B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung VI F-2948/2024 U r t e i l v o m 3 . D e z e m b e r 2 0 2 4 Besetzung Richterin Susanne Genner (Vorsitz), Richter Lorenz Noli, Richter Sebastian Kempe, Gerichtsschreiber Jan Hoefliger. Parteien A._______, geboren am (…) Bangladesch, vertreten durch MLaw Vanessa Aneas, Rechtsschutz für Asylsuchende, Bundesasylzentrum Region Zürich, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration SEM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Ver- fahren - Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG); Datenänderung im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS); Verfügung des SEM vom 26. April 2024. F-2948/2024 Seite 2 Sachverhalt: A. Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer seinen Heimat- ort in Bangladesch im Oktober 2023 und flog mit gefälschtem und nicht auf seinen Namen lautenden Reisepass nach Albanien, von wo er unter ande- rem nach Kroatien weiterreiste. Am 10. Dezember 2023 überquerte er von Italien her die Grenze zur Schweiz. Anlässlich einer Grenzkontrolle in Men- drisio wurde der Beschwerdeführer daktyloskopisch erfasst und im Nach- weisesystem des Bund es (IPAS-GWK) mit dem Geburtsdatum (…) 2007 vermerkt. Am 11. Dezember 2023 wurde er durch das Grenzwachtkorps 1 mit Geburtsdatum vom (…) 2006 ein weiteres Mal im IPAS-GWK erfasst. Am 12. Dezember 2023 reichte er in der Schweiz ein Asylgesuch ein. Auf dem Personalienblatt für Asylsuchende ( «Questionnaire Europa») gab er als Geburtsdatum den (…) 2006 an. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab keinen Treffer. B. Im Rahmen der Erstbefragung UMA (unbegleitete minderjährige Asylsu- chende) am 9. Januar 2024 gab der Beschwerdeführer an, am (…) 2006 geboren worden zu sein. Ausweispapiere reichte er anlässlich der Befra- gung nicht ein. Ausserdem gewährte das SEM dem Beschwerdeführer an- lässlich der Befragung das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständig- keit von Kroatien für die Durchführung des Asylverfahrens. C. Am 17. Januar 2024 ersuchte das SEM die kroatischen Behörden gestützt auf Art. 34 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla- ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied- staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol- gend: Dublin-III-VO) um Informationen betreffend den Beschwerdeführer . Die kroatischen Behörden teilten dem SEM mit Schreiben vom 8. Februar 2024 mit, dass der Beschwerdeführer in Kroatien am 25. November 2023 um Asyl ersucht habe, vor seiner Befragung jedoch untergetaucht sei. Er habe keine Identitätsdokumente abgegeben. Sodann ging aus dem Schrei- ben der kroatischen Behö rden hervor, dass als Geburtsdatum des Be- schwerdeführers in Kroatien der (…) 2001 erfasst ist. F-2948/2024 Seite 3 D. Am 30. Januar 2024 reichte der Beschwerdeführer dem SEM zum Beweis seiner Minderjährigkeit eine Kopie eines am 23. Januar 2024 ausgestellten bangladeschischen Geburtszertifikats, wo als Geburtsdatum der (…) 2006 angegeben wird, sowie eine Kopie eines ausgefüllten Antragsformulars für eine bangladeschische Identitätskarte ein. E. Am 23. Februar 20 24 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Änderung des Geburtsdatums im ZEMIS. Mit Schreiben vom 28. Februar 2024 nahm der Beschwerdeführer dazu Stellung. Am 4. März 2024 wurde der Eintrag des Beschwerdeführers im ZEMIS mutiert und neu der (…) 2001 als sein Geburtsdatum erfasst. Dieser Eintrag wurde mit einem Bestreitungsvermerk versehen. F. Gleichentags ersuchte das SEM die kroatischen Behörden um Wiederauf- nahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. Am 18. März 2024 lehnte Kroatien das Gesuch auf Grundlage von Art. 8 Abs. 4 Dublin -III-VO ab. Da der Beschwerdeführer in Kroatien und der Schweiz unterschiedliche Angaben zu seinem Alter gemacht habe, könne das Gesuch ohne weitere Beweismittel zur Volljährigkeit des Beschwerde- führers nicht gutgeheissen werden. G. Ein vom SEM am 25. März 2024 in Auftrag gegebenes Gutachten des In- stituts für Rechtsmedizin des Kantonsspitals St. Gallen vom 3. April 2024 ergab, dass die radiologischen Untersuchungen der Hand einem mittleren skelettalen Alter von 18 Jahren und einem Mindestalter von 16.1 Jahren entsprechen. Gemäss den dritten Molaren ergebe sich ein Durchschnitts- alter von 20 bis 21 Jahren. In Zusammenschau der Untersuchungsbefunde ergebe sich ein durchschnittliches Lebensalter von 18 bis 21 Jahren und ein Mindestalter von 16.1 Jahren. Somit erscheine sowohl das vom SEM angegebene Alter von 22 Jahren und 5 Monaten als auch das vom Be- schwerdeführer angegebene Alter von 17 Jahren und 5 Monaten als plau- sibel. H. Am 8. April 2024 gelangte das SEM erneut an die kroatischen Behörden und ersuchte gestützt auf Art. 5 Abs. 2 der Verordnung (EG) Nr. 1560/2003 der Kommission vom 2. September 2003 mit Durchführungsbestimmungen F-2948/2024 Seite 4 zur Verordnung (EG) Nr. 343/2003 des Rates zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei- nes von einem Drittstaatsangehörigen in einem Mitgliedstaat gestellten Asylantrags zuständig ist (ABI. L 222/3 vom 5.9.2003 ) um eine Überprü- fung der negativen Antwort (sog. Remonstrationsgesuch) . Das Altersgut- achten habe ergeben, dass der Beschwerdeführer über ein Durchschnitts- alter von 18 bis 21 Jahren verfüge. Am 22. April 2024 stimmten die kroati- schen Behörden dem Remonstrationsgesuch zu. I. Mit Verfügung vom 26. April 2024 (eröffnet am 2. Mai 2024) trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegwei- sung nach Kroatien an und forderte ihn auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen (Dispositivziffern 1–3). Das Geburtsdatum des Beschwerdeführers im ZEMIS laute auf den (…) 2001, mit Bestreitungsvermerk (Dispositivziffer 6). J. Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 10. Mai 2024 be- antragte der Beschwerdeführer, die Verfügung des SEM sei aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten. Weiter sei das SEM anzuweisen, sein Geburtsdatum im ZEMIS auf den (…) 2006 an- zupassen. Eventualiter sei die Sache zur vollständigen Erstellung des Sachverhalts und Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. Der Be- schwerdeführer ersuchte um Erteilung der aufschiebenden Wirkung, um Anweisung der Vollzugsbehörde, bis zum Entscheid über das Rechtsmittel von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen, und um Gewährung der un- entgeltlichen Rechtspflege unter Verzicht auf die Erhebung eines Kosten- vorschusses. K. Am 13. Mai 2024 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori- schen Vollzugsstopp an. L. Mit Schreiben vom 15. Mai 2024 (Poststempel vom 16. Mai 2024) reichte der Beschwerdeführer als weiteres Beweismittel die Kopie eines am 2. Mai 2018 ausgestellten Zertifikats über den Abschluss der Grundschule ein. F-2948/2024 Seite 5 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Die vorliegende Beschwerde richtet sich sowohl gegen den Nichtein- tretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) betref- fend das Asylgesuch des Beschwerdeführers sowie dessen Wegweisung als auch gegen die ZEMIS-Eintragung betreffend dessen Geburtsdatum. 1.2 Praxisgemäss wird das Beschwerdeverfahren betreffend ZEMIS -Da- tenbereinigung separat neben dem Dublin -Beschwerdeverfahren geführt (vgl. BVGE 2018 VI/3). Vorliegend kann aufgrund der Verfahrenskonstella- tion und des Prozessausgangs jedoch in einem Urteil über die streitigen Rechtsverhältnisse befunden werden. 1.3 Das Verfahren betreffend die Beschwerde gegen den Nichteintretens- entscheid und die Wegweisung (Dispositivziffern 1 und 2) richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). Die Beschwerde ist diesbezüglich zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übrigen Sachurteilsvoraus- setzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 Abs. 1 VwVG]) sind erfüllt. Auf die Beschwerde gegen Ziffer 1 und 2 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung ist einzutreten. 1.4 Beim angefochtenen Entscheid betreffend den ZEMIS-Eintrag (Dispo- sitivziffer 6) handelt es sich um eine Verfügung im Sinne von Art. 5 VwVG, die von einer Vorinstanz gemäss Art. 33 Bst. d VGG erlassen wurde. Da keine Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG vorliegt, ist das Bundesverwal- tungsgericht zur Beurteilung der Beschwerde zuständig (Art. 31 VGG). Der Beschwerdeführer hat sich am vorinstanzlichen Verfahren beteiligt und ist als Adressat des angefochtenen Entscheids sowohl formell als auch mate- riell beschwert, weshalb er zur Beschwerde legitimiert ist (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be- schwerde (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 VwVG) gegen Dis- positivziffer 6 der angefochtenen Verfügung ist einzutreten. 2. 2.1 Mit asylrechtlicher Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrech t (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach- verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). F-2948/2024 Seite 6 2.2 Hinsichtlich der ZEMIS -Berichtigung (Datenschutz) entscheidet das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich mit uneingeschränkter Kognition. Es überprüft die angefochtene Verfügung auf Rechtsverletzungen – ein- schliesslich unrichtiger oder unvollständiger Feststellung des rechtserheb- lichen Sachverhalts und Rechtsfehler bei der Ermessensausübung – sowie auf Angemessenheit hin (Art. 49 VwVG). 2.3 In der Beschwerde wird nebst der Beantragung eines Vollzugsstopps um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ersucht. Wie aus der Beschwer- debegründung hervorgeht, bezieht sich dieses Gesuch nur auf das Nicht- eintreten auf das Asylgesuch mit Anordnung der Wegweisung nach Kroa- tien und nicht auf den strittigen ZEMIS-Eintrag. Mit dem vorliegenden Urteil wird das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung gegenstands- los. 3. 3.1 Der Beschwerde führer macht eine Verletzung der Untersuchungs- pflicht durch die Vorinstanz geltend und beantragt eventualiter die Rück- weisung an die Vorinstanz zwecks rechtsgenüglicher Erstellung des Sach- verhalts. So habe die Vorinstanz die eingereichte Geburtsurkunde bei ih- rem Entscheid in ungerechtfertigter Weise ausser Acht gelassen und nicht berücksichtigt, dass diese durchaus Sicherheitsmerkmale enthalte. Weiter habe die Vorinstanz ihm – dem Beschwerdeführer – keine Gelegenheit ge- geben, über die Vorkommnisse in Kroati en zu berichten und habe auch seinen psychischen Zustand, der Anlass zu einer näheren Begutachtung gegeben habe, zu wenig untersucht. 3.2 Angesichts dessen, dass der Beschwerdeführer mit seinen materiellen Anträgen durchdringt, erübrigt es sich, auf seine eventualiter erhobene for- melle Rüge näher einzugehen. Zudem verfügt das Bundesverwaltungsge- richt über sämtliche entscheiderhebliche Sachverhaltselemente, weshalb keine Veranlassung besteht, die Verfügung aus formellen Gründen aufzu- heben und die Sache zwecks e rgänzender Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. 4. 4.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG wird in der Regel auf Asylgesuche nicht eingetreten, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen kön- nen, der für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist. Zur Bestimmung des staatsvertrag lich zu- ständigen Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss F-2948/2024 Seite 7 Dublin-III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mit- gliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküber- stellung zugestimmt hat – oder bei fingierter Zustimmung – auf das Asyl- gesuch grundsätzlich nicht ein. 4.2 Im Falle einer minderjährigen Person ohne familiäre Anknüpfungs- punkte zu einem anderen Mitgliedstaat ist gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III- VO der Staat zuständig, in welchem jene einen Antrag auf internationalen Schutz gestellt hat, sofern es dem Wohl des Minderjährigen dient. Der Ge- richtshof der Europäischen Union (EuGH) hat die Vorgängerbestimmung (Art. 6 Abs. 2 der Verordnung EG Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003 zur Festlegung von Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit- gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen in einem Mitgliedstaat gestellten Asylantra ges zuständig ist [Dublin-II-VO]) dahingehend ausgelegt, dass bei unbegleiteten Minderjährigen ohne fami- liäre Anknüpfungspunkte, die in mehr als einem Mitgliedstaat einen Asyl- antrag gestellt haben, derjenige Mitgliedstaat zuständig ist, in dem sich der Minderjährige aufhält, nachdem er dort einen Asylantrag gestellt hat (Urteil des EuGH vom 6. Juni 2013 in der Rechtssache C-648/11, M.A., B.T. und D.A. vs. Vereinigtes Königreich, R n. 66). Vorliegend besteht deshalb bei gegebener Minderjährigkeit des Beschwer deführers eine der grundsätzli- chen Zuständigkeit Kroatiens vorgehende Zuständigkeit der Schweiz. 5. 5.1 Nachfolgend ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer minderjährig und mithin die Schweiz für die Durchführung des Asyl - und Wegweisungsver- fahrens zuständig ist. Die Vorinstanz begründet den Umstand, dass sie von der Volljährigkeit des Beschwerdeführers ausgeht, zusammenfassend da- mit, dass er in Kroatien mit einem fünf Jahre älteren Geburtsdatum regis- triert wurde. Sodann habe er im bisherigen Verfahren keine rechtsgenügli- chen Identitätsdokumente eingereicht, um seine Minderjährigkeit nachzu- weisen. Seine Angaben im Rahmen der Erstbefragung in Bezug auf das genaue Geburtsdatum seien sehr vage ausgefallen. Weiter habe der Be- schwerdeführer bei der Grenzkontrolle beim Ü bertritt von Italien in die Schweiz ein anderes Geburtsdatum angegeben, was zeige, dass er nicht gewillt sei, seine wahre Identität offenzulegen. 5.2 Der Beschwerdeführer macht dagegen geltend, er sei minderjährig. Er habe im vorinstanzlichen Verfahren eine Geburtsurkunde eingereicht, de- ren Echtheit über eine behördliche Internetseite überprüft werden könne. F-2948/2024 Seite 8 In Bangladesch sei es zudem üblich, dass man sich erst dann eine Ge- burtsurkunde ausstellen liesse, wenn man diese für etwas benötige. Dies erkläre das auf der Geburtsurkunde angegebene Registrationsdatum vom 23. Januar 2024. Weiter habe er im Laufe des Asylverfahrens in der Schweiz zu seinem Alter konstant und widerspruchsfrei ausgesagt. Die Ausführungen der Vorinstanz zu der angeblichen Unglaubwürdigkeit seiner Aussagen seien unzutreffend. 5.3 Die Beweislast für die behauptete Minderjährigkeit trägt – der allgemei- nen asylrechtlichen Beweisregel folgend – grundsätzlich die asylsuchende Person (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 3 und E. 4.2.3). Im Rahmen einer Gesamt- würdigung ist eine Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte, die für oder gegen die Richtigkeit der betreffenden Altersangaben sprechen, vorzunehmen. Wesentlich sind dabei für echt befundene Identitätspapiere oder eigene Angaben der betroffenen Person. Bei Fehlen rechtsgenüglicher Identitäts- ausweise kann im Rahmen der Feststellung des Sachverhalts mit Unter- stützung wissenschaftlicher Methoden – beispielsweise Knochenalters- analysen (Art. 17 Abs. 3bis AsylG) – abgeklärt werden, ob die Altersangabe der asylsuchenden Person dem tatsächlichen Alter entspricht (Art. 7 Abs. 1 AsylV 1). Das Resultat des Altersgutachtens stellt nur ein Element bei der Beurteilung der Frage der Glaubhaftigkeit einer geltend gemachten Min- derjährigkeit dar (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.1 ff.). 5.4 Die Vorinstanz hat ein Altersgutachten in Auftrag gegeben, welches vom Institut für Rechtsmedizin des Kantonsspitals St. Gallen am 3. April 2024 erstellt wurde. Gemäss dem auch in der angefochtenen Verfügung zitierten Urteil des Bundesverwaltungsgerichts ( BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.1 ff.) sind von den in der Schweiz angewandten Methoden der me- dizinischen Altersabklärung nur die Schlüsselbein - respektive Skelettal- tersanalyse und die zahnärztliche Untersuchung (nicht jedoch die Hand- knochenaltersanalyse und die ärz tliche körperliche Untersuchung) zum Beweis der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Person geeignet und es lässt sich anhand der medizinischen Altersabklärung keine Aussage zur Minder - beziehungsweise Volljährigkeit einer Person machen, wenn das Mindestalter bei der zahnärztlichen Untersuchung und der Schlüssel- bein- respektive Skelettaltersanalyse unter 18 Jahren liegt . Gemäss dem Gutachten ergab die Handknochenanalyse ein Mindestalter von 16.1 Jah- ren. Anhand der zahnärztlichen Untersuchung konnte kein Mindestalter an- gegeben werden. Eine Schlüsselbeinanalyse war aufgrund anatomischer Gegebenheiten nicht durchführbar. Folglich lässt sich anhand dieser medi- zinischen Altersabklärung keine Aussage zur Minder - beziehungsweise F-2948/2024 Seite 9 Volljährigkeit des Beschwerdeführers machen, da die Handknochenalters- analyse alleine zum Beweis der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit un- geeignet ist und ohnehin ein Mindestalter von weniger als 18 Jahren angibt. Somit hat die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid das Altersgutachten zu Recht weder als Indiz für die Minderjährigkeit noch für die Volljährigkeit des Beschwerdeführers gewertet. 5.5 Der Beschwerdeführer gab bereits auf dem Personalienblatt («Questi- onnaire Europa») an, am (…) 2006 geboren worden zu sein. Entgegen der Vorinstanz weisen seine Aussagen an der Erstbefragung zu seinem Le- benslauf keine Widersprüche zum angegebenen Geburtsdatum auf. Insbe- sondere stimmt das an der Erstbefragung angegebene Ausreisedatum aus Bangladesch (17. Oktober 2023) und das angegebene Alter zum Zeitpunkt der Ausreise (17 Jahre) mit dem angegebenen Geburtsdatum ([…] 2006) überein. Auch ist entgegen der Vorinstanz nicht ersichtlich, inwiefern der Beschwerdeführer die Fragen zu seinem Geburtsdatum vage oder auswei- chend beantwortet haben soll. Dass beim Grenzübertritt am 10. Dezember 2023 ein anderes Geburtsdatum ([…] 2007) registriert wurde, schadet der Glaubhaftigkeit der Aussagen des Beschwerdeführers sodann nicht we- sentlich, da nur die Jahreszahl von dem angegebenen Geburtsdatum ab- weicht und ein Versehen seitens der Grenzbehörden damit nicht ausge- schlossen werden kann. Sodann wurde der Beschwerdeführer am 11. De- zember 2023 von Grenzbeamten im IPAS-GWK mit dem auch von ihm an- gegebenen Geburtsdatum erfasst ([…] 2006). Alleine das in Kroatien ver- merkte Geburtsdatum ([…] 2001) vermag jedenfalls nicht zur Annahme der Volljährigkeit des Beschwerdeführers im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung in der Schweiz zu führen, zumal die Umstände, wie es zu dieser Registrie- rung gekommen ist, nicht bekannt sind. Sodann ist auch die Erklärung des Beschwerdeführers, dass sich teilweise minderjährige Asylsuchende in Transitländern bewusst als volljährig ausgeben, damit sie nicht in Obhut genommen werden, sondern weiterreisen können, schlüssig. 5.6 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die von der Vorinstanz angeführten Indizien für die Volljährigkeit des Beschwerdefüh- rers nicht zu überzeugen vermögen, die von letzterem geltend gemachte Minderjährigkeit im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung (12. Dezember 2023) dagegen als glaubhaft zu erachten ist. Die Vorinstanz ist zu Unrecht von dessen Volljährigkeit im betreffenden Zeitpunkt ausgegangen. Somit kann auch offengelassen werden, welcher Beweiswert der vom Beschwerdefüh- rer eingereichten Geburtsurkunde zukommt. F-2948/2024 Seite 10 5.7 Zusammenfassend ist somit festzustellen, dass die Schweiz aufgrund der Minderjährigkeit des Beschwerdeführers zur Durchführung eines nationalen Asylverfahrens zuständig ist. Der Nichteintretens- und Wegwei- sungsentscheid vom 2 6. April 202 4 ist aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers einzutreten. 6. Sodann ist über das gemäss Dispositivziffer 6 der angefochtenen Verfü- gung im ZEMIS eingetragene Geburtsdatum ([…] 2001) zu befinden. 6.1 Am 1. September 2023 ist eine Totalrevision des Bundesgesetzes über den Datenschutz (DSG, SR 235.1) in Kraft getreten. Da die für Beschwer- deverfahren betreffend Datenänderung im ZEMIS wesentlichen Bestim- mungen inhaltlich nicht geändert wurden, kann auch unter der Geltung des revidierten DSG auf die bisherige Rechtsprechung verwiesen werden. 6.2 Das SEM führt zur Erfüllung seiner gesetzlichen Aufgaben das ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer- und dem Asylbereich dient (Art. 2 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes über das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich vom 20. Juni 2003 [BGIAA, SR 142.51]) und in der Verordnung über das Zentrale Mig- rationsinformationssystem vom 12. April 2006 (SR 142.513; ZEMIS -Ver- ordnung) näher geregelt ist. Nach Art. 19 Abs. 1 ZEMIS-Verordnung richten sich die Rechte der Betroffenen, insbesondere deren Auskunfts-, Berichti- gungs- und Löschungsrecht sowie das Recht auf Informationen über die Beschaffung besonders schützenswerter Personendaten, nach dem DSG und dem VwVG. 6.3 Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu ver- gewissern (Art. 6 Abs. 5 DSG). Werden Personendaten von Bundesorga- nen bearbeitet, kann jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass unrichtige Personendaten berichtigt werden (Art. 32 Abs. 1 i.V.m. Art. 41 Abs. 2 Bst. a DSG). Auf die Berichtigung besteht in einem solchen Fall ein absoluter und uneingeschränkter Anspruch. Die ZEMIS -Verordnung sieht zudem in Art. 19 Abs. 3 ausdrücklich vor, dass unrichtige Daten von Amtes wegen zu berichtigen sind. Grundsätzlich hat die das Berichtigungsbegeh- ren stellende Person die Richtigkeit der von ihr verlangten Änderung zu beweisen, die Bundesbehörde im Bestreitungsfall dagegen die Richtigkeit der von ihr bearbeiteten Personendaten. Nach den massgeblichen Beweis- regeln des VwVG gilt eine Tatsache als bewiesen, wenn sie in Würdigung sämtlicher Erkenntnisse so wahrscheinlich ist, dass keine vernünftigen F-2948/2024 Seite 11 Zweifel bleiben; unumstössliche Gewissheit ist dagegen nicht erforderlich. Die mit dem Berichtigungsbegehren konfrontierte Behörde hat zwar nach dem Untersuchungsgrundsatz den Sachverhalt grundsätzlich von Amtes wegen abzuklären (Art. 12 VwVG); die gesuchstellende Person ist jedoch gemäss Art. 13 Abs. 1 Bst. a VwVG verpflichtet, an dessen Feststellung mitzuwirken (vgl. zum Ganzen BVGE 2018 VI/3 E. 3.3). 6.4 Kann bei einer verlangten beziehungsweise von Amtes wegen beab- sichtigten Berichtigung weder die Richtigkeit der bisherigen noch diejenige der neuen Personendaten bewiesen werden, dürfen grundsätzlich weder die einen noch die anderen Daten bearbeitet werden (vgl. Art. 6 und Art. 41 Abs. 3 DSG). Dies ist jedoch nicht immer möglich, müssen doch bestimmte Personendaten zur Erfüllung wichtiger öffentlicher Aufgaben notwendiger- weise bearbeitet werden. Dies gilt namentlich auch für die im ZEMIS er- fassten Namen und Geburtsdaten. In solchen Fällen überwiegt das öffent- liche Interesse an der Bearbeitung möglicherweise unzutreffender Daten das Interesse an deren Richtigkeit. Gemäss Art. 32 Abs. 3 DSG ist deshalb die Anbringung eines Bestreitungsvermerks vorg esehen, in dem darauf hingewiesen wird, dass die Richtigkeit der bearbeiteten Personendaten be- stritten ist. Spricht dabei mehr für die Richtigkeit der neuen Daten, sind die bisherigen Angaben zunächst zu berichtigen und die neuen Daten an- schliessend mit einem derartigen Vermerk zu versehen (vgl. Art. 41 Abs. 4 DSG; vgl. zum Ganzen BVGE 2018 VI/3 E. 3). 6.5 Dem Beschwerdeführer ist es gelungen, im Rahmen der Beschwerde gegen den asylrechtlichen Nichteintretensentscheid seine Minderjährigkeit glaubhaft zu machen. Gleichwohl gibt es vorliegend keinen sicheren Nach- weis für das vom Beschwerdeführer angegebene Geburtsdatum , so dass dieses im Rahmen der Beschwerde gegen den ZEMIS -Eintrag nicht als bewiesen betrachtet werden kann. Damit ist dasjenige Datum im ZEMIS zu belassen oder einzutragen, dessen Richtigkeit wahrscheinlicher ist. Vorlie- gend ist in der Gesamtschau das vom Beschwerdeführer geltend ge- machte Geburtsdatum als wahrscheinlicher zu betrachten als die mit Be- streitungsvermerk erfasste Angabe im ZEMIS. Somit ist ersteres im ZEMIS einzutragen, wobei wiederum ein Bestreitungsvermerk anzubringen ist. 6.6 Zusammenfassend ist folglich auch die Beschwerde gegen Dispositiv- ziffer 6 der angefochtenen Verfügung gutzuheissen und die Vorinstanz ist anzuweisen, im ZEMIS als Geburtsdatum den (…) 2006 mit Bestreitungs- vermerk einzutragen. F-2948/2024 Seite 12 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten auf- zuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ist damit gegenstandslos geworden. 7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung aus- zurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen vom Bund nach Massg abe von Art. 102 k AsylG entschädigt werden (vgl. auch Art. 111ater AsylG). 8. Hinsichtlich der Beschwerde gegen den asylrechtlichen Nichteintretens - und Wegweisungs entscheid entscheidet das Gericht endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). (Dispositiv nächste Seite) F-2948/2024 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde gegen den Nichteintretens- und Wegweisungsentscheid wird gutgeheissen. Die Dispositivziffern 1 und 2 der angefochtenen Verfü- gung werden aufgehoben und die Sache an die Vorinstanz zur Durchfüh- rung eines Asylverfahrens in der Schweiz zurückgewiesen. 2. Die Beschwerde hinsichtlich der Datenänderung im Zentralen Migrationsin- formationssystem wird gutgeheissen. Die Dispositivziffer 6 der angefoch- tenen Verfügung wird aufgehoben und die Vorinstanz wird angewiesen, im ZEMIS als Geburtsdatum den (…) 2006 mit Bestreitungsvermerk einzutra- gen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, die Vorinstanz und die kan- tonale Migrationsbehörde. Für die Rechtsmittelbelehrung wird auf die nächste Seite verwiesen. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Susanne Genner Jan Hoefliger F-2948/2024 Seite 14 Rechtsmittelbelehrung: Gegen Ziffer 2 dieses Entscheids kann innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Bundesgericht, 1000 Lausanne 14, Beschwerde in öffentlich-rechtli- chen Angelegenheiten geführt werden (Art. 82 ff., 90 ff. und 100 BGG). Die Frist ist gewahrt, wenn die Beschwerde spätestens am letzten Tag der Frist beim Bundesgericht eingereicht oder zu dessen Handen der Schweizeri- schen Post oder einer schweizerischen diplomatischen oder konsulari- schen Vertretung übergeben worden ist (Art. 48 Abs. 1 BGG). Die Rechts- schrift ist in einer Amtssprache abzufassen und hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalten. Der angefochtene Entscheid und die Beweismittel sind, soweit sie die b e- schwerdeführende Partei in Händen hat, beizulegen (Art. 42 BGG). Versand: