Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 27. Oktober 2021 (710 21 256 / 285) ____________________________________________________________________ Alters- und Hinterlassenenversicherung Haftung des Gesellschafters für Beitragsausstände gegenüber der Ausgleichskasse. Besetzung Präsident Dieter Freiburghaus, Gerichtsschreiber in Jeannine Gass Parteien A.____ , Beschwerdeführer gegen Ausgleichskasse Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Bin- ningen, Beschwerdegegnerin Betreff Schadenersatz A. Die B.____ GmbH mit Sitz in X.____ war ab 1. Oktob er 2015 als beitragspflichtige Arbeit- geberin bei der Ausgleichkasse Basel-Landschaft (Ausgleichsk asse) angeschlossen. Am 10. März 2020 wurde über die B.____ GmbH der Konkurs eröffnet. Mangels Aktiven wurde der Kon- kurs am 11. März 2020 eingestellt und die Gesellschaft am 12. Juni 2020 von Amtes wegen gelöscht (Publikation im Schweizerischen Handelsamtsblatt [SHAB] vom 17. Juni 2020). B. Mit Verfügung vom 29. Mai 2020 forderte die Ausg leichskasse von A.____ als ehemali- gem Gesellschafter und Geschäftsführer der B.____ GmbH Schadensersatz für ausstehende Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Lohnbeiträge in der Höhe von Fr. 12'682.60. Eine dagegen vom ehemaligen Gesellschafter und Geschäftsführer erhobene Einsprache wurde mit Entscheid vom 5. August 2020 bzw. vom 27. Juli 2021 teilweise gutgeheissen und die Schadenersatzsumme infolge mangelnder Lohnauszahlung im Jahr 2020 auf Fr. 12'102.45 reduziert. C. Gegen diesen Einspracheentscheid erhob A.____ am 2. September 2021 Beschwerde beim Kantonsgericht, Abteilung Sozialversicherungsrecht ( Kantonsgericht) und beantragte, es seien der angefochtene Einspracheentscheid vom 27. Juli 2021 und die zugrunde liegende Scha- denersatzverfügung vom 29. Mai 2020 aufzuheben. Zur Be gründung führte er im Wesentlichen aus, dass ihn kein Verschulden treffe. D. In ihrer Vernehmlassung vom 20. September 2021 schl oss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde. E. Mit Replik vom 15. Oktober 2021 hielt der Beschwerde führer an seinen Begehren fest. Der Präsident zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 56 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversi- cherungsrechtes (ATSG) vom 6. Oktober 2000 kann gegen Einspracheentscheide der Versiche- rungsträger Beschwerde erhoben werden. Jeder Kanton bestellt ein Versicherungsgericht als einzige Instanz zur Beurteilung von Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherung (Art. 57 ATSG). Laut § 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes über die Verfassungs- und Ver- waltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 1993 ist das Kantonsgericht als einzige ge- richtliche Instanz des Kantons zur Beurteilung von Beschwer den gegen Einspracheentscheide der Versicherungsträger gemäss Art. 56 ATSG sachlich zuständig. 1.2 Nach Art. 52 Abs. 5 des Bundesgesetzes über die Al ters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG) vom 20. Dezember 1946 ist in Abweichung von Ar t. 58 Abs. 1 ATSG für Beschwerden betreffend Schadenersatzansprüche der Ausgleichskassen das Versicherungsgericht desjenigen Kantons zuständig, in dem der Arbeitgeber seinen Wohn sitz beziehungsweise die als Arbeitge- berin auftretende juristische Person ihr statutarisches Domizil hat, ungeachtet des jeweiligen Wohnsitzes der in Anspruch genommenen Organe. Die B.____ GmbH hatte ihren Sitz im Kanton Basel-Landschaft. Damit ist die sachliche und die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts ge- geben. Auf die im Übrigen form- und fristgerecht erhobene Beschwerde vom 2. September 2021 ist demnach einzutreten. 1.3 Gemäss § 55 Abs. 1 VPO entscheidet die präsidierend e Person des Kantonsgerichts Streitigkeiten bis zu einem Streitwert von Fr. 20'000 .-- durch Präsidialentscheid. Vorliegend ist eine Schadenersatzforderung in der Höhe von Fr. 12'10 2.45 strittig. Die Beurteilung der Be- schwerde fällt demnach in die Kompetenz der präsidierenden Person der Abteilung Sozialversi- cherungsrecht des Kantonsgerichts. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2. Streitig ist, ob der Beschwerdeführer für die gelt end gemachten Beitragsausstände der B.____ GmbH gegenüber der Ausgleichskasse haftbar ist. 3.1 Nach Art. 52 Abs. 1 AHVG hat ein Arbeitgeber, wel cher der Versicherung durch ab-sicht- liche oder grobfahrlässige Missachtung von Vorschriften einen Schaden zufügt, diesen zu erset- zen. Handelt es sich beim Arbeitgeber um eine juristische Person, so haften subsidiär die Mitglie- der der Verwaltung und alle mit der Geschäftsführung oder Liquidation befassten Personen. Sind mehrere Personen für den gleichen Schaden verantwortlich, so haften sie für den ganzen Scha- den solidarisch (Art. 52 Abs. 2 AHVG). Die Haftung nach Art. 52 AHVG sieht eine Verschuldens- haftung nach öffentlichem Recht vor. Damit eine Schade nersatzpflicht entstehen kann, müssen alle Haftungsvoraussetzungen gegeben sein, d.h. es muss ein Schaden eingetreten sein, der auf widerrechtliches und schuldhaftes Verhalten der Arbeitgeberin und – subsidiär – des verantwort- lichen Organs zurückzuführen ist. 3.2 Die Vorschriften über die Arbeitgeberhaftung nach Art. 52 AHVG sowie die dazu entwi- ckelte Rechtsprechung des Bundesgerichts finden mangels eigener Bestimmungen sinngemäss Anwendung auf die Invalidenversicherungs- (Art. 66 des Bundesgesetzes über die Invaliden-ver- sicherung vom 19. Juni 1959), Erwerbsersatz- (Art. 21 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Er- werbsersatz für Dienstleistende und bei Mutterschaft vom 25. September 1952) und Arbeitslo- senversicherungsbeiträge (Art. 6 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosen-ver- sicherung und die Insolvenzentschädigung vom 25. Juni 19 82) sowie auf jene an die Familien- ausgleichskassen gemäss dem Bundesgesetz über die Familien zulagen vom 24. März 2006 (Art. 25 lit. c). 4.1 Der Schaden der Ausgleichskasse besteht bei einer An wendung von Art. 52 Abs. 1 AHVG darin, dass der AHV ein ihr gesetzlich geschuldeter Beitr ag entgeht. Die Höhe des Schadens entspricht dabei dem Betrag, den die Ausgleichskasse ni cht erhältlich machen kann. Verwal- tungs- und Betreibungskosten, Veranlagungs- und Mahngebühren sowie die Verzugszinsen bil- den Bestandteil des Schadens, welcher der Ausgleichskasse zu ersetzen ist (BGE 121 III 382 E. 3bb mit Hinweisen; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 27. August 2013, 9C_646/2012, E. 4.1; zum Ganzen: T HOMAS NUSSBAUMER , Die Ausgleichskasse als Partei im Schadenersatz- prozess nach Artikel 52 AHVG, ZAK 1991 S. 383 ff. und 433 ff.). Im Hinblick auf die in Art. 14 Abs. 1 AHVG normierte Beitrags- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers gehören auch die Arbeitgeberbeiträge zum massgeblichen Schaden (vgl. BGE 98 V 26 E. 5). 4.2 Sofern der Beschwerdeführer zunächst vorbringt, dass kein Schaden vorliege, kann ihm nicht gefolgt werden. Die Ausgleichskasse erleidet bere its dann einen Schaden, wenn sie ihrer Beitragsforderung gegen den Arbeitgeber verlustig geht. Der Schaden begründet sich darin, dass die Ausgleichskasse dem individuellen Konto des Arbeitneh mers Beiträge anrechnen bzw. als beitragspflichtigen Lohn verbuchen muss, auch wenn sie diese nicht mehr erheben kann (vgl. Art. 30 ter Abs. 2 AHVG). Im vorliegenden Fall musste die Ausgleichkasse die nicht mehr einbringbaren Beiträge anrechnen, wodurch ein Schaden entstanden ist. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 4.3 Die Beschwerdegegnerin macht aufgrund der ungedeckt gebliebenen Forderung einen Schaden im Umfang von Fr. 12'104.45 geltend. Die Höhe des Schadens wird aus der Darstellung, die dem angefochtenen Einspracheentscheid beigelegt w urde, ersichtlich. Die Höhe des Scha- dens und der Schadensersatzforderung werden im Weiteren berechnungsmässig vom Beschwer- deführer nicht bestritten, sodass das Kantonsgericht kei ne Veranlassung hat, diese eingehend zu überprüfen. Der Verwaltungsprozess ist zwar vom Untersu chungsgrundsatz beherrscht, die- ser entbindet jedoch die rechtsuchende Partei nicht dav on, selber die Beanstandungen vorzu- bringen und ihrerseits zur Feststellung des Sachverhaltes beizutragen (vgl. Urteil des Eidgenös- sischen Versicherungsgerichts [EVG, heute: Schweizerisches Bu ndesgericht, Sozialrechtliche Abteilungen] vom 21. April 2006 H 157/05, E. 2.2). Mangels offenkundiger Anhaltspunkte für Be- rechnungsfehler ist die Schadensberechnung der Beschwerdegegnerin daher zu bestätigen und von einem vorliegend relevanten Schadensbetrag von Fr. 12'102.45 auszugehen. 5.1 Der Schaden der Ausgleichskasse muss auf ein widerrech tliches Verhalten des Scha- denersatzpflichtigen zurückzuführen sein. Art. 14 Abs. 1 AHVG in Verbindung mit Art. 34 ff. der Verordnung über die Alters- und Hinterlassenenversicher ung (AHVV) vom 31. Oktober 1947 schreibt vor, dass der Arbeitgeber bei jeder Lohnzahlung die Arbeitnehmerbeiträge in Abzug zu bringen und zusammen mit seinen eigenen Beiträgen der Ausgleichskasse periodisch zu entrich- ten hat. Diese werden von der Ausgleichskasse aufgrund der voraussichtlichen Lohnsumme fest- gesetzt, wobei die Arbeitgeber wesentliche Änderungen der Lohnsumme während des Jahres zu melden haben. Nach Ablauf einer Abrechnungsperiode, welche jeweils das Kalenderjahr umfasst, nimmt die Ausgleichskasse aufgrund der Abrechnung der A rbeitgeber den Ausgleich zwischen den geleisteten Akontobeiträgen und den tatsächlich geschuldeten Beiträgen vor, wobei ausste- hende Beiträge innert 30 Tagen ab Rechnungsstellung z u bezahlen sind (Art. 36 Abs. 3 und 4 AHVV). Diese Beitragszahlungs- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers ist eine gesetzlich vorgeschriebene öffentlich-rechtliche Aufgabe. Dazu erklärte das Bundesgericht wiederholt, dass die Nichterfüllung dieser öffentlich-rechtlichen Aufga be eine Missachtung von Vorschriften im Sinne von Art. 52 AHVG bedeute und die volle Schadensd eckung nach sich ziehe (BGE 111 V 172 E. 2 und 118 V 193 E. 2a; Urteil des EVG vom 21. April 2006, H 157/05, E. 4.1; vgl. auch MARCO REICHMUTH , Die Haftung des Arbeitgebers und seiner Organe nach Art. 52 AHVG, Frei- burg 2008, Rz. 504). 5.2 Im vorliegenden Fall muss der B.____ GmbH insofern eine Missachtung von Vorschrif- ten vorgeworfen werden, als sie im Jahr 2019 den ihr o bliegenden Zahlungsverpflichtungen nur unvollständig nachkam. Schliesslich blieben Sozialversicherungsbeiträge (inkl. Nebenkosten) in der Höhe von Fr. 12'102.45 offen. Damit ist die GmbH ihren gesetzlichen Pflichten als Arbeitge- berin nicht nachgekommen und hat öffentlich-rechtliche Vorschriften verletzt. 6. Zwischen dem bei der Ausgleichskasse eingetretenen Sch aden und dem pflichtwidrigen Verhalten der Arbeitgeberin bzw. ihrer Organe muss sod ann ein adäquater Kausalzusammen- hang bestehen (BGE 119 V 401 E. 4a mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts vom 2. Novem- ber 2012, 9C_369/2012 und 9C_370/2012, E. 7.1; so a uch Urteile des Kantonsgerichts vom 7. April 2016, 710 14 238/84, E. 6 und vom 10. Dezember 2015, 710 14 283/326, E. 3.4). Vorlie- Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht gend ist offensichtlich, dass die Nichterfüllung der der ehemaligen B.____ GmbH als Arbeitgebe- rin obliegenden Pflicht zur vollständigen Begleichung der paritätischen Sozialversicherungsbei- träge für den bei der Beschwerdegegnerin entstandenen Schaden kausal ist und dass ein derar- tiges Verhalten nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet ist, den eingetretenen Erfolg zu herbeizuführen. 7. Streitig und zu prüfen ist jedoch insbesondere, ob u nd inwieweit der Schaden auf ein schuldhaftes Verhalten des Beschwerdeführers zurückzuführen ist. 7.1 Die wesentliche Voraussetzung für die Schadenersatzpfl icht besteht nach dem Wortlaut des Art. 52 Abs. 1 AHVG darin, dass die Missachtung von Vorschriften in absichtlicher oder grob- fahrlässiger Weise erfolgt ist. Art. 52 Abs. 1 AHVG statuiert demnach eine Verschuldens-haftung aus öffentlichem Recht. Sowohl die Arbeitgeberin als auch das allfällige Arbeitgeberorgan muss ein Verschulden treffen. Verlangt wird damit ein dop peltes oder zweistufiges Verschulden (vgl. REICHMUTH , a.a.O., Rz. 535). 7.2 Zu prüfen ist in einem ersten Schritt, ob und inwi eweit der entstandene Schaden auf ein qualifiziert schuldhaftes Verhalten der B.____ GmbH zurückzuführen ist. Das Bundesgericht geht in seiner Praxis davon aus, dass bei Verletzung der Beit ragszahlungs- und Abrechnungspflicht ein Verschulden der Arbeitgeberin grundsätzlich gegeben ist. Lediglich wenn besondere Um- stände die Nichtbefolgung der einschlägigen Vorschriften als erlaubt oder nicht schuldhaft er- scheinen lassen, entfällt eine Haftung (vgl. R EICHMUTH , a.a.O., Rz. 536; T HOMAS NUSSBAUMER , Die Haftung des Verwaltungsrates nach Art. 52 AHVG [Haftung des Verwaltungsrates], in: Aktu- elle Juristische Praxis [AJP] 1996 S. 1077 f. mit Hinweis en auf BGE 108 V 183 E. 1b und ZAK 1985 S. 576 E. 2). Zu diesen besonderen Umständen gehört etwa, wenn es einer Arbeitge- berin, die sich in schwieriger finanzieller Lage befind et, durch das (absichtliche) Nichtbezahlen der Beiträge gelingt, das Überleben des Unternehmens zu sichern. Es muss aber feststehen, dass die Arbeitgeberin im Zeitpunkt, in welchem sie die se Entscheidung trifft, aufgrund der ob- jektiven Umstände und einer seriösen Beurteilung der Lage damit rechnen durfte, die Forderung der Ausgleichskasse innert nützlicher Frist befriedigen zu können (BGE 108 V 183 E. 2, bestätigt in BGE 121 V 243 und 132 III 523; Urteil des Bundesg erichts vom 2. Mai 2017, 9C_41/2017, E. 7.2). Eine kurze Dauer bzw. "nützliche Frist" in diese m Sinne ist z.B. überschritten, wenn die Beitragszahlungspflicht über ein Jahr lang verletzt wird (Urteil des Bundesgerichts vom 17. Sep- tember 2007, 9C_111/2007, E. 3.1), zumal wenn dabei kein gezieltes, auch in zeitlicher Hinsicht konkretes Sanierungskonzept vorliegt oder wenn eine Sanierung erst nach einem jahrelang defi- zitären Geschäftsgang erwartet werden kann. Nicht entsch uldbar ist die Beitragsrückbehaltung, wenn eine Sanierung überhaupt nicht ernsthaft erwartet werden kann (Urteil des Bundesgerichts vom 26. Juni 2017, 9C_436/2016, E. 8.2 mit zahlreichen Hinweisen). In diesem Zusammenhang ist zu betonen, dass fehlende finanzielle Mittel der Gesellschaft für sich allein selbstverständlich keinen Rechtfertigungs- oder Entschuldigungsgrund darstel len, da ansonsten die Haftungsvor- schrift von Art. 52 Abs. 1 AHVG weitgehend ihres Gehaltes entleert würde (Urteile des Kantons- gerichts vom 7. April 2016, 710 14 238/84, E. 8.1 und vom 10. Dezember 2015, 710 14 283/326, E. 3.4; vgl. auch KIESER , a.a.O., Rz. 472). Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 7.3.1 Vorliegend hat die B.____ GmbH die Beitragszah lungspflicht verletzt (vgl. E. 5.2. hiervor) weshalb grundsätzlich von einem Verschulden ihrerseits auszugehen ist. Der Beschwerdeführer bringt als Rechtfertigungsgrund vor, dass das Unternehmen aufgrund einer nicht bezahlten For- derung in finanzielle Schwierigkeiten geraten sei. Dabei habe es sich um einen durch einen «Be- kannten» organisierten Auftrag für das mittlerweile ko nkursite Unternehmen C.____ AG gehan- delt. Aufgrund der hinter der Organisation stehenden Personen habe er davon ausgehen können, dass genügend Vermögen vorhanden sei, um den Auftrag zu finanzieren. Auch sei ihm mündlich sowie schriftlich versichert worden, dass die Bezahlung des Auftrags erfolgen würde. Die Rech- nungen habe er jeweils an den Auftraggeber abgegebe n und diesen wiederholt auf die ausste- hende Zahlung angesprochen. Nachdem er immer wieder vertröstet worden sei, habe er sich auch bereit erklärt, lediglich einen Teil der geleisteten Stunden abzurechnen. Nachdem er länger nichts mehr vom Auftraggeber gehört habe, habe er die Betreibung eingeleitet, diese sei jedoch abgelehnt worden, da das auftraggebende Unternehmen bereits Konkurs angemeldet habe. Die sodann erfolgte Forderungseingabe habe jedoch nichts mehr gebracht, da der Konkurs mangels Aktiven eingestellt worden sei. Insgesamt habe er alles ve rsucht, um sein Recht durchzusetzen und an das Geld aus dem Auftrag zu kommen. Infolge Nich tbezahlung der Forderung seien so- wohl sein Unternehmen wie auch er privat in eine finan zielle Notlage geraten, woraufhin er sich habe entscheiden müssen, ob er die Beiträge bezahle oder sich etwas zu Essen kaufe. Aus die- sem Grund sei ihm kein absichtliches oder grobfahrlässiges Verhalten vorzuwerfen. 7.3.2 Soweit sich der Beschwerdeführer zur Rechtfertigun g dieses Verstosses gegen die ge- setzliche Beitragszahlungspflicht (sinngemäss) auf den finanziellen Notstand infolge der Nichtbe- zahlung des Auftrags beruft, ist zu betonen, dass das Nich tbezahlen der Beiträge in finanziell schwierigen Situationen, um die Existenz des Unternehme ns zu retten, nur dann nicht zu einer Haftung nach Art. 52 Abs. 1 AHVG führt, wenn der Arbeitgeber im Zeitpunkt seiner Entscheidung aufgrund der objektiven Umstände und einer seriösen Beurteilung der Lage damit rechnen durfte, dass er die Forderung der Ausgleichskasse binnen nützlicher Frist werde befriedigen können. Es muss demzufolge sowohl ein materielles, inhaltliches Element (die seriösen Sanierungsaussich- ten) als auch ein zeitliches Element (binnen nützlicher Frist) erfüllt sein. Nach der strengen bun- desgerichtlichen Praxis genügt hingegen die Aussicht auf eine Befriedigung in fernerer Zukunft (oder gar erst nach Durchführung eines schuldbetreibungsrechtlichen Verfahrens) nicht zur Ent- lastung (vgl. Urteil des Sozialversicherungsgericht Züri ch, AK.2008.00050 vom 23.03.2010 E. 5.3.2). Im vorliegenden Fall wird das Vorliegen eines Sanieru ngsplans weder behauptet, noch ist ein solcher aus den Akten ersichtlich. Aufgrund der Schilderungen in der Beschwerdeschrift ist viel- mehr davon auszugehen, dass die B.____ GmbH mit der Bezahlung des Grossauftrags rechnete, ohne jedoch eine Anzahlung zu verlangen oder auf die B ezahlung der Zwischenrechnungen zu beharren. Als auch nach Kontaktaufnahme mit dem Auftraggeber keine Zahlung einging und der Beschwerdeführer dennoch weiterhin am Grossauftrag ar beitete, anstatt sich für anderweitige Kleinaufträge zur Verfügung zu stellen, um die weiter e Finanzierung des Unternehmens zu si- chern, geriet die B.____ GmbH in eine finanzielle Schi eflage. Offensichtlich konnten die Ausga- ben nicht mehr mit den Einnahmen (und allfälligen Reserven) gedeckt werden. Die Gesellschaft war mit der (offensichtlich ohne hinreichende Absicherun g vorgenommenen) Bearbeitung des Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Grossauftrags ein sehr grosses Klumpenrisiko eingegangen. Der Beschwerdeführer versuchte zwar, mittels Betreibung die Kosten für den Auftrag ei nzuholen, konnte damit allerdings nicht durchdringen, da der Auftraggeber mittlerweile Konkurs gegangen war. Auch wenn der Beschwerdeführer mit allen Mitteln ver suchte, den ausstehenden Betrag einzu- fordern, ändert dies nichts daran, dass die B.____ GmbH bzw. der Beschwerdeführer letztlich die Finanzierung des Unternehmens inklusive der Beiträge einzig vom (zwischenzeitlich immer wie- der hinausgezögerten) Zahlungseingang abhängig machte, anstatt einen Sanierungsplan zu er- stellen und weitere Auftraggeber zu finden, um die l angfristige Finanzierung des Unternehmens zu sichern. Das damit die Anforderung gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (seriöse Sanierungsaussichten und Bezahlung der Beitragsforderung binnen nützlicher Frist) nicht erfüllt sind, bedarf keiner weiteren Ausführungen. Daran vermögen auch die Bemühungen des Beschwerdeführers – mit Schreiben vom 10. August 2020 und 17. August 2020 – ein persönliches Gespräch m it der Beschwerdegegnerin zu verein- baren, um den Sachverhalt klarzustellen, nichts zu änder n, zumal die B.____ GmbH in diesem Zeitpunkt bereits konkursit und aus dem Handelsregister gelöscht war. 7.4 Wie bereits in Erwägung 7.2 hiervor ausgeführt, b ildet ein finanzieller Engpass keinen Entschuldigungsgrund für die Nichtbezahlung von Sozialv ersicherungsbeiträgen. Es ist darauf hinzuweisen, dass ein Unternehmen bei finanziellen Schw ierigkeiten grundsätzlich nur so viel Lohn ausbezahlen darf, als die darauf unmittelbar ent stehenden Beitragsforderungen gedeckt werden können (Urteil des EVG vom 18. November 2003, H 397/01, E. 6.2.3, vgl. Urteil des Bun- desgerichts vom 9. Juli 2015, 9C_311/2015, E. 4.2.2). 7.5 Nach dem Ausgeführten kann vorliegend keine Rede da von sein, dass aufgrund der ob- jektiven Umstände und in einer seriösen Beurteilung der Lage damit gerechnet werden durfte, dass das Unternehmen saniert und die Forderungen der A usgleichskasse innert nützlicher Frist befriedigen hätten werden können. Daran ändern auch die Vorbringen des Beschwerdeführers nichts. Betreffend die Ausführungen des Beschwerdeführe rs zu seinen Bemühungen, den Auf- traggeber zur Zahlung zu bewegen, ist darauf hinzuwei sen, dass es im vorliegenden Verfahren nicht darum geht, das Verschulden an der finanziellen Notlage des Unternehmens festzustellen. Auch bei unverschuldeten finanziellen Schwierigkeiten ist ein Betrieb verpflichtet, die Arbeitge- berbeiträge zu entrichten. Die strittige Frage des V erschuldens im Rahmen von Art. 52 AHVG betrifft lediglich die Frage, ob auf diese Entrichtung hat verzichtet werden dürfen. Vorliegend sind keine Anhaltspunkte ersichtlich, die das Verhalten der B.____ GmbH als gerechtfertigt erscheinen lassen würden. Vielmehr hat die GmbH den bei der Ausg leichskasse durch die Beitragsaus- stände entstandenen Schaden zumindest grobfahrlässig und damit schuldhaft verursacht. 8.1 Zu prüfen ist in einem zweiten Schritt das Verschuld en des Beschwerdeführers, denn nicht jedes einer Firma anzulastende Verschulden muss auch ein solches ihrer sämtlichen Or- gane sein. Vielmehr ist abzuwägen, ob und inwieweit e ine Handlung der Arbeitgeberin einem bestimmten Organ im Hinblick auf dessen rechtliche und faktische Stellung innerhalb der Firma zuzurechnen ist. Ob ein Organ schuldhaft gehandelt hat, hängt demnach entscheidend von der Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht Verantwortung und den Kompetenzen ab, die ihm von der juristischen Person übertragen wurden (BGE 108 V 202 E. 3a; ZAK 1985 S. 620 E. 3b). 8.2 Gemäss Handelsregisterauszug war der Beschwerdeführ er seit der Gründung der B.____ GmbH alleiniger Gesellschafter, Geschäftsführer und Zeichnungsberechtigter. Der Be- schwerdeführer stellt denn auch seine formelle Organstellung nicht in Frage. Die B.____ GmbH ist als Kleinbetrieb mit einfacher Verwaltungsstruktur anzusehen. Entsprechend darf und muss von den Organen der Überblick über alle Belange verla ngt werden und es sind an deren Sorg- faltspflicht grundsätzlich strenge Anforderungen zu stellen (REICHMUTH , a.a.O., Rz. 638 mit zahl- reichen Hinweisen; vgl. BGE 108 V 199 E. 3a). In seiner Eigenschaft als geschäftsführender Ge- sellschafter, dem die Geschäftsleitung im administrativen und finanziellen Bereich des Unterneh- mens oblag, hatte der Beschwerdeführer darauf zu achte n, dass keine Beitragsausstände ent- stehen und massgebender Lohn nur in dem Umfang ausgerichtet wird, als die darauf geschulde- ten, unmittelbar mit der Lohnauszahlung anfallenden Beitragsverbindlichkeiten bezahlt oder doch wenigstens sichergestellt werden können (Urteil des EVG vom 25. Oktober 2004, H 239/03, E. 3.4; REICHMUTH , a.a.O., Rz. 674 mit Hinweisen). Die Akten enthalten keine zusätzlichen Anhalts- punkte, die gegen eine persönliche Schadenersatzpflicht des Beschwerdeführers sprechen wür- den. Somit ist dessen Haftung nach Art. 52 AHVG zu bejahen. 9. Gestützt auf die vorstehenden Erwägungen ergibt sich zusammenfassend, dass die Vo- raussetzungen für eine Schadensersatzforderung erfüllt sind. Rechtsfertigungs- oder Exkulpati- onsgründe liegen keine vor. Die Beschwerdegegnerin ha t den Beschwerdeführer demnach zu Recht verpflichtet, Schadenersatz für entgangene Beiträge in der Höhe von Fr. 12'102.45 zu be- zahlen. Die Beschwerde ist folglich abzuweisen. 10. Der seit 1. Januar 2021 in Kraft stehende Art. 61 lit. f bis ATSG hält fest, dass das Verfah- ren bei Streitigkeiten über Leistungen kostenpflichtig ist, wenn dies im jeweiligen Einzelgesetz vorgesehen ist. Das AHVG sieht in Art. 85 bis Abs. 2 AHVG keine Kostenpflicht vor, weshalb der vorliegende Prozess vor dem kantonalen Gericht für die Parteien kostenlos zu sein hat. Es sind demnach für das vorliegende Verfahren keine Kosten zu erheben. Eine Parteientschädigung wird nicht ausgerichtet. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Eine Parteientschädigung wird nicht zugesprochen. http://www.bl.ch/kantonsgericht