Abteilung V E-4169/2006/ame {T 0/2} U r t e i l v o m 1 . A p r i l 2 0 0 9 Richter Kurt Gysi (Vorsitz), Richter Martin Zoller, Richterin Regula Schenker Senn, Gerichtsschreiberin Barbara Balmelli. A.________, Irak, (...), Beschwerdeführerin, gegen Bundesamt für Migration BFM, Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 23. September 2005 / N (...). B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i c h t T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i f f é d é r a l T r i b u n a l e a m m i n i s t r a t i v o f e d e r a l e T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i v f e d e r a l Besetzung Parteien GegenstandE-4169/2006 Sachverhalt: A. Eigenen Angaben zufolge verliess die Beschwerdeführerin den Hei- matstaat am 20. Mai 2002 zusammen mit ihrem Bruder B._______ und gelangte am 5. Juni 2002 in die Schweiz, wo sie gleichentags ein Asyl- gesuch einreichte. Am 6. Juni 2002 wurde die Beschwerdeführerin in der Empfangsstelle Kreuzlingen erstmals befragt. Das C._______ hörte sie am 22. Juli 2002 zu den Asylgründen an. Im Wesentlichen machte die Beschwerdeführerin geltend, sie stamme aus D._______ (Südirak), gehöre der Ethnie der Araber an und sei christlichen Glaubens (Chaldäer). Sie habe E._______ studiert und sei von 1989 bis im März 2002 F._______ gewesen. Obwohl sie verschiedentlich dazu aufgefordert worden sei, sei sie nie Mitglied der Baath-Partei geworden. Dies habe al lerdings dazu geführt, dass ihr Aufstiegsmöglichkeiten (...) versagt gewesen seien. Ende Dezember 2001 hätten ihre Eltern ihre in den USA lebende Schwester besucht. In der Folge seien die Eltern nicht in den Irak zurückgekehrt. Die Behörden hätten sie deshalb im Rahmen von Routinebefragungen regelmässig nach dem Aufenthalt der Eltern befragt. Im Februar 2002 habe G._______, welcher gute Beziehungen zur Baath-Partei gehabt habe, (...). Er habe sich deshalb bei der Parteiorganisation und beim H._______ über sie beschwert. Sie sei deshalb mehrmals von der Baath-Partei an der I._______ befragt worden. Dabei sei ihr auch ihre religiöse Zugehörigkeit vorgehalten worden. Zudem sei ihr unterstellt worden, zusammen mit anderen Christen eine christliche Gruppierung gegründet zu haben, welche gegen die Behörden sei. Schliesslich sei sie als F._______ entlassen worden, weil ihr Bruder in Haft gewesen sei. Während dessen Haftzeit sei auch ihr Haus von den Behörden konfisziert worden. Da sie wie auch ihr Bruder die Arbeitsstelle und das Haus verloren hätten, hätten sie sich präventiv zur Ausreise entschlossen. Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin eine Zeitschrift, Uni- versitätszeugnisse, den Taufschein sowie eine Bestätigung betreffend Geburt, Taufe und Konfirmation ein. B. Mit Verfügung vom 23. September 2005 stellte das BFM fest, die Be- schwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz. Den Seite 2E-4169/2006 Vollzug der Wegweisung erachtete es als unzumutbar und ordnete die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz an. C. Mit Eingabe vom 25. Oktober 2005 reichte die Beschwerdeführerin bei der damals zuständigen Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) Beschwerde ein und beantragte, die Verfügung des BFM sei aufzuheben und es sei ihr Asyl zu erteilen. Von einer Wegweisung sei abzusehen und es sei ihr die unentgeltliche Rechtspflege zu gewäh- ren. D. Mit Zwischenverfügung vom 28. Oktober 2005 wies die damals zustän- dige Instruktionsrichterin der ARK das Gesuch um Gewährung der un- entgeltlichen Prozessführung ab, und verzichtete antragsgemäss auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. E. Mit Schreiben vom 10. Januar 2008 reichte die Beschwerdeführerin einen Auszug aus einem Bericht des UNHCR ein. F. Das BFM beantragte in der Vernehmlassung vom 9. September 2008 die Abweisung der Beschwerde. Am 15. September 2008 stellte die In- struktionsrichterin des inzwischen neu zuständigen Bundesverwaltungsgerichts der Beschwerdeführerin die Vernehmlas- sung zur Kenntnisnahme ohne Replikrecht zu. G. Mit Zwischenverfügung vom 2. Dezember 2008 unterbreitete der neu zuständige Instruktionsrichter dem BFM, unter Hinweis auf den Wech- sel von der Zurechenbarkeitstheorie zur Schutztheorie, die Akten zu einem weiteren Schriftenwechsel. H. In der Vernehmlassung vom 8. Dezember 2008 beantragte das BFM weiterhin die Abweisung der Beschwerde. I. Mit Zwischenverfügung vom 12. Dezember 2008 stellte der Instruk- tionsrichter der Beschwerdeführerin die Vernehmlassung zur Stellung- nahme zu und fragte sie gleichzeitig an, ob sie allenfalls die Beschwer- Seite 3E-4169/2006 de bezüglich der Flüchtlingseigenschaft und des Asyls zurückziehen möchte. Innert der angesetzten Frist nahm die Beschwerdeführerin mit Replik vom 6. Januar 2009 Stellung und teilte mit, dass sie an der Be- schwerde festhalte. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungs- gericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge- setzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet in die- sem Bereich endgültig (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat am 1. Januar 2007 die Beurtei- lung der am 31. Dezember 2006 bei der ARK hängigen Rechtsmittel übernommen. Das neue Verfahrensrecht ist anwendbar (vgl. Art. 53 Abs. 2 VGG). 1.3 Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teil- genommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungswei- se Änderung und ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist somit einzu- treten (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 48 Abs. 1, Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG). 2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. Seite 4E-4169/2006 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grundsätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine ausländische Person aner- kannt, wenn sie in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen An- schauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachwei- sen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrschein- lichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wider- sprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1 Das BFM lehnte das Asylgesuch ab, da die Vorbringen der Be- schwerdeführerin den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhielten. Zur Begründung führte es aus, für die Bestimmung der Flüchtlingseigenschaft sei der Zeitpunkt des Asylentscheids massgebend. Seit der Ausreise der Beschwerdeführe- rin hätten sich die Verhältnisse im Irak grundlegend geändert. Durch die militärische Intervention der USA und ihrer Verbündeten im Früh- ling 2003 sei das Regime von Saddam Hussein gestürzt worden. Die Koalitionstruppen hätten danach im Irak eine provisorische Über- gangsverwaltung (Coalition Provisional Authority, CPA) eingerichtet, die bis zur Einsetzung einer neuen irakischen Regierung faktisch gro- sse Teile der Regierungsgewalt inne gehabt habe. Im Juli 2003 habe der US-Zivilverwalter Paul Bremer einen 25-köpfigen irakischen Regie- rungsrat (Iraqi Governing Council, IGC) eingesetzt. Dieser habe im September 2003 eine provisorische irakische Regierung bestimmt, der jedoch nur ein begrenztes politisches Mitspracherecht zugekommen sei. Zwischen der CPA und dem IGC sei am 15. November 2003 ein Abkom men unterzeichnet worden, gemäss welchem der endgültige Übergang der Macht an die irakischen Behörden dem Seite 5E-4169/2006 Verfassungsprogamm vorausgehen solle. Ende Juni 2004 sei die formelle Machtübergabe von den Besatzungstruppen an die irakischen Behörden abgeschlossen und die CPA sowie die IGC aufgelöst worden; die provisorische Übergangsverwaltung (SPA) und der provisorisch irakische Regierungsrat (IGS) seien aufgelöst worden. Anfang Juli 2004 habe eine souveräne irakische Übergangsregierung unter Premierminister Iyad Allawi die Regierungsgeschäfte übernommen. Eine Übergangsverfassung sei Ende Februar 2004 zustande gekommen. Ende Januar 2005 seien Wahlen für ein Übergangsparlament durchgeführt worden. Dieses habe eine neue Übergangsregierung unter Premierminister Ibrahim Al-Ja’fari gewählt und werde für die Verabschiedung einer definitiven Verfassung zuständig sein. Damit existiere das alte Verfolgerregime nicht mehr, mithin sei die Furcht der Beschwerdeführerin vor einer Verfolgung durch das Regime Saddam Husseins zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr begründet. Was die Situation der christlichen Minderheit (Chaldäer) im Irak anbe- lange, so habe sich diese nach dem Umsturz des irakischen Regimes ebenfalls verändert. Die Christen sämtlicher Glaubensrichtungen seien gewissen Übergriffen von unbekannter Seite ausgesetzt. Ein rein kri- mineller Hintergrund könne nicht immer ausgeschlossen werden. Es sei bekannt, dass Entführungen und Schutzgelderpressungen seit dem Sturz von Saddam Hussein markant zugenommen hätten. Dies betreffe jedoch die gesamte Bevölkerung im Irak und nicht nur die christliche Minderheit. Christen würden mitunter mit „dem Westen“ und „den Besetzern“ assoziert, aber möglicherweise auch als „Profiteure und Kollaborateure“ des früheren Regimes betrachtet. Die Situation sei indes regional unterschiedlich. Die Beschwerdeführerin sei durch ihre Religionszugehörigkeit und ihre berufliche Tätigkeit weder einer über- durchschnittlichen Exponiertheit ausgesetzt gewesen noch sei von einer solchen zum heutigen Zeitpunkt auszugehen. Im Irak würden heute nach wie vor zahlreiche Christen leben, ohne dass ihnen alleine aus ihrer Religionszugehörigkeit eine Verfolgung drohe. Von einer ge- nerellen Bedrohung der christlichen Minderheit könne auch unter den aktuellen Bedingungen nicht ausgegangen werden. Der Staat unter- nehme alle ihm möglichen Schritte, um dem ihm auferlegten Schutz- auftrag nachzukommen und Übergriffe durch private Dritte zu unterbin- den. Die Nichtgewährung eines umfassenden Personenschutzes dürfe in diesem Zusammenhang nicht als fehlende staatliche Schutzbereit- schaft gewertet werden, sondern sei eine Frage der zur Verfügung ste- Seite 6E-4169/2006 henden Ressourcen. Den Akten sei zudem nicht zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin im heutigen Zeitpunkt befürchten müsse, auf- grund ihrer Religion verfolgt zu werden. Schliesslich könne aus den eingereichten Dokumenten keine Asylrelevanz abgeleitet werden. 4.2 In der Rechtsmitteleingabe wird zunächst die Anwendung der Zu- rechenbarkeitstheorie kritisiert. Sodann wird ausgeführt, die vorin- stanzliche Einschätzung der Lage der Christen sei unzutreffend. Viele irakische Christen würden sich vor Verfolgung durch aufständische Gruppierungen und islamische Milizen fürchten. Aus allen Landestei- len würde immer wieder von Übergriffen und Anschlägen auf Christen und ihre Einrichtungen berichtet. Christliche Frauen würden landesweit zunehmend unter Druck extremistischer Gruppen geraten, da sie sich nicht nach traditionell islamischen Vorschriften kleiden würden. Insbe- sondere seien Akademikerinnen gefährdet. Die irakischen Behörden seien nicht in der Lage, die Zivilbevölkerung wirksam zu schützen. Die Inanspruchnahme der verfassungsmässig garantierten Religionsfrei- heit sei für Nicht-Muslime in der alltäglichen Praxis mit erheblichen Risiken behaftet. Die meisten Vorfälle würden den Behörden nicht ein- mal angezeigt, zumal es Anzeichen dafür gebe, dass sich die staatli- chen Behörden in zunehmendem Masse an den Diskriminierungen re- ligiöser Minderheiten beteiligen würden. Aufgrund der wachsenden Islamisierung würden immer mehr Christen den Irak verlassen. Die Be- schwerdeführerin habe daher begründete Furcht vor künftiger Verfol- gung. 4.3 In der Vernehmlassung vom 8. Dezember 2008 hält das BFM fest, die Frage, ob die Beschwerdeführerin nach dem Wechsel zur Schutz- theorie die Flüchtlingseigenschaft erfülle, könne vorliegend offen ge- lassen werden. Die aus dem Zentralirak (recte: Südirak) stammende Beschwerdeführerin habe die Möglichkeit, sich vor den privaten Verfol- gern im Nordirak in Sicherheit zu bringen, wo sie den Schutz der nordirakischen-kurdischen Sicherheitsbehörden erhalten würde (BVGE 2008/12). Im Profil der Beschwerdeführerin liege nichts vor, das darauf schliessen lassen würde, dass ihr die nordirakischen Behörden den nötigen Schutz vorenthalten würden. Die Frage, ob der Beschwerde- führerin die Inanspruchnahme der innerstaatlichen Fluchtalternative zumutbar sei, wäre unter der Frage der Zumutbarkeit des Wegwei- sungsvollzugs zu prüfen. Die Beschwerdeführerin sei indes bereits vorläufig aufgenommen worden. Seite 7E-4169/2006 4.4 In der Replik betont die Beschwerdeführerin, der Nordirak stelle für sie keine interne Fluchtalternative dar, weshalb ihr Asyl zu gewäh- ren sei. 5. 5.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, aufgrund ihres christlichen Glaubens (Chaldäer) sei sie in ihrem Heimatland asylrelevanter Verfol- gung ausgesetzt. 5.2 In der Rechtsmitteleingabe kritisierte die Beschwerdeführerin vor- weg die Anwendung der Zurechenbarkeitstheorie. Dazu ist festzustel- len, dass die Schweizerischen Asylbehörden in der Zwischenzeit mit Grundsatzurteil vom 8. Juni 2006 (Entscheidungen und Mitteilungen der ARK [EMARK 2006 Nr. 18]) den Wechsel zur Schutztheorie vollzo- gen haben. Insoweit erübrigt sich, auf die entsprechenden Ausführun- gen in der Beschwerde weiter einzugehen. 5.3 5.3.1Für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist nicht alleine der Zeitpunkt der Ausreise aus dem Heimatland, sondern die Situation im Zeitpunkt des Asylentscheides massgebend (vgl. EMARK 2005 Nr. 18 E. 7.1 sowie BVGE 2008/4 E. 5.4). 5.3.2Es steht unbestrittenermassen fest, dass sich die Lage der Christen im Irak seit dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein im Frühling 2003 landesweit erheblich verschlechtert hat. Die Übergriffe auf Angehörige der christlichen Minderheiten konzentrieren sich aber nach den Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts aber vorab auf den Zentral- und Südirak. Viele der dort lebenden Christen waren in der Vergangenheit gezwungen, ihre Heimatregion, unter anderem die Provinz J._______, woher die Beschwerdeführerin stammt, zu verlassen. Ob die Beschwerdeführerin im Südirak asylrelevanter Verfolgung ausgesetzt war beziehungsweise begründete Furcht hat, solcher ausgesetzt zu sein, kann indes in Anbetracht des Wechsels zur Schutztheorie und der nachfolgenden Erwägungen zur Lage im Nordirak offen gelassen werden. 5.3.3Das Bundesverwaltungsgericht hat im Urteil BVGE 2008/4 die aktuelle Situation in den drei nordirakischen Provinzen Dohuk, Suleimaniya und Erbil einer umfassenden Beurteilung unterzogen. Da- bei ist es unter Bezugnahme auf die Schutztheorie zum Schluss ge- kommen, dass die Sicherheits- und Justizbehörden der drei irakisch- Seite 8E-4169/2006 kurdischen Nordprovinzen grundsätzlich in der Lage und willens seien, den Einwohnern - und zwar auch den Angehörigen der im Nordirak ansässigen traditionellen christlichen Gemeinschaften - adäquaten Schutz vor Verfolgung zu gewähren. Die Sicherheits- und Polizeikräfte seien gut dotiert und würden als gut und straff organisiert gelten. Das Rechts- und Justizsystem sei zwar parallel strukturiert und werde teilweise durch die traditionelle Stammesjustiz konkurrenziert, trotzdem könne davon ausgegangen werden, dass Streitigkeiten im Regelfall gerichtlich beigelegt werden könnten. In Bezug auf die drei kurdischen Nordprovinzen könne demnach von einer funktionierenden Schutzinfrastruktur gesprochen werden. Die kurdischen Behörden würden damit den Anforderungen an einen stabilen und dauerhaften Schutzgewährer entsprechen. 5.3.4Weiter führte das Bundesverwaltungsgericht aus, in Anbetracht der relativen Ruhe im Nordirak hätten sich Tausende von irakischen Arabern (sowie auch Christen) in den kurdischen Gebieten in Sicher- heit gebracht. Bei vielen von ihnen handle es sich um freiberufliche Ärzte, Professoren und Ingenieure. Zahlreiche Zuzüger aus dem Süden hätten im Norden auch eine Arbeit gefunden. Das Finanzmi- nisterium, welches von einem christlichen Politiker geleitet werde, un- terstütze christliche Familien. Im Allgemeinen könnten die traditionel- len christlichen Gemeinschaften (Assyrer und Chaldäer) auch auf die Toleranz der muslimischen Mehrheit setzen und würden in der Aus- übung ihrer Religion nicht behindert. Nicht-kurdische Zuzüger in die nordirakischen Provinzen würden zur Einreise und zur Niederlassung allerdings einer Gewährsperson be- dürfen, welche dafür garantiere, dass von der betreffenden Person keine Gefahr ausgehe. In der Praxis sei indes bei alleinstehenden Männern darauf verzichtet worden, wenn die Abklärungen ergeben hätten, dass diese Männer kein Sicherheitsrisiko darstellen würden und sie an ihrem Herkunftsort gefährdet waren (vgl. BVGE 2008/4 E. 6.6.1). Eine abwehrende Haltung der kurdischen Behörden sei gegen- über kritischen Medienschaffenden und oppositionellen Politikern zu beobachten. Betreffend Personen, die das ehemalige Regime aktiv un- terstützt hätten oder für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich zu machen seien, sei der Schutzwille der kurdischen Behörden indes zu bezweifeln. Seite 9E-4169/2006 5.3.5Die Beschwerdeführerin hat sich gemäss ihren eigenen Anga- ben im Irak weder politisch noch religiös engagiert (vgl. A10, S. 19). Beruflich war sie als F._______ tätig. Damit zeigt die Beschwerdeführerin - wie bereits das BFM in der angefochtenen Verfügung und der zweiten Vernehmlassung festgestellt hat - kein Profil, das sie in den Augen der kurdischen Behörden als potenzielle politische Gegnerin erscheinen lassen könnte. Es kann daher offen gelassen werden, ob sie im Norden über eine Gewährsperson verfügt. Damit liegen keine Hinweise auf ein möglicherweise bestehendes Sicherheitsrisiko vor und es ist davon auszugehen, dass der Be- schwerdeführerin die Einreise in den Norden und die dortige Nieder- lassung möglich sind. Aufgrund ihres Profils ist auch nicht von der Ge- fahr einer Diskriminierung aus anderem Grund auszugehen. Die Be- schwerdeführerin könnte demnach in einer der drei Nordprovinzen des Iraks effektiven Schutz vor Verfolgung erlangen. 5.3.6Zusammenfassend ergibt sich, die Beschwerdeführerin die Vor- aussetzungen zur Anerkennung als Flüchtling nicht erfüllt. Die Vorin- stanz hat demnach das Asylgesuch zu Recht abgewiesen. Ob der Be- schwerdeführerin der Verbleib am Zufluchtsort zumutbar ist, ist unter dem Aspekt des Vorliegens eines Wegweisungsvollgzugshindernisses zu prüfen (vgl. nachstehend Ziff. 8, EMARK 1996 Nr. 1). 6. 6.1 Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Ein- heit der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtli- che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 Abs. 1 AsylG; vgl. EMARK 2001 Nr. 21). 7. Das BFM hat die Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 23. Septem- ber 2005 zufolge Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung vor- läufig aufgenommen. Bei dieser Sachlage erübrigen sich diesbezüglich weitere Ausführungen. Einzig ist darauf hinzweisen, dass nach herr- schender Praxis der Wegweisungsvollzug in die Nordprovinzen grund- sätzlich als unzumutbar angesehen wird, wenn die betreffende Person nicht ursprünglich aus dieser Region stammt oder eine längere Zeit Seite 10E-4169/2006 dort gelebt hat und über ein soziales Netz verfügt (vgl. BVGE E-4243/2007 vom 14. März 2008). 8. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Be- schwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwerde- führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG) und auf insgesamt Fr. 600.-- festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsge- richt [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) Seite 11E-4169/2006 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Die Verfahrenskosten von Fr. 600.-- werden der Beschwerdeführerin auferlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3. Dieses Urteil geht an: - die Beschwerdeführerin (Einschreiben; Beilage: Einzahlungsschein) - das BFM, Abteilung Aufenthalt und Rückkehrförderung, mit den Akten Ref.-Nr. N (...) (in Kopie) - das C._______ (in Kopie) Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Kurt Gysi Barbara Balmelli Versand: Seite 12