hinweise darauf, dass ein Asylaus- schlussgrund (im Sinne von Art. 53 AsylG) bestehen könnte. Die Be- schwerde ist daher gutzuheissen, die Verfügung des BFM vom 22. Juni 2005 aufzuheben und das BFM anzuweisen, den Beschwerdeführerin- nen Asyl zu gewähren. Seite 19D-4443/2006 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wird damit gegenstandslos. 8.2 Nachdem die Beschwerdeführerinnen mit ihrer Beschwerde durch- gedrungen sind, ist ihnen in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG eine Parteientschädigung für die ihnen erwachsenen notwendigen Vertre- tungskosten zuzusprechen (vgl. dazu Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der Rechtsvertreter weist in seiner letzten Kostennote vom 16. Oktober 2008 einen Auf- wand von insgesamt 23 Stunden zu einem Ansatz von Fr. 200.– aus, ausmachend einen Betrag von Fr. 4600.–, ferner Auslagen in der Höhe von Fr. 148.70, zuzüglich Mehrwertsteuer auf dem Gesamtbetrag. Der ausgewiesene zeitliche Aufwand ist indes deutlich zu kürzen, da be- reits der in der ersten Kostennote vom 16. August 2005 ausgewiesene Aufwand von 15 Stunden als der Sache unangemessen hoch zu er- kennen ist. Die Zunahme des Aufwandes in den nachfolgenden Kos- tennoten muss im Weiteren aufgrund der Akten als teilweise sprung- haft bezeichnet werden (vgl. Kostennote vom 8. November 2005 [plus 2 Stunden], vom 8. April 2008 [plus 4 Stunden] und vom 16. Oktober 2008 [plus 2 Stunden]). Vor diesem Hintergrund ist die von der Vor- instanz auszurichtende Parteientschädigung nach Ermessen sowie un- ter Berücksichtigung des üblichen Aufwandes in vergleichbaren Fällen auf Fr. 3'200.– festzusetzen (inkl. Auslagen und MwSt). (Dispositiv nächste Seite) Seite 20D-4443/2006 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung des BFM vom 22. Juni 2005 wird aufgehoben und das BFM angewiesen, den Beschwerdeführerinnen Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführerinnen eine Partei- entschädigung von Fr. 3'200.– (inkl. Auslagen und MwSt) auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an: - den Rechtsvertreter der Beschwerdeführerinnen (Einschreiben; Bei- lagen: angefochtene Verfügung im Original, die als Beweismittel vor- gelegten persönlichen Briefe ihrer Kinder und ihrer Schwester) - das BFM, Abteilung Aufenthalt, mit den Akten Ref.-Nr. N _______ (per Kurier; in Kopie) - ... Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Lorenz Mauerhofer Versand: Seite 21