<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2004 4 S.40</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">40</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>4</b></span> <span class="ft2"><b>Art. 259i Abs. 2 und Art. 274f Abs. 1 OR.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Beginn der dreissigtägigen Klagefrist. Wird bei der mündlichen Eröff-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nung des Entscheids durch die Schlichtungsbehörde den Parteien ein</b></span><br/> <span class="ft2"><b>schriftliches Dispositiv ausgehändigt und der Entscheid mündlich be-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>gründet, beginnt die dreissigtägige Klagefrist gemäss Art. 259i Abs. 2</b></span><br/> <span class="ft2"><b>bzw. Art. 274f Abs. 1 OR mit dieser mündlichen Eröffnung, andernfalls</b></span><br/> <span class="ft2"><b>erst mit der Zustellung des schriftlich begründeten Entscheids.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 4. Zivilkammer, vom 2. August 2004</span><br/> <span class="ft3">in Sachen W. I. SA gegen I. N. AG.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">Bei der Klagefrist gemäss Art. 259i Abs. 2 OR handelt es sich</span><br/> <span class="ft1">wie bei der Klagefrist nach Art. 274f Abs. 1 OR um eine bundes-</span><br/> <span class="ft1">rechtliche Frist, weshalb nach der Rechtsprechung des Bundesge-</span><br/> <span class="ft1">richts nicht nur der Lauf, sondern auch Beginn und Ende der Frist</span><br/> <span class="ft1">eine Frage des Bundesrechts sind, welche Art. 259i Abs. 2 bzw.</span><br/> <span class="ft1">Art. 274f Abs. 1 OR abschliessend regeln (BGE 122 III 316 ff., 123</span><br/> <span class="ft1">III 67 ff.). Dies folgt aus dem Grundsatz der Einheit der Rechtsord-</span><br/> <span class="ft1">nung, wonach sich die Berechnung einer Frist nach dem Recht rich-</span><br/> <span class="ft1">tet, welches die Frist setzt (BGE 123 III 69 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft1">Das Bundesgericht hat für die Fälle, wo die Schlichtungsbehör-</span><br/> <span class="ft1">de keine Entscheidungskompetenz hat, sondern lediglich das Nicht-</span><br/> <span class="ft1">zustandekommen der Einigung feststellen kann (Art. 274e Abs. 2</span><br/> <span class="ft1">OR), entschieden, dass die Klagefrist nach Art. 274f Abs. 1 OR stets</span><br/> <span class="ft1">durch die mündliche oder schriftliche Eröffnung dieser Feststellung</span><br/> <span class="ft1">ausgelöst wird, unabhängig davon, ob nach einer mündlichen Eröff-</span><br/> <span class="ft1">nung an der Schlichtungsverhandlung die verfahrensbeendigende</span><br/> <span class="ft1">Feststellung den Parteien später auch noch schriftlich mitgeteilt wird</span><br/> <span class="ft1">(BGE 122 III 318). Wie es sich in den Fällen verhält, wo die</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">41</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Schlichtungsbehörde wie vorliegend einen Entscheid gefällt hat, ist</span><br/> <span class="ft1">umstritten und vom Bundesgericht soweit ersichtlich noch nicht ex-</span><br/> <span class="ft1">plizit entschieden worden.</span><br/> <span class="ft1">Die Beklagte stellt sich auf den Standpunkt, der Entscheid sei</span><br/> <span class="ft1">den anwesenden Parteien an der Schlichtungsverhandlung vom</span><br/> <span class="ft1">3. Oktober 2002 mündlich eröffnet worden, so dass die 30-tägige</span><br/> <span class="ft1">Klagefrist gemäss Art. 259i Abs. 2 OR am 4. Oktober 2002 zu laufen</span><br/> <span class="ft1">begonnen habe und die Einreichung der Klage am 20. November</span><br/> <span class="ft1">2002 verspätet gewesen sei, weshalb darauf nicht einzutreten sei. Die</span><br/> <span class="ft1">Klägerin ist dagegen der Auffassung, dass eine mündliche Eröffnung</span><br/> <span class="ft1">zwar zulässig sei, aber für die Fristauslösung nicht genüge, sondern</span><br/> <span class="ft1">vielmehr zumindest wie im kantonalen Recht die Aushändigung des</span><br/> <span class="ft1">Dispositivs gefordert sei. Die Vorinstanz stellte auf die Zustellung</span><br/> <span class="ft1">des schriftlichen Entscheids ab mit der Begründung, ein Entscheid</span><br/> <span class="ft1">müsse von den Parteien nachvollzogen werden können, um ein ent-</span><br/> <span class="ft1">sprechendes Rechtsmittel ergreifen zu können, was eine mündliche</span><br/> <span class="ft1">Urteilseröffnung mit unmittelbar anschliessend beginnender Rechts-</span><br/> <span class="ft1">mittelfrist anders als bei der mündlichen Feststellung des Nichtzu-</span><br/> <span class="ft1">standekommens einer Einigung nicht zu gewährleisten vermöge.</span><br/> <span class="ft1">Richtig ist, dass das nach der Rechtsprechung des Bundesge-</span><br/> <span class="ft1">richts allein massgebende Bundesrecht nicht explizit erwähnt, dass</span><br/> <span class="ft1">die Klagefrist nach Art. 259i Abs. 2 bzw. Art. 274f Abs. 1 OR mit der</span><br/> <span class="ft1">mündlichen Eröffnung des Urteils der Schlichtungsbehörde beginnt.</span><br/> <span class="ft1">Umgekehrt enthalten diese Bestimmungen auch keinen Hinweis da-</span><br/> <span class="ft1">rauf, dass die Frist erst mit Aushändigung des schriftlichen Disposi-</span><br/> <span class="ft1">tivs oder gar der Zustellung des schriftlich begründeten Entscheids</span><br/> <span class="ft1">ausgelöst wird. Ein Teil der Lehre vertritt daher die Auffassung, dass</span><br/> <span class="ft1">die 30-tägige Klagefrist nach Art. 259i Abs. 2 bzw. Art. 274f Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">OR an dem der Schlichtungsverhandlung folgenden Tag beginnt,</span><br/> <span class="ft1">wenn der Entscheid der Schlichtungsbehörde an der mündlichen</span><br/> <span class="ft1">Verhandlung bekannt gegeben bzw. mündlich eröffnet wird</span><br/> <span class="ft1">(Permann, Handkommentar zum Schweizerischen Obligationenrecht,</span><br/> <span class="ft1">Zürich 2002, N 6 zu Art. 259i und N 2 zu Art. 274f OR je mit Hin-</span><br/> <span class="ft1">weisen; Lachat/Stoll/Brunner, Mietrecht für die Praxis, 4. A., Zürich</span><br/> <span class="ft1">1999, S. 79 Ziff.</span> <span class="ft1">3.5; Weber, Basler Kommentar, 3. A., Ba-</span><br/> <span class="ft1">sel/Genf/München 2003, N 3 zu Art. 274f OR, allerdings unter Ver-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">42</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">weis auf das kantonale Recht). Ein anderer Teil der Lehre verlangt</span><br/> <span class="ft1">für eine fristauslösende mündliche Eröffnung die Übergabe des Dis-</span><br/> <span class="ft1">positivs und die mündliche Erläuterung bzw. Begründung des Ent-</span><br/> <span class="ft1">scheidsinhalts (SVIT-Kommentar Mietrecht II, 2. A., Zürich 1998,</span><br/> <span class="ft1">N 11 zu Art. 274f OR; Higi, Zürcher Kommentar, Zürich 1996, N 58</span><br/> <span class="ft1">zu Art. 274f OR, ebenfalls unter Verweis auf das kantonale Recht).</span><br/> <span class="ft1">Für erstere Auffassung spricht, dass das Bundesgericht für die</span><br/> <span class="ft1">Feststellung des Nichtzustandekommens einer Einigung die mündli-</span><br/> <span class="ft1">che Eröffnung als fristauslösendes Ereignis genügen lässt und dies</span><br/> <span class="ft1">daher auch für den in der gleichen Bestimmung von Art. 274f Abs. 1</span><br/> <span class="ft1">OR geregelten Fall einer Entscheidfällung gelten sollte, da sonst für</span><br/> <span class="ft1">die in derselben Bestimmung geregelten Klagefristen unterschiedli-</span><br/> <span class="ft1">che Voraussetzungen für die Fristauslösung gelten würden. Für die</span><br/> <span class="ft1">zweite Auffassung und damit für eine unterschiedliche Behandlung</span><br/> <span class="ft1">der Feststellung des Nichtzustandekommens einer Einigung und des</span><br/> <span class="ft1">Entscheids spricht, dass das Feststellen des Nichtzustandekommens</span><br/> <span class="ft1">einer Einigung einfacher zu kommunizieren ist als ein Entscheid in</span><br/> <span class="ft1">der Sache und dass vor allem die Eröffnung des Entscheids weitrei-</span><br/> <span class="ft1">chendere Folgen hat als die Eröffnung der Feststellung des Nichtzu-</span><br/> <span class="ft1">standekommens einer Einigung. Während bei dieser das unbenutzte</span><br/> <span class="ft1">Verstreichenlassen der 30-tägigen Klagefrist keine materiell-rechtli-</span><br/> <span class="ft1">chen Verwirkungsfolgen hat, soweit das materielle Mietrecht für die</span><br/> <span class="ft1">zur Schlichtung verstellten Ansprüche keine besonderen Verwir-</span><br/> <span class="ft1">kungsfristen normiert, erwachsen die Entscheide der Schlichtungs-</span><br/> <span class="ft1">behörde über materiell-rechtliche Fragen mit unbenutztem Ablauf</span><br/> <span class="ft1">der Klagefrist in Rechtskraft, sodass diese Ansprüche nicht mehr in</span><br/> <span class="ft1">Streit gesetzt werden können (BGE 124 III 21 ff.). Nach Auffassung</span><br/> <span class="ft1">des Obergerichts ist es daher richtig, im Fall der mündlichen Eröff-</span><br/> <span class="ft1">nung des Entscheids für die Fristauslösung zumindest die Aushändi-</span><br/> <span class="ft1">gung des schriftlichen Dispositivs und die mündliche Begründung</span><br/> <span class="ft1">des Entscheids zu fordern, da sich andernfalls die unterlegene Partei</span><br/> <span class="ft1">erst mit der Zustellung des begründeten Entscheids darüber schlüssig</span><br/> <span class="ft1">werden kann, ob sie den Richter anrufen will oder nicht, was zu einer</span><br/> <span class="ft1">Verkürzung der 30-tägigen Klagefrist führte. Wird bei der mündli-</span><br/> <span class="ft1">chen Eröffnung des Entscheids von der Schlichtungsbehörde den</span><br/> <span class="ft1">Parteien kein schriftliches Dispositiv ausgehändigt und der Entscheid</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2004</span> <span class="title">Zivilrecht</span> <span class="page_no">43</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">nicht mündlich begründet, ist für die Berechnung der 30-tägigen</span><br/> <span class="ft1">Klagefrist auf die Zustellung des schriftlich begründeten Entscheids</span><br/> <span class="ft1">abzustellen.</span><br/></div> </div> </body> </html>