<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">143</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>22</b></span> <span class="ft4"><b>Ausschaffungshaft; Haftverlängerung; Beschleunigungsgebot</b></span><br/> <span class="ft4"><b>Das Beschleunigungsgebot ist verletzt, wenn die Schweizer Behörden be-</b></span><br/> <span class="ft4"><b>züglich Papierbeschaffung gegenüber der ausländischen Vertretung in</b></span><br/> <span class="ft4"><b>der Schweiz während mehr als zwei Monaten untätig sind und aufgrund</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht,AbteilungVerwaltungsgericht</span> <span class="page_no">144</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><b>der Sicherheitslage im Zielstaat für unbestimmte Dauer davon abgesehen</b></span><br/> <span class="ft4"><b>wird, die Reisepapiere vor Ort zu beschaffen.</b></span><br/> <span class="ft2">Aus dem Entscheid des Einzelrichters des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer,</span><br/> <span class="ft2">vom 28. Oktober 2016, in Sachen Amt für Migration und Integration gegen A.</span><br/> <span class="ft2">(WPR.2016.162).</span><br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">Der Haftrichter hat sich im Rahmen der Prüfung, ob die</span><br/> <span class="ft1">Verlängerung der Ausschaffungshaft rechtmässig ist, unter anderem</span><br/> <span class="ft1">Gewissheit darüber zu verschaffen, ob die für den Vollzug der Weg-</span><br/> <span class="ft1">oder Ausweisung notwendigen Vorkehren im Sinne von Art. 76</span><br/> <span class="ft1">Abs. 4 AuG umgehend getroffen worden sind (Beschleunigungs-</span><br/> <span class="ft1">gebot). Eine Verletzung des Beschleunigungsgebotes führt zur sofor-</span><br/> <span class="ft1">tigen Beendigung der Ausschaffungshaft.</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Der Vertreter des Gesuchsgegners bemängelt, dass die Schwei-</span><br/> <span class="ft1">zer Behörden bis anhin einzig interne administrative Abklärungen</span><br/> <span class="ft1">getroffen hätten, welche zu keinerlei Aussenwirkungen geführt</span><br/> <span class="ft1">hätten. Es stellt sich somit die Frage, ob das Beschleunigungsgebot</span><br/> <span class="ft1">ausreichend beachtet wurde.</span><br/> <span class="ft1">Gemäss der bundesrichterlichen Rechtsprechung gilt das Be-</span><br/> <span class="ft1">schleunigungsgebot als verletzt, wenn im Hinblick auf die Aus-</span><br/> <span class="ft1">schaffung während mehr als zwei Monaten keinerlei Vorkehren mehr</span><br/> <span class="ft1">getroffen wurden, ohne dass die Verzögerung in erster Linie auf das</span><br/> <span class="ft1">Verhalten ausländischer Behörden oder des Betroffenen selber</span><br/> <span class="ft1">zurückgeht (vgl. dazu BGE 124 II 49, Erw. 3a, S. 51 mit Hinweisen;</span><br/> <span class="ft1">bestätigt unter anderem mit Urteil des Bundesgerichts vom 13. April</span><br/> <span class="ft1">2013 [2C_285/2013], Erw. 5.1). Die Behörden sind gestützt auf das</span><br/> <span class="ft1">Beschleunigungsgebot zwar nicht gehalten, in jedem Fall schema-</span><br/> <span class="ft1">tisch bestimmte Handlungen vorzunehmen, müssen das Verfahren je-</span><br/> <span class="ft1">doch zielgerichtet vorantreiben, da ansonsten kein schwebendes</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">145</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Verfahren im Sinne von Art. 5 Abs. 1 lit. f EMRK mehr vorliegt</span><br/> <span class="ft1">(BGE 139 I 206, Erw. 2.1 mit weiteren Hinweisen). Massgebend ist</span><br/> <span class="ft1">dabei insbesondere die konkrete Situation im angefragten Zielland</span><br/> <span class="ft1">sowie die Erfahrungen, die die zuständigen Schweizer Behörden</span><br/> <span class="ft1">bezüglich der Papierbeschaffung mit diesem Land gemacht haben.</span><br/> <span class="ft1">Ein längeres Zuwarten nach einer Anfrage kann insbesondere dann</span><br/> <span class="ft1">angezeigt sein, wenn sich ein Monieren der ausstehenden Antwort in</span><br/> <span class="ft1">der Verangenheit als kontraproduktiv erwiesen hat. Obschon den</span><br/> <span class="ft1">Behörden ein gewisser Spielraum bei der Einschätzung der</span><br/> <span class="ft1">Geeignetheit der erforderlichen (weiteren) Schritte zukommt,</span><br/> <span class="ft1">rechtfertigt sich ein mehr als zweimonatiges Zuwarten nur bei klaren</span><br/> <span class="ft1">Anzeichen, dass ein früheres Nachfragen kontraproduktiv war</span><br/> <span class="ft1">(AGVE 2014, S. 120 f.).</span><br/> <span class="ft1">2.3.</span><br/> <span class="ft1">Mit Blick auf das Beschleunigungsgebot forderte der Einzel-</span><br/> <span class="ft1">richter das MIKA mit Beweisanordnung vom 20. Oktober 2016 auf,</span><br/> <span class="ft1">anlässlich der heutigen Verhandlung eine Aufstellung sämtlicher</span><br/> <span class="ft1">konkreter Bemühungen der Schweizer Behörden gegenüber den ira-</span><br/> <span class="ft1">kischen Behörden zur Ausstellung eines Ersatzreisedokumentes für</span><br/> <span class="ft1">den Gesuchsgegner vorzulegen. In der Folge reichte der Gesuchstel-</span><br/> <span class="ft1">ler an der heutigen Verhandlung diverse Akten des SEM ein.</span><br/> <span class="ft1">Anlässlich der letzten Haftverhandlung wurde durch den Ge-</span><br/> <span class="ft1">suchsteller vorgebracht, das SEM werde den Fall des Gesuchsgeg-</span><br/> <span class="ft1">ners dem irakischen Botschafter Ende August 2016, nach dessen</span><br/> <span class="ft1">Rückkehr aus dem Irak, erneut unterbreiten. Zudem sei die geplante</span><br/> <span class="ft1">Dienstreise des SEM nach Bagdad neu für den Oktober 2016 ange-</span><br/> <span class="ft1">setzt worden, um vor Ort eine Lösung zu finden. Das SEM betonte in</span><br/> <span class="ft1">einem Schreiben vom 15. Juli 2016 überdies die hohe Kooperations-</span><br/> <span class="ft1">bereitschaft der irakischen Behörden in Fällen wie dem Vorliegen-</span><br/> <span class="ft1">den. Zum Zeitpunkt der letzten Haftverhandlung vom 27. Juli 2016</span><br/> <span class="ft1">lag damit noch keine Verletzung des Beschleunigungsgebotes vor.</span><br/> <span class="ft1">Vielmehr bestand die begründete Aussicht, dass der Fall des Ge-</span><br/> <span class="ft1">suchsgegners dem irakischen Botschafter in Bern in absehbarer Zeit</span><br/> <span class="ft1">erneut vorgelegt oder eine Lösung aufgrund der Dienstreise des SEM</span><br/> <span class="ft1">gefunden werden kann.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Obergericht,AbteilungVerwaltungsgericht</span> <span class="page_no">146</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Anders verhält es sich zum heutigen Zeitpunkt. Die auf Okto-</span><br/> <span class="ft1">ber 2016 geplante Dienstreise des SEM ist aufgrund der prekären</span><br/> <span class="ft1">Sicherheitslage im Irak offenbar auf unbestimmte Zeit verschoben</span><br/> <span class="ft1">worden. Bezüglich des erneuten Gesuchs um Ausstellung von Ersatz-</span><br/> <span class="ft1">reisepapieren für den Gesuchsgegner ist den durch das MIKA anläss-</span><br/> <span class="ft1">lich der heutigen Verhandlung abgegebenen Akten des SEM zu ent-</span><br/> <span class="ft1">nehmen, dass das SEM das erneute Gesuch dem irakischen Botschaf-</span><br/> <span class="ft1">ter in Bern erst am 20. Oktober 2016 zugestellt hat. Obschon das</span><br/> <span class="ft1">MIKA die pendente Papierbeschaffung beim SEM mehrfach moniert</span><br/> <span class="ft1">hatte, wurde die Angelegenheit durch das SEM offenbar erst am</span><br/> <span class="ft1">3. Oktober 2016 wieder an die Hand genommen. Entgegen der Aus-</span><br/> <span class="ft1">kunft des SEM vom 19. September 2016, der Neuantrag werde noch</span><br/> <span class="ft1">in dieser Woche dem irakischen Botschafter unterbreitet, wurde der</span><br/> <span class="ft1">Neuantrag betreffend Ausstellung eines Ersatzreisedokuments erst</span><br/> <span class="ft1">am 19. Oktober 2016 verfasst. Den Akten können keine Hinweise</span><br/> <span class="ft1">entnommen werden, welche eine plausible Erklärung für eine derart</span><br/> <span class="ft1">lange Verzögerung geben würden. Dies umso weniger, als das SEM</span><br/> <span class="ft1">im Juli 2016 die hohe Kooperationsbereitschaft der irakischen Be-</span><br/> <span class="ft1">hörden besonders hervorgehoben hat und sich deshalb ein nach-</span><br/> <span class="ft1">drückliches Vorgehen seitens der Schweizer Behörden umso mehr</span><br/> <span class="ft1">aufgedrängt hätte. Unter diesen Umständen erstaunt es, dass der</span><br/> <span class="ft1">Neuantrag um Ausstellung eines Ersatzreisepapieres erst mehr als</span><br/> <span class="ft1">eineinhalb Monate nach der auf Ende August 2016 angekündigten</span><br/> <span class="ft1">Rückkehr des irakischen Botschafters nach Bern übermittelt wurde.</span><br/> <span class="ft1">Das Vorbringen des Gesuchstellers, das SEM habe internen Wei-</span><br/> <span class="ft1">sungen zufolge zuerst Abklärungen zur Situation im Irak vornehmen</span><br/> <span class="ft1">müssen, ist unbehelflich und kann allenfalls erklären, weshalb noch</span><br/> <span class="ft1">immer kein Reisepapier vorliegt, stellt aber keine Rechtfertigung für</span><br/> <span class="ft1">die Untätigkeit der Schweizer Behörden dar. Weshalb die internen</span><br/> <span class="ft1">Abklärungen des SEM erst Anfang Oktober 2016 erfolgten, ist nicht</span><br/> <span class="ft1">nachvollziehbar.</span><br/> <span class="ft1">2.4.</span><br/> <span class="ft1">Nach dem Gesagten steht fest, dass das SEM seit der letzten</span><br/> <span class="ft1">Haftverhandlung vom 27. Juli 2016 bis zum 19. Oktober 2016 kei-</span><br/> <span class="ft1">nerlei konkreten Bemühungen unternommen hat, sich mit dem iraki-</span><br/> <span class="ft1">schen Botschafter in Bern in Verbindung zu setzen und die Papierbe-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2016</span> <span class="title">Migrationsrecht</span> <span class="page_no">147</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">schaffung für den Gesuchsgegner voranzutreiben, obschon die</span><br/> <span class="ft1">irakischen Behörden gemäss Auskunft des SEM kooperationsbereit</span><br/> <span class="ft1">sind. Nachdem von einer Dienstreise des SEM nach Bagdad auf-</span><br/> <span class="ft1">grund der prekären Sicherheitslage im Irak vorerst abgesehen wird,</span><br/> <span class="ft1">besteht auch diesbezüglich keine Hoffnung, für den Gesuchsgegner</span><br/> <span class="ft1">Reisepapiere erhältlich zu machen. Das Beschleunigungsgebot</span><br/> <span class="ft1">wurde unter diesen Umständen im vorliegenden Fall verletzt und der</span><br/> <span class="ft1">Gesuchsgegner ist unverzüglich aus der Haft zu entlassen. (...)</span><br/> </div></div></body> </html>