B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-4647/2018 U r t e i l v o m 9 . A p r i l 2 0 2 0 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richterin Roswitha Petry, Richter William Waeber, Gerichtsschreiberin Janine Sert. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch Ass. iur. Christian Hoffs, HEKS Rechtsbera- tungsstelle für Asylsuchende, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des SEM vom 10. Juli 2018. E-4647/2018 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zu- folge etwa im August 2015 und reiste am 4. Oktober 2015 in die Schweiz ein, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte. Am 13. Oktober 2015 fand die Befragung zur Person (BzP) statt. Am 2. Mai 2016 wurde er vertieft zu sei- nen Asylgründen angehört. Dabei machte er geltend, er sei a fghanischer Staatsangehöriger, ethni- scher Hazara und in B._______, Provinz C._______ geboren, wo er bis zu seinem zehnten Lebensjahr gelebt habe. Anschliessend habe er bis zu sei- ner Ausreise mit seiner Familie in Mazar-i-Sharif gelebt. Nach Abschluss des zehnten Schuljahres, sei e r als Soldat (Aussage anlässlich der BzP) beziehungsweise Polizist (Protokoll der Anhörung A19, F87f.) bei der Ge- heimpolizei (BzP) beziehungsweise im nationalen Sicherheitsdienst (A19, F88, 97, 101ff.) in D._______ engagiert worden und habe als Fahrer für einen Kommandeur gearbeitet . Zwei bis drei Monate nach Arbeitsbeginn habe der ehemalige Fahrer des Kommandeurs bei dessen Stellvertreter eine Beschwerde eingereicht, wonach der Beschwerdeführer das Fahr- zeug auch für private Zwecke nutze, um seine Entlassung zu erwirken. Am darauf folgenden Tag sei er in eine andere Provinz versetzt worden, wo er zwei Monate geblieben sei . Mithilfe eines Freundes habe er sich zurück nach D._______ versetzen lassen können, und für einige Monate Dienst als Polizist geleistet. Der andere Fahrer habe jedoch immer wieder ver- sucht, ihm Probleme zu bereiten. Eines nachts im Dienst habe er erfahren, dass der andere Fahrer ein Foto von ihm nach E._______/Provinz, wo die- ser hergekommen sei, geschickt habe, so dass er (der Beschwerdeführer), wenn er das nächste Mal auf der Strasse unterwegs gewesen wäre, von den Taliban festgenommen worden wäre. Weil er sich mangels Beweisen nicht habe beschweren können, habe er entschieden, d en Dienst zu ver- lassen. Für den Nowruz-Urlaub im Jahr 2015 sei er – aus Angst auf der Strasse von Taliban aufgegriffen zu werden – per (…) nach Hause gegan- gen, von wo aus er seine Ausreise organisiert habe. Als Beweismittel reichte er die Originale seines Führerausweises und sei- ner Taskera, sowie diverse Fotos zu den Akten. B. Mit Verfügung vom 10. Juli 2018 stellte das SEM fest, der Beschwerdefüh- rer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und den Wegweisungsvollzug. E-4647/2018 Seite 3 C. Mit handschriftlich ergänzter Formularbeschwerde vom 13. August 2018 an das Bundesverwaltungsgericht beantragte der Beschwerdeführer, die Verfügung des SEM sei aufzuheben, die Flüchtlingseigenschaft anzuer- kennen und es sei Asyl zu gewähren; eventualiter sei fest zustellen, dass der Vollzug der Wegweisung unzulässig, unzumutbar und unmöglich sei , und die vorläufige Aufnahme sei anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hin- sicht beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung samt Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und die Beiord- nung eines amtlichen Rechtsbeistands. Der Beschwerdeführer be- schränkte seine Begründung auf den Wegweisungsvollzug. Der Beschwerde waren ein NZZ-Zeitungsartikel, Fotos seiner Familie, so- wie die Kopie eines Schreibens der Gemeinde B._______ beigelegt. D. Am 16. August 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Be- schwerdeeingang. E. Mit Verfügung der damals zuständigen Instruktionsrichterin vom 23. August 2018 wurde das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung und um Ge- währung der amtlichen Rechtsverbeiständung unter Vorbehalt der fristge- mässen Nachreichung eines Bedürftigkeitsbelegs gutgeheisse n. Zudem wurde der Beschwerdeführer aufgefordert innert Frist eine Rechtsvertre- tung im Sinne der Erwägungen vorzuschlagen, sowie einen Bedürftigkeits- beleg nachzureichen oder einen Kostenvorschuss einzuzahlen. F. Mit Schreiben vom 28. August 2018 erklärte sich der Rechtsvertreter bereit, sich als amtlichen Rechtsbeistand einsetzen zu lassen , und reichte einen Bedürftigkeitsbeleg nach. G. Mit Instruktionsverfügung vom 31. August 2018 wurde Ass. iur. Christian Hoffs als Rechtsbeistand eingesetzt und die Vorinstanz zur Einreichung ei- ner Vernehmlassung innert Frist eingeladen. H. Mit Eingabe vom 10. September 2018 reichte die Rechtsvertretung das Original der mit Beschwerde eingereichten Kopie eines Schreibens der Ge- meinde B._______ (inkl. Briefumschlag) nach. E-4647/2018 Seite 4 I. Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 17. September 2018 vollum- fänglich an seiner Verfügung fest und führte aus, weshalb der Beschwer- deführer die Unzumutbarkeit eines Wegweisungsvollzugs nach Mazar-i- Sharif nicht glaubhaft machen konnte. J. Mit Schreiben vom 20. September 2018 wurde dem Beschwerdeführer die Einsetzung der neu zuständigen Instruktionsrichterin mitgeteilt. K. Am 2. Oktober 2018 ging innert der mit der Instruktionsverfügung vom 20. September 2018 angesetzten Frist eine Replik des Beschwerdeführers beim Bundesverwaltungsgericht ein, in welcher er ausführte, dass seine Familie mittlerweile in B._______ lebe und die Vorinstanz die Arbeitstätig- keiten seiner Brüder falsch wi edergegeben habe. Er verfüge nicht mehr über ein gesichertes Beziehungsnetz in Mazar-i-Sharif und auch die finan- zielle Unterstützung von Verwandten aus dem In - und Ausland sei nicht gesichert. Zudem reichte der Rechtsvertreter eine aktualisierte Kostennote zu den Akten. L. Mit Schreiben vom 20. Dezember 2019 reichte der Rechtsvertreter e in Schreiben des Sozialamtes (…) sowie zwei ärztliche Berichte zu den Ak- ten, welche Auskunft über den Gesundheitszustand des Beschwerdefüh- rers geben. M. Am 20. Januar 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein- gang des Schreibens vom 20. Dezember 2019. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015 [SR 142.31]). 1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltu ngsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den E-4647/2018 Seite 5 Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das B undesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie- ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Par- tei Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer- deführer hat am Verfahren der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die an- gefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Inte- resse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist unter Vorbehalt nachstehender Erwägung einzutreten. 1.5 Die vorliegende Beschwerde richtet sich zwar in den vorgedruckten Rechtsbegehren der Formularbeschwerde gegen die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft, die Ablehnung des Asylgesuchs, die Anordnung der Wegweisung, sowie den verfügten Wegweisungsvollzug des Be- schwerdeführers. Die handschriftliche Begründung der Beschwerde be- zieht sich hingegen nur auf den Wegweisungsvollzug. Unter dem Punkt der Flüchtlingseigenschaft sind lediglich formelle Begehren aufgeführt. Es ist somit davon auszugehen, dass implizit nur der verfügte Wegweisungsvoll- zug angefochten wurde. Dies umso mehr, dass sich der Rechtsvertreter in seinen Eingaben jeweils lediglich zum Wegweisungsvollzug geäussert hat. Auf das vorgedruckte materielle Rechtsbegehren Ziffer 2 die Flüchtlingsei- genschaft und das Asyl betreffend ist demnach nicht einzutreten. Die Dis- positivziffern 1-3 der angefochtenen Verfügung sind damit in Rechtskraft erwachsen. 2. Bei der Prüfung des Vorliegens von Wegweisungsvollzugshindernissen kommen ausschliesslich Bestimmungen des Ausländer- und Integrations- gesetzes zur Anwendung, weshalb sich die Kognition der Beschwer- deinstanz vorliegend aus Art. 112 Abs. 1 AIG (SR 142.20) in Verbindung E-4647/2018 Seite 6 mit Art. 49 VwVG ergibt. Die zulässigen Rügen umfassen demzufol ge die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige und unvollständige Feststel- lung des Sachverhalts sowie die Unangemessenheit (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Ausländern (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). 3.2 Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge- mäss ständiger Praxis das gleiche Beweismass wie bei der Flüchtlingsei- genschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis mög- lich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen ( BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 4. 4.1 Das SEM führte in der angefochtenen Verfügung hinsichtlich des Voll- zugs der W egweisung im Wesentlichen an, dieser sei durchführbar. Der Grundsatz der Nichtrückschiebung gelange vorliegend gemäss Art. 5 Abs. 1 AsylG nicht zur Anwendung und es würden sich auch keine Anhalts- punkte dafür ergeben, dass dem Beschwerdeführer im Falle eine r Rück- kehr nach Afghanistan mit beachtlicher Wah rscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Unter Berücksich- tigung des Grundsatzurteils BVGE 2011/49 vom 30. Dezember 2011 und des Referenzurteils D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 erachte das SEM den Wegweisungsvollzug nach Mazar-i-Sharif nur unter besonders be- günstigenden Umständen als zumutbar. Vorliegend seien diese besonders begünstigenden Umstände zu bejahen. Der Beschwerdeführer habe seit seinem zehnten Lebensjahr in Mazar-i-Sharif gelebt, wo seine Familie ein zweistöckiges Haus besitze. Seine Familie verfüge ferner über genügend Land sowie ein Auto, um sich den Lebensunterhalt zu finanzieren. Ein Bru- der arbeite als Warentransporteur, ein anderer Bruder studiere. Ausserdem habe der Beschwerdeführer Onkel und Tanten in B._______ und in der Schweiz. Es sei somit von einem tragfähigen Beziehungsnetz auszugehen, welches ihn bei einer Rückkehr auch finanziell unterstützen könne. Er habe die Schule bis zur zehnten Klasse besucht und verfüge über Berufserfah- rung als (…) und Fahrer bei der Polizei. Somit würden keine individuellen Gründe gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges nach Mazar-E-4647/2018 Seite 7 i-Sharif sprechen. Schliesslich sei der Vollzug auch als möglich zu bezeich- nen. 4.2 Der Beschwerdeführer entgegnete in der Beschwerde im Wesentli- chen, dass seine Familie nicht mehr in Mazar-i-Sharif lebe, sondern im Jahr (…) nach B._______ zurückgekehrt sei, von wo die Familie stamme. Die Familie sei davon ausgegangen, dass eine Rückkehr nach B._______ möglich sei, da sich die Lage entspannt habe. Mittlerweile herrsche dort aber – mit Verweis auf einen NZZ -Artikel vom 14. August 2018 – erneut Krieg. Kurz nach Erhalt seines Asylentscheids habe er seine Familie noch kontaktieren können, seit her sei der Kontakt wegen den Kämpfen um C._______ abgebrochen. Ferner reichte er einige ausgedruckte Fotos ein, die seine Familie im Hof des Hauses seiner Grossmutter im Dorf F._______, in B._______, zeigen würden, sowie eine Bestätigung der Ge- meinde vom 8. August 2018 (afghanischer Kalender: 17.5.1397) ein, aus welcher hervorgehe, dass seine Familie dort wohnhaft sei. Da seine Fami- lie somit nachweislich nicht mehr in Mazar-i-Sharif lebe, sei eine Rückkehr nach Afghanistan für ihn unzumutbar. 4.3 In der Vernehmlassung führte das SEM aus, dass der Umzug der Fa- milie des Beschwerdeführers nach B._______ ausgerechnet nach der An- hörung aus einem, gemäss seinen eigenen Angaben, sicheren Quartier in Mazar-i-Sharif, wo sie ein eigenes Haus besitzt hätten und ein Bruder ge- arbeitet habe, nicht nachvollziehbar sei. Die auf Beschwerdeebene einge- reichten Fotos könnten überall aufgenommen worden sein und würden ei- nen festen Wohnsitz seiner Familie nicht zu belegen vermögen. Die eben- falls auf Beschwerdeebene eingereichte Besch einigung der Gemeinde könne die Rückkehr seiner Familie ebenfalls nicht belegen, zumal Doku- mente in Afghanistan allgemein leicht käuflich erwerblich seien. Selbst wenn davon ausgegangen würde, dass die Familie des Beschwerdefüh- rers nach B._______ zurückgekehrt sei, sei anzunehmen, dass er in Ma- zar-i-Sharif über ein Beziehungsnetz ausserhalb der Familie verfüge und es ihm mit finanzieller Unterstützung der Familie im In- und Ausland mög- lich sein müsste, dort wieder Fuss zu fassen. 4.4 In der Replik entgegnete der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers, der Grund für den Wohnortswechsel dessen Familie im Jahr (…) sei die sich zu entspannen scheinende Sicherheitslage in B._______ gewesen. Die Familie habe wieder an ihrem Heimatort leben wollen, inmitten anderer Hazaras. Der Bruder, der als Warentransporteur arbeite, lebe in G._______. Der Bruder, der mit der Familie in Mazar-i-Sharif gelebt habe, E-4647/2018 Seite 8 habe als Elektriker Gelegenheitsarbeiten ausgeführt. Der Beschwerdefüh- rer habe seine Familie gebeten, weitere Fotoaufnahme n zu machen, die sie an einem wiedererkennbaren Ort in B._______ zeigen würden. Er ver- füge über kein gesichertes Beziehungsnetz mehr in Mazar-i-Sharif. Ferner sei eine finanzielle Unterstützung von Verwandten im In- und Ausland nicht gesichert, zumal er zu dem in H._______ lebenden Onkel, der Sozialhilfe beziehe, und zu dem in I._______ lebenden Cousin kaum Kontakt habe. 4.5 Im Rahmen der ergänzenden Eingabe des Rechtsvertreters führte die- ser aus, der Beschwerdeführer mache sich, wie auch den beigelegten Arzt- berichten zu entnehmen sei, Sorgen um seine Zukunft. Die lange Verfah- rensdauer trage zur Verschlechterung seines psychischen Gesundheitszu- standes bei, was wiederum zu körperlichen Beschwerden führe. 5. 5.1 Der Vollzug ist nicht möglich, wenn der Ausländer weder in den Her- kunfts- oder in den Heimatstaat noch in einen Drittstaat verbracht werden kann. Er ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise des Au sländers in seinen Heimat -, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen. Der Vollzug kann insbesondere nicht zumutbar sein, wenn er für den Ausländer eine konkrete Gefährdung dar- stellt (Art. 83 Abs. 2-4 AIG). 5.2 Die asylrechtlichen Vollzugshindernisse (Unzulässigkeit, Unzumutbar- keit, Unmöglichkeit) sind alternativer Natur. Sobald eines von ihnen gege- ben ist, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit in der Schweiz nach den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln. Da sich de r Vollzug der Wegweisung im vorliegenden Fall – wie nachstehend aufge zeigt – als unzumutbar er- weist, erübrigt sich demnach eine weiter gehende Prüfung der Zulässigkeit und Möglichkeit (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4). 5.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen u nd Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetzt über die Aus- länderinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBI 2002 3818). E-4647/2018 Seite 9 5.4 Im Referenzurteil D-4287/2017 vom 8. Februar 2019 hat das Bundes- verwaltungsgericht die veränderte Lage in Mazar-i-Sharif aktualisiert. Da- bei kam es zum Schluss, dass Mazar-i-Sharif im Vergleich zu anderen Re- gionen und Städten Afghanistans trotz verschlechterter Sicherheitslage im- mer noch zu den stabileren und ruhigeren Orten gehöre. Die Annahme ei- ner generellen Unzumutbarkeit der Rückkehr dorthin verneinte es und be- stätigte die Aussagen in BVGE 2011/49 dahingehend, dass bei Vorliegen begünstigender Umstände (insbesondere tragfähiges Beziehungsnetz, Möglichkeit zur Sicherung des Existenzminimums, gesicherte Wohnsitua- tion, guter Gesundheitszustand) weiterhin von der Zumutbarkeit des Weg- weisungsvollzugs dorthin auszugehen ist (vgl. Referenz-Urteil des BVGer D- 4287/2017 E. 6.2.3.5). Im Vergleich zu Kabul, wo das Gericht die Lage grundsätzlich als existenzbedrohend und damit unzumutbar einschätzt und von der Annahme einer konkreten Gefährdung nur ausnahmsweise bei Vorliegen besonders begünstigender Umstände abweicht (vgl. Referenz- urteil D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 E. 8.4), ist demnach in Mazar-i- Sharif von einer verhältnismässig besseren Lage auszugehen. 5.5 Gemäss der in der vorangehenden Erwägung 5. 6 dargelegten aktuel- len Rechtsprechung ist grundsätzlich – ausgenommen unter gewissen Um- ständen die Grossstädte Kabul und Mazar-i-Sharif (die Frage des Wegwei- sungsvollzugs nach Herat wird vorliegend ausdrücklich offen gelassen, nachdem der Beschwerdeführer keinerlei Bezug zu dieser Stadt hat) – von der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Afghanistan und da- mit auch in den angeblichen Herkunftsort de s Beschwerdeführers (F._______, Distrikt B._______, Provinz C._______) auszugehen. Ein Wegweisungsvollzug dorthin käme somit ohnehin nicht in Frage. 5.6 Im Folgenden ist zu prüfen, ob im Falle des Beschwerdeführers die notwendigen begünstigenden Umstände vorli egen, die einen Wegwei- sungsvollzug nach Mazar-i-Sharif für ihn als zumutbar erscheinen lassen. 5.6.1 Im Urteil BVGE 2011/7 hat das Bundesverwaltungsgericht dargelegt, wann vom Vorliegen begünstigender Faktoren auszugehen ist (E. 9.9.2). Solche können grundsätzlich namentlich dann gegeben sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen jungen gesunden Mann handelt. Ebenso ist entscheidrelevant, über welche Berufserfahrung die rückkehrende Person verfügt. Unabdingbar ist in jedem Fall ausserdem ein soziales Netz, das sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkeh- renden als tragfähig erweist. Dieses soziale Netz muss dem Rückkehren- den insbesondere eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung sowie E-4647/2018 Seite 10 Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegrati on bieten können (vgl. Referenz-Urteil des BVGer D-4287/2017 E. 7.3.1). 5.6.2 Die auf Beschwerdeebene vorgebrachte Verschlechterung der Ge- sundheit des Beschwerdeführers spricht nicht gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Den eingereichten ärztlichen B erichten ist zu ent- nehmen, dass die Verschlechterung seines psychischen und körperlichen Gesundheitszustands vor allem auch mit den Unsicherheiten hinsichtlich des Aufenthaltsstatus in der Schweiz zusammenhängt. In der Eingabe des Rechtsvertreters vom 20. Dezember 2019 wird darauf verwiesen, dass der Beschwerdeführer deswegen bei der J._______ angemeldet sei und bald einen ersten Termin habe. Seither sind indes beim Bundesverwaltungsge- richt keine weiteren ärztlichen Berichte eingegangen. Auch wenn nicht be- stritten werden soll, dass der Beschwerdeführer unter gewissen psychi- schen Beschwerden lei det, ist aufgrund der Akten im heutigen Zeitpunkt nicht von einer derart schwerwiegenden Erkrankung auszugehen, dass deshalb nicht mehr von begünstigenden Umständen auszugehen wäre. 5.6.3 Der Beschwerdeführer moniert in seiner Replik zu Recht, dass das SEM fälschlicherweise davon ausgegangen sei, ein Bruder habe in Mazar- i-Sharif als Warentransporteur gearbeitet. Gemäss seinen Aussagen an- lässlich der Anhörung lebt der Bruder, der Waren tran sportiert, in G._______. Ein Bruder, der mit der Familie in Mazar-i-Sharif lebte, erle- digte Gelegenheitsarbeiten als (…), ein anderer war Student (A19, F63 ff.). Trotzdem ist davon auszugehen, dass seine Familie insgesamt finanziell gut aufgestellt ist (A19, F39 f.). Im Rahmen der Anhörung vom 2. März 2016 brachte der Beschwerdefüh- rer bereits vor, dass seine Familie entschieden habe, nach B._______ zu- rückzugehen (A19, F190 f.). Dass er auf Beschwerdeebene vorbringt, seine Familie sei im Jahr (…) von Mazar-i-Sharif weggezogen, entspricht folglich seinen damaligen Aussagen. Angesichts der sich im Jahr (…) ver- schlechternden Sicherheitslage in Mazar-i-Sharif (vgl. Referenz -Urteil D-4287/2017 E. 6.2.3.2) ist auch nachvollziehbar, dass seine Familienan- gehörigen diese Stadt im Laufe des Jahres (…) verlassen haben. Die ein- gereichte Bestätigung der Gemeinde, wonach seine Familie in B._______ lebt, ist – trotz dem leicht käuflichen Erwerb solcher Dokumente – als Be- stätigung der Glaubhaftigkeit der Ausführungen des Beschwerdeführers zu werten. Die Annahme der Vorinstanz anlässlich ihrer Vernehmlassung, der Beschwerdeführer habe sich in Mazar-i-Sharif auch ein Beziehungsnetz E-4647/2018 Seite 11 ausserhalb der Familie aufbauen können, stellt hingegen keinen genügen- den Hinweis auf ein tragfähiges Beziehungsnetz dar, zumal er damals noch sehr jung war und kurz nach seinem 10. Schuljahr in einer anderen Provinz (in der etwa 200 km entfernten Provinz D._______) im nationalen Sicher- heitsdienst arbeitstätig wurde. Vor diesem Hintergrund ist nicht anzuneh- men, dass er über ein tragfähiges soziales Beziehungsnetz in Mazar-i-Sha- rif verfügt, zumal ein solches bei bloss losen Kontakten zu Bekannten nicht gegeben ist. An dieser Schlussfolgerung ändern auch die Ausbildung und die frühere Tätigkeit des Beschwerdeführers als (…) (A19, F74) sowie die offenbar guten finanziellen Verhältnisse der Familie nichts. 5.7 Zusammenfassend kann nicht ausgeschlossen werden, dass er bei ei- ner Rückkehr in eine existenzbedrohende Lage geraten würde. Mithin sind vorliegend nicht überwiegend begünstigenden Faktoren zu erblicken, wel- che es erlauben würden, die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach Mazar-i-Sharif zu bejahen. Da den Akten keine Gründe im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AIG zu entnehmen sind, ist der Beschwerdeführer vorläufig auf- zunehmen. 6. Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen und die Dispositivziffern 4 und 5 der angefochtenen Verfügung sind aufzuheben. Die Vorinstanz ist anzu- weisen, den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungs- vollzugs vorläufig aufzunehmen. 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes- verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die aktuali- sierte Kostennote des Rechtsvertreters vom 2. Oktober 2018 erscheint an- gemessen. Darin wird ein Aufwand von 3,5 Stunden bei einem Stundenan- satz von Fr. 200.–, insgesamt Fr. 730.– (inkl. Auslagen) ausgewiesen. Für die Eingabe vom 20. Dezember 2019 ist eine weitere halbe Stunde zu ver- rechnen. Der veranschlagte Stundenansatz bewegt sich im gemäss Art. 10 Abs. 2 VGKE vorgesehenen Rahmen. Die Vorinstanz ist somit anzuweisen, E-4647/2018 Seite 12 dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigu ng in der Höhe von Fr. 830.– (inkl. Auslagen) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) E-4647/2018 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2. Die Dispositivziffern 4 und 5 der Verfügung des SEM vom 10. Juli 2018 werden aufgehoben. 3. Das SEM wird angewiesen, den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. 4. Das SEM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht ei ne Parteientschädigung von Fr. 8 30.– auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Janine Sert Versand: