Abteilung V E-2890/2007/ <ABR > {T 0/2} U r t e i l v o m 2 7 . D e z e m b e r 2 0 0 7 Richterin Therese Kojic (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter Jean-Daniel Dubey, Gerichtsschreiberin Alexandra Püntener. 1. A_______, geboren (...), Russland, 2. B_______, geboren (...), Russland, beide vertreten durch Samuel Häberli, (...) Beschwerdeführerinnen, gegen Bundesamt für Migration (BFM) , Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Vollzug der Wegweisung (Nichteintreten auf ein Wiedererwägungsgesuch); Verfügung des BFM vom 11. April 2007 / N_______ B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i c h t T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i f f é d é r a l T r i b u n a l e a m m i n i s t r a t i v o f e d e r a l e T r i b u n a l a d m i n i s t r a t i v f e d e r a l Besetzung Parteien GegenstandE-2890/2007 Sachverhalt: A. Die Beschwerdeführerin, eine Roma aus C_______ (Kaliningrad), verliess ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge zusammen mit ihrer Tochter B_______ und ihrer Tante (N .../ E-...) am 11. Novem ber 2005 und reiste am 14. November 2005 in die Schweiz ein, wo sie gleichentags um Asyl nachsuchte. Am 21. November 2005 wurde sie im Empfangszentrum Basel summarisch befragt. Am 28. November 2005 folgte eine Direktanhörung durch das Bundesamt gemäss Art. 29 Abs. 4 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31). Die Beschwerdeführerin begründete ihr Asylgesuch im Wesentlichen damit, sie sei von Bekannten ihres Ehemannes, welche sie als Krimi- nelle bezeichnet, wiederholt dazu angehalten worden, Drogen und andere illegale Waren zu verkaufen. Sie hätten auch mit der Ent- führung ihrer Tochter gedroht. Da ihr Ehemann drogenabhängig gewe- sen sei, habe sie von ihm getrennt gelebt. Auch der Ehemann ihrer Tante habe das Haus verlassen. Vor zwei oder drei Monaten sei die Beschwerdeführerin zu Hause vergewaltigt worden. Sie habe bei der Polizei gegen die Täter Anzeige erstattet. Da sie der Meinung gewesen sei, dass die Polizei mit den Kriminellen zusammengearbeitet habe und ihr deswegen nicht helfen würde, habe sie sich zur Ausreise ent- schlossen. Im Weiteren sei sie ungewollt schwanger und leide an He- patitis. Für den Inhalt der weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen. B. Das Bundesamt stellte mit Verfügung vom 2. Dezember 2005 fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es die Wegweisung der Be- schwerdeführerin und ihrer Tochter aus der Schweiz an. Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung im Wesentlichen damit, dass die Vorbringen der Beschwerdeführerin den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nicht standhalten würden, so dass ihre Asylrelevanz nicht geprüft wer- den müsse. Den Vollzug der Wegweisung nach Russland befand die Vorinstanz für zulässig, zumutbar und möglich. Diese Verfügung er- wuchs unangefochten in Rechtskraft. Seite 2E-2890/2007 C. Mit Eingabe vom 1. März 2007 ersuchte die Beschwerdeführerin durch ihre damalige Rechtsvertreterin um Wiedererwägung der Verfügung vom 2. Dezember 2005. Es sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung unzumutbar sei und die Beschwerdeführerin sei in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei- en vorsorgliche Massnahmen anzuordnen, von Vollzugshandlungen sei abzusehen. Zur Begründung ihres Gesuches führte die Beschwer- deführerin an, sie suche seit März 2006 einmal wöchentlich die Bera- tungsstelle D_______ auf, nachdem sie im Durchgangszentrum (...) durch negatives Verhalten gegen sich selber sowie gegen ihre Tante aufgefallen sei. Am 24. November 2006 sei sie psychiatrisch untersucht worden. Zur Stützung ihrer Vorbringen reichte die Be- schwerdeführerin einen ärztlichen Bericht von Dr. med. E_______ vom 14. Dezember 2006, einen Bericht von F_______, Beratungsstelle D_______ vom Dezember 2006 und ei nen Arztbericht von Dr. med. G_______ vom 25. Januar 2007 zu den Akten. D. Mit Verfügung vom 15. März 2007 stellte das BFM fest, das Wiederer- wägungsgesuch sei aussichtslos, und forderte die Beschwerdeführerin auf, einen Gebührenvorschuss in der Höhe von Fr. 1'200.-- einzuzah- len, ansonsten auf das Gesuch nicht eingetreten werde. Dieser Betrag wurde fristgerecht einbezahlt. E. Das Bundesamt trat mit Verfügung vom 11. Ap ril 2007 - eröffnet am 17. April 2007 - auf das Wiedererwägungsgesuch nicht ein und erklär- te die Verfügung vom 2. Dezember 2005 als rechtskräftig und voll- streckbar. Gleichzeitig erhob das BFM eine Gebühr in der Höhe von Fr. 1'200.--, welche durch den geleisteten Gebührenvorschuss gedeckt sei, und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde keine aufschie- bende Wirkung zukomme. Auf die Begründung im Einzelnen wird in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. F. Mit Eingabe vom 23. April 2007 an das Bundesverwaltungsgericht be- antragte die Beschwerdeführerin durch ihren Rechtsvertreter die Auf- hebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zwecks materieller Prüfung. Eventualiter sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung unzumutbar sei, und Seite 3E-2890/2007 es sei der weitere Aufenthalt der Beschwerdeführerin gemäss Art. 44 Abs. 2 AsylG (vorläufige Aufnahme) zu regeln. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren. Im Weiteren sei der Beschwerdeführerin eine Frist zur Einreichung eines Gutachtens der SFH betreffend den Zugang zu medizinischer Behandlung von Roma in Russland zu gewähren. Auf die Begründung im Einzelnen wird, soweit wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. Gleichzeitig wurden zwei Berichte zur Lage der Roma in Russland (Internetausdrucke) als Beweismittel eingereicht. G. Mit Telefax vom 25. April 2007 ersuchte das Bundesverwaltungsgericht die für den allfälligen Wegweisungsvollzug zuständige Behörde um Aussetzung des Vollzuges, bis über vorsorgliche Massnahmen ent- schieden werden könne. H. Mit Zwischenverfügung vom 2. Mai 2007 setzte die zuständige Instruk- tionsrichterin den Vollzug der Wegweisung aus und gestattete der Be- schwerdeführerin, das weitere Verfahren in der Schweiz abzuwarten. Die Beschwerdeführerin wurde aufgefordert, bis am 1. Juni 2007 das in Aussicht gestellte Gutachten sowie eine Entbindungserklärung von der ärztlichen Schweigepflicht einzureichen. Das Gesuch um unent- geltliche Rechtspflege wurde in den Endentscheid verwiesen. I. Am 8. Mai 2007 reichte die Beschwerdeführerin eine Fürsorgebestäti- gung (von ...) ein. J. Mit Eingabe vom 31. Mai 2007 wurde eine Entbindungserklärung von der ärztlichen Schweigepflicht eingereicht. Gleichzeitig wurde um Er- streckung der Frist für die Einreichung des Gutachtens der SFH er- sucht. K. Am 5. Juni 2007 reichte die Beschwerdeführerin ein Gutachten der SFH vom 4. Juni 2007 ("Russische Föderation: Roma-Frauen") zu den Akten. Seite 4E-2890/2007 L. In ihrer Vernehmlassung vom 4. Juli 2007 beantragte die Vorinstanz die Abweisung der Beschwerde. M. Die Beschwerdeführerin nahm in ihrer Replik vom 8. August 2007 dazu ausführlich Stellung. N. Am 13. August 2007 wurde ein Schreiben der im Bericht der SFH erwähnten H_______ nachgereicht. O. Am 13. Dezember 2007 reichte der Rechtsvertreter eine Kostennote ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Ju- ni 2005 (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Das BFM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine Ausnahme, was das Sachgebiet angeht, ist nicht gegeben (Art. 32 VGG). Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beur- teilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet in diesem Be- reich endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bun- desgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Vor- liegend stellt der Entscheid des BFM vom 11. April 2007, gemäss des- sen Dispositiv auf das Wiedererwägungsgesuch der Beschwerdeführe- rin nicht eingetreten wurde, eine Verfügung dar, die mit Beschwerde an das letztinstanzlich zuständige Bundesverwaltungsgericht angefochten werden kann. 1.2 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrich- tige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver- Seite 5E-2890/2007 halts und die Unangemessen heit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2. Die Beschwerde ist form- und fristgerecht eingereicht; die Beschwer- deführerin ist legitimiert (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 48 und 50 ff. VwVG). Auf die Beschwerde ist mithin einzutreten. 3. 3.1 Ein Anspruch auf Wiedererwägung besteht namentlich dann, wenn sich der rechtserhebliche Sachverhalt seit dem ursprünglichen Ent- scheid beziehungsweise seit dem Urteil der mit Beschwerde angerufe- nen Rechtsmittelinstanz (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 21 E. 1c S. 204) in wesentlicher Weise verändert hat und mithin die ursprüngliche (fehlerfreie) Verfügung an nachträglich eingetretene Veränderungen der Sachlage anzupassen ist (vgl. EMARK 2003 Nr. 7 E. 1 S. 42 f.). Ferner können auch Revisionsgründe im Sinne von Art. 66 Abs. 2 VwVG zu einer Wiedererwägung führen, jedoch nur dann, wenn eine unangefochten gebliebene, formell rechtskräftig gewordene Verfügung vorliegt (vgl. EMARK 2003 Nr. 17 E. 2a S. 103 f.) oder, wenn zwar vor- gängig ein Rechtsmittel ergriffen worden war, die Revisionsgründe sich jedoch nicht auf das Zustandekommen des im betreffenden Beschwer- deverfahren ergangenen Prozessurteils, sondern auf die mit Be- schwerde angefochtene Verfügung des Bundesamtes beziehen (vgl. EMARK 1998 Nr. 8 E. 3 S. 53 f.). Auf ein Wiedererwägungsgesuch wird nicht eingetreten, wenn zu des- sen Begründung lediglich unsubstanziierte Behauptungen aufgestellt werden und aus der Rechtsschrift die tatsächlichen Anhaltspunkte, die auf das Vorliegen eines Wiedererwägungsgrundes hindeuten sollen, nicht ersichtlich sind (vgl. EMARK 2005 Nr. 25 E. 4.2 S. 227 f.; 2003 Nr. 7 E. 4a S. 44). Ausserdem fällt eine Wiedererwägung dann nicht in Betracht, wenn lediglich eine neue Würdigung der beim früheren Ent- scheid bereits bekannten Tatsachen herbeigeführt werden soll oder Gründe angeführt werden, die bereits in einem ordentlichen Beschwer- deverfahren gegen die frühere Verfügung hätten geltend gemacht wer- den können (vgl. EMARK 2003 Nr. 17 E. 2b S. 104). Hingegen ist auf ein Gesuch einzutreten, wenn die gesuchstellende Person Tatsachen vorbringt, die an sich geeignet sein könnten, zu einem anderen Ent- Seite 6E-2890/2007 scheid zu führen. Ob sie auch tatsächlich gegeben und auch geeignet sind, im konkreten Fall zu einer anderen Betrachtungsweise zu führen, ist Gegenstand der materiellen Prüfung der Eingabe. 3.2 Prozessgegenstand des vorliegenden Verfahrens ist lediglich die Frage, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Wiedererwägungsgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten ist. Die Beurteilungszustän- digkeit der Beschwerdeinstanz ist somit darauf beschränkt, im Falle der Begründetheit des Rechtsmittels die angefochtene Verfügung auf- zuheben und die Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zu- rückgehen zu lassen (vgl. EMARK 2004 Nr. 34 S. 240 f.). Demnach ist auf den Eventualantrag der Anordnung der vorläufigen Aufnahme we- gen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nicht einzutreten. 4. 4.1 Die Vorinstanz begründete ihren Nichteintretensentscheid im We- sentlichen damit, die Beschwerdeführerin habe ihr Wiedererwägungs- gesuch offensichtlich zu spät eingereicht. Die Frist zur Einreichung ei- nes solchen Gesuchs laufe ab dem Zeitpunkt, in welchem sich die Be- schwerdeführerin aufgrund ihrer psychischen Verfassung in fachkundi- ge Behandlung begeben habe. Sie habe sich ab März 2006 psycholo- gisch beraten lassen und offensichtlich Vertrauen gefasst, womit ihr der Zugang zu fachkundiger Unterstützung im Umgang mit Behörden über die Beratungsstelle offen gestanden hätte. Andererseits habe ihr ihre Tante zur Seite gestanden, die sie ebenfalls zur Mithilfe beim Ein- reichen eines Wiedererwägungsgesuches hätte beiziehen können. Die Beschwerdeführerin habe dies jedoch über Monate unterlassen. 4.2 In der Beschwerdeschrift wird dazu eingewendet, die Beratungs- stelle D_______ sei nicht auf asylrechtliche Belange spezialisiert, weshalb von der zuständigen Psychologin nicht habe erwartet werden können, dass sie die Beschwerdeführerin umgehend an eine Rechts- beratungsstelle verwiesen habe. Ausserdem sei es auch angemessen gewe sen, eine gewisse Zeit abzuwarten, um die Krankheit zu diagnostizieren und deren Verlauf zu beobachten. Schliesslich sei es bei der Suche nach gemeinsamen Terminen zu erheblichen Schwierigkeiten und Verzögerungen gekommen, da diverse Parteien in die jeweiligen Sitzungen involviert gewesen seien (Beratungsstelle, Dolmetscherin, [...]). Deshalb sei das Wiedererwägungsgesuch aus entschuldbaren Gründen erst ein Jahr nach Beginn der Therapie eingereicht worden. Schliesslich habe die Vorinstanz zu Unrecht auf Seite 7E-2890/2007 die Ursache der Beschwerden abgestellt. Massgebend bei der Prüfung von Wegweisungsvollzugshindernissen sei das Bestehen von ge- sundheitlichen Problemen und nicht deren Ursache. Der Beschwerde- führerin seien eine posttraumatische Belastungsstörung sowie eine chronische Hepatitis C attestiert worden, wobei in den Berichten drin- gend eine psychologische Bearbeitung der erlebten Gewalt empfohlen werde. Wegen der Schwere der gesundheitlichen Beschwerden sei auf das Wiedererwägungsgesuch einzutreten. Im Übrigen habe die Vorins- tanz bezüglich der Beschwerdeführerin keinerlei Abklärungen über de- ren Zugang als alleinstehende Roma zur medizinischen Infrastruktur in Russland vorgenommen. Verschiedenen Berichten könne entnommen werden, dass Angehörige der ethnischen Volksgruppe der Roma in Russland massivsten Diskriminierungen von staatlicher und privater Seite ausgesetzt seien. Aus den dargelegten Gründen erscheine das Nichteintreten auf das Wiedererwägungsgesuch als unangemessen. In dem von der Beschwerdeführerin am 5. Juni 2007 eingereichten Gutachten der SFH vom 4. Juni 2007 ("Russische Föderation: Roma- Frauen") wird zur Lage der Roma-Minderheit in der russischen Födera- tion (Lage der Roma-Frauen, Situation in der Kaliningrad-Region), zur Behandlungsmöglichkeit von schwerwiegenden psychischen Proble- men/Zugang zur medizinischen Infrastruktur für allein stehende Roma- Frauen, zur Gefährdung des Gesundheitszustandes und zur Situation nach einer Rückkehr (Beschäftigung, Wohnmöglichkeit, Registrierung, Probleme mit Behörden) ausführlich Stellung genommen. Dabei kommt der Bericht gestützt auf Auskünfte von H_______ - einer Kennerin der Roma-Situation im Kaliningrad-Bezirk - zum Schluss, dass die ehemaligen Einwohnerinnen aus dem Dorf C_______ nach einer Rückkehr in die Russische Föderation eine unsichere und schwierige Zukunft erwarte: Keine Arbeit, keine medizinische Versor- gung, kein Schulzugang für Kinder, ethnische Diskriminierung und Verfolgung durch Gewalttäter und Behörden, wobei die Gefahr einer Vergewaltigung oder Misshandlung durch Angehörige der Mafia oder ehemalige Ehemänner als reales Risiko gelte. 4.3 Die Vorinstanz hielt in ihrer Vernehmlassung an ihrem Standpunkt fest und wies darauf hin, dass die Beschwerdeführerin aufgrund des Besitzes eines Reisepasses und einer Geburtsurkunde für ihre Tochter an ihrem Wohnort registriert gewesen sei. Die Registrierung bleibe auch bei einem Wegzug gültig. Damit habe die Beschwerdeführerin Zugang zu kostenloser psychiatrisch-psychologischer Behandlung in Seite 8E-2890/2007 Kaliningrad. Es könne nicht von einer generellen Diskriminierung der Roma im Gebiet Kaliningrad gesprochen werden. Fahrende Roma sei- en vermehrt Vorurteilen und diskriminierendem Verhalten ausgesetzt. Dies gelte jedoch nicht für sesshafte, vor allem russischstämmige Ro- ma, denen die Beschwerdeführerin angehöre. 4.4 In ihrer Replik hält die Beschwerdeführerin demgegenüber fest, die Vorinstanz habe sich nicht dazu geäussert, ob durch einen Aus- landaufenthalt eine Registration allenfalls verloren gehen könne. Ge- mäss Auskünften der Menschenrechtsorganisation Memorial in Mos- kau würden Personen, die zur Miete wohnten oder nicht Eigentümer des bewohnten Grundstückes seien, ihre Registration verlieren. Zwar sei das Haus der Familie der Beschwerdeführerin nach dem Tod ihrer Grossmutter auf ihre Tante (N ... / E-...) und ihren Onkel überschrieben worden. Jedoch habe die Mafia bereits zur Zeit ihrer Anwesenheit über dieses Haus verfügt. Es sei davon auszugehen, dass die Mafia das Haus dank der weit verbreiteten Korruption unterdessen habe verkaufen können. Schliesslich könne die Vorinstanz ihre Ansicht, wonach nicht von einer generellen Diskriminierung der Roma im Gebiet Kaliningrad gesprochen werden könne, mit keiner Quelle be- legen. Demgegenüber werde im Gutachten der SFH vom 4. Juni 2007 in keiner Weise zwischen "fahrenden Roma" und "sesshaften, rus- sischstämmigen Roma" unterschieden. Dagegen könne dem Bericht eine generelle, gegen die ethnische Volksgruppe der Roma gerichtete Diskriminierung entnommen werden. Schliesslich sei im Falle einer Rückkehr der Beschwerdeführerin in ihr Herkunftsgebiet der dringend benötigte Zugang zu einer medizinischen Infrastruktur nicht gewähr- leistet. 5. Das Bundesverwaltungsgericht hat vorliegend zu prüfen, ob die Vorins- tanz zu Recht und mit zutreffender Begründung auf das Wiedererwä- gungsgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten ist. Insbeson- dere stellt sich die Frage, ob sie das Wiedererwägungsgesuch zu Recht als verspätet bezeichnet hat. 5.1 Nach Lehre und Rechtsprechung unterliegt ein Begehren um Wie- dererwägung wegen nachträglicher Veränderung der Sachlage keiner bestimmten Frist. Für die Frage der zeitlichen Beschränkung eines Wiedererwägungsbegehrens ist jedoch der Grundsatz von Treu und Glauben massgebend (vgl. Praxis der ARK in EMARK 2000 Nr. 5 E. 3g Seite 9E-2890/2007 S. 48f.). Als allgemeiner Rechtsgrundsatz in Art. 5 Abs. 3 BV festge- legt, verbietet dieser Behörden und Privaten rechtsmissbräuchliches und widersprüchliches Verhalten (vgl. EMARK 2003 Nr. 25 E. 3c S. 163 f. mit weiteren Hinweisen). Von Rechtssuchenden verlangt er, Rügen so früh wie möglich nach Kenntnisnahme des Rügegrundes vorzubrin- gen (ALFRED KÖLZ /ISABELLE H ÄNER , Verwaltungsverfahren und Verwal- tungsrechtspflege des Bundes, 2. Aufl., Zürich 1998, Rz. 126). Es stellt sich somit die Frage, ob die Beschwerdeführerin entschuldbare Grün- de dafür vorbringen kann, dass sie das vorliegende Wiedererwägungs- gesuch nicht früher eingereicht hat, oder ob ihr Vorgehen als rechts- missbräuchlich zu qualifizieren ist. 5.2 Wie den zusammen mit dem Wiedererwägungsgesuch vom 1. März 2007 eingereichten Unterlagen entnommen werden kann, suchte die Beschwerdeführerin in Begleitung ihrer Tante (N ... / E-...) erstmals am 21. März 2006 die Beratungsstelle D_______ auf. Dem von dieser Stelle erstellten Bericht von F_______ vom Dezember 2006 kann entnommen werden, dass die Beschwerdeführerin Probleme mit den Nerven habe und immer wieder die Beherrschung verliere. Ihre Tante habe im Durchgangszentrum um Hilfe gebeten, nachdem die Beschwerdeführerin sich selber und die Tante mit einem Küchenmesser bedroht habe. Die Beschwerdeführerin könne sich an solche Attacken nicht erinnern, ausser dass sie in solchen Momenten furchtbare Angst habe. Sie habe erzählt, dass sie als Roma-Kind in der Schule diskriminiert und deshalb zu Hause unterrichtet worden sei. Ihr Vater sei unter ungeklärten Umständen ertrunken. Sie habe nach der Trennung von ihrem Ehemann mit ihrer Mutter gelebt, die nach längerer Krankheit ebenfalls gestorben sei. Danach sei sie wegen einer Krise medikamentös behandelt und auch hospitalisiert worden. Weiter seien sie und ihre Familie mit dem Zusammenbruch der UdSSR wie viele Roma durch Kriminelle erpresst worden, wobei sie als Minderheit keine Unterstützung erhal ten hätten. Die Beschwerdeführerin leide an Angstattacken, in denen sie andere Personen verbal und körperlich angreife oder sich selbst verletze. Dabei habe sie sich mit einem Messer selber verletzt. Die Verantwortung für ihre Tochter habe bisher einen erfolgreichen Suizid- versuch verhindert. Die Beschwerdeführerin habe erst nach mehreren Terminen über ihre Gefühle erzählt und habe Angst, in eine psychiatri- sche Klinik eingewiesen zu werden. Daher hätten sie und ihre Tante versucht, ihren Zustand vor den Angestellten des Durchgangszent- rums und gegenüber dem Hausarzt zu verschweigen. Erst nachdem Seite 10E-2890/2007 ihre Tante die Situation nicht länger ertragen habe, habe diese um Un- terstützung ersucht. Die Beschwerdeführerin habe gegenüber Behör- den und offiziellen Stellen ein tief verwurzeltes Misstrauen. Deshalb habe es sie grosse Überwindung gekostet, ihre juristischen Möglich- keiten gegen ihre Abweisung prüfen zu lassen. Im Übrigen sei ihre Schwangerschaft aus ihrer Vergewaltigung auf ihren Wunsch nach ih- rer Ankunft in der Schweiz unterbrochen worden. Die Beschwerdefüh- rerin sei dringend auf eine psychologische Bearbeitung angewiesen. Ohne angemessene Behandlung sei mit einer Verstärkung und Chroni- fizierung ihrer Beschwerden zu rechnen. Im ärztlichen Bericht von Dr. med. E_______ vom 14. Dezember 2006 wurde der Beschwerdeführerin eine posttraumatische Belas- tungsstörung bei einfach strukturierter Persönlichkeit attestiert und auf die Behandlung bei F_______verwiesen. Im ärztlichen Bericht von Dr. med. G_______ vom 25. Januar 2007 wurde bei der Beschwerdeführerin eine chronische Hepatitis C festgestellt, wobei diesbezüglich keine Behandlungsdringlichkeit be- stehe. 5.3 Aufgrund der Aktenlage kann davon ausgegangen werden, dass sich der psychische Zustand der Beschwerdeführerin offenbar erst ab Frühjahr 2006 verschlechtert hat. Ihre Angst vor einer Zwangseinwei- sung in eine psychiatrische Klinik hinderte sie lange daran, darüber zu sprechen. Bei den anschliessenden Beratungsterminen berichtete die Beschwerdeführerin wegen Verschlossenheit und ihres starken Miss- trauens erst nach mehreren Sitzungen über ihre Befindlichkeit. Im ärzt- lichen Bericht von Dr. med. E_______ vom 14. Dezember 2006 und im Bericht von F_______ von Dezember 2006 wurden die psychischen Leiden der Beschwerdeführerin erstmals erwähnt respektive diagnostiziert und auf deren dringende Behandlungsbedürftigkeit hingewiesen. Das Wiedererwägungsgesuch datiert vom 1. März 2007 und wurde somit nach weniger als drei Monaten eingereicht. Dass die Beschwerdeführerin nicht bereits zu Beginn ihrer Behandlung ein solches eingereicht hat, kann ihr entgegen der Auffassung der Vor- instanz nicht zum Vorwurf gemacht werden. Vielmehr darf, wie in der Beschwerde zu Recht ausgeführt worden ist, davon ausgegangen wer- den, dass es eine gewisse Zeit brauchte, um die Krankheit der Be- schwerdeführerin zu diagnostizieren und deren Verlauf abschätzen zu Seite 11E-2890/2007 können sowie geeignete Beweismittel für das Wiedererwägungsge- such zu beschaffen. 5.4 Den vorliegenden Akten kann schliesslich entnommen werden, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin seit Ab- schluss des ordentlichen Asylverfahrens deutlich verschlechtert hat. So kam es zwischen ihr und ihrer Tante aufgrund ihrer psychischen Belastung zu immer häufigeren Auseinandersetzungen. Nachdem die Beschwerdeführerin ihre Tante mit einem Messer bedroht hatte, woran sie sich später nicht mehr habe erinnern können, bat die Tante beim Durchgangszentrum respektive bei der Beratungsstelle um Unter- stützung. Am 24. November 2006 wurde sie erstmals psychiatrisch un- tersucht. Unter diesen Umständen gelangt das Bundesverwaltungsge- richt vorliegend zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin in ihrem Wiedererwägungsgesuch das Vorliegen einer nachträglich massgeb- lich veränderten Sachlage genügend substanziiert vorgebracht hat. Das BFM wäre deshalb gehalten gewesen, auf das Wiedererwägungs- gesuch einzutreten und dieses einer materiellen Prüfung zu unterzie- hen. 6. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorinstanz zu Unrecht auf das Wiedererwägungsgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten ist und damit Bundesrecht verletzt hat (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Be- schwerde ist somit hinsichtlich des Begehrens um Aufhebung der vor- instanzlichen Verfügung gutzuheissen, die angefochtene Verfügung des BFM vom 11. April 2007 aufzuheben und die Sache zur materiel- len Prüfung an die Vorinstanz zurückzuweisen. 7. 7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gegenstandslos. 7.2 Der Beschwerdeführerin ist in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG sowie Art. 7 des Reglementes über die Kosten und Entschädi- gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom 11. Dezember 2006 (VGKE, SR 173.320.2) für die ihr erwachsenen notwendigen und ver- hältnismässig hohen Kosten eine Parteientschädigung zuzusprechen. Der Rechtsvertreter weist in seiner Kostennote vom 13. Dezember Seite 12E-2890/2007 2007 für das vorliegende Beschwerdeverfahren einen Aufwand von insgesamt Fr. 580.-- aus. Dieser Aufwand erscheint aufgrund der Ak- tenlage als angemessen. Das BFM ist demnach anzuweisen, der Be- schwerdeführerin eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 580.-- auszurichten. (Dispositiv nächste Seite) Seite 13E-2890/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird - soweit darauf eingetreten wird - gutgeheissen und die Verfügung des BFM vom 11. April 2007 wird aufgehoben. 2. Die Sache wird im Sinne der Erwägungen zur materiellen Beurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Das BFM hat der Beschwerdeführerin für das Verfahren vor dem Bun- desverwaltungsgericht eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 580.-- auszurichten. 5. Dieses Urteil geht an: - den Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin (eingeschrieben) - die Vorinstanz, Abteilung Aufenthalt und Rückkehrförderung, mit den Akten (Ref.-Nr. N_______; Kopie) - (Kanton) Die Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Therese Kojic Alexandra Püntener Versand: Seite 14