B u n d e s v e r w a l t u n g s g e r i ch t T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T ri b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T ri b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung IV D-8123/2024 U r t e i l v o m 9 . J a n u a r 2 0 2 5 Besetzung Einzelrichterin Nina Spälti Giannakitsas, mit Zustimmung von Richterin Contessina Theis; Gerichtsschreiber Linus Sonderegger. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch Lea Hungerbühler, Rechtsanwältin, substituiert durch MLaw Michael Meyer, beide AsyLex, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (sicherer Drittstaat - Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG); Verfügung des SEM vom 17. Dezember 2024. D-8123/2024 Seite 2 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer suchte am 22. September 2024 in der Schweiz um Asyl nach und gab dabei an, minderjährig zu sein. B. Ein Abgleich der Fingerabdruck-Datenbank (Eurodac) ergab, dass der Be- schwerdeführer am 19. Januar 2024 in Griechenland um Asyl ersucht hatte und ihm Griechenland am 21. März 2024 Schutz gewährt hatte. C. Am 26. September 2024 ersuchte das SEM die griechischen Behörden gestützt auf das Abkommen vom 28. August 2006 zwischen dem Schwei- zerischen Bundesrat und der Regieru ng der Hellenischen Republik über die Rückübernahme von Personen mit irregulärem Aufenthalt (SR 0.142.113.729) um Rückübernahme des Beschwerdeführers. D. Am 30. September 2024 stimmten die griechischen Behörden dem Rück- übernahmeersuchen zu. E. Am 7. Oktober 2024 wurde eine Erstbefragung für unbegleitete minderjäh- rige Asylsuchende durchgeführt und dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu einem Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31 a Abs. 1 Bst. a AsylG (SR 142.31) und zu einer Wegweisung nach Griechenland gewährt. Der Beschwerdeführer machte im Wesentlichen geltend, dass er in Grie- chenland unter sehr schlechten Bedingungen, mehrheitlich auf der Strasse gelebt und keine medizinische Versorgung erhalten habe. Er habe sich er- folglos bei einer NGO um Unterstützung bemüht. Eine Arbeit habe er aus sprachlichen Gründen nicht finden können. In gesundheitlicher Hinsicht brachte er vor, dass er (…) habe und es ihm psychisch nicht gut gehe. F. Am 21. Oktober 2024 reichte der Beschwerdeführer eine Zuweisung zur medizinischen Abklärung vom 14. Oktober 2024 mit Rückmeldung vom 17. Oktober 2024 und einen Arztbericht vom 1. Oktober 2024 zu den Akten. Gemäss Bericht habe der Beschwerdeführer einen (…) gemacht und es werde empfohlen, sein (…) zu röntgen. D-8123/2024 Seite 3 G. Am 24. Oktober 2024 beauftragte das SEM das Institut für Rechtsmedizin (…) mit der Durchführung einer forensischen Altersabklärung. D ie Alters- abklärung vom 29. Oktober 2024 kam zum Schluss, dass der Besch wer- deführer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit volljährig sei. Mit Schreiben vom 12. November 2024 nahm der Beschwerdeführer zur Altersabklärung Stellung und hielt an seiner Minderjährigkeit fest. H. Am 12. November 2024 passte das SEM im Zentralen Migrationsinforma- tionssystem (ZEMIS) das Geburtsdatum des Beschwerdeführers an und versah die Eintragung mit einem Bestreitungsvermerk. I. Am 13. November 2024 reichte der Beschwerdeführer eine Zuweisung zur medizinischen Abklärung und einen Arztbericht vom 28. Oktober 2024 so- wie einen Verlaufsbericht der (…) zu den Akten. Gemäss Arztbericht leidet der Beschwerdeführer an einer (…). Ferner wäre ein MRT des (…) nötig. Gemäss Verlaufsbericht besteht beim Beschwer- deführer der Verdacht auf eine mittelgradige depressive Episode. J. Am 15. November 2024 beantwortete die Pflege abteilung des Bundes - asylzentrums (Medic-Help) eine Anfrage des SEM. K. Am 20. November 2024 fand ein aktualisierter Verlaufsbericht der (…) Ein- gang in die Akten. L. Am 16. Dezember 2024 nahm der Beschwerdeführer zum Entscheident- wurf des SEM vom 12. Dezember 2024 Stellung. M. Mit Verfügung vom 17. Dezember 2024 – eröffnet am selben Tag – trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. D-8123/2024 Seite 4 Das SEM begründete seine Verfügung damit, dass der Beschwerdeführer aufgrund der vorliegenden Indizien als volljährig zu gelten habe. Der in Ko- pie eingereichten Tazkira könne nur ein sehr beschränkter Beweiswert bei- gemessen werden. In Griechenland sei er ferner mit dem Geburtsdatum 1. Januar 2001 erfasst worden, was der Beschwerdeführer damit erklärt habe, nicht sein richtiges Alter genannt zu haben, da er erwartet habe, als Minderjähriger keine Reisedokumente zu erhalten. Folglich setze er offen- bar unwahre Angaben über sein Alter strategisch ein und seine Erklärung überzeuge nicht, da auch minderjährige Personen in Griechenland bei Er- halt eines Schutztitels Identitätsdokument erhalten würden. Schliesslich sei die medizinische Altersabklärung – die von einem Mindestalter von (…) ausgehe – als starkes Indiz für die Volljährigkeit zu werten. Der Beschwerdeführer sei in Griechenland als Flüchtling anerkannt und die griechischen Behörden hätte seiner Rückübernahme zugestimmt. Auf das Asylgesuch sei folglich nicht einzutreten. Zu den Vollzugshindernissen erwog das SEM, dass sich Personen mit Schutzstatus in Griechenland auf die Garantien in der Richtlinie 2011/95/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Dezem- ber 2011 (Qualifikationsrichtlinie) berufen könnten, wonach sie griechi- schen Bürgerinnen und Bürgern gleichgestellt seien in Be zug auf Sozial- leistungen, Zugang zu Gerichten und öffentlicher Schulunterricht respek- tive gleichgestellt seien mit anderen Ausländern und Ausländerinnen, bei- spielsweise in Bezug auf Erwerbstätigkeit oder die Gewährung von Unter- kunft. Unterstützungsleistungen und weitere Rechte müssten direkt bei den zuständigen Behörden eingefordert werden, falls notwendig auf dem Rechtsweg. Zudem stehe dem Beschwerdeführer die Möglichkeit offen, sich ergänzend um Hilfe an eine der vor Ort tätigen Hilfsorganisationen zu wenden. Seinen Ausführungen zufolge habe er sich einmalig an ein nicht näher benanntes Büro einer NGO gewandt, jedoch die Bemühungen um Unterstützung eingestellt, nachdem er weiterverwiesen worden sei. Der Beschwerdeführer könne sich nach seiner Rückkehr in zumutbarer Weise darum bemühen, in die vor Ort vorhandenen Unterstützungsprogramme aufgenommen zu w erden. Eine Garantie auf eine Arbeitsstelle bestehe auch in Griechenland nicht. Mögliche Hindernisse, so etwa hinsichtlich be- stehender Sprachbarrieren, würden bei zumutbarer Eigeninitiative nicht unüberwindbar erscheinen. Die medizinische Versorgung in Griechenland (inkl. allfälliger psychologischer resp. psychiatrischer Behandlungsmög- lichkeiten) für Personen mit Schutzstatus sei gewährleistet. Die medizini- schen Beschwerden seien nicht derart spezifisch, als dass diese nicht auch D-8123/2024 Seite 5 in Griechenland behandelt w erden könnten. Dem Beschwerdeführenden sei es nicht gelungen, die Legalvermutung, wonach eine Rückkehr nach Griechenland grundsätzlich zumutbar sei, zu widerlegen. N. Am 24. Dezember 2024 legte die zugewiesene Rechtsvertretung ihr Man- dat nieder. O. Mit Eingaben seines neu mandatierten Rechtsvertreters vom 24. Dezem- ber 2024 erhob der Beschwerdeführer Beschwerde beim Bundesverwal- tungsgericht und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, verbunden mit der Feststellung der Minderjährigkeit und einem Eintreten auf das Asylgesuch. Eventualiter sei eine vorläufige Aufnahme anzuord- nen. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu- rückzuweisen. Eventualiter seien bei den griechischen Behörden spezifi- sche Garantien betreffend Unterbringung und medizinische Versorgung einzuholen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung. Der Beschwerdeführer machte im Wesentlichen geltend, dass das SEM den medizinischen Sachverhalt nicht hinreichend erstellt habe. So habe es das SEM insbesondere unterlassen, die Schlafstörungen und den Str ess sowie deren Auswirkungen auf die (…) des Beschwerdeführers vertieft ab- zuklären. Nur nach einer entsprechenden Konsultation wäre es ferner mög- lich gewesen, die psychologisch-psychiatrische Situation im Detail zu ana- lysieren. Schliesslich habe es die Vorinstanz unterlassen, die konkrete Si- tuation des Beschwerdeführers vor Ort in Griechenland hinreichend zu analysieren und zu würdigen. In materieller Hinsicht wandte er ein, dass es sich beim Beschwerdeführer aufgrund der gravierenden gesundheitlichen Beein trächtigungen um eine besonders vulnerable Person handle. Die Situation in Griechenland für Personen mit Schutzstatus sei sehr schlecht. Schutzberechtigte seien be- züglich Unterkunft auf den freien Wohnungsmarkt angewiesen, da der Staat weder Wohnraum zur Verfügung stelle noch Unterstützung anbiete. Nichtregierungsorganisationen würden nur in geringem Umfang Wohn - raum anbieten, weshalb es höchst unwahrscheinlich sei, einen Platz zu finden. Der Zugang zum Arbeitsmarkt gestalte sich für Schutzberechtigte D-8123/2024 Seite 6 im Vergleich zu Griechinnen und Griechen wesentlich schwieriger. In der Praxis seien die wenigsten Schutzberechtigten in der Lage, die Vorausset- zungen für den Erhalt von Sozialleistungen zu erfüllen. Psychologische und psychiatrische Angebote für Schutzberechti gte würden gänzlich feh- len. Bei einer Rückkehr bestehe die Gefahr gravierender Mensch enrechtsver- letzungen, wie mangelnde Unterkunft, fehlender Zugang zu medizinischer Unterstützung sowie nicht genügende Nahrungsmittelversorgung. Der Be- schwerdeführer sei derzeit derart angeschlagen, dass es ihm nicht möglich sei, selbständig seine Rechte einzufordern und vollumfänglich für sich zu sorgen. Er sei dringend auf ein stabiles Umfeld mit jederzeitigem Zugang zu psychiatrischer Unterstützung angewiesen. P. Die vo rinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am 27. Dezember 2024 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt ni cht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3 Die Beschwerde ist frist - und formgerecht eingereicht worden. Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legiti miert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. D-8123/2024 Seite 7 1.4 Gemäss den Beschwerdeanträgen und der entsprechende n Begrün- dung beschränkt sich die vorliegende Beschwerde auf den asylrechtlichen Nichteintretensentscheid des SEM. Eine Berichtigung des ZEMIS -Eintra- ges wird demgegenüber nicht beantragt. 2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus- länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). 3. 3.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Beg ründetheit hin zu überprüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer- deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). 3.2 Hinsichtlich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb das Bundesverwaltungsgericht diese Punkte insoweit ohne Einschränkung prüft. 4. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei- ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste- hend aufgezeigt wird, handelt es sich um ein solches Rechtsmittel, weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 5. Der Beschwerdeführer hat im Sinne eines Eventualbegehrens die Rück- weisung der Sache an die Vorinstanz zu weiteren Sachverhaltsabklärun- gen beantragt. Vor dem Hintergrund der nachfolgenden Erwägungen ist jedoch von einem in entscheidrelevanter Hinsicht bereits hinreichend er- stellten Sachverhalt auszugehen, weshalb das Gericht in der Sache zu ent- scheiden hat (Art. 61 Abs. 1 VwVG). 6. D-8123/2024 Seite 8 6.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch in der Regel nicht eingetreten, wenn die asylsuchende Person in einen nach Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückkehren kann, in welchem sie sich vorher aufgehalten hat. 6.2 Bei Griechenland als Mitgliedstaat der EU handelt es sich um einen sicheren Drittstaat im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG. Den vorin - stanzlichen Akten ist sodann zu entnehmen, dass dem Beschwerdeführer in Griechenland internationaler Schutz gewährt worden ist und die griechi- schen Behörden seiner Rückübernahme ausdrücklich zugestimmt haben. Demnach sind die Voraussetzungen für einen Nichteintretensentscheid grundsätzlich gegeben. 6.3 Die Vorinstanz ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31 a Abs. 1 Bst. a AsylG nicht auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. 7. Tritt die Vorinstanz auf ein Asylgesuch nicht ein, so verfügt sie in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt in der Schweiz weder über eine aus- länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er- teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeord- net (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4.; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). 8. Im Folgenden ist zu prüfen, ob es Gründe gibt, die dem Vollzug der Weg- weisung des Beschwerdeführers nach Griechenland entgegenstehen. Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht mög- lich, so regelt die Vorinstanz das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz- lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (im Sinne von Art. 44 [zweiter Satz] AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 2-4 AIG [SR 142.20]). 9. 9.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz (insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkom- mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30], Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. De- zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er- niedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) D-8123/2024 Seite 9 einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). 9.2 Gemäss Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG besteht zugunsten sicherer Dritt- staaten die Vermutung, dass diese ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen, darunter im Wesentlichen das Refoulement -Verbot und grundlegende menschenrechtliche Garantien, einhalten (vgl. statt vieler Urteil des BVGer E-4040/2021 vom 7. Oktober 2021 E. 9.3). 9.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in seinem Referenzurteil E-3427/2021, E-3431/2021 vom 28. März 2022 einlässlich mit der Situation in Griechenland auseinandergesetzt und an seiner bisherigen Rechtspre- chung festgehalten, wonach der Vollzug der Wegweisung nach Griechen- land für Personen, die dort einen Schutzstatus erhalten haben, grundsätz- lich zulässig ist. Das Gericht geht nicht von einer Situation aus, in der jeder Person mit Schutzstatus in Griechenland eine unangemessene und ernied- rigende Behandlung im Sinne einer Verletzung von Art. 3 EMRK drohen würde. Trotz existierender Schwachstellen kann dieser Praxis entspre- chend und entgegen den Beschwerdevorbringen nicht von einem dysfunk- tionalen Aufnahmesystem gesprochen werden. Gewisse Angebote existie- ren in Griechenland, die auch für Schutzberechtigte offenstehen, wenn auch die Kapazitäten kaum ausreichend sein dürften und diese bisher vor allem von internationalen Akteuren in Zusammenarbeit mit der lokalen Zi- vilgesellschaft erbracht und finanziert werden. Es ist unbestritten, dass die Lebensbedingungen in Griechenland schwierig sind; dennoch ist im heuti- gen Zeitpunkt nicht von einem «real risk» auszugehen, dass Rückkehren- den mit Schutzstatus dort eine völkerrechtswidrige Behandlung droht. Diese Regelvermutung kann im Einzelfall umgestossen werden, wobei es der betroffenen Person obliegt, ernsthafte Anhaltpunkte dafür vorzubrin- gen, dass die griechischen Behörden im konkreten Fall das Völkerrecht verletzen, ihr nicht den notwendigen Schutz gewähren oder sie menschen- unwürdigen Lebensumständen aussetzen würden (vgl. Referenzurteil E-3427/2021, E-3431/2021 vom 28. März 2022 E. 11.4). 9.4 Dem Beschwerdeführer ist es vorliegend nicht gelungen, die Regelver- mutung der Zulässigkeit umzustossen. Dabei kann auf die zutreffenden Er- wägungen der Vorinstanz verwiesen werden, wonach anzunehmen ist, dass der Beschwerdeführer bei zumutbaren Anstrengungen in der Lage sein sollte, die ihm zustehenden Rechte einzufordern. Dass er – wie in der Beschwerdeschrift behaupte t – aufgrund seiner derzeitigen gesund -D-8123/2024 Seite 10 heitlichen Verfassung dazu nicht in der Lage sein solle, ergibt sich aus den Akten nicht, zumal die diagnostizierte (…) und der Verdacht auf eine mit- telgradige depressive Episode sowie die nicht weiter spezifizierten (…) als zu wenig gravierend anzusehen sind, insbesondere auch deshalb, da von einer adäquaten Behandelbarkeit in Griechenland auszugehen ist (vgl. dazu auch nachfolgend Erwägung 10.3). Weitere medizinische Leiden, ins- besondere die in der Beschwerdeschrift erwähnte (…), sind – trotz mehr- maliger ärztlicher Konsultationen – nicht aktenkundig. Die diagnostizierten medizinischen Leiden sind überdies offensichtlich auch nicht als derart gravierend zu bezeichnen, als dass sie die Schwelle für eine Verletzung von Art. 3 EMRK erreichen könnten. Sie sind daher un- ter dem Aspekt der Zumutbarkeit zu prüfen. 10. 10.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret ge- fährdet sind. 10.2 Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht die Vermutung, dass eine Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist (vgl. Referenzurteil E-3427/2021, E-3431/2021 vom 28. März 2022 E. 11.3). Die Legalvermutung der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung gilt be- treffend Griechenland selbst für vulnerable Personen, wie zum Beispiel Personen, die an gesundheitlichen Problemen leiden, die nicht als schwer- wiegende Erkrankung einzustufen sind (vgl. ebd. E. 11.5.1). Auch diese Vermutung kann im Einzelfall umgestossen werden, wobei es wiederum der betroffenen Person obliegt, ernsthafte Anhaltpunkte dafür vorzubringe, dass sie in Griechenland aufgrund von individuellen Umstän- den sozialer, wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art in eine existenzielle Notlage geraten würde (vgl. ebd. E. 11.4). Nicht aufrechterhalten wurde im genannten Urteil die Legalvermutung der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung bei Personen, wel che auf- grund ihrer besonders hohen Verletzlichkeit im Fall einer Rückkehr nach Griechenland Gefahr laufen, dauerhaft in eine schwere Notlage zu geraten, weil sie nicht in der Lage sind, aus eigener Kraft die ihnen zustehenden Rechte vor Ort einzufordern. In solchen Fällen setzt die Annahme der Zu- mutbarkeit das Vorliegen besonders begünstigender Umstände voraus und D-8123/2024 Seite 11 die Vorinstanz ist gehalten, vertiefte Abklärungen vorzunehmen (vgl. ebd. E. 11.5.3). Das SEM qualifizierte den Beschwerdeführer implizit zu Recht nicht als be- sonders vulnerable Person. So lässt sich aus den in den Akten liegenden medizinischen Dokumenten keine besondere Vulnerabilität ableiten. Das SEM hat den Beschwerdeführer überdies zu Recht für volljährig erachtet. In diesem Punkt kann auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen wer- den, welchen in der Beschwerde keine Entgegnungen gemacht wurden. 10.3 Da der Beschwerdeführer nicht als äusserst vulnerable Person im Sinne des Referenzurteils einzustufen ist, müsste er die gesetzliche Ver- mutung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs umstossen. Dies ist ihm nicht gelungen. Das Gericht erachtet es zwar als glaubhaft, dass der Beschwerdeführer in Griechenland unter schwierigen Bedingungen gelebt hat. Praxisgemäss ist es ihm aber zuzumuten, sic h um eine Arbeit zu be- mühen und sich für eine Unterkunft, eine etwaige medizinische Versorgung sowie Sozialleistungen an die entsprechenden Stellen zu wenden und im Bedarfsfall seine Rechte einzufordern sowie nötigenfalls die unentgeltliche Hilfe der zahlr eich vorhandenen Nichtregierungsorganisationen in An- spruch zu nehmen. Die beim Beschwerdeführer bestehenden medizini- schen Leiden – insbesondere die mittelgradige depressive Episode – sind in Griechenland adäquat behandelbar (vgl. etwa Urteil des BVGer D-5272/2024 vom 12. November 2024 E. 6.4.3). 10.4 Bei dieser Sachlage besteht kein Anlass zur Einholung individueller Garantien die adäquate Unterbringung sowie den Zugang zu medizinischer Behandlung betreffend (vgl. statt vieler Urteil des BVGer E-319/2021 vom 27. Januar 2021 E. 5.5), weshalb der eventualiter gestellte Antrag, der auf die Einholung solcher Garantien gerichtet ist, abzuweisen ist. 11. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich auch als möglich (Art. 83 Abs. 2 AIG), nachdem die griechischen Behörden einer Rückübernahme des Be- schwerdeführers ausdrücklich zugestimmt haben. 12. Zusammenfassend kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug nach Griechenland zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnete, weshalb die Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht fällt (Art. 83 Abs. 1-4 AIG). D-8123/2024 Seite 12 13. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so- wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG und Art. 49 VwVG ) und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen. 14. 14.1 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist ungeachtet der geltend gemachten prozessualen Bedürftigkeit abzuwei- sen, da sich die Beschwerdebegehren entsprechend den vorstehenden Er- wägungen von vornherein als aussichtslos erwiesen haben. 14.2 Demzufolge sind die Verfahrenskosten dem Beschwerdeführer aufzu- erlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent- schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite) D-8123/2024 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird ab- gewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden dem Beschwerdeführer aufer- legt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Linus Sonderegger Versand: