Beschluss vom 23. Oktober 2014 Beschwerdekammer Besetzung Bundesstrafrichter Stephan Blättler, Vorsitz, Emanuel Hochstrasser und Cornelia Cova, Gerichtsschreiber Martin Eckner Parteien KANTON THURGAU, Gesuchsteller gegen KANTON ZÜRICH, Gesuchsgegner Gegenstand Gerichtsstandskonflikt (Art. 40 Abs. 2 StPO) B u n d e s s t r a f g e r i c h t T r i b u n a l p é n a l f é d é r a l T r i b u n a l e p e n a l e f e d e r a l e T r i b u n a l p e n a l f e d e r a l Geschäftsnummer: BG.2014.26 - 2 - Sachverhalt: A. Der Beschuldigte A. ist ein einschlägig vorbestrafter Drogenhändler dom i- nikanischer Herkunft. Gemäss Ermittlungsbericht der Stadtpolizei Zürich vom 9. September 2011 betreffend "Aktion B." wurde A. am 5. August 2009 an einem konspirativen Treffen in Zürich beobachtet, wobei in diesem Z u- sammenhang Kokain auch durch dessen Hände gegangen sein soll (Akten Kanton Zürich, act. 2 S. 8). Es ergibt sich daraus, dass in diesem Zeitpunkt Ermittlungshandlungen der Stadtpolizei Zürich wegen Drogendelikten ge- gen A. im Gange waren – auch wenn gegen diesen im damaligen Zeitpunkt formell noch keine Strafuntersuchung eröffnet worden war. A. wurde in der Folge durch die Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich am 25. September 2012 auch zur Verhaftung ausgeschrieben, und zwar für den Tatbegehungszeitraum April/Mai 2009 bis 19. März 2010 (act. 1 S. 3). Im Kanton Th urgau wurde demgegenüber ab 16. August 2010 gegen A. ermittelt, wobei sich an diesem Datum herausstellte, dass eine Kokainliefe- rung in Z. TG ursprünglich aus dem Lager von A. in einer Wohnung in Y. ZH stammte (act. 1 S. 2). A. wurde am 3. Juni 2014 in Madrid verhaftet und in der Folge an die Schweiz ausgeliefert (Akten Kanton Thurgau, Ordner 1, Faszikel Z, pag. 54, 67). B. Nachdem sich im Rahmen des durch den Kanton Thurgau angestrengten Auslieferungsverfahrens herausgestellt hatte , dass gegen A. bzw. wegen von diesem begangenen Delikten durch den Kanton Zürich bereits vorgä n- gig ermittelt worden war, st ellte die Staatsanwaltschaft Frauenfeld mit Schreiben vom 2 1. August 2014 ein Ersuchen um Verfahrensübernahme an die Staatsa nwaltschaft II des Kantons Zürich ( Akten Kanton Thur gau, Ordner 2, Faszikel BV, pag. 1 f.). Mit Schreiben vom 26. August 2014 lehn- te die Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich die Verfahrensübernahme ab, im Wesentlichen mit der Begründung, sie habe erst am 7. Juli 2011 (formell) ein Verfahren gegen A. wegen der im Jah re 2009 gehandelten ca. 500 Gramm Kokain eröffnet (Akten Kanton Thurgau, Ordner 2, Faszikel BV, pag. 9 f.). Die Generalstaatsanwaltschaft Thurgau wandte sich deshalb mit Schreiben vom 8. September 2014 an die Oberstaatsanwaltschaft Z ü- rich und ersuchte erneut um Verfahrensübernahme durch den Kanton Z ü- rich (Akten Kanton Thu rgau, Ordn er 2, Faszikel BV, pag. 14–16). Die Oberstaatsanwaltschaft Zürich lehnte dies es Gesuch mit Schreiben vom 24. September 2014 ebenfalls ab und ersuchte ihrerseits um Übernahme des Zürcher Verfahrens (Akten Kanton Thurgau, Ord ner 2, Faszi kel BV, pag. 17–20). - 3 - C. Am 30. September 2014 richtete die Generalstaatsanwaltschaft Thurgau ein Gesuch um Bestimmung des Gerichtsstand es an das hiesige Gericht (act. 1). Zur Antwort eingeladen , reagierte die Oberstaats anwaltschaft Zü- rich mit Gesuchsantwort vom 13. Oktober 2014 und beantragte, die Stra f- verfolgungsbehörden des Kantons Thurgau seien zur Verfolgung und Beur- teilung der A. zur Last gelegten Delikte für berechtigt und verpflichtet zu er- klären (act. 3). D. In der Zwischenzeit stellte der Vertreter von A. dem Gericht mit Schreiben vom 10. Oktober 2014 ei n Gesuch um Akteneinsicht (act. 4, am 14. Oktober 2014 eingegangen). Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten wird, s o- weit erforderlich, in den nachfolgenden rechtlichen Erwägungen eingegan- gen. Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung: 1. 1.1 Die Zuständigkeit der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts zum Entscheid über Gerichtsstandsstreitigkeiten ergibt sich aus Art. 40 Abs. 2 sowie Art. 449 Abs. 2 der Strafprozessordnung (StPO; SR 312.0), Art. 37 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 19. März 2010 über die Organisation der Strafbehörden des Bundes (Strafbehördenorganisationsgesetz, StBOG; SR 173.71) sowie Art. 19 Abs. 1 des Organisationsreglements für das Bun- desstrafgericht vom 31. August 2010 (Organisationsreglement BStGer, BStGerOR; SR 173.713.161). Voraus setzung für die Anrufung der Be- schwerdekammer ist, dass ein Streit über einen interkantonalen Gericht s- stand vorliegt und dass die Kantone über diesen Streit einen Meinungsaus- tausch durchgeführt haben (DONATSCH/HANSJAKOB/LIEBER, Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2014, Art. 40 N. 9). Dabei unterbreitet die Staatsanwaltschaft desjenigen Ka n- tons, welcher zuerst mit der Sache befasst war, die Frage unverzüglich dem Gericht (Art. 40 Abs. 2 StPO). Nach der Praxis der Beschwerdekam- mer ist das Kriterium der Unverzüglichkeit er füllt, wenn das Ge richts- standsgesuch innert 10 Tagen seit dem Abschluss des Meinungsausta u- sches eingereicht wird und keine zwingenden Gründe für ein Abweichen von der 10-Tagefrist vom Gesuchsteller liquid dargelegt werden (siehe B e-- 4 - schlüsse des Bundes strafgerichts BG.2011.7 vom 17. Juni 2011, E. 2.2 und BG.2011.17 vom 15. Juli 2011, E. 2.1). 1.2 Die Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Thurgau ist berechtigt, den Gesuchsteller in interkantonalen Geri chtsstandskonflikten vor der Be- schwerdekammer des Bundess trafgerichts zu vertreten (Art. 31 Abs. 1 Satz 1 des Gesetzes über die Zivil - und Strafrechtspflege [ZSRG/TG; TG Rechtsbuch 312.1]). Bezüglich des Gesuchsgegners gilt das Gleiche für die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich. Der Gesuchsteller hat mit dem Gesuchsgegner vor Einreichung des G e- suchs einen Meinungsaustausch durchgeführt, wobei sich keine Einigung ergab. Der Meinungsaustausch ist deshalb als abgeschlossen zu betrac h- ten. Auf das Gesuch um Bestimmung des Gerichtsstandes ist einzutreten. 1.3 Nicht einzutreten ist a uf das Akteneinsichtsgesuch von A., da er nicht Pa r- tei des vorliegenden Verfahrens ist. Ihm steht das Verfahren nach Art. 41 StPO offen. 2. Es ergibt sich aus den Akten , dass von den zwei Verfahrensparteien der Gesuchsgegner als Ers ter mit der Strafuntersuchung wegen Drogendeli k- ten, für welche sich A. als Täter herausstellte, befasst war , wobei davon auszugehen ist, dass es sich bei diesen Drogendelikten um Taten handelt, welche der gleichen Strafdrohung unterliegen. Die Argumentatio n des Gesuchsgegners, wonach gegen A. persönlich im Zeitpunk t der Ermit t- lungshandlungen (5. August 2009) formell noch keine Untersuchung eröff- net worden war, verfängt nicht, denn es geht bei der Bestimmung des Ge- richtsstandes gemäss Art. 34 Abs. 1 StPO (forum praeventionis) darum, welche Behörde bezüglich der im Sinne dieses Artikels gleichartigen Deli k- te zuerst Verfolgu ngshandlungen vorgenommen hat – keine Rolle spielt dabei, ob der oder die Täter zu diesem Zeitpunkt identifiziert sind, und ob gegen diesen oder diese Täter formell eine Untersuchung eröffnet wurde. Diese Überlegungen führen in der vorliegenden Sache dazu, dass der Gesuchsgegner (Kanton Zürich) zur Verfolgung und Beurteilung der A. zur Last gelegten Delikte als zuständig zu erklären ist. 3. Es werden keine Gerichtskosten erhoben (Art. 423 Abs. 1 StPO). - 5 - Demnach erkennt die Beschwerdekammer: 1. Die Strafverfolgungsbehörden des Kantons Zürich sind berechtigt und ve r- pflichtet, die A. zur Last gelegten Straftaten zu verfolgen und zu beurteilen. 2. Auf das Akteneinsichtsgesuch des Beschuldigten A. wird nicht eingetreten. 3. Es werden keine Gerichtsgebühren erhoben. Bellinzona, 23. Oktober 2014 Im Namen der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts Der Präsident: Der Gerichtsschreiber: Zustellung an - Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Thurgau - Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich - Rechtsanwalt Adrian Blättler Rechtsmittelbelehrung Gegen diesen Entscheid ist kein ordentliches Rechtsmittel gegeben.