Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Sozialversiche- rungsrecht vom 29. Mai 2018 (715 16 83 / 136) ____________________________________________________________________ Arbeitslosenversicherung Das Verschulden bei einer fristlosen Kündigung wiegt objektiv betrachtet schwerer als bei einer ordentlichen; nachträgliche Anpassung des Sanktionsmasses bei einem Frei- spruch des Beschwerdeführers oder bei einer Einstellung des Strafverfahrens Besetzung Präsidentin Eva Meuli, Gerichtsschreiber Pascal Acrémann Parteien A.____ , Beschwerdeführer , vertreten durch Pascal Riedo , Advokat , Hauptstrasse 54, 4132 Muttenz gegen Öffentliche Arbeitslosenkasse Baselland , Bahnhofstrasse 32, Postfach, 4133 Pratteln, Beschwerdegegnerin Betreff Einstellung in der Anspruchsberechtigung A. Der 1960 geborene A.____ war seit dem 4. Januar 1988 bei der B.____AG als Verant- wortlicher für die Administration und die Finanzen tätig. Am 24. Juni 2015 kündigte die Arbeit- geberin das Arbeitsverhältnis fristlos und reichte am 29. Oktober 2015 eine Strafanzeige gegen A.____ ein. Am 3. Juli 2015 meldete er sich beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) X.____ zur Arbeitsvermittlung an und erhob ab 1. Ju li 2015 Anspruch auf Arbeitslosenentschä- digung. Mit Verfügung vom 14. Oktober 2015 stellte die Öffentlichen Arbeitslosenkasse Basel- Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht land (Arbeitslosenkasse) A.____ ab dem 25. Juni 2015 weg en selbstverschuldeter Arbeitslosig- keit für 54 Tage in der Anspruchsberechtigung ein. Dara n hielt sie auch auf Einsprache des Versicherten hin mit Entscheid vom 8. Februar 2016 fest. Zur Begründung machte sie im We- sentlichen geltend, A.____ habe durch sein Verhalten seine Arbeitslosigkeit in grober Weise selbst verschuldet. Selbstverschuldete Arbeitslosigkeit werde praxisgemäss mit 36 Einstelltagen sanktioniert. Verschuldenserschwerend komme hinzu, dass er zu einer fristlosen Kündigung Anlass gegeben habe und ein strafrechtlich relevantes Ve rhalten vorliege, was zusätzliche acht bzw. zehn Einstelltage rechtfertige. B. Hiergegen erhob A.____, vertreten durch Advokat Pa scal Riedo, am 9. März 2016 Be- schwerde beim Kantonsgericht Basel-Landschaft, Abteilun g Sozialversicherungsrecht (Kan- tonsgericht). Er beantragte, in Gutheissung der Beschw erde sei der Einspracheentscheid vom 8. Februar 2016 aufzuheben. Anstelle der verfügten 54 Tage sei er lediglich für 31 Tage in der Anspruchsberechtigung einzustellen. Eventualiter sei die Angelegenheit zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen; unter o/e-Kostenfolge. Zu r Begründung hielt er im Wesentli- chen fest, dass ein strafrechtlich relevantes Verhalten nich t erstellt und die Höhe der erfolgten Einstellung unverhältnismässig hoch sei. Unter Berücksichtig ung aller Umstände sei die Ein- stelldauer auf 31 Tage zu reduzieren. C. In ihrer Vernehmlassung vom 25. Mai 2016 schloss die B eschwerdegegnerin auf Abwei- sung der Beschwerde. D. Mit Verfügung vom 14. Juni 2016 sistierte die instrui erende Präsidentin des Kantonsge- richts, Abteilung Sozialversicherungsrecht, das vorliegende Verfahren aus verfahrensökonomi- schen Gründen und wegen der Gefahr von sich wiedersprechenden Urteilen bis zum rechtskräf- tigen Abschluss des Strafverfahrens. Daran hielt sie auch a uf Intervention des Beschwerdefüh- rers hin mit Verfügungen vom 10. August 2016 und 14. Dezember 2016 fest. E. Nachdem die fallführende Staatsanwältin der Staats anwaltschaft des Kantons Basel- Stadt das Kantonsgericht am 9. Januar 2018 darüber inf ormierte, dass der abzuklärende Sach- verhalt aufwändig sei und sich ein Verfahrensende nicht prognostizieren lasse, wurde die Sistie- rung – in Anbetracht des im Sozialversicherungsverfahren g eltenden Grundsatzes des einfa- chen und raschen Verfahrens – mit Verfügung vom 16. Janu ar 2018 aufgehoben und der Fall dem Präsidium zur Beurteilung überwiesen. F. Mit Eingabe vom 22. Mai 2018 bestätigte die fallf ührende Staatsanwältin, dass mit ei- nem Abschluss des Verfahrens im Jahr 2018 mit Sicherheit nicht gerechnet werden könne. Ein deliktisches Verhalten von A.____ sei bis heute nicht bewiesen. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht G. Anlässlich der Parteiverhandlung vom 29. Mai 2018, an welcher der Beschwerdeführer befragt wurde, hielten die Parteien an den gestellten Anträgen fest. Die Präsidentin zieht i n E r w ä g u n g : 1.1 Gemäss Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die o bligatorische Arbeitslosenver- sicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG) vom 25. Jun i 1982 in Verbindung mit den Art. 56 und 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 kann gegen Einspracheentschei de aus dem Bereich der Arbeits- losenversicherung Beschwerde beim kantonalen Versicherungsge richt erhoben werden. Örtlich zuständig ist nach Art. 100 Abs. 3 AVIG i.V.m. Art. 128 Abs. 1 sowie Art. 119 Abs. 1 lit. a und Abs. 2 der Verordnung über die obligatorische Arbeitslo senversicherung und die Insolvenzent- schädigung (AVIV) vom 31. August 1983 das Versicherungsgericht desjenigen Kantons, in dem die versicherte Person zur Zeit des Verfügungserlasses die Kontrollpflicht erfüllt. Vorliegend kam der Beschwerdeführer seinen Kontrollpflichten im Ka nton Basel-Landschaft nach, weshalb die örtliche Zuständigkeit des Kantonsgerichts zu bejahen ist. Laut § 54 Abs. 1 lit. a des Geset- zes über die Verfassungs- und Verwaltungsprozessordnung ( VPO) vom 16. Dezember 1993 beurteilt das Kantonsgericht als Versicherungsgericht als einzige gerichtliche Instanz des Kan- tons Beschwerden gegen Einspracheentscheide der Versicheru ngsträger gemäss Art. 56 ATSG. Auf die im Übrigen frist- und formgerecht erho bene Beschwerde des Versicherten vom 9. März 2016 ist demnach einzutreten. 1.2 Gemäss § 55 Abs. 1 VPO entscheidet die präsidierend e Person der Abteilung Sozial- versicherungsrecht des Kantonsgerichts Streitigkeiten bis zu einem Streitwert von Fr. 10'000.-- durch Präsidialentscheid. Vorliegend anerkennt der Beschw erdeführer eine Einstellung in der Anspruchsberechtigung zufolge selbstverschuldeter Arbeitslo sigkeit im Umfang von 31 Tagen. Streitig ist einzig, ob die Beschwerdegegnerin das Sankti onsmass zufolge der fristlosen Kündi- gung und eines (allfälligen) strafrechtlich relevanten Verhaltens zu Recht auf 54 Einstelltage erhöhte. Bei einem Taggeld von Fr. 338.70 beläuft sich der Streitwert somit auf Fr. 7‘790.10 (23 Taggelder à Fr. 338.70), weshalb die Angelegenheit präsidial zu entscheiden ist. 2.1 Nach Art. 17 Abs. 1 AVIG muss die versicherte Person a lles Zumutbare unternehmen, um eine Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu verkürzen (Sch adenminderungspflicht; vgl. BGE 114 V 285 E. 3, 111 V 239 E. 2a, 108 V 165 E. 2 a). Kommt sie dieser Verpflichtung nicht nach, kann die zuständige Arbeitslosenkasse eine Einstell ung in der Anspruchsberechtigung verfügen (vgl. Art. 30 AVIG). Die Einstellung hat die Funktion einer Haftungsbegrenzung der Versicherung für Schäden, die die versicherte Person hätt e vermeiden oder vermindern kön- nen. Als Verwaltungssanktion ist sie vom Gesetzmässigkeits-, Verhältnismässigkeits- und Ver- schuldensprinzip beherrscht (T HOMAS NUSSBAUMER , in: Schindler/ Tanquerel/Tschannen/Uhl- mann, Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht, Soziale Sicherheit, Arbeitslosenversicherung, 3. Aufl., Basel 2016, Rz. 828). Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht 2.2 Gemäss Art. 30 Abs. 1 lit. a AVIG ist eine versichert e Person in der Anspruchsberechti- gung einzustellen, wenn sie durch eigenes Verschulden arbeitslos geworden ist. Dieser Tatbe- stand erfasst Verhaltensweisen der versicherten Person, die kausal für den Eintritt der Arbeits- losigkeit sind und eine Verletzung der Pflicht, Arbeitsl osigkeit zu vermeiden, bedeuten. Art. 44 Abs. 1 AVIV zählt in den lit. a-d beispielha ft Tatbestände auf, die unter den Begriff der selbstverschuldeten Arbeitslosigkeit fallen. So liegt selb stverschuldete Arbeitslosigkeit unter anderem dann vor, wenn die versicherte Person durch ihr Verhalten, insbesondere wegen Ver- letzung arbeitsvertraglicher Pflichten, der Arbeitgebe rin Anlass zur Auflösung des Arbeitsver- hältnisses gegeben hat (Art. 44 Abs. 1 lit. a AVIV). D ie Einstellung in der Anspruchsberechti- gung im Sinne von Art. 44 Abs. 1 lit. a AVIV setzt kei ne fristlose Auflösung des Arbeitsverhält- nisses aus wichtigen Gründen nach Art. 337 bzw. Art. 346 Abs. 2 des Schweizerischen Obliga- tionenrechts (OR) vom 30. März 1911 voraus. Das unkorrekte Verhalten muss auch nicht unbe- dingt eine eigentliche Verletzung arbeitsvertraglicher Pflichten darstellen, sondern es genügt, dass die versicherte Person durch ihr sonstiges Verhalten inn erhalb und ausserhalb des Be- triebs berechtigten Anlass zur Kündigung gab (vgl. Urte il des Eidgenössischen Versicherungs- gerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Bundesgericht, sozia lrechtliche Abteilungen] vom 8. Oktober 2002, C 392/00, E. 3.1; ARV 1987 Nr. 7; 1982 Nr. 18). 2.3 Gemäss Art. 20 lit. b des Übereinkommens der Intern ationalen Arbeitsorganisation über Beschäftigungsförderung und den Schutz gegen Arbeitslo sigkeit vom 21. Juni 1988 (Überein- kommen Nr. 168 der IAO), das für die Schweiz am 17. Okto ber 1991 in Kraft getreten ist, kann eine Leistung, auf die eine geschützte Person bei Voll- oder Teilzeitarbeitslosigkeit oder Ver- dienstausfall infolge einer vorübergehenden Arbeitsei nstellung ohne Unterbrechung des Be- schäftigungsverhältnisses Anspruch gehabt hätte, nur gekürzt werden, wenn die zuständige Stelle festgestellt hat, dass die betreffende Person vo rsätzlich zu ihrer Entlassung beigetragen hat. Art. 20 lit. b des Übereinkommens Nr. 168 der IA O ist hinreichend bestimmt und klar, um als Grundlage eines Entscheids im Einzelfall dienen zu können, und ist daher direkt anwendbar (BGE 122 V 54 ff.; Urteil des EVG vom 17. Oktober 200 0, C 53/00). Aufgrund des grundsätzli- chen Primats des Völkerrechts geht Art. 20 lit. b des Üb ereinkommens Nr. 168 der IAO Art. 44 Abs. 1 lit. a AVIV vor. Demzufolge führt nicht jedes schuldhafte Verhalten der versicherten Per- son, das dem Arbeitgeber Anlass zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses gegeben hat, zu einer Einstellung in der Anspruchsberechtigung gemäss Art. 30 Abs. 1 lit. a AVIG. Das vorwerfbare Verhalten muss gemäss Art. 20 lit. b des Übereinkommens Nr. 168 der IAO vielmehr vorsätzlich erfolgt sein, wobei auch Eventualvorsatz genügt (Urte il des EVG vom 4. Juni 2002, C 371/01, E. 2b). 2.4 Nach Art. 81 Abs. 1 lit. a und b AVIG obliegt es d er Arbeitslosenkasse, die Anspruchsbe- rechtigung der versicherten Person zu prüfen und sie in d en Fällen von Art. 30 Abs. 1 AVIG in der Anspruchsberechtigung einzustellen. Im Rahmen dieser Pflichten hat die Arbeitslosenkasse namentlich abzuklären, welche Gründe zur Auflösung des Ar beitsverhältnisses zwischen der versicherten Person und ihrem (ehemaligen) Arbeitgeber geführt haben. Dabei ist sie für die Ermittlung des rechtserheblichen Sachverhalts regelmässig auf die Aussagen des ehemaligen Arbeitgebers angewiesen. Dieser wird im Formular“ Arbeitgeberbescheinigung“ auf seine Pflicht zu wahrheitsgetreuer Auskunft (Art. 28 ATSG) und bei zusätzlichen Erkundigungen der Kasse Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht regelmässig auch auf allfällige strafrechtliche Konseq uenzen der Verletzung der genannten Pflicht (vgl. Art. 105 und 106 AVIG) aufmerksam gemacht ; zudem ist zu berücksichtigen, dass er vom Ausgang des Verfahrens nicht betroffen wird, und es darf in der Regel davon ausge- gangen werden, dass er seine Sachverhaltsdarstellungen abgibt, ohne die versicherte Person in einem ungünstigen Licht erscheinen zu lassen. Trotz der erheblichen Bedeutung, welche den Aussagen des Arbeitgebers zu den Umständen der Auflösung des Arbeitsverhältnisses zu- kommt, darf aber nicht einzig auf diese abgestellt werd en, wenn die Aussagen bestritten und durch keine weiteren Indizien gestützt werden (Arbeitsrech t und Arbeitslosenversicherung [ARV] 1999 Nr. 8 S. 39 E. 7b; BGE 112 V 245 E. 1, je mit Hinweisen). 3.1 Das sozialversicherungsrechtliche Verwaltungsverfahren und der Sozialversicherungs- prozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht. Danach haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsgericht von Amtes wegen, aus eigener Ini tiative und ohne Bindung an die Vorbringen oder Beweisanträge der Parteien, für die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen. Dieser Grundsat z gilt indessen nicht uneinge- schränkt; er wird ergänzt durch die Mitwirkungspflichten d er Parteien (BGE 125 V 195 E. 2, 122 V 158 E. 1a, je mit Hinweisen). 3.2 Dem Kantonsgericht kommt in Sozialversicherungssachen ei ne vollständige Überprü- fungsbefugnis zu. Es ist in der Beweiswürdigung frei (vg l. § 57 VPO in Verbindung mit Art. 61 Satz 1 ATSG; Art. 61 lit. c ATSG). Die Verwaltung al s verfügende Instanz und – im Beschwer- defall – das Gericht dürfen eine Tatsache sodann nur d ann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen überzeugt sind (vgl. M AX KUMMER , Grundriss des Zivilprozessrechts, 4. Auflage, Bern 1984, S. 135 f.). Im Sozialversicherun gsrecht hat das Gericht seinen Ent- scheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, n ach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sach- verhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Geri cht hat vielmehr jener Sachverhalts- darstellung zu folgen, die es von allen möglichen Gescheh ensabläufen als die wahrscheinlichs- te würdigt (vgl. BGE 126 V 360 E. 5b mit Hinweisen). Eine Ausnahme hierzu bildet die Anwen- dung von Art. 44 Abs. 1 lit. a AVIV, denn praxisgemäss muss das der versicherten Person im Rahmen dieser Bestimmung zur Last gelegte Verhalten in beweismässiger Hinsicht klar fest- stehen (Urteil des Bundesgerichts vom 19. November 2007, 8C_466/2007, E. 3.1), ansonsten eine Einstellung ausser Betracht fällt (BGE 112 V 245 E. 1; Urteile des Eidgenössischen Versi- cherungsgerichts [EVG: heute: Bundesgericht, sozialrech tliche Abteilungen] vom 8. Oktober 2002, C 392/00, E. 3.1, und vom 17. Oktober 2000, C 53/00, E. 3a). 4.1 Aufgrund der vorliegenden Unterlagen stellt sich de r rechtserhebliche Sachverhalt wie folgt dar: 4.2 Der Beschwerdeführer war seit dem 4. Januar 1988 be i der B.____AG als Verantwortli- cher für die Administration und die Finanzen tätig. A m 24. Juni 2015 kündigte die Arbeitgeberin das Arbeitsverhältnis fristlos. Im Antrag auf Arbeitslose nentschädigung vom 1. Juli 2015 gab der Versicherte als Grund für die Kündigung der drohen de Konkurs der Arbeitgeberin an. Die fristlose Kündigung sei ohne detaillierte Begründung erfolgt. In der Arbeitgeberbescheinigung Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht vom 10. Juli 2015 wurde angegeben, dem Versicherten sei wegen einer schweren Pflichtverlet- zung fristlos gekündigt worden. Auf Anfrage der Beschwe rdegegnerin hielt der Rechtsvertreter der ehemaligen Arbeitgeberin am 24. August 2015 fest, dass der Versicherte wegen des Ver- dachts auf strafbare Handlungen gegen die Arbeitgeberin fristlos entlassen worden sei. Konkret werde dem Versicherten Veruntreuung und/oder ungetreu e Geschäftsführung vorgeworfen. In der Zwischenzeit sei eine externe Firma mit einer einge henden Untersuchung beauftragt wor- den. Diese Untersuchung habe ergeben, dass Zahlungen vo n insgesamt Fr. 2,8 Mio. verteilt über die letzten 10 Jahre nicht eindeutig geschäftlichen Aktivitäten zugeordnet werden könnten. Es sei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davo n auszugehen, dass sich der Ver- sicherte privat bereichert habe. 4.3 Im Rahmen des rechtlichen Gehörs gab der Versicherte am 3. September 2015 an, kei- ne Lohnansprüche im Zusammenhang mit der Kündigungsfri st gegenüber der ehemaligen Ar- beitgeberin geltend gemacht zu haben. Es sei nicht b elegt, dass er Gelder veruntreut habe. Mit Schreiben vom 13. Oktober 2015 informierte die Arbeitsl osenkasse den Versicherten darüber, dass sie gehalten sei, ihn wegen selbstverschuldeter Arbei tslosigkeit und Verzicht auf Lohn in der Anspruchsberechtigung einstellen, falls er auf die Geltendmachung der gesetzlichen oder vertraglichen Ansprüche verzichte. 4.4 Mit Verfügung vom 14. Oktober 2015 stellte die Arb eitslosenkasse den Versicherten ab dem 25. Juni 2015 wegen selbstverschuldeter Arbeitslosigk eit für 54 Tage in der Anspruchsbe- rechtigung ein. Sie wies aber ausdrücklich darauf hin, d ass die Sachlage nach Abschluss eines allfälligen Arbeitsgerichtsverfahrens überprüft und gegebenenfalls neu beurteilt werde. In seiner dagegen gerichteten Einsprache vom 9. November 2015 hiel t der Versicherte im Wesentlichen fest, dass die Sanktion angesichts seines ausserordentlich la ngen problemlosen Arbeitsverhält- nisses und der Tatsache, dass er während seiner gesamten L aufbahn noch nie gekündigt wor- den sei und von der Arbeitslosenkasse habe unterstützt we rden müssen, zu streng sei. Daher sei die Dauer der Einstellung auf 27 Tage herabzusetzen. Auf Nachfrage der Arbeitslosenkasse informierte Advokat Riedo am 29. Dezember 2015 darüber, dass in Bezug auf die fristlose Kün- digung keine rechtlichen Schritte unternommen würden, da die ehemalige Arbeitgeberin mit einer Strafanzeige drohe. Am 7. Januar 2016 bestätigte der Rechtsvertreter der ehemaligen Arbeitgeberin, dass ein Untersuchungsbericht einer exte rnen Firma vorliege und dass gegen den Versicherten am 29. Oktober 2015 Strafanzeige eingereicht worden sei. 5. Die selbstverschuldete Arbeitslosigkeit im Sinne von Ar t. 44 Abs. 1 lit. a AVIV wird vom Beschwerdeführer nicht bestritten. Streitig und zu prüfen ist hingegen die Dauer der Einstellung. Die Vorinstanz qualifizierte das Verhalten des Versicherten als schweres Verschulden und setz- te die Dauer der Einstellung auf 54 Tage fest. Dabei bewertete sie die selbstverschuldete Ar- beitslosigkeit mit 36 Einstelltagen und die Tatsache, dass die Kündigung fristlos erfolgte und ein strafrechtlich relevantes Verhalten vorliege, mit wei teren acht bzw. zehn Einstelltagen. Demge- genüber stellt sich der Beschwerdeführer auf den Standp unkt, dass im Zeitpunkt des Ein- spracheentscheids infolge der Unschuldsvermutung nicht von einem strafrechtlich relevanten Verhalten ausgegangen werden könne. Zudem sei verschulde nsmindernd sein guter Leumund und die Tatsache zu berücksichtigen, dass er sich im über 27 Jahre dauernden Arbeitsverhält- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht nis tadellos verhalten habe. Die Einstelldauer sei deshal b von 54 Tagen auf 31 Tage zu redu- zieren. 6.1 Die Dauer der Einstellung in der Anspruchsberechtig ung bemisst sich nach dem Grad des Verschuldens und beträgt je Einstellungsgrund höchste ns 60 Tage (vgl. Art. 30 Abs. 3 AVIG). Nach Art. 45 Abs. 2 AVIV wird die Einste llung in der Anspruchsberechtigung ab- gestuft; sie dauert 1-15 Tage bei leichtem (lit. a), 16-30 Tage bei mittelschwerem (lit. b) und 31- 60 Tage bei schwerem (lit. c) Verschulden. Bei der indivi duellen Verschuldensbeurteilung im Bereich des schweren Verschuldens innerhalb der von 31 b is 60 Tagen reichenden Skala ist zunächst vom Mittelwert auszugehen, das heisst von einer d urchschnittlichen Dauer von 45 Einstellungstagen. Unter Berücksichtigung der gegebenen Umstände des konkreten Einzelfalls ermöglicht diese Vorgehensweise einerseits eine Verschär fung der verwaltungsrechtlichen Sanktion, wenn das Verschulden der versicherten Person beso nders schwer wiegt, anderseits beim Vorliegen von Milderungsgründen eine angemessene Reduktion. Sachgerechte Ermes- sensbetätigung erfordert, den gesamten Ermessensspielr aum nach oben und unten in einer dem jeweiligen Verschulden entsprechenden Weise zu nutze n (BGE 123 V 153 E. 3c). Den Verfügungsinstanzen wird dabei ein grosser Ermessenspielraum zugestanden, weshalb bei der Beurteilung der Einstellungsdauer durch das kantonale Versicherungsgericht Zurückhaltung geboten ist. Nach § 57 lit. c VPO hat die sozialversicher ungsrechtliche Abteilung des Kantons- gerichts die angefochtene Verfügung auch auf deren Ang emessenheit zu überprüfen. Es darf aber sein Ermessen nicht ohne triftige Gründe an die S telle desjenigen der Verwaltung setzen, sondern muss sich bei der Korrektur auf Gegebenheiten ab stützen können, welche eine abwei- chende Ermessensausübung als nahe liegender erscheinen las sen (vgl. BGE 123 V 150 E.2 mit weiteren Hinweisen, vgl. auch BGE 126 V 353 E. 5d). 6.2.1 Unter Berücksichtigung aller Umstände ist die vorin stanzliche Ermessensbetätigung nicht zu beanstanden. Zunächst fällt zu Ungunsten des Besc hwerdeführers ins Gewicht, dass er sich gegen ein arbeitsrechtliches Verfahren entschied, weshalb von einer akzeptierten fristlo- sen Kündigung auszugehen ist. Da eine fristlose Kündig ung gemäss Art. 337 Abs. 2 OR einen wichtigen Grund voraussetzt, bei dessen Vorhandensein de m Kündigenden nach Treu und Glauben die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses nicht m ehr zuzumuten ist, ist der Beschwer- degegnerin darin zuzustimmen, dass das Verschulden bei e iner fristlosen Kündigung objektiv betrachtet schwerer wiegt als bei einer ordentlichen. D azu kommt, dass der Beschwerdeführer durch die Annahme der fristlosen Kündigung zum vorzeitig en Eintritt der Arbeitslosigkeit beige- tragen hat. Zwar wird ein (privatrechtliches) Arbeitsver hältnis bei einer fristlosen Kündigung un- geachtet dessen, ob sie gerechtfertigt erfolgt, rechtli ch und faktisch sofort beendet. Ist ein Ar- beitsverhältnis indessen durch den Arbeitgeber ungerechtf ertigt ausserordentlich beendet wor- den, stehen dem Versicherten gegebenenfalls Entschädigungsansprüche im Sinne eines Scha- denersatzes für entgangenen Lohn nach Art. 337c Abs. 1 OR zu. Da der Beschwerdeführer darauf verzichtete, die fristlose Kündigung und damit einen allfälligen weitergehenden Lohnan- spruch richterlich prüfen zu lassen, hat er nicht alles Z umutbare unternommen, um seine Ar- beitslosigkeit zu vermeiden bzw. zu verkürzen. Aus diesem G rund konnte sich die Vorinstanz bei der Bemessung des Verschuldens durchaus auf Gegebenheiten stützen, die eine Verschär- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht fung der verwaltungsrechtlichen Sanktion um zusätzliche acht Einstelltage plausibel erscheinen lassen. 6.2.2 Hinsichtlich der Verschärfung des Sanktionsmasses im U mfang von 10 Einstelltagen wegen eines „strafrechtlich relevanten Verhaltens“ ist dem Beschwerdeführer zwar insofern beizupflichten, als im Zeitpunkt des Einspracheentscheids am 8. Februar 2016 in beweismässi- ger Hinsicht aufgrund der laufenden Strafuntersuchung nicht erstellt war, ob ein deliktisches Verhalten vorliegt. Andererseits wäre es allein unter Hinweis auf die im Strafverfahren geltende Unschuldsvermutung nicht sachgerecht, und würde gegen da s Gebot der rechtsgleichen Be- handlung (Art. 8 Abs. 1 BV) verstossen, wenn ein strafbar es Verhalten einer versicherten Per- son bei der Bemessung des Verschuldens nur dann berücksichtig t werden könnte, wenn das Strafverfahren spätestens im Zeitpunkt des Einspracheentsch eids rechtskräftig erledigt ist. Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht der Tatsache, da ss Strafbehörden ein Verfahren nur dann einzuleiten und durchzuführen haben, wenn zumind est ein Verdacht auf eine Straftat vor- liegt, ist grundsätzlich nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin bei der Beurteilung des Verschuldens auch diesen Aspekt berücksichtigte. Für den Fall, dass dem Beschwerdefüh- rer tatsächlich ein deliktisches Verhalten vorzuwerfen ist , hat die Vorinstanz ihr Ermessen in Würdigung aller Umstände pflichtgemäss ausgeübt. Dies g ilt vorliegend umso mehr, als sich – entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers – weder das l angjährige problemlose Arbeitsver- hältnis noch die Tatsache, dass er bisher keine Leistunge n von der Arbeitslosenversicherung bezog, zu seinen Gunsten auswirken. Da keine verschuldensmindernde Gründe für sein Verhal- ten ersichtlich sind, ist eine Einstellung in der Anspruch sberechtigung im oberen Bereich des schweren Verschuldens im Umfang von 54 Tagen nicht zu beanstanden. 6.2.3 Anders verhält es sich jedoch bei einem Freispruch d es Beschwerdeführers oder bei einer Einstellung des Strafverfahrens. Ist kein strafrech tlich relevantes Fehlverhalten erstellt, besteht kein Grund für eine Verschärfung des Sanktionsmass es wegen eines „strafrechtlich relevanten Verhaltens“. In diesem Fall ist die Beschwer degegnerin verpflichtet, das Sank- tionsmass – wie sie dies gemäss Verfügung vom 14. Oktober 20 15 nach Abschluss eines er- folgreichen Arbeitsgerichtsverfahrens gemacht hätte – na chträglich anzupassen. Dabei hat sie die zehn Taggelder, mit welchen sie den Beschwerdeführ er bereits vorgängig wegen eines strafrechtlichen Fehlverhaltens sanktionierte, nachzuzah len. Dieses Vorgehen ist unbestritten, wurde indes von der Vertreterin der Beschwerdegegneri n erst anlässlich der Parteiverhandlung in Aussicht gestellt. Insofern erweisen sich die Dispositive der Verfügung und des angefochte- nen Einspracheentscheids als unvollständig und zu wenig pr äzis. Damit war der Beschwerde- führer gezwungen, den Beschwerdeweg einzuschlagen, um einen klaren Entscheid über sein Begehren zu erlangen. Die Beschwerde ist begründet und in dem Sinne teilweise gutzuheissen, als die Beschwerdegegnerin verpflichtet wird, dem Beschwe rdeführer 10 Taggelder à Fr. 338.70 zu bezahlen, falls das Strafverfahren VT.201 5.166511 eingestellt wird oder ein Frei- spruch erfolgt. 7.2 Laut Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende Besch werde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Versicherungsge richt festgesetzt und ohne Rück- sicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streit sache und nach der Schwierigkeit des Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht Prozesses bemessen. In Würdigung der vorstehend geschilderten Umstände ist es ex aequo et bono angemessen, dem Beschwerdeführer eine reduzierte Pa rteientschädigung zu Lasten der Arbeitslosenkasse zuzusprechen, welche der Hälfte des zu be rücksichtigenden Aufwands ent- spricht. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat in seiner aktualisierten Honorarnote vom 31. Mai 2018 für das vorliegende Verfahren (inkl. P arteiverhandlung) einen Zeitaufwand von 10,75 Stunden sowie Auslagen von Fr. 15.-- geltend gemacht, was in Anbetracht der sich stellenden Sachverhalts- und Rechtsfragen angemessen ist. Diese sind zum geltend gemach- ten Ansatz von Fr. 250.-- zu entschädigen (vgl. § 3 Abs. 1 der Tarifordnung für die Anwältinnen und Anwälte vom 17. November 2003). Dem Beschwerdefüh rer ist demnach eine Parteient- schädigung in der Höhe von Fr. 1‘458.50 ([10,75 Stunde n x Fr. 250.-- + Auslagen von Fr. 15.--] x 50%; inkl. 8% Mehrwertsteuer auf Fr. 1‘070.-- [Fr. 85.60] und 7,7% Mehrwertsteuer auf Fr. 281.25 [Fr. 21.65]) zu Lasten der Beschwerdegegne rin zuzusprechen. Im Übrigen sind die ausserordentlichen Kosten wettzuschlagen. Demgemäss wird e r k a n n t : ://: 1. Die Beschwerde wird in dem Sinne teilweise gu tgeheissen, als die Be- schwerdegegnerin verpflichtet wird, dem Beschwerdeführer 10 Taggelder à Fr. 338.70 zu bezahlen, falls das Strafverfahren VT. 2015.166511 ein- gestellt wird oder ein Freispruch erfolgt. Im Übrige n wird die Beschwerde abgewiesen. 2. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer e ine reduzierte Parteientschädigung von Fr. 1‘458.50 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteu- er) zu bezahlen. http://www.bl.ch/kantonsgericht