<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2000 23 S.78</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">78</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>23</b></span> <span class="ft2"><b>§ 58 Abs. 1 lit. a StPO. Amtliche Verteidigung.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Voraussetzung der in dieser Bestimmung zwingend vorgeschriebenen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>amtlichen Verteidigung ist ein dem Beschuldigten zur Last gelegter ge-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>setzlicher Straftatbestand, in dessen Strafandrohung ausdrücklich eine</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Mindeststrafe von sechs Monaten Gefängnis oder ausschliesslich eine</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Zuchthausstrafe vorgesehen ist.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Beschwerdekammer in Strafsachen,</span><br/> <span class="ft3">vom 20. August 1999 i.S. M.P.L.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">Der Beschwerdeführer ist in einem vor Obergericht hängigen</span><br/> <span class="ft1">Strafverfahren wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit einem</span><br/> <span class="ft1">Kind, mehrfacher Schändung u.a.m. amtlich verteidigt. In einem</span><br/> <span class="ft1">gegen ihn später wegen Verdachts des betrügerischen Bezugs von</span><br/> <span class="ft1">Sozialhilfeleistungen (Art. 146 StGB) angehobenen Strafverfahren,</span><br/> <span class="ft1">in welchem die Staatsanwaltschaft beim Bezirksgericht B. Anklage</span><br/> <span class="ft1">mit dem Antrag auf Ausfällung einer unbedingten Zusatzstrafe von</span><br/> <span class="ft1">zwei Monaten Gefängnis und Fr. 300.-- Busse erhob, hat das Be-</span><br/> <span class="ft1">zirksamt B. sein Begehren um Bestellung eines amtlichen Verteidi-</span><br/> <span class="ft1">gers in der Person seines Anwalts mit Verfügung vom 21. Juni 1999</span><br/> <span class="ft1">abgewiesen. Das Obergericht, Beschwerdekammer in Strafsachen,</span><br/> <span class="ft1">wies die dagegen eingelegte Beschwerde mit Entscheid vom</span><br/> <span class="ft1">20. August 1999 ab.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2000</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">79</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1. Entgegen der Begründung zur Beschwerde sind die Voraus-</span><br/> <span class="ft1">setzungen für die amtliche Verteidigung gemäss § 58 StPO im vor-</span><br/> <span class="ft1">liegenden Fall nicht erfüllt, da die Mindeststrafdrohung gemäss</span><br/> <span class="ft1">Art. 146 StGB Gefängnis beträgt und eine Zuchthausstrafe nur alter-</span><br/> <span class="ft1">nativ in Betracht fällt. Die in der Begründung zur Beschwerde vor-</span><br/> <span class="ft1">genommene Auslegung von § 58 StPO geht fehl, da die abschlies-</span><br/> <span class="ft1">send aufgezählten Anspruchsvoraussetzungen zur Bestellung eines</span><br/> <span class="ft1">amtlichen Verteidigers gestützt auf die Strafandrohung zu dem Be-</span><br/> <span class="ft1">schuldigten zur Last gelegten Tatbestand gemäss Buchstabe a nur so</span><br/> <span class="ft1">verstanden werden kann, dass es sich dabei um die Mindeststrafdro-</span><br/> <span class="ft1">hung oder die einzige überhaupt in Betracht fallende Strafart zum</span><br/> <span class="ft1">jeweiligen Tatbestand handeln muss. Ansonsten bestünde etwa bei</span><br/> <span class="ft1">jedem einfachen Ladendiebstahl oder bei anderen offensichtlichen</span><br/> <span class="ft1">Bagatelldelikten, namentlich bei solchen gegen das Vermögen wie</span><br/> <span class="ft1">etwa der Veruntreuung, der Hehlerei oder der unrechtmässigen Ent-</span><br/> <span class="ft1">ziehung von Energie mit alternativer Strafandrohung von Zuchthaus</span><br/> <span class="ft1">in jedem Fall Anspruch auf amtliche Verteidigung, was dem Willen</span><br/> <span class="ft1">des Gesetzgebers offensichtlich widerspricht. Dass die vom Be-</span><br/> <span class="ft1">schwerdeführer vorgenommene Auslegung zu unvernünftigen Er-</span><br/> <span class="ft1">gebnissen führen müsste, erhellt gerade aus dem vorliegenden Fall</span><br/> <span class="ft1">mit einem Strafantrag von zwei Monaten Gefängnis, welcher bei</span><br/> <span class="ft1">gesetzlicher Mindeststrafandrohung von drei Tagen Gefängnis</span><br/> <span class="ft1">(Art. 146 Abs. 1 i.V.m. Art. 36 StGB) die Mindeststrafdrohung</span><br/> <span class="ft1">gemäss § 58 lit. a StPO bei Weitem unterschreitet. Der gesetzgeberi-</span><br/> <span class="ft1">sche Wille, wie er sich aus dem Wortlaut von § 58 lit. a StPO ergibt,</span><br/> <span class="ft1">besteht gerade darin, die Anspruchsvoraussetzungen für die Bewilli-</span><br/> <span class="ft1">gung einer amtlichen Verteidigung auf gravierende Tatvorwürfe zu</span><br/> <span class="ft1">beschränken und Bagatelldelikte davon auszunehmen.</span><br/> <span class="ft1">2. (Prüfung und Verneinung der Anspruchsvoraussetzungen</span><br/> <span class="ft1">nach Art. 4 BV und Art. 6 Ziff. 1 Bst. c EMRK)</span><br/></div> </div> </body> </html>