B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Entscheid bestätigt durch BGer mit Urteil vom 5.10.2021 (2C_891/2020) Abteilung I A-7028/2018 U r t e i l v o m 1 8 . S e p t e m b e r 2 0 2 0 Besetzung Richterin Sonja Bossart Meier (Vorsitz), Richter Daniel Riedo, Richterin Annie Rochat Pauchard, Gerichtsschreiberin Kathrin Abegglen Zogg. Parteien A._______ AG, …, vertreten durch Tax Team AG, Gewerbestrasse 11, 6330 Cham, Beschwerdeführerin, gegen Eidgenössische Steuerverwaltung ESTV, Hauptabteilung Mehrwertsteuer, Schwarztorstrasse 50, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand MWST; Vorsteuerabzug; Verkauf eigener Aktien (2012-2015). A-7028/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Die A._______ AG (nachfolgend: Steuerpflichtige) mit Sitz im Kanton (…) bezweckt gemäss Eintrag im Handelsregister die Beteiligung an sowie den Erwerb und die Gründung von Unternehmen. Im hier relevanten Zeitraum hielt sie die Aktien von mehreren operativ tätigen Gesellschaften. Sie ist seit dem (Jahr 20 08) im Register der Mehrwertsteuerpflichtigen bei der ESTV eingetragen. B. Anlässlich einer mehrtägigen Kontrolle vor Ort im Jahr 2017 stellte die ESTV im Wesentlichen fest, dass die Steuerpflichtige in den Steuerperio- den 2012 bis 2015 Vorsteuerabzüge auf Eingangsleistungen vorgenom- men hatte, die im Zusammenhang mit dem Verkauf eigener Aktien standen. Die ESTV kam zum Schluss, dass die Steuerpflichtige mit dem Verkauf eigener Aktien von der Mehrwertsteuer ausgenommene Umsätze erzielt habe, weshalb kein Anspruch auf Abzug der damit zusammenhängenden Vorsteuern bestehe . Mit Einschätzun gsmitteilung (EM) Nr. (…) vom 18. Dezember 2017 forderte sie daher von der Steuerpflichtigen für die Steuerperioden 2012 bis 2015 (Zeitraum vom 1. Januar 2012 bis zum 31. Dezember 2015) unter dem Titel Vorsteuerabzugskorrekturen einen Betrag von insgesamt Fr. 402'774.-- zzgl. Verzugszinsen zurück. C. Die Steuerpflichtige bestritt die EM am 15. Januar 2018 und verlangte den Erlass einer beschwerdefähigen Verfügung. D. Mit Verfügung vom 27. Februar 2018 bestätig te die ESTV ihre Steuerfor- derung gemäss EM vollumfänglich. E. Dagegen erhob die Steuerpflichtige am 10. April 2018 Einsprache. Am 17. August 2018 forderte die ESTV die Steuerpflichtige auf, ihr für die Steu- erperioden 2012 bis 2015 weitere Unterlagen, so insbesondere die Ge- schäftsberichte, Kaufverträge über den Verkauf von (sog. originären) eige- nen Aktien mit Verbuchungsnachweisen, Nachweise der Verbuchungen der Kapitalerhöhungen sowie bestimmte Kontendetails einzureichen. Dieser Aufforderung kam die Steuerpflichtige mit E-Mail vom 2. September 2018 nach. A-7028/2018 Seite 3 F. Mit Einspracheentscheid vom 12. November 2018 wies die ESTV die Ein- sprache der Steuerpflichtigen ab. Sie setzte das Guthaben der Steuer- pflichtigen für die Steuerperioden 2012 bis 2015 (Zeit vom 1. Januar 2012 bis 31. Dezember 2015) auf insgesamt Fr. 196'706. -- fest und bestätigte eine Vorsteuerrückbelastung (Differenz zwischen der deklarierten Steuer und dem Guthaben der Steuerpflichtigen) von Fr. 402'774.-- zuzüglich Ver- zugszins von 4% seit dem 31. August 2014. G. Mit Eingabe vom 11. Dezember 2018 erhob die Steuerpflichtige (nachfol- gend: Beschwerdeführerin) Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragt, der Einspracheentscheid vom 12. November 2018 sei auf- zuheben (Ziff. 1) und die Steuerforderung in der Höhe von Fr. 402'774. -- sei auf Fr. 566'050.-- zugunsten der Beschwerdeführerin sowie die Vor- steuerabzugskorrektur auf Fr. 8'234.-- (direkt zuordenbare Vorsteuer auf den Depotgebühren) festzusetzen (Ziff. 2). Eventualiter sei die Steuerfor- derung auf Fr. 510'818.-- zugunsten der Beschwerdeführerin sowie die Vor- steuerabzugskorrektur auf Fr. 63'466. -- festzusetzen. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des Staates. Zur Begründung des Hauptbegehrens bringt die Beschwerdeführerin zu- sammengefasst vor, dass es sich bei den Erträgen aus dem Verkauf eige- ner Aktien wirtschaftlich betrachtet um Kapitaleinlagen gehandelt habe, die als sog. Nicht-Entgelte qualifizierten und damit keine Vorsteuerabzugskor- rektur zur Folge hätten. Den Eventualantrag begründet sie damit, dass ge- gebenenfalls nur die Umsätze aus dem Wiederverkauf von eigenen Aktien, die sie vorher von Aktionären zurückgekauft habe (sog. derivativ erwor- bene Aktien), von der Steuer auszunehmen und als Basis für die Vorsteu- erabzugskorrektur heranzuziehen seien. H. Mit Vernehmlassung vom 16. Januar 2019 beantragt die Vorinstanz die kostenfällige Abweisung der Beschwerde. Auf die detaillierten Vorbringen der Verfahrensbeteiligten und die einge- reichten Akten wird, soweit erforderlich, im Rahmen der Erwägungen näher eingegangen. A-7028/2018 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG, sofern sie von einer Be- hörde im Sinn von Art. 33 VGG erlassen wurden und in sachlicher Hinsicht keine Ausnahme nach Art. 32 VGG vorliegt. Einspracheentscheide der ESTV auf dem Gebiet der Mehrwertsteuer erfüllen diese Voraussetzungen. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher für die Behandlung der vorliegen- den Beschwerde sac hlich und funktionell zuständig . Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach dem VwVG, soweit d as VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG). Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin des angefochtenen Entscheids zur Beschwerdeführung be- rechtigt (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht (Art. 50 Abs. 1 und 52 Abs. 1 VwVG) eingereichte Beschwerde ist einzutreten. 1.2 Das Bundesverwaltungsgericht überprüft den angefochtenen Ent- scheid grundsätzlich in vollem Umfang. Die Beschwerdeführerin kann ne- ben der Verletzung von Bundesrecht und der unrichtigen oder unvollstän- digen Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts auch die Rüge der Unangemessenheit erheben (Art. 49 Bst. a bis c VwVG). 1.3 Im Streit liegen Vorsteuerrückbelastungen betreffend die Steuerperio- den 2012 bis 2015 . In materieller Hinsicht findet daher das am 1. Januar 2010 in Kraft getretene MWSTG (SR 641.20) bzw. die dazugehörige MWSTV (SR 641.201) Anwendung. Massgebend ist die im Zeitpunkt der Verwirklichung des zu beurteilenden Sachverhalts geltende Fassung, auf die nachfolgend auch referenziert wird. Nicht zu berücksichtigen sind hier insbesondere die per 1. Januar 2018 in Kraft getretenen Änderungen des MWSTG. 2. 2.1 Nach Art. 10 Abs. 1 MWSTG ist steuerpflichtig, wer unabhängig von Rechtsform, Zweck und Gewinnabsicht ein Unternehmen betreibt und nicht nach Art. 10 Abs. 2 MWSTG von der Steuerpflicht befreit ist. Ein Unterneh- men in diesem Sinne betreibt, wer eine auf die nachhaltige Erzielung von Einnahmen aus Leistungen ausgerichtete berufliche oder gewerbliche Tä- tigkeit selbstständig ausübt und unter eigenem Namen nach aussen auf - tritt. Von der Steuerpflicht ist – unter anderem – befreit, wer im Inland in- nerhalb eines Jahres weniger als CHF 100'000.- Umsatz aus steuerbaren Leistungen erzielt (Art. 10 Abs. 2 Bst. a MWSTG). A-7028/2018 Seite 5 Das Erwerben, Halten und Veräussern von B eteiligungen im Sinn von Art. 29 Abs. 2 und 3 MWSTG stellt eine unternehmerische Tätigkeit im Sinn von Art. 10 Abs. 1 MWSTG dar (Art. 9 MWSTV). Beteiligungen im Sinn von Art. 29 Abs. 2 MWSTG sind Anteile am Kapital anderer Unternehmen, die mit der Absicht dauernder Anlage gehalten werden und einen massgebli- chen Einfluss vermitteln. Anteile von mindestens 10 Prozent am Kapital gelten als Beteiligung (Art. 29 Abs. 3 MWSTG). 2.2 Der Mehrwertsteuer unterliegen u.a. die im Inland von steuerpflichtigen Personen gegen Entgelt erbrachten Leistungen, soweit das MWSTG keine Ausnahme vorsieht (Inlandsteuer; Art. 18 Abs. 1 MWSTG). Als Leistung gilt die Einräumung eines verbrauchsfähigen wirtschaftlichen Wertes an eine Drittperson in Erwartung eines Entgelts (Art. 3 Bst. c MWSTG). Die Leis- tung umfasst als Oberbegriff sowohl Liefe rungen (vgl. Art. 3 Bst. d MWSTG) als auch Dienstleistungen (vgl. Art. 3 Bst. e MWSTG). Steuerobjekt der Inlandsteuer bildet ein mehrwertsteuerliches Leistungs- verhältnis. Ein Leistungsverhältnis ist charakterisiert durch folgende Tatbe- standsmerkmale, die kumulativ erfüllt sein müssen (vgl. Botschaft des Bun- desrats zur Vereinfachung der Mehrwertsteuer vom 25. Juni 2008 [nach- folgend: Botschaft zum MWSTG], BBl 2008 6885, 6939 ; ferner Urteil des BGer 2C_833/2 016 vom 20. Februar 2019 E. 3.2; Urteil des BVGer A-6671/2015 und A -6674/2015 vom 9. August 2016 E. 2.2 mit weiteren Hinweisen):  Es bedarf einer Leistung zwischen zwei Beteiligten (Leistungserbringer und Leistungsempfänger; dazu nachfolgende E. 2.2.1);  der erbrachten Leistung muss ein Entgelt als Gegenleistung gegen- überstehen (dazu nachfolgende E. 2.2.2);  die Leistung und das Entgelt müssen miteinander innerlich wirtschaft- lich verknüpft sein (dazu nachfolgende E. 2.2.3). 2.2.1 Während das bis zum 31. Dezember 2009 in Kraft stehende Mehr- wertsteuergesetz vom 2. September 1999 (nachfolgend: aMWSTG, AS 2000 1300) abgesehen von der Unterscheidung der Leistung in Lieferung und Dienstleistung, keine nähere Umschreibung des Leistungsbegriffs ent- hielt, definiert Art. 3 Bst. c MWSTG die Leistung als «Einräumung ei nes A-7028/2018 Seite 6 verbrauchsfähigen wirtschaftlichen Wertes an eine Drittperson in Erwar- tung eines Entgelts, auch wenn sie von Gesetzes wegen oder aufgrund behördlicher Anordnung erfolgt». Demnach besteht eine Leistung aus den folgenden drei Komponenten: 1) Einräumung eines verbrauchsfähigen wirtschaftlichen Wertes, 2) an ei- nen Empfänger, 3) in Erwartung eines Entgelts. Aus den Begriffen «Einräu- mung» und «Erwartung eines Entgelts» ergibt sich, dass der Leistungser- bringer die Leistung grundsätzlich willentlich erbringen muss (Urteil des BVGer A-1383/2015 vom 4. März 2016 E. 3.1; CLAUDIO FISCHER/CLAUDE GROSJEAN, Der Leistungsbegriff, ASA 78 S. 701 ff., S. 707; CAMENZIND ET AL., Handbuch zum Mehrwertsteuergesetz, 3. Aufl. 2012, S. 256 Rz. 603; vgl. FELIX GEIGER, in: Geiger/Schluckebier [Hrsg.], MWSTG Kommentar, 2. Aufl. 2019, Art. 3 N. 15). Das Vorliegen einer Leistung ist grundsätzlich aus der Sicht des Leistungserbringers zu beurteilen (Urteile des BVGer A-5934/2018 und A-5937/2018 vom 4. Februar 2020 E. 2.2.1, A-6671/2015 und 6674/2015 vom 9. August 2016 E. 2.2.1.2, A-1383/2015 vom 4. März 2016 E. 3.1; SONJA BOSSART/DIEGO CLAVADETSCHER, in: Zweifel/Beusch/ Glauser/Robinson [Hrsg.], Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Bundesgesetz über die Mehrwertsteuer, 2015, Art. 18 N. 45). 2.2.2 Das Vorliegen eines Entgelts stellt ein weiteres unabdingbares Tat- bestandsmerkmal eines Leistungsverhältnisses dar. Art. 3 Bst. f MWSTG umschreibt das Entgelt als «Vermögenswert, den der Empfänger oder die Empfängerin oder an seiner oder ihrer Stelle eine Dritt- person für den Erhalt einer Leistung aufwendet». Die Frage, ob einem Mit- telfluss der Charakter eines Entgelts zukommt, ist aus Sicht des Leistungs- empfängers zu beurteilen (BGE 140 I 153 E. 2.5.2 und E. 3.5; zum aMWSTG: Urteil des BGer 2C_928/2010 vom 28. Juni 2011 E. 3; zum Gan- zen auch: BOSSART/CLAVADETSCHER, a.a.O., Art. 18 N. 74 ff.; CAMENZIND ET AL., a.a.O., S. 262 Rz. 630). 2.2.3 Schliesslich setzt die Annahme eines Leistungsverhältnisses voraus, dass zwischen Leistung und Entgelt ein hinreichender Konnex besteht (statt vieler: BGE 140 II 80 E. 2.1 mit Hinweisen). Dabei genügt es, dass Leistung und Entgelt innerlich derart verknüpft sind, dass die Leistung das Entgelt auslöst. Zwischen Leistung und Entgelt muss damit ein kaus aler, wirtschaftlicher Zusammenhang gegeben sein (BGE 141 II 182 E. 3.3, BGE 132 II 353 E. 4.1; Urteile des BVGer A-4118/2015 vom 10. November A-7028/2018 Seite 7 2015 E. 2.2.2, A-3931/2013 vom 15. Juli 2014 E. 2.3). Für die Beantwor- tung der Frage, ob zwischen Leistung und En tgelt ein wirtschaftlicher Zu- sammenhang besteht, ist (alt- wie neurechtlich) grundsätzlich auf die Sicht des Leistungsempfängers abzustellen. Dies entspricht namentlich der Kon- zeption der Mehrwertsteuer als Verbrauchsteuer (statt vieler: BVGE 2009/34 E. 2. 2.1; Urteil des BVGer A -3497/2015 vom 25. Februar 2016 E. 2.2; BAUMGARTNER/CLAVADETSCHER/KOCHER, Vom alten zum neuen Mehrwertsteuergesetz, 2010, S. 121 f.; FISCHER/GROSJEAN, a.a.O., S. 711 f.; DANIEL RIEDO, Vom Wesen der Mehrwertsteuer als allgemeine Verbrauchsteuer und von den entsprechenden Wirkungen auf das schwei- zerische Recht, 1999, S. 230 ff.). 2.3 Vom Anwendungsbereich der Mehrwertsteuer aufgrund des Vorliegens eines Leistungsverhältnisses grundsätzlich erfasst, aber von der Mehrwert- steuer ausgenommen (und damit nicht steuerbar) sind bestimmte Umsätze im Bereich des Geld - oder Kapitalverkehrs (Art. 21 Abs. 2 Ziff. 19 MWSTG). Dazu gehören namentlich die Umsätze (Kassa- und Termingeschäfte), ein- schliesslich Vermittlung, von Wertpapieren, Wertrechten und Derivaten so- wie von Anteilen an Gesellschaften und anderen Vereinigungen; steuerbar sind jedoch die Verwahrung und die Verwaltung von Wertpapieren, Wert- rechten und Derivaten sowie von Anteilen (namentlich Depotgeschäft) ein- schliesslich Treuhandanlagen (Art. 21 Abs. 2 Ziff. 19 Bst. e MWSTG). 2.4 Besteht kein Austausch- bzw. Leistungsverhältnis im erwähnten Sinn (E. 2.2), ist die Aktivität mehrwertsteuerlich irrelevant und fällt nicht in den Geltungsbereich der Mehrwertsteuer (BGE 132 II 353 E. 4.3; BVGE 2010/6 E. 3.1, Urteile des BVGer A-975/2015 und A-987/2015 vom 17. Dezember 2015 E. 2.2.1; Botschaft zum MWSTG, BBl 2008 6885, 6939). Ausserhalb des Anwendungsbereichs der Mehrwertsteuer stehen die in Art. 18 Abs. 2 MWSTG genannten Mittelflüsse, welche mangels Leis- tung nicht als Entgelte qualifizieren (sog. «Nicht -Entgelte»). Dazu zählen auch Einlagen in Unternehmen, insbesondere zinslose Darlehen, Sanie- rungsleistungen und Forderungsverzichte (Art. 18 Abs. 2 Bst. e MWSTG). Der Begriff der Einlage ist nach dem Willen des Gesetzgebers weit zu ver- stehen. Darunter fallen zum Beispiel Gesellschafterbeiträge, wie Kapital- einlagen, Aufgelder, Zuschüsse und Beiträge à -fonds-perdu, Forderungs- verzichte im Zusammenhang mit Darlehen, Zinsverzichte und Zinsredukti- onen auf gewährten Darlehen und die Einräumung von Baurechten ohne A-7028/2018 Seite 8 oder mit reduziertem Baurechtszins . Bereits aus der Definition des Leis- tungsbegriffs geht hervor, da ss diese Einlagen nicht der Mehrwertsteuer unterliegen können (ausführlich dazu: Botschaft zum MWSTG, BBl 2008 6885, 6960). Als Einlage gilt zum Beispiel auch die Kapitaleinlage durch die Gesellschafter bei der Ausgabe von neuen Aktien im Rahmen einer or- dentlichen Kapitalerhöhung (GEIGER, a.a.O., Art. 18 Abs. 2 Bst. e, N. 27). 2.5 Die Unterscheidung zwischen Umsätzen, die von der Steuer ausge- nommen sind, und Mittelflüssen, die ausserhalb des Anwendungsbereichs der Mehrwertsteuer liegen («Nicht-Entgelte»), ist namentlich für die Be- rechtigung zum Vorsteuerabzug von entscheidender Bedeutung. 2.5.1 Grundsätzlich gilt, dass die steuerpflichtige Person im Rahmen ihrer unternehmerischen Tätigkeit u.a. die ihr in Rechnung gestellte Inlandsteuer als Vorsteuer abziehen kann (Art. 28 Abs. 1 Bst. a MWSTG). Sodann führen andererseits Mittelflüsse, die nicht als Entgelte qualifizieren – wie namentlich die hier interessierenden Einlagen in Unternehmen – nach Art. 18 Abs. 2 Bst. e MWSTG, gemäss Art. 33 MWSTG nicht zu einer Kürzung des Vorsteuerabzugs. Ebensowenig führen Nicht-Entgelte zu ei- ner Korrektur des Vorsteuerabzugs; d.h. dass Vorsteuern auf Eingangsleis- tungen, welche für die Erzielung von Nicht -Entgelten verwendet werden, im Gegensatz zur altrechtlichen Regelung (vgl. Art. 38 Abs. 4 aMWSTG) abziehbar sind. 2.5.2 Kein Anspruch auf Vorsteuerabzug besteht demgegenüber grund- sätzlich bei Eingangsleistungen, die für die Erbringung von Leistungen, die von der Steuer ausgenommen sind – wie dem vorliegend zur Diskussion stehenden Wertpapierhandel nach Art. 21 Abs. 2 Ziff. 19 Bst. e MWSTG – verwendet werden (vgl. Art. 29 Abs. 1 MWSTG). 2.6 Die mehrwertsteuerliche Qualifikation von Vorgängen hat nicht in erster Linie aus einer zivil - bzw. vertragsrechtlichen Sicht, sondern nach wirt- schaftlichen, tatsächlichen Kriterien zu erfolgen (sog. wirtscha ftliche Be- trachtungsweise). Die zivil- bzw. vertragsrechtliche Sicht ist demnach nicht entscheidend, hat aber immerhin Indizwirkung (statt vieler: Urteil des BGer 2C_969/2015 vom 24. Mai 2016 E. 2.3.1; BVGE 2007/23 E. 2.3.2 mit Hin- weisen, Urteil des BVGer A-5431/2015 vom 28. April 2016 E. 2.2.4 ; wohl noch weitergehend: Urteil des BGer 2C_487/2011 vom 13. Februar 2013 E. 2.8 mit Hinweisen). Auch die buchhalterische Erfassung von Leistungen A-7028/2018 Seite 9 kann nach konstanter Rechtsprechung lediglich ein Indiz für eine mehr- wertsteuerrechtliche Qualifikation sein, vermag jedoch die wirtschaftliche Realität nicht zu ändern (Urteile des BVGer A-3437/2015 vom 2. Mai 2016 E. 2.2.2, A-2464/2015 vom 11. November 2015 E. 2.2.3, A-6898/2014 vom 21. Mai 2015 E. 2.4 mit Hinweisen). 3. 3.1 Im vorliegenden Fall ist in tatsächlicher Hinsicht unbestritten, dass die Beschwerdeführerin in den hier relevanten Jahren von 2012 bis 2015 ei- gene Aktien verkauft hat, welche sie zuvor auf zwei verschiedenen Wegen «erworben» hatte. Zum Einen hatte sie im Zuge von zwei Kapitalerhöhun- gen (Jahre 2012 und 2015) neu ausgegebene Aktien teilweise selbst ge- zeichnet und aus Eigenmitteln liberiert (originärer Erwerb eigener Aktien). Zum Anderen hatte sie (in kleinerem Umfang) aufgrund von entsprechen- den Rückkaufverpflichtungen eigene Aktien von ihren Aktionären zurück- gekauft (derivativer Erwerb eigener Aktien). Rechtlich geht es um die Frage, ob die Beschwerdeführerin die im Zusam- menhang mit dem Verkauf dieser originär bzw. derivativ erworbenen eige- nen Aktien angefallenen Vorsteuern zu Recht abgezogen hat oder nicht. Zu entscheiden ist, ob die Beschwerdeführerin durch den Verkauf eigener Aktien – entsprechend der vorinstanzlichen Auffassung – einen von der Steuer ausgenommenen Ums atz (Wertpapierhandel nac h Art. 21 Abs. 2 Ziff. 19 Bst. e MWSTG; vorne E. 2.3) erzielt hat oder ob das anlässlich der Veräusserung der eigenen Aktien erzielte Kaufentgelt – wie die Beschwer- deführerin vertritt – eine Kapitaleinlage in ein Unternehmen nach Art. 18 Abs. 2 Bst. e MWSTG (vorne E. 2.4) darstellt. 3.2 Die Annahme eines (von der Steuer ausgenommenen) Wertpapierhan- dels setzt das Vorliegen eines mehrwertsteuerlichen Leistungsverhältnis- ses voraus (E. 2.3 und E. 2.2) , welches seinerseits das Vorliegen einer mehrwertsteuerlichen Leistung (E. 2.2.1) bedingt. Demgegenüber fehlt es bei einer Kapitaleinlage als Nicht-Entgelt an einem solchen Leistungsver- hältnis und namentlich an einer Leistung (E. 2.4). Es ist also in einem ers- ten Schritt zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin mit dem Verkauf ihrer ei- genen Aktien den Käufern eine Leistung im mehrwertsteuerlichen Sinn er- bracht hat. Diese Frage ist aus Sicht der Beschwerdeführerin als mögliche Leistungserbringerin zu beantworten. Zu beachten ist, dass bei der mehr- wertsteuerlichen Qualifikation von Vorgängen bzw. der konkreten Sachver- haltsanalyse auf tatsächliche, wirtschaftlich e Kriterien abzustellen ist (E. 2.6). Immerhin stellen die zivil- bzw. vertragsrechtliche Sicht sowie die A-7028/2018 Seite 10 buchhalterische Erfassung von Leistungen rechtsprechungsgemäss ein In- diz für die mehrwertsteuerliche Qualifikation dar (E. 2.6 in fine). 3.2.1 Die Beschwerdeführerin, auf deren Sichtweise es im Zusammenhang mit dem Vorliegen einer Leistung ankommt, bringt vor ( Beschwerde, Rz. 2.12), wirtschaftlich betrachtet habe sie mit dem originären Erwerb ei- gener Aktien anlässlich von Kapitalerhöhungen ihr Eigenkapital verwässert und damit ihr Ziel, nämlich die Kapitalbeschaffung zu Gunsten ihrer wirt- schaftlichen Gesamttätigkeit, noch nicht erreicht. Dieser Zweck werde erst mit dem Weiterverkauf der eigenen Aktien erfüllt, weshalb es sich dabei wirtschaftlich betrachtet um eine Kapitaleinlage handle. Auch der Verkauf von derivativen eigenen Aktien stelle nichts Anderes dar, a ls die Ausstat- tung der Gesellschaft mit Eigenkapital. Die derivativen eigenen Aktien seien ursprünglich aus Kapitaleinlagen entstanden und zu einem späteren Zeitpunkt zurückgekauft worden. Die Käufer der derivativen eigenen Aktien würden wiederum zu Aktion ären der Beschwerdeführerin und nicht einer Drittgesellschaft. Wirtschaftlich betrachtet würden sie sich am Kapital der Beschwerdeführerin beteiligen (Beschwerde, Rz. 2.14). 3.2.2 Die Auffassung der Beschwerdeführerin vermag sich auf eine herr- schende finanz- und betriebswirtschaftliche Betrachtung zu stützen, wo- nach der Erwerb eigener Aktien (primär) als Rückzahlung von Eigenkapital verstanden wird (vgl. MAX BOEMLE/HANSPETER FRANK, Die eigenen Aktien in der schweizerischen Rechnungslegungspraxis; Wachsende Bedeutung der Transaktionen mit eigenen Aktien, Der Schweizer Treuhänder 10/01 S. 941 f; LUKAS HANDSCHIN, Erwerb eigener börsenkotierter Aktien, Schwei- zerische Zeitschrift für Wirtschafts - und Finanzmarktrecht [ SWZ] 2017, S. 291). Diese finanz- bzw. betriebswirtschaftliche Sichtweise in Bezug auf eigene Aktien wurde in der schweizerischen Rechtsordnung mit Inkrafttre- ten der Revision des neuen Rechnungslegungsrechts per 1. Januar 2013 verankert. Im Gegensatz zum vorrevidierten Art. 659a Abs. 2 OR, der die Bilanzierung eigener Aktien als Vermögenswert unter den Aktiven sowie die Bildung einer separaten Reserve auf der Passivseite vorsah, schreibt Art. 959a Abs. 2 Ziff. 3 Bst. e OR nunmehr die Bildung eines negativen Eigenkapitalpostens in der Höhe der Anschaffungskosten vor , während eine Aktivierung der eigenen Aktien nicht mehr vorzunehmen ist (vgl. FA- BIAN DUSS/MICHAEL FELBER, Paradigmenwechsel beim Rückkauf eigener Beteiligungsrechte, Steuerrevue 3/2020 S. 200 f.; PASCAL MONTAVON/MO- NIQUE SCHNELL LUCHSINGER, Der Erwerb eigener Anteile durch die AG und die GmbH – 1. Teil: Gesellschaftsrecht, Rechnungslegungsrecht, Revisi- onsentwurf des Aktienrechts, Der Treuhandexperte 2018 S. 228 ff., S. 232; A-7028/2018 Seite 11 ferner: Urteil des BGer 2C_119/2018 vom 14. November 2019 E. 3.2 ). Nach diesem Konzept wird der Rückkauf eigener Beteiligungsrechte wirt- schaftlich einer Kapitalherabsetzung bzw. Ausschüttung an die Anteilsinha- ber gleichgesetzt ( DUSS/FELBER, a.a.O., S. 200 ; LUKAS HANDSCHIN, Zür- cher Kommentar zum OR, 2016, Art. 659-659b, N 1, 3, 9, 15 ff. [auch zum Ganzen]). In seiner Botschaft zur Änderung des Obligationenrechts (Aktienrecht und Rechnungslegungsrecht sowie Anpassungen im Recht der Kollektiv - und der Kommanditgesellschaft, im GmbH-Recht, Genossenschafts-, Handels- register- sowie Firmenrecht ) vom 21. Dezember 2007 bezeichnete der Bundesrat die im vorrevidierten Rechnungslegungsrecht vorgesehene Auf- stellung der eigenen Aktien als separate Reserve als irre führend, weil die aus der Gesellschaft abgeflossenen Mittel immer noch im vollen Umfang bilanziert würden (BBl 2008 1589, S. 1660). Er sprach sich daher für eine damals auf internationaler Ebene bereits übliche Darstellung aus, die «das wirtschaftliche Ergebnis des Erwerbs eigener Aktien besser wiedergibt ». Demnach sollten die eigenen Aktien im Umfang ihres Anschaffungswerts vom Eigenkapital abgezogen werden. Begründet wurde dies damit, dass eigene Aktien keine Vermögenswerte darstellten, die wie Forderunge n oder Waren im normalen Geschäftsverkehr veräussert werden können , was grundsätzlich auch für kotierte Aktien gelte (BBl 2008 1589, S. 1660). Die Darstellung der bisherigen Reserve für eigene Aktien neu als Minus- posten beim Eigenkapital vermittelt gemäss Bundesrat den wirtschaftlichen Sachverhalt transparenter: Die für den Erwerb verwendeten Mittel sind bis zur Weiterveräusserung der eigenen Aktien weder für Ausschüttungen an die Aktionärinnen und Aktionäre noch als Haftungssubstrat für die Gläubi- gerinnen und Gläubiger greifbar (BBl 2008 1589, S. 1660). Wird der Kauf eigener Aktien nicht mit dem Erwerb eines Aktivums gleich- gesetzt, sondern als Reduktion des Eigenkapitals betrachtet, so liegt folg- lich auch beim Verkauf eigener Aktien keine Übertragung eines Vermö- genswerts, sondern vielmehr eine Erhöhung des Eigenkapitals vor (HAND- SCHIN, Zürcher Kommentar, N 5 f., 17, 19 ; PETER BÖCKLI, Schweizer Ak- tienrecht, Zürich, 4. Aufl. 2009, S. 556). Buchhalterisch wird die entspre- chende Minusposition beim Eigenkapital aufgelöst. Ein allfälliger Gewinn oder Verlust ist (nach der herrschenden Lehre) direkt dem Eigenkapital gut- zuschreiben oder zu belasten, also erfolgsneutral zu verbuchen ( MON- TAVON/SCHNELL LUCHSINGER, a.a.O., S. 232; DUSS/FELBER, a.a.O., S. 207 f.; HANDSCHIN, Zürcher Kommentar, N 19). A-7028/2018 Seite 12 Das wirtschaftliche Ergebnis des Verkaufs eigener Aktien gleicht damit dem Vorgang der Ausgabe eigener Aktien. Beide Vorgänge (Aktienaus- gabe und Verkauf eigener Aktien) führen zu einer Erhöhung des Eigenka- pitals. Unter finanz - und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten ist der Verkauf eigener Aktien (und zwar sowohl der originär als auch der derivativ erworbenen) damit grundsätzlich als Finanzierungsvorgang aufzufassen. 3.2.3 Zwar handelt es sich beim erwähnten finanz- und betriebswirtschaft- lichen Verständnis, welches im neuen Rechnungslegungsrecht zum Aus- druck kommt, gewissermassen um eine abstrakte Sichtweise, die nicht zwangsläufig mit der im Mehrwertsteuerrecht massgebenden tatsächli- chen, wirtschaftlichen Be trachtung übereinstimmen muss (E. 2.6). Einer «finanz- bzw. betriebswirtschaftlichen» Betrachtung eigen ist, dass sie pri- mär auf die Wahrnehmung, d.h. die Sicht der Gesellschaft bzw. der an ihr beteiligten Aktionäre abstellt. Der Sicht des Leistungsempfäng ers wird demgegenüber bei einer solchen Betrachtung nicht zwangsläufig Rech- nung getragen. Da im Zusammenhang mit dem Leistungsbegriff jedoch – wie erwähnt – die Sichtweise der Leistungserbringerin, hier der be- schwerdeführenden Gesellschaft, massgebend ist, erscheint die im Aktien- bzw. Rechnungslegungsrecht zum Ausdruck kommende abstrakte, be- triebswirtschaftliche Betrachtung vorliegend durchaus relevant und muss als starkes Indiz für die Qualifikation des Verkaufs eigener Aktien als Finanzierungsvorgang bzw. als mehrwertsteuerliche Kapitaleinlage gewer- tet werden. 3.3 Es bleibt also weiter der konkreten Frage nachzugehen, ob aufgrund der vorliegenden Sachverhaltskonstellation nach tatsächlichen, wirtschaft- lichen Kriterien dennoch von einer mehrwertsteuerlichen Leistung auszu- gehen ist. Dies wäre zu bejahen, wenn die Beschwerdeführerin mit dem Verkauf ihrer eigenen Aktien tatsächlich nicht eine Beschaffung von Eigen- kapital beabsichtigt hat, sondern – und im Widerspruch zur abstrakten be- triebswirtschaftlichen Betrachtung und den entsprechenden Rechnungsle- gungsvorschriften – den Aktienkäufern einen Vermögenswert in Erwartung eines Entgelts einräumen wollte. 3.3.1 Die Vorinstanz vertritt im angefochtenen Einspracheentscheid, dass sich der Verkauf originärer eigener Aktien wirtschaftlich von der Zeichnung der Aktien unterscheide (s. Einspracheentscheid [nachfolgend: EE] S. 7 f.). Namentlich zeige sich dies daran, dass das Halten eigener Aktien zu einer im Vergleich zu ordentlichen Kapitalerhöhungen erhöhten Flexibilität hin-A-7028/2018 Seite 13 sichtlich der Investorensuche führe (Ziff. 2.2.2.1 EE). Die sich auf die origi- nären Aktien beziehenden Begründungen in Ziff. 2.2.2 des Einspracheent- scheids gelten gemäss Ziff. 2.3 desselben offenbar auch für die derivativen eigenen Aktien. Die Vorinstanz betont damit insbesondere die unterschiedliche Vorgehens- weise bei formellen Kapitalerhöhungen und beim Verkauf eigener Aktien und führt in erster Linie ein nicht ausschlaggebendes zivilrechtliches bzw. auf reine Formalien abstellendes Argument ins Feld. Entscheidend sind je- doch die wirtschaftlichen Auswirkungen der unterschiedlichen Vorgehens- weisen (vgl. E. 2.6) . Zudem ist der Begriff der Einlage weit zu verstehen und angesichts der in der Botschaft aufgeführten Beispiele offenkundig nicht auf Kapitaleinl agen anlässlich formeller Kapitalerhöhungen be- schränkt (E. 2.4). Die Beschwerdeführerin macht hinsichtlich der originär erworbenen eige- nen Aktien geltend, es habe sich dabei um solche gehandelt, die sie an- lässlich der Aktienausgabe nicht sofort habe platzi eren können (Be- schwerde Rz. 2.6) . In dieser Aussage kommt ihre Absicht, sich mit dem Verkauf eigener Aktien finanzieren zu wollen, klar zum Ausdruck. Auch die Akten (dazu ausführlich: E. 3.3.3.1) ergeben kein anderes Bild. In diesem Sinn räumt selbst die Vorinstanz ein, dass «mit der Ausgabe der Aktien an Investoren sowie dem Verkauf originärer eigener Aktien derselbe Zweck verfolgt werde» (EE S. 7). Sowohl bei der Aktienausgabe als auch beim Verkauf eigener Aktien wird aus Sicht der Beschwerdeführerin Eigenkapital beschafft. Das wirtschaftliche Ergebnis der (erstmaligen) Aktienausgabe und des zeitlich gestaffelten Vorgehens der Schaffung und des Verkaufs originärer eigener Aktien erweist sich insofern als identisch. Der Verkauf originär erworbener eigener Aktien ist damit aus Sicht der Beschwerdefüh- rerin grundsätzlich als Finanzierungsvorgang zu verstehen. Auch die derivativ erworbenen eigenen Aktien stellten nach Angaben in der Beschwerde (Rz. 2.14) nichts Anderes als die Ausstattung der Beschwer- deführerin mit Eigenkapital dar. Der Handel von solchen eigenen Aktien habe auch keinen Geschäftszweck der Beschwerdeführerin dargestellt (Rz. 2.15). Auch bei den derivativ erworbenen eigenen Aktien war das wirt- schaftliche Resultat der Verkäufe aus Sicht der Beschwe rdeführerin also die Beschaffung von Eigenkapital (vgl. dazu auch die in E. 3.3.3.1 f. näher geschilderte Aktenlage). A-7028/2018 Seite 14 3.3.2 Die Vorinstanz begründet die Qualifikation des Verkaufs eigener Ak- tien als Wertpapierhandel im vorliegenden Fall sodann damit, dass die Be- schwerdeführerin teilweise Gewinne erzielt habe, die sie erfolgswirksam verbucht und nicht wie bei Aufgeldern (sog. Agios) üblich den Kapitalreser- ven zugewiesen habe (EE S. 8). Dies wirft die Frage auf, ob auch dann noch von einem Finanzierungsvor- gang auszugehen ist, wenn mit dem Verkauf eigener Aktien – wie im vor- liegenden Fall zumindest bei einigen Verkäufen – «Gewinne» (Differenz zwischen Anschaffungskosten der Aktien und Verkaufspreis) erzielt wur- den. 3.3.2.1 Vorab ist auch in diesem Kontext daran zu erinn ern, dass die Art der Verbuchung lediglich ein Indiz für einen bestimmten, wirtschaftlichen Sachverhalt darstellt (E. 2.6). Mit anderen Worten genügt allein der Um- stand, dass die Beschwerdeführerin solche «Gewinne» erfolgswirksam verbucht und bilanztechnis ch nicht wie sog. Agios behandelt hat, für die Annahme eines Wertschriftenhandels nicht. Diese Art der Verbuchung war unter dem früheren Rechnungslegungsrecht vorgesehen, während unter dem revidierten Rechnungslegungsrecht die Gewinne im Zusammenhang mit der Veräusserung eigener Beteiligungsrechte erfolgsneutral über das Eigenkapital zu verbuchen sind (vorn E. 3.2.2). Dem Argument der Vo- rinstanz, wonach der Verkauf eigener Aktien wirtschaftlich dem Verkauf fremder Aktien entspreche, kann insofern nicht gefolgt werden. 3.3.2.2 Sodann ist der mehrwertsteuerliche Begriff der Einlage in ein Un- ternehmen nach dem Willen des Gesetzgebers weit zu verstehen (E. 2.4). Es fallen darunter Gesellschafterbeiträge, wie Kapitaleinlagen, Aufgelder (sog. Agios), aber auch sonstige Zuschüsse und Beiträge à -fonds-perdu. Der Begriff der Einlage ist somit nicht auf anlässlich einer formalen Kapi- talerhöhung ausgerichtete Aufgelder (Agios) beschränkt, sondern umfasst auch «sonstige Zuschüsse», die nicht an einen bestimmten Zeitpunkt oder einen bestimmten formalen Vorgang gebunden sind. Somit ist die mehr- wertsteuerliche Behandlung solcher beim Verkauf eigener Aktien erzielter «Gewinne» (gleich wie bei Aufgeldern/Agios anlässlich ordentlicher Kapi- talerhöhungen) als Einlage in das Eigen kapital keinesfalls ausgeschlos- sen. 3.3.2.3 Die blosse Tatsache, dass «Gewinn» erzielt worden ist, schliesst somit eine Kapitaleinlage nicht aus bzw. auch dieser Teil des Mittelzuflus- ses kann als mehrwertsteuerliche Einlage angesehen werden. A-7028/2018 Seite 15 3.3.3 In diesem Kontext würde sich die weitere Frage stellen, ob die Situa- tion anders zu beurteilen wäre, wenn ein Unternehmen einen eigentlichen, systematischen Handel mit den eigenen Aktien betreiben würde, der gera- dezu auf eine Ertrags- bzw. Gewinnerzielung ausgerichtet wäre. 3.3.3.1 Im vorliegenden Fall stützen jedoch die Akten die Annahme (vgl. dazu bereits E. 3.3.1), dass für die Beschwerdeführerin bei der Ver- äusserung ihrer Aktien (und zwar sowohl der originär erworbenen als auch der derivativ erworbenen) die Beschaffung von Eigenkapital und nicht die Gewinnerzielung im Vordergrund stand. Wie sich namentlich den Ge- schäftsberichten entnehmen lässt, befand sich die Gesellschaft bzw. die von ihr gehaltenen Tochtergesellschaften als «Start-ups» in den Jahren 2012 bis 2015 im Wachstum. Es wurden neue Projekte, u. a. ein grösserer Neubau, realisiert und in die Umsetzung neuer Geschäftsideen investiert (s. Berichterstattung in den erwähnten Geschäftsberichten [Anhang zur E- Mail vom 2. September 2018; act. 2 der Vorakten]). Es ist naheliegend, dass solche Investitionen die Beschaffung von Eigenkapital erfordern. Ent- sprechend orientierte der Vorsitzende anlässlich der ausserordentlichen Generalversammlung vom (…) darüber, «dass sich die Gesellschaft wei- terhin im Wachstum befindet. Damit sie ihr W ertpotential weiter steigern kann, beabsichtigt der Verwaltungsrat eine genehmigte Kapitalerhöhung durchzuführen…» (Ziff. IV des Protokolls; Beschwerdebeilage 3). An ande- rer Stelle ist vom Schliessen einer Finanzierungslücke die Rede (Vorwort zum Geschäftsbericht 2014 [Anhang zur E -Mail vom 2. September 2018; act. 2 der Vorakten]). Auch in den Jahresrechnungen 2012 und 2013 ist zu lesen, dass es sich bei den originär erworbenen Aktien um solche handelte, die noch nicht platziert werden konnten ( s. Anhänge zu den Jahresrech- nungen 2012 und 2013, «Ziff. 2.6 […]» [Beilagen zur Einsprache vom 10. April 2018, act. 4 der Vorakten]). Zudem geht es bei der vorliegend als Eingangsleistung angesehenen Dienstleistung eines Beratungsunterneh- mens im Wesentlichen darum, «I nvestoren» zu akquirieren und zu über- prüfen (Art. 3 und 4 des Consulting- und Dienstleistungsvertrags vom […] [Anhang zur E-Mail vom 3. Oktober 2017, act. 10 der Vorakten]; vgl. ferner entsprechende Honorarrechnungen [act. 13 der Vorakten]). 3.3.3.2 Auch wenn die Beschwerdeführerin selbst in diversen Dokumen- ten, namentlich den Jahresrechnungen, den Begriff «Handel mit eigenen Aktien» verwendet, fehlen hinreichende Anhaltspunkte dafür, dass es sich bei der Ertragserzielung durch Handel mit eigenen Aktien in den hier rele-A-7028/2018 Seite 16 vanten Jahren 2012 bis 2015 um den primären Zweck der Verkäufe han- delte, der die beabsichtigte Finanzierung in den Hintergrund gedrängt hätte. Daran ändert auch nichts, dass im Vorwort zum Geschäftsbericht 2013 da- von die Rede ist, dass mit Hochdruck daran gearbeitet werde die Handel- barkeit der eigenen Aktien zum richtigen Zeitpunkt zu gewährleisten und in diesem Zusammenhang berichtet wird, es sei der Gang auf eine elektroni- sche ausserbörsliche Handelsplattform geplant (Geschäftsbericht 2013, S. 4 [Anhang zur E-Mail vom 2. September 2018; act. 2 der Vorakten]; vgl. auch öffentliche Urkunde über die Beschlüsse der ordentlichen General- versammlung vom (…), Ziff. IX «Handelbarkeit der Aktien» [Beilage zur Einsprache vom 10. April 2018; act. 4 der Vorakten]). Soweit aus den Akten ersichtlich, wurde dieser Plan im hier relevanten Zeitraum bis Ende 2015 nicht umgesetzt. Es kann damit im vorliegenden Fall offenbleiben, ob ein eigentlicher, sys- tematischer Handel mit eigenen Aktien zwecks Umsatz- und Gewinnerzie- lung zu einer mehrwertsteuerlichen Qualifikation als Wertpapierhandel füh- ren müsste. Zumindest im vorliegenden Fall ist nämlich keine solche Kons- tellation gegeben. 3.3.4 Bei der soeben dargelegten Sachlage ist beim hier zu beurteilenden Verkauf – sowohl originär als auch derivativ erworbener – eigener Aktien mehrwertsteuerlich von einem Finanzierungsvorgang, d.h. einer Einlage nach Art. 18 Abs. 2 Bst. e MWSTG, auszugehen. 3.3.5 Es bleibt auf die weiteren Vorbringen der Vorinstanz einzugehen. 3.3.5.1 Der von der Vorinstanz im angefochtenen Einspracheentscheid (S. 8) vertretenen Auffassung, dass Rücknahmeverpflichtungen, wie sie die Beschwerdeführerin vorgesehen habe, bei Gesellschaftereinlagen nicht möglich seien, kann nicht gefolgt werden. Selbst wenn die (erstmalige und förmliche) Aktienausgabe zivilrechtlich nicht mit Rücknahmeverpflich- tungen verknüpft werden darf, so steht dies einer mehrwertsteuerlichen Qualifikation als Einlage nicht im Weg. Denn der Begriff der Einlage ist weit zu verstehen und nicht auf Kapitaleinlagen anlässlich von Aktienausgaben beschränkt (E. 2.4). Auch die Vereinbarung einer Rücknahmeverpflichtung vermag das tatsächliche, wirtschaftliche Ergebnis, nämlich dass beim Ver- kauf der eigenen Aktien aus Sicht der Beschwerdeführerin Eigenkapital be- schafft wird, nicht zu ändern (s. E. 3.3.1). A-7028/2018 Seite 17 3.3.5.2 Soweit die Vorinstanz im Zusammenhang mit der Qualifikation des Verkaufs von derivativ erworbenen eigenen Aktien als Wertpapierhandel auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts A-6854/2008 vom 25. No- vember 2010 E. 5.3 v erweist, ist Folgendes festzuhalten: In jenem Ent- scheid hat das Bundesverwaltungsgericht einen Wertschriftenhandel be- jaht. Zu beurteilen war eine Konstellation, in der eine Gesellschaft eigene (bestehende) Aktien verkauft hat, wobei der Käufer mit den Aktien auch ein Recht zur begünstigten Benutzung von Ferienanlagen erwarb. Das Gericht ging mehrwertsteuerlich von zwei separaten Leistungsverhältnissen aus. Es unterschied zwischen dem Verkauf der Aktien (von der Steuer ausge- nommener Wertpapierhandel) und dem (steuerbaren) Einräumen des Ferienrechts. Einerseits erscheint der – doch eher aussergewöhnliche – Sachverhalt, der dem erwähnten Urteil A-6854/2008 zugrunde lag, nicht ohne Weiteres mit der vorliegenden Ausgangslage vergleichbar. Andererseits war jener Sach- verhalt – anders als der vorliegende – nach dem aMWSTG zu beurteilen. Dies ist insofern von Bedeutung, als das MWSTG eine neue Definition des Leistungsverhältnisses, namentlich des Leistungsbegriffs enthält, und das Vorliegen einer Leistung neu aus Sicht des Leistungserbringers zu prüfen ist (vgl. vorne E. 2.2.1). Demgegenüber war nach dem aMWSTG das Vor- liegen eines Leistungsaustauschs ausschliesslich aus der Sicht des Leis- tungsempfängers zu beurteilen. Im Gegensatz zum vorliegenden Fall war also die S icht der Gesellschaft, die ihre eigenen Aktien verkauft, nicht massgebend. Auch hatte das betriebswirtschaftliche Verständnis des Ver- kaufs eigener Aktien als Eigenkapitalbeschaffung damals noch keinen Ein- gang in das Aktienrecht gefunden, sondern eigene Aktien galten als Akti- vum. Schliesslich ist anzumerken, dass im fraglichen Urteil die Qualifika- tion des Verkaufs eigener Aktien als Wertpapierhandel im Zusammenhang mit der Beurteilung einer Leistungsmehrheit und insofern nur am Rande erfolgte. Namentlich fa nd keine ausführliche Auseinandersetzung mit der Abgrenzung zur Kapitaleinlage statt. Das Urteil A-6854/2008 vom 25. No- vember 2010 vermag somit am vorstehenden Ergebnis nichts zu ändern. 3.4 Nach dem Gesagten qualifizieren die vorliegend strittigen Verkäufe ei- gener Aktien als Einlagen nach Art. 18 Abs. 2 Bst. e MWSTG. Solche Nicht- Entgelte hindern die Beschwerdeführerin nicht am Vorsteuerabzugsrecht (E. 2.5.1). Die Beschwerde erweist sich als begründet und ist gutzuheis- sen. Der vorinstanzliche Entscheid ist aufzuheben. A-7028/2018 Seite 18 4. 4.1 Bei diesem Verfahrensausgang hat die Beschwerdeführerin als obsie- gende Partei keine Verfahrenskosten zu tragen. Der Vorinstanz sind eben- falls keine Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Der geleistete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 8'500.-- ist der Be- schwerdeführerin nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils zurückzuer- statten. Die anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin hat gemäss Art. 64 Abs. 1 und 2 VwVG i.V.m. Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsge richt (VGKE, SR 173.320.2) Anspruch auf eine Parteientschädigung zulasten der Vorinstanz. Diese ist aufgrund der Akten und praxisgemäss auf Fr. 12'750.-- festzusetzen. Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen und der angefochtene Einspracheent- scheid vom 12. November 2018 wird aufgehoben. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. Der geleistete Kostenvor- schuss im Betrag von Fr. 8'500.-- ist der Beschwerdeführerin nach Eintritt der Rechtskraft dieses Urteils zurückzuerstatten. 3. Die Vorinstanz wird verpflichtet, der Beschwerdeführerin eine Parteie nt- schädigung in Höhe von Fr. 12’750.-- zu bezahlen. 4. Dieses Urteil geht an: – die Beschwerdeführerin (Gerichtsurkunde) – die Vorinstanz (Ref-Nr. […]; Gerichtsurkunde) Für die Unterschriften und die Rechtsmittelbelehrung wird auf die nächste Seite verwiesen. A-7028/2018 Seite 19 Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Sonja Bossart Meier Kathrin Abegglen Zogg Rechtsmittelbelehrung: Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Bun- desgericht, 1000 Lausanne 14, Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Ange- legenheiten geführt werden (Art. 82 ff., 90 ff. und 100 BGG). Die Frist ist gewahrt, wenn die Beschwerde spätestens am letzten Tag der Frist beim Bundesgericht eingereicht oder zu dessen Handen der Schweizerischen Post oder einer schweizerischen diplomatischen oder konsularischen Ver- tretung übergeben worden ist (Art. 48 Abs. 1 BGG). Die Rechtsschrift ist in einer Amtssprache abzufassen und hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalten. Der ange- fochtene Entscheid und die Beweismittel sind, soweit sie die beschwerde- führende Partei in Händen hat, beizulegen (Art. 42 BGG). Versand: