2024 VII/5 Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 28 VII BVGE / ATAF / DTAF 2024 VII/5 Auszug aus dem Urteil der Abteilung VI i.S. A. gegen Staatssekretariat für Migration F-3314/2020 vom 2. August 2024 Ausländerrecht. Familiennachzug. Erfordernis der Sozialhilfeunab - hängigkeit. Neue Rechtsprechung des EGMR. Verletzung der Mitwir- kungspflicht. Art. 13 BV . Art. 85c AIG. Art. 13 VwVG. Art. 3, Art. 9, Art. 10, Art. 18 KRK. Art. 8 EMRK. 1. Nichterfüllung des gemäss Ausländer- und Integrationsgesetz ver- langten Kriteriums der Sozialhilfeunabhängigkeit für den Famili- ennachzug (E. 3). 2. Voraussetzungen für einen gerechtfertigten Eingriff in das Recht auf Familienleben gemäss Art. 8 Ziff. 2 EMRK (E. 4.3). 3. Erfordernis der Sozialhilfeunabhängigkeit bei Familiennachzugs- gesuchen. Im Lichte der Rechtsprechung des EGMR zur Verhältnismässigkeitsprüfung besteht ein eingeschränkter Beur- teilungsspielraum bei Gesuchen von Personen, denen die Flücht - lingseigenschaft aufgrund von Nachfluchtgründen zuerkannt wurde (E. 5.1 f.). 4. Trotz Höherge wichtung des privaten Interesses Ablehnung des Familiennachzugs aufgrund der Verletzung der Mitwirkungs - pflicht (E. 5.3.8). Droit des étrangers. Regroupement familial. Condition d'indépen - dance de l'aide sociale. Nouvelle jurisprudence de la CourEDH . Vio- lation de l'obligation de collaborer. Art. 13 Cst. Art. 85c LEI. Art. 13 PA. Art. 3, art. 9, art. 10, art. 18 CDE. Art. 8 CEDH. 1. Non-respect du critère d'indépendance de l'aide sociale pour bénéficier du regroupement familial selon la loi sur les étrangers et l'intégration (consid. 3). 2. Conditions permettant de justifier une ingérence dans l'exercice du droit au respect de la vie familiale au sens de l'art. 8 par. 2 CEDH (consid. 4.3). Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 2024 VII/5 BVGE / ATAF / DTAF VII 29 3. Exigence de l'indépendance de l'aide sociale dans le cadre de demandes de regroupement familial. A la lumière de la jurispru - dence de la CourEDH relative à l'examen de la proportionnalité , la m arge d'appréciation concernant les demandes de personnes auxquelles la qualité de réfugié a été reconnue sur la base de motifs survenus après la fuite est limitée (consid. 5.1 s.). 4. En dépit du poids prépondérant accordé à l'intérêt privé, refus du regroupement familial en raison de la violation de l 'obligation de collaborer (consid. 5.3.8). Diritto degli stranieri. Ricongiungimento familiare. Requisito dell'in- dipendenza dall'aiuto sociale. Nuova giurisprudenza della CorteEDU. Violazione dell'obbligo di collaborare. Art. 13 Cost. Art. 85c LStrI. Art. 13 PA. Art. 3, art. 9, art. 10, art. 18 della Convenzione del 20 novembre 1989 sui diritti del fanciullo. Art. 8 CEDU. 1. Inadempimento del requisito dell'indipendenza dall'aiuto sociale per il ricongiungimento familiare posto dalla legge sugli stranieri e la loro integrazione (consid. 3). 2. Condizioni per un'ingerenza giustificata nel diritto al rispetto del- la vita familiare ai sensi dell'art. 8 par. 2 CEDU (consid. 4.3). 3. Requisito dell'indipendenza dall'aiuto sociale n ell'ambito di ri - chieste di ricongiungimento familiare . Alla luce della giurispru - denza della CorteEDU relativa all'esame della proporzionalità il margine di apprezzamento , riguardanti persone la cui qualità di rifugiato è stata riconosciuta sulla base di motivi insorti dopo la fuga, è limitato (consid. 5.1 seg.). 4. Nonostante la pr evalenza dell'interesse privato, rifiuto del ricon- giungimento familiare in ragione della v iolazione dell'obbligo di collaborare (consid. 5.3.8). Der Beschwerdeführer reiste am 2. Mai 2014 in die Schweiz ein und er - suchte gleichentags um Asyl. Mit Verfügung vom 16. Februar 2015 stellte das Staatssekretariat für Migration (SEM) fest, dass er die Flüchtlingsei - genschaft nicht erfülle, und lehnte sein Asylgesuch ab . Es anerkannte ihn aber wegen subjektiver Nachfluchtgründe als Flüchtling und nahm ihn in 2024 VII/5 Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 30 VII BVGE / ATAF / DTAF der S chweiz wegen Unzu lässigkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig auf. Der Beschwerdeführer reichte am 18. Februar 2016 beim SEM ein erstes Gesuch um Familiennachzug und Einbezug in die vorläufige Aufnahme für seine Ehefrau und die fünf gemeinsamen Kinder ein. Nachdem das SEM auf dieses Gesuch aufgrund der noch laufenden Warte- frist und der fehlenden Stellungnahme des Beschwerdeführers innert Frist nicht eingetreten war, ersuchte der Beschwerdeführer a m 19. Dezember 2018 erneut um Bewilligung des Familiennachzugs für seine Ehefrau und drei der damals noch minderjährigen Kinder. Mit Verfügung vom 2. Okto- ber 2019 lehnte das SEM das Gesuch wegen Sozialhilfeabhängigkeit des Beschwerdeführers ab. Mit Eingabe vom 6. März 2020 ersuchte der Beschwerdeführer erneut um Familiennachzug und Einbezug in die vorläufige Aufnahme für seine Ehe- frau und die unterdessen vier gemeinsamen minderjährigen Kinder. Mit Verfügung vom 26. Mai 2020 wies das SEM das Gesuch ab. Dagegen erhob der Beschwerdeführer am 29. Juni 2020 Beschwerde beim Bundes- verwaltungsgericht. Aus den Erwägungen: 3. 3.1 Gemäss aArt. 85 Abs. 7 AIG (AS 2007 5437; neu Art. 85c Abs. 1 AIG [SR 142.20 ]) können Ehegatten und ledige Kinder unter 18 Jahren von in der Schweiz vorläufig aufgenommenen Personen und vorläufig auf- genommenen Flüchtlingen frühestens drei Jahre nach Anordnung der vor- läufigen Aufnahme nachgezogen und in diese eingeschlossen werden. V o- raussetzung dafür ist, dass sie mit diesen zusammenwohnen (Bst. a), dass eine bedarfsgerechte Wohnung vorhanden (Bst. b) und die Familie nicht auf Sozialhilfe angewiesen ist (Bst. c), sie sich in der am Wohnort gespro- chenen Landessprache verständigen können (Bst. d) und die nachziehende Person keine jährlichen Ergänzungsleistungen nach dem ELG (SR 831.30) bezieht oder wegen des Familiennachzugs beziehen könnte (Bst. e). Diese Bestimmung wird in materieller Hinsicht in der Verordnung vom 24 . Ok- tober 2007 über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE, SR 142.201) konkretisie rt. Gemäss Art. 74 Abs. 3 VZAE ist ein Familien - nachzugsgesuch innerhalb von fünf Jahren zu stellen, sobald die zeitlichen V oraussetzungen gemäss Art. 85 Abs. 7 AIG erfüllt sind; geht es um den Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 2024 VII/5 BVGE / ATAF / DTAF VII 31 Nachzug von Kindern im Alter von über zwölf Jahren, muss das G esuch innerhalb von zwölf Monaten nach diesem Zeitpunkt eingereicht werden. Ein nachträglicher Familiennachzug kann nur aus wichtigen familiären Gründen bewilligt werden (Art. 74 Abs. 4 VZAE). 3.2 Der Beschwerdeführer wurde am 16. Februar 2015 als Flüchtling anerkannt und vorläufig aufgenommen; sein Gesuch um Familiennachzug und Einbezug seiner Ehefrau und der (…) Kinder datiert vom 6. März 2020. Die in Art. 85 Abs. 7 AIG vorgesehene dreijährige Karenzfrist wur- de damit eingehalten, ebenso wie die Nachzugsfristen für die Ehefrau und die mittlerweile vier minderjährigen Kinder, auch in Bezug auf den ältes - ten Sohn C. (Art. 85 Abs. 7 AIG i.V .m. Art. 74 Abs. 3 VZAE). 3.3 Demgegenüber stellt sich die Frage, ob auch die weiteren in Art. 85 Abs. 7 Bst. a–c AIG genannten V oraussetzungen des Zusammen- wohnens, der bedarfsgerechten Wohnung und der Sozialhilfeunabhängig - keit vorliegen. Die beiden erstgenannten V oraussetzungen können als erfüllt betrachtet werden, weil der Beschwerdeführer beabsichtigt, künftig mit seinen nach- zuziehenden Familienangehörigen zusammenzuwohnen, und weil ihm nicht zugemutet werden kann, sich bereits im Zeitpunkt der Gesuchstel - lung um familienadäquate Räumlichkeiten zu kümmern. Dass solche erst nach einem positiven Entscheid über den Fami liennachzug angemietet werden, wird praxisgemäss als ausreichend erachtet (vgl. Urteile des BVGer F -7288/2014 vom 5. Dezember 2016 E. 5.2; F-4990/2018 vom 3. April 2019 E. 6). Zudem hat der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 20. April 2020 und entsprechenden Nachweisen glaubhaft darlegen kön - nen, eine angemessene Wohnung zu suchen. Angesichts dessen stellt sich im vorliegenden Fall lediglich die Frage nach dem Risiko künftiger Sozial- hilfeabhängigkeit des Beschwerdeführers und seiner Familie. 3.4 Sozialhilfeunabhängigkeit wird in der Praxis dann angenommen, wenn die Eigenmittel das Niveau erreichen, ab dem gemäss Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) kein Anspruch auf Sozialhilfe (mehr) besteht. Diese Definition ist bei anerkannten Flüchtlin- gen – ob mit oder ohne Asyl – jedoch zu relativieren. Bei der Beurteilung der Fürsorgeunabhängigkeit ist zwar von den aktuellen Verhältnissen aus- zugehen, die wahrscheinliche finanzielle Entwicklung – einschliesslich der Verdienstmöglichkeiten aller Familienmitglieder – ist aber auf längere Sicht ebenfalls in Betracht zu ziehen. Deren mutmassliches und zu den Lebenshaltungskosten der Familie beitragendes Einkommen ist daran zu 2024 VII/5 Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 32 VII BVGE / ATAF / DTAF messen, ob und in welchem Umfang es als tatsächlich realisierbar er - scheint. V on daher kann es sich im Hinblick auf das öffentliche Interesse rechtfertigen, den Nachzug von Familienangehörigen zu verweigern, wenn damit die Gefahr des fortgesetzten und erheblichen Bezugs von So - zialhilfe einhergeht. Unternimmt die gesuchstellende P erson demgegen - über alles ihr Zumutbare, um auf dem Arbeitsmarkt Fuss zu fassen und so für sich und ihre Familie den Unterhalt bestreiten zu können, kann dies den an den Familiennachzug gestellten Anforderungen genügen. Dies gilt selbst dann, wenn der Betreffende innerhalb der für den Familiennachzug geltenden Frist unverschuldet keine den Familienunterhalt sichernde Si - tuation zu schaffen vermag, sich der Fehlbetrag jedoch in vertretbarer Hö- he hält und in absehbarer Zeit ausgeglichen werden kann (vgl. BGE 139 I 330 E. 4.1 und 4.2 sowie BVGE 2017 VII/4 E. 5.2, wonach die vom Bun- desgericht für anerkannte Flüchtlinge mit Asylstatus dargestellte Praxis auch für anerkannte Flüchtlinge mit vorläufiger Aufnahme gilt). 3.4.1 Der Beschwerdeführer arbeitet seit dem 2. März 2022 in einer un- befristeten Anstellung als Lagermitarbeiter und erwirtschaftet hierbei ein monatliches Einkommen von c irca 2000 Franken brutto; ergänzend be - zieht er Sozialhilfe. Für ihn wurde eine analoge Lösung zu einer IV-Stelle geschaffen, bei welcher von seinem 100 %-Arbeitspensum 50 % vom Ar- beitgeber entschädigt werden und der Fehlbetrag durch die Sozialhilfe aus- geglichen wird ([…]). 3.4.2 Dem Beschwerdeführer ist damit zwar eine teilweise Ablösung von der Sozialhilfe und Integration in den ersten Arbeitsmarkt gelungen und er befindet sich mittlerweile seit über eineinhalb Jahren in diesem An- stellungsverhältnis. Festzuhalten ist aber, dass das Kriterium der Sozialhil- feunabhängigkeit (Art. 85 Abs. 7 Bst. c AIG) nicht erfüllt ist. 3.4.3 Aufgrund der nur teilweise erfolgten Ablösung von der Sozialhil- fe ist das Kriterium der Sozialhilfeunabhängigkeit einer prospektiven Be - urteilung zu unterziehen. Aus den eingereichten augenärztlichen Berichten und den weiteren Einga- ben der L., der Sozialarbeiterin und des Arbeitgebers lässt sich in Bezug auf den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers und die Auswirkun - gen auf seine Arbeitsfähigkeit entnehmen, dass diese durch die Sehbehin- derung sowie die Einschränkungen im kognitiven, sprachlichen und körperlichen Bereich reduziert ist ([…]). Auch erscheint aufgrund der vor- handenen Einschränkungen eine andere Arbeitsstelle oder Steigerung des Arbeitspensums in absehbarer Zukunft nicht realistisch ([…]). Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 2024 VII/5 BVGE / ATAF / DTAF VII 33 Auch die geltend gemachte zu erwartende Erwerbstätigkeit d er Ehefrau nach einer Integrationsperiode und dem Erwerb von Deutschkenntnissen und somit ein Beitrag zur finanziellen Unterstützung der Familie kann als lediglich spekulative Erwerbstätigkeit nicht berücksichtigt werden (vgl. dazu Urteil des BVGer F-404/2016 vom 2. Oktober 2017 E. 4.2.2). Warum der Ehefrau die berufliche Integration gelingen sollte, hat der Beschwerde- führer nicht dargelegt. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sich mit dem Zuzug von Ehefrau und Kindern der Unterstützungsbedarf der Familie er- heblich erhöhen würde (höherer Grundbetrag, Wohnkosten, Krankheits - kosten etc.). Bei dieser Sachlage ist von einer fortgesetzten und erheblichen Fürsorge - abhängigkeit im Sinne der oben zitierten Rechtsprechung auszugehen. 3.4.4 Die gemäss Art. 85 Abs. 7 Bst. c AIG verlangte Sozialhilfeunab- hängigkeit der Familie als eine der kumulativ zu erfüllenden V oraussetzun- gen für einen Familiennachzug ist damit nicht erfüllt. 4. 4.1 Nachfolgend ist zu untersuchen, ob die Verweigerung des Famili- ennachzugs mit dem Anspruc h auf Schutz des Familienlebens gemäss Art. 8 EMRK vereinbar ist. 4.1.1 Art. 8 Ziff. 1 EMRK garantiert den Schutz des Familienlebens, welches in erster Linie die Kernfamilie, das heisst die Gemeinschaft der Ehegatten mit ihren minderjährigen Kindern, umfasst (vg l. BGE 144 II 1 E. 6.1; 135 I 143 E. 1.3.2). Die Garantie kann verletzt sein, wenn einer ausländischen Person, deren Familienangehörige in der Schweiz weilen, die Anwesenheit untersagt und damit das Familienleben vereitelt wird. Das in Art. 8 EMRK beziehungsweise Art. 13 BV geschützte Recht ist be- rührt, wenn eine nahe, echte und tatsächlich gelebte familiäre Beziehung einer gefestigt anwesenheitsberechtigten Person beeinträchtigt wird, ohne dass es dieser möglich beziehungsweise zumutbar wäre, ihr Familienleben andernorts zu pflegen (vgl. BGE 144 II 1 E. 6.1; 143 I 21 E. 5.1; 139 I 330 E. 2.1, je m.H.). Auf den Schutz von Art. 8 Ziff. 1 EMRK können sich zwar grundsätzlich nur Personen mit einem gefestigten Anwesenheitsrecht in der Schweiz berufen, praxisgem äss aber auch Personen, deren Anwe - senheit in der Schweiz faktisch als Realität oder aus objektiven Gründen hingenommen werden muss (BVGE 2017 VII/4 E. 6.2 und 6.3, je m.H.). 4.1.2 V orliegend ist unbestritten, dass von einer glaubhaften, nahen und echten Beziehu ng zwischen dem Beschwerdeführer, seiner Ehefrau und den gemeinsamen Kindern auszugehen ist. Dem Beschwerdeführer steht 2024 VII/5 Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 34 VII BVGE / ATAF / DTAF als vorläufig aufgenommenem Flüchtling die Berufung auf Art. 8 EMRK offen. Weiter ist unstrittig, dass es ihm, der Ehefrau und den gemeinsamen minderjährigen Kindern « nicht von vornherein ohne Weiteres zumutbar » ist, das Familienleben im Ausland zu führen (vgl. BGE 135 I 153 E. 2.1 sowie Urteil des BGer 2C_914/2014 vom 18. Mai 2015 E. 4.3.1 am Ende; BVGE 2017 VII/4 E. 6.6). 4.2 Die Verweigerung des Familiennachzugs greift somit in den per- sönlichen und sachlichen Schutzbereich des Rechts auf Familienleben nach Art. 8 Ziff. 1 EMRK des in der Schweiz aufenthaltsberechtigten Be - schwerdeführers ein. 4.3 4.3.1 Gerechtfertigt ist ein Eingriff nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK, soweit der Eingriff gesetzlich vorgesehen und in einer demokratischen Gesell - schaft notwendig ist für die nationale Sicherheit, für das wirtschaftliche Wohl des Landes, zur Aufrechterhaltung der Ordnung, zur V erhütung von Straftaten, zum Schutz der Gesundheit oder der Moral oder zum Schutz der Rechte und Freiheiten anderer. 4.3.2 Die in Art. 85 Abs. 7 Bst. c AIG verlangte Sozialhilfeunabhän - gigkeit dient grundsätzlich legitimen ökonomischen Interessen des Staa - tes. Der Eingriff in den Schutzbereich des Art. 8 Ziff. 1 EMRK ist generell dann « notwendig », wenn eine Massnahme einem dringenden sozialen Bedürfnis entspricht und verhältnismässig erscheint. Hierbei wird die Be- deutung des Rechts, in das eingegriffen wird, sowie die Sch were des Ein- griffs dem Eingriffszweck gegenübergestellt (vgl. MARK E. VILLIGER, Handbuch der Europäischen Menschenrechtskonvention [EMRK], 3. Aufl. 2020, S. 363; MARTIN NETTESHEIM, in: Handkommentar EMRK, 5. Aufl. 2023, Art. 8 N. 110 ff.). 4.3.3 Bei der Interessenabwägung hängt das Ausmass der Pflicht für den betreffenden Staat, eine Familienzusammenführung in seinem Ho - heitsgebiet ermöglichen zu müssen, jeweils von den Umständen des Ein - zelfalls ab. Der Staat verfügt über einen gewissen Beurteilungsspiel raum (margin of appreciation ) hinsichtlich der Notwendigkeit (necessity) des Eingriffs in den Schutzbereich des Art. 8 EMRK. Es muss eine sorgfältige, umfassende und faire Interessenabwägung zwischen den öffentlichen In - teressen der Einwanderungskontrolle und den konkurrierenden privaten Interessen an der Familienzusammenführung vorgenommen werden (vgl. BGE 143 I 21 E. 5.1 m.w.H.). Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 2024 VII/5 BVGE / ATAF / DTAF VII 35 4.3.4 Bei der Gesamtbetrachtung sind der Grad der konkreten Beein - trächtigung des Familienlebens, der Umstand, ob und wie weit dieses in zumutbarer Weise im Heimatstaat oder allenfalls in einem Drittstaat gelebt werden kann sowie die Natur der Bindungen zum und im Aufenthaltsstaat zu berücksichtigen, zudem Gründe der Migrationsregulierung sowie sol - che zum Schutz der öffentlichen Ordnung oder des wirtschaftlichen Wohl- ergehens des Landes (vgl. zur Rechtsprechung des Europäischen Gerichts- hofes für Menschenrechte [ EGMR], insb. Urteile Jeunesse gegen die Niederlande vom 3. Oktober 2014, 12738/10, § 106 ff.; El Ghatet gegen die Schweiz vom 8. November 2016, 56971/10, § 43 ff.; M.A. gegen Dä- nemark vom 9. Juli 2021, 6697/18, § 141 ff.). Soweit Kinder betroffen sind, ist dem Kindeswohl eine besondere Bedeutung zuzumessen (vgl. Ur- teile Jeunesse § 119–120; El Ghatet § 46). 5. 5.1 V orliegend ist fraglich, ob das Erfordernis des V orhandenseins hinreichender finanzieller Mittel beziehungsweise der Sozialhilfeunab - hängigkeit unter dem Aspekt des « wirtschaftlichen Wohls des Landes » als « legitimer Zweck » der Einschränkung nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK in einer angemessenen Gesamtwürdigung beurteilt wurde, die mit der Recht- sprechung des EGMR vereinbar ist. Ob also die Ablehnung des Gesuchs des Beschwerdeführers um Familiennachzug angesichts des Eingriffs in das Recht auf Familienleben aus Art. 8 EMRK verhältnismässig war. 5.2 Im Folgenden ist die Rechtsprechung des EGMR in Bezug auf die massgeblichen Leitlinien bei der Gesamtabwägung unter besonderer Berücksichtigung des neuen Urteils B.F. und andere gegen die Schweiz vom 4. Juli 2023, 13258/18 zu skizzieren. Der EGMR betont, dass er sich bislang noch nicht mit der Frage befasst habe, ob (auch) im Fall von Flüchtlingen nach der Genfer Flüchtlingskon- vention, denen aufgrund illegaler Ausreise Gefährdung im Herkunftsland drohe, der Familiennachzug von d er finanziellen Unabhängigkeit der Fa - milie abhängig gemacht werden dürfe (vgl. Urteil B.F. und andere § 95). In den bisherigen vom EGMR entschiedenen Fällen zum Zulassungskrite- rium des V orhandenseins hinreichender finanzieller Mittel als V orausset- zung des Familiennachzugs handelte es sich nicht um Flüchtlinge (vgl. die Urteile Konstatinov gegen die Niederlande vom 26. April 2007, 16351/03, § 50; Hasanbasic gegen die Schweiz vom 11. Juni 2013, 52166/09, § 59). 2024 VII/5 Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 36 VII BVGE / ATAF / DTAF Hinsichtlich des Umfangs des Beurteilungsspielraums nimmt der EGMR Bezug auf diesbezügliche Erwägungen aus seinem Urteil M.A., in wel - chem er entschieden hatte, dass eine Wartezeit für Personen mit vorläufi - gem Schutzstatus bei Familienzusammenführungen höchstens zwei Jahre betragen d ürfe (s . Urteil B.F. und andere § 94 unter Hinweis auf Urteil M.A. § 140). Er hält im Urteil B.F. und andere weiter fest, dass auch in den Fällen, in denen der Familiennachzug von Flüchtlingen, denen auf - grund von Nachfluchtgründen die Flüchtlingseigenscha ft zuerkannt wor - den sei, den Mitgliedstaaten ein gewisser Beurteilungsspielraum ( margin of appreciation) bei der Anwendung des Kriteriums der fehlenden Sozial- hilfeabhängigkeit zustehe (Urteil B.F. und andere § 94–104). Allerdings müssten die Konventionsb estimmungen dabei so verstanden und ange - wandt werden, dass ihre Anforderungen bei ihrer Anwendung auf den Ein- zelfall praktisch und wirksam und nicht theoretisch und illusorisch seien (vgl. Urteil B.F. und andere § 104, mit Verweis auf Urteil M.A. § 162, 192–193). Das Erfordernis, nicht auf Sozialhilfe angewiesen zu sein, müsse daher mit ausreichender Flexibilität als ein Element bei der umfassenden und indivi- duellen Interessenabwägung angewandt werden, um das Recht des Flücht- lings auf Familienleben ausreichend zu gewährleisten, insbesondere da die unüberwindbaren Hindernisse, das Familienleben im Herkunftsland zu führen, im Rahmen der Gesamtabwägung mit zunehmendem Zeitablauf an Bedeutung gewännen. Da es sich nicht um den Familiennachzug von Per- sonen mit subsidiärem Schutzstatus handle, sei der Beurteilungsspielraum bei der Anwendung des Kriteriums der Sozialhilfeunabhängigkeit als V o- raussetzung somit wesentlich enger gefasst (vgl. Urteile B.F. und andere § 98, 104–105; M.A. § 161 ff., 192–193). Den Flüchtlingen müsse mithin ein günstigeres Familiennachzugsverfahren zustehen als anderen ausländi- schen Staatsangehörigen (vgl. Urteil B.F. und andere § 90, 98). Der Grund sei die besondere Schutzbedürftigkeit von Flüchtlingen, auch wenn sie ih- re Herkunftsländer verlassen hätten, ohne vor Verfolgung fliehen zu müs- sen. Der EGMR zieht in seinem Urteil B.F. und andere die Schlussfolgerung, dass auch von solchen Flüchtlingen, die durch ihre Ausreise die Ursache für die befürchtete Verfolgung gesetzt hätten, nicht verlangt werden könne, dass sie « Unmögliches » für die Familienzusammenführung leisteten. Wenn sie alles getan hätten, was vernünftigerweise erwartet werden kön - ne, um finanziell unabhängig zu werden, aber nicht in der Lage seien, die Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 2024 VII/5 BVGE / ATAF / DTAF VII 37 Einkommensanforderungen zu erfüllen, könne die Anwendung des Erfor- dernisses, nicht auf Sozialhilfe angewiesen zu sein, ohne jede Flexibilität zu einer dauerhaften Trennung der Familien führen (Urteil B.F. und andere § 105). Durch das strikte Festhalten an den ausländerrechtlichen V oraussetzungen, dass der Betrag, um den eine Familie auf Sozialhilfe angewiesen sei, einen angemessenen Betrag nicht überschreiten dürfe und in absehbarer Zeit auf- geholt werden müsse, damit die Familienzusammenführung gewährt wer- den könne, werde die notwendige Flexibilität aber eingeschränkt (Urteil B.F. und andere § 108). Vielmehr brauche es eine ausgewogene Interessen- abwägung hinsichtlich des Erfordernisses, nicht von der Sozialhilfe abhän- gig zu sein, und dem Interesse auf Wieder vereinigung mit den Familien - mitgliedern (Urteil B.F. und andere § 126 ff.). 5.3 V orliegend ist die Integration des Beschwerdeführers in den Ar- beitsmarkt und die weiterhin bestehende Sozialhilfeabhängigkeit ange - sichts der eingeschränkten Arbeitsfähigkeit vor dem Hintergrund der skiz- zierten Rechtsprechung zu bewerten: 5.3.1 Hinsichtlich der beruflichen Integration ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer ab 2017/2018 an Arbeitsintegrationsprogrammen und Sprachkursen teilgenommen hat ([…]), zuerst bei der Sozialfirma N. vom 22. Mai 2017 bis 31 . Dezember 2018 in den Bereichen Forst - /Werkhof und Logistik zu einem Pensum von 40 %, dann im Jahr 2019 bei der Bil - dungswerkstätte O. in der Abteilung Recycling Integrationsmassnahmen. Ab dem 1. Januar 2020 besuchte er ein Qualifizierungsprogramm der Ge- nossenschaft L. in den Bereichen Montageaufträge, Kontroll- und Sortier- arbeiten, wobei die Anmeldung bei der L. auf Wunsch des Beschwerdefüh- rers zur Unterstützung bei der beruflichen Integration erfolgte ( […]). Nachfolgend bewarb er sich ab Februar 2020 erfolglos bei verschiedenen Arbeitgebern als Servicekraft oder Lagermitarbeiter ([…]). Schliesslich ist es dem Beschwerdeführer mit hilfe der L. gelungen, eine Teilzeitanstellung im ersten Arbeitsmarkt zu find en. Er arbeitet seit dem 2. März 2022 in unbefristeter Anstellung als Lagermitarbeiter und erwirt - schaftet ein monatliches Einkommen von c irca 2 000 Franken brutto, er - gänzend bezieht er Sozialhilfe. Er ist in einem 100 %-Arbeitspensum tätig, wobei ihm 50 % vom Arbeitgeber entschädigt werden und der Restbetrag durch die Sozialhilfe ausgeglichen wird ([…]). 2024 VII/5 Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 38 VII BVGE / ATAF / DTAF 5.3.2 Die eingereichten Berichte lassen den Schluss zu, dass der Be - schwerdeführer aufgrund erheblicher gesundheitlicher Einschränkungen nur teilweise arbeitsfähig ist: V orab ist festzuhalten, dass die Arbeitsfähigkeit nicht durch die IV-Stelle abgeklärt wurde. Die zuständige Stelle verneinte das Bestehen von Leis - tungsansprüchen mit V orbescheid von Juni 2020 ([…]), ohne die gesund- heitliche und die daraus resultierende Arbeitsunfähigkeit des Beschwerde- führers gesamthaft ärztlich zu überprüfen und zu beziffern, mangels V orliegens der sonstigen Anspruchsvoraussetzungen. Es lassen sich aber konkrete Angaben in Bezug auf seine Arbeitsunfähig - keit aus den insgesamt eingereichten Arztberichten und Schreiben der Sozialarbeiter und Arbeitsvermittler entnehmen. Die anfangs vom SEM erhobene Kritik, dass die Arbeitsunfähigkeit nicht belegt sei, verfängt angesichts der heute bestehenden Aktenlage nicht mehr. So lassen die augenärztlichen Berichte auf eine nur partielle Arbeitsunfä - higkeit aufgrund einer Sehbehinderung schliessen. Aus den eingereichten Berichten ([…]) geht hervor, dass der Beschwerdeführer auf seinem linken Auge vollständig erblindet ist beziehungsweise eine Augenprothese trägt und seine Sehschärfe auf seinem verbleibenden rechten Auge lediglich 30– 40 % beträgt. Aus augenärztlicher Sicht kann der Beschwerdeführer somit nur « eine zum einseitigen, bis 30 % reduzierten Sehvermögen passende Arbeitstätigkeit » ausüben. Eine starke körperliche Belastung sei zudem zu vermeiden ([…]). Auch in dem der Beschwerde beigelegten Bericht der L. vom 22. Juni 2020, in welchem die Auswirkung der fehlenden Sehfä - higkeit auf die Arbeitsleistung bestätigt wir d, heisst es beispielsweise, er habe Arbeiten, bei denen genaue Sehfähigkeit gefordert sei, nicht ausfüh - ren können ([…]). Weitere Eingaben belegen die eingeschränkte Arbeitsfähigkeit im kogniti- ven, sprachlichen und körperlichen Bereich: So ergibt sich aus der E -Mail der L. vom 17 . August 2023, dass die Deutsch-Grundkenntnisse des Beschwerdeführers eigentlich dem ersten Arbeitsmarkt nicht genügten, aber aufgrund der kognitiven Fähigkeiten das Erlangen eines höheren Deutsch -Sprachniveaus eher unwahrschein - lich sei. Die Arbeitsfähigkeit sei körperlich und von der Leistungserbrin - gung sehr eingeschränkt wegen der Sehbehinderung und der kognitiven Defizite. Tests und Abklärungen der L. hätten ergeben, dass er ungefähr 50 % arbeitsfähig sei ( […]). Gemäss Arbei tsbestätigung der M. vom Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 2024 VII/5 BVGE / ATAF / DTAF VII 39 11. September 2023 ([…]) arbeitet der Beschwerdeführer in einer von Ge- fahren befreiten Umgebung und ist mit der Aufgabe betraut, Wagen zu - sammenbauen. Er könne wegen Verletzungsgefahren nicht in anderen Be- reichen eingesetzt werden. 5.3.3 Aus den zuletzt eingereichten Eingaben wird deutlich, dass der Beschwerdeführer nicht mehr leisten kann, als er dies in seiner aktuellen Anstellung tut: Nach Angaben der L. ist im Jahr 2022 nochmal s ein Test zur möglichen Steigerung der Arbeitsleistung durchgeführt worden, bei dem Arbeitgeber und L. jedoch erneut zum Schluss gelangt seien, dass eine Weiterführung der aktuellen Ausgestaltung den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnis- sen des Beschwerdeführers entspreche ([…]). Auch in der E-Mail der zuständigen Sozialarbeiterin vom 23. August 2023 ([…]) wird bestätigt, dass der Beschwerdeführer aufgrund seiner individu- ellen V oraussetzungen nicht mehr als eine Arbeitsfähigkeit von 50 % auf- weise. Hinz u komme ein erhöhter Betreuungsaufwand aufgrund der körperlichen Einschränkungen, weshalb eine andere Arbeitsstelle in ab - sehbarer Zukunft nicht realistisch erscheine. Aus der Arbeitsbescheini - gung vom 11 . September 2023 ( […]) wird auch deutlich, dass der Be- schwerdeführer nur in einer ganz speziellen Umgebung mit einer klar definierten Aufgabe betraut werden kann. 5.3.4 Der Beschwerdeführer hat sich vorliegend insoweit beruflich in - tegriert, als es ihm angesichts seines Gesundheitszustandes und seiner in - dividuellen V oraussetzungen möglich ist. Er hat damit alles getan, was vernünftigerweise von ihm erwartet werden konnte, um seinen Lebens - unterhalt allein verdienen zu können. Er hat es geschafft, sich mit einer Teilzeitstelle von 50 % in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren, ergänzt durch Sozialhilfe. Seine gesundheitlichen Einschränkungen lassen auf un- bestimmte Zeit keine andere Ausgestaltung der Arbeitsstelle zu. 5.3.5 Das private Interesse des Beschwerdeführers an der Ausübung seines Familienlebens in der Schweiz muss als hoch bewertet werden: Der Beschwerdeführer ist bereits seit 2001 kirchlich verheiratet ( […]). Das langjährige Familienleben, das schon viele Jahre vor der vorläufigen Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz bestand, ist im Rahmen der Interessenabwägung zu seinen Gunsten zu berücksichtigen (s . auch Urteil M.A. § 135). Er hat von Anfang an gezeigt, wie wichtig ihm das Zusammenleben mit seiner Familie ist, indem er mehrere Nachzugsgesu - che gestellt hat, sogar schon vor Ablauf der Wartef rist ([…]), und seine 2024 VII/5 Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 40 VII BVGE / ATAF / DTAF Familie so oft es ihm möglich war, in Äthiopien besucht hat, so im Herbst 2018 und September 2019 ([…]) und im April/Mai 2023 ([…]) und zuletzt im Mai 2024 ([…]). Das SEM hatte dem Beschwerdeführer entgegengehalten, dass er mit sei - ner Entscheidung zur Ausreise eine langfristige Trennung von der Ehefrau und den Kindern in Kauf genommen habe, habe er doch erst durch die illegale Ausreise subjektive Nachfluchtgründe geschaffen. Der EGMR stellt generell nicht in Abrede, dass sich die Umstände der Unterbrechung des Familienlebens insofern von Flüchtlingen, die gezwungenermassen aufgrund von Verfolgung aus dem Heimatland fliehen müssen, unterschei- den (vgl. Urteil B.F. und andere § 103 mit Verweis auf Urteil M. T. und andere gegen Schweden vom 20. Oktober 2022, 22105/18, § 98–111 in Bezug auf den Unterschied des Familiennachzugs bei anerkannten Flücht- lingen und subsidiär Schutzberechtigten). Gleichzeitig mahnt er zur Zu - rückhaltung bei der Beurteilung der Freiwilligkeit der Trennung einzig wegen der Ablehnung des Asylgesuches, da aus der Ablehnung des Asyl - gesuches nicht zwingend auf die freiwillige Trennung von der Familie ge- schlossen werden kann (vgl. Urteil El Ghatet § 48). V orliegend wurde das Asylgesuch des Beschwerdeführers zwar rechtskräftig abgelehnt, weil sei- ne Verfolgungsvorbringen als unglaubhaft erachtet wurden. Fraglich ist aber, ob ihm deswegen ohne Weiteres vorgehalten werden kann, die Ent - scheidung, seine Angehörigen zurückzulassen, sei freiwillig erfolgt. Über- dies ist in der Gesamtwürdigung bei der Interessenabwägung insbesondere daran zu erinnern, dass der Beurteilungsspielraum bei Familiennachzugs - gesuchen von Flüchtlingen, auch wenn die Flüchtlingseigenschaft auf - grund von Nachfluchtgründen zuerkannt worden ist, enger i st als bei Familiennachzug von Personen mit subsidiärem Schutzstatus (s . obige Ausführungen und Urteil B.F. und andere § 104). 5.3.6 V on entscheidender Bedeutung als Ermessensleitlinie fungiert das Kindeswohl (vgl. Urteile El Ghatet § 46; Jeunesse § 119–120; BGE 143 I 21 E. 5.5.1). Das Kindeswohl ist gemäss Art. 3 Abs. 1 des Überein- kommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (SR 0.107, nachfolgend: KRK) bei allen Massnahmen, welche Kinder betreffen und insbesondere von Verwaltungsbehörden und Gerich ten erlassen werden, vorrangig zu berücksichtigen (s. auch UNO-Ausschuss für die Rechte des Kindes, Allgemeine Bemerkung Nr. 14 (2013) zum Recht des Kindes auf Berücksichtigung seines Wohls als ein vorrangiger Gesicht spunkt [Art. 3 Abs. 1]), 2 9. Mai 2013, Abs. 37, 39 , CRC/C/GC/14 ; sowie Mitteilung Nr. 126/2020, Entscheid vom 7. Februar 2023). Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 2024 VII/5 BVGE / ATAF / DTAF VII 41 Das Kindeswohl beinhaltet auch das grundlegende Bedürfnis des Kindes, in möglichst engem Kontakt mit beiden Elternteilen aufwachsen zu kön - nen (vgl. Art. 9 KRK). Ausserdem bemühen sich die Vertragsstaaten ge - mäss Art. 18 KRK nach besten Kräften, den Grundsatz sicherzustellen, dass beide Elternteile gemeinsam für die Erziehung und Entwicklung des Kindes verantwortlich sind (BGE 143 I 21 E. 5.5.1 f.). Nach Art. 10 Abs. 1 KRK (vgl. Botschaft vom 29 Juni 1994 betreffend den Beitritt der Schweiz zum Übereinkommen von 1989 über die Rechte des Kindes , BBl 1994 V 1, zu Art. 10 KRK und dem V orbehalt der Schweiz: BBl 1994 V 1, 33 ff. und 73 f.) sind Anträge auf Familienzusammenfüh rung « wohlwollend, human und beschleunigt » zu bearbeiten (UNO -Ausschuss für Kinder - rechte, Allgemeine Bemerkung Nr . 6 [2005]: Behandlung unbegleiteter und von ihren Eltern getrennter Kinder ausserhalb ihres Herkunftslandes, 3. Juni 2005, CRC/GC/2005/6). Aus einer Zusammenschau von Art . 3 Abs. 1 KRK, Art. 9 Abs. 1 und Art. 10 Abs. 1 KRK ergibt sich aber weder ein unmittelbarer Anspruch auf einen voraussetzungslosen Kinder - oder Elternnachzug noch ein unbedingter V orrang des Kinderwohls vor migrati- onspolitischen Belangen ( STEFANIE SCHMAHL, Kinderrechtskonvention mit Zusatzprotokollen, Handkommentar, 2. Aufl. 2017, Art. 3 N. 21). Zwei der vier Kinder sind (…) zwar schon in einem Alter, in dem sie wahr- scheinlich nicht mehr so viel Betreuung und Unterstützung benötigen wie die beiden jüngeren Kinder, was gegen den Familiennachzug sprechen könnte (vgl. Urteil des EGMR Tuquabo -Tekle gegen Niederlande vom 1. Dezember 2005, 60665/00, § 49). Auch könnten sich in Bezug auf die älteren Kinder grössere Herausforderungen für eine erfolgreiche Integrati- on in der Schweiz stellen. Es ist aber zu bedenken, dass die gesetzliche Wartefrist von drei Jahren für den Familiennachzug unvermeidlich dazu führt, dass Kinder in der Zeit älter werden (s . auch Urteil B.F. und andere § 121). Zudem wäre es nicht im Sinne des Kindeswohls, die Familie aus - einanderzureissen und je nach Alter der minderjährigen Kinder nur einen teilweisen Familiennachzug in Betracht zu ziehen. Es liegt, wie oben ausgeführt, grundsätzlich im Interesse des Wohls der Kinder, Kontakt zu beiden Elternteilen zu haben und mit ihnen beiden zu- sammenzuleben. Dies würde dafürsprechen, die Ablehnung des Gesuchs um Familiennachzug als unangemessen einzustufen, zumal es fraglich ist, wie durch die nur sporadisch m öglichen Besuche in Äthiopien und die Nutzung moderner Kommunikationsmittel ein dauerhaft intensiver Kon - takt zur Ehefrau und zu den minderjährigen Kindern aufrechterhalten werden kann und wie gerade die jüngsten Kinder ihren Vater unter den 2024 VII/5 Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 42 VII BVGE / ATAF / DTAF aktuellen Umst änden richtig kennenlernen können. Ander erseits bleibt anzumerken, dass der Beschwerdeführer die Trennung von seinem jüngsten (…) Kind bewusst in Kauf genommen hatte. 5.3.7 Bei der Interessenabwägung nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK ist ferner auch von wesentlicher Bedeutung, ob das Familienleben im Heimatland oder anderswo möglich wäre oder ob es unüberwindbare oder wesentliche Hindernisse (« insurmountable or major obstacles ») gibt, die einem ge - meinsamen Familienleben anderswo entgegenstehen (vgl. Ur teil M.A. § 135). Der Beschwerdeführer wurde in der Schweiz als Flüchtling anerkannt. Ei- ne Rückkehr in sein Heimatland Eritrea mit seinen Familienangehörigen und ein dortiges Zusammenleben ist deshalb nicht möglich. Jedoch muss auch in die Beurteilung ein fliessen, ob es dem Beschwerde - führer und seinen Familienmitgliedern zuzumuten ist, das Familienleben in Äthiopien zu führen, oder ob die Familienzusammenführung in der Schweiz das einzige Mittel ist, um das Familienleben mit den in ein Dritt- land geflohen en Familienmitglieder n wieder aufzunehmen (so vom EGMR bejaht in den Urteilen Tanda -Muzinga gegen Frankreich vom 10. Juli 2014, 2260/10, § 74; Mugenzi gegen Frankreich vom 10 . Juli 2014, 52701/09, § 53). Die Familie des Beschwerdeführers ist im September 2018 aus Eritrea aus- gereist und befand sich ab Oktober 2018 in Äthiopien in der Tigray-Region im Flüchtlingscamp Adi Harush. Wie der Beschwerdeführer in seiner Ein- gabe vom 5. Juni 2023 vorgebracht hatte, sei der Familie im Jahr 2022 die Flucht aus der umkämpften Region Tigray gelungen. Das Flüchtlingslager Adi Harush wurde aufgrund des Krieges geschlossen (vgl. UNHCR, Country Summary, 30 . Juni 2023, < https: //reliefweb.int/ attachments/ ce73bd4f-08c7-4b75-a9a9-ea45abaf3054/Ethiopia%20RPRF-11032024. pdf >, zuletzt besucht am 18.06.2024). Gemäss Eingabe vom 5. Juni 2023 soll die Familie nach der Flucht aus der Tigray -Region 2022 in einem Flüchtlingscamp in der Region Amhara ungefä hr zwei Stunden von der Stadt Gondar entfernt gelebt haben. V on seinem Besuch bei der Familie in Äthiopien von Mitte April bis Mitte Mai 2023 legte der Beschwerdeführer der Eingabe zwei Fotos als Beweismittel bei, auf denen er mit der Familie in einem Rest aurant beziehungsweise mit seiner Ehefrau vor mehrstö - ckigen Wohngebäuden abgebildet war. Aufgrund von Zweifeln betreffend die aktuellen Lebensumstände der Familie des Beschwerdeführers in Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 2024 VII/5 BVGE / ATAF / DTAF VII 43 Äthiopien, namentlich ob sich diese nach wie vor in dem besagten Flücht- lingscamp aufhält, wurde dem anwaltlich vertretenen Beschwerdeführer mit Instruktionsverfügung vom 12. April 2024 Frist gesetzt, aktuelle An - gaben zum Aufenthaltsort und zu den Lebensumständen seiner Familie in Äthiopien – insbesondere in Bezug auf di e wirtschaftlichen Verhältnisse und die medizinische Situation der Ehefrau und der vier minderjährigen Kinder C., D., E. und F. sowie der beiden volljährigen Söhne G. und H. – zu machen und entsprechende Beweismittel einzureichen. Innert Frist liess der Be schwerdeführer über seinen Rechtsvertreter mit Eingabe vom 13. Mai 2024 eine Registrierungskarte UNHCR und Lebensmittelkarte einreichen. Zudem wurde mitgeteilt, das UNHCR -Camp, in dem sich die Familienangehörigen des Beschwerdeführers aufhielten, heisse auf Nach- frage beim UNHCR Alemwach. Der Beschwerdeführer sei aktuell bis Ende Mai 2024 bei seiner Familie in Äthiopien zu Besuch. Weitere Nach- weise könnten nicht erbracht werden. Die eingereichte UNHCR -Registrierungskarte datiert von Oktober 2018 und bezieht sich auf die Registrierung im ehemaligen Flüchtlingslager Adi Harush. Dieses Beweismittel hat der Beschwerdeführer bereits zusammen mit der ebenfalls nochmals eingereichten Lebensmittelkarte mit dem zwei- ten Familiennachzugsgesuch vom 19. Dezember 2018 eingereicht ([…]). Mit der – verspätet eingereichten – Parteieingabe vom 17. Juli 2024 räum- te der Beschwerdeführer nun ein, dass seine Familie seit rund einem Jahr in Addis Abeba in einer privaten Wohnung lebe und keine Unterstützung vom UNHCR erhalte. Sein in Kanada lebender Bruder sowie – wo möglich – er selber unterstützten die Familie finanziell. Die beiden er - wachsenen Söhne G. und H. würden in Eritrea Militärdienst leisten und könnten die Familie nicht finanziell unterstützen. Seine Ehefra u leide an Asthma. Sie habe einen Asthmaspray zur Behandlung und es gehe ihr aktuell besser. Weitere Angaben zu den konkreten Lebensumständen der Familie machte er nicht und unterliess es auch, entsprechende Beweis - mittel einzureichen. 5.3.8 Im Spannungsverhältnis zwischen der grundsätzlichen Pflicht der Behörde, den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen festzustel - len (Art. 12 VwVG), und der Mitwirkungspflicht der Partei (vgl. Art. 8 AsylG, Art. 13 VwVG) sind jeweils auch die Beweisnähe beziehungswei- se die Möglichkeiten der Partei zur Beschaffung entsprechender Doku - mente und die vorhandenen behördlichen Abklärungsmöglichkeiten zu be- rücksichtigen (vgl. Urteil des BVGer D -4637/2020 vom 15. August 2022 2024 VII/5 Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 44 VII BVGE / ATAF / DTAF E. 3.4). Die betroffene Partei ist verpflichtet, am Verfahren so mitzuwir- ken, dass die Behörde in die Situation versetzt wird, den Sachverhalt so zu erfassen, dass sie einen Entscheid treffen kann. Der anwaltlich vertretene Beschwerdeführer war im Rahmen der ihm ob - liegenden Mitwirkungspflicht gehalten, s ubstanziierte aktuelle Angaben zum Aufenthaltsort und zu den Lebensumständen seiner Familie in Äthio- pien zu machen und alles Zumutbare zu unternehmen, um entsprechende Beweismittel einzureichen. Dieser Pflicht ist der Beschwerdeführer innert Frist nicht nachgekommen. Mit der verspäteten Eingabe vom 17. Juli 2024 machte der Beschwerde - führer zwar neue Angaben zum Aufenthaltsort der Familie sowie zum Ge- sundheitszustand der Ehefrau, unterliess es jedoch, diese V orbringen mit Beweismitteln zu unterlegen. Selbst wenn es dem Beschwerdeführer auf - grund seines jüngsten Besuchsaufenthalts in Äthiopien im Mai 2024 nicht möglich gewesen sein sollte, innert Frist zu handeln, ist davon auszugehen, dass er – spätestens im Zeitpunkt seiner letzten Eingabe – in der Lage ge- wesen wäre, neue Beweismittel einzureichen. Zwar müssen die Lebensbedingungen in Äthiopien generell nach wie vor als prekär bezeichnet werden, weshalb bei Asylentscheiden zur Bestäti - gung der individuellen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges nach Art. 83 Abs. 4 AIG gemäss konstanter Praxis zur Existenzsicherung genü- gend finanzielle Mittel, berufliche Fähigkeiten sowie ein intaktes Bezie - hungsnetz erforderlich sind (vgl. Referenzurteil des BVGer D -6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.4, in Bestätigung von BVGE 2011/25 E. 8.4). Die rudimentären Angaben des Beschwerdeführers zu den aktuellen Lebensumständen seiner Familie in Äthiopien erschweren eine abschlies - sende Würdigung. Immerhin scheint sich die Familie gemäss eigenen An- gaben des Beschwerdeführers nicht mehr in einem Flüchtlingslager aufzu- halten, sondern seit längerer Zeit in einer Privatwohnung in Addis Abeba zu leben. Auch wenn der Beschwerdeführer im Weiteren geltend macht, seine Familie erhalte keine Unterstützung vom UNHCR, sonde rn sein in Kanada lebender Bruder und – wo möglich – er selber kämen für die Le - benskosten auf, bleiben die konkreten finanziellen Verhältnisse sowie die weiteren Lebensumstände der Familie weitgehend im Dunkeln. Aufgrund der ungenügenden Mitwirkung des B eschwerdeführers an der Erstellung des Sachverhalts ist aber unter diesen Umständen vorliegend davon auszugehen, dass einer Familienvereinigung in Äthiopien keine unüberwindbaren Hindernisse entgegenstehen. Dies gilt auch unter der Familiennachzug bei vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen 2024 VII/5 BVGE / ATAF / DTAF VII 45 Berücksichtigung der aus gesundheitlichen Gründen eingeschränkten Ar- beits- und Erwerbsfähigkeit des Beschwerdeführers.