B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4666/2023 U r t e i l v o m 11 . S e p t e m b e r 2 0 2 3 Besetzung Einzelrichterin Jeannine Scherrer-Bänziger, mit Zustimmung von Richterin Contessina Theis; Gerichtsschreiberin Anna Dürmüller Leibundgut. Parteien A._______, geboren am (…), Somalia, vertreten durch Marek Wieruszewski, Solidaritätsnetz Bern, Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (sicherer Drittstaat - Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG); Verfügung des SEM vom 22. August 2023. D-4666/2023 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin suchte am 5. Juni 2023 in der Schweiz um Asyl nach. B. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck -Datenbank (Zentralein- heit EURODAC) durch das SEM am 6. Juni 2023 ergab, dass sie am (…) in Griechenland um Asyl ersucht hatte und ihr am (…) Schutz gewährt wor- den war. C. Anlässlich des Gesprächs zur Rückführung in einen sicheren Drittstaat vom 13. Juni 2023 führte die Beschwerdeführerin aus, sie sei am (…) nach Griechenland gelangt. Ende (…), nachdem ihr Schutz gewährt worden sei, habe sie das Flüchtlingscamp verlassen müssen. Sie habe aber weder eine Unterkunft noch Unterstützung erhalten und daher unter anderem auf Kinderspielplätzen schlafen müssen. Sie sei oft von Männern belästigt wor- den. Einmal sei sie mitgegangen, als ein Somalier sie zu sich nach Hause eingeladen habe. Er habe sie dann aber mittels Nacktfotos zu Geschlechts- verkehr gezwungen, gewürgt und eingesperrt. Das habe sie krank ge- macht. Nachdem ihr die Flucht gelungen sei, habe sie in ihrem vormaligen Camp um Hilfe gebeten, sei jedoch weggeschickt worden. Dasselbe sei ihr beim Polizeiposten, bei einer Hilfsorganisation sowie bei der Moschee pas- siert. Beim HELIOS-Programm sei ihr ebenfalls nicht geholfen worden. Sie habe keine Arbeit gefunden, auf der Strasse geschlafen und sich das Es- sen aus dem Abfall geholt. Am (…) sei sie schliesslich mit Hilfe einer so- malischen Frau aus Griechenland ausgereist. Auf Vorhalt der voraussicht- lichen Wegweisung nach Griechenland erklärte die Beschwerdeführerin, in Griechenland sei ihr Schlimm es widerfahren. Sie könne nicht vergessen, was dieser Mann ihr angetan habe, zudem habe sie weder Unterkunft noch Essen erhalten. Daher wolle sie in der Schweiz bleiben. Hier gehe es ihr gut. Als Folge der erlittenen Genitalverstümmelung habe sie immer starke Periodenschmerzen. In Griechenland habe sie jedoch keine Medikamente dagegen erhalten. D. D.a Am 15. Juni 2023 ersuchte das SEM die griechischen Behörden um Rückübernahme der Beschwerdeführerin gestützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. De- zember 2008 über gemeinsame Normen und Verfahren in den Mitglied -D-4666/2023 Seite 3 staaten zur Rückführung illegal aufhältiger Drittstaatsangehöriger (Rück- führungsrichtlinie) sowie das Abkommen vom 28. August 2006 zwischen dem Schweizerischen Bundesrat und der Regierung der Hellenischen Re- publik über die Rückübernahme von Personen mit irregulärem Aufenthalt (SR 0.142.113.729). D.b Mit Schreiben vom 19. Juni 2023 stimmten die griechischen Behörden dem Rückübernahmeersuchen zu und b estätigten gleichzeitig, dass der Beschwerdeführerin am (…) Flüchtlingsschutz gewährt worden und ihre Aufenthaltsbewilligung bis am (…) gültig sei. E. Mit Eingabe vom 13. Juli 2023 beantragte die vormalige Rechtsvertretung eine Zusatzbefragung für Opfer von Menschenhandel. Das SEM wies die- sen Antrag mit Schreiben vom 18. Juli 2023 ab. F. Das SEM unterbreitete der Beschwerdeführerin am 21. August 2023 (Über- mittlungsdatum) einen ablehnenden Entscheidentwurf zur Stellungnahme. Die Beschwerdeführerin äusserte sich dazu mit Schreiben vom 22. August 2023. G. Mit Verfügung vom 22. August 2023 – tags darauf eröffnet – trat das SEM in Anwendung von Art. 31 a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, ordnete die We gweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug der Wegweisung nach Griechenland an und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Eintritt der Rechtskraft der Verfügung zu verlassen. Zur Begründung führte es aus, die Beschwerdeführerin sei in Griechen- land, einem sicheren Drittstaat, als Flüchtling anerkannt worden. Griechen- land habe der Rückübernahme zugestimmt. Es handle sich bei Griechen- land um einen Rechtsstaat mit funktionierender Polizeibehörde. Falls sich die Beschwerdeführerin vor Übergriffen durch Privatpersonen fürchte oder solche erleide, sei es ihr – allenfalls mit der Hilfe von karitativen Organisa- tionen – zuzumuten, sich an die zuständigen staatlichen Stellen zu wen- den. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts sei die Zu- lässigkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs nach Griechenland gegeben. Es bestehe sodann die Legalvermutung, dass der Wegweisungs- vollzug in einen EU- oder EFTA-Staat auch zumutbar sei; diese könne um-D-4666/2023 Seite 4 gestossen werden, falls konkrete Anhaltspunkte bestünden, dass eine (vul- nerable) Person in Griechenland aufgrund individueller Umstände in eine existenzielle Notlage geraten würde. Die Beschwerdeführerin könne sich indes in Griechenland mit ihrem Schutzstatus hinsichtlich Fürsorge, medi- zinischer Versorgung, Unterkunft, Erwerbstätigkeit etc. auf die Garantien der Richtlinie 2011/95/EG des Rates vom 13. Dezember 2011 (Qualifikati- onsrichtlinie) berufen. Es könne von ihr erwartet werden, sich bei Bedarf an die Behörden zu wenden und nötigenfalls den Rechtsweg zu beschrei- ten. Ihr Einwand, es sei ihr nirgendwo geholfen worden, sei unsubstanziiert und stereotyp ausgefallen und als wenig plausibel zu erachten. Es sei auch nicht plausibel, dass sie während ihres dreijährigen Aufenth alts in Grie- chenland keinerlei Sprachkenntnisse erworben und niemanden kennenge- lernt habe, der sie über Beratungs- und Unterstützungsangebote hätte in- formieren können, dann aber angeblich somalische Personen getroffen habe, welche sie unentgeltlich nach It alien gebracht respektive ihr ein Ti- cket für die Fahrt in die Schweiz gekauft hätten. Demnach sei zu bezwei- feln, dass sie nach Verlassen des Camps über ein Jahr ohne jegliche Un- terstützung auf der Strasse habe leben müssen. Sie habe nicht dargetan, dass sie alle Möglichkeiten ausgeschöpft habe, um in Griechenland ihre Rechte einzufordern. Es sei ferner davon auszugehen, dass sie eine Sozi- alversicherungsnummer («AMKA») erhalten habe oder beantragen könne, womit sie Zugang zum griechischen Gesundheits - und Versicherungswe- sen habe und sich als arbeitssuchend bei den entsprechenden Stellen mel- den könne. Ergänzend habe sie die Möglichkeit, sich an eine der verschie- denen vor Ort tätigen Hilfsorganisationen für Flüchtlinge, Obdachlose und Frauen zu wenden. Zu verwe isen sei ausserdem auf das HELIOS -Pro- gramm. Insgesamt sei davon auszugehen, dass es ihr möglich sein sollte, eine Unterkunft sowie ausreichende Unterstützung zu organisieren. Die ak- tenkundigen gesundheitlichen Beschwerden seien nicht gravierend. Zu- dem sei die adäquate medizinische Versorgung in Griechenland für Perso- nen mit Schutzstatus gewährleistet. Demnach sei auf das Asylgesuch nicht einzutreten, und der Vollzug der Wegweisung nach Griechenland sei als durchführbar zu erachten. Die Ausführungen in der S tellungnahme zum Entscheidentwurf vermöchten daran nichts zu ändern. Insbesondere sei wie erwähnt nicht davon auszugehen, dass es sich bei der Beschwerde- führerin um eine äusserst vulnerable Person im Sinne der Rechtsprechung handle. H. Die zugewiesene Recht svertretung teilte dem SEM mit Schreiben vom 23. August 2023 mit, das Mandatsverhältnis sei beendet. D-4666/2023 Seite 5 I. Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 29. August 2023 focht die Beschwerdeführerin diesen Entscheid an. Sie beantragte, die ange- fochtene Verfügung sei aufzuheben, und das SEM sei anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten. Eventuell sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung, inklusive Verzicht auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses. Der Beschwerde lagen die angefochtene Verfügung sowie eine Vollmacht vom 24. August 2023 bei (Kopien). J. Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 31. August 2023 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). Das Gericht bestätigte gleichentags den Eingang der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei- lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vor- liegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden, und die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). D-4666/2023 Seite 6 3. 3.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über- prüfen (Art. 31 a Abs.1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be- schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3.2 Bezüglich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs hat die Vorinstanz eine materielle Prüfun g vorgenommen, weshalb dem Bundesverwaltungsgericht diesbezüglich volle Kognition zukommt. 4. 4.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli- cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs- weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Ur- teil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). 4.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 5. Die Beschwerdeführerin beantragt eventualiter, die Sache sei zur Neube- urteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen (vgl. Ziff. 2 der Rechtsbegeh- ren). Aus der Beschwerdebegründung geht indes nicht hervor, weshalb sie eine Kassation beantragt respektive welche konkreten Verfahrensfehler sie damit rügt. Dieses Rechtsbegehren ist daher als unbegründet zu erachten, zumal auch von Amtes wegen keine formellen Mängel ersichtlich sind, wel- che eine Rückweisung der Sache an das SEM rechtfertigen würden, und der rechtserhebliche Sachverhalt spruchreif erscheint. 6. 6.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch nicht ein- getreten, wenn die asylsuchende Person in einen nach Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückk ehren kann, in welchem sie sich vorher aufgehalten hat. 6.2 Den Akten zufolge (vgl. A13) wurde die Beschwerdeführerin in Grie- chenland am (…) als Flüchtling anerkannt und verfügt über eine bis am (…) gültige griechische Aufenthaltsbewilligung. Zudem haben die griechischen Behörden der Rückübernahme der Beschwerdeführerin am 19. Juni 2023 D-4666/2023 Seite 7 ausdrücklich und vorbehaltlos zugestimmt. Die Beschwerdeführerin be- streitet dies nicht. Es ist demnach ohne weiteres davon auszugehen, dass sie nach Griechenland zurückkehren und sich dort legal aufhalten kann. 6.3 Griechenland ist ein EU-Staat und gilt als sicherer Drittstaat im Sinne von Art. Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG (vgl. den – bisher nicht revidierten – Beschluss des Bundesrates vom 14. Dezember 2007). 6.4 Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch nicht eingetreten. 7. 7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). 7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4, 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. 8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG, Art. 83 Abs. 1 AIG). Vorliegend ist der Wegweisungsvollzug in Bezug auf Griechenland zu prüfen. 8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz (insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkom- mens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30], Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand- lung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat -, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat - oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret ge- fährdet sind. Der Vollzug ist schliesslich nicht möglich, wenn die Auslände- rin oder der Ausländer wede r in den Heimat - oder in den Herkunftsstaat D-4666/2023 Seite 8 noch in einen Drittstaat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AIG). 8.3 In Bezug auf die Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshinder- nissen gilt gemäss der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 8.4 In der Beschwerde wird vorgebracht, die Beschwerdeführerin habe in Griechenland keinerlei Unterstützung erhalten. Selbst nach der erlittenen Vergewaltigung sei ihr kein Schutz gewährt worden. Ihre Unterleibs- schmerzen aufgrund der Genitalverstümmelung im He imatland seien ebenfalls nicht behandelt worden. Unter Verweis auf mehrere Medienbe- richte, Berichte einschlägiger staatlicher und nicht-staatlicher Organisatio- nen sowie die Urteile zweier deutscher Gerichte aus dem Jahr 2021 wird sodann ausgeführt, es sei allgemein bekannt, dass anerkannte Flüchtlinge in Griechenland nicht ausreichend unterstützt respektive durch bürokrati- sche, sprachliche und kulturelle Hürden daran gehindert würden, ihre An- sprüche durchzusetzen. Bei einer Rücküberstellung nach Griechenland bestehe das Risiko einer Verletzung von Art. 3 EMRK. Zudem könne die Regelvermutung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs angesichts der prekären, menschenunwürdigen Lebensbedingungen, welchen Schutzberechtigte in Griechenland ausgesetzt seien, nicht mehr aufrecht- erhalten werden. Die karitativen Organisationen seien nicht in der Lage, die Missstände zu kompensieren. Die Beschwerdeführerin sei aufgrund ih- rer persönlichen Eigenschaften und Erlebnisse als besonde rs vulnerable Person zu erachten. 8.5 Entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin erweist sich der Voll- zug der Wegweisung nach Griechenland in Beachtung der vorstehend (vgl. E. 8.2) genannten völker- und landesrechtlichen Bestimmungen als zuläs- sig. Es handelt sich bei Griechenland um einen sicheren Drittstaat, in wel- chem die Beschwerdeführerin Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG findet. Griechenland ist sodann Signatarstaat der EMRK, der FoK und der FK sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Ja- nuar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrecht- lichen Verpflichtungen grundsätzlich nach. Zwar anerkennt das Bundesver- waltungsgericht, dass die Lebensbedingungen in Griechenland für dort an- erkannte Schutzberechtigte in fast allen Bereichen des täglichen Lebens äusserst schwierig sind und sich die Alltagsbewältigung beschwerlich D-4666/2023 Seite 9 gestaltet. Es ist aber nicht von einer Situation auszugehen, in der jeder Person mit Schutzstatus eine unangemessene und erniedrigende Behand- lung im Sinne einer Verletzung von Art. 3 EMRK drohen würde (vgl. das Referenzurteil des BVGer E-3427/2021, E-3431/2021 vom 28. März 2022, E. 11.2). Ferner lassen auch die aktenkundigen medizinischen Probleme der Beschwerdeführerin (vgl. A10 F42 f., A10 S. 6, A16 und A17: […]) nicht befürchten, dass sie bei einer Überstellung nach Griechenland eine ernst- hafte, rapide und irreversible Verschlechterung ihrer Lage, verbunden mit übermässigem Leiden oder einer bedeutenden Verkürzung der Lebenser- wartung, zu erwarten hätte, wie dies für eine Annahme der Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs aus medizinischen Gründen gefordert wird. So- mit liegen insgesamt keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Griechenland einer men- schenunwürdigen oder erniedrigenden Behandlung ausgesetzt wäre. Die in der Beschwerde zitierten Berichte und Urteile deutscher Gerichte ver- mögen an dieser Einschätzung nichts zu ändern. 8.6 Hinsichtlich der Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ist Folgendes festzustellen: 8.6.1 Gemäss Art. 83 Abs. 5 AIG ist eine Wegweisung in einen EU - oder EFTA-Staat vermutungsweise zumutbar. Diese Legalvermutung gilt grund- sätzlich auch für vulnerable Personen wie beispielsweise Menschen, wel- che an gesundheitlichen Problemen leiden, die nicht als schwerwiegende Erkrankung einzustufen sind. Hingegen erachtet das Gericht den Vollzug der Wegweisung von äussert vulnerablen schutzberechtigten Personen grundsätzlich als unzumutbar, ausser, es bestünden besonders begünsti- gende Umstände, aufgrund derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen werden kann. Als äusserst vul- nerabel gelten Personen, welche aufgrund ihrer besonders hohen Verletz- lichkeit im Falle einer Rückkehr nach Griechenland Gefahr laufen, dauer- haft in eine schwere Notlage zu geraten, weil sie nicht in der Lage sind, aus eigener Kraft die ihnen zustehenden Rechte vor Ort einzufordern. Da- runter fallen beispielsweise unbegleitete Minderjährige oder Personen, de- ren psychische oder physische Gesundheit in besonders schwerwiegender Weise beeinträchtigt ist (vgl. zum Ganzen E-3427/2021, E -3431/2021 E. 11.5.1 und E. 11.5.3). 8.6.2 Wird im konkreten Einzelfall festgestellt, dass die Legalvermutung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs besteht, so hat die betroffene Person die Möglichkeit, diese umzustossen. Dazu hat sie jedoch ernsthafte D-4666/2023 Seite 10 Anhaltpunkte dafür vorzubringen, dass sie in Griechenland aufgrund von individuellen Umständen sozialer, wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle Notlage geraten würde (vgl. E-3427/2021, E-3431/2021 E. 11.4). 8.6.3 Aufgrund der Aktenlage ist entgegen der in der Beschwerde vertrete- nen Auffassung nicht davon auszugehen, dass es sich bei der Beschw er- deführerin um eine äussert vulnerable Person handelt. Sie ist im heutigen Zeitpunkt (…) Jahre alt und damit nicht mehr in einem per se besonders verletzlichen (jugendlichen) Alter. Wie bereits erwähnt leidet sie ferner nicht an schwerwiegenden Krankheite n oder Behinderungen. Die aktenkundi- gen Beschwerden ( […]), welche von ihr geltend gemacht und teilweise ärztlich bestätigt wurden (vgl. die Arztberichte vom Juni/Juli 2023, A16 und A17), erforderten offenbar keine dringlichen Behandlungen; auf Beschwer- deebene wird diesbezüglich ebenfalls nichts Näheres vorgebracht. Dem- nach ist auch nicht anzunehmen, dass die Beschwerdeführerin in naher Zukunft dringend auf eine medizinische Behandlung zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Existenz angewiesen ist. Den Ak ten können auch keine weiteren Indizien entnommen werden, welche für eine beson- dere Vulnerabilität der Beschwerdeführerin sprechen würden. Demnach gilt im Falle der Beschwerdeführerin die Legalvermutung, wonach der Voll- zug der Wegweisung nach Griechenland grundsätzlich zumutbar ist. Die Beschwerdeführerin hat im Weiteren keine ernsthaften Anhaltspunkte dafür vorgebracht, dass sie aufgrund von individuellen Umständen sozia- ler, wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art bei einer Rückkehr nach Grie- chenland in eine existenzielle Notlage geraten würde. Zwar wird sie im Falle einer Rückkehr nach Griechenland aus sprachlichen Gründen, auf- grund mangelnder Bildung und Berufserfahrung sowie ihrer medizinischen Probleme und allgemein ihres Migrationshintergrunds wegen zweifellos mit erheblichen Hindernissen zu kämpfen haben. Diese erscheinen bei zumut- barer Eigeninitiative jedoch nicht unüberwindbar. Es ist darauf hinzuwei- sen, dass sich die Beschwerdeführerin als anerkannter Flüchtling auf die Qualifikationsrichtlinie berufen kann. Kapitel VII dieser Richtlinie regelt die den Flüchtlingen und Personen mit subsidiärem Schutzstatus zu gewäh- renden Rechte (vgl. insb. die Art. 26 [Zugang zu Beschäftigung], Art. 29 [Sozialhilfe] und Art. 30 [medizinische Versorgung] i.V.m. Art. 20 Abs. 2). Es obliegt der Beschwerdeführerin, bei den zuständigen Behörden ihre Rechte geltend zu machen und nötigenfalls auf dem Rechtsweg durchzu- setzen. Das SEM hat zudem zu Recht darauf hingewiesen, dass davon auszugehen ist, dass die Beschwerdeführerin über eine AMKA -Nummer D-4666/2023 Seite 11 verfügt und damit grundsätzlich Zugang zu Sozialleistungen, zum Arbeits- markt und zur notwendigen Gesundheitsversorgung hatte respektive auch zukünftig hat. Wie ebenfalls bereits vom SEM erwähnt wurde, sind in Grie- chenland zahlreiche Hilfsorganisationen aktiv, welche Flüchtlingen zur Seite stehen (vgl. dazu die ausführlichen und zutreffenden Erwägungen des SEM auf S. 6 der angefochtenen Verfügung). Die Beschwerdeführerin hat sich indes eigenen Angaben zufolge zwischen ihrem Austritt aus dem Camp im (…) und der Ausreise aus Griechenland im (…) lediglich einmal beim Erstaufnahmecamp sowie angeblich mehrmals «irgendwo anders» gemeldet (vgl. A10 F 18 ff., F39 f. ). Zudem habe sie sich vergeblich ans HELIOS-Projekt gewandt und erfolglos versucht, medizinische Hilfe zu er- halten (vgl. A10 F32 und S. 6 ). Ansonsten habe sie nichts unternommen (vgl. A10 F37). Abgesehen davon, dass auch die geltend gemachten An- strengungen angesichts der – trotz mehrfachen Nachfragens seitens der SEM-Mitarbeiterin – unsubstanziierten, vagen und ausweichenden Aussa- gen zu bezweifeln sind, ist festzustellen, dass diese Bemühungen weit un- ter der der Beschwerdeführerin zuzumutenden Eigeninitiative liegen, zu- mal auch die von ihr suggerierte Hilflosigkeit zu bezweifeln ist. Die Be- schwerdeführerin hat sich nämlich eigenen Angaben zu folge bereits ab dem (…) in Griechenland aufgehalten (vgl. A10 F3). Da sie dort aber erst am (…) registriert wurde (vgl. EURODAC-Eintrag, A5), ist davon auszuge- hen, dass sie erst ab diesem Datum in einem Camp untergebracht war. Daraus ist zu schliessen, da ss sie davor – d.h. über ein Jahr lang – aus- serhalb der Asylstrukturen lebte, was wiederum darauf hinweist, dass sie damals anderweitig unterstützt wurde. Im Übrigen erscheint es ohnehin re- alitätsfremd, dass sie während ihres über drei Jahre dauernden Aufenthalts in Griechenland weder – zumindest rudimentäre – Griechischkenntnisse erworben noch soziale Kontakte – beispielsweise zu Personen aus der so- malischen Diaspora – geknüpft hat. Das Vorbringen, sie sei völlig isoliert gewesen und habe erst im (…) eine Somalierin kennengelernt, welche ihr dann gleich die Ausreise ermöglicht habe, kann nach dem Gesagten – wie bereits vom SEM zutreffend bemerkt wurde – nicht geglaubt werden. Fer- ner ist auch zu bezweifeln, dass die Beschwerdeführerin Analphabetin ist, hat sie doch das Personalienblatt offenbar selbständig ausgefüllt (vgl. A2 S. 2). Im Ergebnis ist davon auszugehen, dass es der Beschwerdeführerin zuzumuten ist, sich bei einer Rückkehr nach Griechenland – allenfalls mit Hilfe der vor Ort tätigen karitativen Organisationen – Zugang zu Unterstüt- zungsangeboten sowie zum Wohnungs- und Arbeitsmarkt und bei Bedarf zu medizinischer Versorgung zu verschaffen. Sollte sie erneut von Drittper- sonen behelligt werden, kann sie sich an die zuständigen staatlichen Stel- len wend en; diese sind ohne weiteres als schutzfähig und -willig zu D-4666/2023 Seite 12 erachten. Somit bestehen keine konkreten und glaubhaften Anhaltspunkte dafür, dass sie in Griechenland aufgrund von individuellen Umständen in eine existenzielle Notlage geraten würde. Es ist ihr demnach nicht gelun- gen, die Legalvermutung zugunsten der Zumutbarkeit des Wegweisungs- vollzugs umzustossen. 8.6.4 Der Vollzu g der Wegweisung der Beschwerdeführerin nach Grie- chenland ist nach dem Gesagten als zumutbar zu erachten. 8.7 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich schliesslich auch als möglich im Sinne von Art. 83 Abs. 2 AIG, zumal die griechischen Behörden einer Rückübernahme der Beschwerdeführerin ausdrücklich zugestimmt haben. 8.8 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz den Wegwei- sungsvollzug nach Griechenland zu Recht als zulässig, zumutbar und mög- lich bezeichnet hat. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme f ällt damit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1‒4 AIG). 9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit die sbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Dementsprechend ist die Beschwerde ab- zuweisen. 10. 10.1 Angesichts des direkten Entscheids in der Sache erweist sich der An- trag, es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten, als gegenstandslos. 10.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist ungeachtet der geltend gemachten prozessualen Bedürftigkeit abzuwei- sen, da sich die Beschwerdebegehren entsprechend den vorstehenden Er- wägungen von vornherein als aussichtslos erwiesen haben. 10.3 Demzufolge sind die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 750.– der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1‒3 des Reg- lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) D-4666/2023 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden der Beschwerdeführerin aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Jeannine Scherrer-Bänziger Anna Dürmüller Leibundgut Versand: