<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2007 92 S.327</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">327</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>92</b></span> <span class="ft2"><b>Hausdurchsuchung; Zulässigkeit von Durchsuchung einer Wohnung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die Durchsuchung einer Wohnung, mit dem Ziel, darin vermutete Reise-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>oder Identitätspapiere zu erhalten, ist nicht zulässig (Erw. II./4.3.).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Die Durchsuchung eines Schrankes kann jedoch unter Umständen zuläs-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>sig sein (Erw. II./4.4.).</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Entscheid des Präsidenten des Rekursgerichts im Ausländerrecht vom</span><br/> <span class="ft3">22. August 2007 in Sachen Migrationsamt des Kantons Aargau gegen Z.J. be-</span><br/> <span class="ft3">treffend Hausdurchsuchung (1-DU.2007.2).</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Sachverhalt</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">Der Gesuchsteller stellte am 16. August 2007 Antrag auf Durch-</span><br/> <span class="ft1">suchung des vom Gesuchsgegner abgeschlossenen Schrankes in der</span><br/> <span class="ft1">Unterkunft des Kantonalen Sozialdienstes in 4324 Obermumpf,</span><br/> <span class="ft1">Baumgarten 8. Das Gesuch wurde damit begründet, dass das Migra-</span><br/> <span class="ft1">tionsamt dem Inhaftierten vor der Ausschaffung seine persönlichen</span><br/> <span class="ft1">Effekten aushändigen wolle und die Vermutung bestehe, dass sich in</span><br/> <span class="ft1">besagtem Schrank Identitätsdokumente befänden.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">4.3. Bereits in der nationalrätlichen Kommissionsberatung</span><br/> <span class="ft1">stiess Art. 14 Abs. 4 ANAG auf Widerstand. Die Kommissions-</span><br/> <span class="ft1">mehrheit beantragte die Streichung des letzten Teilsatzes, wonach die</span><br/> <span class="ft1">Durchsuchung einer Wohnung zulässig sei, wenn der Verdacht be-</span><br/> <span class="ft1">stehe, dass für das Verfahren benötigte Reise- oder Identitätspapiere</span><br/> <span class="ft1">darin versteckt würden. Eine grössere Kommissionsminderheit bean-</span><br/> <span class="ft1">tragte die gänzliche Streichung von Abs. 4 und lediglich zwei Kom-</span><br/> <span class="ft1">missionsmitglieder wollten dem bundesrätlichen Vorschlag zustim-</span><br/> <span class="ft1">men. Nach einer längeren Diskussion anlässlich der ersten Gesetzes-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Rekursgericht im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">328</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">beratung im Nationalrat erklärte sich Bundesrat Koller bereit, auf den</span><br/> <span class="ft1">letzten Teilsatz von Abs. 4 zu verzichten, obwohl ihm bewusst sei,</span><br/> <span class="ft1">dass die Unmöglichkeit der Papierbeschaffung einer der Haupthinde-</span><br/> <span class="ft1">rungsgründe für die Weg- und Ausweisung sei. Der Variante der</span><br/> <span class="ft1">Kommissionsmehrheit wurde klar zugestimmt (vgl. Stenografisches</span><br/> <span class="ft1">Bulletin des Nationalrates vom 3. März 1994, S. 146-150). Der Stän-</span><br/> <span class="ft1">derat erklärte ohne weitere Diskussion sein Einverständnis zum Be-</span><br/> <span class="ft1">schluss des Nationalrates (vgl. Stenografisches Bulletin des Stände-</span><br/> <span class="ft1">rates vom 8. März 1994, S. 133).</span><br/> <span class="ft1">Aufgrund der intensiven Diskussion im Nationalrat und dem</span><br/> <span class="ft1">klaren Abstimmungsresultat steht ohne Zweifel fest, dass eine</span><br/> <span class="ft1">Durchsuchung von Räumlichkeiten, mit dem Ziel, darin vermutete</span><br/> <span class="ft1">Reise- oder Identitätspapier zu erhalten, nicht zulässig ist und ein</span><br/> <span class="ft1">entsprechender Antrag abgelehnt werden muss.</span><br/> <span class="ft1">Nichts Anderes ergibt sich überdies nach in Kraft treten des</span><br/> <span class="ft1">neuen Ausländergesetzes (AuG) vom 16. Dezember 2005, nachdem</span><br/> <span class="ft1">der Wortlaut des entsprechenden Art. 70 Abs. 2 AuG mit Art. 14 Abs.</span><br/> <span class="ft1">4 ANAG übereinstimmt und Art. 70 AuG weder in der bundesrät-</span><br/> <span class="ft1">lichen Botschaft zum AuG abweichend kommentiert noch in der</span><br/> <span class="ft1">parlamentarischen Beratung diskutiert wurde.</span><br/> <span class="ft1">4.4. Fraglich ist, ob die vorliegend beantragte Schranköffnung</span><br/> <span class="ft1">überhaupt unter Art. 14 Abs. 4 ANAG zu subsumieren ist. Sinn und</span><br/> <span class="ft1">Zweck von Art. 14 Abs. 4 ANAG ist es, weg- oder auszuweisende</span><br/> <span class="ft1">Ausländer ergreifen zu können, wenn der Verdacht besteht, dass sie</span><br/> <span class="ft1">sich in einer Wohnung oder in Räumlichkeiten aufhalten, zu denen</span><br/> <span class="ft1">das Migrationsamt bzw. die vom Migrationsamt beauftragte Kan-</span><br/> <span class="ft1">tonspolizei nicht ohne weiteres Zutritt hat. Da eine Durchsuchung</span><br/> <span class="ft1">von Räumlichkeiten in der Regel die Grundrechte Dritter beschlägt,</span><br/> <span class="ft1">bedarf sie einer richterlichen Bewilligung, wobei der Richter eine</span><br/> <span class="ft1">Abwägung der einander gegenüberstehenden öffentlichen und pri-</span><br/> <span class="ft1">vaten Interessen vorzunehmen hat und die Bewilligung nur erteilen</span><br/> <span class="ft1">darf, wenn das öffentliche Interesse überwiegt. Liegt das Einver-</span><br/> <span class="ft1">ständnis des Besitzers der Räumlichkeit vor, bedarf es keiner richter-</span><br/> <span class="ft1">lichen Zustimmung für die Durchsuchung. Dies gilt sowohl für den</span><br/> <span class="ft1">Fall, dass Räumlichkeiten durchsucht werden sollen, um einen weg-</span><br/> <span class="ft1">oder auszuweisenden Ausländer zu ergreifen als auch für den Fall,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2007</span> <span class="title">Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht</span> <span class="page_no">329</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">dass in den Räumlichkeiten nach Identitäts- oder Reisepapieren ge-</span><br/> <span class="ft1">sucht werden soll.</span><br/> <span class="ft1">Da das Migrationsamt gemäss Art. 14 Abs. 3 ANAG (bzw.</span><br/> <span class="ft1">künftig gemäss Art. 72 Abs. 1 AuG) berechtigt ist, während eines</span><br/> <span class="ft1">laufenden Aus- oder Wegweisungsverfahrens Sachen eines Auslän-</span><br/> <span class="ft1">ders, die er mitführt, zur Sicherstellung von Reise- und Identitätspa-</span><br/> <span class="ft1">pieren zu durchsuchen, ist der betroffene Ausländer verpflichtet,</span><br/> <span class="ft1">seine Sachen durchsuchen zu lassen. Ist der betroffene Ausländer</span><br/> <span class="ft1">nicht in der Lage, zu durchsuchende abgeschlossene Behältnisse zu</span><br/> <span class="ft1">öffnen, weil er angeblich oder effektiv die dazu notwendigen Schlüs-</span><br/> <span class="ft1">sel oder Zahlenkombination verloren oder vergessen hat, muss er</span><br/> <span class="ft1">sich die gewaltsame Öffnung der Behältnisse gefallen lassen. Dies</span><br/> <span class="ft1">gilt auch für einen zu durchsuchenden abgeschlossenen Schrank.</span><br/> <span class="ft1">Voraussetzung für die Durchsuchung eines Schrankes oder an-</span><br/> <span class="ft1">derer Sachen, die sich in Räumlichkeiten befinden, ist aber immer</span><br/> <span class="ft1">das Einverständnis des Besitzers der Räumlichkeiten.</span><br/> <span class="ft1">Wurde der betroffene Ausländer in einer kollektiven kantonalen</span><br/> <span class="ft1">Unterkunft für Asylbewerber untergebracht, ist das Einverständnis</span><br/> <span class="ft1">des Kantonalen Sozialdienstes einzuholen, wonach die Kantonspoli-</span><br/> <span class="ft1">zei mit der Durchsuchung der Räumlichkeiten beauftragt werden</span><br/> <span class="ft1">darf. Bewohnt der betroffene Ausländer eine eigene Wohnung, darf</span><br/> <span class="ft1">diese wohl nur mit seinem persönlichen Einverständnis durchsucht</span><br/> <span class="ft1">werden.</span><br/></div> </div> </body> </html>