<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 60 S.254</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">254</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>60 Preisbewertung.</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Bewertungssysteme</b></span> <span class="ft1"><b>(Erw.</b></span> <span class="ft1"><b>4/c).</b></span><br/> <span class="ft1"><b>- Unzulässige nachträgliche Anpassung der Preisbewertung (Erw. 4/d).</b></span><br/> <br/> <span class="ft2">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 16. Juni 2003 in Sa-</span><br/> <span class="ft2">chen J. AG gegen Stadt Baden.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">4. Streitig ist die Bewertung des Preises.</span><br/> <span class="ft4">a) Die Vergabebehörde hat ein "Bewertungssystem zu den An-</span><br/> <span class="ft4">geboten A1/A2/B1/B2" erstellt bzw. von der B. erstellen lassen. Da-</span><br/> <span class="ft4">nach sollte das tiefste Angebot (= Summe der Pauschalen Phase 3/4</span><br/> <span class="ft4">und des aus dem Honorarprozentsatz und einer durch das Beurtei-</span><br/> <span class="ft4">lungsgremium definierten honorarberechtigten Bausumme errechne-</span><br/> <span class="ft4">ten Honorars für die Phase 5) das Maximum von 30 Punkten erhal-</span><br/> <span class="ft4">ten. Die restlichen Angebote sollten "gemessen am tiefsten Angebot"</span><br/> <span class="ft4">bewertet werden. Dies wurde den Anbietenden im Rahmen der Fra-</span><br/> <span class="ft4">genbeantwortung auch so bekannt gegeben.</span><br/> <span class="ft4">Vorgesehen war, die jeweils tiefsten Angebote für B1 und B2</span><br/> <span class="ft4">mit 30 Punkten zu bewerten, während diejenigen Angebote, die</span><br/> <span class="ft4">100% über dem niedrigsten Angebot lagen, 0 Punkte erhalten sollten.</span><br/> <span class="ft4">Die übrigen Angebote sollten linear bewertet werden. In der Folge</span><br/> <span class="ft4">gelangten bei der Bewertung der Angebote beim Projekt B1 und</span><br/> <span class="ft4">beim Projekt B2 jedoch unterschiedliche Bewertungsmodi zur An-</span><br/> <span class="ft4">wendung. Beim Projekt B1 wurde das tiefste Angebot mit 30 Punk-</span><br/> <span class="ft4">ten und das höchste Angebot mit 0 Punkten bewertet. Dazwischen</span><br/> <span class="ft4">wurde eine lineare Punkteverteilung vorgenommen. Die Bewertung</span><br/> <span class="ft4">des Projekts B2 erfolgte wie ursprünglich vorgesehen. Einem</span><br/> <span class="ft4">E-mail-Schreiben vom 25. Februar 2003 lässt sich entnehmen, dass</span><br/> <span class="ft4">es beim Projekt B1 zu einer Änderung der ursprünglich</span><br/> <span class="ft4">vorgesehenen Bewertungsskala gekommen ist. Die Anpassung sei</span><br/> <span class="ft4">erforderlich geworden, weil zwei Anbieter sehr tief offeriert hätten;</span><br/> <span class="ft4">andernfalls hätten alle übrigen Anbieter beim Preis 0 Punkte gehabt.</span><br/> <span class="ft4">Die Vergabebehörde habe es so zudem vermeiden können, die Frage</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Submissionen</span> <span class="page_no">255</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">zu prüfen, ob seitens der Beschwerdeführerin ein Unterangebot</span><br/> <span class="ft4">vorgelegen habe. Hätte die Vergabebehörde die beiden ungewöhnlich</span><br/> <span class="ft4">niedrigen Angebote der R./L. und der Beschwerdeführerin auf ihre</span><br/> <span class="ft4">Seriosität prüfen wollen, hätte sie sich in unzulässiger Weise "auf die</span><br/> <span class="ft4">Äste hinauswagen" müssen.</span><br/> <span class="ft4">b) Nach Ansicht der Beschwerdeführerin ist die Bewertung des</span><br/> <span class="ft4">Honorars durch die nach der Offertöffnung erfolgte Festlegung un-</span><br/> <span class="ft4">terschiedlicher Bewertungsmodi willkürlich erfolgt. Die Beantwor-</span><br/> <span class="ft4">tung der Frage 3.4 durch den Anhang "Bewertungssystem zu den</span><br/> <span class="ft4">Angeboten A1/A2/B1/B2" zeige klar, dass alle vier Ausschreibungen</span><br/> <span class="ft4">die gleiche Bewertungsskala aufweisen würden. Die spätere Ände-</span><br/> <span class="ft4">rung bzw. Verzerrung der Bewertungsskala entspreche nicht mehr der</span><br/> <span class="ft4">Beantwortung der unter 3.4 gestellten Fragen. Die Beschwerde-</span><br/> <span class="ft4">führerin vertritt daher den Standpunkt, der ursprünglich vorgesehene</span><br/> <span class="ft4">Schlüssel B2 sei für den Vergabeentscheid beider Submissionen</span><br/> <span class="ft4">heranzuziehen.</span><br/> <span class="ft4">c) Unbestreitbar ist, dass mit der Art und Weise der Bewertung</span><br/> <span class="ft4">des Angebotspreises die Gesamtbewertung unabhängig von der ein-</span><br/> <span class="ft4">heitlichen und objektiven Bewertung der restlichen Zuschlags-</span><br/> <span class="ft4">kriterien erheblich beeinflusst werden kann. Weit verbreitet sind die</span><br/> <span class="ft4">linearen Bewertungssysteme, bei denen das preisgünstigste Angebot</span><br/> <span class="ft4">die Maximalpunktzahl erzielt, und ein Angebotspreis, der dieses</span><br/> <span class="ft4">preisgünstigste Angebot <i>um einen bestimmten Prozentsatz</i> über-</span><br/> <span class="ft4">schreitet, keine Punkte mehr erzielt, während die dazwischenliegen-</span><br/> <span class="ft4">den Angebote linear interpoliert bewertet werden. Die lineare Glei-</span><br/> <span class="ft4">chung (Neigung der Geraden) wird in der Regel für jedes Vergabe-</span><br/> <span class="ft4">verfahren gesondert festgelegt, zumeist erst nach der Offertöffnung.</span><br/> <span class="ft4">Zumindest die Möglichkeit, dass damit das Resultat der jeweiligen</span><br/> <span class="ft4">Gesamtbewertung beeinflusst werden kann, lässt sich nicht leugnen.</span><br/> <span class="ft4">Ebenfalls verbreitet sind (lineare) Bewertungssysteme, die in Abhän-</span><br/> <span class="ft4">gigkeit vom höchsten und vom tiefsten eingegangenen Angebot er-</span><br/> <span class="ft4">folgen, indem das tiefste Angebot das Punktemaximum und das</span><br/> <span class="ft4">teuerste Angebot - ungeachtet der effektiven Preisdifferenz - 0</span><br/> <span class="ft4">Punkte (oder eine Minimalmalpunktzahl, z.B. 25 Punkte) erhält.</span><br/> <span class="ft4">Auch diese Bewertungsmethode ist keineswegs unproblematisch.</span><br/> <span class="ft4">Geht z.B. ein sehr teures Angebot ein, kann dies im Extremfall zur</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">256</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Folge haben, dass trotz der bekannt gegebenen hohen Gewichtung</span><br/> <span class="ft4">des Preises durchaus nennenswerte Preisunterschiede zwischen den</span><br/> <span class="ft4">übrigen Anbietern bewertungsmässig kaum mehr ins Gewicht fallen.</span><br/> <span class="ft4">Liegen das tiefste und das höchste Angebot dagegen nahe beisam-</span><br/> <span class="ft4">men, wirken sich auch verhältnismässig geringe Preisunterscheide</span><br/> <span class="ft4">punktemässig sehr deutlich aus. Die Bedeutung, die dem Preis im</span><br/> <span class="ft4">Gefüge der Zuschlagskriterien tatsächlich zukommt, hängt damit</span><br/> <span class="ft4">davon ab, innerhalb welcher Bandbreite sich die eingereichten An-</span><br/> <span class="ft4">gebotssummen bewegen. Je näher die einzelnen Angebotssummen</span><br/> <span class="ft4">beisammen liegen, desto stärker wirken sich auch kleine Preisunter-</span><br/> <span class="ft4">schiede auf die Bewertung aus und desto grösser wird die Bedeu-</span><br/> <span class="ft4">tung, die dem Preis schliesslich für den Zuschlag zukommt</span><br/> <span class="ft4">(VGE</span> <span class="ft4">III/33 vom 30. April 2002 [BE.2002.00041] in Sachen</span><br/> <span class="ft4">ARGE A., S. 47 f.; vgl. zur Preisbewertung auch Matthias Hauser,</span><br/> <span class="ft4">Zuschlagskriterien im Submissionsrecht, in: AJP/PJA 2001, S. 1420;</span><br/> <span class="ft4">Jacques Pictet/Dominique Bollinger, Aide multicritère à la décision:</span><br/> <span class="ft4">Aspects mathématiques du droit suisse des marchés publics, in: BR</span><br/> <span class="ft4">2000, S. 64).</span><br/> <span class="ft4">Nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts ist in erster</span><br/> <span class="ft4">Linie entscheidend, dass ein Bewertungs- oder Benotungssystem im</span><br/> <span class="ft4">Grundsatz sachgerecht ist und einheitlich, d.h. auf alle Anbietenden</span><br/> <span class="ft4">bzw. auf alle Angebote in gleicher Weise und nach gleichen Mass-</span><br/> <span class="ft4">stäben angewendet wird. Das Verwaltungsgericht beschränkt sich im</span><br/> <span class="ft4">Rahmen seiner (beschränkten) Kontrollbefugnisse auf die Überprü-</span><br/> <span class="ft4">fung dieser Gesichtspunkte; ihm kommt nicht die Funktion einer</span><br/> <span class="ft4">"Ober-Vergabebehörde" zu. Welches System letztlich Anwendung</span><br/> <span class="ft4">findet und wie es im Detail ausgestaltet ist, ist dabei von eher unter-</span><br/> <span class="ft4">geordneter Bedeutung. Auch bei der Bewertung des Preises gilt, dass</span><br/> <span class="ft4">das Verwaltungsgericht die von der Vergabestelle gewählte Vorge-</span><br/> <span class="ft4">hensweise respektieren muss, sofern diese nicht völlig sachfremd ist</span><br/> <span class="ft4">oder auf die einzelnen Anbieter unterschiedlich angewendet wird</span><br/> <span class="ft4">(VGE III/158 vom 26. November 1998 [BE.1998.00289] in Sachen</span><br/> <span class="ft4">G. AG, S. 9 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft4">d) Im vorliegenden Fall hat sich die Vergabebehörde zu Beginn</span><br/> <span class="ft4">des Verfahrens dafür entschieden, diejenigen Angebote, die das</span><br/> <span class="ft4">preislich günstigste Angebot um 100% oder mehr überschritten, beim</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Submissionen</span> <span class="page_no">257</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Zuschlagskriterium "Honorarofferte" mit 0 Punkten zu bewerten.</span><br/> <span class="ft4">Den Anbietenden wurde im Rahmen der Fragebeantwortung</span><br/> <span class="ft4">lediglich bekannt gegeben, dass das tiefste Angebot mit 30 Punkten</span><br/> <span class="ft4">und die übrigen Angebote "gemessen am tiefsten" bewertet würden.</span><br/> <span class="ft4">Darüber, wie die Bewertung im Einzelnen vorgenommen werden</span><br/> <span class="ft4">sollte, wurden keine Angaben gemacht. Jedoch durften die Anbieter</span><br/> <span class="ft4">angesichts der Fragebeantwortung (bzw. des ihnen zur Kenntnis ge-</span><br/> <span class="ft4">brachten Bewertungssystems) davon ausgehen, dass auf die Ange-</span><br/> <span class="ft4">bote A1/A2/B1/B2 das selbe Bewertungssystem zur Anwendung</span><br/> <span class="ft4">gelangen würde.</span><br/> <span class="ft4">Die Abweichung vom vorgesehenen Bewertungssystem be-</span><br/> <span class="ft4">gründet die Vergabebehörde damit, dass beim Projekt B1 zwei im</span><br/> <span class="ft4">Vergleich zu den restlichen vier auffallend niedrige Angebote einge-</span><br/> <span class="ft4">reicht worden seien. Ihr Argument, durch die Anpassung der Bewer-</span><br/> <span class="ft4">tungsskala für das Projekt B1 habe sie es vermeiden können, zu prü-</span><br/> <span class="ft4">fen, ob es sich dabei um Unterangebote handle, ist nicht haltbar. Hat</span><br/> <span class="ft4">die Vergabebehörde wegen des tiefen Preises den begründeten Ver-</span><br/> <span class="ft4">dacht, es liegen ein Unterangebot vor, hat sie die erforderlichen Ab-</span><br/> <span class="ft4">klärungen vorzunehmen (Peter Galli/André Moser/Elisabeth Lang,</span><br/> <span class="ft4">Praxis des öffentlichen Beschaffungsrechts, Zürich 2003, Rz. 536 ff).</span><br/> <span class="ft4">Dieser Verpflichtung kann sie sich nicht einfach durch eine entspre-</span><br/> <span class="ft4">chende Ausgestaltung - oder hier sogar nachträgliche Anpassung -</span><br/> <span class="ft4">der Preisbewertung entziehen (Galli/Moser/Lang, a.a.O., Rz. 547).</span><br/> <span class="ft4">Hätten die Abklärungen ergeben, dass die Angebote tatsächlich nicht</span><br/> <span class="ft4">kostendeckend sind, wäre die Vergabebehörde nach der Praxis des</span><br/> <span class="ft4">Verwaltungsgerichts berechtigt gewesen, diese von der Vergabe aus-</span><br/> <span class="ft4">zuschliessen, selbst wenn die Einhaltung der Submissionsbedingun-</span><br/> <span class="ft4">gen an sich gewährleistet gewesen wäre (AGVE 1997, S. 367 ff.;</span><br/> <span class="ft4">Galli/Moser/Lang, a.a.O., Rz. 543, insbes. Fn. 1082).</span><br/> <span class="ft4">Nicht haltbar ist aber auch das von der Vergabebehörde zur</span><br/> <span class="ft4">Hauptsache vorgebrachte Argument, sie habe mit der Anpassung</span><br/> <span class="ft4">vermeiden wollen, dass die restlichen vier Angebote wegen der bei-</span><br/> <span class="ft4">den Tiefpreisofferten alle undifferenziert mit 0 Punkten hätten be-</span><br/> <span class="ft4">wertet werden müssen. Eine solche nachträgliche Anpassung des</span><br/> <span class="ft4">Bewertungssystems liesse sich wegen der damit verbundenen Mani-</span><br/> <span class="ft4">pulationsgefahr einzig dann rechtfertigen, wenn es auf Grund der</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">258</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Beibehaltung des ursprünglichen Bewertungssystems zu einer Ver-</span><br/> <span class="ft4">zerrung bzw. Verfälschung der bekannt gegebenen Zuschlagskriterien</span><br/> <span class="ft4">kommen würde. Im vorliegenden Fall kommt dem Preis lediglich ein</span><br/> <span class="ft4">Gewicht von 30% zu. Das Hauptgewicht liegt bei den Zu-</span><br/> <span class="ft4">schlagskriterien "Präsentation" und "Fragebeantwortung" mit insge-</span><br/> <span class="ft4">samt 70%. Auch die Nullbewertung eines Anbieters mit einem teuren</span><br/> <span class="ft4">Angebot beim Preis führt nicht zwangsläufig dazu, dass er den Zu-</span><br/> <span class="ft4">schlag selbst nicht mehr erhalten kann. Ein bei diesen beiden Kri-</span><br/> <span class="ft4">terien mit dem Maximum und beim Preis mit 0 benoteter Offerent</span><br/> <span class="ft4">erhält insgesamt 70 Punkte. Der preisgünstigste Anbieter, der bei den</span><br/> <span class="ft4">beiden qualitativen Kriterien schlecht oder nur durchschnittlich</span><br/> <span class="ft4">(halbe Punktzahl) abschneidet, liegt klar darunter.</span><br/> <span class="ft4">Die nachträgliche Anpassung des Bewertungssystems beim</span><br/> <span class="ft4">Preis lässt sich im vorliegenden Fall somit sachlich nicht rechtferti-</span><br/> <span class="ft4">gen. Vielmehr hätte die Vergabebehörde auch beim Projekt B1 den</span><br/> <span class="ft4">ursprünglich gewählten Bewertungsmodus beibehalten und - um</span><br/> <span class="ft4">unerwünschte Unterangebote allenfalls ausschliessen zu können - die</span><br/> <span class="ft4">beiden Angebote mit dem auffallend niedrigen Preis im Hinblick auf</span><br/> <span class="ft4">die Unterangebotsproblematik näher prüfen müssen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>