<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2002 91 S.397</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">397</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>91</b></span> <span class="ft2"><b>Begründungspflicht. Untersuchungsgrundsatz.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Die Beschwerdeinstanzen sind verpflichtet, strittige behördliche Mei-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nungsäusserungen nicht unbesehen zu übernehmen, sondern kritisch</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zu hinterfragen und das Ergebnis dieser Prüfung im Entscheid fest-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>zuhalten (Erw. 4/a).</b></span><br/> <span class="ft2"><b>-</b></span> <span class="ft2"><b>Es stellt eine Verletzung der Untersuchungspflicht (§ 20 Abs. 1 VRPG)</b></span><br/> <span class="ft2"><b>dar, wenn strittige behördliche Angaben zum rechtserheblichen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Sachverhalt ohne entsprechende Verifizierung übernommen werden</b></span><br/> <span class="ft2"><b>(Erw. 4/b).</b></span><br/> <br/> <span class="ft1">Entscheid des Verwaltungsgerichts, 3. Kammer, vom 27. Juni 2002 in Sa-</span><br/> <span class="ft1">chen H. gegen Baudepartement.</span><br/> <br/> <span class="ft3"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft4">4. Die Beschwerdeführer werfen dem Baudepartement in ver-</span><br/> <span class="ft4">schiedener Hinsicht eine Verletzung der Begründungspflicht vor;</span><br/> <span class="ft4">zudem habe das Baudepartement in Bezug auf die Überbauungssi-</span><br/> <span class="ft4">tuation am Föhrenweg einfach auf eine unverifizierte Schätzung des</span><br/> <span class="ft4">am Augenschein anwesenden Stadtratsmitglieds abgestellt.</span><br/> <span class="ft4">a) aa) Die Begründungspflicht umfasst ganz allgemein die Of-</span><br/> <span class="ft4">fenlegung der Entscheidgründe. Damit kann verhindert werden, dass</span><br/> <span class="ft4">sich die Behörden von unsachgemässen Motiven leiten lassen. Sie ist</span><br/> <span class="ft4">ein Element rationaler und transparenter Entscheidfindung und dient</span><br/> <span class="ft4">nicht zuletzt der Selbstkontrolle der Behörden. Mit einer gut</span><br/> <span class="ft4">verständlich formulierten, für die Betroffenen gedanklich nachvoll-</span><br/> <span class="ft4">ziehbaren Begründung erhöht sich zudem auch die Akzeptanz einer</span><br/> <span class="ft4">hoheitlichen Anordnung (BGE 112 Ia 109 f. mit weiteren Hinweisen;</span><br/> <span class="ft4">Jörg Paul Müller / Stefan Müller, Die Grundrechte der schweizeri-</span><br/> <span class="ft4">schen Bundesverfassung, 2. Auflage, Bern 1991, S. 284; Alfred Kölz</span><br/> <span class="ft4">/ Isabelle Häner, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege</span><br/> <span class="ft4">des Bundes, Zürich 1993, Rz. 156; AGVE 1998, S. 425). Das Bun-</span><br/> <span class="ft4">desgericht hat dabei zu den inhaltlichen Anforderungen, denen eine</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">398</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">Begründung zu genügen hat, verschiedene Grundsätze entwickelt</span><br/> <span class="ft4">(siehe zum Ganzen: René Rhinow / Beat Krähenmann, Schweizeri-</span><br/> <span class="ft4">sche Verwaltungsrechtsprechung, Ergänzungsband, Basel/Frankfurt</span><br/> <span class="ft4">a.M. 1990, Nr. 85 B mit zahlreichen Hinweisen; Thomas Merkli / Ar-</span><br/> <span class="ft4">thur Aeschlimann / Ruth Herzog, Kommentar zum Gesetz über die</span><br/> <span class="ft4">Verwaltungsrechtspflege im Kanton Bern, Bern 1997, Art. 52 N 5 ff.;</span><br/> <span class="ft4">Ulrich Häfelin / Georg Müller, Grundriss des Allgemeinen Verwal-</span><br/> <span class="ft4">tungsrechts, 2. Auflage, Zürich 1993, Rz. 1294 ff.; AGVE 1998,</span><br/> <span class="ft4">S. 426). Durch die angemessene Begründung einer Verfügung soll</span><br/> <span class="ft4">dem Betroffenen insbesondere die Möglichkeit gegeben werden, sich</span><br/> <span class="ft4">über die Tragweite eines Entscheides Rechenschaft zu geben und in</span><br/> <span class="ft4">voller Kenntnis der Gründe ein Rechtsmittel zu ergreifen; die</span><br/> <span class="ft4">Begründung eines Entscheids ist folglich so abzufassen, dass der</span><br/> <span class="ft4">Betroffene ihn gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann (BGE 122</span><br/> <span class="ft4">II 362 f.). Dies ist nur möglich, wenn sowohl er als auch die</span><br/> <span class="ft4">Rechtsmittelinstanz sich über die Tragweite des Entscheides ein Bild</span><br/> <span class="ft4">machen können. In diesem Sinne müssen wenigstens kurz die</span><br/> <span class="ft4">Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde hat leiten</span><br/> <span class="ft4">lassen und auf welche sich ihr Entscheid stützt (BGE 122 IV 14 f.;</span><br/> <span class="ft4">121 I 57; 119 Ia 269; 117 Ia 1; 117 Ib 64; 114 Ia 233 mit Hinweisen).</span><br/> <span class="ft4">Die Begründungsdichte richtet sich nach den Umständen des</span><br/> <span class="ft4">Einzelfalls. Je grösser dabei der Ermessensspielraum einer Behörde</span><br/> <span class="ft4">ist, desto ausführlicher muss grundsätzlich auch die Begründung sein</span><br/> <span class="ft4">(BGE 112 Ia 110; siehe auch AGVE 1987, S. 320; 1994, S. 456 mit</span><br/> <span class="ft4">Hinweisen). Die Ermessensbetätigung muss soweit erläutert werden,</span><br/> <span class="ft4">dass sie nachvollziehbar ist (BGE 117 IV 403).</span><br/> <span class="ft4">bb) Klar verletzt wurde die Begründungspflicht in Bezug auf</span><br/> <span class="ft4">das Eventualbegehren betreffend Schaffung einer Ausweichstelle;</span><br/> <span class="ft4">wie die Beschwerdeführer zu Recht feststellen, hat sich das Baude-</span><br/> <span class="ft4">partement dazu mit keinem Wort geäussert. Ungenügend ist die Ent-</span><br/> <span class="ft4">scheidbegründung sodann, soweit sie sich mit der Löschwasserver-</span><br/> <span class="ft4">sorgung befasst. Es ist unzureichend, das Fehlen dieses Erschlies-</span><br/> <span class="ft4">sungselements mit dem blossen Hinweis auf eine stadträtliche Mei-</span><br/> <span class="ft4">nungsäusserung zu begründen, obwohl die Beschwerdeführer Gegen-</span><br/> <span class="ft4">argumente vorbrachten, welche nicht ohne weiteres von der Hand zu</span><br/> <span class="ft4">weisen sind; die Beschwerdeinstanz ist unter solchen Umständen</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsrechtspflege</span> <span class="page_no">399</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">verpflichtet, die behördliche Auffassung kritisch zu hinterfragen und</span><br/> <span class="ft4">das Ergebnis dieser Hinterfragung im Entscheid festzuhalten. Unbe-</span><br/> <span class="ft4">gründet erscheint die Rüge demgegenüber in Bezug auf den Vorwurf,</span><br/> <span class="ft4">die Vorinstanz sei ohne eingehende und stichhaltige Begründung von</span><br/> <span class="ft4">der</span> <span class="ft4">Meinung</span> <span class="ft4">der</span> <span class="ft4">kantonalen</span> <span class="ft4">Fachstelle</span> <span class="ft4">abgewichen.</span> <span class="ft4">Das</span><br/> <span class="ft4">Baudepartement hat dazu im Wesentlichen ausgeführt, dass eine</span><br/> <span class="ft4">parzellenübergreifende Betrachtungsweise angezeigt sei und in die-</span><br/> <span class="ft4">ser Optik der Föhrenweg den Anforderungen nicht genüge. Ob diese</span><br/> <span class="ft4">Begründung auch stichhaltig sei, ist dann eine Frage der materiellen</span><br/> <span class="ft4">Beurteilung.</span><br/> <span class="ft4">b) aa) Gemäss § 20 Abs. 1 VRPG haben die Behörden den</span><br/> <span class="ft4">Sachverhalt - unter Beachtung der Vorbringen der Beteiligten - von</span><br/> <span class="ft4">Amtes wegen zu prüfen und die hiezu notwendigen Ermittlungen</span><br/> <span class="ft4">anzustellen. Die behördliche Abklärungspflicht bezieht sich dabei</span><br/> <span class="ft4">nur auf den im Rahmen des streitigen Rechtsverhältnisses rechtser-</span><br/> <span class="ft4">heblichen Sachverhalt. Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von</span><br/> <span class="ft4">deren Vorliegen es abhängt, ob über den streitigen Anspruch so oder</span><br/> <span class="ft4">anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben Verwaltungsbe-</span><br/> <span class="ft4">hörden zusätzliche Abklärungen stets dann vorzunehmen oder zu</span><br/> <span class="ft4">veranlassen, wenn hiezu auf Grund der Parteivorbringen oder ande-</span><br/> <span class="ft4">rer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte hinreichender An-</span><br/> <span class="ft4">lass besteht. Der Untersuchungsgrundsatz verpflichtet die rechtsan-</span><br/> <span class="ft4">wendende Behörde also dazu, vor der Entscheidfällung den rechtser-</span><br/> <span class="ft4">heblichen Sachverhalt richtig und vollständig abzuklären, sie trägt</span><br/> <span class="ft4">die Verantwortung für die Beschaffung der Entscheidgrundlagen</span><br/> <span class="ft4">(BGE 117 V 282 f. mit Hinweisen; VGE III/67 vom 6. Juni 2001</span><br/> <span class="ft4">[BE.2000.00009/00010] in Sachen F. AG u.M., S. 15; René Rhinow /</span><br/> <span class="ft4">Heinrich Koller / Christina Kiss, Öffentliches Prozessrecht und Jus-</span><br/> <span class="ft4">tizverfassungsrecht des Bundes, Basel 1996, Rz. 905).</span><br/> <span class="ft4">bb) Weiter vorne ist ausgeführt worden, dass bei der Beurtei-</span><br/> <span class="ft4">lung der Erschliessungssituation eine Gesamtbetrachtung über das</span><br/> <span class="ft4">ganze Einzugsgebiet der betreffenden Strasse anzustellen ist. Richti-</span><br/> <span class="ft4">gerweise hat deshalb auch das Baudepartement abgeklärt, wie viele</span><br/> <span class="ft4">Wohneinheiten mit Anbindung an den Föhrenweg bereits vorhanden</span><br/> <span class="ft4">sind und wie viele zusätzlich erstellt werden könnten; es stellte dabei</span><br/> <span class="ft4">ausschliesslich auf die Angaben ab, welche der am Augenschein</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2002</span> <span class="title">Verwaltungsgericht</span> <span class="page_no">400</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft4">anwesende Vizeammann zu Protokoll gab, und ging so von 20</span><br/> <span class="ft4">bestehenden und 11 möglichen Häusern aus. Verifiziert wurde dies</span><br/> <span class="ft4">nicht, obwohl die Beschwerdeführer schon in ihrer Verwaltungsbe-</span><br/> <span class="ft4">schwerde vom 8. Mai 2000 darauf hinwiesen, dass das durch den</span><br/> <span class="ft4">Föhrenweg zu erschliessende Gebiet weitgehend überbaut sei und</span><br/> <span class="ft4">nur wenige nicht überbaute Grundstücke vorhanden seien, und auch</span><br/> <span class="ft4">am Augenschein selber Vorbehalte zu den Annahmen des Gemein-</span><br/> <span class="ft4">devertreters anbrachten. Dieses Vorgehen stellt eine gröbliche Miss-</span><br/> <span class="ft4">achtung der Untersuchungspflicht dar. Stellen sich derartige Fragen,</span><br/> <span class="ft4">kommt die beurteilende Rechtsmittelinstanz nicht umhin, sich durch</span><br/> <span class="ft4">parzellenweise Nachprüfung eine eigene Meinung zu bilden. Die</span><br/> <span class="ft4">Bestandesaufnahme durch das Verwaltungsgericht hat denn auch</span><br/> <span class="ft4">ergeben, dass - anders als dies das Baudepartement annahm - 18</span><br/> <span class="ft4">Wohneinheiten vorhanden und deren sechs noch möglich sind.</span><br/> <span class="ft4">c) Da die Beschwerde aus den genannten materiellen Gründen</span><br/> <span class="ft4">gutzuheissen ist, haben die durch das Baudepartement zu verant-</span><br/> <span class="ft4">wortenden Verfahrensfehler lediglich zur Konsequenz, dass der Staat</span><br/> <span class="ft4">einen Teil der Parteikosten zu übernehmen hat.</span><br/> <br/></div> </div> </body> </html>