B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6578/2017 law/gnb U r t e i l v o m 14 . M ä r z 2 0 1 8 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richterin Regula Schenker Senn, Richterin Mia Fuchs, Gerichtsschreiberin Barbara Gysel Nüesch. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch MLaw Nina Klaus, Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende Solothurn, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 20. Oktober 2017 / N (…). D-6578/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess Eritrea eigenen Angaben zufolge im (…). Nach jeweils mehrmonatigen Aufenthalten in Äthiopien, im Sudan und in Libyen sei er über Italien am 2. November 2016 in die Schweiz gelangt, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. Am 22. November 2016 wurde er zu seiner Person, zum Reiseweg und summarisch zu den Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]). Am 7. September 2017 wurde er im Beisein seiner Vertrauensperson und der Hilfswerksvertretung eingehend zu den Asylgründen angehört. Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Be schwerdeführer im Wesentlichen F olgendes geltend: Er stamme aus B._______, Subzoba C._______, Zoba D._______. Um seine Mutter bei der Arbeit in der Land- wirtschaft unterstützen zu können, habe er im Jahr (…) wiederholt in der Schule fehlen müssen. Wegen der Absenzen sei er durch den Lehrer der Schule verwiesen worden. In der Folge habe die Verwaltung vom Schul- verweis erfahren und ihm ein Aufgebot für den Militärdienst nach Hause geschickt, wonach er sich in E._______ hätte melden müssen. Weil er die- sem Aufgebot keine Folge geleistet habe, seien dreimal Soldaten nach Hause gekommen, welche ihn hätten festnehmen wollen. Bei den ersten beiden Malen habe er in die Wildnis flüchten können, ohne gesehen zu werden. Beim dritten Mal hingegen sei mit einem Stein nach ihm geworfen worden, der ihn an der Wade verletzt habe. Trotzdem habe er flüchten kön- nen. In der Wildnis habe er zwei Freunde angetroffen und mit ihnen be- schlossen, Eritrea zu verlassen. Sein Vater sei Soldat und komme etwa alle drei bis vier Jahre nach Hause, weshalb er ihn nicht richtig kenne. Auch seine ältere Schwester sei in den Militärdienst eingezogen worden. In Eritrea habe e r keine Freiheit gehabt und keine Zukunftsperspektive gesehen. B. Die im Auftrag des SEM durchgeführte radiologische Handknochenanalyse zur Altersbestimmung vom (…) ergab ein Skelettalter des Beschwerdefüh- rers von (…) Jahren. C. Mit Verfügung des SEM vom 12. Dezember 2016 wurde das zuvor einge- leitete Dublin -Verfahren beendet und das nationale Asyl - und Wegwei- sungsverfahren aufgenommen. D-6578/2017 Seite 3 D. Am 20. Februar 2017 stellte der Beschwerdeführer ein Kantonswechselge- such, welches mit Verfügung des SEM vom 20. Juli 2017 abgelehnt wurde. E. Mit Verfügung vom 20. Oktober 2017 – der Vertrauensperson und dem Be- schwerdeführer eröffnet am 23. Oktober 2017 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asyl- gesuch vom 2. November 2016 ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz. Deren Vollzug schob es hingegen infolge Unzumutbarkeit zu- gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf. F. Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 21. November 2017 erhob der Beschwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsge- richt Beschwerde. Darin wurde beantragt, es sei die Verfügung des SEM aufzuheben und der Beschwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessu- aler Hinsicht wurde ferner beantragt, es sei ihm die unentgeltliche Rechts- pflege zu gewähren und ihm die unentgeltliche Verbeiständung mit der Un- terzeichnenden zu bewilligen sowie auf die Erhebung eines Kostenvor- schusses zu verzichten. G. Am 27. November 2017 (Eingang beim Bundesverwaltungsgericht) wurde die Fürsorgebestätigung vom 23. November 2017 nachgereicht. H. Mit Verfügung vom 11. Dezember 2017 hiess der Instruktionsrichter die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechts- verbeiständung unter Vorbehalt einer nachträglichen Veränderung d er fi- nanziellen Verhältnisse gut. Antragsgemäss wurde Frau MLaw Nina Klaus als amtliche Rec htsbeiständin eingesetzt. Gleichzeitig wurde der Vorinstanz Gelegenheit zur Vernehmlassung eingeräumt. I. Das SEM liess sich mit Eingabe vom 19. Dezember 2017 zur Beschwerde vernehmen. D-6578/2017 Seite 4 J. Am 21. Dezember 2017 wurde dem Beschwerdeführer die Vernehmlas- sung des SEM vom 19. Dezember 2017 zur Kenntnis gebracht. K. Der Beschwerdeführer liess mittels Eingabe seiner Rechtsbeiständin vom 29. Dezember 2017 replizieren. Gleichzeitig reichte die Rechtsbeiständin ihre Kostennote ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende A usnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü- gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung D-6578/2017 Seite 5 des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 3.3 3.3.1 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen des Landes – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG gel- tend. 3.3.2 Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die Flüchtlingseigen- schaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). 3.4 Die am 1. Februar 2014 in Kraft getretene Bestimmung von Art. 3 Abs. 4 AsylG hält fest, dass Personen, die Gründe geltend machen, die wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden und weder Ausdruck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat - oder Herkunftsstaat bestehen- den Überzeugung oder Ausrichtung sind, nicht als Flüchtlinge gelten kön- nen; diese einschränkende Feststellung wurde vom Gesetzgeber aller- dings durch den ausdrücklichen Hinweis auf den Vorbehalt der Geltung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) relativiert (vgl. Art. 3 Abs. 4 in fine AsylG). 4. 4.1 Das SEM begründet seine Verfügung im Wesentlichen damit, dass die Angaben des Beschwerdeführers zur Verfolgung durch die eritreischen Be- hörden wenig substantiiert seien. Er sei nicht im Stande, wesentliche Ele- mente dazu konkret und überzeugend dazulegen. So sei seine Schilderung D-6578/2017 Seite 6 der Situation, in der er vom Aufgebot Kenntnis erhalten habe, knapp aus- gefallen. Abgesehen von offensichtlichen Informationen, wie dass das Schreiben von der Verwaltung gekommen sei und er si ch an einen be- stimmten Ort hätte begeben müssen, habe er auch den Inhalt des Aufge- bots nicht wiedergeben können. Angesichts des Umstands, dass es sich hierbei um wesentliche Elemente handle, mit der er seine Gefährdungssi- tuation im Heimatland begründe, sei (auch in Berücksichtigung seines jun- gen Alters) nicht nachvollziehbar, weshalb er diese nur sehr vage und ober- flächlich beschreiben könne. Seine Aussagen zu den Festnahmeversu- chen durch die Soldaten, zu seiner jeweiligen Flucht sowie zu der in der Wildnis verbrachten Zeit seien ebenfalls vage geblieben und würden weit- gehend keine zusätzlichen persönlichen Erlebnisse und Erinnerungen ent- halten. Vielmehr würden sie sich überwiegend auf äussere Abläufe bezie- hen, wodurch sie einen persönlichen Bezug und Realkennzeichen (so ins- besondere Detailreichtum der Schilderung, Interaktionsschilderung sowie inhaltliche Besonderheiten) vermissen lassen würden. Die Zweifel an der Glaubhaftigkeit würden dadurch erhärtet, dass die geschilderte Flucht vor den Soldaten beim dri tten Festnahmeversuch wenig plausibel erscheine. Es sei nicht logisch nachvollziehbar, dass die Soldaten dem Beschwerde- führer nach seinem Entkommen nicht gefolgt respektive nicht in der Lage gewesen sein sollen, ihm zu folgen und ihn einzuholen, zumal er g emäss seinen Angaben am Bein verletzt und insofern körperlich eingeschränkt ge- wesen sei. Hinzu komme, dass die Soldaten in der Mehrzahl gewesen seien. Sodann sei gemäss dem Koordinationsurteil des Bundesverwaltungsge- richts vom 30. Januar 2017 (D-7898/2015) nicht mit überwiegender Wahr- scheinlichkeit davon auszugehen, dass sich eritreische Staatsangehörige aufgrund einer illegalen Ausreise mit Sanktionen ihres Heimstaates kon- frontiert sähen, die bezüglich ihrer Intensität und der politischen Motivation des St aates ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG darstellen würden. Andere Anknüpfungspunkte, welche den Beschwerdeführer in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten, seien ebenfalls nicht ersichtlich. Er sei als minderjährige Person und damit im noch nicht dienstpflichtigen Alter aus Eritrea ausgereist. 4.2 In der Besc hwerde wird dem mit Verweis auf die Richtlinien des UN - Flüchtlingshochkommissariats entgegengehalten, dass von Kindern eine Schilderung ihrer Erlebnisse nicht in gleicher Weise erwartet werden könne wie von Erwachsenen. Auch wenn Bedenken hinsichtlich der Glaubwürdig- keit einiger Behauptungen des Kindes bestünden, sollte im Zweifelsfall für D-6578/2017 Seite 7 das Kind entschieden werden. Es wäre von der Vorinstanz zu erwarten ge- wesen, dass sie die Form der Fragestellungen der BzP und Anhörung kindsgerecht hätte gestalten sollen. Indem die Vorinstanz dem minderjäh- rigen Beschwerdeführer oftmals sehr offene Frage gestellt habe, habe sie es unterlassen, die Fragen kindsger echt zu stellen. Es wäre zu erwarten gewesen, dass sie ihre Fragen eingegrenzt hätte, damit er gewusst hätte, was man von ihm wissen möchte. Die Vorinstanz habe verkannt, dass die Anforderungen an seine Glaubwürdigkeit nicht gleich hoch sein dürften wie an jene eines erwachsenen Asylsuchenden. Er habe sich stets mit bestem Wissen und Gewissen zu allen Fragen der Vorinstanz geäussert und habe nicht wissen können, welche weiteren Details man von ihm habe wissen wollen. So habe er intuitiv und ausführlich über seine Gefühlslage im Zusammen- hang mit dem Aufgebot erzählt und habe die Situation auch zeitlich einord- nen können. Er habe sodann nach seinem besten Wissen und Gewissen alles genannt, was im Aufgebot gestanden habe, und habe sogar ausge- führt, dass er sich zur Verwaltung in E._______ hätte begeben müssen. Hätte die Vorinstanz weitere Details über das Aufgebot erfahren wollen, hätte sie noch mehr spezifische Fragen stellen müssen. Sodann würden seine Ausführungen zu den ersten beiden Festnahmever- suchen sowie den weiteren Umständen dazu beinahe drei Seiten des An- hörungsprotokolls umfassen. Er habe wesentliche Details erzählt und die Schilderungen würden einen persönlichen Bezug und somit Realkennzei- chen enthalten. Auch habe er auf Fragen der Vorinstanz zu we iteren De- tails über den ersten Festnahmeversuch nach bestem Wissen und Gewis- sen geantwortet, zahlreiche Details genannt, glaubhaft über seine Gefühle berichtet und zahlreiche Gedanken geschildert . Er hätte diese persönli- chen Erlebnisse alle nicht erzählen können, wenn er sie nicht wirklich erlebt hätte. Zudem seien die von der Vorinstanz gestellten Fragen allesamt sehr offen gehalten gewesen, weshalb von ihm nicht habe erwartet werden kön- nen, weitere Details zu er zählen. Daneben sei zu berücksichtigten, dass Eritreer kulturell bedingt nicht sehr ausschweifend von ihren Erlebnissen berichten und sich in den Mittelpunkt stellen würden. Was den dritten Festnahmeversuch anbelange, so liege nach dem bereits erfolgten Aufgebot für den Militärdienst und d em zweimaligen Aufsuchen durch die Behörden auf der Hand, dass diese weiterhin interessiert gewe- sen seien, ihn in den Militärdienst einzuziehen. Es sei demnach nachvoll-D-6578/2017 Seite 8 ziehbar, dass sie ein drittes Mal versucht hätten, ihn mit Zwang zu rekru- tieren. Die Flucht sei ihm damals durchaus möglich gewesen, da er auf der Weide gesessen habe, als drei Soldaten sich dem Haus seiner Familie ge- nähert hätten. Da die Distanz zwischen ihm und den Soldaten einige Hun- dert Meter betragen und er sofort rennend die Flucht ergriffen habe, habe er sich einen deutlichen Vorsprung verschafft und es sei ihm möglich ge- wesen, den Soldaten zu entkommen. Die Vorinstanz h abe es vollständig unterlassen zu berücksichtigen, dass er anlässlich der Anhörung erklärt habe, dass es bereits dunkel gewesen sei, als die Soldaten gekommen seien, und dass er den Schmerz am Bein gar nicht gespürt habe. Indem er intuitiv über seine Gedanken und Emotionen nach dieser Flucht erzählt habe, würden eindeutig Realkennzeichen vorliegen, die verdeutlichen wür- den, dass er die geschilderten Handlungsabläufe wirklich so erlebt habe. Zudem sei zu beachten, dass er während der Anhörung wiederholt geweint habe. Di e Hilfswerksvertretung habe ausgeführt, dass seine psychische Gesundheit angeschlagen sei und er am Ende der Anhörung gesagt habe, dass er lieber sterbe, als nach Eritrea zurückzukehren , weshalb allenfalls sein Gesundheitszustand abzuklären sei. Die Vorinstanz habe es jedoch unterlassen, den psychischen Zustand zu würdigen und genauer abzuklä- ren. Alle diese Hinweise bezüglich seiner psychischen Verfassung würden eindeutig verdeutlichen, dass er das Erzählte wirklich erlebt und glaubhaft geschildert habe. Er habe umfassend, persönlich, realitätsnah sowie de- tailreich über die Geschehnisse in Eritrea berichtet und es könnten ihm keinerlei Widersprüche angelastet werden. Seine drohende Zwangsrekrutierung sowie die Angst vor weiteren Razzien würden einerseits seine Bewegungsfreiheit gefährden und andererseits ei- nen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Aufgrund dieser Um- stände sei er gezwungen gewesen, seine Familie in Eritrea alleine zurück- zulassen und zu flüchten. Wäre er in Eritrea geblieben, wäre er vo n den Behörden mit Zwang für das Militär rekrutiert oder sogar inhaftiert worden. Zum Zeitpunkt seiner Flucht sei gemäss der Rechtsprechung des Bundes- verwaltungsgerichts in Bezug auf eritreische Staatsangehörige, die illegal aus ihrem Herkunftsstaat ausgereist seien, das Vorliegen von subjektiven Nachfluchtgründen zu bejahen gewesen. Das eritreische Regime erachte das illegale Verlassen des Landes als Zeichen politischer Opposition ge- gen den Staat und versuche mit drakonischen Massnahmen der sinkenden Wehrbereitschaft und der Massenfluchtbewegung in der Bevölkerung Herr zu werden. Die Vorinstanz habe vollständig unterlassen , alle Zweifel be-D-6578/2017 Seite 9 züglich des Risikos im Fall einer Rückkehr auszuräumen, wenn eine Per- son im oder vor dem dienstpflichtigen Alter glaubhaft machen könne, dass sie illegal aus Eritrea ausgereist sei. Die Vorinstanz verkenne zudem, dass das Bundesverwaltungsgericht in seinem Grundsatzentscheid vom 17. Au- gust 2017 (D -2311/2016) ausführe, dass in Eritrea landesweit Razzien stattfinden würden, bei denen Ortschaften oder Stadtteile von der Armee abgeriegelt und Jugendliche – darunter auch Minderjährige – daraufhin überprüft würden, ob sie ihre Dienstpflicht erfüllt hätten. Hätten sie dies nicht, würden diese inhaftiert und in den Militärdienst ein gezogen. Zudem gehe das Bundesverwaltungsgericht davon aus, dass insbesondere Per- sonen, die vor Vollendung des 18. Altersjahres aus Eritrea ausgereist seien, bei einer Rückkehr eingezogen würden. Diese Fallkonstellation sei vorliegend gegeben. Des Weiteren verkenne die Vorinstanz, dass die ille- gale Ausreise Minderjähriger aus Eritrea bestraft werde. 4.3 In der Vernehmlassung hielt die Vorinstanz an ihrem Standpunkt fest und wies darauf hin, dass die BzP und die Anhörung altersgerecht durch- geführt worden seien. Der Umstand, dass dem Beschwerdeführer im Rah- men der Anhörung offene Fragen gestellt worden seien, führe keineswegs zur Annahme einer nicht kindesgerechten Anhörung. Die Fragen seien be- wusst einfach formuliert worden. Der Beschwerdeführer habe denn auch keine Mühe gehabt, die Fragen zu verstehen und zu beantworten. 4.4 In der Replik wurde daran festgehalten, dass der Beschwerdeführer glaubhaft über die Geschehnisse in Eritrea berichtet habe. Sodann wird auf BVGE 2014/30 verwiesen, wonach bei der Anhörung eines unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden spezifische Faktoren berücksichtigt werden müssten, wie Alter, Reifegrad, Komplexität der Vorbringen und besondere Anforderungen hinsichtlich des Beweiswerts der Vorbringen. Bei der Anhö- rung und Befragung von unbegleiteten Minderjährigen würden auch beson- dere Anforderungen an die Form der Fragestellung und an den Rhythmus der Befragung gelten. Eine Anhäufung negativer Faktoren in der Anhörung führe demnach zur Abfassung eines Einvernahmeprotokolls, aufgrund des- sen die Glaubhaftigkeit der Vorbringen nicht umfassend geprüft werden könne. Vorliegend habe die Vorinstanz die vom Bundesverwaltungsgericht vorgegebenen Faktoren für die Anhörung von unbegleiteten m inderjähri- gen Asylsuchenden nicht berücksichtigt und demnach die Fragen nicht auf den minderjährigen Beschwerdeführer abgestimmt. Die Anforderungen an die Glaubwürdigkeit von minderjährigen Asylsuchenden sei en weniger hoch als bei erwachsenen Asylsuch enden. Der minderjährige Beschwer-D-6578/2017 Seite 10 deführer sei aus seiner geografischen, sprachlichen, kulturellen und sozia- len Umgebung herausgerissen worden und befinde sich deshalb in einer schwierigen Situation und sei auch gerade wegen seines jugendlichen Al- ters besonders verletzlich. Daher wäre von der Vorinstanz zu erwarten ge- wesen, dass sie ihre offen gestellten Fragen umformuliert und eingegrenzt hätte, nachdem sie bemerkt habe, dass er – ihrer Ansicht nach – nicht plau- sibel geantwortet habe. Entgegen der Ansicht der Vorinstanz seien die Fra- gen für ihn nicht leicht verständlich gewesen. Da die Vorinstanz der Ansicht sei, dass seine Ausführungen unglaubhaft seien, hätte sie ihm weitere Fra- gen stellen müssen. Er habe stets alle Fragen nach seinem besten Wissen und Gewissen beantwortet. Somit habe er davon ausgehen können und dürfen, dass seine Antworten ausführlich genug gewesen seien und das Erzählte für die Vorinstanz plausibel sei. Sodann habe ihn die Vorinstanz, als er das erste Mal geweint habe , ge- fragt, ob er einen Moment brauche. Nachdem er wiederholt in Tränen aus- gebrochen sei, habe die Vorinstanz in keiner Weise mehr darauf reagiert. Damit habe sie es unterlassen, dem Aspekt seiner Minderjährigkeit Rech- nung zu tragen, indem sie keine entsprechenden Massnahmen für sein Wohlbefinden getroffen habe. Insgesamt habe die Vorinstanz die Anhörung nicht kindsgerecht durchgeführt. 5. 5.1 Der Beschwerdeführer rügt zunächst in formeller Hinsicht, er sei von der Vorinstanz nicht kindesgerecht respektive ohne gebührende Berück- sichtigung seiner Minderjährigkeit befragt worden. 5.1.1 Das erstinstanzliche Asylverfahren hat insbesondere im Fall unbe- gleiteter Minderjähriger gewissen Anforderungen zu genüge n. Zunächst hat das SEM, sofern es an der vorgetragenen Minderjährigkeit einer asyl- suchenden Person zweifelt, noch vor der Anhörung zu den Asylgründen das Alter zu prüfen. Kommt es zum Schluss, dass die asylsuchende Per- son minderjährig und unbegleitet ist, hat es ihr für die Dauer des Asylver- fahrens einen Rechtsbeistand beizuordnen. Überdies hat es unter ande- rem bezüglich der Art und Weise der Anhörung gewisse Regeln zu beach- ten. In erster Linie muss es bereits zu Beginn der Anhörung darum bemüht sein, ein Klima des Vertrauens zu schaffen, welches sich auf die Bereit- schaft der minderjährigen Person, über ihre Erlebnisse zu berichten, för- derlich auswirkt. Zu diesem Zweck soll die Vorinstanz der minderjährigen Person bereits zu Beginn der Anhörung in einer altersgerechten Sprache D-6578/2017 Seite 11 deren Ziel sowie die darauf anwendbaren Regeln erläutern und ihr alle Per- sonen, die an der Anhörung mitwirken, vorstellen sowie deren Rolle erklä- ren. Zudem hat das SEM – wiederum in einer für die minderjährige Person verständlichen Art – darauf hinzuweisen, dass es wichtig ist, anlässlich der Anhörung die Wahrheit zu sagen, aber auch sicherzustellen, dass die min- derjährige Person versteht, dass es nicht per se richtige oder falsche Ant- worten gibt, und dass es möglich ist, dass sie nicht alle Fragen beantworten kann. Während der Anhörung hat die Vorinstanz das Verhalten der minder- jährigen Person zudem zu beobachten und jede Form der nonverbalen Kommunikation zu vermerken. Auch hat sie sich um eine wohlwollende und neutrale Haltung z u bemühen. Besonders wichtig er scheint es zudem, dass die Fragen, insbesondere in einer ersten Phase, offen formuliert wer- den, um einen freien Be richt zu fördern. Stellt sich her aus, dass es der minderjährigen Person schwer fällt, über gewisse Ereignisse zu sprechen, sollte vorläufig das Thema gewechselt und erst zu ei nem späteren Zeit- punkt in der Anhörung wieder darauf zurückgekommen werden (vgl. zum Ganzen BVGE 2014/30 E. 2.3). 5.1.2 Selbst wenn das erstinstanzliche Asylverfahren diesen Anforderun- gen nicht genügt, kommt eine Rückweisung der Sache an das SEM nur in Frage, wenn der Sachverhalt infolgedessen unvollständig oder unrichtig festgestellt worden und mithin der Untersuc hungsgrundsatz gemäss Art. 12 VwVG verletzt ist (vgl. BVGE 2014/30 E. 3.3) oder wenn infolge Nichtbeachtung der Pflicht, einer minde rjährigen Person eine Rechtsver- beiständung beizuordnen, eine Verletzung des rechtlichen Gehörs vorliegt (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurs- kommission [EMARK] 1999 Nr. 2 E. 5; 2006 Nr. 14 E. 6.6). 5.1.3 Der in der Beschwerde und der Replik vertretenen Ansicht, die Vorinstanz habe die vom Bundesverwaltungsgericht vorgegebenen Fakto- ren für die Anhörung von unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden nicht berücksichtigt und die Fragen nicht auf den minderjährigen Be- schwerdeführer abgestimmt, kann nicht gefolgt werden. Zu berücksichti- gen ist zunächst , dass es sich beim Beschwerdeführ er im Zeitpunkt der Anhörung um einen (…)jährigen – mithin kurz vor seiner Volljährigkeit ste- henden – Jugendlichen mit gut (…)jähriger Schulbildung handelte. Die An- hörung des Beschwerdeführers musste sich deshalb nicht im gleichen Masse von derjenigen einer erwachsenen Person unterscheiden, wie dies im Falle des in BVGE 2014/30 zu beurteilenden und damals erst zwölfjäh- rigen Beschwerdeführers der Fall gewesen war. D-6578/2017 Seite 12 Nicht nachvollziehbar ist die Rüge, die Vorinstanz habe oftmals sehr offene Fragen gestellt, womit sie es unterlassen habe, die Fragen kindsgerecht zu stellen. Gerade die Stellung von offenen Fragen gilt bei Befragungen von minderjährigen Personen als besonders wichtig, um einen freien Be- richt zu fördern. Erst in einer zweiten Phase haben allenfall s ergänzende präzisierende Fragen zu folgen (vgl. BVGE 2014/30 E. 2.3.3.2). Diesem Erfordernis ist die Vorinstanz vollumfänglich und in geradezu vorbildlicher Weise nachgekommen. Aus dem Anhörungsprotokoll ergibt sich, dass der Beschwerdeführer nach einer Reihe von einleitenden Fragen zu seinen persönlichen Verhältnissen und zur Ausreise aus Eritrea zunächst Gele- genheit erhielt, seine Asylgründe in freier Erzählform vorzubringen, wobei anschliessend weitere offene und auch eingrenzendere Fragen zum Thema gestellt wurden. Hinweise dafür, dass der Beschwerdeführer nicht gewusst hätte, was von ihm erwartet wurde , oder überfordert gewesen wäre, ergeben sich aus dem Protokoll keine . So ist beispielsweise nicht ersichtlich, inwiefern die Fragen zum Inhalt der Vorladung unklar oder die- jenigen zum dritten Besuch der Soldaten nicht verständlich gewesen sein sollen. Auch der Umstand, dass der Beschwerdeführer wenige Male bei Unklarheiten nachfragte, erscheint unproblematisch, zumal die Vorinstanz ihre Fragen umgehend präzisierte respektive auf die Rückfrage des Be- schwerdeführers klärend antwortete. Insgesamt geht aus dem Protokoll hervor, dass die Vorinstanz dem Beschwerdeführer Gelegenheit bot und ihn ermutigte, so ausführlich wie möglich über das von ihm Erlebte zu be- richten und wo nötig präzisierende Fragen stellte. Insoweit die Aussagen des Beschwerdeführers Details vermissen lassen, kann dieser Mangel nicht der Vorinstanz angelastet werden. Insbesondere kann und darf ein Gesuchsteller unabhängig vom Alter nicht davon ausgehen, dass seine Aussagen als vollständig und plausibel erachtet respektive als glaubhaft beurteilt werden. Die befragende Person war sodann offensichtlich bemüht, eine jederzeit angenehme Atmosphäre zu schaffen und beizubehalten, auf den Be- schwerdeführer auch einging und seinem Alter entsprechende Fragen stellte. Als der Beschwerdeführer das erste Mal weinte, wurde er gefragt, ob er noch einen Moment brauche, was jener verneinte. Entgegen den Ausführungen in der Replik reagierte die befragende Person auch auf das wiederholte Weinen mit der späteren Frage: „Willst du uns sagen, warum du weinst?“ und teilt e ihm mit : „Falls du aber eine Pause brauchst, dann teile das bitte mit. Wir können jederzeit eine kleine Pause machen.“ Darauf antwortete der Beschwerdeführer, er könne weiterfahren, für ihn sei das kein Problem (vgl. Akten SEM A24/20 S. 9 F 67 f.). Die befragende Person D-6578/2017 Seite 13 hat somit angemessen und dem Alter des Beschwerdeführers entspre- chend auf seine psychische Verfassung reagiert. Zudem fand die Anhörung im Beisein s einer Vertrauensperson statt, die offenbar keinen Anlass zu ergänzenden Fragen oder Bemerkungen hatte ( vgl. Akten SEM A 24/20 S. 17). Dass die anwesende Hilfswerksvertreterin auf dem Unterschriften- blatt auf das häufige Weinen hinwies und anregte, allenfalls sei der Ge- sundheitszustand des Gesuchstellers noch abzuklären, vermag an der Aussagekräftigkeit der Aussagen des Beschwerdeführers nichts zu än- dern. Zu begrüssen wäre einzig gewesen, den Beschwerdeführer darauf hinzuweisen, dass es sein könne, dass er nicht alle Fragen beantworten könne und dass es zu bestimmten Fragen nicht notwendigerweise nur eine Antwort gebe. Insgesamt kann vorliegend die Anhörung als Grundlage für den Entscheid ü ber das Asylgesuch des Beschwer deführers verwendet werden. 5.1.4 Zusammenfassend ergibt sich , dass der Beschwerdeführer seine Vorbringen im Rahmen der Anhörung in genügender Weise zu konkretisie- ren vermochte, weshalb die in der Beschwerde diesbezüglich erhobene formelle Rüge nicht überzeugt. Der entsprechende Antrag auf Rückwei- sung der Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz ist demnach abzu- weisen. Sodann ist anzumerken, dass der Beschwerdeführer mittlerweile die Volljährigkeit erreicht hat. 5.2 5.2.1 In materieller Hinsicht gilt es die Glaubhaftigkeit der Vorfluchtgründe zu beurteilen. Diesbezüglich kann vorab auf die zutreffende Argumentation in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. In Ergänzung und Prä- zisierung dazu ist Folgendes festzustellen: 5.2.2 Normalerweise erhalten eritreische Schüler im 11. Schuljahr von ihrer Lokalverwaltung ein Aufgebot zur Registrierung für das 12. Schuljahr. Dies geschieht auch, wenn sie noch nicht volljährig sind, weil sie beispielsweise vor dem 7. Altersjahr eingeschult wurden. Die militärische Ausbildung fin- det für diese Schüler im Ausbildungslager in Sawa statt, das als Warsay - Yikealo-Schule bezeichnet wird. Nach der Abschlussprüfung in Sawa geht ein Grossteil der Schüler in den Nationaldienst (vgl. UN-General Assembly, Human Rights Council, Report of the detailed findings of the Commission of Inquiry on Human Rights in Eritrea, 5. Juni 2015 [A/HRC/29/CRP .1], N. 1191; Euro pean Asylum Support Office [EASO], EASO -Bericht über Herkunftsländerinformationen, Länderfokus Eritrea, Mai 2015, N. 3.3.1 und 3.3.3). D-6578/2017 Seite 14 Haben Schüler vor der Registrierung im 11. Schuljahr die Schule abgebro- chen, beispielsweise weil sie den Eltern in der Landwirtschaft helfen müs- sen (vgl. EASO-Bericht, a.a.O., N. 1.5.1), können sie direkt ab dem 18. Le- bensjahr von der Lokalverwaltung zum Nationaldienst aufgeboten werden (vgl. EASO-Bericht, a.a.O., N. 3.3.2; ALEXANDRA GEISER, Eritrea: Rekrutie- rung von Minderjährigen [Hrsg. SFH], 21. Januar 2015; UN -General As- sembly, Human Rights Council, Report of the Special Rapporteur on the situation of human rights in Eritrea, 13. Mai 2014 [A/HRC/26/45], N. 43). Minderjährige Personen, welche die Schule schwänzen oder angeblich kri- minell sind, können zur Umerziehung in militärische Ausbildungslag er ge- schickt werden (vgl. GEISER, a.a.O.). Zusätzlich finden landesweit Razzien (sog. giffas bzw. round-ups) statt, im Rahmen derer überprüft wird, ob die Jugendlichen ihre Militärpflicht erfüllt haben. Dabei kommt es auch vor, dass Minderjährige zum Nationaldienst eingezogen werden, da die Ju- gendlichen oft nur nach ihrem Aussehen beurteilt werden. Weiter würden lokale Verwaltungen Schulabbrecher häufig zur Deckung ihrer Quoten mel- den (vgl. GEISER, a.a.O.). Ferner besteht die Möglichkeit, dass Minderjäh- rige aufgrund mangelhafter Register, aber auch aus Willkür beziehungs- weise aufgrund einer Vergeltungsmassnahme gegen die Familie einberu- fen werden (vgl. EASO-Bericht, a.a.O., N. 3.3.3; GEISER, a.a.O.). Ausser- dem besteht in Kriegszeiten (wie z.B. während des Grenzkrieges zwischen Eritrea und Äthiopien von 1998 bis 2000) eine erhöhte Einberufungsgefahr für Minderjährige (vgl. UN-General Assembly, Human Rights Council, Re- port of the detailed findings of the Commission of Inquiry on Human Rights in Eritrea, a.a.O., N. 1189). 5.2.3 Aufgrund des Gesagten ist nicht von vornherein auszuschliessen, dass der Beschwerdeführer in der von ihm geschilderten Art und Weise für den Nationaldienst rekrutiert worden sein könnte. Bezüglich des vorliegen- den Falles ist indes festzustellen, dass die Wahrscheinlichkeit der Rekru- tierung des Beschwerdeführers als gering erscheint. Zwar ist festzuhalten, dass seine Schilderungen die militärische Vorladung betreffend entgegen der Ansicht der Vorinstanz zahlreiche Realkennzeichen und einen persön- lichen Bezug aufweisen, die darauf schliessen lassen, dass er zumindest Teile des Erzählten erlebt haben könnte. So hat er durchaus lebensnah und substantiiert beschrieben, wie er nach dem Schulverweis weinend zu sei- ner Mutter gegangen sei, di ese ihn in den Arm genommen und ihm ver- sprochen habe, sie werde am nächsten Tag mit dem Lehrer sprechen. Den Abend, nachdem die Vorladung zugestellt worden sei, beschrieb er sodann wie folgt: „Wir haben das Abendessen vorbereitet und als wir sassen um zu essen, hab ich gemerkt, dass etwas mit ihr [der Mutter] los war. Sie D-6578/2017 Seite 15 mochte auch nicht essen. Ich hab sie dann gefragt, was war. Sie wollte es mir zuerst nicht sagen. Sie hat mir aber dann gesagt, dass ich eine Mel- dung bekommen habe, dass ich ab dem nächsten Morgen einrücken muss. Ich habe darüber nachgedacht und für mich war es so, dass sie meinen Vater rekrutiert haben und auch meine Schwester. Und jetzt wollte n sie mich rekrutieren. Und als mir das durch den Kopf ging, habe ich sehr viel geweint. Die ganze Nac ht konnte ich nicht einschlafen “ (vgl. Akten SEM A24/20 S. 10 A72). Neben solch durchaus glaubhaften Ausführungen fällt jedoch auf, dass der Beschwerdeführer den Inhalt der militärischen Vorla- dung nur rudi mentär wiederzugeben vermochte, obwohl er explizit nach deren Inhalt gefragt worden war. So gab er lediglich an, dass er hätte ein- rücken müssen respektive dass er sich mit diesem Schreiben zur Verwal- tung in E._______ hätte begeben sollen (vgl. Akten SEM A24/20 S. 12 A79 f.). Der Einwand in der Beschwerde, die Vorinstanz hätte mehr spezifische Fragen zum Aufgebot stellen müssen, ist angesichts der klaren Fragestel- lung unbegründet. Gemäss öffentlich zugänglichen Informationen ist im eritreischen Kontext davon auszugehen, dass ein über 16-jähriger Jugend- licher, der die Schule unterbricht, eine Vorladung vor die kommunale Ver- waltung erhält und er anlässlich der dortigen Vorsprache aufgefordert wird, den Schulbesuch, der bis zur 8. Klasse obligatorisch ist (https://www.epdc.org/country/eritrea, zuletzt aufgerufen am 15 .02.2018), wieder aufzunehmen (vgl. Amnesty International (AI), Just Deserters: Why Indefinite National Service in Eritrea Has Created a Ge neration of Refu- gees, Dezember 2015, S. 23). Eine Vorladung vor die Verwaltung hat des- halb keineswegs zwangsläufig einen direkten Bezug zu einem konkreten Aufgebot zum Militärdienst. 5.2.4 Die sich daraus hinsichtlich der Glaubhaftigkeit der angeblich erfolg- ten Rekrutierung für den Militärdienst ergebenden Zweifel werden verstärkt durch die Schilderungen der dreimaligen Flucht vor den Soldaten . Diese lassen übereinstimmend mit dem SEM über weite Strecken einen persön- lichen Bezug und Realkennzeichen vermissen. Gleichzeitig erscheint nicht plausibel, dass die Soldaten noch am gleichen Tag, als der Beschwerde- führer sich bei der Verwal tung hätte melden sollen, L etzteren zu Hause gesucht haben sollen (vgl. Akten SEM A24/20 S. 10 A72). Sodann machte der Beschwerdeführer in der Anhörung zunächst geltend, beim zweiten Be- such der Soldaten sei er aus dem Haus weggerannt, als die Soldaten ge- kommen seien ( vgl. Akten SEM A24/20 S. 10 A74), um etwas später zu erklären, er habe sich damals zufällig auf dem Ackerfeld neben dem Haus befunden (vgl. Akten SEM A24/20 S. 14 A89). Hinzu kommen Widersprü- che im Zusammenhang mit der dritten Flucht. In der Anhörung machte der D-6578/2017 Seite 16 Beschwerdeführer geltend, er habe auf der Weide gesessen, als die Sol- daten plötzlich auf ihn zugekommen seien. Als er versucht habe, über die Mauern zu fliehen, habe ihn der eine mit dem Stein am Bein getroffen (vgl. Akten SEM A24/20 S. 11 A74). Die Soldaten seien zu ihm gekommen res- pektive hätten vor ihm gestanden und er habe alles getan, um sich von ihnen zu befreien (vgl. Akten SEM A 24/20 S. 14 A93). In der Beschwerde wird hingegen ausgeführt, er habe auf der Weide gesessen, als sich drei Soldaten dem Haus seiner Familie genähert hätten. Da die Distanz zwi- schen ihm und den Soldaten einige Hundert Meter betragen und er sofort rennend die Flucht ergriffen habe, habe er sich dadurch einen deutlichen Vorsprung verschafft. Es sei ihm folglich durchaus möglich gewesen, den Soldaten zu entkommen (vgl. Beschwerde S. 10). Abgesehen davon, dass sich die beiden Versionen widerspr echen, wird in der Beschwerde nicht ausgeführt, wie es den Soldaten möglich gewesen sein soll, über eine Dis- tanz von einigen Hundert Metern einen Stein nach dem Beschwerdeführer zu werfen und ihn damit am Bein zu verletzen, beziehungsweise ihn in der Dunkelheit über einige Hundert Meter überhaupt zu erspähen. Auch in Be- zug auf die Lichtverhältnisse ergeben sich Diskrepanzen. Dazu wird in der Beschwerde geltend gemacht, es sei zum Zeitpunkt, als die Soldaten zum dritten Mal gekommen seien, bereits dunkel gew esen ( vgl. Beschwerde S. 10). In der Anhörung führte der Beschwerdeführer zwar zunächst aus, es sei Nacht gewesen, jedoch habe er seinen Freunden, die er angetroffen habe, gesagt, sie sollten nach Hause gehen, bevor es dunkel werde (vgl. Akten SEM A24/20 S . 8 A56). Gemäss Anhörungsprotokoll war es zum Zeitpunkt der dritten Flucht vor den Soldaten demnach noch nicht dunkel. Nicht nachvollziehbar erscheint schliesslich, dass der Beschwerdeführer, der offensichtlich sehr an seiner Mutter hängt , nach der dritten Flucht vor den Soldaten ausgereist sein will, ohne nochmals nach Hause zurück zu- kehren. In diesem Zusammenhang überrascht auch, dass zwei Freunde des Beschwerdeführers diesen spontan nach Äthiopien begleitet haben sollen. 5.2.5 Zusammenfassend ist festzuhalten , dass e in konkreter Kontakt mit den Militärbehörden, aus dem erkennbar geworden wäre, dass er hätte re- krutiert werden sollen, auch unter Berücksichtigung der damaligen Minder- jährigkeit des Beschwerdeführers und der dadurch reduzierten Anforderun- gen an die Glaubhaftmachung nicht glaubhaft gemacht ist. Daran ändert auch nichts, d ass der junge Beschwerdeführer während der Anhörung mehrmals in Tränen ausbrach, was angesichts seiner schwierigen Situa- tion (Trennung von der Familie, Aufenthalt in einem fremden Land, Unge-D-6578/2017 Seite 17 wissheit in Bezug auf die Zukunft) durchaus nachvollziehbar ist. Dem Be- schwerdeführer gelingt es somit nicht, asylrechtlich relevante Vorflucht- gründe nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. 5.3 In Bezug auf die geltend gemachte illegale Ausreise aus Eritrea lässt sich festhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht seine bisherige Erit- rea-Praxis aktualisiert hat. Im Urteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Referenzurteil publiziert) hat es unter Bezugnahme auf die konsultierten Quellen festgestellt, dass die bisherige Praxis, wonach eine illegale Aus- reise per se zur Flüchtlingseigenschaft führe, nicht mehr aufrechterhalten werden könne. Aus der im Urteil vorgenommenen Analyse ergebe sich, dass zahlreiche Personen, welche illegal aus Eritrea ausgereist seien, re- lativ problemlos in ihre Heimat hätten zurückkehren können. Daher sei nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine asy lrele- vante Verfolgung drohe. Eine geltend gemachte Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG erscheine allein aufgrund einer ille- galen Ausreise nicht mehr als objektiv begründet . Nicht asylrelevant sei auch die Möglich keit, dass jemand nach der Rückkehr in den National- dienst eingezogen werde, da es sich dabei nicht um eine Massnahme handle, die aus asylrechtlich relevanten Motiven erfolge; ob eine drohende Einziehung in den Nationaldienst unter dem Blickwinkel von Art. 3 EMRK und Art. 4 EMRK relevant sein könnte, betreffe die Frage der Zulässigkeit beziehungsweise Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Ein erhebli- ches Risiko einer Bestrafung bei einer Rückkehr gestützt auf asylrelevante Motive sei nur dann anzunehmen, wenn neben der illegalen Ausreise wei- tere Faktoren zu bejahen seien, welche die asylsuchende Person in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen lassen würden (vgl. a.a.O. E. 5.1). In Anbetracht der geänderten Rechtsprechung kann d ie Frage nach der Glaubhaftigkeit der illegalen Ausreise des Beschwerdeführers vorliegend offen gelassen werden, da in seinem Fall zusätzliche Faktoren, welche sein Profil schärfen könnten, zu verneinen sind. Der Beschwerdeführer verliess Eritrea als Minderjähriger und konnte – wie oben dargelegt (E. 5.2) – vor seiner Ausreise keinen Kontakt mit den eritrei schen Behörden betreffend einen allfälligen Einzug in den Nationaldienst glaubhaft geltend machen . Es sind auch keine anderweitigen Faktoren er sichtlich, welche den Be- schwerdeführer in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige D-6578/2017 Seite 18 Person erscheinen lassen könnten. Die Furcht vor einer zukünftigen flücht- lingsrechtlich relevanten Verfolgung wegen illegaler Ausreise erweist sich daher als unbegründet. 5.4 Zusammenfassend ergibt sich , dass die geltend gemachten Asyl- gründe nicht geeignet sind, eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG beziehungs weise eine entsprechende Verfol- gungsfurcht glaubhaft zu machen. Präzisierend ist unter Hinweis auf das Urteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 E. 5.1 (vgl. oben E. 5.3) festzu- halten, dass entgegen der in der Beschwerde vertretenen Auffassung einer nach der Rückkehr nach Eritrea erfolgenden Rekrutierung des Beschwer- deführers für den Nationaldienst asylrechtlich grundsätzlich keine Bedeu- tung zukäme, weil sie nicht aus asylrechtlich relevanten Motiven erfolg en würde. Die Vorinstanz hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt. 6. Aus diesen Erwägungen folgt, dass die angefochtene Verfügung Bundes- recht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuwei- sen. 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten dem Be- schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Vorliegend wurde in- des das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung mit Verfügung vom 11. Dezember 2017 gutgeheis- sen. Da aufgrund der Akten nicht davon auszugeh en ist, die finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers hätten sich seither verändert, ist die- ser nach wie vor als bedürftig zu erachten. Es sind daher keine Verfahrens- kosten zu erheben. 7.2 Die Rechtsvertreterin reichte mit der Replik eine Kostennote in der Höhe von Fr. 2‘069.27 ein. Dabei ging sie von e inem Stundenansatz von Fr. 250.–, einem Aufwand von 490 Minuten und Auslagen in der Höhe von Fr. 27.60 aus. Bei amtlicher Vertretung geht das Gerich t in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für Anwältinnen und An- wälte und von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-D-6578/2017 Seite 19 verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]), wobei nur der notwendige Auf- wand zu entschädigen ist (vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Der geltend gemachte zeitliche Aufwand sowie die Auslagen sind als angemessen zu erachten, hingegen ist der verrechnete Stundenansatz von Fr. 250.– auf Fr. 150.– zu kürzen. Das amtliche Honorar für die eingesetzte Rechtsvertreterin des un- terlegenen Beschwerdeführers beträgt damit insgesamt Fr. 1‘252.60 (inkl. Auslagen) und geht zulasten der Gerichtskasse des Bundesverwaltungs- gerichts. (Dispositiv nächste Seite) D-6578/2017 Seite 20 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Der amtlichen Rechtsbeiständin, MLaw Nina Klaus, wird vom Bundesver- waltungsgericht ein Honorar in der Höhe von Fr. 1‘252.60 zugesprochen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Barbara Gysel Nüesch Versand: