<!DOCTYPE html> <html lang="de"><head><meta charset="utf-8"/></head><body><div id="JurisdictionPrintArea"> <h1>Rechtsprechung Luzern</h1> <br/> <table class="headerleft noborder" id="content_0_tblJurisdiction"> <tr> <th>Instanz:</th><td>Obergericht</td> </tr><tr> <th>Abteilung:</th><td>II. Kammer</td> </tr><tr> <th>Rechtsgebiet:</th><td>Familienrecht</td> </tr><tr> <th>Entscheiddatum:</th><td>18.11.2003</td> </tr><tr> <th>Fallnummer:</th><td>22 03 82</td> </tr><tr> <th>LGVE:</th><td>2004 I Nr. 5</td> </tr><tr> <th>Leitsatz:</th><td>Art. 133 ZGB. Bedeutung des Altersunterschieds zwischen Eltern und Kind bei der Zuteilung der elterlichen Sorge. </td> </tr><tr> <th>Rechtskraft:</th><td>Diese Entscheidung ist rechtskräftig.</td> </tr><tr> <th>Entscheid:</th><td>Art. 133 ZGB. Bedeutung des Altersunterschieds zwischen Eltern und Kind bei der Zuteilung der elterlichen Sorge. <br/><br/><br/><br/>======================================================================<br/><br/><br/><br/><br/><br/> Zwischen den Parteien ist der Scheidungsprozess hängig. Im Massnahmeverfahren ist unter anderem die Kinderzuteilung streitig. Die Parteien haben zwei 8-jährige Söhne. Der Ge-suchsteller ist 68 Jahre, die Gesuchsgegnerin 34 Jahre alt. Im Rekursentscheid betrachtete das Obergericht beide Eltern grundsätzlich als erziehungsfähig, führte zur Bedeutung des Altersunterschieds zwischen dem Gesuchsteller und den Söhnen aber Folgendes aus:<br/><br/><br/><br/> Gleichwohl rechtfertigt es sich in diesem Zusammenhang auf eine Besonderheit in der Vater-Kinder-Beziehung hinzuweisen. Auffällig erscheint vor allem der beträchtliche Altersun-terschied zwischen dem Gesuchsteller und den beiden Zwillingen von rund 60 Jahren. In der kinderpsychiatrischen und -psychologischen Literatur wird dieser Sachverhalt nicht beschrie-ben, und es finden sich - soweit ersichtlich - auch keine Präjudizien in der Rechtsprechung. Es versteht sich aber aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung von selbst, dass der Alters-unterschied zwischen Vater und Kindern, wie er sich vorliegend präsentiert, einer näheren Würdigung bedarf. Nicht nur in unserer Gesellschaftsordnung zeigt die Realität, dass Eltern-schaft in aller Regel von rund 25 - 40-Jährigen, im Ausnahmefall bis 50-Jährigen wahrge-nommen wird. Bei den Frauen ergibt sich im Gegensatz zu Männern diesbezüglich auch eine biologisch begründete Altersgrenze. Wird die erwähnte Altersbandbreite überschritten, wach-sen nicht nur in der hiesigen Gesellschaft Eltern in die Rolle von Grosseltern hinein. Bezeich-nenderweise werden ältere Menschen in einem Standardwerk der Entwicklungspsychologie im Zusammenhang mit Betreuungs- (und nicht etwa Erziehungs-) Aufgaben in dieser Rolle und nicht in derjenigen der Eltern beschrieben (Oerter/Montada, Entwicklungspsychologie, 5. Aufl., München/Trier 2002, S. 975 ff.). Nicht nur im Arbeitsleben, das gemäss sozialversiche-rungsrechtlicher Regelung eine obere zeitliche Begrenzung mit anschliessendem Ruhestand kennt, sondern auch in anderen Lebensbereichen kommt der Zeitpunkt, wo wegen der nach-lassenden Kräfte gewisse Aufgaben nicht mehr mit der nötigen Dynamik angepackt werden. Es trifft zwar zu, dass dieser Zeitpunkt nicht generell bestimmbar ist und auch bei älteren Menschen grosse Unterschiede in der Vitalität, in der Offenheit und Beweglichkeit und im Mut, Dinge anzupacken, vorhanden sind. Gleichwohl ist nicht darüber hinwegzusehen, dass die Kräfte im Alter nachlassen, was der Gesuchsteller anlässlich seiner Befragung vor Ober-gericht selber nicht verkannt hat (¿). In diesem Zusammenhang erscheint von Interesse, dass der Sohn D. anlässlich seiner Anhörung aussagte, dass er mit der Mutter mehr "mache", da sie jünger sei. Ganz abgesehen von gesundheitlichen Problemen, die von einem Tag auf den andern eine massive Verminderung der Vitalität nach sich ziehen können, wird es auch bei einem normalen Alterungsverlauf ohne besondere gesundheitliche Beschwerden zu einer natürlichen Verringerung der Vitalität und ganz allgemein der Lebenskräfte kommen. Beson-ders gefordert wird der Gesuchsteller in der Zeit der Adoleszenz der beiden Söhne sein (¿). Die wichtigste Entwicklungsaufgabe in der Adoleszenz ist die Übernahme der männli-chen/weiblichen Geschlechtsrolle (Oerter/Montada, a.a.O., S. 328), was dazu führt, dass Vä-ter für ihre adoleszenten Söhne, also vom 14. bis zu deren 21. Lebensjahr, als Identifikati-onsmodelle besonders wichtig sind. Dannzumal wird der Gesuchsteller zwischen 74 und 81 Jahre alt sein. Ob er in diesem Alter all den im Zusammenhang mit den Söhnen verbundenen Anforderungen gerecht werden kann, ist zwar heute nicht mit Bestimmtheit abzuschätzen, doch bleiben zumindest ernsthafte Bedenken. Vor diesem Hintergrund ist auch sein Hinweis, als beliebter Lehrer habe er seinerzeit regelmässigen Umgang mit jungen Erwachsenen ge-habt und es sei ihm viel Anerkennung und Zuneigung zuteil geworden, zu relativieren, kann doch die Lehrtätigkeit im aktiven Berufsalter nicht mit der umfassenden Kindererziehung im danach folgenden Lebensabschnitt verglichen werden. Wenn der Gesuchsteller für den Fall gesundheitlicher Probleme, die ihn in seiner Erziehungstätigkeit beeinträchtigen könnten, auf die junge und starke Gesuchsgegnerin hinweist, kann er daraus hier nichts zu seinen Gunsten ableiten. Denn damit könnte dem Gebot des Kontinuitätsprinzips, nämlich die Entwicklung der Kinder mit einer gewissen Stetigkeit zu fördern, nicht nachgelebt werden. Nach dem Ge-sagten liegt im erheblichen Altersunterschied zwischen dem Gesuchsteller und den beiden Kindern ein objektiver Gesichtspunkt, der sich tendenziell zu seinen Ungunsten bei der Be-antwortung der Frage nach der künftigen Erziehungsfähigkeit auswirkt (vgl. dazu Lehre und Rechtsprechung betreffend den Altersunterschied im Adoptionsrecht, wo bereits ab einem solchen von 40 Jahren eine besondere Würdigung zu erfolgen hat: Art. 11b PAVO [SR 211.222.338]; Peter Breitschmid, Basler Komm., 2. Aufl., N 5 zu Art. 264b und N 4 zu Art. 265 ZGB; ZVW 1985, S. 69, 71 und ZVW 1993, S. 147, 153 Ziff. 4; vgl. auch Art. 3 Abs. 2 lit. b Fortpflanzungsmedizin-Gesetz [FMedG; SR 814.90]). Das vom Gesuchsteller ins Feld geführte Argument, er verfüge über Qualitäten als Vermittler von Lebenserfahrung, Bildung und Weltwissen, vermag die aufgezeigte Problemstellung nicht wettzumachen (so auch der Zürcher Regierungsrat in seinem Entscheid vom 5.12.1984, in: ZVW 1985, S. 71, allerdings einen Adoptionsfall betreffend). <br/><br/><br/><br/> II. Kammer, 18. November 2003 (22 03 82)<br/><br/><br/><br/> (Das Bundesgericht hat die dagegen erhobene staatsrechtliche Beschwerde am 23. Februar 2004 abgewiesen.)<br/><br/></td> </tr> </table> </div></body></html>