B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Entscheid bestätigt durch BGer mit Urteil vom 08.07.2016 (1C_56/2016) Abteilung III C-3653/2013 U r t e i l v o m 2 1 . D e z e m b e r 2 0 1 5 Besetzung Richter Andreas Trommer (Vorsitz), Richter Blaise Vuille, Richterin Ruth Beutler, Gerichtsschreiberin Denise Kaufmann. Parteien A._______, Beschwerdeführerin, Gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichtigerklärung erleichterte Einbürgerung. C-3653/2013 Seite 2 Sachverhalt: A. Die aus der Ukraine stammende, 1976 geborene Beschwerdeführerin hielt sich zwischen 2001 und 2003 verschiedentlich mit Bewilligungen zum Kurzaufenthalt in der Schweiz auf und ging dabei einer Arbeit als Nachtclubtänzerin nach. Im April 2004 gelangte sie erneut hierher und am 10. Mai 2004 heiratete sie in Schaffhausen den Schweizer Bürger B._______ (geb. 1954). In der Folge erhielt sie im Kanton Schaffhausen eine Aufenthaltsbewilligung zum Verbleib bei ihr em Ehemann (Akten der Vorinstanz [SEM act.] 1 S. 2 ff.). B. In ihrer Eigenschaft als Ehegattin eines Schweizer Bürgers stellte die Be- schwerdeführerin am 16. Dezember 2008 beim damaligen Bundesamt für Migration (BFM; seit 01.01.2015 Staatssekretariat für Migr ation SEM) ein Gesuch um Gewährung der erleichterten Einbürgerung gestützt auf Art. 27 des Bürgerrechtsgesetzes vom 29. September 1952 (BüG, SR 141.0). Am 7. Januar 2009 unterzeichneten die Ehegatten zu Handen des Einbürge- rungsverfahrens eine schriftliche Erklärung, wonach sie an derselben Ad- resse in einem gemeinsamen Haushalt lebten und zur Kenntnis nähmen, dass die erleichterte Einbürgerung nach Art. 27 BüG unter anderem eine seit drei Jahren gelebte eheliche Gemeinschaft vor aussetze. Eine solche liege n ach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung dann vor, wenn es sich um eine tatsächliche, stabile und auf Dauer ausgerichtete Gemein- schaft der Ehegatten handle. Bestehe keine eheliche Gemeinschaft mehr, sei dies dem BFM sofort mitzuteilen. Mit ihrer Untersch rift würden sie be- stätigen, das entsprechende Formular wahrheitsgemäss ausgefüllt zu ha- ben. Falsche Angaben könnten dazu führen, dass eine allfällige Einbürge- rung nach Art. 41 BüG nichtig erklärt werde (SEM act. 1 S. 8 ff.). Eine in- haltlich gleichartige Erklärung wurde von den Ehegatten am 16. August 2010 unterzeichnet (SEM act. 1 S. 49). C. Am 28. September 2010 wurde die Beschwerdeführerin erleichtert einge- bürgert. Mit dem Schweizer Bürgerrecht erwarb sie die Bürgerrechte des Kantons Zug und der Gemeinde Steinhausen (SEM act. 1 S. 50). D. In einem Schreiben vom 18. Januar 2012 machte der Zivilstands- und Bür- gerrechtsdienst des Kantons Zug die Vorinstanz darauf aufmerksam, dass C-3653/2013 Seite 3 die Ehe der Beschwerdeführerin nur ein Jahr nach Erteilung der erleichter- ten Einbürgerung geschieden worden sei, und bat darum, die Vor ausset- zungen zur Einleitung eines Nichtigkeitsverfahrens zu prüfen (SEM act. 2 S. 52). E. Zwischen dem 10. und 13. September 2012 holte die Vorinstanz auf elekt- ronischem Weg beim Zivilstandsamt Zug und bei mehreren Einwohnerkon- trollen erste Erkundigungen über die Scheidung bzw. über die Wohnsitz- verhältnisse die Beschwerdeführerin seit der Einbürgerung ein (SEM act. 4-7 S. 55 ff.). F. Mit einem Schreiben vom 13. September 2012 s etzte die Vorinstanz die Beschwerdeführerin unter Gewährung des rechtlichen Gehörs förmlich über die Eröffnung eines Verfahrens nach Art. 41 BüG auf Nichtigerklärung der erleichterten Einbürgerung in Kenntnis. Gleichzeitig forderte sie die Be- schwerdeführerin auf, Fragen zu den Trennungs- und Scheidungsumstän- den zu beantworten (SEM act. 8 S. 62 ff.) . Dieser Aufforderung kam die Beschwerdeführerin mit einem Schreiben vom 8. Oktober 2012 nach (SEM act. 9 S. 65 f.). Mit deren Zustimmung zog die Vorinstanz in der Folge die Akten des Ehescheidungsverfahrens bei (SEM act. 10 -14 S. 67 ff.) . Da- nach gelangte die Vorinstanz mit einem Schreiben vom 31. Januar bezie- hungsweise 15. März 2013 an den Ex-Ehemann der Beschwerdeführerin, dem sie einen Fragekatalog unterbreitete (SEM act. 15 bzw. 17 S. 87 ff.). Ende März 2013 retournierte dieser den Fragekatalog mit den entspre- chenden Antworten (SEM act. 18 S. 105 ff.). G. Am 21. Mai 2013 erteilte der Kanton Zug als Heimatkanton der Beschwer- deführerin seine Zustimmung zur Nichtigerklärung der erleichterten Einbür- gerung (SEM act. 20 S. 122). H. Mit Verfügung vom 28. Mai 2013 erklärte die Vorinstanz die erleichterte Einbürgerung der Beschwerdeführerin für nichtig (SEM act. 21 S. 124 ff.). I. Gegen diese Verfügung erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 23. Juni 2013 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragt C-3653/2013 Seite 4 darin implizit, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben und von einer Nichtigerklärung der erleichterten Einbürgerung sei abzusehen. J. Die Vorinstanz hielt in ihrer Vernehmlassung vom 23. September 2013 an der angefochtenen Verfügung fest und schloss auf Abweisung der Be- schwerde. K. In einer Replik vom 21. Oktober 2013 bestätigte die Beschwerdeführerin implizit ihr Rechtsbegehren und dessen Begründung. L. Am 12. Dezember 2014 übermittelte das Kantonsgericht Schaffhausen dem Bundesverwaltungsgericht rechtshilfeweise die Akten des Eheschei- dungsverfahrens zur Einsichtnahme. M. Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit erheblich, in den Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Verfügungen des BFM bzw. SEM über die Nichtigerklärung einer er- leichterten Einbürgerung unterliegen der Beschwerde an das Bundesver- waltungsgericht (Art. 51 Abs. 1 BüG i.V.m. Art. 31 ff. VGG). 1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt ( Art. 37 VGG). 1.3 Die Beschwerdeführerin ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert. Auf ihre frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG). 2. Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er- messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-C-3653/2013 Seite 5 lichen Sachverhalts und – soweit nicht eine kantonale Behörde als Be- schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfah- ren das Recht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begründung der Begehren nicht gebunden und kann die Be- schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis- sen oder abweisen (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 mit Hinweisen). 3. 3.1 Gemäss Art. 27 Abs. 1 BüG kann eine ausländische Person nach der Eheschliessung mit einem Schweizer Bürger ein Gesuch um erleichterte Einbürgerung stellen, wenn sie insgesamt fünf Jahre in der Schweiz ge- wohnt hat (Bst. a), seit einem Jahr hier wohnt (Bst. b) und seit drei Jahren in ehelicher Gemeinschaft mit einem Schweizer Bürger lebt (Bst. c). Die Einbürgerung setzt zudem voraus, dass die ausländische Person in die schweizerischen Verhältnisse eingegliedert ist, die schweizerische Rechts- ordnung beachtet und die innere oder äussere Sicherheit der Schweiz nicht gefährdet (vgl. Art. 26 Abs. 1 BüG). Sämtliche Einbürgerungsvoraussetzun- gen müssen sowohl im Zeitpunkt der Gesuchseinreichung als auch anläss- lich der Einbürgerungsverfügung erfüllt sein. Fehlt es daher im Zeitpunkt des Einbürgerungsentscheids an der ehelichen Gemeinschaft, darf die er- leichterte Einbürgerung nicht ausge sprochen werden (vgl. BGE 140 II 65 E. 2.1 m.H.). 3.2 Der Begriff der ehelichen Gemeinschaft im Sinne des Bürgerrechtsge- setzes bedeutet mehr als das formelle Bes tehen einer Ehe. Verlangt wird eine tatsächliche Lebensgemeinschaft, getragen vom beidseitigen Willen, die Ehe auch künftig aufrecht zu erhalten (vgl. BGE 130 II 482 E. 2, BGE 130 II 169 E. 2.3.1). Denn der Gesetzgeber wollte dem ausländischen Ehe- gatten ei nes Schwei zer Bürgers die erleichterte Einbürgerung ermögli- chen, um die Einheit des Bürgerrechts im Hinblick auf ihre gemeinsame Zukunft zu fördern (vgl. Botschaft zur Änderung des Bürgerrechtsgesetzes vom 27. August 1987, BBl 1987 III 310). Ein Hinweis auf den fehlenden Willen der Ehegatten, die eheliche Gemeinschaft aufrecht zu erhalten, kann im Umstand liegen, dass kurze Zeit nach der erleichterten Einbürge- rung die Trennung erfolgt oder die Scheidung eingeleitet wird (vgl. BGE 140 II 65 E. 2.1; 135 II 161 E. 2 je m.H.). 4. C-3653/2013 Seite 6 4.1 Die erleichterte Einbürgerung kann mit Zustimmung des Heimatkan- tons innert gesetzlicher Frist für nichtig erklärt werden, wenn sie durch fal- sche Angaben oder Verheimlichung erheblicher Tatsachen erschlichen, d.h. mit einem unlauteren u nd täuschenden Verhalten erwirkt wurde (Art. 41 Abs. 1 BüG). Arglist im Sinne des strafrechtlichen Betrugstatbestandes wird nicht verlangt. Es genügt, wenn die gesuchstellende Person bewusst falsche Angaben macht bzw. die mit dem Gesuch um erleichterte Ein bür- gerung befasste Behörde bewusst in einem falschen Glauben lässt und so den Vorwurf auf sich zieht, es unterlassen zu haben, über eine erhebliche Tatsache zu informieren (vgl. BGE 140 II 65 E. 2.2 m.H.). 4.2 Weiss die betroffene Person, dass die Voraussetzungen für die erleich- terte Einbürgerung auch im Zeitpunkt der Verfügung vorliegen müssen, so muss sie die Behörden unaufgefordert über eine nachträgliche Änderung der Verhältnisse orientieren, von der sie weiss oder wissen muss, dass sie einer Einbürgerung entgegensteht. Die Pflicht dazu ergibt sich aus dem Grundsatz von Treu und Glauben und aus der verfahrensrechtlichen Mit- wirkungspflicht gemäss Art. 13 Abs. 1 Bst. a VwVG. Die Behörde darf sich ihrerseits darauf verlassen, dass die vormals erteilten Auskünfte bei passi- vem Verhalten der gesuchstellenden Person nach wie vor der Wirklichkeit entsprechen (vgl. BGE 140 II 65 E. 2.2, 132 II 113 E. 3.2). 4.3 Die Täuschungshandlung der gesuchstellenden Person muss sich auf einen erheblichen Sachverhalt beziehen. Erhebli ch im Sinne von Art. 41 Abs. 1 BüG ist ein Sachverhalt nicht nur, wenn seine pflichtgemässe Of- fenlegung dazu geführt hätte, dass die mit der Einbürgerung befasste Be- hörde das Vorliegen einer Einbürgerungsvoraussetzung verneint und die Einbürgerung verweigert hätte. Es genügt, wenn der Sachverhalt, wäre er der Behörde bekannt gewesen, begründete Zweifel am Vorliegen einer sol- chen Voraussetzung geweckt und die Einbürgerung ernsthaft in Frage ge- stellt hätte bzw. eine solche nicht ohne weitere Beweismassnahmen hätte verfügt werden können (vgl. Urteil des BVGer C -4576/2013 vom 12. Juni 2014 E. 5.3 m.H.). 4.4 Gemäss Art. 41 Abs. 1 BüG in der Fassung vom 29. September 1952 (AS 1952 1087) betrug die Frist für die Nichtigerklärung einer Einbürgerung fünf Jahre. Mit der Teilrevision des Bürgerrechtsgesetzes vom 25. Septem- ber 2009, in Kraft seit 1. März 2011, erfuhr Art. 41 BüG eine Änderung. Die Fristenregelung wurde aus Abs. 1 herausgelöst und materiell grundlegend überarbeitet zum Gegenstand eines neuen Abs. 1bis gemacht. Dieser be-C-3653/2013 Seite 7 stimmt, dass die Einbürgerung innert zwei Jahren, nachdem das Bundes- amt vom rechtserheblichen Sachverhalt Kenntnis erhalten hat, spätestens aber innert acht Jahren nach dem Erwerb des Schweizer Bürgerrechts nichtig erklärt werden kann. Nach jed er Untersuchungshandlung, die der eingebürgerten Person mitgeteilt wird, beginnt eine neue zweijährige Ver- jährungsfrist zu laufen. Die Fristen stehen während eines Beschwerdever- fahrens still. Das neue Recht gilt für alle Einbürgerungsfälle, in denen die altrechtliche Frist nicht bereits vor dem Inkrafttreten des neuen Rechts ab- gelaufen ist. Die unter dem alten Recht verstrichene Zeit ist dabei an die absolute achtjährige Frist anzurechnen. Die relative zweijährige Frist kann als Neuerung ohne Gegenstück im alten Recht frühestens auf den Zeit- punkt des Inkrafttretens des neuen Rechts zu laufen beginnen (vgl. Urteil des BVGer C -4576/2013 vom 12. Juni 2013 E. 6.1 m.H. , bestätigt durch Urteil des BGer 1C_540/2014 vom 5. Januar 2015). 5. 5.1 Das Verfahren betreffend Nichtigerklärung der erleichterten Einbürge- rung untersteht dem Verwaltungsverfahrensgesetz (vgl. Art. 1 Abs. 1 und Abs. 2 Bst. a VwVG). Es gilt namentlich der Untersuchungsgrundsatz (Art. 12 VwVG). Die Behörde hat daher von Amtes wegen zu untersuchen, ob der betroffenen Person die Täuschung über eine Einbürgerungsvorausset- zung vorgeworfen werden kann, wozu insbesondere die Existenz eines beidseitig intakten und gelebten Ehewillens gehört. Da die Nichtigerklärung in die Rechte der betroffenen Person eingreift, liegt die Beweislast bei der Behörde. Allerdings geht es in der Regel um innere, dem Kern der Pri- vatsphäre zugehörige Sachverhalte, die der Behörde nicht bekannt und ei- nem direkten Beweis naturgemäss kaum zugänglich sind. Sie können re- gelmässig nur indirek t durch Indizien erschlossen werden. Die Behörde kann sich darüber hinaus veranlasst sehen, von bekannten Tatsachen (Vermutungsbasis) auf unbekannte (Vermutungsfolge) zu schliessen. Sol- che sogenannten natürlichen bzw. tatsächlichen Vermutungen stellen eine besondere Form des Indizienbeweises dar und können sich in allen Berei- chen der Rechtsanwendung ergeben, namentlich auch im öffentlichen Recht. Es handelt sich um Wahrscheinlichkeitsfolgerungen, die auf Grund eines als allgemein durchgesetzt gewerteten Satzes der Lebenserfahrung gezogen werden. Die betroffene Person ist bei der Sachverhaltsabklärung mitwirkungspflichtig (vgl. BGE 140 II 65 E. 2.2 und BGE 135 II 161 E. 3 je m.H.). C-3653/2013 Seite 8 5.2 Die natürliche Vermutung gehört dem Bereich der freien Beweiswürdi- gung an (vgl. Art. 19 VwVG i.V.m. Art. 40 des Bundesgesetzes vom 4. De- zember 1947 über den Bundeszivilprozess [BZP , SR 273]). Sie stellt eine Beweiserleichterung dar, indem eine bereits vorhandene, aber nicht mit letzter Schlüssigkeit mögliche Beweisführung unterstütz t wird. Eine Um- kehr der Beweislast hat sie nicht zur Folge. Wenn daher bestimmte Tatsa- chen – beispielsweise die Chronologie der Ereignisse – die natürliche Ver- mutung begründen, dass die erleichterte Einbürgerung erschlichen wurde, muss die betroffene Person nicht den Nachweis für das Gegenteil erbrin- gen. Es genügt, wenn sie den Gegenbeweis führt, d.h. einen Grund an- führt, der es als hinreichend möglich erscheinen lässt, dass sie die Behörde nicht getäuscht hat. Bei diesem Grund kann es sich um ein ausserordentli- ches, nach der erleichterten Einbürgerung eingetretenes Ereignis handeln, das zum raschen Scheitern der Ehe führte, oder die betroffene Person kann plausibel darlegen, dass sie die Ernsthaftigkeit ehelicher Probleme zum Zeitpunkt der erleichterten Einbürgerung nicht erkannte und den wirk- lichen Willen hatte, mit dem Schweizer Ehepartner auch weiterhin in einer stabilen ehelichen Gemeinschaft zu leben (BGE 135 II 161 E. 3 m.H.). 6. In der vorliegenden Streitsache sind die formellen Voraussetzungen für die Nichtigerklärung einer erleichterten Einbürgerung erfüllt: Die von Art. 41 Abs. 1 BüG geforderte Zustimmung des Heimatkantons liegt vor, und die Fristen des Art. 41 Abs. 1bis BüG wurden gewahrt. 7. Gestützt auf die vorhandenen Akten stellt sich die Streitsache in materieller Hinsicht wie folgt dar: 7.1 Die Beschwerdeführerin hielt sich ab August 2001 diverse Mal mit Be- willigungen zum Kurzaufenthalt in der Schweiz auf, um hier als Tänzerin zu arbeiten. Im Herbst 2003 lernte sie – damals 27½ Jahre alt – in einer Bar ihren späteren Schweizer Ehemann kennen, der in jenem Zeitpunkt 49½ Jahre alt war. Die Heirat fand am 10. Mai 2004 statt. Gut viereinhalb Jahre später – am 16. Dezember 2008 – ersuchte die Beschwerdeführerin um erleichterte Einbürgerung. Am 7. Januar 2009 und 16. August 2010 un- terzeichneten die Ehegatten gemeinsam Erklärung en zum Zustand der ehelichen Gemeinschaft und am 28. September 2010 wurde die Beschwer- deführerin erleichtert eingebürgert. Am 2. November 2010, also gut einen Monat nach der Einbürger ung, unterzeichneten die Ehegatten eine ge-C-3653/2013 Seite 9 meinsame Scheidungskonvention (welche später Grundlage des Schei- dungsantrages vom 8. Juni 2011 bildete) und am 21. Januar 2011, also knapp vier Monate nach der Einbürgerung, meldete sich die Beschwerde- führerin am g emeinsamen Wohnort ab und an einem neuen Wohnort al- leine an. Mit Urteil vom 22. November 2011 wurde die Ehe vom Kantons- gericht Schaffhausen geschieden. 7.2 Die Chronologie der Ereignisse, insbesondere die äusserst knappe Zeitspanne zwischen der zweiten gemeins amen Erklärung zum Zustand der ehelichen Gemeinschaft (16. August 2010) sowie der erleichterten Ein- bürgerung (28. September 2010) einerseits und der Ausfertigung einer Scheidungskonvention (2. November 2010) andererseits , aber auch die geringe zeitliche Distanz zwischen erleichterter Einbürgerung und Aufgabe des gemeinsamen Wohnsitzes (21. Januar 2011) begründen ohne weiteres die natürliche Vermutung, dass die Ehe im Zeitpunkt der gemeinsamen Er- klärung beziehungsweise der erleichterten Einbürgerung in Wahrheit nicht intakt war und die Einbürgerungsbehörde über diesen Umstand aktiv oder passiv getäuscht wurde. Denn die Zerrüttung einer anfänglich intakten Ehe stellt einen Prozess dar, der – besondere Umstände vorbehalten – regel- mässig eine wesentlich längere Zeit als nur wenige Wochen oder Monate in Anspruch nimmt. Es ist daher an der Beschwerdeführerin, die erwähnte Vermutung zu erschüttern, indem sie ein ausserordentliches, nach der er- leichterten Einbürgerung eingetretenes Ereignis aufzeigt, das den nachfol- genden raschen Zerfall einer zuvor intakten ehelichen Beziehung plausibel erklärt oder, falls die Ehe zum Zeitpunkt der erleichterten Einbürgerung nicht mehr intakt war, glaubwürdig darlegt, dass sie im Zeitpunkt der er- leichterten Einbürgerung in guten Treuen von einer intakten Ehe ausgehen durfte. 7.3 In ihrer schriftlichen Stellungnahme vom 8. Oktober 2012 bestritt die Beschwerdeführerin, unwahre Angaben zum Zustand ihrer Ehe getätigt zu haben. Ihr Ehemann sei ihr gegenüber immer sehr aufmerksam und gross- zügig gewesen. Er habe sie selbst vor und nach der Scheidung noch finan- ziell unterstützt. Sie hätten eine gute Ehe geführt. Bei einem Altersunter- schied von 22 Jahren komme aber früher oder später der Zeitpunkt, an dem beim Mann alles gleichzeitig wirke: Eifersucht, Krankheiten und Weis- heit. Ihr Ex-Ehemann werde für sie immer der Freund, geliebte Mann und weise Lehrer bleiben. "Vor einem Jahr" sei es zu einer "kritischen Verqui- ckung der Umstände" gekommen. Ihr Ehemann habe realisiert, dass er aus gesundheitlichen Gründen keine Kinder mehr haben könne. Er habe des- halb "entschieden", nicht verhindern zu wollen, dass sie eine "vollwertige C-3653/2013 Seite 10 Familie" gründe und dafür einen neuen Partner suche. Komme hinzu, dass es innerhalb der Familie des Ehemannes ihretwegen zu Spannungen ge- kommen sei. Der Sohn und die Tochter aus einer früheren Lebensgemein- schaft, aber auch ein Bruder ihres Ehemannes hätten sich aus finanziellen Gründen gegen ihre Beziehung gestellt. Sie habe erfolglos versucht, die Verwandten davon zu überzeugen, dass sie "keine Ansprüche auf sein Bu- siness, sein Erbe habe". Sohn und Tochter hätten ihren Vater unter Druck gesetzt und ihm mit einem Abbruch ihrer Kontakte gedroht. Er habe sich dann für sei ne Kinder entschieden, wofür sie ihn nicht verurteile. Und schliesslich habe sie im Zusammenhang mit einer traditionellen orthodo- xen Silvesterfeier, bei der ihr damaliger Ehemann einem "Eifersuchtsan- griff" ausgesetzt worden sei, "einen Fehler" begangen (Stellungnahme vom 8. Oktober 2012, SEM act. 9 S. 105 ff.). 7.4 Die von der Vorinstanz zusätzlich eingeholten schriftlichen Auskünfte des Ex-Ehemannes (SEM act. 18 S. 105 ff.) waren nicht geeignet, Licht in die konkreten Ereignisse und deren zeitliche Zuordnung zu bringen. Ge- mäss ihm seien Schwierigkeiten in der Ehe aufgetreten, als die Beschwer- deführerin eine Vollzeitstelle angetreten habe. Er selbst habe das nicht ge- wollt. Zur Frage, welcher Partner zu welchem Zeitpunkt aus der ehelichen Wohnung ausgezogen sei, vermerkte der Ex-Ehegatte, sie hätten ihr Haus verkauft und seien eigene Wege gegangen, zuerst gemeinsam in einer Wohnung in der Stadt Schaffhausen. Zur Frage, ob die Ehe im Zeitpunkt der gemeinsamen Erklärung und der erleichterten Einbürgerung intakt ge- wesen sei, hielt der Ex-Ehegatte fest, er denke schon, wenn man das nach einigen Jahren des Zusammenseins als Realität bezeichnen könne. Auf die Frage, ob es während des Einbürgerungsverfahrens Schwierigkeiten in der Ehe gegeben habe, antwortete er, Schwierigkeiten gebe es in jeder Bezie- hung. Auf die Frage schliesslich, von wem und aus welchen Gründen der Trennungswunsch ausgegangen sei, hielt der Ex -Ehemann fest, er habe lieber wieder allein sein wollen. 7.5 Damit machten weder die Beschwerdeführerin noch ihr Ex-Ehemann gegenüber der Vorinstanz ein ausserordentliches Ereignis geltend, wel- ches geeignet gewesen wäre, eine im Zeitpunkt der Einbürgerung noch intakte eheliche Beziehung innert Wochen zu zerstören. Zwar siedelte die Beschwerdeführerin die aus ihrer Si cht wesentlichen Umstände in einem Zeitraum ein Jahr vor ihrer Stellungnahme (also im Herbst 2011) an. Diese zeitliche Situierung kann aber schon deshalb nicht zutreffen, weil die Schei- dungskonvention im November 2010 und damit fast zwei Jahre vor dieser Stellungnahme verfasst wurde, die Trennung im Januar 2011 erfolgte und C-3653/2013 Seite 11 das Scheidungsbegehren im Juni 2011 gestellt wurde. Es kann auch nicht davon ausgegangen werden, die Beschwerdeführerin sei sich während des Einbürgerungsverfahrens bestehender Belastungen in ihrer Ehe nicht bewusst gewesen. Ihre Ausführungen im erstinstanzlichen Verfahren be- stätigten vielmehr die aufgrund der Chronologie der Ereignisse bestehende Vermutung, dass die eheliche Gemeinschaft im fraglichen Zeitraum nicht mehr stabil und auf Zukunft gerichtet gewesen sein konnte. Umstände wie die ablehnende Haltung und der Druck naher Angehöriger auf den Ex-Ehe- mann, aber auch dessen gesundheitlichen Probleme und deren Auswir- kungen auf eine allfällige Familienplanung konnten ihrer Art nach nicht The- men sein, die sich von einem Tag auf den anderen und für die Beschwer- deführerin überraschend einstellten. 8. 8.1 In ihrer Rechtsmitteleingabe vom 23. Juni 2013, die vom Ex-Ehemann mit unterzeichnet wurde, bestreitet die Beschwerdeführerin dennoch, im Einbürgerungsverfahren wissentlich falsche Angaben zum Zustand ihrer Ehe gemacht zu haben. Die Beziehung zu ihrem Ehemann sei im Zeitpunkt der erleichterten Einbürgerung stabil gewesen und auch nach der Schei- dung stabil geblieben. Er kümmere sich nach wie vor um sie und helfe ihr in allen Belangen des Alltages. Dass sie die Beziehung ihres Mannes zu seinen Kindern aus einer früheren Beziehung respektiert und deshalb Zu- geständnisse (auch in Form der Scheidung) gemacht habe, könne nicht gegen sie sprechen. 8.2 Soweit die Beschwerdeführerin damit glaubhaft machen will, ihre Ehe sei immer intakt gewesen und nur auf Druck von aussen quasi aus Grün- den der Vernunft aufgegeben worden, kann sie nicht überzeugen. Es er- scheint geradezu lebensfremd, dass ein Ehegatte (in diesem Fall der Ehe- mann) eine seit Jahren bestehende, intakte und gelebte Ehe aufgibt, nur um dem Druck naher Verwandter nachzugeben, die eigene finanzielle In- teressen gefährdet sehen. Der Umstand, dass die Ex -Ehegatten auch heute noch ein gutes Verhältnis untereinander pflegen, vermag an dieser Einschätzung nichts zu ändern. Zudem ist mit der Darstellungsweise der Beschwerdeführerin immer noch keine plausible Erklärung dafür gegeben, dass die Beteiligten nur gut einen Monat nach der Einbürgerung eine Scheidungskonvention ausarbeiteten, unterzeichneten und datierten und dass sie knapp zwei weitere Monate später getrennte Wohnsitze begrün- deten. C-3653/2013 Seite 12 Den von der Beschwerdeführerin praktisch kommentarlos eingereichten , undatierten Fotos kommt im vorliegend zu beurteilenden Zusammenhang kein Beweiswert zu. 8.3 Der Beschwerdeführerin ist es solchermassen nicht gelungen, die na- türliche Vermutung zu erschüttern, wonach zum Zeitpunkt der erleichterten Einbürgerung zwischen ihr und ihrem Ehemann keine stabile und auf Zu- kunft ausgerichtete eheliche Gemeinschaft mehr bestand und sie die mit dem Einbürgerungsgesuch befasste Behörde über diesen Umstand täuschte, sei es weil sie in der gemeinsamen Erklärung zum Zustand der Ehe falsche Angaben machte, sei es weil sie eine Änderung des Sachver- halts nicht anzeigte. Da der Bestand einer stabilen und auf die Zukunft aus- gerichteten Ehe im Anwendungsbereich von Art. 27 Abs. 1 BüG eine er- hebliche Tatsache darstellt, setzte die Beschwerdeführerin mit ihrem Ver- halten den Nichtigkeitsgrund des Erschleichens im Sinne von Art. 41 Abs. 1 BüG. Die materiellen Voraussetzungen für die Nichtigerklärung der er- leichterten Einbürgerung sind somit erfüllt. 9. Art. 41 Abs. 1 BüG legt den Entscheid über die Nichtigerklärung in das pflichtgemässe Ermessen der Behörde. Die Rechtsprechung geht in die- sem Zusammenhang allerdings davon aus, dass im Falle einer erschliche- nen erleichterten Einbürgerung die Nichtigerklärung eine Regelfolge dar- stellt, von der nur unter ganz ausserordentlichen Umständen abzuweichen ist. Gründe, die es rechtfertigen würden, ermessensweise von der Regel- folge der Nichtigerklärung abzusehen, werden von der Beschwerdeführerin nicht geltend gemacht und solche sind auch nicht ersichtlich. 10. Die angefochtene Verfügung erweist sich demnach als re chtmässig (Art. 49 VwVG) und die Beschwerde ist abzuweisen. 11. Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend wird die Beschwerdeführerin kostenpflichtig (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Verfahrenskosten sind auf Fr. 1'000.- festzusetzen (Art 1, Art. 2 und Art. 3 Bst. b des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2). Dispositiv S. 13 C-3653/2013 Seite 13 C-3653/2013 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten im Betrag von Fr. 1'000.- werden der Beschwerde- führerin auferlegt. Sie sind mit dem in gleicher Höhe geleisteten Kosten- vorschuss gedeckt. 3. Dieses Urteil geht an: – die Beschwerdeführerin (Gerichtsurkunde) – die Vorinstanz (gegen Empfangsbestätigung; Beilage: Akten Ref-Nr. K […]) – den Zivilstands- und Bürgerrechtsdienst des Kantons Zug. Für die Rechtsmittelbelehrung wird auf die nächste Seite verwiesen. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Andreas Trommer Denise Kaufmann C-3653/2013 Seite 15 Rechtsmittelbelehrung: Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Bun- desgericht, 1000 Lausanne 14, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Ange- legenheiten geführt werden ( Art. 82 ff., 90 ff. und 100 BGG). Die Rechts- schrift ist in einer Amtssprache abzufassen und hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalten. Der angefochtene Entscheid und die Beweismittel sind, soweit sie der Be- schwerdeführer in Händen hat, beizulegen (Art. 42 BGG). Versand: