B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4872/2013 U r t e i l v o m 2 8 . F e b r u a r 2 0 1 4 Besetzung Richter Robert Galliker (Vorsitz), Richter Thomas Wespi, Richter Gérard Scherrer, Gerichtsschreiberin Daniela Brüschweiler. Parteien A._______, geboren (…), Russland, vertreten durch Laura Rossi, Fürsprecherin, Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not, (…), Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 31. Juli 2013 / N (…). D-4872/2013 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, eine russische Staatsangehörige tschetschen i- scher Ethnie mit letztem Wohnsitz in B._______, verliess ihr Heimatland eigenen Angaben zufolge im Oktober 2007 zusammen mit ihrem Eh e- mann und den gemeinsamen vier Kindern . Bei ihrer Einreise nach Polen wurde die Familie angehalten, worauf sie Asylgesuch e einreichte. Nach zweijährigem Aufenthalt in Polen reiste die ganze Familie am 22. Oktober 2009 in die Schweiz ein, wo alle Familienmitglieder gleichentags um Asyl nachsuchten. B. Die Beschwerdeführerin – wie auch ihr Ehemann sowie die drei Söhne – wurde am 29. Oktober 2009 im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) C._______ zur Person befragt und es wurde ihr das rechtliche Gehör zu einer allfälligen Wegweisung nach Polen gewährt. Mit Verfügung vom 22. Januar 2010 trat das BFM auf die Asylgesuche im Rahmen eines Dublin-Verfahrens nicht ein und verfügte die Wegweisung nach Polen. Gegen diesen Entscheid liessen die Beschwerdeführerin und ihre Familienangehörigen durch ihren damaligen Rechtsvertreter am 3. Februar 2010 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht erheben. Mit Urteil D-650/2010 vom 10. Februar 2010 wurde die Beschwerde a b- gewiesen. Gleichzeitig wurd e das BFM – insbesondere im Hinblick auf den damaligen stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin im D._______ – angewiesen, bei der Überstellung notwendig erscheinende medizinische Begleitmassnahmen sicherzustellen. C. Im Rahmen des (gescheiterten) Übers tellungsversuchs des Ehemannes und der Kinder der Beschwerdeführerin wurde der Ehemann am 6. April 2010 zunächst im Spital E._______ und hernach im Spital beziehung s- weise D._______ stationär behandelt. Die drei damals minderjährigen Kinder wurden an ihren früheren Aufenthaltsort zurückgebracht. Der ä l- teste, volljährige Sohn wurde schliesslich am (…) 2010 – ohne die übri- gen Familienangehörigen – nach Polen überstellt. D. Mit Eingabe vom 16. Juni 2010 liess der Ehemann der Beschwerdeführ e- rin beim Bundesamt ein Wiedererwägungsgesuch einreichen. Mit Zw i- schenverfügung vom 30. Juni 2010 wurde er aufgefordert, einen Gebü h-D-4872/2013 Seite 3 renvorschuss in der Höhe von Fr. 600.– zu leisten, ansonsten auf das Wiedererwägungsgesuch nicht eingetreten werde. Der Vorschuss wurde am 9. Juli 2010 bezahlt. E. Mit Verfügung vom 3. September 2010 teilte das BFM der Beschwerd e- führerin und ihre n Familienangehörigen mit, der Entscheid vom 22. Januar 2010 werde aufgehoben und da s nationale Asylverfahren (der Eltern sowie der drei damals minderjährigen Kinder) werde wieder aufg e- nommen. Überdies hielt die Vorinstanz fest, der im Wiedererwägungsve r- fahren geleistete Gebührenvorschuss werde zurückerstattet. F. Die Beschwerdeführerin, ih r Ehemann sowie die Söhne wurden am 23. August 2011 vom Bundesamt zu ihren Asylgründen angehört. Dabei machte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, sie sei bei B e- ginn des zweiten Tschetschenienkrieges im Jahr 1999 allein auf dem Hof der Schwiegereltern in F._______ zurückgeblieben, um die Tiere zu ve r- sorgen. Sie habe nicht mehr fliehen können, (Ausführungen zum Verfol- gungsgrund […]) . Im Jahr 2004 habe sie eine Wohnung in B._______ mieten können, wo sie mit ihren Kindern gelebt habe. Ihr Ehemann se i nur sporadisch bei ihnen gewesen. Im Jahr 2006 seien, als der Ehemann seine Familie besucht habe, nachts maskierte Männer in die Wohnung eingedrungen und hätten den Ehemann vor den Augen der Familie z u- sammengeschlagen. Auch nachher seien noch Leute vorbe igekommen und hätten sich nach ihrem Ehemann erkundigt. Schliesslich habe sich die Familie zur Ausreise entschlossen. G. Mit Anfrage (per E -Mail) vom 9. September 2011 ersuchte das BFM die polnischen Behörden um Auskunft zum dort durchgeführten Asylverfa h- ren. In der Folge übermittelten die polnischen Behörden diverse Dok u- mentkopien, insbesondere ein Befragungsprotokoll des Ehemannes der Beschwerdeführerin vom 16. April 2008. H. Am 17. Juli 2013 erliess das BFM seinen Entscheid bezüglich der Asyl- gesuche und adressierte diesen an die Beschwerdeführerin und ihren Ehemann. Auf Intervention des Rechtsvertreters vom 25. Juli 2013 erliess das BFM am 31. Juli 2013 einen neuen Entscheid (mit dem Vermerk "E r-D-4872/2013 Seite 4 setzt unseren Entscheid vom 17. Juli 2013"), adressiert an den Recht s- vertreter. Die Zustellung erfolgte am 3. August 2013. Das Bundesamt hielt in seinem Entscheid fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte die Asylgesuche ab. Es wies die Beschwerdeführenden aus der Schweiz weg und ordnete de- ren Wegweisungsvollzug an. Zur Begründung führte das BFM zusa m- mengefasst aus, die Vorbringen der Beschwerdeführenden wiesen alles in allem eindeutige Kennzeichen einer konstruierten Verfolgungsg e- schichte auf und erweckten insgesamt de n Eindruck, sie hätten bei ihren Schilderungen nicht auf Erinnerungen an tatsächliche Begebenheiten z u- rückgreifen können, sondern lediglich versucht, ihre angebliche Verfo l- gungssituation in allgemein bekannte Umstände in ihrem Heimatland ei n- zubetten, ohne davon betroffen gewesen zu sein. Ihren Schilderungen könne folglich nicht geglaubt werden. An dieser Einschätzung vermöchten die eingereichten Beweismittel nichts zu ändern. Die Vorbringen der B e- schwerdeführenden – den Beschwerdeführer 1 sowie die Kinder b etref- fend – hielten somit den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) nicht stand, so dass ihre Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse. Zu den (…) Vorbringen der Beschwerdeführerin fügte das Bundesamt an, der g e- schilderte (…) habe acht Jahre vor Ihrer Ausreise aus Russland an ihrem damaligen Wohnsitz in F._______ stattgefunden. Damit sei ein zeitlicher und sachlicher Zusammenhang zwischen dem geschilderten Vorfall und der Ausreise aus dem Hei matland zu verneinen. Eine künftige asylrel e- vante Verfolgung sei nicht zu befürchten. Den Wegweisungsvollzug e r- achtete das Bundesamt für alle Familienmitglieder als zulässig, zumutbar und möglich. I. Mit (separater) Eingabe vom 30. August 2013 an das Bundesv erwal- tungsgericht erhob die Beschwerdeführe rin gegen den Entscheid des BFM vom 31. Juli 2013 durch ihre Rechtsvertreterin Beschwerde. Sie b e- antragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, die Sache sei an die Vorinstanz zurück - und diese sei anzuweisen, aktuelle Arztberichte einzuholen und in Kenntnis der Berichte eine neue Verfügung zu erla s- sen, die Vorinstanz sei anzuweisen, eine korrekte Anhörung durchzufü h- ren, unter Offenlegung der relevanten Unterlagen an die Hilfswerkvertr e- tung, eventualiter sei die Beschwerdeführerin als Flüchtling anzuerke n- nen und es sei ihr Asyl zu gewähren, subeventualiter sei die Unzumu t- barkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die Vorinstanz anz u-D-4872/2013 Seite 5 weisen, die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin zu verfügen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte die Beschwerdeführerin um Koo r- dination ihres Beschwerdeverfahrens mit demjenigen ihres Ehemannes und der gemeinsamen Kinder (D-4868/2013) sowie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsvertretung, zud em sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. Als Beilagen zur Beschwerdeschrift reichte die Beschwerdeführerin diver- se Dokumente, insbesondere einen Kurzaustrittsbericht des D._______ über den stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin vom 1. Februar 2010 bis 20. Oktober 2010 sowie einen Arztbericht vom 7. August 2013, ein. Auf die Begründung der Beschwerdebegehren sowie die eingereic h- ten Beweismittel wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nac h- folgenden Erwägungen eingegangen. J. Am 5. September 2013 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht der B e- schwerdeführerin den Eingang der Beschwerde. K. Der Instruktionsrichter teilte der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 1. Oktober 2013 mit, sie dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig verfügte er, über das Gesuch um Gewäh- rung der unentgeltlichen Rechtspflege in Sinne von Art. 65 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021) werde zu einem späteren Zeitpunkt befunden, auf die Erhe- bung eines Kostenvorschusses werde verzichtet und das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG werde abgewiesen. Überdies wurde die Vorinstanz zur Einre i- chung einer Vernehmlassung eingeladen und festgeh alten, über die we i- teren Beschwerdeanträge werde zu einem späteren Zeitpunkt entschi e- den. L. Mit Vernehmlassung vom 15. Oktober 2013 hielt das BFM an seiner Ve r- fügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Die Ve r- nehmlassung wurde der Beschwerdeführerin zur Kenntnis gebracht. D-4872/2013 Seite 6 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltung s- gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher z u- ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslief e- rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Pe r- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesg e- richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Aus- nahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht. Die Beschwer- deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdi- ges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.4 Mit Urteil gleichen Datums ergeht das Urteil des Ehemannes und der Kinder (D -4868/2013), weshalb dem Antrag auf Koordination Rechnung getragen wird. 2. Das Bundesverwaltungsgericht überprüft die angefochtene Verfügung im Asylbereich aus den in Art. 106 AsylG vorgesehenen Gründen. 3. Die Beschwerdeführerin rügt zunächst, das BFM habe verschiedene Ver- fahrensfehler begangen. Diese formellen Rügen sind vorab zu beha n- deln, da sie geeignet sein können, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der [vor- maligen] Schweizerischen Asylrekurskommission [EM ARK] 200 4 Nr. 38 D-4872/2013 Seite 7 und 1994 Nr. 1; ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwal- tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., Zürich 2013, Rz. 548 ff., mit weiteren Hinweisen). 3.1 Als erstes wendet die Beschwerdeführerin ein, die Hilfswerkvertretung sei nicht richtig dokumentiert worden. Sie argumentier t, für die Wahrne h- mung der Rolle der Hilfswerkvertretung sei es unabdingbar, dass sie sich vor der Anhörung bereits mit dem Asylgesuch und den Fluchtgründen ver- traut machen könne. Dafür sei einerseits erforderlich, dass sie Einsicht in die bisherigen Protokolle habe. Gebe es weitere Verfahrensschritte (Ve r- fügung, Beschwerde, Beschwerdeentscheid, Wiedererwägungsgesuch) müsse die Hilfswerkvertretung anderseits darüber ins Bild gesetzt we r- den, da sie sonst nicht, wie gesetzlich vorgesehen, an der Anhörung tei l- nehmen könne. Gemäss Art. 30 AsylG beobachte die Hilfswerkvertretung die Anhörung nicht nur, sondern sie könne auch ergänzende Fragen ste l- len lassen, weitere Abklärungen anregen und allfällige Ein wendungen zum Protokoll anbringen. Vorliegend seien gemäss Unterschriftenblatt des Protokolls der Hilfswerkvertretung die notwendigen Unterlagen vo r- enthalten worden, sie habe der Anhörung nicht folgen und ihre gesetzlich vorgesehene Rolle nicht wahrnehmen können. Die angefochtene Verf ü- gung sei deshalb aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, eine erneute Anhörung de r Beschwerdeführerin unter Offenlegung der rel e- vanten Unterlagen an die Hilfswerkvertretung durchzuführen. Die Beschwerdeführe rin übersieht bei ihrer Argumentation, dass Art. 26 Abs. 1 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) ausdrücklich regelt, welche Dokumente den Hilfswerkvertretungen au s- zuhändigen sind, indem die Bestimmung festhält, die Vertretung der Hilfswerke habe die Möglichkeit, in der Regel zwei Stunden vor der Anhö- rung vom Inhalt der bereits erstellten Befragungs - oder Anhörungsproto- kolle Kenntnis zu nehmen. Auf ein weitergehendes Akteneinsichtsrecht besteht kein Anspruch, zumal der Hilfswerkvertretung gemäss Art. 30 Abs. 4 AsylG keine Parteirechte zukommen. Bei der Durchsicht des A n- hörungsprotokolls (Akten BFM B 27/16) ergibt sich überdies keinerlei A n- haltspunkt, weshalb die Hilfswerkvertretung der Anhörung und den vo n der Beschwerdeführerin vorgetragenen Asy lgründen nicht hätte folgen können. Entsprechendes wird denn auch weder im Unterschriftenblatt der Hilfswerkvertretung vom 23. August 2011 (B 27/16 letzte Seite) noch in dem auf Beschwerdeebene eingereichten Zusatzblatt zum Kurzbericht (Beschwerdebeilage 5) konkret dargelegt. Es wird von der Hilfswerkve r- tretung nicht einmal behauptet, die gefällten Entscheide im früheren Du b-D-4872/2013 Seite 8 lin-Verfahren sowie das Wiedererwägungsgesuch des Ehemannes wären für ihre Aufgabenerfüllung von Relevanz. Es ist daran zu erinnern, da ss es nicht Sache der Hilfswerkvertretung ist, das gesamte Asylverfahren zu beurteilen. 3.2 Im Weiteren rügt die Beschwerdeführerin eine Verletzung des Unte r- suchungsgrundsatzes, indem es das BFM trotz Kenntnis ihres mehrm o- natigen Aufenthalts im D._______ unterlassen habe, vor Erlass der ange- fochtenen Verfügung aktuelle Arztberichte einzufordern. Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen des Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Sie muss die für das Verfahren notwendigen Sachverhaltsunterlagen beschaffen und die recht- lich relevanten Umstände abklären sowie ordnungsgemäss darüber B e- weis führen ( beispielsweise durch die Einholung eines Gutachtens). Di e- ser Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt, er findet sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht des Asylsuchenden (vgl. Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG). Für die asylsuchende Person bringt di es insbesondere mit sich, dass sie der Behörde alle Gründe mitzuteilen hat, die für die Asylgewä h- rung oder für den Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung relevant sein könnten. Ferner ergibt sich aus Art. 8 Abs. 1 Bst. d AsylG, dass der Asyl- suchende beziehungsweise die Asylsuchende allfällige Beweismittel voll- ständig bezeichnen und sie unverzüglich einreichen oder, soweit dies zumutbar erscheint, sich darum bemühen muss, sie innerhalb einer a n- gemessenen Frist zu beschaffen (vgl. BVGE 2007/21 E. 11.1.3). Auf Be- schwerdeebene wird kein Grund aufgeführt, weshalb es de r – anwaltlich vertretenen – Beschwerdeführerin nicht zuzumuten gewesen wäre, en t- sprechende ärztliche Unterlagen einzureichen . Es genügt nicht, die Ein - beziehungsweise Nachreichung von Beweismitteln an zubieten (vgl. BVGE 2007/21 E. 11.1.5). Ebenso wenig vermag die Beschwerdeführerin zu entlasten, dass ihr (damaliger) Rechtsvertreter in der Eingabe vom 21. Dezember 2012 (vgl. B 33/4 S. 4) ausführte, falls nötig, werde man neue psychiatrische Zwischenzeug nisse nachreichen. Der Entscheid, welche Beweismittel einzureichen sind, liegt – jedenfalls bei anwaltlich vertretenen Asylsuchenden und soweit keine anderslautende behördliche Aufforderung erfolgt – bei den Asylsuchenden beziehungsweise deren Rechtsvertretung. Eine Verletzung des Untersuchungsgrund satzes ist vorliegend zu verneinen , weshalb der Rückweisungsantrag abzuweisen ist. D-4872/2013 Seite 9 4. 4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grun d- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, National i- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht haben, solch en Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken . Den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für g e- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentl i- chen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder ve r- fälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5. 5.1 Das BFM führt z u den von der Beschwerdeführerin separat vorgetr a- genen Asylgründen aus, der von ihr geschilderte (…) habe acht Jahre vor ihrer Ausreise aus Russland im Jahr 1999 an ihrem damaligen Wohnsitz in F._______ stattgefunden. Gemäss konstanter schweizerischer Asy l- praxis setze der Begriff der Flüchtlingseigenschaft einen in zeitlicher und sachlicher Hinsicht genügend engen Kausalzusammenhang zwischen Verfolgung und Flucht voraus. Dieser geforderte Kausalzusammenhang bestehe angesichts des Tatzeitpunktes im Jahr 1999 – selbst bei unte r- stellter Glaubhaftigkeit des Ereignisses – und der Ausreise im Oktober 2007 weder in zeitlicher noch in sachlicher Hinsicht . Zudem könnten den Akten keine Hinweise entnommen werden, wonach die Beschwerdeführe- rin aus d enselben Gründen künftig eine asylrelevante Verfolgung zu b e- fürchten hätte. Dem Vorbringen der Beschwerdeführerin komme somit keine Asylrelevanz zu. 5.2 In der Beschwerdeschrift wird unter dem Titel "Asyl und Flüchtling s- eigenschaft" bemängelt, die Vorinstanz habe es im angefocht enen En t- scheid unterlassen, auf die Fluchtgründe der Beschwerdeführerin einz u- gehen. Dies sei zwar einerseits zu begrüssen, da ihre Kinder und ihr Ehemann sonst auf diesem Weg von der (…) im Jahr 1999 erfahren hä t-D-4872/2013 Seite 10 ten. Angesichts der Tatsache, dass die Besch werdeführerin gemäss B e- richt der Hilfswerkvertretung dieses Ereignis sehr substanziiert und glaubhaft geschildert habe, dürfe die geltend gemachte (…) Verfolgung nicht unbeachtet bleiben. Auch wenn die Vorinstanz darüber informiert gewesen sei, dass der Eh emann und die Kinder der Beschwerdeführerin nichts von den (…) erfahren sollten, wäre die Vorinstanz gehalten gew e- sen, die (…) Fluchtgründe dennoch zu prüfen und für die Beschwerdefüh- rerin einen eigenen Asylentscheid zu verfassen. Es seien keine Gründe ersichtlich, dass sich das Ereignis im Jahr 1999 nicht , wie durch die B e- schwerdeführerin geschildert , zugetragen habe. Bei den erlittenen (…) seien die Intensität, die Gezieltheit und das Motiv ebenfalls gegeben. Die Verfolgung sei jedoch angesichts des Zeita blaufs seit 1999 und der ve r- änderten politischen Situation nicht mehr aktuell. Es stelle sich jedoch die Frage, ob sich die Beschwerdeführerin auf triftige, zwingende Gründe b e- rufen könne, die einer Rückkehr entgegenstehen würden. Gemäss Praxis der vormali gen Asylrekurskommission seien unter solchen zwingenden Gründen vorab traumatisierende, auf eine lange Zeit hinaus wirkende Verfolgungserlebnisse zu verstehen. Da die Vorinstanz nicht auf die g e- schlechtsspezifischen Fluchtgründe eingegangen sei, werde das Bun- desverwaltungsgericht ersucht abzuklären, ob das Gericht selbst beurte i- len könne, ob triftige Gründe vorlägen , oder ob die Beschwerdesache diesbezüglich zur vertieften Abklärung an die Vorinstanz zurückgewiesen werden müsse. 5.3 Angesichts der unter vorsteh ender Ziffer 5. 1 wiedergegebenen Aus- führungen der Vorinstanz ist unerfindlich, weshalb die Beschwerdeführ e- rin der Meinung ist, das BFM habe sich nicht oder nicht genügend zu dem von ihr vorgetragenen Fluchtgrund der (…) im Jahr 1999 geäussert. Nachdem die Vorinstanz (zutreffend und von der Beschwerdeführerin auch nicht in Frage gestellt) zum Schluss kam, es bestehe kein zeitlicher und sachlicher Zusammenhang zwischen den ( …) auf die Beschwerd e- führerin zu Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges und der Ausreise der Familie im Oktober 2007 , bestand keine Veranlassung, sich eing e- hender zu den Vorbringen der Beschwerdeführerin und deren Glaubha f- tigkeit zu äussern. Die Kritik der Beschwerdeführerin ist unbegründet. Die Beschwerdeführerin hat sodann weder im erstinstanzlichen Verfahren noch auf Beschwerdeebene je geltend gemacht, sie sei im Zeitpunkt der Ausreise – aus denselben Gründen wie 1999 – noch einer aktuellen G e- fahr der Wiederholung eines solchen Vorfalles ausgesetzt gewesen. Da- mit ist – in Übereinstimmung mit dem BFM – festzuhalten, dass für den Zeitpunkt der Ausreise der Beschwerdeführerin das Bestehen einer b e-D-4872/2013 Seite 11 gründeten Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG zu verneinen ist. Eine erlittene Vorverfolgung ist ausnahmsweise auch nach Wegfall einer drohenden Verfolgungsgefahr weiterhin als asylrechtlich relevant zu b e- trachten, nämlich dann, wenn eine Rückkehr in den früheren Verfolge r- staat aus zwingenden, auf diese Verfolgung zurückgehenden Gründen nicht zumutbar ist. Bei dieser Auslegu ng von Art. 3 AsylG stützt sich das Bundesverwaltungsgericht in Weiterführung langjähriger Praxis (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.4 , mit weiteren Hinweisen, insbes ondere EMARK 1995 Nr. 16 E. 6d und EMARK 2001 Nr. 3) auf die entsprechende Formu- lierung der Ausnahmeb estimmung von Art. 1C Ziff. 5 Abs. 2 des Abko m- mens über die Rechtstellung der Flüchtlinge vom 28. Juli 1951 (FK, SR 0.142.30). Als zwingende Gründe in diesem Zusammenhang sind vorab traumatisierende Erlebnisse zu betrachten, die es der betroffenen Person angesichts erlebter schwerwiegender Verfolgungen, insbesondere Folt e- rungen, im Sinne einer Langzeittraumatisierung psychologisch verunmög- lichen, ins Heimatland zurückzukehren. Bezüglich einer allfälligen A n- wendbarkeit von Art. 1C Ziff. 5 Abs. 2 FK ist auf d ie Ausführungen in EMARK 1999 Nr. 7 (E. 4.d.aa S. 46 f., bestätigt in BVGE 2009/51 E. 4.2.7 S. 746 f.) zu verweisen. Danach kann sich auf zwingende Gründe nur b e- rufen, wer im Zeitpunkt der Einreise in die Schweiz sämtliche Vorausse t- zungen für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft erfüllt hatte. Dies ist, wie aus den vorstehenden Erwägungen hervorgeht, nicht der Fall, weshalb sich weitere Ausführungen zu diesem Thema und zur Relevanz einer Langzeittraumatisierung erübrigen. 5.4 Nach dem vorstehend Gesagten ergibt sich, dass das Bundesamt die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin zu Recht verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt hat. Wie sich aus dem parallel geführten B e- schwerdeverfahren der übrigen Familienmitglieder D -4868/2013 ergibt, hat das BFM jene Beschwerdevorbringen zutreffend als unglaubhaft beur- teilt und die Asylgesuche abgelehnt, weshalb eine der Beschwerdeführe- rin drohende Reflexverfolgung zu verneinen ist. 6. 6.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). D-4872/2013 Seite 12 6.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer so l- chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( Art. 44 AsylG; BVGE 2009/50 E. 9, mit weiteren Hinweisen). 7. 7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). 7.2 Das Bundesverwaltungsgericht gelangte im Beschwerdeverfahren des Ehemannes und der Kinder der Beschwerdeführerin (D -4868/2013) zum Schluss, da ss der Wegweisungsvollzug unzumutbar ist. Unter B e- rücksichtigung des Grundsatzes der Einheit der Familie (vgl. Art. 44 AsylG; EMARK 1996 Nr. 18 E. 14e S. 189 f., EMARK 1995 Nr. 24 E. 11 S. 230 ff.) erübrigt sich eine separate Prüfung im vorliegenden Beschwer- deverfahren, es kann auf die Erwägungen im Urteil D-4868/2013 verwie- sen werden. Die Beschwerde ist somit teilweise gutzuheissen und das BFM anzuweisen, die Beschwerdeführerin ebenfalls vorläufig aufzuneh- men. 8. 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens – das Bundesverwaltungsgericht geht bei der vorliegenden Konstellation von einem hälftigen Durchdringen aus – wären die reduzierten Verfahrenskosten von Fr. 300. – der B e- schwerdeführerin aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da vorliegend die Voraussetzungen für die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG erfüllt sind – die Beschwerdebegehren (im Vollzugspunkt) können nicht als aussichtslos betrachtet werden und die Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin ist belegt – ist das entsprechen- de Gesuch gutzuheissen. Es sind somit keine Verfahrenskosten aufzuer- legen. 8.2 Die Beschwerdeinstanz kann der ganz oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihr erwachsene, notwendige Kosten zusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschäd i- gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). In der Kostennote der Rechtsvertreterin vom 30. August 2013 wird ein Total D-4872/2013 Seite 13 von Fr. 2'016.– ausgewiesen. Parteikosten sind dann als notwendig zu erachten, wenn sie zur sachgerechten und wirksamen Rechtsverfolgung oder Rechtsverteidigung unerlässlich erscheinen. Vorliegend ist der Au f- wand der Beschwerde insbesondere bezüglich der formellen Rügen j e- doch als unnötig zu erachten (vgl. E. 3 vorstehend). In Berücksichtigung des teilweisen Obsiegens ist de r Beschwerdeführerin eine reduzierte, auf insgesamt Fr. 800.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzende, von der Vorinstanz zu entrichtende Parteientschädigung zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite) D-4872/2013 Seite 14 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird, soweit sie den Vollzugspunkt betrifft, gutgeheissen; im Übrigen wird sie abgewiesen. Die Ziffern 4 und 5 der Verfügung des BFM vom 31. Juli 2013 werden aufgehoben. 2. Das BFM wird angewiesen, die Beschwerdeführerin im Sinne der Erw ä- gungen vorläufig aufzunehmen. 3. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wird gu t- geheissen. 4. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 5. Das BFM wird angewiesen, der Beschwerdeführerin eine Par teientschä- digung von Fr. 800.– auszurichten. 6. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das BFM und die zustä n- dige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Robert Galliker Daniela Brüschweiler Versand: