<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">407</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>83</b></span> <span class="ft4"><b>Art. 12 lit. g BGFA</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte haben sich im Rahmen der unent-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>geltlichen Rechtsvertretung mit der staatlichen Entschädigung zu begnü-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>gen, sofern die Gegenpartei nicht kostenpflichtig wird oder die eigene</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Anwaltskommission</span> <span class="page_no">408</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>Klientschaft nicht zu Vermögen gelangt. Auch der amtlichen Verteidige-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>rin, bzw. dem amtlichen Verteidiger ist es nicht gestattet, zusätzlich zur</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Entschädigung aus der Staatskasse von der Klientschaft ein Honorar zu</b></span><br/> <span class="ft4"><b>fordern. Zusätzliche Leistungen können der Klientschaft nur in Rech-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>nung gestellt werden, wenn zusätzliche Tätigkeiten geleistet wurden, die</b></span><br/> <span class="ft4"><b>nicht zum Mandat, für welches die unentgeltliche Rechtspflege gewährt</b></span><br/> <span class="ft4"><b>wurde, gehören, und darüber eine entsprechende Vereinbarung</b></span><br/> <span class="ft4"><b>abgeschlossen worden ist.</b></span><br/> <span class="ft6">Entscheid der Anwaltskommission vom 14. Oktober 2014 (AVV.2014.9).</span><br/> <span class="ft7"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">Der Anzeiger führte sinngemäss und zusammenfassend aus, das</span><br/> <span class="ft1">Gerichtspräsidium habe die beanzeigte Anwältin mit Verfügung vom</span><br/> <span class="ft1">6. Juni 2012 im Verfahren betreffend Aufhebung des gemeinsamen</span><br/> <span class="ft1">Haushalts/Präliminar zur unentgeltlichen Rechtsvertreterin der Ehe-</span><br/> <span class="ft1">frau ernannt. Mit Verfügung vom 29. Oktober 2013 sei die Gerichts-</span><br/> <span class="ft1">kasse angewiesen worden, der beanzeigten Anwältin einen Honorar-</span><br/> <span class="ft1">vorschuss auszuzahlen. Dennoch habe sie ihre Klientin mit Schrei-</span><br/> <span class="ft1">ben vom 26. November 2013 dazu aufgefordert, ihr - trotz knapper</span><br/> <span class="ft1">Verhältnisse - monatlich CHF 50.00 abzubezahlen.</span><br/> <span class="ft1">Die Geltendmachung von zusätzlichem Honorar gegenüber der</span><br/> <span class="ft1">unentgeltlich prozessierenden Klientin könnte im konkreten Fall ge-</span><br/> <span class="ft1">gen die Berufsregeln der Anwälte verstossen haben, zumal sich die</span><br/> <span class="ft1">finanzielle Situation der unentgeltlich prozessierenden Ehefrau im</span><br/> <span class="ft1">Laufe des Verfahrens (soweit ersichtlich) nicht verbessert habe.</span><br/> <span class="ft7"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">409</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Bei der unentgeltlichen Rechtsvertretung hat sich der Anwalt</span><br/> <span class="ft1">mit der staatlichen Entschädigung zu begnügen, sofern die Gegen-</span><br/> <span class="ft1">partei nicht kostenpflichtig wird oder sein eigener Klient nicht zu</span><br/> <span class="ft1">Vermögen gelangt. Auch dem amtlichen Verteidiger ist es nicht ge-</span><br/> <span class="ft1">stattet, zusätzlich zur Entschädigung aus der Staatskasse vom Klien-</span><br/> <span class="ft1">ten ein Honorar zu fordern, selbst wenn der Klient ihm von sich aus</span><br/> <span class="ft1">ein solches anbietet (vgl. Walter Fellmann in: Walter Fellmann /</span><br/> <span class="ft1">Gaudenz G. Zindel [Hrsg.], Kommentar zum Anwaltsgesetz, 2. Auf-</span><br/> <span class="ft1">lage, Zürich 2011, N 149 zu Art. 12 [zit. Name, BGFA-Kommentar]).</span><br/> <span class="ft1">Gestützt auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung stellt die Rech-</span><br/> <span class="ft1">nungsstellung an eine Partei, welcher die unentgeltliche Rechtspflege</span><br/> <span class="ft1">gewährt wurde, eine Berufspflichtverletzung dar (vgl. Urteil des</span><br/> <span class="ft1">Bundesgerichtes vom 26. September 2005, 2A.196/2005, E.2.1 und</span><br/> <span class="ft1">3.2.). Das Verbot, dem Klienten Bemühungen in Rechnung zu stel-</span><br/> <span class="ft1">len, die das Gericht im Rahmen der unentgeltlichen Rechtspflege bei</span><br/> <span class="ft1">der Festsetzung der Entschädigung bereits berücksichtigt hat, ist</span><br/> <span class="ft1">dieses Verbot Ausfluss der Berufspflicht des Art. 12 lit. g BFFA,</span><br/> <span class="ft1">amtliche Pflichtverteidigungen zu übernehmen und im Rahmen der</span><br/> <span class="ft1">unentgeltlichen Rechtspflege Rechtsvertretungen zu übernehmen.</span><br/> <span class="ft1">Wenn sich ein Anwalt nicht mit der amtlich zugesprochenen</span><br/> <span class="ft1">Vergütung begnügt, verletzt er daher nicht Art. 12 lit. a sondern</span><br/> <span class="ft1">Art. 12 lit. g BGFA (vgl. Walter Fellmann, BGFA-Kommentar,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., N. 149b zu Art. 12).</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Kein Verstoss gegen das Verbot, dem Klienten zusätzlich Bemü-</span><br/> <span class="ft1">hungen in Rechnung zu stellen, liegt vor, wenn der Anwalt dem</span><br/> <span class="ft1">Klienten diejenigen Bemühungen in Rechnung stellt, welche das Ge-</span><br/> <span class="ft1">richt bei Festsetzung der Entschädigung nicht berücksichtigt hat. In</span><br/> <span class="ft1">Betracht fallen namentlich pro-zessfremde Bemühungen, wie bei-</span><br/> <span class="ft1">spielsweise Vergleichsverhandlungen, die geführt wurden, bevor der</span><br/> <span class="ft1">Entschluss zur Prozessführung gefasst wurde und bevor der Rechts-</span><br/> <span class="ft1">anwalt als unentgeltlicher Rechtsvertreter in Aussicht genommen</span><br/> <span class="ft1">wurde. Auch die persönliche Betreuung eines Klienten oder die Be-</span><br/> <span class="ft1">treuung von dessen Angehörigen durch den unentgeltlichen Rechts-</span><br/> <span class="ft1">vertreter werden als prozessfremde Bemühungen vom Gericht nicht</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Anwaltskommission</span> <span class="page_no">410</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">honoriert (vgl. Walter Fellmann, BGFA-Kommentar, a.a.O., N. 149c</span><br/> <span class="ft1">zu Art. 12).</span><br/> <span class="ft1">Zusätzliche Leistungen des Anwaltes können dem Klienten so-</span><br/> <span class="ft1">mit nur in Rechnung gestellt werden, wenn zusätzliche Tätigkeiten</span><br/> <span class="ft1">geleistet wurden, die nicht zum Mandat, für welches die unentgelt-</span><br/> <span class="ft1">liche Rechtspflege gewährt wurde, gehören, und darüber mit der</span><br/> <span class="ft1">Mandantin/dem Mandanten eine entsprechende Vereinbarung abge-</span><br/> <span class="ft1">schlossen worden ist.</span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">3.3</span><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <span class="ft1">Wie oben dargelegt (vgl. E. 2.3.), dürfen nur prozessfremde</span><br/> <span class="ft1">Bemühungen zusätzlich in Rechnung gestellt werden. Wie die bean-</span><br/> <span class="ft1">zeigte Anwältin in ihrer Stellungnahme ausführt, rief ihre Klientin</span><br/> <span class="ft1">zwar ständig an, jedoch ist den Ausführungen zu entnehmen, dass sie</span><br/> <span class="ft1">Fragen stellte, die vielleicht unnötig waren, aber dennoch stets im</span><br/> <span class="ft1">Zusammenhang mit dem Eheschutzverfahren, insbesondere mit den</span><br/> <span class="ft1">Kinderbelangen standen. Es handelte sich somit nicht um prozess-</span><br/> <span class="ft1">fremde Bemühungen, wie von der beanzeigten Anwältin geltend ge-</span><br/> <span class="ft1">macht wird. Die entsprechenden Aufwendungen hat die beanzeigte</span><br/> <span class="ft1">Anwältin in ihrer Kostennote an das Bezirksgericht dann auch in</span><br/> <span class="ft1">Rechnung gestellt und in ihrer Stellungnahme sogar als teilweise not-</span><br/> <span class="ft1">wendige Aufwendungen begründet. Für dieses Verfahren wurde die</span><br/> <span class="ft1">beanzeigte Anwältin mit Verfügung des Bezirksgerichts vom 26.</span><br/> <span class="ft1">März 2014 auch entschädigt und sie durfte deshalb - unabhängig da-</span><br/> <span class="ft1">von, ob dies mit der Klientin vereinbart wurde oder nicht - von der</span><br/> <span class="ft1">Klientin für die gestellten Fragen und die Korrespondenz keine zu-</span><br/> <span class="ft1">sätzliche Entschädigung verlangen, auch wenn die staatliche Ent-</span><br/> <span class="ft1">schädigung tiefer ausfiel. Sofern sie tatsächlich prozessfremde Auf-</span><br/> <span class="ft1">wendungen gehabt hätte, davon ist vorliegend aber nicht auszugehen,</span><br/> <span class="ft1">hätte die beanzeigte Anwältin mit ihrer Klientin diesbezüglich nicht</span><br/> <span class="ft1">nur eine separate Vereinbarung treffen müssen, sondern sie hätte</span><br/> <span class="ft1">diese auch als prozessfremde Leistungen gegenüber ihrer Klientin</span><br/> <span class="ft1">ausweisen und auch separat in Rechnung stellen müssen. Die bean-</span><br/> <span class="ft1">zeigte Anwältin hat jedoch von ihrer Klientin die Vergütung genau</span><br/> <span class="ft1">jener Positionen verlangt, die durch die staatliche Entschädigung</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Anwaltsrecht</span> <span class="page_no">411</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">nicht gedeckt wurden, respektive um welche ihre Kostennote durch</span><br/> <span class="ft1">das Bezirksgericht gekürzt wurde. Damit handelte es sich bei diesen</span><br/> <span class="ft1">Positionen zweifelsohne nicht um prozessfremde Aufwendungen, an-</span><br/> <span class="ft1">dernfalls sie dafür wohl kaum eine staatliche Entschädigung bean-</span><br/> <span class="ft1">tragt hätte. [...]</span><br/> <span class="ft1">Die beanzeigte Anwältin hat demnach, indem sie zugestande-</span><br/> <span class="ft1">nermassen das ihr vom Gericht gekürzte Honorar zumindest teilwei-</span><br/> <span class="ft1">se ihrer Klientin in Raten CHF 50.00 in Rechnung gestellt hat,</span><br/> <span class="ft1">gegen die Berufspflicht im Sinne des Art. 12 lit. g BGFA verstossen.</span><br/></div> </div> </body> </html>