B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-6229/2017 plo U r t e i l v o m 11 . M a i 2 0 1 8 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richter Gérard Scherrer, Gerichtsschreiberin Regula Aeschimann. Parteien A._______, geboren am (…), gemäss eigenen Angaben China (Volksrepublik), vertreten durch Laura Rossi, Fürsprecherin, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 2. Oktober 2017 / N (…). D-6229/2017 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zu- folge am (…) Juli 2016 und reiste nach Nepal, wo er sich in der Folge zwei Monate aufhielt. Anschliessend sei er auf dem Luftweg über verschiedene Länder zu einem unbekannten Flughafen gelangt und habe seine Reise mit dem Zug fortgesetzt. Am 17. Oktober 2016 erfolgte die Einreise in die Schweiz. Gleichentags stellte er im Empfangs - und Verfahrenszentrum (EVZ) B._______ ein Asylgesuch. Dort wurde er a m 10. November 2016 im Rahmen einer Befragung zur Person (BzP) zu seinen persönlichen Um- ständen, seinem Reiseweg sowie summarisch zu seinen Asylgründen be- fragt. Das SEM hörte ihn am 5. Dezember 2016 ausführlich zu seinen Asyl- gründen an. B. Der Beschwerdeführer machte im Wesentlichen geltend, er sei chinesi- scher Staatsangehöriger tibetischer Ethnie und stamme aus dem Dorf C._______, Kreis D._______, Bezirk E._______. Er habe die Schule nie besucht, sondern seinen in der Landwirtschaft tätigen Eltern geholfen. Sein Vater habe ihm aber Lesen und Schreiben beigebracht. Eines Tages habe ihn sein älterer Bruder F._______ zum Bezirkshauptort mitgenommen, um eine zeremonielle Rauchopfergabe durchzuführen . Dort sei offenbar ein Foto von ihnen geschossen worden, welches später in der Zeitung erschie- nen sei. Sein Vater habe diese Aufnahme gesehen und ihm gesagt, wenn das Foto von jemandem in der Zeitung abgebildet sei, käme man ins Ge- fängnis der Chinesen. Deswegen habe er sich zusammen mit seinem Bru- der einen Monat lang bei seinem Onkel in der Ortschaft G._______ ver- steckt. Danach seien sie mit einem Schlepper nach Nepal ausgereist und hätten sich zwei Monate in einem Gasthaus aufgehalten. Von dort aus sei er zu einem Flughafen gefahren worden und mit drei verschiedenen Flug- zeugen sowie zuletzt mit einem Zug in die Schweiz gereist, wobei ihm we- der die Transitländer noch die Fluglinien bekannt seien. Sein Bruder sei nicht mit ihm weitergereist und befinde sich vermutlich noch immer in Ne- pal. Der Beschwerdeführer reichte keine Reise- oder Identitätspapiere zu den Akten. C. C.a Am 7. Februar 2017 fand ein Telefoninterview zur Herkunftsabklärung des Beschwerdeführers statt, auf dessen Basis ein vom SEM beauftragter D-6229/2017 Seite 3 Experte ein Gutachten erstellte. Dieser kam dabei zum Schluss, die Sozi- alisation des Beschwerdeführers habe der linguistischen Analyse zufolge eindeutig nicht im Kreis D._______ stattgefunden und sehr wahrscheinlich auch nicht im autonomen Gebiet der Volksrepublik China, sondern in der exiltibetischen Gemeinschaft. Der Experte stellte fest, dass die Sprache des Beschwerdeführers auf allen Ebenen der Analyse keine Gemeinsam- keiten mit dem Dialekt von D._______ aufgewiesen habe. Vielmehr seien ausschliesslich Merkmale festzustellen gewesen, di e dem Dialekt von Lhasa oder der sogenannten exiltibetischen Koine zuzuordnen seien. Auch habe er über keine Kenntnisse des Chinesischen verfügt, obwohl dies bei einer Person, die ihr ganzes bisheriges Leben in Tibet verbracht habe, zu erwarten gewesen wäre. C.b Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer daraufhin das rechtliche Gehör zur Lingua -Analyse. Mit Eingabe vom 3. August 2017 reichte er durch seine Rechtsver treterin eine Stell ungnahme ein und führte aus, er könne das Ergebnis der Analyse nicht nachvollziehen. Er habe die Wahr- heit gesagt und während des Interviews genau so gesprochen, wie er dies auch mit seinen Eltern im Kreis D._______ getan habe. Um sich umfas- send zur linguistischen Analyse äussern zu können, ersuchte er um Ein- sicht in die Gesprächsaufzeichnung. Gleichzeitig setzte er das SEM dar- über in Kenntnis, dass er versuche, mithilfe seiner in der Schweiz lebenden Cousine Kontakt zu seiner Familie aufzunehmen. C.c Mit Eingabe vom 11. August 2017 erklärte der Beschwerdeführer, ihm werde hauptsächlich vorgeworfen, seine Sprache stimme mit dem Dialekt von Lhasa beziehungsweise dem exiltibetischen Dialekt überein, nicht aber mit jenem von D._______. Letzteres sei aber nicht allzu weit von Lhasa entfernt und liege wie dieses auch in der Provinz Ü -Tsang. Die Dialekte könnten deshalb durchaus Ähnlichkeiten aufweisen, auch in Bezug auf Phonetik und Morphologie. Er beherrsche kein Chinesisch, weil in seinem Dorf keine Chinesen gelebt hätten und er die Schule nie besucht habe. C.d Nach Einsichtnahme in die Auf zeichnung des Lingua -Gesprächs reichte die Rechtsvertreterin des Besch werdeführers mit Eingabe vom 31. August 2017 eine weitere Stellungnahme ein. Darin wurde geltend ge- macht, die Interviewerin habe während des ganzen Telefongesprächs im Zentraltibetischen Dialekt gesprochen, weshalb es möglich sei, dass sich der Beschwerdeführer in der Aussprache von gewissen Begriffen seiner Gesprächspartnerin angepasst ha t. Sodann spreche er keinen „reinen“ D._______-Dialekt, da ein Elternteil aus H._______ stamme, weshalb er D-6229/2017 Seite 4 eine Mischform aus diesen beiden Dialekten spreche. Da er nie eine Schule besucht habe, seien die Familienmitglieder seine Hauptgesprächs- partner gewesen. Sodann erklärte der Beschwerdeführer, er stehe mit sei- nem Onkel in Kontakt und versuche, sich Dokumente in die Schweiz schi- cken zu lassen. Dies gestalte sich jedoch als schwierig, da der Onkel be- fürchte, die Behörden könnten die Post öffnen und er wür de deswegen Probleme bekommen. Im Übrigen hielt er daran fest, dass er aus dem Dorf C._______ stamme und dort hauptsozialisiert worden sei. D. Mit am Folgetag eröffneter Verfügung vom 2. Oktober 2017 stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz. Gleich- zeitig ordnete es den Vollzug der Weg weisung an, unter Ausschluss der Volksrepublik China. E. Der Beschwerdeführer erhob gegen diese Verfügung mit Eingabe vom 2. November 2017 durch seine neu mandatierte Rechtsvertreterin Eva Gammenthaler Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Darin liess er beantragen, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und er sei als Flüchtling aufzunehmen. Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, wei- tere Instruktionsmassnahmen vorzunehmen und einen neuen Asylent- scheid zu fällen, subeventualiter sei die Vorinstan z anzuweisen, den Be- schwerdeführer wegen Unz ulässigkeit und Unzumutbarkeit vorläufig auf- zunehmen. In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der un- entgeltlichen Prozessführung sowie die Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes. Als Beschwerdebeilage wurde – neben einer Vollmacht und der angefochtenen Verfügung – ein Brief des Bruders des Beschwer- deführers eingereicht, inklusive Übersetzung und Original-Sendeumschlag aus China. F. Mit Zwischenverfügung vom 15. November 2017 wurde dem Beschwerde- führer mitgeteilt, er dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz ab- warten. Gleichzeitig wurde er aufgefordert, eine Fürsorgebestätigung nachzureichen. G. Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers reichte mit Eingabe vom 30. November 2017 eine Fürsorgebestätigung ein und machte ergänzende D-6229/2017 Seite 5 Ausführungen zur Beschwerde. Dabei wurde unter anderem – für den Fall, dass das Gericht in Erwägung ziehe, die Beschwerde nicht gutzuheissen – darum ersucht, eine Frist anzusetzen, innert welcher ein Gespräch mit einer Fachperson aus der Herkunftsregion des Beschwerdeführers geführt werden könne, um seine Sozialisation in der von ihm geltend gemachten Gegend zu belegen. H. Mit Verfügung vom 7. Dezember 2017 hiess das Bundesverwaltungsge- richt die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege sowie Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig forderte es Eva Gamm- enthaler auf, darzulegen, dass sie die Voraussetzungen für die Beiordnung als amtliche Rechtsbeiständin im Sinne von Art. 110 a AsylG erfülle. Das Gesuch um Ansetzung einer Nachfrist zur Ergänzung der Beschwerde wurde demgegenüber – unter Hinweis auf Art. 32 Abs. 2 VwVG – abgewie- sen. I. Mit Eingabe vom 22. Dezember 2017 zeigte Fürsprecherin Laura Rossi unter Beilage einer entsprechenden Vollmacht an, dass sie vom Beschwer- deführer mit der Wahrung seiner Interessen beauftragt wurde, und er- suchte um ihre Einsetzung als amtliche Rechtsbeiständin. Gleichzeitig bat sie um Zustellung der Akten des Beschwerdeverfahrens sowie der Vorak- ten N (…) und um Ansetzung einer Frist zur Ergänzung der Beschwerde. J. Der Instruktionsrichter ordnete dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 5. Januar 2018 Fürsprecherin Laura Rossi als amtliche Rechtsbeis tändin bei. Gleichzeitig wies er den Antrag auf Zustellung der Akten und Anset- zung einer Frist zur Beschwerdeergänzung ab. Die Rechtsvertreterin ge- langte daraufhin mit Schreiben vom 8. Januar 2018 an die Präsidentin der Abteilung IV des Bundesverwaltungsgerichts und ersuchte erneut um Zu- stellung der Akten, da mit der Abweisung ihres dahingehenden Antrags das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers verletzt werde. Mit Zwischenver- fügung vom 15. Januar 2018 wurde der Rechtsvertreterin wiederwägungs- weise Einsicht in das Beschwerdedossier gewährt und die Vorinstanz auf- gefordert, über das Gesuch um Einsicht in die Vorakten zu entscheiden. D-6229/2017 Seite 6 K. Mit Schreiben vom 28. Februar 2018 liess sich das SEM zur Beschwerde vernehmen. L. Mit Eingabe vom 11. April 2018 reichte der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertreterin innert erstreckter Frist eine Replik ein. Als Beilage wurde das Protokoll eines Gesprächs des Beschwerdeführers mit einem Mitarbei- ter der KESB I._______ über seine Biografie und Herkunft vom 20. Dezem- ber 2017 zu den Akten gegeben. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu- treten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen D-6229/2017 Seite 7 richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Die Vorinstanz führte in ihrem ablehnenden Entscheid aus, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen sei, seine Hauptsozialisation in der Volksrepublik China glaubhaft zu machen. Im Rahmen einer linguistischen Analyse sei festgestellt worden, dass die Sprache des Beschwerdeführers auf Ebene der Phonetik/Phonologie und der Morphologie/Morphosyntax an jenen Stellen, in denen sich der Dialekt von D._______ von der exilpoliti- schen Koine und dem Dialekt von Lhasa unterscheide, ausschliesslich Ge- meinsamkeiten mit letzteren beiden aufweise . Sodann verfüge er über keine Kenntnisse des Chinesischen, was sehr unüblich sei für eine Person mit der von ihm geltend gemachten Biografie. Zwar sei es möglich, dass der Aufenthalt im Exil seit seiner Ausreise sowie eine allfällige Anpassung an die Interviewerin die Sprache des Beschwerdeführer s in gewissem Mass beeinflusst hätten. Trotzdem wäre zu erwarten gewesen, dass er überwiegend Formen des D._______-Dialekts verwende. Seine Sprache habe aber auf allen Ebenen der Analyse keine Gemeinsamkeiten mit dem D._______-Dialekt aufgewiesen, weshalb die linguistische Analyse zum Schluss gekommen sei, der Beschwerdeführer sei eindeutig nicht im Kreis D._______ hauptsozialisiert worden. In der Stellungnahme im Rahmen des D-6229/2017 Seite 8 rechtlichen Gehörs zur Lingua-Analyse werde vorgebracht, er spreche eine Mischform aus den Dialekten von D._______ und H._______, da ein El- ternteil aus H._______ stamme. Da der Beschwerdeführer jedoch angege- ben habe, sein Vater habe ihm Lesen und Schreiben beigebracht, sei da- von auszugehen, dass er dies im D._______-Dialekt getan habe. Ausser- dem habe er für elementare Begriffe ausschliesslich Formen des Lhasa - Dialekts verwendet, was mit der Begründung, er spreche eine Mischform aus D._______- und H._______-Dialekt, nicht erklärt werden könne . Bei der vom Beschwerdeführer geltend gemachten Biografie wäre auch zu er- warten gewesen, dass er zumindest über passive Kenntnisse von einfa- chen chinesischen Alltagswörtern verfüge, und zwar auch dann, wenn er nie eine Schule besucht habe und in seinem Dorf keine Chinesen gelebt hätten. Im Rahmen der Anhörung seien auch verschiedene Fragen zu den Län- derkenntnissen und zum Alltagswissen des Beschwerdeführers gestellt worden, wobei er in wesentlichen Punkten keine überzeugenden Antwor- ten zu geben vermocht habe. So habe er an gegeben, auf dem Weg von seinem Dorf zum Bezirkshauptort laufe man einem Fluss entlang. Den Na- men dieses Flusses habe er aber nicht gekannt, was er auf Nachfrage da- mit begründet habe, dieser fliesse weit weg von seinem Heimatdorf und er sei nicht oft in di eser Gegend gewesen. Er habe auch nicht gewusst, ob D._______ eine öffentliche Schule habe. Ferner habe er den Weg von C._______ nach G._______, dem Wohnort seines Onkels, nicht detailliert beschreiben können, sondern einzig angegeben, dieser führe durch einen Wald. Auch hier wäre zu erwarten gewesen, dass er die Ortschaften und die Umgebung, in der er gemäss eigenen Angaben aufgewachsen und so- zialisiert worden sei, präziser beschreiben könne. Die geltend gemachte Hauptsozialisation in der Volksrepublik Chi na müsse folglich bezweifelt werden. Zudem habe der Beschwerdeführer keinerlei Reisepapiere oder Identitätsausweise abgegeben, um seine Identität zu belegen. Sodann seien die Angaben des Beschwerdeführers zu seinen Asylgründen unglaubhaft. Er habe nichts über die in der Zeitung erschienene Fotografie sagen können, auf der er und sein Bruder abgebildet gewesen seien, da er diese nicht selbst gesehen habe. Ebenso wenig habe er den Tag beschrei- ben können, an dem sein Vater ihm von dieser Aufnahme erzählt habe. Es sei nicht nachvollziehbar, dass er dieses ausschlaggebende Ereignis, das den Ursprung seiner Probleme darstelle, nicht präziser habe beschreiben können. Deshalb sei fraglich, ob es überhaupt zu diesem Vorfall gekom- men sei, mit welchem der Beschwerdeführer die Verfolgungsmotivation der D-6229/2017 Seite 9 chinesischen Behörden zu begründen versuche. Es müsse auch bezweifelt werden, dass er sich einen Monat im Haus seines Onkels versteckt gehal- ten habe, da er hierzu einzig habe angeben können, er sei im Haus geblie- ben. Äusserst dürftig und unplausibel seien auch seine Angaben zum Rei- seweg ausgefallen. Er habe lediglich ausgeführt, sie seien von G._______ aus über den Bezirkshauptort gereis t, hätten eine Brücke überquert und seien so nach Nepal gelangt . Weder habe er den Ort des Grenzübertritts noch weitere Einzelheiten der Reise nennen können. Seinen Aufenthalt in Nepal oder die Weiterreise in die Schweiz habe er ebenfalls nur kurz und oberflächlich beschrieben. Zusammenfassend gelinge es dem Beschwer- deführer nicht, glaubhaft zu machen, dass sein Foto in einer Zeitung er- schienen sei und er sich folglich aus Angst vor den chinesischen Behörden einen Monat lang in G._______ versteckt gehalten habe, bevor er schliess- lich nach Nepal geflohen sei. Aufgrund der linguistischen Analyse, der Wis- senslücken in Bezug auf länderspezifische Fragen sowie dem Fehlen von Identitätsdokumenten und der zweifelhaften Ausreise sei auszuschliessen, dass er die Volksrepublik China am (…) Juli 2016 verlassen habe. Ange- sichts der geringen Wahrscheinlichkeit einer Sozialisation im behaupteten geografischen Raum müsse von einem langjährigen Aufenthalt in einem Drittstaat ausgegangen werden. Vor diesem Hintergrund sei mi t überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer vor seiner Ankunft in der Schweiz in der exiltibetischen Diaspora gelebt habe. Da er aber – in Verletzung sei- ner Mitwirkungspflicht – keine konkreten, glaubhaften Hinweise auf e inen längeren Aufenthalt in einem Drittstaat geliefert habe, komme das SEM zum Schluss, dass keine flüchtlings - oder wegweisungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an seinen bisherigen Aufenthaltsort bestün- den. Folglich sei von der Zulässigkeit, Zumutb arkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs auszugehen, solange der Vollzug in die Volksrepub- lik China ausgeschlossen bleibe. Auch aus dem Übereinkommen vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) könne der minderjährige Beschwerdeführer nichts zu seinen Gunsten ableiten. 4.2 In der Beschwerdeeingabe wurde in erster Linie geltend gemacht, der Beschwerdeführer sei nicht rechtsgenüglich einvernommen worden, wes- halb es zwingend erscheine, die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die Anhörung zu den Asyl- gründen sei in keiner Weise kindergerecht ausgestaltet gewesen und die diesbezüglichen Anforderungen des Bundesveraltungsgerichts seien nicht D-6229/2017 Seite 10 eingehalten worden. So sei die befragende Person direkt nach der einlei- tenden Frage, ob der Beschwerdeführer noch Dokumente oder Beweismit- tel abzugeben habe, zu den Asylgründen übergegangen. Dies wäre selbst bei der Anhörung eines Erwachsenen ein „zackiges Vorgehen“, nachdem die Vorinstanz in der Regel zuerst Fragen zum persönlichen Hinter grund eines Asylsuchenden stelle. Gerade bei Kindern würde dies dazu beitra- gen, ein minimales Klima des Vertrauens zu schaffen, bevor man auf die Gesuchsgründe und damit mitunter auf traumatische, einschneidende und sehr persönliche Vorbringen eingehe. Auch seien dem Beschwerdeführer in der Folge fast nur geschlossene Fragen gestellt worden und es sei nicht ersichtlich, dass die Vorinstanz sich bemüht hätte, den Beschwerdeführer in die Lage zu versetzen, sich besser erklären und sein Leben beschreiben zu können. Die Anhörung habe sich in keiner Weise von jener einer er- wachsenen Person unterschieden und es entstehe der Eindruck, die be- fragende Person sei nicht für die Befragung Minderjähriger geschult gewe- sen. Der Beschwerdeführer habe seine Herkunft und seinen Reiseweg aus China nach Nepal anschaulich und überzeugend geschildert und Einzel- heiten über das Leben als Landwirt (betreffend den Anbau von Kartoffeln und Mais) nennen können. Zwar habe er sich ziemlich wortkarg gegeben, er sei jedoch auch nie darauf aufmerksam gemacht worden, dass er etwas ausführlicher erklären müsse. Es sei höchstens hartnäckig nachgefragt worden, was den Beschwerdeführer eher eingeschüchtert als ermutigt ha- ben dürfte, zumal einzelnen Fragen auch ein vorwurfsvoller, stark zweifeln- der Ton zu entnehmen sei. Ein Klima des Vertrauens, in dem er sich frei hätte äussern können, sei nicht geschaffen worden. Auch die Hilfswerks- vertretung habe dies festgestellt und auf dem Unterschriftenblatt vermerkt, dass der Beschwerdeführer sehr befangen und eingeschüchtert gewirkt sowie gesagt habe, es gehe ihm psychisch schlecht. Eine faire und kinder- gerechte Befragung habe folglich nicht stattgefunden, weshalb die Anhö- rung zu wiederholen und eine neue Verfügung zu erlassen sei. Anlässlich einer Besprechung mit seiner Rechtsvertreterin habe der Be- schwerdeführer sodann ergänzende Angaben zum Sachverhalt gemacht. Er habe ausgeführt, als er mit seinem Bruder zum Beten in die Stadt ge- gangen sei, habe es Leute gegeben, die gegen die chinesische Regierung demonstriert hätten. In diesem Zusammenhang sei das Foto von ihm und seinem Bruder entstanden. Da diese Leute von der chinesischen Polizei festgenommen worden seien, habe sein Vater Angst bekommen. Sie seien deshalb noch in derselben Nacht zum Haus des Onk els gegangen. Dort D-6229/2017 Seite 11 hätten sie sich etwa einen Monat versteckt, wobei sie aus Angst die meiste Zeit im Haus geblieben seien und beim Putzen und Aufräumen geholfen hätten. Nachdem sein Vater vorbeigekommen sei und ihnen gesagt habe, die Situation sei schlecht und sie müssten das Land verlassen, seien sie nach Nepal aufgebrochen. Sie seien immer nachts durch Berge und Wald gegangen, während sie sich tagsüber versteckt hätten. Betreffend die Lingua-Analyse werde auf die Stellungnahmen vom 3., 11. und 31. August 2017 verwiesen. Namentlich habe der Beschwerdeführer bereits glaubhaft erklärt, weshalb er kein Chinesisch spreche. Es sei aber hinzuzufügen, dass er während des Verfahrens einzelne Wörter in chinesi- scher Sprache gesagt habe, was durchaus den Erwartungen an eine Per- son mit der Biografie des Beschwerdeführers entspreche. Ausserdem nehme die Vorinstanz fälschlicherweise an, seine Mutter stamme aus H._______ und sein Vater aus C._______, während es genau umgekehrt sei. Auf Nachfrage habe der Beschwerdeführer sodann auch den Namen des Flusses nennen können, nach dem er anlässlich der Anhörung gefragt worden sei: J._______ und K._______. Schliesslich habe der Beschwerdeführer vor einigen Monaten seinen in H._______ lebenden Onkel telefonisch erreichen können und um Zustel- lung des Familienbüchleins (Hukou) respektive einer Kopie davon gebeten. Dies sei jedoch nicht möglich gewesen. Am 1. November 2017 habe der Beschwerdeführer aber einen Brief seines Bruders L._______ erhalten, der nun auf Beschwerdeebene mitsamt dem Originalumschlag sowie einer Übersetzung eingereicht werde. Darin teile der Bruder mit, es sei ihnen nicht gelungen, den Familienausweis zu schicken. Dies stimme mit den allgemeinen Erkenntnissen überein, wo nach es für Angehörige der tibeti- schen Bevölkerung äusserst gefährlich sei, Ausweisschriften oder Kopien davon per Post ins Ausland zu schicken, weil aufgrund von Kontrollen Haft und andere schwere Nachteile drohen würden. Somit könne der Beschwer- deführer mit dem Brief des Bruders lediglich belegen, dass er aus China Post erhalten habe und sich offensichtlich bemühe, Identitätspapiere ein- zureichen. 4.3 Mit Eingabe vom 30. November 2017 liess der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertreterin ergänzend ausführen, dass die Vorinstanz bei der Anhörung namentlich die Anforderungen an die Befragung von Min- derjährigen gemäss d em Leitentscheid BVGE 2014/30 nicht erfüllt habe. Demnach müssten minderjährige Asylsuchende von einer speziell zu die- sem Zweck geschulten Fachperson angehört werden, welche eine neutrale D-6229/2017 Seite 12 Position einnehme und sich durch ein empathisches Verhalten bemühe, eine geeignete Atmosphäre und ein Klima des Vertrauens zu schaffen. Zu- dem solle die befragende Person zuerst offene Fragen stellen und erst in einem zweiten Schritt allenfalls präzisierende (geschlossene) Fragen. B ei der Anhörung seien verschiedene Kriterien zu beachten, namentlich sei die Sprache einfach zu halten, es sei auf juristische Begriffe und Metaphern zu verzichten, „warum“-Fragen sowie solche, die Hypothesen oder abstraktes Denken beinhalten, seien zu vermeiden und Themenwechsel seien anzu- kündigen. Ausserdem müsse sichergestellt werden, dass man die minder- jährige Person richtig verstanden habe. Stille sei zu respektieren, da Kinder oft länger brauchen würden, um eine Antwort zu formulieren, und mindes- tens alle 30 Minuten sei eine Pause einzulegen. Vorliegend habe sich die Anhörung aber nicht von der Befragung einer erwachsenen Person unter- schieden. Insbesondere sei der einleitende Teil sehr kurz ausgefallen und es sei keinerlei Adaption der Befragung an das Alter des Beschwerdefüh- rers zu erkennen. Es erscheine äusserst fraglich, ob an der Anhörung ein Klima des Vertrauens geherrscht habe. Während der rund viereinhalbstün- digen Anhörung sei auch nur ein einziges Mal eine Pause von 20 Minuten gemacht worden, womit die Vorgaben des Bundesverwaltungsgeri chts in krasser Weise verletzt worden seien. Die Fragen seien überwiegend ge- schlossen gewesen und es sei dem Beschwerdeführer nur selten Gelegen- heit gegeben worden, sich in freier Rede zu äussern. Die wenigen offenen Fragen habe der Beschwerdeführer teilwe ise dazu genutzt, Einzelheiten zu nennen, die auf altersgemässes Wissen über seine Herkunftsregion und die dortige Lebensweise hindeuteten. Er sei sodann zu keinem Zeitpunkt auf irgendwelche Probleme in seinem Aussageverhalten hingewiesen wor- den. Nachdem die Anhörung den Massstäben der Rechtsprechung an die Befragung einer minderjährigen Person nicht genüge, müsse der Asylent- scheid kassiert werden. Die Ausführungen zur ungenügenden Anhörung würden auch für das Lin- gua-Gespräch gelten. Es sei fraglich, ob beim entsprechenden Telefonin- terview irgendwelche Kriterien für die Befragung von Minderjährigen ange- wendet worden seien. Insbesondere sei unklar, ob die befragende Person für die Befragung von Minderjährigen geschult sei, ob sie dem Beschwer- deführer Sinn und Zweck des Gesprächs erläutert und ihn ermuntert habe, beim Telefonat den Dialekt seiner Heimat zu sprechen. Zudem habe der Beschwerdeführer seine Heimat im jugendlichen Alter verlassen und sich im Zeitpunkt des Int erviews bereits ein halbes Jahr im Ausland aufgehal- ten. In diesem Alter verändere sich die Sprache rasch und passe sich neuen Gegebenheiten an. Auch die Lingua -Analyse sei deshalb als nicht D-6229/2017 Seite 13 kindsgerecht respektive nicht angepasst an das Aussageverhalten eines Minderjährigen zu bezeichnen. Aufgrund der grossen Bedeutung eines Lin- gua-Gesprächs habe dieses denselben Regeln zu unterliegen wie andere Befragungen. Nachdem diese Regeln vorliegend nicht eingehalten worden seien, sei das Ergebnis der Analyse stark in Zweifel zu ziehen. 4.4 In seiner Vernehmlassung vom 28. Februar 2018 hielt die Vorinstanz an ihren Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Zudem wurde angemerkt, die alleinige Tatsache, Post aus China zu erhal- ten, sei kein Beleg für eine Sozialisation in der Volksrepublik. Es gebe di- verse Möglichkeiten, einen solchen Brief zu erhalten, weshalb dieser die Einschätzung des SEM, der Beschwerdeführer sei sehr wahrscheinlich nicht im behaupteten geografischen Raum sozialisiert worden, nicht umzu- stossen vermöge. 4.5 Mit Eingabe vom 11. April 2018 reichte der Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertreterin eine Replik ein. Darin wurde ausgeführt, die Vor - instanz setze sich in ihrer Vernehmlassung mit keiner Silbe mit den Vor- bringen in der Beschwerdeschrift, wonach der Beschwerdeführer nicht al- tersentsprechend angehört worden sei, auseinander. Mit Verweis auf das Urteil BVGE 2014/30 sei vorliegend insbesondere relevant, dass der Be- schwerdeführer im Zeitpunkt der Anhörung (…) alt und damit deutlich von der Volljährigkeit entfernt gewesen sei. Anhand des Anhörungsprotokoll s sei aber nicht ersichtlich, dass ein minderjähriger Asylsuchender angehört worden sei; die Anhörung sei ohne Rücksicht auf das Alter und den Reife- grad des Beschwerdeführers durchgeführt worden. Sodann habe M._______ von der KESB I._______, der Beistand des Beschwerdefüh- rers, mit diesem am 20. Dezember 2017 ein längeres Gespräch über des- sen Herk unft geführt. Dem beigelegten Protokoll lasse sich entnehmen, dass der Beschwerdeführer auf die altersgerecht und verständlich gestell- ten Fragen hin durchaus Angaben zu seiner Herkunftsregion habe machen können. Es sei davon auszugehen, dass das Bundesver waltungsgericht aufgrund der nachgereichten Beweismittel von der Sozialisation des Beschwerde - führers im behaupteten geografischen Raum ausgehe und dessen Aner- kennung als Flüchtling verfügen werde. Sollte dies wider Erwarten nicht der Fall sein, sei die Sa che zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück- zuweisen. Die keineswegs kindsgerecht ausgestaltete Anhörung sei derart mangelhaft, dass gestützt darauf die Glaubhaftigkeit der Vorbringen des D-6229/2017 Seite 14 Beschwerdeführers nicht umfassend geprüft werden könne. Der rechtser- hebliche Sachverhalt sei somit nicht vollständig erstellt, weshalb die ange- fochtene Verfügung aufzuheben und mit der Auflage, eine kindsgerechte Anhörung durchzuführen, an die Vorinstanz zurüc kgewiesen werden müsse. 5. 5.1 In der Beschwerde wird mit dem Vorwurf der nicht kindsgerecht durch- geführten Anhörung eine formelle Rüge erhoben. Diese ist vorab zu beur- teilen, da sie allenfalls geeignet wäre, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken. 5.2 Das Asylverfahren hat im Fall unbegleiteter Minderjähriger spezifischen Anforderungen zu genügen und es sind unter anderem hinsichtlich der Art und Weise der Befragung gewisse Regeln zu beachten (vgl. BVGE 2014/30 E. 2.3 m.w.H.). So muss die befragende Person zu Beginn der Anhörung darum bemüht sein, ein Klima des Vertrauens zu schaffen, um so die Bereitschaft de s minderjährigen Gesuchstellers zu fördern, über seine Erlebnisse zu berichten. Dies soll erreicht werden, indem zu Beginn der Anhörung in einer altersgerechten Sprache Ziel und geltende Regel n erläutert sowie die direkt mitwirkenden, anwesenden Personen vorgestellt und deren jeweilige Rolle erklärt werden. Zudem ist die minderjährige Per- son, in einer verständlichen Art, auf die Wichtigkeit des Wahrheitsgehaltes ihrer Aussagen hinzuweisen. Die befragende Person muss sich durchwegs um eine wohlwollende und neutrale Haltung bemühen, dabei auch nonver- bale Formen der Kommunikation (im Verhalten der minderjährigen Person) beachten und vermerken. Besonders wichtig ist zudem, dass die Fragen offen formuliert werden und so eine freie Erzählung gefördert wird. 5.3 Dem Anhörungsprotokoll vom 5. Dezember 2016 lässt sich entnehmen, dass der einleitende Teil tatsächlich äusserst kurz ausfiel und insbesondere auf Fragen zu den persönlichen Umständen, wie sie oftmals zu Beginn ge- stellt werden, verzichtet wurde. Zwar wurden die Beteiligten und deren Rol- len vorgestellt und die Pflichten eines Gesuchstellers im Asylverfahren er- läutert. Anschliessend wird der Beschwerdeführer nur gefragt, ob er noch weitere Dokumente oder Beweismittel einzureichen habe, bevor er darum gebeten wird, seine Asylgründe darzulegen. Ein Unterschied zur Befra- gung einer erwachsenen Person ist in diesem einleitenden Teil der Anhö- rung nicht zu erkennen, mit Ausnahme des Umstandes, dass die ebenfalls teilnehmende Vertrauensperson vorgestellt wurde. D-6229/2017 Seite 15 Der Vorwurf, es seien mehrheitlich geschlossene Fragen gestellt worden, erweist sich jedoch als unbegründet. Auch wenn mit zahlreichen Fragen um Präzisierungen und genauere Angaben gebeten wurde, so trifft es nicht zu, dass dem Beschwerdeführer nicht die Möglichkeit eingeräumt wurde, sich im Rahmen von offenen Fragen in freier Rede zu äussern. Seine Ant- worten beschränkten sich aber stets auf wenige Sätze und es wird von ihm auch nicht bestritten, dass er sich ziemlich wortkarg gegeben habe. In sol- chen Fällen kann der befragenden Person nicht vorgeworfen werden, sie stelle zu viele präzise und zu wenig offene Fragen. Vielmehr wird einer gesuchstellenden Person durch diese Fragen gerade die Gelegenheit ge- geben, ihre Angaben zu konkretisieren und ihnen mehr Substanz zu ver- leihen. Demgegenüber erscheint jedoch die in der Anhörung mehrmals vorkom- mende Frage an den Beschwerdeführer, warum er etwas nicht wisse, un- angebracht (vgl. Akten SEM A12, F27, F32, F4 1, F58). Insbesondere ju- gendliche Asylsuchende dürften durch derartiges Nachhaken verunsichert werden, was einer guten Gesprächsatmosphäre abträglich ist. Zudem lässt sich anhand des Anhörungsprotokolls nicht erkennen, dass sich die Befra- gerin um ein Klima des Vertrauens bemüht hätte, und die Art und Weise der gestellten Fragen wirkt nicht von Empathie geprägt. Insofern ist der Einwand, es liessen sich keine Unterschiede zur Anhörung einer erwach- senen Person erkennen, berechtigt. Auch der Umstand, dass in der rund viereinhalb Stunden dauernden Anhörung nur eine einzige Pause von 20 Minuten eingelegt wurde, lässt diese als wenig kindergerecht erscheinen. Angesichts des jugendlichen Alters des Beschwerdeführers – er war da- mals (…) alt – sowie seiner angeblich fehlenden Schulbildung wäre die Vo- rinstanz gehalten gewesen, ihren Befragungsstil anzupassen. Eine Inter- vention von Seiten der anwesenden Vertrauensperson fand offenbar nicht statt, jedoch hielt die Hilfswerksvertretung auf dem Unterschriftenblatt fest, der Gesuchsteller habe sehr befangen und eingeschüchtert gewirkt. Dies deutet ebenfalls darauf hin, dass an der Anhörung kein Klima des Vertrau- ens herrschte und die Bedingungen für die Befragung eines Minderjährigen nicht optimal waren. Es ist somit festzuhalten, dass sich die Beanstandungen hinsichtlich der nicht kindergerecht durchgeführten Anhörung in weiten Teilen als berech- tigt erweisen. Namentlich der Verzicht auf einen Einleitungsteil sowie das Einlegen einer einzigen Pause in einer mehrstündigen Befragung lassen auf eine nicht altersgerechte und damit mang elhaft durchgeführte Anhö- rung schliessen. D-6229/2017 Seite 16 5.4 Selbst wenn aber das erstinstanzliche Asylverfahren den Anforderun- gen an die Anhörung einer minderjährigen Person nicht genüg t, ist eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz nur dann angezeigt, wenn der Sachverhalt infolgedessen unvollständig oder unrichtig festgestellt worden und mithin der Untersuchungsgrundsatz gemäss Art. 12 VwVG verletzt ist (vgl. BVGE 2014/30 E. 3.3). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob der entscheidwesentliche Sachverhalt trotz der mangelhaften Anhörung als hinreichend erstellt gelten kann. 5.5 Dem Beschwerdeführer wurde im Rahmen der Anhörung durchaus die Möglichkeit eingeräumt, seine Asylgründe in freier Rede und ohne Unter- brechung darzulegen. Nachdem er dies nur in äusserst knapper Form tat (vgl. A12, F4), wurden ihm konkretere Fragen gestellt, damit er seine Vor- bringen allenfalls präzisieren konnte. Zwar zeichnen sich die in diesem Zu- sammenhang formulierten Fragen nicht durch eine besonde rs empathi- sche Befragungsweise aus. Umgekehrt lässt sich aber auch an keiner Stelle des Protokolls erkennen, dass der Beschwerdeführer eine Frage nicht vollständig beantworten konnte respektive dass ihm zu wenig Gele- genheit gegeben wurde, sich im Rahmen einer offenen Frage frei zu äus- sern. Vielmehr sprach d ie befragende Person sämtliche wesen tlichen Sachverhaltselemente an, wobei sie meist erst eine offene Frage stellte und auf die teilweise sehr spärlichen Antworten des Beschwerdeführers mit konkreteren Nachfragen reagierte. Dass der Beschwerdeführer unter an- deren Befragungsbedingungen kaum weitergehende Antworten gemacht hätte, wird insbesondere auch anhand des mit der Replik eingereichten Gesprächsprotokolls vom 20. Dezember 2017 ersichtlich. Bei diesem Ge- spräch wurde der B eschwerdeführer von seinem Beistand zu seiner Her- kunft und seiner Lebensweise in der Heimat, aber auch zu den Gründen für seine Flucht befragt. Wie in der Replik ausgeführt wird, seien die Fragen so gestellt worden, dass der Beschwerdeführer diese verstehen und alters- gerecht beantworten konnte. Es lasse sich erkennen, dass der Beschwer- deführer durchaus Angaben zu seiner Herkunftsregion habe machen kön- nen. Bei Durchsicht des Gesprächsprotokolls fällt auf, dass der Beschwer- deführer auch im Rahmen dieses Gesprächs mehrheitlich kurze Antworten gibt. Seine Ausführungen sind kaum präziser als jene anlässlich der Anhö- rung. Zwar werden einzelne zusätzliche Details zum Alltag in seiner Heimat erwähnt, der überwiegende Teil der Informationen ist jedoch bereits in den Befragungsprotokollen enthalten. Dies deutet darauf hin, dass der Be- schwerdeführer bereits an der Anhörung – auch wenn die Bedingungen nicht in zufriedenstellendem Ausmass an dessen Alter angepasst worden D-6229/2017 Seite 17 waren – in der Lage war, seine Asylgründe und sein Alltagswissen einläss- lich darzulegen. In den Eingaben auf Beschwerdeebene wird denn auch nicht aufgezeigt, inwiefern der Sachverhalt nicht richtig oder unvollständig festgestellt worden sein soll. Ebenso wenig ist ersichtlich, anhand welcher Angaben des Beschwerdeführers sich erkennen lasse, dass er bezüglich seiner Herkunft die Wahrheit gesagt haben soll. Aufgrund der allgemein gehaltenen Ausführungen des Beschwerdeführers zum Alltag in seiner Hei- mat, die auch im Gesprächsprotokoll vom 20. Dezember 2017 nur unwe- sentlich präzisiert werden, bestehen gerade erhebliche Zweifel an der Her- kunft aus dem Dorf C._______ im Kreis D._______. Es erweist sich des- halb als angebracht, dass die Vorinstanz eine linguistische Analyse durch- führen liess, um damit weitere Erkenntnisse zur Wahrscheinlichkeit einer Sozialisation des Beschwerdeführers in Tibet zu gewinnen. 5.6 Auf der Grundlage eines telefonischen Interviews beurteilte ein von der Fachstelle Lingua beauftragter Experte verschiedene Aspekte der Sprache des Beschwerdeführers. In seinem linguistischen Gutachten kam er dabei zum Schluss, dass der Beschwerdeführer eindeutig nicht im Kreis D._______ und sehr wahrscheinlich nicht in Tibet hauptsozialisiert worden sei. 5.6.1 Im Zusammenhang mit den Lingua-Analysen des SEM ist festzuhal- ten, dass es sich dabei zwar nicht um ein Sachverständigengutachten (Art. 12 Bst. e VwVG; Art. 57 ff. BZP [SR 273] i.V.m. Art. 19 VwVG) handelt, sondern um schriftliche Auskünfte einer Drittperson (Art. 12 Bst. c VwVG; Art. 49 BZP i.V.m. Art. 19 VwVG). Sofern bestimmte Anforderungen an die fachliche Qualifikation, Objektivität und Neutralität des Analysten und an die inhaltliche Schlüssigkeit und Nachvollziehbarkeit der Analyse n erfüllt sind, ist ihnen jedoch ein erhöhter Beweiswert beizumessen (vgl. BVGE 2015/10 E. 5.1, BVGE 2014/12 E. 4.2.1). 5.6.2 In der vorliegenden Lingua-Analyse wurde festgestellt, dass die Spra- che des Beschwerdeführers an jenen Stellen, an denen sich der Dialekt von D._______ vom Dialekt von Lhasa respektive der exiltibetischen Koine unterscheide, fast ausschliesslich Gemeinsamkeiten mit letzteren beiden aufweise. Dies gelte sowohl auf der Ebene der Phonetik/Phonologie als auch auf jener der Morphologie/Morphosyntax sowie des Lexikons. Auffal- lend sei auch, dass der Beschwerdeführer über keine Kenntnisse des Chi- nesischen verfüge. Dagegen wandte der Beschwerdeführer ein, er habe seine Heimat im jugendlichen Alter – und damit zu einer Zeit, in der sich die Sprache rasch verändern könne – verlassen, weshalb der Aufenthalt D-6229/2017 Seite 18 im Exil seine Sprache möglicherweise beeinflusst habe. Dies vermag je- doch nicht zu erklären, dass sich in seiner Sprechweise an den entschei- denden Stellen fast ausschliesslich Gemeinsamkeiten mit dem Dialekt von Lhasa respektive mit der exiltibetischen Koine finden. Der Beschwerdefüh- rer macht geltend, er habe bis zu seinem (…) Altersjahr in einem Dorf im Distrikt D._______ gelebt und sich zum Zeitpunkt des Lingua -Interviews gerade einmal ein halbes Jahr im Ausland aufgehalten. Angesichts dieser biografischen Umstände kann nicht davon ausgegangen werden, dass sich sein Dialekt innerhalb einer relativ kurzen Zeit derart stark an sein neues sprachliches Umfeld angeglichen hätte. Auch eine Anpassung an die stär- ker vom Zentraltibetischen Dialekt geprägte Aussprache der Lingua-Inter- viewerin vermag nicht zu erklären, weshalb sich beim Beschwerdeführer keine Gemeinsamkeiten mit dem D._______-Dialekt finden. Auch unter Berücksichtigung eines gewissen Einflusses der Interviewerin wäre zu er- warten, dass die Aussprache des Beschwerdeführers sowie seine Formu- lierungen mehrheitlich in seinem eigenen Dialekt erfolgen. Soweit der Be- schwerdeführer vor bringt, D._______ liege nicht unweit von Lhasa und ebenso wie dieses in der Provinz Ü-Tsang, weshalb die beiden Dialekte durchaus Ähnlichkeiten aufwiesen, kann seiner Auffassung nicht gefolgt werden. Einerseits befinden sich diese Ortschaften wohl in derselben Pro- vinz, sie liegen jedoch mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt. Andrerseits fokussiert eine linguistische Analyse gerade auf jene Aspekte, in denen sich die untersuchten Dialekte voneinander unterscheiden. Es ist deshalb unerheblich, inwief ern Ähnlichkeiten bestehen; vielmehr geht es darum, welchem Dialekt die Sprechweise eines Beschwerdeführers an den Stellen, an denen diese voneinander abweichen, entspricht. 5.6.3 Sodann wird vorgebracht, die Vorinstanz gehe zu Unrecht davon aus, dass der Vater des Beschwerdeführers aus D._______ stamme und seine Mutter aus H._______, da es genau umgekehrt sei. Die Herkunft seines Vaters, der ihm auch Lesen und Schreiben beigebracht habe, führe dazu, dass der Beschwerdeführer keinen „reinen“ D._______-Dialekt spreche, sondern eine Mischform. Tatsächlich ist im Protokoll der BzP vermerkt, die Mutter des Beschwerdeführers stamme aus H._______ (vgl. A6, Ziff. 3.01). Dem linguistischen Gutachten lässt sich jedoch entnehmen, dass der Be- schwerdeführer offenb ar anlässlich des Lingua -Interviews angegeben hatte, dass sein Vater aus H._______ und seine Mutter aus C._______ stammen würden. Dies entspricht gemäss den Eingaben auf Beschwerde- ebene auch den tatsächlichen Gegebenheiten. Es kann somit davon aus-D-6229/2017 Seite 19 gegangen werden, dass die biografischen Angaben des Beschwerdefüh- rers im Rahmen der Lingua-Analyse zutreffend berücksichtigt wurden und diese auf einer korrekten Grundlage erfolgt ist. 5.6.4 In der Beschwerdeergänzung vom 30. November 2017 wurde schliesslich ausgeführt, dass unklar sei, ob die Anforderungen an eine kin- dergerechte Einvernahme im Rahmen des telefonisch geführten Lingua- Gesprächs erfüllt und die betreffenden Kriterien berücksichtigt worden seien. Dem Interview komme eine sehr grosse Bedeutung zu, weshalb die- ses denselben Regeln zu unterliegen habe wie andere Befragungen. Diese Auffassung ist jedoch nicht zutreffend, zumal das vorliegende telefonische Lingua-Interview einzig der Erstellung einer linguistischen Analyse diente. Hierfür wurden die Aussprache, die Wort- und Satzbildung sowie die vom Beschwerdeführer verwendeten Ausdrücke begutachtet. Demgegenüber geht es bei einer Anhörung darum, die Asylgründe darzulegen und mitunter über einschneidende und sehr persönliche Erlebnisse zu sprechen. Die Glaubhaftigkeit dieser Angaben wird in der Folge beurteilt, indem die Aus- sagequalität anhand von Merkmalen wie Korrektheit, Kohärenz und Plau- sibilität geprüft wird. Es ist somit ungleich wichtiger, dass sichergestellt wird, dass eine gesuchstellende Person sich frei äussern kann. Im Fall von minderjährigen Asylsuchenden geschieht dies – wenn das Verfahren kor- rekt abläuft – durch die Beachtung von spezifischen Kriterien bei der Be- fragung. Bei einer rein linguistischen Abklärung wird eine Aussage nicht inhaltlich geprüft, sondern die Sprechweise beurteilt. Es wäre deshalb nicht sachgerecht, dieselben Massstäbe anzuwenden, wie sie für die Anhörung eines Minderjährigen zu gelten haben. Im Übrigen erklärte der Beschwer- deführer in seiner ersten Stellungnahme zum Ergebnis der Lingua -Ana- lyse, er sei von deren Schlussfolgerung enttäuscht, nachdem er den Ex- perten sehr gut verstanden und den Eindruck gehabt habe, dass er auf die Fragen gut geantwortet habe (vgl. A24). Dies deutet darauf hin, dass das telefonische Interview in einer angemessenen Weise geführt wurde und er sich dabei frei äussern konnte. Zudem hat der Beschwerdeführer in die Aufzeichnung des Ling ua-Gesprächs Einsicht genommen und i n der da- rauf folgenden Eingabe an keiner Stelle geltend gemacht, dass die Ge- sprächsführung mangelhaft gewesen wäre. Es ist deshalb davon auszuge- hen, dass das telefonisch geführte Lingua-Interview korrekt ablief und eine geeignete Grundlage für die Erstellung eines linguistischen Gutachtens bil- dete. 5.6.5 Sodann ist festzuhalten, dass die Lingua -Analyse fundiert, das dar- aus resultierende Gutachten überzeugend und ausgewogen begründet ist D-6229/2017 Seite 20 und zu keinen Beanstandungen Anlass gibt. Auch an der fachlichen Quali- fikation der sachverständigen Person bestehen keine Zweifel. Dem Lingua- Bericht i st somit ein erhöhter Beweisw ert zuzumessen (vgl. oben Ziff. 5.5.1). 5.7 Das SEM kam in erster Linie gestützt auf das Resultat der linguisti- schen Analyse zum Schluss, dass die geltend gemachte Hauptsozialisa- tion des Beschwerdeführers im Kreis D._______ nicht glaubhaft gemacht werden konnte. Es sah diese Einschätzung durch ungenügende Länder - und Alltagskenntnisse, durch eine unglaubhafte Darlegung der Ausreise- motive sowie unplausible und dürftige Angaben zum Reiseweg bestätigt. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung kam die Vorinstanz zum Ergebnis, dass der Beschwerdeführer weder seine Herkunft aus der Volksrepublik China noch seine Asylgründe glaubhaft gemacht habe. Wie oben dargelegt wurde, ist die Anhörung zwar als mangelhaft einzustufen. In der Folge wurde mit der Lingua -Analyse aber eine weitere Untersuchungshandlung vorgenommen, um den Sachverhalt zu erstellen. Zudem nahm der Be- schwerdeführer im Rahmen seiner Beschwerdeeingaben nochmals aus- führlich Stellung und mit dem Gesprächsprotokoll vom 20. Dezember 2017 wurde ein weiteres Dokument zu den A kten gegeben, in welchem er sich zu seiner Herkunft und den Asylgründen äusserte. Nach Auffassung des Gerichts konnte der Beschwerdeführer im vorliegenden Verfahren seine Beschwerdegründe vollständig darlegen. Trotz der festgestellten Mängel der Anhörung vom 5. Dezember 2016 erscheint der Sachverhalt mithin als ausreichend erstellt. Eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes in- folge unvollständiger oder unrichtiger Feststellung des Sachverhaltes ist daher im Ergebnis zu verneinen. 5.8 Die im Eventualstandpunkt beantragte Kassation der Verfügung wegen Verletzung der Vorschriften zur Anhörung von Minderjährigen hätte konkret die Konsequenz, dass der Beschwerdeführer nochmals durch das SEM angehört werden müsste, unter Beachtung der entsprechenden Kriterien. Nachdem jedoch von einem vollständig bekannten Sachverhalt auszuge- hen ist, würde die Rückweisung zu einem prozessualen Leerlauf führen. Es ist deshalb von einer Heilung des Verfahrensfehlers auszugehen und der Antrag auf Rückweisung ist abzuweisen. Der Mangelhaftigkeit des erst- instanzlichen Verfahrens ist hingegen im Kosten - und Entschädigungs- punkt Rechnung zu tragen. D-6229/2017 Seite 21 6. 6.1 Im Hauptstandpunkt beantragte der Beschwerdeführer die Anerken- nung als Flüchtling, da seine Sozialisation in Tibet sowie die illegale Aus- reise aufgrund seiner Angaben zur Herkunftsregion belegt seien. 6.2 Die vom SEM in Auftrag gegebene linguistische Analyse kam vorlie- gend zum Schluss, dass die Hauptsozialisation des Beschwerdeführers eindeutig nicht in D._______ und sehr wahrscheinlich nicht in Tibet statt- gefunden habe. Wie bereits dargelegt wurde, ist das Lingua -Gutachten nach den dafür geltenden Standards erstellt worden und gibt zu keinen Beanstandungen Anlass, weshalb ihm ein erhöhter Beweiswert zuzumes- sen ist. Die Schlussfolgerung der Lingua-Analyse ist ausführlich und nach- vollziehbar begründet. Nach Auffassung des Gerichts ist es mit den Anga- ben des Beschwerdeführers in keiner Weise vereinbar, dass der Experte in seiner Sprache keine Ähnlichkeiten zum Dialekt von D._______, son- dern fast ausschliesslich Gemeinsamkeiten mit der exiltibetischen Koine oder dem Lhasa-Dialekt festgestellt hat. Weder das jugendliche Alter des Beschwerdeführers noch sein gerade einmal halbjähriger Aufenthalt im Ausland vermögen eine ausreichende Erklärung hierfür zu bieten, ebenso wenig eine allfällig e Anpassung an die Interviewerin oder der Umstand, dass ein Elternteil aus H._______ stamme. Sodann sollte zwar die Tatsa- che, dass der Beschwerdeführer kein Chinesisch spricht, nicht überbewer- tet werden (vgl. Ur teil des BVGer D -6294/2013 vom 23. Januar 2015 E. 5.4.7 m.w.H.). Dass er aber nicht in der Lage war, einfache Wörter oder Sätze zu verstehen und nicht einmal über passive Kenntnisse von häufig vorkommenden Begriffen aus dem Alltagsbereich verfügt, ist dennoch er- staunlich. In der Beschwerdeeingabe wird dem entgegengehalten, dass der Beschwerdeführer während des Verfahrens mehrere Wörter in chine- sischer Sprache gesagt habe. Das Kennen von ein paar wenigen Worten – bei der Durchsicht der Befragungen stechen einzig die Begriffe „Gongan Ju“ (öffentliche Sicherheitsbehörde) und „Xiaoche“ (Auto) ins Auge – ent- spricht jedoch in keiner Weise den Erwartungen an die Chinesischkennt- nisse einer Person, die im Autonomen Gebiet Tibet der Volksrepublik China aufgewachsen ist. Die Lingua -Analyse ist somit ein starkes Indiz dafür, dass der Beschwerdeführer nicht in Tibet hauptsozialisiert wurde. 6.3 An dieser Einschätzung vermag auch der Umstand, dass der Be- schwerdeführer gewisse Angaben zu seiner Herkunftsregion respekti ve dem Alltag in seiner Heimat machen konnte, nichts zu ändern. Seine Aus- führungen waren spärlich und er konnte in zentralen Punkten keine Aus-D-6229/2017 Seite 22 kunft geben. In diesem Zusammenhang kann auf die zutreffenden Erwä- gungen in der vorinstanzlichen Verfügung verwies en werden (vgl. Verfü- gung vom 2. Oktober 2017, S. 5). Wenn der Beschwerdeführer nun auf Beschwerdeebene den Namen des Flusses , der entlang des Weges zum Bezirkshauptort fliesse, nennen kann, so kann dies offensichtlich nicht als Hinweis auf seine Herkunft aus der behaupteten Gegend gewertet werden. Einerseits erklärte er anlässlich der Anhörung trotz expliziter Nachfrage, er wisse nicht, wie dieser Fluss he isse (vgl. A12, F40 und F48). A nderseits lässt sich anhand von im Internet verfügbarem Kartenmaterial problemlos nachschauen, welcher Fluss in der Nähe des Bezirkshauptortes D._______ fliesst. Bei der Beschreibung des Weges von C._______ nach G._______ beschränkte sich der Beschwerdeführer darauf, anzugeben, dass dieser durch einen Wald führe. Auch die Ausreise vermochte er nicht präziser zu beschreiben. Es ist anzumerken, dass der Beschwerdeführer nicht nur an der Anhörung, sondern auch im Rahmen des Gesprächs vom 20. Dezember 2017 hierzu keine genaueren Angaben machen konnte. Ge- rade solche Beschreibungen der Umgebung könnten Hinweise dafür dar- stellen, dass der Beschwerdeführer mit seiner angebliche Heimatregion tatsächlich in einem Ausmass vertraut ist, wie dies von einer dort aufge- wachsenen Person erwartet werden kann. Zwar lässt sich unter Umstän- den auch aufgrund von zutreffenden Schilderungen des Alltags und der Lebensweise ableiten, dass eine beschwerdeführende Person in einer be- stimmten Gegend sozialisiert worden ist. Die vorliegenden Angaben des Beschwerdeführers sind jedoch sehr allgemein gehalten und vermögen die nachvollziehbar dargelegte Schlussfolgerung des Lingua-Gutachtens, der Beschwerdeführer sei eindeutig nicht im Kreis D._______ sozialisiert wor- den, nicht umzustossen. 6.4 Im Hinblick auf den Reiseweg von Nepal in die Schweiz erscheint es realitätsfremd, dass der Beschwerdeführer weder die Namen der Transit- länder noch der Fluggesellschaften oder des Ankunftsflughafens wahrge- nommen haben will. Der Beschwerdeführer hat zwar angeblich nie eine Schule besucht, kann aber dennoch Lesen und Schreiben und verfügt über gewisse Englischkenntnisse, die er zum Teil in Nepal mit seinem Bruder erworben habe (vgl. Gesprächsprotokoll vom 20. Dezember 2017, S. 5). Auch wenn der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Reise erst (…) Jahre alt war und gemäss eigenen Angaben einfach dem Schlepper gefolgt sei, ist es nicht nachvollziehbar, dass er keinerlei Angaben zu seinem Reise- weg machen kann. D-6229/2017 Seite 23 6.5 Zu den erheblichen Zweifeln an der geltend gemachten Hauptsoziali- sation des Beschwerdeführers in der von ihm geltend ge machten Region tritt hinzu, dass seine Asylgründe als nicht glaubhaft gemacht einzustufen sind. Anlässlich der Befragungen im vorinstanzlichen Verfahren führte der Beschwerdeführer einzig aus, er sei mit seinem Bruder und einem von des- sen Kollegen für eine religiöse Zeremonie nach D._______ gegangen. Da- bei seien sie unbemerkt fotografiert worden, die Aufnahme sei in der Zei- tung erschienen und sein Vater habe diese gesehen. Gemäss Angaben des Vaters habe ihnen deswegen gedroht, von den Chinesen verhaftet und ins Gefängnis geworfen zu werden. Deshalb hätten sie sich erst bei ihrem Onkel versteckt und seien dann ausgereist. In der Beschwerdeeingabe wurde ergänzend ausgeführt, es habe in der Stadt an jenem Tag eine De- monstration gegen die chinesische Regierung g egeben und das Foto sei in diesem Zusammenhang entstanden. Dem Gesprächsprotokoll vom 20. Dezember 2017 lässt sich schliesslich entnehmen, dass damals in D._______ ein Protest stattgefunden habe, den er (Beschwerdeführer) zwar nicht bemerkt habe, bei dem e r aber, zusammen mit seinem Bruder und dessen Kollegen, fotografiert worden sei. Sein Vater sei sehr wütend geworden, weil sie nicht hätten protestieren sollen, was sie ja auch nicht absichtlich gemacht hätten. Er habe ihn auch geschlagen (vgl. Ge- sprächsprotokoll vom 20. Dezember 2017, S. 3). Es erstaunt, dass der Be- schwerdeführer an der Anhörung hiervon nichts erzählt hat. Wie oben dar- gelegt wurde, war die entsprechende Befragung zwar nicht ausreichend an die Bedürfnisse eines Minderjährigen angepasst, er wurde dabei aber ex- plizit um eine Beschreibung des Tages gebeten, als er von dem Foto in der Zeitung erfuhr. Die Befragerin stellte ihm auch mehrere präzisierende Fra- gen, nachdem die Angaben des Beschwerdeführers in freier Rede äusserst knapp ausgefallen waren (vgl. A12, F8 ff.). Sodann ist es schwer vorstell- bar, dass der Beschwerdeführer anlässlich eines Protests respektive einer Demonstration fotografiert worden sein soll, jedoch von diesem Protest gar nichts mitbekommen haben will. Erneut ist darauf hinzuweisen, dass dem Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung sowohl durch offene als auch durch präzisierende Fragen ausreichend Gelegenheit gegeben wurde, die Gründe für seine Flucht darzulegen und insbesondere auch den Tag zu beschreiben, an dem das Foto, welches den Auslöser für die Probleme des Beschwerdeführers bildete, geschossen wurde. Die Angaben zum flucht- auslösenden Ereignis und zu den darauf folgenden Geschehnissen erwei- sen sich als vage und teilweise auch wenig plausibel, weshalb sie von der Vor-instanz zu Recht als unglaubhaft angesehen wurden. D-6229/2017 Seite 24 6.6 Des Weiteren hat der Beschwerdeführer bis zum heutigen Zeitpunkt keine rechtsgenüglichen Identitätsdokumente zu den Akten gegeben. Auch aus dem Erhalt eines Briefes aus China, der angeblich von seinem Bruder stammen soll, vermag er nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Es lässt sich weder überprüfen, wer diesen Brief geschrieben hat, noch ob der Inhalt der Wahrheit entspricht. Wenn in diesem Schreiben ausgeführt wird, die Fami- lie habe mehrmals versucht, den Familienausweis zu schicken, was aber nicht geklappt habe, handelt es sich dabei um eine blosse Parteibehaup- tung, die in keiner Weise geeignet ist, die Herkunft des Beschwerdeführers zu belegen. 6.7 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es dem Beschw erdeführer nicht gelingt, seine Hauptsozialisation in der Volksrepublik China sowie seine Ausreisemotive glaubhaft zu machen. In erster Linie gestützt auf das linguistische Gutachten kommt das Gericht zum Schluss, dass der Be- schwerdeführer nicht in der von ihm behaupteten geografischen Region sozialisiert worden ist. Diese Einschätzung wird dadurch bestätigt, dass der Beschwerdeführer zur Umgebung seines Heimatdorfes keine präzisen Angaben zu machen vermochte – weder in den Befragungen noch in den ergänzenden Ausführungen auf Beschwerdeebene – und er seine Ausreise sowie die Reise in die Schweiz nur sehr oberflächlich beschreiben konnte. Des Weiteren sind die Angaben zu seinen Fluchtgründen weder detailliert noch nachvollziehbar ausgefallen, wobei ihnen infolge der nicht glaubhaft gemachten Sozialisation im Kreis D._______ ohnehin die Grundlage ent- zogen ist. Im Rahmen einer gesamthaften Würdigung aller relevanten Um- stände des vorliegenden Falles erweist sich somit die Beurteilung des SEM, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers hinsichtlich seiner hauptsächlichen Sozialisation, der illegalen Ausreise aus Tibet und der ihm drohenden Verfolgung durch die chinesischen Behörden unglaubhaft sind, als zutreffend. 7. 7.1 Nach dem Gesagten ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer vor seiner Ankunft in der Schweiz nicht in Tibet, sondern in der exiltibetischen Diaspora gelebt hat. Namhafte exiltibetische Gemeinschaften gibt es – nebst der Schweiz und Nordame- rika – lediglich in Indien und Nepal. Es ist daher zu vermuten, dass er in Indien oder Nepal aufgewachsen ist beziehungsweise dort während meh- reren Jahren gelebt hat. D-6229/2017 Seite 25 7.2 Angesichts dieser Ausgangslage wäre von Bedeutung zu wissen, ob er über die chinesische Staatsangehörigkeit ve rfügt, was eine Prüfung der Drittstaatsregelung im Sinne von Art. 31a Abs. 1 AsylG zur Folge hätte, oder ob er die Staatsangehörigkeit von Indien oder Nepal erlangt hat, in welchem Fall das Vorliegen einer asylrechtlich relevanten Gefährdung im betreffenden Staat zu prüfen wäre. 7.3 Der Beschwerdeführer hat keine Identitätspapiere oder anderen Doku- mente eingereicht, die Rückschlüsse über seine Staatsangehörigkeit (und damit einen Teilaspekt seiner Identität) zuliessen. Da er auch keinerlei ziel- führenden Bemühungen aufzeigte, entsprechende Beweismittel beizubrin- gen, hat er die ihm gemäss Art. 8 AsylG obliegende Mitwirkungspflicht ver- letzt und dadurch den Behörden nähere Abklärungen und eine Rückschaf- fung in seinen tatsächlichen Heimatstaat verunmöglicht. Durch die Verlet- zung dieser Pflicht verhindert er auch die Abklärung, welchen effektiven Status er in Indien oder Nepal innehat. Er hat die Folgen dieses Verhaltens zu verantworten und es ist vermutungsweise davon auszugehen, dass keine flüchtlings - oder wegweisungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an den bisherigen Aufenthaltsort bestehen (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.10). 7.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer keine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG nachzuweisen oder zumindest glaub- haft zu machen vermag und deshalb nicht als Flüchtling anerkannt werden kann. Die Vorinstanz hat zu Recht seine Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt. 8. Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das Bundesamt in der Regel die Wegwei- sung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung ei ner solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 9. 9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). D-6229/2017 Seite 26 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtl iche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 9.3 Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit eines Wegweisungsvoll - zugs sind zwar von Amtes wegen zu prüfen, die Untersuchung spflicht fin- det aber ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht des Beschwerdeführers. Es ist nicht Aufgabe der Behörden, bei fehlenden Hinweisen nach etwaigen Wegweisungsvollzugshindernissen in hypothetischen Herkunftsländern zu forschen. Vielmehr hat der Bes chwerdeführer, welcher seine wahre Her- kunft verschleiert beziehungsweise verheimlicht, die Folgen seines Verhal- tens zu verantworten. Auch der unbegleitete Minderjährige hat, unter an- gemessener Berücksichtigung des jeweiligen Alters, die Pflicht, an der Feststellung des erheblichen Sachverhalts mitzuwirken. Bei pflichtwidriger Unterlassung hat er die Folgen der Beweislosigkeit in Bezug auf die unter dem Aspekt des Kindeswohls gegebenenfalls zu berücksichtigenden Tat- sachen zu tragen (vgl. Urteil des BVGer D -1467/2018 vom 6. April 2018 E. 7.2). Für den vorliegenden Fall ist massgebend, dass der Beschwerde- führer mittlerweile rund (…) Jahre alt ist. Der Umstand, dass er allein – jedenfalls ohne Familienangehörige – in die Schweiz gereist ist, weist da- rauf hin, dass er ein gewisses Mass an Selbständigkeit vorzuweisen hat. D-6229/2017 Seite 27 Angesichts der vorstehenden Erwägungen ist davon auszugehen, dass er es pflichtwidrig unterlassen hat, bei der Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts mitzuwirken. Er hat die Folgen seiner mangelhaften Mitwir- kung respektive der Verheimlichung seiner tatsächlichen persönlichen Ver- hältnisse insofern zu tragen, als davon auszugehen ist, dass keine flücht- lings- oder wegweisungsbeachtlichen Gründe gegen eine Rückkehr an sei- nen bisherigen Aufenthaltsort – wobei insbesondere Nepal oder Indien in Betracht fallen – bestehen (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.10). Da der Beschwer- deführer unbestrittenermassen tibetischer Ethnie ist und dadurch auch die Möglichkeit nicht auszuschliessen ist, dass er die chinesische Staatsange- hörigkeit besitzt, ist vorliegend der Wegweisungs vollzug nach China aus- zuschliessen. 9.4 Es obliegt sodann dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reise- dokumente zu beschaffen ( vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12). Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit auch als möglich (Art. 83 Abs. 2 AuG). 9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AuG). 10. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfüg ung Bundesrecht nicht verletzt und – soweit diesbezüglich überprüfbar – ange- messen ist. Der rechtserhebliche Sachverhalt ist als richtig und vollständig erstellt zu erachten. Die Beschwerde ist folglich abzuweisen. 11. 11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem je- doch mit Zwischenverfügung vom 7. Dezember 2017 das Gesuch um Ge- währung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen wurde, ist auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten. 11.2 Mit derselben Zwischenverfügung hiess das Gericht auch das Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung gut. Gleichzeitig wurde die dama- lige Rechtsvertreterin aufgefordert, darzulegen, dass sie die Voraussetzun- gen für die Beiordnung als amtliche Rechts beiständin im Sinne von D-6229/2017 Seite 28 Art. 110a AsylG erfülle; andernfalls werde der Beschwerdeführer aufgefor- dert, eine andere Person als amtliche Rechtsvertretung vorzuschlagen. In der Folge beauftragte der Beschwerdeführer Rechtsanwältin Laura Rossi mit der Wahrung seiner Interessen. Der Instruktionsrichter ordnete ihm da- raufhin mit Verfügung vom 5. Januar 2018 Rechtsanwältin Rossi als amtli- che Rechtsbeiständin bei. Es ist ihr folglich ein amtliches Honorar zulasten der Geri chtskasse auszurichten. Im E ventualstandpunkt beantragte der Beschwerdeführer die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz . Auf- grund des auf Beschwerdeebene geheilten vorinstanzlichen Verfahrens- mangels sah er sich in diesem Punkt zu Recht zur Beschwerdeerhebung veranlasst und es ist ihm diesbezüglich eine (reduzierte) Parteientschädi- gung zuzusprechen. Eine Kostennote wurde nicht eingereicht, weshalb die Parteientschädigung aufgrund der Akten zu bestimmen ist (vgl. Art. 14 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) wird die Par- teientschädigung vorliegend auf Fr. 400.– festgesetzt. Diese wird zur Ver- gütung dem SEM auferlegt, da der Rückweisungsantrag ohne Heilung des vorinstanzlichen Verfahrensmangels auf Beschwerdeebene gutzuheissen gewesen wäre. Das Honorar der amtlichen Rechtsbeiständin ist nach den gleichen – sinn- gemäss anwendbaren – Grundsätzen wie die Parteientschädigung festzu- legen (Art. 12 VGKE). Angesichts des Umstandes, dass die amtliche Rechtsbeiständin erst nach Einreichung der Beschwerdeeingabe sowie der Beschwerdeergänzung mandatiert wurde, wird ihr Honorar auf insge- samt Fr. 400.– (inklusive Auslagen) festgesetzt. (Dispositiv nächste Seite) D-6229/2017 Seite 29 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer eine Parteientschädi- gung von Fr. 400.– auszurichten. 4. Die amtliche Rechtsbeiständin wird mit Fr. 4 00.– zulasten der Gerichts- kasse entschädigt. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Regula Aeschimann Versand: