Seite 1 http://www.bl.ch/kantonsgericht Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, Abteilung Strafrecht vom 16. Oktober 2012 (460 12 46) ____________________________________________________________________ Strafrecht Fahrlässige Körperverletzung Besetzung Vizepräsident Stephan Gass, Richter Beat Schmidli (Ref.), Richterin Helena Hess; Gerichtsschreiberin Nicole Schneider Parteien Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft, Hauptabteilung Sissach , Hauptstrasse 2, 4450 Sissach, Anklagebehörde A.____ vertreten durch Advokat Dr. Christian von Wartburg, Hauptstrasse 104, 4102 Binningen, Privatkläger und Berufungskläger gegen B.____ vertreten durch Advokat Dr. Anton Lauber, Faissgärtli 17, Postfach 641, 4144 Arlesheim, Beschuldigter und Berufungsbeklagter Gegenstand fahrlässige einfache Körperverletzung Berufung gegen das Urteil des Strafgerichtsvizepräsidenten vom 9. November 2011 Seite 2 http://www.bl.ch/kantonsgericht Sachverhalt A. Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Basel-Landschaf t, Hauptabteilung Sissach, vom 13. Januar 2011 wurde B.____ wegen fahrlässiger einfach er Körperverletzung zu einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu je CHF 1 70.--, bei einer Probezeit von zwei Jahren, sowie zu einer Busse von CHF 900.-- verurteilt. Die von A.____ geltend gemachte Zivil- forderung in der Höhe von CHF 48'136.10 wurde auf d en Zivilweg verwiesen. Die Verfahrens- kosten im Betrag von CHF 1'414.-- sowie die Urteilsgebüh r von CHF 250.-- wurden B.____ auf- erlegt. Dem Strafbefehl lag folgender Sachverhalt zu Grunde: " Am 27. März 2008, ca. 17:30 Uhr, wurden A.____ und C.____ in Waldenburg an der X.____strasse 73 auf der Höhe des Restaurants D.____ dur ch den Beschuldigten einer polizei- lichen Kontrolle unterzogen. Im Anschluss an die Kontro lle zog der Beschuldigte die offene, rahmenlose Fahrertüre in pflichtwidriger Unvorsichtig keit von innen zu und traf dabei den zwi- schen der Türe und dem Polizeiauto stehenden A.____. Da bei erlitt dieser eine Prellung an der rechten Schulter. Das Opfer, A.____, war vom 27. März 2008 bis 11. Juni 2 008 zu 100 % und vom 12. Juni 2008 bis zum 28. Juni 2008 zu 50 % arbeitsunfähig, wobei die Dauer der Arbeitsunfähigkeit im We- sentlichen gemäss rechtsmedizinischem Gutachten vom 15. Apri l 2010 auf eine degenerative Veränderung am rechten Schultergelenk sowie im Bereic h des Karpaltunnels und somit auf einen krankhaften Zustand zurückzuführen ist. Der Unfall selbst aber ist kausal für die Arbeits- unfähigkeit von 100 % vom 27. März 2008 bis 2. April 2008 anzusehen. Ein rechtsgültiger Strafantrag wegen fahrlässiger einfacher Körperverletzung liegt vor." Gegen diesen Strafbefehl erhob B.____, vertreten du rch Dr. Anton Lauber, mit Schreiben vom 23. Januar 2011 rechtzeitig Einsprache. B. Der Vizepräsident des Strafgerichts Basel-Landschaft hob den Strafbefehl mit Urteil vom 9. November 2011 auf und sprach B.____ von der Anklag e der fahrlässigen einfachen Körper- verletzung frei. Die Schadenersatz- und Genugtuungsfo rderung von A.____ sowie die von ihm geltend gemachte Entschädigungsforderung für die Anwal tskosten wurden abgewiesen. Die Verfahrenskosten inkl. Gerichtsgebühr sowie die Kosten de s Privatverteidigers von B.____ überwälzte der Vizepräsident des Strafgerichts Basel-Landschaft dem Staat. Seite 3 http://www.bl.ch/kantonsgericht Gegen dieses Urteil meldete A.____ mit Eingabe vom 21 . November 2011 die Berufung an. Nachdem das schriftlich begründete Strafurteil vorlag, e rklärte A.____ mit Schreiben vom 22. März 2012 Berufung. C. Mit Berufungsbegründung vom 21. Juni 2012 beantrag t A.____ die Berufung gutzuheis- sen und den Berufungsbeklagten in Abänderung des erstinstanzlichen Urteils vom 9. November 2011 der einfachen Körperverletzung zum Nachteil des Be rufungsklägers schuldig zu sprechen und zu einer angemessenen Strafe zu verurteilen. Der Berufungsbeklagte sei aufgrund der Um- satzeinbusse, die er durch die Verletzung verursacht ha be, dem Grundsatz nach zur Zahlung von Schadenersatz an den Berufungskläger zu verurteilen u nd im Übrigen sei dieser Teil der Klage auf den Zivilweg zu verweisen. Die Genugtuungsf orderung des Berufungsklägers im Be- trag von CHF 5'000.-- zuzüglich Zins zu 5% seit dem 27. März 2008 sei gutzuheissen. Schliess- lich seien die Schadenersatzforderungen des Berufungsklä gers betreffend den entgangenen Sponsoringbetrag über CHF 20'000.-- zuzüglich Zins zu 5% seit dem 20. Februar 2009 und betreffend die Anwaltskosten in der Höhe von CHF 4'865 .60 gutzuheissen, unter o/e Kostenfol- ge. D. Die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft, Hauptabteilun g Sissach, beantragt mit Einga- be vom 28. Juni 2012 die Abweisung der Berufung. Der Berufungsbeklagte beantragt mit Eingabe vom 10. A ugust 2012 die Berufung in Bestäti- gung des Strafgerichtsurteils vom 9. November 2011 abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei. Sämtliche Zivilforderungen seien abzuweisen, eventualiter auf den Zivilweg zu verweisen; alles unter o/e Kostenfolge zu Lasten des Berufungsklägers. Die Begründungen dieser Anträge werden - soweit erfor derlich - in den nachfolgenden Erwä- gungen wiedergegeben. E. An der heutigen Hauptverhandlung, zu welcher der Ber ufungskläger zusammen mit sei- nem Vertreter, Advokat Dr. Christian von Wartburg, de r Beschuldigte resp. Berufungsbeklagte, ebenfalls zusammen mit seinem Vertreter, Advokat Dr. Anton Lauber, sowie die Staatsanwalt- schaft erschienen sind, halten die Parteien an ihren schriftlich gestellten Anträgen fest. Seite 4 http://www.bl.ch/kantonsgericht Erwägungen Formelles 1.1 Am 1. Januar 2011 ist die Schweizerische Strafprozesso rdnung (StPO; SR 312.0) in Kraft getreten. Gemäss Art. 454 Abs. 1 StPO werden Rech tsmittel gegen erstinstanzliche Ent- scheide, die nach Inkrafttreten der Schweizerischen Strafp rozessordnung gefällt wurden, nach neuem Recht beurteilt. Das im vorliegenden Fall ange fochtene Urteil datiert vom 9. November 2011, weshalb die neue Strafprozessordnung Anwendung findet. 1.2 Die Berufung ist gemäss Art. 398 Abs. 1 StPO zulässig ge gen Urteile erstinstanzlicher Gerichte, mit denen das Verfahren ganz oder teilweise a bgeschlossen worden ist. Es können Rechtsverletzungen, die unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts sowie Unangemessenheit gerügt werden, wobei das Berufungsgericht das Urteil grundsätzlich in allen angefochtenen Punkten umfassend überprüfen kann (Art. 3 98 Abs. 2 und Abs. 3 StPO). Ge- mäss Art. 399 Abs. 1 und Abs. 3 StPO ist zunächst die Be rufung dem erstinstanzlichen Gericht innert 10 Tagen seit Eröffnung des Urteils schriftlich oder mündlich anzumelden und danach dem Berufungsgericht innert 20 Tagen seit der Zustellung des begründeten Urteils eine schriftli- che Berufungserklärung einzureichen. Das Berufungsgericht überprüft das erstinstanzliche Ur- teil ausschliesslich in den angefochtenen Punkten (Art. 4 04 Abs. 1 StPO). Gemäss Art. 382 Abs. 1 StPO kann jede Partei, die ein rechtlich geschützt es Interesse an der Aufhebung oder Änderung eines Entscheides hat, ein Rechtsmittel ergreifen. 1.3 Vorliegend wird das Urteil des Strafgerichtsvizepräsiden ten Basel-Landschaft vom 9. November 2011 angefochten. Dabei handelt es sich um ein taugliches Anfechtungsobjekt. Das Urteilsdispositiv wurde dem Berufungskläger am 11. No vember 2011 zugestellt. Seine Be- rufungsanmeldung vom 21. November 2011, die auch an diesem Tag bei der Post zum Ver- sand aufgegeben wurde, ist innert Frist erfolgt. Ebens o ist die schriftliche Berufungserklärung vom 22. März 2012 fristgerecht erfolgt, zumal das begründ ete Strafurteil dem Berufungskläger am 2. März 2012 zugestellt worden war. Die Zuständigk eit der Dreierkammer des Kantonsge- richts, Abteilung Strafrecht, als Berufungsgericht zur Be urteilung der vorliegenden Berufung ergibt sich aus Art. 21 Abs. 1 lit. a StPO sowie aus § 15 Abs. 1 lit. a des Einführungsgesetzes zur Schweizerischen Strafprozessordnung (EG StPO; SGS 2 50). Der Berufungskläger hat schliesslich ein rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhe bung resp. Änderung des ange- fochtenen Urteils und ist damit als Privatkläger legitimi ert, die Berufung gegen das Urteil des Seite 5 http://www.bl.ch/kantonsgericht Strafgerichtsvizepräsidenten Basel-Landschaft vom 9. Novemb er 2011 zu ergreifen (M ARTIN ZIEGLER , Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, Basel 2011, Art. 382 N 4). Auf die Berufung ist somit einzutreten. Materielles 2.1 Der Berufungskläger beanstandet das erstinstanzliche Urte il in verschiedener Hinsicht. Zunächst macht er geltend, die Vorinstanz sei zu Unrec ht davon ausgegangen, dass der Ge- schehensablauf sich nicht zweifelsfrei feststellen lasse. Insb esondere halte die Auffassung der Vorinstanz, wonach der Berufungskläger am linken Arm du rch die Autotüre des Beschuldigten getroffen worden sei, einer näheren Betrachtung nicht Stand. 2.2 Der Vizepräsident des Strafgerichts Basel-Landschaft geh t in seinem Urteil davon aus, dass sich der Geschehensablauf anhand der Aussagen der Beteiligten nicht genau rekonstruie- ren lasse. So sei unter anderem nicht klar, ob der Besc huldigte seine Visitenkarte an C.____ oder an A.____ ausgehändigt habe und ob er diese aus e iner Mappe, die auf dem Hintersitz seines Fahrzeuges gelegen sein soll, besorgt habe. Es stehe aber fest, dass der beschuldigte B.____ zwecks Wegfahrt die rahmenlose Fahrertüre von in nen zugezogen und dabei A.____ einen Schlag am Oberarm versetzt habe. Unklar sei aber we iter, ob A.____ danach vor lauter Schmerz in die Knie gegangen sei oder ob er aus Zorn e ine Boxerstellung eingenommen habe. Ob A.____ durch den Schlag tatsächlich an der rechten S chulter getroffen resp. dadurch ein Hämatom verursacht worden sei, lasse sich ebenfalls nicht zw eifellos eruieren. Aufgrund der glaubhaften Aussagen des Zeugen C.____ sei vielmehr davo n auszugehen, dass der Beschul- digte A.____ mit der Autotüre am linken Arm getroffen habe. Die Geschehnisse rund um den konkret zu beurteilenden Vor fall sowie die Aussagen der Par- teien und des Zeugen, C.____, werden im erstinstanzlich en Urteil ausführlich dargelegt. Mit Bezug auf den gesamten Sachverhalt wird hier daher au f das Urteil des Vizepräsidenten des Strafgerichts Basel-Landschaft vom 9. November 2011 sowie auf die Strafverfahrensakten ver- wiesen. Nachfolgend werden also nur noch die mit Bezug auf das Kerngeschehen relevanten Aussagen der beteiligten Personen einer näheren Prüfung unterzogen. 2.2.1 Anlässlich der Anzeigeerstattung am 27. März 2008 macht e der Berufungskläger zum Kernsachverhalt folgende Aussage: "… Der Polizist begab sich zum Patrouillenwagen. Weil Seite 6 http://www.bl.ch/kantonsgericht C.____ eine Visitenkarte verlangt hatte, folgten wir ihm auf die gegenüberliegende Strassensei- te. Dort stieg der Polizist in das Fahrzeug ein. Die Fahrertüre war geöffnet. Zu diesem Zeitpunkt stand ich unmittelbar neben der geöffneten Türe und n ahm die Visitenkarte entgegen. Der Poli- zist sagte, dass er keine Zeit für eine Diskussion hätte, we il er dringend nach Langenbruck an einen Fall ausrücken müsse. Darauf zog der Polizist recht h eftig die Fahrzeugtüre zu und weil ich unmittelbar daneben stand, wurde ich an der rechten Schulter getroffen. …" (act. 101). In der Einvernahme vom 9. Dezember 2008 erklärte der Ber ufungskläger: "… Ich stand zwischen Autotür und Fahrzeug, um von B.____ die Visitenkarte e ntgegenzunehmen. Als ich die Karte entgegennahm, zog B.____ unvermittelt und heftig die Tür zu und traf mich dabei am rechten Schulterkopf. …" (act. 127). Anlässlich der erstinstanzliche n Hauptverhandlung gab der Beru- fungskläger als Auskunftsperson zu Protokoll, der Beschul digte habe die Fahrertüre in dem Moment, als er die Visitenkarte entgegengenommen habe, zugemacht (act. 551). 2.2.2 Stellt man auf die Darstellung des Berufungsklägers ab, so ist davon auszugehen, dass er damals entweder frontal oder allenfalls leicht sei tlich vor der offenen Autotüre stand, um die Visitenkarte vom Berufungsbeklagten entgegen zu nehmen. In beiden Fällen muss sein Gesicht resp. die Vorderseite seines Körpers zum Berufungsbeklagte n hin ausgerichtet gewesen sein, ansonsten eine Entgegennahme der Visitenkarte gar nic ht möglich resp. zumindest sehr um- ständlich und unnatürlich gewesen wäre. Die linke Körpe rhälfte und damit die linke Schulter muss also nahe bei der Autotüre resp. zwischen Auto und Türe gewesen sein, während die rechte Körperseite zum Heck hin zeigte. Diese Version läs st sich nun aber mit der vom Beru- fungskläger geltend gemachten Verletzung der rechten S chulter nicht in Einklang bringen. Wenn der Berufungsbeklagte nämlich gleich nach der Übe rgabe der Visitenkarte - wie vom Be- rufungskläger selber ausgeführt - unvermittelt und hef tig die Autotüre zugemacht hätte, wäre der Berufungskläger entweder ganz eingeklemmt oder aber seine linke Schulter von der Autotü- re getroffen worden. Es ist ausserdem nicht nachvollziehba r, wie der Berufungsbeklagte die Autotüre zuziehen konnte, wenn der Berufungskläger zwische n dem offenen Fahrzeug und der geöffneten Autotüre stand. Die Schilderungen des Beru fungsklägers zum Kerngeschehen wi- dersprechen schliesslich den Ergebnissen der Tatrekonstrukti on vom 18. Januar 2010. Anläss- lich dieser Rekonstruktion des Sachverhalts machte der Ber ufungskläger geltend, dass er mit dem Rücken zur offenen Autotüre gestanden und beim Zu machen derselben an der rechten Schulter getroffen worden sei (act. 93 ff.). Da der Be rufungskläger jedoch in den Einvernahmen zur Sache nie geschildert hatte, dass er sich nach der En tgegennahme der Visitenkarte zur Au- Seite 7 http://www.bl.ch/kantonsgericht totüre hin umgedreht hatte, bleibt eine Diskrepanz zwischen seinen eigenen Aussagen und sei- ner Nachstellung der Situation anlässlich der Tatrekonstruktion. 2.2.3 Die Staatsanwaltschaft, die ursprünglich die fahrlässig e einfache Körperverletzung bejaht und den Berufungsbeklagten mit Strafbefehl vom 13. Januar 2011 zu einer bedingt voll- ziehbaren Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu je CHF 170.- - verurteilt hatte, weist in ihrer Stel- lungnahme zur Berufungsbegründung nunmehr ebenfalls darauf hin, dass die Version des Be- rufungsklägers nicht nachvollziehbar sei. Im Einzelnen häl t der zuständige Staatsanwalt zu- nächst fest, dass A.____ bei der Tatrekonstruktion vom 18. Januar 2010 gezeigt habe, wie er damals neben dem Fahrzeug gestanden sei. Der Staatsan walt erachtet es sodann als nicht nachvollziehbar, warum A.____, der nach eigenen Angab en die Visitenkarte in Empfang neh- men wollte, in der von ihm selber angegebenen Position neben dem Fahrzeug gestanden sein soll. Man müsse sich hier die Frage stellen, wie er in de r gezeigten Position mit dem Rücken zum Auto von dem im Auto sitzenden Beschuldigten die Visi tenkarte hätte entgegen nehmen wollen. Im Normalfall würde in einer solchen Situatio n die beim Auto stehende Person mit dem Gesicht zum Fahrzeug stehen. Die Angaben des Berufungskläg ers erscheinen also unrealis- tisch und widersprüchlich. 2.3 Damit stellt sich die Frage, ob sich der genaue Ablauf der Geschehnisse am frühen Abend des 27. März 2008 aufgrund der Darstellung des Ze ugen, C.____, oder anhand der An- gaben des Beschuldigten resp. heutigen Berufungsbeklagten eruieren lässt. 2.3.1 Der Kollege des Berufungsklägers, C.____, erklärte anlä sslich der Einvernahme vom 22. Dezember 2008, dass er eine Visitenkarte von B.____ verlangt habe. Da dieser keine auf sich getragen habe, seien alle drei auf die gegenüber liegende Strasse zum Dienstwagen des Beschuldigten gelaufen. B.____ habe sich dann in sein Auto gesetzt und A.____ die Visitenkar- te überreicht. Gleich nach der Übergabe der Visitenkar te habe der Beschuldigte den Motor ge- startet und dann die Fahrertüre heftig zugezogen. Dabei habe er A.____ an der Schulter getrof- fen (act. 137). Vor Strafgericht räumte C.____ als Ze uge zunächst ein, er habe über B.____ Bescheid wissen wollen. Wer aber genau nach der Visitenk arte gefragt habe, wisse er nicht mehr. B.____ sei auf die andere Strassenseite gegange n und habe die Karte aus dem Auto geholt. Er habe die Fahrertüre aufgemacht und die K arte A.____ gegeben. Dann habe er die Türe richtig zugezogen. Diese sei an den linken Oberarm von A.____ geschlagen. Auf Nachfra- Seite 8 http://www.bl.ch/kantonsgericht ge gab der Zeuge erneut zu Protokoll, dass der Beschuldi gte, nachdem er den Motor gestartet habe, die Türe zugezogen und dabei A.____ am linken Oberarm getroffen habe (act. 555 ff.). Die Darstellung von C.____ lässt sich ebenfalls nicht mit der Version des Berufungsklägers in Einklang bringen. Auffällig ist insbesondere, dass der Ze uge an der erstinstanzlichen Hauptver- handlung klar und wiederholt erklärte, der linke Obera rm seines Kollegen sei von der Türe ge- troffen worden. Dies ist - wie bereits oben angedeute t - die logische Folge, die aufgrund der Schilderungen des Berufungsklägers gezogen werden muss. Aus diesem Grund und weil der Zeuge hinsichtlich der Frage, welche Seite verletzt wurd e, auch keinerlei Unsicherheiten zeigte und zweimal den linken Oberarm nannte, ist - entgegen der Mutmassung des Berufungsklägers - nicht davon auszugehen, dass sich C.____ nicht mehr genau an die Geschehnisse erinnern konnte. Er hat dies selber auch gar nie geltend gemacht. Schliesslich ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass C.____ zunächst selber an der Darstellun g des Berufungsklägers zweifelte. Auf die Frage, ob er erkannt habe, wo A.____ von der Autotür getroffen worden sei, erklärte er wörtlich: "Im ersten Moment sagte ich zu A.____ "Komm schon", worauf mir dieser sagte, dass er wirklich von der Tür getroffen wurde." (act. 139). 2.3.2 B.____ gab in der Einvernahme vom 2. Dezember 2008 im Wesentlichen zu Protokoll, dass er seine Visitenkarte an C.____ - und nicht etwa a us dem Auto heraus an A.____ - über- geben habe. Er sei dann zu seinem Auto gelaufen, um w eiter zu einem Einsatz nach Lan- genbruck zu fahren. Die beiden Männer, A.____ und C._ ___, seien ihm gefolgt und hätten auf ihn eingeredet. C.____ habe sich vor den linken Kotflü gel seines Dienstfahrzeugs gestellt und ihn so an der Wegfahrt gehindert. Trotz entsprechender Bitte sei dieser nicht auf die Seite ge- treten. Er habe sich daher entschlossen, die Fahrertüre zu schliessen. Just in diesem Moment sei A.____ von hinten zwischen die Fahrertüre und das D ienstfahrzeug herangetreten, so dass er ihn mit der Fahrertüre touchiert habe (act. 119). In der erstinstanzlichen Verhandlung erklärte B.____ erneut, dass er von C.____ an der Wegfahrt geh indert worden sei. Er habe sich von diesem bedroht gefühlt. Er sei ins Auto gesessen, habe sich auf C.____ konzentriert und laut gesagt, dass er wegfahren wolle. Beim Zumachen der Aut otüre habe es dann "Bum" gemacht. Erst da habe er bemerkt, dass A.____ sich von hinten angenähert haben musste (act. 547). Die Angaben des Berufungsbeklagten stehen in einem klare n Widerspruch zur Darstellung des Berufungsklägers. Sie erscheinen indessen - im Gegensatz z u denjenigen des Berufungsklä- gers - zumindest hinsichtlich des Kerngeschehens in sich stimmi g. Der Berufungsbeklagte Seite 9 http://www.bl.ch/kantonsgericht räumt im Übrigen von sich aus ein, dass er den Berufungsklä ger beim Zuziehen der Autotüre getroffen hat. Dies ist zumindest ein Indiz für die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen. 2.4 Im vorliegenden Fall gibt es somit drei verschiedene V ersionen. Die Darstellung des Berufungsklägers erweist sich dabei als die unwahrscheinli chste, weil sie unrealistisch ist und im Widerspruch zu seinen eigenen Angaben bei der Nach stellung des Sachverhalts steht. Aus- serdem werden seine Ausführungen nicht einmal von seinem Kollegen, C.____, bestätigt. In Anbetracht dieser Situation ist die Feststellung der Vorinstanz, dass sich der Geschehensablauf anhand der Aussagen der Beteiligten nicht genau und zw eifelsfrei rekonstruieren lasse, in kei- ner Weise zu beanstanden. Ob die Vorinstanz zu Recht davo n ausgegangen ist, dass die linke Schulter durch die Autotüre getroffen wurde und damit auf die diesbezüglichen Angaben des Zeugen abgestellt hat, muss nicht weiter erörtert werd en. Massgebend ist im vorliegenden Be- rufungsverfahren in erster Linie, ob sich die Version des Berufungsklägers nachweisen lässt. Es stellt sich somit die Frage, ob seine Darstellung anderwe itig, insbesondere durch die medizini- schen Feststellungen, nachgewiesen werden kann. 2.5 Aus den ärztlichen Berichten ergibt sich, dass bei der Unt ersuchung des Berufungsklä- gers unmittelbar nach dem Vorfall in Waldenburg eine Verletzung, nämlich eine Kontusion, d.h. eine Prellung (vgl. dazu http://de.wikipedia.org/wiki/K ontusion) an der rechten Schulter festge- stellt wurde (vgl. Arztbericht von Dr. E.____ vom 27. Mä rz 2008; act. 107 und Arztbericht von Dr. F.____ und Dr. G.____ vom 28. März 2008; act. 111 ). In diesen Arztberichten wird jedoch nicht dargelegt, wo und insbesondere auf welcher Höh e sich diese Verletzung konkret befand. Aus dem Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin der Un iversität Basel vom 15. April 2010 ergibt sich nichts anderes. Dort wird zwar dargelegt, d ass es beim Zuziehen einer Autotüre möglich ist, die festgestellte Verletzung zu verursachen. " Aus rechtsmedizinischer Sicht ist die Diagnose einer umschriebenen Blutung im Deltamuskel sowie einer "Kontusionsmarke" an der Haut infolge des anzunehmenden Ereignishergangs vom 27 .03.2008 (Einwirkung der Kante einer Fahrzeugtür gegen den rechten Arm) grundsätzlich plausibel." (act. 251). Das heisst aber noch lange nicht, dass die diagnostizierte Verletzung im vorliegenden Fall tatsächlich durch die Autotüre verursacht wurde. Im Gutachten wird nämlich ebe nfalls festgehalten, dass in den Krankenakten nicht dokumentiert sei, auf welcher Höhe ab Ferse sich die klinisch festgestellte "Kontusionsmarke" befunden habe, so dass rückwirkend nich t abgeleitet werden könne, ob die Lokalisation am Körper mit der bei der Tatrekonstrukti on ermittelten Höhe übereinstimme (act. 247). Ausserdem geht das Gutachten offensichtlich davon aus, dass der Berufungskläger von Seite 10 http://www.bl.ch/kantonsgericht der Kante der Autotüre getroffen wurde. Das ist aber im vorliegenden Fall - wie auf den Fotos der Tatrekonstruktion gut erkennbar ist (act. 93 ff.) - gar nicht möglich, weil die Türe des fragli- chen Dienstfahrzeuges von keiner Metallkante umgeben, s ondern rahmenlos ist. Da nachträg- lich nicht mehr ermittelt werden kann, ob die diagnost izierte Kontusion effektiv durch das Zuzie- hen der Autotüre verursacht wurde, lässt sich die Version des Berufungsklägers auch durch die ärztlichen Berichte nicht nachweisen. 3.1 Der Berufungskläger rügt weiter, die Feststellung der Vorinstanz, dass kein direkter Kausalzusammenhang zwischen dem Ereignis - dem Zuziehen de r Autotüre - und der Verlet- zung vorliege, sei willkürlich und nicht nachvollziehbar. 3.2 Wie im rechtsmedizinischen Gutachten festgehalten wurd e, kann die Einwirkung der Kante einer Fahrzeugtür gegen den rechten Arm durchaus der Grund und damit im Prinzip kau- sal für die diagnostizierte Verletzung am rechten Delta muskel sein. Im vorliegenden Fall kann nun aber nicht auf die Darstellung des Berufungskläger s, insbesondere auf seine Behauptung, durch die Autotüre an der rechten Schulter verletzt w orden zu sein, abgestellt werden, weil die- se Version der Geschehnisse - wie zuvor dargelegt - nicht als logisch erscheint, sich mit den Ergebnissen der Tatrekonstruktion nicht vereinbaren lässt und auch sonst nicht nachgewiesen ist. Bei näherer Betrachtung des Ausmasses der festgestellten Verletzung erscheint ausserdem die dafür geschilderte Ursache als gänzlich unrealistisch. In den ärztlichen Berichten ist nämlich von einem ca. 6 cm langem Hämatom mit einem Durchmesser v on 1 cm beim Deltamuskel ventrolateral, d.h. "zum Bauch und zur Seite gelegen" (vgl. http://flexikon.doccheck.com) die Rede. Da die Autotüre des Dienstfahrzeuges - wie oben bereits erwähnt - nicht von einer Me- tallkante umrahmt wird und der Berufungskläger ausserde m muskulös gebaut ist (act. 111) resp. über eine kräftig ausgebildete Schultermuskulatur verfügt (act. 107) und zum Zeitpunkt des Vorfalls eine dicke, wattierte Jacke trug, ist es sehr unwahrscheinlich, dass die beschriebe- ne Verletzung durch das blosse Zuziehen der Autotüre un d der dadurch allenfalls erfolgten Kol- lision des Oberarms mit der Fensterscheibe entstanden sei n sollte. Der Kausalzusammenhang zwischen der ärztlich festgestellten Verletzung und dem S chliessen der Autotüre durch den Be- rufungsbeklagten ist daher nicht zweifelsfrei nachgewiesen. 3.3 Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass die Darstellu ng des Berufungsklägers zum Kerngeschehen weder mit derjenigen des Berufungsbekl agten übereinstimmt noch von seinem Kollegen, C.____, bestätigt resp. bezeugt werde n kann und sich überdies auch durch Seite 11 http://www.bl.ch/kantonsgericht die ärztlichen Berichte und das rechtsmedizinische Gutacht en nicht zweifelsfrei nachweisen lässt. Aufgrund der dargelegten Unklarheiten und Wider sprüche kann also nicht auf die Anga- ben des Berufungsklägers abgestellt werden. Nach dem Grun dsatz "in dubio pro reo" darf das Gericht nämlich nicht von der Existenz eines für den Beschu ldigten ungünstigen Sachverhalts ausgehen, wenn bei objektiver Betrachtung berechtigte Zweifel bestehen, ob sich der fragliche Sachverhalt tatsächlich so verwirklicht hat. Die Darstellu ng seines Kollegen, C.____, fällt eben- falls ausser Betracht, weil eine Verletzung der linken S chulter gar nicht zur Diskussion steht. Das in Frage stehende Kerngeschehen lässt sich nachträglich also nicht mehr genau eruieren. Ausserdem ist auch der Kausalzusammenhang zwischen der är ztlich festgestellten Verletzung und dem Schliessen der Autotüre durch den Berufungsbeklagten nicht zweifelsfrei nachweisbar. Der Vizepräsident des Strafgerichts hat den Berufungsbekl agten daher zu Recht freigespro- chen. 4.1 Zu guter Letzt und der Vollständigkeit halber ist dara uf hinzuweisen, dass es im vorlie- genden Fall sehr fraglich ist, ob die diagnostizierte Ve rletzung des Berufungsklägers überhaupt als Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 1 StGB qualifiziert werden kann. 4.2 Ein Verstoss gegen Art. 125 Abs. 1 StGB setzt eine fah rlässige einfache Körperverlet- zung voraus. Diese wird dann bejaht, wenn eine nicht meh r bloss harmlose Beeinträchtigung vorliegt. Harmlose Eingriffe in die körperliche Integri tät, die keine besondere Behandlung erfor- dern, rasch ausheilen und überdies keine erheblichen S chmerzen hervorrufen, wie namentlich Schrammen, Kratzer, Schürfungen, blaue Flecken, Quetschu ngen und dergleichen, stellen blosse Tätlichkeiten dar (ANDREAS A. ROTH /A NNE BERKEMEIER , Basler Kommentar, Strafrecht II, Art. 111 - 392 StGB, 2. Aufl., Basel 2007, Art. 125 N 2 sowie 123 N 3 und 8, vgl. auch Art. 126 N 4 ff.). 4.3 Gemäss dem ersten Arztbericht vom 27. März 2008 wurde beim Berufungskläger eine Kontusion an der rechten Schulter mit Einblutung in dem rechten Deltamuskel (M. deltoideus) sowie Sensibilitätsstörungen im Mittelarmnerv (N. medianus) festgestellt. Der behandelnde Arzt ordnete folgende Therapie an: "Schonung in einer Mit ellaschlinge für 2 Tage. Analgesie mit Irfen und Dafalgan nach Bedarf." Ausserdem erklärte er den Berufungskläger bis 2. April 2008 als arbeitsunfähig (vgl. act. 107). Aus dem zweiten Arzt bericht vom 28. März 2008 ergibt sich, dass nach dem Ultraschall der Schulter ein 6 cm langes Hämatom mit Durchmesser 1 cm ober- flächlich im Deltamuskel (M. deltoideus ventrolateral) diagnostiziert wurde. Der Arzt schlug eine Seite 12 http://www.bl.ch/kantonsgericht symptomatische Therapie vor, vermutlich weil der Berufun gskläger bei seinem zweiten Arztbe- such über Gefühlsstörungen und Schmerzen klagte (act. 111). Die unmittelbar nach dem Vorfall in Waldenburg beim Berufungskläger festgestellte Verle tzung stellt nach Auffassung des Kan- tonsgerichts eine bloss harmlose Beeinträchtigung dar, die - wie im ersten Arztzeugnis eindeu- tig zum Ausdruck kommt - grundsätzlich keine besondere Beh andlung erforderte und gemäss erster ärztlicher Einschätzung auch rasch ausheilen sollte. Die vom Berufungskläger geltend gemachte Verletzung ist somit als Tätlichkeit zu qualif izieren, die bei fahrlässiger Tatbegehung gar nicht strafbar ist. Das erstinstanzliche Urteil ist also nicht zu beanstanden und die dagegen erhobene Berufung demzufolge abzuweisen. Kosten 5.1 Gemäss Art. 428 Abs. 1 StPO tragen die Parteien die K osten des Rechtsmittelverfah- rens nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens. In A nbetracht, dass der Berufungs- kläger vollumfänglich unterliegt, gehen die Verfahre nskosten von CHF 4'700.--, bestehend aus einer Gerichtsgebühr von CHF 4'500.-- und Auslagen von CHF 200.--, zu seinen Lasten. 5.2 Der Berufungskläger wird ausserdem verpflichtet, dem Be rufungsbeklagten für das Be- rufungsverfahren eine Parteientschädigung im Betrag vo n total CHF 4'201.20 (15 Stunden à CHF 250.-- = CHF 3'750.-- zuzüglich Auslagen von CHF 14 0.-- und Mehrwertsteuer von CHF 311.20) zu bezahlen. Seite 13 http://www.bl.ch/kantonsgericht Demnach wird erkannt: ://: I. Das Urteil des Strafgerichtsvizepräsidenten vom 9 . November 2011, das wie folgt lautet: "1. B.____ wird in Aufhebung des Strafbefehls der Sta atsanwalt- schaft Basel-Landschaft Hauptabteilung Sissach vom 13. Ja- nuar 2011 von der Anklage der fahrlässigen einfachen K ör- perverletzung freigesprochen . 2. a) Die Schadenersatz- und Genugtuungsforderung vo n A.____, vertreten durch Dr. iur. Ch. von Wartburg, werden in Anwen- dung von Art. 126 Abs. 1 StPO abgewiesen . b) Die von A.____ geltend gemachte Entschädigungs forderung für die Anwaltskosten wird abgewiesen . 3. Die Verfahrenskosten, bestehend aus den Kosten des V or- verfahrens von Fr. 1'769.-- und der Gerichtsgebühr von Fr. 1'500.--, gehen zu Lasten des Staates. Wird kein Rechtsmittel ergriffen und kein begründete s Urteil verlangt (Art. 82 Abs. 2 StPO), wird die strafgerichtli che Ge- bühr auf Fr. 750.-- ermässigt (§ 4 Abs. 1 GebT). 4. Die Kosten des Privatverteidigers von B.____ in Höh e von Fr. 8'548.95 (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer) g ehen zu Lasten des Staates. 5. …" wird in Abweisung der Berufung vollumfänglich bestätigt. II. Die Verfahrenskosten von CHF 4'700.--, bestehend a us einer Ge- richtsgebühr von CHF 4'500.-- und Auslagen von CHF 200.--, gehen Seite 14 http://www.bl.ch/kantonsgericht zu Lasten des Berufungsklägers. III. Der Berufungskläger wird verpflichtet, dem Berufungsbe klagten für das Berufungsverfahren eine Parteientschädigung im Bet rag von total CHF 4'201.20 zu bezahlen. IV. Dieses Urteil wird den Parteien sowie der Polizei Basel -Landschaft, Informationsabteilung, Datenaufbereitung, Postfach, 44 10 Liestal (mit einer Kopie des Strafbefehls) schriftlich eröffnet. Vizepräsident Stephan Gass Gerichtsschreiberin Nicole Schneider