<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 11 S.57</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">57</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>III. Zivilprozessrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>A. Zivilprozessordnung</b></span><br/> <br/> <span class="ft3"><b>11</b></span> <span class="ft3"><b>§ 11 f. ZPO.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Die sachliche Zuständigkeit bei Klagen auf Abänderung von Schei-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>dungsurteilen liegt in jedem Fall beim Bezirksgericht (§ 12 Abs. 2 ZPO).</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Die Begründung der sachlichen Zuständigkeit des Einzelrichters in Ana-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>logie zu § 11 lit. d ZPO ist nicht zulässig.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Urteil des Obergerichts, 1. Zivilkammer, vom 20. Februar 2002 in</span><br/> <span class="ft4">Sachen H. St. gegen I. St.-L.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">Der mit einer Abänderungsklage befasste Präsident des Bezirks-</span><br/> <span class="ft6">gerichts X fragte die Parteien nach Durchführung eines zweiten</span><br/> <span class="ft6">Schriftenwechsels an, ob sie die Beurteilung ihres Falles durch das</span><br/> <span class="ft6">Gerichtspräsidium oder das Gesamtgericht wünschten. Beide Partei-</span><br/> <span class="ft6">en erklärten sich mit der Beurteilung durch den Gerichtspräsidenten</span><br/> <span class="ft6">einverstanden.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">1. a) Über die Appellation gegen einen Entscheid eines</span><br/> <span class="ft6">Gerichtspräsidenten entscheidet das Obergericht auf Grund der Ak-</span><br/> <span class="ft6">ten, wenn nicht zu einer Beweisverhandlung geladen wird (§ 331</span><br/> <span class="ft6">ZPO). Vorliegend hat der Gerichtspräsident gestützt auf § 11 lit. d</span><br/> <span class="ft6">ZPO über das Abänderungsbegehren des Klägers entschieden.</span><br/> <span class="ft6">b) Der Richter prüft die prozessuale Zulässigkeit einer Klage,</span><br/> <span class="ft6">insbesondere die sachliche Zuständigkeit, von Amtes wegen. Fehlt</span><br/> <span class="ft6">eine Prozessvoraussetzung, ergeht ein Nichteintretensentscheid im</span><br/> <span class="ft6">Sinne von § 273 ZPO.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">58</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Die Prüfung der prozessualen Zulässigkeit einer Klage erfolgt</span><br/> <span class="ft6">gemäss § 173 Abs. 1 ZPO bei Klageeinleitung. Doch ergeht auch</span><br/> <span class="ft6">dann, wenn der Mangel einer Prozessvoraussetzung erst im späteren</span><br/> <span class="ft6">Verfahrensverlauf festgestellt wird, ein Prozessurteil, weil die Pro-</span><br/> <span class="ft6">zessvoraussetzungen im Zeitpunkt des Urteils vorliegen müssen</span><br/> <span class="ft6">(Bühler/Edelmann/Killer, Kommentar zur aargauischen Zivilprozess-</span><br/> <span class="ft6">ordnung, Aarau/Frankfurt am Main/Salzburg 1998, N 6 zu § 173</span><br/> <span class="ft6">ZPO mit Hinweisen). Eine nachträgliche Überprüfung der Prozess-</span><br/> <span class="ft6">voraussetzungen ist immerhin ausgeschlossen, wenn ein verbesserli-</span><br/> <span class="ft6">cher Mangel vorliegt und sich die beklagte Partei vorbehaltlos auf</span><br/> <span class="ft6">die Klage eingelassen hat; in solchen Fällen gilt ein prozessualer</span><br/> <span class="ft6">Mangel gemäss § 175 ZPO als geheilt. Heilbar sind unter anderem</span><br/> <span class="ft6">gewisse Mängel im Zusammenhang mit Zuständigkeitsvorschriften</span><br/> <span class="ft6">(Bühler/ Edelmann/Killer, a.a.O., N 5 zu § 175 ZPO).</span><br/> <span class="ft6">c) Gemäss § 11 lit. d ZPO entscheidet der Gerichtspräsident als</span><br/> <span class="ft6">Einzelrichter in Ehescheidungssachen, sofern das Urteil in Gutheis-</span><br/> <span class="ft6">sung eines gemeinsamen Scheidungsbegehrens gefällt werden kann</span><br/> <span class="ft6">und beide Gesuchsteller den Entscheid über strittige Scheidungsfol-</span><br/> <span class="ft6">gen dem Gerichtspräsidenten überlassen. Diese Zuständigkeitsbe-</span><br/> <span class="ft6">stimmung wurde anlässlich der Anpassung der Zivilprozessordnung</span><br/> <span class="ft6">an das neue Scheidungsrecht eingefügt (Dekret über die Zivilrechts-</span><br/> <span class="ft6">pflege in Ehescheidungssachen vom 2. November 1999, in Kraft seit</span><br/> <span class="ft6">1. Januar 2000 [AGS 1999 S. 355]). Nach dem Wortlaut von § 11</span><br/> <span class="ft6">ZPO besteht die Möglichkeit der Beurteilung von Ehescheidungssa-</span><br/> <span class="ft6">chen durch den Gerichtspräsidenten als Einzelrichter nur unter der</span><br/> <span class="ft6">Voraussetzung, dass entweder über ein gemeinsames Scheidungs-</span><br/> <span class="ft6">begehren mit umfassender anfänglicher oder während des Verfahrens</span><br/> <span class="ft6">erzielter Einigung der Parteien über die Nebenfolgen zu befinden ist</span><br/> <span class="ft6">(lit. c) oder aber ein gemeinsames Scheidungsbegehren vorliegt und</span><br/> <span class="ft6">die Parteien den Entscheid über die streitigen Nebenfolgen dem Ge-</span><br/> <span class="ft6">richtspräsidenten überlassen (lit. d). Gemäss § 196g Abs. 2 ZPO ge-</span><br/> <span class="ft6">langen die Verfahrensvorschriften in Ehescheidungssachen auf die</span><br/> <span class="ft6">Ehetrennungsverfahren sinngemäss zur Anwendung; das Abände-</span><br/> <span class="ft6">rungsverfahren ist dagegen nicht erwähnt. Auch aus den Materialien</span><br/> <span class="ft6">lassen sich keine Anhaltspunkte dafür finden, dass der Gesetzgeber</span><br/> <span class="ft6">auch die Verfahren betreffend Abänderung eines Scheidungsurteils in</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">59</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">die Revision einbeziehen wollte. Im Gegenteil ist aus der Botschaft</span><br/> <span class="ft6">des Regierungsrats an den Grossen Rat vom 8. September 1999 zu</span><br/> <span class="ft6">schliessen, dass mit der Revision nur vom Bundesrecht verlangte</span><br/> <span class="ft6">Anpassungen des Verfahrensrechts an das neue Scheidungsrecht</span><br/> <span class="ft6">vollzogen werden sollten (vgl. Botschaft S. 7 ff.).</span><br/> <span class="ft6">d) Der Präsident des Bezirksgerichts Bremgarten begründete im</span><br/> <span class="ft6">vorliegenden Abänderungsverfahrens seine Zuständigkeit mit einer</span><br/> <span class="ft6">analogen Anwendung von § 11 lit. d ZPO und mit prozessökonomi-</span><br/> <span class="ft6">schen Gründen. Diese Argumentation hält einer Prüfung nicht stand.</span><br/> <span class="ft6">Eine gesetzlich vorgesehene sachliche Zuständigkeit ist grund-</span><br/> <span class="ft6">sätzlich zwingender Natur, schliesst also sowohl eine Prorogation der</span><br/> <span class="ft6">Parteien über den sachlich zuständigen Richter als auch eine Einlas-</span><br/> <span class="ft6">sung vor dem sachlich unzuständigen Richter aus (Hauser/Schweri,</span><br/> <span class="ft6">Kommentar zum zürcherischen Gerichtsverfassungsgesetz, Zürich</span><br/> <span class="ft6">2002, N 21a der Vorbemerkungen zu §§ 1 ff. GVG; Walder-Richli/</span><br/> <span class="ft6">Grob-Andermacher, Tafeln zum Zivilprozessrecht, 3. Aufl., Zürich</span><br/> <span class="ft6">1999 T 11; Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O., N 17 der Vorbemerkun-</span><br/> <span class="ft6">gen zu §§ 10 - 22 ZPO; Frank/Sträuli/Messmer, Kommentar zur zür-</span><br/> <span class="ft6">cherischen Zivilprozessordnung, 3. Aufl., Zürich 1997, N 7 zu § 12</span><br/> <span class="ft6">und N 19 zu § 17 ZPO; Vogel/Spühler, Grundriss des Zivilprozess-</span><br/> <span class="ft6">rechts, 7. Aufl., Bern 2001, 4 N 15). Nur wo das Gesetz es aus-</span><br/> <span class="ft6">nahmsweise vorsieht (z.B. § 13 lit. a Ziff. 1 und § 364 ZPO), ist die</span><br/> <span class="ft6">Vereinbarung der sachlichen Zuständigkeit eines Gerichts möglich</span><br/> <span class="ft6">(Bühler/Edelmann/Killer, a.a.O., N 17 der Vorbemerkungen zu §§ 10</span><br/> <span class="ft6">- 22 ZPO; Frank/Sträuli/Messmer, a.a.O., N 19 zu § 17 ZPO; Gulde-</span><br/> <span class="ft6">ner, Schweizerisches Zivilprozessrecht, 3. Aufl., Zürich 1979, S. 109</span><br/> <span class="ft6">[FN 12] und 121).</span><br/> <span class="ft6">Die Aargauer Praxis lässt zwar weiter die Einlassung vor dem</span><br/> <span class="ft6">ordentlichen Gericht anstelle des an sich zuständigen Sondergerichts</span><br/> <span class="ft6">(Arbeits- oder Handelsgerichts) zu, doch erfolgt diese Ausnahme ge-</span><br/> <span class="ft6">stützt auf eine Auslegung der Gesetzesmaterialien, wonach zwar für</span><br/> <span class="ft6">das Arbeits- und Handelsgericht ausschliessliche Zuständigkeiten im</span><br/> <span class="ft6">Verhältnis zu den ordentlichen Gerichten statuiert sind, aber damit</span><br/> <span class="ft6">lediglich die ausdrückliche Prorogation an die ordentlichen Gerichte</span><br/> <span class="ft6">ausgeschlossen werden sollte (AGVE 1996 S. 72; Bühler, Das No-</span><br/> <span class="ft6">venrecht im neuen Aargauischen Zivilprozessrecht, Zürich 1986,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">60</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">S. 20 FN 33; vgl. auch Frank/Sträuli/Messmer, a.a.O., N 19 zu § 17</span><br/> <span class="ft6">ZPO). Es handelt sich damit bei den Bestimmungen, welche die</span><br/> <span class="ft6">sachliche Zuständigkeit von Arbeits- und Handelsgericht regeln</span><br/> <span class="ft6">(§§ 362 und 404 ZPO), um teilzwingende Bestimmungen (Büh-</span><br/> <span class="ft6">ler/Edelmann/Killer, a.a.O., N 18 der Vorbemerkungen zu §§ 10 - 22</span><br/> <span class="ft6">ZPO). Bei der im vorliegenden Fall zu beurteilenden Abgrenzung der</span><br/> <span class="ft6">sachlichen Zuständigkeit innerhalb der ordentlichen Gerichtsbarkeit</span><br/> <span class="ft6">(sachliche Zuständigkeit des Gerichtspräsidenten als Einzelrichter</span><br/> <span class="ft6">einerseits und des Bezirksgerichts anderseits) darf eine vergleichbare</span><br/> <span class="ft6">teilzwingende Natur von §§ 11 und 12 ZPO jedenfalls mangels an-</span><br/> <span class="ft6">ders lautender Hinweisen im Gesetz oder den Gesetzesmaterialien</span><br/> <span class="ft6">nicht angenommen werden, dies umso weniger, als im Verhältnis von</span><br/> <span class="ft6">Gerichtspräsident und Bezirksgericht beliebige Zuständigkeitsver-</span><br/> <span class="ft6">schiebungen denkbar sind, die es, weil die Schaffung der Zuständig-</span><br/> <span class="ft6">keitsordnung Sache des Gesetzgebers ist, von vornherein zu verhin-</span><br/> <span class="ft6">dern gilt. Wegen der zwingenden Natur der sachlichen Zuständigkeit</span><br/> <span class="ft6">scheiden per analogiam bestimmte sachliche Zuständigkeiten aus,</span><br/> <span class="ft6">zumal mit § 12 Abs. 2 ZPO, wonach das Bezirksgericht alle Streitsa-</span><br/> <span class="ft6">chen erledigt, für die kein anderes Gericht zuständig ist, dem Auftre-</span><br/> <span class="ft6">ten von Lücken in der Zuständigkeitsordnung vorgebeugt wird (Büh-</span><br/> <span class="ft6">ler/Edelmann/Killer, a.a.O., N 2 zu § 12 ZPO).</span><br/> <span class="ft6">e) Es ist daher zusammenfassend festzustellen, dass die sachli-</span><br/> <span class="ft6">che Zuständigkeit für Abänderungsklagen gegen Scheidungsurteile</span><br/> <span class="ft6">gemäss § 12 Abs. 2 ZPO auch nach Einführung von § 11 lit. c und d</span><br/> <span class="ft6">ZPO ausschliesslich beim Bezirksgericht liegt.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>