<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 46 S.165</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">165</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>VI. Fürsorgerische Freiheitsentziehung</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>46</b></span> <span class="ft3"><b>Anstaltseinweisung; Belastung der Umgebung in einem Pflegeheim;</b></span><br/> <span class="ft3"><b>blosse Belästigung nicht ausreichend.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Anforderungen an das Mass der Belastung der Umgebung sind sehr</b></span><br/> <span class="ft3"><b>hoch, um einen Einweisungsgrund gemäss Art. 397a Abs. 2 ZGB dar-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>zustellen; blosse Belästigung der Umgebung reicht nicht.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Anforderungen an Intensität der Belastung: richten sich nach den</b></span><br/> <span class="ft3"><b>konkreten Verhältnissen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 4. April 2000 in</span><br/> <span class="ft4">Sachen A.R. gegen Verfügung des Bezirksarzt-Stellvertreters L.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">A.R., bei der eine chronische paranoide Schizophrenie diag-</span><br/> <span class="ft6">nostiziert wurde, und die aufgrund ihrer Gehschwierigkeiten teil-</span><br/> <span class="ft6">weise auf einen Rollstuhl angewiesen war, wohnte im Pflegeheim L.</span><br/> <span class="ft6">Sie lehnte immer wieder die Medikation ab und wurde gegen das</span><br/> <span class="ft6">Pflegepersonal in gesteigertem Masse aggressiv, indem sie trat, biss</span><br/> <span class="ft6">und Sachen gegen Dritte warf. Es erfolgte eine bezirksärztliche Ein-</span><br/> <span class="ft6">weisung in die Psychiatrische Klinik Königsfelden.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">3. c) Zusammenfassend bedeutete die gesteigerte Aggressivität</span><br/> <span class="ft6">der Beschwerdeführerin für das sie betreuende Pflegepersonal eine</span><br/> <span class="ft6">grosse Belastungsprobe. In diesem Zusammenhang ist auf Folgendes</span><br/> <span class="ft6">hinzuweisen:</span><br/> <span class="ft6">Nach der verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung ist die Be-</span><br/> <span class="ft6">lastung der Umgebung von der blossen Belästigung zu unterschei-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">166</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">den, die eine Einweisung nicht zu rechtfertigen vermag (AGVE</span><br/> <span class="ft6">1986, S. 192). Dabei ist entscheidend, wie weit die Belästigungen für</span><br/> <span class="ft6">die Umgebung zumutbar sind (AGVE 1988, S. 260); von Nachbarn</span><br/> <span class="ft6">und betroffenen Behördenvertretern kann ein relativ grosses Ver-</span><br/> <span class="ft6">ständnis erwartet werden (vgl. AGVE 1986, S. 200 und 204). Ist</span><br/> <span class="ft6">festgestellt, dass jemand seinen "Vorwürfen, Anschuldigungen und</span><br/> <span class="ft6">Verleumdungen" freien Lauf lässt und auf diese Weise in die sehr</span><br/> <span class="ft6">"eigene Gedankenwelt" versinkt und immer mehr Leute in ihre An-</span><br/> <span class="ft6">schuldigungen mit einbezieht und so eine immer grösser werdende</span><br/> <span class="ft6">Zahl von Feindbildern aufbaut, was einen Teufelskreis zur Folge hat,</span><br/> <span class="ft6">so kann die fürsorgerische Freiheitsentziehung gerechtfertigt sein</span><br/> <span class="ft6">(AGVE 1986, S. 200). Entscheidend ist somit vor allem das Ausmass</span><br/> <span class="ft6">der Ehrverletzungen und der falschen Anschuldigungen; im soeben</span><br/> <span class="ft6">zitierten Entscheid hatte die Betroffene es darauf angelegt, ihre Geg-</span><br/> <span class="ft6">ner geradezu zu demütigen (AGVE 1986, S. 200 f.). Zugunsten des</span><br/> <span class="ft6">Betroffenen fällt ins Gewicht, wenn keine Drohungen und Tätlich-</span><br/> <span class="ft6">keiten festgestellt werden können (AGVE 1988, S. 260). Nach dieser</span><br/> <span class="ft6">Rechtsprechung sind die Anforderungen an das Mass der Belastung</span><br/> <span class="ft6">der Umgebung sehr hoch angesetzt, dass daraus ein Einweisungs-</span><br/> <span class="ft6">grund im Sinne von Art. 397a Abs. 2 ZGB abgeleitet werden kann.</span><br/> <span class="ft6">Kann die notwendige persönliche Fürsorge indessen nur im</span><br/> <span class="ft6">Rahmen eines Aufenthaltes in einer Institution wie einem Pflegeheim</span><br/> <span class="ft6">erbracht werden, drängt sich eine differenzierte Betrachtungsweise</span><br/> <span class="ft6">auf. Ist eine Person - neben dem Vorliegen eines Schwächezustandes</span><br/> <span class="ft6">gemäss Art. 397a Abs. 1 ZGB - zusätzlich pflegebedürftig, so dass</span><br/> <span class="ft6">sie auf den Aufenthalt in einem Pflegeheim angewiesen ist, und sind</span><br/> <span class="ft6">andere adäquate Aufenthaltsorte nicht ersichtlich, rechtfertigt dieser</span><br/> <span class="ft6">Umstand, dass die Anforderungen an die Intensität der Belästigung</span><br/> <span class="ft6">der Umgebung zu lockern sind, zumal im kleinräumigen und ge-</span><br/> <span class="ft6">schlossenen Umfeld, das ein Heim aufweist, Aggressionen eine we-</span><br/> <span class="ft6">sentlich intensivere Wirkung zeitigen können, als in einem offeneren</span><br/> <span class="ft6">und grösseren Rahmen. In diesem Fall wird das Pflegepersonal re-</span><br/> <span class="ft6">gelmässig mit aggressiven Handlungen konfrontiert, ohne dabei die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Fürsorgerische Freiheitsentziehung</span> <span class="page_no">167</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Möglichkeit zu haben, die Pflegetätigkeit einzustellen und damit von</span><br/> <span class="ft6">der betroffenen Person Abstand zu nehmen.</span><br/> <span class="ft6">Die Beschwerdeführerin erschien aufgrund der Gehschwierig-</span><br/> <span class="ft6">keiten im Rollstuhl zur Verhandlung. Es stellte sich heraus, dass sie</span><br/> <span class="ft6">nicht in der Lage ist, sich alleine zu waschen oder zu duschen. Zu-</span><br/> <span class="ft6">dem ist sie inkontinent und demgemäss auf umfassende Pflege und</span><br/> <span class="ft6">Betreuung angewiesen. Vorliegend ist demzufolge speziell darauf</span><br/> <span class="ft6">hinzuweisen, dass die besondere Belastung die für die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft6">führerin für die Sicherstellung ihrer nötigen persönlichen Fürsorge</span><br/> <span class="ft6">nicht wegzudenkende Umgebung betraf, was insofern von Bedeu-</span><br/> <span class="ft6">tung ist, als dass das Pflegeheim L. faktisch der einzige Aufenthalts-</span><br/> <span class="ft6">ort der Beschwerdeführerin ist, an dem sie tragbar ist - und wo sie</span><br/> <span class="ft6">sich glücklicherweise wohl fühlt. Hinzu kommt, dass die Beschwer-</span><br/> <span class="ft6">deführerin den Hang dazu hat, die Medikamente zu verweigern, bzw.</span><br/> <span class="ft6">nur diejenigen zu akzeptieren, welche ihr einst von Prof. P., mit dem</span><br/> <span class="ft6">sie innerlich eine enge Bindung verknüpft, verordnet worden seien.</span><br/> <span class="ft6">Diese schlechte Compliance führte dazu, dass im Zeitpunkt der Ein-</span><br/> <span class="ft6">weisung ohnehin eine medikamentöse Neueinstellung notwendig</span><br/> <span class="ft6">gewesen wäre, da der bisherige Zustand für den Aufenthalt im Pfle-</span><br/> <span class="ft6">geheim nicht mehr haltbar war. Bei ihrer Gereiztheit und ihrer</span><br/> <span class="ft6">distanzlosen Aggressivität musste mit noch mehr und auch massive-</span><br/> <span class="ft6">ren Übergriffen auf das Pflegepersonal gerechnet werden, weshalb es</span><br/> <span class="ft6">gerechtfertigt und verhältnismässig war, die Beschwerdeführerin</span><br/> <span class="ft6">unverzüglich in die Klinik Königsfelden einzuweisen. Die Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerde gegen die Anstaltseinweisung ist deshalb abzuweisen.</span><br/></div> </div> </body> </html>