<!DOCTYPE html> <html> <head> <meta charset="utf-8"/><meta content="Weblaw AG Bern - https://weblaw.ch " name="publisher"/> <meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="Content-Type"/> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="last-modified"> <meta content="Die, 01 Okt 2019 10:37:43 CEST" http-equiv="date"> <meta content="AGVE 2018 - Band 28" name="description"/> <title>AGVE 2018 - Band 28</title> </meta></meta></head> <body> <!-- AGVE_PAGE_NR 1 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Personalrecht</span> <span class="page_no">283</span> </div> <div class="page" id="S283"> <span class="text"><b>IX. Personalrecht </b></span><br/> <span class="text"></span><br/> <span class="text"><b>28 </b> <b>Delegation der Kündigungsbefugnis vom Gemeinderat an den</b></span><br/> <span class="text">Gemeindeammann. Erfordernis einer generell-abstrakten Regelung oder</span><br/> <span class="text">einer besonderen Dringlichkeit, die eine solche Delegation erlauben</span><br/> <span class="text">(Verdeutlichung der Praxis) </span><br/> <span class="text">Aus dem Entscheid des Verwaltungsgerichts, 1. Kammer, vom 26. April</span><br/> <span class="text">2018, in Sachen A. gegen Einwohnergemeinde B. (WKL.2017.9).</span><br/> <span class="text"><i>Aus den Erwägungen </i></span><br/> <span class="text">II.</span><br/> <span class="text">1.</span><br/> <span class="text">1.1.</span><br/> <span class="text">1.1.1.</span><br/> <span class="text">Der Kläger rügt in verfahrensrechtlicher Hinsicht die Ver-</span><br/> <span class="text">letzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör, insbesondere den An-</span><br/> <span class="text">spruch auf vorgängige Anhörung. Der Kläger sei betreffend die</span><br/> <span class="text">Kündigung zu keiner Zeit angehört worden und der Kläger habe erst</span><br/> <span class="text">an der Sitzung vom 3. April 2017 von der Auflösung des Arbeitsver-</span><br/> <span class="text">hältnisses erfahren. Die Kündigung sei in diesem Zeitpunkt bereits</span><br/> <span class="text">beschlossene Sache gewesen.</span><br/> <span class="text">1.1.2.</span><br/> <span class="text">Die Beklagte bringt vor, der Gemeinderat habe mit Beschluss</span><br/> <span class="text">vom 23. März 2017 entschieden, dass man eine Kündigung des Ar-</span><br/> <span class="text">beitsverhältnisses in Erwägung zöge und der Kläger deshalb anzuhö-</span><br/> <span class="text">ren sei. Im Sinne eines vorbehaltenen Entschlusses habe der Gemein-</span><br/> <span class="text">derat festgehalten, dass der Gemeindeammann ermächtigt und beauf-</span><br/> <span class="text">tragt sei, das Arbeitsverhältnis zu kündigen, sofern sich aus der Stel-</span><br/> <span class="text">lungnahme des Arbeitnehmers keine neuen Erkenntnisse ergeben</span><br/> <span class="text">sollten. Entsprechend sei dem Kläger an der Sitzung vom 3. April</span><br/> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 2 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">284</span> </div> <div class="page" id="S284"> <div role="main"> <span class="text">2017 eröffnet worden, der Gemeinderat ziehe eine Kündigung des</span><br/> <span class="text">Arbeitsverhältnisses per Ende Juli 2017 in Erwägung. In der Folge</span><br/> <span class="text">habe der Gemeindeammann die Gründe für diese Vorgehensvariante</span><br/> <span class="text">ausgeführt und dem Kläger Gelegenheit gegeben, sich zum geplanten</span><br/> <span class="text">Vorgehen, zu den erhobenen Vorwürfen und zum Sachverhalt insge-</span><br/> <span class="text">samt zu äussern, wovon dieser jedoch keinen Gebrauch gemacht</span><br/> <span class="text">habe. Der Kläger habe lediglich verlauten lassen, er nehme davon</span><br/> <span class="text">Kenntnis, gebe aber nichts zu Protokoll. Da sich der Kläger weder in</span><br/> <span class="text">der Sache noch zum weiteren Vorgehen habe äussern wollen und</span><br/> <span class="text">auch nicht um Überlegungszeit ersucht habe, sei das vorbereitete</span><br/> <span class="text">Schreiben ausgehändigt und die Kündigung auf 31. Juli 2017 ausge-</span><br/> <span class="text">sprochen worden. Es habe im Zeitpunkt des Gespräches keineswegs</span><br/> <span class="text">schon festgestanden, dass der Kläger entlassen werden sollte. Viel-</span><br/> <span class="text">mehr habe man ihm die Möglichkeit zur Stellungnahme gewähren</span><br/> <span class="text">wollen. Erst dann sollte - je nach Inhalt der Stellungnahme -</span><br/> <span class="text">definitiv entschieden werden. Da es sich bei der Kündigung um eine</span><br/> <span class="text">empfangsbedürftige Willensäusserung handle, sei ohnehin nur rele-</span><br/> <span class="text">vant, wann die Kündigung dem Betroffenen zugehe und nicht, wann</span><br/> <span class="text">sie geschrieben wurde.</span><br/> <span class="text">1.1.3.</span><br/> <span class="text">(Ausführungen zu den Anforderungen an die Gewährung des</span><br/> <span class="text">Rechts auf vorgängige Anhörung)</span><br/> <span class="text">1.1.4.</span><br/> <span class="text">Damit ein faires Verfahren gewährleistet bleibt, muss der</span><br/> <span class="text">Arbeitnehmer praxisgemäss in die Lage versetzt werden, sich fun-</span><br/> <span class="text">diert und wirksam zu den vorgesehenen Massnahmen zu äussern</span><br/> <span class="text">(AGVE 2011, S. 395). (...) Den Ausführungen der Parteien und den</span><br/> <span class="text">eingereichten Beilagen können keine Hinweise dafür entnommen</span><br/> <span class="text">werden, dass der Kläger vor dem Gespräch vom 3. April 2017 darum</span><br/> <span class="text">wusste, dass die Kündigung ausgesprochen werden sollte. (...) Zu-</span><br/> <span class="text">mal der Kläger keine Kenntnis vom anstehenden Gespräch und des-</span><br/> <span class="text">sen Teilnehmer hatte, kann dem Kläger auch nicht vorgehalten wer-</span><br/> <span class="text">den, er hätte die Stossrichtung der ihm drohenden Massnahme ken-</span><br/> <span class="text">nen müssen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 10. November 2009</span><br/> <span class="text">[8C_158/2009], Erw. 5.2). Folglich sah sich der Kläger unvermittelt</span><br/> <span class="text">mit der Rechtsfolge der Entlassung konfrontiert, womit er seinen An-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 3 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Personalrecht</span> <span class="page_no">285</span> </div> <div class="page" id="S285"> <div role="main"> <span class="text">spruch auf Gewährung des rechtlichen Gehörs nicht wirksam wahr-</span><br/> <span class="text">nehmen konnte. Vor dem Hintergrund, dass die Konfrontation mit</span><br/> <span class="text">verschiedenen Vorwürfen zu seiner Arbeitsleistung und der damit in</span><br/> <span class="text">Aussicht gestellten Kündigung mündlich und unangekündigt erfolgt</span><br/> <span class="text">ist, scheint nachvollziehbar, dass der Kläger nicht von selbst um eine</span><br/> <span class="text">Äusserungsfrist gebeten hat, bedarf es doch insbesondere bei münd-</span><br/> <span class="text">licher Gewährung des rechtlichen Gehörs besonderer Rücksicht-</span><br/> <span class="text">nahme seitens der Anstellungsbehörde. Auch im Umstand, dass der</span><br/> <span class="text">Kläger nach Aussprache der Kündigung nicht noch versucht hat,</span><br/> <span class="text">seine Sichtweise darzulegen, kann kein Verzicht auf sein</span><br/> <span class="text">Äusserungsrecht erblickt werden, zumal der Kläger keinerlei Anlass</span><br/> <span class="text">zur Annahme hatte, dass allfällige Äusserungen seinerseits noch et-</span><br/> <span class="text">was an der in diesem Zeitpunkt bereits ausgesprochenen Kündigung</span><br/> <span class="text">hätten ändern können.</span><br/> <span class="text">Was die Delegation der Anhörung zur Gewährung des recht-</span><br/> <span class="text">lichen Gehörs sowie der Kündigung vom Gemeinderat an den</span><br/> <span class="text">Gemeindeammann anbelangt, ist in Verdeutlichung der bisherigen</span><br/> <span class="text">Rechtsprechung festzuhalten, dass die Delegation von Entscheidbe-</span><br/> <span class="text">fugnissen vom Gemeinderat an eines seiner Mitglieder nur in gene-</span><br/> <span class="text">rell-abstrakter Form zulässig ist (§ 39 Abs. 1 und 3 GG) und der Ge-</span><br/> <span class="text">meindeamman darüber hinaus nur in dringlichen Fällen die Kompe-</span><br/> <span class="text">tenz besitzt, die im Einzelfall erforderlichen Anordnungen selbstän-</span><br/> <span class="text">dig zu erlassen (§ 45 Abs. 2 lit. d GG sowie Art. 39 Abs. 5 der Ge-</span><br/> <span class="text">meindeordnung [der Einwohnergemeinde B.]). Die Garantie des</span><br/> <span class="text">rechtlichen Gehörs erfordert, dass die zuständige Behörde erst nach</span><br/> <span class="text">Kenntnisnahme der gesamten entscheidrelevanten Sachlage und mit-</span><br/> <span class="text">hin nach Anhörung des Betroffenen zu einer Entscheidung gelangen</span><br/> <span class="text">darf (Urteil des Bundesgerichts vom 2. September 2009</span><br/> <span class="text">[8C_158/2009], in BGE 136 I 39 nicht publizierte Erw. 6.5). Dies ist</span><br/> <span class="text">beim von der Beklagten gewählten Vorgehen grundsätzlich nicht ge-</span><br/> <span class="text">währleistet. Ob die Vorbringen eines Arbeitnehmers relevant sind,</span><br/> <span class="text">den vorbehaltenen Kündigungsentschluss des Gemeinderats in einem</span><br/> <span class="text">neuen Licht erscheinen zu lassen, ist vom Gemeinderat als für die</span><br/> <span class="text">Kündigung zuständiges Kollegialorgan zu entscheiden. Anders</span><br/> <span class="text">könnte es sich möglicherweise in Fällen verhalten, in denen die be-</span><br/> <span class="text">troffene Person anlässlich der Anhörung durch den Gemeindeam-</span><br/> </div> </div> <!-- AGVE_PAGE_NR 4 --> <div class="header"> <span class="year">2018</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">286</span> </div> <div class="page" id="S286"> <div role="main"> <span class="text">mann auf eine Äusserung explizit verzichtet, sich mithin von vorn-</span><br/> <span class="text">herein keinerlei neue Erkenntnisse hinsichtlich der entscheidrele-</span><br/> <span class="text">vanten Sachlage ergeben. Dies würde jedoch voraussetzen, dass die</span><br/> <span class="text">betroffene Person vorgängig in die Lage versetzt wird, sich anläss-</span><br/> <span class="text">lich der Anhörung fundiert und wirksam zu der drohenden Kündi-</span><br/> <span class="text">gung zu äussern, um ihren Anspruch auf rechtliches Gehörs wirksam</span><br/> <span class="text">wahrnehmen zu können. Zumal dem Kläger dies, wie vorstehend</span><br/> <span class="text">ausgeführt, nicht möglich war, da er nicht frühzeitig über den Gegen-</span><br/> <span class="text">stand des Gesprächs in Kenntnis gesetzt wurde, kann diese Frage im</span><br/> <span class="text">vorliegenden Fall indes offenbleiben.</span><br/> <span class="text"></span><br/> </div> </div> </body> </html>