<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">25</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>I. Zivilrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>A. Familienrecht</b></span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>1</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 310 und 307 Abs. 1 ZGB; Platzierung eines Kindes in einer Pflege-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>familie.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die Platzierung eines Kindes in einer Pflegefamilie kann entweder von</b></span><br/> <span class="ft2"><b>den sorgeberechtigten Eltern in Ausübung ihres Obhutsrechts oder bei</b></span><br/> <span class="ft2"><b>bestehendem oder neu angeordnetem Obhutsentzug von der Vormund-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>schaftsbehörde als Kindesschutzmassnahme vorgenommen werden. Das</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Kindesschutzverfahren nach ZGB (z.B. hinsichtlich der Beschwerdefrist</b></span><br/> <span class="ft2"><b>oder der Pflicht zur Anhörung des Kindes) gilt nur bei einer Platzierung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>durch die Vormundschaftsbehörde. Ein bloss passives Einverständnis der</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sorgeberechtigten Eltern zu einer kindesschutzrechtlich notwendigen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Platzierung lässt die Notwendigkeit eines Obhutsentzugs nicht entfallen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, Kammer für Vormundschaftswesen,</span><br/> <span class="ft3">vom 3. Dezember 2010 (XBE.2010.20)</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">1.</span><br/> <span class="ft5">1.1.</span><br/> <span class="ft5">B., geboren am [...] 1994, ist der Sohn der allein sorgeberech-</span><br/> <span class="ft5">tigten Kindsmutter M.. B. besuchte vom 11. August 2008 an das</span><br/> <span class="ft5">Schulheim S., wurde aber, nachdem er sich mehrfach unerlaubt vom</span><br/> <span class="ft5">Heim entfernt hatte, im Oktober 2009 aus dem Heim ausgeschlossen.</span><br/> <span class="ft5">Am 8. November 2009 trat B. in das Berufsbildungsheim H. ein.</span><br/> <span class="ft5">Auch aus diesem Heim entfernte sich B. mehrfach unerlaubt, zuletzt</span><br/> <span class="ft5">am 23. Juni 2010. Während einer dieser Abwesenheiten mandatierte</span><br/> <span class="ft5">B. offenbar selbständig die Rechtsanwältin A. [...]. B. weigerte sich</span><br/> <span class="ft5">nach dem 23. Juni 2010, in das Heim H. zurückzukehren. Ein mit</span><br/> <span class="ft5">Präsidialverfügung vom 14. Oktober 2009 angeordneter Obhutsent-</span><br/> <span class="ft5">zug wurde bereits mit Beschluss der Vormundschaftsbehörde V. vom</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">26</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">8. Februar 2010 wieder aufgehoben, so dass das Obhutsrecht derzeit</span><br/> <span class="ft5">bei der sorgeberechtigten Kindsmutter liegt.</span><br/> <span class="ft5">[...]</span><br/> <span class="ft5">1.3.</span><br/> <span class="ft5">Am 21. Juli 2010 fand eine Not-Standortbestimmung statt, an</span><br/> <span class="ft5">welcher B., seine Mutter, sein Vater mit dessen Partnerin, die Kinds-</span><br/> <span class="ft5">beiständin X., Rechtsanwältin A. und ein von ihr beauftragter Fami-</span><br/> <span class="ft5">liencoach, der Lebenspartner der Schwester von B. und zwei Vertre-</span><br/> <span class="ft5">ter des Heimes H., jedoch keine Vertretung der Vormundschaftsbe-</span><br/> <span class="ft5">hörde V. teilnahmen. Gemäss Protokoll sprach sich dabei die Kinds-</span><br/> <span class="ft5">mutter für die Einweisung in eine "Beobachtungsstation" aus und die</span><br/> <span class="ft5">Beiständin hielt eine Fortführung des Aufenthalts im Heim H. für</span><br/> <span class="ft5">ideal, schlug aber den Eintritt in eine offene Beobachtungsstation</span><br/> <span class="ft5">vor, welche eine genaue Abklärung machen könne. Schliesslich</span><br/> <span class="ft5">wurde aber "beschlossen", dass B. gemäss seinem eigenen Wunsch</span><br/> <span class="ft5">unter Vorbehalt der "Bewilligung" der Vormundschaftsbehörde zu</span><br/> <span class="ft5">einer Pflegefamilie stossen solle, wobei er bis zum 18. August 2010</span><br/> <span class="ft5">bei seiner Schwester und deren Lebenspartner leben solle, wo er sich</span><br/> <span class="ft5">offenbar schon vor dem Gespräch aufgehalten hatte.</span><br/> <span class="ft5">[In der Folge wurde der Vormundschaftsbehörde mit separaten</span><br/> <span class="ft5">Eingaben je von der Kindsbeiständin und der vom Jugendlichen B.</span><br/> <span class="ft5">mandatierten Anwältin beantragt, B. in eine sozialpädagogische Pfle-</span><br/> <span class="ft5">gefamilie zu platzieren, welche eine von der Anwältin beauftragte</span><br/> <span class="ft5">Organisation vermittelt hatte.]</span><br/> <span class="ft5">1.5.</span><br/> <span class="ft5">[Mit Beschluss vom 9. August 2010 lehnte der Gemeinderat V.</span><br/> <span class="ft5">die Kostengutsprache für die Platzierung in der vorgeschlagenen</span><br/> <span class="ft5">Pflegefamilie ab. Es werde erwartet, dass B. in das Heim H. zurück-</span><br/> <span class="ft5">kehre.]</span><br/> <span class="ft5">Gemäss der auf dem Beschluss aufgeführten Rechtsmittelbeleh-</span><br/> <span class="ft5">rung konnte dagegen innert einer Frist von 30 Tagen Beschwerde ge-</span><br/> <span class="ft5">führt werden.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">27</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">2.</span><br/> <span class="ft5">2.1.</span><br/> <span class="ft5">Gegen diesen Beschluss erhob B., vertreten durch Rechtsanwäl-</span><br/> <span class="ft5">tin A., mit Eingabe vom 13. September 2010 Beschwerde an das</span><br/> <span class="ft5">Bezirksamt Y. [...].</span><br/> <br/> <span class="ft5">2.2.</span><br/> <span class="ft5">[Mit Beschluss 24. September 2010 trat das Bezirksamt Y. auf</span><br/> <span class="ft5">die Beschwerde nicht ein.]</span><br/> <span class="ft5">Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, der Ge-</span><br/> <span class="ft5">meinderat V. habe den angefochtenen Beschluss in seiner Funktion</span><br/> <span class="ft5">als kommunale Vormundschaftsbehörde erlassen. Daher habe dieser</span><br/> <span class="ft5">Beschluss mit Vormundschaftsbeschwerde gemäss Art. 420 Abs. 2</span><br/> <span class="ft5">ZGB innert einer Frist von zehn Tagen angefochten werden können.</span><br/> <span class="ft5">[...] Die zehntägige Beschwerdefrist habe demnach am 31. August</span><br/> <span class="ft5">2010 geendet und die Beschwerdeerhebung mit Postaufgabe am 13.</span><br/> <span class="ft5">September 2010 sei verspätet erfolgt. Die beschwerdeführende</span><br/> <span class="ft5">Anwältin hätte bei gehöriger Sorgfalt erkennen müssen, dass es sich</span><br/> <span class="ft5">um eine vormundschaftliche Angelegenheit handle und die entspre-</span><br/> <span class="ft5">chende Beschwerdefrist von zehn Tagen gelte, weshalb sie sie sich</span><br/> <span class="ft5">nicht auf die falsche Rechtsmittelbelehrung berufen könne. [...]</span><br/> <span class="ft5">3.</span><br/> <span class="ft5">3.1.</span><br/> <span class="ft5">Dagegen erhob der Beschwerdeführer, vertreten durch Rechts-</span><br/> <span class="ft5">anwältin A., mit Eingabe vom 6. Oktober 2010 fristgerecht Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerde an die Kammer für Vormundschaftswesen [...]</span><br/> <span class="ft5">Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, Streitge-</span><br/> <span class="ft5">genstand sei weder ein Obhutsentzug noch eine behördlich vorge-</span><br/> <span class="ft5">nommene Platzierung. Es handle sich nicht um eine vormundschaft-</span><br/> <span class="ft5">liche Massnahme, sondern die Gemeinde habe im Rahmen ihrer für-</span><br/> <span class="ft5">sorgerischen Aufgaben Kostengutsprache für den das Heim H. erteilt</span><br/> <span class="ft5">bzw. mit Beschluss vom 9. August 2010 die Kostengutsprache für ei-</span><br/> <span class="ft5">ne andere Platzierung abgelehnt. Deshalb gelte nicht die vormund-</span><br/> <span class="ft5">schaftsrechtliche Beschwerdefrist.</span><br/> <span class="ft5">[...]</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">28</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">1.</span><br/> <span class="ft5">Im vorliegenden Verfahren geht es in der Sache um den Wunsch</span><br/> <span class="ft5">des minderjährigen Beschwerdeführers B., in einer Pflegefamilie zu</span><br/> <span class="ft5">leben.</span><br/> <span class="ft5">1.1</span><br/> <span class="ft5">Nach der Konzeption des schweizerischen Zivilgesetzbuches</span><br/> <span class="ft5">bestimmen grundsätzlich Minderjährige ihren Aufenthaltsort nicht</span><br/> <span class="ft5">selbst, sondern darüber entscheiden die sorgeberechtigten Eltern; die-</span><br/> <span class="ft5">ses Aufenthaltsbestimmungsrecht ist der Kern des sogenannten Ob-</span><br/> <span class="ft5">hutsrechts gemäss Art. 301 Abs. 3 ZGB, welches wiederum einen</span><br/> <span class="ft5">Teil der elterlichen Sorge darstellt (vgl. BGE 136 III 353, E. 3.2.).</span><br/> <span class="ft5">1.2.</span><br/> <span class="ft5">Die Vormundschaftsbehörde hat die elterliche Obhut allerdings</span><br/> <span class="ft5">aufzuheben, wenn einer Kindsgefährdung nicht anders begegnet wer-</span><br/> <span class="ft5">den kann (Art. 310 Abs. 1 ZGB). Diesfalls verlieren die sorgeberech-</span><br/> <span class="ft5">tigten Eltern ihr Aufenthaltsbestimmungsrecht und dieses wird neu</span><br/> <span class="ft5">von der Vormundschaftsbehörde wahrgenommen - diese platziert das</span><br/> <span class="ft5">Kind an einem geeigneten Ort. Die gleiche Anordnung trifft die Vor-</span><br/> <span class="ft5">mundschaftsbehörde auf Begehren der Eltern oder des Kindes, wenn</span><br/> <span class="ft5">das Verhältnis so schwer gestört ist, dass das Verbleiben des Kindes</span><br/> <span class="ft5">im gemeinsamen Haushalt unzumutbar geworden ist und nach den</span><br/> <span class="ft5">Umständen nicht anders geholfen werden kann (Art. 310 Abs. 2</span><br/> <span class="ft5">ZGB).</span><br/> <span class="ft5">1.3.</span><br/> <span class="ft5">Eine Platzierung eines Minderjährigen in eine Pflegefamilie</span><br/> <span class="ft5">kann damit rechtlich auf zwei verschiedene Arten erfolgen.</span><br/> <span class="ft5">Bei einer massgeblichen Kindsgefährdung entzieht die Vor-</span><br/> <span class="ft5">mundschaftsbehörde sofern notwendig den Kindseltern die Obhut</span><br/> <span class="ft5">und nimmt die Platzierung vor. Die Platzierung ist dann eine mit an-</span><br/> <span class="ft5">fechtbarem Beschluss der Vormundschaftsbehörde angeordnete Kin-</span><br/> <span class="ft5">desschutzmassnahme. Die Beschwerdefrist richtet sich entsprechend</span><br/> <span class="ft5">nach dem Kindesschutzrecht des ZGB und beträgt gemäss Art. 420</span><br/> <span class="ft5">Abs. 2 ZGB zehn Tage. Kosten von Kindesschutzmassnahmen sind</span><br/> <span class="ft5">gemäss Art. 276 Abs. 1 ZGB Unterhaltskosten, welche grundsätzlich</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">29</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">von den Eltern zu tragen sind. Soweit die Kosten von rechtswirksam</span><br/> <span class="ft5">angeordneten Kindesschutzmassnahmen allerdings nicht gedeckt</span><br/> <span class="ft5">sind, hat die zuständige Fürsorgebehörde dafür aufzukommen (vgl.</span><br/> <span class="ft5">BGE 135 V 134). Für den Leistungserbringer im Rahmen von Kin-</span><br/> <span class="ft5">desschutzmassnahmen ist die Bezahlung damit sichergestellt, sobald</span><br/> <span class="ft5">die Massnahmen von der Vormundschaftsbehörde rechtswirksam an-</span><br/> <span class="ft5">geordnet sind.</span><br/> <span class="ft5">Die sorgeberechtigten Eltern können ihr minderjähriges Kind in</span><br/> <span class="ft5">Ausübung ihres Obhutsrechts aber auch selbst in eine Pflegefamilie</span><br/> <span class="ft5">platzieren. Es handelt sich dann nicht um eine Kindesschutzmassnah-</span><br/> <span class="ft5">me, sondern um einen autonomen Entscheid der Eltern im Rahmen</span><br/> <span class="ft5">der elterlichen Sorge; die Vormundschaftsbehörde wirkt an der Plat-</span><br/> <span class="ft5">zierung an sich nicht mit. Häufig werden die platzierenden Eltern</span><br/> <span class="ft5">aber trotzdem auf die Mitwirkung der Behörden angewiesen sein,</span><br/> <span class="ft5">wenn sie die Platzierung nicht aus eigenen Mitteln zu finanzieren</span><br/> <span class="ft5">vermögen respektive der Leistungserbringer (d.h. die Pflegefamilie</span><br/> <span class="ft5">oder die Organisation, welche die Pflegeplätze vermittelt) die Sicher-</span><br/> <span class="ft5">stellung der Finanzierung verlangt. In diesem Fall sind die Eltern auf</span><br/> <span class="ft5">eine Kostengutsprache der zuständigen Fürsorgebehörde angewiesen</span><br/> <span class="ft5">und müssen zur Sicherstellung der Finanzierung bei dieser Behörde</span><br/> <span class="ft5">ein entsprechendes Gesuch stellen. Die einschlägige Bestimmung im</span><br/> <span class="ft5">Kanton Aargau dazu ist § 9 Abs. 2 SPV, wonach das Gesuch um</span><br/> <span class="ft5">Kostengutsprache durch die Hilfe suchende Person oder durch eine</span><br/> <span class="ft5">bevollmächtigte Vertretung vor Inanspruchnahme der entsprechen-</span><br/> <span class="ft5">den Leistung zu stellen ist. Der Entscheid über dieses Gesuch kann</span><br/> <span class="ft5">gemäss § 58 Abs. 3 SPG innert 30 Tagen angefochten werden.</span><br/> <span class="ft5">1.4.</span><br/> <span class="ft5">Der Gemeinderat ist im Kanton Aargau sowohl Vormund-</span><br/> <span class="ft5">schaftsbehörde (§ 59 Abs. 1 EG ZGB) als auch Fürsorgebehörde</span><br/> <span class="ft5">(§ 44 Abs. 1 und 2 SPG). Der Gemeinderat kann sich bei einer Plat-</span><br/> <span class="ft5">zierung eines Minderjährigen in eine Pflegefamilie damit entweder in</span><br/> <span class="ft5">seiner Funktion als Vormundschafts- oder in seiner Funktion als Für-</span><br/> <span class="ft5">sorgebehörde damit befassen. Im ersten Fall nimmt er bei einem be-</span><br/> <span class="ft5">stehenden oder neu angeordneten Obhutsentzug die Platzierung sel-</span><br/> <span class="ft5">ber vor, im zweiten Fall nimmt er auf Gesuch des platzierenden ge-</span><br/> <span class="ft5">setzlichen Vertreters des Kindes (Sorgerechtsinhaber oder Vormund)</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">30</span></div> <div class="page" id="S6"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">bloss eine Kostengutsprache vor. Erste Beschwerdeinstanz ist in bei-</span><br/> <span class="ft5">den Fällen das Bezirksamt (§ 2 Abs. 2 lit. a EG ZGB und § 58 Abs. 3</span><br/> <span class="ft5">SPG).</span><br/> <span class="ft5">1.5.</span><br/> <span class="ft5">Im vorliegenden Fall macht die Vorinstanz geltend, der Be-</span><br/> <span class="ft5">schluss des Gemeinderats V. vom 9. August 2010 sei in dessen Funk-</span><br/> <span class="ft5">tion als Vormundschaftsbehörde erfolgt, womit eine Beschwerdefrist</span><br/> <span class="ft5">von zehn Tagen gelten würde, welche mit der Beschwerde vom</span><br/> <span class="ft5">13. September 2010 nicht eingehalten worden wäre, während die von</span><br/> <span class="ft5">B. mandatierte Rechtsanwältin geltend macht, der Gemeinderat habe</span><br/> <span class="ft5">den Beschluss in seiner Funktion als Fürsorgebehörde getroffen, wo-</span><br/> <span class="ft5">mit die einschlägige Beschwerdefrist von 30 Tagen eingehalten sei.</span><br/> <span class="ft5">Würde die in der vorliegenden Beschwerde vertretene Auffassung</span><br/> <span class="ft5">zutreffen, wäre die Kammer für Vormundschaftswesen für deren Be-</span><br/> <span class="ft5">handlung nicht zuständig, denn für Beschwerden gegen Entscheide</span><br/> <span class="ft5">des Bezirksamts in Fürsorgesachen ist gemäss § 58 Abs. 2 SPG das</span><br/> <span class="ft5">Verwaltungsgericht zuständig.</span><br/> <span class="ft5">1.6.</span><br/> <span class="ft5">Es handelt sich im vorliegenden Verfahren allerdings offensicht-</span><br/> <span class="ft5">lich um eine kindesschutzrechtliche und nicht um eine sozialhilfe-</span><br/> <span class="ft5">rechtliche Angelegenheit. Es ist nicht die sorgeberechtigte Kindsmut-</span><br/> <span class="ft5">ter, welche B. in einer Pflegefamilie platzieren möchte und zu die-</span><br/> <span class="ft5">sem Zweck ein Gesuch um Kostengutsprache an den Gemeinderat</span><br/> <span class="ft5">gerichtet hätte. Mit Schreiben an die Vormundschaftsbehörde V. vom</span><br/> <span class="ft5">20. Juli 2010 beantragte sie selbst einen Obhutsentzug. Gemäss Pro-</span><br/> <span class="ft5">tokoll der Not-Standortbestimmung vom 21. Juli 2010 befürwortete</span><br/> <span class="ft5">die Kindsmutter die Einweisung in eine Beobachtungsstation.</span><br/> <span class="ft5">Schliesslich liegt weder eine Anmeldung oder ein von der Kindsmut-</span><br/> <span class="ft5">ter abgeschlossener Pflegevertrag für die Platzierung in eine Pflegfa-</span><br/> <span class="ft5">milie noch ein Gesuch von ihr um Kostengutsprache zu diesem</span><br/> <span class="ft5">Zweck vor. In der vorliegenden Beschwerde wird auf S. 2 selbst aus-</span><br/> <span class="ft5">geführt, die Mutter unternehme ihrerseits keine eigenen Schritte für</span><br/> <span class="ft5">die Umsetzung der geforderten Platzierung in eine Pflegfamilie.</span><br/> <span class="ft5">Die Eingaben an den Gemeinderat, mit welcher die Platzierung</span><br/> <span class="ft5">in eine Pflegefamilie anbegehrt wurden, stammten vielmehr einer-</span><br/> <span class="ft5">seits von der Kindsbeiständin und andererseits von Rechtsanwältin</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">31</span></div> <div class="page" id="S7"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">A., welche nach eigenen Angaben nur von B., nicht aber von der</span><br/> <span class="ft5">sorgeberechtigten Kindmutter mandatiert ist, so dass sie nicht als ihre</span><br/> <span class="ft5">bevollmächtigte Vertreterin ein Gesuch um Kostengutsprache stellen</span><br/> <span class="ft5">konnte. Nach Treu und Glauben können die Anträge in den Eingaben</span><br/> <span class="ft5">an den Gemeinderat V. von der Kindsbeiständin vom 5. August 2010</span><br/> <span class="ft5">sowie der Rechtsanwältin A. vom 9. Juli 2010 und vom 12. August</span><br/> <span class="ft5">2010 nur als im Sinne von Gefährdungsmeldungen erfolgte Begehren</span><br/> <span class="ft5">auf Kindesschutzmassnahmen verstanden werden. Es ging offen-</span><br/> <span class="ft5">sichtlich nicht darum, bloss die Finanzierung einer von der sorge-</span><br/> <span class="ft5">und obhutsberechtigten Mutter eingeleiteten Platzierung sicherzustel-</span><br/> <span class="ft5">len, sondern der Gemeinderat V. hätte nach dem Sinn dieser Einga-</span><br/> <span class="ft5">ben als Vormundschaftsbehörde anstelle der Kindsmutter für die</span><br/> <span class="ft5">Platzierung besorgt sein sollen, was, wenn auch nicht explizit be-</span><br/> <span class="ft5">antragt, einen Obhutsentzug bedingt hätte. In der Eingabe der Kinds-</span><br/> <span class="ft5">beiständin vom 5. August 2010 wird auf S. 2 sogar ausdrücklich be-</span><br/> <span class="ft5">richtet, die Kindsmutter habe sich gegen eine Platzierung in der</span><br/> <span class="ft5">Pflegefamilie ausgesprochen.</span><br/> <span class="ft5">1.7.</span><br/> <span class="ft5">Damit ist offensichtlich, dass sich die Anträge der Kindsbeistän-</span><br/> <span class="ft5">din und von Rechtsanwältin A. an den Gemeinderat als Vormund-</span><br/> <span class="ft5">schaftsbehörde richteten und dieser seinen Beschluss vom 9. August</span><br/> <span class="ft5">2010 auch als Vormundschafts- und nicht als Sozialhilfebehörde</span><br/> <span class="ft5">gefällt hat. Eine Beschwerde dagegen wäre daher innert der zehntägi-</span><br/> <span class="ft5">gen Frist von Art. 420 Abs. 2 ZGB zu erheben gewesen und die</span><br/> <span class="ft5">Beschwerde an das Bezirksamt erfolgte verspätet.</span><br/> <span class="ft5">1.8.</span><br/> <span class="ft5">Richtigerweise hat die Vorinstanz auch die Frage geprüft, ob der</span><br/> <span class="ft5">rechtsanwaltlich vertretene Beschwerdeführer auf die falsche Rechts-</span><br/> <span class="ft5">mittelbelehrung auf dem Beschluss der Vormundschaftsbehörde V.</span><br/> <span class="ft5">vom 9. August 2010 vertrauen durfte. Gemäss bundesgerichtlicher</span><br/> <span class="ft5">Rechtsprechung geniesst nur Vertrauensschutz, wer die Unrichtigkeit</span><br/> <span class="ft5">der Rechtsmittelbelehrung nicht kennt und sie auch bei gebührender</span><br/> <span class="ft5">Aufmerksamkeit nicht hätte erkennen können. Rechtsuchende ge-</span><br/> <span class="ft5">niessen keinen Vertrauensschutz, wenn der Mangel für sie bezie-</span><br/> <span class="ft5">hungsweise ihren Rechtsvertreter allein schon durch die Konsultie-</span><br/> <span class="ft5">rung der massgeblichen Verfahrensbestimmung ersichtlich ist. Dage-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">32</span></div> <div class="page" id="S8"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">gen wird nicht verlangt, dass neben den Gesetzestexten auch noch</span><br/> <span class="ft5">die einschlägige Rechtsprechung oder Literatur nachgeschlagen wird</span><br/> <span class="ft5">(BGE 134 I 199, E. 1.3.1. mit Hinweisen). Für die vom Beschwerde-</span><br/> <span class="ft5">führer mandatierte Rechtsanwältin hätte bei gebührender Aufmerk-</span><br/> <span class="ft5">samkeit ersichtlich sein müssen, dass es sich vorliegend um eine</span><br/> <span class="ft5">vormundschaftliche Angelegenheit handelte und die Dauer der Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerdefrist von zehn Tagen wäre mit einem Blick in das ZGB</span><br/> <span class="ft5">erkennbar gewesen. Der Beschwerdeführer kann sich daher nicht auf</span><br/> <span class="ft5">die falsche Rechtsmittelbelehrung berufen.</span><br/> <span class="ft5">1.9.</span><br/> <span class="ft5">Die Vorinstanz ist damit zu Recht nicht auf die verspätet einge-</span><br/> <span class="ft5">reichte Beschwerde eingetreten.</span><br/> <span class="ft5">2.</span><br/> <span class="ft5">2.1.</span><br/> <span class="ft5">Damit kann es aber nicht sein Bewenden haben. Die Kammer</span><br/> <span class="ft5">für Vormundschaftswesen des Obergerichts ist nicht nur Beschwer-</span><br/> <span class="ft5">deinstanz, sondern gemäss § 59 Abs. 4 EG ZGB auch zweit-</span><br/> <span class="ft5">instanzliche vormundschaftliche Aufsichtsbehörde. Sie hat in dieser</span><br/> <span class="ft5">Funktion die sachrichtige Anwendung des Vormundschafts- und Kin-</span><br/> <span class="ft5">desrechts durch die ihrer Aufsicht unterstehenden vormundschaftli-</span><br/> <span class="ft5">chen Behörden und Organe durchzusetzen. In den vorliegenden Ak-</span><br/> <span class="ft5">ten finden sich zahlreiche Hinweise, welche die Prüfung und allfäl-</span><br/> <span class="ft5">lige Anordnung eines Obhutsentzugs nahelegen. Die Vormund-</span><br/> <span class="ft5">schaftsbehörde V. hat jedoch mit Beschluss vom 8. Februar 2010 auf</span><br/> <span class="ft5">Antrag der Beiständin in einer Eingabe vom 30. Januar 2010 hin</span><br/> <span class="ft5">einen bereits bestehenden Obhutsentzug wieder aufgehoben und seit-</span><br/> <span class="ft5">her soweit ersichtlich den neuerlichen Entzug der Obhut nicht ge-</span><br/> <span class="ft5">prüft, und dies, obwohl die sorgeberechtigte Kindsmutter mit Einga-</span><br/> <span class="ft5">be vom 20. Juli 2010 selber einen Antrag auf Obhutsentzug gestellt</span><br/> <span class="ft5">hat.</span><br/> <span class="ft5">2.2.</span><br/> <span class="ft5">In Laienkreisen bis weit hinein in Bereiche des professionellen</span><br/> <span class="ft5">Sozialwesens ist die Ansicht verbreitet, dass bei Einverständnis der</span><br/> <span class="ft5">sorgeberechtigten Eltern mit einer Platzierung gestützt auf das in</span><br/> <span class="ft5">Art. 307 Abs. 1 ZGB festgehaltene Subsidiaritätsprinzip kein Ob-</span><br/> <span class="ft5">hutsentzug angezeigt sei. Dass dies in dieser allgemeinen Form nicht</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">33</span></div> <div class="page" id="S9"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">zutrifft, lässt sich bereits aus Art. 310 Abs. 2 ZGB ersehen, wonach</span><br/> <span class="ft5">unter Umständen ein Obhutsentzug sogar auf Begehren der Eltern zu</span><br/> <span class="ft5">erfolgen hat. Gemäss C</span><span class="ft3">HRISTOPH</span> <span class="ft5">H</span><span class="ft3">ÄFELI</span> <span class="ft5">ist nur - aber immerhin -</span><br/> <span class="ft5">auf einen Obhutsentzug zu verzichten, wenn Eltern und Kind mit der</span><br/> <span class="ft5">Platzierung einverstanden sind oder die Eltern über die Platzierung</span><br/> <span class="ft5">entscheiden und das Kind gehorcht. Sind entweder Kind oder Eltern</span><br/> <span class="ft5">mit der Platzierung nicht einverstanden, ist auch nach seiner Ansicht</span><br/> <span class="ft5">die Obhut aufzuheben (Wegleitung für vormundschaftliche Organe,</span><br/> <span class="ft5">4. Aufl. 2005, S. 149).</span><br/> <span class="ft5">Aus Art. 310 ZGB ergibt sich hingegen, dass grundsätzlich jede</span><br/> <span class="ft5">vormundschaftsrechtliche Platzierung mit einem Obhutsentzug ver-</span><br/> <span class="ft5">bunden ist. Im Wortlaut des ZGB findet sich der Begriff der "Platzie-</span><br/> <span class="ft5">rung" überhaupt nicht, sondern in Art. 310 ZGB wird unter dem</span><br/> <span class="ft5">Randtitel "Aufhebung der elterlichen Obhut" festgehalten, die Vor-</span><br/> <span class="ft5">mundschaftsbehörde habe unter bestimmten Umständen das Kind</span><br/> <span class="ft5">den Eltern "wegzunehmen und in angemessener Weise unterzubrin-</span><br/> <span class="ft5">gen". Daraus ergibt sich, dass im Kindesschutzrecht der Obhutsent-</span><br/> <span class="ft5">zug und die Platzierung bloss zwei Seiten desselben Vorgangs sind.</span><br/> <span class="ft5">Mit dem Obhutsentzug wird den sorgeberechtigten Eltern im Wesent-</span><br/> <span class="ft5">lichen das Aufenthaltsbestimmungsrecht über das Kind entzogen,</span><br/> <span class="ft5">welches auf die Vormundschaftsbehörde übergeht, und mit der Plat-</span><br/> <span class="ft5">zierung übt die Vormundschaftsbehörde dieses Recht aus. Ein Ob-</span><br/> <span class="ft5">hutsentzug ohne Platzierung ist ebenso sinnlos wie eine kindes-</span><br/> <span class="ft5">schutzrechtliche Platzierung einen Obhutsentzug voraussetzt.</span><br/> <span class="ft5">2.3.</span><br/> <span class="ft5">Selbstverständlich kann aber eine Platzierung nicht nur durch</span><br/> <span class="ft5">die Vormundschaftsbehörde, sondern bei bestehendem Obhutsrecht</span><br/> <span class="ft5">auch durch die Eltern erfolgen. Wie oben in Erwägung 1.3. ausge-</span><br/> <span class="ft5">führt, hat die Vormundschaftsbehörde damit als solche rechtlich</span><br/> <span class="ft5">nichts zu tun, weshalb es dann auch nicht zu einem Obhutsentzug</span><br/> <span class="ft5">kommt. Es handelt sich dann nicht um eine Kindesschutzmassnahme,</span><br/> <span class="ft5">sondern um einen autonomen Entscheid der sorgeberechtigten Eltern.</span><br/> <span class="ft5">Die Abgrenzung kann in der Praxis im Einzelfall aber schwierig sein,</span><br/> <span class="ft5">da oft wie derzeit noch im Kanton Aargau die Gemeindebehörden</span><br/> <span class="ft5">sowohl als Vormundschaftsbehörde für die hoheitliche Anordnung</span><br/> <span class="ft5">von Kindsschutzmassnahmen als auch als Fürsorgebehörde für die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">34</span></div> <div class="page" id="S10"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">materielle und immaterielle Hilfe zuständig sind. Gemäss dem be-</span><br/> <span class="ft5">reits erwähnten Subsidiaritätsprinzip nach Art. 307 Abs. 1 ZGB trifft</span><br/> <span class="ft5">die Vormundschaftsbehörde nur Kindesschutzmassnahmen, wenn die</span><br/> <span class="ft5">sorgeberechtigten Eltern nicht selber die Kindsgefährdung abwen-</span><br/> <span class="ft5">den. Sofern daher die sorgeberechtigten Eltern eine bestehende</span><br/> <span class="ft5">Kindsgefährdung selbständig erkennen, darauf mit einer angemesse-</span><br/> <span class="ft5">nen Platzierung des Kindes reagieren und sich im Wesentlichen nur</span><br/> <span class="ft5">noch zur Sicherstellung der Finanzierung mit dem Gesuch um</span><br/> <span class="ft5">Kostengutsprache an die Gemeinde wenden, braucht die Gemeinde</span><br/> <span class="ft5">als Kindesschutzbehörde nach dem Subsidiaritätsprinzip nicht mehr</span><br/> <span class="ft5">tätig zu werden und keinen Obhutsentzug anzuordnen. Auch wenn</span><br/> <span class="ft5">die sorgeberechtigten Eltern eine Kindsgefährdung erkennen, sich zu</span><br/> <span class="ft5">ihrer Unterstützung bei der Suche nach einer angemessenen Lösung</span><br/> <span class="ft5">des Problems an die Gemeinde wenden und diese zum Beispiel einen</span><br/> <span class="ft5">Pflegplatz vermittelt, sind die Eltern grundsätzlich noch die treibende</span><br/> <span class="ft5">Kraft bei der Beseitigung der Kindsgefährdung, welche letztlich mit</span><br/> <span class="ft5">Hilfe der Behörden über eine Platzierung selbständig entscheiden, so</span><br/> <span class="ft5">dass ein Eingreifen der Vormundschaftsbehörde mit einem Obhuts-</span><br/> <span class="ft5">entzug nicht notwendig erscheint (zur weiteren Unterstützung der</span><br/> <span class="ft5">Eltern und des Kindes kann vormundschaftsrechtlich allenfalls eine</span><br/> <span class="ft5">Beistandschaft errichtet werden). Sofern allerdings die Vormund-</span><br/> <span class="ft5">schaftsbehörden auf Grund einer Gefährdungsmeldung Dritter tätig</span><br/> <span class="ft5">werden, die Eltern nicht aktiv an der Beseitigung der Kindswohlsge-</span><br/> <span class="ft5">fährdung mitwirken, sondern bloss passiv die von der Vormund-</span><br/> <span class="ft5">schaftsbehörde in die Wege geleitete Platzierung akzeptieren und</span><br/> <span class="ft5">sich mit einer blossen Einverständniserklärung darin fügen, ohne sel-</span><br/> <span class="ft5">ber diese Lösung angestrebt zu haben, kann nach Auffassung der</span><br/> <span class="ft5">Kammer für Vormundschaftswesen nicht davon die Rede sein, dass</span><br/> <span class="ft5">die Eltern im Sinne des Subsidiaritätsprinzips die Kindsgefährdung</span><br/> <span class="ft5">selber abgewendet hätten. Entsprechend ist in diesen Fällen der</span><br/> <span class="ft5">Kindsgefährdung unabhängig vom Vorliegen des Einverständnisses</span><br/> <span class="ft5">der Eltern mit einem Obhutsentzug und einer vormundschaftsrechtli-</span><br/> <span class="ft5">chen Platzierung zu begegnen.</span><br/> <span class="ft5">2.4.</span><br/> <span class="ft5">Selbstverständlich ist es auch in den letztgenannten Fällen psy-</span><br/> <span class="ft5">chologisch und für den weiteren Verlauf der Massnahme wichtig,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">35</span></div> <div class="page" id="S11"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">dass die Behörden die Kindseltern von der Notwendigkeit der Plat-</span><br/> <span class="ft5">zierung zu überzeugen versuchen. Bloss wird es nach der hier ver-</span><br/> <span class="ft5">tretenen Auffassung der Sache nicht gerecht, das Einverständnis an-</span><br/> <span class="ft5">sonsten passiv bleibender Eltern mit dem Verzicht auf einen Obhuts-</span><br/> <span class="ft5">entzug zu "belohnen". Da mit dem Verzicht auf den Obhutsentzug</span><br/> <span class="ft5">die Platzierung nämlich keinen kindesschutzrechtlichen Charakter</span><br/> <span class="ft5">mehr hat, gehen damit grundsätzlich auch die kindesschutzrechtli-</span><br/> <span class="ft5">chen Verfahrensgarantien verloren. So ist bei einer formell von den</span><br/> <span class="ft5">Kindseltern angeordneten Platzierung mit blosser Kostengutsprache</span><br/> <span class="ft5">der Behörden Art. 314 Ziff. 1 ZGB, wonach das Kind von der Vor-</span><br/> <span class="ft5">mundschaftsbehörde in der Regel anzuhören ist, nicht anwendbar,</span><br/> <span class="ft5">was sich nur rechtfertigt, wenn die Platzierung effektiv von den</span><br/> <span class="ft5">Eltern ausgeht. Auch wird den Eltern die Möglichkeit genommen,</span><br/> <span class="ft5">die Platzierung mittels Beschwerde gemäss Art. 420 Abs. 2 ZGB von</span><br/> <span class="ft5">der vormundschaftlichen Aufsichtsbehörde überprüfen lassen zu kön-</span><br/> <span class="ft5">nen. Wenn die Behörde die Platzierung für unumgänglich hält und</span><br/> <span class="ft5">vorantreibt, auf Grund des Einverständnisses der passiven Eltern</span><br/> <span class="ft5">aber auf einen Obhutsentzug verzichtet, sich jedoch offen oder insge-</span><br/> <span class="ft5">heim vorbehält, die Platzierung bei einem Abbruch durch die Eltern</span><br/> <span class="ft5">mittels sofortigem Obhutsentzug aufrechtzuerhalten, so wird den El-</span><br/> <span class="ft5">tern entgegen Treu und Glauben eine Entscheidautonomie vorgespie-</span><br/> <span class="ft5">gelt, welche diese gar nicht haben, denn die Vormundschaftsbehörde</span><br/> <span class="ft5">wird in einem solchen Fall die Platzierung so oder so durchsetzen.</span><br/> <span class="ft5">Ein Einverständnis der Eltern beruht dann unter Umständen auch</span><br/> <span class="ft5">nicht mehr auf ihrem freien Willen, sondern sie erklären sich mög-</span><br/> <span class="ft5">licherweise sogar wider Willen einverstanden, bloss um einen als</span><br/> <span class="ft5">stigmatisierend empfundenen Obhutsentzug zu vermeiden.</span><br/> <span class="ft5">2.5.</span><br/> <span class="ft5">Zusammenfassend kann nach Ansicht der Kammer für Vor-</span><br/> <span class="ft5">mundschaftswesen auf einen Obhutsentzug nur verzichtet werden,</span><br/> <span class="ft5">wenn die sorgeberechtigten Eltern aktiv auf die Platzierung hinge-</span><br/> <span class="ft5">wirkt haben. Ein bloss passives Einverständnis hingegen lässt die</span><br/> <span class="ft5">Notwendigkeit eines Obhutsentzugs nicht dahinfallen. Ein gewisser</span><br/> <span class="ft5">Ermessensspielraum lässt sich in dieser Frage nicht vermeiden, doch</span><br/> <span class="ft5">werden sich auch viele Fälle klar unter diesen Kriterien einordnen</span><br/> <span class="ft5">lassen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">36</span></div> <div class="page" id="S12"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">3.</span><br/> <span class="ft5">[...]</span><br/> <span class="ft5">3.2.</span><br/> <span class="ft5">Gemäss der Eingabe der Kindsbeiständin an die Vormund-</span><br/> <span class="ft5">schaftsbehörde V. vom 5. August 2010 (letzter Absatz auf S. 2) habe</span><br/> <span class="ft5">sich die Kindsmutter geäussert, dass sie nicht länger Verantwortung</span><br/> <span class="ft5">übernehmen möchte für Platzierungen von B.. Es befindet sich im</span><br/> <span class="ft5">Übrigen eine Eingabe der Mutter an die Vormundschaftsbehörde</span><br/> <span class="ft5">vom 20. Juli 2010 bei den Akten, mit welcher sie selber den Entzug</span><br/> <span class="ft5">der Obhut über B. beantragt. Rechtsanwältin A. führt in der Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerde an das Bezirksamt vom 13. September 2010 aus, schon im</span><br/> <span class="ft5">frühen Kindesalter bald nach der Scheidung der Kindseltern sei die</span><br/> <span class="ft5">Kindsmutter mit der Erziehung und Pflege der Kinder überfordert</span><br/> <span class="ft5">gewesen. Persönliche Probleme der Mutter einerseits, insbesondere</span><br/> <span class="ft5">die Alkoholsuchtproblematik und der häufige Partner- und Wohnorts-</span><br/> <span class="ft5">wechsel, und Probleme von B. wie Legasthenie und ADHS anderer-</span><br/> <span class="ft5">seits hätten dazu geführt, dass dieser schon seit früher Kindheit meist</span><br/> <span class="ft5">in Institutionen untergebracht gewesen sei. Gemäss Aktennotiz des</span><br/> <span class="ft5">Bezirksamts Y. vom 16. September 2010 habe Rechtsanwältin A. in</span><br/> <span class="ft5">einem Telefongespräch mit dem Sachbearbeiter des Bezirksamts</span><br/> <span class="ft5">unter anderem ausgeführt, die Kindsmutter sei lediglich eine Mario-</span><br/> <span class="ft5">nette, die das befürworte, was man ihr sage. Faktisch sei das Heim</span><br/> <span class="ft5">H. in dieser Sache federführend und nicht die Kindsmutter oder die</span><br/> <span class="ft5">Beiständin. In der vorliegend zu behandelnden Beschwerde führt</span><br/> <span class="ft5">Rechtsanwältin A. auf S. 6 aus, der Beschwerdeführer sei schon seit</span><br/> <span class="ft5">Jahren damit konfrontiert, dass formell nach wie vor seine Mutter als</span><br/> <span class="ft5">Inhaberin der elterlichen Sorge Entscheidträgerin, faktisch aber zur</span><br/> <span class="ft5">Pflege und Erziehung nicht fähig sei, was dazu führe, dass die Vor-</span><br/> <span class="ft5">mundschaftsbehörde faktisch Entscheidungen fälle, formell aber</span><br/> <span class="ft5">nicht Entscheidungsträger sei und nicht in der Verantwortung stehe.</span><br/> <span class="ft5">Der Beschwerdeführer werde damit zum Spielball gemacht in einem</span><br/> <span class="ft5">Schwarz-Peter-Spiel in Bezug auf die Verantwortung, eine im</span><br/> <span class="ft5">Kindeswohl liegende Entscheidung in Bezug auf den Aufenthalt des</span><br/> <span class="ft5">Beschwerdeführers zu treffen. Die Beiständin ihrerseits bemühe sich</span><br/> <span class="ft5">zwar um eine im Kindeswohl liegende Lösung, habe aber keine Ent-</span><br/> <span class="ft5">scheidungskompetenzen.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">37</span></div> <div class="page" id="S13"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">3.3</span><br/> <span class="ft5">Zusammenfassend ergibt sich damit aus den Akten, dass die</span><br/> <span class="ft5">Kindsmutter selber einen Antrag auf Obhutsentzug gestellt hat und</span><br/> <span class="ft5">gemäss den Angaben der Kindsbeiständin geäussert hat, sie wolle</span><br/> <span class="ft5">keine Verantwortung für die Platzierungen von B. mehr übernehmen</span><br/> <span class="ft5">und die vom Beschwerdeführer beauftragte Rechtsanwältin A. gel-</span><br/> <span class="ft5">tend macht, schon bisher seien die Entscheidungen hinsichtlich des</span><br/> <span class="ft5">Aufenthaltsorts von B. faktisch nicht von der sorgeberechtigten</span><br/> <span class="ft5">Kindsmutter getroffen worden.</span><br/> <span class="ft5">3.4</span><br/> <span class="ft5">Die Vormundschaftsbehörde V. wird damit auf Grund des An-</span><br/> <span class="ft5">trags der Mutter aber auch von Amtes wegen darüber beschliessen</span><br/> <span class="ft5">müssen, ob der Kindsmutter die Obhut über B. entzogen wird. Bei</span><br/> <span class="ft5">einem Obhutsentzug wird sie gleichzeitig über die Platzierung von B.</span><br/> <span class="ft5">entscheiden müssen. Ein Obhutsentzug ist anzuordnen, wenn eine</span><br/> <span class="ft5">Kindsgefährdung vorliegt, welche die sorgeberechtigten Eltern nicht</span><br/> <span class="ft5">beseitigen und sich auch nicht mit milderen Kindesschutzmassnah-</span><br/> <span class="ft5">men beheben lässt.</span><br/> <span class="ft5">3.5.</span><br/> <span class="ft5">Vorliegend ist es soweit ersichtlich unumstritten, dass B. nicht</span><br/> <span class="ft5">ohne Kindswohlsgefährdung bei seiner Mutter leben kann. Als er das</span><br/> <span class="ft5">Heim H. ohne Erlaubnis verliess, wurde er jeweils sogar polizeilich</span><br/> <span class="ft5">ausgeschrieben. Die Kindsmutter hat offenbar selber erklärt, die Ver-</span><br/> <span class="ft5">antwortung für die Platzierung von B. nicht mehr übernehmen zu</span><br/> <span class="ft5">können. Gemäss den Ausführungen von Rechtsanwältin A. hat die</span><br/> <span class="ft5">Kindsmutter im Übrigen schon bisher sich nicht selber aktiv um eine</span><br/> <span class="ft5">kindgerechte Platzierung von B. gekümmert, sondern sich lediglich</span><br/> <span class="ft5">passiv in das von der Beiständin oder dem Heim vorgegebene Vorge-</span><br/> <span class="ft5">hen gefügt. Falls dies zutrifft, hätte schon früher die Obhut entzogen</span><br/> <span class="ft5">beziehungsweise auf eine Wiedererteilung der Obhut verzichtet wer-</span><br/> <span class="ft5">den müssen, denn eine bloss passive Kooperation der sorgeberechtig-</span><br/> <span class="ft5">ten Eltern mit den Behörden führt nicht dazu, dass von einem</span><br/> <span class="ft5">Obhutsentzug abgesehen werden kann. Auf jeden Fall liegt heute</span><br/> <span class="ft5">offenbar eine Kindsgefährdung vor, welche nach einer Platzierung</span><br/> <span class="ft5">von B. verlangt, sei es in einem Heim oder in einer Pflegefamilie,</span><br/> <span class="ft5">und die Mutter ist erklärtermassen nicht mehr willens oder in der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2010</span> <span class="title">Obergericht</span> <span class="page_no">38</span></div> <div class="page" id="S14"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Lage, die nötigen Entscheide hinsichtlich der anstehenden Platzie-</span><br/> <span class="ft5">rung zu fällen, so dass ein Obhutsentzug angezeigt erscheint.</span><br/> <span class="ft5">3.6.</span><br/> <span class="ft5">Im vorliegenden Fall zeigt sich exemplarisch, welche Konse-</span><br/> <span class="ft5">quenzen ein zu Unrecht auf Grund eines passiven Akzeptierens der</span><br/> <span class="ft5">Platzierung durch die sorgeberechtigten Eltern unterlassener Obhuts-</span><br/> <span class="ft5">entzug mit sich bringen kann. Formell bleiben die sorgeberechtigten</span><br/> <span class="ft5">Elternträger Entscheidungsträger, während ihnen faktisch die Ent-</span><br/> <span class="ft5">scheidung aber vorgegeben wird. Damit bleibt ein formeller Platzie-</span><br/> <span class="ft5">rungsentscheid der Vormundschaftsbehörde aus, so dass dagegen</span><br/> <span class="ft5">kein Rechtsmittel vorliegt. So konnte auch im vorliegenden Fall der</span><br/> <span class="ft5">Beschwerdeführer seine faktische Platzierung im Heim H. aus die-</span><br/> <span class="ft5">sem Grund nicht anfechten. Im Übrigen hat die Vormundschafts-</span><br/> <span class="ft5">behörde V. - da sie bisher keinen Obhutsentzug ausgesprochen und</span><br/> <span class="ft5">damit auch keinen Platzierungsentscheid gefällt hat - den 16-jähri-</span><br/> <span class="ft5">gen Beschwerdeführer B. soweit ersichtlich noch überhaupt nie zu</span><br/> <span class="ft5">den zu treffenden und für ihn lebensprägenden Entscheidungen ange-</span><br/> <span class="ft5">hört. An der Not-Standortbestimmung vom 21. Juli 2010, an welcher</span><br/> <span class="ft5">unter anderem B., beide Kindseltern, die Beiständin, Rechtsanwältin</span><br/> <span class="ft5">A. und Vertreter des Heims H. teilnahmen, und an welcher gemäss</span><br/> <span class="ft5">Protokoll "Beschlüsse", unter anderem hinsichtlich der Platzierung</span><br/> <span class="ft5">von B. in eine Pflegefamilie gefasst wurden, war die für rechtsgültige</span><br/> <span class="ft5">Beschlüsse betreffend Kindesschutzmassnahmen allein zuständige</span><br/> <span class="ft5">Vormundschaftsbehörde nicht vertreten [...].</span><br/></div> </div> </body> </html>