<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">35</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>II. Strafprozessrecht</b></span><br/> <span class="ft3"><b>3</b></span> <span class="ft3"><b>Art. 431 Abs. 2 StPO</b></span><br/> <span class="ft3"><b>Kriterien für die Bemessung der Genugtuung bei Überhaft (Sicherheits-</b></span><br/> <span class="ft3"><b>haft).</b></span><br/> <span class="ft4">Aus dem Entscheid der Jugendstrafkammer des Obergerichts vom</span><br/> <span class="ft4">28. November 2013 i.S. Jugendanwaltschaft des Kantons Aargau gegen C.R.</span><br/> <span class="ft4">(SST.2013.222).</span><br/> <span class="ft6"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <span class="ft8">4.</span><br/> <span class="ft8">4.1.</span><br/> <span class="ft8">4.1.1.</span><br/> <span class="ft8">Für die Bemessung der Genugtuung ist zunächst deren</span><br/> <span class="ft8">grundsätzliche Grössenordnung zu ermitteln. Dabei ist auf die Art</span><br/> <span class="ft8">und Schwere der Verletzung abzustellen (Urteil des Bundesgerichts</span><br/> <span class="ft8">6B_111/2012 vom 15. Mai 2012 E. 4.2).</span><br/> <span class="ft8">4.1.2.</span><br/> <span class="ft8">Bei kürzeren Freiheitsentzügen erachtet das Bundesgericht eine</span><br/> <span class="ft8">durchschnittliche Genugtuung von Fr. 200.00 pro Tag als ange-</span><br/> <span class="ft8">messen, vorausgesetzt, dass keine aussergewöhnlichen Umstände</span><br/> <span class="ft8">vorliegen, die eine höhere oder eine geringere Entschädigung zu</span><br/> <span class="ft8">rechtfertigen vermögen. Bei längerer Untersuchungshaft ist der</span><br/> <span class="ft8">Tagessatz in der Regel zu senken, da die erste Haftzeit besonders</span><br/> <span class="ft8">erschwerend ins Gewicht fällt (vgl. BGE 113 IB 155 E. 3b).</span><br/> <span class="ft8">4.1.3.</span><br/> <span class="ft8">Vorliegend handelt es sich um einen relativ langen Freiheitsent-</span><br/> <span class="ft8">zug von 322 Tagen. Der Tagessatz ist über die Zeitdauer degressiv zu</span><br/> <span class="ft8">bemessen, da die wahrgenommene Unbill - wie vom Bundesgericht</span><br/> <span class="ft8">dargelegt - mit der Zeitachse abnimmt. Wird davon ausgegangen,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Obergericht, Abteilung Strafgericht</span> <span class="page_no">36</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">dass am ersten Tag eines Freiheitsentzuges eine Genugtuung von</span><br/> <span class="ft8">Fr. 200.00 als angemessen und nach beinahe einem Jahr Freiheitsent-</span><br/> <span class="ft8">zug noch eine Genugtuung von Fr. 100.00 als adäquat erscheint, so</span><br/> <span class="ft8">ergäbe sich für den Tagessatz ein Mittelwert von Fr. 150.00. Auf-</span><br/> <span class="ft8">grund der Besonderheit, dass der Verurteilte zur Zeit der Anordnung</span><br/> <span class="ft8">der Sicherheitshaft bereits eine Freiheitsstrafe verbüsste, ist indes die</span><br/> <span class="ft8">Entschädigung ab dem ersten Tag des Freiheitsentzuges durch die</span><br/> <span class="ft8">Sicherheitshaft von Fr. 200.00 um 25 % auf Fr. 150.00 zu reduzieren,</span><br/> <span class="ft8">da sich seine Lebensumstände durch die Inhaftierung nicht in glei-</span><br/> <span class="ft8">cher Weise veränderten, wie dies bei einer Person, welcher durch die</span><br/> <span class="ft8">Zwangsmassnahme erst die Freiheit entzogen würde, gälte. Ent-</span><br/> <span class="ft8">sprechend ergibt sich für den Verurteilten gemäss obenstehender</span><br/> <span class="ft8">Berechnungsmethode ein Mittelwert von Fr. 125.00 pro Tag ausge-</span><br/> <span class="ft8">standener Sicherheitshaft.</span><br/> <span class="ft8">4.2.</span><br/> <span class="ft8">4.2.1.</span><br/> <span class="ft8">In einem zweiten Schritt sind für die konkrete Bemessung der</span><br/> <span class="ft8">Genugtuung die Besonderheiten des Einzelfalles zu würdigen, wel-</span><br/> <span class="ft8">che eine Verminderung oder auch Erhöhung der zuzusprechenden</span><br/> <span class="ft8">Summe nahelegen (Urteil des Bundesgerichts 6B_111/2012 vom</span><br/> <span class="ft8">15. Mai 2012 E. 4.2).</span><br/> <span class="ft8">4.2.2.</span><br/> <span class="ft8">Der Verurteilte macht geltend, dass die Sicherheitshaft äusserst</span><br/> <span class="ft8">spät beantragt worden sei; zu einem Zeitpunkt, in welchem er längst</span><br/> <span class="ft8">mit seiner Freilassung gerechnet habe und auch habe rechnen dürfen.</span><br/> <span class="ft8">Die Anordnung der Sicherheitshaft habe ihn entsprechend (negativ)</span><br/> <span class="ft8">überrascht. Ein solch später Antrag habe die erlittene Unbill durch</span><br/> <span class="ft8">den Freiheitsentzug aufgrund zusätzlicher psychischer Belastung</span><br/> <span class="ft8">verschlimmert und sei entsprechend zu gewichten.</span><br/> <span class="ft8">Die Jugendanwaltschaft bringt ein, dass das Fortbestehen der</span><br/> <span class="ft8">Haft - alsdann in Form der Sicherheitshaft - für den Verurteilten</span><br/> <span class="ft8">nicht besonders ins Gewicht gefallen sei. Er habe zu diesem Zeit-</span><br/> <span class="ft8">punkt keine Familie gehabt, für welche er zu sorgen gehabt hätte.</span><br/> <span class="ft8">Zudem sei er ohnehin nie richtig erwerbstätig gewesen, so dass auch</span><br/> <span class="ft8">nicht von einem Verlust einer wirtschaftlichen Existenz gesprochen</span><br/> <span class="ft8">werden könne. Ferner sei durch den anhaltenden Freiheitsentzug</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2014</span> <span class="title">Strafprozessrecht</span> <span class="page_no">37</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft8">auch sein Ruf nicht (weiter) geschädigt worden. Auch diese aufge-</span><br/> <span class="ft8">führten Komponenten gelte es für die Bemessung der konkret erlitte-</span><br/> <span class="ft8">nen Unbill - indes im Sinne einer Verminderung derselben - zu be-</span><br/> <span class="ft8">rücksichtigen.</span><br/> <span class="ft8">4.2.3.</span><br/> <span class="ft8">Die über die Genugtuung zu entschädigende immaterielle Un-</span><br/> <span class="ft8">bill besteht aus unfreiwilligen, nicht vermögenswerten Nachteilen,</span><br/> <span class="ft8">die in Folge der Sicherheitshaft vorliegend eingetreten sind. Typolo-</span><br/> <span class="ft8">gisch lassen sich die drei Kategorien des Gefühlsschadens, der</span><br/> <span class="ft8">Lebensqualitätseinbusse und des Ansehensschadens unterscheiden</span><br/> <span class="ft8">(vgl. HÜTTE/LANDOLT, Genugtuungsrecht. Grundlage zur Bestim-</span><br/> <span class="ft8">mung der Genugtuung, Band 2, 2013, S. 77 ff.).</span><br/> <span class="ft8">Die sehr späte Anordnung der Sicherheitshaft kann als Ver-</span><br/> <span class="ft8">schlimmerung des Gefühlsschadens angesehen werden. Dieser muss</span><br/> <span class="ft8">temporär zumindest eine gewisse Zeit angedauert haben. Dies darf</span><br/> <span class="ft8">vorliegend angenommen werden.</span><br/> <span class="ft8">Die durch die Sicherheitshaft erlittene Lebensqualitätseinbusse</span><br/> <span class="ft8">ist vorliegend in beruflicher wie sozialer Hinsicht (entsprechend</span><br/> <span class="ft8">kann auch von sozialer und beruflicher Unbill gesprochen werden)</span><br/> <span class="ft8">demgegenüber unterdurchschnittlich zu bewerten; diesbezüglich ist</span><br/> <span class="ft8">auf die korrekten Ausführungen der Jugendanwaltschaft zu verwei-</span><br/> <span class="ft8">sen.</span><br/> <span class="ft8">Die dritte Kategorie schliesslich, der Ansehensschaden, ist auf-</span><br/> <span class="ft8">grund der Vorgeschichte des Verurteilten ebenfalls als unterdurch-</span><br/> <span class="ft8">schnittlich zu beurteilen.</span><br/> <span class="ft8">4.2.4.</span><br/> <span class="ft8">Insgesamt sind die Faktoren, welche die immaterielle Unbill</span><br/> <span class="ft8">vorliegend geschmälert haben, wesentlich höher zu gewichten als</span><br/> <span class="ft8">jene, welche sie vergrösserten.</span><br/> <span class="ft8">Es erscheint daher angemessen, die ermittelte Grössenordnung</span><br/> <span class="ft8">des Tagessatzes um 20 % zu kürzen.</span><br/></div> </div> </body> </html>