<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div class="content"> <a name="idp334192"></a><div class="big bold">Urteilskopf</div> <br/>138 III 558<br/><br/><br/><div class="paraatf">82. Auszug aus dem Urteil der I. zivilrechtlichen Abteilung i.S. X. Versicherung AG gegen A. (Beschwerde in Zivilsachen)</div> <div class="paraatf">4A_184/2012 vom 18. September 2012</div> <a name="idp335632"></a><br/><div id="regeste" lang="de"> <div class="big bold">Regeste</div> <br/><div class="paraatf"><span class="artref">Art. 92 BGG</span>, <span class="artref"><artref id="CH/272/197" type="start"></artref><artref id="CH/272/7" type="start"></artref>Art. 7, 197 und 198 lit. f ZPO</span><artref id="CH/272/197" type="end"></artref><artref id="CH/272/198/f" type="end"></artref>; Zwischenentscheid über die funktionelle Zuständigkeit; Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung; Schlichtungsverfahren. <div class="paratf">Bei Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung, für welche die Kantone eine einzige kantonale Instanz nach <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> bezeichnet haben, ist kein vorgängiges Schlichtungsverfahren durchzuführen (E. 4). </div> </div> </div> <a name="idp366160"></a> <a name="idp375936"></a> <br/><div> <a name="idp381168"></a><span class="big bold" id="erwaegungen">Erwägungen</span> <span class="small">ab Seite 559</span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="page559"></a><div class="center pagebreak">BGE 138 III 558 S. 559</div> </div> <div class="paraatf">Aus den Erwägungen:</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp383280"></a><span class="bold" id="consideration_1.">1. </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp384320"></a><span class="bold" id="consideration_1.3">1.3 </span>Gegen selbstständig eröffnete Zwischenentscheide über die Zuständigkeit ist gemäss <span class="artref">Art. 92 Abs. 1 BGG</span> die Beschwerde zulässig; diese können später nicht mehr angefochten werden (<span class="artref">Art. 92 Abs. 2 BGG</span>). Diese Bestimmung beruht auf Gründen der Verfahrensökonomie, da es sich um Fragen handelt, die unmittelbar entschieden werden müssen, ohne den Ausgang der Hauptsache abzuwarten. Anfechtbar sind Entscheide, welche sich auf die örtliche, sachliche oder auch auf die funktionelle Zuständigkeit beziehen (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2012&amp;to_year=2012&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F133-IV-288%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page288">BGE 133 IV 288</a> E. 2.1 S. 290). Die funktionelle Zuständigkeit betrifft die Aufteilung der Rechtspflegeinstanzen in ein und demselben Rechtsstreit auf verschiedene Organe; der Zuständigkeitsbegriff umfasst insofern alle bundesrechtlichen Verfahrensbestimmungen, welche die Zulässigkeit eines Rechtsweges oder die Zuständigkeit eines Rechtspflegeorgans zum Gegenstand haben (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2012&amp;to_year=2012&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F123-III-67%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page67">BGE 123 III 67</a> E. 1a S. 68 f.).</div> <div class="paraatf">Mit dem Entscheid, auf die Klage einzutreten, hat die Vorinstanz ihre funktionelle Zuständigkeit bejaht und damit endgültig entschieden, dass kein vorgängiges Schlichtungsverfahren vor einer Schlichtungsbehörde durchzuführen sei. Der angefochtene Entscheid stellt einen nach <span class="artref">Art. 92 BGG</span> anfechtbaren Zwischenentscheid dar.</div> <div class="paraatf">(...)</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp401040"></a><span class="bold" id="consideration_2.">2. </span>Die Vorinstanz erwog, dass bei Verfahren betreffend Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung - wozu auch Streitigkeiten aus Krankentaggeldversicherungen nach VVG (SR 221.229.1) gehören - vor der Klageeinleitung beim Sozialversicherungsgericht als einzige kantonale Instanz im Sinne von <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> (SR 272) kein vorgängiges Schlichtungsverfahren durchzuführen sei. Sie begründete dies damit, dass bei Streitigkeiten nach VVG das bisherige (kantonale) Verfahren beibehalten werde, welches keine Schlichtung vorsehe und eine solche überdies auch bei direkter Anwendbarkeit der ZPO entfallen würde.</div> <div class="paraatf">Die Beschwerdeführerin macht in verschiedener Hinsicht eine Bundesrechtsverletzung geltend und bringt vor, dass sich das Verfahren, auch wenn das kantonale Recht eine einzige Instanz im Sinne von <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> vorsehe, ausschliesslich nach den Bestimmungen der ZPO richte. <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> sei im Ausnahmekatalog von <span class="artref">Art. 198 ZPO</span> nicht erfasst, womit es dem tatsächlichen Willen des Gesetzgebers entspreche, eine vorgängige Schlichtung durchzuführen. <a name="page560"></a><div class="center pagebreak">BGE 138 III 558 S. 560</div> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp411024"></a><span class="bold" id="consideration_3.">3. </span> </div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp412032"></a><span class="bold" id="consideration_3.1">3.1 </span>Gemäss <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> können die Kantone ein Gericht bezeichnen, welches als einzige kantonale Instanz für Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung nach dem Bundesgesetz vom 18. März 1994 über die Krankenversicherung (KVG; SR 832.10) zuständig ist.</div> <div class="paraatf">Vor Inkrafttreten der ZPO bestand keine bundesrechtliche Regelung der sachlichen Zuständigkeit für die Geltendmachung zivilrechtlicher Ansprüche aus Zusatzversicherungen. Die Kantone konnten gestützt auf ihre Organisationshoheit entweder die Zivil- oder die Versicherungsgerichte für die Beurteilung dieser Ansprüche für zuständig erklären. Die bundesrätliche Botschaft schlug im Zusammenhang mit einem hängigen parlamentarischen Vorstoss vor, den Kantonen diese Organisationsfreiheit auch weiterhin zu belassen, da ihnen gemäss <span class="artref">Art. 4 ZPO</span> die Regelung der sachlichen Zuständigkeit obliege (Botschaft vom 28. Juni 2006 zur Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO], BBl 2006 7221 ff., insb. 7247 f. Ziff. 3.4.3).</div> <div class="paraatf">Den Kantonen wurde folglich mit <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> mit Bezug auf die Zuständigkeit der Gerichte erlaubt, ihr bisheriges System beizubehalten, und zwar unabhängig davon, ob sie die Streitigkeiten aus den Zusatzversicherungen den Zivilgerichten oder den kantonalen Versicherungsgerichten zugewiesen haben (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2012&amp;to_year=2012&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F138-III-2%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page2">BGE 138 III 2</a> E. 1.2.2 S. 5 mit Hinweisen; vgl. auch HAAS/SCHLUMPF, in: ZPO, Oberhammer [Hrsg.], 2010, N. 3 zu <span class="artref">Art. 7 ZPO</span>; THEODOR HÄRTSCH, in: Schweizerische Zivilprozessordnung [ZPO], Baker &amp; McKenzie [Hrsg.], 2010, N. 2 zu <span class="artref">Art. 7 ZPO</span>; DAVID RÜETSCHI, in: Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO], Sutter-Somm und andere [Hrsg.], 2010, N. 10 zu <span class="artref">Art. 7 ZPO</span>; HANS-JAKOB MOSIMANN, in: Schweizerische Zivilprozessordnung [ZPO], Brunner und andere [Hrsg.], Kommentar, 2011, N. 9 zu <span class="artref">Art. 7 ZPO</span>). Es ist somit dem kantonalen Gesetzgeber überlassen, zu entscheiden, welche Gerichtsinstanz, allenfalls als einzige kantonale Instanz, diese Streitigkeiten beurteilen soll.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp430304"></a><span class="bold" id="consideration_3.2">3.2 </span>Daran ändert jedoch nichts, dass der betreffende Anspruch aus der Zusatzversicherung - gleichgültig welche Gerichtsinstanz darüber entscheidet - ein zivilrechtlicher bleibt. Dies entspricht der konstanten bundesgerichtlichen Rechtsprechung, wonach Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung privatrechtlicher Natur sind (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2012&amp;to_year=2012&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F133-III-439%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page439">BGE 133 III 439</a> E. 2.1 S. 442 mit Hinweisen). <a name="page561"></a><div class="center pagebreak">BGE 138 III 558 S. 561</div>Nach <span class="artref">Art. 1 lit. a ZPO</span> unterliegen streitige Zivilsachen dem Geltungsbereich der ZPO. Dies hat zur Folge, dass die ZPO für Streitigkeiten aus der Zusatzversicherung zur sozialen Krankenversicherung (auch vor den Versicherungsgerichten) die massgebliche Verfahrensordnung bildet (RÜETSCHI, a.a.O., N. 15 zu <span class="artref">Art. 7 ZPO</span>; HÄRTSCH, a.a.O., N. 7 zu <span class="artref">Art. 7 ZPO</span>; DOMINIK VOCK, in: Basler Kommentar, Schweizerische Zivilprozessordnung, 2010, N. 3 zu <span class="artref">Art. 7 ZPO</span>; gegenteilige Meinung vgl. UELI SPITZ, Eidgenössische ZPO und Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung, Jusletter vom 20. Dezember 2010 Rz. 14 ff.).</div> <div class="paraatf">Diese Ansicht wird mit Blick in die vertraulichen Dokumente der Kommission für Rechtsfragen des Nationalrates im Zusammenhang mit der Ausarbeitung von <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> (vormals Art. 6a) bestätigt. Der Rechtskommission standen drei Modelle zur Verfügung, wie die ZPO angepasst werden könnte bzw. wie die Streitigkeiten aus sozialer Krankenversicherung und aus Zusatzversicherung verfahrensmässig zu koordinieren sind. Diese Modelle unterschieden sich insbesondere bezüglich der Zuständigkeit der Gerichte und der anwendbaren Verfahrensordnung. Das zweite Modell, welches in der Folge von der Rechtskommission des National- und Ständerates angenommen wurde, sah ausdrücklich vor, dass die Kantone zur Beurteilung von Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen eine einzige Instanz vorsehen können, die aber je nach Anspruch zwei verschiedene Verfahrensordnungen anwenden muss; Streitigkeiten aus der Grundversicherung bleiben dem ATSG (Bundesgesetz vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [SR 830.1]) unterstellt, jene aus der Zusatzversicherung werden nach der ZPO beurteilt. Es stellt sich daher die Frage, ob ein Schlichtungsversuch nach <span class="artref">Art. 197 ZPO</span> für Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung erforderlich ist, obwohl das entsprechende Verfahren dem sozialversicherungsrechtlichen Verfahren sehr ähnlich ist (vgl. Botschaft ZPO, BBl 2006 7221 ff., insb. 7248 Ziff. 3.4.3).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp448656"></a><span class="bold" id="consideration_4.">4. </span>Grundsätzlich geht jedem Entscheidverfahren ein Schlichtungsverfahren vor einer Schlichtungsbehörde voraus (<span class="artref">Art. 197 ZPO</span>). Die ZPO sieht jedoch in Art. 198 zahlreiche Ausnahmen vor, bei welchen ein Schlichtungsverfahren entfällt und demnach das Verfahren direkt beim zuständigen Gericht einzuleiten ist. So entfällt das Schlichtungsverfahren gemäss <span class="artref">Art. 198 lit. f ZPO</span> bei Streitigkeiten, für die nach <span class="artref"><artref id="CH/272/5" type="start"></artref>Art. 5 und 6 ZPO</span><artref id="CH/272/6" type="end"></artref> eine einzige kantonale Instanz zuständig ist. <span class="artref">Art. 7 ZPO</span>, welcher neben <span class="artref"><artref id="CH/272/5" type="start"></artref>Art. 5 und 6 ZPO</span><artref id="CH/272/6" type="end"></artref> ebenfalls eine <a name="page562"></a><div class="center pagebreak">BGE 138 III 558 S. 562</div>einzige kantonale Instanz vorsieht, wird im Ausnahmekatalog von <span class="artref">Art. 198 ZPO</span> jedoch nicht aufgeführt.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp463808"></a><span class="bold" id="consideration_4.1">4.1 </span>Nach der Rechtsprechung darf die Auslegung vom klaren Wortlaut eines Rechtssatzes nur dann abweichen, wenn triftige Gründe dafür bestehen, dass er nicht den wahren Sinn der Bestimmung wiedergibt. Solche triftigen Gründe können sich aus der Entstehungsgeschichte, aus dem Sinn und Zweck der Vorschrift und aus dem Zusammenhang mit anderen Gesetzesbestimmungen ergeben. Entscheidend ist danach nicht der vordergründig klare Wortlaut einer Norm, sondern der wahre Rechtssinn, welcher durch die anerkannten Regeln der Auslegung zu ermitteln ist (<a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2012&amp;to_year=2012&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F131-II-217%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page217">BGE 131 II 217</a> E. 2.3 S. 221 f.; vgl. auch <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2012&amp;to_year=2012&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F135-II-195%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page195">BGE 135 II 195</a> E. 6.2 S. 198 f.; je mit Hinweisen). Aus der Entstehungsgeschichte einer Norm können sich derart triftige Gründe namentlich dann ergeben, wenn sich erweist, dass der Gesetzgeber eine Rechtsfrage nicht behandelt, sondern übersehen hat (vgl. analog zur Lückenfüllung <a class="bgeref_id" href="https://search.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/clir/http/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;from_year=2012&amp;to_year=2012&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;from_date_push=&amp;top_subcollection_clir=bge&amp;query_words=&amp;part=all&amp;de_fr=&amp;de_it=&amp;fr_de=&amp;fr_it=&amp;it_de=&amp;it_fr=&amp;orig=&amp;translation=&amp;rank=0&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F135-III-385%3Ade&amp;number_of_ranks=0&amp;azaclir=clir#page385">BGE 135 III 385</a> E. 2.1 S. 386).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp472624"></a><span class="bold" id="consideration_4.2">4.2 </span>In der Lehre sind die Meinungen geteilt, ob bei Streitigkeiten nach <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> ein vorgängiges Schlichtungsverfahren durchzuführen ist. Ein Teil der Autoren vertritt meist ohne Begründung die Meinung, es folge <i>e contrario</i> aus <span class="artref">Art. 198 lit. f ZPO</span>, dass für Verfahren nach <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> zwingend ein Schlichtungsverfahren durchzuführen sei, unabhängig davon, ob die Zivil- oder die Versicherungsgerichte für die Beurteilung der privatrechtlichen Streitsache sachlich zuständig seien (RÜETSCHI, a.a.O., N. 16 zu <span class="artref">Art. 7 ZPO</span>; MARTIN FREY, in: Schweizerische Zivilprozessordnung [ZPO], Baker &amp; McKenzie[Hrsg.], 2010, N. 9 zu <span class="artref">Art. 198 ZPO</span>; FRANÇOIS BOHNET, in: Code de procédure civile commenté, Bohnet und andere [Hrsg.], 2011, N. 23 zu <span class="artref">Art. 198 ZPO</span>; FRANÇOIS CHAIX, La procédure ordinaire, in: Le Code de procédure civile, Aspects choisis, 2011, S. 68 Fn. 9). Andere Autoren erachten den Ausnahmekatalog von <span class="artref">Art. 198 ZPO</span> als <i>abschliessend</i>, ohne jedoch ausdrücklich auf die Problematik von <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> einzugehen (GASSER/RICKLI, Schweizerische Zivilprozessordnung [ZPO], Kurzkommentar, 2010, N. 1 zu <span class="artref">Art. 198 ZPO</span>; DOMINIK INFANGER, in: Basler Kommentar, Schweizerische Zivilprozessordnung, 2010, N. 1 zu <span class="artref">Art. 198 ZPO</span>; GLOOR/UMBRICHT LUKAS, in: ZPO, Oberhammer [Hrsg.], 2010, N. 1 zu <span class="artref">Art. 198 ZPO</span>). Demgegenüber vertritt UELI SPITZ mit eingehender Begründung die Meinung, es sei ein offensichtliches Versehen, dass Art. 7 in <span class="artref">Art. 198 lit. f ZPO</span> nicht an gleicher Stelle wie <span class="artref"><artref id="CH/272/5" type="start"></artref>Art. 5 und 6 ZPO</span><artref id="CH/272/6" type="end"></artref> aufgeführt sei; ein <a name="page563"></a><div class="center pagebreak">BGE 138 III 558 S. 563</div>vorgängiges Schlichtungsverfahren habe auch bei Streitigkeiten nach <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> zu entfallen (UELI SPITZ, a.a.O., Rz. 20).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp501712"></a><span class="bold" id="consideration_4.3">4.3 </span>Der Entwurf des Bundesrates zur ZPO sah in Art. 195 lit. f vor, dass Streitigkeiten, die das einzige kantonale Gericht im Sinne von Art. 5 E-ZPO zu beurteilen hat, vom Grundsatz einer vorgängigen Schlichtung ausgenommen seien, da das notwendige Fachwissen bei einer nichtspezialisierten Schlichtungsbehörde nicht vorausgesetzt werden könne. Demgegenüber sah der Entwurf jedoch ausdrücklich vor, dass bei handelsrechtlichen und prorogierten Streitigkeiten im Sinne von Art. 6 und 7 E-ZPO (heute <span class="artref"><artref id="CH/272/6" type="start"></artref>Art. 6 und 8 ZPO</span><artref id="CH/272/8" type="end"></artref>) ein Schlichtungsversuch vorauszugehen habe (Botschaft ZPO, BBl 2006 7221 ff., insb. 7329).</div> <div class="paraatf">In der parlamentarischen Beratung des Ständerats vom 14. Juni 2007 wurde alsdann beantragt, auch die handelsrechtlichen Streitigkeiten nach Art. 6 E-ZPO von einem vorgängigen Schlichtungsverfahren auszunehmen, da auch diese - wie die Streitigkeiten nach Art. 5 E-ZPO - einerseits ein Spezialwissen erfordern und andererseits gegebenenfalls nur durch eine kantonale Instanz zu entscheiden seien (AB 2007 S 519). In der Folge wurde die Anpassung von Art. 197 lit. f (damals Art. 195 lit. f) auch vom Nationalrat beschlossen. Es wurde ausgeführt, dass eine unterschiedliche Behandlung von Art. 5 und 6 kaum gerechtfertigt sei. Bei diesen Streitigkeiten sei es sinnvoll, wenn direkt der urteilende Fachrichter und nicht zuerst noch ein Friedensrichter einen Vergleichsvorschlag im Rahmen eines Schlichtungsversuches unterbreite, da das notwendige Fachwissen von einer nichtspezialisierten Schlichtungsbehörde nicht vorausgesetzt werden könne (AB 2008 N 947 ff.).</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp509136"></a><span class="bold" id="consideration_4.4">4.4 </span>Eine Diskussion über die Aufnahme von <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> in den Ausnahmekatalog von <span class="artref">Art. 198 ZPO</span> fand im Parlament jedoch nicht statt. Dies hat daran gelegen, dass zum damaligen Zeitpunkt der heutige <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> im Entwurf noch gar nicht enthalten war, sondern erst anlässlich der ständerätlichen Beratung vom 14. Juni 2007 angeregt wurde (AB 2007 S 500 f.). In der Folge hat die Rechtskommission des Nationalrates einen neuen <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> (damals <span class="artref">Art. 6a ZPO</span>) vorgeschlagen, welcher sodann diskussionslos ins Gesetz aufgenommen wurde (AB 2008 N 644; AB 2008 S 725). Es wurde dabei offenbar übersehen, dass die Argumente, welche zur Aufnahme der handelsrechtlichen Streitigkeiten nach <span class="artref">Art. 6 ZPO</span> in den Ausnahmekatalog von <span class="artref">Art. 198 ZPO</span> geführt haben, auch für den inzwischen neu eingeführten <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> gesprochen hätten. <a name="page564"></a><div class="center pagebreak">BGE 138 III 558 S. 564</div> </div> <div class="paraatf">Es liegen damit keine Anhaltspunkte für ein qualifiziertes Schweigen des Gesetzgebers vor.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp525792"></a><span class="bold" id="consideration_4.5">4.5 </span>Es ist nicht ersichtlich, weshalb für die von den Kantonen als einzige Instanz eingesetzten (Sozial-)Versicherungsgerichte nicht die gleiche Ausnahmeregelung in Bezug auf ein vorgängiges Schlichtungsverfahren gelten sollte wie für <span class="artref"><artref id="CH/272/5" type="start"></artref>Art. 5 und 6 ZPO</span><artref id="CH/272/6" type="end"></artref>. Bei Streitigkeiten betreffend Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung handelt es sich ebenfalls um eine Spezialmaterie, die ein besonderes Fachwissen erfordert. Ein solches kann von einer nichtspezialisierten Schlichtungsbehörde nicht vorausgesetzt werden, was eine unterschiedliche Behandlung von <span class="artref"><artref id="CH/272/6" type="start"></artref><artref id="CH/272/5" type="start"></artref>Art. 5, 6 und 7 ZPO</span><artref id="CH/272/6" type="end"></artref><artref id="CH/272/7" type="end"></artref> nicht rechtfertigt. Überdies widerspricht ein vorgängiges Schlichtungsverfahren für Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen vor einer einzigen kantonalen Instanz dem Willen des Gesetzgebers, die Verfahren für die Zusatzversicherung und die Verfahren für die Grundversicherung zu koordinieren, was für den Erlass von <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> ausschlaggebend war (vgl. Botschaft ZPO, BBl 2006 7221 ff., insb. 7247 f. Ziff. 3.4.3). Hinzu kommt, dass der Schlichtungsbehörde nach <span class="artref">Art. 212 ZPO</span> bis zu einem Streitwert von Fr. 2'000.- selbstständige Entscheidkompetenz zukommt, womit für geringfügige Streitigkeiten ein doppelter kantonaler Instanzenzug gegeben wäre (<span class="artref">Art. 319 ff. ZPO</span>), was Sinn und Zweck von <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> widerspricht.</div> <div class="paraatf">Daraus folgt, dass es ein offensichtliches Versehen des Gesetzgebers war, <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> nicht gleich wie <span class="artref"><artref id="CH/272/5" type="start"></artref>Art. 5 und 6 ZPO</span><artref id="CH/272/6" type="end"></artref> in <span class="artref">Art. 198 lit. f ZPO</span> zu erwähnen.</div> <br/><div class="paraatf"> <a name="idp549584"></a><span class="bold" id="consideration_4.6">4.6 </span>Somit ergibt sich, dass auch für Streitigkeiten aus Zusatzversicherungen zur sozialen Krankenversicherung, für welche die Kantone eine einzige kantonale Instanz nach <span class="artref">Art. 7 ZPO</span> bezeichnet haben, kein vorgängiges Schlichtungsverfahren durchzuführen ist, und die Klage demnach direkt beim Gericht anhängig gemacht werden kann.</div> </div></body></html>