<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 64 S.257</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">257</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>64</b></span> <span class="ft2"><b>Überprüfung eines kommunalen Überbauungsplans auf seine</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Verfassungs- und Gesetzmässigkeit.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Kognition des Verwaltungsgerichts bei der inzidenten Normen-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>kontrolle (Erw. 2/b/aa).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Begriff der erheblichen Änderung in Art. 21 Abs. 2 RPG</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 2/b/bb).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>- Nichtanwendung eines kommunalen Baulinienplans wegen Wegfalls</b></span><br/> <span class="ft2"><b>des öffentlichen Interesses (Erw. 2/b/cc).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 19. Juni 2000 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen W., K. und J. AG gegen Baudepartement.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">258</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. Streitgegenstand bildet ein - bereits weitgehend konkretisier-</span><br/> <span class="ft1">tes - Vorentscheidsgesuch der Beschwerdeführerin 2 für ein Dop-</span><br/> <span class="ft1">peleinfamilienhaus auf der Parzelle Nr. 4238 im Gebiet ,,Rebacher"</span><br/> <span class="ft1">(Baden-Münzlishausen). Projektiert ist eine zweigeschossige, win-</span><br/> <span class="ft1">kelförmige Wohnbaute mit Attikageschoss an einer Hanglage. Vorge-</span><br/> <span class="ft1">sehen sind zwei Wohnungen, die über jeweils zwei Geschosse</span><br/> <span class="ft1">reichen, und eine Einliegerwohnung im Untergeschoss.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss dem Nutzungsplan der Stadt Baden vom 23. November</span><br/> <span class="ft1">1993 / 11. Juni 1996 befindet sich das Baugrundstück in der</span><br/> <span class="ft1">Wohnzone 2.</span><br/> <span class="ft1">2. a) Der Überbauungsplan ,,Münzlishausen" (Baulinienplan</span><br/> <span class="ft1">Nr. 2) vom 10. Dezember 1964 / 15. Februar 1966 enthält im fragli-</span><br/> <span class="ft1">chen Bereich beidseits der Müntzbergstrasse eine Baulinie von</span><br/> <span class="ft1">6.00 m. Das Bauprojekt sieht vor, die Westfassade des Doppeleinfa-</span><br/> <span class="ft1">milienhauses 4.50 m an die Strassengrenze zu rücken. Der Stadtrat</span><br/> <span class="ft1">gestand der Beschwerdeführerin 2 eine Unterschreitung der Baulinie</span><br/> <span class="ft1">um höchstens 0.65 m zu. In ihrer Verwaltungsbeschwerde vom</span><br/> <span class="ft1">28. Januar 1998 beantragte die Beschwerdeführerin 2, Ziffer 3 des</span><br/> <span class="ft1">Vorentscheids sei ersatzlos zu streichen. Das Baudepartement hob in</span><br/> <span class="ft1">Gutheissung der Beschwerde der Beschwerdeführer 1 Ziffer 3 des</span><br/> <span class="ft1">Vorentscheids auf, wobei zusätzlich allerdings hätte festgestellt</span><br/> <span class="ft1">werden müssen, dass das Bauprojekt die Baulinie von 6.00 m ein-</span><br/> <span class="ft1">halten müsse. Vor Verwaltungsgericht verlangt die Beschwerdefüh-</span><br/> <span class="ft1">rerin 1, es sei ihr - wie im Projekt vorgesehen - die Unterschreitung</span><br/> <span class="ft1">der Baulinie um 1.50 m zu erlauben.</span><br/> <span class="ft1">b) Die Beschwerdeführerin 2 macht geltend, an der erwähnten</span><br/> <span class="ft1">Baulinie bestehe kein öffentliches Interesse mehr. Sie verlangt damit,</span><br/> <span class="ft1">dass das Verwaltungsgericht den Überbauungsplan ,,Münzlishausen"</span><br/> <span class="ft1">insoweit einer inzidenten Normenkontrolle unterziehe.</span><br/> <span class="ft1">aa) Das Verwaltungsgericht ist gehalten, Erlassen die Anwen-</span><br/> <span class="ft1">dung zu versagen, die Bundesrecht oder kantonalem Verfassungs-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">259</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">oder Gesetzesrecht widersprechen (§ 95 Abs. 2 KV; § 2 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">VRPG). Nach einer langjährigen Praxis des aargauischen Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsgerichts unterliegen dieser vorfrageweisen, inzidenten oder ak-</span><br/> <span class="ft1">zessorischen Normenkontrolle auch Nutzungsordnungen und -pläne.</span><br/> <span class="ft1">Mit Rücksicht auf die autonome Stellung der Gemeinden (§ 106 KV)</span><br/> <span class="ft1">und auch darauf, dass es nicht seine Aufgabe sein kann, eine allge-</span><br/> <span class="ft1">meine Aufsicht über die (politischen) Planungsinstanzen auszuüben,</span><br/> <span class="ft1">hat sich indessen das Verwaltungsgericht bei der Überprüfung von</span><br/> <span class="ft1">Nutzungsplänen stets Zurückhaltung auferlegt. So griff es nur ein,</span><br/> <span class="ft1">wenn bestimmt abgefasste Rechtsvorschriften verletzt wurden oder</span><br/> <span class="ft1">wenn sich planerische Wertungen und Werturteile als schlechterdings</span><br/> <span class="ft1">unvertretbar oder Planungsmassnahmen als offensichtlich ungeeignet</span><br/> <span class="ft1">erwiesen, und der Entscheid sonstwie sachlich unhaltbar war, so etwa</span><br/> <span class="ft1">wenn ein in einer planerischen Rechtsnorm enthaltenes Werturteil</span><br/> <span class="ft1">gegen zwingende Gebote des Rechtsstaats, beispielsweise gegen den</span><br/> <span class="ft1">Verhältnismässigkeitsgrundsatz, verstiess. Diese Zurückhaltung</span><br/> <span class="ft1">wurde einzig dort aufgegeben, wo es um überwiegende individuelle</span><br/> <span class="ft1">Rechtsschutzanliegen ging (AGVE 1989, S. 303 ff. mit Hinweisen;</span><br/> <span class="ft1">VGE III/156 vom 30. November 1999 in Sachen M., S. 9; VGE</span><br/> <span class="ft1">III/21 vom 25. März 1993 in Sachen St. u. M., S. 30 f.).</span><br/> <span class="ft1">bb) Ein Überbauungs- bzw. Erschliessungsplan auferlegt den</span><br/> <span class="ft1">betroffenen Grundeigentümern öffentlichrechtliche Eigentumsbe-</span><br/> <span class="ft1">schränkungen. Derartige Einschränkungen tangieren das Grundrecht</span><br/> <span class="ft1">der Eigentumsgarantie (Art. 26 Abs. 1 BV) und müssen u. a. durch</span><br/> <span class="ft1">ein öffentliches Interesse gerechtfertigt sein (Art. 36 Abs. 2 BV).</span><br/> <span class="ft1">Haben sich die Verhältnisse erheblich geändert, so werden die</span><br/> <span class="ft1">Nutzungspläne überprüft und nötigenfalls angepasst (Art. 21 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">RPG). Diese Bestimmung garantiert der Nutzungsplanung einerseits</span><br/> <span class="ft1">eine gewisse Beständigkeit und sichert ihr die vom Gesetzgeber</span><br/> <span class="ft1">zugedachte Funktion. Die Pläne sind anderseits revidierbar, denn</span><br/> <span class="ft1">Planung und Wirklichkeit sollen bei Bedarf in Übereinstimmung ge-</span><br/> <span class="ft1">bracht werden können. Für eine Planänderung ist nötig, dass sich die</span><br/> <span class="ft1">Verhältnisse seit der Planfestsetzung geändert haben, diese Ver-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">260</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">änderung die für die Planung massgebenden Verhältnisse betrifft und</span><br/> <span class="ft1">erheblich ist und damit eine Plananpassung nötig erscheint (BGE 123</span><br/> <span class="ft1">I 182 mit Hinweisen). ,,Erheblich" haben sich die Verhältnisse ge-</span><br/> <span class="ft1">ändert, wenn sie das Gemeinwesen nach allgemeiner Erfahrung zu</span><br/> <span class="ft1">anderem Verhalten veranlasst hätten, wären sie zur Zeit der Nut-</span><br/> <span class="ft1">zungsplanung Wirklichkeit gewesen (Erläuterungen zum Bundesge-</span><br/> <span class="ft1">setz über die Raumplanung, hrsg. vom Bundesamt für Raumplanung,</span><br/> <span class="ft1">Bern 1981, Art. 21 N 8; vgl. zum Ganzen auch den erwähnten VGE</span><br/> <span class="ft1">vom 30. November 1999 in Sachen M., auszugsweise in AGVE</span><br/> <span class="ft1">1999, S. 285 ff.).</span><br/> <span class="ft1">cc) Hinter den Strassenabstandsvorschriften - seien es gesetzli-</span><br/> <span class="ft1">che Normalabstände oder Baulinien - stehen primär die öffentlichen</span><br/> <span class="ft1">Interessen an der ungehinderten Abwicklung des Verkehrs (Verkehrs-</span><br/> <span class="ft1">sicherheits- und Gesundheitspolizeiinteressen) sowie an der Erhal-</span><br/> <span class="ft1">tung des Planungsspielraums und der Landerwerbsmöglichkeit für</span><br/> <span class="ft1">die Bedürfnisse des zukünftigen Strassenbaus; daneben sind mehr</span><br/> <span class="ft1">und mehr auch siedlungsgestalterische Gesichtspunkte von Bedeu-</span><br/> <span class="ft1">tung (AGVE 1997, S. 332 f. mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">Bereits im Vorentscheid vom 22. Dezember 1997 hat der Stadt-</span><br/> <span class="ft1">rat eingeräumt, dass ,,an der Einhaltung dieser alten Baulinie (...) aus</span><br/> <span class="ft1">heutiger Sicht kein öffentliches Interesse mehr" bestehe. An der ver-</span><br/> <span class="ft1">waltungsgerichtlichen Augenscheinsverhandlung hat der Vertreter</span><br/> <span class="ft1">des Stadtrats diese Aussage mit den folgenden Worten bestätigt: ,,Es</span><br/> <span class="ft1">besteht heute kein öffentliches Interesse mehr an einer Baulinie an</span><br/> <span class="ft1">der Müntzbergstrasse. (...) Es gibt kein öffentliches Interesse mehr,</span><br/> <span class="ft1">ohne Vorbehalt. (...) Es gibt kein öffentliches Interesse mehr an einer</span><br/> <span class="ft1">Baulinie." Auf entsprechendes Befragen hat der stadträtliche Vertre-</span><br/> <span class="ft1">ter auch erklärt, dass keinerlei Interessen ästhetischer oder gestalte-</span><br/> <span class="ft1">rischer Art für eine Beibehaltung der Baulinie sprächen. Dass der</span><br/> <span class="ft1">Überbauungsplan ,,Münzlishausen" bezüglich der Baulinien entlang</span><br/> <span class="ft1">der Müntzbergstrasse bisher nicht aufgehoben wurde, hat einerseits</span><br/> <span class="ft1">mit der Überlastung der städtischen Abteilung Planung und Bau und</span><br/> <span class="ft1">anderseits damit zu tun, dass die Baulinien an der Müntzbergstrasse</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Bau-, Raumplanungs- und Umweltschutzrecht</span> <span class="page_no">261</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">mit jenen an der Allmend- bzw. Baldeggstrasse verknüpft sind und</span><br/> <span class="ft1">die ins Auge gefasste Aufhebung hier Widerstand hervorrief, was zur</span><br/> <span class="ft1">Rückstellung des Vorhabens führte.</span><br/> <span class="ft1">Diese überaus deutlichen Aussagen lassen nach dem vorhin</span><br/> <span class="ft1">Gesagten keine andere Wahl, als dem Überbauungsplan ,,Münz-</span><br/> <span class="ft1">lishausen" in Bezug auf die Baulinien an der Müntzbergstrasse we-</span><br/> <span class="ft1">gen Verfassungswidrigkeit die Anwendung zu versagen. Dass in</span><br/> <span class="ft1">irgendeiner Hinsicht ein öffentliches Interesse an der Beibehaltung</span><br/> <span class="ft1">der Baulinien bestehen könnte, vermag das Verwaltungsgericht nicht</span><br/> <span class="ft1">zu erkennen. Hieran vermag auch das Argument der Beschwerde-</span><br/> <span class="ft1">führer 1 nichts zu ändern, vor dem Hintergrund des Fehlens von</span><br/> <span class="ft1">Ausnützungsziffern im kommunalen Baurecht von Baden erscheine</span><br/> <span class="ft1">eine Korrektur durch grosszügige Strassenbaulinien nicht abwegig.</span><br/> <span class="ft1">Dabei wird übersehen, dass beim Fehlen einer Baulinie subsidiär der</span><br/> <span class="ft1">allgemeine Strassenabstand gegenüber Gemeindestrassen einzuhalten</span><br/> <span class="ft1">ist, der in Baden dem zonengemässen kleinen Grenzabstand</span><br/> <span class="ft1">entspricht (§ 51 Abs. 1 BNO; vgl. auch § 111 Abs. 1 lit. a und Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">BauG) und in der Wohnzone 2 demgemäss 4 m beträgt (§ 11 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">BNO). Abgesehen davon bildet der Strassenabstand nur einen von</span><br/> <span class="ft1">verschiedenen Parametern, welche für die Baudichte mitbestimmend</span><br/> <span class="ft1">sind; zumindest ebenso wesentlich sind die Grenz- und Gebäudeab-</span><br/> <span class="ft1">stände sowie die Gebäudehöhen bzw. Geschosszahlen (vgl. den VGE</span><br/> <span class="ft1">III/3 vom 15. Januar 1992 in Sachen K. u. M., S. 16 unten). Was</span><br/> <span class="ft1">schliesslich den Einwand anbelangt, durch die Nichtanwendung des</span><br/> <span class="ft1">Überbauungsplans würden die einschlägigen Verfahrensvorschriften</span><br/> <span class="ft1">(vgl. §§ 22 ff. BauG betreffend das Mitwirkungsverfahren, die öf-</span><br/> <span class="ft1">fentliche Auflage mit Einsprache- und Beschwerdemöglichkeit usw.)</span><br/> <span class="ft1">unterlaufen, ist den Beschwerdeführern 1 zu entgegnen, dass dies</span><br/> <span class="ft1">eben in der Natur einer inzidenten Normenkontrolle liegt.</span><br/> <span class="ft1">dd) Zusammenfassend ist unter diesem Titel somit festzuhalten,</span><br/> <span class="ft1">dass der Überbauungsplan ,,Münzlishausen" mangels eines öf-</span><br/> <span class="ft1">fentlichen Interesses nicht angewendet werden darf, soweit er im</span><br/> <span class="ft1">Bereich der Müntzbergstrasse Baulinien festlegt; dies führt zur Gut-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">262</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">heissung der Beschwerde der Beschwerdeführerin 2, d. h. die projek-</span><br/> <span class="ft1">tierte Baute darf im vorgesehenen Abstand von 4.50 m an die Müntz-</span><br/> <span class="ft1">bergstrasse gestellt werden. In gleichartigen Fällen wird analog ent-</span><br/> <span class="ft1">schieden werden müssen, weshalb es opportun wäre, durch eine Re-</span><br/> <span class="ft1">vision des Überbauungsplans ,,Münzlishausen" definitiv Klarheit zu</span><br/> <span class="ft1">schaffen; die Voraussetzungen von Art. 21 Abs. 2 RPG sind offen-</span><br/> <span class="ft1">sichtlich erfüllt (vgl. Erw. bb hievor). Die stadträtliche Praxis, Aus-</span><br/> <span class="ft1">nahmebewilligungen ,,für geringfügige Unterschreitungen von nicht</span><br/> <span class="ft1">mehr zeitgemässen Strassenbaulinien in den Wohnquartieren" zu er-</span><br/> <span class="ft1">teilen, ohne dass ein ,,eigentlicher Sonderfall" vorliegt, ist jedenfalls</span><br/> <span class="ft1">bei korrekter Anwendung von § 67 BauG kein legaler Ausweg.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>