B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-7100/2016 U r t e i l v o m 2 6 . J a n u a r 2 0 1 8 Besetzung Richter Bendicht Tellenbach (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richter Thomas Wespi, Gerichtsschreiber Martin Scheyli Parteien A._______, geboren am [...], Eritrea, vertreten durch Urs Jehle, Caritas Schweiz, [...], Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 21. Oktober 2016 D-7100/2016 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer ist eritreischer Staatsangehöriger der Volksgruppe der Bilen und stammt aus dem Dorf B._______ bei der Stadt Keren (Region Anseba). Gemäss eigenen Angaben verliess er seinen Heimatstaat am 13. Juni 2010 in Richtung Sudan, von wo er am 28. Juni 2014 nach Libyen weiterreiste. Am 20. August 2014 reiste er unkontrolliert in die Schweiz ein und stellte gleichentags beim Empfangs- und Verfahrenszentrum Chiasso ein Asylgesuch. Das vormalige Bundesamt f ür Migration (BFM) bezie- hungsweise in der Folge das Staatssekretariat für Migration (SEM) be- fragte den Beschwerdeführer am 29. August 2014 summarisch und am 24. Juni 2016 eingehend zu dessen Asylgründen. Zwischenzeitlich wurde er für die Dauer des Asylverfahrens dem Kanton Schwyz zugewiesen. B. Im Rahmen seiner Befragungen machte der Beschwerdeführer im Wesent- lichen geltend, er sei im Jahr 2006, als er die 12. Schulklasse besucht habe, zum eritreischen Nationaldienst rekrutiert worden. Nach einer militä- rischen Einführung sei er, obwohl er im technischen Bereich habe studie- ren wollen, gegen seinen Willen zur Ausbildung als Lehrer im staatlichen Seminar in Asmara verpflichtet worden. Nach Abschluss der einjährigen Ausbildung sei er durch das Bi ldungsministerium der Schule von C._______ (Region Anseba) zugeteilt worden und habe dort seit dem Sep- tember 2008 als Lehrer gearbeitet. In der Schule habe er einen einheimi- schen Lehrer kennengelernt, der ein Stück Land besessen habe, und die- ses hätten sie in der Freizeit gemeinsam bewirtschaftet. Jedoch sei im No- vember 2009, kurz vor der Erntezeit , ein Oberstleutnant der eritreischen Armee gekommen und habe ihnen die Bewirtschaftung des Grundstücks verboten, weil sie damit als Staatsangestellte gegen ein Gesetz verstossen hätten. Sie hätten versucht, sich zu wehren, aber dennoch hätten Soldaten die Bewirtschaftung übernommen. Im Februar 2010 hätten drei hochran- gige Behördenmitglieder – der Bildungsminister des Bezirks, der Vizevor- sitzende der Staatspartei i m Bezirk sowie der erwähnte Oberstleutnant ‒ eine Versammlung abgehalten, an der alle Lehrer der Schule hätten teil- nehmen müssen. Den Lehrern sei gesagt worden, sie dürften kein privates Geschäft ausüben. Zudem seien ihnen Anweisungen im Zusammenhang mit Urlauben, Schulberichten an die Adresse der Partei sowie Lohnabzü- gen zugunsten der Partei gegeben worden. Im April 2010 seien in einem nahegelegenen Dorf namens D._______ vier Personen ‒ ein Oberst der Armee, zwei Geologen und deren Chauffeur ‒ von Jihadisten umgebracht D-7100/2016 Seite 3 worden. In der Folge habe der lokale Vorsitzende der Staatspartei anläss- lich einer Versammlung in der Schule angeordnet, dass die Lehrer zur Be- wachung der Gegend bewaffnet werden sollten. Als Termin für die Bewaff- nung sei dabei der 5. Juni 2010 festgelegt worden. Dem Befehl, eine Waffe zu tragen, habe er jedoch nicht folgen wollen. Zudem habe er sich durch den Staat ständig drangsaliert gefühlt und in Eri trea keine Zukunft mehr gesehen. Deshalb habe er unmittelbar vor dem genannten Termin seine Stelle verlassen und sei auf illegalem Weg aus Eritrea ausgereist. Wegen seiner Ausreise sei seine Mutter in der Folge zweimal – während zweier Wochen und während e ines Monats – inhaftiert worden, wobei sie beim zweiten Mal für ihre Freilassung eine Kaution in der Höhe von 15‘000 Nakfa habe bezahlen müssen. Anlässlich der Anhörung übergab der Beschwer- deführer dem SEM als Beweismittel sein eritreisches Lehrerdiplom. C. Mit Verfügung vom 21. Oktober 2016 (eröffnet am 25. Oktober 2016) lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete dessen Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Zur Begründung der Ablehnung des Asylgesuchs führte das Staatssekretariat im Wesentlichen aus, die betreffenden Vorbringen des Beschwerdeführers seien n icht glaubhaft. Des Weiteren hielt das SEM dafür, der Beschwerdeführer habe auch nicht wegen einer allfälligen illegalen Ausreise aus Eritrea mit asyl- rechtlich relevanten Nachteilen zu rechnen. D. Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 17. November 2016 focht der Be- schwerdeführer die Verfügung des SEM beim Bundesverwaltungsgericht an. Dabei beantragte er die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft sowie die Gewährung des Asyls, eventualiter die vorläufige Aufnahme als Flüchtling, subeventualiter die Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Undurchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um die Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie um Beiordnung seines Rechtsvertreters als amtlicher Rechts- beistand gemäss Art. 110a des Asylgesetzes (AsylG, SR 142.31). Mit der Beschwerdeschrift wurde unter anderem eine Stellungnahme der Schwei- zerischen Flüchtlingshilfe (SFH) zu den Rückkehrbedingungen nach Erit- rea eingereicht. Auf die Begründung der Beschwerde wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. D-7100/2016 Seite 4 E. Mit Zwischenverfügung des Instruktionsrichters vom 22. November 2016 wurden die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Bestellung eines amtlichen Rechtsbeistands ‒ als welcher der bis- herige Rechtsvertreter eingesetzt wurde ‒ gutgeheissen. F. Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 26. Januar 2017 reichte der Be- schwerdeführer ein Gutachten der SFH zur Frage ein, inwiefern es in Erit- rea zu terroristischen Anschlägen kommt. Zudem ersuchte er um Erstat- tung der Kosten für die Erstellung des Gutachtens. G. Mit Vernehmlassung vom 15. November 2017 hielt das SEM vollumfäng- lich an seinen Erwägungen fest und beantra gte die Abweisung der Be- schwerde. H. Mit Zwischenverfügung vom 16. November 2017 wurde dem Beschwerde- führer in Bezug auf die Vernehmlassung das Replikrecht erteilt. I. Mit Eingabe des Rechtsvertreters vom 24. November 2017 wurden eine entsprechende Stellungn ahme sowie eine Honorarabrechnung ein ge- reicht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge- gen Verfügungen, die gestützt auf das AsylG durch das SEM erlassen wor- den sind, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich (mit Ausnahme von Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Ausliefe- rungsersuchen des Staates vorliegt, vor welchem sie Schutz suchen) end- gültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). D-7100/2016 Seite 5 1.2 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen- dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des Ausländerrechts richtet sich die Kognition des Gerichts nach Art. 49 VwVG (BVGE 2014/26 E. 5). 2. Der Beschwerdeführer ist legitimiert; auf seine frist - und formgerecht ein- gereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Re- ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ern sthaften Nachteilen aus - gesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 3 AsylG sind keine Flüchtlinge Personen, die we- gen Wehrdienstverweigerung oder Desertion ernsthaften Nachteilen aus- gesetzt sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Vorbehalten bleibt die Einhaltung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30). 3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlings- eigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vor- bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi- dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 3.4 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge- gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der D-7100/2016 Seite 6 gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesent- liche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschick- sals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substantiierte, im Wesent- lichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vor- kommnisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tatsächlich erlitte- nen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinrei- chende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüch- lichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurtei- lung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Ele- mente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Sub- stantiiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigke it usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vor- bringen zwar möglich ist, aber in Würd igung der gesamten Aspekte we- sentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachver- haltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1 S. 142 f., BVGE 2010/57 E. 2.3, Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 21 E. 6.1, EMARK 1996 Nr. 27 E. 3c/aa, EMARK 1996 Nr. 28 E. 3a). 4. 4.1 Der Beschwerdeführer macht im Wesentlichen geltend, er sei im Rah- men des eritreischen Nationaldiensts nach einer militärischen Einführung zur Ausbildung als Lehrer verpflichtet und als solcher anschliessend zur Arbeit in einer Dorfs chule zugeteilt worden. In seiner Funktion als Lehrer habe er mehrfach Schwierigkeiten mit lokalen hochrangigen Vertretern der eritreischen Behörden gehabt. Nach einem Attentat einer jihadistischen Gruppierung auf ein Regierungsfahrzeug , bei dem vier Personen getötet worden seien, sei von den Behörden angeordnet worden, die Lehrer hätten Waffen zu tragen und an der Bewachung der Gegend mitzuwirken. Unmit- telbar vor dem für die Bewaffnung vorgesehenen Ter min habe er seine Stelle verlassen und sei illegalerweise aus Eritrea ausgereist. 4.2 Eritreische Staatsangehörige, die für den sogenannten Nationaldienst rekrutiert worden sind, haben diesen entweder in militärischen oder in zivi- len Einheiten zu leisten. Die Ableistung dieser Pflicht in zivilen Einheiten des Nationaldiensts kann dabei etwa Tätigkeiten in der Verwaltung, in D-7100/2016 Seite 7 Schulen, Spitälern, in der Landwirtschaft oder in Bauunternehmen umfas- sen (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-7898/2015 vom 30. Ja- nuar 2017 E. 4.8.3 [als Referenzurteil publiziert], unter Hinweis auf EURO- PEAN ASYLUM SUPPORT OFFICE [EASO], EASO-Bericht über Herkunftslän- derinformationen: Länderfokus Eritrea, Mai 2015 , S. 32). Mit seinen Vor- bringen macht der Beschwerdeführer somit sinngemäss geltend, er sei aus dem eritreischen Nationaldienst desertiert, den er in einer zivilen Funktion als Lehrer habe leisten müssen. Zu berücksichtigen ist im vorliegenden Fall ausserdem, dass der Beschwerdeführer geltend macht, er sei in seiner Funktion als Lehrer zur Abwehr von Angriffen einer jihadistischen Organi- sation dazu verpflichtet worden, sich bewaffnen zu lassen und sich an der Bewachung der dortigen Gegend zu beteiligen. 4.3 4.3.1 Das SEM stellt sich auf den Standpunkt, die genannten Vorbringen seien nicht glaubhaft, dies im Wesentlichen aus folgenden Gründen: An- lässlich der Befragung habe der Beschwerdeführer angegeben, das Atten- tat einer jihadistischen Gruppierung habe sich im Mai 2010 ereignet, wäh- rend er bei seiner eingehenden Anhörung vorgebracht habe, dies habe sich im April 2010 abgespielt. Im Rahmen der Befragung habe er ausge- sagt, für die Gewaltakte seien Jihadisten verantwortlich gewesen. Bei der Anhörung habe er zuerst angegeben, es sei wiederholt zu solchen Angrif- fen gekommen, während er sp äter auf entsprechende Nachfrage gesagt habe, es sei „nicht immer“ zu solchen Taten gekommen. Bei der Anhörung habe er auch verneint, dass es sich um Jihadismus gehandelt habe. Auf- grund der unvereinbaren Angaben bezüglich des Zeitpunkts des a ngebli- chen Vorkommnisses und der widersprüchlichen Aussagen zu den angeb- lichen Verursachern bestünden erhebliche Zweifel an den Vorbringen des Beschwerdeführers. Des W eiteren habe d er Beschwerdeführer angege- ben, auf den nahen Plantagen hätten Soldaten gearbeitet, seine eigene Plantage sei von Soldaten übernommen worden, und auch an den von den Behörden einberufenen Versammlungen seien Soldaten anwesend gewe- sen. Dies erwecke den Eindruck, dass im Dorf C._______ und in dessen Umgebung zahlreiche Soldaten stationiert gewesen seien. Angesichts der Verfügbarkeit von Soldaten, der Nähe zur eritreischen Hauptstadt und des Umstands, dass der Beschwerdeführer nach eigenen Angaben bis dahin noch nie Wache gehalten habe, überzeuge auch die Behauptung nicht, es seien wegen der erwähnten Vorkommnisse Lehrer zu den Waffen gerufen worden. D-7100/2016 Seite 8 4.3.2 Diese Argumente des SEM sind offensichtlich nicht geeignet, die Glaubhaftigkeit der betreffenden Vorbringen des Beschwerdeführers in Frage zu stellen. Zunächst ist in Bezug auf den behaupteten zeitlichen Wi- derspruch Folgendes festzuhalten: Anlässlich der Befragung gab der Be- schwerdeführer an, der Angriff von Jihadisten auf ein Regierungsfahrzeug habe sich anfangs Mai 2010 ereignet, während er im Rahmen der Anhö- rung zu Protokoll gab, dies sei im April 201 0 geschehen. Eine derart mi- nime zeitliche Abweichung ist offensichtlich nicht als wesentlicher Wider- spruch zu qualifizieren, zumal zwischen dem fraglichen Ereignis und der Anhörung des Beschwerdeführers im vorinstanzlichen Verfahren ein Zeit- raum von mehr als sechs Jahren lag. 4.3.3 Zu den Umständen des fraglichen Angriffs auf Vertreter der eritrei- schen Behörden machte der Beschwerdeführer im Rahmen seiner einge- henden Anhörung im Wesentlichen folgende Aussagen (Protokoll der An- hörung, S. 5 f.): Auf die Frage hin, ob er wisse, von welcher Grupp ierung das Attentat begangen worden sei, gab der Beschwerdeführer zur Antwort, solche Ereignisse hätten immer wieder stattgefunden. Deswegen hätten sie – implizit: die eritreischen Sicherheitskräfte – immer die Strasse kon- trolliert, und nach 16 Uhr hätten zwischen der Stadt Keren und der Ort- schaft Halhal (Region Anseba) keine Busse verkehren dürfen. Die Regie- rung habe immer wieder gesagt, diese Attentate würden durch Jihadisten verübt, und nach dem Ereignis vom April 2010 habe auch der Parteivorsit- zende, welche die erwähnte Versammlung in der Schule geleitet habe, ge- sagt, es handle sich um Jihadisten aus der Gegend. Vor dem Jahr 2000 habe er davon gehört, dass Jihadisten Krieg geführt hätten, weil damals der Ehemann seiner Schwester in Halhal am Bein verletzt worden sei. Auf die Frage hin, ob seine Aussage, es habe immer wieder Überfälle dieser Art in der Region gegeben, bedeute, dass der Staat in dieser Gegend die Kontrolle verloren habe, antwortete der Beschwerdeführer folgendermas- sen: „Nicht immer. Wenn irgendeine einflussreiche oder hochrangige Per- son in diese Richtung fährt, wird diese Gegend von Soldaten der Spiona- geabteilung bewacht.“ Des Weiteren führte der Beschwerdeführer auf ent- sprechende Fragen hin aus, er gehe davon aus, dass die Bevölkerung et- was mit den Attentaten zu tun habe und dass sich die Angriffe gegen die amtierende Regierung richten würden. Er glaube aber nicht, dass es sich um religiös bedingten Jihadismus handle, und er selbst sei ja auch Christ. Es gebe Gerüchte, aber niemand traue sich, jemanden darauf anzuspre- chen. Ihm selbst habe man auch nicht vertraut, und er habe nur sporadisch D-7100/2016 Seite 9 mit der lokalen Bevölkerung gesprochen, da er nicht mit ihnen aufgewach- sen sei, sondern nur die letzten zwei, drei Jahre ‒ implizit: vor seiner Aus- reise ‒ dort gelebt habe. 4.3.4 Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb die Vorinstanz angesichts die- ser Aussagen zur Einschätzung g elangte, der Beschwerdeführer habe in Bezug auf die Urheberschaft des fraglichen Attentats widersprüchliche An- gaben gemacht. Vielmehr machte der Beschwerdeführer unmissverständ- lich deutlich, dass in der betreffenden Region seit einiger Zeit wiederholt gewaltsame Angriffe gegen die Staatsgewalt geschahen, welche durch die eritreischen Behörden jihadistischen Urhebern angelastet wurden, wäh- rend er selbst jedoch Zweifel daran hegte, ob es sich dabei um religiö sen Jihadismus handle. In diesem Zusammenhang ist a uch auf das vom Be- schwerdeführer mit Eingabe vom 26. Januar 2017 eingereichte Gutachten der SFH hinzuweisen. Daraus geht gestützt auf verschiedene Berichte un- abhängiger Organisationen im Wesentlichen hervor, dass in Eritrea seit Jahrzehnten unter der Bezei chnung „Eritrean Islamic Jihad Movem ent“ (EIJM) eine islamistische Untergrundo rganisation operiert, deren Ziel der Sturz des staatlichen Regimes ist und die auch in den letzten Jahren meh- rere terroristische Anschläge auf staatliche Ziele verübt hat. 4.3.5 Schliesslich erscheint auch die vom Beschwerdeführer beschriebene Bewaffnung von Lehrern zum Zweck der Bewachung des Dorfs keines- wegs, wie vom SEM angenommen, als abwegig, befanden sich diese Leh- rer doch ohnehin im eritreischen Nationaldienst und hatten in dessen Rah- men eine militärische Grundausbildung durchlaufen . Auch in diesem Zu- sammenhang ist auf das erwähnte Gutachten der SFH hinzuweisen. Aus diesem geht diesbezüglich hervor, dass es gemäss Informationen eritrei- scher Auskunftspersonen durchaus keine un übliche Praxis lokaler eritrei- scher Behörden sei, Lehrer zum Wachtdienst aufzubieten, da diese zu ei- nem grossen Teil ohnehin Angehörige des Nationaldiensts und somit dem Militär unterstellt seien. Es besteht kein konkreter Anlass, diese Einschät- zung in Zweifel zu ziehen. 4.3.6 Den Aussagen des Beschwerdeführers im vorinstanzlichen Verfah- ren sind auch sonst keine Widersprüche oder andere wesentliche Unstim- migkeiten zu entnehmen. Vielmehr ist festzustellen, dass die Angaben des Beschwerdeführers zu den Vorgängen in C._______, seinen Problemen als Lehrer mit den eritreischen Behörden, seinem Entschluss, sich diesen Schwierigkeiten nach dem erfolgten Attentat durch Verlassen der ihm zu- gewiesenen Aufgaben im Nationaldienst zu e ntziehen, wie auch zu den D-7100/2016 Seite 10 Umständen seiner Ausreise aus dem Land widerspruchsfrei, detailliert und ohne weiteres nachvollziehbar ausgefallen sind. Die Vorbringen des Be- schwerdeführers weisen zahlreiche positive Glaubhaftigkeitselemente auf, welche jedoch vom SEM völlig unberücksichtigt gelassen worden sind. Ein solches Vorgehen ist als unzulässig selektiv zu bezeichnen und bildet keine korrekte Würdigung der zu beurteilenden Sachverhaltsdarstellung. 4.4 Aufgrund des Gesagten hat es sich als glaubhaft erwiesen, dass der Beschwerdeführer vor seiner Ausreise aus Eritrea nicht nur seinen Posten als Lehrer im Nationaldienst verlassen, sondern sich ausserdem einer ihm zugewiesenen zusätzlichen Funktion als bewaffneter Wächter entzogen hat. Dieses Verhalten ist einer D esertion aus dem eritreischen National- dienst gleichzusetzen. Gemäss ständiger Rechtsprechung werden Dienst- verweigerung und Desertion in Eritrea als Ausdruck einer Regimegegner- schaft qualifiziert und aus politischen Motiven unverhältnismässig streng bestraft, was im Ergebnis einer asylrelevanten Verfolgung gleichkommt (grundlegend EMARK 2006 Nr. 3; zusammenfassend zu dieser Praxis BVGE 2015/3 E. 5.7.1; zuletzt etwa die Urteile des Bundesverwaltungsge- richts D -1359/2015 vom 22. August 2017 E. 6.1 und E-3581/2016 vom 13. November 2017 E. 7.1). Aufgrund seiner Desertion hatte der Be- schwerdeführer bereits vor seiner danach erfolgten Ausreise aus Eritrea ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten. Diese Ge- fährdung dauert auch weiterhin an. 5. Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Folglich ist die Beschwerde gutzuheissen, die angefochtene Verfügung ist aufzuheben, und das SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführer als Flüchtling zu an- erkennen und ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren. 6. 6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG). 6.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 37 VGG kann die Beschwerdeinstanz der ganz oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für die ihr erwachsenen not- wendigen und verhältnismässig hohen Kosten zusprechen (vgl. für die Grundsätze der Bemessung der Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff. D-7100/2016 Seite 11 des Reglements über die Kosten und En tschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Ge- stützt auf die in Betracht zu ziehen den Bemessungsfaktoren (Art. 9‒13 VGKE) und die als angemessen erscheinende Kostennote des Rechtsver- treters vom 24. November 2017 ‒ wobei sich auch die Kosten für die Er- stellung eines fallspezifischen Gutachtens durch die SFH als notwendig und verhältnismässig erweisen – sind dem Beschwerdeführer Fr. 1618.‒ (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) zuzusprechen. Dieser Betrag ist dem Beschwerdeführer durch das SEM zu entrichten. 6.3 Der Anspruch auf amtliches Honorar des als amtlicher Rechtsbeistand im Sinne von Art. 110a AsylG eingesetzten Rechtsvertreters wird damit ge- genstandslos. (Dispositiv nächste Seite) D-7100/2016 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, und die Verfügung des SEM vom 21. Oktober 2016 wird aufgehoben. 2. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Dem Beschwerdeführer wird eine Parteientschädigung von Fr. 1618.‒ zu- gesprochen, die ihm durch das SEM zu entrichten ist. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Martin Scheyli Versand: