B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-7033/2018 U r t e i l v o m 1 . M a i 2 0 2 0 Besetzung Richter Lorenz Noli (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richterin Emilia Antonioni Luftensteiner, Gerichtsschreiber Urs David. Parteien A._______, geboren am (…), Tunesien, vertreten durch Alan Sangines, Amt für Jugend und Berufs- beratung, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des SEM vom 12. November 2018 / N (…). E-7033/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Der angeblich am 7. August 2018 in die Schweiz eingereiste Beschwerde- führer stellte gleichentags im damaligen Empfangs - und Verfahrenszent- rum (EVZ) Basel ein Asylgesuch. Anlässlich der dort durchgeführten Befra- gung zur Person (BzP) vom 15. August 2018 und der Anhörung vom 25. September 2018 zu den Asylgründen (in Begleitung einer Vertrauens- person für unbegleitete minderjährige Asylsuchende) machte er im We- sentlichen Folgendes geltend: Er sei arabischer Ethnie und stamme aus B._______ (Provinz C._______), wo er bei seiner Familie aufgewachsen und sieben Jahre zur Schule ge- gangen sei. Er habe dort mit seiner Mutter und (…) gelebt. Sein Vater sei im Jahre (…) gestorben und seine Mutter habe später wieder geheiratet; ihr neuer Ehemann – ein (…) – wohne seit zwei Jahren auch dort und schaue zur Familie. In Tunesien habe er keine Probleme mit den Behörden gehabt und er sei nicht politisch tätig gewesen . Zur Reise in die Schweiz habe er sich entschieden, weil er weiter zur Schule gehen, studieren und arbeiten möchte, was in Tunesien für ihn aus finanziellen Gründen nicht möglich gewesen sei. Er wäre dort wohl vielmehr auf der Strasse gelandet, hätte Drogen verkaufen und sich entsprechenden Gefahren aussetzen müssen. Zudem habe ihm der neue Ehemann der Mutter nicht gepasst. Dieser habe ihn und seine Geschwister nicht respektiert und ihn sogar ge- schlagen. Er habe die Polizei eingeschaltet, die zwar interveniert sei und den Stiefvater gemassregelt habe, letztlich aber auch nichts habe ausrich- ten können. Nach gut zwei Wochen sei er aus Unzufriedenheit mit der fa- miliären Situation ausgezogen. Ungefähr im Mai oder Juni 2017 sei er auf dem Seeweg nach Italien ausgereist, dort daktyloskopiert worden und in der Folge nach Frankreich weitergereist , wo er ein Asylgesuch gestellt habe. Man habe sich aber in der Unterkunft für Minderjährige nicht richtig um ihn gekümmert und es seien ihm Schulbesuch und Arbeit verwehrt wor- den. Ohne den Entscheid über das Gesuch abzuwarten sei er schliesslich illegal in die Schweiz – sein ursprüngliches Zielland – gelangt, wo bereits (…) weitere jahresaufenthaltsberechtigte Geschwister ( […]) mit ihren Fa- milien leben würden. Seinen einen Reisepass habe er zuhause gelassen, der andere sei bei der Überfahrt ins Wasser gefallen und eine Identitäts- karte besitze er nicht. Er könne auch keine weiteren Dokumente beschaf- fen, da er auch diese auf der Überfahrt auf dem Boot verloren habe, mit seiner Mutter nicht mehr spreche und die Grosseltern mit solchen Sachen überfordert seien. Immerhin werde er versuchen, seinen Pass erhältlich zu E-7033/2018 Seite 3 machen. Gesundheitlich gehe es ihm sehr gut. Nach Tunesien möchte er nicht zurückkehren, weil er dort keine Zukunft und keine Pers pektiven sehe. B. Ein am 9. August 2018 durchgeführter Abgleich mit der Eurodac -Daten- bank ergab eine Aufgreifung und Daktyloskopierung des Beschwerdefüh- rers am (…) November 2017 in Italien. C. Eine am 21. August 2018 erfolgte radiologische Untersuchung des Kno- chenalters ergab weiter ein (von der Altersangabe des Beschwerdeführers um ein Jahr abweichendes) Alter von (…) Jahren, unter Hinweis auf eine doppelte Standardabweichung von zwölf Monaten. Das SEM erachtete in der Folge die Minderjährigkeit des Beschwerdefüh- rers als glaubhaft und beauftragte den zuständigen Kanton mit der Vor- nahme von Schutz - und Vertretungsmassnahmen für den unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden. D. Mit Verfügung vom 12. November 2018 – eröffnet am 13. November 2018 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen- schaft nicht, und lehnte dessen Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es seine Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug an. In der Beilage wurden ihm die editionspflichtigen Akten mitsamt dem Aktenverzeichnis zu- gestellt. E. Mit Eingabe vom 11. Dezember 2018 (und Ergänzung vom 13. Dezember 2018) hat der Beschwerdeführer gegen diese Verfügung Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht erhoben. Darin beantragt er deren Aufhebung und die Gewährung der vorläufigen Aufnahme unter Feststellung der Un- zulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzu- ges; eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu- rückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er die Gewäh- rung der unentgeltlichen Prozessführung. F. Mit Verfügung vom 13. Dezember 2018 stellte der Instruktionsrichter den einstweilen rechtmässigen Aufenthalt des Beschwerdeführers in der Schweiz während des Beschwerdeverfahrens fest. E-7033/2018 Seite 4 Mit Zwischenverfügung vom 21. Dezember 2018 hiess er zudem das Ge- such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzich- tete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisher ige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). Bereits auf den 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. De- zember 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Auslän- der- und Integrationsgesetz (AIG, SR 142.20) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Gesetzesartikel (Art. 83 Abs. 1-4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernommen worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Gesetzesbezeichnung verwendet. 1.4 Die Beschwerde ist fris t- und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 E-7033/2018 Seite 5 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 1.5 Gegenstand des Beschwerdeverfahrens ist vorliegend die Frage, ob das SEM zutreffend die Z ulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzuges erkannt und entsprechend die Gewährung der vor- läufigen Aufnahme verweigert hat (Dispositivziffern 4 und 5 der angefoch- tenen Verfügung). Die Dispositivziffern 1 bis 3 (Nichterfüllung der Flücht- lingseigenschaft, Ablehnung des Asylgesuchs und Wegweisung aus der Schweiz) sind bereits unangefochten in Rechtskraft erwachsen. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über d ie vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an- dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandl ung oder Strafe [FoK, SR 0.105], Art. 3 EMRK und gegebenenfalls Art. 22 der Kon- vention vom 20. November 1 989 über die Rechte des Kindes [ KRK, SR 0.107]) einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Sind Kinder vom Wegwei- sungsvollzug betroffen, ist g emäss Rechtsprechung des Bundesverwal- tungsgerichts (BVGE 2009/28 E. 9.3.2) im Sinne einer völkerrechtskonfor- men Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AIG im Lichte von Art. 3 Abs. 1 der KRK dem Kindeswohl Beachtung zu schenken. Der Vollzug ist schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder in den Heimat - oder in den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AIG). E-7033/2018 Seite 6 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 4. 4.1 Das SEM begründete den ablehnenden Asylentscheid damit, dass die Vorbringen des Be schwerdeführers und insbesondere die angeblichen Probleme mit dem neuen Ehemann seiner Mutter aufgrund zahlreicher Wi- dersprüche, unbegründeter Nachschübe, ausgeprägter Substanz- und De- tailarmut sowie weiterer Unstimmigkeiten nicht glaubhaft seien. Die geltend gemachten wirtschaftlichen und schulischen Motive sowie die Furcht, der- einst auf der Strasse zu landen und Drogen verkaufen zu müssen , seien sodann mangels Ernsthaftigkeit und Begründetheit flüchtlingsrechtlich nicht beachtlich. Die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges begründete das SEM damit, dass d er in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nicht- rückschiebung vorliegend mangels Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft keine Anwendung finde und keine Hinweise ersichtlich seien, wonach dem Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr nach Tunesien mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behand- lung drohe. Auch die KRK stehe der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzu- ges nicht entgegen, da keine Unvereinbarkeit der innerstaatlichen Rechts- konkretisierung oder einer Behördenpraxis mit den Programmsätzen ins- besondere von Art. 22 KRK ersichtlich sei. Sodann sprächen weder die allgemeine, insbesondere politische Situation in Tunesien noch individuelle Gründe gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges. Das Kindes- wohl sei gewahrt, da der (…)-jährige Beschwerdeführer gesund und mehr- jährig geschult sei, mit seiner Mutter und (…) ein trag- und unterstützungs- fähiges familiäres Beziehungsnetz mit einer gesicherten Wohnsituation in der Heimat habe und zu diesem Kontakte pflege. Unterstützung könne er ebenso von seinen in der Schweiz lebenden Geschwistern erwarten. Er halte sich zudem noch nicht so lang e in der Schweiz auf, weshalb seine Integration als gering zu bezeichnen sei. Es bestünden nach dem Gesag- ten klare Anhaltspunkte für eine tragfähige Anknüpfung im Heimatstaat, weshalb praxisgemäss auf weitergehende Abklärungen verzichtet werden könne. Der KRK werde auch m ittels im Zeitpunkt des Wegweisungsvoll- zugs anzuordnender konkreter Empfangs- und Begleitmassnahmen – al- lenfalls in Zusammenarbeit mit der Internationalen Organisation für Migra- tion (IOM) – Rechnung getragen. Der Vollzug der Wegweisung sei im Üb- rigen technisch möglich und praktisch durchführbar. E-7033/2018 Seite 7 4.2 In seiner Rechtsmitte leingabe bekräftigt der Beschwerdeführer, dass es sich bei ihm um einen im Alter von (…) Jahren ausgereisten, unbeglei- teten minderjährigen Asylsuchenden handle. Über seinen (…) sei es ihm nun gelungen, seine Geburtsurkunde im Original als Beweismittel zu orga- nisieren. Die Erkenntnisse des SEM, wonach seine familiären Probleme nicht glaubhaft seien, ferner klare Anhaltspunkte für das Vorhandensein tragfähiger Anknüpfungspunkte im Heimatstaat bestünden und ein Weg- weisungsvollzug deshalb ohne Notwendigkeit wei tergehender Abklärun- gen zumutbar erscheine, sei nicht gerechtfertigt. Betreffend die Glaubhaf- tigkeitsprüfung sei zu berücksichtigen, dass er nach seiner Einreise noch verunsichert und verängstigt gewesen sei. Bis zur Anhörung habe er noch kein genügendes V ertrauensverhältnis zu seiner Vertrauensperson auf- bauen können und dieser sei es entsprechend nicht möglich gewesen, ihn in gebührender Weise zu unterstützen und seine Interessen zu vertreten. Das SEM habe in den beiden Befragungen seiner Minderjährigkeit zu we- nig Beachtung geschenkt, entsprechend zu hohe, nicht kindergerechte An- forderungen gestellt oder seine Erwartungshaltung nicht genügend kom- muniziert. Die Substanz- und Detailarmut, das verspätete Vorbringen von Misshandlungen durch den neuen Ehemann se iner Mutter und weitere Missverständnisse betreffend seine konkreten Benachteiligungen und Be- fürchtungen liessen sich so erklären. Die Befragungstechnik sei vorliegend nicht altersgerecht und Fragen seien zum Teil verwirrend gestellt worden oder zu wenig auf eine freie Erzählung ausgerichtet gewesen. Widersprü- che insbesondere betreffend das Verhalten der Polizei seien vermeintlicher Art. Zudem habe das SEM seine Aussagen i n der Verfügung selektiv er- fasst und unausgewogen ausschliesslich zu seinen Ungunsten gewürdigt. Es ignoriere auch den Umstand, dass seine Mutter vom neuen, die Kon- trolle über die Familie übernehmenden Ehemann finanziell abhängig ge- wesen sei. Bei Zweifeln an der Glaubhaftigkeit der von ihm dargelegten familiären Situation hätte das SEM Verifizierungen vor Ort durchführen sol- len, zumal die Wohnadresse bekannt sei. Seine Vorbringen seien daher gesamthaft als glaubhaft zu betrachten, zumal er auch seine Mitwirkungs- pflicht insbesondere mit der jetzt vorgelegten Geburtsurkunde erfüllt habe. Betreffend die Zumutbarkeitsprüfung verweist der Beschwerdeführer so- dann umfassend auf die bei unbegleiteten Minderjährigen zu berücksichti- genden gesetzes- und praxisgemässen Anforderungen insbesondere an das Kindeswohl und an die behördliche Abklärungspflicht betreffend die am Rückkehrort vorzufindenden Verhältnisse (familiäre oder andere Emp- fangs- und Bezugspersonen, bedürfnisgerechte Aufnahme - und Betreu- ungsinstitutionen, Unterbringung und Versorgung). Das SEM lasse eine E-7033/2018 Seite 8 detaillierte Auseinandersetzung mit der persönlichen und individuellen Si- tuation des Beschwerdeführers vermissen und stützt sich auf blosse Mut- massungen, ohne diese auf die Akten abstützen zu können oder seiner Abklärungspflicht nachzukommen. Der im Zusammenhang mit den Voll- zugsmodalitäten erwähnte Verweis des SEM auf den Vollzugszeitpunkt verkenne, dass die Behörde entsprechende konkrete Abklärungen (so be- treffend Übernahmezusicherung, Empfangnahme, familiäres Umfeld, Un- terstützungsbereitschaft und –fähigkeit, allenfalls institutionelle Weiterver- mittlung) vor Erlass des Entscheides vorzunehmen habe. Solche seien vor- liegend auch möglich, denn die Schweiz verfüge über eine Vertretung in Tunesien. Zu berücksichtigen sei schliesslich, dass er zwar noch nicht lange in der Schweiz sei, sich aber um Integration in die hiesigen Verhält- nisse bemühe, sich von kriminellen Landsleuten abgrenze sowie in seiner Unterkunft für Minderjährige beliebt und zudem lernwillig sei. Zu seinen (…) Geschwistern in der Schweiz pflege er eine starke Beziehung; das Be zie- hungsnetz hier sei stabiler als jenes in seiner Heimat. Aufgrund der sich so ergebenden Unzumutbarkeit eines Wegweisungsvollzuges nach Tunesien habe er somit Anspruch auf Gewährung der vorläufigen Aufnahme. Als Beweismittel gab der Beschwerdeführer nebst der erwähnten Geburts- urkunde (recte: Auszug vom 19. Oktober 2018 aus dem Geburtenregister) die Aktennotiz eines Telefonats vom 23. Oktober 2018 zwischen der zu- ständigen SEM-Mitarbeiterin und der Vertrauensperson betreffend Zustel- lung des Asylentscheids und die behördliche Abklärungspflicht im Hinblick auf einen Wegweisungsvollzug sowie ein Bestätigungs - und Unterstüt- zungsschreiben seiner in der Schweiz wohnhaften (…) zu den Akten. Im Rahmen einer an das Bundesverwaltungsgericht gerichteten Anfrage zum Verfahrensstand vom 12. März 2020 bekräftigt der Beschwerdeführer das Fehlen eines tragfähigen Beziehungsnetzes in Tunesien. Ergänzend macht er auf seine schulischen und insbesondere sprachlichen Fortschritte in der Schweiz und auf zeitweise mentale Probleme aufgrund der ungewis- sen Zukunftsperspektiven aufmerksam. 5. 5.1 Prozessgegenstand ist vorliegend angesichts der klaren Beschwerde- anträge nur der angeordnete Vollzug der Wegweisung (vgl. E. 1.5 oben) . In diesem reduzierten Rahmen ist in materieller Hinsicht zudem einzig die Frage zu klären, ob das SEM zurecht die Zumutbarkeit des Wegweisungs- vollzuges erkannt hat, wogegen die Fragen der Zulässigkeit und der Mög-E-7033/2018 Seite 9 lichkeit des Wegweisungsvollzuges zwar in den Beschwerdeanträgen the- matisiert werden, in der Beschwerdebeg ründung aber substanziell gänz- lich unbestritten bleiben (vgl. in diesem Sinne auch die ausdrückliche Klar- stellung gemäss Beschwerde S. 9 oben). Betreffend Zulässigkeit und Mög- lichkeit des Wegweisungsvollzuges ist denn auch nicht von Amtes wegen eine offensichtliche Fehleinschätzung des SEM zu erkennen. Die in der Beschwerde vorgenommene Beanstandung der Erwägungen des SEM zur Unglaubhaftigkeit der Asylvorbringen ist für das Gericht be- achtlich, da die vorinstanzliche Glaubhaftigkeitsbeurteilung Sachverhalts- teile erfasst, die nicht nur für die Beurteilung flüchtlingsrechtlicher Aspekte, sondern ebenso für die Beurteilung der Zumutbarkeit des Wegweisungs- vollzuges bedeutsam sind und auf die das SEM dort (in E. III/2) auch aus- drücklich verweist. 5.2 5.2.1 Das SEM ist in einlässlichen und überzeugenden Erwägungen zur zutreffenden Erkenntnis gelangt, dass zum einen die Vorbringen des Be- schwerdeführers und insbesondere die angeblichen Probleme mit dem neuen Ehemann seiner Mutter nicht glaubhaft erscheinen, und zum andern weder die allgemeine, insbesondere politische Situation in Tunesien noch individuelle Gründe gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges sprächen und diesbezüglich auch kein weiterer Abklärungsbedarf bestehe. Diese Erwägungen sind gesetzes- und praxiskonform und es kann zur Ver- meidung von Wiederholungen auf den betreffenden Inhalt der angefochte- nen Verfügung (dort E. II/1 und E. III/2 ) und auf die zusammenfassende Wiedergabe oben (E. 4.1) verwiesen werden. Die Beschwerde führt hierbei zu keiner anderen Betrachtungsweise: 5.2.2 Der Beschwerdeführer rügt in formeller Hinsicht Befragungsmängel und das Unterlassen gebotener A bklärungen durch das SEM. Hierzu ist vorab festzuhalten, dass das Geburtsdatum und mithin das (minderjährige) Alter des Beschwerdeführers weder vom SEM noch vom Bundesverwal- tungsgericht bestritten wird und durch den nachgereichten Auszug aus dem Geburtsregister auch ausgewiesen ist. I m Zeitpunkt der Befragung und der Anhörung – diese lagen nur wenige Wochen auseinander – war der Beschwerdeführer ziemlich genau (…) Jahre alt. Aus dem Protokoll der BzP geht augenfällig hervor, dass dem Beschwerdeführer klare, einfache und unmissverständliche Fragen gestellt wurden und er diese ebenso klar beantworten konnte. Die Verwertbarkeit der dortigen Aussagen steht aus- ser Frage und bedarf keiner weiteren Diskussionen. Das gilt auch für die E-7033/2018 Seite 10 Anhörung. Dort wurden ebenso präzis formulierte, einfache Fragen ge- stellt, die von einem (…)-Jährigen mit sieben- bis achtjähriger Schulbildung problemlos verstanden und beantwortet werden können. W enn nun die Antworten auf diese Frage n in vielerlei Hinsicht verwirrlich, substanzarm, widersprüchlich und unstimmig ausgefallen sind, ist das nicht einer nicht kindergerechten Befragungstechnik zuzuschreiben. Vielmehr handelt e s sich vorliegend um deutliche Zeichen der Unglaubhaftigkeit des Sachvor- trags und ebenso für eine gewisse persönliche Unglaubwürdigkeit des Be- schwerdeführers, die sich im Übrigen durch seine undurchsichtigen und widersprüchlichen Aussagen zu seinen Reisepässen und die unplausiblen Reiseumstände verstärkt (vgl. A15 F81-88). Gleich zu B eginn der Anhö- rung (vgl. F1-4) wurde er unter Mitberücksichtigung seines jugendlichen Alters umfassend auf seine Rechte und Pflichten und die Erwartungshal- tung des SEM aufmerksam gemacht und es wurde für eine entspannte An- hörungsatmosphäre gesorgt. Dem Beschwerdeführer wurden ferner durch- aus zahlreiche offene Fragen zu den sachverhaltlich bedeutsamen Aspek- ten gestellt (z.B. F31, 34-36, 41 f., 54-56, 61, 67 f., 74, 75, 90, 95). Seitens der Hilfswerksvertretung wurden übrigens auch keinerlei Einwände gegen die Anhörung deponiert. Der Einwand, das SEM hätte bei Zweifeln an der Glaubhaftigkeit der von ihm dargelegten familiären Situation Verifizierun- gen vor Ort durchführen sollen, ist nicht zielführend. Es ist das Kernelement seiner Mitwirkungspflicht nach Art. 8 AsylG, seine Asylgründe und potenzi- ellen Vollzugshindernisse darzulegen. Da diese einen familiären Hinter- grund aufweisen gehört zur Mitwirkungspflicht (nach Art. 13 VwVG) auc h die Darstellung der familiären Situation sowie biografischer Angaben . Er- weisen sich diese Grundlagen nach Durchführung der Befragung und der Anhörung wie vorliegend als genügend abgeklärt, erfolgt die Entscheidfin- dung nach Massgabe von Gesetz und Praxis. Die dabei gefundene Er- kenntnis der Unglaubhaftigkeit kann nicht nachträglich dennoch wieder eine behördliche Pflicht zu weiteren Abklärungen nach sich ziehen, son- dern ist Teil der Würdigung des genügend abgeklärten Sachverhalts. Die formellen Rügen erweisen sich somit als unbegründet. Der Sachverhalt ist auch aus Sicht des Bundesverwaltungsgerichts genügend erstellt und abgeklärt. 5.2.3 Soweit der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitteleingabe in mate- rieller Hinsicht die vorinstanzliche Glaubhaftigkeitsbeurteilung seiner Vor- bringen und die erkannte Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges bean- standet, ist Folgendes in Erwägung zu ziehen: E-7033/2018 Seite 11 Die dortigen Argumente entbehren, soweit sie nicht blosse Gegenbehaup- tungen oder Bekräftigungen darstellen, der nötigen Überzeugungskraft: Es wird zwar zutreffend auf die Notwendigkeit einer Gesamtwürdigung mit Ab- wägung der verschiedenen Komponenten der Glaubhaftmachung nach Art. 7 AsylG hingewiesen, welche letztlich in eine überwiegende Wahr- scheinlichkeit für oder gegen die Annahme der Glaubhaftigkeit führen oder – bei Äquivalenz der Gewichte – zugunsten eines Gesuchstellers ausfallen muss. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen von Asylvorbringen in verschiedenen Entscheiden dar- gelegt und folgt dabei ständiger Praxis; darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2013/11 E. 5.1 und 2010/57 E. 2.3, je m.w.H.). Diesen Leitlinien der Glaubhaftigkeitsprüfung ist das SEM nachgekommen. Wenn nun das Ergebnis deutlich zuungunsten des Beschwerdeführers ausfällt, ist dies vorliegend nicht die Folge einer unterlassenen Abwägung und Gesamtbeurteilung oder einer selektiv en Erfassung von Aussagen . Vielmehr gelangt das Gericht in Übereinstimmung mit der Vorinstanz zur Erkenntnis, dass die Wa hrscheinlichkeit nicht wahrheitsgemässer Anga- ben gegenüber der behaupteten Tatsachenkonformität deutlich überwiegt und positiv zugunsten des Beschwerdeführers zu gewichtende Gründe weitgehend fehlen. Es ergibt sich als Sachverhaltsbasis für die Beurteilung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges, dass der Beschwerdeführer abgesehen von einer gewissen Antipathie gegenüber dem neuen Ehe- mann seiner Mutter keine nennenswerten Probleme mit diesem gehabt hat, über eine Unterkunft an bekannter Adresse bei seiner Mutter und (…) ver- fügt, ein gutes Verhältnis mit diesen und ebenso mit den in der Schweiz wohnhaften Geschwistern hat und mit ihnen in regelmässigem Kontakt steht. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ( vgl. BVGE 2009/28 E. 9.3.2) ist das Kindeswohl im Rahmen der Zumutbarkeits- prüfung ein Gesichtspunkt von gewichtiger Bedeutung. Dies ergibt sich auch aus einer völkerrechtskonformen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AIG im Lichte von Art. 3 Abs. 1 der KRK. Unter dem Aspekt des Kindeswohls sind demnach sämtliche Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hinblick auf eine Wegweisung wesentlich erscheinen , namentlich Alter, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe, Intensität, Tragfähigkeit) seiner Bezie- hungen, Eigenschaften seiner Bezugspersonen (insbeson dere Unterstüt- zungsbereitschaft und -fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich Entwick- lung/Ausbildung sowie der Grad der erfolgten Integration bei einem länge- ren Aufenthalt in der Schweiz. Die Verwurzelung in der Schweiz kann eine reziproke Wirkung auf die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs haben, indem eine starke Assimilierung in der Schweiz mithin eine E-7033/2018 Seite 12 Entwurzelung im Heimatstaat zur Folge haben kann. Angesichts seiner sie- ben- beziehungsweise achtjährigen Schulbildung, seiner (wie er in der Ein- gabe vom 12. März 2020 selber betont) überdurchschnittlichen Lernfähig- keit und -bereitschaft sowie der Unterstützungsfähigkeit und -bereitschaft nicht zuletzt seiner in der Schweiz wohnhaften Geschwister darf entgegen der anderslautenden Auffassung in der Beschwerde durchaus von der Tragfähigkeit dieses breit abgestützten Beziehungsnetzes ausgegangen werden. Zudem ist zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer in we- nigen (…) volljährig ist und mit seiner im Alter von (…) Jahren getroffenen Migrationsentscheidung und selbständigen Reisebewältigung bereits ei- nen hohen Reifegrad manifestiert hat. Eine gewisse Integration in die hie- sigen Verhältnisse ist nach seinem inzwischen 20-monatigen Aufenthalt in der Schweiz nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Offensichtlich ist sie aber weder fortgeschritten noch ist damit in reziproker Hinsicht eine Ent- wurzelung aus den heimatlichen Verhältnissen ersichtl ich, zumal seine hauptsächlichen Bezugspersonen nach wie vor seine fünf tunesischen Fa- milienangehörigen sind. Weiter ist festzuhalten, dass sich der Beschwer- deführer in der Befragung wie in der Anhörung ausdrücklich als gesund bezeichnet hat. Die im Schreiben vom 12. März 2020 angetönten (…) Epi- soden werden hauptsächlich mit dem ungewissen Ausgang des Asylver- fahrens und damit bestehenden ungewissen Zukunftsperspektiven in Zu- sammenhang gebracht und sind nachvollziehbar. Mit dem vorliegenden Urteil fällt zumindest diese Ungewissheit weg. Unerheblich für die Beurtei- lung der Zumutbarkeitsfrage ist der Umstand, dass er die ausbildungsmäs- sigen, beruflichen und wirtschaftlichen Perspektiven in der Schweiz besser einstuft als in Tunesien und er einen Verbleib in der Schweiz bei seinen hier wohnhaften Geschwistern vorziehen würde. Am Rande bleibt zu er- wähnen, dass es dem Beschwerdeführer möglich ist, sich bei Bedarf von einem dieser (…) Geschwister bei der Rückreise nach Tunesien begleiten zu lassen. 5.3 Zusammenfassend liegen zum einen keine weiter abklärungsbedürfti- gen (Un-)Zumutbarkeitsaspekte und zum andern genügend begünstigende Umstände zur Annahme der Zumutbarkeit einer Rückkehr des Beschwer- deführers nach Tunesien vor. Die Vorinstanz hat den Wegweisungsvollzug daher gesetzes- und praxiskonform als zumutbar bezeichnet. Angesichts dessen sowie des Umstandes, dass sowohl die Zulässigkeit als auch die Möglichkeit des Wegweisungsvollzuges vorliegend gänzlich unbestritten sind (vgl. dazu oben E. 1.5 und 5.1), fällt die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme ausser Betracht. E-7033/2018 Seite 13 6. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die Verfügung vom 12. Novem- ber 2018 , soweit sie angefochten ist, Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt und ange- messen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen und es erübrigt sich, auf deren Inhalt und die vorgelegten Beweismittel weiter einzugehen. 7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer- deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das mit der Beschwerde ge- stellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wurde jedoch mit Zwischenverfügung vom 21. Dezember 2018 gutgeheisse n, weshalb keine Verfahrenskosten aufzuerlegen sind. (Dispositiv nächste Seite) E-7033/2018 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Lorenz Noli Urs David Versand: