B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-3446/2021 U r t e i l v o m 1 5 . D e z e m b e r 2 0 2 1 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richterin Muriel Beck Kadima, Richter Daniele Cattaneo, Gerichtsschreiberin Angela Hefti. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, vertreten durch Derya Özgül, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des SEM vom 28. Juni 2021 / N (…). D-3446/2021 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer – ein türkischer Staatsangehöriger kurdischer Eth- nie mit letztem Wohnsitz in B._______ (Provinz C._______) – verliess die Türkei eigenen Angaben zufolge Ende August 2019 illegal auf dem Land- weg und gelangte über Griechenland am 1. November 2019 illegal in die Schweiz, wo er am 4. November 2019 ein Asylgesuch stellte. Am 8. No- vember 2019 wurde er summarisch zu den Personalien und seinem Rei- seweg befragt und am 6. Januar 2020 einlässlich zu den Asylgründen an- gehört. Zur Begründung seines Ges uchs machte der Beschwerdeführer im We- sentlichen geltend, er sei im März 2017 zusammen mit einem Freund spät- abends auf der Strasse polizeilich kontrolliert und anschliessend festge- nommen worden. Sein Freund sei am gleichen Abend freigelassen worden, worauf dieser die Familie des Be schwerdeführers informiert habe. Er sei mit dem Tod bedroht und aufgefordert worden, Geständnisse bezüglich sei- ner angeblichen Partiya Karkeren Kurdistane (PKK)-Verbindungen abzule- gen. Die Polizisten hätten unzählige Namen genannt und wissen wollen, ob er diese kenne, weshalb er unter ständigem psychischen Druck gestan- den habe. Weil er nicht kollaboriert habe, sei er auch immer wieder geohr- feigt und es sei ihm zeitweise das Essen verweigert worden. Die Polizisten hätten ihm mitgeteilt, dass Geständnisse eines Geheimzeugen und seines Cousins D._______ (N […]) gegen ihn vorliegen würden. Er habe den Vor- wurf, für die PKK aktiv zu sein, stets abgestritten und auch keine Namen genannt. Ein von der Anwaltskammer beauftragter Anwalt habe ihm gera- ten, vom Reue-Gesetz Gebrauch zu machen, was er angesichts seiner Un- schuld abgelehnt habe. Ein Richter habe im März 2017 aufgrund der Geständnisse eines Geheim- zeugens nach einigen Minuten seine Haft angeordnet. Er sei wiederum mit Namen konfrontiert worden, die er aber nicht gekannt habe. Er sei insbe- sondere gefragt worden, ob er einen gewissen E._______ kenne, was er verneint habe. Nach siebeneinhalb Monaten habe er die Anklageschrift er- halten. Daraus hätte sich das Folgende ergeben: E._______ habe angeb- lich erzählt, er habe einem Kollegen mit dem Vornamen des Beschwerde- führers (F._______) zwei Kalaschnikows übergeben. Eine weitere Zeugin habe erwähnt, es habe sich bei F._______ um einen ihrer Schulkollegen gehandelt. Eine Geheimzeugin G._______ habe behauptet, dass er mit ihr D-3446/2021 Seite 3 Wache gehalten und Fachkenntnisse über Waffen gehabt habe. Vor Ge- richt habe E._______ aber alles abgestritten und ihn auch nicht belastet. E._______ sei nie inhaftiert worden – wohl, weil er mit den Behörden zu- sammengearbeitet habe. Die Geheimzeugin sei nie angehört worden. Ge- mäss Auskunft seines Anwalts hätten die Behörden keine rechtliche Grund- lage für die Verhaftung gehabt – die Zeugenaussagen hätten nicht zu sei- ner Inhaftierung führen dürfen. Der Richter sei regierungstreu, weshalb die kurdische Ethnie für die Inhaftierung des Beschwerdeführers ausschlagge- bend gewesen sei. Der Beschwerdeführer sei in der Folge unter dem Vorwurf für die PKK tätig zu sein (wegen Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisation) während 18 Monaten im Gefängnis (…) in einer 10-er Zelle unter anderem zusammen mit verurteilten PKK-Anhängern inhaftiert worden. Sein Cousin D._______ sei unter denselben Vorwürfen zeitweise im gleichen Gefängnis inhaftiert worden; ein entfernter Cousin H._______ (N […]), sei ebenfalls zum gleichen Zeitpunkt inhaftiert gewesen. Seine (der Beschwerdeführer) Familie habe ihn besucht, Kleider geschickt und einen zweiten Anwalt mit seinem Fall beauftragt. Nach einem entlastenden Bericht aus I._______ und insgesamt acht oder neun Gerichtsverhandlungen sei der Beschwerdeführer am (…) 2018 aus der Untersuchungshaft freigelassen worden. Zunächst habe er sich aus Furcht vor einer ern euten Verhaftung oft zuhause aufgehalten; es seien überall Polizisten stationiert gewesen. Er sei auch auf der Strasse von Po- lizisten kontrolliert worden, die seine Identität überprüft und ihn als angeb- lichen PKK-Anhänger identifiziert hätten. Ausschlaggebend für seine Aus- reise sei die Nachricht seines Anwalts gewesen, man würde ihn nicht wie er angenommen habe bald freisprechen, sondern es werde eine lebens- längliche Strafe gegen ihn als angebliches PKK -Mitglied beantragt. Sein zweiter Anwalt habe dies bestätigt, worauf der Beschwerdeführer sich zur Ausreise entschlossen habe. Zusammen mit seinem Cousin D._______ sei er aus Angst vor einer Ver- urteilung im August 2019 ausgereist. Nebst dem Cousin D._______ und dem Cousin zwei ten Grades H._______ (die inzwischen beide in der Schweiz Asyl erhalten haben [anm. des Gerichts]) sei sein Bruder während kurzer Zeit politisch aktiv gewesen, weshalb er in Deutschland ein Asylge- such eingereicht habe. Ein weiterer Cousin sei aufgrund seiner PKK-Tätig- keiten von türkischen Sicherheitskräften umgebracht worden und ein D-3446/2021 Seite 4 Cousin dritten Grades sei etwa zehn Jahre lang bei der PKK gewesen und danach ausgereist. B. Am 3. Januar 2020 reichte der Beschwerdeführer zahlreiche Beweismittel auf Türkisch betreffend das Gerichtsverfahren zu den Akten. C. Mit Verfügung vom 14. Januar 2020 wurde der Beschwerdeführer dem er- weiterten Verfahren zugewiesen. D. Am 15. Januar 2020 reichte die zugewiesene Rechtsvertretung weitere Be- weismittel zu den Akten und erklärte am Folgetag das Mandatsverhältnis für beendet. E. Mit Verfügung vom 2. März 2020 wurde der Beschwerdeführer aufgefor- dert, die eingereichten Beweismittel innert Frist übersetzen zu lassen. F. Mit Eingabe vom 2. April 2020 und mit Verweis auf die Fürsorgebestätigung vom 5. März 2020 führte die neu mandatierte Rechtsvertretung aus, der Beschwerdeführer sei aufgrund seiner Mittellosigkeit nicht in der Lage, die zahlreichen Beweismittel übersetzen zu lassen. Dies könne allerdings nicht als Verletzung der Mitwirkungspflicht qualifiziert werden, zumal er die ent- sprechende Unmöglichkeit nicht selbst verschulde. Ohne entsprechenden Gegenbericht werde davon ausgegangen, dass die Beweismittel von Am- tes wegen übersetzt würden. Ferner wurden weitere Beweismittel in Aus- sicht gestellt und beantragt, dem Beschwerdeführer sei eine entspre- chende Frist bis zum 4. Mai 2020 zu gewähren und Kopien der bereits ein- gereichten Beweismittel und allfälliger Übersetzungen sowie ein Beweis- mittelverzeichnis auszuhändigen. Ausserdem wurde um vollständige Ak- teneinsicht nach Abschluss der Sachverhaltsermittlung aber noch vor Ent- scheideröffnung ersucht. Mit Eingabe vom 1. Mai 2020 wurde darum ersucht, die Frist für weitere Beweismittel bis Ende Juni zu erstr ecken und darauf hingewiesen, dass dem Beschwerdeführer bisher kein Beweismittelverzeichnis zugestellt wor- den sei. D-3446/2021 Seite 5 G. Mit Eingang vom 16. Juni 2020 beim SEM sowie Eingabe vom 9. Juli 2020 wurden zahlreiche Bewe ismittel, insbesondere auch Gerichtsdokumente und ein Anwaltsschreiben , nachgereicht. Auch diesbezüglich wurde um amtliche Übersetzung und anschliessendem rechtlichen Gehör ersucht. Ausserdem wurde über den aktuellen Stand des Strafverfahrens in der Tür- kei informiert, soweit der Beschwerdeführer davon Kenntnis habe. H. Mit Eingabe vom 22. Januar 2021 wurde wiederum um Übersetzung der im Juli 2020 eingereichten Beweismittel und deren Zustellung ersucht so- wie nach dem aktuellen Stand des Verfahrens gefragt. I. Mit Verfügungen des SEM vom 16. Februar 2021 sowie 26. A pril 2021 wurde der Beschwerdeführer aufgefordert, innert Frist weitere Beweismittel nachzureichen, insbesondere Auszüge aus dem elektronischen Schalter E-Devlet (Bürgerportal des türkischen Staates) und UYAP (Datenbank des Justizministeriums). Ausserdem wurde ihm die Übersetzung des einge- reichten Gerichtsurteils vom 22. November 2019 zugestellt und ausgeführt, angesichts des daraus hervorgehenden Freispruchs erübrige sich eine Übersetzung der übrigen Unterlagen. J. Mit Schreiben vom 12. März 2021 – das im Aktenverzeichnis des SEM je- doch keinen Niederschlag fand – wurde darüber informiert, dass sein tür- kischer Anwalt bestätige, das s das Verfahren noch hängig sei. E inen UYAP-Auszug könne er wiederum gemäss dessen Auskunft erst erhalten, wenn das Verfahren rechtskräftig sei. Das SEM werde darum ersucht, ent- sprechende Länderinformationen beizuziehen und einen Auszug von Am- tes wegen einzuverlangen, falls notwendig. Schliesslich werde seine Fami- lie belästigt und ein Kollege, der unter ähnlichen Umständen verhaftet und wieder freigelassen worden sei, sei nun wieder inhaftiert worden. Es wurde um zeitnahen Abschluss des Verfahrens ersucht. K. Mit Eingabe vom 13. April 2021 – die im Aktenverzeichnis des SEM eben- falls keinen Niederschlag fand – wurden neue Beweismittel im Original ein- gereicht. Auch diesbezüglich wurde ersucht, die Dokumente amtlich zu übersetzen und dem Beschwerdeführer dazu das rechtliche Gehör zu ge- währen. D-3446/2021 Seite 6 L. Mit Eingabe vom 25. Mai 2021 – die im Aktenverzeichnis des SEM auch keinen Niederschlag fand – reichte der Beschwerdeführer mittels seiner Rechtsvertretung verschiedene Gerichtsdokumente zu den Akten. Gleich- zeitig ersuchte er um amtliche Übersetzung und anschliessende Aktenein- sicht. Diesbezüglich erklärte seine Rechtsvertretung, zum eine n könnten die Beweismittel nur in beschränktem Umfang mit dem Beschwerdeführer besprochen werden, da dieser kaum Türkisch lesen oder sich verständigen könne und jeweils mit einem kurdischen Dolmetscher gesprochen werden müsse. Zum anderen sei er kaum in der Lage, die Inhalte der zahlreichen juristischen Dokumente zu verstehen; es müsse ein türkischer Dolmet- scher hinzugezogen werden, um die Zusammenhänge zwischen den Do- kumenten zu verstehen. Weiter wurde darauf hingewiesen, dass es sehr wohl notwendig sei, sämtliche Beweismittel übersetzen zu lassen, die mit seinem Gefährdungsprofil und der erlebten Haft im Zusammenhang stehen würden, wobei er keine finanziellen Mittel habe, um diese Übersetzungen selbst zu bezahlen. Weiter wurde darauf hingewiesen, dass er ein Gefähr- dungsprofil aufweise, seine Familie mehrfach belästigt worden sei und er trotz einer gegen ihn verhängten Ausreisesperre ausgereist sei. Mit Ver- weis auf verschiedene Länderberichte führte er aus, er müsse bei seiner Rückkehr mit asylrelevanter Verfolgung rechnen. Er ersuchte ebenfalls um Einsicht in die Akten seines Cousins D._______, der zu ihm befragt worden sei. M. Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer neben sei- nem Führerschein im Original unter anderem zahlreiche Beweismittel auf Türkisch (in Kopie, teilweise vom SEM übersetzt) betreffend seine Inhaftie- rung und die Gerichtsverhandlungen ein: – 8. Gerichtsprotokoll (..) vom (..) 2018 betreffend die gegen ihn ver- hängte Ausreisesperre – Urteil des Gerichts für schwere St raftaten Nr. 3 in C._______ vom (..) 2019 (vom SEM zusammengefasst und übersetzt) – Beschwerdeschrift vom (..) 2019 der Staatsanwaltschaft (vom SEM zu- sammengefasst und übersetzt) – Urteil des Regionalgerichts vom (..) 2020 betreffend die Bestätigung seines Freispruchs (vom SEM zusammengefasst und übersetzt) D-3446/2021 Seite 7 – Rechtskraftmitteilung des Freispruchs vom (..) 2020 (vom SEM über- setzt) – Schreiben seines türkischen Anwalts vom 5. Juni 2020 zwecks Infor- mation Freispruch und Einspruch der Staatsanwaltschaft (vom SEM zusammengefasst und übersetzt) – Schreiben seines türkischen Anwalts vom 25. Februar 2021 mit Erklä- rungen zum Verfahren (vom SEM zusammengefasst und übersetzt) – Schreiben seines türkischen Anwalts vom 5. März 2021 betreffend Frei- spruch (vom SEM übersetzt) – Schreiben seines Vaters vom 6. Mai 2021 betreffend Razzien (vom SEM übersetzt) – Schreiben seines türkischen Anwalts vom 19. Mai 2021 zum Verfah- rensstand (vom SEM zusammengefasst und übersetzt) – Schreiben vom 27. Juli 2021 des Ermittlungsbüros an seinen türki- schen Anwalt N. Aus den übersetzten Beweismitteln ergibt sich, dass am (..) 2019 das Ge- richt für schwere Straftaten Nr. 3 in C._______ den Beschwerdeführer frei- gesprochen hat, weil die Zeugenaussagen abstrakt und widersprüchlich gewesen seien und die allgemeinen A uskünfte von Drittpersonen (E._______ und G._______) für eine Verurteilung nicht genügen würden. Mit Beschwerdeschrift vom (…) 2019 hat die Staatsanwaltschaft beim zu- ständigen Regionalgericht, Strafkammer Nr. (…) in J._______ Einspruch erhoben; sein Freispruch wurde am (..) 2020 bestätigt und ist am (..) 2020 in Rechtskraft erwachsen. O. Mit Verfügung vom 28. Juni 2021 – eröffnet am 30. Juni 2021 – lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers im Rahmen des erweiterten Verfahrens ab und ordnete die Wegweisung sowie den Vollzug an. P. Am 5. Juli 2021 stellte die neu mandatierte rubrizierte Rechtsvertreterin beim SEM ein Akteneinsichtsgesuch , dem a m 26. Juli 2021 entsprochen wurde. D-3446/2021 Seite 8 Q. Mit Eingabe vom 29. Juli 2021 erhob der Beschwerdeführer mittels Rechts- vertretung gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Be- schwerde und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung, even- tualiter die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz sowie subeventuali- ter die Erteilung der vorläufigen Aufnahme. In prozessualer Hinsicht wurde um vollumfängliche unentgeltliche Rechtspflege sowie Verzicht auf Kosten- vorschuss ersucht. R. Mit Zwischenverfügung vom 2. August 2021 stellte die zuständige Instruk- tionsrichterin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfah- rens in der Schweiz abwarten und hiess die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege sowie um Befreiung von der Kostenvor- schusspflicht gut. Die rubrizierte Rechtsvertreterin wu rde als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt. Gleichzeitig lud die Instruktionsrichterin die Vorinstanz dazu ein, sich im Rahmen einer Vernehmlassung zu äussern, wobei explizit auf die Praxis gemäss BVGE 2010/9 verwiesen wurde. S. In seiner Vernehmlassung vom 13. August 2021 hielt das SEM vollumfäng- lich an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Be- schwerde. Zur Praxis gemäss BVGE 2010/9 äusserte es sich nicht. T. Mit Replik vom 31. August 2021 nahm der Beschwerdeführer zur Vernehm- lassung Stellung und reichte weitere Beweismittel zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). D-3446/2021 Seite 9 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be- schwerde ist einzutreten. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässige n Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nach weisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG; vgl. zur Glaubhaftmachung BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.). 4. 4.1 Das SEM hielt zur Begründung seiner Verfügung im Wesentlichen fest, der Beschwerdeführer habe bei der Anhörung am 6. Januar 2020 zweimal betont, er wisse nicht, wann ein Urteil gefällt würde, und dass er gemäss den Angaben seines Anwaltes mit 30 Jahren Gefängnisstrafe zu rechnen D-3446/2021 Seite 10 habe. Zum Zeitpunkt der Anhörung sei er aber bereits mit Urteil vom (…) 2019 freigesprochen worden, was ihm kaum habe entgehen können. Die- ser Freispruch sei am (…) 2020 vollumfänglich bestätigt und am (…) 2020 rechtskräftig geworden. Es gäbe keinen Grund, weshalb die türkischen Be- hörden ihn in dieser Sache weiterhin strafrechtlich verfolgen würden, wes- halb vorliegend nicht von einer aktuellen Bedrohungslage auszugehen sei. Es bestehe auch kein Grund zur Annahme, dass der Beschwerdeführer im Zusammenhang mit dem früheren Strafverfahr en in absehbarer Zukunft flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgung ausgesetzt würde. Es sei zwar bedauerlich, dass er ungefähr 18 Monate in Haft habe verbringen müssen. Er sei aber inzwischen in allen Punkten rech tskräftig freigesprochen wor- den, weil die Anklage auf falschen Annahmen und nicht vertrauenswürdi- gen Zeugenaussagen beruht habe. Somit könne er für die angeblich be- gangene Straftat grundsätzlich nicht mehr belangt werden. Es treffe zwar zu, dass ehemalige Strafgefangene häufig auch nach ihrer Strafverbüs- sung als verdächtig gelten würden und daher behördlichen Massnahmen ausgesetzt seien. In Ausnahmefällen könne es vorkommen, dass ehema- lige Strafgefangene ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG aus- gesetzt würden. Gemäss dem SEM würden v erschiedene gefährdende Faktoren – die im Falle des Beschwerdeführers nicht vorliegen würden –, insbesondere der Grund sowie der Zeitpunkt des früheren Strafverfahrens, die behördliche Einschätzung über ein aktuelles politisches Engagement der verdächtigen Person und das familiäre Umfeld eine allenfalls zu be- fürchtende behördliche Massnahme beeinflussen. Bei den Schreiben sei- nes türkischen Anwaltes handle es sich lediglich um Erklärungen zum Strafverfahren. Es erstaune jedoch, dass sein Anwalt mit Schreiben vom 5. März 2021 behaupte, das Verfahren sei noch hängig, was zu diesem Zeitpunkt nicht der Realität entsprochen habe. Ein weiteres Schreiben sei- nes Anwaltes bestätige die Rechtskraft seines Freispruchs. Die Behaup- tung seines ihm wohlwollend gesinnten Vat ers, zwei Razzien hätten bei ihm stattgefunden und nach dem Beschwerdeführer sei gefragt worden, ziele auf die Beschaffung neuer Asylgründe ab. Die Begründung des Frei- spruchs sei derart klar, dass keinerlei besondere Umstände vorliegen wür- den, die seine Furcht vor flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgung als be- gründet erscheinen lassen würden. Zudem erübrige sich die Übersetzung und die Würdigung der zirka 40 wei- teren Beweismittel, die im Zusammenhang mit dem geltend g emachten Strafverfahren stünden . Sch liesslich sehe das SEM keinen Anlass zum D-3446/2021 Seite 11 Beizug der Akten seines Cousins D._______. Es liege am Beschwerdefüh- rer Einsicht in diese Akten zu verlangen. Es sei auch nicht ersichtlich, in- wiefern die Angaben seines Cousins eine Änderung des Standpunktes des SEM rechtfertigen würden. 4.2 Der Beschwerdeführer hielt dem entgegen, dass er Auszüge aus dem E-Devlet und UYAP mit Erklärungen am 25. Mai 2021 durch seine dama- lige Rechtsvertretung eingereicht habe, weshalb er seiner Mitwirkungs- pflicht umfassend nachgekommen sei. Die Vorinstanz habe weder die Aus- führungen seiner schweizerischen noch der türkischen Rechtsvertretung beachtet. Es sei mehrmals darauf hingewiesen worden, dass die Familie des Beschwerdeführers mehrere Male aufgesucht worden sei und sich die Behörden auch telefonisch nach dem Beschwerdeführer erkundigt hätten. Er sei nach der Haftentlassung beobachtet worden, weshalb deutlich er- sichtlich sei, dass er trotz des Freispruchs weiterhin gesucht werde und seine Familie unter behördlichem Druck stehe. Des Weiteren sei das Verfahren am Anhörungstag noch hängig gewesen. Der Beschwerdeführer habe der Vorinstanz nichts vorenthalten, sondern sehr ausführlich über seine Asylgründe berichtet und viele Beweismittel eingereicht. Am (…) 2021 sei der Freispruch bestätigt worden. Die Rechts- kraft des (…) Gerichts für schwere Straftaten C._______ vom (…) 2020 sei aber erst am (…) 2020 mitgeteilt worden. Die Verspätungen hätten mit dem türkischen Justizsystem zu tun und seien dem Beschwerdeführer nicht an- zurechnen. Sein türkischer Anwalt habe ebenfalls diesbezügliche Informa- tionen geliefert. Die Vorinstanz begründe nicht rechtsgenüglich, weshalb die eingereichten Aktenstücke nicht übersetzt und die Akten des Cousins D._______ nicht beigezogen worden seien, zumal die Zusammenhänge zwischen den Do- kumenten ersichtlich würden und sich das Gefährdungsprofil des Be- schwerdeführers herauskristallisieren würde. Der Beschwerdeführer sei während dem Verfahren nach seinem Cousin gefragt worden. Die Akten- einsicht sei aber nicht gewährt worden (seine Rechtsvertreterin habe eben- falls den Cousin D._______ vertreten). Sein Cousin habe am 16. Juli 2021 – nach Erlass der angefochtenen Verfügung – den positiven Asylentscheid erhalten. Die Vorinstanz habe die Unter suchungs- und Abklärungspflicht verletzt, indem sie die Dokumente nicht übersetzt und die Akten seines Cousins nicht gewürdigt habe. D-3446/2021 Seite 12 Angebliche PKK-Mitglieder wie der Beschwerdeführer hätten mit sehr gros- ser Wahrscheinlichkeit einen Archiveintrag und auch deswegen zukünftige Schikanen zu befürchten. Er sei mehr als 18 Monate unschuldig in Haft gewesen. Mit Verweis auf einen Bericht der Schweizerischen Flüchtlings- hilfe bezüglich der Verfolgung von PKK-Mitgliedern, führte er aus, er habe auch nach Abschluss des Strafverfahrens mit staatlicher Überwachung zu rechnen. Gegen den Beschwerdeführer sei zudem eine Ausreisesperre verhängt worden, weshalb er noch mehr auffalle und registriert werde. Seit dem Putschversuch im Jahr 2016 gehe der türkische Präsident mit aller Härte gegen als oppositionell geltende Kurden vor. In der Türkei müssten alle Personen, die jemals mit der PKK in Verbindung gebracht worden seien, mit einer Verfolgung rechnen. Es seien insbesondere Personen be- troffen, die bereits der Mitgliedschaf t in einer terroristischen Organisation verdächtigt worden seien, wobei im Falle einer Verhaftung massive Folte- rungen drohen würden. Der Beschwerdeführer sei nach Entlassung aus dem Gefängnis weiterhin behelligt worden. Er würde bei jeder Identitäts- kontrolle «nach Lust und Laune» lange warten müssen oder anderweitig benachteiligt werden. Weil die türkischen Behörden vom Strafverfahren wüssten, sei er einem enormen psychischen Druck ausgesetzt. Zudem seien Personen und Familienmitglieder, die in der Türkei ein Ver- fahren aufgrund eines Verdachts der Mitgliedschaft bei einer Terrororgani- sation hängig hätten, fichiert und bei einer Rückkehr asylrelevanter Verfol- gung ausgesetzt. Somit bestehe auch keine innerstaatliche Fluchtalterna- tive. Der Archiveintrag könne nicht gelöscht werden und ein junger Mann aus B._______ mit dem Vermerk, Strafverfahren wegen Mitgliedschaft in der PKK, würde sehr schnell auffallen. Daran würden seine mehrmonati- gen Aufenthalte ausserhalb seiner Heimatsstadt – ohne Wohnsitzwechsel – nichts ändern. Bei Wohnsitznahme in einem anderen Landesteil würde eine Meldung an die Behörden gemacht werden. Es sei davon auszuge- hen, dass der Beschwerdeführer auch ausserhalb von C._______ bei po- litisch relevanten Zwischenfällen automatisch als potentieller Tatverdächti- ger in Betracht gezogen und entsprechend behandelt würde. Angesichts der aktuellen politischen Lage könne eine Gefährdung durch zukünftige Verfolgung nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Es würden immer noch viele Personen wegen der PKK einvernommen und verhaftet, obwohl sie vor Jahren freigesprochen worden seien. Er habe bei seiner Rückkehr mit Misshandlungen oder sogar mit Haftstrafen zu rechnen. Seine Furcht vor einer möglichen Bestrafung aufgrund der erlittenen Haft sowie seiner mehrjährigen Landesabwesenheit sei begründet und asylrelevant. Der Freispruch ändere nichts daran, zumal weitere Nachfragen bei der Familie D-3446/2021 Seite 13 des Beschwerdeführers erfolgt seien und ein noch inhaltlich unbekanntes Verfahren gegen ihn hängig sei. Schliesslich sei das Umfeld der Familie den Behörden als «terroristisch» bekannt, weshalb eine «gewisse» Reflexverfolgung anzunehmen sei. Der Beschwerdeführer habe einen Cousin, der vor drei bis dreieinhalb Jahren von staatlichen Sicherheitskräften getötet worden sei. Er habe auch einen entfernten Verwandten, der zehn Jahre bei der PKK in den Bergen gewe- sen sei. Der Sohn des Onkels sei zirka drei Monate vor der Festnahme des Beschwerdeführers aufgrund eines Verdachts der Mitgliedschaft bei einer Terrororganisation verhaftet worden. Auch dem Beschwerdeführer sei eine Mitgliedschaft bei der PKK vorgeworfen worden, obwohl er keine Kontakte zur PKK habe – er habe lediglich Jugendliche der Union für die Verteidi- gung der Zivilisten (YPS) mit Essen versorgt während den Unruhen in der Heimatregion. 4.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, die damalige Rechtsver- treterin habe in der Eingabe vom 25. Mai 2021 ausgeführt, aktuelle Aus- züge aus dem E-Devlet und dem UYAP einzureichen, die entsprechenden Beilagen hätten jedoch einen anderen Inhalt gehabt. Seine angebliche Un- kenntnis über den erstinstanzlichen Freispruch zum Zeitpunkt der An hö- rung sei nicht glaubhaft. Er habe auf die Frage, ob er erstinstanzlich verur- teilt worden sei, geantwortet: «Soviel ich weiss, noch nicht, nein. Es wurde kein Urteil gefällt.» Weiter habe er gesagt: «Ich war anderthalb Jahre im Gefängnis und danach kam ic h hierher. Ich wurde vorübergehend freige- lassen, aber ein Urteil war damals noch nicht gefällt.» Es sei sodann kein Beweismittel bezüglich der geltend gemachten Ausreisesperre eingereicht worden, dabei handle es sich um eine unbelegte Behauptung . Das SEM gehe nebenbei davon aus, dass eine mögliche illegale Ausreise keine Ge- fährdung im Sinne des Art. 3 AsylG begründen würde, da der Beschwerde- führer in allen Anklagepunkten zweitinstanzlich freigesprochen worden sei. Schliesslich handle es sich beim Cousin D._______ um einen Verwandten zweiten Grades, dessen Asylgesuch in keiner Weise mit den Asylgründen des Beschwerdeführers verbunden sei. 4.4 In seiner Replik hielt der Beschwerdeführer fest, die Vorinstanz habe sich nicht zur Praxis gemäss BVGE 2010/9 geäussert, obwohl sie von der Instruktionsrichterin dazu eingeladen worden sei. Dieses Urteil sei vorlie- gend von grosser Bedeutung, weil der Datenblatt -Eintrag nicht gelöscht werden könne und ein Ermittlungsverfahren eröffnet worden sei. Bezüglich D-3446/2021 Seite 14 seiner angeblichen Kenntnis über den erstinstanzlichen Freispruch anläss- lich der Anhörung verwies er auf seine Beschwerde sowie auf das Schrei- ben des türkischen Anwaltes vom 19. Mai 2021. Weiter sei am (…) 2018 – als er aus der Untersuchungshaft entlassen worden sei – eine Ausreise- sperre verhängt und das Sicherheitsdirektorium beauftragt worden, Nach- forschungen zu allfälligen PKK-Aktivitäten des Beschwerdeführers zu täti- gen. Diesbezüglich reichte er eine Kopie des 8. Gerichtsprotokolls (…) und die Antwort des Ermittlungsbüros an seinen türkischen Anwalt zu den Ak- ten. Das 8. Gerichtsprotokoll sei von der vorherigen Rechtsvertretung be- reits eingereicht, aber von der Vorinstanz weder übersetzt noch berück- sichtigt worden. Sein Vater sei erneut von Polizisten aufgefordert worden, den Aufenthaltsort des Beschwerdeführers bekannt zu geben. Gemäss Antwortschreiben der Staatsanwaltschaft B._______ vom 27. Juli 2021, das in Kopie beigelegt werde, stehe dies in Zusammenhang mit einem neu- eröffneten hängigen «Ermittlungsverfahren (…)» und e s bestehe ein Be- schränkungs- sowie ein Fahndungsbeschluss gegen die beschuldigte Per- son. 5. Auf die Prüfung der formellen Rügen kann angesichts des Ergebnisses im vorliegenden Verfahren (vgl. nachfolgend) verzichtet werden. Es ist aber dennoch auf verschiedene offensichtliche Verletzungen der Verfahrens- rechte des Beschwerdeführers hinzuweisen. So hat die vormalige Rechts- vertretung um Akteneinsicht nach Abschluss der Sachverhaltsermittlung aber vor Ausfällung des Entscheides ersucht, ein Anspruch der gemäss langjähriger Praxis besteht, den das SEM jedoch in keiner Weise behandelt hat. Auch die Aktenführung ist vorliegend zu beanstanden, zumal die Ein- gaben vom 12. März 2021, 13. April 2021 und dem 25. Mai 2021, auf die das SEM wie auch der Beschwerdeführer Bezug nehmen, zwar im Beweis- mittelverzeichnis sowie einer «Dokumentenliste» vorhanden sind, sich je- doch weder in den eigentlichen Akten des SEM noch im Aktenverzeichnis finden lassen. Indem das SEM die Akten unregelmässig geführt hat und wesentliche Beweismittel nicht im Aktenverzeichnis verzeichnet sind, hat es der Rechtsvertretung eine angemessene Akteneinsicht verwehrt und die Anfechtung der Verfügung vom 28. Juni 2021 erschwert . Aus den vom Bundesverwaltungsgericht beim SEM über d ie elektronischen Akten hin- aus nachgeforderten physischen N-Akten (N-Box mit Beweismitteln) geht hervor, dass d as SEM sodann offensichtlich entscheidwesentliche Akten übersehen hat, indem es nur einen Teil der Akten übersetzen liess. So be- hauptet es in seiner Vernehmlassung, zur ausgefällten Ausreisesperre sei kein Dokument eingereicht worden, obwohl dies der Fall war (vgl. Kopie D-3446/2021 Seite 15 des 8. Gerichtsprotokolls […]). Und schliesslich verzichtete das SEM expli- zit auf einen Beizug der Akten der asylberechtigten Familienangehörigen, obwohl es in der angefochtenen Verfügung selber ausführte, bei der Ein- schätzung des Risikoprofils von ehemals Strafgefangenen sei insbeson- dere «das familiäre Umfeld» massgeblich. Diese Argumentation erscheint widersprüchlich. Angesichts der nachfolgenden Erwägungen, und weil dem Beschwerdeführer vorliegend angesichts des vollumfänglichen Obsiegens keine Nachteile erwachsen, kann von weiteren Instruktionsmassnahmen abgesehen werden. Damit erübrigt sich – ebenfalls betreffend die weiteren formellen Rügen – auch die Frage einer allfälligen Rückweisung an die Vo- rinstanz (vgl. Urteil des BVGer D -3180/2012 vom 28. September 2012 E. 3). 6. 6.1 Das SEM hat die fluchtauslösenden Ereignisse nicht bezweifelt und auch das Bundesverwaltungsgericht sieht keine Veranlassung, an den Vor- bringen zu zweifeln. Insbesondere ist darauf hinzuweisen, dass es dem Beschwerdeführer gelungen ist, zahlreiche ihn betreffende Gerichtsunter- lagen einzureichen, die seine Vorbringen vollumfänglich bestätigen. Damit ist nachfolgend davon auszugehen, dass gegen den Beschwerdeführer in der Türkei ein Strafverfahren eröffnet wurde und er in diesem Zusammen- hang bedroht, geohrfeigt, und unter Druck gesetzt sowie während über 18 Monaten unrechtmässig inhaftiert wurde. Er wurde vorläufig entlassen, ohne dass ein Urteil gegen ihn ergangen wäre. Anlässlich einer Polizeikon- trolle wurde der Beschwerdeführer als PKK -Mitglied identifiziert und be- schimpft. Als sein Anwalt ihn über eine mögliche Verurteilung zu einer le- benslänglichen Haft informierte, entschloss er sich aus der Türkei auszu- reisen. Ebenfalls ist unbestritten, dass nach der Ausreise des Beschwer- deführers am (…) 2019 ein Freispruch mangels Beweisen im Verfahren gegen den Beschwerdeführer ergangen ist , der am (…) 2020 bestätigt wurde. 6.2 Entgegen der Ansicht der Vorinstanz geht das Gericht nicht von der Kenntnis des Beschwerdeführers vom Freispruch zum Zeitpunkt seiner An- hörung am 6. Januar 2020 aus. Das Urteil des (…) Gerichts für schwere Straftaten C._______ ist erst am (…) 2020 in Rechtskraft erwachsen. Sein Anwalt hat ihn mit Schreiben vom 5. Juni 2020 über den Weiterzug infor- miert. Angesichts der gegen den Freispruch erhobenen Beschwerde der Staatsanwaltschaft und des damit noch laufenden Strafverfahrens im Ja- nuar 2020 ist die verspätete Information seitens des türkischen Anwaltes D-3446/2021 Seite 16 durchaus erklärbar. Diesbezüglich kann auch auf die überzeugenden Er- klärungen in der Beschwerdeschrift verwiesen werden, wonach eine Ver- spätung dem türkischen Justizsystem anzulasten ist und der Beschwerde- führer, der die türkische Sprache kaum beherrscht, auf die professionelle Hilfe seiner türkischen Anwälte zur Beschaffung der Dokumente angewie- sen war (vgl. dazu auch die Ausführungen im Schreiben vom 19. Mai 2021 des türkischen Anwaltes). Letztlich ist die Frage, ob der Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung bereits im Detail über den erstinstanzlichen Frei- spruch informiert war, jedoch nicht weiter relevant, zumal der Beschwerde- führer im weiteren Verfahrensverlauf die entsprechenden Informationen von sich aus und transparent offenlegte. 7. Wie nachfolgend aufgezeigt wird, teilt das Gericht die Einschätzung der Vorinstanz nicht, dass der Beschwerdeführer aufgrund seines Freispruchs bei einer Rückkehr in die Türkei keine ernsthaften Nachteile zu befürchten habe. Die Inhaftierung und Vorverfolgung des Beschwerdeführers muss nach Einschätzung des Gerichts vielmehr als eine flüchtlingsrechtlich rele- vante politisch motivierte Verfolgung eines vermeintlichen kurdischen Ter- roristen gelten. Die eingereichten Beweismittel deuten auf ein aktuell be- stehendes erhebliches staatliches Interesse an seiner Person und eine be- gründete Furcht vor Verfolgung hin. 7.1 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigen - schaft im Sinne von Art. 3 A sylG voraus, dass die asylsuchende Person ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungs- weise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach- teile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen oder zugefügt worden sein, und vor denen sie keinen ausreichenden staat- lichen Schutz erwarten kann (vgl. dazu BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5 je m.w.H.). Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne dieser Bestimmung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Aus- reise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirk- licht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensol- cher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen kon- krete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus einem der vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch und D-3446/2021 Seite 17 nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1, 2010/57 E. 2.5 und 2010/44 E. 3). Ergänzend ist darauf hinzuweisen, dass die Schwelle zur Annahme begründeter Furcht bei Personen, die in der Ver- gangenheit bereits Opfer von Verfolgungen geworden waren, herabgesetzt ist (vgl. BVGE 2010/9 E. 5.2). 7.2 Seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 hat die Intensität der Verfol- gung von als oppositionell wahrgenommenen Personen in der Türkei zu- genommen. Trotz der Aufhebung des zweijährigen Ausnahmezustandes im Juli 2018 sind die negativen Auswirkungen der getroffenen Notstands- massnahmen auf Demokratie und Grundrechte nach wie vor stark zu spü- ren. Namentlich wird die Meinungsäusserungs - und die Versammlungs - freiheit von Oppositionspolitiker/innen, Journalist/innen, Menschenrechts- verteidiger/innen sowie Kritiker/innen der Regierungspolitik nach wie vor eingeschränkt und diese sind ständig mit gerichtlichen Schikanen konfron- tiert. Dies betrifft insbesondere kurdische und prokurdische Organisationen und Parteien (vgl. Austrian Center for Country of Origin and Asylum Rese- arch Documentation [ACCORD], Türkei: CO I-Compilation, Dezember 2020, S. 42 ff., 120 f., 203 ff. <https://www.ecoi.net/en/file/lo- cal/2041954/ACCORD_Tuerkei_COI-Compilation_2020.pdf>, abgerufen am 26.10.2021 ; Europäische Kommission , Commission Staff Working Document, Turkey 2021 Report, 19.10.2021, S. 10 ff. <https://www.parla- ment.gv.at/PAKT/EU/XXVII/EU/07/70/EU_77090/imf- name_11100344.pdf>, abgerufen am 26.10.2021). Die türkischen Behör- den gehen rigoros gegen tatsächliche und vermeintliche Regimekritiker und Oppositionelle vor. Dabei sind fingiert e Terrorismus-Anklagen sowie übermässig lange und willkürliche Inhaftierungen an der Tagesordnung. Tausende von Leuten sehen sich aufgrund ihrer Aktivitäten in den sozialen Medien mit gegen sie eingeleiteten Strafuntersuchungen und Anklagen konfrontiert. D ie türkische Justiz ist ebenfalls politischem Druck ausge- setzt, was eine faire und unabhängige Prozessführung praktisch unmöglich macht (vgl. Urteile des BVGer E-702/2018 vom 17. März 2021 E. 7.4.1 und E-2168/2018, m.w.H.). Vor diesem Hintergrund geht das Bundesverwal- tungsgericht in seiner aktuellen Praxis davon aus, dass im Einzelfall Per- sonen, denen in der Türkei Unterstützung von als terroristisch eingestufter Organisationen vorgeworfen wird, begründete Furcht vor Verfolgung haben (vgl. Urteil des BVGer D-1764/2019 vom 9. Oktober 2019 E. 6.4 f. m.w.H.). 7.3 In diesem sozialpolitischen Kontext verbrachte der Beschwerdeführer letztendlich aufgrund von widersprüchlichen Zeugenaussagen ein einhalb D-3446/2021 Seite 18 Jahre unrechtmässig in Haft. Sein Anwalt erklärte ihm in diesem Zusam- menhang, das Vorgehen widerspreche dem geltenden Recht, der Richter sei «ein Mann der Regierung, der AKP ( Partei für Gerechtigkeit und Ent- wicklung)» und er werde trotz der dünnen Beweislage nicht freigelassen, denn «es genüge für sie, wenn ich Kurde bin. Deshalb hielten sie mich fest» (vgl. Anhörung F88). Seine Stigmatisierung und willkürliche Inhaftie- rung aufgrund seiner kurdischen Ethnie – die ein flüchtlingsrechtlich rele- vantes Motiv darstellt – wird durch die lange Haftdauer mit Verfahrensver- zögerungen bekräftigt. Gesamthaft vermögen die Umstände rund um das Strafverfahren rechtsstaatlichen Ansprüchen an ein faires Verfahren klar- erweise nicht zu genügen. Somit begründet die illegitime Strafverfolgung deshalb ohne We iteres eine mit einem Politmalus behaftete und daher asylrelevante Vorverfolgung (vgl. BVGE 2020/VI/4 E. 5.1; Urteil des BVGer D-2673/2012 vom 20. Dezember 2018 E. 5.3). Im Zeitpunkt der Ausreise musste der Beschwerdeführer sodann damit rechnen, aufgrund d es Polit- malus wie von der Strafverfolgungsbehörde beantragt zu einer lebenslan- gen Gefängnisstrafe verurteilt zu werden, zumal das Strafverfahren zu die- sem Zeitpunkt noch hängig war . Für den Zeitpunkt der Ausreise ist damit von einer asylrechtlich relevanten Verfolgungssituation auszugehen. 7.4 Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist zwar die Situation im Zeitpunkt des Entscheides, erlittene Verfolgung oder im Zeit- punkt der Ausreise bestandene begründete Furcht vor Verfolgung kann je- doch auf eine andauernde Gefährdung hinweisen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.6; BVGE 2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.). Vorliegend ist d ie direkte Verfolgungssituation im Zusammenhang mit dem erwähnten durch den in Rechtskraft erwachsenen Freispruch nach der Ausreise des Beschwerde- führers weggefallen. Anders als das SEM geht jedoch das Gericht davon aus, dass der Beschwerdeführer aufgrund der genannten Umstände wei- terhin eine begründete Frucht vor erneuten intensiven Übergriffen hat. Von einer massgeblichen Veränderung der Umstände, die die Verfolgungs- furcht aus heutiger Sicht nicht mehr als aktuell erscheinen lassen könnte, ist entgegen der entsprechenden Erwägungen des SEM nicht auszugehen. 7.4.1 So dauert die im Jahr 2016 in Gang gesetzte repressive Politik der türkischen Behörden gegen die kurdische Minderheit ungebrochen an. Das Bundesverwaltungsgericht stellt in diesem Zusammenhang ausserdem fest, dass aufgrund der schwerwiegenden Vorwürfe der Mitgliedschaft in einer Terrororganisation und seiner 18-monatigen Inhaftierung von der Re- gistrierung des Beschwerdeführers auszugehen ist . In der Türkei werden Personen, die unter dem Verdacht des Begehens politischer Delikte stehen D-3446/2021 Seite 19 oder standen auf nationaler Ebene in einem zentralen EDV -unterstützten Registrierungssystem, dem sogenannten Allgemeinen Informationssystem (GBTS), registriert. Selbst wenn ein Strafverfahren mit einem Freispruch endet oder in der Folge eingestellt wird, bleiben die einmal erhobenen Vor- würfe für die Behörden erkennbar , womit der Beschwerdeführ er den Be- hörden landesweit als ehemaliger politischer Strafgefangener bekannt ist. Beim Vorliegen eines solchen Datenblattes ist in der Regel von einer be- gründeten Furcht vor künftiger asylrechtlich relevanter staatlicher Verfol- gung auszugehen, besonders w enn – wie im vorliegenden Fall – weitere konkrete Hinweise dafür vorliegen. Es ist vor allem auch davon auszuge- hen, dass das Datenblatt bei der mit der Wiedereinreise verbundenen Kon- trolle entdeckt wird, was bereits ein Risiko staatlicher, in ihrer Intensi tät asylrechtlich potentiell relevanter Verfolgungsmassnahmen darstellt (vgl. Urteile des BVGer D-3520/2015 vom 1. September 2017; D -2436/2015 vom 8. Oktober 2019; BVGE 2010/9 E. 5.3 und Entscheidungen und Mit- teilungen der Schweizerischen Asylrekurskommiss ion [EMARK] 2005/11 E. 5.1). 7.4.2 Auch ist die Herkunft des Beschwerdeführers und das familiäre Um- feld in die Beurteilung seiner Gefährdung miteinzubeziehen. Das Gericht zieht zur Beurteilung das Dossier des Cousins D._______ (N […]) bei. 7.4.2.1 Der Beschwerdeführer stammt aus dem Dorf B._______ in der Pro- vinz C._______, das im Zentrum der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den türkischen Behörden und der kurdischen Minderheit steht. Der Beschwerdeführer hat denn auch berichtet, dass die Familie zeitweise aus der Region flüchten musste und ihr Wohnhaus bei Angriffen zerstört worden war. 7.4.2.2 D._______, einem Cousin des Beschwerdeführers, wurde von den türkischen Behörden seinerseits unter anderem Mitgliedschaft und Unter- stützung der PKK vorgeworfen. Ihm erkannte die Vorinstanz mit Verfügung vom 16. Juli 2021 die Flüchtlingseigenschaft zu und gewährte ihm Asyl. Es ist davon auszugehen, dass das Verfahren gegen den Beschwerdeführer in engem Zusammenhang zu den Ermittlungen gegen den Cousin stand. Nicht nur waren die beiden zeitgleich inhaftiert, sondern hat im Verfahren des Cousins ebenfalls ein gewisser E._______ sowie die Geheimzeugin G._______ ausgesagt (vgl. Anhörung D._______ F110-113 und Anklage- schrift A17; vgl. auch die Aussage des Beschwerdeführers «es ging eigent- lich [im Verfahren des Cousins] um die gleichen Vorwürfe wie bei mir. Nur war es bei ihm noch viel schlimmer, nehme ich an» vgl. Anhörung F77 und D-3446/2021 Seite 20 Korrekturen in F78-79). Ebenso wurde dem Beschwerdeführer vorgewor- fen, der besagte Cousin habe ihn belastet. Dass die Verfolgung des Cous- ins sich negativ auf die Situation des Beschwerdeführers auswirkt, dürfte umso mehr der Fall sein, als der Cousin weiterhin gesucht wird, der Be- schwerdeführer mit diesem zusammen ausgereist und sich seither hier in der Schweiz aufgehalten hat. 7.4.2.3 Zudem trägt sein Cousin denselben Nachnamen K._______. Dass der Familienname des Beschwerdeführers belastend sein dürfte, ergibt sich auch aus der Anklageschrift seines Cousins, die mehrere mutmassli- che PKK-Angehörige namens K._______ erwähnt und eine PKK -Verbin- dung der Familie vermuten lässt (vgl. D._______, Anklageschrift A17 «dass weiter Personen aus seiner Familie […] beauftragt wurden, Sprengs- ätze zu organisieren und diese in Gruben zu legen»). 7.4.2.4 Das Gericht weist ebenfalls auf die weiteren ver folgten Familien- mitglieder hin, die die politische Exponiertheit der Familie des Beschwer- deführers bestätigen. Einem Cousin zweiten Grades, H._______, wurde am 11. Februar 2020 in der Schweiz ebenfalls Asyl gewährt. Die glaubhaf- ten Aussagen, wonach sein Bruder nach Deutschland geflohen sei, zwei weitere Cousins der PKK angehört hätten und von den türkischen Behör- den getötet worden, beziehungsweise ausg ereist seien (der Cousin D._______ bestätigte das PKK-Engagement der Familie), verschärfen das Gefährdungsprofil des Beschwerdeführers weiter. 7.4.3 Gänzlich ausser Acht gelassen hat das SEM sodann, dass der Be- schwerdeführer zu einem Zeitpunkt ausgereist ist, als das Verfahren gegen ihn noch hängig war und ein Ausreiseverbot galt. Dieses Ausreiseverbot konnte der Beschwerdeführer anders als vom SEM behauptet denn auch durch ein entsprechendes Dokument belegen. Dass die illegale Ausreise des Beschwerdeführers tro tz amtlichem Ausreiseverbot – so wie es das SEM in seiner Vernehmlassung insinuiert – aufgrund des nachträglichen Freispruchs keinerlei rechtliche Konsequenzen hätte, vermag sodann ge- rade auch im vorliegenden Kontext in keiner Weise zu überzeugen. In die- sem Sinne erscheint denn auch nachvollziehbar, dass gegen den Be- schwerdeführer, wie auf Beschwerdeebene vorgebracht, zurzeit ein Ermitt- lungsverfahren hängig ist (vgl. 8. Gerichtsprotokoll […] vom […] 2018). Und es erscheint insgesamt auch plausibel, dass – wie von seinem Vater im Schreiben vom 6. Mai 2021 behauptet wurde – Razzien im Haus der Fa- milie des Beschwerdeführers in der Türkei durchgeführt wurden. D-3446/2021 Seite 21 7.4.4 Schliesslich ist auch auf die konstante Praxis hinzuweisen, wonach bei der Beurteilung der Begründethei t der Furcht einer vorverfolgten Per- son nicht allein auf eine rein objektive Betrachtungsweise abzustellen und auch das von ihr bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in ver- gleichbaren Fällen in Betracht zu ziehen sind (vgl. BVGE 2010/9 E. 5.2) . Auch vor diesem Hintergrund vermag vorliegend die Fokussierung des SEM auf den Freispruch des Beschwerdeführers nicht zu überzeugen. 7.5 Angesichts der allgemeinen Situation in der Türkei, der nachvollzieh- baren subjektiven Furcht des Beschwerdeführers sowie in Anbetracht sei- nes geschärften Gefährdungsprofils und des politischen Datenblatts ist die- sen Erwägungen gemäss von einer weiterhin bestehenden begründeten Furcht vor Verfolgung auszugehen. So erscheint überwiegend wahrschein- lich, dass der Beschwerdeführer im Falle der Rückkehr erneut in den Fokus der türkischen Behörden geraten und er erneut der Unterstützung regime- kritischer Organisationen verdächtigt würde. Unter Berücksichtigung aller Umstände gelangt das Gericht zum Schluss, dass der Beschwerdeführer bereits bei der Einreise in die Türkei mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft mit massiven behördlichen Beeinträchtigungen zu rechnen hätte, welche ein asylrelevantes Ausmass erreichen dürften. 7.6 Da die befürchteten Nachteile von den türkisc hen Sicherheitskräften ausgehen, welche auf dem ganzen Territorium der Türkei die Staatsmacht repräsentieren, ist im vorliegenden Fall auch nicht vom Bestehen einer si- cheren innerstaatlichen Flucht- respektive Schutzalternative auszugehen. 7.7 Somit ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in die Türkei einem erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt ist und die Zu- fügung ernsthafter Nachteile im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu befürch- ten hat. Konkrete Hinweise für das Vorliegen von Asylausschlussgründen im Sinne von Art. 53 AsylG liegen aufgrund der Aktenlage nicht vor; seine Unschuld bezüglich den ihm vorgeworfenen Verbrechen wurde denn auch durch den Freispruch bestätigt. 7.8 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Die angefoch- tene Verfügung ist aufzuheben, der Beschwerdeführer als Flüchtling anzu- erkennen und das SEM ist anzuweisen, ihm in der Schweiz Asyl zu gewäh- ren. 8. D-3446/2021 Seite 22 8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 8.2 Dem vertretenen Beschwe rdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. In ihren Kos- tennoten vom 29. Juli 2021 (betreffend Beschwerde) und vom 31. August 2021 (betreffend Replik) hat die Rechtsvertreterin insgesamt einen Auf- wand von 18 Stunden (Besprechungen, Aktenstudium und Verfassen der Rechtsschriften) geltend gemach t, was insbesondere in Anbetracht der zahlreichen Beweismittel als der Sache ange messen zu qualifizieren ist . Nach dem Gesagten ist die Parteientschädigung aufgrund der Aktenlage, der massgebenden Bemessungsfaktoren (Art. 12 i.V.m. Art. 9 -11 VGKE) und des geltend gemachten Stundenansatzes (Fr. 185.–) auf Fr. 3'355.– festzusetzen (inkl. Auslagen; die Parteientschä digung umfasst keinen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE). (Dispositiv nächste Seite) D-3446/2021 Seite 23 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Der Beschwerdeführer wird als Flüchtling anerkannt. 3. Die Verfügung des SEM vom 28. Juni 2021 wird aufgehoben und das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer Asyl zu gewähren. 4. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 5. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Parteientschädigung von insge- samt Fr. Fr. 3'355.– auszurichten. 6. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Nina Spälti Giannakitsas Angela Hefti Versand: