B u n d e s v e rw a l t u n g s g e r i ch t T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i f f éd é r a l T r i b u n a l e am m i n i s t r a t i vo f e d e r a l e T r i b u n a l ad m i n i s t r a t i v fe d e r a l Abteilung V E-1366/2019 U r t e i l v o m 2 9 . A p r i l 2 0 1 9 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richter Gregor Chatton, Richterin Christa Luterbacher, Gerichtsschreiberin Patricia Petermann Loewe. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, vertreten durch Derya Özgül, (…), Beschwerdeführer, gegen Staatssekretariat für Migration (SEM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin- Verfahren; Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid); Verfügung des SEM vom 11. März 2019 / N (…). E-1366/2019 Seite 2 Sachverhalt: A. A.a Gemäss eigenen Angaben reiste der Beschwerdeführer am (…) 2018 zunächst in Deutschland und am 7. Februar 2018 in die Schweiz ein, wo er am gleichen Tag um Asyl nachsuchte und per Zufallsprinzip der Test- phase des Verfahrenszentrums Zürich zugewiesen wurde. Anlässlich eines persönlichen Gesprächs vom 19. Februar 2018 wurde dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichtein- tretensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Deutschland gewährt, welches gemäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi- schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü- fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständ ig ist (Dublin-III-VO), grundsätzlich für die Behandlung seines Asylgesuchs zu- ständig sei. Dabei brachte er vor, die Schweiz gebe an, die Gesetze zu respektieren; wenn nun Deutschl and der Übernahme zustimm e und die Schweiz diese ablehne, würde dies keinen Sinn ergeben (A14). A.b Am 21. Februar 2018 ersuchte das SEM die deutschen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO. Dieses Gesuch wurde am 8. März 2018 abgewiesen. A.c Am 16. März 2018 folgte im Rahmen eines Remonstrationsverfahrens ein erneutes Ersuchen durch die Schweiz, welches am 26. April 2018 von den deutschen Behörden gutgeheissen wurde. A.d Im Rahmen seiner Stellungnahme vom 2. Mai 2018 zum E ntscheid- entwurf des SEM erklärte der Beschwerdeführer sein Einverständnis hin- sichtlich seiner Überstellung nach Deutschland, denn es spiele für ihn keine Rolle, ob Deutschland oder die Schweiz für sein Asylverfahren zu- ständig sei (A29). A.e Mit Verfügung vom 3. Mai 2018 trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Be- schwerdeführers nicht ein und verfügte seine Überstellung nach Deutsch- land, welches gemäss Dublin -III-VO für die Behandlung seines Asylge- suchs zuständig sei. E-1366/2019 Seite 3 A.f In seiner Beschwerde vom 14. Mai 2018 an das Bundesverwaltungs- gericht brachte der Beschwerdeführer unter anderem vor, seine Ehefrau habe mit dem gemeinsamen Sohn (N […]) am (…) 2018 (recte: (…) 2018) am Flughafen Zürich um Asyl nachgesucht. Gestützt auf die Dublin-III-VO, welche die Familiene inheit bewahren woll e, sei nun die Schweiz für die Verfahren von allen Familie nmitgliedern zuständig. Entsprechend hätten sie eine Einwilligungserklärung zur Aufrechterhaltung der Familieneinheit unterzeichnet (A35). A.g Mit Verfügung des Bundesverwaltungsgerichts im Beschwerdeverfah- ren E -2794/2018 vom 16. Mai 2018 wurde unter anderem die aufschie- bende Wirkung der Beschwerde hergestellt, weshalb das SEM am 17. Mai 2018 die deutschen Behörden darüber informierte, dass die Überstellungs- frist nach Art. 29 Abs. 1 Dublin-III-VO erst nach dem zu erwartenden Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zu laufen beginne. A.h Im Rahmen des Schriftenwechsels gewährte das SEM dem Beschwer- deführer (und seiner Ehefrau) das rechtliche Gehör bezüglich einer Über- stellung der Familie nach Deutschland. Eine ausbleibende Zustimmung zur Durchführung des Verfahrens in Deutschland, so das SEM, käme einem Verzicht auf die Familieneinheit im Sinne der Dublin -III-VO sowie auf ihre Rechte aus Art. 8 EMRK gleich. Mit Stellungnahme vom 30. Juni 2 018 wurde daran erinnert, dass der Beschwerdeführer und seine Ehefrau ihr Einverständnis zur Aufrechterhaltung der Familieneinheit in der Schweiz bereits gegeben hätten; eine weitere Einwilligung sei – weil die Zuständig- keit von Deutschland bestritten werde – überflüssig. A.i Mit Urteil E-2794/2018 vom 2. August 2018 bestätigte das Bundesver- waltungsgericht die Zuständigkeit Deutschlands für die Prüfung des Ge- suchs um internationalen Schutz des Beschwerdeführers und wies die Be- schwerde entsprechend ab. Am 13. August 2018 erteilte die Ehefrau ihr Einverständnis für eine Überstellung nach Deutschland, falls dieses Land für die gesamte Familie zuständig sei. B. Mit Verfügung vom 13. Dezember 2018 trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf die Asylgesuche der Ehefrau und des ge- meinsamen Sohnes nicht ein und verfügte deren Überstellung nach Deutschland, welches gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung der Asyl- gesuche zuständig sei. Gegen diese Verfügung wurde am 24. Dezember E-1366/2019 Seite 4 2018 Beschwerde beim Bundes verwaltungsgericht erhoben. Dieses Ver- fahren wird unter der Nummer E-7343/2018 geführt. C. Gemäss Bericht der Kantonspolizei Zürich vom 30. Januar 2019 sei der Beschwerdeführer am gleichen Tag um 5.00 Uhr morgens nicht in der Un- terkunft in B._______ angetroffen worden, als er für die Überstellung hätte zum Flughafen gebracht werden sollen. Gemäss Heimleitung sei er um 10.00 Uhr zurückgekehrt (A59 und A63). Auch am 30. Januar 2018 mel- dete das zuständige Migrationsamt dem SEM das Verschwinden des Be- schwerdeführers (A58), welches am selben Tag die deutschen Behörden um Verlängerung der Überstellungsfrist auf 18 Monate ersuchte (A56 f.). D. Mit Schreiben vom 11. Februar 2019 teilte die Rechtsvertreterin dem SEM mit, dass die Schweiz für die Prüfung des Asylverfahrens des Beschwer- deführers zuständig sei, weil dieser nicht innerhalb der Frist von sechs Mo- naten seit dem Urteil vom 2. August 2018 überstellt worden sei. E. Mit Schreiben vom 14. Februar 2019 an das SEM rügte die Rechtsvertre- terin, dass sie keine Verfügung der Vorinstanz erhalten habe, wonach diese die deutschen Behörden ersucht habe, die Überstellungsfrist zu verlän- gern. Folglich sei ihr eine anfechtbare Verfügung zuzustellen. Des Weite- ren teilte sie mit, dass der Beschwerdef ührer sich nie einer Überstellung widersetzt habe. So habe er am 29. Januar 2019, nach einem Streit mit seiner Ehefrau, sein Zimmer spät abends verlassen, weshalb er am 30. Ja- nuar 2019 um 5.00 Uhr morgens dort nicht angetroffen worden sei, als die Kantonspolizei ihn zwecks Überstellung habe abführen wollen. Doch eine als Beweismittel eingereichte Liste über seine Meldepflicht zeige, dass er am 30. Januar 2019, wie auch schon am Vortag, ohne Unterbruch in der Unterkunft gewesen sei. Daher sei nicht von einem Untertauchen, welche als Voraussetzung für ein Gesuch um Verlängerung der Überstellungsfrist zu gelten habe, auszugehen. F. Die Eingaben vom 11. und 14. Februar 2019 wurden vom SEM als Wieder- erwägungsgesuch beziehungsweise Ergänzung dazu entgegengenom- men. E-1366/2019 Seite 5 G. Mit Verfügung vom 11. März 2019 wurde das Wiedererwägungsgesuch ab- gewiesen und die Verfügung vom 3. Mai 2018 als rechtskräftig und voll- streckbar erklärt. Gleichzeitig wurde festgehalten, dass einer allfälligen Be- schwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme. In seiner Begründung hielt das SEM fest, dass eine Person als flüchtig gelte, wenn sie nicht mehr auffindbar respektive nicht erreichbar sei. Davon ausgehend, dass der Be- schwerdeführer vom bevorstehenden Transfer nach Deutschland Kenntnis gehabt habe, habe er sich diesem durch sein Untertauchen bewusst und willentlich entzogen. Nachdem er die Unterkunft verlassen habe, sei er auch telefonisch nicht mehr erreichbar gewesen, wie aus dem Polizeirap- port vom 30. Januar 2019 (A63) zu entnehmen sei. Zum eingereichten Be- weismittel führte das SEM aus, dass der Beschwerdeführer trotz seiner an- geblichen Anwesenheit die Leitung des Bundesasylzentrums nicht über seine Abwesenheit über Nacht informiert habe. Folglich habe er (während dieser Zeit) als untergetaucht zu gelten und das Gesuch um Fristverlänge- rung an die deutschen Behörden sei zu Recht erfolgt. H. Mit Eingabe vom 21. März 2019 wurde beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhoben und dabei beantragt, dass die Entscheide vom 11. März 2019 (Abweisung des Wiedere rwägungsgesuchs), vom 30. Ja- nuar 2019 betreffend die Verlängerung der Überstellungsfrist und vom 3. Mai 2018 (Nichteintreten auf das Asylgesuch) aufzuheben seien. Aus- serdem sei festzustellen, dass die Verlängerung der Überstellungsfrist nach Deutschland zu Unrecht erfolgt sei, und das SEM sei anzuhalten, sich für das vorliegende Asylverfahren des Beschwerdeführers zuständig zu er- klären. Eventualiter sei die Sache zur hinreichenden Abklärung des rechts- erheblichen Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen . In verfah- rensrechtlicher Hinsicht sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu gewähren und mittels vorsorglichen Massnahmen vom Vollzug der Über- stellung abzusehen; ferner sei dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und auf di e Erhebung eines Kostenvorschus- ses zu verzichten. I. Am 25. März 2019 wurde gestützt auf Art. 56 VwVG die einstweilige Aus- setzung des Vollzugs angeordnet. E-1366/2019 Seite 6 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be- schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver- waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei- det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2 Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015). 1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be- schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz- würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde – vorbehaltlich nachstehender Erwägung (vgl. E. 2) – ist einzutreten. 1.5 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2. Das vom Beschwerdeführer als Entscheid vom 30. Januar 2019 bezeich- nete Schreiben betrifft das Ersuchen der Vorinstanz an die deutschen Be- hörden, die Überstellungsfrist wegen Untertauchens der zu überführenden Person – konkret der Beschwerdeführer – auf 18 Monate zu verlä ngern (A56). Dieses Gesuch kann nicht als eine hoheitliche, einseitige Anordnung einer Behörde bezeichnet werden und stellt daher keine mit Verwaltungs- gerichtsbeschwerde anfechtbare Verfügung im Sinne von Art. 5 VwVG dar. Demzufolge ist auf das Begehren, dieses Schreiben sei aufzuheben, nicht einzutreten. E-1366/2019 Seite 7 3. Das vorliegende Verfahren wird mit der ebenfalls am Bundesverwaltungs- gericht hängigen Beschwerde der Ehefrau (und des gemeinsamen Kindes) E-7343/2018 koordiniert behandelt. 4. Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich geregelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schriftlich und begründet einzureichen (Art. 111b aAbs. 1 AsylG). In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwägungs- gesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Vorliegend wurde vom Beschwerdeführer sinngemäss der Ablauf seiner Überstellungsfrist nach Deutschland – ohne dass die Überstellung erfolgt sei – als neue Sachlage dargetan, weshalb der Entscheid vom 3. Mai 2018 wiedererwägungsweise aufzuheben sei, weil durch den Fristablauf die Zu- ständigkeit für die Behandlung seines Asylverfahrens auf die Schweiz übergegangen sei. 5. 5.1 Vorweg ist die Rüge der unvollständigen Sachverhaltsfeststellung zu prüfen, da ein allenfalls ungenügend abgeklärter Sachverhalt eine materi- elle Behandlung verunmöglichen würde. Im Verwaltungsverfahren – wie in jedem Rechtsanwendungsverfahren – sind die Abklärungen sowie die Feststellung des rechtserheblichen Sach- verhalts von zentraler Bedeutung. Die für die Entscheidfindung (Rechtsan- wendung) vorzunehmende Tatsachenfeststellung setzt ihrerseits voraus, dass die Sachlage korrekt und vollständig ermittelt wurde (Art. 12 VwVG; vgl. KRAUSKOPF/EMMENEGGER/BABEY, in: Praxiskommentar Verwaltungs- verfahrensgesetz VwVG, Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], 2. Aufl. 2016, Art. 12 Rz. 1). 5.2 In der Beschwerde wurde gerügt, die Vorinstanz habe den Sachverhalt falsch dargestellt. Der Beschwerdeführer habe sich in der Nacht vom 29. auf den 30. Januar 2019 nicht ausserhalb der Unterkunft aufgehalten, sondern sei einfach nicht im Zimmer der Familie gewesen. Weil er sich am Abend mit seiner Ehefrau gestritten habe, habe er bis spät in die Nacht mit E-1366/2019 Seite 8 einem Freund in einem anderen Zimmer geredet . Um seine Familie nicht mitten in der Nacht zu wecken, sei er bei seinem Freund geblieben. Aus- serdem sei unklar, was die Vorinstanz mit der Bemerkung, dem Beschwer- deführer sei bewusst gewesen, dass die Überstellung bevorstehe, bezwe- cken wolle. Es sei klar gewesen, dass die Überstellungsfrist am 2. Februar 2019 zu Ende sei, weswegen er auch Vorkehrungen für seine Überstellung getroffen habe. Ferner sei festzuhalten, dass die Ehefrau immer im Besitz der Telefonnummer des Beschwerdeführers gewesen sei, indes sei im Mo- ment, als die Polizei sie aufgefordert habe, den Beschwerdeführer zu kon- taktieren, ihr „Telefonscreen gebrochen gewesen“, weshalb sie besagte Te- lefonnummer nicht habe herausfinden können. Schliesslich sei zu erwäh- nen, dass die vorinstanzliche Bemerkung, gemäss Aussagen seiner Ehe- frau sei der Beschwerdeführer auch schon eine Woche unbekannten Auf- enthalts gewesen, sich auf Abwesenheiten des Beschwerdeführers im Irak beziehen würden, wo die Familie vor ihrem Aufenthalt in Europa gelebt habe. 5.3 Das SEM hat sich bezüglich der Umstände vom 30. Januar 2019, als der Beschwerdeführer von der Kantonspolizei hätte abgeholt werden müs- sen, auf deren Bericht vom 30. Januar 2019 (A63) gestützt. Wenn der Be- schwerdeführer diese polizeilichen Fakten anders interpretiere n oder zu- sätzlich erklären möchte, beschlägt dies nicht die korrekte Erstellung des Sachverhalts, sondern ist eine Frage der rechtlichen Würdigung der Sache. Vorliegend ist der Sachverhalt als hinreichend erstellt zu erachten, weshalb der Eventualantrag, die Sache sei zwec ks Abklärung des rechtserhebli- chen Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen, abzuweisen ist. 6. 6.1 Der Beschwerdeführer hält in seiner Beschwerde der Vorinstanz ent- gegen, dass er sich nie gegen eine Überstellung nach Deutschland zur Wehr gesetzt habe. Er h abe nicht nur alle behördlichen Termin e wahrge- nommen, sondern sei auch seiner Meldepflicht stets nachgekommen. Aus dem bereits bei der Vorinstanz eingereichten Beweismittel sei ersichtlich, dass er am Abend vom 29. Januar 2019 zwischen 20.30 und 21.30 Uhr sowie am Morgen des 30. Januars 2019 zwischen 8.30 und 9.30 Uhr im Zentrum anwesend gewesen sei, weshalb er dannzumal nicht flüchtig ge- wesen sei. Seine Adresse sei stets bekannt (Art. 14 Abs. 2 Bst. b AsylG) und er sei immer telefonisch erreichbar gewesen. Nur in diesem Moment, als die Polizei ihn zwecks Überstellung habe abholen wollen, sei er für ei- nen Zeitraum von zwölf Stunden nicht in seinem Zimmer gewesen , was ihm jedoch gestützt auf seine Bewegungsfreiheit erlaubt sei. Weil er folglich E-1366/2019 Seite 9 nicht untergetaucht gewesen sei, sei die Verlängerung der Überstellungs- frist, welche das SEM am 30. Januar 2019 beantragt habe, nicht rechtsgül- tig. 6.2 Die Bestimmungen zur Überstellungsfrist in der Dublin -III-VO haben den Charakter von Normen, die „self-executing“ sind (vgl. BVGE 2015/19). Der Beschwerdeführer kann sich somit auf eine Verletzung der Bestim- mung von Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO berufen. 6.3 Eine Fristerstreckung im Überstellungsbereich ist gemäss Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO vorgesehen, „wenn die Überstellung aufgrund der In- haftierung des Asylbewerbers nicht erfolgen konnte“ oder „wenn der Asyl- bewerber flüchtig ist“. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungs- gerichts ist für die Feststellung, ob eine asylsuchende Person im Sinne der Dublin-Verordnung als „flüchtig“ gilt, ausschlaggebend, ob diese ihrer Pflicht nachgekommen ist, sich den Behörden jederzeit zur Verfügung zu stellen, respektive für diese effektiv erreichbar ist, wobei eine allfällige Ab- wesenheit den Behörden zu melden ist. Dies gilt insbesondere dann, wenn – wie vorliegend – der Ablauf der Überstellungsfrist der betroffenen Person bekannt ist oder sein müs ste (vgl. Urteil des BVGer E -4595/2016 vom 12. Dezember 2016 E. 5.3). Unter „flüchtig sein“ sind alle Sachverhalte zu subsumieren, in denen die asylsuchende Person für die Behörde n des Staates, welcher die Überstellung durchführen will, nicht auffindbar ist oder sonst wie das Verfahren absichtlich behindert (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III -Verordnung, Stand: 1. Februar 2014, K. 12 zu Art. 29). Indes setzt der Begriff „flüchtig sein“ einen Zustand voraus, der eine gewisse Zeit andauert; damit kann nicht die Situation gemeint sein, wenn die Person nur gerade zu einem bestimmten Zeitpunkt von den Behörden nicht (an ihrem Wohnsitz) angetroffen werden konnte (vgl. Urteil des BVGer E-4595/2016, a.a.O., E. 5.3). Vorliegend ergibt sich aus den Akten, dass der Beschwerdeführer bis zum 2. Februar 2019 – sechs Monate nach dem Urteil des Bundesverwaltungs- gerichts E-2794/2018 vom 2. August 2018 – hätte überstellt werden sollen. Dies war ihm, wie auch in der Beschwerde festgehalten wurde, durchaus bekannt. Die Kantonspolizei Zürich, zuständig für den Vollzug der Überstel- lung, hat den Beschwerdeführer jedoch am 30. Januar 2019 morgens um 5.00 Uhr nicht in seinem Zimmer, welches er mit seiner Familie teilt e, an- getroffen. Gemäss seiner Ehefrau habe der Beschwerdeführer das Durch- gangszentrum nach einem Streit verlassen und sei bis dato nicht zurück- gekehrt. Ihr sei weder seine Telefonnummer bekannt gewesen noch habe E-1366/2019 Seite 10 sie gewusst, wo er sich aufhalte. Aufgrund dieser Angaben ist die Kantons- polizei in diesem Moment wohl davon ausgegangen, dass er das Durch- gangszentrum verlassen u nd sich nicht im Gebäude befunden habe . Gleichwohl hat sie festgestellt, dass er bereits Vorkehrungen für seine Überstellung getroffen habe, jedoch könne nicht gesagt werden, ob er ge- wusst habe, dass die Überführung an jenem 30. Januar 2019 geplant ge- wesen sei. Gegen 10.00 Uhr habe die Leitung der Unterkunft der Kantons- polizei gemeldet, dass der Beschwerdeführer wieder anwesend sei (vgl. Bericht der Kantonspolizei vom 30. Januar 2019 [A63]). Das SEM hat das Gesuch um Fristverlängerung auf 18 Monate gemäss elektronischer Über- mittlungsmitteilung am 30. Januars 2019 um 10.48 Uhr auf dem dafür vor- gesehenen Weg an die deutschen Behörden gesandt (A56 f.). Weil d er Flug nach Deutschland bereits um 9.05 Uhr gestartet wäre, hätte es keinen Sinn gemacht, wie der Beschwerdeführer monierte, wenn die Kantonspoli- zei ihn nach dem Wiederauftauchen nochmals abgeholt hätte. Das SEM hat zu Recht eine Verlängerung der Überstellungsfrist rasch beantragt , nicht nur weil der Beschwerdeführer mit dem geplanten Flug nicht überstellt werden konnte, sondern auch weil diese Frist drei Tage später – am 2. Feb- ruar 2019 – abgelaufen wäre. Dem Beschwerdeführer ist zwar dahinge- hend zuzustimmen, dass eine Person, welche die Schweiz verlassen muss, grundsätzlich nicht verpflichtet ist, sich zu jeder Tageszeit an ihrem zugewiesenen Wohnort aufzuhalten. Im Hinblick auf das Ende der Über- stellungsfrist muss diese Person für die Behörden – auch für die Kantons- polizei – jedoch effektiv erreichbar sein, damit eine Überstellung für alle Seiten reibungslos ablaufen kann. Dies gilt vor allem während der Nacht: Vorliegend hätte aufgrund der bevorstehenden Überstellung erwartet wer- den können, dass der Beschwerdeführer sich entweder in seinem ihm zu- gewiesenen Zimmer bef unden oder seine auswärtige Übernachtung der Leitung der Unterkunft gemeldet hätte. Ausserdem versuchte die Kantons- polizei, welche ihn – wie festgestellt – nicht im Durchgangszentrum vorge- funden hatte, ihn durch die Ehefrau ausfindig zu machen; dieser sei indes die aktuelle Telefonnummer ihres Ehemannes nicht bekannt gewesen (A63). Massgebend ist, dass der Beschwerdeführer mitten in der Nacht und kurz vor Ende der Überstellungsfrist effektiv nicht auffindbar gewesen war – auch nicht durch weiter e polizeiliche Ermittlungen. Dabei ist nicht rele- vant, ob der Beschwerdeführer vom konkreten Zuführungsauftrag der Kan- tonspolizei gewusst hatte und ob er sich ausserhalb oder in der Unterkunft befand (vgl. dazu auch Urteil e des BVGer D-4594/2016 vom 9. Januar 2017 E. 4.3 f. und E-1668/2010 vom 14. Februar 2011 E. 6.2). Die Voll- zugsbehörden ware n zum Zeitpunkt der geplanten Abholung des Be- schwerdeführers in dessen zugewiesenen Unterkunft im Unwissen über E-1366/2019 Seite 11 dessen Verbleib und somit an dessen Überstellung gehindert. D as SEM hat dem Beschwerdeführer deshalb zu Recht vorgehalten, im Sinne von Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO flüchtig zu sein. Ausserdem ist im vorliegenden Fall zu beachten, dass der Beschwerdefüh- rer gemäss Akten schon einmal vom 9. bis 16. Mai 2018 – konkret nach dem Erlass des Nichteintretensentscheides – untergetaucht war (A33 und A38). 6.4 Aufgrund des Gesagten waren die Voraussetzungen für die Verlänge- rung der Überstellungsfrist auf 18 Monate im Sinne von Art. 29 Abs. 2 Dub- lin-III-VO am 30 . Januar 2019 gegeben. Die Wiederanmeldung des Be- schwerdeführers am selben Tag vermag an der Rechtmässigkeit der Frist- verlängerung daher nichts zu ändern und der Beschwerdeführer kann sich nicht auf einen Ablauf der Überstellungsfrist respektive eine Verfristung be- rufen. Die Zuständigkeit für die Behandlung des Asylgesuchs des Be- schwerdeführers ist – weil das Verlängerungsgesuch vor Ablauf der Über- stellungsfrist vom 2. Februar 2019 den deutschen Behörden zugestellt wurde – nicht von Deutschland auf die Schweiz übergegangen. 7. Es liegt damit keine erheblich veränderte Sachlage im wiedererwägungs- rechtlichen Sinne vor. Das SEM hat demnach zu Recht das Wiedererwä- gungsgesuch des Beschwerdeführers abgelehnt. Die Beschwerde ist nach dem Gesagten, soweit darauf einzutreten war, abzuweisen und die Verfü- gung des SEM vom 11. März 2019 zu bestätigen. Folglich bleibt auch die Verfügung vom 3. Mai 2018 (Nichteintretensentscheid im Dublin -Verfah- ren) weiterhin rechtskräftig und vollstreckbar. 8. Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes- halb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als ge- genstandslos erweist. 9. Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat der Beschwerdeführer die Kosten zu tragen (Art. 63 Abs. 1 VwVG), die auf Fr. 1'500.– festzulegen sind (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent- schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Dem Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung kann nicht stattgegeben werden, weil die Begehren als aussichtslos gelte n, es E-1366/2019 Seite 12 mithin an einer gesetzlichen Voraussetzung für die Gewährung der unent- geltlichen Rechtspflege fehlt (Art. 65 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch um un- entgeltliche Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG ist mangels Erfüllen der Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG ebenfalls abzuweisen. Mit vorliegendem Urteil ist der Antrag auf Verzicht auf die Er- hebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden. (Dispositiv nächste Seite) E-1366/2019 Seite 13 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2. Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Beiordnung eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes werden abgewiesen. 3. Die Verfahrenskosten von Fr. 1‘500.– werden dem Beschwerdeführer auf- erlegt. Dieser Betrag ist innert 30 Tagen ab Versand des Urteils zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das SEM und die kantonale Migrationsbehörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Patricia Petermann Loewe Versand: