A2 23 18 A2 23 19 URTEIL VOM 10. MÄRZ 2023 Kantonsgericht Wallis Öffentlichrechtliche Abteilung Der Einzelrichter des Kantonsgerichtes, Thomas Brunner, urteilend gemäss Art. 76 und Art. 80 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer und über die In- tegration vom 16. Dezember 2005 (AIG; SR 142.20) sowie Artikel 7 ff. des kantonalen Einführungsgesetz zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 13. September 2012; (EGAuG; SGS/VS 142.1), un ter Beizug der Gerichtsschreiberin Vanessa Brigger, in Sachen X _________ , vertreten durch Rechtsanwältin Lea Hungerbühler, AsyLex, Gesuchsteller, gegen DIENSTSTELLE FÜR BEVÖLKERUNG UND MIGRATION, Gesuchsgegner, (Zwangsmassnahmen) Haftverfügung vom 8. Februar 2023. - 2 - Eingesehen - die Verfügung der Dienststelle für Bevölkerung und Migration (DBM) vom 8. Februar 2022 (recte 2023), wonach X _________, A _________ Staatsangehöriger, geboren am xx.xx1987, gemäss Art. 76 Abs. 1 lit. b Ziff. 3 und 4 AIG für maximal drei Monate in Haft genommen werde; - das Urteil des Einzelrichters des Kantonsgerichts vom 10. Februar 2023, mit wel- chem die Haftverfügung der DBM vom 8. Februar 2023 bestätigt wurde; - das Haftentlassungsgesuch vom 3. März 2023 gemäss Art. 80 Abs. 5 AIG von X _________ (Gesuchsteller), in welchem auch um unentgeltliche Rechtspflege er- sucht wurde; - die Verfügung der DBM vom 8. März 2023, wonach der Gesuchsteller in der Schweiz ein Asylgesuch stellen wolle und die Haft des Gesuchstellers nicht mehr verhältnis- mässig sei, weshalb er aus der Haft entlassen werde; - das am 8. März 2023 von den Rechtsvertretern des Gesuchstellers per E -Mail ein- gereichte ausgefüllte Formular betreffend die unentgeltliche Rechtspflege; - die übrigen Akten; erwägend, - dass der Gesuchsteller seine umgehende Entlassung aus der Administrativhaft, die Feststellung der Unrechtmässigkeit der Haft, die Feststellung der Widerrechtlichkeit der Haftbedingungen und der Verletzung des rechtlichen Gehörs, die unentgeltliche Rechtspflege und die Durchführung eines schriftlichen Verfahrens beantragen lässt; - dass der Gesuchsteller ausführt, dass trotz der noch nicht abgelaufenen Frist von einem Monat gemäss Art. 80 Abs. 5 AIG für die erneute Haftüberprüfung aufgrund des verfassungsmässigen Anspruchs auf Wiedererwägung auf sein Haftentlas- sungsgesuch einzutreten sei; es würden veränderte Umstände vorliegen, da er erst - 3 - am 24. Februar 2023 seine Rechtsvertreterin mandatieren und die Rechtswidrigkeit der Haft geltend machen konnte; - dass die inhaftierte Person einen Monat nach der Haftüberprüfung ein Ha ftentlas- sungsgesuch einreichen kann, über das die richterliche Behörde innert acht Arbeits- tagen aufgrund einer mündlichen Verhand lung zu entscheiden hat (Art. 80 Abs. 5 AIG); - dass der Gesuchsteller die Durchführung eines schriftlichen Verfahrens beantragt hat; - dass nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts das schutzwürdige Interesse gemäss Art. 89 Abs. 1 lit. c des Bundesges etzes über das Bundesgericht vom 17. Juni 2005 (BGG; SR 173.110) in Fällen ausländerrechtlicher Haft selbst dann gegeben ist, wenn der Beschwerdeführer im Urteilszeitpunkt bereits aus der Haft entlassen wurde und um Feststellung der Rechtswidrigkeit der Ha ft ersucht, sofern er in vertretbarer Weise eine Verletzung der Konvention zum Schutze der Men- schenrechte und Grundfreiheiten vom 4. November 1950 (EMRK; SR 0.101) geltend macht; das schutzwürdige Interesse muss demnach in solchen Fällen entgegen den allgemeinen Regeln im Urteilszeitpunkt nicht mehr aktuell und praktisch sein, damit das Bundesgericht auf die Beschwerde eintritt (BGE 142 I 135 E. 1.3.1 ; Urteil des Bundesgerichts 2C_599/2020 vom 24. November 2020 E. 3.2 mit Hinweisen); - dass entsprechend dem Grundsatz der Einheit des Verfahrens (Art. 111 BGG) das kantonale Recht und die kantonalen Behörden die Beschwerdeberechtigung bzw. Legitimationsvoraussetzungen nicht enger fassen dürfen als die Beschwerdebe- rechtigung gegenüber dem Bundesgericht (Urteil des Bundesgerichts 2C_599/2020 vom 24. November 2020 E. 3.1 mit Hinweisen); - dass der Gesuchsteller in vertretbarer Weise geltend macht, dass die Haft Art. 5 EMRK verletzt, insbesondere durch das Fehlen eines Haftgrundes, durch die unzu- lässigen Haftbedingungen und die fehlende Verhältnismässigkeit; - dass folglich aufgrund der Haftentlassung des Gesuchstellers am 8. März 2023 ein- zig Ziffer 1 der Rechtsbegehren gegenstandslos geworden ist und auf seine Fest- stellungsbegehren einzutreten ist; - dass gemäss Art. 76 Abs. 1 lit. b Ziff. 3 und 4 AIG eine Person in Ausschaffungshaft genommen werden kann, wenn konkrete Anzeichen befürchten lassen, dass sie - 4 - sich der Ausschaffung entziehen will, insbesondere weil sie der Mitwirkungspflicht nicht nachkommt oder ihr bisheriges Verhalten darauf schliessen lässt, dass sie sich behördlichen Anordnungen widersetzt; - dass gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung eine Haftverfügung nicht hin- reichend begründet ist, wenn die Behörde einzig die einschlägigen Gesetzesartikel nennt, der massgebliche Sachverhalt aus den Akt en zusammengestellt werden muss und keine minimal motivierte Subsumption unter die ei nschlägigen Bestim- mungen erfolgt. Die Begründung des Haftentscheids muss so abgefasst sein, dass sich der Betroffene üb er dessen Tragweite Rechenschaft geben und ihn in voller Kenntnis der Sache an die höhere Instanz weiterziehen kann. In diesem Sinn müs- sen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt (zum Ganzen Urteil des Bun- desgerichts 2C_620/2021 vom 14. September 2021 E. 3.3.1 mit Hinweisen); - dass gemäss der Haftverfügung vom 8. Februar 2023 die Voraussetzungen von Art. 76 Abs. 1 lit. b Ziff. 3 und 4 AIG erfüllt seien, es würden konkrete Anzeichen befürch- ten lassen, dass sich der Gesuchsteller der Ausschaffung entziehen wolle; - dass aus der Haftverfügung vom 8. Februar 2023 hervorgeht, dass der Gesuchstel- ler eine gefälschte belgische Identitätskarte vorgewiesen habe, sich illegal in der Schweiz aufhalte und ausgesagt habe, er wolle die Schweiz nicht verlassen; - dass die Untertauchensgefahr nicht nur gestützt auf die gesetzlichen Haftgründe vermutet werden darf, sondern im Einzelfall geprüft und begründet werden muss (vgl. Art. 28 Abs. 2 Dublin -III-Verordnung; Urteil 2C_199/2018 vom 9. Juli 2018 E. 4.2); - dass zur Annahme einer Untertauchensgefahr für sich allein nicht genügt, dass der Betroffene illegal in die Schweiz eingereist ist, ebenso wenig wie die Tatsache, dass er keine P apiere besitzt und nur mangelhaft an deren Beschaffung mitwirkt (BGE 129 I 139 E. 4.2.1); - dass aus dem Bericht der Kantonspolizei vom 8. Februar 2013 hervorgeht, dass der Gesuchsteller sich anlässlich einer Kontrolle an Bord des EC 39 von Genf Richtung Milano zuerst mit einer Totalfälschung einer belgischen Identitätskarte und in der Folge jedoch mit einem gültigen tunesischen Reisepass ausgewiesen hat; - 5 - - dass der Gesuchsteller anlässlich der polizeilichen Einvernahme am 8. Februar 2023 ausgesagt hat, da ss er die Schweiz lediglich als Durchgangsstation nach Italien nutze und bereit sei die Schweiz zu verlassen, jedoch nicht in sein Heimatland Tu- nesien, sondern nach Frankreich zurückkehren wolle, wo er angemeldet sei und als Elektriker gearbeitet habe; - dass die Haftverfügung der DBM vom 8 . Februar 2023 nach dem Gesagten keine substantiierte und nachvollziehbare Begründung für die Vermutung der DBM enthält, dass der Gesuchsteller beabsichtige, sich der Ausschaffung zu entziehen; die Un- tertauchensgefahr und die Verhältnismässigkeit der Haft sind nicht im Einzelfall ge- prüft und begründet worden; - dass das Urteil vom 10. Februar 2023 lediglich darauf verweist, dass der Gesuch- steller über eine gefälschte belgische Identitätskarte verfügt habe und sich illegal in Italien und Frankreich aufgehalten habe; eine Überprüfung der Rechtmässigkeit und der Angemessenheit der Haft gemäss Art. 80 Abs. 2 AIG ist nicht erfolgt; - dass die Haf tvoraussetzungen gemäss Art. 76 Abs. 1 lit. b Ziff. 3 und 4 AIG nicht erfüllt gewesen sind; - dass der Gesuchsteller zudem die Haftbedingungen in der Strafanstalt B _________ als widerrechtlich kritisiert; - dass die ausländerrechtliche Festhaltung in speziellen Vollzugsanstalten zu erfolgen hat; diese müssen über genügend Plätze verfü gen (Art. 16 Abs. 1 Richtlinie 2008/115; Art. 81 Abs. 2 Satz 1 AIG). In begründeten Ausnahmefällen kann die Haft in ordentlichen Haftanstalten vollzogen werden, wenn die Trennung von den ande- ren Häftlingen - etwa durch eine eigenständige Abteilung - sichergestellt bleibt und ein administrativ anderweitig nicht bewältigbarer wichtiger Grund für dieses Vorge- hen spricht. Der Grund für die Unterbringung in einer separaten Abteilung eines nor- malen Gefängnisses und nicht in einer speziellen Einrichtung - wie von Art. 16 Abs. 1 Satz 1 der Rückführungsrichtlinie als Regel vorausgesetzt - ist in der Haftverfügung sachgerecht zu begründen, damit der Haftrichter die angegebenen Gründe im Hin- blick auf die Zulässigkeit der Haf t und der nach Art. 16 der Rück führungsrichtlinie erforderlichen Haftbedingungen überprüfen kann (vgl. Art. 80 Abs. 4 AIG). Die wich- tigen Gründe und die konkreten Abklärungen bezüglich der Unterbringung der aus- reisepflichtigen Person sind in der Haftverfügung nachvollziehbar darzutun und zu belegen (zum Ganzen BGE 146 II 201 E. 8); - 6 - - dass die Haftverfügung vom 8. Februar 2023 keine Ausführungen zur die Unterbrin- gung des Gesuchstellers im C _________ in B _________ enthält: In der Verfügung werden die wichtigen Gründe für die Unterbringung in dieser A nstalt nicht genannt und es geht aus der Verfügung nicht hervor, welchen konkreten Haftbedingungen der Gesuchsteller unterworfen ist; die DBM hat diesbezüglich die Begründungs- pflicht verletzt; - dass die richterliche Behörde bei der Überprüfung des Entscheides über Anordnung, Fortsetzung und Aufhebung der Haft auch die familiären Verhältnisse der inhaftier- ten Person und die Umstände des Haftvollzugs berücksichtigt (Art. 80 Abs. 4 AIG); - dass das Urteil vom 10. Februar 2023 sich nicht zur Angemessenheit des Vollzugs der Haft des Gesuchstellers in B _________ äussert; - dass nach dem Gesagten festgestellt wird, dass die am 8. Februar 2023 von der DBM verfügte Administrativhaft unrechtmässig gewesen ist; - dass für das vorliegende Verfahren keine Gerichtskost en erhoben werden (Art. 89 Abs. 4 des Gesetzes über das Verwaltungsverfahren und die Verwaltungsrechts- pflege vom 6. Oktober 1976 [VVRG; SGS/VS 172.6]); - dass ein Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege und unentgeltlichen Rechtsbei- stand gemäss Art. 2 des Gesetzes über die unen tgeltliche Rechtspflege vom 11. Februar 2009 (GUR; SGS/VS 177.7) besteht, sofern der Gesuchsteller nicht über die erforderlic hen Mittel verfügt und sein Rechtsbegehren nicht aussichtslos er- scheint; - dass die Bedürftigkeit des Gesuchstellers gemäss dem ausgefüllten Gesuchformular vom 8. März 2023 wohl als erstellt gelten kann, jedoch nicht mehr näher geprüft werden muss, da der Gesuchsteller im vorliegenden Verfahren als obsiegende Par- tei gilt; das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege ist damit gegenstandslos gewor- den; - dass die Beschwerdeinstanz der ganz oder teilweise obsiegenden Partei auf Begeh- ren die Rückerstattung der notwendigen Kosten gewährt, die ihr entstanden sind (Art. 91 Abs. 1 VVRG); - dass die Entschädigung im Dispositiv beziffert und der Staats- oder Gemeindekasse auferlegt, soweit sie aus Billigkeitsgründen nicht der unterliegenden Partei auferlegt werden kann (Art. 91 Abs. 2 VVRG); - 7 - - dass die Entschädigung global festzusetzen ist und die Entschädigung an die be- rechtigte Partei sowie ihre Anwaltskosten umfasst (Art. 4 GTar), die in Anwendung der Art. 27 ff. GTar festzusetzen sind und im Verwaltungsgerichtsbeschwerdever- fahren zwischen Fr. 1 100.-- und Fr. 11 000.-- betragen (Art. 39 GTar); - dass aufgrund des Umfangs, des geschätzten Aufwands, der Bedeutung und der Schwierigkeit des Falles dem anwaltlich vertretenen Gesuchsteller für das Verfahren vor dem Kantonsgericht eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1 200.-- zu- gesprochen wird, welche vom Kanton zu tragen ist. Demnach erkennt das Kantonsgericht: 1. Es wird festgestellt, dass die am 8. Februar 2023 verfügte Administrativhaft von X _________ unrechtmässig gewesen ist. 2. X _________ wird eine Parteientschädigung von Fr. 1 200.-- zu Lasten des Kantons Wallis zugesprochen. 4. Es werden keine Gerichtskosten erhoben. 5. Das Urteil wird X _________, der Dienststelle für Bevölkerung und Migration und dem Staatssekretariat für Migration schriftlich mitgeteilt. Sitten, 10. März 2023