B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6929/2017 U r t e i l v o m 3 0 . A u g u s t 2 0 1 9 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richterin Daniela Brüschweiler, Gerichtsschreiberin Aglaja Schinzel. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch Annelies Djellal-Müller, Verein Give a Hand.ch, Sandstrasse 5, 3302 Moosseedorf, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 3. November 2017. D-6929/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer, ein eritreischer Staatsangehöriger tigrinischer Eth- nie, gelangte eigenen Angaben zufolge über den Sudan, Libyen und Italien am 31. Juli 2015 in die Schweiz, wo er g leichentags im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) B._______ um Asyl nachsuchte. Am 12. August 2015 wurde er zu seiner Person, zum Reiseweg sowie summarisch zu den Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]) und am 27. Januar 2017 eingehend angehört. Zur Begründung seines Asylgesuchs machte er im Wesentlichen geltend, er stamme aus C._______, und habe 2012 ein Jahr in Sawa absolviert. In der Folge habe er aufgrund seiner guten Noten am (…) studieren können. Als er eines Tages Ende Juli 2014 unterwegs nach D._______ gewesen sei, wo seine Familie eine Farm bewirtschafte, seien er und zwei Freunde verhaftet worden, da man sie verdächtigt habe, das Land illegal verlassen zu wollen. Seine beiden Freunde hätten keine Passierscheine gehabt, weshalb klar gewesen sei, dass diese im Gefängnis landen würde n. Er habe aber Hoffnung gehabt, nicht festgehalten zu werden, da er über einen Passierschein vom College verfügt habe. Man habe sein Papier jedoch nicht richtig überprüft und er sei – wie die anderen – brutal geschlagen und ins Gefängnis nach E._______ gebracht worden. Er sei während ungefähr fünf Monaten inhaftiert gewesen. In Haft sei er sehr krank geworden, wes- halb er zur Behandlung ins Militärspital nach F._______ gebracht worden sei. Als es ihm nach etwas über einer Woche bessergegangen sei, habe er von dort fliehen können. Da es nach dieser Flucht keine Möglichkeit für ihn gegeben habe, im Land zu bleiben, habe er sich entschlossen, Eritrea zu verlassen. Jemand habe ihn nach seiner Flucht aus dem Spital nach G._______ mitgenommen, wo er jemanden gekannt habe, bei dem er übernachtet habe. Danach sei er für kurze Zeit zu einer Tante nach H._______ gegangen, danach nach I._______ zu einem Freund. Dort sei er ein paar Wochen geblieben und dann mit dem Bus nach K._______ ge- fahren. Von dort sei er zu Fuss über die Grenze nach L._______ gelangt. Vertreter der Behörden seien nach seiner Flucht zu ihm nach Hause ge- kommen und hätten nach ihm gefragt und seine Eltern unter Druck gesetzt. Als sie gemerkt hätten, dass er nicht mehr zurückkomme, hätten die Be- hörden es aufgegeben. D-6929/2017 Seite 3 Der Beschwerdeführer reichte bei der Vorinst anz folgende Beweismittel ein: Eine Admission Card für die Prüfungen in Sawa, Fotos von sein em Aufenthalt in Sawa sowie Schulzeugnisse des (…). B. Mit Verfügung vom 3. November 2017 – eröffnet am 7. November 2017 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen- schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. C. Dagegen erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 5. Dezember 2017 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte die Aufhe- bung der vorinstanzlichen Verfügung, die Gutheissung des Asylgesuchs unter Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft , eventualiter sinngemäss die Anordnung der vorläufigen Aufnahme sowie in prozessualer Hinsicht die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege, unter Verzicht auf Erhe- bung eines Kostenvorschusses. Als Beweismittel reichte er eine Fürsorge- bestätigung der Flüchtlingshilfe Regionalstelle Belp vom 22. November 2017, Ausdrucke von Landkarten Eritreas sowie handschriftliche Angaben betreffend die Distanzen ein. D. Mit Zwischenverfügung vom 12. Dezember 2017 stellte die Instruktions- richterin den legalen Aufenthalt des Beschwerdeführers während des Ver- fahrens fest. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um Gewährung der unent- geltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf Erheben eines Kosten- vorschusses. E. Mit Vernehmlassung vom 5. Dezember 2018 hielt das Bundesamt an sei- ner Verfügung vollumfänglich fest und beantragte die Abweisung der Be- schwerde. F. Am 20. Dezember 2018 reichte der Beschwerdeführer eine Replik ein unter Beilage des Dokuments «Analyse des durcissements de la pratique suisse à l ’égard de requérant -e-s erythréen-ne-s» der Schweizerischen Flücht- lingshilfe (SFH) vom 13. Dezember 2018. D-6929/2017 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer D-6929/2017 Seite 5 politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die F lüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Gegensatz zum strikten Be- weis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbrin gen des Gesuchstellers. Entschei- dend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substantiierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheits- gemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung i st gekenn- zeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen ins- besondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nach- geschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüg- lich des wesentlichen Sachverhaltes, Substantiiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Ge- suchsteller sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es dem- nach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Um- stände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2). 3.3 Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete D-6929/2017 Seite 6 Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhal- tung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG). 4. 4.1 Das SEM begründete seinen abweisenden Entscheid im Wesentlichen damit, die Vorbringen des Beschwerdeführers würden den Anforderungen an die Glaubhaft machung nicht genügen. So habe dieser anlässlich der BzP gesagt, ab Ende Juli 2015 (recte: Ende Juli 2014) in Haft gewesen zu sein, anlässlich der Anhörung habe er jedoch angegeben, im August 2014 festgenommen worden zu sein. Weiter habe er an der BzP ange geben, nach der Flucht aus dem Spital zwei Monate in I._______ geblieben zu sein, anlässlich der Anhörung habe er von ungefähr vier Monaten gespro- chen (von Januar bis April 2015). Ausserdem habe er sich wenig genau über die Haftumstände seiner fünfmonatigen Haft in E._______ geäussert. Trotz mehrmaliger Aufforderung, sich detailliert zu äussern, seien seine Aussagen allgemein und substanzarm ausgefallen. Dasselbe gelte für den Transfer ins Spital, den Aufenthalt dort, die Flucht sowie die Ausreise. Fer- ner widerspreche es der Logik, dass er nicht direkt nach seiner angeblichen Flucht aus dem Militärgefängnis in F._______, welches sich offenbar in der Zoba Gash Barka und damit an der Grenze zum Sudan befinde, ausge- reist, sondern zuerst noch nach I._______ gereist sei. Dieses Verhalten entspreche nicht einer tatsächlich verfolgten Person, die versuchen würde, so schnell als möglich zu fliehen. Auch sei nicht nachvollziehbar, wie ihm die Flucht aus dem bewachten Militärspital in F._______ gelungen sei und er ansc hliessend seine Ausreise habe organisieren können. Das SEM komme daher zum Schluss, dass die behauptete Desertion sowie die ille- gale Ausreise nicht glaubhaft gemacht seien. Es sei davon auszugehen, dass er aus irgendwelchen Gründen in Eritrea nicht mehr de m National- dienst unterstanden habe oder von diesem ordentlich entlassen worden sei. An dieser Einschätzung würden auch die eingereichten Dokumente nichts ändern. Da die Vorbringen betreffend Inhaftierung, Desertion bezie- hungsweise Flucht aus dem Militärspi tal in F._______ sowie illegale Aus- reise nicht geglaubt werden könnten, müsse diesbezüglich die Asylrele- vanz nicht geprüft werden. Betreffend illegale Ausreise wurde weiter fest- gehalten, dass gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen sei, dass sich erit- reische Staatsangehörige aufgrund einer illegalen Ausreise mit Sanktionen ihres Heimatstaates konfrontiert sehen, die bezüglich ihrer Intensität und der politischen Motivation des Staates ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG darstellen würden. Andere Anknüpfungspunkte, welche ihn in D-6929/2017 Seite 7 den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten, seien ebenfalls nicht ersichtlich. Demzufolge erfülle der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht, weshalb sein Asylge- such abzulehnen sei. 4.2 In der Beschwerde wurde dem entgegnet, die vorinstanzliche Verfü- gung enthalte verschiedene Ungenauigkeiten und Fehler. So werde dem Beschwerdeführer vorgehalten, er habe anlässlich der BzP angegeben, im Juli 2015 in Haft gewesen zu sein. Dies treffe nicht zu, dem Protokoll der BzP lasse sich entnehmen, dass er gesagt habe, er sei Ende Juli 2014 verhaftet worden. Ferner kenne das SEM anscheinend die Landkarte Erit- reas nicht und siedle verschiedene Ortschaften in den falschen Zobas an. So befinde sich der Geburts- beziehungsweise Wohnort des Beschwerde- führers nicht in der Zoba Debub, sondern in der Zoba Anseba, wo sich auch das Militärspital von F._______ befinde. Der Vorhaltung, sein Fluchtverhal- ten sei unlogisch, fehle damit die Grundlage. Auch sonst sei das Fluchtver- halten des Beschwerdeführers sehr wohl logisch. So sei dieser nach I._______ gegangen und habe sich einige Zeit dort aufgehalten, da er sich dadurch zunächst noch eine Klärung seiner verfahrenen Lage erhofft habe. Der Beschwerdeführer sei durchweg s in der Lage, zu sämtlichen seiner Asylvorbringen detailliert e und schlüssige Angaben zu machen. Diese seien weder widersprüchlich, noch würden sie der Logik des menschlichen Handelns widersprechen, und seien somit glaubhaft. Da der Beschwerde- führer sodann entgegen der Ansicht der Vorinstanz nicht aus dem zivilen Teil des Nationaldienstes entlassen worden sei, sondern aufgrund der In- haftierung nicht ans College habe zurückkehren können und in der Folge aus der Haft geflohen und später illegal ausgereist – und damit desertiert – sei, seien seine Vorbringen auch asylrelevant. Er würde in Eritrea Gefahr laufen, erneut inhaftiert zu werden. Die von ihm ei ngereichten Beweisdo- kumente, insbesondere die Zeugnisse des (…), würden diese Annahme bekräftigen. 4.3 Das SEM legte in seiner Vernehmlassung dar, die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche eine Änderung seines S tandpunktes rechtfertigen könnten. So würden in der Beschwerde die Widersprüche, die wenig detaillierten und unlogischen Angaben zu den Umständen der Haft sowie die angeblich illegale Ausreise nicht plausibel widerlegt. Das SEM halte daher an seiner Schlussfolgerung, die behauptete Desertion aus dem zivilen Teil des Nationaldienstes sowie die angeblich daraus erwachsenen Verfolgungsmassnahmen entsprächen nicht der Wahrheit, fest. D-6929/2017 Seite 8 4.4 Der Beschwerdeführer hielt dem in seiner Replik im Wesentlichen ent- gegen, das von der Vorinstanz zitierte Urteil des Bundesverwaltungsge- richts widerspreche verschiedenen Berichten und werde auch von der SFH kritisiert. Ferner wurde auf das Urteil des Committee Against Torture (CAT) D-811/2017 vom 7. Dezember 2018 verwiesen, mit welchem die Schweizer Behörden dafür gerügt worden seien, die Gefahr, der zu Unrecht nach Erit- rea weggewiesene Mandant könnte Opfer von Folter oder unmenschlicher Behandlung werden, nicht ausreichend geprüft zu haben. 5. 5.1 In einem ersten Schritt ist zu prüfen, o b die Aussagen des Beschwer- deführers den Anforderungen an das Glaubhaftmachen genügen. Das SEM geht von der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen aus und begründet dies einerseits mit mangelnder Su bstanz und Differenziertheit, anderer- seits mit verschiedenen Wid ersprüchen und Ungereimtheiten betreffend Daten und Ortschaften. Zu letzterem ist festzuhalten, dass der Beschwer- deführer diese in seiner Beschwerde hinreichend erklärt hat. So ist die Be- hauptung der Vorinstanz, er habe anlässlich der BzP ausgesagt, ab Ende Juli 2015 in Haft gewesen zu sein, schlicht falsch (vgl. vorinstanzliche Ak- ten act. 4 S. 7 unten: «F: Wann wurden Sie verhaftet? A: Ende Juli 2014»). Bei der Anhörung legte der Beschwerdeführer sodann dar, von August 2014 bis Januar 2015 im Gefängnis gew esen zu sein (vg. act. A14 F66). Diese Aussagen stellen keinen klaren Widerspruch dar. Dies trifft auch für seine Aussagen betreffend Aufenthalt in I._______ zu, zumal er an der BzP von zwei Monaten spricht und an der Anhörung sagt, sich von ca. Januar bis Anfang April 2015, also zwei bis drei Monate, in I._______ aufgehalten zu haben (vgl. act. A4 S. 7 und A14 F71). Ferner wirft die Vorinstanz dem Beschwerdeführer vor, sein Ausreiseverhalten widerspreche der allgemei- nen Erfahrung und der Logik des Handelns da er nicht direkt ausgereist sei, obwohl das Militärspital in F._______ sich in der Zoba Gash Barka und somit an der Grenze zum Sudan befinde. Auch hier geht das SEM von fal- schen Tatsachen aus. Sowohl der Heimatort des Beschwerdeführers C._______ als auch das Militärspital F._______ liegen in der Zoba J._______ und viel weiter entfernt von der sudanesischen Grenze als von der Stadt I._______. Die von der Vorinstanz angeführten Widersprüche wurden vom Beschwerdeführer somit mehrheitlich widerlegt, gewisse Un- genauigkeiten lassen aber dennoch Zweifel entstehen. Im Weiteren legte die Vorinstanz dar, die Vorbringen seien zu wenig konkret und detailliert dargelegt worden. Dies gelte für das Darlegen der Haftumstä nde, des Transfers ins Spital, des Aufenthaltes dort sowie des Aufenthalts in I._______. Dieser Einschätzung kann gefolgt werden . Zwar lassen sich D-6929/2017 Seite 9 den Protokollen verschiedene Realkennzeichen entnehmen. So erwähnte der Beschwerdeführer in der freien Schilderung immer wieder Details, nach denen nicht gefragt wurde, wie beispielsweise die Information, dass sein Vater mit den zuständigen Leuten gesprochen habe, damit er zu Schulbe- ginn wieder studieren könne, als er im Gefängnis gewesen sei (vgl. act. A14 F32) oder die Schilderung der P robleme beim Grenzübergang (vgl. act. A14 F81). Es ist ihm aber nicht gelungen, die Begebenheiten im Ge- fängnis sowie auf der Flucht ausführlich , substanziiert und logisch nach- vollziehbar darzulegen. So fielen seine Aussagen betreffend Haftumstände seiner fünfmonatigen Haft , wie vom SEM zutreffend festgehalten, trotz mehrmaliger Aufforderung, sich frei und detailliert zu äussern, bloss allge- mein und substanzarm aus und vermögen nicht den Eindruck einer Person zu erwecken, die tatsächlich mehrere Monate dort inhaftiert war. Das Glei- che kann über die Schilderung des Aufenthaltes im Spital sowie die Flucht aus diesem gesagt werden. Zwar erscheint es nachvollziehbar, dass er den Transfer aus dem Gefängnis zum Spital nicht habe beschreiben können, da er zu diesem Zeitpunkt in einem kritischen Zustand, fast bewusstlos, gewesen sei, weshalb er sich nicht daran erinnern könne. Dies vermag die oberflächliche Beschreibung des Aufenthalts dort sowie der Flucht aber nicht zu erklären. Seine Vorbringen zur geltend gemachten Haft und dem anschliessenden Spitalaufenthalt erreichen nicht diejenige Überzeugungs- kraft, die sie überwiegend glaubhaft erscheinen liessen, da es an der nöti- gen Substanz und an der Wiedergabe persönlich geprägter Erlebnis se fehlt. Diesbezüglich ist die vorinstanzliche Verfügung zu stützen. Nicht zu überzeugen vermag allerdings die Folgerung des SEM, es sei davon aus- zugehen, dass der Beschwerdeführer aus irgendwelchen Gründen nicht mehr dem Nationaldienst unterstanden habe oder von diesem ordentlich entlassen worden sei. Dem vom Beschwerdeführer eingereichten «Exami- nation Grade Report» (…) zufolge wurde ihm am 23. Juni 2014 ein «Good standing» attestiert. Es bestehen somit keine Anhaltspunkte für die An- nahme, der Beschwerdef ührer habe seine dortige Ausbildung aufgrund mangelhafter Leistungen nicht fortführen können. Er hat seine Anhaltung zwar grundsätzlich nachvollziehbar geschildert, indessen ist angesichts der als unglaubhaft zu qualifizierenden anschliessenden Haft davon aus- zugehen, er habe aufgrund der von ihm geschilderten Intervention seines Vaters sein Studium bis zur Ausreise weiterführen können. Damit ist – ent- gegen der Ansicht des SEM – davon auszugehen, dass er sich im Zeitpunkt seiner Ausreise noch in Ausbildung am (…) befand. 5.2 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach dem Gesagten zum Schluss, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers betreffend geltend D-6929/2017 Seite 10 gemachter Haft sowie Spitalaufenthalt nicht als glaubhaft gemacht zu er- kennen sind. Sein Studium am (…) und die Tatsache, dass er zur Zeit der Ausreise noch Student dort war , erscheint jedoch als überwiegend wahr- scheinlich und damit glaubhaft. 6. 6.1 In einem nächsten Schritt ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer auf- grund des von ihm glaubhaft dargelegten Sachverhalts die Flüchtlingsei- genschaft erfüllt, ihm mithin Asyl zu gewähren ist. 6.2 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigen- schaft im Sinne von Art. 3 AsylG voraus, dass die asylsuchende Person ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitt en hat, beziehungs- weise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach- teile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen oder zugefügt worden sein. Die betroffene Person muss zudem einer lan- desweiten Verfolgung ausgesetzt sein. Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage, ob im Zeitpunkt der Ausreise eine Verfolgung oder eine begründete Furcht vor einer solchen bestand. Die Verfolgungsfurcht muss im Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell sein. Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen dem Ausreisezeitpunkt und dem Zeitpunkt des Asylentscheids sind deshalb zu- gunsten und zulasten der Asylsuchenden z u berücksichtigen (vgl. dazu BVGE 2010/57 E. 2 m.w.H.). 6.3 Wehrdienstverweigerung oder Desertion vermögen für sich allein die Flüchtlingseigenschaft nicht zu begründen, sondern nur dann, wenn damit eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG verbunden ist, mit ande- ren Worten, wenn die betroffene Person aus den in dieser Norm genannten Gründen (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) wegen ihrer Wehrdienst- verweigerung oder Desertion ei ne Behandlung zu gewärtigen hat, die ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt. Die ge- setzgeberische Einführung von Art. 3 Abs. 3 AsylG hat die Rechtslage dem- nach nicht verändert. Im spezifisch eritreischen Kontext können Wehr- dienstverweigerung oder Desertion – unter bestimmten Umständen – zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft führen (vgl. zum Ganzen bei- spielsweise das Urteil des BVGer E-2058/2016 vom 11. Juli 2018 E. 7.2 f., mit Hinweisen auf BVGE 2015/3 sowie den dort referenzierten und diesbe-D-6929/2017 Seite 11 züglich immer noch einschlägigen Leitentscheid der vormaligen Asylre- kurskommission: Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3). 6.4 Dienstverweigerung und Desertion werden in Eritrea unverhältnismäs- sig streng bestraft. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweige- rung oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in ei- nem konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt ist regelmässig anzunehmen, wenn die b etroffene Person im aktiven Dienst stand und desertierte. In diesen Fällen droht nicht nur eine Haft- strafe, sondern eine Inhaftierung unter unmenschlichen Bedingungen und Folter, wobei Deserteure regelmässig der Willkür ihrer Vorgesetzten aus- gesetzt sind. Die Desertion wird von den eritreischen Behörden als Aus- druck der Regimefeindlichkeit aufgefasst. Es ist daher davon auszugehen, dass die einem Deserteur drohende Strafe nicht allein der Sicherstellung der Wehrpflicht dienen würde, was nach zu bestätigende r Praxis ‒ immer unter der Voraussetzung rechtsstaatlicher und völkerrechtskonformer Rah- menbedingungen ‒ grundsätzlich als legitim zu erachten wäre; vielmehr wäre damit zu rechnen, dass die betroffene Person aufgrund ihrer Deser- tion als politischer Gegner qualifiziert und als solcher unverhältnismässig schwer bestraft würde. Mit anderen Worten hätte ein Deserteur, sollte das staatliche Regime seiner habhaft werden, eine politisch motivierte Bestra- fung und eine Behandlung zu erwarten, die einer flüchtlingsre chtlich rele- vanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkommt (vgl. dazu bei- spielsweise das Urteil D -1359/2015 des Bundesverwaltungsgerichts vom 22. August 2017 E. 6.1, ebenfalls mit Hinweis auf EMARK 2006 Nr. 3). Dies betrifft auch Personen, die aus dem zivilen Teil des Nationaldienstes de- sertiert sind (vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgerichts E-1334/2017 vom 12. Dezember 2018, D-5632/2016vom 17. Januar 2019). Der konkrete Be- hördenkontakt ist im Sinne von Art. 7 AsylG glaubhaft zu machen (EMARK 2006 Nr. 3 E. 4.11 S. 40). 6.5 Im Sinne der vorangehenden Ausführungen zur Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers ist vorliegend davon auszugehen, dass er zum Zeitpunkt seiner Ausreise noch Student am (…) war. Es stellt sich somit die Frage, ob d ie Ausbildung am (…) dem zivilen Nationaldienst gleichzustellen ist, beziehungsweise ob ein College -Abbruch und Verlas- sen des Landes dieselben Konsequenzen mit sich bringt wie die Ausreise trotz Verpflichtung zur zivilen Nationaldienstleistung. D-6929/2017 Seite 12 6.5.1 Dazu ist zunächst festzuhalten, dass Eritrea quellentechnisch eine grosse Herausforderung darstellt: Es existieren nur wenige verlässliche und überprüfbare Informationen, die auf in Eritrea erhobenen empirischen Daten beruhen. Zahlreiche zirkulierende Informationen zu Eritrea sind Mei- nungen, Annahmen, Spekulationen und Schätzungen ohne empirische Da- tenbasis, während die tatsächliche Faktenlage dünn ist. Spezifisch zur Quellenlage über College -Abbrechende ist zu erwähnen, dass aufgrund fehlender Quellen unklar ist, welche konkreten Konsequenzen ein College- Abbruch in Kombination mit dem Verlassen des Landes nach sich zieht. Es existieren auch keine Quellen zur Einstellung der Behörden gegenüber rückkehrenden College -Abbrechenden. Es finden sich jedoch einzelne Quellen, die darauf hinweisen, dass Collegestudenten sich im National- dienst befinden. So schrieb Gaim Kibreab, Professor an der London South Bank University, 2017 in seinem Buch «The Eritrean National Service», dass Studierende an Colleges Teil des Nationaldienstes seien. Auch einem Bericht des UN Human Rights Council (UNHRC (Report oft he detailed fin- dings oft he Commission of Inquiry on Human Rights in Eritrea) aus dem Jahr 2015, der sich vor allem auf Informationen von Personen aus Eritrea in der Diaspora stützt, ist zu entnehmen, dass Collegestudenten nicht aus dem Nationaldienst entlassen worden sind , sondern als Rekruten gelten. Zwar lässt sich auch verschiedenen Quellen entnehmen, dass sich der ur- sprünglich militärische Charakter des (…) seit 2009 geändert habe, nach- dem der bisherige «de facto» Leiter des Colleges, Oberst K._______, das (…) verlassen hatte. Aus dieser Lockerung kann aber nicht geschlossen werden, dass dies auch bedeutet, Studenten würden nicht mehr dem zivi- len Nationaldienst angehören. Dies insbesondere, da sich keine Quellen finden, die darauf schliessen liessen, Collegestudenten seien nicht mehr Teil des Nationaldienstes. Somit ist festzuhalten, dass die – wenn auch spärlichen – existierenden Quellen darauf hindeuten, dass Collegestuden- ten als mit zivilen Nationaldienst leistende Personen vergleichbar erschei- nen und ein Abbruch, verbunden mit dem Verlassen des Landes, als De- sertion angesehen würde. 6.5.2 Nach dem Gesagten hat sich der Beschwerdeführer, der zum Zeit- punkt seiner Ausreise Student am (…) war, somit im zivilen Nationaldienst befunden. Seine Ausreise ist als Desertion zu werten. 6.6 Der Beschwerdeführer ist nach dem Gesagten als Deserteur im Sinne der oben zitierten Rechtsprechung zu betrachten und hat deshalb im Falle seiner Rückkehr nach Eritrea auch im heutigen Zeitpunkt be gründete Furcht, ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu D-6929/2017 Seite 13 werden. Aus den Akten ergeben sich keine kon kreten Hinweise auf das Vorliegen von Asylausschlussgründen. Auch eine innerstaatliche Fluchtal- ternative besteht offensichtlich nicht. Bei dieser Sachlage kann da von abgesehen wer den, auf weitere Be- schwerdevorbringen (namentlich die Frage der flüchtlingsrechtlichen Rele- vanz der illegalen Ausreise sowie die Frage der Unzulässigkeit des Weg- weisungsvollzugs), Beweismittel und Beschwerdeanträge einzu gehen. Hinweise auf Art. 53 AsylG sind den Akten nicht zu entnehmen. 7. Die Beschwerde ist gutzuheissen, die Verfügung des SEM vom 3. Novem- ber 2017 ist aufzuheben und das SEM anzuweisen, dem Beschwerdefüh- rer in Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren. 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Die mit Zwischenverfügung vom 12. Dezem- ber 2017 gewährte unentgeltliche Prozessführung ist mit vorliegendem Ur- teil als gegenstandslos geworden zu betrachten. 8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung von Art . 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die Rechts- vertreterin des Beschwerdeführers hat keine Kostennote zu den Akten ge- reicht. Auf die Nachforderung einer solchen kann indes verzichtet werden, nachdem sich der Aufwand im vorliegenden Fall zuverlässig abschätzen lässt. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) sind dem Beschwerdeführer pauschal Fr. 1500.– (inklu- sive Auslagen und Mehrwertsteuer) zulasten der Vorinstanz zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) D-6929/2017 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheiss en. Die Verfügung des SEM vom 3. No- vember 2017 wird aufgehoben. 2. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer Asyl zu gewähren. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM hat dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung von Fr. 1500.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Aglaja Schinzel Versand: