<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Strafgericht</span> <span class="page_no">32</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft3"><b>3</b></span> <span class="ft3"><b>§ 8 EG StPO; § 36 Abs. 2 EG StPO</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Die Beschlagnahme von Gegenständen ist eine Zwangsmassnahme und</b></span><br/> <span class="ft3"><b>stellt keine von § 8 EG StPO erfasste Untersuchungshandlung dar, zu de-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ren Vornahme Assistenz-Staatsanwälte ermächtigt wären. § 8 EG StPO</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">33</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft3"><b>berechtigt Assistenz-Staatsanwälte daher nicht zur selbständigen Unter-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>zeichnung von Beschlagnahmebefehlen. Von der Leitung der Oberstaats-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>anwaltschaft gestützt auf § 36 Abs. 2 EG StPO zum Erlass von Straf-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>befehlen ermächtigte Assistenz-Staatsanwälte sind zur Anordnung der</b></span><br/> <span class="ft3"><b>einer Einziehung im Sinne von Art. 69 ff. StGB vorausgehenden Be-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>schlagnahme befugt, wenn die Durchführung des Strafbefehlsverfahrens</b></span><br/> <span class="ft3"><b>im Zeitpunkt des Beschlagnahmebefehls bereits mit genügender Sicher-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>heit feststeht und die Bedeutung der Straftat die Beschlagnahme rechtfer-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>tigt.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Beschwerdekammer in Strafsachen,</span><br/> <span class="ft4">vom 3.</span> <span class="ft4">April 2013 i.S. G. S. gegen Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach</span><br/> <span class="ft4">(SBK.2013.42).</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">Der Beschlagnahmebefehl vom 22. Januar 2013, mit welchem</span><br/> <span class="ft1">der Personenwagen "Jeep Grand Cherokee", AG -----, sowie im Be-</span><br/> <span class="ft1">schlagnahmebefehl nicht näher bezeichnete "weitere Motorfahrzeuge</span><br/> <span class="ft1">des Beschuldigten" beschlagnahmt worden sind, wurde von A.B. als</span><br/> <span class="ft1">Assistenz-Staatsanwältin unterzeichnet. Zu entscheiden ist daher</span><br/> <span class="ft1">zunächst die Frage, ob ein Assistenz-Staatsanwalt dazu überhaupt be-</span><br/> <span class="ft1">rechtigt ist.</span><br/> <span class="ft1">1.1.</span><br/> <span class="ft1">Die Assistenz-Staatsanwälte führen auf Anweisung der Staats-</span><br/> <span class="ft1">anwälte Untersuchungshandlungen, insbesondere Zeugeneinvernah-</span><br/> <span class="ft1">men, und Übertretungsstrafverfahren durch (§ 8 Abs. 2 EG StPO).</span><br/> <span class="ft1">Mit Ermächtigung der Leitung der Staatsanwaltschaft dürfen Assis-</span><br/> <span class="ft1">tenz-Staatsanwälte im Einzelfall oder in bestimmten Verfahren selb-</span><br/> <span class="ft1">ständig Untersuchungshandlungen durchführen (§ 8 Abs. 3</span><br/> <span class="ft1">EG StPO).</span><br/> <span class="ft1">Die Beschlagnahme eines Personenwagens ist eine Zwangs-</span><br/> <span class="ft1">massnahme (Art. 263 ff. StPO; 5. Titel: Zwangsmassnahmen, 7. Ka-</span><br/> <span class="ft1">pitel: Beschlagnahme) und stellt somit keine von § 8 EG StPO er-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Strafgericht</span> <span class="page_no">34</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">fasste Untersuchungshandlung (Art. 308 ff. StPO; 6. Titel: Vorver-</span><br/> <span class="ft1">fahren, 3. Kapitel: Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft) dar.</span><br/> <span class="ft1">A.B. war als Assistenz-Staatsanwältin gestützt auf § 8 EG StPO nicht</span><br/> <span class="ft1">berechtigt, den Beschlagnahmebefehl selbständig zu unterzeichnen.</span><br/> <span class="ft1">1.2.</span><br/> <span class="ft1">Vorliegend lässt sich eine Beschlagnahme der Personenwagen</span><br/> <span class="ft1">durch die Assistenz-Staatsanwältin sodann auch nicht auf § 36 Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">EG StPO abstützen. Nach dieser Bestimmung bezeichnet die Leitung</span><br/> <span class="ft1">der Oberstaatsanwaltschaft die Assistenz-Staatsanwälte, die namens</span><br/> <span class="ft1">einer Staatsanwaltschaft Strafbefehle erlassen können. Das trifft auf</span><br/> <span class="ft1">A.B. zu. Da in einem Strafbefehl auch Einziehungen nach Art. 69 ff.</span><br/> <span class="ft1">StGB ausgesprochen werden können (Art. 352 Abs. 2 und Art. 353</span><br/> <span class="ft1">Abs. 1 lit. h StPO), wäre es nicht sachgerecht, Assistenz-Staatsanwäl-</span><br/> <span class="ft1">ten die Kompetenz zur vorausgehenden Beschlagnahme grundsätz-</span><br/> <span class="ft1">lich abzusprechen. Erforderlich ist jedoch, dass die Durchführung</span><br/> <span class="ft1">des Strafbefehlsverfahrens im Zeitpunkt des Beschlagnahmebefehls</span><br/> <span class="ft1">bereits mit genügender Sicherheit feststeht. Dies setzt einerseits vor-</span><br/> <span class="ft1">aus, dass die beschuldigte Person im Vorverfahren den Sachverhalt</span><br/> <span class="ft1">eingestanden oder dieser anderweitig ausreichend geklärt ist</span><br/> <span class="ft1">(Art. 352 Abs. 1 StPO). Andererseits muss - unter Einrechnung einer</span><br/> <span class="ft1">allfällig zu widerrufenden Strafe - aufgrund des zu beurteilenden</span><br/> <span class="ft1">Straftatbestands und des Verschuldens eine Busse, eine Geldstrafe</span><br/> <span class="ft1">von höchstens 180 Tagessätzen, gemeinnützige Arbeit von höchstens</span><br/> <span class="ft1">720 Stunden oder eine Freiheitsstrafe von höchstens 6 Monaten aus-</span><br/> <span class="ft1">reichend erscheinen (Art. 352 Abs. 1 StPO). Sodann muss die Bedeu-</span><br/> <span class="ft1">tung der Straftat die Beschlagnahme rechtfertigen (Art. 197 Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">lit. d StPO).</span><br/> <span class="ft1">Diese Voraussetzungen sind vorliegend nicht oder nur teilweise</span><br/> <span class="ft1">erfüllt. Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, mehrfach ein Motor-</span><br/> <span class="ft1">fahrzeug gelenkt zu haben, obwohl ihm der Führerausweis entzogen</span><br/> <span class="ft1">worden ist (Art. 95 Abs. 1 lit. b SVG). Es handelt sich dabei um ei-</span><br/> <span class="ft1">nen Vergehenstatbestand, für welchen eine Geldstrafe oder Freiheits-</span><br/> <span class="ft1">strafe bis zu 3 Jahren, bei mehrfacher Tatbegehung sogar bis zu</span><br/> <span class="ft1">4 Jahren (Art. 49 Abs. 1 StGB) ausgesprochen werden kann. Ohne</span><br/> <span class="ft1">dem Strafbefehlsrichter oder dem ordentlichen Sachrichter vorzu-</span><br/> <span class="ft1">greifen, steht - insbesondere wenn es um eine mehrfache Tatbe-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2013</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">35</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">gehung geht - vorliegend keinesfalls mit Sicherheit fest, ob eine</span><br/> <span class="ft1">Strafe im Bereich der Strafbefehlskompetenz noch ausreichend wäre.</span><br/> <span class="ft1">Hinzu kommt, dass der Sachverhalt vom Beschuldigten nicht aner-</span><br/> <span class="ft1">kannt wird und nicht ohne Weiteres als ausreichend geklärt erscheint.</span><br/> <span class="ft1">Vielmehr wird es, falls der Sachverhalt vom Beschuldigten weiterhin</span><br/> <span class="ft1">bestritten werden sollte, Sache des urteilenden Gerichts und nicht des</span><br/> <span class="ft1">Strafbefehlsrichters sein, gestützt auf Art. 10 StPO eine einlässliche</span><br/> <span class="ft1">Beweiswürdigung durchzuführen und gestützt darauf einen Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheid zu fällen.</span><br/> <span class="ft1">Zusammenfassend steht vorliegend nicht mit genügender</span><br/> <span class="ft1">Sicherheit fest, dass das Strafverfahren gegen den Beschuldigten mit</span><br/> <span class="ft1">einem Strafbefehl abgeschlossen werden kann. Somit war A.B. als</span><br/> <span class="ft1">Assistenz-Staatsanwältin auch nicht berechtigt, gestützt auf § 36</span><br/> <span class="ft1">Abs. 2 EG StPO den Beschlagnahmebefehl selbständig zu unter-</span><br/> <span class="ft1">zeichnen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>