<h2>SubmittedText<h2><p>Ich bitte den Bundesrat um die Beantwortung folgender Fragen:</p><p>1. Wie viele KV-Lehrstellen fehlen heute für den Lehranfang vom Sommer 2003 in welchen Regionen?</p><p>2. Welche Massnahmen sieht der Bundesrat im Hinblick auf den Lehranfang im Sommer 2004 vor, um die Anzahl der kaufmännischen Lehrverhältnisse wenigstens wieder auf den Stand von 2002 zu bringen?</p><p>3. Insbesondere von gewerblicher Seite ist zu hören, dass die neue kaufmännische Grundbildung mit Mehrkosten und deutlich höherem Betreuungsaufwand am betrieblichen Ausbildungsplatz verbunden ist. Sieht der Bundesrat hier Handlungsbedarf und wenn ja, welche Vorkehrungen bzw. Entlastungen zieht er in Betracht?</p><p>4. Ist er im Moment im Gespräch mit den Kantonen, um das neue Berufsbildungsgesetz (BBG) per 1. Januar 2004 in Kraft setzen zu können? Will er in diesem Fall einzelne Instrumente aus dem neuen BBG bereits vorzeitig, also im Herbst 2003, zur Anwendung bringen? Um welche Instrumente handelt es sich dabei konkret und inwieweit können diese auch zur Verbesserung der Lehrstellensituation im kaufmännischen Sektor beitragen?</p><p>5. Von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen, steigt die Anzahl der Absolventen und Absolventinnen so genannter Handelsmittelschulen stetig an. Die Abschlüsse dieser Vollzeitschulen ohne direkten betrieblichen Bezug führen laut den Bestimmungen des BBG zu einem dem kaufmännischen Fähigkeitszeugnis äquivalenten Befähigungsausweis. Bei einem weiteren Rückgang der dualen Ausbildungsangebote ist damit zu rechnen, dass die Kantone unter Druck geraten, weitere solcher Ausbildungsplätze anzubieten und für die im Vergleich zu den Berufsschulen viel höheren Kosten aufzukommen.</p><p>Verstärkt wird diese Entwicklung durch die Tatsache, dass insbesondere bedeutende Finanzdienstleister in unserem Land vermehrt dazu übergehen, duale Lehrstellen durch Praktikumsplätze für Absolventinnen und Absolventen von Handelsmittelschulen zu ersetzen. Wie stellt sich der Bundesrat zu dieser Entwicklung und welche Massnahmen will er ergreifen um die Verdrängung der dualen Berufsbildung durch ein weiteres Wachstum dieser öffentlichen kaufmännischen "Lehrwerkstätten" zu verhindern?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>Das duale Berufsbildungssystem bewährt sich nach wie vor. In der Bevölkerung weist es eine grosse Verankerung auf, wie die deutliche Ablehnung der Lehrstellen-Initiative an der Volksabstimmung vom 18. Mai 2003 beweist. Das duale System garantiert, dass die beruflichen Ausbildungsgänge auf die aktuellen Erfordernisse der Arbeitswelt abgestimmt sind. Zusammen mit den Kantonen und den Organisationen der Arbeitswelt ist der Bund bestrebt, optimale Rahmenbedingungen zu schaffen, um eine hochstehende und innovative Berufsbildung zu erhalten. Das duale Berufsbildungssystem hat aber nur dann Erfolg, wenn die einzelnen Unternehmungen bereit und in der Lage sind, ihren eigenen Nachwuchs selber auszubilden.</p><p>Die vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) in Auftrag gegebene Studie "Kosten und Nutzen der Lehrlingsausbildung aus der Sicht der Schweizer Betriebe" vom Frühling 2003 zeigt, dass sich die Lehrlingsausbildung insgesamt lohnt. Eine verantwortungsvolle Lehrlingsausbildung muss sich aber auch an weiteren Kriterien orientieren, namentlich an den Beschäftigungsaussichten der künftigen Berufsleute. Dies ist mit ein Grund für die im internationalen Vergleich geringe Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz.</p><p>Zu den einzelnen Fragen nimmt der Bundesrat wie folgt Stellung:</p><p>1. Es ist schwierig und mit Ungenauigkeiten verbunden, sämtliche Unternehmungen in den 26 Kantonen zu erfassen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt Lehrstellen anbieten oder dies beabsichtigen. Je nach Entwicklung kann sich das Angebot kurzfristig ändern. Dies gilt auch für die Nachfrage der Jugendlichen. Ihre Fähigkeiten und Neigungen sind das eine im Berufswahlprozess, der Wunsch nach einem bestimmten Beruf das andere.</p><p>Schliesslich spielt auch die demographische Entwicklung eine Rolle. Um dennoch verlässliche Angaben über den Lehrstellenmarkt zu erhalten, realisiert das LINK-Institut seit 1997 im Auftrag des BBT das "Lehrstellenbarometer". Ziel dieses Instrumentes ist es, mittels repräsentativen Umfragen bei Unternehmungen und Jugendlichen die aktuelle Situation und die Entwicklungstendenzen auf dem Lehrstellenmarkt aufzuzeigen. Die Umfrage wird jeweils schweizweit im April und August durchgeführt.</p><p>Im Frühling 2003 wurden gemäss "Lehrstellenbarometer" von den Unternehmungen 12 500 Lehrstellen im KV-Bereich angeboten. Im Vorjahr waren es zum selben Zeitpunkt 14 500 Lehrstellen. Effektiv wurden 2002 insgesamt 13 400 KV-Lehrverträge (inklusive Büroangestellte) abgeschlossen.</p><p>Konkrete Zahlen über die Verhältnisse in den einzelnen Regionen liegen dem Bund nicht vor. Um in Zukunft das Lehrstellenangebot noch besser zu erfassen, schlägt die vom Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartement eingesetzte Task Force "Lehrstellen 2003" in ihrem Bericht vor, die verschiedenen statistischen Erhebungen auf Stufe Bund und Kantone aktueller zu gestalten und inhaltlich zu vertiefen bzw. zu koordinieren. Dies brächte verfeinerte Strukturdaten und damit eine fundiertere Grundlage für die Berufsbildungssteuerung. Der Bundesrat ist der Ansicht, dass dies ein wesentliches Element der Qualitätssicherung und -entwicklung in der Berufsbildung sein muss.</p><p>2. Aufgrund von Einschätzungen durch die Kantone ist davon auszugehen, dass die Lehrstellensituation auch im Jahr 2004 angespannt sein wird. Der Bundesrat ist bereit, zur Behebung des zu erwartenden Ungleichgewichtes Mittel bereitzustellen. Gemäss Task Force "Lehrstellen 2003" sind dafür vorerst insgesamt 2,3 Millionen Franken erforderlich. Der Betrag soll hauptsächlich für die Einsetzung von Lehrstellenförderern sowie die Anschubfinanzierung von Lehrbetriebsverbünden verwendet werden. Diese beiden Massnahmen haben sich in der Vergangenheit als besonders effizient erwiesen.</p><p>Die Durchführung der Massnahmen erfolgt durch die Kantone. Sie kennen die Situation vor Ort besser, um zu entscheiden, ob und in welchen Berufen besondere Anstrengungen notwendig sind. Sowohl die Lehrstellenförderer als auch die Lehrbetriebsverbünde eignen sich sehr wohl, um zusätzliche Lehrstellen im KV-Bereich zu schaffen. Schliesslich hat der Bundesrat Ende April beschlossen, 100 neue Lehrstellen in der Bundesverwaltung zu schaffen. Ein Teil der zusätzlichen Ausbildungsplätze - worunter sich auch Lehrstellen aus dem KV-Bereich befinden - ist bereits zum Lehrbeginn 2003 bereitgestellt worden.</p><p>3. Ab Sommer 2003 wird der erste reguläre Durchgang der neuen kaufmännischen Grundbildung einer eingehenden Evaluation unterzogen. Ziel ist es, allfällig notwendige Verbesserungen so rasch als möglich in das Modell zu implementieren, um die Attraktivität der kaufmännischen Lehre zu steigern.</p><p>Ob und in welchem Ausmass die reformierte kaufmännische Grundbildung den Unternehmungen einen Mehraufwand beschert, ist bis anhin in der Praxis noch nicht repräsentativ untersucht worden. Die für die Reform Verantwortlichen gehen davon aus, dass die Kosten tiefer ausfallen, je vertrauter die Unternehmungen mit dem neuen Modell sind. Die Evaluation des ersten regulären Durchganges beinhaltet deshalb auch die Fragestellung, ob das neue Modell den Unternehmungen einen einmaligen oder wiederkehrenden Mehraufwand beschert und, wenn ja, in welchem Ausmass. Dabei werden sämtliche Branchen, die kaufmännische Lehrlinge ausbilden, in die Untersuchung mit einbezogen. Dem höheren Betreuungsaufwand steht ein grösserer Nutzen gegenüber: Die Unternehmungen verfügen über besser qualifizierte und aufgrund degressiver Schulanteile häufiger präsente Lehrlinge. Es ist deshalb verfrüht zu sagen, ob und welche Entlastungen für die Unternehmungen ins Auge gefasst werden müssen.</p><p>4. Das neue Bundesgesetz über die Berufsbildung (BBG) wird voraussichtlich auf Anfang 2004 in Kraft treten. Der Bundesrat hat nicht die Absicht, einzelne Bestimmungen des Gesetzes vorzeitig in Kraft zu setzen. Diese Möglichkeit ist diskutiert worden für den Fall, dass die Inkraftsetzung des Gesetzes auf einen späteren Zeitpunkt hätte verschoben werden müssen.</p><p>5. Das dem dualen System eigene Zusammenwirken zwischen praxis- und schulgestützer Bildung behält seine Bedeutung auch in der modernen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Was die Zahl der Lernenden an den Handelsmittelschulen betrifft, entwickelt sie sich regional unterschiedlich. Es ist Sache der Kantone als Träger der Handelsmittelschulen und der Berufsschulen des dualen Systems, das Verhältnis der beiden Schultypen festzulegen. Gesamtschweizerisch ist nach einem Rückgang in den Neunzigerjahren nur eine leichte Zunahme der Lernenden festzustellen.</p><p>Die Reform der kaufmännischen Grundbildung wird auch die Handelsmittelschulen betreffen. Sie müssen nach dem neuen BBG die Anforderungen der künftigen Bildungsverordnung erfüllen, um ihren Absolventinnen und Absolventen das eidgenössische Fähigkeitszeugnis ausstellen zu können. Das im August 2003 noch unter dem aktuellen BBG in Kraft gesetzte Reglement "Kaufmann/Kauffrau" wird nach dem ersten Durchgang und nach erfolgter Evaluation voraussichtlich 2007/08 revidiert werden. Spätestens ab Inkraftsetzung der neuen Verordnung über die Berufsbildung sind die Handelsmittelschulen verpflichtet, danach auszubilden. Das wird eine Anpassung ihrer Ausbildungsgänge erfordern. Zur Vorbereitung dieser Umstellung finden ab 2004 in allen Sprachregionen in der Schweiz an rund zehn Handelsmittelschulen Pilotversuche statt.</p>  Antwort des Bundesrates.