B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-3512/2019 U r t e i l v o m 2 7 . J u l i 2 0 2 0 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima, (Vorsitz) Richterin Emilia Antonioni Luftensteiner, Richterin Barbara Balmelli, Gerichtsschreiberin Nira Schidlow. Parteien A._______, geboren am (…), Somalia, vertreten durch MLaw Nora Maria Riss, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisungsvollzug); Verfügung des SEM vom 7. Juni 2019 / N (…). E-3512/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin verliess ihren Heimatstaat gemäss eigenen Anga- ben am 7. November 2014 und reiste am 10. Februar 2016 in die Schweiz ein, wo sie gleichentags um Asyl nachsuchte. B. Am 15. Februar 2016 wurde die Befragung zur Person (BzP) durchgeführt und am 5. Dezember 2017 wurde die Beschwerdeführerin einlässlich zu ihren Gesuchsgründen angehört. Dabei brachte sie im Wesentlichen vor, sie sei somalische Staatsbürgerin und Angehörige der Clanfamilie Hawiye (Clan Abgal, Subclan B._______, Subsubclan C._______). Sie habe ihr gesamtes Leben in Mogadishu ver- bracht und dort gemeinsam mit ihren Eltern und Geschwistern gelebt. Auf- grund des Bürgerkrieges habe ihre Familie mehrfach in untersc hiedlichen Quartieren Mogadishus Zuflucht gesucht. Im Jahr 2013 sei ihr Bruder von Mitgliedern der Al -Shabaab-Miliz entführt worden. Diese hätten von ihm verlangt, dass die Beschwerdeführerin deren lokalen Anführer heirate. Da sie sich geweigert habe, sei ihr Bruder getötet und sie monatelang bis zu ihrer Ausreise telefonisch bedroht worden. Im gleichen Zeitraum sei ihre jüngere Schwester verschwunden und seither verschollen. Aus Angst vor einer Entführung habe sie sich während etwa eines Jahres an verschiede- nen Orten in Mogadishu versteckt gehalten und nur noch voll verschleiert das Haus verlassen. Als sie das Geld für die Reise organisiert gehabt habe, sei sie illegal aus Somalia ausgereist. C. Mit Verfügung vom 7. Juni 2019 stellte das SEM fest, die Beschwerdefüh- rerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an (Dispositivziffern 1 bis 3 der angefochtenen Verfügung). Gleichzeitig ordnete es aufgrund der Unzumut- barkeit des Wegweisungsvollzugs eine vorläufige Aufnahme an (Disposi- tivziffer 4). D. Mit Eingabe vom 10. Juli 2019 erhob die Beschwerdeführerin dagegen Be- schwerde und beantragte, der vorliegende Fall sei zur hinreichenden Ab- klärung des rechtserheblichen Sachverhalts an die Vorinstanz z urückzu- weisen, eventualiter sei der angefochtene Entscheid in den Ziffern 1 bis 3 aufzuheben und festzustellen, dass sie die Flüchtlingseigenschaft erfülle, E-3512/2019 Seite 3 und es sei ihr Asyl zu gewähren. In formeller Hinsicht ersuchte sie um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses und um Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin. E. Mit Verfügung vom 15. Juli 2019 stellte die zuständige Instruktionsrichterin fest, dass die B eschwerdeführerin den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten dürfe. Gleichzeitig hiess sie die Gesuche um Gewäh- rung der unentgeltlichen Prozessführung, inklusive Kostenvorschuss er- lass, und der amtlichen Rechtsverbeiständung unter Vorbehalt der Nac h- reichung einer Unterstützungsbestätigung gut. Ferner wurde die Vor - instanz eingeladen, sich innert Frist zur Beschwerde vernehmen zu lassen. F. Am 30. Juli 2019 reichte das SEM eine Vernehmlassung zu den Akten. G. Mit Eingabe vom 5. September 2019 replizierte die Beschwerdeführerin. H. Mit Eingabe vom 19. September 2019 reichte sie eine ergänzende Stel- lungnahme, einen Arztbericht vom 4. September 2019 sowie eine Unter- stützungsbestätigung des Kantons D._______ vom 5. September 2019 zu den Akten. I. Auf Aufforderung der Instruktionsrichterin reichte sie am 10. Oktober 2019 eine ergänzende Stellungnahme und am 20. Februar 2020 einen Operati- onsbericht vom 14. Dezember 2020 sowie einen Hospitalisationsbericht vom 26. Dezember 2019 des Kantonsspitals D._______ zu den Akten. J. Am 27. Februar 2020 wurde eine Kostennote nachgereicht. E-3512/2019 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. 2. Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilden die Fragen der Flü cht- lingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegweisungsvoll- zug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz die Beschwerdefüh- rerin wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufge- nommen hat. 3. Die Kognition des Bundesverwaltungsg erichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). E-3512/2019 Seite 5 4. 4.1 Das SEM begründete seinen Entscheid im Wesentlichen damit, die Vorbringen der Beschwerdeführerin würden teilweise den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit und teilweise denjenigen an die Flüchtlingseigen- schaft nicht genügen. 4.1.1 Das Vorbringen, der Bruder der Beschwerdeführerin sei entführt und es sei von ihr verlangt worden, dass sie einen der Entführer heirate, worauf ihr Bruder umgebracht und sie mehrfach bedroht worden sei, sei aufgrund unterschiedlicher Angaben zu wesentlichen Punkten unglaubhaft ausgefal- len. In der BzP habe die Beschwerdeführerin zu Protokoll gegeben, ihr Bru- der sei von Mitgliedern der Al -Shabaab-Milizen verschleppt worden und habe für diese kämpfen müssen. (…) des Jahres 2013 sei er nach Hause zurückgekehrt und habe die Beschwerdeführerin dazu zwingen wollen, ein Mitglied der Al-Shabaab zu heiraten, da er andernfalls umgebracht werde. Sie sei von ihrer Familie über die Geschehnisse in Kenntnis gesetzt wor- den, worauf sie sich nicht mehr zu Hause aufgehalten, sondern sich an verschiedenen Orten in Mogadishu versteckt habe. In der Folge sei ihr Bru- der umgebracht worden. Auf explizite Nachfrage habe sie weiter zu Proto- koll gegeben, bis zu ihrer Ausreise rund ein Jahr später beziehungsweise im (…) 2014 sei es zu keinen weiteren Vorfällen gekommen. In der Anhö- rung habe sie jedoch abweichend dazu angegeben, sie wisse nur, dass es sich bei den Entführern ihres Bruders um Personen gehandelt habe, mit welchen dieser in Zusammenhang mit seinen beruflichen Tätigkeiten Kon- takt gehabt habe, und dass der Anführer der Gruppe sie habe heiraten wol- len. Ihr Bruder sei verschleppt worden und habe rund eineinhalb Monate später die Mutter telefonisch über die Forderung der Entfü hrer informiert. Danach sei die Beschwerdeführerin geflohen. Rund einen halben Monat später, (…) des Jahres 2013, sei ihr Bruder ermordet worden (A15 S. 6-7). Entgegen ihren Aussagen in der ersten Befragung habe sie weiter geltend gemacht, eine ihr unbekannte Person – mutmasslich der Entführer und Mörder ihres Bruders – habe sie nach der Ermordung des Bruders bis zu ihrem Aufenthalt in E._______ wiederholt telefonisch kontaktiert und mit dem Tod bedroht, sollte sie nicht auf seine Forderung eingehen (A15 S. 8 und 11). Mit den vorstehenden Widersprüchen konfrontiert, habe die Be- schwerdeführerin Verständigungs - beziehungsweise Übersetzungsprob- leme in der BzP geltend gemacht. Aus dem Befragungsprotokoll würden jedoch keine diesbezüglichen Anhaltspunkte hervorgehen, vielmehr habe sie sowohl zu Beginn als auch zum Schluss der Befragung bestätigt, die dolmetschende Person gut zu verstehen. Deshalb sei ihre Begründung als Schutzbehauptung zu werten und vermöge nicht zu überzeugen. Da sie zu E-3512/2019 Seite 6 sämtlichen zentralen Aspekten ihres Vorbringens, das heisse zur Täter- schaft, zum zeitlichen Ablauf wie auch zur eigentlichen Bedrohung einan- der widersprechende Aussagen gemacht habe, sei der Wahrheitsgehalt ih- rer Vorbringen grundsätzlich zu bezweifeln. 4.1.2 Die Beschwerdeführerin mache weiter geltend, aufgrund der Kampf- handlungen und der unsicheren Lage in Mogadishu mehrfach geflohen und bei einem Angriff verletzt worden zu sein. Dieses Vorbringen beziehe sich auf die allgemeine Lage in ihrem Heimatstaat, womit es als nicht asylrele- vant qualifiziert werden müsse. Im Rahmen von Krieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt erlittene Nachteile würden keine Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes darstellen, soweit sie nicht auf der Absicht beruhen, ei- nen Menschen gezielt aus einem der in Art. 3 AsylG erwähnten Gründe zu treffen. Es könne keinem Staat gelingen, die Sicherheit seiner Bürger je- derzeit und überall zu garantieren. 4.2 4.2.1 Die Beschwerdeführerin erhebt auf Beschwerdeebene diverse for- melle Rügen. Die Vorinstanz habe den Untersuchungsgrundsatz verletzt, indem sie es trotz der bekannten Rechtsprechung zu alleinstehenden Frauen in Somalia und zu den frauenspezifischen Fluchtgründen vorliegen d unterlassen habe, den Sachverhalt genügend abzuklären und abzuschätzen, ob ihr (der Beschwerdeführerin) bei einer allfälligen Rückkehr geschlechtsspezi- fische und damit asylrelevante Verfolgung drohen würde. Das Bundesver- waltungsgericht habe bereits im „Referenzurteil“ E-1425/2014 vom 6. Au- gust 2014 (als BVGE 2014/27 publiziert) festgehalten, dass alleinstehende Frauen in Somalia, ohne männliche Verwandte, unter gewissen Umstän- den die Flüchtlingseigenschaft erfüllen würden. Sie sei weder explizit nach der Schutzfähigkeit ihrer männlichen Verwandten noch nach sonstigen Personen, welche ihr in Somalia Schutz bieten könnten, gefragt worden. Der Entscheid des SEM sei zu kassieren und das Verfahren zwecks Neu- beurteilung beziehungsweise eingehender materieller Pr üfung zurückzu- weisen. Im Weiteren sei auf die Bemerkungen der Hilfswerksvertretung (HWV) hin- zuweisen, welche auf dem Unterschriftenblatt festgehalten habe, dass sie (die Beschwerdeführerin) „Vom Typ her relativ impulsiv “ sei und sehr schnell geredet habe. Die Dolmetscherin habe sie mehrfach unterbrechen E-3512/2019 Seite 7 müssen, da sie einiges nicht verstanden habe. Sie (die Beschwerdeführe- rin) habe in diesem Zusammenhang auch ausgesagt, dass es bereits bei der BzP einige Verständigungsprobleme gegeben habe, und die HWV habe diesbezüglich festgehalten, es sei gut möglich, dass sich aufgrund dessen bei beiden Protokollen gewisse Ungereimtheiten eingeschlichen hätten. Die HWV habe weiter festgehalten, dass sie zum Zeitpunkt der Er- eignisse noch sehr jung gewesen sei und dies be i der Einschätzung der Glaubhaftigkeit zu berücksichtigen sei. Weiter schreibe die HWV, dass sie (die Beschwerdeführerin) bei den Fragen zu den Telefonanrufen längere Zeit um ihre Fassung gerungen habe (A15 ab F66). Im HWV -Bericht auf Seite zwei werde weit er ausgeführt, dass sie (die Beschwerdeführerin) sehr gut mitgewirkt habe, fast alles auf Deutsch verstanden habe und etli- che Male gebremst habe werden müssen, weil sie bereits habe antworten wollen, bevor die Frage übersetzt worden sei. Sie sei eifrig bemüht gewe- sen, sich zu äussern, was eine stressige Atmosphäre erzeugt habe, da die Dolmetscherin sie immer wieder habe unterbrechen müssen. Schliesslich habe es bei der Rückübersetzung der Widersprüche lange Diskussionen gegeben, worauf sie habe weinen müssen. All dies sei von der Vorinstanz jedoch in keiner Weise beachtet worden. Dies im Zusammengang mit der Argumentation im angefochtenen Entscheid, wonach sie (die Beschwerde- führerin) in der Anhörung nicht erwähnt habe, dass ihr Bruder von Mitglie- dern der Al-Shabaab entführt worden sei, obwohl sie dies mehrfach gesagt habe (A15 F46 und 58), deute darauf hin, dass die Sachverhaltsfeststel- lung beziehungsweise die Glaubhaftigkeitsprüfung der Vor instanz unvoll- ständig sei. Der Fall sei bereits deswegen an die Vorinstanz zurückzuwei- sen. Auch wenn im Nachhinein nicht mehr nachvollzogen werden könne, wie die Formulierungen und/oder die Übersetzungen in der BzP genau zu- stande gekommen seien, so sei darauf hinzuweisen, dass Erstbefragun- gen viel fehleranfälliger seien als Anhörungen (summarisch, pauschale Protokollierung, keine HWV, fehlendes Vieraugenprinzip). Diese Faktoren kämen zu den bekannten Problemen bei Dolmetschern in einer Anhörung dazu, nämlich, dass die Rückübersetzung von der gleichen Person ge- macht werde wie bereits die Übersetzung und daher Fehler oder Unklar- heiten nicht aufgedeckt werden könnten (unter Hinweis auf: https:// - www.nzz.ch/schweiz/mangel-an-uebersetzungspersonal-die-grosse- macht-der-asyl-dolmetscher-ld.146734, zuletzt besucht am 12.02.2019). Deshalb dürften Widersprüche zwischen BzP und Anhörung zur Beurtei- lung der Glaubhaftigkeit nur dann hinzugezogen werden, wenn Aussagen E-3512/2019 Seite 8 der BzP in wesentlichen Punkten den Asylvorbringen in der späteren An- hörung diametral abweichen würden, oder wenn bestim mte Ereignisse oder Befürchtungen, welche später als zentrale Asylgründe genannt wür- den, nicht bereits in der BzP zumindest ansatzweise erwähnt worden seien. Dies sei vorliegend nicht gegeben. Sie habe sich einzig hinsichtlich der Tatsache widersprochen, ob ihr Bruder vor seiner Tötung nochmals nach Hause gekommen sei. Die Täterschaft habe sie jedoch in der BzP und in der Anhörung immer mit Mitgliedern der Al-Shabaab oder mit „dieje- nigen die mit der Al-Shabaab arbeiten“ identifiziert. Zwar habe sie gemäss Protokoll an der BzP gesagt, ihr Bruder sei nach Hause gekommen, aller- dings habe sie auch dort gesagt, sie habe nur telefonisch davon erfahren, dass sie zwangsverheiratet werden solle. 4.2.2 In Bezug auf die Flüchtlingseigenschaft gelte es festzustellen, dass sie – die Beschwerdeführerin – Faktoren erfülle, welche eine flüchtlingsre- levante Gefährdung in Somalia begründen würden. Sie sei jung, unverhei- ratet, als junges Mädchen beschnitten worden und in Gefahr gewesen, un- ter Zwang verheiratet zu werden. Zudem habe sie keine männlichen Ver- wandten, welche ihr in Somalia Schutz bieten könnten. Damit sei die Ge- fahr, dass sie bei einer allfälligen Rückkehr (erneut) Opfer von geschlechts- spezifischer Verfolgung würde, ausserordentlich hoch. Darauf habe sie (anlässlich der Anhörung) ausdrücklich hingewiesen: „Wenn man in Soma- lia lebt, ist man froh, wenn man einen Bruder hat oder eine männliche Per- son. Man hat weniger Angst“ (A15 F95). Zudem müsse beachtet werden, dass sie vor ihrer Ausreise – auch abgesehen von der drohenden Zwangs- heirat – in ständiger Gefahr gelebt habe, Opfer von Übergriffen zu werden. Die Gefahr sei durch geschlechtsspezifische Verfolgung begründet und er- zeuge einen unerträglichen psychischen Druck. Die Tatsache, dass durch Zufall vor ihrer Ausreise keine sexuellen Übergriffe stattgefunden hätten, könne nicht dahingehend ausgelegt werden, dass kein Anlass zur An- nahme bestünde, dass sie in absehbarer Zukunft und mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer Verfolgung ausgesetzt worden wäre. Da sie vor ihrer Ausreise mehrere Male innerhalb von Somalia habe flüch- ten müssen, sei auch auf die Situation von intern Vertriebenen einzugehen. Diese würden in Somalia Opfer verschiedenster Menschenrechtsverlet- zungen, seien unter anderem der Macht der La germanager hilflos ausge- liefert und würden stark unter den Milizen leiden, welche das jeweilige Ge- biet kontrollieren und oft mit der Regierung zusammenarbeiten würden (un- ter Hinweis auf UNHCR, International Protection Considerations with Re- gard to people f leeing Southern and Central Somalia January 2014 E-3512/2019 Seite 9 HCR/PC/SOM/14/01 Ziff. 6, www.refworld.org.docid/ 52d7fc5f4.html). Das UNHCR habe zudem bereits 2014 ausgeführt, dass der langandauernde Bürgerkrieg und die unzähligen Vertreibungen die alten Clan-Strukturen in Somalia geschwächt hätten und diese teilweise zusammengebrochen seien. Damit bleibe, vor allem im Raum Mogadishus, oft die Kernfamilie als einziges schutzgewährendes Element (unter Hinweis auf BVGE 2014/27 E. 5.2). Sie (die Beschwerdeführerin) könne si ch jedoch gerade nicht auf den Schutz von Familienmitgliedern verlassen. 4.2.3 Zusammenfassend sei deshalb davon auszugehen, dass sie auf- grund ihrer besonderen Verletzlichkeit bei einer Rückkehr in die Heimat in konkreter Gefahr wäre, Opfer insbesondere von gesc hlechtsspezifischer Verfolgung zu werden, weshalb sie als Flüchtling anzuerkennen und ihr Asyl zu gewähren sei. Die Täter könnten dabei sowohl staatliche als auch nichtstaatliche Akteure sein und sie könne weder durch ihre Familie noch durch den Staat Schu tz erwarten. Letzterer sei weder schutzfähig noch schutzwillig, wenn es um Übergriffe gegen Frauen und Mädchen gehe. 4.3 Das SEM nahm in seiner Vernehmlassung vom 30. Juli 2019 zum Ver- weis der Beschwerdeführerin auf das Urteil des Bundesverwaltungsge- richts BVGE 2014/27, welches sich mit den frauenspezifischen Fluchtgrün- den in Somalia befasst, und den Voraussetzungen, nach welchen allein- stehende Frauen in Somalia die Flüchtlingseigenschaft erfüllen könnten, folgendermassen Stellung: BVGE 2014/27 nenne hauptsächlich drei Fak- toren, die bei Frauen aus Somalia kumulativ vorliegen müssten, um eine Gefährdung im flüchtlingsrechtlichen Sinne zu begründen (E. 5.1). Die drei genannten Faktoren seien die interne Vertreibung (E. 5.2), die Zugehörig- keit zu einem Minderheite nclan (E. 5.3) sowie die Situation als alleinste- hende Frau ohne erwachsenen männlichen Schutz beziehungsweise ohne erwachsene männliche Verwandte (E. 5.4). Die Beschwerdeführerin gebe an, trotz mehrfache n Wohnortswechsels in verschiedene Quartiere durchge hend in Mogadishu gelebt zu haben (A4 Ziff. 2.01 und 2.02; A15 F10, 15, 17 und 20). Es sei nicht ersichtlich, inwie- fern drei Wohnsitzwechsel eine mehrfache „Flucht innerhalb von Somalia“ darstelle beziehungsweise die Beschwerdeführerin als intern Vertriebe ne zu qualifizieren sei. Andere Hinweise auf eine interne Vertreibung der Be- schwerdeführerin innerhalb Somalias seien den Akten jedoch nicht zu ent- nehmen. Zudem sei nach mehrfacher Durchsicht der Akten nicht ersicht- lich, welcher allfälligen Macht der Lager manager die Beschwerdeführerin E-3512/2019 Seite 10 aufgrund dieser Wohnsitzwechsel konkret ausgeliefert gewesen sei, res- pektive bei einer allfälligen Rückkehr ausgeliefert sein könnte. Weiter habe die Beschwerdeführerin eigenen Angaben zufolge in Somalia einen Vater sowie je einen Onkel mütterlicherseits und väterlicherseits. Beim Onkel mütterlicherseits, der im Quartier F._______ in Mogadishu wohne, habe sie sich zwischen 2013 und ihrer Ausreise 2014 hin und wie- der aufgehalten (A15 F20 und 75). Folglich besitze sie männliche Ver- wandte, welche ihr Schutz bieten könnten. Letztlich gehöre die Beschwerdeführerin der Clanfamilie Hawiye, Clan Ab- gal, Subclan B._______, Subsubclan C._______ an (A4 Ziff. 1.08). Die Clanfamilie Hawiye gehöre zu den sogenannten „noblen“ Clanfamilien, wo- bei die Abgal einer der beiden wichtigsten Clans innerhalb der Clanfamilie der Hawiye bilde. Sie hätten in und um Mogadishu grossen Einfluss, wes- halb der vorliegende Fall auch betreffend die Zugehörigkeit zu einem Min- derheitenclan vom zitierten BVGE abweiche. Folglich habe das SEM den rechtserheblichen Sachverhalt unter Berück- sichtigung von BVGE 2014/27 vollständig erstellt und die Flüchtlingseigen- schaft in Einklang mit der bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtspre- chung beurteilt. 4.4 In ihrer Replik vom 5. September 2019 hielt die Beschwerdeführerin der Argumentation der Vorinstanz entgegen, dass die drei Faktoren (in- terne Vertreibung, Zugehörigkeit zu einem Minderheitenclan und Situation als alleinstehende Frau ohne männlichen Schutz) nicht kumulativ erfüllt sein müssten, damit eine Anerkennung als Flüchtling für eine weibliche Asylsuchende aus Somalia überhaupt in Betracht komme. Aus dem zitier- ten Urteil lasse sich keine „Check-Liste“ ableiten, aufgrund welcher die Flüchtlingseigenschaft pauschal verneint oder bejaht werden könne. Im Gegenteil sei die Vorinstanz gehalten, jeden Einzelfall individuell abzuklä- ren und alle möglichen Faktoren, welche zu einer asylrelevanten Gefähr- dung führen könnten, zu überprüfen und zu beurteilen. Dazu würden zwar auch die von der Vorinstanz genannten Faktoren gehören, allerdings seien ebenso weitere, wie zum Beispiel die allgemeine familiäre Situation, die erlittene oder drohende Genitalverstümmelung oder die Gefahr einer Zwangsverheiratung zu beachten. Die Beschwerdeführerin betonte, für sie sei es in keiner Weise nachvoll- ziehbar, wieso es sich bei ihr nicht um eine intern Vertriebene handeln E-3512/2019 Seite 11 solle. Sie sei zwar „nur“ innerhalb Mogadishus geflohen, habe aber bis zu ihrer Ausreise in einem Flüchtlingscamp gelebt und ihre Familie sei immer noch dort (das Flüchtlingslager heisse „G._______“, vgl. A15 F17). Es ma- che keinen Unterschied, ob eine Person innerhalb eines Landes oder nur innerhalb einer Stadt geflohen sei, wenn sie am Ende in einem Flüchtlingslager leben müsse und damit unter den genau gleichen Nach- teilen (z.B. Macht der Lagermanager) zu leiden habe. Dazu, dass die Clan- Strukturen durch die Vertreibungen geschwächt seien und insbesondere im Raum Mogadishu nur noch die eigene Kernfamilie als schutzgewähren- des Element bleibe, habe sich die Vorinstanz nicht geäussert. Der Verweis auf ihre männlichen Verwandten sei ebenfalls unbehelflich. Zum einen sei ihr Vater verstorben. Zum anderen sei nicht nachvollziehbar, warum ihr On- kel ihr Schutz bieten solle lediglich, weil sie sich vor über fünf Jahren teil- weise bei ihm aufgehalten habe. Auch die Abklärung dieses Punktes wäre unter die Untersuchungspflicht der Vorinstanz gefallen. Nur die HWV habe sie gefragt, ob sie von jemandem Schutz erwarten könnte, worau f sie ge- antwortet habe, dass ihr Onkel mit seinem eigenen Überleben beschäftigt sei und niemand anderem helfen könne (A15 F97). Schliesslich sei auf ihre Clan-Zugehörigkeit einzugehen. Es sei zwar richtig, dass sie keinem Min- derheitenclan angehöre. Dies al lein reiche aber nicht aus, um von einem genügenden Schutz für sie auszugehen. Zu verweisen sei diesbezüglich auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D -2743/2016 vom 2. Juni 2018, wo in Erwägung 6.3.6 ausgeführt werde, dass es bei der Clanzuge- hörigkeit nicht p rimär um die Zugehörigkeit als s olche gehe, sondern um den Schutz und die Sicherheit, welche ein Clan gewähren könne, wenn die Person zu einem einflussreichen Clan gehöre und im Clan -domminierten Gebiet wohne. Im Falle einer Rückkehr seien insbeso ndere familiäre und in weiterer Folge Clanverbindungen für die Sicherheit, die soziale Akzep- tanz und die Grundversorgung entscheidend. Weil die alten Clan -Struktu- ren geschwächt und stellenweise zusammengebrochen seien, sei vor al- lem der Schutz durch das mä nnliche Netzwerk der Kernfamilie entschei- dend. Dieser geminderte Schutz durch den Clan gelte insbesondere für den Raum Mogadishu und für intern Vertriebene, und speziell auch für sie als alleinstehende Frau ohne männliche Verwandte, die in einem Flücht- lingscamp gelebt habe. Zusammenfassend sei festzustellen, dass keiner der von der Vorinstanz in der Vernehmlassung aufgeführten Punkte ausreiche, um die Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes und des rechtlichen Gehörs auf Be- schwerdeebene zu heilen. Die Vorinstanz habe sich zu gewissen Punkten gar nicht geäussert (so habe sie weiterhin keine Abklärung bezüglich einer E-3512/2019 Seite 12 Genitalverstümmelung vorgenommen und diesen Punkt auch nicht ange- sprochen) oder habe diese nur ungenügend abgeklärt (so insbesondere den Schutz des Onkels). 4.5 Am 19. September 2019 wurde eine Bestätigung der Frauenklinik des Kantonsspitals D._______ vom 4. September 2019 über die Genitalver- stümmelung der Beschwerdeführerin zu den Akten gereicht. Dieser ist zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin einer Beschneidung des Typs drei (auch pharaonische Beschneidung oder Infibulation genannt [nach Entfernung von Klitoris sowie der äusseren und inneren Schamlippen wird die Restvulva bis auf ein kleines Loch vernäht]) unterzogen worden und damit Opfer der invasivsten Praktik von Genitalverstümmelung geworden sei. Die behandelnde Ärztin empfehle die Vornahme einer Defibulation (operatives Öffnen der Beschneidung), damit rezidivierenden Harnwegsin- fektionen vorgebeugt werden könne. Die Beschwerdeführerin plane dieser Empfehlung zu folgen. Im Falle einer Rückkehr bestünde damit die Gefahr, dass die Defibulation wieder rückgängig gemacht werde, falls sie heiraten oder Kinder bekommen wolle. Damit würde sie erneut Opfer einer der grau- enhaftesten Formen der Genitalverstümmelung. Mit weiterer Eingabe vom 10. Oktober 2019 nahm die Beschwerdeführerin aufforderungsgemäss zu Fragen der Inst ruktionsrichterin Stellung. Sie legte dar, dass ihr Onkel mütterlicherseits, bei dem sie vor ihrer Flucht teil- weise Zuflucht gefunden habe, zum Clan Hawiye, Abgal, B._______, H._______, gehöre. Er habe als Fahrer von einem Kleinbus etwa fünf Dol- lar am Tag verdient. Er habe selber drei Töchter und habe sie (die Be- schwerdeführerin) schon vor ihrer Ausreise nicht fest bei sich aufnehmen wollen und können, da er bereits zu wenig verdiene, um seine eigene Fa- milie durchzubringen. Deshalb habe sie nie mehr als eine Nacht in Folge bei ihm verbracht. Seit ihrer Ausreise habe sie keinen Kontakt mehr zu ihm. Sie habe zudem noch einen Onkel väterlicherseits. Dieser sei früher, als ihr Vater noch gelebt habe, ein bis zwei Mal im Jahr zu Besuch gekommen. Er sei verheiratet gewesen und habe zwei Kinder gehabt. Diese seien aber verstorben. Seit dem Tod ihres Vaters sei der Kontakt abgebrochen. Wei- tere Onkel oder andere nahe Verwandte habe sie nicht. Zu ihrer Mutter und ihren Schwestern führte sie aus, dass sich diese, so- weit sie wisse, zu Hause in I._______ aufhalten würden. Dort besitze ihre Mutter eine kleine Hütte. Sie müssten aber immer wieder ins Camp fliehen, wenn die Sicherheitslage in ihrem Quartier schlechter werde. Allerdings sei es im Camp auf Dauer zu teuer, weswegen sie jeweils so lange wie möglich E-3512/2019 Seite 13 zu Hause bleiben würden. Ihre Mutter verkaufe Tee, Kaffee und Süssigkei- ten und versuche so, die Familie zu finanzieren. Ihre Geschwister würden der Mutter manchmal helfen und selten würden sie auch in die Koranschule gehen. Da sie sich den Schulbesuch aber kaum leisten könnten, seien sie meistens zuhause. Am 20. Februar 2020 wu rden ein Operationsbericht vom 14. Dezember 2019 sowie ein Hospitalisationsbericht vom 26. Dezember 2019 zu den Ak- ten gereicht, beide ausgestellt von der Frauenklinik des Kantonsspitals D._______. Dazu wurde ausgeführt, beiden Berichten sei zu entnehmen, dass bei ihr (der Beschwerdeführerin) am 12. Dezember 2019 eine Defibu- lation der Typ 3-Beschneidung durchgeführt worden sei. 5. Die Beschwerdeführerin macht verschiedene formelle Rügen geltend, wel- che vorab zu prüfen sind, da sie begründetenfalls geeignet wä ren, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. 5.1 In der Beschwerde wird in der Hauptsache eine Verletzung des Unter- suchungsgrundsatzes und mithin der mangelnden Begründung des ange- fochtenen Entscheides gerügt. Das SEM habe es trotz der gemäss BVGE 2014/27 bekannten Rechtsprechung zu alleinstehenden Frauen in Somalia und zu frauenspezifischen Fluchtgründen unterlassen, den Sachverhalt ge- nügend abzuklären. Im Weiteren macht die Beschwerdeführerin Verstän- digungsprobleme bei der BzP und Anhörung geltend, weshalb die Sach- verhaltsfeststellung beziehungsweise die Glaubhaftigkeitsprüfung der Vor- instanz unvollständig sei. Entsprechend sei der Entscheid zu kassieren und an die Vorinstanz zurückzuweisen. 5.2 Das Verfahren nach dem VwVG wird vom Untersuchun gsgrundsatz (Art. 12 VwVG) beherrscht. Als Verfahrensmaxime besagt dieser, dass die Verwaltungsbehörden für die Beschaffung des die Urteilsgrundlage bilden- den Tatsachenmaterials zuständig sind. Er auferlegt der Behörde die Pflicht, von Amtes wegen den rech tserheblichen Sachverhalt vollständig und richtig zu ermitteln und beinhaltet gewissermassen eine Art „behördli- che Beweisführungspflicht“ (vgl. KRAUSKOPF/EMMENEGGER/BABEY, in: Pra- xiskommentar VwVG, Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], 2016 2. Auflage, Art. 12 N. 16). Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der gesetzlichen Mitwirkungspflicht der Parteien (Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG). E-3512/2019 Seite 14 5.3 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent- scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts- pflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043). 5.4 Es ist der Vorinstanz Recht zu geben, dass der vorlie gend relevante Sachverhalt (junge, unverheiratete Frau aus einem dominanten Clan, die in der Schweiz defibuliert wurde) ein anderer als im zitierten BVGE 2014/27 ist, wo insbesondere die Elemente des mangelnden männlichen Schutzes, des Status als intern Vertriebene sowie die Angehörigkeit eines Minderhei- tenclans als erhöhte Risikofaktoren für eine Frau in Somalia (im Einzelfall Witwe mit Kindern) definiert wurden, Opfer gezielter geschlechtsspezifi- scher Verfolgung zu werden. Zudem hat die Beschwerdeführerin einen Teil der Vorbringen, die auf ihre individuelle frauenspezifische Verfolgung und den mangelnden männlichen Schutz in Somalia hindeuten könnten, erst auf Beschwerdeebene geltend gemacht (insb. Problematik der Infibulation beziehungsweise chirurgischen Defibulation und Gefahr einer Refibulation [oder auch Reinfibulation: erneutes Verschließen einer Infibulation nach Defibulation] sowie den Tod ihres Vaters), weshalb sich das SEM im ange- fochtenen Entscheid noch gar nicht damit auseinandersetzen konnte. In ihrer Vernehmlassung vom 30. Juli 2019 hat sich die Vorinstanz mit der erwähnten Rechtsprechung zu frauenspezifischen Fluchtgründen gemäss BVGE 2014/27 in Bezug auf die persönlichen Umstände der Beschwerde- führerin auseinandergesetzt. Auf die Problematik der Beschneidung bezie- hungsweise der Defibulation und der drohenden Refibulation ging die Vor- instanz indes nicht ein. Allerdings konnte sich die Beschwerde führerin in ihrer Replik vom 5. September 2019 dazu äussern und reichte auf Nach- frage der Instruktionsrichterin diverse ärztliche Berichte bezüglich ihrer Ge- nitalverstümmelung und Präzisierungen in Bezug auf ihre in Somalia ver- bliebenen Familienangehörigen nach. Damit ist der relevante Sachverhalt zum heutigen Zeitpunkt als erstellt zu erachten. 5.5 Was die geltend gemachten Verständigungsprobleme an der BzP und Anhörung betrifft, ist festzustellen, dass dem Protokoll der BzP keine sol- chen zu entnehmen sind. Die Beschwerdeführerin bestätigte zu Beginn E-3512/2019 Seite 15 und am Schluss der BzP ausdrücklich, die dolmetschende Person gut zu verstehen beziehungsweise verstanden zu haben (vgl. A4 lit. h und Ziff. 9.02). Bei der Rückübersetzung des Protokolls wurden weder Korrekturen noch Bemerkungen von der Beschwerdeführerin angebracht und das Pro- tokoll wurde von ihr vorbehaltlos unterzeichnet. Zudem erachtete die HWV bezüglich der Anhörung in ihrem Kurzbericht die Befragerin als „extrem gute Befragerin“ und die Anhörung als in guter Atmosphäre sowie in einem vertrauensbildenden Klima durchgeführt. Vor diesem Hintergrund sind der Beschwerdeführerin die an der BzP und Anhörung gemachten Aussagen entgegenzuhalten, zumal ihr eine sachgerechte Anfechtung – wie die Be- schwerde zeigt – ohne weiteres möglich war. Dass das SEM aus sachli- chen Gründen zu einer anderen Würdigung (insbesondere Glaubhaftigkeit) gelangt als von der Beschwerdeführerin vertreten, spricht nicht für eine un- genügende Sachverhaltsfeststellung. 5.6 Da das Gericht von einem mittlerweile entscheidreif vorliegenden Sachverhalt ausgeht, ist von einer Rückweisung der Sa che an die Vo- rinstanz zur Neubeurteilung abzusehen und der entsprechende Antrag ab- zuweisen. 6. Als nächstes ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführerin aufgrund einer ge- schlechtsspezifischen Verfolgung die Flüchtlingseigenschaft zuzuerken- nen und ihr Asyl zu gewähren ist. 6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 6.2 Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne dieser Bestimm ung liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, Letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahr- scheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch E-3512/2019 Seite 16 aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zu- kunft verwirklichen. Es müssen demnach hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in ver- gleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Die erlittene Verfolgung oder die begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung muss zudem sachlich und zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Heimat - oder Herkunftsstaat und grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein. 6.3 Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft voraus, dass die betroffene Per- son in ihrem Heimat - oder Herkunftsstaat keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.1 ff. m.w.H.). Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheides ist jedoch im Rah- men der Prüfung nach der Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls we- sentlich. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zugunsten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2 m.w.H.). 6.4 Unter frauenspezifischer Verfolgung sind Massnahmen zu verstehen, die Frauen aufgrund ihres Geschlechts treffen. Frauen sind in gewissen Gesellschaftsordnungen allein aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit nicht nur stark benachteiligt, sondern sexueller Gewalt, Misshandlung, Re- pressionen unterworfen oder Diskriminierung ausgesetzt, sei es, weil es das herrschende Rollenverständnis beziehungsweise die Tradition gebie- tet oder ein überlieferter Ehrenkodex es vorschreibt (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH [Hrsg.], Handbuch zum Asyl - und Wegweisungsver- fahren, S. 174 f.). Frauen können daher schwerwiegender geschlechtsspe- zifischer Diskriminierung oder Gewalt ausgesetzt sein, wobei diese Mass- nahmen oft mit ausdrücklicher oder zumindest stillschweigender Duldung des Staates Bestandteil eines gesellschaftlichen Verständnisses über die Rolle der Frau sind . Gemäss geltender Rechtsprechung fällt eine Verfol- gung, wenn sie in Form sexueller Gewalt stattfindet oder die sexuelle Iden- tität des Opfers treffen soll, unter den Begriff der geschlechtsspezifischen Verfolgung, wodurch grundsätzlich auch ein nach Art. 3 Abs. 1 AsylG rele- vantes Verfolgungsmotiv vorliegen kann (vgl. Urteil des BVGer E- 6456/2015 vom 29. Juni 2018, E. 7.3.1, m.w.H.). E-3512/2019 Seite 17 6.5 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 6.6 Das Bundesverwaltungsgericht h at die Anforderungen an das Glaub- haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H., BVGE 2012/5 E. 2.2). 7. Das Bundesverwaltungsgericht kann den angefochtenen Entscheid unge- achtet der erhobenen Rügen grundsätzlich in vollem Umfang überprüfen. Es stellt den Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 12 VwVG) und wen- det das Recht von Amtes wegen an (Art. 62 Abs. 4 VwVG). Es ist mithin nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann den Entscheid auch aus anderen Gründen gutheissen oder abweisen. 8. 8.1 Die Beschwerdeführerin, welche als junges Mädchen Opfer der phara- onischen Beschneidung wurde, macht geltend, im Alter von (…) Jahren aus Somalia geflohen zu sein, um der Zwangsverheiratung mit einem ört- lichen Führer der Al -Shabab-Miliz zu entkommen. Aufgrund ihrer Weige- rung sei ihr Bruder ermordet worden und ihr Vater sei zwischenzeitlich ver- storben. Mit anderen männlichen Verwandten, insbesondere ihren Onkeln, habe sie keinen Kontakt mehr. Aus diesen Gründen verfüge sie über kei- nen männlichen Schutz mehr. Bis zu ihrer Ausreise, etwa ein Jahr nach der Ermordung ihres Bruders, habe sie sich versteckt gehalten und sei nur noch verschleiert aus dem Haus. 8.1.1 Hinsichtlich der vorgebrachten Vorfluchtgründe (Bedrohungen und Furcht vor einer Entführung und Zwangsverheiratung) gelingt es der Be- schwerdeführerin zwar, die von der Vorinstanz festgestellten Widersprüche teilweise zu entkräften. Tatsächlich gab sie sowohl an der Anhörung (A15 F46 und 58) als auch an der BzP (A4 Ziff. 7.01) zu Protokoll, dass ihr Bru- der von Mitgliedern der Al -Shabaab-Milizen entführt worden sei, weshalb kein Widerspruch betreffend die Täterschaft zu erblicken ist. Indes ist der E-3512/2019 Seite 18 Vorinstanz beizupflichten, dass die Beschwerdeführerin den zeitlichen Ab- lauf des Geschehens, welches angeblich (…) 2013 in der Ermordung des Bruders gegipfelt habe, deutlich unterschiedlich schi lderte (A15 S. 6f.; A4 Ziff. 7.01f.). Deshalb entstehen Zweifel am Vorbringen der Ermordung ihres Bruders. In Anbetracht der Tatsache, dass die Beschwerdeführerin anläss- lich der BzP zudem weitere Probleme (beispielsweise mit Mitgliedern der Al-Shabaab-Miliz) nach dem (angeblichen) Tod des Bruders ausdrücklich verneinte (A4 Ziff. 7.02) und keine telefonischen Drohanrufe erwähnte, was aber spätestens bei dieser Frage zu erwarten gewesen wäre, sind die dies- bezüglichen Ausführungen im Rahmen der Anhörung als nachgeschoben und damit unglaubhaft zu erachten. Folglich ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt ihrer Ausreise keine konkreten Nachteile drohten, besteht doch zwischen den geltend gemachten Proble- men aufgrund der drohenden Zwangsheirat und ihrer Flucht gut ein Jahr später weder ein zeitlicher noch ein sachlicher Kausalzusammenhang. Zu- dem brachte sie anlässlich der Befragungen auch nicht vor, zum Zeitpunkt der Ausreise aus anderen Gründen konkreter Bedrohung ausgesetzt ge- wesen zu sein beziehungsweise solche begründeterweise befürchtet zu haben. 8.1.2 Auf Beschwerdeebene beruft sich die Beschwerdeführerin erstmals auf die erlittene Beschneidung. Obschon sie offenbar bereits als junges Mädchen Opfer einer Genitalverstümmelung geworden war, machte sie im vorinstanzlichen Asylverfahren nicht geltend, deshalb geflohen zu sein. Es ist der Beschwerdeführerin zwar insoweit recht zu geben, dass es sich bei der Infibulation um einen überaus schweren Eingriff in die persönliche In- tegrität handelt, allerdings fehlt vorliegend auch diesbezüglich der sachli- che und zeitliche Kausalzusammenhang zur Flucht. 8.1.3 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin keine Vorfluchtgründe nachweisen oder zumindest glaubhaft machen konnte. 8.2 Es bleibt im Folgenden zu prüfen, ob Nachflucht gründe vorliegen. Zu unterscheiden ist dabei zwischen objektiven und subjektiven Nachflucht- gründen. Objektive Nachfluchtgründe liegen vor, wenn äussere Umstände, auf welche die asylsuchende Person keinen Einfluss nehmen konnte, zur drohenden Verfolgung führen; der von einer Verfolgung bedrohten Person ist in solchen Fällen die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen und Asyl zu gewähren. Bei subjektiven Nachfluchtgründen wird zwar die Flüchtlingsei- genschaft im Sinne von Art. 3 AsylG durch eigenes Tun begründet; indes- sen führen sie nach Art. 54 AsylG zum Asylausschluss. Personen, welche E-3512/2019 Seite 19 subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, werden als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). 8.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Urteil BVGE 2014/27 (E. 5) hinsichtlich einer in Somalia intern vertriebenen Witwe und ihren min- derjährigen Kindern das Bestehen einer begründeten Furcht anerkannt, Opfer von Menschenrechtsverletzungen zu werden. Sie seien Angehörige eines Minderheitenclans und verfügten nicht über lebende, männliche Ver- wandte, die sie insbesondere vor geschlechtsspezifischen Verfolgungs- handlungen, beispielsweise Vergewaltigung, schützen könnten. Intern Ver- triebene seien in Somalia sehr oft solchen Misshandlungen ausgesetzt, zu- mal die sozialen Strukturen und Schutzmechanismen durch den langan- dauernden Bürgerkrieg zerrüttet seien. 8.2.2 Das Gericht geht in Übereinstimmung mit dem SEM davon aus, dass die Situation der Beschwerdeführerin nicht je ner der im vorstehend skiz- zierten Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts dargelegten Umstände entspricht. Sie ist Angehörige eines dominanten Clans, unverhei ratet und jung. Überdies wurde i hre Genitalverstümmelung in der Schweiz operativ rückgängig gemacht. Es ist deshalb nachfolgend zu prüfen, ob sie unter diesen Umständen bei einer allfälligen Rückkehr nach Somalia dort flücht- lingsrechtlich relevanten Nachteilen ausgesetzt sein könnte. 8.2.3 Frauen und Mädchen können in Somalia in verschiedenen Situatio- nen vulnerabel sein, zumal sie im Allgemeinen leichter Opfer von Miss- brauch werden und nur sehr wenige Rechte haben . In der somalischen Gesellschaft entspricht es weder der Kultur noch der Religion, dass eine Frau alleine lebt . E iner Frau ohne männlichen Garant wird weder eine Wohnung vermietet noch eine Anstellung vermittelt. Allgemein hängt die Möglichkeit Einkommen zu erzielen und zu überleben grossteils von den gesellschaftlichen Verbindungen ab, welche über die männlichen Verwand- ten funktionieren. Deshalb werden Frauen, die ihren Vater oder Ehemann verloren haben, in der Regel von der Gemeinschaft aufgenommen, welche als eine Art Sicherheitsnetzwerk funktioniert. Dies allerdings nur so lange, wie sie nicht gegen die gesellschaftlichen Normen und Sitten verstossen haben. Ansonsten werden sie den „Launen der Gesellschaft“ überlassen (Immigration and Refugee Board of Canada [IRB], Somalia: Situation of women without a support network in Mogadishu, including access to em- ployment and housing; treatment by society and authorities; support ser- vices available to female -headed households [2017 -March 2019] < E-3512/2019 Seite 20 https://irb-cisr.gc.ca/en/country-information/rir/Pages/index.aspx?doc=- 457758&pls=1 >, abgerufen am 30.06.2020). 8.2.4 Die Beschwerdeführerin floh im Alter von (…) Jahren allein aus So- malia in die Schweiz, wo sie defibuliert wurde. Dies widerspricht den sozi- alen Normen Somalias, denn dort sind unverheiratete Frauen, die nicht be- schnitten sind oder deren Beschneidung rückgängig gemacht wurde , schwerwiegenden Stigmatisierungen ausgesetzt, namentlich haben nicht infibulierte Frauen kaum Heiratschancen. Es wird geglaubt, man schütze die Mädchen durch die Infibulation und könne ihre Reinheit und Jungfräu- lichkeit dadurch aufrechterhalten. Auch gilt ein Mädchen, das nicht b e- schnitten wurde als Aussenseiterin. Deshalb sind in Somalia bis heute 98 Prozent aller Frauen und Mädchen von Genitalverstümmelung betroffen. Die sozialen Normen greifen so tief, dass sich die Mütter, selbst wenn sie über die Folgen aufgeklärt sind, für die Genitalverstümmelung ihrer Töchter entscheiden, um die soziale Integration und die wirtschaftliche Sicherheit ihrer Töchter durch Heirat nicht zu gefährden (Terre des Femmes, Somalia, 12/2019, < https://www.frauenrechte.de/unsere-arbeit/themen/weibliche- genitalverstuemmelung/unser-engagement/aktivitaeten/genitalverstuem- melung-in-afrika/fgm-in-afrika/1430-somalia >, m.w.H.; Stephanie Kowa- lewski, Tiefe Schnitte in Körper und Seele, 03.02.2020, < https://www.deutschlandfunkkultur.de/genitalverstuemmelung-bei-maed- chen-tiefe-schnitte-in.976.de.html?dram:article_id=469372 >, beide abge- rufen am 30.06.2020). Da es in Somalia mit den kulturellen und religiösen Normen als nicht vereinbar gilt, wenn eine Frau ohne männlichen Schutz lebt, würde dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bedeu- ten, dass die Beschwerdeführerin als junge, alleinstehende Frau bei einer Rückkehr in die Heimat, um überhaupt verheiratet werden zu können, zu- nächst refibuliert werden müsste. Andernfalls müsste sie am Rand der Ge- sellschaft ein Dasein fristen. Vor dem Hintergrund des besagten sozialen Kontexts ist nicht zu erwarten, dass ein männlicher Verwandter der Be- schwerdeführerin Schutz vor erneuter Beschneidung und vor Zwangsheirat gewähren würde. Im Gegenteil, denn ohne erneute Infibulation hätte sie im Kontext Somalias kaum Chancen darauf, einen Ehemann zu finden. Wenn aber dem zukünftigen Ehemann verheimlicht würde, dass sie defibuliert wurde, um ihre Heiratschancen nicht zu gefährden , und er dies bei der Hochzeitsnacht merken würde, hätte er das Recht, sich umgehend wieder scheiden zu lassen und sie zu verstossen, was wiederum ehrverletzend für die (insbesondere männliche) Verwandtschaft wäre. Da überdies die Defi- bulation einer noch unverheirateten Frau in Somalia als Beweis für vorehe-E-3512/2019 Seite 21 lichen Sex betrachtet wird, würde dies für die Beschwerdeführerin bedeu- ten, dass sie ihre Ehre und ihren gesellschaftlichen Status verlieren würde (U.S. Department of State, 2019 Country Reports on Human Rights Prac- tices: Somalia, 11.03.2020, < https://www.state.gov/reports/2019-country- reports-on-human-rights-practices/somalia/ >; Lifos (Migrationsverket), So- malia – Kvinnlig könsstympning , 27.08.2019, < https://www.ecoi.net/en/file/local/2015781/190827401.pdf >; Immigration and Refugee Board of Canada [IRB], Somalia: Situation of women without a support network in Mogadishu, including access to employment and hou- sing; treatment by society and authorities; support services available to fe- male-headed households [2017 -March 2019] < https://irb- cisr.gc.ca/en/country-information/rir/Pages/index.aspx?- doc=457758&pls=1 >, alle abgerufen am 30.06.2020 ). Es ist der Be- schwerdeführerin folglich recht zu geben, dass sie im Kontext Somalias gezwungen wäre, sich erneut infibulieren zu lassen, um verheiratet werden zu können, ansonsten sie jeglichen Übergriffen schutzlos ausgesetzt wäre. Eingriffe an Genitalien von Mädchen und Frauen haben schwerwiegende Folgen für das Leben der Betroffenen. Schon der Eingriff selber ist in der Regel ausserordentlich schmerzhaft und mit grössten Gefahren für das Le- ben und die Gesundheit der Betroffenen verbunden (Stefan Trechsel und Regula Schlaur, Weibliche Genitalverstümmelung in der Schweiz, Rechts- gutachten, < https://www.humanrights.ch/cms/upload/pdf/061107 _UNI_Rechtsgutachten_WGV_de.pdf >, abgerufen am 30.06.2020). Das Bundesverwaltungsgericht schliesst sich der Auffassung des UNHCR an, dass weibliche Genitalverstümmelung eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt darstellt, die sowohl psychisches wie physisches Leiden zur Folge hat und einer asylrelevanten Verfolgung gleichkommt (vgl. UNHCR, Guidance Note on Refugee Claims relating to Female Genital Mutilation, Mai 2009, Ziff. A7 S. 5, < http://www.refworld.org/-docid/4a0c28492.html >, abgerufen am 27.04.2020). Überdies bestehen in Somalia bis heute keine gesetzlichen Bestimmungen zur beziehungsweise gegen weibliche Geni- talverstümmelung (Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Re- search and Documentation [ACCORD]: Anfragebeantwortung zu Somalia: Verbreitung von FGM, rechtliche Bestimmungen und Organisationen, 31.03.2020 < https://www.ecoi.net/de/dokument/2027861.html >, abgeru- fen am 30.06.2020). 8.2.5 Nach dem Gesagten ist davon auszugehen, dass die Beschwerde- führerin bei einer Rückkehr in die Heimat zu einer Refibulation gezwungen würde, ohne dass ihr privater oder staatlicher Schutz offen stehen würde. E-3512/2019 Seite 22 Damit drohen ihr bei einer allfälligen Rückreise flüchtlingsrechtlich rele- vante, ernsthafte Nachteile. Aufgrund der frauenspezifischen Verfolgungs- situation ist auch ein flüchtlingsrelevantes Verfolgungsmotiv anzuerkennen (vgl. EMARK 2006 Nr. 32 E. 8, sowie unten E. 7.3). Schliesslich eröffnet sich der Beschwerdeführerin auch keine interne Schutzalternative in einem anderen Landesteil. Sie hat somit eine begrün- dete Furcht bei einer allfälligen Rückkehr in ihr Heimatland einer frauen- spezifischen Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden. 8.3 Zusammenfassend kommt das Gericht zum Schluss, dass die Voraus- setzungen von Art. 3 AsylG gegeben sind und die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft erfüllt. Da die mit hoher Wahrscheinlichkeit dro- hende Verfolgung allerdings auf das Verhalten der Beschwerdeführerin in der Schweiz und damit auf einen subjektiven Nachfluchtgrund zurückzu- führen ist, bleibt ihr die Asylberechtigung in Anwendung von Art. 54 AsylG verwehrt. Die Beschwerdeführerin ist daher als Flüchtling vorläufig aufzu- nehmen. Die angefochtene Verfügung ist indes zu bestätigen, soweit sie das Asylgesuch der Beschwerdeführerin abweist. 8.4 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an: es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine auslän- derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei- lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 32 Abs. 1 AsylV1). 8.5 Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerde- führerin aufgrund subjektiver Nachfluchtgründe die Flüchtlingseigenschaft erfüllt. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich demnach als unzulässig. 8.6 Zusammenfassend ist die angefochtene Verfügung zu bestätigen, so- weit sie das Asylgesuch der Beschwerdeführerin abweist und in der Folge die Wegweisung aus der Schweiz anordnet. Sie ist demgegenüber aufzu- heben, soweit sie die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin ver- neint. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens – der als hälftiges Obsiegen und hälftiges Unterliegen einzustufen ist – wären der Beschwerdeführerin re- duzierte Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 VwVG). Da das Gesuch E-3512/2019 Seite 23 um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Verfügung vom 15. Juli 2019 gutgeheissen wurde und nicht von einer Veränderung der fi- nanziellen Verhältnisse auszugehen ist, ist von einer Kostenauflage abzu- sehen. 9.2 Soweit die Beschwerdeführerin obsiegt, hat sie Anspruch auf eine an- gemessene Parteientschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen Kosten, die vom SEM auszurichten ist (Art. 64 Abs. 1 VwVG, Art. 7 Abs. 1 und 4 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent- schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Angesichts des hälftigen Obsiegens ist die Parteient schädigung indessen um die Hälfte zu reduzieren. Soweit die Beschwerdeführerin – ebenfalls hälftig – unterliegt, ist de r mit Verfügung vom 15. Juli 2019 als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzte rubrizierte Rechtsvertreterin ein Honorar zu Lasten der Gerichtskasse auszurichten. Die Rechtsbeiständin reichte am 27. Februar 2020 eine Kostennote ein. Darin werden ein zeitlicher Aufwand von 14 Stunden – à Fr. 200.– bei Ob- siegen und à Fr. 150.– bei Unterliegen – sowie Auslagen von Fr. 51.40 gel- tend gemacht. Der z eitliche Aufwand und die Ansätze scheinen den Ver- fahrensumständen als angemessen. Die von der Vorinstanz auszurich- tende Parteientschädigung ist demnach auf gerundet insgesamt Fr. 1'426.– (inkl. hälftige Auslagen) festzusetzen und das SEM ist anzuwei- sen, der Beschwerdeführerin diesen Betrag zu entrichten. Das Honorar für die unentgeltliche Rechtsbeiständin zu Lasten der Gerichtskasse ist gerun- det indessen auf Fr. 1'076.– (inkl. hälftige Auslagen) festzusetzen (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). (Dispositiv nächste Seite) E-3512/2019 Seite 24 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird, soweit die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft betreffend, gutgeheissen. Im Übrigen wird sie abgewiesen. 2. Die Ziffer 1 des Dispositivs der Verfügung des SEM vom 7. Juni 2019 wird aufgehoben. Das SEM wird angewiesen , die Beschwerdeführerin als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin eine reduzierte Par- teientschädigung von Fr. 1’426.– auszurichten. 5. Der amtlichen Rechtsbeiständin wird ein amtliches Honorar zulasten der Gerichtskasse in der Höhe von Fr. 1’076.– zugesprochen. 6. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Nira Schidlow Versand: