<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 29 S.89</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Gemeinderecht/Strafbefehl</span> <span class="page_no">89</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>VI. Gemeinderecht/Strafbefehl</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>29 §§ 38 und 112 Abs. 1, 2 und 3 Gemeindegesetz. Strafkompetenz des</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Gemeinderats.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Beschlüsse des Gemeinderats, mit denen einer Strafanzeige nicht stattge-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>geben, das Verfahren eingestellt oder die Freisprechung der beanzeigten</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Person angeordnet wird, sind endgültig und nicht mit strafprozessualer</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Beschwerde anfechtbar.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Beschwerdekammer in Strafsachen,</span><br/> <span class="ft4">vom 23. August 2001 i.S. M.G. und Mitbeteiligte.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">1. Am 1. Juli 2000 richtete die Lebenspartnerin des H.-P. H. in</span><br/> <span class="ft6">O. in einem auf der Nachbarparzelle von dessen Grundstück aufge-</span><br/> <span class="ft6">stellten Zelt ihr Geburtstagsfest für rund 60 geladene Gäste mit einer</span><br/> <span class="ft6">dafür engagierten Musikkapelle und Sängerin aus. Das Fest, in des-</span><br/> <span class="ft6">sen Verlauf H. gegen 22.00 Uhr eine durch Lautsprecher übertragene</span><br/> <span class="ft6">Rede hielt, dauerte bis gegen Morgen des 2. Juli 2000.</span><br/> <span class="ft6">Um etwa 02.00 Uhr nachts erschien die zuvor um 23.00 Uhr</span><br/> <span class="ft6">durch einen Beschwerdeführer herbeigerufene Kantonspolizei und</span><br/> <span class="ft6">mahnte zur Ruhe, worauf die Lautstärke zurückgestellt wurde. Kurz</span><br/> <span class="ft6">darauf ging ein Gewitter nieder, und etwa die Hälfte der Gäste ver-</span><br/> <span class="ft6">liess das Fest. Danach spielte die Musikkapelle nicht mehr auf.</span><br/> <span class="ft6">2. Ebenfalls am 1. Juli 2000 fand auf dem F.-Areal in O. ein</span><br/> <span class="ft6">Disco-Anlass der Jugendorganisation Mutschellen statt.</span><br/> <span class="ft6">Sodann fand am Wochenende vom 8./9. Juli 2000 auf der</span><br/> <span class="ft6">Nachbarparzelle von H.s. Grundstück in O. ein von der Familie W.</span><br/> <span class="ft6">organisiertes Fest mit Musik im Discostil mit tiefen Bässen statt.</span><br/> <span class="ft6">3. Mit Eingabe vom 10. Juli 2000 an den Gemeinderat O. er-</span><br/> <span class="ft6">statteten die Beschwerdeführer Anzeige wegen Nachtruhestörung in</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">90</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">der Nacht zum 2. Juli 2000 gegen einen im Quartier "A." wohnhaften</span><br/> <span class="ft6">"Herrn H." als Verursacher der Nachtruhestörung mit dem Begehren</span><br/> <span class="ft6">"um Bestrafung des Nachtlärmverursachers."</span><br/> <span class="ft6">4. Der Gemeinderat O. ermittelte als einzige im Quartier "A."</span><br/> <span class="ft6">wohnhafte männliche Person mit dem Nachnamen "H." H.-P. H. und</span><br/> <span class="ft6">erliess nach dessen Vernehmung und Abklärung des Sachverhalts den</span><br/> <span class="ft6">Beschluss vom 11. September 2000:</span><br/> <span class="ft5"><i>"Aufgrund der vorgenommenen Abklärungen, welche keinen</i></span><br/> <span class="ft5"><i>rechtsgenüglich überführbaren Verursacher ergaben, wird die ein-</i></span><br/> <span class="ft5"><i>geleitete Untersuchung eingestellt."</i></span><br/> <span class="ft6">Dieser Beschluss wurde, versehen mit der Rechtsmittelbeleh-</span><br/> <span class="ft6">rung, dass dagegen binnen 20 Tagen seit seiner Mitteilung beim De-</span><br/> <span class="ft6">partement des Innern des Kantons Aargau Beschwerde eingelegt</span><br/> <span class="ft6">werden könne, am 13. September 2000 an die Beschwerdeführer</span><br/> <span class="ft6">versandt.</span><br/> <span class="ft6">4. Mit Postaufgabe vom 29. September 2000 erhoben die Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerdeführer gegen die Verfahrenseinstellung fristgerecht Be-</span><br/> <span class="ft6">schwerde an das Departement des Innern, das diese mit Schreiben</span><br/> <span class="ft6">vom 13. Juni 2001 zuständigkeitshalber an die Beschwerdekammer</span><br/> <span class="ft6">in Strafsachen weiterleitete. Diese trat mit Entscheid vom 23. August</span><br/> <span class="ft6">2001 darauf nicht ein.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">1. Die Beschwerdeführer haben mit Eingabe vom 10. Juli 2000</span><br/> <span class="ft6">an den Gemeinderat O. Anzeige gegen den von ihnen als Nachtruhe-</span><br/> <span class="ft6">störer ausgemachten und der Ruhestörung bezichtigten H.-P. H. er-</span><br/> <span class="ft6">stattet.</span><br/> <span class="ft6">a) Die Nachtruhe, deren Störung die Beschwerdeführer mit die-</span><br/> <span class="ft6">ser Anzeige geahndet haben wollen, ist in dem gestützt auf § 20</span><br/> <span class="ft6">Abs. 2 Bst. i Gemeindegesetz (GG; SAR 171.100) erlassenen allge-</span><br/> <span class="ft6">meinen Polizeireglement der Gemeinde O. (PR) unter dem Titel</span><br/> <span class="ft6">"Ruhestörung" geregelt. Danach ist in Wohngebieten in der Zeit von</span><br/> <span class="ft6">22.00 Uhr bis 07.00 Uhr im Freien sowie auch in schlecht isolierten</span><br/> <span class="ft6">Räumen oder bei offenem Fenster jeglicher Lärm, der den Schlaf der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Gemeinderecht/Strafbefehl</span> <span class="page_no">91</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Mitmenschen stören könnte, verboten (Abs. 2) und auf das Ruhebe-</span><br/> <span class="ft6">dürfnis der Nachbarschaft immer Rücksicht zu nehmen (Abs. 7).</span><br/> <span class="ft6">Zuwiderhandlungen gegen die Vorschriften dieses Reglements wer-</span><br/> <span class="ft6">den gemäss dessen § 25 "vom Gemeinderat mit Geldbussen im</span><br/> <span class="ft6">Rahmen der gemeinderätlichen Strafkompetenz gemäss § 38 Ge-</span><br/> <span class="ft6">meindegesetz bestraft", wobei auch die fahrlässige Übertretung</span><br/> <span class="ft6">strafbar (§ 27 PR) und die Geldbusse durch Strafbefehl des Gemein-</span><br/> <span class="ft6">derats auszufällen ist (§ 31 PR), in besonders leichten Fällen jedoch</span><br/> <span class="ft6">von der Ausfällung einer Busse abgesehen und eine Verwarnung</span><br/> <span class="ft6">ausgesprochen werden kann (§ 26 PR).</span><br/> <span class="ft6">b) Gemäss § 38 GG kann der Gemeinderat gemäss Polizeiregle-</span><br/> <span class="ft6">ment Geldbussen bis Fr. 200.-- (Abs. 1) durch Strafbefehl (Abs. 2</span><br/> <span class="ft6">Satz 1) aussprechen, wobei "das Verfahren ... in § 112 geregelt" ist</span><br/> <span class="ft6">(Abs. 2 Satz 2). Nach dieser Vorschrift kann der Gebüsste gegen</span><br/> <span class="ft6">einen solchen Strafbefehl beim Gemeinderat unter Ausschluss der</span><br/> <span class="ft6">Verwaltungsbeschwerde innert 20 Tagen schriftliche Einsprache</span><br/> <span class="ft6">erheben, durch die der Strafbefehl aufgehoben wird (Abs. 1). Danach</span><br/> <span class="ft6">ist der Einsprecher zu einer Verhandlung vor den Gemeinderat oder</span><br/> <span class="ft6">ein von diesem bestimmtes Mitglied vorzuladen und anschliessend</span><br/> <span class="ft6">vom Gemeinderat ein begründeter Entscheid zu fällen (Abs. 2). Da-</span><br/> <span class="ft6">bei kann ein Strafentscheid innert 20 Tagen nach Eröffnung mit</span><br/> <span class="ft6">schriftlicher Beschwerde an das Bezirksgericht weitergezogen wer-</span><br/> <span class="ft6">den, das darüber endgültig entscheidet (Abs. 3).</span><br/> <span class="ft6">2. a) Das Gemeindegesetz mit dem darauf abgestützten Polizei-</span><br/> <span class="ft6">reglement regelt damit die Ahndung von Gesetzes- und Reglements-</span><br/> <span class="ft6">übertretungen abschliessend und lässt in seiner abschliessenden Re-</span><br/> <span class="ft6">gelung ausdrücklich nur die Anfechtung von Strafbefehlen des Ge-</span><br/> <span class="ft6">meinderats mit darin ausgefällter Busse (bis zum zulässigen Höchst-</span><br/> <span class="ft6">betrag von Fr. 200.--; § 38 Abs. 1 GG) durch Einsprache und deren</span><br/> <span class="ft6">Erledigung in einem Verfahren vor dem Gemeinderat durch begrün-</span><br/> <span class="ft6">deten Entscheid (§ 112 Abs. 1 und 2 GG) mit Weiterziehungsmög-</span><br/> <span class="ft6">lichkeit eines Strafentscheids durch Beschwerde binnen 20 Tagen an</span><br/> <span class="ft6">das Bezirksgericht zu, das darüber endgültig entscheidet (§ 112</span><br/> <span class="ft6">Abs. 3 GG). Diese Regelung sieht für Verstösse gegen das Gemein-</span><br/> <span class="ft6">degesetz und das darauf abgestützte Polizeireglement, anders als die</span><br/> <span class="ft6">in AGVE 1984 Nr. 42 S. 136 und 1975 Nr. 41 S. 121 angewandte</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">92</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">Regelung des alten Baugesetzes (aBauG vom 2. Februar 1971;</span><br/> <span class="ft6">AGS 8 S. 125) für dessen Übertretungen in dessen § 221 aBauG,</span><br/> <span class="ft6">nicht die Zuständigkeit der strafrichterlichen Behörden für die Unter-</span><br/> <span class="ft6">suchung und Beurteilung und Anwendbarkeit der StPO (§ 221 Abs. 1</span><br/> <span class="ft6">aBauG) vor. Deren Anwendung ist übrigens in dem § 221 aBauG</span><br/> <span class="ft6">entsprechenden § 162 des geltenden Baugesetzes (BauG vom 19.</span><br/> <span class="ft6">Januar 1993; SAR 713.100) für die Ahndung von dessen Übertretun-</span><br/> <span class="ft6">gen mit dem ausdrücklichen Verweis auf die Vorschriften der Ge-</span><br/> <span class="ft6">meindegesetzgebung für das Verfahren zur Ausfällung von Bussen</span><br/> <span class="ft6">bis Fr. 500.-- durch Strafbefehl des Gemeinderats und der Bestim-</span><br/> <span class="ft6">mung, dass in Fällen einer in Frage kommenden Busse von über</span><br/> <span class="ft6">Fr. 500.-- Anzeige an das Bezirksamt zu erstatten ist (Abs. 2), auch</span><br/> <span class="ft6">nicht mehr vorbehaltlos vorgeschrieben (vgl. Abs. 1 und 2) und</span><br/> <span class="ft6">kommt danach nur noch in diesen Fällen eines vom Bezirksamt als</span><br/> <span class="ft6">Untersuchungsbehörde (§ 2 Abs. 1 und 2 StPO) durchzuführenden</span><br/> <span class="ft6">Verfahrens zum Zuge.</span><br/> <span class="ft6">b) Sieht das Gemeindegesetz mit dem gestützt darauf erlassenen</span><br/> <span class="ft6">Polizeireglement in seiner Regelung zur Ahndung von dessen Über-</span><br/> <span class="ft6">tretungen in § 112 GG ausdrücklich "unter Ausschluss der Verwal-</span><br/> <span class="ft6">tungsbeschwerde" nur die Anfechtung von Strafbefehlen des Ge-</span><br/> <span class="ft6">meinderats durch Einsprache und deren Erledigung in einem eigens</span><br/> <span class="ft6">dafür geregelten Verfahren vor dem Gemeinderat (Abs. 1 und 2)</span><br/> <span class="ft6">sowie die Anfechtung von Strafentscheiden des Gemeinderats durch</span><br/> <span class="ft6">Beschwerde an das hierüber endgültig urteilende Bezirksgericht</span><br/> <span class="ft6">(Abs. 3) vor, so ist damit die Anfechtung anderer Entscheide des</span><br/> <span class="ft6">Gemeinderats im Sinne des § 112 Abs. 2 GG, d.h. solcher, mit denen</span><br/> <span class="ft6">nach erfolgter Einsprache das Verfahren eingestellt oder die Frei-</span><br/> <span class="ft6">sprechung des Einsprechers angeordnet wird, ausgeschlossen.</span><br/> <span class="ft6">Ebenso ist die Anfechtung von Nichteintretens- und Einstellungsbe-</span><br/> <span class="ft6">schlüssen des Gemeinderats, mit denen einer Anzeige nicht stattge-</span><br/> <span class="ft6">geben bzw. das Verfahren ohne Tatbeurteilung eingestellt wird, ge-</span><br/> <span class="ft6">mäss klarer Gesetzesregelung des § 112 GG ausgeschlossen, die</span><br/> <span class="ft6">dafür keinen Raum lässt.</span><br/> <span class="ft6">3. a) Demnach ist der Beschluss des Gemeinderats O. vom</span><br/> <span class="ft6">11. September 2000, womit das Verfahren gegen H.-P. H. wegen Ver-</span><br/> <span class="ft6">dachts auf Übertretung des § 11 Abs. 2 PR durch Nachtruhestörung</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Gemeinderecht/Strafbefehl</span> <span class="page_no">93</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">am 1./2. Juli 2000 eingestellt wurde, endgültig, nicht mit einem</span><br/> <span class="ft6">Rechtsmittel anfechtbar, die dagegen von den Beschwerdeführern</span><br/> <span class="ft6">eingelegte Beschwerde nicht zulässig und das Obergericht zu deren</span><br/> <span class="ft6">Beurteilung nicht zuständig. Daran vermag die diesem Gemeinde-</span><br/> <span class="ft6">ratsbeschluss beigefügte, dem klaren Wortlaut des § 112 Abs. 1 GG</span><br/> <span class="ft6">zuwiderlaufende unzutreffende Rechtsmittelbelehrung, dass dagegen</span><br/> <span class="ft6">Verwaltungsbeschwerde an das Departement des Innern (Gemeinde-</span><br/> <span class="ft6">abteilung) geführt werden könne, nichts zu ändern, weil eine solche</span><br/> <span class="ft6">falsche Rechtsmittelbelehrung dem Betroffenen nicht zu einem ihm</span><br/> <span class="ft6">gemäss Gesetz nicht offen stehenden Rechtsmittel verhelfen kann</span><br/> <span class="ft6">(BGE 92 I 77, 100 Ib 119/120). Auf diese Beschwerde ist daher nicht</span><br/> <span class="ft6">einzutreten.</span><br/></div> </div> </body> </html>