<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 110 S.477</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">477</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>110 Ausschaffungshaft; Beginn der Haftüberprüfungsfrist.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Für den Beginn der Haftüberprüfungsfrist von 96 Stunden ist massgeb-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>lich, seit wann sich ein Betroffener allein aus fremdenpolizeilichen Grün-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>den in Haft befindet. Dabei ist die Zeit nach der Entlassung aus der Un-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>tersuchungshaft an die 96-Stunden-Frist anzurechnen (Erw. I).</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht</span><br/> <span class="ft4">vom 11. Mai 2001 in Sachen Fremdenpolizei des Kantons Aargau gegen</span><br/> <span class="ft4">A.O.F. betreffend Haftüberprüfung (HA.2001.00004).</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">Der Gesuchsgegner ersuchte am 19. Juni 1991 erstmals um</span><br/> <span class="ft6">Asyl in der Schweiz. Das Bundesamt für Flüchtlinge (BFF) lehnte</span><br/> <span class="ft6">dieses Gesuch mit Verfügung vom 26. Juni 1997 ab. Eine dagegen</span><br/> <span class="ft6">eingereichte Beschwerde wurde von der Asylrekurskommission</span><br/> <span class="ft6">(ARK) mit Urteil vom 29. August 1997 abgewiesen. Der Gesuchs-</span><br/> <span class="ft6">gegner trat in der Folge ein für ihn auf den 22. Juni 1998 gebuchten</span><br/> <span class="ft6">Rückflug in sein Heimatland nicht an und war seit diesem Zeitpunkt</span><br/> <span class="ft6">unbekannten Aufenthalts. Am 28. April 2001 wurde der Gesuchs-</span><br/> <span class="ft6">gegner durch die Stadtpolizei Zürich einer Personenkontrolle unter-</span><br/> <span class="ft6">zogen. Er wies sich mit einer Kopie einer Aufenthaltsbewilligung B</span><br/> <span class="ft6">aus, lautend auf X.Y., geb. 11. März 1965. Da er zu seiner Person</span><br/> <span class="ft6">widersprüchliche Angaben machte, wurde er festgenommen. Eine</span><br/> <span class="ft6">Personenüberprüfung ergab, dass es sich beim Gesuchsgegner um</span><br/> <span class="ft6">A.O.F. handelt. In der Folge wurde der Gesuchsgegner am 30. April</span><br/> <span class="ft6">2001 der Kantonspolizei Aargau übergeben. Mit Telefax vom</span><br/> <span class="ft6">30. April 2001 ersuchte die Fremdenpolizei des Kantons Aargau,</span><br/> <span class="ft6">Sektion Asylwesen I, den Bezirksamtmann des Bezirksamtes Aarau</span><br/> <span class="ft6">um Einleitung eines Strafverfahrens wegen illegalen Aufenthalts</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">478</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">gemäss Art. 23 Abs. 1 des Bundesgesetzes über Aufenthalt und</span><br/> <span class="ft6">Niederlassung der Ausländer [ANAG] vom 26. März 1931 und</span><br/> <span class="ft6">gegebenenfalls um Zustellung des Haftbefehls. Am 1. Mai 2001</span><br/> <span class="ft6">wurde der Gesuchsgegner betreffend Widerhandlung gegen das</span><br/> <span class="ft6">ANAG einvernommen.</span><br/> <span class="ft6">Am 4. Mai 2001 wurde dem Gesuchsgegner durch die Frem-</span><br/> <span class="ft6">denpolizei das rechtliche Gehör betreffend Anordnung einer Aus-</span><br/> <span class="ft6">schaffungshaft gewährt. Im Anschluss an die Befragung wurde ihm</span><br/> <span class="ft6">die Anordnung der Ausschaffungshaft auf den Zeitpunkt der Entlas-</span><br/> <span class="ft6">sung aus der Untersuchungshaft eröffnet. Ebenfalls am 4. Mai 2001</span><br/> <span class="ft6">wurde die Fremdenpolizei durch das Bezirksamt Aarau darüber ori-</span><br/> <span class="ft6">entiert, dass der Gesuchsgegner am 8. Mai 2001 um 09.00 Uhr aus</span><br/> <span class="ft6">der Untersuchungshaft entlassen werde.</span><br/> <span class="ft6">Nachdem der Gesuchsgegner anlässlich der Gewährung des</span><br/> <span class="ft6">rechtlichen Gehörs ausführte, er wolle erneut ein Asylgesuch stellen,</span><br/> <span class="ft6">wurde er gleichentags zu seinen Asylgründen befragt. Das Be-</span><br/> <span class="ft6">zirksamt Aarau verurteilte den Gesuchsgegner mit Strafbefehl vom 7.</span><br/> <span class="ft6">Mai 2001 wegen illegaler Einreise in die Schweiz und illegalem</span><br/> <span class="ft6">Aufenthalt in der Schweiz zu einer Gefängnisstrafe von 14 Tagen,</span><br/> <span class="ft6">unter Anrechnung von 10 Tagen Untersuchungshaft, wobei ihm der</span><br/> <span class="ft6">bedingte Strafvollzug gewährt wurde. Mit Verfügung vom 8. Mai</span><br/> <span class="ft6">2001 trat das BFF auf das Asylgesuch nicht ein, wies den Gesuchs-</span><br/> <span class="ft6">gegner aus der Schweiz weg und entzog einer allfälligen Beschwerde</span><br/> <span class="ft6">die aufschiebende Wirkung.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">I. Das angerufene Gericht überprüft die Rechtmässigkeit und</span><br/> <span class="ft6">Angemessenheit einer durch die Fremdenpolizei angeordneten Vor-</span><br/> <span class="ft6">bereitungs- oder Ausschaffungshaft aufgrund einer mündlichen Ver-</span><br/> <span class="ft6">handlung spätestens nach 96 Stunden (Art. 13c Abs. 2 ANAG, § 6</span><br/> <span class="ft6">des Einführungsgesetzes zum Ausländerrecht [EGAR] vom 14. Ja-</span><br/> <span class="ft6">nuar 1997).</span><br/> <span class="ft6">Die Haftüberprüfungsfrist beginnt mit der Anhaltung des Ge-</span><br/> <span class="ft6">suchsgegners zu laufen (§ 17 Abs. 1 EGAR). Im vorliegenden Fall</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">479</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">wurde der Gesuchsgegner am 8. Mai 2001, 09.00 Uhr, aus der Unter-</span><br/> <span class="ft6">suchungshaft entlassen und fremdenpolizeilich angehalten. Die</span><br/> <span class="ft6">mündliche Verhandlung begann am 11. Mai 2001, 09.00 Uhr; das</span><br/> <span class="ft6">Urteil wurde um 10.55 Uhr eröffnet. Die richterliche Haftüberprü-</span><br/> <span class="ft6">fung erfolgte somit innerhalb der Frist von 96 Stunden.</span><br/> <span class="ft6">Etwas anderes lässt sich auch nicht aus dem unveröffentlichten</span><br/> <span class="ft6">Entscheid des Bundesgerichts vom 4. Oktober 1996 (2A.455/1996)</span><br/> <span class="ft6">ableiten. In jenem Verfahren wurde der Betroffene am 31. August</span><br/> <span class="ft6">1996 um 13.50 Uhr verhaftet und offenbar in Untersuchungshaft</span><br/> <span class="ft6">genommen. Mit Strafbefehl vom 31. August 1996 (eröffnet am 1.</span><br/> <span class="ft6">September 1996) wurde er zu 14 Tagen Gefängnis bedingt verurteilt,</span><br/> <span class="ft6">unter Anrechung von einem Tag Untersuchungshaft. Am 1. Septem-</span><br/> <span class="ft6">ber 1996, nachmittags, verfügte die zuständige Behörde die Entlas-</span><br/> <span class="ft6">sung aus der Untersuchungshaft und die Zuführung an die Fremden-</span><br/> <span class="ft6">polizei. Am 2. September 1996 musste er wegen Randalierens in eine</span><br/> <span class="ft6">Sicherheitszelle verlegt werden. Am 3./4. September 1996 wies die</span><br/> <span class="ft6">Fremdenpolizei den Betroffenen formlos aus der Schweiz weg und</span><br/> <span class="ft6">ordnete eine Ausschaffungshaft an. Die mündliche Haftüberprü-</span><br/> <span class="ft6">fungsverhandlung fand am 5. September 1996 statt. Das Bundesge-</span><br/> <span class="ft6">richt führte aus, in einem solchen Fall löse zwar nicht erst die tat-</span><br/> <span class="ft6">sächliche Überstellung des Ausländers an die Fremdenpolizei oder</span><br/> <span class="ft6">gar erst deren Haftverfügung die Frist von 96 Stunden aus; massgeb-</span><br/> <span class="ft6">lich sei aber nicht der Zeitpunkt der Verhaftung, sondern jener des</span><br/> <span class="ft6">Entscheids über die Entlassung aus der Untersuchungshaft; erst ab</span><br/> <span class="ft6">diesem Zeitpunkt sei die Grundlage der Haft fremdenpolizeilicher</span><br/> <span class="ft6">Natur.</span><br/> <span class="ft6">Massgeblich für den Beginn der Haftüberprüfungsfrist von 96</span><br/> <span class="ft6">Stunden ist demzufolge, seit wann sich ein Betroffener allein aus</span><br/> <span class="ft6">fremdenpolizeilichen Gründen in Haft befindet. Auch das Bundesge-</span><br/> <span class="ft6">richt geht davon aus, dass eine vorgängige Untersuchungshaft nicht</span><br/> <span class="ft6">an die 96-Stunden-Frist anzurechnen ist. Unklar könnte allenfalls</span><br/> <span class="ft6">sein, ob die Frist bereits mit dem Entscheid über die Entlassung aus</span><br/> <span class="ft6">der Untersuchungshaft oder erst mit der effektiven Entlassung zu</span><br/> <span class="ft6">laufen beginnt. Offensichtlich musste sich das Bundesgericht mit</span><br/> <span class="ft6">dieser Frage nicht auseinandersetzen, da im zu beurteilenden Fall der</span><br/> <span class="ft6">Entscheid über die Haftentlassung mit der Entlassung selbst zusam-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">480</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">men fiel. Bei einer solchen Konstellation erscheint es klar, dass der</span><br/> <span class="ft6">Betroffene ab diesem Zeitpunkt unter fremdenpolizeilichem Haftre-</span><br/> <span class="ft6">gime steht und die Frist sofort zu laufen beginnt. Die Formulierung</span><br/> <span class="ft6">des Bundesgerichts, dass die Haftüberprüfungsfrist mit dem Ent-</span><br/> <span class="ft6">scheid über die Haftentlassung zu laufen beginnt, ist so zu verstehen,</span><br/> <span class="ft6">dass die Zeit nach Entlassung aus der Untersuchungshaft an die 96-</span><br/> <span class="ft6">Stunden-Frist anzurechnen ist. Dies selbst wenn zwischen der</span><br/> <span class="ft6">Haftentlassung und der Zuführung an die Fremdenpolizei - z.B. auf-</span><br/> <span class="ft6">grund einer Zuführung aus einem anderen Kanton - längere Zeit</span><br/> <span class="ft6">verstreicht. Eine andere Interpretation des besagten Entscheids hätte</span><br/> <span class="ft6">zur Folge, dass im Falle eines Strafvollzuges mit anschliessender</span><br/> <span class="ft6">Ausschaffungshaft innert 96 Stunden seit dem Entscheid über die</span><br/> <span class="ft6">Entlassung aus dem Strafvollzug eine allfällige Haftanordnung mit</span><br/> <span class="ft6">Haftüberprüfung erfolgen müsste, obschon die Entlassungsverfügung</span><br/> <span class="ft6">meist Monate zuvor ergeht.</span><br/> <span class="ft6">Der vorliegende Fall ist im Übrigen nicht mit dem zitierten</span><br/> <span class="ft6">bundesgerichtlichen Entscheid vergleichbar. Hier befand sich der</span><br/> <span class="ft6">Betroffene bis zum 8. Mai 2001, 09.00 Uhr, in Untersuchungshaft.</span><br/> <span class="ft6">Dass diese Untersuchungshaft ungewöhnlich lange dauerte - von der</span><br/> <span class="ft6">letzten Untersuchungshandlung bis zur Ausfertigung des unkompli-</span><br/> <span class="ft6">zierten sowie rechtlich und sachverhaltsmässig einfachen Strafbe-</span><br/> <span class="ft6">fehls vergingen 7 Tage, bis zur Entlassung aus der Untersuchungshaft</span><br/> <span class="ft6">ein weiterer Tag - mag zwar erstaunen. Verständlich ist in diesem</span><br/> <span class="ft6">Zusammenhang auch, dass der Rechtsvertreter des Gesuchsgegners</span><br/> <span class="ft6">die Frage aufwirft, ob die Untersuchungshaft mehr der Ausschaffung</span><br/> <span class="ft6">als der Abklärung deliktischen Verhaltens diente. Beides ändert</span><br/> <span class="ft6">jedoch nichts daran, dass es dem fremdenpolizeilichen Haftrichter</span><br/> <span class="ft6">verwehrt ist, die Rechtmässigkeit einer vorgängigen Un-</span><br/> <span class="ft6">tersuchungshaft zu überprüfen und damit den Beginn der Ausschaf-</span><br/> <span class="ft6">fungshaft auf einen Zeitpunkt vor Entlassung aus der Untersu-</span><br/> <span class="ft6">chungshaft vorzuverlegen. Die Fremdenpolizei hatte am 4. Mai 2001</span><br/> <span class="ft6">- unter Beachtung von § 15 Abs. 4 EGAR - die Haftanordnung noch</span><br/> <span class="ft6">während der laufenden Untersuchungshaft verfügt. Dabei wurde</span><br/> <span class="ft6">festgelegt, dass die Haft direkt im Anschluss an die Untersuchungs-</span><br/> <span class="ft6">haft beginne. Erst ab Entlassung aus der Untersuchungshaft war der</span><br/> <span class="ft6">Gesuchsgegner allein aus fremdenpolizeilichen Gründen inhaftiert.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">481</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Die Haftüberprüfungsfrist begann unter diesen Umständen am 8. Mai</span><br/> <span class="ft6">2001, 09.00 Uhr, und endete am 12. Mai 2001, 09.00 Uhr.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>