<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2005 24 S.97</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">97</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Schulrecht</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>24</b></span> <span class="ft3"><b>Anspruch auf Schulgeld für den Besuch einer Privatschule.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>- Ein Anspruch auf Schulgelder für einen Schüler mit besonderer Be-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>gabung (Hochbegabung) besteht nur dann, wenn an den öffentlichen</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Schulen, welche die Aufenthaltsgemeinde anbietet, eine adäquate</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Schulung nicht möglich ist.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Urteil des Verwaltungsgerichts, 4. Kammer, vom 9. Juni 2005 in Sachen</span><br/> <span class="ft4">F.G. und S.G. gegen die Einwohnergemeinde A.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">2. (Zusammenfassung der Rechtsprechung; vgl. AGVE 2003,</span><br/> <span class="ft6">S. 95 f.; 2001, S. 155 ff.)</span><br/> <span class="ft6">3.1. (...)</span><br/> <span class="ft6">3.2.1. Das Schulgesetz des Kantons Aargau bestimmt, dass</span><br/> <span class="ft6">Schüler mit besonderen Begabungen, die durch den ordentlichen</span><br/> <span class="ft6">Unterricht nicht genügend gefördert werden können und für die das</span><br/> <span class="ft6">Überspringen von Klassen nicht angezeigt ist, in der Regelklasse mit</span><br/> <span class="ft6">geeigneter Unterstützung gefördert werden können (§ 15 Abs. 4</span><br/> <span class="ft6">SchulG). § 20 der Verordnung über die Förderung von Kindern und</span><br/> <span class="ft6">Jugendlichen mit besonderen schulischen Bedürfnissen vom 28. Juni</span><br/> <span class="ft6">2000 (SAR 421.331) schreibt für Förderangebote vor, dass die</span><br/> <span class="ft6">Schulpflege dafür zu sorgen hat, dass die Begabungsförderung in</span><br/> <span class="ft6">erster Linie innerhalb der bestehenden Schulorganisation und mit den</span><br/> <span class="ft6">zur Verfügung stehenden Mitteln vor Ort sichergestellt ist (Abs. 1).</span><br/> <span class="ft6">Die Schulpflege kann Schülerinnen und Schülern mit besonderen</span><br/> <span class="ft6">Begabungen den Besuch von Lektionen in einer höheren Klasse oder</span><br/> <span class="ft6">in einem anderen Schultyp gestatten (Abs. 2) und kann in Ergänzung</span><br/> <span class="ft6">zur bestehenden Schulorganisation Gruppen- und Einzelangebote für</span><br/> <span class="ft6">Schülerinnen und Schüler mit besonderer Begabung einrichten</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">98</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">(Abs. 3). Gesetzlich vorgesehene Massnahmen bei Hochbegabung</span><br/> <span class="ft6">sind demnach nebst der Förderung im ordentlichen Unterricht</span><br/> <span class="ft6">entweder das Überspringen von Klassen oder individuelle und</span><br/> <span class="ft6">ergänzende Förderungsmassnahmen im Einzelfall.</span><br/> <span class="ft6">Mit dem Thema Hochbegabung und deren Förderung setzt sich</span><br/> <span class="ft6">auch das ,,Dossier Unterricht, Begabungsförderung in der Volks-</span><br/> <span class="ft6">schule" auseinander. Dessen Teil 1 befasst sich insbesondere mit den</span><br/> <span class="ft6">Definitionen und Modellen besonderer Begabungen bzw. Hochbega-</span><br/> <span class="ft6">bung, mit der Häufigkeit von Schülerinnen und Schülern mit beson-</span><br/> <span class="ft6">deren Begabungen sowie den Voraussetzungen zur Begabungsförde-</span><br/> <span class="ft6">rung. Teil 2 spricht sich zu den Identifikationsverfahren und den</span><br/> <span class="ft6">begabungsfördernden Massnahmen (Einzel- und Gruppenangeboten)</span><br/> <span class="ft6">aus. Weitere Weisungen zur Umsetzung der Begabungsförderung im</span><br/> <span class="ft6">ausserschulischen Bereich sind im Dossier ,,Umsetzungshilfe zur</span><br/> <span class="ft6">Begabungsförderung: Ergänzende schulische Massnahmen (ESM)</span><br/> <span class="ft6">bei Intensivförderung im ausserschulischen Bereich" zu entnehmen.</span><br/> <span class="ft6">Steht das Überspringen einer Klasse zur Diskussion, so finden sich</span><br/> <span class="ft6">ergänzende Hinweise in ,,12 Punkte die beim Überspringen zu be-</span><br/> <span class="ft6">achten sind" des BKS.</span><br/> <span class="ft6">3.2.2. Im Folgenden ist zum einen zu prüfen, ob die vorge-</span><br/> <span class="ft6">nannten Massnahmen ergriffen wurden, und zum anderen, welche</span><br/> <span class="ft6">Gründe zum Übertritt von X in die Privatschule führten.</span><br/> <span class="ft6">3.3. (...)</span><br/> <span class="ft6">3.4.1. Die Massnahmen, die das Gesetz, die Verordnung über</span><br/> <span class="ft6">die Förderung von Kindern und Jugendlichen mit besonderen schuli-</span><br/> <span class="ft6">schen Bedürfnissen sowie die verschiedenen Weisungen bei Hochbe-</span><br/> <span class="ft6">gabung vorsehen (vgl. oben Erw. 3.2.1), wurden vorliegend von der</span><br/> <span class="ft6">Schulpflege A ergriffen. Ein Überspringen der zweiten Klasse wurde</span><br/> <span class="ft6">geprüft, wobei X sogar die Möglichkeit bekam, provisorisch für eine</span><br/> <span class="ft6">beschränkte Zeit die nächsthöhere Schulklasse zu besuchen. Der</span><br/> <span class="ft6">definitive Übertritt wurde von den zuständigen Behörden mit sachli-</span><br/> <span class="ft6">chen, nachvollziehbaren Gründen abgelehnt. Weiter wurden den</span><br/> <span class="ft6">Klägern zum einen während des regulären Unterrichts Angebote zur</span><br/> <span class="ft6">Begabungsförderung unterbreitet, zum anderen wurde ein Einzelför-</span><br/> <span class="ft6">derunterricht in Aussicht gestellt, wobei die Schulpflege A die von</span><br/> <span class="ft6">ihrer Seite erforderlichen Vorbereitungen traf. Nachdem die Kläger</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Schulrecht</span> <span class="page_no">99</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">sich für Xs Wechsel in die "Talenta" des FG Basel entschieden</span><br/> <span class="ft6">hatten, nahmen sie die von der Schulpflege A angebotene Bega-</span><br/> <span class="ft6">bungsförderung nicht in Anspruch.</span><br/> <span class="ft6">Die Tatsache, dass es innerhalb der Gemeinde A zu keinem För-</span><br/> <span class="ft6">derungsprogramm gekommen ist, lag somit im Verantwortungsbe-</span><br/> <span class="ft6">reich der Kläger, welche sich für eine andere Förderungsvariante</span><br/> <span class="ft6">entschieden hatten. Die Schulpflege A ist ihren Pflichten nachge-</span><br/> <span class="ft6">kommen.</span><br/> <span class="ft6">3.4.2. Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung der vorgeschla-</span><br/> <span class="ft6">genen Massnahmen vermögen - selbst wenn sie zutreffen, was von</span><br/> <span class="ft6">der Beklagten bestritten wird - keinen wichtigen Grund zu rechtferti-</span><br/> <span class="ft6">gen. Die Schulpflege hat mit Beschluss vom 3. April 2003 die Förde-</span><br/> <span class="ft6">rung im Einzelunterricht bei Y ohne Begrenzung der Unterrichtszeit</span><br/> <span class="ft6">beschlossen. Sofern aufgrund Ys Belastung nur eine Wochenstunde</span><br/> <span class="ft6">möglich gewesen wäre, hätten die Kläger zusätzliche Stunden ver-</span><br/> <span class="ft6">langen können. Möglich ist, dass der geplante Förderunterricht allein</span><br/> <span class="ft6">den emotionalen Zustand von X nicht verbessert hätte. Die von der</span><br/> <span class="ft6">Schulpflege beschlossene Förderung war indessen weder definitiv</span><br/> <span class="ft6">noch schloss sie weitere Alternativen und Förderungsmassnahmen</span><br/> <span class="ft6">aus. So hätten zusätzliche Förderungen geprüft und beispielsweise</span><br/> <span class="ft6">auch das Überspringen erneut in Betracht gezogen werden können.</span><br/> <span class="ft6">Zu berücksichtigen ist, dass X in der Selbst- und Sozialkompetenz</span><br/> <span class="ft6">ernst zu nehmende Probleme hatte, welche auch am FG Basel zu</span><br/> <span class="ft6">ergänzenden therapeutischen Massnahmen Anlass gegeben haben.</span><br/> <span class="ft6">Auch solche therapeutischen Massnahmen bietet das öffentliche</span><br/> <span class="ft6">Schulwesen an (§ 59 SchulG i.V.m. Dekret über die psychologischen</span><br/> <span class="ft6">und ärztlichen Schuldienste vom 29. April 1986 [SAR 405.110]). Die</span><br/> <span class="ft6">entsprechenden Feststellungen in den erwähnten Berichten bestätigen</span><br/> <span class="ft6">sodann im Wesentlichen auch die Beurteilung von Lehrperson, PSD</span><br/> <span class="ft6">und Schulpflege. (...)</span><br/> <span class="ft6">Dass es nach Einschätzung der Kläger wünschenswert war, dass</span><br/> <span class="ft6">X in der "Talenta"-Klasse geschult wird, ist für das Verwaltungsge-</span><br/> <span class="ft6">richt nachvollziehbar und verständlich. Die Entscheidung für den</span><br/> <span class="ft6">Besuch des FG Basel erscheint auch im Interesse von X richtig. Dies</span><br/> <span class="ft6">bedeutet indessen nicht, dass das FG Basel die einzige Schulungs-</span><br/> <span class="ft6">möglichkeit für X war; die ,,Talenta" war eine unter verschiedenen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2005</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">100</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Möglichkeiten. Unbestritten ist, dass im regionalen oder kantonalen</span><br/> <span class="ft6">Schulwesen kein zur "Talenta"-Klasse des FG Basel gleichwertiges</span><br/> <span class="ft6">Bildungsangebot mit integrierter individueller, therapeutischer und</span><br/> <span class="ft6">schulischer Begleitung und Unterstützung bestanden hat. Entschei-</span><br/> <span class="ft6">dend für eine Pflicht der Beklagten zur Übernahme des Schulgeldes</span><br/> <span class="ft6">ist aber, ob an der öffentlichen Schule eine <i>adäquate</i> Schulung mög-</span><br/> <span class="ft6">lich war. Vorliegend bestehen keine Anhaltspunkte, dass X im Rah-</span><br/> <span class="ft6">men des öffentlichen Schul- und Begabtenförderungsangebotes nicht</span><br/> <span class="ft6">hinreichend hätte geschult werden können. Das Recht auf an-</span><br/> <span class="ft6">gemessene Bildung und ausreichenden Unterricht ist nicht gleichzu-</span><br/> <span class="ft6">setzen mit dem Anliegen auf die optimale Schulung des einzelnen</span><br/> <span class="ft6">Kindes.</span><br/> <span class="ft6">Die Kläger haben sich für einen Privatschulbesuch Xs am FG</span><br/> <span class="ft6">Basel entschieden, obwohl eine adäquate Förderung im öffentlichen</span><br/> <span class="ft6">Schulangebot bestanden hätte. Grundlage ihres Entscheides war kein</span><br/> <span class="ft6">wichtiger Grund, welcher eine Kostenpflicht des Gemeinwesens</span><br/> <span class="ft6">auszulösen vermöchte, und auch eine Ausnahmesituation im Sinne</span><br/> <span class="ft6">des Gesetzes und der Rechtsprechung liegt nicht vor.</span><br/> <span class="ft6">4. Zusammenfassend ergibt sich, dass für die Privatschulung</span><br/> <span class="ft6">von X am FG Basel kein zwingendes Erfordernis bestand, weil Al-</span><br/> <span class="ft6">ternativen im öffentlichen Schulangebot mit individueller Förderung</span><br/> <span class="ft6">seiner Begabung vorhanden waren. Der öffentliche Schulbesuch der</span><br/> <span class="ft6">zweiten Primarschule in A stand X weiterhin offen; zudem wurden</span><br/> <span class="ft6">konkrete Förderungsmassnahmen vorbereitet. Die Klage ist somit</span><br/> <span class="ft6">vollumfänglich abzuweisen. Die Schulung in der "Talenta" des FG</span><br/> <span class="ft6">Basels erfolgte auf Wunsch der Kläger, und es liegt vorliegend keine</span><br/> <span class="ft6">Ausnahmesituation vor, welche die Übernahme des Schulgeldes für</span><br/> <span class="ft6">die Privatschule rechtfertigen würde.</span><br/></div> </div> </body> </html>