<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2008 52 S.297</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">297</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">[...]</span><br/> <br/> <span class="ft2"><b>52</b></span> <span class="ft2"><b>Anspruch auf unentgeltlichen Rechtsbeistand.</b></span><br/> <span class="ft3">-</span> <span class="ft2"><b>Unterschiedliche Anspruchsvoraussetzungen im Verfügungs- und</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Rechtsmittelverfahren.</b></span><br/> <br/> <span class="ft5">Urteil des Verwaltungsgerichts, 2. Kammer, vom 10. März 2008 in Sachen</span><br/> <span class="ft5">M. gegen das Departement Volkswirtschaft und Inneres (WBE.2008.1).</span><br/> <br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">1.</span><br/> <span class="ft1">Der Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege hat Verfassungs-</span><br/> <span class="ft1">rang (Art. 29 Abs. 3 BV; § 22 Abs. 2 KV). § 35 Abs. 2 und 3 VRPG</span><br/> <span class="ft1">konkretisieren diesen Anspruch für das Verfahren vor den Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungs- und Verwaltungsjustizbehörden (§ 1 Abs. 1 VRPG; vgl. auch</span><br/> <span class="ft1">AGVE 1984, S. 419 ff.). Danach kann den</span> <span class="ft1">Verfahrensbeteiligten die</span><br/> <span class="ft1">Bezahlung von Kosten und die Leistung von Kostenvorschüssen er-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">298</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">lassen werden, wenn ihnen die nötigen Mittel fehlen und ihr Begeh-</span><br/> <span class="ft1">ren nicht offenbar aussichtslos ist; wo die Schwere einer Massnahme</span><br/> <span class="ft1">oder die Rechtslage es rechtfertigt, kann auch ein unentgeltlicher</span><br/> <span class="ft1">Rechtsvertreter bestimmt werden.</span> <span class="ft1">Die Formulierung schliesst Ver-</span><br/> <span class="ft1">fahren, die von Amtes wegen eingeleitet wurden, nicht aus, kann</span><br/> <span class="ft1">doch der in ein solches Verfahren einbezogene Private auch dort Be-</span><br/> <span class="ft1">gehren stellen. Es entspricht denn auch konstanter Rechtsprechung</span><br/> <span class="ft1">des Bundesgerichts, den Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege,</span><br/> <span class="ft1">insbesondere denjenigen auf die vorliegend in Frage stehende unent-</span><br/> <span class="ft1">geltliche Verbeiständung, bei gegebenen Voraussetzungen in jedem</span><br/> <span class="ft1">staatlichen Verfahren zu bejahen, "in das der Gesuchsteller einbezo-</span><br/> <span class="ft1">gen wird oder das zur Wahrung seiner Rechte notwendig ist"</span><br/> <span class="ft1">(BGE 130 I 182; 128 I 227; vgl. auch AGVE 2002, S. 100). Zum</span><br/> <span class="ft1">gleichen Schluss führt die systematische Stellung von § 35 VRPG im</span><br/> <span class="ft1">2. Abschnitt des VRPG mit dem Titel "Allgemeine Verfahrensvor-</span><br/> <span class="ft1">schriften", welcher grundsätzlich für alle erstinstanzlichen Verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsverfahren (Verfügungsverfahren) ebenso wie für die verwal-</span><br/> <span class="ft1">tungsinternen und die gerichtlichen Beschwerdeverfahren Anwen-</span><br/> <span class="ft1">dung findet.</span><br/> <span class="ft1">Die unterschiedliche Ausgestaltung des Verfügungs- und des</span><br/> <span class="ft1">Rechtsmittelverfahrens erfordert indessen eine differenzierte Prüfung</span><br/> <span class="ft1">der beiden vorliegend strittigen Voraussetzungen der Notwendigkeit</span><br/> <span class="ft1">des Beizugs eines Vertreters (nachstehend Erw. 2) und der Nichtaus-</span><br/> <span class="ft1">sichtslosigkeit des Rechtsbegehrens. Die Mittellosigkeit ist aufgrund</span><br/> <span class="ft1">der vorliegenden Akten gegeben.</span><br/> <span class="ft1">2.</span><br/> <span class="ft1">2.1.</span><br/> <span class="ft1">2.1.1.</span><br/> <span class="ft1">Im <i>Verfügungsverfahren</i> geht es darum, die für den eigenen</span><br/> <span class="ft1">Standpunkt sprechenden Fakten und Argumente in das Verfahren</span><br/> <span class="ft1">einzubringen. Der geltende Untersuchungsgrundsatz (§ 20 VRPG)</span><br/> <span class="ft1">stellt keineswegs sicher, dass alle gegen die Anordnung der Behörde</span><br/> <span class="ft1">sprechenden Gesichtspunkte im Verfahren berücksichtigt werden;</span><br/> <span class="ft1">dies schon allein deshalb, weil sie in vielen Konstellationen keine</span><br/> <span class="ft1">Kenntnis davon hat. Entsprechend bejaht das Bundesgericht die Not-</span><br/> <span class="ft1">wendigkeit eines unentgeltlichen Rechtsvertreters auch in den vom</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">299</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Untersuchungsgrundsatz beherrschten Verfahren (Entscheid des Bun-</span><br/> <span class="ft1">desgerichts vom 23. Januar 2007 [2P.295/2006], Erw. 2.4; siehe auch</span><br/> <span class="ft1">BGE 130 I 183 f.):</span><br/> <span class="ft8">"Dass in einem Verfahren die Offizial- bzw. Untersuchungsmaxime</span><br/> <span class="ft8">zur Anwendung gelangt, lässt eine anwaltliche Vertretung der am Verfahren</span><br/> <span class="ft8">Beteiligten nicht ohne weiteres als unnötig erscheinen. Die Erfahrung zeigt,</span><br/> <span class="ft8">dass ein schlecht begonnenes Verfahren später nur sehr schwer in die rich-</span><br/> <span class="ft8">tige Bahn zu bringen ist. Abgesehen davon, dass die Untersuchungsmaxime</span><br/> <span class="ft8">allfällige Fehlleistungen der Behörde nicht zu verhindern vermag, ist sie</span><br/> <span class="ft8">auch nicht unbegrenzt. Sie verpflichtet die Behörde zwar, von sich aus alle</span><br/> <span class="ft8">Elemente in Betracht zu ziehen, die entscheidwesentlich sind, und unab-</span><br/> <span class="ft8">hängig von den Anträgen der Parteien Beweise zu erheben. Diese Pflicht</span><br/> <span class="ft8">entbindet die Beteiligten indessen nicht davon, durch Hinweise zum Sach-</span><br/> <span class="ft8">verhalt oder Bezeichnung von Beweisen am Verfahren mitzuwirken." (Zi-</span><br/> <span class="ft8">tate weggelassen)</span><br/> <span class="ft1">Im Verfügungsverfahren ist deshalb für die Prüfung der Not-</span><br/> <span class="ft1">wendigkeit der Bestellung eines unentgeltlichen Rechtsvertreters</span><br/> <span class="ft1">insbesondere von Bedeutung, wie weit der Betroffene gemessen an</span><br/> <span class="ft1">Intelligenz, Bildungsniveau, Sprachkenntnis und Kenntnis der we-</span><br/> <span class="ft1">sentlichen rechtlichen und tatsächlichen Gegebenheiten die ent-</span><br/> <span class="ft1">scheidwesentlichen Punkte überhaupt erkennen und durch Mitwir-</span><br/> <span class="ft1">kung im Verfahren das für ihn Sprechende einbringen kann.</span><br/> <span class="ft1">2.1.2.</span><br/> <span class="ft1">Im <i>Rechtsmittelverfahren</i> kann der Betroffene demgegenüber</span><br/> <span class="ft1">aufgrund der erstinstanzlichen Verfügung (zumindest wenn diese</span><br/> <span class="ft1">korrekt und ausreichend begründet ist) erheblich besser erkennen,</span><br/> <span class="ft1">gegen welche Sachverhaltsfeststellungen er sich wehren muss und</span><br/> <span class="ft1">was er für seine Interessenwahrung vorbringen kann. Dieser Verein-</span><br/> <span class="ft1">fachung stehen indessen als Erschwernis die im Rechtsmittelverfah-</span><br/> <span class="ft1">ren zu beachtenden Verfahrensvorschriften und prozessualen For-</span><br/> <span class="ft1">men, die im Verfügungsverfahren kaum Gewicht haben, gegenüber.</span><br/> <span class="ft1">2.1.3.</span><br/> <span class="ft1">Daraus ergibt sich, dass die unentgeltliche Verbeiständung im</span><br/> <span class="ft1">Verfügungsverfahren vor allem im Hinblick auf die materiell-rechtli-</span><br/> <span class="ft1">chen Aspekte und im Rechtsmittelverfahren zusätzlich - gegebenen-</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">300</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">falls sogar vorwiegend - im Hinblick auf die formellen Aspekte indi-</span><br/> <span class="ft1">ziert sein kann.</span><br/> <span class="ft1">2.2.</span><br/> <span class="ft1">Der Anspruch auf einen unentgeltlichen Rechtsvertreter im Ver-</span><br/> <span class="ft1">fügungsverfahren gilt nicht uneingeschränkt. Ohne zwischen Verfü-</span><br/> <span class="ft1">gungs- und Rechtsmittelverfahren zu differenzieren, umschreibt das</span><br/> <span class="ft1">Bundesgericht die Schranken wie folgt (vgl. BGE 130 I 182 f. mit</span><br/> <span class="ft1">Hinweisen):</span><br/> <span class="ft8">"Die bedürftige Partei hat Anspruch auf unentgeltliche Verbeistän-</span><br/> <span class="ft8">dung, wenn ihre Interessen in schwerwiegender Weise betroffen sind und</span><br/> <span class="ft8">der Fall in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht Schwierigkeiten bietet, die</span><br/> <span class="ft8">den Beizug eines Rechtsvertreters erforderlich machen. Droht das in Frage</span><br/> <span class="ft8">stehende Verfahren besonders stark in die Rechtsposition der betroffenen</span><br/> <span class="ft8">Person einzugreifen, ist die Bestellung eines unentgeltlichen Rechtsvertre-</span><br/> <span class="ft8">ters grundsätzlich geboten, sonst nur dann, wenn zur relativen Schwere des</span><br/> <span class="ft8">Falles besondere tatsächliche oder rechtliche Schwierigkeiten hinzukom-</span><br/> <span class="ft8">men, denen der Gesuchsteller auf sich alleine gestellt nicht gewachsen</span><br/> <span class="ft8">wäre."</span><br/> <span class="ft1">Das Bundesgericht differenziert somit bei der Beurteilung,</span><br/> <span class="ft1">wann in einem (tatsächlich oder rechtlich schwierigen) Verfahren die</span><br/> <span class="ft1">Bestellung eines unentgeltlichen Rechtsvertreters notwendig ist, da-</span><br/> <span class="ft1">nach, ob besonders stark in die Rechtsposition des Betroffenen ein-</span><br/> <span class="ft1">gegriffen wird oder ob das Verfahren für diesen zwar ebenfalls fol-</span><br/> <span class="ft1">genschwer, aber doch weniger einschneidend erscheint. Trifft Letzte-</span><br/> <span class="ft1">res zu, so stellt das Bundesgericht zusätzlich auf die Fähigkeiten des</span><br/> <span class="ft1">Betroffenen ab, sich selbst zur Wehr zu setzen. Auf das Verfügungs-</span><br/> <span class="ft1">verfahren übertragen ist in diesem Zusammenhang von Relevanz,</span><br/> <span class="ft1">wie weit der Betroffene aufgrund seiner Fähigkeiten imstande er-</span><br/> <span class="ft1">scheint, die entscheidwesentlichen Punkte zu erkennen und die für</span><br/> <span class="ft1">ihn sprechenden Aspekte ins Verfahren einzubringen. Dabei ist ihm</span><br/> <span class="ft1">die Unterstützung, die ihm von Gesetzes oder von Vertrags wegen</span><br/> <span class="ft1">zusteht, anzurechnen. Zu denken ist hier etwa an gesetzliche Vertre-</span><br/> <span class="ft1">ter (Vormund/Beistand) (vgl. dazu Alfred Bühler, in: Kommentar zur</span><br/> <span class="ft1">aargauischen Zivilprozessordnung, 2. Aufl., Aarau/Frankfurt a.M./</span><br/> <span class="ft1">Salzburg 1998, § 126 N 6) oder an die Hilfe von Beratungsstellen.</span><br/> <span class="ft1">Zusätzlich zu berücksichtigen ist, welche später nur noch schwer zu</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2008</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">301</span></div> <div class="page" id="S5"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">behebenden Nachteile ein ungeeignetes Handeln im Verfügungs-</span><br/> <span class="ft1">verfahren mit sich bringen kann. Diese sind insbesondere dann</span><br/> <span class="ft1">erheblich, wenn im Rechtsmittelverfahren das Vorbringen neuer</span><br/> <span class="ft1">Tatsachenbehauptungen, Beweismittel und Argumente eingeschränkt</span><br/> <span class="ft1">ist.</span><br/></div> </div> </body> </html>