<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01//EN"> <html> <head> <title>AGVE 2001 14 S.57</title> <meta charset="utf-8"/><meta content="text/html; charset=utf-8" http-equiv="CONTENT-TYPE"/> <meta content="Weblaw - www.weblaw.ch" name="Publisher"/> </head> <body> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">57</span></div> <div class="page" id="S1"> <div role="main"><br/> [...]<br/> <br/> <span class="ft2"><b>14</b></span> <span class="ft2"><b>§ 284 ZPO. Res iudicata.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Mit einem Vergleich können Parteien auch Streitfragen rechtskräftig er-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>ledigen, welche nicht Prozessgegenstand bilden. Deshalb muss sich ein</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Kläger einen in einem früheren gerichtlichen Verfahren geschlossenen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Vergleich entgegenhalten lassen, der in Überschreitung des damaligen</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Streitgegenstandes den mit der zweiten Klage ins Recht gesetzten An-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>spruch mit erfasste, dies selbst dann, wenn jenes frühere Verfahren als</b></span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">58</span></div> <div class="page" id="S2"> <div role="main"><br/> <span class="ft2"><b>zufolge Klagerückzugs statt Vergleichs erledigt abgeschrieben wurde.</b></span><br/> <span class="ft2"><b>Denn der Charakter eines Endentscheides (Sachurteil, Abschreibungsbe-</b></span><br/> <span class="ft2"><b>schluss, Prozessurteil) richtet sich nach der wirklichen Rechtslage und</b></span><br/> <span class="ft2"><b>nicht nach der allenfalls falschen Formulierung im Dispositiv.</b></span><br/> <br/> <span class="ft3">Aus dem Entscheid des Obergerichts, 1. Zivilkammer, vom 29. Juni 2001 in</span><br/> <span class="ft3">Sachen W. M.-R. gegen A. K.</span><br/> <br/> <span class="ft4"><i>Aus den Erwägungen</i></span><br/> <br/> <span class="ft1">2. Der Kläger macht mit der Appellation geltend, die Vorinstanz</span><br/> <span class="ft1">sei zu Unrecht wegen Vorliegens einer res iudicata nicht auf die</span><br/> <span class="ft1">Klage eingetreten. Das frühere Verfahren sei zufolge Klagerückzugs</span><br/> <span class="ft1">und nicht zufolge Vergleichs erledigt worden.</span><br/> <span class="ft1">Der Klagerückzug ist wie die Klageanerkennung eine einseitige</span><br/> <span class="ft1">Parteierklärung an eine gerichtliche Instanz, welcher zivilrechtliche</span><br/> <span class="ft1">wie prozessuale Wirkungen zukommt. Ein Prozessvergleich ist dem-</span><br/> <span class="ft1">gegenüber die gegenseitige Einigung der Parteien über die im</span><br/> <span class="ft1">Rechtsstreit auszutragende Differenz nach Prozesseinleitung (Wal-</span><br/> <span class="ft1">der, Zivilprozessrecht, 4. A. Zürich 1996, § 25 Rz. 14 ff.; ders. Pro-</span><br/> <span class="ft1">zesserledigung ohne Anspruchsprüfung, Zürich 1966, S. 142 Fn 2).</span><br/> <span class="ft1">Gegenseitiges Nachgeben gilt als Begriffsmerkmal des Vergleichs</span><br/> <span class="ft1">(Bühler/Edelmann/Killer, Kommentar zur aargauischen Zivilpro-</span><br/> <span class="ft1">zessordnung, 2.A. Aarau 1998, N 1 zu § 285; Leuch/Marbach/Keller-</span><br/> <span class="ft1">hals/Sterchi, Die Zivilprozessordnung für den Kanton Bern, 5. A.</span><br/> <span class="ft1">Bern 2000, N 2b zu Art. 207 BE ZPO; Vogel, Grundriss des</span><br/> <span class="ft1">Zivilprozessrechts, 6.A. Bern 1999, 9. Kap. N. 52; BGE 121 III 404</span><br/> <span class="ft1">Erw. 2c; 105 II 277 Erw. 3a). Der Vergleich als gegenseitige</span><br/> <span class="ft1">Parteierklärung macht die Fortsetzung des Prozesses und den</span><br/> <span class="ft1">richterlichen Entscheid unnötig. Ein zivilrechtlicher Vertrag tritt an</span><br/> <span class="ft1">dessen Stelle, erfährt aber deshalb, weil der Prozess eingeleitet ist,</span><br/> <span class="ft1">die Bekräftigung durch einen gerichtlichen Beschluss. Materiell liegt</span><br/> <span class="ft1">kein Vergleich vor, wenn eine Klage zurückgezogen oder anerkannt</span><br/> <span class="ft1">wird, die Parteien aber eine Abweichung mit Bezug auf die</span><br/> <span class="ft1">Kostentragung vereinbaren (Walder, Prozesserledigung, a.a.O.,</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Zivilprozessrecht</span> <span class="page_no">59</span></div> <div class="page" id="S3"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">S. 142 Fn. 2). Der Vergleich ist nicht auf den Gegenstand des Pro-</span><br/> <span class="ft1">zesses beschränkt, es können damit vielmehr auch gleichzeitig vor-</span><br/> <span class="ft1">handene Pendenzen erledigt werden (BGE 110 II 49 f.; Büh-</span><br/> <span class="ft1">ler/Edelmann/Killer, a.a.O., N 7 zu Art. 285 ZPO; Guldener, Schwei-</span><br/> <span class="ft1">zerisches Zivilprozessrecht, 3. A., Zürich 1979, S. 393). Der auf</span><br/> <span class="ft1">Grund eines Vergleichs ergangene Abschreibungsbeschluss des Ge-</span><br/> <span class="ft1">richts schafft einen Vollstreckungstitel für jede einzelne Verpflich-</span><br/> <span class="ft1">tung des Vergleichs, unabhängig davon, ob sie Gegenstand des</span><br/> <span class="ft1">Rechtsstreits gebildet hat oder nicht (Walder, Prozesserledigung,</span><br/> <span class="ft1">a.a.O., S. 155). Auch einer solchen Verpflichtung in einem gerichtli-</span><br/> <span class="ft1">chen Vergleich kommt die volle Rechtskraftwirkung eines gerichtli-</span><br/> <span class="ft1">chen Vergleichs zu (Walder, Prozesserledigung, a.a.O., S. 142</span><br/> <span class="ft1">Fn. 1a).</span><br/> <span class="ft1">b) In der von den Parteien vor Gerichtspräsidium K. abge-</span><br/> <span class="ft1">schlossenen Vereinbarung vom 19. Februar 1998 ist der Passus ent-</span><br/> <span class="ft1">halten, dass der Kläger die Klage und die Betreibung vorbehaltlos</span><br/> <span class="ft1">zurückziehe. Des Weitern erklären die Parteien gegenseitig Verzicht</span><br/> <span class="ft1">auf weitere Ansprüche aus den Arbeiten am Ausbau des klägerischen</span><br/> <span class="ft1">Dachgeschosses, soweit es sich nicht um verdeckte Mängel handelt.</span><br/> <span class="ft1">Die Vereinbarung regelt schliesslich die Tragung der Prozesskosten.</span><br/> <span class="ft1">Im Dispositiv des Abschreibungsbeschlusses und zweimal in</span><br/> <span class="ft1">den Erwägungen (Ziff. 5.2 und Ziff. 5.3) ist immer nur die Rede von</span><br/> <span class="ft1">Klagerückzug. Es wurde auch von keiner Partei eine Berichtigung</span><br/> <span class="ft1">des Urteilsdispositivs verlangt. Aufgrund des Wortlauts liegt ein</span><br/> <span class="ft1">Klagerückzug vor. Materiell handelt es sich demgegenüber um einen</span><br/> <span class="ft1">Vergleich, da nicht nur die Klage zurückgezogen wurde, sondern die</span><br/> <span class="ft1">Parteien darüber hinaus vereinbarten, dass sie aus den Arbeiten be-</span><br/> <span class="ft1">treffend Dachgeschoss in der Liegenschaft des Klägers keinerlei</span><br/> <span class="ft1">gegenseitige Ansprüche mehr haben. Dadurch haben die Parteien</span><br/> <span class="ft1">eine Vereinbarung in einem Streitpunkt getroffen, der nicht Gegen-</span><br/> <span class="ft1">stand des Prozesses gewesen ist. Ausserdem haben sie eine Regelung</span><br/> <span class="ft1">betreffend Tragung der Prozesskosten getroffen. Inhaltlich wurde</span><br/> <span class="ft1">demnach mehr vereinbart als ein blosser Klagerückzug. Es handelt</span><br/> <span class="ft1">sich deshalb materiell klarerweise um einen Vergleich und keinen</span><br/> <span class="ft1">Klagerückzug.</span><br/></div> </div> <div class="header"><span class="year">2001</span> <span class="title">Obergericht/Handelsgericht</span> <span class="page_no">60</span></div> <div class="page" id="S4"> <div role="main"><br/> <span class="ft1">Aus den obigen Ausführungen ergibt sich, dass eine Divergenz</span><br/> <span class="ft1">zwischen dem Dispositiv des Abschreibungsbeschlusses (Klage-</span><br/> <span class="ft1">rückzug) und den Erwägungen (Vergleich) vorliegt, wobei es sich bei</span><br/> <span class="ft1">der Bezeichnung im Dispositiv als Klagerückzug um einen klaren</span><br/> <span class="ft1">Fehler handelt. Ein solcher Fehler rein formaler Art bezüglich des</span><br/> <span class="ft1">Grundes des Abschreibungsbeschlusses ändert nichts am Charakter</span><br/> <span class="ft1">des Beschlusses vom 19. Februar 1998 als Abschreibungsbeschluss</span><br/> <span class="ft1">infolge gerichtlichen Vergleichs. In diesem Sinn hat auch das Bun-</span><br/> <span class="ft1">desgericht bei der Beurteilung einer ähnlichen Problematik entschie-</span><br/> <span class="ft1">den, indem es ausführte, dass nicht die Bezeichnung des Entscheides</span><br/> <span class="ft1">massgeblich sei, ob ein Prozess- oder ein Sachurteil vorliege, son-</span><br/> <span class="ft1">dern allein der Gehalt des Entscheides. Ein Prozessurteil ändere sei-</span><br/> <span class="ft1">nen Charakter nicht, wenn im Dispositiv eine Klage fälschlicherwei-</span><br/> <span class="ft1">se abgewiesen, anstatt wegen Fehlens einer Prozessvoraussetzung</span><br/> <span class="ft1">auf sie nicht eingetreten werde (BGE 115 II 187 E. 3b). Gleich ver-</span><br/> <span class="ft1">hält es sich im vorliegenden Fall, so dass die fehlerhafte Bezeich-</span><br/> <span class="ft1">nung "Klagerückzug" nichts daran ändert, dass das Verfahren infolge</span><br/> <span class="ft1">Vergleichs abgeschrieben wurde.</span><br/></div> </div> </body> </html>