<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2003 25 S.79</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Gerichtsorganisation</span> <span class="page_no">79</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>V. Gerichtsorganisation</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft3"><b>25</b></span> <span class="ft3"><b>§§ 28 Abs. 1, 30 GOG</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Ein Bezirksrichter darf erst dann als Stellvertreter des Gerichtspräsiden-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>ten zum Einsatz kommen, wenn der Gerichtspräsident aus zwingenden</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Gründen (z.B. Krankheit, Ausstandspflicht) an der Ausübung seines Am-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>tes verhindert ist und wenn auch der Vizepräsident sein Amt als Vertreter</b></span><br/> <span class="ft3"><b>des Gerichtspräsidenten infolge Verhinderung nicht wahrnehmen kann.</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Eine Vertretung des Gerichtspräsidenten durch einen Bezirksrichter ein-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>zig zur Entlastung wurde vom Gesetzgeber nicht vorgesehen.</b></span><br/> <br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 3. Strafkammer, vom 14. November</span><br/> <span class="ft4">2003 in Sachen Staatsanwaltschaft gegen D.B.</span><br/> <br/> <span class="ft5"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft6">1. In formeller Hinsicht rügt der Angeklagte in der Berufung,</span><br/> <span class="ft6">die Verhandlung vor Vorinstanz sei weder vom Gerichtspräsidenten</span><br/> <span class="ft6">noch vom Vizepräsidenten geführt worden. Ein Bezirksrichter sei</span><br/> <span class="ft6">aber nur dann für die Verhandlungsführung zuständig, wenn der Ge-</span><br/> <span class="ft6">richtspräsident und der Vizepräsident aus zwingenden Gründen an</span><br/> <span class="ft6">der Ausübung des Amtes verhindert seien. Derartige Gründe lägen</span><br/> <span class="ft6">nicht vor.</span><br/> <span class="ft6">2. a) Gemäss Art. 30 Abs. 1 BV hat jede Person, deren Sache in</span><br/> <span class="ft6">einem gerichtlichen Verfahren beurteilt werden muss, Anspruch auf</span><br/> <span class="ft6">ein durch Gesetz geschaffenes, zuständiges, unabhängiges und un-</span><br/> <span class="ft6">parteiisches Gericht, wobei Ausnahmegerichte untersagt sind. Art. 30</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 BV verlangt somit die generell-abstrakte Regelung der Zu-</span><br/> <span class="ft6">ständigkeiten, Kompetenzen und der Organisation von den Gerichten</span><br/> <span class="ft6">im formellen Gesetz. Die Gewährleistung des ordentlichen Richters</span><br/> <span class="ft6">im Einzelfall erfordert darüber hinaus, dass auch die Besetzung des</span><br/> <span class="ft6">Gerichts jedem Verdacht der Manipulation oder irgendwie gearteter</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">80</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">unsachlicher Beeinflussung entzogen ist (Jörg Paul Müller, Grund-</span><br/> <span class="ft6">rechte in der Schweiz, 3. A., Bern 1999, S. 573).</span><br/> <span class="ft6">b) Gemäss § 5a StPO amtet als Einzelrichter der Präsident des</span><br/> <span class="ft6">Bezirksgerichts. § 28 Abs. 1 GOG sieht vor, dass wenn der Ge-</span><br/> <span class="ft6">richtspräsident aus zwingenden Gründen an der Ausübung des Amtes</span><br/> <span class="ft6">verhindert ist, ihn der Vizepräsident vertritt. Ist auch dieser verhin-</span><br/> <span class="ft6">dert, tritt an seine Stelle ein Bezirksrichter. Unter den "zwingenden</span><br/> <span class="ft6">Gründen" gemäss § 28 Abs. 1 GOG sind insbesondere gesundheitli-</span><br/> <span class="ft6">che Gründe oder die Ausstandspflicht zu verstehen (vgl. dazu § 27</span><br/> <span class="ft6">Abs. 1 im Entwurf des Regierungsrats zum Gesetz über die Organi-</span><br/> <span class="ft6">sation der ordentlichen richterlichen Behörden vom 5. Dezember</span><br/> <span class="ft6">1983). Gemäss § 30 GOG ist eine Vertretung des Gerichtspräsidenten</span><br/> <span class="ft6">durch den Vizepräsidenten des Bezirksgerichts auch dann zulässig,</span><br/> <span class="ft6">wenn sie bloss zur Entlastung des Gerichtspräsidenten nötig ist.</span><br/> <span class="ft6">3. a) Bereits aus dem Gesetz ergibt sich mit hinreichender Deut-</span><br/> <span class="ft6">lichkeit, dass ein regelmässiger und ständiger Einsatz von Bezirks-</span><br/> <span class="ft6">richtern als Stellvertreter des Gerichtspräsidenten vom Gesetzgeber</span><br/> <span class="ft6">nicht beabsichtigt war und die Ausnahme bilden sollte. So wird in</span><br/> <span class="ft6">§ 28 Abs. 1 GOG ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ein Bezirks-</span><br/> <span class="ft6">richter erst dann als Stellvertreter des Gerichtspräsidenten zum Ein-</span><br/> <span class="ft6">satz kommen soll, wenn der Gerichtspräsident aus zwingenden</span><br/> <span class="ft6">Gründen an der Ausübung seines Amtes verhindert ist und wenn</span><br/> <span class="ft6">auch der Vizepräsident sein Amt als Vertreter des Gerichtspräsiden-</span><br/> <span class="ft6">ten infolge Verhinderung nicht wahrnehmen kann. Eine Vertretung</span><br/> <span class="ft6">des Gerichtspräsidenten durch einen Bezirksrichter einzig zur Entlas-</span><br/> <span class="ft6">tung wurde vom Gesetzgeber nicht vorgesehen, andernfalls er in § 30</span><br/> <span class="ft6">GOG diese Konstellation speziell noch hätte regeln müssen. § 30</span><br/> <span class="ft6">GOG weist aber einzig darauf hin, dass der Gerichtspräsident den</span><br/> <span class="ft6">Vizepräsidenten auch zu seiner eigenen Entlastung einsetzen darf.</span><br/> <span class="ft6">b) Im Übrigen macht es auch Sinn, dass ein Bezirksrichter im</span><br/> <span class="ft6">Sinne einer Ausnahme erst dann als Vertreter des Gerichtspräsidenten</span><br/> <span class="ft6">amten soll, wenn sowohl der Gerichtspräsident wie auch der - in der</span><br/> <span class="ft6">Regel - erfahrene Vizepräsident ihr Amt nicht wahrnehmen können;</span><br/> <span class="ft6">ebenso macht es Sinn, dass eine Stellvertretung des Gerichts-</span><br/> <span class="ft6">präsidenten einzig zu seiner Entlastung von einem erfahrenen Rich-</span><br/> <span class="ft6">ter, dem Vizepräsidenten, wahrgenommen werden soll.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2003</span> <span class="title">Gerichtsorganisation</span> <span class="page_no">81</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft6">c) Setzt also der Gerichtspräsident einen Bezirksrichter nach</span><br/> <span class="ft6">Belieben oder auch bloss zu seiner Entlastung ein, ohne dass ein</span><br/> <span class="ft6">zwingender Grund gemäss § 28 Abs. 1 GOG vorliegt, kommt dies</span><br/> <span class="ft6">einer Unterlaufung der gesetzlichen Regelung gleich.</span><br/> <span class="ft6">4. a) Der Stellungnahme vom 11. November 2003 des Präsiden-</span><br/> <span class="ft6">ten des Bezirksgerichts X. zur Frage, weshalb die Verhandlung vom</span><br/> <span class="ft6">27. August 2003 im vorliegenden Fall von Bezirksrichter Y. präsi-</span><br/> <span class="ft6">diert worden ist, lässt sich entnehmen, dass dies einzig zur Entlas-</span><br/> <span class="ft6">tung des Gerichtspräsidenten vorgekehrt wurde.</span><br/> <span class="ft6">b) Im Lichte der oben angeführten gesetzlichen Kriterien er-</span><br/> <span class="ft6">scheint die Einsetzung von Bezirksrichter Y. als Einzelrichter in</span><br/> <span class="ft6">Strafsachen im konkreten Fall als nicht haltbar. Da die Entscheid-</span><br/> <span class="ft6">kompetenz im konkreten Fall nicht bei dem gesetzlich vorgesehenen</span><br/> <span class="ft6">und demokratisch legitimierten Funktionsträger, nämlich dem Ge-</span><br/> <span class="ft6">richtspräsidenten, ev. dem Vizepräsidenten, verblieben ist, ist das</span><br/> <span class="ft6">vorinstanzliche Urteil vom 27. August 2003 aufzuheben. Die Sache</span><br/> <span class="ft6">ist zur korrekten Durchführung des Verfahrens im Sinne der Erwä-</span><br/> <span class="ft6">gungen an die Vorinstanz zurückzuweisen.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>