<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 22 S.74</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">74</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>22</b></span> <span class="ft2"><b>Ablehnung; Anzeigeerstattung eines Gerichtspräsidenten gegenüber der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Anwaltskommission</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Anzeigeerstattung durch einen Gerichtspräsidenten bei der Anwaltskom-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>mission führt in späteren Verfahren, in welchen der betreffende Anwalt</b></span><br/> <span class="ft2"><b>auftritt, nicht ohne weiteres zu einem Ablehnungsgrund.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid der Inspektionskommission vom 24. Juni 2002 i.S. E.</span><br/> <span class="ft3">C. gegen Gerichtspräsidium X.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen:</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">3. (...)</span><br/> <span class="ft1">a) (...) Die Tatsache, dass ein Gerichtspräsident in einem frühe-</span><br/> <span class="ft1">ren Verfahren mit dem Verhalten des Rechtsvertreters nicht einver-</span><br/> <span class="ft1">standen war und deshalb eine Aufsichtsanzeige erstattete, ist für sich</span><br/> <span class="ft1">allein nicht geeignet, in späteren Verfahren, in welchen der Anwalt</span><br/> <span class="ft1">wieder auftritt, den Anschein der Befangenheit zu begründen, selbst</span><br/> <span class="ft1">wenn wiederum die gleiche, vom Anwalt bereits im ersten Verfahren</span><br/> <span class="ft1">vertretene Partei betroffen ist. Ansonsten würde für Anwälte, welche</span><br/> <span class="ft1">sich nicht an die Berufsregeln halten, schon bald einmal kein Richter</span><br/> <span class="ft1">mehr zur Verfügung stehen. Keine Rolle spielt dabei im Übrigen, ob</span><br/> <span class="ft1">der Anzeige des Gerichtspräsidenten letztlich stattgegeben wird oder</span><br/> <span class="ft1">nicht. Eine Ausnahme müsste höchstens in jenen Fällen gelten, wo</span><br/> <span class="ft1">eine Anzeige offensichtlich grundlos erfolgte und damit Ausdruck</span><br/> <span class="ft1">eines gestörten Verhältnisses zwischen dem Gerichtspräsidenten und</span><br/> <span class="ft1">dem Anwalt ist. (...)</span><br/> <span class="ft1">Wollte man anders entscheiden, hätte dies zur Folge, dass ein</span><br/> <span class="ft1">Gerichtspräsident gegen einen sich seiner Meinung nach ungehörig</span><br/> <span class="ft1">aufführenden oder gegen die Berufsregeln verstossenden Anwalt</span><br/> <span class="ft1">keine Anzeige bei der Aufsichtsbehörde mehr machen könnte, ohne</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">75</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">sich in sämtlichen zukünftigen Verfahren, in welchen der betreffende</span><br/> <span class="ft1">Anwalt als Rechtsvertreter auftritt, in den Ausstand begeben zu müs-</span><br/> <span class="ft1">sen. Dies würde aber Art. 15 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die</span><br/> <span class="ft1">Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte vom 23. Juni 2000</span><br/> <span class="ft1">(BGFA; SR 935.61) widersprechen. Diese Bestimmung sieht näm-</span><br/> <span class="ft1">lich für kantonale Gerichts- und Verwaltungsbehörden eine Melde-</span><br/> <span class="ft1">pflicht betreffend Verletzung von Berufsregeln vor.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>