B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-2839/2019 law/fes U r t e i l v o m 21 . J u n i 2 0 1 9 Besetzung Einzelrichter Walter Lang, mit Zustimmung von Richter Simon Thurnheer Gerichtsschreiberin Sarah Ferreyra. Parteien A._______, geboren am (…), Algerien, Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung (verkürzte Beschwerdefrist); Verfügung des SEM vom 29. Mai 2019 / N (…). D-2839/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer verliess sein Heimatland Algerien eigenen Angaben zufolge am 6. Januar 2019 und gelangte über Spanien, Frankreich und Deutschland mit dem Zug am 25 . März 2019 in die Schweiz, wo er glei- chentags ein Asylgesuch stellte. B. Am 1. April 2019 wurde er im Bundesasylzentrum B._______ zu seiner Person und dem Reiseweg befragt. Am 17. April 2019 fand die Erstbefra- gung nach Art. 26 Abs. 3 AsylG (SR 142.31) und die Anhörung zu den Asyl- gründen nach Art. 29 AsylG statt. Am 20. Mai 2019 wurde der Beschwer- deführer ergänzend zu den Asylgründen angehört. Zur Begründung seines Asylgesuches machte er im Wesentlichen geltend, er sei algerischer Staatsangehöriger und stamme aus C._______. Sein Va- ter habe seine Mutter und sechs Geschwister verlassen, worauf die finan- zielle Lage der Familie schwierig gewesen sei. Er habe die Schule während neun Jahren besucht und danach als Friseur gearbeitet. Im Jahr 1990 sei er wegen de s Bürgerkriegs aus Algerien ausgereist. Von Spanien sei er nach Frankreich und schliesslich nach Deutschland gereist, wo er Asyl be- antragt habe. Im Jahr 1996 habe er eine deutsche Frau geheiratet und sei nach D._______ gezogen. Mit ihr habe er zwei Söhne, sei aber seit dem Jahr 2004 geschieden. Er sei in Deutschland zwischen 2001 und 2006 we- gen Diebstahls, Drogen und Schlägereien im Gefängnis gewesen. Danach habe er im Rahmen einer Psychotherapie gemerkt, dass er homosexuell sei. Im Jahr 2006 sei er nach Algerien zurückgekehrt. Danach habe er eine Polizistin, die er auf der Gemeindeverwaltung kennengelernt habe, gehei- ratet. Mit ihr habe er vier weitere Kinder gehabt. Im Jahr 2014 habe sie herausgefunden, dass er homosexuell sei und habe sich von ihm scheiden lassen. Sie habe ihm danach Probleme gemacht und er habe bei der Poli- zei und der Staatsanwaltschaft Anzeige gegen sie erstattet. Diese hätten die Anzeige jedoch nicht behandelt, weil er homosexuell sei und kein Schmiergeld gezahlt habe. Auf einer Hochzeit hab e er schliesslich seine dritte Frau kennengelernt. Er habe ihr nach einiger Zeit erzählt, dass er homosexuell sei. Sie hingegen habe ihm gesagt, dass sie nicht mehr Jung- frau sei. Sie hätten sich deshalb dazu entschlossen, eine Zweckbeziehung einzugehen und am 21. Mai 2018 geheiratet. Die Beziehung sei gut gegan- gen, bis die Familie der dritten Frau nach ein paar Monaten herausgefun- den habe, dass er homosexuell sei. Die Brüder seiner Frau hätten ihn dann D-2839/2019 Seite 3 bedroht. Seine Anzeige bei der Polizei sei wiederum wegen seiner Homo- sexualität abgelehnt worden. Er sei im Januar 2019 aus Angst um sein Le- ben aus Algerien ausgereist. Er sei während zweier Monate in D._______ bei seinen Kindern geblieben und danach in die Schweiz gekommen, weil er in Deutschland Probleme mit seiner Exfrau gehabt habe. Er reichte eine Heiratsurkunde zu den Akten. C. Am 29. April 2019 und 17. Mai 2019 reichte die Rechtsvertretung des Be- schwerdeführers medizinische Informationen zum Beschwerdeführer ein. D. Die Vorinstanz gab der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers am 27. Mai 2019 Gelegenheit, zum Entscheidentwurf Stellung zu nehmen. E. Die Rechtsvertretung reichte am 28. Mai 2019 eine entsprechende Stel- lungnahme ein, worin sie ausführte, aus welchen Gründen der Beschwer- deführer mit dem Entscheidentwurf nicht einverstanden sei. F. Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 29. Mai 2019 stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte dessen Asylgesuch vom 25. März 2019 ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. G. Am 29. Mai 2019 legte die Rechtsvertretung das Mandat nieder. H. Mit Eingabe vom 7. Juni 2019 erhob der Beschwerdeführer beim Bundes- verwaltungsgericht Beschwerde und beantra gte, die angefochtene Verfü- gung sei aufzuheben, die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei er als Flüchtling anzuerkennen und vorläufig aufzunehmen. Subeventualiter sei er vorläufig aufzunehmen. Subsubeven- tualiter sei der Entscheid aufzuheben und zwecks Neubeurteilung bezüg- lich Herkunft a n die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er zudem, es sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren, auf die Erhebung eines Kostenvorschuss es zu verzichten , ihm die Bezahlung von Verfahrenskosten und eines Kostenvorschusses zu D-2839/2019 Seite 4 erlassen und ihm eine angemessene Nachfrist zwecks Beschwerdeergän- zung zu gewähren. I. Mit Verfügung vom 12. Juni 2019 stellte der zuständige Instruktionsrichter des Bund esverwaltungsgerichts fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten und forderte ihn auf, eine den gesetzlichen Erfordernissen genügende, in einer Amtssprache des Bundes verfasste Begründung seiner Beschwerde einzureic hen. Bei ungenutzter Frist, werde auf die Eingabe vom 7. Juni 2019 nicht eingetre- ten. J. Am 13. Juni 2019 ging beim Bundesverwaltungsgericht eine Beschwer- debegründung ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bun desverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom- men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände- rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form- gerecht ( Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereichte beziehungsweise verbesserte Be- schwerde ist einzutreten. D-2839/2019 Seite 5 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zul ässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei- ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste- hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4. Hinsichtlich des Rückweisungsantrags zwecks Abklärung der Herkunft, werden weder in der Beschwerde noch in der nachgereichten Begründung Ausführungen gemacht, warum die Herkunft des Beschwerdeführers näher abgeklärt werden sollte. Für das Gericht besteht kein Grund, diesbezüglich weitere Abklärungen zu veranlassen. Auf diesen Antrag ist deshalb man- gels Begründung nicht einzutreten. 5. 5.1 In der Beschwerdebegründung wird geltend gemacht, das SEM habe das rechtliche Gehör des Beschw erdeführers verletzt. So habe die Vo- rinstanz ihren Entscheid ganz wesentlich auf die vermeintlich fehlende Glaubhaftigkeit der Homosexualität des Beschwerdeführers gestützt. Aus der Begründung dazu werde nicht ersichtlich, aus welchen Quellen die Vo- rinstanz ihre „wissenschaftlichen Erkenntnisse" beziehe, auf die sie sich in der Verfügung stütze. Durch die fehlende Offenlegung der Quellen ihrer „wissenschaftlichen Erkenntnisse" verhindere die Vorinstanz die effektive Wahrnehmung des Beschwerderechts seite ns des Beschwerdeführers, bleibe die Beurteilungsgrundlage doch vö llig verborgen. Insofern sie von einem weitgehenden Konsens der wi ssenschaftlichen Quellen spreche, müsse sie diese belegen. Eine kurze Recherche habe jedenfalls diesbe- züglich unterschiedliche Ergebnisse ergeben. Vorliegend sei nicht einmal klar, ob die Vorinstanz ihre Behauptungen überhaupt w issenschaftlich re- cherchiert habe. Sollte das nicht der Fall sein, läge vorliegend zudem eine Verletzung der Untersuchungspflicht vor. D-2839/2019 Seite 6 Auch bezüglich der ebenfalls beanstandeten Vermi schung von sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität versäume die Vorinstanz das Vorlegen irgendwelcher diesbezüglicher Quellen. Zudem habe die Vorinstanz in ihrer Entscheidbegründung verschiedentlich nichtexistente Protokollaussagen zitiert, was den Eindruck einer unsorgfäl- tigen Begründung weiter bestärke. So sei die im angeführten Entscheid zitierte Protokollstelle A21 F62 ff. (vgl. S. 4 der angefochtenen Verfügung) in den Akten nicht vorhanden (A21 geht lediglich bis F55) und argumentiere ebenfalls streckenweise offenkundig aktenwidrig. Ebenfalls auf Seite vier der angefochtenen Verfügung wird A17 F39 mit einem Bedeutungsinhalt zitiert, der sich aus der entsprechenden Prot okollstelle schle chterdings nicht herleiten lasse. 5.2 Entgegen der in der B eschwerde vertretenen Auffassung ergibt sich, dass weder die Begründungspflicht noch die Untersuchungspflicht von der Vorinstanz verletzt worden ist. Vorab ist festzuhalten, dass das SEM seinen Entscheid nicht nur mit der fehlenden Glaubhaftigkeit der Homo sexualität des Beschwerdeführers, sondern auch aufgrund widersprüchlicher Anga- ben zu wesentlichen Punkten im Verlaufe des Verfahrens begründete. Das SEM hat zwar in der angefochtenen Verfügung die Quellen nicht genannt, woraus es die wissenschaftlichen Erk enntnisse über Homosexualität er- langt hat. Die Begründung betreffend die fehlende Glaubhaftigkeit der Ho- mosexualität des Beschwerdeführers stützt sich jedoch nicht nur auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern auch auf die stereotypen Anga- ben des Beschwerdeführers und die fehlenden Realkennzeichen in seinen Erzählungen. Hinsichtlich der Vermischung des Beschwerdeführers bezüg- lich der sexuellen Orientierung und seiner geschlechtlichen Identität stützte sich das SEM in seiner Begründung nicht auf Quellen, weshalb es diese auch nicht offenlegen kann. Das SEM verwies in seiner Entscheidbegrün- dung mehrfach auf Stellen in den beiden Anhörungsprotokollen. Dabei hatte es einmal versehentlich eine Protokollstelle angegeben, welche es in jenem Anhörungsprotokoll tatsächlich nicht gibt (vgl. A21/11 F62 ff.). Dabei handelt es sich offensichtlich um ein Versehen, zumal die restlichen in der Verfügung aufgeführten Protokollstellen zutreffend zitiert werden. Bezüg- lich der aktenwidrigen Zitierung einer Antwort (vgl. A17/13 F39) ist dem Be- schwerdeführer insofern zuzustimmen, als dass er bei dieser protokollier- ten Antwort nicht erwähnte, er habe seine zweite Frau beim Kennenlernen über seine Homosexualität informiert. Dieser Fehler führt jedoch noch nicht bereits zu einer Verletzung der Begründungspflicht, zumal das SEM im Üb-D-2839/2019 Seite 7 rigen ausführlich dargelegt hat, warum es die Asylvorbringen des Be- schwerdeführers als nicht glaubhaft erachtet. Der Beschwerdeführer konnte die angefochtene Verfügung zudem ohne Weiteres sachgerecht an- fechten. Eine Verletzung der Begründungspflicht liegt demnach nicht vor. 6. 6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund- sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali- tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be- gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werd en (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). 6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flücht lingseigenschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge- geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa- chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 7. 7.1 Zur Begründung seiner Verfügung führte das SEM aus, die Vorbringen des Beschwerdeführers seien nicht glaubhaft. Nach den Ursprüngen der Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität gefragt, habe er eine Psy- chotherapie während und nach seiner Haft in Deutschland genannt. Er habe im Gefängnis viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Auch habe er dort einen homosexuellen Mann kennengelernt, was ihm Hoffnung gegeben habe. Er sei nämlich unter Stress gestanden, da er einen inneren Konflikt gehabt habe. Er habe sich im Kopf wie eine Frau und äusserlich wie e in Mann gefühlt. Dann habe er sich entschieden, nun homosexuell zu sein. Diese Entscheidung sei auch durch sein Pech mit Frauen ausgelöst wor- den, namentlich habe seine damalige Frau ihn mit einem Afrikaner betro- gen und sei von diesem schwanger geworden ( vgl. A21/11 F29ff.). Diese Angaben seien stereotyp und liessen jegliche Realkennzeichen von Erzäh- lungen subjektiver Erlebnisse mit einer nicht -konformen sexuellen Orien- tierung vermissen. So beschreibe er seine angebliche Homosexualität als D-2839/2019 Seite 8 etwas, was im späteren Erwachsenenalter aufgrund romantischer Enttäu- schungen und dem Kontakt zu Homosexuellen an ihn herangetragen wor- den sei. Er habe sich dann für die Homosexualität «entschieden». Diese Beschreibung stehe in starkem Kontrast zu den wissenschaftlichen Er- kenntnissen über Homosexualität. Es herrsche ein weitgehender Konsens, dass diese als eine überwiegend angeborene oder frühkindlich geprägte Präferenz zu klassifizieren sei. Oft sei die sexuelle Orientierung schon in jungen Jahren manifest, für die betroffene Person identitätsrelevant u nd persönlichkeitsprägend und könne schon vor und mit der Pubertät zu inne- ren Auseinandersetzungen und sozialen Spannungen im Umfeld führen. Seine Erläuterungen würden keinen dieser Faktoren beinhalten. Zusätzlich vermische er beiläufig seine sexuelle Orientierung mit seiner geschlechtli- chen Identität. Er habe angegeben, dass seine sexuelle Identität bei seiner «Konversion» jene einer Frau gewesen sei, ohne diese Aussagen weiter zu elaborieren oder zu hinterfragen. Auf Nachfrage habe er auf allgemeine psychische Belastungssymptome und Schlaflosigkeit verwiesen, sei aber zu keinem Zeitpunkt auf diesen zusätzlichen Aspekt eines inneren Konflik- tes eingegangen (vgl. A21/11 F29-F32). Ebenso wenig habe er differenziert darlegen können, was seine grösste Angst gewe sen sei nach der «Ent- scheidung» als Homosexueller zu leben, oder was er getan habe, um seine angebliche Neigung vor seiner zweiten Ehefrau in Algerien zu verstecken (vgl. A21/11 F38 ff.). Dieses Aussageverhalten lasse ausschliessen, dass er selbst jemals eine tiefere Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Orientierung oder den Identifikationsprozess mit einer sexuellen Minderheit durchlaufen habe. Vielmehr lasse es vermuten, dass er typische, in patri- archalen Kulturen vorherrschende Vorurteile gegenüb er Homosexualität aufgezählt habe, statt eine eigene Erlebniswelt aufzuzeigen. Seine Anga- ben zu seiner sexuellen Orientierung seien oberflächlich und stereotyp ausgefallen. Damit seien ihm diese nicht zu glauben. Zudem fänden sich in seinen Angaben mehrere Widersprüche gerade im Hinblick auf seine sexuelle Orientierung. So habe er an der Erstbefragung zu Protokoll gege- ben, schon in der Vergangenheit, vor der Haft, «eine solche Neigung» ge- habt zu haben (vgl. A17/13 F55). In der ergänzenden Befragung hingegen habe er eine Auseinandersetzung mit dem Thema vor der Haft verneint (vgl. A21/11 F31, F33, F36 f., F62 ff. [recte: F62 ff. existiert nicht]). Auch habe er bei der Erzählung des Verlaufes seiner Beziehungen, seine jetzige Ehefrau, welche über seine Homosexualität Bescheid gewusst haben will, mit seiner Exfrau verwechselt, welche ihn aufgrund dieser verlassen haben soll. Er habe zu Protokoll gegeben, er habe jener Frau, welche er auf der Gemeindeverwaltung kennengelernt habe, von seiner Homosexualität er- zählt (vgl. A17/13 F39). Diese Antwort sei im Kontext einer Frage über die D-2839/2019 Seite 9 Beziehung zu seiner Exfrau erfolgt und habe im ersten Teil auch den Be- ginn der Beziehung zu dieser beinhaltet. Der zweite Teil, jener zu seiner offen kommunizierten Homosexualität, habe sich jedoch auf eine andere Person bezogen. Dies deute darauf hin, das s er jenes Element erfunden und aus Versehen verschoben habe. Die Angaben zu seinen Fluchtgrün- den seien unsubstantiiert und widersprüchlich ausgefallen. Seine Vorbrin- gen würden demnach den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stan dhalten und die von ihm geltend gemachte Verfol- gung aufgrund seiner Homosexualität könne nicht geglaubt werden. In Bezug auf die Stellungnahme der Rechtsvertretung sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer während zwei verschiedenen Terminen Zeit gehabt habe, seine Vorbringen im Rahmen der Befragungen darzulegen. Ihm sei dabei die Gelegenheit eingeräumt worden, seine Geschichte frei wiederzugeben. In dieser freien Erzählung habe er seine angebliche Ho- mosexualität zwar wiederholt als abstrakten Bestandteil seines Lebens er- wähnt, einen Freund jedoch nie erwähnt ( vgl. A17/13 F7). Auch bei den zahlreichen Folgefragen betreffend die Entwicklung seiner sexuellen Ori- entierung und seinem Umgang damit ( vgl. A21/11 F29 ff.) wäre Gelegen- heit gewesen, diese zu konkretisieren und allfällige feste Beziehungen an- zusprechen. Zwar habe er in beiden Befragungen detailliert von jener Zeit zwischen 2016 bis 2018 erzählt und sei dabei auf seine Probleme mit der Exfrau und das Kennenlernen seiner jetzigen Frau eingegangen, habe aber nie einen festen Partner erwähnt. Insbesondere in Anbetracht der Tat- sache, dass er bereits in Deutschland ein Asylverfahren durchlaufen habe, sei zu erwarten, dass er seine Mitwirkungspflicht im Asylverfahren gekannt habe. Demgemäss sei davon auszugeh en, dass er gewusst habe, dass seine Angaben bez üglich seiner Homosexualität – seines Hauptvorbrin- gens in seinem Asylverfahren hier in der Schweiz – detailliert zu erfolgen haben. Zusätzlich sei ihm dies in der Einleitung zur Anhörung durch die Befragerin mitgeteilt und durch zahlreiche Fragen zum Thema manifestiert worden. Die in der Stellungnahme eingebrachte Beziehung zu einem Mann müsse deshalb als Nachschub gewertet werden. Gesamthaft seien keine Tatsachen oder Beweismittel vorgelegt worden, welche eine Änderung des Standpunktes des SEM rechtfertigen könnten. 7.2 In der Beschwerde wird dem entgegengehalten, dass sich die Erzäh- lung des Beschwerdeführers schon bei summarischer Durchsicht der Ak- ten und insbesondere der Protokolle von Befragung und Anhörung oh ne Weiteres als schlüssig, ausführlich, detailreich und nachvollziehbar er-D-2839/2019 Seite 10 weise. Die von der Vorinstanz monierten Widersprüche scheinen konstru- iert, seien jedenfalls erklärbar und könnten gegen den ansonsten schlüssi- gen und überzeugenden Sachverhaltsvortrag des Beschwerdeführers kaum ins Gewicht fallen. Dies sei angesichts der doch über einmonatigen Pause zwischen Befragung und Anhörung sogar eher zu Gunsten des Be- schwerdeführers zu werten. Sodann sei vorab anzumerken, dass es sich beim Sachverhaltsvortrag d es Beschwerdeführers um einen ausgespro- chen komplexen Ablauf handle, von dem es kaum denkbar sei , dass ihn sich jemand für den Zweck einer Asylgesuchstellung ausdenke. Noch un- wahrscheinlicher sei, dass jemand ihn sodann auswendig memoriere, um ihn dann anl ässlich zweier Anhörungen mit doch mehreren Wochen Ab- stand dermassen schlüssig, kohärent und kongruent wiederzugeben. Viel- mehr spreche die Kohärenz gerade zwischen den beiden Befragungspro- tokollen und den dortigen Aussagen angesichts der Komplexität des vo r- getragenen Sachverhalts und der nicht -stereotypen Geschichte stark für die Glaubhaftigkeit der Sachverhaltsdarstellung des Beschwerdeführers. Der Beschwerdeführer beschreibe diverse absolut konkrete und realitäts- nahe Erlebnisse, die er aufgrund seiner Homosexualität nach der Rückkehr in sein Heimatland Algerien gehabt habe. Als Beispiele könnten angeführt werden: die Arbeit bei einem homosexuellen Coiffeur (vgl. A21/11 F19), die Probleme in der Beziehung mit seiner zweiten Ehefrau, der Polizistin, die ihn nach der Entdeckung seiner Homosexualität sprichwörtlich aus dem Haus warf und sich von ihm scheiden liess (vgl. A21/11 F13 ff.), die Akzep- tanz seiner Homose xualität seitens seiner dritten Ehefrau , aber auch die extreme Aggression seitens ihrer Familie ( vgl. A17/13 F7, F56), das Be- werfen mit Steinen durch die Nachbaren (vgl. A21/11 F25). Sodann fänden sich im Sachverhaltsvortrag des Beschwerdeführers diverse Realkennzei- chen, wie die Äusserung von Gefühl en, die Schilderung von Details, wie beispielsweise die zweite Ehefrau nach Entdeckung der Homosexualität des Beschwerdeführers sein Hab und Gut – insbesondere seine Kleider – aus dem Fenster geworfen und ihm gesagt habe, er solle verschwinden (vgl. A17/13 F52; A21/11 F13 ff.) oder die Wiedergabe von Gesprächen in direkter Rede (A 17/13 F39, F52; A21/11 F19, F23, F26, F37, F39, F48). Ohnehin scheine – angesichts der detaillierten und realitätsnahen Erzäh- lung des Beschwerdeführers – seine Homosexualität ohne Weiteres glaub- haft. Dass er erst im Alter von ungefäh r dreissig Jahren seine eigene Ho- mosexualität wahrzunehmen und anzuerkennen begonnen habe, sei dabei nicht erstaunlich, komme er doch aus einem homophob geprägten Kultur- kreis. Es sei sogar naheliegend, dass es sich bei der Überwindung einer solchen soziokulturellen Prägung um einen jahr- und jahrzehntelangen – D-2839/2019 Seite 11 oft wohl auch unbewusst erfolgende n – Prozess handle. Insofern die Vo- rinstanz kritisiere, die Aussagen bezüglich der Auseinandersetzung mit der eigenen Homosexualität des Beschwerdeführers seien in de r ersten und der ergänzenden Anhörung unterschiedlich ausgefallen, gehe sie fehl. Die im Entscheid zitierten Protokollstellen ( vgl. A17/13 F55 und A21 /11 F31, 33, 36 und 62 ff.) würden ohne Weiteres kompatibel scheinen. Dass auch vor dem Haftaufenthalt gew isse – vermutlich regelmässig unterdrückte – Gefühle oder Neigungen vorhanden gewesen seien, werde vom Be- schwerdeführer auch in der ergänzenden Anhörung nicht explizit bestritten. Er habe lediglich gesagt, er habe sich als Jugendlicher nie überlegt ob er homosexuell sei (vgl. A1 7/13 F36). Bezüglich der vermeintlichen Ver- wechslung der Beziehungen, die von der Vorinstanz moniert werde, sei de- ren Argumentation aktenwidrig. In der zitierten Protokollstelle – A17/13 F39 – sage der Beschwerdeführer nie, er habe der Polizistin, die er auf der Ge- meindeverwaltung kennengelernt habe, von seiner Homosexualität erzählt. Vielmehr sage er – in Übereinstimmung mit seinen übrigen Aussagen (vgl. beispielsweise auch A17/13 F48, F51 ff.; A21/11 F13 ff., F41) – dass sie, nachdem es ein paar Jahre gut gegangen sei, seine Homosexualität her- ausgefunden habe. Hinsichtlich der Asylrelevanz könne summarisch fest- gehalten werden, dass eine Verfolgung durch Drittpersonen im Kontext fehlenden staatlichen Schutzwillens aufgrund eines flüchtlingsrelevanten Motivs – vorliegend der Homosexualität des Beschwerdeführers – gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts asylrelevant sei. Beim Beschwerdeführer handle es sich um eine solche Konstel lation, weshalb seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren sei. Die Gefahr gehe beim Beschwerdeführer insbesondere von der Familie seiner dritten Ehefrau aus, die ihre Familienehre wiederherstellen möchte und den Beschwerdeführer mit dem Tod bedrohe (vgl. A17/13 F7; A21/11 F19). Ohnehin sei Homosexualität in Algerien strafbar und werde mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft. Zudem sei der Staat regelmässig unwillig, ho- mosexuelle Personen vor Verfolgung durch homophobe Privatpersonen und -gruppierungen, insbesondere durch die Familie, zu schützen (vgl. ebenfalls A17/13 F7). 8. 8.1 Das SEM hat zutreffend festgestellt , dass die Verfolgungsvorbringen des Beschwerdeführers den Anforderungen an die Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 AsylG nicht genügen. Es kann diesbezüglich vorweg auf die ausführlichen Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. Insbesondere gilt es dabei die allgemeinen und vagen Aussagen D-2839/2019 Seite 12 des Beschwerdeführers bezüglich seiner sexuellen Orientierung und der damit zusammenhängenden Bedrohung durch Verwandte hervorzuheben. 8.2 Es trifft zwar zu, dass die Schil derung des Beschwerdeführers seines Lebenslaufs kaum Widersprüche aufweist, weshalb es sein kann, dass ein Teil der geschilderten Biographie des Beschwerdeführers glaubhaft ist und er drei Mal geheiratet und bei einem homosexuellen Coiffeur gearbeitet hatte. Seine eigene Homosexualität bleibt jedoch in seinem Sachverhalts- vortrag ein abstraktes Element, dass den Eindruck erweckt, als sei es künstlich in seinen Lebenslauf eingefügt worden. Diesbezüglich sind dann auch mehrere Widersprüche festzustellen. So hat das SEM zu Recht fest- gestellt, dass er anlässlich der Anhörung zunächst geltend machte, er habe bereits vor dem Aufenthalt im Gefängnis eine solche Neigung gefühlt (vgl. Akte A17/13 F55), um dann anlässlich der ergänzenden Anhörung zu er- klären, erst im Gefängnis gemerkt zu haben, dass er homosexuell sei (vgl. Akte A21/11 F29, F31, F36). Anders als das SEM fälschlich in der Verfü- gung feststellte, kommunizierte der Beschwerdeführer gemäss Protokoll seiner zweiten Frau gegenüber beim Kennenlernen seine Homosexualität zwar nicht (vgl. A17/13 F39). Allerdings verschob er in seiner Antwort das Element der fehlenden Jungf räulichkeit von der dritten Frau neu auf die zweite Frau bei (vgl. Akte A17/13 F7 und F39). Schliesslich widersprach sich der Besc hwerdeführer auch bezüglich des Moments, als die zweite Frau seine Homosexualität entdeckt haben soll. So gab er anlässlich de r Anhörung zunächst an, er sei eines m ittags nach Hause gekommen, als sie ihm ein Beweispapier gezeigt habe und ihn aufgefordert habe, die Woh- nung zu verlassen (vgl. Akte A17/13 F51). Unmittelbar danach fügte er an, er sei am TV schauen gewesen, als seine Frau von der Arbeit gekommen sei und ihn rausgeschmissen habe (vgl. Akte A17/13 F52). Anlässlich der ergänzenden Anhörung wiederum war der Beschwerdeführer am Duschen, als seine zweite Frau eine SMS auf seinem Handy gelesen habe und als er aus der Dusche h erausgekommen sei, sei es zuhause chaotisch und katastrophal gewesen. Sie habe dann seine Sachen auf die Strasse ge- worfen und die Scheidung beantragt (vgl. Akte A21/11 F13). Insofern ist nicht glaubhaft, dass er dieses Ereignis tatsächlich erlebt hat. Zude m ist kaum nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer , der kurz nachdem er seine Homosexualität entdeckt hatte, sich in Algerien in einer homophoben Gesellschaft mit einer Polizistin vermählte. Er konnte denn auch nicht schil- dern, was er unternommen hatte, um seine Homosexualität vor seiner zweiten Frau zu ver bergen (vgl. Akte A21/11 F42). Dass er seine zweite Frau, wohlgemerkt eine Polizistin, nach der Trennung bei der Polizei ange- zeigt haben will, obwohl in Algerien Homosexualität unter Strafe stehe, ist D-2839/2019 Seite 13 realitätsfremd. Schliesslich will der Beschwerdeführer seine dritte Frau ge- heiratet haben, um einerseits seine Homosexualität zu verbergen und an- dererseits um ihre Jungfräulichkeit zu beweisen. Dies ergibt jedoch keinen Sinn, wenn sie wie von ihm geltend gemacht, die danach Ehe geheim ge- schlossen und niemanden darüber informiert haben wollen (vgl. Akte A21/11 F12, F19, F20). Nebst den Zweifeln bezüglich der Homosexualität des Beschwerdeführers, ist auch seine geltend gemachte Furcht vor der Verfolgung der Angehörigen seiner dritten Frau nicht glaubhaft. Seine Schilderungen hierzu sind unsubstantiiert und ohne Details und Realkenn- zeichen. So konnte er ausser der Behauptung, dass er von ihrer Familie gesucht worden sei, nichts Konkretes angeben, das vorgefalle n ist (vgl. Akte A21/11 F20-F23.). Nach dem Gesagten kann dem Beschwerdeführer nicht geglaubt werden, dass er aufgrund seiner angeblichen Homosexua- lität von Angehörigen seiner dritten Frau asylrelevant verfolgt worden ist. 8.3 Hinsichtlich der geltend gemachten Furcht vor seinem Bruder, der ra- dikal sei und herausgefunden habe, dass er (der Beschwerdeführer) ho- mosexuell sei, weshalb es zu Beleidigungen gekommen sei (vgl. Akte A17/13 F77 f.) ist festzuhalten, dass selbst bei Wahrunterstellung der Ho- mosexualität des Beschwerdeführers, blosse Beleidigungen seines Bru- ders die Intensität einer asylrelevanten Verfolgung nicht erreichen. 9. Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, asylrechtlich relevante Verfolgungsgründe im Sinne von Art. 3 und Art. 7 AsylG glaubhaft zu machen, weshalb das SEM zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneinte und das Asylgesuch abgelehnt hat. 10. 10.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder t ritt es darauf nicht ein, so verfügt es in der Regel die Wegw eisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG). 10.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol- chen. Die Wegw eisung wurde demnach zu Recht angeordnet ( Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). D-2839/2019 Seite 14 11. 11.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.). 11.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflicht ungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Dritt staat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun- gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus- reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts- stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri- gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 11.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da- rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr- dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-D-2839/2019 Seite 15 schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei- ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie je ner des UN -Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei- sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Al- gerien lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als un- zulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl - als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 11.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf- grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me- dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Die allgemeine Situation im Heimatstaat de s Beschwerdeführers ist nicht von einer landesweiten Situation von Krieg, Bürgerkrieg oder allgemeiner Gewalt geprägt. Auch in individueller Hinsicht sind keine Gründe ersicht- lich, welche eine Wegweisung als unzumutbar erscheinen liessen. Der Be- schwerdeführer besuchte bis zur neunten Klasse die Schule und arbeitete danach als Coiffeur (vgl. Akte A17/13 F14), spricht mehrere Sprachen (vgl. Akte A9/5 Ziff. 1.17.03) und verfügt über ein familiäres Beziehungsnetz (vgl. Akte A17/13 F9). Bezüglich der eingeschränkten Lungenfunktion (nur ein Lungenflügel) ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer seit seiner Kindheit unter dieser gesundheitlichen Beeinträchtigung leidet (vgl. Akte A17/13 F18). Die verordnete Atemtherapie vom 6. Mai 2019 beinhaltete 32 Behandlungen (pro Tag zwei Behandlungen). Demnach dürfte diese The- rapie inzwischen abgeschlossen sein. Bezüglich der Krankheit des Trom- melfells erwähnte der Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung vom 20. Mai 2019, dass es ihm wieder gut gehe (vgl. Akte A21/11 F4). Hinsicht- lich seiner weiteren gesundheitlichen Probleme werden in der Beschwerde nur die fehlenden finanziellen Mittel erwähnt, welche einer Behandlung im Heimatstaat entgegenstehen würden. Hierfür kann der Beschwerdeführer medizinische Rückkehrhilfe b eantragen (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG). D-2839/2019 Seite 16 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch nicht als unzumutbar. 11.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi- gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei- sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). 11.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). 12. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 13. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh- rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest- zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen sind, weshalb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG nicht erfüllt sind. (Dispositiv nächste Seite) D-2839/2019 Seite 17 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege wird abge- wiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Sarah Ferreyra Versand: