B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-4709/2019 U r t e i l v o m 2 0 . A p r i l 2 0 2 0 Besetzung Richter Jürg Marcel Tiefenthal (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Gerichtsschreiber Linus Sonderegger. Parteien A._______, geboren am (…), Irak, vertreten durch lic. iur. Kathrin Stutz, Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende (ZBA), (…), Beschwerdeführerin, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 20. August 2019 / N (…). D-4709/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin gelangte zusammen mit ihrem Ehemann B._______ (nachfolgend: B._______) und den gemeinsamen Kindern C._______ und D._______ (nachfolgend: Kinder) am 17. August 2016 in die Schweiz und suchte am Tag darauf um Asyl nach. B. Sie und A.H. wurden am 26. August 2016 zu ihrer Person, dem Reiseweg sowie summarisch zu den Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]). Am 4. Dezember 2016 wurden sie eingehend zu ihren Asylgründen angehört. Die Beschwerdeführerin begründete ihr Asylgesuch im Wese ntlichen da- mit, dass sie wegen ihrer kritischen journalistischen Tätigkeit bedroht wor- den sei. Im vorinstanzlichen Verfahren reichte die Beschwerdeführerin Kopien von Identitätsdokumenten, eine Kopie eines Diploms, eine Hausarbeit, zwei Online-Artikel, die Ausgabe einer Zeitung aus dem Jahre 2011, eine Kopie eines Textes über Zensur sowie eine Aufnahme eines Drohanrufs ein. C. Am (…) kam das dritte gemeinsame Kind (E._______) zur Welt. D. Mit Verfügung vom 9. August 2019 lehnte das SEM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin und A.H. sowie der Kinder ab und ordnete die Weg- weisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. E. Am 16. August 2019 teilte das kantonale Migrationsamt dem SEM mit, dass die Beschwerdeführerin und B._______ getrennt leben würden und sich daher nicht mehr an derselben Wohnadresse befänden. F. Mit Verfügung vom 20. August 2019 (Eröffnung am 21. August 2019) stellte das SEM fest, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Das SEM führte in der Verfügung aus, dass ihr aufgrund des Wohnungswechsels die Verfügung vom 9. August 2019 D-4709/2019 Seite 3 nicht habe eröffnet werden können, weshalb eine neue Verfügung ergan- gen sei, während erstere in Bezug auf B._______ und die Kinder weiterhin Gültigkeit habe. G. Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 13. September 2019 focht die Be- schwerdeführerin die Verfügung des SEM vom 20. August 2019 beim Bun- desverwaltungsgericht an. Sie beantragte die Aufhebung der angefochte- nen Verfügung und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur er- neuten Entscheidung. Dabei habe das SEM das Verfahren der Beschwer- deführerin und ihrer Kinder vereint und getrennt von B._______ zu behan- deln. Eventualiter sei die Flüchtlingseigenschaft fe stzustellen und Asyl zu gewähren. Subeventualiter sei die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll- zugs festzustellen und eine vorläufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung und amtlichen Verbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit aArt. 110a AsylG (SR 142.31) ersucht. Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin das Urteil betreffend Ehe- schutz des Bezirksgerichts (…) 2018, drei Austrittsberichte (…) 2019 be- treffend die drei Kinder, einen Bericht der Privatklinik (…) 2019, einen Be- richt der Klinik (…) 2019, einen Entscheid der Kindes- und Erwachsenen- schutzbehörde (KESB) (…) 2019 und Auszüge aus Facebook ein. H. Mit Zwischenverfügung vom 7. Oktober 2019 verzichtete das Bundesver- waltungsgericht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und verschob den Entscheid über die unentgeltliche Prozessführung und amtliche Rechtsverbeiständung mangels Nachweises der Bedürftigkeit auf einen späteren Zeitpunkt. I. Mit Vernehmlassung vom 15. November 2019 äusserte sich das SEM zur Beschwerdeschrift, worauf die Beschwerdeführerin am 3. Dezember 2019 replizierte. Mit der Replik wurden Fotos sowie Screenshots von WhatsApp eingereicht. D-4709/2019 Seite 4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per- son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS 2016 3101); f ür das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be- schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Die Beschwerdeführerin wendete in ihrer Beschwerdeschrift in formel- ler Hinsicht ein, dass sie mit dem Eheschutzentscheid die Obhut über die Kinder zugesprochen erhalten habe. Trotzdem habe das SEM lediglich ei- nen Entscheid betreffend sie (Beschwerdeführerin) erlassen, während hin- sichtlich der Kinder im Verfahren von B._______ verfügt worden sei. Sie D-4709/2019 Seite 5 und ihre Kinder hätten Anspruch auf einen eigenen Entscheid und es sei unverständlich, wieso das SEM lediglich betreffend sie, nicht aber bezüg- lich der Kinder am 20. August 2019 eine neue Verfügung erlassen habe. Die Verfügung vom 20. August 2019 sei zudem einfach um die Ausführun- gen betreffend B._______ gekürzt worden. Ihre Situation und die ihrer Kin- der bezüglich einer Rückkehr sei nicht separat gewürdigt worden. Durch die gerichtliche Trennung und die Eheschutzmassnahmen ergebe sich hin- sichtlich des Wegweisungsvollzugs eine völlig neue Situat ion. Sie sei ob- hutsberechtigt und werde durch B._______ massiv bedroht. Als alleiner- ziehende Mutter hätte sie in der Gesellschaft der Autonomen Region Kur- distan eine schwierige Stellung und wäre der Gewalt seitens B._______ schutzlos ausgeliefert. In der Verfügung habe das SEM nur kurz erwähnt, dass die Verfügung vom 9. August 2019 in Bezug auf B._______ und die Kinder ihre Gültigkeit behalte, was rechtlich nicht sein könne, da in dieser Verfügung auch die Beschwerdeführerin im Rubrum aufgeführt sei, wie auch die Kinder, welche in die neue Verfügung nicht mehr aufgenommen worden seien. Aufgrund dieser Mängel sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache sei zur neuen Beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. 3.2 Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Verfügung vom 20. August 2019 hätte sich auch auf die Kinder erstrecken müssen, da sie die Obhut über diese innehabe. Ferner hätte das SEM die gegenüber der Verfügung vom 9. August 2019 aufgrund der Ehetrennung geänderte Situation betref- fend die Kinder in der neuen Verfügung ebenfalls berücksichtigen müssen. Damit wird implizit eine Verletzung der Begründungspflicht respektive eine mangelhafte Ermittlung des Sachverhalts geltend gemacht. 4. Gemäss Eheschutzurteil vom (…) besitzen die Ehegatten zwar die gemein- same elterliche Sorge. Die Obhut über die gemeinsamen Kinder wurde je- doch der Beschwerdeführerin allein zugesprochen. In solchen Konstellati- onen ist hinsichtlich der Kinder aber zwingend in der Verfügung betreffend den obhutsb erechtigten Elternteil zu verfügen, zumal diese Verfügung Grundlage für eine gemeinsame (zwangsweise) Rückführung darstellt und die Verfügung somit diejenigen Personen umfassen muss, welche zusam- menleben und die Schweiz gemeinsam zu verlassen haben. Dies ist vor- liegend nicht geschehen, wodurch die Vorinstanz Bundesrecht verletzt. D-4709/2019 Seite 6 5. 5.1 Die angefochtene Verfügung vermag auch der Begründungspflicht nicht zu genügen. Aus der Begründungspflicht als Teilgehalt des rechtli- chen Gehörs, ergibt sich, dass die Abfassun g der Begründung dem Be- troffenen ermöglichen soll, den Entscheid sachgerecht anzufechten, was nur der Fall ist, wenn sich sowohl der Betroffene als auch die Rechtsmitte- linstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können. Die Begründungsdichte richtet sich dabei nach dem Verfügungsgegenstand, den Verfahrensumständen und den Interessen des Betroffenen, wobei bei schwerwiegenden Eingriffen in die rechtlich geschützten Interessen des Betroffenen – und um solche geht es bei Verfahren betreffend As yl und Wegweisung – eine sorgfältige Begründung verlangt wird (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1; BVGE 2008/47 E. 3.2). 5.2 Das SEM begründet die Anordnung des Wegweisungsvollzugs damit, dass keine Anhaltspunkte ersichtlich seien, wonach die Beschwerdeführe- rin bei einer Rückkehr mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Misshandlung drohen könnte, weshalb der Vollzug zulässig sei. Zur Zumutbarkeit wurde erwogen, dass die Beschwerdeführerin über einen Hochschulabschluss, Berufserfahrung sowie ein grosses Beziehungsnetz verfüge. Der nunmehr getrenntlebende Ehemann B._______, welcher ebenfalls die Schweiz verlassen müsse, besitze ebenfalls eine solide Schulbildung, Berufserfahrung sowie ein Beziehungsnetz. Die Beschwer- deführerin und B._______ hätten die gemeinsame elterliche Sorge über die Kinder inne und es sei ihnen gelungen, die Betreuung ausgeglichen zu organisieren. 5.3 In der Beschwerdeschrift wurde diesbezüglich eingewendet, die Be- schwerdeführerin habe grosse Schwierigkeiten mit B._______ und sie sei bereits mehrmals von ihm geschlagen worden. Sie habe deswegen gegen ihn Anzeige erstattet. Gegenüber den Kindern und der Beschwerdeführerin trete er sehr aggressiv auf. Die Beschwerdeführerin habe den Eheschutz beantragt, da es zu meh reren gewalttätigen Vorfällen seitens B._______ gekommen sei. Die Kinder hätten mit Entscheid der KESB (…) 2018 not- fallmässig fremdplatziert werden müssen. Die Beschwerdeführerin sei bei B._______s Familie in Ungnade gefallen. Gemäss Erkenntnissen des Amts des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) seien alleinstehende Mütter und ihre Kinder im Nordirak mit gesellschaftli-D-4709/2019 Seite 7 cher Ausgrenzung und Stigmatisierung konfrontiert. Es sei zwar zu ver- schiedenen Reformen gekommen, um Frauen besser vor Gewalt zu schüt- zen. Trotz dieser Bemühungen sei geschlechtsspezifische Gewalt weiter- hin hoch, was auf eine mangelhafte Umsetzung der Reformen sowie auf die vorwiegend patriarchalischen Geschlechtsnormen zurückzuführen sei. Für eine geschiedene Frau sei e in Leben in der kurdischen Gesellschaft somit schwierig. Eine gut ausgebildete Frau könne zwar in einer Stadt le- ben, aber nur, soweit sie keinen Ehrenkonflikt mit der Familie habe. Die Beschwerdeführerin würde bei einer Rückkehr massiven Drohungen sei- tens B._______ und dessen Familie ausgesetzt sein, welchen sie schutz- los ausgeliefert wäre. 5.4 Diesen Ausführungen erwiderte das SEM in der Vernehmlassung, dass den eingereichten Akten zu entnehmen sei, dass sich die Beschwerdefüh- rerin und B._______ im (…) 2018 nach Vorfällen häuslicher Gewalt ge- trennt hätten. Nachdem es im (…) 2018 erneut zu einer Konfliktsituation gekommen sei, habe sich die Beschwerdeführerin in stationäre psychiatri- sche Behandlung begeben. Die Kinder seien in dieser Zeit fremdplatziert worden. Nach Austritt der Beschwerdeführerin sei sie mit ihren Kindern in ihre Wohnung zurückgekehrt. Dem Bericht der KESB sei zu entnehmen, dass B._______ das Besuchsrecht für die Kinder wieder zugesprochen worden sei und er sich laut Vereinbarung an zwei Tagen pro Woche um die Kinder kümmere. Auch wenn das Verhältnis der Eheleute im Januar 2019 als angespannt beschrieben worden sei, würden sich den Akten keine Be- lege dafür entnehmen lassen, dass das getroffene Arrangement mittler- weile aufgehoben worden oder es erneut zu konkreten Vorfällen zwischen den Eheleuten gekommen wäre. Den Akten sei insbesondere nicht zu ent- nehmen, dass die Beschwerdeführerin strafrechtliche Massnahmen gegen B._______ eingeleitet hätte oder Schutzmassnahmen wie ein Annähe- rungs- oder Kontaktverbot erlassen worden wären. Soweit sie geltend ma- che, sie werde immer noch vom B._______ und dessen Familie bedroht, handle es sich lediglich um eine unsubstanziierte Behauptung. Im eingereichten Arztbericht vom (…) 2019 finde sich der Hinweis, dass sie bei ihrer eigenen Familie in Ungnade gefallen sei. Dabei handle es sich aber um eine Behauptung, welche im Rahmen des therapeutischen Ge- sprächs nicht auf Glaubhaftigkeit geprüft worden sei. Umso mehr erstaune der Umstand, dass in der Beschwerde noch keinerlei Probleme mit der ei- genen Familie angerufen worden seien und es seien keine entsprechen- den Belege dafür eingereicht worden. Den Akten würden sich keine An-D-4709/2019 Seite 8 haltspunkte dafür entnehmen lassen, dass sie aus einem sehr konservati- ven Elternhaus stamme. So falle auf, dass sowohl sie als auch ihre Schwestern eine Ausbildung absolviert hätten und berufstätig gewesen seien. Dem Arztbericht sei ferner zu entnehmen, dass ihre Mutter nach dem Tod des Vaters nicht wieder geheiratet habe, sondern selbst für ihre Kinder gesorgt habe. Die Mutter habe sich auch gegen die Eheschliessung der Beschwerdeführerin ausgesprochen. Letztere habe sich aber durch- setzen können und es lägen keine Hinweise darauf vor, dass es aufgrund ihrer selbst getroffenen Lebensentscheidungen zu Schwierigkeiten mit der eigenen Familie gekommen wäre. 5.5 In der Replik wendete die Beschwerdeführerin ein, dass eine Mitarbei- terin der Gemeinde ein Scheidungsbegehren mit den Ehegatten verfasst habe, welches beim Gericht e ingereicht worden sei. Gegenüber Dritten trete B._______ stets freundlich auf und er habe das Begehren auch un- terzeichnet. Kaum hätten er und die Beschwerdeführerin das Büro aber verlassen, habe er sie massiv bedroht. B._______ bedrohe, stalke und be- leidige die Beschwerdeführerin. Er schicke private Videoaufnahmen und Fotos der Beschwerdeführerin, welche er früher aufgenommen habe, an ihre Familie und behaupte, sie führe ein freizügiges Leben, verhalte sich wie eine Prostituierte, laufe nur in leichten Klei dern in der Öffentlichkeit herum und habe verschiedene Männer. Ihre Familie sei sehr wütend auf sie und bedrohe sie, da sie angeblich gegen die Kultur verstossen habe. Die Beschwerdeführerin trage kein Kopftuch. B._______ gebe gegenüber ihrer Familie an, sie habe ein Scheidungsbegehren eingereicht, da sie ei- nen anderen Mann habe und mit anderen Männern schlafe, damit sie eine Aufenthaltsbewilligung erhalte. Er verfolge und filme sie, wie sie nicht tra- ditionsgemäss angezogen sei. Das Besuchsrecht betreffend die Kinder nehme er zwar wahr, aber wie es ihm beliebe. In der Wohnung komme es immer zu Streit und er schlage sie so hart, dass die Nachbarin zu Hilfe eilen müsse. Die Polizei sei informiert und sie informiere auch ihre Sozial- betreuerin über B._______s Tätlichkeiten. Sie mache von ihren Verletzun- gen Fotos. Auch per WhatsApp und SMS werde sie durch B._______ be- droht. Sie werde sowohl von ihm und seiner Familie als auch von ihrem Bruder und ihrem Onkel im Irak bedroht, da sie Schande über die Familie gebracht habe. 5.6 Die angefochtene Verfügung wie auch die Vernehmlassung setzen sich nur oberflächlich mit der komplexen und konfliktgeladenen Familiensitua- tion und deren Auswirkungen auf das Kindeswohl auseinander. Ferner kann sich gemäss aktueller Praxis der Vollzug der Wegweisung in die vier D-4709/2019 Seite 9 Provinzen der Autonomen Region Kurdistan insbesondere für Familien mit Kindern oder für alleinstehende Frauen problematisch erweisen (vgl. Re- ferenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-3737/2015 vom 14. Dezem- ber 2015 E. 7.4.5 unter Hinweis auf BVGE 2008/5 E. 7.5.8). Die Beschwer- deführerin, welche getrennt respektive geschieden von B._______ und mit ihren Kindern zurückkehren müsste, fällt unter diese Kategorie von Perso- nen. Eine Auseinandersetzung mit dieser Problematik fehlt jedoch in der angefochtenen Verfügung, weshalb zusammenfassend festzuhalten ist, dass die Verfügung auch die Begründungspflicht verletzt. 6. In diesem Zusammenhang ist dem SEM zudem eine mangelhafte Ermitt- lung des Sachverhaltes respektive Verletzung des Untersuchungsgrund- satzes vorzuwerfen. Der Untersuchungsgrundsatz verlangt, dass die Be- hörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts sorgt, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen beschafft, die rechtlich relevanten Umstände abklärt und ord- nungsgemäss darüber Beweis führt. Eine Sachverhaltsfeststellung ist un- richtig, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zu- grunde gelegt wird, oder wenn Beweise unzutreffend gewürdigt wurde n. Unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid wesentlichen Sa- chumstände berücksichtigt werden (vgl. BVGE 2016/2 E. 4.3). Der Unter- suchungsgrundsatz gilt aber nicht uneingeschränkt, zumal er sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht des Asylsuchenden findet (vgl. Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG). Die entscheidende Behörde darf sich trotz des Untersu- chungsgrundsatzes in der Regel darauf beschränken, die Vorbringen der Asylbewerber zu würdigen und die von ihnen angebotenen Beweise abzu- nehmen, ohne we itere Abklärungen vornehmen zu müssen (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1). Das SEM hat es trotz Kenntnis der Ehetrennung versäumt, Untersuchungen hinsichtlich der relevanten Sachumstände, welche sich aus dieser Trennung ergeben, anzustrengen. 7. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das SEM den Sachverhalt man- gelhaft festgestellt und den Untersuchungsgrundsatz sowie die Begrün- dungspflicht verletzt hat. Die Beschwerde ist gutzuheissen. 8. 8.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge- richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an D-4709/2019 Seite 10 die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge- stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren d urchzufüh- ren ist ( PHILIPPE WEISSENBERGER/ASTRID HIRZEL, in: Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 61 N 16 S. 1264). Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar auch durch die Beschwer- deinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozess- ökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie muss dies aber nicht (vgl. EMARK 2004 Nr. 38 E. 7.1). 8.2 Im vorliegenden Fall ist es angezeigt, die Sache zur ergänzenden Sachverhaltsermittlung und erneuten Entscheidung an das SEM zurückzu- weisen. Die Kinder sind vom SEM dabei ins Verfahren der Beschwerdeführerin auf- zunehmen. Es erfolgt der Hinweis, dass die Beschwerde gegen die Verfü- gung vom 9. August 2019, welche die Kinder noch zusammen mit B._______ behandelte, mit am heutigen Datum ergangenen Urteil D - 4583/2019 ebenfalls aufgehoben und zur erneuten Entscheidung an die Vorinstanz zurückgewiesen wurde. Das SEM hat die mit der Trennung (oder der allenfalls bereits vorliegenden Scheidung) zusammenhängenden Umstände mit Auswirkunge n auf den Wegweisungsvollzug, insbesondere auch die Anzeichen häuslicher Ge- walt, umfassend abzuklären und gestützt darauf erneut zu entscheiden (vgl. dazu auch Urteil des BVGer E -4962/2019 vom 2. Dezember 2019 E. 5.2). Hinsichtlich der rechtsgenüglichen Er stellung des Sachverhalts kann auf den Bericht der KESB Dübendorf vom (…) 2019 hingewiesen werden. Die- sem ist zu entnehmen, dass es im Zuge der Trennung der Ehegatten zu Konflikten gekommen sei. Das Verhältnis sei angespannt und es gebe An- zeichen auf Vorfä lle häuslicher Gewalt. Am (…) 2018 seien die Kinder fremdplatziert worden, um ihnen während des stationären Aufenthalts der Kindsmutter die notwendige Betreuung und Fürsorge zu gewähren. Auf- grund der gesundheitlichen Verfassung des Beschwerdeführers zu diesem Zeitpunkt sei eine Betreuung durch ihn damals nicht angezeigt gewesen. Nach dem Klinikaustritt der Mutter hätten die Kinder zu ihr zurückkehren können, weshalb den Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht wieder er- teilt worden sei. Die KESB ordnete ferner eine Beistandschaft nach Art. 308 Abs. 1 und 2 ZGB an, und beauftragte die Beiständin damit, den Kindsel- tern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, für das Wohl der Kinder besorgt D-4709/2019 Seite 11 zu sein und alle in diesem Zusammenhang notwendigen Vorkehrungen zu treffen, sowie als Ansprechperson für alle involvierten Fachpersonen zu fungieren. Sie solle mit der Kindsmutter mögliche Entlastungsmassnah- men besprechen und bei Bedarf entsprechende Anträge an die Behörden stellen, sowie die weitere schulische und berufliche Entwicklung der Kinder begleiten und fördern. Weiter sei es ihre Aufgabe, zusammen mit den Kind- seltern festzulegen, wann die Besuchskontakte von B._______ stattfän- den, die Kinder bei der Ausübung der persönlichen Kontakte zu B._______ zu unterstützen und für die Überwachung des festgelegten persönlichen Verkehrs und für die Vermittlung im Konfliktfall besorgt zu sein. Das SEM hat daher insbesondere die Akten der KESB betreffend sämtliche Kinder beizuziehen und allenfalls die Beiständin zur Stellungnahme einzuladen. Ebenfalls abzuklären sind die in zahlreichen Arztberichten dokumentierten medizinischen Leiden der Beschwerdeführerin. Ferner hat sich das SEM mit der Problematik der Rückkehr alleinstehender Frauen mit Kindern aus- einanderzusetzen. 8.3 Die Verfügung des SEM vom 20. August 2019 ist folglich aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. 9. 9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 3 VwVG). Der Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Pro- zessführung wird dadurch gegenstandslos. 9.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 37 VGG kann der obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädi- gung für die ihr erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten zugesprochen werden (vgl. Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Feb- ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal- tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 9.3 Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht, weshalb die not- wendigen Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Die von der Vorinstanz auszurichtende Parteient- schädigung wird in Anwendung der genannten Bestimmungen und unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren demnach von Amtes wegen auf insgesamt Fr. 1'100.– festgelegt. D-4709/2019 Seite 12 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Verfügung des SEM vom 20. August 2019 wird aufgehoben und die Sache im Sinne der Erwägungen zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu- rückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4. Der Beschwerdeführerin wird eine Parteientschädigung von Fr. 1'100.– zu- gesprochen, die ihr durch das SEM zu entrichten ist. 5. Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Jürg Marcel Tiefenthal Linus Sonderegger Versand: