<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE - Archiv</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">VollzugArbeitsgesetz</span> <span class="page_no">501</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> <span class="ft1"><b>IV. Vollzug Arbeitsgesetz</b></span><br/> <br/> <br/> <br/> <span class="ft2"><b>108 Brandschutz, Fluchtweg; für eine ohne vorgängig eingeholte Bewilligung</b></span><br/> <span class="ft2"><b>umgestaltete Anlage kann nicht nachträglich auf notwendige Brand-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>schutzmassnahmen verzichtet werden</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Regierungsrats vom 27. Mai 2009 i.S. V.S.R. gegen</span><br/> <span class="ft3">Verfügung des Amts für Wirtschaft und Arbeit (AWA), Sektion Industrie- und</span><br/> <span class="ft3">Gewerbeaufsicht.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft5">2. a) Gemäss Art. 8 Abs. 1 der Verordnung 4 zum Arbeitsgesetz</span><br/> <span class="ft5">(ArGV 4; SR 822.114) vom 18. August 1993 müssen Arbeitsplätze,</span><br/> <span class="ft5">Räume, Gebäude und Betriebsgelände bei Gefahr jederzeit und</span><br/> <span class="ft5">sicher verlassen werden können. Verkehrswege, die bei Gefahr als</span><br/> <span class="ft5">Fluchtwege dienen, sind zweckmässig zu kennzeichnen und stets frei</span><br/> <span class="ft5">zu halten. Art. 8 Abs. 2 ArGV 4 definiert den Fluchtweg als kür-</span><br/> <span class="ft5">zesten Weg, welcher der Person zur Verfügung steht, um von einer</span><br/> <span class="ft5">beliebigen Stelle in Bauten und Anlagen ins Freie an einen sicheren</span><br/> <span class="ft5">Ort zu gelangen. Führen Fluchtwege nur zu einer Treppenanlage oder</span><br/> <span class="ft5">einem Ausgang ins Freie, dürfen sie nicht länger als 35 m sein. Wenn</span><br/> <span class="ft5">sie zu mindestens zwei voneinander unabhängigen Treppenanlagen</span><br/> <span class="ft5">oder Ausgängen ins Freie führen, so dürfen sie nicht länger als 50 m</span><br/> <span class="ft5">sein (vgl. Art. 8 Abs. 3 ArGV 4).</span><br/> <span class="ft5">Art. 8 Abs. 5 ArGV 4 schreibt sodann vor, wenn ein Raum nur</span><br/> <span class="ft5">über einen Ausgang verfügt, so darf kein Punkt des Raumes von die-</span><br/> <span class="ft5">sem mehr als 20 m entfernt sein. Sind zwei oder mehr Raumaus-</span><br/> <span class="ft5">gänge vorhanden, so erhöht sich das zulässige Mass auf 35 m. Sofern</span><br/> <span class="ft5">die Raumausgänge nicht direkt ins Freie oder in eine Treppenanlage</span><br/> <span class="ft5">münden, ist als Verbindung ein Korridor notwendig und die gesamte</span><br/> <span class="ft5">Fluchtweglänge darf 50 m nicht überschreiten.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">502</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">b) Zu den Treppenanlagen hält Art. 7 Abs. 1 ArGV 4 fest, dass</span><br/> <span class="ft5">diese unmittelbar ins Freie führende Ausgänge aufweisen müssen.</span><br/> <span class="ft5">Abs. 2 lit. a der Bestimmung führt aus, dass bei Geschossflächen bis</span><br/> <span class="ft5">600 m2 mindestens eine Treppenanlage beziehungsweise ein direkter</span><br/> <span class="ft5">Ausgang ins Freie als Fluchtweg zur Verfügung stehen muss.</span><br/> <span class="ft5">Treppenanlagen gelten gemäss Wegleitung zur ArGV 4 des</span><br/> <span class="ft5">SECO (Stand: 29. Oktober 2008; S. 407-1 ff.) als vertikale Haupt-</span><br/> <span class="ft5">verkehrs- und Fluchtwege und umfassen Treppenhäuser, Aussen-</span><br/> <span class="ft5">treppen und Sicherheitstreppenhäuser, die über direkt ins Freie füh-</span><br/> <span class="ft5">rende Ausgänge verfügen. Das Erfordernis der ins Freie führenden</span><br/> <span class="ft5">Ausgänge ist in der Regel dann erfüllt, wenn ein direkter Fassaden-</span><br/> <span class="ft5">ausgang vorhanden ist, wenn ein Korridor, der den Brandschutzvor-</span><br/> <span class="ft5">schriften der Vereinigung kantonaler Feuerversicherungen (VKF)</span><br/> <span class="ft5">entspricht, die Treppenanlage mit dem Freien direkt verbindet oder</span><br/> <span class="ft5">der Ausgang aus dem Treppenhaus als zugehöriger Vorraum ausge-</span><br/> <span class="ft5">bildet ist, welcher ausschliesslich Erschliessungszwecken dient. La-</span><br/> <span class="ft5">gerflächen sind unzulässig, während Repräsentationseinrichtungen</span><br/> <span class="ft5">ohne erhöhtes Brandrisiko (zum Beispiel ein Empfangsbüro) vor-</span><br/> <span class="ft5">handen sein dürfen.</span><br/> <span class="ft5">c) Die massgeblichen Bestimmungen der ArGV 4 - konkreti-</span><br/> <span class="ft5">siert durch die erwähnte Wegleitung des SECO - definieren ausführ-</span><br/> <span class="ft5">lich und präzise die technischen und baulichen Anforderungen an</span><br/> <span class="ft5">Fluchtwege beziehungsweise Treppenanlagen und/oder direkte Aus-</span><br/> <span class="ft5">gänge ins Freie. Eine zusätzliche Konkretisierung enthalten sodann</span><br/> <span class="ft5">auch die einschlägigen Brandschutzvorschriften der VKF (siehe</span><br/> <span class="ft5">http://bsvonline.vkf.ch/web/BSVonlineStart.asp?Sprache=d).</span><br/> <span class="ft5">3. a) Bereits den eingereichten Plänen ist zu entnehmen, dass</span><br/> <span class="ft5">aus dem Obergeschoss (Fläche ca. 875 m2) kein direkter Ausgang</span><br/> <span class="ft5">ins Freie führt. Die eine vorhandene Treppe ins Erdgeschoss wurde</span><br/> <span class="ft5">in offener Bauweise erstellt (mit Geländer). Um ins Freie zu ge-</span><br/> <span class="ft5">langen, muss sodann zuerst ein zweiter, offenbar als Lager genutzter</span><br/> <span class="ft5">Raum durchquert werden. Somit kann die Treppe im Sinne der ein-</span><br/> <span class="ft5">schlägigen Brandschutzbestimmungen nicht als Fluchtweg gelten.</span><br/> <span class="ft5">Anders läge der Fall, wenn die Treppe geschlossen bezie-</span><br/> <span class="ft5">hungsweise als Treppenhaus ausgestaltet wäre.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">VollzugArbeitsgesetz</span> <span class="page_no">503</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">b) Ein zweiter Ausgang führt ins Obergeschoss des Nachbarge-</span><br/> <span class="ft5">bäudes auf eine hölzerne Galerie, von der aus es keine Möglichkeit</span><br/> <span class="ft5">gibt, das Erdgeschoss zu erreichen und das Gebäude zu verlassen.</span><br/> <span class="ft5">c) Die beiden weiteren von der Beschwerdeführerin angeführten</span><br/> <span class="ft5">Möglichkeiten, die Anlage zu verlassen, führen über lange Stollen, in</span><br/> <span class="ft5">denen auf ungefähr in Kopfhöhe geführten Förderbändern Salz in die</span><br/> <span class="ft5">Eindampfanlage zugeführt wird. Beide Förderstollen führen eben-</span><br/> <span class="ft5">falls nicht direkt ins Freie, sondern zu einer weiteren Halle resp.</span><br/> <span class="ft5">wiederum zu einem anderen Gebäude. Die Förderstollen sind eher</span><br/> <span class="ft5">eng (zwei Personen müssen hintereinander gehen), leicht abschüssig</span><br/> <span class="ft5">beziehungsweise ansteigend; der aus Holz gefertigte Boden und die</span><br/> <span class="ft5">Treppenstufen sind aufgrund des Salzstaubs zudem leicht rutschig.</span><br/> <span class="ft5">Die Länge des einen Förderstollens beträgt gemäss Plan ca. 40 m.</span><br/> <span class="ft5">Vom Stollenausgang bis zu einem möglichen Ausgang ins Freie sind</span><br/> <span class="ft5">es weitere ca. 20 m. Der zweite Förderstollen ist gar noch um einiges</span><br/> <span class="ft5">länger.</span><br/> <span class="ft5">Aufgrund der Länge der Förderstollen, deren baulicher Ausge-</span><br/> <span class="ft5">staltung und aufgrund dessen, dass sie über andere Brandabschnitte</span><br/> <span class="ft5">führen, können auch diese beiden Möglichkeiten, das Gebäude zu</span><br/> <span class="ft5">verlassen, nicht als Fluchtwege angesehen werden.</span><br/> <span class="ft5">4. a) Anlässlich der Augenscheinsverhandlung beziehungsweise</span><br/> <span class="ft5">bei Begehung der Anlage hat sich erwiesen, dass die vorhandenen</span><br/> <span class="ft5">Ausgänge weder den technischen noch baulichen Anforderungen an</span><br/> <span class="ft5">Fluchtwege genügen. Sie sind entweder von der baulichen Konzep-</span><br/> <span class="ft5">tion her ungeeignet (Treppe), führen in eine eigentliche Sackgasse</span><br/> <span class="ft5">(Ausgang 2; vgl. oben, Ziff. 3 lit. b) oder sind zu lang und schlecht</span><br/> <span class="ft5">begehbar (Förderstollen). Zudem verfügt keiner der Ausgänge über</span><br/> <span class="ft5">den notwendigen Brandabschluss mit entsprechendem Feuerwider-</span><br/> <span class="ft5">stand beziehungsweise die nötige bauliche und/oder technische Aus-</span><br/> <span class="ft5">gestaltung (vgl. Art. 46 ff. Brandschutznorm VKF; oben, Ziff. 2 lit. b</span><br/> <span class="ft5">Abs. 2 und lit. c). Angesichts der klaren und detaillierten Regelungen</span><br/> <span class="ft5">steht kein Ermessensspielraum offen.</span><br/> <span class="ft5">Keine Rolle spielt sodann, dass die Anlage nicht permanent be-</span><br/> <span class="ft5">setzt ist, finden doch täglich drei Kontrollgänge und eine wöchentli-</span><br/> <span class="ft5">che Wartung (Reinigung der Maschinen) statt.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2009</span> <span class="title">Verwaltungsbehörden</span> <span class="page_no">504</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft5">Art. 38 Abs. 2 der Brandschutznorm VKF hält fest, dass vorge-</span><br/> <span class="ft5">schriebene Mindestanforderungen nicht aufgrund von Berechnungs-</span><br/> <span class="ft5">methoden oder technischen Brandschutzeinrichtungen reduziert wer-</span><br/> <span class="ft5">den dürfen. Somit sind jegliche kompensatorische Massnahmen, wie</span><br/> <span class="ft5">die ersatzweise Installation zusätzlicher Brandschutzmelder, ausge-</span><br/> <span class="ft5">schlossen.</span><br/> <span class="ft5">b) Auch aus dem Grundsatz des Gleichbehandlungsgebots ist es</span><br/> <span class="ft5">nicht angezeigt, für eine ohne vorgängig eingeholte Bewilligung um-</span><br/> <span class="ft5">gestaltete Anlage nachträglich auf notwendige Brandschutzmass-</span><br/> <span class="ft5">nahmen zu verzichten. Dies um so mehr, als der Kanton Aargau als</span><br/> <span class="ft5">Miteigentümer der Vereinigten Schweizerischen Rheinsalinen im</span><br/> <span class="ft5">Rahmen seiner Vorbildfunktion ein deutliches Zeichen setzen muss,</span><br/> <span class="ft5">ist doch der betriebliche Brandschutz ein wichtiger Aspekt des Ar-</span><br/> <span class="ft5">beitnehmerschutzes.</span><br/> <span class="ft5">Schliesslich hat die Beschwerdeführerin selbst eingeräumt, dass</span><br/> <span class="ft5">durchaus (und sogar mehrere) technische Möglichkeiten zur Erfül-</span><br/> <span class="ft5">lung der angefochtenen Auflage bestehen würden, diese aber (bisher)</span><br/> <span class="ft5">nicht realisiert worden seien, da man sie als luxuriös angesehen habe.</span><br/> <span class="ft5">5. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die vorhandenen</span><br/> <span class="ft5">Ausgänge aus dem Obergeschoss der neuen Eindampfanlage der Be-</span><br/> <span class="ft5">schwerdeführerin die Anforderungen an einen Fluchtweg in keiner</span><br/> <span class="ft5">Weise erfüllen.</span><br/> <span class="ft5">Demnach ist die Beschwerde abzuweisen. Nachdem die von der</span><br/> <span class="ft5">Vorinstanz zur Erfüllung der Auflagen angesetzte Frist mittlerweile</span><br/> <span class="ft5">durch das Beschwerdeverfahren verstrichen ist, ist eine neue anzu-</span><br/> <span class="ft5">setzen. Dabei ist den technischen und baulichen Anforderungen</span><br/> <span class="ft5">(Planung und Ausführung) Rechnung zu tragen.</span><br/></div> </div> </body> </html>