B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-1972/2019 U r t e i l v o m 6 . M a i 2 0 2 1 Besetzung Richterin Constance Leisinger (Vorsitz), Richter Yanick Felley, Richterin Muriel Beck Kadima Gerichtsschreiberin Claudia Jorns Morgenegg. Parteien A._______, geboren am (…), Sri Lanka, vertreten durch MLaw Géraldine Kronig, (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Familienzusammenführung (Asyl); Verfügung des SEM vom 29. März 2019 / N (…). E-1972/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin ersuchte am 21. März 2016 in der Schweiz um Asyl nach. Mit Verfügung vom 8. November 2018 wurde ihr die Flüchtlings- eigenschaft zuerkannt und Asyl in der Schweiz gewährt. B. Mit Eingabe vom 12. Dezember 2018 ersuchte sie um Erteilung einer Ein- reisebewilligung zugunsten ihres Ehemannes B._______, Staatsangehöri- ger von Sri Lanka, Aufenthaltsort Malaysia, sowie der Tochter C._______, Staatsangehörige von Sri Lanka, Aufenthaltsort Sri Lanka, und um den Ein- bezug ihrer Familienangehörigen in das ihr gewährte Asyl in der Schweiz. Zur Untermauerung ihres Gesuchs reichte sie jeweils in Kopie die UNHCR Flüchtlingskarte des Ehemannes, die Geburtsurkunde des Ehemannes, die Heiratsurkunde, die Geburtsurkunde der Tochter samt Übersetzung so- wie einen Auszug aus dem Pass der Tochter ein. C. Mit Verfügung vom 29. März 2019 wurde das Gesuch um Bewilligung der Einreise und Einbezug in das Asyl zugunsten des Ehemannes abgewie- sen. Gleichentags wurde mit separater Verfügung die Einreise der Tochter in die Schweiz zwecks Familienvereinigung bewilligt. D. Mit Eingabe vom 25. April 2019 liess die Beschwerdeführerin handelnd durch die mandatierte Rechtsvertreterin Beschwerde gegen die abwei- sende Verfügung ihren Ehemann betreffend einreichen. Sie beantragte, es sei die Verfügung des SEM vom 29. März 2019 aufzuheben, ihr Ehemann sei in ihre Flüchtlingseigenschaft einzubeziehen und es sei ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren, eventualiter sie die Sache zur hinreichenden Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes beziehu ngsweise zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragte sie die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege, unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie die amtliche Verbeiständung der mandatierten Rechtsvertreterin. E. Mit Verfügung vom 6. Mai 2019 hiess die zuständige Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Gesuch um E-1972/2019 Seite 3 Gewährung der unentgeltlich en Rechtsverbeiständung wurde gutgeheis- sen und der Beschwerdeführerin eine amtliche Rechtsbeiständin in der Person von MLaw Géraldine Kronig bestellt. Die Vorinstanz wurde zur Vernehmlassung eingeladen. F. Die Vernehmlassung der Vorinstanz vom 8. Mai 2019, in welcher diese an ihren Erwägungen festhielt, wurde der Beschwerdeführerin am 9. Mai 2019 zur Kenntnis gebracht. G. Am 30. Juli 2019 wurde ein den Ehemann der Beschwerdeführerin betref- fender Arztbericht vom 9. Juli 2019 sowie diverse Fotos des Ehemannes im Spital eingereicht und auf seine schlechte gesundheitliche Verfassung verwiesen. Ebenso wurden Handyscreenshots eingereicht, welche den re- gelmässigen Kontakt der Beschwerdeführerin zum Ehemann aufzeigen sollen. H. Am 27. Februar 2020 reichte die Rechtsvertreterin eine Kostennote zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (SR 142.31) in Kraft getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). E-1972/2019 Seite 4 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In- teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit Beschwerde vor Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermes- sens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellu ng des rechtser- heblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden Ehegatten von asylberechtigten Flüchtlingen ihrerseits als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl, sofern keine besonderen Umstände dagegensprechen. Wurden die anspruchsbe- rechtigten Personen gemäss Abs. 1 durch die Flucht getrennt und befinden sie sich im Ausland, so ist ihre Einreise auf Gesuch hin zu bewilligen (Art. 51 Abs. 4 AsylG). 4. 4.1 Zur Begründung der angefochtenen Verfügung erwog die Vorinstanz im Wesentlichen, das Rechtsinstitut des Familienasyls diene weder der Aufnahme von neuen respektive von zuvor noch gar nicht gelebten famili- ären Beziehungen noch der Wiederaufnahme von zuvor abgebrochenen Beziehungen. Den Akten der Beschwerdeführerin sei zu entnehmen, dass sie nach der Flucht ihres Ehemannes aus Sri Lanka im Jahr 2007 zunächst vier Jahre keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt habe. Nachdem sie im Jahr 2011 den Kontakt wieder habe herstellen können, habe die Beschwerde- führerin lediglich einmal pro Jahr mit ihrem Ehemann telefoniert, nach ei- genem Bekunden um Probleme zu vermeiden. Auch nach ihrer Ankunft in der Schweiz sei der Kontakt zum Ehemann nicht sofort wiederaufgenom- men worden, sondern erst nach drei Monaten. Die Vermeidung von Prob- lemen vermöge als Grund für den sporadischen Kontakt zum Ehemann nicht zu überzeugen. Es würden keinerlei Hinweise dafür bestehen, dass die Telefonate zwischen der Beschwerdeführerin und ihrem Ehemann zu E-1972/2019 Seite 5 Problemen geführt hätten. Des Weiteren hätte der Konta kt auch über öf- fentliche Telefone oder andere Kommunikationsmittel stattfinden können. Es erstaune, dass die Beschwerdeführerin auch zweimal beziehungsweise dreimal nach Indien gereist sei, um ihren dort lebenden Sohn, ihren Bruder und ihren Onkel zu besuchen, ohne jemals eine Reise zu ihrem Ehemann nach Malaysia unternommen zu haben. Weiter habe die Beschwerdefüh- rerin angegeben, sie sei über Malaysia in die Schweiz gereist. Als Erklä- rung dafür, weshalb sie ihren Ehemann dabei nicht getroffen habe, habe sie geltend gemacht, der Schlepper habe ihr nicht erlaubt, sich mit ihrem Ehemann zu treffen, zudem habe die Kontaktnummer nicht funktioniert. Auch dies vermöge nicht zu überzeugen. Auf die Frage, weshalb das erste Reiseziel der Beschwerdeführerin nicht der Aufenthaltsort ihres in Malaysia vom Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) als Flüchtling anerkannten Ehemannes gewesen sei, habe die Beschwerdeführerin ausweichend rea- giert. Es sei nicht davon auszugehen, dass es sich bei der Beziehung zwi- schen der Beschwerd eführerin und ihrem Ehemann um eine fortbeste- hende, ununterbrochen gelebte Familiengemeinschaft handle. Vielmehr sei anzunehmen, dass vorliegend die Wiederaufnahme einer zuvor abge- brochenen Beziehung angestrebt werde. Nach dem Gesagten rechtfertige es sich nicht, dem Ehemann der Beschwerdeführerin Asyl in der Schweiz zu gewähren und das Gesuch um Familienzusammenführung sei abzuwei- sen. 4.2 In der Beschwerde wird dem entgegengehalten, massgeblich für die Beurteilung des Familienasyls sei praxisgemäss, ob zwischen der originär die Flüchtlingseigenschaft zuerkannten Person und dem gesuchstellenden Familienmitglied eine „schützenswerte", tatsächlich gelebte respektive im Rahmen des Möglichen gepflegte Beziehung bestehe. Aktenkundig sei er- stellt, dass die eheliche Beziehung der Beschwerdeführerin und ihres Ehe- mannes bereits im Jahr 1991 im Heimatland geschlossen worden sei. Bis zur Flucht des Ehemannes aus dem Heimatstaat im Jahre 2007 sei die Beziehung intakt gewesen und aus der Ehe seien fünf Kinder hervorge- gangen. Sofern die Vorinstanz festhalte, dass nach der Flucht des Ehe- mannes während vier Jahren kein Kontakt zwischen den Eheleuten be- standen habe, sei dem entgegenzuhalten, dass die Beschwerdeführerin während dieser Zeit innerhalb Sri Lankas selbst auf der Flucht gewesen sei. Die Beschwerdeführerin habe aufgrund der Tätigkeiten ihres Eheman- nes für die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) aus Sicherheitsgründen des Öfteren den Wohnort wechseln müssen , wie sich aus dem Protokoll der Anhörung ergebe . Zudem habe die Beschwerdeführerin nicht immer E-1972/2019 Seite 6 mit all ihren Kindern zusammengelebt. Sie hätten jedoch versucht, einan- der zu besuchen. Wie aus den Aussagen der Beschwerdeführerin hervor- gehe, sei diese Zeit besonders gefährlich und vor allem auch sehr chao- tisch und hektisch gewesen. Sie habe die alleinige Verantwortung über den Schutz ihrer Kinder gehabt. Es scheine menschlich, dass sich die Be- schwerdeführerin im Rahmen eines „Überlebensmodus" zuerst vor allem um ihre sowie die Sicherheit ihrer Kinder bemüht habe. Die Beschwerde- führerin habe zudem in der Anhörung ausgeführt, dass sie ihren Ehemann zwischen 2007 und 2011 gesucht habe. Somit sei sie bemüht gewesen, den Kontakt zum Ehemann wiederherzustellen. In Bezug auf die Suche, welche sie erwähnt habe, sei jedoch seitens des SEM nicht weitergefragt worden. Es sei zu erwähnen, dass es im H eimatstaat für Opfer einzig die Menschenrechtsorganisation gegeben habe, welche eine unterstützende Funktion angeboten habe. Die Beschwerdeführerin habe beim Büro für Menschenrechte über den Verbleib ihres Ehemannes nachgefragt. Jedoch habe man ihr auch dort keine Auskunft über ihren Mann geben können. Bereits dieser Schritt sei für die Beschwerdeführerin sehr riskant gewesen, zumal sich das Büro der Menschenrechtsorganisation in der Nähe des Cri- minal Investigation Department ( CID) befunden habe. Aufgrund der Kor- ruption habe sich die Beschwerdeführerin auch nicht an die Polizei wenden können. Sofern die Vorinstanz moniere, dass d as Ehepaar ab dem Jahr 2011 wieder habe Kontakt herstellen können, jedoch lediglich einmal pro Jahr miteinander telefoniert habe, sei auf die Ausführungen der Beschwer- deführerin anlässlich der Anhörung zu verweisen. Dort habe sie angege- ben, dass während ihres Aufenthalts in Colombo ihr Mobiltelefon kontrol- liert worden sei und man dabei auch die Nummer ihres Ehemannes her- ausgefunden habe, worüber sie ihren Ehemann informiert habe. Aufgrund der umfassenden Überwachungsmethoden durch die sri -lankischen Be- hörden seien die von der Beschwerdeführerin geäusserten Ängste den Be- hörden gegenüber berechtigt. Der Ehemann habe aus Angst vor Spitzeln in Malaysia des Öfteren seine Handynummer gewechselt. Es sei der Be- schwerdeführerin nicht möglich gewesen, ihren Ehemann von sich aus zu kontaktieren. Auch die Beschwerdeführerin habe ihre Handynummer oft gewechselt. Sofern die Vorinstanz der Beschwerdeführerin vorhalte, erst drei Monate nach der Ankunft in die Schweiz mit dem Ehemann in Kontakt getreten zu sein, sei festzuhalten, dass sie in der Asylunterkunft in der Schweiz kein Handy besessen habe. Zudem habe die Kontaktnummer des Ehemannes nicht funktioniert. Über Landsleute habe sie Kontakt zur Schwester des Ehemannes und über diese schliesslich Kontakt zum Ehe- mann herstellen können. Sofern der Beschwerdeführerin vorgehalten werde, sie habe nur Reisen nach Indien zu ihrem Sohn unternommen, nicht E-1972/2019 Seite 7 aber nach Malaysia zum Ehemann, müsse festgehalten werden, dass die Beschwerdeführerin versucht habe, ihren Ehemann zu finden und sich deshalb im Jahr 2010 nach Indien begeben zu haben, dies habe sie in der Anhörung auch angegeben. Verwiesen wurde sodann auf die sehr schwie- rige Situation des Sohnes, der im Alter von zehn Jahren Opfer einer Ent- führung in Sri Lanka geworden und daher ausser Landes gebracht worden sei. Er leide heute noch a n den Folgen der Entführung. Dem Sohn sei oberste Priorität zugekommen. Dass die Beschwerdeführerin sodann über Malaysia in die Schweiz gereist sei, ohne den Ehemann zu sehen, sei dem Grund geschuldet, dass sie den Anweisungen des Schleppers habe folgen müssen. Die Gepflogenheiten der Schlepper seien bekannt. 5. 5.1 Art. 51 Abs. 4 AsylG regelt unter der Marginale «Familienasyl» den Ein- bezug von Familienangehörigen in das Asyl von in der Schweiz originär anerkannten Flüchtlingen, sofern die Familie durch die Fluch t getrennt wurde und sich noch im Ausland befindet. Die Bestimmung setzt zudem voraus, dass die durch die Flucht getrennte Familiengemeinschaft, um de- ren Vereinigung in der Schweiz ersucht wird, bereits im Heimatstaat vorbe- standen hat (vgl. zum Kriterium der vorbestandenen Familiengemeinschaft BVGE 2018 VI/6 E. 5.1 f., 2017 VI/4 E. 3.1 und E. 4.2.2; 2012/32 E. 5). 5.2 Die Trennung der Familie erfolgte gemäss Angaben der Beschwerde- führerin vorliegend bereits mit der im Jahr 2007 erfolgten Flucht ihres Ehe- mannes nach Malaysia. Die Beschwerdeführerin blieb mit den gemeinsa- men Kindern in Sri Lanka zurück. Ein Sohn soll sich in Indien auf halten, wohin ihn die Familie aus Sicherheitsgründen nach einer Entführung ver- bracht habe. Die Flucht der Beschwerdeführerin aus Sri Lanka erfolgte im März 2016. Aufgrund der von der Beschwerdeführerin glaubhaft gemach- ten Verfolgungssituation im Heimatstaat, welche im engen Zusammenhang zur ehemaligen LTTE-Tätigkeit ihres Ehemannes gestanden haben soll, wurde ihr die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt und Asyl in der Schweiz ge- währt. Auch eine solche Konstellation ist von Art. 51 Abs. 4 AsylG umfasst (vgl. zum Anwendungsbereich von Art. 51 Abs. 4 AsylG auch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-273/2018 vom 22. Juli 2020 E. 8 ff. [zur Pub- likation vorgesehen]). 5.3 Dem Einbezug in das Familienasyl nach Art. 51 Abs. 4 AsylG können dem Wortlaut von Art. 51 Abs. 1 AsylG nach, auf welchen Absatz 4 ver- weist, jedoch «besondere Umstände» entgegenstehen. Solche sind pra-E-1972/2019 Seite 8 xisgemäss anzunehmen, wenn aus den sachverhaltsrelevanten Umstän- den auf die Auflösung der Familiengemeinschaft geschlossen werden kann und damit keine schützenswerte Familiengemeinschaft mehr vorliegt. Dies wurde in der bisherigen Praxis angenommen, wenn zwar im Zeitpunkt der Flucht eines Familienmitglieds eine Familiengemeinschaft vorbestand, diese aber nach der Flucht aufgegeben wurde (vgl. BVGE 2015/29 E. 3.2; 2012/32 E. 5.1; EMARK 2002 Nr. 20 E. 4b). Relevant ist mithin das Verhal- ten der Familienangehörigen nach der Flucht. Das Bundesverwaltungsge- richt hält in ständiger Praxis fest, dass das Familienasyl insofern auf die Wiederherstellung von vorbestandenen Familiengemeinschaften zielt, als die Familiengemeinschaft «allein aufgrund der Fluchtumstände» und somit «unfreiwillig» get rennt worden sein muss (vgl. BVGE 2012/32 E. 5.4.2 m.w.H.). Kann aus dem Verhalten der Familie oder einzelner Familienmit- glieder geschlossen werden, dass die Trennung der Familiengemeinschaft auf deren generelle Aufgabe gerichtet war oder ist, sind «besond ere Um- stände» zu bejahen. Anhaltspunkte, die auf eine «freiwillige» Trennung im Sinne einer Auflösung der Familiengemeinschaft hinweisen, können bei- spielsweise ein langes Zuwarten für die Einreichung des Familiennach- zugsgesuchs (vgl. Urteile des BVGer E-473/2018 vom 5. März 2019 E. 3.5; E-1511/2017 vom 25. Februar 2019 E. 4.3), die Aufnahme einer neuen Be- ziehung (vgl. BVGE 2012/32 E. 5.4) oder ein nach der Flucht erfolgter Kon- taktabbruch durch eines der Familienmitglieder ohne sachlichen Grund sein (vgl. Ur teil des BVGer E -4194/2016 vom 1. Dezember 2017 E. 5). Nicht von der «Freiwilligkeit» der Aufgabe der Familiengemeinschaft im Sinne «besonderer Umstände» ist hingegen dann auszugehen, wenn ob- jektive, aus den Fluchtumständen resultierende Gründe für die Tre nnung der Familie ersichtlich sind. 5.4 Massgeblich für die Prüfung, ob die Voraussetzungen für die Bewilli- gung eines Familiennachzugs gegeben sind, ist der Entscheidzeitpunkt der Behörde. 6. 6.1 Das Vorliegen der Anspruchsvoraussetzungen ist sodann nachzuwei- sen oder zumindest glaubhaft zu machen (Art. 7 AsylG). Glaubhaftmachen im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Gegensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass. Eine Tatsache gilt als glaubhaft ge- macht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit ü berwiegender Wahr- scheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüch-E-1972/2019 Seite 9 lich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf ge- fälschte oder verfälschte B eweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3 AsylG; vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.). 6.2 Die Asylbehörden stellen den Sachverhalt von Amtes wegen richtig und vollständig fest (Art. 12 und Art. 13 VwVG, vgl. auch KÖLZ/ HÄNER/BERT- SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043). Die Sachverhaltsermittlung steht unter dem Vor- behalt der Mitwirkungspflicht der Parteien (Art. 8 AsylG). Dies gilt auch im Familiennachzugsverfahren. Die Herausforderung bei der Beurteilung ei- nes Familiennachzugsgesuchs liegt regelmässig in einer rechtsgenügli- chen Sachverhaltsfeststellung, zumal sich diese einerseits auf faktenba- sierte Elemente andererseits aber auch auf innere Entscheidvorgänge der betroffenen Personen stützt. An die Substanzi ierung eines Gesuchs um Familiennachzug sind daher gewisse Anforderungen zu stellen. Dies be- trifft insbesondere die Aspekte der Glaubhaftmachung einer zum Zeitpunkt der Flucht vorbestandenen Familiengemeinschaft und des Weiterbeste- hens der Familiengemeinschaft nach fluchtbedingten Trennung, die in der Schweiz wieder zusammengeführt werden soll. Auch der Vorinstanz kommt bei der Ermittlung des Sachverhalts eine wichtige Rolle zu, indem bereits bei der Anhörung vertiefte Abklärungen zu den familiären Verhält- nissen und den Umständen der getrennt angetretenen Flucht getroffen werden. Im Familiennachzugsverfahren ist der Sachverhalt sodann zu ver- vollständigen und es sind Abklärungen zur aktuellen Situation der Familie zu treffen, um eine Prüfung zu ermöglichen, ob allenfalls «besondere Um- stände» einer Bewilligung des Familiennachzugs entgegenstehen (vgl. E- 273/2018 vom 22. Juli 2020 E. 10 ff.) 7. 7.1 Die Vorinstanz hat sich in ihrer Einschätzung im Kern auf die Angaben der Beschwerdeführerin im vorinstanzlichen Verfahren gestützt und als we- sentlich erachtet, dass die Beschwerdeführerin vorgebracht habe, nach der Flucht ihres Ehemannes im Jahr 2007 eine Zeitlang keinen Kontakt zu ihm gehabt zu haben. Auch nachdem der Kontakt im Jahr 2011 wieder habe hergestellt werden können, habe dieser nur sporadisch bestanden. Als ei- nen weiteren Aspekt, der gegen den Fortbestand der Familiengemein- schaft spreche, wurde gewertet, dass die B eschwerdeführerin ihren Ehe- mann in Malaysia nicht besucht habe und ihn auch nicht getroffen habe, als sie ihre eigene Flucht in die Schweiz über Malaysia vorgenommen habe. E-1972/2019 Seite 10 7.2 Die von der Vorinstanz genannten Aspekte sind in der Tat von Relevanz für die Beurteilung des vorliegenden Gesuchs. Die angeführte Begründung greift jedoch zu kurz. Den Beschwerdeausführungen ist insofern zuzustim- men, als die Vorinstanz bei ihrer Beurteilung die Umstände des konkreten Falles nicht genügend in ihre Beurteilung einbezogen hat. Überdies erweist sich der bisher erstellte und der Beurteilung zugrunde gelegte Sachverhalt auch als unvollständig. Die Beschwerdeführerin hat im Asylverfahren eine seit der Flucht des Ehemannes im Jahr 2007 anhaltende Verfolgungssitu- ation im Heimatstaat gl aubhaft gemacht hat und in der Folge Asyl in der Schweiz erhalten. Sie machte sodann in der Anhörung zu ihren Asylgrün- den geltend, dass der Kontakt zum Ehemann nach dessen Flucht abge- brochen sei und erst im Jahr 2011 wieder habe hergestellt werden können. Zum Zeitpunkt ihrer eigenen Flucht aus dem Heimatstaat im Jahr 2016 soll ein beschränkter Kontakt zum Ehemann sodann wieder bestanden haben. Die Beschwerdeführerin hat sich in der Anhörung zur schwierigen familiä- ren Situation und zur Gefährdungslage den Ehemann, sie selbst und die Kinder betreffend g eäussert; sie hat sodann Gründe für den Kontaktab- bruch respektive den lediglich sporadischen Kontakt zum in Malaysia le- benden Ehemann angedeutet (vgl. act. B12/25 F8, F11 f.f, F37, F 105, F 113 ff.). Diese Umstände könnten allenfalls im Sinne objektiver Gründe zur Rechtfertigung des im Zeitraum 2007-2011 abgebrochenen und später le- diglich sporadischen Kontakts der Eheleute dienen. Massgeblich ist die Ab- klärung des Sachverhalts dahingehend, ob aus dem Verhalten der Be- schwerdeführerin oder ihres Ehemannes geschlossen werden kann, dass mit dessen Flucht im Jahr 2007 eine Trennung der Familiengemeinschaft im Sinne einer generellen Aufgabe der familiären Beziehungen einherging oder ob objektive, aus den Fluchtumständen resultierende Gründe für die Trennung der Familie zu bejahen sind, die nicht als freiwillige Aufgabe der Familiengemeinschaft zu werten sind. Diesen Aspekten wurde seitens der Vorinstanz aber weder im Rahmen der Anhörung der Beschwerdeführerin zu ihren Asylgründen weiter nachgegangen noch wurden weitere Abklärun- gen im Rahmen des Gesuchs um Familienasyl getroffen. Die Angaben der Beschwerdeführerin hierzu im vorinstanzlichen Verfahren geben keinen genügenden Aufschluss. Die von der Beschwerdeführerin auf Beschwer- destufe angeführten Umstände zur familiären Situation nach der Flucht des Ehemannes erlauben keine abschliessende Beurteilung. Diesbezüglich ist auf obige Ausführungen unter Erwägung 6.2 zu verweisen. 7.3 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge- richt grundsätzlich in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Rückweisung E-1972/2019 Seite 11 kommt insbesondere dann in Betracht, wenn weitere Sachverhaltsfeststel- lungen getroffen werden müssen (vgl. MADELEINE CAMPRUBI, in: Auer/Mül- ler/Schindler [Hrsg.], VwVG -Kommentar, 2. Aufl. 2019, Art. 61 Abs. 1 Rz. 10; PHILLIPE WEISSENBERGER /ASTRID HIRZEL, in: Waldmann/Weissen- berger [Hrsg.], Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 61 VwVG Rz. 16). Das Bundesverwaltungsgericht kann die Entscheidreife vorliegend nicht ohne grösseren Aufwand herstellen, weshalb die Sache zwecks Vornahme weiterer Abklärungen und zum neuen Entscheid an die Vorinstanz zurück- zuweisen ist. Für eine Rückweisung an die Vorinstanz zur weiteren Abklä- rung spricht auch der Umstand, dass auf diese Weise der Instanzenzug erhalten bleibt, was umso bedeutender ist, als das Bundesverwaltungsge- richt letztinstanzlich entscheidet. Bei einer allfälligen Bejahung einer weiterhin bestehenden Familienge- meinschaft durch die Vorinstanz ist diese darauf hinzuweisen, dass im Wei- teren die Frage zu klären wäre, ob (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsge- richts D-6708/2016 vom 26. Oktober 2018 E. 4.7.3) der Erteilung einer Ein- reisebewilligung allenfalls der Umstand entgegenstehen könnte, dass der Ehemann nach Aussagen der Beschwerdeführerin (vgl. act. B12/25 F37, act. B3/16 S. 9) offenbar eine leitende Rolle bei den LTTE eingenommen hat. 8. Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als die Auf- hebung der Verfügung vom 29. März 2019 und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung beantragt wird. Demnach ist die Sa- che zur volls tändigen Feststellung des Sachverhalts im Sinne der Erwä- gungen und zur neuen Entscheidung an das SEM zurückzuweisen. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Die mit Zwischenverfügung vom 6. Mai 2019 gewährte unentgeltliche Prozessführung wird gegenstandslos. 9.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun- desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die E-1972/2019 Seite 12 ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten (vgl. für deren Bemes- sung Art. 7-11 VGKE) zuzusprechen. Der in der Kostennote vom 29. Mai 2018 ausgewiesene Kostenaufwand von Fr. 2‘144.90 erscheint angemes- sen, weshalb der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bundes- verwaltungsgericht vom SEM eine Parteientschädigung von entsprechen- dem Umfang auszurichten ist. Die Entschädigung umfasst keinen Mehr- wertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE. (Dispositiv nächste Seite) E-1972/2019 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit die Aufhebung der vorinstanz- lichen Verfügung und die Rückweisung der Sache beantragt wird. 2. Die Verfügung vom 29. März 2019 wird aufgehoben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Das SEM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 2144.90 auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Constance Leisinger Claudia Jorns Morgenegg Versand: