B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV/sma D-6655/2012 D-6653/2012 U r t e i l v o m 1 3 . M ä r z 2 0 1 3 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richter Thomas Wespi, Richter Walter Lang, Gerichtsschreiber Alfred Weber. Parteien A._______, geboren (…), B._______, geboren (…), Kolumbien, c/o Schweizerische Botschaft in Bogotá, Kolumbien, Beschwerdeführerinnen, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asylgesuche aus dem Ausland und Einreisebewilligungen; Verfügungen des BFM vom 1. November 2012 / N (…) und N (…). D-6655/2012 D-6653/2012 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerinnen (D-6655/2012, Mutter; D-6653/2012, Tochter) – kolumbianische Staatsangehörige mit aktuellem Wohnsitz in C._______ – ersuchten mit schriftlichen Eingaben vom 27. September 2011 und 10. Oktober 2011 die Schweizer Vertretung [nachfolgend: Botschaft] in Bogo- tá ( Eingang bei der Botschaft am 2 7. September 2011 und 1 2. Oktober 2011) um Bewilligung der Einreise in die Schweiz und um Gewährung von Asyl. B. Die Beschwerdeführerinnen machten im Wesentlichen geltend, sie seien gemeinsam zusammen mit dem Sohn/Bruder und der Schwiegertoc h- ter/Schwägerin in C._______ wohnhaft gewesen . Die Schwiegertoc h- ter/Schwägerin habe sich für die Förderung der Menschenrechte eing e- setzt und im Auftrag der "Schule für politisches Engagement von Frauen beim Aufbau des Friedens" im Rahmen einer Vereinbarung zwischen der Provinzregierung von D._______ und dem Entwicklungsfond der Verei n- ten Natio nen für Frauen (UNIFEM) sowie dem Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen (UNFPA) in der Provinz D._______ an verschiedenen Wochenenden Workshops geleitet . Aufgrund ihrer Aktivitäten (seit a n- fangs 2010) sei sie von der FARC bedroht worden. Nach zwischenzeitli- cher Einkehr von Ruhe sei sie im November 2010 erneut zu Hause , wo sie gemeinsam mit ihrem Mann und den Beschwerdeführerinnen gewohnt habe, massiv telefonisch bedroht worden. Im Februar 2011 habe der Sohn/Bruder der Beschwerdeführerinnen einen Telefonanruf erhalten und man habe feststellen müssen, dass sich d ie Drohungen gegen die ge- samte Familie gerichtet hätten. Man habe seit diesem Zeitpunkt ständig Telefonanrufe auf dem Festnetz bekommen. Unbekannte Personen hä t- ten auch mehrmals auf Motorräd ern die Wohnanlage umkreist, so dass sie das Haus nicht hätten verlassen können. Auch hätten diese Personen nach ihnen gefragt. Den letzten Anruf habe der Sohn/Bruder der B e- schwerdeführerinnen im April 2011 erhalten, in dem die Familie zum mili- tärischen Ziel der FARC-EP erklärt worden sei. Von einer Anzeige bei den Behörden hätten sie abgesehen . Einen Wohnortswechsel hätten sie in Betracht gezogen. Die FARC operiere aber nicht nur in ganz Kolumbien , sondern sei in anderen Ländern Latein - und Südamerikas vertreten (u.a. Mexico, Ecuador, Venezuela). D-6655/2012 D-6653/2012 Seite 3 Zusammen mit den schriftlichen Asylgesuchen fanden diverse Beweismit- tel Eingang in die Akten. C. Mit Begleitschreiben vom 18. Oktober 2011 übermittelte die Botschaft die Akten zuständigkeitshalber an das BFM, wobei s ie ergänzend ausführte, eine Befragung der Beschwerdeführerinnen sei aus Kapazitätsgründen nicht möglich gewesen. D. Mit via die Botschaft zugestellte n separaten Zwischenverfügungen vom 17. November 2011 teilte das BFM den Beschwerdeführerinnen mit, es erachte den entscheidrelevanten Sachverhalt namentlich aufgrund der schriftlichen Begründung der Asylgesuche als erstellt, weshalb eine Anhö- rung (recte: Befragung) auf der Botschaft nicht notwendig erscheine. Im Weiteren erwäge das Bundesamt – unter Berücksichtigung der Akten, der zu beachtenden Aspekte und des ihm zukommenden weiten Ermessen s- spielraumes –, die Asylgesuche der Beschwerdeführerinnen abzuweisen und ihnen die Einreise in die Schweiz zu verweigern. Insbesondere e r- achte es die Möglichkeit einer an derweitigen Schutzsuche als gegeben. Gleichzeitig räumte das BFM den Beschwerdeführerinnen die Gelege n- heit ein, sich hierzu innert 30 Tagen ab Erhalt der Zwischenverfügung en zu äussern, ansonsten aufgrund der bestehenden Aktenlage entschieden werde. E. Die Botschaft übermittelte dem Bundesamt mit Schreiben vom 5. Januar 2012 die bei ihr am 19. Dezember 2011 eingegangenen Stellungnahmen der Beschwerdeführerinnen vom 13. Dezember 2011. Auf die mit diversen Unterlagen in Fotokopie eingereichten Stellungnahmen wi rd, soweit en t- scheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen. F. Mit durch die Botschaft an d ie Beschwerdeführerinnen versandten und ihnen am 1 4. Dezember 2012 zugegangenen separaten Verfügungen vom 1. November 2012 verweigerte ihnen das BFM die Einreise in die Schweiz und lehnte d ie Asylgesuche ab. Zur Begründung führte es hauptsächlich an, dass der kolumbianische Staat grundsätzlich über eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur, insbesondere über e i- nen funktionierenden Polizeiapparat sowie ü ber ein Rechts - und Justiz- system, verfüge. Auch könne die Schutzwilligkeit des Staates als geg e-D-6655/2012 D-6653/2012 Seite 4 ben erachtet werden, da er die Aktivitäten der Guerilla im Rahmen des Möglichen bekämpfe. Bei den Beschwerdeführerinnen und ihrer Familie handle es sich nicht um landesweit bekannte Pers onen. Es sei deshalb nicht davon auszugehen, dass sie von ihren Verfolgern an einem belieb i- gen Ort ausfindig gemacht werden könnten. Es sei nicht von einer akuten Gefährdung der Beschwerdeführerinnen auszugehen und es sei ihnen zuzumuten, sich in eine andere Region Kolumbiens zu begeben, wo die FARC nicht so stark vertreten sei. Demnach bestehe die Möglichkeit der Inanspruchnahme eines innerstaatlichen Wohnsitzwechsels, um sich vor den Verfolgern zu schützen. Aus diesem Grund könne nicht von einer unmittelbaren Gefährdung im Sinne des Asylgesetzes ausgegangen wer- den, weshalb die Beschwerdeführerinnen auch nicht des Schutzes der Schweizer Behörden bedürf ten. Ferner sei es ihnen möglich und zumu t- bar, gegebenenfalls in einem anderen Lan d als der Schweiz um Schutz nachzusuchen, beispielsweise in einem der Nachbarstaaten Kolumbiens, welche sowohl das Abkommen vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) als auch das entsprechende Zusat z- protokoll vom 31. Juli 1967 ratifiziert hätten; besonders nahe Beziehu n- gen zur Schweiz seien in ihren Asylgesuchen nicht geltend gemacht wor- den. G. Mit am 17. Dezember 2012 bei der Botschaft eingetroffenen und von die- ser an das Bundesverwaltungsgericht weitergeleitete n spanischsprachi- gen Eingaben vom 14. Dezember 2012, denen eine Übersetzung in Deutsch beilag (Posteingang beim Bundesverwaltungsgericht am 24. De- zember 2012) erhoben die Beschwerdeführerinnen gegen die Verfügu n- gen des BFM vom 1. November 2012 Beschwerden. Dabei beantr agten sie sinngemäss die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügungen und die Gewährung von Asyl beziehungsweise die Bewilligung der Einreise in die Schweiz. Auf die Begründung der Beschwerden wird, soweit entschei d- wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört zu den B e-D-6655/2012 D-6653/2012 Seite 5 hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesve r- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht is t daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entsche i- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig , ausser bei Vorliegen eines Au s- lieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 des Asylge setzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Die Frage eines Auslieferung s- gesuches stellt sich vorliegend nicht, weil sich d ie Beschwerdeführerin- neninnen in Kolumbien aufhalten, und demnach das Bundesverwaltungs- gericht endgültig entscheidet. 1.2 Aufgrund des engen persönlichen und sachlichen Zusammenhangs ist das Beschwerdeverfahren der Mutter (D -6655/2012) mit demjenigen der Tochter (D-6653/2012) zu vereinigen. Über beide B eschwerden ist in einem Urteil zu befinden. 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Die bei der Vorinstanz eingereichten Unterlagen sind nicht in einer Amtssprache des Bundes abgefasst (vgl. Art. 70 Abs. 1 der Bundesve r- fassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 [BV, SR 101]). Den Beschwerdeschriften hingegen wurde eine Übersetzung in deutscher Sprache beigelegt. Das Bun desverwaltungsgericht hat aus prozessökonomischen Gründen ohne präjudizielle Wirkung vorliegend im Sinne einer begründeten Ausnahme eine interne Übersetzung der in sp a- nischer Sprache verfassten, wesentlichen Vorakten (Hinweise auf Vorbe- halte gegenüber einer Ausreise in Dritt - beziehungsweise Nachbarländer Kolumbiens und auf Beziehungen de r Beschwerdeführerinnen zur Schweiz) vorgenommen. Der vorliegende Entscheid ergeht in deutscher Sprache (vgl. Art. 33a Abs. 2 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG). 1.5 Die Beschwerde n sind frist- und formgerecht eingereicht. D ie Be- schwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgeno m- men, sind durch die angefochtene n Verfügungen besonders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung en beziehungs- weise Änderungen. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerden legi-D-6655/2012 D-6653/2012 Seite 6 timiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerden ist einzutreten. 1.6 Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der Regel in der Besetzung mit drei Richter n oder Richterinnen (vgl. Art. 21 Abs. 1 VGG). Das Bundesverwaltungsgericht kann auch in solchen Fällen auf die Durchführung des Schriftenwechsels verzichten ( Art. 111a Abs. 1 AsylG). 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1 Mit der dringlichen Änderung de s Asylgesetzes vom 28. September 2012 (AS 2012 5359), welche am 29. September 2012 in Kraft trat, wu r- den unter anderem die Bestimmungen betreffend die Stellung von Asy l- gesuchen aus dem Ausland aufgehoben. Die Übergangsregelungen ha l- ten jedoch fest, dass fü r die im Ausland vor dem Inkrafttreten der Änd e- rung vom 28. September 2012 gestellten Gesuche die massgeblichen Ar- tikel (Art. 12, 19, 20, 41 Abs. 2, 52 und 68 AsylG) in der bisherigen Fa s- sung anwendbar sind. Demnach sind auf den vorliegenden Fall die bishe- rigen Bestimmungen betreffend das Auslandverfahren anzuwenden. 3.2 Gemäss Art. 19 AsylG kann ein Asylgesuch im Ausland bei einer schweizerischen Vertretung gestellt werden, die es mit einem Bericht an das Bundesamt überweist (Art. 20 Abs. 1 AsylG). Hinsichtlich des Verfah- rens bei der schweizerischen Vertretung im Aus land sieht Art. 10 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen (AsylV 1, SR 142.311) vor, dass diese mit der asylsuchenden Person in der Regel eine Befragung durchführt (Art. 10 Abs. 1 AsylV 1). Ist dies nicht möglich, so wird die asylsuchende Person aufgefordert, ihre Asylgründe schriftlich festzuhalten (Art. 10 Abs. 2 AsylV 1). Allerdings kann sich eine Befragung beziehungsweise eine schriftliche Sachverhaltsabklärung erübrigen, wenn der Sachverhalt bereits aufgrund des eingereichten Asylgesuchs als entscheidreif erstellt erscheint; der asylsuchenden Person ist aber diesfalls im Sinne des rechtlichen Gehörs die Gelegenheit zu geben, sich zu einem abzusehenden negativen Entscheid z umindest schriftlich zu äussern (vgl. BVGE 2007/30 E. 5.7). Sodann ist das Bundesamt in jedem D-6655/2012 D-6653/2012 Seite 7 Fall gehalten, den Verzicht auf eine Befragung in der anfechtbaren Verf ü- gung zu begründen (BVGE a.a.O. E. 5.6 sowie 5.7). 3.3 Die Beschwerdeführerinnen wurden von der Vertretung in Bogotá nicht mündlich befragt. Sie legten ihre Vorbringen in den Asylgesuchen vom 27. September 2011 und in de n folgenden Eingaben vom 10. Okto- ber 2011 schriftlich dar und dokumentiert en sie unter Beifügung zahlre i- cher Beweismittel. Ausserdem wurde ihnen mit Zwischenverfügungen des BFM vom 17. November 2011 das rechtliche Gehör im Hinblick auf die in Erwägung gezogenen Abweisungen der Gesuche gewährt. Davon mach- ten die Beschwerdeführerinnen mit Eingaben vom 13. Dezember 2011 Gebrauch. Der Verzicht auf eine Befragung wurde in de n angefochtenen Verfügungen begründet, weshalb diesbezüglich das Vorgehen des BFM nicht zu beanstanden ist. 3.4 Nach Prüfung der Akten fällt auf, dass s ämtliche Eingaben und D o- kumente der Beschwerdeführerinnen im vor instanzlichen Verfahren in spanischer Sprache vorliegen. Weder forderte die Vorinstanz die Be- schwerdeführerinnen unter Hinweis auf ihre Mitwirkungspflicht auf, für Übersetzungen der Unterlagen besorgt zu sein, noch kümmerte sie sich selbst für die Übersetzung der Unterlagen – und seien es nur deren w e- sentlichen Passagen – nicht einmal in einer zusammenfassenden Kur z- version; für jemanden, der des Spanischen nicht mächtig ist, ist es u n- möglich, sich ein Bild der Akten zu ve rschaffen. Damit wäre für das G e- richt eine sachgerechte Beurteilung des Sachverhaltes und der angefoch- tenen Verfügungen eigentlich nicht möglich. Aufgrund der einlässlichen ausschliesslich spanischen Ausführungen der Beschwerdeführerinnen in ihren schriftlichen Asylgesuchen und de n weiteren Eingabe n sowie der zahlreich eingereichten Beweismittel könnte der Sachverhalt – wie das BFM in den angefochtenen Verfügungen ausführt – als erstellt betrachtet werden. Indessen lässt sich in keiner Art nachvollziehen, aufgrund we l- cher Überlegungen das BFM in diese n ausschliesslich spanischsprachi- gen Gesuchen seine Meinung bilden konnte beziehungsweise die mate- riellen Entscheide ergehen konnten. 3.4.1 Die Vorinstanz begründet in materieller Hinsicht ihre abweisende n Verfügungen unter anderem damit, dass die Ausführungen der Be- schwerdeführerinnen zur geltend gemachten Bedrohung durch Angehöri- ge der FARC -EP (Handlungen Dritter) nicht relevant im Sinne des Asy l- gesetzes seien und sie dementsprechend nicht des Schutzes der Schweizer Behörden bedürften, da ihnen die Inanspruchnahme einer i n-D-6655/2012 D-6653/2012 Seite 8 nerstaatlichen Fluchtalternative (Wohnsitzwechsel) zumutbar sei . Das Gericht teilt diese Einschätzung indessen nicht. Die Beschwerdeführerin- nen zeigten die Schwierigkeiten der Inanspruchnahme einer i nnerstaatli- chen Fluchtalternative oder des Umzugs in ein anderes Land in ihren Stellungnahmen nachvollziehbar auf (u.a. operiere die FARC in ganz K o- lumbien und sei auch in anderen Ländern Latein - und Südamerikas ve r- treten). Ebenso erfährt der Umstand, dass sie sich nicht an die Behörden gewandt haben, um Schutz zu erhalten, letztlich eine verständliche Be- gründung. So soll gemäss dem Sohn/Bruder der Beschwerdeführerinnen von Beamten der Staatsanwaltschaft zugetragen worden sein, dass FARC-Mitglieder sowohl b ei der Staatsanwaltschaft als auch in anderen staatlichen Einrichtungen eingeschleust worden seien. Es ist daher ve r- ständlich, dass die – mit Ausnahme der Mutter – ihre Berufe aufgrund der Ausbildung in nicht unsensiblen Staatsdienstbereichen ausübenden F a- milienmitglieder von einer Anzeigeerstattung abgesehen haben. Die Fest- stellung des BFM, wonach die zuletzt in E._______ im Departement F._______ wohnhaft gewesen en Beschwerdeführerinnen aus Siche r- heitsgründen nach C._______ umgezogen seien (Sachverhalt), erweist sich zudem als unzutreffend. Die diesbezüglich in der Beschwerde zu Recht erhobene Rüge ergibt sich zweifelsfrei aus den von den B e- schwerdeführerinnen bei der Vorinstanz eingereichten, nicht übersetzten Unterlagen. Insgesamt betrifft dieser Umstan d aber ein Sachverhaltsel e- ment von untergeordneter Bedeutung, welches keinen Einfluss auf das vorliegende Urteil auszuüben vermag. 3.4.2 Für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist ferner nach der aktuell vorhandenen Furcht zu fragen und dabei zu prüfen, ob die Furcht vor einer absehbaren Verfolgung besteht und begründet ist. Eine Verfol- gung beziehungsweise eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung auf dem ganzen Gebiet Kolumbiens muss grundsätzlich im Zeitpunkt des Asylentscheids aktuell sein. Aus dem verfassungsmässigen Anspruch auf das rechtliche Gehör (vgl. Art. 29 Abs. 2 BV) ergibt sich zwar noch keine Pflicht der Behörden, zu allen im Verfahren vorgetragenen Elementen ausführlich Stellung zu nehmen; die Behörden dürfen sich bei der B e- gründung au f die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte b e- schränken. Der Untersuchungsgrundsatz betrifft die richtige und vollstä n- dige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes der Streitsache. Er fordert aber dort eine eingehende Amtsermittlung, wo es sachverhalts- gerecht erscheint. Die urteilende Instanz soll somit in eigener Verantwo r- tung beweismässig die tatsächlichen Geschehnisse und Gegebenheiten (Urteilsgrundlagen) ermitteln, aus denen sich die Rechtsfolgen ergeben D-6655/2012 D-6653/2012 Seite 9 (vgl. dazu FRITZ GYGI, Bundesverw altungsrechtspflege, 2. Aufl., Bern 1983, S. 206). 3.5 3.5.1 Die Verletzung der Feststellung des richtigen rechtserheblichen Sachverhaltes respektive die daraus resultierende Verletzung des An- spruch auf rechtliches Gehör hat ihren Grund darin, dass die von den Be- schwerdeführerinnen im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten Unter- lagen nicht in eine Amtssprache übersetzt wurde n, und folglich auf einer unsorgfältigen Verfahrensführung beruht. 3.5.2 Es stellt sich die Frage, ob die festgestellte Verletzung geheilt we r- den kann oder ob die angefochtenen Verfügungen kassiert werden mü s- sen. Das BFM ist aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen gehalten, das rechtliche Gehör zu gewähren. Die Aufhebung einer Verfügung des Bun- desamtes, welche ohne Einhaltung dieser Verfahrensvorschrift zustande gekommen ist, erscheint dennoch nicht in jedem Fall zwingend (zur Pra- xis des Bundesverwaltungsgerichts betreffend die Frage der Heilung von Verfahrensmängeln siehe BVGE 2007/30 E. 8.2 und im gleichen Sinne auch BVGE 2007/27 E. 10.1, wobei gemä ss letzterem Entscheid eine Heilung die Ausnahme bleiben soll), sofern aufgrund der Akten davon ausgegangen werden kann, dass der asylsuchenden Person in materie l- ler Hinsicht kein Nachteil erwachsen ist. Diese Voraussetzung ist geg e- ben, wenn der entscheidw esentliche Sachverhalt aufgrund der schriftli- chen Begründung des Asylgesuches und allfälliger Beweismittel als hin- reichend erstellt zu erachten ist und der asylsuchenden Person zumin- dest auf Beschwerdeebene die Möglichkeit offenstand, sich nochmals einlässlich zu ihren Asylgründen zu äussern. Zudem sind in den Fällen von Art. 30 Abs. 2 VwVG weitere Ausnahmen denkbar, namentlich wenn beispielsweise Gefahr im Verzug ist (Art. 30 Abs. 2 Bst. e VwVG). 3.5.3 Das BFM gab den Beschwerdeführerinnen die Gelegenheit, sich zum absehbaren negativen Entscheid zu äussern. Gleichzeitig geht aus den angefochtenen Verfügungen hervor, dass die Vorinstanz darauf hi n- wies, dass die zu den Akten gereichten Dokumente am Ausgang des Ver- fahrens nichts zu ändern vermöchten (s. dort Abschnitt II, Ziff. 3). Auf- grund der Art und des Inhalts der Beweismittel sowie des Umstandes, dass von den Beschwerdeführerinnen in diesem Zusammenhang keine weitergehenden Ausführungen in der Rechtsmitteleingabe gemacht wu r- den, sind die vom BFM in der Tat pauschal gezogenen Schlussfolgerun- gen schliesslich nicht zu beanstanden. Sodann konnten die Beschwerde-D-6655/2012 D-6653/2012 Seite 10 führerinnen zu ihren Beziehungen zur Schweiz und in Bezug auf allfällige Vorbehalte gegen einen Wegzug in eine andere Provinz Kolumbiens r e- spektive in eines der Nachbarländer mehrmals und ausreichend Stellung nehmen. Der rechtserhebliche wesentliche Sachverhalt erscheint , n a- mentlich auch aufgrund der auf Beschwerdestufe eingeholten Überse t- zungen (vgl. E. 1.4 hiervor) , somit als erstellt. Die mehrfachen Gelegen- heiten, ihre Argumente ausführlich darzulegen, nahmen die Beschwerde- führerinnen zuletzt in ihren inhaltlich identischen und grundsätzlich einen unveränderten Sachverhalt beschlagenden Beschwerdeschriften wahr. Bei dieser Sachlage besteht kein Anlass z u weitergehenden Sachver- haltsabklärungen. Es ist davon auszugehen, dass selbst nach Kassation der angefochtenen Verfügung en und der Durchführung eines Schrifte n- wechsels der bereits bekannte oder ein kaum veränderter Sachverhalt zur Neubeurteilung durch die Vorinstanz anstehen würde. Demnach ist nicht erkennbar, dass den Beschwerdeführerinnen durch einen materiel- len Entscheid im jetzigen Zeitpunkt ein Nachteil erwachsen würde. 3.5.4 Aufgrund der aktuellen Aktenlage besteht für die Beschwerdeführe- rinnen somit bloss in formelle m Sinne Aussicht auf Erfolg; in materieller Hinsicht sind ihre Begehren hingegen als aussichtslos zu qualifizieren. Es rechtfertigt sich daher, ihre Gesuche auf der Grundlage des bekannten Sachverhalts materiell endgültig zu beurteilen. Mi t diesem Vorgehen wird auch bezweckt, dass die Beschwerdeführerinnen an ihrem Wohnort we- gen der hängigen Verfahren in der Schweiz nicht unnötig lange Zeit mög- licherweise grösseren Gefahren und Risiken ausgesetzt sind (Art. 30 Abs. 2 Bst. e VwVG). Das Bunde sverwaltungsgericht, das in Sachverhalts - und Rechtsfragen volle Kognition hat, kommt vorliegend zum Schluss, dass die Interessen der Beschwerdeführerinnen an einem schnellen m a- teriellen Entscheid wegen der nicht zu unterschätzenden Gefährdungsl a- ge höher zu gewichten sind als ihre Interessen an der Abwicklung eines in formeller Hinsicht völlig fehlerfreien erstinstanzlichen Verfahrens (Ka s- sation der angefochtenen Verfügung en, Rückversetzung in das ersti n- stanzliche Verfahren, Behebung de s formellen Mangels durch die Vori n- stanz, ungewisses Datum der neuen Entscheide durch die Vorinstanz). Zudem wären, wie vorstehend schon erwähnt, wohl (neue) erstinstanzl i- che Verfahren zu erwarten, d ie wegen unveränderter materieller Sachl a- ge mit grösster Wahrscheinlichkeit wiederum zur Verweigerung der Ei n- reise in die Schweiz und zur Abweisung de r Asylgesuche führen würden. Im Sinne einer aufgrund des vorliegenden Sachverhalts begründeten Ausnahme ist daher – ohne präjudizielle Wirkung – in materieller Hinsicht D-6655/2012 D-6653/2012 Seite 11 zu prüfen, ob das BFM den Beschwerdeführerinnen zu Recht die Einreise in die Schweiz verwehrte und ihre Asylgesuche abwies. 4. 4.1 Das Bundesamt kann ein im Ausland gestelltes Asylgesuch ablehnen, wenn die asylsuchenden Personen keine Verfolgung glaubhaft machen können oder ihnen die Aufnahme in einem Drittstaat zugemutet werden kann (vgl. Art. 3, Art. 7 und Art. 52 Abs. 2 AsylG). Gemäss Art. 20 Abs. 2 AsylG bewilligt das BFM Asylsuchenden die Einreise zur Abklärung des Sachverhaltes, wenn ihnen nicht zugemutet werden kann, i m Wohnsitz- oder Aufenthaltsstaat zu bleiben oder in ein anderes Land auszureisen. 4.2 Bei diesem Entscheid gelten restriktive Voraussetzungen für die Ertei- lung einer Einreisebewilligung, wobei den Behörden ein weiter Erme s- sensspielraum zukommt. Neben der erfo rderlichen Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG sind namentlich die Beziehungsnähe zur Schweiz, die Möglichkeit der Schutzgewährung durch einen anderen Staat, die Bezi e- hungsnähe zu anderen Staaten, die praktische Möglichkeit und objektive Zumutbarkeit zur anderweitigen Schutzsuche sowie die voraussichtlichen Eingliederungs- und Assimilationsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen (vgl. BVGE 2011/10 E.3.3 m.w.H). 4.3 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt zu nächst zum Schluss, dass grundsätzlich nicht davon ausgegangen werden kann, der kolumbian i- sche Staat verfüge über eine funktionierende und effiziente Schutzinfr a- struktur, insbesondere über einen funktionierenden Polizeiapparat sowie über ein Rechts- und Justizsystem (vgl. Bericht des Human Rights Cou n- cil vom 12. September 2011 "[…] those who take up leadership roles in the search of justice are frequently targeted by the guerillas, neo - paramilitaries and state actors. Unfortunately, those responsible for these violations are rarely brought to justice perpet uating a culture of impunity […]". Aufgrund d er von den Beschwerdeführerinnen geltend gemachten Bedrohung durch Angehörige der FARC -EP kann nicht leichthin davon ausgegangen werden, sie könnten sich in einer anderen Region innerhalb Kolumbiens möglichen Üb ergriffen dieser Personen entziehen. Dennoch kann die Einschätzung der Vorinstanz bezüglich der akuten, unmittelb a- ren Gefahr, der d ie Beschwerdeführerinnen in Kolumbien ausgesetzt sind, geteilt werden. Aufgrund der Akten besteht nämlich kein Anlass zur Annahme, es handle sich bei ih nen um bekannte Persönlichkeit en, wel- che aufgrund einer exponierten Stellung gegebenenfalls auch über die Landesgrenzen hinaus mit Nachstellungen zu rechnen hätten. D-6655/2012 D-6653/2012 Seite 12 4.4 Die Vorinstanz stellte ferner zutreffend fest, d ie Beschwerdeführerin- nen hätten in ihren Gesuchen keine besonders nahen Beziehungen zur Schweiz geltend gemacht . Dieser Sachverhaltsumstand ist denn auch unbestritten. Im Weiteren erwog das BFM zu Recht, dass es de n Be- schwerdeführerinnen bei dieser Sachlage nach konst anter Rechtspr e- chung zuzumuten sei, in einem anderen, Kolumbien geografisch, kulturell und sprachlich näher liegenden südamerikanischen Land um Asylge wäh- rung nachzusuchen (Art. 52 Abs. 2 AsylG). So sind beispielsweise die Nachbarstaaten Brasilien, Ecuador, Panama und Peru Vertragsparteien sowohl der FK als auch des betreffenden Zusatzprotokolls vom 31. Januar 1967; Venezuela wiederum hat zwar das Abkommen selbst nicht ratifiziert, wohl aber das Protokoll. Diese Länder verfügen mit Au s- nahme Venezuelas über ein eigenes, gesetzlich geregeltes Verfahren zur Anerkennung von Flüchtlingen. Zudem halten sie sich gemäss den E r- kenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts grundsätzlich an das Gebot des Non -Refoulements von Art. 33 FK, auch wenn als Einschränkung festgestellt werden muss, dass es in den Grenzgebieten – insbesondere in denjenigen zu Panama und Venezuela – in den letzten Jahren zu u n- kontrollierten Rückschiebungen durch die Grenzbehörden gekommen ist. Für die praktische Möglichkeit und die Zumutbarkeit der and erweitigen Schutzsuche spricht im Weiteren die Möglichkeit der visumsfreien Einre i- se nach Brasilien, Ecuador und Peru sowie der Umstand, dass jährlich mehrere tausend kolumbianische Staatsangehörige in den Nachbarlä n- dern – namentlich in Ecuador – um Asyl nachsuchen und dort zu einem beträchtlichen Teil auch tatsächlich als Flüchtlinge anerkannt werden. Insgesamt ergeben sich keine Anhaltspunkte, die darauf schliessen lie s- sen, es sei den Beschwerdeführerinnen praktisch unmöglich oder objektiv unzumutbar, sic h in einen anderen Staat – insbesondere in einen der Nachbarstaaten Kolumbiens – zu begeben (vgl. EMARK 2004 Nr. 20 und 1997 Nr. 15). 4.5 Bei dieser Sachlage kann letztlich offen bleiben, ob d ie Beschwer- deführerinnen in Kolumbien tatsächlich einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt sind oder sich allenfalls den geltend gemachten Drohungen seitens der Verfolger durch eine innerstaatliche Wohnsitzve r- legung dauerhaft entziehen könnten. 4.6 Nach dem Gesagten ist zusammenfassend festzuhalten, dass d ie Beschwerdeführerinnen aufgrund der Akten über keine konkrete Bezi e- hungsnähe zur Schweiz verfüg en, hingegen die Möglichkeit der ande r- weitigen Schutzsuche haben. Unter diesen Umständen hat die Vorinstanz D-6655/2012 D-6653/2012 Seite 13 gestützt auf das Subsidiaritätsprinzip den Beschwerdeführerinnen zu Recht die Erteilung einer Einreisebewilligung verweigert und d ie Asylge- suche abgewiesen. 5. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene n Verfügun- gen bezüglich der unrichtigen Feststellung des rechterheblichen Sac h- verhalts respektive der daraus resultierenden Verletzung des rechtlichen Gehörs Bundesrecht zwar verletz en. Das Bundesverwaltungsgericht kommt aber zum Schluss, dass vorliegend aufgrund der speziellen Situ a- tion schnelle materielle Entscheid e höher zu gewic hten sind als (sich zwangsläufig über eine gewisse Zeit hinz iehende) Kassationsverfahren. Der rechtserhebliche Sachverhalt ste ht korrekt und vollständig fest und die angefochtenen Verfügungen erweisen sich im Ergebnis damit als an- gemessen (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerden sind nach dem Ge- sagten abzuweisen. 6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich de n Beschwerdeführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Aus verwaltungsökonomischen Gründen sowie in Anwendung von Art. 63 Abs. 1 in fine VwVG und Art. 2 und 6 Bst. b des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bu n- desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) ist vorliegend jedoch auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite) D-6655/2012 D-6653/2012 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerden werden abgewiesen. 2. Den Beschwerdeführerinnen werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerinnenin, das BFM und die z u- ständige schweizerische Vertretung. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Contessina Theis Alfred Weber Versand: