Seite 1 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abt eilung Strafrecht, vom 1. September 2015 (470 15 169) __________________________________________________________________ Strafprozessrecht Verfahrenseinstellung Besetzung Präsident Enrico Rosa, Richter Stephan Gass (Ref.), Richterin Helena Hess; Gerichtsschreiber Marius Vogelsanger Parteien A.____ , vertreten durch Advokatin Barbara Zimmerli, Binningerstrasse 11, 4051 Basel, Beschwerdeführerin gegen Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft , Allgemeine Hauptabteilung, Grenzacherstrasse 8, Postfach, 4132 Muttenz, Beschwerdegegnerin B.____ , vertreten durch Advokatin Stephanie Trüeb, Haus Thurgauerhof, Lindenstrasse 2, Postfach 552, 4410 Liestal, Beschuldigter Gegenstand Verfahrenseinstellung Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung der Staatsanwalt- schaft Basel-Landschaft vom 24. Juni 2015 Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht A. Nachdem die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft zun ächst gegen B.____ ein Strafver- fahren wegen des Verdachts der Vergewaltigung eröff net hatte, verfügte sie mit Datum vom 24. Juni 2015 Folgendes: "1. Das Strafverfahren wird in Anwendung von Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO eingestellt. 2. Die Beschlagnahme folgender Gegenstände: – […] wird aufgehoben. Die beschlagnahmten Gegenstände werden A.____ nach Rechts- kraft wieder zurückgegeben. A.____, hat sich hierzu innert 60 Tagen bei der Polizei Basel-Landschaft, Kriminaltechnik, zu melden. Nach Ablauf dieser Frist kann das Beschlagnahmegut vernichtet werden. 3. Das DNA-Profil der beschuldigten Person wird g emäss Art. 16 Abs. 1 lit. d DNA- Profil-Gesetz gelöscht. 4. Die Verfahrenskosten gehen zu Lasten des Staat es. 5. Der beschuldigten Person werden gemäss Art. 430 A bs. 1 lit. c StPO keine Ent- schädigung und keine Genugtuung zugesprochen. 6. Der Entscheid über die Entschädigung der amtli chen Verteidigung (Art. 135 StPO) erfolgt mit separater Verfügung. Es wird eine Frist von 60 Tagen zur Einreichung der detaillierten Honorarnote gesetzt." Auf die Begründung dieser Verfügung sowie der nachfolgenden Eingaben der Parteien wird, soweit erforderlich, im Rahmen der Erwägungen des vorliegenden Beschlusses eingegangen. B. Gegen die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltsc haft Basel-Landschaft vom 24. Juni 2015 erhob A.____, vertreten durch Advokatin Barbar a Zimmerli, mit Eingabe vom 6. Juli 2015 Beschwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Ab teilung Strafrecht, und stellte folgende Rechtsbegehren: "1. Die Einstellungsverfügung vom 24. Juni 2015 sei a ufzuheben und das Strafverfah- ren gegen den Angeschuldigten sei fortzuführen und die Anklageschrift zügig zu verfassen. 2. Es sei Anklage zu erheben wegen Vergewaltigung und aller in Frage kommenden Tatbestände wie Schändung, sexuelle Nötigung, Ausnü tzen der Notlage. Diese Tat- bestände, resp. insbesondere die Schändung, seien a uch anzuklagen, für den Fall dass das Gericht den Tatbestand der Vergewaltigung als nicht erfüllt erachten sollte, da der Tatbestand der Schändung nicht durch den Tat bestand der Vergewaltigung konsumiert wird und eigenen Voraussetzungen unterli egt. Die Staatsanwaltschaft Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht sei entsprechend anzuweisen. 3. Unter o/e Kostenfolge." C. Demgegenüber begehrte die Staatsanwaltschaft in ih rer Stellungnahme vom 17. Juli 2015, die Beschwerde sei abzuweisen und die Kosten des Verfahrens der beschwerdeführen- den Partei aufzuerlegen. D. Der Beschuldigte beantragte in seiner Stellungnahm e vom 20. Juli 2015 Folgendes: "1. Es sei die Beschwerde vollumfänglich abzuweisen u nd demzufolge die Einstellungs- verfügung vom 24. Juni 2015 zu bestätigen. 2. Unter o/e-Kostenfolge, wobei dem Beschwerdegeg ner die amtliche Verteidigung auch für das kantonsgerichtliche Verfahren zu bewilligen sei." Erwägungen 1.1 Die Zuständigkeit der Dreierkammer des Kantonsgeric hts, Abteilung Strafrecht, als Be- schwerdeinstanz zur Beurteilung der vorliegenden Beschwerde ergibt sich aus Art. 20 Abs. 1 lit. b und Abs. 2 StPO, wonach die Befugnisse der Beschwerdeinstanz dem Berufungsgericht über- tragen werden können und die Beschwerdeinstanz Besc hwerden gegen Verfahrenshandlungen und gegen nicht der Berufung unterliegende Entscheide der Polizei, der Staatsanwaltschaft und der Übertretungsstrafbehörden beurteilt, sowie aus § 15 Abs. 2 EG StPO. Nach Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO ist die Beschwerde zulässig gegen die V erfügungen und die Verfahrenshandlungen von Polizei, Staatsanwaltschaft und Übertretungsstr afbehörden. Gemäss Abs. 2 von Art. 393 StPO können mit der Beschwerde gerügt werden: Recht sverletzungen, einschliesslich Über- schreitung und Missbrauch des Ermessens, Rechtsverw eigerung und Rechtsverzögerung (lit. a); die unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhaltes (lit. b); sowie Unange- messenheit (lit. c). Nach Art. 322 Abs. 2 StPO in V erbindung mit Art. 396 Abs. 1 StPO ist die Beschwerde gegen schriftlich oder mündlich eröffnet e Entscheide innert zehn Tagen schriftlich und begründet bei der Beschwerdeinstanz einzureichen. Als Anzeigestellerin hat die Beschwer- deführerin ein rechtlich geschütztes Interesse im Sinne von Art. 382 Abs. 1 StPO an der Aufhe- bung oder Änderung des angefochtenen Einstellungsve rfügung der Staatsanwaltschaft Basel- Landschaft vom 24. Juni 2015. 1.2 Nachdem die Beschwerdeführerin zulässige Rügen er hebt, die Rechtsmittelfrist gewahrt hat sowie der Begründungspflicht nachgekommen ist, kann auf die Beschwerde vom 6. Juli 2015 ohne Weiteres eingetreten werden. 2.1 Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, am 9. Dezember 2012, zwischen 02:00 Uhr und 06:00 Uhr, die Beschwerdeführerin zuerst mittels KO-Tropfen im Club C.____ in D.____ betäubt Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht und danach in einem Zimmer im Hotel D.____ in E.___ _, vergewaltigt bzw. geschändet zu ha- ben, was der Beschuldigte vehement bestreitet. Gemä ss seinen Aussagen, habe die Be- schwerdeführerin ihn aufgrund ihres "alkoholisierte n" Zustandes gebeten, sie nach Hause zu fahren. Allerdings habe die Beschwerdeführerin währ end der Fahrt ihre Meinung geändert und ihn gebeten, sie nicht nach Hause zu fahren, da ihr e Eltern sie in diesem Zustand nicht sehen sollten. Er habe ihr daraufhin vorgeschlagen, sie n ach E.____ ins Hotel D.____ zu fahren, um dort zu übernachten. Die Beschwerdeführerin habe ei ngewilligt und dort angekommen, seien beide ins gleiche Zimmer gegangen und hätten im Bet t angefangen, sich gegenseitig zu berüh- ren und sich zu küssen. Er habe auch versucht, mit seinem Glied in die Scheide der Beschwer- deführerin einzudringen, habe dies jedoch aufgrund mangelnder Erektion nicht geschafft. Als er es ein weiteres Mal versucht habe, sei die Beschwer deführerin zusammengezuckt und er habe daraufhin sofort aufgehört. Beide seien dann schlus sendlich eingeschlafen. Alle beschriebenen Handlungen seien im gegenseitigen Einvernehmen geschehen (act. 205 f., 241–271, 277–301). 2.2 Die Staatsanwaltschaft hat in der angefochtenen V erfügung vom 24. Juni 2015 die Ein- stellung des Verfahrens im Wesentlichen damit begrü ndet, dass insgesamt die Aussagen der Beschwerdeführerin im Lichte des Untersuchungsergeb nisses weniger stimmig als diejenigen des Beschuldigten zu bewerten seien. Das forensisch-toxikologische Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Basel vom 29. Januar 2013 führe aus, dass die Beschwerdefüh- rerin aus forensisch-toxikologischer Sicht im Ereig niszeitpunkt unter der direkten Wirkung von Alkohol gestanden habe. Ausserdem könne nicht ausge schlossen werden, dass die Beschwer- deführerin im Ereigniszeitpunkt auch unter dem Einf luss von THC gestanden sei. Des Weiteren halte das Gutachten fest, dass bei der körperlichen Untersuchung der Beschwerdeführerin kein Nachweis auf Verletzungen am inneren oder äusseren Genitale diagnostiziert werden konnten. Zudem hätten in den durch das Institut für Rechtsmedizin angefertigten mikroskopischen Präpa- raten keine Spermien nachgewiesen werden können. Eb enfalls halte der kriminaltechnische Bericht der Polizei Basel-Landschaft vom 8. April 2 013 fest, dass auf dem Slip, den die Be- schwerdeführerin am Ereignistag getragen hat, kein Nachweis von Spermien festgestellt wer- den konnte. Der Vorwurf, der Beschuldigte habe die Beschwerdeführerin mit KO-Tropfen oder sonst wie betäubt, um sexuelle Handlungen vorzunehm en, sei damit objektiv in keiner Weise belegt. Es liege nicht einmal ein objektiver Nachwe is für eine sexuelle Handlung vor. Aus die- sen Gründen bestehe kein hinreichender Tatverdacht, der eine Anklage rechtfertige. Bei einer Anklageerhebung sei mit an Sicherheit grenzender Wa hrscheinlichkeit mit einem Freispruch zu rechnen, weshalb das Strafverfahren gemäss Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO einzustellen sei. 2.3 Die Vertreterin der Beschwerdeführerin stellt sich demgegenüber zusammenfassend auf den Standpunkt, die Schilderungen der Beschwerdefüh rerin seien glaubhaft, sehr detailliert so- wie wirklichkeitsgetreu. Die Beschwerdeführerin hab e ihre Aussagen unter Hinweis auf die Wahrheitspflicht getätigt und konstant gleichmässig ausgesagt. Sie habe den Beschuldigten weder übermässig belastet noch habe sie ihn irgendw elcher Delikte bezichtigt, welche nicht stattgefunden hätten. Es entspreche nicht den gesetzlichen Vorgaben, Strafverfahren einzustel- len, nur weil sich die Aussagen der Beteiligten wid ersprechen. Dies sei gerichtsnotorisch und in Fällen von häuslicher oder sexueller Gewalt, wenn keine weiteren Zeugen anwesend seien, fast Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht in jedem Fall die Regel. In dieser Konstellation se i es Sache des Gerichts, über den Fall zu ur- teilen. 2.4 Die Staatsanwaltschaft führt in ihrer Stellungnah me vom 17. Juli 2015 zusammenfas- send aus, zwar schildere die Beschwerdeführerin die Ereignisse durchaus detailliert. Dies gelte insbesondere auch in Bezug auf das Kerngeschehen, d .h. die sexuellen Handlungen, die im Hotelzimmer ohne ihr Einverständnis erfolgt seien. Unstimmig erscheine aber, dass sie gleich- zeitig etliche Erinnerungslücken oder "Filmrisse" g eltend mache. Mit ihren detaillierten Schilde- rungen widerlege sie selber, dass es überhaupt einen oder mehrere "Filmrisse" gegeben habe. 2.5 Der Beschuldigte vertritt unter Verweis auf die s einer Ansicht nach zutreffende Begrün- dung der angefochtenen Einstellungsverfügung im Wes entlichen die Meinung, abgesehen von den Behauptungen der Beschwerdeführerin gebe es übe rhaupt keine Anhaltspunkte, dass sich ein sexueller Übergriff ereignet habe. 3.1 Nach Art. 319 Abs. 1 StPO verfügt die Staatsanwal tschaft die vollständige oder teilweise Einstellung des Verfahrens, wenn unter anderem kein Tatverdacht erhärtet ist, der eine Anklage rechtfertigt (lit. a), oder wenn kein Straftatbestand erfüllt ist (lit. b). Nach lit. a von Art. 319 Abs. 1 StPO ist einzustellen, wenn im Vorverfahren der urs prünglich vorhandene Anfangsverdacht nicht in einem Mass erhärtet werden konnte, dass si ch eine Anklage rechtfertigt. Allerdings hat sich die Staatsanwaltschaft in Zurückhaltung zu üben bei der Frage, ob ein solcher Tatverdacht besteht. Widersprechen sich Beweise, so ist es nich t Sache der Staatsanwaltschaft, eine Be- weiswürdigung vorzunehmen. Im Zweifelsfalle ist in Beachtung des Grundsatzes "in dubio pro duriore" zu überweisen. Bei der Frage der Überweisu ng des Falles an das urteilende Gericht spielt der Grundsatz "in dubio pro reo" nicht. Es ist Sache des Gerichts, darüber zu befinden, ob sich jemand im strafrechtlichen Sinne schuldig gema cht hat oder nicht. Die Staatsanwaltschaft hat nur dann einzustellen, wenn eine Hauptverhandlu ng als eigentliche Ressourcenverschwen- dung bzw. aufgrund des absehbaren Freispruchs als Z umutung für den Beschuldigten erschei- nen müsste. Von einer Überweisung ist mithin dann a bzusehen, wenn nach der gesamten Ak- tenlage ein Freispruch zu erwarten ist (R OLF GRÄDEL / MATTHIAS HEINIGER , in: Basler Kommen- tar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Auflage , Basel 2014, N 8 zu Art. 319 StPO, mit Hinweisen). Die Beurteilung der Wahrscheinlichkeit eines Schuld spruchs bzw. der Prozessaussichten ist zwar dem pflichtgemässen Ermessen der Staatsanwalts chaft anheimgestellt. In Zweifelsfällen tatsächlicher oder rechtlicher Natur darf aber das Verfahren nicht eingestellt werden, da in die- sen Fällen das Urteil dem Gericht zu überlassen ist . Stehen sich unterschiedliche Zeugenaus- sagen gegenüber und kann die Untersuchung die Zuver lässigkeit der einzelnen Zeugen nicht erschüttern, darf keine Einstellung ergehen. Der Er messensentscheid, wem unter solchen Ver- hältnissen zu glauben ist, liegt beim Gericht. Kein e Einstellung, sondern Erhebung einer Ankla- ge ist grundsätzlich immer dann angezeigt, wenn der Ausgang des Verfahrens ausschliesslich von der Beweiswürdigung abhängt (N ATHAN LANDSHUT / THOMAS BOSSHARD , in: Zürcher Kom- mentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Auflage, Zürich 2014, N 16 ff. zu Art. 319 Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht StPO, mit Hinweisen). Gerade bei Sexualdelikten, di e in der Regel aufgrund einer Beweiskons- tellation der "Aussage gegen Aussage" zu beurteilen sind, ist die unmittelbare Wahrnehmung durch das Gericht unverzichtbar. Andernfalls beruht die Aussagewürdigung auf einer unvoll- ständigen Grundlage, was bei sich widersprechenden Angaben umso stärker ins Gewicht fällt (BGer 6B_718/2013 vom 27. Februar 2014, E. 2.5). Di e Staatsanwaltschaft darf sich nicht die Rolle des Gerichts anmassen. Eine Einstellung durch die Staatsanwaltschaft darf nur bei klarer Straflosigkeit bzw. offensichtlich fehlenden Prozes svoraussetzungen verfügt werden (BGE 137 IV 219, 226; F RANZ RIKLIN , Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung , 2. Aufl. 2014, Art. 319 N 2). 3.2 Der Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 StGB mac ht sich schuldig und wird mit Frei- heitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren bestr aft, wer eine Person weiblichen Ge- schlechts zur Duldung des Beischlafs nötigt, nament lich indem er sie bedroht, Gewalt anwen- det, sie unter psychischen Druck setzt oder zum Widerstand unfähig macht. Eine Schändung gemäss Art. 191 StGB begeht, wer ein e urteilsunfähige oder eine zum Wider- stand unfähige Person in Kenntnis ihres Zustands zu m Beischlaf, zu einer beischlafsähnlichen oder einer anderen sexuellen Handlung missbraucht. Widerstandsunfähig im Sinne von Art. 191 StGB ist, wer nicht imstande ist, sich gegen ungewo llte sexuelle Kontakte zu wehren. Die Be- stimmung schützt somit Personen, die einen zur Abwehr ausreichenden Willen zum Widerstand gegen sexuelle Übergriffe nicht oder nicht sinnvoll bilden, äussern oder betätigen können. Da- bei genügt, dass das Opfer vorübergehend zum Widers tand unfähig ist. Die Gründe für die Wi- derstandsunfähigkeit können dauernder oder vorüberg ehender, chronischer oder situationsbe- dingter Natur sein. Erforderlich ist, dass die Wide rstandsfähigkeit gänzlich aufgehoben ist. Bei blosser – z.B. alkoholbedingter – Herabsetzung der Hemmschwelle ist keine Widerstandsunfä- higkeit gegeben (BGE 133 IV 49, E. 7.2; 119 IV 230, E. 3a). Subjektiv erfordert der Tatbestand der Schändung Vorsatz, wobei Eventualvorsatz genügt . Eventualvorsätzlich handelt, wer zu- mindest ernsthaft für möglich hält, dass das Opfer aufgrund seines physischen oder psychi- schen Zustandes nicht in der Lage ist, sich gegen d as sexuelle Ansinnen zur Wehr zu setzen, und es trotzdem zu sexuellen Handlungen bestimmt (B Ger 6S.359/2002 vom 7. August 2003, E. 5.2 mit Hinweisen). 3.3.1 Im vorliegenden Beschwerdeverfahren ist keine um fassende Beweiswürdigung und auch keine abschliessende Prüfung der Glaubwürdigke it der einzelnen Beteiligten und der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen vorzunehmen, sondern dies ist nur insofern zu prüfen, als es für die Frage, ob die Untersuchung zu Recht eingestellt wurde oder nicht, von Bedeutung ist. 3.3.2 Bei der konkreten Würdigung der vorliegenden Str eitsache ist einleitend festzustellen, dass in casu keine objektiven Beweismittel für eine Vergewaltigung und für eine Schändung vorliegen und sich die Aussagen der Beschwerdeführe rin und diejenigen des Beschuldigten, namentlich hinsichtlich des Umfangs und der Freiwil ligkeit der vollzogenen sexuellen Handlun- gen, widersprechend gegenüberstehen. Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht 3.3.3 Aufgrund der diesbezüglich übereinstimmenden Aus sagen der Parteien sowie des fo- rensisch-toxikologischen Gutachtens des Instituts f ür Rechtsmedizin der Universität Basel vom 11. Januar 2013 ist vorliegend davon auszugehen, da ss sich die Beschwerdeführerin im inkri- minierten Zeitraum in einem sehr schlechten Verfassungszustand befand und sich der Beschul- digte dieses Umstands bewusst war. So gab der Besch uldigte zu Protokoll, er habe gesehen, dass es der Beschwerdeführerin nicht gut gegangen s ei. Er habe deshalb an einem Parkplatz angehalten und sie aus dem Fahrzeug geholt, damit s ie sich habe übergeben können. Die Be- schwerdeführerin habe ihm zudem im Hotelzimmer gesa gt, dass es ihr nicht gut gehe, weswe- gen er sie abgeduscht habe (act. 281). Ferner hält das rechtsmedizinische Ergänzungsgutach- ten vom 22. April 2015 fest, dass die durch das Opf er geltend gemachte Symptomatik aus Übelkeit, Erbrechen, Schwächegefühl und Erinnerungs lücken prinzipiell mit dem Konsum einer hohen GHB-Dosis, dem Wirkstoff von sog. KO-Tropfen, vereinbar sei. Jedoch könne Alkohol alleine und gerade auch eine Kombination desselben mit THC ebenso diese Symptomatik her- vorrufen, sodass eine sichere Unterscheidung zu einer GHB-Wirkung im vorliegenden Fall nicht möglich sei. Mithin bestehen somit substanzielle Hi nweise auf eine Intoxikation der Beschwer- deführerin im Ereigniszeitpunkt, was namentlich für den Tatbestand der Schändung und die dort vorausgesetzte Widerstandsunfähigkeit von Bedeutung ist. Der Beschuldigte hat im Wissen um den schlechten Verfassungszustand der Beschwerdeführe- rin mit ihr ein in Hotelzimmer aufgesucht und gemäss seinen Depositionen versucht, mit Einver- ständnis der Beschwerdeführerin mit seinem Glied in ihre Scheide einzudringen, was ihm je- doch mangels genügender Erektion nicht gelungen sei . Zudem habe er einen Finger in ihre Scheide eingeführt (act. 247, 285). Des Weiteren gi bt der Beschuldigte auf die Frage, weshalb er mit der Beschwerdeführerin in das betreffende Ho telzimmer gegangen sei, zu, er habe "schon etwas Hoffnung gehabt, dass etwas laufen würde" (act. 291). 3.3.4 Hinsichtlich der Beweiswürdigung ist festzustell en, dass sowohl die Aussagen des Be- schuldigten (act. 205 f., 241–271, 277–301) als auc h diejenigen der Beschwerdeführerin (act. 204 f., 211–237, 303–331) sehr detailliert sind. Zu dem stimmen die Schilderungen des Be- schuldigten in zahlreichen Punkten mit denjenigen d er Beschwerdeführerin überein. Sowohl die Depositionen der Beschwerdeführerin als auch diejen igen des Beschuldigten erscheinen im Rahmen einer vorläufigen und summarischen Würdigung des Sachverhalts als durchaus mögli- che Varianten, wie sich der Sachverhalt zugetragen haben könnte und sind daher beide nicht a priori als unglaubhaft zu qualifizieren. 3.3.5 Die Beschwerdeführerin hat – was den Geschlechtsv erkehr anbelangt – sehr ausführli- che Angaben machen können und nur sehr wenige Erinn erungslücken gezeigt, was gemäss der Staatsanwaltschaft der von ihr geltend gemachten Einnahme von KO-Tropfen entgegenste- he. Diesbezüglich erscheint es jedoch als durchaus plausibel, dass bei einem "Filmriss", die Erinnerungen erst nach und nach und langsam zurückk ommen (vgl. hierzu die gutachterliche Stellungnahme, act. 473). Die Beschwerdeführerin ha t insgesamt detailliert, konstant und gleichmässig ausgesagt, weswegen die Glaubhaftigkei t ihrer Aussagen im Rahmen einer "pri- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht ma facie"-Einschätzung aufgrund ihrer detaillierten Aussagen zum Geschlechtsverkehr keines- wegs erschüttert dastehen. 3.3.6 Bezüglich der Aussagen des Beschuldigten fällt a uf, dass er zwar aufführt, er habe die Beschwerdeführerin im Hotelzimmer ausgezogen, da si ch diese über ihre Kleider erbrochen haben soll (act. 247 und 295), wobei er die Kleider der Beschwerdeführerin nicht gewaschen habe (act. 283). Demgegenüber ist die kriminaltechn ische Untersuchung der Kleider der Be- schwerdeführerin hinsichtlich Schmutzanhaftungen von Erbrochenem negativ ausgefallen (Poli- zeilicher Ermittlungsbericht vom 27. Juni 2013, act . 203 ff.), wofür der Beschuldigte bislang kei- ne plausible Erklärung vorbringen kann (act. 299). 3.3.7 Der Auffassung der Staatsanwaltschaft, dass insge samt die Aussagen der Beschwerde- führerin im Lichte des Untersuchungsergebnisses wen iger stimmig als diejenigen des Beschul- digten erscheinen sowie dass bei einer Anklageerheb ung mit an Sicherheit grenzender Wahr- scheinlichkeit mit einem Freispruch zu rechnen sei, kann bei dieser Sachlage nicht geteilt wer- den. Vielmehr liegt unter Berücksichtigung des Ausg eführten vorliegend eine zweifelhafte Be- weislage vor, in welcher die Würdigung der Aussagen der Parteien primär dem urteilenden Ge- richt zukommt (vgl. BGer 6B_856/2013 vom 3. April 2 014, E. 2.4). Dies gilt umso mehr, da vor- liegend äusserst schwerwiegende Vorwürfe zu beurteilen sind (vgl. BGer 6B_718/2013 vom 27. Februar 2014, E. 2.5). Ob sich der Grundsatz "in du bio pro reo" zu Gunsten des Beschuldigten durchzusetzen vermag, ist nicht im Beschwerdeverfah ren zu entscheiden. Gemäss der vorgän- gig zitierten Praxis und Lehre darf bei der vorliegenden Konstellation das Verfahren nicht einge- stellt werden. 3.3.8 Die Beschwerde erweist sich nach dem Gesagten al s begründet und ist gutzuheissen. Die angefochtene Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft vom 24. Juni 2015 ist aufzuhe- ben und die Sache zur Anklageerhebung an die Staats anwaltschaft zurückzuweisen. Bei der Anklageerhebung ist namentlich zu beachten, dass su bstantielle Anhaltspunkte bezüglich einer erkennbaren Widerstandsfähigkeit der Beschwerdeführ erin durchaus vorliegen, namentlich ein Bewusstsein, dass sich die Beschwerdeführerin minde stens möglicherwiese in einem Zustand befand, der eine Urteils- oder Widerstandsunfähigkeit mit sich brachte und dem Willen bzw. der Inkaufnahme des Beschuldigten, offenbar den erkannt en Zustand der Beschwerdeführerin zum Beischlaf, zu einer beischlafsähnlichen oder zu einer sexuellen Handlung auszunutzen. 4. Bei diesem Verfahrensausgang gehen die ordentlich en Kosten des vorliegenden Be- schwerdeverfahrens in der Höhe von CHF 1'200. ‒ (beinhaltend eine Gebühr von CHF 1'000. ‒ sowie Auslagen von CHF 200. ‒) in Anwendung von Art. 428 Abs. 4 StPO zu Lasten d es Staa- tes. Der von der Beschwerdeführerin geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von CHF 500. ‒ ist dieser vollumfänglich zurückzuerstatten. Der Beschwerdeführerin wird zu Lasten des Staates e ine Parteientschädigung ausgerichtet, wobei diese gestützt auf § 18 Abs. 1 der Tarifordnu ng für die Anwältinnen und Anwälte (TO, SGS 178.112) gemäss der Honorarnote ihrer Rechtsver treterin vom 22. Juli 2014 (recte 2015) Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht ermessensweise auf CHF 1‘307.90 (inklusive Auslagen und CHF 96.90 Mehrwertsteuer) fest- zusetzen ist. Das Gesuch des Beschuldigten um Gewährung der amtli chen Verteidigung im Beschwerdever- fahren wird gutgeheissen und der eingesetzten Verte idigerin, Advokatin Stephanie Trüeb, für ihre Bemühungen im Rechtsmittelverfahren ein Honora r von pauschal CHF 250. ‒ (inkl. Ausla- gen), zuzüglich Mehrwertsteuer von CHF 20. ‒, somit total CHF 270. ‒, zu Lasten des Staates zugesprochen. Demnach wird erkannt: ://: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, die Einst ellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft vom 24. Juni 20 15 wird aufgeho- ben und die Strafsache im Sinne der Erwägungen an d iese zurückge- wiesen. 2. Die ordentlichen Kosten des Beschwerdeverfahren s in der Höhe von CHF 1'200. ‒ (beinhaltend eine Gebühr von CHF 1‘000. ‒ sowie Ausla- gen von CHF 200. ‒) gehen zu Lasten des Staates. Der von der Beschwerdeführerin geleistete Kostenvor schuss in der Höhe von CHF 500. ‒ wird dieser vollumfänglich zurückerstattet. 3. Der Beschwerdeführerin wird eine Parteientschäd igung in der Höhe von CHF 1‘307.90 (inklusive Auslagen und CHF 96.90 Mehrwertsteu- er) zu Lasten des Staates ausgerichtet. Das Gesuch des Beschuldigten um Gewährung der amtli chen Vertei- digung im Beschwerdeverfahren wird gutgeheissen und Advokatin Stephanie Trüeb wird für ihre Bemühungen im Rechtsm ittelverfahren ein Honorar von pauschal CHF 250. ‒ (inkl. Auslagen), zuzüglich Mehrwertsteuer von CHF 20. ‒, somit total CHF 270. ‒, zu Lasten des Staates zugesprochen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Präsident Enrico Rosa Gerichtsschreiber Marius Vogelsanger