Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 29. August 2013 (720 12 362 / 207) ____________________________________________________________________ Invalidenversicherung Mangelhafte Eröffnung einer Verfügung; Voraussetzungen des Anspruchs auf Arbeits- vermittlung Besetzung Vizepräsident Christof Enderle, Kantonsrichter Michael Guex, Kantonsrichterin Elisabeth Berger Götz, Gerichtsschreiber i.V. Michael Blattner Parteien A.____ , Beschwerdeführ erin , ve rtreten durch Dr. Heiner Schärrer , Advokat, Aeschenvorstadt 67, Postfach, 4010 Basel gegen IV -Stelle Basel -Landschaft , Hauptstrasse 109 , 4102 Binningen , Beschwerdegegnerin Betreff Berufliche Massnahmen (756.2490.7863.43) A. Die 1968 geborene A.____ stürzte am 26. September 2003 von einer Leiter und zog sich hierbei eine Fraktur am rechten Mittelfussknochen zu. Am 17. November 2004 meldete sie sich bei der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) unt er Hinweis auf die erlittene Verlet- zung zum Leistungsbezug an. Nach mehrfacher Durchführun g von beruflichen Massnahmen und Abklärung der gesundheitlichen sowie der erwerblich en Verhältnisse sprach die IV-Stelle Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht des Kantons Basel-Landschaft (IV-Stelle) der Versicherten nach durchgeführtem Vorbescheid- verfahren mit Verfügung vom 9. Mai 2011 eine vom 1. Se ptember 2004 bis zum 31. Dezember 2005 befristete Dreiviertelsrente und vom 1. Januar 2006 bis zum 30. September 2007 eine befristete ganze Rente zu. B. Mit Verfügung vom 9. November 2012 schloss die IV-Ste lle die Arbeitsvermittlung ab, da es trotz Unterstützungsbemühungen seit August 2011 nicht gelungen sei, die Versicherte innert angemessener Zeit in den Arbeitsmarkt zu integrieren. C. Gegen die Verfügungen vom 9. Mai 2011 und vom 9. November 2012 hat A.____, ver- treten durch Dr. Heiner Schärrer, Advokat in Basel, am 20. November 2012 beim Kantonsge- richt des Kantons Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversich erungsrecht (Kantonsgericht) Be- schwerde erhoben. Sie beantragte die Aufhebung der an gefochtenen Verfügungen sowie die Rückweisung der Angelegenheit an die IV-Stelle zur neue n Prüfung und zur Fällung eines neu- en Entscheids über den Rentenanspruch. Zur Begründung wu rde zunächst vorgebracht, dass die Eröffnung der Verfügungen vom 9. Mai 2011 mangel haft gewesen sei, da diese nur der Be- schwerdeführerin und nicht deren Rechtsvertreter zugestellt worden seien. Dadurch sei der Be- schwerdeführerin die Möglichkeit genommen worden, die V erfügung gerichtlich überprüfen zu lassen. Im Weiteren sei der den Verfügungen vom 9. Mai 2011 zugrundeliegende medizinische Sachverhalt zu optimistisch eingeschätzt worden, weswegen w eitere Abklärungen sowie eine neue Prüfung des Rentenanspruchs vorzunehmen seien. Bez üglich der Verfügung vom 9. November 2012 führte die Beschwerdeführerin aus, da ss die IV-Stelle die Arbeitsvermittlung zu früh abgeschlossen habe, da sie aufgrund ihrer Berufsa usbildung als Coiffeuse "möglicher- weise" einen Anspruch auf Umschulung oder zumindest auf g eeignete Massnahmen zur Erhö- hung ihrer Chancen auf dem Arbeitsmarkt habe. Für das Verfahren vor Kantonsgericht stellte die Beschwerdeführerin ein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege. D. In ihrer Vernehmlassung vom 29. Januar 2013 beantra gte die IV-Stelle, dass auf die Beschwerde gegen die Verfügungen vom 9. Mai 2011 nicht einzutreten bzw. diese eventualiter abzuweisen sei. Zur Begründung führte sie an, dass die Beschwerde gegen die Verfügungen vom 9. Mai 2011 verspätet erfolgt sei. Die bloss an die Beschwerdeführerin erfolgte Zustellung der Verfügungen sei zwar als fehlerhaft zu bezeichnen, v ermöge aber nicht die Nichtigkeit der Verfügungen herbeizuführen. Vielmehr hätte sich die B eschwerdeführerin bei ihrem Rechtsver- treter nach dem weiteren Vorgehen erkundigen müssen. D urch das übermässige Zuwarten be- stehe aufgrund der fehlerhaften Eröffnung auch nach dem Vertrauensgrundsatz keine Anfech- tungsmöglichkeit mehr. Im Falle eines Eintretens sei di e Beschwerde gegen die Verfügungen vom 9. Mai 2011 abzuweisen, da der zugrundeliegende Re ntenanspruch korrekt berechnet worden sei. Im Weiteren beantragte die Beschwerdegeg nerin die Abweisung der Beschwerde gegen die Verfügung vom 9. November 2011. Da sich der e rlernte Beruf im Tieflohnbereich bewege und der Arbeitsunfall nicht bei der Ausübung d er erlernten Tätigkeit als Coiffeuse ge- schehen sei, bestehe kein Anspruch auf Umschulung. Eine A usbildung im kaufmännischen Be- reich sei angesichts der lediglich bescheidenen Deutschkennt nisse unrealistisch. Zudem habe sich die Beschwerdeführerin bei der Arbeitsvermittlung pa ssiv und wenig motiviert gezeigt, was Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht sich bereits aus der Tatsache ergebe, dass die Kontaktau fnahme stets einseitig durch die IV- Stelle erfolgt sei. E. Mit Verfügung vom 19. April 2013 wies das Kantonsge richt das Gesuch der Beschwer- deführerin um unentgeltliche Rechtspflege ab. Das Kantonsgericht zieht i n E r w ä g u n g : 1. Gemäss Art. 60 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den A llgemeinen Teil des Sozialversi- cherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 in Verbindung mit. Art. 69 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) vom 19. Juni 1959 kann gegen Verfügungen der kantona- len IV-Stellen bei dem vom Kanton bezeichneten Versiche rungsgericht am Ort der IV-Stelle innerhalb von 30 Tagen Beschwerde erhoben werden. Das Kantonsgericht ist gestützt auf diese Bestimmungen örtlich und gestützt auf § 54 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung (VPO) vom 16. Dezember 199 3 auch sachlich zuständig. Die Beschwerde erfüllt im Weiteren die Formerfordernisse nach § 5 Abs. 1 VPO. 2.1 Fraglich ist, ob die gegen die Verfügungen vom 9. Mai 2011 erhobene Beschwerde rechtzeitig erfolgt ist. Es ist vorliegend unbestritten, dass die vorgenannten Verfügungen direkt an die Beschwerdeführerin zugestellt wurden und ihr Re chtsvertreter jeweils als Kopieempfän- ger aufgeführt wurde. Von der IV-Stelle blieb im We iteren unbestritten, dass die Verfügungen vom 9. Mai 2011 somit mangelhaft eröffnet wurden. 2.2 Nach Art. 49 Abs. 3 ATSG darf der betroffenen Per son aus der mangelhaften Eröffnung einer Verfügung kein Nachteil erwachsen. Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung führt nicht jede mangelhafte Eröffnung schlechthin zur Nichtigkeit des Verwaltungsakts mit der Konse- quenz, dass die Rechtsmittelfrist nicht zu laufen beginne n könnte. Aus dem Grundsatz, dass den Parteien aus der mangelhaften Eröffnung einer Ve rfügung keine Rechtsnachteile erwach- sen dürfen, folgt vielmehr, dass dem beabsichtigten Rechts schutz schon dann Genüge getan ist, wenn eine objektiv mangelhafte Eröffnung trotz ihr es Mangels den beabsichtigen Zweck erreicht. Daher ist nach den konkreten Umständen im Ein zelfall zu prüfen, ob die betroffene Person durch den Eröffnungsmangel tatsächlich irregefüh rt und dadurch in ihren Rekursmög- lichkeiten beeinträchtigt worden ist. Richtschnur bildet dabei der Grundsatz von Treu und Glau- ben, an welchem die Berufung auf Formmängel ihre Gre nze findet. So ist mit den Grundsätzen des Vertrauensschutzes und der Rechtssicherheit nicht zu verei nbaren, dass ein Verwaltungs- akt aufgrund einer fehlerhaften Eröffnung jederzeit gerichtlich überprüfbar bleibt. Auch eine feh- lerhaft eröffnete Verfügung kann demnach rechtsbestän dig werden, nämlich dann, wenn ein solcher Verwaltungsakt nicht innerhalb einer vernünftig en Frist in Frage gestellt wird. Unan- fechtbar wird eine fehlerhaft eröffnete Verfügung er st, wenn der übergangenen Verfügungs- adressatin übermässig langes Zuwarten vorgeworfen werden kann. Der Zeitraum der vernünfti- gen Frist bemisst sich praxisgemäss nach den besonderen Umstä nden des Einzelfalls, wobei vor allem darauf abzustellen ist, ob der von der fehle rhaften Verfügungseröffnung Betroffene Anlass hatte, sich bei der Verwaltung nach dem Verfügun gserlass zu erkundigen (vgl. zum Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Ganzen: BGE 111 V 150 E. 4c, Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG] vom 3. Juni 2003, I 528/01, E. 2.3, Urteil des Bundesgerichts vom 13. Februar 2001, C 168/00, E. 3b je mit Hinweisen; UELI KIESER , Kommentar zum Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrecht, 2. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2009, N 40 ff. zu Art. 49). 2.3 Aus den Akten ist ersichtlich, dass die Beschwerdeführer in ihren Rechtsvertreter bereits im Vorbescheidverfahren mit der Wahrung ihrer rechtli chen Interessen betraut hat. Sie durfte sich demnach gegenüber der IV-Stelle als vertretene Per son wähnen. Aufgrund des in der Ver- fügung angebrachten Zustellvermerks ("z.K. an:") hatte si e keinen Grund zur Annahme, dass die IV-Stelle das Vertretungsverhältnis nicht anerkenne. Daher konnte sie nach Erhalt der Ver- fügungen vom 9. Mai 2011 auch davon ausgehen, dass ih r Rechtsvertreter ebenfalls mit einer Kopie derselben bedient worden ist. Hingegen mussten d er Beschwerdeführerin Zweifel er- wachsen, als sie auch gegen Ende der in den Verfügungen korrekt angegebenen 30-tägigen Rechtsmittelfrist noch nichts von ihrem Rechtsvertreter vernommen hat. Da sie die Verfügungen selber unzweifelhaft erhalten hat und bei zumutbarer Aufmerksamkeit ohne Weiteres hätte er- kennen können, dass deren Inhalt für sie nachteilig ist , durfte von ihr verlangt werden, dass sie sich vor Ablauf der Rechtsmittelfrist bei ihrem Rechtsvertr eter nach dem weiteren Vorgehen erkundigt. Die Beschwerdeführerin hätte demnach spätest ens am 30. Tag nach der Zustellung der Verfügungen bei ihrem Rechtsvertreter vorstellig we rden müssen, sodass gestützt auf Treu und Glauben ab diesem Datum erneut eine 30-tägige R echtsmittelfrist einzuräumen gewesen wäre (so auch Urteil des Bundesgerichts vom 13. Februar 2001, C 168/00, E. 3c). Der Rechts- vertreter wurde seinerseits jedoch erst am 23. Januar 2012 tätig, als er sich schriftlich an die IV- Stelle wandte und die nach eigenen Angaben gleichentags entdeckte fehlerhafte Eröffnung mo- nierte. Diese Eingabe kann nicht als sinngemässe Beschwe rde verstanden werden, zumal eine Neuzustellung der Verfügungen nicht verlangt und auch eine Anfechtung der mangelhaft zuge- stellten Verfügungen lediglich vorbehalten wurde. Erst mit Schreiben vom 30. April 2012 an die IV-Stelle beanstandete der Rechtsvertreter der Beschwe rdeführerin erneut die fehlerhafte Zu- stellung der Verfügungen vom 9. Mai 2011 und teilte mit, dass er zwecks Beschwerdeerhebung eine Neuzustellung der Verfügungen erwartet habe. In Würdigung der gesamten Umstände des vorliegenden Falls ist der Beschwerdeführerin bzw. ihrem Rechtsvertreter ein übermässig lan- ges Zuwarten anzulasten. Die am 20. November 2012 erh obene Beschwerde gegen die Verfü- gungen vom 9. Mai 2011 ist demnach als verspätet zu be trachten, weshalb nicht darauf einge- treten werden kann. 3. Mit Eingabe vom 20. November 2012 erhob die Beschw erdeführerin gleichzeitig Be- schwerde gegen die Verfügung vom 9. November 2012. Nebst Erfüllung der übrigen Sachvo- raussetzungen (vgl. E. 1 hiervor) ist diese Beschwerde auch fristgerecht erfolgt, weshalb darauf einzutreten ist. 4. Streitig und zu prüfen ist, ob die Vorinstanz am 9. November 2012 zu Recht die Einstel- lung der Arbeitsvermittlung verfügt hat. 5.1 Nach dem Grundsatz von Art. 8 IVG haben Invalide ode r von einer Invalidität bedrohte Versicherte Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, sowei t diese notwendig und geeignet Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wiederher- zustellen, zu erhalten oder zu verbessern und die Vorausset zungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind. Art. 18 Abs. 1 IVG be stimmt, dass arbeitsunfähige Versi- cherte, welche eingliederungsfähig sind, Anspruch auf aktive Unterstützung bei der Suche eines geeigneten Arbeitsplatzes sowie auf begleitete Beratu ng im Hinblick auf die Aufrechterhaltung ihres Arbeitsplatzes haben. Die IV-Stelle hat diese Ma ssnahmen unverzüglich zu veranlassen, sobald eine summarische Prüfung ergibt, dass die Voraussetzu ngen dafür erfüllt sind (Art. 18 Abs. 2 IVG). 5.2 Wie der bundesrätlichen Botschaft zur Änderung des Bundesgesetzes über die Invali- denversicherung (5. Revision) vom 22. Juni 2005 zu entnehm en ist, sieht Art. 18 IVG vor, dass alle stellenlosen Personen, die ihre bisherige Tätigk eit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben können, Anspruch auf Arbeitsvermittlung d urch die IV haben, somit auch Arbeit- nehmende, die in einer angepassten (Hilfs-)Tätigkeit no ch voll arbeitsfähig sind. Durch die Ausweitung des Anspruchs auf Arbeitsvermittlung der IV, die auf die Vermittlung von gesund- heitlich eingeschränkten Personen spezialisiert ist, können die Eingliederungsinstrumente für unqualifizierte Versicherte verbessert werden. Dabei ist eine enge Zusammenarbeit mit den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren vorgesehen (vgl. B otschaft zur Änderung des Bundes- gesetzes über die Invalidenversicherung [5. Revision] vom 2 2. Juni 2005, in: Bundesblatt [BBl] 2005 S. 4522 und 4524). Der Botschaft zufolge sei das b estehende System in Bezug auf Ar- beitsvermittlung unzureichend. Ein Anspruch auf Arbei tsvermittlung sei bisher nur gegeben ge- wesen, wenn die versicherte Person bei der Suche einer geeigneten Arbeitsstelle wegen ihres Gesundheitszustands Schwierigkeiten gehabt habe oder we nn sie invaliditätsbedingt spezielle Anforderungen an den Arbeitsplatz oder den Arbeitgebe r stellen musste. Bisher sei die IV nicht für andere Gründe der erschwerten Stellensuche – wie Stellenmangel auf dem Arbeitsmarkt – eingetreten. Angesichts des angespannten Arbeitsmarktes fänden jedoch gesundheitlich einge- schränkte Hilfskräfte nur schwer eine neue, der Behinderun g angepasste Stelle, was oft zur Aussteuerung bei der Arbeitslosenversicherung und durch die lange Arbeitslosigkeit zu einer Verstärkung der ursprünglichen gesundheitlichen Probleme bzw. zu zusätzlichen psychischen Schwierigkeiten führe (vgl. BBl 2005 S. 4522). In Ken ntnis dieser Problematik hat der Gesetz- geber eine Gesetzesänderung vorgenommen und festgehal ten, dass die bisherige Praxis des Bundesgerichts, wonach voll arbeitsfähigen Hilfsarbeite rn der Anspruch auf Arbeitsvermittlung verwehrte wurde, unzureichend ist. Folglich haben seit d er 5. IV-Revision auch Versicherte, welche gesundheitsbedingt in der bisherigen Tätigkeit eingeschränkt, in einer adaptierten Tätig- keit aber vollumfänglich arbeitsfähig sind, Anspruch auf Arbeitsvermittlung (vgl. zum Ganzen SILVIA BUCHER , Eingliederungsrecht der Invalidenversicherung, Bern 201 1, Rz. 835 ff.; Kreis- schreiben über die Eingliederungsmassnahmen beruflicher Art, gültig ab 1. Januar 2013, Rz. 5005; Urteil des Sozialversicherungsgerichts Zürich vom 24. Juni 2009, IV.2008.00617, E. 5.3; KGE SV vom 6. Januar 2010, 720 09 101, E. 9.2). 6.1 Im Hinblick auf die Beurteilung der Frage, ob die Beschwerdeführerin die geschilderten Anspruchsvoraussetzungen für die Gewährung einer Arbeit svermittlung erfüllt, gilt es in einem ersten Schritt zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin an g esundheitlichen Beeinträchtigungen leidet, welche sie in ihrer Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen. Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht 6.2 Bei der Feststellung des Gesundheitszustandes und insb esondere auch bei der Beurtei- lung der Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person i st die rechtsanwendende Behörde – die Verwaltung und im Streitfall das Gericht – auf Unterl agen angewiesen, die vorab von Ärztinnen und Ärzten zur Verfügung zu stellen sind. Deren Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkei- ten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 115 V 134 E. 2, 114 V 314 E. 3c, 105 V 158 E. 1 in fine). Darüber hinaus bilden die ärztlichen S tellungnahmen eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Zumutbarkeit, also der Frage, we lche anderen Erwerbstätigkeiten als die zuletzt ausgeübte Berufsarbeit von der versicherten Perso n auf dem allgemeinen, ausgegliche- nen und nach ihren persönlichen Verhältnissen in Frag e kommenden Arbeitsmarkt zumutba- rerweise noch verrichtet werden können (ULRICH MEYER -BLASER , Zur Prozentgenauigkeit in der Invaliditätsschätzung, in: Schaffhauser/Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen der Invalidität in der Sozi- alversicherung, St. Gallen 1999, S. 20 f. mit Hinweisen). 6.3 Das Gericht hat die medizinischen Unterlagen nach dem für den Sozialversicherungs- prozess gültigen Grundsatz der freien Beweiswürdigung (vg l. Art. 61 lit. c ATSG) – wie alle an- deren Beweismittel – frei, d.h. ohne Bindung an förm liche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Dies bedeutet, dass das Sozialversicherungsgericht alle Beweismit- tel, unabhängig, von wem sie stammen, objektiv zu prüfe n und danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilun g des streitigen Rechtsanspruchs ge- statten. Insbesondere darf es bei einander widerspreche nden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu- geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist demnach entscheidend , ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen be ruht, auch die geklagten Beschwer- den berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle- gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurte ilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertin oder des Experten begründet sind (BGE 134 V 232 E. 5.1; 125 V 352 E. 3a, 122 V 160 E. 1c). 7.1 Für die aktuelle medizinische Beurteilung des Gesundh eitszustands und der Arbeitsfä- higkeit der Beschwerdeführerin ist vorliegend das bidiszi plinäre Gutachten von Dr. med. B.____, FMH Rheumatologie, und Dr. med. C.____, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, vom 6. bzw. 18. November 2009 zu berücksichtigen. 7.2 Demgemäss sei aus psychiatrischer Sicht keine gesundheitl iche Beeinträchtigung mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit festzustellen. Die diagnostizierte leichtgradige depressive Episode habe ihrerseits keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Aus psychiatrischer Sicht resul- tiere aufgrund der Aktenlage und der aktuellen Unters uchungsbefunde eine Arbeitsunfähigkeit von 25 % bis 30 % zwischen Mai 2005 und März 2007, währen ddem ab April 2007 keine Ar- beitsunfähigkeit mehr bestehe. Aus rheumatologischer Si cht seien ein persistierendes Schmerzsyndrom am rechten Mittel- und Vorfuss im Sinne ei ner Allodynie bei Status nach Lis- franc-Fraktur rechts sowie Status nach Arthrodese der Ta rsometatarsalgelenke des rechten Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht Fusses und Status nach Metallentfernung festzustellen. Die Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit bestünden in intermittierenden Kreuzschmerzen mit pseudoradikulärer Aus- strahlung ins rechte Bein sowie einer fibrösen Schulte rsteife rechts. Aus rheumatologischer Sicht sei die Beschwerdeführerin in ihrer angestammte n Tätigkeit als Raumpflegerin seit dem Unfall vom 26. September 2003 andauernd arbeitsunfähi g. In einer körperlich leichten, vorwie- gend sitzenden Tätigkeit mit der Möglichkeit, bei Bedar f aufzustehen, bestehe ab dem 7. November 2007 eine Arbeitsfähigkeit im Umfang von 100 %, wobei der Beschwerdeführerin aufgrund der chronischen Schmerzproblematik eine Leistungsverminderung von 10 % zuzubilli- gen sei. 7.3 Das erwähnte Gutachten erscheint schlüssig und nachvollzi ehbar in der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit, berücksichtigt die geklagten Beschwerd en und erging – soweit ersichtlich – in vollständiger Kenntnis der Vorakten. Die Beschwerdeführe rin legt ihrerseits weder gegenteilige medizinische Berichte zu ihrer Arbeitsfähigkeit vor, noch vermag sie substantiierte Einwände zu erheben, welche gegen die Richtigkeit oder die Zuverlä ssigkeit des vorgenannten bidisziplinä- ren Gutachtens sprächen. Da sie vorliegend die Fortfüh rung der Arbeitsvermittlung durch die IV-Stelle begehrt, ist davon auszugehen, dass sie von ein em verbleibenden Gesundheitsscha- den und mithin von der inhaltlichen Korrektheit des i nterdisziplinären Gutachtens ausgeht. Wie hiervor gezeigt (vgl. E. 5.2), wollte der Gesetzgeber mit dem erweiterten Anspruch auf Arbeits- vermittlung jene Personen bei der Stellensuche unterstützen, welche wie die Beschwerdeführe- rin zwar trotz gewisser gesundheitlicher Einschränkungen i n einer adaptierten Tätigkeit vollum- fänglich arbeitsfähig sind, aufgrund fehlender Qualif ikationen und des angespannten Arbeits- marktes jedoch Schwierigkeiten haben, eine den Beschwe rden angepasste Stelle zu finden. Infolgedessen kann das Kriterium der Arbeitsunfähigkeit vorliegend als erfüllt betrachtet wer- den. 8.1 Solange die materiellen Voraussetzungen erfüllt sind, besteht in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich keine Beschränkung des Anspruchs auf Arbeitsve rmittlung. Vielmehr ist die Ar- beitsvermittlung bis zur erfolgreichen Eingliederung a uf dem Stellenmarkt zu gewähren. Der Anspruch auf Arbeitsvermittlung ist indessen durch das im gesamten Leistungsrecht der Invali- denversicherung geltende Verhältnismässigkeitsprinzips zu li mitieren (vgl. BGE 119 V 254 E. 3a). Die Bemühungen zur Arbeitsvermittlung sind demnach nur solange zu erbringen, als der dafür notwendige Aufwand nicht unverhältnismässig wird . In diesem Zusammenhang ist zu be- rücksichtigen, dass die Arbeitsvermittlung keine besonders k ostspielige Eingliederungsmass- nahme darstellt und zur Anspruchsbegründung bereits ein relativ geringes Mass an gesundheit- lich bedingten Schwierigkeiten bei der Suche nach ein er neuen Arbeitsstelle genügt. Dieser Gesichtspunkt ist auch in Hinblick auf die Dauer des Anspru chs massgebend. Die Gewährung der Arbeitsvermittlung ist als unverhältnismässig zu betracht en, wenn von weiteren Bemühun- gen der Verwaltung keinerlei Erfolg mehr zu erwarten ist, obwohl sich die IV-Stelle zuvor inten- siv bemüht hat (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 2. Sep tember 2008, 9C_16/2008, E. 3.1 f., vom 29. März 2005, I 776/04, E. 3.2 und vom 22. Dezember 2004, I 412/04, E. 2.4). 8.2 Vorliegend bemühte sich die IV-Stelle während übe r einem Jahr um die Arbeitsvermitt- lung der Beschwerdeführerin. Die Unterstützungsbemühungen umfassten jedoch nicht zahllose Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht oder übermässig kostspielige Hilfeleistungen, sondern b eschränkten sich im Wesentlichen auf verschiedene Abklärungs- und Beratungsgespräche, die Über arbeitung eines tabellarischen Lebenslaufs, die Besprechung der verschiedenen Bewerbungsarten und die Planung des weite- ren Vorgehens sowie die Erstellung eines individuellen A ktivbewerbungsbriefes (vgl. Ab- schlussbericht der beruflichen Massnahmen vom 28. Februar 2 012). Der bisher betriebene Aufwand hält sich demnach in eher bescheidenem Rahmen und erweist sich nicht als unver- hältnismässig. Es ist nicht auszuschliessen, dass bei weitere n, mitunter intensiveren Bemühun- gen der Beschwerdegegnerin ein Erfolg in der Arbeitsvermittlung erzielt werden kann. Eine Ver- stärkung der bisherigen Bemühungen erscheint als durchaus vo rstellbar und im Lichte der mit der Neufassung von Art. 18 Abs. 1 Satz 1 IVG verbundenen Zielsetzungen (E. 5.2 hiervor) auch geboten. Vor diesem Hintergrund hält der bisherige Aufwand der IV-Stelle einer Verhältnismäs- sigkeitsprüfung stand. 8.3 Da die bisherigen Bemühungen der IV-Stelle nicht als unverhältnismässig zu betrachten sind, erscheint es vorliegend angebracht, die Arbeitsvermittlung gemäss Art. 18 Abs. 1 IVG wei- terhin zu gewähren. Im Übrigen ist im Zusammenhang m it einer vom Sozialversicherer beab- sichtigten Leistungseinstellung oder -kürzung auf Art. 21 Abs. 4 ATSG hinzuweisen. Entzieht oder widersetzt sich eine versicherte Person einer zumutb aren Behandlung oder Eingliederung ins Erwerbsleben, die eine wesentliche Verbesserung der Erwerbsfähigkeit oder eine neue Er- werbsmöglichkeit verspricht oder trägt sie nicht aus eigene m Antrieb das ihr Zumutbare dazu bei, so können ihr die Leistungen vorübergehend oder dauernd gekürzt oder verweigert werden. Sie muss vorher schriftlich gemahnt und auf die Rechtsfol gen hingewiesen werden; ihr ist eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen. Der Anspruch auf Ein gliederungsmassnahmen nach Art. 8 Abs. 1 IVG - und somit auch derjenige auf Arbe itsvermittlung nach Art. 18 Abs. 1 IVG - setzt somit insbesondere auch die subjektive Eingliederung sbereitschaft der versicherten Per- son voraus. Nach Rechtsprechung und Lehre erlaubt der kla re Wortlaut von Art. 21 Abs. 4 ATSG selbst bei offensichtlich fehlender subjektiver Eing liederungsbereitschaft keine Abwei- chung vom Grundsatz, dass eine versicherte Person auf die Folgen ihrer Widersetzlichkeit auf- merksam zu machen ist. Dies gilt auch für die Einstellung e iner einmal zugesprochenen Mass- nahme wegen angeblich fehlender subjektiver Einglieder ungsbereitschaft (vgl. Urteile des Bun- desgerichts vom 11. August 2008, 8C_156/2008, E. 2.2.2, vom 6. Mai 2008, 9C_494/2007, E. 2.2 und vom 25. April 2007, I 928/06, E. 4.2; KIESER , a.a.O., N 88 und 89 zu Art. 21). 9. Die von der Beschwerdeführerin im vorliegenden Besch werdeverfahren anbegehrte Umschulung ist in Ermangelung eines Anfechtungsobjekts n icht verfahrensgegenständlich. Die Versicherte ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sie ein entsprechendes Gesuch an die IV-Stelle zu richten hätte. 10. Aus dem Gesagten folgt, dass die Beschwerde, soweit d arauf eingetreten werden kann, in dem Sinne gutzuheissen ist, als die angefochtene Verf ügung der IV-Stelle vom 9. November 2012 aufgehoben und sie angewiesen wird, die Arbeitsvermittlung gemäss Art. 18 Abs. 1 IVG weiterzuführen. Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht 11.1 Es bleibt über die Kosten zu befinden. Gemäss Art . 69 Abs. 1bis Satz 1 IVG ist das Be- schwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligun g oder die Verweigerung von IV- Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht kosten pflichtig. Nach § 20 Abs. 3 VPO werden die Verfahrenskosten in der Regel der unterlie genden Partei in angemessenem Aus- mass auferlegt; gegenüber den Vorinstanzen bzw. den kant onalen Behörden werden indes grundsätzlich keine Verfahrenskosten erhoben. Vorliegend hat die Beschwerdeführerin nur teil- weise obsiegt, wobei der Anteil des Obsiegens angesichts de s Umfangs der Gutheissung mit einem Viertel als angemessen zu betrachten ist. Die Ver fahrenskosten in der Höhe von Fr. 600.-- gehen demnach im Umfang von drei Vierteln - also Fr. 450.-- - zu Lasten der Be- schwerdeführerin und sind mit dem geleisteten Kostenvorsch uss in der Höhe von Fr. 600.-- zu verrechnen. Demzufolge sind der Beschwerdeführerin Fr. 1 50.-- des zuviel geleisteten Kosten- vorschusses zurückzuerstatten. 11.2 Nach Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person Anspruch auf Ersatz ihrer Parteikosten. Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend ist dem Beschwerdefüh- rer deshalb eine Parteientschädigung zu Lasten der IV- Stelle zuzusprechen. Da die Beschwer- de nur teilweise gutgeheissen wurde, kann der Beschwerde führerin nur eine reduzierte Partei- entschädigung ausgerichtet werden (vgl. § 21 Abs. 1 VP O, wonach der ganz oder teilweise ob- siegenden Partei eine angemessene Parteientschädigung zugesprochen werden kann). Der Rechtsvertreter hat in seiner Honorarnote vom 19. Juni 2013 einen Zeitaufwand von 19,25 Stunden und Auslagen in der Höhe von Fr. 33.-- in Rech nung gestellt. Davon betreffen sieben Stunden das vorinstanzliche Vorbescheidverfahren, für we lches keine Parteientschädigung auszurichten ist (Art. 52 Abs. 3 ATSG). Dasselbe gilt fü r die das Vorbescheidverfahren betref- fenden Auslagen in der Höhe von Fr. 6.--. Der reduzier te Zeitaufwand von 12,25 Stunden ist entsprechend des mehrheitlichen Unterliegens (vgl. E. 11.1 hiervor) zusätzlich um drei Viertel zu kürzen. Der nunmehr verbleibende Aufwand von 3,06 Stu nden ist mit dem im Sozialversi- cherungsrecht üblichen Stundenansatz von Fr. 250.-- zu vergüten. Die Beschwerdegegnerin hat dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin somit eine reduzierte Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 856.05 (inkl. Fr. 27.-- an Auslagen und 8 % Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Auf die Beschwerde gegen die Verfügungen vom 9. Mai 2011 wird nicht eingetreten. 2. Die Beschwerde gegen die Verfügung vom 9. November 2012 wird gutgeheissen und die IV-Stelle Basel-Landschaft wird an gewiesen, die Arbeitsvermittlung weiterzuführen. 3. Die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 450.-- wer den der Be- schwerdeführerin auferlegt und mit dem geleisteten Kos tenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.-- verrechnet. Der Beschwerdeführerin wird der zuviel geleistete Kosten vorschuss in der Höhe von Fr. 150.-- zurückerstattet. 4. Die IV-Stelle Basel-Landschaft hat der Beschwerdefü hrerin eine redu- zierte Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 856.05 ( inkl. Auslagen und 8% MwSt.) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht